Almanach 2026

Schwarzwald-Baar-Buch

Almanach 2026

50. Folge

OUELLENLAND
SCHWARZWALD-
BAAR KREIS

Zum Geleit

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesem Jahr feiert das „Gedächtnis“ unseres Landkreises
ein besonderes Jubiläum: Der Almanach –
unser Schwarzwald-Baar-Buch – erscheint bereits in
seiner 50. Auflage. Seit einem halben Jahrhundert
dient dieses Jahrbuch als Brücke zwischen Vergangenheit
und Gegenwart, als treuer Begleiter durch
die vielfältigen Facetten unserer Region.
Der Almanach hat sich über die Jahrzehnte hinweg
der Zeit angepasst: er ist bunter, größer, umfangreicher
geworden. Umfasste die erste Ausgabe 1977
gerade einmal 64 Seiten, sind wir heute bei einer
Größenordnung von rund 300 Seiten angekommen –
darunter zahlreiche großartige Illustrationen, die die
Besonderheiten der vorgestellten Menschen und die
Schönheit sowie Einzigartigkeit unserer Landschaft
noch einmal besonders unterstreichen.
In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich
auch die Welt um uns herum drastisch verändert.
Globalisierung, Digitalisierung und zuletzt eine
weltweite Pandemie haben unsere Lebensweise
grundlegend beeinflusst. Gerade in diesen Zeiten des
Wandels und der Unsicherheit gewinnt der Begriff
„Heimat“ eine neue, tiefere Bedeutung. Er steht für
Verwurzelung, Identität und Zusammenhalt in einer
zunehmend komplexen Welt. Wie wir unsere Heimat
erleben, hängt wesentlich auch von wirtschaftlichen
Entwicklungen, (kreis-)politischen Entscheidungen,
dem kulturellen und sportlichen Angebot sowie dem
sozialen Klima ab. Nur das gemeinsam Erlebte und
das Verständnis füreinander schaffen auf Dauer ein
Gefühl der Zusammengehörigkeit und damit Heimatbewusstsein.
Gleichzeitig sehen wir uns mit globalen Herausforderungen
wie dem Klimawandel und geopolitischen
Spannungen konfrontiert. Diese Themen
machen auch vor unserem Schwarzwald-Baar-Kreis
nicht Halt und finden daher auch immer wieder Eingang
in unseren Almanach. Wir möchten nicht nur
die Schönheit und Tradition unserer Region darstellen,
sondern auch aufzeigen, wie eine nachhaltige
und lebenswerte Zukunft gestaltet werden kann.
Das Schwarzwald-Baar-Buch bietet auch in diesem
besonderen Jubiläumsjahr einen umfassenden Überblick
über das vielfältige Leben in unserem Kreis.
Es spiegelt die Entwicklungen in Wirtschaft, Politik,
Kultur und Gesellschaft wider und zeigt, wie unsere
Region und die Menschen, die darin leben, sich den
Herausforderungen der Zeit stellen.
Mein besonderer Dank gilt allen Autoren und
Fotografen, die mit ihren Beiträgen dieses Jahrbuch
bereichern. Ebenso danke ich den loyalen Unterstützern
und Sponsoren, ohne die diese Jubiläumsausgabe
nicht möglich gewesen wäre. Nicht zuletzt gilt
mein Dank dem dold.verlag aus Vöhrenbach mit Wilfried
Dold an der Spitze, der beim Almanach bereits
seit 30 Jahren als redaktioneller Leiter und seit der
bereits vierten Ausgabe ebenso regelmäßig als Autor
fungiert.
Wie wertvoll Heimat und Zusammenhalt sind,
wird uns in Zeiten globaler Krisen besonders bewusst.
Möge der Almanach weiterhin dazu beitragen,
das Bewusstsein für unsere regionale Identität
zu stärken und gleichzeitig den Blick für die Zusammenhänge
zu schärfen. Ich lade Sie herzlich ein, mit
dieser 50. Jubiläumsausgabe auf eine Reise durch
die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres
Schwarzwald-Baar-Kreises zu gehen. Möge dieses
Jahrbuch Ihnen Inspiration und Verbundenheit
schenken und das Interesse an unserer Region weiter
wachhalten.
Abschließend möchte ich meine aufrichtige
Dankbarkeit gegenüber Ihnen, unseren geschätzten
Leserinnen und Lesern des Almanach 2026 zum
Ausdruck bringen. Ihre anhaltende Loyalität und
Ihr Vertrauen, das uns einige von Ihnen bereits seit
einem halben Jahrhundert entgegenbringen, erfüllt
uns mit tiefer Wertschätzung. Es ist mein aufrichtiger
Wunsch, dass Sie beim Durchblättern und Lesen
unseres Schwarzwald-Baar-Buches viel Vergnügen
und Inspiration finden.

Sven Hinterseh, Landrat

50 Jahre Almanach

Ein Herz für das Herzland – auf der Schwanenbacher Höhe bei Vöhrenbach.

10

Frühjahr an der jungen Breg im Katzensteig bei Furtwangen.

12

Sommer am Riedsee bei Hüfingen.

14

Sonnenaufgang bei Herzogenweiler an der Kreisstraße 5734.

16

Herbst bei Wolterdingen.

18

Wintermorgen an der Donau bei Neudingen.

20

1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

IM GESPRÄCH MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH

Miteinander die
Handlungsschwerpunkte
definieren

Die aktuelle Kreispolitik steht vor gewaltigen Herausforderungen
Ein Jahrbuch als Klammer für den Schwarzwald-Baar-Kreis – drei Landräte, ein Jahrbuch. Das Foto entstand aus Anlass des
40-jährigen Bestehens des Almanachs 2013 auf dem Rohrhardsberg, dem höchsten Punkt des Kreises. Es zeigt v. links:
Almanach-Initiator
Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Sven Hinterseh und sein Vorgänger im Amt, Landrat Karl Heim.

Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 21
Der Almanach feiert 2026 seine 50. Ausgabe. Ein Jahrbuch,
das jährlich erscheint und auf vielfältige Art und
Weise den Landkreis begleitet. Weshalb war und ist der
Almanach für den Landkreis wichtig und was verbinden
Sie mit diesem Buch?

Es freut mich natürlich sehr, dass es uns gelungen
ist, gemeinsam mit dem Dold-Verlag aus Vöhrenbach
den Almanach jetzt zum 50. Mal in Folge herausgeben
zu können. Dank gilt dabei vor allem unseren
zahlreichen Unterstützern, angefangen bei den
engagierten Autoren und Fotografen und unseren
großzügigen Sponsoren. 50 Jahre – das ist schon
eine Erfolgsgeschichte. 50 Jahre – das ist auch ein
Anlass, um auf die Entstehung zurückzublicken.
Als Dr. Rainer Gutknecht als erster Landrat des
Schwarzwald-Baar-Kreises erkannte, wie wichtig es
ist, dass die Altkreise Donaueschingen und Villingen
in dem neu gegründeten Landkreis zusammenwachsen,
entwickelte er die Idee eines Jahrbuchs. Über
die Jahre wurde der Almanach zu einem wichtigen
Baustein, der zur Identität mit unserem Schwarzwald-
Baar-Kreis beiträgt.

Es sind vor allem die Geschichten von Menschen
aus unserer Heimat, die das Jahrbuch auszeichnen.
Der Almanach wurde im Laufe der Zeit zu unserem
Gedächtnis des Landkreises. Über fünf Jahrzehnte
begleitet uns dieses Buch nun schon und hat somit
ein großes Stück der Geschichte unseres Schwarzwald-
Baar-Kreises festgehalten. Vor diesem Hintergrund
ist es leicht verständlich, dass der Almanach als
Nachschlagewerk sehr gefragt ist.

Ich persönlich verbinde mit dem Almanach wertvolle
Begegnungen mit Menschen, die alle dazu
beitragen, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis ein großartiger
Lebensraum, unsere Heimat, ist. Welch großes
Geschenk es ist, eine Heimat – also einen Ort, mit
identitätsstiftender Kraft, an dem man Sicherheit und
Verlässlichkeit erfahren darf – zu haben, sieht man in
den letzten Jahren immer häufiger an den zahlreichen
Menschen, die weltweit gezwungen sind, ihre Heimat
zu verlassen und sich auf der Flucht befinden.

Der 11. Kreistag ist nun bereits seit rund einem Jahr
im Amt. Hat sich das Gremium gut in die zahlreichen
Themen eingefunden und was sind die prägendsten
Aufgaben in den nächsten Monaten?

Der Almanach ist quasi das
kollektive Gedächtnis unseres
Landkreises, so dass er gerne
als Nachschlagewerk genutzt
wird. Ich verbinde mit ihm
auch wertvolle Begegnungen
mit Menschen.

Nach der konstituierenden Sitzung des neu gewählten
Kreistags am 22. Juli 2024 haben wir uns an
einem Wochenende im darauffolgenden Herbst Zeit
genommen, um einen Auftakt für die Kreisrätinnen
und Kreisräte zu schaffen. Bei der Klausurtagung
standen vor allem der Austausch, beziehungsweise
das gegenseitige Kennenlernen sowie der Überblick
über die zahlreichen Aufgabenbereiche des Schwarzwald-
Baar-Kreises und die verschiedenen Themen
des Kreistages im Mittelpunkt. Außerdem war zu
diesem Zeitpunkt schon zu erkennen, dass sich die
finanzielle Situation der Landkreise und Kommunen
in den kommenden Jahren rapide verschlechtern
wird, was wir ebenfalls thematisiert haben. Insgesamt
finde ich, dass wir die Arbeit sehr gut begonnen
haben.

Der Kreistag ist das Hauptorgan des Landkreises
und nimmt deshalb die bedeutende Stellung ein,
wenn es um wichtige Zukunftsentscheidungen für
unseren Landkreis geht. Hier wird entschieden, wo
und wie investiert wird. Hier werden die Weichen
dafür gestellt, wie wir im Schwarzwald-Baar-Kreis
auf die herausfordernden sozialen Fragen antworten,
wie wir die Daseinsvorsorge wie beispielsweise die
Gesundheitsversorgung aufrechterhalten können,
wie die Infrastruktur instandgehalten werden kann.
Das sind spannende Aufgaben und es macht Freude,
sich dafür einzusetzen, den Schwarzwald-Baar-Kreis
weiter zu entwickeln und weiter voranzubringen.
Dennoch sehe ich, dass dieser 11. Kreistag sich
vor Herausforderungen sieht, wie wohl kein anderer
zuvor. Die Rahmenbedingungen haben sich verschärft.

Die wirtschaftlichen Probleme sind massiv
und die haushalterische Lage unserer Kreisfinanzen
spitzt sich zu. Das wirkt sich natürlich auch auf das
Gremium aus, denn es geht in dieser Zeit vor allem
um Entscheidungen, die auch weh tun werden. Es ist
angezeigt, dass sich der Landkreis einer Aufgabenkritik
stellt. Wichtig ist, dass dabei die Verwaltung
und das Gremium vertrauensvoll zusammenarbeiten,
um den Landkreis durch diese schwierigen Zeiten zu
steuern.

Sie sagen, die wirtschaftlichen Probleme sind massiv.
Wie bekommt das der Schwarzwald-Baar-Kreis zu
spüren?

Die Auswirkungen der aktuellen Finanzlage spüren
derzeit bundesweit alle Kommunen und Landkreise.
Wir sind da nicht alleine. Unsere Lage ist die,
dass die Sozialausgaben weiterhin steigen, der
Wirtschaftsmotor hörbar stottert – auch bei uns
hier in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg.
Besorgniserregend
ist, dass er droht, womöglich
über längere Zeit nicht mehr richtig anzuspringen.
Die Aufgaben, die aus Europa, dem Bund und dem
Land an die Kommunen und Landkreise delegiert
werden, wachsen stetig an und mit ihnen die Bürokratie
und immer höhere Ausgaben.

Das Krankenhauswesen ist in hohem Maße strukturell
unterfinanziert und die ambulante ärztliche
Versorgung ist insbesondere in den ländlicheren
Regionen nicht nur gefährdet, sondern existiert in
Teilen bereits nicht mehr. Wir stellen fest, dass die
Städte und Gemeinden oft zusammen mit Landkreisen
immer mehr in eine Verantwortung hineinwachsen,
ohne dafür die originäre Zuständigkeit zu haben
und ohne die notwendige finanzielle Ausstattung
zu erhalten. Das führt dazu, dass wichtige bauliche
Investitionen, auch die zur Erhaltung für unsere
Infrastrukturen,immer weiter verschoben werden.

Der 11. Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises steht vor
gewaltigen Herausforderungen, hier bei einer Sitzung
im großen Sitzungssaal. Landrat Sven Hinterseh: „Wichtig
ist, dass die Verwaltung und das Gremium vertrauensvoll
zusammenarbeiten, um den Landkreis sicher
durch diese schwierigen Zeiten zu steuern.“

22
50 Jahre Almanach 23
Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie hier für den
Schwarzwald-Baar-Kreis?
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir als
Staat nicht alles und zu jeder Zeit in jeder Intensität
betreiben können. Politik muss Handlungsschwerpunkte
definieren und in der Folge dann auch Priorisierungen
vornehmen. Man kann nicht alles zur
gleichen Zeit und mit gleich hohem Invest betreiben.
Das können wir weder zu Hause in unseren Familien,
noch im Staat. Für diese Priorisierungen braucht es
den politischen Diskurs – und es braucht den Mut,
diesen Diskurs auch zu führen.

Wie gesagt, die Situation betrifft nicht nur uns
und ich bin der Überzeugung, dass es für eine Lösung
Reformen in allen möglichen Bereichen aus
Berlin und Stuttgart braucht. Gefordert sind hier der
Deutsche Bundestag und der Landtag von Baden-Württemberg.
Der bekannte Satz „wer bestellt, der
bezahlt“ muss künftig deutlicher beherzigt werden.
In der Diskussion um die Finanzen kommt es oftmals
viel zu kurz, dass es die kommunale Ebene ist, die
für die Daseinsfürsorge vor Ort in der Verantwortung
steht.

Dennoch nehmen wir die Herausforderung an,
die finanziell sehr enge Situation als Chance zu begreifen,
um unsere Aufgaben zu schärfen und sofern
wir eigenverantwortlich entscheiden können, weitreichende
Entscheidungen zum Wohle unseres Landkreises
zu treffen.

Ich persönlich bin davon
überzeugt, dass wir als Staat
nicht alles und zu jeder Zeit in
jeder Intensität betreiben
können. Politik muss Handlungsschwerpunkte
definieren
und in der Folge dann
Priorisierungen vornehmen.

24
Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh
Bei welchem Beispiel kann der Landkreis nicht selbst
entscheiden?

Das Landratsamt ist sowohl eine Kommunal- als auch
eine staatliche (untere) Verwaltungsbehörde wie beispielsweise
im Bereich des Gesundheitswesens, des
Baurechts, des Umwelt- und Naturschutzes oder des
Landwirtschafts- und Forstwesens, um nur einige
wenige Themen zu nennen.
Vor allen Dingen ist das Landratsamt aber auch
eine Behörde, die sich im Schwerpunkt um den
Vollzug von bundesgesetzlichen Sozialleistungen zu
kümmern hat. Wenn wir Jahr für Jahr die Ausgabendynamik
bei den Sozialleistungen diskutieren, dann
müssen wir vor allen Dingen auch die gesamtstaatliche
Entwicklung betrachten. Die entscheidende
Frage ist – und die wird natürlich im politischen
Wettbewerb intensiv streitig diskutiert – wie viel
braucht es denn von den unterschiedlichen sozialen
Leistungen. Hierzu bedarf es einer um- und weitsichtigen
Herangehensweise. Denn gerade im sozialen
Bereich wie im Jugendamt oder bei der Beratungsstelle
für Eltern, Kinder und Jugendliche zahlt sich
die Investition in präventive Maßnahmen oft viel
später und leider nicht sofort sichtbar und nicht unmittelbar
messbar aus.

Sie sehen, um hier zukunftstragende Entscheidungen
zu treffen, braucht es ein starkes Gremium,
welches fraktionsübergreifend, sachorientiert und
mit ausreichend Sensibilität zusammenarbeitet,
sodass wir gemeinsam durch diese Krise gehen und
gestärkt aus ihr herauskommen können.

Wie wirkt sich dieses Schärfen der Aufgaben auf den
Öffentlichen Personennahverkehr im Schwarzwald-
Baar-Kreis aus?

Ja, das ist wirklich ein sehr gutes Beispiel. Daran
kann man gut verdeutlichen, wie wir die aktuelle
Situation auch als Chance nutzen müssen und dass
wir das als Landkreis nur mit Unterstützung unserer
Partner schaffen. Wir halten im Schwarzwald-Baar-
Kreis ein wirklich gutes Angebot im Öffentlichen
Personennahverkehr vor. Neben der Pflichtaufgabe
der Schülerbeförderung gibt es zahlreiche Angebote,
die aus guten Gründen geschaffen wurden. Jetzt ist
es aufgrund der finanziell schwierigen Lage unsere
wichtigste Aufgabe, zu hinterfragen, welche Angebote
wir noch in welcher Form halten können und was
wir dann dazu bereit und in der Lage sind dafür zu
bezahlen.

Die entscheidende Frage ist
– und die wird natürlich im
politischen Wettbewerb intensiv
streitig diskutiert – wie viel
braucht es denn von den
unterschiedlichen sozialen
Leistungen. Hierzu bedarf es
einer um- und weitsichtigen
Herangehensweise.

Dieser Prozess geht weit über das reine Einsparen
hinaus. Wir können so unsere Angebote schärfen,
modernisieren und somit attraktiver und effektiver
gestalten. Und wie schon angesprochen, braucht
es für solche Entscheidungen Mut. Denn es ist klar,
dass wir uns auch von lieb gewonnenen Angeboten
trennen müssen. Das muss ja nicht alternativlos sein.
Das gilt im ÖPNV genauso wie in anderen Bereichen,
in denen der Landkreis seine Aufgaben erfüllt.
Beim ÖPNV kann beispielsweise ein neues Angebot
wie ein On-Demand-System, bei dem Busse
nur dann fahren, wenn eine Bestellung erfolgt,
eine gute Antwort sein. Natürlich wollen wir unser
Einsparziel so erreichen, dass sich die Angebotseinschränkungen
für unsere Bürgerinnen und Bürger
möglichst gering auswirken. Damit hier zielgerichtet
vorgegangen werden kann, arbeiten wir mit unseren
Verkehrsunternehmern eng und vertrauensvoll zusammen.

Konkret festgehalten und umgesetzt werden diese
Maßnahmen dann in unserem Nahverkehrsplan, den wir nun fortschreiben werden.
Bei der Fortschreibung sowie der damit verbundenen Festlegung
und bedarfsgerechten Anpassung des künftigen Verkehrsangebotes
werden auch die Mitglieder unserer
Die entscheidende Frage ist
– und die wird natürlich im
politischen Wettbewerb intensiv
streitig diskutiert – wie viel
braucht es denn von den
unterschiedlichen sozialen
Leistungen. Hierzu bedarf es
einer um- und weitsichtigen
Herangehensweise.

50 Jahre Almanach 25
Es sind vielfältige Aufgaben, die das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis zu bewältigen hat. So beispielsweise das Forstwesen (Foto oben beim Waldtag) oder der Öffentliche Personennahverkehr (Foto unten).

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Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh
beiden Ausschüsse – des beratenden Ausschusses
für ÖPNV und Mobilität sowie des Ausschusses für
Verwaltung, Wirtschaft und Gesundheit – eine entscheidende
Rolle spielen.

Es heißt: „In jeder Krise steckt eine Chance“. Wie sehen
Sie das?

Ich bin immer ein positiv denkender Mensch. Deshalb
sehe ich das auch so! Ich gebe zu, dass es in
Anbetracht der multiplen Krisen schwerer fällt, diese
Positivität und Zuversicht beizubehalten. Wir alle
müssen in diesen Zeiten zeigen, dass wir mit neuen
und unerwarteten Herausforderungen flexibel umgehen
können und wir müssen die Chance ergreifen,
dass wir vieles besser schaffen, wenn wir auf unser
Netzwerk von Partnern und Kollegen zugreifen,
die uns in schwierigen Zeiten unterstützen. Wir
müssen verstehen, dass wir stärker sind, wenn wir
gemeinsam agieren und im Schulterschluss unsere
Herausforderungen angehen und gemeinsam unsere
Ziele verfolgen. Wir leben in einem großartigen
Landkreis mit hervorragenden Fachkräften, kreativen
Köpfen und produktiven Unternehmen, der in seiner
Geschichte schon öfters gezeigt hat, wie man erfolgreich
Krisen meistert. Deshalb bin ich auch weiterhin
zuversichtlich, dass es uns gelingt, kreative Lösungen
für unseren Schwarzwald-Baar-Kreis gemeinsam
zu entwickeln.

Das Landratsamt auf dem Hoptbühl mit der imposanten
Sandstein-Kuckucksuhr.

Der 11. Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises ist seit gut einem Jahr im Amt. Schwierige Rahmenbedingungen wie die
wirtschaftlichen Probleme erfordern weitreichende Entscheidungen, um den Landkreis gut für die Zukunft zu wappnen.

50 Jahre Almanach 27
28

Aus dem Kreisgeschehen
50 Jahre Almanach
1977

Eine Schatzkiste zwischen Buchdeckeln / VON TANJA BURI
Was haben ein Schwarzwaldbauer, eine Modedesignerin, erfolgreiche Sportler,
weltweit führende Unternehmen und der kleine Familienbetrieb gemeinsam?
Über sie alle und viele mehr wurde schon im Almanach berichtet. Das Jahrbuch
des Schwarzwald-Baar-Kreises erscheint 2025 in seiner bereits 50. Auflage. Bald
14.000 Buchseiten zu regionalen Themen wurden in den vergangenen 50 Jahren
produziert, die unter „almanach-sbk.de“ zu großen Teilen zudem als Langzeit-Archiv
für Recherchen im Internet zur Verfügung stehen. Begründet hat den Almanach
1977 Landrat Dr. Rainer Gutknecht, seine Nachfolger Karl Heim und Sven Hinterseh
führten und führen die Tradition des Schwarzwald-Baar-Buches begeistert fort.

50 Jahre Almanach 29
2026

– 50 Jahre Almanach

30
Aus dem Kreisgeschehen
Lebkuchen und Dominosteine finden sich schon ab
September in den Regalen der Supermärkte – das
sorgt bei manch einem eher für Frust statt Lust. Ein
untrügliches und angenehmes Zeichen dafür, dass
es bis Weihnachten wirklich nicht mehr weit ist, ist
indes die jährliche Vorstellung des Almanachs. Dann,
wenn das Jahrbuch des Landkreises in die regionalen
Buchhandlungen einzieht und dort von einer treuen
Leserschaft erwartet wird. Die Auflage ist mit 4.500
Exemplaren seit vielen Jahren stabil. „Ein schöner
Erfolg und ein Zeichen dafür, dass wir es richtig machen“,
sagt Landrat Sven Hinterseh. Der Geburtstag
des Almanachs ist für ihn ein großer Grund zur Freude,
aber längst keine Selbstverständlichkeit.

An einen Erfolg, der ein halbes Jahrhundert
währen sollte, war bei der ersten Auflage 1977
nicht unbedingt zu denken. 74 Seiten zählte der
Almanach mit der Nummer eins. Eingebunden war
er mit einem einfachen Pappkarton. „Am Anfang
gab es sicher Leute, die geglaubt haben, dieses
Buch komme höchstens zweimal raus“, erinnerte
sich Dr. Rainer Gutknecht 2016 in einem Interview
zur Feier der 40. Auflage. Gutknecht war von 1973
bis 1996 Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er
war Erfinder und Initiator des Almanachs und kann
deshalb zweifellos als dessen Vater bezeichnet
werden. Aus der Taufe gehoben hat Gutknecht das
Buch, um etwas Gemeinsames für die Region zu
schaffen.

Denn: Die Kreisreform hatte 1973 aus den einst
selbstständigen Landkreisen Villingen und Donaueschingen
ein Kunstgebilde namens Schwarzwald-
Baar-Kreis gemacht. Die Menschen fremdelten,
und es gab Vorbehalte gegen diese neue politische
Einheit. Ein Jahrbuch erschien Gutknecht als ideales
Mittel, um das Zusammenwachsen zu fördern.
Konnten doch Geschichten und Informationen aus
allen Ecken des Kreises zum Verständnis füreinander
und zum Kennenlernen voneinander beitragen. Der
Almanach sozusagen als Identitätsstifter mit Inhaltsangabe.
Ein Regionalbuch mit Farbfotos war in den
1970er/1980er-Jahren eine absolute Seltenheit
Außerdem waren regionale Bücher Ende der 1970er-,
anfangs der 1980er-Jahre eine Seltenheit – und
schon deshalb hatte das Kreis-Jahrbuch eine Sonderstellung
inne. Aber es erregte auch durch seine
Aufmachung Aufsehen: Während Fotos in den
Tageszeitungen erstens rar und zweitens schwarzweiß
waren, fanden sich im Almanach schon bald
zahlreiche Farbbilder. Das mag heute banal erscheinen,
kann in dieser Zeit aber ohne Übertreibung als
kleine Sensation bezeichnet werden.

Kein Wunder also, dass Landrat Sven Hinterseh
bei seinem Blick auf die Jahrbücher – alle Ausgaben
stehen in seinem Büro im Regal – voller Anerkennung
für die Idee, den Mut und das Engagement
von Rainer Gutknecht spricht. Dankbar ist er auch
Am Anfang gab es sicher
Leute, die geglaubt haben,
dieses Buch komme
höchstens zweimal raus“,
erinnert sich Dr. Rainer
Gutknecht 2016 in einem
Interview zur Feier der
40. Auflage des von ihm
begründeten Jahrbuches.
Dr. Rainer Gutknecht mit dem ersten
Almanach, dem Jahrbuch 1977.
50 Jahre Almanach 31
seinem Vorgänger Karl
Heim (Landrat des
Schwarzwald-Baar-Kreises
von 1996 bis 2012).
Er hat den Wert des
Almanachs erkannt
und seinen Fortbestand
gesichert. „Ich durfte
von den beiden mit dem
Jahrbuch eine wunderbare
Sache übernehmen“,
freut sich Sven
Hinterseh.
Die gemeinsame Identität habe der
Kreis längst gefunden,
der Almanach als Klammer
dafür ist geblieben.
Der Almanach ist einer der wenigen
seiner Art in Baden-Württemberg
Das Jahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises ist eines
der wenigen seiner Art in Baden-Württemberg. Es
hat die längste Geschichte und kann die höchste
Auflage vorweisen. Ganz zu schweigen von seiner
Qualität. Darauf wird Landrat Hinterseh, wie
er berichtet, auch von Kollegen immer wieder
angesprochen. „Man sieht mit großem Interesse, was
wir hier jedes Jahr auf die Beine stellen“, sagt er.

Dafür braucht es ein kreatives Redaktionsteam.
Neben Landrat Hinterseh als Vorsitzender gehören
diesem seine Referentin Kristina Diffring, Heike Frank
von der Stabstelle Öffentlichkeit, Kultur und Archiv
des Landratsamtes, Nadine Beiter vom Kreisarchiv
und als redaktioneller Leiter Wilfried Dold aus Vöhrenbach
an. Die Auflage 2026 ist die bereits 30., an der
Wilfried Dold maßgeblich beteiligt ist. Seit der vierten
Ausgabe überhaupt wirkt er als Autor mit. Würde man
den „Mister Almanach“ küren wollen, könnte dieser
Titel gut und gern an den ehemaligen Redakteur der
Badischen Zeitung gehen, der sich vor vielen Jahren
mit einem Regionalverlag und einer Agentur für Kommunikation
selbstständig gemacht hat. Der Almanach
hat dazu einen großen Beitrag geleistet.

Seit nunmehr 30 Jahren wird das Jahrbuch Almanach
von Wilfried Dold redaktionell betreut. Die Arbeit
leistet bei dold.media + dold.verlag ein vierköpfiges
Team mit v. links: Monja Gereta, Silvia Binninger,
Wilfried Dold und Sylvia Gürtler.

Landrat Karl Heim, von 1996
bis 2012 im Amt, war gleichfalls
ein großer Förderer des
„Almanach“.

32

Aus dem Kreisgeschehen

Und er hat Wilfried Dold nicht nur in seiner beruflichen
Arbeit viel gegeben. „Es ist schön, wenn
die Menschen ihre Begeisterung für den Almanach
mitteilen, wenn sie wissen, wer du bist und was du
machst“, erzählt er von den vielen Treffen, die er in
den drei Jahrzehnten für das Jahrbuch haben durfte.
Gibt es da für ihn die eine Almanach-Geschichte?
„Nein, die habe ich nicht“, antwortet er. Um dann
doch zwei besondere Erlebnisse zu erzählen. Wilfried
Dold hat den berühmten Taucher und Meeresforscher
Jacques-Yves Cousteau eine Woche lang bei
einem Filmprojekt zur Donau begleitet und darüber
im Almanach geschrieben. Getroffen haben sich die
beiden zufällig in einem eiskalten Februar, als das
Cousteau-Team gerade im Fischweiher des Furtwanger
Reinerhofs im Katzensteig auf Tauchstation ging,
um sich bei Minusgraden für einen Tauchgang im
Feldsee am Feldberg vorzubereiten. Ein ungewöhnliches
Bild und eine außergewöhnliche
Begegnung.

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist Wilfried Dold
ebenso der Hausbesitzer im Hexenloch in Neukirch.
Sein Gebäude ist so im Schatten eines Felshanges
gelegen, dass dorthin den Winter über rund vier Monate
lang kein Sonnenstrahl gelangt. Als der Redakteur
und Fotograf im Hexenloch für Aufnahmen zum
Jahrbuch unterwegs ist, „öffnete der Mann die Tür,
sagt, er wolle mir etwas zeigen…“ Es war die tatsächlich
zentimeterdicke Eisschicht in seinem ganzjährig
feuchten und unbeheizten Flur. Auch daraus wurde
ein Text für den Almanach, eine „Schwarzwaldimpression“
anderer Art.

„Die Entscheidung für das Titelbild
ist stets ein Kampf – ein Hin und Her“
Wie soll die nächste Ausgabe aussehen? Diese Frage
stellt sich unmittelbar nach der Vorstellung des
aktuellen Jahrbuchs Anfang November. Denn nach
dem Almanach ist vor dem Almanach. Das ganze
Jahr über ist das Almanach-Team unter Vorsitz von
Landrat Sven Hinterseh auf der Suche nach Themen.
Inhaltlich gesetzt ist die Jahresbilanz des Landrates
zur Kreispolitik. Jedes Jahr neu definiert werden von
der Redaktion zwei bis drei Schwerpunkte, die etwas
mehr Platz einnehmen. Beispielsweise die berührenden
Erinnerungen zu 80 Jahre Kriegsende im
In einer Welt, die
sich immer schneller
wandelt, ist das Jahrbuch
des Schwarzwald-
Baar-Kreises, der
Almanach,
ein lebendiges
Zeugnis unserer
Identität
und Gemeinschaft
und zudem ein
inspirierendes
Werkzeug
für die nächste
Generation – es schlägt also
eine Brücke zwischen
Vergangenheit und Zukunft.
Auch mit der 50. Ausgabe
zeichnen wir nicht nur die Entwicklung unserer
Region nach, sondern
inspirieren ebenso kommende
Generationen,
sich aktiv mit ihrer Heimat zu identifizieren
und deren
Geschichte und Geschichten
weiterzuschreiben.

Kristina Diffring,
Referentin des Landrates
„Liebesschlösser“ am Bräunlinger Kirnbergsee.
Dort sein, wo die Menschen sind – diesen Anspruch
hat das Jahrbuch „Almanach“.
Mit unserer 50.
Jubiläumsausgabe
zeichnen wir nicht nur die
Entwicklung unserer
Region nach, sondern
inspirieren auch
kommende Generationen.

50 Jahre Almanach 33
34
Aus dem Kreisgeschehen
Jubiläumsalmanach 2026. Oder die Beiträge über
Gastronomie, Kunst, Kultur, Sport, Wirtschaft,
Handwerk und Heimat – all das findet sich im
304-seitigen Jahrbuch wieder.
„Die Entscheidung fürs Titelbild ist immer
ein Kampf, ein Hin und Her“, verrät Wilfried Dold
lächelnd
ein Redaktionsinterna. Viele Jahre zierte
eine Landschaft den Umschlag. „Aber welche Landschaft
bringt man mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis
insgesamt in Verbindung? Und was wäre der Landkreis
ohne all die Menschen hier?“ Deshalb setzt die
Almanach-Redaktion mittlerweile als Hingucker auf
Menschen, über die im Jahrbuch berichtet wird. So
wie beispielsweise die Ski-Crosserin Daniela Maier,
die Bronze bei Olympia holte und 2023 den Titel
zierte. Oder die junge Schwarzwaldbäuerin Anna
Klausmann aus Linach, das Almanach-Titelbild 2025.
Und natürlich dürfen es auch Männer sein… Wie im
Jahr 2020 der Schonacher Kuckucksuhrenschnitzer
Christophe Herr.

„Die Menschen spüren, dass wir
unsere Arbeit gerne machen“
Geschrieben sind die Texte von ganz unterschiedlichen
Autorinnen und Autoren, die ihren Stil und
ihre teils langjährige Erfahrung in die Arbeit für den
Almanach einfließen lassen. Die Beiträge sind mal
nachrichtlich, mal erzählerisch, entstehen aber immer
mit großer Emphatie für das Land und die Leute.
„Die Leser spüren, dass wir unsere Arbeit gerne machen“,
weiß Wilfried Dold. Auf zwischen 20 und 30
Autoren können er und sein Team zurückgreifen. Ohne
sie, das macht er deutlich, wäre es nicht möglich,
ein Jahrbuch mit einer solchen Vielfalt herauszugeben.
Landrat Hinterseh spricht von den Schreibern
als dem Rückgrat des Almanachs.
Flankiert werden die Texte von Fotos in hoher
Qualität. Darauf legt Wilfried Dold, der sich nicht
nur als Autor, sondern auch als Fotograf längst einen
Namen gemacht hat, großen Wert. Der
Aufwand, der für die visuelle Ausarbeitung
des Jahrbuchs betrieben wird, ist
groß. Beispielsweise beim Kapitel über
evangelische Trachten im Landkreis: Sie
wurden 2025 im Almanach vorgestellt
und dafür ein viertägiges
Fotoshooting abgehalten. Die Kleider mussten
besorgt und Models gefunden werden,
die sie präsentieren. Schminken, beleuchten,
posieren – da war jede Menge
zu tun. Auch für das engagierte Team um Wilfried
Dold mit Sylvia Gürtler, Silvia Binninger und Monja
Gereta.

Der Almanach ist auch ein Fotobuch
Und wenn die Fotos im Kasten sind, ist die Arbeit
keinesfalls beendet. Alles musste gesichtet, eine
Auswahl getroffen und Korrekturen vorgenommen
werden. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen:
Auf 24 Seiten wurde ein moderner Blick auf die
historischen Kleider im Landkreis geworfen. Diese
Präsentation hat dem Almanach viel Anerkennung
Die Beiträge sind mal
nachrichtlich, mal
erzählerisch, entstehen
aber immer mit großer
Emphatie für das Land und
die Leute. Die Leser spüren,
dass wir unsere Arbeit
gerne machen.

Dem Jahrbuch „Almanach“ ein Titelbild zu geben, das
seinem Anspruch als Schwarzwald-Baar-Buch gerecht wird,
ist Jahr für Jahr aufs Neue eine spannende Aufgabe.

35
Da ich im Schwarzwald-
Baar-Kreis aufgewachsen
bin und meine Familie sehr heimatverbunden
ist, hatte
ich schon früh Berührungspunkte mit dem
Almanach. Es ist schön
zu sehen, wie sich dieses
Buch über die Jahre
entwickelt hat. Und es
beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, auf welch
großartige Menschen mit spannenden Geschichten
wir bei der Themenfindung und bei der Planung der
nächsten Ausgabe stoßen. Für den Almanach wünsche
ich mir noch viele solcher Entdeckungen und viele
neue und junge Leserinnen und Leser, die ihre Heimat
entdecken
möchten.
Heike Frank,
Stabstelle Öffentlichkeit, Kultur und
Archiv des Landratsamtes

50 Jahre Almanach
eingebracht. Doch damit nicht genug: Panoramabilder,
Porträts, Luftaufnahmen und Makrofotografie:
Der Almanach ist längst nicht mehr nur ein Lese-,
sondern auch ein Fotobuch, das mit spannenden Perspektiven
und Motiven überrascht und ihn zu einem
wertigen Produkt macht.

Die große Herausforderung bleibt, das
Jahrbuch immer wieder neu zu erfinden
Darauf setzt die Redaktion ganz gezielt. Mit Digitalisierung,
neuen Medien und den damit einhergehenden
Umbrüchen in der Verlags- und Medienwelt
stand auch das Almanach-Team vor der Herausforderung,
das Jahrbuch neu zu erfinden, um sein Überleben
zu sichern. „Der Almanach hat so an Qualität
gewonnen“, betont Wilfried Dold.

Auch Landrat Sven Hinterseh lobt das hochwertige
Layout. Mit dem Klischee eines angestaubten
Heimatbuches hat es so gar nichts zu tun. Weiter
wird der Fokus mehr auf die Menschen und ihre Geschichte
gelegt. „Bei uns im Landkreis leben so viele
interessante Personen, die etwas zu sagen und zu
erzählen haben“, betont der Landrat. Der Almanach
sei dafür genau die richtige Plattform.
Verkaufsstellen sind enorm wichtig
Zum Erfolg des Almanachs gehören auch die Verkaufsstellen.
Neben den Buchhandlungen im Kreis ist
das Jahrbuch mehr und mehr auch an anderen Orten
wie etwa Tankstellen zu haben. So sollen neben den
klassischen Kunden der Buchhandlungen auch andere
potenzielle Leserinnen und Leser erreicht werden.
Pflege und Aufbau der Vertriebsstrukturen ist aufwendig.
„Das braucht viel Engagement. Aber es ist
die Mühe wert“, unterstreicht Wilfried Dold.

Die Leserschicht verjüngt sich, so die Rückmeldung
der Buchhändler. Und auch die nächste Generation
schätzt es, den Almanach als gedrucktes
Buch in der Hand zu halten. Als Beweis dafür hat
sich die digitale Ausgabe, die 2015 erstmals veröffentlicht
wurde, nicht als Erfolg erwiesen. „Unsere
Leser wollen Papier, kein PDF“, merkt der Almanach-
Mitherausgeber Wilfried Dold an. Dieser Umstand
zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht. Ist er doch ein
bekennender Fan des Buches. „Viele Inhalte in den
sozialen Medien verschwinden im Rausch der Zeit,
ein Buch bleibt.“

Das soll auch der Almanach. Ihn in die neue Zeit
zu bringen, habe man erfolgreich geschafft, freut
sich Landrat Sven Hinterseh. „Jetzt geht es darum,
Es beeindruckt mich immer
wieder aufs Neue, auf
welch großartige
Menschen mit spannenden
Geschichten wir bei der
Themenfindung für die
nächste Almanach-
Ausgabe treffen.

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Aus dem Kreisgeschehen
ihn weiter lebendig und attraktiv zu halten.“
Zweifel daran, dass es gelingt, hat er
keine. „Die 50. Ausgabe, die wir dieses Jahr
in den Händen halten, ist der Beweis dafür.“
Der Aufwand, der dafür auch finanziell geleistet
wird, lohne sich. Denn schließlich ist
der Almanach ein Buch mit vielen Funktionen:
Es bietet Unterhaltung, vermittelt Wissen,
gibt Tipps, überrascht und informiert.
Und es ist das Gedächtnis des Schwarzwald-
Baar-Kreises.

Eine Schatzkiste zwischen Buchdeckeln.

Dass diese Schatzkiste jetzt ihren
50. Geburtstag feiern kann, hat auch viel
mit ihren Freunden und Förderern zu tun.
Allen voran die Kreisräte des Schwarzwald-
Baar-Kreises. Aber auch Firmen, Institutionen
und private Spender sind es, die durch Sponsoring
zum Werden des mit einem Verkaufspreis von 24,00
Euro preiswerten Almanachs beitragen.

Und „last but not least“ gilt es, den engagierten
Autoren sowie Fotografen und den Käufern des
Jahrbuches zu danken, ohne die der seit fünf Jahrzehnten
erscheinende Almanach
undenkbar wäre.

So bleibt am Schluss der Wunsch: „Happy Birthday
Almanach!“
Der „Almanach“ ist das
lebendige Gedächtnis
unserer Region, das
Vergangenheit und
Gegenwart verbindet.
Es präsentiert die Menschen
im Schwarzwald-
Baar-Kreis mit ihren
individuellen Geschichten
und zeigt damit auf,
wer wir sind und was
uns ausmacht.

Das Jahrbuch hilft, unsere Vergangenheit zu bewahren
und aus ihr zu lernen. Gleichzeitig ist es ein Blick
in die Zukunft, weil es die Menschen ermutigt, ihre Geschichten
zu erzählen und die Region weiterzuentwickeln.
So bleibt das Jahrbuch ein lebendiges Dokument,
das unsere Gemeinschaft stärkt und verbindet – heute,
morgen und in den kommenden Jahren.
Nadine Beiter, Kreisarchiv

Rechts: Stilvolle Geburtstagsgrüße mit Schwarzwälder
Kirschtorte für den Almanach von der wohl bekanntesten
Trachtenträgerin
des Schwarzwaldes, Kim Klausmann. Hier
in einer historischen Tracht ihrer Heimat Furtwangen. Die
Torte stammt von Ana Kostava, preisgekrönte Kirschtortenbäckerin
aus dem Furtwanger Café Mayerhöfer (s. S. 248).

Landrat Sven Hinterseh: „Wir haben es erfolgreich
geschafft,
den Almanach in die neue Zeit zu bringen.“
Der Almanach ist auch
ein Blick in die Zukunft,
weil er die Menschen
ermutigt, ihre eigenen
Geschichten zu
erzählen und die Region
weiterzuentwickeln.

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2. Kapitel – Soziales
Betritt man den Flachbau mit orangener Fassade
am grünen Rand des Klinikgeländes, bemerkt
man zuallererst – Ruhe. Niemand hetzt
über den Flur, an den Wänden hängt farbenfrohe
Kunst, der Blick aus jedem Fenster fällt auf die Natur,
überall stehen Blumen, Aromalampen verströmen
einen angenehmen Duft. Eine im Eingang flackernde
Kerze zeigt an, dass gerade ein Mensch verstorben
ist. Bis zu zwölf Patienten und Patientinnen werden
hier in zehn Einzelzimmern und einem Doppelzimmer
palliativ behandelt. Die meisten von ihnen (98
Prozent) leiden an einer Krebserkrankung. Nicht alle
sind alt. Mütter und Väter von kleinen Kindern, auch
Jugendliche liegen hier – der jüngste Patient bisher
war 17 Jahre alt. Die Zimmer unterscheiden sich von
den wenige Hundert Meter entfernten Krankenzim-
Schwarzwald-Baar Klinikum

Das Palliativzentrum
„Pallium“ steht im Lateinischen für den „Mantel“. Wie von einem solchen umhüllt werden
die Patienten und Patientinnen im Palliativzentrum des Schwarzwald-Baar Klinikums. 2015
wurde es mit zwölf Betten in unmittelbarer Nähe des Klinikums eingeweiht und gehört zur
Klinik für Innere Medizin II – Onkologie, Hämatologie, Immunologie, Infektiologie und Palliativmedizin.
Die Leitung hat Direktor Prof. Dr. med. Paul Graf La Rosée.
VON BIRGIT HEINIG

Das Palliativzentrum 39
mern im Haupthaus durch ihre wohnliche Atmosphäre.
Jedes hat eine nach Südwesten gerichtete Glastür
zur Terrasse, durch die auch das Bett geschoben werden
kann. Hierher dürfen sogar Haustiere kommen.
Im Besprechungsraum für das Team der Mitarbeitenden
ist eine Wand mit einem Blätter tragenden Baum
bemalt. „In je einem Blatt wird der Name eines verstorbenen
Patienten eingetragen“, erzählt die Teamleiterin
in der Palliativstation, Juliane Tritschler – ein
für das Team wichtiges Abschiedsritual. Einige, nicht
viele, sind bereits beschriftet. Außerdem werden
viermal im Jahr in der Krankenhauskapelle Gedenkfeiern
für die Angehörigen ausgerichtet, gestaltet
von Seelsorger Uli Viereck.

Ein interdisziplinäres Team
Zur Palliativstation gehören ein Wohnzimmer mit
integrierter Küche sowie eine gemütliche Ess- und
Sitzgruppe. Hier kommen Familien zusammen, hier
wurden schon Hochzeiten gefeiert und Kinder
getauft. Ein weiteres, wohnlich eingerichtetes
Zimmer dient den Patienten und deren Angehörigen
als Rückzugsort, in dem sie außerhalb des Patientenzimmers
verweilen können. Die Psychoonkologin
Anita Beutel führt dort unter anderem Familiengespräche.
Zum interdisziplinären Team gehören auch
die Kunsttherapeutin Anke Jentzsch, die Sozialarbei-
Links: Der Eingang des Palliativzentrums. Unten: Das Team
des Palliativzentrums um die Oberärzte Frank Schaumann
und Annette Pottharst (dritter und zweite von rechts) sowie
die Teamleiterin Juliane Tritschler (fünfte v. rechts).
In je einem Blatt wird der
Name eines verstorbenen
Patienten eingetragen.

40
Soziales
terin Beate Schulz, die Physiotherapeutin Monika
Engesser und Jürgen Hones vom spezialisierten
ambulanten Palliativteam, der für die Patienten die
weitere häusliche Versorgung organisiert. Die
Begleitung vervollständigen die ehrenamtlich
Mitarbeitenden aus der Hospizbewegung.
Die Palliativmedizin zielt darauf ab, die Lebensqualität
der Patienten und Patientinnen zu verbessern
oder zu erhalten. „Wir betreuen und behandeln
Menschen, die mit einer unheilbaren Krankheit in
fortgeschrittenem Stadium leben und deren medizinische,
psychische und soziale Situation eine
intensive Begleitung durch ein spezialisiertes Team
im Krankenhaus notwendig machen“, heißt es in der
Klinik-Broschüre über das Palliativzentrum.

Frank Schaumann und Annette Pottharst sind
die dort zuständigen Oberärzte mit spezialisierter
palliativmedizinischer Ausbildung. Annette Pottharst
folgte bei ihrem Masterstudiengang am King‘s College
in London den Lehren von Cicily Saunders, der
Begründerin der modernen Palliativmedizin.
Krankheitssymptomen
wie Schmerzen, Übelkeit, Atemnot,
Unruhe könne man in der Regel medikamentös begegnen.
Zudem stehen für die palliativmedizinische
Versorgung alle diagnostischen und therapeutischen
Möglichkeiten im Schwarzwald-Baar Klinikum zur
Verfügung. Klinikdirektor La Rosée schätzt sich
glücklich, über ein Palliativzentrum zu verfügen.

„Es wurde ja lange darum gekämpft“. In der räumlich
getrennten Palliativstation sei es möglich, unheilbar
erkrankte Menschen aus den auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit
getrimmten Strukturen der Akutmedizin
herausnehmen zu können.

Gut betreutes Umfeld
Das medizinische Fachwissen werde in der Palliativmedizin
ergänzt mit Kommunikation, Empathie,
Reflexion und das abseits des Klinikalltags und
immer „offen und wahrhaftig“, führt Oberärztin
Annette Pottharst aus. Der Mensch und sein Umgang
mit der Krankheit werde als Ganzes betrachtet. Was
macht die Erkrankung mit ihm und seinen Angehörigen?
Die Ärztin hat die Erfahrung gemacht, dass die
menschliche Wahrnehmung im Angesicht des Todes
sehr unterschiedlich sein kann und im engen
Zusammenhang mit dem bisherigen Leben steht.

Sich auf Schmerzen einzulassen, Hilfe anzunehmen
und Kontrolle abzugeben – „jeder reagiert darauf
anders“ und daher steht auf der Palliativstation nicht
selten der seelische Schmerz im Vordergrund.
Halt macht die Betreuung daher nicht vor
psychischen Dimensionen, aber auch nicht vor
materiellen Sorgen, vor Fragen nach Vorsorgevollmachten
oder der Beantragung von Pflegegraden.

Auch nach Entlassung in das vertraute häusliche
Umfeld kann die palliativmedizinische Behandlung
durch die „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung
(SAPV)“ fortgeführt werden. Damit ist der
Patient eingebunden in ein Netzwerk von Klinik und
der Hausärzteschaft. „Wer sich gut aufgehoben fühlt,
dem geht es schon ein Stück weit besser“, sagt
Annette Pottharst. Die Schicksale der Menschen
Die Teamleiterin in der Palliativstation, Juliane Tritschler
im Gespräch mit einem Patienten.

Wer sich gut aufgehoben
fühlt, dem geht es schon
ein Stück weit besser. Die
Schicksale prallen an den
Mitarbeitenden nicht ab.

Das Palliativzentrum 41
prallen an den Mitarbeitenden nicht ab. „Auch wenn
es nicht in unserer Macht steht, die Erkrankung
aufzuhalten, so können wir für die Betroffenen doch
ein Umfeld schaffen, in dem sie sich gut betreut
wissen“, sagt Juliane Tritschler. „Wir sehen es als
unsere wesentliche Aufgabe an, die individuellen
Bedürfnisse unserer Patienten wahrzunehmen und
auf sie einzugehen. Das kann sowohl eine gute
Schmerzkontrolle, eine Fußmassage oder ein Glas
Bier zum Abendessen sein“.

Die durchschnittliche Verweildauer im Palliativzentrum
des Schwarzwald-Baar Klinikums beträgt
derzeit 13 Tage. Ein Wert, der sich in den letzten Jahren
sukzessive erhöht habe, sagt Annette Pottharst.

Der Grund: Die Bereitstellung einer Anschlussversorgung
wird schwieriger. Heimplätze fehlen, die ambulanten
Pflegedienste sind zunehmend überlastet.

Plätze in Alten- und Pflegeheimen oder in Hospizen
sind rar. Die Warteliste für das Palliativzentrum ist
lang, die Nachfrage aus den Akutstationen groß,
sagt Paul Graf La Rosée. Für etwas Entlastung soll
der Konsil-Dienst sorgen, ein mobiles Team aus Arzt,
Pflegekraft, Psychoonkologie und Physiotherapie,
das sich im Klinikum um Palliativpatienten kümmert.
Die Strukturen dafür wurden bereits geschaffen. Das
Problem: „Es fehlt das Personal“, sagt La Rosée.
Ein Zimmer im Palliativzentrum und „Kunst am Bau“, die
Skulptur „Im Kreislauf des Lebens“ von Zeljko Rusic neben
dem Eingang.

Palliativzentrum und Hospiz
Obwohl beide Bereiche
eng miteinander
verbunden sind, decken
sie doch unterschiedliche
Lebenssituationen
ab. 1990 ordnete die
Weltgesundheitsorganisation
(WHO) die
palliative Medizin Patienten zu, deren
Erkrankung einer kurativen Therapie nicht
mehr zugänglich ist. Ziel ist es dabei, Schmerzen
und Traumata zu behandeln, damit
Lebensqualität zu verbessern und den
Gesundheitszustand zu stabilisieren. Die
Betreuung kann auch spirituelle, psychologische
oder emotionelle Hilfe umfassen. Ein
Hospiz ist dagegen eine Einrichtung für
schwerkranke Menschen in ihrer letzten
Lebensphase. Heute können laut Statistik ein
Drittel der Patienten nach einer palliativen
Therapie wieder nach Hause, ein Drittel in
entsprechende Versorgungsstationen,
beispielsweise ein Pflegeheim, entlassen
werden – ein Drittel verstirbt.

Der Verein „Palliativzentrum-VS e. V.“

Die Entstehung des Palliativzentrums am
Schwarzwald-Baar Klinikum wäre ohne sie
nicht gelungen. Eine Handvoll Menschen
nahm 2006 das Heft in die Hand und gründete ein
Aktionsbündnis. Dessen Ziel: die palliativmedizinische
Versorgung von kranken Menschen in einem
geschützten Raum außerhalb der alltäglichen Strukturen
eines Krankenhauses. Neun Jahre später war
es soweit.

Die Pflegekraft Juliane Tritschler gehört zu denjenigen,
die damals tief Luft holten, um ein ehrgeiziges
Projekt zu starten. Sie arbeitete in der Onkologie und
hatte tagtäglich mit an Krebs erkrankten Menschen
zu tun. Sie erinnert sich an die Bedingungen, die
damals auf den Stationen herrschten. Das gesamte
onkologische Team bemühte sich zwar, die Schwerstkranken
und Sterbenden würdevoll zu begleiten,
doch die Rahmenbedingungen blieben unbefriedigend.
So sahen das auch der damalige Klinikdirektor
Wolfram Brugger, der Palliativmediziner Frank
Schaumann, der Anästhesist Reinhard Brücker, der
einen Sohn an den Krebs verloren hatte, und Verena
Hoer, die Witwe eines gerade Verstorbenen.

Dass im damals sich in Planung befindenden
Klinikneubau gemäß dem Landeskrankenhausplan
keine eigene Palliativstation vorgesehen war, sondern
lediglich sechs integrierte Betten, war für die
Genannten sowie etliche weitere engagierte Bürger
ein Unding. Man begann als loses Bündnis, Spenden
zu sammeln.

Auch Arnold Willmann ist ein Mann der ersten
Stunde. Lange Jahre war der Vater eines an Krebs
erkrankten Sohnes Vorsitzender des Freiburger „Fördervereins
für krebskranke Kinder“. Er erzählt: 2,5
Millionen Euro, so die damalige Schätzung, sollte ein
separates Gebäude für Palliativpatienten kosten. In
Abstimmung mit der Trägerin, der Schwarzwald-Baar
Klinikum Villingen-Schwenningen GmbH, die kostenfrei
ein Grundstück neben dem zukünftigen Kreisklinikum
zur Verfügung stellte, entstand der Plan, die
Baukosten über Spenden zu decken. Die Betriebskosten
sollten dann übernommen werden. „Wenn wir
damals gewusst hätten, dass die Palliativstation am
Ende 4,5 Millionen Euro kosten würde, wer weiß, ob
wir uns das dann vorgenommen hätten“, sagt Willmann
augenzwinkernd.

Mit Spenden zum Ziel
Am 18. November 2009 wurde das Bündnis zu einem
eingetragenen Verein mit Verena Hoer als Vorsitzender
und das Palliativzentrum zum „gesamtgesellschaftlichen
Projekt“. Die finanzielle Latte lag hoch.
Umso engagierter warb der harte Kern einer stetig
anwachsende Mitgliederzahl unermüdlich um
Spenden. Und nicht nur das: „Wir mussten aufklären“,
sagt Frank Schaumann, denn er weiß: „Bis
heute wird das Palliativzentrum mit einem Hospiz
verwechselt. Wir sind aber keine Sterbestation“
(siehe Infokasten S. 41).

42
Soziales
Die Mitglieder des
Vorstands des Palliativvereins,
von links: Vorsitzender
Dr. med. Reinhard
Brücker; Stv. Vorsitzender
Dr. med. Frank Schaumann;
Schatzmeisterin:
Juliane Tritschler und Beisitzer
Arnold Willmann.

Das Palliativzentrum
Der neue Verein, später viele Jahre lang vom
Mediziner Klaus Lang geleitet, richtete unzählige
Info- und Benefiz-Veranstaltungen aus, man stand an
unzähligen Samstagen in den Innenstädten und
überarbeitete stetig das Konzept des Projektes. Mit
Einweihung des neuen Klinikums 2013 war es dann
soweit: Eine Million Euro waren zusammengekommen
und man stellte einen Förderantrag. Spätestens
da sei auch den Zweiflern klar gewesen: „Die meinen
es ernst“, erinnert sich der aktuelle Vorsitzende
Reinhard Brücker und lacht.

Im Juli 2014 war Spatenstich, im Dezember 2015
nahm das Palliativzentrum mit 12 Betten den Betrieb
auf. Juliane Tritschler ist seither die Teamleiterin,
Jens Schaumann Oberarzt. Am Ende hatte der
Förderverein 1,75 Millionen Euro zusammengetragen.
Ein Ergebnis, auf das er „schon ein bisschen stolz“
ist, wie Brücker bescheiden sagt. 1,45 Millionen Euro
steuerte das Land bei, der Rest kam von der Stadt
Villingen-Schwenningen, dem Schwarzwald-Baar-
Kreis und der Deutschen Krebshilfe.

Besonders freut die Förderer, dass ihr großer
Beitrag nicht nur mithilfe großer Sponsoren zusammengekommen
ist. Auch Kleinstspenden trudelten
permanent ein, Vereinsbeitritte – in Hochzeiten
zählte man 450 Mitglieder – sorgten für einen
stetigen Finanzfluss. Eine Spenderin, erzählt Juliane
Tritschler, überweist seit der Vereinsgründung vor
nunmehr 14 Jahren monatlich zehn Euro – bis heute.
Mit Inbetriebnahme des Palliativzentrums löste sich
der Förderverein nämlich nicht auf, obwohl das
erklärte Ziel erreicht war. Nach einer Satzungsänderung
handelt er nun als „Förderverein für das
Palliativzentrum“ und zählt 388 Mitglieder.

Allein 2024 tätigte der Verein Anschaffungen in
Höhe von rund 100 000 Euro. Zuletzt war das ein
Wärmeschrank für Wärmekissen und Wickel und
Auflagen. In den Jahren zuvor wurden Ventilatoren
und Sonnenschirme besorgt, Fachliteratur und
Aromapflegeprodukte angeschafft. Auch der Wunsch
nach einer Waschmaschine und einem Trockner
wurde erfüllt, „da es immer wieder Patienten ohne
Angehörige gibt, die ihnen frische Wäsche bringen
könnten“, sagt Juliane Tritschler.

Den Gärtner für die Außenanlagen bezahlt der
Förderverein, jede Woche gibt es frische Blumen und
an zwei Sonntagen im Monat geben auf der Station
der Musiker Sebastian Schnitzer (Piano) und Fabian
Huger (Gitarre) im Wechsel ein kleines Konzert.
Neben solcher Nice-to-have-Versorgung des
Palliativzentrums
hat sich der Förderverein ein
weiteres Ziel gesetzt. Man wolle die bereits laufenden
Anstrengungen im Schwarzwald-Baar Klinikum
unterstützen, dort einen speziellen Palliativkonsildienst
anzubieten. Momentan fehle dazu aber noch
das dafür notwendige Personal.

Das Gründungsteam beim Spatenstich im Juli 2014 für den
Bau des Palliativzentrums, im Dezember 2015 nahm es
den Betrieb auf.

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Soziales

Ein besonderer Ort für leidgeprüfte Familien – und eine
besondere Familie mit Namen Hermle, die einfach hilft
Klinik Katharinenhöhe
eröffnet Therapiezentrum
Birgitta-Hermle-Haus
VON BARBARA DICKMANN

Es gibt auf der Welt besondere Orte. Die familienorientierte Rehaklinik Katharinenhöhe
in Schönwald
im Schwarzwald ist so ein besonderer Ort. Hier können das kranke Kind, dessen Geschwister
und Eltern nach oft langwieriger Intensivbehandlung wieder aufleben – wieder ins Leben zurückfinden.

Und es gibt auf der Welt ganz besondere Menschen – Birgitta Hermle aus Gosheim
war so ein besonderer Mensch: Die Stammaktionärin der Hermle AG war als eine der Gründerinnen der Hildegard und Katharina Hermle Stiftung zugleich der Mittelpunkt
der Familie. Doch ein Teil ihres Herzens gehörte der Katharinenhöhe.

Als sie 2019 im Alter von 60 Jahren nach schwerer Krankheit starb,
wusste sie, dass Tochter Miriam Hermle in ihrem
Sinne weitermachen würde, denn auch ihr Herz schlägt für die Katharinenhöhe.
Vor allem auch für eine bauliche Erweiterung, die jetzt in Betrieb
genommen werden konnte.

Nach mehr als zweijähriger Bauzeit hat
das Team der Physioabteilung endlich moderne, großzügige Therapieräume
zur Verfügung, konnte das Therapiezentrum
mit dem Namen „Birgitta-Hermle-Haus“ offiziell eingeweiht werden. Elf Millionen
Euro investierte die Katharinenhöhe, ein Großteil
der Summe ist mit sagenhaften 6,5 Mio. Euro der Hermle-Stiftung
zu verdanken.

Aber ohne die Spenden-Aktion „Gemeinsam für die Katharinenhöhe“
wäre dieses Bauvorhaben ebenfalls nicht möglich gewesen, betonte
Geschäftsführer Stephan Maier bei der feierlichen Eröffnung im September 2025. An dieser Stelle
aber soll die Geschichte von Birgitta
Hermle, ihrem Ehemann Dietmar Hermle sowie Tochter Miriam
Hermle und ihrer besonderen Verbindung zur Katharinenhöhe
erzählt werden. Und von Stephan
Maier, dem langjährigen Leiter der Katharinenhöhe.

Birgitta Hermle
Rehaklinik Katharinenhöhe 45

Wie alles begann
„Es war im Jahr 2011. Ein Mitarbeiter der Firma
Hermle war mit seiner Familie zur Reha auf der
Katharinenhöhe“, erinnert sich Stephan Maier. Die
Familie ging gestärkt und voller Dankbarkeit nach
vier Wochen wieder nach Hause. Er hätte Kontakt zu
einer Stiftung, sagte der Vater zum Abschied und
würde gerne von der hervorragenden Arbeit
berichten. Kurz darauf kam eine Spende und
Stephan Maier freute sich, denn bis heute müssen
alle Anschaffungen aus Spenden finanziert werden
und oft genug reicht das Geld der Kostenträger nicht
einmal für den laufenden Betrieb. Er kaufte sofort
ein dringend benötigtes Therapiegerät. Und selbstverständlich
bedankte sich der Leiter der Katharinenhöhe
mit einem Brief und der Einladung zu
einem Besuch. „Das mache ich immer, es gibt dann
Kaffee und Kuchen – egal ob wir 100 oder 10.000
Euro bekommen!“

Birgitta Hermle und die Katharinenhöhe –
ein tiefgehender Besuch mit Folgen
Birgitta Hermle nahm die Einladung an, kam im Jahr
2012 und schaute sich alles sehr genau an. Dazu
muss man wissen: Die Hermle-Stiftung, genauer die
Hildegard und Katharina Hermle Stiftung, ist eine
Stiftung, die soziale, medizinische und pädagogische
Projekte unterstützt und sich für Menschen mit Beeinträchtigungen
engagiert. Sie finanziert sich aus
den Dividendenausschüttungen der Maschinenfabrik
Berthold Hermle AG und ist bekannt für ihre großzügigen
Spenden an soziale Einrichtungen.

Voller Interesse stellte Birgitta Hermle etliche
Fragen und eine war wohl scherzhaft gemeint – so
glaubte Stephan Maier: „Was ist denn ihr größter
Wunsch?“, wollte Birgitta Hermle wissen. Stephan
Maier musste nicht lange überlegen: „Neue Familienappartements“,
sagte er. Dieser Neubau war sein
großer Traum. Die „Katha“ konnte auch schon einige
Von links: Sohn Benedikt Hermle, Vater Dietmar Hermle und Tochter Miriam Hermle von der Hermle-Stiftung bei der
Eröffnung des neuen Therapiezentrums der Katharinenhöhe.

Benannt mit „Birgitta-Hermle-Haus“, nach der Mutter von
Miriam und Benedikt Hermle. Die Hermle-Stiftung spendete für dieses Projekt sagenhafte 6,5 Mio. Euro.

46
Soziales

Skizzen eines Anbaus mit sechs barrierefreien Familienappartements
und zwei behindertengerechten
Kindergruppen vorweisen. Sie hingen im Büro von
Stephan Maier und fielen unter die Rubrik „unerfüllbar,
da kein Geld“.

Birgitta Hermle wollte genauer wissen, wie es
sich auf der Katharinenhöhe verhält. Eine Familie
öffnete ihr die Tür und dann stand sie in einem
Ein-Zimmer-Appartement, vollgestopft bis zur letzten
Ecke, denn das war Standard für drei Personen.
Jetzt wollte sie die Skizzen sehen. Und dann sagte sie
einen Satz, den Stephan Maier nie vergessen wird:
„Da muss etwas passieren. Ich gebe Ihnen 300.000
Euro!“ Stephan Maier war sprachlos. Kurze Zeit
später
landete das Geld auf dem Spendenkonto der
Katharinenhöhe.

Auf der Suche nach weiteren Spendengeldern
Das war ein wunderbarer Anfang, doch die Planung
dauerte, der Bauantrag noch viel länger und weitere
Spendengelder mussten generiert werden. Birgitta
Hermle verfolgte das sehr genau und hielt den persönlichen
Kontakt, solange es ihre Krankheit zuließ.

Die krebskranken Kinder, die Eltern und Geschwisterkinder
lagen ihr sehr am Herzen. Sie bewunderte die
engagierten, kompetenten und langjährigen Mitarbeiter
der Katharinenhöhe, hörte von unglaublichen
Fortschritten, die durch die intensive physische und
psychische Behandlung erreicht wurden und sah als
Unternehmerin sehr genau, wie verantwortungsvoll
Stephan Maier mit den Spendengeldern umging.
Immer wieder spendete die Hildegard und Katharina
Hermle Stiftung. Seit 2015 auch im Rahmen des
Schwarzwald-Bike-Marathons, an dem bis heute
immer das Mountainbike-Team „Hermle AG Schneller
Span“ teilnimmt und die Hermle-Stiftung jeden
gefahrenen Kilometer mit 20 Euro zugunsten von
sozialen Zwecken belohnt.

Miriam Hermle steigt ein
Birgitta Hermle leidet an ALS – einer unheilbaren,
schweren und fortschreitenden Erkrankung des
Nervensystems.

Im Jahr 2015 bittet sie ihre Tochter
Miriam, bei der Stiftung ihre Aufgaben zu übernehmen,
die Katharinenhöhe auch weiterhin zu unter-
Das für elf Mio. Euro
realisierte Therapiezentrum
„Birgitta-Hermle-
Haus“ der
Nachsorgeklinik
Katharinenhöhe.

Die krebskranken Kinder,
die Eltern und Geschwisterkinder
lagen Birgitta
Hermle sehr am Herzen.
Sie hörte von unglaublichen
Fortschritten, die
die intensive Behandlung
ermöglichte.
Rehaklinik Katharinenhöhe 47
Erkennen, wo es dringend Hilfe braucht. Das neue Therapiezentrum der Nachsorgeklinik Katharinenhöhe wurde mit
Aufwendungen
in Höhe von elf Mio. Euro nahezu vollständig mit Spenden finanziert. Es konnte im September 2025
unter dem Namen „Birgitta-Hermle-Haus“ seiner Bestimmung übergeben werden.

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Soziales

stützen und zu besuchen. Miriam Hermle und ihr
Vater Dietmar sind schon lange im Bilde. Die Familie
ist sehr eng verbunden, der langjährige Stiftungsrat
genauso und Miriam Hermle weiß genau, was sie erwartet.
Ihre Gefühle schwanken. Als Mutter von gesunden
Kindern tut es sehr weh, an diese schwerstkranken
Kinder zu denken, sie hautnah zu erleben,
in schmale Gesichter mit großen Augen zu schauen,
Krücken, Rollstühle, keine Haare, Eltern, die mitleiden
und Geschwisterkinder, die sich vernachlässigt
fühlen… All das geht ihr durch den Kopf, als sie sich
zum ersten Mal auf den Weg zur Katharinenhöhe
macht. Und dann wird es ganz anders.

„Diese wunderbare
Stimmung, diese Offenheit der Kinder und
dieses unglaublich vielfältige Angebot, um wieder
ins Leben zurückzufinden. Diese Dankbarkeit der
leidgeprüften Familien, endlich hier zu sein. Ich
wusste es sofort. Hier ist jeder Euro wichtig und gut
angelegtes Geld.“

2017 wird das neue Familienhaus eingeweiht. Mit
Familienappartements, die gut durchdacht sind, mit
zwei Kindergartengruppen und einem besonderen
„Spielbereich“. Er heißt „mack and roll“ und ist wohl
die schönste Bowlingbahn im Schwarzwald, gespendet
von Marianne Mack (Ehefrau von Roland Mack,
Europa-Park), Förderverein Santa Isabel e. V. – Hilfe
für Kinder und Familien. Birgitta Hermle kann nicht
mehr teilnehmen. Stephan Maier betont: „Ohne
Birgitta Hermle hätte ich nicht den Mut gefunden,
dieses große Projekt anzugehen.“

Drei kleine Durchgangsräume für
hochprofessionelle Therapie?
2018 beginnt die Spendenaktion des Schwarzwälder
Boten für die Katharinenhöhe, die bis heute in Kooperation
mit dem Europa-Park und dem Eishockeyteam
Schwenninger Wild Wings sehr erfolgreich
läuft. Stephan Maier kann knapp 150.000 Euro gleich
im ersten Jahr zurücklegen. Aber er hat ein Problem
und das ist nicht gerade klein: Die Physiotherapie
– die absolut wichtigste Therapie für fast alle Patienten
– besteht aus lediglich drei Durchgangszimmern,
der Fitnessraum ist zu klein, die Geräte sind fast
museumsreif. Es fehlen Büros, Umkleideräume, therapeutische
Spielebenen und und und… Die einzige
Lösung dafür heißt „Neubau“ – ein Projekt im hohen
einstelligen Millionenbereich.
2019 besuchen Miriam und Dietmar Hermle die
Katharinenhöhe. Sie schauen sich die Räume an. Auf
den Fluren findet gerade die „Gangtherapie“ statt
– aus der Not heraus, denn alle Räume sind belegt.
Einige Kinder warten schon und die Therapeuten
müssen wahre Organisationstalente sein. Vater und
Tochter führen wunderschöne Gespräche mit den
kleinen und großen Menschen. Sie schauen sich nur
an, wechseln ein paar Worte allein und gehen dann
zu Stephan Maier. „Wir geben Ihnen zwei Millionen
Euro für den Neubau“, sagen sie. Stephan Maier
muss sich erst mal setzen. Ihm stehen die Tränen
in den Augen. „Ich musste fast weinen“, erinnert er
sich, das war so berührend, so umwerfend.
Am 6. Juli 2019 stirbt Birgitta Hermle. Die Familie
trauert und Stephan Maier auch.

2020 beginnt Corona. Die Katharinenhöhe
kämpft – wie so viele Einrichtungen in dieser Zeit.
Die Planungen für den Neubau liegen auf Eis. Ende
2021 wird der Bauantrag eingereicht und die Vorarbeiten
beginnen. Fast monatlich müssen die geschätzten
Baukosten nach oben korrigiert werden.
Mittlerweile ist man bei 8,5 Millionen Euro angelangt.
Spendenaktionen laufen, denn nach wie vor
ist kein Kostenträger bereit, auch nur einen Cent zu
geben.

Die Physiotherapie – die
absolut wichtigste Therapie
für fast alle Patienten
– besteht aus lediglich
drei Durchgangszimmern,
der Fitnessraum ist zu
klein, die Geräte sind fast
museumsreif.

Das neue Therapiezentrum „Birgitta-Hermle-Haus“ der
Nachsorgeklinik Katharinenhöhe
bietet optimale Behandlungsmöglichkeiten
für die Patienten. Sowohl für die
Physio- oder Ergotherapie als auch für die therapeutischen
Gesprächsrunden der Eltern.

Rehaklinik Katharinenhöhe 49

50
Soziales
Grundsteinlegung mit einer Überraschung
An einem sonnigen Tag im August 2022 ist es soweit.
Die Grundsteinlegung wird gefeiert. Ein kleiner Kreis
von Freunden und Spendern der Katharinenhöhe ist
gekommen und natürlich auch Miriam und Dietmar
Hermle. Nach einer bewegenden Rede einer betroffenen
Mutter greift Stephan Maier zum Mikrofon.
„Vor wenigen Minuten sind Miriam und Dietmar
Hermle zu mir gekommen. Wir erhalten eine weitere
Spende von einer Million!“ Stephan Maier bricht die
Stimme weg und allen Gästen stehen die Tränen in
den Augen.

Im Angesicht der leidgeprüften Kinder und der
betroffenen Eltern ist das unglaublich. „Ich kann nur
immer wieder Danke sagen.“ Miriam Hermle lächelt
unter Tränen. Man kann sie einfach nur in den Arm
nehmen. Drei Millionen – allein von der Hermle-Stiftung!
Irgendwie scheint die Sonne noch intensiver
zu strahlen.

Der Neubau wächst
2024 hält Miriam Hermle die jährliche Sitzung des
Stiftungsrats in der Katharinenhöhe ab. Sie hat den
Rohbau besichtigt und kennt die Zahlen. Ihr ist
es wichtig, den langjährigen Mitgliedern des Stiftungsrates
die Katharinenhöhe zu zeigen, damit sie
die wertvolle Arbeit kennenlernen. Stephan Maier
freut sich sehr darüber und führt gerne durch das
Haus. Und wie immer kommen die Kinder offen auf
die Besucher
zu, sprechen die Eltern gerne mit den
Gästen und berichten oft genug begeistert, wie und
womit sie die Zeit hier verbringen.
Das alles berührt die Besucher. Und am Ende
seiner
Sitzung beschließt der Stiftungsrat einstimmig,
der Katharinenhöhe eine weitere Spende von
3,5 Millionen Euro zukommen zu lassen. Kann man
das fassen: 6,5 Millionen Euro insgesamt!
Das Birgitta-Hermle-Haus
Keine Frage: Der Neubau mit einer herausragenden
Physiotherapie samt Erlebnis-Indoor-Spielplatz, der
auch gleichzeitig Therapie ist, mit Büros und Vortragsraum
ist ein fantastisches Birgitta-Hermle-Haus
geworden. Und nicht nur dem Namen nach. Das
Gebäude gilt der Rehaklinik als Andenken an eine
besondere Frau, die zu einem besonderen Ort kam.
Wo Schatten ist, wächst in der
Katharinenhöhe das Licht und wo
Angst ist, wächst hier Mut. Ich bin
glücklich, dass wir helfen konnten.
Miriam Hermle
Vorsitzende der Hildegard
und Katharina Hermle Stiftung
Die Katharinenhöhe macht demütig
und ist ein helles Licht in der Dunkelheit.
Im Schwarzwald wachsen nicht
nur Bäume – hier wachsen auch
Anteilnahme und Hilfsbereitschaft,
denn es gibt viele Menschen, die für
die Katharinenhöhe spenden. Dafür
bin ich sehr dankbar und das berührt
mich sehr.

Sven Hinterseh
Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises
Die Katharinenhöhe öffnet Türen zu
neuen Wegen voller Zuversicht.
Familien und junge Menschen
schöpfen neue Kräfte und erhalten
Perspektiven. Die Menschen in
Furtwangen stehen mit ganzem
Herzen hinter der Katharinenhöhe.
Darauf bin ich stolz und danke allen,
die die Arbeit der Einrichtung
unterstützen.
Josef Herdner
Bürgermeister von Furtwangen

Nachsorgeklinik Katharinenhöhe 51
Blick in ein Appartement des neu geschaffenen „Birgitta-Hermle-Hauses“ der Rehaklinik Katharinenhöhe.

Die Rehaklinik Katharinenhöhe im Sommer 2025.

52
Soziales

Seit dem 19. September erfüllen das Birgitta-Hermle-
Haus viele kleine und große Menschen mit
Leben: Sie trainieren für ihre Gesundheit, überwinden
eigene Grenzen – sie spielen miteinander,
tauschen sich aus, weinen vielleicht, aber ganz
bestimmt lachen sie oft und viel. Sie gehen gestärkt
nach Hause, voller Kraft und Zuversicht für die
Zukunft.

Wie sagte doch Stephan Maier: „Man kann nicht
genug Danke sagen. Danke an alle Spenderinnen und
Spender!“ Und er schließt in diesen Dank viele Partner
ein. Denn ohne die Spenden-Aktion „Gemeinsam
für die Katharinenhöhe“ mit den Projektpartnern
Schwarzwälder Bote, Lahrer Zeitung, Neckarquelle,
antenne 1 Radio Neckarburg Rock & Pop, Europa-
Park, Schwenninger Wild Wings sowie dem Verein
„Marianne Mack – Santa Isabell Hilfe für Kinder und
Familien“ wäre dieses Bauvorhaben gleichfalls nicht
möglich gewesen.

Miriam Hermle mit Vater Dietmar Hermle (rechts) von der
Hermle-Stiftung
zusammen mit dem Leiter der Rehaklinik
Stephan Maier bei einem Besuch der Einrichtung. Insgesamt
6,5 Mio. Euro hat die Stiftung für den nach Birgitta
Hermle benannten Erweiterungsbau gespendet.
Die Katharinenhöhe schenkt Kraft –
Schritt für Schritt und Tag für Tag.
Die Menschen in Schönwald sind
voller Hochachtung vor der wertvollen
Arbeit, die dort geleistet wird und
ich auch.

Christian Wörpel
Bürgermeister von Schönwald
Kein Mitleid, das man kaum erträgt,
keine Ratschläge, die nur Schläge
sind, sondern einfach nur viele
Hände – viele Menschen, die einfach
helfen. Das macht ein Stück weit
glücklich in schweren Zeiten.
Eine betroffene Mutter
Die Katharinenhöhe ist ein Ort, an
dem die Hoffnung blüht, die Seele
stärkt und Lächeln heilt. Ich bin
glücklich, dass wir helfen konnten.
Marianne Mack
Vorsitzende des Fördervereins
Santa-Isabel e.V.
„Danke“ für die außergewöhnliche
Unterstützung, für die Zuwendung,
für die Wertschätzung, für die
Anteilnahme. Ich kann immer nur
wieder „Danke“ sagen. Ich bin
glücklich über so viel Hilfe und
Wertschätzung.

Stephan Maier
Leiter der Katharinenhöhe
Rehaklinik Katharinenhöhe 53
Bei der Einweihungsfeier des „Birgitta-Hermle-Hauses“ der Rehaklinik Katharinenhöhe. Unter den Gästen weilten auch
Roland Mack vom Europa-Park mit Ehefrau Marianne Mack (4. und 5. v. rechts), Vorsitzende des Fördervereins Santa-Isabel
e.V., der die Katharinenhöhe stark unterstützt. Einmal mehr waren auch Akteure des Europa-Parks auf der Katharinenhöhe
zu Gast, so die Euromaus. Sie begleiteten die Schlüsselübergabe an den Leiter der Einrichtung, Stephan Maier.

54
Soziales

Die Ursprünge der Erziehungsberatung im heutigen
Kreisgebiet reichen bereits bis ins Jahr 1955 zurück.
Seit dieser Zeit wurde die Aufgabe der Erziehungsberatung
in Villingen und Donaueschingen von nebenamtlichen
Mitarbeitern der Kinderabteilung der
Universitäts- und Nervenklinik Freiburg durchgeführt.

Damals gab es in Donaueschingen 14-tägig ein
Beratungsangebot und am Villinger Krankenhaus ein
wöchentliches Beratungsangebot von neun Stunden.
Für eine Region mit ähnlicher Bevölkerungsgröße wie
der heutige Schwarzwald-Baar-Kreis war dies zwar ein
sehr überschaubares Angebot, zugleich stellt es den
Grundstein für die heutige Arbeit dar.

Das Angebot der Erziehungsberatung noch vor
Entstehung des heutigen Landkreises war von einigen
Herausforderungen geprägt. Eine lange Anfahrt der
nebenamtlich Beschäftigten aus Freiburg, Personalwechsel
in der Klinik und Herausforderungen bei der
Raumsuche erschwerten eine kontinuierliche Aufrechterhaltung
des Angebots. Schließlich musste das
Beratungsangebot in Donaueschingen am 30. September
1972 vorübergehend vollständig eingestellt
werden.

Mit den Fördermöglichkeiten, die durch das Land
Baden-Württemberg zur Einrichtung von hauptamtlich
besetzten Erziehungsberatungsstellen im Jahr
1972 beschlossen wurden, war es für die Landkreise
wie den Schwarzwald-Baar-Kreis sicherlich attraktiv,
eine Erziehungsberatungsstelle ins Leben zu rufen,
zumal sich der Bedarf deutlich zeigte und in den
Gremien diskutiert wurde. So wurden durch das Land
unter Einhaltung gewisser Rahmenbedingungen
zwei Drittel der Personalkosten gefördert.

Völlig unproblematisch hingegen war der Weg
zu einer eigenen Erziehungsberatungsstelle damals
dennoch nicht. In den Jahren 1974/75 wurden intensive
Bemühungen unternommen, ein hauptamtliches
Team zusammenzustellen und geeignete Räumlichkeiten
zu finden. Bereits Ende 1974 gab es erste
Stellenausschreibungen. Das Stellenbesetzungsprozedere
war mit einigem Aufwand verbunden,
denn man sah sich damals schon mit vergleichbaren
Herausforderungen bei der Personalfindung wie
heute konfrontiert. Kurzfristige Rückzüge von Bewerbungen
oder unentschuldigtes Nicht-Erscheinen
zu Gesprächen gab es schon damals. Der erste Lei-
50 Jahre Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche –
20 Jahre Interdisziplinäre Frühförderstelle
Eine Stelle – zwei Jubiläen
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises
feiert im Jahr 2026 ihr 50-jähriges Bestehen. Bereits kurz nach der Entstehung des heutigen
Schwarzwald-Baar-Kreises – eigentlich schon in der Übergangszeit – beschäftigten sich Verwaltung
und Gremien des Schwarzwald-Baar-Kreises mit der Schaffung einer hauptamtlich besetzten
Erziehungsberatungsstelle.

VON DANIEL MIELENZ UND PETRA RIST
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises 55
ter der „Erziehungsberatungsstelle“ – die heutige
Bezeichnung „Beratungsstelle für Eltern, Kinder
und Jugendliche“ erhielt die Stelle erst im Jahr
1980 – Roland Stieber bekam die Zusage für seine
Tätigkeit durch den Landkreis am 18. August 1975.
Schon knapp drei Wochen später, Roland Stieber war
noch nicht in Amt und Würden, war er bereits an
der Auswahl weiteren Personals beteiligt. Noch im
selben Jahr im Oktober bewilligte der Kreistag eine
zweite Psychologenstelle. Hier bewies der Kreistag
bereits Weitblick hinsichtlich einer Ausweitung in die
Regionen Donaueschingen
und Furtwangen – und
ermöglichte damit, das Angebot für alle Menschen
im Landkreis gut erreichbar zu gestalten. Im Oktober
1975 trat dann bereits die erste Mitarbeiterin ihren
Dienst beim Landkreis an und am 1. Februar 1976 war
es endlich soweit: Die Erziehungsberatungsstelle in
Villingen-Schwenningen nahm mit einem Team aus
vier hauptamtlichen Fachkräften ihre Arbeit in der
Herdstraße in Villingen auf.

Schon im ersten Jahr des Bestehens wurden 250
Anmeldungen verzeichnet – ein deutliches Zeichen
für den großen Bedarf an Beratung und Unterstützung.
Diese hohe Nachfrage brachte jedoch auch
Herausforderungen mit sich, wesentlich in Form von
Wartezeiten für die Ratsuchenden von vier bis sechs
Monaten. Recht früh zeigte sich, dass die Kapazitäten
erweitert werden mussten, um dem Bedarf gerecht
werden zu können. Schritte in eine bedarfsgerechte
Ausgestaltung wurden im Prinzip mit der Aufnahme
der Arbeit der Beratungsstelle unternommen.
Außenstelle des Landratsamtes in der Herdstraße 4 mit
BEKJ, Gesundheitsamt und Internatsverwaltung der Hotelfachschule.
Schon im ersten Jahr des
Bestehens wurden 250
Anmeldungen verzeichnet
– ein deutliches Zeichen
für den großen Bedarf.

56
Soziales
Ein bedeutender Schritt auf diesem Weg war die
Eröffnung der Außenstellen in Donaueschingen und
in Furtwangen im Jahr 1978. Dies ermöglichte es
gerade in den ländlichen Gebieten des Landkreises
zugänglicher für die Menschen in allen Teilen des
Landkreises zu sein. So kann die Beratungsstelle für
Eltern, Kinder und Jugendliche bis heute die Versorgung
im gesamten Kreisgebiet sicherstellen.
Über 30 Jahre lang ein hohes Maß
an Stabilität und Kontinuität
In den 50 Jahren ihres Bestehens hat sich in der BEKJ
manches verändert, vieles ist jedoch auch geblieben.
So hat der erste Leiter der Beratungsstelle seine
Leitungstätigkeit bis Ende des Jahres 2007 weitergeführt
und damit über 30 Jahre lang für ein hohes
Maß an Stabilität und Kontinuität gesorgt. Gleichwohl
gab es auch hier Veränderungen. Die Jugendund
Drogenberatung war von Beginn an Teil der
BEKJ, bevor sie im Jahr 1990 zur Pflichtaufgabe der
Landkreise und dann 1993 an den heutigen baden-
württembergischen Landesverband für Prävention
und Rehabilitation übergeben wurde. Auch war
die Schulpsychologische Beratungsstelle von 2005
bis 2008 Teil der BEKJ, bevor sie wieder in die
Trägerschaft des Landes überging. Nicht zuletzt die
„Frühen Hilfen“ waren von 2008 bis 2016 Teil der
BEKJ, bevor das Kreisjugendamt hier die Verantwortung
übernahm.

Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der
BEKJ war der Aufbau der Interdisziplinären Frühförderstelle
(IFF) innerhalb der BEKJ. Nachdem der
Kreis im Jahr 2005 Träger der Eingliederungshilfe
wurde, wurde im Jahr 2006 in den Gremien die Entscheidung
zur Einrichtung der IFF innerhalb der BEKJ
getroffen. Hierfür wurde aus dem bestehenden Personal
der BEKJ eine halbe Psychologenstelle sowie
jeweils eine halbe Stelle Heilpädagogik und Physiotherapie
neu zur Verfügung gestellt. Mit dem Beitritt
des Landkreises zur Landesrahmenvereinbarung
Frühförderung kann seit 2016 Familien von Kindern
mit einer (drohenden) Entwicklungsverzögerung
und/oder Behinderung im Vorschulalter Frühförderung
im Rahmen der Komplexleistungen angeboten
werden. Im Zuge dessen wurde im Jahr 2017 ein eigenständiges
Sachgebiet geschaffen. Die Schaffung
Beraterisch-therapeutische Arbeit mit Kindern in der BEKJ.
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises 57
der IFF und die Umsetzung der Komplexleistung
hat das Angebot der BEKJ wesentlich erweitert und
ermöglicht es, Kinder und Familien noch früher,
umfassender und in entscheidenden Entwicklungsphasen
pädagogisch und medizinisch-therapeutisch
zu unterstützen. Die IFF ist ein Paradebeispiel dafür,
wie wichtig und hilfreich frühzeitige Intervention
und ganzheitliche Unterstützung für die Entwicklung
von Kindern sein können.

Ebenfalls ein sehr wichtiger Meilenstein war der
Umzug der BEKJ am Standort Villingen in die heutigen
Räumlichkeiten im Jahr 2016 im ehemaligen Villinger
Krankenhaus. Hier finden sich nun sehr gute
räumliche Voraussetzungen für die Arbeit der BEKJ in
den beiden Bereichen Erziehungsberatung und Interdisziplinäre
Frühförderung.

Interdisziplinäres Team
Neben zahlreichen Entwicklungsschritten sind aber
auch einige Dinge geblieben. So ist die Zusammensetzung
eines Teams mit unterschiedlichen fachlichen
Ausbildungen und Ausrichtungen nach wie vor
als die zentrale Ressource zu begreifen, um die
vielfältigen Bedarfe einer Beratungsstelle für Eltern,
Kinder und Jugendliche zu bedienen. Im Laufe der
Jahrzehnte hat sich das Team der BEKJ immer weiter
zu einem breit aufgestellten, interdisziplinären Team
entwickelt. Weil es in der Arbeit der BEKJ – für
Außenstehende oft nicht vorstellbar und greifbar –
in Familien nichts gibt, was es nicht gibt, braucht es,
um die Aufgabe erfüllen zu können, vielfältigste
Kompetenzen, interne Kooperation, Abstimmung
und Unterstützung. Das heutige Team bringt
Grundqualifikationen aus den Bereichen Psychologie,
Sozialpädagogik, Gesundheits- und Sonderpädagogik,
Erziehungswissenschaft, Heilpädagogik,
Logopädie und Physiotherapie mit.
Nicht zu vergessen sind an zentraler Schnittstelle
zwischen innen und außen die verwaltungsorientierten
Kolleginnen in der Teamassistenz. In den
Anfängen der Erziehungsberatung waren dies noch
„Schreibkräfte“, heute jedoch ist auch dieses
Aufgabenfeld wesentlich komplexer und ohne die
Unterstützung aus diesem Bereich wäre eine
Beratungsstelle dieser Größe organisatorisch
handlungsunfähig. Diese Kolleginnen ermöglichen
es, dass sich die Fachkräfte auf ihr Kerngeschäft
konzentrieren können. Alle Fach- und Verwaltungskolleginnen
haben darüber hinaus zahlreiche Fortund
Weiterbildungen absolviert und sind für
wechselnde und steigende fachliche Anforderung
stets gut aufgestellt.

Diese breite Expertise ermöglicht es, die „Fälle“
aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und
den Ratsuchenden passgenaue Angebote zu machen.
Dies ist von zentraler Bedeutung, da sich nicht nur
die Anzahl der Fälle – von 250 Fällen im Jahr 1976 auf
über 1600 im Jahr 2024 – sondern auch die Komplexität
der Probleme, mit denen Familien konfrontiert
sind, im Laufe der Zeit deutlich erhöht haben.
Beständig geblieben ist der klare Fokus auf die
Familien im Rahmen der Erziehungsberatung nach
§ 28 SGB VIII. An Themen, Familien- und Lebensgeschichte
gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Die
Fachkräfte haben es mit allen Facetten des Lebens
zu tun – logischerweise, und das liegt in der Natur
der Sache, eher mit den weniger erfreulichen, belastenden
Facetten. Diese reichen von reinen Entwicklungs-
und Erziehungsfragen über Schulprobleme,
Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Konflikte, Trennung
und Scheidung, Ängsten bis hin zu schweren
psychischen Belastungen. Die BEKJ ist für viele dieser
Herausforderungen kompetent und oft eine erste
Anlaufstelle in Krisensituationen. Aufgabe ist es,
mit den Ratsuchenden einen Weg zu finden, der die
Situation verbessern kann und neue Perspektiven zu
entwickeln. Natürlich werden hierbei die Grenzen
von Beratung beachtet und es wird an spezifische
Fachberatungsstellen, weiterführende Jugendhilfeangebote
oder das Gesundheitssystem mit
seinem psychotherapeutischen Angebot weitervermittelt,
sofern dies angesichts der Kapazitätsgrenzen
des dortigen Angebots möglich ist.

An Themen, Familien- und
Lebensgeschichte gibt es hier
nichts, was es nicht gibt.

58
Soziales
Systemische Herangehensweise
Was sich über die Jahrzehnte grundlegend geändert
hat, ist der Ansatz, mit dem auf die Themen geschaut wird und
die Herangehensweise in der
Bearbeitung der Anliegen. In den Anfangsjahren
wurde sehr kindbezogen gehandelt. Man ging davon
aus, dass das Kind die Störung hat, sie dem Kind
quasi innewohnt. Daher wurde vorrangig das Kind
diagnostiziert und behandelt. Heute wird in Beratung
und Frühförderung sehr viel mehr in Zusammenhängen
und den sozialen Lebenskontexten, also
sehr viel mehr „systemisch“ gedacht.

Ein Kind wird beispielsweise immer auf die Trennung
seiner Eltern, auf die psychische Erkrankung
seiner Eltern, schulische Überforderung oder auf
Gewalt durch nahe Bezugspersonen reagieren. Welche
Lösungsversuche es dabei entwickelt, ist sehr
unterschiedlich. Aber häufig werden die Lösungen
dann mit der Zeit selbst zum Problem. Ziel ist es,
die Sinnhaftigkeit des Verhaltens zu verstehen und
gemeinsam mit den Betroffenen neue, weniger leidvolle
und weniger problematische Verhaltensmöglichkeiten
zu entwickeln.

Dieser systemische Ansatz ermöglicht eine ganzheitlichere
Betrachtungsweise und führt zu nachhaltigeren
Lösungen. Das Kind wird nicht mehr isoliert
betrachtet, sondern als Teil eines sozialen (Familien-)
Systems, in dem viele Faktoren eine Rolle spielen
und sich gegenseitig beeinflussen. Daher werden
die Eltern der Kinder sehr viel mehr in die Verantwortung
genommen. Es sind nicht die Fachkräfte der
Beratung, die eine zentrale Rolle im Leben der Kinder
spielen sollten, sondern egal ob Frühförderung in
der IFF oder Beratung in der EB – Eltern sollen darin
gestärkt werden, es für ihre Kinder gut zu machen.
Daher versuchen Fachkräfte insbesondere die Eltern
zu stärken und mit allem auszustatten, was für ein
gelingendes Aufwachsen notwendig ist.

Die BEKJ hat sich zu einer zentralen Schnittstelle
entwickelt, sowohl innerhalb der Jugendhilfe, aber
auch für angrenzende Systeme wie das Schulsystem,
das System der Kindertagesbetreuung, der Gesundheitsversorgung
bis hin zu Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Die BEKJ ist darum bemüht, mit den unterschiedlichen
Hilfesystemen innerhalb und außerhalb
der Jugendhilfe vernetzt und in Kontakt zu sein, um
alle möglichen Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder,
Jugendliche und Familien zu kennen und gegebenenfalls
eine Brücke in noch passendere Systeme
herzustellen. Oder auch, um mit anderen Anbietern
gemeinsam passende Angebote zu machen, wie beispielsweise
die gerichtsnahe Beratung im Schwarzwald-
Baar-Modell oder im Rahmen der Vortragsreihe
der BEKJ. In diese sind zahlreiche Institutionen mit
ihren spezifischen Kompetenzen eingebunden.
Spielerisch lernen mit schwierigen Situationen umzugehen
– und sein eigenes Verhalten zu überprüfen.

Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises 59
In Zeiten der Digitalisierung hat sich das digitale
Angebot erweitert. Neben persönlichen Beratungen
bietet die BEKJ bei Bedarf Online-Beratungen an.

Dies hat sich besonders während der COVID-19-Pandemie
als wertvoll erwiesen, aber auch darüber hinaus
bietet es Familien eine flexible Möglichkeit, die
Dienste der BEKJ in Anspruch zu nehmen.
Zudem finden Vorträge im Rahmen des „Bildungsespresso“
teilweise hybrid statt, was den
Eltern Fahrtwege, Kosten und gegebenenfalls die Suche
nach einem Babysitter erspart. Diese Flexibilität
ermöglicht es, auf die sich ändernden Bedürfnisse
und Lebensrealitäten der Familien im Schwarzwald-
Baar-Kreis zu reagieren. Diese Kombination aus
persönlicher und digitaler Beratung wird die Zukunft
der Beratungsarbeit weiter prägen.
Ein wichtiger Aspekt der Arbeit ist die Prävention.
Viele Probleme können durch frühzeitige Intervention
vermieden oder abgemildert werden. Daher
werden neben der Beratung Workshops und Informationsveranstaltungen
für Eltern, Erzieher und Lehrer
sowie Kurse im Rahmen des Landesprogramms
„STÄRKE“ angeboten. Diese präventive Arbeit ist ein
wichtiger Baustein in dem Bestreben, das gelingende
Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im
Schwarzwald-Baar-Kreis zu fördern.

Weitblick mit Zuversicht
Zum 50-jährigen Jubiläum blicken wir dankbar
zurück auf die Weitsicht der damaligen Entscheidungsträger
und das Engagement aller Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre zu
einem gelingenden Leben der Menschen im „Lösungsraum“
der EB und im „Entwicklungsraum“ IFF
beigetragen haben und hoffen auf die Weitsicht
heutiger und künftiger Entscheidungsträger. Wenn
man sich die Berichte über die Finanzsituation des
Landkreises in Zeiten der Gründung anschaut, hätte
man wenig Hoffnung gehabt auf die Einrichtung
einer solchen Stelle und doch wurde so entschieden.
Nicht zuletzt deshalb ist Zuversicht eine der
größten Stärken der BEKJ: Die Herausforderungen
mögen sich ändern, aber das Ziel bleibt dasselbe,
nämlich Kindern, Jugendlichen und Familien bestmögliche
Unterstützung zu bieten. Dabei werden die
Anforderungen an die Arbeit einer Beratungsstelle
für Eltern, Kinder und Jugendliche weiter steigen.
Themen wie omnipräsente Kriege und Krisen, die
zunehmende Digitalisierung, der Klimawandel und
seine psychologischen Auswirkungen sowie gesellschaftliche
Veränderungen und Ressourcenknappheit
werden neue Aufgaben stellen. Daher ist und
bleibt die BEKJ ein unverzichtbarer Baustein der sozialen
Daseinsvorsorge im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Wir wären gespannt mitzuerleben, wie dann im Jahr
2076 andere Menschen hoffentlich das 100-jährige
Jubiläum der BEKJ feiern werden.
Diese präventive Arbeit ist
ein wichtiger Baustein in
dem Bestreben, das
gelingende Aufwachsen
von Kindern und Jugendlichen
im Schwarzwald-
Baar-Kreis zu fördern.
Frühes Plakat zum Angebot der Jugendberatung.

60
Oksana Schlee-Keil – Von der Barbie-Puppe zur Modedesignerin
MIT MUT, GLITZER UND
HEISSKLEBER
AUF DIE
INTERNATIONALE MODEBÜHNE
3. Kapitel – Da leben wir
Oksana Schlee-Keil bei einem Island-Shooting. Foto: Nadja Schitova
VON CORNELIA PUTSCHBACH

Ihre Kleider sind ein Blickfang: voluminös, farbenfroh und oft reich verziert.
Oksana
Schlee-Keil entwirft und fertigt in Marbach, einem Ortsteil von
Villingen-
Schwenningen, Kleider für die große Bühne. Jedes Stück wirkt wie ein
Versprechen
auf den großen Auftritt. Die Schöpferin dieser auffälligen Kreationen
ist eine Designerin
mit außergewöhnlichem Werdegang. Mit handwerklichem
Geschick,
kreativer Leidenschaft und einer gehörigen Portion
Durchhalte-
vermögen
hat sich die 41-Jährige Schritt für Schritt auf das internationale
Parkett
der Modewelt vorgearbeitet. Sie liebt das, was sie tut – und auch die Flexibilität
und den großen Einsatz, den ihr dieser Beruf oder besser ihre Berufung abverlangen.
„Ich weiß oft nicht, was mir der nächste Tag bringt und welche Ideen
mir in den Kopf kommen“, sagt sie.

62
Da leben wir

Oksana Schlee-Keil aus VS-Marbach
präsentiert
ihre Mode bei Shootings auf
einem
Tulpenfeld
in Amsterdam
(links) und
inmitten von Riesen-
Hortensien auf den
Azoren
(rechts). Fotos: Nadja Schitova

64
Da leben wir
Hinter den Kleidern von Oksana Schlee-Keil steckt
im Wesentlichen ein Ein-Frau-Unternehmen. Umso
bemerkenswerter ist, welche Kreise die Kreationen
mittlerweile ziehen. „Schon als Kind habe ich Kleider
für meine Barbies entworfen“, erinnert sie sich an
die Anfänge. Aus Stoffresten, Papier oder allem, was
sie finden konnte, bastelte Oksana fantasievolle
Outfits für ihre Puppen. „Ich war schon immer
kreativ, habe gerne getanzt und gemalt. Das Modedesign
kam irgendwie von selbst dazu“, so die heute
dreifache Mutter.

Mit 13 Jahren siedelte Oksana Schlee-Keil mit
ihrer Familie aus dem russischen Krymsk nach
Deutschland über, zu den Großeltern nach Villingen-
Schwenningen. Ihre Schulzeit verbrachte sie zunächst
in Schwenningen, später dann in Brigachtal.
Dort stellte sie als Jugendliche ihre erste eigene
Kollektion vor: Gelbe Säcke waren gleichzeitig
besonderes und günstiges Material. Die ungewöhnliche
Idee sorgte für Aufmerksamkeit und Anerkennung.
„Damals kamen schon viele mit staunenden
Blicken auf mich zu und fragten: Wie hast du das
gemacht?“, erinnert sie sich mit einem Lächeln.
Die Ausbildung zur Kosmetikerin
ist zunächst eine solide Basis
Den Schritt, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen,
wagte Oksana Schlee-Keil erst später. Stattdessen
absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur
Kosmetikerin und Visagistin. Auch hier war ihre
Kreativität gefragt. Danach arbeitete sie im Einzelhandel.
„Ich hatte zwar den Traum im Kopf, aber
nicht den Mut, ihn direkt zu verwirklichen“, gesteht
sie offen.

Erst mit Mitte 20 eröffnete sich ein neuer Weg:
Als Model wurde Oksana in eine Kartei aufgenom-
Ich war schon immer kreativ,
habe gerne getanzt und
gemalt. Das Modedesign kam
irgendwie von selbst dazu“,
erinnert sich die heute
dreifache
Mutter. Begonnen
hat alles im Teenager-Alter mit
„Gelben Säcken“.
Dreißig bis achtzig Stunden arbeitet Oksana Schlee-Keil
an einem ihrer Kleider, die bis zu neun Kilo wiegen. So wie
jenes, das auf dem Foto rechts zu sehen ist. Sie arbeitet
aus dem Kopf heraus und nach dem Gefühl, zeichnerische
Vorentwürfe
gibt es nicht.

Oksana Schlee-Keil 65
men. Bei Shootings bestand sie jedoch darauf,
immer wieder auch ihre eigenen Entwürfe zu tragen.
Damit brachte sie nicht nur ihre Mode an die
Öffentlichkeit, sie übte zugleich das professionelle
Präsentieren.

Die ersten Kleider entstanden mithilfe einer
Heißklebepistole. Nähen mit der Maschine schien ihr
zunächst zu kompliziert. Doch mit der Zeit wuchs
das handwerkliche Können. Anfänglich übernahm
ihr Mann das Schneidern nach ihren Entwürfen. Als
es ihm nach der Arbeit zu viel wurde, musste Oksana
Schlee-Keil selbst an die Nähmaschine, ein entscheidender
Wendepunkt. Heute beherrscht sie nicht nur
das Nähen, sondern auch komplexe Techniken wie
das Einarbeiten von Korsagen. Alles hat sie sich
selbst beigebracht. „Was ich mache, ist handwerklich
ganz sicher nicht perfekt“, lacht die Designerin. Das
sei ihr aber auch gar nicht so wichtig, verrät sie. Das
Kleid muss nachher aussehen, wie sie es sich
vorstellt. Der Weg dahin ist kreativ und nicht immer
die hohe Kunst des Schneiderhandwerks.

Von der ersten Idee bis zum fertigen Kleid
erledigt die heute 41-Jährige die meisten Arbeitsschritte
selbst. Lediglich beim Aufsticken von Perlen
geht ihr gelegentlich eine Tante ihres Mannes zur
Hand. „Sie hat dafür das geschicktere Händchen und
die größere Geduld“, verrät sie.

Die Modewelt wird auf die Kleider
aus dem Schwarzwald aufmerksam
Zunehmend wurde die Modewelt auf die Designerin
aufmerksam. Ihre farbenfrohen, expressiven Kleider
fanden Anklang, zuerst in kleineren Kreisen, dann
bei größeren Events. Mit wachsender Bekanntheit
entschied sie sich schließlich, ihr Arbeitsverhältnis
zu kündigen und sich vollständig dem Modedesign
zu widmen. Ein Risiko, das sich ausgezahlt hat.
„Es war keine leichte Entscheidung, aber mein
Mann hat mich immer unterstützt“, sagt sie. Ohne
ihn und auch ohne ihre Eltern und die Schwiegermutter
wäre heute vieles nicht möglich. Die Familie
nimmt Oksana Schlee-Keil oft die Wege und Aufgaben
des Alltags mit den Kindern und im Haushalt ab,
wenn sie wieder einmal für ihre Kleider auf Tour ist.
Dreißig bis achtzig Stunden arbeitet die Designerin
an einem Kleid, unermüdlich und auch bis tief in
die Nacht. Die Leidenschaft für Farben, Formen,
Strukturen und außergewöhnliche Materialien treibt
sie an. Auf konkrete Bestellung arbeitet die Designerin
kaum. Bis zu 240 Meter Stoff ist in manchen
Kleidern verarbeitet. Acht bis neun Kilogramm wiegt
ein solches Kleid. Immer wieder werden Pailletten,
Federn oder auch Tüll und Blumen verarbeitet.
„Schlicht ist für mich ein Kleid, in dem ich nur 100
Meter Stoff verarbeite“, so Oksana Schlee-Keil.
Die Natur als Quelle der Inspiration
„Ich lasse mich viel von der Natur inspirieren“,
erzählt sie. Ideen für ihre Kleider kommen oft
unerwartet und spontan. An anderen Designern
möchte sich Oksana Schlee-Keil ganz bewusst nicht
orientieren. Ihre Mode schaut sie sich kaum einmal
an. „Ich habe meinen eigenen Stil. Meine Kleider
sind unverkennbar ‚Oksana‘ und haben einen
Wiedererkennungseffekt. Das bestätigen mir auch
andere immer wieder“, freut sie sich.

Das Schaffen der Kleider ist die eine Sache. Doch
der Designerin ist es auch wichtig, dass ihre Kleider
getragen und gezeigt werden. Auch Kundinnen mit
kleinem Budget oder besonderem Kleidungsbedarf
sollen Zugang zu ihren Kreationen haben. Oksana
Schlee-Keil bietet deshalb viele ihrer Kleider zur
Miete an, darunter auch Modelle für Schwangere, für
Curvy-Frauen oder spezielle Anlässe wie Hochzeiten.
Wer ihre Kleider ausleiht und zu welchem Zweck,
weiß die Designerin in aller Regel nicht. Umso
schöner und größer die Überraschung, wenn sie
dann darauf aufmerksam gemacht wird, dass eines
ihrer Kleider im Fernsehen bei der Datingshow „Der
Bachelor“ zu sehen ist.
Erster großer internationaler Auftritt in Paris
Ihren ersten großen internationalen Auftritt hatte sie
vor zwei Jahren in Paris. Für eine Modenschau wurde
sie eingeladen, gleich zu Beginn des Events durfte
sie ein Dutzend ihrer Kreationen präsentieren.
Gemeinsam mit ihrem Mann und einer Assistentin
fuhr sie in einem Sprinter samt Kleidern in die
französische Hauptstadt. Der Aufwand zahlte sich
aus: Es folgten Einladungen zu Shows in Krakau und
Nürnberg.

Ein besonderer Höhepunkt: Die Wahl der Miss
Europa Continental in Neapel. Dort trugen mehrere
Finalistinnen ihre Entwürfe – inklusive der Siegerin
aus der Ukraine. „Das war ein Gänsehautmoment“,
sagt sie. Ihre Mode machte Eindruck – glamourös,
opulent, auffallend anders.

In der Folge gab es gar eine Anfrage aus dem
Management von Heidi Klum. Für ein Projekt in Los
Angeles hätte diese drei Monate später 25 Kleider
für Unterwasseraufnahmen gebraucht. Für Oksana
Schlee-Keil hätte das bedeutet, Tag und Nacht
durchzunähen. Aus dem Auftrag wurde dann doch
nichts. „Ich war aber ganz nah dran“, ist sie dennoch
stolz darauf, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
zu haben. Auch beim renommierten Filmfestival in
Cannes wurden ihre Kleider gesichtet. Die
Oksana Schlee-Keil mit einem ihrer Entwürfe – 120 Meter
Stoff, die Näharbeiten können beginnen!

Rechte Seite: Besondere Hingucker sind die
Unterwasseraufnahmen
des renommierten
Fotografen Konstantin Killer.

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68
Oksana Schlee-Keil
Schauspielerin
und Influencerin Yvonne Pferrer
posierte in einem Modell von Oksana Schlee-Keil bei
einem professionellen Foto-Shooting.
Fotoreisen sind ein weiteres Standbein – ohne
die Kleider geht aber auch hier nichts
Ein zweites Standbein der Designerin sind Foto-
Shooting-Reisen für Frauen. Ganz allein von der
Mode zu leben, ist schwierig. Die Idee dafür hatte
Oksana Schlee-Keil auf einer Reise nach Italien.
Beim Blick ins Dörfchen Montespluga in der
Lombardei sah sie nicht nur die schöne Landschaft
mit ihrer einladenden Atmosphäre,
sondern vor
allem auch eine tolle Kulisse für Aufnahmen mit
ihren Kleidern. Die Begeisterung von Fotografen für
solche Fotoreisen hielt sich aber zunächst in Grenzen.

Doch irgendwann war mit Nadja Schitova eine
Fotografin gefunden, die die Begeisterung der
Designerin für die Idee der Fotoreisen teilte. Heute
ist sie die Hauptfotografin bei den Fototouren.
Ziel der Reisen ist es, jeder Teilnehmerin ein
Model-Erlebnis zu ermöglichen, ganz unabhängig
von Alter, Konfektionsgröße oder Erfahrung. Die
Reisen führen zum Beispiel nach Amsterdam zu
einem Shooting im Tulpenfeld, nach London mit
einem Shooting vor Big Ben oder zum Lieblingsziel
von Oksana Schlee-Keil, nach Island.

„In dieses Land und seine Landschaft bin ich
verliebt. Es hat etwas Besonderes. Island steht für
mich nicht nur für Vulkane und schwarzen Strand,
sondern vor allem für Frühling und Sommer. Auch in
dieser kargen Landschaft grünt und blüht dann
alles“, begründet sie ihre Vorliebe für Island und
denkt dabei zum Beispiel an ganze Berghänge voller
Lupinen.

Der Fotograf und eine Auswahl an Kleidern für
die Shootings sind bei den Reisen inklusive, Frisur
und Make-up der Models übernimmt die gelernte
Visagistin selbst. Ihr Mann fertigt Drohnenaufnahmen.
Ein Komplettpaket, das den teilnehmenden
Frauen, oft ohne jede Modelerfahrung, die Möglichkeit
bietet, in eine neue Welt hineinzuschnuppern.
„Wenn ich unterwegs bin, zum Beispiel im Urlaub
mit der Familie, bin ich immer auch auf der Suche
nach idealen Orten für Fotoaufnahmen“, gesteht
Oksana Schlee-Keil. Ein Ziel, das sie unbedingt
einmal ansteuern möchte, ist Norwegen. Die Fjorde
haben es ihr besonders angetan. Beim Gedanken an
diese schroffen Landschaften hat die Designerin
auch schon wieder Ideen für neue Kleider im Kopf.

Fotograf Konstantin Killer lässt Models und
Kleider unter Wasser schweben
Besondere Hingucker sind die Unterwasseraufnahmen
des renommierten Fotografen Konstantin Killer
mit Kleidern von Oksana Schlee-Keil. Er kreiert mit
den wallenden Kleidern eine fantastische Welt der
Schwerelosigkeit und Eleganz.

Bei diesen Aufnahmen wird noch mehr als bei
anderen Motiven deutlich, dass es oft ohne Bildbearbeitung
nicht geht. Wasser sorgt für einen grünlichen
oder bläulichen Farbstich. Den wollen
Fotograf und Designerin in den Bildern nicht haben.
Die Kleider sollen durch ihre originale Farbe im
Mittelpunkt stehen. Außerdem tragen die Models
unter Wasser einen schwarzen Bleigürtel unter den
Kleidern.

Ziel der Reisen ist es, jeder
Teilnehmerin ein Model-
Erlebnis zu ermöglichen.
Sie führen zu Locations
wie Amsterdam mit
Shooting im Tulpenfeld,
nach London mit
Aufnahmen vor Big Ben
oder nach Island – zum
Lieblingsziel
von
Oksana Schlee-Keil.

Unterwasseraufnahmen von Konstantin Killer mit Kleidern
von Oksana Schlee-Keil. Wie sie entstehen, war unlängst
auch im SWR-Fernsehen zu sehen.
,,
XXX 69

Da leben wir
Der scheint auf den Aufnahmen durch den
Stoff der Kleider hindurch. Auf den fertigen Fotos will man ihn aber natürlich nicht sehen.
Auch Lippen oder Teint brauchen bei den Aufnahmen
regelmäßig etwas Retusche, gibt Oksana
Schlee-Keil einen Einblick in die Geheimnisse der
Modefotografie.
Was treibt Oksana Schlee-Keil an?
Es ist nicht der Wunsch nach Ruhm oder
Reichtum. Es sind die Liebe zur Kreativität und
der Traum, aus ihrem Namen eine Marke zu
machen. „Ich wünsche mir, dass man Oksana
Schlee-Keil bald noch viel mehr mit originellen,
opulenten und besonderen Kleidern verbindet.
Es soll auch eine Marke sein, die Frauen
inspiriert, mutig zu sein und sich schön zu
fühlen“, sagt die Designerin. Eine eigene
Fashion-Show, bei der 20 oder 30 Kleider der
Designerin zu sehen sind, ist noch so ein Traum
von Oksana Schlee-Keil. Die Location hat sie
schon im Kopf. „Vielleicht wird das nächstes
Jahr etwas“, überlegt sie.
Ihr Weg dorthin scheint keine Grenzen zu
kennen. Neugier, Improvisationstalent und der
Willen, Herausforderungen anzunehmen, sind
ihr wertvolle Begleiter. Wo andere Hindernisse
sehen, entdeckt sie Möglichkeiten. „Ich habe
gelernt, dass es sich lohnt, Dinge einfach
auszuprobieren. Nicht alles muss perfekt
geplant sein. Viele gute Dinge passieren, wenn
man offen bleibt“, lautet ihr Fazit.
Ob Paris, Neapel, Cannes oder Rom –
Oksana
Schlee-Keil ist gekommen, um zu
bleiben.

Und ihre Kleider? Die bleiben garantiert
im Gedächtnis.
Das Lieblingsziel der Designerin ist die märchenhaft
anmutende Welt von Island. Hier setzt sie ihre
phantasievollen Kleider-Unikate im Rahmen von
Erlebnisreisen
besonders
eindrucksvoll in Szene.
Fotos: Nadja Schitova

70
71

Nikolaus Arnold

72
EIN „TOURISMUSHELD“
FÜR TRIBERG
VON HELEN MOSER

Da leben wir

Er ist nicht nur vom Tourismusnetzwerk Baden-Württemberg
als „Tourismusheld“ ausgezeichnet worden, sondern
verkörpert diesen Titel in jeder Hinsicht auch persönlich.
Nikolaus Arnold ist in Triberg tief verwurzelt – und leitet
das Stadtmarketing der Wasserfallstadt seit 2003 mit großem
Erfolg. Mit Leidenschaft und Weitblick gestaltet er
die touristische Entwicklung und setzt sich Tag für Tag mit
ganzer Hingabe dafür ein. Für ihn steht fest: „Die Wasserfallstadt
ist liebens- und lebenswert – und hat noch weit
mehr zu bieten.“ So trägt er maßgeblich dazu bei, dass der
Tourismus in Triberg einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige
ist – und bleibt.
73

74
Da leben wir
Wer Nikolaus Arnolds Büro im Erdgeschoss
des Triberger Rathauses betritt, der wird
mit freundlichem Lächeln und einem
Handschlag begrüßt.

Und für den lohnt es sich auch,
sich aufmerksam umzusehen: Ein Plakat zeigt die
stilisierten Triberger Wasserfälle, ein anderes hat die
Schwarzwaldbahn zum Thema. Die Motivtafel des
Triberger Trachtenvereins, die stets bei Trachtenumzügen
präsentiert wird, lehnt an einer Wand. Ein
Stück weiter hängt neben Bildern von Familienangehörigen
eine Urkunde, die Arnold als jemanden
ausweist, dem in Tribergs südfranzösischer Partnerstadt
eine besondere Ehre zuteil wurde: Als Ehrenritter
des sogenannten „Omelette-Ordens“ durfte er
beim Omelette-Fest in Fréjus mit einem langen
Holzspatel kräftig in der riesigen Pfanne umrühren
und so zum Gelingen der spektakulären Speise
beitragen. Ihr Inhalt: rund 15.000 Eier.

Der Tourismuschef und eingefleischte Triberger
ist sich sicher: Die Wasserfallstadt ist immer eine
Reise wert – und er arbeitet täglich daran, diese
Botschaft noch mehr Menschen nahezubringen.
„Hier gibt es an 365 Tagen im Jahr etwas zu entdecken“,
betont Nikolaus Arnold. Ein Umstand, der
nicht zuletzt sein Verdienst ist. Als Kind der Stadt
weiß er genau, was Triberg zu bieten hat – nicht nur
für Touristen, sondern auch für Einheimische. „Was
in Triberg geht, ist mir sehr wichtig“, betont Nikolaus
Arnold aus Überzeugung. In 20 bis 30 Vereinen sei
er Mitglied, erzählt der Tourismuschef. Mehr als 30
Jahre gehörte er dem Pfarrgemeinderat an; seit etwa
zehn Jahren arbeitet er nun im Gemeindeteam der
katholischen Seelsorgeeinheit „Maria in der Tanne“
mit. Der Stadt- und Kurkapelle stand er von 2001 bis
2013 als Vorsitzender vor.

Heute ist er deren Ehrenvorsitzender
und spielt außerdem noch immer gerne
aktiv Trompete. Den Triberger Trachtenverein,
zwischenzeitlich in der Versenkung verschwunden,
rief er 2015 wieder ins Leben. Seitdem ist er dessen
Vorsitzender. Und wer mit ihm in der Wasserfallstadt
unterwegs ist, der bemerkt schnell: Hier gibt es wohl
nur sehr wenige, die Nikolaus Arnold nicht kennen.
Und das gilt umgekehrt ebenso.

Mit Kreativität rund um die Wasserfallstadt
Zwei Fragen prägen seine Tätigkeit als Triberger
Tourismuschef – und die versteht der Stadtmarketingleiter
als Auftrag: Wie kann man aus dem großen
Potenzial des Standorts mehr und mehr herauskitzeln?
Wie kann man aus dem, was sich vor Ort
bietet, das Maximale herausholen? Die Antwort
– oder zumindest ein Teil davon: Kreativität. Immer
wieder müsse man neue Ideen einbringen, findet
Arnold.

Er selbst hält sich strikt an dieses Motto – das
zeigt sich allein schon mit Blick auf die vielen
Projekte, die er in seinen bereits mehr als 20 Jahren
als Stadtmarketingleiter umgesetzt hat. Die Liste ist
lang. Die Inspiration liegt dabei auf der Straße, in

Was in Triberg geht, ist mir
sehr wichtig. Ich bin in 20
bis 30 Vereinen Mitglied,
war Vorsitzender der
Stadtkapelle und habe
2015 den Trachtenverein
neu gegründet.

Nikolaus Arnold in seiner Wirkungsstätte. Auch die Auszeichnung
zum „Tourismushelden“ schmückt die Wand
der Tourist-Info Triberg.

Nikolaus Arnold

75
den Wäldern und auf der Schiene rund um die
Wasserfallstadt. Und natürlich am Wasserfall selbst,
der jährlich über 460.000 Tagesgäste anlockt.
Nikolaus Arnold: „Das ist eine Wahnsinns-Attraktion
– und sie bietet viel Potenzial. Dieses für die Stadt zu
nutzen, ist mein erklärtes Ziel.“
Wie das gelingen kann? Zum Beispiel durch
weitere touristische Attraktionen: Etwa das „Triberg-
Land“ mit seinen interaktiven Modellbauanlagen,
das 2017 eröffnete. Oder das Instagram-Museum
„Triberg-Fantasy“, in dem seit 2021 der perfekte
Schnappschuss für die sozialen Medien gelingt.
Ideengeber in beiden Fällen: der Stadtmarketingleiter.
Und diese Attraktionen schlagen zu Arnolds
Freude gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie
erweitern Tribergs Angebot und beseitigten zwei
Leerstände im Stadtzentrum. Das Schwarzwaldmuseum
als drittes Museum im Bunde hat die Stadt seit
2021 vom Heimat- und Geschichtsverein gepachtet
– und arbeitet seitdem daran, die Einrichtung etwa
durch interaktive Elemente zeitgemäßer zu machen.
Eine weitere Quelle der Ideen für Nikolaus Arnold
ist die weltweit bekannte Schwarzwaldbahn. Als
Mittelpunkt der malerischen
Gebirgsstrecke sei
Triberg prädestiniert, dieses spannende Thema
Die Hauptattraktion von Triberg ist der Wasserfall, zugleich
der liebste
Ort von Nikolaus Arnold.

76
Da leben wir
aufzugreifen, findet er. Arnold hat deshalb bereits
verschiedene Veranstaltungen und Projekte rund um
die Bahnstrecke und ihre Geschichte initiiert. Seit
2004 finden in Kooperation mit den Eisenbahnfreunden
Zollernalb regelmäßig moderierte Dampfzugfahrten
statt. Seit Juli 2011 ziert eine historische Dampflok
den Bahnhofsvorplatz in Triberg. Der Schwarzwaldbahn-
Erlebnispfad mit 16 Stationen rund um die
Bahnstrecke und ihre Geschichte ist aus Arnolds Sicht
eine besondere Erfolgsgeschichte. „Das hat eine tolle
Eigendynamik entwickelt“, sagt er über die Entstehung
des Wanderweges von der Idee bis zur Umsetzung.

Seit bereits 2012 lockt der Schwarzwaldbahn-
Erlebnispfad Besucher an.
Bislang vier Mal – 2014, 2016, 2018 und 2024 –
fanden zudem die Schwarzwaldbahn-Tage in Triberg
statt, an die Arnold gerne zurückdenkt. „Die haben
immer sehr viel Spaß gemacht.“ Die Veranstaltung
mit Lokparade, Sonderzugfahrten, Ausstellungen
und vielem mehr entspringt ebenfalls dem Ideen-
Pool des Triberger Tourismuschefs.

Und sie sind nicht die einzige Großveranstaltung,
die Arnold über die Jahre in der Wasserfallstadt
etablieren konnte. Auf die Suche nach einer Sommer-
Veranstaltung in Triberg machte er sich vor
einigen Jahren und wurde gleichfalls fündig: Das
Triberger Schinkenfest findet seit 2012 statt. Was vor
Jahren als überschaubares kulinarisches Fest begann,
nahm schnell größere Ausmaße an. Nach wenigen
Jahren fand erstmals ein kleiner Trachtenumzug
statt. „Da kamen ein paar Vereine aus der Umgebung“,
erinnert sich Arnold. Mittlerweile lockt der
original Schwarzwälder Trachtenumzug mit jeder
Auflage bis zu 1.000 Trachtenträger an, viele
Tausend Zuschauer säumen den Straßenrand.

Kinderhilfsprojekt Mali
„Eine absolute Herzensangelegenheit“ ist dem
Stadtmarketingleiter das Kinder-Hilfsprojekt Mali. Es
entstand durch die Kontakte zur Triberger Patenbatterie
bei der Bundeswehr, dem Artilleriebataillon 295
aus Stetten am kalten Markt. Nach einem Auslandseinsatz
in Mali brachten die Soldaten beklemmende
Eindrücke mit nach Deutschland. „Die Kinder dort
haben noch weniger als nichts“, fasst Arnold zusammen.
„Da war schnell klar, dass wir helfen wollen. Also
haben wir ein Kinder-Hilfsprojekt gegründet.“ Seit
2019 hat das große Kreise gezogen. Mittlerweile
wurden mehr als 20.000 Euro gespendet, schildert
der Stadtmarketingleiter. Auch das Interesse des
heutigen Chefs des Bundeskanzleramts und Bundesministers
für besondere Aufgaben, Thorsten Frei,
weckte das Projekt. Und die Grundschule in Triberg
Da war schnell klar, dass
wir helfen wollen. Also
haben wir ein Kinder-
Hilfsprojekt für Mali
gegründet.

Links:
Vorstellung Kinder-Hilfsprojekt Mali in Corona-Zeiten mit
von links: Karl Rombach (damals CDU-Landtagsabgeordneter),
Felix Arnold,
Nikolaus Arnold und MdB Thorsten
Frei (CDU), heutiger Chef des Bundeskanzleramtes und
Bundesminister für besondere Aufgaben.
Rechte Seite:
Erfolgsaktionen von Nikolaus Arnold.
Oben links: als Werbeträger für den SC Freiburg in Uhrenträger-
Tracht. Oben rechts: als Initiator des Schwarzwaldbahn-
Erlebnispfades aus der Lok grüßend.
Unten: Inmitten einer Schwarzwälder Kirschtorte im Instagram-
Museum „Triberg-Fantasy“.

77
78
Da leben wir
hat inzwischen eine Partnerschule in Mali. Immer
wieder ist man in Kontakt, freut sich Arnold – ob per
Foto, Video oder sogar persönlich.

Internationale Verbindungen der Stadt prägt der
Tourismuschef aber noch weitere: So engagiert er
sich für den Austausch mit der französischen
Partnerstadt Fréjus, ist Vorsitzender des Freundeskreises
Triberg/Fréjus. „Ich bin sicher zwei oder drei
Mal pro Jahr dort“, sagt er über die Partnerstadt.

Auch kümmert Arnold sich um die Koordination mit
dem Lazarus-von-Schwendi-Bund: In diesem haben
sich deutsche, französische und belgische Gemeinden,
die einst im Besitz dieses Freiherrn waren,
zusammengeschlossen – darunter auch die Wasserfallstadt.
Außerdem war Arnold 22 Jahre lang
städtischer Ansprechpartner für den Triberger
Weihnachtszauber. Die Veranstaltung erlebte jedoch
2024 ihre letzte Auflage.

Karrierestart in Furtwangen
Wenn Arnold in Erinnerungen an all diese Projekte
schwelgt, ist seine Begeisterung deutlich zu spüren.
Dann sprudelt es nur so heraus aus dem Triberger
Tourismuschef, der 2025 seinen 60. Geburtstag
gefeiert hat. Seine berufliche Karriere im Bereich des
Tourismus begann 1991 in Furtwangen. Dort trat der
Triberger nach seiner Ausbildung zum Touristik-Fachwirt
eine Stelle in der Tourist-Info an. In Furtwangen
arbeitete Arnold bis 2003. Und brachte sich schon
dort vielfältig ein – unter anderem zwölf Jahre lang als
Geschäftsführer des „Vereins Trödlermarkt und
Stadtfest“ sowie elf Jahre lang als Geschäftsführer des
„Vereins Schwarzwald-Bike-Marathon“. Die heutige
Großveranstaltung wurde in Arnolds Zeit in Furtwangen
ins Leben gerufen. Noch heute denkt der Triberger
Tourismuschef gerne an seine Zeit in Furtwangen
zurück. „Auch dort hat mir die Arbeit immer sehr viel
Spaß bereitet“, sagt Arnold.

Immer am Puls der Zeit
Der Triberger freut sich aber ebenso darüber, dass er
nun in seiner Heimatstadt an vorderer Stelle vieles
initiieren und mitgestalten kann. Nikolaus Arnold:
„Wenn es nach mir geht, sind wir noch lange nicht am
Ende.“ Dass das nicht nur leere Versprechungen sind,
spürt man schnell. Für jedes der Triberger Museen hat
er Ideen zur Weiterentwicklung: Fürs „Triberg-Fantasy“
beispielsweise sind weitere Fotokojen im Entstehen.
Und auch für die Modernisierung des Schwarzwaldmuseums
schwebt Arnold noch allerlei vor. Woher die
Inspiration für all das kommt? Die holt er sich, wenn
er selbst verreist ist. In Kalifornien und Dubai war er
beispielsweise schon – und geht gerne in die Berge
zum Wandern. „Da schaue ich mir an, was andere so
machen und welche Themen die aufgreifen“, sagt der
Stadtmarketingleiter. Auch auf Reisen hat er so die
touristische Entwicklung Tribergs immer im Hinterkopf.
„Es ist einfach wichtig, am Puls der Zeit zu
bleiben“, betont Nikolaus Arnold – auch was neue
technologische Entwicklungen angehe. Bei allen
neuen Ideen dürfe jedoch nie die Authentizität
Wenn es nach mir geht,
sind wir noch lange nicht
am Ende. Es ist einfach
wichtig, am Puls der Zeit
zu bleiben. Es muss immer
authentisch sein, immer
Schwarzwald.

Beim Omelette-Fest in der französischen Partnerstadt von
Triberg – Fréjus.
Nikolaus Arnold
79

Tribergs verloren gehen. „Es darf nichts Aufgesetztes
sein, was nicht hierher passt“, betont der Stadtmarketingleiter.
„Es muss immer authentisch sein,
immer Schwarzwald.“

Eines brauche der Triberger Tourismuschef für
seine Aufgabe ganz besonders: Durchhaltevermögen,
wie er lachend erklärt. „Es geht eben nicht alles
auf einmal.“ Schon allein wegen der knappen
finanziellen Ressourcen müsse man teils lange und
beharrlich am Ball bleiben, um die Ideen umsetzen
zu können. Denn die touristische Weiterentwicklung
der Stadt ist längst nicht die einzige Baustelle – das
weiß auch der Stadtmarketingleiter. Wobei er sich
sicher ist: Neue Angebote wie das „Triberg-Fantasy“
und das „Triberg-Land“, Veranstaltungen wie das
Schinkenfest und vieles mehr kommen nicht nur
Touristen zugute – sie bringen auch einen Mehrwert
für alle Triberger. Außerdem habe sich durch die
weiteren Freizeiteinrichtungen die Aufenthaltsdauer
von Touristen in der Stadt verlängert, bilanziert
Arnold. „Das kommt allen zugute, zum Beispiel auch
Gastronomen, Hoteliers, Einzelhändlern und
Souvenirgeschäften.“

Für seinen ideenreichen und engagierten Einsatz
über Jahrzehnte hinweg wurde Nikolaus Arnold
mehrfach gewürdigt. Besonders freut er sich über
die Verleihung des Titels „Tourismusheld“ durch
Patrick Rapp, Staatssekretär im baden-württembergischen
Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und
Tourismus. Und einen „Tourismushelden“ braucht
Triberg mehr denn je, um die Wasserfallstadt im
Wettstreit um Touristen aus der ganzen Welt auch
künftig weit vorne zu platzieren.
Mit Triberg tief verwurzelt – Nikolaus Arnold als Vorsitzender
und „Täfeleträger“
des Trachtenvereins Triberg.

88

Da leben wir
Stephan Peltzer
VOM YATEGO-GRÜNDER
ZUM ZÜCHTER VON
WAGYŪ-RINDERN
VON MICHAEL SAURER
81

Um das innere Gleichgewicht
zu finden,
gibt es verschiedene
Möglichkeiten.
Stephan Peltzer aus
St. Georgen findet es auf der Weide,
inmitten seiner Rinderherde. Dort,
wo der Wind pfeift und in der Ferne
der Ruf eines Rotmilans zu hören ist.
Ruhe, einfach nur Ruhe.

82
Da leben wir
Stephan Peltzer züchtet Rinder. Das allein ist
noch nichts Besonderes, gerade im Schwarzwald.
Und doch gibt es einiges, das bei ihm
anders ist: Da ist zum einen die Rasse seiner Tiere
– der 47-Jährige züchtet Wagyū-Rinder. Die aus
Japan stammenden Edel-Rinder sind bei Gourmets
weltweit für ihr zartes Fleisch bekannt. Auch das
berühmte Kobe-Fleisch gehört zum Wagyū, was auf
Deutsch übersetzt einfach nur japanisches Fleisch
bedeutet. Und tatsächlich lässt sich Wagyū nicht mit
europäischem Rindfleisch vergleichen. Da ist zum
Beispiel der hohe Fettgehalt, der sich aber nicht
punktuell ansammelt, sondern sich durch das Fleisch
hindurchzieht und ihm die für Wagyū typische Marmorierung
verleiht. Dadurch zerfällt Wagyū praktisch
auf der Zunge, schmeckt butterig weich – und ist vor
allem sehr gesund. Das japanische Fleisch ist voller
Vitamine, Mineralstoffe und ungesättigter Fettsäuren,
darunter auch Omega-3. Es gehört somit zu den
gesündesten Fleischarten überhaupt – und auch zu
den hochpreisigsten.

70 Rinder, reinrassige Wagyū und einige Hybriden
hat Stephan Peltzer derzeit und geht es nach
ihm, sollen bald doppelt so viele auf den Weiden
stehen. Möglicherweise auch mehr – wenn er einen
weiteren Investor findet. Denn Stephan Peltzer hat
viel vor. Das war schon immer so und das führt zum
weiteren Punkt, der Peltzer von der Masse an Rinderzüchtern
in der Region unterscheidet. Denn der
Mann mit dem Hut und der typischen Lederjacke
kam erst vor wenigen Jahren zur Rinderzucht. In
seinem früheren Leben machte Peltzer etwas völlig
anderes. Und das bis zum Exzess. Irgendwann ging
Das japanische Fleisch es nicht mehr – und die Rinder waren die Lösung.
ist voller Vitamine,
Mineralstoffe und
ungesättigter Fettsäuren,
darunter auch Omega-3. Stephan Peltzer mit seinem Zuchtbullen.

Stephan Peltzer 83
Wagyū (Quelle Wikipedia)
Wagyū (japanisch 和牛, dt. etwa „Japan-Rind“),
manchmal auch „Wagyū-Rind“, ist eine Bezeichnung
mehrerer Rinderrassen japanischen Ursprungs.
Wagyū heißt übersetzt schlicht „japanisches
Rind“, wobei hiermit nur die Rinder der
japanischen Rassen gemeint sind.
Das Wagyū-Rind ist als Kobe-Rind sehr
bekannt, was insofern eine nicht ganz richtige
Bezeichnung ist, da nur das Fleisch der Wagyū-
Rinder, die in der japanischen
Region Kobe geboren,
aufgezogen, gemästet und
geschlachtet wurden, die
Bezeichnung Kobe tragen
darf. Es handelt sich also um
eine geschützte Ursprungsbezeichnung und ist
vergleichbar mit Champagner oder Nürnberger
Lebkuchen. Von in Japan insgesamt rund 774.000
geschlachteten Wagyū-Rindern durften z.B. 2009
nur 3.066 als Kobe-Fleisch deklariert werden.

Erst „Turbo Pascal“, dann spielen
Peltzer war zwölf, als er seinen ersten Computer
bekam. Damals lebte er in Marbach, einem Ortsteil
von Villingen. Um diesen ersten Computer zu
bekommen, musste er einen Deal mit seinem Vater
eingehen: Bevor er ein Spiel installieren darf, muss
er zunächst die Programmiersprache „Turbo Pascal“
lernen. Der Junge stürzte sich aufs Programmieren,
steigerte seine Kenntnisse und begann bald schon,
seine ersten Programme zu schreiben. Etwa ein
Programm für den Matheunterricht. Ganz einfache
Funktionen, die Grundrechenarten zu Beginn. Doch
er erweiterte es schrittweise. Irgendwann konnte es
komplizierte logarithmische Kalkulationen durchführen.
„Das Programmieren ist für mich zu einem
Hobby geworden“, sagt Peltzer heute.

Mit 16 verkaufte er sein erstes Programm an
eine Firma für Schneeräumfahrzeuge in St. Blasien.
Mit diesem konnten die Mitarbeiter die Achslast
der Fahrzeuge leichter berechnen. 2.000 Mark bekam
er damals – viel Geld für den Schüler. Noch zu
Schulzeiten gründete er mit Freunden die Firma
Dynamic Hardware, einen Hardware-Dienstleister.
Die Kumpels installierten Netzwerke, legten Verkabelungen
und erstellten – es war die Frühzeit des
Internets – erste Webseiten für zahlende Kunden.

和牛
84
Da leben wir
Danach gründete
er die Firma Unisol, die Webseiten
erstellte, Datenbanken programmierte und damals
WAP-Seiten entwickelt hat, eine frühe Form des Internetzugangs
für Mobiltelefone. Die Firma zog ins
Technologie-Zentrum in St. Georgen, eine Kreativschmiede,
in den alten Produktionshallen des Dual-
Werks, das viele Start-ups anzog.

Revolutionäre Idee
Gleichzeitig begann Peltzer ein Studium der Wirtschaftsinformatik
an der Hochschule in Furtwangen.
Doch die Firma und das Studium parallel voranzutreiben,
funktionierte irgendwann nicht mehr,
Peltzer musste eine Entscheidung treffen. Er brach
das Studium trotz der Warnungen seines Vaters ab
und konzentrierte sich auf seine Firma.

Doch auch die war ihm irgendwann nicht mehr fordernd genug.
Durch seine Kontakte fand er Mitstreiter für eine
Idee, die damals, 2003, geradezu revolutionär war:
Zusammen gründeten sie die Firma Yatego, einen
frühen Online-Marktplatz. Amazon war damals noch
ein reiner Buchhändler, Ebay eine Auktionsplattform
für Gebrauchsgegenstände.

Es war eine Idee, die zündete. Yatego stieg
schnell auf zu den ganz großen Online-Märkten,
machte einen Jahresumsatz von fünf bis sechs Millionen
Euro und auf der Webseite wurden Waren
im Wert von bis zu 100 Millionen Euro im Jahr umgesetzt.
120 Mitarbeiter beschäftigte Yatego in der
Spitze, das Geschäft sprudelte und damit auch Stephan
Peltzers Einnahmen. „Ich wusste irgendwann
nicht mehr, was ich mit dem ganzen Geld machen
soll“, sagt er. Er fuhr einen großen Cadillac, flog für
einen Kurztrip übers Wochenende in die Karibik,
feierte Silvester im Berliner Hotel Adlon. „Aber egal,
wie viel Geld ich ausgab, am Ende des Monats war
schon wieder welches da“, sagt Peltzer.

Yatego:
Die Firma Yatego galt bei ihrer Gründung 2003 als
eine der Pioniere des aufkommenden Online-Handels
und gewann schnell an Kunden und Reichweite.
Während zu Beginn noch rund 400.000 Produkte
von 200 Händlern dort gehandelt wurden, waren es
2011, als Stephan Peltzer und Michael Hollmann, die
beiden Gründer, die Firma verkauften, bereits 3,7
Millionen Produkte von 10.200 Händlern.
Übernommen wurde die Firma zunächst von dem
Wachstumsfinanzierer für Internet- und Mobile-
Unternehmen Acton Capital Partners mit Sitz in
München, der sie dann später an einen Berliner
Investor verkaufte. Allerdings hat die Firma angesichts
der gestiegenen Konkurrenz durch die Großen
der Branche wie Amazon viel an Reichweite verloren.
Statt wie zu den Hochzeiten über 100 Mitarbeiter
beschäftigt die Firma heute nur noch neun
Mitarbeiter.

Gehandelt werden nur noch knapp eine Million
Produkte von 990 Anbietern. Da die Räumlichkeiten
in St. Georgen zu groß wurden, ist der Firmensitz
deshalb 2018 nach Villingen verlegt worden. Geschäftsführer
Albert Kampf glaubt dennoch an die
Zukunft des Unternehmens und möchte den
Schwerpunkt verlagern. Künftig sollen dort vor allem
regionale Produkte aus Baden-Württemberg auf
einer eigens gegründeten Plattform mit dem Namen
„the Plätform“ gehandelt werden. Seit dem 1. August
2025 können dort lokale Erzeugnisse wie Kartoffeln,
Käse, Wein, Säfte, Holzarbeiten oder Kosmetik
online bestellt werden.

Stephan Peltzer 85
Stephan Peltzer im Wohnzimmer, sprich der ehemaligen Scheune seines Bauernhofs im St. Georgener Ortsteil Brigach.

Ich habe teilweise jeden
Tag, bis auf Sonntag, 16
Stunden gearbeitet, fast
nie Urlaub gemacht. Am
Ende war ich einfach nur
ausgebrannt.

Neuer Sinn im Leben
Was sich für viele Menschen wie ein Segen anhört,
war für Stephan Peltzer aber das Gegenteil. Immer
schneller drehte sich das Hamsterrad. „Ich habe
teilweise jeden Tag, bis auf Sonntag, 16 Stunden gearbeitet,
fast nie Urlaub gemacht. Am Ende war ich
einfach nur ausgebrannt.“ 2011 zog er den Stecker,
verkaufte zusammen mit seinen Mitgesellschaftern
die Firma und suchte einen neuen Sinn in seinem
Leben. Er kaufte einen alten Hof bei St. Georgen und
renovierte ihn schrittweise.

Dort, wo früher ein großer Stall war, sollte nun
die geräumige Wohnküche entstehen. Es war ein
Projekt, das ihn wieder forderte, in das er all‘ seine
Energie steckte. Doch als die Bauarbeiten dann zu
Ende waren, fiel er abermals in ein Loch. Er, der
Macher, der Zeit seines Lebens immer Ideen hatte,
den Ton angab, hatte plötzlich nichts mehr zu tun.
Er besaß nun einen Hof mit fünf Hektar Wiese und
vier Hektar Wald. Aber diese wurden nicht wirklich
bewirtschaftet. Und so reifte in ihm irgendwann die
Idee, einfach Rinder zu züchten. Aber wenn schon,

86
Da leben wir

so dachte er, ganz Geschäftsmann, dann sollte sich
das Ganze auch lohnen. Besondere Rinder sollten es
sein. So kam er zum Wagyū.
Eine Biografie, die gar nicht so ungewöhnlich sei,
sagt Uwe Jerathe, Erster Vorsitzender des Wagyū-
Verbands Deutschland. Viele Wagyū-Züchter seien
Quereinsteiger und hätten in ihrem früheren Leben
etwas anderes gemacht. Einer der größten Züchter
in Deutschland sei durch Immobilienhandel zu Wohlstand
gekommen und hätte dann, ähnlich wie Peltzer,
einen neuen Sinn gesucht. Wagyū würde durch
den Trend zu Slow Food und bewusster Ernährung
einen Nerv der heutigen Zeit treffen – bei Kunden
wie bei Erzeugern. „Viele Menschen sagen, dass sie
lieber weniger Fleisch essen, aber wenn, dann etwas
Hochwertiges“, so Jerathe.

Kein Export aus Japan
Mit sechs Tieren fing bei Stephan Peltzer alles an.
Zwei davon waren Kühe, einer wurde als Zuchtbulle
ausgewählt, drei weitere Männchen wurden kastriert.
Heute hat er drei Zuchtbullen und sämtliche
Kälber sind durch, wie er sagt, „Natursprung“, also
auf natürliche Weise, gezeugt worden. „Die Bullen
machen ihre Arbeit gut“, sagt Stephan Peltzer
augenzwinkernd. Einfach neue Tiere zu kaufen, sei
auch gar nicht so einfach. Immer noch dürfen die
meist schwarzen, muskelbepackten Tiere ebenso wie
ihr Fleisch, ihre Samen und Embryonen nicht aus
Japan ausgeführt werden, so Uwe Jerathe. Nur in
den 1970er- und später noch einmal in den 1990er-
Jahren habe es vereinzelte Tiere gegeben, die den
Weg in die USA, nach Australien und Europa gefunden
haben. Sämtliche Wagyū-Rinder außerhalb
Japans sind Nachkommen dieser Tiere.

Im Gegensatz zu Japan, in denen die Wagyū-
Haltung meist eine Massentierhaltung sei, legt Peltzer
aber Wert darauf, dass es seinen Tieren gut gehe,
dass sie auf natürliche Weise leben und aufwachsen.
Den ganzen Sommer über sind seine Tiere auf der
Weide, Kälber werden nicht von den Müttern getrennt.
Im Winter sind sie im Stall, aber auch der ist
geräumig und die Tiere haben jederzeit die Möglichkeit,
den Stall zu verlassen. Bereits heute produziert
er nach Bio-Kriterien, offiziell als Bio-Fleisch deklarieren
darf er es aber erst ab 2026, so verlangt es das
Gesetz.

Die Rinder sind in Pension
Die Ställe sind nicht bei seinem Haus, den Platz
hätte er gar nicht. Stephan Peltzer hat seine Tiere
auf anderen Höfen in Pension gegeben. Auch so eine

Neue Tiere zu kaufen, ist
nicht so einfach. Immer noch
dürfen die Tiere – ebenso wie
ihr Fleisch, ihre Samen und
Embryonen nicht aus Japan
ausgeführt werden.

Petra und Wolfram Haas – auf ihrem Hof stehen 24
Wagyu-Rinder.

Stephan Peltzer 87

ungewöhnliche Idee. „Ich passe nicht ins System“,
gesteht Peltzer. Das sieht vor, dass jemand entweder
Rinder bei sich auf dem Hof hat oder sie temporär
woanders unterstellt. Aber dass jemand seine Tiere
permanent auf anderen Betrieben großzieht, kennen
die Paragrafen nicht. Die Zertifizierungsstelle etwa
habe sich ganz schön gewunden, als er damals
sein Gewerbe angemeldet habe. Letztendlich
brauchte er eine Ausnahmegenehmigung des
Regierungspräsidiums Karlsruhe.

24 seiner Rinder stehen zum Beispiel derzeit auf
dem Hof von Petra und Wolfram Haas, nur wenige
Hundert Meter von seinem Wohnhaus entfernt. Für
die beiden Vollerwerbslandwirte kam Peltzer genau
zur richtigen Zeit. Ihre 35 Milchkühe hatten sie 2016
abgegeben – wirtschaftlich hätte sich das bei dieser
Größe nicht mehr rentiert, erklärt Wolfram Haas.
„Die Frage war damals, entweder investieren wir
einen höheren sechsstelligen Betrag in eine Modernisierung
– oder wir verkaufen alles.“ Am Ende sei
die Entscheidung klar gewesen. Und so hatten sie
plötzlich einen Hof, aber leere Ställe. Peltzer wollte
Rinder halten, hatte aber keine Ställe. Eine Winwin-
Situation. Klar, am Anfang sei Wolfram Haas
skeptisch gewesen, ob sich das für Peltzer auszahle.
„Aber für uns war das kein großes Risiko.“ Seine
Frau Petra hingegen sei von Anfang überzeugt von
der Idee gewesen. „Ich habe einfach sofort gemerkt,
dass das keine fixe Idee war, sondern durchdacht.“
Und vor allem sei Stephan Peltzers Enthusiasmus ansteckend
gewesen.

Auf drei Höfen verteilen sich die 70 Rinder derzeit,
doch Peltzer ist auf der Suche nach weiteren
Orten, auf denen er seine Tiere unterstellen kann.
Diese müssten auch nicht zwingend in der Gegend
um St. Georgen sein, betont er. Nur im Schwarzwald
sollten sie sein. Auf bis zu 150 Rinder möchte er, sofern
er weitere Weiden und Stallflächen findet, noch
aufstocken, das könnte er im Alleinbetrieb noch
schaffen, ist er sich sicher.

Bestellungen werden noch selbst verpackt
Tatsächlich startet der 47-Jährige gerade wieder voll
durch. Seine Tage seien bereits wieder voll, sagt er.
Noch liegt die gesamte Vermarktung in seiner Hand.
Zusammen mit seiner Frau Katja kümmert er sich
um den Schlacht- und Zuchtplan, die eigene Homepage
www.schwarzwaldwagyu.de und selbst die
Bestellungen werden von ihm noch selbst gepackt
und verschickt. Derzeit lässt er einmal im Monat
schlachten, da funktioniert das noch. Doch schon
bald möchte er die Menge verdoppeln und zweimal
im Monat schlachten lassen. Dann würde er auch
zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben. Derzeit,
solange die Herde noch im Aufbau ist, ist er froh,
wenn am Ende des Jahres eine schwarze Null
herauskommt. Doch das soll sich ändern. Denn eines
ist klar: Geschäftsmann ist Stephan Peltzer geblieben.
Nur diesmal sollen sein inneres Gleichgewicht
und das seines Bankkontos miteinander im Einklang
sein.

Die Kälber befinden sich gemeinsam mit den Muttertieren
den ganzen Sommer über auf der Weide.

88
Da leben wir
Lukas Nagel
TRAUMBERUF(UNG)
PRIESTER
VON HELEN MOSER

Polizist oder Tierärztin, Profifußballer oder Ballerina – das wollen viele Kinder
einmal werden. Bei Lukas Nagel aus Triberg war das anders. „Klar“, sagt er,
habe es zwischenzeitlich immer mal wieder andere Berufswünsche gegeben
– aber einer, den nicht viele Kinder teilen, zog sich von klein an durch: Nagel
wollte Priester werden. Mittlerweile ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.
Ein bisschen überrascht ist Lukas Nagel schon.

„Man wundert sich manchmal, aber es interessiert
die Leute irgendwie“, sagt er – und meint
damit seine Berufswahl. Denn der junge Triberger
hat einen Weg eingeschlagen, den heute nicht mehr
viele wählen: Im Mai 2025 wurde er im Freiburger
Münster von Erzbischof Stephan Burger zum Priester
geweiht. Vielleicht sei das in der heutigen Zeit
exotisch, räumt Nagel an. Doch für ihn war es ein
Ereignis, auf das er sich intensiv vorbereitet und auf
das er schon lange hingearbeitet hat.

Denn Priester wollte er bereits lange werden.
„Einen genauen Zeitpunkt kann ich gar nicht
ausmachen, aber es war ein Wunsch, den ich schon
seit meiner Kindheit hatte“, sagt er. Der Glaube
begleite ihn als Teil seines Lebens bereits lange.
Nach seiner Erstkommunion, erinnert er sich, habe
sich dann immer klarer gezeigt, welchen Weg er
einschlagen wolle – ein Wunsch, der sich mit der
Zeit unter anderem durch Ministranten- und
Oberministrantendienst in seiner heimischen
Kirchengemeinde noch verstärkt habe.

„Gottesdienst und Kirche – das hat mich schon
immer fasziniert“, blickt Nagel zurück. Was ihm
besonders gefiel: Die Gemeinschaft der Kirchengemeinde,
die zusammenkomme, um die Heilige
Messe zu feiern. Umso mehr bedauert er, wie sehr
Gottesdienstbesuche in den vergangenen Jahren in
vielen Gemeinden zurückgegangen sind. „Man sieht,
wie radikal schnell sich das verändern kann“, blickt
er zurück – in seiner Kindheit habe er das noch ganz
anders erlebt.

Auch sein Umfeld aus Familie, Freunden und
Bekannten habe ihn stets auf seinem Weg bestärkt,
sagt Nagel. Eine Person nennt er ausdrücklich:
„Wichtig war für mich auch mein Religionslehrer am
Lukas Nagel vor dem Panorama seiner Heimatgemeinde
Triberg.

Lukas Nagel 89

90
Da leben wir

Gymnasium.“ Dieser habe ihn „zur Suche meiner
Berufung ermutigt und mein Interesse an der
Theologie wachsen lassen“. So wuchs nach und nach
die Überzeugung, einmal Priester werden zu wollen.
„Ich kann nicht sagen, dass es bei mir den einen
Berufungsmoment gab, der von heute auf morgen
mein Leben verändert hat“, blickt Nagel heute
zurück. „Vielmehr war der Glaube etwas, das schon
immer zu meinem Leben dazugehört hat.“ Ob auch
das Priestertum etwas für ihn sein könnte? Das
vermutete Nagel – daher war es nur folgerichtig,
nach seinem Abitur, das er 2016 machte, ins Priesterseminar
Collegium Borromaeum in Freiburg einzutreten
und an der örtlichen theologischen Fakultät
sein Studium aufzunehmen.

So klar dieser Weg für Nagel war – heute gehen
ihn vor allem im Vergleich zu vergangenen Zeiten
nicht mehr viele junge Leute. „Wir waren damals ein
recht großer Jahrgang“, erklärt Nagel. Elf Mitbrüder
traten zusammen mit ihm ins Priesterseminar in
Freiburg ein – sieben von ihnen kamen, wie Nagel
selbst, aus dem Bistum Freiburg, zwei aus dem
Bistum Basel in der Schweiz und noch einmal zwei
aus dem Bistum Mainz.
Priesterseminar bietet viel Zeit für Reflexion
Von den acht Kandidaten aus dem Bistum Freiburg
blieben letztlich noch zwei übrig, schaut Nagel zurück
– „und einer davon bin ich“. Viele, erinnert sich Nagel,
hätten schon während des ersten Semesters im
Priesterseminar – noch bevor das eigentliche Studium
angefangen habe – nach und nach aufgehört.
„Es war die erste Berufungsprüfung damals“, sagt
er heute. „Ist das wirklich etwas für mich, was auch
für die kommenden Jahre trägt, sodass ich den Weg
weiter gehen kann?“ Nicht bei allen sei die Antwort
auf diese Frage positiv ausgefallen – für Nagel
vollkommen verständlich. „Das ist eine wichtige
Entscheidung, die man nicht leichtfertig trifft“, sagt
er über den Entschluss, die Priesterlaufbahn einzuschlagen.
Genau deshalb sei das Priesterseminar
auch auf mindestens siebeneinhalb bis acht Jahre
ausgelegt – weil es neben dem Studium und einer
praktischen Ausbildung auch viel Zeit biete, zu
reflektieren.

Zeit, die auch Nagel ausgiebig nutzte. Musste
auch er einmal genau darüber nachdenken, ob er
weitermachen will oder nicht? „So radikal nicht“,
meint Nagel. „Im Nachhinein kann ich sagen, dass es
nie einen konkreten Anlass gab, wo ich dachte, dass
es jetzt gar nicht mehr geht.“
Nur mit einem Thema hatte er etwas zu kämpfen,
blickt er zurück. „Es war immer mein Wunsch,
Priester zu werden. Aber wir sagen, es ist eine
Berufung. Das bedeutet: Gott will etwas vom
Menschen – und wir antworten darauf. Für mich war
immer klar, dass ich das will. Aber ich war mir nicht
Priesterweihe am 11. Mai 2025 durch Erzbischof Stephan
Burger im Freiburger Münster.
Ist das wirklich etwas für
mich, was auch für die
kommenden Jahre trägt,
sodass ich den Weg weiter
gehen kann?

Lukas Nagel 91

hundertprozentig sicher, ob es auch Gottes Wille ist.“
Diese Frage habe sich „die ganze Zeit durchgezogen“,
so Nagel über seine Zeit am Priesterseminar.
Letztlich war es das Praxissemester in Überlingen
sowie einige Erfahrungen im Gebet, die in der
Sache den Durchbruch brachten, erinnert sich Nagel
heute. Damals habe er erkennen können, „wie
erfüllend die Aufgaben eines Priesters sein können
und wie schön es ist, Gott und den Menschen zu
dienen“, schildert er. Erfahrungen, die er auch in
seiner Zeit in der Seelsorgeeinheit Empfingen/
Dießener Tal bestätigt sah: Dort war Nagel ab Ende
Oktober 2023 als Pastoralpraktikant tätig, nach
seiner Diakonweihe im Juni 2024 und bis zu seiner
Priesterweihe noch einmal knapp ein Jahr als
Diakon.

Begegnung mit Menschen und ihnen dienen
Vor allem in seiner Zeit als Diakon habe er erlebt,
wie erfüllend es sei, Menschen in unterschiedlichen
Situationen kennenzulernen und zu begleiten.
Kinder taufen, Paare trauen, Tote begraben, Kranke
besuchen, Liturgie feiern, Schüler unterrichten sowie
Kinder und Jugendliche auf die Sakramente vorbereiten,
nennt Nagel zentrale Aufgaben, die er nun auch
als Priester wahrnimmt.

Die Fülle sei enorm – und genau das mache ein
Stück weit auch den Reiz aus. „Manchmal erlebt man
wirklich das ganze Leben an einem Tag“, sagt Nagel
– vom Taufgespräch über Hausbesuche und einen
Gottesdienst bis hin zu einer Krankensalbung.
Den Begegnungen mit Menschen, die er als
Vertreter der Kirche hat, misst Nagel gleichzeitig
eine große Bedeutung zu – nicht nur spirituell.
„Gerade bei Taufen oder Trauungen habe ich es oft
mit Menschen zu tun, die nicht unbedingt aktiv sind
in der Kirchengemeinde und vielleicht nicht regelmäßig
in den Gottesdienst kommen, aber die
trotzdem eine Verbindung zur Kirche haben“, erklärt
er. „Da finde ich es wichtig, dass sie in dem Moment
positive Erfahrungen mit der Kirche machen – und
dass sie danach sagen können: Bei all den negativen
Bildern, die die Kirche ja leider umgeben, das war
jetzt gut für uns.“

Denn daraus, dass das Ansehen der Kirche in den
vergangenen Jahren in vielen Köpfen gelitten hat,
macht Nagel kein Geheimnis. Nicht nur der Missbrauchsskandal
habe am Bild der Kirche gekratzt.
Umso mehr freut er sich, dass er bislang sehr
positive Erfahrungen gemacht habe – „vom Beginn
des Studiums an über das Praxissemester bis jetzt“,
schildert er.

Natürlich kämen Themen wie Missbrauch in der
Kirche und auch das Zölibat im Gespräch immer mal
wieder auf. Aber er habe es noch nie erlebt, dass er
Manchmal erlebt man
wirklich das ganze Leben an
einem Tag.

Die heilige Messe während der Heimatprimiz von Lukas
Nagel in Triberg.

92
Da leben wir

im direkten Austausch „blöd angemacht“ worden
sei. „Manchmal denkt man, die Leute müssten
eigentlich viel mehr Misstrauen haben“, meint Nagel.
„Aber ich habe es als große Chance erlebt, dass die
Menschen, denen ich begegnet bin, mir als Amtsträger
viel Vertrauen entgegenbringen.“ So könne er
seinen Teil dazu beitragen, die Kirche positiv zu
repräsentieren.

Als besonders bereichernd hat Nagel viele
Begegnungen rund um seine Priesterweihe und auch
um die Heimatprimiz in der darauffolgenden Woche
in Triberg in Erinnerung, wie sich im Gespräch zeigt.
Diese fielen in eine ereignisreiche Zeit: Aus der
Seelsorgeeinheit, in der er als Diakon tätig war,
heraus, in die Vorbereitung auf die Priesterweihe
– „dann ist man so weit“, sagt Nagel. „Und dann geht
es wirklich Schlag auf Schlag.“
Überwältigende Heimatprimiz in Triberg
Denn die Heimatprimiz in Triberg war nach seiner
Priesterweihe längst nicht der einzige Termin für
Nagel. In den Tagen nach der Weihe sei er fast
täglich an einem anderen Ort gewesen, habe
Gottesdienste gefeiert und sei Menschen begegnet,
die er während seiner unterschiedlichen Stationen
auf dem Weg zur Priesterweihe kennengelernt habe.
Es sei überwältigend gewesen, blickt er zurück, wie
viel die Menschen auf die Beine gestellt hätten. „Da
ist auch emotional sehr viel los in einem“, erinnert
sich Nagel. „Es kamen so viele Leute, die das
mittragen, die für einen beten – und die auch für
sich selbst viel mitnehmen.“
Er selbst hätte niemals gedacht, dass eine so
große Zahl von Menschen ihr Interesse zeigt und
etwa – aber längst nicht nur – die Heimatprimiz
mitfeiern würde, blickt Nagel zurück. „Aber es gibt
auch jetzt, Monate später, immer noch Menschen,
die mich darauf ansprechen und mir sagen, wie
schön es auch für sie war. Mein Heimatpfarrer hat es
ganz gut gesagt, fand ich: Bei all den Krisen, die es
Bei all den Krisen, die es in
der Kirche gibt und bei der
Endzeitstimmung, die fast
schon herrscht, ist es schön
zu spüren, dass es auch
noch etwas Neues gibt.

Lukas Nagel 93

in der Kirche gibt und bei der Endzeitstimmung,
die fast schon herrscht, ist es schön
zu spüren, dass es auch noch etwas Neues
gibt. Es gibt auch noch Aufbruch, es gibt
noch solche Ereignisse, bei denen man
erlebt, wie Menschen zusammenkommen,
weil ihnen der Glaube wichtig ist.“

Es folgt eine fünfjährige Vikarszeit
Auch wenn es eine stressige Zeit gewesen
sei, wolle er sie nicht missen, erklärt Nagel.
„Man surft da schon ein bisschen auf einer
Welle – und die flacht eigentlich erst ab,
wenn man zu seiner ersten Stelle nach der
Priesterweihe kommt.“ Für Nagel war das
von Mitte Juni bis Ende August in der
Seelsorgeeinheit Sinzheim/Hügelsheim, wo
er als Priester tätig war. „Das ist auch eine
Zeit, um noch mehr in die Aufgabe reinzuwachsen“,
sagt er. Besonders froh sei er
gewesen, dass er dort quasi jeden Tag die
Heilige Messe feiern durfte.

Je länger er sich auf solche Aufgaben
konzentrieren könne, desto besser, findet
Nagel. Und meint lachend: „Eine Leitung
muss gar nicht so schnell kommen“ – wegen
der dann verstärkt anfallenden Organisationsarbeiten.
Zunächst steht für Nagel
ohnehin erst einmal seine Vikarszeit an.
Diese hat im September begonnen und
dauert fünf Jahre, berichtet er. Aufgeteilt ist
sie auf zwei Stellen. Den ersten Teil seiner
Zeit als Vikar verbringt Nagel derzeit in
Rastatt.

Linke Seite: Lukas Nagel nach dem Gottesdienst
während seiner Heimatprimiz inmitten seiner
Wegbegleiter, seiner Heimatpfarrer und
Ministranten.

Rechts: Lukas Nagel bei der Dankvesper
am Abend des Primizssonntages in der
Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“.

94
4. Kapitel – Wirtschaft

95
STRAUB 400
VON DER MÜHLE
ZUR WELLPAPPE
100 JAHRE STRAUB-VERPACKUNGEN
200 JAHRE STANDORT BRÄUNLINGEN
400 JAHRE UNTERNEHMER
VON WILFRIED DOLD

96
Wirtschaft
Zukunft braucht Herkunft – dieses prägnante Zitat des Philosophen Odo
Marquard scheint wie für das Bräunlinger Familienunternehmen Straub geschrieben.
Ein Familienunternehmen mit 400-jähriger Geschichte, davon 200 Jahre
am Stammsitz Bräunlingen und mit 100-jähriger Erfahrung in der Wellpappenherstellung.
1626 als Getreidemühle
gegründet, wandelte sich Straub 1905 vom Getreide-, Papier und
Sägemüller zur zeitweise größten Holzwollefabrik Süddeutschlands und schließlich
1925 zu einem Pionier der Verpackungsindustrie.

Zugleich ist die Firmenhistorie seit
bald einem Jahrhundert untrennbar mit der Familie Würth verbunden: 1932 heiratet der
Kaufmann Otto Würth mit Margarete Straub die Älteste der drei Töchter von Friedrich
Straub und übernimmt 1940 sämtliche Anteile am Unternehmen. Damit ist der Grundstein
für den Aufstieg von Straub zur heutigen Größe gelegt. Die Firmengruppe erwirtschaftet
2025 mit über 900 Mitarbeitern rund 240 Millionen Euro Umsatz. Und mit dem Bau des
19.000 qm großen „Werk 3“ in Bräunlingen tätigt Straub derzeit die größte Investition
der Firmengeschichte. Der Geschäftsführende Gesellschafter Dr.
Steffen Würth: „Unser
Familienunternehmen ist eines der ältesten in Deutschland und steht für Pioniergeist
und stetige Erneuerung. Mit Blick auf diese großartige Tradition wollen wir mit unserem
‚Werk 3’ weitere Erfolgsgeschichten schreiben. Tief verwurzelt im Schwarzwald und der
Baar als starker Arbeitgeber und Zukunftsgestalter.“

Straub-Verpackungen arbeitet mit den höchsten Standards in Sachen Umweltschutz: Wellpappe von Straub wird
aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, ist ökologisch abbaubar und vollständig recyclingfähig.

Straub-Verpackungen 97

Hanß Straub wird Mauchenmüller in Meßkirch
Die Erfolgsgeschichte der Familie Straub/Würth
nimmt ihren Anfang im Jahr 1623 in Meßkirch. Dort
wird der Zimmermann Hanß Straub zum Bürger
aufgenommen, kauft sich aus der Leibeigenschaft
frei und heiratet 1626 die Müllerstochter Margaretha
Mauch, der zur Hälfte das Erblehen auf die
Mauchenmühle
gehört. Aus dem selbstständigen
Zimmermann wird jetzt auch ein Müller. Hanß Straub
begründet damit 1626 das 400-jährige Unternehmertum
der Familie.

100 Jahre wirtschaftet die Familie Straub bereits
erfolgreich in Meßkirch, als 1726 mit Philipp Straub
ein Ur-Ur-Enkel von Hanß Straub in die Eulenmühle
in Unadingen einheiratet. Mit dieser Eheschließung
zieht die Geschichte der Familie Straub von Meßkirch
nach Unadingen auf der Baar weiter.
Philipp Straub ist leidenschaftlicher Müller, arbeitet
im elterlichen Betrieb mit, doch die Mühle der
Familie
übernehmen kann er nicht, sie fällt nach dem
Lehensrecht an den älteren Bruder.

Unverhofft tut
sich ihm dann doch die Chance auf eine eigene Mühle
auf: In Unadingen fehlt ein erfahrener Müller, der
die Eulenmühle des Fürsten zu Fürstenberg übernehmen
soll. Dort ist der Müller Rieger verstorben und
lässt seine 24-jährige Witwe Maria Kleinhans samt
fünf Kindern zurück, die einen Ernährer brauchen.
Die in Meßkirch angesiedelte Mühlenverwaltung
des Fürsten zu Fürstenberg betätigt sich in diesem
Fall erfolgreich als „Eheanbahnungsinstitut“. Sie findet
mit dem 23-jährigen Philipp Straub quasi „um die
Ecke“ einen von der Witwe akzeptierten Bräutigam
und damit neuen Eulenmüller.

Erste Papiermühle im Fürstentum Fürstenberg
Philipp Straub erweist sich als ausgezeichnete Wahl,
der 23-Jährige bringt die Eulenmühle zu neuer Blüte.
Er wagt sich in Unadingen zudem an die komplizierte
Herstellung von Papier heran und nimmt 1741 in
einer neu erbauten Beimühle zur Eulenmühle die
erste Papiermühle im Fürstentum Fürstenberg in
Betrieb. Er produziert unter größtem Aufwand Papier,
das die Fürstliche Verwaltung zur Regelung und
Dokumentation ihrer Geschäfte einsetzt.
Doch unerwartet
tun sich Probleme auf: Die
Gesetzgebung seiner Zeit macht es ihm unmöglich,
beständig an eine ausreichende Zahl von Lumpen
(Hadern) heranzukommen, die er f

ür die Papierherstellung
als Rohstoff dringend benötigt. Sammeln
darf er die Lumpen nur dort, wo nicht bereits ältere
Rechte bestehen. Philipp Straub benötigt jährlich
80 bis 90 Zentner davon. Und Hadern sind zu dieser
Zeit heiß umkämpft, weil wesentlich seltener
und damit
kostbarer als in unserer heutigen Welt.
Wer einem Hadernsammler altes Leinen übergibt,
Die Eulenmühle in Unadingen (hinten links) wird von 1726
an von Philipp Straub bewirtschaftet, der dort 1741 auch
eine Papiermühle gründet. Zur Eulenmühle gehört alsbald
auch eine Sägemühle (vorne).

Die Fürstenbergische
Mühlenverwaltung
in
Meßkirch findet 1726 mit
Philipp Straub quasi „um
die Ecke“ einen von der
Witwe akzeptierten
Bräutigam und damit
neuen Eulenmüller.

98
Wirtschaft
bekommt dafür je nach Menge und Qualität neues
Geschirr, Bürsten oder bunte Bänder. Wer seine
Lumpen selbst zur Papiermühle von Philipp Straub
bringt, dem wird Bargeld ausbezahlt.
Im Jahr 1741 schöpft Philipp Straub das erste Papier.
Es sind Bogen im „Kanzleiformat“, etwa heutiges
DIN-A3-Format, wie sie der Fürst zu Fürstenberg
für Akten und Urkunden benötigt. Das Papier wird in
der Mitte gefaltet und ist mit gleich zwei Wasserzeichen
versehen: Das eine zeigt die Initiale „PS“, das
zweite besteht aus einem halben Mühlrad, auf dem
eine Eule sitzt (siehe Foto oben).

Das Leben und Arbeiten in der Papiermühle
ist von beispielloser Härte: Die abgelegene Lage
an der Gauchach
verlangt, dass die Arbeiter vor
Ort wohnen.

Arbeitsbeginn ist an sechs Tagen die
Woche
um 2 Uhr morgens, Feierabend um 17 Uhr
und Nachtruhe
ab 20 Uhr. Diesen Arbeitsrhythmus
erzwingt das Abhängen
der getrockneten
Papierbogen
auf dem Trockenboden („Trockenkeuche“)
vor
Einsetzen
von Tau und der Tagesfeuchte.

Die Nöte beim Lumpensammeln zwingen den
Eulenmüller, die mühsam aufgebaute Papiermühle
nach 10-jährigem Betrieb 1751 aufzugeben. Mit dem
Fürsten zu Fürstenberg findet Philipp Straub einen
Käufer,
der sie nicht nur übernimmt,
sondern zugleich
deren bauliche
Erweiterung in Auftrag gibt.

Dass der Fürst die Mühle persönlich erwirbt und
unter
neuen Vorzeichen fortführt, unterstreicht, wie
wegweisend die Initiative von Philipp Straub war.
1802 dann fällt die mittlerweile baulich erweiterte
Papiermühle einem Brand zum Opfer und wird

Papier von Philipp Straub aus den 1740er-Jahren
(FF-Archiv, Donauschingen), gefertigt im Kanzleiformat.
Die beiden Wasserzeichen links sind üblicherweise links
und rechts auf dem Papier verteilt und wurden hier zur
besseren Sichtbarkeit elektronisch verstärkt und an einer
Stelle platziert.

Straub-Verpackungen 99
nicht wieder aufgebaut. Im Landesmuseum für
Technik und Arbeit in Mannheim ist ein Modell von
ihr ausgestellt, was gleichfalls die Bedeutung dieser
Straub-Initiative unterstreicht (siehe Foto links).

Von der Getreidemühle
und Säge hin zur Holzwolle
Bald 100 Jahre nach der Einheirat von Philipp Straub
in die Eulenmühle zieht die Straub-Geschichte ein
drittes Mal weiter, nun an den heutigen Stammsitz
Bräunlingen. 1823 erwirbt der von der Eulenmühle
stammende Müllermeister Franz Anton Straub – und
damit ein Nachfahr von Philipp Straub – die dortige
Stadtmühle, die er fünf Jahre später seiner Tochter
Kreszentia schenkt. Sie veräußert die Stadtmühle
1842 innerhalb der Familie an Josef Straub weiter,
der ebenfalls von der Eulenmühle stammt.

Die Bräunlinger Stadtmühle hat eine reiche Geschichte,
die sich bis zum Jahr 1512 zurückverfolgen
lässt. Und es ist eine absolute Besonderheit, dass
sich die Stützenmühle populär platziert auf einem
Ölgemälde
aus dem Jahr 1581 wiederfindet.
Entstanden
ist die Mühlendarstellung im Zusammenhang
mit der Schaffung eines Votivbildes zur Ruchtraud-
Sage. Dargestellt ist die Stützenmühle als Mühle mit
gleich drei unterschlächtigen
Wasserrädern.

Drei
Wasserräder
sind selten und erlauben es, mehrere
Mahlwerke gleichzeitig anzutreiben.
Josef Straub beschert der Getreidemühle in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen
Aufschwung, doch verlangt der Zeitenlauf drei Jahrzehnte
später eine unternehmerische Neuausrichtung.

Der klassische Mühlenbetrieb gerät im letzten
Dritttel des 19. Jahrhunderts zunehmend unter
Druck, industriell betriebene Großmühlen verdrängen
mehr und mehr die handwerklich geprägten Betriebe.
Die Familie Straub reagiert auf diese Entwicklung
frühzeitig, nimmt zusätzlich eine Sägemühle in
Betrieb und handelt jetzt nicht länger nur mit Mehl,
sondern ebenso mit Holz. Diesen Wandel gestalten
mit Josef Straub II. und Heinrich Weishaar, der Sohn
und Schwiegersohn von Josef Straub I.
Größte Holzwollefabrik Süddeutschlands
Weil mit den Brettern, die die Bräunlinger Mühle
sägt, auch Kisten für den Warentransport gefertigt
werden, erkennt mit Josef Straub III. der Sohn von
Modell der erweiterten Papiermühle in Unadingen, die
1741 von Phillipp Straub begründet und dann 1751 an
den Fürst zu Fürstenberg veräußert wurde. Das Modell
ist im Technoseum Mannheim zu sehen und ist nach
den Original-Erweiterungsplänen erstellt.

Die Stadtmühle oder „Stützenmühle“ nach
einem Ölgemälde aus dem Jahr 1585. Woher der
Name „Stützenmühle“ stammt und wie alt diese
ist, ist nicht überliefert. Im Jahr 1512 geht sie in
den Besitz der Stadt Bräunlingen über, wird so
„Stadtmühle“. Über 300 Jahre verstreichen nun, bis
die Stadtmühle im Jahr 1823 bei einer
Versteigerung
an die Familie Straub veräußert wird. Es handelt sich
seit jeher um eine große Mühle, wie die gleich drei
Wasserräder auf dem Ölgemälde unten aus dem
Jahr 1585 zeigen. Die Mühle ist Bestandteil eines
Votivgemäldes zur Ruchtraud-Sage.

100
Wirtschaft

Josef Straub II., dass diese Kunden zum sicheren Verpacken
von Ware in den Holzkisten verstärkt Holzwolle
einsetzen. So beschließt er ab 1906 die Zerspanung
von Rundholz zu Holzwolle aufzunehmen. Sein
Schwager Heinrich Weishaar nimmt diesen grundlegenden
Wandel zum Anlass, aus dem Unternehmen
auszuscheiden und sich einen lang gehegten Traum
zu erfüllen: Er wird Hotelier in Bonndorf.

Nach dem plötzlichen Tod von Josef Straub III.
im Jahr 1909 führt seine Witwe Maria die Mühle,
Sägemühle und Holzwollefabrik
fort. Unterstützt von
den Söhnen Friedrich und Josef IV., die dann ab 1912
die Leitung übernehmen.

Die Fabrik gilt mit Blick auf
ihre moderne Maschinentechnik in der gesamten
Region als vorbildlich. Ihre Maschinen werden mit
selbst erzeugtem Strom angetrieben und es gibt dort
elektrisches Licht. Die Holzwollefabrik zählt zu den
mit größten Käufern von Papierholz im Schwarzwald
und Bodenseegebiet.

Der Anfangserfolg ist enorm – doch die Sorgen
werden bei Straub nicht kleiner: 1910 kommt es zu
einem verheerenden Großbrand der Mühle. Kaum
sind die Folgen halbwegs überstanden, brennt es am
6. Juli 1911 erneut, nun in der mit neuesten
Maschinen
eingerichteten Holzwollefabrik,
die vollständig
vernichtet wird. Vor diesem Hintergrund stellen die
Straubs im Jahr 1911 – nach 285 Jahren – den immer
weniger lukrativen Mühlenbetrieb ein, um die so frei
werdenden Räume für die Holzwolle-Produktion zu
nutzen.
Die Holzwollefabrik wird derweil in Rekordgeschwindigkeit
– auch unter Einsatz der gesamten
Belegschaft – auf dem Gelände der Stadtmühle
neu errichtet. Schon bald stellt Straub wieder die
stark nachgefragte Holzwolle her. Der erfolgreiche
Geschäftsverlauf gestattet es, dass sich das
Unternehmen als die „
größte Holzwollefabrik in
Süddeutschland“
bezeichnen kann. Der Erste Weltkrieg
beeinträchtigt in der Folge den Geschäftsbetrieb
stark. Kaum ist der Krieg vorüber,
zerstört
am 5. September 1919 ein weiterer Großbrand große
Teile des Betriebes, Zeitungsberichte melden den
fast vollständigen Verlust der Fabrik.
Josef Straub beschert der
Getreidemühle ab 1842
einen enormen Aufschwung,
doch verlangt der Zeitenlauf
nur drei Jahrzehnte später
eine unternehmerische
Neuausrichtung.

Straub-Verpackungen 101
Die Kunst- und Sägemühle der
beiden Geschäftspartner Straub
& Weishaar in den 1890er-Jahren,
unmittelbar an der Bregtalbahn
und der Straße
nach Hüfingen
liegend. Bei der Abbildung
handelt es sich um die einzige
bekannte Fotografie der Straub-Mühle
aus dem 19. Jahrhundert.

Im Holzschuppen links
befindet sich die Sägemühle,
im stattlichen Hauptgebäude
sind die Getreidemühle, die
Verwaltung des Unternehmens
und die Wohnräume der
Müllerfamilie untergebracht.

1925 erfolgt der Start mit Wellpappe
Beim Wiederaufbau des Unternehmens nach dem
Brand von 1919 rückt in den frühen 1920er-Jahren
eine neue Verpackungstechnik in den Blick: die
Wellpappe. Ihr Wellenprofil verleiht Stabilität bei
geringem Gewicht und macht sie zur Alternative zur
Holzwolle. Da immer mehr Menschen elektrischen
Strom nutzen, kommen in den 1920er-Jahren neue
elektrische Apparate zuhauf auf den Markt: Staubsauger,
Bügeleisen, Fön oder das Villinger SABA-Radio.

Diese empfindlichen Geräte müssen sicher
und gefällig verpackt werden. Der stetig größere
Kundenkreis von Straub regt deshalb am Beginn der
1920er-Jahre an, in die Herstellung und das Bedrucken
von Wellpappe einzusteigen. So gründen die
Brüder Josef Straub VI. und Friedrich Straub 1925 das
Unternehmen „Josef Straub Söhne – Herstellung
von Wellpappe und Kartonage“.

Von Beginn an verarbeitet Straub die Wellpappe
zu Kartonagen weiter – ein Schritt, der sich bis zum
heutigen
Tage als goldrichtig erweisen sollte. Anfangs
dienen vor allem Schrenz- und Strohpapier als
Rohstoffe, für bessere Qualitäten kommen Zelluloseund
Halbweißpapier zum Einsatz.

In großem Stil wird weiterhin auch Holzwolle
produziert, die Wellpappenfertigung
nimmt zwar kontinuierlich zu, der Holzwolle läuft sie aber erst in
den 1950er-Jahren den Rang ab. Schließlich wird deren
Herstellung aufgrund geänderter Marktverhältnisse
zugunsten der Wellpappe eingestellt.

Einstieg von Schwiegersohn Otto Würth
Auf die „goldenen 1920er-Jahre“ folgt 1929 die Weltwirtschaftskrise,
die Kundengewinnung für Straub
wird schwierig: Fabriken schließen, Arbeitslosigkeit
und politische Spannungen nehmen zu, die Wirtschaft
und damit der Versand
von Waren beginnt zu
stagnieren. Nicht nur die Wellpappe, sondern auch
der Absatz von Holzwolle
leidet. So kommt nach dem
Börsencrash u.a. der Export von Fertighäusern nach
Amerika zum Erliegen, bei deren
Bau die Straub’sche
Holzwolle in großem Stil mitverwendet wird.
Unentbehrlich macht sich jetzt der Kaufmann
und Schwiegersohn Otto Würth. Nach seiner Heirat
mit Margarete
Straub im Jahr 1931 steigt er nach dem
plötzlichen Tod von Teilhaber
Josef Straub im Jahr
1932 rasch zur rechten Hand von Friedrich Straub auf
– ersetzt damit dessen Bruder in der Geschäftsführung.
Friedrich Straub ist mittlerweile Alleininhaber
des Unternehmens. Als er 1941 mitten im Zweiten
Weltkrieg stirbt, übernimmt Otto Würth zusammen
mit Ehefrau Margarete sämtliche Anteile und baut
die Verpackungssparte systematisch weiter aus. Das
Unternehmen firmiert nun als „Josef Straub Söhne,
Inhaber Otto Würth“.

102
Wirtschaft
Spezialisierung auf Wellpappe
Auf den Zusammenbruch des Dritten Reiches folgt
im Mai 1945 die „Stunde Null“, das Ende des Zweiten
Weltkrieges und der arbeitsintensive, mit Weitblick
betriebene Neuaufbau. Otto Würth richtet das Unternehmen
nach dem Zweiten
Weltkrieg von der Holzwolle-
und
Wellpappenherstellung
ausschließlich auf
die Fertigung von Wellpappe und Kartonagen
aus.

Straub entwickelt sich zum „
Full-Service-Anbieter“.
1951 entsteht auf dieser Grundlage ein großzügiger
Neubau in Bräunlingen. Weiter beteiligt sich Straub
zur Rohstoffsicherung an der Papierfabrik Vreden
und ergänzt 1967 das Programm
um Schaumstoffverpackungen
(„Würipor“). 1969 wird in Bräunlingen
ebenso ein neues Verwaltungsgebäude erstellt.
Neben den Investitionen in den Standort Bräunlingen
ist vor allem die Inbetriebnahme von „Werk 2“
in Blumberg ein Meilenstein der Nachkriegszeit. Auf
Drängen der notleidenden Stadt Blumberg eröffnet
Straub-Köpfe – den Aufstieg zur heutigen Größe begründeten v. links: Josef Straub II. (1812 – 1882), Josef Straub III.
(1875 – 1909) sowie Friedrich Straub (1877 – 1940), dessen Tochter Margarete 1931 mit Otto Würth den nächsten Inhaber von „Josef
Straub Söhne“ heiratete. Otto Würth (1906 – 1980) ist das starke Wachstum von Straub in der Nachkriegszeit zu verdanken.

Straub in den 1920er-/1930er-Jahren. Die Gebäude
entsprechen der Realität, die gleich zwei Eisenbahnen
visualisieren, dass Straub Anschluss an den Weltverkehr
hat. Mit Ausnahme des Gebäudes rechts, das 1939
erneuert wurde, präsentierte sich Straub so auch noch in
der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Straub-Verpackungen 103
Straub in den Nachkriegsjahren dort ein zweites
Werk und startet am 10. Oktober 1956 in den Räumen
der früheren Doggererz
AG die Wellpappen-Produktion.
Mit hohem Aufwand wird 1961 die erste
2.000 qm große Halle zur Wellpappenfertigung
errichtet. 1966 folgt ein zweiter Hallenbau. Da die
Aufwärtsentwicklung anhält, beschließt Straub in
Blumberg ein selbstständiges „Werk 2“ zu verwirklichen.
Es geht 1968 in Betrieb.
Mit dem Rückzug aus der Geschäftsführung
von Otto Würth im Jahr 1974 endet eine 42 Jahre
dauernde
Ära. Sie ermöglicht der Firma Straub dank
der außergewöhnlichen unternehmerischen Fähigkeiten
von Otto Würth den Aufstieg zu einem der
großen Verpackungshersteller in Deutschland.
In Anerkennung seines Lebenswerks wird Otto
Würth am 19. Mai 1978 das Bundesverdienstkreuz
sowie die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bräunlingen
verliehen. Er stirbt am 6. November 1980.
Steile Aufwärtsentwicklung
Die steile Aufwärtsentwicklung bei Straub setzt sich
nach der Übernahme der Geschäftsleitung durch
die Söhne Wolfram Würth und Friedrich Würth fort.
Die neue Straub-Geschäftsführung erweist sich als
äußerst innovativ. Einer der Meilensteine ihrer Ära
ist die Investition von 25 Mio. D-Mark am Standort
Bräunlingen: Dort entsteht eine 125 auf 70 Meter
große Halle mit 8.000 qm Produktionsfläche
und 5.000 qm Werkstätten- und Lagerräumen.

In siebter Generation leiten ab 1996 zunächst
Dr. Steffen Würth in Nachfolge seines Vaters
Wolfram Würth und ab 1998 ebenso Alexander Würth
für seinen Vater Friedrich Würth als Geschäftsführer
das Unternehmen. Die Technische Leitung hat mit
Volker Würth der Bruder von Alexander Würth inne.
Der Aufstieg von Straub zu einem der führenden
Hersteller von Verpackungen aus Wellpappe setzt
sich unter dieser Geschäftsführung kontinuierlich
fort, was das enorme Wachstum in allen Geschäftsbereichen
dokumentiert.

So wird in den Jahren 2000 und 2012 das komplette
Firmenareal
des Unternehmens Coats-MEZ
erworben, da der einst größte Arbeitgeber
in Bräunlingen
die Produktion nach Osteuropa verlagert.
Damit ist der Weg für künftige Erweiterungen von
Straub am Standort Bräunlingen frei. Weiter wird u.a.
das mittlerweile 40 Jahre alte Werk in Blumberg in
mehreren
Bauabschnitten erweitert und komplett
saniert.
Das 2003 gegründete Tochterunternehmen „Wellstar“
entwickelt sich innerhalb von zehn Jahren so
gut, dass die angemieteten Produktionsräume nicht
Straub-Köpfe – das Lebenswerk von Otto Würth setzen mit ebenso großem Erfolg (v. links) die Söhne Wolfram
Würth (1932 – 2014) und Friedrich Würth (1935 – 2012) fort. Ihnen folgten 1996 Dr. Steffen Würth als Kaufmännischer
Geschäftsführer und 1998 Alexander Würth als Technischer Geschäftsführer nach, der 2024 in den Ruhestand wechselte.
In Anerkennung seines
Lebenswerks wird Otto
Würth am 19. Mai 1978 das
Bundesverdienstkreuz sowie
die Ehrenbürgerschaft der
Stadt Bräunlingen verliehen.

104
Wirtschaft
länger ausreichen. So wird am Standort Bräunlingen
ein hochmodernes Industriegebäude erstellt. Wellstar
produziert Wellpappeverpackungen mit und
ohne Klebeverschluss zum Lagern und Versenden.
Aktuell beschäftigt Wellstar rund 100 Mitarbeitende
und bietet weit über 300 verschiedene, sofort verfügbare
Lagerartikel für den sicheren, effizienten
und ressourcenschonenden
Versand von Produkten.
Ein weiterer Meilenstein: Nach nur 14 Monaten
Bauzeit wird 2020 das neue Logistikzentrum
auf
dem früheren Coats-MEZ-
Areal in Betrieb genommen.

Auf 15.500 qm entstehen zwei Hochregallager,
ein Versandbereich
sowie ein Verwaltungsgebäude.
Mit 34 und 21 Metern Höhe
prägen die beiden Gebäude
das Ortsbild von Bräunlingen
mit. Die Kapazität
von 28.000 Paletten ist enorm.
Die Straub-Gruppe
Straub-Verpackungen hat sich in den vergangenen 75
Jahren zu einer Firmengruppe bestehend aus sechs
Unternehmen mit über 900 Mitarbeitern entwickelt,
die 2024 einen Jahresumsatz von über 240 Millionen
Euro erwirtschaftet. Der Aufbau der Firmengruppe
beginnt mit der Beteiligung an der Papierfabrik
Vreden im Jahr 1952.

Im Jahr 2014 kommt es zur vollständigen
Übernahme. 1989 wird weiter die Aktienmehrheit
an der Schweizer Werner Beer AG (heute
Beer-Verpackungen AG) erworben. Hierdurch sichert
sich Straub in der Schweiz bedeutende Marktanteile
und baut diese weiter aus. Neben der 2003 gegründeten
Wellstar-Packaging GmbH gehören zur Gruppe
zudem die Firmen Sewapack mit Sitz in Bischwiller
(Frankreich) und Progress Packaging in Regensburg.
Über 650 „Straubianer“ ermöglichen
Verpackungen höchster Qualität
„Straub-Verpackungen“ zählt mit den über 650
„Straubianern“, wie sich die Mitarbeiter selbst
bezeichnen,
zu den großen Arbeitgebern im
Schwarzwald-Baar-Kreis. Auf einer Fläche von
217.600 Quadratmetern vereinen sich in Bräunlingen
und Blumberg moderne Produktions-, Lager-, Verarbeitungs-
und Verwaltungsbereiche. Diese Fläche
entspricht elf Prozent der überbauten
Fläche der
Kernstadt Bräunlingen – ein mehr als imposanter Wert.
Zum Portfolio des Unternehmens gehören Versandverpackungen
jeder Art, ob für Gefahrgut,
Flaschen, Lebensmittel oder unterschiedlichste
Waren. Auch empfindliche elektronische Bauteile
können mit einer Wellpappen-Verpackung vor
elektrostatischer
Entladung (ESD) geschützt werden.
Verkaufsdisplays oder Trays, Kühlverpackungen,
Das Gebäude von Wellstar. Das 2003 gegründete Tochterunternehmen beschäftigt aktuell 100 Mitarbeiter.

105
Das Straub-Logistikzentrum auf dem früheren Coats-MEZ-Areal. Die Kapazität von 28.000 Palettenplätzen ist enorm.
Das 1956 eröffnete, in den 1960er-Jahren erweiterte und in jüngerer Zeit umfassend sanierte Werk Blumberg.

Straub-Verpackungen
106
Wirtschaft
Faltschachteln
oder E‑Commerce‑Verpackungen
mit Aufreißfaden
und Selbstklebestreifen: „Das nachhaltige
Verpackungsmaterial Wellpappe
überzeugt durch erstklassige
Eigenschaften in puncto Flexibilität,
Stabilität und Nachhaltigkeit“,
heißt es auf „straub-verpackungen.
de“, wo via Internet eine Fülle von
Informationen zur Welt der Wellpappen-
Verpackungen abgerufen werden
kann. Und wie stabil Wellpappe
ist, hat im Übrigen jeder bereits erlebt,
der mit Straub-Umzugskartons
sein Hab und Gut in die neuen vier
Wände transportiert hat …
Straub bietet den Kunden bei der
Produktentwicklung oder Produktion
eine durchgängige Unterstützung,
die von der CAD‑Konstruktion
und Mustererstellung
über Stanzung, Klebung und Qualitätssicherung
bis zur Just‑in‑Time‑Lieferung reicht.
Ergänzend entstehen Einsätze, Stege und Trennwände
zum Produktschutz sowie stabile Mehrweg‑Verpackungen
für Schwerlast und Langgut. Für Promotions
und den Handel fertigt Straub zudem Theken‑ und
Boden‑Displays inklusive Konstruktion, Stanzung
und Konfektionierung.

Damit die Wellpappen-Verpackung ein Gesicht
bekommt, setzt Straub alle klassischen Druckverfahren
ein. Hervorzuheben ist der Digitaldruck:
Die Investitionsfreude und der Pioniergeist des
Bräunlinger Unternehmens ermöglichen 2018 die
Inbetriebnahme von Werk IV. Dieser
neue Produktionsbereich
ist komplett
auf den Digitaldruck und dessen
Weiterverarbeitung ausgelegt.

Die so erzielbare
Qualität bei selbst
engsten Lieferzeiten und kleinsten
Fertigungseinheiten ist sensationell.
Der Digitaldruck ermöglicht kurze
Rüstzeiten und damit wirtschaftliche
Klein‑ und Mittelserien. Motive
lassen sich im laufenden Betrieb
wechseln – Personalisierungen und
variable Daten (z. B. QR‑/Barcodes, fortlaufende
Nummern) sind unmittelbar integrierbar.
In 87 Tagen einmal um die Welt
Die faszinierende Welt der Wellpappe lässt sich mit
beeindruckenden „Straub-Facts“ plakativ umreißen:
Tag für Tag fertigen die Werke in Bräunlingen
und Blumberg zusammen rund 460 Kilometer
Wellpappe – eine Strecke von Bräunlingen bis nach
Lyon in Frankreich. Täglich verlassen etwa 80 Lkws
die Produktionsstätten mit Wellpappe als Ladung,
ihr Transportgut entspricht der Fläche von
insgesamt rund 150 Fußballfeldern. Jährlich
verarbeitet Straub 108 Mio. Kilogramm
Papier, das zu 100 Prozent recycelbar ist.
Die 25.000 Artikel im Portfolio von
Straub werden von mehr als 2.000
Kunden in Auftrag gegeben. Rund
14 Prozent der „Straubianer“
haben bei ihrem Arbeitgeber
auch die Ausbildung absolviert.
Und alle 87 Tage reicht die Straub-
Produktion
aus, um mit ihr einmal
„um die Welt zu reisen“, sprich
unserem Erdball rundum
ein Band aus Wellpappe zu
gönnen.
Vor allem auch
Getränkehersteller
jeder
Art profitieren
von den Verpackungslösungen
von Straub. Hier das
Beispiel einer
Flaschenbox.

Der Digitaldruck bietet vielfältige
Möglichkeiten, so auch einen
Papp-Aufsteller in Form einer
Trachtenträgerin, deren elektronisch
ausgeschnittenes Gesicht zu einem
Selfie einlädt.

Straub-Verpackungen 107
Einblicke in die Fertigung bei Straub-Verpackungen. Wellpappe entsteht aus dem vorbedruckten Papier, das oben in die
Wellpappenproduktionsanlage
(WPA) eingespannt wird und der Pappe, die in einem aufwendigen Prozess in der WPA
mit dem Papier „verheiratet“
wird. Bei Straub erfolgt die Produktion in einer der modernsten Anlagen, die es am Markt
gibt. Unten Mitte: Befüllen der Druckwerke mit Farbe und Prüfen der Farbqualität beim Druck. Unten links bespricht sich
Geschäftsführer Dr. Steffen Würth (Mitte) mit seinem Team zur Fertigung. Unten rechts prüft Patrick Gemeinder (rechts),
Leiter Marketing und Projektmanagement, in der laufenden Produktion die Qualität von Wellpappe.
Der Bau von „Werk 3“ die größte
Investition der Firmengeschichte
In den Jubiläumsjahren 2025/2026 – 2026 feiert die
Familie Straub/Würth ihr 400-jähriges Unternehmertum
– stehen Dr. Steffen Würth als Kaufmännischer
Geschäftsführer und Volker Würth als Technischer
Geschäftsführer an der Spitze von Straub.
Alexander Würth wechselte 2024 nach 27-jähriger
Tätigkeit in der Geschäftsführung in den Ruhestand.
Der Kaufmännische Geschäftsführer Dr. Steffen
Würth ist vielfach engagiert. So als Vorsitzender des
Verbandes der Wellpappenindustrie (VDW), Vizepräsident
der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg und
Vorsitzender des Stiftungsrates der Bürgerstiftung
Bräunlingen. Und nebenbei bemerkt ein Mann mit
zwei Berufen: Er ist zugleich „Berufshubschrauberführer“
oder Hubschrauberpilot – samt Landeerlaubnis
auf Schweizer Gletschern.

Mit dem Bau von „Werk 3“ in Bräunlingen stellt
die Familie Würth derzeit unter seiner Führung
die Weichen für die Übernahme der Leitung von
Straub-Verpackungen durch die bereits
achte Generation.

Der Neubau vergrößert in Bräunlingen die
Fläche für Produktion und Verwaltung um 19.000
Quadratmeter. Die Familie Würth investiert dafür am
Stammsitz mehr als 40 Mio. Euro. Es handelt sich um
die größte Einzelinvestition
der Firmengeschichte.
Geschäftsführer Dr. Steffen Würth betont, insgesamt
habe die Unternehmerfamilie Straub/Würth seit
Mitte
der 1990er-Jahre an den Standorten Bräunlingen
und Blumberg die gewaltige Summe von rund
200 Mio. Euro investiert.
Thorsten Frei: „Es ist geradezu bombastisch,
wie sich Straub entwickelt hat“
An dieses unternehmerische, soziale und regionale
Engagement von Straub-Verpackungen knüpfte beim
Festakt am 26. Juni aus Anlass „200 Jahre Straub in
Bräunlingen“ und „100 Jahre Straub-Verpackungen“
der CDU-Politiker Thorsten Frei an. Der Bundesminister
für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes
sowie CDU-Bundestagsabgeordnete
betonte, es sei geradezu bombastisch, wie groß das
Unternehmen in Bräunlingen geworden sei und welche
Summen hier investiert würden.

Das unternehmerische Wirken der Familie Würth
spiegele zudem die Werte Dankbarkeit, Bescheidenheit
und Gemeinwohlorientierung wider. Thorsten
Frei: „Familienunternehmen wie das der Familie
Würth zahlen sich darin aus, dass man nicht nach
Quartalszahlen schaut, sondern in Generationen
denkt.“ Man sehe sich als Teil einer langen Geschichte
und Tradition. Jeder wisse, dass er auf den
Schultern der Vorgänger stehe und gehe mit dieser
Verantwortung umsichtig um.
Landrat Sven Hinterseh im Namen des Schwarzwald-
Baar-Kreises und Bürgermeister Micha Bächle
zeigten sich gleichfalls beeindruckt, was die Unternehmerfamilie
Straub/Würth geschaffen hat.

Das unternehmerische Engagement strahle auf den
gesamten
Landkreis, besonders aber auf das Städtedreieck
aus. Das klassische Familienunternehmen sei
Mit dem Bau von „Werk 3“
in Bräunlingen stellt die
Familie Würth derzeit unter
der Führung von Dr. Steffen
Würth die Weichen für die
Übernahme der Leitung von
Straub-Verpackungen durch
die bereits
achte Generation.

Beispiele für Verpackungslösungen
von Straub.
Straub-Verpackungen 109
Die Geschäftsführung von Straub-Verpackungen: Dr. Steffen Würth (rechts) leitet den kaufmännischen Bereich,
Volker Würth (links) fungiert seit dem Sommer 2024 als Technischer Geschäftsführer. Er folgte auf seinen Bruder
Alexander Würth (Mitte) nach, der in den Ruhestand wechselte.
in Bräunlingen tief verwurzelt, engagiere sich vielfach
nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell
und sozial. Straub kooperiere seit vielen Jahren mit
Schulen, unterstütze Vereine und Veranstaltungen
und sei in der 2005 gegründeten Bürgerstiftung
Bräunlingen aktiv. Außerdem zählt zu den festen
Engagements u.a. die langjährige Unterstützung des
Fördervereins für krebskranke Kinder e. V.
Wie sehr Straub-Verpackungen im Städtedreieck
Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen verankert
ist, demonstrierte am Jubiläumswochenende ein
„Tag der offenen Tür“: Tausende von Besuchern nutzten
die Gelegenheit, sich einen Einblick in die Werke
in Bräunlingen und Blumberg zu verschaffen, die zu
den modernsten der Branche gehören.
Verfassung sichert die Zukunft von Straub
als Familienunternehmen
„Erfolg fällt nicht vom Himmel“, lautet die Maxime
der Familie
Würth, die sie ihrer Familienverfassung
voranstellt. Die Inhaber
der Straub-Gruppe regeln
mit ihr den Fortbestand von Straub als Familienunternehmen
auch für die 8. und die folgenden
Generationen. Die Familie Würth: „Die Verfassung
ist die Leitlinie für die zukünftige
Ausrichtung von
Straub und regelt das Verhältnis
zwischen Familie
und Unternehmen.

Zudem
bildet sie die Basis
dafür,
dass wir als Unternehmerfamilie weiter
zusammenwachsen.“
Dr. Steffen Würth betont diesbezüglich:
„Wir sollten uns stets vor Augen führen, dass die
Erfolge der Vergangenheit nicht die der Gegenwart
sind – und auch nicht die der Zukunft.“
Weitere Details zur außergewöhnlichen
Straub-Historie finden sich im großen Buch zu
Straub-Verpackungen, das im Spätsommer 2026
erscheint. Das Buch zu „Straub 400“ ist weitaus
mehr als die Geschichte eines der ältesten Familienunternehmen
in Deutschland. Das Buch und eine
Ausstellung im Bräunlinger Museum Kelnhof im
Herbst 2025 zeichnen den Weg zu einem der großen
Hersteller von Verpackungen nach. Zeigen auf, was
Straub – sprich die Unternehmerfamilie Würth – so
besonders macht.

Und ebenso die „Straubianer“, die über 650 Mitarbeiter.
Dr. Steffen Würth unterstreicht mit Blick
auf die Straub-Erfolge und die Mitarbeiter: „Das
alles haben erst unsere Straubianer ermöglicht. Eine
unglaublich
leistungsfähige und tolle Truppe, die Tag
für Tag ihr Bestes gibt!“

110
Wirtschaft
JOHANNES GÖPPERT
HANDWERK UND
HEIMATLIEBE
VON SYLVIA GÜRTLER

„Holz hat ein Gedächtnis“, sagt Johannes Göppert und schaut auf. Nach
dieser Überzeugung führt er respektvoll weiter, was vor mehr als 130
Jahren mit seinem Ur-Großvater Amand Göppert begann, ebenso Vater
Hans Göppert begeisterte und nun von ihm in bereits vierter Generation
in Schönwald weitergeführt wird. Wie den Vorfahren, so ist es auch dem
61-jährigen Zimmermeister und Restaurator im Zimmererhandwerk eine
Herzensangelegenheit, Jahrhunderte alte Schwarzwaldhöfe zu bewahren
– und so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft des
Schwarzwaldes zu leisten. Über 150 Bauernhöfe haben die Göpperts bis
heute saniert – so viele wie wahrscheinlich kein zweites Zimmerergeschäft
im Schwarzwald.
Holzbau Göppert

112
Wirtschaft
Still ist es auf dem sonst so geschäftigen Areal von
Holzbau Göppert – dort, wo sich alltäglich über 20
Zimmerer, Schreiner, Dachdecker und Azubis für
ihren Arbeitseinsatz startklar machen, Holzbauelemente
vorproduziert, Treppen gebaut oder letzte
Handgriffe erledigt werden, bevor es zur Baustelle
geht. An diesem späten Freitagnachmittag jedoch
ist für die Mitarbeitenden längst das Wochenende
angebrochen. Der Chef allerdings – Johannes Göppert
– ist noch da, bittet freundlich in sein Refugium
im Obergeschoss mit Blick auf die Fertigungshalle.
Nimmt sich Zeit für ein ausführliches Gespräch, dabei
ist Johannes Göppert ein sehr gefragter Mann.
Ein wahrer „Tausendsassa“, wenn man so will.
Um unten bei den Mitarbeitern selbst Hand anzulegen,
etwa an das wintergeschlagene Holz aus dem
Oberprechtal, dafür ist viel zu selten Zeit. Dabei gehört
diesem heimischen Werkstoff die große Leidenschaft
des Schönwälders. „Im Schwarzwald wächst
unser Werkstoff, im Handwerk lebt er weiter“, so
Göpperts Erkenntnis.

Es gilt nachzuspüren, wie das Holz bearbeitet
und eingesetzt werden will. Nicht nach dem schnells-
Unten links: Die Zimmerei von Johannes Göppert am
Ortsausgang von Schönwald nach Triberg.
Oben rechts: Zukunftsorientierte Niedrigenergiehäuser in
Systembauweise von Holzbau Göppert.
Unten rechts: Die Sanierung alter Bauernhöfe braucht
Geduld und Könnerschaft. Besondere Aufmerksamkeit
haben die für die Höfe so typischen Fenster verdient.
Nicht nach dem schnellsten
und einfachsten Zugang zu
schauen, sondern nach dem
richtigen, lautet einer der
Grundsätze von Johannes
Göppert, Restaurator im
Zimmererhandwerk.

Holzbau Göppert 113
ten und einfachsten Zugang zu schauen, sondern
nach dem richtigen, lautet einer der Grundsätze von
Johannes Göppert.

Ständerbau und Bundwerk
Der Betrieb Göppert ist im Dorf ein Begriff – für
Dachstühle und Hallen, moderne Holzsystemhäuser,
für Carports und Aufstockungen, für Treppen,
Fenster und den Möbelbau. Aber vor allem für
etwas, das Zeit, Geduld und besondere Könnerschaft
verlangt: Die Restaurierung alter Bauernhöfe.
Schwarzwälder Eindachhöfe, Krüppelwalmdächer,
Ständerbau und Bundwerk – Begriffe, die hier Alltag
sind, aber außerhalb der Werkstatt klingen wie
Vokabeln aus einem anderen Jahrhundert. Für den
Chef sind sie Gegenwart, wie bereits für seinen Vater
Hans Göppert, der seit den 1970er-Jahren aktiv in der
Bewahrung der heimischen Baudenkmäler war.
Hans Göppert wurde für seinen Einsatz das
Bundesverdienstkreuz verliehen. Er arbeitete eng
mit Professor Hermann Schilli zusammen, der 1931
die Zimmermeisterschule in Freiburg gründete und

114
Wirtschaft

diese
bis zu seiner Pensionierung 1962 leitete. Danach
verschrieb sich Schilli unter anderem der Vermessung
von alten Schwarzwaldhöfen im südlichen
und mittleren Schwarzwald. Von ihm stammt das
Standardwerk „Schwarzwaldhaus“, in dem anschaulich
aufgezeigt wird, dass es eine große Bandbreite
von Bauwerken gibt – nicht nur die des Gutacher
Malers Hasemann. Deshalb gilt der Respekt des
Zimmermanns und Restaurators Johannes Göppert
jedem Hof, sein Anspruch ist, ihn in seiner Einzigartigkeit
zu sanieren. Zu seines Vaters Zeiten war
das finanziell betrachtet noch deutlich einfacher:
sanierungswillige Bauern konnten zur weiteren Nutzung
ihres Gehöftes auf bis zu 90 % Zuschuss bauen.
Hatte man doch erkannt, dass nur so die einmalige
Kulturlandschaft des Schwarzwaldes bewahrt werden
kann. Es war den Schwarzwaldbauern einfach
nicht mehr länger zuzumuten, in einer Umgebung zu
leben und zu arbeiten, die vor 200 oder 300 Jahren
den Ansprüchen der Menschen genügte.

Vieles hat sich seit den 1970er-Jahren getan. Das
Denkmalamt begleitet in aller Regel die einzelnen
Bauvorhaben wohlwollend und offen, solange die
jahrhundertealte Struktur erhalten bleibt. Und hier
beginnt die Arbeit von Johannes Göppert: „Restaurieren
heißt nicht, alt zu kopieren“, erklärt er. „Es
heißt zu verstehen, warum ein Hof so geworden ist
– und dann so wenig wie möglich, so viel wie nötig
zu tun.“ Anzuerkennen, dass die Abbundanlage neben
der traditionellen Arbeit mit Holzdübeln, ohne
Metallschrauben oder chemischen Hilfsmitteln, ihre
Berechtigung hat.

Wer ihm dabei über die Schulter schaut, sieht
Handwerk als Archäologie. Bevor ein Balken ersetzt
wird, kommt das Stemmeisen, dann die Taschenlampe,
dann das Maßband. Es folgen Bestandsaufnahme,
Holzgutachten, das ausführliche Gespräch
mit Planern, Bauherren, den Denkmalbehörden und
weiteren Fachfirmen.

Bauernhof im Hübschental bei Gütenbach. Es braucht das
Auge des Fachmannes, um am Beginn der Sanierung zu
klären, welche Bauteile wiederverwendet werden können
und was erneuert werden muss. Auch moderne Elemente
können einfließen, um das Bauernhaus zeitgemäß bewohnbar
zu machen – zumal in energetischer Hinsicht.
Holzbau Göppert 115
Am Anfang steht eine Unzahl von Fragen
Es stellen sich bei den ersten Begutachtungen eine
Unzahl von Fragen, die in die Planung und Ausführung
übernommen werden müssen: Wo arbeitet der
Wind? Wo staut sich Feuchte? Welche Balken tragen
noch, welche haben an den Auflagepunkten Schwächen?
Am Ende soll kein Museum stehen, sondern
ein Hof, der weiter lebt und in dem zeitgemäß
gelebt werden kann. Sämtliche Eingriffe werden in
kleinen, präzisen Schritte dokumentiert, bevor sie
fachgerecht ausgeführt werden. Wo immer möglich,
werden Bauteile mit Bedacht rückgebaut, gereinigt
zwischengelagert, bevor sie sorgfältig eingepasst,
wiederverwendet werden. Nachhaltigkeit ist kein
leeres Wort, sondern das zugrunde liegende Prinzip.
Wie sieht moderne Nachhaltigkeit in einem
Handwerk aus, das mit Jahrhunderten rechnet? Für
Johannes Göppert so: kurze Wege, regionale Hölzer,
ehrliche Details. Häuser so zu reparieren, dass nicht
nur die Dächer dicht sind, sondern wieder gut in ihnen
gelebt werden kann. Handwerk und Heimatliebe
ergänzen sich damit vortrefflich.

Die Schwarzwaldhöfe haben Jahrhunderte überdauert,
sodass von ihnen so viel mehr zu lernen ist
als von den heutigen Neubauten:
Konstruktionen, die atmen können, Leinöl
statt dickem Lack, Holzschutz nach dem Motto
„Konstruktion
vor Chemie“, also den charakteristischen
Dachüberstand weiterhin so einzuplanen, dass
die Fassade keinen Schaden nimmt, zum Schutz des
Holzes und gleichzeitig als Beschattung anzuerkennen,
die dunkle Wandfarbe dient als Wärmespeicher.
Wo es passt, ergänzt Kalkputz den Wandaufbau, wo
nötig, bleibt eine alte Bohlenwand erkennbar.
„Es braucht jedes Mal die Vorstellungskraft, dass
daraus ein schickes Kleinod werden kann“, gibt
Johannes
Göppert unumwunden zu.

Und weiter: „Es
ist ein Highlight, die Dachkonstruktion so herzustellen,
dass man möglichst alle noch zu gebrauchenden
Holzteile aus dem Erbauungsjahr verwenden kann.
Ganz einfach und pragmatisch, so gibt sich der
Schönwälder Zimmermeister: „Man muss sich modernen
Techniken aufschließen, dann kommt das beste
Ergebnis raus.“ Woher kommt Johannes Göpperts
Oft sind es persönliche Bindungen an historische
Häuser, die wie hier beim Frevlethof in Schonach zu
ihrer Sanierung führen, so Johannes Göppert. Der Enkel
sanierte das Haus des Großvaters.

116
Wirtschaft

fundiertes Wissen? Nach der Ausbildung und der
Meisterprüfung folgte eine einjährige Fortbildung
im Bildungszentrum Holzbau in Biberach a.d.R. zum
„Geprüften Restaurator im Handwerk – Master Professional“.
Wer bei Holzbau Göppert in Schönwald arbeitet,
lernt schnell, dass Traditionsliebe nicht mit Fortschrittsfeindlichkeit
verwechselt werden darf. In der
Halle finden sich CNC-Pläne neben Bleistift-Skizzen,
Feuchtemessgeräte neben gut eingearbeiteten
Stemmeisen.

Der Laptop hat genauso seine Berechtigung
und Verwendung wie die Werkbank.
Zahlreiche Würdigungen und Preise
Dieses Prinzip der Herangehensweise ist mit Erfolg
gekrönt, Würdigungen in Fachzeitschriften legen
davon Zeugnis ab. Dies alles kann der Zimmermeister
aus Schönwald zu Genüge vorweisen, ist er doch
seit über 40 Jahren im Beruf, darf sich über zahllose
Preise und Berichte in einschlägigen Fachzeitschriften
freuen. Hier werden seine Leuchtturmprojekte
einem breiten und interessierten Publikum vorgestellt.
Mit dem malerischen Kienzlerhansenhof bei
Schönwald, einem mittlerweile beliebten Fotomotiv,
haben sich die Stuttgarter Architekten Anja Kluge
und Ingolf Gössel einen Traum verwirklicht. Die
Bauzeit beanspruchte mehr als zwei Jahre – Holz,
Lehm und Granit wurden ebenso traditionell verbaut
wie 1.000 Quadratmeter handgespaltene Holzschindeln
des Daches.

Lohn für diesen Einsatz war 2016 der Denkmalschutzpreis
Baden-Württemberg für ein „Kulturdenkmal
von besonderer Bedeutung von 1591“. „Die
baulichen Maßnahmen wurden unter Beibehaltung
der Grundrisse in traditioneller Handwerkskunst
durchgeführt“, heißt es in der Begründung für die
Preisverleihung weiter anerkennend. Oder wie im
Rahmen des Staatspreises Baukultur von 2020
beschrieben: „Denkmalschutz, Klimaschutz und
hohe gestalterische Qualität müssen sich nicht
ausschließen, sondern können in gegenseitiger
Verknüpfung zu ganz besonderen, dem Ort angemessenen
und herausragenden Ergebnissen führen.
Holzbau, Tragwerk Bestand: Holzbau Göppert GmbH,
Schönwald.“

Auch bei der Sanierung des Hansmichlhofs in
Schramberg-Tennenbronn habe Holzbau Göppert die
„ganze Erfahrung im Umgang mit der historischen Substanz
und viel Herzblut für ein herausragendes Gebäude
mit eingebracht“, so der Wortlaut der Laudatio.
Einer weiteren Auszeichnung würdig in der Kategorie
„Die besten 50 Einfamilienhäuser des Jahres
2023“ war die Sanierung des Gründlehofs in Hornberg
– hier in Zusammenarbeit mit dem renommierten
Architekten Hardy Happle.

Der Farnrainhof in Yach erhielt ebenso einen
Preis für seine gelungene Sanierung wie das Uhrmacherhüsli
in Lenzkirch oder ein Bauernhaus im Hübschental
sowie das Zipfelhäusle in Langenordnach,
um nur einige wenige zu nennen.
Und das werden mit Sicherheit nicht die letzten
Projekte unter der Mitwirkung des Schönwälder
Erfolgsbetriebes bleiben, die von der Fachwelt mit
Preisen bedacht werden.
Seit 1865 in Familienbesitz
Eine besondere Freude ist es dem Chef des seit 1865
in Familienbesitz befindlichen Betriebes, besonders
langjährige Mitarbeiter auszuzeichnen, die seit
Jahrzehnten im Unternehmen sind. Diese tragen
maßgeblich zum Erfolg des Betriebes bei oder wie
Johannes Göppert feststellt: „Nur mit wirklich
erfahrenen Mitarbeitern, die ihr Wissen und ihre
Handwerkskunst weitergeben, kann ein Betrieb
erfolgreich am Markt agieren.“
Zusätzlich bildet er aus – nicht, weil es schön
klingt, sondern weil es im ländlichen Raum Zukunft
sichert. „Wenn Jugendliche nach der Schule hierbleiben
sollen, brauchen sie sinnvolle Arbeit.“ Und
anders als gemeinhin berichtet, „haben wir keine
Nur mit wirklich
erfahrenen Mitarbeitern,
die ihr Wissen und ihre
Handwerkskunst weitergeben,
kann ein Betrieb erfolgreich
am Markt agieren.

Holzbau Göppert 117
Am Anfang jeder Sanierung eines Bauernhofes steht die Klärung einer Unzahl an Fragen – was kann bleiben, was muss
ersetzt werden? Hier der Farnrainhof in Yach, oben am Beginn der umfangreichen Sanierung. Rechts das geglückte und
preisgekrönte Ergebnis. Aufwendig auch die Schiebefenster und die Schindelfassade.
Probleme,
Auszubildende zu finden“, so Johannes
Göppert weiter. Mittels Mund-zu-Mund-Propaganda
kommen die Kandidaten auf den Betrieb zu.
„Und wir sehen zu, dass unsere Azubis interessante
Arbeiten verrichten dürfen und variabel eingesetzt
werden. Momentan haben wir sogar einen Lehrling
mit Abitur, der die ihm zustehende Lehrzeitverkürzung
nicht in Anspruch nimmt, weil ihm die Arbeit
bei uns so wichtig ist“, erklärt Göppert in wenigen
Worten sein Erfolgsrezept, dem viel beklagten
Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Auf ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung
vom März 2023 angesprochen – „Handwerker sind
besonders begehrt und besonders glücklich“- von
92 % der befragten Handwerkern bestätigt – kann
Johannes Göppert dies tatsächlich nur unterstreichen,
auch wenn er mit Wehmut einräumen muss,
dass mittlerweile seine Hauptarbeit „leider nur noch
Papier“ gelte, die Zunahme an Verwaltungsarbeit
sei mit 50 % einfach zu viel.

Doch Johannes Göppert saniert längst nicht nur
historische Bauernhäuser – mittlerweile sind es
stolze 150 – oder baut neue Häuser. Sein Fachwissen
war ebenso bei der Sanierung der Holzstege
am Blindensee, der Salinentürme in Bad Dürrheim,
Die Sanierung des malerischen Kienzlerhansenhofs in
Schönwald gilt als ein Leuchtturmprojekt von Holzbau
Göppert. Auch hier verdiente die Erneuerung und Sanierung
der Schiebefenster besondere Aufmerksamkeit.

118
Wirtschaft

der Grässlin-Mühle in St. Georgen oder der Haube
des historischen Wasserturms in Konstanz im
Schneegestöber
am Gschmutzige Dunschdig gefragt.
Als wäre es nicht bereits Aufgabe und Verantwortung
genug, eine erfolgreiche Holzbaufirma zu führen,
kennt man ihn in Schönwald nicht nur als Handwerker,
sondern als jemanden, der hilft und unterstützt,
wenn’s drauf ankommt: Beim Dorffest, wenn
es an einer Bühne klemmt, beim Vereinsheim, wenn
ein Dach geflickt werden muss, vom traditionellen
Aufstellen des Maibaums, vom selbstverständlichen
Bereitstellen von Parkraum bei Dorffesten, bis zu
Materialspenden für Schulprojekte, wenn die nächste
Generation das erste Vogelhäuschen zimmert.
Bleibt angesichts der offensichtlich nicht ganz
ausgewogenen „Work-Life-Balance“ – der Chef arbeitet
von Montag bis Freitag von 5.30 bis 18 Uhr,
samstags „nur“ bis 12 Uhr – noch Zeit für anderes?
Selbstredend wirkt er in der politischen Gemeinde
mit, ist seit Jahrzehnten im Gemeinderat vertreten,
Futuristischer Anbau auf Stelzen an die historische
Grässlin-Mühle in St. Georgen.

Der viel begangene Holzsteg durch das Naturschutzgebiet
Blindensee, auch hier war Fachwissen gefragt.

119
war als Bürgermeisterstellvertreter präsent und ist
Gründungsmitglied der „Freien Liste“ – einer Vereinigung
„zum Wohle des Dorfes“.

Zeit für seine Hobbys möchte sich Johannes
Göppert bewahren – sei es alpines Tourengehen,
Gleitschirmfliegen oder Reisen nach Kasachstan und
Georgien. Und da ist natürlich auch die Familie und
es gibt Freunde, die nicht auf den „Schaffer“ verzichten
möchten. An erster Stelle stehen Ehefrau Elke,
die sich im Büro um die Buchhaltung und die Löhne
kümmert, sowie die beiden Kinder Katrin und Leo.
Auf die Frage: „Hat man nicht ungemein viele
Freunde, wenn man so viele Talente hat und so hilfsbereit
ist? Wird man nicht zum Wurstsalat eingeladen
und soll nebenbei ein paar lockere Bretter fixieren?“
Darauf schmunzelnd Johannes Göppert: „Wenn
es ein guter Wurstsalat ist …“

Und ganz klar – aus dem geliebten Schwarzwald
ist der Schönwälder nicht wegzudenken: „Hier ist es
grün, der Landschaft und der Kultur bin ich einfach
stark verbunden. Und jede Menge wunderschöner
Höfe, die auf unseren Einsatz warten, gibt es hier
auch! Die Arbeit geht uns nicht aus!“ Johannes Göppert
Bauernhof in Triberg Nussbach; „Auf der Ecke“. Einer von über 150 sanierten Bauernhöfen im Mittleren Schwarzwald
durch Holzbau Göppert.

Holzbau Göppert
LEISER REISEN, SICHERER BAUEN, BESSER SCHÜTZEN:
GRIWECOLOR – VON DER
MAGIE DER FARBEN UND
BESCHICHTUNGEN
VON ROLAND SPRICH UND WILFRIED DOLD

Wirtschaft

Im Schauraum von „griwecolor“ bleibt der
chinesische Gong beinahe stumm, obwohl Sven
Wehinger ihn beherzt mit dem Schlegel trifft.
Das demonstrativ erzeugte dumpfe „Ploppen“
verweist auf das Prinzip, das in den Innenräumen
von Hochgeschwindigkeitszügen seit dem ICE 2
angenehm leises Reisen ermöglicht. Auf der
Rückseite des Gongs wie an den Blechwänden
eines ICE dämpft „griwephon® Antidröhn“
zuverlässig jede Resonanz. Vor 30 Jahren
machten sich Lacklaborant Jörg Grieshaber und
Farbtechniker Franz Wehinger selbstständig
– mit dem Anspruch, innovative Farben und
Beschichtungen wie Antidröhn zu entwickeln.
Heute sind ihre hochspezialisierten Lösungen
weltweit im Einsatz: von Rasenmarkierfarbe über
Antirutsch-Beschichtungen, Abziehlacke und
Baumschutzfarbe bis hin zu nicht brennbaren
Schutzschichten für Fassaden. Und auch die
Zukunft des Unternehmens ist gesichert:
Sven Wehinger, Sohn von Franz Wehinger
und seit 2018 Geschäftsführer Marketing
und Vertrieb sowie Diana Licht, Tochter von
Jörg Grieshaber, Prokuristin und Mitglied der
Geschäftsführung, tragen als zweite Generation
bereits Verantwortung. Das geschieht ganz im
Sinne der Gründer, von denen Jörg Grieshaber
als Geschäftsführer Entwicklung und Technik
weiterhin aktiv ist. Im Gespräch betont er: „Es
geht uns mehr denn je um nachhaltig produzierte
Farben und Beschichtungen mit Mehrwert.
Im Zeitalter des Klimawandels entwickelt
griwecolor Produkte, die unsere Welt ein Stück
umweltfreundlicher gestalten.“

121
Die Firmengründer Jörg Grieshaber (links) und Franz Wehinger
(rechts) mit der zweiten Generation bei der Farbmischanlage
von griwecolor: Diana Licht, Technik und Entwicklung, sowie
Sven Wehinger, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb.

122
Wirtschaft
Das Firmengelände von
griwecolor
im Gewerbegebiet
Wieselbrunnen. Mit den Jahren
kamen Erweiterungsbauten
hinzu, so 2025 der Neubau
einer
Lagerhalle (vorne).

Am Anfang der Gründungsgeschichte von griwecolor
steht bei Jörg Grieshaber und Franz Wehinger die
Begeisterung für die Möglichkeiten emissionsarmer,
wässriger Farben. Diese sind bekannt für ihren
geringen bis keinen Anteil an organischen Lösungsmitteln,
was sie umweltfreundlich, geruchsarm
und
für sensible Umgebungen wie Innenräume oder
Krankenhäuser geeignet macht. Der Umstand, dass
der ehemalige Arbeitgeber das Geschäftsfeld der
Dispersionsfarben aufgegeben hat, veranlasste die
beiden, die Selbstständigkeit anzustreben. So gründen
sie auf Basis ihrer jahrzehntelangen Erfahrung
in der Farben- und Lackbranche 1996 kurzerhand ein
eigenes Unternehmen.

Im neu ausgewiesenen Gewerbegebiet „Wieselbrunnen“
in Döggingen errichtet „griwecolor“ exakt
gegenüber des Firmenareals von FreiLacke einen
Neubau, der die Entwicklung, Verwaltung sowie die
Produktion
und ein Lager aufnimmt. Bis die ersten
Produkte entwickelt und produziert sind und zum
Verkauf angeboten werden können, braucht es eine
nicht unerhebliche Anlaufzeit.
Dann endlich gehen
500 Faxe an mögliche
Kunden raus, die für neuartige
Fassadenfarben mit Mehrwert werben. Die Ernüchterung
folgt auf dem Fuß: Exakt eine einzige Bestellung
über zwei Gebinde mit je 15 Liter Farbe kommt
zurück. Absender ist der Maurer, der das Fundament
des Firmengebäudes von griwecolor betoniert hat.

Der Weg zur Raiffeisenbank und die Bitte
um
weitere Kredite ist da vorprogrammiert. Und die
Kredite werden den Firmengründern auch gewährt.
„Undenkbar wäre das heute“, schauen Jörg Grieshaber
und Franz Wehinger auf die Dramatik ihrer
Anfangsjahre als Unternehmer zurück.
Jörg Grieshaber und
Franz Wehinger gründen das
Unternehmen griwecolor
auf Basis ihrer jahrzehntelangen
Erfahrung in
der Farben- und
Lackbranche.

123

Die Entwicklung der neuartigen Markierfarbe für Rasenflächen
brachte griwecolor in den Gründerjahren den
ersten
großen Verkaufserfolg.

Markierfarbe für Rasenflächen als
erste Sonderentwicklung
Den Wendepunkt
in der Geschäftsentwicklung
beschert eine Anfrage der Zentralgenossenschaft
Donaueschingen,
die eine Markierfarbe für Rasenflächen
benötigt, diese aber nirgends finden kann.
Die Sonderentwicklung
bringt griwecolor den ersten
Erfolg, steigert die Bekanntheit des jungen Unternehmens
enorm, das jetzt auch Produkte in den Niederlanden
absetzt. Doch, so schaut Jörg Grieshaber
zurück: „Finanziell ausreichend war das noch lange
nicht. Wir trauten uns damals nicht einmal, Mineralwasser
fürs Büro zu bestellen“.

Das ändert sich am Ende der 1990er-Jahre schlagartig:
In Döggingen klingelt das Telefon und es kündigt
sich ein Mega-Seller an: Zu dieser Zeit etabliert
sich ein regelrechter Hype um Fensterfarben. Hobbyläden,
Kaufhäuser und selbst Supermärkte füllen
ganze Regalwände mit diesem Produkt. Jetzt will
einer der etablierten Anbieter neuartige Fensterfarben
entwickeln lassen, entdeckt die Manufaktur
in Döggingen für sich. Leuchtende Farben sollen es
sein, nicht so milchige wie bislang. Aus hochwertigen,
umweltfreundlichen Materialien müssen sie bestehen
und sich möglichst einfach wieder entfernen
lassen.

Griwecolor entwickelt den Prototypen für die
neuen Fensterfarben in kürzester Zeit. Es ist eine
Maxime der Firmengründer, auf Kundenanfragen
nicht nach Monaten, sondern möglichst in spätestens
14 Tagen mit einem Lösungsvorschlag zu reagieren.
Veräußert wird das neue Produkt erstmals
über einen der damals bekanntesten Fernsehshopping-
Kanäle – gleich bei der ersten Sendung gehen
über 20.000 Bestellungen ein.

Die Hobby- und Kreativbranche etabliert sich in
der Folge bei griwecolor zu einem der Hauptumsatzträger:
Drei Viertel der deutschen Händler veräußern
Kreativ-Produkte „made in Döggingen“. Und die hoch
zufriedenen Kunden treten mit immer neuen Wünschen
an die Manufaktur heran: Andere Rezepturen
für Fensterfarben, Farben, die mittels Schablone
dauerhaft beliebige Motive auf T-Shirts aufbringen
können, Kunstschnee für Weihnachtsbäume, Flitter,
Dekopaste und vieles mehr …

Doch es ist wie bei jedem Hype – um das Jahr
2004 fällt der Markt schlagartig in sich zusammen.
Noch vor Weihnachten ist bei griwecolor die Zahl der
Bestellungen derart hoch, dass zahlreiche Aufträge
unerledigt bleiben. Nach Weihnachten aber werden
binnen kürzester Zeit sämtliche
Bestellungen storniert,
der Bedarf ist gesättigt.
Den Kreativbereich gibt es bei griwecolor als
Nischensparte
jedoch nach wie vor. Die Produktpalette
reicht von Künstler- über Dekorationsfarben
griwecolor – Magie der Farben

Tophner

124

Wirtschaft

für Wände, Textilien, Glas, Kunststoffe oder andere
Untergründe
bis hin zu Produkten, die im Modellbau
Verwendung finden. Allesamt umweltschonend und
größtenteils auch für Kinder geeignet.
Antidröhnmasse für den ICE
findet weltweit Beachtung
„Lärmbelästigung war gestern“, schmunzelt Jörg
Grieshaber mit Blick auf die weltweiten Erfolge der
Beschichtung „griwephon® Antidröhn“.

Auslöser
dieser Entwicklung ist ein Branchenfachmann, der
beim Besuch von griwecolor über fehlenden Wettbewerb
und die Produktqualität im Bereich von
Funktionsbeschichtungen
bei Hochgeschwindigkeitszügen
klagt. Eine hochgradig komplizierte Angelegenheit,
wie die Gründer Franz Wehinger und Jörg
Grieshaber im Rückblick befinden. Für einen „Hidden
Champion“ und Problemlöser wie griwecolor
allerdings
zugleich eine willkommene Herausforderung.
Die Gewinne aus den Verkaufserfolgen in der
Kreativbranche werden jetzt u.a. in die Entwicklung
einer Antidröhnbeschichtung investiert. Die Rezeptur
für die Beschichtung selbst zu entwickeln ist der
komplexeste Schritt auf dem Weg hin zu einem neuen
Produkt. „Weil, da klappt nicht alles beim ersten
Mal. Zumal bei einer derart schwierigen Rezeptur,
das liegt in der Natur der Dinge“, merkt Jörg Grieshaber
an. Aber als nahezu ebenso zeitraubend – und
besonders teuer – stellen sich zudem die zahlreichen
Prüfverfahren heraus.

Als mit größte Hürde erweist sich schlussendlich
das Unternehmen Siemens, der damals dominierende
Akteur im globalen Schienenfahrzeugbau mit
dem ICE 2 als Aushängeschild. Ein Jahr warten auf
einen Termin, um die Antidröhnmasse vorstellen
zu können. Als die Präsentation endlich stattfinden
kann, wird das Produkt als erstklassig befunden und
die Verwendung beim ICE 2 angekündigt. Ein voller
Erfolg somit. „Jetzt aber braucht es noch einmal zwei
Jahre, bis der erste Auftrag kommt – vier Jahre nach
dem Projekteinstieg“, bedauert Jörg Grieshaber noch
heute. Gerade zwei Tonnen der Antidröhnmasse wer-
Die Gewinne aus den
Verkaufserfolgen in der
Kreativbranche werden jetzt
u.a. in die Entwicklung einer
Antidröhnbeschichtung
investiert.

Der ICE 2 wird mit der Antidröhnmasse von griwecolor schallgedämmt.
griwecolor – Magie der Farben 125
Sven Wehinger und Jörg Grieshaber mit dem Gong, der die Wirkung von „griwephon® Antidröhn“ demonstriert.

den zunächst bestellt und das zum Dumpingpreis.
Gelohnt hat sich der Aufwand dennoch allemal:
„griwephon® Antidröhn“ gilt als eines der weltweit
besten Produkte seiner Art und wird international
nachgefragt.

Die lösemittelfreie Antidröhnmasse gibt
es mittlerweile in vier Spezifikationen.
Und „griwephon® Antidröhn“ ist nicht auf Hochgeschwindigkeitszüge
beschränkt. Die Beschichtung
ist überall dort von Nutzen, wo es darum geht, unerwünschtes
Dröhnen zu reduzieren: Von Kraftfahrzeugen
über Schiffe, Flugzeuge oder Landmaschinen,
Industrieanlagen bis zum Hochbau reicht die Reihe
von Anwendungsmöglichkeiten. Auch bei der Sanierung
des legendären Londoner Bahnhofs King‘s Cross
kommen nicht-brennbare Entdröhnungsmassen
für Fassadenelemente von griwecolor zum Einsatz.
Durch die Kombination aus Schalldämpfung und
Nichtbrennbarkeit tragen diese Beschichtungen dazu
bei, den denkmalgeschützten Bahnhof sowohl akustisch
als auch sicherheitstechnisch auf den neuesten
Stand zu bringen.

Jörg Grieshaber betont mit Blick auf den Einsatz
von griwecolor-Produkten im berühmten Londoner
Bahnhof: „Knifflige Anforderungen reizen mich, das
macht den Problemlöser aus. Die Antidröhnmasse
ist
eine tolle Entwicklung und die neuen Rezepturen sind
noch besser, setzen Maßstäbe beim Brandschutz“.
Gerade der Brandschutz ist ein immer wichtigerer
Faktor bei der Produktentwicklung,
wie auch Sven
Wehinger unterstreicht. Der Geschäftsführer Marketing
und Vertrieb ist es auch, der die bislang unausgesprochene
Frage thematisiert, weshalb auf Farbund
Beschichtungs-Rezepturen wie „griwephon®
Antidröhn“ und weitere griwecolor-Produkte bis zum
heutigen Tag keine Patente angemeldet sind. Sven
Wehinger: „Das würde bedeuten, die Rezeptur preiszugeben
und jeder, der dazu in der Lage
ist, könnte
unsere Erfindungen nach Ablauf des Patentes einfach
nachbauen. Genau
das wollen wir verhindern.“
Sven Wehinger: Von Shanghai nach
Döggingen – Einstieg in die Geschäftsführung
Was Farben können, lässt einem im Verlauf der Gesprächsrunde
bei griwecolor mit den Firmengründern
und ihren Nachfolgern Sven Wehinger und
Diana
Licht immer neu staunen. Aber auch der Weg
und die Begeisterung für das Unternehmen, die die
2. Generation bei griwecolor in die Verantwortung
führt, ist bemerkenswert. Sven Wehinger
lässt sich in
Stuttgart zum Lacktechniker ausbilden. Anschließend
folgt eine einjährige Qualifizierung bei der IHK zum
„Master of Technical Management“. Für ihn steht
schon zu diesem Zeitpunkt fest, dass er später bei

126

Wirtschaft
Von Döggingen aus beliefert griwecolor weltweit seine Kunden. Mehrere Tonnen an Entdröhn- und Fassadenbeschichtungen
wurden auch für die Sanierung des weltberühmten Londoner Bahnhofs Kings Cross bereitgestellt.
griwecolor einsteigen will. Es folgt eine sechsjährige
Beschäftigung bei einem
internationalen Anbieter
für Zinklamellen-Beschichtungen in Markgröningen.
Davon verbringt Sven Wehinger zwei Jahre in Shanghai,
um 2017 in den Betrieb des Vaters einzusteigen,
wo er 2018 in die heutige Position
aufsteigt.

Welches Produkt beeindruckt ihn bei griwecolor
am allermeisten? „Die Antidröhnbeschichtung und
da die griwephon® AN2-750/EU, eine nicht-brennbare
Beschichtung. Sie kann die für so ein Produkt derzeit
höchste Klassifizierung in Sachen Brandschutz
vorweisen.“ Das bedeutet, sie darf auch in Hochhäusern
oberhalb des siebten Stockwerkes verbaut werden.
Ebenso in sicherheitsrelevanten Objekten wie
dem erwähnten Londoner Bahnhof King‘s Cross oder
beim Jahrhundertvorhaben „Stuttgart 21“.
Was Sven Wehinger am Unternehmen der
Familien
Wehinger/Grieshaber besonders schätzt,
legte er unlängst auch Thorsten Frei dar. Der CDUBundestagsabgeordnete
im Schwarzwald-Baar-Kreis
und Bundesminister für besondere Aufgaben sowie
Chef des Bundeskanzleramtes besuchte griwecolor
bereits zum zweiten Mal. Ihn fasziniere, so Sven Wehinger,
dass bei griwecolor jedes Anliegen Chefsache
ist und selbst komplizierte Kunden-Anfragen umgehend
sowie kompetent erledigt werden. Und er fügt
hinzu: „Wir verstehen uns als Spezialisten und genau
das ist unsere Stärke.“

Diana Licht: „Gipfelstürmerin“ mit
Leidenschaft für die Magie der Farben
Die Tochter Diana Licht teilt das Gespür des Vaters
für die „Magie der Farben und Beschichtungen“.
Hinter jedem Produkt steckt wissenschaftliches
Auch bei der Sanierung
des legendären Londoner
Bahnhofs King‘s Cross
kommt nicht-brennbare
Entdröhnungsmasse für
Fassadenelemente von
griwecolor zum Einsatz.
griwecolor – Magie der Farben 127
Produkte von griwecolor (in Auswahl)
griwephon® Antidröhn
Dünnwandige Bleche erzeugen oft störende
Vibrationen und Dröhngeräusche – griwephon®
Entdröhnungsmasse dämpft diese Schwingungen
wirksam. Das reduziert Lärm deutlich und
steigert zugleich Haltbarkeit und Stabilität der
Bauteile. Die vielseitige Beschichtung eignet sich
für Fahrzeuge, Maschinen, Schienenverkehr,
Aufzüge, Fassadenelemente und auch Haushaltsgeräte.
Das Produkt griwephon® AN2-750/EU
setzt zudem Maßstäbe in der Brandschutzklassifizierung,
ohne die herausragenden Entdröhnungseigenschaften
zu beeinträchtigen.

Baumschutzfarbe
griwecolor Baumschutzfarbe ist eine biologisch
abbaubare Schutzfarbe und für den Einsatz an
jungen Bäumen und Sträuchern entwickelt. Sie
verhindert Frostaufbrüche der Rinde und
unterstützt die natürliche Atmung der Gehölze
durch die für Tiere und Pflanzen ungiftigen
Rohstoffe. Die Baumschutzfarbe ist physiologisch
unbedenklich und enthält keine für Tiere und
Pflanzen schädliche Rohstoffe.
Rasenmarkierfarbe
griwecolor Rasenmarkierfarben sind hochdeckfähige
Markierfarben-Systeme zur Markierung von
Rasen- und Hartplätzen mit den handelsüblichen
Markierwagen. Das Portfolio der griwecolor
Rasenmarkierfarben umfasst sowohl spritzfertige
Systeme wie griwecolor Topliner als auch
entsprechende Konzentrate aus der RA1-700
Produktreihe zur individuellen Handhabung.
Außenanstrich
griwecolor Außenfarben sind für alle gängigen
Untergründe geeignet. Sie sind diffusionsoffen
und haben hervorragende Verarbeitungseigenschaften.
Außerdem bieten sie hohe Wetterechtheit
und Farbstabilität. griwecolor übernimmt
zudem gerne die Einstellung des
Wunschfarbtons.

Weitere Infos unter: griwecolor.de
Firmengründer Franz Wehinger mit Sohn Sven Wehinger,
der ihm 2018 bei griwecolor als Geschäftsführer Marketing
und Vertrieb nachfolgt.

Firmengründer Jörg Grieshaber, Geschäftsführer
Entwicklung und Technik, mit Tochter Diana Licht, Mitglied
der Geschäftsführung und Prokuristin.

128
Wirtschaft
Know-how und eine große Portion Leidenschaft:
Bindemittel, Pigmente, Füllstoffe, Wasser, möglichst
wenig Lösemittel und Additive werden präzise
kombiniert, bis im Laborbehälter eine perfekte
Rezeptur entsteht. Auf Prüfkarten und Blechen muss
jede Farbe zeigen, was in ihr steckt – Verlauf,
Deckkraft, Haftung und Funktion (Brandschutz etc.)
sind mit entscheidend. Und wenn eine Farbe „zickt“,
beginnt mit detektivischem Spürsinn die Fehlersuche.
Schritt für Schritt entsteht so ein Produkt „Made
by griwecolor“, das höchsten Ansprüchen gerecht
wird.

Diana Licht studiert nach dem Abitur zunächst
Wirtschaftsingenieurwesen. Noch während des
Studiums
zeichnet sich ab, dass aus Begeisterung
für das Lebenswerk des Vaters und für Farben eine
Ausbildung zur Lacklaborantin folgen wird. Diese
schließt sie mit Bravour ab und erhält die IHK-Auszeichnung
„Gipfelstürmerin“. Gleich nach ihrer Ausbildung
steigt Diana Licht im Lehrbetrieb
zur Teamleiterin
der Qualitätskontrolle
auf.

Im November 2015 folgt der Wechsel zu griwecolor.
Dort durchläuft sie sämtliche Abteilungen, lernt
die Abläufe in all ihren Facetten kennen. Freut sich
an der Vielseitigkeit des täglichen Tuns, wie sie im
Gespräch mit Vater Jörg Grieshaber und Sven Wehinger
über „30 Jahre griwecolor“ und die Zukunft des
Unternehmens unterstreicht.

Impressionen aus dem Alltag bei griwecolor. Steht die Rezeptur im Labor, wird die Farbe gemischt und abgefüllt. Für die
Qualität der Produkte ist die Entwicklungsabteilung zuständig, die Jörg Grieshaber zusammen mit Tochter Diana Licht
leitet (unten links). Ein Produkt der ersten Stunde von griwecolor ist die Rasenmarkierfarbe, die auf Tausenden von Sportplätzen
zum Einsatz kommt.

griwecolor – Magie der Farben 129
„Es bleibt immer spannend, immer
neue Themen kommen auf“
Sie fasziniert es, sich ergänzend zu den Anforderungen
des Alltags in Forschungsprojekte zu vertiefen.
In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-
Institut für
Produktionstechnik und Automatisierung IPA untersucht
sie die photokatalytischen Fähigkeiten von
Farbe. Auf Gewebe aufgetragen kann hierfür speziell
entwickelte Farbe in Filteranlagen
verbaut und mit
UV-Licht bestrahlt flüchtige organische Bestandteile
(VOC) und Stickoxide aus der Luft abbauen. „Farbe
reinigt Luft in Krankenhäusern, Industriebetrieben
oder anderen Orten“, fasst Diana Licht zusammen.
Ein weiteres Projekt befasst sich mit den photokatalytischen
Fähigkeiten von Innenwandfarben,
wieder in Zusammenarbeit mit dem Fraunhoferinstitut.
Es handelt sich um eine Rezeptur, die auch
Viren abbaut und so in Krankenhäusern oder Pflegeheimen
hervorragende Dienste leistet.

„Es bleibt immer spannend, immer neue Themen
kommen auf“, freut sich die Prokuristin und Mitglied
der Geschäftsführung über ihr breites wissenschaftliches
Betätigungsfeld bei griwecolor. Auf Themen,
die teils auch fünf Jahre intensive Teamarbeit brauchen,
bis sich der Erfolg einstellt. So die Entwicklung
von Farben, die für Kinder vollständig ungefährlich
sind, selbst wenn sie verschluckt werden.
Gründerprodukt Rasenmarkierfarbe auch
nach 30 Jahren stark nachgefragt
Die intensive Entwicklungs- und Forschungsarbeit
im Labor führt auch zurück zu den Wurzeln, zur
Rasenmarkierfarbe, dem ersten Erfolgsprodukt der
Gründerphase. Seit drei Jahrzehnten wird dieses
Produkt beständig optimiert und nach wie vor
international auf Fußballfeldern eingesetzt. Bei so
manch dramatischem Elfmeterschießen bei Weltund
Europameisterschaften oder im DFB-Pokal ruhte
der Ball auf einem Elfmeterpunkt, der wie sämtliche
Linien auf dem Platz mit der Rasenmarkierfarbe aus
Döggingen aufgetragen wurde. Mit Farben, die
weder das Nachwachsen des Rasens verhindern
noch das Gras ersticken lassen, wie es in der
Produktbeschreibung heißt.
Nicht immer kommen die Anregungen für
griwecolor-
Produkte von außen, unterstreicht Jörg
Grieshaber. Der Firmengründer lenkt die Aufmerksamkeit
auf das Produkt Weißkonzentrat, eine

Eigenentwicklung:
Das Weißkonzentrat beispielsweise
schützt junge Knospen an Obstbäumen und
Beerensträuchern
vor Beschädigung durch Vögel und
Kleintiere – ist für die Tiere aber völlig ungefährlich.
Griwecolor hat für das Konzentrat die Zulassung des
Bundesamtes als Pflanzenstärkungsmittel erhalten.
Fasziniert von der Magie der
Farben und Beschichtungen
Griwecolor im Bräunlinger Ortsteil Döggingen gilt
mit seinen 15 Mitarbeitern als ein Problemlöser, der
sich mit seinen Nischenprodukten in vielen Ländern
erfolgreich am Markt behauptet. Der Familienbetrieb
hat sich aus einer in der Tat mutigen Gründungsidee
heraus zu einem anerkannten Spezialisten für die
Möglichkeiten emissionsarmer, wässriger Farben
und Beschichtungen entwickelt. Der Pioniergeist der
Gründer Jörg Grieshaber und Franz Wehinger prägt
das Unternehmen bis heute – und wird weitergetragen
von der zweiten Generation mit Sven Wehinger
und Diana Licht.

Die Begeisterung über die Magie und die Möglichkeiten
von Farben
und Beschichtungen liegt
förmlich in der Luft, wenn sich die Lacklaboranten in
den Familien Grieshaber und Wehinger über all das
austauschen, was griwecolor ausmacht. Da steckt
vor allem auch Beharrlichkeit dahinter, die Fähigkeit,
so lange nicht aufzugeben, bis die perfekte Rezeptur
gefunden ist. „Das sind die tollsten Tage“, ist sich das
Team von griwecolor einig, wenn nach mehrjähriger
Projektarbeit und immer wieder auch Zweifeln am
Erfolg dann doch der Augenblick da ist, wo alles
ineinandergreift
und die Rezeptur steht.
Das sind die tollsten Tage“, ist
sich das Team von griwecolor
einig, wenn nach mehrjähriger
Projektarbeit der Augenblick
da ist, wo alles ineinandergreift
und sich der Erfolg einstellt.

130

Wirtschaft

five Konzept 131

Die drei five-Konzept Gründer, von links:
Christoph Limberger, Wolf Harwath und Lutz Kruger.
Fünf Übungen, drei Schwarzwälder,
eine gemeinsame Idee: Die Firma five-
Konzept aus Hüfingen bringt mit ihren
Fitnessgeräten weltweit Menschen in
Bewegung – als Pionier hochwertiger
Anwendungen für Muskellängentraining.
Wie aus körperlichem Leiden eine
berufliche Leidenschaft wurde.

five –
BEWEGUNGSREVOLUTION
„MADE IN
BLACK FOREST“
VON TANJA BURY
132

Wirtschaft

fiveHip

Trainiert die hüftbeugende Muskulatur
in die Hüftstreckung und kann somit
das Hüftgelenk, das Kniegelenk sowie
den Rücken beeinflussen.

Der Auslöser
Ein Kaminofen war es. Ihn hob Schreiner Christoph
Limberger an – und da war er, der stechende
Schmerz im Rücken. Diagnose: Schwerer Bandscheibenvorfall,
eine Operation stand im Raum. Das war
2003. Als Kunde des Sport- und Gesundheitszentrums
Rückgrat in Donaueschingen erzählte Limberger
Studioinhaber Lutz Kruger davon. Dieser
empfahl ihm den Freiburger Arzt Walter Packi. Der
Allgemeinmediziner gilt als Begründer der Biokinematik,
einer speziellen Bewegungslehre, bei der
Muskeln nicht nur gekräftigt, sondern in ihrer
natürlichen Länge trainiert werden. Lutz Kruger war
von dem Arzt behandelt worden, nachdem er mit
einer Sportverletzung zu kämpfen hatte. Packi, seine
Behandlungsmethode und die dazugehörigen
Übungen hatten Kruger sehr geholfen und er war
überzeugt, dass der Mediziner auch Limberger
helfen kann. Der Schreiner ging zu Packi und bekam
five Trainingsgeräte in einem Parcours.

five Konzept 133
entsprechende Physiotherapieeinheiten verordnet.
Mit einer Therapeutin ging es für Limberger auf
einen Naturparcours. Die Aufgabe: Die Füße unter
einen Holzstamm in Knöchelhöhe klemmen und den
Oberkörper über einen zweiten Stamm in Hüfthöhe
weit nach hinten beugen. „Ich hab‘ ihr gesagt, dass
ich das mit einem frischen Bandscheibenvorfall und
meinen Schmerzen auf keinen Fall machen kann.
Aber das hat sie nicht interessiert“, erinnert sich
Limberger. Also ging er in die Rückenlage, die
sogenannte Extension. „Auf der Rückfahrt vom
ersten Training merkte ich schon, wie mein Zustand
besser wurde. Die Übungen taten mir gut, sehr gut
sogar.“ So war es auch Lutz Kruger nach seiner
Verletzung gegangen.

Allerdings war es für Limberger mit viel Aufwand
verbunden, mehrmals die Woche zur Physiotherapie
nach Freiburg zu fahren: Zeit, Organisation und das
lange Sitzen im Auto. Es ist Gift für einen Patienten
mit Bandscheibenvorfall. Limberger begann also zu
Hause zu trainieren – mithilfe zweier Sprudelkisten
und der Treppe. Als seine Frau fragte, ob die Kisten
im Wohnzimmer denn jetzt zur Dauereinrichtung
werden sollten und ob er nicht „was Vernünftiges“
für sich anfertigen wolle, ging der Schreiner in seine
Werkstatt im Keller und baute. Das erste five-Gerät,
der fiveBack, – den beiden Holzstämmen im Naturparcours
nachempfunden – war geboren. Und damit
eine besondere Geschäftsidee.
Der Anfang
Dieses Übungsgerät, den damals sogenannten
Backmover, zeigte Limberger seinem Freund Kruger
und es fand Einzug in dessen Fitnessstudio. „Das
Gerät war beliebt, die Leute standen fast Schlange,
um es zu benutzen“, berichtet Limberger. Denn die
Erfahrung zeigt: Menschen machen Übungen statt
frei, lieber an einem Gerät. „Es hat einen Aufforderungscharakter
und vor allem: Es hilft ihnen.“ Wolf
Harwath, damals Mitarbeiter im Rückgrat, war so
angetan, dass er eine zweite Gerätschaft für weitere
Übungen baute. „Mit einfachen Materialien aus dem
Baumarkt. Ich hab‘ es dann etwas schöner gemacht“,
sagt der heute 57-Jährige und lächelt. „Nur für uns. Da
war noch kein Businessgedanke dahinter.“ Doch eben
jener nahm Fahrt auf. 2004 gründeten Lutz Kruger,
Christoph Limberger und Wolf Harwath, mittlerweile
ausgebildeter Physiotherapeut mit eigener Praxis,
Auf der Rückfahrt vom ersten
Training merkte ich schon, wie
mein Zustand besser wurde.

Links: Christoph Limberger auf dem Naturparcours. Auf
Basis dieses Prototypen baute er das erste Trainingsgerät,
den fiveBack (rechts).

134
Wirtschaft
Oben: Wolf Harwarth begeistert die gespannten Zuhörer bei einem Vortrag über das five-Konzept.
Unten: Der aktuelle Messestand mit dem five im Jahr 2025 auf der FIBO vertreten war. Seit 2013 gehört
dieses Event zum festen Bestandteil des Jahresprogramms des Unternehmens.
five Konzept 135
gemeinsam eine Firma für Trainingsgeräte. Sie
nannten die Marke „five“ – ausgehend von den fünf
Grundübungen der Packi-Methode. Mit viel Idealismus
und Pioniergeist wurde getüftelt, entwickelt und
gebaut. Zwischen 2005 und 2008 entstanden so
sieben weitere Geräte. Kunden wurden akquiriert, ein
Netzwerk aufgebaut und 2009 die five-Academy
gegründet. Hier werden bis heute Trainer in der
Methode und an den Geräten ausgebildet, um
Kunden und Patienten in Fitnessstudios, Physiotherapiepraxen
und Rehakliniken anzuleiten. five-Geräte
finden sich nahezu ausschließlich in solchen Einrichtungen.
Mittlerweile gibt es auch ein kleines Portfolio
für den Privatgebrauch. (www.five-home.de).

Die Methode
Die Firmengründer nennen sie die Logik des Schmerzes.
Es geht um Bewegungen, die der menschliche
Körper kann, aber kaum noch macht. Die ständig
gebeugte Haltung im heutigen Arbeitsalltag führt zu
einseitiger Belastung. Die dadurch verkürzten
Muskeln sorgen für Dysbalancen und Spannungen
im Körper und sind oft der Auslöser für Schmerzen
und mangelnde Bewegungsfreiheit. Mit five werden
die Muskeln trainiert und durch aktive Dehnung
wieder auf Länge gebracht. Der gesamte Körper wird
entgegen seiner Gewohnheiten gestreckt – bereits
vier bis fünf Rückwärtsbewegungen pro Tag können,
so die five-Philosophie, das Empfinden positiv
verändern. Durch das Muskellängentraining werden
Einschränkungen in der Bewegung aufgehoben oder
minimiert. Auch bei akuten Schmerzen – siehe
Krugers Sportverletzung und Limbergers Bandscheibenvorfall
– kann die Methode angewendet werden.

five ist aber auch Prävention und kann die
Leistungsfähigkeit enorm verbessern: Wer regelmäßig
seine Beweglichkeit trainiert, hat mit weniger
Problemen zu kämpfen. Denn neben Kraft, Ausdauer,
Schnelligkeit und Koordination ist Beweglichkeit
essenziell, um motorische Grundfähigkeiten zu
erhalten. Dafür reichen in einem Zeitraum von zehn
Tagen zwei regelmäßig absolvierte Einheiten. „Wir
verstehen five als eine Art Körperhygiene, wie zum
Beispiel das Zähneputzen“, sagen die Firmengründer.

Der Durchbruch
Den Durchbruch brachte dem noch jungen Unternehmen
2013 die Teilnahme an der FIBO, der
internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness und
Gesundheit in Köln. Mit 14 Geräten waren die drei
Unternehmer aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis an
Wir verstehen five als eine
Art Körperhygiene, wie zum
Beispiel das Zähneputzen.
fiveTrapez
Aktives Längentraining der gesamten Hals- und Nackenmuskulatur.

136
Wirtschaft

den Rhein gereist, um sich, ihre Methode und die
Philosophie zu präsentieren. Mit Erfolg: Mit übervollen
Auftragsbüchern fuhr das Trio nach Hause. Doch
dann die bange Frage: Wie bekommen wir das
überhaupt alles produziert? Bislang hatte Limberger
die Geräte in der von ihm angemieteten Werkstatt in
Grüningen gebaut, wo auch sein damaliger Küchenmontagebetrieb
untergebracht war. „Ich bin ans
Limit gekommen“, sagt er. Es wurde ein Partner für
die Produktion gesucht und mit der Schreinerei
Widmann in Neudingen gefunden. Der Handwerksbetrieb
mit seinen 30 Mitarbeitern ist bis heute
Produzent der five-Geräte – in enger Zusammenarbeit
mit den five-Unternehmern. „Ich gehe in der
Schreinerei ein und aus, als ob es meine eigene
wäre“, sagt Limberger mit einem Augenzwinkern.

fiveSpagat
Aktives Längentraining von Teilen der vorderen
und hinteren Muskelkette mit Schwerpunkt
auf die ischiocrurale und die hüftbeugende
Muskulatur.

Der Partner für die Produktion der five Produkte, die
Schreinerei Widmann in Neudingen.
five Konzept 137

Die Geräte
Ihr Design ist stilvoll-minimalistisch, ihre Benutzung
maximal komfortabel, wie Erschaffer Limberger sagt.
„Die Geräte sind funktionell und einfach in der
Handhabung.“ Sie bestehen aus Birkenholz, sind
entweder mit Eiche oder Linoleum belegt. Einige
Teile sind mit Kunstleder bezogen. Belag und
Bezugsfarbe kann der Kunde je nach Geschmack
wählen. Nachhaltigkeit ist den Gründern von five ein
wichtiges Anliegen. „Das größte Problem unserer
Fabrikate ist ihre Qualität: Sie sind zu gut, ihr
Lebenszyklus ist lange“, so Limberger. Wer sich vor
zwölf Jahren ein five-Gerät für sein Studio angeschafft
habe, habe heute immer noch ein sehr gutes
Produkt. Auch wenn es mittlerweile die dritte
Generation von Geräten auf dem Markt gibt, die sich
in Optik und Haptik etwas verändert haben. Die
Produktpalette umfasst mittlerweile 24 Geräte. Und
es soll weitere geben. Innovation wird bei five
großgeschrieben.

Die Entwicklung
Nach Aufträgen aus ganz Deutschland ging es nach
dem Erfolg auf der Messe für five auf den internationalen
Markt. Die Firma aus dem Schwarzwald-Baar-
Kreis war schnell in elf Ländern vertreten, unter
anderem in Brasilien. 2015 wurde five mit dem FIBO
Innovation Award ausgezeichnet. Für Fitnessstudios,
die etwas auf sich halten, stellt sich schon lange
nicht mehr die Frage, ob sie das five-Konzept in
ihrem Angebot brauchen, sondern nur noch, wie
viele der Geräte es sein sollen. Von 2012 auf 2013
konnte das Unternehmen seinen Umsatz vervierfachen.
Und das gegen anfängliche Skepsis in der
Branche. Die Methode der Überstreckung war bei
einigen Trainern und Physiotherapeuten verpönt.
„Jetzt sagen sie alle, wir haben schon immer
gewusst, wie effektiv das ist“, sagt Limberger mit
einem Augenzwinkern. Dazu kommt ein Umfeld, das
stärker als manch anderes schnellen Moden unterworfen
ist. „Trends in der Fitnessbranche kommen
und gehen. Wir sind gekommen, um zu bleiben. Die
Wirksamkeit unserer Produkte und der Erfolg geben
uns recht“, sagt Limberger.
Und das alles „Made in Black Forest“. „Der
Schwarzwald ist für uns Heimat“, macht Limberger
deutlich. Hier entsteht, was Menschen etwa in
Fitnessstudios in Rio de Janeiro und Tokio zur Bewegung
animiert. Seinen Sitz hat five in Hüfingen.
Am Standort im Gewerbegebiet Seemühle wurden
Das größte Problem
unserer Fabrikate ist ihre
Qualität: Sie sind zu gut,
ihr Lebenszyklus ist lange.

Anwendung des fiveGluts. Er kann die Spannung in der
gesamten Gesäßmuskulatur lösen und die Beweglichkeit in
der Hüfte und im Kniegelenk positiv beeinflussen.

138
Wirtschaft
Ende 2021 neben Verwaltung auch Lager und ein
großer Ausstellungsraum eingerichtet. Hier entsteht
auch der Podcast, den Wolf Harwath regelmäßig mit
wechselnden Gesprächspartnern zu den Themen
Training und Gesundheit aufnimmt. Mit dabei war
auch schon Walter Packis Sohn Wolfgang, der eine
Klinik für Biokinematik in Bad Krozingen leitet. Außerdem
gibt es immer wieder von five organisierte
Trainer-Conventions. Etwa im vergangenen September
und November.

Das Heute
2017 ist Lutz Kruger aus dem Unternehmen ausgestiegen.
Christoph Limberger und Wolf Harwath
haben five zunächst alleine weitergeführt. 2020
haben sie ihre Firma an die milon Industries GmbH
verkauft. Das Unternehmen aus Emersacker im
Landkreis Augsburg entwickelt und produziert seit
mehr als 50 Jahren elektronisch gesteuerte Trainingsgeräte
für Fitnessstudios und Gesundheitseinrichtungen.
milon und five sind zusammen in über
30 Ländern vertreten, täglich werden rund 50.000
Trainingseinheiten an ihren Geräten absolviert. Die
eigene Firma zu verkaufen – kein leichter Schritt für
die five-Gründer. „Aber es ging letztendlich um die
Absicherung unseres Lebenswerks“, sagt Limberger.
Er und Harwath sind Geschäftsführer von five-Konzept
geblieben und treiben in diesen Positionen
seine Entwicklung weiter voran. Denn wie der
menschliche Körper muss auch ein Unternehmen
stets in Bewegung bleiben.

Das Fazit
Die Welt der Bewegung nachhaltig verändert zu
haben, das nehmen die Gründer von five und dem
Konzept für sich in Anspruch. Gemeinsam mit vielen
Partnern wurde ein Umfeld geschaffen, in dem
Veränderung hin zu mehr Lebensqualität und
Mobilität möglich wird. „Wir haben diese wirksame
Trainingsmethode der breiten Masse zugänglich
gemacht“, sagt Limberger. Damit haben die Schwarzwälder
viel für Gesundheitsprävention und die
Linderung von Schmerzen getan. Solche Schmerzen,
wie Christoph Limberger sie hatte. Nach dem
Kaminofen und vor five.

Wir haben diese wirksame
Trainingsmethode der breiten
Masse zugänglich gemacht.
fiveChest
Aktives Muskellängentraining mit
Schwerpunkt auf die Zwischenrippen-,
Brust- und Atemmuskulatur.
Wolf Harwath und Christoph Limberger

five Konzept 139

xyz
Oben: Animationsprogramm von Wolf Harwath in der U-Bahn von Tokyo.
Unten: Der five-Bereich in einem Fitnessstudio.

140
ART FACTORY –
HOFFNUNGSVOLLES
LEUCHTTURMPROJEKT
TEXT UND FOTOGRAFIE VON MARC EICH

141
An der Goldenbühlstraße in Villingen stand lange das verlassene Industriegebäude
der ehemaligen Burger-Spritzguss-GmbH, das kaum noch jemand beachtete,
sozusagen dem Zerfall überlassen war. Heute entsteht dort ein nicht nur für das
Oberzentrum Villingen-Schwenningen ungewöhnlicher Ort: Die „Art Factory“
vereint Arbeitsräume mit urbanem Charakter – klare Gestaltung mit individueller
Handschrift. Was wie ein mutiges Experiment begann, hat sich längst zu einem
stark nachgefragten Anziehungspunkt entwickelt.

142
Wirtschaft
Wer früher am ehemaligen Burger-Spritzguss-Areal
an der Goldenbühlstraße in Villingen vorbeigefahren
ist, dürfte dem Schandfleck kaum Aufmerksamkeit
geschenkt haben. Kein Wunder: Das alte Industriegebäude
mit seinen Ockerfarben wirkte wie ein Relikt
aus einer anderen Zeit – abweisend, grau, sinnbildlich
für den Verfall vergangener Wirtschaftskraft. Die
Fassade war verwittert, der Putz bröckelte an mehreren
Stellen. Fensterläden hingen schief oder waren
dauerhaft geschlossen, einige Fenster notdürftig mit
Holzplatten verbarrikadiert. Dort, wo einst produziert
wurde, kamen zwischenzeitlich verschiedenste
Mieter unter, die zwischen viel Leerstand unkompliziert
Platz suchten.

Doch auch in diesem Zustand sah Badiah Ihlenfeld
– in der Kunstwelt als Badiah Azabo unterwegs
– das Potenzial der auf den ersten Blick schmucklosen
Bauten; der Häuser A und B des längst vergangenen
Industrieunternehmens. Als frühere Mieterin
verliebte sie sich in das Ensemble: In den Charme der
Bauart mit ihren hohen Decken, in den Holzboden,
der unter Dreck und Öl auf bessere Zeiten wartete.
Als Ihlenfeld erfuhr, dass die Trakte zum Verkauf
stehen, sah sie den Moment gekommen, etwas ganz
Besonderes zu realisieren: ein millionenschweres
Leuchtturmprojekt mit exklusiven Gewerbeflächen.
Badiah Ihlenfeld und Steffen Halder planen
einen Ort mit Großstadtflair
Die 52-jährige, gebürtige Französin, die sich nicht
nur als Künstlerin, sondern auch als Gestalterin von
Wohn- und Büroräumen einen Namen gemacht
hat, setzte sich mit Steffen Halder zusammen. Der
56-jährige Architekt aus Schwenningen gründete
gemeinsam mit ihr die „Halder & Ihlenfeld GmbH“ –
der Startschuss für die „Art Factory“. Ihr Ziel: Aus einem
ehemaligen Produktionsstandort einen Ort mit
Großstadtflair zu schaffen, eine Gemeinschaft von
Mietern, die die „Art Factory“ nicht nur als Arbeitsplatz,
sondern als Wohlfühlort verstehen – ein Ort,
an dem sich Kunst, Genuss, Kreativität und Produktivität
vereinen. Ein Projekt, das weit über die Grenzen
der Stadt hinausstrahlen soll.

„Die Menschen sollen nicht nur ihr Zuhause, ihr
Essen oder ihren Urlaubsort fotografieren – auch
ihren Arbeitsplatz. Ich möchte diesen anderen Lifestyle“,
sagt Badiah Ihlenfeld.
Diese Worte klangen vor Baustart im Frühjahr
2023 noch vermessen. Nicht selten erklärte man die
beiden Initiatoren für „verrückt“, wenn sie erzählten,
was sie dort vorhatten. Doch mit jedem Sanierungsschritt
wurde klar: Das ist kein Hirngespinst. Das Gebäude
mit seinen 7.000 Quadratmetern Nutzfläche
erhielt zunächst edle, dunkle Fenster. Dann verschwand
der alte Look der Fassade – und die neue
Hamburger Backsteinoptik sorgte für den ersten
Aha-Effekt. Doch das war erst der Anfang.

„Die meisten Mieter haben wir
ohne Werbung gefunden“
Ende 2024 wurde die bisherige Dachkonstruktion
des Gebäudeteils A entfernt, um mit Fertigwänden
eine neue, vollwertige Etage zu realisieren. Hier
oben vereinen sich Großzügigkeit und Exklusivität –
auf 300 Quadratmetern findet beispielsweise Notar
Alkan Atak ein neues Zuhause. Eine Terrasse mit
Blick auf Villingen, edles Interieur und aufsehenerregende
Designkomponenten runden das Bild ab.
Auch im Parallelgebäude soll die Dachkonstruktion
verschwinden, um neue Räume für eine Werbeagentur
zu schaffen.

Die Nachfrage nach Flächen ist groß, berichtet
Badiah Ihlenfeld – so groß, dass sie auch absagen
muss. Bereits mit den ersten Maßnahmen und veröffentlichten
Plänen stieß das Projekt auf breite Aufmerksamkeit
weit über Villingen-Schwenningen hinaus.
„Die meisten Mieter haben wir ohne Werbung
gefunden“, erzählt die Initiatorin.
Noch während Bauarbeiten an der Hülle und im
Inneren auf Hochtouren liefen, lud die 52-Jährige
Die Nachfrage nach Flächen
in der Art Factory ist derart
groß, dass die Initiatoren
Badiah Ihlenfeld und Steffen
Halder auch absagen
müssen.

143
Die Art Factory an der Goldenbühlstraße entwickelt sich zu einem beliebten Standort für Gewerbetreibende jeder Art.
Die Idee dazu hatte die Künstlerin und Designerin Badiah Ihlenfeld.

144
Wirtschaft
Interessierte in „ihr“ Reich ein. Im zweiten Obergeschoss
hatte sie bereits die ersten sanierten
Räume ganz nach ihren Vorstellungen designt. Hier
konnte man einen frühen Eindruck von der Transformation
gewinnen. Wenn Ihlenfeld von einer „anderen
Welt“ sprach, war das keineswegs übertrieben:
Parkettboden im Fischgrätmuster verleiht dem Raum
Wärme und Eleganz, offene Regale mit Designerstücken,
abgestimmte Sitzarrangements, eine lange
Holztafel – und als Blickfang eine auffällige Deckenleuchte
mit goldfarbenen, ovalen Elementen. Und all
das in einem einst heruntergekommenen Industriebau.
„Es ist gelungen, den Charme des Alten
mit dem Reiz des Modernen zu verbinden“
Auch heute spricht Badiah Ihlenfeld gelegentlich von
einem „Wunder“, wenn sie mit schier unbändiger
Energie durch die neuen Räume geht. „Da waren
Löcher im Boden“, erklärt sie in einem der
schmucken
Büros und ergänzt: „Das war eine
Katastrophe.“

Doch davon ist nichts mehr zu sehen.
Die regionalen Baufirmen haben es geschafft, den
Eine völlig andere Welt hat sich in der ehemaligen Burger-Spritzguss-GmbH etabliert: Parkettboden im Fischgrätmuster
verleiht den Geschäftsräumen von Badiah Ihlenfeld Wärme und Eleganz.
Im Frühjahr 2023 haben die umfassenden Sanierungsarbeiten
zur Art Factory begonnen.

145
Als Blickfang fungiert in den Geschäftsräumen von Badiah Ihlenfeld eine auffällige Deckenleuchte mit goldfarbenen, ovalen
Elementen. Unten: Die Hamburger Backsteinoptik der Art Factory sorgte für den ersten Aha-Effekt.

146
Wirtschaft
Charme des Alten mit dem Reiz des Modernen zu
verbinden. Egal wie kaputt die Flächen einst waren
– heute weht ein besonderer Glanz durch die Räume.
„Wir haben nicht gespart, wir wollten etwas Schönes
schaffen und die alte Fabrik wiederbeleben.“
Alle Nutzer der „Art Factory“ sollen bei der
Grundausstattung denselben hohen Standard vorfinden
– ganz gleich, ob es sich um ein Ingenieurbüro
im Obergeschoss oder um Proberäume für Bands im
Kellergeschoss handelt. Dass das keine leere Versprechung
ist, zeigt sich eindrucksvoll im Untergeschoss:
Dort, wo Musiker lautstark kreativ sein können, stehen
ihnen dieselben hochwertigen Sanitäranlagen
zur Verfügung wie allen anderen. Natürlich gibt es
individuelle Extras. Einige Mieter ließen sich großzügige
Bäder einbauen. „So etwas habe ich nicht mal
zu Hause“, sagt Ihlenfeld lachend.

Darauf ist sie stolz. Denn die kreative Arbeit, die
ausgeklügelten Designkonzepte und der Charme des
Hauses stammen vielfach aus ihrer Feder. Viele Mieter
hat sie bei der Ausstattung beraten, hat Räume
geschaffen, die in ihrer Gesamtheit wie eine Symbiose
wirken – und Mieter wie Gäste gleichermaßen
beeindrucken. Beispielsweise Yesim Kokott. Sie ist
mit ihrem Schönheitssalon aus der Innenstadt in das
Erdgeschoss des Gewerbeparks gezogen und zeigte
sich beim ersten Rundgang „wie geflasht“ vom Konzept.
„Hier entsteht etwas auf dem nächsten Level“,
betont sie.

„Das freundschaftliche Miteinander gehört
dazu wie das stilvolle Interieur“
Was die „Art Factory“ aber besonders auszeichnet,
ist nicht nur die Optik, sondern ihre Seele – das
Kollektiv, das hier gewachsen ist. Ihlenfeld – die alle
längst nur „Didi“ nennen – springt nicht nur bei
Designfragen ein, sondern auch dann, wenn jemand
im Haus eine Schnittwunde hat. Sie versorgt die
Verletzung, plaudert ein paar Minuten – und lädt zur
Afterworkparty ein: „Wäre schön, wenn du auch
kommst!“ Das freundschaftliche „Du“ gehört zur
Grundausstattung wie das stilvolle Interieur.
Wer durch die Räume geht, spürt sofort: Hier
geht es nicht nur um Design – hier wurde ein
Lebensgefühl
geschaffen. Ihlenfeld und Halder haben
nicht einfach saniert. Sie haben eine Gemeinschaft
geformt. Eine, in der man sich kennt, hilft,
miteinander feiert und voneinander profitiert. Die
„Art Factory“ fühlt sich an wie ein großes, kreatives
Zuhause – mit aktuell 45 Firmen unter einem Dach.
Das zeigt auch das Beispiel von Benni Hayn vom
Tattoo-Studio „Bad Kids“. Er arbeitete zuvor in der
Oberen Straße und startet nun mit seinem Team
auf 300 Quadratmetern – inklusive eigener Bar – in
der „Art Factory“ durch. Für ihn ist das neue Umfeld
ein Glücksgriff: „Hier kann die kreative Szene
zusammenkommen – das ist ein tolles Netzwerk.“
Seine Räume dienen auch als Treffpunkt für Afterwork-
Events mit DJ und entspannter Atmosphäre –
ein Angebot, das im ganzen Haus Anklang findet.

Benni Hayn zeigt auch, wie viel Entwicklungspotenzial
in der „Art Factory“ steckt. Neben dem
Tattoo-Studio betreibt er nun ein kleines Boarding-
House. Gast-Tätowierer, die eine Unterkunft
brauchen, finden diese direkt neben dem Studio.
Aber auch andere Firmen buchen die Zimmer für
Geschäftspartner.

„Die Nachfrage ist groß“, sagt
Hayn. Ein weiteres Konzept, das in diesem vielseitigen
Gewerbezentrum funktioniert.
Fünf Ladenflächen entstehen
Vervollständigt wird das Ensemble durch fünf
Ladenflächen entlang der Goldenbühlstraße. Wo
einst Unkraut wuchs und ein rostiger Zaun stand,
lädt heute eine mediterran anmutende Terrasse zum
Verweilen ein. Helle Fliesen, dunkle Holzüberdachung,
Pflanzen, die eine grüne Oase schaffen
sollen. „So wird das Äußere mit dem Inneren zu
einem Gesamtkunstwerk“, sagt Ihlenfeld.
Auch Antonio De Luca findet in der „Art Factory“
eine neue Heimat. Der erfolgreiche Friseur aus
Die Nachfrage nach Flächen
in der Art Factory ist derart
groß, dass die Initiatoren
Badiah Ihlenfeld und Steffen
Halder auch absagen
müssen.
,,
five Konzept 147
Oben: Im Tattoo-Studio „Bad Kids“ von Benni Hayn wird deutlich, wie viel Wert in der Villinger „Art Factory“
auf Innendesign und Wohlfühlfaktor gesetzt wird. Er hat sich sogar eine Theke einbauen lassen.
Unten: Blick in den Friseursalon von Antonio De Luca.
Wirtschaft
Trossingen wurde von der Location und dem Projekt
überzeugt und zog mit seinem Salon „De Luca Hair“
in das Prestige-Gebäude.
Eine der Optionen hat sich ebenfalls Yesim
Kokott
gesichert. Sie betreibt den Schönheitssalon
„Pure Signature Treatments“ in der Niederen Straße
– „es war einfach Zeit für den nächsten Schritt“,
erklärt sie im Gespräch. Sie hatte ihr erstes eigenes
Studio zur Zeit des Lockdowns eröffnet „Nun möchte
ich weiter vorankommen“, freut sie sich.

Daneben entsteht ein Café mit Außenbestuhlung.
Und auch Badiah Ihlenfeld selbst wird eine Fläche
belegen: Unter dem Namen „Interieur Azabo“ eröffnet
sie einen Designerladen für Planung, Möbel
und Beleuchtung – ein Ort für alle, die sich von der
Ästhetik
der „Art Factory“ inspirieren lassen wollen.
Innenhof mit Sonnensegeln
Besonders gespannt ist die 52-Jährige auf den zukünftigen
Innenhof zwischen den Gebäuden.

Bis zum
Sommer 2026 soll er fertig sein – zeitgleich zum gesamten
Projekt. Geplant sind große Sonnensegel und
Platz für kulturelle Formate. Im Sommer Kleinkunstbühne,
im Winter ein stilvoller Weihnachtsmarkt –
Ideen hat Badiah Ihlenfeld viele. Und sie steckt jede
freie Minute in die Umsetzung „ihres Babys“.

Dabei geht es ihr nicht um das große Geld, wie
sie betont. Vielmehr will sie Impulse in der Stadt setzen,
für Aufsehen sorgen – und eine außergewöhnliche
Gemeinschaft schaffen. „Ich möchte dieses Konzept,
dieses Bild, diesen Traum fertig sehen.“
Das millionenschwere Leuchtturmprojekt, das
insbesondere durch seine exklusive Ausstattung und
das außergewöhnliche Design besticht, soll voraussichtlich
in einem Jahr abgeschlossen sein. Zu verdanken
ist es in der Hauptsache einer mutigen und
durch und durch kreativen Frau: Badiah Ihlenfeld.
Das Design der einzelnen Geschäftseinheiten ist vom
Feinsten – gleich, ob es sich um die Architektur oder die
Inneneinrichtung handelt. Oben links und unten ist der
Kosmetiksalon von Yesim Kokott
zu sehen. Überrascht hat
Badiah Ihlenfeld, dass sich etliche Gewerbetreibende auch
ein komplettes Bad einbauen ließen. Und in vielen Bereichen
begegnet einem die Backsteinoptik in Verbindung
mit einem spannenden Lichtkonzept.
Die Büroflächen in den oberen Etagen verfügen teils über
großzügige Außenbereiche.

148

149

Das zentrale Versuchsfeld der Fachschule
für Landwirtschaft Donaueschingen bei
Döggingen
aus der Vogelperspektive.

150
5. Kapitel – Bildung
100 Jahre Fachschule
für Landwirtschaft
Donaueschingen
VON BERNHARD LUTZ

Blühende Rapsfelder auf der Baar, Streuobstwiesen im
Achdorfer Tal, Getreidefelder
zwischen VS-Tannheim und Wolterdingen,
Rinderherden am Rohrhardsberg bei Schonach – der Schwarzwald-Baar-Kreis
ist trotz tiefgreifendem Strukturwandel bis heute von Landwirtschaft geprägt.
Als unersetzbar gilt deshalb die Fachschule für Landwirtschaft in Donaueschingen.
Auf ihren Versuchsfeldern
lernen angehende Landwirte nicht nur, welche
Getreidesorten
sich hier anbauen lassen, sondern auch, wie der Anbau optimal
gelingt. Doch nicht nur die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten
gewandelt
– auch die Ausbildung. Zum 100-jährigen Bestehen
der
einstigen „Winterschule“ zeigt eine Bestandsaufnahme, wie stark Tradition
und
Moderne miteinander verknüpft sind.

152
Bildung
Landwirtschaft war und ist im Schwarzwald und
auf der Baar seit Jahrhunderten ein wesentlicher
Erwerbszweig. Höfe mit drei Generationen
und mehr sind keine Seltenheit. Dass dies bis nach
dem Zweiten Weltkrieg so blieb – und dass Landwirtschaft
nach wie vor Perspektiven hat – ist zu einem
wesentlichen Teil den Fachschulen für Landwirtschaft
wie jener in Donaueschingen zu verdanken. Hier
wird den Jungbauern und Jungbäuerinnen das nötige
Wissen zu Themen wie Viehhaltung, Bodenbeschaffenheit
oder Klima vermittelt – und ebenso zur Unternehmensführung.
Denn einen landwirtschaftlichen
Betrieb zu führen, ist keine Kleinigkeit.

Naturkatastrophe gab den Anstoß
Diese Fachschulen verdanken ihre Existenz einem
für die gesamte Welt verheerenden Vulkanausbruch
im Jahr 1815 in Indonesien. Auf der östlich von Java
gelegenen Insel Sumbawa schleudert der Mount
Tambora eine bis zu 30 Kilometer hohe Aschewolke
in die Luft, die sich wie ein Schleier über die Erde
legt. Zwei Jahre lang gibt es auch in Europa und
Nordamerika keinen richtigen Sommer. Der Himmel
verfinstert sich, das Jahr 1816 geht als das „Jahr ohne
Sommer“ in die Geschichtsbücher ein.

Diese verheerenden Wetterverhältnisse und
Missernten führen in Europa zur schlimmsten
Hungersnot im 19. Jahrhundert. Oberschwaben, eine
der Kornkammern Württembergs, und das gesamte
Großherzogtum Baden sind besonders stark betroffen:
Auf der Schwäbischen Alb fällt im Juli 1816 sogar
Schnee. An eine Ernte ist nicht mehr zu denken – die
Menschen hungerten und verhungerten.
Die Hungersnot gibt den Anstoß, die landwirtschaftliche
Ausbildung zu forcieren. König Wilhelm I.

von Württemberg erkennt, dass eine Produktivitätssteigerung
in der Landwirtschaft dringend notwendig
ist. In der Folge wird 1818 in Hohenheim die
„Landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und
Musteranstalt“ gegründet, aus der die heutige
Universität Hohenheim hervorgeht.

Auch im damaligen Großherzogtum Baden tut
sich etwas: Im Jahr 1846 wird die „Ackerbauschule
Hochburg“ ins Leben gerufen. Ab 1864 beginnt dann
die erste von drei Aufbauphasen sogenannter „Landwirtschaftlicher
Winterschulen“. Die ersten Winterschulen
entstehen in Karlsruhe und Heidelberg
und bereits 1868 wird die Winterschule in Villingen
gegründet. Ihr Einzugsgebiet erstreckt sich auf die
damaligen Amtsbezirke Donaueschingen, Villingen
und Triberg.

Der Himmel verfinsterte
sich, das Jahr 1816 ging als
das „Jahr ohne Sommer“ in
die Geschichtsbücher ein.
Die Fachschule für Landwirtschaft in Donaueschingen.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 153
Bis dann allerdings auch in Donaueschingen eine
Fachschule für Landwirtschaft entsteht, dauert es
fast noch einmal 60 Jahre. Dabei stellt die Landwirtschaft
einen wesentlichen Anteil der gesamten Wirtschaft
und Wirtschaftskraft dar. Im Jahr 1925 zählt
die Residenzstadt insgesamt 4.375 Einwohner, und
rund 50 Prozent der Beschäftigten des Kreisbezirks
Donaueschingen sind in der Landwirtschaft tätig. So
besteht der Wunsch nach einer Fachschule nah am
Wohnort und Arbeitsplatz, weil bei dem intensiven
Arbeitspensum auf den Höfen längere Anfahrten
einen
Schulbesuch häufig verhindern.

Josef Kaiser aus Behla der Initiator
Dass Donaueschingen heute eine Landwirtschaftsschule
besitzt, ist vor allem einem Mann zu verdanken,
der sich mit Weitblick, großer Tatkraft und viel
Energie für deren Gründung einsetzte: Josef Kaiser,
dem damaligen Bürgermeister von Behla. Die
Landwirtschaft lernten der 1883 geborene Josef und
seine elf Geschwister schon von klein auf im
elterlichen Betrieb kennen. Sein Vater war Großimker,
die Mutter erzielte auf dem Gebiet der Schweinezucht
gute Erfolge, heißt es in einem Porträt in
dem 1953 erschienenen Buch „Baaremer Bauernköpfe“
von Josef Albicker, auf dem dieser Absatz beruht.
Josef Kaiser war begabt, der Klassenprimus,
doch für ein Studium war kein Geld vorhanden, auch
nicht für den Besuch der landwirtschaftlichen Winterschule
in Villingen. 1914 nahm er als Soldat am
Ersten Weltkrieg teil, im September 1914 wurde er in
Frankreich schwer verwundet und als Schwerkriegsbeschädigter
entlassen. In Behla begann er mit der
bäuerlichen Aufbauarbeit und mit seiner kommunalen
und wirtschaftspolitischen Tätigkeit. Mit seiner
gradlinigen und integeren Art und mit seinem Weitblick
erwarb er sich Ansehen. Er wurde in den Verwaltungsrat,
dann in den engeren Vorstand der Badischen
Gebäudeversicherung berufen und schließlich
Bezirks-Direktor der Hagelversicherung.

Die von Großbränden betroffenen Gemeinden
der Baar und die von Hagelschlag betroffenen Landwirte
hatten Josef Kaiser viel zu verdanken. „Er war
immer ein wahrer Mittler zwischen Behörden und
Volk und hatte großes Geschick, Meinungsverschiedenheiten
schmerzlos aus der Welt zu schaffen“,
heißt es in dem Buch „Baaremer Bauernköpfe“. Und:
Er wusste, was er wollte. Dreimal stellte er in der
Kreisversammlung in Villingen den Antrag, dass in
Donaueschingen eine Landwirtschaftsschule gebaut
werden sollte, dreimal wurde der Antrag abgelehnt,
weil die Villinger befürchteten, dass ihre Schule dann
von deutlich weniger Schülern besucht wird.
Nach dem dritten „Nein“ sagte Josef Kaiser in
seinem Schlusswort: „Ich bin noch vergrämt, dass
es mir nicht möglich war, die Landwirtschaftsschule
in Villingen zu besuchen wegen Mangel an den
nötigen Mitteln. Ich möchte deshalb nicht haben,
dass andere Bauernsöhne ebenfalls vergrämt und
verhärmt werden, weil in Donaueschingen keine
Landwirtschaftsschule besteht.“ Den überraschten
Mitgliedern in der Kreisversammlung erklärte er,
„dass in Donaueschingen eine Landwirtschaftsschule
gebaut wird, auch wenn der Kreis keine Mittel dafür
übrig hat.“

In der nächsten Bürgermeisterversammlung
in Donaueschingen überzeugte Josef Kaiser seine
Kollegen vom Bau einer Schule und davon, dass das
Geld von den Gemeinden kommen müsse, weil der
Kreis Villingen keinen Zuschuss geben wolle. Es wur-
Bürgermeister Josef Kaiser aus Behla.

154
Bildung

de ein Zweckverband gegründet, das Gebäude des
Bezirkskommandos in der Käferstraße 26 erworben,
das heutige Domizil der Volksbank, und dort die
Donaueschinger Winterschule eingerichtet. Als der
Kreis Villingen sich dann drei Jahre später doch dazu
entschloss, die Schule zu erwerben, war das Haus
bereits bezahlt.

Insgesamt 39 Jahre diente Josef Kaiser seiner
Heimatgemeinde als Bürgermeister. In dieser Zeit
verdoppelte er das Gemeindevermögen, vermehrte
das Waldgebiet um ein Drittel und engagierte sich
vielfältig für Verbesserungen wie für die Elektrifizierung
im Jahr 1921. Und in Behla wurden die ersten
Saatgutäcker in der Region angelegt!
1925 die ersten Schüler
Die Landwirtschaftsschule Donaueschingen gehört
zu den nachhaltigsten Verdiensten von Josef Kaiser.
Schon die erste Winterschule, die am 7. Januar 1925
eröffnete, besuchten 29 Schüler mit einem Durchschnittsalter
von 25 Jahren. Die Winterschule 1925/26
besuchten schon 56 Schüler zwischen 16 und 27
Jahren, das Schulgeld für den Unterkurs betrug 20
Ich bin noch vergrämt, dass
es mir nicht möglich war,
die Landwirtschaftsschule
in Villingen zu besuchen
wegen Mangel an den
nötigen Mitteln.

Ich möchte
deshalb nicht haben, dass
andere Bauernsöhne ebenfalls
vergrämt und verhärmt
werden, weil in Donaueschingen
keine Landwirtschaftsschule
besteht.

Die Landwirtschaftsschule im Gebäude des ehemaligen
Bezirkskommandos in der Käferstraße 26 von 1925 – 1954.
Heute beherbergt dieses Gebäude die „Gestalterbank.“
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 155
Reichsmark, für den Oberkurs waren 15 Reichsmark
zu entrichten.

1933 startete die erste Mädchenklasse, darin
ging es neben der Landwirtschaft und den inneren
Zusammenhängen des landwirtschaftlichen Betriebs
auch um die Themen Hauswirtschaft, Ernährung und
Kinderpflege sowie um die Bedeutung der Frau in
staatsbürgerlicher Hinsicht.

In 100 Jahren über 4.500 Schüler unterrichtet
Bis zum Jubiläumsjahr 2025 besuchten über 4.500
Jungbauern und Jungbäuerinnen die Landwirtschaftsschule
Donaueschingen, die mittlerweile die
einzige Landwirtschaftsschule im Schwarzwald-Baar-
Kreis ist. Denn nachdem der Landkreis Donaueschingen
1973 im Zuge der baden-württembergischen Verwaltungsreform
im neuen Schwarzwald-Baar-Kreis
aufging, wurde die Landwirtschaftsschule Villingen
am 31. März 1974 geschlossen. Doch auch dabei spielten
die Differenzen zwischen der Baar und dem Raum
Villingen-Schwenningen eine Rolle, allerdings mit
schlechtem Ausgang für das Oberzentrum, schildert
Siegfried Jäckle aus St. Georgen, der lange Jahre im
Landwirtschaftsamt tätig war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte auch im Gebiet des
neuen Schwarzwald-Baar-Kreises längst der gravierende
Strukturwandel in der Landwirtschaft
eingesetzt. Da die Industrie und das Handwerk oft
wesentlich lukrativere Arbeitsplätze boten, mussten
Links: Ab 1954 bezog die Landwirtschaftsschule ein neues
Gebäude in der Irmastraße 3, wo bis 2007 unterrichtet wurde.
Rechts: Blick in den Werkraum im Jahr 1954.
Unten: In der Schulküche Anfang der 1950er-Jahre noch
im ersten Gebäude in der Käferstraße.

156
Bildung

immer mehr kleinere Höfe den Betrieb einstellen
und ihre Felder verpachten oder verkaufen. Die aktuellen
Zahlen spiegeln den enormen Rückgang wider:
2023 hatte Donaueschingen 22.312 Einwohner, doch
nur noch etwa zwei Prozent der Bevölkerung sprich
ca. 450 Erwerbstätige sind in der Landwirtschaft
beschäftigt. Umso wichtiger ist eine fundierte Ausbildung
der verbleibenden Landwirte. Und dies ganz
besonders deshalb, weil der Schwarzwald-Baar-Kreis
mit seiner Topographie die Landwirte klimatisch und
topografisch vor höchst unterschiedliche Herausforderungen
stellt.

Großes Einzugsgebiet
„An der Landwirtschaftsschule Donaueschingen
bildet die Rinder- und Milchtierhaltung neben der
Unternehmensführung samt Betriebswirtschaft den
Hauptschwerpunkt“, so Dr. Silke Lanninger, Dezernentin
für Ländlichen Raum im Schwarzwald-Baar-
Kreis und Gertraud Lohrmann, bis Mai 2025 Leiterin
der Landwirtschaftsschule Donaueschingen. „Die
Landwirte sind Unternehmer und das Investitionsvolumen,
das im Landkreis umgesetzt wird, ist beachtlich“,
so die Dezernentin. In den letzten zehn Jahren
wurden allein von den Betrieben, die eine Investitionsförderung
in Anspruch nahmen, im Schnitt zehn
Mio. Euro jährlich in Bau- und Modernisierungsmaßnahmen
investiert. „Und das trotz der hohen
Baukosten und den gestiegenen Zinsen“, erklärt
Stephanie Häußler-Gnirß, die beim Landwirtschaftsamt
für Investitionsförderung zuständig ist.
Doch gibt es in der Landespolitik aktuell Bestrebungen,
die fachliche Ausbildung auf drei Standorte
zu konzentrieren: auf Kupferzell
im Hohenlohischen,
Emmendingen-Hochburg und einen sogenannten
„Cluster Oberschwaben“. Dezernentin Silke Lanninger:
„Wenn es tatsächlich so käme, gäbe es im Südwesten
Baden-Württembergs einen weißen Fleck.
Die Meisterschulen in Emmendingen und Oberschwaben
sind für Landwirte im Schwarzwald-Baar-
Kreis einfach zu weit entfernt.“ Denn schon das Einzugsgebiet
der Donaueschinger Schule ist groß: Es
umfasst neben dem Schwarzwald-Baar-Kreis die Landkreise
Konstanz, Tuttlingen, Rottweil, Breisgau-Hochschwarzwald
und Waldshut.

Breites Ausbildungsangebot
Viele junge Landwirte absolvieren in Donaueschingen
die Ausbildung zum „Wirtschafter/in des
Landbaus“. Der Abschluss richtet sich an alle, die
Führungsaufgaben in landwirtschaftlichen Betrieben
übernehmen wollen – sei es im Familienbetrieb oder
als Betriebsleiter. Inhalte sind unter anderem
Pflanzenbau, Tierhaltung, Agrarökonomie und
Betriebsführung. Zudem wird die Ausbildung so
gestaltet, dass die Absolventen gut auf eine anschließende
Meisterprüfung vorbereitet sind. Die
Ausbildung zum Meister erfolgt nach einer dreijährigen
Lehre zum Landwirt auf einem landwirtschaftlichen
Betrieb. Daran schließt sich der Besuch der
Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen an,
die drei volle Winterhalbjahre sowie einzelne
Unterrichtstage im Sommer umfasst. Die Meister-
Auf dem Versuchsfeld wird der Wuchs der Getreidesorten
begutachtet.

Wenn es tatsächlich so
käme, gäbe es im Südwesten
Baden-Württembergs
einen weißen Fleck.

100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 157
prüfung legen 90 bis 95 Prozent der teilnehmenden
Jungbäuerinnen und Jungbauern ab.
Die zweite Schulform ist eine Teilzeitschule für
Nebenerwerbslandwirte. Sie umfasst zwei Winterund
ein Sommerhalbjahr. Im Winter wird jeweils am
Dienstag- und Donnerstagabend von 19 bis 22 Uhr
unterrichtet. Dezernentin Silke Lanninger hat Respekt:
„Das sind Leute, die sind voll im Betrieb und
Beruf, setzen sich ins Auto und absolvieren dann drei
Stunden die Schule mit einer hohen Eigenmotivation,
um ihre berufliche Entwicklung voranzubringen.“
Dennoch sei das Interesse groß an diesem Weiterbildungsmodell,
schildert die ehemalige Schulleiterin
Gertraud Lohrmann: „Im Moment haben wir
eine Warteliste von 70 Anmeldungen, und bis nächstes
Jahr haben wir sicher 90 Bewerbungen. Doch wir
können gerade einmal 30 Studierende annehmen, da
nicht mehr Kapazitäten zur Verfügung stehen. Das
zeigt, dass Landwirtschaft ein Beruf mit Zukunft ist.“
Weiter besteht eine Teilzeitklasse Hauswirtschaft,
es handelt sich um eine nebenberufliche Ausbildung
mit einem Tag Unterricht in der Woche. Sie dauert
zwei Winter und einen Sommer. Dezernentin Silke
Lanninger schildert die Entwicklung: „Die Hauswirtschaftsausbildung
diente ursprünglich dazu, Bauerntöchter
dazu zu befähigen, einen großen Haushalt zu
führen.“ Dazu kamen Themen wie Hygiene, Vorratshaltung
und die medizinische Grundversorgung für
Mensch und Tier. „Das haben die Frauen wie selbstverständlich
auch gemacht“, erklärt die Dezernentin.

Aktuelle Themen sind zentraler Inhalt
Spannend findet Silke Lanninger bei den nebenberuflichen
Ausbildungen die berufliche Vielfalt unter
den Teilnehmern: Sie reicht etwa vom Förster über
Zimmermann und Mechaniker bis hin zum Mechatroniker.
Bei den Frauen sind sowohl kaufmännische
als auch handwerkliche Berufe vertreten. Stolz ist
Lanninger auf die enge Betreuung der Studierenden
durch die Fachlehrer. Diese biete auch eine qualifizierte
Entscheidungsgrundlage, zum Beispiel, wenn
jemand seinen Betrieb umstellen will, etwa von
Milchviehhaltung auf Bullenmast. Im Rahmen der
Meisterarbeit zeige sich, ob so eine Umstellung
lohnend und wirtschaftlich sei, oder ob schwerwiegende
Gründe dagegen sprechen.

Von Ökolandbau bis Digitalisierung
Aktuelle Themen sind ein zentraler Bestandteil des
Unterrichts an der Fachschule. So werden auch Themen
wie Biodiversität, Ökolandbau, Digitalisierung
oder Tierwohl in den Unterricht mit eingebunden.
Wer für seine Rinder zum Beispiel höhere Standards
bei der Haltungsform anstrebt, muss dies bereits
beim Stallbau, beziehungsweise Stallumbau berücksichtigen,
was die Baukosten entsprechend erhöht.
Unterricht am dritten Standort der Fachschule für Landwirtschaft,
in der Humboldstraße 11.

158
Bildung

Dann kann er aber über das entsprechende Tierwohllabel
seine Produkte auch besser vermarkten. Somit
sind für angehende Landwirtschaftsmeister nicht nur
betriebswirtschaftliche und produktionstechnische
Kenntnisse wichtig, sondern auch Kenntnisse über die
Anforderungen an eine artgerechte Nutztierhaltung.
Auch für ökologisch erzeugte Produkte gibt es
zahlreiche Labels zur Kennzeichnung der Produkte.
So steht das Bio-Siegel als markengeschütztes Zeichen
für eine zertifizierte ökologische Produktion
und kann für die Kennzeichnung von Bio-Lebensmitteln
verwendet werden.

„Die Landwirtschaftsschule Donauschingen
muss erhalten bleiben“
Dezernentin Silke Lanninger und ehemalige Schulleiterin
Gertraud Lohrmann sind sich einig: „Die Stärke
der Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen
und insbesondere des Standorts ist, dass die
Studierenden ein Angebot vor Ort haben, das es
ihnen ermöglicht, während der Ausbildung im
eigenen Betrieb weiter präsent zu sein und mitzuarbeiten.“
Ein Herzensanliegen ist den beiden engagierten
Frauen: Die Landwirtschaftsschule Donaueschingen
muss auf alle Fälle erhalten werden, um die
landwirtschaftliche Ausbildung in der Region
sicherzustellen.
„In der Landwirtschaft waren schon immer
Persönlichkeiten mit guten Ideen aktiv“
Auch für Landrat Sven Hinterseh hat die Fachschule
für Landwirtschaft Donaueschingen einen hohen
Stellenwert. Er betont, bereits die Entstehung der
Fachschule zeige, dass in der Landwirtschaft im
Landkreis schon immer Persönlichkeiten mit guten
Die Stärke der Fachschule
für Landwirtschaft Donaueschingen
und insbesondere
des Standorts ist, dass die
Studierenden ein Angebot
vor Ort haben, das es ihnen
ermöglicht, während der
Ausbildung im eigenen
Betrieb weiter präsent zu
sein und mitzuarbeiten.
Praxisunterricht innerhalb der Ausbildung zur Fachkraft
für Hauswirtschaft sowie Unterricht im Stall während der
Ausbildung zum Wirtschafter im Landbau.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 159
Ideen aktiv waren. Die auch aus einer eigenen Betroffenheit
heraus einen bedeutenden Mehrwert für
die Gesellschaft geschaffen hätten. Und was Josef
Kaiser mit Überzeugung, Tatkraft und Eigeninitiative
vor 100 Jahren gelungen sei, trage weiter in unsere
Zeit.

Landrat Sven Hinterseh hält mit Blick auf das
100-jährige Bestehen der Donaueschinger Fachschule
für Landwirtschaft zudem fest: „Wir haben junge,
aktive und innovative Landwirtinnen und Landwirte
in unserem Kreis und im Einzugsgebiet unserer Fachschule
für Landwirtschaft, die eine hochmoderne
Landwirtschaft betreiben.
Um unsere Nachwuchslandwirte mit dem fachlichen
Know-how auszustatten und sie für ihre eigene
Selbstständigkeit gut zu wappnen, ist unsere Fachschule
für Landwirtschaft mit ihren Lehrkräften eine
wichtige Institution. Hier ist es möglich, dass die
Nachwuchskräfte Impulse für ihre Arbeit erhalten
sowie Kontakte knüpfen. Vor allem sei wichtig, durch
die Ortsnähe weiter im eigenen Betrieb arbeiten zu
können.“
Von Ökolandbau bis Digitalisierung
Im 100. Jahr des Bestehens der Schule gab es auch
einen Wechsel an der Spitze: Verantwortlich für die
Fachschule für Landwirtschaft in Donaueschingen
ist seit September 2025 der neue Schulleiter Markus
Porm mit einem bewährten
Team um
den langjährigen
Stellvertreter Manuel
Krawutschke.

Markus Porm ist seit
2010 in der Landwirtschaftsverwaltung
in
Baden-Württemberg
tätig. Zu seinen Stationen
innerhalb der
Verwaltung gehören
neben der Landesanstalt
für Schweinezucht
(LSZ) und dem Landwirtschaftsministerium
(MLR) in Stuttgart das Landwirtschaftsamt in
Stockach. Hier war er als Schulbeauftragter für den
Bereich Landbau zuständig. Zuletzt war Porm Leiter
des Fachbereichs Landwirtschaft am Landratsamt
Breisgau-Hochschwarzwald.

Auch der neue Schulleiter benennt den Erhalt der
Landwirtschaftsschule als zentrale Aufgabe in seiner
neuen Funktion. Die Rolle der Landwirtschaft im
sozialen Gefüge und als Wirtschaftsfaktor des ländlichen
Raumes seien unersetzlich, hält er fest. Eine
gute Ausbildung ist für ihn die Grundvoraussetzung
für den Erhalt der heimischen Landwirtschaft und
damit des ländlichen Raumes sowie unserer einzigartigen
Kulturlandschaft.

DIE ABSCHLÜSSE
HAUPTBERUFLICHE ABSCHLÜSSE:
∙ Wirtschafter im Landbau
∙ Landwirtschaftsmeister/Landwirtschaftsmeisterin
NEBENBERUFLICHE ABSCHLÜSSE:
∙ Abschluss Fachkraft für Landwirtschaft und
∙ Fachkraft für Hauswirtschaft
Weitere Informationen gibt es im Internet unter
Schulleiter Markus Porm

Bildung
Erfolgsgeschichten aus der Landwirtschaftsschule
VON BERNHARD LUTZ

160

Armin Obergfell
Der aus St. Georgen-Stockwald stammende gelernte
Elektriker Armin Obergfell ( Jahrgang 1978) übernahm
im Jahr 2010 den auf 830 Metern gelegenen
elterlichen Hof, der sich schon seit mehreren
Generationen im Familienbesitz befindet. Er entwickelte
ihn von 41 auf heute 50 Milchkühe plus
Nachzucht. Insgesamt betreut Armin Obergfell
zwischen 80 und 90 Tieren.

Von 2001 bis 2003 besuchte er die Berufsschule
in Villingen und absolvierte die Ausbildung zum
Landwirt. Von Herbst 2003 bis 2006 schloss sich daran
der Besuch der Landwirtschaftlichen Fachschule
in Donaueschingen an. „Ich fand den Ansatz super,
die Nähe zum Betrieb zu haben und dass man das
Ganze in der Schule begleitet“. Spannend empfand er
die betriebswirtschaftliche Komponente der Ausbildung.
„Wir hatten damals in der Winterschule
Buchführung am PC. So habe ich gelernt wie man
Buch führt und mache das heute noch“. Danach folgte
die Auswertung des Buchführungsabschlusses. „Wir
haben in der Schule den eigenen Betrieb genau
analysiert. Das hat mich wach gerüttelt, ob das so
sinnvoll ist, was wir machen“. Der Hof hat sich auf
dieser Basis gut entwickelt. 2011 stellte die Familie
von der Anbindehaltung auf Laufstallhaltung um. Vom
Hof ernährt sich aktuell seine vierköpfige Familie.
Insgesamt zieht Armin Obergfell ein positives
Fazit: „Ich habe in beiden Schulen viel gelernt über
Tierhaltung, Pflanzenbau und Betriebswirtschaft.
Dieses Wissen nützt mir bis heute, meinen Betrieb zu
führen.“

Armin Obergfell
Wir haben damals in der
Schule den eigenen Betrieb
ganz genau analysiert. Das
hat mich wach gerüttelt, ob
das so sinnvoll ist, was wir
machen.

Der Hof der Familie Obergfell in St. Georgen-Stockwald befindet
sich seit mehreren Generationen im Familienbesitz.

161
Markus Keller
Aus einer landwirtschaftlich geprägten Familie in
Blumberg-Opferdingen stammend, entdeckte
Markus Keller ( Jahrgang 1976) schon früh seine
Leidenschaft für das Landleben. Nach einer Ausbildung
zum Werkzeugmechaniker absolvierte er 1999
die Gehilfenprüfung im Beruf Landwirt und übernahm
2011 den Hof seiner Eltern Franz und Hannelore
Keller. Von Herbst 2011 bis Frühjahr 2014 besuchte
er die Landwirtschaftsschule in Donaueschingen und
legte im Herbst 2014 die Meisterprüfung ab. Seit
2017 ist er Mitglied des Meisterprüfungsausschusses.
Der Hof wird im Vollerwerb bewirtschaftet, davon
lebt die ganze Familie, das Ehepaar Markus und
Karin Keller mit ihren drei Kindern. Vater Franz Keller
unterstützt sie noch mit viel Elan. Auf der landwirtschaftlichen
Berufsschule habe er erfahren, wie man
zum Beispiel düngt oder wie man füttern soll sowie
die Unternehmensführung und Betriebswirtschaft
erlernt. Die Fachschule war die Vorbereitung auf die
Meisterprüfung, drei Winter- und zwei Sommersemester,
und endete mit dem Abschluss „Staatlich geprüfter
Wirtschafter für Landbau“. Gefordert war eine
Wirtschafterarbeit, in der der Standort, der Betrieb
und die ganzen Produktionsverfahren beschrieben
wurden. Anhand von drei Buchführungsabschlüssen
wurde ein kalkulierter Ist-Betrieb erstellt, der anschließend
durch kleine Veränderungen optimiert wurde,
schildert Markus Keller.

Die anschließende Meisterarbeit baute auf der
Wirtschafterarbeit auf, die um Zukunftspläne ergänzt
wurde. Einzelne Fragestellungen lauteten: „Wie
könnte mein Betrieb in fünf Jahren aussehen? Baue
ich zum Beispiel einen neuen Stall, investiere ich in
Ferienwohnungen oder stelle ich meinen Betrieb auf
ökologisch um?“ Wie sind die Auswirkungen auf das
Betriebsergebnis, die Arbeitskraft, den Grundfutterbedarf?
Darauf folgte die Stellungnahme zu den Ergebnissen
der Pläne.

Der engagierte Landwirt betont: „Mir hat der Besuch
der Landwirtschaftsschule in Donaueschingen viel
gebracht, und sie liegt mir auch am Herzen. Es wäre mir
nicht möglich gewesen, die Fachschule in Emmendingen-
Hochburg zu besuchen neben dem Betrieb und der
Familie mit damals drei kleinen Kindern.“
Neben Beruf und Familie engagiert er sich
ehrenamtlich
im Narrenverein „Obertalemer Blindschießer“,
bei der Feuerwehr und seit 2024 auch im
Ortschaftsrat Achdorf. Zudem ist er Vorsitzender des
BLHV-Stadtverbands Blumberg. Er kritisiert die Pläne,
die Zahl der Fachschulen in Baden-Württemberg auf
drei zu reduzieren. Zum Glück sehe das Landwirtschaftsministerium
dies bisher anders und erkläre,
„So lange Schüler da sind, bleibt die Schule!“

Markus Keller
In diesem 1829 erbauten Hof mit Hausnamen „ s‘Heinimas“
wohnt die Betriebsleiterfamilie Keller in 7. Generation. Unter
diesem Dach ist ebenfalls der Stall des Jungviehs.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen
Es wäre mir nicht möglich
gewesen, die Fachschule in
Emmendingen-Hochburg
zu besuchen neben dem
Betrieb und der Familie mit
damals drei kleinen Kindern.

Ariane Fleig
Vor ihrem Küchenfenster steht immer ein frischer
Basilikum. „Bei mir kommt fast auf jedes Essen
Basilikum“, sagt Ariane Fleig vom Poolehof in
VS-Nordstetten. Die gelernte Krankenschwester aus
Brigachtal sieht Hauswirtschaft als Lebensaufgabe.
Dass ihr die umfangreiche Arbeit auf dem großen
Hof mit 200 Milchkühen, bis zu 15 Mitarbeitern und
ihrer vierköpfigen Familie Freude bereitet, verdankt
sie auch der Landwirtschaftsschule Donaueschingen.
Nach der Heirat zog sie auf den 753 Meter hoch
gelegenen Hof, in dem vier Generationen lebten –
und arbeitete zunächst weiter in ihrem Beruf. Als ihre
Schwiegermutter und die Großmutter gleichzeitig
im Krankenhaus lagen, übernahm sie den gesamten
Haushalt – eine Aufgabe, die sie jahrelang prägte. In
der Bauernzeitung las sie von der zweijährigen Ausbildung
zur ländlichen Hauswirtschafterin mit einem
Unterrichtstag pro Woche. Neugierig meldete sie
sich an und startete 2018 die Ausbildung. „Wir waren
ein kleiner Kreis von 20 Frauen, alles Gleichgesinnte,
wir haben uns gegenseitig unterstützt.“

Die Ausbildung gliederte sich in zwei Teile: Fachkraft
für Hauswirtschaft und anschließend Hauswirtschafterin.
Auch Homeschooling während Corona
gehörte dazu. Für die Prüfung plante sie, wie sie ihre
15 Mitarbeiter tagsüber nahrhaft verpflegt. In der
praktischen Prüfung stellte sie ein Buffet für Jugendliche
mit heimischen Produkten zusammen.

Zur Ausbildung zählten auch Nähen, Bügeln, Gartenbewirtschaftung
und viele Alltagsthemen. Das dort
erworbene Wissen nutzt Ariane täglich – besonders
in der Erntezeit, wenn sie zwölf Mitarbeiter versorgt.
„Ich backe Brot, Brötchen, Nusszopf und Kuchen
selbst.“ Auch Käse und Joghurt stellt sie aus eigener
Milch her. „Bei uns wird jeden Tag frisch und mit guten
Produkten gekocht. Mir macht es Spaß, die Freude
am Kochen auch meinen Kindern weiterzugeben.“
Wichtig war ihr der Austausch mit den anderen
Frauen und die vielen Tipps: „Man muss es nicht
perfekt machen – es muss Spaß machen.“ Die Schule
vermittelte Freude an der Hauswirtschaft. „Sie ist
eine wertvolle Aufgabe – sie gibt uns das Wohlfühlgefühl
zuhause.“ Ihre fast erwachsenen Kinder
kochen und backen ebenfalls gern. Weiterbildung
bleibt für sie essenziell: „Stillstand ist Rückstand.“
Lebensmittel wertzuschätzen gehört für sie dazu
– und sie wünscht sich mehr gesellschaftliche
Anerkennung
für die Hauswirtschaft.

162
Ariane Fleig
Man muss es nicht perfekt
machen – es muss Spaß
machen.
Der Poolehof der Familie Fleig in VS-Nordstetten.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 163
Reiner Schnekenburger
Ein wichtiger Botschafter der Landwirtschaftlichen
Fachschule Donaueschingen ist Reiner Schnekenburger
( Jahrgang 1960 ) aus dem Bad Dürrheimer Ortsteil
Biesingen. Seit 20 Jahren engagiert er sich als Vorsitzender
des „Vereins landwirtschaftlicher Fortbildung“
intensiv für die Vereinsbelange, einen Zusammenschluss
der ehemaligen Fachschüler. Als Kind erlebte
er in den 1960er Jahren wie der elterliche Hof mitten
in Biesingen abbrannte.

Die Eltern entschlossen sich zu einer Aussiedlung.
1967 eröffneten sie den neuen Hof mit zwölf
Kühen samt Nachzucht und fünf Muttersauen mit
angegliederter Mast und erweiterten ihn Stück für
Stück auf bis zu 40 Kühen. Ab 1980 führte der Sohn
Reiner Schnekenburger den Betrieb bis zum Jahr
2012 dann im Vollerwerb mit Mastschweinen und
Milchkühen.

Nach der Mittleren Reife hatte er auf der Berufsschule
in Villingen eine landwirtschaftliche Lehre absolviert,
an die sich dann der Besuch der Winterschule
Donaueschingen anschloss – mit dem 1981 erlangten
Abschluss zum hauptberuflichen Landwirt. Der
Fachschulbesuch bedeutete für ihn eine Vertiefung
im Pflanzenbau, der Tierhaltung und hauptsächlich
der Betriebswirtschaft. Nach zwei praktischen Jahren
folgte dann 1984 der Meisterbrief.

Mit seinem Vater Richard Schnekenburger zusammen
hatte er eine GbR gehabt, bis der Vater in
Rente ging. Als eine größere Investition anstand,
seine Söhne sich aber beruflich anders orientierten,
gab Reiner Schnekenburger die Milchviehhaltung
auf. Er erhielt eine Anstellung bei dem Ernteversicherer
„Vereinigte Hagel“ und ist seither im Außendienst
sowie als Sachverständiger im südlichen
Baden-Württemberg unterwegs. Die gesamte Fläche
seines Hofes bewirtschaftet er seither im Nebenerwerb
als Grünland für Heuverkauf sowie im Ackerbau
mit den klassischen Kulturen Winterweizen,
Wintergerste, Raps, und Silomais.

Die Fortbildung endet für ihn nicht mit dem Besuch
der Fachschule, dafür sorgt er im „Verein landwirtschaftlicher
Fortbildung“ als Vorsitzender. Der
Verein ist ein Zusammenschluss der ehemaligen Fachschüler
und hat derzeit rund 600 Mitglieder: Angeboten
werden Veranstaltungen wie die jährliche Bezirkslehrfahrt
im Sommer, „wo wir drei Betrieb besuchen,
die in eine bestimmte Richtung investiert haben, wo
wir etwas Neues anschauen können“, zum Beispiel in
den Fremdenverkehr oder in die Milchviehwirtschaft.
Dazu kommen Führungen auf dem Versuchsfeld in
Döggingen sowie Seminare für den landwirtschaftlichen
und hauswirtschaftlichen Bereich.

Reiner Schnekenburger
Der auf der Ostbaar gelegene Hof von Reiner Schnekenburger
in Biesingen.

164
Bildung
Die Hochschule Furtwangen

175 Jahre Hochschule Furtwangen 165
Zukunft gestalten im
Herzen des Schwarzwalds
VON ANJA BIEBER

Mitten im Schwarzwald gelegen, verbindet die Hochschule Furtwangen (HFU) auf
einzigartige Weise Tradition und Zukunft. Sie ist eine der ältesten
Hochschulen
Baden-
Württembergs und zugleich eine der innovativsten: Mit rund 4.500 Studierenden,
an verschiedenen Standorten und mit einem klaren Fokus auf Zukunftsthemen
bietet sie ein modernes Studienumfeld mit internationaler Ausrichtung, hoher
Praxisnähe und wissenschaftlicher Exzellenz. Im Jahr 2025 blickt die Hochschule
Furtwangen (HFU) auf eine beeindruckende
175-jährige Geschichte zurück. Eine
Geschichte, die geprägt ist von technischer Kompetenz, kontinuierlicher Innovation
und enger Verflechtung mit der regionalen Wirtschaft.

Von der Uhrmacherkunst zur
Ingenieurschule – die Anfänge
im 19. Jahrhundert
Seit ihrer Gründung im Jahr 1850
hat sich die Hochschule Furtwangen
(HFU) stetig weiterentwickelt:
von einer spezialisierten Uhrmacherschule
zu einer modernen
Hochschule für angewandte Wissenschaften
mit internationaler Ausstrahlung
und technologischer
Vorreiterrolle. Die Wurzeln der
Hochschule Furtwangen reichen
zurück ins Jahr 1850 – zur Gründung der Großherzoglichen
Badischen Uhrmacherschule. Erster Leiter
dieser Institution war Robert Gerwig,
ein technikbegeisterter Ingenieur,
Visionär und vielseitiges Genie
seiner Zeit. Gerwig, später bekannt
als Erbauer der Schwarzwaldbahn
und Präsident der Badischen
Staatseisenbahn, erkannte früh die
Bedeutung systematischer technischer
Bildung für die wirtschaftliche
Entwicklung der Region. In einer Zeit,
in der der Schwarzwald als Zentrum
der Uhrmacherkunst galt, sollte diese
Schule die handwerkliche Tradition
sichern und durch systematische Ausbildung
weiterentwickeln.

Bereits zwei Jahre später wurde
Robert Gerwig
Mit der Hochschule Furtwangen blickt eine der ältesten Hochschulen
in Baden-
Württemberg auf eine 175-jährige Geschichte zurück

166
Bildung

1852 das heutige „Deutsche Uhrenmuseum“ in Form
einer Uhrensammlung begründet. Dieses ist bis
heute eng mit der Hochschule verbunden und
fungiert mit seiner einzigartigen Sammlung als
lebendiges Zeugnis auch dieser frühen Ära.
In den folgenden Jahrzehnten wurde das Bildungsangebot
kontinuierlich erweitert: 1877 wurde
die Uhrmacherschule neu aufgestellt und eine
Schnitzereischule eingerichtet. Bereits 1891 folgte
mit der Einführung der Elektrotechnik ein erster
Schritt in Richtung moderner Ingenieursausbildung
– ein Weitblick, der das Fundament für die spätere
technische Ausrichtung legte.
20. Jahrhundert – technologischer Wandel
und neue Bildungsfelder
Mit der Umbenennung zur „Badischen Uhrmacherschule,
Staatliche Höhere Fachschule für Groß- und
Taschenuhrmacherei, Feinmechanik und Elektromechanik“
im Jahr 1925 wurde die zunehmende
Bedeutung
der Technik deutlich. Nur ein Jahr später
folgte die Einführung der Radiotechnik – ein
weiteres Zeichen dafür, dass die Institution stets am
Puls der technischen Entwicklungen war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1947 aus der
Uhrmacherschule die „Staatliche Ingenieurschule
Furtwangen/Schwarzwald“. Nun stand der Ausbau
ingenieurwissenschaftlicher Disziplinen im Mittelpunkt.
Die Ausbildung in Feinwerktechnik, Gerätebau,
Automatisierungstechnik sowie später Elektronik
und Regelungstechnik bereitete Studierende auf
eine neue industrielle Realität vor.

In den 1960er-Jahren wurde das physische
Wachstum der Schule durch mehrere Neubauten an
der Gerwigstraße sichtbar, ebenso wie der technologische
Fortschritt: 1963 nahm das erste Rechenzentrum
mit einer elektronischen Großrechneranlage
seinen Betrieb auf – ein Vorreiterprojekt in einer
Zeit, als Computertechnik noch in den Kinderschuhen
steckte.

Aufstieg zur Fachhochschule – Informatik,
Wirtschaft und Interdisziplinarität
Mit der Umwandlung zur „Fachhochschule Furtwangen“
im Jahr 1971 begann eine neue Ära. Die Einführung
der Studiengänge Allgemeine Informatik und
Wirtschaftsinformatik markierte den Beginn eines
dynamischen Wachstums, das die Hochschule in den
kommenden Jahrzehnten prägen sollte. Bereits 1975
wurde Wirtschaftsinformatik als eigenständiger
Studiengang etabliert – eine zukunftsweisende
Entscheidung angesichts der späteren Digitalisierung
aller Lebens- und Arbeitsbereiche.
In den 1980er- und 1990er-Jahren baute die
Hochschule ihr Profil als technologische Innovationsstätte
weiter aus. Product Engineering, Werkstofftechnik,
Verfahrenstechnik, Mikrosystemtechnik,
Die Großherzoglich Badische Uhrmacherschule (links) bei
der evangelischen Kirche nach 1900.

175 Jahre Hochschule Furtwangen 167
Medieninformatik und Medical Engineering – die
Liste der neu eingeführten Studiengänge liest sich
wie eine Chronik der technologischen Entwicklungen
der jeweiligen Zeit. Besonders hervorzuheben ist die
Etablierung eines Labors für integrierte Schaltungen
im Jahr 1984, ein Schritt, der die Verankerung der
Mikroelektronikforschung in Furtwangen unterstrich.
Mit der Eröffnung einer weiteren Abteilung in
Villingen-Schwenningen im Jahr 1988 begann die
Hochschule Furtwangen damit, sich regional zu verzweigen
– ein strategischer Schritt, um neue Kompetenzzentren
in medizinischen und digitalen Technologien
aufzubauen.

Der Weg zur „Hochschule für
Technik und Wirtschaft“
1997 firmierte die Institution um zur „Hochschule
für Technik und Wirtschaft“ – ein neuer Name, der
der Bandbreite an Disziplinen und Studiengängen
gerecht wurde. In den frühen 2000er-Jahren
erlebte die HFU einen wahren Innovationsschub:
Studiengänge wie Online Medien, Biotechnologie,
Computer Engineering oder Business Consulting
verdeutlichen die Ausrichtung auf Zukunftsthemen.
2009 erweiterte die Hochschule Furtwangen ihr
Wirkungsgebiet und eröffnete ihren dritten Campus
in Tuttlingen. Das sogenannte „Tuttlinger Modell“
steht exemplarisch für das enge Zusammenspiel von
Hochschule und Industrie: In einer in Deutschland
einzigartigen Form konzipierten hier die Hochschule,
die regionalen Unternehmen, das Land Baden-Württemberg
und die Stadt Tuttlingen eine Kooperation.
Die Eröffnung des Innovations- und Forschungs-Centrums
(IFC) im Jahr 2018 festigte diesen praxis-orientierten
Ansatz zusätzlich.

Die Hochschule Furtwangen mit Deutschem Uhrenmuseum
(rechts vorne) in den 1970er-Jahren. Die Liste der an der
HFU neu eingeführten
Studiengänge liest sich wie
eine Chronik der technologischen
Entwicklungen
der jeweiligen Zeit.

168
Bildung

Wissenschaft mit Verantwortung – Nachhaltigkeit,
Gesundheit und Gesellschaft im Blick
In jüngerer Zeit erweiterte die HFU ihr Profil um
weitere Schwerpunktthemen, zum Beispiel im
Fachbereich Gesundheit. Studiengänge wie Angewandte
Gesundheitswissenschaften, Human Factors,
Interdisziplinäre Gesundheitsförderung, Hebammenwissenschaft
oder Risikoingenieurwesen zeigen: Die
Hochschule begreift Innovation nicht nur als
technischen, sondern auch als gesellschaftlichen
Fortschritt. Auch Nachhaltigkeit rückte immer
stärker in den Fokus, etwa mit Studiengängen wie
Nachhaltige Bioprozesstechnik und durch die
EMAS-Zertifizierung im Jahr 2016.

Durch die Einführung zahlreicher Studienprogramme,
die bilingual oder auch komplett in englischer
Sprache unterrichtet werden, positionierte sich
die HFU zudem immer stärker als international ausgerichtete
Hochschule, die dem Fachkräftemangel in
technischen und gesundheitsbezogenen Bereichen
aktiv entgegenwirkt.

2016 erweiterte die HFU ihr Gebiet erneut, mit
der Einrichtung des Forschungszentrums Rottweil
und dem Studienzentrum Freiburg, in dem der Studiengang
Physiotherapie angesiedelt wurde, schloss
sich die Hochschulachse zwischen Rhein und Bodensee.
175 Jahre Zukunftsgestaltung
Die Geschichte der Hochschule Furtwangen ist eine
Geschichte des Wandels und der Weitsicht. Was 1850
als Uhrmacherschule begann, ist heute eine der
forschungsstärksten Hochschulen des Landes, mit
über 60 Studiengängen, starken Standorten und
einem klaren Bekenntnis zu Innovation, Nachhaltigkeit
und gesellschaftlicher Verantwortung.
Als Partnerin der regionalen Industrie, als Impulsgeberin
für technologische Entwicklungen und als
Bildungsstätte mit internationalem Anspruch ist die
HFU ein bedeutender Akteur im Bildungs- und Innovationsraum
Baden-Württemberg – und weit darüber
hinaus.

Durch Studienprogramme,
die bilingual oder komplett
in englischer Sprache
unterrichtet werden,
positioniert sich die HFU
immer stärker als international
ausgerichtete
Hochschule.
Meilensteine einer Erfolgsgeschichte
1850 Gründung der Großherzoglichen
Badischen
Uhrmacherschule durch Robert
Gerwig, Pionier der Ingenieurausbildung
im Schwarzwald
1852 Begründung einer Sammlung mit Schwarzwalduhren,
heute Deutsches Uhrenmuseum
1891 Beginn der Ausbildung in Elektrotechnik
1947 Umwandlung zur Staatlichen Ingenieurschule
Furtwangen/Schwarzwald
1963 Erstes elektronisches Rechenzentrum mit
IBM-Großrechner
1971 Aufstieg zur Fachhochschule Furtwangen,
Einführung von Informatik und Wirtschaftsinformatik
1988 Erweiterung: neuer Standort Villingen-
Schwenningen
1997 Umbenennung zur Hochschule für Technik
und Wirtschaft
2009 Eröffnung des dritten Standorts Tuttlingen
im Rahmen des Tuttlinger Modells
2013 Systemakkreditierung – Qualitätssicherung
in Lehre und Studium
2016 EMAS-Zertifizierung – Nachhaltigkeit wird
zum Leitprinzip; Einrichtung Forschungszentrum
Rottweil und Studienzentrum
Freiburg
2018 Einweihung des Innovations- und Forschungs-
Centrums (IFC) in Tuttlingen
2025 Über 60 Studiengänge in Gesundheit,
Informatik, Medien, Technik und Wirtschaft
– regional verwurzelt, international
vernetzt

175 Jahre Hochschule Furtwangen
169
Herzstück der Hochschule sind ihre fünf Kompetenzfelder:
Gesundheit, Informatik, Medien, Technik und
Wirtschaft. In diesen Bereichen bietet die HFU mehr
als 60 praxisorientierte Studiengänge an und bildet
alle akademischen Möglichkeiten ab, vom Bachelor
bis zur Promotion.

Im Kompetenzfeld Gesundheit gehört die Hochschule
Furtwangen zu den führenden Einrichtungen
in Deutschland. Studiengänge wie Physiotherapie,
Hebammenwissenschaft, Gesundheitsförderung
oder molekulare Medizin kombinieren medizinisches
Wissen mit digitalen Technologien und gesellschaftlichen
Fragestellungen. Die Ausbildung erfolgt interdisziplinär
und anwendungsbezogen – in Kliniken,
Laboren oder in direkter Zusammenarbeit mit der
Forschung. Zu diesem Kompetenzfeld zählt auch
der Teilbereich Sicherheit, in dem die HFU gesuchte
Expertinnen und Experten ausbildet, sei es für Strahlen-,
Arbeits- oder Katastrophenschutz.

Informatik hat an der HFU eine lange Tradition
Der Fachbereich Informatik hat an der HFU eine
lange Tradition – hier gehörte die Hochschule
bundesweit zu den Vorreitern in entsprechenden
Studienangeboten. Ob Künstliche Intelligenz,
IT-Sicherheit, Medieninformatik oder Wirtschaftsinformatik:
Die Studiengänge verbinden theoretisches
Wissen mit direkter Umsetzung in Laboren und
Praxisprojekten. Dabei zeichnet sich das Studium
durch enge Betreuung, kleine Gruppen und hohe
internationale Anschlussfähigkeit aus.
Auch bei den Medien gilt die HFU als Pionier
und Vordenker. Mit zukunftsweisenden Studieninhalten
gilt es, auf den rasanten Wandel der digitalen
Kommunikation zu reagieren. Studiengänge wie Online-
Medien, Design oder Games & Immersive Media,
qualifizieren für kreative und technische Berufe
in einer sich stetig wandelnden Medienlandschaft.
Projekte mit Unternehmen, interdisziplinäre Teams
und hochmoderne Ausstattung machen das Studium
zu einer praxisnahen Erfahrung.

Im Fachbereich Technik steht die HFU ganz im
Zeichen von Innovation. Hier geht es um nachhaltige
Mobilität, Robotik, Medizintechnik oder Industrie 4.0.
Die Studierenden entwickeln kreative Lösungen für
die Herausforderungen von morgen. In hochmodernen
Laboren, durch enge Industriekooperationen
und in interdisziplinären Projekten erwerben sie das
Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere in Forschung
oder Industrie.

In der „HFU Business School“, dem Bereich Wirtschaft,
punktet die HFU mit ihrer internationalen
Ausrichtung: Viele Veranstaltungen finden auf Englisch
statt, ein Auslandsaufenthalt ist fester Bestandteil
des Studiums, und die inhaltliche Vielfalt reicht
von Digitalisierung über Nachhaltigkeit bis zum
Gründungsmanagement. Die HFU Business School
zählt zu den renommiertesten Wirtschaftsfakultäten
unter den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften.
Exzellente Forschung
Neben ihrer starken Lehre hat sich die HFU zu einer
der forschungsstärksten Hochschulen für Angewandte
Wissenschaften in Baden-Württemberg entwickelt.
In den Bereichen Medizintechnik, Mikrosystemtechnik,
Gesundheitsforschung, Künstliche
Intelligenz und smarte Technologien werden
zukunftsweisende Projekte umgesetzt.
Ein herausragendes Beispiel ist die Aufnahme der
HFU in das 3R-Netzwerk Baden-Württemberg. Als
einzige Hochschule für Angewandte Wissenschaften
wurde sie in das renommierte Forschungsnetzwerk
aufgenommen, das sich für tierversuchsfreie Methoden
in der Forschung einsetzt. An der HFU entstand
das „3R Entwicklungs- und Transferzentrum für 3D
Gewebemodelle in vitro und in silico“, das mit über
300.000 Euro vom Land gefördert wird. Die HFU
erforscht hier alternative Testverfahren auf Basis von
Hochschule Furtwangen:

Kompetenz mit Perspektive

170
Bildung

Gewebemodellen und simulierten Systemen – ein
Meilenstein für ethisch verantwortungsvolle Forschung
und wissenschaftlichen Fortschritt.
Smarte Kontaktlinsen für Altersweitsichtigkeit
Ein weiteres zukunftsweisendes Forschungsfeld der
HFU liegt im Bereich Mikro- und Nanosystemtechnik.
Hier werden unter anderem smarte Kontaktlinsen
entwickelt, die Altersweitsichtigkeit kompensieren
könnten – ein innovativer Ansatz, der
Medizintechnik, Materialforschung und Mikrosensorik
vereint. Die HFU zählt in diesem Bereich zu den
führenden Hochschulen in Deutschland und treibt
durch interdisziplinäre Kooperationen und internationale
Projekte die Entwicklung neuartiger Anwendungen
entscheidend voran.

Auch im Zukunftsthema Künstliche Intelligenz
positioniert sich die HFU als Vorreiterin: Zum Beispiel
in einem Forschungsprojekt, in dem Oberflächenbearbeitung
mit erklärbarer KI kombiniert wird.
„PräziLoop“ heißt das Vorhaben, das eine kontinuierliche
Qualitätsvorhersage direkt während des
Schleifprozesses ermöglichen soll – und das sogar
bei sehr kleinen Stückzahlen. In der Präzisionsfertigung
erfolgt die Qualitätssicherung bisher meist erst
im Nachgang durch aufwendige Messtechnik.
„PräziLoop“ setzt stattdessen auf den Einsatz
von maschinellem Lernen, Sensordatenanalyse und
adaptiver Prozesssteuerung. Bauteile werden schon
während der Fertigung klassifiziert und der Fertigungsprozess
automatisch angepasst. Das senkt Kosten
und Energieverbrauch, erhöht die Effizienz und
schafft durch den Einsatz erklärbarer KI zusätzliches
Vertrauen in intelligente Produktionssysteme.
In allen Bereichen bringt die HFU ihre Forschung
auch konsequent in die Lehre ein. Studierende
profitieren von aktueller wissenschaftlicher Expertise,
etwa in den Bereichen Data Science, Machine
Learning, Medizintechnik oder molekularer Biomedizin.
Gleichzeitig bestehen enge Kooperationen
mit Industriepartnern, was den Technologietransfer
fördert und praxisrelevante Forschungsergebnisse
garantiert.

Regional verankert – international vernetzt
Die Hochschule Furtwangen versteht sich als
Bildungs- und Innovationsmotor für die gesamte
Region zwischen Rhein und Bodensee. Vom Studienzentrum
in Freiburg über den Hauptstandort
Furtwangen bis nach Villingen-Schwenningen und
Tuttlingen deckt die HFU die wirtschaftlich starke
Achse im Südwesten ab. Besonders hervorzuheben
sind die engen Beziehungen zu zahlreichen regionalen
Unternehmen – viele davon weltweit erfolgreich
und doch oft wenig bekannt: sogenannte „Hidden
Champions“.

Diese Unternehmen kooperieren seit vielen Jahren
eng mit der HFU – in Forschungsprojekten ebenso
wie in der Lehre. Studierende schreiben ihre
Abschlussarbeiten
in Unternehmen, absolvieren Praxissemester
und arbeiten im Rahmen von Projekten an
realen Aufgabenstellungen. So entstehen frühzeitig
Kontakte, die nicht nur den Berufseinstieg erleichtern,
sondern auch den Wissenstransfer zwischen
Hochschule und Wirtschaft stärken.
Diese enge Verzahnung mit der regionalen
Wirtschaft prägt das Profil der HFU ebenso wie ihre
internationale Ausrichtung. Forschung, Lehre und
Transfer greifen dabei ineinander – zum Nutzen der
Studierenden, der Unternehmen und der Region.
Moderne Lehre, flexible Formate
Innovative Lehrmethoden gehören zum Kern der
Hochschule Furtwangen. Schon lange vor der
Corona-Pandemie war die HFU Vorreiterin bei
Blended Learning-Formaten, bei denen Präsenz- und
Online-Lehre intelligent verzahnt werden. Die
Studierenden profitieren von modernen digitalen
Die Hochschule
Furtwangen versteht sich
als Bildungs- und
Innovationsmotor für die
gesamte Region zwischen
Rhein und Bodensee.

175 Jahre Hochschule Furtwangen
171

Tools, interaktiven Lernplattformen und einer engen
persönlichen Betreuung. Auch berufsbegleitende
Programme sind Teil der modernen Hochschulkultur.
Die HFU steht für ein Studium, das sich an den
Lebenswirklichkeiten der Menschen orientiert.

Besonders hervorzuheben ist die Spitzensportförderung
an der HFU: In enger Zusammenarbeit mit
dem Olympiastützpunkt Freiburg werden individuell
angepasste Studienmodelle für Leistungssportlerinnen
und -sportler angeboten. Diese ermöglichen
es, sportliche Karriere und akademische Ausbildung
optimal zu vereinbaren – durch flexibilisierte Bedingungen,
die in den Studien- und Prüfungsordnungen
geregelt sind und durch die persönliche Betreuung
der Sportlerinnen und Sportler.

Eine Hochschule mit Haltung
Gesellschaftliche Verantwortung spielt eine zentrale
Rolle an der HFU. Nachhaltigkeit, Ethik in der
Forschung, Diversität und der offene Dialog zwischen
Wissenschaft und Gesellschaft sind gelebte
Praxis. Projekte in der Region, internationale
Partnerschaften, soziale Initiativen und ein lebendiger
Campus machen die Hochschule Furtwangen zu
einem Ort, an dem Bildung, Forschung und gesellschaftliches
Engagement Hand in Hand gehen.

So versteht sich die HFU als Impulsgeberin für
die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und darüber
hinaus. Ihre Absolventen sind international gefragt
– und bringen ihr Wissen und ihre Haltung in unterschiedlichste
gesellschaftliche Bereiche ein.
Lehren, lernen und forschen – und ebenso das Miteinander auf dem Campus gestalten. Impressionen vom Alltag an der
Hochschule Furtwangen.

172
Bildung
Frau Dr. Bormann, Sie leiten die Hochschule Furtwangen
seit etwas über einem Jahr. Wie erleben Sie die HFU?
Als eine Hochschule mit außergewöhnlichem
Potenzial. Die HFU ist praxisnah, persönlich und
gleichzeitig hoch innovativ. Mich beeindruckt besonders
das Engagement der Mitarbeitenden und
die starke regionale Verwurzelung bei gleichzeitiger
internationaler Ausrichtung. Es ist ein Ort, an dem
man Zukunft gestalten kann – gemeinsam und mit
viel Gestaltungsfreiraum.

Bundesweit verzeichnen viele Hochschulen einen Rückgang
bei den Studienanfängern. Wie sieht das an der
HFU aus?

Wir beobachten diese Entwicklung ebenfalls,
auch wenn sie regional unterschiedlich ausfällt. Die
demografischen Veränderungen, aber auch neue Bildungs-
und Lebensentscheidungen beeinflussen die
Nachfrage. Wir reagieren darauf mit Plänen zu einem
noch klareren Profil und mit innovativen Studiengängen.
Dabei spielt auch eine immer höhere Flexibilisierung
der Lernangebote eine Rolle.

Die HFU befindet sich also in einem strukturellen Wandel.
Was sind dabei die wichtigsten Ziele?
Wir befinden uns in einem Transformationsprozess,
wie er für Hochschulen genau wie für Unternehmen
sinnvoll und in regelmäßigen Abständen
auch notwendig ist. Ich bin sehr stolz auf die HFU,
weil wir in kürzester Zeit bereits geschafft haben,
unsere Grundordnung zu ändern und uns in vier
neue, starke Fakultäten zu gliedern. Diese Struktur
soll Synergien schaffen, Prozesse vereinfachen und
Interdisziplinarität fördern. Das macht uns als Hochschule
agiler, sichtbarer und zukunftsfähiger. Wir
Dr. Alexandra Bormann,
Rektorin der Hochschule Furtwangen.

„Forschung und Lehre eng
miteinander verknüpfen“
Im Gespräch mit Rektorin Dr. Alexandra Bormann (HFU)
175 Jahre Hochschule Furtwangen 173
stellen uns strategisch neu auf, um Forschung, Lehre
und Transfer noch besser miteinander zu verzahnen
– im Sinne unserer Studierenden, Mitarbeitenden
und Partnern.

Die Hochschule ist eng mit der regionalen Wirtschaft
verbunden. Was bedeutet diese Partnerschaft konkret?
Sehr viel! Unsere Partnerunternehmen – viele davon
innovative Weltmarktführer – sind integraler Bestandteil
unseres Netzwerks. Studierende schreiben
dort Abschlussarbeiten, absolvieren Praktika oder
arbeiten an konkreten Projekten. Gleichzeitig fließen
Impulse aus der Wirtschaft direkt in unsere Lehre
und Forschung zurück. Diese enge Verzahnung stärkt
nicht nur die Region, sondern auch die Qualität unseres
Studienangebots.

Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Stärken der
HFU?
Die persönliche Betreuung ist sicher ein Alleinstellungsmerkmal:
Unsere Studierenden lernen in
kleinen Gruppen und werden individuell begleitet.

Gleichzeitig bieten wir ein modernes, forschungsnahes
Studienumfeld in einer einzigartigen Umgebung
– mitten im Schwarzwald, aber mit internationaler
Ausrichtung. Die Verbindung von Regionalität, Praxisnähe
und Innovationskraft macht uns besonders.

Die Hochschule genießt auch für ihre Forschungsstärke
ein hohes Renommee. Wo liegen aktuell die Schwerpunkte?
Wir arbeiten in verschiedenen Zukunftsfeldern
auf hohem wissenschaftlichem Niveau – etwa in
der Medizintechnik, der Gesundheitsforschung, der
Mikrosystemtechnik oder im Bereich smarter Technologien.
Besonders wichtig ist uns, dass die Gesellschaft
von den Lösungen profitiert, die wir durch
unsere hochwertige Forschung erarbeiten. Und dass
Forschung und Lehre eng miteinander verknüpft
sind. Unsere Studierenden profitieren unmittelbar
von den Erkenntnissen und Methoden, die wir in der
Forschung entwickeln.

Gibt es einen Bereich, in dem Sie an der HFU ein besonderes
Entwicklungspotenzial für die Zukunft sehen?
Gesundheit und Gesundheitstechnologien sowie
Medizintechnik sind zentrale Zukunftsfelder für
die HFU. Wir zählen hier zu den führenden Einrichtungen
– mit starken Studiengängen, exzellenter
Forschung und interdisziplinären Kooperationen.
Unsere Strategie ist klar: Diese Stärke wollen wir
konsequent weiter ausbauen. Die Verbindung von
Gesundheits- und Medizinthemen mit digitalen und
technologischen Ansätzen bietet ein enormes Innovationspotenzial.

Wie möchten Sie die Hochschule in den kommenden
Jahren weiterentwickeln?

Wir wollen die HFU als forschungsstarke, gesellschaftlich
relevante Hochschule weiter profilieren.
Dazu gehören mehr Sichtbarkeit, neue kooperative
Studienangebote, Ausbau der Digitalisierung, aber
auch gezielte Impulse in Richtung Nachhaltigkeit
und Transfer. Wir haben viele Stärken – es geht jetzt
darum, diese noch mutiger und selbstbewusster
nach außen zu zeigen.

Hochschulen stehen heute in besonderer Verantwortung.
Wie füllt die HFU diese Rolle aus?

Bildung ist mehr als Wissensvermittlung. Gerade,
weil wir heute in einer Zeit der Politikkrisen leben,
kommt uns als Hochschule eine entscheidende Rolle
zu: Wir wollen junge Menschen befähigen, Verantwortung
zu übernehmen – für sich, für die Gesellschaft
und für die Zukunft. Nachhaltigkeit, Ethik,
Diversität und ein respektvoller Diskurs sind zentrale
Werte an der HFU. Gleichzeitig engagieren wir uns
aktiv in der Region und bringen Wissenschaft dorthin,
wo sie gebraucht wird.

Gesundheit und Gesundheitstechnologien
sowie
Medizintechnik sind zentrale
Zukunftsfelder für die
HFU. Wir zählen hier zu
den führenden Einrichtungen,
mit starken
Studiengängen
und
exzellenter Forschung.

174
6. Kapitel – Geschichte

80 Jahre Kriegsende

Momentaufnahmen
des Jahres 1945

ZEITZEUGENBERICHTE – BEARBEITET VON WILFRIED DOLD /
UNTER MITARBEIT VON SILVIA BINNINGER, SYLVIA GÜRTLER, JUTTA RIEDEL UND JOSEF VOGT

Längst ist der von Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg verloren, dennoch dauern
zwischen dem 20. und 27. April 1945 auch im Schwarzwald-Baar-Kreis die Kampfhandlungen
weiter an. Es kommt u. a. im Raum Blumberg/Fützen, aber auch in Behla,
Aasen oder Bad Dürrheim zu schweren Gefechten zwischen der französischen Armee
und deutschen Truppen auf dem Rückzug. Heftige Bombenangriffe muss erneut
Donaueschingen
hinnehmen. Und es geschehen Greueltaten: In St. Georgen werden am
22. April im „Märtis-Loch“ von Nazi-Schergen 50 Kriegsgefangene erschossen – ein bis

heute nicht aufgeklärtes Verbrechen. Es fallen in großer Zahl französische
und deutsche
Soldaten bei Kampfhandlungen – und es
werden couragierte Bürger hingerichtet, weil sie sich dem letzten
Aufbegehren von Hitler-Deutschland verweigern. Am 8. Mai 1945
dann wird im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation
Deutschlands unterzeichnet – der Zweite Weltkrieg ist offiziell
beendet.

Durch seine Recherchen zum Ablauf des Kriegsendes in unserer
Region hat vor allem der Villinger
Hermann
Riedel in jahrzehntelanger
Arbeit einen wesentlichen
Beitrag geleistet. Seine Bücher sind längst
vergriffen: „Villingen 1945“, „
Aasen“, „Marbach“ sowie „Ausweglos…!“
und „Halt! Schweizer
Grenze!“ beschreiben die dramatischen Ereignisse
zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Schwarzwald und auf der Baar.
80 Jahre nach Kriegsende erinnert der Almanach
auf Basis dieser Veröffentlichungen
sowie weiterer
Publikationen und von Augenzeugenberichten
schlaglichtartig an die Ereignisse
des Jahres 1945
– die „Stunde Null“ und den schwierigen Neuanfang.
Und kann dazu u. a. später preisgekrönte
Bilder der Französin Germaine Kanova
veröffentlichen,
die als Kriegsfotografin
im Raum Fützen/Blumberg sowie bei Bad
Dürrheim/Schwenningen an der Front im
Einsatz war (siehe dieses Foto und die
Aufnahmen ab der S. 185).
Die Kampfhandlungen
sind endlich vorbei – die
französischen
Befreier sind
da und werden freudig und
ängstlich zugleich begrüßt.
Fotografiert von Germaine
Kanova zwischen
Bad Dürrheim und
Schwenningen um den
30. April 1945.

176
Von links: Massenbegräbnis nach dem Bombenangriff am 22. Februar auf Schwenningen. Schwerste Schäden erlitt
ebenso die Stadt Donaueschingen (Mitte links und rechts) sowie Fotos auf den nachfolgenden Seiten 178-181.
Mitte Januar, Triberg
Die Bombenangriffe der Alliierten
werden auch im Schwarzwald-
Baar-Kreis immer heftiger. In den
großen deutschen Städten sind
sie schon längst massiv. Heinrich
Himmler, Anführer der Waffen-SS
und Gestapo, zieht es da in den
sicheren Schwarzwald, in die
Tunnel der Schwarzwaldbahn bei
Triberg. Im Spätherbst 1944 rückt
er gleich mit mehreren Salonwagen
samt Personal an. Die
Lokomotiven an der Spitze und
am Endes des Zuges stehen
andauernd „unter Dampf“.
Tauchen Bomber am Himmel auf,
rauscht der „Himmlerzug“ in den
Großhaldentunnel. Die Tunnel der
Schwarzwaldbahn bieten dem
SS-Chef den perfekten Schutz vor
feindlichen Luftangriffen.

Mitte oder Ende Januar 1945
ist der Spuk plötzlich vorbei. Mag
gut sein, dass es an den Flugblättern
der alliierten Streitkräfte
liegt, die über Triberg niedersegeln.
Ihr Text: „Triberg im Loch,
wir finden dich doch.“
Mitte Januar, Villingen
Kaum ein Tag vergeht ohne
Fliegeralarm.
Allein in Villingen
heulen zwischen Januar und Mai
an 81 Tagen exakt 321 Mal die
Sirenen. Genügend Luftschutzräume
stehen nirgends zur
Verfügung, meist bleibt den
Menschen nur der eigene Keller.
Wer keinen hat, flüchtet zum
Nachbarn.

Jagdflieger beobachten die
Bahnlinien, fliegen Angriffe auf
Züge und verletzen sowie töten
mit ihren Bordwaffen immer
wieder neu Passagiere.
Die Firmen sind gezwungen,
ihre Arbeitszeiten auf die Abendund
Nachtstunden zu verlegen.
Ein Arbeitstag dauert so von 17
Uhr bis 1 Uhr morgens.
02. Januar
Ziele eines alliierten Luftangriffs
sind an diesem verhängnisvollen
Dienstag in Donaueschingen um
13.30 Uhr der Bahnhof und das
Postamt: 96 Tote, 56 Verletzte
und zwölf Vermisste werden
beklagt. Die Stadt ist Bahn- und
Telegrafieknotenpunkt und vor
allem Kasernen-
Standort,
gilt
deshalb als strategisch wichtiges
Ziel der Alliierten.
Sie hat von
Oktober 1944 an bis zum
Kriegsende im April 1945 gleich
30 Luftangriffe mit Hunderten
von Toten zu ertragen. In
Massenbegräbnissen werden die
Opfer der Luftangriffe am frühen
Morgen beigesetzt, bevor am
Himmel erneut die Bomber und
Jagdflugzeuge der Alliierten
auftauchen.

Verheerende Luftangriffe hat
auch Schwenningen zu erdulden.
Beim Bombenangriff am 2.
Januar 1945 wird die Zündholzfabrik
in der Nähe des
Bahnhofs getroffen und vollkommen
zerstört. Es sterben mehrere
Arbeiter.

177
2. Februar, Klengen
Anita Doser aus Klengen erinnert
sich: „Immer wenn vom Bahnhof
her gerufen wurde: ‚Die Flieger
kommen, haut alle ab‘, sind viele
zu uns in den Keller gerannt.
Unser Keller war einer der
wenigen, der dank eines dicken
Bruchsteinmauerwerkes einen
sehr guten Schutz bot, jedoch recht
klein war.

An Maria Lichtmess 1945,
also drei Monate vor Kriegsende,
gab es wieder Fliegeralarm und
viele flüchteten wie auch ich in
unseren
Keller. Kaum waren wir
drinnen, erschütterte ein fürchterlicher
Schlag den Raum. Schnell
war allen bewusst, dass ganz in
der Nähe eine Bombe eingeschlagen
hatte. Als wir ins Freie treten
wollten, türmte sich ein riesiger
Haufen aus Erde, Steinen und
Ziegel vor uns auf. Als erstes
sahen wir ein mächtiges Loch in
der Straße und danach das
Nachbarhaus, von dem nur noch
das erste Stockwerk stand. Da sich
die Mutter um meine Sicherheit
sorgte, schickte sie mich zu Oma
und Opa nach Kirchdorf.“

3. März, Donaueschingen
Im Luftschutzkeller des Donaueschinger
Krankenhauses wird
mit Anselm Kiefer einer der heute
zehn bedeutendsten Gegenwartkünstler
geboren. Er ist Sohn des
Wehrmachtsoffiziers und Kunstpädagogen
Albert Kiefer und
seiner Frau Cilly. Bis zum Alter
von sechs Jahren wächst der Junge
in Donaueschingen auf, dann
zieht die Familie 1951 ins
badische Ottersdorf. „Meine
Biographie ist die Biographie
Deutschlands“, lautet ein häufig
zitierter Ausspruch des Malers
und Bildhauers, dessen Kindheit
im Nachkriegs-Deutschland für
sein Schaffen mit prägend ist.
Anselm Kiefers Werke thematisieren
oft die deutsche Vergangenheit,
insbesondere den
Nationalsozialismus und den
Holocaust. Werke von ihm
befinden sich auch in den
Fürstlich Fürstenbergischen-Sammlungen
in Donaueschingen.

22. – 25. Februar
Es kommt zum Generalangriff
u. a. auf das Verkehrsnetz und die
Kaserne in Donaueschingen
(siehe Fotos S. 178 – 181). Am
22., 23. und 25. Februar töten
Bombenabwürfe ins Donaueschinger
Stadtzentrum mindestens
330 Menschen. Es gibt 124
total demolierte, 276 schwer
beschädigte und 727 leicht
beschädigte Gebäude. Zerstört
wird am 22. Februar auch das
Landratsamt, in dessen Luftschutzkeller
40 Menschen den
Tod finden, darunter Landrat Binz
mit Familie.

Nur drei Stunden später fallen
wieder Bomben auf die Stadt und
ebenso auf ihr Umland – in Pfohren
sterben neun Menschen, in
Wolterdingen
28.
Schwenningen erlebt am 22.
Februar den schwersten von
insgesamt fünf Luftangriffen. Es
werden insgesamt 189 Tote, 75
Schwer- und 22 Leichtverwundete
gezählt. 128 Gebäude sind
vollkommen und 724 teilweise
zerstört.

Heinrich Himmler, Anführer der Wafffen-SS, versteckte sich vor den Bombenangriffen der Alliierten mit einem
Sonderzug
in den Tunnelanlagen der Schwarzwaldbahn bei Triberg – vor allem im Großhaldentunnel (rechts).

178
Geschichte
179

Aufnahme der erneuten Bombenangriffe
mit Martin B-26 Marauder-Bombern
der französischen
Streitkräfte
auf Donaueschingen
am 25. Februar 1945. Bereits am
22. Februar und 23. Februar gab
es schwerste Luftangriffe.
Am 25.
Februar 1945 werden wieder die
Militärkasernen
bombardiert, ein
französischer Fotograf
dokumentiert
den Abwurf der Bomben aus
dem Flugzeug im Minutentakt (siehe
auch die nächste Doppelseite). Die
hier zu sehende Aufnahme entstand
um 14.50 Uhr, die nächste
Doppelseite
zeigt die Situation um
14.53 Uhr. Der Angriff
wurde von
der 34. französischen Fliegerstaffel

34e Escadre de Chasse) durchgeführt,
die Rauchschwaden
dokumentieren
schwerste Treffer.
180
Geschichte

Eine weitere Aufnahme vom
Bombenangriff
auf die Donaueschinger
Kaserne (siehe vorherige
Doppelseite), entstanden am 25.
Februar um 14.53 Uhr. Die Beschriftung
auch auf diesem Luftbild ist
handschriftlich und teils militärisch
kodiert. Als Angriffsziel
sind „Kasernen
und Depots
in Donaueschingen“
benannt. Die Bombenangriffe vom
20., 23. und 25. Februar hinterlassen
in der Stadt schwerste Zerstörungen,
die teils selbst auf dieser
aus großer Höhe aufgenommenen
Fotografie
zu erkennen
sind. Bei den
drei Angriffen sterben mindestens
330 Menschen, es gibt 124 total
zerstörte,
276 schwer beschädigte
und 727 leicht beschädigte Gebäude
– Donaueschingen
erlebt ein Inferno.

182
20. – 21. April, Donaueschingen
Werner Kohler aus Gundelfingen
veröffentlichte auf „dhm.de“
(Lebendiges Museum Online)
einen hier in Auszügen gedruckten
Bericht über das Kriegsende
in Donaueschingen. Sein Vater
hatte beim Bombenangriff auf
Freiburg am 27.11.1944 sein
rechtes Bein verloren und wurde
im Fürstenberglazarett
behandelt.

Einen Tag vor der Besetzung
Donaueschingens
erreichen der
Sohn und seine Mutter am 20.
April 1945 die Stadt zu einem
Lazarett-Besuch. Der Sohn: „Wir
erlebten einen Bombenangriff
und hatten fürchterliche Angst.
Der Bahnhof war vollständig
zerstört, es fuhr kein Zug mehr
zurück. Meine Mutter und ich
saßen fest. Von allen Seiten
erwartete man die französischen
Truppen. Auch das Lazarett
wurde bombardiert. Es herrschte
ein unglaubliches Durcheinander.
Am nächsten Spätnachmittag
verbreitete sich in Windeseile
die
Nachricht: ‚Die Marokkaner
kommen!‘ Angst machte sich
breit. … Es erfolgte ein letzter
Fliegerangriff: Donaueschingen
brannte überall. … Die Heeresverpflegungsstelle
wurde für die
Bevölkerung freigegeben, bevor
alles dem Feind in die Hände fiel.
Alles rennt, rettet Käseräder,
Mehlsäcke,
Brot, Reis, Speck,
Zigaretten
und Schnaps. … Die
Jagdbomber schossen auf alles
und jeden.“
Der Vater überlebte. Den
gesamten Beitrag
lesen Sie hier:

20. – 22. April, St. Georgen
Die Ereignisse überschlagen sich
an diesem 20. April, die Stadt
wird von den Franzosen eingenommen,
heißt es in einem Buch
zum Bürgerprojekt „St. Georgen
im Nationalsozialismus“. Die in
Lagern untergebrachten Zwangsarbeiter
werden befreit und
bewaffnet. Am Abend kommt es
zu Plünderungen. Am Morgen
des 22. April schlagen deutsche
Truppen die noch wenigen
Besatzer zurück, St. Georgen ist
wieder in „deutscher Hand“.
Es kommt zu einem Gefecht
mit den im Russenlager verbliebenen
Gefangenen mit vielen
Toten und Verletzen. Die Gefangenen
unterliegen, werden zu
einer Fußgruppe formiert und in
Richtung Sommerau abgeführt.

50 Personen aus dieser wohl
70-köpfigen Gruppe müssen in
einem Dobel beim Märtishof eine
Grube ausheben – ihr eigenes
Grab. Mit einem Maschinengewehr
werden die Männer
niedergemetzelt. Das bezeugt ein
glücklich Überlebender.
Eine Untersuchung der
Staatsanwaltschaft Ludwigsburg
in den 1980er-Jahren
bestätigt
das Kriegsverbrechen. Die
Verantwortlichen lassen sich
wohl nie mehr ermitteln.
Ein Jahr sammelte eine Arbeitsgruppe
in Zusammenarbeit mit
der Uni Gießen Dokumente aus
der Zeit des Naziregimes und
arbeitete das dunkle Kapitel für
St. Georgen auf. Weitere Informationen
finden sich hier:

Anfang April, Rohrbach
In Rohrbach bei Furtwangen
erlebt die Engländerin Christabel
Bielenberg die letzten Kriegsmonate,
von denen sie in ihrem
Buch „Als ich Deutsche war
1934 – 1945“ erzählt. Sie war mit
dem deutschen Rechtsanwalt
Peter Bielenberg verheiratet und
lebte vom Herbst 1943 bis zum
Kriegsende in Rohrbach. Zur
Situation im April 1943 schreibt
sie: „Unser Lokalblatt veröffentlichte
noch einen kaum lesbaren
Verzweiflungsaufruf zum letzten,
fanatischen Widerstand, der wie
aus einer anderen Welt zu
kommen schien, dann gab es den
Geist auf. Kein Papier, keine
Druckerschwärze, vielleicht auch
kein Redakteur mehr, jedenfalls
hatte der ‚Schwarzwaldbote‘ sein
Leben ausgehaucht.

Das Dorf veränderte allmählich
sein Aussehen, wenn auch
kaum seinen Charakter, denn die
Bauern ließen sich von dem
nahenden Ungewitter nicht aus
dem ruhigen Gleichmaß ihres
Lebens bringen, dem einzigen
gesunden Element in einer
verrückt
gewordenen Welt. Trotz
der plötzlich vom Himmel herabstoßenden
Jagdbomber (Jabos)Schwarzwald-Baar-Buch

Almanach 2026

50. Folge
und des fernen Geschützdonners
rief die Kirchturmglocke
noch
immer zur Messe. Als Achtungsbezeugung
vor den Jabos hob
man neben der Straße ein paar
Deckungsgräben aus, die sich
bald mit Schnee und Schlamm
füllten. Doch schien niemand
ernsthaft daran zu denken, in
ihnen im Fall der Fälle ein
eiskaltes Bad zu nehmen …“
20. – 22. April, Villingen
Der katholische Stadtpfarrer
Weinmann berichtet über die
letzten Kriegstage wie folgt:
„Nachdem am 20. und 22.2. bei
den größeren Angriffen das
Münster durch Luftdruck an
seinen Glasfenstern auf der
Südseite Schaden genommen hat,
die Bickenkapelle durch Volltreffer
zerstört wurde, ist auch im
Bahnhofsviertel ein herber
Verlust zu beklagen.
… Der letzte
schwere Luftangriff war am
19.4., ein Volltreffer
zerstörte
den wertvollen Teil der Saba-Radio-
Werke. Es gab mehrere Tote,
wie auch der Einmarsch der
Franzosen mehrere Menschenleben
forderte.

Nach der Übergabe der Stadt,
die in der Nacht kampflos
geräumt wurde, entstanden
durch Schießereien versprengter
Soldaten, besonders in der Nacht
vom 24. auf den 25. 4. durch
Rückfluten unserer deutschen
Armee bis fast in das Herz der
Stadt, schwerste Bedrohungen.
Der befehlende Offizier der
deutschen Panzerspitze erklärte:
‚Ich werde die weiße Fahne vom
Münster herunterholen und es
sprengen!‘

Aber auch hier wandte sich
plötzlich alles zum Guten, da man
noch in der Nacht in Richtung
Donaueschingen abzog und sich
ein höherer SS-Stab bei Aasen
aus der Umklammerung lösen
konnte. Bei dieser Kampfhandlung
verloren zwischen Marbach
und Bad Dürrheim viele Menschen
das Leben.“

22. – 25. April, Aasen
Die Besetzung von Aasen durch
französische und marokkanische
Soldaten erfolgt am Sonntag, den
22. April. Hermann Riedel hat die
nun folgenden Ereignisse zu
einem ganzen Buch verarbeitet,
er schreibt: „In der ersten Nacht
von Sonntag auf Montag kam es
zu zahlreichen Vergewaltigungen
durch Marokkaner. Insbesondere
in den Häusern, wo die Frauen
und Mädchen alleine waren,
mußten diese das Schlimmste
erdulden.“ Zeitzeugen schildern
dem Villinger Kriegschronisten,
dass etliche Marokkaner mit dem
Treiben ihrer Landsleute nicht
einverstanden sind und sich
schützend vor die Einwohner
stellen. Ebenso die französischen
Soldaten. Dennoch werden über
50 Frauen vergewaltigt.
Als zwölf Marokkaner die
Vergewaltigungen in Heidenhofen
fortsetzen und die Häuser
auch ausrauben, beschwert sich
der dortige Pfarrer bei der
französischen
Führung. Einer der
Täter wird an den Pfahl gebunden
und mit verbundenen Augen
standrechtlich erschossen.
Die Gegend um Aasen ist in
diesen Tagen heftig umkämpft,
es gibt auf beiden Seiten wohl
Hunderte von Toten und es
werden über 1.000 deutsche
Soldaten gefangengenommen.
Auch mehrere Hinrichtungen
sind dokumentiert, so von drei
SS-Männern, die sich zuvor ihr
eigenes Grab schaufeln müssen.
Ein besonders dramatisches
Bild bietet die sogenannte
„Steige“ mit toten Soldaten, toten
und schwer verletzten Pferden
sowie Hunden einer Sanitätseinheit.
20. – 26. April, Marbach
Dramatische Szenen ereignen
sich auch in Marbach, die zur
Hinrichtung des Oberlehrers
Maximilian Fischer durch die
französische Besatzungsmacht
führen. Der Villinger Hermann
Riedel zitiert Soldat Victor
Charriez, der in seinem Tagebuch
festhält: „Außerdem erfahren wir,
daß der Schullehrer von Marbach
den Deutschen verraten hatte,
wo sich die Befehlsstelle der
Kompanie befand, nämlich in den
Kellerräumen der Schule. Als er
auf die Befehlstelle geholt
wurde, wurde er regelrecht von
anwesenden Soldaten verdroschen.
Ein Soldat läßt die Luft
aus den Autoreifen. Mit einer
Handpumpe muß Fischer die
Reifen wieder aufpumpen – unter
Begleitung von Fußtritten ins
Gesäß. Dann verlangt der Soldat
namens Pautut von Capitaine
Joly die Genehmigung, Fischer
durch seinen Sohn erschießen zu
lassen.“

Capitaine Joly berichtet
diesbezüglich: „Vater und Sohn
(Soldat Pautut und Sohn) versicherten,
gesehen zu haben, wie
der Schullehrer die deutschen
Truppen zu den Stellungen des
zweiten Zuges geleitet hat. Ein
anderer versichert, derselbe
Schullehrer habe deutschen
Soldaten die Türe der Schule
geöffnet und sie zu den Franzosen
geführt. Was konnte er denn
anderes tun, wenn er Patriot ist?“
Maximilian Fischer wird am
26. April 1945 in Bad Dürrheim
zunächst brutalst misshandelt
und dann erschossen.
Momentaufnahmen
des Jahres 1945 183
184
Geschichte
26. – 27. April, Fützen
„Am 26. und 27. April 1945
erlebt Fützen die mit schwärzesten
Tage seiner Geschichte“,
schreibt Erich Schüle auf fuetzen.
de. Dokumentiert hat diese Tage
die Kriegsfotografin Germaine
Kanova (siehe Infoblock und die
Fotos auf den folgenden Seiten).
Kämpfe bei Behla verlagern sich
mehr und mehr nach Fützen. Am
Sonntag, 22. April, ziehen Teile
des 18. SS-Korps unter General
Keppler von Achdorf her in
Fützen ein, sie wollen sich über
den Randen in Richtung Bodensee
durchschlagen. Fützener
Landwirte und Pferdebesitzer
sollten dabei helfen, die schweren
Geräte über den Randen zu
schaffen.

Dies blieb den allierten
Streitkräften nicht verborgen
und bei Einbruch der Dämmerung
wurde der Ort von Behla
aus mit schweren Granaten unter
Beschuss genommen. Schon die
ersten Einschläge forderten unter
der Bevölkerung zwei Todesopfer.
Am folgenden Donnerstag,
dem 26. April 1945, wimmelte es
im ganzen Dorf von deutschen
SS-Soldaten. Sie versuchten, den
Einmarsch der Franzosen von
Grimmelshofen her zu verhindern.
Dabei kommt es zu schweren
Kampfhandlungen mit Toten
und Verwundeten. In der Folge
nehmen französische Panzer den
Ort unter Dauerbeschuss,
bald
brennt Fützen an allen Ecken und
Enden. Nach Mitternacht verlassen
die SS-Soldaten den Ort.

Unbemerkt hatten sich
bereits am Mittwoch der spätere
Bürgermeister Justin Gleichauf
und Johann Gleichauf mit dem
Fahrrad in das bereits besetzte
Blumberg auf den Weg gemacht.
Dabei hatten sie eine weiße
Fahne, sie wollten den Ort
kampflos übergeben. Da die
deutschen Truppen aber zeitgleich
einen neuen Vorstoß
unternahmen, war die Botschaft
der beiden Männer unglaubwürdig
und sie wurden kurzerhand
festgenommen.
Am Morgen des 27. April
rückten die französischen
Truppen mit ihren Panzern in
Fützen ein und machten sich auf
den Weg zur Schweizer Grenze
bei Beggingen. Hier hatten sich
in einer Heuhütte 20 Meter vor
der mit Stacheldraht bewehrten
Grenze bis zu 100 Fützener
Bürger verkrochen oder andere
unter ihren Leiterwagen Schutz
gesucht.

Endlich wurden die Absperrungen
entfernt und die total
verstörten und auch hungrigen
Menschen in dankenswerterweise
verpflegt.

13 Tote, viele Verwundete
und um die 1.000 Gefangene
befinden sich am 27. April in
Fützen. Geschütze, Munition und
Proviant für 18.000 deutsche
Soldaten werden zurückgelassen.
Ingesamt gab es in Fützen 70
stark beschädigte Häuser. 16
Familien hatten mit ihren
ausgebrannten
Häusern auch ihr
gesamtes Hab und
Gut verloren.

Germaine Kanova (1902 – 1975)
Geboren am 31. August 1902 in
Boulogne-sur-Mer, Frankreich,
war Germaine Kanova eine
Pionierin der Kriegsfotografie.
Sie ließ sich in Wien ausbilden
und eröffnete Ende der 1930er
Jahre ihr eigenes Porträtstudio
in London. Dort erlangte sie
Anerkennung für ihren dramatischen
Einsatz von Licht und
schuf Porträts von Persönlichkeiten
wie George Bernhard Shaw
und Irene Vanbrugh.

Sie engagierte sich im
Zweiten Weltkrieg in den Kreisen
der Freien Französischen
Streitkräfte, fotografierte 1942
General Charles de Gaulle. Nach
der Landung der Alliierten in der
Normandie hielt sie die Befreiung
von Paris im Bild fest und
schloss sich dem Maquis (Untergrundbewegung)
im Südwesten
Frankreichs an. Für ihren Einsatz
wurde Germaine Kanova mit
dem Orden Croix de Guerre
(deutsch: Kriegskreuz) ausgezeichnet.
Landesweite Ausstellungen
würdigen heute ihr
Schaffen.
Foto rechts: Französische Soldaten
im Gefecht mit deutschen Truppen
beim Viadukt der Sauschwänzlebahn
in Fützen.
Momentaufnahmen
des Jahres 1945 185

186
Geschichte

Foto oben: Angriff auf Fützen, wo sich Teile des 18. SS-Korps unter General
Keppler aufhalten. Am 27. April enden die Kämpfe, es befinden sich 13 Tote,
viele Verwundete und um die 1.000 Gefangene im Ort.
Links unten: Französische Sanitäter eilen zu einem Verwundeten.
Rechts unten: Fützen erleidet starke Beschädigungen, hinten der Turm
der Erlöser-Kirche.
187

188
Geschichte
Foto oben: Bei der Gefangennahme deutscher Soldaten in Fützen.
Foto unten: Wie in vielen Orten ergeben sich auch die Bürger von Stühlingen kampflos den alliierten Truppen.
Rechte Seite: Ein langer Zug deutscher Soldaten macht sich vorbei an der Fützener Antonius-Kapelle auf den Weg
in die Kriegsgefangenschaft.
XXX 189
Gefangen, verwundet, gezeichnet – deutsche Soldaten auf ihrem Weg in die Kriegsgefangenschaft. Von Fützen aus
führte ihr Marsch zunächst über Bad Dürrheim zu einer Sammelstation in Schwenningen.

192
Geschichte
27. April, Klengen
Der Villinger Hermann Riedel hat
sich wie kein Zweiter mit dem
Kriegsende im Schwarzwald und
auf der Baar beschäftigt. Der
französische Gefreite Pierre
Cordier aus dem Departement
Doubs schreibt ihm über die
Situation in Klengen: „Unter den
Gefangenen befanden sich junge
und alte Männer, Italiener und
auch Russen Der große Schulkeller
war überfüllt von Männern,
die eng aneinandergepresst
standen, die Treppenstufen
waren bis oben besetzt. Ich
erinnere mich noch an einen
alten Soldaten des Volkssturmes,
dem ich ein wenig Wasser zu
trinken gegeben habe. Dieser
Mann sagte mir, dass er 1916 vor
Verdun gewesen sei. Er weinte
sehr und seine Stimme zitterte
vor Aufregung. … Er hatte den
Eindruck eines guten Mannes
gemacht, welcher wirklich traurig
darüber war, sein Vaterland
besiegt zu sehen. Er hat dann
seine Hose ausgezogen und ich
habe gesehen, dass ein MG-Geschoss
sein Hinterteil durchbohrt
hatte. Der Mann war in der Tat
ein sehr tapferer Soldat.“
Der verwundete Soldat
Waldemar Bartler muss zusehen,
wie als Folge des Durchbruchs
deutscher Truppen am 25. April
bei Klengen sein Elternhaus
abbrennt. Als er dorthin will,
nehmen ihn französische
Soldaten fest: „Ich hörte nur noch
SS und bekam einen Schlag ins
Genick.“ Es folgte ein Verhör in
Schwenningen, wo seine Wunde
entdeckt und weiter behandelt
wird.

5. – 12. Mai
Zwischen Fützen und
Grimmelshofen spielt sich am
5. Mai eine schändliche Bluttat
ab, von der einmal mehr der
Villinger Hermann Riedel in
seinen Büchern zum Kriegsende
berichtet: „Dort werden einige
Landser von SS-Mordgesellen
erschossen, weil sich die Nazis
eine Wehrmachtsuniform
aneignen wollten, um auf diese
Weise als harmlose Landser
„stiften“ gehen zu können.
Vielleicht haben sie sich bereits
in die Schweiz gedrückt.
Mit der bedingungslosen
Kapitulation Deutschlands am
8. Mai 1945 beginnt die „Stunde
Null“. Die Angst vor dem,
was bevorsteht, eint auch die
Menschen im Schwarzwald-Baar-
Kreis. Allgegenwärtig sind der
Hunger, die Trauer um Gefallene,
die Furcht, dass Vermisste aus
dem Zweiten Weltkrieg nicht
mehr zurückkehren werden,
Hamstern nach Mehl, Eier oder
Kartoffeln – die Wohnungsnot!
Allein Schwenningen hat 1.221
Kriegstote zu beklagen.
Der Vöhrenbacher Lothar
Dold erinnert sich im 95. Lebensjahr
stehend, wie er mit seiner
Mutter Maria die Bauernhöfe bei
Eisenbach und Neustadt aufsucht,
dort mit einem Blechgeschirr
in der Hand um Nahrung
bittet. Ein Esslöffel Mehl, ein,
zwei Kartoffeln, vielleicht ein Ei
– mehr ist nicht zu bekommen.
Zu viele Menschen ziehen auf
der Suche nach Nahrung von
Bauernhof zu Bauernhof.

Weil keine Männer zur
Verfügung stehen, bekommt
Lothar Dold als 15-Jähriger eine
Anstellung als Briefträger bei der
20. – 27. April, Bad Dürrheim
Über 800 verwundete deutsche
Soldaten befinden sich am
Kriegsende in Bad Dürrheim in
sechs Lazaretten. Als ein auch
bei den Alliierten bekannter
„Sanitätsort“ blieb Bad Dürrheim
von Angriffen bislang verschont
– als jedoch am 20. April bekannt
wird, dass feindliche Truppen
bereits Villingen erreicht haben,
breitet sich große Unruhe aus.
Auf den Einmarsch der
Alliierten in Bad Dürrheim am
21. April folgen dramatische
Ereignisse in der Nacht vom 24.
auf den 25. April: Plötzlich
ziehen deutsche Truppen auf
ihrem Rückzug durch den Ort, die
französischen Streitkräfte sind
völlig überrascht. Es kommt zu
mehreren Schießereien im
Rahmen von Straßenkämpfen mit
Toten und Verletzten. Viele
Franzosen haben keine Chance
mehr, sich zu sammeln und
verstecken sich bei ihren
Quartiergebern. Dass sie von
diesen nicht verraten werden,
wird den Bad Dürrheimern
später hoch angerechnet.
Zu den tragischen Vorfällen
dieses Tages zählt der Tod von
Anneliese Grießhaber: Das
15-jährige Mädchen hört die
Gefechte und rennt auf die
Straße, um ein Kätzchen zurück
ins Haus zu holen. Ein Gewehrschuss
in die Brust tötet sie. Der
Todesschütze, ein blutjunger
Franzose, entschuldigt sich
Monate später unter Tränen
persönlich bei den Eltern.
Am Ende des Tages werden
bald 100 Tote gezählt – Zivilisten
und Soldaten beider Lager.

Momentaufnahmen
des Jahres 1945 193
Post. Die Einnahmen aus dieser
Tätigkeit helfen mit, die siebenköpfige
Familie über Wasser zu
halten.
Hannelore Glatz aus Volkertsweiler,
der späteren Ehefrau von
Lothar Dold, fällt auf: Man
bekommt in Villingen als Schülermädchen
keine Ohrfeigen von so
manchem hohen Herrn mehr,
wenn man ihn nicht mit erhobenem
Arm begrüßt …

Und es beginnt auch die
Aufarbeitung der eigenen
Geschichte: in Blumberg werden
30 Nazis von Kommunisten am
Ort denunziert, im Rathauskeller
festgehalten und im Zimmer des
Bürgermeisters von Volksgenossen
geschlagen, wie Hermann
Riedel berichtet.
In Hondingen müssen alle
Männer weiße Armbinden
tragen. Wer etwas mit der NSDAP
zu tun hatte, muss zusätzlich
zwei schwarze Bänder anbringen.
Die schwarz-weiß Fotos rechts
wurden nachträglich koloriert, um
die technisch grenzwertigen
Bilddokumente für den Betrachter
aufzuwerten. Von ob. links bis
Mitte: Alliierte Soldaten in Furtwangen
und Villingen am Münster – gefürchtet
waren die Marrokaner.

Unten: Vernichteter deutscher
Militärtross bei Bad Dürrheim, April
1945.
194
Geschichte
Mai, Furtwangen
In den ersten Wochen kam es in
Furtwangen zu keiner dauernden
Besetzung. Französische Truppen
zogen meist recht schnell durch
den Ort. Die tatsächliche Macht
übten die Kriegsgefangenen, aber
auch die russischen und polnischen
Zwangsarbeiter aus. In
diesen kritischen Tagen erwarb
sich der Sprecher der französischen
Kriegsgefangenen Robin
mit seiner Umsicht bleibende
Verdienste um die Stadt. Übergriffe
gegen die nun schutzlose
örtliche Bevölkerung konnte er
weitgehend verhindern, was ihm
1980 mit einer Ehrung gedankt
wurde.

Die ersten Truppen, die länger
in Furtwangen verweilten, waren
die Spahis. Gefürchteter als die
algerischen Spahis waren die
marokkanischen Goumiers, die im
Juli 1945 die Spahis ablösten.
Auch die „Schwarzwald-Lichtspiele“
in der Bismarckstraße wurden
mit den Marokkanern belegt.
Diese Kolonialtruppen waren
wegen ihrer Brutalität, vor allem
den Frauen gegenüber, sehr
gefürchtet.

Foto:
In der Villa „Heimatblick“ residierte
der Ortskommandant Leutnant
Boisecq – hier eine Fotografie aus
dem Alltag. Für Furtwangen gibt es
eine ganze Serie an Bilddokumenten
zur Besatzungszeit 1945. Die
Transporteinheit
nutzte vier
beschlagnahmte Tankstellen und
eine Werkstatt für den Fuhrpark. Im
„Hotel Ochsen“ war das
Offizierskasino
eingerichtet.

195
196
Geschichte
Juli, Niedereschach
Detailliert schildert
der
katholische Pfarrer Krieg für
Niedereschach die Zeit nach
der „Stunde Null“: „Mit sehr
verringerter Belegschaft
arbeiten
zwar die hiesigen Fabriken seit
Sommer 1945 wieder, aber mit
verkürzter Arbeitszeit und meist
nur mit den noch vom Krieg her
vorhandenen Rohstoffen.

Bei nicht wenigen Menschen,
besonders Jugendlichen, ist
bedingt durch den Zusammenbruch
und oft noch mehr durch
Nahrungsnot eine wirkliche
Arbeitsunwilligkeit festzustellen.
Moralisch geschwächt und
verwildert durch die Nazi-
Unkultur suchen sich viele
Jugendliche und manche
durch Kriegsleid heimgesuchte
Ehefrauen aus ihrer drückenden
Lebensnot und dem in ihnen
bohrenden Pessimismus einen
Ausgleich in Vergnügungssucht,
besonders in Tanzwut und
mancherlei unsittliche Exzesse.
Gestützt oft durch Verlockungen
und materielle Versprechungen
von der anderen Seite.

Die Reaktion der Volkspsyche
auf den Mord an einer
hier evakuierten, verheirateten
Frau durch einen Marokkaner,
der sie vorher geschwängert
hatte, ließ schließen, wie tief
die moralischen Begriffe und
Werte bei manchen gesunken
sind. Das Versagen der Schule
im 3. Reich und vor allem der
etwa anderthalbjährige Ausfall
jeglichen Unterrichts während
des Krieges hat der Jugend sehr
geschadet.“

8. August, Villingen
Der SÜDKURIER meldet: „Die
Stadtgemeinde von Villingen
überreichte dem französischen
Detachementschef eine Summe
von 100.000 RM. zu Gunsten
einer französischen Stadt, die
unter den Greueln und Verwüstungen
der „SS“ besonders
schwer gelitten hat. Der Brief des
Stadtrates an den Militärgouverneur
von Villingen lautet: „Der
Landkreis Villingen, den Sie seit
zwei Monaten mit ebenso viel
Strenge wie Gerechtigkeit
regieren, erkennt in vollem
Ausmaße die Gnade der Vorsehung,
die diesen Kreis von
Zerstörungen durch den Krieg
fast vollkommen verschont ließ.
In dem Bewusstsein der Verwüstungen,
die dieser schreckliche
Krieg besonders Ihrer Nation
brachte, würde es sich der
Landkreis zur Ehre anrechnen,
seinen besonderen Teil zu dem
Reparationszweck (für Frankreich)
beitragen zu können.

Der Landkreis bittet um die
Genehmigung, eine durch die
„SS“ verwüstete französische
Stadt zu adoptieren. Zunächst
stellt Ihnen die Stadt Villingen
eine Summe von R.M. 100 000.–
zu Gunsten einer französischen
Stadt zur Verfügung, deren Wahl
sie Ihnen überlässt. Weiterhin
soll, Ihr Einverständnis vorbehalten,
der Bevölkerung die Möglichkeit
gegeben werden Textilien,
Schuhe, Hausrat, Spielzeug
für Kinder usw. auf Grund von
Haussammlungen Ihren französischen
Landsleuten zuzusenden.“
April / Mai, Rohrbach
In Rohrbach bei Furtwangen
erlebt die Engländerin Christabel
Bielenberg wie schon eingangs
geschildert, die letzten Kriegsmonate.
Von ihnen erzählt sie in
ihrem Buch „Als ich Deutsche
war 1934 – 1945“. Sie schildert
ohne Datumsangabe einen
Besuch im Amtszimmer des
Bürgermeisters unmittelbar vor
oder nach Kriegsende: „Am
Abend ging ich hinüber zum
Ratszimmer, da ich Licht brennen
sah und die Möglichkeit bestand,
daß Sepp und der Bürgermeister
dort wie üblich an ihrem Schreibtisch
sitzen würden. Sie waren
tatsächlich da, und ich bemerkte
zu meiner Freude, daß ihr
Verhalten mir gegenüber sich
nicht geändert hatte; sie waren
nicht weniger freundlich und
auch nicht achtungsvoller als
sonst – ich war eine der Ihren.
Nach einiger Zeit beschlich
mich aber das unheimliche
Gefühl, daß irgend etwas – oder
war es irgend jemand? – im
Zimmer fehlte. Hinter ihren
Schreibtischen, über ihren
Köpfen war an der Wand ein
großer, viereckiger, heller, leerer
Fleck. Sepp und der Bürgermeister
schienen zu spüren, wonach
ich suchte, denn sie widmeten
sich höchst geschäftig ihren
Papieren.

„Wo ist er denn?“ fragte ich,
nach einer ziemlich langen
Pause. Ohne den Kopf zu heben,
nickte Sepp zu einem großen,
eisernen Ofen hin, der in der
Ecke vor sich hinbullerte und
eine gewaltige Hitze ausströmte

197
6. Oktober,
Villingen / Vöhrenbach
Am 1. Oktober wurde durch die
Militärregierung die Ausgehzeit
für die Bevölkerung der Stadt
Villingen auf die Zeit von 5 Uhr
bis 22 Uhr festgesetzt. Die hier
für Villingen im SÜDKURIER
gemeldeten Zeiten galten auch in
den anderen Orten.

Bericht der Vöhrenbacher
Stadtverwaltung im SÜDKURIER
zur Lage im Jahr 1945: „Am 25.
April wurde unser Städtchen
kampflos den französischen
Truppen übergeben. Dadurch ist
unser Ort unversehrt erhalten
geblieben. An der Spitze der
Gemeinde amtiert seit jenen
Tagen der frühere Ratschreiber
Faller als Bürgermeister. In
wirtschaftlicher Hinsicht ist
schon mancher Fortschritt zu
verzeichnen. Verschiedene
Betriebe arbeiten wieder, wenn
auch noch nicht mit voller
Belegschaft.

Die Nachbargemeinde
Langenbach hat wieder ihren
eigenen Gemeinderat, der
Bürgermeisterposten wird
kommissarisch vom Bürgermeister
von Vöhrenbach versehen.
Die Kartoffelversorgung für
den Winter ist sichergestellt,
ebenso der Bedarf an Brennholz.
Unser eigenes Kraftwerk hat sich
in dieser schweren Übergangszeit
voll und ganz bewährt und
konnte teilweise noch die
Nachbargemeinden mit Strom
versorgen.“

2. Oktober, Villingen
Der SÜDKURIER berichtet: „Eine
der ersten Maßnahmen der
neuen Stadtverwaltung Villingen
war die Entfernung aller Zeichen,
die an die Naziherrschaft
erinnerten. Vor allem wurden die
entsprechenden Straßennamen
geändert. Die Bevölkerung hat
sich sehr rasch wieder an die
alten Namen gewöhnt.

Der Zugverkehr auf dem
Villinger Bahnhof wird immer
lebhafter. So verkehren jetzt
allein zwischen Offenburg und
Radolfzell über Villingen täglich
vier Zugpaare, darunter ein Paar,
das den Besatzungsangehörigen
vorbehalten ist.

Ferner verkehrt in Richtung
Donaueschingen—Hinterzarten
ein Personenzug. In Richtung
Rottweil—Tuttlingen—Immendingen
verkehren zwei Personenzüge.
… Der Andrang der Reisenden
zu all diesen Zügen ist sehr stark,
sodass teilweise Zulassungskarten
ausgegeben werden müssen.
Weiter heißt es im SÜDKURIER:
„Das Jahr des Abschlusses
des zweiten großen Weltkrieges
bringt auch in Villingen auffallende
Erscheinungen. Vor allem die
hohe Zahl der Sterbefälle springt
ins Auge. In den ersten acht
Monaten dieses Jahres sind nicht
weniger als 317 Personen mit
Tod abgegangen, während es im
gleichen Zeitraum des Vorjahres
208 waren, sodass jetzt schon
ein Mehr von 109 Todesfällen im
Jahre 1945 zu verzeichnen ist.“
16. September,
Schwarzwald und Baar
Wieder ist es der SÜDKURIER der
aus dem Alltag im Schwarzwald
und von der Baar berichtet:
„Fahren wir durch das Land von
Konstanz nach Rheinfelden, von
Rheinfelden nach Villingen und
von dort zum See, so sehen wir
kaum Fabrik-Ruinen. Einige
Zerstörungen in Radolfzell, eine
Brandstelle in Gottmadingen,
unbedeutende Beschädigungen
in Singen, einiges in Donaueschingen
und Villingen. Kaum
an einer dieser Stellen dürften
Schäden entstanden sein, die die
Produktion für längere Zeit
unmöglich machen könnten.
Überall sieht man fleißig Hand
sich regen, um den Schaden zu
beseitigen und alle Behinderungen
wegzuschaffen, oft ist der
Schaden kaum noch bemerkbar.
Alle Fabriken unserer Gegend
waren im Augenblick des
Zusammenbruchs noch in Gang,
allerdings hatten die immer
katastrophaler werdenden
Verkehrsverhältnisse und die
Einwirkungen der Kriegslage das
Tempo der Arbeit durchweg
verlangsamt. Dieser Umstand
dürfte der Grund sein, daß die
Eindeckung der Werke mit
Rohstoff im Augenblick des
Zusammenbruchs, allgemein
gesehen, nicht ungünstig war.“

Momentaufnahmen
des Jahres 1945
198
4. – 6. Oktober,
Donaueschingen
Im SÜDKURIER steht zu lesen:
„Wer gegenwärtig im Glanz der
herrlichen Septembersonne die
Hochebene der Baar durchfährt,
mag angesichts der herrlichen
Landschaftsbilder den Eindruck
gewinnen, als ob auch hier die
Einwirkungen des Krieges sich in
mäßigen Grenzen gehalten
hätten. Dem ist nicht überall so.
Die Landkreisstadt Donaueschingen
selber hat in der Zukunft
allergrößte Aufgaben zu lösen,
um Wohnwesen, Handel und
Wandel wieder in geordnete
Verhältnisse zu bringen. …

Von den in „ohnmächtigem
Unverstand“ in letzter Stunde
gesprengten fünf Brigachbrücken
im Stadtgebiet sind die Schloßbrücke
und die Schützenbrücke
wieder hergestellt. Die Solbadbrücke
ist wieder provisorisch
begehbar. An der Käferbrücke
sind die Arbeiten in Angriff
genommen. Vom Landratsgebäude
blieb buchstäblich kein Stein
auf dem andern. Die Diensträume
sind jetzt im F. F. Kammergebäude,
wo sich auch das Gouvernement
befindet. Auf einen
kleinen Restteil beschränkt sind
die bombardierten Anlagen des
städtischen Schlachthofes. Der
völligen Vernichtung anheim fiel
daneben die Gewerbehalle, der
untere Teil der Max-Egon-Straße,
Zeppelinstrasse, die halbe
Rosentraße, die gesamte Wasserstraße,
ein gut Teil der Käfer- und
Herdstraße, auch mehrere
umliegende Gebäude des
Viehmarktplatzes. Weiter ist
auch die staatliche Stadtmühle
zerstört, unweit davon das
Sägewerk Buck und viele
Anwesen an der Neuen Wolterdinger
Straße und der oberhalb
liegenden Eigenheimsiedlung.
Starke Verwüstungen erlitt die St.
Lorenzstraße und die nähere
Nachbarschaft der Hindenburgkaserne.
Die militärischen Gebäude
sind ebenfalls vielfach in
Mitleidenschaft gezogen. An
altehrwürdigen Stätten sind
vernichtet die Sebastiankapelle
und die Friedhofkapelle. Von
Letzterer blieben nur einige
Quadratmeter Mauerwerk übrig.
Der Friedhof selbst ist hart
mitgenommen. Längere Zeit
mußten die Donaueschinger
Toten ihre letzte Ruhestätte in
Allmendshofen finden. Stadtkirche
und Schloß kamen mit
Dach- und Fensterschäden
davon. Sehr verwüstet ist die
protestantische Kirche, ihre
Kulturräume befinden sich jetzt
im Gemeindehaus in der Kronenstraße.
Auch in nicht gewerblicher
Straßenlage sind einzelne
Gebäude vernichtet.

Sehr ernstlich zu spüren
bekamen die letzten Kriegshandlungen
des unseligen Krieges
ebenso die Baarstädte und Orte
Hüfingen, Bruggen, Wolterdingen,
Sunthausen, Behla, Randen,
Pfohren, Geisingen und Immendingen.“
Weiter heißt es: „Mit Zustimmung
der französischen Militärregierung
des Landes Baden
ist
Gerichtsassessor Dr. Robert
Lienhart in den Dienst der
badischen allgemeinen und
inneren Verwaltung übernommen
und gleichzeitig zum Landrat des
Kreises Donaueschingen ernannt
worden.“

30. Oktober,
St. Georgen / Triberg
Für St. Georgen beschreibt der
SÜDKURIER die Situation wie
folgt: „Nach amtlicher Feststellung
sind zu verzeichnen:
Insgesamt 151 Gebäudeschäden,
darunter 4 % Totalschäden, 25 %
leichtere Schäden. Der Gesamtschadensbetrag
beläuft sich auf
etwa 1 Mio. RM. Nicht begriffen
darin ist der ganz enorme
Glasschaden an Fensterscheiben,
der beinahe jedes einzelne Haus
mehr oder weniger schwer
betroffen hat.

So haben denn unsere
Handwerker alle Hände voll zu
tun, bemühen sich redlich um die
Beschaffung des notwendigen
Baumaterials, um noch vor dem
Einzug des Winters jedem
Geschädigten nach besten
Kräften zu helfen. Mit dem
Wiederaufbau der totalgeschädigten
Häuser in der Stadt
konnte dieses Jahr noch nicht
begonnen werden.“

Aus Triberg berichtet die
Lokalpresse: „Seit der Besetzung
durch französische Truppen am
24. April nimmt das Leben in
Triberg einen ruhigen Verlauf.
Der Eisenbahnverkehr ist, wenn
auch vorläufig, nur eingleisig
wieder aufgenommen worden.
Die sinnlos zerstörten Brücken
und Tunnels bedürfen zu ihrer
Wiederherstellung allerdings
eines erheblichen Arbeitsaufwandes.
Besonders angenehm
wird das gute Funktionieren der
Straßenbeleuchtung empfunden.
Verschiedene Betriebe haben die
Friedensproduktion wieder
aufgenommen.“

Geschichte
199

13. November 1945,
Landkreis Donaueschingen
Über die Kriegsschäden im
Donaueschinger Umland berichtet
der Landkreis: „Größere
Verwüstungen weisen auf die
Orte Aasen, ganz zerstört
5
Gebäude, 6 teilweise, Achdorf 2
und 56, Behla 9 und 1, Blumberg
12, Bräunlingen 2 und 162,
Döggingen 2 und 24, Donaueschingen
124 und 719, Eßlingen
4 und 1, Fützen 15 und 74,
Geisingen 4 und 114, Hintschingen
2 und 33, Hüfingen 9 und
252, Immendingen 5 und 107,
Ippingen 16 und 23, Mauenheim
7 und 4, Neukirch 4 und 1,
Oefingen 9 und 45, Pfohren 10
und 81, Riedböhringen 5 und 10,
Sunthausen 5 und 7, Wolterdingen
15 und 69, Zimmern ganz
zerstört 17, teilweise 19.“
31. November 1945; Villingen
Dank der wieder freien Presse
sind den örtlichen Zeitungen
immer mehr Informationen über
das alltägliche Leben zu entnehmen.
Der SÜDKURIER meldet aus
Villingen: „Unser Bahnhof nimmt
allmählich wieder ein friedensmäßiges
Aussehen an. Die durch
die Kriegsereignisse zerstörte
große Maschinenhalle wird
gegenwärtig in ihrer alten
Ausdehnung wiederhergestellt.
Auch die Gleisschäden sind
behoben und die zerstörten
Wagen beseitigt. – Die Schüler
der Klassen Sexta und Quinta der
Oberschule und die Schüler der
Klassen Quarta und Untertertia
werden demnächst wieder mit
dem Unterricht beginnen.“

zu lindern und nicht nur die
materiellen, sondern ist es immer
wieder das Bestreben, auch die
ideellen Wunden zu heilen, die
sich oft heftiger äußern, als die
ersteren.

Stadttheater, Musikabende
und Vorträge und andere
kulturelle Veranstaltungen sind
bestrebt, den Bewohnern des
Kreises Anregung und Mut zu
geben, an den Wiederaufbau der
Heimat zu denken.
Auch der Schulbetrieb ist
im Kreis sehr vorangeschritten.
Es ist eine der vornehmsten
Aufgaben des Landrates, nicht
nur die Heimkehrenden, sondern
auch der künftigen Jugend alle
Fürsorge angedeihen
zu lassen.

Die Kreisstelle des Roten
Kreuzes sorgt in vorbildlicher
Weise für Gefangene, Durchreisende
und sonstige der
Betreuung bedürftiger Personen.
Die Bereinigung von
unerwünschten Anhängern
der Nazi-Partei ist rasch
fortgeschritten. Alle diese
Faktoren zusammenfassend,
lassen die Hoffnung aufkommen,
daß der Kreis Villingen zur
Jahreswende mit einem guten
Start in das Neue Jahr 1946
beginnen kann.

Viele neue Aufgaben sind
bereits für das kommende
Jahr in Angriff genommen. Sie
lassen der Hoffnung Raum, daß
das Jahr 1946 ein wirkliches
Friedensjahr im wahrsten
Sinne des Wortes wird und ein
menschenwürdigeres Dasein mit
sich bringen mag.“

31. Dezember 1945,
Kreis Villingen
Recht bange Tage erlebten der
Kreis und die Stadt Villingen in
den letzten Phasen des Krieges
im Monat April und nicht zuletzt
bei den endgültigen Kämpfen
in der Umgebung von Villingen
selbst, wie aus einem Beitrag
im SÜDKURIER hervorgeht:
„Außer der Gemeinde Bad
Dürrheim ist der Kreis, im ganzen
gesehen, glimpflich aus diesen
Kämpfen hervorgegangen.
Glücklicherweise fanden sich
am Ende dieses unseligsten
aller Kriege beherzte Männer,
die in den kritischen Stunden
das Geschick der Stadt und
des Kreises in die Hände
genommen haben. Diesen war
es zu verdanken, daß sich
alsbald wieder Vertrauen in
der Bevölkerung bemerkbar
machte und somit die ersten
Anfangsschwierigkeiten der
Besatzung überwunden waren.
Zunächst galt es für die nötige
Beschäftigung zu sorgen und
dank der Fürsorge des Landrats
konnten in Bälde zahlreiche
Betriebe des Kreises wieder die
Arbeit aufnehmen, wenn auch
nicht in vollem Umfang. Die
Gründung einer Handelskammer,
die gleichfalls auf Betreiben
des Landrats erfolgt ist, hat
diesen Bestrebungen der
Wiederankurbelung recht guten
Vorschub geleistet, und dürfte in
der Person des Geschäftsführers
Herrn Dr. Schlenker zu den
besten Erfolgen berechtigen.
Die zuständigen Stellen des
Kreises, wie Bürgermeister
Bräunlich als Stadtoberhaupt
von Villingen, sind unablässig
bemüht, die entstandene Not
Momentaufnahmen
des Jahres 1945

200
Geschichte

„Wer unter dem Schirm des
Höchsten sitzt“
VON ELKE REINAUER

Schwenningen 1945 – eine Geschichte der Nächstenliebe
Ein Netzwerk der Hilfe

In Schwenningen besteht während der Kriegsjahre
ein Netzwerk der Hilfe, als Teil der sogenannten
„Pfarrhauskette“ der evangelischen Kirche. Deren
Mitglieder verbergen Juden in Pfarrhäusern und an
anderen Orten, um den rechten Augenblick für die
gefährliche Flucht in die Schweiz abzupassen. Im
Nazi-Deutschland droht diesen Menschen das
Konzentrationslager und damit der Tod. Die Hilfe
wird von der „Sozietät“ innerhalb der sogenannten
„Bekennenden Kirche (BK)“ organisiert, dem auch
Laien wie die Eltern von Albrecht Benzing angehören.
Während die Amtskirche zu den Judenverfolgungen
lange Zeit eher schweigt, wird von der „Sozietät“
in Stuttgart die Pfarrhauskette gestartet.

Es handelt sich bei der „Bekennenden Kirche“ um
eine Oppositionsbewegung evangelischer Christen
gegen Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und
Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche
(DEK) mit dem Nationalsozialismus. Als einheitliche
Opposition gegen das NS-Regime fungiert die BK
jedoch nicht, was die Arbeit des Schwenninger
Netzwerkes innerhalb der „Sozietät“ erschwert: Teile
Schwenningen 1945: Teile der Stadt liegen nach Bombenangriffen in Trümmern. Gefährliche
Tage liegen hinter den Menschen – auch hinter Albrecht Benzing, der als 10-jähriger
Bub zudem in eine Rettungsaktion für jüdische Mitmenschen involviert war, in die
„Pfarrhauskette“ der evangelischen Kirche. Das Kriegsende
bringt allerdings nicht sofort
Frieden, sondern Besatzung, Hunger und Unsicherheit. In den Straßen patrouillieren
französische Soldaten, in den Fabrikhallen
stehen fremde Militärfahrzeuge. Für die Kinder
wird die schwer
getroffene Heimatstadt zum gefährlichen Abenteuer-Spielplatz.
Albrecht Benzing
Albrecht Benzing – „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt“ 201
der „Bekennenden Kirche“ bleiben dem Führerstaat
treu und bejahen auch den Zweiten Weltkrieg.

80 Jahre später sitzt der heute 90-Jährige in
seinem Arbeitszimmer und erinnert sich als Teil
dieser Hilfe zurück an einen Code, den er sozusagen
durch die Stadt „zu tragen hatte“. Die Familie
Benzing lebt in der Hegelstraße 72, der 10-jährige
Albrecht wächst dort zusammen mit vier Geschwistern
auf. Im Helferkreis allerdings wird von der
Hegelstraße nur noch als „72“ gesprochen. Immer
wenn diese Zahl genannt wird, ist das Wohnhaus der
Familie Benzing gemeint.

Albrecht Benzing schildert: „Nur ein kleiner Kreis
durfte wissen, was das bedeutet. Denn es war eine
Zeit, in der meine Eltern Lydia und Eberhard äußerst
verschwiegen sein mussten. Beispielsweise konnte
es bedeuten, dass sich die Schwenninger Vikarin
Margarete Hoffer bei uns versteckt hielt, was
mehrfach der Fall war. Margarete Hoffer ist damals
35 Jahre alt und pflegt wie Pfarrer Weber enge
Verbindungen zur „Sozietät“. (s. Beitrag auf S. 204).
Die Hilfe für jüdische Menschen umfasste vor allem
die Zeit von Pfarrer Gotthilf Weber (ab 1936 im Amt)
und Vikarin Margarete Hoffer (ab 1941).

Mit dem Schuh-Müller-Transporter
in die Schweiz geflüchtet
Albrecht Benzing kann zu dieser Fluchthilfe viele Details
nennen, auch zu seiner Aufgabe: „Meine Eltern
hatten mir eingebläut, was ich zu sagen hatte, wenn
eine Flucht geglückt war: ‚Wer unter dem Schirm
des Höchsten sitzt‘. Ich klingelte dann an der Türe
bestimmter Häuser und sagte diesen einen Satz.
Er bedeutete: Ein Transporter der Schwenninger
Firma Schuh-Müller war einmal mehr mit zwei, drei
jüdischen Mitmenschen, versteckt in mit Schuhen
beladenen Paletten, über die Schweizer Grenze gefahren.
Am Steuer saß ein Mann namens Neumann,
ein Nazi-Gegner. Er war der entscheidende Mann,
seine Nerven durften nicht versagen. Der Transport
war sehr gefährlich, der Fahrer musste immer damit
rechnen, erwischt zu werden.“

Der Transporter überquerte die Grenze zur
Schweiz in Thayngen bei Blumberg. Dass er zur
Verfügung
stand, ist dem Umstand zu verdanken,
dass Albrecht Benzings Mutter eine geborene Müller
war. Die Firma „Schuh-Müller“ lieferte Militär- und
Die Familie Benzing im Kriegsjahr 1944 mit den Eltern
Lydia und Eberhard, Albrecht (neben dem Vater), Hartmut,
Hermann, Gudrun und Hans Martin.
Albrecht Benzing – seit Jahrzehnten
ehrenamtlich für Flüchtlinge aktiv
Der Schwenninger erlernte das Schreinerhandwerk
bei Möbel-Bürk, arbeitete in Stuttgart und
besuchte gleichzeitig die Abendschule. Nach vier
Arbeitsjahren in der Schweiz kehrt er 1960 nach
Stuttgart zurück, besteht die Schreiner- sowie
Industriemeisterprüfung und studiert schließlich
Holzingenieurwesen. 1965 macht sich Albrecht
Benzing mit dem Unternehmen „Möbel Exquisit“
selbstständig.

Im Jahr 1990 gab er sein Geschäft im Alter von
55 Jahren auf, um sich intensiv der Flüchtlingsarbeit
widmen zu können, die er seit nunmehr über
40 Jahren ehrenamtlich bewältigt. Für die
Albrecht Benzing im Übrigen eigenes Vermögen
einsetzte und für die er 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet wurde.
Als Kirchengemeinderat gründete er 1980 die
Friedensgruppe in der evangelischen Kirchengemeinde
Schwenningen. Weiter gehört er 1995 zu
den Gründungsmitgliedern der Stiftung „Neue
Hoffnung“, wird zudem Kirchenbezirksbeauftragter
für Flüchtlinge und Migration. Im Rückblick
sagt er, dass er es genau so wieder machen
würde. Diese und weitere Details finden sich im
Almanach 2016 (s. S. 70).

202

Geschichte
Polizeischuhe in die Schweiz – auch während des
Zweiten Weltkrieges war das erlaubt. Und so bot sich
die Chance, jüdische Mitbürger in den Fahrzeugen zu
verstecken. Sie hielten sich in Hohlräumen unter den
Paletten verborgen. Und zwar bewusst ganz vorne
bei der Türe, weil da keiner gesucht hätte, sondern
wenn, dann im hinteren Bereich, berichtet Albrecht
Benzing.

Selbstmord beim Luftangriff
am 22. Februar 1945
Doch nicht immer ging die Hilfe glücklich aus: Die
berühmte jüdische Opernsängerin Margarethe
Sterneck aus München lebte mehr als ein Jahr lang
im Johannespfarrhaus (s. Beitrag S. 204). Auch ihr
gleichfalls jüdischer Mann Berthold Sterneck ist ein
gefeierter Sänger an der Bayerischen Staatsoper.
Doch nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
bekommt er Berufsverbot und wird
zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er erkrankt schwer
und stirbt 1943. Tochter Johanna kann mit einem
Kindertransport nach Großbritannien gerettet werden,
Sohn Kurt wird in ein Konzentrationslager und
später in ein Zwangsarbeiterlager verschleppt. Doch
beide Kinder überleben den Holocaust, was die
Sängerin zum Zeitpunkt ihres Todes nicht wissen
kann: Margarethe Sterneck bricht unter all diesen
Schicksalsschlägen zusammen und setzt während
eines Luftangriffs
auf Schwenningen am 22. Februar
1945 ihrem Leben aus Verzweiflung ein Ende. Damit
die Helfer der Pfarrhauskette nicht auffliegen, wird
die Verstorbene als evangelische Polin unter einem
Decknamen beerdigt (s. S. 205).

„Meine Eltern waren immer sehr engagiert, wenn
es galt, Juden zu helfen“, blickt ihr Sohn Albrecht
im
Gespräch über das Jahr 1945 zurück. Und fährt fort:
„Mut brauchte es unbedingt dazu. Weil auch in der
Kirchengemeinde niemand mehr dem anderen trauen
konnte. Es gab die sogenannten Deutschen Christen,
die saßen in der Kirche ganz vorne, teilweise in
Auch Schwenningen muss beim Bombenangriff der
Alliierten am 22. Februar 1945 schwerste Schäden hinnehmen,
hier das Areal beim Bahnhof.

Albrecht Benzing – „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt“ 203
Uniform. Dann gab es die ‚Bekennende Kirche‘ und
die ‚Sozietät‘, die diese Hilfe leistete. Und da haben
meine Eltern dazugehört.“

Mut bewies die Familie Benzing auch in anderer
Hinsicht: Vater Eberhard war engagiertes SPD-Mitglied
– doch das passte seinem damaligen Arbeitgeber
nicht, der Firma Kienzle. Albrecht Benzing:
„Mein Vater war Ingenieur, verrichtete eine wichtige
Tätigkeit und wurde dennoch nach Frankreich versetzt.
Er sagte damals über sein Engagement für die
Pfarrhauskette: ‚Diese Verfolgten sind Deutsche wie
wir.‘ Und die Mutter meinte: ‚Wir haben fünf gesunde
Kinder, da muss man anderen doch helfen, denen
es nicht so gut geht!‘“

Auch Wanderwege dienen als Fluchtrouten
Doch nicht nur mit dem Laster der Firma „Schuh-Müller“
wurde Juden zur Flucht in die Schweiz verholfen.
Das grenznahe Blumberg samt Umgebung
galt auch als bekanntes Wandergebiet. So kundschaftete
die Familie Benzing, teils zusammen mit
der Vikarin Hoffer, Wege aus, die einen hoffentlich
unbemerkten Grenzübertritt gestatteten. Albrecht
Benzing erinnert sich an die Unterhaltungen zu diesem
Thema und erläutert: „Man konnte sich in dem
unwegsamen Gebiet tatsächlich leicht verirren. Also,
wenn man zu Fuß die Grenze überqueren wollte und
dabei erwischt wurde, konnte man sagen, man hatte
sich verirrt.“ Die Benzings brauchten diese Ausrede
einmal selbst. „Wir gingen sonntags an der Grenze
spazieren, als Familie“, so Sohn Albrecht. „Natürlich,
um die Gegend auszukundschaften. Und auf einmal
stand ein deutscher Grenzbeamter da, wie aus dem
Nichts.“

Erinnerungen an die „Stunde Null“
Als der Krieg endlich vorbei ist, beginnen für Jungen
wie Albrecht Benzing neue, gefährlich-spannende
Zeiten. Er ist bei Kriegsende
zehn Jahre alt – und
erinnert sich an waghalsige Ausflüge in Militärlager
und unzählige Soldaten in der Stadt. „Ich habe Bilder
im Kopf von Franzosen, die das Haller-Werk der
Firma Kienzle besetzen, hauptsächlich Marokkaner.“
Vor der Firma stand ein Bus des deutschen Militärs.
„Wir Buben sind in den Bus rein, da waren Handgranaten,
Zünder und Geschosse drin. Wir haben das
Pulver von den Gewehren in andere Geschosse
gefüllt und diese zur Explosion gebracht. Das hat
ganz schön geknallt und gebrannt“, erinnert sich
Benzing und lacht.

Im Schwenningen der „Stunde Null“ ist er
zusammen mit Freunden viel auf Streifzügen
unterwegs. Ebenso in Dauchingen: Am dortigen
Ortseingang gibt es ebenfalls ein Militärlager, doch
es wird bewacht… Albrecht Benzing: „Weil ich klein
war, musste ich durchs Fenster klettern und herbeischaffen,
was interessant für uns schien, während
die Großen derweil Wache standen“. An diesem Tag
kam er mit einem Stahlhelm auf dem Kopf und einer
Gasmaske nach Hause. „Ich hab vom Vater den
Ranzen voll gekriegt“, erinnert er sich.
Die erbeuteten Handgranaten brachten die Jungs
dann zur Explosion: „Wir haben den Zünder gezogen
und die Granate im Wald so weit wie eben möglich
in die Höhe geworfen. Die Explosion war derart
heftig, dass die Tannenzapfen von den Bäumen
rieselten.“ Die Zapfen sammelte Albrecht Benzing
zusammen mit den Freunden ein, sie waren als
Brennmaterial begehrt. Je nach Menge gab es dafür
eine oder zwei Mark. Keine ungefährliche Aktion:
Zahlreiche Buben sind bei ähnlichen Handlungen
gestorben oder haben schwerste Verletzungen
davongetragen. Ein Freund von Albrecht Benzing
starb beim Zünden einer Panzerfaust.
Der Kreis schließt sich am Schluss des Gespräches
über das Jahr 1945 und die „Stunde Null“: Aus dem
Bub, der in ausgesuchte Schwenninger Häuser einst
Botschaften der Hoffnung trug, ist ein Mann geworden,
der – auch in Erinnerung an seine Familie – seit
Jahrzehnten Flüchtlingen in Deutschland hilft. Die
Mittel haben sich geändert, die Menschlichkeit der
Familie Benzing ist geblieben.

Wir haben fünf gesunde
Kinder, da muss man anderen
doch helfen, denen es nicht
so gut geht!

Lydia Benzing

204

Geschichte

Margarete Hoffer

„Nächstenliebe
ist Widerstand!“
VON SYLVIA GÜRTLER

1941 kommt die österreichische Theologin Margarete Hoffer nach Schwenningen und wird
Teil der „Württemberger Pfarrhauskette“. Eines Netzwerks, das von Konzentrationslagern
und vom Tod bedrohten Juden zur Flucht in die nahe Schweiz verhilft. So fährt Margarete
Hoffer mit dem Fahrrad über Land, sammelt heimlich Lebensmittel für diese Verfolgten
und gibt Schutz, wo Gefahr lauert. In ihrem Roman „Die Vikarin. Margarete Hoffer – Widerstand
im Dritten Reich“ zeichnet die Schwenninger Autorin Brigitte Liebelt präzise und
wortgewaltig nach, wie aus gelebter Nächstenliebe ein Akt des Widerstands gegen das
NS-
Regime wird. So lässt sie Geschichte wieder lebendig werden und setzt der Theologin
aus Österreich für ihr Wirken in Schwenningen in den Jahren 1941 - 1945 ein mehr als
300-seitiges literarisches Denkmal.

Der Roman „Die Vikarin. Margarete
Hoffer – Widerstand im Dritten
Reich“ führt in die 1940er-Jahre
nach Schwenningen, in eine
Arbeiter- und Uhrenstadt, die sich
mit den erzwungenen politischen
Veränderungen schwertut. Er
erzählt von einheimischen
Sozialdemokraten, die ermordet
werden, von Pfarrern, die
Flugblätter schreiben und von Jugendlichen, die für
ihre Überzeugungen verhaftet werden. Im Mittelpunkt
steht aber immer wieder Margarete Hoffer
– mutig, pragmatisch, menschlich.

Wie entdeckte die Schwenninger
Diplombibliothekarin,
Krankenschwester, Mutter von
sechs Kindern und aktive Gestalterin
christlicher Begegnungen in
ihrer Gemeinde diesen neuerlichen
„Stoff“? Wo genau entstand
die Idee, nach ihrem ersten
Roman „Im Dienst der Hoffnung.

Friederike
Fliedner – die Pionierin
der Diakonie“, einen zweiten biografischen Roman
zu schreiben, nun über die österreichische Theologin
Margarete Hoffer? Eine Theologin, die in Schwenningen
in den 1940er-Jahren als sogenannte „Vikarin
Margarete Hoffer
Margarete Hoffer 205
auf Kriegszeit“ – Frauen durften zur damaligen Zeit
noch nicht Pfarrerin sein – in der Johannesgemeinde
eingesetzt ist, weil Pfarrer Erich Kurz zum Kriegsdienst
eingezogen wird. Gemeinsam mit dessen Frau
Lotte Kurz schließt sich Margarete Hoffer der
„Württemberger Pfarrhauskette“ an und gewährt
verzweifelten Verfolgten Schutz vor den Nazi-Schergen,
ist doch Schwenningen ein idealer Zufluchtsort.

Brigitte Liebelt schreibt in ihrem Roman: „Das
politische Klima in Schwenningen als ein letztes
Glied in der Kette vor der Schweizer Grenze war für
eine Art ‚Umschlagplatz der Menschlichkeit‘ nicht
ungünstig. Dennoch, das Risiko blieb für jeden, der
sich beteiligen würde.“ […]
Begegnung mit dem Sterneck-Enkel
Es war bei der Verlegung der Stolpersteine und dem
Anbringen einer Gedenktafel am Pfarrhaus der
Johanneskirche, als Brigitte Liebelt auf Peter
Sanders, den Enkel von Margarethe Sterneck traf.

Auf den Enkel der Opernsängerin, die sich in den
letzten Kriegsmonaten in Schwenningen das Leben
nahm, nachdem sie vor den Nazis flüchtend und sich
in ständiger Todesgefahr befindend über ein Jahr
Zuflucht und Schutz im Johannespfarrhaus bei
Margarete Hoffer und Lotte Kurz gefunden hatte. Die
Sorge um ihre Kinder, aber auch das verheerende
Bombardement von Schwenningen (s. S. 202) trieb
die verzweifelte Frau im Februar 1945 in den
Selbstmord. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf
dem Schwenninger Waldfriedhof – möglich war ihre
Beisetzung nur durch das Ausstellen falscher
Papiere, die sie als Polin Anni Czerny auswiesen und
der Bereitschaft des Pfarrers der Paulusgemeinde,
Richard Schäfer, diese Täuschung mitzutragen. Wäre
sie unter ihrem wirklichen Namen begraben worden,
hätte das sämtliche Helfer in Gefahr gebracht.
Bei Pfarrer Richard und seiner Frau Anne Schäfer
handelte es sich um Gleichgesinnte. Auch sie
Das Pfarrhaus der Schwenninger Paulusgemeinde. Auch
dort wurden verfolgte Menschen durch Pfarrer Richard
Schäfer versteckt, ihnen so die Flucht in die nahe Schweiz
ermöglicht.

Margarethe
Sterneck – mit der
Machtergreifung der
Nationalsozialisten
folgen für die
Opernsängerin mit
jüdischen Wurzeln
Berufsverbot,
Ausgrenzung und
Erniedrigung.

206
Geschichte
beherbergten „Rasse- und Glaubensjuden“ in ihrem
Pfarrhaus der Paulusgemeinde.
Beeindruckt habe sie, blickt Brigitte Liebelt
zurück, dass Peter Sanders versöhnende Worte fand
und dass diese Begegnung eine gute gewesen sei.
Sie war letztlich der Auslöser, sich die außergewöhnliche
Vita von Margarete Hoffer genauer anzuschauen,
die im Übrigen nicht nur Margarethe Sterneck
Schutz vor den Nazi-Schergen geboten hatte.
Wer war Margarete Hoffer?

Eine Versetzung bringt sie 1941 als Vikarin der
Johannesgemeinde nach Schwenningen. Nicht nur als
Seelsorgerin, sondern ebenso als Teil eines Netzwerks,
die erwähnte „Württemberger Pfarrhauskette“.
Dahinter verbergen sich Menschen, die Verfolgten
Unterschlupf bieten, für sie eine Fluchthilfe in die
nahgelegene, neutrale Schweiz organisieren. Mehr als
einmal riskierte die Vikarin, die wie Dietrich Bonhoeffer
zur „Bekennenden Kirche“ gehörte, dabei ihre eigene
Sicherheit. Bonhoeffer, der wohl bekannteste evangelische
Theologe und Widerstandskämpfer und erbitterter
Nazigegner, wurde auf ausdrücklichen Befehl Adolf
Hitlers noch am 5. April 1945 im KZ Flossenbürg
hingerichtet, war er doch einer der letzten NS-Gegner
und an den Hitler-Attentatsplänen beteiligt.

Als Margarete Hoffer bei einer ihrer Erkundungsfahrten
mit dem Fahrrad von einer Grenzpatrouille
entdeckt wird, befindet sie sich gleichfalls in Gefahr.
Sie gibt vor, nach Pilzen gesucht zu haben… Auf der
Rückfahrt lässt Brigitte Liebelt die Vikarin in ihrem
Roman eingestehen: „Um ein Menschenleben zu
retten, durfte nichts unversucht bleiben und kein
Risiko zu groß sein. Sie würde es jederzeit wieder
tun. Aber – natürlich wollte sie leben. 37 ist kein
Alter, in dem man lebenssatt gehen wollte und schon
gar nicht auf diese Weise.“

In Schwenningen gibt es mutige Mitstreiter
Das Engagement Margarete Hoffers in Schwenningen
war nur dadurch möglich, dass es zahlreiche
Mitstreiter gab, die ihrem Gewissen folgten und im
Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand gegen das
Naziregime leisteten. Die Pfarrer der drei evangelischen
Gemeinden in Schwenningen verkündeten
ihre Solidarität mit Juden sogar von der Kanzel und
gingen dadurch, ihrem Glauben verpflichtet, ein
enormes persönliches Risiko ein.

Auch der spätere Oberbürgermeister Hans Kohler
beschaffte falsche Papiere für jüdische Mitbürger.
Selbst Polizeichef August Keller verhalf Schwenninger
Juden im Rahmen seiner Möglichkeiten zur
Auswanderung.

Ein Kunstgriff der Autorin Brigitte Liebelt ist in
ihrer biografisch-romanhaften Darstellung der
Ereignisse die Einführung der fiktiven Figur Elly
Haller. Durch sie ist es möglich, in das Innenleben
der tatsächlichen Zeitzeugen einen Einblick zu
erhaschen, in einen Alltag zwischen Angst, Solidarität
und innerem Widerstand. Oder wie die Autorin
ausführt: „Die meisten Personen in diesem Buch
haben wirklich gelebt. Rein fiktiv sind die Protagonisten
Elly Haller und Jochen Schindler sowie deren
Familien und Freunde.“ Und weiter: „Die Schilderung
der historischen Personen ist natürlich nur die
Interpretation dessen, was ich über sie in Erfahrung
bringen konnte.“

Zunächst macht die Schwenningerin Elly bereits
in Wien die Bekanntschaft von Margarete Hoffer, die
dort in der evangelischen Jugendarbeit wirkt,
während das junge Mädchen ihre Tante Julie, die
sich einen komplizierten Armbruch zugezogen hat,
im Haushalt unterstützt. Als sich die Ereignisse in
Wien überschlagen, jüdische Mitbürger drangsaliert
und schikaniert werden, der Mann ihrer Tante als
„Judenfotograf“ gebrandmarkt wird und ihrer engen
Freundin Lea in letzter Minute die Flucht nach
Shanghai geglückt war, kehrt Elly ins heimische
Schwenningen zurück.
Dort muss Elly erfahren, dass ihr Vater nicht
länger mit der Herstellung von Uhren betraut ist,
sondern dass die Produktion nun auf die Herstellung
von Zeitzündern für Granaten und Bomben umgestellt
worden war.

Um ein Menschenleben zu
retten, durfte nichts
unversucht bleiben und kein
Risiko zu groß sein.

Margarete Hoffer 207
Schwenninger Widerstand
Bereits beim „Anschluss“ Österreichs an Deutschland
im März 1938 wird deutlich, dass diese politische
Zeitenwende in Schwenningen auf Widerstand
stoßen würde. Obwohl auch hier Sympathien für das
Hitlerregime vorhanden sind, gelingt es Brigitte
Liebelt in ihrem Roman durch fiktive Einschübe
beispielsweise den Konflikt darzustellen, den Elly mit
einer ihrer Freundinnen hat, die sich in einen
SS-Angehörigen verliebt hat.

Elly freundet sich mit der Pfarrersfrau Lotte Kurz
an, die keine Romanfigur ist und tatsächlich eine
Unterstützerin der „Württemberger Pfarrhauskette“
war und mutig jüdischen Mitbürgern wie beispielsweise
der bereits genannten Opernsängerin Margarethe
Sterneck oder der Berliner Sozialarbeiterin
Herta Pineas in ihrem Haus Unterschlupf und Schutz
gewährte.

Ellys Eltern sind im Roman Mitglieder der
„Bekennenden Kirche“, in deren Aktivitäten die
junge Frau zunehmend eingebunden wird und sich
im geschützten Rahmen der Kirchengemeinde in
ihren Freund aus Kindertagen verliebt, der wegen
einer Gehbehinderung nicht von der Wehrmacht
eingezogen wird.

Eindrücklich wird in Brigitte Liebelts Werk
beschrieben, wie sich die politisch verschärfende
Situation auch in Schwenningen bemerkbar macht.
So wird beispielsweise die Tragödie des Fahrradhändlers
und überzeugten Sozialdemokraten Karl
Schäfer geschildert, der wegen ‚Hochverrats‘
angeklagt und im berüchtigten Welzheimer Polizeigefängnis
am 8. Mai 1938 ermordet wird. Auch an
ihn erinnert ein Stolperstein in der Talstraße 25 in
Schwenningen.

Nachdem die kirchlichen Kindergärten geschlossen
werden, verfassen die Pfarrer Erich Kurz und
Gotthilf Weber ein Flugblatt, das dazu führte, dass
Pfarrer Weber denunziert, diffamiert und inhaftiert
wird. Nach breitem Protest der Schwenninger
Bevölkerung wird er jedoch aus der Untersuchungshaft
wieder entlassen und in „einer Art Triumphzug
vom Bahnhof abgeholt“, wie Liebelt schreibt. Er sei
keiner gewesen, „der den Mund hielt“.

Mit dem Fahrrad unterwegs, um
Lebensmittel für Verfolgte zu hamstern
Im Kriegsjahr 1941 trifft die Romanfigur Elly Haller
auf Margarete Hoffer, die Pastor Erich Kurz während
dessen Dienst in der Wehrmacht vertritt und im
Pfarrhaus mit dessen Frau Lotte und deren Kindern
wohnt.

Legendär und von vielen Zeitzeugen überliefert
ist das Bild von Margarete Hoffer, die sich auf ihrem
Fahrrad, just zur Mittagszeit, in die ländlichen
Gebiete rund um Schwenningen begibt, dort
notgedrungen zum Mittagessen eingeladen wird und
zusätzlich Lebensmittel hamstert. Bald ist sie als
Schnorrerin verschrien, ahnt doch niemand, dass sie
ihre eigenen, so wertvollen Lebensmittelmarken und
auch die ergatterten Lebensmittel für ihre jüdischen
Schützlinge dringend benötigt.

Eine weitere hoch angesehene Schwenninger
Persönlichkeit ist Kurt Schlenker, ein Sohn des
damaligen CVJM-Vorsitzenden Christian Schlenker,
des „Vereins Christlicher Verein Junger Menschen“,
der mit dem oben bereits erwähnten Pfarrer Gotthilf
Weber viele immens gefährliche Aktionen umsetzte,
um junge Menschen vor den ideologischen Übergriffen
des Regimes zu bewahren. Wie Brigitte Liebelt in
ihrem Roman skizziert, sei bereits das Verlesen von
Fürbitten verboten gewesen. Weiter heißt es: „Außer
der Fürbitte forderte Pfarrer Weber die Gemeinde
auf, an die Inhaftierten und ihre Familien Karten und
Briefe zu schreiben, um den Kontakt aufrechtzuerhalten
und sie zu ermutigen.“

Verhör und Folter für einen 18-Jährigen
Kurt Schlenker selbst sei nach einem von Pfarrer
Weber regelmäßig organisierten Vorträgen zu den
Gräueltaten in den Konzentrationslagern, gerade
Pfarrer Weber forderte die
Gemeinde auf, an die
Inhaftierten und ihre
Familien Karten und Briefe
zu schreiben, sie zu
ermutigen.

208
Geschichte

18-jährig von der Gestapo verhaftet worden. Er hatte
es gewagt, das an diesem Abend Gehörte in der
Jugendgruppe weiterzuerzählen. Brigitte Liebelt auf
Seite 104: „Drei Tage lang wurde er verhört und
gefoltert. Dann gelang es seinem Onkel, dem
Schwenninger Polizeirat August Keller, ihn freizubekommen.“
Und weiter: „Dreimal versuchte Kurt
Schlenker mit dem Fahrrad bei Nacht die Schweizer
Grenze zu passieren. Dann kam er zurück, bleich und
entmutigt. Die Grenze war zu gut gesichert.“
Und auch diese Geschichte wird in „Die Vikarin“
erzählt: Anna Maria Schlenker, eine Tante Kurt
Schlenkers, fiel den Nazis 1940 in Grafeneck zum
Opfer. Dort beginnt im Januar 1940 das Ermorden
von Menschen mit Behinderung aus verschiedenen
Heilanstalten. 1941 dann wird das Programm auf
Juden, Sinti und Roma ausgedehnt. An seine Tante
Anna Maria erinnert sich Kurt Schlenker anlässlich
einer Gedenkstunde: „Als Betroffener danke ich für
diese Gedenkstunde. Wir können diese mörderischen
Ereignisse nicht ungeschehen machen. Ich
schäme mich für die Schuld meiner Generation.“
Doch wie endet der Roman „Die Vikarin“?

Das letzte Kapitel im Buch ist überschrieben mit
„Nachkriegstage“. Mit der Rückkehr von Pfarrer Erich
Kurz im Herbst 1945 weiß Margarete Hoffer, dass
ihre Schwenninger Zeit somit vorbei ist. Oder wie
Brigitte Liebelt ihr Werk schließt und Margarete
Hoffer sagen lässt: „Ihr Dienst in Schwenningen war
getan, aber sie war überzeugt davon: Gott würde
Margarete Hoffer
( 1906 – 1991)
Margarete Hoffer wurde am 31. Juli 1906 in Marburg
an der Drau geboren, 1912 übersiedelte die Familie
nach Graz. 1908 und 1913 wurden ihre beiden Brüder
Wilfried und Heinrich geboren – beide glühende
Anhänger des Naziregimes.

Schon früh reifte in Margarete Hoffer der
Wunsch, Theologie zu studieren, was zur damaligen
Zeit in Wien noch nicht möglich war, weshalb sie in
Kiel, Leipzig und Tübingen studierte und schlussendlich
1931 in Wien ihr Examen ablegte. Zunächst
arbeitete sie als Religionslehrerin und widmete sich
der Jugendarbeit innerhalb der evangelischen Kirche.
Bald engagierte sie sich, ebenfalls noch in Wien,
in judenchristlichen Frauenkreisen und unterstützte
schon in den 1930er-Jahren die Ausreise jüdischer
Mitbürger. Als der Religionsunterricht in Österreich
1938 ausgesetzt wurde, ging sie nach Deutschland,
wo sie 1941 von der württembergischen Landeskirche
„auf Kriegsdauer“ als Vikarin in Schwenningen
eingesetzt wurde.

Unmittelbar nach Kriegsende legte sie „ein
Rastjahr“, so Hoffer selbst, an der Universität in
Tübingen ein, wo sie zum Thema „Metanoia“– in der
christlichen Theologie oft mit „Bekehrung“ oder
„Reue“ übersetzt, promoviert. Ab 1947 wirkte sie in
ihrer österreichischen Heimat weiter, bevor sie
schließlich am 17. März 1991 in Graz in der Steiermark
verstarb.
1952 wurde Margarete Hoffer mit dem silbernen
Verdienstzeichen des Landes Steiermark ausgezeichnet.
Im Jahr 2012 schließlich ist sie posthum von der
israelischen Gedenkstätte Yad Vashem für ihren Mut
bei der Rettung von Juden geehrt worden und ihr
wurde der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“
zuerkannt. Damit gehört sie zu den weltweit 27.000
Personen, die mit diesem Ehrentitel
ausgezeichnet
wurden – rund 110 davon sind Österrreicher.
Margarete
Hoffer,
Portrait aus
ihrer Zeit nach
Schwenningen.

Margarete Hoffer 209
weiter mit ihr gehen, in neue Aufgaben, neue
Herausforderungen. Sie war bereit.“
Tatsächlich beginnt sie an der Tübinger Universität
mit der Arbeit an ihrer Dissertation, weil ihr
Gesuch um die Wiederaufnahme in den Kirchendienst
Österreichs zunächst abgelehnt wird und erst
ab 1947 wieder möglich ist.

Was macht den Roman „Die Vikarin. Margarete
Hoffer – Widerstand im Dritten Reich“, 2024 im
Verlag Gerth Medien erschienen, so fesselnd? Ist es
die Tatsache, dass die Autorin Brigitte Liebelt hier in
einer doppelten Rolle wahrgenommen werden kann:
Hier die überzeugte, praktizierende Christin, dort die
packend erzählende, akribisch recherchierende
Schriftstellerin?

Dass dieses Engagement und diese Hingabe
wertgeschätzt wird, zeigt sich in den vielen gut
besuchten Lesungen der Autorin, im Echo der Presse
– nicht nur vor Ort im heimischen Schwarzwald-
Baar-Kreis, sondern auch im österreichischen
Fernsehen und Rundfunk.

Ziviler Mut in einem totalitären Staat
Ganz offen gesteht die Schwenningerin, dass sie sich
beim Recherchieren für diesen Roman sehr oft
gefragt habe: „Wie hätte ich wohl selbst in dieser
Zeit gedacht und gelebt?“ Oder wie Brigitte Liebelt
im Nachwort des Buches beschreibt: „Die Menschen
konnten nicht absehen, dass die Zeit des Hitlerregimes
begrenzt war. Sich irgendwie darin ‚einzurichten‘,
um mit einigem Anstand zu ‚überleben‘, lag
daher nahe. Der zivile Mut gegenüber der totalitären
Diktatur hatte eine politische Qualität, die man nicht
unterschätzen darf.

Verfolgte zu verstecken und Lebensmittel und
andere notwendige Dinge zu beschaffen ist vordergründig
keine politische Tat, aber es ist eben eine
solche in einem Staat, der vollständige Unterwerfung
und Identifikation mit seinen Zielen verlangt.
Die Menschen, die das taten, entzogen sich diesem
Absolutheitsanspruch des Staates und unterliefen
seine Ziele. Sie erkannten Handlungsspielräume in
scheinbar aussichtslosen Situationen und sie
entdeckten Gleichgesinnte, mit denen sie sich
austauschen konnten und so resistenter gegenüber
der Denkweise und den Ansprüchen ihrer Zeit
wurden.“

Und so bleibt als Fazit die bange Frage: Sollten
wir uns angesichts der Krisen unserer Zeit nicht weit
dem Grundsatz öffnen: Ich kann nicht alles ändern,
aber ich kann handeln – hier und jetzt ?
Ihre Wiederaufnahme in den
Kirchendienst wird nach
dem Zusammenbruch des
Dritten Reiches vorerst
abgelehnt und ist Margarete
Hoffer erst 1947 wieder
möglich.

Die Vikarin
Margarete Hoffer –
Widerstand im
Dritten Reich
Biografischer Roman,
350 Seiten, Hardcover
ISBN 13: 9783986950514
Die Schwenninger
Autorin Brigitte Liebelt
hat mit „Die Vikarin“ im
Jahr 2024 ihr zweites
Buch veröffentlicht. Das
in bereits 2. Auflage
vorliegende Werk stößt
auf große Resonanz.

Lebensfragen, Leiterwagen und
Lieblingskuchen – Auf den Spuren
Albert Schweitzers in Königsfeld
VON DANIELA SCHNEIDER

150. Geburtstag und 60. Todestag

Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 211
„Die Zeit in Königsfeld war die schönste meines Lebens.“ Diesen Satz schrieb der
90-
jährige Albert Schweitzer kurz vor seinem Tod an eine Bekannte. Zu diesem Zeitpunkt
blickte er auf ein langes, bewegtes und bewegendes Leben zurück. Schweitzer
starb am 4. September 1965 im Urwaldhospital von Lambaréné, das er selbst 1913
gegründet
und fortan aufgebaut hatte und mit dem er weltweite Bekanntheit erlangte.
2025 gibt es gleich zwei Anlässe, an den Urwalddoktor zu erinnern: Der 150. Geburtstag
– der berühmte Elsässer kam vor 150 Jahren, am 14. Januar 1875, in Kaysersberg zur
Welt – und ebenso sein 60. Todestag. Das Doppel-Jubiläum
war Anlass, 2025 zum „Albert-
Schweitzer-Jahr“ zu erklären. Und es ist auch ein guter Grund, sich auf die Spuren
zu begeben, die der Theologe, Arzt, Philosoph, Musiker und Friedensnobelpreisträger in
jenem Ort hinterlassen hat, über den er im erwähnten Brief an seine Bekannte schrieb:
„In Königsfeld konnte ich ruhig arbeiten, hatte eine Orgel, konnte in den Wald gehen,
hatte viele Freunde. Tief bewegte mich, dass meine Weltanschauung der Ehrfurcht vor
dem Leben ihren Weg in der Welt macht. Mit dieser Philosophie habe ich mich schon in
Königsfeld befasst, im Walde von Königsfeld.“

Spuren von Albert Schweitzer im Rathaus
Heute hat der Kurort einen Bürgermeister namens
Fritz Link – und wer etwas über Königsfeld im
Allgemeinen und seine Beziehung zu Albert
Schweitzer im Besonderen erfahren möchte, ist bei
ihm genau an der richtigen Adresse.

Allein schon beim Betreten des Rathauses begegnet
ihm und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
der Gemeindeverwaltung der bekannte
Urwaldarzt und Weltbürger buchstäblich auf Schritt
und Tritt. Im Treppenhaus zeigt eine Skulptur des
Bildhauers Fritz Behn einen nachdenklichen und in
sich gekehrten Albert Schweitzer. Dies ist nur eine
von zahlreichen Darstellungen des bekannten Mannes
mit dem markanten Schnauzbart, die sich hier
mehr oder weniger überall finden.

Im ersten Obergeschoss wartet eine Schweitzer-
Ausstellung mit zahlreichen Exponaten in etlichen
Vitrinen auf, mit Aufnahmen von Schweitzer,
etwa an der Orgel von Königsfeld oder auf Spaziergängen
im Ort, mit gerahmten Zitaten, Büsten, Erinnerungsstücken
aus Lambaréné – hier den Überblick
zu gewinnen, ist nicht ganz einfach.
Aber Bürgermeister Link kann weiterhelfen.
Dieser hat sein Büro gleich nebenan. Und ganz abgesehen
von all den Erinnerungsstücken,
die ihn und
seine Rathausmannschaft umgeben, hat er nicht nur
ein immenses Faktenwissen zu Albert Schweitzer parat.

Vielmehr wird im Gespräch mit ihm recht schnell
ebenso deutlich: Sein Respekt für diesen Mann,
seine Hochachtung vor dessen Lebensleistung ist
groß. Und das gilt ebenso für seinen Wunsch, dass
möglichst viele Menschen wissen oder erfahren, wer
Albert
Schweitzer war, was er bewirkte. Und: Wie
spannend auch die Geschichte ist, wie die Mitglieder
der Familie Schweitzer in diese Gemeinde kamen,
hier arbeiteten, wohnten, Kontakte pflegten und
schöne, aber durchaus auch schwere Stunden erleb-
Links: Albert Schweitzer und das Tonmodell für die Bronze-
Büste, die der Maler und Bildhauer Otto Leiber 1929 in
Königsfeld anfertigte.

212
Geschichte

ten (siehe Infokasten). Gerne verweist der Bürgermeister
auf eine gute Quellenlage. Ein zielsicherer
Griff in den Bücherschrank fördert einen Band des
Kompendiums „Albert Schweitzers Erben“ zutage.
Darin ist Königsfeld ein ganzes Kapitel gewidmet.

Dass die Person Albert Schweitzer heutzutage in
der Retrospektive auch kritisch gesehen wird – als
ein Kind seiner Zeit mit ihren kolonialen Denkmustern,
als jemand, der sich auf „zivilisatorischer Mission“
in Afrika sah, als jemand, der den Menschen in
Lambaréné sagte, dass er ihr Bruder, aber ihr „großer
Bruder“ sei – stößt bei Fritz Link mit Blick auf den
historischen Kontext Schweitzers auf Verständnis.
So habe Schweitzer auch Zeit seines Lebens nie die
örtlichen Stammessprachen gelernt, merkt er an.
Und dennoch: Was Schweitzer geleistet hat, seine
immense und nachhaltige Aufbauarbeit, bleibt für
ihn als Lebenswerk bestehen.

Besuch in Lambaréné
Bei einem Besuch einer Königsfelder Delegation
im Jahr 2013 in Lambaréné konnte sich der Bürgermeister
auch persönlich davon überzeugen, wie die
Arbeit dort bis heute erfolgreich fortgeführt wird.
Besonders freut ihn, dass dort dank einer großen
Königsfelder
Spendenaktion ein Fahrzeug für eine
Mutter-Kind-Station mitten im Busch ebenso finanziert
werden konnte, wie mit der Spendenaktion
2025 hoffentlich eine Solarbeleuchtung oder eine
neue Pumpentechnik für das Spital.

Bürgermeister Link betont zudem, dass das
entscheidende Ziel des Hauses in Königsfeld sei,
das unglaublich vielfältige Denken Schweitzers als
einem der letzten Universalgelehrten in Erinnerung
zu rufen.

Sein geistiges Werk manifestiere sich in
umfangreichen schriftstellerischen Arbeiten eben-
Im Rathaus von Königsfeld ist Albert Schweitzer allgegenwärtig.
Im Arbeitszimmer von Bürgermeister Fritz Link
steht diese Skulptur von Fritz Behn, die den Ehrenbürger
der Gemeinde als Organist zeigt.
Bürgermeister Link über Albert
Schweitzer: Seine Vorstellung
der Achtung vor dem Leben in
allen Facetten – heute vielleicht
nötiger denn je.

In der Ausstellung im Rathaus wimmelt es nur so von
Informationen über Albert Schweitzer und Königsfeld.
Bürgermeister Fritz Link kennt sie alle.
Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 213
1922 hatten Albert Schweitzer und seine Frau Helene
Schweitzer-Bresslau eine damals noch bis zum
Waldrand reichende Grundstücksparzelle an der
jetzigen Ecke Schramberger Straße und Albert-Schweitzer-
Weg von der Evangelischen Brüderunität in
Herrnhut erworben. Darauf ließen sie ihr Haus
errichten, das 1923 bezugsfertig war, errichtet nach den
Plänen des Stuttgarter Architekturprofessors Wilhelm
Weigel.

Aber warum eigentlich ausgerechnet Königsfeld?
Den Kurort kannte das Ehepaar von früheren Besuchen.
Die lungenkranke Helene
Schweitzer-Bresslau war hier
schon zu Kuraufenthalten,
sie hatten in der Gegend ihre
Flitterwochen verbracht.
Der Ort bot sich nun als
neue Heimat an, weil Helene
Schweitzer-Bresslau weiter
krank war, geschwächt
zusätzlich durch die Folgen
der Internierung, in der sie
– verdächtig als Deutsche
im französischen Kolonialgebiet
– bis 1918 hatte ausharren
müssen. Zudem war
die 40-jährige Frau schwanger.
Und sie fühlte sich offenbar
im Straßburg der
Nachkriegszeit nicht mehr
heimisch. Vom Heilklima in
Königsfeld versprach man
sich auch einen guten Einfluss
auf ihre Gesundheit.
Weil ihr Mann – als Urwalddoktor und Organist weithin
berühmt – den Entschluss gefasst hatte, wieder nach
Lambaréné zurückzukehren, sie ihn aber aus gesundheitlichen
Gründen nicht begleiten konnte, fiel die Wahl
auf Königsfeld, um der Familie hier ein festes Domizil
zu errichten.

Am 1. Mai 1923 konnte das Ehepaar Schweitzer
schließlich mit Tochter Rhena das Wohnhaus beziehen.
Fortan lebten vor allem Mutter und Tochter hier, während
Albert Schweitzer oft auf Reisen und vor allem oft
in Lambaréné war. Für Helene Schweitzer-Bresslau war
ihre Zeit hier nicht leicht, wie man heute unter anderem
aus ihren Aufzeichnungen weiß. Sie war eine einsame
Frau in diesem Ort, in dem es ihr schwerfiel, Kontakte zu
knüpfen, während ihr Mann in der Welt unterwegs war.
Viel lieber, so machte sie es selbst oft deutlich, wäre sie
bei ihm gewesen, in Lambaréné oder wo auch immer.
Für Albert Schweitzer hingegen, so schreiben es seine
Biografen, war Königsfeld „stets ein Refugium, ein
selbst gewählter Ort der Ruhe, an dem er sich manchmal
nur für Tage oder Wochen von seiner ärztlichen Tätigkeit
im tropischen Lambaréné erholen und seiner schriftstellerischen
Arbeit widmen
konnte.“ Hier übte er an der
Orgel, hier gab er auch Konzerte
im Kirchensaal.
Tochter Rhena besuchte
die Zinzendorfschulen und
zeitweise auch das dortige
Internat, wenn ihre Eltern
im Ausland waren.

1933 verließen die Halbjüdin
Helene Schweitzer-Bresslau
und ihre Tochter
Rhena Deutschland während
der Nazizeit; sie lebten erst
in der Schweiz, dann kurz in
Amerika, dann in Frankreich
und schließlich wieder in der
Schweiz. In ihrem Wohnhaus
in Königsfeld wurden
zeitweise Flüchtlinge untergebracht,
was auch in der
Nachkriegszeit noch der
Fall war, als die Schweitzers
wieder zurückkehrten und nun nur noch das Erdgeschoss
bewohnten.

1949 hat der Königsfelder Gemeinderat entschieden,
Schweitzer zum bislang einzigen Ehrenbürger zu
machen.
Die Würde wurde ihm anlässlich seines 75. Geburtstages
verliehen, übrigens Jahre bevor er den Friedensnobelpreis
überreicht bekam.
1957 starb Helene Schweitzer. 1959 wurde das Grundstück
samt Gebäuden der Evangelischen Brüdergemeinde
in Königsfeld vermacht, der das Anwesen bis heute
gehört.

So kam Familie Schweitzer nach Königsfeld – und so lebte sie hier
Familie Schweitzer, Albert, Rhena, und Helene.
214
Geschichte
so wie in theologischen Schriften und sei in einem
eigenständigen
philosophischen Denkgebäude seiner
Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ etabliert.
Ein Beispiel? Das Schlagwort Nachhaltigkeit –
bei Schweitzer spielte es bereits eine Rolle, als es
noch keine Modeerscheinung der Jetztzeit war. Seine
Vorstellung der Achtung vor dem Leben in allen
Facetten – heute vielleicht nötiger denn je. „Für uns
ist er daher auch ein Vorbild für die ökologische Ausrichtung
unserer Kommune“, sagt Fritz Link, „es gilt,
die Natur zu achten, dafür Sorge zu tragen, dass sie
auch für künftige Generationen weiter besteht.“
Mit einer gewissen Besorgnis beobachtet der
Königsfelder, dass das Andenken aber langsam etwas
zu verblassen droht. 2013 sei eine repräsentative
Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach
veröffentlicht worden. Fast 50 Jahre nach Schweitzers
Tod war dieser demnach rund 88 Prozent der
Deutschen bekannt und 26 Prozent zählten ihn zu
ihren wichtigsten Vorbildern. Würde man die Umfrage
heute noch einmal lancieren – es gäbe wohl
– obwohl Schweitzer selbstredend immer noch eine
bekannte Persönlichkeit ist – ein nicht mehr ganz
so beeindruckendes Ergebnis. Umso wichtiger also,
dass an Orten wie Königsfeld die Erinnerung an diesen
besonderen Mann, seine Frau und auch deren
Tochter Rhena wachgehalten wird, die nach dem
Tod der Eltern viel für den Erhalt der Klinik in Afrika
getan hat.

Lebensmittelpunkt der Familie Schweitzer
Während nun anderswo das Jubiläumsjahr für
verschiedenste Veranstaltungen und Veröffentlichungen
genutzt wurde, ist in Königsfeld immer und
jedes Jahr Schweitzer-Zeit. Schließlich steht hier das
Haus, das die Familie ab 1923 bewohnte – und hier
wird in einer detailreichen Ausstellung eindrücklich
an sie erinnert. Die freundliche Aufforderung von
Bürgermeister Link ist daher eindeutig: Wer mehr
über Albert Schweitzer und Königsfeld erfahren
möchte, muss dazu vom Rathaus aus nur die paar
Der frühere Haupteingang war auf der anderen Seite des Gebäudes gelegen. Über der Tür im Portikus sind die Namen der
Bauherren, das Baujahr 1923 und diese erhaltene Inschrift zu lesen: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern
die zukünftige suchen wir – Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen.“ – diese Textstellen stammen aus den Briefen
des Apostels Paulus. Auch sie schmücken das Haus.
215
Schritte zu dem freundlichen Bau am Rand des
Doniswalds hinüber gehen.

Hier steht das denkmalgeschützte Albert-Schweitzer-
Haus, in dem 2001 im Erdgeschoss eine
Gedenkstätte als „Forum für Information und Kommunikation“
errichtet wurde. Sie gilt als ein „wichtiger
Ort für die Bewahrung und Fortführung des
humanitären und geistigen Werkes Albert Schweitzers“
und macht auch rein äußerlich mit den hellen
Holzschindeln, dem Mansarddach und den charakteristischen
Schleppgauben einen einladenden
Eindruck. Bürgermeister Link verweist noch darauf,
dass das, was im Inneren an Objekten fragmentarisch
erhalten wurde, eher stellvertretend dafür zu
verstehen ist, wie die Familie hier lebte. „Das Haus
ist das Ausstellungsstück an sich“, sagt er. Das einzige
eines Friedensnobelpreisträgers, zumindest in
Baden-Württemberg und alleine schon deshalb ein
Objekt mit beachtlichem Stellenwert.

Der Historische Verein Königsfeld führt die Begegnungsstätte
mit einer ständigen Ausstellung über
Leben und Werk Albert Schweitzers und seiner Frau
Helene. Wer hier zu den üblichen Öffnungszeiten
vorbeischaut, kann zum Beispiel auf Daniel Müllhäuser
treffen. Er gehört zu einem rührigen Team von
Ehrenamtlichen, die es ermöglichen, dass das Haus
von Besucherinnen und Besuchern erkundet werden
kann. Sie betreuen die Begegnungsstätte als Aufsichten
und organisieren Führungen nach Voranmeldung
bei der Tourist-Info.
An einem sonnigen Sonntag im August sitzt also
Daniel Müllhäuser an der Kasse im Schweitzer-Haus
in dem hellen, früher als Glasveranda genutzten Eingangsbereich.
An der Seite zur Schramberger Straße hin zeigt ein Schild
an, dass hier das Albert-Schweitzer-Haus steht. Heute
betreten die Besucher das Gebäude über die ehemalige
Veranda.
Daniel Müllhäuser aus Königsfeld-Neuhausen gehört
zum Team der ehrenamtlichen Helfer im Albert-Schweitzer-
Haus. Hier hält er das Gästebuch mit all den vielen
Einträgen in seinen Händen.
… wichtiger Ort für Bewahrung
und Fortführung des
humanitären und geistigen
Werkes Albert Schweitzers.
Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld

216
Geschichte
Der Mann an der Kasse plaudert freundlich mit
einem Ehepaar aus dem Schwäbischen. Woher sie
kommen, hat er gerade im Gespräch erfahren. Ob
es ihnen denn gefallen habe, fragt er noch und freut
sich über die Antwort: „Ja, es war sehr interessant“.
Das motiviert ihn, hier weiter mitzuhelfen. Er hat viel
Freude daran, wie er sagt, der Aufwand hält sich in
Grenzen, man trifft nette Menschen und das Thema
ist interessant. Vielleicht, so hoffen er und seine Mitstreiter,
finden sich ja noch weitere Leute, um hier
mit auszuhelfen.

Während er noch erzählt, dass sich diese gerne
beim Historischen Verein dafür melden dürfen, stehen
schon die nächsten Besucher in der Eingangstür.
Daniel Müllhäuser kassiert den Eintrittspreis und erklärt
ihnen dabei kurz, dass die Ausstellung sich über
das Erdgeschoss des ehemaligen Wohnhauses der
Familie Schweitzer erstreckt und in sieben Räumen
deren Leben und Werk zeigt. Die Besucher bedanken
sich und machen sich auf, das Haus zu erkunden.
Rundgang durch die Lebensstationen
Über die knarzenden Holzdielen geht es in den
ersten Raum, das ehemalige Wohnzimmer, das sich
dem ethischen Werk Schweitzers, seinem Grundsatz
„Handeln – einfach ein Mensch sein …“ widmet.
Hier steht zum Beispiel auch das tropentaugliche
Pedalklavier, das Schweitzer einst geschenkt bekam.
Den Weg nach Afrika hat dieses Instrument zwar nie
angetreten und in Königsfeld spielte er auch nicht
darauf, weil es zu seinen Lebzeiten stattdessen in
seiner Heimatgemeinde Gunsbach im Elsass stand.
Sehenswert ist es aber allemal und bespielt werden
Das tropentaugliche Pedalklavier von Albert Schweitzer
stand zu seinen Lebzeiten in seiner Heimatgemeinde
Gunsbach im Elsass.

Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 217
könnte es womöglich übrigens auch noch: 2025
wurde eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen,
um auf diesem und einem weiteren Pedalklavier
eine CD einzuspielen. Sie soll speziell der Jugendzeit
Albert Schweitzers gewidmet sein und den Titel
„Zu Gast bei Onkel Bery – französische Salonmusik
und Jugendkompositionen von Albert Schweitzer“
tragen. Damit wird auch an den Kosenamen erinnert,
den der junge, musikbegeisterte Schweitzer in
seiner eigenen Familie verpasst bekommen hatte.
Dass er natürlich nicht immer der bärtige, ältere
Herr mit Tropenhut war, der am hier ebenfalls aufgestellten
Spazierstock flanierte oder auf dem breiten
Schreibtischstuhl Platz nahm, wird übrigens in
diesem ersten
Ausstellungsraum auch sehr deutlich
untermauert dank zahlreicher Aufnahmen aus seiner
Kindheit und Jugend.

Geht man als Besucher in den nächsten Raum,
erfährt man etwas über das gemeinsame Werk Helene
und Albert Schweitzers. Hier dreht sich alles
um das Spital in Afrika, das sie zusammen ins Leben
gerufen haben („Lambaréné ist das Symbol meines
Denkens“).

Raum drei widmet sich dem Leben und Wirken
Helene Schweitzer-Bresslaus in den Jahren 1897 bis
1924 („Wir wollen miteinander für etwas leben“) und
im vierten Raum wird unter der Überschrift „Eine
Heimat in Königsfeld“ eine kleine Baugeschichte des
Hauses präsentiert.
Raum fünf widmet sich der Zeit zwischen Königsfeld
und Lambaréné von 1927 bis 1965, Raum sechs
dem geistigen Werk Albert Schweitzers als Musiker,
Philosoph, Theologe und Seelsorger und im letzten
Raum wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung
Albert Schweitzer heute noch hat („Jeder muss
sein eigenes Lambaréné finden“).

Auch wenn die Räume nicht groß sind – wer sie
besuchen möchte, sollte viel Zeit mitbringen. Die
Fülle an Informationen und spannenden Details
Auf dem breiten Schreibtischstuhl nahm Albert Schweitzer
einst gerne Platz.

Schweitzer allgegenwärtig
In Königsfeld findet man zahlreiche weitere Verweise
auf den berühmten Ehrenbürger der Gemeinde.
So trägt zum Beispiel die Medi-Clin-Baar-Klinik
seinen
Namen.

• Der Historische Verein Königsfeld veranstaltet
regelmäßig
die Albert-Schweitzer-Tage.
• Und zum vierten Mal wird 2026 in Königsfeld
der mit 10.000 Euro dotierte Internationale
Albert-
Schweitzer-Preis für „herausragenden Erhalt
oder Fortentwicklung humanistischen Denkens
im Sinne Albert Schweitzers“ verliehen.
• Das Albert-Schweitzer-Haus ist samstags, sonnund
feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Audio-
Guides können ausgeliehen werden. Weitere
Informationen sind bei der Tourist-Info Königsfeld,
Telefonnummer 07725/800945 erhältlich.
Hier sind auch Sonderöffnungen und Führungen
buchbar.

• Im Albert-Schweitzer-Jahr 2025 gab es in der Gemeinde
auch einige hochkarätige Jubiläumsveranstaltungen,
darunter ein Benefizkonzert mit
dem Heeresmusikkorps Ulm im Kurpark, eine
Ausstellung zu Schweitzers Leben in Königsfeld
und ein Orgelkonzert im Kirchensaal mit Pianistin
Henriette Gärtner.

Wir wollen miteinander für
etwas leben.

218
Geschichte

ist beachtlich und wer sich darauf einlässt,
kann tief eintauchen in die
Leben derer, um die es hier geht.
Und: Es finden sich hier viele
Anekdoten
und Geschichten,
die die Zeit in Königsfeld
veranschaulichen.
Um nur ein Beispiel
zu nennen: In der ehemaligen
Küche steht ein
eigentlich recht unscheinbarer
Leiterwagen. Dass
Albert Schweitzer den
aber einst höchstpersönlich
zog, um Gäste zum Bahnhof
Peterzell-Königsfeld zu begleiten
und deren Gepäck damit zu
transportieren, wäre ja eigentlich schon
bemerkenswert genug. Was dann aber passierte,
erfährt man in der Ausstellung auch. Ein eben an
dem Bahnhof angekommenes Gästepaar, das den
Friedensnobelpreisträger für einen Hotelbediensteten
hielt, belud ihm kurzerhand sein Gefährt mit
ein paar Koffern und gab ihm die Anweisung, diese
in ihr Hotel zu befördern. Er zögerte
nicht und tat, wie ihm geheißen
– in der Unterkunft angekommen,
als sich das Missverständnis
aufklärte, war‘s
dem Hotelier und auch
den Touristen hochnotpeinlich
– Schweitzer
aber, so wird es
erzählt, schwieg und
zog in Richtung Doniswald
von dannen.

Ob ein Schmunzeln
über sein Gesicht ging?
Heute weiß das niemand
mehr – aber allein die Vorstellung
macht einfach Spaß.
Das finden an diesem Sonntag
auch die Besucherinnen Margrit Lehmann
und Renate Eith aus dem Zollernalbkreis. Die
beiden Freundinnen, die schon länger vorhatten,
sich die Ausstellung mal anzuschauen, schlendern
langsam durch die Räume, lesen die Infotafeln, hören
in Interviews mit Zeitzeugen rein, die Schweitzer
Fotos auf dieser Doppelseite:
Oben: Auch auf dem Grundstück
rund um das Haus gibt es etwas
zu entdecken, so das Modell des
Urwaldhospitals in Lambaréné.
Unten: Der Leiterwagen von
Albert Schweitzer in der ehemaligen
Küche des Hauses.

Rechte Seite:
Albert und Helene Schweitzer in
ihrem Haus in Königsfeld. Zum
Geburtstag bestellte der Urwalddoktor
per Telegramm aus Lambaréné
im Café Sapel stets die
Lieblingstorte seiner Frau, die
„Tausend-Blätter-Torte“.

Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 219
noch persönlich kennengelernt haben, und freuen
sich einfach, wie all das hier aufbereitet wurde. Was
sie besonders beeindruckt? „Oh, vieles“, sagen sie,
„wie alt das Ehepaar geworden ist zum Beispiel.“
Und ob sie das Albert-Schweitzer-Haus auch anderen
zum Besuch empfehlen würden? „Auf jeden Fall“,
folgt die Antwort auf dem Fuß, „das lohnt sich sehr“,
versichern sie, bevor sie Gerlind Scholz am Ende
ihrer Tour durch das Haus noch fragen, wo man in
Königsfeld denn gut auf ein Stück Kuchen und einen
Kaffee einkehren kann? Die Seniorin aus dem Ehrenamtlichen-
Team, die gerade ihren Vorgänger an der
Aufsicht abgelöst hat, gibt ein paar Empfehlungen
ab, darunter auch das Café Sapel.

Eine Torte zum Geburtstag
Die beiden Besucherinnen freuen sich über den
Tipp und machen sich auf den Weg dorthin. Ob sie
abschließend auch eine besondere Spezialität – die
Tausend-Blätter-Torte – probiert haben? Dieses süße
Backwerk kann man dort jedenfalls genießen,
garniert mit einer Geschichte: Jedes Jahr, wenn der
Geburtstag seiner Frau Helene nahte, soll Albert
Schweitzer, der gerade einmal wieder fern der Heimat
und fern seiner Gattin mitten im afrikanischen
Urwald weilte, telegraphisch aus Lambaréné im Café
Sapel eben jene Torte bestellt haben, die Helene
Schweitzer-Bresslau anscheinend so sehr liebte.
Die elsässische Spezialität wurde ihr in ihr Haus
geliefert. Und im Café Sapel wird sie heute wieder
serviert – „im Gedenken an die charmante Geste eines
großen Mannes“, wie es heißt. Auch das ist eine,
in diesem Fall ganz süße Spur, die Albert Schweitzer
in Königsfeld hinterlassen hat.
Im Café Sapel gibt es mit der
„Tausend-Blätter-Torte“ die
Lieblingstorte von Helene
Schweitzer. Albert Schweitzer
bestellte sie seiner Frau per
Telegramm aus Lambaréné
stets zum Geburtstag.

DAS QUARTETT
„MANOUCHE“
VON RENATE ZÄHRL
220
7. Kapitel – Musik

221

„Manouche“, das sind v. links
Michael Lauenstein, Daniel Beurer,
Peter Westhoff und Fabian Huger.

222
Musik

Pariser Flair zwischen Donau und Schwarzwald: Das Donaueschinger Quartett
„Manouche“ lässt den Gypsy-Swing der 1920er- bis 1940er-Jahre aufleben
– präzise, warm und mitreißend. Die Besetzung ist klassisch und klingt wie
aus einem alten Club an der Seine: Daniel Beurer und Fabian Huger an den
Gitarren, Michael Lauenstein am Akkordeon, Peter Westhoff am Kontrabass. Der
ursprünglich afroamerikanische Swing, den Django Reinhardt in Europa berühmt
machte, ist bei Manouche sozusagen „Zuhause“. „Das langjährige Zusammenspiel
macht die Qualität – wir vier spielen mit traumwandlerischer Sicherheit
zusammen“, sagen die Musiker über sich selbst. Die vor 22 Jahren gegründete
Band kann sich über eine große Fangemeinde weit über den
Schwarzwald-Baar-Kreis hinaus freuen.
Daniel Beurer
Michael Lauenstein
Fabian Huger
Peter Westhoff
Das Quartett „Manouche“ 223
Der Name „Manouche“ kommt von den französischen
Sintis, die sich selbst so nennen.
Hinter ihm stehen vier Vollblutmusiker: Daniel
Beurer, der Frontmann des Quartetts, verbindet die
traditionelle orientierte Spielweise des Swing ebenso
wie moderne Mainstream-Jazzgitarre. Der virtuose
Solist und Django-Kenner bereichert den musikalischen
Auftritt des Quartetts um kurze Anekdoten aus
dem Leben des legendären Musikers aus der großen
Reinhardt Familie der französischen Sinti und trägt
damit entscheidend zu den abwechslungsreichen und
kurzweiligen Konzerterlebnissen bei.

Michael Lauenstein ist studierter Akkordeonist,
der in der Klassik ebenso wie im Theater und im Jazz
zu Hause ist. So setzt er den Saiteninstrumenten mit
seinem „Orchester“ mehrstimmige Akzente entgegen
und erweitert mit der Klangfarbe seines Instruments
und solistischen Höhepunkten den Gitarrenrhythmus
des Trios. Oder wie Beurer und Westhoff anekdotisch
feststellen. „Er verwächst beim Spielen zu einem organischen
Ganzen mit seinem Akkordeon“.

Fabian Huger sorgt für den rhythmischen Hintergrund.
„Faire la Pompe“ ist der Ausdruck dafür, er
bezeichnet die Aufgabe des Rhythmus-Gitarristen,
im Zusammenspiel mit dem Bassisten sowohl den
rhythmischen als auch den harmonischen Hintergrund
für die Solisten zu gewährleisten.

„It don‘t mean a thing if it ain‘t got that swing“ –
so könnte das Lebensmotto des Kontrabassisten Peter
Westhoff lauten, der nach klassischer Ausbildung
am Instrument seit über 40 Jahren in unterschiedlichen
Formationen von Dixieland über Swing und
Mainstream-Jazz bis hin zu salonorchestralen Besetzungen
bewegt. Er bildet das tieffrequente Rückgrat
der akustischen Besetzung von Manouche. Über den
Service des rhythmischen Gerüsts hinaus trägt er
durch ausgewählte Soli zur musikalischen Vielfalt
der Besetzung bei.

Das Quartett Manouche mit Gastmusikern in der
Waldkulturscheune.
Der Name „Manouche“
kommt von den
französischen Sintis, die
sich selbst so nennen.

224
Musik
Die Historie
Begonnen hat alles vor 22 Jahren mit dem Villinger
Hans-Peter Müller, bekannt als Dicke, der Jazz
und französische Chansons liebte. 2003 fanden
sich „
Dicke“, Daniel Beurer und Peter Westhoff
zusammen und gründeten die Musikerformation
Manouche als Trio. Der Name stammt wie eingangs
erwähnt von den französischen Sintis, die sich selbst
so bezeichnen. Die Auftritte des Trios fanden überwiegend
im Theater am Turm in Villingen statt, in
der ehemaligen Druckerei Müller wurde geprobt. So
spielten die Musiker zusammen mit Bernie Rainer
Ott, dem damaligen künstlerischen Leiter des Theaters
am Turm, der passende Literatur zur Musik las.
Schon damals spielte das Trio oft mit Gastmusikern
wie der Geigerin Sylvia Oelkrug, dem Akkordeonisten
Alekseys Maslakows, dem bekannten Villinger
Klarinettisten Volker Berger, Daniel Kübler mit Geige
und Mandoline und anderen. Im Laufe der Zeit formierte
sich das heutige Quartett in fester Besetzung.
Peter Westhoff: „Das langjährige Zusammenspiel
macht die Qualität der Musik, wir vier spielen mit
traumwandlerischer Sicherheit zusammen“. Zur
besseren Wiedererkennung wurde Manouche in
„Quartett Manouche“ umbenannt.

Daniel Beurer erzählt, dass seine erste Begegnung
mit dieser Musik ein persönliches Live-Erlebnis
1996 in Augsburg war, als ihn die beim dortigen Festival
auftretenden Sinti-Gitarristen mit diesem Musikstil
förmlich fesselten. Er erinnert sich: „Damals
gab es kaum Unterrichtsmaterialien, keine Lehrbücher,
die besondere Spielweise, die Techniken oder
die Griffe auf der Gitarre mussten sich die Musiker
selbst aneignen. Auch die Technik der rechten Hand
ist anders.“ Daniel Beurer: „Die Rhythmus-Gitarre
ersetzte bei den Sinti, die Straßenmusiker waren, das
ursprüngliche Schlagzeug, den Bass und das Klavier
gleichermaßen.“

Begeistert von der Musik Django Reinhards
Die Musik Django Reinhardts hat sich über die Zeit
zu einer eigenen Gattung entwickelt, dem Gypsy
Swing, der von Jazz-Musikern bis heute anerkannt
ist. Django Reinhard entstammte einer französischen
Sintifamilie. Aufgewachsen in einer Wohnwagensiedlung
in einem Elendsviertel vor Paris, erwies er sich
bereits mit 12 Jahren als virtuoses Ausnahmetalent,
das sich spontan Melodien aneignen konnte. Durch
einen Akkordeonisten, Vétese Guérino, bekam der
junge Musiker Auftritte in Cafés vermittelt, stimmte
in den „Bals Musette“ Walzer zum Tanz an und
trug so zum Familieneinkommen bei. Als 18-Jähriger
machte Django Reinhardt erste Aufnahmen, eine
Karriere bahnte sich an. Aufgrund eines Unfalls – der
Wohnwagen war in Brand geraten – verlor er Finger
an der rechten Hand. Doch er erfand eine neue Art
des Gitarrenspiels, benutzte für die Melodie nun
Zeige-
und Mittelfinger.

Die Instrumente der Sinti waren Violine, Solound
zwei Rhythmusgitarren sowie Kontrabass. Auf
das Schlagzeug konnte wegen der typisch perkussiven
Gitarrenbegleitung (la pompe) mit ihrem Swing-Drive
verzichtet werden. Teilweise werden auch
Klarinette und Akkordeon eingesetzt. Als Gitarren
kommen traditionell Instrumente zum Einsatz wie
sie in den 1930er-Jahren vom italienischen Gitarren-
Django Reinhardt (1910 – 1953)
Die Instrumente der Sinti
waren Violine, Solo- und
zwei Rhythmusgitarren
sowie Kontrabass.
Das Quartett „Manouche“ 225
bauer Maccaferri
für die in Paris ansässige Firma
Selmer
gebaut wurden. „Dieser Gitarrentyp sowie
die heutigen Nachbauten zeichnen sich durch eine
große Lautstärke aus“, erklärt Daniel Beurer. Das
Instrument ist mit Stahlsaiten bezogen und wird mit
dem Plektrum angeschlagen.

Mit seiner Spielart und seinen Kompositionen
wurde Reinhardt weltberühmt. „Er entwickelte aus
den verschiedenen Musikrichtungen wie Jazz, Klassik
und Volksliedern einen ganz eigenen Stil. Dieser
europäische Beitrag zum amerikanischen Jazz ist bis
heute prägend. Viele Jazzmusiker auf der ganzen
Welt berufen sich auf Django Reinhard“, unterstreicht
Peter Westhoff.
Kraftvoll und leidenschaftlich
Das Quartett Manouche nimmt sich dem musikalischen
Erbe von Django Reinhard jedenfalls intensiv
an. Aber es interpretiert in seinen Konzerten auch
andere zeitgenössische Künstler. Gemeinsam ist
den vier Musikern das kraftvolle, leidenschaftliche
Zusammenspiel, das sich mit unglaublicher Dynamik
entfaltet. Die Fingerfertigkeit und die Spielfreude
nehmen das Publikum von Beginn an mit. Gerne
spielen sie alle auch Solo, und zeigen ihr musikalisches
Können, was die Zuhörer mit großem Applaus
goutieren. Die Gruppe hat auch gelegentlich Gastmusiker
dabei.

Bei den Konzerten wird ein kurzweiliges Gesamtpaket
geboten. Daniel Beurer moderiert und erzählt
zwischen der Interpretation von bekannten Stücken
unterhaltsame Anekdoten aus dem unsteten Leben
des Nomaden Reinhardt, der bereits zu Lebzeiten eine
Legende war. Dieser Musiker, der nie eine Schule
besuchte und weit außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
stand, fasziniert bis zum heutigen Tag und
bietet reichlich Erzählstoff.
„Für das Quartett gab es in den vielen Jahren
durchaus auch überraschende Momente“, so Beurer
zum Abschluss. Besonders bemerkenswert war eine
Einladung nach Paris. Die Musiker dachten, es wäre
ein kleines Konzert, das es zu spielen gilt. Zu ihrer
Überraschung landeten sie vor einem Schloss mit
einer riesigen Bühne und tausenden Besuchern. Ein
unerwartetes und am Ende ein ebenso begeisterndes
Erlebnis.

Die Termine und Spielorte
des Quartetts finden sich im
Internet unter:
www.guitar-swing.de
Unten: Open Air Konzert vor der wunderbaren Kulisse des
Museum ART.PLUS in Donaueschingen.
11

MUSEUM
226
Die Villinger
Stüblekultur
an Fasnet
VON DIETER WACKER
– MIT FOTOS VON
HANS-JÜRGEN GÖTZ
8. Kapitel – Brauchtum
Partyalarm im „Brillen-Stüble“
Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 227
Die Villinger Fasnet spielt sich nicht nur
auf der Straße ab. Ein wichtiger Bestandteil
sind die Stüble, die in dieser Form in der
Schwäbisch-
Alemannischen Fastnacht einmalig
sein dürften. Die Stüble dienen Kneipenfastnachtern
als Spielstätte, den Hästrägern der
Historischen Narrozunft als Rückzugsort und
vielen närrisch gestimmten Menschen als Ort
für Party und Spaß. Zwar ergänzen sich die
Stüble letztendlich, aber jedes für sich bietet
eine
eigene närrische Welt.
228
Brauchtum
Es ist laut, eng und bullenwarm – „aber trotzdem
schee“, wie es auf Villingerisch für „schön“ heißt.
In der „Bärenhöhle“ in der Villinger Innenstadt
steppt im wahrsten Sinne des Wortes der Bär. In der
bunt dekorierten Doppelgarage lässt es die Jugendkapelle
der „Stadtharmonie“ mit Pauken und Trompeten
krachen. Für viele Narren im historischen Villinger
Fasnethäs gibt es kaum ein Halten mehr. Sie hüpfen
zum Takt der Musik, das Spaßbarometer schnellt in
die Höhe. Die „Bärenhöhle“ im geschichtsträchtigen
Hotel „Bären“ ist über die Fasnettage ein sogenanntes
Narrostüble und damit eine Villinger Besonderheit: In
solche Lokalitäten haben nämlich ausschließlich
Hästräger der Historischen Narrozunft Zutritt.
Doch Narrostüble ist nicht gleich Narrostüble.
Während in der „Bärenhöhle“ kräftig gefeiert wird,
gibt es andere Stüble, in denen es wesentlich ruhiger
ist. Hierher kommen Narros und Morbili und all die
anderen Narrenfiguren der Zunft, um sich nach
anstrengenden Stunden im Häs ein wenig auszuruhen,
eine kühle Weinschorle zu trinken, etwas zu
essen, mit Freunden und Bekannten ein „Schwätzle“
zu halten oder vielleicht um zu strählen – mit und
(weil es im Stüble ist) auch ohne Scheme (Maske).
Strählen? Noch so eine Villinger Spezialität: Dabei
wird dem Gegenüber im Regelfall in der Anonymität
hinter der Scheme ungeschminkt, aber nie beleidigend,
oftmals auf lustige Art, mit verstellter Stimme,
die eine oder andere unangenehme Wahrheit gesagt.
Bei geübten Protagonisten entwickelt sich schnell ein
unterhaltsamer Schlagabtausch zwischen Maschgere
(männlicher Hästräger im Villinger Dialekt) und
Gestrählten, der sich zu einem wahren Feuerwerk der
Wortakrobatik ausweiten kann. Im Narrostüble lässt
sich solch ein närrisches Zwiegespräch, natürlich zur
Freude der Gäste, hautnah miterleben.
Dass in Villingen über die Fasnet (Fastnacht) vieles
etwas anders läuft, dürfte jetzt schon einmal in
Ansätzen klar geworden sein. Um es aber auf den
Punkt zu bringen: Stüble gehören in der Fasnethochburg
an der Brigach zu den närrischen Tagen wie das
Salz in der Suppe. Doch langsam, es ist ein wenig
kompliziert und für Außenstehende nicht so leicht zu
Narro beim Strählen.

Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 229
In Ermangelung der traditionellen
Wirtschaften,
findet die Kneipenfasnet
heute überwiegend in
Räumen statt, die für die
närrischen Tage entsprechend
hergerichtet
werden.

Links: Volles Haus und beste Stimmung im Narrostüble
„Bärenhöhle“.
Rechts: Man muss nicht unbedingt ins traditionelle Fasnethäs
schlüpfen, um an den hohen Tagen in Villingen
Spaß zu haben, wie diese Besucher eines Lokals.
überblicken, denn: Es gibt gleich drei unterschiedliche
Arten von Stüble. Als da wären:
– Lokalitäten, in denen – am Schmotzigen Dunschtig
(Donnerstag), teilweise auch am Freitag und
am Fastnachtsamstag – die Kneipenfasnet
stattfindet.

– Über die beiden Hauptfasnettage (Montag und
Dienstag) sind dann die bereits erwähnten
Narrostüble sehr beliebt und man achte auf den
feinen sprachlichen Unterschied.
– Es gibt noch die reinen Fasnetstüble. Während in
die Narrostüble nur Hästräger der Historischen
Narrozunft kommen, sind die Fasnetstüble für alle
offen, die Spaß am närrischen Treiben haben.
Egal, ob im fastnächtlichen Gewand eines der
zahlreichen anderen Villinger Narrenvereine oder
einfach als Besucher des bunten Treibens.
Die Kneipenfasnet
Steigen wir ein mit der Kneipenfasnet und werfen
zugleich einen Blick in die Vergangenheit. „Wenn
man in der Historie zurückschaut, so muss man die
Wörter drehen. Damals hieß es eher Fasnet in den
Kneipen“, sagt Hansjörg Fehrenbach, der langjährige
frühere Archivar der Historischen Narrozunft. Bereits
vor über 180 Jahren gab es, dem Zeitgeist entsprechend,
eher karnevalistisch geprägte Veranstaltungen
über die Fastnachtszeit in vielen Villinger
Wirtschaften. Entnehmen lässt sich das aus diversen
Anzeigen im einstigen Villinger Wochenblatt „Der
Schwarzwälder“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
dann zogen verschiedene Gruppen (Bänkelsänger)
von Lokal zu Lokal. Sie führten Moritaten auf, die mit
Gesang, Drehorgelbegleitung und selbst gemalten
Illustrationen bekannte Bürger und deren Verfehlungen
auf lustige Art auf die Schippe nahmen. „Dies
zur großen Begeisterung des Wirtshauspublikums“,
wie Hansjörg Fehrenbach aus seinen Geschichtskenntnissen
heraus weiß. Im Zunftarchiv sind heute
noch alte Textblätter der Bänkelsänger vorhanden.
Die hohe Moritatenkunst ließ in der Neuzeit die in
Villingen weithin bekannte, zwischenzeitlich leider
verstorbene, Bärbel Brüderle mit Bravour wieder
aufleben.

Die Villinger Kneipenfasnet, wie man sie heute
kennt, entstand in den 1960er-Jahren. Zu dieser Zeit
bildeten sich Gesangsgruppen, die meist mit Gitarrenbegleitung
im „Städtle“ unterwegs waren. Die
populärste
Gruppe, die „Spittelsänger“, genoss
absoluten Kultstatus. Ihre genialen Mundartlieder wie
„Hät denn kon kon Kamm“, geprägt von der Liebe zur
Fasnet und zur Heimatstadt, sind nicht nur unvergessen,
sie sind Villinger Kulturgut.
Im Laufe der Jahrzehnte kamen immer neue und
immer mehr Gruppen und Einzelakteure hinzu, die
vom Schmotzigen Dunschtig bis zum Fasnetsamstag
von Stüble zu Stüble ziehen. In Ermangelung der traditionellen
Wirtschaften findet die Kneipenfasnet heute
überwiegend in Räumen statt, die entsprechend für
Brauchtum
die närrischen Tage hergerichtet werden. Dazu zählt
der „Spitalkeller“ der Historischen Narrozunft,
vor
dem sich schon zwei Stunden vor Öffnung eine lange
Schlange Einlasswilliger bildet. Hier tritt ausschließlich
am Schmotzigen Dunschtig so ziemlich alles auf, was
in der Villinger Kneipenfasnetszene
Rang und Namen
hat. Die Künstler geben sich die Klinke in die Hand,
die Stimmung ist an diesem Abend grandios und das
Programm kann schon mal bis weit nach Mitternacht
dauern. Und das alles kostenlos.
Wer und das trifft in erster Linie auf Freitag und
Samstag jeweils am Abend zu, auf die Kneipenfasnet
gehen will, muss im Regelfall im Vorfeld rechtzeitig
reservieren, sonst gibt es keine Chance auf einen
Platz. Die meisten Stüble geben Einlassbändel aus,
ohne die kommt man kaum irgendwo rein. Wer
einen begehrten Bändel für eines der etwa ein
Dutzend Stüble ergattert hat, der kann sich auf ein
Programm freuen, das eine Mischung aus Klamauk,
Hintersinnigem, Nachdenklichem, fetziger Musik,
gewürzt mit jeder Menge Lokalkolorit bietet. Da die
Gruppen, Kapellen und Solisten von Kneipe zu Kneipe
ziehen, sind Vielfalt und Abwechslung garantiert.
Für den 1. Zunftmeister der Historischen Narrozunft,
Anselm Säger, ist die Kneipenfasnet eine ganz
wichtige Facette der Villinger Fasnet mit Strahlkraft
über die Mauern der Stadt hinaus. Für Sägers Stellvertreter
Alexander Brüderle „sucht die Kneipenfasnet
mit ihrer Vielfalt ihresgleichen“. „Strählen ohne
Scheme“, nennt Brüderle das, was sich zwischen
Donnerstag und Samstag in den Stüble abspielt. Unisono
verweisen die beiden Zunftvorderen auf einen
zentralen Teil der Villinger Fasnet: „Möglichst vieles
auf die Schippe nehmen, auch uns selbst.“
Anselm Säger und Alexander Brüderle wissen
bestens, wovon sie sprechen. Schließlich führen sie
gemeinsam nicht nur die Narrozunft mit ihren 5500
Mitgliedern, sie selbst sind auch aktive Kneipenfastnachter.
Zusammen mit Klaus Richter und Andreas
Meßmer bilden sie das kongeniale Quartett „Die mit
der Leiter“. Eine Gruppe, die in jedem Stüble schon
sehnsüchtig erwartet wird. Mit ihrer Mischung aus
Nonsens, ungeschminkten Wahrheiten und hoher
Improvisationskunst sind sie seit rund 30 Jahren
unterwegs und genießen mittlerweile ähnlichen
Kultstatus wie die „Spittelsänger“. „Man muss schon
eine Rampensau sein, wenn man sich wie wir hautnah
vor das Publikum stellt“, sagt Anselm Säger. Und sein
Kollege und Freund Alexander Brüderle ergänzt: „Was
Möglichst vieles auf die
Schippe nehmen, auch uns
selbst.

230

231

wir da auf die Beine stellen, das entspricht einfach
meinem Naturell.“ Antrieb und Motivation für beide:
„Wir machen uns gerne über alle möglichen Dinge
und Ereignisse im Städtle Gedanken. Wenn es am
Ende beim Publikum gut ankommt, dann spornt uns
das weiter an.“ Und weitermachen will die Gruppe auf
jeden Fall „noch solange es bei uns geht“. Denn die
einfache wie närrisch-pfiffige Erklärung von Alexander
Brüderle: „Wenn wir nicht mehr mit der Leiter
unterwegs wären, müssten wir uns ja um Sitzplätze in
den Stüble bemühen …“.

Bejubelt und gefeiert werden bei der Kneipenfasnet
eine Vielzahl von Akteuren. Namen wie „Total
verkehrt“, „Flower-Klauer“, „Hils Angels“, „Sockenmolli“,
„Los Ämol“, „Rentnerbänd“, „Stadtfüchse“, „Rotaugen“,
die Gebrüder Dörr, Michael Schonhardt, Chrissi
Zimmermann oder Henry Greif und Gunther Schwarz,
um nur einige zu nennen, standen und stehen für
Wortwitz, musikalische Glanzleistungen sowie Spaß
und Unterhaltung pur.

Für den langjährigen Zunftmeister und heutigen
Ehrenzunftmeister der Historischen Narrozunft,
Joachim Wöhrle, ist die Villinger Kneipenfasnet eine
Bereicherung für die närrischen Tage. „Auf hohem
Niveau wird Kleinkunst geboten, die ihresgleichen
sucht. Die Kneipenfasnet in diesem Umfang und in
solch einer künstlerischen Vielfalt stellt ein Alleinstellungsmerkmal
der Villinger Fasnet im schwäbisch-alemannischen
Raum dar“, schwärmt Joachim Wöhrle.

Sein Ehrenzunftmeisterkollege Klaus Hässler ist
ebenfalls ein begeisterter Kneipenfasnetgänger: „Für
mich gehört sie zu den Höhepunkten der Villinger
Fasnet. Der Schmotzige Dunschtig sowie der Fasnetsamschtig
sind zwischenzeitlich Kult und nicht mehr
wegzudenken. Was die verschiedenen Akteure
darbieten, ist grandios bis fernsehreif“, betont Klaus
Hässler. Armin Räth, Ur-Villinger und langjähriger
Helfer im Spitalkeller am Schmotzige Dunschtig,
findet die Kneipenfasnet „einfach toll und für mich
sehr wichtig“. Er verweist darauf, dass an diesen
Abenden auch Leute, die über die hohen Tage selbst
nicht ins Häs gehen, echte Villinger Fasnetluft schnuppern
können.
Villinger Kneipenfastnachter: Die Gruppen „Total verkehrt“
(v. links), „Die Rotaugen“ und „Die mit der Leiter“ sorgen
für Stimmung bei ihrem Auftritt im Zunftkeller.

Was die verschiedenen
Akteure darbieten, ist
grandios bis fernsehreif.

232
Brauchtum
Die Narrostüble
Kommen wir zu den Narrostüble, die an den beiden
Villinger Hauptfastnachtstagen Montag und Dienstag
ebenso außergewöhnlich sind wie die Kneipenfasnet.
Denn: Wer nicht in einem Häs der Historischen
Villinger Narrozunft unterwegs ist, dem ist
schlicht und einfach der Zugang in eines der etwa
zehn offiziellen Narrostüble verwehrt. Hauptgrund:
Narro & Co sollen in der Öffentlichkeit anonym
bleiben, schließlich soll man beim Strählen nicht
wissen, wer sich hinter der Scheme (Maske) verbirgt.
Im Narrostüble
dagegen sind die Hästräger unter
sich. Hier darf die Scheme abgelegt und für die Zeit
des Aufenthaltes in den geschlossenen Räumen die
Anonymität aufgehoben werden. Narrostüble sollen
Rückzugsorte für die Hästräger der Zunft sein. Hier
kann der Narro auch seine Rollen (Geschell), die bis
zu 25 kg wiegen können und seinen voluminösen
Kragen für eine gewisse Zeit von den Schultern
nehmen und sich etwas ausruhen, bevor er wieder
auf die „Gass“ geht.
Schon immer sollen Hästräger anonym bleiben
Auch hier lohnt ein Blick in die Historie: Altarchivar
Hansjörg Fehrenbach geht nach Studium der
vorhandenen Unterlagen davon aus, dass bereits im
19. Jahrhundert die Maschgere – Frauen gab es noch
keine in der Fasnet – in separaten Räumen verköstigt
wurden. Wie diversen historischen Zeitungsartikeln
zu entnehmen ist, war dies wohl auch dringend
notwendig, denn damals wurde offenbar sehr „hart“
gestrählt und manch ein Narro schon mal als
„Mistfinkenhansel“ beschimpft. Auch deshalb
mussten die Hästräger anonym bleiben und es war
ihnen schier unmöglich, sich in aller Öffentlichkeit
zu „entlarven“. Die Narrostüble waren sehr klein und
das war ungeschriebenes Gesetz, außer der Bedienung
kam kein „Zivilist“ rein.
Früher betrieben Gastwirte die Narrostüble.
vielfach in separaten Nebenzimmern. Es wurden
aber auch Fremdenzimmer oder gar Teile der
Privatwohnung für Narrostüble zur Verfügung
gestellt. Die Gasthausbesitzer waren sehr interessiert,
dass die Maschgere ihre Lokale besuchten und
die Gäste ordentlich strählten. Das brachte Leben
und Gäste in die Buden. Zwei oder drei gut eingespielte
Narros konnten die Besucher bis zu eineinhalb
Stunden mit ihrer Strählkunst bestens unterhalten.
Anschließend gingen die Maschgere ins
hauseigene Narrostüble.

Um 1900 besaß die Villinger Innenstadt 49
Gaststätten, die Mitgliederzahl der Narrozunft war
zugleich mit etwa 200 sehr überschaubar, Platzprobleme
gab es da in den Narrostüble keine. Im Gegensatz
zu heute, wo die Zunft 5.500 Mitglieder und
eine entsprechend hohe Zahl an Hästrägern hat. „Für
uns als Verein ist das eine große Herausforderung.
Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Maschgere
entsprechend versorgt werden. Wir sind bei diesem
Thema extrem wach“, resümiert Zunftmeister
Anselm Säger.

Die Narrozunft selbst organisiert zwei Stüble im
eigenen Zunfthaus „Zehntscheuer“ und im Münsterzentrum.
Letzteres ist, ebenso wie das katholische
Fidelisheim (genannt „Schwarzer Rock“), von der
Größe her vor allem auf umfangreiche Verpflegung
der Maschgere und Mäschgerle (weibliche Hästräger)
ausgerichtet. Bei den großen Stüble ist die Zunft
für die Unterstützung durch verschiedene Vereine
sehr dankbar.

Wesentlich heimeliger geht es in den meisten
anderen Narrostüble zu, die mit ganz viel Idealismus
und aus Spaß an der Freude oftmals von Privatpersonen
betrieben werden. Kommerzielle Gedanken
spielen kaum eine Rolle, oftmals steht am Ausgang
eine Spendenkasse für Getränke und Essen. Manch
ein Stüblebetreiber spendet am Ende selbst und
zwar den Gewinn an soziale Einrichtungen. Es gibt
regelrechte Institutionen unter den Villinger Narrostüble.
Exemplarisch genannt seien das „Hafnerstüble“
in der gleichnamigen Gasse, das bereits seit 30
Jahren an der Fasnet seine Türen öffnet oder das
Oftmals steht am Ausgang
eine Spendenkasse für
Getränke und Essen. Und
manch ein Stüblebetreiber
spendet am Ende selbst,
und zwar den Gewinn an
soziale Einrichtungen.

Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 233
Von oben: Im klassischen Villinger
Narrostüble sind die Hästräger
der Historischen Narrozunft
unter sich. Und bei schönem
Fasnetwetter ist auch ein Sonnenplatz
vor dem Narrostüble
attraktiv. Unten: Narrostüble
brauchen Ablagemöglichkeiten
für Schemen, Kragen, Hauben,
Rollen usw..

234
Brauchtum

Stüble des Lehrerehepaars Uli und Hansjörg Wahr,
die 25 Jahre dabei sind. Und dann gibt es immer
wieder Newcomer, wie zum Beispiel die eingangs
erwähnte „Bärenhöhle“, die 2025 zum ersten Mal an
den Start ging. Sie steht für eine modernere Art des
Narrostübles
mit Spaßcharakter, was vor allem bei
jüngeren Hästrägern bestens ankommt. „Wir wollten
ein wenig die Fasnet einfangen, so wie wir sie auch
aus unserer Kindheit kannten. Da gab es immer tolle
private Stüble. So haben wir das auch umgesetzt“,
erklärt Torsten Haas, der Initiator der „Bärenhöhle.“
Wichtig waren ihm und seinen Mitstreitern: „Kein
Geld mit dem Stüble verdienen, sondern in erster
Linie eine scheene Fasnet haben.“ Dafür sorgen neue
und alte Musikkapellen, die in der „Bärenhöhle“
zusammen mit den zunfteigenen Gruppen wie
Wueschte und Butzesel ordentlich Stimmung
machen. Torsten Haas ist sich auf jeden Fall sicher:
„Bei der nächsten Fasnet sind wir wieder dabei.
Unser Team hatte viel Spaß und die Rückmeldungen
der Besucher waren sehr positiv.“

Familiärer Rahmen wird weniger
Dass heute manche Narrostüble bereits einen
gewissen Partycharakter haben, kommt in einer dem
Brauchtum und der Historie verpflichteten Zunft nicht
überall gut an. Dass dabei auch die geforderte
Anonymität von Narro & Co oftmals leidet, da am
Ende nicht mehr ganz glasklar zwischen „Zivilisten“
und Hästrägern zu unterscheiden ist, bereitet
Zunftmeister Anselm Säger durchaus Kopfschmerzen.
Ebenso, dass das Strählen im Stüble auch aufgrund
der Lautstärke immer mehr auf der Strecke bleibt.
Dennoch, da ist sich der Zunftmeister sicher, könne
sich auch die Historische Narrozunft bestimmten
Entwicklungen nicht verschließen. Problematisch ist
mittlerweile die sehr geringe Zahl an Gastwirtschaften
in der Stadt, dies im Zusammenspiel mit der großen
Menge an Hästrägern, die ja alle irgendwo unterkommen
wollen. Davon profitieren in besonderem Maße
die reinen Fasnetstüble, in der bunt gemischt Maschgere/
Mäschgerle der Narrozunft und alle anderen
Narren aufeinandertreffen. Dass es hier mit der
Anonymität oftmals schwierig ist, lässt sich an fünf
Fingern abzählen. In diesen Stüble herrscht meist
Partyalarm hoch drei. „Schön wäre es, wenn es wie
früher wäre“, gibt sich Alexander Brüderle ein wenig
nostalgisch. „Heute gibt es zu viel Party, zu wenig
Rückzugsorte für den Narro“, blickt er durchaus
kritisch in die Zukunft. Zwar gebe es den kleinen,
familiären Rahmen in manch einem Stüble noch, doch
die würden immer weniger, bedauert Alexander
Brüderle.

Ähnlich sieht es auch der heutige Zunftarchivar und
Vorsitzende des zunfteigenen Brauchtumsausschusses,
Michael Bohrer: „Für viele Hästräger ist die Fasnet
mittlerweile eher ein Event, denn eine Traditionsveranstaltung.
Man sucht die Stüble auf, die auf die Traditionen
nicht so sehr Wert legen. Da sind dann auch
Zivilisten, sodass die Anonymität nicht mehr gegeben
ist. Und dann verkommt die historische Villinger Fasnet
zu einem Partyevent, wo man auf den Tischen tanzt,
den ganzen Tag nicht einmal das Stüble wechselt und
auch nicht wirklich weiß, was man denn so im Häs alles
machen kann.“ Für Michael Bohrer, der von Kindesbeinen
an mit der historischen Fasnet aufgewachsen ist,
„sind Besuche in klassischen Narrostüble, wo alle in
ihren Häsern an den Tischen sitzen, noch immer etwas
Besonderes“. Er liebt die Atmosphäre in den traditionellen
Stüble, wo man Bekannte treffe, die man seit der
letzten Fasnet nicht mehr gesehen habe, wo man im
Häs ungezwungene Stimmung genießen könne und wo
man ins Strählen ohne Scheme komme, bevor man
wieder „uff´d Gass geht“.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es in Villingen
auch ganz private Narrostüble hat, die weitgehend im
Verborgenen blühen. Dort treffen sich Freunde,
Verwandte oder Bekannte. Es braucht schon eine
persönliche Einladung, um dort überhaupt reinzukommen.
Musik: „Ja“ oder „Nein“ im Stüble?
Wie man es dreht und wendet: Ohne Stüble keine
Villinger historische Fasnet. Das sagen auch Silke
Schreiter und Sina Gienger. Die Mutter und die
Rechte Seite, oben: Der obere Saal im Villinger Münsterzentrum
verwandelt sich an Fasnet in ein Narrostüble XXL.
Hierher kommen viele Hästräger vor allem zum Essen.
Unten: Rein privates Narrostüble in einem Wohnzimmer.
Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 235

Brauchtum
Tochter sind an den hohen Tagen mal als Morbili und
mal als Altvillingerinnen zusammen in der Stadt
unterwegs. Sie schätzen an den Narrostüble die
Geselligkeit, die Möglichkeit Bekannte zu treffen
oder sich bei schlechtem Wetter auch mal etwas
aufzuwärmen. Wenn die beiden im Häs sind, dann
kommen für sie nur Narrostüble infrage, reine
Fasnetstüble lassen sie da außen vor. Wichtig ist
ihnen allerdings, dass in die Narrostüble auch mal
die eine oder andere Musikgruppe kommt und
entsprechend Stimmung macht.
Und genau am Thema Musik schieden sich schon
vor Jahrzehnten die Geister. Gegen Lieder aus der
Konserve hatte, wenn sie im Narrostüble dezent im
Hintergrund liefen, niemand etwas einzuwenden.
Als dann immer mehr Musikkapellen vor allem in die
großen Stüble einmarschierten und ordentlich
Ramba Zamba machten, schob die Zunft dieser
Entwicklung einen Riegel vor. Heute hat man aber
nichts dagegen, wenn zum Beispiel die Jugendkapellen
der heimischen Musikvereine „Stadtmusik“ und
„Stadtharmonie“ in die von der Narrozunft betriebenen
Stüble einmarschieren. Auf die Stüble anderer
Träger hat die Zunft letztendlich eh kaum Einfluss.
Und überhaupt sieht gerade Zunftmeister Anselm
Säger die Sache mit der Musik gelassen: „Musikgruppen,
die für Stimmung sorgen, die müssen wir in die
Stüble lassen. Das wird heute einfach von vielen
Hästrägern gefordert. Wir müssen da als Zunft
runter vom hohen Ross.

Anselm Säger, dessen Zeit im Häs wegen diverser
Verpflichtungen als Zunftmeister an Fasnet begrenzt
ist, geht zuvorderst gerne auf die Straße zum Strählen.
Persönlich mag er die kleineren, heimeligen
Stüble lieber, sucht aber auch gerne als Zunftmeister
den Kontakt zu den Maschgere und Mäschgerle in
den großen Stüble. Wenn ihm der Trubel mal zu viel
wird, dann zieht er sich in das hauseigene Narrostüble
zurück, das seine Familie schon seit Jahrzehnten
privat organisiert und selbst zu Coronazeiten über
Fasnet ein „halblegaler Treffpunkt für Hästräger war“,
wie Anselm Säger im Rückblick mit einem verschmitzten
Lächeln berichtet.
Für Stellvertreter Alexander Brüderle, dessen
Zeitfenster ebenfalls an Fasnet sehr eng ist, sind die
Narrostüble persönlich ganz wichtig, vor allem auch
als Begegnungsstätte mit alten Freunden oder
Schulkameraden, die oftmals aus der halben Welt
eigens zu den hohen Tagen angereist kommen.
Alexander Brüderles Ziel ist es, viel zu strählen, auf
der Gass und im Stüble.

Als der frühere Zunftarchivar Hansjörg Fehrenbach
noch im Häs unterwegs war, genoss er die Zeit
in einem Narrostüble, um sich vom „Narrolaufen“ ein
wenig zu erholen. „Immerhin sind vier Riemen
Narrorollen nicht ganz leicht und ein bis eineinhalb
Stunden mit gebundener Scheme in einem früher oft
Links: Der „Rietbunker“ des Villinger Fastnachtsvereins
„Rietvögel“ ist an den hohen Tagen ein sehr beliebtes Fasnetstüble.
Rechte Seite: Wenn die „Rentnerbänd“ unterwegs ist,
dann gibt es in den Stüble kein Halten mehr.

236
Die Villinger Stüblekultur an Fasnet
237
verrauchten Lokal zu strählen, war auch kein Zuckerschlecken“,
berichtet Hansjörg Fehrenbach. Im
Narrostüble sei man unter seinesgleichen gewesen:
„Man konnte sich gut unterhalten und da wurde auch
ohne Scheme kräftig gestrählt.“
Begegnungen mit alten Bekannten
„Persönlich waren für mich die Begegnungen in den
Narrostüble mit allen Hästrägern ein wichtiger
Bestandteil der beiden Fasnettage. Viele Menschen,
die man unter dem Jahr wenig oder gar nicht gesehen
hat, trifft man in den Stüble. Es wurde gestrählt, man
saß gemütlich zusammen, bis es dann wieder auf die
Gass ging,“ erinnert sich Ehrenzunftmeister Klaus
Hässler gerne an seine Zeit als aktiver Narro. Die
heutige Entwicklung in den Stüble betrachtet er mit
„gemischten Gefühlen“, vor allem auch mit Blick auf
die Anonymität der Maschgere. „Klar ist, die Fasnet ist
keine Trauerfeier und man will/soll Spaß haben.“

Auch Ehrenzunftmeister Joachim Wöhrle hat eine
klare Meinung zum Thema Narrostüble und dem sich
wandelnden Charakter: „Zentraler Bestandteil unserer
Brauchtumspflege ist die Achtung und Wahrung der
Anonymität der Mäschgerle und Maschgere. Unabdingbare
Voraussetzung hierfür sind die Narrostüble.
Leider geht bei vielen Hästrägern das Bewusstsein
und das Verständnis für die Grundfesten unserer
Fasnettradition immer mehr verloren, was mittlerweile
ein großes Problem für die Narrozunft darstellt.
Hier ist es wichtig, die richtige Balance zwischen
Brauchtumswahrung und den sich verändernden
gesellschaftlichen Bedürfnissen und Ansprüchen zu
finden. Es gibt tolle Fasnetstüble, aber Narros gehören
in die Narrostüble, Zivilisten in die Fasnetstüble.“
Für den erfahrenen Narro Armin Räth sind
Narrostüble persönlich („aber nur, wenn ich mich dort
nicht in einer Disco befinde“), aber auch ganz
grundsätzlich wichtiger denn je: „Wo sollen die
Hästräger denn sonst noch hingehen?“, betont er
angesichts der kaum noch vorhandenen Wirtschaften
in Villingen. Auch er bedauert, dass für viele Hästräger
die Anonymität keine große Rolle mehr spiele.

Kritisch merkt er an: „Das Häs wird immer mehr zur
reinen Eintrittskarte ins Stüble. Da gibt es leider für
viele oft kein Halten mehr. Werte gehen so verloren.“
Zum Schluss hat Armin Räth eine lustige Begebenheit
zu berichten: „Als ein Narro zur späteren Stunde
nach Hause wollte, stellte er fest, dass sein einst
prächtiger Fuchswadel (Der an der Narrokappe
befestigte Fuchsschwanz) bloß noch ein kurzer
Stumpen war. Im Stüble brach riesiges Gelächter aus
und der Narro wurde von allen Seiten zur möglichen
Ursache kräftig gestrählt. Das war Stüblefasnet pur.“
Das Häs wird immer mehr
zur reinen Eintrittskarte ins
Stüble. Da gibt es leider für
viele oft kein Halten mehr.
Werte gehen so verloren.

Landgasthof Waldrast –
Familientradition
trifft Moderne
VON ELKE REINAUER

238

9. Kapitel – Gastlichkeit

Seit 1964 besteht das Restaurant „Landgasthof Waldrast“ in Vöhrenbach.
Mitten im Schwarzwald gelegen, verkörpert der viel besuchte Gasthof eine
Mischung aus Tradition und Moderne. Während in der Küche Spätzle noch
immer klassisch von Hand geschabt werden, unterstützt zugleich modernste
Technik die perfekte Zubereitung der Mahlzeiten und einen ebenso perfekten
Service. Kevin Kleiser hat 2020 den Betrieb von seinem Vater Klaus Kleiser
übernommen und setzt neben gutbürgerlicher Küche verstärkt auf vegetarische
Alternativen. Drei Generationen Gastronomie-Leidenschaft prägen das Haus.
Die Familie Kleiser im Gastraum der
„Waldrast“.
Links: Der frühere Inhaber
Klaus Kleiser, rechts Sohn Kevin Kleiser
mit Lebensgefährtin Vanessa und Sohn Leo.

240
Gastlichkeit
In einer Pfanne brutzelt gerade ein Rumpsteak, der
Ofen piepst, es duftet in der Küche der „Waldrast“
nach Bratensoße und Gewürzen. An verschiedenen
Stationen arbeiten Köche, schneiden, braten, rühren.
Kevin Kleiser bereitet eine Soße für die Linsen-Bolognese
zu. „Rote Linsen mit Berglinsen, einfaches
Gericht, sehr beliebt bei Vegetariern“, sagt er und
schöpft die Soße in eine Tonschüssel, garniert sie mit
Petersilie. Schon ist es fertig, das vegetarische Gericht,
zu dem Spaghetti serviert werden.

Die „Waldrast“ ist ein gutbürgerliches Restaurant
und bekannt für ihr gutes Fleisch. Doch Kevin Kleiser
kreiert mit Freude zugleich ebenso vegetarische
und vegane Alternativen für seine Gäste. „Die Nachfrage
nimmt zu“, sagt er mit Blick auf vegetarische
Küche. Waren es früher vereinzelte Vegetarier, die
sich im Restaurant mit Gemüseplatten als vegetarische
Alternative begnügen mussten, sind es heute
bei einer Gesellschaft zwei oder drei Vegetarier.

Deshalb bietet er in der Waldrast eine abwechslungsreiche
vegetarische Küche an, wie Gemüsegratin
mit Fetakäse, Bohnenchili oder saisonbedingt
Ofenspargel. „Der Trend wird sich fortsetzen“, ist
sich Kevin Kleiser sicher.
Landgasthof Waldrast 241
Moderne Küche mit traditioneller Handarbeit
Doch auch die Klassiker kommen nicht zu kurz. An
diesem Vormittag werden im hinteren Bereich der
Küche von einem Azubi Spätzle geschabt – ganz
klassisch mit dem Spätzlebrett. Für ihre hausgemachten
Spätzle ist die „Waldrast“ beliebt. Diese
traditionelle Handarbeit braucht Platz. So wurde die
Küche bei einem Umbau vergrößert. „Früher war es
hier echt eng, nun haben wir genügend Raum, so
dass einer der Köche selbst während des laufenden
Betriebs in Ruhe eine Mahlzeit vorbereiten kann.“

Kevin Kleiser deutet auf eine Kamera im vorderen
Bereich der Küche. „Wir haben sie installiert, damit
der Mitarbeiter vom Gastraum einen Blick auf den
Monitor werfen und sehen kann, wenn Essen vielleicht
schon darauf wartet, serviert zu werden.“ Die
Wärmebrücke sorgt derweil dafür, dass alles warm
bleibt. Eine weitere Kamera befindet sich im Außenbereich.
Das erleichtert die Arbeit für die Mitarbeiter,
wenn sie zum Beispiel allein im Service tätig sind, so
Kevin Kleiser. Denn durch den Um- und Anbau der
„Waldrast“ sieht man nicht mehr von der Theke auf
die Terrasse.

Von der hochmodernen Küche führt Kevin Kleiser
in den Gastraum, wo sich Tradition und Moderne auf
andere Weise begegnen. Kevin Kleiser deutet im Thekenbereich
auf einen weiteren Monitor. Dieser zeigt,
Das Restaurant „Landgasthof Waldrast“ in Vöhrenbach
liegt verkehrstechnisch günstig an der Kreuzung Donaueschinger
Straße, Landstraße 172 und der Kreisstraße ins
Oberzentrum
Villingen-Schwenningen (linke Seite).
Der erfahrene Gastronom Kevin Kleiser (oben rechts) hat
die „Waldrast“ 2020 von Vater Klaus Kleiser übernommen.

Das stilvoll eingerichtete Lokal verfügt über modernste
Küchentechnik – nur so ist es Kevin Kleiser möglich, seine
vielen Gäste mit hervorragend zubereiteten Speisen in
bester Qualität zu verwöhnen. Erstklassiger Service gehört
gleichfalls dazu.

242

Gastlichkeit
dass sich gerade ein Gast auf die Terrasse gesetzt hat
und nun bedient werden möchte.
Bei schönem Wetter sitzen die Gäste am liebsten
draußen, aber auch der Gastraum wirkt hell, einladend
sowie rustikal und modern zugleich. „Wir setzen
auf Traditionelles kombiniert mit Modernem“, so
Kevin Kleiser. 2022 wurde der Gastraum samt Theke
renoviert, die Küche ausgebaut, alles ist noch neu
und das Bewährte hat auch seinen Platz gefunden:
Denn Altes und Neues wird hier kombiniert. Wie das
Gemälde, das seit vielen Jahrzehnten zur Waldrast
gehört. Es zeigt Menschen in einem Gasthaus und ist
in braunen und blauen Tönen gehalten. Das Kunstwerk
ist für ihn die prachtvolle Mitte des Gastraums.
Doch das Herz der „Waldrast“ ist vor allem auch
Klaus Kleiser, dessen lautes Lachen schon von Weitem
zu hören ist. „Wir gehen zu Klaus“, so sagen es
viele der Gäste, die den Landgasthof in Vöhrenbach
besuchen.

„Waldrast“ der Lebenstraum der Großmutter
Das Restaurant mit der großen Terrasse und dem angrenzenden
Parkplatz am Ortseingang von Vöhrenbach,
liegt mitten im Schwarzwald. Und damit der
Besucher auch weiß, dass er sich an der „Waldrast“
befindet, ist auch die dortige Bushaltestelle als
„Waldrast“ ausgewiesen. Auf einem Schild am Haus
Blick in den Gastraum der „Waldrast“ in Vöhrenbach.
Klaus Kleiser ist bei den Gästen äußerst beliebt und war
über mehr als drei Jahrzehnte hinweg der Inhaber der
„Waldrast“. 2020 hat Sohn Kevin das Gasthaus übernommen,
sein Vater Klaus hilft aber weiter tagtäglich mit.
Landgasthof Waldrast

243

prangt die Jahreszahl 1964, das Gründungsjahr des
Restaurants. „Es war der Lebenstraum meiner Großmutter“,
erzählt Kevin Kleiser. „Sie hatte für die Gastronomie
eine Leidenschaft entwickelt, weil sie selbst
als Bedienung tätig war. Sie wollte sich unbedingt
auch selbst als Gastwirtin versuchen.“

Margarete Kleiser, gebürtig aus Seppenhofen,
ließ nicht locker, bis ihr Ehemann schließlich ein passendes
Gebäude fand. Als er ihr in Vöhrenbach ein
ehemaliges Fabrikgebäude kaufte, konnte der Traum
wahr werden. Die Fabrik Wehrle, die sich auf Industrie-
Automaten-Einrichtung und Dreherei spezialisiert
hatte, verkaufte das Gebäude. Kevins Vater Klaus
wuchs dort auf und half schon als Kind in der Wirtschaft
mit. Er erinnert sich an seine Mutter als sehr
ordentliche Person, bei der er oft so lange putzen
musste, bis es in ihren Augen sauber war. Sie galt als
beliebte Wirtin, so wie ihr Sohn Klaus als beliebter
Gastwirt, der als Nachfolger die „Waldrast“ über 36
Jahre lang gleichfalls prägte. Er unterhält heute immer
noch die Gäste. Trotz der Übergabe der Waldrast
an seinen Sohn Kevin im Jahr 2020 ist Klaus täglich
präsent, hilft überall mit – meistens findet man ihn
jedoch bei den Gästen.

Dass Kevin einmal in seine Fußstapfen treten
würde, war lange Zeit alles andere als sicher. Lange
Klaus Kleiser erinnert sich
an seine Mutter Margarete
als eine engagierte und
beliebte Gastwirtin, die
sehr auf Sauberkeit und
Ordnung achtete.
Margarete Kleiser

244
Gastlichkeit

wusste Kevin Kleiser nicht, was er beruflich machen
wollte, erzählt er. Es bestand keine Verpflichtung,
den Familienbetrieb zu übernehmen und seine beiden
Geschwister schlugen beruflich andere Wege
ein. Früh wusste er: „Ich will selbstständig sein.“ Er
absolvierte seine Lehre in Freiburg. „Dort habe ich
arbeiten gelernt.“ Das Restaurant hatte damals einen
Michelin-Stern. Anschließend zog es den Jungkoch
nach Ischgl, wo er als Koch für die Saison arbeitete.
Nach Stationen im Öschberghof kehrte er zurück in
die Heimat. „Ich wollte nur eine Sommer-Saison mithelfen“,
sagt er. Doch dann änderte ein Unglück alles:
Im Jahr 2014 brach im nebenstehenden Gebäude der
„Waldrast“ ein Feuer aus. Zum Glück war der Großvater,
der dort einst wohnte, nicht anwesend. Der
Brand sorgte dafür, dass Kevin länger blieb und mithalf,
die Schäden wieder zu beseitigen und das Gebäude
neu aufzubauen. Nach dem Brand wollte sein
Vater von ihm wissen: „Wie sieht es aus, wirst du den

LANDGASTHOF WALDRAST
Donaueschinger Str. 15
78147 Vöhrenbach
www.waldrast-voehrenbach.de
Tel.: 07727 309
ÖFFNUNGSZEITEN:
Montag, Dienstag, Mittwoch:
11.30 – 21.30 Uhr I Küche bis 20.30 Uhr
Donnerstag: Ruhetag
Freitag: 16.00 – 22.00 Uhr I Küche bis 20.30 Uhr
Samstag: 11.30 – 22.00 Uhr I Küche bis 20.30 Uhr
Sonn- und Feiertage: 11.00 – 21.00 Uhr I Küche
bis 20.00 Uhr

Landgasthof Waldrast 245

Linke Seite
Der großzügige Außenbereich
der „Waldrast“ ist bei den Gästen
sehr beliebt.
Rechte Seite
Mit Liebe und Sorgfalt zubereitet,
das zeichnet die Küche von
Kevin Kleiser aus.
Rustikal-modern sind die
im Landhausstil gehaltenen
Gasträume möbliert.

246
Gastlichkeit
Wir haben
vielleicht nicht DAS
Alleinstellungsmerkmal,
aber wir verkörpern
etwas, das eventuell
ein wenig verloren geht
in der heutigen Zeit:
gutbürgerliche Küche
Laden einmal übernehmen?“ Die Entscheidung sei
ein Prozess gewesen, doch er sagte „Ja“. Es folgte ein
Jahr in Heidelberg, ein Jahr für die Weiterbildung zum
Fachwirt, Meister und Ausbilder sowie eine Zeit in
Schorndorf – dann kehrte er nach Hause zurück und
übernahm die „Waldrast“ nach einiger Vorlaufzeit.

Bewährung in schwierigen Zeiten
Kevin Kleiser hat die Waldrast 2020 von seinem Vater
Klaus übernommen, ausgerechnet als die Corona-Pandemie
wütete. „Wir haben es durchgezogen, weil
es schon länger geplant war“, sagt Kevin Kleiser. Als
während der Pandemie die Gasthäuser geschlossen
bleiben mussten, boten Klaus und Kevin Kleiser einen
Mitnahme-Service an. Ein Catering hatte Klaus Kleiser
bis dahin nebenbei betrieben, durch die Pandemie
wurde es während des Lockdowns das Hauptgeschäft.

Es sei gut gelaufen, berichtet der Gastronom.
Sie nutzten weiter die Zeit, das Restaurant zu
sanieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der
Gastraum wirkt hell und einladend. Statt Tischdecken
zieren Tischläufer die Holztische. Bei der Gestaltung
der Einrichtung war die ganze Familie beteiligt; Kevin
Kleisers Mutter brachte sich ein wie auch seine
Lebensgefährtin. Die Holzdecke wurde so angepasst,
dass die Akustik angenehm bleibt, auch wenn der
Gastraum voller Menschen ist, die sich alle gleichzeitig
unterhalten.
„Wir haben vielleicht nicht DAS Alleinstellungsmerkmal,
aber wir verkörpern etwas, das eventuell
ein wenig verloren geht in der heutigen Zeit“, sagt
Kevin Kleiser. Und das ist: Gutbürgerliche Küche,
jeden Tag mittags und abends geöffnet, außer am
Ruhetag. Außerdem eine starke Verbundenheit zu
den eigenen Wurzeln: „Niemals vergessen, wo man
herkommt“, meint Kevin Kleiser. Und wie steht es
doch auf der Homepage: „Vor der entspannenden
Schwarzwälder Natur verwöhnen wir Sie und Ihre
ganze Familie mit dem Besten, was die regionale
Küche zu bieten hat. Verweilen Sie mit uns und
genießen Sie gemütliche Momente in freundlicher
Atmosphäre.“

Modern eingerichtet präsentiert sich auch das Hotel der
„Waldrast“, wo auf die Gäste zudem ein leckeres und herzhaftes
Frühstück wartet
.
Waldrast 247

KEVINS VEGANE LINSEN-BOLOGNESE
Zutaten (für vier Personen)
120 g Berglinsen
50 g Zwiebelwürfel
80 g Karotten, fein gewürfelt
80 g Sellerie, fein gewürfelt
50 g Champignons, fein gewürfelt
1 TL Tomatenmark
120 g rote Linsen
15 ml Weißwein
circa 250 ml Gemüsefond
circa 400 g Tomaten, gestückelt
Knoblauch – Majoran – Oregano – Salz – Pfeffer – Öl zum Braten
Zubereitung
Die Berglinsen werden zunächst etwa 15 bis 20 Minuten vorgekocht. Parallel dazu werden
Zwiebelwürfel in einer Pfanne angedünstet, bevor fein gewürfelte Karotten, Sellerie und Champignons
hinzugefügt und mit angedünstet werden.
Anschließend kommt Tomatenmark dazu, das schön angeröstet wird. Die roten Linsen werden
ebenfalls kurz mitgeröstet, bevor alles mit Weißwein und Gemüsefond abgelöscht wird.
Die Masse wird mit den gestückelten Tomaten sowie den vorgekochten Berglinsen ergänzt.
Abschließend wird die Linsen-Bolognese mit Knoblauch, Majoran, Oregano, Salz und Pfeffer
abgeschmeckt und zehn Minuten geköchelt bis sie den perfekten Gargrad erreicht hat.
Mit Nudeln/ Pasta nach Wahl servieren (Bei der veganen Variante Pasta ohne Ei verwenden.)

248
Treffpunkt mit Charme
und „Schwarzwälder“
VON ROLF WEHRLE

Es war einst das „Erste Furtwanger Caféhaus“, heute ist das traditionsreiche
Haus weit über die Stadt hinaus als „Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer“
bekannt. Am oberen Marktplatz, im Herzen der Stadt, zieht schon die in
Pastellfarben gehaltene und mit Ornamenten bemalte Außenfassade mit ihren
gelb-weißen Markisen die Aufmerksamkeit auf sich. Bei guter Witterung laden
die Tische vor dem Café zum Platz nehmen und Verweilen im Straßencafé ein.
Seit 2007 führt Melanie Weißer das Café mit viel Herzblut und einem klaren
Anspruch an Qualität und Atmosphäre. Ihre Eltern, Hansjörg und Edeltraud
Mayerhöfer, haben das Café über 33 Jahre gleichfalls vorbildlich geführt.

Gastlichkeit
Das Café Mayerhöfer
249
Inhaberin Melanie Weißer
führt das Café Mayerhöfer
mit viel Herzblut. Unterstützt
wird sie dabei von Konditormeister
Thomas Mack.
Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer

250
Gastlichkeit
Betritt man das Haus, leuchten zu linker Hand die
üppigen Auslagen mit den Conditorei- und Confiserie-
Erzeugnissen und den bunt verzierten Geschenkkartons
für die Pralinen im warmen Licht des
Verkaufsraums. Rechts öffnet sich der Blick in das
urgemütliche, in einladenden Gelbtönen gehaltene
Café mit den geschmückten Tischen, gepolsterten
Stühlen und Bänken. Ein feiner Duft von Kaffee, von
frisch gebackenem Kuchen und von süßem Naschwerk
überzeugt den Besucher endgültig: Hier bin ich
an einem Ort des Wohlfühlens.
Das Haus ist mehr als eine Conditorei und ein
Café
– es ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ort
der Begegnung mit dem Ambiente eines gemütlichen
Kaffeehauses. Wer das Café Mayerhöfer betritt,
spürt sofort die besondere Mischung aus Herzlichkeit,
Tradition und echter Handwerkskunst.

Seit 2007 führt Melanie Weißer das Café mit viel
Herzblut und einem klaren Anspruch an Qualität und
Atmosphäre. Ihre Eltern, Hansjörg und Edeltraud
Mayerhöfer haben das Café über 33 Jahre geführt.
Maßgeblich unterstützt wird Melanie Weißer dabei
von Konditormeister Thomas Mack. Er absolvierte
von 1997 an bis zum Jahr 2000 die Konditorenausbildung
im Café Mayerhöfer. Sein Ausbilder war
Hansjörg Mayerhöfer. Anschließend sammelte der
Gütenbacher Erfahrungen in anderen Konditoreien
und war 2007 wieder zurück. Im Jahre 2011 legte er
seine Meisterprüfung ab.

Gäste schätzen besonders die große Auswahl an
Torten und Köstlichkeiten, die mit der Sorgfalt und
Erfahrung der Handwerkskunst des Konditors zubereitet
werden. In der fünf Meter langen Theke finden
bis zu 30 Torten ihren Platz – direkt daneben schließt
sich eine üppig bestückte Pralinentheke an. Schon
der Anblick erfreut das Auge, ein anschließender
Verzehr den Gaumen.
Wer das Café Mayerhöfer
betritt, spürt sofort die
besondere Mischung aus
Herzlichkeit, Tradition und
echter Handwerkskunst.

Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer 251
Von der „Schwarzwälder“ bis zu Schokoladen-
Kuckucksuhren „Made in Furtwangen“
Das Kuchensortiment reicht von klassisch gebackenen
Kuchen über saisonale Obstkuchen und
natürlich Schwarzwälder Kirschtorte bis zur Nussbaiser-
Creme-Torte, für die auch schon mal von weit
her zum Café am Marktplatz in Furtwangen gefahren
wird. Für Geburtstage und Hochzeiten sind Torten
mit Cocktailcreme, Cocktailfrüchten, Eierlikör und
Marzipanüberzug die Klassiker. Bei den Pralinen gehören
die Tannenzapfen-Pralinen mit Tannenhonig-Trüffel-
Füllung und die Kuckucksuhren-Pralinen mit
Kirschwasser zu den Favoriten.
Die selbst hergestellten Pralinen in Geschenkkartons
werden regelmäßig als ganz besonderes Präsent
aus Furtwangen verschenkt. Ebenso mit auf weite
Reisen genommen oder in alle Welt verschickt. Ein
leckerer Pralinengruß aus der Confiserie Café Conditorei
Mayerhöfer ist überall ein mehr als willkommener
Gruß aus dem Schwarzwald.

Das Angebot im Mayerhöfer orientiert sich
selbstredend auch am Jahreslauf: In der Adventszeit
füllen feine Weihnachtskekse und Plätzchen die
Auslagen, zu Ostern die handbemalten Osterhasen
in den mit Geschenkband geschmückten Cellophantüten.
Zum Wonnemonat Mai sind es die kleinen
Maikäfer mit Mandeln als Flügel und die großen
Exemplare aus Schokolade. Im Oktober liegen die
lecker gefüllten Backwarentüten mit den dünnen,
aus heißem Fett ausgezogenen Kilwi-Küchle für die
Kundschaft bereit, an Fastnacht sind die Berliner das
begehrte Süßgebäck.

Auch zum Frühstück ist das Café längst ein
beliebter Treffpunkt – das Angebot reicht von klassischen
Varianten bis zum raffiniert zusammengestellten
Frühstücks-Arrangement. Ergänzt wird die
Speisekarte durch herzhafte Flammkuchen, feine
Suppen, saisonale Baguettes und eine kleine, aber
feine Auswahl an Weinen.

Das Café Mayerhöfer steht aber nicht nur für
edle Backwaren – es steht ebenso für Geselligkeit
Die „Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer“ bietet in Furtwangen
eine gemütliche Caféhaus-Atmosphäre. Die angegliederte
Konditorei bietet Süßes „Made im Schwarzwald“:
Von Tannenzapfen bis Kuckucksuhren aus Schokolade und
viele ebenfalls selbstgemachte Pralinen. Vorne rechts die
Modelle zu den preisgekrönten Schwarzwälder Kirschtorten
der Konditorin Ana Kostava (s. S. 254).

252
Gastlichkeit
und Verbundenheit im Ort. Seit 1987 findet am
Fasnet-
Mittwoch der traditionelle Frauencafé der
„Alte Jungfere“ statt. Beiträge in Reimform oder
Büttenreden gehören genauso zum Nachmittag wie
die ausgelassene Stimmung – ohne Männer wohlgemerkt.
In einer Kooperation mit dem Guckloch-Kino
treffen sich einmal im Jahr an einem Sonntag zudem
Cineasten zum Filmfrühstück im Mayerhöfer, bevor
es gemeinsam zur Filmvorführung im nahe gelegenen
Vorführraum im alten Postkraftwagenhof geht.

Die Fachfrau Melanie Weißer wird schon
früh für ihr Können ausgezeichnet
Melanie Weißer ist ausgebildete Konditoreifachverkäuferin
und wurde früh für ihr Können ausgezeichnet
– als Regionalsiegerin des Leistungswettbewerbs
der Deutschen Handwerksjugend im Bezirk der
Handwerkskammer Konstanz. Die Begeisterung für
das Handwerk wurde ihr in die Wiege gelegt. Ihr
Vater Hansjörg Mayerhöfer war Jahrgangsbester bei
der Meisterprüfung. Der goldene Meisterbrief, eine
Ehrung für seine langjährige berufliche Lebensleistung,
schmückt den Eingangsbereich des Hauses –
ein Qualitätsanspruch, der das Café bis heute prägt.

Ein Haus mit Charakter und Geschichte
Die Wurzeln des Hauses, in dem sich Backstube,
Ladengeschäft und Café befinden, reichen bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Nach dem großen
Stadtbrand von 1857, der sich vom Gasthaus Sonne
ausgehend zur Stadtkirche ausbreitete, wurde das
Haus am Marktplatz 16 im Jahr 1860 neu erbaut.

Anfangs befanden sich hier eine Metzgerei und
später ein Friseursalon. Im Jahr 1905 eröffnete Paul
Ketterer, ein gelernter Koch aus Gütenbach, hier das
„Erste Furtwanger Caféhaus“.

Nach seinem frühen Tod im Jahr 1915 wechselte
das Haus mehrfach den Besitzer, bis es 1919 von Hermann
Neumaier übernommen wurde – einem erfahrenen
Koch und Konditor aus Haslach im Kinzigtal. Er
wurde tatkräftig unterstützt von seiner Frau Tertia.
Sie prägten das Café für fast ein halbes Jahrhundert
und etablierten es unter dem Namen „Café Neumaier“
als feste Größe im Stadtleben. Immer wieder hört
man in der Bevölkerung auch heute noch die Benennung
„Im Neumaier“.

Als Hermann Neumaier im Lebensalter von fast
80 Jahren einen Pächter für das Geschäft suchte,
Im Jahr 1905 eröffnete
Paul Ketterer, ein gelernter
Koch aus Gütenbach, hier
das „Erste Furtwanger
Caféhaus“.

Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer 253
griffen 1968 Edeltraud und Hansjörg Mayerhöfer zu.
Aus Bad Dürkheim in der Pfalz kommend, übernahmen
sie das Café zunächst pachtweise von Hermann
Neumaier. 1974 kauften sie es schließlich von Tertia
Neumaier – der Beginn der Ära „Café Mayerhöfer“.
Der Gastraum wurde stilvoll renoviert, das Ladenlokal
umgestaltet und mit einer großen Umluftkühltheke
ausgestattet. Fünf Jahre später folgte die
nächste Umgestaltung: 60 Sitzplätze im Hauptraum
und weitere 30 im Nebenzimmer, aufgrund der
großen Spiegel an den Wänden als „Spiegelsaal“
Die „Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer“ im Spiegel
der Zeit, v. links: 1905 eröffnet Paul Ketterer das „Erste
Furtwanger Caféhaus“ – ausgestattet im reinsten Jugendstil.

1919 übernimmt es Hermann Neumaier (Foto Mitte)
– vielen Furtwangern ist dieser Name noch heute ein
Begriff. 1968 werden Edeltraud und Hansjörg Mayerhöfer
die Pächter (Foto rechts u. unt. links), die das Café 1974
erwerben. Es folgen stilvolle Renovierungen inklusive
„Spiegelsaal“. Das Café etabliert sich in seiner Sparte in
Furtwangen als „erstes Haus am Platz“ – die Mayerhöfers
werden „eine Institution“.

Pralinenproduktion im Café Mayerhöfer in den 1970er-Jahren.
Hinten Hansjörg Mayerhöfer, dessen Torten und Pralinen
begehrt sind.
Melanie Weißer führt das Café der Eltern seit 2007 fort. Sie
freut sich auf Gäste aus aller Welt, denn das „
Mayerhöfer“
ist weit über Furtwangen hinaus bekannt.

254
Gastlichkeit
bezeichnet, bieten seither Platz für Familienfeiern,
Gruppen oder einfach eine gemütliche Auszeit.
2002 verabschiedeten sich die Mayerhöfers in
den Ruhestand und verpachteten das Café an das
Ehepaar Klaus und Ingrid Ortwein. Als es das Ehepaar
nach Bayern zieht, übernimmt Melanie Weißer
2007 die Leitung – und führt das Familienunternehmen
seither mit frischem Elan und bewährter Kontinuität
weiter. Im Café und im Laden steht Melanie
Weißer ein Team erfahrener Mitarbeiterinnen zur
Seite. In der Backstube zaubern der Konditormeister
Thomas Mack mit Konditorin Ana Kostava und den
Auszubildenden Vienne Kürner sowie Litzy Sandova
Torten, Naschwerk
und Speisen.

Ana Kostava freut sich über den bereits
zweiten Sieg beim „Kirschtortenfestival“
Der Name Ana Kostava und damit auch der Name
des Café Mayerhöfer gingen im Mai 2025 durch
die Medien. Ana Kostava ging beim Schwarzwälder
Kirschtortenfestival in Todtnauberg mit ihrer Kreation
zum zweiten Mal nach 2023 als Siegerin hervor.
Die Teilnehmer hatten unter den strengen Augen der
Jury 20 Minuten Zeit, ihre Torte zu kreieren, durften
allerdings zu Hause schon einige Zutaten vorbereiten.
Dann wurde das Ergebnis beurteilt. Als Kriterien
in der Kategorie „Geschmack“ nennt Jury-Mitglied
Alfred Boch: „Wie schmeckt die Kirschtorte?
Ist das
alles homogen zueinander? Ist zu viel Kirschwasser
drin oder zu wenig? Oder die Sahne: Ist sie zu süß,
oder ist vielleicht gar kein Zucker drin?“ Am besten
fand die Jury am Ende das Werk von Ana Kostava,
deren Torte ein großer Bollenhut aus modellierter
Schokolade schmückte. Dafür erhielt sie zusätzlich
den Kreativpreis.

Wie kam Ana Kostava zu ihrer Liebe und Kunstfertigkeit
für feinste Torten? Die ersten Schritte für
ihre spätere Profession ging sie früh in ihrer Heimat
Georgien. Als sie spürte, dass es ihr große Freude
machte, zu Hause zu backen, auch eigene Rezepte
auszuprobieren oder Torten zu verzieren, beschloss
sie, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Sie begann
vor sieben Jahren ihre Ausbildung zur Konditorin
im Café-Conditorei Mayerhöfer bei Melanie Weißer.
Dort bäckt sie nun zusammen mit den Mitarbeitern
vor allem die klassischen Kuchen und Torten für den
täglichen Verkauf.

Ihre künstlerische Seite lebt sie bei Aufträgen für
Hochzeits- oder Geburtstagstorten oder daheim aus.
Dann experimentiert sie bei den Tortenrezepten und
vor allem bei der Dekoration, versucht neue Formen,
Farben und ebenso Geschmacksrichtungen.

Aus
Mehl, Zucker, Obst, Schokolade oder Marzipan fertigt
sie kleine Kunstwerke, die für sie ihre Emotionen
zeigen und Geschichten erzählen. „Das Zusammenspiel
von Form, Farbe, Geschmack und Fantasie, das
ist für mich die wahre Magie des Konditorberufs“,
schwärmt Kostava.

Ihre Freude am Gestalten lebt sie neben dem Tortenhandwerk
auch beim Schnitzen von Obst und Gemüse
aus. „Aus Karotten, Äpfeln oder Gurken gestalte
ich Blumen, Blätter und filigrane Muster. Ich sehe
eine Karotte nicht nur als Zutat, sondern als Material
für ein Kunstwerk. Für mich ist das eine eigene Form
von Kunst. Ich finde meine Inspiration überall: in der
Natur, in Farben, in Blumen, in der Stimmung eines
Tages. Diese Liebe zur Ästhetik hat sich mit der Zeit
immer weiterentwickelt.“

Zurück zu ihrer Siegertorte. Hier hält sie sich im
Grunde an das herkömmliche Rezept, verwendet
aber statt des klassischen Kirschwassers eine Art
Kirschwassergel, das aus ihrer Sicht den Geschmack
intensiviert. Und bei der Gestaltung möchte sie einfach
die Herkunft und den Namensgeber der Torte
herausstellen, den Schwarzwald. Ana Kostava: „Es
kommen oft Gäste ins Café, die sich besonders auf
meine Schwarzwälder Kirschtorte freuen“, berichtet
sie. Von der „Schwarzwälder“ und den anderen Köstlichkeiten
der Conditorei Mayerhöfer angetan, kehren
viele Genießer und Leckermäulchen auch nach
längerer Anreise im Haus am Marktplatz ein, dem
früheren „Ersten Furtwanger Caféhaus“. Und wer
einmal dort war, kommt gerne wieder – zum Frühstück,
zum Kaffeetrinken, zum Treffen mit Freunden
oder einfach für eine kleine Auszeit im „Mayerhöfer“.
Es kommen oft Gäste ins
Café, die sich besonders
auf meine Schwarzwälder
Kirschtorte freuen.

Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer 255
Ana Kostava mit der von ihr besonders geliebten, klassischen Schwarzwälder Kirschtorte.
Annette Hengstler
vor ihrem Atelier in
Überauchen.

10. Kapitel – Kunst
Die künstlerische Welt von Annette Hengstler
Farben, Figuren und
Verbindungen aus dem
Herzen VON CORNELIA PUTSCHBACH

256

257
Wenn man Annette Hengstler
begegnet, spürt man schnell:
Hier steht ein Mensch, der
mit offenen Augen durch die
Welt geht – und mit offenem
Herzen.

Sie ist eine Künstlerin,
die sich nicht auf große Bühnen
drängt. Eine Gestalterin, die aus
dem Inneren
schöpft, wie sie
unterstreicht.

258
Kunst
Von sich selbst sagt die 59-Jährige: „Der Mensch
im Dialog mit sich selbst, in der Begegnung
mit anderen, in vielfältigen Lebensformen und
in Alltagssituationen fasziniert mich. Meine Gedanken
dazu setze ich in meiner Kunst mit eigenen Ideen und
Inspirationen um.“
Heute entdeckt man ihre Werke an ungewöhnlichen
Stellen nicht nur in der Region: eine ihrer
farbenfrohen Nana-Figuren an Hauswänden wie die
lebensgroße Schwarzwaldmarie in Schramberg oder
ein lachender Bücherwurm vor dem Brigachtaler
Rathaus.

Annette Hengstler ist es, die diese Kunstwerke
initiiert, begleitet und zum Lächeln bringt. Doch sie
ist weit mehr als eine Kulturvermittlerin. Sie ist auch
Impulsgeberin, Gestalterin, Administratorin und
Verbindungsglied zwischen Kunst und Alltag.
Schon als Kind waren Stifte und Farben ihre Welt.
Von Kindesbeinen an lebt sie ihre Phantasie und
Kreativität. Ihr Zimmer habe sie selbst mit einem
großen Wandbild gestaltet, erinnert sich Annette
Hengstler.
Eigentlich wollte sie den Beruf der Schaufenstergestalterin
erlernen. Doch ihre Eltern legten Wert auf
eine „vernünftige Ausbildung“. Also absolvierte sie
eine Lehre zur Verwaltungsfachangestellten bei der
Gemeinde Brigachtal. Hier fand sie anschließend auch
eine Anstellung.

Die Arbeit im Rathaus erwies sich als weit weniger
trocken als zunächst angenommen. „Ich arbeite gerne
mit Menschen zusammen, die Organisation von
Veranstaltungen macht mir Spaß“, sagt Annette
Hengstler. Immer wieder bringt sie Kunst und
Verwaltung zusammen: Sie vernetzt, koordiniert,
organisiert – mit kreativer Note.
Grundlagen bei namhaften Künstlern
Doch parallel zu ihrer Arbeit in der Kommunalverwaltung
gehört das Herz von Annette Hengstler
immer und vor allem der Kunst. Im Laufe der Zeit sei
der Wunsch, ihre künstlerische Freiheit zu leben,
immer größer geworden, erklärt sie. Dazu wollte sie
die richtigen technischen Grundlagen erlernen. In
verschiedenen Kursen bei namhaften Künstlern
folgte ab 2007 eine Ausbildung in Ausdrucksmalerei
nach Arno Stern. Dies sei für ihre persönliche
Entwicklung ein richtiger Quantensprung gewesen,
erinnert sich Annette Hengstler. Diese Erfahrung
habe sie weiter darin bestärkt, ihre Berufung zu
leben, die Kunst.

Im Jahr 2008 gründete sie ihre eigene Kunstwerkstatt
im heimischen Keller. Im lichtdurchfluteten
Obergeschoss einer großen Industriehalle in Kirchdorf
entstanden dann seit 2020 farbenfrohe Bilder,
Plastiken und Figuren, die Lebensfreude, Leichtigkeit,
Optimismus, Humor und auch innere Ruhe ausstrahlen.
Im Jahr 2022 ergänzte Annette Hengstler ihr
künstlerisches Wirken um einen weiteren Baustein.
Sie absolvierte eine Ausbildung in Kunst- und
Gestaltungstherapie. In diesem Rahmen ist es
möglich, seinen Gefühlen und Gedanken kraftvoll
Ausdruck zu verleihen.

Ein Traum ging in Erfüllung
In diesem Jahr konnte Annette Hengstler den großen
Wunsch nach einer eigenen Kunstwerkstatt hinter
ihrem Wohnhaus in Überauchen verwirklichen. Die
alte Autowerkstatt ihres Onkels wurde dafür saniert.
Entstanden sind helle Räume, die Besucher und
Kunstinteressierte mit einem Blick in die Natur und
ansprechendem Ambiente empfangen. Sie lassen
der Kreativität noch mehr Raum. Hier kann Annette
Hengstler nun ihre Workshops für Kunstinteressierte
in einem inspirierenden Rahmen weiter ausbauen.
Die Phantasie kennt bei der Künstlerin selbst
kaum Grenzen. Ihr Schaffen ist vielfältig und reicht
von der Malerei über die Anfertigung von Kleinplastiken
bis hin zum Bau von großen Skulpturen.
Die meisten Skulpturen präsentieren sich schlank
und reduziert auf die Gestalt, oft in übersteigerten
und herausgestellten Proportionen, die für die
Einmaligkeit des Menschen stehen und den Blick auf
das Innere und dessen Ausstrahlung lenken sollen.
Der Mensch im Dialog mit
sich selbst, in der Begegnung
mit anderen, in vielfältigen
Lebensformen und in
Alltagssituationen fasziniert
mich.

259
Links: Gruppe aus der Serie „Red Heels“
aus Draht und Modelliermasse.
Oben: Die Skulptur „Bereit für …“
Unten: Blick in das weiträumige Atelier
von Annette Hengstler.

260
Kunst
Die künstlerische Ausbildung umfasst: expressives
Malen nach Arno Stern in Wiesbaden, Studien bei
Anton Petz in Hohenaschau, bei Michael Ryba am
Schluchsee, bei Angelika Karoly in Rottweil und bei
Birgit Feil in Leonberg. Die Summe dieser Einflüsse
formt ihre künstlerische Sprache: Sinnlich, lebhaft,
unmittelbar – eine Sprache, die nicht auf Hochglanz
abzielt, sondern das Leben abbildet.
Kunst ist Aufbau von Identitätsbestärkung
Die Projekte von Annette Hengstler zeigen ein
gemeinsames Schema: Kunst ist für sie Teilhabe.
Farben und Figuren laden ein zum Nachdenken, zum
Ergründen, zum selbst etwas Gestalten und zum
Reden und Zusammenkommen.

In ihrer Kunstwerkstatt bietet Annette Hengstler
regelmäßig Workshops an – sie schafft Freiräume, die
es möglich machen, „schief“ zu malen, zu lachen, zu
reflektieren, Gemeinschaft zu bilden. Es geht nicht um
Perfektion, sondern um das Erleben und Erfahren mit
allen Sinnen.
Annette Hengstler ist sich sicher: „Jeder ist kreativ.
Jeder ist sprachfähig. Kunst ist Selbstermächtigung,
dient dem Aufbau von Gemeinschaft und ist zugleich
Identitätsbestärkung.“

Ihre Kunst lebt in Figuren, Farben und einer
unverwechselbaren Leichtigkeit, gepaart mit tiefer
Symbolik. Wer einen Blick in ihre Galerie und
Werkstatt wirft, findet keine bloße Aufreihung von
Exponaten, sondern die Einladung in eine farbige Welt,
in der sich Weiblichkeit, Lebensfreude und Freiheitsdrang
verbinden. Ihre Werke sind nicht nur Ausdruck,
sondern auch Haltung – greifbar, lesbar, nahbar.
Oben: Skulptur „Himmelsgucker“ aus dem Atelier.
Unten: „Edle Könige“ ein Weihnachtsgeschenk aus
Annette Hengstlers Onlineshop.
Es geht nicht um Perfektion,
sondern um das Erleben
und Erfahren mit allen
Sinnen.

Annette Hengstler
261
Eine „Schwarzwaldmarie“ im Nana-Stil
Ein zentrales Motiv sind Figuren. Die Materialien variieren,
doch die Formensprache bleibt klar: Körper
brauchen bei der Brigachtalerin oft kein Gesicht. Sie
sind Träger von Gefühl, Gestik und Botschaft.
Bestes Beispiel ihres Wirkens ist die „Schwarzwaldmarie“
– eine lebensgroße Skulptur im Nana-Stil
nach Niki de Saint Phalle, die 2021 als Auftragsarbeit
eines Geschäfts in Schramberg enthüllt wurde. Aus
wetterfestem Polymergips und Glasfaser gestaltet,
trägt sie einen knallroten Bollenhut und strahlt
Selbstbewusstsein aus. In der Lokalpresse war sie „ein
absoluter Hingucker“, zugänglich im öffentlichen
Raum – Kunst, die nicht abgehoben, sondern mitten
im Leben steht. Seither ist die korpulente Dame ein
echter Blickfang.

Deutlich kleiner und filigraner sind die Figuren der
Serie „Red Heels“, der Serie der Frauen mit den roten
Schuhen. Die Idee entstand bei einer Tanzveranstaltung,
erinnert sich Annette Hengstler. Sie selbst tanzt
sehr gerne. Bei guter Musik kann sie auf der Tanzfläche
nichts aufhalten. Die Frauen mit den roten Schuhen
stehen für Damen jeden Alters, die ihrer Leidenschaft
folgen, ihren Emotionen freien Lauf lassen, das innere
Leuchten nach außen bringen und frei und ohne
Konventionen tanzen. Sie sind eine Hommage an das
Leben.

Ihre Werklinie „Gedankenflug“ stellt dagegen
Silhouetten von Köpfen dar. Die Objekte zeigen die
Umrisse eines Kopfes, den Blick zuversichtlich nach
vorne in die Zukunft gerichtet. Das Objekt wirkt
durchlässig. Es überbrückt den Raum zwischen
Bewusstsein und Fantasie. Die kräftigen Farben
symbolisieren die Vielfalt und Lebendigkeit im
inneren Prozess, Erinnerungen und Lebensphasen.
Gedanken lösen sich schwerelos und frei, kommen
und gehen. „Ein stilles Plädoyer für geistige Freiheit,
für Kreativität und Mut und dafür, sich von Gedanken
zu lösen und neuen Inspirationen zu folgen“, so die
Gedanken der Künstlerin.

Oben: Annette Hengstler mit ihrer „Schwarzwaldmarie“
– einer lebensgroßen Skulptur im Nana-Stil nach Niki de
Saint Phalle, 2021 vor einem Geschäft in Schramberg.
Rechts: Die „Red Heels“.

263
Eine Hommage an den
Schwarzwald sind die Schwarzwaldmädel:
Kleine, aus
Kunststoff gearbeitete
Schwarzwälderinnen mit
modellierten Bollenhüten. Das
erste eigene Kunstobjekt von
Annette Hengstler. Mal thronen
die Mädels auf dem Stopfen
einer Weinflasche, mal zieren
sie ein Schlüsselbrett. Sie
sind auch in ihrem Webshop
zu erwerben.

Annette Hengstler
arbeitet mit unterschiedlichsten
Materialien: Modelliermasse,
Metall, Draht – aber
auch Acrylfarben, Beton. Mit
dem Schweißgerät
gibt sie
großen Figuren auch selbst das
eine oder andere Mal ein Gerüst.
Diese Vielfalt zeigt sich nicht nur
im Handwerklichen, sondern auch im Ausdruck. Ihre
Skulpturen können monumentale Präsenz haben oder
filigran sein. Manche erinnern an Bronzeskulpturen.
Und doch verbindet sie alle ein gemeinsamer Ton:
Eine Wärme, eine Nahbarkeit, eine Einladung, sich zu
öffnen – für das Werk, für sich selbst, für andere.
Eine Erzählerin mit Formen
Auffällig ist auch, wie viele ihrer Werke ein Lächeln,
lebhafte Gestik oder offene Körperhaltungen zeigen.
Figuren, die nicht isoliert wirken, sondern im Dialog
stehen. Ob in der Geste des Lesens, der Freude, der
Bewegung oder des Lachens – immer geht es um
Verbindung. Das unterscheidet Hengstlers Arbeit
grundlegend von Kunst, die nur betrachtet werden
will. Ihre Werke wollen berühren – nicht nur die
Netzhaut, sondern das Herz.

Was in ihrer Galerie deutlich wird: Annette
Hengstler ist eine Erzählerin. Nicht mit Worten,
sondern mit Formen, Farben und Figuren. Ihre
Skulpturen und Objekte sind keine stummen Zeugen,
sondern Gesprächspartner. Sie erzählen von dem Mut,
sichtbar zu sein. Vom Recht auf Lebensfreude. Von
der Schönheit im Unperfekten. Von der Kraft der
Gemeinschaft.

Und vielleicht ist es das Schönste an Annette
Hengstlers Kunst: Sie steht nie nur für sich. Sie steht
für jeden von uns.
Ihre Skulpturen und Objekte
sind keine stummen
Zeugen,
sondern
Gesprächspartner.
Sie
erzählen von dem Mut,
sichtbar zu sein.
Links: Die Skulpturenserie „Gedankenflug“.
Oben: Den Flaschenaufsatz „Schwarzwald-Mädel“ gibt es
auch im Onlineshop zu erstehen.
Rechts: Annette Hengstler beim Modellieren einer Skulptur.
Annette Hengstler

264
Kunst
Felix Rombach
Grenzen ausloten, Bedeutungen hinterfragen – Freie Kunst und Bildhauerei
VON STEFAN SIMON
Bedeutungen hinterfragen, Kontexte umdefinieren und Grenzen ausloten – das ist
die Praxis des Künstlers Felix Rombach im wortwörtlichen Sinne. Die Fundstücke und
Alltagsgegenstände in seinen Serien Kinetics und Mini Kinetics entwickeln losgelöst
von ihrem ursprünglichen Dasein ein unvorhergesehenes Eigenleben. Felix Rombach,
1983 in VS-Villingen geboren und in Vöhrenbach aufgewachsen, fand schon früh
über das Spiel mit verschiedenen Materialien seinen Zugang zur Kunst: Sein Meisterabschluss
in Metallbau war für ihn lediglich die logische Schlussfolgerung, das Handwerk
als eine Ausdrucksform zu perfektionieren. Anschließend studierte er Freie
Kunst und Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
und war Meisterschüler von Aktionskünstler John Bock. In den Werken von Felix
Rombach begegnet
uns eine Bildhauerei, die sich der starren Dingwelt widersetzt.
Aus Fundstücken, Metallfragmenten, Maschinenresten und konstruierten Elementen,
entstehen
Skulpturen, die zwischen Objekt, Installation und Bewegung changieren. Sie wirken
technisch,
handwerklich präzise – und zugleich rätselhaft, poetisch, ja fast absurd.
265
„Die Glückspanne“, 2010
Static, Light, 160 × 80 × 90 cm
266
Kunst
„Am Ende der Fahnenstange“. Was kann danach
wohl noch kommen? Nicht nur für die Besucher
der „
Donaueschinger Regionale 2024“ eine ganze
Menge. Das raumgreifende Kunstwerk eröffnet neue
Horizonte
und ermöglicht erfrischende Perspektiven
auf zeitgenössische Kunst und ganz speziell auf einen
Künstler, der aus der Region stammt. Mit dem
temporären Gastspiel, bestehend aus einer lackierten,
verformten Vierpunkttraverse und farbigem
Markisenstoff, hat sich Felix Rombach in den Donauhallen
spektakulär in der Heimat zurückgemeldet.
In einer Region, in der der 1983 in VS-Villingen
geborene und in Vöhrenbach aufgewachsene
Künstler seine kreativen Wurzeln hat und in der er
seit Herbst 2025 mit einem überdimensionalen Hingucker
dauerhaft vertreten ist. Die Arbeit „Portal“
mit den stattlichen Dimensionen
von 350 x 350 x 100
Zentimetern steht nun vor dem frisch renovierten
Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwangen. Die einzelnen
technoiden Stahlfundstücke,
wie etwa die riesigen
Schraubenschlüssel, Ketten,
Zahnräder und Muttern,
aus denen diese Arbeit zusammengesetzt ist,
erleben durch Rombach eine Transformation in eine
neue – in eine organische Form. Der Betrachter ist
absolut frei darin, eine Torsituation mit allerlei damit
verbundenen Assoziationen zu sehen.
Meisterschüler bei John Bock
Für Felix Rombach beinhalten die Arbeit und ihr
Standort einen besonderen Aspekt. Der Blick durchs
Portal richtet sich ausnahmsweise einmal zurück,
dorthin, wo alles begann, die Grundlagen für die
beruflichen Entwicklungen gelegt wurden. Rombach
war bis zu seinem Realschulabschluss Schüler
am Otto-Hahn-Gymnasium. Nach seinem Abitur an
der Furtwanger Robert-Gerwig-Schule erlernte er
zunächst den Beruf des Metallbauers. Parallel zu seinem
Abschluss als Betriebswirt legte Rombach 2008
die Meisterprüfung ab. 2009 nahm er ein Studium
der Freien Kunst an der Staatlichen Akademie der
Bildenden Künste Karlsruhe auf, das er 2014 mit Diplom
und als Meisterschüler bei John Bock abschloss.
Eine fundierte Ausbildung im Metallbau vor dem
Kunststudium – das hört sich schlüssig an. Aber wie
hängen beide Bereiche für den Künstler zusammen?
Die Ausbildung war nicht die ausschlaggebende
Motivation – ich habe schon davor künstlerisch mit
plastischen Materialien gearbeitet“, erklärt Rombach
sehr anschaulich beim Rundgang durch sein
Vöhrenbacher Domizil. Im Kindesalter war es eben
Holz, als Teenager hat er sein Repertoire um Metall
erweitert und zunächst begonnen, mit einem Schutzgasschweißgerät
naturalistische Formen und Körper
aus Schrottteilen nachzubilden: Frühe, vorakademische,
meist rostige figürliche Zeugnisse, die rund um
das Anwesen zu finden sind. Erst später, nach dem
Meister in Metallbau, hat er bemerkt, dass der künstlerische
Ausdruck durch handwerkliche Dogmen
nicht unbedingt begünstigt wird. Rombach: „In der
Ausbildung wird anhand von Ansätzen, Normen und
ausgetretenen Wegen gelernt“. Es war ihm nun wichtig,
seine Arbeit weniger dogmatisch und nicht nur
in einem bestimmten Materialspektrum zu sehen.
Kunststudium eröffnet eigene Wege
Durch das anschließende Studium der Bildhauerei
sind ganz neue Materialien, Techniken, Dimensionen
und vor allem Sichtweisen hinzugekommen. Im
Kunststudium musste er sich bewusst von den
erlernten, eng gesteckten Lehrsätzen distanzieren,
um eigene Wege und Lösungen zu finden. Natürlich
spiele das Handwerk heute immer noch eine
wesentliche Rolle, so Rombach rückblickend. Aber es
ist nun mehr reines Mittel zum Zweck, auf das er
jederzeit zurückgreifen kann. Wie etwa für den
öffentlich zugänglichen Brunnen am Bruderkirchleweg
Im Kindesalter war es eben
Holz, als Teenager hat er
sein Repertoire um Metall
erweitert und zunächst
begonnen, mit einem
Schutzgasschweißgerät
naturalistische Formen und
Körper aus Schrottteilen
nachzubilden.

Felix Rombach 267
„Am Ende der Fahnenstange.“
Vierpunkttraverse mit farbigem Markisenstoff, 2019.
Material: Stahl, Markisenstoff
LBH: 5,5 m x 2,5 m x 3,5 m

268
Kunst
beim Waldrand oberhalb von Vöhrenbach. 1888 hat
Cornelius Heine, ein Vorfahre von Felix Rombach,
dort eine Quelle erschlossen. Rombach hat die
Quelle 2011 künstlerisch aufgewertet. Das Wasser
fließt nun in einen Trog, der von einer beschützenden
Hand aus Stahl gehalten wird.

Eine weitere Arbeit im öffentlichen Raum in seiner
Heimatstadt befindet sich im Rathaus. Die 2009
entstandene Bewerbungsarbeit für die Kunstakademie
– ein anatomisch detailgenaues, lebensgroßes,
aus alten Kfz-Kennzeichen geformtes Paar lädt zum
Dialog ein. Eine frühe, unbetitelte Arbeit, in der
das erlernte Handwerk ebenso drinsteckt wie auch
die Leidenschaft des Sammelns von Objekten jeglicher
Art, denen Rombach in seinen Prozessen neue
Form verleiht. Seine Ateliers in Vöhrenbach und in
Berlin-Pankow sind gefüllt mit Dingen aus unserer
Alltagswelt, die er frei von ihrem ursprünglichen,
monetären Wert oder ihrer Funktion betrachtet.
Darüber hinaus bezeichnet sich Rombach selbst
als „Sammler von zwischenmenschlichen Begebenheiten“.
Die meisten Arbeiten entstehen aus einem
Prozess der Synthese und Neuordnung – indem er
Erinnerungen und Objekte, die er im Alltag oder auf
Frühe Arbeiten von Felix Rombach, die sich im Umfeld
seines
Elternhauses und im Rathaus Vöhrenbach befinden.
V. ob. links: Brunnen beim Elternhaus, ohne Titel und
Menschen aus Kfz-Kennzeichen.

WERDEGANG
1983_geboren in Villingen-Schwenningen
2006_Abschluss als Metallbauer-Geselle
2006_Stipendium Begabtenförderung
Baden-Württemberg
2007_Abschluss als Betriebswirt GA
2008_Abschluss als Metallbauer-Meister
2008_Kunstschmied auf Korsika
2009_2014 | Studium der Freien Kunst
an der AdBK Karlsruhe bei Prof. John Bock
2012_Ausstellungspreis der AdBK Karlsruhe
2014_Diplom Bildhauerei an der AdBK
Karlsruhe
2015_Meisterschüler bei John Bock
2016_Stipendium »Artist in Residence«
Herrenhaus Edenkoben
2017_Debütanten Preis »Tangenten« der
Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
2017-25_Lebt und arbeitet in Berlin
„Blick durchs Portal“.
Installiert beim Otto-Hahn-Gymnasium
Furtwangen.

Felix Rombach 269
„Black Forest, vorerst“, 2015
„Herz 9“, 2016
Kinetic, 12 × 12 × 12 cm
„Tiefschwarz“
2023

270
Kunst
seinen Reisen sammelt, in spezielle Zusammenhänge
stellt und miteinander kombiniert. Er formuliert auf
diese Weise Sehangebote und Fragestellungen, die provokativ
und offen zur Auseinandersetzung einladen.
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht“
Zu den reinen
Metallarbeiten und den Objekten aus
Fundstücken kommt das kinetische Element hinzu.
Eine wunderbare Arbeit, die aufgrund ihrer Komplexität
die unterschiedlichsten Sinne anspricht, ist das
bereits 2010 entstandene kinetische Werk „Junger
Mann zum Mitreisen gesucht“. Eine Erinnerung an
den Rummelplatzbesuch inspirierte den Künstler
zum Titel dieser Trommelmaschine. Ein über ein
Fahrrad umgelenkter Rasenmähermotor lässt zwei
Klöppel auf eine Trommel schlagen und erzeugt so
einen eindringlichen, rhythmischen Klang, der an die
Trommelschläge auf einer Galeere erinnert.

Bei Ausstellungen kommt noch das performative
Element hinzu, wenn der Künstler selbst den Viertakt-
Motor startet. Von vielen kinetischen Arbeiten
und von deren Funktionsweisen gibt es Videodokumentationen,
die selbstverständlich den unmittelbaren
Austausch des Publikums mit den Arbeiten nicht
ersetzen können. Aber für den Künstler gibt es im
Bereich Video, im Gegensatz zur Fotodokumentation,
ein ganz neues Spektrum an Möglichkeiten, eine
Arbeit in Szene zu setzen. Rombach: „Ich sehe mich
hier aber weniger als Regisseur und mehr als Zirkusdirektor“.
Ein Zirkusdirektor, der wie es scheint, eine
intensive Beziehung zu seinen Wesen führt.

Interaktion mit dem Publikum
Seine Arbeiten gestalten sich so unterschiedlich wie
die Themen, mit denen er sich befasst. Es kann um
Missstände in der Gesellschaft gehen, es gibt Porträts
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht“, 2010 Kinetic, Sound, 135 × 55 × 150 cm.

Felix Rombach 271
von Einzelpersonen oder Gruppen. Gerade die „Mini
Kinetics“ sind teilweise sehr privat, aber es gibt auch
ganz allgemein gefasste, clownesk inszenierte
Themen. Bei den kleinformatigen Arbeiten für den
Hausgebrauch gibt es außerdem das, was der
Künstler „Frankenstein-Moment“ nennt. Rombach:
„Funktioniert das Werk so, wie ich es mir vorgestellt
habe – lebt es?“ So richtig leben können sie aber
erst in dem Moment, in dem sie ausgestellt sind und
von anderen betrachtet werden. Für den Künstler ist
eine Arbeit erst dann fertig, wenn es eine Interaktion
mit dem Publikum gibt.

Gelegentlich reicht auch der Dialog
mit dem Erschaffer,
wie bei den kleineren Arbeiten in Rombachs
Zuhause. Wenn er von einer Reise zurückkommt,
muss er erst einmal nach ihnen sehen und überprüfen,
ob sie noch laufen. Deshalb auch die Referenz
zum Zirkusdirektor, der seine Schützlinge auf seinen
Reisen dann doch gelegentlich alleine lassen muss.
„Provisorien interessieren mich sehr“
Aber gerade Rombachs Sicht auf die Vielfalt der
Welt, der Gesellschaften und Menschen prägt seine
Arbeit ungemein. Im besten Fall kann er vor Ort
arbeiten und so eine Zeitlang Teil davon werden. Ihn
interessiert, wie Menschen in verschiedenen
Regionen
ganz unterschiedlich mit ähnlichen
zwischenmenschlichen Problematiken umgehen,
welche Prioritäten im Leben gesetzt werden und was
für eine Rolle sie spielen, wenn etwas Unvorhergesehenes
geschieht. „Improvisationsgabe und sogenannte
Provisorien interessieren mich sehr,
sowohl
materiell als psychosozial“, so Rombach.

Und hier kommt wieder der Begriff „Fundstück“
als wesentliches künstlerisches Element ins Spiel.
Das gefundene Stück ist ein Scharnier, ein Vehikel,
ein Schmiermittel und beschränkt sich nicht nur auf
physische Aspekte, sondern beinhaltet auch zwischenmenschliche
Begebenheiten und abstrakte
„Sunsetburger“, 2012, Installation, Performance, Video, 300 × 500 × 400 cm.
272
Lösungsansätze. Man könne Fundstücke auch als
Werkzeuge oder Prozessbegleiter für den Umgang
mit dem Leben bezeichnen, so Rombach.
„Mit voller Kraft voraus“
Das Reisen ermöglicht Rombach, sein Repertoire
stetig zu erweitern und zu überdenken. Er selbst will
in Bewegung bleiben und weiterhin von der Welt
überrascht werden. Lähmende Trägheit missfällt ihm.
Sein Motto ist: Mit voller Kraft voraus, der Zukunft
entgegen streben, begleitet durch den bewussten
Blick in den Rückspiegel. Hört sich, inklusive des
Mikrokosmos Berlin, der nach ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten
funktioniert, recht kosmopolitisch an.

Ist es auch in vertrauter Umgebung in der Vöhrenbacher
Wirkungsstätte, in der selbstverständlich die
Schwarzwälder Kuckucksuhr nicht fehlen darf. Ein
Schwarzwälder Symbol, das freilich ganz im Sinne
des Künstlers tickt: Bei einem Aufenthalt in Mexiko
hat er eine Kuckucksuhr aus Kunststoff gefunden,
die in China produziert wurde und die er schließlich
mit religiösen und gesellschaftskritischen Themen
ausgestattet hat, die auch für den lateinamerikanischen
Raum relevant sind. Sie hat den Titel „Patria o
Muerte“ (Vaterland oder Tod), geschaffen 2016.
Eine andere minikinetische Arbeit mit dem an
Hermann
Hesse angelehnten poetischen Titel „Überflort
von Tannenschatten“ aus dem Jahr 2016 steht
letztlich stellvertretend für die Vielfalt in Rombachs
Schaffen sowie für eine globale kulturelle Vermischung
aus Assoziationen und Deutungen. Sie befasst
sich eindeutig mit der Heimat Schwarzwald und deren
bekanntestem Produkt: der Kuckucksuhr.

EINZELAUSSTELLUNGEN (IN AUSWAHL)
• 2020 – Frontfliptucknohand, Galerie
Ebensperger, Berlin, kommunalegalerie.de
• 2020 – Habe die Haare, hebe die Ehre,
Galerie Ebensperger, Salzburg
• 2019 – Jaywalking, SMAC Galerie,
Berlin (22. November – 8. Dezember 2019)
• 2016 – Anim-/a/us, aus dem Reisetagebuch,
Herrenhaus Edenkoben, kommunalegalerie.de
• 2016 – Welterbe: Homo Homini Deus est,
Kunstverein Letschebach, Karlsruhe Durlach
• 2014 – Panoptikum, Diplom-Ausstellung,
Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe
• 2013 – Erinnerungsdefragmentierung,
Kunstverein Rastatt, kommunalegalerie.de
GRUPPENAUSSTELLUNGEN (IN AUSWAHL)
• 2024 – Regionale 2024, Donaueschingen
• 2021 – Fahrradkörper, Städtische Galerie
Delmenhorst
• 2020 – Zodiac, Lindenow, Leipzig
kommunalegalerie.de
• 2019 – 22. Skulpturenpark Mörfelden Walldorf
(Publikumspreis für sein Stahlportal)
• 2019 – Kunst Liegewiese, Freiburg,
kommunalegalerie.de
• 2018 – Played, Galerie Ebensperger, Salzburg,
kommunalegalerie.de
• 2018 – Rêver Deux Printemps, Galerie Detais,
Paris, kommunalegalerie.de
Rechts:
„Patria o muerte“ (Vaterland oder Tod), 2016.
Kuckucksuhr
aus China, erworben in Mexiko – um
gesellschaftskritische
und religiöse Themen ergänzt.
273
„Überflort von Tannenschatten“, 2016.
Minikinetische Arbeit mit einem an Hermann
Hesse angelehnten poetischen Titel.
Felix Rombach

274

11. Kapitel – Freizeit
Die Idee zum Westweg wird 1897
geboren und 1900 umgesetzt
Ein wenig geschichtliche Informationen
vorab einzuholen, bevor die
Wanderung auf der 8. Etappe des
Westweges beginnt, das musste einfach
sein. Zumal im 125. Jahr des Bestehens
dieses außergewöhnlichen Wanderweges.
Bereits 1897 entstand im Badischen
Schwarzwaldverein die Idee, die vielen
lokalen Wanderwege zu einem großen Ganzen zu
verbinden. Wer diesen Gedanken zuerst äußerte,
ist unbekannt – doch Philipp Bussemer machte
ihn zu seiner Herzensangelegenheit. Der 1855 in
Heidelberg geborene und durch seine Heirat nach
Baden-Baden gekommene „Wahlschwarzwälder“
war seit langem aktives Mitglied und Mitgründer
der dortigen Sektion des Schwarzwaldvereins.
Bussemer war leidenschaftlicher Wanderer, kannte
den Schwarzwald wie kaum ein anderer. So galt er
als die ideale Persönlichkeit, um ab dem
Jahr 1900 den ersten Höhenweg des
Schwarzwaldes ins Leben zu rufen – in
Zusammenarbeit mit Julius Kaufmann.
Zurück zur Tour, zum Anfang: Wir machen
uns an einem Montag bei herrlichem,
nicht zu warmem Wetter auf den Weg. Die
Etappe 8 bedeutet übrigens auch:
Aufstieg 420 m und Abstieg 380 m.
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer (ich beschloss, das
zu ignorieren). Mit dabei meine Freundin Anja,
etwas Proviant und eine Wander-App. Um 9.30 Uhr
schreiten wir gemessenen Schrittes auf der Wilhelmshöhe
durch ein gewaltiges Tor aus Findlingen.
285 Kilometer Freiheit – der Westweg ist ein stolzes Stück Schwarzwaldgeschichte. Seit 125 Jahren
begeistert der einstmals erste Fernwanderweg des Schwarzwaldvereins Wanderer aus ganz
Deutschland. In 14 Etappen führt er durch ursprüngliche Natur, glänzt mit faszinierenden Panoramablicken
und umgibt einen mit der besonderen Ruhe, die so nur der Schwarzwald bietet.
Besonders reizvoll ist die mittelschwere 8. Etappe durch den westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis:
Von der Wilhelmshöhe in Schonach bis zur Kalten Herberge in Urach spannt sich ein 22,5 Kilometer
langer Weg, den die Wanderer als außergewöhnlich schön einstufen. Wer der roten Raute
auf weißem Grund folgt, bewegt sich im Übrigen nicht nur auf dem längsten der drei großen
Schwarzwaldwanderwege, sondern auch auf einem Teil des Europäischen Fernwanderwegs E1.
Etwa sieben Stunden braucht es, diesen Teil des Westweges zu bewältigen.
Rechts: Das imposante Tor aus Findlingen auf der
Schonacher
Willhelmshöhe markiert den Startpunkt
zur 8. Etappe des Westweges.

Unterwegs auf der 8. Etappe des Westweges
Von der Wilhelmshöhe
zur Kalten Herberge
VON BARBARA DICKMANN MIT FOTOS VON MICHAEL STIFTER
1900-2025
125 Jahre

WESTWEG
Schwarzwald
275
276
Freizeit
Jede Menge Hinweistafeln beschreiben unsere
Route. Die vor uns liegende Tour entdecken wir als
metallenes, in den Boden beim Findling eingelassenes
Band. Das eindrucksvolle Tor bietet einen
geradezu sensationellen Einstieg in einen besonderen
Tag. Ab jetzt gilt es, stets der roten Raute zu
folgen – und wir laufen los …
Flirrend strahlt die Sonne durch die Bäume
Wir lassen uns schon beim Streckenstart „bezaubern“:
Flirrend strahlt die Sonne durch die Bäume,
das Moos flimmert wie tausend Diamanten und die
Vögel singen um die Wette. Bereits nach wenigen
Minuten sind wir gefangen von der so besonderen
Stimmung. Reden ist überflüssig, vielmehr spricht
die Natur zu uns. Der Weg führt zum Blindensee,
doch geht es zunächst am Schonacher Wolfbauernhof
mit seinem gut vier Meter hohen Longinuskreuz
vorbei. Dieses Kreuz gehört zu einer besonderen
Form des Arma-Christi-Kreuzes, das sich durch die
Darstellung der Leidenswerkzeuge Christi inklusive
der Figur des Longinus als Reiter auszeichnet.
Fast am Blindensee angekommen, sehen wir ihn
zum ersten Mal: Ein junger Mann läuft schnellen
Schrittes an uns vorbei. In der Hand eine Kamera,
auf deren Display er andauernd angestrengt schaut.
Wohl jeden Meter seines Weges filmisch festhaltend.
Nichts für uns, stellen wir fest. Wir filmen lieber mit
den Augen – und genießen …
Am Blindensee – Relikt aus der Eiszeit
Das sagenumwobene Naturschutzgebiet Blindensee
ist der erste Höhepunkt der 8. Westweg-Etappe. Das
Gebiet rund um den Hochmoorsee steht seit 1960
unter strengem Naturschutz und gehört zu den
ökologisch wertvollsten Landschaften des Mittleren
Schwarzwaldes. Seinen Namen verdankt der auf
rund 1.050 Meter liegende See vermutlich seiner
dunklen Wasserfarbe, die den Blick in die Tiefe
„blind“ werden lässt. Der See ist eiszeitlichen
Ursprungs und entstand in einer Senke, die sich
nach dem Rückzug der Gletscher mit Wasser füllte.
Wir erreichen ihn über einen hölzernen Bohlensteg,
der durch Wollgraswiesen, Torfmoospolster
und an Moorbirken vorbeiführt. Im Frühjahr wiegt
hier das Wollgras im Wind und im Sommer tanzen
Libellen über dem Wasser. Im Herbst strahlt das Laub
der Bäume – „Indian Summer“ im Schwarzwald. Und
falls der Winter einer ist, verschwindet der See unter
einer dicken Eisschicht.

Der Blindensee ist vollständig von Hochmoorvegetation
eingefasst, was ihm einen geradezu
märchenhaften Charakter verleiht. Ob in aller Herrgottsfrühe
oder mitten in der Nacht: Auf Menschen
trifft man am Blindensee (fast) immer – er ist das,
was man einen „Hotspot“ nennt. Und an Märchen
sprich Sagen mangelt es gleichfalls nicht: Angeblich
soll dereinst ein Ochsengespann im Moor versunken
sein, das in Kehl am Rhein wieder auftauchte. Eine
andere Sage berichtet, dass eine Kuh im Blindensee
ertrunken sei – und Wochen später wieder in der
Donau zum Vorschein kam. Mystische Orte wie dieser
haben zu allen Zeiten die Fantasie der Menschen
heraufbeschworen, sind reich an sagenhaften Geschichten.
Oben: Longinuskreuz beim Wolfbauernhof in Schonach.

277
Allein schon seine Lage, versteckt zwischen Schonach
und Schönwald, mitten in einem Hochmoorgebiet,
macht den Blindensee außergewöhnlich. Seine
besondere Stimmung entfaltet er in den frühen
Morgenstunden, wenn Nebelschwaden über dem
Wasser schweben. Jetzt allerdings herrscht praller
Sonnenschein. Wir entdecken seltene Pflanzen und
Krüppelkiefern und können uns an der Natur nicht
sattsehen. Der perfekt ausgeführte Holzsteg führt
uns die ganze Zeit mitten durch diese Oase
der Ruhe
– nur zögerlich setzen wir unsere Wanderung fort,
genießen diese kostbaren Momente.
Am Blindensee: Mystische
Orte wie dieser haben zu
allen Zeiten die Fantasie der
Menschen heraufbeschworen,
sind reich an
sagenhaften Geschichten.
Impressionen vom Blindensee bei Schonach/Schönwald.
Durch das Hochmoor führt die Wanderer ein Holzsteg.

Unterwegs auf dem Westweg

278
Freizeit
Von der Elz zum Günterfelsen
Vom Blindensee geht es der jungen Elz entlang zum
Hauptkamm zwischen Donau und Rhein. Vorbei am
Hofcafé „näbbe duss“ (Sie, liebe Leserinnen und
Leser des Almanach haben es in der Ausgabe 2025
kennengelernt), dem wir einen sehnsuchtsvollen
Blick zuwerfen. Doch: Nein, das ist zu früh für eine
Pause und ein Schluck Wasser muss reichen.
Dann gilt es den steilsten Teil der 8. Etappe zu
bewältigen, den Aufstieg vom Furtwängle hinauf
zur Martinskapelle. Er führt durch Fichtenwälder
an der naturnah eingefassten Quelle der Elz vorbei.

Der malerische Quellort lädt wie der Blindensee
zum Verweilen geradezu ein. Die junge Elz, die zum
Rhein hin fließt, bahnt sich ihren Weg durch ein
wahres Meer an Granitfelsen. Nur wenig mehr als
ein Kilometer trennt uns nun noch von der Breg,
dem Quellfluss der Donau. Wir haben somit die
Europäische Wasserscheide zwischen Schwarzem
Meer und der Nordsee überschritten.
Weiter geht es vom Ursprung der Elz aus
zum Ursprung der Breg, sprich der Donau,
beim Kolmenhof und Lukasenhäusle nah der
Martinskapelle. Wir steigen auf 1.085 Meter hinauf.

Am Rande alter Wege steht die Martinskapelle wie
ein lebendiges Geschichtsbuch. Wie alt das Kirchlein
wirklich ist und ob es sich wie oft gemutmaßt wird,
gar um ein Quellheiligtum handelt, ist ungewiss.
Archäologische Untersuchungen von 1958 sollen
belegen, dass sich an dieser Stelle bereits um 800 n.
Chr. ein sakraler Bau befand.
Wir besichtigen das Kirchlein, genießen den Blick
zum Lukasenhäusle, in dem einst das „Hoch Mariele“
lebte, ein Furtwanger Original. Die Martinskapelle
war und ist, wie der nahe Brend, ein wirkliches
„Winterland“. Hier führt auch der Fernskiwanderweg
Schonach-Belchen vorbei.

Jetzt begeben wir uns auf die Suche nach dem
Günterfelsen. Versteckt im Wald liegend ist diese
Ansammlung riesiger Granitfelsen beeindruckend.
Bei der Gruppe großer, moosbewachsener Felsen
handelt es sich um ein regelrechtes Steindenkmal
der Natur, das völlig ohne menschliches Zutun
entstand. Lange wurden die Felsen für Findlinge
aus der Eiszeit gehalten, tatsächlich erhielten sie
ihre charakteristische, abgerundete Form aber
vor Ort durch sogenannte Wollsackverwitterung:
Die obersten Gesteinsschichten wurden zersetzt,
während das weichere Material wegerodierte – übrig
blieben die übereinander geschichteten „Wollsäcke“
aus Granit.

Seit 1956 sind die Felsen und ihre Umgebung als
Naturschutzgebiet ausgewiesen. Die Felsformation
trägt den Namen des in alten Urkunden erwähnten
Bauern Heinrich Günter, auf dessen Grundstück sie
liegt.
Oben links: An der Quelle der Elz, die zum Rhein fließt.
Rechts: An der Breg- sprich Donauquelle bei der Martinskapelle
bei Furtwangen.
Rechte Seite: Blick zum Lukasenhäusle mit Kolmenhof
und Martinskapelle. Von hier aus führt der Westweg am
Günterfelsen
vorbei (unten) hinüber zum nahen Brend.
Unterwegs auf dem Westweg 279

280
Freizeit
Halbzeit auf dem Furtwanger Hausberg Brend
Weiter geht es zum Aussichtsturm am Brend: 17
Meter hoch, erbaut im Jahre 1906. Der Furtwanger
Hausberg ist mit 1.149 m Höhe der höchste Punkt
von Furtwangen und zugleich der 8. Etappe des
Westweges. Natürlich müssen wir den Turm besteigen!
Hinauf führt eine schmale Wendeltreppe. Das
Schwarzwaldpanorama vom Turm aus lohnt den
Aufstieg
allemal: Die Sicht ist klar und reicht bis zum
Feldberg, Belchen, Schauinsland und Kandel. Und
vielleicht haben wir sogar noch die Alpen, die
Rheinebene und die Vogesen gesehen? Jedenfalls an
klaren Tagen bietet der Brendturm eine geradezu
fantastische Alpensicht.

Um 13 Uhr kehren wir im Naturfreundehaus
Brend ein. Halbzeit ist – elf wunderbare Kilometer
liegen hinter uns und der Kaffee schmeckt einfach
herrlich. Nun ist es keine Frage mehr, wir werden
Etappe acht bezwingen. Wie sagte doch Angela Merkel
stets: Wir schaffen das! Dann geht es weiter in
Richtung Urach, in Richtung Etappenziel.
Und urplötzlich sehen wir ihn zum zweiten Mal:
Immer noch schnellen Schrittes eilt dieser junge
Mann mit seiner Kamera an uns vorbei. Und wieder
grüßt er freundlich und starrt unaufhörlich auf das
Display seiner Kamera. Er scheint, wie bereits an
anderer Stelle erwähnt, seine komplette Wanderung
auf dem Westweg in Filmbildern festzuhalten… Irgendwann
werden all diese Bilder vielleicht als Zeitraffer
auf Social Media oder irgendeiner Internetseite
auftauchen, da sind wir uns sicher. Wer weiß,
vielleicht werden, einem Schweizer Beispiel folgend,
dann sogar fünf Euro Eintritt beim Blindensee oder
auf dem Brendturm verlangt. Weil die Besucher in
Rekordscharen herbeiströmen. Die neuen Zeiten machen
all das möglich.

Vorbei an alten Handelswegen
Zwischen Wald und Wiesen geht es weiter. Nach einem
gemütlichen Abstieg zwischen einer Weide und
dem Wald verlassen wir die Brendhöhe. Es geht zur
„Ladstatt“. Hier, am weithin sichtbaren Kreuz unter
einer Linde, führte einst die Fahrstraße nach Freiburg
vorbei. Im Gasthof „Zur Alten Eck“, das früher
den Namen „Zur Stadt Freiburg“ trug, mussten
die
Pferdegespanne gewechselt werden, bevor es die
steile Kilpenstraße in Richtung Waldkirch/Freiburg
hinunterging. Der Furtwanger Rolf Wehrle hat in
einem Buch die Geschichte dieser alten Handelsstraße
nachgezeichnet, auf der einst die berühmten
Schwarzwalduhren in alle Welt transportiert wurden.
An dieser Stelle ist auch ein Abstecher möglich,
wenn die Kraft in den Beinen dazu noch reicht: Im
nahen Hübschental lebt der Designer Jochen Scherzinger,
der mit seiner modernen Art der Schwarzwaldfotografie
internationale Aufmerksamkeit
erzielte. Sein Unternehmen „Artwood“ hat auch ein
Westweg-Wandershirt im Programm. Wer es erwerben
will, ist bei Scherzingers herzlich willkommen.
Eine Stunde zusätzliche Wegzeit muss aber eingeplant
werden.

Vom Kilpen führt der Weg zum Raben, zu einem
„Goldstück“ alter Schwarzwälder Gastlichkeit. Ein
Stück Asphaltstraße muss auf dem Weg dorthin allerdings
in Kauf genommen werden. Belohnt wird
man mit der grandiosen Aussicht nach Westen zum
Kandel hin, mit der Silhouette des Alteckhofs davor.
Der Raben zeigt sich als ein schmaler Sattel, auf dem
zwei Bauernhäuser vom Höhenhotel „Zum goldenen
Raben“ überragt werden. Unbedingt zu empfehlen
ist die Einkehr in dieses Haus jedem, der es nostalgisch
liebt. Unverfälscht im Stil der 1920er-Jahre ist
Brend-Impressionen: Vom 17 Meter hohen Turm aus kann
man ein faszinierendes Schwarzwald-Panorama genießen.
An klaren Tagen herrscht zudem Alpensicht. Für eine Pause
eignet sich das nahe Naturfreundehaus (Mitte rechts).
Wieder schnellen Schrittes
eilt erneut dieser junge Mann
mit seiner Kamera an uns
vorbei… Und wieder grüßt er
freundlich und starrt dabei
unaufhörlich
auf das Display
seiner Kamera.

Unterwegs auf dem Westweg 281
282
Freizeit
nicht nur das Äußere erhalten, auch die Gaststube mit
gewölbter Decke
und Jagdtrophäen an den Wänden
ist sehenswert.

Hier kehrte einst auch der legendäre
Schwarzwalddichter Pfarrer Heinrich Hansjakob ein.
Der Westweg ist kein Spaziergang – das wissen
wir nun und reden schon lange nicht mehr. Unsere
Gedanken schweifen im positiven Sinn ab, Stress und
Hektik liegen in weiter Ferne. Irgendwie schärft sich
der Blick und Gerüche und Farben erweisen sich als
unglaublich intensiv. Wandern lässt den eigenen Körper
und Geist bewusster erleben stellen wir fest.
Entlang der Europäischen Wasserscheide
Vom Raben aus folgt der Westweg erneut der Europäischen
Wasserscheide – bis zur Neueck mit dem
Landgasthof Hirschen. Davor überqueren wir die
Landstraße nach Waldkirch. Unter hohen Eschen
laden beim Hirschen schmucke Tische und Stühle zu
Rast und Ausblick auf den Feldberg und übers Bregenbächle
ein. Hier ist es allerdings laut und nicht
mehr ganz so entspannt, denn das südliche Teilstück
der B 500 liegt nur wenige Meter entfernt.
Bald haben wir auch die B 500 an der Stelle überquert,
wo man die freieste Aussicht nach Westen
über Neukirch hinweg genießt, vom Kandel bis zum
Feldberg. Vorgelagert sind die Hügel der Gemarkung
Bregenbach, die hie und da Gehöfte erkennen lassen.
Wer bei Neukirch immer noch genügend Energie
verspürt, der sollte einen Abstecher wagen und die
unten im Ort liegende St. Andreas-Kirche besuchen.
Die dortigen Altäre des Neukircher Herrgottschnitzers
Matthias Faller (1707 - 1791) sind mehr als sehenswert,
Kostbarkeiten der Kirchenkunst.

Bald tut sich nun ein eindrucksvoller Blick hinunter
ins Mäderstal auf. Wir steigen durch ein Waldstück
mäßig bergab und unterqueren die Brücke
der B 500. Wie in einem Bilderrahmen erscheint
zwischen den hohen Stützpfeilern der Autostraße
im Norden, das Kussenhofgebiet von Furtwangen.
Vom Schweizersgrund aus wandern wir nun wieder
stetig bergan. Unser Weg führt immer noch leicht
aufwärts durch Erlen- und Ahorngebüsch. Endlich ist
das Hohle Bildstöckle erreicht. Abgeschirmt gegen
Straßenlärm und Staub durch Strauchwerk und lichte
Waldpartien wandern wir eine zeitlang rechts der
Unsere Gedanken schweifen
im positiven Sinn ab, Stress
und Hektik liegen in weiter
Ferne.

Unterwegs auf dem Westweg 283
Höhenstraße B 500 mit dem Blick aufs ursprüngliche
Urachtal. Endlich blinkt im Tal ein weißes
Haus, die Kalte Herberge naht. Hier verlief schon im
14. Jahrhundert eine wichtige Handelsstraße durchs
Urachtal. Sie sicherte die Verbindung zwischen Freiburg
und dem Bodensee. Als dann die Uhrmacherei
immer mehr Bedeutung erlangte, wurde dieses Gasthaus
zum Umschlagplatz für den Uhrenhandel.
Aber wie kam die „Kalte Herberge“ zu ihrem Namen?
Sicher, auf diesem Sattel in mehr als 1.000 m
Höhe hält sich der Schnee besonders lang, was die
Skiläufer an der Liftanlage gegenüber der Gaststätte
zu nutzen wissen, aber dass hier einst ein Handwerksbursche
auf der Ofenbank erfroren sein soll,
gehört ins Reich der Sagen.

Nachgewiesen ist vielmehr, dass die Bauern und
Uhrmacher der Umgebung in Zeiten der Kriege und
Bedrohungen die Keller und Mauern dieses stattlichen
Gebäudes nutzen konnten, um wertvolles Hab
und Gut darin zu verwahren; „verkalten“ ist der alemannische
Ausdruck dafür. Wir kommen diesem Ziel
immer näher und jetzt kann man es ja sagen: Die
Füße tun weh – und wie! Die Wasserflasche ist so
leer wie der Magen und es ist 18.00 Uhr. Die letzten
Meter sind ein Kampf. Doch stolz erhobenen Hauptes
schreiten wir durch das Tor an der Kalten Herberge
… Ziel erreicht – die Etappe acht des Westwegs ist
bezwungen.

Sehnsucht nach mehr Westweg
Fast sieben Stunden mit Pause für 22,42 km. Fazit:
Es war einfach wunderbar. Selbst der Muskelkater an
den nächsten Tagen schmälert nicht das Hochgefühl.
Der Westweg weckt die Sehnsucht nach mehr Westweg
und nicht nur der Etappe 8. Wie wäre es mit
Etappe 9 und vielleicht … Was bleibt, ist eine tief verwurzelte
Erkenntnis, die man eigentlich weiß, doch
manchmal auch vergisst: Unsere Heimat ist so schön
und was ist es für ein Glück, hier zu leben.
Übrigens, zum Schluss der Tour, da kam er auch
schon wieder, unser junger Mann mit der Kamera.
Er heißt Daniel und wandert und dreht Videos für
„Daniel auf Abwegen“… seinen Podcast. Vielleicht
wird es ja doch noch was mit dem großen Ruhm auf
Social Media für die 8. Westweg-Etappe.
Wir allerdings haben die gesamten 22,42 Kilometer
einzig mit unserer „Kamera im Kopf“ zurückgelegt,
weswegen uns auch ein Fotograf nachwandern
durfte. Carpe Diem – nutze und genieße den Tag!
Oben links: Ein beliebtes Einkehrziel, der Landgasthof
Hirschen
auf der Neueck.

Oben rechts: Das Tor am Ende der 8. Etappe des Westweges
führt zur Kalten Herberge.

284
12. Kapitel – Sport

285
WILD WINGS –
DAS HERZ DES
SCHWENNINGER
EISHOCKEYS
VON LORENZO LIGRESTI

Heimspiel der Wild Wings in der vollbesetzen
Helios-Arena am Schweninger Moos. Über
5.000 Fans finden hier Platz.

286
Sport
Wie bei vielen Vereinen ertönt auch bei den
Schwenninger Wild Wings ein Kult-Lied vor
jeder Heimpartie. Auf dem Papier oder via
YouTube sind diese Balladen meistens nicht die
beeindruckendsten aller lyrischen Werke. Aber im
Stadion? Wenn sich die Zeilen ihren Weg durch
Tausende Stimmbänder bahnen? Dann entwickelt
sich eine ganz besondere Atmosphäre, die sich an
keinem anderen Ort so erleben lässt. Das gilt auch
für die Helios Arena, dem Wohnzimmer der Wild
Wings.

Schwenningen und Eishockey – eine Stadt und
ihre Sportart, eng verknüpft und untrennbar
miteinander verwoben. Im Mittelpunkt: das ehemalige
Eisstadion am Bauchenberg, die heutige Helios
Arena. Knapp 95 Kilometer Luftlinie trennen die
Spielstätte der Wild Wings von Stuttgart. 50 Kilometer
sind es nach Freiburg, 27 bis zur Schweizer
Grenze. Hier, im tiefen Südwesten der Republik,
schlägt das Herz eines ganz besonderen Vereins.
Die Geschichte des Stadions ist gleichzeitig die
Geschichte des Schwenninger Eishockeys. Die
Es ist wieder mal so weit
Heut‘ ist Eishockey
Auf ins Stadion
Zu den Fans
Und zu Stimmung und Spiel
Auszug aus dem Fansong
Heutzutage ist die Helios Arena in Villingen-Schwenningen eine moderne Mehrzweckhalle.
Doch manchmal kommt diese gewisse Stimmung auf, diese Aura. Man taucht
regelrecht
ein in Erinnerungen an vergangene Tage, an pfeifenden Wind und gefrorenen
Bierschaum. Plötzlich ist man wieder im altehrwürdigen Eisstadion am Bauchenberg –
und spürt das Schwenninger Eishockey-Herz schlagen.
Die Schwenninger

Wild Wings 287
Spielstätte der Wild Wings hatte bei ihrer Eröffnung
im Jahr 1968 noch wenig mit der heutigen, modernen
Halle zu tun. Kein riesiger Videowürfel, keine
blinkenden LED-Lichter, keine ohrenbetäubenden
Lautsprecher. Nur eine Eisfläche, ein kleiner Zuschauerwall,
ein Technikgebäude und eine Gaststätte.
1976 wurde die Eisbahn erstmals überdacht sowie
ein Kabinentrakt errichtet. Doch schon bald war
auch das nicht genug. Der Schwenninger Eis- und
Rollsportclub – kurz SERC – wurde schnell zu groß
für sein Kinderzimmer.

Rasanter Aufschwung
1976 stieg der Club von der Regional- in die Oberliga
Süd auf. Nur drei Jahre später folgte der Sprung in
die 2. Bundesliga. Ab der Saison 1981/82 wurde in
Schwenningen plötzlich Bundesliga-Eishockey
gespielt. Der rasante Aufschwung, losgetreten durch
die Rekrutierung von Spielern aus der nahe gelegenen
kanadischen Kaserne in Lahr, war nachhaltig. 22
Jahre lang war der SERC erstklassig – zunächst in der
Bundesliga, später dann als die „Wild Wings“ in der
neu gegründeten DEL. In dieser Zeit wurde das
Stadion am Bauchenberg immer wieder aus- und
umgebaut. Schritt für Schritt wurden zusätzliche
Tribünen, eine zweite Eisbahn, eine Curlinghalle und
neue Kabinentrakte errichtet. Doch es entstand noch
etwas. Nicht aus Holz und Zement, sondern aus
Erlebnissen und Erzählungen. Ein Mythos, der
heimische Ultras und gegnerische Teams gleichermaßen
in seinen Bann zog.

Wolfgang Jack erinnert sich noch gut an die
glorreichen Tage der 1980er- und 1990er-Jahre.
Heutzutage ist er nicht mehr nur eingefleischter
Anhänger seines SERC, sondern auch einer von drei
Fanbeauftragten der Wild Wings. Er liebt und lebt das
Schwenninger Eishockey. In dessen Blütezeit verpasste
Oben: Die Nürnberger Ice Tigers gegen die Schwenninger
Wild Wings.

Linke Seite: Die Fans sind mit Begeisterung dabei.
Man kommt in die Halle rein
Auf dem Spielfeld Nebel steht
Die Atmosphäre ist’s
Die mir den Kopf verdreht
Auszug aus dem Fansong

288
Sport
er kaum eine Partie am Bauchenberg – und erinnert
sich an alles. Daran, wie die Bratwürste geschmeckt
haben. Daran, wie die Eisfläche nach großen Siegen
regelmäßig von Fans gestürmt wurde. An die schillernden
Gestalten auf den Rängen, an die Strickpullover,
an den einen Fan in kurzen Lederhosen, an die
leeren Getränkekisten, auf die sich manche stellen
mussten, um wenigstens eine halbwegs gute Sicht auf
das Eis zu haben. Daran, wie er mal vor einem
Heimspiel einen Verzehrbon statt einer Eintrittskarte
bekam, weil es der Kassierer mit der maximalen
Kapazität der Halle mal wieder nicht ganz so ernst
genommen hatte. „Es waren einfach geile Zeiten! So
etwas im kleinen Schwenningen. Zuhause haben wir
sie alle besiegt“, denkt er an diese Zeit zurück.
Bis zum Umbau war die Ostkurve offen
Vor allem erinnern sich Fans wie Wolfgang Jack aber
an eines: Wie bitterkalt es im Eisstadion am Bauchenberg
werden konnte. „Lange Unterhose,
Du bist mein Leben – ERC
Immer und ewig – ERC
Mit dir bis zum Ende – ERC
Krieg‘ nicht genug von dir
Auszug aus dem Fansong

Die Schwenninger Wild Wings.
289

Jogging- und Jeanshose, darüber zwei Pullover, zwei
Paar Socken“ – ein typisches Stadion-Outfit zur
damaligen Zeit. Denn bis zum großen Umbau 2009
war die Halle nur dreiseitig geschlossen. Die
Ostkurve, wo noch heute die hartgesottenen Ultras
stehen, war offen. An kalten Wintertagen pfiff der
Wind ungebremst in das Stadion hinein. Nicht selten
waren die Anhänger Schnee oder Regen ausgesetzt.
Gefrorener Bierschaum oder Cola, die sich nur
widerwillig ihren Weg aus der Flasche bahnten, waren
keine Seltenheit. Regelmäßig wurde das Stadion am
Bauchenberg wortwörtlich zu einer Eishalle.
Randvoll war die Halle bei den meisten Heimspielen
trotzdem. Bis heute sind die Schwenninger
Fans berüchtigt für die lautstarke Unterstützung
ihrer Mannschaft. Natürlich ließ man sich da auch
von Minusgraden nicht davon abbringen, den SERC
vor heimischer Kulisse nach vorne zu peitschen. „Es
gab Spiele, da dachtest du, das Hallendach fliegt
weg“, erinnert sich Wolfgang Jack. Die Derbys gegen
den EHC Freiburg beispielsweise. Oder Heimsiege
gegen die „Großen“ aus Mannheim, Köln oder
Düsseldorf.

Auch nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga – im
Zuge eines Insolvenzverfahrens 2003 – war die
Bauchenberghalle immer wieder für einen magischen
Moment gut. Im Playoff-Viertelfinale der
Das Team der Wild Wings für die Saison 2025/26.

290
Sport

Saison 2005/06 lagen die Wild Wings gegen den
Lokalrivalen aus Bietigheim-Bissingen in der
Best-of-Seven-Serie mit 0:3 zurück. Doch nach zwei
Siegen war die historische Wende in Spiel 6 möglich.
Kurz vor Schluss sah beim Stand von 1:3 alles nach
dem Ausscheiden aus – doch man schaffte noch das
Wunder. Anschlusstreffer, Ausgleich, Sieg im Penaltyschießen.
„Beim 3:3 dachte ich, mein Trommelfell
platzt“, erzählt Jack. Die Wild Wings gewannen auch
die siebte Partie und zogen ins Halbfinale ein.
Der Zauber des altehrwürdigen Stadions fiel
jedoch langsam, aber sicher in sich zusammen – im
wahrsten Sinne des Wortes. Der Einsturz der Eishalle
im bayrischen Bad Reichenhall, bei dem am 2. Januar
2006 15 Menschen ums Leben kamen, war der letzte
Oben: Intensiv wird in VS-Schwenningen die Nachwuchsarbeit
betrieben.

Unten: Im Zweikampf mit der Mannschaft EHC Red Bull
München.
Ich steh‘ auf meinem Platz
Die Lichter gehen aus
Im Wunderkerzenschein
Kommen die Wild Wings aufs
Eis heraus
Auszug aus dem Fansong
Die Schwenninger Wild Wings 291
Weckruf. In den folgenden Jahren wurde das
Wohnzimmer der Wild Wings Schritt für Schritt von
Grund auf renoviert. Die Baumaßnahmen endeten
im Herbst 2009 – der Geburtsstunde der Helios
Arena. Wie beflügelt von der neuen Heimstätte
kehrte auch der sportliche Erfolg für die Wild Wings
kontinuierlich zurück. Drei Jahre in Folge schrammte
man nur knapp an der Meisterschaft vorbei. 2013
war es dann soweit: Die Schwenninger verloren zwar
die Finalserie gegen Bietigheim, durften sich aber
dennoch über den Aufstieg freuen, nachdem die
Steelers keine DEL-Lizenz erwerben konnten.
Der SERC-Fan ist treu
Seit ihrer Rückkehr in die DEL fristeten die Wild
Wings ein Dasein in den unteren Regionen der
Tabelle. Das Ausscheiden in den Pre-Playoffs 2017/18
war in dieser neuen Ära des Clubs lange das höchste
der Gefühle. Seit 2020 schwebt auch wieder das
Damoklesschwert des sportlichen Abstiegs über den
Schwenningern und ihrer Konkurrenz im Tabellenkeller.

Die mitreißende Euphorie der 80er- und
90er-Jahre keimte lange nur noch in einzelnen
Momenten auf. Doch eines ist nie verloren gegangen:
die Liebe der Anhänger zu ihrem Verein. „Der
SERC-Fan ist treu“, ist Wolfgang Jack felsenfest
überzeugt. Und wie eine optimistische Bestandsaufnahme
zeigt, beginnt sich die Geduld auszuzahlen.
Im Frühherbst 2025 befindet man sich in Schwenningen
inmitten der Vorbereitungen auf die DEL-Saison
2025/26. Im Herzen der Helios Arena scheint
aktuell etwas zu herrschen, was von den Fans in
vielen vergangenen Sommern schmerzlich vermisst
wurde: Kontinuität. Steve Walker, der als Spieler mit
den Eisbären Berlin fünf Meisterschaften gewann,
geht in seine dritte Saison als Wild-Wings-Headcoach.

In den vergangenen Wochen wurden nach
und nach die Vertragsverlängerungen von langjährigen
Leistungsträgern und tragenden Säulen des
Teams bekannt gegeben, darunter die Verteidiger
Will Weber und Ben Marshall, die Angreifer Sebastian
Uvira und Alexander Karachun sowie die kanadischen
Zwillinge und Publikumslieblinge Tylor und
Tyson Spink. Nach zwei erfolgreichen Spielzeiten
unter der Federführung von Walker, der zum
DEL-Trainer des Jahres 2024 gewählt wurde, scheint
am Neckarursprung etwas heranzuwachsen.

Oben: Die Eismaschine im Einsatz – eine einwandfreie Eisfläche
ist unabdingbar.
Unten: Jubel nach einem Torerfolg.
Das Spiel fängt an
Die Stimmung steigt
Die Trommler legen los
Wie in jedem Spiel ist die
Unterstützung groß

Auszug aus dem Fansong
292
Sport

In Walkers erster Saison explodierten die Wild
Wings förmlich: Nach dem zwölften Platz im Vorjahr
wurde man 2023/24 plötzlich Sechster, gewann 29
seiner 52 Spiele in der regulären Saison und qualifizierte
sich direkt für das Viertelfinale, wo man in der
Best-of-Seven-Serie auf dramatische Art und Weise
mit 3:4 an den Straubing Tigers scheiterte. Mit 59
Punkten aus 26 Partien waren die Schwenninger
sogar das stärkste Heimteam der gesamten DEL. Das
hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Helios
Arena als einziger Austragungsort über eine etwas
kleinere Eisfläche verfügt – gemäß den Statuten der
nordamerikanischen NHL, der besten Eishockey-Liga
der Welt. Als neutraler Beobachter hatte man jedoch
auch das Gefühl, dass sich das Wohnzimmer der Wild
Wings – ganz im Stile des Eisstadions am Bauchenberg
– einmal mehr zu einer Festung entwickelte.

Die vergangene Spielzeit 2024/25 war tabellarisch
ein Rückschritt: Rang 9 bei 71 statt 85 Punkten
und ein Ausscheiden in der ersten Playoff-Runde
gegen die Ice Tigers aus Nürnberg. Im Kreise der
Verantwortlichen fiel das Fazit einer Saison, in der
die Wild Wings teilweise von zahlreichen Verletzungen
gebeutelt waren, dennoch versöhnlich aus.
„Insgesamt war es sehr positiv, auch wenn die
Enttäuschung nach dem Ausscheiden gegen Nürnberg
im ersten Moment sehr groß war. Wir haben
zum zweiten Mal in Folge die Playoffs erreicht. So
hätte ich das vor der Saison auch unterschrieben“,
sagte Geschäftsführer Stefan Wagner Anfang April in
einem Interview.

Heimspiele waren restlos ausverkauft
Der Welle der Eishockey-Euphorie, die in der
Vorsaison begonnen hatte, Schwenningen mitzureißen,
tat der kleine sportliche Rückschritt kaum einen
Abbruch. Die Halle war stets gut gefüllt, ganze zwölf
Heimspiele waren restlos ausverkauft. Wagner
scherzte auf der Abschlussfeier, dass man sich
vielleicht über einen Ausbau der Helios Arena
Gedanken machen müsse. Die Stimmung im
Schwenninger Lager – sowohl unter den Fans als
auch hinter den Kulissen – scheint eine gesunde
Mischung verschiedener Emotionen zu sein. Stolz,
Aufregung, Optimismus – aber auch eine gewisse
Du bist mein Leben – ERC
Immer und ewig – ERC
Mit dir bis zum Ende – ERC
Krieg‘ nicht genug von dir
Auszug aus dem Fansong
Linke Seite: Blick in die imposante Fankulisse.
Die Schwenninger Wild Wings 293
Oben: Ein Herzensanliegen der Schwenninger Wild Wings
ist die Nachwuchsförderung und das Engagement für
Kinder und Jugendliche in der Region. Das Foto entstand
beim Besuch der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde
am Schwarzwald-Baar Klinikum mit Trainer Steve
Walker sowie Stürmer Sebastian Uvira und Verteidiger
Daryl Boyle.

Daten und Fakten zum SERC
(Stand 09/2025)
Gründung: 1904
Aktuell in der DEL seit: 2013
Größte Erfolge: Playoffs-Viertelfinale 1995 und 2024
Spielstätte: Helios Arena (Kapazität: 5.300)
Durchschnittliche Zuschauer (Saison 2024/25):
4.847 (Platz 10 in der DEL)
Trainer: Steve Walker
Top-Scorer (Saison 2024/25):
Tyson Spink (48 Scorerpunkte), Tylor Spink (38),
Zach Senyshyn, Alexander Karachun (beide 37)
In der DEL eingesetzte Spieler (Saison 2024/25): 26
Nationalitäten der Spieler:
Deutschland (16x), Kanada (7x), USA (1x),
Schweden (1x), Finnland (1x)
Vorsicht. Sollte man im Vergleich zum vergangenen
Sommer vielleicht mit einer etwas gedrosselten
Erwartungshaltung in die neue Saison gehen?
Vermutlich. Sollte man deshalb nicht zulassen, den
laufenden Prozess bei den Wild Wings als eine positive
Entwicklung wahrzunehmen? Auf keinen Fall! Der
„treue SERC-Fan“, den Menschen wie Wolfgang Jack
über Jahrzehnte kennen und lieben gelernt haben,
hat jedes Recht darauf, sich auf die nächsten Jahre
des Schwenninger Eishockeys zu freuen.

Den traditionsreichen Charme vergangener
Zeiten wird die Helios Arena wohl so schnell nicht
wiedererlangen. Dieser Tage lässt sich das Bier
problemlos ohne gefrorenen Schaum genießen. Die
vor Fett triefende Bratwurst wurde in der ein oder
anderen Hand durch das etwas noblere Salami-Baguette
ersetzt. Und auch leere Getränkekisten sind
nicht mehr nötig, um das Geschehen auf dem Eis
verfolgen zu können. Viele Fans haben vermutlich
nicht einmal mehr eine lange Unterhose an. Doch
manchmal sind da diese Momente. Diese Augenblicke
der Leidenschaft, in denen sich Tausende Fans in
den Armen liegen. In denen ein kollektiver Torschrei
zu diesem leisen, nervigen Pfeifen in den Ohren
führt. In denen eindeutig zu spüren ist, wie sehr die
Stadt und die Fans ihren SERC lieben. Plötzlich ist
man wieder im altehrwürdigen Eisstadion am
Bauchenberg – und spürt das Schwenninger Eishockey-
Herz schlagen.

Von der Eishalle zum
kulinarischen Treffpunkt:
Die Geschichte der
„STULLE three26“
VON ELKE REINAUER

294
Sport

Tanja Strom und
Burkhard Rohde.

296

Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee erfüllt
die Luft, während Burkhard Rohde einen
Espresso aus der glänzenden, italienischen
Maschine laufen lässt. Im Schwenninger Stadtteil
Rinelen
hat ein besonderes Café seine Türen geöffnet
– das „STULLE three26. Unsere Leidenschaft“.
Hinter diesem ungewöhnlichen Namen verbirgt sich
eine Geschichte, die Eishockey und kulinarische Kreativität
auf einzigartige Weise verbindet.

Eine Vision wird geboren
Tanja Strom, selbstständige Architektin aus Villingen
und ihr Mann Burkhard Rohde, Anästhesie-Pfleger im
Schwarzwald-Baar Klinikum, hatten ursprünglich keine
Berührungspunkte mit der Gastronomie. Ihre gemeinsame
Leidenschaft galt dem Eishockey – genauer
gesagt, der Unterstützung ihres Sohnes Kimi-Arik, der
in der U15-Mannschaft der Schwenninger Wild Wings
Future spielt und die Rückennummer 3 trägt.
„Schwenningen lebt von Eishockey und wir leben
Eishockey“, erklärt Tanja Strom lächelnd. Diese
Leidenschaft prägt nicht nur den Familienalltag,
sondern auch das neue Café. Ein großformatiges Bild
hinter Acryl-Glas zeigt zwei junge Eishockeyspieler
mit den Rückennummern 3 und 26 – Kimi-Arik und
sein Teamkollege Paul Drössel – und offenbart die
Herkunft des Café-Namens.

Tanja Strom und Burkhard Rhode haben sich in Schwenningen einen Traum
erfüllt und ein Café eröffnet. Genau das fehlte noch im Stadtteil Rinelen. In ihrem
liebevoll ausgestatteten Café servieren die Architektin und der gelernte Sanitäter
belegte Brote oder eben Stullen. Diese und die Verbindung zum Eishockey gaben
dem Café seinen Namen.

STULLE three26 297
Die Idee zur „STULLE“ entstand an einem ungewöhnlichen
Ort: am Kiosk-Tresen der Helios-Arena.
Dort versorgte Tanja Storm gemeinsam mit anderen
engagierten Eltern die Fans und Spieler während der
Nachwuchs-Eishockeyspiele mit Snacks. Statt der
üblichen halben Brötchen kreierte sie großzügig belegte
Brote – oder wie man in Norddeutschland, der
Heimat ihres Mannes Burkhard Rohde, sagt: Stullen.
Von der Idee zur Wirklichkeit
Die Gelegenheit zur Verwirklichung ihres Traums bot
sich, als im Elternhaus von Holger Drössel, dessen
Sohn Paul ebenfalls in der U15-Mannschaft spielt,
Räumlichkeiten im Erdgeschoss frei wurden. Der
Pachtvertrag wurde im Juli 2024 unterzeichnet, und
seitdem verwandelte die Architektin den Raum in
eine wahre Wohlfühloase.

„Jeder, der hereinkommt, soll sich als jemand
Besonderes fühlen“, betont Strom. Diese „Herzensbotschaft“
spiegelt sich in jedem Detail wider: enzianblau
gestrichene Wände, moderne Holztische, einladende
Polstermöbel und als Herzstück ein ovaler,
großer Holztisch, der zum Verweilen und Austausch
einlädt. Filigrane Stuckleisten umrahmen verschiedene,
in Blau-Gold gehaltene Muster an den Wänden
–blau, so Strom, wirke beruhigend.
Regionale Qualität trifft
norddeutschen Charme
„Wir wollen uns abheben durch die STULLE“, erklärt
das Betreiberpaar. Besonders beliebt ist die
Mett-Stulle. Das Brot dafür kommt von der Bäckerei
Link aus Trossingen, das Fleisch vom Metzger Staiger
aus Villingen. Neben den herzhaften Stullen, die
auch zum Mitnehmen angeboten werden, umfasst
Links: Burkhard Rohde hinter dem einladenden Tresen.
Rechts: Stullenvariationen.

Jeder, der hereinkommt,
soll sich als jemand
Besonderes fühlen.

298
Gastlichkeit
das Angebot Bruschette, Brotsalat, hausgemachte
Limonaden, Kaffee und Kuchen. Die Speisekarte
wechselt alle zwei bis drei Monate und setzt konsequent
auf regionale Produkte – Getränke von Getränke
Peter, Blumenschmuck von Blumen Lamprecht
aus Schwenningen. Marktbutter von Käse Haaga aus
Bösingen, Eier vom Geflügelhof Wolf aus Pfohren, Eis
vom Vogtshof in Tannheim.
Das Café bietet 34 Plätze, im Sommer kommt
Außengastronomie hinzu. Für Stammgäste lohnt sich
das Herunterladen der Stammgast-App, einem Start-
Links: Tanja Strom und Burkhard Rohde.
Rechts: Das Bild das dem Café seinen Namen gab: Es zeigt
zwei junge Eishockeyspieler mit den Rückennummern 3
und 26 – Kimi-Arik und sein Teamkollege Paul Drössel.

Unten: Leckere Stullen werden angeboten.
Rechts: Angenehme Farbtöne sorgen für ein stilvolles
Ambiente
im Café.

STULLE three26
299

up aus Norddeutschland, dessen Gründer Burkhard
Rohde persönlich kennt. Die App informiert über
aktuelle Angebote und die Speisekarte.
Mehr als nur ein Café – ein
kultureller Treffpunkt
Was die „STULLE three26“ von anderen Cafés unterscheidet,
ist der Anspruch, mehr als nur ein gastronomischer
Betrieb zu sein. Die Räumlichkeiten dienen
auch als Ausstellungsfläche für lokale Künstler.

„STULLE meets ART“ lautet das Motto. Alle zwei
Monate sind Vernissagen geplant – die erste im November,
eine weitere pünktlich zur Fasnet. Bereits zu
sehen waren Fotos zur Fasnacht von den Ziegelbuben.
Eine weitere Idee ist die einer Ausstellung mit historischen
Bildern des Stadtteils. Bisher ist Tanja Strom
noch auf der Suche nach diesen. „Es ist wichtig, dass
der Stadtteil Rinelen wieder einen Anlaufpunkt für alle
Generationen hat“, betont die Neu-Gastronomin.

Familiäre Atmosphäre für alle Generationen
Die Gäste der „STULLE three26“ sind so vielfältig wie
deren Angebot. Besonders ältere Menschen fühlen
sich hier wohl, aber auch Mütter mit Kindern kommen
gerne. Tanja Strom hofft, dass am großen Holztisch
Bekanntschaften geschlossen werden und neue
Initiativen entstehen – vielleicht Walking-Gruppen
oder ein Treffpunkt für Still-Mamas.

Damit Strom und Rohde ihre bisherigen Berufe
weiterhin ausüben können, haben sie acht Mitarbeiter
engagiert, die im Laden unterstützen – darunter
auch das Ehepaar Drössel. Das Café ist tagsüber
geöffnet, jedes zweite Wochenende jedoch geschlossen,
weil beide Betreiber in der Eishockeyhalle sind,
um ihre Kinder zu unterstützen.
Die ersten Reaktionen fallen durchweg positiv
aus. Tanja Strom ist erfüllt und stolz, die „STULLE
three26“ verwirklicht zu haben. Ihr Motto: „Wenn
man eine Vision hat, dann soll man sie auch umsetzen“
– besonders wenn es um Herzensangelegenheiten
geht. Oder wie sie es selbst formuliert: „Träume
einfach leben.“

STULLE three26

Auf Rinelen 19, 78056 Villingen-Schwenningen
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Montag – Freitag: 08.00 – 16.30
Donnerstag: 08.00 – 19.00
Samstag: 08.00 – 13.00
Wenn man eine Vision hat,
dann soll man sie auch
umsetzen.

300
Anhang
Bei der Bundestagswahl am
23 . Februar 2025 errang der CDU-Politiker
Thorsten Frei mit 42,3
Prozent der gültigen Stimmen im
Schwarzwald-Baar-Kreis das Direktmandat
für den Deutschen Bundestag.
Am 6. Mai 2025 wurde der
52-Jährige von der Bundesregierung
aus CDU/CSU und SPD als Chef des
Bundeskanzleramts und Bundesminister
für besondere Aufgaben
vereidigt.

Damit ist der frühere Oberbürgermeister
von Donaueschingen
und CDU-Kreisrat der erste Politiker
aus dem Landkreis, der zum Bundesminister
berufen wurde.
In dieser Funktion koordiniert
Thorsten Frei die Arbeit der Bundesregierung,
fungiert als Bindeglied
zwischen Kanzler Merz, den
Ministerien, dem Parlament und den
Ländern und unterstützt den Kanzler
bei der Umsetzung politischer Vorhaben.
Der Erfolg der Regierungspolitik
hängt somit maßgeblich von
seiner Arbeit ab.

Das Interesse an seiner Person
ist entsprechend groß. Ob „Bild“,
„Spiegel“ oder „Bunte“ – alle wollen
auch Privates beleuchten. So sei sein
Einzug in den Bundestag eher der
Wunsch seiner Parteikollegen als
sein eigener gewesen, berichtet die
Presse aus Interviews. Seine Frau Katharina
war zunächst wenig begeistert
von der Aussicht, dass ihr Mann
künftig in Berlin arbeitet, schildert
Frei; dennoch unterstützt sie ihn tatkräftig.
Trotz der räumlichen Distanz
zu seinen Kindern stehen diese für
ihn an erster Stelle, wie er betont:
„Wenn die Kinder anrufen, hat das
immer Priorität.“
Natürlich ist freie Zeit für einen
der führenden deutschen Politiker
knapp. Um sich fit zu halten, geht
Thorsten Frei in seiner „Freizeit“ gerne
joggen oder mit dem Familienhund
spazieren.

Die junge Ringerin Ayla Sahin vom SV Triberg
sorgte bei den Europameisterschaften in Skopje
sowie den Weltmeisterschaften in Athen für eine
Sensation: Sie wurde U17-Europameisterin der
Klasse bis 69 kg. Doch damit nicht genug – von
den Weltmeisterschaften in Athen kam das
16-jährige Ausnahmetalent als Vizeweltmeisterin in
der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm nach Hause
und wurde in Triberg erneut begeistert gefeiert.
MdB Thorsten Frei (CDU) ist Chef des Bundeskanzleramtes
und Bundesminister für besondere Aufgaben
Almanach-
Magazin
Notizen
aus dem Landkreis
Der Wolf ist auf der Baar zurück. Sechs Monate
lang muss ein Wolf in einem Gebiet nachgewiesen
sein, damit er als sesshaft gilt. Beim Wolf mit dem
Namen „GW 4389“ ist das der Fall, wie auch die
Aufnahmen einer Wildtierkamera im Jahr 2025 in
Geisingen beweisen. Nun beobachten die Wolf-Experten
ob eine Paarbildung erfolgt und es bald
Welpen gibt. Das Foto oben ist ein Symbolbild, das
Tierfotograf Erich Marek in Kanada aufnahm.

Magazin 301
„Feuer in der Altstadt von Villingen“,
dieser Notruf am Samstag,
den 14. Juni 2025 um 18.27 Uhr aus
der Goldgrubengasse versetzte
alsbald eine ganze Stadt in Angst
und Schrecken. Zunächst war von
einem Balkonbrand die Rede, dann
jedoch breiteten sich die Flammen
in der eng bebauten Altstadt im
Bereich Goldgrubengasse/Gerberstraße
in Windeseile immer mehr
aus, wovon eine riesige, weithin
sichtbare Rauchsäule zeugte.
Schlussendlich sind insgesamt
sechs Gebäude von den Flammen
betroffen. 130 Feuerwehrleute
waren im Einsatz, um einen der
größten Brände in der jüngeren
Geschichte von Villingen zu
bekämpfen. Ebenso die Polizei,
Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk
und die Malteser.

Die Löscharbeiten waren
aufgrund enger Gassen und des
dichten Altbaubestandes sehr
schwierig. Angrenzende Gebäude
wurden von der Feuerwehr mit
Wasserfontänen gekühlt, um die
Ausbreitung der Flammen zu
verhindern. Im Verlauf des Einsatzes
hatten es die Rettungskräfte
auch damit zu tun, immer wieder
Schaulustige
der Gefahrenzone zu
verweisen.

Der Schaden geht nach ersten
Einschätzungen von Feuerwehr und
Polizei in die Millionen. Es haben 35
Bewohner ihr Obdach verloren,
sieben Menschen sind verletzt
worden und u.a. drei Dachstühle
eingestürzt. Weiter haben Geschäftsleute
ihr gesamtes Inventar
samt Warenbestand verloren.
Die Brandursache ist bis zum
Herbst 2025 weiter ungeklärt, die
Kriminalpolizei ermittelt.
Die Stadt Villingen-Schwenningen
initiierte eine Hilfsaktion, die
auf große Resonanz stieß. Die Villinger
Bevölkerung bewies große
Solidarität mit den Geschädigten.

Großbrand in der Villinger Altstadt macht 35 Bewohner obdachlos
Großbrand in der Villinger Innnenstadt am Abend des 14. Juni 2025. Sechs Häuser stehen schließlich in Flammen, weithin
sichtbar ist die Rauchsäule über der Villinger Altstadt. Bis heute ist die Ursache ungeklärt. Den über 130 Feuerwehrleuten
ist es nach stundenlangem Einsatz gelungen, ein weiteres Ausbreiten der Flammen zu verhindern.

Arbeitslosigkeit
in Prozentzahlen
Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland
30.06.2025 4,8 % 4,5 % 6,2 %
30.06.2024 4,2 % 4,1 % 5,8 %
30.06.2023 3,8 % 3,8 % 5,5 %
Quelle: Agentur für Arbeit

Orden und Ehrenzeichen
Mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland wurden bis August 2025
ausgezeichnet: Wolf Hockenjos (Donaueschingen), Gerhard Mengesdorf (St. Georgen), Elke Bettecken,
Gernot Laufer, Rüdiger Wischert (alle Villingen-Schwenningen).
Mit der Staufermedaille wurde im Juli 2025 ausgezeichnet: Karl Volk (Triberg).
Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden bis August 2025 ausgezeichnet: Wolfgang Limberger
(Donaueschingen), Gerhard Biesemann und Klaus Lachner (beide Furtwangen), Gerhard Bader und Jutta Schlenker
(beide Niedereschach), Klaus Gunkel (St. Georgen), Rolf-Dieter Hübner (Villingen-Schwenningen).

Wahlergebnisse der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025
Ergebnisse der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 im Wahlkreis 286 Schwarzwald-Baar (Amtliches Endergebnis)
Wahlberechtigte: 160.376 Wähler: 131.135 (81,8 %)
Erststimmen (Gewählt im Wahlkreis: Thorsten Frei, CDU) Zweitstimmen
absolut in % absolut in %
Ungültige Erststimmen 1.057 0,8 Ungültige Zweitstimmen 899 0,7
Gültige Erststimmen 130.078 99,2 Gültige Zweitstimmen 130.236 99,3

Davon für Davon für
Thorsten Frei, CDU 55.044 42,3 CDU 44.338 34,0
Derya Türk-Nachbaur, SPD 19.396 14,9 SPD 16.814 12,9
Marin Juric, GRÜNE 9.979 7,7 GRÜNE 12.895 9,9
Mark Hohensee, FDP 4.524 3,5 FDP 6.874 5,3
Sebastian van Ryt, AfD 29.143 22,4 AfD 30.953 23,8
Alexandra Hermann, Die Linke 5.295 4,1 Die Linke 6.591 5,1
Leon Dold, FREIE WÄHLER 2.933 2,3 dieBasis 481 0,4
Selina Schmidt, Volt 1.500 1,2 FREIE WÄHLER 2.066 1,6
Louis Weißer, Parteilos 2.264 1,7 Tierschutzpartei 1.243 1,0
Die PARTEI 502 0,4
Volt 929 0,7
ÖDP 234 0,2
Bündnis C 285 0,2
MLPD 47 0,0
Gewählt ist weiter Frau Derya Türk-Nachbaur (SPD), die
über die SPD-Landesliste von Baden-Württemberg in den
21. Bundestag einzog.
BÜNDNIS DEUTSCHLAND 167 0,1
BSW 5.817 4,5

303

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge
Bieber, Anja, 78120 Furtwangen
Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen
Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim
Dickmann, Barbara, 78098 Triberg
Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach
Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen
Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal
Gürtler, Sylvia, 79650 Schopfheim
Heinig, Birgit, 78052 Villingen-Schwenningen
Hinterseh, Sven, Landratsamt Schwarzwald-Baar
Ligresti, Lorenzo, 72336 Balingen
Lutz, Bernhard, 78183 Hüfingen
Mielenz, Daniel, Landratsamt Schwarzwald-Baar
Moser, Helen, 72364 Obernheim
Putschbach, Cornelia, 78087 Mönchweiler
Reinauer, Elke, 78647 Trossingen
Riedel, Jutta, 78050 Villingen-Schwenningen
Rist, Petra, Landratsamt Schwarzwald-Baar
Saurer, Michael, 79114 Freiburg
Schneider, Daniela, 78098 Triberg
Sigwart, Roland, 78183 Hüfingen
Simon, Stefan, 78052 Villingen-Schwenningen
Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen
Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach
Vogt, Josef, 78086 Brigachtal
Wacker, Dieter, 78052 Villingen-Schwenningen
Wehrle, Rolf, 78120 Furtwangen
Zährl, Renate, 78073 Bad Dürrheim
Bildnachweis Almanach 2026
Titelseite: Oksana Schlee-Keil
Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach
Soweit die Fotografen
nicht namentlich angeführt werden,
stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages
oder sind die Bildautoren/
Bildleihgeber
über ihn erfragbar.

Mit Fotos sind im Almanach vertreten:
Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2-3, 9, 10-13, 18-19, 20, 22-23, 30,
31 u., 33, 34, 37, 66, 98, 99 u.; Landratsamt Schwarzwald-
Baar-Kreis: 4 li., 25, 26, 36 ob., 55-59; Arnold Willmann,
Mönchweiler: 4 M., 41; Michael Stifter, Vöhrenbach: 4 re., 7,
14-17, 27, 31, 72-75, 110-112, 113 u., 120-121, 127, 238-242,
244-251, 253 u., 255, 274-283; Straub-Verpackungen,
Bräunlingen: 5, 94-96, 100-109; Établissement de communication
et de production audiovisuelle de la Défense
(ECPAD), Ivry-Sur-Seine Cedex, Frankreich: Archiv mit Fotos
von Germaine Kanova, Boulogne-sur-Mer, Frankreich: 6 li.,
174-175, 184-191; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 6 M.,
226-237, 301; Felix Rombach, Vöhrenbach: 6 li., 264-273;
black&white photography, Mönchweiler: 32, 35, 36 u.; Birgit
Heinig, Villingen-Schwenningen: 38, 39 ob.; Verein
Palliativzentrum-VS e. V.: 39 u., 40, 42, 43; Klinik Katharinenhöhe,
Schönwald: 44-53; Nadja Schitova: 60-63, 70-80;
Cornelia Putschbach, Mönchweiler: 64, 256-259, 260 ob.,
261 u., 262, 263 u.; Oksana Schlee-Keil, VS-Marbach: 65;
Konstantin Killer: 67, 69; Nikolaus Arnold: 76, 77 ob., 78, 79;
Helen Moser, Obernheim: 77 u., 89; Michael Saurer,
Freiburg: 80-82, 85-87; Adobe-Stock,
HL-PHOTODESIGN.EU:
83; Yatego: 84; Peter Cupec: 90; Foto Carle, Triberg: 91-93;
Archiv Doldverlag, Vöhrenbach: 97, 177 re., 243 u., 252 li.;
Technoseum Mannheim: 99 ob.; Göppert Holzbau,
Schönwald: 113 ob., 114-119; Griwecolor, Döggingen: 122-126;
128; five-Konzept, Hüfingen: 130-139; Marc Eich, Villingen-
Schwenningen: 140-149; Markus Schwarz Medien,
St. Georgen: 150-152, 156-159 u.; Archiv Familie Kaiser,
Behla: 153; Fachschule für Landwirtschaft, Donaueschingen:
159; Armin Obergfell, St. Georgen: 160; Bernhard Lutz,
Hüfingen: 161 M.; Markus Keller, Opferdingen: 161 u.; Ariane
Fleig, Nordstetten: 162; Reiner Schnekenburger, Biesingen:
163; Hochschule Furtwangen: 164-173; Stadtarchiv Villingen-
Schwenningen: 176 li., 202; Stadtarchiv Donaueschingen:
176 re., 177 li.; Hermann Riedel, Villingen-Schwenningen:
193 M. u.; Établissement de communication et de
production audiovisuelle de la Défense (ECPAD), Ivry-
Sur-Seine Cedex, Frankreich: 178-181; Stadtarchiv
Furtwangen: 193 ob., 194-195; Elke Reinauer, Trossingen:
200, 296, 298 ob. re., 299; Archiv Familie Benzing,
Villingen-Schwenningen: 201; Archiv Brigitte Liebelt,
Villingen-Schwenningen: 209 u.; Archiv Albert-Schweitzer-
Haus, Königsfeld: 208, 213, 219 li.; Daniela Schneider,
Triberg: 212, 214-218, 219 re.; Tobias Ackermann, Donaueschingen:
220-222; Jörg-Dieter Klatt, Brigachtal: 223;
Wikipedia, Gemeinfrei, Gottlieb: 224; Museum ART.PLUS,
Donaueschingen,
225; Archiv Familie Kleiser, Vöhrenbach:
243 ob.; Archiv Café Mayerhöfer, Furtwangen: 252 re., 253
re. ob., li. u.; Annette Hengstler, Brigachtal: 260 u., 261 ob.,
263 ob.; Wild Wings Schwenningen, PENNY DEL Photo-Sharing:
284-285; Roland Sigwart, Hüfingen: 286-287, 290 u.,
291 u., 292; Wild Wings Villingen-Schwenningen: 288-289,
293; Eibner-Pressefoto/Sven Laegler, Altshausen: 290 ob.,
291 ob.; Stulle three26, VS-Schwenningen: 294-295, 297,
298 ob. li., 298 u.; Michael Kienzler, Brigachtal: 300 ob.; SV
Triberg: 300 u. li.; Erich Marek, Villingen-Schwenningen:
300 u. li.;

304
Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2026
Drei weitere Freunde und Förderer des Almanachs
wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

300
Anhang
Tradition trifft Schick
Oksana Schlee-Keil aus VS-Marbach bietet
mit ihren selbst designten und genähten
Tüllkleidern jeder Frau und jedem Mädchen
die Möglichkeit, „sich wie eine Prinzessin
zu fühlen“, wie sie selbst sagt. Und sie
schmückt mit einem ihrer Werke und mit
sich selbst auch den 50. Almanach des
Schwarzwald-Baar-Kreises: Tradition trifft
Schick – inklusive Jubiläumstorte aus dem
Furtwanger Café Mayerhöfer.

Almanach 2026 Das Schwarzwald-Baar-Buch 50. Folge
JAHRE ALMANACH

 

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