Margit – Almanach SBK https://almanach-sbk.de Thu, 26 Mar 2026 17:51:14 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 Almanach 2018 https://almanach-sbk.de/almanach-2018/ Tue, 03 Dec 2024 08:53:12 +0000 https://almanach-sbk.de/?p=2099 Schwarzwald-Baar-Jahrbuch
Almanach 2018
42. Folge

Foto: Der letzte Schnee – auf dem Oberfallengrund in Gütenbach.
Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de
Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de
Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations-und Kulturamt Stadt Hüfingen Clemens Joos, Kreisarchivar Andrea Lauble, Stadtmarketing St. Georgen

Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet.
Gestaltung: Wilfried Dold, Margit Weißer, dold.verlag
Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2017 www.doldverlag.de
Druck: jetoprint GmbH, Villingen-Schwenningen
ISBN: 978-3-927677-97-5

Die Stärkung unserer Infrastruktur – ein Gewinn für Bürgerschaft und Tourismus
Liebe Leserinnen und Leser,
unser Schwarzwald-Baar Jahrbuch – der Alma.nach – erscheint in diesem Jahr bereits in seiner
42. Auflage. Ein weiteres Mal ist eine Publikation entstanden, die neben aktuellen Themen auch historische Begebenheiten aufgreift.
Die Beiträge zum Thema Winter, ein Schwerpunkt, zeigen aus unterschiedlichen (zeitlichen) Perspektiven anregend und bildhaft anschaulich aufbereitet, unter anderem, was der Klimawandel für den Schwarzwald-Baar-Kreis bedeuten kann. Egal ob lange Hitzepe.rioden im Sommer oder milde, regenreiche Winter – Wetterextreme sind auch bei uns mitt.lerweile keine Seltenheit mehr. Das hat ebenso Auswirkungen auf unseren Tourismus, dem im Schwarzwald-Baar-Kreis eine bedeutende Rolle zukommt. So ist unser Landkreis neben seinen zahlreichen Freizeitmöglichkeiten im Sommer auch gefragte Wintersportdestination.
Eine gute Infrastruktur und Vernetzung ist in einer eher ländlich geprägten Gegend, wie es der Schwarzwald-Baar-Kreis ist, Voraussetzung für einen attraktiven Lebensraum. Dies gilt einerseits für den Tourismus, ganz besonders jedoch auch für die Lebensqualität vor Ort.
Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist im Bereich der digitalen Vernetzung bereits weit voran.geschritten – hierfür sorgt der Zweckverband Breitbandversorgung gemeinsam mit dem Landkreis sowie den Städten und Gemeinden. Darüber hinaus gilt es jedoch auch, den Nahver.kehr zu optimieren und den Tourismus zu stär.ken, welcher einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor darstellt.
Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind wir auf ei.nem sehr guten Weg, die Attraktivität unseres Landkreises noch weiter zu steigern, indem wir die Anbindung, sei es digital, auf der Schiene oder der Straße, stetig weiterentwickeln und verbessern. Ganz speziell geschieht dies der.zeit durch die Umsetzung des neuen Nahver.kehrsplanes, dessen Weiterentwicklung aus verkehrs-, umwelt- und wirtschaftspolitischen Gründen notwendig wurde. Hierbei handelt es sich um eine gesamtpolitische Herausforde.rung, die jedoch auf einem tragfähigen sowie zukunftsfähigen Konzept fußt. Neben den politischen Vertretern wurden in der Entstehungs.phase dieses Zukunftsplans auch alle Städte und Gemeinden sowie die Bürgerinnen und Bürger einbezogen.

Ebenso trägt die aktuell erarbeitete Tourismuskonzeption zur Erhöhung der Lebens.qualität bei. Mit ihr wird unser, von der Boden.ständigkeit und Heimatverbundenheit der Men.schen geprägter Landkreis, sicher noch weiter an Attraktivität gewinnen.
Herzlichen Dank sage ich auch in diesem, dem 42. Jahr unseres Schwarzwald-Baar Jahr.buchs, wieder den treuen Freunden und zahl.reichen Förderern des Almanachs sowie allen Autoren und Fotografen, die einmal mehr dazu beigetragen haben, dass eine ansprechende und sehr informative Publikation mit großer The.menvielfalt entstehen konnte.
Nicht zu vergessen sind jedoch auch unsere treuen Leserinnen und Leser. Auch dank ihrer, teilweise seit Jahrzehnten gewachsenen, Ver.bundenheit zu unserem Almanach, ist eine jähr.liche Veröffentlichung möglich.
Ihr
Sven Hinterseh Landrat
Schneeschuhwanderer beim Günterfelsen – Martinskapelle bei Furtwangen.
Aus dem Kreisgeschehen

Nahverkehr und Tourismus von steigender Bedeutung
von Sven Hinterseh

Öffentlicher Nahverkehr – ein wichtiger Standortfaktor
Ein gut aufgestellter Öffentlicher Personennah.verkehr (ÖPNV) ist ein wichtiger Standortfaktor und für das Funktionieren des Alltags, vor allem bei uns im ländlichen Raum, von erheblicher Bedeutung. Für viele Kreisbürger ist es entschei.dend, wie sie von A nach B kommen. Für Schü.lerinnen und Schüler ist die Busverbindung von ihrem Heimatort zur Schule wichtig, aber auch um Freiheiten in der Gestaltung ihrer Freizeit zu haben. Für Arbeitnehmer bedeutet der ÖPNV eine verlässliche Möglichkeit, kostengünstig zum Arbeitsplatz zu gelangen. Für Firmenchefs ist eine gute Anbindung an den ÖPNV wichtig, damit Mitarbeiter gut zur Arbeit kommen. Und für ältere Mitbürger stellt der ÖPNV die optimale Möglichkeit dar, ihren Alltag zu organisieren und weiter am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Für unseren Landkreis und für die Städte und Gemeinden ist der ÖPNV ein wichtiger Teil,
Schramberg
Hornberg Dunningen
ORTENAUKREIS LANDKREIS ROTTWEIL
Weiler

der entscheidet, ob wir attraktiv sind. Denn: Mobilität entscheidet über unsere Lebensqualität. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit dem Öffentlichen Personennahverkehr intensiv befassen. Ein bedeutender Grundstein für die neue Ausrichtung und weitere Entwicklung des ÖPNVs ist die Fortschreibung des Nahverkehrsplans für unseren Schwarzwald-Baar-Kreis. Der Nahverkehrsplan ist das Planwerk, welches den Rahmen dafür vorgibt, wie sich der ÖPNV künftig entwickeln soll. Zum Inhalt hat der Nahverkehrsplan eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Einrichtungen und Strukturen, die auch bewertet werden, zudem eine Verkehrsprogno.se und Ziele sowie Rahmenvorgaben dafür, wie der ÖPNV künftig gestaltet werden soll.
Im Herbst 2017 hat der Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises den neuen Nahverkehrsplan beschlossen. Der letzte Plan stammte noch aus dem Jahr 1999. Inzwischen waren die darin definierten langfristigen Ziele alle umgesetzt, wie zum Beispiel die Realisierung
des Ringzugsystems, die Gründung eines ein.
heitlichen Tarifs innerhalb des Schwarzwald-Baar-Kreises und die

der demografische Wandel mit tendenziell abnehmenden Schülerzahlen sowie einer wachsenden älteren Bevölkerung, die auch ohne Auto mobil und aktiv bleiben möchte.
gemacht, die Nahverkehrsplanung im Schwarzwald-Baar-Kreis an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen.
Weniger Schüler, mehr ältere Fahrgäste
Dabei war es wichtig, den ÖPNV an die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden anzupassen. Hervorzuheben ist insbesondere der demografische Wandel mit – zumindest im ländlichen Raum – tendenziell abnehmenden Schülerzahlen sowie eine wachsende ältere Bevölkerung, die auch ohne Auto mobil und aktiv bleiben möchte. Doch auch bei der jüngeren Bevölke.rung zeichnet sich eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens ab. Junge Heranwachsende streben nicht mehr notwendigerweise zum frühestmöglichen Zeitpunkt den Führerschein und einen eigenen Pkw an, sondern investieren freie Zeit und finanzielle Mittel in andere Aktivitäten.

Stündlich umsteigefrei nach Freiburg
Auch infrastrukturell entwickelt sich der Schwarzwald-Baar-Kreis stetig weiter. So wird ab Dezember 2019 mit der Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn mit der Breisgau-S-Bahn eine neue Ära in der Verkehrsverbindung Richtung Freiburg anbrechen. Ab dann werden stündlich Züge zwischen Villingen und Freiburg umsteigefrei von etwa 6 bis 24 Uhr auch an Sonn- und Feiertagen verkehren. Durch intelligente Busverkehre werden künftig 95 % der Ein.wohner des gesamten Schwarzwald-Baar-Kreises mit maximal einem Umstieg und ohne größere Wartezeiten mit der Breisgau-S-Bahn nach Freiburg und zurück gelangen, zu Zeiten, die sowohl für einen frühen Arbeitsbeginn als auch für die Rückkehr nach einem Theater- oder Kinobesuch in Freiburg ausreichen.
Ein wesentliches Element des neuen Nah.verkehrsplans ist es, den ÖPNV für Berufspend.ler attraktiver zu machen. Bislang orientieren sich die Busverkehre stark an den Schülern, weshalb in manchen Ortsteilen außerhalb der Schulferien und auch an Wochenenden nahezu keine Busverbindungen bestehen. Deshalb ist dort der Bus für Berufstätige keine wirkliche Alternative zum eigenen Auto. Auch die Fahrpläne sind häufig schwer verständlich, weil die Busse einer Linie zum Teil unterschiedliche Strecken abfahren. Im neuen Nahverkehrsplan sollen klare Linien- und durchgängige Taktverkehre dem

An den zentralen Verleihpunkten in Schönwald und Schonach stehen Mountainbikes und E-Bikes mit neuester Technologie zur Verfügung.
Nutzer den Einstieg in den ÖPNV erleichtern, da er sich nur die Abfahrtsminute für seine Halte.stelle merken muss.
Mit dem Fahrrad bis zum Bahnhof
Zum geänderten Mobilitätsverhalten der Bevölkerung gehört es auch, dass man nicht mehr zwingend vom Start- zum Zielort ausschließlich mit einem Verkehrsmittel reisen will. Mancher Nutzer möchte gerne mit dem Fahrrad bis zum Bahnhof oder der Bushaltestelle fahren und dann mit dem öffentlichen Verkehrsmittel weiterreisen. Umgekehrt können Touristen die Schiene zur Anreise in den Schwarzwald-Baar-Kreis nutzen, um sich hier ein Fahrrad, E-Bike oder auch einen Mietwagen für die Erkundung touristischer Ziele zu leihen. Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, sieht der Nahver.kehrsplan vor, sogenannte Mobilitätszentralen einzurichten, die in den größeren Städten die entsprechende Infrastruktur bereitstellen, beispielsweise zum Einschließen hochwertiger Fahrräder oder zum Ausleihen von E-Bikes als Anschlussmobilität.

klare Linien- und durchgängige Taktverkehre dem Nutzer den Einstieg in den ÖPNV erleichtern. Er muss sich nur die Abfahrtsminute für seine Haltestelle merken.

Entwicklung erfolgte in enger Abstimmung
Der Nahverkehrsplan wurde von der Landkreisverwaltung in enger Abstimmung mit den Verkehrsunternehmen und den Städten und Gemeinden des Schwarzwald-Baar-Kreises entwickelt. In fünf Teilräumen wurden Infor.mationsveranstaltungen durchgeführt, zu denen Stadt-, Gemeinde- und Ortschaftsräte sowie die interessierte Bevölkerung eingeladen waren und in denen rege Diskussionen über das jeweils geplante Verkehrsangebot und die Linienführungen stattfanden. Mit der Verabschiedung des Nahverkehrsplans durch den Kreistag begann sofort die Detailplanung der künftigen Fahrpläne in der Südbaar, um zur

Der Ringzug sorgt seit dem Jahr 2003 für eine hohe Qualität im Schienen-Personen-Nahverkehr. Ab Dezember 2019 soll die Breisgau-S-Bahn die Oberzentren Villingen-Schwenningen und Freiburg besser verbinden.
Fertigstellung der neuen Breisgau-S-Bahn im Dezember 2019 auch die darauf abgestimmten Busverbindungen umsetzen zu können. Danach werden sukzessive bis voraussichtlich 2024 die weiteren Teilräume des Schwarzwald-Baar-Krei.ses folgen.
Der Tourismus schafft im Landkreis
9.300 Vollarbeitsplätze
Von hoher Bedeutung ist im Schwarzwald-Baar-Kreis nach wie vor die Tourismuswirtschaft. Unser Landkreis bietet in dieser Hinsicht viele Gründe, die dafür sprechen unser Quellenland zu besuchen und bei uns den Urlaub zu verbrin.gen. Eine intakte Natur, familienfreundliche Angebote, attraktive Wanderwege und Rad.rundtouren, Gesundheits- und Wellnesseinrich.tungen zum Entspannen und im Winter alpines Skivergnügen, Langlaufloipen, Rodeln und Schneeschuhwandern.
Mit 1,6 Millionen Übernachtungen steht der Schwarzwald-Baar-Kreis auf Platz 4 von 16 Stadt- und Landkreisen im Schwarzwald und auf Platz 8 von 44 Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg. Beachtlich ist auch, dass der Tourismus im Schwarzwald-Baar-Kreis im Jahr 2015 für eine Nettowertschöpfung (Löhne, Einkommen, Gewinne) in Höhe von 205,6 Milli.onen Euro sorgte und rechnerisch 9.300 Vollar.beitsplätze schaffte.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist im Tourismus somit ein echtes Schwergewicht. Neben der Höhe der Umsätze oder der Zahl der Arbeitsplätze gehen hinsichtlich des Tourismus auch positive Ef.fekte für die Lebensqualität der Einwohner einher.
Genau dieser Effekt wird für uns im ländlichen Raum immer mehr zum Thema, wenn sich vor allem in kleineren Gemeinden die Frage stellt, wie die bestehende Infrastruktur wie zum Bei.spiel der Einzelhandel, Ärzte, Apotheken, Bäder und vieles mehr erhalten bleiben kann. Werden diese Einrichtungen touristisch genutzt, hat auch die heimische Bevölkerung einen Gewinn davon. Genauso verhält es sich mit dem touristischen Angebot bei der Freizeitgestaltung. Viele dieser Einrichtungen, wie Bäder oder Wanderwege und Kulturangebote werden auch durch unsere Bürgerinnen und Bürger, die im Schwarzwald.Baar-Kreis leben, gerne angenommen und

Mit den Schneeschuhen auf dem Oberfallengrund bei Gütenbach/Neukirch unterwegs. Das Schneeschuhwan.dern hat an Beliebtheit enorm zugenommen.
genutzt. Die Einrichtungen machen unseren Landkreis attraktiv, auch im Hinblick auf die Gewinnung und Bindung von Fachkräften.
Umso mehr gilt es, sich für die Zukunft zu wappnen und diesen wichtigen Wirtschaftsbe.reich weiter zu fördern. Unsere Aufgabe ist es, optimale Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung des Tourismus im Schwarzwald.Baar-Kreis zu bieten. In den vergangenen Jahren ist es uns gemeinsam mit unserem Projektpart.ner, dem Landkreis Rottweil, gelungen, im Rad-und WanderParadies Schwarzwald und Alb 30 Radrundtouren sowie über 30 Wanderrundtou.ren auszuweisen, von denen im Schwarzwald.Baar-Kreis die meisten als „Qualitätswege Wan.derbares Deutschland“ oder „Premiumwege“ zertifiziert sind. Die Premiumwege werden von der Schwarzwald Tourismus GmbH zusätzlich als „Schwarzwälder Genießerpfade“ erfolgreich vermarktet.
Die Schwarzwald Tourismus GmbH, bei der auch der Schwarzwald-Baar-Kreis seit 2009 als einer von insgesamt 16 Stadt- und Landkreisen im Schwarzwald Gesellschafter ist, spielt bei der Vermarktung dieses bedeutenden Wirtschafts-

Baar-Kreises ist es, optimale Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung des Tourismus zu bieten. Eine wichtige Rolle spielt die Schwarzwald Tourismus GmbH.

zweigs auch für die Kommunen im Quellenland eine bedeutende Rolle. So bringen sich die Städ.te und Gemeinden sowie Interessensgemein.schaften, wie das „Ferienland im Schwarzwald“ (Furtwangen, Schönwald, Schonach und St. Georgen) oder die „Quellregion Donau“ (Donau.eschingen, Bräunlingen und Hüfingen) in den verschiedenen touristischen Themenbereichen ein und nutzen die Broschüren der Schwarzwald Tourismus GmbH als Plattform zur weltweiten Bewerbung der eigenen Produkte unter der Dachmarke Schwarzwald.
Neben der Vermarktung über diese Platt.form ist es aber auch wichtig, regelmäßig abzu.klären, wie der aktuelle Stand im Tourismus auf

Die Premiumwanderwege im Schwarzwald-Baar-Kreis kann man sich teils auch mit der Sauschwänzlebahn erschließen, die hier das Viadukt bei Epfenhofen überquert.
Landkreisebene ist, um sich gegebenenfalls auf neue Ziele ausrichten zu können.
Deshalb wurde in einem straff organisierten und geführten Prozess, bei dem alle relevanten Akteure der Städte, Gemeinden und der verschiedenen Organisationen und Verbände in mehre.ren Workshops und Gesprächen eingebunden worden sind, eine Tourismuskonzeption erstellt. Diese soll Grundlage für die gemeinsame Aus.richtung des Tourismus im Schwarzwald-Baar-Kreis sein und den Beteiligten Entwicklungsziele und Handlungsempfehlungen aufzeigen. Zentra.les Ziel ist es, künftig die Bedeutung des Touris.mus für die Region zu steigern.
Insgesamt auf einem guten Niveau
Die mit der Ausarbeitung der Konzeption beauftragte ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH aus Köln kam zum Ergebnis, dass sich der Tourismus im Schwarzwald-Baar-Kreis insge.samt auf einem guten Niveau befindet, es aber in einigen Bereichen Handlungsbedarf gibt.
So verfügt der Schwarzwald-Baar-Kreis einerseits über eine hohe landschaftliche Attraktivität, teilweise sogar echte Bilderbuch.landschaften mit Quellen und Wasserfällen, be.eindruckenden Städten, wie etwa Villingen und Donaueschingen und touristischen Hotspots wie Triberg und Bad Dürrheim. Andererseits ist die touristische Infrastruktur mit ihren Bädern, Kurmitteleinrichtungen, Freizeit- und Sport.angeboten und vor allem die Beherbergung in manchen Kommunen in die Jahre gekommen. Dies ist das Ergebnis von Vor-Ort-Untersuchun.gen, Expertengesprächen, Gästebefragungen sowie Befragungen der Übernachtungsbetriebe und Gastronomie.

Die gemeinsam mit allen Beteiligten ausgearbeiteten Handlungsempfehlungen und Projektvorschläge sowie der erkennbare Wille aller Akteure den Tourismus im Schwarzwald.Baar-Kreis weiter voranzubringen, lassen die be.rechtigte Hoffnung zu, dass das gute Niveau im Bereich Tourismus nicht nur gehalten, sondern zum Vorteil aller Beteiligten verbessert und ausgebaut werden kann. Mit der Tourismuskon.zeption gehen wir als Impulsgeber mit einem Leitfaden an der Hand an die Aufgabe, konkrete Maßnahmen anzustoßen.
Sabine von Knobloch

„Diligite animalia“ – Achtet die Tiere!
Wer Sabine von Knobloch in Neuhausen besucht, wird schon vor der T mit den lateinischen Wtern „Diligite animalia“ begrt – Achtet die Tiere! Ihr Vater Dietrich von Knobloch hatte dieses Motto, das er seinen Kindern zeitlebens vorgelebt und vererbt hat, vor vielen Jahrzehnten in den Sockel einer Skulptur geschnitzt. Egal, wo sie ist – f einen Notfall lässt die leidenschaftliche Tierärztin alles stehen und liegen und vollbringt in ihrem Operationsraum so manches „Wunder“.
von Stephanie Wetzig
I
m Jahr 1954 wurde Sabine von Knobloch als jüngstes von fünf Kindern des Tierarzt-Ehe.paares Dietrich und Irmgard von Knobloch geboren. „Hier oben, im ersten Stock“, sagt sie, während sie im Schatten eines Rebstocks, der sich wie ein Schirm über die Terrasse breitet, einen doppelten Espresso trinkt. Von ihrem bequemen Gartenstuhl aus überblickt sie alles, was ihre Eltern aufgebaut haben – die Praxis, die über einen langen Zeitraum Tierklinik war, den Anbau, in dem ihr Vater sein Atelier hatte, und den Garten, in dem die Hunde herumtollen und die Katzen aufmerksam alles beobachten.
Neuanfang in Neuhausen
Ihre Eltern waren nach dem Zweiten Weltkrieg eher zufällig in den Schwarzwald gekommen. Auf die beiden Familiengüter in Ostpreußen mit Rinderherden, hunderten von Pferden, einer Schweinezucht, Hühnerfarmen, einer Molkerei, einer Mühle und einer Imkerei konnten sie nicht

Flucht viele Zurückweisungen erfahren. Daher habe ich großes Verständnis für die Menschen, die derzeit auf der Flucht sind.

zurück und auch nicht in die gut gehende Praxis, die sie gemeinsam in Tapiau, einer Stadt nahe des heutigen Kaliningrads, aufgebaut hatten. Irmgard von Knobloch war nach Stuttgart geflo.hen, wo eine Schwägerin wohnte, und wartete dort, bis ihr Mann 1947 aus russischer Kriegs.gefangenschaft zurückkam. „Es war schlimm“, sagt Sabine von Knobloch, die sich noch an die Schilderungen erinnert und die Zurückweisun.gen, die ihre Familie als Flüchtlinge erfahren musste. „Daher habe ich großes Verständnis für die Menschen, die derzeit auf der Flucht sind.“
Ihre Eltern übernahmen Vertretungen von Tierärzten im damaligen Landkreis Villingen und konnten ein Jahr später mit Unterstützung des
2. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

Ein neuer Patient ist eingetroffen – Sabine von Knobloch in ihrer Praxis in Neuhausen.
Villinger Veterinärs Dr. Dietz in Neuhausen eine Praxis eröffnen. Bis es einen speziellen Raum dafür gab, operieren sie in der Küche und leiste.ten dabei viel Pionierarbeit. „Damals behandel.ten Tierärzte vor allem Rinder, Schweine, Pferde und Schafe, die Behandlung von Kleintieren war noch nicht so verbreitet und es gab dazu auch wenig Fachliteratur.“ „Mein Vater war der erste Tierarzt in der Region, der Fremdkörper operier.te und damit so manchem Rind, das beim Fres.sen zum Beispiel ein Metallteil verschluckt hat, das Leben rettete.“
Zur damaligen Zeit waren die Tierärzte für bestimmte Orte zuständig und durften woanders nicht praktizieren. Um diese Regelung zu umgehen, brachten einige Landwirte, die außerhalb des Gebietes wohnten, ihre Tiere zu einem Landwirt in Neuhausen, damit Dietrich von Knobloch sie behandeln konnte. Zu dieser Zeit war der Tierarzt noch oft mit seiner Kutsche unterwegs. Bis es 1960 zu einem schweren Unfall kam, spannte er sein Island-Pferd Ossin oft vor die Kutsche, um so seine Patienten zu besuchen. Nach dem Unfall wurde Ossin nur noch von den Kindern geritten oder im Winter vor den Schlit.ten gespannt.

Unbeschwerte Kindheit und Jugend
Zusammen mit der Großmutter galt es eine achtköpfige Familie zu versorgen und obwohl beide Eltern von Sabine von Knobloch in der Praxis arbeiteten, musste eine weitere Einnahmequelle her. „Sie züchteten sehr erfolgreich Pudel mit dem Zwingernamen, vom Schwarzwaldteufel‘ “ erinnert sie sich, die in ihrer Kindheit mit den Hunden aufwuchs. Ausstellungen in München, Freiburg, Basel, Salzburg und Innsbruck boten der Familie Abwechslung im Alltag.
Wenn die Zuchthündinnen geworfen hat.ten, lebten zeitweise bis zu 19 Pudel im Haus, dazu Katzen, ein Schwein, das Island-Pferd

Haus, dazu Katzen, ein Schwein, das Island-Pferd Ossin, Esel Harras, Milch.schafe, Katzen, Tauben, Enten, Hüh.ner, Bienen, ein Papagei, eine Krähe, ein Fuchs und immer wieder gelähm.te Dackel.
Ossin, Esel Harras, Milchschafe, Katzen, Tauben, Enten, Hühner, Bienen, ein Papagei, eine Krähe, ein Fuchs und immer wieder gelähmte Dackel, deren Besitzer die Pflege ihres Hundes nicht leisten konnten oder wollten. „Es war eine chaotische und schöne Zeit“, blickt die 63-Jährige auf ihrer Kindheit zurück, „und dank meiner Groß.mutter war ich dennoch gut behütet.“
Eine Katze, die ein verwaistes Lamm wärmt
Zu ihren ersten Erinnerungen gehört das Bild einer Katze, die in einem Karton lag und ein zu früh geborenes, verwaistes Lamm wärmte. Bei der Taufe von Sabine von Knobloch wurde ein Schwein in die Küche gebracht, um operiert zu werden. Jeder wollte zuschauen, deshalb folgte die gesamte Festgesellschaft nach und als sie zurückkam, erwischte sie eine Katze dabei, wie sie genüsslich das Taufwasser trank – solche Familiengeschichten geraten einfach nie in Ver.gessenheit.
Die große Leidenschaft ihres Vaters neben den Tieren galt der Kunst. Er schnitzte hunderte Skulpturen, wenn er nicht gerade Tiere behan.delte. Sie waren in Ausstellungen zu sehen, hingen in Kirchen und Kliniken und wurden teilweise auch verkauft. „Es war Hobby und Zu.brot zugleich.“ Viele der Skulpturen finden sich auch heute noch in und an den verschiedenen Anbauten des verwinkelten Hauses.
Sabine von Knobloch durchlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Im Sommer ging sie in dem Freibad am Bodelschwinghweg baden, lernte in der Villinger Tanzschule, die regelmä-

Sabine von Knobloch vor ihrer Tierarztpraxis in Neuhausen mit Dackelmischling Strolch und Mischlingshündin Arwen. Auch Gänse, Katzen und andere Tiere leben hier. Zudem finden sich überall die Kunstwerke des Vaters.
ßig im Jungeninternat der Zinzendorfschulen gastierte, Walzer, Quickstep und Foxtrott. In den Naturwissenschaften war sie eine gute Schülerin, aber Sprachen lagen ihr nicht so sehr, vor allem Englisch gehörte nicht zu ihren Lieblingsfächern und sie wählte es so bald wie möglich ab.
Der Weg zur eigenen Kleintierpraxis
Trotzdem ging sie nach ihrem Abitur für ein Jahr als Au-Pair ausgerechnet nach England, bevor sie sich in Freiburg zur Veterinärmedizi.nisch-technischen Assistentin ausbilden ließ. Anschließend arbeitete sie in München in einem Labor der Tierklinik der Ludwig-Maximi.lians-Universität. „Dabei stellte ich sehr schnell fest, dass ich mich nicht gerne in hierarchische Gebilde einordne.“ Also musste ein anderer Beruf her. Sabine von Knobloch bewarb sich um einen Studienplatz für Veterinärmedizin und

ich verkaufe die Klinik“, lautete der Hilferuf der Schwester. Sabine von Knobloch kehrt von England zurück nach Neuhausen, um das Lebenswerk der Eltern zu bewahren.
wurde von der Zentralen Vergabestelle für Stu.dienplätze nach Berlin geschickt, von wo aus sie nach dem Physikum nach München wechselte, wo sie einen größeren Freundeskreis hatte. Sie promovierte über die Fruchtbarkeit von Rindern. „In den 1980er-Jahren war für Frauen der Doktortitel wichtig, um sich in dem damals männerdominierten Beruf behaupten zu kön.nen.“ Heute überwiegt der Frauenanteil bei den Tiermedizinern deutlich.
Als Tierärztin nach England
Abermals zog es Sabine von Knobloch nach England, wo sie in Birmingham bei einer Hilfs.organisation für Tiere eine Anstellung in der Tierklinik fand und dabei sehr viele praktische Erfahrungen sammeln konnte. Gerne denkt sie an die Zeit zurück und wäre auch gerne dort geblieben, denn sie konnte mit ihrer Arbeit viel bewirken – für Menschen und Tiere. Außerdem sind in England Tierärzte hoch angesehen. Sie haben eine wesentlich bessere Reputation als ihre Kollegen aus dem Human-Bereich. Doch ihre Schwester Ingrid, die mittlerweile die elterliche Tierklinik in Neuhausen übernommen hatte, wollte sich zur Ruhe setzen. Der Gesund.heitszustand ihres Mannes, eines Schramberger Tierarztes, verlieh diesem Wunsch eine gewisse Dringlichkeit, so dass sie ihre Schwester vor die Wahl stellte: „Entweder Du kommst zurück oder ich verkaufe die Klinik.“ Das Lebenswerk ihrer Eltern in fremde Hände zu geben, kam für Sabine von Knobloch nicht in Frage, daher zog sie wieder zurück in den Schwarzwald. Die Tierklinik konnte sie alleine nicht bewerkstelligen, denn mit diesem Status ist eine 24-Stunden-Erreichbarkeit verbunden, deshalb wandelte sie die Klinik in eine Kleintierpraxis um.

Liebe zur Musik und zu den Tieren
Damit ihre Englischkenntnisse nicht einrosten, besuchte sie einen internationalen Stammtisch von Thomson-Mitarbeitern, wo sie ihren jetzi.gen Mann, den Engländer Robert kennenlernte. Beide verbindet die Liebe zur Musik und zu den Tieren. Sie trommeln gemeinsam in einer Per.cussion-Gruppe und wenn die Zeit es zulässt, setzt sich Sabine von Knobloch auch gerne ans Klavier und spielt ihrem Mann klassische Musik vor. Die Küche ist sein Revier, ebenso wie die voll eingerichtete Werkstatt, während sie sich eher um den Garten kümmert.
Natürlich leben immer noch jede Menge Tiere mit ihnen. Die junge Mischlingshündin Arwen kommt aus dem spanischen Tierschutz, den Dackelmischling Strolch hat sie übernom.men, nachdem seine Besitzerin verstorben ist. Die Katzen Mira und Jasmin beäugen staunend, welche Kunststücke der rüstige Dackelsenior für ein paar Leckerchen vollbringt, im hinteren Teil des weitläufigen Grundstücks leben noch zwei Laufenten und drei Schafe.
In ihrem Beruf ist es schwierig, private Termine zu planen – zu häufig kommt etwas dazwischen. „Der Tag ist durchzogen von be.ruflichen Einsätzen und der Tagesablauf wird immer wieder unterbrochen“, aber so, wie sie es sagt, scheint es sie nicht besonders zu stören. Ihre Freizeit ist mittlerweile geregelter, die Not.fälle werden seltener, weil es inzwischen ein gut ausgebautes Netz an Vertretungen gibt. Trotz.dem kommt sie nur selten zur Ruhe. „Ich habe es einfach nicht gelernt zu entspannen“, sagt sie lachend.
Sabine von Knobloch ist – obwohl viel in ihrem Leben herumgekommen – tief verwurzelt in Neuhausen. „Ich bin sehr dankbar, dass es mir gut geht und dass ich einen Mann habe, der mich immer unterstützt“, freut sie sich. Und der nicht zuletzt ihr Lebensmotto teilt: Diligite animalia.
Miguel Quilamba

Als freier Bger glklich auf der Baar
Fragt man in Hingen nach Miguel Quilamba, so erhält man mit Sicherheit eine positive Antwort. Der freundliche und aufgeschlossene Afrikaner, der in den 1990er-Jahren auf der Baar eine neue Heimat fand, ist hier schon lange kein Unbekannter mehr. Ganz im Gegenteil: Er hat sich schnell eingelebt, hat Freunde und Bekannte gefunden, ist in verschiedenen Vereinen aktiv, hat seine Bilder in der Ausstellung des Hinger Kunstkreises ausgestellt und scheut sich nicht in der Gemeindepolitik Verantwortung zu ernehmen. Sein Interesse an der demokratischen Mitbestimmung des Volkes ist groß und er ist froh, dass er als freier Bger hier leben darf. In seiner kommunistisch regierten Heimat Angola hat er solche politischen Freiheiten nicht gehabt. Darin begrdet liegt auch seine Flucht nach Deutschland.
von Gabi Lendle
E
infach war der lange Weg von Luanda nach Hüfingen nicht. Als 24-Jähriger ist Miguel Quilamba aus politischen Grün.den aus dem kommunistisch regierten Angola auf guten Rat und mit Hilfe von Freunden nach Deutschland geflohen. Nach der Schule absolvierte er als 17-Jähriger unfreiwillig eine militä.rische Ausbildung und wurde danach im Staats.sicherheitsdienst eingesetzt. Auf Grund dieser Tätigkeit war es ihm möglich, verschiedene Länder wie Ungarn, Frankreich, Kuba, Chile und Peru kennenzulernen. Diese Reisen faszinierten den jungen Mann und er konnte viele nützliche Erfahrungen sammeln.

Staatsdiener immer enger und er sah sich häufig gefährlichen Situati.onen ausgeliefert. So verließ er seine Heimat.

In Angola wurde die Luft um ihn als Staats.diener immer enger und er sah sich häufig gefährlichen Situationen ausgeliefert. Er fasste den Entschluss, seine Heimat und seine Familie zu verlassen. Seinen Herzenswunsch, einmal Ozeanographie zu studieren, musste er aufge.ben. Er reiste als politisch Verfolgter mit dem

Flugzeug nach Deutschland und erhielt fürs Erste eine Adresse in Bonn. Als er dort ankam, kannte er niemanden und konnte kein Wort Deutsch. Er beantragte Asyl, aber das langwieri.ge Verfahren zog sich hin. Vier Monate blieb er in Bonn, doch Miguel Quilamba wollte lieber in einer kleineren Stadt irgendwo auf dem Land le.ben. Während seines laufenden Asylverfahrens wechselte er zuerst nach Freiburg und später nach Donaueschingen.
Die Baar sofort als Heimat empfunden
Auf der Baar gefiel es dem jungen Afrikaner sofort. Hier konnte er seinen geliebten Laufsport in der freien Natur problemlos ausüben und bequem von der Haustür aus losrennen. Mit der Zeit hat er sein anfängliches Heimweh und die Angst vor Verfolgung ablegen können und war

das große Bedürfnis nicht von anderen abhängig zu sein. Deshalb nahm ich eine Arbeit als Dachdecker an.

durch sein positives Denken und Handeln relativ schnell in der Lage hier Wurzeln zu schlagen. Bereits in Freiburg hatte er eine junge Frau kennengelernt, der er nun zufällig in Donaueschin.gen auf einem Fest wieder begegnete. Der Pfeil des Amors traf beide, sie verliebten sich und heirateten später.
Die vorerst kleine Familie lebte in Hüfingen und erhielt bald Zuwachs durch einen Sohn und zwei Töchter. Seine Kinder sind ihm seither sehr ans Herz gewachsen. „Ich wollte immer arbeiten und hatte das große Bedürfnis nicht von anderen abhängig zu sein. Deshalb nahm ich eine Arbeit als Dachdecker an“, erinnert sich Quilamba an sein erstes selbst verdientes Geld. Doch als sich Nachwuchs einstellte und Sohn Elias geboren wurde, übernahm er die Tätigkeit des Hausmannes und erziehenden Vaters, wäh.rend Ehefrau Myriam ihrem Beruf als Erzieherin in einer Kindertagesstätte nachging.
Nun erfüllte sich der junge Familienvater seinen Wunsch eine deutsche Schule zu besu.chen. Er meldete sich an der Abendrealschule an und absolvierte seinen Abschluss bereits nach einem Jahr statt der normalen Dauer von zwei Jahren. Eine private Lehrerin, die sich schon damals für Asylbewerber engagierte, half ihm Deutsch zu lernen, den Rest eignete er sich in der Schule an. Noch heute ist er ihr dankbar für die intensive Hilfe, die ihm vor allem in der mündlichen Prüfung zu Gute kam.
Berufliches und soziales Engagement
Miguel Quilamba weiß, was er will und verfolgt seine Ziele mit großem Engagement, dabei denkt er stets positiv. 1995 begann er eine kaufmännische Ausbildung und verschickte an.

Mit großer Freude singt Miguel Quilamba im Hüfinger Vokalkreis „Singing Voices“.
schließend rund 50 Bewerbungen. „Keiner woll.te mich trotz des guten Abschlusses haben. Das war für mich ein großer Schock und ich war sehr frustriert. Sobald ich mich bei den Firmen per.sönlich vorstellte und die Verantwortlichen mei.ne schwarze Hautfarbe sahen, wurde ich trotz meiner guten Zeugnisse immer enttäuscht“, erzählt er. „Für meine Kinder wollte ich aber ein Vorbild sein und nicht ohne Arbeit zu Hause bleiben. Mir ist es stets wichtig, dass ich mein Leben im Griff habe und so sah ich als letzte Chance den Beruf des Malers, den ich durch die Empfehlung und Unterstützung eines Freundes ergreifen konnte und den ich bis heute noch ausübe“. Inzwischen hat er an vielen Fortbildun.gen teilgenommen und kann in seiner Arbeit auch etliche kreative Ideen umsetzen.
Seine sportlichen Erfahrungen hat der ak.tive Läufer an die Jugend weitergegeben. Im Leichtathletikverein Donaueschingen hat er als Trainer den Nachwuchs im Alter von 11 bis 24 Jahren fit gemacht. Er selbst hat aktiv mit Spitzensportlern trainiert und an verschiedenen Wettkämpfen und Läufen in den Disziplinen Lang- und Mittelstrecke sowie im Sprint teilge.nommen. Darüber hinaus startete er auch beim Marathon. In Hüfingen und anderswo hat er durch seine offene Art schnell Freunde gefun.den, denn Kontakte zu knüpfen fällt ihm nicht schwer.

Die Erinnerung an die Herkunft bewahren
„Mit meinem deutschen Pass besuchte ich nach drei Jahren zum ersten Mal wieder meine Familie in Angola. Zu meinem Vater und auch den anderen Familienmitgliedern habe ich eine enge Verbindung und besuche sie in regelmäßigen Abständen. Meine Kinder, die mir sehr viel bedeuten, begleiteten mich schon fünfmal auf Reisen in meine afrikanische Heimat“, erzählt er stolz. In über zwei Jahrzehnten ist aber Hüfingen immer mehr zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. „Die Menschen hier sind nett und freundlich zu mir und geben mir das Gefühl der Heimat“, sagt er, was aber sicherlich mit seiner eigenen zuvorkommenden und offenen Persönlichkeit zu tun hat. Vielseitigkeit zählt ebenfalls zu den Stärken von Miguel Quilamba, der für seine Kinder seit 2014 an einem Buch über sein Leben schreibt. „Damit möchte ich meine afrikanische Herkunft sowie die große und in der ganzen Welt verzweigten Familie Quilamba meinen Kindern näherbringen und vertraut machen“, beschreibt er dieses Anliegen.
Beim Singen vergisst man alle Sorgen
In seiner Freizeit beschäftigt sich Miguel Qui.lamba allerdings noch mit vielen anderen Dingen. „Die Musik spielt in der afrikanischen Kultur eine große Rolle, und ich singe für mein Leben gern, weil man dann alle Sorgen ver.gisst. Gesang ist der Ausdruck von Freude und Leid. Schon als Kind habe ich mit meiner Oma viel gesungen, sie ist 105 Jahre alt geworden“, schmunzelt er und meint wohl damit, dass Sin.gen auch der Gesunderhaltung dient. Es dauer.te nicht lange, bis er bei einem Freund in einer Musikband mitwirkte. Später entschloss er sich ganz spontan den Hüfinger Vokalkreis „Singing

Kultur eine große Rolle, und ich singe für mein Leben gern, weil man dann alle Sorgen vergisst. Gesang ist der Ausdruck von Freude und Leid.

Voices“ mit seiner ausdrucksvollen Stimme zu unterstützen. Hier tritt er hin und wieder bei Konzerten als Solist hervor. „Mit dem Chor erlebe ich die ganze Bandbreite des Gesangs, angefangen von Klassik bis zu Rock und Pop. Es macht Spaß in der Gemeinschaft zu singen und tut mir einfach gut“, bestätigt er den bereits vor vielen Jahren gefassten Entschluss dem Chor beizutreten. Die Hüfinger Sänger freuten sich natürlich über diesen positiven Zugewinn, der auch der Gemeinschaft sehr gut tut.

Miguel Quilamba daheim in Afrika, zusammen mit Mutter Julietta, Vater Antonio sowie den Brüdern José und Francisco (von links) zu sehen.
Malen als Passion
Dass er sich im Eiltempo zu einem echten Hüfinger entwickelt hat, liegt auch an seinem kreativen Zeichnen und Malen. Das Vertrauen der Hüfinger Narren hat er gewonnen, als er damit anfing ein „Hansel-Häs“ zu bemalen. Der Zunftmeister hatte ihn zuvor gefragt, ob er sich vorstellen könne, solch ein Kunstwerk anzufertigen. Diese einmalige und wichtigste Narrenfigur der örtlichen Fasnet bedeutet den Bürgern sehr viel, und wer solch ein Häs mit Motiven der heimischen Flora, Fauna und mit Tieren bemalen kann, hat den Respekt und die Anerkennung der Hüfinger verdient. Insgesamt vier Hansel-Häser hat Miguel Quilamba inzwischen mit unterschiedlichen bunten Motiven und Porträts verziert.
Doch am liebsten malt er ganz für sich und hat sich im eigenen Haus in Hüfingen ein Mal- und Schreibzimmer eingerichtet. Hauptsächlich nachts bringt er seine unzähligen spontanen Ideen mit Pinsel, Farbe und Stift zum Ausdruck und ist auch mit wenig Schlaf morgens wieder fit für seinen Job. Seine Stärke sind Porträts und Landschaften mit versteckten Botschaften. Als Werkzeug dient ihm am liebsten ein Bleistift, aber er experimentiert auch gerne mit Öl und Acryl, mit Sand, Pigmenten und Farben.
Als die Menschen um in herum merkten, dass er so gut malen kann, erfüllte er den einen oder anderen Auftrag von privaten Interessenten. Ihnen gefiel besonders der afrikanische Akzent, der in seinen Gemälden zum Ausdruck kommt. Zweimal hat er im Hüfinger Kunstkreis als Gast seine Arbeiten in der jährlich stattfindenden Werkschau ausgestellt und mit seiner Ausdrucksweise der afrikanischen Kultur für Aufmerksamkeit gesorgt. Heute malt er am liebsten für sich selbst und für seine Seele. Die Ergebnisse seiner künstlerischen Arbeit verschenkt er dann gerne an Freunde und Bekannte.
Auf Anhieb in den Gemeinderat gewählt
Doch das ist noch nicht alles, was Miguel Quilamba in seiner Gemeinde tut, mit der er sich inzwischen fest identifiziert und in der er weiterhin leben will. Sein Interesse an der Poli.tik war stets groß, dennoch wollte er aufgrund seiner Tätigkeit in Angola nicht mehr politisch aktiv werden. Mit großer Aufmerksamkeit ver.folgte er die Nachrichten aus aller Welt, aber vor allem aus Deutschland mit seiner demokra.tischen Staatsform. Seine Interessen blieben bei den Sozialdemokraten in Hüfingen nicht unentdeckt. Deshalb wurde er gefragt, ob er nicht Lust hätte, in der Kommunalpolitik mitzu.wirken. Quilamba ließ sich 2014 als SPD-Kandi.dat aufstellen. „Ich glaube nicht daran, dass die Menschen mich hier wählen“, dachte er. Doch er schaffte auf Anhieb den Sprung in den Gemein.derat. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet, aber die Arbeit in diesem Gremium macht mir viel Spaß, da hier Menschen gemeinsam etwas in die Wege leiten, durchführen und gestalten.“

Quilamba ist in Hüfingen eingebunden, vernetzt und ein beliebter Bürger, Kollege und Freund. „Ich habe mich von Anfang an um mei.ne Integration bemüht und möchte den vielen anderen Geflüchteten die Erfahrung mitgeben, dass Schritte zur Eingliederung in eine Gesell.schaft zum größten Teil von einem selbst aus.gehen müssen“, unterstreicht er.

Oliver Vlcek

Dem Leben eine Linie geben
Seit 17 Jahren widmet der Schwenninger Oliver Vlcek sein Leben als Trainer, Vorsitzender oder Präsident dem Boxen. Doch sein oberstes Ziel geht er den reinen Sport hinaus: Nicht nur mit dem aktuellen Integrationsprojekt „Fight for your life“ mhte er Boxern helfen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
von Mareike Kratt
W
enn Oliver Vlcek beim täglichen Nachwuchstraining des Vereins Boxing VS neben seinen Schülern steht, dann beobachtet er nicht nur ihre Kör.perhaltung und ihre Schlagtechnik. Er schaut ihnen auch tiefer ins Gesicht, das für den Trainer manchmal Bände spricht über das Leben derje.nigen Person, die sich dahinter verbirgt. „Trainie.ren ist das eine. Das andere, was ich schon früh gemerkt habe: Viele Jungs haben Probleme“, erklärt er. Jugendliche aus schwierigem Eltern.haus, mit einer kriminellen Vergangenheit oder Flüchtlinge, die Anschluss in der Gesellschaft suchen, finden im Boxtraining nicht nur ein Ven.til, um ihre Sorgen zu vergessen. Sie finden in Vlcek auch jemanden, der ihnen zuhört und sich ihrer Probleme annimmt.
Anfänge der Boxkarriere
Doch warum kann sich gerade der 39-jährige Schwenninger so gut in ihre Situation hinein.versetzen? Anderssein: Dieses Motto hat Vlcek,

mit Ausgrenzung und Rassismus gemacht.

dessen kroatische Mutter mit der Gastarbeiter.welle und dessen tschechischer Vater mit der Flüchtlingswelle aus dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen, wohl sein ganzes Leben lang begleitet. „Als Kind habe ich viele Er.fahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus ge.macht“, erklärt er. „Das hat mich nicht belastet, aber wütend gemacht.“ Wut, die sich entladen musste – beim Verein Boxring 1952 Schwennin.gen. Dort sei er mit vielen anderen Migranten zusammen gewesen, dort habe er aber auch ein hohes Gewaltpotenzial erlebt. „Es tat einfach gut im Ring zu stehen“, versucht Vlcek das Ge.fühl zu beschreiben. Bis zu seinem 18. Lebens.jahr habe er viel trainiert, sei aber gleichzeitig mit „falschen Leuten“ in Kontakt gewesen.

Mit großer Konzentration beobachtet Trainer Oliver Vlcek seine Schützlinge während des Trainings in der Villinger Steppachturnhalle.
Zum Bruch mit dem alten Freundeskreis kam es durch Vlceks Ausbildung zum Zollbeam.ten in Freiburg. „In diesen zwei Jahren habe ich mich verändert“, sagt der Schwenninger, der an.schließend mehrere Jahre in Singen als Beamter gearbeitet hatte. Erweitertes Boxtraining in Sin.gen, Basel oder Freiburg hatte ihn zudem zum ersten Mal mit dem Leistungssport in Berüh.rung gebracht. Und auch wenn der Boxer keine eigene Wettkampferfahrung sammeln konnte, kam er 2001 nach Schwenningen zurück und wurde Cheftrainer des Boxrings. Sein Ziel, das er mit eisernem Willen durchsetzen wollte: den Verein vergrößern, Wettkämpfe ausrichten und einen deutschen Meister herausbringen. Paral.lel dazu wurde der Landesboxverband auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn ehrenamtlich für den Olympiastützpunkt in Heidelberg als Ju.gendwart sowie als Landestrainer für den Nach.wuchs. 2009 wurde Vlcek sogar hauptamtlicher Landestrainer.
Doch im Stich lassen wollte der Schwennin.ger seinen Heimatverein nicht, im Gegenteil: Er war maßgeblich daran beteiligt, dass im Jahr 2008 der Schwenninger Boxring – dem würt.tembergischen Boxverband zugehörig – und der Boxclub Villingen – dem badischen Boxverband

Oliver Vlcek bei der Betreuung eines seiner Schütz.linge im Boxring. Vom großen Erfahrungsschatz des Trainers profitieren die Nachwuchs-Boxer enorm.
zugehörig – zum Verein Boxing VS, der heute noch besteht, fusionierten. „Der Villinger Trainer Witali Tarassow und ich haben uns perfekt er.gänzt“, erinnert sich Vlcek, der sich als typischen „Doppelstädter“ sieht. 2009 folgte eine berufs.begleitende Trainerausbildung an der Kölner Trainerakademie.
Die sportlichen Erfolge und sein unermüd.liches Trainerengagement gaben Vlcek recht: 2012 klopfte der Deutsche Boxverband an und bat ihn um ein Engagement als Bundesstütz.punktleiter. „Ich habe lange überlegt und zuge.sagt. Aber es war ein Fehler. Die Arbeit einfach zuviel und mit Profis und Kindern zu gegensätz.lich“, sagt der Trainer rückblickend. Ende 2014 gab Vlcek den Vereinsvorsitz und die Landes.trainertätigkeit ab und widmete sich nicht nur dem Bundesstützpunkt, sondern wurde auch U15-Bundesnachwuchstrainer.
Olympia 2016: „Ich will fair gewinnen“
Das neue Ziel: Olympia 2016 in Rio de Janeiro, wofür sich vier deutsche Athleten vom Stützpunkt qualifizieren konnten. Doch aus einem Traum wurde – zumindest für Vlcek – ein Albtraum: Nicht, weil der Wettbewerb für die deutschen Boxer bereits in ihrem ersten Kampf zu Ende war. „Ich will fair gewinnen oder verlieren. Und das war bei Olympia eben nicht so“, erklärt der Trainer. „Wir sind rausgepunktet worden.“ Auch wenn das Miteinander der vielen unterschiedlichen Athleten eine tolle Erfahrung und ein beeindruckendes Sportfest gewesen sei, zeigt sich Vlcek zudem von den Bedingungen vor Ort enttäuscht: „Vieles ist einfach nicht so, wie es im Fernsehen rüberkommt, zum Beispiel die Unterbringung der Sportler.“
Mit in diese Erfahrung mag ebenso die Er.kenntnis spielen, die sich bei ihm bereits seit einiger Zeit angekündigt hatte: „Leistungssport ist nur eine Komponente, die sehr eingeschränkt wirkt. Für mich ist der Athlet keine Nummer, sondern ein Mensch. Und das geht über den rei.nen Sport hinaus.“
Integrationsprojekt „Fight for your life“
Nicht zuletzt deswegen hatte Vlcek bereits im Jahr 2014 über den Heimatverein Boxing VS und mithilfe des Landessportverbands das Integrationsprojekt „Fight for your life“ ins Leben gerufen, das Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund von der Straße in den Ring holen soll. 2017 erlebt es mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung des Boxverbands Baden-Württemberg, des Schwarzwald-Baar-Kreises sowie der Pro.Kids-Stiftung aus Villingen-Schwenningen eine Neuauflage. „Jeder Verein betreibt mittlerweile Integration, hat aber nicht die geeigneten Strukturen und Mittel.“ „Fight for your life“ sieht sich indes als niederschwelliges Angebot, um Kinder, deren gemeinsame Schnittstelle das Boxen ist, aus ihrer Problemlage zu holen und ihnen neue Perspektiven zu ermöglichen. Anlaufstellen, an die Vlcek und zwei weitere ausgebildete Trainer weitervermitteln, sind mitunter Jugendamt, Jobcenter, Ausbildungsbetriebe oder Schulen. Beim Training, das sechsmal pro Woche in der Villinger Steppachturnhalle sowie an der Schwenninger Friedensschule stattfindet, wird gekämpft, geschwitzt – und geredet. Hier sind zwei Brüder mit krimineller Vergangenheit

Olympia 2016 in Rio de Janeiro: eine Erfahrung, die Oliver Vlcek (links) nicht missen will. Rechts ein Teamkollege.

Für das Integrationsprojekt „Fight for your life“ findet Oliver Vlcek (Mitte links) mit MdB Thorsten Frei (CDU) (Mitte rechts) und Landrat Sven Hinterseh (links) wichtige Unterstützer. Zahlreiche Jugendliche profitieren nicht nur vom Boxtraining, sondern auch von der sozialen Hilfestellung, die ihnen gegeben wird.
anzutreffen, für die Vlcek Kontakt mit der Jugendgerichtshilfe aufgenommen hat. Da ist ein Syrer, für den der Trainer kurzerhand einen Ausbildungsvertrag bei einem Schwenninger Betrieb organisieren konnte. Oder ein 17-Jähriger mit ADHS, mit dessen Klassenlehrer Vlcek in regelmäßigem Kontakt steht. „Das Projekt ist mir eine Herzensangelegenheit“, fasst der 39-Jährige zusammen. Für sein soziales Engagement erhält er bereits Ende 2016 den Paul-Harris-Preis des Rotary Clubs Villingen-Schwenningen.
Den Black Forest Cup initiiert
Die Arbeit an der Basis, im Schwarzwald-Baar-Kreis, hat für Vlcek in den vergangenen Jahren eine immer größer werdende Bedeutung angenommen. So ist im Jahr 2014 auf seine Initiative der Black Forest Cup entstanden. Einmal im Jahr messen sich in der Schwenninger Deutenberghalle Nachwuchsboxer aus ganz Europa. „Damit können wir den Gästen unsere Region zeigen. Der Cup ist zum neuen Aushängeschild geworden.“ Mittlerweile sei es auch gelungen, die Veranstaltung über die europäischen Grenzen hinaus bekannt zu machen. An vier Tagen entwickle sich der Cup zu einem wahren Sportfest für die Teilnehmer. Im letzten Jahr hätten von 350 Boxern 300 in der Halle geschlafen. „Es ist ein wahnsinniges Miteinander.“

Schwenninger Deutenberghalle Nachwuchsboxer aus ganz Europa.

An einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben steht Oliver Vlcek im Jahr 2017: Die Leitung im Bundesstützpunkt ist mittlerwei.le abgegeben, auch als Bundesnachwuchstrai.ner zieht er sich zurück und will sich nur noch beim Landesverband als Sportdirektor engagie.ren. „In den vergangenen 17 Jahren war ich ei.gentlich nur unterwegs, manchmal drei Monate am Stück. Das soll nun anders werden“, meint der zweifache Vater selbstkritisch im Hinblick auf seine Familie. Momente wie diesen, wenn er mit seiner anderthalbjährigen Tochter Lea Alek.sa und seinem fünfjährigen Sohn Lennox Lewis durch den Garten seines Schwenninger Hauses tollt, gab es für Oliver Vlcek in der Vergangen.heit nicht oft. Alles habe durchgeplant werden müssen. Unterstützung, auch in schwierigen Zeiten, konnte Vlcek von seiner Ehefrau Marina Hermann, die seit 2005 Geschäftsführerin des Landesboxverbands ist, erfahren. „Sie war immer eine Art Konstante im Hintergrund“, erklärt er.
Der Schwarzwald – die Heimat
Trotz aller Verpflichtungen ist Vlcek seinen Wurzeln stets treu geblieben. Heimat, das bedeutet für ihn Familie, das ist aber auch der Schwarzwald.Baar-Kreis. Denn gegen die Auflage des Verbands, zu Zeiten des Bundesstützpunktleiters nach Heidelberg zu ziehen, habe er sich ganz bewusst entschieden: „Dafür bin ich hier viel zu sehr verwurzelt. Ich fühle mich einfach wohl, die Region ist nicht so überladen wie eine Großstadt.“ Mittlerweile genieße er es, zusammen mit seiner Familie ganz spontan in den Schwarzwald fahren zu können. „Ich mag das Klima. Ich bin ein richtiger Schwarzwälder“, meint der 39-Jährige und schmunzelt.
Dann fällt sein Blick auf den „Akkredi.tierungs-Baum“, der an einer Tür in seinem Kellerbüro hängt und die unzähligen Wett-kampf-Teilnahmen zeigt. „Zu jeder Akkreditie.rung gibt es eine Geschichte zu erzählen.“ Er kramt das Olympia-Ticket hervor. Vielleicht habe

Ich mag das Klima im Schwarzwald-Baar-Kreis. Ich bin ein richtiger Schwarzwälder, fühle mich hier einfach wohl.

die Erfahrung aus Rio auch seine Entscheidung,
sich sportlich auf seine Heimat zu konzentrie.
ren, beeinflusst, mutmaßt Vlcek. „Ich wäre auf
jeden Fall nicht der, der ich heute bin. Daher war es gut, dass ich dort war.“ Er betont, dass er gewiss keinen „Groll“ auf Olympia habe. So würde er auch keinem Sportler davon abraten, sich selber ein Bild von diesem Wettbewerb zu machen. „Vielleicht braucht es auch einfach ein, zwei Jah.re, bis ich das Ganze positiver sehe“, meint er.
Vorbild für die Jugend
Einen positiven Effekt gibt es auf jeden Fall jetzt
schon: die Wirkung, die er als ehemaliger Olympia-Trainer auf die
Jugendlichen beim Projekt „Fight for your life“ ausübt: „Kinder brauchen Vorbilder,
und ich merke, dass ich für sie ein Vorbild bin.“ Und auch wenn sich der 39-Jährige, der sich be.
scheiden, ja fast scheu gibt, erst noch an diese Funktion gewöhnen muss, kann er damit sein oberstes und ganz persönliches Boxziel noch schneller vermitteln: „dem Leben eine Linie geben.“

„Zu jeder Akkreditierung gibt es eine Geschichte zu erzählen“, sagt Oliver Vlcek. Der „Akkreditie.rungs-Baum“ hängt an einer Tür in seinem Büro und lässt erahnen, wie die Boxwettbewerbe sein Leben dominiert haben.
Katrin und Peter Sutermeister

Die „Kragestube“
Klack-klack-klack-klack. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich der weiße Stoff durch den Metallrahmen. Klack-klack-klack-klack. Eine Falte nach der anderen entsteht, gleichmäßig, wie mit dem Lineal gezogen.
von Nathalie Göbel
A
us gut elf Metern fest gestärktem Baum.wollstoff entsteht ein stattlicher Narro.kragen… Aus 9,5 Metern ein Jugendkra.gen, aus 5,5 Metern ein Kragen der Triberger Teufel. Immer begleitet vom Geklacker der Plissiermaschine.
„Da braucht man schon einen Gehörschutz“, sagt Peter Sutermeister. Zusammen mit seiner Frau Katrin hat er die aufwändige Arbeit des Kragenmachens vor einem Jahr von seinen Eltern Gerlinde und Hans übernommen.

Am 11.11., wenn in den karnevalistisch orientierten Narrenvereinen die Saison beginnt, öffnet auch die „Kragestube“ ihre Türen. Ab dann herrscht im Hause Sutermeister Ausnah.mezustand. Und dieser steigert sich noch, wenn am Dreikönigstag die schwäbisch-alemannische Fasnet eröffnet wird.

Der neun Jahre alte Jan kann schon fast einen Narro.kragen in Jugendgröße tragen. Großmutter Gerlinde Sutermeister hat die praktische Messlatte geschaffen.
Spätestens dann kommen sie alle in die Kra.gestube – die Villinger Narros, die Glonkis, die Latscharis aus Kirchen-Hausen, die Brigachblätz.le und Schindelhansel. Und sie alle wünschen sich für die nächste Saison einen frisch aufberei.teten Kragen, um „Uff d’ Gass“ zu gehen.
In der Kragestube stehen dann Plissier-, Le.ge- und Nähmaschine nicht mehr still. Oder wie Jan, der älteste Sohn von Katrin und Peter Suter.meister, sagt: „Das ist ein Großfamilienjob.“ Der Neunjährige hilft oft mit und trennt die Kragen auf, die zum Waschen gebracht werden.
Zeitersparnis durch Tüftlergeist
Gut 30 Jahre ist es her, dass seine Großeltern Hans und Gerlinde Sutermeister die Kragestube eröffneten. Dass die aufwändige Kragenmacherei zumindest etwas weniger zeitintensiv von der Hand geht, ist dem Tüftlergeist Hans Sutermeisters zu verdanken.

Ganz unspektakulär zusammengerollt kommt der Kragenstoff daher: Es handelt sich um weiße Baum.wolle, mehrere Meter lang.
Der gelernte Elektromechaniker, früher bei Mannesmann-Kienzle tätig, hat sowohl die Plissier- als auch die Legemaschine konstruiert und die Teile an seiner eigenen kleinen Drehbank gefertigt. Auch eine Nähmaschine hat er so modifiziert, dass sie lediglich große, einzelne Stiche macht – perfekt, um die fertig gelegten Kragen zu fixieren. „Er hat in diesen 30 Jahren an seinen Maschinen praktisch jedes Jahr etwas verbessert“, weiß Katrin Sutermeister. So etwa einen Zählmechanismus eingebaut, der hilft, bei der Zahl der gelegten Bündel den Überblick zu behalten. Katrin Sutermeister, gelernte Physiotherapeutin und Mutter von drei Kindern, hat vor der Übernahme der Kragestube bei ihrem Schwiegervater hospitiert. „Viele denken ja, die Kragen kommen fertig aus der Plissiermaschine“, sagt die 35-Jährige und lacht. Von wegen: Bis aus einem unscheinbaren, mit viel Stärke versehenen Baumwollstoff ein schmucker Kragen entstanden ist, braucht es

„Einmal auftrennen und waschen, bitte“: Hier liegen schon einige Kragen bereit, die für die kommende Fasnet in Form gebracht werden müssen.
seine Zeit, auch wenn die Maschinen Marke Eigenbau wertvolle Dienste leisten.
„Sie sind einfach aufgebaut, aber laufen bis heute“, sagt Peter Sutermeister. Und wenn et.was mal nicht so rund läuft, bringt der Maschi.nenbauingenieur die besten Voraussetzungen

hat in 30 Jahren an seinen Maschinen praktisch jedes Jahr etwas verbessert. Hat sie auch selbst konstruiert und gebaut.
mit, um das Problem zu beheben. Für die in die Jahre gekommene Nähmaschine gibt es keine Ersatzteile mehr. Einen neuen Motor hat er den.noch organisieren können – allerdings musste dieser auch selbst programmiert werden.

Auch die Legemaschine hat Hans Sutermeister vor rund 30 Jahren selbst entwickelt und gebaut, hier wird der Stoff erst gefaltet anschließend abgeteilt.
Mit der Fasnet groß geworden
Dass das Herz der Sutermeisters für die Fasnet schlägt, verwundert wenig. Katrin Sutermeister

ist in der Hexenzunft groß geworden und war später in der Narrozunft aktiv, Peter Sutermeis.ter war „praktisch schon immer irgendwie när.risch“. Mit einem Vater, der in der Guggenmusik „Alte Kanne“ spielte und bei den Glonkis enga.giert war. Seit mittlerweile 30 Jahren gehört der 39-Jährige zur Wuescht-Gruppe, jenen mit Stroh fest ausgestopften Figuren im ramponierten Narro-Häs, über die es im Villinger Schunkellied heißt: „Am Schluss no kummet die Schönste.“ Ist das Wuescht-Häs nicht furchtbar unbequem? Peter Sutermeister lacht. „Es ist schon befrei.end, wenn man dann ohne Stroh nach Hause kommt. Aber dafür friert man nie.“
Viele Arbeitsschritte bis zum fertigen Kragen
Apropos frieren: Auch dem Kragenstoff wird eingeheizt, bevor er akkurat aufgefaltet die Narrenfiguren ziert. Wenn alle Nähte aufgetrennt wurden, werden die Stoffbahnen zunächst bei 90 Grad gewaschen. Manche Kunden waschen selbst, andere lassen ihren Kragen schon zum Waschen in der Kragestube. 30 Euro kostet das Kragen richten, mit Waschen fünf Euro mehr, das Auftrennen kostet zwei Euro.
Nach dem Trocknen – nur an der Luft, in den Wäschetrockner darf der Stoff nicht – werden die Kragen in der Wäscherei Grießhaber ge.stärkt und gemangelt. „20 Kilo Stoff müssen wir für einen Durchgang beisammen haben“, sagt Katrin Sutermeister.
Sonst lässt sich das korrekte Mischverhält.nis der Stärke nicht herstellen – und es braucht eine Menge Stärke, damit die Kragen auch gut halten. Schließlich müssen sie das ein oder an.dere Schneegeriesel ebenso überstehen wie Ge-
Oben: So lang ist ein Narrokragen: Jan, Peter und Kat.rin Sutermeister mit gut elf Meter Baumwollstoff. Mitte links: Katrin Sutermeister hat an der Plissierma.schine Platz genommen, wo sich viele Meter Baum.wollstoff in wenige Meter Kragen verwandeln. Mitte rechts: Die Nähmaschine macht nur einzelne, große Stiche – so wird der Kragen perfekt fixiert. Unten: So sehen die gelegten Bündel aus.

20 Kilo Stoff müssen wir für einen Durchgang beisammen haben.
dränge in den Stüble. „Die meisten Narros haben zwei Kragen“, weiß Katrin Sutermeister. Gleichwohl gibt es auch Narren, die weitaus mehr Exemplare ihr Eigen nennen, andere besit.zen nur einen, weil sie nur bei gutem Wetter ins Häs gehen. Eine nasse Fasnet, wie 2017, dämpft nicht nur das Vergnügen, sondern verursacht auch ganz konkrete Probleme: Die Kragen be.ginnen im schlimmsten Fall zu schimmeln, ist Stärke doch ein Naturprodukt.
Häufig überdauern die Kragen aber Jahr.zehnte – und werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Oft ist es die Groß.mutter, die mit einer großen Tüte voller Stoff bei den Sutermeisters steht und später die fertigen Schmuckstücke an die Familienmitglieder ver.teilt.
Gestärkt und aufgerollt kommen die na.mentlich gekennzeichneten Stoffbahnen aus der Wäscherei zurück in den Erikaweg. Dann beginnt die eigentliche Arbeit – und der „Groß.familienjob“ kann beginnen. „Dann sind alle eingespannt“, erzählt Katrin Sutermeister, die sich unterm Jahr um die Verwaltung im Kosme.tikstüble ihrer Mutter kümmert und nebenbei außerdem ein Fernstudium in Präventions- und Gesundheitsmanagement absolviert.
Eine aufregende Zeit beginnt
Für die drei Kinder der Familie – neben dem neunjährigen Jan, der sieben Jahre alte Nick und die vierjährige Ella – beginnt dann eine aufregende Zeit, wenn im Untergeschoss die Plissiermaschine rattert und der „Großfamilienjob“ beginnt.
Zur Hausaufgabenbetreuung kommt dann Großmutter Marlene ins Haus und auch die Cousinen Annabelle, Amelie und Adele gehen ein und aus, weil deren Eltern Manuela und Stefan Schölzl wiederum ebenfalls mithelfen, wann sie können. „Für die Kinder ist das toll. Un.term Jahr ist das Haus ja nicht dauernd so voll“, sagt Peter Sutermeister. Schwiegervater Alfons Honer nimmt auch mal an der Theke Kragen an, Vater Hans steht mit Rat und Tat zur Seite – sodass am Ende der Saison auch alle Kunden zufrieden mit ihren Kragen nach Hause gehen können.

„Da ist schon die ganze Familie eingespannt“, sagt Katrin Sutermeister. Hinzu kommt eine Mitarbeiterin: Die fertigen Kragen werden von Claudia Kreidler routiniert zusammenge.knüpft – sie war zuvor bereits seit 15 Jahren in der Kragestube von Hans und Gerlinde Su.termeister dafür zuständig. Die Übernahme der Kragestube von den Eltern und Schwieger.eltern hatten Katrin und Peter Sutermeister so eigentlich nicht geplant. „Meine Eltern

Man geht mit diesem Fachwissen schon anders in die Fasnet. Man schaut sich die Kragen genauer an.

wollten das Geschäft nicht mehr bei sich zu Hause haben. Sonst wird man es nicht los“, erinnert sich Peter Sutermeister an die ersten Rückzugsüberlegungen seiner Eltern.
Zunächst hatte seine Schwester Heike über.legt einzusteigen, was aber aus beruflichen Gründen – sie ist mit ihrem eigenen Geschäft Hihola House & Garden in der Südstadt selbst.ständig – wieder verworfen wurde. Also musste ein neuer Plan her. „Letztlich haben wir gesagt: Wenn wir den Keller rechtzeitig zur Saison trocken und saniert bekommen, machen wir es“, blickt Peter Sutermeister zurück. Und tat.sächlich waren die Arbeiten rechtzeitig beendet und aus der ehemaligen Einliegerwohnung ist die Kragestube geworden – mit allem, was es braucht: Einer Annahmetheke, Räume für die Maschinen und nicht zuletzt viele Meter Regal.bretter, auf denen die Kragen auf ihre Abholung warten.
Dafür gehen im Herbst die Bestellungen an den Großhandel hinaus: Nähfaden, Bändel und viele Meter Stoff werden geordert.
Wenn dann am Mittwoch vor dem „Schmot.zigen“ wirklich alle Kragen abgeholt sind, kön.nen sich auch die Kragestube-Chefs auf die när.rischen Tage freuen. „Man geht schon anders in die Fasnet. Man schaut sich die Kragen genauer an“, sagt Katrin Sutermeister. Was den teils doch stressigen „Großfamilienjob“ erleichtere: „Die Leute sind sehr dankbar, dass man ihnen diese Arbeit abnimmt und bringen die Kragen gerne her. Das motiviert.“
Villinger Narro mit prächtigem Kragen.

„Weil ich mich nicht gewöhnen will …“
Er ist angekommen, nicht irgendwie und auch nicht irgendwo: Zielstrebig, im Kabarett, auf der zeit- und sozialkritischen Kleinkunstbne, im Fernsehen, ein Kstler, ganz oben.

D
eutscher Kleinkunstpreis, Bayerischer Kabarettpreis, Nordrhein-Westfälischer Kleinkunstpreis, Kleinkunstpreis Ba.den-Württemberg, Mindener Stichling, Thürin.ger Kleinkunstpreis, Schweizer Kabarett-Preis Cornichon 2017 – und das ist noch nicht mal alles. Im Fernsehen ist er präsent als Gast bei den ganz Großen des Kabaretts – heute auch selbst ein Macher-Gastgeber. In Niedereschach ist er aufgewachsen, vor 47 Jahren als Sohn des Bürgermeisters Otto Sieber geboren – wir reden von Christoph Sieber.
Grundschule Niedereschach, Gymnasium am Hoptbühl in Villingen und dann? Was wird er machen, der Sohn vom Schultes? Ein sozialer Beruf lag nahe, weil z.B. in der Katholischen Jungen Gemeinde engagiert, sozial eingestellt eben. Nein, er will Pantomime studieren! Nichts bringt ihn davon ab.
1991 bis 1995 studiert er Pantomime und Schauspiel an der Folkwang-Hochschule, heute Folkwang Universität der Künste. Sein Pro.gramm zur Abschlussprüfung „Abgeschminkt“ wird 2015 mit dem Baden-Württembergischen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

„Alle Pantomimen können schweigen, ich nicht!“ – so wird er ein Meister des Wortes, sei.ne Programme heißen denn also „Das gönn´ich euch!“, „Hoffnungslos optimistisch!“, „Alles ist nie genug!“, „Jeder ist ein Deutscher – fast überall!“, „Sie haben mich verdient!“ – da wird ein jeder neugierig: Die Würde des Menschen ist unantastbar – es lebe der Konjunktiv! Das Blatt vor dem Mund ist chancenlos, wie es in seinen Programmen heißt.
Es gibt Kabarettisten, die kommen gut im Fernsehen, Christoph Sieber live erleben über.trumpft seine Auftritte im Fernsehen – mit Sicherheit der Ausbildung in Pantomime und Schauspiel geschuldet.
Christoph Sieber, man könnte meinen, der Name sei Programm: Wahrheit von Lüge tren.nen, ein richtiger „Sieber“? Er wehrt sich gegen diese Schwarzmalerei: „Jeder beansprucht die Wahrheit und bezichtigt den andern der Lüge.“ Die Wahrheit ist vielschichtig – Sieber spricht in seinen Programmen die Wahrheiten an, die sonst weniger zur Sprache kommen und zwar so, dass man darüber lachen kann. Oder einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Die Herkunft nie verleugnet
Sprechen im Dialekt? Die Färbung ist heraus-hörbar: „Ich sehe keinen Grund, meine Herkunft zu verleugnen. Meine sprachliche Färbung ist auch schon dem Hessischen, dem Sächsischen und dem Holländischen zugeordnet worden. So gesehen bin ich ein Sprachentalent!“
Für Christoph Sieber ist es ein Geschenk, in der Provinz aufgewachsen zu sein. Das habe ihn geerdet, bei allen Erfolgen bleibt er so auf dem Teppich. „Ich bin aus der Provinz, ohne Entschul.digung.“
In der Heimat aufzutreten ist nach wie vor et.was Besonderes für ihn – man kennt sich, schaut sich an und denkt: Ganz schön alt geworden. Ob Hamburg, München oder Niedereschach – das mache letztlich keinen Unterschied: „Außer, dass Niedereschach natürlich nicht ganz so provinziell ist wie München oder Berlin.“
Der Schwarzwald, die Baar sind Heimat für den Kabarettisten von Welt – hier ist er ein

20 Jahre lebe, bin ich in zweiter Ehe verheiratet. Zum Glück musste ich mich dafür nicht vom Schwarzwald scheiden lassen.
Heimischer: „Mit Köln, wo ich jetzt schon fast 20 Jahre lebe, bin ich in zweiter Ehe verheiratet. Zum Glück musste ich mich dafür nicht vom Schwarzwald scheiden lassen“, unterstreicht der Künstler.
Der Vater Otto Sieber war 40 Jahre Bürgermeister in Niedereschach, die Politik hat Chris.toph Sieber somit hautnah erlebt. Da bleibt nicht viel Wahl: In die CDU eintreten oder in die Opposition gehen – Sieber hat sich für letzteres entschieden. Er war im Trachtenverein, Ober.ministrant, im Musikverein, hatte eine behü.tete Kindheit, Drogen und andere Sachen kein Thema – vom Messwein mal abgesehen. Mit Naivität an bestimmte Dinge heranzugehen, habe ihm am Anfang sehr genutzt: „Zum Panto.mimenstudium hätten sie mich wahrscheinlich nicht zugelassen, wenn ich nicht so unver-

Christoph Sieber 1994 als Schauspieler in „Die letzten Tage der Menschheit“ und 2017 in der ei.genen Late Night Show „Mann Sieber!“ im ZDF.
braucht gewesen wäre. Der Kulturschock war dafür natürlich umso heftiger.“ Die Neugier hat er sich bewahrt – bis heute ist diese eine seiner größten Antriebsfedern.
Die Großstadt braucht er nicht unbedingt, viele seiner Kolleginnen und Kollegen suchen die Ruhe in der Provinz. An Informationen ge.langt man schließlich übers Internet oder – man höre und staune – findet diese auch in einem Buch. Sieber „lebt gerne in der Großstadt, auch wenn ich gar nicht oft ausgehe. Zu wissen, dass ich es könnte, reicht mir schon.“
Straßentheater, Maskentheater, Clown – sehnt er sich nach den Anfängen? „Eher weni.ger. Ich bin froh, dass ich vorangekommen bin. Ich richte den Blick auf das, was noch kommen mag: Ein neues Bühnenprogramm oder eine neue Staffel von „Mann Sieber!“ Und Theater spielen wollte ich eigentlich auch mal wieder. Oder ich schreibe ein Buch oder laufe endlich mal einen Marathon. Straßentheater mache ich dann wieder mit 80. Oder ich werde halt doch noch Bürgermeister in Niedereschach. Und das ist durchaus als Drohung gemeint.“ Er ist halt ein echter Schwarzwald-Baar-Kreisler, der Christoph Sieber.
Simone Jung
Ihr Lebensmittelpunkt ist ein Museum
Es sind ihre quirligen braunen Locken, ein offener Blick und die Art, wie sie zugleich ruhig und aufgeweckt auf dem breiten Sofa sitzt, die Simone Jung zu einem interessanten Gegener machen. Sie spricht von Leidenschaft, von Weltoffenheit und von Zufriedenheit – schon nach kurzweiligen und manchmal auch atemlosen acht Jahren ist zu spen, dass Jung, die gebtig aus Kirchen/Sieg kommt, auf der Baar eine zweite Heimat gefunden hat.
Von Madlen Falke
E
s braucht nicht lange, um zu erfahren, dass ihr Dreh- und Angelpunkt ein ganz bestimmter Ort ist: Das Museum Art.Plus in Donaueschingen ist der Lebensmittelpunkt der 45-Jährigen. Sie leitet das Kunstmuseum, das von Kunstsammlerin Margit Biedermann gegründet wurde, von Beginn an. Ihre Kreativi.tät und Ideen sind in die Entstehung des Hauses mit eingeflossen.
Eine Aufgabe, die sie von der Staatsgale.rie Stuttgart in die Provinz gelockt hat? Jungs Augen verengen sich, ihre rechte Augenbraue zuckt kurz nach oben. Die Antwort lautet Ja und Nein. ‚Ja‘, die Aufgabe hat sie in die alte Residenzstadt Donaueschingen gebracht und ‚Nein‘, von Provinz will sie nichts wissen, denn als diese empfindet sie die Quellstadt im Quel.lenlandkreis keineswegs. „Ganz im Gegenteil sogar. Die Welt ist in dieser kleinen Stadt zu Gast – im Grunde sogar Tag für Tag“, gibt sie enthusiastisch ihre Eindrücke wieder. Nicht nur im Museum für zeitgenössische Kunst, sondern auch an der Donauquelle, beim Reitturnier, den Windhundtagen und nicht zuletzt bei den Donaueschinger Musiktagen. Die Stadt ist in den Augen der Museumsleiterin lebendig und mit einem ungewöhnlichen kulturellen Bewusstsein ausgestattet.

Mischung aus Weltoffenheit, Kultur.reichtum und der kleinstädtischen Übersichtlichkeit sorgen bei Simone Jung für Zufriedenheit.

Genau diese bunte Mischung aus Weltoffen.heit, Kulturreichtum und einer kleinstädtischen Übersichtlichkeit sorgen bei Simone Jung für Zufriedenheit. Es ist aber auch die Arbeit, die ganz spürbar ihre Leidenschaft ist. Ein ‚nine-tofive-job‘ ist undenkbar für die studierte Kunst.wissenschaftlerin. „Als das Museum noch in den Kinderschuhen steckte, waren die Tage lang
und aufregend. Das gehört dazu, auch wenn nicht mehr so intensiv wie zu Beginn. Denn Kunstvermittlung, die mir sehr am Herzen liegt, Netzwerke knüpfen und den Austausch suchen, das lässt sich nicht in ein starres Arbeitszeiten.modell pressen. Dazu gehört, dass ich auch zu unüblichen Zeiten arbeite“, erklärt Jung. Es ist die Leidenschaft für die Kunst, die Simone Jung antreibt.
Eine Passion, die sie nicht in die Wiege ge.legt bekommen, sondern vielmehr im Jugendal.ter entfaltet hat. Zunächst Grafik und Malerei wecken in ihr den Impuls nach einem eigenen künstlerischen Ausdruck. Fragen darüber, wie Bilder entstehen und was Bilder wollen, führen sie an die Philips-Universität nach Marburg. Dort studiert sie Kunstgeschichte, Medienwis.senschaft, Grafik/Malerei. In Karlsruhe geht sie an der Hochschule für Gestaltung in der Kunst.wissenschaft, Philosophie und Ästhetik sowie der Malerei den eigenen Fragen auf den Grund. Während des Studiums absolviert sie diverse Praktika in Museen, darunter auch die Natio.nalgalerie in Berlin. Das Studium schließt sie als Magistra der Kunstwissenschaft ab. Gleich da.nach folgt ein Stipendium an der Kunststiftung Baden-Württemberg in Stuttgart. Sie ist als Kuratorin und als freie Kunstwissenschaftlerin tätig und leitet schließlich den Kunstklub an der Staatsgalerie Stuttgart, bevor es sie in den Schwarzwald-Baar-Kreis verschlägt.

Es ist ihr Beruf, bei dem sie ihren Ideen Raum geben, ihre künstleri.sche Ader ausleben kann.
Ihrer Kreativität kann sie bis heute nach.kommen, allerdings nicht mehr selbst so häufig zum Pinsel greifen. Es ist ihr Beruf, bei dem sie ihren Ideen Raum geben, ihre künstlerische Ader ausleben kann. Denn solch ein Museum ist auch heute noch kein Selbstläufer, es muss weiter bekannt gemacht werden, es muss ge.worben werden, Vorurteile abgebaut und Türen geöffnet werden. Wie das gelingt, dazu hat Si.mone Jung viele Einfälle – von der Mittagspau.sen-Kurzführung, dem Kinderkunstworkshop, dem Abendangebot Art+Talk und vielem mehr. Die Möglichkeiten, die ihr dieses Museum bie.tet, sind so vielfältig, dass es Jung noch lange nicht langweilig werden dürfte. „Wir machen das, was wir gut finden. Wovon wir glauben, dass es die Menschen erreichen kann“, so die Museumsleiterin.

Wurzeln geschlagen
In der Stadt, in der sich die Donau auf ihre lange Reise begibt, fühlt sie sich angenommen. Das fiel der dynamischen Frau auch nicht besonders schwer. „Das liegt zum einen daran, dass man in dieser beruflichen Funktion in gewissem Ma.ße automatisch ein Stück in der Öffentlichkeit steht und deshalb auch schneller mit Menschen in Kontakt tritt, zum anderen hat das auch da.mit zu tun, dass es von Beginn an ein Ziel des Museums war, sich nach außen hin zu öffnen, zu kooperieren, Gemeinsames mit anderen zu schaffen. Wir wollten kein abgeschottetes, eli.täres Haus sein. Wir wollen uns in die Stadt ein.bringen“, erklärt die 45-Jährige. Das ist nicht nur dem Museum gelungen, das ist auch Simone Jung gelungen. So schlägt Jung nicht nur beruf.liche Wurzeln, auch im privaten Bereich haben sich Freundschaften zu echten ‚Eschingern‘ ge.bildet. Und auch die eigenen Mitarbeiter sorgen dafür, dass sich das kleine Museumsteam für Jung beinahe anfühlt wie eine große Familie. Wenn die Frau mal nicht am Schreibtisch sitzt oder durch die aktuellste Ausstellung führt, geht es bei Jung oft sportlich zu. Joggen, Wan.dern, Radfahren – alles, was sich in der Natur abspielt, ist für sie eine echte Freude.
Gerade in den ersten Jahren hat sie die Regi.on vor allem mit dem Rad erkundet. „Ich muss regelmäßig raus, Bewegung ist mir sehr wichtig. Als ich mich entscheiden musste, wo mich mein beruflicher Weg hinführen sollte, war auch ein Gedanke, etwas im sportlichen Bereich zu ma.chen“, erinnert sie sich. Den oberen Donaurad.weg nach Sigmaringen hat sie sich erst kürzlich

Simone Jung vor dem Museum Art.Plus – ihrer Wirkungsstätte.
vorgenommen. Denn gerade auch die Donau und der damit verbundene Zwist zwischen Furtwangen und Donaueschingen darüber, wo nun tatsächlich der zweitlängste Fluss Europas entspringt, faszinieren sie.
Und in der Region warten auf die Sport.begeisterte noch viele Möglichkeiten, um sich auszupowern, was es ihr noch einfacher macht, anzukommen und heimisch zu werden. Ruhe und Energie tankt sie auf einer Bank am Wal.desrand, wo diese sich genau befindet, will sie aber lieber für sich behalten. Es soll dort schließ.lich ruhig bleiben. Sich selbst beschreibt sie als „rechtshirnig“, sie sei eine eher emotional und intuitiv gesteuerte Person, die sich im berufli.chen Alltag jedoch soweit diszipliniert hat, dass Planung und Organisation selbstverständlich geworden sind.

Begeistert von Donaueschingen, von einer überaus interessanten Region
Beruflich schaut die Museumsleiterin auch ger.ne hin und wieder über den Tellerrand hinaus. So hat das Museum gemeinsam mit dem Rott.weiler Bildhauer Jürgen Knubben und anderen Kunsthäusern in der Region einen Führer mit dem Titel „Kunst der Gegenwart in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg“ veröffentlicht, der einen Überblick über die Museen und Kunstprojekte in der Region gibt. Dieser zeige auf, so Jung, wie interessant diese Region sei. Donaueschingen jedoch steche in Sachen Kunst und kulturellem Angebot aus ihrer Sicht her.aus. Und das meint die Museumsleiterin nicht allein wegen des Museums Art.Plus, sondern aufgrund des vielfältigen Angebots, das eben die Welt jedes Jahr aufs Neue nach Donaue-schingen bringe. Jung ist gewissermaßen zur Donaueschingerin geworden, das zeigt ihre Begeisterung für diese Stadt. Und der Stolz, den die Donaueschinger laut ihrer eigenen Einschät.zung hätten, schwingt auch in ihren Worten mit, wenn es um die Stadt geht.

Verwirklichung ihrer Ideen und Vorstellungen und nicht um Effizienz. Kunst machen heißt auch das Scheitern einzukalkulieren.
Was fasziniert Simone Jung an ihrem Beruf? „Es geht den Künstlern um die Verwirklichung ihrer Ideen und Vorstellungen und nicht um Effizienz. Kunst machen heißt auch das Schei.tern einzukalkulieren. Dazu benötigt es Aus.dauer, davor habe ich große Achtung. Etwas zu erschaffen, ohne vorher zu wissen, wie viel Anerkennung das Werk erhalten wird. Es geht einfach um die Sache, um das Tun. Jung schätzt auch den Kontakt zu den unterschiedlichsten Künstlern. „Wenn ich mich mit Künstlern treffe, hat das mittlerweile etwas Selbstverständliches, auf Augenhöhe. Das mag ich und dank meiner Arbeit habe ich ja auch sehr oft die Gelegenheit zum Austausch“, berichtet Jung. Und auch wenn sie viel Zeit am Schreibtisch verbringen müs.se, für die Weiterentwicklung des Hauses mit verantwortlich zu sein, ein Museum zu leiten, das sich auch in der Kunstvermittlung aktiv einbringt, das lässt es für Jung einen Traumjob sein.

In die Zukunft zu blicken, müsse aus ihrer Sicht auch stets mit einem Rückblick verbunden werden. „Dazu gehört zu reflektieren, was ist gut gelaufen, was haben die Menschen gut an.genommen. Denn gegenüber einem Museum bestehen immer noch Ängste und Vorurteile, deshalb wollen wir nicht nur Ausstellungen zeigen, sondern mit unseren Besuchern aktiv umgehen, mit ihnen im Austausch sein“, be.richtet sie. Dieses Museum empfindet Jung als einen Organismus, der sich weiterentwickelt und ständig im Fluss ist, was fast schon verhei.ßungsvoll klingt, wenn man die Lage des Hauses in direkter Nähe zur Donauquelle sieht – dem Fluss, der die Stadt weit über seine Stadtgrenzen hinweg bekannt macht.

Siegfried Kaltenbach
Ein Leben f den Skisport und den Wald
Vielleicht war es ja kein geringerer als Olympiasieger Georg Thoma, dem der Schonacher Scher und talentierte junge Skilangläufer Siegfried Kaltenbach nacheifern wollte, als in ihm die Idee reifte, Postler zu werden.
von Wolf Hockenjos
Geboren 1945 nur wenige Monate nach Kriegs.ende, begann für den vierzehnjährigen Siegfried Kaltenbach der Ernst des Berufslebens in Triberg als „Postjungbote“. Was bedeutete, dass das Briefeaustragen zunächst noch einher ging mit dem Besuch der Villinger Kaufmännischen Han.delsschule und der Postfachschule. Zwei Jahre später war er Postschaffner und damit Beamter auf Zeit. Das war schon mal was, denn daheim auf dem Wittenbachhof mussten viele Mäuler gestopft werden. 1957 war die Mutter plötzlich verstorben und sieben Kinder wollten versorgt sein. Die Post empfahl sich dem Schüler Sieg.fried nicht nur aus Versorgungsgründen: Sportler sahen sich dort gut aufgehoben, wie die Bei.spiele Georg Thoma, Oskar Burgbacher, Helmut Eschle oder auch Adolf Seger zeigten, allesamt Briefträger und zugleich national wie internati.onal erfolgreiche Sportgrößen – dank großzügi.ger Unterstützung durch den Arbeitgeber.
Die Entdeckung der Erholungsfunktion der Wälder und der Beginn der Langlaufbewegung
Und dennoch entschloss sich der Siebzehn.jährige plötzlich, den sicheren Postdienst zu quittieren und nochmals eine Lehre anzutreten: Er wechselte in den Waldarbeiterberuf. Was könnte es für Gründe dafür gegeben haben? Dass auch der „Gold-Jörgle“ schon mal im Wald gearbeitet hatte, der soeben in Squaw Valley die Goldmedaille in der Nordischen Kombination errungen hatte, konnte wohl nicht den Ausschlag gegeben haben für den überraschenden Schritt. Und die Waldberufe hatten sich bis dahin nicht eben als sonderlich sportfreundlich empfohlen: Imagepflege mit leistungssportlichen Aushängeschildern war der Forstverwaltung fremd, wo doch der Andrang in die Forstlaufbahnen den Personalbedarf bei weitem überstieg. Ein Lied davon konnte bereits Siegfrieds älterer Bruder Viktor singen, der es zum Forstwart gebracht hatte, auch er ein viel.versprechender Nachwuchslangläufer, der in der deutschen Spitze mithalten konnte. Doch mangels Unterstützung bei der Freistellung für Trainings- und Wettkampfaufenthalte hatte er sich gezwungen gesehen, seine Sportkarriere vorzeitig zu beenden.

Immerhin zeichnete sich bei der Forstpartie gerade ein Wandel ab: In den 1960er-Jahren hatte man die Erholungsfunktion der Wälder entdeckt, denn die Aktiverholungswelle war von den USA nach Deutschland herüber geschwappt. Es war die Zeit, als in den stadtnahen Wäldern allenthalben Trimm-dich-Pfade angelegt wurden. Nach Georg Thomas Olympiasieg waren Volksskiläufe und in deren Folge auch die Wintererholung in den Blickpunkt der Forstverwaltung gerückt: Skilanglauf war plötzlich kein Hinterwäldlersport mehr, er wurde jetzt zunemend auch von der städtischen Wohlstands.gesellschaft entdeckt. Und den winterlichen Ausdauersport galt es zu fördern, vorneweg der Volksgesundheit zuliebe, waren mit dem stei.genden Wohlstand doch auch die Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Mortalitätsstatistiken an die vorderste Stelle gerückt.

Erste Erfolge im Forstbiathlon und im Skilanglauf
Allein schon aus Gründen des Artenschutzes und der Jagd musste der neue Volkssport jedoch

Skilanglauf war plötzlich kein Hinter.wäldlersport mehr, er wurde jetzt zunehmend auch von der städtischen Wohlstandsgesellschaft entdeckt.

gesteuert, ja, von den Förstern mitgestaltet werden, schon um den im Winter besonders störungsanfälligen Wildtieren Stress zu erspa.ren. Mit Fördermitteln der Forstverwaltung und mit Know-how, das interessierten Forstbediens.teten zuvor in speziellen Lehrgängen vermittelt worden war, machte man sich daran, die ersten Langlaufzentren im Schwarzwald ins Leben zu rufen, so auf dem Thurner, auf der Martinska.pelle, auf dem Notschrei und am Belchen. Doch dabei hatte sich rasch herausgestellt: Skisport.licher Sachverstand, erst recht die Fitness des eigenen Personals, erforderten eine engere Ver.bundenheit mit dem Sport, tunlichst auch ein regelmäßiges Ausdauertraining. Dieses wieder.um bedurfte, vor allem für die körperlich schwer arbeitenden Waldarbeiter, einer zusätzlichen Triebfeder: des Wettkampfs.
Diese Erkenntnis, gewonnen auch aus skandinavischen Betriebssport-Beispielen, führte im Jahr 1969 auf dem Herzogenhorn zur Austragung der ersten internationalen Skiwettkämpfe für Förster, Waldarbeiter und Waldbesitzer. Abends, bei der Siegerehrung im traditionsreichen Todtnauer Ochsen, wo einst der erste deutsche Skiclub gegründet worden war, wurde als Sieger und Tagesschnellster des „Forstbiathlons“ (einer Kombination von Ski.langlauf und jagdlichem Kleinkaliberschießen) der Forstlehrling Siegfried Kaltenbach gefeiert. Der war in diesen Jahren auch sonst noch in der Loipe erfolgreich: als mehrfacher Deutscher Jugendmeister, Deutscher Juniorenmeister und als Schwarzwaldmeister im Skilanglauf.
Neunundvierzig Jahre nach jenen ersten Europäischen Forstlichen Nordischen Skiwett.kämpfen (EFNS) auf dem Herzogenhorn im Februar 2017 sollte sich die grüne Zunft im letti.schen Biathlonzentrum Madona messen, auch diesmal wieder mit über 600 Teilnehmern aus fast allen europäischen Nationen. Und wieder hieß der Sieger Siegfried Kaltenbach, aufgerückt derweil in die Klasse der über 70-Jährigen. Mit sei.ner famosen Klassenbestzeit hätte er freilich auch in den jüngeren Altersklassen noch Spitzenplätze belegt – so wie bei zahllosen Wettkämpfen in den Jahrzehnten zuvor. Nur die Haare auf dem Kopf und der Schnurrbart waren inzwischen grauer geworden, ansonsten rannte er noch immer wie ein Junger. Wetten, dass er auch im kommenden Winter im Südtiroler Antholz beim 50-jährigen Jubiläum der Veranstaltung wieder ganz vorne mitmischen und zugleich als Techni.scher Delegierter fungieren wird?
Gleichermaßen bewandert in Forst-, Sport- und Artenschutzfragen
Damals, anfangs der 1960er-Jahre, hatte der junge Hupfer seine Liebe zum Wald entdeckt, sodass ihm der Umstieg vom Postbeamten in den Waldarbeiterberuf und weiter in die Ausbildung für die mittlere Forstlaufbahn nicht schwerfiel. Den Beruf des Försters wollte er von der Pike auf erlernen, und so meisterte er 1971, nachdem auch der Wehrdienst noch absolviert war, die Forstwartprüfung. Als frischgebackener Forstwart versah er zunächst den Revierdienst im damaligen Forstbezirk Schönau, doch schon im Jahr darauf bewarb er sich, der besseren winterlichen Trainingsbedingungen wegen, um das Revier Katzensteig im Forstamt Furtwangen. Dass ihm der Absprung aus dem Wiesental in die Hochburg der mittelschwarzwälder Skilang.läufer so rasch und reibungslos gelang, verdank.te er nicht zuletzt einem gewichtigen Fürsprecher: dem damaligen Furtwangener Bürger.meister und Finanzausschussvorsitzenden Hans

Ob beim Bregtallauf (links unten), beim Interview mit Miriam Behringer oder bei den forstlichen Skiwett.kämpfen: Siegfried Kaltenbach ist auch heute noch mit Energie dabei.

Frank MdL. Dessen Wünschen mochte sich auch in der Forstverwaltung niemand verschließen. Überdies stand bei der Freiburger Forstdirektion ein personeller Wechsel an: Forstpräsident wurde Erwin Lauterwasser, im Ehrenamt alsbald Vizepräsident des Deutschen Skiverbands, der sich, noch als Todtnauer Forstamtsleiter, besonders um die forstlichen Skiwettkämpfe verdient gemacht hatte. „Was lag näher“, so schrieb Lau.terwasser zurückblickend als Vorsitzender des DSV-Umwelt-Beirats in seinem Leitfaden Ski.sport und Umwelt, „als dass die Forstverwaltun.gen … von vornherein versuchten, die Langläufer dorthin zu lenken, wo die Konfliktsituationen mit der Natur am geringsten erschienen, und somit gewährleisteten, dass genügend Ruhe- und Schutzbereiche verschont wurden.“ Gefragt waren da Forstbeamte vom Schlag des Katzen.steiger Revierleiters, gleichermaßen bewandert in Forst-, Sport- und Artenschutzfragen.
Forstberuf und ehrenamtliches Engagement im Einklang
Über 37 Jahre sollte Siegfried Kaltenbach schließlich das Forstrevier Katzensteig leiten; zu seinen Dienstaufgaben gehörte, auch noch nach etlichen Reformen, die Betreuung des Langlauf.zentrums auf der Martinskapelle. Inzwischen hatte er längst auch den Aufstieg von der mitt.leren in die gehobene Forstlaufbahn geschafft und darüber hinaus zahlreiche Sonderfunktio.nen übernommen: als Prüfer an der Gengenba.cher Waldarbeitsschule, als Maschineneinsatzleiter, als örtlicher Personalratsvorsitzender, als Mitglied des Bezirkspersonalrats bei der Frei.burger Forstdirektion wie auch als Mitglied des Landesvorstands der berufsständischen Orga.nisation des Bundes Deutscher Forstleute. Sieg.fried Kaltenbach schien es mühelos zu gelingen, Forstberuf und ehrenamtliches Engagement mit seinen sportlichen Ambitionen in Einklang zu bringen. Was in den 1960er-Jahren mit der Teilnahme an in- und ausländischen Trainings.lagern und Wettkampfreisen begonnen hatte, was sich sodann fortsetzte in regelmäßigem Fitnesstraining des Freizeitsportlers auf den Heim.loipen um die Martinskapelle, im Ehrenamt als

Winter wieder läuft und läuft, dass er im Weißenbachtal bei fehlendem Schnee die Schneekanone in Stellung bringt, wenn die Skiroller oder das Mountainbike vom Schneetraining abgelöst werden.

Funktionsträger im Schwarzwälder Skiverband und für den Schwarzwälder Skimarathon wie für die Arbeitsgemeinschaft Skiwanderwe.ge Schwarzwald e.V., als Organisator für das Langlaufzentrum auf der Martinskapelle, für die Biathlonanlage und deren Förderverein im Wei.ßenbachtal und für das Furtwanger Skiinternat (SKIF): All dies hinderte ihn nicht daran, seinen Beruf vorbildlich auszuüben – seine Energie schien unerschöpflich!
Bei so viel Tatkraft, bei so viel Liebe zum Beruf und zum Wald, mag es manchen Kol.legen überrascht haben, dass sich Siegfried Kaltenbach mit Dreiundsechzig in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete. Dass er einen gesundheitlichen Nackenschlag zu verkraften hatte, bekam kaum einer mit. Seiner Lauf- und Lebensfreude konnte die Erkrankung freilich nur kurzzeitig Abbruch tun, schon gar nicht seinem Engagement für den Schwarzwälder Skinach.wuchs. Mit eiserner Diätdisziplin und mit der ihm eigenen Energie war er im Winter 2008/09 schon wieder bei den forstlichen Skiwettkämpfen erfolgreich.
So verläuft denn der Ruhestand im Furtwan.ger Eigenheim und zusammen mit seiner Frau Ilona alles andere als ruhig: Klar, dass er auch im kommenden Winter wieder läuft und läuft, dass er im Weißenbachtal bei fehlendem Schnee die Schneekanone in Stellung bringt, wenn die Skiroller oder das Mountainbike vom Schneetraining abgelöst werden. Beste Aussichten mithin für einen weiterhin kurzweiligen wie er.füllten Lebensabend des sportiven, inzwischen Dreiundsiebzigjährigen.
Zählwerke kurz vor der Montage auf dem Prüfstand.
3. Kapitel – Wirtschaft

Von der Trompeter uhr zum Wasserzähler – die
E. WEHRLE GMBH
„Aus gutem Grund perfekt“ – Vor 175 Jahren als Musikwerke-und Uhrenfabrik in Furtwangen gegrdet
von Wilfried Dold

Präzision als Prinzip – von der Schwarzwalduhr zum Pionier beim Kunst.stoffspritzguss und Innovationsführer der

Die E. WEHRLE GMBH steuert nach sehr erfolg.reichen Jahren weiter auf Erfolgskurs: Das von Georg Herth in fünfter Generation inhaberge.führte Unternehmen erwartet im Jubiläumsjahr einen Umsatz von über 42 Mio. Euro, beschäftigt mehr als 280 Mitarbeiter und investierte am Stammsitz im Gewann „Auf dem Moos“ ca. sechs Mio. Euro in einen Erweiterungsbau und die Optimierung seiner Produktion. Die Familie Herth ist stolz darauf, dass Wehrle als weltweit renommierter Hersteller von Wasserzählern auch in Zukunft nahezu komplett am Standort Furtwangen und somit in Deutschland fertigt.
Eine Heirat als Gründungsimpuls
Die heutige E. WEHRLE GMBH ist aus der 1842 gegründeten Werkstatt für Spieluhren von Franz Xaver Wehrle (1819 – 1885), des „Wannen-Xaverie“, und der 1860 ins Leben gerufenen Uhrenfabri.kation von Emilian Wehrle (1832 – 1896) hervor.gegangen. Die Namensgleichheit ist zufällig. Anlass für den Zusammenschluss ist 1866 die Heirat von Emilian Wehrle mit Norma Wehrle, der Tochter von Franz Xaver Wehrle. Da der Markt für Musikwerke von Absatzkrisen heim.gesucht ist und die neuartigen Trompeteruhren von Emilian Wehrle eine gesicherte Zukunft ver-
Ein Orgelpositiv von Franz Xaver Wehrle aus dem Jahr 1862 ist im Furtwanger Museums Gasthaus Arche ausgestellt. Das Firmenschild über der Tastatur zeugt von zahlreichen Preisverleihungen, so auch bei der Weltausstellung 1851 in London.

heißen, firmiert das gemeinsame Unternehmen als „Trompeteruhrenfabrikation E. Wehrle & Comp“. Produziert wird in der Werkstatt von F. X. Wehrle, die in direkter Nachbarschaft zu der von Emilian Wehrle liegt. Franz Xaver Wehrle hat sein Anwesen im Schönenbacher Gewann „Auf dem Moos“ 1849 erworben. Das Grundstück grenzt unmittelbar an die Gemarkung von Furt.wangen. Die Nähe zur Uhrenstadt führt dazu, dass sich Wehrle stets als Furtwanger Firma ver.steht, wie auch Chronist Robert Siedle 1924 in seinem Buch „50 Jahre Furtwanger“ vermerkt. Er schreibt, der „Wannen-Xaverie“ gehöre zwar politisch zu Schönenbach, sei aber mit Leib und Seele ein Furtwanger.“
Der Spieluhrenmacher Franz Xaver Wehrle
Zukunft hat Herkunft – und die Herkunft der
E. WEHRLE GMBH ist auf geradezu einzigartige Weise dokumentiert: In großformatigen Haupt-, Cassa- und Kopierbü.chern sind über mehrere tausend Seiten hinweg sämtliche Geschäftsvor.gänge der Jahre 1842 bis ca.1930 verzeichnet. Die Familie Herth bewahrt die Geschäftsbücher in der früheren Wohnstube des Stammhauses auf, die heute als Archiv zur Familien- und Firmengeschichte dient. In feiner Handschrift hat der gelernte Musikuhrmacher Franz Xaver Wehrle darin das Da.tum der Firmengründung fest.gehalten, die am 1. Mai 1842 im Haus von Erlog Ganter in Furtwangen erfolgte. Zwischen 1842 und 1866 fertigt F. X. Wehrle hauptsächlich Musikwerke, Drehorgeln und Spieluhren. Die technisch und musikalisch herausragenden Produkte fin.den europaweit Abnehmer: Der Spieluhrenmacher liefert sie u.a. nach Russland, Frank.reich, Holland, England und in die nahe Schweiz. Goldene, silberne und bronzene Me.daillen, verliehen für Spieluhren und mechanische Musikinstrumente, die bei Gewerbeausstellungen ge.zeigt werden, bezeugen die Qualität seiner Arbeit.

Eine Geschäftsbezie.hung ist für die Entwicklung der Spieluhren-Werkstatt von besonderer Be.deutung: die mit Daniel Imhof, dem Inhaber der Orchestrionfabrik Imhof & Muckle“. Der gebürtige Langenbacher Franz Xaver Wehrle, Sohn eines Wagners, lernt den späteren Orche.strionfabrikanten in Furtwangen kennen. Dort absolviert Wehrle eine Lehre bei Martin Bles.sing. Daniel Imhof flüchtet 1848 im Zuge des Badischen Aufstandes als „Hecker-Freischärler“ nach London, entgeht so seiner Bestrafung für die aktive Revolutions-Teilnahme. Dort gründet er 1852 mit Leopold Muckle aus Furtwangen die Orchestrionfabrik „Imhof und Muckle“. Ein Briefwechsel dokumentiert über Jahre hinweg die Freundschaft und Geschäftsbeziehung der beiden Männer. F. X. Wehrle fertigt für Imhof & Muckle komplette Spieluhren und mehrfach Walzen für Orchestrien. Das sind Musikwerke, die ganze Musikkapellen imitieren.

Die mit Metallstiften versehenen Walzen sind das Herzstück eines Orchestrions, auf ihnen befinden sich die „Noten“ der Melodien – sie erzeugen die Töne, bringen das Instrument
Eine Trompeteruhr von Wehrle aus den 1860er-/1870er-Jahren, ausgeführt als Doppelbläser.
zum Spielen. F. X. Wehrle ist Spezialist für die komplizierte Walzen-Herstellung, die ne.ben großen handwerklichen
Fertigkeiten enormes musika.lisches Wissen verlangt. Solche Walzen befinden sich auch in den selbstspielenden Orgeln, die der Spieluhrenmacher fertigt. 1851 erhält er auf der Weltaus.
stellung in London für eine
Orgel mit vier Walzen eine „Ehrenerwähnung“. Die Weltausstellung besucht er
persönlich: Zusammen mit
dem Uhrengenius Lorenz Bob und namhaften Furt.wangern reist F. X. Wehrle
im Auftrag des Landes Ba.

den nach England, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schwarzwälder Uh.renindustrie zu ergründen und nach fortschritt.lichen Fertigungsmöglichkeiten Ausschau zu halten.
Franz Xaver Wehrle wirkt weit über sei.ne Werkstatt hinaus: 1847 gehört er zu den Mitbegründern des „Gewerbevereins für den uhrenmachenden Schwarzwald“. Und er ist ein begeisterter Sänger in den Reihen des 1838 gegründeten Gesangvereins Arion. Dieser steht zur Zeit des badischen Aufstandes von 1848 unter besonderer Beobachtung – wie auch Franz Xaver Wehrle selbst. 1856 erfolgt in des.sen Haus die Ausarbeitung neuer Statuten, die den Fortbestand des „revolutionären Vereins“ sicherstellen.
Umfirmierung und Trompeteruhren-Produktion
Franz Xaver Wehrle heiratet 1843 die Furtwan.gerin Sybilla Kuss. Aus der Ehe gehen sechs Kin.der hervor, zwei von ihnen, die Tochter Norma und der einzige Sohn Julian, stehen in enger
E. WEHRLE GMBH
Verbindung zur Firmengeschichte. Norma heiratet im August 1866 den Schönenbacher Uhrmacher Emilian Wehrle, der seit 1860 in der Nach.barschaft von F. X. Wehrle kunstvolle Kuckucks- und Trompeteruhren herstellt. Ihre Werk.stätten führen sie in der „Trompeteruhrenfabrikation E. Wehrle & Comp“ zusammen und konzentrieren sich auf die Herstellung von Spieluhren. F. X. Wehrle als Experte für den Bau von Musikwerken und Emilian Wehrle als genialer Uhrmacher – die Partnerschaft beginnt vielversprechend. Erfolg.reichstes Produkt ist die von Emilian Wehrle technisch entscheidend verbesserte Trompe.teruhr. Vor allem die enorme Laufruhe, die den Musikgenuss perfektioniert, wird vielfach gelobt. Bei dieser Uhrengattung setzt eine teils bewegliche Figur aus Holz zur vollen Stunde die Trompete an den Mund und bläst ein Jagdstück oder eine Melodie aus dem Alpenraum, wie ein Katalog aus dem Jahr 1866 die Funktionsweise beschreibt.
Großen Anklang finden weiter Sing.vögeluhren, die täuschend echt den Gesang der Nach.tigall nachahmen. Das Unternehmen erhält für seine Produkte weltweit Auszeichnungen. Medaillen werden Wehrle in London, Santiago, Sidney, Philadelphia, New York, Paris oder Ant.werpen verliehen.
Um ein Konkur.renzprodukt zur Ku-

Rechte Seite: Werbeblatt für Produkte der Trompe.teruhrenfarbik Wehrle, wohl Mitte der 1860er-Jahre.
ckucksuhr aufzubauen, bringen die Uhrmacher um 1885 mit der Hahnenschreiuhr eine eigene Erfindung auf den Markt und melden ihre Neu.heit zum Patent an. Der große Erfolg bleibt der Innovation jedoch versagt: Die Kuckucksuhr ist schon damals äußerst populär und nicht vom Thron zu stürzen. Zu dieser Zeit firmiert das Un.ternehmen als „E. Wehrle & Cie. in Furtwangen (Baden) – Trompeter-, Flöten- u. mech. Singvö.gel-Uhren-Fabrik.“
Die kunstvollen Spieluhren erfreuen heute eine weltweite Sammlergemeinde. Sie finden sich in Furtwangen selbst, so im Deutschen Uh.renmuseum und im Heimatmuseum „Arche“, wo mit einem Orgelpositiv aus dem Jahr 1862 auch ein Musikwerk von F. X. Wehrle ausgestellt ist. Und es existiert weltweit eine große Zahl von Privatsammlern, die sich vorzugsweise auf Auktionen mit den hochpreisig gehandelten Wehrle-Trompeteruhren eindecken. Im Internet finden sich auf Plattformen wie YouTube gleich Dutzende von Videoclips, die spielende Trompe.ter- und Singvogeluhren zeigen, von ihren Besit.zern liebevoll restauriert.
Pioniere und Tüftler – Fertigung mechanischer Laufwerke und elektrotechnischer Artikel
Als die Schwarzwälder Uhrenproduktion im Ge.folge von Wirtschaftskrisen und preisgünstiger Konkurrenzprodukte ins Stocken gerät, zeigt sich, dass der Familienbetrieb als reine Uhren.fabrik nicht überdauern kann. Wehrle versucht sich 1880 durch die Übernahme der Furtwanger Firma A. Zimber, die elektrotechnische Artikel herstellt, weiter durch die Fertigung von Addier.maschinen und automatischen Schaltern für Treppenhausbeleuchtungen, ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Es gelingt immerhin, den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.
Franz Xaver Wehrle stirbt 1885, sein Schwie.gersohn Emilian Wehrle 1896 – damit geht die große Zeit der Uhrenfabrikation unwillkürlich

Erwin und Elise Wehrle mit ihren Töchtern (v. links) Renate, Friedhilde und rechts Elfriede, die als Neunjährige im Rahmen der Kinderlandverschickung in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aufgenommen wurde. Gearbeitet wurde dort, wo man lebte, im auch als Fabrik dienenden Gebäude im Gewann „Auf dem Moos“ in Furtwangen, das nach und nach etliche Erweiterungen erfahren hat, aber noch heute bewohnt wird.
zu Ende. Die wirtschaftliche Situation ist denk.bar schlecht – die Kinder von Emilian Wehrle wandern nach Amerika aus, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Die einstige Uhren.fabrik geht nun an Julian Wehrle über. Dieser hatte ab 1859 bei seinem Vater Franz Xaver Wehrle eine fünfjährige Lehrzeit als Uhrmacher sowie Schreiner absolviert und die Furtwanger Musikschule besucht. Er wagt einen Vorstoß in neue Geschäftsfelder und steigt in die Fertigung mechanischer Laufwerke ein, wie sie in Gram.mophone oder bewegliche Reklamefiguren eingebaut werden. Sie ähneln einem mecha.nischen Uhrwerk – es gelingt, die Kompetenz aus der Uhrenfertigung auf neue Produkte zu übertragen.
Bestandteile-Fertigung für Wasserzähler
1923 übergibt Julian Wehrle das Unternehmen in die Hände seines jüngsten Sohnes Erwin Wehrle, der sich durch großes technisches Ver.ständnis und ungeheuren Fleiß auszeichnet. Er entwickelt ein zukunftsweisendes, neues Fabrikationsprogramm und beginnt um das Jahr 1930 mit der Herstellung von Bestandteilen für Wasserzähler. Seine Zahnräder und sonstigen Komponenten treiben den Fortschritt einer neu.en Zeit an: In ganz Europa wachsen die Städte, immer mehr Mietshäuser entstehen – damit explodiert der Bedarf an Wasseruhren.

In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre be.schäftigt Wehrle bereits 36 Mitarbeiter. Erwin Wehrle erzielt bei der Bearbeitung von Reinni.ckel, ein Material, das beim Wasserzählerbau zu dieser Zeit Vorschrift ist, enorme Fortschritte: Er erfindet „rotierende Büchsen“, die ihm die Verarbeitung von Reinnickel auf Automaten ermöglichen. Doch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zerstört diesen Wettbewerbsvorteil, nahezu alle männlichen Mitarbeiter müssen an die Front. Mit der Unterstützung von zugewie.senen 24 Ostarbeiterinnen produziert Wehrle jetzt wie alle Unternehmen in Deutschland für die Rüstungsmaschinerie der Nazis und stellt Ambossschrauben für Zünder her.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bringt der Familie auch im Alltag tiefgreifende Veränderungen. Um der Lebensmittelknapp.heit zu begegnen, werden Hühner, Ziegen und Hasen gehalten und auf einem nahen Acker Kartoffeln angepflanzt. Da es sich beim Gewann „Auf dem Moos“ um ein ehemaliges Moorge.biet handelt, beginnt die Familie damit, dort Torf zu stechen, ihn zu trocknen und als Brenn.stoff zu verwenden. Als die deutschen Groß.

In den 1950er-Jahren reichen die Räumlichkeiten nicht mehr aus, es folgt bei Wehrle ein Erweite.rungsbau auf den nächsten. Die Aufnahme zeigt das Unternehmen in den 1960er-Jahren.
städte immer verheerenderen Bombenangriffen ausgesetzt sind, bekommen die Töchter Renate und Friedhilde eine „Schwester“: Die neunjähri.ge Elfriede aus Bremen findet 1941 im Rahmen der Kinderlandverschickung in Furtwangen eine neue Heimat, lebt schließlich bis zu ihrem 19. Le.bensjahr bei den Wehrles.
Das Endes des Krieges im April 1945 wird durch die Demontage des Unternehmens über.schattet: Schweigend verfolgt Erwin Wehrle im Jahr 1945 den Abtransport nahezu sämtlicher Maschinen durch die französische Besatzungs.macht – sein Unternehmen steht vor dem Nichts.
Pionierleistungen beim Kunststoffspritzguss
Auf die Resignation folgt der Mut zum Neu.anfang – und dieser ist dank der verstärkten Hinwendung zum Kunststoffspritzguss wegwei.send. Bereits ab den 1940er-Jahren beschäftigt sich Erwin Wehrle mit der Erfindung einer ei.genen Spritzgießmaschine, die schließlich 1950 in Betrieb geht. Auch der Erfinder Max Braun (Gründer des Elektrogeräteherstellers Braun) ist von diesem Eigenbau begeistert, die beiden Männer sind befreundet. Max Braun ist bis zu seinem plötzlichen Tod im November 1951 mehr-

Die E. WEHRLE GMBH im Jahr 1976, wieder dokumen.tieren Neubauten das Wachstum. Das Furtwanger Unternehmen gilt längst als Spezialist für die Ferti.gung von Wasserzähler-Komponenten.
fach bei Wehrles zu Gast, mit dem Angler Erwin Wehrle geht er sonntags gerne zum Forellen-essen.
Gemeinsam sollen die beiden zudem die Technik der 1905 von Paul Schmidt erfundenen und später im Unternehmen von Max Braun in großem Stil produzierten Dynamo-Taschenlam.pe verbessert haben. Die Taschenlampe benö.tigt keine Batterien, die durch eine andauernde Handbewegung erzeugte Energie reicht für ihren Betrieb aus. Zur Zeit des Zweiten Welt.krieges und im Nachkriegsdeutschland ist diese Erfindung mit Blick auf den allgemeinen Strom.mangel stark gefragt.
Mit neuen Maschinen ausgestattet, wächst bei Wehrle die Produktion rasch – schon 1952 reichen die Räumlichkeiten nicht mehr aus. Das Wohnhaus bekommt einen ersten Erwei.terungsbau, 1954/55 entsteht ein Rundbau, der die Automatendreherei aufnimmt und den Wehrle bereits 1959 vergrößert. 1964 folgt eine eigene Halle für die Kunststoffspritzerei. Dar.an zeigt sich: Die Wehrle-Historie ist zugleich eine Geschichte der Kunststoffkompetenz, auf diesem Gebiet gelingen dem Unternehmen mehrfach Pionierleistungen. Zahnräder sind in den 1950er-Jahren die ersten Präzisionsteile, die aus Kunststoff entstehen. Der in der Branche als
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exzellent bekannte Wehrle-Werkzeugbau er-
Mehrstrahl-Nassläufer, ein Wasser.möglicht ständig weitere Ein- und Mehrkompo-zähler, der eine hohe Langlebigkeit nentenlösungen aus Kunststoff, so auch den vorweist. Spritzguss mit metallenen Einlegetei.len. Es folgen als weitere Innovation zweifarbig gespritzte Zahlenrollen.
stirbt 1971, die Geschäftsfüh-Produktion kompletter rung übernimmt formell Wasserzähler zunächst seine Witwe Elise – Die immer fortschritt-Eduard Herth hatte mittlerweile in lichere Wehrle-Pro-der Region ein erfolgreiches Immobilien.duktion und die starke büro aufgebaut.
Bautätigkeit im Nachkriegsdeutschland lassen den Absatz von Bestandteilen für Wasserzähler geradezu explodieren, deren Zählwerke ab 1960 komplett montiert ausgeliefert werden. Um 1965 beschäftigt das Unternehmen bereits an die 200 Mitarbeiter. Das ist mit das Verdienst von Schwiegersohn Eduard Herth, der 1959 nach der Heirat mit Friedhilde Wehrle in die kauf.männische Abteilung des Unternehmens ein.tritt, diese schließlich leitet und der 1961 zudem Kommanditist wird. Ihm gelingt es, den Vertrieb der Wasserzähler-Komponenten zu optimieren und neue Märkte zu erschließen. Erwin Wehrle

In Fritz Vosseler findet die Familie einen Kaufmännischen Leiter, der 1977 zum Ge.schäftsführer berufen wird. Unterstützt von Renate Wehrle leitet Fritz Vosseler in der Folge 31 Jahre das Unternehmen, maßgebende Ent.scheidungen fallen stets unter Einbeziehung des Familienbeirates. Meilensteine dieser Epo.che sind der verstärkte Ausbau der Produktion von technischen Präzisionsteilen zum zweiten Standbein, vor allem jedoch der Aufbau einer staatlich anerkannten Prüfstelle für Wasser- und Wärmezähler im Jahr 1981. Sie ist die Vo.raussetzung für den Einstieg in die Fertigung und den Vertrieb kompletter Wasserzähler, da diese amtlich geeicht sein müssen.

1997 kommt es zum Erwerb des Unterneh.mens G. BERNHARDT’s Söhne Ges.m.b.H, Wien, der Wehrle die Tür zum österreichischen Markt weit öffnet. Im Jahr 2000 erfolgt die Übernah.me der ANDRAE Wassertechnik GmbH in VS-Vil.lingen. Sie stärkt die Position des Furtwanger Unternehmens auf dem kommunalen Markt.
Im Jahr 2001 stirbt Renate Wehrle. Da sie unverheiratet und kinderlos bleibt, geht nach ihrem Tod das Unternehmen in den Besitz der Familie Herth über.
2002 tritt Georg Herth ins Unternehmen ein und fungiert ab 2004 zusammen mit Fritz Vosseler als Geschäftsführer. Zum Jahresende 2007 wechselt Fritz Vosseler in den Ruhestand – eine neue Ära bricht an.
Die E. WEHRLE GMBH im Jubiläumsjahr 2017 – das Unternehmen feiert sein 175-jähriges Bestehen. Spektakulär der mit blauen Fassadenelementen verkleidete Hallenanbau.

Die fünfte Generation: Geschäftsführer Georg Herth
Mit Georg Herth steht ab dem 1. Januar 2008 ein direkter Nachfahre von Firmengründer Franz Xa.ver Wehrle als alleiniger Geschäftsführer an der Spitze des Unternehmens – ein klares Bekennt.nis der Inhaberfamilie Herth zum Standort Furt.wangen. Der Geschäftsführende Gesellschafter: „Als mittelständisches Familienunternehmen mit Traditionswurzeln in Furtwangen bekennen wir uns damit zugleich zu unseren Mitarbeitern. Zu den Menschen, die entscheidend dazu bei.tragen, dass wir unsere Ziele erreichen.“
Zahlreiche bauliche und maschinentech.nische Investitionen unterstreichen diese Ab.sichtserklärung eindrucksvoll. 2009 baut Wehrle ein 900 Quadratmeter großes Hochregallager mit 1.540 Palettenplätzen. In den Jahren 2015 und 2016 wird ein spektakulär mit blaufarbenen Fassadenelementen verkleideter Hallenneubau realisiert. Auf 12.000 Quadratmeter Fläche sind dort über vier Etagen hinweg die Energiezentrale, Kunststoffspritzerei, Montage und Prüfstände, der Werkzeugbau sowie Büroräume angesiedelt. Gerade auch unter technologischen Aspekten wurde ein hochmodernes Gebäude realisiert.
WEFLOW heißt die neueste Generation intelligenter elektroni.scher Wasserzähler von
E.WEHRLE. Das integrier.te Funkmodul erlaubt die bequeme Fernauslesung. Die innovative Eigenent.wicklung ist seit Septem.ber 2017 erhältlich.

Wenn Georg Herth ausführt, dass es in Deutschland kaum ein Haus gibt, in dem sich nicht ein Wehrle-Produkt findet, dann hat er dabei nicht ausschließlich die Wasserzähler im Sinn, die rund drei Viertel der Produktion ausmachen. Mehr als 70 hochmoderne Spritz.gießmaschinen produzieren rund um die Uhr Präzisionsbauteile für verschiedenste Bran.chen. Ob Zahnräder, Schalterkomponenten für Automobile, Antriebsteile für elektrische Rasierapparate und Zahnbürsten, Getriebe für Küchenmaschinen oder Frontplatten mit hinter.spritzter Platine für EC-Karten-Lesegeräte: Das Traditionsunternehmen ist ein „Problemlöser“ und Hidden Champion, wie er im Buche steht. Die E. WEHRLE GMBH gilt seit Jahrzehnten als etablierter Zulieferer für die Automobil-, Elekt.ro- und Optische Industrie. Auch Produzenten von Haushalts- und Healthcare-Geräten sowie Hersteller luxuriöser Schreibgeräte vertrauen auf ihre Erzeugnisse.

Geschäftsführer Georg Herth: „Als Spezi.alist für hydraulische Durchflussmessgeräte verfügen wir über langjähriges Know-how. Wir beliefern weltweit marktführende Kunden der Wasserzählerindustrie: Ein- oder Mehrstrahl.zähler, Ringkolbenzähler, Messeinsätze oder kundenspezifische Applikationen – wir bieten zukunftsweisende Wasserzähler und -kompo.nenten, vorbereitet für Fernauslesung sowie Volumenmessteile für Wärmezähler in heraus.ragender Qualität“.

Georg Herth und Senior-Gesellschafter Eduard Herth (rechts). Georg Herth leitet die E. WEHRLE GMBH als Geschäftsführender Gesellschafter in fünfter Generation und hat sie technologisch hervorragend platziert.
Das mittelständische Unternehmen mit Wurzeln in der Uhrenindustrie ist technologisch führend – aber ebenso umwelttechnisch sowie beim sozialen und kulturellen Engagement glänzend aufgestellt. Vorbildlich ist das Energie.einsparkonzept. Georg Herth: „Zum Kühlen der Spritzgießmaschinen wird eigenes Brunnenwas.ser eingesetzt und die Abwärme der Produkti.onsanlagen dient Heizzwecken. Wir setzen in allen Bereichen auf modernste Systemtechnik, produzieren äußerst energieeffizient und leis.ten dank der lediglich noch auf Minimalniveau benötigten Energiemengen im Bereich Strom und Gas einen wesentlichen Beitrag zum Um.weltschutz.“

Sozial und kulturell enorm engagiert
Enorm ist das soziale Engagement. Bei Wehrle werden acht Schwerbehinderte beschäftigt, die über ihren Schwerbehinderten-Vertreter im Betriebsrat vertreten sind. Nur wenige regionale
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Unternehmen dieser Größe können eine derart hohe Behindertenquote vorweisen. Das Un.ternehmen unterstützt zudem einige Schulen, das Kinderhaus St. Elisabeth und den Verein Energiewende. Vom kulturellen Engagement profitieren das Deutsche Uhrenmuseum, die Furtwanger Bürgerstiftung, der FC 07 Furtwan.gen, die Sportfreunde Schönenbach sowie die Furtwanger Jugendfeuerwehr. Ebenso das Kin.der- und Jugendmuseum in Donaueschingen.
Und die Inhaberfamilie engagiert sich seit jeher auch politisch: Georg Herth gehört als Mitglied der Freien Wählervereinigung dem Furtwanger Gemeinderat an. Sein Großvater Erwin Wehrle wirkte in den 1960er-Jahren in Schönenbach als Gemeinderat und Bürger.meisterstellvertreter, nach ihm ist im heutigen Furtwanger Teilort auch eine Straße benannt. Mit Alois Herth kann Georg Herth auf einen Ur-Großvater verweisen, der Abgeordneter des Badischen Landtages und von 1903 bis 1919 Bürgermeister von Furtwangen war. Für seine Verdienste ernannte ihn die Stadt Furtwangen zum ersten Ehrenbürger. Der Stadtpark an der Friedrichstraße trägt seinen Namen.
Georg Herth: „Bedarf steigt weltweit“
Das Familienunternehmen E. WEHRLE GMBH sieht einer glänzenden Zukunft entgegen. Die 2013 gebildeten Business Units METERING 1 und METERING 2 sowie PRECISION PLASTICS sind die
Auch das Kinder- und Jugendmuseum Do.naueschingen profitiert vom kulturellen Enga.gement von Wehrle. Für das Museum haben Azubis eine Station reali.siert, an der Kinder spie.lerisch erkunden können, wie ein Wasserzähler funktioniert.

Grundpfeiler, auf denen Wehrle seit Jahrzehn.ten steht. Sie stellen sicher, dass Durchfluss.messgeräte für Wasser und Wärme, Dienstleis.tungen rund um das Thema Durchflussmessung sowie die Entwicklung und Produktion von Kunststoff-Präzisionsteilen auf höchstem Niveau die Marktposition weiter festigen und ausbauen helfen.
Der Bedarf an hochpräzisen Zählern, die fernausgelesen und in Systeme eingebunden werden können, steigt weltweit. Georg Herth ist überzeugt: „Unsere intelligenten Zähler werden sich im globalen Wettbewerb auch zukünftig hervorragend behaupten.“ Fortschritt und Inno.vation haben bei Wehrle eine 175-jährige Tradi.tion – das Unternehmen ist aus „gutem Grund perfekt“. Und das selbstverständlich am Stand.ort Furtwangen, „in der Stadt mit der einzigen Donauquelle“, schmunzelt Georg Herth.
Blick in die Wehrle-Produktion. Oben links: In der Konstruktion – Darstellung einer Verzugssimulation. Prüfung eines Werkzeuges (ob. rechts) und Mitte: Die Steine für die Lager der Zählwerke werden ge.setzt. Unten: Blick in eine offene Druckgusspresse und rechts vollautomatische Hydraulik-Montage für Einstrahlzähler.
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Der totraumfreie Küken.hahn ist für den sicheren Prozessablauf vor allem in der chemischen Industrie unverzichtbar. Hier ein Bild der Fertigung und eines Durchgang-Flanschhahns aus Edelstahl.

Start in Schonach
Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Jahr 1963 in Schonach: Dipl.-Ing. Gerhard Wisser, Vater des heutigen ge.schäftsführenden Gesellschafters Jörg Wisser, gründet die Firma mit seinem Studienkollegen Dipl.-Ing. Gernold Buck. Beide haben Maschinenbau studiert. Sie legen den Grundstein für eine erfolgreiche Entwicklung, die von Schonach über Triberg nach Mönchweiler führen wird. Anfangs noch ohne eigene Produktion, werden die konstruierten Produkte von Drittanbietern hergestellt.
Bereits 1965 läuft in angemieteten Räumen in Triberg die eigene Produktion an – auf 64 Quadratmetern und mit drei Mitarbeitern. Als einer der ersten großen Kunden bestellt das Kernforschungszentrum Karlsruhe gleich Hun.derte von totraumfreien Muffenhähnen. Das Büro befindet sich zu dieser Zeit weiterhin zu Hause bei Firmenchef Gerhard Wisser.

Das Vertriebskonzept von Gerhard Wisser geht auf – dank seines großen technischen Wis.sens löst er vielfach Probleme für Industriean.lagen. Er spezialisiert sich auf weichdichtende, totraumfreie Kükenhähne und auf Sonderlösun.gen. Zusammen mit den Kunden werden durch AZ neue Armaturentypen für wirtschaftlichere Produktionsanlagen entwickelt. Mit großem Erfolg: Nach nur zwei Jahren kann das erste eigene Betriebsgebäude in Schonach errichtet und bezogen werden.
Kontinuierliche Aufwärtsentwicklung
Der technische Fortschritt und die innovativen Lösungen, die AZ anbieten kann, begründen ei.ne kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. Einige Beispiele: Als elektrische Stellantriebe in der Chemieindustrie auf dem Rückzug sind, ent.wickelt Gerhard Wisser einen pneumatischen Antrieb. Bei den handbetriebenen Kükenhähnen bewältigt der ideenreiche Erfinder und Kon.strukteur die relativ hohen Drehmomente mit mehrstufigen Zahnradgetrieben.
Weitere Produktimpulse durch den Einsatz neuer Werkstoffe und innovativer Produkti.onsverfahren sind die Bausteine des Unterneh.menswachstums. So produzierte AZ Mitte der 1970er-Jahre als einer der ersten chemiekalien.beständige Kunststoffauskleidungen mit FEP- bzw. PFA im Transfer-Moul.ding-Verfahren. Auch verschiedene Patente, z.B. für Probenahmesysteme, unterstreichen das hohe Niveau der Entwicklung bei AZ.

Das Produktportfolio wird immer komplexer: Große Armaturen werden mit handbetätigten, offe.nen Schneckengetrieben ausgestattet, vermehrt kommen pneumatische Antriebe zum Einsatz. In der Kernkraftindustrie allerdings sind keine die.ser Stellantriebe erlaubt, so entwickelt AZ eigens einen elektrischen Stellantrieb. Immer wieder neu gründet der AZ-Erfolg auf der Tatsache, ein anerkannter Problemlöser zu sein. Das Quali.tätsmanagement wird früh fester Bestandteil in der Produktion, z.B. mit einem eigenem Röntgen-Labor zur zerstörungsfreien Material.prüfung, was maßgeblich die Produktsicherheit und -qualität erhöht.
Früh erkennt Gerhard Wisser die Notwen.digkeit der Internationalisierung. In Südafrika wird 1985 die erste Auslandsgesellschaft gegründet. 1995 folgt die Gründung von AZ Brasil.

Expansion in Mönchweiler
Die Produktionsfläche in Schonach kann mit dem Wachstum nicht mehr Schritt halten: Vorhandene Produk.tionshallen werden in Mönchweiler erworben und um ein modernes Verwaltungsgebäude erweitert – der Umzug erfolgt 1992. Auch der permanente Facharbei.termangel wird durch das größere Einzugsge.biet des neuen Stand.ortes entschärft.

Mit dem Umzug nach Mönchweiler ist für AZ-Armaturen auch ein Generationenwechsel verbunden: Mit Di.pl.-Ing. Jörg Wisser tritt 1992 der Sohn des Fir.mengründers in die Geschäftsführung ein, der ab 1993 schrittweise die Führung übernimmt. Die Geschicke der Unternehmensgruppe leitet Jörg Wisser mittlerweile seit mehr als zwei Jahr.zehnten.
Seit über 25 Jahren ist das Unternehmen nun am Stammsitz Mönchweiler erfolgreich – zweimal konnten bereits Erweiterungen vorge.nommen werden. Weltweit sind rund 450 Mit-

Der heutige Firmensitz in Mönchweiler nach der zweiten Erweiterung 2016.

Das Werk in Brasilien verfügt über eine Edelstahl-Gießerei für Feinguss.
Unten: Probenahmehahn für gefährliche und toxische Flüssigkeiten oder Feststoffe, Typ CONTIFLOW.

arbeiter beschäftigt, davon 120 in Mönchweiler. Der Exportanteil liegt bei ca. 62 Prozent, es wird in mehr als 80 Ländern der Welt geliefert. Zu.dem erfolgten in dieser Zeit zahlreiche weitere, wegweisende Schritte, so 2009 die Eröffnung des Werks in China.
Die verbesserten räumlichen Möglichkeiten bilden mit die Grundlage für den Aufstieg zu einer international agierenden Unternehmens.gruppe. AZ-Armaturen produziert aktuell in vier Werken, die in Mönchweiler, Brasilien, China und Südafrika angesiedelt sind. Hinzu kommen Gießereien in Schwäbisch Gmünd und Brasilien.
„Das Unternehmensmotto ‘Partner für höchste Ansprüche’ ist keine Worthülse. Wir wollen schnell, flexibel und kompetent sein“, so Geschäftsführer Jörg Wisser. Um Kunden.nähe zu demonstrieren und den Anspruch „Problemlöser“ zu dokumentieren, betreibt AZ mittlerweile weltweit 16 eigene Service-Nieder.lassungen. Dieser enge Draht zu den Kunden ist ein großer Pluspunkt und zeichnet das Fami.lienunternehmen aus. Jörg Wisser steht dafür persönlich zur Verfügung, wird bei Problemen häufig direkt kontaktiert. Der Geschäftsführer: „Auf dieser Basis entwickeln sich langjährige Partnerschaften.“
Totraumfreie Kükenhähne verhindern Rückstände jeder Art
Dass AZ-Kükenhähne totraumfrei und war.tungslos sind hat folgenden Vorteil: Aufgrund fehlender Leerräume in der Armatur – fachlich als Toträume bezeichnet – können sich zum Beispiel kristallisierende und polymerisierende Medien nicht festsetzen oder zurückbleiben. Produktverschmutzungen und ein Blockieren der Armatur sind ausgeschlossen. Die Indus.trieanlagen haben durch diese langlebigen Kükenhähne störungsfreie und hohe Anlagen.laufzeiten.
Auf AZ-Armaturen vertrauen die Ingenieure außerdem immer dann, wenn höchste Zuver.lässigkeit gefragt ist. Das Unternehmen gehört zu den Pionieren, wenn es auf diese Eigenschaft ankommt. Die Dichtheit hat eine elementare Bedeutung, wenn hoch korrosive, aggressive oder toxische Medien zum Einsatz kommen. Höchste Beständigkeit von den langlebigen und robusteren Kükenhähnen ist der größte Vorteil gegenüber anderen Armaturentypen. Die Pro.dukte werden fast immer unter Extrembedin.gungen eingesetzt – extreme Temperaturen, extremer Druck und/oder aggressive Säuren gehören dazu.
Diese Anforderungen verlangen Erfahrung und Präzision. AZ hat die Qualität seit nunmehr über 54 Jahren perfekt im Griff, zählt zum Kreis der weltweiten Marktführer. Oft setzt sich das
Oben: Kükenhahn mit gegossenem Heizmantel zur Tem.perierung des Mediums, z.B. flüssiger Schwefel, Typ HM.
Mitte: Absperrarmatur DN400 für Kerosinbetankung an Flughäfen, Typ DBI.
Unten: Drei-Wege-Blockhahn aus Hastelloy für flüssiges Phosgen mit s.g. Schnüffelports an Schaft, Flansch und Armaturendeckel zum detektieren von Undichtigkeiten, Typ MB-3.

Unternehmen mit seinen kundenspezifischen Lösungen gegen konzerngeführte Konkurrenten durch. Auch mit größeren Durchmessern bis DN600/24“ sowie höheren Drücken bis 160 bar und innovativen Produktentwicklungen reagiert man auf die steigenden Anforderungen. Die ho.he Kompetenz von AZ unterstreicht im Jahr 2012
u.a. die Herstellung des bislang weltgrößten weichdichtenden Kükenhahns für ein Projekt in Indien mit einem vollrundem Durchgang von 600 mm Durchmesser.
Das umfassende Programm an metallischen Kükenhähnen, Schaugläsern sowie ausgeklei.deten Küken-/Kugelhähne, Klappen, Filter, und Rückschlagventilen ist „nur“ ein Teil des Produktportfolios. Insbesondere die Systeman.gebote für Probenahmestationen, Regelhähne, Automatisationen und umfangreiche Sonderan.fertigungen sind aktuelle Verkaufsschwerpunk.te. Seine Produkte vertreibt das Unternehmen stets selbst. „Wir haben den Vertrieb in eigener Hand“, so Geschäftsführer Jörg Wisser. Auch aus diesem Grund strickt AZ ein enges Netz an Service-Niederlassungen. Durch die Globalisie.rung kommt es sehr auf dieses internationale Netzwerk an.
Höchste Präzisionsarbeit
Die Techniker von AZ-Armaturen sind daran gewöhnt, dass nicht selten Präzisionsarbeit im Eiltempo gefragt ist. Kommt es bei einem Unternehmen zu einem Problem, gar einem An.lagenstillstand, muss schnell Abhilfe geleistet werden. „Die Herausforderungen bleiben und werden nicht weniger“, unterstreicht Jörg Wis.ser. Immer wieder legen die Kunden ganze Pro.duktionsanlagen still, um sie überholen zu las.sen. Dann schlägt die Stunde der AZ-Techniker: Jede Armatur wird überprüft, im Zweifelsfall ausgetauscht, um den reibungslosen Anlagen.betrieb sicherzustellen. Jeder Produktionsaus.fall der Industrieanlage bedeutet einen hohen finanziellen Schaden – bei Genauigkeit und Qualität können keinerlei Abstriche gemacht werden.

Gute Infrastruktur
Über dieses Vertrauen im Zusammenspiel mit der technischen Kompetenz schafft es AZ, sich auf dem Weltmarkt mit Nachdruck zu behaup.ten. Dass das Mönchweiler Unternehmen zwar international tätig ist, aber eben nicht von einer anonymen Investorengruppe geführt wird, sei der große Vorteil. Jörg Wisser: „AZ setzt sehr auf Nachhaltigkeit. Nur mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Produkte und den inten.siven Kundenbeziehungen wird man Partner für höchste Ansprüche.“
Das mündet auch in einer engen Verbun.denheit zur Heimat und zur ganzen Region. „Die hohe Lebensqualität und die sichere Umgebung in der wir leben und produzieren können schät.ze ich sehr“, sagt der geschäftsführende Gesell.schafter. In Mönchweiler verfüge das Unterneh.men über eine gute Infrastruktur.

Am 27. August 2015 verstirbt im Alter von 83 Jahren in seinem Heimatort Schonach der Fir.mengründer Gerhard Wisser. Im Nachruf heißt es: „Seine Leidenschaft galt der Technik, sein Po.tenzial war die Analyse von Problemen und de.ren Lösung in langlebige Produkte. Wichtig war ihm dabei immer der ganzheitliche Ansatz: Mit Erfindergeist wurden schon früh die Armaturen mit langlebigen Antrieben kombiniert oder mit neuen Werkstoffen experimentiert.“
Diese kundennahe Umsetzung von Inge.nieursleistungen in komplexe Modulsysteme ist noch heute das Leitmotiv der AZ-Firmen.gruppe, deren Zukunft gesichert ist: Die dritte Generation steht zur Übernahme zukünftiger Herausforderungen bereit, so Jörg Wisser, Vater von fünf Kindern. „Wir möchten für unsere Kun.den kompetenter Ansprechpartner für höchste Ansprüche bleiben. Die von meinem Vater be.gonnene Produktpolitik haben wir konsequent weitergeführt.“ Womit der Geschäftsführer un.terstreicht: AZ ist und bleibt Spezialist für tech.nisch anspruchsvolle Sonderarmaturen – liefert höchste Qualität.

Durch die vielfältigen Gehäuseformen, Armaturausführungen sowie kleinen Losgrößen pro Auftrag ist eine Fertigung mit hohem Automatisationgrad kaum möglich – sorgfältige Handarbeit von Spe.zialisten ist in vielen Produktionsschritten gefragt.
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Der Blick in jede Stadtkulisse dokumentiert es: Keine andere Errungenschaft des modernen Lebens ist im öffentlichen Bild ebenso präsent und selbstverständlich wie das Auto. Segen und Fluch gleichermaßen ist dieses Vehikel. Unter allen Konsumgütern ist es vielen Menschen das wertvollste. Auf keinen Fall möchte man darauf verzichten, auch wenn diese Mobilität den Men.schen in der Großstadt buchstäblich stinkt.
Folglich nimmt auch jene Adresse in der regionalen Wirtschaft eine Sonderstellung ein, an der die Fahrzeuge auf die Straße rollen. Nirgendwo sonst im Schwarzwald-Baar-Kreis ist das so oft der Fall wie beim Mercedes-Auto.haus Südstern-Bölle. Das mit seiner Zentrale an Donaueschingens Dürrheimer Straße 12 residie.rende Handels- und Servicehaus, welches für den Stuttgarter Stern-Konzern die drei Landkrei.se Schwarzwald-Baar, Hochrhein und Konstanz mit schwäbischer Mobilität versorgt, hält den Rekord: Jährlich rollen vom Hauptsitz in der Baar-Stadt und den Niederlassungen in Villin.gen, Schwenningen, Titisee-Neustadt, Walds.hut, Singen und Konstanz 1.300 neue, 2.200 gebrauchte Pkw, 240 Lkw und weit mehr als tausend Transporter auf die Straßen. 5.000 Fahr.zeuge also münden bei diesem Stapellauf zum Asphalt in den Gebrauch – ein Strom, der jetzt gerade einen markanten Jubiläums-Meilenstein passierte: Vor hundert Jahren wurde diese Quel.le in der Quellstadt erschlossen. Damals grün.dete der Donaueschinger Kaufmann Carl Honer an der Josefstraße sein Unternehmen, das die Wurzel der heutigen Aktiengesellschaft ist.

Carl Theodor Honer hatte im Jahr 1867 die Firma Fabrikation und Vertrieb von Stahlwaren in Spaichingen gegründet, deren Sitz im Jahr 1879 in die Josefstraße in Donaueschingen verlegt wurde. 1916 schloss Carl Theodor Honer einen ersten Händlervertrag mit Daimler-Benz ab – eine weitsichtige Entscheidung.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Betriebs.gelände durch Bombenangriffe schwer beschä.digt. Nach dem Kriegsende stand der Wieder.aufbau an. 1969 wurde eine neue Werkstatt in der Dürrheimer Straße gebaut. 1970 folgte dann das neue Verwaltungsgebäude.
Einer der ersten Vertragspartner von Daimler
Selbst für den Stuttgarter Weltkonzern schrieb der längst verstorbene „C. Honer“ Geschichte. Der knorrige Baaremer war einer der ersten Ver.tragspartner der schwäbischen Autofabrik. Und während das Unternehmen inzwischen in einer ganz anderen Liga als einst spielt und in jeder

Das Autohaus Honer am Stammsitz in der Donaueschinger Josefstraße, wohl 1920er-Jahre. Südstern-Bölle am Standort VS-Villingen.

Die beiden Geschäftsführer Johann Bucher und Willi Maurer-Spitznagel (v. links) leiten Südstern-Bölle in Donaueschingen.
Hinsicht reformiert, saniert, expandiert und in seiner Philosophie neu justiert ist – ein Relikt erinnert dann doch noch an die vergangene Epoche. Im Büro des Vorstandes Johann Bucher hat C. Honers Besprechungstisch überlebt – als Requisit aus lackiertem braunem Holz und Hosenboden-poliertem Glattleder, das in der Nachbarschaft zum modernen Arbeitsplatz-In.terieur den Gezeitenwechsel antiquarisch doku.mentiert.
Heute ist die Baaremer Südstern-Bölle AG + Co. KG trotz der enorm prosperierenden Kollegen in Ballungszentren weiter nach oben gerankt in der Größen-Statistik der 89 deut.schen Sterne-Händler. Auf Platz 13 rangiert das Unternehmen, das von Donaueschingen aus seine Geschäfte steuert. Unter der Leitung des Stammsitz-Vorstandes Johann Bucher und seines Waldshuter Chef-Kollegen Willi Maurer-Spitznagel, die gemeinsam 1998 das Eigentümer-Erbe der havarierten Firma Honer übernommen hatten, stehen inzwischen 520 Mitarbeiter, darunter 75 Lehrlinge, auf den Gehaltslisten. 120 von ihnen in dem modernen Firmenkomplex in Donaueschingens Stadtzen.trum. Das Vorstands-Büro Johann Buchers, die kaufmännische Leitung, die Verkaufsleitung für Nutzfahrzeuge und die Serviceleitung, als die Steuerung der Werkstätten sind hier angesie.delt. In Waldshut-Tiengen residiert der zweite Vorstand Willi Maurer-Spitznagel. Von Singen aus wird der Verkauf neuer und gebrauchter Personenwagen gemanagt.

Dass sich im Laufe der vergangenen Jahr.zehnten die einst selbstständigen Firmen wie die Rheinbrück-Garage am Hochrhein, Bürk
S
üdstern-Bölle sorgt für Mobilität durch Kraftfahrzeuge. Aber von der Aktienge.sellschaft mit Sitz in Donaueschingen gibt es auch eine verwandtschaftliche Beziehung zu einem anderen Unternehmen mit Sitz im Schwarzwald-Baar-Kreis, das auch noch auf an.dere Weise für Mobilität sorgt. Der Vorstand der Südstern-Bölle AG, Johann Bucher, sitzt eben.falls am Firmensteuer des im Südwesten bedeu.tenden Händlers und Produzenten von Schmier.stoffen, Mineralölen und Dienstleistungen für die Industrie auf diesem Branchen-Terrain. In Personalunion ist der 65-jährige Unternehmer auch Geschäftsführender Gesellschafter der Bürk-Kauffmann GmbH in VS-Schwenningen, teilt sich diese Rolle mit seinem 35-jährigen Sohn Dominik und weiteren angestellten Chefs. Mit einem wortlosen und doch vielsagenden Schmunzeln antwortet Johann Bucher auf die ihm immer wieder angeheftete Frage, wie diese Doppelbelastung in Chefsesseln zu bewältigen sei – zumal es da auch noch etliche ehrenamt.lichen Rollen und Leidenschaften gibt wie etwa im national agierenden „Senat der Wirtschaft“, in der Vollversammlung der IHK, im Lions-Club
und Görlacher in Villingen und Schwenningen, Honer in Donaueschingen, 2008 der große Nachbar Bölle aus Singen und Konstanz und 2003 schon die Titiseer Firma Schmidt zu ei.nem einzigen Unternehmen legierten, das lag an dem Credo des Stuttgarter Konzerns. „Dort drängt man auf größere Einheiten im Handels- und Servicenetz“, erklärt Bucher. Nur so – heißt die Botschaft – könnten die Anforderungen des Marktes und moderne Steuerungsmechanis.men funktionieren.
Menge macht’s also. Und so schreibt heute das Unternehmen, das der Stadt Donaueschin.gen ein wichtiges Moment wirtschaftlicher Zentralität im Südwesten verschafft, auch be.eindruckende Leistungsdaten. Aus den einst 30 Millionen D-Mark Umsatz, den die damaligen Geschäftsführer Bucher und Maurer-Spitznagel 1998 von der Firma Honer übernahmen, sind inzwischen 240 Millionen Euro geworden. Und in den Bestell-Katalogen, wo einst gerade ein-oder im Pferdesattel. Denn bei Bürk-Kauffmann fordert ein florierendes und ständig dehnendes Geschäft doch ebenso wie beim Mercedes-Haus viel Präsenz und Einsatz. Schließlich stehen dort auf 32.000 Quadratmetern Firmenareal an der Schwenninger Neufenstraße 25, in einigen De.pendancen und bei den Tochterfirmen Mowag

Firmen-Verwandtschaft zur Bürk-Kauffmann GmbH
in Lauchingen und Gaiser in Oberndorf mehr als 120 Menschen auf der Gehaltsliste. Spezia.listen für den Handel und die Herstellung von Schmierstoffen für die industrielle Metallbear.beitung und Zerspanung, für den motorischen Einsatz sind es.
Außerdem betreibt das 120 Jahre alte Un.ternehmen 43 Dieseltankstellen, handelt mit Strom, Gas und freilich Heizöl, wo man zu ei.nem der großen Anbieter im Südwesten aufge.stiegen ist.
mal ein halbes Dutzend verschiedener Modelle gelistet waren, hat der Kunde „heute die Wahl zwischen 38 verschiedenen Modellen“, wie der Vorstand erklärt. Auf 450.000 Euro lautete kürz.lich die höchste Rechnung, die Südstern-Bölle einem Kunden für einen luxuriösen Pkw – einen Geländewagen G 6×6 – ausstellte. Am anderen Ende des Angebotsspektrums stehen die Fe.dergewichtsflitzer der Marke Smart, auf deren Verkauf und Service sich die Dependancen in Villingen und Singen spezialisiert haben.
Tiefgreifende Veränderungen
So sehr man sich nach der Wegmarke des hun.dertjährigen Bestehens der Tradition bewusst ist, so sehr hat die nicht börsennotierte Aktien.gesellschaft die enormen Anforderungen und Aufgaben eines sich gerade in nächster Zukunft epochal verändernden Geschäfts im Blick. Der Paradigmenwechsel der Mobilität weg vom al.

Am Standort Donaueschingen beschäftigt Südstern-Bölle rund 120 Mitarbeiter, darunter etliche Auszubildende.
leine den Markt beherrschenden Verbrennungs.motor hin zu Elektro- und anderen Antrieben ist eine der großen Herausforderungen. Auch durch die starke Vernetzung oder Digitalisierung und die Ablösung des Fahrers in seiner Pilotenrolle durch die Steuerungstechnologie werde sich der Alltag in den Werkstätten oder auch beim Handel mit Fahrzeugen tiefgreifend verändern. „In Zukunft meldet das Auto der Werkstatt automatisch, wenn der Motor ein Problem hat oder die Bremsbeläge verschlissen sind“, erklärt Firmenchef Johann Bucher. Und die Werkstät.ten bekommen immer häufiger Hybridmotoren, Elektroantriebe oder komplexe Komfort-Featu.res vorgesetzt. Aus dem Automechaniker alter Prägung ist heute schon der interdisziplinär ausgebildete Mechatroniker geworden, der viel qualifizierter sein muss als der akademische In.genieur vor zwei Jahrzehnten.
In besonderer Weise werden schon jetzt und noch mehr in Zukunft die Service-Leistungen bei jenen Kunden zum wichtigen Leistungs-Parameter, bei denen mit den Fahrzeugen ganz direkt Geld verdient wird. Bei Transportern oder Lastfahrzeugen zum Beispiel bedeutet jede Stunde, die das Fahrzeug in der Werkstatt pau.sieren muss, verlorenes Geld. Also warten die Fachleute des Lkw-Service von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr am Abend auf die Brummi-Patienten.

Mit der Region eng verbunden
Nicht nur in den Handels- und Technik-Diszipli.nen und als Arbeitgeber ist das Unternehmen eine „große Nummer“ der regionalen Volkswirt.schaft – auch auf der Landkarte gesellschaft.licher Strukturen oder als Mäzen und Sponsor wird neben regionalen Banken Südstern-Bölle so häufig bemüht und genannt wie wohl kein anderes Unternehmen dieser Landschaft. Vereine, Reitturniere und andere sportliche, musische oder kulturelle Akteure, aber auch caritative Adressen, nähren sich an dem Selbst.verständnis der Südstern-Bölle-Chefetage, die Verbundenheit mit der Region durch so manch generöse Geste zu demonstrieren. Und im Falle Südstern-Bölle ist der im Donaueschinger Stadt.bild exponierte gläserne Karton der Ausstel.lungshalle schon häufig zum Stadthallen-Ersatz geworden.
Also ist Südstern-Bölle in vielfacher Hinsicht von der Werkstatt zur Bühne mutiert. Zum Podium eines Unternehmens, auf dem sich schicksalhafte Zufälle wie der Niedergang der Alteigentümer mit dem entschlossenen Fort.schrittswillen der Gegenwart die Hauptrolle teilen.

Die gläserne Ausstellungshalle von Südstern-Bölle ist nicht nur Show- und Verkaufsraum, sondern oft auch ein Ort für Events jeder Art – auf dem Bild oben ist es die Vorstellung neuer Automodelle.

H
ans Dhonau ist bereit. Er setzt beherzt seine graue Mütze auf, rückt seinen Gürtel zurecht, in den er die Arbeits.handschuhe geklemmt hat, und stiefelt los, raus aus seinem Büro. Er macht sich auf den Weg hinein in das Herz seines Betriebs. „Willkom.men in der Vorhölle“, scherzt er grinsend und mit jeder Menge Schalk im Nacken, während er den Aufzugsknopf drückt und mit dem Besuch hineinfährt in die Produktionshallen der letzten im Schwarzwald-Baar-Kreis verbliebenen Eisen.gießerei.
Eine der letzten ihrer Art
Seit 36 Jahren ist der Gießerei-Ingenieur Inhaber des Betriebs. 1981 im November kam der aus dem Hunsrück in Rheinland-Pfalz stammende, damals 41-jährige Fachmann, der bis dato Leiter der Gießerei Siempelkamp in Krefeld gewesen war, im Schwarzwald an. Hier wollte er sich die ehemalige Gießerei Werneth genauer anschauen. Um die war es

Der Unternehmer misst nach: Hans Dhonau ist täglich in der Fabrikation anzutreffen.
allerdings alles andere als gut bestellt. Im Mai 1981 war der Betrieb in Konkurs gegangen, 55 Mitarbeiter standen auf der Straße. „Dann kam ich und hab‘ die Ruine gekauft. Ich war der Einzige, der hier noch Geld reinsteckte. In ganz Süddeutschland hat man mich Idiot genannt“, sagt Hans Dhonau, sich zurückerinnernd. Der Familienvater von zwei Kindern hatte derweil den unumstößlichen Entschluss gefasst, sich selbstständig zu machen. „Ich war das Angestelltenleben einfach leid“, sagt er im Rückblick. Zuletzt hatte er ein eigenes Verfahren entwickelt und war sich sicher: Wenn man sich in Schonachbach auf Handformguss konzentrieren würde, könnte man einen idealen Fertigungsfluss erreichen. Spezialisierte Produkte – das war die Zukunft, die er mit „Elan, Erfahrung und ehrgeizigen Plänen“ angehen wollte, so schrieben es damals die örtlichen Zeitungen.
Die Arbeit wurde also wieder aufgenom.men. „Wir waren sehr schlecht eingerichtet, der Anfang war ganz furchtbar hier“, sagt Dhonau und verzieht beim Gedanken daran mit deutlich erkennbarem Erschaudern das Gesicht. Von den zuvor gekündigten Mitarbeitern wurden zunächst zehn wieder eingestellt. Im ersten Jahr verlor der neue Firmenchef so viel Geld, wie er bis dato in seinem ganzen Leben verdient hatte; ab dem dritten Jahr sei das Ganze profitabel geworden und „danach haben wir nie mehr rot geschrieben“, erzählt er und über sein Gesicht geht wieder ein Grinsen, diesmal ein sehr brei.tes, sehr stolzes – ein kleiner, später Gruß an alle jene, die ihm das seinerzeit nicht zugetraut hatten.
Seither hat Dhonau einen treuen, verlässli.chen Kundenstamm aufgebaut. Auf sehr vielen der Modelle prangt der Name Arburg. Der Ma.schinenbauer aus Loßburg im Kreis Freuden.stadt ist der größte Kunde der Gießerei. Weitere Abnehmer sind zum Beispiel der Antriebsspe.zialist SEW Eurodrive in Bruchsal, die Spritz.

Firmenansicht von oben, unschwer erkennbar ist die schwierige topografische Lage.
gussmaschinenbauer Engel aus Österreich oder Netstal im schweizerischen Glarus, die Heller GmbH in Nürtingen, die vorwiegend CNC-Fräs.maschinen baut, der Baumaschinenriese Lieb.herr oder Krauss Maffei mit Sitz in München. Auch die J. G. Weisser Maschinenfabrik in St.Ge.orgen vertraut auf Dhonau-Produkte. Deren Geschäftsführer Thorsten Rettich verweist bei seinen eigenen Firmenrundgängen dann auch schon gern mal auf das Unternehmen im Nach.barort und erklärt, dass er dieses für „eine der besten Gießereien Deutschlands hält“ – sehr zur Freude von Hans Dhonau natürlich.
Für all diese Kunden produziert er die unter.schiedlichsten Gussstücke, vom Schwenkteil für Werkzeugmaschinen über Verriegelungszylin.der für Kunststoffspritzguss-Maschinen bis zu Teilen für Buchdruckmaschinen zum Beispiel.
Bei Dreck wird der Chef fuchsteufelswild
Und wie sieht es nun heute in der Fabrik aus? Vorhölle, wie angekündigt? Ort des Grauens? Finstere Männer mit rußgeschwärzten Gesich.tern, die sich ihren Buckel in dunklen, zugigen Hallen krummschaffen müssen, in denen man knietief im Dreck steht und die eigene Hand vor Augen kaum sieht? In denen man die Hitze inmitten von Feuer und Funken schier nicht aus.hält und in denen angesichts tonnenschweren Arbeitsgerätes obendrein noch ohrenbetäuben.der Lärm herrscht? Ja, dieses Image hält sich hartnäckig und andernorts in ähnlichen Betrie.ben mag es unter Umständen auch manchmal noch so oder so ähnlich zugehen. Bei Dhonau aber: Fehlanzeige. Das auf sehr beachtliche Größe entlang des Bachlaufs regelrecht um die Kurve angewachsene Gebäudeensemble hat eine weiß gestrichene Fassade, an der stolz das mächtige Firmenlogo prangt. Der Chef persön.lich wird fuchsteufelswild, wenn von den Mit.arbeitern nicht penibel auf Ordnung geachtet wird, da versteht er keinen Spaß. Um gegen das schlechte Image anzugehen, tut er, was er kann. Und er findet: „Es ist immer noch nicht sauber genug.“ Seine feste Überzeugung lautet: „In keinem der Gebote Gottes steht, dass eine Gießerei ein Saustall sein muss.“

Also werden jedes Wochenende die (vielen!) Fenster geputzt und 160.000 bis 180.000 Euro gibt er jedes Jahr für die Maler aus, die hier zum Beispiel ständig die Wände weißeln. Die Beleuchtung wird sukzessive auf LED-Betrieb umgestellt. Und in den verschiedenen Hallen der Gießerei ist es auch dank der großflächigen Fenster, die so viel Tageslicht wie möglich hin.einlassen, heller als anderswo. Sie sind einmalig in der Gießerei-Branche.
Wo man rausschauen kann, kann man von draußen auch reinschauen, tagsüber, aber auch abends, wenn die Fabrik indirekt beleuchtet wird: Der Passant kann dann durch die hohen Industriefenster – wenn er Glück hat und gera.de gegossen wird – den Dhonau-Mannen bei der kniffligen und schweißtreibenden Arbeit an den Schmelzöfen zusehen. Hier sprühen buch.stäblich die Funken, wenn das glühende, heiße Eisen in die Form gegossen wird.
Viele Arbeitsschritte ergeben ein Ganzes
Bis das aber soweit ist, stehen viele, viele Ar.beitsschritte zuvor an, ablesbar an den verschie.denen Abteilungen des Industriebetriebs. Nach entsprechendem Auftragseingang und der Zu.sammenarbeit mit dem Kunden, um das beste Produkt für den jeweiligen Zweck auszutüfteln, muss ein Modell des Gussteils erstellt werden, entweder seitens des Kunden oder gleich in der hauseigenen Schreinerei. Im riesigen, exakt temperierten Modelllager werden diese dann auch für die weitere Verwendung aufbewahrt. Hier ist der Gabelstapler entlang der tipptopp aufgeräumten Hochlager unterwegs, um das jeweils benötigte Holzmodell für den Guss her.auszusuchen.
Auch im zuletzt hinzugekommenen Ge.bäudeteil hin zur B 33, im Kasten- und Rohma.teriallager, ist einiges los. Hier findet man das brasilianische Roheisen, das in faustgroßen Klumpen in Containern gelagert und bei Bedarf in Richtung Ofen transportiert wird. Schrott, der aus einer Umgebung von rund 200 Kilometern geliefert wird, wird hier ebenfalls gelagert.
Mit einem Kran werden unterdessen die Formkästen ausgesucht, in denen die Modelle und später beim Guss die Formen zusammen.gehalten werden. Mehrere Männer sind in der Kernmacherei. Sie fertigen in absoluter Hand.arbeit Kerne für Hohlräume in den Gussteilen an – Handformen lautet der Fachbegriff. Eine eigene Entwicklung des technischen Betriebs.leiters Martin Grieshaber kommt hier zudem zum Einsatz: Die Kerne werden miteinander verklebt – ein Dhonau-typisches, eigens aus.getüfteltes Verfahren. In der Kernmacherei wird mit schwarzem, mit Furanharz gebundenem Sand hantiert, der später auch noch mal bei einem anderen Produktionsschritt zum Einsatz kommt.

In der Füllhalle nämlich, wo er mittels eines Greifarms und eines Trichters in die jeweilige Kastenform gefüllt wird, um die notwendige Stabilität beim Guss zu erreichen. Der Furan-harz-Sand härtet aus und dann kann das jewei.lige Modell wieder herausgenommen werden. In den entstandenen Hohlraum wird später das Eisen gegossen, um das gewünschte Endpro.dukt zu erhalten. Es folgen als nächste Schritte noch das Fluten der Form und das sogenannte Zurichten.
Und dann wird es richtig heiß: In den beiden mächtigen Induktionsöfen werden das für den Guss benötigte Roheisen, Schrott, Ferrosilizium und andere Zusatzstoffe wie Kupfer, Zinn und Nickel und mehr in vorher genau festgelegtem Mischungsverhältnis bei großer Hitze verflüssigt.
Feuer und Flamme für den Beruf
Hier steht Hans Dhonau am liebsten. Einmal täglich muss er flüssiges Eisen sehen. Das ist seine Devise – und wer ihn dabei beobachtet, weiß, dass dieser Mensch buchstäblich Feu.er und Flamme für seinen Beruf und seinen Betrieb ist. Die glühende, faszinierend hellrot leuchtende Masse wird aus den Elektroöfen in eine mächtige Gießpfanne umgegossen. Aus dieser wiederum, sie kann mittels entsprechen.der Gerätschaften gekippt werden, wird das flüssige Eisen – exakt 1.315 Grad heiß muss es sein – final in die Form gegossen. Geredet wird bei all diesen Arbeitsschritten nicht viel, wenn überhaupt nur das Notwendigste. Die Männer
Oben: In der Füllhalle und der gesamten Fertigung ist Handarbeit gefragt. Mitte: In der Fluterei wird die Form geflutet. Unten: Blick in die Zulegerei.

Spezialisierung durch Sphäroguss
Dhonau arbeitet mit dem Verfahren des sogenannten Kugelgraphitgusses, auch Sphäroguss genannt. Dieser hat sich als ideal für technisch anspruchsvolle Er.zeugnisse mit hohem Nutzen erwiesen und ermöglicht einen hohen Grad an Spezialisierung. „Gleichmaß in Sphäro.guss“ ist der Slogan der Produktion: Das Augenmerk richtet sich dabei auf eine durchgängige Gleichmäßigkeit in allen Fertigungs-Prozessschritten. Auch in der Wiederholfertigung werden ständig mögliche Verbesserungen der Guss.stücke geprüft, ganz nach dem Motto: „findig und fordernd arbeiten“. Eine Dhonau-Besonderheit ist, dass alle Mo.delle auf Platte und Gegenplatte nach CNC-gefrästen Daten mit Formstand und komplett montierter Gießtechnik erstellt werden. Die Losgrößen liegen bei einem bis 20 Stück. Auf Wiederhol.genauigkeit wird größter Wert gelegt
– ein Gussstück ist wie das andere. Die Stückgewichte variieren von 100 Kilogramm bis 5,5 Tonnen, es ginge aber auch noch größer. Durch Beratung und gute Kooperation mit den Kunden erreicht Dhonau „maßgeschneiderte Gussstücke mit maßgeschneiderten Eigenschaften“. Durch das Handformen erreicht man eine höhere Flexibilität und eine große Palette der Endprodukte.
Auch Grauguss wird im Betrieb noch praktiziert, allerdings macht er nur noch rund zwei Prozent des Portfolios aus. Dhonau behält das Verfahren haupt.sächlich bei, um das Know-how nicht zu verlieren.
wissen, was zu tun ist, jeder Handgriff sitzt, die Abläufe sind eingespielt und hochkonzentriert muss hier zu Werke gegangen werden.
Danach kommen die gegossenen und über einen Zeitraum von mehreren Tagen abge.kühlten Teile in die Gussputzerei, wo an ihnen auf Teufel komm raus geflext und geschliffen wird. „Hier kriegt das Gussstück ein Gesicht gemacht“, erklärt Hans Dhonau. Es folgen Grun.dierung und Lackierung und schließlich der Ver.sand. Festgeschnallt auf Europaletten treten die Gussteile mittels Speditionen die Reise zu den Kunden in die nähere Umgebung oder auch in die Schweiz oder nach Österreich an. Sechs oder sieben Lastwagen fahren hier in der Regel pro Tag vom Hof. Zum Betrieb gehören auch noch eine eigene Schlosserei und – ganz wichtig – das Labor, wo unter anderem die Eigenschaften des verwendeten Materials und die Zusammenset.zung der heißen Eisenmischung vor dem Guss noch einmal genau geprüft werden.
In der Verwaltung und im Labor beschäftigt Dhonau acht Mitarbeiter. Der Rest ist direkt in der Produktion tätig, bis dato ausschließlich Männer, die meisten von ihnen sind ausgebil.dete Facharbeiter. Insgesamt arbeiten in dem Unternehmen, das zwischen 15 und 16 Millio.nen Euro Umsatz pro Jahr verzeichnet, rund 60 Personen. Von preußischer Geschichte weiß

Oben: Funkenflug am Ofen. Unten: Gießhalle, abschlacken vor dem eigentlichen Gießen.
Hans Dhonau viel zu erzählen, dafür hat er ein erkennbares Faible. Die Disziplin der damali.gen Zeit beeindruckt ihn nachhaltig. Und die erwartet er auch von seinen Leuten im Betrieb. „Hier gelten die Regeln des Anstands“, insistiert er. Wer hier arbeitet, muss sich daran halten, kann aber auch das Entsprechende erwarten. Den Knochenjob in der Produktion machen die Mitarbeiter ohne zu klagen und sehr verlässlich. Bei Dhonau ist man „entweder kurz“ (weil man gleich merkt, dass die harte Arbeit nix für einen ist), „oder sehr lang“, berichtet der Chef von Mitarbeitern, die dem Betrieb entsprechend die Treue halten. „Wir gehören zu den bestzah.lenden Unternehmen in der Gießereibranche. Wer hier lange ist, hat hart, schwer und viel gearbeitet“ – und dafür soll er auch entspre.chend entlohnt werden, meint Dhonau. Der Durchschnittslohn der Mitarbeiter liegt bei rund
60.000 Euro pro Jahr. Geschmolzen und gegos.sen wird im Zweischichtbetrieb zwischen 6 und 22 Uhr; alle übrigen Arbeiten werden in der re.gulären Tagschicht absolviert.
Sozialleistungen durch das Unternehmen
Früher hat der Betrieb auch ausgebildet, heute fehlt der Nachwuchs sehr. Hans Dhonau be.dauert: „Wir finden keine Lehrlinge mehr“ – das Gießerei-Image ist wie erwähnt gemeinhin nicht sonderlich sexy.
Wer bei Dhonau arbeitet und Kinder hat, kann sich darüber freuen, dass der Betrieb die Beiträge für den Kindergarten bezahlt, ebenso wie bei Bedarf die Kosten für die Betreuung der Schulkinder und ähnliches. Direktversicherun.gen und Altersvorsorge für die Mitarbeiter sind hier selbstverständlich, außerdem sind sie am Gewinn des Unternehmens über Ertragsprämi.en beteiligt. „Alles, was den Mitarbeitern hilft, machen wir“, sagt Dhonau, seine Leute „müssen wissen, dass sie auch irgendwo geborgen sind.“

Kürzlich hat er mit einem jungen, frisch verheirateten Mann gesprochen, der genau wie die Ehefrau berufstätig ist und es sich trotzdem nicht leisten kann, eine Familie zu gründen. „Das kann doch nicht sein“, ärgert sich der Unternehmer und sieht da ein grundlegendes Systemproblem. Von der Politik ist Dhonau auf diesem Gebiet enttäuscht – und das sagt er Politikern von Zeit zu Zeit dann auch mehr als deutlich. Schon länger hat von ihnen bei ihm im Betrieb keiner mehr vorbeigeschaut. Dhonau ist ein streitbarer Geist, einer, der sehr deutlich sagt, was er denkt und dabei nicht gerade zim.perlich ist.
In Teile der Fabrik schaut der blanke Fels rein
Gewachsen ist die Gießerei in den letzten Jahr.zehnten sowohl was die Zahl der Mitarbeiter angeht als auch baulich in die Länge und in die Breite. Den Platz musste man dem Felsen teil.weise mittels massiver Sprengung abtrotzen. Der kleine Schonacher Ortsteil Schonachbach, Exklave im schmalen Gutachtal unterhalb von Triberg, lag früher direkt an der viel befahrenen Bundesstraße 33. Für die allerdings wurde vor über 20 Jahren der Zuckerhut-Tunnel gebaut, so dass der Verkehr an dem kleinen Weiler seitlich vorbeirauscht. Im Flecken selbst stehen einige Wohnhäuser mit mitunter über 100-jähriger Geschichte, die weltgrößte Kuckucksuhr im Uhrenpark Eble, die Elektrofirma Wild und – wahrlich unübersehbar schon bei der Einfahrt in den kleinen Ortsteil – eben die Eisengießerei.
Und die wird weitere Flächen benötigen. Keine Frage, die Lage im engen Tal mit be.schränkten Erweiterungsmöglichkeiten und nicht gerade idealer Verkehrsanbindung ist ein Standortnachteil. Hier sind die logistischen Probleme nicht wegzudiskutieren. In Teile der Fabrik schaut unmittelbar der blanke Fels rein. Platz ist das Hauptproblem, er ist einfach knapp, auch wenn gerade erst wieder eine neue Lager.halle gebaut wurde. Das nächste Firmengebäu.de für die Lagerung der Formkästen ist schon in Planung, die entsprechenden Anträge bei den Behörden sind längst gestellt. So mancher Einheimische spricht hier scherzhaft auch schon mal vom „Dhonautal“, worüber sich der Gieße.reichef königlich amüsieren kann.

Motto: „Gegossen wird immer“
Wie es weitergeht mit der Eisengießerei? Der Mann ist Optimist. „Gegossen wird immer“, sagt er erst mal nüchtern. Im Bereich der Handformereien haben die Chinesen den deut.schen Gießereien etliche Marktanteile wegge.schnappt. Aktuell geht die Auftragsvergabe aber wieder in die andere Richtung zurück. Laut Dho.nau haben die Auftraggeber vielfach gemerkt, dass die Chinesen Qualitätsprobleme haben. Zudem steigen dort die Löhne schneller als er.wartet. Es kommt außerdem immer wieder zu Lieferschwierigkeiten. Da sind die deutschen Gießereien einfach verlässlicher. Dhonau selbst sagt: „Wir haben vor den Chinesen keine Angst

wir sitzen in einer Nische“. Und: „Wir überle.ben entweder, wenn wir zu den besten der Welt gehören oder die besten der Welt sind“. Von der uneingeschränkten Wachstums-Devise hält er aber nicht viel: „Wir müssen nur besser werden


sonst nichts.“ Eine hocheffektive Fertigung und Entwicklung, neue Werkstoffe und weiter anwendungsorientierte und maßgeschneiderte Produktion, das ist das Erfolgsrezept, wie er glaubt.

Blick in die Zukunft
Und wie wird es mit ihm persönlich weiterge.hen? „Ich bin der Methusalem der Eisengieße.rei-Industrie“, lacht der 77-Jährige. Schwer vor.stellbar, dass er eines Tages mal nicht mehr in der Gießerei tätig ist. Und doch ist klar: Ewig wird er diesen Job auch nicht machen können. Deshalb, so erzählt er, hat er seine Nachfolge klar geregelt. Wie genau, dazu sagt Hans Dhonau nichts. Nur so viel: Heuschrecken („die sparen als erstes bei den Löhnen und Gehältern“) werden seinen Be.trieb nicht übernehmen, dafür hat er jedenfalls gesorgt.
Und dann kommt das Funkeln noch einmal zurück in seine Augen: Einmal am Tag flüssiges Eisen sehen – ohne das wird es bei ihm schlicht.weg nicht gehen, soviel steht fest.

Oben: In der Putzerei. Unten links: Blick ins Strahlhaus. Unten rechts: Fertig zur Abholung, diese Gussteile ste.hen zum Versand bereit.
Gießerei Dhonau

Briefkopf aus den 1930er-Jahren.

Ursprung als Kettenschmiede
Die Geschichte der heutigen Gießerei Dhonau / von Daniela Schneider
D
ie Ursprünge der Eisengießerei liegen im Jahr 1873. Der Bachbauer, der seinen Hof gegenüber der heutigen Fabrik hatte, gründete hier seinerzeit eine Kettenschmiede – ein Zubrot musste her für den Landwirt, der einst eine noch unbewaldete Fläche im Seelen.waldgebiet in Almwirtschaft beweiden ließ und vor allem in den Wintermonaten für seine Familie einen Zuverdienst benötigte. Der Bauer nutzte die Wasserkraft des hier durchfließenden Gutachbachs, elektrische Energie gab‘s in Tri.berg und Umgebung erst ab den 1890ern.
1876 wurde aus dem Betrieb die Metall- und Eisengießerei für Uhrenteile Kaiser, Werneth & Cie. GmbH; es folgten mehrere Besitzerwechsel bis 1906. Dann spezialisierte man sich auf Eisen.gießerei für Uhrenteile und Industrieguss; spä.ter wurde auch Handformguss gefertigt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde hier Eisen als Massenproduktion gegossen, circa 6.000 Ton.nen Uhrengewichte pro Jahr.
1936 betrieb Besitzer Carl Werneth fortan die Einzelfirma Eisengießerei Triberg. Er war ur.sprünglich Banker und hatte vor 1914 schon bei Henry Ford in Detroit gearbeitet, war also mit modernsten Fertigungsmethoden vertraut.

In der Nachkriegszeit erweiterte und moder.nisierte die Gießerei ihren Betrieb. 1961 wurde das heutige Verwaltungsgebäude errichtet. 1963 starb Carl Werneth im Alter von 83 Jahren; sein Schwiegersohn Stefan Lütten führte den Betrieb weiter.
Konkurs und Neubeginn
1981 im Mai musste die Gießerei Konkurs an.melden, sie schloss wegen Unrentabilität für immer ihre Pforten, wie es hieß. 55 Mitarbeiter erhielten ihre Kündigung, vom kaufmännischen Leiter bis zum einfachen Arbeiter. Im Schwarz.wälder Boten war damals zu lesen: „Eines der ältesten und traditionsreichsten Unternehmen in der Raumschaft war die Eisengießerei Carl Werneth Triberg/Schonach im Ortsteil Scho.nachbach an der Bundesstraße 33. In ihr fanden über viele Jahrzehnte zahlreiche Mitbürger – meist aus der Raumschaft – Arbeit und Brot. Es gab Mitarbeiter, die 40 und mehr Jahre treu und brav zum ‚Kaiser-Werneth‘ zur Arbeit gingen – eine Arbeit, die nicht immer leicht und einfach war.“
Am 27. November desselben Jahres war dann im Südkurier zu lesen: „Ehemalige Eisengießerei fängt von vorne an.“ Berichtet wurde vom neu.en Besitzer Hans Dhonau. 1982 am 1. Januar kam der Neubeginn in der Gesellschaftsform als Ein.zelfirma unter neuem Namen als reine Hand.formerei, zunächst mit einem Stückgewicht von 30 bis 1.500 Kilogramm in Grauguss. 1989 wurde von Kupol- auf Induktionsöfen umgestellt. Im Jahr 2000 wurden Modell-, Lager- und Produkti.onshallen um- und teilweise neugebaut. Schon ein Jahr später wurde das nächste Modelllager fällig, gefolgt vom Neubau eines Kastenlagers im Jahr 2005. 2012 konnte die Eisengießerei Dhonau ihr 30-jähriges Bestehen feiern.

Eine der letzten ihrer Art
Sie ist im Übrigen eine der letzten ihrer Art. Früher hatte es im Schwarzwald-Baar-Kreis zum Beispiel auch noch die Gießerei Hess in Villingen gegeben, aber dort wird schon seit den 1980ern nicht mehr gegossen. Vor 30 Jahren gab es allein in Baden 25 Gießereien, jetzt sind es noch sieben. 1955 existierten in der BRD rund
1.550 Eisen-, Stahl- und Tempergießereien. Sie waren auf die Grundstoffindustrie eingerichtet und produzierten oft materialintensive Teile für Stahlwerke oder den Bergbau. Heute sind es noch 190, allerdings ist die Kapazität heute trotzdem gleich hoch wie zu der Zeit vor über 60 Jahren. Größter Abnehmer von Eisengieße.reiprodukten ist heutzutage die Automobilindu.strie. Eine der größten Gießereien der Welt ist Waupaca in den USA. Sie produziert rund 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Ebenfalls zu den Marktführern zählt Tupy in Joinville in Brasilien mit deutsch.stämmigen Besitzern und circa
8.000 Mitarbeitern.
Die größte Gießerei in Deutschland bringt es indes auf rund 400.000 Tonnen pro Jahr, sie hat rund 4.000 Beschäftigte. Zum Vergleich: Dhonau schmilzt
13.000 Tonnen und produziert
10.000 bis 11.000 Tonnen pro Jahr; damit ist man etwas größer als der Durchschnitt der deut.

schen Gießereien; der liegt bei 8.560 Tonnen pro Jahr.

Foto rechts: Johannes Hellstern (rechts) zusam.men mit seinem Vater Peter bei der Prung eines Produkts.
Fotos links: Hoch komplexe Kunststoffteile und Werk.zeuge von Sternplastic.

Sternplastic Hellstern GmbH & Co. KG – ein Technologieunternehmen in Schwenningen – gewitzt, innovativ, international aufgestellt und letztlich doch bodenständig. Irgendwie so, wie man sich eben ein typisch schwäbisches, erfolgreiches Familienunternehmen vorstellt. Und doch ist es eines mit einem ganz eigenen Charakter: Rund 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt die Firma, die technisch hochwertige Kunststoff- und Keramik-Spritzgussteile herstellt und damit nicht nur in Europa, sondern weltweit unterwegs ist und heute einen Umsatz von ca. 24 Millionen Euro erzielt, wobei der Exportanteil bei etwa 40 Prozent liegt.
Firmenchef Peter Hellstern erzählt anerkennend von seinem Vater, der sich 1951 vom übrig gebliebe.nen Hochzeitsgeld eine Drehbank kaufte und bei sich zu Hause im Albrecht-Dürer-Weg eine Werkstatt einrichtete.
Schmunzelnd erinnert er sich an seine eigenen Anfänge in dem Familienunternehmen: „Bereits mit fünf Jahren musste ich schon für ir.gendjemand Gehäuse nieten.“ Der heutige Geschäftsführer lachend: „Ich gehörte damit sozusagen zu den ersten Beschäftigten des Be.triebs.“ Große Sprünge konnte man damals keine machen. Die Familie bestand aus den Eltern, den fünf Kindern und der Oma. Schmal.hans war Küchenmeister bei den Hellsterns.
„Mit einem Schuss ein Zahnrädle“
Als dem Vater ein Freund in einem Loßburger Unternehmen eine Spritzgußmaschine vorführte, war der Firmengründer Matthias Hellstern hin und weg: „Das ist es!“ Eine Maschine, mit der man mit einem „Schuss“ ein Zahnrädle machen kann. Ein Teil, das bislang sehr aufwändig gefräst werden musste. Es dauert nicht lange, da stand ein solches Ding in Schwenningen. Von nun an ging es am Neckar.ursprung bergauf. Nicht explosionsartig, son.dern kontinuierlich. Gesundes Wachstum würde man heute so etwas nennen.
1966 war dann das Jahr in dem im Alb-recht-Dürer-Weg nichts mehr ging. Nur platz-mäßig wohlgemerkt. Das Geschäft selbst lief gut, nahm inzwischen so viel Raum ein, dass man um einen Neubau nicht mehr herumkam. Der Grundstein für den heutigen Standort wur.de gelegt. Firmeninhaber Peter Hellstern blickt zurück: „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft wir hier angebaut haben“. Dann gibt es von ihm schmunzelnd doch noch eine Antwort: „zigmal“.

Industriegeschichte mitgeschrieben
Im Laufe der Jahre überraschte das Unterneh.men immer wieder mit Entwicklungen, die Furore machten. Einige der Produkte, die hier gefertigt wurden, haben es sogar ins Deutsche Museum in München geschafft. Zeichen dafür, dass in dem Betrieb am Neckarursprung auch ein kleines Stückchen deutsche Industriege.schichte mitgeschrieben wurde. Doch da sind noch andere Fakten. 1981 holte Sternplastic den „Europäischen Preis für technische Kunststoff.teile“, den der Fachverband ausgelobt hatte und 1993 war man eines der ersten deutschen Unter.nehmen, das nach „DIN ISO“ zertifiziert wurde.
Auch im Ausland wurde Sternplastic aktiv. Heute hat man Betriebe in der Schweiz und in Irland. In die Schweiz ging man 1988. Und zwar nach Schleitheim im Kanton Schaffhausen, nicht weit von der Grenze entfernt. Bis zum Engagement im Nachbarland hatte Sternplastic trotz aller Bemühun.gen bei den Eidgenossen keinen Fuss auf den Boden bekommen. Hellstern: „Wir mussten feststel.len, dass man in der Schweiz nur mit einer Schweizer Firma Kunden bekommt. Also haben wir eine gegründet. Die Eidgenossen gehen nun einmal nicht gerne über die Grenze.“ Im Zeichen des heutigen Wechselkurses hat sich das etwas geändert, doch im Prinzip hält der Unternehmer an seiner Aussage fest.
Das Schwenninger Unternehmen hatte in Schleitheim gerade mit den Erdarbeiten für das neue Domizil begonnen, als man auch schon in den Schlagzeilen stand. Bei den Arbeiten auf dem neuen Firmengrundstück war man auf Spuren einer römischen Siedlung gestoßen. Teile davon wurden in das Betriebsgebäude integriert und können besichtigt werden. Heu-te arbeiten rund 30 Menschen am Schweizer Standort.

Ähnlich viele wie in Irland, wo das Unterneh.men einem großen Kunde, der seine Produktion von Deutschland 1978 auf die grüne Insel ver.lagerte, zum Spritzgießen begleitete, weil man ihn nicht verlieren wollte. In der Zwischenzeit ist der Kunde weg, während das Schwenninger

Detailaufnahme am Montageautomat.

Keramik- und Kunststoffteile aus der Produktion von Sternplastic.
Unternehmen dort nach wie vor präsent ist. Pe.ter Hellsterns inzwischen verstorbener Bruder Hansjörg war es, der dort das Unternehmen leitete und nach vorne brachte.
„Tüftler vor dem Herrn“
Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch die Firmengeschichte. Die Hellsterns hatten und haben es vor allem technisch richtig gut drauf, waren und sind – um es einmal salopp zu for.mieren – „Tüftler vor dem Herrn“. Sowohl der Vater als auch der Sohn haben Patente ange.meldet. Der jetzige Firmenchef, der das Unter.nehmen seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1993 führt, gleich deren zehn. Hellstern lacht: „Von den zehn habe ich gerade mal mit einem Geld verdient.“
Zu den Dingen, auf die der Schwenninger ein Patent hat, gehört beispielsweise die bahnbre.chende Erfindung des „Runden Messerrückens bei spritzgegossenen Keramikmessern“, die unter dem Markennamen CeraStar vertrieben werden. Bei dem Patent geht es darum, dass der runde Rücken im Gegensatz zum eckigen die Keramik entlastet und so dafür sorgt, dass diese nicht so schnell bricht. „Unsere Messer sind mit die Besten, die es gibt“, sagt Hellstern im Brust.ton der Überzeugung. Der Verkauf erfolgt im Werksverkauf und über das Internet.

Mit der Automobilindustrie wird der größte Umsatz gemacht
Sein Geld verdient das Schwenninger Unter.nehmen indes mit seinen hochwertigen Kera.mik- und Spritzgussteilen für die Industrie. Kundenmäßig ist man dabei breit aufgestellt, liefert in viele Branchen wie den Maschinenbau, die Elektrotechnik oder die Medizintechnik, bei der man zum Beispiel ein Unternehmen wie Aesculap auf der Kundenliste hat, für das man
u.a. Keramikteile für Scheren liefert.
Den größten Umsatz macht Sternplastic allerdings im Bereich der Automobilindustrie. Größter Kunde der Schwenninger ist die Firma Bosch, die man im Bereich elektrische Antriebe mit verschiedenen Komponenten versorgt, allen voran Kohlebürstenhalter. In die Halter werden unter anderem Kohlebürsten montiert, dadurch dreht sich dann der Motor. Peter Hellstern über die Bedeutung der Autoindustrie für sein Haus: „Obwohl wir recht breit aufgestellt sind, sind wir von der Autobranche abhängig. Würden die.se Aufträge wegbrechen, müssten wir hier deut.lich kleiner werden. Es ist ganz einfach so, dass

Eine mit Robotertechnik betriebene, hochmoderne Produktionsanlage.
es dieser Industriezweig ist, der große Mengen braucht und abnimmt.“
Doch bleibt das so? Natürlich macht man sich im Hause Sternplastic seine Gedanken über die neuen Entwicklungen in diesem Industrie.bereich. Die E-Mobilität spielt zwar im Moment noch keine so große Rolle, aber sie wird kom.men. Und sie bringt es mit sich, dass man künf.tig deutlich weniger Komponenten brauchen wird, um ein Auto zusammenzubauen. Das hat Auswirkungen auf die Zulieferindustrie, wird Arbeitsplätze in diesem Bereich kosten. Nun stellt man zwar bei Sternplastic Produkte her, die von dieser Entwicklung nicht betroffen sind, die auch für Elektroautos weiter gebraucht werden, doch Hellstern gibt sich da keinen Illus.sionen hin. „Das wird auch auf uns Auswirkun.gen haben. Der Wettbewerb wird größer wer.den, denn die Unternehmen, die von den neuen Entwicklungen betroffen sind, werden sich neue Betätigungsfelder suchen.“
Hochkomplexe Roboteranlagen
Dennoch sieht man bei Sternplastic durchaus optimistisch in die Zukunft, gibt sich auch selbstbewusst. Schließlich hat man jede Menge drauf. „Unsere Stärke ist die Fertigungstech.nologie. Wir sorgen beispielsweise dafür, dass unsere Kunden preiswerte und qualitativ hoch.wertige Massenteile von uns beziehen können.“ Dafür hat man eigene hochkomplexe Roboter.anlagen entwickelt und gebaut, die entschei.dend dazu beitragen, dass das Unternehmen den ständig wachsenden Ansprüchen gerecht werden kann.

Dass Sternplastic heute so gut aufgestellt ist, hat vor allem auch damit zu tun, dass man technologisch immer ganz, ganz weit vorne dabei war. In diesem Unternehmen ist erfah.renes Personal am Werk. Nicht selten sind die Mitarbeiter Absolventen der Schwenninger Feintechnikschule. Hellstern schätzt die breit angelegte Ausbildung, die die jungen Menschen in dieser Einrichtung erhalten. Sie für gewisse Aufgaben zu spezialisieren sei dann Sache des Unternehmens. Er weiß um die Bedeutung der Feintechnikschule für die Wirtschaft in der Re.gion. Über viele Jahre war er Vorsitzender des Vereins ehemaliger Feintechnikschüler und ist der Schule bis heute sehr eng verbunden.
Ausbildung wird großgeschrieben
Rund 20 Auszubildende für die verschiedensten Berufe hat die insgesamt rund 220 Mitarbeiter zählende Sternplastic heute. Ingenieure arbeiten in dem Unterneh.men gerade mal vier. „In unserer Branche machen gute Facharbeiter den Wert des Un.ternehmens aus“, so Hellstern. Doch kommen immer mehr Ingenieure in die Praxis zurück, da es immer wichtiger wird, die Produktion wissenschaftlich zu begleiten. Bildungsein.richtungen wie die Feintechnikschule oder die Hochschulen sind es unter anderem, die den Unternehmer zu der Einschätzung bringen, „dass wir in unserer Region eine gute Infrastruk.tur haben.“ Natürlich spürt man auch in der Hegaustraße den Fachkräftemangel. Dies sei aber ein Problem nicht nur dieser Tage, sondern eines, mit dem man „schon immer zu kämpfen hatte“. Und irgendwie ist man dennoch immer einigermaßen damit zu Recht gekommen. Nicht nur in dieser Firma, sondern bei vielen anderen in der Region. Hellsterns Bilanz: „Diese Region steht wirtschaftlich gut da.“
Sein Sohn führt das Unternehmen weiter
63 Jahre ist er inzwischen alt. Da darf man so langsam auch einmal ein klein bisschen ans Kürzertreten denken. Die Weichen für die Zu.kunft des Unternehmens sind schließlich ge.stellt. Sein Sohn Johannes wird es weiterführen. Schon das zeigt, dass er selbst ganz fest an die
Die Kennzeichnung für Hydranten ist ebenfalls ein Produkt von Sternplastic.
bereits erwähnt.
Darüber hinaus war

der Schwenninger lange Jahre auch politisch unterwegs, saß beispielsweise für die CDU des Schwarzwald-Baar-Kreises im Kreistag. Und auch mit der katholischen Kirche ist er sehr verbunden. Bis heute ist er in Schwenningen Mitglied des Kirchengemeinderats.
Dann die Fasnacht. Da ist Hellstern alles, Hästräger bei der Schwenninger Narrenzunft, Akteur bei der katholischen Saalfasnet und vor allem vom „Schmotzigen“ bis Aschermittwoch unterwegs.
Schließlich ist er auch noch begeisterter Rennradfahrer. Im Sattel gilt er bei seinen Freunden als ein „ganz harter Hund“, als einer dem die Berge nicht steil genug sein können. Ja, und dann ist da noch etwas: Peter Hellstern ist einer der Macher bei der Hagelabwehr Südwest. Dem Verein also, der dafür sorgt, dass Jahr für Jahr in der Region Hagelflieger aufsteigen. Von deren Wirksamkeit war er immer überzeugt. Diese Überzeugung wird jetzt durch ein For.schungsprojekt der Hochschule in Schwen.ningen, in das er mit eingebunden ist, wissen.
schaftlich untermauert. Doch das wäre

Zukunft des Betriebes glaubt. schon wieder eine neue, ganz
Langweilig dürfte es dem Unterneh-eigene Geschichte. mer, wenn er denn mal tatsächlich im Ruhestand ist, ganz bestimmt nicht werden. Schon jetzt ist er ein kleiner Tausendsassa, einer der in der Region vielfältig engagiert ist. Der lang.jährige Vorsitz im Ver-Abdeckung für ein ein ehemaliger Fein-Getriebe. technikschüler wurde
Von der Lernfabrik 4.0 zum CyberKnife Centrum S
Ein Döschen mit blauem Deckel: Es sind zwei Berührungen des Bildschirms und schon legt die Maschine los. Ein Unterteil, ein Deckel, Montage. Siegfried Kärcher, Schulleiter der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen, ist stolz. Was hier steht, ist die Zukunft. „So produzieren ein paar große Betriebe in Deutschland – in der Region aber kaum ein Unternehmen. Diese Produktionsweise ist bislang eine Ausnahme“, erklärt Kärcher. Das Stichwort ist Lernfabrik 4.0.
von Stephanie Jakober
Hier lernen die Berufsschüler Mechatronik und Automatisierungstechnik – nur eben auf mo.dernstem Niveau. „Es ist eine Stufe mehr als Automatisierung“, so der Schulleiter. Denn die Maschine erhält einen Auftrag und entscheidet dann selbst, wie sie diesen ausführt. „Der Pro.duktionsweg kann morgen anders aussehen als heute.“ Doch das setzt für seine Schüler vor allem eines voraus: Dass sie ganz anders lernen, als dies in der Vergangenheit war.
Dank Förderung hochmoderne Lernfabrik entstanden
Das hat auch das Land Baden-Württemberg erkannt und deswegen einen Fördertopf für Lernfabriken in beruflichen Schulen eingerich.tet. 6,8 Millionen Euro hat das Ministerium
An der Gewerbeschule am Standort in VS-Schwenningen können Schüler jetzt die Verbindung von Produktions- und Informationstechnologien ganz praktisch erlernen. Oben: Siegfried Kärcher, Schulleiter der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen.

Modernste Automatisierungskomponenten wie Servoantriebe, Sensoren, SPS-Steuerungen, kollaborative Ro.boter, RFID-Technik, neueste computergestützte Handarbeitsplätze mit Datenbrille etc. wurden ideal zu einer didaktisch wertvollen „Fertigungslinie“ für den Schulungsbetrieb aufgebaut.
für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Das Ziel: Fach- und Nach.wuchskräfte auf die Anforderungen der Digi.talisierung vorzubereiten. Die Gewerbeschule ist eine von 16 Schulen, die nun gefördert wird. Mit einer Summe von einer halben Million Euro. Doch das hätte für die hochmoderne Lernfabrik nicht gereicht. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat die Lernfabrik mit 525.000 Euro unterstützt und auch regionale Wirtschaftsunternehmen ließen sich von der Notwendigkeit überzeugen und steuerten nochmals 120.000 Euro bei. So stan.den 1,125 Millionen Euro für die Ausrüstung der Lernfabrik zur Verfügung.
Und wo einst die Metallwerkstatt im Schwenninger Standort untergebracht war, sind nun drei Grundlagenlabore entstanden. Von jedem Arbeitsplatz kann auf die komplexe Produktionsanlage zugegriffen werden. Die Anlage mit Rohstofflager, Förderband, 3D-Dru.cker, Montagepresse und Roboter, der die Werk.stücke aufnimmt und ablegt, ist in Modulen aufgebaut, die miteinander vernetzt sind. Erst einmal sollen nur Döschen mit Deckel versehen und wieder auseinander gebaut werden. Doch die Anlage könnte auch andere Arbeitsschritte. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Schüler lernen, wie die Maschine arbeitet, was sie macht – und vor allem, wie man sie dazu bringt, das zu tun. Einzelne Module kön.nen herausgenommen und einzeln betrachtet werden. Was muss ich tun, damit das Lesegerät erkennt, dass auf dem Döschen noch kein De.ckel ist? Wie bringe ich dem Roboter bei, dass er einen blauen Deckel nimmt und keinen roten? Und was muss ich machen, dass der Schlitten, auf dem das Döschen hält, auch an der richtigen Station anhält?

„Es ist ein riesengroßes Mosaik“, sagt Kärcher. So mancher Berufsschüler lernt hier Dinge, die sein Ausbilder noch nicht kennt. Doch die Devise heißt: „Wir wollen gemeinsam diesen Weg gehen“, erklärt Kärcher. So sei es durch.aus denkbar, dass nicht nur die Schüler in der Lernfabrik 4.0 neue Wege beschreiten, sondern dass auch Ausbilder dort ihren Horizont erwei.tern können.
Cyber-Classroom – pädagogisches Vorzeigeobjekt von morgen
Dass die Digital Nativ oft denen voraus sind, ha.ben auch andere erkannt. Am Donaueschinger Fürstenberg-Gymnasium beispielsweise. Das Stichwort ist der Cyber-Classroom – ein päda.gogisches Vorzeigeobjekt, wie der Unterricht von morgen aussehen kann. Komplizierte Sach.verhalte virtuell erleben – das Lernen kann hier durch Virtuelle Realität wesentlich anschauli.cher werden. So gibt es beispielsweise die Mög.lichkeit, sich das menschliche Ohr von innen zeigen zu lassen und so aus allen möglichen Perspektiven nachzuvollziehen, wie Hammer, Amboss und Steigbügel bei Tönen reagieren und wie leise und laute Töne über die Hörschnecke an das Gehirn weitergegeben werden. Oder wie der chemische Aufbau von verschiedenen Kunststoffen aussieht. Möglich macht es das St. Georgener Unternehmen Imsimity, das sich auf Virtual Reality (Darstellung und gleichzei.tige Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung) und Augmented Reality (Überblen.den der Realität mit zusätzlichen Informationen wie beispielsweise Pokémon Go) spezialisiert hat. Anfangs war die teure Technik nur für Un.ternehmen erschwinglich. „Durch einen Auftrag für den Europapark habe ich aber das Leuchten in den Augen der Kinder und Jugendlichen gese.hen, als sie unsere Technik ausprobiert haben“, sagt Geschäftsführer Martin Zimmermann. Mittlerweile wird der Cyber-Classroom am Fürs.tenberg-Gymnasium, am Thomas-Strittmat.ter-Gymnasium in St. Georgen und am Techni.schen Gymnasium in Schwenningen verwendet.

Dinge, die sein Ausbilder noch nicht kennt. Doch die Devise heißt: diesen Weg gemeinsam zu gehen. So sei es durchaus denkbar, dass nicht nur die Schüler in der Lernfabrik 4.0 neue Wege beschreiten, sondern dass auch Ausbilder dort ihren Horizont erweitern.
Einmalige Erfahrung für Schüler
Imsimity, Lehrer und Schüler arbeiten gemein.sam an der Weiterentwicklung der Programme. Für Zimmermann die Möglichkeit, sein Produkt besser auf die Bedürfnisse der Schüler anzu.passen und für die Schüler eine einmalige Er.fahrung. Für Philipp Bürk, Alexander Kaiser und Lukas Werb, die im Sommer 2016 ihr Abitur am Fürstenberg-Gymnasium gemacht haben, hat sich daraus ein einmaliges Erlebnis entwickelt. Die drei haben den Cyber-Classroom eingepackt und sind damit zu einer Innovationswalz aufge.brochen. Das Ziel: Ihr Wissen hinaus in die Welt zu tragen. So wie früher die Glasbläser- oder Uhrmacherkunst aus dem Schwarzwald hinaus in die Welt getragen wurde, sollte dies auch auf dem Bildungssektor geschehen. Und das Fazit der Reise zeigte genau das: Es wird im Bildungs.wesen viel mit den Möglichkeiten der Virtuellen Realität experimentiert, doch am Ziel ist noch niemand. Aber Donaueschingen spielt ganz vorne mit.
Von der Buchmesse Frankfurt führte der Weg der drei jungen Abiturienten drei Monate lang an ganz unterschiedliche Ziele: Sie waren im Vatikan, an der Elite-Uni Harvard, bei Google. Dabei öffnete ihnen gerade das Alter viele Tü.ren, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wären. Wo sonst vielleicht ein Hintergedanke oder ein Verkaufsgespräch vermutet worden wäre, konnten die drei ganz unbefangen über die Möglichkeiten, die die Virtuelle Realität im Bereich Bildung bietet, diskutieren. „Wir wurden überall ernst genommen“, blickt Lukas Werb auf

Links: Sie gehen gemeinsam auf Innovationswalz (von links): Lukas Werb, Alexander Kaiser und Philipp Bürk werden die Möglichkeiten, Virtuelle Realität im Bildungssystem einzusetzen, hinaus in die Welt tragen. Rechts: Schulleiter Mario Mosbacher vom Fürstenberg-Gymnasium in Donaueschingen erklärt, wie das menschliche Ohr funktioniert. Am Bildschirm kann das in 3D selbst erkundet werden.
die Reise zurück. So wurden sie beispielsweise von einem Lehrer gefragt, in welche Technik er sein Budget in Höhe von 20.000 Euro inves.tieren soll. Oder Doktoranden ließen sich von ihnen erklären, wie die Virtuelle Realität am besten eingesetzt wird.
Eine abschließende Antwort auf die Frage, wie Virtuelle Realitäten am besten im Bildungs.bereich eingesetzt werden, haben die Drei aber noch nicht gefunden. Überall wird ausprobiert. Überall wird getestet. Was ist sinnvoll? Was funktioniert nicht? Viele Schulen, Universitä.ten und andere Bildungseinrichtungen suchen nach Lösungen und Antworten. Aber durch ihre Innovationswalz haben Bürk, Kaiser und Werb Kontakte zu anderen genutzt, die ebenfalls auf der Suche sind. Mario Mosbacher, Schulleiter des Fürstenberg-Gymnasiums, spricht in diesem Zusammenhang gerne von Spielkindern. Lehrer und Schüler, die neue Wege gehen wollen, die Lust haben, Möglichkeiten zu testen und die einen Weg in die Zukunft finden wollen. Stift und Papier werden jedoch erst einmal nicht ver.schwinden. „Wir wissen zwar noch nicht genau, wie die Zukunft aussieht, aber das Internet wird sicher nicht verschwinden“, sagt Mosbacher und fügt hinzu: „Wir sind von der Digitalisierung be.einflusst. Aber unsere heutigen Schüler werden den nächsten Schritt in die Zukunft machen.“

Schnelle Glasfaser statt langsame Kupferkabel
Doch dafür braucht es nicht nur Spielkinder, die Visionen haben und Neues ausprobieren wollen. Es braucht auch die entsprechende Inf.rastruktur. Die Voraussetzungen müssen stim.men. Eine Viertelmillion wurde beim Umbau des Fürstenberg-Gymnasiums in die digitale In.frastruktur investiert. Doch all das bringt wenig, wenn die Voraussetzungen vor der Haustüre nicht stimmen. Wie sollen Unternehmen die Möglichkeiten der Industrie 4.0 nutzen, wenn ihr Zugang zur digitalen Welt nur im Schnecken.tempo funktioniert. Doch die Telekommunika.tionsunternehmen setzen ihre Schwerpunkte beim Ausbau auf Ballungszentren. Denn hier können die Investitionen durch viele Kunden wieder schnell hereingeholt werden. Der länd.liche Raum? Ist wirtschaftlich für sie weniger interessant. Doch abhängen lassen wollen sich auch Kommunen wie Gütenbach, Blumberg oder Niedereschach nicht – und das liegt auch nicht im Interesse des Schwarzwald-Baar-Krei.ses. Schließlich geht es um die Standortsiche.rung der Unternehmen im Flächenlandkreis und auch um die Bürger, denn schnelles Internet gehört schon längst zu den Faktoren, die bei der Wahl des Wohnortes berücksichtigt werden. Das Motto lautet deshalb: Schnelle Glasfaser statt langsame Kupferkabel. Und so haben im Frühjahr 2014 die 20 Kommunen und der Kreis selbst den Zweckverband Breitbandversorgung gegründet. Mit einem Investitionsvolumen von 91,6 Millionen soll die Datenautobahn zu den rund 206.000 Einwohnern gebracht werden. Bei der Finanzierung hilft zwar das Land Ba.den-Württemberg mit Fördergeldern, doch auch der Schwarzwald-Baar-Kreis und die Kommunen selbst greifen tief in die Tasche. Es soll sich nicht nur eine 352 Kilometer lange Hauptdatenlei.tung (Backbone) durch den Landkreis ziehen, die bis Ende 2018 jede Kommune mit all ihren Ortsteilen erreicht haben soll. Auch innerhalb der 20 Städte und Gemeinden werden die örtli.chen Glasfasernetze ausgebaut, um die Kunden auch erreichen zu können. Und wenn Jochen Cabanis, Geschäftsführer des Zweckverbandes Breitbandversorgung, mit seinem Team durch den Kreis tourt und Informationsveranstaltung über Informationsveranstaltung anbietet, dann spürt er überall den Aufbruchgedanken, denn in vielen gerade kleinen Ortsteilen können es die Unternehmen und auch die Bürger kaum erwar.ten, dass das Projekt fertig wird.

wie die Zukunft aussieht, aber das Internet wird sicher nicht verschwinden. Wir sind von der Digitalisierung beeinflusst. Aber unsere heutigen Schüler werden den nächsten Schritt in die Zukunft machen.

Schwarzwald-Baar Klinikum: Technik bringt Vorteile für Patienten und Ärzte
Doch der Schwarzwald-Baar-Kreis spielt nicht nur mit dem Pilotprojekt Breitbandausbau und im Bereich Bildung in der ersten Liga mit. Auch beim Blick in das Schwarzwald-Baar Klinikum wird deutlich, dass die Zukunft bereits längst begonnen hat. Stichworte sind CyberKnife Cen.trum Süd und da Vinci Xi. Hört sich spektakulär an, ist es für die Ärzte, die diese hochmodernen Geräte nutzen dürfen, und natürlich auch für diejenigen, die damit behandelt werden, auch.
Das 2,5 Millionen Euro teure Roboter-System da Vinci Xi, das sowohl in der Klinik für Urologie und Kinderurologie und der Klinik für Allge.mein- und Viszeralchirurgie eingesetzt wird, ermöglicht nämlich Operationen durch winzige Löcher. Wie durch ein Schlüsselloch kann der Arzt nun operieren und muss nicht mehr gleich die ganze Türe öffnen, um etwas sehen zu können. Minimalinvasive Eingriffe mit Roboter.technik. Die Vorteile für den Patienten: weniger Blutverlust, kleinere Wunden und dadurch kaum Narben und der Heilungsprozess geht natürlich auch viel schneller. Lediglich vier bis fünf wenige Millimeter große Zugänge werden benötigt, durch die Ärzte die Kamera sowie die einzelnen Instrumente im Bauchraum platzie.ren können. Damit dort auch ausreichend Platz ist, wird der Bauch des Patienten im Vorfeld mit Kohlenstoffdioxid aufgebläht. Die Roboterarme sind flexibel nutzbar, da sie mit Greifer, Schere, Messer oder anderen Instrumenten ausgestat.tet werden können – je nachdem, was eben benötigt wird.
Die Zukunftsmusik erklingt bereits
Doch nicht nur für die Patienten bringt die Technik Vorteile, auch die Ärzte des Schwarz-wald-Baar Klinikums, die nun mit einer Konsole die Roboterarme steuern, haben es leicht. Es ist möglich, den Bereich, in dem operiert wird, bis zum Zwölffachen zu vergrößern. Und da der Arzt alles in 3D sieht, können auch die aller kleinsten Befunde operiert werden. So kann schon einmal ein Organ gerettet werden, an.statt es komplett zu entfernen. Und auch hier

Robotertechnik: Das 2,5 Millionen Euro teure Roboter-System „da Vinci®.OP-System“ ermöglicht nämlich Operationen durch winzige Löcher. Wie durch ein Schlüsselloch kann der Arzt nun operieren und muss nicht mehr gleich die ganze Türe öffnen, um „etwas“ sehen zu können.
braucht es schnelle Leitungen, denn das Gerät ist stets mit der Firma verbunden. So kann bei Defekten, Problemen und Störungen per Fernwartung schnell eingegriffen werden. Die Zukunftsmusik erklingt bereits: Über eine Sa.tellitenverbindung könnten auch Operationen von anderen Orten aus ermöglicht werden – beispielsweise, wenn besondere Spezialisten benötigt werden.
Im Bereich Tumortherapie strahlt das Klinikum ebenfalls über die Kreisgrenzen hinaus. Hier wird das weltweit modernste, robotergestützte Ra.diochirurgie-System, das 4,2 Millionen Euro ge.kostet hat, eingesetzt. Hinter einer knapp einen Meter dicken und 20 Tonnen schweren Stahltür verbirgt sich das Wunderwerk CyberKnife. Auch hier gibt es einen gelenkigen Roboterarm, doch er ist mit einem Bestrahlungskopf versehen. Aus bis zu 3.000 verschiedenen Richtungen kann ein Tumor bestrahlt werden – und vor allem so präzise, dass nur das kranke Gewebe behandelt wird. Das umliegende gesunde Gewebe wird geschont. So kann auch mit einer höheren Dosis gearbeitet werden – der Tumor stirbt schneller ab, die Behandlungszeit verkürzt sich. Anstatt vier bis sechs Wochen mit täglich einer rund 20-minütigen Bestrahlung, sind nun eine bis fünf Sitzungen nötig.
Mit dem neu eingefrten, roboter-assis.tierten „da Vinci®-OP-System“ konnten die Einsatzmlichkeiten bei minimalinvasiven Eingriffen deutlich erweitert werden.

Wenn der Winter immer seltener ein Winter ist…
Momentaufnahmen einer fotografischen
„Winterreise“ durch den westlichen
Schwarzwald-Baar-Kreis
von Wilfried Dold

W
enn der Schnee ausbleibt, ist das für das „Winterland“ Schwarzwald weit über den Wintersport hinaus ein Problem. Doch der Klimawandel hat unweigerlich begonnen – der Almanach 2018 zeigt einige der Folgen auf. Aber zugleich auch, wie es ist, wenn der Winter im Schwarzwald ein echter Winter ist, was heutzutage verstärkt im Februar und März der Fall zu sein scheint. Und unser Jahrbuch schaut zudem zurück, erinnert daran, wie der „Winter uf em Wald“ früher war. Am Anfang des vielgestal.tigen Schwerpunktthemas „Winter“ stehen aktuelle Momentaufnahmen des Klimawandels.
4. Kapitel – Schwerpunkt Winter

A
lles Hoffen ist vergebens: Der Dezember 2013 bleibt weitestgehend schneefrei. Das Skidorf Schonach aber macht den Schwarzwaldpokal dennoch mlich: Am 22. Dezember strahlt aus dem Wintergr als einziges Weiß der Anlauf der Langen.waldschanze heraus – mit Kunstschnee f den Wettkampf präpariert. Doch dann muss der Schwarz.waldpokal wenige Minuten vor Beginn wegen Sturms unvermittelt abgesagt werden, das Klima spielt einmal mehr verrkt! Schließlich wird der Weltcup in der Nordischen Kombination durch die FIS zum Saisonfinale aufgewertet und dauerhaft in den vermeintlich schnee.
115

sicheren März verlegt (s. S. 148).

U
nten gr, oben bereits weiß: Die Schnee grenze verschiebt sich als Folge des Klima wandels Meter um Meter nach oben: Um nur 0,4 Grad here Temperaturen entsprechen bereits ca. 60 Hen metern. Die Fotografie ist im November 2013 im 845 m M. gele.genen Untertal in Furtwangen- Rohrbach entstanden.

G
re Weihnacht – zum Christfest legt der Winter gerne eine Pause ein. Über die Weihnachtsmärk.te – hier in Kigsfeld – bummelt man oft ohne „weißen Zauber“. Stme und Hochwasser sind zum Fest oft zu beobachten: Der Orkan Lothar verwtete an
Schwerpunkt Winter

Weihnachten 1999 nahezu den gesamten Schwarzwald.

P
erfekte Bedingungen sind heutzutage auch auf den Langlaufloipen keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Großraum Schonach/Schwald/Furtwangen ist der Langlauf zwar dank sorgsam präparierter und gespurter Loipen an vielen Wintertagen mlich – aber Bilderbuchtage wie hier im Weißenbachtal in Schwald
scheinen fast schon eine Ausnahme zu sein.

E
isschollen im Bregtal… Ein plzlicher Klimawech.sel verwandelt den Schnee entlang der Breg bei Wolterdingen (768 m M.) in ein riesiges „Eis.meer“. Eines, das bei uns so selten zu sehen ist. Im nahen Schwarzwald indes stellte sich noch am Tag zuvor
Schwerpunkt Winter 131
Neuschnee ein.

K
aum ist der Winter vorbei – kehrt er im Mai f kurze Zeit zurk. Im Schwarzwald ist das keine Seltenheit! Schnee deckt im Mai – und gelegent.lich selbst noch im Juni – bereits gre Wiesen immer wieder einmal zu. Hier ist es im Urachtal am 16. Mai 2012 der Fall – auch 2017 wäre so eine Aufnahme mlich
gewesen.

Die Winter haben
ihren Biss
verloren…
von Bernward Janzing Fotos: Wilfried Dold

D
ie Erinnerung trügt nicht. Die Winter im Schwarzwald haben ihren Biss verloren, die Temperaturen sind in den letzten Jahrzehnten messbar angestiegen. Es ist eingetreten, was Klimaforscher schon vor einem halben Jahr.hundert aufgrund theoretischer Überlegungen prognostiziert hatten: Mit einem steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre steigen die Temperaturen, weil das Abgas aus Verbren.nungsprozessen jedweder Art die Wärme einfängt wie das Glas eines Treibhauses. Noch gibt es ihn, den Schnee, oft genug in großen Mengen. Aber der Winter ist wankelmütig geworden, die Schneetage gehen zurück. Besonders gut zeigt sich das am Beispiel des einstigen „Schneelochs“ Furtwangen.
Winterabend in Furtwangen. Die von Bernward Janzing seit 1979 in der Hochschulstadt betriebene Wetter.station belegt es eindeutig: Die Furtwanger Winter sind weniger schneereich und nicht mehr ganz so kalt wie
Schwerpunkt Winter

Deutlich spiegelt sich der Trend, den Klima.forscher längst weltweit beobachten, auch im Schwarzwald wider: An der Wetterstation in Furtwangen, an der seit 1979 auch der Schnee gemessen wird, ist der Rückgang der Schnee.höhe deutlich: Seit der Jahrtausendwende ist die Menge im Januar im Vergleich zu den früheren beiden Jahrzehnten um 30 Prozent zurückgegangen. Im Dezember nahm sie um 27 Prozent ab, lediglich im Februar blieb sie bis.lang weitgehend unverändert. Schnee im April wurde inzwischen gar zur Rarität – die Mengen halbierten sich glatt.
Natürlich sind die Schwankungen groß, und kurzfristig kann es auch mal wieder in die an.dere Richtung gehen. Um 1990 herum zum Bei.spiel fiel sehr wenig Schnee, danach aber gab es durchaus wieder einzelne schneereichere Jahre wie die Winter 1998/99 und auch 2005/06. Das alles ändert freilich nichts am Gesamttrend der entschärften Winter, der den gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis umfasst. Alle Skigebie.te, seien sie in Schonach oder Schönwald, leiden unter der schwindenden Schneesicherheit.
Die Schwarzwaldberge sind klimatisch gesehen niedriger geworden…
Nun können zurückgehende Schneemengen meteorologisch betrachtet verschiedene Ursa.chen haben. Denkbar sind einerseits steigende Temperaturen, aber ebenso abnehmende Nie.derschläge. Doch die Beobachtungen sind ein.deutig: Es waren vor allem die Temperaturen, die sich in den letzten Jahrzehnten verändert haben, und zwar ausnahmslos in jedem der zwölf Kalendermonate. Die Wintermonate Dezember bis Februar waren nach der Jahrtau.sendwende jeweils um etwa 0,4 Grad wärmer als in den Jahren zuvor.
Veränderungen dieser Größe mögen margi.nal klingen. Doch sie entsprechen bereits einer Höhenverschiebung um rund 60 Meter. Die Schwarzwaldberge sind klimatisch gesehen also in diesem Ausmaß niedriger geworden.
Stärker noch als im Winter war der Anstieg der Temperaturen im Frühjahr und Frühsom.mer. Die Monate April bis Juni legten jeweils um

Februar waren nach der Jahrtausend.wende jeweils um etwa 0,4 Grad wärmer als in den Jahren zuvor. Veränderungen dieser Größe mögen marginal klingen. Doch sie entspre.chen bereits einer Höhenverschie.bung um rund 60 Meter.
mehr als ein Grad zu, der Juni gar um 1,8 Grad, was 300 Höhenmetern entspricht. Auf 800 Metern war es im Frühsommer zuletzt folglich so warm wie früher auf 500 Metern. Dass sich das auf die Vegetation auswirkt, liegt natürlich nahe.
Die Veränderungen bei den Niederschlägen sind weniger deutlich
Weniger deutlich als der Temperaturtrend sind die Veränderungen bei den Niederschlägen. Dort zeigte sich insgesamt zwar eine leichte Ab.nahme, allerdings lässt sich dieser Trend noch als zufällig betrachten. Und so sahen die Mes.sungen aus: Über das ganze Jahr gesehen lagen die Regenmengen seit der Jahrtausendwende um fünf Prozent niedriger als zuvor, wobei die Mengen im Januar, Mai und Juli gegen den Trend leicht zunahmen.
Wenngleich hier also bislang kaum eindeu.tige Trends feststellbar sind, rechnen die Klima.forscher auch bei den Regenmengen mit Verän.derungen: Die Landesanstalt für Umwelt, Mes.sungen und Naturschutz Baden-Württemberg geht in einer Broschüre von 2012 („Klimawandel in Baden-Württemberg“) davon aus, dass die Winter feuchter werden als früher, im Winter würden in manchen Regionen bis zu 35 Prozent mehr Niederschlag erwartet. „Schon jetzt sind die Sommer trockener und die Winter feuchter als früher“, heißt es in dem Dokument.
Das allerdings spiegelt sich zumindest bis.lang in den Furtwanger Messdaten noch nicht wider. Betrachtet man die Werte seit der Jahr.tausendwende und vergleicht sie mit denen der Zeit davor, so sind die Niederschläge während des meteorologischen Winters sogar leicht zurückgegangen. In diesem Punkt dürften die Klimaszenarien also durchaus noch gewisse Un.sicherheiten haben. Auf die meteorologischen Jahreszeiten bezogen, waren die Winter in Furtwangen seit der Jahrtausendwende um drei Prozent trockener als zuvor, die Frühjahre um fünf Prozent, die Herbstzeiten gar um zehn Pro.zent. Nur im Sommer waren die Niederschlags.summen unverändert.
„Früher“ brachte der Winter im Schnitt an 63 Tagen mehr als 30 cm Schnee
Aber zurück zum Schnee. Das letzte Jahrzehnt, das im Schwarzwald noch ordentliche Schnee.mengen brachte, war das 1980er, als im Winter in Furtwangen im Schnitt 63 Tage mehr als 30 Zentimeter Schnee lag. Im vergangenen Jahr.zehnt waren es im Mittel nur noch 44 Tage. Als Spitzenwert der Furtwanger Aufzeichnungen waren im Winter 1981/82 beachtliche 129 Tage mit mehr als 30 Zentimeter Schnee gezählt worden. Im Winter 2013/14 gab es – das war das andere Extrem – keinen einzigen.
Solche gravierenden Trends verändern na.türlich vieles. Sie verändern die Natur, die Pflan.zen- und die Tierwelt, sie verändern das Leben der Menschen vor Ort. Und das reicht natürlich auch in zahlreiche Wirtschaftsbranchen hinein. Land- und Forstwirtschaft sind zusammen mit dem Tourismus immer die ersten, die vom Wet.ter und langfristig vom Klima abhängig sind. Aber auch für die Wasserversorgung und den Hochwasserschutz – und damit für die Baupla.nung – sind klimatische Veränderungen eben.falls ein wichtiges Thema.

Nur wenn es 100 Schneetage gibt, lohnt sich der Unterhalt der Skilifte
Doch zuerst zum Tourismus: Im Wintersport wird gerne die 100-Tage-Regel angeführt. Nur dort, wo es in der Saison 100 Schneetage gibt – und 30 Zentimeter werden als Minimum für den Wintersport angesetzt – lohnt sich die Inf.rastruktur, also speziell der Unterhalt der Skilif.te. In Furtwangen wurde die Marke von 100 Ta.gen mit mindestens 30 Zentimetern zuletzt im Winter 2008/09 überschritten, davor im Winter 2005/06. Das waren zugleich die beiden einzi.gen Winter seit der Jahrtausendwende, die auf mehr als 100 skitaugliche Tage kamen.
„Dem Skitourismus stehen magere Zeiten bevor“ resümiert entsprechend auch das ba.den-württembergische Umweltministerium. Und es blickt zugleich in die Zukunft: Im Ver.gleich zu den Jahren 1994 bis 2003 werden die Zahl der Schneetage in den Jahren 2021 bis 2030
Winter mit kaum Schnee sind heute selbst in Furt.wangen nicht mehr selten – hier beim Schwarzbau.ernhof im Katzensteig.

in tieferen Lagen um mehr als 18 Prozent und in Höhenlagen zwischen 500 und 1000 Metern um rund 23 Prozent zurückgehen. Noch schlim.mer seien die Aussichten für die Jahre 2041 bis 2050: Forscher rechneten mit 25 bis 44 Prozent weniger Schneetagen in den Gipfellagen des Schwarzwalds. In den tieferen Lagen sei gar von bis zu 65 Prozent weniger auszugehen.
Ski-Internat Furtwangen sieht dank Kunstschnee keine Standortprobleme
Am Ski-Internat in Furtwangen gibt man sich indes gelassen. „Der fehlende Schnee hat keine Auswirkungen auf unsere Schülerzahlen“, sagt Internatsleiter Niclas Kullmann, „wir vertrau.en schon seit langem nicht mehr auf Natur.schnee“. Alle wichtigen Anlagen würden mit Kunstschnee belegt: „Daher werden wir auch in naher Zukunft kein Standortproblem haben.“
Welche Konsequenzen der Tourismus im Schwarzwald unterdessen aus dem Rückgang der Schneemengen ziehen kann und sollte, will ein Forschungsprojekt der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) herausarbeiten. Es ist in diesem Frühjahr gestar.tet und auf anderthalb Jahre ausgelegt, somit gibt es bislang nur recht allgemein formulierte Zielsetzungen, keine Ergebnisse: „Der globale Klimawandel stellt die Schwarzwaldregion, wie viele Destinationen weltweit, vor Herausfor.derungen“, betont die Hochschule. Um „den Risiken des Klimawandels, wie zum Beispiel Schneeunsicherheit in den Wintermonaten, zu begegnen“ seien „neue Konzepte und Ge.schäftsfelder und die Intensivierung der beste.henden Maßnahmen vor Ort“ nötig.
Klingt im Moment noch ziemlich banal. Die Tourismusbranche freilich hat sich über das Thema schon lange Gedanken gemacht. Und so gewinnen Wandern, Nordic-Walking und das Mountainbike an Bedeutung in Zeiten, in denen der Schnee fehlt. In seiner Studie „Strategie zur Anpassung an den Klimawandel in Baden-Würt.temberg“ kommt das Land zum Ergebnis, dass künftig „Ganzjahresaktivitäten“ zu fördern seien. Dabei werden „nordische Bewegungsfor.men und Lebensstile“ benannt, zu denen auch

die Schwarzwaldregion, wie viele Destinationen weltweit, vor Herausforderungen. Neue Konzepte sind erforderlich.

die „Entschleunigung“ gezählt wird. Ein Thema für den Tourismus der Zukunft könne auch eine „ausgeprägte Gesundheitsorientierung“ sein.
„Das Ferienland wird auch bei Schneemangel gut gebucht“
„Unsere Premiumwanderwege sind ebenso für den Winter geeignet“, sagt derweil Julian Schmitz, Geschäftsführer der Ferienland im Schwarzwald GmbH mit Sitz in Schönwald. So könne man auch bei wenig Schnee den Ferien.gästen ein attraktives Angebot machen. Über die Weihnachtsferien seien die Unterkünfte deswegen selbst bei Schneemangel gut ge.bucht. Denn die Gäste suchen nicht zwingend den Schnee: „Das Naturerlebnis steht im Vor.dergrund.“
Wie in anderen Ferienregionen ging bei stetig steigenden Ankünften von Gästen auch im Ferienland die Aufenthaltsdauer zurück. Mit einer mittleren Aufenthaltsdauer von 5,4 Tagen, die im Winter ähnlich ist wie im Sommer, liege das Ferienland aber deutlich über den Durch.schnittszahlen des Schwarzwalds. Dass immer
In einem schönen Schwarzwaldwinter mit „Ski und Rodel gut“ herrscht an den Skiliften im Landkreis Hochbetrieb. Zumal, wenn in Schönwald das Horn.schlittenrennen ausgetragen wird (oben).
Für bestens präparierte Pisten sorgt das Spurgerät, hier auf dem Raben bei Furtwangen.

kurzfristiger gebucht werde, sei ein weiterer Trend, der aber nicht auf die Region und auch nicht auf den sich verändernden Winter be.schränkt sei.
Ein besonderer Höhepunkt für das Feri.enland sei stets der Weltcup der Nordischen Kombinierer in Schonach, der sowohl in den betreffenden Tagen viele Gäste in die Region bringe – jeweils rund 15.000 Besucher – als auch der Imagepflege der Wintersportregion diene.
Insgesamt sei man im Ferienland recht opti.mistisch, sagt Schmitz, selbst wenn der Schnee zuletzt oft noch nicht über Weihnachten und Neujahr gekommen sei, sondern erst später. Dann sei es eben besonders wichtig, die touris.tische Infrastruktur in bestem Zustand präsen.tieren zu können: „Da dürfen die Hallenbäder dann nicht gerade geschlossen sein.“ Auch die Wanderwege würde im Winter „sehr gut ange.nommen“.
Im Schwarzwald soll künftig wieder mehr Weißtanne wachsen
Zugleich denkt man natürlich auch in anderen Sektoren, die von und mit dem Wetter und

Winteridylle beim Reinertonishof in Schönwald.
Klima leben, darüber nach, was auf die Men.schen, was auf die Natur zukommt. So befasst die Universität Freiburg sich mit den Wäldern und deren Umgang mit dem Klimawandel. Viele Pflanzen seien vor allem den längeren Trocken.zeiten, mit denen zu rechnen ist, nicht gewach.sen, heißt es bei den Forstwissenschaftlern.
Dazu zählt die Fichte, Deutschlands wichtigs.te Wirtschaftsbaumart, die einen Großteil der Waldfläche des Schwarzwalds ausmacht. Auch sie sei vom Klimawandel betroffen, lässt die Professur für Waldbau der Albert-Ludwigs-Uni.versität Freiburg wissen. Untersuchungen dort kommen zu dem Schluss, dass sowohl die einheimische Weißtanne als auch die aus Nord.amerika eingeführte Douglasie auf lange Sicht geeignete Ersatzbaumarten für die Fichte sind.
Als „erfreuliches und gleichermaßen er.staunliches Ergebnis“ beschreiben die Forscher, dass die Weißtanne, die während der 1970er.und 1980er-Jahre besonders unter dem sauren Regen litt und als bedroht galt, sich nun als einheimische Ersatzbaumart für die Zukunft an.bietet. Während die Douglasie die produktivere Baumart sei, wirke die Weißtanne vorteilhafter auf die Biodiversität. Auf lange Sicht sei es da.her sinnvoll, Fichtenwälder mit hohem Risiko des Trockenstresses durch Mischbestände mit Weißtannen und Douglasien zu ersetzen, wobei in den Hochlagen des Schwarzwaldes vor allem auf Weißtannen zurückgegriffen werden sollte.
Der Vegetationsbeginn hat sich um sieben Tage nach vorne verschoben
Des Weiteren ist natürlich auch die Landwirt.schaft vom Klimawandel betroffen. Der Vege.tationsbeginn im Schwarzwald hat sich im Vergleich zu den Verhältnissen vor 50 Jahren um sieben Tage nach vorne verschoben. Doch ob das wirklich positiv ist, ist fraglich, denn zugleich haben sommerliche Trockenperioden zugenommen.
Um für die Zukunft mehr Klarheit zu schaf.fen, wurden in den letzten Jahren diverse For.schungsprojekte mit kreativen Kunstnamen lanciert. Da gab es etwa „Klimopass“, das Pro.jekt Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg, der LUBW Landesan.stalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg. Das Fazit – wie sollte es anders sein – lautete: „Für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, den Naturschutz und auch den Tourismus werden sich die Wirtschafts.bedingungen ändern.“ Im Pflanzenbau sei der verstärkte Anbau von hitze- und trockenheits.resistenten Sorten gefragt. Zudem sei eine „konservierende Bodenbearbeitung, vor allem Mulchsaat“ sinnvoll, um Bodenerosion bei Starkregen zu verhindern, und zu starke Aus.trocknung bei Hitze.

Für die Landwirtschaft gibt es zudem das EU-Projekt „AgriAdapt“, das ebenfalls heraus.arbeiten will, wie die Betriebe weniger anfällig für die Risiken des Klimawandels werden. Von deutscher Seite wird es durch die Bodensee-Stif.tung betreut, die gerade dabei ist, 30 Pilotbe.triebe im südbadischen Raum zu finden, die in diesem Rahmen untersucht werden. Das Projekt soll im Jahr 2019 abgeschlossen werden.
Der Vegetationsbeginn hat sich im Schwarzwald um sieben Tage nach vorne verschoben und die Trocken.perioden haben zugenommen. Das Foto vom „ersten Schnitt“ entstand im Schonacher Gewann Losbach.

Folgen von Starkregen sollen durch eine veränderte Bauplanung minimiert werden
Weil sich wohl auch die Niederschlagsmuster ändern werden, ist auch die Wasserwirtschaft an dem Thema dran. Das Land Baden-Württemberg hat soeben einen Starkregenleitfaden erstellt, der den Kommunen helfen soll, mit kurzfristig auftretenden lokalen, aber sintflutartigen Regenfällen besser umgehen zu können – also die Schäden durch veränderte Bauplanung zu minimieren.
Eine der ersten Gemeinden im Schwarz.wald-Baar-Kreis, die aus dem Leitfaden nun Konsequenzen ziehen will, ist Königsfeld. Sie will sich von einem Ingenieurbüro eine Stark-regen-Gefahrenkarte und daraus resultierend Handlungsempfehlungen ausarbeiten lassen, wie der städtische Ausschuss für Umwelt, Technik, Wirtschaft und Verkehr im Juni 2017 beschloss. Bei dieser Entscheidung dürfte auch das Starkregenereignis von Juli 2015 eine Rolle gespielt haben. Davon waren vor allem die Orts.teile Erdmannsweiler und Neuhausen betroffen, in denen etliche Grundstücke überschwemmt wurden und zahlreiche Keller voll liefen.
Beim Ziel, die Schäden durch Starkregener.eignisse gering zu halten, spielt die Bauleitpla.nung eine entscheidende Rolle. Im Sinne der Risikobegrenzung sollten möglichst viele unver.siegelte Flächen erhalten und neue geschaffen werden. Denn jeder Quadratmeter, auf dem Wasser versickern kann, reduziert die Hochwas.sergefahr. An diesen Flächen allerdings herrscht in den Städten oft ein Mangel – was neben ver.mehrten Starkregen durch Klimaveränderungen eine entscheidende Ursache von Überflutungen sein kann.
An den Flüssen sollten unterdessen, so das Land, „Auenflächen und naturnahe Überflu.tungsflächen gesichert (zum Beispiel durch Flächenfreihaltung), gefördert und reaktiviert, soweit sinnvoll auch Dämme rückverlegt sowie Moore und Feuchtgebiete erhalten und reakti.viert werden.“
Doch in welchem Maße sind verstärkte Starkregenereignisse bisher statistisch erkenn.bar? Schwer zu sagen, denn sie treten so selten und nur punktuell auf, dass sie sich in den

punktuell auf, so dass sie sich mit den Aufzeichnungen einer einzelnen Wetterstation nicht statistisch bele.gen lassen.
Aufzeichnungen einer einzelnen Wetterstation nicht statistisch belegen lassen. Das zeigt ein Blick auf die Furtwanger Werte. Betrachtet man sich zum Beispiel die Anzahl der Tage, die min.destens 50 Liter Regen pro Quadratmeter brach.ten, so lag diese vor der Jahrtausendwende bei 2,8 pro Jahr, seither bei nur noch 1,8. Regen.reiche Tage dieser Kategorie waren folglich zu.letzt sogar seltener als früher.
Nun sind 50 Liter in 24 Stunden noch nicht unbedingt ein Starkregen, zumindest dann nicht, wenn die Menge gleichmäßig über den Tag verteilt niedergeht. Betrachtet man sich da.her die Zahl der Tage mit mindestens 80 Litern pro Quadratmeter, so nahm diese zwar von 0,2 auf 0,3 pro Jahr zu, und die Zahl der Tage mit mindestens 100 Litern stieg von 0,1 auf 0,2 pro Jahr. Doch aufgrund der geringen Fallzahlen ist hier eine ernsthafte Aussage über einen Trend kaum möglich. Zudem: Was die Starkregener.eignisse auszeichnet, ist oft auch gar nicht die Menge, die in 24 Stunden verzeichnet wird, sondern die Menge, die in kürzeren Zeiträumen fällt. Damit zeigt sich: So eindeutig wie bei den Temperaturen sind Trends beim Regen nicht auszumachen.
Der Klimawandel führt zu mehr Trockenheit – so leidet auch die Trinkwasserversorgung
Und doch mehren sich die Indizien, dass neben häufigerem und heftigerem Starkregen einerseits auch längere Trockenphasen zunehmen. Die zweite Hälfte des Jahres 2016 zum Beispiel war so trocken wie kein anderes Halbjahr in den letzten Jahrzehnten.
In der Folge leidet auch die Trinkwasserver.sorgung. „Am liebsten wäre es mir, wenn es jetzt vier Monate durchregnen würde“, zitierten Medien im Frühjahr 2017 den Forstamtsleiter in Villingen-Schwenningen. Denn an vielen Orten wurden in jenen Wochen die niedrigsten Grund.wasserstände seit 30 Jahren gemessen. Zuletzt im Juni des Vorjahres waren in der Region die im langjährigen Mittel zu erwartenden Nieder.schläge gefallen.

Vor allem die fehlenden Winterniederschlä.ge der Saison 2016/17 machten sich bemerkbar. Der Dezember 2016 war in Furtwangen mit knapp 10 Litern pro Quadratmeter der zweit-trockenste Monat in den letzten vier Jahrzehn.ten, nur der November 2011 brachte noch etwas weniger Niederschlag
Unter dem Phänomen längerer Trockenheit leiden inzwischen auch wiederholt einige Quel.len der Region. Schon im Herbst 2015 versiegte im eigentlich regenreichen Schwarzwald man.che Quelle aufgrund der anhaltend fehlenden Regenfälle.
Was den Flüssen und Bächen, und letztlich auch dem Grundwasser, zunehmend fehlt, sind natürlich die Schmelzwässer. Denn im Altschnee stecken große Mengen an Wasser, mitunter durchaus 300 bis 500 Liter pro Qua-

Ein letzter Hauch von Winter und eine randvoll ge.füllte Breg in Furtwangen-Schönenbach. Gerade die Winterniederschläge haben einen großen Anteil an der Sicherstellung unserer Trinkwasserversorgung. Bleiben sie aus, sinkt der Grundwasserspiegel.
dratmeter bei einer Schneehöhe von einem Meter. Und idealerweise tauen diese Schnee.massen nach und nach ab und liefern damit noch lange in das Frühjahr hinein stetigen Was.serfluss.
Doch große Schneemengen sind im Spät.winter heute noch seltener als im Januar. Zuletzt im März 1988 gab es späten Schnee in Hülle und Fülle: Am 14. März wurden an der Wetterstation nochmals 188 Zentimeter ge.messen, nachdem zuvor binnen 24 Stunden ein halber Meter Neuschnee gefallen war.
Wobei trotz aller Erwärmung nicht ausge.schlossen ist, dass auch im März selbiges wieder einmal auftreten kann – denn schließlich wird, wie Klimatologen befürchten, das Wetter zu.gleich extremer. In jeder Hinsicht.
Der Schwarzwaldpokal und das Skidorf Schonach
Susanne Kammerer im Gespräch mit Jg Frey, Bgermeister von Schonach, Heidi Spitz, Geschäftsfrerin des Schwarzwaldpokals und Gunter Schuster, Vorsitzender des Skiclubs Schonach.

Der Schwarzwaldpokal gilt als ein von Stadionatmosphäre und Begeisterung erfülltes, großartiges Wintersportfest. Die erhoffte zauberhafte Schwarzwäl.der Winterlandschaft allerdings, die den perfekten Rahmen für die Wett.kämpfe liefert, gleicht jedoch immer mehr einem Lotteriespiel. Schonachs Bürgermeister Jörg Frey, Skiclubvor.sitzender Gunter Schuster und die Ge.schäftsführerin des Schwarzwaldpokals, Heidi Spitz, sehen die unberechenbarer werdenden Schneeverhältnisse für die Austragung des Schwarzwaldpokals al.lerdings als weniger problematisch an. Die klimatischen Veränderungen gelte es zu akzeptieren, den damit verbunde.nen Herausforderungen stellen sich die Schonacher – und bewältigen sie, wie sie im Interview unterstreichen.
In den vergangenen Jahren musste der Schwarz.waldpokal mehrmals wegen zu milder Tempera.turen und fehlenden Schnees abgesagt werden. Dies war 2001, 2003, 2007 und 2012 der Fall. Se.hen Sie in dieser Ausfallserie eher eine Ausnahme, oder gab es immer schon Schwierigkeiten mit dem „weißen Gut“?
Gunter Schuster: Zum ersten Mal musste der Schwarzwaldpokal im Januar 1983 wegen einer Regenperiode abgesagt werden. Probleme mit milden Wintern gab es aber auch schon vorher. Wir mussten eigentlich fast immer Schnee vom Rohrhardsberg an die Wettkampfanlagen im Ort fahren und für die Langlaufstrecke zusam.menkratzen. Wir mussten auch schon das ein oder andere Mal auf die Loipe bei der Martins.kapelle in Furtwangen ausweichen und dort die Veranstaltung durchführen.
Jörg Frey: Wir liegen in der Ortsmitte auf knapp unter 900 Metern ü. d. M., das ist eine Höhen-

Die Qualitätsansprüche, die die FIS
an die Wettkampforte stellt, sind
höher geworden. Das heißt, man
braucht mehr Schnee und mehr
Schnee heißt auch mehr Aufwand
und Problematik mit dem Transport
bzw. der Produktion.
Jörg Frey

lage, die seit Jahrzehnten nicht schneestabil ist. Das wäre auf 2.000 Metern Höhe sicherlich anders. Wobei selbst in den Alpen mittlerweile maschinell beschneit wird, um eine Schnee.garantie zu haben.
Heidi Spitz: Die Winter sind immer unterschied.lich. In den letzten Jahren war es so, dass der Schnee eher später kam. Es gab stets milde Peri.oden im Laufe des Winters, mit dem berühmten „Weihnachtstauwetter“ kämpfen wir schon im.mer. Zwischen Ende November und März haben wir unseren Schnee, aber der liegt eben nicht durchgehend. Dass eine Schneeschicht wirklich lange bleibt, ist ganz selten.
Das klingt so, als hätte sich die Situation um die schneearmen Winter grundsätzlich nicht verschärft. Dennoch scheint es, dass die Durch.frung des Schwarzwaldpokals mit immensen Klimmzen verbunden ist.
Gunter Schuster: In dem Moment, wo der Schwarzwaldpokal ansteht, wird einem ein schneearmer Winter eher bewusst. Man muss in diesem Zusammenhang jedoch wissen: Wir brauchen an der Strecke mehr Schnee als frü.her. Früher hatten wir eine schmale Spur, haben den Schnee von rechts und links einfach auf der Wiese zusammengetragen und dann hatten wir eine Loipe. Das ist heute nicht mehr der Fall. Denn jetzt braucht man eine Loipe von acht bis zwölf Metern Breite, das sind wirklich Massen an Schnee, die benötigt werden.

Für die acht bis zwölf Meter breite Loipe müssen große Mengen an Schnee herangeschafft werden.
Jörg Frey: Die Qualitätsansprüche, die die FIS an die Wettkampforte stellt, sind höher geworden. Das heißt, man braucht mehr Schnee und mehr Schnee heißt auch mehr Aufwand und Proble.matik mit dem Transport bzw. der Produktion. Ich persönlich glaube ja, dass die Niederschlags.mengen im Winter nach wie vor gleichbleibend sind. Aber die geschlossenen Schneedecken bleiben nicht mehr. Es ist ein Auf und Ab: Der Schnee kommt und geht wieder weg. Die Stabi.lität ist nicht mehr gegeben.
Heidi Spitz: Dieses Problem betrifft nicht nur uns, sondern alle Weltcuporte, von Skandinavi.en bis Italien, also durch ganz Europa. Das hat man in den letzten Wintern verstärkt gesehen: Alle Weltcuporte müssen maschinell Schnee produzieren, um ihre Wettbewerbe abzusi.chern.
Haben Sie die Sorge, dass Schonach aufgrund der zurkliegenden Ausfallserie und den zuletzt schwierigen Bedingungen aus dem Weltcupka.lender fallen knte?

Gunter Schuster: Dass wir den Weltcup noch haben, liegt sicher daran, dass wir bisher alles daran gesetzt haben, um die Wettbewerbe durchziehen zu können. Wir haben die Welt.cups nur abgesagt, als wirklich nichts mehr ging. Ansonsten versuchten wir immer – mit großem Arbeitsaufwand und Schneetranspor.ten und allem, was dazugehört – den Weltcup so lange wie möglich zu halten.

Dass wir den Weltcup noch haben, liegt sicher daran, dass wir bisher alles daran gesetzt haben, um die Wettbe.werbe durchziehen zu können.
Gunter Schuster

Auch bei widrigen Wetterbedingungen sorgt eine große Gruppe an ehrenamtlichen Helfern dafür, dass die Wettkämpfe stattfinden können. An der Schanze wird tagelang gearbeitet.
Heidi Spitz: Eine große Gruppe an freiwilligen Helfern steht hinter dem Ganzen. Alle arbeiten und überlegen in dieser Zeit intensiv, wie man es machen könnte. Gerade an der Langlaufstre.cke und an der Skischanze sind die Leute tage.lang tätig.
Jörg Frey: Durch das unglaubliche Engagement der vielen Ehrenamtlichen haben wir uns, so glaube ich, zwischenzeitlich einen Namen erar.beitet. Dass es in ganz schwierigen Situationen bei uns immer noch möglich war den Weltcup durchzuführen, hat uns entschieden dazu ver.holfen, dass wir immer noch dabei sind und bis.her immer wieder als Weltcupstandort von DSV und FIS auserkoren wurden.
Wir hoffen natürlich, dass es so weitergeht. Aber es ist klar: Mit jedem Weltcup, der ausfällt, wird es schwieriger, da die Funktionäre natürlich auch schauen, wo sie verlässliche Partner haben.

Helfern steht hinter dem Ganzen. Alle
arbeiten und überlegen in dieser Zeit
intensiv, wie man es machen könnte.
Heidi Spitz

In der Saison 2015/2016 konnte die Veranstaltung mangels Schnee nicht zum geplanten Termin Anfang Januar stattfinden. Ausgerechnet bei der Jubiläumsausgabe, dem 50. Schwarzwaldpokal. Hier kam es jedoch zu einem Ersatztermin im März, der gleichzeitig das Weltcup Finale sein sollte. Wie kam es dazu?
Heidi Spitz: Wir hatten im Januar 2016 absolut keinen Schnee, die Veranstaltung war einfach nicht machbar. Der Schnee kam in ganz Mittel.europa erst Mitte Januar, auch andere Weltcup.veranstaltungen wie in Chaux-Neuve wurden abgesagt.
Unser Glück war, dass wir vom DSV gefragt wurden, ob wir unseren Wettbewerb nachholen wollen. Wir haben dann die Chance ergriffen und sagten zu. Da im Terminkalender im März noch Luft war, haben wir so das Weltcup-Finale bekommen.
Jörg Frey: Es kamen also zwei unglückliche bzw. glückliche Umstände zusammen: Unser traditio.neller Termin im Januar funktionierte nicht und gleichzeitig war der Weltcupkalender nicht voll.
Fürs Finale legten wir uns dann richtig ins Zeug und versuchten, etwas Besonderes dar.aus zu machen. Denn beim Finale geht es nicht mehr nur ums Sportliche, das ist gleichzeitig der Saisonabschluss der gesamten Crew. Er gibt die Möglichkeit, auch mal ausgelassen zu feiern.
Der gesamte Weltcuptross war schließlich so begeistert, dass alle sagten, hey, da möchten wir wieder hin!
Kam die erneute Anfrage f das Weltcup-Finale im März 2017 eher erraschend oder hatten Sie darauf spekuliert?
Heidi Spitz: Wir haben das Finale ganz gut hin.bekommen, sodass dann die Frage kam, ob wir im nächsten Winter 2016/2017 unseren alten Termin im Januar zurück haben wollen oder wieder das Weltcup Finale ausrichten wollen.
Gunter Schuster: Es ist für uns natürlich erfreu.lich, wenn die FIS an uns herantritt und sagt, sie würden das Finale gerne in Schonach machen.
Jörg Frey: Wir haben beim ersten Finale nur posi.tive Erfahrungen gemacht. Daraufhin haben wir mit unseren Helfern gesprochen und uns intern beraten, ob wir es wieder machen. Realistisch ge.sehen haben wir immer mit der Wettersituation zu kämpfen, egal ob im Januar oder im März. Der Vorteil bei den Wettkämpfen im März: Wir haben länger Zeit, Schnee zu produzieren.

Heidi Spitz ist seit 1982 Geschäftsführerin des Schwarzwaldpokals. Die gebürtige Scho.nacherin war einst
selbst aktive Langläufe.
rin, dann als Übungsleite.rin und Trainerin im Skiclub Schonach tätig. Außerdem ist Heidi Spitz staatlich geprüfte Skilehrerin. Ihre große Leidenschaft für den Wintersport führte sie schließlich in die „Funktionsmaschinerie“. Seit vielen Jahren organisiert sie den Schwarzwaldpokal und sämtliche andere Wintersportwettbewerbe, die in Schonach stattfinden.

Jörg Frey ist seit 1995 Bürgermeister der Schwarzwaldge.meinde Schonach. Um die Bedeutung des Schwarzwaldpo.
kals für die ganze Region wissend, setzte er sich für den Umbau der Langenwaldschanze im Jahr 2010 ein, der die Durchführung des Weltcups für weitere Jahre sicherte. Als begeisterter Skifahrer und großer Wintersportfan genießt das Gemein.deoberhaupt das internationale Flair, das während der Weltcupveranstaltungen stets in der Gemeinde Schonach herrscht.

Gunter Schuster ist seit über 30 Jahren Vor.sitzender des Skiclub Schonach. 2012 wurde er deshalb mit der
Staufermedaille des
Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, einem Orden für herausragende, langjährige Verdienste im Ehrenamt, ausgezeichnet. Gemeinsam mit Bürgermeister Jörg Frey und Heidi Spitz bildet Gunter Schuster seit vielen Jahren erfolgreich den Kopf des Schwarzwaldpokal-Organisationskomitees.
Welche Anforderungen gibt es an die Wett.kampfanlagen bei einer Weltcupveranstaltung?
Heidi Spitz: Die Schanze muss FIS-zertifiziert sein, was wir mit dem Umbau im Jahr 2010 für die nächsten Jahre gesichert haben. Das Zerti.fikat gilt bis 2020. Außerdem müssen verschie.dene Auflagen erfüllt werden, etwa dass sie mit maschinellem Schnee präpariert wird.
Auch für die Langlaufstrecke gelten Vorga.ben. Die Spur muss acht bis zwölf Meter breit sein, die Trasse gilt es so waagerecht wie möglich zu halten. Außerdem müssen gewisse Höhenme.ter in der Streckenführung enthalten sein.
Von technischer Seite her gibt es im Herbst immer eine Begehung mit dem TV Produzenten. Hier wird festgelegt, wo welche Kamera steht und wo die Leitungen gelegt werden müssen.
Um Sprungschanze und Loipe weltcuptauglich zu halten, benigt es auch Investitionen…
Jörg Frey: Die Wettkampfanlagen und auch die Ansprüche der Verantwortlichen entwickeln sich weiter. Das heißt, eine Wettkampfanlage wird nie fertig sein, sie ist es nur so lange, wie die Zertifizierung läuft. Die Qualitätsansprüche sind in den letzten 20 Jahren so enorm gestie.gen, dass auch wir an weitere Investitionen denken müssen.
Wir müssen jetzt schon zehn Jahre weiter denken und überlegen, wo wir künftig Investiti.onsschwerpunkte setzen und inwieweit wir diese dann auch noch vertreten können. Man darf nicht vergessen, dass es letztendlich enorme Aufwen.dungen sind, die wir dann gerne vertreten, wenn wir die großen Erfolge bei uns haben. Das wird teilweise natürlich auch kritisch gesehen.
Was bedeutet der Schwarzwaldpokal f Schonach und seine Einwohner?
Jörg Frey: Ich habe noch nie eine Veranstaltung erlebt, bei der so viele Freiwillige zusammen-helfen und in wirklich sehr schwierigen Situa.tionen nahezu Unmögliches möglich machen.

fertig sein, sie ist es nur so lange, wie
die Zertifizierung läuft. Die Quali.
tätsansprüche sind in den letzten
20 Jahren so enorm gestiegen, dass
auch wir an weitere Investitionen
denken müssen.
Jörg Frey

Das gibt eine Dynamik im Ort, die für das Mitei.nander im Dorf von allergrößter Bedeutung ist.
Dass es auch Kritiker gibt, ist völlig normal, die gibt es bei jeder Veranstaltung. Für mich als Bürgermeister ist der Weltcup ein unglaubliches Instrument, um den Zusammenhalt im Ort auf.recht zu erhalten, denn in solchen Situationen zeigen die Menschen, was sie miteinander zu leisten vermögen.
Auch das Thema Tradition spielt hier in Schonach eine große Rolle. Der Schwarzwald.pokal findet 2018 nun zum 52. Mal statt. Ich glaube, dass wir auch im Weltcup die größte Tradition schlechthin haben. Der Weltcup ist außerdem ein Alleinstellungsmerkmal, nicht nur für die Gemeinde und den Skiclub, sondern auch für den Schwarzwald.
Hinzu kommt der Anreiz für unsere jungen Nachwuchssportler. Der Weltcup, mit den besten Athleten, spornt die Jugendlichen an, sich reinzu.hängen und zu trainieren und eine solche Karriere anzustreben. Es gibt deutschlandweit wohl nur wenige Orte – mit Ausnahme der großen Winter.sportzentren – die bezogen auf ihre Einwohner.zahl, so viele Olympiasieger und Weltmeister ha.ben wie Schonach. Wir sind dankbar und stolz auf die tolle Nachwuchsarbeit, und dass es so viele in den Weltcupzirkus schaffen.
Wie wirkt sich der Schwarzwaldpokal auf den Tourismus aus?
Jörg Frey: Schonach ist durch den Weltcup in den Medien bekannt. Dies hat eine bedeutende

Ein Schneeband schlängelt sich durch graugrüne Wiesen – Impression vom Schwarzwaldpokal 2017.
Auswirkung auf den Tourismus. Nicht umsonst kommen immer wieder Gäste aufgrund des Schwarzwaldpokals auch im Sommerurlaub. Was die Übernachtungszahlen betrifft, ist das Skidorf Schonach ein Sommerurlaubsort.
Dass wir nicht der typische Winterurlaubs.ort sind hat verschiedene Gründe. Die Mobilität ist größer geworden. Das heißt, wenn jemand Skifahren will, dann fährt er in die Alpen. Früher war es so, dass auch viele aus dem benachbar.ten Elz- und Kinzigtal zum Skifahren zu uns ge.kommen sind, das ist heute nicht mehr in dem Maße so.
Auch das Hotelangebot in Schonach ent.spricht nicht mehr dem, was sich viele wün.schen. Daher gibt es weniger Gäste im Winter.
Heidi Spitz: Die Gäste im Winter buchen erst, wenn Schnee liegt und der Loipenbericht gut ist. Sind unsere Loipen gespurt, so sind auch ruckzuck die Läufer da. Das geschieht alles recht kurzfristig. Sie haben sich auf die unregelmä.ßigen Winter eingestellt. Ist Schnee da, dann kommen die Gäste, wenn nicht, dann nicht.

Gibt es hinsichtlich der unsicheren Schneelage ein Zukunftskonzept f den Winterurlaubsort Schonach?
Jörg Frey: Wir haben unseren Namen als Wintersportort natürlich durch den Weltcup. Wir möchten unseren Kindern immer die Mög.lichkeit geben können, Skifahren zu lernen und den Einheimischen, Ski zu fahren, egal ob alpin oder Langlauf.
Es ist illusorisch, anhand der Größe unseres Skigebietes zu glauben, dass wir mit den großen Wintersportorten in Konkurrenz treten könnten.
Wenn wir das halten, was wir haben und auch unseren Einheimischen und Menschen der Region die Möglichkeit zum Skifahren geben, dann sind wir gut beraten.
Herr Frey, Frau Spitz, Herr Schuster – herzlichen Dank f das Gespräch. Und natlich: Einen schneereichen März f die 52. Auflage des Schwarzwaldpokales!

Winter-Miszellen: Lawinenunglück, heftigste Schneestürme – ungeheure Schneemassen:

Erinnerungen an den „Winter uf em Wald“
Historisches zum Schwarzwaldwinter in Furtwangen, Triberg, Schonach und Schönwald
von Wilfried Dold

Daran erinnert sich jeder „Wälder“: ans Knirschen des Schnees unter den Winterstiefeln, an Neujahrswanderungen durch tief verschneite Wälder oder entlang gefrorener Bäche und Weiher. An Bilderbuch-Winter mit Skitouren durch eine Zauberwelt. Diese Winterromantik begegnet einem häufig in Erzählungen – historische Zeitungsberichte indes sprechen meist eine andere Sprache. Sie dokumentieren, wie beschwerlich die Winter waren, wie sehr sie das Alltagsleben im Schwarzwald geradezu lähmten. Ein bis heute weltweit beachtetes Ereignis ist 1844 das Lawinenunglück beim Königenhof – 17 Menschen sterben. Auch in jüngerer Zeit gab es sehr harte Winter: 1988 beispielsweise sind im Großraum Furtwangen/Triberg/St..Georgen in wenigen Stunden 58 cm Neuschnee gefallen, die Gesamtschneehöhe betrug 1,85 Meter! Mit dem Rekordwinter 1952 können diese Mengen allerdings nicht mithalten: Damals schippten im Schwarzwald über 7.000 Männer den Schnee von den Straßen, allein 1.150 in Furtwangen. Die Räumfahrzeuge kamen nicht mehr durch.
Beschwerliche Wege – eine Menschengruppe kämpft sich zu Fuß durch den Schnee voran. Die zeitgenössische Darstellung des Furtwangers G. Heine stammt aus der Zeit um 1890 und ist mit „Sonntäglicher Kirchgang im Schwarzwald“ betitelt.
Vom Untergang des Königenhofes – das bis heute größte Winterunglück im Schwarzwald
K
ein Neukircher, der diese Geschichte nicht kennt – hier sind alle von Kindesbeinen an mit der Tragödie des Königenhofes vertraut. Schon in der Grundschule habe man ihr das Ereignis in allen Details erzählt – und das Lawinenun.

glück vom 24. Februar 1844 ist im Kreis der Familie noch heute gelegent.lich ein Gesprächsthema, erzählt die Seniorin auf dem Friedhof, zufällig bei der dort angebrachten Gedenktafel für die Opfer stehend. Nachts um 23 Uhr donnerten Tonnen von Schnee einen Steilhang hinunter, zerstörten den Königenhof vollständig und töteten 17 Menschen. Am Unglücksort stehend, würde man nicht vermuten, dass sich hier das bis heute folgenreichste Lawinenunglück im Schwarzwald ereignen konnte. Der Unglückshang ist längst wieder dicht bewaldet, damals war der Steil.hang baumlos: Der Königenbauer hatte den Hang kahlgeschlagen – nur so konnte es zu dem Lawinenabgang überhaupt kommen. Stellenweise bis zu drei Meter hoch soll sich der Schnee in diesem Winter aufgetürmt haben. Und dennoch: Im Wagnerstal gibt es deutlich steilere Hänge als der, von dem sich die tödliche Lawine löste. Wo sich der Königenhof und

Das Lawinenunglück nach einer zeitgenössischen Darstellung des Vöhren.bacher Lithografen Casimir Stegerer. Ein kolorierter Großdruck findet sich auf der folgenden Doppelseite.
Hier stand einst der Königenhof – ein heute unscheinbarer Ort, an dem man ein Lawinenunglück dieses Ausmaßes nie ver.muten würde.

seine Nebengebäude befun.den haben, kann man teils noch Mauerreste ausmachen. Hier steht heute eine Hütte des Forstamtes Furtwangen, liegt ein Grillplatz und erinnert ein Gedenkstein aus dem Jahr 1908 an das Unglück – eine dicke Plexiglasscheibe schützt ihn vor Vandalismus.
Sieben Überlebende
Dass über den Hergang des Lawinenunglückes zahlreiche Details bekannt sind, ist sie.

ben Überlebenden zu verdanken. Ihre Schilderungen finden sich in einer Akte des Bezirksamtes Triberg. Überlebt haben die ältesten Töchter und kleinsten Kinder des Königenbauers, die in einer gangartigen Kammer schliefen. Diese wurde beim Unglück nicht wie der restliche Hof zer.malmt, sondern zur Seite gedrückt. Viele Stunden blieb der Unglücksfall unbemerkt – selbst durch die unmittelbaren Nachbarn, die in dieser Nacht ihre Söhne verloren haben. Im Protokoll des Bezirksamtes steht zu lesen: „Es war Sonntag und Tauwetter trat ein. Abends, so gegen 6 Uhr, ging eine erste Lawine nieder und riss das Immenhaus (Bienenhaus) weg. Die Weibsleute äußerten daher Besorgnis. Doch der Königenbauer und seine Knechte sagten, dass eine Lawine oder viel Schnee dem gro.ßen Gebäude nichts antun könne.“ Ein tödlicher Irrtum, wie sich wenige Stunden später zeigte. Weiter heißt es im Protokoll: „Die Frau des Uhren-

Auf der Höhe oberhalb des Königenhofes erinnert ein Kreuz an den Ausgangs.punkt der Lawine.
Übersichtsbild des Un.glücksortes (1). Vom Königenhof sind nichts als längst verwachsene Mauerreste geblieben. Die Lawine löste sich von einem damals baumlosen Steilhang (2).

Am 24. Februar 1844 kommt es in Neukirch zum bis heute schwersten Lawinenunglk im Schwarzwald. Der Kigenhof wird vlig zerstt, 17 Menschen sterben. Die Lithografie, eine ndliche Ansicht der Unglksstelle, stammt von dem Vrenbacher Kstler Casimir Stegerer, der selbst vor Ort war.

gestellmachers Beha im Nachbarshaus hatte, wie sie später aussagte, nur ein Sausen wie von einem Windstoß gehört und gespürt, wie ihr Haus erzit.terte. Doch da es eine sehr stürmische Nacht war, hatte sie sich nichts dabei gedacht und war wieder eingeschlafen. Um vier Uhr morgens stand sie auf und kochte das Morgen.essen, denn ihre beiden Söhne sollten an diesem Morgen Uhrengestelle über die Fernhöhe hinü.

ber nach Urach tragen. Als die Söhne nicht erschienen, als man sie auch nicht in der Kammer fand, stapfte Vater Beha zum Hof hinüber, fand aber in der Dunkelheit nur einen Haufen Schnee vor. Allmählich erst konnten die Eltern fassen, was geschehen war. Sie weckten den Dachdecker Löffler, der talaus.wärts hastete, um auf dem Kajetanhof Hilfe zu holen, und begannen, im Laternenschein nach Überlebenden zu suchen.
Als die ersten Helfer an der Unglücksstelle eintrafen, hatte man soeben vier Töchter des Königenbauern lebend aus den Trümmern ge.borgen. Die Rettungsmaßnahmen wurden zusätzlich durch einen Kälte.einbruch erschwert, der den nassen Schnee zu Eis gefrieren ließ und die Überlebenschancen der Verletzten weiter verschlechterte. Nur sieben Personen überlebten das Unglück, die Bergung der Toten dauerte Tage.“
Die Toten im Freien auf Brettern aufgebahrt

Nach und nach kamen Hunderte von Helfern im Wagnerstal an, die Schreckensnachricht verbreitete sich in Windeseile. Die Helfer waren teils viele Stunden unterwegs gewesen: In das abseits gelegene Gebiet überhaupt vorzudringen, stellte in diesem schneereichen Winter 1844 eine Meisterleistung für sich dar. Beim Königenhof bot sich ein Bild des Schreckens – eine der authentischen Schilderungen findet sich in der Freiburger Zeitung: „Eine schwere Lawine löste sich vom Berghang des Wagnerstales, stürzte auf das Bauernhaus des Königenbauern Martin Tritschler und drückte es gänzlich zusammen. Es fanden dabei 17 Perso.nen ihren Tod – der Bauer, der mit 5 Kameraden am Tisch saß und Tarock (Cego) spielte, dessen Frau, 4 Söhne und 3 Töchter, der Mietsmann mit dessen Weib und 3 Kindern. Zu Grunde gingen ferner 23 Stück Rindvieh, 1 Pferd und 6 Schafe, 3 Schweine und einige Geißen. Das Unglück wurde erst am andern Tag bemerkt und so kam auch Hilfe aus der Nachbar.schaft viel zu spät. Über Nacht wurde es wieder eisig kalt und die Ret-
Die Erinnerungstafel an die Opfer des Lawinenun.glückes beim Königenhof am 24. Februar 1844. Die Tafel ist auf dem Friedhof in Neukirch angebracht, enthält die Namen der 17 Verunglückten und ihr Lebensalter – vom einjäh.rigen Salomon bis zum 60-jährigen Hofbesitzer Martin Tritschler. Gespen.det haben die Tafel die Verwandten der Opfer.
tung erschwerte sich, erst nach 8 Tagen wurden die letzten Toten aus den Trüm.mern geborgen und alle auf Brettern am Unglücksort aufgebahrt. Das Vieh lebte zum Teil noch, musste aber nach dem Herausziehen von 5 Metzgern geschlach.tet werden. Dies mag den Eindruck des Grauenhaften noch verstärkt haben.“
Ein junger Uhrengestell.macher übrigens konnte nach vielen Stunden befreit werden, sein Kopf steckte in einer Holzkiste. Er starb kurz nach seiner Rettung. Die 17

Toten wurden bei einer so noch nie dagewesenen Feier auf dem Friedhof in Neukirch beigesetzt.
Nach der Zerstörung des Königenhofs war im Wagnerstal nur noch der Kajetanhof bewohnt. 1845 plante der Kajetansbauer, den Königenhof wieder aufzurichten. Das Bauholz lag schon bereit, da verstarb der Bauer unerwartet während einer Pferdeprozession. Der Hof mit seinen 90 Hek.tar Wirtschaftsfläche wurde endgültig nicht mehr aufgebaut. Auch die noch unversehrten Nebengebäude wurden nun abgerissen, das Grund.stück 1878 durch den Staat erworben und aufgeforstet.
Das Unglück hatte auch für die Überlebenden in vielfacher Hinsicht gravierende Folgen. Zwei Monate nach dem Unglück stellte der Neukir.cher Pfarrer fest: ,,Die Tritschlerschen älteren Kinder ziehen heimatlos umher.“ Und das, obwohl aus dem ganzen Land Baden großzügigste
Spenden nach Neukirch geflossen waren. Der Groß.herzog und der Fürst zu Fürstenberg spendeten 500 Gulden, Kirchenkollekten und Wohltätigkeitskonzerte wurden für die Kinder des Königenbauers abgehalten.
Der vor 173 Jahren erfolgte Lawinenabgang findet bis zum heutigen Tage viel Beachtung und ist mit Blick auf die 17 Toten regelmäßig in Zusammen.stellungen zu den weltweit größten Lawinenunglücken zu finden.
Die 17 Toten des Lawinen.unglückes im Wagnerstal wurden auf dem Friedhof in Neukirch beigesetzt.
Die Kapelle des Kajetan.hofes ist das letzte Über.bleibsel aus der Zeit, als dieser Teil des Wagnerta.les noch bewohnt war. Der Königenhof lag in unmit.telbarer Nachbarschaft.

Schnee, Sturm und Regen
Triberg kämpft 1849 gegen ein verheerendes Hochwasser
D
ie Hochwasser im Winter waren und sind wie die Win.tergewitter gefürchtete Er.eignisse. So hat ein Winter.gewitter am 10. Januar 1843 die Kirche von Furtwangen in Brand gesetzt, der Blitz

schlug in die Kirchturmspitze ein. Über eines der schweren Hochwasser berichtet 1849 der in Villingen herausgegebene „Schwarzwälder“. Die Zeitung schreibt über die Situation in Triberg am 17. Januar 1849: „Wenn in dem Winter früherer Jahre ungeheure Schneemassen die Thäler des Schwarzwaldes beinahe unzugänglich machten, so hat uns dieser Win.ter mit den Verheerungen angeschwollener Gewässer bedacht. Zu der Nacht vom 14. auf den 15. schmolz in Folge der unaufhörlichen Regengüs.se, begleitet von einem gewaltigen Sturmwinde, der Schnee, welcher seit einigen Tagen unser Hochgebirge bedekte. Das tobende Gewässer, wel.ches in seinem reissenden Laufe Felsstücke von beträchtlicher Größe und Tannenbäume mit donnerähnlichem Getöse dahinwälzte, riß Mauren ein, untergrub Gebäude, schwemmte den Rasen der für unsere Gegend so kostbaren Wiesen fort.
Hiebei müssen wir auch eines wakren Mannes gedenken, des Zim.mermeisters Schweikert, welcher eine Familie aus ihrem auf einer Insel stehenden Wohnhause, dessen Einsturz zu befürchten war, rettete,
indem er die Mutter und die Kinder auf einer vom Ufer in ein Fenster des untern Stock.werkes gelegten Leiter über die wilden Fluthen trug.
Leider hat auch unsere Stadt das Leben eines braven Mannes zu beklagen, wel.cher um sich von der Höhe des Wassers zu überzeugen in seinem edlen Diensteifer an dem Ufer zu weit vortrat in dem Augenblicke, in wel.chem die Mauer einstürzte, und so rettungslos ein Opfer der schäumenden Wellen ward. Friede sei seiner Asche!“

Bahnschlitten unterwegs auf der Geutsche bei Tri.berg, wohl 1920er-Jahre.
In einer Welt ohne Autos waren die Straßen auch recht gefahrlose Rodelbah.nen – wenn auch nicht zur Freude der Fußgänger. Das Bild zeigt die Kreuzstraße in Triberg um die Zeit des Ersten Weltkrieges, früher der Hauptverbindungsweg nach Schonach.
Unglaublich hohe Schneeberge…
vom Schwarzwald, 6. März 1858
D
em ohnehin schon vorhandenen großen Schnee hat sich seit vorgestern Nacht eine so ge.waltige Masse beigestellt, daß sie zu den Seltenheiten auf un.seren Bergen gerechnet wer.den kann. Wenn der Schnee

gegenwärtig durchschnittlich 3 bis 4 Fuß hoch liegt, so hat ihn die das Schneien stets begleitende sturmbewegte Luft an gar vielen Orten zu unglaublich hohen Bergen zusammengeweht. Der Verkehr ist beinahe ganz aufgehoben, und die Postwagen können nur mit großer Mühe und Gefahr fortgeschleppt werden.
Der Verkehr zwischen den einzelnen Orten ist auf ein Minimum be.schränkt, und die Schulen können aus Mangel an Kindern in gar zu vielen Orten nicht mehr abgehalten werden. Wen nicht ein unaufschiebliches dringendes Geschäft hinaus zwingt, der bleibt behaglich am warmen Ofen sitzen. Bahnen hilft nicht viel, denn der Sturm fegt die kaum ge.öffneten Schneewege sofort wieder zu; auch ist es an vielen Orten un.möglich, den Bahnschlitten fortzubringen, da die Pferde im Schnee nicht fortzukommen vermögen. (Beitrag aus dem „Schwarzwälder“)
April-Schnee
vom Schwarzwald, 19. April 1917
Auf unserm hohen Schwarz.wald haben wir wirklich einen Tag wie den andern Schneefall und zwar so ergiebig, daß der Bahnschlitten geführt werden muß. Daß bei der solchen Witterung die Bestellung der Felder und Gärten ganz ausge.schlossen ist, versteht sich von selbst. Hoffen wir, daß uns der liebe Gott bald mit Frühlings.wetter erfreuen möge.
(Meldung aus dem „Schwarz.wälder“)

Schneetunnel auf dem Raben bei Furtwangen am 15. März 1905.
Winterfreuden der be.sonderen Art: Vier Meter hohe Schneeberge auf der Neueck bei Furtwangen/ Gütenbach haben die Schneeräumer im Schnee.sturm des Jahres 1907 am
6. März zum Bau eines Tunnels animiert. Auch der Pfedeschlitten passte hindurch.

Schneedurchbruch am Raben, „Wiedereröffnung“ der Straße zwischen Gütenbach und Furtwangen am 1. März 1907. Und Fassanstich zum „Tunnel durchbruch“ in der Furtwanger Unterallmend (rechte Seite). Die Unbilden des Winters nahmen die Schwarzwälder offensicht lich „gelassen hin“.

„Jedes Kind ist doch heute ein Brettlehupfer“

Ein Fremdenfrer von 1927 erzählt, wie das Uhrendorf Schwald zum „Wintersportplatz“ aufgestiegen ist
D
drei Norweger sollen es gewesen sein, die in den 1880er-Jahren den Skisport nach Schönwald sprich in unsere Gegend gebracht haben. So zumindest erzählen es die Schönwälder – im nahen Triberg auf dem Feldberg oder anderen Orten im Schwarzwald ist die.se Geschichte eine andere. Die Gäste aus dem Norden waren von den faszinierenden Möglichkeiten im Schwarzwald hellauf begeistert, berichtet die Chronik. Sie sollen auf dem Brend, der Martinskapelle und im Weißenbachtal unterwegs gewesen sein. Tief beeindruckt waren indes auch die Schwarzwälder, als ihnen diese neuen Möglichkeiten bewusst wurden: Endlich konnte man über den Schnee gleiten… Das Skifahren wird über Nacht zunächst zum Modetrend bei den Wohlhabenden – und dringt rasch in das Alltagsleben der gesamten Bevölkerung vor.
Um 1910 bereits, so steht es im 1927 aufgelegten Führer des klimatischen Höhenluftkurortes nachzulesen, war das Dorf ein Wintersport.platz ersten Ranges, in dem selbst die Briefträger ihren Dienst auf Skiern verrichteten und sich die Arbeiter mit den selben auf den Weg zur Fabrik machten. Wörtlich schreibt Alfred Dold von der Kurverwaltung: „Noch
Sogar ein gesticktes Ski.abzeichen legte der Win.tersportplatz Schönwald dereinst auf, das sich so mancher Skiläufer an Jacke oder Pullover nähen ließ (oben links). Ein Hinweis auf die damalige Bedeu.tung des Skiparadieses.
Rechts: Hohen Unterhal.tungswert bietet der von Alfred Dold, Mitglied der Kurverwaltung, im Juni 1927 aufgelegte Fremden.führer. Der Autor rühmt den Winter in den höchs.ten Tönen – und in der Tat hatten die Schwarzwälder mit dem Aufkommen des Wintersportes an der kal.ten Jahreszeit schlagartig die größte Freude.
vor 30 Jahren fast unbekannt, ist heute jedes Kind ein ‘Brettle.hupfer’. Die ganze Jugend lernt das Skilaufen. Ja der Schnee.schuh ist dem Schwarzwälder heute so wichtig geworden wie dem Weltumsegler das Schiff.“
„Großartige Zukunft“
Die Norweger prophezeiten den Schönwäldern eine großartige Zukunft als Wintersport.platz – und der Ort machte in der Tat umgehend das Beste daraus. Denn wie heißt es

doch im schon bald aufgeleg.ten Winter-Führer: „Niemals fühlt man die Luft so leicht, trocken und erfrischend, durch nichts werden die Muskeln des ganzen Körpers so angespannt, nie wird das Gemüt so hell und leicht, der Körper abgehärtet und gestählt, als im Gebirge durch Skisport und Freiluftleben im Winter. Was nun die Bedeutung Schönwalds als Winterkurort in hygienischer Beziehung anbelangt, so seien namentlich Blutarme, Bleichsüchtige, Neurastheniker und sonstige Erholungsbedürftige auf unseren Kurort aufmerksam gemacht.“
1907 gründet sich der Skiclub

Schon 1907 gründete sich in Schönwald ein Skiclub „zur Pflege des so schönen und gesunden Wintersportes“, der sich wiederum dem Ski-Club Schwarzwald anschließt, dessen Mitgliedskarte unten rechts abgebildet ist. 1920 zählte der Verein bereits 130 Mitglieder. Eine mächtige Sprung.schanze stand bald im Adlerwald, später nannte man die Schanze „Adler.schanze“. Die heutige K85-Nor.
malschanze wurde 1967 erbaut, das Eröffnungsspringen fand am 17. März 1968 statt.
Zurück in die Pionierzeit des Wintersports. Im Fremdenfüh.rer heißt es abschließend: „Der Winter ist nicht mehr der rauhe und griesgrämige Geselle, der früher im Schwarzwald regier.te, sondern er ist ein froher Bursche mit wehenden Locken und blitzenden Augen, der sein jugendliches Spiel mit Jung und Alt treibt.“

Wenn der Briefträger (Helmut Eschle) die Post auf den Skiern bringt: aufgenommen in den 1970er-Jahren in Schön.wald.
Als das Skifahren populär wurde, sind auch etliche Schönwalder Mitglied im Ski-Club Schwarzwald geworden. Vorsitzender war der oft in Furtwangen und Schönwald weilende Skipionier Prof. Franz Kohl.hepp, dessen Unterschrift die Karte trägt.

Ein Winter wie wohl kein zweiter:
7.300 Männer schippen Schnee!
In Furtwangen/Schönwald/Gütenbach geht im Februar 1952 nichts mehr, die Region ist von der Umwelt abgeschnitten
E
war der Jahrhundertwinter schlechthin – nicht nur in Furtwangen, Schönwald oder Gütenbach, im gesamten Schwarzwald gab es so gut wie kein Vorankommen mehr. Ohne Zweifel: Den Großraum Furtwangen/Schönwald hatte es im Februar 1952 besonders schwer getroffen. Der SÜDKURIER erscheint am 5. Februar mit der Schlagzeile: „Winter, wie zu Großvaters Zeiten“. Die Zeitung berichtet von bis zu sie.ben Meter hohen Schneeverwehungen auf der B 500 hinauf zur Escheck. Alle Männer im Alter von 14 bis 65 Jahren wurden am 9. und 10. Fe.bruar zum Freischaufeln der Straßen und der Bregtalbahn eingesetzt, sämtliche Betriebe blieben geschlossen. Allein in Furtwangen schippten
Schnee wohin das Auge blickt: Allein schon um an ihren Einsatzort zu kommen, mussten sich die mehreren tausend Schnee.räumer im Winter 1952 zunächst für sich selbst Wegle freischaufeln. Das Bild entstand auf der heu.tigen B500 zwischen Furt.wangen und Schönwald. Ein Rekordwinter wie der des Jahres 1952 hat sich bis heute nicht wiederholt.
1.150 Männer Schnee. Die Baudirektion Freiburg hat die Ereignisse festgehalten: „Von den 5.059 Kilometern an Bun.des- und Landstraßen in Baden waren am 12. Februar wegen starker Schneeverwehungen fast 1.400 Kilometer vollstän.dig gesperrt. Am schwersten waren die Verwehungen um Furtwangen herum, das wie Gütenbach oder Schönwald zeitweise ganz abgeriegelt war. Die Straßenverwaltung

hatte im ganzen nur 12 Spezialräumgeräte und 89 motorisierte Pflüge einzusetzen, die vor den Schneewänden kapitulieren mussten.
Die Schneekatastrophe zwang dazu, zum ersten Mal wieder 298 bespannte Pflüge (Bahnschlitten) einzusetzen. Aber auch diese konn.ten nicht mehr viel ausrichten. An einigen Tagen waren im gesamten Schwarzwald bis zu 7.300 Mann auf den Straßen.“
Auch die Bregtalbahn steht still

Zur Lage der Bregtalbahn berichtete die Tageszeitung SÜDKURIER am 14. Februar 1952: „Nachdem infolge der erneuten Schneefälle bereits am vergangenen Sonntag (10. Februar) der gesamte Autoverkehr über Furtwan.gen zum Erliegen kam, musste auch die Bregtalbahn am Montag den aussichtslosen Kampf mit den Elementen aufgeben. Schon 14 Tage lang war vom Personal der Bregtalbahn das Äußerste verlangt und geleistet worden, um den Verkehr so lange als irgend möglich aufrecht zu erhal.ten. Trotz täglichen Einsatzes
des Schneepflugs ließ sich jedoch das Verhängnis nicht aufhalten. Meterhoch war inzwischen der Schnee stellenweise angeweht worden.“
Veranlasst durch diese Schneekatastrophe schaffte die Stadt Furtwangen ihre erste Schneefräse an, die sich rasch bezahlt machte. Denn weitere schneereiche Winter folgten, und die Schneemas.sen wären erneut nur mit einem Heer von Zwangsver.pflichteten Schneeräumern zu bewältigen gewesen.

Verdiente Pause – unauf.hörlich schippten über
1.150 Männer im Winter 1952 allein im Großraum Furtwangen den Schnee von den Straßen.
Unter dem Eindruck des Rekordwinters 1952 nahm die Stadt Furtwangen ihre erste Schneefräse in Betrieb – die erste im Landkreis überhaupt. Sie machte sich rasch bezahlt.

Erster elektrischer Skilift, Rodelbahn, Eiskunstlauf und Internationale Wintersportsausstellung
Triberg steigt zum Wintersportort auf

Reiseberichte dokumentieren, dass sich Triberg nach der Eröffnung der Schwarzwaldbahn am 1. November 1873 zu einem der bekanntesten Luftkurorte des Schwarzwaldes entwickelte. Der Wintersport hat daran einen großen Anteil, der Kurort genoss zeitweise hohes Ansehen in diesem Bereich. Vor allem für den ersten elektrischen Skilift der Welt, ihre Bobbahn und ebenso international bedeutsame Wettkämpfe im Eiskunstlauf war die Stadt an den Wasserfällen bekannt.
von Klaus Nagel
Als vor etwa 12.000 Jahren die letzte Eiszeit auch auf den Höhen rund um das Schwarzwald.städtchen Triberg zu Ende ging, stieß der Homo sapiens sapiens, der vor ungefähr 35.000 Jahren in den Alpenvorraum einwanderte, vermut.lich nur episodisch in das Gebiet des heutigen Schwarzwalds vor, das damals allerdings wohl nur eine waldlose Tundra gewesen sein könnte. Vielleicht benutzten dabei diese steinzeitlichen Jäger während der Schwarzwaldwinter auch schon Fortbewegungshilfen, sind doch die Existenz von Tretschuhen vor ca. 5.000 Jahren für Norwegen belegt. Der „Ski von Hoting“ aus Schweden ist etwa 4.500 Jahre alt. Auch der Gletschermann „Ötzi“ trug Schneeschuhe bei sich, die auf 3.300 v. Chr. datiert werden.
Sicherlich ahnten die steinzeitlichen „Ski.pioniere“ nicht, dass im Zentrum der einstigen
Titelseite zum Programmheft der Deutschen Winterkampfspiele, die in Triberg und Titisee stattfanden.

Start zum Skirennen der Damen auf dem Gelände des heutigen Waldsportbads, wo sich die Tal.station des ersten elektrischen Skilifts der Welt befand.
Mittelschwarzwälder Verglet.scherung Mitte des 13. Jahr.hunderts n. Chr. das Städtchen Triberg entstehen sollte, das sich um 1910 gar zu einem internationalen Wintersport.ort entwickelte, an dem alle Wintersportarten ausgeübt
werden konnten.
Belegt ist, wie damals das Skilaufen in den Schwarzwald kam, nämlich durch den Arzt Dr. Tholus in Todtnau im Wiesental, der bei einem Aufenthalt in Norwegen „Schneeschuhe“ ken.nengelernt hatte und sich ein Paar aus Norwe.gen kommen ließ, um als Landarzt im Winter sei.ne Patienten auf den Schwarzwaldhöfen leichter zu erreichen.
Schon am 5. Januar 1892 wurde in Todtnau der erste Skiclub in Mitteleuropa zur Förderung des Schneeschuhlaufens gegründet. Auf dem
1.493 m hohen Feldberg entwickelte sich bald der Schneeschuhlaufsport, der innerhalb weniger Jahre im ganzen Schwarzwald bekannt wurde.
Triberg entwickelt sich zu einem beliebten Kurort
Reiseberichte aus der Zeit der Romantik deuten an, dass sich das nach dem Triberger Stadtbrand von 1826 neu erbaute Städt.
chen mit seinen Wasserfällen zu einem der beliebtesten Schwarzwaldorte entwi.ckelt. Nach der Eröffnung der Schwarzwaldbahn am 1. No.vember 1873, wird Triberg zu einem der bekann.testen Luftkurorte des Schwarzwalds und taucht in allen Reiseführern auf. In dem Buch „Kurorte & Heilquellen des Grossherzogtums Baden“ aus dem Jahr 1905 ist über Triberg zu lesen: „Seit Triberg Centralpunkt der großartigen Schwarz.waldbahn geworden, ist es zu einem Vorort der Schwarzwälder Uhrenindustrie und zum Luft.kurort ersten Ranges erblüht, mit einer Durch.schnittsfrequenz von 10-15.000 Gästen. Zahlen, die mit den heutigen etwa 400.000 Besuchern am Wasserfall natürlich nicht mithalten können.

Anfänglich spielte im internationalen Luft.kurort Triberg der Wintersport keine Rolle, wohl aber in der Umgebung. In einem Werbeheftchen, aufgelegt im Jahr 1910, ist für das 1877 erbaute „Schwarzwald-Hotel“, das 1906 um das „Kurhaus Waldlust“ erweitert wurde, zu lesen: „Triberg, die Perle des Schwarzwalds, ist seit vielen Jahren als bedeutender und viel besuchter Sommer-

Skipioniere auf der „Unteren Geutsche“ am „Hofeck“ bei der heutigen Triberger Jugendher.berge.

Links: Wintersport-Prospekt des „Schwarzwald-Hotel“ und des „Hotel Waldlust“ um 1910. Mitte: Der erste elektrische Skilift der Welt stand im Hoflehen-Talgrund in Triberg und wurde 1910 anlässlich der „Internationalen Wintersportsaus.stellung“ in Betrieb genommen. Rechts: Eiskunstlauf auf dem Bergsee.
kurort bekannt und geschätzt. Vor drei Jahren hat nun auch der Wintersport seinen Einzug in Triberg gehalten. Unter all den bekannten Wintersportplätzen liegt keiner so günstig wie Triberg. Nicht allein dem Rodelsport sind in Tri.berg Bahnen gewiesen. Zwei neue Eislaufplätze, aufs Beste unterhalten, bieten dem Schlittschuh.künstler frohes Ergötzen. Bekannt ist, daß des Schwarzwald’s Höhen das prächtigste Skigelän.de darstellen.
Welch entzückende Touren der Skilauf ermöglicht, zeigt sich bei den wöchentlichen Ausflügen des Ski-Club Schwarzwald, Ortsgrup.pe Triberg. Seit unter ihrer Führung eine neue Rodelbahn gebaut wurde, die unstreitig die schönste und beste des Schwarzwalds sein dürf.te, herrscht, reges, fröhliches Treiben. Veranlaßt durch den technischen Fortschritt, werden keine Mühen und Kosten gescheut, so daß neuerdings eine elektrische Aufzugsbahn hergestellt wird, so daß auch solchen, die den langen Aufstieg gern vermeiden, Gelegenheit geboten ist, dem herrli.chen Vergnügen nach Herzenslust zu huldigen.

Um den Skisport in jeder Hinsicht pflegen zu können, hat sich die Ortsgruppe entschlossen, mit erheblichen Kosten einen Sprunghügel zu bauen, der nach seiner Vollendung (Dezember 1909) einer der zweckmäßigst angelegten sein wird und des.sen Lage geradezu ideal zu nennen ist.
Für 1910 steht die Erstellung einer allen An.sprüchen Rechnung tragenden Bobsleighbahn bevor, so daß zur Ausübung des Wintersports kein Wunsch mehr zu erfüllen bleibt. So bietet denn Triberg neben seiner herrlichen Lage, die dem Erholungsbedürftigen neue Kräfte zuführen soll, auch dem Sportliebhaber reichlich Gelegen.heit zur Ausübung jeglichen Wintersports.“
Europameisterschaften im Eiskunstlauf
Im Eislaufen wurde Triberg bekannt, als auf dem Bergsee, einer glazialen Nische, 1925 sogar die Europameisterschaften im Eiskunstlauf und vom 23.-26. Januar 1926 die Deutschen Winterkampf.spiele im Eiskunstlauf stattfanden.
Als es gelang, die „Internationale Winter.sportsausstellung“ nach Triberg zu holen, die unter dem Protektorat „Seiner Großherzoglichen Hoheit Prinz Max von Baden“ stand, war das Schwarzwaldstädtchen Triberg endgültig ein Mittelpunkt des Wintersports geworden. Die Ausstellung fand vom 18. Dezember 1909 bis zum 20. Februar 1910 in den Räumen der ehemaligen Gewer.behalle statt, die 1936 zum Hei.matmuseum bzw. später zum Schwarzwaldmuseum umfunkti.oniert wurden.

Erster elektrischer Skilift der Welt
Schon im Jahre 1883 wurde in Triberg am Wasserfall eine An.lage erstellt „zur Beleuchtung aller Straßen und Plätze mit elektrischen Bogenlampen. Tri.berg war die erste Stadt, die mit elektrischem Licht beleuchtet wurde“. Die elektrische Energie wurde auch dazu benutzt, um im Triberger Hoflehen anlässlich der Internationalen Ausstellung den ersten elektrisch betriebe.nen Skilift der Welt zu errichten. Beim Kaiserlichen Patentamt wurde dieser von Robert Winter.halder (1866 – 1932) aus Schol.lach, Amt Neustadt, als „Vor.richtung zum Hinaufziehen von Schneeschuhläufern und Rod.lern mittels einer kontinuierlich sich bewegenden Seilbahn auf beschneite Berghänge“ angemel.det. In Triberg sah Winterhalder die Möglichkeit, seinen Lift, den der Schwarzwälder Tüftler zuvor schon in Schollach errichtet hat.te, weltbekannt zu machen.

Der Schollacher Lift wurde al.lerdings von einer Wassermühle, also von Wasserkraft, getrieben und war einschließlich der Trä.ger, das stählerne Transportseil ausgenommen, vollkommen aus Holz. Winterhalder war Bauer und Wirt, der den „Schne.ckenhof“ betrieb und mit der „Vorrichtung zum Aufziehen von Schneeschuhläufern, Rod.lern usw. auf Berghänge“ den zahlreichen Wintergästen seiner Wirtschaft den mühsamen Auf.stieg nach der Abfahrt ersparen wollte. Sein Experiment gelang. Winterhalder, übrigens selbst kein Skifahrer, meldete seine Konstruktion zum Patent an und ließ sich seine „Lift-Erfindung“ bereits 1909 auch in Österreich, Norwegen und Schweden paten.tieren.
Die Liftspur in Triberg war 550 m lang und überwand einen

Links: Auf der Rodelbahn – um 1900 vor allem auch eine beliebte Sportart bei Erwachsenen. Mitte: Blick in einen Ausstellungsraum der Internati.onalen Wintersportsausstellung 1910. Rechts: Startaufstellung zu einem Triberger Volks.wettlauf um 1900.
Höhenunterschied von 85 Metern. Zwölf einbe.tonierte Eisenträger leiteten das zwölf Millimeter starke endlose Drahtseil über die Laufrollen. Die Anlage wurde von einem 15-PS-Motor getrieben. Winterhalder hatte bei seiner Konstruktion auch an die damals noch zahlreichen Rodler gedacht. Der Triberger Lift erschloss nicht nur die Skihänge im Hoflehen, sondern lief entlang der Sprungschanze auch zur Rodelbahn hoch. Die „Lift-Rodler“ verwendeten Schlitten mit verstellbaren Sitzflächen, die bei der Höhenfahrt am Drahtseil so gestellt wurden, dass der Rodler nicht vom Sitz abrutschen konnte. Auch das war eine Winterhaldersche Idee.
Heute gehört dieser Triberger Lift der Vergan.genheit an. Schon im Ersten Weltkrieg wurden um 1917 die Eisenträger abgebaut, um sie für die Rüstungsindustrie zu verwenden. Auch der „Ur-Lift“ in Schollach war nur bis zum Beginn des Ers.ten Weltkrieges in Betrieb und wurde abgebaut.
Dadurch verlor auch die erste Triberger Sprungschanze an Bedeutung, die aber von etwa 1955 an noch viele Jahre den Jugendspringern für das Training diente. Eine weitere, in den 1920er-Jahren erbaute Schanze, stand am Steil.hang der Geutsche. Mit dem Bau einer großen Sprungschanze an der „Unteren Geutsche“ wur.de begonnen. Diese konnte aber nie vollendet werden, da das Vorhaben wohl eine Nummer zu groß war. Der betonierte Schanzentisch steht aber heute noch.

Deutsche Rodelmeisterschaften
Die Triberger Rodelbahn wird seit 2015 aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht mehr offiziell als Rodelbahn ausgewiesen. Auch die Beleuchtung für das nächtliche Rodeln auf der Hofwald-Rodelbahn musste abgebaut werden. Auf ihr fanden 1913 und 1954 die Deutschen Ro.delmeisterschaften und am 14./15. Februar 1959 sogar die Deutschen Rennrodelmeisterschaften statt. Triberg blickt also auch auf eine alte Tradi.tion im Rennschlittensport zurück.
Ein elektrischer Skilift sollte in Triberg auf der „Geutsche“ (Gemarkung Nußbach) erst wieder im Jahr 1966 erbaut werden. Die Länge betrug 385 m bei einem Höhenunterschied von 102 m. Der Elektromotor hatte eine Stärke von 60 PS. Den Lift betreute der Landwirt Johann Kienzler, der sogenannte „Jockenbauer“. Viele schneear.me Winter haben nur an wenigen Tagen einen Betrieb erlaubt, so dass der „Geutsche-Skilift“ schon Mitte der 1990er-Jahre stillgelegt und schließlich im Jahr 2003 demontiert wurde. Ge.blieben ist auf dem Hochplateau der Geutsche lediglich die 1973 hergerichtete Skiwanderloipe, deren Streckenführung in den letzten Jahren ei.nige Verbesserungen erfuhr. Die „Panorama-Loi.pe Geutsche“ bietet nach Norden hin phantasti.sche Ausblicke auf den Nordschwarzwald, nach Osten hin sogar bis zur Schwäbischen Alb.

Bau der „Sterenberg-Bobbahn“
Der Erste Weltkrieg unterbrach in vielerlei Hin.sicht abrupt den Höhenflug Tribergs als Winter.sportort. Ein weiterer Wintersport-Höhepunkt tung der „Sterenberg-Bobbahn“, mit deren Bau im November 1911 begonnen wurde. Das Eröff.nungsrennen auf der Naturbahn fand dann am

24. November 1913 statt.
Die ursprünglich mit einer Länge von 1.630m und einem Gefälle von 9 % geplante Bobbahn wurde vom „Bobsleighclub Schwarzwald“ unter dem Ehrenvorsitzenden Prinz Wilhelm von Sach.sen-Weimar, dem Ersten Vorsitzenden Freiherr von Venningen und dem Triberger Bürgermeister de Pellegrini als Zweitem Vorsitzenden erbaut.
Titelseite eines sogenannten Leporellos mit Winter-Auf der „Sterenberg-Bobbahn“, 1950er-Jahre.

Motiviert durch die „Internationale Win.tersportsausstellung“ in Triberg, begannen 45 Pioniere aus Straßburg, das damals noch zum Deutschen Reich gehörte, mit dem Bau der Na.turbobbahn. Die Bahn fällt vom Start in 980 m ü. NN auf dem Sterenberg (Gemarkung Triberg) zuerst kerzengerade mit 10,7 % nach unten, bevor nach einer Linkskurve, die „Starrkurve“, die „Wasserfallkurve“ und die „Kohlplatzkurve“ folgen. Ihren Auslauf hat die tatsächlich ausge.führte „Sterenberg-Bobsleighbahn“ nach etwa 100 m oberhalb des „Prisenhäusles“ in der Ziel.kurve. Für später war sogar geplant, die Bahn um nahezu 1.000 m zu verlängern und beinahe nach Triberg hineinzulegen.
211 offizielle Rennen ausgetragen
Der im Sommer 2017 ausgeschilderte „Qualitäts.weg Prisental“ folgt dem Verlauf der ehemaligen Naturbobbahn. Auf neuen Tafeln ist auf der „Pa.radiestour“ viel Wissenswertes über die einstige Triberger Bobbahn zu erfahren. Etwa in der Mitte der Bobbahn steht ein großer Granit-Wollsack, in dem sich eingemeißelte Namensinitiale von neun Personen aus Winden im Westerwald (Hes.sen-Nassau, Rhein-Lahn-Kreis) finden, die ver.mutlich im November und Dezember 1911 beim Bau der „Sterenberg-Bobbahn“ mitwirkten. We.nig oberhalb liegt am Weg ein Wasserschacht, ein Relikt der Wasserleitung, die dafür diente, die Naturbobbahn zu bewässern, um bei Minustem.peraturen für eine Eisschicht zu sorgen.

Für die Zuschauer erstellte man 1914 neben der Bobbahn einen Fußweg, der heute noch gut zu erkennen ist. Ursprünglich sollte die Bobbahn bis zum Prisenhäusle führen, wo sich Pferde- und Bobstall befinden sollten. Mit Pferden wurden die Bobschlitten wieder hinauf auf den Steren.berg gezogen. Der Ausbruch des Weltkrieges verhinderte aber den weiteren Ausbau der Na.turbobbahn.
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrie.ges fanden auf ihr 211 offizielle Rennen statt, darunter 1925 die Deutsche Meisterschaft im Zweierbob und 1926 die Deutschen Winter.kampfspiele im Zweier- und Viererbob. Die letzte Veranstaltung auf der „Sterenberg-Bahn“ wurde am 9. März 1958 durchgeführt, da die Bahnen der deutschen Mittelgebirge den gestiegenen Anfor.derungen nicht mehr gewachsen waren. Pläne, in Triberg eine Kunst-Bobbahn zu bauen, ließen sich nicht verwirklichen.
Der „Bob- und Rodelclub (BRC) Schwarz.wald“, 1911 gegründet, wurde daher nach 88 Jah.ren 1999 aufgelöst. Heute erinnert eine Ausstel.lung im Schwarzwaldmuseum“ mit mehreren Bobschlitten an die „Sterenberg-Bahn“ und den einst so erfolgreichen „Bob- und Rodelclub (BRC) Schwarzwald“.

Winterbegebenheiten in St. Georgen
St. Georgen im Schwarzwald ist eine „Winterstadt“, zumal sich die Gemarkung auf bis 1.000 Höhenmeter erstreckt. Oft genug waren gerade die Verhältnisse auf der Sommerau extrem. Was es bedeutet hat, die früher oft schneereichen und kalten Winter in der Bergstadt zu erleben, wird nachstehend

geschildert.
von Erwin Epting
Der „Jahrhundertwinter“ 1952
Die ungeheuren Schneemengen konnten im Februar 1952 mit Bahnschlitten und Schneepflü.gen nicht bewältigt werden, mehrere Haupt- und Durchgangsstraßen waren nicht mehr passier.bar. Auch die Portale des Sommerauer-Tunnels waren zugeschneit, so das etliche Tage in Folge kein Bahnverkehr möglich war. In der Stadt er.gaben sich Trampelpfade, auf denen die Bewoh.ner das Wichtigste erledigten. Wegen der sich ergebenden Notlage wurden auf Wunsch der Landesbehörden und der Stadt Auszubildende und Arbeiter aus den Firmen zur Schneeräumung herangezogen (s. S. 172).

Zugefrorene Wasserleitungen
Bei Kälte waren in vielen Häusern zugefrorene Wasserleitungen gefürchtet. Dann musste man sich mitunter mühsam mit Wasser versorgen, was bei strenger Kälte kein Vergnügen war. Aus Eimern überschwappendes Wasser führte schnell zu hart gefrorenen Hosen. Vor allem aber bestand das Risiko, dass zugefrorene Lei.tungen Risse bekamen. Das war gewissermaßen der „GAU“ und man versuchte mit allen mögli.chen Wärmequellen dies zu vermeiden. So gab es z.B. in vielen Häusern die damaligen Lötlam.pen, mit denen man vorbeugend hantierte oder bereits zugefrorene Leitungen wieder auftaute.

Die Bergstadt im Schnee vor 1900, vorne die Gleise der Schwarzwaldbahn. Winterimpressionen aus den 1920er-Jahre – Schneeräumen in der Gerwigstraße.

Strohschuhe
Die Kinder aus dem Stockwald hatten, beson.ders wenn sie auf ihrem Schulweg „Schnee stampfen“ mussten, in der Schule nasse Schuhe und kalte Füße. Deshalb stellte die Stadt eigens für diese Kinder leihweise Strohschuhe zur Verfügung. Bemerkenswert ist, dass die Stock.wälder Kinder kaum zu spät zur Schule kamen – jedenfalls viel seltener als die Stadtkinder.
Alle Jahre wieder: Schneeräumen
Zu Zeiten, als es noch keine oder wenig Autos gab, gab es auch keinen öffentlichen Räum.dienst, in der Art, wie er heute selbstverständlich ist. Räumen erfolgte mit Bahnschlitten durch dazu beauftragte Privatpersonen, die von ihrem Auftraggeber entlohnt wurden. Große Bauern besaßen einen eigenen Bahnschlitten, dessen Größe wählte der Bauer nach Bedarf. Der Bahn.schlitten wurde von Pferden gezogen. Für breite Straßen und entsprechend große Bahnschlitten war ein bis zu achtspänniges Pferdegespann notwendig (acht paarweise eingespannte Zug.pferde). Damit er das notwendige Gewicht hatte, wurde er meist mit Personen beschwert. Zum „Aufwärmen“ wurde gerne eine Schnaps.flasche mitgeführt. Das Sitzen auf dem Bahn.schlitten war gefährlich, auf keinen Fall durfte man in das Innere rutschen. Manchmal durften

Schneeräumung durch die Stadt, die den Räumdienst erst in den 1950er-Jahren übernommen hat.
auch größere Kinder „mitfahren“, was für sie natürlich spannend und eine Abwechslung war, konnte man doch bei „Wichtigem“ dabei sein.
Der Bahnschlitten ergab eine für Fußgänger und Pferdeschlitten einigermaßen gut geräumte Strecke. Mitunter hinterließ er aber eine kurvige oder nicht ausreichend geräumte Strecke
– je nach Schneeart und Gewicht des Bahnschlittens. Dann musste geschaufelt werden – vor allem auch, wenn es mit dem Bahnschlitten kein Weiterkommen gab.
Die Gefällstrecken wurden verbotenerwei.se vor allem von Kindern gerne als Rodelbahn genutzt. Auch mancher Erwachsene nutzte sie als innerstädtische „Skipiste“. Beides führte zu Konflikten mit Fußgängern und Fuhrwerken.
Mit dem Bahnschlitten wurden hauptsächlich die innerstädtischen Straßen geräumt, vor allem die Sommerauerstraße, Hauptstraße, „Säggasse“ (jetzige Bahnhofstraße), die heutige Bundesstraße und die Straßen nach Brigach und in Richtung Langenschiltach. Räumen von Nebenstraßen und Haus- und Hofzufahrten waren Sache der Anlieger. Mit Zunahme des Auto- und Lkw-Verkehrs reichte diese Art des Räumens nicht mehr. Ab Anfang der 1950er-Jahre übernahm zunächst die Stadt den Räumdienst, nach und nach dann auch Fuhrunternehmen.

Eine Besonderheit war der damalige Bahn.übergang nach Brigach. Die Bundesstraße wurde bis zum Bahnübergang bereits mit dem Schneepflug geräumt, die Straße nach Brigach noch eine zeitlang mit dem Bahnschlitten. Der räumte naturgemäß weniger gründlich. So entstand am Übergang eine beträchtliche Stufe, die von Hand beseitigt werden musste. Unter.blieb dies, gab es Probleme und Ärger, wenn Fahrzeuge stecken blieben und nicht mehr ohne weiteres von den Gleisen wegkamen.
Klosterweiher-Eis
In vielen Wintern war der Klosterweiher mit einer dicken Eisschicht zugefroren. Auch war besonders im Winter das Wasser sehr sauber und klar. So wurden bis in die 1950er-Jahre hinein dicke Eisblöcke von Hand herausgesägt und verladen. Dazu wurde ein eigens für diese Arbeit hergestellter Kran benutzt. Das Heraussägen der Eisblöcke war nicht ungefährlich. Dieses Eis wurde zur Kühlung von Getränken und Waren benutzt, vor allem im Eiskeller des damaligen Gasthauses „Sonne“, aber auch für den St. Ge.orgener Bierkeller der damaligen Brauerei „Bil.ger“. Dieses Eis hielt in gut isolierten Räumen bis weit in den Sommer hinein.
Henningers Kohlen
Der bedeutendste Kohlehändler in St. Georgen war bis Ende der 1950er-Jahre die Eisenhand.lung „Henninger“. Ihr großes Kohlelager befand sich schräg oberhalb der evangelischen Kirche. Zu Beginn der Winterzeit herrschte dort Hoch.betrieb, da sich alle mit Kohle für den Winter eindeckten. Außerdem gab es noch den kleine.ren Kohlenhändler „Pfendler“ neben der evan.gelischen Kirche und den Hafner Staiger in der Gerwigstaße.
Die Kohlen wurden per Bahn geliefert und am Bahnhof von den Händlern abgeholt, an.fänglich noch mit Pferdefuhrwerken. Es war wichtig zu erfahren, wann wieder Kohlen ein.trafen und man fachsimpelte, welche Kohlenart wohl für was die bessere sei – Eierkohlen (in Ei-form gepresster Kohlenstaub), Koks, Steinkohle oder Briketts. Letztere waren für uns Kinder in.teressant, enthielten diese doch oft unvollstän.dig verkohlte Holzreste, die unseren Forscher.drang weckten – sehr zum Leidwesen der Eltern. Zum Transport nach Hause nutze man spezielle, stabile Kohlensäcke mit verstärktem oberen Rand, an dem sich lange Zotten zum Tragen der Säcke befanden. Sie wurden nicht zugebunden und sollten daher nicht umfallen. Manch armer Schlucker war froh, wenn er aus dem Schnee nennenswert Kohlen auflesen konnte – am Zaunrand oder solche, die auf dem Heimweg verloren wurden. Dies galt besonders in Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Pferde mit kleinen Glöckchen
Bis etwa zum Ende der 1950er-Jahre waren die Bauern mit großen Schlitten und Reiche auch mit der Chaise unterwegs. Die Straßen wurden noch nicht „gesalzen“, es war meist eine mehr oder weniger gut befahrbare Schneedecke vorhanden. Die Chaise war eine zweisitzige Kutsche, im Winter mit Kufen, mit bequemen, gepolsterten Sitzen und beweglichem, halbem Verdeck. Die Zugpferde trugen am „Kommet“ (Halsgeschirr des Pferdes) kleine Glöckchen. Sie ergaben im Laufrhythmus der Pferde ein zart und lieblich klingendes Geläut. So war das
Der Klosterweiher diente nicht nur zum Schlittschuhlaufen, sondern lange Zeit zur Eisgewinnung. Das Heraussägen der Eisblöcke war mühsam.

Auf Skiern in den 1950er-/1960er-Jahren mitten durch den „Winterluft.kurort St. Georgen“.

Gefährt schon von weitem zu hören. Ein schö.nes Geläut war der Stolz jedes Bauern. Es war an den damals noch stillen Wintertagen ein ungleich schöneres Geräusch als der heutige Verkehrslärm.
Wintersport
Skifahren
Wintersport war und ist in St. Georgen eine nicht wegzudenkende Freizeitbeschäftigung. Mit Aufkommen brauchbarer Skier wurde er überall, wo es nur möglich und günstig er.schien, mit Begeisterung ausgeübt, so z.B. im Mühledobel, am Adlerberg, später hauptsäch.lich am Kohlbühl und Storzenberg. Die Begeis.terung zeigte sich auch darin, dass nach jeder Abfahrt wieder mühsam zu Fuß aufgestiegen wurde, nur um möglichst oft abzufahren. Die Hauptanstrengung waren somit nicht die Ab.fahrten, sondern die Aufstiege. Dies erkannte ein rühriger St. Georgener und errichtete am Kohlbühl Ende 1960 den ersten und einzigen Skilift auf der Gemarkung. Leider lohnte er sich nicht. Der Kohlbühl ist ein Sonnenhang und so waren die Betriebszeiten zu kurz. Anfang 1980 wurde der Lift abgebaut. Mit Aufkommen der Ski.lifte am Kesselberg und in Oberkirnach verloren die stadtnahen Hänge ihre Bedeutung, aber das alpine Skifahren erlebte einen ra.santen Aufschwung.
Im Jahre 1941 und bis heute nie mehr fand ein

Abfahrtslauf durch die Stadtmitte statt. Die „Rennstrecke“ führte ab der Mozartstraße (Nähe heutiger Festplatz), vorbei am Areal der Firma Papst und weiter den Schmiedegrund bergab zum Ziel am Kloster.weiher. Wer diese Gefälle kennt und um die da.malige Ausrüstung weiß, kann verstehen, dass diese Abfahrt eine echte Herausforderung war.
Im Februar 1912 fand der erste dokumentier.te Skikurs mit „verheißendem Erfolg“ statt. Eine besondere Leistung war es dabei, ohne Sturz den Kohlbühl oder später den Storzenberg hin.unter zu kommen.
Der Rucksacklift
Zur Verbesserung des Trainings und der Nut.zung interessanter Hänge wurde im Jahre 1966 von 32 Mitgliedern des Ski-Vereins St. Georgen ein transportabler „Rucksacklift“ angeschafft und artgemäß mit dem Namen „PICCOLO“ ge.tauft. Er wurde in einer Art „Aktiengesellschaft“, mit eigener Satzung selbst finanziert. Er war in relativ kurzer Zeit aufzustellen. Zusammenge.packt waren es drei „Rucksäcke“, der schwerste mit knapp 20 kg enthielt den Motor. Nachdem 1966 am Kesselberg der Lift mit Flutlicht ge.baut war, fand der Rucksacklift ab Anfang der 70er-Jahre nur noch in besonderen Situationen Anwendung.
Insgesamt vier Sprungschanzen
Eine weitere bedeutende Wintersportart war das Skispringen. Bei St. Georgen gab es zwi.schen 1920 und 1982 ununterbrochen Sprung.schanzen, insgesamt vier.
Ab den 1920er-Jahren waren auch bei über.regionalen Veranstaltungen etliche Skispringer (und Kombinierer) aus St. Georgen sehr erfolg.reich. Daher waren Skispringen in St. Georgen immer Großereignisse. In Würdigung der Leistungen dieser Sportler war es in den 1950er-Jahren Brauch, dass zu jedem Skispringen in einem kleinen Umzug die Stadtmusik und an.schließend die Springer mit ihren Sprungskiern auf den Schultern, nicht ohne Stolz, zur Sprung.schanze marschierten.
Eine Besonderheit war das „7-Hippewieb.le“, das in einheimischer Tracht, der „Hippe“, jedes Skispringen mit viel Geschrei eröffnete. Erfunden hat es anfangs der 1930er-Jahre der junge Oskar Wössner in einer Schnapslaune, in Anlehnung an eine Sage über das St. Georgener Gewann „Ecke“.
In den Jahren 1950/51 wurde die dritte Schanze in 1.530 Stunden Mitarbeit von Skiver.einsmitgliedern erbaut. Das Eröffnungsspringen erfolgte am 7. Januar 1951 vor 1.100 (!) Zuschau.ern. Bei Skispringen an Sonntagen gab es auf der Bundesstraße öfters Blechschäden. Die Aufmerksamkeit der Autofahrer galt mehr der Schanze als der Straße.
Ab den 60er-Jahren trainierte der Springer-nachwuchs an der kleinen „Schülerschanze“ mit geländebedingtem flachen Anlauf. Bei schlechtem Schnee blieb der eine oder andere auf der Schanze stehen, was dann vom damali.gen Ansager Adolf Weißer mit „Minus 2 Meter“ verkündet wurde. Der erste, selbst gezimmerte, wacklige Anlaufturm der Schülerschanze mit Leiter-Aufstieg war für die Kleineren bereits ei.ne Mutprobe.

Das Skispringen in St. Georgen lockte stets eine große Zahl an Zuschauern an. Eröffnet wurde es vom soge.nannten „7-Hippewieble“ (unten).
Schwald an.
von Roland Sprich

W
enn der Winter er den Schwarzwald-Baar-Kreis hereinbricht und die Stra.ßen unter Schneemassen verschwinden lässt, schlägt die Stunde der Win.terdienste. Der Räumdienst ist im Landkreis bestens organisiert. Dutzende von Räumfahrzeugen sind zwischen Blumberg und Schonach im Einsatz und befreien 165 Kilometer Bundes-, 199 Kilometer Landes- und 306 Kilometer Kreisstraßen von der weißen Pracht. Dazu kommen noch unzählige Gemeindestraßenkilometer, die von den jeweiligen Kommunen geräumt werden. Ein Großteil des Winterdienstes ist dabei an externe Dienstleister vergeben.

Schönwald: Motorisierter Schneepflug ab 1955 im Einsatz
Wenn der Schnee heutzutage ganz selbstverständlich mit hochspezialisierten Räumfahrzeugen von den Straßen geräumt wird, scheint es nahezu unvorstellbar, dass früher Ochsenkarren und Pferdegespanne zur Schneeräumung eingesetzt wurden. Die Motorisierung brachte dann vielfache Verbesserungen. Im schneereichen Furtwangen beispielsweise war der erste motorisierte Schneepflug im Winter 1938/39 unterwegs. In Schönwald war es 1955 Lukas Duffner, der gegen das Verständnis des Schönwälder Gemeinderates, der von der Notwendigkeit dieses modernen Hilfsmittels zunächst nicht zu überzeugen war, mit der neuen Technik den Winterdienst aufnehmen wollte.

Der aus Ettenheim stammende Lukas Duffner war zu jenem Zeit.punkt 25 Jahre alt und kam durch die Liebe in den auf 1.000 Meter hoch gelegenen Ort Schönwald. Sein Schwiegervater in spe Otto Dold betrieb dort einen Milchhandel über die Milchgenossenschaft und hatte einen Vertrag mit dem Milchwerk in Radolfzell. Zwischen 1949 und 1954 hat der junge Lukas täglich die Milch aus dem Ort an verschiedenen Stützpunkten ein.gesammelt und anschließend mit der Pferdekutsche zur Sammelstelle

„Irgendwann wollte ich nicht mehr. Ein Unimog musste her.“
Lukas Duffner
im Winter zur schieren Plackerei aus, wenn er sich mit dem Schlit.ten durch die hohen Schneeberge kämpfen musste. „Irgendwann wollte ich nicht mehr. Ein Unimog musste her“, erinnert sich Lukas Duffner heute.
Von dem „Universal-Motor-Ge.rät“, das ab 1945 entwickelt und ab 1949 zunächst von einer kleinen Firma in Göppingen gebaut wurde, hatte Duffner bereits gehört. Mit solch einem Kleinlastwagen und ei.nem entsprechenden Pflug sollten die Gemeindestraßen doch leicht

nach Triberg gebracht. Was im Sommer kein und schnell vom Schnee geräumt werden kön-Problem für den kräftigen Mann war, artete nen, dachte er sich.

Ein Unimog für die motorisierte Straßenräumung
Lukas Duffner trug sein Anliegen dem Gemein.derat vor und – stieß auf Ablehnung. „Von den gesamten Gemeinderäten hatte ja damals keiner einen Führerschein und deshalb sahen die auch keine Notwendigkeit zur Anschaffung eines solchen Fahrzeugs. Damals gab es nur wenige Autos und nicht viele Straßen“, erzählt Duffner.
Doch wer das Schönwälder Original kennt, weiß, dass sich ein Lukas Duffner nicht von ei.ner Idee abbringen lässt, wenn sie ihm sinnvoll und notwendig erscheint. Also beschaffte er sich kurzerhand auf eigene Kosten und eigenes Risiko einen solchen Unimog. „Ein Kriegskame.rad schaffte zu der Zeit bei Mercedes-Benz. Das Unternehmen hat Unimog inzwischen über.nommen und am Bodensee produziert. Er hat mir geholfen, dass ich so ein Fahrzeug bekom.men habe“, erinnert sich Duffner. 14.000 Mark kostete der erste Unimog, den Lukas Duffner über einen Kredit finanzierte und mit der Über.nahme vom Güternahverkehr zurückzahlte.

Immerhin hat sich die Gemeinde unter dem damaligen Bürgermeister Fritz Merkle bereit erklärt, die Kosten für das Räumschild zu über.nehmen. Und so wurde Lukas Duffner ab 1956 Schneepflugfahrer im Auftrag der Gemeinde und war mit einem motorisierten Räumfahr.zeug mit Keilpflug unterwegs. „Und auch das eine oder andere Auto aus den Schneehäufen zog, die stecken geblieben sind“, lacht Lukas Duffner. Nachdem der Gemeinderat nach dem

Gestern und heute: Lukas Duffner bei der Schneeräu.mung in Schönwald (links) und ein Räumfahrzeug der Gegenwart in St. Georgen.
ersten Winter sah, wie effizient Duffner mit seinem Unimog die Straßen räumte, wollten sie die Konditionen ändern und die Entlohnung senken. „Da hab ich aber nicht mitgemacht. Die Leistung muss bezahlt werden“, argumentierte Duffner. Von da ab war Ruhe, so lange Lukas Duffner im Winterdienst tätig war.
Die Unimogs haben im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gewechselt, die Leidenschaft für den Winterdienst ist Lukas Duffner bis zu seinem letzten Arbeitstag geblieben. „Ich habe es im.mer gerne gemacht. So habe ich die Menschen in Schönwald kennen gelernt, ich war ja fremd. Man musste halt früh aufstehen.“ Um 3 Uhr ist Duffner aufgestanden und hat zuerst die Au.ßenbereiche und anschließend die Straßen im Dorf geräumt.
Dabei wurde er auch so manches Mal un.versehens zum „Geburtshelfer“, weil er die Dorfhebamme zu Hausgeburten in Schönwald gefahren hat, die ansonsten keine Möglichkeit gehabt hätte, über die zugeschneiten Straßen „mal geschwind“ zu den teils sehr abgelegenen Bauernhöfen zu gelangen.

Erst als Lukas Duffner seinen Reinertonishof 1995 an seinen Sohn übergeben hat, gab der da.mals 66-Jährige das Schneeräumen auf. „Mein Sohn hat den Winterdienst übernommen bis 2006, als der Reinertonishof abgebrannt ist“, blickt Duffner zurück. Nach dem Brand war der Sohn mit dem Wiederaufbau des Hofes zu sehr beschäftigt.
Modernste Technik bei der Schneeräumung von heute
Mit dem Unimog von damals haben moderne Schneeräumgeräte heute nicht mehr viel ge.meinsam. Sie sind nicht nur leistungsstarke Fahrzeuge, die auch große Schneemassen mit modernen Pflügen mühelos von den Straßen räumen. Neben dem reinen Schneeräumen er.füllen moderne Schneeräumfahrzeuge zudem heute auch individuelle Anforderungen zur Beseitigung und Verhinderung von Schnee- und Eisglätte. Dazu sind die modernen Fahrzeuge mit Computern ausgestattet, mit denen sich nicht nur der Verbrauch von Streusalz optimal dosieren, sondern auch die Auswurfbreite ideal auf die jeweilige Fahrbahnbreite anpassen lässt.

Hanspeter Boye ist der Leiter des Bauhofes in St. Georgen, der drittgrößten Stadt im Schwarz.wald-Baar-Kreis. Aufgrund der topografischen Lage und der zahlreichen Steigungen ist der Winterdienst hier eine ganz besondere Heraus.forderung. Nicht umsonst trägt St. Georgen den Beinamen Bergstadt. Um die in St. Georgener Verantwortung liegenden 180 Straßenkilome.ter verschiedener Kategorien adäquat vom Schnee zu räumen, setzt man hier zusätzlich zum Räumschild und Trockenstreusalz auch so genanntes Feuchtsalz ein. Dabei wird das Trockensalz vor dem Auswurf angefeuchtet. „Zu jeweils 15 Gramm Trockensalz werden fünf Gramm Wasser beigemischt“, erläutert Boye.

St. Georgen setzt als erster Winterdienst im Landkreis das Full-Wet-System ein
Darüber hinaus setzt St. Georgen als erster Winterdienst im Landkreis auch das sogenann.te Full-Wet-System ein. Dabei wird Sole auf die Fahrbahn gesprüht. Die Sole besteht aus 80 Prozent Wasser und 20 Prozent Salz. „An.fangs haben die Autofahrer schon verwundert geschaut, wenn man bei niedrigen Tempera.turen auch noch vermeintlich Wasser auf die Straße sprüht“, sagt Hanspeter Boye. Doch die Speziallösung bewirkt einerseits ein schnel.leres Abtauen, wenn man es auf die eisglatte Fahrbahn sprüht. Außerdem wird die Sole auch präventiv aufgebracht, dadurch wird verhin.dert, dass die Fahrbahn gefriert. Was wiederum die Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer er.höht. Zudem ist Sole weniger aggressiv gegen Fahrzeuglacke. Auch die empfindlichen Pfoten von Haustieren werden durch das Solegemisch deutlich weniger belastet als durch das Salz. „Und zudem ergibt sich ein enormes Einspar.potenzial, weil man weniger Salz benötigt und das Salz-Wasser-Gemisch durch nachfolgende Autofahrer natürlich weniger verwirbelt wird“, weist der Bauhofleiter auf weitere Aspekte des Full-Wet-Systems hin, das bislang einzigartig im Schwarzwald-Baar-Kreis eingesetzt wird.
Die Entscheidung, ob Trocken- oder Feuchtsalz oder Sole auf die Fahrbahn auf.gebracht wird, hängt von der Temperatur ab. „Bis minus acht Grad fahren wir Feuchtsalz, bei höheren Minustemperaturen nehmen wir Trockensalz“, sagt Boye. Bei Glatteisregen oder wenn Schneefall angekündigt ist, wird präven.tiv Sole gesprüht. Der richtige Einsatz des jewei.ligen Mittels erfordert neben Erfahrung auch das ständige Beobachten des Wetters.
Wenngleich die Schneeräumfahrzeuge also heute modernste Technik anwenden, damit Verkehrsteilnehmer auch im tiefsten Winter freie Fahrt haben, eines können die Fahrzeuge bis heute nicht: verhindern, dass der von den Straßen geräumte Schnee vor Hof- und Garagen.einfahrten purzelt. Und von dort mühsam mit der Hand weggeschaufelt werden muss.
Bernhard Dorer
Wie waren die Winter auf dem Bernhardenhof?
Wolf Hockenjos im Gespräch mit Bernhard Dorer, Alt-Bernhardenhofbauer
M
itten im Sommer plaudern
bindet uns ein gemeinsames Faible wir über den Winter. für Heimatgeschichte, über die wir Dazu treffe ich mich mit beide allerlei publiziert haben: Er Bernhard Dorer (Jahrgang 1943) mit zahlreichen Beiträgen in der Ba.im Libdinghaus gegenüber dem dischen Bauernzeitung, die er dann 1570 erbauten, 1974 modernisierten auch zu einem Heimatbuch zusam-
Bernhardenhof. Den hat er bereits 2008 an Joachim, einen seiner sechs Söhne übergeben. Irmgard, Bernhards Frau, stellt uns ein Apfelsaftschorle auf den Tisch in der holz-getäfelten Wohnstube.Wir kennen uns schon seit den 1960er-Jahren, als wir beide noch Ski.langlauf-Wettkämpfe bestritten. Später traf man sich jahrein, jahraus im Organisationsko.mitee des Schwarzwälder Skimarathons, denn Bernhard war der Streckenchef. Zudem ver.
mengefasst hat. Im Linacher Harmoni.

ka-Verein spielt er seit 52 Jahren Bass, und in der dortigen Laienspielgruppe spielte er nicht nur mit, sondern schrieb ihr auch das preisge.krönte Theaterstück „Der Linacher Stausee“. Im Winter trifft man Bernhard und Irmgard auch noch immer in der Loipe an. Unser Gespräch wurde auf Schwarzwälderisch geführt, versteht sich, dass ich hier der Lesbarkeit wegen ins Hochdeutsche zurückübersetzen will.

Wolf Hockenjos: An welche „Jahrhundertwin.ter“ erinnern Sie sich besonders lebhaft?
Bernhard Dorer: Der schneereichste Win.ter, den ich erlebt habe, war zweifellos der 1952er. In Erinnerung geblieben ist er mir vor allem deshalb, weil ich drei Tage nicht zur Schule konnte; fünf Kilometer hatten wir zur Schule. Die Telefonleitung verlief in Reichhöhe, sodass wir sogar die Drähte anfassen konnten. Heimzus ging‘s dann mitunter auf dem Pfadschlitten, der mehrspännig gezogen werden musste. An.sonsten absolvierten wir den Schulweg per Ski, damals noch Eschenbretter mit Leder.riemenbindung. Jeden Tag musste auch die Milch zum Nachbarn gebracht werden, der sie auch von den andern Höfen mitnahm und sie dann zur Sammelstelle in der Stadt brachte. Von dort wurde sie dann per Last.wagen nach Freiburg zur Schwarzwaldmilch gebracht, was 1952 mehrere Tage lang nicht mehr ging. Oft mussten wir mit unseren beiden Ochsen pfaden. Dazu kamen noch die Gespanne von den anderen Höfen. Die erste Schneefräse tauchte erst zwei Jahre später auf.
Der Hof war oft so eingeschneit, dass wir den Schnee vom Dach runter schaufeln mussten; dabei wären meine Schwester und ich um ein Haar auch unter eine Dachlawine geraten. Andererseits konnten wir per Ski aufs Dach steigen und runterfahren. Wie in allen alten Höfen, hat der Schnee aber auch den bergseitigen Wohnteil warm gehalten, wie natürlich auch den talseitigen Stall, der vor dem Umbau des Hofs noch zur Wetter.seite hin lag, so wie bei allen Heidenhäusern.

Gab es auch grere Schäden?
Im Hofwald hat es 1958 einen gewaltigen Schneebruch gegeben. Ich erinnere mich noch gut an die vielen, weiß leuchtenden Abbrüche der Fichtendolden im Wald ge.genüber. Aber natürlich war uns allen auch das Lawinenunglück des Königenhofs von 1844 noch immer präsent. Oder auch, wie drüben im Wolfsloch der Nassschnee erst dem Unteren und dann, ein paar Jahre spä.ter, auch noch dem Oberen Wolfslochhof das Dach zusammengedrückt hat, nachdem sie nicht mehr bewohnt und bewirtschaf.tet wurden. Das Dachgebälk des Bernhar.denhofs hat jedenfalls seit 1570 – Gott sei Dank – durchgehalten.
Aber schneearme oder gar schneelose Winter gab es doch auch schon immer?
Die Alten haben uns auch immer schon von derlei Wintern erzählt: 1931 soll es ab dem
20. Oktober so stark geschneit haben, dass an der Kilbi der Bahnschlitten zum Einsatz kam; das soll dann der einzige Einsatz im Winter 31/32 geblieben sein. Extrem war

Der Bernhardenhof in einem Rekordwinter der 1940er-Jahre mit Schneebergen bis zum Dach hinauf. Der Bernhardenhof vor seiner Sanierung im Jahr 1973. Rechts eine Impression aus dem nahen Mäderstal,

fotografiert an Ostern 1970.
dann auch der Winter 1974: In der ersten Oktoberwoche hat es soviel geschneit, dass gebahnt werden musste. Die Ernte – wir haben damals noch Kartoffeln und Getreide angebaut – lag unter einer fast halbmeter.hohen Schneedecke, danach wurde es kalt, und wir hatten bis Mitte November Pulver.schnee. Erst danach konnten die Kartoffeln ausgegraben werden, während Hafer und Roggen kaputt waren.
Doch dann ist ziemlich Schluss gewesen mit dem Winter. So wie ja dann mehrmals auch wieder in den 1990er-Jahren. Im März 1988 hat es nochmals Rekordschneemengen herunter geworfen, doch dann wurden die Winter zunehmend lottriger. Wogegen es nach der Jahrtausendwende immerhin auch wieder ein paar rechte Winter gab. Und auch Schnee im September gab es immer wieder mal, so am 25. September 2002. Aber auch Schnee noch im Juni, wie am 2. Juni 2006.

Wie kam man eigentlich dazu, Skilanglauf als Leistungssport zu betreiben?
Bernhard Dorer: Der winterliche Schul.weg bot die beste Voraussetzung dafür. Mit 14 Jahren hab ich dann meine ersten Langlaufski bekommen. Der Langlaufsport hatte ja nach dem Krieg in der ganzen Regi.on einen unwahrscheinlichen Aufschwung genommen, nachdem 1949 die Skizunft Brend gegründet worden war. Schon 1950 stellte die Skizunft eine komplette Damen.mannschaft und hinzu kamen die großen internationalen Erfolge von Oskar Burg.bacher und den Gebrüdern Siegfried und Peter Weiß vom Unteren Leimgrubenhof: Deutsche Meisterschaften noch und nöcher, und dann natürlich Siegfrieds viermalige Olympiateilnahme.
Bernhard Dorer bei den Schwarzwaldmeister.schaften 1965 in Saig.
Für die Jugend auf den Höfen zwischen der Martinskapelle, Neukirch und Linach gab es nur noch den Skilanglauf. Und alle Winter begannen mit dem großen Skifest „Rund um Neukirch“, über viele Jahre mit internatio.naler Beteiligung. Siegfried Weiß übernahm damals auch die Trainerrolle; das von ihm geleitete Training war hart und sehr speziell, aber überaus erfolgreich. Im Schwarzwald blieb die Skizunft in den Staffelrennen ohne ernsthafte Konkurrenz, wozu ab 1966 auch die erste Flutlichtanlage auf der Martinska.pelle beitrug, die wir in Eigenarbeit errichtet haben.
Wie wird es weitergehen mit den Wintern?
Die Klimaentwicklung gibt mir schon zu denken. Ob man je noch einmal den Schnee von den Dächern schaufeln muss, mit den Ski zum First hochsteigen und runterfahren wird? Auf der Südseite des Stalls verbietet das mittlerweile schon die Photovoltaikan.lage. Aber Joachim, der Hofnachfolger, ist noch aktiver Langläufer. Als Waldbesitzer nimmt er jedes Jahr noch immer am Forst.biathlon teil, ob im norwegischen Lilleham.mer oder im slowenischen Pokljuka. Und auch die Enkel scheinen dem Skilanglauf treu bleiben zu wollen. Die Winter werden kürzer und unzuverlässiger werden, das ja, doch so ganz werden wir sie bestimmt nicht abschreiben müssen. Und zur Not kommt der Schnee, wie im Biathlonzentrum im Weißenbachtal oder auf der Schonacher Weltcup-Strecke, halt auch aus der Kanone.

Zum Abschluss unseres Gesprächs frt mich Bernhard Dorer noch in sein Arbeits.zimmer, zeigt mir am PC eine Fle historischer Winterfotos, uralte Ansichtskarten.motive mit gewaltigen Schneewänden an den Straßen samt Schauflerkolonnen. Das Sammeln von Fotos ist sein Hobby, erzählt er. Gelegentlich zeigt er sie im Rahmen von Bildvorträgen. Und schließlich frt er mir seinen 1999 zum 50. Skizunftjubilä.um angefertigten Film vor, in dem er sie alle wieder lebendig werden lässt, die Bren.der Skilanglaufidole. Frer, denke ich mir, noch ehe der Skisport aufkam, men die Schwarzwaldbauern im Winter ins Sinnieren geraten sein, manch einer ist dabei sogar zum Erfinder geworden. In Bernhards Arbeitszimmer sind die Wände bis zur Decke mit Regalen voller Bher verstellt. Ob mit oder ohne Schnee, dem Altenteiler wird es bestimmt nicht langweilig werden.
Skiwanderung über den „Scheitel Alemanniens“
Noch gibt es den 100 Kilometer langen Fernskiwanderweg Schonach – Belchen
von Wolf Hockenjos
O
b da der Hüfinger Schriftsteller und Maler, dessen 200. Geburtstag soeben festlich begangen wurde, bei seiner Schilderung des Schwarzwaldwinters nicht doch ein bisschen gar zu dick aufgetragen hat? Oder waren die Winter einst tatsächlich so viel grimmiger und schneereicher als heutzu.tage? Schneegeier, weiß der Ornithologe, hat es jedenfalls immer nur in den Hochgebirgen Zentralasiens gegeben, nachweislich nie im Schwarzwald. Doch zum Mythos des Schwarz.walds gehört nun einmal der knackige Winter mit seinen gewaltigen Neuschneemassen, unter denen sich tief bewalmte Höfe ducken, wäh.rend deren Bewohner drinnen ins Sinnieren zu verfallen pflegten und dabei, ganz nebenbei, die Schwarzwalduhr erfanden. Glücklich, wenn‘s den Bewohnern gelingt, bis zum Nachbarn

So weit man umherblickt in der beschneeten Landschaft, auch nicht ein menschliches Wesen! Nur Raben und Schneegeier umflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so dass der Hausvater des Morgens weder Läden noch Haustüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht.
Lucian Reich: Ein Winter auf dem Walde. Aus Hieronymus, Karlsruhe 1853.
ein Tunnel zu schaufeln, fährt der
weiter über den Feldberg bis zum Schöpfer des Hieronymus unbeirrt Belchen zu eröffnen und zu unter-fort, um zu erkundigen, ob dieser halten: Schwarzwaldwinter pur noch am Leben sei. Soweit also speziell für Individualisten unter das Klischee. Was davon ist übrig den Skiwanderern, die mit Ruck-geblieben, nachdem die Winter sack und Langlaufski die sportliche neuerdings immer unzuverlässi-Herausforderung suchen und sich ger geworden sind? Alles Schnee von all den Anstiegen und Abfahr.
von gestern? Wir Heutigen wünschen uns den „harten Mann“ sehnlichst zurück in der ungewissen Hoffnung, endlich wieder einmal ungetrübt die Freuden des Skisports genießen zu können.
Fernskiwanderweg: Schwarzwaldwinter pur speziell für Individualisten
Was war das doch in den frühen 1970er-Jahren noch für eine Aufbruchsstimmung gewesen, damals, als auf der Martinskapelle und am Thurner die ersten Skilanglaufzentren für Jeder.mann entstanden und erstmals der Schwarz.wälder Skimarathon über 60 Kilometer von Schonach nach Hinterzarten gestartet wurde. Als der Begriff „Klimawandel“ noch nicht erfun.den war.
1974 war von etlichen dem Wintertouris.mus wohl gesonnenen Verbänden, vom ADAC über den Schwarzwälder Skiverband bis zum Schwarzwaldverein, die Arbeitsgemeinschaft Skiwanderwege Schwarzwald e.V. gegründet worden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einen durchgängig markierten und maschinell gepflegten Skiwanderweg erst von Schonach bis Hinterzarten auf der Marathonstrecke, dann

ten auf einhundert Kilometern, alles in allem mit einer Gesamtsteigung von 2.300 Metern, nicht abschrecken lassen.
Rucksacklauf über 100 Kilometer
Den Gipfel dieses Skiabenteuers, das Nor.maltouristen in drei bis vier Etappen bewälti.gen, erklimmen freilich jene Hartgesottenen, die es sich zutrauen, am Rucksacklauf um den Wäldercup teilzunehmen, dem Nonplusultra al.ler Volksskiläufe: Einhundert Kilometer auf und ab an einem einzigen Tag, das hatten anfangs selbst Skisport-erfahrene Fachjournalisten für gänzlich unrealistisch gehalten. Zumal die Läuferinnen und Läufer aus Sicherheitsgründen auch noch den Ballast des Rucksacks mit sich zu schleppen haben, dessen Inhalt und Mindestge.wicht in der Wettkampfausschreibung vorgeschrieben werden.
Gedacht war das Rennen, das dem norwegischen Birkebeinerlauf nachempfunden wor.den war, vor allem als Werbung für den neuen Skiwanderweg, aber auch als Ansporn für die Skiclubs, auf ihrer jeweiligen Teilstrecke für narrensichere Markierung und stets passable Präparierung zu sorgen.

Unterwegs auf dem Fernskiwanderweg in den 1990er-Jahren.
Fernskiwanderweg bringt hungrige und durstige Übernachtungsgäste
Für den mittel- und südschwarzwälder Wintertourismus wurde der Fernskiwanderweg zum großen Wurf, denn anders als beim üblichen Loipenbetrieb mit seinem Tagestourismus brachte der Fernskiwanderweg hungrige und durstige Übernachtungsgäste. Die Wirte an der Strecke hatten zudem den Gepäcktransport von Haus zu Haus organisiert, sodass die mehrt.gige Skitour mit dem leichten Tagesrucksack immer mehr Anklang fand und sich rasch auch in der internationalen Langlaufszene herum.sprach. Selbst überfüllte Etappenziele konnten die Wirte längs der Strecke nicht in Verlegenheit bringen; notfalls brachten sie die Skiwanderer auch in Quartieren der weiteren Umgebung unter, um dann dafür zu sorgen, dass sie morgens von dort aus auch wieder rechtzeitig in die Spur zurück fanden.

Der Rucksacklauf – ein einzigartiges Abenteuer
Für Koordination und Organisation des Fernski.wanderwegs wie auch für die Ausrichtung des Rucksacklaufs ist bis heute die Arbeitsgemein.schaft mit Sitz im Schonacher Haus des Gastes zuständig, seit 1983 mit ihrer langlauferprobten Geschäftsführerin Heidi Spitz. Hektisch geht es bei ihr allenfalls frühmorgens beim Ruck-sacklauf zu, der traditionell am ersten Februar.samstag Punkt sieben Uhr mit dem Glockenschlag der Schonacher Kirche gestartet wird.

Von der nervösen Anspannung der Teilneh.mer lässt sie sich dennoch kaum anstecken, die kurz vor dem Start noch von Zweifeln geplagt werden, ob das richtige Wachs aufgelegt, der Rucksack nicht doch zu leicht oder zu schwer bepackt worden ist und ob sie den Lauf überhaupt schaffen würden innerhalb der strengen Limitzeiten. Die sollen am Neueck, in Hinterzar.ten und schließlich am Notschrei dafür sorgen, dass allzu untrainierte Läufer nicht erschöpft unterwegs liegenbleiben oder abhanden kom.men, sondern rechtzeitig vor Zielschluss heil und von Glückshormonen getragen in Multen am Belchen eintreffen, um dort, wie es die Tra.dition will, den Begrüßungskirsch gereicht zu bekommen.
Dorthin, freilich per Kleinbus, muss sich am Wettkampftag auch Heidi Spitz mitsamt dem Schonacher Team und beladen mit Sachpreisen durchschlagen, damit die Zeitmessung klappt und rechtzeitig die Siegerehrung stattfinden kann. Und weil man auch noch in Hinterzarten eine Zwischenlandung einplanen muss, wo die Teilnehmer des Kleinen Rucksacklaufs über 60 Kilometer eintreffen, müssen sich alle sputen: Die Rekord-Fabelzeit über die einhundert Kilo.meter liegt nach wie vor bei jenen phänomenalen 5 Stunden und 51 Minuten, aufgestellt im Jahr 1982 durch den Hinterzartener Olympia.sieger Georg Thoma. Freilich bei blitzschnellen Harschverhältnissen und desto tückischeren Abfahrten – wie denn überhaupt bisher, trotz internationaler Beteiligung, immer ein Schwarz.wälder, ein Wälder, das Rennen gewonnen hat.
Schneesicherheit lässt zu wünschen übrig
Dass die Schneesicherheit im Schwarzwald zu.mal unterhalb der 1000-Meter-Höhenschichtlinie mittlerweile zu wünschen übrig lässt, ist auch am Fernskiwanderweg und am Rucksacklauf nicht spurlos vorüber gegangen. Schon ab den 1990er-Jahren mussten die Rennen immer häufiger mangels Schnee abgeblasen werden. Eine Entwicklung, der auch der Schwarzwälder

die Rennen im Schwarzwald immer häufiger mangels Schnee abgeblasen werden. Eine Entwicklung, der auch der Schwarzwälder Skimarathon im Jahr 2004 schließlich zum Opfer fallen sollte.
Skimarathon schließlich zum Opfer fallen sollte, mochte er einst noch so populär gewesen sein. Anfangs hatte die organisationsbedingte Begren.zung der Teilnehmerzahl noch dazu geführt, dass vor dem Marathon erst noch das Rennen um einen Startplatz gewonnen oder die Anmeldung per Eilboten an das Schonacher Wettkampfbüro abgeschickt werden musste. Dennoch fand 2004 auf verkürzter Ausweichstrecke rund um die schneesichere Martinskapelle der letzte Schwarzwälder Skimarathon statt; sinkende Teil.nehmerzahlen und die finanziellen Risiken einer Großveranstaltung hatten zu dem Entschluss genötigt, fortan nur noch den Rucksacklauf durchzuführen.
Ausfallquote von 40 Prozent
Dabei hatte es den ersten großen Katzenjam.mer bereits im Winter 1977 gegeben, als plötzliches Tauwetter erstmals zur Absage des Skima.rathons gezwungen hatte. Damals war die Idee des Rucksacklaufs gereift, einer verschlankten Veranstaltung mit minimierter Organisation, mit Eigenverantwortung der Teilnehmer und Verpflegung aus dem eigenen Rucksack. Die Wettkampfausschreibung sah sogar vor, dass kürzere Teilstrecken bei lückiger Schneeunter.lage zu Fuß zurückzulegen waren. Dennoch musste das Rennen zwischen 1989 und 1993 viermal hintereinander abgesagt werden, sodass die langjährige Ausfallquote derzeit um die 40 % schwankt. Während 2013 der Lauf wegen Sturm, Nebel und beißender Kälte (unter minus 20 °C) auf dem Höchsten vorzeitig in Hinterzar.ten abgebrochen werden musste, wurde er 2017

wegen unzureichender Schneeverhältnisse im Mittelschwarzwald verkürzt und von Hinterzar.ten aus gestartet. Die Resonanz unter den Teil.nehmerinnen und Teilnehmern blieb dennoch überschwänglich – der Schwarzwaldwinter schien an Reizen nichts eingebüßt zu haben.
Dass auch der Skiwanderbetrieb auf den einhundert Kilometern immer öfter ausfallen muss, weil unterhalb von 1.000 Höhenmetern die Schneedecke nicht ausreicht, hat die Arbeitsgemeinschaft dennoch nicht entmutigen können. Schon vor dem ersten Schneefall sor.gen die Clubs wie all die Jahre dafür, dass die Markierungsstangen auf den Freiflächen angebracht werden und die Beschilderung wieder komplettiert wird. Und noch immer führt die Strecke von Schonach durch das Turntal hinauf ins 1.000 m hoch gelegene Wittenbachtal, wo.hin die Schonacher mittlerweile ihr Skistadion verlegt haben. Für Skiwanderer und Rucksack.läufer bleibt es daher bei diesem ersten stram.men Anstieg, wo sich die Spreu vom Weizen trennt und wo Rennläufer wie Mehrtages-Skiwanderer von der Starteuphorie verlässlich zurückfinden zu ökonomischem Laufstil und individuell angepasstem Tempo.
Dann geht es, ausreichende Schneeunterla.ge vorausgesetzt, in flottem Auf und Ab durch das Schwarzenbach- und das Weißenbachtal nach Schönwald hinüber, wo um 1880 die allerersten Skiläufer aufgetaucht waren, drei norwegische Studenten, Kurgäste im Gasthaus Hirschen. Am Biathlonzentrum vorbei führt die Strecke zum Briglirain, wo erstmals die Europä.ische Wasserscheide erreicht wird, der „Scheitel Alemanniens“. Dem Höhenzug zwischen den zum Rhein hin führenden Steiltälern und den eher flachmuldigen Donauzuflusstälern folgt der Skiwanderweg von der Martinskapelle über den Brend zum Neueck und weiter bis zur Kal.ten Herberge, wo das Schmelzwasser auf der einen Dachhälfte zum Rhein, auf der andern zur Donau abfließt, wann immer es selbst dort oben taut. Und wäre die Urdonau nicht aus.gangs der letzten Eiszeit zum Hochrhein hin abgelenkt und zur Wutachschlucht eingekerbt worden, so hätte der Skiwanderer die Furtwanger Donauquelle nicht schon am Kolmenhof auf der Martinskapelle passiert, sondern erst droben am Grüblesattel, dem Quellgebiet der Urdonau. Das Landschaftserlebnis wird indes auch heute noch von der alten Wasserscheide geprägt, dem so gegensätzlichen Charakter zwischen danubischer und rhenanischer Topo.graphie.

Skiwanderwege gibt es weiterhin
Gut möglich also, dass die Wechselbäder des Winters weiter zu-, die Schneetage weiter abnehmen werden im Zuge des Klimawandels. Doch überzeugt davon, dass es im Schwarzwald auch weiterhin zu polaren Kaltluftvorstößen mit Schneelagen kommen wird, bereitet sich die Arbeitsgemeinschaft Skiwanderwege Schwarz.wald unverdrossen auf den nächsten Winter vor, auf Skiwanderer wie auf Rennläufer. Noch gibt es keine Anzeichen dafür, dass die finanzi.ellen Beiträge der Mitglieder storniert, die eh.renamtlichen Helferdienste jemals eingestellt werden könnten.
Auch wenn die Klimaerwärmung Lucian Reichs Anekdote „Winter auf dem Walde“ wo.möglich endgültig ins Reich der Mythen und Märchen verweisen sollte. Immerhin hatte der Schriftsteller damals noch ein Happy End parat, das ihm zu Ehren und aus Anlass seines 200. Geburtstages dem Almanach-Leser nicht vorenthalten werden soll:
Einmal lag ein einsamer Bauernhof… mit den Bewohnern wochenlang unter dem Schnee be.graben, bis endlich, es war gerade Karfreitag, Umwohnende den Dachfirst aus der Bahrdecke hervorragen sahen und nun zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter, ob noch alle am Leben seien. „Ja!“ antwortete es aus der Tiefe. „Wißt Ihr auch dass heut Karfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „dass Gott erbarm!“ tte es von unten zurk, „Karfreitag, und wir verzehren soeben das letzte Stk vom letzten Stier.“ So fiel es den Leuten schwerer aufs Herz, das Fastgebot, wenn auch unwissend, ertreten zu haben, als die Befrei.ung aus langer Haft und Nacht sie zu erfreuen vermochte.

50 Jahre Skilift Kesselberg

Vor fünfzig Jahren zur Skisaison 1966/67 wurde der Skilift Kesselberg in Betrieb genommen. Jedes Jahr stellt sich für den Betreiber die bange Frage: „Wann kommt der Schnee und wie viel wird es sein?“. Seit 50 Jahren ist dieser Lift in Betrieb und er zählt damit zu den dienstältesten im Landkreis.
von Wilhelm Dold
Artur Summ, Villinger Geschäftsmann und Skiclubmitglied, war Ideengeber und Investor für diese Liftanlage. Sie war vor allen Dingen der Tatsache geschuldet, dass die begeisterten Skifahrer aus dem Skiclub Villingen vor dieser Zeit vielfach mit der Eisenbahn zum Sommer.auer Bahnhof fuhren, von dort mit den Skiern zum Kesselberg hinauf wanderten, um am dortigen Hang Ski zu fahren. Man musste zuerst mal „treppeln“, eine Piste treten, um abfahren zu können. Der Skisport zur damaligen Zeit war mehr harte Arbeit als schwungvolles Vergnü.gen. Abends ging‘s „nordisch“ wieder zurück zum Bahnhof, oft mit einer zünftigen Einkehr im Gasthaus „Hirzwald“. Der Bezug zu diesem Hang war somit für viele Skifahrer bereits seit mehreren Jahren vorhanden.

Gepflegte Pisten ermöglichen heute am Kesselberg ein sportliches Skivergnügen für Jung und Alt.
Vom „Rucksacklift“ zum Liftbau
Auch für den Ski-Verein St. Georgen war der Kesselberg ein beliebter Skihang und wurde regelmäßig besucht, sogar im Vereinslied wird es festgehalten. Um das Skivergnügen zu optimieren, nahm der Ski-Verein im Winter 1965/66 erstmals einen sogenannten „Rucksacklift“ in Betrieb (siehe S. 186).
Ein anderer Umstand war für den späteren Lifterbauer Artur Summ entscheidend: Er lernte in der Kriegsgefangenschaft in Italien den Süd.tiroler Anton Leitner kennen. Beiden gelang die Flucht und sie schlugen sich nach Sterzing in Südtirol durch, wo Leitner daheim und Inhaber einer Liftbaufirma war. Artur Summ fand den Weg schließlich über die Alpen nach Villingen. Der Briefkontakt der beiden blieb über viele Jah.re bestehen. Hierbei entstand dann die Idee, am Kesselberg einen Skilift zu erbauen.
Anton Leitner kam eigens in den Schwarz.wald gereist, um das Gelände am Kesselberg in Augenschein zu nehmen. Anfangs war angedacht, dass Leitner den Lift als Investor bauen würde, als er aber die Verhältnisse und die Höhenlage in Betracht zog, hat er von diesem Vorhaben Abstand genommen. Artur Summ war jedoch von der Idee so angetan, dass sie ihn nicht mehr losließ und er den Liftbau schließlich in Eigenregie in Angriff nahm und auch finanzierte. So wurde 1966 der Lift erstellt und in der Saison 1966/67 in Betrieb genommen.

Anfangs stellte Summ sein Personal aus der eigenen Firma an, um den Lift zu bedienen, zu kassieren, Bügel zu geben, den Betrieb insge.samt zu organisieren. Schließlich wurden Ein.heimische aus Oberkirnach hinzugezogen, die diese Arbeiten übernahmen und einen besseren Bezug zur Technik, Organisation und zu den Ski.fahrern hatten. Eine Besonderheit führte Artur Summ gleichfalls ein: Der Skiclub Villingen hatte montags immer Freifahrt. Die Abrechnung für die Auslagen lag in den Händen von Gertrud Summ, der Ehefrau von Artur Summ.
Ganz zu Anfang musste auf Grund eines Materialfehlers mitten im Winter ein Getriebe
Seit 50 Jahren befördert der Skilift Kesselberg in Oberkirnach die Skifahrer vom Tal auf die Höhe. Der Lift gab den Anstoß für weitere Anlagen in der näheren und weiteren Umgebung.

ausgewechselt werden. Das war sehr schwierig. Mit einem Pferdegespann und einem Schlitten bewältigte man auch dieses Problem. Zuweilen waren Schülerinnen von St. Ursula im Rahmen des Sportunterrichts am Hang. Damals mussten die Nonnen noch um Erlaubnis fragen, damit sie zum Skifahren Hosen anziehen durften.
Abendlicher Liftbetrieb dank Flutlichtanlage
Der Lift fand zunehmend Zuspruch und der Andrang wurde größer. Die Skifahrer standen geduldig in langen zweireihigen Schlangen an, um die etwa 300 Meter am Lift hochgezogen zu werden. Das Warten nahm wesentlich mehr Zeit in Anspruch als das Liften und das Abfah.ren. Schließlich wurde 1976 eine Flutlichtanlage installiert, so dass auch abends reger Liftbetrieb möglich war. Regelmäßig trainierten die Ski.sportvereine und konnten somit ihre Technik verbessern. Einheimische und auch auswärtige
Flutlicht- und Fackelabfahrten sind ein besonderer Reiz des Skilaufs.

Skischulen nutzten die Gelegenheit gleichfalls in zunehmendem Maße und hatten guten Zu.lauf.
Die Pistenverhältnisse mit den zerfahrenen Schneemassen, die sich zu Buckeln anhäuften einerseits, die Skiausrüstungen mit steifem Ski.material, mangelhaften Skibindungen und mit einfachen Lederschuhen andererseits, waren für die Skifahrer zur damaligen Zeit ein gesund.heitliches Risiko. Kaum ein Wochenende ging vorüber ohne Verletzungen. Deshalb etablierte sich die Bergwacht Schwarzwald Ortsgruppe Villingen am Kesselberg, um bei Unfällen auch gleich zur Stelle zu sein. Ihre Einsatzzeit am Lift war Samstagnachmittag, sonn- und feiertags. Die Bergwachtler versorgten Schnittwunden, Zerrungen und auch Knochenbrüche. Mit Ret.tungsschlitten, später auch mit Motorschlitten, wurden die Verletzten abtransportiert.
Liftanlage erhält 250 Parkplätze
1972 wurde die Kesselbergmühle zum Kiosk umgebaut, so dass auch der Durst und der Hunger der Skibegeisterten gestillt werden
Gerade auch für Kinder bietet der Skilift ideale Bedingungen.
konnte. Vielerlei Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass das Skifahren bequemer und sicherer und der Spaßfaktor größer wurde. Skiausrüstung und Pistenpflege bekamen eine größere Bedeutung. Der Kreistag setzte sich 1976 gegen
den Widerstand anderer Regionen durch und investierte in die Infrastruktur beim Skilift: Im Zuge der Ausbesserungsarbeiten der Kreisstraße Oberkirnach – Schönwald wurden dort rund 250 befestigte Parkplätze angelegt. Bürgermeister Otto Weissenberger aus Bad Dürrheim begründete die Entscheidung so: „Man kann das einzige Skigebiet des Kreises nicht außer Acht lassen …“ Diese Parkplätze werden bis heute nicht nur im Winter, sondern zu allen Jahreszeiten für das Naherholungsgebiet Oberkirnach genutzt.
Neue Besitzer stellen sich ein
Auch die Besitzverhältnisse änderten sich: 1977 gab Artur Summ die Liftanlage ab. Die Familien Hils und Stockburger übernahmen den Lift und betreuten ihn in Eigenregie, schließlich stiegen 1994 Waltraud und Hartmut Haas an Stelle von Johann Georg Stockburger ein. Das Jahr 2000 begrüßte man am Kesselberg mit einer zünfti.gen Silvesternacht. Ein offenes Grillfeuer und eine Schneebar am Hang nutzten eine ganze Schar von Skifahrern aus der Umgebung und bewunderten schließlich das Feuerwerk. Ein bleibendes Erlebnis, spielten doch Temperatur und Schneelage bestens mit.
Einige Verbesserungen kamen 2002 dem Skigebiet insgesamt zu Gute: Ein eigener Pis.tenbully wurde angeschafft, so dass stets eine gepflegte Piste anzutreffen war. Das wurde von den Skifahrern gern angenommen, denn die An.sprüche sind gewachsen. Eine lange Abfahrt um das Gewann herum wurde angelegt, so dass für nicht so sichere Skihasen ein Umfahren des Kes.selbergs möglich war. Vor allen Dingen Kinder nehmen dieses Angebot gern an.

Für Geübte und Anfänger
2004 verlegte eine professionelle Skischule ih.ren Übungslift an den Kesselberg. Damit war es möglich, Anfänger in flachem Gelände zu schu.len, mit der Steigerung der Fähigkeiten dann den „Steilhang“ zu nutzen. Dazwischen gibt es einige moderate Varianten.
Der Kiosk wurde 2008 zu einer gemütlichen Imbissstube umgebaut, neue Sanitäranlagen wurden geschaffen. Dieses Angebot zum zünfti.gen „Après-Ski“ nehmen die Gäste gerne an.
Der Skilift Kesselberg gab Ende der 1960er-Jahre den Anstoß zu mehreren Liftanla.gen in Oberkirnach und darüber hinaus im heu.tigen „Ferienland“. Jedes Jahr jedoch kommt für die Betreiber die Frage: Wann fällt Schnee, wie viel davon und wie lang bleibt er liegen? Es gab Winter mit 130 Betriebstagen, aber auch solche mit nur fünf Tagen. Dennoch ist die Situation zuweilen so, dass es in St. Georgen regnet, im „Schneeloch“ Kesselberg Schneeflocken hernie.dergehen und beste Bedingungen herrschen. Skifahren in freier Natur und an der frischen Luft ist und bleibt ein toller Sport und die Region kann sich glücklich schätzen, in unmit.telbarer Nachbarschaft solche Möglichkeiten zu haben.
Das 50-jährige Bestehen wurde im würdigen Rahmen gefeiert. Nachtabfahrten mit Fakelbe.leuchtung und Liftkartenpreise wie vor 50 Jah.ren lockten zahlreiche Skifahrer an.
Was Olympiasieger und Weltmeister heute machen…

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist die Heimat vieler erfolgreicher Wintersportler. Ob Biathlon, Skispringen oder Nordische Kombination: Simone Hauswald, Georg Hettich, Christof Duffner, Hansjörg Jäkle, Hans-Peter Pohl, Martin Schmitt, Alexander Herr und Urban Hettich erlangten seinerzeit große Erfolge bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Sie sorgten dafür, dass eine ganze Region jubeln, feiern und stolz auf „ihre“ Athleten sein konnte und immer noch kann. Für allesamt hat sich das Leben nach der aktiven Sportlerkarriere grundlegend verändert, die Eindrücke, Erlebnisse und glanzvollen Momente wirken immer noch nach.
von Susanne Kammerer
Hans-Peter Pohl Hansjörg Jäckle Christof Duffner Simone Hauswald Georg Hettich Martin Schmitt

Eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen, ist der größte Traum eines jeden Sportlers. Für Georg Hettich, Nordische Kombination,
wurde er wahr.

DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 2002, Salt Lake City Silber mit der Mannschaft
Olympia 2006, Turin Gold im Einzelwettbewerb Silber mit der Mannschaft Bronze im Sprint
Junioren-WM 1997, Weltmeisterschaften 2003 und 2005: Silber mit der Mannschaft

Am 21. Februar 2006 schrieb der Schonacher in Turin Geschich.te. Ein Tag, an dem einfach alles gepasst hat. „Ich wusste, dass ich gut in Form bin, alles Weitere ließ ich einfach auf mich zu.kommen“, beschreibt der Olympiasieger das denkwürdige Ren.nen. Die Bescheidenheit, die den besonnenen Schwarzwälder ausmacht, sollte ihm schließlich zum Sieg verhelfen. Nach dem Sprungwettbewerb ging er weiterhin mit mäßiger Erwartung in die Loipe. „Man soll an seine Aufgabe denken und nicht an das Ergebnis“, so die Devise, die er befolgte. Mit Erfolg. Fünf Meter vor der Ziellinie und den Konkurrenten Felix Gottwald ein gutes Stück hinter sich, war Georg Hettich schließlich klar: Er ist Olympiasieger! „Dieser Moment war schon krass“, erzählt er. Die große Siegerehrung auf der Medals-Plaza in Turin, und die vielen Empfänge und Ehrungen im Anschluss seien wie ein Film abgelaufen. „Erst nach der Saison, als ich zur Ruhe kam, konnte ich alles realisieren“. Auch lange nach den Olympischen Spielen gab es für Georg Hettich viele Termine und Veranstaltungen wie Galas, Interviews und Autogrammstunden zu bestreiten. „Da waren coole Sachen dabei“, erinnert er sich gerne. Dennoch wurde ihm schnell klar: „Das ist nicht mein Hauptleben“. Ein normales Leben in einer normalen Familie, das waren die wirklichen Lebensziele von Georg Hettich.
Und diese hat er auch erreicht. Gemeinsam mit seiner Frau Birgit und Sohn Hannes lebt und arbeitet der 39-Jährige heute in Tuttlingen. Der Diplom-Ingenieur ist in der Medizintechnik tätig. In der Entwicklungsabteilung der Aesculap AG forscht er zusammen mit seinen Kollegen nach biologischeren Lösungen für Knochenersatzmaterial, das beim Austausch von Hüftpro.thesen benötigt wird. „Wir arbeiten eng mit Ärzten zusam.men, die schwere Fälle behandeln. Gemeinsam wird überlegt, was man tun kann“, erklärt er die hochkomplexe Tätigkeit mit einfachen Worten.
In seiner im Jahr 2015 an der Universität Freiburg abgeschlossenen Doktorarbeit erforschte Georg Hettich, wie im menschlichen Gehirn die Gleichgewichtssteuerung funktioniert. Die Grundlage für die Entwicklung von so genannten intelligenten Prothesen.
Gelenke und Gleichgewicht – beides nicht weit vom Leis.tungssport und einstigen Leben Georg Hettichs entfernt. Die.ses tangiert ihn in den Wintermonaten wieder intensiv, wenn er als Fachkommentator mit der ARD unterwegs ist. Hier ist er wieder ganz nah dran und trifft auch immer wieder auf ehemalige Kollegen.
Als gebürtiger Schonacher ist der Olympiasieger natürlich auch beim Schwarzwaldpokal vor Ort, wo er einst selbst an den Start ging. Ein Resümee über die Zeit als Leistungssportler? „Es war eine tolle Zeit, in der alles ziemlich gut gepasst hat“, antwortet Georg Hettich. Gewohnt bescheiden, gewohnt sympathisch.
Martin Schmitt, Skispringen: 28 Weltcupsiege, zweimal Gesamt-Weltcupsieger, ein zweiter und dritter Platz bei der legendären Vierschanzentournee. Dazu einmal olympisches Gold und zweimal Silber mit dem Team, außerdem elf WM-Medaillen in allen Farben.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1998, Nagano und 2010, Vancouver, Silber mit der Mannschaft Olympia 2002, Salt Lake City Gold mit der Mannschaft
Neben zahlreichen Bronze- und Silbermedaillen gab es bei der WM 1999 und 2002 Gold im Einzel und in der Mannschaft
Skiflugweltmeisterschaft 2002 Silber im Einzel

Martin Schmitt war einer der erfolgreichsten Wintersportler Deutschlands. Und einer der beliebtesten: Gemeinsam mit Teamkollege Sven Hannawald hatte der gebürtige Tannheimer zur Jahrtausendwende einen Skisprung-Boom in Deutschland ausgelöst. Der Sport wurde zwischenzeitig zu einer der popu.lärsten Fernsehsportarten. Martin Schmitt startete für den Skiclub Furtwangen und in der Hochschulstadt ist nach ihm auch eine Straße benannt.
Heute, drei Jahre nach Karriereende, spürt er nur noch wenig von dem Hype um seine Person – ist aber noch immer ein gerne angefragter Autogrammschreiber. „Ab und zu werde ich noch angesprochen, aber das hat nicht mehr die Dimensi.on von damals“, erzählt der 39-Jährige. Auf seine unzähligen, großen Erfolge angesprochen, möchte er keinen davon hervor.heben. „Mit jedem Erfolg verbindet man Emotionen, die einzig.artig sind“, sagt Martin Schmitt.
Immer noch eng mit dem Leistungssport verknüpft
Heute lebt der einstige Skisprung-Star mit seiner Familie in Freiburg. Sein Leben ist weiterhin eng mit dem Leistungssport verknüpft. Er ist in der Wintersaison Experte beim TV-Sender Eurosport, besitzt einen Trainerschein und ist gemeinsam mit Ex-Skisprungkollege Simon Ammann Mitinhaber der 2015 gegründeten Vermarktungsagentur ASP SPORTS. Letzterer gehört nun seine volle Aufmerksamkeit: „Wir fördern und un.terstützen Leistungssportler, stellen Kontakte zu Firmen und Sponsoren her“, beschreibt er das Tagesgeschäft. Die Trainer.tätigkeit steht daher aktuell auf dem Wartegleis. „Parallel geht das nicht“, sagt Martin Schmitt.
Was Olympiasieger
Hansjörg Jäkle, Skispringen, genannt „Jackson“, hat sich nach dem Karriere ende der Ausbildung des Skispringernachwuchses verschrieben.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1994, Lillehammer Gold mit der Mannschaft Olympia 1998, Nagano Silber mit der Mannschaft
Weltmeisterschaft 1995, Silber und 1997, Bronze mit der Mannschaft.

Seit 2005 trainiert „Jackson“, so sein Rufname während der aktiven Zeit, die jungen Skispringerinnen und Skispringer des heimischen Skiteams Schonach-Rohrhards berg. Darunter auch seine beiden Kinder Anna (14) und Jonas (16), die erfolg.reich in der Nordischen Kombination unterwegs sind. Die Trai.nertätigkeit lässt sich für Hansjörg Jäkle gut mit dem Beruf vereinbaren.
Hansjörg Jäckle zählt zum Kreis der besten deutschen Skispringer, gewann bei Olympia Gold und Silber in der Mann.schaft und bei Weltmeisterschaften Silber und Bronze in der Mannschaft. 1998 war das erfolgreichste Jahr in der Karriere des Schonachers: Team-Silber bei den Olympischen Winter.spielen in Nagano, Deutscher Meister von der Normalschanze, Deutscher Meister mit dem Team und ein zweiter Platz bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen krönten die Karriere.
Ganz nah dran am Skisprungnachwuchs
Er ist Lehrer für Sport, Technik und Wirtschaftslehre/Infor.matik, an der Dom Clemente Schule Schonach. Somit ist er auch außerhalb der Trainingszeiten ganz nah dran am Ski.sprungnachwuchs. Neue Skispringerinnen zu gewinnen, sei in den letzten Jahren jedoch immer schwieriger geworden. „Die Kinder werden schon im jüngsten Alter mit vielen Freizeit.angeboten überschwemmt“, beschreibt der 46-Jährige. Seinen Mädchen und Jungs aus dem Skiteam rät er, fleißig daran zu arbeiten, immer besser zu werden. „Sich selbst zu motivieren kann man lernen. Wichtig dabei ist, dass man den Spaß an der Sache nie verliert“.
heute machen…
Die ehemalige Top-Athletin
Simone Hauswald, Biathlon, lebt mit ihrem Mann Steffen und ihren beiden Kindern in Schönwald. Sie arbeitet heute als Mental-Coach.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 2010, Vancouver, Bronze im Einzel und mit der Staffel
Biathlon Junioren-Weltmeisterschaft 1998 Gold und 1999 Silber im Einzel und Gold mit der Mannschaft
Gold, Silber oder Bronze im Einzel und mit der Mannschaft bei den Weltmeisterschaften 2003, 2004, 2009 und 2010

Zwei bronzene Medaillen bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver und diverse Weltmeistertitel in den Jahren 2003, 2004, 2009 und 2010 sind die Bilanz einer großartigen sport.lichen Karriere, die sie 2010 auf deren Höhepunkt beendete. Viele erfolgreiche Athleten wechseln nach ihrer aktiven Zeit die Seiten und werden Trainer. Für Simone Hauswald kam das jedoch nicht in Frage. „Als Frau die Trainerlaufbahn einzu.schlagen, ist eher untypisch“, sagt sie. „Das stand für mich nie zur Debatte“. Kurze Zeit kommentierte sie die Biathlonwett.bewerbe als Expertin für den TV-Sender Eurosport. Ende 2011 kamen dann die beiden Söhne Filou und Noah auf die Welt, denen sie sich in der ersten Zeit voll und ganz widmete.
Vollblutmama und Mental-Coach
Heute ist die Vollblutmama als Mental-Coach und Mentaltraine.rin tätig, ein Beruf, der für die 38-Jährige auch eine Herzensange.legenheit ist. „Ich wollte immer Menschen helfen, etwas Gutes tun mit meinem Sein“. Schon während ihrer aktiven Zeit als Biathletin beschäftigte sie sich intensiv mit dem Mentaltraining, das sie letztendlich selbst zu großen Erfolgen führte und schließ.lich zur Lebenseinstellung wurde. „Es geht darum, in sich hin.einzuhören und den Verstand außer Acht zu lassen. Im Unterbe.wusstsein eines jeden Menschen steckt so viel Potenzial“, weiß Simone Hauswald. Dieses zu wecken und dabei zu unterstützen, Regisseur des eigenen Lebens zu werden, ist die Aufgabe eines Mental-Coachs. Hierin hat Simone Hauswald nach dem Biath.lonsport ihre zweite Berufung gefunden. Die Zeit als Weltklasse.athletin tangiert sie auch sieben Jahre nach Karriereende noch ab und zu. „Wenn ich als Gastrednerin eingeladen bin, kommen meine Erfolge schon zur Sprache“, erzählt sie. Fanpost flattert ebenfalls hin und wieder bei ihr ein, die sie gerne beantwortet.
Was Olympiasieger
Obwohl die sportliche Karriere von Hans-Peter Pohl, Nordische Kombination,
schon um etliche Jahre zurückliegt, ist der Schonacher bei seinen Fans nicht vergessen.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1988, Calgary Gold mit der Mannschaft
Junioren-Weltmeisterschaft 1985 Gold mit der Mannschaft
Weltmeisterschaft 1987, Gold und 1993, Bronze mit der Mannschaft

Hans-Peter Pohl aus Schonach war erfolgreicher Nordi.scher Kombinierer in den 1980er-Jahren und anfangs der 1990er-Jahre: 1987 wurde er mit der Mannschaft Weltmeister, ein Jahr darauf, 1988, gewann er, ebenfalls im Teamwettbe.werb, olympisches Gold. 1993 bei der Weltmeisterschaft in Falun gewann er im Team noch einmal Bronze. „Ab und zu kommen noch Autogrammanfragen, was mich immer sehr freut“, erzählt der 52-Jährige. Nach seiner sportlichen Karriere studierte er an der Trainerakademie in Köln, legte dort 1995 die Prüfung ab. Danach ließ er sich in Schonach nieder, grün.dete mit seiner Frau Anja eine Familie und baute nach einer Ausbildung zum Versicherungsfachmann in einer örtlichen Agentur sein berufliches Umfeld auf. Seit 2014 führt er diese Agentur erfolgreich alleine.
Noch immer mit dem Skisport verbunden
Von November bis März ist er als Co-Moderator bei Eurosport für die Berichterstattung der Wettkämpfe in der Nordischen Kombination und im Damenskispringen tätig. In den Jahren 2003 bis 2010 wirkte der Schonacher im Fernsehen auch als ARD-Experte. „Das ist ein toller Spagat zwischen meinem Be.ruf und meinem damaligen Hobby, das für eine Zeit lang zum Beruf wurde. So bin ich doch noch ein wenig mit dem Skisport verbunden“, freut sich Hans-Peter Pohl.
Auch beim Schwarzwaldpokal, dem Weltcup in der Nordi.schen Kombination, der jedes Jahr in Schonach stattfindet, ist der ehemalige Sportler involviert. Bei den Planungen für das Rahmenprogramm ist seine Meinung stets gefragt, außerdem fungiert er als Moderator. „Die Grundlage meines heutigen Le.bens ist die Zeit von damals“, ist Hans- Peter Pohl dankbar.
heute machen…
Auch Christof Duffner, Skispringen, schaut gerne auf die Zeit zurück, in der er als erfolgreicher Sportler durch die Lande zog und große Erfolge feiern durfte.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1994, Lillehammer Gold mit der Mannschaft
Weltmeisterschaft 1997 Bronze und 1999 Gold mit der Mannschaft

An die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer erinnert er sich nur zu gerne. Da war der überraschende Olympiasieg, zusam.men mit seinen Teamkollegen Jens Weißflog, Dieter Thoma und Hansjörg Jäkle. Aber auch das Drumherum stimmte: jeden Tag blauer Himmel und Sonnenschein, 20 Grad Minus und zwei Meter Schnee. Alle Wettbewerbe fanden im selben Ort statt, im Olympischen Dorf wurde zusammen gewohnt und gefeiert. „Ganz Lillehammer war voller Begeisterung. So stellt man sich Olympia vor“, schwärmt der 46-Jährige noch heute. Ebenfalls legendär: die Weltmeisterschaft in Ramsau, als die Mannschaft trotz zweier Stürze Gold gewann. Ein Krimi, den Skisprungfans weit über die Grenzen der Heimatgemeinde Schönwald mitver.folgten. „Duffi“ wurde vielerorts angefeuert, er war der erste Skispringer der Geschichte mit einem eigenen Fanclub.
Der Fokus hat sich klar verändert
2003 beendete der gelernte Werkzeugmechaniker seine Karri.ere und wurde Lehrer. Seit neun Jahren unterrichtet er an der Realschule Triberg Sport, Technik und EWG (Fächerverbund Erdkunde-Wirtschaftskunde-Gemeinschaftskunde). Mit dem Skispringen hat er heute nur noch wenig zu tun. Anfangs trai.nierte er den Nachwuchs des SC Schönwald, war Co- Trainer seines Skisprungkollegen und guten Freundes Hansjörg Jäkle. Doch der Fokus hat sich klar verändert: Die Familie ist für Christof Duffner das Wichtigste im Leben. Die drei zehnjäh.rigen Töchter (Drillinge) machen mittlerweile Biathlon und fahren Alpin rennen. „Hier trifft man immer wieder mal auf ehemalige Sportkollegen“, erzählt er. Begegnungen, die ihm Freude machen und die die Erinnerungen an die glanzvollen Tage der „Schwarzwaldadler“ zurückbringen.
Was Olympiasieger

5. Kapitel – Städte und Gemeinden

Ein bunter Reigen von Veranstaltungen und Festlichkeiten erinnert 2017 in Villingen-Schwenningen unter dem Motto „Aufbruch – 817 – 2017 – Wege in die Zukunft“ an die urkundliche Ersterwähnung von Schwenningen, Tannheim und Villingen vor 1.200 Jahren. In einer fränkischen Urkunde aus dem Jahr 817 treten die drei Ortsteile in die Geschichte ein.
von Madlen Falke
Besuchte man im vergangenen Sommer das Franziskanermuseum in Villingen, sah man dort in der Ausstellung „Wie tickt Villingen-Schwen.ningen“ eine der vier Abschriften der Urkunde aus dem 9. Jahrhundert von Kaiser Ludwig dem Frommen, Sohn von Karl dem Großen. Das Original der Urkunde, am 4. Juni 817 von der Kanzlei des Frankenkaisers in der Pfalz zu Aachen ausgefertigt, wird im Kloster St. Gallen aufbewahrt.
„Swanningas“, „Tanheim“ und „Filingas“
Mit der Rohrfeder schrieb der unbekannte Schreiber – der Kanzleivorsteher Erzkaplan Heli.sachar wurde vom Diakon Durandus vertreten – in der gerade neu eingeführten Minuskelschrift auf ein großes Stück Pergament, was der Kaiser entschieden hatte. Der Text der Kaiserurkunde beginnt mit den Worten: „Im Namen des Herren und unseres Erlösers Jesus Christus, Ludwig begünstigt durch göttliche Gnade Kaiser und Augustus. Weil es uns für unser Seelenheil und als Ertrag ewigen Lohns gefällt, sei (euch), allen

Schnaubende Pferde, die so festlich herausgeputzt sind wie ihre Reiter, Fußsoldaten und wehende Fahnen: Das phantastische Szenario versetzte die Zuschauer spielerisch in eine andere Welt.
Grafen in den Landschaften Alemanniens, oder euren Nachfolgern sowie allen unseren Ge.treuen bekannt gemacht, dass wir durch diese Urkunde dem Kloster St. Gallen einen gewissen Zins von den unten aufgeführten Mansen zuge.stehen“. Neben 44 anderen Hofgütern erwähnt das kaiserliche Dokument zum ersten Mal „ad Swanningas mansum Liubolti, ad Filingas mansi Witoni et Himonis, ad Tanheim mansum Tuotonis“. Beglaubigt und mit den Zeichen der herrscherlichen Macht ausgestattet endet die Urkunde mit dem Chrismon, dem grafischen Symbol, das für die Anrufung Gottes steht, dem Rekogni.tionszeichen des Durandus und dem Siegel Kaiser Ludwigs.
„Swanningas“, „Tanheim“ und „Filingas“ hat es be.reits vor 817 gegeben, nur keinen Grund, die Namen dieser „Weiler“ irgendwo aufzuschreiben. Mit der Nennung in der Urkunde des Kaisers, treten die drei Orte, die heute mit anderen Ortsteilen (Herzogenweiler, Marbach, Mühlhausen, Obereschach, Pfaffen.weiler, Rietheim, Weigheim und Weilersbach) das Oberzentrum Villingen-Schwenningen bilden, zum ersten Mal ins Licht der Geschichte. Unter den aufgeführten 47 Mansen von 28 Or.ten sind auch Nordstetten, Weigheim und Wei.lersbach in dieser Kaiserurkunde aufgeführt. Doch diese drei Orte wurden zuvor in früheren Quellen schon genannt.

Kaiserliches Dokument ist Beweis für große Veränderungen
Für den Alltag der Bauern auf der Baar hatte die Urkunde von 817 keine nennenswerte Bedeutung. Ob sie nun diesem oder jenem Herren ihren Zins zu zahlen hatten, konnte ihnen ziemlich egal sein. Doch ist das kaiserliche Dokument Beweis großer Verände-
Das Historische Grenadiercorps entführte die Besucher mit Schau-Exerzieren in originalgetreuen Uniformen zu einer Zeitreise in die eigene Geschichte.

rungen: Um 817 führte Ludwig der Fromme die wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Reformen, die sein Vater begonnen hatte und eine Vereinheitlichung im Reich der Franken be.wirken sollten, weiter. Die Urkunde vom Juni 817 war Ausdruck dieser Politik, die wenige Wochen später zur „ordinatio imperii“ führte, der zu.kunftsweisenden Nachfolgeregelung des noch jungen Kaisers.
Mit seinem Erlass übertrug der Herrscher einen Teil der Abgaben, die den Grafen in der Baar-Region zustanden, an das junge Kloster in St. Gallen, dem Abt Gozbert vorstand. Als Ge.genleistung hatten die Mönche fortan für das kaiserliche Seelenheil zu beten. Wie kurz das Le.ben sein konnte, hatte Ludwig wenige Monate vorher erlebt: Am Gründonnerstag, am 9. April 817, brach unter ihm und seinen Begleitern der Verbindungsgang vom Wohntrakt der Kaiser.pfalz in die Marienkapelle ein und begrub den Hofstaat unter diesen Trümmern. Es starben Menschen und viele wurden schwer verletzt, doch der Kaiser selbst hatte Glück; er trug nur leichte Blessuren davon, so dass er Ende April wieder zur Jagd durch die Wälder von Nimwe.gen aufbrechen konnte.
Bis ins 13. Jahrhundert tauchten die Ortsteile der Stadt Villingen-Schwenningen nur noch selten in Urkunden auf, gingen über die folgenden Jahrhunderte mehr oder weniger „getrennte Wege“ und gehörten meist unterschiedlichen Landesherren an. Villingen genoss die Förde.rung durch die Dynastie der Zähringer. Eine der ihren erhielt 999 von Kaiser Otto III. Markt-, Münz- und Zollrechte verliehen. Aus diesen Privilegien – diese waren bisher den klerikalen Mächtigen vorbehalten und wurden erstmals in der Geschichte dem weltlichen Gefolgsmann des Kaisers aus Villingen verliehen – entwickel.ten sich Stadtrechte, der Siedlungsraum wurde im 12. Jahrhundert auf die andere Seite der Bri.gach verlegt und die Stadt wuchs zu einem klei.nen Handelszentrum. Das Dorf Schwenningen gehörte bis zum Untergang des Zähringer-Ge.schlechts 1218 zu wechselnden Herrschafts.sphären und wurde 1444/49 württembergisch. Während Villingen unter österreichischer Herr.schaft katholisch blieb, wurde Schwenningen im Zuge der Reformation 1534 lutherisch. In Tannheim entstand 1353 das Paulinerkloster, das den wundertätigen Eremiten Cuno der Schwei.ger verehrte und bis 1803 bestand. Der kleine Ort entwickelte sich dank dieses schweigsamen Gottesmannes im Mittelalter zu einem belieb.ten Wallfahrtsort.

Jubiläumsjahr macht Geschichte lebendig
Zum ersten Mal überhaupt wird die Ersterwäh.nung von Schwenningen, Tannheim und Villin.gen in der kaiserlichen Urkunde vom 4. Juni 817 in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts in einem bunten Veranstaltungsreigen gefeiert. Das Motto des Jubiläumsjahrs „Aufbruch – 817.2017 – Wege in die Zukunft“ entwickelte sich aus dem Kontext der Entstehungsgeschichte der Kaiserurkunde und bietet Gelegenheit, Ge.schichte in der Gegenwart und für die Zukunft lebendig werden zu lassen. Zugleich regt es dazu an, den Blick auf größere Zusammenhänge zu weiten und in die Zukunft zu richten. So kön.nen die Stärken und Chance der gemeinsamen Stadt in vielfacher Weise für die Bürgerschaft erlebbar werden.
Im Zusammenarbeit mit dem Amt für Kultur und vielen Akteuren in den Vereinen und Kirchen, den freien Kulturschaffenden, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern städtischer Institutionen und mit der finanziellen Unterstützung zahlreicher Sponsoren konnte ein Festprogramm entwickelt werden, das viel.fältige historische Bezüge zwischen 817 und heute aufgriff. Zu Beginn stand bereits 2015 eine historische Fachtagung im Theater am Ring, in der renommierte Mittelalterhistoriker über den Forschungsstand zur Entstehungsgeschichte der Kaiserurkunde von 817 aus unterschiedli-
Die urkundliche Ersterwähnung von Schwenningen, Tannheim und Villingen vor 1200 Jahren war Anlass für den prachtvollen Umzug der Bürgerwehren und Milizen von Baden und Südhessen durch die Villinger Altstadt.

cher Perspektive berichteten. Im Oktober 2016 erklang ein experimentelles Doppelkonzert im Netzwerk Neue Musik Baden-Württemberg zeitgleich in der Evangelischen Stadtkirche Schwenningen und im Franziskaner Konzert.haus in Villingen. Die Aufführenden der eigens komponierten Musik, die live in den jeweiligen anderen Klangraum übertragen wurde, interagierten so im Wechselspiel der Tondichtung der Stadtkomponisten Matthias Schneider-Hol.lek und Harald Kimmig. Im Jubiläumsjahr 2017 waren ein Symposium zum Paulinerkloster in Tannheim, das Zähringer Narrentreffen, der „Kanonendonner“ über Villingen im Verbund mit dem Landestreffen der Bürgerwehren und Milizen von Baden und Südhessen, die „Lange Schwenninger Kulturnacht“, ein Festakt und Festwochenende in Tannheim, die „Lange Tafel“ oder das Bürgertheater „Romeo und Julia in VS“ weitere Höhepunkte. Die Ausstellungen „REVI.SION“ des Kunstvereins Villingen-Schwenningen e.V., „Wie tickt Villingen-Schwenningen“ und
Gemeinsames Tanztheaterprojekt „Scheherazade“ verschiedener Schulen aus Villingen-Schwenningen, der Tanzbühne Villingen, der Musikakademie VS, der Hochschule für Musik Trossingen und des Amtes für Kultur VS.

„Hidden Champions“ vom Franziskanermuseum erarbeitet, „Das Skulpturenprojekt 817-2017“ oder „70 Jahre Lovis-Presse Schwenningen 1947.1949“ der Städtischen Galerie spannten den Bogen von der Herkunft über Gegenwart zur Zukunft. Mit dem Ökumenischen Festgottes.dienst, den zahlreichen Sonderkonzerten, einer Operngala, dem Tanztheater „Scheherazade“, Vorträgen zu „500 Jahre Reformation“, der „Wanderung entlang historischer Grenzsteine“ und zahlreichen weitere Veranstaltungen zeigte sich Villingen-Schwenningen allen Menschen der Stadt und der Region als vielfältiges, facet.tenreiches, familienfreundliches und zukunfts.orientiertes Oberzentrum.
Was bleibt?
Neben den Publikationen, der „Digitalen Orts.chronik Tannheim“ dem Tagungsband „817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen“ und der „Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen Band II“ sind es viele schöne Erinnerungen an wissenschaftliche Tagungen und Vorträge, an Konzerte, Theater.aufführungen und Ausstellungen. Es bleibt auch die beglückende Erfahrung über das Gelingen im gemeinsamen Feiern und Erinnern eines be.sonderen Jubiläums im Zusammenwirken aller

Drei Kunstwerke des Kölner Bildhauers Philipp Goldbach, der die lateinischen Formeln der Ortsnamen aus der kaiserlichen Urkunde in leuchtende Messing-Schmiedearbeit an der Südseite des Schwenninger Rathauses, am östlichen Giebel des Tannheimer Rathauses und an der Südseite des Alten Rathauses Villingen übertrug.
beteiligten Institutionen im Verbund mit den vielen ehrenamtlich engagierten Mitmenschen im Festjahr 2017. Und es bleiben drei Kunst.werke des Kölner Bildhauers Philipp Goldbach,
Beim Symposium zum Paulinerkloster haben Histo.riker und Vertreter des heutigen Paulinerordens die Tannheimer Kloster- und Wallfahrtsgeschichte syste.matisch reflektiert.

welche Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon für die Stadt ankaufen konnte. Der Künstler über.trug die lateinischen Formeln der Ortsnamen aus der kaiserlichen Urkunde in leuchtende Messing-Schmiedearbeit: an der Südseite des Schwenninger Rathauses – „ad suuanningas mansum“ – am östlichen Giebel des Tannhei.mer Rathauses – „ad tanheim mansum“ – und an der Südseite des Alten Rathauses Villingen – „ad filingas mansis“.

Warum ausgerechnet hier?
Zur frgeschichtlichen Siedlungsgeographie der Sbaar
von Martin Fetscher

Die 1200-Jahrfeiern der ersten urkundlichen Erwähnungen von gleich ff Orten im Schwarzwald-Baar-Kreis, nämlich Villingen, Schwenningen und Tannheim sowie Pfohren und Hondingen, aber auch jgere Erwähnungen wie z.B. Kommingens vor 700 Jahren, haben das Bewusstsein f die Geschichte unserer Heimat neu gestärkt. Mit beachtlichem Engagement der Stadt- bzw. Ortsverwaltungen, aber auch der Bgerinnen und Bger, wurden Ausstellungen und zahlreiche Veranstaltungen mit geschichtlichem Hintergrund organisiert.
Blick in die Südbaar vom Wartenberg aus, im Vordergrund die junge Donau mit Neudingen.
6. Kapitel – Vor- und Frgeschichte
Über die Vor- und Frühgeschichte der Baar schweigen zwar die Archive, doch selbstver.ständlich reicht die Geschichte der Baar viel wei.ter zurück, auch die der einzelnen Ortschaften zum Zeitpunkt ihrer urkundlichen Ersterwäh.nung. Diese liegt zwar für viele Ortschaften der Baar relativ früh, doch ist das dem glücklichen Umstand geschuldet, dass Schenkungen an Klöster aus dieser Zeit urkundlich dokumentiert wurden und – vor allem – dass diese Urkunden in Archiven, allen voran dem Stiftsarchiv St. Gal.len, bis heute erhalten geblieben sind.
Schon die Urkunde Ludwigs des Frommen aus dem Jahr 817 lässt leicht darauf schließen, dass die erwähnten Orte deutlich älter sein müssen, denn erstens bestehen bereits die Namen der Orte und diese müssen auch allge.mein bekannt gewesen sein – sonst würde ihre Erwähnung keinen Sinn ergeben, und zweitens waren die geschenkten bäuerlichen Anwesen sicherlich keine Häuser in Einzellage, sondern wenigstens Gehöftgruppen. Einige Orte auf der Südbaar sind noch früher urkundlich erwähnt, wie Heidenhofen und Biesingen (759), Baldin.gen (769), Wolterdingen und Neudingen (772), Mundelfingen (773), Achdorf (775), Aselfingen

(791) und Bräunlingen (799). Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass diese Orte älter sind als diejenigen, die „erst“ 817 oder ein paar Jahr.zehnte später ihre Ersterwähnung finden.
Bei ihnen allen handelt es sich um sehr alte Orte, die mehr oder weniger zufällig in dieser oder jener Urkunde erwähnt werden und die.se auch, ebenfalls zufällig, bis heute erhalten geblieben sind. Zudem gibt es Ortschaften, die genauso alt sind oder älter, über die aus dem frühen Mittelalter aber, aus welchen Gründen auch immer, keine Urkunden existieren, wie beispielsweise Hüfingen, das erst im Jahr 1083 urkundlich genannt wird. Der Name der Baar selbst ist bereits im Jahr 741 in einer Urkunde bezeugt, und zwar als Paratoldesbaara – Ber.toldsbaar, benannt nach dem damaligen Grafen Bertold, in dessen Verwaltung sich die Baar

weise am Kirnbergsee zu Tage. Im Untergrund stößt man auf sie, wenn man auf der Baar, je nach Standort, ca. 500 bis 700 Meter tief bohrt. Die Gesteine bildeten ursprünglich ein Gebirge innerhalb des Großkontinentes Pangaea, das im Lauf von Jahrmillionen vollständig abgetragen wurde.
In damals wüstenhaftem Klima in Äquator-nähe wurde die Landschaft eingeebnet und es entstanden die roten Sedimente des Buntsand.steins, aus dem beispielsweise die Bräunlinger Stadtkirche erbaut ist. Anschließend wurde Süddeutschland vollständig vom Muschel.kalkmeer überflutet. Dieses Flachmeer war zeitweise abgeschnitten vom Weltmeer. So bildeten sich Gips und Steinsalz, die jedoch nur im tieferen Untergrund noch vorhanden sind. Die Flächen des Muschelkalks sind heute für die Baar prägend. Erst in der Jurazeit war Süd.deutschland über 50 Millionen Jahre hinweg dauerhaft von Meer überflutet, und es bildeten sich die Gesteine der Schwäbischen Alb und der Baaralb sowie deren Vorland heraus. Wäh.rend dieser Zeit der Trias (vor etwa 240 bis 200 Millionen Jahren) und des Juras (vor etwa 200 bis 150 Millionen Jahren) entstand das süddeut.sche Schichtgebirge von der Ostabdachung des Schwarzwaldes bis auf die Schwäbische Alb, deren heute sichtbare Kalkfelsen sich in tropi.schen Riffen der Jurazeit bildeten.
Vom Tertiär zur Mittelsteinzeit
Die nächsten erdgeschichtlichen Zeugnisse finden sich erst wieder aus der Tertiärzeit im Miozän, vor ca. 20 bis ca. sechs Millionen Jahren. Während dieser Zeit war das Molasse.becken entlang der entstehenden Alpen vom Gebiet des heutigen Bodensees her immer wieder überflutet. Die Ablagerungen von Meer, Seen und Flüssen reichen jedoch nur bis in den Bereich Riedöschingen – Hondingen – Riedbö-ringen. Auch der Hegau-Vulkanismus fällt in diese Zeit. Seine nördlichsten Ausläufer sind der Wartenberg und bei Riedöschingen der Basalt.vulkan Blauer Stein, der Vulkankrater Krummen.ried und die Travertin-Ablagerungen ehemaliger heißer Quellen am Roten Stein.
Mit dem Pleistozän vor 2,6 Millionen Jahren wurde das Klima auf der ganzen Welt deutlich kühler und die Pole begannen zu vereisen. Der süddeutsche Raum hob sich im Bereich von Schwarzwald und Schwäbischer Alb weiter empor und es formte sich nach und nach die heutige Landschaft heraus. Den Höhepunkt erreichte die Abkühlung in der Riß-Kaltzeit vor etwa 130.000 Jahren. Die Gletscher der Alpen füllten das gesamte Bodenseebecken bis zum Hegaurand, und auch die Schwarzwaldgletscher erstreckten sich bis in die Baar hinein. Während dieser Zeit war die Baar völlig unbewaldet und es hielten sich in höheren Lagen über das ge.samte Jahr hinweg Schneefelder.
Da wenig Vegetation vorhanden war, konn.ten die Böden leicht fortgespült werden. Damit waren auch die Gesteine stärker der Witterung und Erosion ausgesetzt. In der letzten Kaltzeit, der Würm-Kaltzeit, die bis ca. 10.000 v. Chr. an.dauerte, war das Klima kaum günstiger, sodass alleine aufgrund des Klimas davon auszugehen ist, dass sich Menschen auf der Baar allenfalls gelegentlich zur Jagd aufhielten. Das Klima war etwa 10° kälter als heute, vergleichbar etwa mit den heutigen klimatischen Bedingungen auf Island oder in Lappland. Sofern sich vor diesen Kaltzeiten schon Urmenschen wie der Neandertaler auf der Baar aufgehalten haben sollten, sind deren Spuren durch die Kaltzeiten verwischt.
Steinwerkzeuge aus Silex-Knollen
Die Wutach floss damals noch als „Feldberg-Donau“ über die Blumberger Pforte durch das Aitrachtal, bevor ihr die Ur-Wutach von Stühlin.gen her das Wasser abgrub. Erst vor ca. 20.000 Jahren entstand die Wutachschlucht und im heu.tigen Aitrachtal verblieb vergleichsweise nur ein Rinnsal. Die Baar war zu dieser Zeit von Menschen unbewohnt. Aus dieser Hochphase der Kaltzeit fehlen im gesamten süddeutschen Raum Nach.weise von Siedlungsplätzen. Es wird vermutet, dass dieser erst gegen Ende der Eiszeit wieder von Südwestfrankreich her besiedelt wurde.

Am Ende der Würm-Kaltzeit, bevor der Wald die gesamte Region wieder vollständig überzog, war das offene Weideland besiedelt von Ren.tieren, Wildpferden, Auerochsen, Mammuts, Wollnashörnern und Wölfen. Auch Löwen gab es am Ende der Kaltzeit noch. Höhlen boten den damaligen Jägern Zuflucht, wie die Petershöhle bei Engen oder das Kesslerloch bei Thayngen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind größere Höhlen allerdings nicht bekannt, denn sie beschränken sich auf die Massenkalke des höheren Weißjuras.
Die Jäger und Sammler des Magdalénien – so nennen Archäologen diese Zeit – waren ohnehin in Mitteleuropa nicht sesshaft. Sie wanderten im Rhythmus der Jahreszeiten mit ihren bevorzug.ten Beutetieren, den Rentieren und Wildpferden. Diese Menschen der Mittelsteinzeit nutzten Steinwerkzeuge aus Silex, welche von den zeit.weiligen Wohnstätten mit großen Mengen von Knochen überliefert sind. Die Ausgangsmateri.alien von Steinwerkzeugen aus quarzhaltigen Gesteinen sind in der Region vielerorts zu finden, beispielsweise im Massenkalk der Schwäbischen Alb als Silex-Knollen, aus denen man Speerspit.zen und Schaber herstellen kann. Auch die roten Karneolknollen, die auf Äckern im Buntsand.stein beispielsweise westlich von Bräunlingen zu finden sind, konnten dazu genutzt werden. Geradezu gesteinsbildend sind solche Quarze im Bereich der Kesselberg-Verwerfung zwischen Tri.berg und Unterkirnach, wo sie bis in die Neuzeit hinein abgebaut wurden. Ausgangsmaterial für Feuerstein aus Quarz sowie für Steinbeile bei.spielsweise aus Diabas finden sich auch in den Schwarzwald-Schottern der Breg oder der Feld.

Temperatur (°C)

Die Grafik zeigt bodennahe nordhemisphärische Mitteltemperaturen der letzten 11.000 Jahre (verändert nach Dansgaard et al., 1969, und Schönwiese, 1995).

Klima-Optimum Mittelalterliche des Holozän Wärmeperiode
17
17

15 15
13
13
11
berg-Donau bei Blumberg. Als Ausgangsstoffe für Keramik sind vielerorts gut brennbare Tone vorhanden. Damit waren zumindest die wich.tigsten Werkstoffe für die Steinzeitmenschen mehr oder weniger unmittelbar vor Ort auffind.bar. Dennoch wurden Steinwerkzeuge bereits in der Steinzeit über weite Strecken gehandelt.
Die Siedlungsentwicklung auf der Baar
Auch heute bringen die Baarbewohner ihre Lebensqualität stark mit dem typischen Baare.mer Klima in Zusammenhang. Während dieses manchem zu kühl ist, schätzen andere die küh.len Nächte oder lieben den Schnee im Winter. In Zeiten, in denen alles von der regionalen Landwirtschaft abhing, war das Klima jedoch ein existenzieller Faktor. Seit der letzten Eiszeit bzw. Kaltzeit gab es immer wieder wärmere und kühlere Phasen (siehe Abbildung). Für hochge.legene Regionen wie der Baar und der Schwä.bischen Alb müssen diese Klimaschwankungen für die Besiedlung von besonderer Bedeutung gewesen sein – insbesondere seitdem Landwirt.schaft betrieben wird. So kam es während der kühlen Phasen zu Hungersnöten, weil die Ernte nicht gesichert war, wohingegen die Hochregio.nen in warmen Phasen gegenüber dem Tiefland gerade bei Trockenheit eher sogar begünstigt waren. Dementsprechend ist in den Warmpha.sen in der Region jedes Mal ein gewisser Sied.lungsschub zu beobachten. Berücksichtigt man, dass das Klima auf der Baar durch die Klimaer.wärmung innerhalb der vergangenen 100 Jahre bereits über ein Grad angestiegen ist, leben wir hier gerade in einer vergleichsweise angeneh.men Warmphase.

Um ca. 9000 v. Chr. erwärmte sich das Klima über den gesamten Globus ungemein schnell und bereits ca. 6000 v. Chr. war es sogar wärmer als heute. Damit waren beste Voraussetzungen geschaffen für die Besiedlung der Baar. In den zunächst wohl noch überwiegend geschlosse.nen Wäldern lebten neben den heutigen Tieren
u.a. noch Braunbären, Wölfe, Waldbisons und Auerochsen. Für die Menschen wurden Pflanzen als Nahrungslieferanten immer bedeutender. An die Stelle von Jagd und Sammlertum traten zunehmend Tierhaltung und Ackerbau. Die Men.schen der Jungsteinzeit begannen in größerem Umfang Wälder zu roden, wurden zunehmend sesshaft und begannen zu wirtschaften. Bekannt ist diese Kultur durch typische Verzierungen auf Tongefäßen, die sogenannte Linearbandkeramik, welche auf der Baar durch Funde in Schwennin.gen belegt ist. Pollenanalysen aus dem Schwen.ninger Moos beweisen, dass zu dieser Zeit auf der Baar bereits Getreide angebaut wurde.
Die Siedlungen lagen idealerweise auf – in Bezug auf Wegnetze und Verteidigung – stra.tegisch günstig gelegenen Anhöhen in der Nähe von Flüssen oder Seen und diese boten eine zusätzliche Nahrungsquelle. Die Wege orientierten sich häufig an Flüssen oder Tälern. Regelmäßig überschwemmte oder sumpfige Niederungen wurden eher gemieden – außer natürlich bei Pfahlbauten, die bereits in dieser Zeit entstanden. Weiter von Bedeutung waren Trinkwasser und Bodenschätze. Die Böden haben sich auf der Baar maßgeblich erst nach Ende der Kaltzeit aufgebaut und sind daher für die Landwirtschaft meist vergleichsweise ge.ringmächtig und karg. Die ersten Ackerbauern, die sich in Süddeutschland niederließen, legten meist großen Wert auf gute, fruchtbare Böden wie Lößböden. Dort bauten sie typische Lang.häuser, die vom Oberrhein oder aus dem Hegau bekannt sind. Erst als der Siedlungsdruck größer wurde, wurden ab ca. 4500 v. Chr. auch höher.gelegenere Gegenden mit ungünstigeren Böden wie die Südbaar besiedelt. Die besten Boden.verhältnisse fanden die Siedler im Bereich des oberen Muschelkalks im Übergang zum Keuper, also im Bereich der Linie Schwenningen – Bad Dürrheim – Donaueschingen – Hüfingen, oder im Unteren und Mittleren Jura, also im Bereich von Ostbaar – Neudingen – Riedböhringen vor.

Insgesamt waren also die Baarorte Neudin.gen, Hüfingen, Bräunlingen oder Donaueschin.gen von ihrer Lage her besonders begünstigt. An all diesen Orten reichen Anhöhen direkt an die Breg bzw. Brigach und Donau und es sind kelti.sche Besiedlungen sowie Funde aus vorkeltischer Zeit belegt. Da jedoch überwiegend mit Holz ge.baut wurde, sind kaum Überreste von Gebäuden erhalten, sondern in erster Linie Grabstätten mit teilweise wertvollen Grabbeigaben.
Nutzung von Eisen revolutionierte Militär, Handwerk und auch die Landwirtschaft
Die Verkehrswege sind geographisch und morphologisch vorgeprägt durch die Donau in Ost-West-Richtung sowie die Nord-Süd-Verbin.dung von bedeutenderen Siedlungsgebieten im Bereich Hochrhein und Bodensee in den Neckarraum. Damit lag Hüfingen bereits in der Frühgeschichte an einem Verkehrsknoten.punkt. Wegetechnisch ungünstig waren damals die Schwemmebenen der Riedbaar sowie die ehemals sumpfigen Niederungen zwischen Donaueschingen und Schwenningen. Nach Süd.westen waren natürliche Hindernisse durch die Wutachschlucht und deren rutschungsanfällige Seitentäler gegeben sowie nach Süden durch den relativ unfruchtbaren Höhenzug der Länge und deren steile Nordflanke. Daher müssen Wege von Süden durch das Hondinger oder das Riedböhringer Tal bestanden haben.

Während der Bronzezeit (ca. 2200 bis 800 v. Chr.) war die Region dadurch etwas benachtei.ligt, dass die Grundstoffe für Bronze, nämlich Zinn und Kupfer, in der Region kaum zu finden waren. Lediglich in entfernteren Teilen des Schwarzwalds gab es Fundorte für Zinn, Kupfer und Silber, die mit damaligen Abbaumethoden wohl eher wenig ergiebig waren. Auch Gold war nicht zu finden – die nächsten Fundstellen vereinzelter Goldflitter befinden sich in den alpinen Rheinschottern. Dadurch waren die Menschen der Baar auf Importe angewiesen. Während dieser Zeit wurden in der Region auch noch Steinwerkzeuge weitergenutzt.
Eine klimatische Warmphase um 1200 bis 800 v. Chr. begünstigte nochmals die Besied.lung der Baar. Die Kulturlandschaft mit Grün- und Ackerland und Hudewäldern zur Bewei.dung wurde der heutigen Kulturlandschaft ähn.lich. Angebaut wurden vor allem Hirse, Gerste, Dinkel, Linsen und Hülsenfrüchte.
Umso stärker wirkte sich die Nutzbarma.chung von Eisen aus, denn Eisenerze gab es auch vor Ort genügend: die Doggererzvorkommen im Bereich zwischen Blumberg und Neudingen, die Bohnerzvorkommen auf der Alb und im Juranagelfluh (z.B. um Riedöschin.gen) sowie die Eisenerzvorkommen bei Eisenbach. Die Kelten be.herrschten bereits die hohe Kunst,
Bohnerzknollen aus der Südbaar – damit konnten die Kelten Eisen herstellen.
Bissula Gedicht
Bissula, dren zu Haus,
Dort erm eisigen Rheinstrom,
Bissula, die oft belauscht heimlich der Donau Quell,
Sklavin des Kriegs, dann frei vom Feinde gelassen,
Sie herrscht nun im Reiche des Mannes,
Dem sie der Kriegsgott geschenkt..
Wenn auch durch Latinums Gesittung
Ihr Wesen ein andres geworden,
Blieb sie Germanin noch stets
Blau die Augen, blond auch ihr Haar.
Decimus Magnuns Ausonius (310 – 390 n. Chr.)
das Eisen vor Ort zu verhütten und zu schmie.den. In der Eisenzeit, der Hallstatt- und La-Tène-Zeit (ca. 800 v. Chr. bis zu Christi Geburt) erlebte die Baar einen ersten Höhepunkt der Besied.lung1. Die Nutzung von Eisen revolutionierte nicht nur Militär und Handwerk, sondern auch die Landwirtschaft, da damit erst eine effektive Bodenbearbeitung für die Ackerwirtschaft mög.lich wurde. Rinder, Schafe und Ziegen wurden gezüchtet. Mit dem Eisen war die Zeit der Kelten gekommen, der bislang eindrucksvollsten und reichsten Kultur der europäischen Vorgeschichte.
Aus dieser Zeit stammen auf der Baar die meisten der bis heute erkennbaren Hügelgrä.ber wie auf dem Magdalenenberg in Villingen. Auch Viereckschanzen wie die Heidelburg im Tuninger Wald oder Verteidigungswälle wie am Hörnekapf zwischen Unterbaldingen und Geisingen sind bis heute sichtbar. Die Kelten auf der Baar standen mit weiter entwickelten Völkern und Kulturen im Mittelmeerraum in Handelskontakt.
Zeit der römischen Besiedlung
Die Römer waren die ersten, die systematisch ein Straßen- und Wegenetz ausbauten. Schnelle Verbindungen für das Militär und den Handel waren ein wesentlicher Grundpfeiler bei der Errichtung des Römischen Reiches über einen Großteil der damals bekannten Welt hinweg.

Während der Zeit der römischen Besiedlung waren die Straßenverbindungen zwischen Hüfingen und Rottweil (Brigobanne und Arae Flaviae) nach Süden hin Richtung Schleitheim (Juliomagus), Zurzach (Tenedo) und der römi.schen Stadt Vindonissa in der Schweiz (Win.disch/CH) sowie zur östlich gelegenen Provinz Raetia (heute Bayern, Schweiz/Österreich) zu sichern. Während nördlich von Donaueschingen die Römerstraße noch gut erkennbar ist, ist der genaue Verlauf nach Süden und erst recht nach Westen als Verbindung zum Oberrhein über längere Strecken unsicher. Zwar existiert mit der Tabula Peutingeriana (siehe auch Seite 263) sogar eine „Straßenkarte“ aus der Römerzeit, in die sogar der Ort Brigobanne eingezeichnet ist; die Wegverbindungen können jedoch anhand dieser Karte nicht lokalisiert werden.
Die Römer erreichten nach schriftlicher Überlieferung erstmals 15 v. Chr. die Quellen der Donau. Ab ca. 40 n. Chr. wurde die Region zwi.schen Hochrhein / Bodensee und Donau von ih.nen eingenommen und militärisch gesichert. Die Römer waren die ersten, die ihre Gebäude über.wiegend aus Stein errichteten. Besonders geeig.nete, gut zu bearbeitende Naturbausteine sind bis in die Neuzeit der rote Buntsandstein z.B. aus Bräunlingen oder der Randengrobkalk, der bei Blumberg am Lindenbühl oder in Epfenhofen ab.gebaut wurde, aber auch die Kalksteine. Daher sind vielerorts auch auf der Baar Gebäudereste archäologisch nachweisbar, wie die zahlreichen römischen Gutshöfe, die villae rusticae. Um 75 n. Chr. wurde die Grenze weiter nach Norden verlegt und der germanische Limes angelegt. In.folgedessen war die Baar nun weiter von der Au.ßengrenze des Römischen Reichs entfernt und verlor an militärischer Bedeutung, doch konnten sich Zivilsiedlungen unter römischer Herrschaft entwickeln. Um 230 n. Chr. wurde die militäri.sche Lage für die Römer in Südwestdeutschland immer schwieriger bis sie schließlich nach über 200 Jahren römischer Herrschaft um 260 n. Chr. über den Rhein zurückgedrängt wurden. 368 n. Chr. stieß Kaiser Valentinian nochmals zu den Quellen der Donau vor. Sein Hofdichter Ausonius erhielt als Kriegsbeute das schöne Alemannen.mädchen Bissula – die erste namentlich bekann-te Baaremerin1. Der Rhein bildete bis ca. 400 n. Chr. die Nordgrenze des römischen Reichs.
Die Alemannen nahmen von Norden her den Raum ein und gründeten nach und nach ihre Dörfer. Nur selten wurden Siedlungen der Römer weitergeführt. Die ersten alemannischen Siedlungen waren einfache, ebenerdige Pfos.tenhütten, die für die Baar bislang nicht nach.gewiesen werden konnten. Allerdings ist davon auszugehen, dass die alemannischen Bauern das bereits vorhandene Kulturland übernom.men haben, sodass sich auch die ersten Sied.lungen überwiegend in denjenigen Bereichen befunden haben dürften, welche in römischer Zeit besiedelt waren. Zudem wurde das gut ausgebaute, römische Wegenetz weitergenutzt. Allerdings wechselten die Siedlungsplätze manchmal noch und erst im Hochmittelalter mit seiner Siedlungsverdichtung endete die Mo.bilität der Siedlungen endgültig15.
Die ersten nachrömischen Jahrhunderte wa.ren von stark wechselnden politischen Kräften und starken Siedlungsbewegungen gekennzeich.net, die erst am Ende des 5. Jahrhunderts und mit der Eingliederung in das Frankenreich um das Jahr 537 nachließen. Die ältesten Gräberfelder der Südbaar stammen aus dem 4./5. Jahrhun.dert, die größten wurden in Donaueschingen so.wie in Hintschingen (bei Geisingen) gefunden.
Während aus der Zeit des fränkischen Herr.schergeschlechts der Merowinger (481 bis 751) noch keine urkundlichen Zeugnisse aus der Südbaar überliefert sind, häufen sich die Zeug.nisse danach ab der Zeit der Karolinger. Bereits im 5. und 6. Jahrhundert gibt es erste Hinweise auf die Christianisierung der Südbaar, ab dem

7. Jahrhundert erfolgte sie von der Reichenau aus. Bereits um 600 wurde das Bistum Konstanz gegründet, zu welchem auch die Baar gehörte. Die überlieferten, ersten urkundlichen Erwäh.nungen stehen alle im Zusammenhang mit Schenkungen an Klöster.
Die frühgeschichtlich bedeutsamen Orte der Südbaar, in welchen vor 817 bereits archäologi.sche oder urkundliche Hinweise bekannt sind, sind nachfolgend zusammengestellt.
Hüfingen
In Hüfingen ist durch Funde aus mehreren Kul.turen eine fast kontinuierliche Geschichte von über 3000 Jahren belegt, wenn auch nicht direkt am Ort der heutigen Altstadt. Die erste Siedlung bestand in der Bronzezeit, der sogenannten Urnenfeldzeit ab ca. 1200 v. Chr. rechtsseitig der Breg auf einem Felsvorsprung am Fluss, dem Höhlenstein. Auch in der Eisenzeit (La-Tène-Zeit) ist eine Siedlung der Kelten belegt. Dort wurden die ältesten Münzfunde der Baar gemacht. Der Name Breg ist auf keltischen Ursprung zurückzu.führen und dementsprechend haben die Römer den Namen der Siedlung Brigobanne übernom-
Das Römerbad erinnert an die reiche römische Geschichte Hüfingens.

men. Sie errichteten in Hüfingen
Die Silberscheiben mit Reliefs der thro.ein Militärlager, welches dann nenden Maria – eines der frühesten ca. 40 n. Chr. zur Sicherung der bekannten christlichen Zeugnisse in Südwestdeutschland.
Nordgrenze des Römischen Reiches, die damals die Donau bildete, zum Kastell ausgebaut wurde. Mit der Gründung des des Hauses Fürstenberg Kastells in Rottweil (Aarae Flavi-eingenommen wird, ist mit ae) um 73 n. Chr. verlor das Kastell seiner Lage ursprünglich direkt über
in Hüfingen an militärischer Bedeu.tung, aber es existierten auch eine Zivilsiedlung und das bis heute in Ruinen erhaltene Römer.bad. Römische Gutshöfe zur Versorgung der Siedlung lagen u.a. in Fürstenberg, Behla und Hausen vor Wald1. Nach Abzug der Römer bilde.te sich im 4./5. Jahrhundert eine alemannische Siedlung im Bereich der Altstadt. Hüfingen war im 5. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts Hauptort der Baar, also Verwaltungs- und Adelssitz. Wert.volle Grabfunde bezeugen Reichtum und Han.del. Die bedeutendsten unter ihnen sind die drei silbernen Phalera aus Hüfingen: aus dem byzan.tinischen Reich stammende Silberscheiben vom Zaumzeug des Pferdes eines adligen Reiters. Das Grab ist auf das Jahr 606 datiert. Die Silberschei.ben mit Reliefs der thronenden Maria und eines Reiterheiligen2 sind zusammen mit zwei noch älteren Goldkreuzen die frühesten bekannten christlichen Zeugnisse in Südwestdeutschland.
Bräunlingen
Bräunlingen ist ebenfalls eine frühalemanni.sche Siedlung, deren Gründung im 5. Jahrhun.dert angenommen wird. Aus dem 6./7. Jahr.hundert stammt ein Gräberfeld und die Remi.giuskirche wird bereits im Jahr 799 urkundlich erwähnt. Doch deuten Grabfunde sowie Reste von Pfahlbauten bereits auf Siedlungsperioden seit der Steinzeit hin13. In Bräunlingen und Dög.gingen wurden Reste eines römischen Gutsho.fes entdeckt.
Neudingen
Von Neudingen sind einige steinzeitliche Einzelfunde bekannt (Steinbeile, Klinge). Der Hügel „Auf Hof“, der heute von der Gruftkirche

der Donau für eine frühgeschichtliche Besiedlung prädestiniert. Zudem gibt es Anhaltspunkte für die Theorie, dass die Donau oberhalb der Engstelle am Wartenberg zeitweise gestaut war, sodass sich bis oberhalb Neudingens eine große Wasserfläche bildete, die strategischen Schutz bot9. Grabungen brachten Hinweise auf eine keltische Besiedlung hervor9. Auch aus der Römerzeit sind einige Einzelfunde belegt und es gibt Hinweise auf Bauwerke9.
In Neudingen hat jedenfalls bereits eine frühe alemannische Siedlung bestanden, was durch reichhaltige Grabfunde ab dem 6. Jahr.hundert belegt ist. Von besonderer Bedeutung sind ein Webrahmen, der in einem Frauengrab gefunden wurde, und eine Fibel mit alemanni.scher Runenschrift. Im Jahr 746 wurde fast der gesamte alemannische Adel im „Cannstatter Blutgericht“ hingerichtet. Infolge der Neuor.ganisation der Verwaltungszentren wurde Neudingen Königshof und Pfalz. Damit verlor Hüfingen die Vormachtstellung für längere Zeit. Vom Hügel über der Donau aus wurde von einem Pfalzgrafen über einen Zeitraum von ca. 200 Jahren die Bertholds- bzw. Adalhardsbaar verwaltet9. Die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung des Dorfs stammt aus dem Jahr 772.
Fürstenberg
Der Fürstenberg, der ‚vürderste Berg‘ der Länge war während der gesamten Geschichte von be.sonderer strategischer Bedeutung, zeitweise als Befestigung, zeitweise als Wehr- und Zufluchts.ort für Neudingen und Hondingen. Bereits in frühgeschichtlicher Zeit war der Fürstenberg besiedelt11. Für die Bronze- und Eisenzeit wird dort eine Höhensiedlung vermutet, was Tonfun-de aus dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. bestätigen. Teile der Ringwallanlage stammen wohl bereits aus dieser Zeit. Die Kelten, aber auch die frühen Alemannen, wählten für ihre Höhensiedlungen gezielt solche Orte aus. Eine solche ist auf dem Fürstenberg nicht eindeutig nachgewiesen, denn durch die mittelalterliche Bebauung des Bergs ist vieles überprägt worden. Auch Funde aus der Römerzeit wurden auf dem Berg ge.macht.
Hondingen
Während in der Ortschronik von Hondingen aus dem Jahr 1979 als einziger Beleg aus frühge.schichtlicher Zeit lediglich eine römische Münze genannt ist, die mittlerweile verschollen ist, ka.men im Jahr 2003 beim Bau der Überland-Gas.leitung einige Funde zum Vorschein. So wurden Keramikscherben als Reste einer Siedlung von
Die Renovierung der St. Martin-Kirche in Hondingen gab Rät sel auf, denn es zeigte sich, dass der auffäl lige Vorbau älter sein muss als Hauptschiff und Turm.

ca. 1000 v. Chr. sowie ein ca. 6000 Jahre altes Steinbeil gefunden. Unweit davon am Stoberg sowie gegenüber am Zisiberg befinden sich Grabhügel bislang unbekannten Alters. Aus der Römerzeit wurden Fundamente mit rö.mischen Begleitfunden kartiert. Im Ortsetter wurde eine römische Kupfermünze von Kaiser Constans (333–350 n. Chr.) gefunden – einer Zeit, in welcher die Römer längst an den Rhein zurückgedrängt waren. Spätrömische Münzen sind im Siedlungsgebiet der Alemannen keine Seltenheit, doch das Hondinger Exemplar ist immerhin ein Belegstück aus einer Zeit, aus der von der Baar sonst kaum Funde existieren.
Der Name des Dorfs, in der Urkunde von 817 Huntingun, wird in herkömmlicher Weise mit dem Namen des Stammesältesten „Hun.to“ und der alemannischen Endung auf -ingen erklärt. Denkbar ist jedoch auch eine andere Herkunft: Als die Franken um 537 im Südwesten die Herrschaft übernahmen, richteten sie zur Absicherung der Baar sogenannte „Huntare“ ein4,5. Huntaris ist die Bezeichnung für eine alemannische Reitereinheit, und eine Hunta der ihr zugeordnete Bezirk16. Diese Grenzorte oder -bezirke lagen häufig an römischen Ver.kehrswegen. Hieraus ist die Namensgebung für Hondingen naheliegend herleitbar16. Hondingen wird in der Urkunde von 817 als Teil dieser kleinen Grafschaft ‚Eitrahuntal‘ eines Grafen namens Frumold im Bereich des Aitrachtals als südöst.lichen Teil der Bertholdsbaar genannt. Mehrere Gründe sprechen dafür, dass Hondingen der Sitz dieses Grafen war und dass in einer älteren Ur.kunde aus dem Jahr 769, in welcher ein Ort Dorf Eitrahuntal erwähnt ist, Hondingen gemeint sein könnte12,16.
Hondingen besitzt eine sehr alte St. Mar.tins-Kirche. Zu der Pfarrei gehörten im Mittel.alter einige Nachbardörfer wie auch Fürsten.berg16. Das Partronat geht, wie bei den ebenfalls sehr alten St. Martins-Kirchen in Kirchdorf und Löffingen auf eine Fränkische Vorliebe zu diesem Namenspatron zurück8. Die Kirchenre.novierung vor fünf Jahren gab einige Rätsel auf, denn es zeigte sich, dass entgegen der bisheri.gen Annahmen der auffällige Vorbau der Kirche älter sein muss als Hauptschiff und Turm. Diese müssen jedoch schon im 7. bis 10. Jahrhundert bestanden haben, und der Vorbau für sich ge.nommen ergibt als Kirchenbau keinen Sinn. Damit drängt sich die Frage nach einem Vorgän.gerbau auf. Da die Alemannen zunächst nicht in Stein gebaut hatten, müsste dieser am ehesten aus römischer Zeit gestammt haben. Die Nut.zung römischer Steinbauten durch die Aleman.nen war besonders in der Nähe der römischen Grenze nicht ungewöhnlich: Auch andernorts wurden Pfarrkirchen auf Gutshöfen errichtet oder ein alemannisches Dorf in Holzbauweise fügte sich an ältere römische Steingebäude3, so wie dies beispielsweise auch in Wurmlingen bei Tuttlingen der Fall war. Dort wurde zufällig die gleiche Münze des Kaisers Constans gefunden wie in Hondingen im Unterdorf.

Riedböhringen
Bei Riedböhringen befand sich auf dem Bür.glebuck1 eine steinzeitliche Siedlung aus der Rössener-Kultur, ca. 4500 v. Chr. – damit einer der ältesten Siedlungsreste im Landkreis. Inter.essant ist die versteckte Lage dieses Wehrhügels über dem Krottenbachtal. Auch eine jüngere, keltische Siedlung ist dort nachgewiesen.
Auch aus den meisten anderen Orten bis hin zu den Randenbergen sind frühgeschichtliche Funde bekannt, so beispielsweise eine verzierte Steinaxt aus Zollhaus aus dem 3. Jahrtausend
v. Chr., Belege aus der Urnenfeldzeit (2. Jahrtau.send v. Chr.) in Riedöschingen, Hügelgräber in Epfenhofen aus der Bronzezeit, sowie zahlreiche Einzelfunde aus keltischer Zeit. In Überachen und Fützen wurden Reste römischer Gutshöfe gefunden. Die römische Militär- und Handels.straße querte bei Zollhaus das Aitrachried. Auch
die frühen Alemannen hinterließen
Spätrömische Münze aus Hondingen. Gräberfelder in Blumberg, Fützen, Kommingen und Riedöschingen. Aus Pfohren und in der Ostbaar sind ebenfalls frühgeschichtli-fällig und wenn nicht immer wieder che Belege bekannt: Aus Pfohren interessierte oder aufmerksame Bür.
jungsteinzeitliche Moorsiedlungen und Grabhügel aus der Bronzezeit; in Aa.sen und Öfingen befanden sich römische Guts.höfe.
Im Früh- und Hochmittelalter war die Baar während einer Warmphase wiederum klima.tisch begünstigt. Das förderte die Gründung von Dörfern und Städten auch in noch höher gelege.nen Regionen im Schwarzwald und auf der Alb.
Die Zusammenstellung der Fundstellen auf der Südbaar ist bei weitem nicht vollständig. Zahlreiche Einzelfunde sind gar nicht aufge.führt. Die Funde zeigen aber, dass die Südbaar bereits weitgehend flächendeckend über Jahr.tausende hinweg besiedelt war.
Dass vergleichsweise wenige Zeugnisse aus der mindestens 5000-jährigen Siedlungs.geschichte der Südbaar vorhanden sind, heißt also nicht, dass die Südbaar nicht besiedelt war, sondern dass Relikte nicht erforscht und Spuren verwischt sind oder noch gar nicht entdeckt wurden. Solche Entdeckungen sind meist zu-
Verwendete Literatur: 1 Reichelt, Günther: Die vorgeschichtliche Siedlung, in: Die Baar. Wanderungen durch Landschaft und Kultur, hg. von Dems., Vil.lingen-Schwenningen 1972, S. 95–100. 2 Reichelt, Günther: Die Baar. Wo Donau und Neckar entsprin.gen, Donaueschingen 1990. 3 Fingerlin, Gerhard: Siedlungen und Siedlungstypen. Südwest.deutschland in frühalamannischer Zeit, in: Ausst.-Kat. Die Ala.mannen, Stuttgart 1997, S. 125–134. 4 Geuenich, Dieter: Zwischen Loyalität und Rebellion. Die Ala.mannen unter fränkischer Herrschaft, in: ebd., S. 204-208. 5 Jänichen, Hans: Baar und Huntari, in: Grundfragen der ale.mannischen Geschichte. Mainauvorträge 1952 (Vorträge und Forschungen 1), Sigmaringen 1955, S. 83–148. 6 Münzer, Martin: Die Geschichte des Dorfes Hondingen, Blum.berg 1979. 7 Hall, Ewald M.: Zur Namenstruktur auf der Baar. Die Besied.lungsgeschichte der Baar aus der Sicht der Namenkunde, in: Alemannisches Jahrbuch (1997/98) S. 41–60. 8 Grees, Hermann: Die historische Entwicklung der Dörfer auf der Baar, in: Alemannisches Jahrbuch (1997/98) S. 79–136. 9 Münzer, Martin: Die Geschichte des Dorfes Neudingen. Mit Kai.serpfalz, Kloster Maria Auf Hof und Pfarrkirche, Neudingen 1973.
ger da gewesen wären, die diese Funde

dokumentiert oder gemeldet haben, wäre die Geschichte sicherlich noch weitaus lücken.hafter. Den Wert einer römischen Kupfermünze kann man heute leicht über das Internet fest.stellen – im Zweifelsfall ein paar Euro. Solche Münzen existieren tausendfach. Ihr archäolo.gischer Wert für die Geschichte eines Dorfes und des Landkreises insgesamt ist hingegen nicht bezifferbar und kommt der Allgemeinheit zu Gute. Daher soll an dieser Stelle ein Appell an alle gerichtet werden, die etwas Auffälliges finden oder in der Natur oder auf einer Bau.stelle beobachten, dass sie sich damit an die Denkmalbehörden und ihre ehrenamtlichen Beauftragten, die hiesigen Geschichtsvereine oder auch an das Kreisarchiv wenden, die die weiteren Kontakte mit den Fachleuten herstel.len können. Denn nur so kann sich das Mosaik unserer über 5000-jährigen, spannenden, hoch.interessanten und wechselhaften Geschichte nach und nach weiter vervollständigen.
10 Wacker, Karl: Der Landkreis Donaueschingen, Konstanz 1966. 11 Wagner, Heiko: Historischer Pfad Fürstenberg (Kulturhistori.sche Reihe der Stadt Hüfingen 15), Hüfingen 2017. 12 Borgolte, Michael: Die Grafen Alemanniens in merowingi.scher und karolingischer Zeit. Eine Prosopographie (Archäologie und Geschichte 2), Sigmaringen 1986. 13 Jenisch, Bertram: Die Siedlungsgenese Bräunlingens – vom Dorf zur Stadt, in: Spurensuche. „Die Bräunlinger und ihre Stadt“ (Schriftenreihe der Stadt Bräunlingen 2), Bräunlingen 2005, S. 6–37. 14 Nübling, Verena: Vor- und Frühgeschichte des Raumes Blum.berg, in: Die Geschichte der Stadt Blumberg, hg. von Joachim Sturm, Vöhrenbach 1995, S. 10–24. 15 Brather, Sebastian: Die frühmittelalterliche Baar aus archäolo.gischer Sicht, in: Tagungsband 817 – Die urkundliche Ersterwäh.nung von Villingen und Schwenningen, Thorbecke Verlag 2016 16 Jänichen, Hans: Baar und Huntari, Thorbecke Verlag 1952. 17 Koenigswald, von, Wighart: Säugetierreste aus Karsthohlräu.men der Schwäbischen Alb, in: Vom Schwarzwald zum Ries, hg. von Elmar P. J. Heizmann (Erdgeschichte mitteleuropäischer Regionen 2), München 1998, S. 139. 18 Keefer, Erwin: Frühe Menschen und Kulturen, in: ebd., S. 237.
Evangelisches Leben im Schwarzwald-Baar-Kreis
500 Jahre Reformation
von Horst Fischer

2017 blickten die evangelischen Christen auf den Beginn der Reformation vor 500 Jahren zurück, als am
31. Oktober 1517 Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte und damit die gewaltige Reformationsbewegung auslöste. Im Schwarzwald und auf der Baar ist die Entwicklung der Reformationsbewegung nie kontinuierlich gewesen und sie stand ganz im Schatten der großen politischen Ereignisse auf den Reichstagen in Worms, Speyer oder Augsburg.
7. Kapitel – Geschichte
Darstellung des Klosters St. Georgen (Mitte) mit Pe.terzell (vorne) und Nußbach (hinten) aus der Zeit der Reformation. Die Zeich.nung ist dem Klosterarchiv entnommen und findet sich im Buch „Geschichte der Stadt, des Klosters und Kirchspiels St. Georgen“ von Karl Theodor Kalchschmidt, erschienen 1895.
Die vielen sozialen Spannungen des Spätmit.telalters, vor allem in der Bauernschaft und den unteren Ständen, waren auch im Schwarz.wald und auf der Baar zu spüren. Die Schweiz, der Bodenseeraum und der Oberrhein waren nicht fern. Parolen des Bundschuh und der Bewegung des Roten Konrad griffen auch auf unsere Gegend über. Ideen der Freiheit und des „göttlichen Rechts“ – durch die Schriften Martin Luthers gefördert – waren auch hier zu vernehmen. In Donaueschingen, im Brigachtal, in Bräunlingen, Hüfingen, Fürstenberg, Wolter.dingen oder Vöhrenbach kam es zu Unruhen und Aufständen. Doch man kann schwerlich behaupten, dass die bäuerlichen Unruhen in un.serer Region maßgeblich die reformatorischen Bewegungen beeinflusst hätten.
Frühe Gründungen evangelischer Gemein.den und die Einführung der Reformation in der Frühzeit der Bewegung gab es ausschließlich in den Gebieten, die zum Herrschaftsbereich des württembergischen Herzogtums gehörten. Das Jahr 1534 wird in den Chroniken der einzelnen Kirchengemeinden als das entscheidende für die Einführung der Reformation genannt, als sich der zunächst vertriebene Herzog Ulrich nach seiner Rückkehr für die Einführung der Re.formation in seinem Herzogtum entschied.

Das Kloster St. Georgen kann für die refor.matorischen Vorgänge bereits im 16. Jahrhun.dert als ein gutes Beispiel angeführt werden. Das Benediktinerkloster wurde 1084 von Hirsau-er Mönchen in der Nähe der Brigachquelle auf dem „Scheitel Alemanniens“ (vertex Ale.manniae) gegründet und dem Heiligen Georg gewidmet. Es entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Klöster Südwestdeutschlands und im 12. Jahrhundert zu einem Mittelpunkt der Reform des Benediktinertums. Im Spätmit.telalter wurde es aber allmählich zum Opfer der Territorialisierung und befand sich in einem geistigen und religiösen Niedergang, als seit

sche Herzog Ulrich die Reformation einführte, war für die Ostbaar von entscheidender Bedeutung, denn sie wurde und blieb bis zum heutigen Tag weitgehend evangelisch.
1444 die Grafen und Herzöge von Württemberg nach und nach bis 1534 die gesamte Vogtei über das Kloster erlangten; seit 1536 unterstand es der württembergischen Landeshoheit.
Konfliktreiche Zeit für Kloster St. Georgen Dass Herzog Ulrich nach seiner Rückkehr in seinem Herzogtum 1534 endgültig die Refor.mation einführte, geschah zu einem großen Teil aus machtpolitischen Gründen in der Aus.einandersetzung mit Kaiser und Reich, weniger aus Glaubensüberzeugungen. Doch für den Abt und die Mönchsgemeinschaft war das eine existenzielle Glaubenssache. Über sie konnte auch der Landesherr nicht entscheiden. Für das Kloster begann eine lange, konfliktreiche Zeit; nach einem Ausweichen nach Rottweil fand es schließlich seine neue Heimat im österrei.chischen Villingen. In St.Georgen wurde 1566 Severinus Bertschin zum ersten evangelischen Abt ernannt, und das Kloster bildete den Mittel.punkt des Klosteramts St. Georgen. Doch in den Wirren der Zeit waren die Bewohner St.Geor.gens mehrmals gezwungen, die Konfession zu wechseln, selbst noch während des Dreißigjäh.rigen Krieges.
In den Auseinandersetzungen mit seinen Falkensteiner Schirmvögten hatte das Kloster seinen Besitz ständig ausgeweitet, so gehör.te auch Mönchweiler zum Klostergebiet und wurde somit zusammen mit St. Georgen 1536 evangelisch und erhielt 1539 eine eigene evan.gelische Pfarrei. Ebenso wie St. Georgen musste die Bevölkerung, ohne dass sie danach gefragt wurde, bis in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges zeitweise die Konfession wechseln.

Eine Besonderheit weist die Geschichte Tennenbronns auf: Seit 1500 war die Gemeinde dreigeteilt – zwischen dem württembergi.schen Amt Hornberg, dem österreichischen Amt Schramberg (ab 1594) und dem Kloster.amt St. Georgen. 1565 wurde Tennenbronn mit Buchenberg als Filiale als gemeinsame Pfarrei eingerichtet. Allerdings konnten katholische wie evangelischen Christen die Tennenbronner Kirche gemeinsam benutzen. Erst nach dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde 1649 die Kirche in Tennenbronn württembergisch und damit evangelisch.
Die Vorgänge auf der Ostbaar
Das Jahr 1534, als der württembergische Herzog Ulrich die Reformation einführte, war für die Ostbaar von entscheidender Bedeutung, denn sie wurde bis zum heutigen Tag weitgehend evangelisch. In der Reformationsgeschichte scheint Tuningen eines der wenigen Beispiele zu sein, wo die Reformation nicht nur von oben gekommen ist, denn die Chronik vermerkt, dass 1537 die Tuninger Bürger die Reformation annahmen, nachdem bereits 1535 der letzte ka.tholische Priester nach der Visitation durch den Reformator Ambrosius Blarer den Ort verlassen hatte. Dieser kam aus Konstanz und stand im Dienst von Herzog Ulrich.
Eine evangelische Tracht
Von Schwenningen geht in der Frühzeit der Reformation keine große Wirkung aus; wie die Gemeinden in der Umgebung unterstand es der Einführung der Reformation in Württemberg. Rein äußerlich kann man dies heute noch in der Entwicklung einer besonderen evangelischen Form der Schwarzwälder Tracht, vor allem bei den Frauen, erkennen. Die kirchliche Ortschronik vermerkt nur, dass das Dorf mit seiner Bevölke.rung bereits in den Bauernkriegen 1525/26 vom
Die evangelische Tracht von Schwenningen nach einer historischen Lithografie aus dem 19. Jahrhundert.

österreichischen Villingen zerstört wurde. Das gleiche Schicksal erfuhr es im Dreißigjährigen Krieg, und erst 1699 konnte mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen werden.
Das 19. Jahrhundert war für die Entwicklung Schwenningens von entscheidender Bedeutung, als durch die Entwicklung der Uhrenindustrie – es entstanden Weltfirmen wie Mauthe, Kienzle, Schlenker oder Haller – ein enormer Zuzug von meist evangelischen Arbeitskräften zu verzeich.nen war. In gesellschaftspolitischer Hinsicht profitierte weniger das evangelische Gemein.deleben als vielmehr die sozialistische Arbei.ter- und Gewerkschaftsbewegung von dieser Entwicklung.
Trennung im Alltagsleben
Auf der Ostbaar bildete Tuttlingen so etwas wie ein reformatorisches Zentrum, und so konnte sich die neue Glaubensrichtung nach Öfingen und den Umlandgemeinden Oberbaldingen, Biesingen und Sunthausen ausbreiten. Aber erst seit 1558 gab es den ersten evangelischen Pfar.rer in Öfingen, der auch die Nachbargemeinde Oberbaldingen mit versorgen musste. Die Evangelischen der Ostbaar sollten jedoch bis ins 19. Jahrhundert warten, bis in Öfingen die erste evangelische Kirchengemeinde gegründet wur.de. Die heutige Kirchengemeinde Oberbaldingen bildet im Kirchenbezirk Villingen seit 1946 eine Besonderheit, als Pfarrer Emil Koch als Mitbe.gründer des EC (Entschieden für Christus) den evangelistischen und missionarischen Gemein.deaufbau mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit begann. Die Gemeinde gehört aber weiterhin der Badischen Landesskirche an.
Für das kirchliche Leben auf der Ostbaar ist bis ins 20. Jahrhundert eine deutliche Trennung zwischen katholisch und evangelisch gepräg.tem Alltagsleben bemerkbar, die durch die unmittelbare Nachbarschaft der beiden Konfes.sionen besonders deutlich wurde. Katholische Bauern mussten sich von ihren Pfarren sagen lassen, dass eine Beschäftigung evangelischen Gesindes sündhaft sei, wie zum Beispiel den Kirchenbüchern Sunthausens zu entnehmen ist. Der Pfarrer dort drohte 1629 seiner Ge-

Ostbaar ist bis ins 20. Jahrhundert eine deutliche Trennung zwischen katholisch und evangelisch gepräg.ten Alltagsleben bemerkbar.

meinde, die Sakramente nicht mehr zu spenden. Er forderte die Bauern auf, lieber einen schlech.ten katholischen, als einen guten evangelischen Knecht einzustellen.
Konfessionsverschiedene Ehen wurden bis vor wenigen Jahrzehnten als Mischehen diffa.miert und von katholischer Seite als fast „sün.dig“ angesehen. Selbst, dass evangelische Paten ihr Patenkind bei der Taufe aus dem Taufbecken der katholischen Kirche hoben, war verpönt. Ein besonders krasses Beispiel sind z.B. auch die zusammengewachsenen Gemeinden Oberbal.dingen (ehemals württembergisch) und Unter.baldingen (fürstenbergisch). Dort soll der ka.tholische Pfarrer Unterbaldingens noch in den 1970er-Jahren streng darauf geachtet haben, dass seine Ministranten nicht mit den „Ketzern“ aus dem Nachbardorf Fußball spielten.
Evangelisches Leben im Zeichen des landesherrlichen Kirchenregiments
Schon im Laufe des 16. Jahrhunderts schlossen sich einige deutsche Fürsten und Landesherren der Reformation der Kirche nicht nur aus religi.ösen Gründen an, sondern in der Machtausei.nandersetzung mit Kaiser und Reich sahen sie einen bedeutenden Machtgewinn. So entstan.den schon bald unter ihrer Obhut landeskirch.liche Ordnungen, und die Fürsten bekamen die Funktion von Notbischöfen, was man später allgemein unter dem Begriff „Thron und Altar“ verstand.
1556 führte der Markgraf von Baden-Durlach in seinem Gebiet die Reformation ein und zwar in der lutherischen Form. Dies war nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 wichtig, da in den katholischen und lutherischen Gebieten der Grundsatz galt: „Cuius regio, eius religio“ – der Landesherr bestimmt die Konfession seiner Untertanen. Der Markgraf war Oberhaupt der Kirche – „summus episcopus“ – und vereinigte in seiner Person die weltliche und kirchliche Macht. Diese Funktion hatte dann auch der Großherzog seit 1806 im neugebildeten Groß.herzogtum Baden inne – nach den beträchtli.chen Gebietserweiterungen im Zuge der Säku.larisierung und Mediatisierung.
Die Besonderheiten, die sich aus diesem Verhältnis von Großherzog und evangelischer Kirche ergaben, zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie am Beispiel Donaueschingen. Hier hatte mit der Bildung des Großherzogtums Ba.den das (katholische) Haus Fürstenberg die po.litische Souveränität über sein Fürstentum 1806 verloren und gehörte zum neu geschaffenen Großherzogtum Baden.
So war die Heirat des jungen Fürsten Karl Egon II. am 19. April 1818 mit der badischen Prinzessin Amalie Christine, Tochter des Groß.herzogs Karl Friedrich aus dessen zweiter Ehe, zunächst eine politische Angelegenheit. In dem Ehevertrag wurde festgelegt, dass die Fürstin Amalie evangelisch blieb – sie war lutherischen Glaubens – und einen Hofprediger bekam. Die.ser hielt Gottesdienste im Schloss – zunächst in den Privatgemächern der Fürstin, dann in der neu eingerichteten Amalienkapelle für alle Evangelischen in der Stadt. Dabei handelte es sich um meist fürstenbergische hohe und mitt.lere Beamte sowie Angehörige des badischen Bezirksamts. Für das junge Paar, für das die Ehe menschlich gesehen eine Liebesheirat war, war die Heirat sicher auch eine Art „Win-Win-Situa.tion“, denn für den Fürsten, den 1. Vizepräsiden.ten der badischen Ständekammer, hatte die en.ge verwandtschaftliche Beziehung zum Hause Baden ein enorm politisches Gewicht. Und für die Fürstin Amalie als Prinzessin ohne Erbbe.rechtigung bedeutete die Ehe gesellschaftliche Aufwertung.
Der Tag der Hochzeit kann also mit Fug und Recht als der Beginn evangelischen Lebens in der rein katholischen Residenzstadt Donau.eschingen bezeichnet werden. Ein gemeinde-ähnliches Leben entwickelte sich nur langsam, und nach dem Tod der Fürstin Amalie wurden die evangelischen Gottesdienste in einem Raum des Museumsgebäudes abgehalten. Erst 1870 bildete sich die Evangelische Genossenschaft, und 1876 konnte die erste evangelische Kirche an der Brigach, am Rande der Residenzstadt, ge.baut werden. Doch die Ernennung zur Kirchen.gemeinde durch Großherzog Friedrich I. erfolgte erst am 7. März 1878.

Die Fürstin Amalie war in der gesamten, überwiegend katholischen Bevölkerung sehr beliebt, dennoch kann von einer ökumenischen Gemeinschaft nicht gesprochen werden, denn evangelische Christen waren hauptsächlich in der oberen Mittel- und Oberschicht vertreten, vornehmlich in der fürstenbergischen und groß.herzoglichen Beamtenschaft. Und zudem galten sie als Zugezogene. Daran sollten die Nähe zum Landesherrn, dem Großherzog, und ab 1900 die jährliche Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. nichts ändern. Er war „summus epis.copus“ aller evangelischen Christen im Reich und weilte als Gast seines persönlichen Freun.des, des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg, in Donaueschingen.

Villingen feiert 1854 den ersten evangelischen Gottesdienst
Ein zweites Beispiel der Gründung einer evan.gelischen Gemeinde in unserer Region unter der großherzoglichen Ägide ist Villingen, die aber weit weniger spektakulär verlief. In der Gemein.dechronik ist bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur von wenigen evangelischen Bewohnern im Villinger Bereich die Rede. Die Zahl muss bis ins Jahr 1852 aber so angestiegen sein, dass der Antrag der bestehenden Evangelischen Genossenschaft auf Umwandlung in eine Kirchengemeinde gestellt wurde. 1854 wurde im Saal des Strafgerichts (heute Amtsgericht) der erste evangelische Gottesdienst gefeiert. Doch erst nach Weihung der Johanneskirche, der ehemaligen Kirche des Johanniterkonvents (gebaut im 14. Jahrhundert), zur evangelischen Kirche wurde am 22. April 1862 die evangelische Kirchengemeinde Villingen als Filialkirche von Mönchweiler errichtet. 1902 erhielt sie eine ei.gene Pfarrstelle.
Evangelisches Leben in den Villinger Um.landgemeinden ist nur im Zusammenhang mit den evangelischen Gemeinden wie Mönchwei.ler, Villingen oder Bad Dürrheim zu sehen. Heu.te gibt es die Jakobusgemeinde mit Dauchin.gen, Niedereschach, Weilersbach, Fischbach, Kappel, Schabenhausen, die Matthäusgemeinde mit Marbach, Klengen, Kirchdorf, Überauchen, Tannheim und Rietheim; Unterkirnach ist Teil der Paulusgemeinde Villingen.
Evangelisches Leben in der Diaspora im 19. und 20. Jahrhundert
Das Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises befand sich außerhalb der bereits be.handelten Orte, die von der württembergischen Reformation im 16. Jahrhundert geprägt waren,
Die Christuskirche in Donaueschingen – das ursprüngliche Orgelgitter mit den drei Stifter.wappen (von links) des Großherzogs, des Kaisers und des Fürsten von Fürstenberg wurde 1996 wiederhergestellt.

einschließlich Donaueschingen und Villingen, in einer reinen Diasporasituation. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau der Kirche in Donaueschingen vom Gustav-Adolf-Werk, das die evangelischen Gemeinden in der Diaspora auf der ganzen Welt unterstützt, bezu.schusst. Die Ausbreitung evangelischen Lebens im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hatte am we.nigsten religiöse oder reformatorische Gründe, sondern war durch Zuzug aus wirtschaftlichen und industriellen Veränderungen, gesellschaft.liche Entwicklungen und Flüchtlingsbewegun.gen, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Ursachen bedingt.
1828 registrierte man in Triberg vier evange.lische Einwohner, deren Zahl sehr langsam stieg und die seit 1846 von St. Georgen, später von Hornberg aus, betreut wurden. Einen erhebli.chen Einfluss auf die steigende Zahl von Evan.gelischen hatte zwischen 1860 und 1870 der Bau der Schwarzwaldbahn mit dem Zuzug von Arbeitskräften, so dass schon 1879 eine evange.lische Gemeinde auf Initiative des Hornberger Pfarrers Reuther gegründet wurde, beim ersten Gottesdienst zählte man immerhin 60-100 Be.sucher, und am 13. November 1898 konnte die Triberger Kirche eingeweiht werden.
Seit Mitte des 19. Jahrhundert lebten we.nige Evangelische in Furtwangen, und schon 1869 entspricht der Oberkirchenrat in Karlsruhe der Bitte um evangelische Gottesdienste in der Stadt. Die Gründung der ersten deutschen Uhrmacherschule durch den Ingenieur Robert Gerwig, der auch den Bau der Schwarzwald.bahn plante, hat wohl einen spürbaren Anteil am Anstieg der Evangelischen. Besonders aber der Zuzug evangelischer Arbeiter, hervorgerufen durch die sich immer mehr entwickelnde Uh.renindustrie – ähnlich wie in Schwenningen. Im September 1901 kann die evangelische Kirche in Furtwangen eingeweiht werden. Eine Kirche, in der im Dritten Reich auch Nazi-Gegner zu konspirativen Treffen zusammenkamen. In den 1970er-Jahren wurde in Furtwangen zudem das einzige evangelische Studentenwohnheim im Landkreis erstellt.
Vor dem Krieg gibt es nur wenige evangeli.sche Christen in den benachbarten Gemeinden Vöhrenbach und Gütenbach, die von der Furt.wanger Gemeinde mit betreut wurden. Nach dem Krieg kam es durch die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in Vöhrenbach, die sich im kirchlichen Bereich sehr engagierten, 1953 zum Bau der evangelischen Kirche. Auch in Gütenbach wurde 1972 eine eigene evangelische Kirche gebaut. Erst am 1. September 2013 wur.den die drei Kirchengemeinden Furtwangen, Vöhrenbach und Gütenbach zur Gesamtge.meinde Furtwangen vereinigt.
Industrielle Entwicklung beeinflusst das kirchliche Leben stark
Blumberg, die südlichste Gemeinde des Land.kreises, ist sicherlich das beste Beispiel dafür, wie die industrielle Entwicklung das kirchliche Leben beeinflusst. 1937 wurde im Dritten Reich der Doggererzbergbau eröffnet, und unter den Bergleuten aus allen Teilen Deutschlands waren auch viele Evangelische, so dass schon 1939 eine evangelische Kirchengemeinde mit rund 300 Gemeindegliedern mit staatlicher Genehmi.gung (!) errichtet wurde. Die Gemeinde erfuhr nach dem Krieg 1945 eine starke Zunahme durch Vertriebene und Flüchtlinge, und 1956 wurde die ehemalige umgebaute altkatholische Kirche als evangelische Kirche eingeweiht.
Bad Dürrheim gehörte bis 1806 zum König.reich Württemberg, weshalb es erstaunlich ist, dass in der Chronik erst 1848 von einer evan.gelischen Familie Götz, die sich in Dürrheim ansiedelte, die Rede ist. Weitere Evangelische folgten, so dass 1869 der erste Gottesdienst für sie im Kassengebäude der Salinenverwaltung stattfand. Durch die Entwicklung des Kurbe.triebs, durch das Solebad, kam es zu einer Ver.größerung der evangelischen Diasporagemein.schaft, die 1928 zur Kirchengemeinde erhoben wurde. Seit 1910 gab es schon eine kleine Kirche in der Ludwigstraße, und 1961 wurde dann die neue Johanneskirche eingeweiht. Angesichts der außerordentlich starken Entwicklung des Kurbetriebs wurde 1977 der erste hauptamtliche Kurseelsorger eingeführt.
Die evangelische Kirchengemeinde Hüfin.gen-Bräunlingen besteht mit eigenem Pfarramt erst seit 1970. Seit 1937 gab es schon die Hü.finger Kirchengemeinde, betreut von Donau.eschingen, mit einem eigenen evangelischen Pfarrer seit 1950; und die neue Friedenskirche wurde 1955 eingeweiht. 1969 wurde die Aufer.stehungskirche in Bräunlingen gebaut, so dass dann die gemeinsame Kirchengemeinde gebil.det werden konnte.

Die besondere Geschichte der Kirchengemeinde Königsfeld
Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Königsfeld hat eine ganz besondere Geschich.te. Denn Königsfeld ist eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine aus dem Jahr 1806 nach Erlaubnis des Königs von Württemberg. Die Herrnhuter blieben aber nicht lange unter sich, denn nach dem Bau der Schwarzwaldbahn entwickelte sich Königsfeld ab 1873 zu einem beliebten Kurort, und der Anteil der Bürger, die nicht der Brüdergemeine angehörten, stieg ste.tig. 1902 wurde Königsfeld eine badische Land.gemeinde, und 1952 wurde zwischen der Brü.dergemeine und der Badischen Landeskirche ein einmaliger Vertrag geschlossen: Evangelische Gottesdienste werden seitdem im Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine gehalten, ab.wechselnd nach der Ordnung der Landeskirche und der Brüdergemeine, die Geistlichen tragen Talar oder Anzug, auch beide Gesangbücher werden benutzt. Die Bezeichnung „Evangelische Gesamtgemeinde Königsfeld“ hat sich seitdem eingebürgert.
Die neue evangelische Kirche in Furtwangen und das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Pfarrhaus.

Zu den ältesten Gotteshäusern im Schwarzwald-Baar-Kreis zählt das Nikolauskirchlein in Königsfeld-Buchenberg. Die erste gesicherte Anga.be stammt aus einem Zehntbuch über Abgaben für die Kreuzzüge von 1275. Nach der 1534 in Buchenberg erfolgten Reformation wurde aus der katholischen eine evangelische Kirche. Die kostbaren Fresken aus dem
15. Jahrhundert wurden weiß übertüncht und blieben so fragmentarisch teils bis heute erhalten.

Die Hofkapelle zu Beckhofen
von Josef Vogt

Abreißen, umbauen, neu aufbauen, renovieren? Diese Fragen stellten sich die Eigentümerfamilien Maier und Hirt aus Beckhofen, als sie 1989 vor dem desolaten Erbe ihrer Vorfahren standen – der einstigen Hofkapelle. Es war wohl das Gespür für die Verantwortung um ein kulturgeschichtliches Erbe, das sie zunächst zum Kulturamt ins Landratsamt führte, um sich Rat für ihr Vorhaben zu holen. So blieb ein kirchengeschichtlich kostbarer Ort erhalten, ein großartiges Zeugnis früherer Volksfrömmigkeit. Die Kapelle wurde vorbildlich saniert und erfährt heute eine liebevolle Betreuung. Erstmals erwähnt ist sie im Jahr 1616 – ihr Baujahr ist unbekannt.
Wenn von der Gemeinde Brigachtal die Rede ist, so wird meist von den drei großen Ortsteilen Kirchdorf, Klengen und Überauchen gesprochen. Dabei wird übersehen, dass es genau genom.men auch noch einen „vierten Ortsteil“ gibt, nämlich Beckhofen. Dieser südwestlich von Klengen gelegene Weiler war bis zum Jahr 1924, als er nach Klengen eingemeindet wurde, ein „gemeindefreies Gebiet“. Er befand sich somit seit der Säkularisierung im Jahr 1805 im Besitz des Landes, hatte jedoch keine Gemeindever.tretung (Gemeinderat), keine ortspolizeiliche Verwaltung und wurde lediglich durch einen Obmann bzw. Ortsvorsteher verwaltet. Und obwohl dieser Ortsteil mit seinen „936 Jauchen“ (ca. 337 ha Land und Waldfläche) nie mehr als 40 Einwohner zählte, die ursprünglich zwei gro.ße Höfe, später auch einen ehemaligen Gasthof
Beatrix und Dietmar Maier mit Günter Hirt vor der Hofkapelle. Dass die Kapelle heute ein Kleinod im Landkreis darstellt, ist auch der Initiative ihrer Besitzer zu verdanken, die ihre Sanierung in den 1990er-Jahren größtenteils in Eigenarbeit bewerkstelligten.

und heute zwei weitere Wohngebäude bewoh.nen, lassen sich seine geschichtlichen Zeugnisse durchaus mit denen der drei anderen Ortsteile von Brigachtal messen.
Die Kapelle bestand bereits im Jahr 1616
Für nahezu 700 Jahre blieb Beckhofen zunächst im Besitz des Klosters St. Georgen, was durch Urkunden und Lehensbriefe dokumentiert ist. Fortan wurden die beiden Höfe, der Untere Hof oder Dinghof und der Obere Hof, als Lehen ver.geben. Eine Weiterentwicklung der Ansiedlung wurde dadurch vermieden; die zwei Höfe schie.nen dem Kloster St. Georgen zur Verwaltung seines Besitzes im Brigachtal zu genügen. Wie wichtig dieser Besitz allerdings für das Kloster war, geht daraus hervor, dass der Untere Hof als sog. „Freier Hof“, „Meyerhof“ oder auch als „Dinghof“ bezeichnet wurde. Nur große und wichtige Höfe erhielten diese Bezeichnung.
In diese Zeit fällt wohl auch die Errichtung einer Hofkapelle als Zeichen der Vorrangstel.lung des Hofes. Wir wissen zwar nicht das genaue Erbauungsdatum, wohl aber erteilt

Der Weiler Beckhofen mit der Hofkapelle neben dem Anwesen Maier, unmittelbar am Ufer der Brigach liegend.
Theodor Fürstbischof von Konstanz 1616 die überliefert, dass die Kapelle baufällig war und Erlaubnis, dort für sieben Jahre das Mess-repariert werden musste. Nach dem Protokoll opfer darzubringen. Und aus dem Jahr 1667 ist von 1685 „pfarrte“ der Dekan Josef Mötz von
Villingen die Beckhofer nach Kirchdorf ein. Die
gläubigen Beckhofer hatten zu versprechen, Dietmar Maier läutet die Grüninger-Glocke aus dem „allzeit am Sonntag nach Kirchdorf in die Kirch Jahr 1802. zu gehen“ und dem Pfarrer das „Hafergeld“ zu

Die Kapelle bietet Platz für bis zu 30 Besucher – der Altar stammt aus der Kirche von Klengen.
zahlen, wenn er zur Messlesung am Werktag in die Kapelle nach Beckhofen kam.
1802 erhält die Kapelle eine feinklingende Glocke, die Meinrad Grüninger aus Villingen für Josef und Ursula Hirt goss, so deren Inschrift. Auf der Rückseite der Glocke befindet sich eine Darstellung von Christus am Kreuz.
Im Zuge der Säkularisation von 1805 wurde der gesamte Besitz des Klosters St. Georgen verstaatlicht, so auch Beckhofen. Das bedeute.te, dass der vorderösterreichische Besitz 1805 zunächst an Württemberg und ein Jahr später dem Großherzogtum Baden einverleibt wurde. Im geographischen Lexikon des Großherzogtum Baden aus dem Jahre 1813 steht über Beckhofen: „Zwey Höfe mit 33 Seelen und einer eigenen Ge.markung im Bezirksamte Villingen am rechten Ufer der Brigach.“
Hofkapelle wechselt in Privatbesitz
Im Zuge der gebietlichen Neustrukturierung konnten die ehemaligen Pächter der Höfe diese vom Staat kaufen. So ist überliefert, dass der Lehensbauer den Unteren Hof unmittelbar vor seinem Tod erworben hat und seine „Wittib“ (Witwe) Mühe hatte, das notwendige Geld aufzubringen. Es ist anzunehmen, dass zum Hofkauf auch die Kapelle gehörte und diese so.mit Privatbesitz wurde. Die Messe wurde weiter gehalten, aus einem Schreiben vom 19. August 1816 erfahren wir: „Mittelst Schreiben des hochwürdigen Fürstbischof Theodor wurde die Darbringung des hl. Meßopfer auf sieben Jahre unbeschadet des Pfarrgottesdienstes erlaubt.“ Seither war es üblich, dass je nach Pfarrversor.gung – gewöhnlich wöchentlich, mindestens jedoch monatlich – ein Werktagsgottesdienst gehalten wurde. Ob dieser Anordnung immer nachgekommen wurde, ist nur spärlich überlie.fert. In der Regel hing es immer vom jeweiligen Pfarrer bzw. Pfarrverweser ab, wie gut er sich mit den Einwohnern verstand bzw. wie gut die.se der Pflicht nachkamen, den Pfarrer für seine Dienste zu alimentieren.

Frühe Sanierung und Auseinandersetzungen
Als Pfarrer Stephan Wehrle 1874 in Kirchdorf die Pfarrstelle antrat und damit auch für den Weiler Beckhofen zuständig wurde, begann für die Ka.pelle offenbar eine bessere Zeit. Allerdings kam es auch zu unerfreulichen Auseinandersetzun.gen zwischen Pfarrer und den Eigentümern wie Briefe und Aufzeichnungen widerspiegeln. So berichtet Pfarrer Wehrle in einem Brief an das Ordinariat: „Bei meinem Dienstantritt im Jahre 1874 fand ich die Kapelle in einem baufälligen und verwahrlosten Zustand, der Kelch und die Paramente waren derart vernachlässigt, der Altartisch mit einem Plunder, mit Glastafeln verstellt, daß Pflicht und Gewissen, selbst den natürlichen Abscheu, an solcher Stelle die hl. Messe zu feiern, mir dies verboten.“
„Gottesdienst ist nicht zahlreich besucht“
Ein Beckhofer wollte die Kosten für die jetzt folgende Sanierung der Kapelle nicht mittragen, verlor aber vor Gericht und bezahlte schließlich doch. Der Pfarrer: „Während des Rechtsstrei.tes konnte ich mich nicht entschließen, in der Kapelle zu Beckhofen die hl. Messe zu feiern. Auch habe ich die Meinung, eine Monatsmesse in Beckhofen wäre etwas viel. Im Sommer und Winter wird der Gottesdienst in Beckhofen nicht zahlreich besucht. Es sind 4 Wohnhäuser und oft waren nur 2 Personen aus einem Hause in der Kapelle.“

Über die Situation in Beckhofen berichtet der Pfarrer in aller Ausführlichkeit, betont, bei diesem Priestermangel sei eine Monatsmesse „für einen älteren und einzigen Priester mit Sitz in Kirchdorf eine Last“.
Weiter führt er an: „Obgleich ich mich, durch bittere Erfahrungen belehrt, entschlossen hatte, die Kapelle in Beckhofen ihrem Geschicke und dem guten Willen der Eigentümer zu überlas.sen, so ließ ich mich wieder bereden und sorgte dafür, daß die alten Kreuzwegstationen von der Kirche in Klengen nach Beckhofen kommen. Den geschenkten Altar (von Klengen) für die Kapelle haben sie mit Widerwillen angenommen, weil er Kosten wegen der Restauration verursachte. Deshalb hat der kath. Stiftungsrat in Klengen beschlossen, die entbehrlich gewordenen 14 Kreuzwegstationen nicht mehr zu schenken, sondern dafür 5Mk. 50 Pfg. für den Kirchenfond in Klengen zu fordern, was auch geschah und bezahlt wurde. Ob die Stationen den übrigen Beckhofer genehm waren, kann nicht gesagt werden. Es scheint, daß kirchliche Gegenstän.de, zumal wenn sie Geld kosten, nicht genehm sind.“
Über die Kreuzwegstationen ist in einem Protokoll vom 5. September 1877 folgendes zu lesen: „Die 14 Kreuzwegstationen befanden sich in einem mangelhaften und verwahrlosten Zu.stande“. Die ledige Carolina Hirt von Beckhofen, Tochter des Lorenz Hirt und der Maria Josefa Kupferschmitt, hat die alten Stationen für die Kapelle zu Beckhofen angekauft und dem
Rechts: Eine wertvolle barocke Arbeit ist die Strahlen.madonna eines unbekannten Meisters, die auf einem Apfel mit der Schlange thront. Der Marienaltar der Beckhofer Kapelle stand früher in der Kirche von Klen.gen. Aus eigenen Mitteln hätte sich der Weiler so eine wertvolle künstlerische Ausgestaltung der Hofkapelle kaum leisten können.
Links: Altarmalerei, ein betender Mönch.

Zum Altar der Kapelle gehören zwei Heiligenfiguren: Links der Heilige Josef mit Jesuskind und Lilie, rechts der Heilige Antonius, der als Franziskaner mit dem Jesuskind auf dem Arm und einer Lilie in der Hand dargestellt ist.
Kirchenfond Klengen bezahlt. Wie sehr das Ver.hältnis zwischen Pfarrer Wehrle und den Beck.hofenern gestört war, zeigt auch die Tatsache, dass der Pfarrer die restaurierten Kreuzwegsta.tionen am 17. März 1878 in Kirchdorf gesegnet hat, diese aber dann ohne ihn nach Beckhofen gebracht wurden, da er seit 1876 die Kapelle nicht mehr betreten wollte.
So mussten die Beckhofer geduldig auf eine Änderung des pfarrerlosen Zustandes warten. Er kam 1891, als Pfarrer Wehrle Kirchdorf verließ, und ein neuer Pfarrer die dortige Pfarrstelle übernahm. Sogleich schrieben die Beckhofener am 19. Dezember 1891 einen Brief an das Or.dinariat: „Nachdem nun unsere Pfarrei durch einen jungen sehr eifrigen und wertgeschätzten Priester besetzt ist, der nach unserem Dafür.halten den Weg von Kirchdorf nach Beckhofen mit größter Bereitwilligkeit machen würde, erlauben wir uns, an Hochwürdiges Erzbischöf.liches Ordinariat die ergebenste Bitte zu stellen, daß Pfarrer Lehmann zu Kirchdorf die Weisung erhält, wie seinerzeit alle Monate ein Messe in unserer Kapelle zu feiern.“

Offensichtlich hatten die Beckhofer im neu.en Amtsverweser August Lehmann ebenfalls ei.nen guten Fürsprecher für ihr Anliegen, der sich für sie einsetzte. Über Beckhofen berichtete er: „Der kleine Weiler zählt jetzt alles im allem 38 Personen, in der Nähe ist ein Bahnwärterhaus, 600 Schritte von der Kapelle die sogenannte Heergasse mit 10 bewohnten Häusern, auch von diesen wird der Gottesdienst besucht.“
Beide Bittbriefe verfehlten nicht ihre Wir.kung, denn in einem Beschluss vom 21. Januar 1892 wird für die Beckhofer-Kapelle die Messe wieder zugelassen.
Eingemeindung nach Klengen
Eine starke Zäsur für den Ort brachte das Jahr 1924: Am 22. Mai 1924 stimmte der Bürgeraus.schuss der Gemeinde Klengen einer Vereinigung mit der Gemarkung Beckhofen zu. Für die Kapel.le änderte sich zunächst nichts. Die jeweiligen Pfarrer machten bis in die 1960er-Jahre auch in Beckhofen von Zeit zu Zeit ihren Dienst. Da der Kirchenbesuch jedoch regelmäßige Gottes.dienste nicht mehr rechtfertigte, wurden diese eingestellt, was zur Folge hatte, dass die Pflege des Inneren der Kapelle vernächlässigt wurde. Zwar wurde nach 1945 die Kapelle von außen wieder in Stand gesetzt, das Schindeldach durch ein Kunstschieferdach ersetzt. Im Inneren ver.ursachte aber mangelnde Lüftung und eindrin.gendes Wasser immer sichtbarere Schäden, die letztendlich 1989 die heutigen Eigentümer vor die Frage stellte: abreißen, umbauen, neu auf.bauen, renovieren?
Durch eine Anfrage beim Kulturamt des Landratsamtes wurde schnell klar: An einen Abriss war nicht zu denken. Ein dickes Akten.bündel machte deutlich, dass die Beckhofer Hofkapelle ein hochwertiges Kulturgut darstellt, das über den Schwarzwald-Baar-Kreis hinaus von Bedeutung ist.
Renovierung mit viel Eigenarbeit
Das Landesdenkmalamt sagte Zuschüsse für die Renovierung zu. Nachdem sich die Eigentümer.familien Hirt und Maier geeinigt hatten, dass sie die Kapelle in jedem Fall erhalten wollen, wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Kostenvor.anschläge und Bilder der Hofkapelle wurden an das Landesdenkmalamt nach Freiburg geschickt, das seinerseits einen beachtlichen Zuschuss zu.sicherte. Weiter spendete die Bevölkerung über

16.000 Mark für die Sanierung der Kapelle.
Als Erstes wurde in Eigenarbeit damit be.gonnen, eine Drainage zu verlegen. Danach machte man sich an die Dachsanierung, um den Innenraum trockenzulegen. Erst danach konnte der Putz innen und außen erneuert werden. Nachdem alles gut trocken war, konnte die inzwischen fachmännisch restaurierte Ein.richtung wie Altar, Kreuzwegtafeln und Figuren wieder an ihren angestammten Platz gebracht werden.
Dank unzählig vieler freiwillig geleisteten Arbeitsstunden durch die Eigentümerfamilien sowie deren Freunde und Bekannte konnte im Mai 1995 wieder eine vorzeigbare Kapelle der Öffentlichkeit präsentiert werden. Bis heute ist die Kapelle viel besucht – ein Kleinod im Schwarzwald-Baar-Kreis. Führungen werden gerne in Anspruch genommen und gerne ge.währt.

Beatrix Maier sorgt in der Hofkapelle für Blumenschmuck. Im Weiler Beckhofen wird die Kapelle immer wie.der auch für einen Gottesdienst oder wie auf dem Bild rechts für eine Taufe genutzt, hier durch den früheren Vöhrenbacher Stadtpfarrer Bernhard Adler.

Die Erfindung des „Barockkuckucks“
Leben und Wirken des Uhrmachers Robert Hermann (1910 – 1982) von Dr. Johannes Graf, Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen
„Barockkuckuck“, durch Robert Hermann in den 1950er-Jahren zusammengefügt aus Teilen des 18. bis 20. Jahrhunderts (Deutsches Uhrenmuseum, Inv. 03-2202).

Am 15. März 1941 heirateten der Feinmechaniker Robert Herrmann und die Saalschreiberin Maria Staiger in der Triberger Wallfahrtskirche. Dabei passierte ein folgenreiches Missverständnis: Wohl aus Aufregung hatte das Ehepaar übersehen, dass der Familienname auf den amtlichen Urkunden nur mit einem „r“ geschrieben worden war. Als der Fehler bemerkt wurde, war es zu spät. Eine Änderung der Unterlagen wäre sehr aufwändig geworden, zumal in Kriegszeiten. Das Paar gab sich pragmatisch. Der Ehemann unterschrieb seitdem mit „Robert Hermann“. In der Nachkriegszeit sollte Robert Hermann mit dem Handeln und Reparieren von alten Uhren Geschichte schreiben. Wie kaum ein anderer hat er in den 1950er- und 1960er-Jahren das Bild geprägt, das sich Uhrensammler von Kuckucksuhren und anderen historischen Schwarzwalduhren machten. Hier soll erstmals an diese einflussreiche Persönlichkeit erinnert werden.
Traditionell waren es die Frauen, die bei der Hei.rat ihren Geburtsnamen abgeben mussten. In diesem Fall wurde es auch dem Mann bei jeder Unterschrift bewusst, dass er mit dem Namens.wechsel ein neues Leben begonnen hatte. Wie radikal sich das Leben des Feinmechanikers durch einen Schicksalsschlag kurz nach der Hochzeit ändern sollte, wird im Folgenden erzählt.
Robert Her(r)manns Lebenslauf
Am 4. April 1910 war Robert Hermann als sechstes Kind von Josef Herrmann und seiner Frau Theresie, geborene Gässler, in Furtwangen auf die Welt gekommen. Der in Dubenitz (Böhmen) geborene Vater war als Holzbildhauer tätig. Auch seine Frau Theresie hatte eine Ausbildung an der Furtwan.ger Schnitzereischule erhalten. Nach einer Lehre als Feinmechaniker arbeitete Robert Hermann bei Kienzle Apparate in Villingen. Der Hersteller von Taxametern und anderen Geräten hatte sich Anfang der 1930er-Jahre von der gleichnamigen Schwenninger Uhrenfabrik getrennt. Aus der Ehe mit Maria Staiger (04.04.1908 – 14.08.1996) gingen zwei Mädchen hervor, Waltraud Maria (*1941) und Christa Rosemarie (*1943).

Die Geburt der Kinder fiel in eine doppelt schwierige Zeit: Es war Krieg, und 1941 hatte Robert Hermann einen Schlaganfall erlitten. Sein rechtes Bein blieb gelähmt. Weitere gravie.rende gesundheitliche Einschränkungen konnte er dank der Unterstützung seiner Frau Maria in den Griff bekommen. Einer regelmäßigen Arbeit konnte Hermann nicht mehr nachgehen. Die Rente des 31-Jährigen reichte nicht, um die vier.köpfige Familie zu ernähren. Deshalb verdiente er sich in Heimarbeit, unter anderem für Kienin.ger und Obergfell (St. Georgen), ein Zubrot. Er begann, Uhren zu reparieren.
1943 floh die Familie nach Pfohren bei Do.naueschingen. Hermann erhoffte sich, auf dem Land von den Folgen des Krieges verschont zu bleiben. Auch hier hielt er die Familie mit Uh.renreparaturen über Wasser.
Unmittelbar nach Kriegsende kehrte er mit Frau und Töchtern nach Villingen zurück, wo sie im Gasthaus Schwert direkt unter dem Dach wohnten. Hermann kümmerte sich jetzt auch um die Uhren der französischen Besatzungssoldaten. Aus dieser Zeit datieren erste Hinweise über den Handel mit Schwarzwalduhren. Hermann rüstete Lackschilduhren mit Figurenautomaten auf.

Preiswerte Lackschilduhren als Grundlage
Als Grundlage für seine Umbauten dienten ihm die typischen robusten Holzuhren mit bunt be.malten Zifferblättern. Diese Lackschilduhren wa.ren im gesamten 19. Jahrhundert in vielen kleinen Uhrmacherwerkstätten des Schwarzwaldes ar.beitsteilig und mit Maschineneinsatz entstanden. Die preiswerten Massenprodukte konnten sich selbst ärmere Schichten leisten.
Während die hölzernen Alltagsuhren in großen Stückzahlen erhalten blieben, zählen Schwarzwalduhren mit kleinen beweglichen Fi.guren zu den Raritäten. Eine seltenere Variante sind Glockenschlägeruhren, bei denen auf einer kleinen Bühne oberhalb des Zifferblatts kleine Holzfiguren zu sehen sind. Diese tragen in der Hand einen kleinen Hammer, mit dem sie zu jeder Stunde und meist auch zur Viertelstunde auf die Glocken schlagen.
Hermann nahm einige der häufigen Lack.schilduhren, sägte den halbkreisförmigen Bogen im oberen Teil des Lackschilds ab und platzierte auf dem Werk eine Bühne. Dort warteten Zwerge mit Wattebärten in Manier der Erzgebirgischen Holzkunst darauf, die Glocke schlagen zu dürfen. Eine solche 1945 entstandene Automatenuhr

Glockenschläger-Automat auf der Basis einer Lack.schilduhr, Robert Hermann, Villingen, 1945 (Deutsches Uhrenmuseum, Inv. K-0014).
wurde von Hellmut Kienzle, dem Direktor der gleichnamigen Schwenninger Uhrenfabriken, er.worben. Kienzle war in den 1950er-Jahren regel.mäßiger Gast bei Hermann. Über die firmeneige.ne Sammlung alter Uhren ist dieses Stück an das Deutsche Uhrenmuseum gelangt (Inv. K-0014).
Durch die Gestaltung der Zwerge und der Bühnenumrandung ist auf den ersten Blick er.kennbar, dass es sich nicht um einen originalen Automaten handelt, sondern um eine spätere Ergänzung. Heute haben diese naiv anmutenden Veränderungen in ihrer Harmlosigkeit einen eige.nen Charme, da sie viel über die Sehnsüchte und Wünsche der Uhrensammler unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg aussagen. Es ist durch.aus bezeichnend, dass sich erwachsene Männer damals für Holzuhren aus dem 19. Jahrhundert mit glockenschlagenden Zwergen begeistern konnten. Denn schließlich wollten die meisten Deutschen vor allem eines: Die jüngste Geschich.te mit ihren Superlativen von Groß-Deutschland und dem größten Führer aller Zeiten vergessen.
In der „Gerbe“
1946 kehrte Hermann auf Wunsch des betag.ten Vaters Josef Herrmann nach Furtwangen zurück. Zunächst wohnte man im Elternhaus, dem „Kohlerhäusle“, Katzensteig 34. 1948 starb der Vater. Das Erbe wurde unter den sechs Ge.schwistern aufgeteilt. Robert Hermann konnte seine Brüder und Schwestern nicht auszahlen. So musste die Familie das idyllische Tal nördlich der Furtwanger Kernstadt verlassen.
Hermann fand eine neue Bleibe in der In.nenstadt. In der „Gerbe“ befand sich die Firma „Uhren-Walz“, eine kleine Fabrikationswerk.stätte für Kuckucksuhren, die in einem eigenen Laden verkauft wurden. Interessanterweise arbeitete Hermann trotz seiner Kenntnisse in Feinmechanik und Uhrenreparatur nie für „Uhren-Walz“. Die älteste Tochter mutmaßt, der Vermieter habe Angst davor gehabt, ihr Vater könne die Erfahrungen bei der Kuckucksuhren.produktion ausnutzen, um zur Konkurrenz zu werden. Allerdings ernährte die Herstellung von Schwarzwalduhren auf kleiner Flamme kaum den Besitzer der Firma. Es wäre sicherlich ein schwer zu kalkulierendes Wagnis gewesen, den geschickten, aber nur eingeschränkt arbeitsfähi.gen Robert Hermann einzustellen.
Die Wohnverhältnisse in der „Gerbe“ waren beengt, weil der Vater einen der beiden großen Räume als Werkstatt nutzte. Dieses Zimmer wurde im strengen Furtwanger Winter nicht be.heizt. Wenn der Vater arbeitete, mussten sich die Kinder absolut still verhalten. Die älteste Tochter berichtet: „Oberste Priorität war, dass es ihm gut ging. Denn wenn er arbeiten konnte, verdiente er Geld, und dann ging es auch uns gut.“
Im zweiten großen Raum befand sich das Schlafzimmer für die gesamte Familie. Um et.was mehr Privatsphäre zu schaffen, kaufte die ältere Tochter von ihrem ersten Geld, das sie mit Kinderhüten verdient hatte, einen Vorhang. Durch den Raumteiler entstand so wenigstens optisch der Eindruck eines eigenen Zimmers für die beiden Töchter. Das familiäre Leben spielte sich vor allem in der Küche ab, dem einzig dau.erhaft beheizten Raum. Ein weiterer kleiner Raum diente als gute Stube. Er wurde jedoch nur selten genutzt, zu Familienfesten oder wenn Besuch kam.

Die Mutter stockte das Einkommen durch Schneiderarbeiten auf. In Heimarbeit montierte sie Modellbahnhäuschen für die im benachbar.ten Gütenbach ansässige Firma Faller. „Eigent.lich wurde bei uns immer gearbeitet“, erinnert sich die älteste Tochter.
Nach fast zwanzig Jahren zog die Familie 1964 in eine helle Wohnung in der ersten Furt.wanger Uhrmacherschule um. Als das historisch bedeutende Gebäude in der Allmendstraße einer Ausstellungsfläche für Gebrauchtwagen weichen musste, fand Robert Hermann mit seiner Frau 1972 eine neue Bleibe im „Schatten.küfer“, einem urigen Schwarzwaldhaus in der Bregstraße. Mit den schweren, großgemuster.ten Stores an den Fenstern, den alten Balken und dem Kachelofen bot es die passende Kulisse für die Erinnerung an die Produkte der regiona.len Hausindustrie des 18. und 19. Jahrhunderts.
Robert Hermann an seiner Werkbank in der „Gerbe“, um 1960.

Am 15. Juni 1982 starb Robert Hermann mit 72 Jahren. Seine Frau lebte in dem Haus noch ein weiteres Jahr, bevor sie ins Seniorenheim kam. Kurze Zeit später brannte der „Schatten.küfer“ unter nicht genau geklärten Umständen ab. An seiner Stelle befindet sich heute eine Hei.zungs- und Sanitärfirma.
Uhrensammler geben sich die Klinke in die Hand
Hatte Hermann anfangs wohl vor allem Uhren repariert, so verschob sich sein geschäftliches und privates Interesse in der Nachkriegszeit mehr und mehr in Richtung historische Uhren. Er wurde zur Anlaufstelle für Sammler alter Holzuhren. In den 1950er- und 1960er-Jahren war das Sammeln von Schwarzwalduhren noch ein eher exklusives Hobby. Bei Robert Hermann in Furtwangen ging nach Aussagen der Tochter ein und aus, wer in der Uhrenszene Rang und Namen hatte.

Frühe Kuckucksuhr, wohl Elsass, zweite Hälfte 18. Jahrhundert, von Robert Hermann an das Deutsche Uhrenmuseum verkauft (Inv. 03-2002).
Aus der unmittelbaren Nachbarschaft kamen ein Fabrikant aus Furtwangen, Bankdi.rektor Mellert aus (Titisee-)Neustadt sowie der Bäckereibesitzer Stefan Weber aus St. Peter. Als Gründungsmitglied des Fachkreises „Histo.rische Uhren“ der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie hatte Weber publik gemacht, dass das Sammeln alter Holzuhren genau so ernst zu nehmen war wie das von Taschenuhren oder Eisenuhren des 16. bis 18. Jahrhunderts. Der Banker Mellert verfolgte den Plan, in Neustadt ein Museum zur Geschichte der Schwarzwald.uhren zu errichten. Er ließ deshalb unter ande.rem bei Hermanns Schwiegersohn 1962 eine idealtypische Schwarzwälder Uhrmacherwerk.stätte restaurieren bzw. rekonstruieren. Dieser Auftrag kam dem historisch interessierten Schreiner sehr gelegen. Denn damit konnte er die Hochzeit mit der ältesten Tochter von Robert Hermann finanzieren.
Großsammler mit eigenen Uhrenmuseen wie Hellmut Kienzle aus Schwenningen und Jür.gen Abeler aus der gleichnamigen Wuppertaler Juwelierdynastie, der in Furtwangen von 1950 bis 1954 eine Uhrmacherlehre absolvierte und 1959 die Meisterprüfung ablegte, waren eben.falls unter den Kunden. Berühmt-berüchtigt wa.ren die winterlichen Ausflüge des Schwenninger Fabrikantenehepaars. Kienzle bezahlte die alten Schwarzwalduhren, die er vor oder nach einer Skitour erwarb, nur selten bar. Meist hatte er – wie eine der Töchter von Hermann berich.tete – „händevoll Armbanduhren“ aus aktueller Produktion dabei, die er gegen die historischen Zeitmesser eintauschte. Robert Hermann ak.zeptierte zähneknirschend diese Art des Tausch.handels, wohl wissend, dass es sich um keine hochwertigen Armbanduhren handelte, die er abschätzend als „Traktoren“ bezeichnete. Auch Hans Künzel, Inhaber der „Madrifa-Moden“ in Krefeld, brachte der Ehefrau von Robert Her.mann bei seinen Reisen in den Schwarzwald

Robert Hermann und ein Kunde im Gespräch über eine Schwarzwalduhr, um 1960.
säckeweise Stoffreste aus der eigenen Textilpro.duktion mit, aber nicht, um damit alte Uhren zu bezahlen, sondern als Rohmaterial für die An.fertigung von Kleidung und Haustextilien.
Einer der treuesten Kunden war ein deut.scher Botschaftsangehöriger mit Namen Weich-hold, der regelmäßig nicht nur Furtwangen besuchte, sondern auch den legendären Pariser Flohmarkt. Von dort brachte Weichhold auch eine alte Kuckucksuhr nach Furtwangen, die er gegen eine andere Uhr oder als Bezahlung für Reparaturen in Zahlung gab. Diese Uhr mit Holzräderwerk und bemaltem rechteckigen Holzschild verkaufte Hermann an Stefan Weber. Eben diese Uhr erwarb später die Historische Uhrensammlung, das heutige Deutsche Uh.renmuseum. Sie gilt heute als eine der ältesten Kuckucksuhren überhaupt. Wo sie gebaut wur.de, konnte noch nicht mit Bestimmtheit geklärt werden. Lange Zeit wurde als Entstehungsregi.on der Schwarzwald angenommen. Inzwischen ist jedoch eine Holzräderuhr vergleichbarer Bau.art aufgetaucht, die ein elsässischer Uhrmacher signiert hatte.

Der „Barockkuckuck“ – Hermanns legendäres Meisterwerk
Bei allen acht Uhren im Deutschen Uhrenmuse.um, die von Hermann stammen, handelt es sich um optisch außergewöhnlich attraktive Stücke. Sie weichen deutlich vom Mittelmaß ab. Ge.meinsam ist der Mehrzahl dieser Uhren zudem, dass sie von Robert Hermann oder in späterer Zeit stark verändert wurden, damit sie der Er.wartung der Sammler entsprachen. Wie mir die älteste Tochter erzählte, war für den überwiegen.den Teil der Uhrenliebhaber der Nachkriegszeit das Aussehen der Uhren entscheidend, nicht die Authentizität. Manche Schilder wurden soweit überarbeitet, dass heute nicht mehr erkennbar ist, was gewachsene Substanz und was moderne Zutat ist. Wichtig war und ist für die meisten Sammler ebenso, dass die Uhren wieder funkti.onierten. So setzte Hermann die Werke wieder instand, egal, wie gravierend die Eingriffe auch waren. Zahnräder wurden ergänzt, teils sogar ganze Platinen neu gefertigt.
Im Extremfall entstanden in Hermanns Werkstatt aus unterschiedlichen alten und neu-en Teilen optisch attraktive Phantasieprodukte, die das Bild der Schwarzwalduhr maßgeblich beeinflussen konnten. Die wohl folgenreichs.te Erfindung Hermanns war der sogenannte „Barockkuckuck“, der 1961 vom Furtwanger Mu.seum angekauft wurde. Voller Stolz über diese prächtige Uhr druckte man sie auf dem Um.schlag des Standardwerks über die Kuckucksuhr von 1988 ab.
Heute ist jedoch klar: Bei dieser Uhr passt fast nichts zusammen. Zwar stammt das ge.schnitzte Uhrenschild wahrscheinlich aus dem späten 18. Jahrhundert. Die ursprüngliche Fas.sung ist jedoch nicht mehr erhalten. Der Furt.wanger Malermeister Gruber, der auch andere Uhren für Hermann ausbesserte, hat das Schild neu mit Goldbronze gehöht. Die fehlenden Zei.ger wurden nach historischen Vorbildern von Robert Hermanns zweitem Schwiegersohn in den Werkstätten der Furtwanger Berufsfach.schule angefertigt.
Hinter dem Zifferblatt verbirgt sich ein Uhr.werk, das den Prägestempel IW des Gestellma.chers auf der Vorderseite trägt. Der Prägestem.pel ist vor allem von Uhrwerken mit typischen Merkmalen einer Entstehung von 1810/20 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Das Werk ist folglich deutlich jünger als das Schild.

Ursprünglich hatte das Werk gar keinen Kuckucksmechanismus, sondern wohl einen Stundenschlag auf Glocke. Dies lässt sich aus den wieder verschlossenen Bohrungen in Decke und Boden für die Schlagwerkwelle schließen. Um die Hebel für das Anheben der beiden Kuckucksflöten anbringen zu können, musste Hermann je eine der seitlichen mittleren und hinteren Platinen ergänzen. Außerdem musste er das gesamte Werk nach hinten verlängern, um eine geeignete Position für das Anheben der links und rechts angebrachten Flöten zu erhal.ten. Ferner sind das Material der Rückwand so.wie der gesamte Glockenstuhl samt Glasglocke genau so neu wie die Kuckuckspfeifen. Bei der Verheiratung von Uhrwerk und Schild wurden Gestelldecke und –boden der Rundung des Schildes angepasst, weil sich das Zifferblatt im Laufe der Zeit stark gewölbt hatte. Frühere Be.festigungen an der Rückseite des Schildes waren ausgebessert worden.
Robert Hermann mit Ehefrau in seiner Wohnung in der ehemaligen Großherzoglich Badischen Uhrenmacherschule, um 1970.

Ebenso untypisch für das 18. Jahrhundert ist die Figur des Kuckucks. Solche wohlgenährten Holzvögel wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – etwa in einigen der prächtigen Beha-Kuckucksuhren aus Eisenbach – verwendet. Zudem ist fraglich, ob hinter der Aussparung im Uhrenschild ursprünglich ein Kuckuck oder vielleicht eine andere bewegliche Figur sichtbar war. Ein Kläppchen wie bei vielen Kuckucksuhren scheint es früher aber gegeben zu haben.
Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, wie meine Vorgänger im Deutschen Uhrenmuseum diese zusammengebastelte Uhr schöngeredet haben. In dem oben genannten, ansonsten sorgfältig recherchierten Buch über die Kuckucksuhr fin.det sich nicht der leiseste Zweifel an der Echt.heit der Uhr. Offensichtlich war der Wunsch so stark, endlich den heiligen Gral der Kuckucksuhr gefunden zu haben, dass in der Beschreibung selbst der nicht zu leugnende Widerspruch zwi.schen dem Barockschild dem deutlich späteren Werk stillschweigend eingeebnet wurde, ja als Indiz für die Authentizität der Uhr gedeutet wurde: „Das Werk erweckt den Eindruck, als sei es nach der Barockperiode entstanden, oder es müßte in dieser Zeit als sehr fortschrittliches, recht solides Werk sehr früh gegenüber anderen Werken ähnlicher Bauart hergestellt worden sein.“
Wie gehen wir mit dem Erbe von Robert Hermann um?
Robert Hermann ist es gelungen, durch seine Tätigkeit als Uhrmacher und Uhrenhändler das Bild der Schwarzwalduhr nachdrücklich zu prägen. Als Frührentner auf einen Nebener.werb angewiesen, um die vierköpfige Familie durchzubringen, fand er eine Nische darin, die Uhrensammler der Nachkriegszeit mit dem zu beliefern, wonach sie suchten: Er besorgte ih.nen Schwarzwalduhren, die außergewöhnliche Motive zeigten und möglichst mit Zusatzfunk.tionen ausgestattet waren. Dabei war es ne.bensächlich, ob die Uhrwerke original mit dem Schild verbunden waren oder nicht. Und noch heute haben viele der außergewöhnlichen Uh.ren aus der Sammlung Hermann ihren eigenen

durch seine Tätigkeit als Uhrma.cher und Uhrenhändler das Bild der Schwarzwalduhr nachdrücklich zu prägen.

Reiz. Aber es ist nicht immer einfach, die Quali.tät der Uhren zu beurteilen, wie bei den beiden Kuckucksuhren, die das Museum von Hermann gekauft hat: Die Spanne ist riesig, von der frü.hen, weitgehend originalen Holzräderuhr aus dem Elsass bis zur Erfindung eines angeblichen „Barockkuckuck“ aus altem Schild und neuerem Uhrwerk.
Zur Zeit ist die bedeutende Elsässer Holz.räderkuckucksuhr im Museum ausgestellt. Sie passt perfekt zur Erzählung von den ältesten bis zu den jüngsten Uhren mit Schwerpunkt Schwarzwald. Der „Barockkuckuck“ hingegen wurde bei der Neugestaltung der Schausamm.lung vor etwa zehn Jahren ins Depot gebracht. Der Entschluss, diese äußerst dekorative Uhr nicht mehr zu zeigen, wurde damals kontrovers diskutiert. Schließlich war diese Kuckucksuhr eines der Erkennungszeichen der Furtwanger Sammlung. In der Außenwerbung für das Mu.seum spielte sie eine zentrale Rolle. Und noch heute ist die Popularität der Uhr weitgehend ungebrochen. Immer noch wird sie in Touris.musprospekten der Region verwendet – ein.fach, weil sie die traditionelle Schwarzwälder Kuckucksuhr scheinbar perfekt verkörpert, ohne das Klischee der Souveniruhren mit röhrenden Hirschen zu wiederholen.
Für den Besucher ist jedoch nur schwer zu er.kennen, wie wenig authentisch diese Uhr ist. Sie steht eben nicht als Zeugnis für die Hausindus.trie des Schwarzwalds, sondern für die Wunsch.vorstellung der Uhrensammler in der Mitte des
20. Jahrhunderts. Noch haben wir keinen Weg gefunden, diese vertrackte Überlieferung deut.lich zu machen. Deshalb wird es wohl noch eini.ge Zeit dauern, bis der „Barockkuckuck“ wieder einen festen Platz in der Geschichtserzählung des Museums einnehmen wird.
Der Hüfinger Orchideenwald im Wandel der Zeiten
Dr. Hans-Joachim Blech
Der Hinger Orchideenwald ist f Naturliebhaber im S.westen wie auch in Europa seit vielen Jahrzehnten ein Eldo.rado der seltenen Pflanzen, vor allem Orchideen. Es ist ein Gebiet von ca. 126 Hektar Gre, hälftig durchschnitten von der Bundesstraße 31. Etwa 80 Hektar sind Orchideenge.biet. Es geht zur Gemarkung Hingen.
Zweiblättrige Waldhyazinthe
Platanthera bifolia

Etwa 20 Arten der seltenen Pflanzen blühen zwischen Mai und Juli und können per ausgeschildertem Rund.weg besichtigt werden.
aber auch für die nacheiszeitliche menschliche Besiedlung. Der Peters.felsen bei Engen mit seinen 10.000
bis 12.000 Jahre alten großen Mengen von tierischen Knochenfunden sind Zei.chen erster Besiedlung durch Sammler und Jäger. Vor allem klimatische
Schwankungen von weni.
gen Graden brachten bereits gravierende Veränderungen für Fauna, Flora und Menschen. Ver.
stärkte Pollenfunde von Fichte
in Mooren der Baar sind Anzei-

Geschichte chen für kältere Phasen, Pol-
Der südliche lenfunde von Buche für wärmere
Bereich, Deggen-Phasen. Kulturelle Hochphasen korrelieren
reuschen, leitet sich in der Regel mit wärmeren Zeiten, Bevölkerungs.

in der Namensgebung ab von „Dögginger, Döggerischer Wald, Deckenreuschen, Teg.gen Rüschen“ und wird bereits 1501 als Wald angegeben. Das nördlich der Bundesstraße gelegene Gebiet Rauschachen leitet sich von Rau gleich dichtes Gebüsch und Schachen, Schochen oder Schorren ab und bedeutet Wal.dung, Gehölz (zwischen den Äckern). Der Name des Gewannes Schosen leitet sich wohl von „herabstürzendem Wasser“ ab (westlich liegt etwas höher das Watzental, Wassertal). Auf der Hüfinger Urbarkarte von 1786 sind die beiden Waldanteile deutlich dargestellt. Die Höhenlage liegt zwischen 720 und 776 m, muldenförmig nach Osten absinkend. Die Geologie zeigt im Rauschachen und im nördlichem Drittel vom Deggenreuschen oberen Muschelkalk (Trigo.nodusdolomit), die südlichen zwei Drittel des Bereiches Deggenreuschen sind Lettenkeuper.
Über viele Jahrtausende unterlag auch die Baar seit dem Ende der Eiszeit menschlichen wie klimatischen Veränderungen und Einflüssen: die Baar ist ein Kreuzungspunkt für Fauna und Flora wachstum und Intensivierung von Ackerbau und Viehhaltung. Der Waldanteil wurde dadurch, aber auch durch Glasbläserei, Köhlerei, Erzver.hüttung, zu Heizungszwecken und durch Bauten

z.B. durch Klöster, zurückgedrängt, so dass z.T. der Waldbestand im frühen Mittelalter nur 25 % von heute betrug. Das änderte sich wieder, als Mitte des 19. Jahrhunderts der Holzbedarf zurück ging, vor allem durch den Energieträger Kohle und die Entdeckung des Kunstdüngers durch Justus von Liebig.
Die Siedlungen der frühen Menschen hin.terließen z.B. im Gewann Niederwiesen zwi.schen Hüfingen und Bräunlingen im Bereich der Bregniederung sowohl mittelneolithische Keramikscherben (ca. 4000 v. Chr.), Gräber aus der späten Bronzezeit (1200 v. Chr.), der Ur.nenfelderzeit (ca. 1000 v. Chr.) und der späten Hallstadtzeit der Kelten (600 v. Chr. Zeit des Magdalenenberges Villingen) (Jutta Krug-Trep.pe, Schriften der Baar 2001).
Auf dem Galgenberg oberhalb des Römer.bades war eine Siedlung aus der La-Tène-Zeit (100 v. Chr.). Menschen der Bronzezeit, Kelten wie auch besonders die Römer, haben auf der Baar große Spuren hinterlassen. Dies trifft besonders für den Bereich Hüfingen und das Umfeld des Hüfinger Orchideenwaldes zu. Hü.fingen lag an der Römerstraße von Windisch nach Rottweil. Wahrscheinlich gab es auch eine Römerstraße aus dem Rheintal kommend nach Osten. Dokumentiert wurde dies auf der mittel.alterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte aus dem 4. Jahrhundert, der Tabula Peutingeria.na. Die drei oben genannten Orte trugen die Na.men Brigobanne, Vindonissia und Arae Flaviae.

Brigobanne
Der römische Standort Brigobanne (Hüfingen) existierte etwa von 70 n. Chr. bis 240 n. Chr. Kastell, Römerbad, Vicus (Dorf) lagen am Nord.ost Rand des Gebietes Rauschachen, die Villa rustica (Gutshof) am Südrand des Gebietes Deggenreuschen. Neben den einheimischen Bürgern des Ortes mussten das Militärlager, die Handwerker, die durchreisenden Händler, wie auch ihre Tiere versorgt werden. Es gibt im Hüfinger Orchideenwald einige Bereiche, wo Terrassierungen erkennbar sind, ohne sie zeitlich einordnen zu können. In der Hüfinger Urbarkarte von 1786 ist das Gebiet Deggenreu-

Brigobanne (Punkt) auf der Tabula Peutingeriana, auch Peutingersche Tafel genannt, die das römische Straßennetz zeigt.
schen-Rauschachen wie auch das Gebiet der Trasse der heutigen Bundesstraße 31 gut zu erkennen. Wie im Mittelalter üblich, wechselten Städte, Ortschaften oder Gewanne den Eigen.tümer durch kriegerische Einflüsse oder durch notwendigen Verkauf. So wechselte Hüfingen in der Zeit von 1620 bis 1640 durch Kauf von den Schellenbergern zu den Fürstenbergern. Damit wurde der Hüfinger Wald wahrscheinlich auch mehr jagdlich genutzt. 1805 verloren die Fürstenberger durch die Mediatisierung ihren Besitz und Hüfingen kam zum großen Teil zum Herzogtum Baden.
Ein Naturschutzgebiet entsteht
Das zunehmende regionale Interesse an ein.heimischer Fauna und Flora durch regionale Fürsten, Ärzte, Apotheker, Pfarrer, Lehrer usw. führte 1805 in Donaueschingen zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde vaterländischer Geschichte und Naturgeschichte an den Quellen der Donau“, heute kurz „Baarverein“, unter an.derem durch den Immendinger Reichsfreiherrn Friedrich Roth von Schreckenstein. Gleichzeitig
verstärkte sich der Gedanke, Landschaft und Natur zu erhalten. Bei Roth von Schrecken.stein wurden 1799 in seinem Buch „Verzeichnis sichtbar blender Gewaechse, welche um den Ursprung der Donau und des Nekars, dann um den unteren Theil des Bodensees vorkommen“
erstmals regionale Orchideen erwähnt, bei dem Hüfinger Tierarzt Carl Engesser wurden 1852 be.reits Gewannnamen angegeben. Noch ausführ.licher und botanisch präziser sind die Angaben von Hermann Zahn 1889 in „Flora der Baar“.
Neben der Gründung der vaterländischen Vereine (u.a. 1805 der heutige „Baarverein“ Do.naueschingen) in der ersten Hälfte des 19. Jahr.hunderts folgte die Gründung der Wanderver.eine in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wie z.B. des Schwarzwaldvereins 1864 oder des Schwäbischen Albvereins 1888. Ziel dieser Verei.ne war zunächst der Erhalt des Landschaftsbil.des, später kam der Gedanke des Naturschutzes hinzu. In den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhun.derts standen bereits mehrere hundert Gebiete im Südwesten auf einer Liste schützenswerter Regionen, darunter auch das Gebiet des heu.tigen Hüfinger Orchideenwalds. Der Gedanke „Naturschutz“ wurde durch die Naturschutzge.setzgebung 1935 gesetzlich verankert, was zu dieser Zeit auch zur Ideologie passte. 1939 kam es zu einem Antrag der Bezirksnaturschutzstelle Donaueschingen unter Leitung von Karl Wacker an die Badische Landesnaturschutzstelle in Karls.ruhe zur Errichtung eines Pflanzenschongebietes Rauschachen. Im Hintergrund maßgeblich mit.beteiligt war Dr. Erwin Sumser, geb. 1891 in Merz-hausen bei Freiburg, gestorben 1961 in Hüfingen. Er war ein Pionier des Naturschutzes im Südwes.ten, kaufte privat Gebiete in Ebringen (Sumser Gärtchen), Döggingen, Bräunlingen, Riedöschin.gen oder Hondingen (Zisiberg). Schwerpunkt war in erster Linie der Schutz der Orchideen. Daher wurde er auch „Orchideenvater“ genannt. Pflege und Bewachung, vor allem auch in Hüfingen, zahlte er oft aus eigener Tasche. Kurz vor seinem Tod 1961 gingen diese Gebiete in das Eigentum des Landes Baden-Württemberg über. Übrigens war Dr. Sumser auch daran beteiligt, dass die Wutachschlucht nicht aufgestaut und damit zer.stört wurde.

Am 7. April 1941 wurde das Gebiet durch das „Badische Ministerium des Kultus und Unter.richts“ in Karlsruhe offiziell zum Naturschutzge.biet Degggenreuschen- Rauschachen ernannt.
Nutzung, Reparationsleistung und Sturmschäden
Neben der schon genannten alten Nutzung der Holzgewinnung wur.den die Wälder im Mittelalter bis in die Neuzeit auch als Waldwei.de genutzt. Seit dem Mittelalter gab es verstärkt Eingriffe durch den Menschen, Waldweide und Ackerbau, das Klima war zum Teil kälter (Kleine Eiszeit von 1350 bis 1850), deshalb gab es weniger Bu-
Der sogenannte „Franzosenhieb“ ver.nichtete große Teile des Waldbestandes.
chen und mehr Fichten. Seit etwa 150 Jahren dominiert die Fichte und die Kiefer. Namen von Gewannen deuten auch auf die Nutzung hin: Hammeltal, Ochsentrieb, Schafschachen. Folgen sind starke Oberbodenschädigung und Nährstoffentzug, die heute mit zu den massiven Orchideenbeständen führen. Dies erfuhr 1777 durch Änderung der Waldweidenutzung eine Einschränkung, die erst gegen 1820/1830 end.gültig zur verpflichtenden Stallhaltung der Tiere wurde. Die Nutzung des Waldes als Heizmateri.al und das Sammeln von Bruchholz zeigte einen „aufgeräumten“ Wald bis in die fünfziger Jahre. Heute geht vieles von den Holzresten in die Hackschnitzelproduktion. Auf der anderen Sei.te wissen wir, dass Totholz im Wald eine ganz wichtige ökologische Funktion hat. Deshalb ist es das Ziel im Hüfinger Orchideenwald, auch ein Totholzmanagement zu realisieren. Wobei es festzuhalten gilt, dass alle unsere Wälder Kulturwälder sind und wohl noch lange bleiben werden, auch wenn wir uns um das Entstehen von „Urwäldern“ bemühen.
In der Nachkriegszeit vernichtete der soge.nannte „Franzosenhieb“ als Reparationszah.lung im Rauschachen große Teile des Waldbe.standes. Die Folgen der Wiederaufforstung als reinem Fichtenbestand bereitet den Förstern durch Käferbefall, schlechtes Wachstum, Rot.fäule des Kernholzes und durch zunehmende Trockenheit bis heute große Sorgen.
Ganz wesentlichen Einfluss auf den Wald hatten auch Stürme, in naher historischer Zeit waren es vor allem:

Sturm ohne Namen 1967, ca. 12.000 Festmeter Windbruch Vivian 25.-27.02.1990, 285 Km/h

• Wiebke 28.02.-01.03.1990, 285 Km/h


Lothar 26.-27.12.1999, ca. 35.000 Fest.meter Windbruch, 272 Km/h

Neben dem Verlust von Waldbestand bieten Sturmflächen aber gerade Pionierpflanzen ein willkommenes Wachstumsgebiet und es ent.stehen Aufforstungsbereiche mit unterschiedli.chem Lichteinfall am Boden, wo sich Fauna und Flora erneuern können.

Die Nutzung heute besteht aus Forst, Jagd, Freizeit und Tourismus (Orchideenbesucher). Schaden kann der Orchideenbestand nehmen durch zu intensive Nutzung außerhalb der Wege durch Freizeit und Orchideenbesucher, Verbiss durch zu hohen Wildbesatz oder durch Stickstoffemissionen durch die nahe Bundes.straße 31. Gefahr bestand auch kurzfristig durch die Absicht eines vierspurigen autobahnähn.lichen Ausbaues der Bundesstraße 31. Als Alternative wurde die Verlegung südlich des Gebietes Deggenreuschen diskutiert. Gegen die Ausbauabsichten formierte sich 1990/91 die BUB Hüfingen (Bürgerinitiative) für einen umweltgerechten Ausbau der B 31. Das Resultat war der heute vorhandene dreispurige Ausbau als Kompromiss.
Klima
Die Baar mit ihrem kontinentalen Klima und wenig Regen (600 bis 800 mm ) im Schatten des Schwarzwaldes ist immer gut für späte Fröste. So nimmt der Erstaustrieb der Buchen im Hü.finger Bereich oft noch Ende Mai – Anfang Juni Schaden. Beim Hagelschlag am 24. Mai 2012, 14 Tage vor Eröffnung des neuen Lehrpfades, wurden die nicht geschützt stehenden Frauen.schuhe vernichtet. Bei den zunehmend trocke.nen Wintern und Sommern erleiden Korallen.wurz, Stendelwurz-Orchideen (Epipactis) und Widerbart Trockenschäden oder Totalausfälle.
Besonders viele Orchideen wachsen auf Kalk, hauptsächlich wenn dort Nadelbäume (Fichte) wachsen, es sind die Waldorchideen. Der Oberboden ist durch die Nadelstreu der Fichte sauer, der Unterboden durch Kalk ba.sisch, die Humusschicht ist oft nur Zentimeter stark, die Verwitterungszonen geringer als eine Spatentiefe. Der Kalkboden besitzt eine gute Drainage und wird dadurch schnell trocken. Der Orchideenreichtum ist bedingt durch diese Konstellation, wie auch im NSG Tannbüel bei Bargen/Neuhaus oder Hattinger Orchideenwald (NSG Schopfeln Rehletal). In Zukunft wird es wohl regelmäßig trockenere und wärmere Som.mer mit Temperaturanstieg bis zu 2 Grad und feuchtere Winter geben. Dies könnte Probleme für im Boden lebende Insekten geben, weil die Frostgare des Bodens fehlt. Frauenschuh wird

z.B. von im Boden lebenden, schmalleibigen Wildbienen der Gattung Andrena bestäubt. Weiter sind mehr Stürme und extremere Wet.tersituationen zu erwarten, die auch dem Wald zusetzen, da Fichtenbestände durch die flachen Tellerwurzeln gegen Stürme nicht so wider.standsfähig sind. Die Durchschnittstemperatur, bemessen über 110 Jahre, betrug 6,5 Grad, die Niederschlagsmenge zwischen 1160 mm (1930) und 515 mm (1949), im Durchschnitt 760 mm, ab 1960 ist es feuchter bis 1100 mm. Eigentlich gibt es keinen Monat ohne Frostgefahr.
Naturschutzgesetz „Pflege- und Entwicklungsplan“
In Naturschutzgebieten gelten einige Spielre.geln: Alle Pflanzen und Tiere sind geschützt in allen ihren Teilen; von den Orchideen bis zum Hahnenfuß und den Pilzen. Weiter besteht Wegegebot, damit die unterirdischen Triebe nicht zertreten werden und die oft lebensnot.wendige Mykorrhiza (Pilzgeflecht im Boden) nicht zerstört wird.
Fast alle Naturschutzgebiete (außer Mooren und Feuchtgebieten) sind in der Regel durch menschliche Einflüsse entstanden. Zum Erhalt der Gebiete wurde deshalb ein Pflege- und Entwicklungsplan für das Naturschutzgebiet Deggenreuschen Rauschachen erstellt durch Dr. Friedrich Kretzschmar vom Regierungspräsidi.um Freiburg (veröffentlicht in Schriften der Baar 1999 Bd. 42, Seite 51-80). Es wurde vor allem auch die zum Teil kleinflächige Vielfältigkeit des Gebietes erhoben: Nadel-Mischwaldbestände auf Mullboden, nährstoffreiche Hanglagen, kleine Tälchen, Talgrund mit starker Kraut.schicht, Magerrasen und magere Waldränder, Enzian-Halbtrockenrasen, kleine Waldränder, Wegeränder, Parkplatzgebiete, Fettwiesen, Waldmantel und Waldsäume z.B. mit Busch.nelke. Der Wald wird als Typ Pyrola-Abietum (Wintergrün-Tanne) beschrieben. Während der„Buchenzeit“ 800 v.Chr. bis 500 n. Chr. war es wärmer und dadurch bedingt ein hoher Bu.chenanteil. Seit dem Mittelalter gab es verstärkt Eingriffe durch den Menschen, Waldweide, das Klima war kälter (Kleine Eiszeit von 1350 bis 1850), deshalb weniger Buche und mehr Fichte. Seit 150 Jahren dominiert Fichte und Kiefer.

Gefährdung und Erhalt des Orchideenreichtums
Die bekannteste und imposanteste Orchideen.art in Mitteleuropa ist der Frauenschuh (Cyp.ripedium calceolus), der in wechselstarken Beständen vorkommt. Drei Orchideenarten, die kein oder nur sehr wenig Chlorophyll bilden, ge.hören zu den Moderorchideen. Es sind die Koral.lenwurz, der Widerbart und die Vogelnestwurz. Vor allem die ersten beiden Arten sind sehr gefährdet durch Trittschäden der Besucher, die sich nicht an das Wegegebot im Naturschutz.gebiet halten, wie auch durch Klimaerwärmung und Trockenheit. Die Gattung Stendelwurz ist mit mehreren Arten und Unterarten vertreten und blüht verstreut von Juni bis August mit z.T. hohen Blütenrispen. Von besonderem Interesse für den Artenschutz sind ferner die Vorkommen einiger Wintergrün Arten sowie des Fichten.spargels (Monotropa hypopitys). Wintergrünar.ten sind: Einblütiges Wintergrün (Moneses unif.lora), Nickendes Wintergrün (Orthilia secunda), Grünblütiges Wintergrün (Pyrola chlorantha).

Orchideenbestand heute

Im Hüfinger Orchideenwald kommen fast 20 verschie.dene Orchideenarten vor, die von der zweiten Hälfte Mai bis Anfang August blühen. Sie gehören überwie.gend den Waldorchideen an, deren Lichtanforderun.gen von dunkel bis etwa 80 % gehen. Orchideen sind auch Zeigerpflanzen für bestimmte Biotoptypen.
1 Bleiches Waldvögelein (Cephalanthera damasonium) 2 Grünblütiges Wintergrün (Pyrola chlotantha) 3 Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis) 4 Widerbart (Epipogium aphyllum) 5 Grünliche Waldhyazinthe (Platanthera chlorantha) 6 Fuchs, geflecktes Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) 7 Korallenwurz (Corallorhiza trifida) 8 Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) 9 Rotes Waldvöglein (Cephalanthera rubra)

4

Links: Sommerwurzarten wie z.B. Orobanche treten in den letzten zehn Jahren verstärkt auf. Sie sehen aus der Distanz Orchideen teilweise ähnlich. Rechts: Frühlingsenzian – Gentiana verna.
In den letzten zehn Jahren treten verstärkt Sommerwurzarten (Orobanche ssp.) auf, die in der Regel chlorophylllose Pflanzen sind und daher als Vollparasiten leben. Sie sehen aus der Distanz teilweise Orchideen ähnlich. Fliegen.ragwurz und Mückenhandelwurz sind erst in den letzten Jahren wieder regelmäßiger aufge.treten. Es sind Wärme liebende Arten aus dem Trockenrasenbereich. Als Eiszeitrelikt blüht als erstes der Frühlingsenzian (Gentiana verna).
Dr. Sumser zählte vor 70 Jahren noch etwa zehn andere Orchideenarten auf, die vor allem im Waldrandbereich wuchsen und heute durch benachbarte Landwirtschaft und durch nicht mehr vorhandene offene Waldränder verloren gingen. Der Orchideenreichtum steht einer modernen, auch einer der Klimaveränderung angepassten, Waldnutzung entgegen. Aufgrund der Naturschutzsituation und der touristischen Bedeutung für die Stadt Hüfingen wird ange.strebt, zum Erhalt der Orchideenbestände einen 60%igen Fichtenanteil zu erhalten.
Einweihung des Lehrpfades am 5. Juni 2012
Zur Besucherlenkung ergab sich die Notwendig.keit der Einrichtung eines Lehrpfades, geplant im Bereich Deggenreuschen. 1969 hat die Arbeits.gemeinschaft zur Erforschung und zum Schutz heimischer Orchideen im Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar („Baarverein“) den Antrag auf Einrichtung eines Lehrpfades mit Beschilderung beim Regierungspräsidium Freiburg gestellt, der dort wie auch von der Stadt Hüfingen genehmigt und umgesetzt wurde. Drei Jahre später wurde der Lehrpfad bereits erweitert. Nachdem 1999 die Sturmflächen von Lothar aufgeräumt waren, wurde der Lehrpfad 2003 wiederhergestellt. Die Orchideenbestän.de gingen jedoch durch größeren Lichteinfall und Verbuschung stark zurück. Kurz und gut, man musste sich nach einem neuen Lehrpfad umsehen. 2011 wurde unter Einbeziehung der unterschiedlichen Entscheidungsträger ein neuer Lehrpfad im Gebiet Rauschachen geplant. Der Na.turpark Südschwarzwald und die Stadt Hüfingen teilten sich die Kosten von knapp 16.000 Euro. Das Kreisforstamt, die Kreisstelle für Naturschutz, Mitarbeiter des Forstbezirks der Stadt Hüfingen und der zuständige Naturschutzwart (der Autor) haben diese Maßnahme umgesetzt. Der neue Lehrpfad wurde am 5. Juni 2012 in Anwesenheit von Umweltminister Alexander Bonde und Land.rat Sven Hinterseh eingeweiht. Als besonderer Höhepunkt wurde am 7. April 2016 das 75-jährige Bestehen des Naturschutzgebietes mit einem Festabend, mit Berichten und einer Ausstellung im Rathaus gefeiert.

Als letztes Highlight sitzt ein Student aus China seit 2017 an einer Masterarbeit. Initiiert wurde die Arbeit durch Prof. Dr. Albert Reif, Faculty of Environment and Natural Resources,

Viele besondere Pflanzen sind auch außerhalb der „Orchideensaison“ auf dem schönen Rundwanderweg zu bestaunen. Links: Silberdistel – Carlina acaulis, rechts: Tollkirsche – Atropa belladonna
Albert-Ludwigs-University, Freiburg. Vor Ort wird die Arbeit unter anderem begleitet durch den Autor. Ziel der Masterarbeit ist es, durch Bodenproben die Standortbedingungen für die Orchidee Widerbart zu untersuchen.
Pflegemaßnahmen
Pflegemaßnahmen wurden vor Jahrzehnten schon durch Dr. Erwin Sumser u.a. mit dem Schwarzwaldverein veranlasst und auch be.zahlt. Heute führt der Schwarzwaldverein Do.naueschingen und die Umweltgruppe Südbaar jährlich Maßnahmen der Entbuschung zur Of-
Auskunft über Blütezeit, Führungen, Wanderungen, Vorträge usw. erteilt die Touristinfo der Stadt Hüfingen (Tel. 0771 / 6009-24) oder im Internet unter: www.huefingen.de

fenhaltung an den Orchideenstandorten durch. Früher war es die Waldweide, die dieses verrich.tete. Mit Ziegen wird in ausgesuchten Gebieten ebenfalls die Verbuschung zurückgedrängt. Die Pflegemaßnahmen werden in der Lokalpresse angekündigt und Gäste sind immer willkom.men. Weitere Maßnahmen werden auch durch die forstliche Pflege des Waldes oder in Zukunft durch das Naturschutzgroßprojekt Baar durch.geführt. Der Hüfinger Orchideenwald gehört zu den Kerngebieten dieses Projektes und es fan.den in diesem Rahmen eine Reihe von Begehun.gen statt, damit auch zukünftige Generationen Orchideen sehen können.
„Der Patient heißt Familie“
Nachsorgeklinik Tannheim ist 20 Jahre alt – Ohne Roland Wehrle gäbe es diese Einrichtung und die Stiftung Deutsche Kinderkrebsnachsorge nicht
von Dieter Wacker mit Fotografien von Wilfried Dold
20 Jahre ist es her, dass in Tannheim bei Villingen-Schwenningen eine Erfolgsgeschichte begann, die bundesweit bis heute besonders ist: Zum einen wurde eine Klinik erfnet, die komplette Familien kranker und auch verstorbener Kinder in den Mittelpunkt eines bis dahin vlig neuen Rehabilitationsansatzes stellt. Zum anderen ist die Nachsorgeklinik Tannheim ein Symbol daf, was erreicht werden kann, wenn sich Menschen f eine Idee begeistern. Maßgeblich ist dieser Erfolg mit Haupt.initiator Roland Wehrle verbunden, dem Tannheim-Geschäftsfrer und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge. Ohne den Mann aus Furtwangen gäbe es die Klinik in Tannheim und die Familienorientierte Nachsorge auf diesem hohen Niveau und ihrem breiten Behandlungsspektrum nicht.
Bei der familienorientierten Nachsorgeklinik für krebs-, herz- und mukoviszidosekranke Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie verwaiste Familien in Tannheim stehen gleich zwei prägende Leitsätze im Mittelpunkt: „Der Patient heißt Familie“ lautet einer davon und kennzeichnet das Handeln in der Klinik seit ihrer Eröffnung am 14. November 1997. Der Grund.stein trägt die Inschrift: „Viele Menschen haben dieses Haus gebaut“. Besser kann man es nicht ausdrücken, dass die Nachsorgeklinik Tannheim gemeinnützige GmbH eine Solidarerklärung von Zehntausenden von Spendern mit Familien ist, deren Leben durch die chronische Erkrankung ihres Kindes oder gar dessen Tod sprichwörtlich auf den Kopf gestellt wurde.

Dass in Tannheim bis heute weit über

14.000 Patienten behandelt werden konnten und rund 46 Millionen Euro an Spenden eingin-
Roland Wehrle im Gespräch mit einer Familie, deren vierjährige Tochter Enna an Krebs erkrankt ist und die in der Nachsorgeklinik Tannheim eine vierwöchige Reha absolviert.
9. Kapitel – Soziales

gen, ist vielen, die sich engagiert haben oder dies bis heute tun, zu verdanken. Vor allem aber Roland Wehrle, Geschäftsführer der Nachsor.geklinik Tannheim und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge. „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnung zu er.füllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ Wenn dieser bemerkenswerte Satz von Thomas Woodrow Wilson, Historiker und 28. Präsident der USA, auf jemanden zutrifft, dann auf Roland Wehrle. Der Geschäftsführer war Ideengeber und Kämpfer für die Tannheimer Nachsorge.klinik in einer Person. Immer als Trommler für die Sache unterwegs, nie die Flinte ins Korn werfend, wenn ihm manchmal auch danach zumute war.
Roland Wehrle versteht es wie kein Zwei.ter für seine Sache, die Familienorientierte Nachsorge, die ihm zur Lebensaufgabe gewor.den ist, zu trommeln. Er hat bei vielen Großen, Bekannten und Mächtigen dieses Landes immer mindestens einen Fuß in der Tür, wenn es der
Aus einer Vision wurde Wirklichkeit: Die Nachsorgeklinik Tannheim im Sommer 2017.

Sache nutzt. Er ist sich aber auch nicht zu scha.de, bei Wind und Wetter viele Kilometer bis in den hintersten Winkel zu fahren, um eine noch so kleine Spende für Tannheim abzuholen und sich persönlich zu bedanken. Und deshalb gibt es die Nachsorgeklinik Tannheim, die bis zum heutigen Tag so einzigartig ist in Deutschland.
Am Anfang stand eine Vision
Dabei fing alles einmal in einem Umfeld an, über das man heute schmunzeln mag. Der Autor dieses Beitrags erinnert sich noch gut an jene, man muss schon etwas despektierlich fast „Bruchbude“ sagen, am Rößleplatz mitten in Furtwangen. In einem Haus, das einige Zeit später auch dem Abrissbagger weichen sollte, saß Roland Wehrle 1990 als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Baden-Württember.gischen Förderkreise krebskranker Kinder. Die gebrauchten Büromöbel kamen von der Furt.wanger Sparkasse, der gebrauchte PC von der Furtwanger Fachhochschule.
Der Verein hatte damals zwar fast kein Geld, doch mit Roland Wehrle einen Mann, der ein klares Konzept vor Augen, einen Kopf voller

die Idee der Nachsorgemöglichkeit für krebskranke Kinder und Jugendliche – und ließ ihn von da an nicht mehr los.
Ideen und eine deutliche Vision hatte: den Bau einer Nachsorgeklinik für krebskranke Kinder, bei der die kleinen Patienten von Eltern und Ge.schwistern begleitet werden konnten.
Doch blenden wir noch ein paar weitere Jahre zurück: Der studierte Sozialarbeiter und Diplompädagoge Roland Wehrle leitete in den 1980er-Jahren das ehemalige Familienbildungs.zentrum Katharinenhöhe oberhalb Furtwan.gens, das 1982 zum Familienerholungszentrum umgewandelt wurde. Träger der Einrichtung war und ist bis heute die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Baden. 1983 war es aus finanziellen Gründen dringend gefordert, in den Gesund.heitsbereich einzusteigen. Und ab diesem Jahr wurden auf der Katharinenhöhe Mutter-Vater.Kind-Kuren angeboten.

1984 suchte die Arbeitsgemeinschaft der ge.setzlichen Renten- und Krankenversicherungs.träger Nordrhein-Westfalen eine eigenständige Reha-Möglichkeit für krebskranke Kinder. Die Katharinenhöhe hätte zwar die Räumlichkeiten gehabt, eine Zusammenlegung der Konzepte der Mutter-Vater-Kind-Kuren mit dem Konzept der Nordracher Klinik kam aber nicht in Frage. Zudem war Furtwangen einfach auch zu weit weg von Nordrhein-Westfalen. Doch die Idee der Nachsorgemöglichkeit für krebskranke Kin.der und Jugendliche packte Roland Wehrle und ließ ihn von da an nicht mehr los.
Kontakte zur Kinderonkologie
Und dann spielte vielleicht der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle. Villingens damaliger Ar.beitsamtsleiter, Horst Billing, besuchte eines Tages die Katharinenhöhe. Er kam mit Roland Wehrle über ein mögliches Nachsorgekonzept für Krebs ins Gespräch. Billing stellte Kontakte zum Donaueschinger Amtsgerichtsdirektor Karl Günther her, der Vorsitzender des Eltern.kreises Freiburg war, einem Förderverein für krebskranke Kinder. Diese Liaison erwies sich als wahrer Glücksfall. Karl Günther vermittelte Roland Wehrle nicht nur Gesprächspartner in der Universitätsklinik Freiburg, sondern brachte ihn auch mit Prof. Dr. med. Dietrich Nietham.mer, dem Direktor der Universitätskinderklinik Tübingen zusammen, der bundesweit die „Nummer 1“ für Kinderonkologie war. Prof. Niethammer versprach Roland Wehrle seine Unterstützung: Aber nur unter der Vorausset.zung, dass konzeptionell und dann in der Praxis die gesamte Familie in den Rehaprozess inte.griert werden würde. Und so wurde Professor Niethammer nicht nur Roland Wehrles „ärzt.licher Mentor“, er erwies sich als Vorsitzender der Medizinischen Fachgesellschaft auch als exzellenter „Türöffner“.

Noch im November 1984 erfolgten erste Ge.spräche mit den Kostenträgern. Bereits im April 1985 reisten Familien mit einem krebskranken Kind auf der Katharinenhöhe an, im Mai erfolg.te die „offizielle Eröffnung“ der neuen Famili.enorientierten Rehabilitation. Roland Wehrles Visionen begannen Realität zu werden.
Schicksalshafte Begegnung mit Klausjürgen Wussow
Im Sommer 1986 sollte es zu einer geradezu schicksalshaften Begegnung kommen. Im nahen Glottertal und in diversen Schwarz.waldgemeinden drehte das ZDF eine der bis heute erfolgreichsten Fernsehserien: die Schwarzwaldklinik. Mit einem Bus voller Pati.entenkinder besuchte Roland Wehrle einen der Drehorte in Hinterzarten. Dort lernte er den Star des TV-Knüllers, den Schauspieler Klausjürgen Wussow, kennen. Der verkörperte als Professor Klaus Brinkmann den Chefarzt der Schwarz.waldklinik. In dieser Rolle wurde Wussow von vielen, vor allem weiblichen Fans, geradezu vergöttert und befand sich auf dem absoluten Höhepunkt seiner Popularität.
Klausjürgen Wussow zeigte sich in Hinter-zarten tief beeindruckt von der Zusammenkunft mit den vom Schicksal so sehr getroffenen Kindern und Jugendlichen. Zugleich war der Schauspieler sehr von einem Mann angetan, der ihm so nachdrücklich schilderte, weshalb Rehabilitationsmaßnahmen im klinischen Um.feld gemeinsam mit Familien so wichtig seien. Dieser Mann war Roland Wehrle. Bereits einige Monate später besuchte Klausjürgen Wussow die Katharinenhöhe. In seinem Schlepptau hat.te er jede Menge medialer Berichterstatter, vor allem das Who is Who der Yellow- und Boule.vardpresse.

Damit hatte Roland Wehrle von einem Tag auf den anderen das, was er vielleicht nie zu träumen gewagt hätte: bundesweite Aufmerk.samkeit für schwerstkranke Kinder und Jugend.liche, für die sich bis zu diesem Zeitpunkt die Öffentlichkeit nie groß interessiert hatte. Und er hatte Schlagzeilen für ein Konzept, das spä.ter in der Tannheimer Nachsorgeklinik bis zur

Der Bundespräsident war von dem, was wir hier konzeptionell auf die Beine gestellt hatten, ebenso stark beeindruckt, wie vom ungeheuren Lebensmut unserer jungen Patienten.
Roland Wehrle
Vollendung weiterentwickelt werden sollte: die Familienorientierte Nachsorge, kurz FOR, die es nun seit über 30 Jahren gibt.
Bundespräsident Weizsäcker stärkt der Familienorientierten Nachsorge den Rücken
Am 6. Oktober 1988 besuchte ein weiterer Top-Prominenter die Katharinenhöhe: Bundes.präsident Richard von Weizsäcker. Und wieder war bundesweites Medieninteresse garantiert. „Es war ein sensationeller Besuch. Der Bundes.präsident war von dem, was wir hier konzepti.onell auf die Beine gestellt hatten, ebenso stark beeindruckt, wie vom ungeheuren Lebensmut unserer jungen Patienten“, erinnert sich Roland Wehrle im Nachklang immer noch mit Freu.de und Stolz. Und ergänzt: „Dabei waren wir damals echte Exoten im Gesundheitswesen.“ Roland Wehrle war sich nach den Besuchen von Wussow und von Weizsäcker mehr denn je sicher, dass die Familienorientierte Reha das Zu.kunftskonzept ist. Er blieb dran am Thema – mit voller Kraft und Energie.
Seine Kontakte zu Klausjürgen Wussow hat.ten sich zwischenzeitlich intensiviert. 1989 wur.de mit dem großen Schauspieler ein Video auf der Katharinenhöhe gedreht, untermalt mit der Titelmelodie der Schwarzwaldklinik. Emotionen pur! Doch das reichte Wussow nicht, er wollte mehr, wollte ganz konkret helfen. Ihm gegen.über stand ein Roland Wehrle, der den TV-Star in seinem Ansinnen mit offenen Armen auf.nahm. Und so traf sich an einem Mittwoch.abend daheim bei Roland Wehrle am Wohnzim-mertisch im heimischen Furtwangen eine illustre Schar von profunden Unterstützern: Klausjürgen Wussow, dessen damalige Frau Yvonne, Rainer Philipp Stöhrle, Fabrikant aus Pforzheim, Dr. Erwin Ruf, Notar aus Furtwangen, Fritz Funke, Furtwanger Sparkassenchef und Dr. Eberhard Lei.dig, ärztlicher Leiter der Katharinenhöhe. Sie gründeten den Verein „Freunde der Katharinen.höhe“. Die Urzelle sozusagen des späteren Trä.gers der Tannheimer Klinik.

1990 kristallisierte sich immer mehr heraus, dass die Plätze für krebskranke Kinder auf der Katharinenhöhe nicht mehr ausreichten. Prof. Dietrich Niethammer machte zudem deutlich, dass er nicht nur krebskranke Kinder, sondern auch andere, die an schweren chronischen Krankheiten litten, gerne in die Familienorien.tierte Reha mit eingebunden hätte. Im Frühling des Jahres kam Roland Wehrle, der zwischen.zeitlich jede Menge Verbindungen aufgebaut und dank einer gewissen medialen Präsenz, sich einen Ruf über die Grenzen des Schwarz.waldes hinaus erworben hatte, mit Christiane Herzog in Kontakt. Ihr Mann Roman Herzog war Präsident des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe und folgte später Richard von Weiz.säcker als Bundespräsident. Christiane Herzog war Schirmherrin der gleichnamigen Stiftung für Mukoviszidosekranke. Sie suchte dringend Rehaplätze für Kinder, die an dieser unheilbaren Atemwegserkrankung leiden. Roland Wehrle wollte ihr gerne helfen.
Die Arbeitsgemeinschaft Kinderkrebsnachsorge plant den Bau einer neuen Klinik
Just in dieser Zeit erreichte Roland Wehrle der Ruf, die Geschäftsführung der damals gemein.nützigen Hohensteinklinik im nahen Triberg zu übernehmen, in der auch onkologische Patien.ten behandelt wurden. Zeitgleich zeichnete sich ab, dass der Freundeskreis der Katharinenhöhe in eine Stiftung umgewandelt werden sollte. Und dann kam auch Carl Herzog von Würt.temberg auf den Furtwanger zu. Der Adlige war Schirmherr der Arbeitsgemeinschaft der Baden-Württembergischen Förderkreise krebs.kranker Kinder. Im Ratskeller in Stuttgart sprach Herzog Carl Roland Wehrle ganz offen an: „Wir wollen mit Ihnen das Konzept der Familienori.entierten Reha weiterentwickeln. Wenn Sie es sich zutrauen, eine eigene Klinik zu bauen, dann stellen wir Sie ein.“
Der Furtwanger wurde am 1. Oktober 1990 Geschäftsführer der neuen Arbeitsgemeinschaft Kinderkrebsnachsorge. Diese bestand aus den baden-württembergischen Förderkreisen von Herzog Carl und der in Gründung befindlichen Stiftung Klausjürgen Wussow. Im Dezember wurde in Ludwigsburg der Verein „Freunde der Katharinenhöhe“ in die „Kinderkrebsnachsorge Klausjürgen-Wussow-Stiftung“ umgewandelt. Mit im Boot Carl Herzog von Württemberg und Christiane Herzog. Und das Stiftungsziel war von Anfang an festgeschrieben: Irgendwo eine Klinik zu bauen.

Mit seiner ganzen Dynamik und Überzeu.gungskraft ging Geschäftsführer Roland Wehrle an die Umsetzung des Auftrags und ließ sich von da an auch keinen Millimeter mehr vom Weg abbringen. Aus 20 Grundstücksangeboten fiel bereits 1991 die Entscheidung für einen Kli.nikneubau in Tannheim, dem südlichsten Stadt.teil der Großen Kreisstadt Villingen-Schwennin.gen. Hier stimmten mit 57.000 Quadratmetern Fläche und Erbbaurecht die Rahmenbedingun.gen. Eine richtungsweisende Entscheidung, hinter der maßgeblich der damalige und zwischenzeitlich verstorbene Oberbürgermeis.ter von Villingen-Schwenningen, Dr. Gerhard Gebauer, stand. Das Grundstücksthema war also geklärt, doch völlig unklar war die Finanzie.rung. „Wir hatten null D-Mark auf dem Konto“, erinnert sich Roland Wehrle. Und jetzt startete das nächste ganz große Verdienst des heutigen Tannheim-Geschäftsführers: Er machte sich an die Spendenakquise – ein ständiges Bangen zwischen Hoffnung und Erfolg.
Die Tageszeitung SÜDKURIER und der VfB Stuttgart sind die ersten Unterstützer
Die ersten, die Roland Wehrle mit ins Boot bekam, das waren der VfB Stuttgart und die Tageszeitung SÜDKURIER. Bei den Fußballern vom VfB war Dieter Hoeneß Manager. In dessen Bekanntenkreis gab es ein krebskrankes Kind. Hoeneß war schnell von der Notwendigkeit des Klinikbaues überzeugt. Der SÜDKURIER startete eine erste Spendenaktion, die auch in den Folgejahren viel Geld in die Tannheimer Kassen spülen sollte. Weitere Unterstützer folgten. Trotzdem lagen im Spätsommer 1994 „nur“ 3,5 Millionen DM auf dem Baukonto. Auf der einen Seite ein Erfolg, auf der anderen Seite aber auch eher Ernüchterung bei Roland Wehrle und den Förderkreisen. Im Osten Deutschlands schlossen reihenweise Rehakliniken, das ge.sundheitspolitische Klima war in dieser Zeit ein eher schwieriges. Kein ermutigendes Zeichen. Die das Klinikprojekt tragenden Vereine wollten das Handtuch werfen. Sie hatten allerdings

Die Gründung der Stiftung „Kinderkrebsnachsorge – Klausjürgen-Wussow-Stiftung“, heute Deutsche Kinder.krebsnachsorge, am 9. Dezember 1990 machte den Bau der Klinik in Tannheim überhaupt erst möglich. Die Gründer waren, v. links: Konrad Baier, Roland Wehrle, Ernst Martin Joos, Dr. Klaus Peter Baatz, Christiane Her.zog, Fritz Funke, Yvonne Viehöver, Klausjürgen Wussow, Rainer Philipp Stöhrle, Dr. Erwin Ruf und Karl Günther. Ein weiterer Gründer ist Carl Herzog von Württemberg. Foto: Deutsche Kinderkrebsnachsorge
nicht mit der Kämpfernatur Roland Wehrle ge.rechnet. Er bat um sechs Monate Aufschub, was gewährt wurde.
Doch die Rückschläge nahmen kein Ende: So kamen u.a. Absagen auf finanzielle Hilfe von der Aktion Sorgenkind und der Deutschen Herzstif.tung. Die Deutsche Krebsstiftung hatte sich zu diesem Zeitpunkt zudem noch nicht erklärt. Als ob das nicht gereicht hätte: Die Krankenkassen machten völlig quer und wollten das Klinikpro.jekt nicht genehmigen.
Die Zeit der langen schlaflosen Nächte für Roland Wehrle begann. Einen der ganz wenigen Unterstützer hatte Roland Wehrle in diesen hei.ßen Tagen in Karl Günther, dem Amtsgerichtsdi.rektor aus Donaueschingen, der Jahre zuvor die ersten wichtigen Kontakte vermittelt hatte. Aber auch in seinem langjährigen Freund Fritz Funke, dem Sparkassendirektor aus Furtwangen.
Herzog Carl zeigte trotz großer Bedenken wahre Größe: Er vertraute weiterhin seinem Geschäftsführer aus Furtwangen. „Der Herzog war in dieser Situation sensationell gut“, ist ihm Roland Wehrle bis heute dankbar. Bis heute en.gagiert sich Herzog Carl für die Klinik.
Und dann lief tatsächlich über die damaligen Landessender SDR und SWF die Spendenaktion „Herzenssache“ zugunsten der Klinikpläne. Mit einem Millionenerfolg. Die TV-Hilfe war gleich.zeitig die Initialzündung für weitere Sponsoren. Die Baukasse füllte sich zusehends. Roland Wehrle hatte wieder Luft zum Durchatmen.

Ein stolzer Tag: Am 6. Juli 1995 beginnt der Klinikneubau
Am 6. Juli 1995 begann der Klinikbau, ein stolzer Tag für den unermüdlichen Trommler und Strei.ter Roland Wehrle. Die nächste Krise kam zwei Jahre später, zwei Monate vor Eröffnung der Klinik. Seit Jahren hatte Roland Wehrle bereits versucht, die Endfinanzierung über Darlehen sicherzustellen. Doch auf einmal wollten die Banken keine Rehakliniken mehr finanzieren. „Die Insolvenz stand so knapp vorm Ziel vor der Tür“. Beim Gedanken daran läuft es Ro.land Wehrle immer noch eiskalt den Rücken hinunter. Und wieder war seine Kämpfernatur gefordert. Dank seiner guten Kontakte auch in höchste politische Kreise hinein, erwies sich der damalige Landesfinanzminister und spätere DFB-Präsident, Gerhard Mayer-Vorfelder (MV), als wahrer Rettungsanker. Roland Wehrle: „MV nahm alles persönlich in die Hand.“
Anfang September waren Darlehensverträge über 26 Millionen DM unter Dach und Fach, am
14. November 1997 wurde die Klinik eröffnet! Ein sensationeller Erfolg für Roland Wehrle, auf den drei Jahre zuvor viele keinen Pfifferling mehr ge.geben hatten und der nun Geschäftsführer der neuen Klinik war.
Zur Eröffnung kam auch Ministerpräsident Erwin Teufel, der sich persönlich für den Bau von Tannheim engagiert hatte. Seine Rede gipfelte in der Feststellung: „Hier wurde eine Rehabili.tationseinrichtung geschaffen, die die kranken

Nach dem Festakt durchschnitt Edeltraud Teufel zusammen mit Gerhard Mayer-Vorfelder das Tornetz zum VfB-Haus der Nachsorgeklinik Tannheim. Gerhard Mayer-Vorfelder hatte auch den DFB-Pokal mitgebracht, den der VfB 1997 gewonnen hatte. Tausende waren es, die am 16. November 1997 die Nachsorgeklinik beim „Tag der offenen Tür“ besichtigten.
Kinder und Jugendlichen mit ihrem schweren persönlichen Schicksal ganz in den Mittelpunkt stellt. Hier werden neben den körperlichen auch ganz bewusst die seelischen Belastungen, die für die jungen Menschen in ganz besonderem Maße mit der Krankheit verbunden sind, in das Therapiekonzept einbezogen. Die heutige Eröffnung ist aber auch ein großartiges Zeichen der Solidarität unzähliger Menschen mit den schwerkranken Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien. Auch in dieser Hinsicht ist die Nachsorgeklinik Tannheim einzigartig. Sie ist entstanden durch das Engagement der Bürge.rinnen und Bürger im Land.“
Eine Mammutbelastung bis heute
Doch wie steht man solch eine Mammutbelas.tung – übrigens bis zum heutigen Tag – über.haupt durch? Da ist zum einen Roland Wehrles Familie, die ihm Rückhalt und Rückzug bietet. Da ist die Fastnacht, in der er mit Leib und Seele aufgeht. Seit 1996 ist er Präsident der ältesten und größten Narrenvereinigung in Deutschland, der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN).
Und da war Björn. Ein Patientenkind aus

höhe. Björn hatte Krebs, ertrug sein Leiden aber tapfer und mit großer Geduld. Er wusste, dass er bald sterben würde und malte ein Bild, auf dem er sich selbst in einen Sarg legte. Für Roland Wehrle ein tiefgreifendes Erlebnis, das ihn bis heute nicht losgelassen hat. In seinem Arbeitszimmer hing das Sargbild des kleinen Björn. So sagt Roland Wehrle auch: „Alleine dieses Kind war für mich Motivation genug.“ Wenn mal wieder in der Planungsphase für die Klinik alles den Bach runterzugehen drohte, dann erinnerte sich Roland Wehrle an den tap.feren, zwischenzeitlich verstorbenen Björn. Das stachelte ihn an, nicht aufzugeben. „Man darf sich von einer Idee nie abbringen lassen, wenn die Ziele realistisch sind“, wurde zum Motto des
Die Nachsorgeklinik Tannheim bietet im Rahmen der Familienorientierten Nachsorge bei der Krebs-, Herz- oder Mukoviszidose-Erkrankung eines Kindes der gesamten Familie eine vierwöchige Behandlung. Jugendlichen Patienten steht die „Junge Reha“ zur Verfügung, Erwachsenen ermöglicht die Klinik die Nachsorge im Rahmen der REHA27PLUS. Weiter be.handelt die Nachsorgeklinik Tannheim „Verwaiste Familien“ – das sind Familien, die durch Krankheit ein
Roland Wehrles Jahren auf der Katharinen-Kind verloren haben.

Tannheim-Geschäftsführers. Und bis heute ist sich Roland Wehrle sicher: „Dass wir das Klinik.projekt hinbekommen haben, das ist irgendwie auch Björn zu verdanken.“
Ein ganz großes Stück des Erfolgs geht aber auf die geniale Fähigkeit Roland Wehrles zurück, Netzwerke zu knüpfen. „Ein Kontakt ermöglicht oft den nächsten“, weiß er aus lan.ger Erfahrung. Aber er weiß ebenso: „Man darf nicht nur auf Prominente setzen.“ Heißt: Man braucht eine ganz breite Basis an Unterstützern und Helfern. „Mir ist jede Spende von 20, 50 oder 100 Euro genauso wichtig wie Großspen.den“, betont Wehrle.
Dass sich Roland Wehrle nie auf den Pfrün.den seiner Erfolge ausgeruht hat, verdeutlichen die Veränderungen, die es seit der Eröffnung der Klinik 1997 gegeben hat. Neue Behandlungs.konzepte, neue Einrichtungen, zusätzliche Aus.stattungen, Anbauten, Umstrukturierungen – all das sind die sichtbaren Zeichen des Wandels, den Roland Wehrle kontinuierlich weitertreibt. Zu den emotionalen Faktoren gehören seit fast 18 Jahren Rehas für Familien, die ein Kind durch Krankheit oder Unfall verloren haben. Hier die Eltern in ihrem Schmerz, in der Aufarbeitung des Geschehenen, nicht alleine zu lassen, ist dem Geschäftsführer ein großes Anliegen. Und wenn Familien mal finanzielle Probleme haben, in die Reha überhaupt kommen zu können, da findet Roland Wehrle schon Mittel und Wege zur Hilfe. Die Finanzen sind es, die den „Mister
Aus der Hand von Ministerpräsident Günther Oettinger (rechts) er.hält Roland Wehrle im Dezember 2005 für seine Verdienste um die Familienorientierte Nachsorge und das schwä.bisch-alemannische Fastnachtsbrauchtum das Bundesverdienstkreuz. In der Mitte Ehefrau Jacqueline Wehrle.

Tannheim“, wie der Geschäftsführer gerne auch genannt wird, immer noch mächtig umtreibt. „Die Krankenkasse AOK Baden-Württemberg und die Deutsche Rentenversicherung waren immer guten Willens“, spricht Roland Wehrle gerne Lob aus. Vernünftig mit Blick auf die finanzielle Seite der Reha läuft es seit 2009. „Ich habe 25 Jahre gebraucht, um politisches Verständnis für unser Behandlungskonzept zu bekommen“, sagt Wehrle nicht ohne Bitternis.
„Den Schwächsten und ihren Familien helfen“
Da bleibt dann doch noch einmal die Frage, was einen wie Roland Wehrle immer weitertreibt? Die Antwort kommt wie aus der Pistole ge.schossen: „Wichtig ist, dass man den Schwächs.ten und ihren Familien in dieser Gesellschaft hilft. Es aber gleichzeitig auch als großes Glück betrachtet, wenn man gesunde Kinder hat.“ Wenn der Geschäftsführer in der Nachsor.geklinik Tannheim unterwegs ist, dann ist er immer wieder begeistert von der Einstellung der schwerkranken Kinder. „Es ist unglaublich, auf welchem Niveau die positiv denken. Und diese Kinder, ihre Eltern, ihre Geschwister, die darf man nicht im Regen stehen lassen.“ Ro.land Wehrle kann viele Erfolge in seinem Leben vorweisen. Besonders stolz ist er aber: „Darauf, dass es mir zusammen mit Professor Nietham.mer und der Katharinenhöhe gelungen ist, ein für Deutschland völlig neues Behandlungs.konzept durchzusetzen.“ Trotzdem, Visionen hat der Mann immer noch: „Ich träume davon, unser Rehakonzept für alle chronisch erkrank.ten Kinder und deren Familien in unserem Land umzusetzen.“
Für seine Lebensleistung erhielt Roland Wehrle im Dezember 2005 aus den Händen von Ministerpräsident Günther Oettinger das Bundesverdienstkreuz am Bande. Letztendlich ist das, was Roland Wehrle auf der Katharinen.höhe, in Tannheim und im gesamten deutschen Gesundheitswesen geschaffen hat, aber mit keinem noch so hohen Orden zu würdigen.
„Die Patienten spüren, dass es uns in Tann.heim um die gesamte Familie geht. Unsere Mit.arbeiterinnen und Mitarbeiter leben die Fami.lienorientierte Nachsorge mit ganzem Herzen, sind von ihren Möglichkeiten begeistert wie am ersten Tag“, sagt Roland Wehrle mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre. Heute arbeiten in der Klinik rund 150 Menschen. Sie ist damit auch ein bedeutender Faktor auf dem regionalen Arbeitsmarkt. 100prozentige Auslastung mit Patienten und Familien aus dem ganzen Bun.desgebiet, Österreich und der Schweiz zeigen, welchen Stellenwert die Klinik im Gesundheits.system hat.
Zum Erfolgsmodell tragen hochspeziali.sierte Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und das gesamte Betreuungspersonal bei. Zum weiteren Angebot gehören aber auch z.B. Reittherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Gangschule, Heilpädagogik oder umfassende Freizeitaktivitäten. Eine klinikeigene Schule sorgt dafür, dass Patientenkinder auf dem Lau.fenden bleiben. Die Klinikküche kann mit jedem guten Restaurant spielend mithalten. Und ein Teil des Tannheimer Erfolges ist auf den Klinik.bau selbst zurückzuführen: Lichtdurchflutet, mit sehr ansprechender Ausstattung, hat das Haus rein optisch mehr den Charakter eines ge.pflegten Hotels denn einer Klinik. Die Patienten sollen sich wohlfühlen, lautet auch einer der weiteren Grundsätze. Wie wertvoll in den zu.rückliegenden 20 Jahren Tannheim für Familien mit schwer chronisch kranken Kindern ist, doku.mentiert stellvertretend der Brief einer Mutter. Darin beschreibt sie die Klinik als ihre „Insel im Meer der Sorgen“. Schöner und intensiver lässt es sich kaum formulieren.

Roland Wehrle gibt Geschäftsführung ab
Zum 1. Januar 2018 nun endet in Tannheim eine Ära: Roland Wehrle legt die Geschäftsführung der Nachsorgeklinik in die Hände von Sandra Bandholz und Thomas Müller. Er selbst ist wei.terhin beratend tätig und zudem im Aufsichts.rat der Nachsorgeklinik aktiv. Roland Wehrle bleibt zusammen mit Sonja Faber-Schrecklein Vorstand der Stiftung Deutsche Kinderkrebs.nachsorge.
Eine Vollblutwirtin zwischen Nudelmaschine, Brot backen und Gäste bedienen
In der Sonne-Post in Oberbaldingen bei Ingrid Lorenz und ihrer Familie
kommt viel Gutes aus der Khe.
von Wilfried Strohmeier
Bekannt ist Ingrid Lorenz, die Wirtin der Sonne-Post in Oberbaldingen, als „Schnitzel-Ingrid“. Doch der Beiname sagt viel zu wenig über die Vollblutgastronomin aus. Ihre Spezialität sind neben den besagten Schnitzeln vor allem Nu.deln, Knöpfle und Brot – das alles macht sie mit ihrem Sohn, dem gelernten Koch Martin Lorenz, in Eigenarbeit in der Wirtshausküche. In den Morgenstunden, in denen diese Spezialitäten entstehen, geht es am Herd, am Ofen und an der Nudelmaschine rund, da muss jeder Hand.griff sitzen – Mutter und Sohn sind aber ein eingespieltes Team.
Sonne-Post feiert 85-jähriges Bestehen
In diesem Jahr feiert die Familie Lorenz das 85-jährige Bestehen der Sonne-Post. Friedrich Futter, der Vater von Ingrid Lorenz, kaufte sich die Gaststätte am 1. März 1933. Die Lage des Hauses an der Kreuzung, an der sich die Straßen von Bad Dürrheim in Richtung Geisingen und Tuttlingen sowie in Richtung Öfingen, treffen war nahezu ideal. Für die Gäste gibt es in der Sonne-Post viel Platz. Die Gaststätte hat rund 70 Sitzplätze, in den Sommermonaten ist auf der großen Fläche vor dem Haus ebenfalls gestuhlt.
Der Doppelname des Hauses hat seinen Grund: Friedrich Futter betrieb neben der Gaststätte ein Kolonialwarengeschäft, eine Tankstelle und eine Postagentur. So für den Lebensunterhalt gerüstet, heiratete er 1934 Berta Glunz aus Oberbaldingen. Kolonialwaren.geschäft und Tankstelle wurden irgendwann geschlossen, die Arbeit ging dennoch nicht aus, Berta Futter erbte die Landwirtschaft ihrer El.tern. Die Postagentur bestand bis ins Jahr 2001 und wurde zuletzt von Ingrid Lorenz betrieben. 1975 hatte auch sie geheiratet. Ihr Mann Eugen Lorenz hatte einen ganz anderen Beruf, nach Feierabend und an den Wochenenden stand er zusammen mit ihr im Speiselokal und das tut er auch heute als Rentner noch. Er kümmert sich um den Außenbereich und erledigt zudem viele kleine Reparaturarbeiten rund um das Haus. Und während der Sohn Martin in der Küche arbeitet, hilft auch Tochter Britta, die ebenfalls einen anderen Beruf hat, an den Wochenenden des öfteren in der Gaststätte als Bedienung mit – ein traditioneller Familienbetrieb.

Stets frisch gekocht und aus der Region
Traditionell ist auch das, was Ingrid und Martin Lorenz in der Küche machen. Die Speisekarte ist eher übersichtlich, doch das hat seinen Grund: Die Gäste können sich sicher sein, dass alles,
Bei der „Schnitzel-Ingrid“ gibt es neben Schnitzeln vor allem Nudeln, Knöpfle und Brot.
10. Kapitel – Gastlichkeit

was irgendwie geht, frisch gekocht, selbst ge.macht und aus der Region ist. Darauf legt die Wirtin ganz großen Wert und darauf ist sie auch stolz. So holt sie ihr Gemüse und den Salat bei.spielsweise bei ihren Nachbarn über der Straße, und wenn ihr der grüne Salat oder Ähnliches gegen Abend ausgeht, kann sie einfach noch mal hinüberlaufen, um Nachschub zu holen. Auch der Kartoffelsalat stammt aus der eigenen Küche. „Der geht dann auch mal gegen Abend aus“, erklärt sie und: „Ich habe keinen fertigen Salat irgendwo im Eimer stehen, den ich einfach nur noch verfeinern muss.“ Für die Gäste ist dies kein Problem, denn sie wissen schließlich, was sie an der Sonne-Post haben.
Wie die selbst gemachten Speisen fein wer.den, dafür hat Ingrid Lorenz so manches Haus.frauen- und Köchinnengeheimnis auf Lager, so kommt in den Knöpfleteig beispielsweise ein Schuss Mineralwasser, damit der Teig etwas
Dicht an dicht sitzen goldbraun gebackene Brote auf dem Blech – Ingrid und Martin Lorenz sind ein eingespieltes Team.

irgendwo im Eimer stehen, den ich einfach nur noch verfeinern muss.

luftiger wird, alles verrät die Köchin aus Leiden.schaft jedoch nicht.
„Es muss Hand in Hand gehen“
Das Fernsehen wurde auch schon aufmerksam auf die Wirtsfamilie, und so wurde ihr schon ganz genau in die Töpfe geschaut. Und wieder hat sie einen Beobachter von den Medien zu Gast. An diesem Morgen wird Brot gebacken und Nudeln gewalzt. Der Brotteig muss fertig sein, bevor die Nudeln produziert werden. „Es muss Hand in Hand gehen“, erklärt die Wirtin und bald ist klar, wieso. In einem großen Edel.stahlbehälter wird der Hefeteig angesetzt. In Ruhe darf er 75 Minuten gehen und dabei sein Volumen vergrößern. Ist der Teig fertig, nimmt Martin Lorenz den Behälter, hievt ihn von der Maschine auf den Küchentisch und lässt ihn aus dem Behälter hinausgleiten. „Ich habe schon als kleiner Junge gerne gebacken“, erzählt er mit sichtbarer Freude über den gelungenen Teig. Ein Kilogramm Rohmasse wird jeweils abgewogen und auf das breite Backblech gesetzt. Dort darf er nochmals ein paar Minuten ruhen und dann geht es in den Ofen hinein. Gebacken wird mit „abfallender Hitze“, erklärt die Küchenchefin. Das heißt, am Anfang ist die Hitze hoch, wäh.rend des Backvorgangs wird die Temperatur tiefer gestellt.

In der Zeit, in der das Brot bäckt, geht es an die Nudeln. Ingrid Lorenz hat dazu eine kleine Maschine, die mehrere Funktionen: Sie kann so.wohl die Zutaten vermischen als auch mit einer ähnlichen Funktion wie beim Fleischwolf den Teig durch die Form, Matrize genannt, pressen. In dem Teigbehälter sind abgewogen eingefüllt: 500 Gramm Mehl und 500 Gramm Grieß – bei.des aus der Mühle in Biesingen – dazu kommen acht Eier – von einem regionalen Bauern – der durchsichtige Deckel wird geschlossen und los geht es. An diesem Morgen gibt es schmale Walznudeln. Die Metallhaken der Spindel wüh.len sich durch die Masse. Zunächst sieht man noch nicht viel Veränderung, doch langsam aber sicher vermischen sich die Zutaten. Der Teig bekommt eine Konsistenz wie Streuselteig für einen Kuchen. Genau richtig. „Er darf nicht zu nass und nicht zu trocken sein“, die Köchin sieht das mit bloßem Auge – Jahrzehnte lange Erfahrung. Die Form für die Nudeln wird einge.setzt, die Funktion umgeschaltet. Kurz darauf kommt der Teig goldgelb durch die schmalen Öffnungen hindurch. Langsam werden die Nudeln immer länger, der Auffangbehälter ist eine luftdurchlässige Box, in welche die schein.bar endlosen Teigschlangen hineingleiten. Ab und zu greift Ingrid Lorenz am Teigauslass der Maschine ein. Schwungvoll greift sie nach dem Teigbündel und kappt die Streifen. „Wir könnten aber heute auch Kilometernudeln machen“, wirft ihr Sohn ein. So haben die Gäste die Nudeln getauft, die endlos lange sind. Hat sie eine ordentliche Portion Nudeln in der Git.terbox zusammen, kommen diese in siedendes Salzwasser und werden kurz gekocht, danach in eine weitere Box zur Aufbewahrung, bis sie an einem der nächsten Tage als Beilage auf einem Teller der Gäste landen.

Die Tradition erhalten
Währenddessen ist auch das Brot im Ofen fer.tig. Martin Lorenz greift zu den Topflappen und öffnet die Luke. Mit goldbrauner Kruste sitzen die runden Brote dicht an dicht auf dem Blech. Er nimmt es hinaus und lässt die heißen Laibe auf den Küchentisch gleiten zum Auskühlen. In einer Ecke steht schon ein Servierwagen bereit, auf den die Brote gelegt werden, der wird dann im Thekenbereich aufgestellt. So zieht der Duft des frischen Brotes durch den Gastraum – ein Anreiz für viele, das Brot zu kaufen, zu Hause frisch mit Butter zu bestreichen und reinzubeißen.
Wieso Ingrid Lorenz die viele Zeit investiert? „Es ist eine Tradition, die ich weitergeführt ha.be.“ Sie hat sie von ihrer Mutter übernommen und den Gästen schmeckt es.
Die Bahnhofstraße 8 in Villingen
Die Jugendstilvilla des ehemaligen Schnapsbrenners Preiser wurde aufwendig saniert und zum Hotel umgebaut.
von Andreas Fl
Historie und Städtebau
In der Blütezeit des Deutschen Kaiserreichs (1871–1918) ent.standen zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten

historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Gymnasium am Romäusring und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße (Friedrichskran.kenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterun.gen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchwei.lerstraße, Vöhrenbacher Straße, Schillerstraße, am Benediktinerring, in der Luisenstraße und direkt angrenzend, in der Bahnhofstraße statt.
Das Haus Bahnhofstraße 8
Auch die Bahnhofstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz ei.niger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Das Haus in der Bahn.hofstraße 8 wurde in der Hochzeit des Villinger Jugendstils, im Jahr 1900 errichtet.
Für die sich um die Jahrhundertwende merklich erweiternde Stadt war diese Lage eine bevorzugte Wohngegend geworden: nahe beim Bahnhof und vor den Toren der mittelalterli.des ausgehenden Historismus wie auch Stilelemente aus dem Jugend.stil werden am Gebäude augenfällig, wenngleich in spürbarer Zurückhal.tung. Das Haus ist ein anschauliches

Belegstück für die baugeschichtliche Entwicklung der Stadt und ihrer Erweiterung sowie für die architektonische Formensprache dieser Zeit.
Im Jahre 2012 hat Andreas Flöß das Gebäu.de von der Familie Preiser erworben und ein Aufnahmeverfahren in die Liste der Kulturgüter angestrebt. Das Landesdenkmalamt hat die.sem Wunsch entsprochen und mit Datum vom 1.10.2013 nachfolgende Denkmaleigenschaft festgestellt:

traufständiger Klinkerbau, zwei.geschossig mit Gliederungen in Werkstein und Schmuckdetails in Fachwerk. Nach Plänen des Villin.ger Architekten Naegele für den Fabrikanten C. Kaiser errichtet. Am Erker der Straßenfront bez. 1900. Hofseitig originaler verglas.ter Wintergartenvorbau.“
chen Umfassungsmauern. Der Formenschatz
Dr. F. Cremer LDA RP FR

Villa8 mit neuem Hotel-Logo und Hausnummer in der Eingangspforte.
Ein nahezu „unverbautes“ Gebäude
Im Innern des Hauses ist vom Erdgeschoss bis ins Dachgeschoss weitgehend die historische Raumaufteilung mit großen Teilen der bau.zeitlichen ortsfesten Ausstattung erhalten. So zum Beispiel das Treppenhaus mit einer Eichen-Holztreppe und gedrechseltem Geländer sowie die Zwischenwände mit Oberlichtern und Türen, die Terrazzo- und Holzfußböden bzw. Bodenfliesen in Flur und Küche. Die originalen Haus- und Zimmertüren mit originalen Türklin.ken runden ein stimmiges Bild von einem nahezu „unverbauten“ Gebäude ab.
Von der Einfriedung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, ist der eiserne Zaun mit Ein-
Die originalen Haus- und Zimmertüren mit ori.ginalen Türklinken runden ein stimmiges Bild von einem nahezu „unverbauten“ Gebäude ab.

Links: Architekt Andreas Flöß und Hotelbetreiberin Brigitte Hiermaier. Rechts: Die ursprünglich glasierte Fliesen.keramik im Eingangsbereich war stilgebend für das neue Hotel-Logo.
gangspforte zum Gehsteig noch erhalten. Das rückwärtig angeschlossene Fabrikationsge.bäude, stammt vermutlich aus den 1920er-Jah.ren. Es wurde später sowohl nach Süden, als auch nach Norden bis nahe an die Grundstücksgrenzen erweitert. Anschaulich wird dies im Innern an der Nordseite der ursprünglichen Außenwand, wo sich noch die Werbeinschrift der Spirituosen und Aromen Herstellerfirma Preiser KG, die ab 1906 das Anwesen übernommen hat, befindet.
Aufwendige Sanierung
Nach mehreren Jahren Suche nach einer geeig.neten Nutzung wurde ab dem Jahr 2016 eine aufwendige Sanierung für beide Gebäude an.gestoßen. Während im rückwärtigen Fabrikati.onsgebäude große Loftwohnungen entstanden, war für die nun denkmalgeschützte Villa die weitere Bestimmung, ein Hotel zu werden.
Möglich wurde dies durch Brigitte Hiermaier, welche das Gebäude erwarb und seit April 2017, ein kleines Hotel mit Frühstück, dort betreibt.

Unter großem Einsatz aller beteiligten Handwerksfirmen der Region wurde Stück für Stück der ursprüngliche Charakter des Gebäu.des wieder herausgeschält. Hierbei galt es die bestehenden historischen Bauteile zu reparie.ren und zu ergänzen, gleichzeitig aber auch mit den neuen und baurechtlich nötigen Bestim.mungen in Einklang zu bringen.
Die schmucklosen und neuzeitlichen Fens.ter wurden komplett durch fein ausprofilierte Rahmen und Flügel ersetzt. Die vorhandenen Bodenbeläge wurden entfernt und die beste.henden Dielenböden entsprechend repariert, geschliffen und geölt. Ebenso wurden die be.stehenden Holztüren mit Überblattungen und
Bahnhofstraße 8 mit rückwärtig angebautem Fabri.kationsgebäude und aufgemaltem Firmenlogo. Das Bild wurde von Norden aufgenommen, auf dem jetzi.gen Standort des Postgebäudes.

Hotelzimmer im Obergeschoss mit vorgelagertem und erhöhtem Flur.
Holzfüllungen erhalten und für eine Hotelnut.zung überarbeitet und aufgerüstet.
In Küche und Diele wurden die historischen Fliesen ergänzt und, wo es nötig war, repariert. Aus dem Muster der Fliesen, hat sich das Ho.tel Villa8 auch sein Logo abgeleitet, um damit formal einen optimalen Bezug zum Gebäude herzustellen.
Die bestehenden Wände und Decken wur.den nach Abnahme der Tapeten entsprechend gespachtelt und mit glattem Putz sowie Anstrich versehen. Lamperien wurden ersetzt, wo es notwendig war. Die haustechnischen Anlagen wie Elektro, Heizung und Sanitär wurden durch behutsamen Eingriff in die bestehende Bausub.stanz eingebaut. Die Raumstrukturen wurden übernommen, um die ursprüngliche Ables.barkeit der Wohnungen zu erhalten. Außerge.wöhnlich für ein Hotel sind die Holzdielenböden und die natürliche Belichtung in den Bädern.
Im Außenbereich wurde die Fassade überar.beitet und die Dachhaut mit ihren Gaupen und Wiederkehr komplett erneuert.
Der Außenbereich wurde mit dem dahinter-liegenden Fabrikgebäude gemeinsam gestaltet und bildet fortan ein schönes Visavis zum Villin.ger Bahnhof. Städtebaulich wertet die Sanierung den Bereich um die Bahnhofsgegend insgesamt auf, welche in den vergangenen Jahren selbst schon einige Veränderungen erfahren hat.

Beim Hader Karle in Weilersbach
Als vor 25 Jahren die Entscheidung fiel, aus dem ehemaligen Bauernhaus in Weilersbach ein Wirtshaus zu machen, hatte Karl Fleig das Bild eines „singenden Gastwirtes“ vor Augen. Das ist der 56-Jährige auch bis heute geblieben. Doch mittlerweile verbindet man den „Hader Karle“ mit viel mehr – denn das Gasthaus hat sich zu einem Unikat der Gastroszene im Schwarzwald-Baar-Kreis entwickelt.
von Marc Eich

Start als Vesperstube lich diese besondere Kombination unter einem Das Wirtshaus als Ursprungsidee, ein Hotelbe-Dach das Aushängeschild des Betriebes sein. trieb mit vielen individuellen Noten, die dazu-Kein Wunder, dass Karl Fleig stolz ist, wenn gehörige Goaß-Alm mit garantiertem Hütten-ihm bewusst wird, was er mit viel Eigenleistung feeling und als i-Tüpfelchen die Hausbrauerei und dank der Unterstützung der Familie in mit den Eigenkreationen, die Kenner weit über seinem eigenen Elternhaus und seiner Geburts.die Grenzen der Region schätzen: Es gibt viele stätte erschaffen hat. „Das ist für mich ein be-Gründe, warum tagtäglich Einheimische und sonderer Ort, hier steckt viel Herzblut Auswärtige den Weg in den Hader Karle im drin“, erzählt der Gastronom, der VS-Ortsteil finden. Mittlerweile dürfte sicher-früher als Tanzmusiker unterwegs war. Doch wie kam es, dass das ehemalige Bau.ernhaus vor einem Vierteljahrhundert einen kompletten Wandel erfuhr?

„Für den Hof sahen wir keine Zukunfts.perspektiven – und die Gastronomie hat mich schon immer fasziniert“, blickt er zurück. Als es um die Zukunft des väterlichen Landwirt.schaftsbetriebes ging, fasste die Familie des.halb den Entschluss, das Gebäude zu einem Wirtshaus umzubauen. Im April 1992 empfing Karl Fleig gemeinsam mit seiner Frau Beate und dem Schwager Wolfgang Waller, den alle „Wolfi“ nennen, erstmals Gäste. Der Start als Vesperstube glückte – der Erfolg führte dazu, dass die Gaststätte schnell ausgebaut und die Karte erweitert wurde. Damals bekamen die Gäste im Hader Karle internationale Küche, die Zeiten sind aber vorbei. „Wir haben uns dann zurückbesonnen auf unsere Wurzeln.“ Heißt: bodenständige deutsche Küche mit Einflüssen aus dem Bayerischen, dem Schwäbischen und natürlich auch dem Badischen. Viel Wert legt der Gastronom dabei auf Hausgemachtes – so sind Maultaschen, Knödel, Spätzle und sogar das Brot selbst hergestellt.
Individuelle Übernachtungsmöglichkeit
Der erste Schritt, sich in Weilersbach zu eta.blieren, war schließlich geschafft. Die Gäste zeigten sich zufrieden – der gute Ruf lockte zudem Geschäftsleute mit Kundschaft an, die bei ihrem Besuch in der Region die gute Küche

Links: Das rustikale Hotelzimmer „Jagdschlösschen“. Rechts: Im traditionsreichen Wirtshaus steckt viel Herzblut drin.
genossen. „Die meinten dann irgendwann, dass es toll wäre, wenn sie hier auch übernachten könnten“, erinnert sich Fleig zurück. Eine Idee, die den Weilersbacher nicht mehr losließ. Denn Platz hatte man in dem geräumigen Bauern.haus genug, schließlich bot die Familie dort während der Wohnungsnot Studentenzimmer an. Nach zehn Jahren waren diese jedoch re.novierungsbedürftig, sodass dem Ehepaar die Entscheidung nicht schwerfiel: Statt Studenten sollten zukünftig Hotelgäste im Haus unter.kommen. Das wurde in die Tat umgesetzt, seit 2002 kann im Hader Karle auch übernachtet werden. Zur Verfügung stehen insgesamt sechs Zimmer, bald soll ein weiteres folgen. Der Hader Karle wäre aber nicht der Hader Karle, wenn es sich dabei um Standard-Zimmer handeln würde – nein, die Fleigs legen Wert darauf, jedem Zimmer eine individuelle Note zu verlei.hen. Während das Zimmer „Meran“ eher einen mediterranen Touch erhalten hat, hängen im rustikalen „Jagdschlösschen“ beispielsweise ausgestopfte Rehköpfe an der Wand.
Der Erfolg spricht für sich: Rund 100 Über.nachtungen verzeichnen sie mittlerweile im Schnitt pro Monat, davon zahlreiche Stamm.gäste. Über die Jahre haben diese ein fast familiäres Verhältnis entwickelt – nicht nur zu Familie Fleig, sondern auch zu den Besuchern im Wirtshaus. „Die Hotelgäste wurden hier in den Kreis aufgenommen, da sind zum Teil rich.tige Freundschaften daraus geworden“, freut sich Fleig über die besonderen Beziehungen in seinem Elternhaus.

In der Goaß-Alm gibt es regelmäßig Gaudi
Die Einrichtung des Hotels gab ihm dabei auch die Möglichkeit, lange gehegte Ideen umzu.setzen. „Urige Berghütten haben mich beim Skifahren und Bergwandern schon immer faszi.niert, deshalb wollte ich so etwas auch bei mir“, erzählt Fleig. Als die Entscheidung fiel, Zimmer anzubieten, war für ihn deshalb klar: „Wir brau.chen eine Hotelbar.“ Kein Wunder, dass er gleich vor Augen hatte, wie diese aussehen könnte – die Idee für die Goaß-Alm war geboren. Im Mit.telpunkt steht hier die ausgestopfte Ziege, aus deren Hinterteil die Bierhähne kommen. „Die wurde schon X-mal fotografiert“, lacht Fleig. In kompletter Eigenregie hat der Gastronom dabei seine Vorstellungen der Berghütte verwirklicht und darüber hinaus einen Raum für verschiede.ne Events geschaffen: Egal ob Hüttenabende, Schlager- oder Weihnachtspartys, in der Goaß-Alm gibt es regelmäßig Gaudi.
Wer jetzt glaubt, dass sich der „singende Gastwirt“ auf dem Erfolg ausruht, kennt den

Die ausgestopfte Ziege, aus deren Hinterteil die Bier.hähne kommen, ist die Attraktion in der Goaß-Alm.
Familienvater nicht gut. Denn Karl Fleig wollte sich noch einen Traum erfüllen. Der Anlass, dies umzusetzen, war jedoch ein trauriger. 2009 starben seine Eltern – in den frei gewordenen Räumen wollte Fleig deshalb etwas ganz Be.sonderes erschaffen, seine eigene Brauerei mit Bräustüble. Damit einhergehend absolvierte er die Ausbildung zum Diplom-Biersommelier, im Herbst 2010 feierte „Hader Bräu“ schließlich Premiere. Und wenn es um das Bier geht, dann leuchten beim 56-Jährigen die Augen. 250 Hek.toliter seiner Kreation setzt Karl Fleig davon im Jahr durchschnittlich ab, 6000 Liter hat er immer als Vorrat im Haus. Damit dies auch so bleibt, steht er zwei bis drei Mal die Woche am Braukessel, insgesamt sechs Stunden muss er jedes Mal für den Brauprozess aufbringen. An.schließend reift beispielsweise das Hefeweizen 14 Tage, das Helle fünf Wochen und ein Bock.bier sechs bis acht Wochen. „Unser handwerk.lich gebrautes Helles ist weniger stark gehopft, vollmundig, unfiltriert und süffig – also ein typisches Gasthausbrauerei-Bier“, berichtet der Sommelier. Insgesamt vier Sorten hat Fleig im Angebot, eine fünfte Sorte bietet er je nach Saison an. So gibt es nach Aschermittwoch den kräftigen Sankt Carolus Fastenbock, vor Ostern das karamelige Frühlingsmärzen, zum Sommer.beginn das dunkle Dark Summer, zur Wiesn-Zeit das süffige Herbstgold und im Winter das eben.falls dunkle Karl Boromäus Winterbier.
Dem Bier eine besondere Note verleihen…
Doch wie kommt ein Sommelier immer wieder auf verschiedene Sorten? „Wir besuchen mit dem Verband der Biersommeliers viele Ver.kostungen und versuchen dann oft, die Biere daheim nachzubrauen“, so der Kenner des Hopfengetränks. Dabei wollen die Sommeliers selbstverständlich auch immer wieder ihre eige.nen Ideen umsetzen und dem Bier eine beson.dere Note verleihen. „Die Ausbildung hat dabei

Karl Fleig am Braukessel vom „Hader Bräu“. Hier können Gäste nicht nur das hausgebraute Bier genießen, sondern auch alles über den Brauvorgang erfahren.
geholfen, viel Erfahrung zu sammeln, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.“ Und mit dem Bierbrauen hat er sich nicht nur einen Traum er.füllt, sondern konnte hierdurch auch erreichen, dass das Einzugsgebiet des Hader Karle deutlich gewachsen ist. Viele Bierkenner decken sich in Weilersbach dann gleich mit den Lieblingssor.ten ein – eine neue Abfüllanlage soll zukünftig außerdem dafür sorgen, dass das Bier zudem in den handelsüblichen Flaschengrößen über die Verkaufstheke geht.
Musik spielt eine große Rolle
Langweilig wird es Familie Fleig mit Karl, der 51-jährigen Beate und Tochter Ramona (25), die nach ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule seit drei Jahren ebenfalls im Betrieb mit dabei ist, also definitiv nicht. Das liegt sicherlich eben.falls an den vielen Veranstaltungen, die immer wieder viele Gäste in das Wirtshaus mit dem herrlichen Biergarten locken. „Ich liebe Musik, das spielt bei uns immer eine große Rolle“, er.klärt hierzu der Gastronom. Dabei steht er als „singender Bierbrauer“ gerne selber noch vor seinen Gästen, um sie zu unterhalten. Neben den Events in der Goaß-Alm will die Familie ihre

und hinaus in den mit Hopfen verzierten Biergarten sagt Fleig: „Ich habe diesen Schritt in die Selbstständigkeit aber trotzdem nie bereut.“ Und ergänzt: „Das hier ist einfach mein Leben.“
Gäste auch mit jahreszeittypischen Angeboten verwöhnen – dem Schlachtplattenbüffet im Herbst, dem Dämmerschoppen im Frühjahr, einem Wurstsalat-Büffet oder einem Weiß.wurst-Spätessen.
Nachdem Karl Fleig die 25 Jahre Revue hat passieren lassen, denkt er ebenso daran, mit wie viel Arbeit die Erfüllung seines Traums ver.bunden war und ist – und zwar für die gesamte Familie. „Den Urlaub müssen wir uns immer hart erkämpfen“, betont der Familienvater. Nach einem Blick in das Wirtshaus und hinaus in den mit Hopfen verzierten Biergarten sagt Fleig: „Ich habe diesen Schritt in die Selbststän.digkeit aber trotzdem nie bereut.“ Und ergänzt: „Das hier ist einfach mein Leben.“
Vom Theater am Turm und Sommertheater
Ein Stadttheater direkt am Kaiserturm
von Uwe Spille
Welchen besseren Grund gäbe es für einen theaterbegeisterten Donau.eschinger, Blumberger, Triberger oder Furtwanger Bürger als nach Vil.lingen zu gehen und einen Abend im Theater zu verbringen?
Da gibt es einerseits natürlich das Theater am Ring, in dem über das Jahr unter der Leitung des Kulturamtes der Stadt Villingen-Schwenningen Tourneetheater ihre Produktionen zur Auffüh.rung bringen.
Zum anderen allerdings gibt es da noch ein ganz eigenständiges, privat geführtes kleines, aber feines Theater inmitten der Innenstadt Villingens. Vom Villinger Bahnhof kommend findet man es malerisch gelegen direkt unter dem Kaiserturm an der historischen Stadtmau.er. Genau durch diesen Kaiserturm führt ein Weg, hier hindurch, gleich rechts abbiegen und schon sieht man eine große Werbetafel mit den Produktionen der aktuellen Spielzeit.
„Das Theater am Ring hat das Haus, wir ha.ben die Schauspieler“, die künstlerische Leiterin, Liliana Valla, ist ohne Zweifel recht selbstbe-
Von links: Gudrun Henny, kaufmännische Leitung, Jens Swadzba, erster Vorstand, Theaterleitung und Öffentlichkeitsarbeit, Silvia Besana, Gastspielorgani.sation, Liliana Valla, künstlerische Leiterin, und Her.mann Schreiber, technische Leitung.
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12. Kapitel – Kunst und Kultur
wusst, wenn es um den eigenen Stellenwert in der Stadt geht. Denn dass man hier mit einem eigenem Pool an Schauspielern zu glänzen ver.steht, ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis von 30 Jahren kontinuierlicher Arbeit, die allerdings die ersten Jahre gänzlich auf eine eigene Bühne verzichten musste.
Schon 1987 ergriffen der damalige Kultur.amtsleiter der Stadt, Walter Eichner und der Theaterfreund Eberhard Zimmermann, die Initia.tive zur Gründung des Sommertheaters Villingen.
Gleich die erste Produktion „Die Deutschen Kleinstädter“ von August von Kotzebue wurde dabei zu einem vollen Erfolg. Und ermutigte zur Fortführung der Theaterarbeit.
Auch die folgenden Jahre kam es dem.entsprechend erfolgreich zu sommerlichen Theateraufführungen, immer an wechselnden Standorten der Stadt. Mal wurde der malerische Klosterhof der St. Ursula-Schulen zur Theater.bühne, ein andermal das Franziskaner Museum.
Einige Aufführungen fanden auch auf dem Firmengelände einer Leuchtenfirma statt, manches Mal wurde das Theatergeschehen auf die kleinen Teilorte Villingens verlegt. Und einmal sogar fand das Villinger Sommertheater in Schwenningen statt. Das war im Jahr 2010, als die Landesgartenschau in der Stadt residierte.
Vom Sommer- zum Ganzjahrestheater
Das Sommertheater selbst war einige Jahre später der Anfang des Theaters am Turm. 1992 wurde in einer ehemaligen Fabrik am Ende der Schaffneigasse direkt an der Stadtmauer das noch heutige Domizil des Theaters ausgebaut, bezogen und erstmals Stücke für die Bühne inszeniert.
Heute firmiert man unter dem etwas sper.rigen Titel „Theater am Turm – Villinger Som.mertheater e. V.“ 65 Mitglieder hat der Verein derzeit und seit Juli 2017 mit Jens Swadzba ei.nen neuen Vorsitzenden. Auch wenn der selbst keine Schauspielerfahrung hat, ist er ein über.zeugter Theater am Turm-Anhänger.
„Ich habe immer die Produktionen des The.aters am Turm verfolgt“, erzählt der gebürtige Berliner und heute in Bad Dürrheim ansässige selbständige Bauingenieur. Seine Mutter hatte zwar einst die Schauspielschule besucht, diesen Beruf jedoch nie ergriffen.

Auf Jens Swadzba abgefärbt hat jedoch die Liebe zum Theater. Dass er jetzt selbst Vorsit.zender eines solchen ist, lässt ihn schmunzeln. Und er ist selbstbewusst, diese Arbeit auch zur Zufriedenheit aller zu schaffen. „Ich war zwölf Jahre lang der Landesvorsitzende des Deut.schen Retriever Clubs. Und das ist, so denke ich, keine so schlechte Voraussetzung, um auch ei.nen Kulturverein zu managen“, bringt er es auf den Punkt. Dazu kommt, dass Swadzbas Frau Silvia Besana schon seit Jahren die Gastpiel.organisation für das Theater am Turm unter ihren Fittichen hat.
Denn die Gastspiele anderer Produktionen und Künstler gehören seit vielen Jahren schon zum festen Programm des Hauses. Das Ensemble des Theaters am Turm ist zwar fleißig und willig, kann aber nicht alles selbst auf die Bühne brin.gen, denn selbstverständlich handelt es sich nicht um professionelle Schauspieler. Es sind jährlich nicht weniger als fünf Eigenproduktionen, die vom Theater gestemmt werden. Doch im aktu.ellen Programm sind darüber hinaus noch insge.samt acht teils mehrtägige Gastspiele geplant, fünf allein zwischen Januar und Juni 2018.

Eigenproduktionen und Gastspiele
Aber natürlich sind es eben die Eigenprodukti.onen, die den guten Namen des Theaters am Turm ausmachen. So war das in der Vergan.genheit, so soll es auch in der Zukunft sein, wie Liliana Valla verdeutlicht.
Mit diesen Eigenproduktionen, die ganz überwiegend von den, teils über jahrelange Erfahrungen verfügenden, Laienschauspielern auf die Beine gestellt werden, hat man über die Jahre hinweg immerhin eine Auslastung von rund 75 Prozent erzielt. Das heißt, bei den knapp einhundert Plätzen, die das Theater bietet, sind im Schnitt bei jeder Aufführung in den Eigen.produktionen 75 Plätze verkauft worden.
„Das machen dann jährlich bei rund 80 Auf.führungen in Eigenproduktion etwa 6.000 Besu.cher in unserem Haus. Nicht gerechnet die Gast.spiele“, bringt es Liliana Valla auf den Punkt.
Dabei stechen immer wieder besonders erfolgreiche Produktionen heraus, die ab und zu sogar eine Neuauflage und Fortsetzung er.fahren, weil das Publikum das Theater geradezu überrennt.
So war das erst vor drei Jahren mit dem briti.schen Bühnenknaller „Ladies Night“, der damals zum wiederholten Male aufgelegt worden war. Im Jahr zuvor, als das Stück erstmals gespielt wurde, war das Stück schon nach der dritten Aufführungen für die restlichen Termine restlos ausverkauft gewesen, so dass in der laufenden Spielzeit schon damals noch einige Aufführun.gen zusätzlich anberaumt wurden. Und bei der Wiederaufnahme im Jahr darauf durfte es noch.mal denselben Publikumszuspruch erfahren.

Die strippenden Männer unter der Regie von Liliana Valla gefielen dabei nicht nur den Frauen ausgesprochen gut, auch wenn die ganz dem Titel des Stückes entsprechend den größeren Anteil des Publikums ausmachten. „Wir hatten damals tatsächlich eine 100-prozentige Quote“, bestätigt Hermann Schreiber die fulminante Erfolgsstory der damaligen Produktion.
Eine Besonderheit des Theaters ist auch, dass selbst der Oberbürgermeister der Stadt Vil.lingen-Schwenningen Dr. Rupert Kubon, hier als Schauspieler schon Auftritte absolviert hat. Den letzten hatte er in einer Hauptrolle im Stück „Der Büchsenöffner“ von Victor Lanoux inne, das mit großem Erfolg gespielt wurde.
Erfolgreiche Sommertheater
Aber auch die Produktionen des Sommertheaters fallen nicht nur aufgrund der Auswahl der Stücke immer wieder positiv auf. So die Produktion zum 30-jährigen Jubiläum im Jahr 2017, die in einem geradezu traumhaften Ambiente zum Zuge kam.
Das Schauspiel „Figaros Hochzeit“ wurde um die legendäre Junghans Villa im Waren.bachtal der Stadt inszeniert und feierte dabei einen großen Erfolg.
Nicht nur, dass der Aufführungsort besonders war, denn genau 29 Jahre nach der zweiten Som.mertheaterinszenierung, die damals ebenfalls im Garten der Junghans Villa stattgefunden hatte, konnte dieser Aufführungsort wieder in den Mit.telpunkt des Geschehens gestellt werden.
Zudem war die Regie in diesem Sommer ei.nem ganz besonderen Künstler anvertraut wor.den. Der Wiener Opernregisseur Ches Themann, der erst vor zwei Jahren als Außenstehender das Stück „Der Botschafter“ von Slawomir Mrozek für das Theater am Turm in Szene gesetzt hatte, ließ es sich auf Anfrage natürlich nicht nehmen, dieses besondere Werk des Figaro für diesen ausgesprochen besonderen Anlass auf die Büh.ne zu bringen.

Kindertheater „Nur ein Tag“, mit Jan Schuhmacher, Evelyn Friedel und Antonio Laser.
Kinder- und Jugend – Die Zukunft des Theaters
Besonders am Herzen liegt den Machern des Theaters am Turm darüber hinaus die Kinder-und Jugendarbeit. „Wir müssen an die nächste Generation denken, die wir damit für das The.ater begeistern. Denn es soll auch weiterge.hen, wenn wir nicht mehr können“, bringt es Hermann Schreiber, der Herr über Technik und Bühnenbau, auf den Punkt.
Seit vielen Jahren gibt es deshalb immer im Januar eine Kindertheaterproduktion, die regel.mäßig viele kleine Fans anzieht.
In diesem aktuellen Programm für das Früh.jahr 2018 wird es das Stück „Dr. Brumm kommt in Fahrt“ sein, mit dem der stadtbekannte Henry Greif, ein Urgestein des Theaters, gemeinsam mit Reinhard Gackowski die Kinder begeistern will. Dass Henry Greif das bestens kann, beweist er immer wieder, wenn er als fester Auftrittspart unter dem Jahr sein „Tri-tra-trallala“ zur Auf.führung bringt.

Ein weiteres Merkmal der Arbeit mit der jungen Generation ist die Kooperation mit der Theater Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums am Hoptbühl.
Im kommenden März wird es das zehnte Jahr sein, in dem Schülerinnen und Schüler un.ter der Leitung der Lehrerinnen Kathrin Seuthe und Ulrike Merkle mehrere Abende den profes.sionell ausgestatteten Theatersaal nutzen, um sich mit ihrem neuen Stück der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Das Theater am Turm findet man in der Schaffneigasse in der Villinger Innenstadt, direkt am markanten Kaiserturm. Kommt man mit dem Zug, so geht man vom Bahnhof Richtung Villinger Innenstadt über die Brigachbrücke für Fußgänger bis zur Stadtmauer. Hier sieht man rechts den Kaiserturm markant aufragen. Hier hin geht man, dann findet man das Theater sofort. Park.plätze, für mit dem eigenen Auto anreisende Gäste, finden sich unter anderem im Parkhaus der nahe liegenden Tonhalle, das Insel Parkhaus befindet sich ebenfalls in fußläufiger Nähe. Den Vorverkauf für die Produktionen und Gastspiele des Theaters am Turm gibt es bei Morys Hof.buchhandlung in Villingen, unter der Telefonnummer 07721/502020 kann man ebenfalls Karten bestellen. Vorbestellte Karten müssen am Spieltag bis 12 Uhr bei der Hofbuchhandlung in Villin.gen abgeholt werden. Im Internet findet man das Programm und weitere Informationen unter der Homepage www.theater-am-turm.de

Zum Tode von Dr. Gerhard Gebauer
OB war Vater der Doppelstadt
In Rahmen einer Trauerfeier wurde am Freitag, den 16. Juni 2017 in der Schwenninger Stadt.kirche vom ehemaligen Ober.bürgermeister und Ehrenbürger Villingen-Schwenningens, Dr. Gerhard Gebauer, Abschied ge.nommen. Er starb am 3. Juni im Alter von 90 Jahren. „Wir schau.en auf ein großes Leben und ein großes Lebenswerk zurück“, sagte Pfarrerin Märit Kaasch. „Hier bin ich, sende mich“, war der Konfirmationsspruch des
Begrder von „vsswingt“
Fritz Ewald verstorben
Der gebürtige Schwenninger starb am 3. Oktober 2017 im Alter von 78 Jahren. Seine Liebe zum Jazz fand er in den 1950er Jahren – später wurde er selbst Musiker. Von einem Profi lernte er das Drummen und spielte mit den „Dixi Jazz Youngsters“. Einen Namen machte sich Ewald insbesondere als Konzert-Organisator und Programmma.cher. Als erste Konzertreihe initiierte er die Veranstaltung

Dr. Gerhard Gebauer
jungen Gerhard Gebauers, der ihn sein ganzes Leben lang be.gleitet habe, so Kaasch. Sein großer Wille und seine enorme Schaffenskraft seien in vielen Lebensbereichen sichtbar ge.worden.
1953 heiratete Gebauer sei.ne Frau Liselotte, mit der er 64 Jahre lang das private und öf.fentliche Leben geteilt und vie.les bewirkt hat. Gebauer war von 1960 bis 1961 Bürgermeister, von 1962 bis 1972 Oberbür.germeister von Schwenningen.

Fritz Ewald
Mit viel Geschick ist ihm die Städtefusion von Villingen und Schwenningen 1972 zum Ober.zentrum gelungen. Seit der Fusi.on war Gebauer bis 1994 Ober.bürgermeister von Villingen-Schwenningen. Ihm war es stets wichtig, in der Not zu helfen. Beispiele dafür sind die Lebenshilfe, das Bürgerheim und die Geriatrische Klinik am Kloster.wald.
Joachim Gwinner, Erster Landesbeamter des Schwarzwald-Baar-Kreises, sprach von Gerhard Gebauer als einer „außerordentlichen Persönlichkeit“ mit einer „großartigen Lebensleistung“. Gebauer war mehr als 54 Jahre in der Kreispolitik tätig. Er habe viele wegweisende Entscheidungen mit Weitsicht und Gestaltungswillen getroffen. Bei all seiner Routiniertheit und seinem strategischen Weitblick sei er ein liebenswerter, aufrichtiger und einfühlsamer Mensch gewesen (siehe u.a. auch Almanach 1998 und 2007).
„Jazz und Pop“. Dann kam das Festival, mit dem sich „Mister Jazz“ endgültig einen Platz als bedeutende Persönlichkeit in der kulturellen Geschichte von Villingen-Schwenningen sicherte: „vsswingt“. 1977 lag die Geburtsstunde des Jazz-Festivals im Theater am Ring. Für die Organisation des Festivals kam ihm vor allem die nicht vor.handene Scheu vor den Großen der Branche zugute, von denen er viele engagieren konnte. „Mister Jazz“ erhielt die Landesehrennadel, die Bürgermedaille und das Bundesverdienstkreuz.

Bgermeisterwahlen im Schwarzwald-Baar-Kreis
Josef Herdner, Furtwangen
Knapp eine Stunde nach Schließung der Wahllokale stand am
Sonntag, den 9. Oktober das vorläufi.ge Ergebnis fest: Mit 96 Prozent der Stimmen wurde Josef Herdner in seine zweite Amtszeit als Bürgermeister von Furtwangen gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 35,7 Prozent. Landrat Sven Hinterseh gratulierte persönlich und betonte die gute Zusam.menarbeit mit Furtwangen.

Micha Bächle, Bräunlingen
Der neue Bürgermeister von Bräunlingen heißt Micha Bächle
und stammt aus Löffingen. Der langjährige Amtsinhaber Jürgen Guse hatte nicht mehr kandidiert und gratulierte am Wahlabend wie Landrat Sven Hinterseh zu einem phänomenalen Sieg. Micha Bächle hatte sich trotz dreier Mitbewerber im ersten Wahlgang mit 68,1 Prozent klar durchgesetzt, die Wahlbeteili.gung betrug 69,1 Prozent.

Markus Keller, Blumberg
Bürgermeister Markus Keller erhielt bei der Wahl am 15. Ok.
tober 2017 2.816 gültige Stimmen, das sind 97,9 Prozent, eine klare Bestätigung für den Amtsinhaber. Eine Wahlbeteiligung von 37,8 Prozent sei für einen Einzelkandidaten hoch, wie Landrat Sven Hinterseh betonte. Der Landrat weiter: „Der Amtsinhaber achtet sehr darauf, dass Blumberg selbstbewusst in die Zukunft gehen kann.“

Titelseite: Kandelblick-Abfahrtsstrecke mit Vöhrenbach Wilfried Dold, Vöhrenbach
Rückseite: Märzenbecher, Wutachflühe Wilfried Dold, Vöhrenbach.
Soweit die Fotografen nicht namentlich angeführt wer.den, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bildautoren/Bildleihgeber über ihn erfragbar.
Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten:
Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 4 r., 6 r., 9, 17, 43, 57, 60, 61, 66/67 u., 69, 114-135, 136-147, 156/157, 160, 161, 164, 165, 217, 226/227, 236, 248/249, 250, 252 o., u. l., 253.257, 279-289; dold.verlag, Vöhrenbach: 158/159, 160 o., 162/163, 167, 168, 169, 170 r., 190/191, 239, 241, 247; Stadt Furtwangen: 172, 173; Horst Fischer, Donaueschingen: 6 l., 243, 244; Dr. Hans-Joachim Blech, DS-Aufen: 6 M., 266-277; Tobias Raphael Ackermann, Donaueschingen: 7, 306/307; Ferienland Schwarzwald, Schönwald: 4 l., 10/11, 14, 16; Stephanie Wetzig, Königsfeld-Buchenberg: 19-22; Gabi Lendle, Hüfingen: 25-27; Michael Kienzler, Brigachtal-Klengen: 31, 32 o. r.; Mareike Kratt, VS-Villin.gen: 32 o. l., 34, 35, 309; Nathalie Göbel, VS-Villingen: 36-42; Christoph Sieber, Köln: 44-47; Madlen Falke, Hüfingen: 49-52; Helmut Junkel, Eisenbach: 55; Günter Vollmer, Donaueschingen: 83 u., 86, 87 u., 87 M.; Roland Sigwart, Hüfingen: 87 o., 218-223; Foto-Carle, Triberg: 88/89, 91, 93, 97; Daniela Schneider, Triberg: 90, 94, 95; Stephanie Jacober, Donaueschingen: 110; Werner Oppelt, Triberg: 166, 170 o. l., 171 u., 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 171 o., 198-204; Erwin Epting, St. Georgen: 182-183, 185-187; Stadt St. Georgen: 184; Roland Sprich, St. Georgen: 188/189, 193, 206-209, 238; Bernhard Dorer, Furtwangen-Linach: 194.197; Frank Armbruster, Bad Krozingen: 200/201; Stadt Villingen-Schwenningen: 224, 225; Martin Fetscher, VS-Villingen: 228, 231, 235, 237; Adobe Stock: 229, Stadt Hüfingen: 233, 234; Josef Vogt, Brigachtal: 252 u. r.; Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen: 258-264; Wil.fried Strohmeier, Bad Dürrheim: 291-293; Jessica Rüh.mann, Bregenz: 295-297; Marc Eich, VS-Villingen: 298.301; Günther Baumann, VS-Schwenningen: 302-305;Child of Nature: 310; Üwen Ergün, Kinderrechteforum, Köln: 311; Birgit Heinig, VS-Villingen: 316

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›› Jahrbuch 2025 – Inhaltsübersicht

2 Impressum
8 Zeiten des Umbruchs – Zukunftsaufgaben gemeinsam
Sven Hinterseh
10 Impressionen aus Schwarzwald und Baar
Wilfried Dold

1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen

18 Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh – Gemeinsam unsere Zukunft aktiv gestalten
26 Erste Sitzung des 11. Kreistages: Neubeginn, Abschied und Dank
36 Constantin Papst – Nachruf: Vom Wunder der kleinen Schritte
Wilfried Dold
40 Heinrich Fürst zu Fürstenberg – Nachruf

2. Kapitel / Da leben wir

44 Bernward Janzing – Furtwanger Wetterstation belegt den Klimawandel
Michael Saurer
54 Frank Stark – Harry Zapp: Der Clown mit der roten Nase
Helen Moser
62 Robert Schorp – Brot-Sommelier
Wilfried Strohmeier

3. Kapitel / Hofgeschichten

72 Hofgeschichten
74 Anna packt an – Die Jung-Landwirtin Anna Klausmann
Daniela Schneider / Fotografie: Wilfried Dold
86 Der Griesget-Hof – Vom Zauber eines Platzes
Sylvia Gürtler
98 Lukas Duffner: Auf der Ofenbank mit dem „Rote Bur“
Wilfried Dold
108 Doldenhof in Rohrbach
Roland Sprich

4. Kapitel / Wirtschaft

116 Die Schwenninger Kübler Group – Präsenz auf allen fünf Kontinenten 
Wilfried Dold
132 Jägerbataillon 292 in Donaueschingen 
Bernhard Lutz
144 Zwischen Hightech und Kuckucksuhr – 75 Jahre Südwest Messe in Villingen-Schwenningen 
Sylvie Brackenhofer

5. Kapitel / Soziales

156 In enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis verwirklicht: Der „Rote Löwen“ – Stolz von St. Georgen
Roland Sprich
168 60 Jahre Malteser Hilfsdienst im Schwarzwald-Baar-Kreis
Hans-Jürgen Götz

6. Kapitel / Geschichte

180 Johann Baptist Krebs – Opernstar aus Überauchen
Josef Vogt
188 Mythos „Laubenhausen“ – ein sagenhafter Ort
Peter Graßmann

7. Kapitel / Brauchtum

202 Die Trachten der evangelischen und der katholischen Baar
Silvia Binninger / Wilfried Dold

8. Kapitel / Museen

224 Förderverein Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach e.V. – Strohhutfabrik Sauter
Elke Reinauer
236 Das Kirner-Kabinett: Museum mit Furtwanger Kunst von nationalem Rang
Gerhard Dilger

9. Kapitel / Sport

244 Matchwinner Kai Brünker
Marc Eich
254 FC 08 Villingen – Herzschlagfinale mit glücklichem Ende
Michael Eich
262 Dominik Koepfer – einer der besten Tennisspieler der Welt
Wilfried Dold

10. Kapitel / Gastlichkeit

272 Kurt genuss & keramik
Elke Reinauer
278 Hofcafé „näbbe duss“
Barbara Dickmann

11. Kapitel / Kultur und Freizeit

288 „The Brillos“
Cornelia Putschbach
294 Theatergruppe „Bergradler“
Barbara Dickmann

 

Anhang

299 Almanach-Magazin
299 Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen
303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis
304 Ehrenliste der Freunde und Förderer

 

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Almanach 2024 https://almanach-sbk.de/almanach-2024/ https://almanach-sbk.de/almanach-2024/#respond Tue, 05 Dec 2023 12:52:57 +0000 https://almanach-sbk.de/?p=1894  

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis in Zusammenarbeit mit dem dold.verlag www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.deInformationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.deRedaktion: Sven Hinterseh, Landrat; Wilfried Dold, Redakteur (wd); Kristina Diffring, Referentin des Landrates; Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv; Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung und Vertrieb: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2022 www.doldverlag.de Druck: PASSAVIA Druckservice GmbH & Co. KG D-94036 PassauISBN: 978-3-948461-11-02

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen 50 Jahre SBK Da leben wir Das neue Verwaltungs gebäude „An der Brigach“ Momentaufnahmen aus einem Quellenland Romina Auer und Nikol Konta – Wenn Mädchen­ träume wahr werden 30 62 92 Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 112 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, des Amtes für Abfallwirtschaft, der Bußgeldbehörde und des Kreisarchivs untergebracht. Das 50-jährige Bestehen des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhards- berg, der Langenwaldschanze oder am Triberger Wasserfall. Für Gespräche und Impressio- nen beim Kreiserntedankfest in Bräunlingen und Begegnungen mit den Initiatoren des neuen Donau-Zusammenflusses. Mitten in Schwenningen, im Alten E-Werk, führen Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier „La belle mariée“. Damit erfüllen sie nicht nur die Träume vieler Frauen vom perfekten Hochzeitskleid, sondern auch ihre eigenen: Seit Oktober 2021 sind sie selbstständig und nahmen auch an der TV-Show „Zwischen Tüll und Tränen“ teil. 4 Inhalt

 

 

 

Inhaltsverzeichnis 2 Impressum 8 Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! / Sven Hinterseh 10 Impressionen aus Schwarzwald und Baar / Wilfried Dold 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 22 Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten / Marc Eich 30 Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ / Andreas Flöß 42 Klinikschule der Luisenklinik – Für eine gute Zukunft der jungen Patienten / Wilfried Strohmeier 2. Kapitel / 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis 50 „Ich bin zuversichtlich, dass sich unser Landkreis im Wettbewerb der Zukunftsregionenregionen behaupten kann“ – Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh / Klaus Peter Karger / Wilfried Dold 62 Momentaufnahmen aus einem Quellenland / Wilfried Dold 3. Kapitel / Da leben wir 92 Romina Auer und Nikol Konta: „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden / Elke Reinauer 102 Patrick Bäurer – Ein Leben mit dem Ball / Hans-Jürgen Götz 112 Selina Haas – Tradition und Moderne kreativ verknüpft / Marc Eich 120 Daniela Maier: Skicross-Weltelite aus dem Schwarzwald – Bronze bei Olympia / Silvia Binninger 4. Kapitel / Wirtschaft 132 lehmann_holz_bauten – Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien / Roland Sprich 140 Die Klinik am Doniswald – Psychotherapie und Seelsorge / Barbara Dickmann 148 75 Jahre Hezel GmbH – Vom Pionier zum hochmodernen Entsorgungsfachbetrieb / Roland Sprich 158 Wilhelm Stark Baustoffe GmbH – Seit 90 Jahren ein solider Partner für Handwerker und Bauherren / Wilfried Strohmeier 5. Kapitel / Geschichte 168 Der Stolz von Villingen – Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut / Bernd Möller 5 Geschichte Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut 168 Das Münster ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befinden sich ein neunstim- miges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeut- schen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut. Inhalt

 

 

 

Kunst und Kultur Freizeit Vereine und Einrichtungen Das Museum Art.Plus in Donaueschingen Mythen und Zauber der Wutachflühen Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Orts­ gruppen im Schwarzwald 216 226 246 Das im Jahr 2009 eröffnete Museum richtet seinen Fokus auf zeitgenössische Kunst. Mit einer Vielfalt künstlerischer Positionen ermöglicht das Museum Art.Plus einen abwechslungsreichen Einblick in das moderne Kunstgesche- hen auf interna tionalem Niveau, berücksichtigt aber auch das regionale Kunst- schaffen. Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwest- deutschen Schichtstufenland- schaft durchwandern. Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarzwald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwangen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwald- vereins, des Skiclubs und den Naturfreunden zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. 6 Inhalt

 

 

 

182 EGT – Auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität / Wilfried Dold 200 Gedächtnis für die „Fürstenberger Lande“ – Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen / Edgar H. Tritschler 6. Kapitel / Kunst und Kultur 216 Das Museum Art.Plus – Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst / Ursula Köhler 7. Kapitel / Freizeit 226 Mythen und Zauber der Wutachflühen / Wolf Hockenjos 242 Schroffe Felsen, sanfte Höhen – Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf / Gerhard Dilger 8. Kapitel / Vereine und Einrichtungen 246 Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald / Gerhard Dilger 256 Wenn Kinder der Natur und Tieren ganz nahe kommen – Der Bauernhofkindergarten in Waldhausen / Dagobert Maier 9. Kapitel / Gastlichkeit 264 Feines erleben – Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen / Tanja Bury 276 Zum Wilden Michel – “Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal / Daniela Schneider 290 Mit Herz und Hand – Der Löwen in Brigachtal / Josef Vogt Anhang 299 Almanach-Magazin 302 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 304 Ehrenliste der Freunde und Förderer Ergänzende digitale Inhalte zum Almanach 2023 finden unsere Leser unter: www.almanach-sbk.de/almanach2023-digital Gastlichkeit Zum Wilden Michel – „Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal 276 Zwischen Bauernhof- romantik, Naturidylle und absolut null Handy- netz wurde 2021 mit der Gaststätte „Zum Wilden Michel“ etwas Besonderes auf den Weg gebracht. Das spricht sich rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz der Kultgast- stätte genau ausmacht. Inhalt 7

 

 

 

Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! Liebe Leserinnen und Leser, nach drei Jahren mit Pandemie, Krisen, düsteren Zukunftsprognosen, was die Energieversorgung, Preiserhöhungen und die finanzielle Situation im All- gemeinen sowie den Weltfrieden angeht, wollen wir mit diesem Schwarzwald-Baar-Buch für ein wenig Ablenkung, Zerstreuung und Abwechslung sorgen. Pandemiebewältigung, nicht abreißende Flüchtlings- ströme, die unsere Unterbringungsmöglichkeiten an die Kapazitätsgrenze bringen sowie Gasmangel, Preiserhöhungen und Energiesparen an allen Ecken und Enden haben in den letzten Monaten unser Le- ben vorwiegend bestimmt. Fachkräfte mangel und Materialverknappung sind im Alltag schon spürbar. Auch die Prognosen von Experten lassen keine schnelle Besserung erwarten. Zahlreiche Existenzen sind bedroht, viele Bürgerinnen und Bürger plagen Zukunftsängste und die Ungewissheit vor dem, was wohl noch kommen wird, scheint einen das ein oder andere Mal beinahe zu erdrücken. Gerade deshalb wollen wir mit diesem Werk die Gelegenheit bieten, dem herausfordernden Alltag für ein paar Augenblicke zu entfliehen. So können Sie sich im Almanach 2023 über ganz „Normales“ und dennoch Besonderes freuen: über Menschen wie „du und ich“, beeindruckende Persönlichkeiten, span- nende und außergewöhnliche Lebens-, Firmen- und historische Geschichten, die für Unterhaltung und Kurzweiligkeit sorgen. Das Schwarzwald-Baar-Buch lädt dazu ein, seine Gedanken in Zuversicht, Mut und Lebensfreude zu wandeln – ergreifen Sie diese Chance! Einen großen Teil nimmt in diesem Jahr auch un- ser Kreisjubiläum ein – 50 Jahre Schwarzwald-Baar- Kreis. Bereits ein halbes Jahrhundert lang sind Städte und Gemeinden und somit natürlich die darin leben- den Menschen in unserem Landkreis nun schon zu- sammengewachsen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich zum echten Heimat- und Wohlfühlort etabliert und entwickelt sich stetig weiter. Die Menschen, die hier leben, sind zukunftsorientiert und traditions- bewusst, innovativ und erfolgreich zugleich – darauf können wir stolz sein und daraus Zuversicht schöp- fen! Diese Menschen sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, unsere Leistungsfähigkeit und unser ganzes Potential – und auf diese Kraft können wir auch in Zukunft bauen. Ein großes Dankeschön gilt in der inzwischen 47. Ausgabe des Almanach erneut den zahlreichen Förderern und treuen Freunden des Schwarzwald- Baar-Buchs sowie allen Autoren und Fotografen, die wieder einmal entscheidend dazu beigetragen ha- ben, dass eine attraktive, sehr informative Publikati- on mit großer Themenvielfalt entstehen konnte. Mein besonderer Dank gilt auch in diesem Jahr dem dold.verlag aus Vöhrenbach, der ein weiteres Mal dafür gesorgt hat, dass mit dem Almanach 2023 ein ganz besonderes und einzigartiges Werk entstan- den ist. Daher freue ich mich auch weiterhin auf eine vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation in den kommenden Jahren für unser Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar-Buch, unserem Almanach. Ihnen, den Leserinnen und Leser des Almanach 2023, möchte ich ebenfalls für Ihre teilweise über Jahrzehnte gewachsene Verbundenheit danken und wünsche Ihnen mit unserem Schwarzwald-Baar- Buch einmal mehr eine interessante, unterhaltsame Lektüre sowie viel Freude dabei. Halten Sie uns auch weiterhin die Treue! Ihr Sven Hinterseh, Landrat 8 Zum Geleit

 

 

 

Unterwegs am Rohrhardsberg bei Schonach. Landrat Sven Hinterseh besucht Ranger Nikolas Binder, macht sich im Rahmen einer Stippvisite mit einem Naturschutzgebiet vertraut, das eine der letzten Auerhahnpopulationen im Schwarzwald beherbergt (s. S. 64). 9

 

 

 

Winter in Schönwald. Das Schwarzenbachtal mit Anstieg des Fernskiwanderweges hinauf zur Weißenbacher Höhe.

 

 

 

Blick von Rohrbach über die Fuchsfalle hinweg zur Bergwelt bei Triberg. Links im Tal unten der Doldenhof an der L 175 liegend.

 

 

 

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Frühlingsblumen am Rain eines Feldweges in Linach: Margeriten, Acker- oder Wiesenwitwen- blumen, Habichtskraut, diverse Gräser und ein Meer von Schmetterlingen sind zu sehen.

 

 

 

Alt-Villingerin Die Tracht der Alt-Villingerin ist seit jeher der Ausdruck von Bürgerstolz: Die silberne, goldene oder schwarze Radhaube wird ebenso im Bodenseegebiet, Oberschwaben, Allgäu und in Vorarlberg getragen – ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Reich der Habsburger. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand die edle Frauentracht aus dem Alltagsleben und kehrte an der Wende zum 20. Jahrhundert als Begleiterin des Narro zumindest an der Fastnacht ins Alltagsleben zurück. Als sich im Jahr 1926 in Villingen ein Volkstrachtenverein gründet, ist die Alt-Villingerin fortan auch bei Trachtenfesten zu sehen. Heute tragen auch junge Frauen wie Joline Rothmund die Villinger Tracht – vorzugsweise an der Fastnacht. 16

 

 

 

 

 

 

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Gleitschirmflieger auf dem Fürstenberg. Im Herbst herrscht am Startplatz Süd des Baarflieger Fürstenberg- Geisingen e.V Hochsaison. Die Thermik und die Talwinde werden schwächer, die Flugbedingungen sind ideal.

 

 

 

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Klirrend kalter Wintermorgen an der jungen Donau bei Neudingen.

 

 

 

Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten Die Corona-Krise war noch nicht komplett überstanden, da rollte auf den Landkreis schon die nächste Herausforderung zu: Angesichts des Angriffs von Russland auf die Ukraine musste sich der Schwarzwald-Baar-Kreis auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen. Vom 14. März bis 26. September 2022 wurden 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Nicht nur, dass ein Rädchen ins andere griff, sondern auch der Zufall half dabei, dass die Situation gemeistert werden konnte. von Marc Eich 14. März 2022, 10.41 Uhr, Sturmbühlstraße in Villingen-Schwenningen. 18 Tage, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin eine Invasion auf die Ukraine in Gang gesetzt hat, sind die Auswirkun- gen dieses Befehls knapp 1.500 Kilometer Luftlinie entfernt zu spüren. Denn in der Flüchtlingsunter- kunft, die zunächst als zentrale Anlaufstelle für die Geflüchteten des Krieges eingerichtet worden war, herrschte der Ausnahmezustand. „Schon am Vormittag war hier ‚Land unter‘“, erinnert sich Eberhard Weckenmann. stab unter Leitung von Landrat Sven Hinterseh zusammengefunden und beschlossen, dass die Erstregistrierung und Versorgung der ukrainischen Flüchtlinge nur durch eine gemeinsame Arbeit zu bewältigen sei. Deshalb hatte man sich frühzeitig da- zu entschlossen, ein Aufnahmezentrum mit allen be- teiligten Behörden zu gründen. Das Sozialamt wurde als Steuerungsstelle für sämtliche Bereiche auserko- ren. Man ging zunächst davon aus, dass die zentrale Aufnahmeeinrichtung des Landkreises in der Sturm- bühlstraße der richtige Ort dafür sei. Allerdings Es muss reagiert werden Der 63-Jährige, der im Sozialamt des Landkreises tätig ist und sich unter anderem in der Unteren Auf- nahmebehörde um die Unterbringung von Flücht- lingen kümmert, hat noch vor Augen, mit welchen Heraus forderungen das Team gleich zu Beginn zu kämpfen hatte. An Aschermittwoch, sechs Tage nach Kriegsbeginn, hat sich im Landrats amt der Krisen- Die Not hat viele Gesichter – die Männer kämpfen gegen die russischen Angreifer, viele ukrainische Frauen und Kinder können sich durch eine Flucht nach Deutschland in Sicherheit bringen. Allein im Schwarzwald-Baar-Kreis finden 3.042 Frauen und Kinder eine vorläufige Unter- kunft (Stand 22. September 2022). 22 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

wusste man zu diesem Zeitpunkt nicht, mit welchem Ansturm zu rechnen sein würde. So gestaltete sich der Starttag am 14. März als ziemlich chaotisch. Auf- enthaltsräume mussten zu Wartebereichen umfunk- tioniert werden, zwischenzeitlich fanden sich dort 70 bis 80 Menschen wieder, in der Küche wickelten Mütter ihre Kinder und bereiteten das Essen zu. Und das zu Zeiten von Corona. Schnell war klar: Es muss reagiert werden. „Auch Landrat Sven Hinterseh hat gesagt: ‚So kann man gar nicht arbeiten‘“, erklärt Eberhard Weckenmann. Was dann in die Wege geleitet wurde, das sieht der Flüchtlingsexperte als „beeindruckend“ an. Denn innerhalb von einer Woche schaffte es das Landrats- amt im Zusammenspiel mit den Großen Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen sowie auch dank der Unterstützung der Hilfs- und Rettungsorganisationen und vieler ehrenamtlicher Kräfte eine neue zentrale Aufnahmestelle aus dem Boden zu stampfen. Als Standort nutzte man die Sporthalle der Albert-Schweitzer-Schule in Villingen. „Was im Vorfeld über den Tisch von Kreisbrand- meister Florian Vetter lief, war enorm“, so Eberhard Weckenmann. Am 21. März eröffnete schließlich die neue Aufnahmestelle – und war zugleich Vorreiter im Land. „Wir waren die Ersten, die in dieser Struktur alles unter einen Hut bekommen haben“, hebt der Sachgebietsleiter für sondergesetzliche Sozialleis- tungen die Weitsichtigkeit hervor. Denn der Clou am neuen Standort: Alle notwendigen Behörden waren zentralisiert worden, die Geflüchteten konnten mit einem einzigen Besuch alle Behördengänge erledigen. Zentrale Aufnahmestelle erfasst alles Notwendige für den Aufenthalt In der zentralen Aufnahmestelle wurde eine Registrier- straße organisiert, in der alles Notwendige für den Eine logistische Herausforderung war der Transport der Möblierung und die Einrichtung der Notunterkünfte wie hier im Heilig-Geist-Spital. 24 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Dem Krieg entkommen, aber fern der Heimat: Ukrainische Kinder beim Puppenspiel. Aufenthalt der Geflüchteten erfasst wurde und mehrere Behörden zusammenarbeiteten. Die Ausländerbehörde leitete das Verfahren ein, um einen Aufenthaltstitel erteilen zu können. Die Untere Aufnahmebehörde meldete die Geflüchteten an das Regierungspräsidium Karlsruhe, um die sogenannte „vorläufige Unterbringung“ festzustellen und sorgte – wenn nötig – für ein Dach über dem Kopf. Wenn noch keine Unterkunft in einer Gemeinde vorhanden war, erhielten die Menschen umgehend einen Unterkunftsplatz. Die vorläufige Unterbrin- gung ist wiederum für die Kostenerstattung des Landes an den Landkreis ausschlaggebend und für die darauf folgende Anschlussunterbringung in den Städten und Gemeinden. Weiter wurde in der Registrierstraße der Antrag für finanzielle Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz gestellt. Mit dem Rechtskreiswechsel war auch das Jobcenter schon ab Anfang Mai im Aufnahmezentrum mit im Boot. Seit 1. Juni 2022 beziehen die Ukraine-Geflüch- teten ihre Sozialleistungen nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern nach dem Zweiten oder Zwölften Sozialgesetzbuch – für erwerbsfähige Geflüchtete änderte sich damit die Zuständigkeit. Die Arbeit des gemeinsamen Aufnahmezentrums endete schließlich zum 31. Juli. Dann konnten auch die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule ihren Sport- unterricht wie gewohnt in ihrer Turnhalle absolvie- ren. Die Registrierung der seither ankommenden Flüchtlinge findet nun wieder in den jeweiligen Be- hörden, geordnet über ein Laufzettelverfahren, statt. Hilfe für die Ukraine 25

 

 

 

angesichts der Verdopplung der Flüchtlingszahlen zwischen Som- mer und Winter 2021 ohnehin notwendig gewesen wäre. Registrierung Geflüchteter aus der Ukraine Vom 14. März bis 26. Septem­ ber wurden insgesamt 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon waren Frauen. April März „Private Unterkünfte haben uns gerettet“ Die erkennungsdienstliche Behandlung der Kriegsflüchtlinge und die Zusammenfassung der Behördengänge war jedoch nur ein Teil der Herausforderung. Denn: Auch die Unterbringung musste gewährleistet sein. Und hier hatte der Landkreis keinerlei Möglichkeiten, sich auf den plötzlichen Zustrom an Menschen aus der Ukraine vorzubereiten. „Wir haben vor dem 24. Februar keine Vorkehrungen treffen können“, erklärt Eberhard Weckenmann. Als sich ein Angriff Russlands andeutete, war der Umfang des Flüchtlingsstroms zunächst unklar. „Im März und April warteten viele Ukrainer zunächst in Polen und dachten, dass sie schnell wieder in ihre Heimat zurückkönnen.“ Die Hoffnung auf eine schnelle Beendigung des Angriffs war jedoch ein Trugschluss. Dass den Ukrainern dennoch ausreichend Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden konnten, hing von zwei Faktoren ab. September August Juni Mai Juli „Die privaten Unterkünfte haben uns gerettet“, macht Eberhard Weckenmann in diesem Zusammen- hang deutlich. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung sei enorm gewesen, „die Menschen sind uns von der Mentalität natürlich näher“, sieht er als eine Erklärung dafür. Auch die politische Entscheidung, dass die Geflüchteten zugleich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, habe dazu beigetragen. Doch die privaten Unterkünfte allein hätten nicht gereicht. Der Grundstein für ausreichende vorläufige Unterkünfte war bereits im Oktober 2021 gelegt worden – schon lange bevor sich eine Eskalation der Lage im Kriegsgebiet andeutete. Der Zufall wollte es, dass diese Maßnahme in der unvorhergesehe- nen Flüchtlingswelle weiterhalf. Wie kam es dazu? Eberhard Weckenmann: „Im Herbst 2021 war bereits klar, dass die Flüchtlingszahlen allgemein wieder steigen würden – es war Glück, dass wir die Kapazi- täten schon hochgefahren hatten, ohne zu wissen, was in der Ukraine passiert.“ So reaktivierte der Landkreis Unterkünfte der vorherigen Flüchtlings- welle 2015/2016 zum 1. Januar 2022 wieder – was 123 681 362 207 203 250 1.495 Der Krisenmodus dauert an Neben den Unterkünften in der Sturmbühlstraße, in Donau- eschingen sowie in St. Georgen (320 Plätze), kamen zusätzlich zum Jahresbeginn 2022 auch die Standorte in Blumberg (80) sowie in der Alleenstraße in Schwenningen (95) hinzu – und zwar für die „normalen“ Flücht- linge. Das reichte angesichts der Auswirkungen von kriegerischen Handlungen jedoch nicht aus. Zusätzlich mietete der Landkreis die ehemaligen Mediclin-Gebäude in Königsfeld (100) und Donau- eschingen (120) an. Hier hielt sich der Aufwand zur „Reaktivierung“ der Gebäude angesichts eines kurzen Leerstands von drei Monaten in Grenzen. Das sah bei der Unterkunft im ehemaligen Heilig- Geist- Spital (230) in Villingen, welches zwei Jahre lang leer gestanden hatte und teilweise zurückgebaut worden war, ganz anders aus. „Das war ein enormer Auf- wand“, so der 63-Jährige. In kürzester Zeit waren somit 450 Plätze für ukrainische Geflüchtete geschaffen worden, „die sind voll belegt, wir sind an der Oberkante“, macht Eberhard Weckenmann mit Stand September 2022 deutlich. Die Herausforderungen sind damit jedoch nicht zu Ende – sowohl für den Landkreis als auch für die Anschlussunterbringung nach sechs Monaten in den Städten und Gemeinden. Gerade mit Blick auf den Winter und den zu erwartenden Zustrom an Menschen, die vor dem Krieg und den prekären Be- dingungen angesichts der kalten Witterung in ihrer Heimat flüchten, werden wohl weitere 300 bis 600 Plätze benötigt. Der Krisenmodus wird also noch länger anhalten. Momentaufnahmen aus der Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge im Heilig-Geist-Spital, wo auch Sprachunter- richt angeboten wird (unten). 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

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Eberhard Weckenmann Hilfe für Flüchtlinge – Sachgebietsleitung Sondergesetzliche Sozialleistungen Für Eberhard Weckenmann vom Sozialamt des Landkreises ist die Flüchtlingswelle aus der Ukraine die letzte große Aufgabe in seiner beruflichen Lauf- bahn. Nach vielen Jahren im Bereich des Sozial wesens ist klar: Weil keine Flüchtlingswelle der vorherigen gleicht, ist dauerhafte Flexibilität notwendig. Es ist ein ständiges Auf und Ab, ein permanen- tes Flexibelreagieren und nicht zuletzt ein Kraftakt. Eberhard Weckenmann war einer jener Akteure im Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der die vergangenen großen Flüchtlingszuströme miterlebt hat. „Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren“, sagt er rückblickend. Der Erfolg bei der Überwindung der Flüchtlings- krisen dürfte ihm recht geben. Der 63-Jährige, der einen Studiengang zum gehobenen Verwaltungs- dienst in Kehl absolvierte, erinnert sich an die Zeit in den Jahren 2005 und 2006, als die Flüchtlings- unterkünfte – bis auf die Obereschacher Straße in Villingen und die Einrichtung in St. Georgen – im gesamten Landkreis zurückgebaut waren. In der Unteren Aufnahmebehörde hielten sich die Aufga- ben in Grenzen, Eberhard Weckenmann kümmerte sich daher zwischenzeitlich um Sozialleistungen wie Wohngeld und Bafög. Das änderte sich im Jahr 2012, als die Flüchtlings- zahlen wieder stiegen. „Damals war das dramatisch, aus heutiger Sicht eher übersichtlich“, so Eberhard Weckenmann. Die Unterkunft zwischen Villingen und Unter kirnach, Maria Tann, wurde eingerichtet, um den Geflüchteten Platz zu bieten. Neue Dimensionen er- reichte die Flüchtlingsarbeit dann mit der Krise in den Jahren 2015/2016. Das Land installierte im Landkreis bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen in Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren. Villingen und Donaueschingen, während das Landrats- amt selbst über 20 Gemeinschaftsunterkünfte schuf. Nach dem zwischenzeitlichen Abbau der Plätze für Geflüchtete, folgte nun wieder der Aufbau – „Asyl ist immer wellenartig“, so der Experte. Der ge- bürtige Rottweiler sieht dabei aber deutliche Unter- schiede zwischen der vorherigen Krise und der der- zeitigen Flüchtlingswelle: „Damals war der Zustrom geordnet, weil die Flüchtlinge zunächst in der Erst- aufnahme registriert und anschließend verteilt wur- den.“ Die heutige Freizügigkeit der Ukrainer sei eine „große Herausforderung“, weil keine Zuweisungen möglich seien. Und auch da heißt es wieder: perma- nent flexibel sein. Bei der Flüchtlingsarbeit handle es sich schließlich um ein heterogenes Feld, welches man mit offenen Ohren und Augen begleiten müsse, um Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen und dann reagieren zu können. Wie vielseitig das Feld ist, hat ihm unter anderem die Corona-Krise deutlich gemacht, als die Flüchtlings- unterkunft im Frühjahr 2021 aufgrund vermehrter Fälle für zwei Wochen komplett geschlossen werden 28 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

musste. Da wurden Eberhard Weckenmann und sein Team zu Einkaufshelfern und Corona-Testern umfunktioniert, „PCR-Tests haben wir in Vollmontur machen müssen, solche Dinge sind für mich die Würze“, sagt er und erinnert sich: „Als die Quaran- täne beendet war und kein einziger neuer Fall hinzu- kam, haben alle geklatscht.“ Ein Moment, der ihn bis heute berührt. Eberhard Weckenmann, der 27 Jahre lang beim Sozialamt des Landkreises gearbeitet hat (zwischen 1990 und 2001 folgte ein Zwischenspiel als stellver- tretender Heim- und Verwaltungsleiter bei einem Al- tenpflegeheim in Geisingen) gibt angesichts der per- manenten Flexibilität aber offen zu: Nach so langer Zeit in diesem Bereich sei er nun „müde“ und bereit für den Ruhestand – auch wenn es ein „toller Job“ sei und er sich weiterhin wohl fühle. Zudem kann er festhalten: In der damaligen Flüchtlingskrise waren Strukturen geschaffen worden, die nun wieder grei- fen konnten. Und stolz ist er auch auf das Wir-Gefühl im Team. „In solchen Krisen wächst man zusammen, das tolle Miteinander werde ich vermissen.“ Eberhard Weckenmann 29

 

 

 

Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Landkreis investiert 11,8 Mio. Euro in eine 4.000 Quadratmeter große, moderne Nebenstelle von Andreas Flöß 30 30 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungs- gebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 120 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, das Amt für Abfallwirtschaft, die Bußgeldbehörde und das Kreisarchiv untergebracht. Nach „60er-Jahre- Charme“ zeige sich das Haus mit zeitgemäßer Architektur und Infrastruktur, die moderne Architektur werte den Villinger Bahnhofsvorplatz jetzt optisch auf, so Landrat Sven Hinterseh bei der Schlüsselübergabe am 28. September 2022 durch Architekt Andreas Flöß. Für 1,8 Millionen Euro hatte der Landkreis das Gebäude von der Post erworben, nochmals zehn Millionen Euro waren für die Sanierung und Ausstattung erforderlich. Dem „Wächter der Wutachflühen“ auf der Spur 31 31

 

 

 

Schlüsselübergabe an Landrat Sven Hinterseh durch Architekt Andreas Flöß (rechts daneben) bei der feierlichen Inbetriebnahme des Verwaltungsgebäudes „An der Brigach“ im Beisein von Mitarbeitern und Vertretern/Vertreterinnen des Kreistages. Das neue Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ glänzt mit moderner, praxisorientierter Architektur: Eine eingestellte Box fungiert als Rückzugsort. 32 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

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Die Luisenstraße um 1907, Blick von Norden mit der Brigach. Zur Geschichte des Standortes In der Blütezeit des deutschen Kaiserreichs (1871- 1918) entstanden zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Romäus-Gymnasium und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße, (Friedrichskrankenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterungen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchweiler Straße, Vöhrenbacher Straße, Schiller- straße sowie am Benediktinerring statt. Auch die Luisenstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz einiger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Zerstörung am Ende des Weltkrieges Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges zerstörte eine Fliegerbombe die Gebäude Luisenstraße 2 und 3 und beschädigt am Haus Luisenstraße 4 den Nordost- flügel. Der Angriff hat mit großer Wahrscheinlichkeit dem Villinger Bahnhof gegolten. Zwischen den Häusern Luisenstraße 4 und Bahnhofstraße 8 und dem Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund der Zerstö- Am Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit rund 2.200 Quadratmetern Fläche. rung bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit ca. 2.200 Quadratmetern Fläche, da die beschädig- ten Gebäude nicht wieder aufgebaut, sondern abgerissen wurden. Fortan entstand an der markan- ten Ecke, an welcher sich Luisenstraße und Bahnhof- straße treffen, eine Wiese, welche durch die Neube- bauung der Deutschen Post geschlossen wurde. In diesem Zusammenhang sollte das Haus Luisenstra- ße 4 zu Abbruchzwecken an die Post verkauft werden, damit man ausreichend Parkplätze schaffen könne. Ein Bauantrag hierzu wurde bei der Baurechts- behörde Villingen 1963 eingereicht. Die Eigentümer der Luisenstraße 4 waren indes nicht gewillt, ihr Haus zu verkaufen, sodass eine 34 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Undatiertes Luftbild, im Norden links das heute noch existierende Haus Luisen- straße 4 mit Turm sowie rechts die Preiser Schnapsfabrik nebst vorgelagertem Wohnhaus in der Bahnhofstraße 8. Im obersten Bildabschnitt die Wiese mit den bereits abgebrochenen Häusern Bahnhofstraße 2 und 6 sowie den eben- falls fehlenden Häusern Luisenstraße 2 und 3. Hier baute die Deutsche Post. Das 1968 in Betrieb genommene Gebäude der Post, das 2017 durch den Schwarzwald-Baar-Kreis erworben und schließlich für zehn Millionen Euro kernsaniert wurde. Enteignung angedroht wurde. Dies war aufgrund der hoheitlichen Aufgaben, welche der Neubau einer Postdienststelle mit sich brachte, legitim. Der Ver- kauf wurde dennoch 1965 durchgeführt, allerdings entschloss sich die Deutsche Post, das Gebäude nicht abzubrechen, sondern selbst als Dienstsitz bis ins Jahr 1997 zu nutzen. Neubau des Postgebäudes Die Genehmigungsphase für die neue Postdienst- stelle verzögerte sich aufgrund erheblicher Einwände seitens Villinger Stadträte und führte zwischenzeit- lich bei der Oberpostdirektion Freiburg zu Überle- gungen, den Standort aufzugeben. Die Baugenehmi- gung wurde schließlich dennoch im Jahr 1966 erteilt. Die Inbetriebnahme des Gebäudes war für das Jahr 1968 geplant. Paketverteilzentrum. Im ersten Obergeschoss war das Briefverteilzentrum untergebracht. In den bei- den obersten Etagen befanden sich Einzelbüros für Postbank, Personalrat, Unterrichtsräume, Teeküche, Erfrischungsraum sowie zwei Dienstwohnungen, einerseits für den Amtsvorsteher sowie für den Hauswart. Bis auf die beiden Wohnungen war die Nutzung bis zum Auszug der Post im Sommer 2019 nahezu identisch mit der ursprünglich geplanten und angedachten. Zum Börsengang der Deutschen Post im Novem- ber 2000, verkaufte der Bund als Eigentümer einen Großteil seiner Immobilien zunächst an einen luxem- burgischen Immobilienfonds und mietete die Gebäu- de größtenteils wieder zurück (sale and lease back), später wechselte erneut der Besitzer, hin zu einem kanadischen Immobilienfonds. Anfang 2016 entschieden die Eigentümer, die Im Erdgeschoss befand sich die Schalterhalle mit einem separaten Abteil für Schließfächer sowie das Immobilie am Markt zu platzieren und zu veräu- ßern. Die Deutsche Post war zu diesem Zeitpunkt Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 35

 

 

 

noch Pächter. Nach entsprechender Analyse des Gebäudes hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Postgebäude im Frühjahr 2017 erworben, um dort nach Umbau Teile der Landkreisverwaltung unterzubringen. Zuletzt war lediglich noch die Postbank als Mieterin untergebracht. Stationen einer Kernsanierung inklusive freiem Blick auf den Bahnhofsvorplatz nachdem alle Fassaden entfernt wurden. Auch etliche Schadstoffe mussten ausgebaut werden, bevor es an die Generalsanierung, sprich den „Neubau“ ging. Einstieg in die Detailplanung für das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Die Verwaltung hat bereits im ersten Halbjahr 2018 verschiedene Möglichkeiten erarbeitet, welche Bereiche der Landkreisverwaltung sich für eine Unterbringung im Postgebäude eignen würden. Nach interner Erörterung und Bewertung der möglichen Varianten entschied sich die Kreisverwal- tung für das Jugendamt mit 57 Mitarbeitern, das Amt für Abfallwirtschaft mit 26 Mitarbeitern, die Buß- geldstelle mit 14 Mitarbeiter sowie das Kreisarchiv mit Freihandbibliothek, Rollregaleinheiten und fünf Mitarbeiterarbeitsplätzen. Hinzu kommen noch weitere Arbeitsplätze für Studierende der Dualen Hochschule, Praktikanten und Auszubildende. Die Detailplanung für die Gestaltung und Einrichtung der Arbeitsräume erfolgte unter Einbeziehung der betroffenen Bereiche. Hierzu wurden in umfangreichen Workshops mit den betroffenen Ämtern individuelle Lösungen für die Fachbereiche erarbeitet und in der Möblierungs- planung berücksichtigt. Die dem Bauantrag zugrun- deliegende Entwurfsplanung sah eine Abkehr von der bisherigen horizontalen Fensterbandstruktur mit den liegenden Fensterformaten vor. Stattdessen wurden die neuen Fenster in die Vertikale gedreht, sodass aufgrund der neuen Bodentiefe mehr Licht 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

und Attraktivität gegeben waren. Die ersten Entwür- fe spiegelten den fertigen Zustand bereits relativ gut wieder. Analyse und Ausbau von Schadstoffen Parallel zu den entwurflichen Überlegungen, galt zunächst das Augenmerk den umfangreichen Ana- lysen der Bestandsschadstoffe in Wänden, Böden, Decken und der Außenhaut. Tatsächlich wurden Asbestbestandteile in Teilen der Wandfarbe, der Spachtelmasse im Fliesenkleber und in den blauen Faserzementplatten an der Außenhaut nachgewie- sen. Ebenso waren die bituminösen Abdichtungen der Kelleraußenwand sowie die Dachabdichtungs- bahnen mit PAK (Teerbestandteilen) versetzt. In den Gebäudedehnfugen sowie in den Fensterdichtungen wurden PCB (Weichmacherbestandteile) entdeckt. Die verbauten Dämmmatten in den Akustikdecken, Rohrummantelungen, Wand- sowie Deckendämmun- gen waren aus KMF (künstliche Mineralfasern) und ebenfalls ein Fall für die Schadstoffentsorgung. Im Herbst 2019 waren alle erforderlichen Ge- nehmigungen erteilt und der kontrollierte Rückbau konnte mit behördlicher Begleitung beginnen. Nach- dem alle Schadstoffe behutsam ausgebaut, getrennt, verpackt und entsorgt waren, wurden die Fenster im Frühjahr 2020 ausgebaut. Gleichzeitig war dies der Startschuss für die restlichen Rückbau- und Abbruch- arbeiten von Baumaterialien, welche keiner Konta- minierung unterlagen. Nachdem die Abdichtungs-, Kanal-, und Drainage- arbeiten erledigt waren, wurden sämtliche Funda- mente für die späteren Zubauten wie Rampe, Eingangsüberdachung, Ladesäulen und Flucht- treppenhaus betoniert. Anschließend wurden alle Gebäudeteile wieder mit Erdreich angefüllt, so dass ab April 2020 das Fassadengerüst aufgebaut werden konnte. Nunmehr war es möglich, auch die rest- lichen Abbrucharbeiten an den Dächern und der Außenwand zu erledigen. Parallel wurde die neue vertikale Fensterstruk- tur sowie die Fenster eingebaut. Ebenso wurde die Wärme dämmung und die Außenhaut aus Faserzement tafeln an der Nord- und Südseite sowie die Dämmung an den beiden Giebeln angebracht. Zum Jahresende 2020 war das Gebäude winterfest und für den Innenausbau vorbereitet. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. Ab dem Jahr 2021 wurde im Innenraum die Haus technik eingebracht. Sämtliche Daten- und Elektroleitungen sind so verlegt, dass jederzeit und pro blemlos nachträgliche Änderungen und Anpas- sungen möglichen sind. Recycelte Fischnetze als Teppichboden – „graue Energie“ exakt betrachtet Um eine transparente Planung und Mitsprache zwi- schen Bauherrn und Architekt zu realisieren, wurde ein Bauausschuss gegründet, der sich aus dem Landrat sowie Kreisrätinnen- und Kreisräten zusam- mensetzte. Hier wurde in zwei Sitzungen detailliert über verschiedene ökologische Komponenten wie Heizungssysteme und Materialien beraten. Schluss- endlich entschied man sich beim Energieträger aus insgesamt sieben möglichen Varianten für eine Lö- sung mit dem geringsten CO2-Ausstoß. Die Wahl fiel auf eine Pelletanlage. Die räumlichen Strukturen im Untergeschoss erlaubten eine Doppel-Pelletbunker- anlage mit einem Fassungsvermögen in Höhe des jährlichen Verbrauches von ca. 28 Tonnen. Somit ist beim Heizmaterialeinkauf eine gewisse Flexibilität gegeben. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. So wurde beispiels- weise der Teppichbodenbelag aus recycelten Fischer- netzen hergestellt. Gleichzeitig wurde großen Wert auf die Betrach- tung von „grauer Energie“, von Materialien gelegt. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 37

 

 

 

Auf dem Dach wurde auf einer Fläche von 316 Quadratmetern eine Photovoltaikanlage mit 170 Modulen zu je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Sie liefert bis zu 67.000 Kilowatt- stunden Strom im Jahr. Ein erheblicher Teil der Dachfläche und des Grundstückes wurden begrünt, insgesamt rund 650 Quadratmeter. Hierbei wird der Ener- gieverbrauch, bei der Herstellung, Lagerung, Transport, Verarbei- tung und Entsorgung von Produkten ent- steht, bewertet. Je mehr „graue Energie“ in einem Baustoff steckt, desto negativer fällt die Ökobilanz aus. Zweifelsohne ist der Baus- toff Beton, mit welchem die komplette Tragstruktur und Hülle des Gebäudes errichtet wurde, ein großer Verursacher von hohen CO2-Ausstößen. Unter der Annahme, dass ein solches Gebäude einem Rückbau zugeführt werden müsste, wäre die Ökobilanz noch- mals schlechter zu bewerten. Nicht jedoch, wenn die komplette Baumasse er- halten und wiederverwendet werden kann. So liegt beispielsweise der Primärenergieinhalt der Außen- wand bei 314 kWh/m² wobei lediglich ein Drittel an neuen Materialien hinzugefügt werden musste. Photovoltaikanlage deckt 26 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs Nachdem das Dach abgedichtet war, wurde ab Früh- jahr 2022 eine Photovoltaikanlage auf einer Fläche von 316 Quadratmetern mit 170 Modulen mit je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Die Anlage erreicht eine Gesamtleistung ca. 64,60 kW/h (kWp Spitze) und einer somit theoretisch errechneten Leistung von 67.000 kWh pro Jahr. Bei einem prognostizierten Eigenverbrauch von 52.000 kWh pro Jahr beträgt die Netz einspeisung ca. 15.000 kWh pro Jahr und der Eigenverbrauchsanteil der PV-Anlage beträgt damit ca. 78 Prozent. Der Gesamtstromverbrauch wird auf rund 200.000 KWh pro Jahr geschätzt. Der Deckungs- anteil der Photovoltaikanlage am Gesamt-Eigen- strombedarf beträgt somit 26 Prozent. Der Innenausbau sowie sämtliche Einrichtungen sind gemäß den erarbeiteten Ergebnissen in den Workshops mit den jeweiligen Nutzern im Sommer umgesetzt worden. Die Außenanlagen wurden im Herbst 2021 begonnen und im Sommer 2022 pünkt- lich abgeschlossen. Von dem 2.200 Quadratmeter großen Gesamtgrundstück konnte ein beträchtlicher 38 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die offen gestalteten sogenannten Openspace-Bereiche können auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. Sie dienen zugleich als Arbeits- und Rückzugsort (oben). Unten: Blick in einen der großzügigen Verwaltungsbereiche. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 39

 

 

 

Teil von ca. 650 Quadratmetern auf der Fläche und auf Dächern begrünt werden. Die prognostizierten Baukosten in Höhe von zehn Mio. Euro konnten eingehalten werden, der Einzug alle Ämter erfolgte in Etappen von Juni 2022 bis August 2022. Neben einem modernen Verwal- tungsgebäude für bis zu 120 Mitarbeiter ist zusätz- lich das Kreis archiv mit dazugehöriger Administra- tion entstanden. Als Nebeneffekt erfährt das Quar- tier rund um den Villinger Bahnhof eine erhebliche städte bauliche Aufwertung. Das Kreisarchiv besitzt Regalanlagen mit einer Kapazität von 3.600 laufenden Metern (lfm) sowie eine Freihand- bibliothek mit 380 lfm. Daneben gibt es einen Lese- und Rechercheraum und neue Planschränke mit 60 Schubladen der Größe A0 sowie 60 lfm Regal fläche für das Fotoarchiv und zwei Mikrofilm schränke für zusammen 1.450 Filmrollen. Kubatur und Nutzung – Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Bruttogrundrissfläche ca. 3.840 Quadratmeter Bruttorauminhalt ca. 14.350 Kubikmeter Nutzfläche Gebäude ca. 3.200 Quadratmeter davon beheizte Nutzfläche ca. 2.990 Quadratmeter Aktuell werden 102 Mitarbeiter im Jugend amt, im Amt für Abfallwirtschaft, in der Bußgeldstelle und im Kreisarchiv beschäftigt. Im Endausbau sind 120 Mitarbeiterplätze möglich. Jedes Amt ist mit separater IT-Infrastruktur, Sozialräumen und Teeküchen ausgestattet. Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend gemeinsam genutzt. 40 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Oben: Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend genutzt. Unten: Einladend und freundlich – die Teeküche der Bußgeldbehörde. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 41

 

 

 

KLINIKSCHULE DER LUISENKLINIK Für eine gute Zukunft der jungen Patienten von Wilfried Strohmeier 42 42

 

 

 

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Sie ist keine Schule wie jede andere, doch für Schüler mit einer länger dauernden Krankheit ein tröstendes Stück Normalität. Sie schreiben Arbeiten, haben einen Stundenplan, es gibt eine Schul leitung und etwa 25 Lehrer: Die Klinikschule der Luisen klinik ist ein Teil der Krankenhausschule des Schwarzwald-Baar-Kreises. In der Schule werden Unterrichtsangebote sämtlicher Schularten (Hauptschule, Realschule, allgemeinbildende und berufsbildende Gymnasien), sowohl in Einzel- als auch Kleingruppenunterricht in allen relevanten Fächern vorgehalten. Offiziell ist sie geführt unter der Bezeichnung „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für Schülerinnen und Schüler in längerem Krankenhausaufenthalt“ (SBBZ). Mit gut 1.300 Schüler innen und Schülern zählt die Klinikschule zu den größten Klinikschulen Deutschlands. Es ist ruhig und leise, wenn man das liebevoll sanierte Haus mit dem modernen Anbau auf dem Gelände der Luisenklinik in Bad Dürr- heim betritt. Auf der einen Seite befindet sich das ehemalige, denkmalgeschützte Ärztehaus des Kindersolbads (später Haus Hohenbaden), auf der anderen Seite ein moderner Flachdachbau. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichts- räumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurch- flutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapfwaldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. Dass das Gebäude in Bad Dürrheim so eingerichtet werden konnte, ist der Weitsicht von Rolf Wahl und der Einsatz von dessen Sohn Sven Wahl im Zusammenspiel mit dem Schwarzwald-Baar- Kreis, der als Schulträger fungiert, zu verdanken. Es gibt noch eine Außenstelle in der Rehaklinik Katharinen höhe in Schönwald, dort ist man direkt im Klinikgebäude untergebracht. Eine weitere Nieder- lassung gibt es im Standort der Luisenklinik in Radolfzell. Insgesamt eine außergewöhnliche Konstellation. Die Schüler, so der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg, haben ganz unterschied liche Geschichten und Bedürfnisse. In der Katharinenhöhe sind die Kin- der und Jugendlichen mit einer lebensbedrohenden Krankheit konfrontiert, während die Schüler der Lui- senklinik am Leben zweifeln und auch zu verzweifeln drohen. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichtsräumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurchflutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapf- waldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. 40-jähriges Bestehen der Schule Die Klinikschule als Einrichtung blickt zum Schuljah- resbeginn 2023/24 auf ein 40-jähriges Bestehen zurück, der Grundstein wurde aber schon ein paar Jahre früher gelegt. Ab dem Jahr 1980 baute man eine Klinikschule an den Kliniken in Villingen- Schwenningen auf, zum Schuljahresbeginn 1983/84 gründete man ganz offiziell die Schule für kranke Kinder und Jugendliche in der Trägerschaft des Schwarzwald-Baar-Kreises. Gertrud Humpf war die erste Schulleiterin, die Schülerzahl lag damals bei 44 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

etwas über zehn, der Schwerpunkt war zunächst in der Kinderklinik in Villingen angesiedelt. 1987 kam die Katharinenhöhe als Außenstelle hinzu und 1993 die Luisenklinik, die Gesamtschüler- zahl wuchs auf rund 50 Kinder und Jugendliche. Die Eröffnung der Abteilung Kinder- und Jugendpsychia- trie der Luisenklinik im Jahr 2001 brachte einen Sprung auf rund 110 Schüler. Der damalige Ärztliche Direktor und Geschäftsführer Rolf Wahl erkannte, wie wichtig eine Beschulung der jungen Patienten in der Luisenklinik ist. „Es war ein weitblickender Schritt“, zeigt sich der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg überzeugt. Im Jahr 2005 wechselte das Rek- torat von Villingen an die Luisenklinik, zunächst in die Hammerbühlstraße 19. Sven Wahl entschloss sich im Dezember 2013 das jetzige Gebäude zu kaufen, zu sanieren und der Klinikschule zur Verfügung zu stel- len, der Einzug war dann bereits im März 2015. 2007 ernannte man Martin Feldweg zum Schul- leiter, seine Stellvertreterin wurde 2009 Frauke- Maria Weinberg-Schirmer, sie trat zum Anfang des Schul- jahres 2022/23 die Nachfolge von Martin Feldweg als kommissarische Schulleiterin an. 2013 kam der dritte Standort Radolfzell zur Klinikschule hinzu. Einer der großen räumlichen Meilensteine war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisenklinik. Das Gebäude war ehemals das Ärz- tehaus des benachbarten Haus Hohenbaden. Dieses, wie auch das so genannte Pförtnerhaus, kaufte die Familie Wahl aus dem Areal Haus Hohenbaden und Die Luisenklinik ist eine private und inhabergeführte Fach- klinik für psychische und psychosomatische Erkrankun- gen. Gründer und Leiter der Klinik war Prof. Dr. Rolf Wahl. Bis heute ist die Klinik im Besitz der Familie Wahl. Auf dem Foto von links: Pablo Wahl, Sven Wahl und der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. Unten: Ein Meilenstein war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisen klinik. Das Gebäude fungierte ehemals als Ärztehaus des benachbarten Haus Hohen baden. Klinikschule der Luisenklinik 45

 

 

 

Der Werkraum der Klinikschule – hier werden handwerkliche Fähigkeiten gefördert. sanierte es, zudem errichtete Sven Wahl noch einen modernen Anbau an das Klinikschulgebäude, so dass acht Unterrichtsräume auf 450 Quadratmeter für den Unterricht nutzbar sind, zusätzlich stehen ein Technikraum und eine Küche zur Verfügung. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neben Zwangs- störungen, Angststörungen, Autismus und Depressio- nen sind die beiden vorherrschenden Krankheitsbilder bei den Mädchen Essstörungen, bei den Jungen ADHS. Die beiden letztgenannten Räume leisten für den Im praktischen Ablauf bekommt die Schule aus Aufbau des Lehrer-Schüler-Vertrauensverhältnisses einen wichtigen Beitrag. In ihnen werden handwerkli- che Fähigkeiten in Projekten gefördert. Sei es das ge- meinsame Kochen oder das Arbeiten an einem tech- nischen Werkstück. Vor allem für diese können die Jungen begeistert werden und auch Nähmaschinen stehen zur Verfügung. „Das Konzept mit dem fach- praktischen Unterricht hat sich bewährt“, weiß Martin Feldweg zu berichten. Denn die Lehrer müssen schnell Zugang zu jedem einzelnen Schüler finden und das ist über solche Projektarbeiten gut möglich. Mehr als reine Wissensvermittlung Der Stundenplan ist hochflexibel. In kleinen Lerngrup- pen werden Schüler aller Klassenstufen und Schular- ten unterrichtet. Die Anzahl der Stunden wird in Absprache mit den ärztlichen Betreuern festgelegt, mit Blick auf den Therapieplan der jungen Patienten der Klinik eine Schulanmeldung eines neuen Schülers, es wird dann zunächst ein Stundenplan erstellt, der Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten ist man in ständigem Kontakt und es gibt regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. 46 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Eine Lerngruppe in einem der Klassenzimmer, an der Türe der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. jedoch nach einer Woche evaluiert und in der Regel angepasst wird. Es gibt dabei viele Faktoren, die be- rücksichtigt werden müssen. Dazu gehört beispiels- weise wie sich das Krankheitsbild und der Unterricht in wechselseitiger Beziehung auswirken oder wie lan- ge sich ein Schüler konzentrieren kann. Es geht dabei mehr als um die reine Wissensvermittlung. Manchmal ist ein Unterricht nur für eine Stunde am Tag möglich, beschreibt Martin Feldweg die Praxis. Bei den Mädchen, die an Magersucht (Anorexie) leiden ist es meist so, dass sie extrem gute Schüle- rinnen seien, perfektionistisch mit Lernzwang. Hier hatte Corona verheerende Auswirkungen, erzählt Martin Feldweg. Denn die Mädchen bekamen nicht mehr die Rückmeldung über ihren Leistungsstand und lernten dadurch immer mehr, um immer besser zu werden. Sie vernachlässigten jedoch sich selbst. Jungen mit ADHS bekommen in der Klinik – auch mit dem Unterricht – einen geregelten Tagesablauf. Bei ihnen sei ein konzentriertes Arbeiten oftmals nur wenige Minuten am Stück möglich. Insgesamt seien die Kinder überfordert. Der Unterricht beginnt norma- lerweise täglich um 8 Uhr. Ziel ist es dabei auch, kei- nen Bruch in der Schullaufbahn durch den Aufenthalt in der Klinik zu erzeugen, führt Martin Feldweg aus. Beratung ist ein enorm wichtiger Baustein In Bad Dürrheim sind die Schüler in Lerngruppen eingeteilt, man versucht diese so homogen wie möglich zu gestalten bezüglich Wissenstand und Alter der Schüler. In jeder Gruppe sind maximal vier Schüler, betreut von einem Lehrer. Die Klinikschule ist auch immer mit den Heimatschulen in Verbindung, von dort kommen auch die Infos zu Unterrichtsinhal- ten und anstehenden Klassenarbeiten. Die können dann in der Klinik von dem jeweiligen Schüler mitgeschrieben werden, die Entscheidung darüber fällt jedoch der zuständige Lehrer der Klinikschule. Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten sei man in ständigem Kontakt und es gebe regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. Martin Feldweg ist überzeugt: Nur so kann sich ein Erfolg während eines Aufenthalts einstellen. Denn die Lehrer erleben die Kinder und Ju- gendlichen meist länger als der Therapeut und entwi- ckeln auch ein gutes Gespür für die jungen Patienten. Insgesamt ist der Bereich der Beratung von Schü- lern, Eltern und den Kolleginnen und Kollegen an den Heimatschulen ein wesentlicher und enorm wichtiger Baustein der Arbeit an der Klinikschule. Psychische Klinikschule der Luisenklinik 47

 

 

 

Die Bad Dürrheimer Luisenklinik, auf deren Gelände sich die Klinikschule im Schwarzwald-Baar-Kreis befindet. Störungsbilder wirken sich immer auf das Leben und Lernen der Kinder und Jugendlichen in den Schu- len aus, werden jedoch häufig nicht als Ursache für schulischen Misserfolg erkannt. Andererseits können schulische Überforderung oder belastende Kontakte zu Mitschülern Ursache von psychischen Störungen sein. Nicht immer ist es jedoch einfach, Schüler und deren Eltern davon zu überzeugen, dass ein Wechsel auf eine andere Schulart sich positiv auf den Gesun- dungsprozess auswirken würde. Während es bei den Schülern der Luisenklinik meist mehr Aufwand ist, sie für die Teilnahme am Unterricht zu motivieren, ist dies bei der Katharinen- höhe gänzlich anders – und das hat mit dem Krank- heitsbild zu tun. In der Rehaeinrichtung haben die Jugendlichen eine schwierige, auch lebensbedrohli- che Leidenszeit hinter sich. Sie wollen mit Mut in ihr zukünftiges und manchmal auch neu gewonnenes Leben gehen. In der Regel haben sie alle ihre Schul- sachen dabei und freuen sich auf den Unterricht, beschreibt Martin Feldweg. Dort kann der Unterricht auch besser geplant werden, da es von Beginn an relativ klar sei, wie lange der Reha aufenthalt eines Patienten dauere, in der Regel dreieinhalb Wochen – im Gegensatz zur Luisenklinik. Die Klinikschule bietet die Möglichkeit, Schulab- schlüsse für alle Schularten innerhalb des stationären Klinikaufenthaltes abzulegen. Patienten, für die eine Eingliederung in öffentliche Schulen wichtig ist, kön- nen von der Klinik aus externe Schulen besuchen. Erfolgreiche Symbiose Auch wenn der Hauptsitz mit dem Rektorat in den Räumen der Luisenklinik untergebracht ist, gibt es keine Reibungsverluste zwischen Klinik, Klinikschule und dem Schulträger. Ausgestattet wird die Schule bezüglich der Lernmaterialien durch den Schwarz- wald-Baar-Kreis. Dass ein Technikraum wie auch eine Küche eingerichtet wurde, war aber beispielsweise kein Muss, sondern eine freiwillige Leistung der Klinikleitung der Luisenklinik. Und natürlich ist der Austausch mit den Verantwortlichen der Klinik, egal ob in der Geschäftsleitung oder beim medizinischen Personal, äußerst wichtig, um eine erfolgreiche Symbiose im Sinne der mittlerweile über 180 jungen Patienten zu erzielen – das weiß Martin Feldweg aus vielen Jahren Erfahrung. Und er zeigt sich froh und dankbar, dass Klinik- schule, Schwarzwald- Baar-Kreis und Leitung der Luisenklinik zu jedem Problem bis jetzt eine Lösung fanden, zum Wohle der immerhin rund 1.300 Schü- lern, die jährlich an den drei Standorten unterrichtet werden. 48 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

DIE KLINIKSCHULE DER AWO-REHAKLINIK KATHARINENHÖHE Die Klinikschule der Katharinen­ höhe ist eine Außenstelle des Sonderpädagogischen Bildungs­ und Beratungszentrums (SBBZ) Bad Dürrheim für Schüler und Schüler innen in längerer Kranken­ hausbehandlung. Träger der Schule ist der Schwarzwald­ Baar­ Kreis. Die Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland und der Schweiz werden während ihres Aufenthaltes in Einzel­ oder Klein­ gruppen unterrichtet. Das ermög­ licht eine intensive, ganz auf die einzelnen Kinder ausgerichtete schulische Betreuung, die in enger Kooperation mit den jeweiligen Heimatschulen stattfindet. Diese Aufgabe übernehmen Lehrer und Lehrerinnen aller Schulformen in einem inklusiven Setting für alle Schulzweige. Um für Patienten­ und Ge­ schwisterkinder eine lückenlose Weiterführung der Schule zu ge­ währleisten, wird bereits vor dem Reha­Aufent halt mit den Schülerin­ nen und Schülern, den Eltern und der Heimat schule Kontakt aufge­ nommen. So können für die Pla­ nung wichtige Vorinformationen eingeholt werden und individuelle Lehrpläne erstellen werden. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene finden an der Kathari­ nenhöhe neben dem Unterricht ein breites Beratungsangebot rund um die Themen Nachteils ausgleich, Schullaufbahn, Planung des schu­ lischen Wiedereinstieges und zum Thema Berufswahl/Ausbildung vor. Für Patienten und Patientinnen mit Hirntumor wird bei Bedarf ein Gedächtnistraining angeboten, welches zum Ziel hat, durch die Erkrankung erworbene Einschrän­ kungen in Konzentrations­ und Gedächtnisleistung abzufedern. 49

 

 

 

IM GESPRÄCH MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH ICH BIN ZUVERSICHTLICH, DASS WETTBEWERB DER ZUKUNFTS- 50

 

 

 

SICH UNSER LANDKREIS IM REGIONEN BEHAUPTEN KANN Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 unter- hielten sich die Redakteure Klaus Peter Karger und Wilfried Dold mit Landrat Sven Hinterseh über die Entstehung des Landkreises im Jahr 1973 und seine Perspektiven. Herr Hinterseh, die Bildung des Schwarzwald-Baar- Kreises vor 50 Jahren ist im Kontext der Kreisreform vom 1. Januar 1973 zu sehen. Auf Initiative der Großen Koalition aus CDU und SPD im Landtag von Baden- Württemberg wurden 63 Land- und Stadtkreise zu 35 vereint. Was waren die Beweggründe, was hat es gebracht? Landrat Hinterseh: Es gingen schwierige Debatten voraus, wie stets bei großen Reformen. Baden, Würt- temberg und Hohenzollern waren am 25. April 1952 zu Baden-Württemberg vereint worden. Zwei Jahr- zehnte später galt es, die Strukturen zu optimieren 51

 

 

 

und zukunftsfähig auszugestalten. Das ist schwierig, was sind effiziente Größen? Wie groß darf es sein? Der damalige Oberbürgermeister von Villingen- Schwenningen hatte sich gar für den Großkreis „Schwarzwald-Baar-Heuberg“ ausgesprochen, gebil- det aus den heutigen Landkreisen Rottweil, Tuttlin- gen und Schwarzwald-Baar-Kreis. Das wäre ein sehr großes Gebilde geworden. Vieles wurde übrigens auch schon vor der Reform umgesetzt. So die Fusion von Villingen und Schwen- ningen zur Doppelstadt zum 1. Januar 1972. Mein Fazit zur Kreisreform ist: Die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass eine Struktur entstanden ist, in der man gut arbeiten kann. Und es ist auch eine kul- turelle Identität gewachsen. Natürlich immer mit der Besonderheit Baden und Württemberg. Die Geburt unseres Kreises ging ja nicht reibungslos vonstatten, es gab einen Bedeutungsverlust für Donau- eschingen. Sind die Wunden von damals geheilt? Es wurde stets Wert daraufgelegt, dass man der Großen Kreisstadt Donaueschingen gerecht wird. Im dortigen Landratsamt arbeitet eine große Ver- waltungseinheit mit über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine kluge Politik war vor diesem Hintergrund, ein dezentrales berufliches Schulsystem aufzubauen. So konnte der junge Landkreis sowohl den Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen als auch Furtwangen, St. Georgen und Bad Dürrheim – und damit in der Fläche allen Städten und Gemein- den – gerecht werden. Völlig gewichen ist die Rivalität allerdings nicht. Das zeigte sich beispielsweise, als es um den Standort des Kreisarchivs ging… Ich bin Sportler – und Wettkampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruch- tend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Und natürlich gibt es zwischen den Städten und Gemeinden durch- aus das eine oder andere Thema, bei dem Konkur- renz aufkommt. Ich bin Sportler – und Wett- kampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruchtend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Die Landkreise und Landratsämter fungieren als Binde- glied zwischen den Regierungspräsidien auf der einen und den Städten und Gemeinden auf der anderen Seite. Was bedeutet das in der alltäglichen Praxis? Lassen Sie mich grundsätzlich festhalten: Das Land- ratsamt hat eine Doppelfunktion. Zum einen ist es untere staatliche Verwaltungsbehörde, zum ande- ren eine Kommunalbehörde und ergänzt somit die Tätigkeit der Städte und Gemeinden. Landratsämter übernehmen Aufgaben, die zwischen Kommunen anfallen oder für die eine einzelne Gemeinde zu klein ist. Als untere staatliche Verwaltungsbehörde ist das Landratsamt vor allem damit beschäftigt, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwenden und die Rechtsaufsicht über die Ge- meinden auszuüben. Ich sehe uns einerseits als starke Kommunalbe- hörde, die in den vergangenen Jahrzehnten ein hoch- modernes Schwarzwald-Baar Klinikum hervorbrach- te, über ein hervorragend entwickeltes Sozialamt verfügt und die einen starken öffentlichen Personen- nahverkehr aufbauen konnte – um drei Beispiele zu nennen. Wir haben andererseits wichtige staatliche Aufgaben zu erfüllen – bis hin zur Genehmigung von Windkraftanlagen oder die Themenbereiche rund um das Gesundheitsamt und die Gewerbeaufsicht. Es sind viele Räder, die im Landratsamt ineinander- greifen. Ich empfinde die Aufgabenvielfalt im Land- ratsamt als äußerst reizvoll – wir dürfen entwickeln und gestalten! 52 2. Kapitel – 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Sie haben als Landrat zwei Vorgänger: Dr. Rainer Gutknecht, der bis 1996 und somit 23 Jahre lang als erster Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises fungier- te. Es folgte Karl Heim bis 2012 – dann beginnt Ihre Ära. Was waren bei Amtsantritt von Dr. Gutknecht die drängendsten Aufgaben, die es anzupacken galt? Zunächst ging es darum zu integrieren, alle mit- zunehmen. Vor allem in der Residenzstadt Donau- eschingen saß der Schmerz über den Verlust der Eigenständigkeit tief, das ist ja bereits an anderer Stelle angeklungen. Es galt ein berufliches Schul- system und Sonderschulsystem und wichtige Beratungs leistungen aufzubauen. Der Schwarzwald- Baar-Kreis war einer der ersten Landkreise, der sich der Erziehungsberatung widmete, der jungen Famili- en zur Seite stand, Eheberatung und Jugendberatung anbieten konnte. Rainer Gutknecht kam aus dem Bergischen Land zu uns, brachte wichtige und neue Ideen mit. Das hat dem Landkreis gut getan, gerade auch auf dem Feld der Abfallwirtschaft, das am Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren begründet wurde. Bis dahin waren allein die Kommunen für diesen Aufgaben- bereich zuständig. Um bei der Vielgestaltigkeit der kreispolitischen Auf- gaben zu bleiben: Im Jahr 2023 feiert die Landesbe- rufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe ihr 60-jähriges Bestehen. Das ist eine Schule mit Internat, für die der Landkreis – neben etlichen weiteren beruf- lichen Schulen – zuständig ist. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Bereich? In der Tat gilt die Landesberufsschule als gutes Beispiel dafür, was Kreis- und Kommunalpolitik bewegen können. Wir holten diese Schule von der Insel Reichenau in den Schwarzwald-Baar-Kreis, da sie dort nicht adäquat untergebracht war und sich so nicht weiterentwickeln konnte. Die Hotellerie und Gastronomie spielt nicht nur bei uns eine wichtige Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 53

 

 

 

Rolle. Das Schöne ist, dass die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Ausbildung im Schwarzwald-Baar- Kreis international tätig sind. Es kann einem passie- ren, dass man irgendwo auf der Welt unterwegs ist und in einem Hotel oder einer Gaststätte auf Absol- venten der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe trifft. Es gibt in der Trägerschaft des Landkreises 14 Schulen. Den Schwerpunkt bilden berufliche Schulen jedweder Art plus die ehemaligen Sonderschulen. Bei letzteren handelt es sich um sonderpädagogi- sche Bildungs- und Beratungszentren, die körperlich und geistig behinderte Schülerinnen und Schüler unter richten. Hinzu kommen Besonderheiten wie die Landwirtschaftsschule oder die Klinikschulen. Insoweit bedienen wir ein breites Spektrum. Sorgen bereiten allerdings die rückläufigen Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar- Kreis, heißt, viele junge Leute gehen auf die Hoch- schulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungs- weg abgeschnitten. Wenn die Schülerzahlen rückläufig sind – sehen Sie da einen Handlungsbedarf? Schüler zahlen, die von 11.000 auf knapp 9.000 ge- sunken sind, aber das ist ein allgemeiner Trend. Allerdings: Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis, heißt, 54 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

viele junge Leute gehen auf die Hochschulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungsweg abge- schnitten. Da gibt’s keine einfachen Antworten. Wir werden in der Region intensiver zusammen- arbeiten müssen und es werden Schularten von einigen Schulen verschwinden, die es vielleicht in Tuttlingen oder in Rottweil gibt. Und anderes wird nach Villingen-Schwenningen, Donaueschingen oder Furtwangen kommen. Mein Ehrgeiz ist es, dass wir diese Dezentralität halten können, weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir beispielsweise auch im Bregtal, wo wir eine starke Industrie vorfinden, den Indu strie- unternehmen und den Bürgerinnen und Bürgern ein Angebot machen können. Aber das wird nicht in jedem Segment möglich sein, da wird es Konsolidie- rungsbedarf geben. Ein großes Projekt in der Amtszeit von Landrat Gutknecht war der Neubau des Landratsamtes, ein- geweiht 1991. Wie sieht es heute mit der räumlichen Situation aus? Rainer Gutknecht kam aus einer modernen Verwal- tung und war dann im Kaiserring untergebracht, in alten dicken Mauern, wo moderne Verwaltung nicht möglich ist. Zeitgleich kam der Wunsch nach Bürgernähe und Transparenz auf. Man wollte weg von der ‚preußischen Obrigkeitsverwaltung‘ hin zu einer Verwaltung, die auf Augenhöhe kommuniziert. Architektur macht auch etwas mit den Menschen, die in diesen Gebäuden arbeiten. Das darf man nicht geringschätzen. Unser Landrats amt auf dem Hopt- bühl ist der beste Beweis dafür: Obwohl das 1991 eingeweihte Gebäude mittlerweile über 30 Jahre alt ist, wirkt es nach wie vor modern und besitzt eine tolle Ausstrahlung – angelehnt an die Schwarzwald- architektur mit viel Glas und Holz. 1. Januar 2005 wurden viele Sonderbehörden aus der unteren staatlichen Verwaltungsebene ins Landrats- amt eingegliedert. Viele staatliche Aufgaben sind an die Landratsämter übertragen worden, das führt auch heute noch zu zusätzlichem Raumbedarf. Den- ken Sie an das alte historische Villinger Krankenhaus, wo wir mit dem Gesundheitsamt in der Herdstraße untergebracht sind und das wir vor einigen Jahren saniert haben. Zuletzt kauften wir das Postgebäude in der Bahnhofstraße, da ist kein Stein auf dem an- deren geblieben (siehe S. 30). Wie bereitet sich der Landkreis auf die Herausforderun- gen unserer neuen Arbeitswelt vor? Stichwort Digitalisie- rung, Teilzeitbeschäftigung und Homeoffice. Wir beobachten auch bei jungen Leuten ohne Kinder verstärkt den Wunsch, lediglich 70 oder 80 Prozent zu arbeiten. Als moderner Arbeitgeber muss man das ermöglichen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man schwarz oder weiß sagen kann. Man muss sich da weiterentwickeln. Das haben wir in den letzten Jahren getan. Wir versuchen in den neuen Gebäuden „atmende Systeme“ zu ermöglichen. Damit wir, auch wenn wir Stellenzuwächse haben, nicht zwingend mehr Flächen schaffen müssen. Homeoffice, mobiles Arbeiten und Teilzeitbe- schäftigung, das sind die Schlagworte dieser neuen Arbeitswelt. Ich bin richtig neugierig: Im Kreisju- gendamt versuchen wir das alles. Da haben wir tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich auf diesen Prozess einlassen. Wir haben sie nicht einfach in die- se neue Welt des Arbeitens hineingeschickt, sondern sie haben sich in einem mehrjährigen Prozess auf diesen Weg gemacht, z.B. Akten digitalisiert und ins- gesamt konsequent auf Digitalisierung gesetzt. Und dennoch ist das Landratsamt zu klein. Der Land- kreis hat das ehemalige Villinger Postamt erworben und saniert, um die räumlichen Möglichkeiten zu erweitern… Natürlich sind die Anforderungen an das Landrats- amt aus seiner Bauzeit nicht mit denen zu verglei- chen, die sich uns 2023 stellen. Da gab es Verwal- tungsreformen kleinerer und größerer Art. Zum Wie groß ist der Bedarf an Homeoffice? Corona war natürlich ein Treiber. Wir hatten zeitwei- se über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice und werden einiges auch nicht zurück- schrauben. Aber wir merken ebenso, dass die Kolle- ginnen und Kollegen auch gerne ins Büro kommen, um interagieren zu können. Ich blicke diesbezüglich gespannt in die Zukunft, was unsere neue Welt des Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 55

 

 

 

Die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg sind geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Arbeitens noch an Veränderungen hervorbringt. Verschließen dürfen wir uns diesen Entwicklungen keinesfalls. Ein weiteres großes Thema ist und bleibt der Nahver- kehr. In der Amtszeit Ihres Vorgängers Karl Heim wurde der Ringzug aufs Gleis gesetzt. Im August 2003 ist er das erste Mal gefahren und eine Erfolgsgeschichte ge- worden… Absolut. Der Bundesgesetzgeber entschloss sich in den 1990er-Jahren zur Regionalisierung, heißt: Die Bundesländer bekamen Geld vom Bund, um den Nahverkehr in die Fläche zu entwickeln, unser Landkreis profitierte davon. Jetzt stehen wir vor dem Sprung in die neue Zeit, in der wir alle Strecken elek- trifizieren wollen. So auch die Strecke zwischen Vil- lingen-Schwenningen und Rottweil, damit wir letzt- lich besser an die Landeshauptstadt angeschlossen sind. Was wir nach Freiburg mit der Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn geschafft haben, wollen wir auch in Richtung Stuttgart erreichen. Es gibt Überlegungen, den Ringzug nach St. Georgen auszubauen. Wie konkret sind sie? Sehr konkret, die Strecke ist dank der Schwarzwald- bahn bereits elektrifiziert. Es geht zuallererst um den Bau neuer Haltepunkte. Das ist unsere Aufgabe und so sind auch die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Ebenfalls in die Amtszeit von Karl Heim fällt die Neuordnung der Krankenhauslandschaft, die 2013 zur Eröffnung des Schwarzwald-Baar Klinikums führte. Wie bewerten Sie diesen Klinikneubau heute? Das war zweifelsfrei unser bislang größtes Projekt. Wir hatten im Schwarzwald-Baar-Kreis zuletzt noch sechs Krankenhausstandorte, die auf zwei reduziert wurden. Es ging darum, ein sehr leistungsfähiges Klinikum zu verwirklichen, das auf universitärem Niveau arbeitet. Sie müssen sehen: Wir haben 56 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

zwischen Freiburg und Tübingen dieses große Schwarzwald-Baar Klinikum mit zwei Standorten geschaffen, nämlich dem Neubau in Villingen- Schwenningen und dem sanierten Bestandsbau in Donaueschingen. Deswegen können wir Medizin auf technisch höchstem Niveau bieten. Wir haben über 300 Mio. Euro investiert und bilden ein sehr gutes medizinisches Portfolio ab. Da würde ich mal sagen: Alles richtig gemacht! Aber man hört auch Klagen. Zu groß, zu unpersönlich… Ich will diese Kritik keinesfalls kleinreden, doch Sie müssen sehen: Wir verfügen in Deutschland über eines der international besten medizinischen Syste – me. Ich glaube schon, dass die Medizin vor 20 oder Das im Jahr 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum. 30 Jahren individueller war. Doch keinesfalls, dass sie besser gewesen ist. Ich glaube, dass die Pflege mehr Zeit hatte pro Patient. Diese menschliche Komponente ist wichtig, daran müssen wir weiter intensiv arbeiten. Aber wir haben na tür lich in der Medizin eine enorme Technisierung erlebt, die man schätzen sollte. Wenn Sie eine Krebserkrankung oder andere gesundheitliche Herausforderungen zu bewältigen haben, dann brauchen Sie dringend eine technisierte Hochgerätemedizin wie sie das Schwarzwald-Baar Klinikum bietet. Das kostet sehr viel Geld, wir müssen somit schau- en: Wie können wir mit einem solchen Haus, mit dem Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 57

 

 

 

Ob Bildung und Ausbildung wie sie u.a. die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe bietet oder der Ringzug, der einen hervorragend getakteten Nahverkehr ermöglicht: Für Landrat Sven Hinterseh geht es darum, im Schwarzwald-Baar-Kreis vor Ort Strukturen zu schaffen, die zukunftsfest sind. niemand Gewinne einfahren will, zumindest eine schwarze Null schreiben? All die Einheiten, die im Land und in der Republik über mehrere Jahre rote Zahlen schreiben, verschwinden irgendwann. Sie sehen ja selbst, was hier in der Raumschaft passiert ist. Man hat damals mit Nachbarlandkreisen gesprochen, die betonten, dass der Standort X oder Y erhalten bleiben müsse. Diese Standorte gibt es heute alle nicht mehr, das Faktische setzt sich irgendwann einfach durch. Deswegen bin ich dankbar, dass das Klinikum realisiert werden konnte. So sehe ich auch meine Aufgabe, dass wir schauen müssen, dass wir hier vor Ort Strukturen schaffen, die zukunftsfest sind. Es war genau die richtige Entscheidung, nicht nur zu jammern und zu klagen, sondern sich zu fragen: Was können wir tun, damit wir eine gute medizinische Versorgung haben? Und natürlich ist kein System so gut, dass es nicht verbessert werden kann. An den Dingen, die noch nicht so gut sind, arbeiten wir je- den Tag, damit wir besser werden. Meter „einfach so“ unter der Erde! Wir haben für dieses Projekt Förderzusagen von über 100 Mio. Euro bekommen, noch ist nicht ganz alles verbaut, aber sehr, sehr viel erreicht. Wir wollen nicht, dass der Ländliche Raum ab- gehängt wird. Dort aber stellt sich die Problematik: hoher Invest, wenig Nutzer – wie kriegt man das hin? Deswegen bin ich als Vorsitzender des Zweckverban- des Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar dankbar, dass das Land Baden-Württemberg als eines der ers- ten Länder in Deutschland ein Förderprogramm auf- gelegt, immer wieder modifiziert und verbessert hat. Seit einigen Jahren unterstützt uns auch der Bund mit Millionenbeträgen. Ich bin durchaus stolz darauf, was wir erreicht haben: Die Zahl der Anschlüsse ist hoch, was die Bedeutung dieser Initiative unterstreicht. Schauen wir uns ebenso die Entwicklung im Sozial- bereich an, dort scheint die Ausgabensteuerung beson- ders problematisch? Ein weiteres großes Thema ist der Glasfaserausbau, die Aufgabe, das Highspeed-Internet im möglichst gesam- ten Landkreis verfügbar zu machen. Wie beurteilen Sie den aktuellen Projektstand? Das Schwierige beim Thema Glasfaserausbau ist: Sie sehen nichts, die Kabel verschwinden Meter um Wir leben in einem Sozialstaat. Ich bin dankbar, dass die Bundesrepublik als sozialer Bundesstaat gegrün- det wurde. Insbesondere der Bundesgesetzgeber hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Sozialleistun- gen geschaffen, die es vor Ort umzusetzen gilt. Da sind wir als Sozialamt im Schwarzwald-Baar-Kreis die zuständige Stelle. Das ist eine sehr wichtige Aufga- 58 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Die Landräte Sven Hinterseh, seit 1. Juni 2012 im Amt, Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996, verst. 2018) und Karl Heim (1996 – 2012), fotografiert beim Landratsamt aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2013. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. be, die in der Tat auch haushalterisch sehr wirksam ist. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. Das ist schon erheblich. Tendenz steigend? Tendenz steigend, weil immer wieder neue Aufga- ben vom Bundesgesetzgeber identifiziert werden. Weil die Entwicklung so ist, dass natürlich – jetzt haben wir gerade eine hohe Inflation – in der Regel die Summen dynamisiert und angepasst werden. Die Ausgabenzuwächse bereiten mir aber schon erheb- liche Sorgen! Wir haben in unserer Region fast Voll beschäftigung. Man mag gar nicht daran denken, wie sich die Ausgaben entwickeln würden, wenn wir in eine echte Arbeitsmarktkrise, wie wir es damals bei dem Zusammenbruch der Uhren- und Phono- industrie hatten, geraten würden. Ist das Sozialamt auch von seiner personellen Ausstat- tung her das größte Amt? Wie viele Mitarbeiter sind dort beschäftigt? Weit über hundert und damit ist das Sozialamt das größte Amt. Wenn Sie allein an das Bundes teilhabe- gesetz und die Eingliederungshilfe denken, bei der wir uns um gehandikapte Personen kümmern und jeden einzelnen Fall gesondert betrachten, dann erklärt sich der personelle Aufwand. Das kann man Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 59

 

 

 

kritisieren, aber ich glaube schon, dass es eine große Errungenschaft der Bundesrepublik ist, dass wir uns nicht rein der Freien Marktwirtschaft, sondern der Sozialen Marktwirtschaft verschreiben. Es gilt den Schwächeren beizustehen. 2022 sind Sie zehn Jahre im Amt – wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft? Ich wurde im März 2012 gewählt, 2020 für weitere acht Jahre im Amt bestätigt. Ich lege all meine Kraft und meine Fähigkeiten in dieses Amt und das gilt auch für die kommenden Jahre. Jetzt habe ich noch ein Mandat für sechs Jahre. Dieses Mandat will ich bestmöglich mit meiner ganzen Kraft, mit meinem Ideenreich- tum und mit meiner Kompetenz ausfüllen. Wir sind alle gut beraten, die wir in Wahlämtern sind, dass wir demütig sind und dass man nicht plant, was passiert. Man muss sich wieder neu bewerben und neu um Mehrheiten ringen. Deswegen mache ich eins nach dem anderen. Was wird an neuen Ideen und Aufgaben auf den Schwarzwald-Baar-Kreis und das Landratsamt zukom- men? Was sind die Großprojekte der Zukunft? Der öffentliche Personennahverkehr bleibt nach wie vor eine zentrale Aufgabe. Wir stehen jetzt mitten in den Verhandlungen mit den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil und dem Land Baden-Württemberg. Wir wollen einen schlagkräftigen Verbund mit einem sehr attraktiven Tarifsortiment in der Region Schwarzwald- Baar-Heuberg schaffen. Wir wollen noch mehr Verantwortung im Schienenpersonen- nahverkehr übernehmen. Ich hatte Ihnen vorher gesagt, dass wir Ideen haben, wie wir den Ringzug weiterentwickeln können. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen ist nur ein kleiner Baustein. Es geht darum, dass wir in der Region dieses System weiter ausbauen. Wir müssen Sorge tragen, dass unsere Infrastruktur, Straße und Schiene, so ausge- baut wird, dass wir auch in zehn, 20 oder 30 Jahren wettbewerbsfähig sind. Für mich ist Robert Gerwig ein tolles Beispiel: Er hat vor rund 150 Jahren die Schwarzwaldbahn gebaut. Wir profitieren als Raumschaft jeden Tag davon, dass wir diese Schwarzwaldbahn haben. Vor über 50 Jahren wurde die Autobahn Stuttgart- Singen gebaut, von der wir jeden Tag profitieren. Ich will mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn wir die Schwarzwaldbahn und die Autobahn 81 nicht hätten. Das zeigt Das Landratsamt auf dem Hoptbühl in VS-Villingen. 60 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Wir müssen sicherstellen, dass sich unsere Infrastruktur in einem guten Zustand befindet und – wo nötig – auch ausgebaut wird. Alle Themen- bereiche rund um die Bildung gehören für mich hier dazu. Bei unseren Jüngsten dürfen wir nicht sparen. Kein Kind darf uns verloren gehen! Und wir müssen konsequent den Weg hin zu einer möglichst dezen- tralen Energieerzeugung und -versorgung beschrei- ten. Und bei all dem müssen wir auch Sorge tragen, dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht weiter verloren geht. Es gilt Spaltungen zu vermei- den und das Miteinander zu fördern. Wenn wir dies alles erreichen, dann bin ich zuversichtlich, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis Zukunftsregion „Nummer 1“ wird. Wir die vor uns liegenden Herausforderungen nicht nur meistern, sondern, dass wir enger zusammenstehen, uns miteinander solidarisieren und dann insgesamt gestärkt sind. Herr Hinterseh, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. wie wichtig Infrastrukturprojekte für eine Raum- schaft sind und deswegen will ich mit meiner ganzen Kraft und mit der Unterstützung von Bund, Land und vieler Abgeordneten und mit Institutionen daran ar- beiten, dass wir diese Infrastruktur weiter ausbauen und im Wettbewerb mit anderen Regionen in Zukunft bestehen können. In welchen finanziellen Dimensionen bewegen wir uns hier? Wenn Sie den Glasfaserausbau und das Projekt Ringzug 2.0, wie wir es nennen, in der gesamten Region nehmen, dann reden wir von einer Investi- tion von jeweils rund 250 Mio. Euro. Das sind für uns schon ganz gewaltige Summen. Wo sehen Sie den Schwarzwald-Baar-Kreis in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? Unser Landkreis steht natürlich im Wettbewerb mit anderen Kreisen und Regionen – und genau diesen Wettbewerb gilt es zu bestehen, das treibt mich tagtäglich an. Ganz allgemein ist der Erhalt der Daseinsvorsorge die zentrale Herausforderung. Der demografische Wandel wird sich in den ländlicheren Regionen stärker auswirken als in den Ballungs- räumen, das gilt übertragen auch für uns in unserem Landkreis. 61

 

 

 

SCHWARZWALD BAAR MOMENTAUFNAHMEN AUS EINEM QUELLENLAND von Wilfried Dold Die Triberger Wasserfälle – der weltweit bekannteste Hotspot des Schwarzwald- Baar-Kreises. Beim Kreisernte- dankfest 2022 in Bräunlingen. 82 72 Schanzengespräch: Olympiasieger Hans- Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh. 64 76 88 Der neue Donauursprung. Der Auerhahn (Foto: Erich Marek). ist mit dem Schwarzwald untrennbar verbunden. Doch er kämpft um sein Überleben: Die letzte Population im Schwarzwald-Baar-Kreis findet sich auf dem Rohrhardsberg. 62

 

 

 

Rohrhardsberg Elz Schonach Schiltachquelle Schiltach N Triberg Blindensee Gutach Elzquelle Schönwald Gutachquelle Bregquelle Brend Stöcklewald St. Georgen Niedereschach Königsfeld Brigachquelle Schwarzwaldbahn Mönchweiler Brigach Unterkirnach Dauchingen VILLINGEN-SCHWENNINGEN Neckar Gütenbach Vöhrenbach Breg Furtwangen Linach Wilde Gutach Neckarquelle Schwenninger Moos Tuningen Bad Dürrheim A864 Himmelberg A81 Blatthalde Brigachtal Breg Brigach DONAUESCHINGEN Bräunlingen Schellenberg Brändbach Riedseen Donau Hüfingen Gauchach Höllentalbahn Fürstenberg länge Eichberg Wutach Blumberg Buchberg Hoher Randen Dicht bewaldeter Schwarzwald, Triberger Wasserfälle und Kuckucksuhr treffen auf die weite Baar: Brigach und Breg, die in der Fürstenstadt Donaueschingen mit der Donau den zweitgrößten Fluss des Abendlandes hervorbringen. Gemeinsam bilden die topografisch grundverschiedenen Landschaften mit ihrer Mitte Villingen-Schwenningen seit 1973 den über 1.000 Quadrat kilometer großen Schwarzwald-Baar-Kreis. Sein 50-jähriges Bestehen im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhardsberg und am Triberger Wasserfall oder für einen Dialog mit Olympiasieger Hans-Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze in Schonach. Für Gespräche und Impressionen beim Bräunlinger Kreis erntedankfest 2022 und Begegnungen am Donau beginn, einem Ort von europäischer Dimension. Damit werden stellvertretend für viele Aufgabenfelder zentrale kreispolitische Themen in den Fokus gerückt: Umwelt und Natur, Breitbandverkabelung, Tourismus, vereintes Europa sowie Schwarzwald und Baar als Heimat. Und Heimat braucht es in unserer krisen geschüttelten Zeit mehr denn je. 63

 

 

 

UNTERWEGS MIT RANGER NIKOLAS BINDER ROHRHARDSBERG – AUF DEM DACH DES QUELLENLANDES 64 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Der Rohrhardsberg gehört als beliebtes Wanderziel zu den bedeuten- den Naturschutzgebieten in Baden-Württemberg, dort findet sich eine der letzten Auerhahn-Popula tionen des Schwarzwaldes. Ranger Nikolas Binder (links) und Landrat Sven Hinterseh (rechts) engagieren sich im Zusammenspiel mit Naturschutz, ForstBW und Natur freunden dafür, dass der Auerhahn bei uns nicht ausstirbt! Bei einer Stippvisite am Rohrhards- berg wurde deutlich, wie kostbar dieses Naturschutzgebiet ist, in dem sich auf 1.153 Metern zugeich der höchste Punkt des Landkreises befindet. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 65

 

 

 

Oben: Wildblühende Arnikawiesen gibt es in Baden-Württemberg nur an wenigen Orten, der Rohrhardsberg ist einer davon. Unten im Tal ist der Schänzlehof zu sehen. Wie kostbar die Natur am Rohrhardsberg ist, dokumentiert eines der letzten Auerhahn vorkommen im Schwarzwald und das letzte im Schwarzwald-Baar-Kreis (Foto: Erich Marek). Auch das Knaben kraut hat in den Hoch- und Übergangsmooren seinen Lebensraum. 66 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Wenn auf dem Rohrhardsberg der Frühling einzieht und die Blumenwiesen blühen, geht er andernorts im Landkreis bereits in den Sommer über. Mächtige Felswände, Schonwald und naturnahe Bachläufe Naturschutz ist im Landkreis ein großes Thema. Mit über 530 Quadratkilometern sind mehr als die Hälfte des Schwarzwald- Baar-Kreises als Natura-2000-Gebiet geschützt. Als Leuchtturmprojekt gilt das Naturschutzgroßprojekt Baar. Auch im Großraum Rohrhardsberg – zwischen Elz und Wildgutach – liegen mehrere Schutzgebiete: Rohrhardsberg-Obere Elz, Yacher Zinken und Kostgefäll, Blindensee, Elzhof, Prechtaler Schanze-Ecklesberg und Laubeck-Rensberg. Hier wechseln sich großflächige Tannen- Fichten-Wälder ab mit artenreichen Weid- feldern, Bergwiesen und Hochmooren. Nikolas Binder ist als Ranger beim Regie- rungspräsidium Freiburg, Referat 56 Natur- schutz und Landschaftspflege angestellt und seit Januar 2022 für die Naturschutzgebiete am Rohrhardsberg, Blindensee und Kandel zuständig. Grund genug für eine Stippvisite des Landrates, dem der Naturschutz ein besonderes Anliegen ist – zumal am Rohr- hardsberg. Die Aufgabe als Ranger begeistert Nikolas Binder rundum, wie sich schon auf den ersten Metern einer morgend lichen Wanderung mit Landrat Sven Hinterseh zeigt. Er versteht sich als Vermittler zwischen der Natur und den Menschen. Die Besucher sollen verstehen lernen, weshalb sie am Rohrhardsberg oder Blindensee die ausge- schilderten Wege nicht verlassen dürfen, erläutert er eine seiner Hauptauf gaben. Er bewältigt sie überaus freundlich und kompe- tent: Der 26-jährige Ranger vermag zu fast jeder Pflanze und jedem Tier interessante Details zu berichten. Die Vögel erkennt er bereits an ihrem Gesang. Seit Januar 2022 ist Nikolas Binder ein „Schwarzwald-Baaremer“ mit Wohnsitz Schönwald. Von dort aus kann er die Natur- schutzgebiete rund um den Rohrhardsberg mit dem Fahrrad und teils sogar zu Fuß erreichen. Aufgewachsen ist er in Breunings- weiler, einem Stadtteil von Winnenden bei Stuttgart. Auf das Abitur folgte eine Lehre zum Forstwirt. Dann ließ er sich in Südafrika zum Field and Trailsguide ausbilden, um anschließend in Freiburg Waldwirtschaft und Umwelt zu studieren. Noch während des Studiums hat er im Nordschwarzwald Momentaufnahmen aus einem Quellenland 67

 

 

 

Der Rohrhardsberg ist ein Winterland – schneereich und kalt. Auf dem Übersichtsbild oben sind rechts der Ochsenhof, darüber der Erlenhof und weiter oben der Schänzlehof zu sehen. Unten: Im Schneegestöber mit Blick zum Schänzlehof. 68 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Das Gasthaus zur Schweden- schanze, das „Schänzle“, bietet Winterwanderern eine willkommene Einkehrmöglich- keit. als Trecking-Guide gearbeitet, kennt seinen heutigen Arbeitsplatz in über 1.000 Metern Höhe somit schon länger. Unterwegs zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises Es geht an diesem 22. Juli durch schattige Schonwaldgebiete hinauf zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der sich auf 1.153 Meter Höhe befindet. Nikolas Binder schildert, was dieses Naturschutz- gebiet so besonders macht: Auerhahn, wild blühende Arnikawiesen, seltene Orchi- deen – Schonwaldgebiete. An der Seite des Rangers geht es durch eine subalpine Landschaft. Selbst Pflanzen mit ansonsten alpiner Verbreitung wie Alpen-Milchlattich und Alpen-Dost oder eher im alpinen Raum anzutreffende Vogelarten wie Raufußkauz und Ringdrossel sind hier daheim. Und nur am Rohrhardsberg und auf dem Brend wächst in Baden-Württemberg das gelb oder rot blühende Holunder- Knabenkraut. Auf nährstoffreicheren Böden wären diese Orchideen anderen Gewächsen hoffnungslos unterlegen, sie würden über- wuchert. Um Arnikawiesen oder das besagte Knabenkraut zu erhalten, braucht es eine naturnahe, extensive Landwirtschaft. Und geschützte Lebensräume wie Borstgras rasen, Hoch- und Übergangsmoore, Moorwäl- der, Auenwälder mit Erle, Esche, Weide, Hainsimsen- Buchenwald sowie Schlucht- und Hangmischwälder. Sie alle kommen im Rohrhardsberggebiet vor. Der Weg führt begleitet vom intensiven Austausch über Naturschutzbelange am Rohrhardsberg stetig bergauf – schließ- lich ist der höchste Punkt erreicht: Der 1.153 Meter hohe „Gipfel“ liegt inmitten eines Fichtenmeers das keinerlei Aus blicke zulässt. Hier verläuft zugleich die Grenze zwischen den Landkreisen Emmendingen und Schwarzwald- Baar. Mit 1.153 Meter überragt der Rohrhards berg den wenige Kilometer entfernt liegenden 1.149 Meter hohen Brend bei Furtwangen um gerade einmal vier Meter. Eines aber haben die beiden höchsten Erhebungen im Quellenland gemeinsam: Momentaufnahmen aus einem Quellenland 69

 

 

 

„Lücken für Küken“ heißt eines der Schutz- programme, mit denen am Rohr- hardsberg dank der Hilfe von Frei- willigen das Über- leben der dortigen Auerhahn-Popu- lation gesichert werden soll. Foto: Erich Marek Nir gends sonst im Landkreis ist der Winter strenger. Vorausgesetzt, dass er in Zeiten des Klimawandels auch einer ist. Es zieht die beiden Wanderer ans Licht. Dorthin, wo die Morgensonne die Augen förmlich blendet. Am 50 Meter tiefer lie- genden Waldrand bietet sich ein imposan- ter Blick über den Mittleren Schwarzwald hinweg: Links im Tal liegt der Schänzlehof, der höchstgelegene Bauernhof im Land- kreis, rechts die „Schweden schanze“. Eine urige Vesperstube, die unter Denkmalschutz steht. Der Blick streift über das Wäldermeer bei Schonach, Schönwald und Furtwangen. Etliche dieser Wälder sind wie der Rohrhards- berg als Schonwaldgebiete ausgewiesen und sich somit teils selbst überlassen. Schutz der Auerhahn-Population genießt Priorität Der Blick über die Landschaft macht deutlich, welch immens großes Gebiet der Ranger zu betreuen hat. Landrat Sven Hinterseh fragt nach, was hier alles zu leisten ist. Nikolas Binder nennt neben Naturschutz und Landschaftspflege die Mitwirkung bei der Besucherlenkung, naturparkspezifische Bildungs- und Informationsarbeit, aber auch die Unterstützung von naturschutz relevanten Forschungsaktivitäten. Vor allem aber schützt der Ranger bestmöglich die Brutgebiete des vom Aussterben bedrohten Auerhahns vor unliebsamen Besuchern. Der Rohrhardsberg war deshalb im Frühjahr 2022 ein Schwer- punkt seiner Tätigkeit: Auerhühner reagieren in der Paarungszeit äußerst empfindlich auf Störungen. So galt es, zur Balz- und Brutzeit das Auerhahngebiet in Zusammenarbeit mit Forst BW groß flächig zu überwachen. Das Auerhuhn hat im Rohrhardsberg- gebiet (noch) eine kleine Population. Sie stellt eine wichtige Verbindung zwischen den Vorkommen im Nordschwarzwald (Natio- nalpark) und dem Feldberggebiet dar. Auer- hähne benötigen vor allem lichte Wälder mit ausreichenden Heidelbeer-Beständen. Ini- tiativen wie „Lücken für Küken“ im Rahmen 70 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Blick zum Erlenhof. Typisch für den Rohrhardsberg sind die Halden aus mächtigen Granitfelsen des Biodiversitätsprogramms des Landes sind eine wichtige Hilfe. Naturfreunde schaf- fen diese „Lücken für Küken“ ehrenamtlich. „Viele setzen sich am Rohrhardsberg für den Naturschutz ein“, freut sich Nikolas Binder. Corona verstärkt den Zustrom Nikolas Binder verdankt seine Stelle aber auch den Corona-Zeiten, die am Blindensee den Zulauf noch verstärkt haben. Der tinten- schwarze Hochmoorsee an der Gemar- kungsgrenze von Schonach/Schönwald ist ein touristischer Hotspot. Schon kurz nach Sonnenaufgang sind hier die ersten Wanderer unterwegs. Und ebenso spätabends. Um die Tier- und Pflanzenwelt dort und am Rohr- hardsberg vor den Folgen dieses intensiven Zulaufs bestmöglichst zu schützen, macht Nikolas Binder u.a. im Rahmen von geführ- ten Wanderungen mit den Besonderheiten der Natur vertraut. „Was man kennt, das schützt man auch“, lautet seine Devise. Der Rohrhardsberg ist bei der Besucher lenkung der weitaus ruhigere Flecken, den der Ran- ger zu betreuen hat. Der Grund ist simpel: Mit dem Auto kommt man nicht bis zum Gipfel. Auch verhalten sich die Besucher die- ses Naturschutzgebietes anders als die des Blindensees, sie sind mit den Belangen des Naturschutzes besser vertraut. Und während am Blindensee nahezu ständig „Hochbe- trieb“ herrscht, gibt es am abseits liegenden Rohrhardsberg auch „stille Momente“. Die Erfahrungen von Nikolas Binder sollen unmittelbar in die Arbeit der Natur- schutzbehörde des Landkreises ihren Ein- gang finden. Landrat Hinterseh lädt ihn ab- schließend zu einem Fachaustausch mit dem Naturschutz ins Landratsamt ein. Sein Fazit ist rundum positiv: 50 Jahre Schwarzwald- Baar-Kreis bedeuten auch 50 Jahre intensive Hinwendung zum Schutz und Erhalt seiner einzigartigen Natur. Eine enge Verzahnung aller Bemühungen auf diesem Weg sind unabdingbar – Stippvisiten wie diese tragen dazu bei, auf diesem Weg wieder ein gutes Stück voranzukommen. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 71

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – AUF STIPPVISITE BEI HANS-PETER POHL WIE BREITBAND-TECHNOLOGIE EINEN OLYMPIASIEGER WELTWEIT LIVE AN DIE SPRUNGSCHANZEN BRINGT „Als Sportler bin ich über ein Jahrzehnt lang um die Welt geflogen. Daheim aber ist für mich Schonach, der Schwarzwald und Schwarzwald-Baar.“ Diese Worte stammen von Hans-Peter Pohl, Mannschafts-Olympia- sieger in der Nordischen Kombination des Jahres 1988. Seine Schilderungen zu seiner Sportlerkarriere im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh im Juli 2022 komplettiert diese Ausführungen zum „Daheim-Sein“ um eine weitere Komponente: „Daheim“ war der Nordische Kombinierer auch auf den Loipen und Sprungschanzen dieser Welt. Und Hans-Peter Pohl ist es weiterhin – wenn auch oft digital, wie er auf den Stufen des Sprungturms der Schonacher Langen- waldschanze sitzend erzählt: Seit Jahren kommentiert der Olympiasieger als Experte bei Live-Übertragungen von Eurosport die Wettkämpfe in der Nordischen Kombina- tion. Doch er sitzt dabei mittlerweile nicht immer vor Ort in einem Pressezentrum mit Blick zur Sprungschanze oder Loipe, sondern ab und an auch daheim im Dachgeschoss seines Eigenheimes in einem Mini-Studio. Modernste Breitbandtechnik macht es mög- lich, dass Hans-Peter Pohl von Schonach aus ohne Zeitverzögerung zum Fernsehbild das Geschehen kommentieren kann. Nicht nur in Corona-Zeiten eine enorme Erleichterung. Landrat Sven Hinterseh merkt an, dass dank der Breitbandverkabelung durch den Zweckverband Breitbandversorgung die- se besondere Form des „Homeoffice“ in Schonach erst möglich geworden sei. Der Landkreis investiert in diese Technologie ins- gesamt über 200 Mio. Euro. Hans-Peter Pohl ist mit ganzem Herzen Schonacher, sein Haus hat er mit Aussicht auf die Sprungschanze gebaut. Keine Frage, dass eine Stippvisite bei ihm an der Langen- waldschanze stattfinden muss. Als der 39 Meter hohe Sprungturm über unzählige Treppenstufen hinweg bestiegen ist, gilt mit luftiger Aussicht auf Schonach die erste Fra- ge dem Skispringen: Nein, Hans-Peter Pohl würde heute nicht mehr über die Langen- waldschanze springen, antwortet er Sven Hinterseh. Und auch was die Olympiaschan- zen in Peking anbelangt, hat er eine klare Mei- nung: Noch gigantischere Sprungschanzen, das muss einfach nicht sein. Diese Entwick- lung sei der immer größeren Kommerziali- sierung des Sports zuzuschreiben. Als „noch brutaler“ bewertet er die zu erwartende Gender-Quote: Diese besagt, dass ab 2030 in der Nordischen Kombination auch Frauen am Start sein müssen. Ansons- ten droht ihr, dass sie als reiner Männersport aus dem Olympia-Programm gestrichen wird. Ein Wettkampf, der seit 1924 bei den Olym- pischen Spielen vertreten ist und dem der Schwarzwald und das Skidorf Schonach ihr weltweites Renommee als Wintersport region maßgeblich mitverdanken! Erster Sieg im Alter von sieben Jahren Mit sechs Jahren trainiert Hans-Peter für die Nordische Kombination, als Siebenjähriger feiert er 1972 strahlend seinen ersten Sieg im Skispringen. 1977 belegt der Schonacher den zweiten Platz bei der Deutschen Schüler- meisterschaft, wird 1979 Deutscher Meister Zur Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh (rechts) an der Schonacher Langen wald- schanze hat Hans-Peter Pohl (links) seine Goldmedaille von den Olympischen Spielen 1988 im kanadischen Calgary mitge- bracht. 72 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hans-Peter Pohl 1988 mit der olympischen Gold- medaille für den Sieg in der Mann- schaftswertung. Rechts der Sprung zum Gewinn der Weltmeisterschaft in Oberstdorf 1987. Fotos: Sammy Minkoff in der Altersklasse bis 14 Jahre. Dieser Titel markiert endgültig den Beginn einer groß- artigen Sportlerkarriere: Hans-Peter Pohl erkämpft sich in der Folge zwölf Deutsche Meistertitel, davon viermal bei den Senioren. Zweimal holte er sich den Alpincup-Gesamt- sieg in der Nordischen Kombination sowie im Spezialspringen. Der Weltmeistertitel im Jahr 1987 in der Mannschaft mit Hermann Weinbuch und Thomas Müller in Oberstdorf und 1988 der Olympiasieg in Calgary in der Mannschaft mit Thomas Müller und Hubert Schwarz ge- raten zu den Höhepunkten seiner Karriere. 1991 erzielt der Schonacher Platz fünf bei der WM in der Einzelwertung und 1993 Platz drei mit der Staffel. Über zwölf Jahre hinweg ist Hans-Peter Pohl ein Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft. Wie schnell der sportliche Ruhm selbst in den eigenen Reihen verblassen kann, erfährt der Nordische Kombinierer am Karriere ende: Im November 1993 kündigt er seinem Team die letzte Saison als Profi an. Wie Hans-Peter Pohl heute weiß, war diese Fairness ein Fehler. Augenblicklich wird der frühere Welt- meister und Olympia sieger sowie Staffel- WM-Dritte des Jahres 1993 aufs Abstellgleis geschoben. Als die Nordischen Kombinierer ausgerechnet beim Schwarzwaldpokal 1994 in Schonach neue Sprunganzüge erhalten, wird Hans- Peter Pohl übergangen. Sein Trainer teilt ihm kurz darauf telefonisch mit, gleich welche Leistung er auch bringe, für die Olympischen Spielen 1994 im norwegi- schen Lillehammer werde er nicht nominiert. Auf die Sportkarriere folgt der Erfolg als Fernsehkommentator So fährt Hans-Peter Pohl auf eigene Rech- nung zu Olympia, was sich als Glücksfall erweist. Er trifft bei der Schanzenanlage zufällig auf Dirk Thiele, Kommentator beim Fernsehsender Eurosport. Dieser bietet dem Schonacher spontan an, mit ihm zusammen das olympische Spezialspringen zu kommen- tieren. Eine Hürde allerdings gilt es noch zu nehmen: Da er bei Olympia nicht als Journa- list akkreditiert ist, schleicht sich Hans-Peter Pohl frühmorgens in den Kampfrichterturm, fällt dort nicht weiter auf. So kann er nach- mittags sein Debüt als TV-Experte geben. Eine Karriere beginnt, die bis heute andauert. Anfangs fliegt er dazu an jedem Wettkampfwochenende in die Eurosport- Zentrale nach Paris, um von dort aus zu kommentieren. Als die große Zeit von Martin 74 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hoch über Schonach – beim Gespräch über Leistungssport, die Nordische Kombi nation und die Liebe zur Heimat auf der Langen- waldschanze: Landrat Sven Hinterseh (links) und Hans-Peter Pohl (rechts). Schmitt und Sven Hannawald anbricht und Skispringen über Nacht ein Millionenpubli- kum begeistert, nimmt neben ARD und ZDF auch Eurosport die Berichterstattung vor Ort auf. Hans-Peter Pohl reist jetzt als Fernseh- kommentator an jene Orte, die er in den Jah- ren zuvor als Sportler besucht hatte. Für den 29-Jährigen heißt es am Karriere- ende zudem, ins Berufsleben einzusteigen. Als Sportler mit Amateurstatus durfte er nicht einmal einen Sponsorenvertrag un- terzeichnen, eine Rücklage aufzubauen, war somit nicht möglich. Immerhin: Für die Olympische Goldmedaille gab es eine Prämie von 15.000 Mark. Die angestrebte Trainerkarriere erweist sich für Hans-Peter Pohl nach bestandener Prüfung im Jahr 1995 als der falsche Weg, er will den Skisport hinter sich lassen. Da kommt das Angebot der Schonacher Allianz- vertretung, ins Versicherungswesen einzu- steigen im richtigen Augenblick. „Das war das Perfekteste was mir passieren konnte“, so der frühere Profisportler. Denn eines hat sich mittlerweile gezeigt: Olympiaruhm der bleibt – überall wird der sympathische Scho- nacher mit offenen Armen empfangen. Noch heute gibt es Autogrammanfragen. Und Landrat Sven Hinterseh freut sich: „Ein Olym- piasieg, das ist doch irre!“ So bekommt der frischgebackene Ver- sicherungsmann selten Absagen auf Ge- sprächsanfragen. Auch wenn die Kunden sich fragen: Kann der das? „Ich musste mich in diesem Umfeld erst beweisen“, erinnert sich der Sportler, was ihm jedoch glückt. Beim Abstieg vom Sprungturm verrät Hans-Peter Pohl, dass er mit seiner Frau Anja und den Söhnen Dominik und Patrick in wenigen Stunden nach Kanada fliege, wo Tochter Jacqueline die Liebe fürs Leben gefunden habe. Auch deshalb ist die Breit- band-Internetverbindung für die Pohls noch bedeutender geworden. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 75

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – WO IM LANDKREIS DER TOURISMUS BEGANN WELTBEKANNTE WASSERFÄLLE: DAS GOLD VON TRIBERG Wenn der Landrat aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises auf Stippvisite im Landkreis unterwegs ist, gehören die Triberger Wasserfälle als „der“ touristische Hotspot einfach dazu. Sven Hinterseh wird am Eingang zum Wasserfall- gebiet von dem Mann erwartet, der hier für die Ordnung und Sicherheit die Verantwor- tung trägt: Bauhofleiter Hubert Kienzler. An diesem sonnigen Dienstag im Sommer 2022 verrät schon die Warteschlange am Kassen- häuschen, dass in Triberg neben Europa zumindest auch Asien, Indien und Amerika vertreten sind. Landrat Sven Hinterseh zeigt sich überzeugt, dass der Touris mus weit über Triberg hinaus von der Popularität der Was- serfälle profitiert. Bis hin zum über 110 Kilo- meter langen Premium wanderweg Wasser- WeltenSteig, den der Landkreis verwirklicht hat und der in Triberg bei den Wasserfällen beginnt und am Rheinfall in Schaffhausen endet. entlang der Felsen, der zum ersten der sechs Fälle hinaufführt. Am vierten Fall lädt ein Holz- steg dazu ein, mitten über dem Wasserfall zu stehen – sein Tosen ist ganz nah. Die Wasserfälle sind seit über 200 Jahren eine Touristenattraktion „The Triberg Falls“ gehören seit über 200 Jah- ren zu den bekanntesten Tourismus- Hotspots in Baden-Württemberg. Im Jahre 1805 er- schließt der weitsichtig agierende Obervogt Theodor Huber die Wasserfälle über ein Wegenetz für Besucher – das Interesse an diesem Naturspektakel steigt umgehend. Mit Inbetriebnahme der Schwarzwaldbahn setzt ab 1873 ein wahrer Tourismus-Boom ein, die Eisenbahn ermöglicht jedermann das Reisen. Auch gut betuchte Kurgäste entdecken jetzt Triberg, das schon bald in einem Atemzug mit dem nahen Titisee und dem Kurort Baden-Baden genannt wird. Immerhin gehören die Triberger Wasser- Auch die First Lady von Amerika weilt in fälle mit ihrer Fallhöhe von 163 Metern zu den höchsten in Deutschland. Und sind einsamer Spitzenreiter im Schwarzwald: Am nächsten kommen ihnen die 97 Meter hohen Todtnauer Wasserfälle. Sie sind indes mehr als doppelt so hoch wie die Gertelbachfälle mit ihren 70 Metern und mehr als viermal so hoch wie die Zweribach-Wasserfälle und der Todtmoser Wasserfall mit 40 Metern. Und sie sind vor allem eines: „Unglaublich schön“, wie Landrat Sven Hinterseh spontan äußert, als sich nach kurzem Fußweg der imposante Hauptfall vor ihm auftut. Überall stehen Menschen, schießen mit ihren Handys unzählige Erinnerungsfotos. Und begeben sich dann auf den Waldweg den 1890er-Jahren neben vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten in der Wasser- fall-Stadt: Kaiser Wilhelm II., Reichskanzler Otto von Bismarck oder Ernest Hemingway waren Besucher der in sieben Stufen über 163 Meter ins Tal hinunterstürzenden Was- serfälle. Und mit der Kraft ihrer Wasserfälle erzeugen die Triberger ab 1884 ebenso den Strom für eine der ersten elek trischen Straßenbeleuchtungen in ganz Deutschland. Neue Kraft aus der Natur bei den Wasserfällen schöpfen Für Stadtmarketingleiter Nikolaus Arnold steht unumstößlich fest, dass die Wasserfälle Kraft am Wasser- fall schöpfen, die Licht- und Wasserspiele ge- nießen. Die Triber- ger Wasserfälle, Kuckucksuhr und Schwarzwaldbahn ziehen seit dem 19. Jahrhundert Besucher aus aller Welt an. 76 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

das Gold von Triberg sind. „Was fasziniert die Menschen an den Wasserfällen?“, frägt Land- rat Sven Hinterseh in die Runde. Nikolaus Arnold und Hubert Kienzler antworten, dass es das Natur erlebnis sei. Ein Blick in die Ge- schichte zeigt, wie sehr die Natur im Umfeld der Wasserfälle die Menschen seit jeher be- geistert. In den 1920er-Jahren beispielsweise wird die Luft im Wasserfallgebiet auf das Vorhandensein von Luftelektrizität hin unter- sucht. Sie soll Menschen dabei helfen, ihre Depressionen zu besiegen, so ein Arzt. Dass an der besonderen Kraft der Natur im Wasserfallgebiet etwas dran sein muss, beweist die Gegenwart in Form der Asklepios- klinik, die Menschen behandelt, die eine Krebserkrankung bewältigen müssen. Die Patienten besuchen nahezu täglich die Was- serfälle, verbringen viel Zeit dort. Sie schöp- fen neue Energie aus der Begegnung mit diesem besonderen Stück Natur. Nikolaus Arnold hat beobachtet, wie manche Wasserfallbesucher teils Stunden auf der Bank der Besucherplattform verbringen, um die Gischt der Wasserfälle und den Klang des herunterstürzenden Wassers zu genie- ßen. Zu den Wasserfall-Fans gehört der Leiter des Stadtmarketings auch selbst. Er schätzt den Triberger Hotspot ebenso bei Regen, Nebel, Kälte oder in wasser armen Sommer- monaten. „Es ist einfach ein ganz besonderer Ort für mich“, hält der gebürtige Triberger fest. „Die Menschen sollen sich am Wasser- fall und im umliegenden Waldgebiet einfach wohlfühlen“, beschreibt er das Bemühen der Stadt, dieses Landschaftsschutzgebiet so natürlich wie möglich zu halten. Selbst die Moose und Flechten auf den Granitsteinen entlang des Wasserfalles sind besonders und stehen unter Naturschutz. Corona stoppt den Wasserfall- Tourismus über Nacht Vor Corona lockten die Wasserfälle alljähr- lich weit mehr als 500.000 Besucher nach Triberg. Damit ist es mit Ausbruch der Pan- demie im Februar/März 2020 erst einmal vorbei. Nikolaus Arnold schildert, er erinnere sich mit Schrecken an die Oster- und Pfingst- feiertage 2020. Mutterseelenallein war er auf den Straßen in Triberg unterwegs. An Tagen, an denen üblicherweise Menschen aus aller Welt den Boulevard bevölkern und die Sou- venir geschäfte dort besuchen. Der ganzen Stadt sei angesichts dieser Leere bewusst geworden, wie sehr Triberg vom Tourismus profitiert, wie wertvoll die Wasserfälle sind. Dass die Triberger Wasserfälle derart be- rühmt und für die Stadt so bedeutend gewor- den sind, hängt neben der Schönheit der An- lage am Wasserfall auch mit ihrer zentralen Lage zusammen: Die Touristen müssen von der Stadtmitte aus nur wenige hundert Me- ter zu Fuß gehen, bis sie den Haupteingang zum Wasserfallgebiet erreichen. So bleibt die Kaufkraft der Wasserfall-Touristen in Triberg. Nirgends sonst auf der Welt findet sich ein Wasserfall „fast schon“ inmitten einer Stadt. Beim Triberg-Marketing dürfen auch Influencer nicht fehlen Landrat Sven Hinterseh verfolgt mit großem Interesse, wie die Triberger die sozialen Medien zur Belebung ihres Fremdenverkehrs nutzen. Nikolaus Arnold betont, Instagram, Facebook oder YouTube seien kein Allheil- mittel, aber fester Bestandteil im Portfolio des Tourismus-Marketings. Dass mit einfluss- reichen Influencern, die über entsprechend hohe Zahlen an Followern verfügen, heute Werbeverträge geschlossen werden, verstehe sich fast von selbst. Und dennoch, so Arnold, werden nach wie vor Prospekte in großer Zahl auch auf Papier gedruckt, da die Nach- frage diesbezüglich enorm sei. Woher stammen die Gäste? Zu bis zu 70 Prozent aus dem Ausland – 2022 sind es ungewöhnlich viele Spanier, die Triberg besuchen. Einen Einbruch gibt es als Folge von Corona bei den chinesischen Gästen. Einzelne Souvenir geschäfte hatten bereits Personal mit chinesischen Sprachkenntnissen eingestellt, weil das Kaufinteresse der Chine- sen enorm ist, besonders Schwarzwalduhren Rechte Seite: Die Triberger Wasserfälle im Frühjahr 2020, mitten in der ersten Corona- Welle. Ganze zwei Besucher stehen auf der ansonsten meist gut gefüll- ten Plattform am Fuß der Wasser- fälle und nehmen das obligatorische Selfie auf. 78 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 79

 

 

 

Oben: Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit dem Triberger Bauhofleiter Hubert Kienzler Mitte: Der Leiter des Triberger Stadtmarketings Nikolaus Arnold ist nicht nur be- ruflich, sondern auch privat ein Fan der Triberger Wasserfälle. Was es bedeutet, den Besucherfluss am Triberger Wasserfall zu lenken und die üblicherweise jährlich rund 500.000 Besucher mit den entspre- chenden Informationsmaterialien zu versorgen, zeigt Bauhofleiter Hubert Kienzler am Beispiel der Flyer und Eintrittskarten auf: Um die Kassen- häuschen am Wasserfall damit zu versorgen, ist ein einzelner Mitarbei- ter mehrfach im Jahr jeweils einen ganzen Tag lang unterwegs. Und auch die Sicherheit am Wasserfall braucht im Zeitalter der Selfie-Fotografen besondere Auf- merksamkeit. Die Touristen filmen und fotografieren unaufhörlich, suchen nach spektakulären Moti- ven, wie sie Influencer auf sozialen Netzwerken tagtäglich präsentieren. Die Folgen bleiben nicht aus: In jün- gerer Zeit sind diesbezüglich gleich mehrere besorgniserregende Vorfälle dokumentiert. Ein Asiate stürzt im Sommer 2018 bei der Suche nach eindrucksvollen Video bildern fast die Wasserfälle hinunter, weil er die offiziellen Wege verlassen hat. Der Mann kann sich mit letzter Kraft ans Ufer klammern, wie der Bauhofleiter schildert und muss von der Feuerwehr gerettet werden. Die Triberger Wasserfälle sind eben nicht nur schön, sondern auch gefährlich. sind gefragt. Dafür besuchen verstärkt Touristen aus den Arabischen Emiraten das „Triberg land“ – neben Gästen aus dem Elsass, der Schweiz, den Niederlanden sowie Ita- lien – und natürlich aus Deutschland selbst. Pflege der Anlagen beim Wasserfall ist aufwendig Doch dieser Ansturm will erst einmal logistisch bewältigt sein – die Pflege der weit verzweigten Anlage um den Wasserfall ist aufwendig, wie Bauhof-Leiter Hubert Kienzler bei der Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh darlegt. Baumkontrollen im mit Felshalden durchzogenen Waldgebiet nach Gewittern und Starkregen, Schnee- und Eiskontrollen im Winter und tägliche Reini- gungsarbeiten fallen an: Der Wasserfall hält das technische Personal der Stadt auf Trab. Äußerst positive Reaktionen auf die „Triberg-Inklusiv-Karte“ Für die Zukunft des Wasserfall-Tourismus gibt es in Triberg viele Pläne. Nikolaus Arnold betont, das Stadtmarketing werde kontinuierlich optimiert. So hofft er darauf, dass es gelingt, die Aufenthaltsdauer der Gäste auszubauen und die Saison über das Ende der Schulferien hinaus zu verlängern, da Triberg und sein Wasserfall auch im Herbst und Winter viel zu bieten haben. Ein Wandel ist bereits spürbar, so kommen Besucher aus Israel und der Niederlande 80 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

verstärkt im Januar und Februar, verknüpfen ihren Aufenthalt mit Wintersport. Weiter versucht Triberg, mehr Busreisende in die Stadt zu bekommen. Ein Prozess, der Jahre dauern kann. Wer den Wasserfall besucht hat, auf den warten zahlreiche weitere Aktivitäten. Stolz ist Nikolaus Arnold auf die „Triberg-Inklusiv- Karte“: Mit dem Erwerb der Eintrittskarte zu „Deutschlands höchsten Wasserfällen“ ist zugleich der kostenlose Besuch des Schwarzwaldmuseums, des „Triberg-Landes“ mit interaktiven Modellbauanlagen sowie des Instagram-Museums „Triberg-Fantasy“ möglich. Hier können fantasievolle Fotos aufgenommen und augenblicklich um die Welt gepostet werden. Das ungewöhnliche Fotostudio findet großen Anklang, erfreut Besucher aller Altersschichten. „Das gesamte Umland profitiert von den Triberger Wasserfällen“ „Es ist ein großes Aufgabenpaket, das die Stadt Triberg mit dem Wasserfall-Tourismus zu bewältigen hat“, zieht Landrat Sven Hinterseh beim Gang zurück zum Haupt- eingang eine erste Bilanz seiner Stippvisite. Und er fügt hinzu: „Die Wirtschaftskraft der Wasser fälle strahlt weit über Triberg hinaus – das gesamte Umland profitiert.“ Doch keine Stippvisite in Triberg ohne einen abschließenden Blick in die Souvenir- läden. Es ist ein besonderes Erlebnis, in den Geschäften entlang des Boulevards mitzuver- folgen, wie sich Menschen aus aller Welt an Schwarzwalduhren erfreuen. Und sich oft da- zu entschließen, eine dieser Qualitäts uhren als Erinnerung an Triberg und den Schwarz- wald zu erwerben. Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“ – die erste Stufe zum Wer- den des Triberger Wasser falles. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 81

 

 

 

KREISERNTEDANKFEST 2022 IN BRÄUNLINGEN GEFÜHLE UND IDEEN ZU ALL DEM WAS HEIMAT AUSMACHT 82 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Die Landjugend Weiler mit „Radio Heimatliebe“ (oben) und Mönchweiler mit „Scheibe für Scheibe Heimat erleben“ (Mitte). Heimat Wo fühlen Sie sich denn daheim? Die Frage von Landrat Sven Hinterseh gilt der Vorsitzen- den der Landjugendgruppe von Bräunlingen Sabrina Albicker im Anschluss an den Festzug im Rahmen des 61. Kreiserntedankfestes am 2. Oktober 2022. „In meiner Familie – hier in Bräunlingen“, lautet ihre Antwort. Die Frage, wo sich die Landjugend des Jahres 2022 im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim fühlt und was Heimat generell ist, bestimmt als Motto den kompletten Festzug. Und die ideenreich gestalteten Antworten erfreuen nicht nur den Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises: Weit über 10.000 Zuschauer säumen den Straßen- rand, klatschen den Akteuren begeistert Beifall. Ausgerichtet hat das Kreiserntedank- fest 2022 die Landjugendgruppe Bräunli ngen – unter stützt durch Freunde und weite- re Vereine. An der Spitze der Organisatoren stehen Sabrina Albicker und Jonas Glunk, die gemeinsam den zu gleich ältesten Landjugend- verein im Schwarzwald-Baar-Kreis leiten: Ihr Verein wurde am 7. Mai 1950 als erster gegründet – damals gehörte Bräunlingen noch dem Landkreis Donaueschingen an. Die Initiatoren waren Junglandwirte und Lehrer des Landwirtschaftsamtes. Zweck war es, den Junglandwirten durch die Gruppentreffen, die zumeist aus Feldbegehungen, Viehbeurteilun- gen und Vortragsabenden bestehen, weitere Informationen zu ihrem Beruf zu vermitteln. Die Landjugend Mundelfingen präsentiert „Trümpfe unserer Heimat“. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 83

 

 

 

Bei der Ehren- tribüne der Bräun- linger Landjugend. Bürgermeister Micha Bächle (v. rechts vorne) sowie Landrat Sven Hinterseh mit seinen Töch- tern Hannah und Charlotte. Schließlich widmet sich die Landjugend immer häufiger auch der Brauchtumspflege. So entsteht 1962 die Idee zum Kreisernte- dankfest heutiger Prägung. Die Premiere fin- det in Mundelfingen statt, im Oktober 1964 feiert die Landjugend erstmals in Bräunlingen. Variationen zum Thema Heimat Was Heimat sein kann, verdeutlichen die The menbeschreibungen zu den prächtig auf- gemachten Wagen des Kreiserntedankfestes 2022. Die Landjugend Hausen vor Wald prä- sentiert eine mit Feldfrüchten und Blumen verzierte Lupe. Ihr Motto: „Die Wertschät- zung liegt im Detail“. „Die Lupe hilft uns, die liebenswerten Details des Landlebens wieder zu erkennen und wertzuschätzen“, heißt es in der Begründung. „Auf der Suche wird klar – wir lieben unsere Heimat!“, lautet das Fazit. Die Landjugend Weiler präsentiert ihren Rundfunksender „Radio Heimatliebe“, der seine Hörer fragt: Was wertschätzt DU an un- serer Heimat?“ Die Begründung: „Oft verges- sen wir, wie vielseitig unsere Heimat und das Landleben sind. Wir von Radio Heimatliebe wollen deine Meinung hören! Ruf uns an und erzähl uns, was du besonders an unse- rer Heimat schätzt, damit wir uns allen ihrer Schönheit wieder bewusst werden! Denn wir l(i)eben das Landleben!“ Das Motto „Weil jedes Teil zählt!“ ist zugleich das Siegermotto, die Landjugend Brigachtal präsentiert nach Ansicht der Jury den besten Themenwagen. Sie erläutert es wie folgt: „Wie ein Puzzle setzt sich unsere Heimat aus vielen verschiedenen Teilen wie Familie oder Tradition zusammen, Stück für Stück entsteht das Gesamtbild – unser LANDLEBEN. Nur als Ganzes wird es zu dem, was wir LIEBEN.“ An der Erntefolge macht die Landjugend Brigach das Jahr fest: „Unser Jahr in allen Äh- ren“, lautet das Motto. Der Aasener Verein fragt: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ Die Land jugend Dauchingen/Hochemmingen sucht die „vielfältigen Bauklötze unserer Hei- mat“. Und Schonach freut sich: „Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen.“ Wolterdingen schlägt „Die Brücke zu unserer Heimat“, prä- sentiert die markante Bregbrücke als Nach- bau. Unadingen beschäftigt sich mit der Land- flucht und Mundelfingen präsentiert „Die Trümpfe unserer Heimat“ als Kartenspiel. Rechte Seite: Mit tollen Wagen- aufbauten waren v. ob. links die Landjugend Brigach, Hau- sen vor Wald, Dauchingen/ Hochemmingen und Brigachtal beim Kreisernte- dankfest vertreten. 84 Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 85

 

 

 

„Ein Brauch mit großer Bedeutung“ Die große Zahl der Zuschauer zeigt auf, wie sehr die Landjugend mit ihrer Weltsicht die Herzen der Menschen berührt. An der Seite von Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle zeigte sich Landrat Sven Hinterseh von der Landjugend und dem in der Regel jährlich stattfindenden Kreiserntedankfest begeistert: „Es ist ein wichtiger Brauch mit großer Be- deutung. Der Umzug und seine Themenviel- falt sind ein Spiegelbild der Heimatliebe so vieler junger Menschen“, betont er. Mit Sabrina Albicker unterhält sich der Landrat nach dem Festzug mit einer der maßgeblichen Organisatorinnen des 61. Kreiserntedankfestes. Sie sei total über- wältigt vom Fest in Bräunlingen, am Ernte- dankumzug dabei sein zu können, sei ein unbeschreiblich schönes Erlebnis gewesen. Das Fazit der Bräunlinger Landjugend hat zwar auch mit Heimat, aber noch mehr mit Corona zu tun. Sabrina Albicker: „Endlich mal wieder richtig feiern können, zusammen zu sein, das war der größte Wunsch der jungen Menschen“. Und genau dieser Wunsch ist beim Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen großartig in Erfüllung gegangen, betont sie auch im Namen von Jonas Glunck, der beim Erntedankfest gleichfalls rund um die Uhr im Einsatz war. Wie viele Vereine setzt im Übrigen auch die Bräunlinger Landjugend darauf, weitere Mitglieder zu finden. Wichtig ist ihr: Zum Verein könne sehr gerne auch dazustoßen, wer keinen Bauernhof besitze, so das Duo an der Spitze der Vorstandschaft. Rechte Seite, v. oben links: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ fragt die Landjugend Aasen. Hondin- ger Trachtenpaar und Bregbrücke der Wolterdinger Landjugend. Die Umzugs wagen sind allesamt mit Feldfrüchten, heimischem Obst und Blumen geschmückt, hier der Wagen von Brigach. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/kreiserntedank Links: Sabrina Albicker vom Führungsduo der Landjugend Bräunlingen und Landrat Sven Hinterseh im Festzelt beim Kreisernte- dankfest. Die Erntekrone im Hintergrund wird ab November traditionell wieder im Landratsamt präsentiert. 86 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 87

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – EIN NEUER ZUSAMMENFLUSS FÜR BRIGACH UND BREG DIE DONAU – WO EUROPA BEGINNT 88 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Am Zusammenfluss von Breg (links) und Brigach (Mitte oben). Der neue Donaubeginn in Donaueschingen hat sich in kurzer Zeit zu einem Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische gleichermaßen entwickelt.

 

 

 

Dass im Quellenland Schwarzwald-Baar mit der Brigach und der Breg zwei Schwarzwald- flüsse die Donau zuweg bringen, ist für den Landkreis ein besonderes Highlight. Doch spielte der Zusammenfluss – das Entstehen der Donau – unter touristischen Aspekten betrachtet eine bislang eher „untergeordnete Rolle“. Jetzt ist der Donaubeginn in Donau- eschingen neu gestaltetet. „Hier ist etwas richtig Großes entstanden“, freut sich Landrat Sven Hinterseh bei der offiziellen Eröffnung des neuen Donauursprungs am 29. Juni 2022. Er ist im Rahmen eines der größten Renaturierungsprojekte möglich geworden, die in Baden-Württemberg in jüngerer Zeit stattgefunden haben, so Umweltministerin Thekla Walker beim Festakt am Zusammen- fluss. Sie verwies auf Investitionen in Höhe von vier Millionen Euro. Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten Neben der Verbesserung des Lebensraums für die Tier- und Pflanzenwelt war es von Anfang an das Ziel, auch die Themen Naher- holung und Tourismus zu integrieren. „Das ist hier wunderbar gelungen, weil für die Natur ausreichend ungestörte Flächen ge- schaffen wurden“, stellte Umweltministerin Thekla Walker bei ihrem Besuch erfreut fest. Unter anderem sind Stege und Aussichts- plattformen beim Unterlauf von Brigach und Breg entstanden, die die Menschen zum Verweilen und Beobachten der zahlreich vor- kommenden Wasservögel einladen. Die internationale Staatengemeinschaft sei nicht nur bei der Energieversorgung mit- einander verbunden, sondern auch bei der Qualität ihrer Gewässer. „Umso wichtiger ist es, dass die Menschen in Europa ihre Flüsse als Lebensräume für Fische und viele andere Tier- und Pflanzenarten naturnah gestalten und sauber halten und sie so auch als Erho- lungs- und Erlebnisgebiet für uns Menschen erhalten“, führte die Ministerin weiter aus. „Nicht nur hier an der Donau, sondern auch in allen anderen Landesteilen werden wir un- sere Bemühungen, die Gewässerökologie zu verbessern, fortsetzen“, betonte sie weiter. „Wir müssen alle Menschen für diese Wasserthemen sensibilisieren“, sagte Thekla Walker. Es sei eine große Aufgabe, die Gewässerqualität weiter zu verbessern, indem beispielsweise weniger Schad- und Nährstoffe in die Flüsse und Bäche gelangen. Und natürliche Gewässer haben enorme Bedeutung auch mit Blick auf den fortschrei- tenden Klimawandel, führte die Ministerin aus. „Sie sind widerstandsfähiger gegenüber dessen Wirkungen. Und die Ufervegetation bietet Lebensräume und wirkt positiv auf das Kleinklima.“ Flussmündung erlebbar gemacht Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer machte deutlich, dass das Land mit der Revitalisierung des Donauursprungs nicht nur einen wertvollen Beitrag für die Ökologie des Flusses leiste: „Der zusätzliche Raum, den wir der Donau geben, hat auch einen positiven Neben effekt auf den Hochwasserschutz. Zugleich profitieren die Menschen vor Ort, weil wir die Flussmün- dung erlebbar gemacht haben.“ Darüber hinaus erinnerte Bärbel Schäfer daran, dass die Donau zehn Länder verbinde. Sie denke an diesem feierlichen Tag auch an die Menschen in der Ukraine, die am Ende dieses Flusses zur gleichen Zeit im Krieg le- ben: „Die Donau verbindet uns mit ihnen.“ Im Quellenland: Rund 1.000 Kilometer Gewässer Landrat Sven Hinterseh erinnert sich im Dialog mit den rund 50 Festgästen an ver- gangene Zeiten, als der Donaubeginn in Donaueschingen eher nur von „Eingeweih- ten“ besucht wurde, da schwer zugänglich und wenig attraktiv. Er verwies darauf, dass der Quellenlandkreis mit seinen Quellen, Flüssen und Seen eine der wasserreichsten Regionen im Einzugsgebiet von Donau, Neckar, Hochrhein und Oberrhein mit circa 90 Die Donau – Wo Europa beginnt

 

 

 

Enthüllung des neuen Kilometer- steins der Donau, v. links: Oberbür- germeister Erik Pauly, Landrat Sven Hinterseh, Umweltministerin Thekla Walker, Re- gierungspräsiden- tin Bärbel Schäfer, Landtagsabgeord- neter Niko Reith (FDP/DVP) und Bundestagsab- geordnete Derya Türk-Nachbaur (SPD). 1.000 Kilometer Gewässern sei. Und ebenso durchzieht die Europäische Wasserscheide den Schwarzwald-Baar-Kreis. „Die Bedeutung der Donau für Europa werde einem bewusst, wenn man sich vor Augen führe, dass der Fluss durch zehn Län- der fließe und ins Schwarzen Meer münde. Der Donaubeginn hat jetzt den Stellenwert bei uns, der ihm zusteht“, so Landrat Sven Hinterseh. Ein neuer Anziehungspunkt Dass in Donaueschingen ein neuer Anzie- hungspunkt entstanden ist, zeigt sich in der Folge vielfach: Wo die Donau ihren Anfang nimmt, finden sich Besucher aus aller Welt und in großer Zahl ebenso Einheimische ein. Dies besonders auch vor dem Hintergrund, dass sich die Besucher nun dem Fluss nähern und vorzugsweise Kinder und Jugendliche den Sommer über in der Donau selbst baden können. Der Zusammenfluss hat sich zu ei- nem Naturerlebnis erster Güte entwickelt. Und auch wer auf dem Donau radweg unterwegs ist, profitiert: Für die zahlreichen Radtouristen wurde eine vielseitige und attraktive Infrastruktur geschaffen, insbe- sondere ein Ankunftsplatz mit Abstellmög- lichkeiten, einer Ladestation für E-Bikes und einem Trinkwasserbrunnen. Beendet ist die Maßnahme in Donau- eschingen noch nicht, auch ein Info-Zentrum soll entstehen und zahlreiche digitale Ange- bote sind geplant. Eines allerdings ist schon jetzt Gewissheit: Der „neue“ Donauursprung in Donaueschingen ist schon jetzt eine große Attraktion – ein Hotspot. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 91

 

 

 

92 3. Kapitel – Da leben wir

 

 

 

Romina Auer und Nikol Konta „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden von Elke Reinauer mit Fotos von Michael Stifter

 

 

 

MITTEN IN SCHWENNINGEN, IM ALTEN E-WERK, FÜHREN ROMINA AUER UND NIKOL KONTA IHR BRAUTATELIER „LA BELLE MARIÉE“. DAMIT ERFÜLLEN SIE NICHT NUR DIE TRÄUME VIELER FRAUEN VOM PERFEKTEN HOCHZEITSKLEID, SONDERN AUCH IHRE EIGENEN: SEIT OKTOBER 2021 SIND SIE SELBSTSTÄNDIG UND NAHMEN AUCH AN DER TV-SHOW „ZWISCHEN TÜLL UND TRÄNEN“ TEIL. D avon träumen viele Frauen schon als kleine Mädchen: Dem Tag, an dem sie ihr Hochzeits- kleid aussuchen, es anprobieren und gleich spüren: Das ist es! Auch Romina Auers und Nikol Kontas Träume drehten sich um Brautkleider – und darüber hin- aus: Sie wollten ein eigenes Brautmoden- geschäft eröffnen. Im Oktober 2021 war es dann so weit: Die beiden jungen Frauen machten sich mit dem Braut- atelier „La belle mariée – die schöne Braut“ selbstständig. Eine Pariser Bou- tique sei das Vorbild gewesen, erzählen sie. Der Laden befindet sich im alten E-Werk in Schwenningen. In dem großen lichtdurchfluteten Raum mit Backstein- wänden bekommen Bräute in spe einen guten Überblick und können in Ruhe stö- bern. In Regalen glänzen cremefarbene Brautschuhe, Schmuck und Handtaschen sind ausgestellt. Brautkleider mit viel Spitze, schlicht oder üppig – das überla- den wirkende Tüll-Kleid findet man hier allerdings nicht. Clean-Chic ist gerade Nikol Konta und Romina Auer heißen zukünftige Bräute in ihrer neuen Boutique Willkommen. 94 Da leben wir

 

 

 

Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Romina Auer Oben: Das eindrucksvolle Backsteingebäude des ehemaligen Elektrizitätswerks. angesagt. Also ein Kleid ohne viele Appli- kationen, zu dem man Accessoires kom- binieren kann. Wichtig dabei: „Die Braut soll nicht verkleidet aussehen“, so Romina Auer. Das Kleid soll zu der jeweiligen Frau passen. „Sie soll sich darin wohlfühlen.“ Persönliche Beziehung Dass Frauen auf Brautkleid-Fang ein wenig anders ticken, weiß Romina Auer genau. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Make- up-Artistin, mit Fokus auf Braut-Make-Up. „Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Auf das Kleid schaut jeder“, weiß Romina Auer. Die erste Ner- vosität lege sich dann meistens, wenn die Braut in ein Kleid schlüpft, das passt. „Oft wissen die Frauen, was ihnen nicht steht und was sie nicht wollen“, so Romina Auer. Das sei schon einmal ein Anfang. Eine zu genaue oder keine Vorstellung seien eher hinderlich bei der Auswahl des Kleides, so die beiden Geschäftsfrauen. Sie legen Wert darauf, eine persönliche Beziehung zu jeder Frau aufzubauen, die zu ihnen in das Brautatelier kommt. „Das ist das Wich- tigste“, weiß Nikol Konta. „Wir verkaufen Emotionen“, sind sich die beiden einig, denn welche Frau träumt nicht von ihrem Hochzeitskleid? Ob es dabei lieber ein Kleid mit viel Glitzer und Spitze sein soll oder ein Meerjungfrauen-Kleid, enganlie- gend und nach unten weit, ist Typ-Sache. Romina Auer und Nikol Konta bieten auch eine Curvy-Kollektion an. Außerdem führen La belle mariée 95

 

 

 

sie ausgewählte Designermarken aus Neuseeland und Südafrika. Kleider der A-Line sind der Klassiker. Als A-Linie wird die Schnittform bezeichnet, die sich durch eine nach unten hin verbreiternde Silhouette auszeichnet. So ähnelt das Kleid dem großen „A“. Ist das Kleid gefunden, wird gefeiert Mindestens sechs Monate vor der Hochzeit sollte das Kleid ausgesucht werden. Dieses muss ja noch bestellt und angepasst werden. Das übernimmt eine Schneiderin für das Brautatelier. Zwischen 900 und Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird. Romina Auer Ein erstes Kennenlernen und beraten mit der Braut sowie deren besten Freundin. 4.000 Euro kosten die Kleider. Immer beliebter werden Zweiteiler, stellen die Modeexpertinnen fest. So können Frauen das Oberteil oder den Rock nach der Hochzeit noch tragen. Zwei Mal im Jahr gibt es eine neue Kollektion. Früher ging die gängige Vorstellung in Richtung A-Linie oder Prinzessin, also einem eher ausgestell- ten Brautkleid, berichten die beiden Frauen. Viele Bräute bevorzugen noch immer diese klassische Form. „Im Alltag kleiden junge Frauen sich modern und stilbewusst, aber beim Brautkleid sind sie eher scheu“, stellten die Inhaberinnen fest. Diese Scheu wollen sie den Frauen nehmen. „Das Kleid soll den jeweiligen Typ unterstreichen.“ Die Geschäftsinhaberinnen freuen sich mit den Bräuten, wenn das Kleid der Kleider gefunden ist. Ein Grund, um zu feiern, mit Sekt und Leckereien und den Freundinnen, Müttern und Großmüttern der Bräute, die zum Aussuchen mitkommen. Das Aussuchen des Brautkleides gehört als Ritual dazu und ist neben der Location das Wichtigste in der Hochzeitsvorbereitung. Es war während der Pandemie, als Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier im Herbst 2021 96 Da leben wir

 

 

 

Oben: Nikol Konta präsentiert die feine Perlenstickerei an einem ihrer Brautkleider. Rechts: Und zwischendurch ein Selfie. eröffneten. Ein Risiko, das die beiden Unternehme- rinnen in Kauf nahmen: „Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird“, berichtet Romina Auer. Doch dann hatten sie „Glück im Unglück“ und profitierten von den vielen Hochzeiten, die nachgeholt wurden. Das Herz schlägt für die Region Als sich Romina Auer und Nikol Konta vor sieben Jahren über Freunde bei einer Winterwanderung kennenlernten, fanden sie sich sofort sympathisch und stellten schnell fest, dass sie die gleichen Ziele verfolgten. Ein regionaler Bezug war außerdem beiden wichtig. Denn sie sahen eine Marktlücke in der Region: „Hier fehlt das Geschäft, das junge, frische Brautmode anbietet. Bisher musste man sich entscheiden, ob man das regionale Geschäft besucht, das vielleicht eher die klassischen Modelle verkauft oder nach Stuttgart und Frankfurt fährt, um La belle mariée 97

 

 

 

Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat. Nikol Konta trendigere Modelle anzuprobieren.“ Nikol Konta erzählt, dass sie das Kleid für ihre Hochzeit in Stuttgart ausgesucht hatte. In der Region sei sie damals nicht fündig geworden. Das habe ihr zu denken gegeben. „Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat“, sagt die gebürtige St. Georgenerin. Sie lebte mit ihrem Mann damals in Stuttgart und Heilbronn, es sei aber klar gewesen, dass sie in den Schwarzwald-Baar-Kreis zurückkehren wollen. „Seit meiner Kindheit lodert eine Leidenschaft für Brautmode in mir“ Nach dem ersten Treffen verging etwas Zeit. Sie wollten sich nicht Hals über Kopf in das Geschäft stürzen, erzählen sie, sondern gut vorbereitet sein. Deshalb recherchierte die modebewusste Romina Oben: Für den perfekten Sitz muss das Kleid von einer Schneiderin angepasst werden. Unten: Eine strahlende Braut in einer traumhaften Robe. Romina Auer und Nikol Konta fächern den Tüll auf, so kommt der Stoff erst richtig zur Geltung. 98 Da leben wir

 

 

 

Die Freude über das richtige Kleid steht allen ins Gesicht geschrieben. Auer auf Messen für Unternehmensgründung, sammelte Mode-Labels, die sie interessierten und entwickelte einen Business plan. Drei Jahre lang arbeitete sie als Model und Werbegesicht. Die 31-Jäh- rige kam dabei mit Brautmode in Berührung und habe gemerkt, dass ihr das liegt, sagt die gebürtige Dauchingerin. Nach ihrer Ausbildung als Verwaltungs fachangestellte beim Landratsamt absolvierte sie ein Duales Studium in Sozialer Arbeit und arbeitete im Nachgang als Sozialpädagogin. „Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir“, sagt sie. Ge nauso geht es Nikol Konta, Mutter und Geschäftsfrau. Sie studierte Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir. Romina Auer La belle mariée 99

 

 

 

Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund. Nikol Konta Mode- und Designmanagement in Düsseldorf. Als Einkäuferin besitzt sie ein gutes Auge für Qualität. Mit Nachhaltigkeit beschäftigte sie sich im Textilbe- reich für einen Discounter. In ihrem Job besuchte sie zahlreiche Produktionsstätten in Asien. Ihr Wissen über nachhaltige Labels setzt die 36-Jährige nun ein, denn sie weiß, dass immer mehr Bräute erfahren wollen, wo ihr Kleid herkommt und wie es produ- ziert wird. Außerdem stellte sie einen Trend fest: „Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund.“ Für die Beratung benötigen zukünftige Bräute ei- nen Termin. Die beiden Frauen sind außerdem regel- 100 Da leben wir

 

 

 

mäßig auf Messen unterwegs, um mit den neuesten Trends nach Schwenningen zurückzukehren. Zwischen Tüll und Tränen Und ein Highlight in ihrer Karriere haben sie bereits erlebt: Die beiden Unternehmerinnen konnten ihr Glück kaum fassen, als sie sich im letzten Jahr für die Sendung „Zwischen Tüll und Tränen“ des Senders Vox beworben hatten und prompt eine Zusage erhielten. Nach langer Suche wurde eine Braut gefunden, die bereit war, sich bei den Hochzeitsvor- bereitungen filmen zu lassen. Braut Madeleine aus Schwenningen stellte sich dafür zur Verfügung. Die Beratung mit Mutter, Trauzeugin und Freundin wurde am zweiten Drehtag im Brautatelier gefilmt. Am ersten standen die Location und die Stadt Villingen-Schwenningen im Mittelpunkt. Der Clou bei „Zwischen Tüll und Tränen“ ist: Für jedes Brautmodengeschäft gibt es eine besondere Herausforderung. Für Auer und Konta handelte es sich um folgende: Die Braut hatte sich bereits zuvor in einem anderen Brautmodengeschäft Favoriten- kleider ausgesucht. Nun galt es also, diese Kleider zu toppen und durch die Beratung die zukünftige Braut zu überzeugen. Romina Auer und Nikol Konta seien bis zur letz- ten Minute des sechsstündigen Drehs aufgeregt gewesen, berichten sie. Doch die Atmosphäre sei sehr entspannt gewesen. Die Plattform sei perfekt für Newcomerinnen. Denn so konnten die Unterneh- merinnen zeigen, was in ihnen steckt: Sensibilität, Fachwissen und viel Zeit für zukünftige Bräute. Links: Blick in das großzügige Atelier. Beliebt sind neben dem Brautkleid auch Schuhe und der Brautschmuck. La belle mariée 101

 

 

 

Patrick Bäurer Ein Leben mit dem Ball Der Hondinger zählt zu den besten Fußball­Freestylern der Welt von Hans-Jürgen Götz 102 102 Da leben wir

 

 

 

Fußballweltmeister werden, das wünschen sich viele Fußballtalente. Und genau so hat es bei Patrick Bäurer aus Hondingen auch angefangen. Gekommen ist es aber völlig anders: Heute ist der 28-Jährige Profi und Vizeweltmeister, aber nicht im „regulären“ Fußballsport wie wir ihn kennen, sondern im Fußball-Freestyle. Bei dieser speziellen Sportart geht es darum, den Ball nach allen Regeln der Kunst mit dem ganzen Körper effektvoll zu jonglieren. Patrick Bäurer gehört zu den besten Freestylern der Welt und bietet eine Fußball-Freestyle-Show der Extraklasse, wie ihm Medien und Fans bescheinigen. Er trägt zehn Titel, hat mehr als 500 Kunden in über 2.000 Shows und 1.000 Workshops in 30 Ländern begeistert. XXX 103

 

 

 

Wie alles begann Seine Karriere begann er wie viele andere Kinder mit dem Beitritt zu einem Fußballverein. In seinem Fall war das der SV Hondingen, dessen Fußballplatz nur ein paar Gehminuten vom Elternhaus entfernt liegt. Dort lernte er das Fußballspielen von der Pike auf. Seine Trainer bescheinigten ihm ein gutes Ballgefühl und durchaus Talent, es weit zu bringen, voraus gesetzt, er trainiere fleißig. Das tat er mit großer Begeiste- rung. Irgendwie hatte Patrick selbst aber immer das Gefühl, dass er zwar gut sei, aber es in diesem Sport dennoch nicht bis zum Weltmeister schaffen werde. Als er zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet zufällig ein Video von Fußball- Weltstar Ronaldinho, wie er Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführt. Das war die Initial- zündung, von nun an ist es um den kleinen Patrick geschehen, das wollte er auch kön- nen. Gesagt getan: Der Junge analysierte das Video immer und immer wieder, auch in Zeitlupe und Standbildern. Dann ging es raus auf die Ter- rasse, um das Gesehene selbst auszuprobieren. So lange, bis es endlich klappt! Und ab dem Punkt immer weiter und weiter, um das Erlernte zu perfektionieren. Der Grund- Als Patrick zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet ein Video von Ronaldinho, wie dieser Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführte. Das wollte er unbedingt auch können. 104 stein für eine Profi-Karriere in der Sportart Fußball- Freestyle war damit gelegt. Von nun an ließ ihn das Thema nicht mehr los und für ihn ging es nach der Schule in seiner Freizeit fast nur noch darum. Und hier zeigte sich eine der Charaktereigenschaften von Patrick Bäurer: Er weiß genau was er will und kann Jonglage mit vier Fußbällen. Da leben wir

 

 

 

und arbeitet zu 100 Prozent entschlossen daran, daraus etwas zu machen und täglich besser zu wer- den. Von jetzt an suchte und fand er im Internet im- mer neue Informationen sowie viele Tipps und Tricks rund um die damals noch neue Sportart. Alles sog er wissbegierig auf und versuchte es in die Tat um- zusetzen. Meist war das Erlernen eines neuen Tricks mit vielen Dutzend Stunden harter Trainingsarbeit verbunden. Im Jahre 2008 dann wird die erste Weltmeister- schaft im Fußball-Freestyle ausgetragen. Die war allerdings nicht im Fernsehen zu sehen und Social Media gab es noch nicht. So war es sehr müh- sam, mehr darüber zu erfahren. Ab 2010 bekam Patrick erstmals Zugang zu einem Internet- Forum, in dem sich Gleichgesinnte trafen und austauschen konnten. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis der damals 16-Jährige in Stuttgart zum ersten Mal Freestyle-Fußballer in der realen Welt kennenlernen durfte. In dieser Zeit begann er, seine Kunststücke mit kleinen Video-Clips auf YouTube und Facebook zu präsentieren und wurde dadurch innerhalb der Szene bekannter. Inzwischen hat sich dieses Engagement auf Instagram und TikTok erwei- tert. Unter seinem Label @patrickbfree ist Patrick auf allen sozialen Netzwerken mit über zwei Millionen Followern zu finden. Die erste Weltmeisterschaft Im Alter von 18 Jahren nimmt Patrick 2012 das erste Mal an der Weltmeisterschaft teil, die in Prag statt- findet. Als einer von vier Freestylern aus Deutschland, die gegen Sportler aus über 20 Ländern antreten. Obwohl er einen der hinteren Ränge belegt, bedeutet diese WM für ihn den Einstieg in die Welt der Profis. Er lernt die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für seine weiteren Aktivitäten. Eines ist klar: Wenn er als Profi von dieser Sport- art leben will, geht das nur, wenn er seine Kunst- stücke auf Veranstaltungen aller Art vorführt und dafür eine Gage erhält. Anfänglich findet das alles noch im Heimatdorf Hondingen und Umgebung statt. Durch Mund-zu-Mundpropaganda kommt es jedoch zu immer mehr Einladungen und die Gagen bessern sein Taschengeld merklich auf. Vor allem Bei der ersten Freestyle- Weltmeisterschaft 2012 lernte Patrick Bäurer die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für weitere Aktivitäten. sind es der Applaus und das Feedback der Zuschauer, die ihn motivieren weiterzumachen, neue Tricks ein- zustudieren und stetig besser zu werden. Über drei Stunden trainiert er dazu jeden Tag. Bis ein neuer Trick sitzt, kann es bis zu 1.000 Versuche brauchen. Geduld und Ausdauer sind unabdingbar. Einen Schub für sein Selbstbewusstsein bekommt der junge Patrick bei einem Urlaub mit seiner Fami- lie auf Mallorca. Hier versucht er sich nebenbei als Straßenkünstler und zeigt seine Balltricks zwanglos den vorbeilaufenden Urlaubern. Nach gerade zehn Minuten hat er sich seine erste Pizza verdient. Mit der Erfahrung, dass er es wirklich kann und in der Lage ist, damit Geld zu verdienen, entscheidet er sich, diesen Weg weiter zu beschreiten. Im Trainingslager mit dem FC Bayern München Fußball spielt er derweil aber trotzdem noch. Und so kommt es, dass Patrick im Jahr 2013 aus über 19.000 Bewerbungen als einer von 80 ausgewählten jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren am „Paulaner Cup des Südens“ beim FC Bayern München teilnehmen darf. In der Jury sitzen Waldemar Hartmann, Paul Breitner und Raimund Aumann. Patricks Fußballtalent zahlt sich aus: Die Jury wählt ihn als eines von 25 Talenten aus, die für fünf Tage zum Trainingslager nach Italien eingeladen werden. Höhepunkt ist das Fußballspiel der Equipe gegen die Bayern, welches sie vor 5.000 Zuschauern grandios 13:0 verlieren. Der Spaß, die Anerkennung und der Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 105

 

 

 

persönliche Kontakt zu den Fußballstars entlohnt die Fußballtalente aber. Stolz präsentiert Patrick ein Foto, das ihn bei der Deckung gegen Philipp Lahm zeigt, als es in der ersten Halbzeit erst 2:0 stand. Und nebenbei kann er die Bayern-Profis in den Trainings pausen mit seinen Freestyle-Kunststücken begeistern, in dieser Diszip- lin gewann er auf jeden Fall. Vizeweltmeister – Corona zum Trotz An der Freestyle Weltmeisterschaft in Prag nahm Patrick seit 2012 jedes Jahr teil und belegte dabei immer bessere Ränge. Im Corona-Jahr 2020 war es dann aber endlich so weit, er wurde Vizeweltmeister. Diesen Titel konnte er auch im Jahr darauf erneut bestätigen. Während der Corona-Zeit reduzierten sich seine Auftritte bei Veranstaltungen schlagartig auf null und so nutzte er die Zeit, noch mehr und härter zu trainieren. Der Lohn seiner Mühen war dann diese Auszeichnung in Prag. Dieser Titel trägt natürlich dazu bei, dass Patrick Bäurer bei seiner Zielgruppe im Internet immer bekannter und gefragter wird. So hat er während der Corona-Pandemie damit begonnen, über das Internet Freestyle-Kurse und Trainings anzubieten. Zu seinen Kunden zählen auch der BVB und der VFB, für die er in dieser Zeit mehrere Online-Seminare moderiert. Alles von seiner Woh- nung im kleinen Hondingen am Fuße des Fürsten- bergs aus – produziert für die weite Welt. Als ein Jahr später die Corona-Beschränkungen so nach und nach weltweit gelockert wurden, konnte Patrick seine Künste auch wieder ver- mehrt auf Veranstaltungen in der ganzen Welt präsentieren. So wurde er 2021 unter anderem zu 106 Da leben wir

 

 

 

Ballspielereien in allen erdenklichen Variationen. Was Patrick Bäurer in seiner Show bietet, begeistert Zuschauer weltweit. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/patrick-baeurer 107

 

 

 

Mai 2022: Frankreichs Fußballstar Kylian Mbappé (links) und Patrick Bäurer. Unten: Auch Selfies mit Patrick Bäurer sind begehrt. einer Veranstaltungsserie in Dubai, Katar und Saudi Ara bien eingeladen. Hier entstanden dann Fotos mit welt bekannten Fußballern von Paris Saint-Germain (PSG) wie Neymar und Kylian Mbappé. Der erste Weltrekord: 118 Crossover im Sitzen in nur einer Minute Im Laufe der Zeit absolvierte Patrick viele Fernseh- auftritte im In- und Ausland. Darunter im Tigerenten- club in Deutschland und in der Sendung „Supertalent“ in Deutschland und Polen. 2013 hatte Patrick einen Auftritt im „Sportstudio“ des ZDF. Fernsehmoderator Sven Voss forderte ihn auf, beim Schießen auf die legendäre Torwand zu zeigen, was er wirklich drauf hat. Wahrscheinlich war es der Anspannung in einer Livesendung geschuldet, kein einziger der sechs Bälle sollte treffen. So etwas kratzt zwar an der Ehre, einen Vollprofi hält das aber nicht auf, unermüdlich trainierte er weiter, um seinem Publikum noch mehr und bessere Tricks mit dem Ball zeigen zu können. Im Jahre 2020 wollte Patrick dann erstmals auch einen Weltrekord knacken. Ziel war es, einen neuen 2020: Beim Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde mussten über 101 Wieder- holungen innerhalb von einer Minute gezeigt werden. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Können voraussetzt. Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde aufzustellen. Über 101 Wiederho- lungen mussten innerhalb einer Minute gezeigt wer- den. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Kön- nen voraussetzt. Das Ganze fand unter den Augen ei- ner strengen Jury während eines Freestyle Camps in Donau eschingen statt. Alles lief perfekt und am Ende 108 Da leben wir

 

 

 

So funktioniert der Weltrekord „Crossover im Sitzen“: Schritt 1: Winkeln Sie Ihre Beine im Sitzen an und jonglieren Sie den Ball mit dem Fußspann. Schritt 2: Mit dem rechten Fuß spielen Sie den Ball in die Luft. Schritt 3: Den linken Fuß kreisen Sie von außen nach innen einmal um den Ball. Schritt 4: Ihr linker Fuß berührt den Ball nicht. Schritt 5: Ihr rechter Fuß fängt den Ball wieder auf. sollten es sogar 118 Crossover werden und Patrick damit der neue Weltrekordhalter in dieser Disziplin. Region. So generiert er im Laufe der Zeit neue Nach- wuchstalente aus der Heimat. Der zweite Weltrekord: 24 Ballpässe mit der Partnerin in nur 30 Sekunden Im Jahre 2021 folgte dann eine Einladung zur BBC nach London. Dort sollte er live in der Sendung „Blue Peter“ auftreten. Ziel war es, einen weiteren Weltrekord mit den meisten „Neck-Catch-Pässen“ aufzustellen. Mindestens 21 Ballpässe von Nacken zu Nacken musste er zusammen mit seiner Partnerin Aguśka innerhalb von 30 Sekunden zeigen. Auch das gelang mit 24 Pässen, und der zweite Weltrekord war ebenfalls in der Tasche. Unzählige Auftritte bei Veranstaltungen aller Art auf der ganzen Welt folgten seitdem. Das reicht von Firmen- und Sport-Veranstaltungen, Fernsehauftrit- ten über Workshops und Trainingslager bis hin zu Benefizveranstaltungen in nah und fern. Rund 150 Shows und mehr absolviert Patrick pro Jahr. Und dazwischen immer mal wieder kleine, kostenlose Trainings-Angebote für jugendliche Fußballer in sei- nem Heimatverein SV Hondingen und anderen in der Schule und Ausbildung sind wichtig: Studium zum Wirtschaftsingenieur Wer jetzt denkt, Patrick kann außer Fußball nichts, der liegt komplett falsch. Von Anfang an war ihm klar, dass er keinesfalls die Schule vernachlässigen darf und eine solide Ausbildung in einem „normalen“ Beruf anstreben muss. So absolvierte er 2013 sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Donaueschingen. Direkt darauf folgte ein dreijähriges Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Dualen Hochschule in Lörrach. In dieser Zeit arbeitete er während des Praktikumsteils bei der Blumberger Firma Metz Connect, wo er nach seinem Abschluss bis 2017 als Produktmanager weiter angestellt war. Während seiner Ausbildungsphase ging es 2015 für fünf Mo- nate zu einem Auslandssemester nach Kanada. Eine Erfahrung, die Patrick nicht missen möchte. Während dieser Zeit hat er diverse Shows durchgeführt und viele neue Kontakte, Eindrücke und Erfahrungen für sein weiteres Leben mitgenommen. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 109

 

 

 

Zusammen mit Aguśka arbeitet Patrick daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und egal, wo es ihn in der Welt hinzieht: Hondingen war, ist und bleibt seine Heimat, der er zutiefst ver- bunden und dankbar ist. Vor allem ist er sehr dank- bar für die stets uneingeschränkte Unterstützung seiner Familie, denn seine Eltern Doris und Thomas haben ihn von Anfang an bei all seinen Ideen und Vorhaben unterstützt. Und wer ist nicht stolz, am Ende auch einen Vizeweltmeister und Weltrekord- halter als Sohn und Bruder zu haben? Weitere Informationen unter www.apfreestyle.com. Genauso zielstrebig wie seine sportliche Karriere verfolgte Patrick Bäurer seine berufliche Weiter- bildung. Ein Masterstudium im Bereich „Internati- onales Sportmarketing“ war sein nächstes Ziel. Am Bodensee Campus in Konstanz war das möglich und mit den stetig zunehmenden sportlichen Aktivitäten gerade noch vereinbar. 2019 hatte der Freestyler auch dieses Ziel erreicht. Seine Abschlussarbeit befasste sich mit dem Thema „Nutzung neuer Trendsport- arten“. Damit wurde er endgültig zu einem gefragten Gesprächspartner, Berater und Performer für große Sportartikelhersteller rund um den Globus. Und das Beste kommt zum Schluss: Lebenspartnerin Aguśka Mnich Wer so viel unterwegs ist und jede freie Minute für seinen Sport investiert, hat eigentlich keine Zeit mehr, sich um viele andere Themen zu kümmern, unter anderem die Liebe. Aber wie es der Zufall will, lernte Patrick bei der Weltmeisterschaft 2020 in Prag seine jetzige Lebenspartnerin Aguśka Mnich aus Polen kennen. Sie ist mehrfache Weltmeisterin in verschiedenen Damen-Disziplinen und hatte alleine dieses Jahr erneut zwei Goldmedaillen in Prag abgeräumt. Auf den sozialen Netzwerken ist sie unter @aguskafree zu finden. Da lag es für Patrick nahe, dass er seitdem mit Aguśka zusammen eine Duo-Show gibt. Auch hier betreten die beiden Neuland, denn so etwas gibt es bisher kaum. In dieser Kombination sind die beiden jetzt noch mehr als je zuvor in der Welt unterwegs, aber nie mehr alleine. Patrick Bäurer wäre nicht Patrick Bäurer, wenn er jetzt alles erreicht hätte und keine neuen Ziele und Herausforderungen sehen würde. Zusammen mit Aguśka arbeitet er daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und natürlich strebt er weiterhin an, den Weltmeister titel zu holen, etwas, was ihm bisher trotz aller Arbeit immer noch nicht gelungen ist. Und so ganz nebenbei plant er auch den einen oder ande- ren zusätzlichen Weltrekord. Zudem schreibt Patrick derzeit ein Buch zum Thema Freestyle-Fußball, welches zum Jahresende 2022 erscheinen wird. Die Arbeit geht Patrick Bäurer nicht aus und die Ideen und sein sportlicher Ehrgeiz noch viel weniger. Patrick Bäurer mit seiner Lebenspartnerin Aguśka Mnich, die wie er eine erfolgreiche Freestyle-Fußballerin ist. 110 Da leben wir

 

 

 

Beim Freestyle-Trainingscamp für Nachwuchs-Fußballer. Patrick Bäurer und seine Lebenspartnerin Aguśka Mnich bestreiten ihre Showacts auch gemeinsam. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 111

 

 

 

Selina Haas und das neue Bild vom Schwarzwald Tradition und Moderne kreativ verknüpft Ein missglückter Studienbeginn, ein „schlüpfriges“ Werbeplakat mit rekordverdächtiger Reichweite und ein Kuckuck, der seine gewohnte Umgebung verlassen hat – das sind die Etappen einer Erfolgs geschichte, die gerade in Schonach geschrieben wird. Im Mittelpunkt steht dabei Selina Haas, Designerin und mittlerweile Geschäftsführerin der alteingesessenen Uhrenfabrik Rombach & Haas. von Marc Eich Rechts: Selina mit der Schwarzwalduhr des Jahres 2021. Das Wandbild ist kaum erkennbar als Zeitanzeiger – die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. 112 Da leben wir

 

 

 

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Traditionelle Produkte neu gedacht „Jetzt noch ein grelles Grün!“ Selina Haas, die nach ihrer Heirat mittlerweile Kreyer heißt, greift in ihrem Schaffensraum in ein Regal und schnappt sich eine Tube. In einem Strahl trifft die Farbe auf einen Uhrenkasten, die 33-Jährige schwingt mit den Tuben über das neu geschaffene Kunstobjekt. „Eigentlich“, sagt sie, „‘vergewaltige‘ ich hier traditionelle Produkte.“ Das klingt angesichts des Erfolgs der Uhren fabrik, die sich dank der kreativen Frau des Hauses in den vergangenen Jahren neu erfunden hat, etwas derb – trifft aber möglicher- weise das Gefühl jener, die insbesondere von der Kuckucksuhr ein sehr ursprüngliches Bild vor Augen haben und das auch behalten möch- ten. Dabei könnte man den „Farb- anschlag“ auf den schlichten Uh- renkasten durchaus als Recycling bezeichnen. Denn der Kasten hat Designer-Kuckucksuhr mit Original Schwarzwälder Kuckucksuhrenwerk und lackierter Holz-Arbeit von Selina Haas. eigentlich – wie viele andere, die in ihrem Atelier stehen – einen Defekt. Doch statt ihn zu entsorgen, wird er aufgemöbelt. Ein Unikat wird geschaffen. „Wir machen da Kunst draus!“, so Selina Haas. Familie ist seit 1894 mit der Uhrmacherei verbunden Sie scheint sich in jenen Momenten in ihre Vergan- genheit zurückversetzt zu fühlen. An damals, als das Mädchen neben ihrer Mutter Conny saß, während diese mit Acrylfarben Uhrenschil der für die Fabrik bemalt hat. Schon im Kindesalter hat sie gerne mit Far- be gespielt, „und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt“, sagt sie heute mit einem verschmitzten Lächeln und ergänzt: „Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt.“ Die gebürtige Tribergerin hat früh in den Familienbetrieb rein- geschmeckt. Sie erinnert sich noch an die Zeiten, als ihr Großvater Herbert hier das Sagen hatte und mit der kleinen Selina in die Welt der Uhren eingetaucht ist. 114 Da leben wir

 

 

 

Schon im Kindesalter hab ich gerne mit Farbe gespielt und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt. Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt. Damals gab es – selbstredend – nur die traditi- onellen Kuckucksuhren. Zu den besten Kunden ge- hörten zu jener Zeit die Amerikaner. Ihr Opa Herbert Haas wurde deshalb ein Jahr auf Sprachreise ge- schickt, um sein Englisch zu perfektionieren – ohne jene Sprachkenntnis schien ein Führen der Firma zur damaligen Zeit fast schon utopisch. Seit der Gründung im Jahr 1894 war die Familie mit der Uhrmacherei ver- bunden – dennoch hatte Selina Haas nicht von Anfang an auf einen Platz in der Firma geschielt. Bildfolge oben: Aus alt mach neu – ein Unikat wird geschaffen. Nachdem sie die Realschule abgeschlossen hatte, entschied sie sich für das Profil „Technik und Manage ment“ am Technischen Gymnasium in Furtwangen. Noch bevor sie dort ihren Abschluss erlangte, war für sie glasklar, dass sie zukünftig im kreativen Bereich tätig sein möchte. Ohne Abitur, aber mit großem Willen, schloss sie die Aufnahme- prüfung erfolgreich ab – einem Kunststudium an der Fachhochschule Macromedia in Freiburg stand dann nichts mehr im Wege. Doch so richtig warm wurde sie mit dem Studien- gang und den Rahmenbedingungen nicht. „Die Künstler hatten sehr viele Freiräume“, erinnert sich die heutige Designerin an die Anfänge in Freiburg. Sie sagt: „Ich dachte, ich lerne dort verschiedene Techniken kennen – aber mir wurde nicht wirklich was beigebracht.“ Schon bald schielte sie auf die Stu- dierenden ein Stockwerk tiefer – Grafikdesign sollte es schließlich sein. Nach einem Semester wechselte sie den Studiengang, fokussierte sich nun voll auf Selina Haas 115

 

 

 

die Ausbildung, ließ Studentenpartys links liegen. Dabei reizte sie schon immer der Mix aus Fotografie und grafischen Elementen, das Geschaffene fand dann Platz auf Postkarten und Wandbildern, oft auch in Verbindung mit Schwarzwald-Motiven und der Kuckucks uhr, die beispielsweise mit Bollenhut „be- kleidet“ im dichten Unterholz hängt. Qualität bleibt das oberste Credo trotz moderner Neuausrichtung Ihre grafischen Fähigkeiten führten sie schnell wieder zurück zur Firma ihrer Eltern. „Ich habe dann angefan- gen, Prospekte zu machen und Logos zu entwerfen.“ Dazu passte, dass ihre Eltern der Uhrenfabrik ohnehin schon einen frischen Anstrich verpasst hatten. Im Hause Rombach & Haas stand nichts Geringeres als ein neues Zeitalter an. Auch deshalb, weil der Markt für die klassische Kuckucksuhr stagnierte. „Viele wollen sich so etwas nicht mehr in die Wohnung hängen“, erklärt sie. Warum also nicht Tradition und Moderne verbinden – und gleichzeitig an der Manufaktur festhalten? Qualität sollte das oberste Credo bleiben. 2006 fand die Bewerbung erster moderner Modelle, die auch der jüngeren Generati- on den Zugang zur Schwarzwälder Uhrentradition ermöglichen sollte, auf einer Messe statt. Es sei am Stand viel diskutiert worden über den neuen Zeitgeist, der im Hause Rombach & Haas eingekehrt war, ohne die ursprünglichen Modelle zu verschmähen. Nicht überall rannte die Familie offene Türen ein. „Einer hat den Papa sogar am Kragen ge- packt“, erzählt sie. Heute kann sie – angesichts des Erfolges und des Fortbestands der Firma – darüber schmunzeln. Gleichzeitig habe sie großen Respekt davor, dass die neue Linie durchgezogen wurde. Und auch sie wurde peu à peu Teil dieser Revolu- tion in Schonach. Das wurde beispielsweise im Fach Marketing während des Studiums deutlich. Eine fiktive Firma sollte sie sich ausdenken, um sich Marketing- und Vertriebsmöglichkeiten zu überlegen. „Ich hab‘ dann einfach unsere Firma genommen“, so Selina Haas, „dann ist mir aufgefallen, was man alles verän- dern könnte.“ Schnell kam ihr in den Sinn, unter ande- rem ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause zu verbinden, eine ganz neue Symbiose zu schaffen. Alle Ideen packte sie auf ein Plakat. Beim Besuch ihrer Eltern hatte sie im Freiburger Seepark dann genau Für Selina Haas war klar: Sollte sie die Firma übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause verbinden und damit eine ganz neue Symbiose schaffen. jenes Plakat unter dem Arm und stellte ihre Überle- gungen vor. „Das war fast wie eine Bewerbung“, sagt die 33-Jährige und lacht. Für sie war schon damals klar: Sollte sie die Firma wirklich mal übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Werbekampagne mit ungeahnten Folgen Doch bis dorthin machte sie noch einen ordentlichen Schlenker – für den ausgerechnet der Vorsitzende einer Spaßpartei den Weg ebnete. Wie kam es dazu? Am Anfang stand dabei zunächst eine Anfrage des damaligen Ferienland-Geschäftsführers Julian Schmitz. Für den touristischen Zusammenschluss von Schonach, Schönwald, Furtwangen und St. Geor- gen sollte eine Werbekampagne gestartet werden – die junge Designerin wurde damit kurz vor dem Abschluss ihres Studiums beauftragt. Mit ungeahn- ten Folgen: Eines der Plakate von ihr war mit dem Spruch „Große Berge, feuchte Täler & jede Menge Wald“ und der schlüpfrigen Silhouette einer sich räkelnden Frau mit Bollenhut bestückt. „Da bin ich zusammen mit meinem späteren Mann draufgekom- men“, erzählt sie, „wir wussten aber nicht, wie es ankommt.“ Das Ferienland übernahm den Vorschlag und schaltete damit Anzeigen – und genau über eine solche stolperte Martin Sonneborn, seines Zeichens Vorsitzender der Spaßpartei „Die PARTEI“, in einem Heftchen der Fluggesellschaft Ryanair. Mit dem Satz „Schwarzwald? Geile Gegend“ schickte er das Plakat ins World Wide Web – mit ungeahnten Folgen. Medien stürzten sich auf die Kampagne, sogar der Deutsche 116 Da leben wir

 

 

 

In ihrem Designatelier präsentiert Selina Haas ihre Illustrationen mit Schwarzwald-Motiven. Werberat wurde auf den Plan gerufen. „118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch ungläubig den Kopf. Von diesem Tag an klingelte bei ihr unaufhörlich das Telefon – viele hätten sie dazu animiert, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzumachen. Über die Medien sei aber auch Kritik an der „sexistisch“ anmutenden Darstellung laut geworden. Nichtsdesto- trotz: Ihr Name war in aller Munde. „Ab da woll- ten alle Werbung von mir, ich hätte in eine große Werbeagentur einsteigen können.“ Doch das war nicht das, was sich die nun bekannte Designerin aus dem Schwarzwald vorgestellt hatte. „Ich wollte mein 118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch über die ungeheure Resonanz ungläubig den Kopf. Die Werbekampagne für das Ferienland Schwarzwald sorgte 2015 für jede Menge Wirbel und Aufmerksamkeit. Selina Haas 117

 

 

 

Handarbeit und Qualität stehen im Mittelpunkt der Uhrenproduktion. Selina steigt 2015 in das elterliche Uhrengeschäft ein und übernimmt schließlich im Januar 2021. eigenes Ding durchziehen“, sagt sie. Gegenüber der elterlichen Firma richtet sie sich eine kleine, aber feine Designagentur ein, bedient von dort aus ihre Kunden, feilt außerdem weiter an ihren Illustratio- nen mit Schwarzwald-Motiven. Auch die haptischen Kunstformen fließen in ihre Arbeit mit ein – statt ausschließlich Kundenwünsche umzusetzen, ver- wirklicht sie ihre eigenen Ideen, vertreibt diese erfolgreich. Und: Die Verbindung zur Uhren- fabrik reißt nie ab. Übernahme der Uhrenfabrik Nach mehreren Jahren mit eigener Agentur und Atelier eröffneten die Eltern ihr die Möglichkeit, die Uhrenfabrik zu übernehmen – in fünfter Genera- tion. Mit ins Boot kam dabei auch ihr Mann Andreas (33), der zuvor als Landschaftsgärtner Handarbeit und Qualität sollen weiterhin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. seine Kreativität ausgelebt hatte und diese nun ebenfalls in das Traditions- unternehmen mit einbringt. 2015 stieg sie zunächst in das elterliche Geschäft mit ein, behielt – mittler- weile ungeachtet des Namenswech- sels nach der Hochzeit – ihre Marke „SELINA HAAS“ bei und lässt sie bis heute teilweise in die traditionelle Uhrenfabrik mit einfließen. „Es war aber klar, dass wir uns auf die Designuhren konzentrieren.“ Im Januar 2021 erfolgte schließlich die Schlichte Vogelhaus-Kuckucksuhr mit besonderem Motiv im typischen SELINA HAAS DESIGN-Stil. endgültige Übernahme durch das Ehepaar Kreyer – zu einem Zeitpunkt, als die Corona- Krise viele Betriebe beutelte. Nachdem zunächst 118 Da leben wir

 

 

 

Uhren und Wandbilder von Selina Haas. wirtschaftliche Sorgen und ein Einbruch des Absat- zes im Vordergrund standen, hat sich die Thematik mittlerweile verschoben. „Es geht jetzt eher um die Lieferprobleme, das kannten wir bislang gar nicht“, gibt Selina einen Einblick. So wäre man nun abhän- gig davon, ob jene Firmen, die die vielen Einzelteile für die Kuckucks uhren herstellen, überhaupt noch liefern können. Denn: Handarbeit und Qualität sollen weiter- hin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. Neuer Kundenkreis dank Mut und Kreativität Dennoch weht ein frischer Wind in dem Haus, welches insbesondere im Produktions bereich in der Zeit stehenge- blieben zu sein scheint und einen Charme versprüht, der die Verbundenheit zur ursprünglichen Kuckucksuhr am Leben erhält. Dennoch der Betrieb hat sich seit der Übernahme verändert. Das Ehepaar verkleinerte die Produktvielfalt, passte sie an. Die Uhren werden dafür professioneller präsentiert. Im Showroom verdeutlicht sich der Wandel bei Rombach & Haas und die erfolgreiche Symbiose zwischen der Designerin und der traditio- nellen Uhr besonders. Hervor blitzt hier die „Schwarz- walduhr des Jahres 2021“ – kaum erkennbar als Zeitanzeiger, vielmehr als Wandbild. 2019 entstand die Idee, hinter eines jener Wandbilder, die eine Kuckucksuhr abbilden, ein Werk einzubauen und daraus eine Uhr zu gestalten. Die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. Genau solche modernen Modelle haben der Firma mittlerweile einen ganz neuen Kundenkreis erschlos- sen, Rombach & Haas steht für Innovation auf diesem Gebiet. Dank des Mutes der Familie und der Kreativität von Selina Haas. Und genau diese Kreativität sorgt dafür, dass der eigentlich ausrangierte Uhrenkasten im Schaffensraum zu einem neuen Kunstwerk wurde. Die 33-Jährige kneift mit der Tube in der Hand die Augen zusammen, betrachtet die Farbakzente. „Ja doch, so gefällt es mir“, sagt sie. Jetzt noch ein Werk rein und schon erhält der Ku- ckuck in Schonach in ungewohnt farbenfroher Umgebung ein neues Zuhause. Selina Haas 119

 

 

 

Daniela Maier SKICROSS-WELTELITE AUS DEM SCHWARZWALD – BRONZE BEI OLYMPIA von Silvia Binninger Die Olympischen Winterspiele in China 2022 werden die Menschen in Urach und Furtwangen sowie viele weitere Sportbegeisterte im Landkreis nicht so schnell vergessen: Am 17. Februar holte die Furtwangerin Daniela Maier für den Ski club Urach die Bronze medaille im Skicross in den Schwarzwald. Die erfolgreiche Sportlerin gilt als Leuchtturm im Skicross­Team des Deutschen Skiverbandes. Immer gut drauf, ein Lächeln im Gesicht und voller Optimismus – das ist Daniela Maier! Dass sie im Finallauf als Vierte von der olympischen Jury eine Bronze medaille wegen unfairen Wettkampfs der Schweizerin Fanny Smith zugesprochen bekommt, hat jedoch ein Nachspiel: Zwar führt das Internationale Olympische Komitee (IOC) Daniela Maier als alleinige Gewinnerin der Bronze­ medaille – und das IOC veranstaltet immerhin die Olympischen Spiele … Doch bemühen sich nach dem Einspruch des einflussreichen Schweizer Skiverbandes gegen diesen Jury­Entscheid die Deutschen und Schweizer Verbände gemeinsam darum, dass beide Sportlerinnen eine Bronzemedaille zugesprochen bekommen. Daniela Maier begrüßt diesen Antrag. Es wäre für sie ein „Happy End“, so die Furtwangerin am Beginn des Skicross­ Weltcups 2022/23, wenn beide Skicrosser­ innen eine Medaille erhalten würden. Ob auch Fanny Smith Olympia­Bronze bekommt, stand bis zum Erscheinen des Almanachs nicht fest. 121

 

 

 

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Noch nicht einmal geboren, wird Daniela Maier auch schon Mitglied im Skiclub Urach: Noch während der Schwangerschaft füllt der Vater den Aufnahmeantrag aus. Am 4. März 1996 erblickt Daniela in Villingen-Schwenningen das Licht der Welt und wird in eine sportbegeisterte Familie hineingeboren. Die Eltern Thomas und Brunhilde Maier sind aktive Mitglieder im Skiclub Urach und da liegt es nahe, den Nachwuchs so schnell als möglich ebenso für den Skisport zu gewinnen. Mit drei Jahren steht Daniela Maier auf den Skiern, es zeigt sich, „Skifahren ist ihr Ding“. Schon in jungen Jahren ist nach zahlreichen Erfolgen klar, dass sie den Skisport professionell weiterführen möchte. Den Zugang zum Leistungssport findet sie zudem durch ihren Bruder Dominik Maier, der Skispringer war. Danielas Kindheit ist mit Trainingseinheiten förmlich durchgetaktet – für sie ist das aber keine Last. Sie fährt Ski, turnt und macht Leichtathletik, mit dem Vater trainiert sie auf dem Bike. Zeit für das Erlernen eines Instruments bleibt da nicht, obwohl sie das gerne getan hätte. Zu den verschiedenen Trainingsorten fahren sie die Eltern. Oft wird sie gleich nach der Schule abgeholt und zum Feldberg gebracht oder auch mal ins Kaunertal zu einem Lehr- gang. Daniela Maier: ,,Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben.“ Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben. Begeisterung vom Vater steckte an Bis zu ihrem 16. Lebensjahr nimmt Daniela an diversen alpinen FIS-Rennen teil, bis sie in der Saison 2012/2013 zum Skicross wechselt. Ihr Vater Thomas betreibt diese Sportart schon länger und ist derart vom Skicross begeistert, dass er zu Daniela meint: ,,Das wäre auch was für dich!“ Bei so viel Enthusiasmus konnte Daniela nicht „nein“ sagen und versuchte es einfach. Daniela Maier bei der Flower Ceremony in Peking. Skicrosserin Daniela Maier 123

 

 

 

Nach einigen Trainingseinheiten fährt sie das erstes Rennen in Grasgehren am Riedberger Horn im Allgäu. Prompt bringt sie ihre erste Goldmedaille mit nach Hause. Vor dem Hintergrund dieses Erfol- ges knüpft Danielas Vater die ersten Kontakte zum Deutschen Skiverband. Beim FIS-Rennen in Mitten- wald belegt Daniela Maier schließlich den zehnten Platz. Kurz darauf wird sie Junioren-Meisterin bei der Deutschen Meisterschaft in Lienz. Im Sommer 2013 erfolgen Sichtungen in verschiedenen Camps – der DSV erkennt Danielas Potenzial. Sie wird als eine der wenigen Schwarzwälderinnen in das deutsche Team aufgenommen und fährt jetzt im Landeskader Bayern. Ihr Trainer ist Maximilian Wittwer. Erste Erfolge im deutschen Nationalteam Als Mitglied des deutschen Nationalteams nimmt Daniela in der Saison 2013/2014 am Eurocamp teil und beim Europacup im Montafon wird sie Achte. Da Daniela 2014 am Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwan- gen mit Erfolg ihr Abitur ablegt, fährt sie im Februar 2014 weniger Rennen. Im darauf folgenden Winter erreicht sie bei den Deutschen Meisterschaften den fünften Platz und wird in den deutschen Nachwuchs- kader bzw. in den C-Kader aufgenommen. Daniela ist überglücklich und zieht nach Bayern um. Im Oktober 2014 folgt die Aufnahme in den Ski-Zug der Bundeswehr in Berchtesgaden. Die sportlichen Erfolge halten an: In der Skisaison 2014/2015 steht Daniela Maier zweimal auf dem Podest. Sie geht als Siegerin beim Europacup hervor und wird Deutsche Meisterin. Zum Abschluss des Winters gewinnt sie bei den Juniorenweltmeister- schaften in Chiesa in Valmalenco die Silbermedaille. Die erfolgreiche Sportkarriere benötigt nun eben- so eine berufliche Komponente. Im August 2015 be- ginnt Daniela Maier eine vierjährige Ausbildung bei der Bundespolizei im Leistungszentrum für Winter- sportarten in Bad Endorf in der Nähe des Chiemsees. Die Sportlerin kann so Sport und Ausbildung ver- binden und hat die Möglichkeit, nach ihrer Sportler- karriere im Polizeidienst zu arbeiten. Daniela Maier mit ihrem olympischen gehäkelten Blumenstrauß, den es für alle Medaillengewinner gibt. 124 Da leben wir

 

 

 

Überglücklich ist Daniela Maier, als sie 2015 Vize-Juniorenweltmeisterin im Skicross wird. Erste Weltcupsaison – „Rookie of the Year“ In der Saison 2015/2016 fährt Daniela Maier ihre erste Weltcupsaison – von nun an darf sie mit den ,,richtig großen Mädels“ an den Start. Bei ihrem Weltcup-Debüt im Montafon landet sie auf Platz 12 und startet bei jedem Weltcup-Rennen. Daniela beendet den Winter auf Rang 17 in der Weltcup- Gesamt wertung und erhält eine besondere Auszeich- nung: ,,Rookie of the Year“. Alle teilnehmenden Nationen küren sie zum besten Neuling. Das damit verbundene Trikot ist bis heute ihr Glücksbringer. Nach der ersten Weltcup- saison 2015/2016 wird Daniela zum besten Neuling gekürt und erhält eine beson- dere Auszeichnung: ,,Rookie of the Year“. Rückschläge verkraften Die Saison 2016/2017 beginnt mit einem großartigen Resultat: Im Dezember 2016 wird Daniela Dritte in Val Thorens und steht erstmals auf dem Weltcup- Podium. Unglücklicherweise verletzt sie sich bei einem Rennen am Feldberg im Februar 2017 am Knie und zieht sich eine immense Schädigung des Gelenk- knorpels zu. Der Knorpel muss im Labor neu gezüchtet und dann verpflanzt werden – in insge- samt drei Operationen. Trotz dieser Knieverletzung beendet sie die Saison als 13. im Gesamtweltcup. Eine bittere Erfahrung ist die Notwendigkeit, eine eineinhalbjährige Pause vom Skifahren einlegen zu müssen. Daniela Maier ist dankbar, in dieser mental und körperlich schwierigen Zeit von der Familie, dem Skiclub Urach und ihren Freunden So funktioniert Skicross: Bei diesem Wettkampf handelt es sich um eine Ski-Freestyle- Disziplin, bei der vier Skifahrer auf einer speziell konzipierten Strecke gegeneinander antreten. Skicross-Strecken sind schmal, kurvig und mit zahlreichen natürlichen und künstlich angeleg- ten Sprüngen, Bodenwellen, Steilhangkurven und Hindernissen gespickt. Beim Skicross kommt exakt dieselbe Ausrüs- tung zum Einsatz wie beim traditionellen alpinen Skisport. Die Rennen laufen in mehreren Runden ab. Zunächst findet eine Qualifikation statt, bei der die Athleten allein gegen die Zeit fahren. Dann kommen die besten 16 Frauen und 32 Männer wei- ter und werden in Vierer-Läufe eingeteilt. Gefahren wird jeweils im KO-System. Die bei- den Erstplatzierten eines Laufs qualifizieren sich für die nächste Runde. So geht es bis hin zum Finale, in dem dann schließlich die ersten vier Plät- ze ausgefahren werden. Aktionen wie Festhalten, Schubsen und Schlagen der Mitstreiter werden als Foul gewertet und können zur Disqualifikation führen. Skicross ist eine Wintersport-Disziplin, die auch beim FIS Freestyle-Skiing-Weltcup und bei den Olympischen Winterspielen vertreten ist. Skicrosserin Daniela Maier 125 125

 

 

 

Während der Saison 2017/2018 kann Daniela zum Training wieder auf die Piste. Mit ihrem Team geht es zu den Rennen, zu Trainingszwecken ist sie bei den Wettkämpfen mit dabei. Nach ihrer 22-monati- gen Wettkampfpause steigt sie im Dezember 2018 wieder ins Renngeschehen ein und startet mit gleich zwei Siegen in Folge bei den FIS-Rennen auf der Reiteralm. Siebter Platz in der Weltcup-Gesamtwertung 2019 wird sie beste deutsche Fahrerin bei ihren ersten Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Solitude bei Salt Lake City und Elfte in der Gesamt- wertung. Bei den folgenden zehn Weltcupeinsätzen fährt sie jedes Mal in die Top 15. Wieder richtig fit und voller Energie beginnt die Saison 2019/2020 mit dem Weltcup-Rennen in Inni- chen in den Sextener Dolomiten. Sie schafft es aufs Podium mit dem dritten Platz. Ebenso in Russland sowie im Sunny Valley. In der Weltcup-Gesamtwer- tung liegt sie auf dem siebten Rang. Das Finale muss allerdings einen Tag davor coronabedingt abgesagt werden, die Pandemie verändert nun auch das Wett- kampfgeschehen im Skicross. Während des Lock- downs trainiert Daniela viel zu Hause und beendet erfolgreich ihre Ausbildung bei der Polizei. Die Bundespolizistin kann 2020/2021 ihren Auf- wärtstrend der vergangenen Saison fortsetzen. Zu- nächst mit einem zehnten Platz in Arosa, fährt sie in Val Thorens ihr bisher bestes Weltcup-Ergebnis mit Rang zwei ein. Auf der Reiteralm beim Europacup kann sie das Rennen zunächst für sich entscheiden, bevor sie am darauffolgenden Tag beim Training schwer stürzt und wieder das Kreuzband im rechten Knie reißt. Sie wird sofort operiert, es folgt eine Reha im Sportzentrum am Tegernsee und Osteopathie bei Veronika Winterhalter. Daniela hat trotz der er- neuten Verletzung keinen Vertrauensverlust in ihr rechtes Knie – und landet in dieser Saison erneut auf dem Podium. Danielas Trainingspläne werden von ihrem Trai- ner Maximilian Wittwer geschrieben. Es ist ein ganz- heitliches Coaching mit geschultem Blick für Fehlhal- tungen und individuell angepasster Physio therapie. Es beinhaltet auch mentales Training, das sehr wich- tig ist vor einem Rennen und allgemein zum Über- winden von Unsicherheiten in der Fahrweise. Nach 22-monatiger Wettkampfpause, ausgelöst durch eine schwere Knieverletzung, startet Daniela Maier im Jahr 2019 wieder durch. Gymnastik war eines der Mittel, um die Fitness und körperliche Belastbarkeit wieder herzustellen. großartig unterstützt zu werden. Um die Muskulatur und Gelenke schonend zu kräftigen, ist Wassergym- nastik das beste Mittel. Mit Margot Zeitvogel weiß sie in Bad Reichenhall eine routinierte Therapeutin an ihrer Seite. Ihre Reha absolviert die Sportlerin in der Simse Klinik direkt neben der Bundespolizei in Bad Endorf. Ihr Trainer Maximilian Wittwer begleitet den langwierigen Weg von der Reha zurück zum Skicross. 126 Da leben wir

 

 

 

Olympia 2022 in Peking – Zuerst Vierte, dann folgt die Bronze-Medaille Das bislang größte Highlight in Danielas Karriere folgt im Februar 2022, als sie bei den Olympischen Winterspielen in China startet. „Ohne die Glücksbrin- ger, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking“, erzählt Daniela Maier mit einem Lächeln im Gesicht bei ihrer Abreise der Presse. Die 25-jährige Skicrosserin nimmt Kuscheltiere, besondere Socken, Fotos, Bücher und selbst UNO-Karten mit. ,,Es war sehr aufregend“, blickt sie auf Olympia zurück. „Das ganze Drumherum und auch sich mit so vielen Sportlern aus verschiede- nen Nationen zu unterhalten, das war etwas Besonde- res“, schwärmt sie. Mit bis zu 80 Stundenkilometern unterwegs – Daniela Maier bei den Olympischen Spielen in Peking. Ohne die Glücksbringer, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking. Skicrosserin Daniela Maier 127

 

 

 

Am Renntag ist Daniela Maier in Top-Form. Im Viertel- und Halbfinale kämpft sie sich mit extrem couragierter Fahrweise jeweils von hinteren Positionen nach vorne. Den Journalisten bei Olympia erklärt sie: „Ich bin sehr stolz auf meine Leistung, so gut bin ich noch nie Skicross gefahren und habe brutal schnelle Ski unter den Füßen.“ Schließlich gehört sie zu den vier Finalistinnen. Nach einem fulminanten Start gerät Daniela im Finale jedoch ins Hintertreffen und wird von der Schweizerin Fanny Smith ausgebremst, wird zunächst Vierte. Nach langsam verstreichenden Minuten im Zielraum, aus dem man als Viertplatzier- te so schnell wie möglich raus möchte, so die Furtwangerin, wird per Video beweis eine Behinde- rung seitens der Schweizerin an Daniela Maier festgestellt. Somit rutscht sie auf den dritten Platz und kann bei der Siegerehrung die Bronzemedaille in Empfang nehmen. Es ist die erste Medaille bei den Olympischen Spielen für Deutschland im Skicross. Daniela Maier zeigte in diesem Augenblick Fair Play und sportliche Größe, als sie mehrfach unterstreicht, sie selbst habe das Verhalten der Schweizerin zunächst nicht als Behinderung empfunden. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: erst auf dem vierten dann doch auf dem dritten Platz… Sie sagt sich: „Genieße es, es ist dein Moment.“ Es folgen die Dopingkontrolle und Interviews mit der ARD und dem ZDF. Am Abend wird Daniela Maier mit rotem Konfetti in Empfang genommen. Natürlich gibt es ein Telefonat mit ihren Eltern. Ihrer Meinung nach ist sie das beste Skicross in ihrer bisherigen Laufbahn gefahren und als sie sich das Rennen anschaute, dachte sie sich: „Wer ist diese Frau?“ In all den Interviews, die jetzt folgen, sagt sie: „Ich wusste, eine kleine Chance besteht. Es sind aber die Besten der Besten hier vor Ort, die absolute Weltklasse. Ich habe zwar schon auf dem Podest gestanden, aber noch nie konstant, ich komme aus einer Verletzungssituation. Ich habe gekämpft, ich habe bis zum Schluss gekämpft – und die Medaille ist rausgekommen!“ Als sie auf dem Podest der olympischen Siegerehrung steht, rollen Tränen der Freude. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/daniela-maier 128 Da leben wir

 

 

 

Der fulminante Zieleinlauf in Peking. Rechts Daniela Maier, ausgebremst beim Zielsprung durch Fanny Smith (links daneben), so das Urteil der Olympia-Jury vor Ort. 129

 

 

 

Die größten Erfolge in der Übersicht: 2015 Erste Weltcup-Platzierung, Platz 12 Montafon (Österreich) 2015 Weltcup-Platzierung, Platz 8 Innichen (Italien) 2015 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 2 Valmalenco (Italien) 2015 Europa-Cup, 2 Siege Gesamtwertung: Platz 2 2016 Erstes Weltcup-Podest, Platz 3, Val Thorens (Frankreich) 2016 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 4 Val Thorens 2019 Weltmeisterschaft, Platz 11 Solitude (USA) 2021 Weltcup-Platzierung, Platz 2 Val Thorens 2022 Olympische Winterspiele, Bronzemedaille Peking 2022 Gesamt-Weltcup, Platz 8 Sport macht einfach Spaß Nach Olympia ging‘s im Weltcup nochmals weiter, Daniela Maier erreicht den achten Platz in der Gesamtwertung. Beim Red Bull SuperSkicross in Andermatt kann sie zum Saisonende erneut demon- strieren, was Skicross wirklich ist: Ein wilder Ritt! Mit 80 Stundenkilometern geht es zu viert in Steilkurven, es folgt ein 40-Meter-Sprung – zum Schluss schießen die Crosserinnen über ein schräges Hausdach aus Schnee. Das Fazit von Daniela Maier: „Ein richtig cooles Event, eine gute Werbung für unseren Sport!“ Nach den Winterspielen genießt sie die Aufmerk- samkeit, die ihr Olympia gebracht hat. Bundespräsi- dent Frank-Walter Steinmeier verleiht ihr das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland. Dar- über hinaus ist sie Gast beim Ball des Sports und die Deutsche Sporthilfe kürt sie zum „Champion des Jah- res“. ,,Aber nicht jede Party kann man mitmachen, das haut dich sechs Trainingseinheiten zurück!“, erzählt sie lachend. Außerhalb des Skicross ist Daniela Maier gerne in den Bergen zum Wandern oder beim Biken. Sie schwimmt im Chiemsee oder macht dort eine Fahrt mit dem Stand-up Paddle mit anschließender Brotzeit auf dem See. Außerdem backt sie sehr gerne Kuchen und teilt Empfehlungen für Back portale im Internet. Sie ist glücklich in ihrer WG in Marquartstein im Chiemgau, aber kommt immer mal wieder in den Schwarzwald zu Besuch. Und sie telefoniert häufig mehrere Stunden lang mit ihrer Mutter in Furtwangen. Für die Zukunft möchte die nunmehr 26-Jährige den Hauptfokus auf ihre physische Konstitution rich- ten. Noch mehr Energie in die Vorbereitung zu den einzelnen Wettkämpfen investieren. Aber das Wich- tigste für Daniela ist, dass ihr der Sport einfach Spaß macht und sie unendlich dankbar ist, wie sie von ihren Eltern, Freunden und durch den Skiclub Urach unterstützt wird. Was nun Olympia anbelangt, hofft Daniela Maier: „Es wäre super, wenn es ein Happy End gibt – und wir beide eine Medaille bekommen. Das wäre das beste Szenario.“ Großartiger Empfang in Furtwangen Rund 250 Fans, Familie, Wegbegleiter, Politikpro- minenz und hochrangige Sportfunktionäre berei- ten Daniela Maier Anfang April 2022 einen tollen Empfang in ihrer Heimatstadt Furtwangen. Fahnen schwenkend und jubelnd begrüßen sie die Schwarz- wälder Athletin in der Festhalle. Es gibt eine Polo- naise mit dem Skinachwuchs des SC Urach, ihrem Heimatclub und ein spontanes Tänzchen mit Mama Bruni. Lachend und in die jubelnde Menge winkend bahnt sich Daniela Maier den Weg durch das Fahnen- meer auf die Bühne. Dort plaudert sie mit Moderator Stefan Lubowitzki locker über ihre Erlebnisse in Peking. Aber auch über ihre ersten Gehversuche im Alter von drei Jahren beim Skiclub Urach, dem sie bis heute eng verbunden ist. Schließlich schauen sich Daniela Maier und die Zuschauer noch einmal die spannendsten Momente von Olympia auf der Großbildleinwand an. Darunter auch den Finallauf. „Dani, du hast uns Nerven gekostet, so spannend war es. Aber wir sind alle sehr stolz darauf, dass du die Saison 2021/2022 mit diesem großartigen Erfolg gekrönt hast“, so der Furtwanger Bürgermeister Josef Herdner und der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. 130 Da leben wir

 

 

 

In Furtwangen wird Daniela Maier am 2. April 2022 von ihren Fans laut jubelnd begrüßt. Unten: Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Furtwangen mit den Bürgermeistern Josef Herdner, Furtwangen (links) und Heiko Wehrle, Vöhrenbach (rechts). Skicrosserin Daniela Maier 131

 

 

 

Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien lehmann_holz_bauten aus St. Georgen­Peterzell hat sich voll und ganz dem Bauen mit dem heimischen Werkstoff Holz verschrieben. Eine Holzart hat es Inhaber Christian Lehmann dabei ganz besonders angetan: die Weißtanne. Von Roland Sprich Weißtannen-Tinyhäuser nach der Hütten- konzeption des Schwarzwald- Baar-Kreises 132 (siehe auch Infokasten auf S. 135). 4. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

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Der Begriff Schwarzwaldhaus ist bis heute besetzt mit rustikalem Wohnen auf einem urigen Bauernhof. Mit tief heruntergezogenem Dach und hölzernen Schindeln an den Wänden. Christian Lehmann aus St. Georgen-Peterzell denkt und interpretiert das historische Schwarzwaldhaus neu. Er plant und projektiert Wohn- und Nutzgebäude mit dem typischen und reichlich im Schwarzwald vorkommenden Baumaterial, mit Holz. Und ist auch in anderer Weise ganz eng mit dem Naturstoff verbunden. In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre. Holz spielt im Leben von Christian Lehmann schon immer eine Rolle. Geboren und aufgewachsen ist er auf einem denkmalgeschützten Schwarzwälder Eindachhof mit Sägewerk im Hornberger Ortsteil Reichenbach, nahe der höchsten Anhöhe Windkapf, wo sich die drei Landkreise Ortenau, Rottweil und Schwarzwald-Baar treffen. So lernte er die Wert- schöpfungskette Holz vom Wald über die Verarbei- tung bis zur Veredelung, aus nächster Nähe kennen. Heute ist er von Holz als Werkstoff fasziniert. Mit seinem Unternehmen lehmann_holz_bauten plant, projektiert und realisiert er Holzbauten aller Art – als Baubetreuer oder Generalübernehmer. Und beweist, dass sich die traditionelle Schwarzwälder Holz- bauweise mit moderner und zeitgemäßer Holzbau- architektur verbinden und mit der ursprünglichen Einfachheit und Gemütlichkeit vereinbaren lässt. Im Holzhaus wohnen ist ein Lebensgefühl Wenn Christian Lehmann über Holz spricht, ist er in seinem Element. Selbstredend lebt er auch selbst in einem Holzhaus und hat für sich und seine Familie in einer Holzhausgruppe in den 1990er-Jahren ein Zuhause geschaffen. „In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre.“ Darüber hinaus sind für Christian Lehmann, Inhaber von lehmann_holz_bauten. 134 Wirtschaft

 

 

 

HÜTTENKONZEPTION DES SCHWARZWALD-BAAR-KREISES Mit einem umfassenden Konzept will der Schwarz- wald-Baar-Kreis den Tourismus attraktiver gestalten. Die Hüttenkonzeption soll als Teil davon die gastro- nomische Versorgung entlang von Rad- und Wander- wegen sowie Loipen stärken. Dazu gehören auch Beherbergungsbetriebe. Vier von Christian Lehmann geplante und gebau- te Tiny-Häuser wurden dazu in Langenschiltach bei Familie Lehmann aufgestellt (siehe auch Seite Foto auf Seite 132). Innen wie außen dominiert die Weiß- tanne, die Ferienhäuser stehen mitten in der Natur. ihn die ökologischen, energetischen und wohnge- sunden Aspekte wichtig. „Holz ist ein lebendiger, nachwachsender und leicht zu bearbeitender Rohstoff aus der Natur“, bringt Christian Lehmann seine Faszination für den Baustoff auf einen Nenner. Dazu kommt, dass Holz von allen Baumaterialien die beste CO2-Öko-Klima-Bilanz sowohl bei der Herstel- lung, beim Transport, bei der Verarbeitung, der allgemeinen Nutzung und beim Recycling hat. Nicht von Anfang an der Traumberuf Dass er einmal beruflich mit Holz zu tun haben sollte, war dennoch nicht von vorneherein klar. „Eigentlich wollte ich Landmaschinenmechaniker werden“, verrät er. Familiäre Umstände zeichneten aber einen anderen beruflichen Weg vor. So absol- vierte er stattdessen von 1974 bis 1977 eine Ausbil- dung zum Zimmermann bei seinem Onkel, der in Langenschiltach einen Zimmermannbetrieb hatte. „Zu Anfangszeiten war das mehr ein Baustoffhandel als eine Zimmerei“, erinnert sich Christian Lehmann. Dennoch hat er schnell gelernt und sich viel Wissen selbst angeeignet, was auch zu frühem selbstständi- gen Arbeiten führte. Mit 22 Jahren schon Meister Der berufliche Ehrgeiz setzte sich auch nach Ende der Lehrzeit fort. Bereits nach eineinhalb Jahren als Zimmerergeselle konnte er durch einen glücklichen Umstand die Meisterschule besuchen und hatte letztendlich im Alter von 22 den Meisterbrief im Zimmererhandwerk in der Tasche. Im Anschluss startete er bei einem großen Holzbaubetrieb, wo er 20 Jahre als Bereichs- und Projektleiter für den Holzbau/Hausbau zuständig war und Großprojekte sowie den Schlüsselfertigbau leitete. „Darunter unter anderem den Bau der Neuen Tonhalle in VS-Villingen, das Hallen-/Neckarbad in VS-Schwenningen und die Deutsch-Schweizer Grenz-/Zollanlage in Konstanz- Kreuzlingen“, zählt er auf. 1989 hat Christian Lehmann die Prüfung zum Restaurator im Zimmererhandwerk abgelegt und un- ter anderem die Pfarrkirche St. Martin in Brigachtal und die drei Klosteranlagen in Villingen – die der Franziskaner, Kapuziner und Benediktiner – restau- riert beziehungsweise saniert. lehmann_holz_bauten 135

 

 

 

Oben: Zwei Familien, eine Idee: Die beiden ++Energie-/CO2-Aktivhäuser wurden einfach gespiegelt, so konnte die Baufläche optimal genutzt werden. Unten: Trotz hoher Standardisierung lassen sich auch individuelle Wünsche umsetzen. Die Baufamilie dieses Plusenergiehauses wollte eine Kletterwand an der Hausfassade haben. 136 Wirtschaft

 

 

 

Auch als Energieberater tätig Ein weiteres Standbein, das aktuell wichtiger ist denn je, ist seine Expertise als Energieberater. Selbstredend, dass er bei seinen projektierten Häusern auf den Energiewert achtet. Energieeffizientes Bauen liegt ihm nicht erst seit den steigenden Energiekosten am Herzen. Sogenannte Plusenergiehäuser werden als ++Energie-/CO2-Aktivhäuser gebaut. Dabei wird mehr Energie erzeugt als verbraucht wird. Die Atmosphäre wird nicht mit CO2 be- sondern entlastet. Der durch die Photovoltaikanlage auf der Süddachseite gewonnene Strom wird in eine Hochleistungseffizienz- Luft-Wasser-Wärmepumpe eingespeist. Die Wärme wird über die Fußbodenheizungen verteilt und das Brauchwasser gepuffert. Die Stromspeicher ergänzen und die Elektro-Ladestation komplettieren das Energiekonzept. Entwicklung eigener „Rahmenbedingungen“ Bei der Zusammenarbeit mit einer jungen, dynami- schen Architektengruppe Anfang der 1990er-Jahre bekam Christian Lehmann auch Zugang zur Architek- tur. „Damals habe ich begonnen, nebenher die ersten Häuser in Holz-System-Bauweise zu planen und auf Karo-Papier skizzenhaft zu entwerfen“, erinnert er sich. Dabei stieß er auch auf ein von einem Konstanzer Architekten entwickeltes Raster- modell für das Holzbau-Tragsystem. Von diesen Kenntnissen ausgehend entwickelte Christian Lehmann seine eigenen „Rahmenbedingungen“, die längst zu seinem Markenzeichen geworden sind, seitdem er sich 2003 mit einem eigenen Büro in Die hohe Standardisierung durch den Einsatz des Meter- Rasters macht Bauen effektiv und preisgünstig. Peterzell selbstständig gemacht hat. Auf der Ein- gangstür steht: „architektonisch pur – lehmann_ holz_bauten – beraten, betreuen, bauen.“ Die Planungen für seine Holzbauten, ganz egal ob Wohn-, Arbeits-, Ferien-, An-/Um-, gewerbliche, öffentliche, landwirtschaftliche Bauten, beruhen allesamt auf dem Meter-Raster. In der Regel gibt es ein Primär-Tragraster und ein Ein-Meter- Sekundär- raster. Heißt, dass sämtliche Maße in Meter- Schritten gedacht, geplant und eingeteilt sind. Der Vorteil dabei liegt für Christian Lehmann auf der Hand. „Es ist eine hohe Standardisierung, was das Bauen effektiv und preisgünstiger macht.“ Die Anpassung des Raumprogramms an die Holz-Raster-System-Bauweise im Meter-Raster er- möglicht besonders wirtschaftliche Holzbauten mit kurzer Bauzeit. Die effizienten und kostenoptimier- ten Bauteile werden teilvorgefertigt und mit Holz- faser gedämmt. Einfache, reduzierte Materialwahl, Konstruktionen und Bauteile sowie standardisierte Anschlüsse und Übergänge bestimmen den Entwurf, die weitere Planung, die Projektierung und die Reali- sierung bis ins Detail. In die Tenne eingeschobene Wohnboxen gehören bei Christian Lehmann zum Standardprogramm bei der Sanierung von Schwarzwald- höfen. Im Bild das Projekt Lippenhof bei Unterkirnach. lehmann_holz_bauten 137

 

 

 

Der umgebaute jahrhundertealte Lippenhof in Unterkirnach besticht durch den Einsatz von veredelter heimischer Weißtanne und die umlaufenden großflächigen rahmenlosen Verglasungen. Besonders hohen Wert wird auf baubiologisch unbedenkliche Baustoffe und wohngesundes Bauen gelegt. Es werden einheimische/regionale und wo möglich, naturbelassene Materialien/Hölzer verwen- det. Die Konstruktion wird in der Regel mit Konstruk- tionsvollholz (KVH) in Fichte/Tanne und die Außenbe- kleidungen in Douglasie ausgeführt. Die Fenster und Türen werden ebenfalls in Holz (Lärche) gefertigt. Im Innenbereich werden meist Eichenholzböden verlegt. Etwas Besonderes ist, dass Innenwände häufig über alle Geschosse durch Raumteiler/Einbauschränke er- setzt werden, die beidseitig als Schrankwand nutzbar sind und mit Oberlichtern ausgestattet werden. Vorliebe für klare Strukturen und Linien „Fünf Finger, fünf Bauteile, fünf Minuten, fertig ist das Haus“, fasst er die erforderlichen Bauelemente – Boden, Außenwand, Innenwand, Decke, Dach – zu- sammen. Der Vorteil zahlt sich für den Bauherrn in barer Münze aus. Im Schnitt 15 Prozent, so Lehmann, lassen sich mit einem nach seiner Methode projek- tierten Gebäude gegenüber konventioneller Bauwei- se mit gleich- oder höherwertigem Raumprogramm einsparen. Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meisterstücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindachhöfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen. 138 Wirtschaft

 

 

 

Individuelle Wünsche trotz hoher Standardisierung möglich Diese von ihm übernommene und weiterentwickelte Bauweise kommt Christian Lehmann auch bei seiner Vorliebe für klare Linien und Strukturen zugute. Verwinkelte Ecken, Schnörkel und Erker sind seine Sache nicht. Wenn sich dagegen die Einrichtung an die Holz-System-Bauweise anschmiegt und wie aus einem Guss wirkt, strahlt Christian Lehmann. „Was nicht heißt, dass individuelle Wünsche nicht reali- siert werden können.“ So lässt sich auch Ausgefalle- nes, wie beispielsweise eine Kletterwand an der Hausfassade, mühelos verwirklichen. Neben der Realisation von Neubauten ist der Umbau bestehender Gebäude ein weiteres Stecken- pferd von Christian Lehmann, der außerdem Restau rator im Handwerk ist. „Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meister- stücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindach höfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen“, erklärt Lehmann. Als einer der Ersten wagte er es, den Ausbau einer Tenne zu einer Wohnung nicht über die gesamte Fläche auszudeh- nen. Sondern eine Wohnbox in die Tenne zu stellen. Heute gehört der Einschub von Wohn-Glas-Boxen in große Dachräume, in denen früher das Futter für den Winter gelagert wurde, für ihn zum Standardpro- gramm. Mit dieser innovativen Holzbauarchitektur und unter Verwendung moderner Baustoffe wie viel Glas und veredelter Weißtanne lassen sich so zeitgemäßes Wohnen und Leben in der alten Hülle unter einem schützenden Dach auf kreative und an- genehmste Weise miteinander kombinieren. Ohne die vorhandene charakteristische, den Schwarzwald prägende Gebäudestruktur zu verändern oder gar zu zerstören. Besondere Vorliebe für Weißtanne Eine Sorte Holz hat es Christian Lehmann besonders angetan: die Weißtanne. Seit vielen Jahren engagiert er sich im FORUM WEISSTANNE, einem gemeinnüt- zigen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, der heimischen Baumart eine Stimme zu geben. Die Tanne hat durch die Globalisierung des Holzmarktes in den vergangenen Jahrzehnten ihre einst führende Marktposition in ganz Süddeutschland verloren. Obwohl sie gerade im Schwarzwald eine der wich- tigsten Baumarten war und ist und aufgrund kurzer Transportwege eine unschlagbar günstige CO2-Bilanz aufweist. Das FORUM WEISSTANNE versucht, das Marktverhalten zugunsten der Weißtanne dahinge- hend zu verändern, dass es für Waldbesitzer wieder attraktiver wird, Weißtanne anzubauen und als eigenes Sortiment zur Verfügung zu stellen. Christian Lehmann setzt auf Weißtanne wo im- mer es möglich ist. Fast alle seine Projekte bekom- men eine Fassade aus dem heimischen Holz. Aktuel- les Beispiel ist der Lippenhof, ein jahrhundertealter Bauernhof in Unterkirnach mit Land-, Forst-, Ener- gie- und jetzt auch Gastwirtschaft mit Ferienwoh- nungen in der großen Gaube und in den ehemaligen Gangkammern. Aber nicht nur bei privaten Wohn- projekten lässt Lehmann die Weißtanne eine Rolle spielen. So wurde ganz aktuell ein im Auftrag der Bundeswehr erstelltes AWL-Gebäude (Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude) zur Standortschießan- lage in Donaueschingen, für das er die Projektierung und Bauleitung hatte, fast ausschließlich aus Holz und hier überwiegend in Weißtanne gebaut. Das ganz in NUR-Holz, mit leimfreien Holzelementen, gebaute Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude ist eines der aktuell realisierten Weißtannenprojekte für die Bundeswehr am Standort Donaueschingen. XXX 139

 

 

 

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„Klinik am Doniswald“ – Psychotherapie und Seelsorge von Barbara Dickmann Die Menschen in Königsfeld sind eng verbun- den mit der Herrnhuter Brüdergemeine und mit ihren Kliniken. Auch die Michael-Balint- Klinik, die mehr als 26 Jahre erfolgreich als psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedi- zin betrieben wurde, gehörte „einfach dazu“. Keine Frage: Die Patienten waren willkomme- ne „Kurgäste“. Doch 2019 kam das „Aus“! Zwei lange Jahre passierte nichts und die wildesten Gerüchte machten die Runde. Dann lernten Andrea Fetzner und Andreas Leschinger, zwei promovierte Ärzt*innen, nicht nur diese Klinik, sondern ebenso Ralf Ruchlak kennen, einen Betriebswirt mit speziellen Kenntnissen in medizinischen Geschäftsfeldern. Die Folge: Am 1. Oktober 2021 öffnete die „Klinik am Doniswald“ ihre Tore. Klinik am Doniswald 141

 

 

 

Schon am Morgen fühlt sich Gerda erschöpft. Und eine unendliche Müdigkeit begleitet sie den ganzen Tag. Gegen Mittag setzen die Kopf- schmerzen ein, Bauchschmerzen nach dem Essen, Kreislaufstörungen und Verdauungsbeschwerden werden ein ständiger Begleiter ihres Alltags. Hinzu kommt die Angst, denn sie befürchtet eine schwere Erkrankung. Besonders nachts verstär- ken sich diese quälenden Gedanken und sie schläft schlecht. Ihr Hausarzt hört ihr geduldig zu, findet aber keine organische Ursache und drückt ihr eine Über- weisung in die Hand. Es wird nicht die letzte sein. Gerda wandert durch die unterschiedlichsten Fach- richtungen. Magen spiegelung, Darmspiegelung und und und… alles ohne Befund. Doch das ist kein Trost, sondern eher das Gegenteil. Und der Teufelskreis beginnt: Bauch-, Muskel- und Kopfschmerzen, Mü- digkeit und Erschöpfung führen zu noch mehr Stress, was wiederum die körperlichen Signale zusätzlich verstärkt. Nach einem langen Leidensweg kommt die Dia- gnose: Die Schmerzen, die Beschwerden sind psycho- somatisch! Gerda kann damit nichts anfangen. Was ist das eigentlich? Der Begriff Psychosomatik kommt aus dem Griechischen für Seele (Psyche) und Körper (Soma). Dieser Teil der Medizin beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen von psychologischen, biolo- gischen und sozialen Bedingungen einer Krankheit. Probleme belasten, sie „liegen im Magen“, Liebes- kummer „bricht das Herz“ und bei Ärger kommt uns „die Galle hoch“. Wenn die Seele sich auf den Körper auswirkt, können Beschwerden auftreten, für die man keine organische Ursache findet. Sie sind des- halb nicht weniger schlimm – ganz im Gegenteil. Gerdas Krankheitsverlauf wird immer dramatischer. Was ist die Ursache? Was belastet ihre Seele? Welche Narben hat sie? Ist Gerda traumatisiert? Oder ist es sogar eine Persönlichkeits-, Angst- oder Zwangsstö- rung? Gerda geht in die Akutklinik… Danach wird ihr eine Rehabilitation bewilligt. Gerda möchte nach Königsfeld in die Klinik am Doniswald. Der Tag der Anreise naht… Gerda reist an. Sie hat sich die Klinik am Doniswald ganz bewusst ausgesucht. Das denkmalgeschützte, liebevoll sanierte und aufs Neueste ausgestattete Hauptgebäude hatte es ihr angetan. Gerda wollte nicht in eine große Klinik, das allein machte ihr schon Angst. Die Klinik am Doniswald ist überschau- bar, da kann die Atmosphäre nur sehr persönlich sein. In der Küche wird frisch und gesund gekocht, was ihr auch wichtig ist. Der weiträumige Kurpark und der direkt hinter der Klinik beginnende Donis- wald sind für sie schon ein Teil der Therapie und Bal- sam für die Seele. Hier ist schon Albert Schweitzer gewandert, denkt sie voller Hochachtung. Und dann gibt es noch ein besonderes Thema, das sie für sich klären will: die Seelsorge. Denn „der 142 Wirtschaft

 

 

 

Freundlich empfangen und dank des ganzheitlich- psychotherapeutischen Ansatzes auch bestens betreut. Die Klinik am Doniswald bietet ihren Patienten beste Rahmen bedingungen. ganzheitlich psychotherapeutische Ansatz wird um eine geistlich-spirituelle Ebene erweitert, unab- hängig ihrer Überzeugung oder Religion wird auf Wunsch Seelsorge angeboten“…, so steht es auf der Internetseite. Gerda wird ausgesprochen freundlich empfangen, ihr Zimmer gefällt ihr gut, die Umgebung … so traum- haft wie sie es sich erhofft hat. Das Essen – einfach super und gleich am ersten Abend lädt Andrea Fetzner zu einem faszinierenden Vortrag ein. Es geht um die Geschichte der Klinik, um Königsfeld um die Herrnhu- ter Brüdergemeine und um Albert Schweitzer… Vier Wochen ganz auf sie abgestimmte, intensive Therapie liegen vor ihr, gepaart mit künstlerischen, musikali- schen und seelsorgerischen Angeboten. Ob Gerda physisch wie psychisch gesund werden wird, kann man nicht sagen. Doch die Voraussetzun- gen könnten nicht besser sein… Die Klinik am Doniswald – für Psychotherapie und Seelsorge Keine Frage, Gerda hat eine gute Wahl getroffen. Doch dass es diese Klinik überhaupt gibt, ist der Verdienst von drei besonderen Menschen, die sich einfach getraut und mit einer freundlichen Hartnä- ckigkeit ihr Ziel verfolgt haben und jetzt ihren Traum leben. „Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik!“ Andrea Fetzner, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Andreas Leschinger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ralf Ruchlak, Diplom-Betriebs- wirt sind die heutigen Geschäftsführer. Drei Macher, die das Schicksal zusammengeführt hat. „Andreas Leschinger und ich kannten uns schon und wir wussten, dass wir gut zusammenarbeiten können“, berichtet Andrea Fetzner. Beide waren sie unzufrieden, hatten einfach andere Vorstellungen von einer Klinikleitung, als sie es in ihren Jobs er- lebten. Sie suchten nach Alternativen, sprachen im Freundeskreis darüber und irgendwann entstand die Idee, eine eigene Klinik zu gründen. „Die ehe- malige „Michael-Balint-Klinik“, so hieß dieses Haus 27 Jahre lang, war in einer Insolvenzmasse und stand leer“, erinnert sich Andreas Leschinger. Gemeinsam Klinik am Doniswald 143

 

 

 

Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik! Dr. Andrea Fetzner besichtigten die beiden Ärzte das Haus, irgendwie sprang da ein Funke über und sie kamen ins Grübeln. Und dann lernten sie Ralf Ruchlak kennen. Der Betriebswirt kannte die Klinik in- und auswendig. Er war vom Insolvenzverwalter 2019 als Verwaltungslei- ter eingesetzt worden und hatte die Klinik ein halbes Jahr bis zu deren Schließung geleitet. Ralf Ruchlak war besonders betroffen. Denn obwohl die Klinik gut belegt war, musste er von einem Tag auf den Betrieb einstellen und alle Mitarbeiter entlassen. „Das war einfach furchtbar, ich habe sehr darunter gelitten“, erinnert er sich. Mit Ralf Ruchlak war das Team kom- plett und drei höchst motivierte Menschen starteten das Projekt „Klinikkauf“, was nicht so einfach war. Denn die Frist zur Abgabe eines Kaufangebots war nicht einzuhalten. Auf ihre Bitte genehmigte der Insolvenzverwalter eine Verlängerung, sonst hätten sie keine Chance gehabt. Sie erarbeiteten einen Businessplan, fanden weitere Investoren, die bereit waren, Gesellschafter zu werden, kümmerten sich um die Finanzierung und gründeten mit insgesamt zwölf Menschen die „Doniswald Immobilien GmbH“. Und schon wieder lag es an dem Insolvenzverwalter. Denn insgesamt drei Bewerber wollten dieses Haus kaufen und es umbauen. Doch ihr Konzept überzeugte und sie erhielten den Zuschlag. Das war die Geburtsstunde der „Klinik am Doniswald“. An der Spitze und verantwortlich: die geschäftsführenden Gesellschafter Andrea Fetzner, Andreas Leschinger und Ralf Ruchlak. Große Nachfrage nach freien Plätzen Am 1. April 2021 kamen die ersten Handwerker – und das in Corona-Zeiten. Gleichzeitig schrieben sie Bei der Besichtigung der Doniswaldklinik sprang der Funke über, v. links: Die Ärzte Andreas Leschinger und Andrea Fetzner sowie der Königsfelder Bürgermeister Fritz Link nach dem Ortstermin. 144 Wirtschaft

 

 

 

Die Geschichte der Klinik Das vordere, denkmalgeschützte Gebäude wurde 1903 als Grandhotel für Kurgäste in Königsfeld erbaut und „Schwarzwaldhotel“ genannt. Der gemeindeeigene „Toniswald“ (später Doniswald) liegt direkt hinter der Klinik. Vor der Klinik wurde ein weiträumiger Kurpark angelegt. 1975 enstand unter Leitung des Hoteliers Hans Diegner ein zweiter Bau „Tonishof“ für Gäste zugefügt. 2021 wurde das Gebäude an die Doniswald Immobilien GmbH verkauft. 1991 übernahm die W. Rother GmbH das Gelände mit den beiden Gebäuden „Schwarzwaldhotel“ und „Tonishof“ und eröffnete die psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedizin. Wie zuvor wird die Klinik als gemischte Fachklinik geführt und unter dem Namen „Klinik am Donis- wald“ am 1. Oktober 2021 neu eröffnet. Von 1993 bis 1998 erfolgten aufwändige Umbauar- beiten mit einem neuen Verbindungsbau zwischen beiden Gebäuden, um den Anforderungen an eine zeitgemäße Klinik gerecht werden zu können. Im vorderen, denkmalgeschützten Gebäude soll – sobald grünes Licht gegeben wird – eine Abteilung mit Akutbetten für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entstehen. Die Klinik ist weitestgehend barrierefrei gebaut und eingerichtet und wurde mehr als 26 Jahre erfolgreich als „Michael-Balint-Klinik“ geführt, bevor sie 2019 geschlossen wurde. Der Zwischenbau und der zum Wald hin gelegene Gebäudeteil ist seit 1.Oktober 2021 als Abteilung Rehabilitation für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wieder eröffnet. Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mit- streiter sind rundherum glücklich und zufrieden. das medizinische Behandlungskonzept, reichten knapp 300 Seiten Unterlagen an Behörden und Kostenträger ein und schafften es binnen kurzer Zeit, 75 Mitarbeiter zu finden. Etliche von ihnen waren frühere Mitarbeiter der „Michael Balint- Klinik“, und „deren Freude war groß, denn der Schmerz über die plötzliche und eigentlich grundlo- se Schließung saß tief“, erinnert sich Ralf Ruchlak. Am Freitag, den 1. Oktober 2021 war es soweit. Knapp 60 Patienten wurden aufgenommen. Und das hat sich bis heute nicht geändert. „Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mitstreiter sind rundherum glücklich und zufrieden. Natürlich sei die Arbeit anstrengend, besonders wenn sich manchmal coronabedingt Krankheitsfälle bei den Mitarbeitern häufen würden und natürlich sei der Verdienst auch geringer. Und ja, eigentlich wären sie und Andreas Leschinger eher in einem Alter, in dem man an mehr Freizeit denke. Und Ralf Ruchlak, der Jüngste im Bunde, mit kleinen Kindern – keine Frage! Wenn da nicht die Partner so unterstützend mitspielen wür- den, ginge das gar nicht. Was machen sie anders als andere Kliniken? „Wir haben eine sehr flache Hierarchie“. Die Geschäfts- führer duzen sich mit dem Hausmeister, der Klinik am Doniswald 145

 

 

 

In der Fachklinik Doniswald werden folgende Krankheitsbilder behandelt: • ADHS • Angsterkrankungen Burnout • • Coronafolgen • Depressionen Essstörungen • • Persönlichkeitsstörungen Schlafstörungen • Schmerzerkrankungen • Traumafolgestörungen • • Zwangsstörungen Links: Blick in den Speisesaal und der Empfang. Rechts: Das 1993 von dem Künstler Tobias Kammerer erschaffene Seccofresco beschäftigt sich bildkünstlerisch mit der medizinischen Psychosomatik. Reinigungsfrau oder dem Koch genauso wie mit ihren Kollegen. Das ist kein Gag, sondern einfach ein Ausdruck dafür, dass sich alle auf einer Ebene begeg- nen, dass sie eine Gemeinschaft sind und sich gegenseitig wertschätzen und respektieren. „Ich glaube, dass der Geist der Herrnhuter Brüdergemeine auch uns berührt hat. Denn es gibt dort nur Brüder unter Brüdern und Schwestern unter Schwestern, alle sind gleichwertig.“ Ja selbst auf dem Friedhof seien alle Gräber gleich. Es gäbe keine großen Monumente. Und die Geschichte von Königsfeld sei einfach faszinierend … Man spürt es genau – Königs- feld hat es Andrea Fetzner angetan. Es gibt keine Mindestlöhne und kein Catering. Es wird nichts outgesourct. Ganz im Gegenteil. „Unsere Mitarbeiter sind uns wertvoll.“ Nächstes Ziel: Genehmigung der Akutbetten Ständig wird verbessert, verschönert, modernisiert und an den Therapieplänen gefeilt. Das nächste Ziel: Die Genehmigung, der durch die Schließung verloren gegangenen Akutbetten, denn der Bedarf ist groß. Die Anträge sind gestellt, doch das zu erreichen braucht sehr viel Geduld. „Wir sind eine kleine Klinik, der Streit um die Akutbetten wird seit Jahren geführt. Die zusätzliche Therapieform der Seelsorge liegt den Verantwortlichen besonders am Herzen. „Es gibt viele Menschen, die aufgrund ihres Glaubens in Schwierigkeiten geraten sind. Das ist noch ein an- derer Aspekt der Psychotherapie – egal ob Moslem oder Christ!“ Zwei Seelsorger sind für die Patienten auf Wunsch da und natürlich sei auch die Spirituali- tät ein Kreativbaustein zur Heilung der Seele. 146 Wirtschaft

 

 

 

Andrea Fetzner Andrea Fetzner studierte von 1980 bis 1987 Medizin in Tübingen, Promotion 1987 im Bereich Entwicklungsneurologie, Approbation 1988. Von 1987 bis 1995 war sie als Familienfrau und Mutter von drei Kindern tätig. Von 1995 bis 2007 arbeitete sie als Assistenzärztin in der Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe (Klinik für krebs- und herzkranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) und von 2008 bis 2012 als Assistenz ärztin in der Mediclin Baarklinik und Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld. Nach der Facharztprüfung mit Anerkennung zur Fachärztin für Psycho somatische Medizin und Psychotherapie arbeitete Andrea Fetzner 2012 bis 2013 als Oberärztin in der Mediclin Baarklinik Königsfeld, von 2013 bis 2014 als Oberärztin in der Privatklinik Friedenweiler. Ab Januar 2015 arbeitete sie zunächst als leitende Oberärztin, ab August 2015 als Chefärztin in der Medianklinik St. Georg Bad Dürrheim. Seit 1. August 2021 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin und Chefärztin der Klinik am Doniswald GmbH. Andreas Leschinger Andreas Leschinger studierte Medizin in Köln und Gießen, Promotion im Bereich Neurophysiologie, 1994 Approbation. 1995 Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Magdeburg, Facharzt seit 2001. Im Jahr darauf erhielt er die Legitimation und Facharztanerkennung für das Fach Psychiatrie in Schweden. Dort war er zunächst als Oberarzt, ab 2007 als Chefarzt vornehmlich in der Akutpsychiatrie, sowohl in der stationären als auch ambulanten Versor- gung tätig. Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2015 zunächst oberärztliche Tätigkeit im Vinzenz von Paul Hospital Rottweil. 2017 bis Juli 2021 leitender Oberarzt in der Median Klinik St. Georg in Bad Dürr heim. Jetzt geschäftsführender Gesellschafter und Chefarzt der Klinik am Doniswald GmbH. Ralf Ruchlak Ralf Ruchlak studierte Betriebswirtschaft in Lörrach und in den USA. Fast zehn Jahre war er für die Firma ALDI Süd in der Funktion als Regionalver- kaufsleiter in Süddeutschland und den USA tätig. Zuletzt auch als Prokurist in der Firmenzentrale von ALDI Süd in Mülheim an der Ruhr. Seit 2011 ist Ralf Ruchlak in verschiedenen Managementfunktionen im Gesundheitswesen aktiv. Neben der Leitung diverser Kliniken unter- schiedlichster Fachrichtungen beschäftigte sich Ralf Ruchlak insbesonde- re mit der Sanierung und dem Aufbau von medizinischen Geschäftsfeldern. Beratend oder auch in operativer Funktion unterstützte er verschiedene Insolvenzverwalter bei Insolvenzen im Gesundheitswesen. Ralf Ruchlak ist geschäftsführender Gesellschafter der Klinik am Doniswald GmbH. Klinik am Doniswald 147

 

 

 

75 JAHRE HEZEL GMBH VOM PIONIER ZUM HOCHMODERNEN ENTSORGUNGSFACHBETRIEB von Roland Sprich „Kompetenz rund um Recycling“ – die Firma Hezel aus Mönchweiler gilt als Entsorgungsfachbetrieb auf modernstem Stand und feiert 2023 ihr 75-jähriges Bestehen. Das Unternehmen entwickelte sich aus kleinsten Anfängen heraus zum Universalfachbetrieb für die Verwertung von Abfällen aller Art im gewerblich-industriellen Bereich. Am Beginn dieser Erfolgsgeschichte steht der Schrotthandel von Oskar Hezel, des „Schrottle“, wie die Mönchweiler den Firmengründer und Recycling-Pionier nannten. Heute stehen Uwe Hezel, seine Tochter Tanja und Jürgen Hezel an der Spitze eines über 40 Mitarbeiter großen Unternehmens mit hervorragenden Zukunftsperspektiven. 148

 

 

 

 

 

 

Weil Oskar Hezel das Altmetall anderer Leute einsammelte, bezeichneten ihn die Mönchweiler als „Schrottle“. Aber der Pionier erkannte früh den Wert des Recyclings und besonders von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg gibt ihm alsbald recht. Doch: Der Handel mit Schrott erwies sich als zu- nehmend erfolgreich. Kurz nach dem Weltkrieg war das als „Schrott“ bezeichnete Altmetall bares Geld wert. „Es gab ja nach dem Krieg nichts, aber überall lag Schrott herum“, beschreibt Sohn Jürgen Hezel die damalige Situation. Oskar Hezel wird indes für seine Schrottsammlerei eher belächelt. Die Mönchweiler geben ihm dafür den Spitznamen „Schrottle“. Aber er lässt sich nicht beirren, erkennt als ein Pionier des Recyclings früh den Wert von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg bleibt nicht aus, was auch notwendig ist, denn die Familie hat fünf Kinder zu ernähren. Späne schaufeln ist Schwerstarbeit Schon bald kauft sich Oskar Hezel einen Opel P4, den er zum Pritschenwagen umbaut, um immer Alles beginnt mit der Gründung eines Schrotthan- dels durch Oskar Hezel im Jahr 1948. Der gelernte Formenbauer, Jahrgang 1923, arbeitet in der Aluminiumgießerei in Villingen, wo er unter anderem die Lüfterflügel für die St. Georgener Papst-Motoren gießt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründet der 22-Jährige gemeinsam mit seinem Schwager Fritz Ecker in Hornberg eine eigene Gießerei, in der Kochtöpfe hergestellt werden. Diese tauschte er mit den Bauern in der Umgebung – im Gegenzug dazu erhält er Speck, Käse, Fleisch, Milch und andere Lebensmittel. Noch gibt es die D-Mark als sichere Währung nicht. So erzählt es der älteste Sohn Fritz Hezel. „Dadurch habe es immer genug zu essen gegeben“, erinnert er sich an die Schilderungen des Vaters. Oskar Hezel Das Handeln mit Waren liegt der Familie seit Generationen im Blut. „Schon Oskars Großmutter Katharina war Händlerin, die mit dem Handwagen nach Villingen lief, um dort Kurzwaren einzukaufen, die sie hier am Ort verkaufte“, so Jürgen Hezel weiter, der das Unternehmen heute zusammen mit seinem Bruder Uwe und dessen Tochter Tanja führt. Im Jahr 1950 wird die Gießerei Hezel & Ecker aufgegeben. Oskar Hezel entwickelt eine neue Geschäftsidee: Er erwirbt einen selbstfahrenden Claas-Mähdrescher und ist damit in der gesamten Region unterwegs, um das Korn der Bauern in Lohn- arbeit zu dreschen. Nebenher baute Oskar Hezel einen Schrotthandel auf, der zunächst nur als ein „Notnagel“ galt, um ein bisschen Geld zu verdienen, wenn nichts anderes mehr ging. Auf der Gewerbeschau Mönchweiler im Jahr 2007 wurde ein Fahrzeug nachgestellt, wie es etwa Oskar Hezel zu Be- ginn seiner Karriere hatte. Im Original war es ein Opel P4 Pritschenwagen, Familie Hezel zeigte einen Ford Model A mit Pickup-Aufbau. 150 Wirtschaft

 

 

 

1970er-Jahre zu florieren beginnt, braucht Oskar Hezel Unterstützung. So steigt der gelernte Reise- bürokaufmann Jürgen Hezel nach seiner Bundes- wehrzeit 1976 in das Unternehmen ein. Und 1982 gibt ebenso Sohn Uwe Hezel seinen Beruf als Maschinenschlosser bei J. G. Weisser in St. Georgen auf und bringt sich gleichfalls in das väterliche Unternehmen ein. 1988 dann übergibt Oskar Hezel die Firmenleitung an drei seiner Kinder. Er bleibt jedoch weiterhin in beratender Funktion an der Entwicklung des Unternehmens beteiligt, bis er 1994 stirbt. Bis heute bilden die Kinder – und mittlerweile auch Enkeltochter Tanja – die Führungsspitze der Firma Hezel. Jürgen und Uwe Hezel sind gemeinsam mit ihrer Schwester Angelika ebenso die Gesellschaf- ter des Unternehmens. Die jüngste Schwester Angelika kam 1984 hinzu, hat sich allerdings vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurück- gezogen. Sie war jedoch all die Jahre maßgeblich an der Gestaltung der Firmengeschicke beteiligt. „Oskar räumt alles auf“ – Zeitungsanzeige aus den 1970er-Jahren für den Entrümpelungs-Service von Oskar Hezel. größere Mengen an Altmetall einsammeln zu können. Neben dem Erwerb von Schrott von Privatkunden beginnt Oskar Hezel jetzt auch damit, Metallabfälle aus den umliegenden Firmen der aufstrebenden metallverarbeitenden Industrie zu erwerben. Die Verwertung dieser Späne ist indes ein gewaltiger Kraftakt. „Das war Schwerstarbeit, denn zu Beginn mussten die Metallspäne von Hand auf den Pritschenwagen geschaufelt werden“, beschreibt Uwe Hezel den Knochenjob, den sein Vater leisten musste. Die Ära des „Waldcafé Hezel“ Oskar Hezel versucht noch immer, sich nicht nur auf eine Einnahmequelle zu verlassen. So entwickelt er Ende 1963 die Idee, ein Café zu betreiben, das er im eigenen Wohnhaus in der Oberen Mühlenstraße einrichtet. Das „Waldcafé Hezel“ existierte bis 1971. Das Wohnhaus ist bis heute in Familienbesitz und liegt nur einen Steinwurf vom alten Betriebsgelände entfernt. Nach der Schließung des Cafés konzentriert sich Oskar Hezel vollends auf die Erweiterung seines Schrotthandels und bietet darüber hinaus einen Ent- rümpelungsservice an: „Oskar räumt alles auf – vom Keller bis Speicher“ lautete die Anzeige, mit der er in den hiesigen Zeitungen um Kunden warb. Drei Kinder steigen ins Geschäft ein Der Schrotthandel beeinflusst auch die beruflichen Werdegänge der beiden jüngeren Söhne des Fir mengründers. Als das Geschäft Mitte der Die Geschäftsleitung in den 1980er-Jahren, von links: Die Geschwister Uwe, Angelika und Jürgen Hezel. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 151

 

 

 

Heute gehört mit Tanja Hezel, Tochter von Uwe Hezel, ebenso ein Enkelkind des Firmengrüders der Geschäftsführung an. Tanja Hezel ist seit 2011 im Unternehmen tätig und verantwortet unter anderem die Personalleitung, das Marketing und die Kunden- betreuung (s. S. 157). Oben, die Geschäftsleitung im Jubiläumsjahr: Uwe, Tanja und Jürgen Hezel vor dem Eingangsportal des Verwal- tungsgebäudes das mit den Maskottchen der Firma Hezel bestückt ist, den Ameisen. Unten: Die 19.000 Quadratmeter große Recycling-Halle und das Verwaltungsgebäude. Entsorgung von „A“ wie Altpapier bis „Z“ wie Zink Die Firma Hezel entsorgt praktisch alles. Von „A“ wie Altpapier über „E“ wie Elektronikschrott bis „Z“ wie Zink. Hezel kümmert sich um die fachgerechte Entsorgung von insgesamt über 360 unterschiedlichen Materialien, die in Industriebetrieben anfallen. Lediglich Sprengstoffe, radioaktive Substanzen und Tierkörper werden 152 Wirtschaft

 

 

 

Oben: Ein Hezel-Fahrzeug liefert neues Recycling-Material an. Unten: Das Team der Firma Hezel GmbH – manch einer ist schon über 25 Jahre dabei. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 153

 

 

 

bei Hezel nicht angenommen. Die Kernkompetenz ist auch heute noch das Recycling von Schrott und Metall, was 60 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Als eines der ersten Recyclingunternehmen 1997 als Entsorgungsfachbetrieb zertifiziert. Gesamtentsorgungsunternehmen zu sein, bedeutet eine Menge Know-how, hohe Verantwortung und eine umfangreiche Logistik, um die unterschiedlichs- ten Anforderungen bei der Abfallentsorgung zu gewährleisten. Um das stetig steigende Aufkommen an recyclingfähigem oder zur endgültigen Entsor- gung bestimmtem Material bewältigen zu können, erweiterte Hezel 2008 seine Betriebsfläche. Heute Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit des Materials um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung. Jürgen Hezel mit Kupfergranulat, das aus Kabel abfällen gewonnen wurde (kleines Bild). agiert das Unternehmen auf 30.000 Quadratmetern. Pro Jahr werden rund 50.000 Tonnen Material umgeschlagen. Bei steigender Tendenz. „Das entspricht etwa dem Gewicht von 8.300 Elefanten“, zeigt Tanja Hezel die Dimension auf. Herzstück auf dem Grundstück im Mönchweiler Gewerbegebiet Egert ist eine 19.000 Quadratmeter große und 16 Meter hohe Halle. Hier werden sämtli- che Abfälle, insbesondere Metalle und weitere Wert- stoffe wie Holz und Papier, angeliefert, begutachtet, sortiert und entweder zur Wiederaufbereitung in Stahl- und Schmelzwerke oder zur Energiegewin- nung in Verbrennungsanlagen transportiert. Nur we- nige Abfälle werden noch deponiert. „Bei uns liegt kein Stück Abfall unter freiem Himmel“, so Jürgen Hezel. Wertschöpfung durch Materialtrennung Ein positives Beispiel in Sachen Wertschöpfung kann Hezel bei der Gewinnung von Kupfer aus alten Stromleitungen vorweisen. In einer speziellen Granu- lieranlage wird die Gummiummantelung von den Kupferleitungen getrennt. Das reine Kupfer wird zu 154 Wirtschaft

 

 

 

Granulat verarbeitet und anschließend in Gießereien wieder eingesetzt. „Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung“, sagt Jürgen Hezel. Beachtlicher Fuhrpark und eigenes Feuerwehrauto Der Fuhrpark ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angewachsen. Aktuell umfasst er 18 Fahrzeuge, in erster Linie Containerfahrzeuge, aber auch einen eigenen Saug- und einen Pressmüllwagen sowie ein Hebebühnenfahrzeug. Sogar ein eigenes Feuerwehr- fahrzeug mit einem 8.000 Liter-Wassertank gehört zum Fuhrpark. „Das Fahrzeug dient der Bekämpfung interner Brände und um diese in Schach zu halten, bis die Feuerwehr eintrifft“, wie Tanja Hezel sagt. Angeschafft wurde es zur eigenen Sicherheit und Risikominimierung. „Seit wir das Feuerwehrauto haben, kam es zu keinen größeren Bränden mehr“, ist die Juniorchefin erleichtert. Apropos Feuerwehr: Seit 2019 ist die Hezel GmbH offiziell „Partner der Feuerwehr“. Diese besondere Auszeichnung des Feuerwehrverbandes erhielt das Unternehmen für die regelmäßige Bereitstellung des Firmengeländes sowie von Altfahrzeugen für techni- sche Übungen der Feuerwehr Mönchweiler. Mitte: Container mit einer fleißigen Ameise. Unten: Styroporpressling. Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisenstaat nicht überleben könnte. Maskottchen. „Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisen- staat nicht überleben könnte. Übertragen auf unser Unternehmen wäre ohne die Tätigkeit jedes einzel- nen Mitarbeiters der komplette Ablauf nicht mög- lich“, erläutert Tanja Hezel die Sinnhaftigkeit des Maskottchens. Fleißig wie die Ameisen Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich um die fachge- rechte Entsorgung des Materials. Jeder Einzelne trägt in seinem jeweiligen Tätigkeitsbereich täglich dazu bei, die Umwelt ein Stück sauberer zu machen. Nicht umsonst ist auch die Ameise seit vielen Jahren das Ein Ansprechpartner für alle Kundenbelange Service und Kundenzufriedenheit stehen bei der Firma Hezel ganz oben. „Wir wollen ein Gesamtent- sorger sein und alles entsorgen, was ein Betrieb zu entsorgen hat“, sagt Tanja Hezel. Zum besonderen Kundenservice gehört hier, dass der Kunde nur einen Ansprechpartner für all seine Belange hat.“ Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 155

 

 

 

Diese Unternehmensphilosophie hat Bestand. „Viele Betriebe begleiten wir als Entsorgungspartner seit deren Anfängen. Angefangen als Garagenbetrieb sind heute große, namhafte Firmen daraus gewor- den. Deshalb schätzen wir jeden einzelnen Kunden“, gibt Uwe einen Einblick in die Firmenphilosophie. Nicht nur die Wertschätzung der Kunden, auch die der Mitarbeiter liegt der Familie Hezel am Her- zen. Das spiegelt sich auch in der Treue der Mitar- beiter zu ihrem Arbeitgeber wider. „Wir haben Kolle- gen, die seit über 25 Jahren bei uns sind“, sagen die Hezels stolz. Beispiel Schrott und Metalle: Um aus Erzvorkommen Stahl herzustellen, dauert das in modernen Hoch- öfen drei Stunden. Das Einschmelzen von Schrotten im Elektroofen dauert hingegen nur eine halbe Stunde, was den Energieverbrauch um 75 Prozent reduziert und etliche Millionen Tonnen CO2 einspart. Unternehmen wie die Hezel GmbH leisten somit einen erheblichen Beitrag zum Umweltschutz. Um hier auch in Zukunft gut aufgestellt zu sein und weiterhin einen wertvollen Beitrag zu leisten, trägt die Firma Hezel in Mönchweiler täglich mit Ihrer Dienstleistung zum Wohl der Bürger im Schwarzwald- Baar-Kreis und weit darüber hinaus bei. Wichtiger Beitrag zum Umweltschutz Dass Oskar Hezel mit der Gründung seines Altmetall- handels vor 75 Jahren einen wichtigen Baustein im Bereich Recycling gelegt hat, mag ihm damals sicher so nicht bewusst gewesen sein. In Zeiten knapper werdender Ressourcen und des Umweltschutzes leistet die Firma Hezel heute einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Das zeigt sich allein am Der beachtliche Fuhrpark der Firma Hezel mit eigenem Feuerwehrauto. 156 Wirtschaft

 

 

 

Tanja Hezel vielfach engagiert Mit Tanja Hezel arbeitet Hezel trotz des lockeren „Du“ zwischen Chefin und Angestellten der Respekt der Mitarbeiter sicher, den sie sich durch Leistung und harte Arbeit verdient hat. Die heute 36-Jährige ist zudem seit 2020 Mitglied im Organisa- tionsteam des Frauenwirtschafts- forum, eines Unternehmerinnen- Netzwerkes unter dem Dach des Steinbeis-Instituts aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und darüber hinaus. Des Weiteren setzt sie sich für karitative Pro- jekte ein zum Beispiel half sie den Erdbebenopfern in Kroatien mit einer Spende. Und noch eine Tätigkeit übt die Unternehmerin aus. Sie ist seit einiger Zeit auch als ehrenamtliche Richterin am Arbeitsgericht in Villingen tätig. Wer so viel arbeitet und sich zum Wohl anderer engagiert, der braucht auch ein entspannendes Hobby. Und da fällt der Apfel offenbar nicht weit vom Stamm. So wie ihr Vater Uwe ist Tanja Hezel ein begeisterter Fan alter Fahrzeuge und fährt und pflegt Oldtimer, die sie unter anderem als Hochzeitsautos samt Chauffeur zur Verfügung stellen. heute mittlerweile die dritte Generation des Familienunternehmens mit. Ihr beruflicher Werdegang ist beeindruckend: Nach der Haupt- schule besuchte sie zunächst die Berufsfachschule sowie das Wirtschaftsgymnasium an den Zinzendorfschulen in Königsfeld. Anschließend folgte ein Studium an der Hochschule Furtwangen im Studiengang internationale Betriebswirtschaft (International Business). Inklusive eines sechs- monatigen Praktikums bei einem Automobilhersteller in Barcelo- na, wo sie im Bereich Personal- entwicklung tätig war. Das Studium führte Tanja Hezel auch für ein Aus- landssemester nach Montreal, Kanada. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie zudem ihr Masterstudi- um bei der Steinbeis-Hochschule-Berlin an der Busi- ness School Alb-Schwarzwald abgeschlossen und ist jetzt Master of Business Administration, kurz MBA. Wenngleich sie das jüngste Mitglied auf Geschäftsfüh- rungsebene ist – seit 2018 hat sie Prokura – so ist Tanja Tanja Hezel vor ihrem Ford A. Das Fahrzeug in der seltenen Berliner Taxiausführung aus den 1930er-Jahren ist eine außer ordentliche Rarität. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 157

 

 

 

DIE WILHELM STARK BAUSTOFFE GMBH SEIT 90 JAHREN ERFAHRENER PARTNER VON HANDWERKERN UND BAUHERREN von Wilfried Strohmeier 158 158 Wirtschaft

 

 

 

Das Geschäftsführer- Trio der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH von links: Michael Stark, Christian Stark und Udo Bohnerth am STARK Hauptsitz in VS-Villingen. 159

 

 

 

Begonnen hat alles im Elternhaus in Döggingen, wo Wilhelm Stark seine Baumaterialien handlung vor 90 Jahren begründete. Heute führt die Wilhelm Stark Baustoffe GmbH an sieben Standorten vom Mauerstein bis zum Parkettboden etwa 50.000 Artikel, die allesamt dazu gedacht sind, zu einem gemütlich- schönen Zuhause beizutragen. Im Jubiläumsjahr steht die bereits dritte Generation der Familie Stark in der Verantwortung für das Unternehmen, das über 100 Mitarbeiter beschäftigt. Die Kunden sind zu einem Drittel Endverbraucher und private Bauherren – zu zwei Drittel Bau-Profis und Handwerksbetriebe. Geboren im Jahr 1908, startete der Firmengründer Wilhelm Stark im Jahr 1926 mit viel Elan seine kaufmännische Lehre im Wolterdinger Ziegelwerk der Gebrüder Bott. Doch nur ein Jahr nach Beginn der Ausbildung veräußerte das Bruchsaler Unternehmen seine Nebenstelle in Wolterdingen. Der neue Inhaber vermochte das Ziegelwerk keine zwölf Monate zu halten und es kam aus der Konkursmasse heraus zum Verkauf an das Schwenninger Ziegel- werk. Wilhelm Stark schloss seine in Wolterdingen begonnene Lehre zum Kaufmann schließlich beim nunmehr dritten Eigentümer an dessen Hauptsitz in Schwenningen ab. Doch 1931 ging auch das Schwen- ninger Ziegelwerk in Folge der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Und für den gerade 23-jährigen Wilhelm Stark stand als junger Kaufmann eine existenzielle Frage im Raum: Wie soll es weitergehen? Stammsitz in Döggingen 1933 kam es somit zur Gründung der Baumaterialienhandlung in seiner Heimatgemeinde Döggingen am Rande des Schwarzwalds. Von zu Hause aus belieferte Wilhelm Stark die Baufirmen im Raum Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen und im Hochschwarzwald mit Baustoffen aller Art. Das Jahr 1933 wird in der Geschichte des inhabergeführten Unternehmens auch als das Gründungsjahr gesehen und Döggingen als Stammsitz. Der juristische Hauptsitz der Firma ist seit Anfang der 1950er-Jahre in Villingen. Der Firmengründer erinnerte sich bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen seines Unternehmens an die Anfänge. An die Zeit, zu der er mit dem Motorrad den ganzen Schwarzwald bereiste, von Hinterzarten bis Furt wangen und bis in den Hegau nach Engen. Doch bald stieg er um, kaufte 1934 einen gebrauchten Mit dem Motorrad in der Region unterwegs Er wandte sich an seinen ehemaligen Lehrherren, die Firma Bott. Und für diese arbeitete er nun als Handelsvertreter auf Provisionsbasis. Mit einem Motorrad besuchte er mögliche Kunden und dadurch kam nach seiner kaufmännischen Lehre ein zweiter Pfeiler für die spätere Selbstständigkeit hinzu: Er bekam Kontakte in die gesamte heimische Baubran- che. Und es lag nahe, zusätzlich zu den Ziegeln der Firma Bott auch Baustoffe ins Sortiment aufzuneh- men, die stark nachgefragt waren. Das mütterliche Elternhaus, der STARK Stammsitz seit 1933 in Döggingen. 160 Wirtschaft

 

 

 

Opel 4/20 mit Allwetterverdeck. Und wenig später hatte er auch einen großen Erfolg als Handelsvertre- ter: Die meisten der zahlreichen Kasernenbauten in Donau eschingen wurden in den 1930er-Jahren mit Bott-Ziegeln gedeckt – der Verkauf erfolgte durch Wilhelm Stark. Nach den Anfangserfolgen stellt der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Unternehmen vor neue Herausforderungen: Wilhelm Stark wurde im August 1939 zur Luftwaffe eingezogen. Seine Ehefrau Lina, die er Ende 1938 geheiratet hatte, versuchte den Baustoffhandel so gut es ging aufrecht zu erhalten, was in Anbetracht des Krieges über weite Zeitspan- nen nur eingeschränkt möglich war. Sechs Jahre sollte es dauern, bis der Unternehmer 1945 aus dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft nach Hause zu- rückkehrte. Der Baustoffhandel wurde unter schwie- rigsten Umständen wieder aufgenommen. Materialknappheit nach dem Krieg Nach dem Krieg begannen die Aufbaujahre des Unternehmens und diese standen in den ersten Jahren noch im Zeichen der Not der Nachkriegszeit. Die Region befand sich unter französischer Wilhelm Stark (1908 – 2001) Ehefrau Lina versuchte den Baustoffhandel zur Zeit des Zweiten Weltkrieges so gut es ging aufrecht zu erhalten. Der Fuhrpark der Firma Wilhelm Stark in den 1950er-Jahren, bestehend aus einem Borgward und einem Mercedes-Benz. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 161

 

 

 

men. Auch wurde er 1948 zum ersten Bürgermeister der damals selbstständigen Gemeinde Döggingen gewählt. Das Amt gab er 1952 auf, um sich ganz auf seinen Baustoffhandel zu konzentrieren. In die Währungsreform ging er mit einem Lager- bestand von 1.100 Mark, er musste von allen Ver- wandten und Bekannten Geld zusammensammeln, um seinen ersten Waggon Zement kaufen zu können. Vom ersten Lkw zum ersten Firmengebäude Ab 1949 ging es voran. Wilhelm Stark kaufte den ersten Lkw und in den Jahren danach vergrößerte er sukzessive den Fuhrpark. Und noch etwas erkannte er: Von Döggingen aus könnte es langfristig schwie- rig werden, die Kunden zu bedienen. 1953 pachtete er eine Fläche in Villingen und 1954 errichtete er dort das erste Firmengebäude. Villingen wurde zum Hauptsitz des Unternehmens, der Stammsitz Döggingen wird seitdem als Filiale geführt. Diese erste Fläche von damals ist heute noch ein Teil des Firmensitzes, der im Laufe der Zeit immer wieder erweitert wurde. In den Folgejahren festigte Wilhelm Stark sein Unternehmen, das hieß Messe- auftritte zu absolvieren, bei denen der Chef selbst den Stand betreute und Informationsfahrten zu Kunden und Zulieferern zu unternehmen. Über den wirtschaftlichen Erfolg vergaß er aber auch seine Mitarbeiter nicht, so ist beispielsweise bereits für das Jahr 1957 ein Firmenausflug dokumentiert. Die zweite Stark-Generation In den 1960er-Jahren stellte der Baustoffhändler die Weichen für den Fortbestand des Unternehmens: Die Kinder Gertrud und Werner traten als Gesellschafter ein. Ende der 1960er-Jahre konnte in Villingen zudem ein Teil des Geländes der ehemaligen Baufirma J. Treinen erworben werden. Diese lag in der angrenzen- den Nachbarschaft und so war es möglich, das Unternehmen am Hauptsitz räumlich zu erweitern. In den 1970er-Jahren erfolgte die weitere Expansi- on – vor allem im Schwarzwald-Baar-Kreis. 1973 wurde eine Filiale in der Weiherdammstraße in Furtwangen eröffnet, ein Jahr später erfolgte die Umfirmierung von Wilhelm Stark KG zur Wilhelm Stark GmbH & Co. KG. Sohn Werner Stark und Schwieger sohn Detlef Koop wurden zu Geschäftsführern berufen. Bei der Gewerbe-Ausstellung in Donaueschingen wurde 1952 neben vielen Baustoffen auch das neue Logo von „Baustoffe STARK“ präsentiert. Im Jahr 1954 eröffnete Wilhelm Stark die erste Filiale am heutigen Stammsitz in der Singener Straße in VS-Villingen. Besatzung und zu bekommen war so gut wie nichts – außer man legte selbst Hand an oder beschaffte sich Material durch „Hamstern“. Wollte er Gips, so erinnerte sich Wilhelm Stark, musste er diesen in Ewattingen unter Tage im Bruch selbst abbauen. In Dotternhausen war der Kalk lose auf dem Hänger zu holen – gegen Lieferung von Brennholz oder Essbarem. Wurde Wilhelm Stark auf dem Rückweg jedoch von einem Gewitter über- rascht, hatte er Mörtel statt Gips auf seinem Hänger liegen, Planen zum Abdecken gab es keine. Im heimischen Lager musste dann alles in die mitge- brachten Säcke der Kundschaft abgefüllt werden. Der Firmengründer besaß trotz der schwierigen Rahmenbedingungen viel Weitsicht und Mut. So kaufte er 1947 mit Erlaubnis der französischen Besatzungsmacht zwei Opel Blitz-Wracks und baute aus diesen ein funktionierendes Fahrzeug zusam- 162 Wirtschaft

 

 

 

Eröffnung des Neubaus in Villingen am 18. Oktober 1975. Von links: Die Geschäftsführer Detlef Koop (Schwiegersohn von Wilhelm Stark), Wilhelm Stark sowie Werner Stark mit dem Vertreter der IHK Kurt Kositzke und dem Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Gerhard Gebauer. Rechts: Senior-Chef Werner Stark im Villinger Büro. Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe und Erweiterung in Villingen Ein markanter Punkt der Firmengeschichte bildete die im Jahr 1973 geschlossene Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe aus Karlsruhe. Durch die persönliche Bekanntschaft des Firmengründers mit einem der leitenden ZG-Mitarbeiter wurde der Grundstein für eine bis heute dauernde und erfolg- reiche Kooperation gelegt, in deren Folge sich die ZG Raiffeisen-Gruppe paritätisch an der weiterhin familiär geprägten Firma STARK beteiligte. Vor allem im Bereich des Einkaufs nutzt man die gemeinsame Stärke als einer der großen Akteure im badischen Baustoffhandel. Im Oktober 1975 eröffnete die dadurch noch stärker gewordene Firma STARK ihre grundlegend erweiterte Niederlassung in Villingen mit großer Ausstellung und SB-Baumarkt. Sechs Jahre später konnten die Firmen Hermann Götz mit Standorten in Immendingen und Tuttlingen sowie die Firma Christians & Thiele in VS-Villingen übernommen werden. Weitere Standorte kommen hinzu Weitere Ereignisse in der Firmengeschichte waren im Jahr 1994 die erneuerte Ausstellung am Standort Tuttlingen, im Jahr 2005 die Übernahme der Hauptsitz von STARK in VS-Villingen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 163

 

 

 

ZG-Baustoffabteilung am Standort St. Georgen sowie im Jahr 2010 der Bezug des neu errichteten Ver- kaufs- und Ausstellungsgebäudes am Hauptsitz in Villingen. Mit der Übernahme der Baustoff- und Holzabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in Donau- eschingen im Jahr 2015 wurde der siebte STARK-Standort etabliert und damit die Marke von 100 Mitarbeitern überschritten. 2019 konnte das neu erbaute Büro- und Verkaufsgebäude in Immendingen eingeweiht werden; die heitere Festrede wurde vom damaligen Justizminister Guido Wolf MdL gehalten. Im Jahre 2021 wurden die komplett sanierten Räumlichkeiten am Standort St. Georgen eröffnet. Wegen der Corona-Problematik musste auf eine feierliche Eröffnung jedoch verzichtet werden. Das STARK-Logo gibt es seit 1952 Schon 1952 bekam das Unternehmen ein eigenes Logo; zu einer Zeit, in der Firmen vergleichbarer Größenordnung für solche Marketingmaßnahmen STARK-Logo 1952 STARK-Logo 1967 STARK-Logo seit 2008 noch selten Geld ausgaben. Und es beinhaltete damals schon das STARK-Männchen mit den kräfti- gen Armen. Im Laufe der vergangenen 70 Jahre seit der Einführung gab es zwar kleine Änderungen, doch dieses Signet wurde in seiner Grundform stets beibehalten und nur in Nuancen verändert. Auch die Schriftart passt dazu – kräftig und solide. Baustoffe und Dienstleistungen auf über 50.000 Quadratmetern Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Firma STARK zu einem soliden Partner für Handwerker und Privat- personen entwickelt. Man führt Baustoffe, die alle Bereiche abdecken: vom Hochbau über den Tiefbau und Innenausbau bis zum Garten- und Landschaftsbau. Dach-Baustoffe und Dämmung können genauso bezogen werden wie Fliesen für Bad, Wohnbereich und Terrasse. Zum leis- tungsfähigen Fuhrpark gehören zwölf eigene Liefer- fahrzeuge, die teils über Kräne und Mitnahmestapler verfügen. Neben der Lieferung von Baustoffen bietet der STARK Baustoff-Fachhandel auch eine große Palette an Dienstleistungen, die von Mietgeräten über Hand- werker-Seminare bis zum Farbmischservice reicht. Das gesamte Sortiment sowie der Dienstleistungs- sektor wuchs über die Jahrzehnte zu einem soliden, breit ausgebauten Angebot in mehreren Abteilungen: Tiefbau und Entwässerung; Hochbau und Sanierung; Holz und Platten; Dach, Dämmung und Fassade; Natur steine und Garten-Landschaftsbau; Fliesen und Sanitär; Trockenbau, Putze und Wärmedämmver- bundsysteme; Türen, Tore, Parkett & Co.; Maschinen sowie Geräte und Werkzeuge. Eine Ausstellung in Sachen Natursteine ergänzt das Sortiment und ein weiterer Produktbereich sind Photo voltaiksysteme. Insgesamt verfügt das Unternehmen STARK an seinen sieben Standorten über mehr als 50.000 Qua- dratmeter Fläche und 50.000 verschiedene Artikel im Angebot. Das bedeutet eine hohe Verfügbarkeit vor Ort aus der eigenen Lagerhaltung. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, aufgrund eines leistungs- fähigen Netzwerks auf verschiedene Zentrallager zurückgreifen zu können. Wollen die Privatkunden nicht selbst Hand anlegen beim Bau oder der Sanie- rung, vermittelt das Unternehmen auch Handwerker für die einzelnen Gewerke. 164 Wirtschaft

 

 

 

Am Hauptsitz in Villingen bietet STARK neben dem großen Baustoff-Lager eine attraktive Ausstellung mit so gut wie allem, was man zum Bauen braucht – bis hin zu Natursteinen. Neben umfassender Beratung ist auch Service bei der Auslieferung der Baustoffe selbstverständlich. 165

 

 

 

Mitarbeiter kennen die Materie Um die Kunden adäquat zu dieser großen Produkt- palette beraten zu können, benötigt es ausgewiesenes Fachpersonal. Und hier kann das Unternehmen auf seine jahrzehntelange Erfahrung und die oft selbst ausgebildeten Mitarbeiter zurückgreifen. Unter den ca. 100 Mitarbeitern befinden sich auch zehn Auszu- bildende. Doch Erfahrung allein genügt nicht: Technische Neuerungen, neue Produkte und Weiter- entwicklungen erfordern eine permanente Fortbil- dung. Umfassenden Service und Informationen zum Thema Bauen und Baustoffe finden Interessierte auch auf der Homepage www.alles-zum-bauen.de. Dabei geht um das Sortiment und außerdem um Informati- onen zu Dämmstoffen, Energiesparen im Eigenheim, Finanzierungen, ressourcenschonendem Bauen, Sanieren sowie Nachhaltigkeit und Vielem mehr. Das Lebenswerk wird fortgeführt Nachhaltigkeit war von Anfang an ein wichtiges Kriterium bei der Aufbauarbeit des Firmengründers: Wilhelm Stark stellte mit Weitblick früh die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Um sein Lebenswerk fortzuführen, band er seinen Sohn Werner und den Schwiegersohn Detlef Koop in die Geschäftsführung ein. Er selbst war bis ins hohe Alter für sein Unter- nehmen aktiv. Und die zweite Generation hielt es ebenso – auch Werner Stark hat im „Unruhestand“ sein eigenes Büro und ist jede Woche mehrfach an seinem Schreibtisch anzutreffen. Heute stehen Christian und Michael Stark als geschäftsführende Gesellschafter in der Verantwortung, wie auch Geschäftsführer Udo Bohnerth. Sowohl die Familie Stark, die Mitgesellschafter und das gesamte STARK-Team freuen sich sehr, dass man im Jahr 2023 das 90-jährige Bestehen des Baustoffhandels am Stammsitz in Döggingen feiern kann. Zufällig in dem Jahr, in dem auch die Heimat- gemeinde Döggingen ihr 900-jähriges Jubiläum begehen wird. Die STARK Filialen im Schwarzwald-Baar- Kreis, von oben nach unten: Döggingen, Donaueschingen, Furtwangen und St. Georgen. 166 Wirtschaft

 

 

 

Geschichte der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 1908 Geburt von Wilhelm Stark als Sohn von Wilhelmine Stark und des Dögginger Oberlehrers Karl Stark. 1933 Gründung der Baumaterialienhandlung in Döggingen. 1936 Eintrag in das Handelsregister. 1952 Eröffnung einer Filiale in VS-Villingen. 1954 Verlegung des Hauptsitzes von Döggingen nach Villingen, Döggingen wird zur ersten Filiale. 1973 Eröffnung der Filiale in Furtwangen; Werner Stark und Schwiegersohn Detlef Koop werden zu Geschäftsführern ernannt. 1981 Kauf der Fa. Götz mit Niederlassungen in Tuttlingen und Immendingen sowie der Firma Christians & Thiele in Villingen. am Standort Tuttlingen. 1994 Umbau und Neukonzeption der Ausstellung 1997 Umzug der Filiale Furtwangen nach Gütenbach-Neueck 1999 Detlef Koop wechselt in den Ruhestand; Paul Mäder wird zum weiteren Geschäftsführer berufen. 2001 Tod des Firmengründers Wilhelm Stark in seinem Heimatort Döggingen. 2005 Übernahme des Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in St. Georgen. 2010 Bezug des neu errichteten Büro- und Verkaufsgebäudes am Standort Villingen. 2011 Umzug der Filiale Gütenbach-Neueck „zurück“ nach Furtwangen. 2012 Christian Stark wird zum Geschäftsführer ernannt; Michael Stark zum Prokuristen. Werner Stark zieht sich als Geschäftsführer zurück, steht als Senior-Chef dem Unternehmen aber weiterhin zur Verfügung. 2015 Übernahme der Holz- und Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe am Standort Donaueschingen (siebter STARK-Standort). 2017 Michael Stark und Udo Bohnerth werden zu weiteren Geschäftsführern bestellt. 2019 Einweihung des Neubaus am Standort Immendingen. 2021 Komplettsanierung der Räumlichkeiten in St. Georgen. 2023 Jubiläum zum 90-jährigen Bestehen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 167

 

 

 

DER STOLZ VON VILLINGEN – DIE MÜNSTERTÜRME UND IHR PRACHTVOLLES GELÄUT Das Münster Unserer Lieben Frau ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen aus dem 15. und 16. Jahrhundert das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befin- den sich ein neunstimmiges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeutschen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut, von denen die älteste – die gotische Taufglocke, auch Alphabetglocke genannt – aus dem 14. Jahrhundert stammt. von Bernd Möller mit Fotos von Michael Stifter 168 5. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Blick aus dem Nordturm des Villinger Münsters, vorne der Südturm. 169

 

 

 

Andreas Franz Turner erklärt in der Sakristei den Glockenplan. Wie besteigt man die Villinger Münster- türme? Was für ein Mensch wird das sein, der einen hinauf begleitet, und wie wird jemand Mesner? Also eine Art Hausmeister an einem so ehrwürdigen, sakralen Gebäude wie der Villinger Hauptkirche, dem das Stadtprofil so prägenden „Münster Unserer Lieben Frau“? Diese Fragen treiben mich vor allem um, als ich Andreas Franz Turner im Sommer 2022 meinen Besuch abstatte. Mesner, Mesmer, Mößmer, Küster, aber auch Türmer oder Glöckner – diese Berufsbezeichnung kommt in vielen Varianten vor. Das Mesnerhaus, die Küsterwohnung, taucht bei fast jedem alten sakralen Bau auf, sei es ein Dom, eine Kathedrale, ein Münster oder auch nur eine einfache Stadtkirche, ja sogar bei manch einer größeren, wichtigeren Kapelle. Auch als Familiennamen kommen sie nicht sel- ten vor. Wie bei anderen immer rarer werdenden Berufen, beispielsweise Müller und Schmied, Sattler, Rademacher, Wagner und Seiler ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass Mesner früher nicht nur wich- tig, sondern auch weit verbreitet waren und einen festen Platz in unserer Gesellschaft hatten. Ich treffe einen Endfünfziger, anfangs eher zurück- haltend, dann aber im Gespräch immer lebhafter wer- dend, voller Wissen um Daten und Zahlen, Geschichte und Geschichten mit einem eigenen Humor, und eines war ganz schnell klar: Sein Herz hängt am Geläut, an den Glocken und am Glocken spiel des Münsters. Seit 21 Jahren betreut Andreas Franz Turner hauptamtlich das Villinger Münster, dazu die Benediktinerkirche und auch die Loretto kapelle an der Hammerhalde. Auf meine Frage, wie man zu einem solchen Beruf komme, hatte er eine verblüffende Erklärung: Der gebürtige Saarländer entwickelte schon in seinen Tagen als Ministrant eine Begeisterung für Glocken und ihren liturgischen Einsatz – für Kirchen- kunst allgemein. Schon als Bub sei er sonntags mit dem Rad durch die Landschaft gefahren und habe mit seinem Rekorder die Geläute der verschiedens- ten Kirchen aufgenommen, sie miteinander vergli- chen, ebenso ihre Geschichte, ihre Glockengießer und alles, was er dazu in Erfahrung bringen konnte. Obwohl er beruflich als chemisch-technischer Assistent z.B. in Wiesbaden und im Rheinland ganz andere Wege ging, ließ ihn diese Leidenschaft nicht mehr los. Er betrieb sie in seiner Freizeit weiter. 170 Geschichte

 

 

 

Der Nord- und Südturm des Villinger Münsters. 171

 

 

 

Die Glocken des Münsters Name Gießer Gussjahr Masse Christus Salvator F. W. Schilling, Heidelberg 1954 5.400 kg St. Jakobus Karlsruher Glockengießerei 1985 3.651 kg Maria St. Josef Johannes d.T. Peter und Paul Nikolaus von Flüe St. Pius X. Schutzengel Taufglocke / Sturmglocke F. W. Schilling, Heidelberg 1954 2.065 kg 1.389 kg 1.098 kg 617 kg 508 kg 336 kg 290 kg unbekannt ~14. Jh. – Unten: Die von Bildhauer Klaus Ringwald 1985 gezierte Jakobus glocke trägt neben weiteren Motiven, die sich auch auf den Münsterportalen finden, die Inschrift: „Heiliger Jakobus Patron der Pilger und Straßen rufe die Völker Euro- pas zur Einheit in Freiheit.“ Und so inserierte er eines Tages kurz entschlossen im Konradsblatt sein Interesse an einer Tätigkeit als Mesner. Zwei kleine Inserate haben gereicht: Nun konnte er in Villingen seinen lang gehegten Wunsch tatsächlich verwirklichen. Und was macht ein Mesner nun genau? Die Berufsbezeichnung „Mesner“ kommt vom lateini- schen „mansionarius“ und bedeutet ähnlich wie die alternative Bezeichnung „Küster“ (von lateinisch „custos“) Haushüter, Hüter oder Wächter. Und das ist mehr als ein Hausmeister, der lediglich für die Betreuung eines Gebäudes zuständig ist. Mesner sein ist ein kirchliches Amt. Hierzu gehören einer- seits Verwaltung, Überwachung, Instandhaltung, Reinigung des Gebäudes sowie die Vor- und Nach- bereitung des Kirchenraumes und der Sakristei für den jeweiligen Gottesdienst – und vieles mehr. Für eine hauptamtliche Anstellung ist in der Regel eine Ausbildung erforderlich, die liturgische, spirituelle und kirchenorganisatorische Themen genauso um- fasst wie praktisch-handwerkliche Tätigkeiten. Die Glocken des Münsters – Neunstimmiges Geläut plus Sturm- und Taufglocke Und zu den Aufgaben des Mesners gehört eben auch die Betreuung des Geläutes. In der Sakristei hängt der Glockenplan. Das neunstimmige Bronzegeläut wird ergänzt durch eine zehnte, kleine Sturm- oder Taufglocke in der Dachlaterne des Südturms, der einzigen historischen Glocke aus dem 14. Jahrhun- dert. Andreas Franz Turner nennt das Jahr 1305. Jede Glocke trägt den Namen eines Schutzheiligen. Am häufigsten zu hören ist St. Jakobus, die zweit- größte Glocke im Nordturm. Sie wurde 1986 in Karls- ruhe gegossen und schlägt im Big-Ben-Modus die Zeit, also im Viertelstunden-Takt. Die Glocke wurde von dem renommierten Bildhauer Klaus Ringwald geziert, von dem auch die Portale des Münsters stammen. Zum Angelus-Läuten um 7, 12 und 19 Uhr und dem Frei- tagsläuten kommen jeweils andere Glocken dazu. Diese drei Geläute werden seit 1968 funkge- steuert über die Villinger Stadtwerke in Bewegung gesetzt. Hierzu wurde die alte Hauptuhr umgerüs- tet, eine elektromagnetische Rarität mit Auslösung der Glockenschläge mittels Schleifkontakten, sehr zuverlässig und unabhängig von atmosphärischen Spannungsbeeinträchtigungen. 172 Geschichte

 

 

 

Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest, an ihnen kommen die meisten Glocken zum Einsatz. Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt da- gegen nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Je nach der Bedeutung der jeweiligen Messe im Kirchenjahr kommen andere und zusätzliche Glocken zum Einsatz. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest. Jeden Freitag um 11 Uhr läutet die letzte große Glocke, die für das Geläut 1954 gestiftet wurde, mit der Bitte um Frieden in der Welt (siehe Fotos S. 175-177). Nach all diesen Erklärungen wollen wir sie uns nun anschauen. Aus der Sakristei geht es über eine enge, steile Wendeltreppe immer links herum hinauf in den Nordturm. Beleibt durfte ein Mesner nicht sein, sondern äußerst beweglich. Nach jedem Sturm, nach jedem Gewitter, aber auch sonst nach festem Plan, muss er hinauf aufs Dach und in die Türme, um zu überprüfen, ob das Dach unbeschädigt ist und die Taubengitter noch dicht sind. Und die Glockenanlage muss ebenso optisch auf etwaige Schadstellen über- prüft werden. Das Bruchstein-Mauerwerk der Wendeltreppe ist innen recht roh zusammengefügt, die Mauern sind geschätzt 120 bis 150 cm dick mit engen Licht- scharten. Überhaupt macht der Nordturm einen massigeren Eindruck als sein Gegenstück im Süden. Das wohl auch, weil er die beiden größten und ton- tiefsten Glocken trägt: Christus-Salvator mit 1,9 Me- tern Durchmesser und 5,4 Tonnen Gewicht sowie die schon genannte St. Jakobus mit 1,7 Metern und 3,6 Tonnen schwer. Zusammen also neun Tonnen! Über eine steile Wendeltreppe geht es hinauf in den Nordturm des Villinger Münsters. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 173

 

 

 

Blick hinauf zur Spitze des 54,5 Meter ho- hen Nordturmes. Dort hinauf gelangt man nur noch über eine schmale, lange Leiter. Rechts: Blick auf die Riesen des Nordturms. sensible Riesen: Verschiebt sich der Anschlagspunkt der riesigen Klöppel nur um Zentimeter, verändert sich der Klang sofort und die Glocken sind nicht mehr richtig aufeinander abgestimmt. Andererseits braucht man die dicken Glocken nur mit dem Bleistift anzusto- ßen, und schon ergibt es einen leisen, feinen Ton. Aber wenn sie schlagen, wenn man vor ihnen steht, spürt man ihr Dröhnen körperlich mit Wucht – als würde man aus dem Turm gedrückt – und hält sich unwillkürlich fest. An Heiligabend 2017 glaubte Andreas Franz Turner einen leisen Missklang an der großen Chris- tus-Salvator-Glocke zu hören. Ausgerechnet an Weihnachten! Er leuchtete sie mit seiner Stablampe ab und fand nichts. Auch der noch im alten Jahr herbeigerufene Kundendienst konnte nichts finden. Aber der Missklang verstärkte sich von Tag zu Tag. An Neujahr ließ er letztmalig das Läuten der Glocke zu. Der Klang wurde immer schlimmer und jetzt zeigte sich bei nochmaliger intensiver Überprüfung ein Haarriss. Die Glocke musste geschweißt werden. Hierzu wurde der Turm seitlich geöffnet und in einer sehr aufwendigen Aktion die Glocke auf Schienen aus dem Turm geführt und abgesenkt. Die Reparatur führte die Glockengießerei Eijsbouts in Asten in den Niederlanden aus. Aus- und Wiedereinbau, Transport und Reparatur verschlangen 200.000 Euro, die nur dank der hohen Spendenbereitschaft der Villinger Bevölkerung zu bestreiten waren. Seitdem wird die Glocke geschont. Sie bekam einen leichteren Klöppel und läutet nur noch jeden Freitag um 11 Uhr und an höheren Feiertagen. Neben der Christus-Salvator-Glocke stehen zwei große Rätschen. Sie vertreten nach alter Kirchen- tradition am Karfreitag und am Ostersamstag um 12 Uhr die Glocken. Wenn sie schwingen, verdrei fachen sich ihre Läute- kräfte. 27 Tonnen wirken dann auf den Turm und sein Gemäuer. Wenn sie beide läuten, vibriert der ganze Turm. Da bekommt man Hochachtung vor der Leis- tung der damaligen Baumeister, deren Konstruktion diesen Kräften Jahrhunderte lang standgehalten hat. Seit 1954 hängen sie aber in einem stählernen Glo- ckenstuhl, der den ganzen Turm stabilisiert. Aber soweit sind wir noch nicht: Auf Höhe des Dachstuhls der Kirche endet die Wendeltreppe und die Kletterei geht weiter über Holzleitern und Zwischendecken. In diesen Zwischendecken sind Öffnungen eingelassen, durch die früher die dicken Hanfseile liefen, mit denen die damaligen großen Glocken von unten von Hand geläutet wurden. Und hier kann man eine Besonderheit sehen: Dicke Glas- ringe, die in Löcher eingelassen wurden und durch die diese Hanfseile liefen. So verhinderte man die ständige Reibung der Seile an den Holzplanken. Das schützte einmal die Seile selber vor unnötigem Ab- rieb, verhinderte aber wohl auch eine stärkere Erhit- zung bei längerem Läuten, eine sehr sinnvolle Vor- sichtsmaßnahme bei dem allgegenwärtigen Staub, den Spinnweben und dem trockenen Taubenmist früherer Zeiten. Bei den Riesen des Nordturms Die Spannung erhöht sich, bis wir endlich schnau- fend vor ihnen stehen oder besser gesagt, unter den großen Glocken durchkriechen können. Es sind 174 Geschichte

 

 

 

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176 Geschichte

 

 

 

Villinger Münstertürme und ihre Glocken Das Prüfen der Glocken auf Beschädigungen gehört zu den regelmäßigen Aufgaben von Mesner Andreas Franz Turner. Hier befindet er sich inmitten der 5,4 Tonnen schweren Christus-Salvator-Glocke. Sie wurde wie das fast gesamte Geläut 1954 von der Gießerei Schilling in Heidelberg gegossen und hat einen Durchmesser von 1,92 Meter. 177

 

 

 

Die übrigen sieben Läuteglocken hängen in einem Holzglockenstuhl im Südturm. Damit verfügt das Münster insgesamt über ein neunstimmiges Geläut. Acht Glocken dieses Geläuts wurden 1954 von der Glockengießerei F. W. Schilling in Heidel- berg gegossen, eine Glocke 1985 von der Karlsruher Glockengießerei. Die historischen Glocken haben die Weltkriege nicht überstanden. Das Glockenspiel im Südturm Um in den Südturm zu gelangen, muss wieder zum Dachboden abgestiegen, dann über den Chor gequert und im Südturm aufgestiegen werden. Hier überrascht eine großartige Konstruktion: Der stählerne Glockenstuhl eines der größten Glocken- spiele im südwestdeutschen Raum. Die Glocken sind in fünf Kreisen übereinander angeordnet, das gesamte Glockenspiel hat einen Tonumfang von es¹ und as¹ bis a⁵, umfasst also fünf Oktaven. 46 Glocken davon wurden 2006 von der Glockengießerei Perner in Passau gegossen. Außerdem wurde eine Glocke des ursprünglichen Münster-Geläuts von Grüninger aus dem Jahr 1909 in das Glockenspiel integriert, nachdem sie sich schon im Museum befunden hatte. Der Name Grüninger spielt eine große Rolle für Villingen: Die Familiendynastie Rebner/Grüninger betrieb fast 375 Jahre eine bedeutende Glockengie- ßerei in Villingen. Und der Großvater des heutigen Eigentümers der Glockengießerei Perner aus Passau war 1919 Praktikant beim letzten Meister Grüninger. Villingen ist eine glockenfreundliche Stadt: Es kommen eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. men eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. In der Zwischenetage des Südturmes, in der sich heute das Glockenspiel befindet, war früher das mechanische Uhrwerk der Turmuhr untergebracht. Dieses löste vor der Automatisierung auch die Schlä- ge des Zeitläutwerkes auf der großen Glocke im Nordturm aus. Und zum Abschluss befindet sich über Glocken- spiel und Läuteglocken ganz oben im südlichen Glockenturm noch ein nur schwer zugängliches Wächterstübchen mit kleinen Schiebefensterchen. Bis ins 17. Jahrhundert wachte hier ein Türmer über die Stadt. Um sicherzugehen, dass er auch wach und wachsam war, musste er jeden Stundenschlag der großen Glocke mit einem Zugmechanismus wieder- holen, vom Südturm zum Nordturm. Ferner sind vier Läuteglocken des darüberhän- Und so verlassen wir die Türme wieder, steigen genden Münster-Geläutes auch im Rahmen des Glockenspiels spielbar. Diese insgesamt 51 Glocken werden elektronisch über einen Laptop gesteuert und spielen um 10:05, 12:05, 15:05 und 18:05 Uhr wechselnde kirchliche und weltliche Melodien. Diese liegen als fertige Pro- gramme vor, Tonkonserven gewissermaßen. Auch das Badener Lied ist darunter. Über ein Carillon- Manual, eine mechanische Klaviatur, ist ein solches Glockenspiel auch individuell mit den Fäusten be- spielbar. Dieses fehlt in Villingen noch. Die Glocken dieses Glockenspiels tragen die Na- men ihrer Spender. Sie sind ein freudig tönender Be- weis für die Liebe der Villinger zu ihren Glocken und für ihre Spendenfreudigkeit. Andreas Franz Turner lobt Villingen als eine glockenfreundliche Stadt. Es kä- ab zum Dachstuhl des Chores, aber werfen noch einen Blick in den mächtigen Dachstuhl des Kirchen- schiffes. Eine beeindruckende Zimmermannsarbeit versteckt sich unter der Ziegeleindeckung und man sieht noch deutlich die Spuren des alten gotischen Tonnengewölbes, das 1701 durch die barocke Stuck- decke des Villingers Ignatius Bürkner ersetzt wurde. Auch das gotische Radfenster wurde damals aus- getauscht durch das heutige Spitzbogenfenster mit schönem Blick auf das Rathaus. Das aus 51 Glocken bestehende Glockenspiel im Südturm des Villinger Münsters gehört zu den größten und klangschönsten in Südwestdeutschland. 178 Geschichte

 

 

 

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Bis ins 17. Jahrhundert wachte im Münsterturm ein Wächter über die Sicherheit der Stadt, warnte bei Feuer, Blitzschlag oder Sturm. Seine „Ausgucke“ gibt es noch, hier derjenige in Richtung Westen zur Benediktinerkirche hin. An der Südwand des Villin- ger Münsters kann man zudem eine Eisentüre entdecken. Dahinter befindet sich ein Seil, das hoch bis zum Turmwächter sprich zur Sturmglocke in der Dachlaterne des Südturms führt. So konnte bei Feuer oder Blitzschlag auch vom Boden aus rasch eine Warnung an den Turmwächter oder die Bevölkerung abgesetzt werden. Überhaupt wurde Villingens Wahrzeichen schon 1130 im romanischen Stil begonnen, aber schon 1271 beim großen Villinger Stadtbrand so stark beschä- digt, dass man es neu aufbauen musste, nun im go- tischen Stil (siehe Infoblock auf der Seite rechts). Am Adelstag 1282 war wohl bereits Richtfest, obwohl das Münster erst zwei Jahre später fertiggestellt wurde. Damals war Rudolf von Habsburg zu Gast in Villingen und erteilte den Söhnen Heinrichs von Fürstenberg den Ritterschlag. Ein festlicher Anlass für ein Richt- fest. Die beiden heutigen Türme kamen erst im 15. und 16. Jahrhundert dazu, der massive Nordturm mit 54,5 Metern und der zierlichere Südturm mit 56 Me- tern. Sie waren im Geschmack der damaligen Zeit von Anfang an verschieden konstruiert, so wie bei vielen anderen Kirchen des Mittelalters. Ein Symbol der Vielfalt des Irdischen – Harmonie und Symmetrie waren dem Himmlischen vorbehalten. Und noch einmal führte wohl hoher Besuch zu Baumaßnahmen am Münster, die sein heutiges Bild prägen: Ein Besuch von Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin u. a. von Ungarn und Böhmen, soll um 1759 zur Eindeckung des Münsters mit seinen farbig glasierten Ziegeln nach dem Vor- bild des Stephansdomes in Wien geführt haben. Mit vielen solchen Geschichten bereicherte der Mesner Andreas Franz Turner die Klettertour durch das Innenleben der Villinger Münstertürme. Mehr als zwei Stunden waren verflogen, als wir wieder auf dem Marktplatz standen. Der Kopf noch leise dröhnend von Glockenschlag und Faktenfülle. Und zum Abschluss brachte es Andreas Franz Turner noch einmal auf den Punkt: „Für so einen Beruf muss man ledig sein. Ich bin verheiratet mit meinen Kirchen und Kirchenglocken!“ Mehr zum Glockengeläut des Villinger Münsters finden Sie unter www.almanach-sbk.de/villinger-muenster 180 Geschichte

 

 

 

DAS VILLINGER MÜNSTER Die Villinger Hauptkirche, das „Münster Unserer Lieben Frau“, war ursprünglich Johannes dem Täufer geweiht. Die dreischiffige, flach gedeckte Basilika ohne Querhaus entspricht dem für viele Kirchen dieser Zeit typischen schwäbischen Stil der Konstanzer Diözese. Schon bei der Planung der zukünftigen Stadt Vil- lingen war hierfür ein Bauplatz reserviert worden. Der Baubeginn wird auf 1130 geschätzt. Von diesem ursprünglich romanischen Bau sind heute nur noch das Westportal, die Untergeschosse der beiden Tür- me und das Doppelportal an der Südseite vorhan- den. Diese Portale haben ihre Vorbilder im Elsass. Schon 1271, noch vor der Fertigstellung, wurde das Münster bei dem großen Villinger Stadtbrand so stark mitbetroffen, dass es zu großen Teilen ab- gebrochen und nun im gotischen Stil fertig gestellt wurde. Jetzt entstanden der hochgotische Chor und auch die beiden Türme. 1282 fand das Richt- fest statt, erst 1284 war das Münster fertiggestellt. Die Türme erst später. Der Südturm ist der aufwendigere und erinnert architektonisch etwas an den Rottweiler Kapellen- turm: Über einem quadratischen Erdgeschoss folgen drei sechseckige Geschosse. Die oberen zwei zeigen schön gearbeitete, große gotische Doppelfenster, überragt von Ziergiebeln. Doch dann bricht der Turm ab, trägt nur noch eine kleine Laterne. Der schlichtere und massigere Nordturm schließt mit einem harmonisch wirkenden, spitzen Turmhelm ab. Das Münster wurde immer wieder umgebaut, ergänzt und dem Geschmack der Zeit angepasst. Starke Veränderungen brachte das Aufkommen des Barock mit sich. Das gotische Radfenster an der Westseite und das hölzerne Tonnengewölbe wurden entfernt, eine Stuckdecke eingezogen. Später hat man die Kirche wieder von vielen dieser zeitbedingten Werke „befreit“. Barocke Fülle ge- gen puristischen Eifer. Nicht immer ist man dabei pfleglich mit der Kirche und ihren Kunstwerken umgegangen, der übliche Tribut an den Zeitge- schmack. Auch am äußeren Bild des Münsters sind diese Eingriffe nicht vorbeigegangen. Erwähnt sei hier nur das „Vorzeichen“, ein hübscher Renaissance- Vorbau vor dem südlichen Doppelportal, von einem holländischen Maler dokumentiert. 1851 wurde es abgebrochen. Geblieben ist aber ein klarer hochgotischer Bau, harmonisch und in sich geschlossen, mit schönen Türmen, ein die Stadt prägendes Wahrzeichen, das Villinger Münster. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 181

 

 

 

AUF DER SUCHE NACH DEM HEILIGEN GRAL DER ELEKTROMOBILITÄT DIE 1896 GEGRÜNDETE ELEKTRIZITÄTSGESELLSCHAFT TRIBERG (EGT) GEHÖRT IN DEUTSCHLAND ZU DEN PIONIEREN BEI DER FERTIGUNG VON AKKUMULATOREN – FRÜHE ELEKTRO-TESTFAHRTEN IN TRIBERG UND FURTWANGEN Eine von sechs Münchner E-Lokomotiven, die die Trambahnwagen zwischen 1898 und 1906 über den stromlosen Strecken- abschnitt der Straßenbahn in der historischen Innenstadt ziehen. Damit das Stadtbild nicht gestört wird, verzichteten die Münchner bei der Stromversorgung der Straßenbahn teilweise auf eine Oberleitung und setzten auf die Akku-Technologie. Drei der Lokomo tiven sind mit Akkumulatoren der EGT unterwegs, so die hier abgebildete Nr. VI. 182 Geschichte

 

 

 

Mit Stand August 2022 sind im Schwarzwald-Baar-Kreis bei 135.000 Pkws 2.157 Elektro- und 3.782 Hybridfahrzeuge zugelassen. Dieser Trend ist aus bekannten Gründen stark steigend! Neu ist die Elektromobilität im Quellenland Schwarzwald-Baar jedoch nicht, sie hat vielmehr eine über 130-jährige Vorgeschichte. Bereits in den 1890er-Jahren sind in Deutschland elektrische Straßenbah- nen, Eisenbahnzüge und Elektro autos unterwegs. Die 1896 gegründete Elek trizitätsgesellschaft Triberg (EGT), die heutige EGT Unternehmensgruppe, erkennt diesen Trend. Sie versorgt den Groß- raum Triberg nicht nur mit Elektrizität, sondern fertigt zwischen 1896 und 1903 in ihrer „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach eigenen Patenten ebenso wiederaufladbare Batteri- en für den statio nären und mobilen Einsatz. Die stationären Akkus versorgen E-Werke bei „Wasserklemme“ und Störungen über meh- rere Stunden hinweg mit zuvor gespeicherter elektrischer Energie. Eine mobile Variante dient der Elektromobilität: 1898 ist vor diesem Hintergrund auf den Straßen bei Triberg das mutmaßlich weit und breit erste Elek tro- auto zu Test zwecken unterwegs. Und eine elektrische Lokomotive wird auf der Bregtalbahn in Furtwangen für Versuchsfahrten vorbereitet. Ab 1898 bewegen EGT-Akkus die Wagen der Münchner Straßenbahn und kommen in Ludwigs hafen beim Schie- Blick in die Akkumulatorenfertigung der EGT im Gewann Loch in Schönwald/ Triberg. Die Blei-Akkus wurden im Glaskasten oder im Holzgehäuse ausgeliefert. Die Darstellung ist einer EGT-Broschüre des Jahres 1898 entnommen. nen-Nahverkehr zum Einsatz. Die EGT Triberg gilt als ein Pionier der Elektro mo bilität in Deutschland – und feierte 2021 zudem ihr 125-jähriges Bestehen. Akkumulatorenfabrik Triberg 183

 

 

 

Markttag in Triberg in den 1890er-Jahren – der Marktplatz mit beim Parkhotel Wehrle platzierter elektrischer Bogenlampe. Triberg besaß als eine der ersten Städte in Deutschland eine elektrische Straßenbeleuchtung. Die Geschichte der Elektrizität und Elektromo- bilität wurzelt im Schwarzwald-Baar-Kreis im Jahr 1884: Es beschert der Kurstadt Triberg als einem der ersten Orte in Deutschland überhaupt eine elektrische Straßenbeleuchtung. Und es ist die erste Straßenbeleuchtung in ganz Deutschland, für die der Strom mit Wasserkraft erzeugt wird, was die Triberger Wasserfälle ermöglichen. Aus dem städtischen E-Werk am Fuß des Was- serfalles gehen 1892 die Elektrizitätswerke Triberg und im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) hervor, die heutige EGT Unternehmensgruppe. An ihr sind ab 1922 auch die Städte und Gemeinden Triberg, Hornberg, Furtwangen, St. Georgen und Schonach beteiligt – aktuell zu rund einem Drittel. Ein weiteres Drittel liegt im Jahr 2022 in den Händen der Nachfahren der EGT-Gründerfamilie von Schoen, den Erben von Gesellschafter Theodor Wurster und des früheren EGT-Vorstandsvorsitzenden Rudolf Kastner. Das letzte Drittel gehört der Alb-Elektrizi- tätswerk Geislingen-Steige eG. Hauptsächlich die Patente von Ingenieur Carl Meissner zum Bau von Blei- Akkumulatoren sind der Grund dafür, weshalb die schwerreichen Investoren Friedrich von Schoen, dessen Bruder Wilhelm von Schoen und der berühmte Erfinder Carl von Linde 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) ins Leben rufen. Bei Carl Meissner handelt es sich um 184 Geschichte

 

 

 

Friedrich von Schoen (1849 ­ 1941) Wilhelm Freiherr von Schoen Geheimrat Prof. Dr. Carl von Linde (1851 ­ 1933) (1842 ­ 1934) Carl Meissner (1850 ­ 1944) Friedrich Kranich (1857 ­ 1924) Die Gründer der Elektrizitätsgesellschaft Triberg und der Akkumulatorenfabrik Triberg. Ingenieur Carl Meissner und Obermaschineriemeister Friedrich Kranich sammelten am Festspielhaus Bayreuth von Richard Wagner ihre ersten Erfahrungen in der Anwendung von Elektrizität. Dort lernten sie auch Friedrich von Schoen kennen. Letzterer war der größte private Sponsor des Operngiganten und enger Freund von Richard und Cosima Wagner. Friedrich von Schoen begeisterte dann seinen Bruder Wilhelm Freiherr von Schoen und den Freund Carl von Linde für die Idee, in Triberg eine Elektrizitätsgesellschaft und Akkumulatorenfabrik aufzubauen. Akkumulatorenfabrik Triberg 185

 

 

 

Blick in die E-Werk-Zentralstation in St. Georgen. Mehr als sechzig Akkumulatoren sprich Zellen befinden sich im Raum: Sie helfen mit, die Spannung im Netz konstant zu halten, springen bei Störungen ein oder übernehmen die Stromver- sorgung einige Stunden lang vollständig. Werden wie hier mehrere Akkumulatoren zusammen geschaltet, spricht man von einer Batterie. den früheren Leiter des AEG-Installationsbüros in Frankfurt. Der Ingenieur gilt als einer der Pio- niere beim Aufbau der Elektrizitätsversorgung im Schwarzwald. Die aus München stammenden Inves- toren stellen ihm ein Millionenkapital bereit, um den Großraum Triberg mit Elektrizität zu versorgen und im Gewann „Loch“ bei Schönwald in der „Akkumula- torenfabrik Triberg“ Akkus für die Speicherung von Elektrizität herzustellen. Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der in den 1890er-Jahren erstmals auf- kommenden Elektromobilität und versprechen sich von der Produktion wiederaufladbarer Batterien ein Millionengeschäft. Sie blicken fasziniert nach Ameri- ka, wo die Zahl der Elektroautos förmlich explodiert. Neben Ingenieur Carl Meissner ist bei der EGT in diesen Gründerzeiten der Industriellen-Sohn Fried- rich von Schoen die treibende Kraft. Eine Erbschaft verhalf ihm zu einem „sagenhaften Vermögen“, wie er es in seinen Memoiren selbst schreibt. Er fördert mit seinem Vermögen die Kunst, so den Opern- giganten Richard Wagner – und die Wissenschaft. Er ist mit dem Erfinder Carl von Linde befreundet, der ihm dazu rät, in Triberg einzusteigen und sich auch selbst an der EGT beteiligt. Und Friedrich von Schoen steht mit großer Leidenschaft von der Gründung an vier Jahrzehnte lang an der Spitze des Aufsichtsrates der EGT. Sein Vermögen allerdings verliert er in den Wirren der Weimarer Republik fast vollständig. Es bleiben ihm die Anteile an der EGT und ein Landgut in Berchtesgaden. Akkumulatoren sind unverzichtbar Hauptsitz der EGT ist die frühere Obere Mühle, die gegen über des heutigen Schwarzwald museums Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der Elektromobilität, versprechen sich von der Produktion wieder auf- ladbarer Akkus ein Millionengeschäft. 186 Geschichte

 

 

 

Göttin Electra zaubert mit einem Akkumulator die Elektrizität für die Mobi- lität der Welt herbei. Das Werbe plakat eines italieni- schen Her stellers zeigt auf, wie vielfältig die Akkumu- latoren einsetzbar sind. an der Straße nach Schonach steht. Dort befinden sich das Un- tere Werk, das mit der Wasserkraft der Triber- ger Wasserfälle Gleich- strom erzeugt, die Ver- waltung des E-Werks und die Werkstätten des Installations betriebes. Hier beginnt Ingenieur Carl Meissner ab 1893 ver- suchsweise mit der Fertigung von Akkumulatoren und erkennt den immensen Bedarf. Die neuartigen Energiespeicher sind für die Gewährleistung der Sta- bilität der Elektrizitätsversorgung überall unverzicht- bar, denn sie verhindern über automatische Strom- zugaben die gefürchteten Spannungsschwankungen im Netz. Diese führen zum Flackern des Lichts oder gar zum Durchbrennen der kostspieligen Glühbirnen in den Anwesen der Kunden. Weiter sind die Akkumulatoren in der Lage, bei „Wasserklemme“ oder technischen Störungen die Energieversorgung aufrechtzuerhalten. In Triberg, Hornberg, Furtwangen und St. Georgen schaltet die EGT deshalb jeweils bis zu 272 Akkumulatoren zu einer Großbatterie zusammen. Diese beansprucht 70 Quadratmeter an Fläche, wiegt um die 46 Ton- nen und entspricht laut einer Tabelle der Deutschen Bundesbank nach heutiger Kaufkraft einem Gegen- wert von bald 200.000 Euro. Die Batterie vermag in diesen Pionierzeiten immerhin 320 Glühlampen bis zu vier Stunden lang mit Energie zu versorgen. Carl Meissner rüstet zunächst vor allem Kraftwer- ke mit den Akkus aus. Zum Beispiel 1895 das Fluss- kraftwerk Stallegg des Fürsten zu Fürstenberg in der Wutachschlucht. Da etliche Fabriken mit Wasserkraft selbst Strom erzeugen, sichern die Akkumulatoren auch dort die nicht mehr wegzudenkende elektrische Beleuchtung. Oder sie verhindern in Brauereien als Notstromlösung den Ausfall der für die Produk tion wichtigen Kühlan lagen, wenn mal wieder kein Strom zur Verfügung steht. Etwa bei der Fürstenberg- Brauerei in Donau eschingen oder der Hamburger Holsten-Brauerei. Dass in diesen Gründerzeiten der Elektrizität die Stromversorgung ausfällt, ist jeden- falls keine Seltenheit. Akku-Fertigung in großem Stil Schließlich steigt Carl Meissner dank der finanziellen Hilfe von Magdeburger Geschäftsleuten 1894/95 Akkumulatorenfabrik Triberg 187

 

 

 

im Gewann Loch bei Schönwald auf der Grundlage eigener Patente im großen Stil in die Fertigung von Blei- Akkumulatoren ein. Mit Ingenieur Friedrich Schneider gewinnt er einen Mitarbeiter, der eben- falls von der Zukunft dieser Speichertechnologie überzeugt ist. Da die mit dem Aufbau einer Akkumu- latoren-Fertigung verbundenen finanziellen Heraus- forderungen gewaltig sind, begibt sich Carl Meissner auf die Suche nach weiteren Geldgebern. Er findet sie in München – überzeugt Friedrich von Schoen, Wilhelm von Schoen und Carl von Linde von seinem Vorhaben. Kurz darauf gründet sich im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT). Sie über- nimmt alle Anlagen zur Stromerzeugung in Triberg und ebenfalls die kürzlich eröffnete Akku- Fabrik. Die bisherigen Teilhaber werden von den neuen Geldge- bern allesamt ausbezahlt. Zwar bleibt der Auf- und weitere Ausbau einer Elektrizitätsversorgung im Großraum Triberg das zentrale Anliegen der EGT, das große Geld aber soll die Akkumulatoren-Fertigung einbringen. Warten auf einen mobilen Akku Wohl mit auf Vorschlag von Carl von Linde hin konzentriert sich die EGT in ihrer Fabrik neben der Fertigung von Akkumulatoren für den stationären Betrieb zunächst auf die Entwicklung und den Bau von Batterien für Straßen- und Eisenbahnen. Derweil die Produktion von Akkumulatoren für den stationä- ren Betrieb der EGT einen kontinuierlichen Absatz sichern, sind bei der Herstellung der mobil verwend- baren Akkus rasche Erfolge nicht zu erzielen: Auch acht Monate nach Übernahme der Akkumulatoren- fabrik ist ein auf Basis eigener Patente ent wickelter mobil einsetzbarer Akkumulator von seiner Serienreife weit ent- fernt. Ständige Rückschläge bei der Fertigung bringen den Hauptkapitalgeber Friedrich von Schoen an den Rand der Verzweiflung. Er zeigt sich be- unruhigt, verweist im Februar 1897 in einem seiner rund 1.000 erhaltenen Briefe auf die rasch zunehmende Elek- tromobilität: „Ich habe das 188 Friedrich von Schoen im Februar 1897 über die Akkufertigung der EGT: „Ich habe das Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ In der Tat: Wenn im Straßenbild der Städte ver- mehrt Automobile ohne nennens werte Geräusche und Gestank elegant dahingleiten und Straßen- bahnen ohne vorgespannte Pferde oder Oberleitun- gen umherfahren, sind stets Blei- Akkumulatoren im Spiel, die Elektromotoren antreiben. Die Bat- terien stammen von der wie Pilze aus dem Bo- den schießenden EGT-Konkurrenz, vor allem der Akkumulatorenfabrik Hagen. Immer mehr mischen auch Weltunternehmen wie Siemens, VARTA oder AEG auf dem vielversprechenden Zukunftsmarkt mit. Komplexes Fertigungsverfahren Wie komplex sich die Entwicklung und Fertigung von Akkus darstellt, wird offenkundig, wenn es um die Details geht: Vereinfacht ausgedrückt verwandelt ein Blei-Akkumulator elektrische Energie in chemische. Wird die elektrische Energie wie- der benötigt, läuft dieser Prozess umgekehrt ab. Hierfür die per- fekte Rezeptur zu finden – selbst EGT-Akkumulator im Glasgefäß. Gut zu erkennen sind die einzelnen Zellen aus Bleiplatten und Bleigittern mit aktiver Masse. Die positiven und negativen Zellen werden miteinander verlötet und stehen mit ca. 5 mm Abstand in einem Behältnis, das mit Schwefelsäure gefüllt ist. Geschichte

 

 

 

Links: Patent von EGT-Ingenieur Friedrich Schneider für eine besondere Zellkonstruktion in Blei-Akkumula to ren. Rechts sind Be- standteile des neuartigen EGT- Röhrchen- Akkumulators zu sehen. Friedrich von Schoen ließ die EGT-Patente teils in bald ganz Euro- pa schützen, was enorme Ausgaben mit sich brachte. Hier sind zwei Patente für den englischen Markt abgebildet. Lebertran wird der „aktiven Masse“ versuchsweise beigemischt – gleicht der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität. Blei-Akkumulatoren bestehen aus negativ und positiv formierten Bleiplatten, den Elektroden. Die negativen Platten sind mit einer Art Rahmen ver- gleichbar, der im Fall der EGT mit hohlwandigen Bleiröhrchen bestückt ist (siehe Abb. oben). Diese werden mit einer aus Bleimenni ge samt Zusätzen bestehenden Masse befüllt, sprich bestrichen. Die positiven Platten hingegen bestehen aus reinem Blei. Die Platten werden in einen mit Blei ausgekleide- ten, hölzernen Batterie kasten eingebaut. Abschlie- ßend wird das Behältnis mit Schwefelsäure plus destilliertem Wasser befüllt (Nassbatterie). Durch die jetzt folgende Formierung erhalten die Platten die Eigenschaft, Energie aufzunehmen und später wie- der abzugeben. Größtes Hemmnis ist bei mobilen Akkumulatoren die Betriebs sicherheit: Die Erschütterungen durch den Fahrbetrieb führen im Alltag zu einer ganzen Se- rie an Ausfällen. Immer wieder kommt es aufgrund mangelnder Stabilität der Bleiplatten- Konstruktion zur Beschädigung von Lötstellen oder die Bleiplatten berühren sich, was zum Kurzschluss führt. EGT beschäftigt 30 Arbeiter Die Akkumulatorenfertigung der EGT beschäftigt 1897 ca. 30 Arbeiter, darunter Gießer, Klempner, Löter, Mechaniker und diverse Hilfskräfte wie Ver- packer. Ihnen steht Oberingenieur Friedrich Schnei- der vor, der als Werksleiter fungiert, während die Geschäftsführung in den Händen von Carl Meissner liegt. Die Fertigung der Akkumulatoren verlangt nicht nur ein sehr exaktes Arbeiten, sondern ebenso Akkumulatorenfabrik Triberg 189

 

 

 

 2 3 4 Die Belegschaft der Akkumu la toren fabrik Triberg, ab Mai 1896 die „Abteilung B“ der EGT. Links: Fass mit Schwefelsäure (1), davor die massive Bleiplatte für einen Akkumulator (2). Gestell mit Bleiplatten – die Zelle sprich Basiseinheit des Akkumu lators (3). Mitte rechts das Behältnis, das die Zelle aufnimmt und danach mit Schwefelsäure befüllt wird (4). Geschichte

 

 

 

8 9 6 5 7 Arbeiter mit Schöpflöffel für das Einbringen des flüssigen Bleis in die Gießform (5), mit der die Akku-Zellen hergestellt werden. Rechts davon Arbeiter mit Gussform (6). Der Schlauch im Bild dient zum Befüllen der Akkus mit Schwefelsäure (7). Akkumulatorenfabrik Triberg Stehend rechts: Gründer und Direktor Carl Meissner (8). Mitte oben Ingenieur Friedrich Schneider (9). 191

 

 

 

2 Die Akkumulatorenfabrik der EGT im Gewann Loch bei Schönwald (1). Nach wie vor befindet sich im noch stehenden Gebäude als Museumsstück das von der EGT aufgebaute Wasserkraftwerk zur Stromer zeugung, unten ein Blick in den Maschinenraum (2). zweimal die Woche am Arbeitsplatz warm baden oder duschen zu können. Und sie hat ihnen wö- chentlich kostenlos gereinigte Arbeitskleidung samt Mützen zur Verfügung zu stellen. Arbeiter, die be- sonders empfindlich auf das Blei reagieren, müssen sich eine andere Beschäftigung suchen. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind jetzt Vorschrift. Immer mehr Hersteller drängen auf den Markt Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen ist neben der Fertigung der stark nachgefragten stationären Batterien die Fertigstellung einer mobilen Variante und der Verkauf derselben. Trotz aller Verspre- chungen steht diese für Straßen- und Eisenbahn- Versuchsfahrten erst im Herbst 1897 auch tatsäch- lich zur Verfügung. Und damit mehr als eineinhalb Jahre nach der Gründung der EGT. Für Friedrich von Schoen eine äußerst unbefriedigende Situation. Sie mache ihm Angst, räumt er in seinen Briefen an die Triberger Geschäftsführung mehr als einmal unumwunden ein. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt einen sorgfältigen Umgang mit dem hochgiftigen Schwermetall Blei und der nicht minder gefährlichen Schwefelsäure. Den damit verbundenen Anforde- rungen an den Arbeitsschutz wird die Fabrik jedoch nicht gerecht: Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Das trifft zu dieser Zeit auf allerdings sämt liche Akkumulatorenfabriken in Deutschland zu. Wie dramatisch die Zustände in der Fabrik sind, schildern 1898 gleich drei Berichte der Offenburger SPD-Zeitung „Volksfreund“. Bleivergiftungen in gro- ßer Zahl sind an der Tagesordnung, vor allem die gefürchtete Bleikolik. Es kommt zu weitreichenden Auflagen: Die Akkumulatorenfabrik muss es ihren Arbeitern als Folge der Inspektionen ermöglichen, 192 Geschichte

 

 

 

über 1,5 Mio. Euro Risikokapital allein in die Akku- mulatorenfertigung investiert! Für die damalige Zeit eine ungeheuer große Summe! Und immer mehr Hersteller drängen auf den Markt, alle erhoffen sich von der Elek tromobilität ein großes Geschäft. Aus- gerechnet die EGT kann in diesen Konkurrenzkampf in Ermangelung eines Produktes lange Zeit nicht eingreifen. So verhandelt Friedrich von Schoen über Straßen- und Eisenbahn testfahrten mit EGT-Akkumulatoren in Ludwigshafen und München, ohne dass er ein Produkt vorzeigen kann. Die eventuellen Kunden vertrauen auf seine mitgebrachten Muster und sein Renommee. Wie in der Gegenwart der Elektromobili- tät ist bei all diesen Verkaufsgesprächen nicht allein die Reichweite der Akkus von Bedeutung, sondern ebenso deren Ladezeit. Damit sie eine Trambahn oder einen Triebwagen mit genügend elektrischer Energie versorgen können, müssen mehrere Ak- kumulatoren zu teils über drei Tonnen schweren Batterien zusammengeschaltet werden. Für die in Brüssel, Ludwigshafen oder München vorgesehenen Batterien gibt die EGT eine Reichweite von bis zu 120 Kilometern und eine Ladezeit von fünf Stunden an. Obwohl das Produkt im Sommer 1897 weiter auf sich warten lässt, mangelt es dem Triberger Unterneh- men keinesfalls an Selbst bewusstsein. Die Schreiben an mögliche Käufer schließen stets mit dem Verspre- chen: „So viel ist sicher, daß unser System in Bezug auf die Lebensdauer alle anderen weit übertrifft.“ Elektrotechnik-Pionier Erasmus Kittler als Berater tätig Friedrich von Schoen baut unterstützt durch Carl von Linde ein EGT-Vertriebs-Netzwerk auf, das im März 1897 neben Frankreich und Belgien auch Italien um- fasst. In Deutschland setzt von Schoen außerdem auf die Beziehungen von Erasmus Kittler. Der Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt gilt als Elektrotechnik-Pionier und renommierter Physiker. Kittler ist maßgeblich an der Einrichtung zahlreicher Kraftwerke beteiligt und für die EGT teils als Berater und Gutachter tätig. So empfiehlt er Friedrich von Schoen, die für Testfahrten in Furtwangen vorgese- hene Lokomotive in der Werkstatt der Maschinen- fabrik Kummer schnellstmöglich zu elektrifizieren und sie zu den bald anstehenden Versuchen mit dem Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Bleikoliken sind an der Tagesordnung. EGT-Akkumulatoren-Triebwagen in Ludwigs hafen mitzubringen. Friedrich von Schoen betont, wenn ein Mann wie Erasmus Kittler sich für die Akkumula- toren der Elektrizitätsgesellschaft Triberg interessie- re, „sei das außerordentlich viel werth“. Von Schoen: „Wenn wir seinem Rathe nicht folgen, entfremden wir uns den Herrn, der uns sonst sehr nützen kann. Ludwigshafen nützt uns auch für die hiesige Staats- bahn mehr als die Bregtalbahn.“ „Wir sollten uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen-Batterien pro Jahr einrichten“ Der zu dieser Zeit in München in einer prächtigen Stadtvilla residierende EGT-Haupteigner Friedrich von Schoen sieht einen geradezu riesigen Bedarf an Akkumulatoren: für den Trambahn- und Eisenbahn- betrieb, die Beleuchtung von Eisenbahn- Waggons, bei Omnibusgesellschaften – und in verkleinerter Ausführung für Fahrradlampen und Kutschenbe- leuchtungen. Er träumt von einer neuen Fabrik unmittelbar bei München. In einem Schreiben vom 28. März 1897 betont er: „Ich sprach gestern darüber mit Herrn Meißner, und ich dachte, daß wir uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen- Batterien pro Jahr einrichten sollten.“ Eine derartige Großproduktion anzukurbeln – überhaupt Akku triebwagen oder Trambahnen mit EGT-Akkumulatoren ausstatten zu dürfen, ist ohne Akkumulatorenfabrik Triberg 193

 

 

 

Die EGT bewirbt sich für Straßenbahn-Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. die erfolgreiche Teilnahme an kostspieligen Test- fahrten nicht möglich. Die Eisenbahn- oder Straßen- bahngesellschaften lassen sich zu diesem Zweck einen Triebwagen oder Straßenbahnwaggon auf Kosten des Akkumulatoren-Herstellers betriebsfertig ausstatten. Kommt es nicht zum Vertragsabschluss, müssen die in der Regel mehr als drei Tonnen schwe- ren Batterien wieder zurückgebaut werden. Die EGT bewirbt sich ungeachtet dessen für Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. Nach der ersten Euphorie hat bei den Straßen- bahn-Betreibern indes das große Rechnen begonnen und aus Kostengründen sprechen sich etliche Städte trotz der unschönen Oberleitungen gegen einen rei- nen Akkumulatorenbetrieb aus – auch das ein Rück- schlag. Die Mehrheit neigt zum gemischten Betrieb, bei dem nur Teilstrecken – etwa in der Altstadt – mit Blick auf das Stadtbild ohne Ober- oder Unterleitung zur Stromversorgung ausgestattet sind. Mit Oskar von Miller, der bei vielen Planungen beigezogen wird, zieht ein angesehener Bauingen ieur, Elektro- techniker, Wasserkraftpionier und Begründer des Deutschen Museums ebenfalls aus Kostengründen die Oberleitungen vor. Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive auf der Bregtalbahn geplant Um ihre Produkte testen zu können, kauft die EGT bei der Firma Kummer & Cie in Niedersedlitz bei Dresden einen Trambahnwagen und eine Lokomo- tive mit Elektromotor. Die Lokomotive wird im Juli 1897 nach Furtwangen geschleppt, wo sie auf einem Nebengleis der Bregtalbahn parkt und für den Akku- mulatoren-Betrieb umgerüstet werden soll. Die Breg- talbahn eignet sich für Testfahrten ideal: Unmittelbar neben dem Furtwanger Bahnhof befindet sich das E-Werk der EGT, von dort aus kann sie den Strom zum Laden der Akkumulatoren direkt ans Bahngleis führen. Über die Ankunft des Triebwagens in Furtwangen berichtet die in Triberg erscheinende Tageszeitung „Echo vom Wald“ am 31. Juli 1897 wie folgt: „Der Akkumulatorenwagen, mit welchem Versuche auf der Bregtalbahn gemacht werden sollen, ist am Donnerstag hier eingetroffen. Derselbe sieht von den Längsseiten fast aus wie ein Spezial wagen für Bier; die Kopf- oder Stirnseiten sind jedoch von Glas. Der Bau ist jedenfalls ziemlich kompliziert, denn so ein elektrisches Wägel- chen ohne Inhalt kostet ungefähr 13.000 Mark (ca. 95.000 Euro, d. Autor).“ Zugleich widerruft die Zeitung Gerüchte, die Bregtalbahn werde die Personenbeförderung mit elektrisch angetriebenen Wagen der EGT aufnehmen – vielmehr handele es sich um Testfahrten im Zusam- menhang mit der eigenen Akkumulatorenfertigung. Allerdings tut sich die Süddeutsche Eisenbahn- Gesellschaft als Betreiber der Bregtalbahn schwer mit der Vorstellung, dass auf ihrer Bahnstrecke eine elektrische Lokomotive unterwegs sein soll. Sie verlangt von der EGT den Abschluss einer Versi- cherung, die bei Unfällen mit Verletzten und Toten einspringt oder nach einem Einsturz von Brücken für die Kosten geradesteht. Dabei soll die Lokomotive vom dafür ausgebildeten Personal der Bregtalbahn gesteuert werden – die Furcht vor dem „Elektri- schen“ scheint gewaltig. Der Umbau des in Furtwangen stationierten Triebwagens für Akkubetrieb stellt sich für die EGT als enorme Herausforderung dar. Der Energiebedarf für den Antrieb der Lok ist derart hoch, dass allein für die Verbindung der Bleiplatten, die in den über 150 (!) Akkumulatoren zum Einsatz kommen, 155.000 Kanäle zu gießen sind. So bestellt die EGT für 4.000 Mark (ca. 28.000 Euro) eine neue Gießform, die ihr die Herstel- lung von täglich 3.600 Kanälen ermöglicht. Was somit einer Produktionszeit von ca. 43 Tagen entspricht. Einmal mehr erweist sich aber die Ankündigung, dass die Testfahrten in Furtwangen bis Ende August stattfinden werden, als Irrtum. Die Elektrizitäts- gesellschaft Triberg schiebt sie wegen anderweitiger 194 Geschichte

 

 

 

Die Furtwanger Energiezentrale der EGT unmittelbar beim Bahnhof der Bregtalbahn. Wegen der Nähe des E-Werkes zu den Bahngleisen, die ein problemloses Aufladen der Akkus ermöglichte, sollten ab Herbst 1897 in Furtwangen Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive erfolgen. Projekte immer wieder neu auf. In welchem Umfang diese im weiteren Verlauf der Arbeiten stattfinden, ließ sich im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag nicht klären. Erhebliche Probleme bei der Fertigung Dass die Akkumulatorenfabrik der EGT trotz der allgemein glänzenden Geschäftsaussichten der Branche ihren Investoren nur Verluste einfährt, hat – neben der noch nicht abgeschlossenen Akku-Neuentwicklung – vor allem mit ihrer schlech- ten Fertigungsqualität zu tun. Friedrich von Schoen dokumentiert in seinen Briefen geradezu unglaubli- che Zustände, die offenlegen, dass in Schönwald so gut wie keinerlei Qualitätskon trolle erfolgt. Friedrich von Schoen: „Es ist sehr traurig, daß bei uns solche Dinge häufig vorkommen.“ Der EGT-Haupteigner will in Triberg trotz aller Schwierigkeiten aus verständlichen Gründen den Erfolg – und bemüht sich vor dem Hintergrund der Millionen-Investitionen, wo er nur kann, persönlich um Großaufträge. Auch zahlreiche Inserate werden geschaltet. In Bayern sollen ab Spätherbst 1897 stets 14-täglich erscheinende Anzeigen in den Münchner Neuesten Nachrichten die Bekanntheit der EGT- Akkumulatoren steigern. Ebenso inseriert die EGT regelmäßig in den führenden elektrotechnischen Zeitschriften. Die „Akkumulatoren für Beleuchtung und Kraftübertragung“ werden in diesen Textanzeigen wie folgt beworben: „Stationär und transportabel, her- gestellt nach eigenem, bedeutend verbessertem, mehr- fach patentiertem Verfahren. Special-Akkumulatoren zur Fort bewegung und Beleuchtung von Fahrzeugen jeder Art. Geringes Gewicht! Hohe Lebensdauer, weit- gehende Garantie! Billigste Preise. Prospekte und Vor- anschläge kostenfrei!“ Mehr Informationen finden Sie unter www.almanach-sbk.de/egt Akkumulatorenfabrik Triberg 195

 

 

 

EGT-Akkumulator schafft in Ludwigshafen mit Bravour seine erste Bewährungsprobe Der Geschäftsverlauf 1897 ist geprägt von zwei Groß-Ereignissen im Herbst des Jahres: den Testfahr- ten für die Pfälzischen Eisenbahnen in Ludwigshafen und für die Münchner Trambahngesellschaft. In Lud- wigshafen müssen sich die EGT-Batterien beim Be- trieb der Straßenbahn und in einem Akkutrieb wagen auf Nahverkehr-Eisenbahnstrecken bewähren. Eingebaut werden 156 Akkumulatoren, die in Reihe geschaltet als Großbatterie fungieren und sich unter den Sitzen im Fahrgastraum befinden. Das Gewicht dieser Batterien ist enorm. Die Faustregel lautet: In den Zellen, sprich einzelnen Akkumulatoren der Bat- terie, müssen Bleiplatten verbaut sein, die insgesamt einem Viertel des Fahrzeuggewichtes entsprechen. Nur so lässt sich genügend Energie speichern, die ausreicht, um das Schienenfahrzeug anzutreiben. Die Pfälzischen Eisenbahnen setzen Akkutrieb- wagen mit Systemen der Hagener Akkumulatoren- fabrik (AFA) bereits seit 1896 erfolgreich ein, beför- dern mit ihnen allein im Jahr 1897 bald 100.000 Per- sonen, so der Jahresbericht der Verwaltung. Und ab 4. Oktober 1897 leisten auch die EGT-Akkumulatoren ihren Beitrag zur Personenbeförderung: Das rundum positive Ergebnis der ersten Probefahrten auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen am Rhein – Mun- denheim erfüllt die Triberger Gesellschaft mit Stolz. Zumal sich die EGT-Akkumulatoren besser schlagen als jene der Hagener Akkumulatorenfabrik (AFA). Friedrich von Schoen schickt ein Glückwunsch- telegramm nach Triberg. Und das „Echo vom Wald“ berichtet am 6. Oktober: „Gestern und Vorgestern fanden auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen a. Rhein – Mundenheim Probefahrten mit einer elektri- schen Lokomotive statt, angetrieben durch die neuen, patentierten Akkumulatoren der Elektrizitätsgesell- schaft dahier. Das Resultat war, wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, ein vorzügliches.“ Holpriger Start bei den Probefahrten in München Was in Ludwigshafen so verheißungsvoll beginnt, startet ausgerechnet in München – der Heimat von Friedrich von Schoen und Carl von Linde – mehr als „holprig“: Die dort eingebauten Akkumulatoren verfügen nach Darstellung des Sachverständigen der Betreibergesellschaft über zu wenig Kapazität. Es kommt zu Kurzschlüssen und teils fallen Zellen voll- ständig aus oder es entwickeln sich giftige Dämpfe, da Schwefelsäure austritt. Die Mängel in Ludwigshafen und München sind indes keine Einzelfälle, auch bei stationären Akku- mulatoren häufen sich die Qualitätsprobleme. Der Aufsichtsratsvorsitzende drängt mit Blick auf den wegen der vielen mangelhaften Produkte zu erwar- tenden Konkurs der Akkumulatorenfabrik auf „stren- gen Verkauf“ – die Akku-Fabrik brauche Einnahmen. Die Bilanz des Investors zum zweiten Jahr seines En- gagements bei der EGT fällt geradezu erschütternd aus: „Ich kann nur versichern, daß, wenn ich nicht für mein engagiertes großes Kapital sorgen müßte, ich den Vorsitz des Aufsichtsrates längst niederge- legt hätte.“ Doch die Probleme nehmen weiter zu: Als in München in einem Straßenbahnwagen aus den un- ter den Sitzen angebrachten Akkumulatoren giftige Dämpfe austreten, erkundigt sich nach Hinweisen der Fahrgäste im Januar 1898 die Polizei nach der Sicherheit der EGT-Batterie. Das Renommee der EGT- Akkumulatoren sieht der Aufsichtsratsvorsitzende Werbeanzeige der EGT Triberg aus dem „Elektrotechnischen Anzeiger“ für den Verkauf von Akkumulatoren. Die Anzeige erscheint in der viel gelesenen Zeitschrift zwischen 1897 und 1899 teils wöchentlich. 196 Geschichte

 

 

 

Der Wagen Nr. 30 der Münchner Trambahn ist für den gemischten Betrieb ausgelegt. In den Außenbezirken wird die Energie aus der Oberleitung bezogen, in der Innenstadt treibt ein Akkumulator der EGT die Straßenbahn an. daraufhin sowohl in München als auch in Ludwigs- hafen oder beim Trambahn wagen-Lieferanten Union Berlin aufs Schwerste beschädigt. Das erste vierrädrige Automobil stammt 1888 von Maschinenfabrikant Flocken Trotz aller Fertigungsprobleme gelingt es der EGT, Akkus für den mobilen Betrieb auch für den Einsatz in Automobilen zu veräußern – Fuß fassen kann das Triberger Unternehmen jedoch auch in dieser Spar- te nicht. Zur Vorgeschichte: Im Jahr 1888 nutzt der deutsche Maschinen fabrikant Andreas Flocken den Blei-Akkumulator zum Antrieb des ersten Elektro- autos mit vier Rädern. Bis zu diesem Zeitpunkt gelten dreirädrige Kutschen mit Elektromotor als „Automobil“. Die Flocken-Erfindung ruft weltweit Konkurrenten auf den Plan und das Aufkommen weiterer Hersteller erhöht die Zahl der Elektroautos kontinuierlich. Die in den Akkumulatoren gespeicherte Energie lässt sich immerhin für bis zu 100 Kilometer weite Fahrten nutzen. Der Motor startet auf Knopfdruck – muss nicht wie im Fall des Verbrennungsmotors mit einer Kurbel erst mühsam in Bewegung gesetzt wer- den. Und es gibt keine Schaltung, die Elektroautos lassen sich „mit einer Hand steuern“. Sie werden we- gen der leichten Bedienung besonders Frauen zum Kauf empfohlen. Ein weiterer Vorzug ist das Vorhan- densein von elektrischem Licht bei Nachtfahrten. Die frühen Elektroautos erreichen Geschwin- digkeiten von bis zu 25 Kilometer in der Stunde. Deutlich schneller sind die Renn wagen dieser Zeit unterwegs: Die einer Zigarre ähnelnden Fahrzeu- ge liefern sich keine Rennen wie sie heute üblich sind, sondern kon kurrieren um die erreichbare Höchstgeschwindigkeit. In ihrem Innern befinden sich Fulmen- Elemente, Hochleistungs-Akkus, die in Verbindung mit 25kW-Gleichstrommotoren enorme Beschleunigungen ermöglichen. Der Belgier Camille Jenatzy fährt mit ihrer Hilfe im April 1899 als erster Mensch schneller als 100 Kilometer pro Stunde, erreicht eine Geschwindigkeit von 105,88 km/h. Aus dem Briefverkehr zwischen Friedrich von Schoen und der Triberger Geschäfts- führung geht hervor, dass sich die EGT diese Ful- men-Elemente in Frankreich beschafft und deren Aufbau untersucht. Den Auftrag führt EGT- Vertreter Le Roy aus, der in Frankreich erfolgreich für die Tri- berger Fabrik tätig ist und dort eine statt liche Zahl an Akkumulatoren für den stationären Betrieb ab- setzt. Es gibt somit auch Erfolge zu vermelden. Akkumulatorenfabrik Triberg 197

 

 

 

Die EGT bringt im Winter 1898 das erste Elektroauto in den Schwarzwald Ein Brief vom 16. Februar 1898 zeigt auf, dass die Akkumulatorenfabrik neben Straßen- und Eisen- bahnen ebenso Elektroautos mit Batterien versorgt. Bereits 1897 war eine elek trische Kutsche mit einem Antriebssystem ausgestattet worden – wohl die des Herzogs von Coburg. EGT-Gesellschafter Wilhelm von Schoen hatte diesen Auftrag vermittelt – ebenso ei- ne Batterie für das dortige Hoftheater. Der Diplomat fungiert als Hofrat des Fürsten von Sachsen-Coburg, was viele Türen öffnet. Der EGT gelingt weiter die Zusammenarbeit mit der gleichfalls in Coburg an- gesiedelten Maschinenfabrik von Andreas Flocken, dem Erfinder des vierrädrigen Automobils. Die Triberger Geschäftsführung berichtet dazu an den Aufsichtsratsvorsitzenden nach München: „Die Batterie für den automobilen Wagen von Flocken mit Sitz in Coburg wurde nun heute von hier abgesandt. Ein anderer Wagen ist hier angekommen (mit der Schwarzwaldbahn, d. Autor) und wird die Batterie probiert werden, sobald die Wege fahrbar sind.“ An den wenigen Zeilen ist zu erkennen, dass die EGT in Triberg mit Elektroautos diverse Fahrversuche unter- nimmt. Das bedeutet: Die E-Mobilität hält somit in den 1890er-Jahren auch im Schwarzwald zumindest zu Versuchszwecken ihren Einzug. Dass für den Auftakt dieser Bestrebungen ausge- rechnet ein schneereicher Februar gewählt wurde, ist eine Besonderheit am Rande. Es muss ein impo- santes Bild gewesen sein, als Pferde das mutmaß- lich auf einem Schlitten stehende Automobil vom Bahnhof Triberg aus hinauf zur gut fünf Kilometer entfernt liegenden Akkumulatorenfabrik im Gewann „Loch“ bei Schönwald gezogen haben. Mit einem Victoriawagen, der mehr einer Kutsche als einem Automobil ähnelt, unternahm die EGT 1898/99 Fahrversuche im Umfeld ihrer Akkumulatoren fabrik. nig ist, eine mittlere Geschwindigkeit von 15 Kilome- tern pro Stunde ist mindestens anzustreben. Das ist sehr wichtig, da alle Welt schnell fahren will.“ Mit der Fertigung von Akkumulatoren für Elektro- boote hat die EGT indes ebenfalls kein Glück: Wenn überhaupt, werden Batterien für diesen Zweck in nur geringer Stückzahl veräußert. Die noch vorhande- nen Geschäftsunterlagen lassen diesbezüglich keine Rückschlüsse zu. So beschließt Friedrich von Schoen, das Testboot vom Zürichsee an den Boden see zu ver- legen und dort zum Verkauf anzubieten. Kein Erfolg mit Elektrobooten Wer Eisenbahnen und Automobilen mit Akkumula- toren zum elek trischen Betrieb verhilft, der will auch Boote mit dieser Technologie ausstatten. Auf Drän- gen von Friedrich von Schoen wird in der Schweiz bereits im Herbst 1897 ein Boot mit einem elektri- schen Antrieb in Betrieb genommen, das mehrfach Testfahrten auf dem Zürichsee absolviert. Als es im Rahmen der Testberichte um die Motorleistung geht, meldet sich der Münchner vehement zu Wort: „Ich wiederhole, daß 12 km/h Geschwindigkeit viel zu we- Das Ende der Ära Carl Meissner Für das Engagement der Münchner Investoren in Triberg ist nicht nur die Rendite allein der ausschlag- gebende Faktor. Friedrich von Schoen will zusammen mit seinem Bruder Wilhelm von Schoen und Carl von Linde mit der Bereitstellung von Risikokapital etwas bewirken – eine regionale Stromversorgung aufbauen und einen Beitrag zum Gelingen der Elektro- mobilität leisten. Doch im Spätsommer 1898 wird ihm mehr und mehr bewusst, dass ein Großteil des 198 Geschichte

 

 

 

gemeinsamen Triberger Millionen invests allein we- gen Fahrlässigkeit zunächst verloren ist. „Denke ich an die Hunderte von Verfehlungen – wahrlich, es steht mir der Angstschweiß auf der Stirn“, formu- liert er am 1. August 1898. Als sich dann noch Mitte September sämtliche Batterien in den Triberger Stromzentralen der EGT als defekt oder nicht gela- den erweisen, ist das Schicksal von EGT-Initiator und Geschäftsführer Carl Meissner besiegelt: Bei einem Gespräch im November 1898 in München vereinbart Friedrich von Schoen mit ihm das Ausscheiden zum Jahresende. Kurze Zeit später veräußert Meissner auch seine Anteile an der EGT. Ein Pionier des Auf- baus der Stromversorgung im Schwarzwald scheidet unrühmlich, doch aus nachvollziehbaren Gründen aus den Diensten der EGT aus. Carl Meissner arbei- tet künftig mit Erfolg als selbstständiger Ingenieur, stirbt 1944 im Alter von 94 Jahren in Duningen. Die Abwicklung der Akkumulatorenfabrik Mit dem Ausscheiden von Carl Meissner aus der EGT finden die Pionierzeiten im Unternehmen ihr Ende. Friedrich von Schoen verliert in ihm auch einen Mit- streiter – einen Mann, den die Möglichkeiten der Elektromobilität ebenso begeistern wie den Münch- ner Investor selbst. Produktionstechnisch konzen- triert sich die „Abteilung B“ der EGT in der Folge auf die Fertigung stationärer Akkumulatoren, legt dazu 1899 eine umfassende Werbebroschüre auf (siehe Abb. oben). Doch ein Erfolg stellt sich nicht mehr ein, vielmehr kommt es zu weiteren Rückschlägen: An Heiligabend des Jahres 1903 erscheint die Verkaufs- Offerte der EGT für ihre einstige Akkumulatorenfabrik im „Echo vom Wald“. Zum Verkauf des Fabrikgebäudes kommt es aber erst Monate später – unter großen Verlusten. Akkumulatoren-Imagebroschüre der EGT, die nichts unver- sucht lässt, um ihre Produkte erfolgreich zu veräußern. Immer mehr Akkumulatoren fallen aus, immer mehr Käufer verklagen die Akkumulatorenfabrik Triberg auf Schadensersatz. Zeitweise hat das Unternehmen mehr als 50 Prozesse gleichzeitig zu führen. Sechs Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1896 wird die „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach Millionen- verlusten schließlich abgewickelt. Fertigungsproble- me und die übermächtige internationale Konkurrenz besiegeln 1903 endgültig das Schicksal einer Fabrik, die ihre Akkus zu besten Zeiten auch nach Frank- reich, Belgien und Italien lieferte. Und das im statio- nären Bereich mit beachtlichem Erfolg. Das Fazit: Die EGT- Triberg hat viel gewagt und zählt nach wie vor zum Kreis der Pioniere der Elektro – mobilität in Deutschland – in der Fachliteratur hat sie noch heute ihren Platz. Und was nun zu guter Letzt die Lok in Furtwan- gen anbelangt: Sie wurde 1903 wegen einer krum- men Achse auf einem Frachtwagen stehend zum Verschrotten nach Dresden geschleppt. Eine Test- fahrt muss es somit doch gegeben haben… Akkumulatorenfabrik Triberg 199

 

 

 

GEDÄCHTNIS FÜR DIE Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen von Edgar H. Tritschler 200

 

 

 

FÜRSTENBERGER LANDE Foto: Urkundenpotpourri mit einem Wappenbrief, zwei Kaiser urkunden mit Goldener Bulle und großem Wachssiegel sowie einem sogenannten Igel, einer Urkunde mit zahllosen Siegeln.

 

 

 

Zur Herkunft der Fürstenberger Das Fürstentum Fürstenberg ist der Oberbegriff für die von den Reichsfürsten zu Fürstenberg regierten Gebiete im schwäbischen Reichskreis. Von 1664 bis 1716 umfasste das Fürstentum nur die der Linie Fürstenberg-Heiligenberg gehörigen Gebiete, insbesondere die Grafschaft Heiligenberg. Von 1716 bis 1744 existierten die Fürstentümer Fürsten- berg-Stühlingen und Fürstenberg-Meßkirch neben- einander. Nach dem Aussterben der Linie Fürsten- berg-Meßkirch im Jahre 1744 vereinigte Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg-Stühlingen alle schwäbischen Besitzungen des Gesamthauses Fürstenberg. Dieser kleine Streifzug zur Herkunft der Fürsten- berger erscheint auch für die Darstellung ihrer Archivgeschichte hilfreich. Das Fürstlich Fürsten- bergische Archiv (F. F. Archiv) beherbergt in seinem historischen Teil (Haupt- und Cameralarchiv bis 1806) eine Vielzahl an Beständen, die im Kontext zur Familien- und Territorialgeschichte stehen und für das Gesamtverständnis z.B. von Herrschafts- und Regionalgeschichte erforderlich sind. Nach dieser knappen Darstellung soll auch der Übergang gro- 202 Geschichte

 

 

 

Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg (1699 – 1762) Karte der Fürstenbergischen Herrschaften in der Baar, am Hochrhein und am Bodensee, gezeichnet von Bourz von Seethal, Ende des 18. Jahrhunderts. Dargestellt sind die Grenzen der Grafschaften und Herrschaften Baar, Hohen- hewen, Stühlingen, Meßkirch und Heiligenberg. Weiter wurden Ansichten der Orte Bräunlingen, Hüfingen, Donau- eschingen, Stühlingen sowie der Schlösser Heiligenberg und Hohenlupfen eingezeichnet, ebenso die Poststationen (Posthorn). Auf dem Bodensee sieht man Schiffe und Fischer. Deutlich auszumachen ist die territoriale Zersplitterung im deutschen Südwesten. ßer fürstenbergischer Territorien auf Vorderöster- reich – u.a. Bräunlingen 1305, Villingen, „Haslacher Anschlag“ 1326 – lediglich angemerkt werden. Dieser komplexe Vorgang, der im F. F. Archiv breiten Raum einnimmt, kann im Themenzusammenhang nicht an- gemessen dargestellt werden. Joseph Wilhelm Ernst Fürst zu Fürstenberg ver- legte im Jahr 1723 seine Residenz von Stühlingen nach Donaueschingen. Damit gelang es ihm, aus der kleinen Residenz Donaueschingen einen Mittelpunkt der Behördenorganisation zu machen und den ver- schiedenen Teilherrschaften nach außen und nach innen ein einheitliches Gepräge zu geben sowie aus den so verschiedenartigen Gebieten ein kräftiges, neuzeitliches Staatswesen zu schaffen. Durch die Vereinigung aller Herrschaften ent- stand unter der Leitung dieses Regenten ein mit größeren deutschen Territorial staaten vergleichba- res Gebilde mit etwa 85.000 Einwohnern unter der Administration von 14 Oberämtern. Der fürstlichen Regierung in Donaueschingen gehörten ein Kanzler, drei Hof- und zwei Kammerräte sowie der fürstliche Archivar an, dessen Funktion 1723 erstmals genannt wird. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 203

 

 

 

Das Portal mit dem schönen Wappengitter. Fürstenbergisches Archiv: Das Gebäude Das „Fürstenbergarchiv“ ist einer der frühesten selbstständigen Archivbauten in Deutschland. Es wurde bereits 1756 – 1763 errichtet, zu einer Zeit, als es noch gang und gäbe war, Archive in zweckfrem- den Bauten und Räumen zu lagern. So z.B. in Rathauskellern, Schlossgewölben oder Kirchtürmen, wo wertvolles Archivgut zum Teil erheblichen Schaden nahm, unleserlich wurde oder bei Umzügen von einem Lagerort zum anderen gar verloren ging. In Donaueschingen gelang es, andernorts schnell gefundene Lösungen zu vermeiden, ein vorhandenes, eigentlich ungeeignetes Gebäude oder einen Teil des Herrschaftskomplexes kurzerhand zum Archiv umzufunktionieren oder einen solchen mit einem Anbau auszustatten, für den irgendwo eine Grund- fläche verwendbar erschien. Die damalige Konzep- tion hat sich bis heute fast unverändert erhalten. Dadurch steht das Archiv wohl einzigartig dar. Das Gebäude entstand neben dem Kanzleigebäu- de, dem Sitz der fürstlichen Zentralverwaltung. Mit diesem zusammen bildete es das Herz eines ganzen Ensembles aus Verwaltungs-, Wirtschafts- und Wohn- gebäuden, die Fürst Joseph Wilhelm Ernst zwischen 1722 und 1762 an seinem neuen Residenzort Donau- eschingen errichten ließ. In der Bauform und Größe lehnte es sich mit 27,50 x 16,25 Metern Grundfläche und sechs ober- und unterirdischen Stockwerken bewusst an das Kanzleigebäude an. Allerdings war es aufgrund des hohen Bauaufwands wesentlich teurer als die Kanzlei und alle sonstigen fürstlichen Gebäu- de der Zeit. In sieben langen Jahren Bauzeit wurden ca. 80.000 Gulden verbaut. Schon dies dokumentiert schlagend den hohen Rang, den Fürst Joseph Wil- helm Ernst dem Archiv beimaß. Es liege ihm, so ließ er mehrfach verlauten, über allem am Herzen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtigkeit ausgerichtet. Zum Zuge kam schließlich ein Plan des fürst- lichen Baumeisters Franz Joseph Salzmann. Nach außen präsentiert sich sein Gebäude relativ nüch- tern und abweisend. Sockel, Mauerblenden und Gebäudeecken aus Quaderstein, eine großzügige Frei treppe und das Portal mit dem schönen Wappen- gitter sind der einzige Schmuck. Die Fenster sind durch Gitter und eiserne Läden sicher verschlossen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtig- keit ausgerichtet. Es erfüllt noch heute vorrangig die notwendigen Schutzwirkungen als Spezialgebäude für die Sicherheit der Archivalien vor unerwünschtem 204 Geschichte

 

 

 

Lichteinfall, garantiert Sauberkeit, Trockenheit, Be- lüftung und ideale Raumtemperatur. Als Baumaterial wurde deshalb nur Stein und Eisen verwandt. Die Wände sind mehr als einen Meter dick, die Decken kreuzgratgewölbt, die eisernen Türen fast zwei Zent- ner schwer. Der Gewölbekeller Der geräumige zweistöckige Keller hatte und hat noch heute ökonomische und klimatische Vorteile. Zum einen konnten auch Bierfässer der gegenüber- liegenden Brauerei gelagert werden; von den Kellern führte deshalb ein direkter Gang hinüber zur Brauerei. Der Erbauer, Fürst Joseph Wilhelm Ernst, hatte dies so bestimmt, nicht um das Archivpersonal mit edlem Gerstensaft zu versorgen, sondern um das „sündhaft teure Archivgebäude“ wenigstens teilweise betriebswirtschaftlich zu nutzen. Unschätz- bar wertvoll ist der klimatische Nutzen dieser Art von Unterkellerung. Beide Kellergeschosse sind außergewöhnlich gut belüftet und schützen dadurch das Gebäude und das Archivgut effektiv vor einer Durchfeuchtung von unten. Das untere hat zu diesem Zweck Lüftungsschächte; das obere reicht über das Straßenniveau hinaus und ist ringsum durchfenstert. Die Luftfeuchtigkeit im Gebäude ist dadurch bis heute im tolerablen Bereich, vor allem in den Räumen, die von vornherein als Archivräume vorgesehen waren. Im ersten Kellerstock, der auch heute noch für die Unterbringung von Archivalien genutzt wird, ist die Feuchtigkeit im Jahresmittel nur leicht erhöht. Klimatisch schwieriger ist der eben- falls für Archivzwecke genutzte Dachstuhl, wo es zu stärkeren Temperatur- und Klimaschwankungen kommt. Bei der Belegung dieser beiden Lagerorte mit Archivgut sind diese Besonderheiten zu berück- sichtigen. Das Gebäude des Fürstenbergarchivs, nach außen relativ abweisend, ist konsequent auf ein Ziel ausgerichtet: Urkun- den, Akten und Büchern eine möglichst sichere und dauer- hafte Aufbewahrung zu bieten. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 205

 

 

 

Der Max-Egon-Saal Im Inneren überrascht der äußerlich so zurückhalten- de Bau mit einem prächtigen barocken Bibliotheks- saal. Das Gestühl mit seinen aufwändigen Schnit- zereien und Einlegearbeiten, mit Köpfchen, Fratzen und Kapitellen stammt aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch und wurde schon zur Erbauungs- zeit des Archivs nach Donaueschingen überführt. Es beherbergte ursprünglich die Arbeitsbibliothek der benachbarten fürstlichen Zentralverwaltung, daher die Zierrahmen am Kopf der Regale, die nur juris- tische Sachgebiete ausweisen. Heute befindet sich im Max-Egon-Saal die Arbeitsbibliothek des Archivs mit Werken zur badischen, württem bergischen und fürstenbergischen Geschichte. Ganz rechts unten: ein Geheimfach. 206 Geschichte

 

 

 

Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 207

 

 

 

Das „Reisearchiv“ Ein „Highlight“ des Fürstenbergarchivs ist das sogenannte „Reisearchiv“ in den Ge- wölben A und B des Erdgeschosses. Hierbei handelt es sich um die wichtigsten Doku- mente des Archivs, die bereits in Flucht- kisten verpackt sind, damit sie im Gefahren- fall schnell auf Fahrzeuge verladen und in Sicherheit gebracht werden können. Die „Flüchtung“ des fürstenbergischen Archivs vor allem vor französischen Heeren war im 17. und 18. Jh. keine Seltenheit. Letztmals fuhren 1796 insgesamt 17 große Wagen ins schweizerische Feuerthalen, um das Archiv in Sicherheit zu bringen. Auch im Zweiten Weltkrieg waren die wichtigsten Stücke aus- gelagert, diesmal auf der Burg Wildenstein im Donautal. Das Erdgeschoss und die Obergeschosse Die wertvollsten Archivalien wurden in den beiden Gewölben des Erdgeschosses in speziellen Flucht- kisten untergebracht, so dass sie bei Kriegsgefahr schnell und reibungslos in Sicherheit gebracht werden konnten. Ein Saal im ersten Obergeschoss diente den Archivaren und Registra toren als groß- zügiges Arbeitszimmer. Im zweiten Obergeschoss wurde das barocke Bibliotheksgestühl aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch eingebaut. Es war vor allem für die juristische Arbeitsbibliothek der Zentralverwaltung bestimmt. Im Grunde ist dieses Gebäude, auf das man schon zu Planungs- und Bauzeiten viel Sachverstand und finanzielle Mittel verwandte, bis heute bautech- nisch up to date. Das Fürstenhaus wendet neben an- deren, vielfältigen Kulturleistungen regelmäßig hohe Summen für das Archivpersonal und den Erhalt des Archivgebäudes auf. Eines der größten Adelsarchive Deutschlands Das Fürstenbergarchiv zählt zu den größten Adels- archiven in Deutschland und gleicht in seiner Größe einem kleineren Staatsarchiv. Das Archivgebäude ist vom Keller bis unter das Dach bis auf den letzten Quadratmeter mit Archivalien gefüllt, ein gewaltiger Bestand, in dem etwa 25.000 Pergamenturkunden verwahrt werden. Das Ausmaß an archivierten Akten ließe sich nur in Regalkilometern angeben. Entschei- dend für die Bedeutung des Archivs ist aber weniger dessen Quantität, als vielmehr die Qualität der Überlieferung. Worauf beruht diese? Da die Fürsten- berger – wie alle anderen Standesherren nach der Mediatisierung des Jahres 1806 – ihr gesamtes Archiv ungeschmälert als Privateigentum behalten konnten, ist es für die Zeit bis 1806 somit als ein Landesarchiv anzusehen. Es bewahrt neben der Überlieferung der fürst- lichen Familien und ihrer Besitzungen auch umfang- reiche Bestände hoheitlicher Herkunft. Schließlich war Fürstenberg nach dem Herzogtum Württemberg, den vorderösterreichischen Landen, den vereinig- ten badischen Markgrafschaften und der Kurpfalz das größte reichsunmittelbare Territorium im deut- schen Südwesten. Wer sich mit der Geschichte eines fürsten bergischen Ortes, einer Liegenschaft, einer bestimmten Familie oder Person, einem x-beliebigen historischen Thema aus der Zeit vor 1806 beschäf- tigen will, der kommt kaum am Fürstenbergarchiv vorbei. Insbesondere für die Geschichte der ehemals fürstenbergischen Orte und Gemeinden im Schwarz- wald-Baar-Kreis enthält es einen schier unerschöpfli- chen Fundus an historischen Quellen. 208 Geschichte

 

 

 

Rechts: Urkunde vom 10. Dezember 1716. Kaiser Karl VI. erhebt die Linien Stühlingen und Meßkirch des Hauses Fürstenberg in den Fürstenstand. 1664 war bereits die Heiligenberger Linie „gefürstet“ worden.Die für die Familie Fürstenberg äußerst wert- volle Urkunde ist mit einer Goldenen Bulle besiegelt. Unten: Urkunde, entstanden zwischen 1492 und 1499. Papst Alexander VI. stellt den Grafen Heinrich und Wolfgang von Fürstenberg einen Beichtbrief aus. Zu sehen sind oben das Wappen des Papstes mit der Tiara und den Schlüsseln des Petrus, darunter das Wappen des Hauses Fürstenberg.

 

 

 

Die politischen Verhältnisse in der Zeit nach 1806, also für das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die NS-Zeit, spiegeln sich auch in der archivi- schen Überlieferung wider. Als Großgrundbesitzer, Eigentümer zahlreicher Wirtschaftsbetriebe, poli- tisch aktive Standesherren, engagierte Förderer des kulturellen Lebens, Mitbegründer der „Donaueschin- ger Musiktage“ und der „Internationalen Reitturnie- re“ – um nur einige ihrer Engagements zu nennen – waren die Fürstenberger auch nach 1806 wichtige Repräsentanten in den fürstenbergischen Landen und darüber hinaus und nahmen zahlreiche Funk- tionen in Wirtschaft und Gesellschaft wahr. Damit übersteigen die Volumina der in dieser Zeit entstan- denen Akten das historische Archiv deutlich. Manch neuer Bestand gehört zu den am meisten genutzten Abteilungen des Archivs; so auch jene Materialien, die die fürstenbergische Residenzstadt Donaueschin- gen betreffen und eigentlich in ein Kommunalarchiv gehören. Das Donaueschinger Stadtarchiv ging aber im 20. Jahrhundert gleich zweimal komplett verlo- ren: 1908 verbrannte es beim großen Stadtbrand und 1945 wurde es vor den anrückenden Franzosen in Sicherheit gebracht und verschwand „auf Nimmer- wiedersehen“. Alle dazu angestellten Nachforschun- gen, um den Bestand wiederzufinden, verliefen ergebnislos. Herausragend zu nennen sind die Archivbestände zur fürstenbergischen Theater- und Musikgeschichte, allen voran zu den „Donaueschinger Musiktagen“. Sie In einer weiteren archivischen Sonderrolle beherbergt das Fürstenbergarchiv den Nach- lass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. wurden speziell in den letzten 15 bis 20 Jahren und besonders im Vorfeld des hundertjährigen Jubiläums (2021) sehr intensiv erforscht. Zahlreiche wissen- schaftliche Veröffentlichungen und Quelleneditionen konnten so erscheinen. In einer weiteren archivischen Sonderrolle be- herbergt das Fürstenbergarchiv den Nachlass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., und hatte als Vizepräsident des österreichischen Herrenhauses beste Beziehungen zum österreichischen Kaiserhaus. Sein Nachlass ist eine Fundgrube für die Spätzeit der Monarchie in Deutschland und Österreich und wird deshalb immer wieder von Forschern genutzt. Das Arbeitszimmer Als das Archiv noch das Staatsarchiv des Fürstentums Fürstenberg war und deshalb wie ein Tresor vor fremden Blicken und Benutzern geschützt wurde, diente das Arbeits zimmer im ersten Obergeschoss nur den Archivaren und Registratoren. Heute forschen hier die wissenschaftli- chen und heimatkundlichen Benutzer des Archivs. Nur dieser Raum ist beheizt und hat zum Schutz der Archivare vor der Kälte einen Parkettfußboden. 210 Geschichte

 

 

 

der fürstenbergischen Baar und der angrenzenden Landesteile dar. Als Leistung eines standesherrlichen Archivs sind sie einzigartig. In zahllosen Büchern, Aufsätzen, wissenschaft- lichen Beiträgen etc. haben Autor(innen) Archi- valien aus dem Fürstenbergarchiv genannt oder in Fuß noten zitiert, die sie für ihre Publikationen verwendet haben. Mit jeder Anfrage bzw. jedem Benutzerantrag ist das Fürstenbergarchiv selbst involviert, da deren forschungsleitendes Interesse unterstützt sein will und in der Folge manche erst zu findende Archivalie ausgehoben wird. Es wä- re eine Fleiß arbeit, die für die Orte in den ehem. Fürstenbergischen Landen erschienenen Ortschroni- ken, kirchen- oder familiengeschichtlichen Beiträge, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Aufsätze u.a. mit dem Quellenmaterial aus dem Fürstenbergarchiv in Verbindung zu bringen. Es würde aber aufzeigen, welche Bedeutung dieses Archiv auch in der Gesamt- schau mit den Materialien z.B. des Staatsarchivs Frei- burg und des Generallandesarchivs Karlsruhe für die Aufgabe der Geschichtsvermittlung hat. Aktenbündel über Aktenbündel im zentralen Treppenhaus, welches das gesamte Gebäude erschließt. Aufgaben und kulturelle Bedeutung des Fürstenbergarchivs Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv enthält die Überlieferung der Grafen und Fürsten zu Fürsten- berg. Es ist ein ungewöhnlich reichhaltiges und nahezu geschlossen erhaltenes Archiv. Der Familie galt es stets als größter Schatz und wurde entspre- chend sorgfältig gehütet. Bis zur Mediatisierung von 1806 und noch weit da- rüber hinaus war das Archiv ein Ort, zu dem Fremde, Besucher und Forscher keinen Zutritt erhielten; es war das Geheime Staatsarchiv der Fürstenberger Lande und diente ausschließlich der fürstlichen Verwaltung. Dies änderte sich mit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit 1806. Die Fürstenberger mussten sich jetzt gänzlich neu positionieren, wollten sie ihren Status als hochadeliges Haus bewahren. Ein wichti- ger Schritt dazu war neben der Modernisierung der Wirtschaftsbetriebe und der Verwaltung der Aufbau der „Fürstlich Fürstenbergischen Institute für Kunst und Wissenschaft“ unter Fürst Karl Egon III. ab 1860. Zu ihnen zählten neben dem Archiv auch die Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen und die Hofbiblio- thek, die der Öffentlichkeit in großzügiger Weise zugänglich gemacht wurden. Das Archiv erhielt den speziellen Auftrag, die Fürstenbergische Geschichte zu erforschen und interessierte externe Benutzer bei deren eigenen Recherchen zu unterstützten. Ein weiteres Faktum macht das Fürstenberg- archiv bemerkenswert: Es wurde bereits im Jahr 1862 von Fürst Karl Egon III. zur wissenschaftlichen Forschungsstätte ausgebaut und der geschichts- interessierten Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Archiv wird deswegen hauptamtlich von einem Historiker geleitet und zählt daher zu den gut zugänglichen Adelsarchiven in Deutschland. Im Fürstenbergarchiv befindet sich auch die Hofbiblio- thek des Hauses Fürstenberg. Zwischen 1870 und 1950 haben die Fürsten- bergischen Archivare ein viel beachtetes historisches Forschungs- und Editionswerk vorgelegt. Unbestreit- bare Höhepunkte waren dabei das „Fürstenbergi- sche Urkundenbuch“ und die „Mitteilungen aus dem Fürstenbergarchiv“, eine neunbändige Edition der Quellen zur Haus- und Familiengeschichte bis zum Jahr 1600. Beide Werke stellen nach wie vor die Grundlage aller historischen Arbeit im Gebiet Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 211

 

 

 

Häufig sind historische Gedenktage oder Jubi- läen fürstenbergischer Orte und Einrichtungen der Anlass, das ganze Arsenal der Geschichtsvermittlung zum Einsatz zu bringen. Es werden Ausstellungen und Tagungen konzipiert und ausgerichtet, wissen- schaftliche Beiträge verfasst, Bücher geschrieben oder herausgegeben, Vorträge gehalten und Führun- gen angeboten. Der Fürstliche Archivar übernimmt daneben vielfältige Repräsentationsverpflichtungen für das Haus Fürstenberg, vor allem in kulturel- len oder historischen Zusammenhängen. Auch im Rahmen der Kultur- und Tourismusarbeit der Stadt Donaueschingen. Als besonders beliebtes Ereignis hat sich die Übergabe der vom Fürstenhaus alljähr- lich gespendeten „Goldenen Uhr für die besten Ab- solvent(innen) des Fürstenberg-Gymnasiums“ durch den Archivar etabliert. Die Archivare Bei der Darstellung der Fürstenberger Archivge- schichte ist zu erwähnen, dass schon im Jahr 1723 die Funktion des fürstlichen Archivars neben Hof- und Kammerräten als Mitglied der Donaueschinger Regierung genannt wurde. Diese hierarchische Positionierung ist zu dieser Zeit ungewöhnlich und zeigt einerseits den Weitblick des Fürsten und andererseits die hohe Wertschätzung, die dem damaligen Archivar zuteil wurde. Der Inhaber dieser Stelle könnte mit einem der „Räte und Registrato- ren“ identisch sein, die auf der älteren der beiden Wandtafeln genannt sind, die zu deren Gedenken im Benutzerraum des Archivs ausgestellt sind. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächt- nisses der Region, für die das Archiv mit dem Gut an schriftlichen Überlieferungen besteht. Sie arbeiten kraft ihrer persönlichen und fachlichen Qualifikation auch als „Übersetzer“ von Schriftgut, da die Archiva- lien bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts in deutscher Kanzlei- bzw. Kurrentschrift verfasst sind und der Transkription in die heute lesbare Schrift bedürfen. Neben dieser Aufgabe ermöglicht erst die Inter- pretation der Inhalte die Erkenntnisgewinnung für den forschenden Archivar oder den nachfragenden Benutzer und macht die ausgehobenen Archivalien erst dadurch sprechend. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächtnisses der Region. bezeichnungen auf den obigen Wandtafeln schon verraten, dass sie als „(Hof)Rath und Registrator/ Archivarius“ bis Mitte des 19. Jahrhunderts stets in einer Doppelfunktion auftraten und danach – ent- sprechend dem gestiegenen Aufkommen an Archiv- gut – in der Archivarbeit ihre Hauptaufgabe hatten. Als Leiter des Fürstenbergarchivs fungierten danach nicht mehr – wie bisher – [Verwaltungs]Juristen, sondern Historiker, von denen einige mit besonderen wissenschaftlichen Leistungen hervortraten. Den Anfang machte 1862 Freiherr Roth von Schreckenstein, der zuvor Vorstand des Germani- schen Museums in Nürnberg gewesen war und nach seinem Ausscheiden Direktor des Generallandesar- chivs in Karlsruhe wurde. Auf ihn folgten bekannte Namen wie Dr. Sigmund Riezler, Dr. Franz Ludwig Baumann, Aloys Schulte, Dr. Georg Tumbült und Prof. Dr. Karl Siegfried Bader, allesamt anerkannte Wissen- schaftler und Archivare, die den Ruf des Archivs im 19. und 20. Jahrhundert weit über die Region und die Landesgrenzen hinaus begründeten. Dem letztgenannten Karl Siegfried Bader, der in seiner Eigenschaft als Rechtshistoriker weit über seine Archivarbeit in Donaueschingen hinaus wirkte, wurden verschiedene Würdigungen seines Lebenswerks zuteil. Auch der in Baders Nachfolge amtierende Archi var Georg Goerlipp wurde für seine Jahrzehnte währende Arbeit geehrt; er hatte fast sein gesamtes Berufsleben mit hohem persönlichem Engagement im Fürstenbergarchiv zugebracht. Dr. Andreas Wilts – Herausforderungen einer neuen Zeit Mit Dr. Andreas Wilts wurde im Jahr 1995 ein Nachfolger berufen, der über 170 Jahre nach der erstmaligen Nennung eines Fürstenbergarchivars die lange Reihe an Amtsinhabern fortsetzte und sich der anspruchsvollen Aufgabe in Donaueschingen stellte. Diese Quellenarbeit wird seit vielen Jahren von Der neue Archivar ging mit Respekt an seine Persönlichkeiten wahrgenommen, deren Amts- archivische Lebensaufgabe, von der er – wie seine 212 Geschichte

 

 

 

Dr. Andreas Wilts leitete das Fürstlich Fürstenbergische Archiv von 1995 bis zum Jahr 2022. 213

 

 

 

Die Fürstenfamilie mit Dr. Andreas Wilts bei der Vorstellung des Buches „Max Egon II. zu Fürstenberg – Fürst, Soldat, Mä- zen“ vor einem Portrait des Fürsten Max Egon II. Von links: I. D. Erbprinzessin Jeannette zu Fürstenberg, S. D. Erbprinz Christian zu Fürstenberg, S. D. Fürst Heinrich zu Fürstenberg, I. D. Fürstin Massimiliana zu Fürstenberg und Dr. Andreas Wilts. Vorgänger – schon bei Dienstantritt wusste, dass er wichtige, vielleicht einmalige Bausteine für das Geschichtsbild würde beisteuern können, die Arbeit aber niemals final erledigt sein werde. Zu den außergewöhnlichen Projekten gehörte aber vor allem: Andreas Wilts war in der langen Ge- schichte des fürstenbergischen Archivwesens der erste Leiter, dessen Amtszeit mit den Anfängen, dann mit den stürmischen Weiterentwicklungen der Informationstechnologie einherging. Personal Computer der 1980er Jahre wurden während seiner ersten Dienstjahre allmählich in den Verwaltungsbe- trieb integriert, während die eigentliche Archivarbeit noch von Karteikarten oder Zettelkästen als Find- mittel gekennzeichnet war. Die Innovationszyklen der IT wurden immer kürzer, eine Hardware- und Softwaregeneration löste die andere ab, bevor sie von den Anwendern richtig beherrscht und ange- Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segens- reich erweisen wird. wandt werden konnte. Die 1990er-Jahre waren das Jahrzehnt des Internets und des World Wide Web, und es zeichnete sich ab, dass die weitere Dienstzeit von Andreas Wilts und seinen Mitarbeiter(innen) von neuen Herausforderungen, aber auch von riesigen Chancen geprägt sein würde. Insofern entsprach die- ser fundamentale Wandel aber der allgemeinen Ent- wicklung in Wirtschaft und Gesellschaft und bedürfte für ein Archiv nicht der besonderen Erwähnung. Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang 214 Geschichte

 

 

 

befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segensreich erweisen wird: Die Rede ist von der Digitalisierung von Archivalien. Während in Jahrhunderten der Nutzung von Gerichts- und Verwaltungsakten, Urkunden, Verträgen, Protokoll- und Rechnungsbüchern u.v.a.m. immer die Originale in Gebrauch waren, d.h. von den Archi varen den Nutzern zur Einsichtnahme vorgelegt wurden und diese im Laufe der Zeit oft beschädigt wurden oder gar verloren gingen, ist deren Digitalisierung nicht weniger als eine großartige Errungenschaft, ein Mei- lenstein. Im Archiv an einem speziellen Gerät das Digi- talisat lesen und den Inhalt auf einem USB-Stick mitnehmen zu können, ist schon technische Realität, wenn auch ein Großteil von Archivalien – so auch im Fürstenbergarchiv – für diesen Transformationspro- zess noch ansteht. Auch hierzu wird der nächste Ver- fahrensschritt schon längst praktiziert, nämlich – un- ter Verzicht auf den Archivbesuch – der Zugriff auf Archivbestände über das Internet und der Download auf einen externen Rechner. In diesem Spannungs- feld stand und steht das Fürstenbergarchiv an der Schwelle zum Übergang der Leitung auf den Nach- folger von Andreas Wilts. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 1995 äußerte er angesichts einer im Benutzerraum ausgestellten „ganzen Galerie zierlich gerahmter Porträts mit ehrwürdigen Männerköpfen“ in einem „Südkurier“- Interview, er hoffe, dass eines Tages die Reihe der in Ehren gehaltenen Fürstenberg-Archivare mit seinem Porträt ergänzt werde. Damit hatte er sich hohe Ziele gesetzt und diese in den 27 Jahren seines Wirkens nie aus den Augen verloren. Aus gutem Grund und großer Dankbarkeit wird sein Porträt nun einen wür- digen Platz an der Stätte finden, wo er bleibende Spuren hinterlassen hat. Ein Archivar ist es gewohnt, in langen Zeiträumen zu denken. Möge Andreas Wilts diese Übung für seinen Ruhestand beibehalten. Nachfolge durch Dr. Jörg Martin Als Nachfolger ist Dr. Jörg Martin bestellt, der die lange Reihe fürstenbergischer Archivare fortsetzen wird. Der Historiker und gelernte Archivar brachte aus seinen früheren Aufgaben als Archivar in Blaubeuren, Schelklingen und Munderkingen sowie als Kreisarchivar des Alb-Donau-Kreises bereits umfangreiche fachliche Erfahrungen mit, bevor er in den Stadtarchiven der Städte Staufen im Breisgau und Bad Krozingen neue historische Räume erschlie- ßen und als Kulturreferent beste Voraussetzungen für seine vielfältigen Aufgaben in Donau eschingen sammeln konnte. Der neue Archivar Dr. Jörg Martin. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 215

 

 

 

Außenansicht des Museum Art.Plus mit Werken von Jürgen Knubben, Paul Schwer und David Nash. 216 6. Kapitel – Kunst und Kultur

 

 

 

Das Museum Art.Plus Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst von Ursula Köhler Seit 180 Jahren prägt das klassizistische Museums- gebäude in Donaueschingen den Ort am Ufer der Brigach1. Obwohl der zweigeschossige Bau im Verhältnis zu seiner Umgebung, am Übergang zum Landschaftspark und in der Sichtachse zum fürstenbergischen Schloss, eher klein dimensioniert ist, wirkt er markant. XXX 217

 

 

 

Ungefähr sieben Generationen haben das Museum in unter- schiedlichen Funktionen ken- nengelernt und seine jewei- ligen Umgestaltungen gesehen. Immer war es ein öffentlicher Ort. Vom Haus der Musen, in denen die bürgerliche Museums gesellschaft sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts traf, wandelte es sich zum Soldatenheim. Nach den Zerwürfnis- sen infolge des Ersten Weltkriegs und der Auflösung der Museumsgesellschaft wur- de es in städtischer Trägerschaft in den 1920er-Jahren zum Kurhaus umgestaltet und schließlich von 1937 an für fast sie- ben Jahrzehnte zum Kino. Gemessen an der gesamten Zeitspanne seines Beste- hens sind 13 Jahre, in denen das Museum Art.Plus in diesem geschichtsträchtigen Haus existiert, recht kurz. Doch lässt sich umso besser nachvollziehen, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich bereits seit seiner Eröffnung im Sep- tember 20092 ereignet haben, sei es im technischen, wirtschaftlichen oder im kulturellen Bereich. Sanierung lässt ursprüngliche Atmosphäre wieder erahnen Wie sehr ein Gebäude seine Umgebung beeinflusst, lässt sich bei der Erinnerung an das funktionslos gewordene, verwit- ternde Lichtspiel-Haus nachvollziehen. Von dem ehemaligen selbstbewussten Anspruch einer gebildeten Bürgergruppe im Stadtraum durch repräsentative Architektur sichtbar zu sein, war zu Beginn des 21. Jahrhunderts wenig erkennbar geblieben. Das änderte sich mit der geplan- ten Nutzung des Hauses als Museum für zeitgenössische Kunst durch ein Sammlerpaar. Auf dem Höhepunkt der internationalen Neubauaktivitäten, um Privatsammlungen in eigenen Muse- en präsentieren zu können, wurde in Donaueschingen der Rückbezug auf ein 218 Das gemeinsame Credo von Auftraggebern und Architekten war, so vorsichtig wie möglich mit der alten Substanz umgehen. traditionelles Haus gewagt3. Die Sanie- rung durch die ortsansässigen Architek- ten gäbele&raufer hat dem Ort viel von seiner Strahlkraft und stadträumlichen Wirkung zurückgebracht und lässt die ur- sprüngliche Atmosphäre wieder erahnen. Das gemeinsame Credo von Auftrag- gebern und Architekten war, „so vorsich- tig wie möglich mit der alten Substanz umgehen.“4 Nun ist es ein kühnes Unter- fangen, zeitgenössische Kunst in einem traditionellen Gebäude ausstellen zu wol- len – selbst wenn es ‚schon immer Muse- um genannt wurde‘5 , denn es war unter gänzlich anderen Voraussetzungen er- richtet worden. Bei genauerem Hin sehen aber muteten manche Ansprüche einer Lesegesellschaft bereits wie aktuelle Mu- seumsanforderungen an. Dabei kann ein besonderer Reiz von dem scheinbaren Widerspruch ausgehen, zeitgenössische Werke explizit in einem nicht für sie ent- worfenen Raumkontext zu zeigen. Die Bauaufgabe Museum war noch nicht formuliert, als sich die Architekten in fürstenbergischen Diensten an die Arbeit machten. Bauinspektor Martin entwarf für den Neubau von 1841 die Grundstruktur des heutigen Baus, der von Baumeister Theodor Diebold nach einem Brand leicht modifiziert wieder- aufgebaut wurde. Deutlich ist an dem Gebäude von 1848 ablesbar, dass hier die im Schlossbau verankerte Galerie Modell stand. Viele der frühen eigenständigen Stefan Rohrer, Vespa, 2007. Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 219

 

 

 

Das „Museum“ als städtisches Kurhaus Ende der 1920er- Jahre. Museumsbauten, etwa die 1843 eröffnete Staatsgalerie in Stuttgart, weisen deshalb eine stark durchfensterte Fassade auf. Das entspricht nicht heutigen Standards der inzwischen höchst ausdifferenzierten Bauaufgabe. Keine fensterlose ‚Schachtel‘ Die fensterlose ‚Schachtel‘ wurde zum Ideal erhoben, da in ihr optimale Lichtverhältnisse erzeugt werden können. Eine Aussage darüber, was gute Räume für die Kunst sind, ist schwierig. Allerdings darf auch eine perfekte Architektur für die Kunst die Umgebung, in der sie steht, nicht außer Acht lassen.6 Für eine andere Museumsaufgabe am Anfang des 21. Jahrhunderts, nicht nur zu bilden, sondern auch zu unterhalten, bot das historische Gebäude mit Festsaal und Foyer bereits die besten Vorausset- zungen. So sah das neue Konzept vor, das Museum in dieser ursprünglichen Funk- tion aufleben zu lassen. Anhand der Bau- unterlagen im Fürstenbergischen Archiv konnte das Architektenpaar seinem An- spruch gerecht werden: „Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen.“7 Die tatsächlichen Qualitäten der durch viele Umnutzungen veränder- ten Innenräume kamen so wieder zum Vorschein. Als Hauptmerkmal hatten gäbele&raufer die Bausymmetrie identifi- ziert. Diese nutzten sie als verbindendes Element für den rückseitig situierten Erweiterungsbau aus Leichtbeton. Subti- ler sind die Verbindungen zwischen den traditionellen Materialien und modernem Baustoff. Die stimmige Gesamtwirkung erzeugt Details, die eine anhaltende ästhetische Kraft entfaltet. Das Haus erstrahlt auch deshalb wie- der in klassizistischer Würde, weil ein heller Fassaden anstrich, gepaart mit dem bewussten Verzicht auf Fensterläden den Baukörper wieder unverformt zum Vor- schein bringt. Dabei vereint das Gebäude in einem steten Wechsel alt und neu, offen und geschlossen, innen und außen, weiß und schwarz, Solitär und Ensemble, Kultur und Natur. Das Weiß hat auf die 220 Kunst und Kultur

 

 

 

Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen. Außenhaut des Museums gefunden, um dort auf den Eindruck des ersten Entwurfs anzuspielen. Die dunkle Pflasterung im Bereich zwischen Schauseite und Brigach führt optisch und real zum rückwärtigen monolithischen Erweiterungskubus aus schwarz eingefärbtem Leichtbeton. Die- ses Wechselspiel von Anpassen und Kont- rast greift der Neubau auf. Historische Innenräume unterstützen die Kunst Während 13 Nutzungsjahren konnten genügend Erfahrungen gesammelt werden, die zeigen, dass sich der anspruchsvolle Weg, ein historisches Gebäude in ein, den aktuellen Anforde- rungen entsprechendes Ausstellungshaus zu konvertieren, gelohnt hat und die Lorbeeren des Deutschen Architekten- preises berechtigt waren. Als unterstützend für die Kunst haben sich die historischen Innenräu- me erwiesen, die in unterschiedlichen Ausstellungszusammenhängen für die Besucher*innen und Kunstwerke einen harmonischen Begegnungsraum erzeu- gen. Dabei gehören die Veränderungen im Tages- und Jahresverlauf, den die Lichtstrahlen als (Seh-)Erfahrung durch die Fenster schicken, zum beständigen Subtext. Als Nutzungsspur ist das Thema Zeit im ganzen Haus ebenso erfahrbar wie in etlichen Werken der Sammlung und Ausstellungen. Besonders sinnfällig tritt das Phänomen von Dauer und Ver- änderung in Jinmo Kangs Baumporträt hervor, das 2009 zur Museumseröffnung entstand und den Ausstellungsraum nach außen erweitert. Im Laufe der Jahre wuchs der frisch gepflanzte Kirschbaum über sein Abbild aus Edelstahl hinaus. Nicht zuletzt rhythmisieren zwei parallel gezeigte Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Laufzeiten die Prä- sentationen. Das kleinere Format bietet experimentellen, partizipativen Kunstfor- men Raum und knüpft zudem mit jährli- chen Klanginstallationen während der Ta- ge Neuer Musik an die Aufführungspraxis aus der Anfangszeit des Festivals an. Breites Spektrum künstlerischer Projekte Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrge- nommen. Variantenreiche künstlerische Projekte, zu denen die Stadtgemein- schaft zur Mitgestaltung eingeladen ist, loten ihn aus. Beispielsweise bereitet Gabriela Oberkofler 2012 ein Festessen aus einer kollektiven Speisekammer zu, die die Donaueschinger*innen zuvor bestückt hatten. Bei diesem temporären Projekt löst sich dessen materielle Grundlage in einem Transformationspro- zess auf, um im immateriellen Bereich als Erinnerung aufgehoben zu sein und möglicherweise als Gemeinschaftserleb- nis nachhaltig zu wirken. Museum Art.Plus 221

 

 

 

Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrgenommen. Ebenfalls um Individuum und Ge- meinschaft geht es zwei Fotografen 2014 und 2019, wenn sie Porträts vom Muse- umspublikum anfertigen. Wolf Hoelzle integriert die Donaueschinger Aufnah- men in sein Projekt Homo Universalis. Durch Überblendung aller Fotos entsteht schließlich ein allgemeintypisches Ge- sicht. Bei Robert Hak hingegen steht das individuelle Einzelgesicht im Fokus. Durch standardisierte Fotoausschnitte schließt er 100 zufällige Besucher im Kontext des Ausstellungsraums zu einer Gruppe zusammen. Museumsort und individuelle Erinnerung verknüpft Karolin Bräg in ihrer Text-Schrift-Installation von 2016 explizit. Eine extreme Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit Ort und Zeit, mit Ausstellungsraum und Publikum, mit Gestaltungsmitteln und Formen beginnt im Juli 2019 vor dem Museum.8 Daniel Beerstecher bricht als eine le- bende Skulptur zu einem Langsamkeits- marathon von 60 Tagen auf, der höchste Selbstfokussierung erfordert. Schon anhand dieser wenigen Werk- und Ausstellungsbeispiele wird deutlich, dass Künstler*innen die gesellschaftli- chen Veränderungen im Bereich Indivi- duum, Gruppe und Öffentlichkeit früh registrierten und sichtbar machten. So unterschiedlich die Gestaltungsformen ausfallen, ihnen allen liegt ein weiter Kunstbegriff zugrunde, der in seiner Vielfalt immer noch im musealen Kontext erlebbar wird. Seit vielen Jahren drehen sich fachinterne Debatten um andere Ausstellungs- und Vermittlungsformate, um niedrigschwellige Zugänge zu Kultur- institutionen. Das Auto als Gegenstand in der zeitgenössischen Kunst Die unübersehbare allgemeine Faszination an Geschwindigkeit und am Auto mündet 2019 in eine Ausstellung, die in historischen Museumsräumen – aus einer deutlich langsameren, unmotorisierten Zeit – das Auto als Gegenstand in der zeitgenössi- schen Kunst und als Sammlerstück Rechts: Ausstellungs- situation, Raum 3 (Anbau). Links: Ausstellungssituation, Raum 2. 222 Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 223

 

 

 

224 Kunst und Kultur

 

 

 

Links: Spiegelsaal des Museum Art.Plus mit Helios von Stefan Rohrer, 2013. präsentiert. Ausgebremst wurde die Ausstellung „Vollgas – Full Speed“ von der Pandemie, die das öffentliche Leben für lange Zeit zum Stillstand brachte und andere öffentlichkeitswirksame Kommu- nikationsformen nötig machte. Das Digitale wurde zum rettenden Vehikel und geriet an den Museen schneller als erwartet aus der Testphase zur Anwendung. Per Handy abrufbare Ausstellungsvideos und Audioguides ermöglichen geleitete Kunstrundgänge. Dieser weder orts- noch zeitgebundene Zugang generiert andere Erfahrung von Realität und Öffentlichkeit. Welche ge- sellschaftlichen Auswirkungen die von Covid ausgelöste Zäsur hat, ist noch nicht abzuschätzen. Vorerst lassen sich die Un- terschiede zwischen digital und analog, ihre jeweiligen Vor- und Nachteile bei einem Kunst-Spaziergang am Museums- weg oder im Museum Art.Plus in Donau- eschingen untersuchen. Ein interaktiver Audioguide liefert per QR-Code- Scan nützliche Informationen zur aktuellen Ausstellung. Mehr Informationen finden Sie unter www.museum-art-plus.com 1 Huth, Volkhard: Donaueschingen – Stadt am Ursprung der Donau. Ein Ort in seiner ge- schichtlichen Entwicklung, Sigmaringen 1989 / Nachdruck 1997. 2 Eröffnet wurde es noch unter dem Namen Mu- seum Biedermann und fünf Jahre später in Mu- seum Art.Plus umbenannt, um das Augenmerk auf die inhaltliche Ausrichtung von Kunst und kulturellen Begleitveranstaltungen zu lenken. 3 Als Beispiele seien in der näheren Umgebung genannt: die Fondation Beyeler in Riehen/ Basel, 1997 (Architekt Renzo Piano); Kunsthal- le Würth in Schwäbisch Hall, 2001 (Architekt Henning Larsen); Museum Frieder Burda in Baden-Baden, 2004 (Architekt Richard Meier); Museum Ritter in Waldenbuch, 2005 (Architekt Max Dudler); Kunstraum Grässlin in St. Georgen, 2006 (Architekt Lukas Baumewerd); Kunsthal- le Weishaupt in Ulm, 2007 (Architekturbüro Wolfram Wöhr) 4 Gäbele, Lukas und Raufer, Tanja: Museum Biedermann: der Umbau 2008-2009, hrsg. v. Biedermann Foundation u.a., Freiburg i.Br. 2009, vgl. a. S. 38. 5 „Museum wurde es immer schon genannt“ ist der Titel eines Kunstprojektes von Karolin Bräg, 2016, in dem die Künstlerin in 111 Zitaten von Donaueschinger*innen, deren Erinnerungen und Bindungen an das Haus sichtbar werden ließ. Ein erlebter Zeitraum von annähernd 90 Jahren Hausgeschichte konnte damit wieder in die Öffentlichkeit gebracht werden. 6 Die Relevanz von „Unterhaltung“ im positiven Sinn betont David Chipperfield in einem Inter- view anlässlich der Schlüsselübergabe seines Erweiterungsbaus für das Kunsthaus Zürich. Vgl. https://www.archithese.ch/ansichten/in-den- kontext-gesetzt.html, aufgerufen am 7.9.2022 7 Gäbele, Raufer, 2009, S.39. 8 Der Walk-in-Time war Daniel Beerstechers Beitrag zum Skulpturenprojekt Donaugalerie der Stadt Tuttlingen. Museum Art.Plus 225

 

 

 

7. Kapitel – Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen XXX Unterwegs mit Wolf Hockenjos

 

 

 

228 228 Freizeit

 

 

 

XXX Wenn in den Wutachflühen zigtausendfach der Märzenbecher blüht, finden sich alljährlich Hunderte von Wanderern ein. 229

 

 

 

Auf einem Parkplatz oberhalb der Wutachflühen beginnt die Rundwanderung durch die wild-romantischen aber nicht ungefährlichen Wutachflühen. Wer hier wandern geht, braucht einen sicheren Tritt.

 

 

 

Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwestdeutschen Schichtstufenlandschaft durchwandern: Vom kristallinen Grundgebirge des Schwarzwalds durch das Buntsandstein­ Deckgebirge und vor allem aber durch die Muschelkalk­Felsenwelt der mittleren Schlucht. Alles auf das Anschaulichste aufgeschlossen durch die enorme Erosionskraft des vor ca. 20.000 Jahren mit dem Ausklingen der letzten Eiszeit zum Hochrhein hin abgelenkten Flusses. Am abrupten Knick des Tals nach Süden hin wird noch heute erkennbar, wo die alte, gemächlich ostwärts fließende Feldbergdonau angezapft und abgeleitet worden ist. Mythen und Zauber der Wutachflühen 231

 

 

 

Oben: Der Scharlachrote Kelchbecherling erscheint nach der Schneeschmelze. Mitte: Die Mühlsteine der Moggerenmühle. Unten: Die Hirschzunge ist nur in den Flühen zu finden. Ab Achdorf nimmt das dank weicher, rutsch- gefährdeter Gesteinsschichten geweitete und landwirtschaftlich genutzte Tal plötzlich Schluchtcharakter an: die Wutachflühen tun sich auf (von alemannisch Fluh = Felsen). Sie erreicht man am besten über das achterbahnartig nach Fützen füh- rende, sehr schmale „Wellblechsträßle“ (siehe Skizze, 1). An dessen Scheitelpunkt dient ein beliebter Wan- derparkplatz als Start und Ziel für eine 2,5 stündigen Rundwanderung: Zu Fuß geht es zunächst 350 Meter auf dem steil abfallenden Sträßchen retour, markiert mit dem gelben Rhombus des Schwarzwaldvereins, bis ein durch Holz erntemaßnahmen zunächst ziem- lich ramponierter Erdweg (am Markierungspunkt „Am unteren Flühen weg“) nach links abzweigt. Diesem folgend, geht es flussabwärts knapp über der rauschenden Wutach dahin, vorbei an den Mühl- steinen der 1891 durch ein Hochwasser zerstörten Moggerenmühle (2). Bisweilen verengt sich der Weg durch Hangschutt und Geröll zum Fußpfad, der jedoch gut zu begehen ist. Zur Linken blickt man den bewaldeten Steilhang hinauf zu den gewaltigen, aus Muschelkalk beste- henden Felsgalerien, in denen die Dohlen lärmen und auch Wanderfalken wie Uhus horsten. Im zei- tigen Frühjahr lockt im Schluchtwald unter Linden, Ahornbäumen, Eschen und Tannen die Märzen- becherblüte (3), ein Muss für jeden wintersatten Baarbewohner! Allenfalls ausgangs der Gauchach- schlucht oder auf dem Wartenberg lassen sich ähnli- che Frühlingsgefühle erwandern, wenn auch längst nicht in vergleichbarer Fülle. Als floristische Ganzjahresbesonderheit ist die seltene Hirschzunge (Bild rechts unten) zu entde- cken, ein zungenförmiges Farngewächs, das sonst weder die obere, noch die mittlere Schlucht zu bieten hat. Als weitere Rarität der Flühen gilt der Scharlachrote Kelchbecherling, ein nach der Schnee- schmelze in Erscheinung tretender Pilz feuchter, 232 Freizeit

 

 

 

 „Wellblechsträßle“ Richtung Achdorf 2 Mühlräder der Moggerenmühle Steinstrand an der Wutach 3 Märzenbecherblüte START/ZIEL: WANDERPARKPLATZ P Aussichtspunkt  Sackpfeifendobel Richtung Fützen Aussichtspunkt 9 Sturzdobel Wasserfall BLUMEGG 8 Lunzifelsen 7 Mannheimer Felsen 6 Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ 5 Schautafeln 4 Viadukt der Sauschwänzlebahn KURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 6,5 Kilometer, Rundtour Dauer: ca. 2,5 Stunden Pausen: Vesperpause am Viadukt der Sauschwänzlebahn; spätere Einkehr in der Scheffellinde in Achdorf möglich. Höchster Punkt: 622 Meter über NN Tiefster Punkt: 518 Meter über NN Anforderung: mittelschwere Tour; Trittsicherheit; gutes Schuhwerk Aussichtsreiche Rundtour mit vielen botanischen und geologischen Höhepunkten. Mythen und Zauber der Wutachflühen 233

 

 

 

felsiger und moosreicher Kalkböden der Schlucht- wälder. Erst bei der überraschend auftauchenden Brücke (4) der strategischen Bahn, der „Sauschwänzlebahn“, verlassen wir den Erdweg und wenden uns nach dem Studium der Schautafeln (5) zum Bau der Bahn scharf nach links, um nun den schmalen, mitunter sogar recht ausgesetzten und Trittsicherheit erfor- dernden Felsenpfad einzuschlagen, auf dem auch die beiden Fernwanderwege verlaufen: Der Ostweg des Schwarzwaldvereins (von Pforzheim nach Schaff- hausen) und der Schluchtensteig (von Stühlingen nach Wehr). Der Felsenpfad führt auch zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung – nicht ohne Warn- hinweis des Schwarzwaldvereins an die Adresse von allzu ungeübten Halbschuhtouristen. Das Fabelwesen „Wächter der Wutachflühen“ Nach etwa zehn Fußminuten, erst durch eine vom Nadelholz geräumte Kahlfläche, auf der im Frühjahr Seidelbast und Leberblümchen blühen, dann durch den blocküberlagerten, zunehmend urwüchsigen Schluchtwald, entdecken wir ihn endlich – fast hät- ten wir ihn übersehen: den „Wächter der Wutachflü- hen“, wie das aus einem Muschelkalkblock heraus gemeißelte Fabelwesen (6) in den Wanderführern angepriesen wird, das knapp einen Meter hohes Un- tier mit Hufen, Höckerbeulen über dem Rücken und einem furchteinflößenden löwenartigen Schädel mit vorspringendem Riecher. Wer mag bloß der Erschaf- fer dieser rätselhaften Skulptur gewesen sein, und zu welchem Zweck mag er sich hier, so weit abseits der Zivilisation, als Steinmetz verewigt haben? War es ein Witzbold, der Wanderern einen Schrecken einja- gen wollte? Viele haben sich schon an der Deutung der Figur versucht, nicht zuletzt der im Ruhestand befindliche Bonndorfer Lehrer Emil Kümmerle in seinem Buch „Sagen und Geschichten aus dem Raum Bonndorf – Stühlingen – Wutach“. Ihm zufolge soll der Urheber ein Bildhauer aus Spanien oder Italien gewesen sein, der als Gastarbeiter in Blumberg gelebt und sich in ein Fützener Mädchen verliebt habe, das oftmals die Flühen zu durchstreifen pflegte. Doch habe es keinerlei Interesse an seinem Anbeter gezeigt. Woraufhin der verschmähte Liebhaber die Tierplastik geschaffen und dem Mädchen sodann erklärt habe: „Immer wenn Du durch die Flühen gehst, wirst Du an mich denken.“ Soweit also der romantische Erklä- rungsversuch. Oder sollte der Steinmetz doch eher einer jener Spezialisten gewesen sein, wie man sie zur Bewäl- tigung aufwändiger Felsarbeiten vorzugsweise aus dem italienischen Piemont ins Land geholt hat? Beim Bau der Sauschwänzlebahn mit ihren Tunneln, Viele Rätsel gibt in den Wutachflühen die Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ auf. Und lädt damit zu allerhand Spekulationen förmlich ein. 234 Freizeit

 

 

 

Das Wutach-Viadukt der 1890 eröffneten Sauschwänzlebahn. Die 107,5 Meter lange und 28 Meter hohe Wutachbrücke liegt in einem Gebiet, das wegen geologischer bedingter Rutschungen den Bauingenieuren viele Sorgen bereitete. 235

 

 

 

In der Blumberger Chronik wird die Skulptur heimweh – kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Sau- schwänzle bahn beschäftigt waren. Kehren und Brücken in den Jahren 1887 bis 1890 war derlei Spezialistentum zweifellos gefragt. Werk des Tierarztes Sylvester Dillmann? Freilich gibt es auch noch eine ganz andere Lesart, über die der SÜDKURIER am 11. Mai 2010 berichtet hat: In einem Steinbruch im Gewann Fohloch unweit von Epfenhofen waren an etlichen Steinblöcken ebenfalls höchst seltsame Steinmetzarbeiten ent- deckt worden. Es handelt sich um halb reliefartige Darstellungen u. a. einer Christusfigur, einer Frau mit Löwenkopf, eines Rehs, eines Löwen kopfs sowie die Figur des Sehers aus der Minnelyrik des Walther von der Vogelweide. Auch sie wurden in der Bevölkerung wie auch in der Blumberger Stadtchronik heimweh- kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Bahnlinie beschäftigt waren. Doch anlässlich einer VHS-Wanderung habe der Verfasser der Epfenhofener Ortsgeschichte, Edwin Fluck, sich dafür verbürgt, dass die in Kalkstein gemeißelten Darstellungen vom Donaueschinger Tierarzt Sylvester Dillmann (1934 – 2010) stammen. Dessen Vater war in Epfenhofen Zollbeamter, der- weil der Sohn täglich mit der Bahn ins Waldshuter Oben: Eine nach Knoblauch duftende Bärlauchwiese. Mitte: Der sagenumwobene Lunzifelsen. Unten: Kleinod in den Felsen, eine „Mariengrotte“. 236 Freizeit

 

 

 

Der Felsenpfad in den Wutachflühen kann teils nur von geübten Wanderern begangen werden. Gymnasium zu gondeln hatte, wo ihn der Deutsch-, Geschichts- und Kunstunterricht bei seinem Hobby inspiriert haben könnten. Mag also durchaus sein, dass er die Bahnfahrt bisweilen an der Haltstation Wutachbrücke unterbrach, um statt des staubtrocke- nen Mathematikunterrichts an seinem Fabelwesen zu meißeln. Der „Wächter der Wutachflühen“ – wo- möglich ein Schülerstreich? Der Tierarzt kann leider nicht mehr dazu befragt werden: Kurz nachdem er sich Edwin Fluck im Epfenhofener Steinbruch offen- bart hatte, ist er verstorben. Entlang des Felsenpfades Genug der Rätsel um das steinerne Fabelwesen, konzentrieren wir uns jetzt voll und ganz auf den Pfad, der sich in geschlängeltem Auf und Ab durch den Steilhang zieht, zur Rechten überragt von den Flühenwänden, aus denen sich immer wieder einmal Felsmassen gelöst haben. Darunter der „Mannhei- mer Felsen“ (7), wie einer Tafel zu entnehmen ist. Mit ihr wird einer Geldspende von Mannheimer Wanderfreunden gedacht, die damit 1908 die Einheimischen beim Bau eines Stegs über die Wutach unterstützt haben. Die Felsblöcke haben da und dort zu Verebnungen geführt, auf denen im fort- geschrittenen Frühjahr der nach Knoblauch duftende Bärlauch blüht. Noch immer nicht herabgestürzt ist die bizarre Nadel des sagenumwobenen „Lunzifelsens“ (8), der freilich nur im laublosen Winterzustand der Vegeta- tion hoch über dem Pfad zu entdecken ist. Gruselig sind alle Versionen der Sage, die sich hier zugetragen haben soll: Mal ist es die schöne Mechthild, Braut des Freibauern Lunzi vom nahen Thalerhof, die sich, verfolgt vom Blumberger Burgvogt, vom Fels herab- gestürzt haben soll. Für zarter Besaitete hat Emil Kümmerle aber auch noch eine „Openend-Variante“ Mythen und Zauber der Wutachflühen 237

 

 

 

parat: Diesmal ist es Guntrud, die Braut des Freibau- ern Gero vom Lunzihof, die sich mit ihrem Liebsten vor dem zudringlichen und rachsüchtigen Blumegger Vogt, dem verhassten Dienstmann des Fürstabts von St. Blasien, in den Flühen verstecken muss, nachdem es zuvor zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit ihm gekommen war. Hier stürzt sich nicht die Braut in die Tiefe, es sind vielmehr die beiden miteinander „auf schmalem Tannenstamm überm Abgrund“ um sie Ringenden, Gero und der Vogt – während Guntrud nie mehr gesehen ward. Dann rücken die Felswände näher heran, an denen sich schwindelanfällige Wanderer entlang zu tasten pflegen, und es geht hinein in den „Sturzdobel“ (9) mit seinem über einen Kalktuffbart herab plätschernden Mini-Wasserfall. Schließlich teilt sich der Pfad, und wir nehmen den rechten, der zum Parkplatz hinauf markiert ist (0,5 km): Erst einem steilen Zickzackpfad folgend, dann um den jäh in die Tiefe stürzenden „Sackpfeiferdobel“ (10) herum, geht es schließlich über zwei mit Geländer versehe- ne Felskanzeln mit Tiefblick auf die Wutach hinab. Nach Verlassen des Waldes steht man dann urplötz- lich wieder vor seinem am Wanderparkplatz abge- stellten Wagen. Wen drängt es jetzt nicht zu einem zünftigen Vesper, doch hierzu gilt es erst noch einmal das abenteuerliche Wellblechsträßle zu bewältigen – es geht nach Achdorf in die Scheffellinde. Pläne zur Elektrizitätsgewinnung in den 50er-Jahren Nachzutragen ist: Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Natur- schutzgebiet, während obere und mittlere Schlucht samt Gauchach bereits 1939 unter Schutz gestellt worden waren. Um sie hatte es in den 1950er-Jahren ein heftiges Ringen gegeben, nachdem die Schluch- seewerk AG zwischen Haslach- und Rötenbachein- mündung eine 62 Meter hohe Staumauer errichten wollte, um das Wasser der Wutach zur Elektrizitäts- gewinnung in das Hotzenwald-Speichersystem abzuleiten. „Hände weg von der Wutachschlucht!“, wehrte sich eine erste deutsche Bürgerinitiative dagegen. „Ein nationaler Notstand zwingt nicht dazu, das Naturschutzgebiet zu opfern“, so ihr Appell. Denn was wäre das Erlebnis der Schlucht Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Naturschutzgebiet. ohne Wasser! Naturschutzgebiete können, wie man sieht, wachsame (wenn auch nicht unbedingt steinerne) Wächter besonders gut gebrauchen: Noch 1971 signalisierte das Schluchseewerk sein nach wie vor bestehendes Interesse an der Wutachableitung. Sollten die Pläne unterm Vorzeichen des Klimawan- dels und des Ukrainekriegs nun wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden? Bergwacht bringt im Notfall rasche Hilfe Als „Wächter“ über die Wutachschlucht fungiert indessen auch unübersehbar die Bergwacht, die sie auf Hinweisschildern in Sektoren samt Notrufnum- mer 112 aufgeteilt hat, um bei Unglücksfällen rascher Hilfe leisten zu können. Zuletzt am 9. Februar 2022 wurde sie zur Bergung eines tödlich verunglück- ten Wanderers in die Wutachflühen gerufen. Der Besucherandrang in diesem touristischen Hotspot fordert leider immer wieder seinen Tribut, weshalb von der Begehung im Winter – wie auch zur Zeit der Schneeschmelze und bei Nässe – von Wutach- Ranger Martin Schwenninger dringend abgeraten wird. Das Kalkgestein kann allemal sehr glitschig werden, von umgestürzten Bäumen, gar von Felsstürzen und Rutschungen, einmal ganz abgesehen. Zur Märzen- becherblüte verzichte man im Zweifel besser auf die Benutzung des Felspfads – wie dann halt auch auf eine Stippvisite beim steinernen „Wächter der Wutach flühen“. Rechts oben: Der „Sturzdobel“ mit seinem Mini- Wasserfall. Rechts unten: Blick von einer Felskanzel auf die Wutach hinab. 238 Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen 239

 

 

 

Schroffe Felsen, sanfte Höhen Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf von Gerhard Dilger 240 Freizeit

 

 

 

Die rund 14 Kilometer lange Tour im nördlichen Kreisgebiet startet am Wanderparkplatz „Dieterle- bauernhöhe“ in Triberg-Gremmelsbach. Sie ist vom Charakter her zweigeteilt: Bewegt man sich in der ersten Hälfte auf Gremmelsbacher Gemarkung im schroffen Felsengebiet des oberen Gutachtales, so ist der zweite Teil der Wanderung eine eher ebene Angelegenheit ohne allzu große Höhenunterschiede. Eine Wanderkarte wie die des Schwarzwaldvereins (Blatt W 248) leistet gute Dienste. Schon die Anfahrt auf der schmalen, nicht sehr stark befahrenen Straße durch den Leutschenbach lässt die landschaftliche Schönheit erahnen, die die Wanderer erwartet. Auf dem Parkplatz gibt es immer genügend Platz, und so startet man entspannt in westliche Richtung, durchquert ein lichtes Waldstück und gelangt bald an den ersten Aussichtspunkt. Was es damit auf sich hat, erklärt eine Info tafel zum Historischen Pfad Gremmelsbach, initiiert vom Hei- matverein. Diesen Informationstafeln begegnet der Wanderer noch öfters. An diesem Punkt jedenfalls ist trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern an kla- ren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszu- machen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Nicht umsonst versammeln sich hier jedes Jahr am französischen Nationalfei- ertag (14. Juli) zahlreiche Menschen, um aus großer Distanz das Feuerwerk zu beobachten. Trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern ist an klaren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszumachen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Weg zum Rappenfelsen mit 800 Metern, die Alter- native führt über die Gersbacher Höhe etwas weiter (1,8 km) ebenfalls zum Rappenfelsen. Diese Variante ist die empfehlenswertere, weil sie mehr Aussicht bietet. Also halblinks in den Wald hinein und leicht bergauf. Nach etwa 200 Metern tauchen noch im Wald rechts des Weges auffällige Hügel auf, die vom Landesdenkmalamt als Hügelgräber aus der Bronze- zeit (1200 bis 800 vor Christus) eingeordnet werden. Wenig später öffnet sich auf der Gersbacher Höhe der Blick nach Südwesten und Westen, und eine ungewohnte Aussicht auf Triberg bietet sich. Eine Wenig später bietet der Wegweiser des Schwarz- waldvereins zwei Möglichkeiten an: Einen kürzeren Gleich zu Beginn der Wanderung bietet sich dieser Blick auf Althornberg und die Höhen nördlich des Kinzigtals. 242 242 Freizeit

 

 

 

aus ist erstmals Hornberg mit seiner Burg auszu- machen, wenn auch die Bäume den Aussichtspunkt mittlerweile stellenweise überragen. Blick auf die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn Das ist auf dem im weiteren Wegverlauf bald erreich- ten Oberen Schlossfelsen anders: Nach dem Bestei- gen des steilen Felsens öffnet sich ein ungehinderter Blick, der senkrechte Absturz ins Gutachtal ist durch ein Geländer gesichert. Dennoch ist ein wenig Vor- sicht angebracht, gerade für nicht schwindelfreie Personen. Für Eisenbahnfreunde bietet sich hier die Möglichkeit, die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn zu verfolgen: Gleich an mehreren Stellen ist die von Robert Gerwig ersonnene Tras- se zu erspähen, es lohnt also, in den Fahrplan der Schwarzwaldbahn zu schauen, wenn man die Eisen- bahn auf ihrer Fahrt verfolgen will. Nach dem Abstieg geht es weiter zum Unteren Schlossfelsen, der über einen steilen, gesicherten Steig ebenfalls gut zu erreichen ist. An dieser Stelle stößt man nun auf menschliche Spuren: Im Mittel- alter stand hier die Burg der Herren von Hornberg, „Althornberg“ genannt. Ein in den Fels gehauener Der Aufstieg zum Rappenfelsen ist einfach zu bewältigen und gut gesichert. Auch Hügelgräber aus der Bronzezeit tauchen auf dem Weg zum Rappenfelsen im Wald auf. Sitzgruppe steht für eine erste Rast bereit, unterhalb findet sich ein großer, rundlicher Felsblock aus Tri- berger Granit, der ein Kruzifix trägt. Weiter geht der Weg rechts in den Wald hinein und führt sanft ab- wärts, vorbei an einem ersten, schön gelegenen Aus- sichtsfelsen, der einen Blick hinab ins Tal und auf die Höhen um Schonach ermöglicht. Nach einem kleinen Anstieg erreicht man bald mit dem Rappenfelsen einen ersten Höhepunkt. Der Felsen ist dank der im Jahre 2011 erneuerten Aufstiegshilfen mit Stufen und Geländer leicht zu erklettern. Von seinem Rücken 243

 

 

 

Schacht wurde erst vor relativ kurzer Zeit von dem Gremmelsbacher Heimatforscher Karl Volk als Trink- wasserzisterne der einstigen Burg identifiziert. Recht abenteuerlich geht es vom Wanderheim „Linden- büble“ aus durch einen Hohlweg aus Sandstein hinauf zur Brunnholzer Höhe. Von „Alt hornberg“ Richtung Windkapf Die Route führt nun weiter zu einem einsam gele- genen, idyllischen Weiler, der bis heute den Namen „Alt hornberg“ trägt. Ab hier steigt der Weg abermals an, um nach etwa einem Kilometer wieder die Höhe mit dem Parkplatz zu erreichen. Hier kann man nun wählen: Wem diese kleine, aber spannende Runde über die Felsen genügt, kann wieder den Heimweg antreten und eventuell in Hornberg oder Triberg einkehren. Wer aber auch den zweiten Teil der Wanderung noch unter die Wanderschuhe nehmen will, wendet sich ostwärts und folgt dem Wegwei- ser Richtung Windkapf. Sanft ansteigend geht es zur Obersteighöhe auf 853 Meter Meereshöhe und weiter zum Wegweiser Birkenbühl. An dieser Stelle hält man sich rechts Richtung Holops, wo es kurz vor dem Erreichen des Wanderheims „Lindenbüble“ des St. Georgener Schwarzwaldvereins links in den Wald geht. Bevor man hier eine geschichtlich interessan- te Passage erreicht, den Hohlweg zur Brunnholzer Höhe, bietet sich zumindest sonn- und feiertags ein Abstecher zum besagten „Lindenbüble“ an. In der Sommersaison, die von 1. Mai bis 31. Oktober dauert, freuen sich die ehrenamtlichen Helfer des Vereins zwischen 10 und 18 Uhr auf Tagesgäste. Zurück auf unserem Wanderweg geht es recht abenteuerlich durch einen Hohlweg aus Sandstein, einst Teil der alten „Hochstraße“, hinauf zur Brunn- holzer Höhe. Dieser Weg gilt Heimatforschern als be- reits in vorrömischer Epoche begangene Verbindung zum Windkapf. Aus späterer Zeit findet man auf dem Sandsteinboden noch Radspuren von Fuhrwerken, die wohl bereits im Mittelalter unterwegs waren. Zum Teil bewegt man sich auf weichem Sand, teils besteht der Weg auch aus Sandsteinplatten. Bis zu sechs Metern Tiefe hat die Erosion durch das bei starken Regenfällen durch die Rinne fließende Was- ser den Hohlweg eingeschnitten. Wenn man schließlich die Höhe erreicht hat, ist man erstmals im Grenzgebiet zwischen Schwarz- wald-Baar-Kreis auf Tennenbronner Gemarkung und damit im Kreis Rottweil unterwegs. Die Brunnholzer 244 Freizeit

 

 

 

Höhe ist auch die höchste Erhebung im Landkreis Rottweil. Mit 944 Metern ist hier gleichzeitig der höchste Punkt der Wanderung geschafft. Nach etwa einem Kilometer erreicht man das Gasthaus „Deut- scher Jäger“ am Windkapf, das wiederum einige Meter jenseits der Grenze zum Ortenaukreis liegt. Wie der Wirt Martin Staiger zu berichten weiß, ging einst die Kreisgrenze genau durch das Gasthaus, wurde vor Jahrzehnten jedoch verlegt. „Das wäre bei der heutigen Bürokratie wohl kaum noch so einfach möglich“, schmunzelt der Wirt, der seine Gäste mit gutbürgerlicher Küche versorgt. Im Biergarten sitzt man gut beschattet unter Kastanien. Für durstige Wanderer steht sogar an den Ruhetagen (derzeit Mittwoch und Donnerstag) ein Getränkeautomat bereit, und wer mit dem E-Bike un- terwegs ist, kann hier nicht nur den eigenen „Akku“ wieder aufladen, sondern auch den des Fahrrads. Die Runde schließt sich Nach der Stärkung geht man ein kurzes Stück auf der Hochstraße zurück und hält sich beim Wegwei- ser „Hohe Straße“ rechts Richtung Birkenbühl. Links und rechts sind immer wieder Steinwälle zu sehen, oder was noch von ihnen übrig ist. Manche Heimat- forscher halten sie für Überbleibsel aus keltischer Zeit. Keine ganz abwegige Vermutung, waren doch die Hochstraße und die weiteren Wege über den Windkapf uralte Verbindungen zwischen Ortenau, Baar und Schwarzwald. Auffällig im Waldaufbau sind die zahlreichen Kiefern, sie scheinen sich auf dem Sandsteinboden recht wohlzufühlen. Am Wegweiser Birkenbühl schließt sich die Runde wieder, von hier erreicht man auf demselben Weg wie beim Hinweg nach kurzer Zeit wieder den Parkplatz „Dieterle- bauernhöhe“. Der Blick schweift weit über die Höhen der Grem- melsbacher Gemarkung bis zum Rohrhardsberg, in Richtung Norden sind die Höhen um den Branden- kopf auszumachen. Kurz vor Erreichen des Parkplat- zes biegt rechts der Weg ab in Richtung Philippsruhe und Hornberg, was auch eine reizvolle Wanderung wäre. Doch für dieses Mal mag es genug sein; wer bisher keine der Einkehrmöglichkeiten genutzt hat, kann natürlich nach den rund 14 Kilometern Wande- rung in den umliegenden Orten Hornberg, Triberg oder auch St. Georgen die Gastronomie nutzen. Von oben: Auf der Obersteighöhe, 853 Meter hoch gelegen. Im Gasthaus „Deutscher Jäger“ kann man zur Hälfte der Wanderung eine Rast einlegen, bevor es über die „Hochstraße“ wieder zurück zum Ausgangspunkt nach Gremmelsbach geht. Schroffe Felsen, sanfte Höhen 245

 

 

 

Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald Die Bergwacht Furtwangen wurde 1924 zum Schutz der Natur gegründet von Gerhard Dilger Die 1924 gegründete Bergwacht Furtwangen wird mehr gebraucht denn je: 50 bis 60 Einsätze der Ehrenamtlichen im Jahr sind die Regel. Darunter auch Großeinsätze wie im Juni 2022 in Schonachbach: An der Schwarzwaldbahn geriet eine Böschung in Brand. Durch die Trockenheit war die Gefahr eines flächenübergreifenden Brandes sehr hoch und eine große Zahl von Helfern bemühte sich erfolgreich um die Eindämmung. Mittendrin: die Ortsgruppe Furtwan- gen der Bergwacht. In dem unwegsamen, steilen Gelände brachten die Bergretter eine Seilsicherung an. Darüber hinaus war das äußerst geländegängige, sechsrädrige „ATV“- Fahrzeug (All Terrain Vehicle) der Furtwanger für die anderen Hilfsorgani sa tionen im Einsatz (siehe Foto). 246 8. Kapitel – Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Bergwacht Furtwangen

 

 

 

Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarz- wald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwan- gen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich auf Anregung von Adolf Hochweber in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwaldvereins, Skiclubs und den Naturfreun- den zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. Doch zunächst standen nicht wie heute die Rettung von Personen und technische Hilfeleistungen im Vordergrund, es ging den Initiatoren vor allem um den Naturschutz. Die Ortsgruppe richtete dazu einen Bergwachtdienst ein, der im Großraum Furtwangen jedes Wochenende im Einsatz war, um die Besucher des Brend und anderer Gebiete zu einem achtsamen Umgang mit der Natur anzuleiten. Doch naturgemäß waren die Helfer durch ihre ständige Präsenz bald auch als Retter für verun- glückte Wanderer und Skiläufer gefragt. In den 1920er-Jahren gab es immer mehr Menschen, die in ihrer zunehmenden Freizeit Erholung in der Natur suchten. Insbesondere der Skisport entwickelte sich zur Massenbewegung, zwangsläufig stieg die Zahl der Unfälle der meist nicht mit den Gefahren des Winters vertrauten Touristen. Und so verlagerte sich die Tätigkeit der Bergwacht immer mehr in Rich- tung Rettung und Hilfeleistung. In Gasthäusern wie der „Fuchsfalle“ oder dem „Lachenhäusle“ wurden Unfallmeldestellen eingerichtet, und die erste proviso- rische Rettungswache fand ihren Platz im Brendturm. Eine erste Hütte löst den eiskalten Brendturm als Einsatzzentrale ab Doch bald war der Raum nicht nur zu klein, sondern im Winter einfach zu kalt. Der damalige Brendwirt erlaubte den Bergrettern 1936, eine Unterkunfts- hütte auf seinem Gelände zu bauen, sie diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Quartier. 1936 trat der legendäre Furtwanger Landarzt Dr. Fritz Guttenberg in die Ortsgruppe ein und organisierte fortan für viele Jahre die Sanitätsausbildung. Seiner Popu- larität war es zu verdanken, dass die Ortsgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg regen Zulauf erhielt. Jahrelang war Guttenberg auch Landesarzt der Bergwacht Schwarzwald. Die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten 1948 Fritz Gfell, Dr. Guttenberg und Hermann Wehrle. Die Tätigkeit der Berg- wacht verlagert sich ab den 1920er-Jahren immer mehr in Richtung Rettung und Hilfeleistung – insbesondere der Skisport entwickelt sich mehr und mehr zur Massenbewegung. 1953 bauten die Bergwachtmitglieder auf dem Brend die bis heute existierende „Reckholder-Hüt- te“. In der Gegenwart ist die Hütte vor allem für die Pflege der Kameradschaft beliebt, ihre bisherige Auf- gabe als zentrale Rettungswache wurde ab 1988 von der neu erbauten Rettungswache auf der Neueck übernommen. Es hatte sich gezeigt, dass die Orga- nisation mit mehreren Rettungswachen, die über das große Einsatzgebiet verteilt sind, nicht optimal war. In den meisten Fällen können Verunglückte von der Zentrale an der B 500 in Neukirch aus schneller erreicht werden. Die Zentrale der Furtwanger Bergwacht an der B 500 in Furtwangen-Neukirch. 248 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

In den Anfangsjahren verrichtete die Furtwanger Bergwacht ihren Rettungsdienst im 1905 erstellten Brendturm – auch den Winter über ohne Heizung. Der Wintersport blühte in den 1920er-/1930er-Jahren und so kam als neue Hauptauf- gabe der Bergwacht die Rettung von Verletzten hinzu. Unten: Skiabfahrt am unbewaldeten Abhang des Brend. Blick ins Simons wälder Tal und zum Kandel. Bergwacht Furtwangen 249

 

 

 

Stand der Ortsgruppe beigetragen. Für seinen Einsatz wurde er 2019 durch den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Fundierte Ausbildung für die Einsätze Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören der- zeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten noch 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Diese gestaltet sich sehr aufwen- dig. „Aber die umfangreiche Ausbildung ist erfor- derlich“, so Janik Probst. Die Einsätze sind geregelt im Rettungsdienstgesetz, die Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Bergungen aus unweg samen Gelände, eine wichtige Aufgabe ist auch die medizinische Versorgung in Notfällen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt. Oft sind die Bergretter die Ersten am Einsatzort, die richtige Erstversorgung ist bei solchen Einsätzen extrem wichtig. Und da wundert es nicht, dass die medizinische Ausbildung einen hohen Stellenwert einnimmt. „Neben medizinischen Kenntnissen ist es natürlich entscheidend für eine gute Arbeit, dass auch die technischen Abläufe sitzen“, unterstreicht Marcel Rathmann. Unter Stress im echten Notfalleinsatz müssen die immer wieder geübten Arbeiten gewis- sermaßen „blind“ funktionieren. Dazu trainieren die Bergretter jede Woche und arbeiten auch die Theorie bei Dienst abenden auf. Davor steht aber als Voraussetzung eine umfangreiche Ausbildung, damit man sich als „fertige“ Bergretterin oder Bergretter bezeichnen darf. Nicht zuletzt ist das auch wichtig für einen guten Zusammenhalt, denn der hohen Ver- antwortung wird man nur gerecht, wenn man neben Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören derzeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Der Bergwacht-Vorsitzende Rainer Probst wurde 2019 für seinen Einsatz von Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Jugendarbeit ist Voraussetzung für das Weiterbestehen“ Wie sieht nun die Arbeit der Ortsgruppe in der Ge- genwart aus? Bei einem Gespräch mit Mitgliedern der Vorstandschaft gibt Janik Probst, der Schriftfüh- rer des Vereins, einen Überblick: „Unsere Arbeit ruht auf vier Säulen: Kata stro phenschutz, Rettungsdienst, Naturschutz und Jugend arbeit“, fasst er die zentralen Aufgaben zusammen. Und die Vorstandschaft er- gänzt: „Die Jugendarbeit ist elementarer Bestandteil der Zukunft unserer Ortsgruppe sowie der Sicherung unserer Einsatzbereitschaft. Wir sind darauf ange- wiesen, dass sich junge Menschen für unsere Arbeit begeistern und sich bei uns engagieren. Nur so kann gewährleistet werden, dass wir auch weiterhin eine starke und einsatzbereite Ortsgruppe sind, welche den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landkreises in der Not helfen kann. Die Jugend von heute ist die Zukunft von morgen.“ Hier ist die Furtwanger Bergwacht offensichtlich auf einem guten Weg, es fällt auf, dass die Vorstand- schaft vor allem aus jungen Leuten besteht. Auch der (junge) Technische Ausbilder Marcel Rathmann ist beim Gespräch dabei, der Vorsitzende Rainer Probst ist per Video zugeschaltet. Rainer Probst ist seit 1998 Vorsitzender der Ortsgruppe und hat mit seiner gro- ßen Erfahrung außerordentlich viel zum heutigen 250 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

den technischen Fertigkeiten auch gegenseitiges Vertrauen für die unabdingbare Teamarbeit aufbaut. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und besteht aus 182 Unterrichtseinheiten und viel Praxis. Die Grundinhalte sind Technik, Notfallmedizin, Na- turschutz, Alpine Gefahren, Sprechfunk, Orientie- rung im Gelände und Organisation von Einsätzen. Auch Skifahren gehört dazu. Die Ausbildung wird abgeschlossen durch zwei Prüfungen durch den Landesverband in Todtnauberg, eine zweitägige Oben: Kinder und Jugendliche sind für die Arbeit der Bergwacht gut zu begeistern. Unten: Regelmäßige Praxis ist dringend erforderlich: Für eine gute Arbeit müssen die technischen Abläufe sitzen. Auch Kenntnisse im Klettern und Sichern müssen geübt und nachgewiesen werden. 251

 

 

 

Die medizinische Ausbildung hat bei der Bergwacht einen hohen Stellenwert. Sommerprüfung und eine Winter prüfung, die einen Tag dauert. Im Sommer muss die Fähigkeit nachge- wiesen werden, Rettungen in unwegsamem Gelände durchführen zu können. Auch die Kondition, mit Ausrüstung in einer Stunde 400 Höhenmeter zu bewältigen, gehört zu den Grundkompetenzen der Bergretter. Kenntnisse im Klettern und Sichern müs- sen nachgewiesen werden. Einen ganzen Tag lang werden die Kenntnisse in der Notfallmedizin geprüft. Bei der Winterprüfung geht es vor allem um Pisten- rettung und alpine Gefahren. Deutlich verbesserte Finanzierung Wie sieht es nun mit der Finanzierung der aufwen- digen Ausrüstung aus? „In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewis- sen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der ver- stärkten Medienpräsenz zu verdanken. 252 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Links: Nils – das All Terrain Vehicle. Rechts: Maximus – der Sprinter, der seit 2016 primäres Einsatzfahrzeug ist und für sieben Bergretter sowie einen Verletzten Platz bietet. verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewissen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der verstärkten Medienpräsenz zu verdanken. Hier hat insbesondere Adrian Probst, der rührige Vorsitzende der Bergwacht Schwarzwald und Bürgermeister von St. Blasien, viel zum Erfolg beigetragen. Eine Fernsehserie über die Bergwacht Schwarzwald des Südwest-Fernsehens vor einigen Jahren hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Auch die Furtwanger Bergretter zeigen sich präsent, ne- ben der Webseite, die über die Arbeit informiert, sind es zunehmend die sozialen Medien wie Face- book, über die die Ortsgruppe auf ihre Arbeit auf- merksam macht. Die Einsätze der Bergwacht werden mit den Kos- tenträgern abgerechnet, über den Landesverband fließen Gelder anteilig auch an die Ortsgruppe zu- rück. Ein Wermutstropfen in diesem Zusammenhang ist für die Bergretter, dass es keinen Ausgleich gibt, wenn durch Einsätze Arbeitszeit versäumt wird. So wird die Arbeit für die Allgemeinheit je nach zeitli- cher Lage zum „Privatvergnügen“. Stolz auf die Ausstattung Besonders stolz sind die Furtwanger auf ihre Fahr- zeuge, die sie liebevoll mit Namen versehen haben. Auf „Maximus“ hört der Sprinter, der seit 2016 das primäre Einsatzfahrzeug ist. Er bietet Platz für sie- ben Bergretter und einen Verletzten. Es versteht sich schon fast von selbst, dass das Fahrzeug mit Allradantrieb ausgestattet ist. Die Furtwanger haben bereits im Vorfeld in enger Zusammenarbeit mit der Herbolzheimer Spezialfirma, die für die Innen- ausstattung zuständig war, den „Maximus“ für ihre Zwecke optimiert. Finanziert wurde er vollständig über Spenden von Privatpersonen und Firmen sowie Kommunen. Hier wurde der große Rückhalt deutlich, den die Bergwacht bei der Bevölkerung in Furtwan- gen und Umgebung hat. Neben dem Sprinter unterstützt auch „Anton“ die Arbeit der Ortsgruppe, ein VW T5 mit vier Sitzen. Der ganze Stolz der Ortsgruppe ist jedoch „Nils“: Das sogenannte „All Terrain Vehicle“ der Firma Bombar- dier mit sechs angetriebenen Rädern ist ein weltweit Im Sommer bewegt sich das All Terrain Vehicle „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz mon- tiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Bergwacht Furtwangen 253

 

 

 

Im Sommer 2022 kam es an der Schwarzwaldbahn zu einem Flächenbrand. Außer der Feuerwehr und dem Rotem Kreuz war auch die Bergwacht mit zehn Einsatzkräften vor Ort. einmaliges „Unikat“. Das sieht man auch daran, dass bereits Anfragen anderer Ortsgruppen und von weiteren Hilfsorganisationen zu den Details des Um- baus kommen. Auf der Plattform ruht ein speziell auf Furtwanger Bedürfnisse zugeschnittener Aufbau, der nach den Vorgaben der Bergretter gefertigt wurde. Das Fahrzeug kann neben dem Fahrer und einem Sozius einen Patienten plus Betreuer auch in schwie- rigstem Gelände befördern. Im Sommer bewegt sich „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz montiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Doch woher wissen die Furtwanger Spezialretter, wann sie benötigt werden? Jeder aktive Bergretter trägt einen Fernmeldeempfänger, umgangssprach- lich „Piepser“ genannt, bei sich und wird so über die Integrierte Leitstelle Schwarzwald-Baar über einen Einsatz informiert. Durch die Einsatzmanagement-App „Divera“ kann jeder Bergretter individuell rückmel- den, ob er zu dem aktuell anstehenden Einsatz kom- men kann und wie lange er dorthin braucht. Über diese App behalten die Furtwanger Bergretter auch die Übersicht darüber, wer derzeit als Einsatzkraft zur Verfügung steht. Steigende Zahl von Einsätzen mit oft dramatischen Unfällen Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest, rund 50 bis 60-mal kommen die Aktiven der Orts- gruppe pro Jahr zum Einsatz, und es sind nicht im- mer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Ein Beispiel war der Absturz eines Tragschraubers im Bereich Gütenbach vor einigen Jahren, bei dem der Pilot nur noch tot geborgen werden konnte. Im Jahr 2022 waren es allein bis August schon 60 Einsätze, davon eine Bergungsaktion bei einem Segelflug- zeugabsturz in Schonach, bei dem der junge Pilot ebenfalls ums Leben kam. Da sind Einsätze wie zum 254 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die Bergretter am Brend mit Einsatzfahrzeug „Anton“. Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest. Und es sind nicht immer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Beispiel beim Schwarzwald-Bike-Marathon jeweils im September doch bedeutend angenehmer, wenn auch mit viel Arbeit und Aufwand verbunden. Die Bergwacht ist hier federführend für den Rettungs- dienst verantwortlich. Bei allem Aufwand und bei aller Einschränkung der persönlichen Freizeit ist eines doch deutlich spürbar: Die Furtwanger Bergretter sind begeistert von dem, was sie tun. „Das hundertjährige Jubiläum 2024 werden wir sicher festlich begehen“, so Probst. Die Form der Feier wird bereits geplant, auf jeden Fall werden die Furtwanger „ihr“ zweites Jahrhun- dert zuversichtlich beginnen. Bis heute ist die Ortsgruppe Furtwangen übri- gens die einzige Bergwacht im Schwarzwald-Baar- Kreis. Einst gab es auch in Villingen eine Ortsgrup- pe, die nach einer Serie von tragischen Unfällen außerhalb der Bergwacht aus Mitgliedermangel wieder eingestellt werden musste. Ähnlich erging es einer von Furtwangen aus initiierten Ortsgruppe im bergreichen Großraum Triberg. Bergwacht Furtwangen 255

 

 

 

Wenn Kinder der Natur und Der Bauernhofkinder­ garten in Waldhausen von Dagobert Maier Seit dem 1. März 2022 hat der Bauernhofkindergarten „Grünling“ in Waldhausen geöffnet. „Eine tolle Bereicherung für unsere Stadt“, freut sich der Bräunlinger Bürgermeister Micha Bächle über die 20 neuen Kindergartenplätze im Ortsteil. Träger ist die Genos- senschaft Kita Natura, die Stadt deckt 75 Prozent der Betriebskos- ten. Der Bauernhofkindergarten hat als bereits 20. Kindergarten von Kita Natura den Betrieb auf- genommen, gegründet wurde er auf Initiative von Alexandra Beyrle und Andrea Groß. Der Trägerverein aus Anlass der Eröffnung: „Grün- dungsberatung und Trägerschaft für Bauernhof kindergärten, Wald- und Naturkinder gärten – das ist die Mission unserer 2017 gegründeten gemeinnützigen Genossenschaft.“ Kinder und Eltern jedenfalls sind vom Ergebnis begeistert. 256 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Tieren ganz nahe kommen Im Bauernhofkindergarten Waldhausen sind die Tiere des Hofes allgegenwärtig. 257

 

 

 

Der Waldhausener Bauernhofkindergarten ist beim 300 Jahre alten Hof der Familie Beyrle untergebracht. Das Erleben der Natur in all ihrer Vielfalt und der Umgang mit Tieren ist einer der Hauptschwerpunkte der täglichen Betreuungsarbeit im Bauernhofkinder- garten (Kiga) im Bräunlinger Ortsteil Waldhausen. Der Kiga „Grünling“ des Trägers Kita Natura hat im März 2022 erstmals Kinder ab drei Jahren aufgenom- men. Berücksichtigt werden nur Kinder aus Bräunlin- gen. Und neben der Kindergartengebühr fällt für die Eltern auch der Kauf eines Genossenschaftsanteils in Höhe von 350 Euro an der Kita Natura an. Der „Grünling“ befindet sich auf dem Gelände des 300 Jahre alten „Waldhauser Hofs“, der von der Familie Beyrle bewirtschaftet wird. Dort ist ein rund 1.000 Quadratmeter umfassendes Außengelände inmitten einer Streuobstwiese für die Zwecke des Kindergartens ausgewiesen. Einige der alten Apfel- und Birnenbäume sind Teil der über einen großen Sandkasten, einen Erdhügel und viel Platz zum Spielen verfügenden Fläche. Der Bauwagen dient zur Aufbewahrung der Materialien und Geräte. Ein Weidentipi, eine Matschküche und der Nasch- garten sind längst beliebte Aufenthaltsorte der Kinder geworden. Wenn es das Wetter einmal nicht zulässt, draußen zu sein, findet die Gruppe Zuflucht in der heimeli- gen Schutzhütte. Diese entstand aus einem alten Wirtschaftsgebäude des Hofes, welches vorher als Hühner stall diente (siehe Foto oben). Darin be- findet sich ein großer Bereich, der als Spiel- und Bewegungs raum genutzt werden kann. Außerdem gibt es ein kleines Badezimmer mit einer Trenntoilet- te und einem Handwaschbecken. 258 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die aktive Mitwirkung bei der Versorgung der Tiere ist wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzepts. Der Alltag im Bauernhof-Kiga Grünling muss nicht künstlich erschaffen werden: Die Kinder erfahren hier vielmehr jeden Tag aufs Neue, wie sie durch ihr eigenes Tun in Landwirtschaft, beim Handwerken und im Garten einen Zugang zur Natur und zu Tieren bekommen und lernen dadurch, was nachhaltiges Handeln bedeutet. Es ist nichts Außergewöhn liches, dass beim Spielen die Hühner zwischen den Kindern herumlaufen oder sie deren Eier finden. In den Gesichtern sieht man jeden Tag, wie sie sich über die kleinen und großen Wunder der Natur freuen. Es scheint, als würden sie ihren Bauernhof immer wieder neu entdecken. Sie sprechen mit den Tieren und kümmern sich liebevoll um sie. Die Eltern sehen, dass die Kinder ein Bewusstsein für die Tiere entwickeln, was beim freudigen Erzählen des Neuerlebten jedes Mal deutlich werde. „Für mein Kind ist es ganz wichtig, dass es viel mit der Natur zusammenkommt und auch mit den Tieren den Tag verbringt. Ich freue mich, dass mein Kind einen Platz im Grünling bekommen hat, der ein Naturkonzept mit einem guten und auch nachhal- tigem pädagogischen Verständnis verfolgt“, erzählt eine Mutter. Auch an der Versorgung der Tiere wirken die Kinder mit Kindergartenleiterin Andrea Groß über ihren außer- gewöhnlichen Wirkungsort: „Die Kinder erleben im Bauern hofkindergarten die Natur und die jahreszeit- lichen Veränderungen mit all ihren Sinnen. Die Natur in ihrer Vielfältigkeit, ob im Außenbereich, bei den Tie- ren, im Bauernhof, auf dem Acker oder im Wald. Das Draußen sein unterstützt bei den Kindern den Forscher- drang, das selbstständige Entdecken, Beobachten, Ausprobieren und Erkunden sowie auch die Stärkung des Immunsystems“. Die Diplom-Sozial pädagogin ist zugleich Wildkräuter- und Heilpflanzen pädagogin. Der Bauernhofkindergarten ermöglicht es den Kindern, aktiv an der Versorgung der Tiere mitzuwir- ken. In enger Absprache mit der Landwirtin werden sie in vielfältige Tätigkeiten miteinbezogen. In Klein- gruppen übernehmen die Kinder Aufgaben wie das Einsammeln von Eiern sowie das Versorgen der Hüh- Bauernhofkindergarten Grünling 259

 

 

 

Besonders für Schlechtwettertage braucht es im Bauernhofkindergarten auch eine heimelige „Schutzhütte“. Es handelt sich dabei um den früheren Hühnerstall des Hofes. ner. Diese sind in einem Hühnermobil in der Nähe des Kindergartengeländes untergebracht. „Wir holen die Eier, wir zählen ihre Anzahl, sehr oft nehmen die Kinder die Eier in die Hand, da sie das Naturprodukt spüren wollen und auch wie sich die Eierschale an- fühlt“, so Kindergartenleiterin Andrea Groß. Die Kin- der dürfen außerdem der Mutterkuh herde, die sich in den Wintermonaten im Stall befindet, das Futter hinschieben. Durch das Beobachten, Begegnen und das aktive Mithelfen werden unterschiedlichste Sinne und Emo- tionen angesprochen und die Grünling-Schützlinge lernen, Verantwortung zu übernehmen. Insgesamt soll dabei ein realistisches Bild der Landwirtschaft ermöglicht werden, wobei dieses neben der Geburt auch den Tod eines Tieres beinhaltet. Gesunde Ernährung und Herstellung wichtig „Eine gesunde Ernährung im Kindergarten ist uns wichtig und gehört zum Konzept unseres Kindergar- tens“, unterstreicht die Leiterin Andrea Groß weiter. Durch den eigenen Anbau von Obst und Gemüse im Bauerngarten wird die Wertschätzung von Le- bensmitteln wieder in den Vordergrund gerückt. Die Kinder erfahren, wie viel Zeit und Kraft vor der Zubereitung und dem Verzehr von Essen investiert werden muss. Zusätzlich soll durch das gemeinsame Zubereiten von hofeigenen Produkten ein genussvol- ler Bezug zum Essen hergestellt werden. Im Herbst steht das Obst im Mittelpunkt. Die Äpfel von den Bäumen zu holen ist eines der Haupt- themen. Danach werden sie in einer Saftpresse zusammen gedrückt und die Kinder stellen selbst- ständig Apfelsaft her. Dazu gehört auch ein Besuch in der Mosterei, so lernen sie den Kreislauf vom Ernten bis hin zum Verarbeiten kennen. Die Kinder leben mit der Natur und erfahren, was sie in ihrer Heimat zu der jeweiligen Jahreszeit gerade bietet. Auch im Kiga-Garten, wenn sie in der Erde graben, um beispielsweise Kartoffeln zu sammeln oder Kür- bisse abschneiden, aus denen Suppe gemacht wird. Ebenso beim Ernten der Karotten, die sie gleichfalls mit der eigenen Hand aus der Erde holen. 260 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Impressionen aus dem Kindergartenalltag – Erlebnisse mit den Tieren und die Freude über das einzigartige Außengelände sind deutlich zu spüren. 261

 

 

 

Nicht im Sandkasten, sondern im natürlichen Erdreich buddeln die Grünling-Schützlinge. Für das Frühstück und das zweite Vesper dürfen die Kinder ihr Essen mitbringen, doch legt der Kiga „Grünling“ Wert auf eine gesundheitsförderliche, abwechslungsreiche Kost. „Sofern es das Wetter zulässt, nehmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam im Freien zu uns. Dabei ist uns wichtig, höflich und respektvoll miteinander umzugehen“, heißt es in der Beschreibung der Kindergartenarbeit, die sich im De- tail auf kita-natura.de findet. Spielzeug mitten in der Natur entdecken Wer den Bauernhofkindergarten „Grünling“ besucht, der spielt mit dem, was die Natur bietet. Das zeigt sich oft beim Marsch in den Wald. Dort werden Stöcke und Tannenzapfen mitgenommen, die die Kleinen lange Zeit begleiten. Andrea Groß: „Unsere Kinder brauchen nur wenig künstlich gefertigtes Spielzeug. Natürlich haben auch wir die üblichen Spielgeräte, darunter Holzfahrzeuge. Immer wieder gibt es Tage, an denen wir nicht ins Freie können, da wird dieses Spielzeug gebraucht. Doch wir sind so oft wie möglich draußen und versuchen mit der Natur in Einklang zu kommen“. Selbst wenn Schnee liegt, sind die Kinder oft im Freigelände zu finden. Ein erstes Fazit nach über sechsmonatigem Kin- dergartenbetrieb lautet: Der Besuch des Bauernhof- kindergartens verändert die Kinder, vor allem ihr Be- zug zu Tieren wird ein anderer. Sind sie anfangs im Umgang mit ihnen meist noch zögerlich, gehören die Hühner oder Hasen nach kurzer Zeit einfach dazu. Nicht nur die Eltern, auch Bräunlingens Bürger- meister Micha Bächle ist von der Einrichtung in Waldhausen sehr angetan. Er betont bei einem Vor ort-Termin wenige Wochen nach der Inbetrieb- nahme: „Der Bauernhofkindergarten ist eine tolle Bereicherung für die Stadt. Mit seinem Konzept wird unsere Bildungs- und Betreuungslandschaft in Bräunlingen noch vielfältiger. Gerne haben wir als Stadt das Vorhaben finanziell und ideell unterstützt.“ Der Kindergarten wird vonseiten der Eltern sehr gut angenommen, die 20 Plätze sind längst besetzt. 262 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

xxxxx Die Besucher des Bauernhofkindergartens Grünling in Waldhausen mit ihren Erzieherinnen. Vorne links Kindergartenleiterin Andrea Groß, die die Einrichtung zusammen mit Alexandra Beyrle (hinten links) initiiert hat. Unten: Blick auf das großzügige Freigelände. Bauernhofkindergarten Grünling 263

 

 

 

Feines erleben: Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen von Tanja Bury 264 9. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

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Der Name ist hier nicht Programm. Denn eine Burg im klassischen Sinn ist dunkel und verschlossen, eintreten darf nur, wer geladen ist. Beim Hotel­Restaurant „Die Burg“ im Donaueschinger Ortsteil Aasen ist das genau umgekehrt: ein helles und offenes Haus, in dem jeder willkommen ist, der schönes Ambiente und feines Essen schätzt. Und mit zwei Burgherren, die in der Gastronomie ihre Passion gefunden haben: Die Brüder Jason und Niklas Grom. Die Gastgeber Gastfreundschaft, Essen, Trinken, den Men- schen Freude machen – das kennen Jason und Niklas Grom von klein auf. Ihre Eltern führten auf den Immenhöfen eine Garten- wirtschaft. Eine Adresse, die viele Gäste aus dem ganzen Landkreis, aber auch darüber hinaus anzog. „Wir haben immer mitge- arbeitet – und zwar gerne“, erinnert sich Niklas Grom, der jüngere der beiden Brü- der. Schnell sei deshalb klar gewesen, dass der heute 28-Jährige und sein zwei Jahre äl- terer Bruder Jason ihre berufliche Erfüllung in der Gastronomie suchen wollen. Jason hatte sich von Anfang an für die Arbeit in der Küche interessiert. Und so startete er Von links: Jason Grom, Linda Lütte, Niklas Grom und Barbara Grom am Ortsschild der neuen Heimat Aasen. 266 Gastlichkeit

 

 

 

Jason Grom in seinem Kräutergarten. Niklas Grom im gemütlichen Restaurant. nach dem Schulabschluss eine Ausbildung als Koch bei einer guten Adresse ganz in der Nachbarschaft – dem Öschberghof. Auch Niklas’ Weg führte nach der Schule zunächst in das bekannte Hotel-Restaurant, allerdings in den Service und Hotelbereich. Wir haben immer mitgearbeitet – und zwar gerne. Gemein ist den Brüdern, dass sie nach ihren Ausbildungen das heimatliche Umfeld ver- ließen, um neue Gastroluft zu schnuppern, etwas anderes zu sehen. Beide waren in verschiedenen namhaften Häusern – etwa in Arosa, in Wien, am Vierwaldstättersee und in Schaffhausen – beschäftigt. „Wir wollten uns an den besten Betrieben orien- tieren, von den Besten lernen“, erklärt Niklas Grom, der auch eine Weiterbildung als Sommelier absolvierte. Das Ziel der Brüder: der eigene Betrieb. „Aber keinesfalls wollten wir den bevor wir 30 sind“, sagt Jason Grom und lacht. Es sollte anders kommen. Das Haus Aasen hatte einst eine Burg, erbaut von den Herren von Aasen und 1094 erwähnt. Die Anlage ist laut Geschichtsschreibung abge- gangen, es existiert nur noch der Burghügel. Geblieben ist der Name. Die Burg z’ Aase, ursprünglich eine kleine Gaststube inner- halb eines Bauernhofs, war über Jahrzehnte Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 267

 

 

 

eine Traditionsgaststätte mit gutbürger- licher Küche. Zusammen mit „Adler“, „Kranz“, „Krone“ und „Ochsen“ war sie ei- ner der Treffpunkte des dörflichen Lebens. Hier kamen die Stammtische zusammen, hier wurde Karten gespielt, nach Beerdi- gungen der Leichenschmaus eingenommen, wurden Hochzeiten und Taufen gefeiert. Doch auch vor Aasen machte das Gasthaus- sterben nicht Halt – die Burg schloss 2008, das Gebäude stand leer. Bis Horst Hall, der Ortsvorsteher von Aasen, es 2016 kaufte. Sein Antrieb war es, dem Dorf wieder ei- nen Treffpunkt zu geben und Platz für eine neue Art der Gastronomie zu schaffen. Als Wirtin mit Leidenschaft hatte er die ehe- malige Betreiberin einer Gartenwirtschaft auf den Immenhöfen im Sinn. Diese lehnte ab, verwies aber auf ihre beiden Söhne: den Koch Jason Grom und den Hotelfachmann Niklas Grom. „So kamen wir zur Burg. Und so hat etwas zusammengefunden, was wohl Das Hotel- Restaurant „Die Burg“ in Aasen. Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen ein- bringen. zusammengehört. Es fühlte und fühlt sich richtig an“, sagt Niklas Grom. Sein Bruder nickt. Mit Mitte 20 haben die beiden nicht nur einen Betrieb mit all der dazugehörigen Verantwortung übernommen, sondern sie haben ihn auch mitgestaltet. „Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen einbringen“, sagt Niklas Grom. Im September 2017 dann die Schlüsselübergabe von Horst Hall an die beiden Brüder – der Beginn einer kulinari- schen Reise. 268 Gastlichkeit

 

 

 

Freundlich und kompetent – das Team der Burg. In der Weinba(a)r im Untergeschoss werden Snacks serviert. Das Konzept Diese Reise führt in eine junge Gastrono- mie. Zeitgemäß ist sie, weg vom gutbür- gerlichen Rahmen der vergangenen Tage. „Modern und doch gemütlich“, beschreibt Niklas Grom den Anspruch. Drei Foodkon- zepte sind in der Burg zu erleben. Zum einen findet sich ein international ange- hauchtes, saisonales Menü mit regionalem Bezug. Ganz in der Linie des Casual fine Di- nings – also gehobene Küche ohne Schlips und Kragen. Beste Produkte, verarbeitet nach traditioneller Handwerkskunst. Wer à la carte bestellen will, findet bekannte Klassiker, jedoch neu interpretiert. Zwiebel- rostbraten zum Beispiel, Rindersuppe, Maul- taschen und Käsespätzle. In der Weinba(a) r werden Burger, Schinken- und Käseteller und Wurstsalat serviert. Natürlich, das verschweigen sie nicht, wurden die Brüder anfangs immer wieder kritische darauf angesprochen, warum es in der Burg kein Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 269

 

 

 

Schnitzel und keine Schlachtplatte gibt. Und damit eben das, was man bislang ge- wohnt war. „Wir sind die neue Burg“, lautet die Antwort der Groms. Das kommt an, wie verschiedene Auszeichnungen für das Restaurant zeigen. Beispielsweise die des Guide Michelin, 15 Punkte im Gault Millau und andere Erwähnungen in namhaften Restaurantführern. Man freue sich darüber und fühle durch sie in seiner Arbeit bestä- tigt. Doch mehr als Auszeichnungen zählen für die Brüder glückliche Gäste, die mitt- lerweile aus nah und fern kommen. „Ver- lassen sie unser Haus zufrieden, ist das das schönste Lob.“ Insgesamt sind in der Burg 30 Mitarbeiter beschäftigt, auch die Mutter der Grom-Brüder hilft mit. „Damit führen wir die Tradition des Familienbetriebs wei- ter – gemeinsam mit unserem tollen Team“, sagt Niklas Grom. Dazu gehören auch Aus- zubildende. Sie seien, so die Groms, nicht einfach zu finden. Doch die Burg gilt mitt- lerweile als gute Adresse für eine gastrono- mische Ausbildung – das hat sich rumge- sprochen. Und so konnten die Brüder auch dieses Jahr die Ausbildungsplätze in Service und Küche besetzen. Die Küche „In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause“, so beschreibt Jason Grom selbst seinen Stil. Geschmäcker und Gerüche aus seiner Heimat, der Baar, kombiniert der 30-jährige Küchenchef mit internationa- len Produkten. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf regionalen Zutaten. Um das zu zeigen, kann der Gast in der Speisekarte Jason Grom arrangiert einen raffinierten Nachtisch. 270 Gastlichkeit

 

 

 

Kreationen aus der Küche von Jason Grom. Impressionen der Gastlichkeit, umgeben von Kunst, geschaffen durch Andrea Pfrengle. In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause. eine Auflistung der Lieferanten aus der Um- gebung einsehen. Da finden sich Kartoffeln und Eier aus Tuningen, Rinder- und Schwei- nefleisch aus Neudingen, Käse aus Löffin- gen, Reh aus heimischen Wäldern, Pralinen aus St. Georgen. Wenn man Jason Grom danach fragt, was Kochen für ihn bedeutet, spricht er von einer ständigen Herausforde- rung. Man müsse viel probieren und sei – trotz einer abgeschlossenen Ausbildung – nie mit dem Lernen am Ende. „Man muss immer interessiert und wach sein“, sagt er. Es brauche Inspiration und Austausch, die Produkte müssten wertgeschätzt werden. Dazu gehört ein verantwortungsvoller Um- gang mit ihnen. „Es muss nicht immer das Filet sein“, sagt Jason Grom. Deshalb wer- den bei ihm beispielsweise auch Innereien verarbeitet. Kochen bedeute harte Arbeit, das Schaffen mit den Händen und – fürs Kochen brauche es Zeit. „Ohne die geht es nicht“, sagt Jason Grom. So entstehen Ge- richte wie ein Wolfsbarsch mit Safran und Curry, begleitet von Pulpo und fermentier- ten Mirabellen. Oder die Variation von Ka- rotte, die einen den Geschmack dieses Ge- müse ganz neu entdecken lässt. Was Jason Grom selbst am liebsten isst? Da hält sich der Küchenchef bedeckt. Aber er verrät, was seine große Leidenschaft sind: Saucen. „In ihnen ist geballter Geschmack.“ Das Restaurant Ein einladendes, feines Ambiente zeichnet den Gastraum aus. Natürliche Materialien und warme Farben empfangen den Gast, der durch die große Glasscheibe in die Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 271

 

 

 

Küche blicken kann. Das ist die Handschrift von Niklas Grom. Der 28-Jährige führt das Restaurant professionell, aber auf keinen Fall aufgesetzt. „Jugendlich-locker wollen wir sein, gepaart mit Herzlichkeit“, sagt er über sich und sein Team. Gemeinsam sei man bestrebt, den Gästen ein Erlebnis zu bescheren. Egal ob Stammgäste oder Besu- cher, die zum ersten Mal in die Burg kom- men, ob Geburtstagsrunde oder Hochzeits- feier, das Essen mit Freunden oder das erste Date – die Burg möchte ein Ort für all diese Anlässe sein. Dazu gehört es für Niklas Grom, dem Gast die Türe aufzuhalten, den Stuhl zurechtzurücken und auf seine Wün- sche einzugehen. Gleichzeitig dezent und präsent zu sein, dass ist der Anspruch von Niklas Grom. Seine Leidenschaft gilt neben dem Service dem Wein mit seinen vielen Fa- cetten. „Wein ist für mich ein unverzichtba- rer Teil eines schönen Restaurant besuchs“, wie er sagt. Der Sommelier hat den Wein- Wein ist für mich ein unverzichtbarer Teil eines schönen Restaurantbesuchs. Rechts: Blick ins Restaurant – offen und gemütlich. keller mittlerweile auf 370 Positionen aus- gebaut. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland, aber auch Weine aus ganz Europa, Südafrika und dem Libanon finden sich auf der Karte. Gerne beschäftigt sich Niklas Grom mit kleinen Weingütern, die traditionell-handwerklich und teilweise bio- logisch oder biodynamisch arbeiten. Feines erleben, das ist in Aasen dank des Konzepts und vor allem dank der Gast- geber einmal mehr möglich. Die Burg – sie ist im besten Wortsinn ein Gasthaus. 272 Links: Events sind ein fester Bestandteil des Angebots der Burg. Gastlichkeit

 

 

 

Sommelier Niklas Grom. 273

 

 

 

Sanft gegarter Zander mit Meerrettich-Beurre Blanc, Sauerkraut, Dill und Apfel für 2 Personen DIE ZUTATEN FÜR DEN ZANDER Zanderfilet ohne Haut Wasser Salz 320 g 1 l 30 g Fleur de Sel, Nussbutter ZUR FERTIGSTELLUNG DES SAUERKRAUTS 180 g Sauerkraut 2 Stck Schalotten 1 Stck Apfel, Elstar 1 Schuss Winzersekt, trocken 2 Zweige frischer Dill Salz, Pfeffer, Ahornsirup, Piment d‘Espelette, Frühlingslauch, Zitronenöl FÜR DIE MEERRETTICH BEURRE BLANC Schalotten, gewürfelt Knollenselleriewürfel Staudenselleriewürfel Lauch, weißer Teil, fein geschnitten Apfel, Elstar, gewürfelt Ingwer, gerieben trockener Weißwein 1 Stck 1 Stck Knoblauchzehe, in Scheiben 20 g 10 g 10 g 20 g 5 g 40 ml 10 ml Noilly Prat 200 ml Fischfond 1 Stck 100 g 1 Eßl Frischer Meerrettich, Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt Lorbeerblatt Butter Sauerrahm Das Salz im Wasser auflösen, das Zanderfilet in zwei gleich große Stücke teilen und in die Salzlake geben. Gekühlt für 3 Stunden ziehen lassen. Den Zander aus der Lake nehmen, abspülen und trocken tupfen. Mit etwas Nussbutter bepinseln und vakuumieren. Im Wasserbad bei 56°C für 16 Minuten garen, aus dem Vakuumbeutel nehmen und mit einem Bunsenbrenner leicht abflämmen. Mit Fleur de Sel nachwürzen. Die Schalotten und den Apfel in feine Würfel- schneiden, den Dill fein hacken. Die Schalotten- würfel in etwas Rapsöl glasig dünsten, das Sauerkraut zugeben, ein Schuss Winzersekt hinzufügen und bei geschlossenem Deckel zum gewünschten Gargrad fertigkochen. Die Apfelwürfel und den Dill unterrühren und mit den Gewürzen abschmecken. Das Gemüse in etwas Rapsöl dünsten, mit dem Alkohol ablöschen und etwas reduzieren. Mit dem Fischfond auffüllen, Lorbeerblatt hinzufü- gen und ca. ½ Stunde simmern lassen. Durch ein Sieb in einen neuen Topf abseihen. Die kalte Butter und den Sauerrahm mit einem Mixstab in den Sud einmontieren, mit dem frisch geriebenen Meerrettich und den Gewürzen abschmecken. 274 Gastlichkeit

 

 

 

ZUM FERTIGSTELLEN Das Sauerkraut mit einem runden Ausstecher mittig auf einem Teller platzieren, das Zanderfilet darauf platzieren und die aufgeschäumte Beurre Blanc angießen. Mit Apfelgel, gepickelten Apfelscheiben, Dillspitzen, Dillöl und frischen Lachsforellenkaviar garnieren. 275 XXX

 

 

 

HERZLICH, HEIMISCH, WILD – “WILDE WELT“ IM (FAST) STILLEN LINACHTAL von Daniela Schneider Gastlichkeit

 

 

 

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278 Gastlichkeit

 

 

 

XXX Ute und Urs Fischbach, die Inhaber und kreativen Köpfe hinter dem „Wilden Michel“.

 

 

 

Der Michelhof und seine Außenterrasse. „Bitte wild klingeln!“ – der Empfang im Michelhof ist unkonventionell. Das Glöckchen, zu dem diese Aufforderung gehört, steht an der Re- zeption im Flur. Wird es möglichst beherzt betätigt, kommt ein freundlicher Mensch um die Ecke gebo- gen und nimmt den Gast in Empfang. Er betritt im an- sonsten still-beschaulichen Linachtal die „wilde Welt“ des „Wilden Michel“. „Herzlich, heimisch, wild“ – so lautet die erklärte Devise. Davon überzeugen können sich nicht nur die Feriengäste, die munter die Klingel bimmeln, um im Haus oder auf dem dazugehörigen Campingplatz einzuchecken, sondern auch alle ande- ren, die auf dem Hof vorbeikommen. „Herzlich willkommen“ in der Kultgaststätte „Zum Wilden Michel“ somit – aber, was also ist der Linacher Michelhof eigentlich? Ferienhaus mit Campingplatz? Schwarzwaldhof in idyllischer, einsamer und ruhiger Lage? Vesperstube oder Sonntagscafé? Zünftiges Lo- kal mit heimischen Spezialitäten und Steaks vom Grill oder doch eher eine Alternative für Leute, die Lust auf veganes Essen haben? Bunte Wohngemeinschaft? Familienzuhause und Mehrgenerationenhaus? Ein un- komplizierter Ort zum Feiern mit viel Livemusik? Die schlichte Antwort lautet: Ja, all das! Und diese lange Liste ist noch nicht einmal vollständig. Für Urs Fischbach und sein Team dürfte die Frage nach den Schubladen, in die das Projekt „Zum Wil- den Michel” wohl am ehesten passen könnte, aber ohnehin ziemlich überflüssig sein. Kategorien sind ihm, seiner Frau und den Mitstreitern auf dem Hof Das idyllische Linachtal, rechts der Michelhof samt Campingplatz. Gastlichkeit

 

 

 

eher mal so egal wie das Linachtal lang und schön ist. Sie sind an einem Ort im Schwarzwald angekom- men, an dem sie einfach das machen, was sie erfüllt: Gastgeber sein, mit Herz und Verstand einen Betrieb führen, anpacken, Ideen umsetzen. Machen eben. Die Fangemeinde wächst und wächst 2021 wurde der „Wilde Michel“ erworben und be- gründet, seitdem wächst und gedeiht er und trifft ganz offensichtlich einen Nerv: Innerhalb weniger Monate entwickelte sich so schnell eine Fangemein- de, dass es den Beteiligten manchmal schon fast ein bisschen unheimlich wird. Dass hier oben zwischen Bauernhofromantik, Naturidylle und absolut null Handynetz etwas Besonderes auf den Weg gebracht wurde, spricht sich jedenfalls immer mehr rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz des „Wilden Michel” genau ausmacht. Um das zu verstehen, muss man allerdings erst einmal den Weg hierher finden. Von Furtwangen vom Mäderstal her kommend sind es knapp sechs Kilometer Fahrweg. Etwa genauso lang ist die Strecke in die andere Richtung das Linachtal runter bis zur bekannten Talsperre. Ja, der Michelhof liegt ab vom Schuss, und genau das macht zweifelsohne einen Teil seines Charmes aus. „Von Montag bis Donnerstag ist hier der Hund begraben“, sagt Urs Fischbach. Diese Ruhe gefällt nicht nur ihm und seinen Leuten – sie kommt vielmehr auch bei Erho- lungssuchenden bestens an. Urige Gaststube. Die können sich zum Beispiel ein schönes Fleck- chen auf dem hofeigenen, terrassierten Camping- platz suchen. Die Gäste aller Altersgruppen kommen aus vielen Regionen Europas, viele von ihnen ma- chen auf der Durchreise einen Abstecher hierher, mal sind es Belgier, mal Spanier, mal Holländer und auch viele Italiener haben diesen Ort schon für sich entdeckt. Und dennoch: Die allermeisten, die hier auf dem Platz ihr Zelt aufschlagen oder den Camper 281 281

 

 

 

Kultur genießen, Vespern und/oder Campen – der Michelhof spricht ein breites Publikum an. auf eine der Platz-Terrassen rollen lassen, kommen aus der Region, meistens aus dem Bereich irgendwo zwischen Tuttlingen, Freiburg, Tübingen, Offenburg und Konstanz. Auch ganze Gruppen reisen an: Eine Motorradtruppe mit Beiwagen und eine ganze Horde Bullifreunde waren da, und auch mit jeder Menge Mofas wurde quasi im Rudel schon auf die Linacher Höhe hinaufgeknattert, um hier eine gute Zeit zu verbringen. Für all diese unterschiedlichen Men- schen scheint der Michelhof ein Volltreffer zu sein. Skaten, grillen und Punkrock Dabei müssen die Gäste damit rechnen, dass es in Richtung Wochenende mit der großen Ruhe meistens vorbei ist. Dann gibt es hier oben im Tal jede Menge Livemusik oder andere Events. Oft ist ja bei Veranstaltungen von „bunten Mischungen” die Rede – im Michel- hof trifft es wirklich zu: Gespielt wird mal mon- golische Weltmusik, mal fiedeln und flöten Mit- telalterspielleute, mal gibt’s Country, mal Me- tal, Punk oder Rock und dann wieder die aller- 282 zünftigste Blas- oder gemütliche Stubenmusik auf die Ohren. „Wooden Wumms” bietet Electro oder Swing, auch Mottopartys werden gefeiert und es stehen „Skaten, grillen und Punkrock” auf dem Programm. Donnerstags tagt der Musikerstammtisch, und jeden vierten Sonntag im Monat wird im „Mini Michel Club” außerdem ein Kinderprogramm geboten. Vesperstube mit Köstlichkeiten aus der Region Von Donnerstagabend bis Sonntagabend ist im Michelhof eine Vesperstube samt Außenterrasse geöffnet. Es werden einfache Hausmannskost und ein bis zwei warme Gerichte angeboten. Auch eine vegane Alternative darf nicht fehlen. Was auf der Der Michelhof ist auch eine Vesperstube mit vielen heimischen Produkten, die teils auch direkt von Linacher Erzeugern bezogen werden. Gastlichkeit

 

 

 

Links: Die Michelramp für Skater. Rechts: Einer der zahlreichen Nebenräume. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbäckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von regionalen Erzeu- gern. Gemüse und Obst vom Markt, der Kräutertee aus dem Linachtal. Speisekarte steht, variiert von Woche zu Woche. „Das reicht – wenig, aber dafür richtig gut”, mei- nen die Wirtsleute, und ihr Konzept kommt an. Die Vesperkarte reicht von Käse über Fleisch und Speck bis zu Fisch. Selbst gebackene Kuchen ergänzen das Angebot. „Kulinarisch wirst du mit Köstlichkeiten aus der Region verwöhnt. Wir kaufen nur vom Erzeu- ger direkt ein und machen alles von Hand im Hause selbst”, erfahren Interessierte auf der Homepage und Urs Fischbach ergänzt: „So gut wie gar nichts wird im Supermarkt gekauft.” „Made im Schwarzwald“ muss es sein. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbä- ckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von Erzeugern. Gemüse und Obst vom Markt, Kräutertee aus dem Linachtal. Und wer das hofeigene Quellwas- ser süßen möchte, kann Sirup aus der Ortenau dafür verwenden, den es hier zu kaufen gibt. Das Bier wird von einer Brauerei „aus dem Wald“ geliefert. Hochprozentiges stammt natürlich ebenfalls aus der Region: vom Kirschwasser bis zum Gin „Tannig“, für den stilecht Tannenschösslesirup verwendet wird. Mitten drin im „Schwarzen Wald“ Die quasi organische Verbindung zum Schwarzwald ist den am Michelprojekt Beteiligten extrem wichtig, und das merkt man bei Weitem nicht nur am Angebot im Vesperstüble. Urs Fischbach, der den Betrieb zusammen mit seiner Frau Ute führt, legt großen Wert auf die Verwurzelung in der Region. Kein Wunder: Schließlich bewirtschaften sie ein Anwesen, das seit Jahrhunderten mittendrin steht im „Schwar- zen Wald“, in dem auch Urs Fischbach selbst seine Wurzeln hat. Seine Mutter ist eine Furtwangerin. In der Bregstadt verbrachte der heute 36-Jährige einen Teil seiner Kindheit und seine Jugend. Mit 18 zog es ihn nach Donaueschingen, weil da „erstens die Disko Delta und zweitens ein Bahnhof war“, erinnert er sich grinsend an seine Motivation, damals umzuziehen. Vom Bahnhof aus war er mobil und im damals schon legendären „Delta“ jobbte er während seiner regulären Ausbildung nebenbei hinter der Bar. In seinem „Brotberuf“ in einem Schmiede-Unternehmen arbeitete er zehn Jahre lang, zuletzt in führender Position. Ungeachtet dessen, dass er rein äußerlich von manchem Zum Wilden Michel 283

 

 

 

Die Kassettendecke der Gaststube stammt von Uhrenschildmaler Karl Straub. Rechts: Blick in die Hofkapelle. Zeit genossen als ziemlich unangepasst eingeschätzt wurde – als einer, der vollkommen selbstverständ- lich Dreadlocks, Piercings und Tattoos trägt, weil sie einfach zu ihm gehören. In dem Automotive-Zuliefererbetrieb war er stark gefordert, verbrachte unter anderem viel Zeit in Shanghai. Hier wurde ihm schließlich angeboten, ein Werk des Unternehmens zu leiten. Allerdings machten sich Bedenken bei dem jungen Mann breit: „Immer mehr Verantwortung mit immer weniger Befugnissen“ – das schreckte ihn ab, wie er sagt. Mit seiner Frau Ute, die von der Schwäbischen Alb stammt und ebenfalls beruflich erfolgreich und gleichermaßen stark eingebunden war, gründete er eine kleine Familie. Weil beide berufstätig waren, blieb für den kleinen Oskar nicht so viel Zeit, wie sie sich das gewünscht hätten. „Nicht so das Wahre“ – so brachten es die beiden für sich auf den Punkt. Das Buch der Ideen ist randvoll Der Gedanke, das Leben anders gestalten zu wollen, wurde immer konkreter, entwickelte immer mehr Ei- gendynamik. „Wir hätten so noch 35 Jahre oder sogar noch länger weiterarbeiten müssen. Da steckten wir mittendrin. Also haben wir uns gesagt: Machen wir lieber etwas Neues“, fassen die Fischbachs zusam- men. Im Sommer 2020 waren die leidenschaftlichen Camper mal wieder mit ihrem Wohnmobil unterwegs. Beide hatten sich für Elternzeit entschieden und nutzten sie, um als kleine Familie ein Stück Europa zu erkunden. „Wir haben ganz viele coole Leute kennen- gelernt“, erinnert sich Urs Fischbach sehr gerne an die Reise. Und: Viele Plätze vor allem in Italien, meist Bauernhöfe und kleine Familienbetriebe, die im Stil der „Agri Camping“ agierten, weckten ihr Interesse: „Mensch, so etwas möchten wir selbst auch machen.“ Auf der Reise wurde dieser Wunsch immer größer. Das mitreisende „Buch der Ideen“ füllte sich ratz- fatz und wurde stetig dicker. Es wurde erst geträumt und dann konkret gegrübelt, wie so etwas auch da- heim in Deutschland funktionieren könnte. „Meine Frau und ich sind gleich. Wir sind extrovertiert und hatten schon immer Spaß daran, Leute zusammen- zubringen“, sagt Urs Fischbach – und das wollten sie nun in einem eigenen Unternehmen umsetzen. Aus Träumen wird Wirklichkeit Wieder nach Donaueschingen zurückgekehrt, beschlossen sie, einen Knopf auf die ganze Sache zu machen. Urs Fischbach erinnert sich: „Wir haben gesagt: So, jetzt hören wir auf mit schwätzen.“ Voller Tatendrang gingen sie mit der Planung ins Detail und suchten nach einem geeigneten Platz für ihren Campingtraum. Etliche Objekte schauten sie sich an. „Gefühlt waren es 200 Immobilien“, lacht Urs Fischbach, der als die „Vorhut“ im ganzen Schwarz- wald unterwegs war und sich leer stehende oder zum Verkauf angebotene Objekte in rauen Mengen 284 Gastlichkeit

 

 

 

Urs Fischbach im beheizbaren Badezuber mit Blick auf Linach – rechts einer der Eventräume. Durch einen Bekannten erfahren Fischbachs, dass der Michelhof zum Verkauf steht. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der Besitzerin war klar: Das passt einfach! anschaute. Wenn es konkreter zu werden schien, setzte sich die bürokratische Maschinerie in Gang: Bauvor anfragen an Kommunen und Gemeinderäte und all die weiteren planerischen Notwendigkeiten. Aber zunächst zerschlugen sich alle Vorhaben wieder – das Passende war einfach nicht dabei. Dann die Nachricht aus Linach, die das Ehepaar aufhorchen ließ: Durch einen Bekannten erfuhren sie, dass der Michelhof zum Verkauf stünde. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der bisherigen Besitzerin war klar: Das passt einfach! Das Konzept, das die Fischbachs vorlegten, ver- fing sowohl bei der Bank in Sachen Finanzierung als auch bei Angelika Brenner, die den Hof jahrzehn- telang bewohnt und gemeinsam mit ihrem Mann Horst geführt hatte. „Sie fand uns gut“, freut sich Urs Fischbach. Die Chemie stimmte derart, dass er und seine Frau das Anwesen im Frühjahr 2021 erwerben konnten. Für Ute und Urs Fischbach war klar: Der Michelhof, das ist es! Hier oben im Tal in Alleinlage mit genügend Platz drumherum kann das Ehepaar seine Träume verwirklichen. Danach ging die Arbeit allerdings erst richtig los. Und sie wird den Fischbachs so schnell nicht ausge- hen. Im Jahr 2022 setzten sie sich die Sanierung und naturnahe Anlage des Campingplatzes mit neuen Anschlüssen zum Ziel, und ab dem Jahr 2023 folgt der Innenausbau des Hofgebäudes, das neben den Wohn- bereichen auch noch ein Schlaflager im Dachgeschoss und weitere Ferienwohnungen bekommen soll. Zu- dem soll es für das alte Bauernhaus ein neues Dach und neue Fenster geben. Und für den Außenbereich wünschen sich die Betreiber dann auch noch zwei neue, schindelgedeckte Tiny-Häuser. Im Corona-Sommer den Betrieb aufgenommen Am 3. Juli 2021 – es war der Corona-Sommer, in dem es zeitweise Lockerungen gab und auch die Gas- tronomie und ähnliche Einrichtungen wieder öffnen durften – ging das Haus in Betrieb. Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung waren aber erst mal noch beson- dere Gäste eingeladen, sich das Ganze in Ruhe anzu- schauen: ausschließlich die Linacher nämlich. „Zwei Drittel des Ortes waren da”, lächelt Urs Fischbach. Die Charmeoffensive, die er und seine Frau gestartet hatten, zeigte Wirkung: Die beiden Zum Wilden Michel 285

 

 

 

Im Wilden Michel gibt es in der Gaststube einen gemütlichen Kachelofen, wird viel Wert auf einen ansprechend geschmückten Außenbereich gelegt und werden vor allem sämtliche Kuchen selbst gebacken. hatten jeden Hof im Tal abgeklappert und überall ge- klingelt, um die Nachbarschaft einzuladen. „Uns war es wichtig, dass alle sehen können, was wir machen”, setzte das Paar von Anfang an auf Offenheit und Transparenz. Urs Fischbach ist zweifelsohne ein besonderer Typ und er hat ganz offensichtlich viele Talente: Er ist Ideengeber, Macher, Unternehmer, Kommunikator, ein „schaffiges Kerlchen“, wie er selbst sagt. Einer, der Dinge anpackt, der gerne etwas ausprobiert, sich freut, wenn es gelingt, aber doch auch gelassen ge- nug scheint, es hinzunehmen, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant. Ein Optimist – und Nerven-Be- wahrer. Sein Motto: heitere Gelassenheit. Das Pensum, das er, seine Frau und ihr ganzes Team „abreißen“, ist amtlich: Neben der (Um-)Bau- planung und behördlichen Anforderungen ist da auch noch der ganz normale Tagesbetrieb, zum einen, was den Campingplatz angeht. Ein Gast kommt rein und braucht eine Duschmarke? Kein Problem: Der Chef drückt sie ihm in die Hand, parliert ein paar Worte auf Spanisch mit dem Touristen, erklärt ihm, wie die Dusche funktioniert und wünscht ihm noch einen schönen Abend. Woher er Spanisch kann? Seine Schwester lebt in Spanien und hat einen Part- ner – und der und seine Freunde sprechen eben nur Spanisch, also lernt er es halt einfach selbst über eine Sprach-App. „Jeden Morgen eine Viertelstunde – da kommt man schon ganz gut zurecht“, erklärt er, wie auch das noch in den vollen Tagesplan reingequetscht wird, ohne dass spürbarer Stress aufkomme. Das Prinzip ist klar: Wer Sachen nicht ausprobiert, wird nie wissen können, ob sie klappen oder nicht. 15 Personen haben Lust ‚mitzumicheln‘ Im Hof selbst bauen sich Ute und Urs Fischbach für ihre kleine Familie eine Wohnung aus und für die Eltern von Ute Fischbach entsteht in dem großen Gebäude ein barrierefreies Appartement. Dann wäre da außerdem noch die Betreuung der 286 Gastlichkeit

 

 

 

Ansichtskarte des Michelhofs aus den 1980er-Jahren. Schon von 1299 an gab es an der Stelle des heutigen „Wilden Michel“ einen Bauernhof. 1802 fiel dieser jedoch ei- nem Feuer zum Opfer. Das staatliche Anwesen wurde ein Jahr später wieder aufgebaut – und zwar von dem Linacher Michael Grieshaber – „Michel“ genannt. Von nun an gab es in Linach einen „Michelhof“. dann kamen hier bis 1990 auch Schulklassen im Landschulheim unter. Vor dem Haus wurde der Zeltplatz und drinnen Studentenzimmer und Ferienwohnungen eingerichtet. Zur Michelhof-Geschichte 1814 wurde Georg Rießle als Besitzer ge- nannt. Damals zählte Linach 227 Seelen, die in 34 Häusern wohnten. Von 1930 an wurde das Anwesen mehrfach verkauft, der Hof wurde von Pächtern bewirt- schaftet. Rosine und Nikolaus Brenner, ein Ehepaar, das aus Donauschwaben stammte, kaufte den Michelhof im Jahr 1955 und ließ sich hier nie- der. Zuletzt bewirtschafteten ihr Sohn Horst und dessen Ehefrau Angelika seit 1976 das An- wesen. Sie legten den Fokus nicht auf die reine Landwirtschaft, sondern setzten andere Ideen um. Erst wurde der Hof als Pension geführt, 1979 eröffnete die Familie Brenner in dem Hof eine Gaststätte. Die urige Vesperstube ziert eine Kassettendecke mit 79 vom Linacher Uhren- schildmaler Karl Straub bemalten Kacheln – eine echte Rarität. Karl Straub zählte zu den letzten Uhrenschildmalern im Schwarzwald und hat hier seine ganze Motivvielfalt ver- ewigt, die man auch von seinen Uhrenschil- dern her kennt. Horst Brenner kam dann vor rund 20 Jah- ren bei einem Waldunfall ums Leben. Seine Witwe Angelika führte den Betrieb viele Jahre weitgehend alleine weiter. 2021 stand fest, dass der Hof altershalber verkauft wird. Zum Wilden Michel 287

 

 

 

Wir arbeiten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wunderschön. Ferienwohnungen im Haus und das Betreiben der Vesperstube: Alle Kuchen werden selbst gebacken, das Essen vom Speckvesper bis zum Eintopf wird frisch zubereitet. Fast alle auf dem Hof sind ausnahmslos keine gelernten Gastrofachleute, dafür aber umso euphorischere Autodidakten. Der Rest der recht großen Hausgemeinschaft hat sich übrigens ziemlich schnell gefunden: Eine sehr gute Freundin der Fischbachs entschloss sich kurzer- hand, im Betrieb mitzuarbeiten und im Haus mit ein- zuziehen, genau wie die Eltern von Ute Fischbach, die gerade ihren Ruhestand angetreten hatten. Von Juni bis Dezember 2021 fanden sich dann noch weitere Mitstreiter. „Innerhalb von sieben Monaten haben wir neun Umzüge gemeistert“, erinnert sich Urs Fisch- bach und grinst: Auch das haben sie alle gemeinsam geschafft. Mittlerweile wohnen 15 Personen in dem Haus, darunter eine Studentin und zwei Studenten, die im Hof jeweils ein kleines Appartement gemietet haben. Der Jüngste im Haus ist der kleine Oskar mit seinen drei Lenzen, der Älteste zählt 65 Jahre. Sieben der Hausbewohner gehören zum Kernteam im Be- trieb des „Wilden Michel”. Rasantes Internet „fernab der Welt“: Auf Starlink folgt Breitband Zwei, drei Mal in der Woche wird gemeinsam gekocht und wer Lust hat, kommt zum Essen und Plaudern am großen Tisch in der Stube zusammen. „Ich möch- te Leute hier haben, die Lust haben, ‚mitzumicheln‘, erklärt Urs Fischbach das einfache, aber wirkungsvol- le Prinzip. Für das Zusammenleben wurden ein paar Grundregeln aufgestellt, aber im Großen und Ganzen geht es doch recht locker und gelassen zu. Übrigens hat die Gemeinschaft auch noch ein paar tierische Mitbewohner: Drei Hunde und vier Katzen und ein paar fleißig Eier legende Hühner sollen auch noch dazukommen. Die wiederum brauchen zwar überhaupt kein Glasfaser-Internet, um ein glückliches Leben zu füh- ren. Die menschlichen Mitbewohner und die Gäste würden sich dann aber doch darüber freuen, schließ- lich leben sie hier zwar wie gesagt ziemlich ab vom Schuss, aber eben keinesfalls hinterm Mond. Gut al- so, dass im Linachtal nun das Breitband verlegt wur- de. Bis das so weit war, musste sich Urs Fischbach et- was anderes überlegen, denn für den Betrieb ist der Internetanschluss extrem wichtig. Ohne ihn wäre ein solches Unternehmen schlichtweg verloren. Was also tun? Kurzerhand wurde bei Elon Musk „gebucht“ und das Netz via Starlink anfangs aus dem Weltall geholt. Enormes Interesse der Medien: Schon mehrfach im Fernsehen Im Betrieb wird definitiv mit der Zeit und den mo- dernen Medien gegangen: Auch dieses Haus braucht Marketing und das klappt – versehen mit der wilden Michel-Marke passend zum aufgefrischten Schwarz- wald-Image generell – unter anderem bestens über Social Media wie Instagram und Facebook und über die eigene Webseite. Ein besonderer Ort in besonde- rem Umfeld – das kommt ganz offensichtlich bestens bei der Netzgemeinde an. Auch in anderen überregi- onalen Medien ist man auf das Schwarzwälder Pro- jekt aufmerksam geworden – im Magazin „Discover Germany“ konnte man eine Geschichte drüber lesen, auch das SWR-Fernsehen berichtete schon mehrfach über das Michel-Projekt und seine Macher, genau wie der Deutschlandfunk in einer eigenen Reportage. Das Team ist weiter voller Tatendrang. „Wir arbei- ten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wun- derschön“ – sagen die Fischbachs und bereuen ihren Schritt jedenfalls bislang kein winziges Bisschen. Sie wollen hier noch viel bewegen – und dabei das Motto nicht vergessen: Herzlich soll es sein. Und heimisch. Und wild halt. Ute und Urs Fischbach mit Sohn Oskar und einem Teil des Teams. Hinten links die Eltern der Gastwirtin, die im Wilden Michel ihren Alterssitz eingerichtet haben und sich vielfach für das Projekt engagieren. 288 Gastlichkeit

 

 

 

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Mit Herz und Hand – der Löwen in Brigachtal Die Gastwirtsfamilie Bertsche ver- spricht Gastlichkeit, die man fühlt und Qualität, die man schmeckt. Ihr Traditionsgasthaus Löwen in Brigachtal ist als vorzügliche kulinarische Adresse weithin be- kannt. Der Gasthof befindet sich in der bereits vierten Generation in Familien besitz und wurde vor kurzem umfassend saniert und er- weitert. Nicole und Rainer Bertsche freuen sich: „Das Zusammenspiel moderner Architektur mit unseren historischen Räumlichkeiten sorgt für ein einzigartiges Restaurant- erlebnis mit besonderem Flair.“ von Josef Vogt Das Gebäudetrio Löwen, Pfarrhaus und Kirche (oben, angeschnitten). Gut ersichtlich ist der neu gestaltete Außenbereich des Löwen.

 

 

 

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Familie Bertsche: Rainer und Nicole mit ihren Kindern Hannes und Leni. Zusammen mit der Kirche St. Martin und dem davor stehenden ausladenden Pfarrhaus bildet das Gasthaus Löwen ein Gebäudetrio, dem man schon von außen ansieht, dass es in enger geschichtlicher, aber auch funktionaler Sicht zu- sammengehören muss. Immer wieder wurde sogar behauptet, dass es im Mittelalter vom Löwen zum Pfarrhaus einen unterirdischen Gang gegeben hätte. Außen wie innen sieht man es dem Gasthaus an, dass es eine lange und entsprechend bedeutsame Geschichte vorzuweisen hat und dass sich hier schon viele Generationen an Wirtsleuten in den Dienst der Bewirtung der Einwohner rund um das Brigachtal sowie der Besucher und Durchreisenden gestellt haben. Eines gilt als sicher, der Löwen hatte im Mittel- alter die Funktion eines Kelmhofes, in dem die Ver- treter der Lehensgeber jährlich zusammenkamen, um die Zehnten für die jeweiligen geistlichen bzw. fürstlichen Herrscher über das Brigachtal abzuholen. Die erste urkundlich belegte Konzession für eine Realwirtschaft wurde für Josef Weißhaar von Fürst Joseph Wenzel zu Fürstenberg-Stühlingen im Jahr 1766 erteilt. Außerdem wurde dort von Zeit zu Zeit auch ein Gerichtstag abgehalten, bei dem Verträge geschlossen und Recht gesprochen wurde. Belegt ist weiter, dass in einem Stall Fuhrleute, die auf der so- genannten Sieben-Hügel-Straße, die auch am Löwen vorbei führte und ein Teilstück des Handelsweges von Frankfurt nach Schaffhausen war, ihre Gespanne wechselten und die Pferde unterbringen konnten. Zunächst Mitarbeiter beim Finanzamt Heute sind es die Wirtsleute Nicole und Rainer Bertsche, die sich zusammen mit zwölf festangestell- ten Mitarbeitern um das Wohl der Gäste kümmern, die größtenteils sowohl aus Brigachtal wie auch aus den umliegenden Städten und Ortschaften kommen. Dass Rainer Bertsche einmal Wirt des Löwen werden sollte, den sein Urgroßvater 1927 einem Vorbesit- Ein Gasthaus mit bedeutsamer Geschichte – seit fast 400 Jahren werden hier Einwohner und Reisende bewirtet. 292 Gastlichkeit

 

 

 

zer abkaufen konnte und den seine Mutter Brigitte Bertsche abgesehen von einer kürzeren Unterbre- chung von 1976 bis 2008 zusammen mit Ehemann Franz führte, war anfänglich nicht geplant. So ab- solvierte der heute 48-jährige Rainer zunächst eine Lehre als Finanzwirt beim Finanzamt. Neue Ausrichtung 1995 entdeckte Rainer Bertsche die Liebe zur professionellen Küche und ließ sich im Öschberghof zum Koch ausbilden. Danach ging er auf Wander- schaft durch verschiedene Häuser, um jenes Wissen und Können zu vertiefen, das einen erfolgreichen Gastwirt ausmacht. Mit der Prüfung zum Hotelbe- triebswirt an der Hotelfachschule Dortmund schloss er die Lehr- und Wanderjahre ab und kehrte nach Brigachtal in den elterlichen Betrieb zurück. Seine Frau Nicole, mit der er seit 2005 verhei- ratet ist und die heute die Rolle der Gastgeberin im Löwen ausübt, hatte zunächst keine klassische Aus- bildung in der Gastronomie. Nach ihrem Studium als Verwaltungsbetriebswirtin war sie mehr als 20 Jahre in der Finanz- und Personalverwaltung der Kur- und Bäder GmbH in Bad Dürrheim tätig. Das Bewirten von Menschen hat sie sich mehr beiläufig beige- bracht, da sie in ihrer Jugend regelmäßig in der Gast- wirtschaft ihrer Tante aushalf. Von dem Aufgabens- pektrum, die der Betrieb des Löwen bereit hält, ist sie für die Buchhaltung, die Organisation der Reservie- rungen und des Personaleinsatzes sowie für die Ko- ordination des Gästeservice zuständig. So kann sich ihr Mann Rainer voll auf die Planung der Angebote, das Kochen und das Catering konzentrieren. Große Investitionen in die Zukunft „Das Haus kann den Eigentümer nur ernähren, wenn auch dieser seinen Dienst am Haus tut“, diesen Leitspruch seiner Mutter, die fast 30 Jahre den Löwen mit ihrem Mann Franz führte, haben sich auch Rainer und Nicole Bertsche, die den Löwen in vierter Generation betreiben, zu eigen gemacht. So entschlossen sie sich 2018 das Gasthaus durch umfangreiche Umbaumaßnahmen zukunftsfähig zu machen. Dabei stellte sich die Aufgabe: Wie lässt sich ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude so umbauen, dass die Gästeräume barrierefrei Rainer Bertsche ist ausgebildeter Koch und vertiefte sein Wissen und Können in verschiedenen Restaurants, bevor er zum elterlichen Betrieb zurückkehrte. nutzbar, das Raumkonzept so flexibel gestaltbar ist, dass unterschiedliche Feiern störungsfrei nebeneinander stattfinden können und die Produktionsräume so gestaltet sind, dass das Personal dort in maximaler Effizienz aber gleichzeitig unter bestmöglichen Arbeitsbedingungen arbeiten kann? Die Herausforderung war dabei, dass die Forderungen der Denkmalschützer und die Auflagen für die zeitgemäße Betriebs- und Arbeitssicherheit zusammenpassen müssen. Dank der guten Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 293

 

 

 

Die neu geschaffene windgeschützte und bei Bedarf beheizbare Terrasse bietet rund 100 Plätze. Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt gelang es, neue technische Anforderungen und die bestehende Substanz gut miteinander zu verbinden. Der schützenswerte Charakter des historischen Löwen wurde beibehalten und das „Neue“ so integriert, dass es sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügte. Barrierefreiheit für die Gäste Nach rund zwei Jahren Umbau präsentiert sich die Küche mehr als doppelt so groß und mit modernster Technik ausgestattet. Deutlich vergrößern konnte man auch das Raumangebot im Innenbereich. Die größte Neuerung besteht darin, dass vor dem Gasthaus über 1.000 Kubikmeter Erdreich abgetra- gen und somit Platz für ein Nebengebäude geschaf- fen wurde. Auf dem Oberdeck des Anwesens befindet sich nun eine windgeschützte, gut zu beschattende und bei Bedarf beheizbare Terrasse mit rund 100 Plätzen. Durch den Einbau eines Personenaufzuges ist der Löwen auch für gehbehin- derte Gäste ohne Probleme zugänglich. Insgesamt wurden rund 2,1 Mill. in die Hand genommen. Damit dürfte der Löwen nun wieder auf längere Zeit den Herausforderungen einer zeitgemäßen Gastronomie entsprechen und vielleicht den beiden Kindern Leni und Hannes die Basis für eine weitere Wirte-Genera- tion sein. Die gastronomische Philosophie Seine Beliebtheit verdankt der Löwen sicher seiner auf den Gast ausgerichteten Grundphilosophie, die darin besteht, dass das Angebot die Bedürfnisse der Gäste aufgreift und eine verlässliche Qualität offeriert, die für eine gute Balance zwischen Preis und Leistung sorgt. Dazu setzt Küchenchef Rainer Bertsche auf Regionalität und Saisonalität bei Fisch, Wild, Schlachtfleisch, Geflügel, Obst und Gemüse, die er für die bekannten und bei den Gästen beliebten Speisen verwendet. Zu den Klassikern der Löwen- Speisekarte gehören seit vielen Jahren neben Wiener Schnitzel oder dem Brigachtaler Schlemmerteller auch das Schweinerückensteak nach Schwarzwälder Art sowie ein rosa gebratenes Hirschrücken steak mit einer Kruste aus Meerrettich und Preiselbeeren. Bei den Fischgerichten dominieren Gerichte mit Forelle, Saibling oder Zander. Aber auch haus gemachte Kartoffelgnocchi mit Ruccolapesto und Fetakäse oder eine der zahlreichen Nudelspezialitäten ergänzen das Angebot. Wem es nach Süßem ist kann beispielswei- se wählen zwischen Fünferlei Süßes im Mini-Weck- glas, Pannacotta auf Rhabarber-Erdbeer- Grütze mit 294 Gastlichkeit

 

 

 

Ein Großteil der Löwengäste sind Stammgäste. Im Löwen werden die Bedürfnisse der Gäste aufgegriffen und eine verlässliche Qualität offeriert. Baiser und Minzpesto, hausgemachter Crème Brûlée mit paniertem Vanilleeis oder Mousse variation von heller und dunkler Schokolade. Dass ein Großteil der Löwengäste Stammgäs- te sind, die im Regelfall mindestens vier Mal im Jahr einen Tisch buchen, bestätigt die Richtig keit des Angebotes. Nach wie vor ein Renner sind die „Schlemmer“- Büffets, die im Herbst zur Schlachtzeit, im Frühjahr zur Spargel- und Erdbeerzeit und im Sommer mit mediterranen Pastaspezialitäten ange- boten werden und in aller Regel schnell ausgebucht sind. Natürlich versucht der vorausschauende Küchen- chef Bertsche auch die Wünsche der Gäste nach be- sonderen Ernährungsformen aufzugreifen und in sein Angebot zu integrieren. So haben vegane und vegeta- rische Gerichte schon seit längerer Zeit einen festen Platz auf der Speisekarte und sind durch eine entspre- chende Kennzeichnung auch leicht zu erkennen. Löwen-Catering ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept Auf den Stationen seiner beruflichen Aus- und Weiterbildung zum Koch kam Rainer Bertsche auch in Betriebe, die sich auf den „Service außer Haus“ spezialisiert hatten und lernte das dazu notwendige Know-how. Nachdem er wieder in den Löwen zurückgekehrt war, kaufte er sich eine professionelle Nudelmaschine und produzierte damit zunächst verschiedene Sorten Teigwaren, mit denen er das Angebot im Löwen bereicherte. Aus den zaghaften Versuchen mit Pasta-Büffets mit mehreren Soßen, die er zu verschiedenen Anlässen außerhalb des Löwen lieferte, entwickelte sich bald eine rege Nachfrage, die mehr und mehr das Angebot im Restaurant ergänzten. Heute hat sich das Löwen- Catering zu einem festen und einträglichen Stand- bein im gastronomischen Portfolio entwickelt und macht inzwischen etwa die Hälfte des Geschäfts- volumens aus. Bewirtung der Donauhallen, des Rottweiler Kraftwerkes – von Ton- und Neckarhalle Neben der Belieferung und Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events, die in unterschiedlichen Lokalitäten der Auftraggeber ausgeführt werden, Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 295

 

 

 

Die Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept. „Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat.“ gehören auch immer mehr solche dazu, die bei be- stimmten Anlässen nach vertraglichen Bedingungen die Bewirtung der Besucher gewährleisten. So be- wirtet das Löwen-Catering-Team die Donauhallen in Donaueschingen, das Kraftwerk in Rottweil sowie die Ton- und die Neckarhalle in Villingen und Schwen- ningen. Wer in der Gastronomie erfolgreich sein will, braucht nicht nur ein gefragtes Angebot. Noch wichtiger ist ein motivierter Mitarbeiterstamm, der das Arbeiten mit dem Gast gerne annimmt, so die Personalchefin Nicole Bertsche. Es ist nicht leicht, Mitarbeiter für die Gastronomie zu gewinnen, da naturgemäß die Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende anfallen. Umso wichtiger sei es, dass die Mitarbeiter, die in der Gastronomie tätig sind durch möglichst gute Bedingungen bei der Stange gehalten werden, so die Chefin weiter. Frägt man die Mitarbeiter nach diesen Bedingungen, dann ant- worten diese fast unisono: Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat. Außerdem werden alle Arbeitszei- ten, die über die Regelarbeitszeit hinausgehen als Überstunden entweder durch Freizeit oder Entgelt ausgeglichen. Wichtig für die Mitarbeiter ist jedoch auch, dass ihnen Freiräume zugestanden werden. Der Löwen ist eine Herzensangelegenheit Man merkt es im Gespräch und beim Rundgang durch die Räume, dass der Löwen nicht nur ein gastrono- misches Projekt, sondern eine Herzensangelegenheit von Nicole und Rainer Bertsche ist, das sie mit viel Engagement betreiben und auf Erfolgskurs halten wollen. Dazu ist ihnen wichtig, dass sie mit ihrem Speisen- und Getränkeangebot, das aus traditionellen Gerichten der gehobenen badischen Küche – er- gänzt mit leichten, mediterranen Speisen und einem vielfältigen, regional ausgerichteten Getränkeange- bot – den Geschmack der Gäste treffen. Dabei kommt ihnen zur Hilfe, dass sie durch gute Mitarbeiter einen überdurchschnittlichen Service für die Gäste bieten können, die im Löwen ein Fest oder einfach nur so einen schönen Tag feiern wollen. Der Löwen ist und bleibt ein Genussort mit langer Tradition. Das historisch-moderne Ambiente des Innenraums lädt zum Verweilen ein. Unten: Gasthaus Löwen bei Nacht. 296 Gastlichkeit

 

 

 

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Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Landesbauerntag in St. Georgen Bauern und Politik demonstrieren Einigkeit Hohen Besuch hatte aus Anlass des Landesbauerntages des BLHV am 25. September die Stadt St. Geor- gen: All jene, die sich üblicherweise mit Inbrunst beharken – Politik, Bauern, Umweltschützer und Verbände – demonstrierten bei dieser Veranstaltung in der Stadt – halle der Bergstadt vor allem eines: Einigkeit. Für die großen Probleme unserer Zeit, wie die sich abzeich- nende Versorgungskrise, die Nachhaltigkeit oder der Umwelt- und Tierschutz, wolle man „aktiv Lösungen aufzeigen“, sagte Bernhard Bolkart, der seit knapp einem Jahr Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptver- Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit den Landfrauen von St. Georgen. bands (BLHV) ist, in seiner ersten Grundsatzrede. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) machte den Landwirten Hoffnung, „aus einer längeren Dauerkonfron- tation“ bei manchen Themen herauszukommen. Viel Lob gab es für die Landfrau- en von St. Georgen, auch durch den Ministerpräsidenten. „Wir Landfrau- en sind die Frauen vom Land. Das heißt nicht, dass bei uns nur Frauen Mitglied sein können, die eine eigene Landwirtschaft haben“, informierte Renate Schreiber. Sie gehört zum Dreier-Vorstandsteam der Landfrauen. Aktuell betreibt nur etwa ein Drittel der 62 Mitglieder Landwirtschaft. Groß ist auch das gemeinnützige Engagement, denn auf die Landfrauen ist stets Verlass, so Winfried Kretschmann. An Lebensretter Jürgen Hermann Bayern verleiht Christopherus- Medaille Jürgen Hermann aus St. Georgen konnte im September 2022 von Ministerpräsident Markus Söder die Christophorus-Medaille in Verbin- dung mit einer öffentlichen Belobigung entgegennehmen. Es ist der Dank für sein schnelles Eingreifen, mit dem er am Münch- ner Hauptbahnhof eine Rollstuhl- fahrerin aus einer vermutlich lebens be drohlichen Situation rettete. Der 37 Jahre alte Mechani- ker war im August 2021 mit seiner Familie in München, als er am Hauptbahnhof den Sturz der Rollstuhlfahrerin ins Gleis verhin- derte. Diese wollte in eine S-Bahn einsteigen, scheiterte jedoch und blieb am Bahnhof zurück. Als der Zug losfuhr, geriet ein Rad des Rollstuhls zwischen Bahnsteig und Zug – die Bahn schrammte in voller Länge an der feststeckenden Rollstuhlfahrerin vorbei. In dem Moment, in dem sich der Rollstuhl vom Zug löste, ergriff Hermann dessen Handlauf und zog die Frau zurück auf den Bahnsteig. Jürgen Hermann erhielt von Minister- präsident Söder für seine Lebensret- tungsaktion die Christopherus-Medaille. 298 Magazin

 

 

 

57 Tage im Wasser: Andreas Fath schwimmt 2.700 Donau-Kilometer Tag für Tag näherte er sich seit dem 19. April 2022 schwimmend seinem Ziel, dem Schwarzen Meer, das er am 17. Juni 2022 auch erreichte: Prof. Dr. Andreas Fath schwamm 2.700 Kilometer für eine plastikfreie und saubere Donau. Der Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen bewältigte insgesamt 57 Schwimmtage mit 40 bis 60 Kilometer Strecke. Meist teilte sich Andreas Fath die Tage in drei Etappen ein, eine am Vormittag und zwei am Nachmittag. Dazwi- schen hielt er sich an Bord des Begleitschiffes MS Marbach auf, das als schwimmendes Labor und Hotel für das Begleitteam diente. Der Schwimm-Marathon der ganz besonderen Art begann in Süddeutschland und führte dann durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Serbien, Rumänien und Bulgarien. Die Prof. Dr. Andreas Fath beim Projekt- start an der Donauquelle in Furtwangen Donau fließt durch die Hauptstädte Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad, der Fluss verbindet Staaten. Hier treffen nationale Regelungen aufeinander, die auch im Flusswasser ablesbar sind. „In Belgrad war das Wasser so schmut- zig, dass ich im Stadtgebiet nicht geschwommen bin, sondern an Bord unseres Begleitschiffes war“, berichtet Andreas Fath. Die Millionenstadt Belgrad leitet ungeklärtes Abwasser in den Fluss. Das stundenlange Schwimmen ist anstrengend, aber nur Mittel zum Zweck. Ziel ist die Aufmerksamkeit in den Donauanrainerländern für den Umweltschutz zu erhöhen. „Der Bau von Kläranlagen, das Recycling von Plastikmüll, das sind Themen, die in manchen Ländern noch nicht weit vorangetrieben wurden“, sagt Fath. „Darauf möchten wir mit der Schwimm- Aktion aufmerksam machen.“ Das Interesse der Medien am schwimmenden Professor war sehr groß, heißt es in einer Mitteilung der Furtwangen University weiter. Auch Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker schwamm in Ulm mit Andreas Fath in der Donau, Sloweniens Umwelt- minister Jan Budaj hieß ihn in Bratis lava willkommen. Auch Fernsehauftritte gab es. Weitere Sichtungen Der Wolf ist im Landkreis mehrfach bestätigt Es hat an Weihnachten 2017 mit der Sichtung eines Wolfes an der Landstraße in Hammereisenbach begonnen, mittlerweile sind Wolfsichtungen im Schwarzwald und Schwarzwald-Baar-Kreis keine Besonderheit mehr. Erstmals allerdings belegte ein gerissenes Kalb in Vöhrenbach, dass Wölfe im Landkreis unterwegs sind. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein Wolf im August des Jahres das Kalb angegriffen hat, heißt es dazu aus dem Umweltministerium des Landes Baden-Württemberg. Wolfssichtungen gab es im Jahr 2022 in unserer näheren Umge- bung zudem in Simonswald, Schonach, Schönwald und Eisen- bach. Sowohl für Vöhrenbach als auch Simonswald wurde ein Wolf der Alpenpopulation oder italieni- sche Population genetisch nachgewiesen. Meist gelingt die Sichtung der scheuen Tiere jedoch nur über Fotos, die Wildkameras aufnehmen. Erik Pauly erreicht 98 Prozent der Stimmen Mit 98,2 Prozent der Stimmen wurden Erik Pauly im De zember 2021 im Amt des Oberbürgermeis- ters von Donau- eschingen bestätigt. In Corona- Zeiten lag die Wahlbeteili- gung bei 25 Prozent. Erik Pauly tritt damit seine zweite Amtszeit an, Oberbürgermeister von Donau- eschingen ist er seit 2014. Magazin 299

 

 

 

Kreisübergreifender Großeinsatz Katastrophenschutz- Übung an der Linachtalsperre Rund 250 Einsatzkräfte der Feuerweh- ren, des DRK, des Malteser Hilfsdiens- tes und des THW aus den Kreisen Freiburg, Konstanz, Schwarzwald-Baar und Waldshut haben am Samstag, den 15. Oktober an einer Katastrophen- schutzübung an der Linachtalsperre in Vöhrenbach teilgenommen. Koordi- niert wurde die kreisübergreifende Übung vom Regierungspräsidium Freiburg (RP) als höhere Katastrophen- schutzbehörde gemeinsam mit dem Landratsamt des Schwarzwald- Baar- Kreises als untere Katastrophenschutz- behörde. Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und der Erste Landes- beamte des Landratsamts Schwarz- wald-Baar-Kreis, Martin Seuffert, machten sich vor Ort ein Bild von der Zusammenarbeit der Einsatzkräfte. Beeindruckt von Professionalität Regierungspräsidentin Schäfer zeigte sich beeindruckt von der hohen Professionalität der Einsatzkräfte: „Für schnelle und effiziente Hilfe bei großen Schadensereignissen ist eine solide Planung des überörtlichen Einsatzes von Einheiten des Katastro- phenschutzes unabdingbar. Die heutige Übung hat gezeigt, dass das Konzept der kreisübergreifenden Hilfeleistung des Regierungspräsidi- ums praxistauglich ist und zur Bewältigung einer solchen Lage beiträgt.“ Schäfer bedankte sich bei allen Ehrenamtlichen des Katastro- phenschutzes für ihren Einsatz für die Sicherheit der Gesellschaft. Martin Seuffert hob hervor, wie wichtig diese kreisübergreifende Katastrophenschutzübung für die 300 Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (Mitte) informierte sich vor Ort zum Hin- tergrund der Großübung. Links Grünen-Landtagsabgeordnete und Linacherin Martina Braun, hinten der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. Magazin

 

 

 

Von oben links: Rettung von Verletzten nach einer angenommenen Explosi- on, Blick in die Einsatzzentrale, Aufbau einer Notwasserversorgung und der Behandlungsplatz für die Versorgung von „Verletzten“ am Fuß der Talsperre. Blaulichtfamilie zum jetzigen Zeit- punkt war: „Vor allem die Zeit während der Corona-Pandemie stellte unsere Einsatzkräfte vor eine große Herausforderung. Übungen waren in dieser Form nicht möglich. Jetzt wieder nach langer Zeit die Gelegen- heit zu haben, sich bei einer Übung, die sogar kreisübergreifend organisiert wurde, abzustimmen, war sehr wertvoll.“ „Wassermangel und Explosion“ Dem Drehbuch der Übung zufolge hatte eine lang anhaltende Trocken- heit zu einem Mangel an Brauchwas- ser geführt. In der Folge drohte auf Bauernhöfen Vieh zu verdursten. Gleichzeitig kam es auf einer Veran- staltung bei der Linachtalsperre zu einer Explosion mit mehreren Verletzten. Aufgrund des lang anhaltenden Einsatzes kamen die örtlichen Einsatzkräfte des Schwarz- wald-Baar-Kreises technisch und personell an ihre Grenzen. Deshalb war schnelle und strukturierte Unterstützung aus anderen Landkrei- sen notwendig. (Quelle: Pressetext Regierungspräsidium Freiburg) Magazin 301

 

 

 

Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 30.06.2021 30.06.2022 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bad Dürrheim St. Georgen Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Königsfeld Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Dauchingen Vöhrenbach Tuningen Mönchweiler Unterkirnach Schönwald Gütenbach 87.571 22.468 13.636 13.047 10.193 8.973 7.998 6.081 6.054 5.985 5.170 4.700 4.009 3.888 3.708 3.164 3.016 2.643 2.613 1.141 86.099 22.138 13.404 13.016 10.123 8.890 7.890 5.977 5.942 5.927 5.165 4.715 4.003 3.829 3.761 3.054 2.958 2.584 2.534 1.131 1.472 330 232 31 70 83 108 104 112 58 5 -15 6 59 -53 110 58 59 79 10 2.945 1,68 1,47 1,70 0,24 0,69 0,92 1,35 1,71 1,85 0,97 0,10 -0,32 0,15 1,52 -1,43 3,48 1,92 2,23 3,02 0,88 1,36 Kreisbevölkerung insgesamt 216.085 213.140 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2022 30.06.2021 30.06.2020 3,6 % 3,9 % 4,7 % 3,5 % 3,9 % 4,4 % 5,2 % 5,7 % 6,2 % Quelle: Agentur für Arbeit Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland wurde im Juni 2022 ausgezeichnet: Christa Gisela Lörcher (Villingen-Schwenningen) Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2022 ausgezeichnet: Dieter Löffelhardt (Brigachtal), Horst Hettich (Furtwangen), Egon Bäurer (Hüfingen), Jürgen Gampp, Hans Wolfgang Henschke, Manfred Herzner, Matthias King, Irmgard Liebert und Ulrike Lichte (alle Villingen-Schwenningen) 302

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dilger, Gerhard, 78120 Furtwangen Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Flöß, Andreas, 78050 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Karger, Klaus Peter, 78050 Villingen-Schwenningen Köhler, Ursula, 78050 Villingen-Schwenningen Maier, Dagobert, 78199 Bräunlingen Möller, Bernd, 78126 Buchenberg Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen Tritschler, Edgar H., 78048 Villingen-Schwenningen Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Vogt, Josef, 78086 Brigachtal Bildnachweis Almanach 2023 Titelseite: Daniela Maier, Skicrosserin aus Furtwangen, mit ihrer Bronzemedaille der Olympischen Spiele 2022. Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Rückseite: Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Soweit die Foto gra fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bild autoren/Bildleih geber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2-3, 9-21, 30-31, 33, 50-73, 75-79, 80 ob., 81-91, 120, 124, 126, 132, 135, 180 mi., 181, 192 u., 207 re. u., 210, 211, 213, 215, 226-231, 235 ob., 236 ob., 236 u., 237, 239 ob., 240-242; Marc Eich, Villingen-Schwenningen: 23, 25, 27, 29, 112, 114 ob., 115 ob., 117 ob., 118 ob., 119, 246, 250, 251 u., 253 ob. l.,; Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis: 24; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 32 ob., 36 u.r., 102-107, 108 r., 109-111, 291, 293 u., 295; Andreas Flöß, Villingen-Schwennin- gen: 32 u., 34-36, 37; 38 ob.; Katja Wickert, Niedereschach: 38 u., 39-41; Tobias Fröhner, Göppingen: 42; Luisenklinik, Bad Dürrheim: 45, 48; Wilfried Strohmeier, Bad Dürrheim: 46-47, Reha klinik Katharinenhöhe, Furtwangen: 49; Erich Marek, VS-Schwenningen: 62 u., 66 u. li., 70; Sammy Minkoff, Eching: 74; Nikolaus Arnold, Triberg: 80 u.; Michael Stifter, Vöhrenbach: 92-94, 96-101, 140-143, 148-149, 158-159, 163 u., 165, 167, 168-179, 180 ob., 278-280, 283 ob. li., 284 ob. re., 285 ob. li.; Patrick Bäurer, Hondingen: 108 li.; Selina Haas, Schonach: 114 u.; 117 u.; 118 u.; imago images/ GEPA pictures, Berlin: 122, 127, 129; Ski-Club Urach: 125; Roland Sprich, St. Georgen: 131, 134, 144, 152, 154-155, 298 ob., 299 ob., 300/301; Réne Lamb, Radolfzell: 136; Martin Granacher, Weilheim: 137-138; Nik van Veenen daal, Waldkirch: 139; Doniswald-Klinik, Königsfeld: 145-147; Hezel GmbH, Mönchweiler: 150-151, 153, 156-157; Wilhelm Stark Baustoffe GmbH, Villingen: 160-162, 163 ob., 164, 166; EGT Unternehmensgruppe, Triberg: 182-192 ob., 193-199; Ralf Brunner, Hamburg: 200, 206 ob.; FF-Archiv, Donaueschin- gen: 202-203, 207 li. u., 209; Andreas Wilts, Hüfingen: 204; Silvia Binninger, Donau eschingen: 205; Roland Sigwart, Hüfingen: 206 u., 218; Günter Ludwig, Königsfeld: 208; Studio Fräulein Graf, Donaueschingen: 216, 225; Frank Kleinbach, Stuttgart: 219, 224; Museum Art.Plus, Donau- eschingen: 220; Bernhard Strauss, Freiburg: 222-223; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 232-234, 235 u., 236 mi., 239 u.; Gerhard Dilger, Furtwangen: 243-245, 251 ob., 252, 255; Bergwacht Furtwangen: 248-249, 253 ob. r., 254; Archiv dold.verlag, Vöhrenbach: 249, 287; Dagobert Maier, Bräunlingen: 256-263; Nico Pudimat, Rottweil: 264-267, 269-273; Die Burg, Aasen: 268; Dome Der Grosse Fotografie, Berlin: 276-277; Daniela Schneider, Triberg: 281, 284 ob. li., 286 ob., 286 mi.; Zum Wilden Michel, Furtwangen: 282, 283 ob. re., 285 ob. re., 286 u., 289; Josef Vogt, Brigachtal: 292 ob.; Löwen, Brigachtal: 292 u., 293 ob., 294, 296-297; Freiwillige Feuerwehr Vöhrenbach: 301 ob. r. 303

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2023 BAUUNTERNEHMUNG VENTILATOREN Weißer + Grießhaber GmbH Vier weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. S Sparkasse Schwarzwald-Baar 304

 

 

 

„An der Brigach“ Neues Verwaltungsgebäude des Landratsamtes 8

 

 

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›› Jahrbuch 2021 – Inhaltsübersicht

2 Impressum
8 Miteinander, füreinander – ein Jahr großer Herausforderungen
Sven Hinterseh

1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen

10 Ovationen zur Wiederwahl – Mutig unsere Zukunft gestalten!
Wilfried Dold
24 Joachim Gwinner – Sich stets als Anwalt der Bürger verstanden
Wilfried Dold
32 Professor Dr. Ulrich Fink – Medizinische Versorgung im Landkreis gebündelt
Hans-Jürgen Eisenmann

2. Kapitel / Corona – Stenogramm einer Pandemie

42 Corona-Situation spitzt sich zu
44 Tage weit weg von normaler Arbeit
Nathalie Göbel
52 Stenogramm eines Lockdowns
Wilfried Dold
66 Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer
Nathalie Göbel
74 Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie?
Roland Sprich und Wilfried Dold

3. Kapitel / Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

82 Die Entwicklung des Radwegenetzes im Schwarzwald-Baar-Kreis
Simone Neß
88 Brigach und Breg bringen die Donau zuweg: Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach
Wilfried Dold
102 Der Schellenberg-Trail
Silvia Binninger
110 Der jungen Donau entlang
Rudolf Reim
122 Von Villingen zum Nikolauskirchle
Birgit Heinig
132 Den Neckar entlang ins Neckartäle 
Michael Kienzler

4. Kapitel / Städte und Gemeinden

146 Der neu angelegte Kurpark – lebendige, vielgestaltige Mitte des Skidorfs Schonach
Claudius Eberl

5. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

154 Das Haus Eschle in Schönwald
Marc Eich
164 Andrea Pfrengle
Marc Eich
172 Zappel-Philipp
Birgit Heinig
178 Simone Puchinger
Gerhard Dilger
186 Bernhard Gail
Tanja Bury
194 Melanie Reischl
Marc Eich
200 <class=“autor“>Bianca Purath
Silvia Binninger</class=“autor“>

6. Kapitel / Wirtschaft

206 „Sicher. Sauber. ALPRO“
Eric Zerm
214 Maschinenring – Mit einem Rübenernter fing alles an
Roland Sprich
222 Nastrovje Potsdam – Das Kultlabel aus dem Schwarzwald
Simone Neß
232 Brennerei Mack – „Wasser des Lebens“ aus den Gütenbacher Highlands
Roland Sprich

7. Kapitel / Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

240 Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste…
Dieter Wacker

8. Kapitel / Kunst und Kultur

258 Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst 
Barbara Dickmann
264 Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen
Barbara Dickmann

9. Kapitel / Gastlichkeit

272 Orient trifft Okzident – Restaurant Felsen in VS-Schwenningen
Eric Zerm

10. Kapitel / Natur und Umwelt

278 Im Gespräch mit zwei Höhlenbrüter-Experten
Wolf Hockenjos
288 Wie sieht der Wald der Zukunft aus ? Waldzustand nach Sturm Sabine und Borkenkäfer
Dr. Frieder Dinkelaker
298 Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne
Wolf Hockenjos
302 Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut
Tanja Bury

Anhang

316 Almanach-Magazin
319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis
320 Ehrenliste der Freunde und Förderer

 

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