SucheDebug – Almanach SBK https://almanach-sbk.de Thu, 26 Mar 2026 17:53:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 Almanach 2026 https://almanach-sbk.de/almanach-2026/ https://almanach-sbk.de/almanach-2026/#respond Thu, 11 Dec 2025 15:31:33 +0000 https://almanach-sbk.de/?p=2139 Schwarzwald-Baar-Buch

Almanach 2026

50. Folge

OUELLENLAND
SCHWARZWALD-
BAAR KREIS

Zum Geleit

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesem Jahr feiert das „Gedächtnis“ unseres Landkreises
ein besonderes Jubiläum: Der Almanach –
unser Schwarzwald-Baar-Buch – erscheint bereits in
seiner 50. Auflage. Seit einem halben Jahrhundert
dient dieses Jahrbuch als Brücke zwischen Vergangenheit
und Gegenwart, als treuer Begleiter durch
die vielfältigen Facetten unserer Region.
Der Almanach hat sich über die Jahrzehnte hinweg
der Zeit angepasst: er ist bunter, größer, umfangreicher
geworden. Umfasste die erste Ausgabe 1977
gerade einmal 64 Seiten, sind wir heute bei einer
Größenordnung von rund 300 Seiten angekommen –
darunter zahlreiche großartige Illustrationen, die die
Besonderheiten der vorgestellten Menschen und die
Schönheit sowie Einzigartigkeit unserer Landschaft
noch einmal besonders unterstreichen.
In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich
auch die Welt um uns herum drastisch verändert.
Globalisierung, Digitalisierung und zuletzt eine
weltweite Pandemie haben unsere Lebensweise
grundlegend beeinflusst. Gerade in diesen Zeiten des
Wandels und der Unsicherheit gewinnt der Begriff
„Heimat“ eine neue, tiefere Bedeutung. Er steht für
Verwurzelung, Identität und Zusammenhalt in einer
zunehmend komplexen Welt. Wie wir unsere Heimat
erleben, hängt wesentlich auch von wirtschaftlichen
Entwicklungen, (kreis-)politischen Entscheidungen,
dem kulturellen und sportlichen Angebot sowie dem
sozialen Klima ab. Nur das gemeinsam Erlebte und
das Verständnis füreinander schaffen auf Dauer ein
Gefühl der Zusammengehörigkeit und damit Heimatbewusstsein.
Gleichzeitig sehen wir uns mit globalen Herausforderungen
wie dem Klimawandel und geopolitischen
Spannungen konfrontiert. Diese Themen
machen auch vor unserem Schwarzwald-Baar-Kreis
nicht Halt und finden daher auch immer wieder Eingang
in unseren Almanach. Wir möchten nicht nur
die Schönheit und Tradition unserer Region darstellen,
sondern auch aufzeigen, wie eine nachhaltige
und lebenswerte Zukunft gestaltet werden kann.
Das Schwarzwald-Baar-Buch bietet auch in diesem
besonderen Jubiläumsjahr einen umfassenden Überblick
über das vielfältige Leben in unserem Kreis.
Es spiegelt die Entwicklungen in Wirtschaft, Politik,
Kultur und Gesellschaft wider und zeigt, wie unsere
Region und die Menschen, die darin leben, sich den
Herausforderungen der Zeit stellen.
Mein besonderer Dank gilt allen Autoren und
Fotografen, die mit ihren Beiträgen dieses Jahrbuch
bereichern. Ebenso danke ich den loyalen Unterstützern
und Sponsoren, ohne die diese Jubiläumsausgabe
nicht möglich gewesen wäre. Nicht zuletzt gilt
mein Dank dem dold.verlag aus Vöhrenbach mit Wilfried
Dold an der Spitze, der beim Almanach bereits
seit 30 Jahren als redaktioneller Leiter und seit der
bereits vierten Ausgabe ebenso regelmäßig als Autor
fungiert.
Wie wertvoll Heimat und Zusammenhalt sind,
wird uns in Zeiten globaler Krisen besonders bewusst.
Möge der Almanach weiterhin dazu beitragen,
das Bewusstsein für unsere regionale Identität
zu stärken und gleichzeitig den Blick für die Zusammenhänge
zu schärfen. Ich lade Sie herzlich ein, mit
dieser 50. Jubiläumsausgabe auf eine Reise durch
die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres
Schwarzwald-Baar-Kreises zu gehen. Möge dieses
Jahrbuch Ihnen Inspiration und Verbundenheit
schenken und das Interesse an unserer Region weiter
wachhalten.
Abschließend möchte ich meine aufrichtige
Dankbarkeit gegenüber Ihnen, unseren geschätzten
Leserinnen und Lesern des Almanach 2026 zum
Ausdruck bringen. Ihre anhaltende Loyalität und
Ihr Vertrauen, das uns einige von Ihnen bereits seit
einem halben Jahrhundert entgegenbringen, erfüllt
uns mit tiefer Wertschätzung. Es ist mein aufrichtiger
Wunsch, dass Sie beim Durchblättern und Lesen
unseres Schwarzwald-Baar-Buches viel Vergnügen
und Inspiration finden.

Sven Hinterseh, Landrat

50 Jahre Almanach

Ein Herz für das Herzland – auf der Schwanenbacher Höhe bei Vöhrenbach.

10

Frühjahr an der jungen Breg im Katzensteig bei Furtwangen.

12

Sommer am Riedsee bei Hüfingen.

14

Sonnenaufgang bei Herzogenweiler an der Kreisstraße 5734.

16

Herbst bei Wolterdingen.

18

Wintermorgen an der Donau bei Neudingen.

20

1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

IM GESPRÄCH MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH

Miteinander die
Handlungsschwerpunkte
definieren

Die aktuelle Kreispolitik steht vor gewaltigen Herausforderungen
Ein Jahrbuch als Klammer für den Schwarzwald-Baar-Kreis – drei Landräte, ein Jahrbuch. Das Foto entstand aus Anlass des
40-jährigen Bestehens des Almanachs 2013 auf dem Rohrhardsberg, dem höchsten Punkt des Kreises. Es zeigt v. links:
Almanach-Initiator
Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Sven Hinterseh und sein Vorgänger im Amt, Landrat Karl Heim.

Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 21
Der Almanach feiert 2026 seine 50. Ausgabe. Ein Jahrbuch,
das jährlich erscheint und auf vielfältige Art und
Weise den Landkreis begleitet. Weshalb war und ist der
Almanach für den Landkreis wichtig und was verbinden
Sie mit diesem Buch?

Es freut mich natürlich sehr, dass es uns gelungen
ist, gemeinsam mit dem Dold-Verlag aus Vöhrenbach
den Almanach jetzt zum 50. Mal in Folge herausgeben
zu können. Dank gilt dabei vor allem unseren
zahlreichen Unterstützern, angefangen bei den
engagierten Autoren und Fotografen und unseren
großzügigen Sponsoren. 50 Jahre – das ist schon
eine Erfolgsgeschichte. 50 Jahre – das ist auch ein
Anlass, um auf die Entstehung zurückzublicken.
Als Dr. Rainer Gutknecht als erster Landrat des
Schwarzwald-Baar-Kreises erkannte, wie wichtig es
ist, dass die Altkreise Donaueschingen und Villingen
in dem neu gegründeten Landkreis zusammenwachsen,
entwickelte er die Idee eines Jahrbuchs. Über
die Jahre wurde der Almanach zu einem wichtigen
Baustein, der zur Identität mit unserem Schwarzwald-
Baar-Kreis beiträgt.

Es sind vor allem die Geschichten von Menschen
aus unserer Heimat, die das Jahrbuch auszeichnen.
Der Almanach wurde im Laufe der Zeit zu unserem
Gedächtnis des Landkreises. Über fünf Jahrzehnte
begleitet uns dieses Buch nun schon und hat somit
ein großes Stück der Geschichte unseres Schwarzwald-
Baar-Kreises festgehalten. Vor diesem Hintergrund
ist es leicht verständlich, dass der Almanach als
Nachschlagewerk sehr gefragt ist.

Ich persönlich verbinde mit dem Almanach wertvolle
Begegnungen mit Menschen, die alle dazu
beitragen, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis ein großartiger
Lebensraum, unsere Heimat, ist. Welch großes
Geschenk es ist, eine Heimat – also einen Ort, mit
identitätsstiftender Kraft, an dem man Sicherheit und
Verlässlichkeit erfahren darf – zu haben, sieht man in
den letzten Jahren immer häufiger an den zahlreichen
Menschen, die weltweit gezwungen sind, ihre Heimat
zu verlassen und sich auf der Flucht befinden.

Der 11. Kreistag ist nun bereits seit rund einem Jahr
im Amt. Hat sich das Gremium gut in die zahlreichen
Themen eingefunden und was sind die prägendsten
Aufgaben in den nächsten Monaten?

Der Almanach ist quasi das
kollektive Gedächtnis unseres
Landkreises, so dass er gerne
als Nachschlagewerk genutzt
wird. Ich verbinde mit ihm
auch wertvolle Begegnungen
mit Menschen.

Nach der konstituierenden Sitzung des neu gewählten
Kreistags am 22. Juli 2024 haben wir uns an
einem Wochenende im darauffolgenden Herbst Zeit
genommen, um einen Auftakt für die Kreisrätinnen
und Kreisräte zu schaffen. Bei der Klausurtagung
standen vor allem der Austausch, beziehungsweise
das gegenseitige Kennenlernen sowie der Überblick
über die zahlreichen Aufgabenbereiche des Schwarzwald-
Baar-Kreises und die verschiedenen Themen
des Kreistages im Mittelpunkt. Außerdem war zu
diesem Zeitpunkt schon zu erkennen, dass sich die
finanzielle Situation der Landkreise und Kommunen
in den kommenden Jahren rapide verschlechtern
wird, was wir ebenfalls thematisiert haben. Insgesamt
finde ich, dass wir die Arbeit sehr gut begonnen
haben.

Der Kreistag ist das Hauptorgan des Landkreises
und nimmt deshalb die bedeutende Stellung ein,
wenn es um wichtige Zukunftsentscheidungen für
unseren Landkreis geht. Hier wird entschieden, wo
und wie investiert wird. Hier werden die Weichen
dafür gestellt, wie wir im Schwarzwald-Baar-Kreis
auf die herausfordernden sozialen Fragen antworten,
wie wir die Daseinsvorsorge wie beispielsweise die
Gesundheitsversorgung aufrechterhalten können,
wie die Infrastruktur instandgehalten werden kann.
Das sind spannende Aufgaben und es macht Freude,
sich dafür einzusetzen, den Schwarzwald-Baar-Kreis
weiter zu entwickeln und weiter voranzubringen.
Dennoch sehe ich, dass dieser 11. Kreistag sich
vor Herausforderungen sieht, wie wohl kein anderer
zuvor. Die Rahmenbedingungen haben sich verschärft.

Die wirtschaftlichen Probleme sind massiv
und die haushalterische Lage unserer Kreisfinanzen
spitzt sich zu. Das wirkt sich natürlich auch auf das
Gremium aus, denn es geht in dieser Zeit vor allem
um Entscheidungen, die auch weh tun werden. Es ist
angezeigt, dass sich der Landkreis einer Aufgabenkritik
stellt. Wichtig ist, dass dabei die Verwaltung
und das Gremium vertrauensvoll zusammenarbeiten,
um den Landkreis durch diese schwierigen Zeiten zu
steuern.

Sie sagen, die wirtschaftlichen Probleme sind massiv.
Wie bekommt das der Schwarzwald-Baar-Kreis zu
spüren?

Die Auswirkungen der aktuellen Finanzlage spüren
derzeit bundesweit alle Kommunen und Landkreise.
Wir sind da nicht alleine. Unsere Lage ist die,
dass die Sozialausgaben weiterhin steigen, der
Wirtschaftsmotor hörbar stottert – auch bei uns
hier in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg.
Besorgniserregend
ist, dass er droht, womöglich
über längere Zeit nicht mehr richtig anzuspringen.
Die Aufgaben, die aus Europa, dem Bund und dem
Land an die Kommunen und Landkreise delegiert
werden, wachsen stetig an und mit ihnen die Bürokratie
und immer höhere Ausgaben.

Das Krankenhauswesen ist in hohem Maße strukturell
unterfinanziert und die ambulante ärztliche
Versorgung ist insbesondere in den ländlicheren
Regionen nicht nur gefährdet, sondern existiert in
Teilen bereits nicht mehr. Wir stellen fest, dass die
Städte und Gemeinden oft zusammen mit Landkreisen
immer mehr in eine Verantwortung hineinwachsen,
ohne dafür die originäre Zuständigkeit zu haben
und ohne die notwendige finanzielle Ausstattung
zu erhalten. Das führt dazu, dass wichtige bauliche
Investitionen, auch die zur Erhaltung für unsere
Infrastrukturen,immer weiter verschoben werden.

Der 11. Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises steht vor
gewaltigen Herausforderungen, hier bei einer Sitzung
im großen Sitzungssaal. Landrat Sven Hinterseh: „Wichtig
ist, dass die Verwaltung und das Gremium vertrauensvoll
zusammenarbeiten, um den Landkreis sicher
durch diese schwierigen Zeiten zu steuern.“

22
50 Jahre Almanach 23
Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie hier für den
Schwarzwald-Baar-Kreis?
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir als
Staat nicht alles und zu jeder Zeit in jeder Intensität
betreiben können. Politik muss Handlungsschwerpunkte
definieren und in der Folge dann auch Priorisierungen
vornehmen. Man kann nicht alles zur
gleichen Zeit und mit gleich hohem Invest betreiben.
Das können wir weder zu Hause in unseren Familien,
noch im Staat. Für diese Priorisierungen braucht es
den politischen Diskurs – und es braucht den Mut,
diesen Diskurs auch zu führen.

Wie gesagt, die Situation betrifft nicht nur uns
und ich bin der Überzeugung, dass es für eine Lösung
Reformen in allen möglichen Bereichen aus
Berlin und Stuttgart braucht. Gefordert sind hier der
Deutsche Bundestag und der Landtag von Baden-Württemberg.
Der bekannte Satz „wer bestellt, der
bezahlt“ muss künftig deutlicher beherzigt werden.
In der Diskussion um die Finanzen kommt es oftmals
viel zu kurz, dass es die kommunale Ebene ist, die
für die Daseinsfürsorge vor Ort in der Verantwortung
steht.

Dennoch nehmen wir die Herausforderung an,
die finanziell sehr enge Situation als Chance zu begreifen,
um unsere Aufgaben zu schärfen und sofern
wir eigenverantwortlich entscheiden können, weitreichende
Entscheidungen zum Wohle unseres Landkreises
zu treffen.

Ich persönlich bin davon
überzeugt, dass wir als Staat
nicht alles und zu jeder Zeit in
jeder Intensität betreiben
können. Politik muss Handlungsschwerpunkte
definieren
und in der Folge dann
Priorisierungen vornehmen.

24
Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh
Bei welchem Beispiel kann der Landkreis nicht selbst
entscheiden?

Das Landratsamt ist sowohl eine Kommunal- als auch
eine staatliche (untere) Verwaltungsbehörde wie beispielsweise
im Bereich des Gesundheitswesens, des
Baurechts, des Umwelt- und Naturschutzes oder des
Landwirtschafts- und Forstwesens, um nur einige
wenige Themen zu nennen.
Vor allen Dingen ist das Landratsamt aber auch
eine Behörde, die sich im Schwerpunkt um den
Vollzug von bundesgesetzlichen Sozialleistungen zu
kümmern hat. Wenn wir Jahr für Jahr die Ausgabendynamik
bei den Sozialleistungen diskutieren, dann
müssen wir vor allen Dingen auch die gesamtstaatliche
Entwicklung betrachten. Die entscheidende
Frage ist – und die wird natürlich im politischen
Wettbewerb intensiv streitig diskutiert – wie viel
braucht es denn von den unterschiedlichen sozialen
Leistungen. Hierzu bedarf es einer um- und weitsichtigen
Herangehensweise. Denn gerade im sozialen
Bereich wie im Jugendamt oder bei der Beratungsstelle
für Eltern, Kinder und Jugendliche zahlt sich
die Investition in präventive Maßnahmen oft viel
später und leider nicht sofort sichtbar und nicht unmittelbar
messbar aus.

Sie sehen, um hier zukunftstragende Entscheidungen
zu treffen, braucht es ein starkes Gremium,
welches fraktionsübergreifend, sachorientiert und
mit ausreichend Sensibilität zusammenarbeitet,
sodass wir gemeinsam durch diese Krise gehen und
gestärkt aus ihr herauskommen können.

Wie wirkt sich dieses Schärfen der Aufgaben auf den
Öffentlichen Personennahverkehr im Schwarzwald-
Baar-Kreis aus?

Ja, das ist wirklich ein sehr gutes Beispiel. Daran
kann man gut verdeutlichen, wie wir die aktuelle
Situation auch als Chance nutzen müssen und dass
wir das als Landkreis nur mit Unterstützung unserer
Partner schaffen. Wir halten im Schwarzwald-Baar-
Kreis ein wirklich gutes Angebot im Öffentlichen
Personennahverkehr vor. Neben der Pflichtaufgabe
der Schülerbeförderung gibt es zahlreiche Angebote,
die aus guten Gründen geschaffen wurden. Jetzt ist
es aufgrund der finanziell schwierigen Lage unsere
wichtigste Aufgabe, zu hinterfragen, welche Angebote
wir noch in welcher Form halten können und was
wir dann dazu bereit und in der Lage sind dafür zu
bezahlen.

Die entscheidende Frage ist
– und die wird natürlich im
politischen Wettbewerb intensiv
streitig diskutiert – wie viel
braucht es denn von den
unterschiedlichen sozialen
Leistungen. Hierzu bedarf es
einer um- und weitsichtigen
Herangehensweise.

Dieser Prozess geht weit über das reine Einsparen
hinaus. Wir können so unsere Angebote schärfen,
modernisieren und somit attraktiver und effektiver
gestalten. Und wie schon angesprochen, braucht
es für solche Entscheidungen Mut. Denn es ist klar,
dass wir uns auch von lieb gewonnenen Angeboten
trennen müssen. Das muss ja nicht alternativlos sein.
Das gilt im ÖPNV genauso wie in anderen Bereichen,
in denen der Landkreis seine Aufgaben erfüllt.
Beim ÖPNV kann beispielsweise ein neues Angebot
wie ein On-Demand-System, bei dem Busse
nur dann fahren, wenn eine Bestellung erfolgt,
eine gute Antwort sein. Natürlich wollen wir unser
Einsparziel so erreichen, dass sich die Angebotseinschränkungen
für unsere Bürgerinnen und Bürger
möglichst gering auswirken. Damit hier zielgerichtet
vorgegangen werden kann, arbeiten wir mit unseren
Verkehrsunternehmern eng und vertrauensvoll zusammen.

Konkret festgehalten und umgesetzt werden diese
Maßnahmen dann in unserem Nahverkehrsplan, den wir nun fortschreiben werden.
Bei der Fortschreibung sowie der damit verbundenen Festlegung
und bedarfsgerechten Anpassung des künftigen Verkehrsangebotes
werden auch die Mitglieder unserer
Die entscheidende Frage ist
– und die wird natürlich im
politischen Wettbewerb intensiv
streitig diskutiert – wie viel
braucht es denn von den
unterschiedlichen sozialen
Leistungen. Hierzu bedarf es
einer um- und weitsichtigen
Herangehensweise.

50 Jahre Almanach 25
Es sind vielfältige Aufgaben, die das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis zu bewältigen hat. So beispielsweise das Forstwesen (Foto oben beim Waldtag) oder der Öffentliche Personennahverkehr (Foto unten).

26
Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh
beiden Ausschüsse – des beratenden Ausschusses
für ÖPNV und Mobilität sowie des Ausschusses für
Verwaltung, Wirtschaft und Gesundheit – eine entscheidende
Rolle spielen.

Es heißt: „In jeder Krise steckt eine Chance“. Wie sehen
Sie das?

Ich bin immer ein positiv denkender Mensch. Deshalb
sehe ich das auch so! Ich gebe zu, dass es in
Anbetracht der multiplen Krisen schwerer fällt, diese
Positivität und Zuversicht beizubehalten. Wir alle
müssen in diesen Zeiten zeigen, dass wir mit neuen
und unerwarteten Herausforderungen flexibel umgehen
können und wir müssen die Chance ergreifen,
dass wir vieles besser schaffen, wenn wir auf unser
Netzwerk von Partnern und Kollegen zugreifen,
die uns in schwierigen Zeiten unterstützen. Wir
müssen verstehen, dass wir stärker sind, wenn wir
gemeinsam agieren und im Schulterschluss unsere
Herausforderungen angehen und gemeinsam unsere
Ziele verfolgen. Wir leben in einem großartigen
Landkreis mit hervorragenden Fachkräften, kreativen
Köpfen und produktiven Unternehmen, der in seiner
Geschichte schon öfters gezeigt hat, wie man erfolgreich
Krisen meistert. Deshalb bin ich auch weiterhin
zuversichtlich, dass es uns gelingt, kreative Lösungen
für unseren Schwarzwald-Baar-Kreis gemeinsam
zu entwickeln.

Das Landratsamt auf dem Hoptbühl mit der imposanten
Sandstein-Kuckucksuhr.

Der 11. Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises ist seit gut einem Jahr im Amt. Schwierige Rahmenbedingungen wie die
wirtschaftlichen Probleme erfordern weitreichende Entscheidungen, um den Landkreis gut für die Zukunft zu wappnen.

50 Jahre Almanach 27
28

Aus dem Kreisgeschehen
50 Jahre Almanach
1977

Eine Schatzkiste zwischen Buchdeckeln / VON TANJA BURI
Was haben ein Schwarzwaldbauer, eine Modedesignerin, erfolgreiche Sportler,
weltweit führende Unternehmen und der kleine Familienbetrieb gemeinsam?
Über sie alle und viele mehr wurde schon im Almanach berichtet. Das Jahrbuch
des Schwarzwald-Baar-Kreises erscheint 2025 in seiner bereits 50. Auflage. Bald
14.000 Buchseiten zu regionalen Themen wurden in den vergangenen 50 Jahren
produziert, die unter „almanach-sbk.de“ zu großen Teilen zudem als Langzeit-Archiv
für Recherchen im Internet zur Verfügung stehen. Begründet hat den Almanach
1977 Landrat Dr. Rainer Gutknecht, seine Nachfolger Karl Heim und Sven Hinterseh
führten und führen die Tradition des Schwarzwald-Baar-Buches begeistert fort.

50 Jahre Almanach 29
2026

– 50 Jahre Almanach

30
Aus dem Kreisgeschehen
Lebkuchen und Dominosteine finden sich schon ab
September in den Regalen der Supermärkte – das
sorgt bei manch einem eher für Frust statt Lust. Ein
untrügliches und angenehmes Zeichen dafür, dass
es bis Weihnachten wirklich nicht mehr weit ist, ist
indes die jährliche Vorstellung des Almanachs. Dann,
wenn das Jahrbuch des Landkreises in die regionalen
Buchhandlungen einzieht und dort von einer treuen
Leserschaft erwartet wird. Die Auflage ist mit 4.500
Exemplaren seit vielen Jahren stabil. „Ein schöner
Erfolg und ein Zeichen dafür, dass wir es richtig machen“,
sagt Landrat Sven Hinterseh. Der Geburtstag
des Almanachs ist für ihn ein großer Grund zur Freude,
aber längst keine Selbstverständlichkeit.

An einen Erfolg, der ein halbes Jahrhundert
währen sollte, war bei der ersten Auflage 1977
nicht unbedingt zu denken. 74 Seiten zählte der
Almanach mit der Nummer eins. Eingebunden war
er mit einem einfachen Pappkarton. „Am Anfang
gab es sicher Leute, die geglaubt haben, dieses
Buch komme höchstens zweimal raus“, erinnerte
sich Dr. Rainer Gutknecht 2016 in einem Interview
zur Feier der 40. Auflage. Gutknecht war von 1973
bis 1996 Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er
war Erfinder und Initiator des Almanachs und kann
deshalb zweifellos als dessen Vater bezeichnet
werden. Aus der Taufe gehoben hat Gutknecht das
Buch, um etwas Gemeinsames für die Region zu
schaffen.

Denn: Die Kreisreform hatte 1973 aus den einst
selbstständigen Landkreisen Villingen und Donaueschingen
ein Kunstgebilde namens Schwarzwald-
Baar-Kreis gemacht. Die Menschen fremdelten,
und es gab Vorbehalte gegen diese neue politische
Einheit. Ein Jahrbuch erschien Gutknecht als ideales
Mittel, um das Zusammenwachsen zu fördern.
Konnten doch Geschichten und Informationen aus
allen Ecken des Kreises zum Verständnis füreinander
und zum Kennenlernen voneinander beitragen. Der
Almanach sozusagen als Identitätsstifter mit Inhaltsangabe.
Ein Regionalbuch mit Farbfotos war in den
1970er/1980er-Jahren eine absolute Seltenheit
Außerdem waren regionale Bücher Ende der 1970er-,
anfangs der 1980er-Jahre eine Seltenheit – und
schon deshalb hatte das Kreis-Jahrbuch eine Sonderstellung
inne. Aber es erregte auch durch seine
Aufmachung Aufsehen: Während Fotos in den
Tageszeitungen erstens rar und zweitens schwarzweiß
waren, fanden sich im Almanach schon bald
zahlreiche Farbbilder. Das mag heute banal erscheinen,
kann in dieser Zeit aber ohne Übertreibung als
kleine Sensation bezeichnet werden.

Kein Wunder also, dass Landrat Sven Hinterseh
bei seinem Blick auf die Jahrbücher – alle Ausgaben
stehen in seinem Büro im Regal – voller Anerkennung
für die Idee, den Mut und das Engagement
von Rainer Gutknecht spricht. Dankbar ist er auch
Am Anfang gab es sicher
Leute, die geglaubt haben,
dieses Buch komme
höchstens zweimal raus“,
erinnert sich Dr. Rainer
Gutknecht 2016 in einem
Interview zur Feier der
40. Auflage des von ihm
begründeten Jahrbuches.
Dr. Rainer Gutknecht mit dem ersten
Almanach, dem Jahrbuch 1977.
50 Jahre Almanach 31
seinem Vorgänger Karl
Heim (Landrat des
Schwarzwald-Baar-Kreises
von 1996 bis 2012).
Er hat den Wert des
Almanachs erkannt
und seinen Fortbestand
gesichert. „Ich durfte
von den beiden mit dem
Jahrbuch eine wunderbare
Sache übernehmen“,
freut sich Sven
Hinterseh.
Die gemeinsame Identität habe der
Kreis längst gefunden,
der Almanach als Klammer
dafür ist geblieben.
Der Almanach ist einer der wenigen
seiner Art in Baden-Württemberg
Das Jahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises ist eines
der wenigen seiner Art in Baden-Württemberg. Es
hat die längste Geschichte und kann die höchste
Auflage vorweisen. Ganz zu schweigen von seiner
Qualität. Darauf wird Landrat Hinterseh, wie
er berichtet, auch von Kollegen immer wieder
angesprochen. „Man sieht mit großem Interesse, was
wir hier jedes Jahr auf die Beine stellen“, sagt er.

Dafür braucht es ein kreatives Redaktionsteam.
Neben Landrat Hinterseh als Vorsitzender gehören
diesem seine Referentin Kristina Diffring, Heike Frank
von der Stabstelle Öffentlichkeit, Kultur und Archiv
des Landratsamtes, Nadine Beiter vom Kreisarchiv
und als redaktioneller Leiter Wilfried Dold aus Vöhrenbach
an. Die Auflage 2026 ist die bereits 30., an der
Wilfried Dold maßgeblich beteiligt ist. Seit der vierten
Ausgabe überhaupt wirkt er als Autor mit. Würde man
den „Mister Almanach“ küren wollen, könnte dieser
Titel gut und gern an den ehemaligen Redakteur der
Badischen Zeitung gehen, der sich vor vielen Jahren
mit einem Regionalverlag und einer Agentur für Kommunikation
selbstständig gemacht hat. Der Almanach
hat dazu einen großen Beitrag geleistet.

Seit nunmehr 30 Jahren wird das Jahrbuch Almanach
von Wilfried Dold redaktionell betreut. Die Arbeit
leistet bei dold.media + dold.verlag ein vierköpfiges
Team mit v. links: Monja Gereta, Silvia Binninger,
Wilfried Dold und Sylvia Gürtler.

Landrat Karl Heim, von 1996
bis 2012 im Amt, war gleichfalls
ein großer Förderer des
„Almanach“.

32

Aus dem Kreisgeschehen

Und er hat Wilfried Dold nicht nur in seiner beruflichen
Arbeit viel gegeben. „Es ist schön, wenn
die Menschen ihre Begeisterung für den Almanach
mitteilen, wenn sie wissen, wer du bist und was du
machst“, erzählt er von den vielen Treffen, die er in
den drei Jahrzehnten für das Jahrbuch haben durfte.
Gibt es da für ihn die eine Almanach-Geschichte?
„Nein, die habe ich nicht“, antwortet er. Um dann
doch zwei besondere Erlebnisse zu erzählen. Wilfried
Dold hat den berühmten Taucher und Meeresforscher
Jacques-Yves Cousteau eine Woche lang bei
einem Filmprojekt zur Donau begleitet und darüber
im Almanach geschrieben. Getroffen haben sich die
beiden zufällig in einem eiskalten Februar, als das
Cousteau-Team gerade im Fischweiher des Furtwanger
Reinerhofs im Katzensteig auf Tauchstation ging,
um sich bei Minusgraden für einen Tauchgang im
Feldsee am Feldberg vorzubereiten. Ein ungewöhnliches
Bild und eine außergewöhnliche
Begegnung.

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist Wilfried Dold
ebenso der Hausbesitzer im Hexenloch in Neukirch.
Sein Gebäude ist so im Schatten eines Felshanges
gelegen, dass dorthin den Winter über rund vier Monate
lang kein Sonnenstrahl gelangt. Als der Redakteur
und Fotograf im Hexenloch für Aufnahmen zum
Jahrbuch unterwegs ist, „öffnete der Mann die Tür,
sagt, er wolle mir etwas zeigen…“ Es war die tatsächlich
zentimeterdicke Eisschicht in seinem ganzjährig
feuchten und unbeheizten Flur. Auch daraus wurde
ein Text für den Almanach, eine „Schwarzwaldimpression“
anderer Art.

„Die Entscheidung für das Titelbild
ist stets ein Kampf – ein Hin und Her“
Wie soll die nächste Ausgabe aussehen? Diese Frage
stellt sich unmittelbar nach der Vorstellung des
aktuellen Jahrbuchs Anfang November. Denn nach
dem Almanach ist vor dem Almanach. Das ganze
Jahr über ist das Almanach-Team unter Vorsitz von
Landrat Sven Hinterseh auf der Suche nach Themen.
Inhaltlich gesetzt ist die Jahresbilanz des Landrates
zur Kreispolitik. Jedes Jahr neu definiert werden von
der Redaktion zwei bis drei Schwerpunkte, die etwas
mehr Platz einnehmen. Beispielsweise die berührenden
Erinnerungen zu 80 Jahre Kriegsende im
In einer Welt, die
sich immer schneller
wandelt, ist das Jahrbuch
des Schwarzwald-
Baar-Kreises, der
Almanach,
ein lebendiges
Zeugnis unserer
Identität
und Gemeinschaft
und zudem ein
inspirierendes
Werkzeug
für die nächste
Generation – es schlägt also
eine Brücke zwischen
Vergangenheit und Zukunft.
Auch mit der 50. Ausgabe
zeichnen wir nicht nur die Entwicklung unserer
Region nach, sondern
inspirieren ebenso kommende
Generationen,
sich aktiv mit ihrer Heimat zu identifizieren
und deren
Geschichte und Geschichten
weiterzuschreiben.

Kristina Diffring,
Referentin des Landrates
„Liebesschlösser“ am Bräunlinger Kirnbergsee.
Dort sein, wo die Menschen sind – diesen Anspruch
hat das Jahrbuch „Almanach“.
Mit unserer 50.
Jubiläumsausgabe
zeichnen wir nicht nur die
Entwicklung unserer
Region nach, sondern
inspirieren auch
kommende Generationen.

50 Jahre Almanach 33
34
Aus dem Kreisgeschehen
Jubiläumsalmanach 2026. Oder die Beiträge über
Gastronomie, Kunst, Kultur, Sport, Wirtschaft,
Handwerk und Heimat – all das findet sich im
304-seitigen Jahrbuch wieder.
„Die Entscheidung fürs Titelbild ist immer
ein Kampf, ein Hin und Her“, verrät Wilfried Dold
lächelnd
ein Redaktionsinterna. Viele Jahre zierte
eine Landschaft den Umschlag. „Aber welche Landschaft
bringt man mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis
insgesamt in Verbindung? Und was wäre der Landkreis
ohne all die Menschen hier?“ Deshalb setzt die
Almanach-Redaktion mittlerweile als Hingucker auf
Menschen, über die im Jahrbuch berichtet wird. So
wie beispielsweise die Ski-Crosserin Daniela Maier,
die Bronze bei Olympia holte und 2023 den Titel
zierte. Oder die junge Schwarzwaldbäuerin Anna
Klausmann aus Linach, das Almanach-Titelbild 2025.
Und natürlich dürfen es auch Männer sein… Wie im
Jahr 2020 der Schonacher Kuckucksuhrenschnitzer
Christophe Herr.

„Die Menschen spüren, dass wir
unsere Arbeit gerne machen“
Geschrieben sind die Texte von ganz unterschiedlichen
Autorinnen und Autoren, die ihren Stil und
ihre teils langjährige Erfahrung in die Arbeit für den
Almanach einfließen lassen. Die Beiträge sind mal
nachrichtlich, mal erzählerisch, entstehen aber immer
mit großer Emphatie für das Land und die Leute.
„Die Leser spüren, dass wir unsere Arbeit gerne machen“,
weiß Wilfried Dold. Auf zwischen 20 und 30
Autoren können er und sein Team zurückgreifen. Ohne
sie, das macht er deutlich, wäre es nicht möglich,
ein Jahrbuch mit einer solchen Vielfalt herauszugeben.
Landrat Hinterseh spricht von den Schreibern
als dem Rückgrat des Almanachs.
Flankiert werden die Texte von Fotos in hoher
Qualität. Darauf legt Wilfried Dold, der sich nicht
nur als Autor, sondern auch als Fotograf längst einen
Namen gemacht hat, großen Wert. Der
Aufwand, der für die visuelle Ausarbeitung
des Jahrbuchs betrieben wird, ist
groß. Beispielsweise beim Kapitel über
evangelische Trachten im Landkreis: Sie
wurden 2025 im Almanach vorgestellt
und dafür ein viertägiges
Fotoshooting abgehalten. Die Kleider mussten
besorgt und Models gefunden werden,
die sie präsentieren. Schminken, beleuchten,
posieren – da war jede Menge
zu tun. Auch für das engagierte Team um Wilfried
Dold mit Sylvia Gürtler, Silvia Binninger und Monja
Gereta.

Der Almanach ist auch ein Fotobuch
Und wenn die Fotos im Kasten sind, ist die Arbeit
keinesfalls beendet. Alles musste gesichtet, eine
Auswahl getroffen und Korrekturen vorgenommen
werden. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen:
Auf 24 Seiten wurde ein moderner Blick auf die
historischen Kleider im Landkreis geworfen. Diese
Präsentation hat dem Almanach viel Anerkennung
Die Beiträge sind mal
nachrichtlich, mal
erzählerisch, entstehen
aber immer mit großer
Emphatie für das Land und
die Leute. Die Leser spüren,
dass wir unsere Arbeit
gerne machen.

Dem Jahrbuch „Almanach“ ein Titelbild zu geben, das
seinem Anspruch als Schwarzwald-Baar-Buch gerecht wird,
ist Jahr für Jahr aufs Neue eine spannende Aufgabe.

35
Da ich im Schwarzwald-
Baar-Kreis aufgewachsen
bin und meine Familie sehr heimatverbunden
ist, hatte
ich schon früh Berührungspunkte mit dem
Almanach. Es ist schön
zu sehen, wie sich dieses
Buch über die Jahre
entwickelt hat. Und es
beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, auf welch
großartige Menschen mit spannenden Geschichten
wir bei der Themenfindung und bei der Planung der
nächsten Ausgabe stoßen. Für den Almanach wünsche
ich mir noch viele solcher Entdeckungen und viele
neue und junge Leserinnen und Leser, die ihre Heimat
entdecken
möchten.
Heike Frank,
Stabstelle Öffentlichkeit, Kultur und
Archiv des Landratsamtes

50 Jahre Almanach
eingebracht. Doch damit nicht genug: Panoramabilder,
Porträts, Luftaufnahmen und Makrofotografie:
Der Almanach ist längst nicht mehr nur ein Lese-,
sondern auch ein Fotobuch, das mit spannenden Perspektiven
und Motiven überrascht und ihn zu einem
wertigen Produkt macht.

Die große Herausforderung bleibt, das
Jahrbuch immer wieder neu zu erfinden
Darauf setzt die Redaktion ganz gezielt. Mit Digitalisierung,
neuen Medien und den damit einhergehenden
Umbrüchen in der Verlags- und Medienwelt
stand auch das Almanach-Team vor der Herausforderung,
das Jahrbuch neu zu erfinden, um sein Überleben
zu sichern. „Der Almanach hat so an Qualität
gewonnen“, betont Wilfried Dold.

Auch Landrat Sven Hinterseh lobt das hochwertige
Layout. Mit dem Klischee eines angestaubten
Heimatbuches hat es so gar nichts zu tun. Weiter
wird der Fokus mehr auf die Menschen und ihre Geschichte
gelegt. „Bei uns im Landkreis leben so viele
interessante Personen, die etwas zu sagen und zu
erzählen haben“, betont der Landrat. Der Almanach
sei dafür genau die richtige Plattform.
Verkaufsstellen sind enorm wichtig
Zum Erfolg des Almanachs gehören auch die Verkaufsstellen.
Neben den Buchhandlungen im Kreis ist
das Jahrbuch mehr und mehr auch an anderen Orten
wie etwa Tankstellen zu haben. So sollen neben den
klassischen Kunden der Buchhandlungen auch andere
potenzielle Leserinnen und Leser erreicht werden.
Pflege und Aufbau der Vertriebsstrukturen ist aufwendig.
„Das braucht viel Engagement. Aber es ist
die Mühe wert“, unterstreicht Wilfried Dold.

Die Leserschicht verjüngt sich, so die Rückmeldung
der Buchhändler. Und auch die nächste Generation
schätzt es, den Almanach als gedrucktes
Buch in der Hand zu halten. Als Beweis dafür hat
sich die digitale Ausgabe, die 2015 erstmals veröffentlicht
wurde, nicht als Erfolg erwiesen. „Unsere
Leser wollen Papier, kein PDF“, merkt der Almanach-
Mitherausgeber Wilfried Dold an. Dieser Umstand
zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht. Ist er doch ein
bekennender Fan des Buches. „Viele Inhalte in den
sozialen Medien verschwinden im Rausch der Zeit,
ein Buch bleibt.“

Das soll auch der Almanach. Ihn in die neue Zeit
zu bringen, habe man erfolgreich geschafft, freut
sich Landrat Sven Hinterseh. „Jetzt geht es darum,
Es beeindruckt mich immer
wieder aufs Neue, auf
welch großartige
Menschen mit spannenden
Geschichten wir bei der
Themenfindung für die
nächste Almanach-
Ausgabe treffen.

36
Aus dem Kreisgeschehen
ihn weiter lebendig und attraktiv zu halten.“
Zweifel daran, dass es gelingt, hat er
keine. „Die 50. Ausgabe, die wir dieses Jahr
in den Händen halten, ist der Beweis dafür.“
Der Aufwand, der dafür auch finanziell geleistet
wird, lohne sich. Denn schließlich ist
der Almanach ein Buch mit vielen Funktionen:
Es bietet Unterhaltung, vermittelt Wissen,
gibt Tipps, überrascht und informiert.
Und es ist das Gedächtnis des Schwarzwald-
Baar-Kreises.

Eine Schatzkiste zwischen Buchdeckeln.

Dass diese Schatzkiste jetzt ihren
50. Geburtstag feiern kann, hat auch viel
mit ihren Freunden und Förderern zu tun.
Allen voran die Kreisräte des Schwarzwald-
Baar-Kreises. Aber auch Firmen, Institutionen
und private Spender sind es, die durch Sponsoring
zum Werden des mit einem Verkaufspreis von 24,00
Euro preiswerten Almanachs beitragen.

Und „last but not least“ gilt es, den engagierten
Autoren sowie Fotografen und den Käufern des
Jahrbuches zu danken, ohne die der seit fünf Jahrzehnten
erscheinende Almanach
undenkbar wäre.

So bleibt am Schluss der Wunsch: „Happy Birthday
Almanach!“
Der „Almanach“ ist das
lebendige Gedächtnis
unserer Region, das
Vergangenheit und
Gegenwart verbindet.
Es präsentiert die Menschen
im Schwarzwald-
Baar-Kreis mit ihren
individuellen Geschichten
und zeigt damit auf,
wer wir sind und was
uns ausmacht.

Das Jahrbuch hilft, unsere Vergangenheit zu bewahren
und aus ihr zu lernen. Gleichzeitig ist es ein Blick
in die Zukunft, weil es die Menschen ermutigt, ihre Geschichten
zu erzählen und die Region weiterzuentwickeln.
So bleibt das Jahrbuch ein lebendiges Dokument,
das unsere Gemeinschaft stärkt und verbindet – heute,
morgen und in den kommenden Jahren.
Nadine Beiter, Kreisarchiv

Rechts: Stilvolle Geburtstagsgrüße mit Schwarzwälder
Kirschtorte für den Almanach von der wohl bekanntesten
Trachtenträgerin
des Schwarzwaldes, Kim Klausmann. Hier
in einer historischen Tracht ihrer Heimat Furtwangen. Die
Torte stammt von Ana Kostava, preisgekrönte Kirschtortenbäckerin
aus dem Furtwanger Café Mayerhöfer (s. S. 248).

Landrat Sven Hinterseh: „Wir haben es erfolgreich
geschafft,
den Almanach in die neue Zeit zu bringen.“
Der Almanach ist auch
ein Blick in die Zukunft,
weil er die Menschen
ermutigt, ihre eigenen
Geschichten zu
erzählen und die Region
weiterzuentwickeln.

38
2. Kapitel – Soziales
Betritt man den Flachbau mit orangener Fassade
am grünen Rand des Klinikgeländes, bemerkt
man zuallererst – Ruhe. Niemand hetzt
über den Flur, an den Wänden hängt farbenfrohe
Kunst, der Blick aus jedem Fenster fällt auf die Natur,
überall stehen Blumen, Aromalampen verströmen
einen angenehmen Duft. Eine im Eingang flackernde
Kerze zeigt an, dass gerade ein Mensch verstorben
ist. Bis zu zwölf Patienten und Patientinnen werden
hier in zehn Einzelzimmern und einem Doppelzimmer
palliativ behandelt. Die meisten von ihnen (98
Prozent) leiden an einer Krebserkrankung. Nicht alle
sind alt. Mütter und Väter von kleinen Kindern, auch
Jugendliche liegen hier – der jüngste Patient bisher
war 17 Jahre alt. Die Zimmer unterscheiden sich von
den wenige Hundert Meter entfernten Krankenzim-
Schwarzwald-Baar Klinikum

Das Palliativzentrum
„Pallium“ steht im Lateinischen für den „Mantel“. Wie von einem solchen umhüllt werden
die Patienten und Patientinnen im Palliativzentrum des Schwarzwald-Baar Klinikums. 2015
wurde es mit zwölf Betten in unmittelbarer Nähe des Klinikums eingeweiht und gehört zur
Klinik für Innere Medizin II – Onkologie, Hämatologie, Immunologie, Infektiologie und Palliativmedizin.
Die Leitung hat Direktor Prof. Dr. med. Paul Graf La Rosée.
VON BIRGIT HEINIG

Das Palliativzentrum 39
mern im Haupthaus durch ihre wohnliche Atmosphäre.
Jedes hat eine nach Südwesten gerichtete Glastür
zur Terrasse, durch die auch das Bett geschoben werden
kann. Hierher dürfen sogar Haustiere kommen.
Im Besprechungsraum für das Team der Mitarbeitenden
ist eine Wand mit einem Blätter tragenden Baum
bemalt. „In je einem Blatt wird der Name eines verstorbenen
Patienten eingetragen“, erzählt die Teamleiterin
in der Palliativstation, Juliane Tritschler – ein
für das Team wichtiges Abschiedsritual. Einige, nicht
viele, sind bereits beschriftet. Außerdem werden
viermal im Jahr in der Krankenhauskapelle Gedenkfeiern
für die Angehörigen ausgerichtet, gestaltet
von Seelsorger Uli Viereck.

Ein interdisziplinäres Team
Zur Palliativstation gehören ein Wohnzimmer mit
integrierter Küche sowie eine gemütliche Ess- und
Sitzgruppe. Hier kommen Familien zusammen, hier
wurden schon Hochzeiten gefeiert und Kinder
getauft. Ein weiteres, wohnlich eingerichtetes
Zimmer dient den Patienten und deren Angehörigen
als Rückzugsort, in dem sie außerhalb des Patientenzimmers
verweilen können. Die Psychoonkologin
Anita Beutel führt dort unter anderem Familiengespräche.
Zum interdisziplinären Team gehören auch
die Kunsttherapeutin Anke Jentzsch, die Sozialarbei-
Links: Der Eingang des Palliativzentrums. Unten: Das Team
des Palliativzentrums um die Oberärzte Frank Schaumann
und Annette Pottharst (dritter und zweite von rechts) sowie
die Teamleiterin Juliane Tritschler (fünfte v. rechts).
In je einem Blatt wird der
Name eines verstorbenen
Patienten eingetragen.

40
Soziales
terin Beate Schulz, die Physiotherapeutin Monika
Engesser und Jürgen Hones vom spezialisierten
ambulanten Palliativteam, der für die Patienten die
weitere häusliche Versorgung organisiert. Die
Begleitung vervollständigen die ehrenamtlich
Mitarbeitenden aus der Hospizbewegung.
Die Palliativmedizin zielt darauf ab, die Lebensqualität
der Patienten und Patientinnen zu verbessern
oder zu erhalten. „Wir betreuen und behandeln
Menschen, die mit einer unheilbaren Krankheit in
fortgeschrittenem Stadium leben und deren medizinische,
psychische und soziale Situation eine
intensive Begleitung durch ein spezialisiertes Team
im Krankenhaus notwendig machen“, heißt es in der
Klinik-Broschüre über das Palliativzentrum.

Frank Schaumann und Annette Pottharst sind
die dort zuständigen Oberärzte mit spezialisierter
palliativmedizinischer Ausbildung. Annette Pottharst
folgte bei ihrem Masterstudiengang am King‘s College
in London den Lehren von Cicily Saunders, der
Begründerin der modernen Palliativmedizin.
Krankheitssymptomen
wie Schmerzen, Übelkeit, Atemnot,
Unruhe könne man in der Regel medikamentös begegnen.
Zudem stehen für die palliativmedizinische
Versorgung alle diagnostischen und therapeutischen
Möglichkeiten im Schwarzwald-Baar Klinikum zur
Verfügung. Klinikdirektor La Rosée schätzt sich
glücklich, über ein Palliativzentrum zu verfügen.

„Es wurde ja lange darum gekämpft“. In der räumlich
getrennten Palliativstation sei es möglich, unheilbar
erkrankte Menschen aus den auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit
getrimmten Strukturen der Akutmedizin
herausnehmen zu können.

Gut betreutes Umfeld
Das medizinische Fachwissen werde in der Palliativmedizin
ergänzt mit Kommunikation, Empathie,
Reflexion und das abseits des Klinikalltags und
immer „offen und wahrhaftig“, führt Oberärztin
Annette Pottharst aus. Der Mensch und sein Umgang
mit der Krankheit werde als Ganzes betrachtet. Was
macht die Erkrankung mit ihm und seinen Angehörigen?
Die Ärztin hat die Erfahrung gemacht, dass die
menschliche Wahrnehmung im Angesicht des Todes
sehr unterschiedlich sein kann und im engen
Zusammenhang mit dem bisherigen Leben steht.

Sich auf Schmerzen einzulassen, Hilfe anzunehmen
und Kontrolle abzugeben – „jeder reagiert darauf
anders“ und daher steht auf der Palliativstation nicht
selten der seelische Schmerz im Vordergrund.
Halt macht die Betreuung daher nicht vor
psychischen Dimensionen, aber auch nicht vor
materiellen Sorgen, vor Fragen nach Vorsorgevollmachten
oder der Beantragung von Pflegegraden.

Auch nach Entlassung in das vertraute häusliche
Umfeld kann die palliativmedizinische Behandlung
durch die „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung
(SAPV)“ fortgeführt werden. Damit ist der
Patient eingebunden in ein Netzwerk von Klinik und
der Hausärzteschaft. „Wer sich gut aufgehoben fühlt,
dem geht es schon ein Stück weit besser“, sagt
Annette Pottharst. Die Schicksale der Menschen
Die Teamleiterin in der Palliativstation, Juliane Tritschler
im Gespräch mit einem Patienten.

Wer sich gut aufgehoben
fühlt, dem geht es schon
ein Stück weit besser. Die
Schicksale prallen an den
Mitarbeitenden nicht ab.

Das Palliativzentrum 41
prallen an den Mitarbeitenden nicht ab. „Auch wenn
es nicht in unserer Macht steht, die Erkrankung
aufzuhalten, so können wir für die Betroffenen doch
ein Umfeld schaffen, in dem sie sich gut betreut
wissen“, sagt Juliane Tritschler. „Wir sehen es als
unsere wesentliche Aufgabe an, die individuellen
Bedürfnisse unserer Patienten wahrzunehmen und
auf sie einzugehen. Das kann sowohl eine gute
Schmerzkontrolle, eine Fußmassage oder ein Glas
Bier zum Abendessen sein“.

Die durchschnittliche Verweildauer im Palliativzentrum
des Schwarzwald-Baar Klinikums beträgt
derzeit 13 Tage. Ein Wert, der sich in den letzten Jahren
sukzessive erhöht habe, sagt Annette Pottharst.

Der Grund: Die Bereitstellung einer Anschlussversorgung
wird schwieriger. Heimplätze fehlen, die ambulanten
Pflegedienste sind zunehmend überlastet.

Plätze in Alten- und Pflegeheimen oder in Hospizen
sind rar. Die Warteliste für das Palliativzentrum ist
lang, die Nachfrage aus den Akutstationen groß,
sagt Paul Graf La Rosée. Für etwas Entlastung soll
der Konsil-Dienst sorgen, ein mobiles Team aus Arzt,
Pflegekraft, Psychoonkologie und Physiotherapie,
das sich im Klinikum um Palliativpatienten kümmert.
Die Strukturen dafür wurden bereits geschaffen. Das
Problem: „Es fehlt das Personal“, sagt La Rosée.
Ein Zimmer im Palliativzentrum und „Kunst am Bau“, die
Skulptur „Im Kreislauf des Lebens“ von Zeljko Rusic neben
dem Eingang.

Palliativzentrum und Hospiz
Obwohl beide Bereiche
eng miteinander
verbunden sind, decken
sie doch unterschiedliche
Lebenssituationen
ab. 1990 ordnete die
Weltgesundheitsorganisation
(WHO) die
palliative Medizin Patienten zu, deren
Erkrankung einer kurativen Therapie nicht
mehr zugänglich ist. Ziel ist es dabei, Schmerzen
und Traumata zu behandeln, damit
Lebensqualität zu verbessern und den
Gesundheitszustand zu stabilisieren. Die
Betreuung kann auch spirituelle, psychologische
oder emotionelle Hilfe umfassen. Ein
Hospiz ist dagegen eine Einrichtung für
schwerkranke Menschen in ihrer letzten
Lebensphase. Heute können laut Statistik ein
Drittel der Patienten nach einer palliativen
Therapie wieder nach Hause, ein Drittel in
entsprechende Versorgungsstationen,
beispielsweise ein Pflegeheim, entlassen
werden – ein Drittel verstirbt.

Der Verein „Palliativzentrum-VS e. V.“

Die Entstehung des Palliativzentrums am
Schwarzwald-Baar Klinikum wäre ohne sie
nicht gelungen. Eine Handvoll Menschen
nahm 2006 das Heft in die Hand und gründete ein
Aktionsbündnis. Dessen Ziel: die palliativmedizinische
Versorgung von kranken Menschen in einem
geschützten Raum außerhalb der alltäglichen Strukturen
eines Krankenhauses. Neun Jahre später war
es soweit.

Die Pflegekraft Juliane Tritschler gehört zu denjenigen,
die damals tief Luft holten, um ein ehrgeiziges
Projekt zu starten. Sie arbeitete in der Onkologie und
hatte tagtäglich mit an Krebs erkrankten Menschen
zu tun. Sie erinnert sich an die Bedingungen, die
damals auf den Stationen herrschten. Das gesamte
onkologische Team bemühte sich zwar, die Schwerstkranken
und Sterbenden würdevoll zu begleiten,
doch die Rahmenbedingungen blieben unbefriedigend.
So sahen das auch der damalige Klinikdirektor
Wolfram Brugger, der Palliativmediziner Frank
Schaumann, der Anästhesist Reinhard Brücker, der
einen Sohn an den Krebs verloren hatte, und Verena
Hoer, die Witwe eines gerade Verstorbenen.

Dass im damals sich in Planung befindenden
Klinikneubau gemäß dem Landeskrankenhausplan
keine eigene Palliativstation vorgesehen war, sondern
lediglich sechs integrierte Betten, war für die
Genannten sowie etliche weitere engagierte Bürger
ein Unding. Man begann als loses Bündnis, Spenden
zu sammeln.

Auch Arnold Willmann ist ein Mann der ersten
Stunde. Lange Jahre war der Vater eines an Krebs
erkrankten Sohnes Vorsitzender des Freiburger „Fördervereins
für krebskranke Kinder“. Er erzählt: 2,5
Millionen Euro, so die damalige Schätzung, sollte ein
separates Gebäude für Palliativpatienten kosten. In
Abstimmung mit der Trägerin, der Schwarzwald-Baar
Klinikum Villingen-Schwenningen GmbH, die kostenfrei
ein Grundstück neben dem zukünftigen Kreisklinikum
zur Verfügung stellte, entstand der Plan, die
Baukosten über Spenden zu decken. Die Betriebskosten
sollten dann übernommen werden. „Wenn wir
damals gewusst hätten, dass die Palliativstation am
Ende 4,5 Millionen Euro kosten würde, wer weiß, ob
wir uns das dann vorgenommen hätten“, sagt Willmann
augenzwinkernd.

Mit Spenden zum Ziel
Am 18. November 2009 wurde das Bündnis zu einem
eingetragenen Verein mit Verena Hoer als Vorsitzender
und das Palliativzentrum zum „gesamtgesellschaftlichen
Projekt“. Die finanzielle Latte lag hoch.
Umso engagierter warb der harte Kern einer stetig
anwachsende Mitgliederzahl unermüdlich um
Spenden. Und nicht nur das: „Wir mussten aufklären“,
sagt Frank Schaumann, denn er weiß: „Bis
heute wird das Palliativzentrum mit einem Hospiz
verwechselt. Wir sind aber keine Sterbestation“
(siehe Infokasten S. 41).

42
Soziales
Die Mitglieder des
Vorstands des Palliativvereins,
von links: Vorsitzender
Dr. med. Reinhard
Brücker; Stv. Vorsitzender
Dr. med. Frank Schaumann;
Schatzmeisterin:
Juliane Tritschler und Beisitzer
Arnold Willmann.

Das Palliativzentrum
Der neue Verein, später viele Jahre lang vom
Mediziner Klaus Lang geleitet, richtete unzählige
Info- und Benefiz-Veranstaltungen aus, man stand an
unzähligen Samstagen in den Innenstädten und
überarbeitete stetig das Konzept des Projektes. Mit
Einweihung des neuen Klinikums 2013 war es dann
soweit: Eine Million Euro waren zusammengekommen
und man stellte einen Förderantrag. Spätestens
da sei auch den Zweiflern klar gewesen: „Die meinen
es ernst“, erinnert sich der aktuelle Vorsitzende
Reinhard Brücker und lacht.

Im Juli 2014 war Spatenstich, im Dezember 2015
nahm das Palliativzentrum mit 12 Betten den Betrieb
auf. Juliane Tritschler ist seither die Teamleiterin,
Jens Schaumann Oberarzt. Am Ende hatte der
Förderverein 1,75 Millionen Euro zusammengetragen.
Ein Ergebnis, auf das er „schon ein bisschen stolz“
ist, wie Brücker bescheiden sagt. 1,45 Millionen Euro
steuerte das Land bei, der Rest kam von der Stadt
Villingen-Schwenningen, dem Schwarzwald-Baar-
Kreis und der Deutschen Krebshilfe.

Besonders freut die Förderer, dass ihr großer
Beitrag nicht nur mithilfe großer Sponsoren zusammengekommen
ist. Auch Kleinstspenden trudelten
permanent ein, Vereinsbeitritte – in Hochzeiten
zählte man 450 Mitglieder – sorgten für einen
stetigen Finanzfluss. Eine Spenderin, erzählt Juliane
Tritschler, überweist seit der Vereinsgründung vor
nunmehr 14 Jahren monatlich zehn Euro – bis heute.
Mit Inbetriebnahme des Palliativzentrums löste sich
der Förderverein nämlich nicht auf, obwohl das
erklärte Ziel erreicht war. Nach einer Satzungsänderung
handelt er nun als „Förderverein für das
Palliativzentrum“ und zählt 388 Mitglieder.

Allein 2024 tätigte der Verein Anschaffungen in
Höhe von rund 100 000 Euro. Zuletzt war das ein
Wärmeschrank für Wärmekissen und Wickel und
Auflagen. In den Jahren zuvor wurden Ventilatoren
und Sonnenschirme besorgt, Fachliteratur und
Aromapflegeprodukte angeschafft. Auch der Wunsch
nach einer Waschmaschine und einem Trockner
wurde erfüllt, „da es immer wieder Patienten ohne
Angehörige gibt, die ihnen frische Wäsche bringen
könnten“, sagt Juliane Tritschler.

Den Gärtner für die Außenanlagen bezahlt der
Förderverein, jede Woche gibt es frische Blumen und
an zwei Sonntagen im Monat geben auf der Station
der Musiker Sebastian Schnitzer (Piano) und Fabian
Huger (Gitarre) im Wechsel ein kleines Konzert.
Neben solcher Nice-to-have-Versorgung des
Palliativzentrums
hat sich der Förderverein ein
weiteres Ziel gesetzt. Man wolle die bereits laufenden
Anstrengungen im Schwarzwald-Baar Klinikum
unterstützen, dort einen speziellen Palliativkonsildienst
anzubieten. Momentan fehle dazu aber noch
das dafür notwendige Personal.

Das Gründungsteam beim Spatenstich im Juli 2014 für den
Bau des Palliativzentrums, im Dezember 2015 nahm es
den Betrieb auf.

43
44

Soziales

Ein besonderer Ort für leidgeprüfte Familien – und eine
besondere Familie mit Namen Hermle, die einfach hilft
Klinik Katharinenhöhe
eröffnet Therapiezentrum
Birgitta-Hermle-Haus
VON BARBARA DICKMANN

Es gibt auf der Welt besondere Orte. Die familienorientierte Rehaklinik Katharinenhöhe
in Schönwald
im Schwarzwald ist so ein besonderer Ort. Hier können das kranke Kind, dessen Geschwister
und Eltern nach oft langwieriger Intensivbehandlung wieder aufleben – wieder ins Leben zurückfinden.

Und es gibt auf der Welt ganz besondere Menschen – Birgitta Hermle aus Gosheim
war so ein besonderer Mensch: Die Stammaktionärin der Hermle AG war als eine der Gründerinnen der Hildegard und Katharina Hermle Stiftung zugleich der Mittelpunkt
der Familie. Doch ein Teil ihres Herzens gehörte der Katharinenhöhe.

Als sie 2019 im Alter von 60 Jahren nach schwerer Krankheit starb,
wusste sie, dass Tochter Miriam Hermle in ihrem
Sinne weitermachen würde, denn auch ihr Herz schlägt für die Katharinenhöhe.
Vor allem auch für eine bauliche Erweiterung, die jetzt in Betrieb
genommen werden konnte.

Nach mehr als zweijähriger Bauzeit hat
das Team der Physioabteilung endlich moderne, großzügige Therapieräume
zur Verfügung, konnte das Therapiezentrum
mit dem Namen „Birgitta-Hermle-Haus“ offiziell eingeweiht werden. Elf Millionen
Euro investierte die Katharinenhöhe, ein Großteil
der Summe ist mit sagenhaften 6,5 Mio. Euro der Hermle-Stiftung
zu verdanken.

Aber ohne die Spenden-Aktion „Gemeinsam für die Katharinenhöhe“
wäre dieses Bauvorhaben ebenfalls nicht möglich gewesen, betonte
Geschäftsführer Stephan Maier bei der feierlichen Eröffnung im September 2025. An dieser Stelle
aber soll die Geschichte von Birgitta
Hermle, ihrem Ehemann Dietmar Hermle sowie Tochter Miriam
Hermle und ihrer besonderen Verbindung zur Katharinenhöhe
erzählt werden. Und von Stephan
Maier, dem langjährigen Leiter der Katharinenhöhe.

Birgitta Hermle
Rehaklinik Katharinenhöhe 45

Wie alles begann
„Es war im Jahr 2011. Ein Mitarbeiter der Firma
Hermle war mit seiner Familie zur Reha auf der
Katharinenhöhe“, erinnert sich Stephan Maier. Die
Familie ging gestärkt und voller Dankbarkeit nach
vier Wochen wieder nach Hause. Er hätte Kontakt zu
einer Stiftung, sagte der Vater zum Abschied und
würde gerne von der hervorragenden Arbeit
berichten. Kurz darauf kam eine Spende und
Stephan Maier freute sich, denn bis heute müssen
alle Anschaffungen aus Spenden finanziert werden
und oft genug reicht das Geld der Kostenträger nicht
einmal für den laufenden Betrieb. Er kaufte sofort
ein dringend benötigtes Therapiegerät. Und selbstverständlich
bedankte sich der Leiter der Katharinenhöhe
mit einem Brief und der Einladung zu
einem Besuch. „Das mache ich immer, es gibt dann
Kaffee und Kuchen – egal ob wir 100 oder 10.000
Euro bekommen!“

Birgitta Hermle und die Katharinenhöhe –
ein tiefgehender Besuch mit Folgen
Birgitta Hermle nahm die Einladung an, kam im Jahr
2012 und schaute sich alles sehr genau an. Dazu
muss man wissen: Die Hermle-Stiftung, genauer die
Hildegard und Katharina Hermle Stiftung, ist eine
Stiftung, die soziale, medizinische und pädagogische
Projekte unterstützt und sich für Menschen mit Beeinträchtigungen
engagiert. Sie finanziert sich aus
den Dividendenausschüttungen der Maschinenfabrik
Berthold Hermle AG und ist bekannt für ihre großzügigen
Spenden an soziale Einrichtungen.

Voller Interesse stellte Birgitta Hermle etliche
Fragen und eine war wohl scherzhaft gemeint – so
glaubte Stephan Maier: „Was ist denn ihr größter
Wunsch?“, wollte Birgitta Hermle wissen. Stephan
Maier musste nicht lange überlegen: „Neue Familienappartements“,
sagte er. Dieser Neubau war sein
großer Traum. Die „Katha“ konnte auch schon einige
Von links: Sohn Benedikt Hermle, Vater Dietmar Hermle und Tochter Miriam Hermle von der Hermle-Stiftung bei der
Eröffnung des neuen Therapiezentrums der Katharinenhöhe.

Benannt mit „Birgitta-Hermle-Haus“, nach der Mutter von
Miriam und Benedikt Hermle. Die Hermle-Stiftung spendete für dieses Projekt sagenhafte 6,5 Mio. Euro.

46
Soziales

Skizzen eines Anbaus mit sechs barrierefreien Familienappartements
und zwei behindertengerechten
Kindergruppen vorweisen. Sie hingen im Büro von
Stephan Maier und fielen unter die Rubrik „unerfüllbar,
da kein Geld“.

Birgitta Hermle wollte genauer wissen, wie es
sich auf der Katharinenhöhe verhält. Eine Familie
öffnete ihr die Tür und dann stand sie in einem
Ein-Zimmer-Appartement, vollgestopft bis zur letzten
Ecke, denn das war Standard für drei Personen.
Jetzt wollte sie die Skizzen sehen. Und dann sagte sie
einen Satz, den Stephan Maier nie vergessen wird:
„Da muss etwas passieren. Ich gebe Ihnen 300.000
Euro!“ Stephan Maier war sprachlos. Kurze Zeit
später
landete das Geld auf dem Spendenkonto der
Katharinenhöhe.

Auf der Suche nach weiteren Spendengeldern
Das war ein wunderbarer Anfang, doch die Planung
dauerte, der Bauantrag noch viel länger und weitere
Spendengelder mussten generiert werden. Birgitta
Hermle verfolgte das sehr genau und hielt den persönlichen
Kontakt, solange es ihre Krankheit zuließ.

Die krebskranken Kinder, die Eltern und Geschwisterkinder
lagen ihr sehr am Herzen. Sie bewunderte die
engagierten, kompetenten und langjährigen Mitarbeiter
der Katharinenhöhe, hörte von unglaublichen
Fortschritten, die durch die intensive physische und
psychische Behandlung erreicht wurden und sah als
Unternehmerin sehr genau, wie verantwortungsvoll
Stephan Maier mit den Spendengeldern umging.
Immer wieder spendete die Hildegard und Katharina
Hermle Stiftung. Seit 2015 auch im Rahmen des
Schwarzwald-Bike-Marathons, an dem bis heute
immer das Mountainbike-Team „Hermle AG Schneller
Span“ teilnimmt und die Hermle-Stiftung jeden
gefahrenen Kilometer mit 20 Euro zugunsten von
sozialen Zwecken belohnt.

Miriam Hermle steigt ein
Birgitta Hermle leidet an ALS – einer unheilbaren,
schweren und fortschreitenden Erkrankung des
Nervensystems.

Im Jahr 2015 bittet sie ihre Tochter
Miriam, bei der Stiftung ihre Aufgaben zu übernehmen,
die Katharinenhöhe auch weiterhin zu unter-
Das für elf Mio. Euro
realisierte Therapiezentrum
„Birgitta-Hermle-
Haus“ der
Nachsorgeklinik
Katharinenhöhe.

Die krebskranken Kinder,
die Eltern und Geschwisterkinder
lagen Birgitta
Hermle sehr am Herzen.
Sie hörte von unglaublichen
Fortschritten, die
die intensive Behandlung
ermöglichte.
Rehaklinik Katharinenhöhe 47
Erkennen, wo es dringend Hilfe braucht. Das neue Therapiezentrum der Nachsorgeklinik Katharinenhöhe wurde mit
Aufwendungen
in Höhe von elf Mio. Euro nahezu vollständig mit Spenden finanziert. Es konnte im September 2025
unter dem Namen „Birgitta-Hermle-Haus“ seiner Bestimmung übergeben werden.

48
Soziales

stützen und zu besuchen. Miriam Hermle und ihr
Vater Dietmar sind schon lange im Bilde. Die Familie
ist sehr eng verbunden, der langjährige Stiftungsrat
genauso und Miriam Hermle weiß genau, was sie erwartet.
Ihre Gefühle schwanken. Als Mutter von gesunden
Kindern tut es sehr weh, an diese schwerstkranken
Kinder zu denken, sie hautnah zu erleben,
in schmale Gesichter mit großen Augen zu schauen,
Krücken, Rollstühle, keine Haare, Eltern, die mitleiden
und Geschwisterkinder, die sich vernachlässigt
fühlen… All das geht ihr durch den Kopf, als sie sich
zum ersten Mal auf den Weg zur Katharinenhöhe
macht. Und dann wird es ganz anders.

„Diese wunderbare
Stimmung, diese Offenheit der Kinder und
dieses unglaublich vielfältige Angebot, um wieder
ins Leben zurückzufinden. Diese Dankbarkeit der
leidgeprüften Familien, endlich hier zu sein. Ich
wusste es sofort. Hier ist jeder Euro wichtig und gut
angelegtes Geld.“

2017 wird das neue Familienhaus eingeweiht. Mit
Familienappartements, die gut durchdacht sind, mit
zwei Kindergartengruppen und einem besonderen
„Spielbereich“. Er heißt „mack and roll“ und ist wohl
die schönste Bowlingbahn im Schwarzwald, gespendet
von Marianne Mack (Ehefrau von Roland Mack,
Europa-Park), Förderverein Santa Isabel e. V. – Hilfe
für Kinder und Familien. Birgitta Hermle kann nicht
mehr teilnehmen. Stephan Maier betont: „Ohne
Birgitta Hermle hätte ich nicht den Mut gefunden,
dieses große Projekt anzugehen.“

Drei kleine Durchgangsräume für
hochprofessionelle Therapie?
2018 beginnt die Spendenaktion des Schwarzwälder
Boten für die Katharinenhöhe, die bis heute in Kooperation
mit dem Europa-Park und dem Eishockeyteam
Schwenninger Wild Wings sehr erfolgreich
läuft. Stephan Maier kann knapp 150.000 Euro gleich
im ersten Jahr zurücklegen. Aber er hat ein Problem
und das ist nicht gerade klein: Die Physiotherapie
– die absolut wichtigste Therapie für fast alle Patienten
– besteht aus lediglich drei Durchgangszimmern,
der Fitnessraum ist zu klein, die Geräte sind fast
museumsreif. Es fehlen Büros, Umkleideräume, therapeutische
Spielebenen und und und… Die einzige
Lösung dafür heißt „Neubau“ – ein Projekt im hohen
einstelligen Millionenbereich.
2019 besuchen Miriam und Dietmar Hermle die
Katharinenhöhe. Sie schauen sich die Räume an. Auf
den Fluren findet gerade die „Gangtherapie“ statt
– aus der Not heraus, denn alle Räume sind belegt.
Einige Kinder warten schon und die Therapeuten
müssen wahre Organisationstalente sein. Vater und
Tochter führen wunderschöne Gespräche mit den
kleinen und großen Menschen. Sie schauen sich nur
an, wechseln ein paar Worte allein und gehen dann
zu Stephan Maier. „Wir geben Ihnen zwei Millionen
Euro für den Neubau“, sagen sie. Stephan Maier
muss sich erst mal setzen. Ihm stehen die Tränen
in den Augen. „Ich musste fast weinen“, erinnert er
sich, das war so berührend, so umwerfend.
Am 6. Juli 2019 stirbt Birgitta Hermle. Die Familie
trauert und Stephan Maier auch.

2020 beginnt Corona. Die Katharinenhöhe
kämpft – wie so viele Einrichtungen in dieser Zeit.
Die Planungen für den Neubau liegen auf Eis. Ende
2021 wird der Bauantrag eingereicht und die Vorarbeiten
beginnen. Fast monatlich müssen die geschätzten
Baukosten nach oben korrigiert werden.
Mittlerweile ist man bei 8,5 Millionen Euro angelangt.
Spendenaktionen laufen, denn nach wie vor
ist kein Kostenträger bereit, auch nur einen Cent zu
geben.

Die Physiotherapie – die
absolut wichtigste Therapie
für fast alle Patienten
– besteht aus lediglich
drei Durchgangszimmern,
der Fitnessraum ist zu
klein, die Geräte sind fast
museumsreif.

Das neue Therapiezentrum „Birgitta-Hermle-Haus“ der
Nachsorgeklinik Katharinenhöhe
bietet optimale Behandlungsmöglichkeiten
für die Patienten. Sowohl für die
Physio- oder Ergotherapie als auch für die therapeutischen
Gesprächsrunden der Eltern.

Rehaklinik Katharinenhöhe 49

50
Soziales
Grundsteinlegung mit einer Überraschung
An einem sonnigen Tag im August 2022 ist es soweit.
Die Grundsteinlegung wird gefeiert. Ein kleiner Kreis
von Freunden und Spendern der Katharinenhöhe ist
gekommen und natürlich auch Miriam und Dietmar
Hermle. Nach einer bewegenden Rede einer betroffenen
Mutter greift Stephan Maier zum Mikrofon.
„Vor wenigen Minuten sind Miriam und Dietmar
Hermle zu mir gekommen. Wir erhalten eine weitere
Spende von einer Million!“ Stephan Maier bricht die
Stimme weg und allen Gästen stehen die Tränen in
den Augen.

Im Angesicht der leidgeprüften Kinder und der
betroffenen Eltern ist das unglaublich. „Ich kann nur
immer wieder Danke sagen.“ Miriam Hermle lächelt
unter Tränen. Man kann sie einfach nur in den Arm
nehmen. Drei Millionen – allein von der Hermle-Stiftung!
Irgendwie scheint die Sonne noch intensiver
zu strahlen.

Der Neubau wächst
2024 hält Miriam Hermle die jährliche Sitzung des
Stiftungsrats in der Katharinenhöhe ab. Sie hat den
Rohbau besichtigt und kennt die Zahlen. Ihr ist
es wichtig, den langjährigen Mitgliedern des Stiftungsrates
die Katharinenhöhe zu zeigen, damit sie
die wertvolle Arbeit kennenlernen. Stephan Maier
freut sich sehr darüber und führt gerne durch das
Haus. Und wie immer kommen die Kinder offen auf
die Besucher
zu, sprechen die Eltern gerne mit den
Gästen und berichten oft genug begeistert, wie und
womit sie die Zeit hier verbringen.
Das alles berührt die Besucher. Und am Ende
seiner
Sitzung beschließt der Stiftungsrat einstimmig,
der Katharinenhöhe eine weitere Spende von
3,5 Millionen Euro zukommen zu lassen. Kann man
das fassen: 6,5 Millionen Euro insgesamt!
Das Birgitta-Hermle-Haus
Keine Frage: Der Neubau mit einer herausragenden
Physiotherapie samt Erlebnis-Indoor-Spielplatz, der
auch gleichzeitig Therapie ist, mit Büros und Vortragsraum
ist ein fantastisches Birgitta-Hermle-Haus
geworden. Und nicht nur dem Namen nach. Das
Gebäude gilt der Rehaklinik als Andenken an eine
besondere Frau, die zu einem besonderen Ort kam.
Wo Schatten ist, wächst in der
Katharinenhöhe das Licht und wo
Angst ist, wächst hier Mut. Ich bin
glücklich, dass wir helfen konnten.
Miriam Hermle
Vorsitzende der Hildegard
und Katharina Hermle Stiftung
Die Katharinenhöhe macht demütig
und ist ein helles Licht in der Dunkelheit.
Im Schwarzwald wachsen nicht
nur Bäume – hier wachsen auch
Anteilnahme und Hilfsbereitschaft,
denn es gibt viele Menschen, die für
die Katharinenhöhe spenden. Dafür
bin ich sehr dankbar und das berührt
mich sehr.

Sven Hinterseh
Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises
Die Katharinenhöhe öffnet Türen zu
neuen Wegen voller Zuversicht.
Familien und junge Menschen
schöpfen neue Kräfte und erhalten
Perspektiven. Die Menschen in
Furtwangen stehen mit ganzem
Herzen hinter der Katharinenhöhe.
Darauf bin ich stolz und danke allen,
die die Arbeit der Einrichtung
unterstützen.
Josef Herdner
Bürgermeister von Furtwangen

Nachsorgeklinik Katharinenhöhe 51
Blick in ein Appartement des neu geschaffenen „Birgitta-Hermle-Hauses“ der Rehaklinik Katharinenhöhe.

Die Rehaklinik Katharinenhöhe im Sommer 2025.

52
Soziales

Seit dem 19. September erfüllen das Birgitta-Hermle-
Haus viele kleine und große Menschen mit
Leben: Sie trainieren für ihre Gesundheit, überwinden
eigene Grenzen – sie spielen miteinander,
tauschen sich aus, weinen vielleicht, aber ganz
bestimmt lachen sie oft und viel. Sie gehen gestärkt
nach Hause, voller Kraft und Zuversicht für die
Zukunft.

Wie sagte doch Stephan Maier: „Man kann nicht
genug Danke sagen. Danke an alle Spenderinnen und
Spender!“ Und er schließt in diesen Dank viele Partner
ein. Denn ohne die Spenden-Aktion „Gemeinsam
für die Katharinenhöhe“ mit den Projektpartnern
Schwarzwälder Bote, Lahrer Zeitung, Neckarquelle,
antenne 1 Radio Neckarburg Rock & Pop, Europa-
Park, Schwenninger Wild Wings sowie dem Verein
„Marianne Mack – Santa Isabell Hilfe für Kinder und
Familien“ wäre dieses Bauvorhaben gleichfalls nicht
möglich gewesen.

Miriam Hermle mit Vater Dietmar Hermle (rechts) von der
Hermle-Stiftung
zusammen mit dem Leiter der Rehaklinik
Stephan Maier bei einem Besuch der Einrichtung. Insgesamt
6,5 Mio. Euro hat die Stiftung für den nach Birgitta
Hermle benannten Erweiterungsbau gespendet.
Die Katharinenhöhe schenkt Kraft –
Schritt für Schritt und Tag für Tag.
Die Menschen in Schönwald sind
voller Hochachtung vor der wertvollen
Arbeit, die dort geleistet wird und
ich auch.

Christian Wörpel
Bürgermeister von Schönwald
Kein Mitleid, das man kaum erträgt,
keine Ratschläge, die nur Schläge
sind, sondern einfach nur viele
Hände – viele Menschen, die einfach
helfen. Das macht ein Stück weit
glücklich in schweren Zeiten.
Eine betroffene Mutter
Die Katharinenhöhe ist ein Ort, an
dem die Hoffnung blüht, die Seele
stärkt und Lächeln heilt. Ich bin
glücklich, dass wir helfen konnten.
Marianne Mack
Vorsitzende des Fördervereins
Santa-Isabel e.V.
„Danke“ für die außergewöhnliche
Unterstützung, für die Zuwendung,
für die Wertschätzung, für die
Anteilnahme. Ich kann immer nur
wieder „Danke“ sagen. Ich bin
glücklich über so viel Hilfe und
Wertschätzung.

Stephan Maier
Leiter der Katharinenhöhe
Rehaklinik Katharinenhöhe 53
Bei der Einweihungsfeier des „Birgitta-Hermle-Hauses“ der Rehaklinik Katharinenhöhe. Unter den Gästen weilten auch
Roland Mack vom Europa-Park mit Ehefrau Marianne Mack (4. und 5. v. rechts), Vorsitzende des Fördervereins Santa-Isabel
e.V., der die Katharinenhöhe stark unterstützt. Einmal mehr waren auch Akteure des Europa-Parks auf der Katharinenhöhe
zu Gast, so die Euromaus. Sie begleiteten die Schlüsselübergabe an den Leiter der Einrichtung, Stephan Maier.

54
Soziales

Die Ursprünge der Erziehungsberatung im heutigen
Kreisgebiet reichen bereits bis ins Jahr 1955 zurück.
Seit dieser Zeit wurde die Aufgabe der Erziehungsberatung
in Villingen und Donaueschingen von nebenamtlichen
Mitarbeitern der Kinderabteilung der
Universitäts- und Nervenklinik Freiburg durchgeführt.

Damals gab es in Donaueschingen 14-tägig ein
Beratungsangebot und am Villinger Krankenhaus ein
wöchentliches Beratungsangebot von neun Stunden.
Für eine Region mit ähnlicher Bevölkerungsgröße wie
der heutige Schwarzwald-Baar-Kreis war dies zwar ein
sehr überschaubares Angebot, zugleich stellt es den
Grundstein für die heutige Arbeit dar.

Das Angebot der Erziehungsberatung noch vor
Entstehung des heutigen Landkreises war von einigen
Herausforderungen geprägt. Eine lange Anfahrt der
nebenamtlich Beschäftigten aus Freiburg, Personalwechsel
in der Klinik und Herausforderungen bei der
Raumsuche erschwerten eine kontinuierliche Aufrechterhaltung
des Angebots. Schließlich musste das
Beratungsangebot in Donaueschingen am 30. September
1972 vorübergehend vollständig eingestellt
werden.

Mit den Fördermöglichkeiten, die durch das Land
Baden-Württemberg zur Einrichtung von hauptamtlich
besetzten Erziehungsberatungsstellen im Jahr
1972 beschlossen wurden, war es für die Landkreise
wie den Schwarzwald-Baar-Kreis sicherlich attraktiv,
eine Erziehungsberatungsstelle ins Leben zu rufen,
zumal sich der Bedarf deutlich zeigte und in den
Gremien diskutiert wurde. So wurden durch das Land
unter Einhaltung gewisser Rahmenbedingungen
zwei Drittel der Personalkosten gefördert.

Völlig unproblematisch hingegen war der Weg
zu einer eigenen Erziehungsberatungsstelle damals
dennoch nicht. In den Jahren 1974/75 wurden intensive
Bemühungen unternommen, ein hauptamtliches
Team zusammenzustellen und geeignete Räumlichkeiten
zu finden. Bereits Ende 1974 gab es erste
Stellenausschreibungen. Das Stellenbesetzungsprozedere
war mit einigem Aufwand verbunden,
denn man sah sich damals schon mit vergleichbaren
Herausforderungen bei der Personalfindung wie
heute konfrontiert. Kurzfristige Rückzüge von Bewerbungen
oder unentschuldigtes Nicht-Erscheinen
zu Gesprächen gab es schon damals. Der erste Lei-
50 Jahre Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche –
20 Jahre Interdisziplinäre Frühförderstelle
Eine Stelle – zwei Jubiläen
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises
feiert im Jahr 2026 ihr 50-jähriges Bestehen. Bereits kurz nach der Entstehung des heutigen
Schwarzwald-Baar-Kreises – eigentlich schon in der Übergangszeit – beschäftigten sich Verwaltung
und Gremien des Schwarzwald-Baar-Kreises mit der Schaffung einer hauptamtlich besetzten
Erziehungsberatungsstelle.

VON DANIEL MIELENZ UND PETRA RIST
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises 55
ter der „Erziehungsberatungsstelle“ – die heutige
Bezeichnung „Beratungsstelle für Eltern, Kinder
und Jugendliche“ erhielt die Stelle erst im Jahr
1980 – Roland Stieber bekam die Zusage für seine
Tätigkeit durch den Landkreis am 18. August 1975.
Schon knapp drei Wochen später, Roland Stieber war
noch nicht in Amt und Würden, war er bereits an
der Auswahl weiteren Personals beteiligt. Noch im
selben Jahr im Oktober bewilligte der Kreistag eine
zweite Psychologenstelle. Hier bewies der Kreistag
bereits Weitblick hinsichtlich einer Ausweitung in die
Regionen Donaueschingen
und Furtwangen – und
ermöglichte damit, das Angebot für alle Menschen
im Landkreis gut erreichbar zu gestalten. Im Oktober
1975 trat dann bereits die erste Mitarbeiterin ihren
Dienst beim Landkreis an und am 1. Februar 1976 war
es endlich soweit: Die Erziehungsberatungsstelle in
Villingen-Schwenningen nahm mit einem Team aus
vier hauptamtlichen Fachkräften ihre Arbeit in der
Herdstraße in Villingen auf.

Schon im ersten Jahr des Bestehens wurden 250
Anmeldungen verzeichnet – ein deutliches Zeichen
für den großen Bedarf an Beratung und Unterstützung.
Diese hohe Nachfrage brachte jedoch auch
Herausforderungen mit sich, wesentlich in Form von
Wartezeiten für die Ratsuchenden von vier bis sechs
Monaten. Recht früh zeigte sich, dass die Kapazitäten
erweitert werden mussten, um dem Bedarf gerecht
werden zu können. Schritte in eine bedarfsgerechte
Ausgestaltung wurden im Prinzip mit der Aufnahme
der Arbeit der Beratungsstelle unternommen.
Außenstelle des Landratsamtes in der Herdstraße 4 mit
BEKJ, Gesundheitsamt und Internatsverwaltung der Hotelfachschule.
Schon im ersten Jahr des
Bestehens wurden 250
Anmeldungen verzeichnet
– ein deutliches Zeichen
für den großen Bedarf.

56
Soziales
Ein bedeutender Schritt auf diesem Weg war die
Eröffnung der Außenstellen in Donaueschingen und
in Furtwangen im Jahr 1978. Dies ermöglichte es
gerade in den ländlichen Gebieten des Landkreises
zugänglicher für die Menschen in allen Teilen des
Landkreises zu sein. So kann die Beratungsstelle für
Eltern, Kinder und Jugendliche bis heute die Versorgung
im gesamten Kreisgebiet sicherstellen.
Über 30 Jahre lang ein hohes Maß
an Stabilität und Kontinuität
In den 50 Jahren ihres Bestehens hat sich in der BEKJ
manches verändert, vieles ist jedoch auch geblieben.
So hat der erste Leiter der Beratungsstelle seine
Leitungstätigkeit bis Ende des Jahres 2007 weitergeführt
und damit über 30 Jahre lang für ein hohes
Maß an Stabilität und Kontinuität gesorgt. Gleichwohl
gab es auch hier Veränderungen. Die Jugendund
Drogenberatung war von Beginn an Teil der
BEKJ, bevor sie im Jahr 1990 zur Pflichtaufgabe der
Landkreise und dann 1993 an den heutigen baden-
württembergischen Landesverband für Prävention
und Rehabilitation übergeben wurde. Auch war
die Schulpsychologische Beratungsstelle von 2005
bis 2008 Teil der BEKJ, bevor sie wieder in die
Trägerschaft des Landes überging. Nicht zuletzt die
„Frühen Hilfen“ waren von 2008 bis 2016 Teil der
BEKJ, bevor das Kreisjugendamt hier die Verantwortung
übernahm.

Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der
BEKJ war der Aufbau der Interdisziplinären Frühförderstelle
(IFF) innerhalb der BEKJ. Nachdem der
Kreis im Jahr 2005 Träger der Eingliederungshilfe
wurde, wurde im Jahr 2006 in den Gremien die Entscheidung
zur Einrichtung der IFF innerhalb der BEKJ
getroffen. Hierfür wurde aus dem bestehenden Personal
der BEKJ eine halbe Psychologenstelle sowie
jeweils eine halbe Stelle Heilpädagogik und Physiotherapie
neu zur Verfügung gestellt. Mit dem Beitritt
des Landkreises zur Landesrahmenvereinbarung
Frühförderung kann seit 2016 Familien von Kindern
mit einer (drohenden) Entwicklungsverzögerung
und/oder Behinderung im Vorschulalter Frühförderung
im Rahmen der Komplexleistungen angeboten
werden. Im Zuge dessen wurde im Jahr 2017 ein eigenständiges
Sachgebiet geschaffen. Die Schaffung
Beraterisch-therapeutische Arbeit mit Kindern in der BEKJ.
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises 57
der IFF und die Umsetzung der Komplexleistung
hat das Angebot der BEKJ wesentlich erweitert und
ermöglicht es, Kinder und Familien noch früher,
umfassender und in entscheidenden Entwicklungsphasen
pädagogisch und medizinisch-therapeutisch
zu unterstützen. Die IFF ist ein Paradebeispiel dafür,
wie wichtig und hilfreich frühzeitige Intervention
und ganzheitliche Unterstützung für die Entwicklung
von Kindern sein können.

Ebenfalls ein sehr wichtiger Meilenstein war der
Umzug der BEKJ am Standort Villingen in die heutigen
Räumlichkeiten im Jahr 2016 im ehemaligen Villinger
Krankenhaus. Hier finden sich nun sehr gute
räumliche Voraussetzungen für die Arbeit der BEKJ in
den beiden Bereichen Erziehungsberatung und Interdisziplinäre
Frühförderung.

Interdisziplinäres Team
Neben zahlreichen Entwicklungsschritten sind aber
auch einige Dinge geblieben. So ist die Zusammensetzung
eines Teams mit unterschiedlichen fachlichen
Ausbildungen und Ausrichtungen nach wie vor
als die zentrale Ressource zu begreifen, um die
vielfältigen Bedarfe einer Beratungsstelle für Eltern,
Kinder und Jugendliche zu bedienen. Im Laufe der
Jahrzehnte hat sich das Team der BEKJ immer weiter
zu einem breit aufgestellten, interdisziplinären Team
entwickelt. Weil es in der Arbeit der BEKJ – für
Außenstehende oft nicht vorstellbar und greifbar –
in Familien nichts gibt, was es nicht gibt, braucht es,
um die Aufgabe erfüllen zu können, vielfältigste
Kompetenzen, interne Kooperation, Abstimmung
und Unterstützung. Das heutige Team bringt
Grundqualifikationen aus den Bereichen Psychologie,
Sozialpädagogik, Gesundheits- und Sonderpädagogik,
Erziehungswissenschaft, Heilpädagogik,
Logopädie und Physiotherapie mit.
Nicht zu vergessen sind an zentraler Schnittstelle
zwischen innen und außen die verwaltungsorientierten
Kolleginnen in der Teamassistenz. In den
Anfängen der Erziehungsberatung waren dies noch
„Schreibkräfte“, heute jedoch ist auch dieses
Aufgabenfeld wesentlich komplexer und ohne die
Unterstützung aus diesem Bereich wäre eine
Beratungsstelle dieser Größe organisatorisch
handlungsunfähig. Diese Kolleginnen ermöglichen
es, dass sich die Fachkräfte auf ihr Kerngeschäft
konzentrieren können. Alle Fach- und Verwaltungskolleginnen
haben darüber hinaus zahlreiche Fortund
Weiterbildungen absolviert und sind für
wechselnde und steigende fachliche Anforderung
stets gut aufgestellt.

Diese breite Expertise ermöglicht es, die „Fälle“
aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und
den Ratsuchenden passgenaue Angebote zu machen.
Dies ist von zentraler Bedeutung, da sich nicht nur
die Anzahl der Fälle – von 250 Fällen im Jahr 1976 auf
über 1600 im Jahr 2024 – sondern auch die Komplexität
der Probleme, mit denen Familien konfrontiert
sind, im Laufe der Zeit deutlich erhöht haben.
Beständig geblieben ist der klare Fokus auf die
Familien im Rahmen der Erziehungsberatung nach
§ 28 SGB VIII. An Themen, Familien- und Lebensgeschichte
gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Die
Fachkräfte haben es mit allen Facetten des Lebens
zu tun – logischerweise, und das liegt in der Natur
der Sache, eher mit den weniger erfreulichen, belastenden
Facetten. Diese reichen von reinen Entwicklungs-
und Erziehungsfragen über Schulprobleme,
Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Konflikte, Trennung
und Scheidung, Ängsten bis hin zu schweren
psychischen Belastungen. Die BEKJ ist für viele dieser
Herausforderungen kompetent und oft eine erste
Anlaufstelle in Krisensituationen. Aufgabe ist es,
mit den Ratsuchenden einen Weg zu finden, der die
Situation verbessern kann und neue Perspektiven zu
entwickeln. Natürlich werden hierbei die Grenzen
von Beratung beachtet und es wird an spezifische
Fachberatungsstellen, weiterführende Jugendhilfeangebote
oder das Gesundheitssystem mit
seinem psychotherapeutischen Angebot weitervermittelt,
sofern dies angesichts der Kapazitätsgrenzen
des dortigen Angebots möglich ist.

An Themen, Familien- und
Lebensgeschichte gibt es hier
nichts, was es nicht gibt.

58
Soziales
Systemische Herangehensweise
Was sich über die Jahrzehnte grundlegend geändert
hat, ist der Ansatz, mit dem auf die Themen geschaut wird und
die Herangehensweise in der
Bearbeitung der Anliegen. In den Anfangsjahren
wurde sehr kindbezogen gehandelt. Man ging davon
aus, dass das Kind die Störung hat, sie dem Kind
quasi innewohnt. Daher wurde vorrangig das Kind
diagnostiziert und behandelt. Heute wird in Beratung
und Frühförderung sehr viel mehr in Zusammenhängen
und den sozialen Lebenskontexten, also
sehr viel mehr „systemisch“ gedacht.

Ein Kind wird beispielsweise immer auf die Trennung
seiner Eltern, auf die psychische Erkrankung
seiner Eltern, schulische Überforderung oder auf
Gewalt durch nahe Bezugspersonen reagieren. Welche
Lösungsversuche es dabei entwickelt, ist sehr
unterschiedlich. Aber häufig werden die Lösungen
dann mit der Zeit selbst zum Problem. Ziel ist es,
die Sinnhaftigkeit des Verhaltens zu verstehen und
gemeinsam mit den Betroffenen neue, weniger leidvolle
und weniger problematische Verhaltensmöglichkeiten
zu entwickeln.

Dieser systemische Ansatz ermöglicht eine ganzheitlichere
Betrachtungsweise und führt zu nachhaltigeren
Lösungen. Das Kind wird nicht mehr isoliert
betrachtet, sondern als Teil eines sozialen (Familien-)
Systems, in dem viele Faktoren eine Rolle spielen
und sich gegenseitig beeinflussen. Daher werden
die Eltern der Kinder sehr viel mehr in die Verantwortung
genommen. Es sind nicht die Fachkräfte der
Beratung, die eine zentrale Rolle im Leben der Kinder
spielen sollten, sondern egal ob Frühförderung in
der IFF oder Beratung in der EB – Eltern sollen darin
gestärkt werden, es für ihre Kinder gut zu machen.
Daher versuchen Fachkräfte insbesondere die Eltern
zu stärken und mit allem auszustatten, was für ein
gelingendes Aufwachsen notwendig ist.

Die BEKJ hat sich zu einer zentralen Schnittstelle
entwickelt, sowohl innerhalb der Jugendhilfe, aber
auch für angrenzende Systeme wie das Schulsystem,
das System der Kindertagesbetreuung, der Gesundheitsversorgung
bis hin zu Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Die BEKJ ist darum bemüht, mit den unterschiedlichen
Hilfesystemen innerhalb und außerhalb
der Jugendhilfe vernetzt und in Kontakt zu sein, um
alle möglichen Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder,
Jugendliche und Familien zu kennen und gegebenenfalls
eine Brücke in noch passendere Systeme
herzustellen. Oder auch, um mit anderen Anbietern
gemeinsam passende Angebote zu machen, wie beispielsweise
die gerichtsnahe Beratung im Schwarzwald-
Baar-Modell oder im Rahmen der Vortragsreihe
der BEKJ. In diese sind zahlreiche Institutionen mit
ihren spezifischen Kompetenzen eingebunden.
Spielerisch lernen mit schwierigen Situationen umzugehen
– und sein eigenes Verhalten zu überprüfen.

Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Schwarzwald-Baar-Kreises 59
In Zeiten der Digitalisierung hat sich das digitale
Angebot erweitert. Neben persönlichen Beratungen
bietet die BEKJ bei Bedarf Online-Beratungen an.

Dies hat sich besonders während der COVID-19-Pandemie
als wertvoll erwiesen, aber auch darüber hinaus
bietet es Familien eine flexible Möglichkeit, die
Dienste der BEKJ in Anspruch zu nehmen.
Zudem finden Vorträge im Rahmen des „Bildungsespresso“
teilweise hybrid statt, was den
Eltern Fahrtwege, Kosten und gegebenenfalls die Suche
nach einem Babysitter erspart. Diese Flexibilität
ermöglicht es, auf die sich ändernden Bedürfnisse
und Lebensrealitäten der Familien im Schwarzwald-
Baar-Kreis zu reagieren. Diese Kombination aus
persönlicher und digitaler Beratung wird die Zukunft
der Beratungsarbeit weiter prägen.
Ein wichtiger Aspekt der Arbeit ist die Prävention.
Viele Probleme können durch frühzeitige Intervention
vermieden oder abgemildert werden. Daher
werden neben der Beratung Workshops und Informationsveranstaltungen
für Eltern, Erzieher und Lehrer
sowie Kurse im Rahmen des Landesprogramms
„STÄRKE“ angeboten. Diese präventive Arbeit ist ein
wichtiger Baustein in dem Bestreben, das gelingende
Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im
Schwarzwald-Baar-Kreis zu fördern.

Weitblick mit Zuversicht
Zum 50-jährigen Jubiläum blicken wir dankbar
zurück auf die Weitsicht der damaligen Entscheidungsträger
und das Engagement aller Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre zu
einem gelingenden Leben der Menschen im „Lösungsraum“
der EB und im „Entwicklungsraum“ IFF
beigetragen haben und hoffen auf die Weitsicht
heutiger und künftiger Entscheidungsträger. Wenn
man sich die Berichte über die Finanzsituation des
Landkreises in Zeiten der Gründung anschaut, hätte
man wenig Hoffnung gehabt auf die Einrichtung
einer solchen Stelle und doch wurde so entschieden.
Nicht zuletzt deshalb ist Zuversicht eine der
größten Stärken der BEKJ: Die Herausforderungen
mögen sich ändern, aber das Ziel bleibt dasselbe,
nämlich Kindern, Jugendlichen und Familien bestmögliche
Unterstützung zu bieten. Dabei werden die
Anforderungen an die Arbeit einer Beratungsstelle
für Eltern, Kinder und Jugendliche weiter steigen.
Themen wie omnipräsente Kriege und Krisen, die
zunehmende Digitalisierung, der Klimawandel und
seine psychologischen Auswirkungen sowie gesellschaftliche
Veränderungen und Ressourcenknappheit
werden neue Aufgaben stellen. Daher ist und
bleibt die BEKJ ein unverzichtbarer Baustein der sozialen
Daseinsvorsorge im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Wir wären gespannt mitzuerleben, wie dann im Jahr
2076 andere Menschen hoffentlich das 100-jährige
Jubiläum der BEKJ feiern werden.
Diese präventive Arbeit ist
ein wichtiger Baustein in
dem Bestreben, das
gelingende Aufwachsen
von Kindern und Jugendlichen
im Schwarzwald-
Baar-Kreis zu fördern.
Frühes Plakat zum Angebot der Jugendberatung.

60
Oksana Schlee-Keil – Von der Barbie-Puppe zur Modedesignerin
MIT MUT, GLITZER UND
HEISSKLEBER
AUF DIE
INTERNATIONALE MODEBÜHNE
3. Kapitel – Da leben wir
Oksana Schlee-Keil bei einem Island-Shooting. Foto: Nadja Schitova
VON CORNELIA PUTSCHBACH

Ihre Kleider sind ein Blickfang: voluminös, farbenfroh und oft reich verziert.
Oksana
Schlee-Keil entwirft und fertigt in Marbach, einem Ortsteil von
Villingen-
Schwenningen, Kleider für die große Bühne. Jedes Stück wirkt wie ein
Versprechen
auf den großen Auftritt. Die Schöpferin dieser auffälligen Kreationen
ist eine Designerin
mit außergewöhnlichem Werdegang. Mit handwerklichem
Geschick,
kreativer Leidenschaft und einer gehörigen Portion
Durchhalte-
vermögen
hat sich die 41-Jährige Schritt für Schritt auf das internationale
Parkett
der Modewelt vorgearbeitet. Sie liebt das, was sie tut – und auch die Flexibilität
und den großen Einsatz, den ihr dieser Beruf oder besser ihre Berufung abverlangen.
„Ich weiß oft nicht, was mir der nächste Tag bringt und welche Ideen
mir in den Kopf kommen“, sagt sie.

62
Da leben wir

Oksana Schlee-Keil aus VS-Marbach
präsentiert
ihre Mode bei Shootings auf
einem
Tulpenfeld
in Amsterdam
(links) und
inmitten von Riesen-
Hortensien auf den
Azoren
(rechts). Fotos: Nadja Schitova

64
Da leben wir
Hinter den Kleidern von Oksana Schlee-Keil steckt
im Wesentlichen ein Ein-Frau-Unternehmen. Umso
bemerkenswerter ist, welche Kreise die Kreationen
mittlerweile ziehen. „Schon als Kind habe ich Kleider
für meine Barbies entworfen“, erinnert sie sich an
die Anfänge. Aus Stoffresten, Papier oder allem, was
sie finden konnte, bastelte Oksana fantasievolle
Outfits für ihre Puppen. „Ich war schon immer
kreativ, habe gerne getanzt und gemalt. Das Modedesign
kam irgendwie von selbst dazu“, so die heute
dreifache Mutter.

Mit 13 Jahren siedelte Oksana Schlee-Keil mit
ihrer Familie aus dem russischen Krymsk nach
Deutschland über, zu den Großeltern nach Villingen-
Schwenningen. Ihre Schulzeit verbrachte sie zunächst
in Schwenningen, später dann in Brigachtal.
Dort stellte sie als Jugendliche ihre erste eigene
Kollektion vor: Gelbe Säcke waren gleichzeitig
besonderes und günstiges Material. Die ungewöhnliche
Idee sorgte für Aufmerksamkeit und Anerkennung.
„Damals kamen schon viele mit staunenden
Blicken auf mich zu und fragten: Wie hast du das
gemacht?“, erinnert sie sich mit einem Lächeln.
Die Ausbildung zur Kosmetikerin
ist zunächst eine solide Basis
Den Schritt, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen,
wagte Oksana Schlee-Keil erst später. Stattdessen
absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur
Kosmetikerin und Visagistin. Auch hier war ihre
Kreativität gefragt. Danach arbeitete sie im Einzelhandel.
„Ich hatte zwar den Traum im Kopf, aber
nicht den Mut, ihn direkt zu verwirklichen“, gesteht
sie offen.

Erst mit Mitte 20 eröffnete sich ein neuer Weg:
Als Model wurde Oksana in eine Kartei aufgenom-
Ich war schon immer kreativ,
habe gerne getanzt und
gemalt. Das Modedesign kam
irgendwie von selbst dazu“,
erinnert sich die heute
dreifache
Mutter. Begonnen
hat alles im Teenager-Alter mit
„Gelben Säcken“.
Dreißig bis achtzig Stunden arbeitet Oksana Schlee-Keil
an einem ihrer Kleider, die bis zu neun Kilo wiegen. So wie
jenes, das auf dem Foto rechts zu sehen ist. Sie arbeitet
aus dem Kopf heraus und nach dem Gefühl, zeichnerische
Vorentwürfe
gibt es nicht.

Oksana Schlee-Keil 65
men. Bei Shootings bestand sie jedoch darauf,
immer wieder auch ihre eigenen Entwürfe zu tragen.
Damit brachte sie nicht nur ihre Mode an die
Öffentlichkeit, sie übte zugleich das professionelle
Präsentieren.

Die ersten Kleider entstanden mithilfe einer
Heißklebepistole. Nähen mit der Maschine schien ihr
zunächst zu kompliziert. Doch mit der Zeit wuchs
das handwerkliche Können. Anfänglich übernahm
ihr Mann das Schneidern nach ihren Entwürfen. Als
es ihm nach der Arbeit zu viel wurde, musste Oksana
Schlee-Keil selbst an die Nähmaschine, ein entscheidender
Wendepunkt. Heute beherrscht sie nicht nur
das Nähen, sondern auch komplexe Techniken wie
das Einarbeiten von Korsagen. Alles hat sie sich
selbst beigebracht. „Was ich mache, ist handwerklich
ganz sicher nicht perfekt“, lacht die Designerin. Das
sei ihr aber auch gar nicht so wichtig, verrät sie. Das
Kleid muss nachher aussehen, wie sie es sich
vorstellt. Der Weg dahin ist kreativ und nicht immer
die hohe Kunst des Schneiderhandwerks.

Von der ersten Idee bis zum fertigen Kleid
erledigt die heute 41-Jährige die meisten Arbeitsschritte
selbst. Lediglich beim Aufsticken von Perlen
geht ihr gelegentlich eine Tante ihres Mannes zur
Hand. „Sie hat dafür das geschicktere Händchen und
die größere Geduld“, verrät sie.

Die Modewelt wird auf die Kleider
aus dem Schwarzwald aufmerksam
Zunehmend wurde die Modewelt auf die Designerin
aufmerksam. Ihre farbenfrohen, expressiven Kleider
fanden Anklang, zuerst in kleineren Kreisen, dann
bei größeren Events. Mit wachsender Bekanntheit
entschied sie sich schließlich, ihr Arbeitsverhältnis
zu kündigen und sich vollständig dem Modedesign
zu widmen. Ein Risiko, das sich ausgezahlt hat.
„Es war keine leichte Entscheidung, aber mein
Mann hat mich immer unterstützt“, sagt sie. Ohne
ihn und auch ohne ihre Eltern und die Schwiegermutter
wäre heute vieles nicht möglich. Die Familie
nimmt Oksana Schlee-Keil oft die Wege und Aufgaben
des Alltags mit den Kindern und im Haushalt ab,
wenn sie wieder einmal für ihre Kleider auf Tour ist.
Dreißig bis achtzig Stunden arbeitet die Designerin
an einem Kleid, unermüdlich und auch bis tief in
die Nacht. Die Leidenschaft für Farben, Formen,
Strukturen und außergewöhnliche Materialien treibt
sie an. Auf konkrete Bestellung arbeitet die Designerin
kaum. Bis zu 240 Meter Stoff ist in manchen
Kleidern verarbeitet. Acht bis neun Kilogramm wiegt
ein solches Kleid. Immer wieder werden Pailletten,
Federn oder auch Tüll und Blumen verarbeitet.
„Schlicht ist für mich ein Kleid, in dem ich nur 100
Meter Stoff verarbeite“, so Oksana Schlee-Keil.
Die Natur als Quelle der Inspiration
„Ich lasse mich viel von der Natur inspirieren“,
erzählt sie. Ideen für ihre Kleider kommen oft
unerwartet und spontan. An anderen Designern
möchte sich Oksana Schlee-Keil ganz bewusst nicht
orientieren. Ihre Mode schaut sie sich kaum einmal
an. „Ich habe meinen eigenen Stil. Meine Kleider
sind unverkennbar ‚Oksana‘ und haben einen
Wiedererkennungseffekt. Das bestätigen mir auch
andere immer wieder“, freut sie sich.

Das Schaffen der Kleider ist die eine Sache. Doch
der Designerin ist es auch wichtig, dass ihre Kleider
getragen und gezeigt werden. Auch Kundinnen mit
kleinem Budget oder besonderem Kleidungsbedarf
sollen Zugang zu ihren Kreationen haben. Oksana
Schlee-Keil bietet deshalb viele ihrer Kleider zur
Miete an, darunter auch Modelle für Schwangere, für
Curvy-Frauen oder spezielle Anlässe wie Hochzeiten.
Wer ihre Kleider ausleiht und zu welchem Zweck,
weiß die Designerin in aller Regel nicht. Umso
schöner und größer die Überraschung, wenn sie
dann darauf aufmerksam gemacht wird, dass eines
ihrer Kleider im Fernsehen bei der Datingshow „Der
Bachelor“ zu sehen ist.
Erster großer internationaler Auftritt in Paris
Ihren ersten großen internationalen Auftritt hatte sie
vor zwei Jahren in Paris. Für eine Modenschau wurde
sie eingeladen, gleich zu Beginn des Events durfte
sie ein Dutzend ihrer Kreationen präsentieren.
Gemeinsam mit ihrem Mann und einer Assistentin
fuhr sie in einem Sprinter samt Kleidern in die
französische Hauptstadt. Der Aufwand zahlte sich
aus: Es folgten Einladungen zu Shows in Krakau und
Nürnberg.

Ein besonderer Höhepunkt: Die Wahl der Miss
Europa Continental in Neapel. Dort trugen mehrere
Finalistinnen ihre Entwürfe – inklusive der Siegerin
aus der Ukraine. „Das war ein Gänsehautmoment“,
sagt sie. Ihre Mode machte Eindruck – glamourös,
opulent, auffallend anders.

In der Folge gab es gar eine Anfrage aus dem
Management von Heidi Klum. Für ein Projekt in Los
Angeles hätte diese drei Monate später 25 Kleider
für Unterwasseraufnahmen gebraucht. Für Oksana
Schlee-Keil hätte das bedeutet, Tag und Nacht
durchzunähen. Aus dem Auftrag wurde dann doch
nichts. „Ich war aber ganz nah dran“, ist sie dennoch
stolz darauf, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
zu haben. Auch beim renommierten Filmfestival in
Cannes wurden ihre Kleider gesichtet. Die
Oksana Schlee-Keil mit einem ihrer Entwürfe – 120 Meter
Stoff, die Näharbeiten können beginnen!

Rechte Seite: Besondere Hingucker sind die
Unterwasseraufnahmen
des renommierten
Fotografen Konstantin Killer.

66
67
68
Oksana Schlee-Keil
Schauspielerin
und Influencerin Yvonne Pferrer
posierte in einem Modell von Oksana Schlee-Keil bei
einem professionellen Foto-Shooting.
Fotoreisen sind ein weiteres Standbein – ohne
die Kleider geht aber auch hier nichts
Ein zweites Standbein der Designerin sind Foto-
Shooting-Reisen für Frauen. Ganz allein von der
Mode zu leben, ist schwierig. Die Idee dafür hatte
Oksana Schlee-Keil auf einer Reise nach Italien.
Beim Blick ins Dörfchen Montespluga in der
Lombardei sah sie nicht nur die schöne Landschaft
mit ihrer einladenden Atmosphäre,
sondern vor
allem auch eine tolle Kulisse für Aufnahmen mit
ihren Kleidern. Die Begeisterung von Fotografen für
solche Fotoreisen hielt sich aber zunächst in Grenzen.

Doch irgendwann war mit Nadja Schitova eine
Fotografin gefunden, die die Begeisterung der
Designerin für die Idee der Fotoreisen teilte. Heute
ist sie die Hauptfotografin bei den Fototouren.
Ziel der Reisen ist es, jeder Teilnehmerin ein
Model-Erlebnis zu ermöglichen, ganz unabhängig
von Alter, Konfektionsgröße oder Erfahrung. Die
Reisen führen zum Beispiel nach Amsterdam zu
einem Shooting im Tulpenfeld, nach London mit
einem Shooting vor Big Ben oder zum Lieblingsziel
von Oksana Schlee-Keil, nach Island.

„In dieses Land und seine Landschaft bin ich
verliebt. Es hat etwas Besonderes. Island steht für
mich nicht nur für Vulkane und schwarzen Strand,
sondern vor allem für Frühling und Sommer. Auch in
dieser kargen Landschaft grünt und blüht dann
alles“, begründet sie ihre Vorliebe für Island und
denkt dabei zum Beispiel an ganze Berghänge voller
Lupinen.

Der Fotograf und eine Auswahl an Kleidern für
die Shootings sind bei den Reisen inklusive, Frisur
und Make-up der Models übernimmt die gelernte
Visagistin selbst. Ihr Mann fertigt Drohnenaufnahmen.
Ein Komplettpaket, das den teilnehmenden
Frauen, oft ohne jede Modelerfahrung, die Möglichkeit
bietet, in eine neue Welt hineinzuschnuppern.
„Wenn ich unterwegs bin, zum Beispiel im Urlaub
mit der Familie, bin ich immer auch auf der Suche
nach idealen Orten für Fotoaufnahmen“, gesteht
Oksana Schlee-Keil. Ein Ziel, das sie unbedingt
einmal ansteuern möchte, ist Norwegen. Die Fjorde
haben es ihr besonders angetan. Beim Gedanken an
diese schroffen Landschaften hat die Designerin
auch schon wieder Ideen für neue Kleider im Kopf.

Fotograf Konstantin Killer lässt Models und
Kleider unter Wasser schweben
Besondere Hingucker sind die Unterwasseraufnahmen
des renommierten Fotografen Konstantin Killer
mit Kleidern von Oksana Schlee-Keil. Er kreiert mit
den wallenden Kleidern eine fantastische Welt der
Schwerelosigkeit und Eleganz.

Bei diesen Aufnahmen wird noch mehr als bei
anderen Motiven deutlich, dass es oft ohne Bildbearbeitung
nicht geht. Wasser sorgt für einen grünlichen
oder bläulichen Farbstich. Den wollen
Fotograf und Designerin in den Bildern nicht haben.
Die Kleider sollen durch ihre originale Farbe im
Mittelpunkt stehen. Außerdem tragen die Models
unter Wasser einen schwarzen Bleigürtel unter den
Kleidern.

Ziel der Reisen ist es, jeder
Teilnehmerin ein Model-
Erlebnis zu ermöglichen.
Sie führen zu Locations
wie Amsterdam mit
Shooting im Tulpenfeld,
nach London mit
Aufnahmen vor Big Ben
oder nach Island – zum
Lieblingsziel
von
Oksana Schlee-Keil.

Unterwasseraufnahmen von Konstantin Killer mit Kleidern
von Oksana Schlee-Keil. Wie sie entstehen, war unlängst
auch im SWR-Fernsehen zu sehen.
,,
XXX 69

Da leben wir
Der scheint auf den Aufnahmen durch den
Stoff der Kleider hindurch. Auf den fertigen Fotos will man ihn aber natürlich nicht sehen.
Auch Lippen oder Teint brauchen bei den Aufnahmen
regelmäßig etwas Retusche, gibt Oksana
Schlee-Keil einen Einblick in die Geheimnisse der
Modefotografie.
Was treibt Oksana Schlee-Keil an?
Es ist nicht der Wunsch nach Ruhm oder
Reichtum. Es sind die Liebe zur Kreativität und
der Traum, aus ihrem Namen eine Marke zu
machen. „Ich wünsche mir, dass man Oksana
Schlee-Keil bald noch viel mehr mit originellen,
opulenten und besonderen Kleidern verbindet.
Es soll auch eine Marke sein, die Frauen
inspiriert, mutig zu sein und sich schön zu
fühlen“, sagt die Designerin. Eine eigene
Fashion-Show, bei der 20 oder 30 Kleider der
Designerin zu sehen sind, ist noch so ein Traum
von Oksana Schlee-Keil. Die Location hat sie
schon im Kopf. „Vielleicht wird das nächstes
Jahr etwas“, überlegt sie.
Ihr Weg dorthin scheint keine Grenzen zu
kennen. Neugier, Improvisationstalent und der
Willen, Herausforderungen anzunehmen, sind
ihr wertvolle Begleiter. Wo andere Hindernisse
sehen, entdeckt sie Möglichkeiten. „Ich habe
gelernt, dass es sich lohnt, Dinge einfach
auszuprobieren. Nicht alles muss perfekt
geplant sein. Viele gute Dinge passieren, wenn
man offen bleibt“, lautet ihr Fazit.
Ob Paris, Neapel, Cannes oder Rom –
Oksana
Schlee-Keil ist gekommen, um zu
bleiben.

Und ihre Kleider? Die bleiben garantiert
im Gedächtnis.
Das Lieblingsziel der Designerin ist die märchenhaft
anmutende Welt von Island. Hier setzt sie ihre
phantasievollen Kleider-Unikate im Rahmen von
Erlebnisreisen
besonders
eindrucksvoll in Szene.
Fotos: Nadja Schitova

70
71

Nikolaus Arnold

72
EIN „TOURISMUSHELD“
FÜR TRIBERG
VON HELEN MOSER

Da leben wir

Er ist nicht nur vom Tourismusnetzwerk Baden-Württemberg
als „Tourismusheld“ ausgezeichnet worden, sondern
verkörpert diesen Titel in jeder Hinsicht auch persönlich.
Nikolaus Arnold ist in Triberg tief verwurzelt – und leitet
das Stadtmarketing der Wasserfallstadt seit 2003 mit großem
Erfolg. Mit Leidenschaft und Weitblick gestaltet er
die touristische Entwicklung und setzt sich Tag für Tag mit
ganzer Hingabe dafür ein. Für ihn steht fest: „Die Wasserfallstadt
ist liebens- und lebenswert – und hat noch weit
mehr zu bieten.“ So trägt er maßgeblich dazu bei, dass der
Tourismus in Triberg einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige
ist – und bleibt.
73

74
Da leben wir
Wer Nikolaus Arnolds Büro im Erdgeschoss
des Triberger Rathauses betritt, der wird
mit freundlichem Lächeln und einem
Handschlag begrüßt.

Und für den lohnt es sich auch,
sich aufmerksam umzusehen: Ein Plakat zeigt die
stilisierten Triberger Wasserfälle, ein anderes hat die
Schwarzwaldbahn zum Thema. Die Motivtafel des
Triberger Trachtenvereins, die stets bei Trachtenumzügen
präsentiert wird, lehnt an einer Wand. Ein
Stück weiter hängt neben Bildern von Familienangehörigen
eine Urkunde, die Arnold als jemanden
ausweist, dem in Tribergs südfranzösischer Partnerstadt
eine besondere Ehre zuteil wurde: Als Ehrenritter
des sogenannten „Omelette-Ordens“ durfte er
beim Omelette-Fest in Fréjus mit einem langen
Holzspatel kräftig in der riesigen Pfanne umrühren
und so zum Gelingen der spektakulären Speise
beitragen. Ihr Inhalt: rund 15.000 Eier.

Der Tourismuschef und eingefleischte Triberger
ist sich sicher: Die Wasserfallstadt ist immer eine
Reise wert – und er arbeitet täglich daran, diese
Botschaft noch mehr Menschen nahezubringen.
„Hier gibt es an 365 Tagen im Jahr etwas zu entdecken“,
betont Nikolaus Arnold. Ein Umstand, der
nicht zuletzt sein Verdienst ist. Als Kind der Stadt
weiß er genau, was Triberg zu bieten hat – nicht nur
für Touristen, sondern auch für Einheimische. „Was
in Triberg geht, ist mir sehr wichtig“, betont Nikolaus
Arnold aus Überzeugung. In 20 bis 30 Vereinen sei
er Mitglied, erzählt der Tourismuschef. Mehr als 30
Jahre gehörte er dem Pfarrgemeinderat an; seit etwa
zehn Jahren arbeitet er nun im Gemeindeteam der
katholischen Seelsorgeeinheit „Maria in der Tanne“
mit. Der Stadt- und Kurkapelle stand er von 2001 bis
2013 als Vorsitzender vor.

Heute ist er deren Ehrenvorsitzender
und spielt außerdem noch immer gerne
aktiv Trompete. Den Triberger Trachtenverein,
zwischenzeitlich in der Versenkung verschwunden,
rief er 2015 wieder ins Leben. Seitdem ist er dessen
Vorsitzender. Und wer mit ihm in der Wasserfallstadt
unterwegs ist, der bemerkt schnell: Hier gibt es wohl
nur sehr wenige, die Nikolaus Arnold nicht kennen.
Und das gilt umgekehrt ebenso.

Mit Kreativität rund um die Wasserfallstadt
Zwei Fragen prägen seine Tätigkeit als Triberger
Tourismuschef – und die versteht der Stadtmarketingleiter
als Auftrag: Wie kann man aus dem großen
Potenzial des Standorts mehr und mehr herauskitzeln?
Wie kann man aus dem, was sich vor Ort
bietet, das Maximale herausholen? Die Antwort
– oder zumindest ein Teil davon: Kreativität. Immer
wieder müsse man neue Ideen einbringen, findet
Arnold.

Er selbst hält sich strikt an dieses Motto – das
zeigt sich allein schon mit Blick auf die vielen
Projekte, die er in seinen bereits mehr als 20 Jahren
als Stadtmarketingleiter umgesetzt hat. Die Liste ist
lang. Die Inspiration liegt dabei auf der Straße, in

Was in Triberg geht, ist mir
sehr wichtig. Ich bin in 20
bis 30 Vereinen Mitglied,
war Vorsitzender der
Stadtkapelle und habe
2015 den Trachtenverein
neu gegründet.

Nikolaus Arnold in seiner Wirkungsstätte. Auch die Auszeichnung
zum „Tourismushelden“ schmückt die Wand
der Tourist-Info Triberg.

Nikolaus Arnold

75
den Wäldern und auf der Schiene rund um die
Wasserfallstadt. Und natürlich am Wasserfall selbst,
der jährlich über 460.000 Tagesgäste anlockt.
Nikolaus Arnold: „Das ist eine Wahnsinns-Attraktion
– und sie bietet viel Potenzial. Dieses für die Stadt zu
nutzen, ist mein erklärtes Ziel.“
Wie das gelingen kann? Zum Beispiel durch
weitere touristische Attraktionen: Etwa das „Triberg-
Land“ mit seinen interaktiven Modellbauanlagen,
das 2017 eröffnete. Oder das Instagram-Museum
„Triberg-Fantasy“, in dem seit 2021 der perfekte
Schnappschuss für die sozialen Medien gelingt.
Ideengeber in beiden Fällen: der Stadtmarketingleiter.
Und diese Attraktionen schlagen zu Arnolds
Freude gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie
erweitern Tribergs Angebot und beseitigten zwei
Leerstände im Stadtzentrum. Das Schwarzwaldmuseum
als drittes Museum im Bunde hat die Stadt seit
2021 vom Heimat- und Geschichtsverein gepachtet
– und arbeitet seitdem daran, die Einrichtung etwa
durch interaktive Elemente zeitgemäßer zu machen.
Eine weitere Quelle der Ideen für Nikolaus Arnold
ist die weltweit bekannte Schwarzwaldbahn. Als
Mittelpunkt der malerischen
Gebirgsstrecke sei
Triberg prädestiniert, dieses spannende Thema
Die Hauptattraktion von Triberg ist der Wasserfall, zugleich
der liebste
Ort von Nikolaus Arnold.

76
Da leben wir
aufzugreifen, findet er. Arnold hat deshalb bereits
verschiedene Veranstaltungen und Projekte rund um
die Bahnstrecke und ihre Geschichte initiiert. Seit
2004 finden in Kooperation mit den Eisenbahnfreunden
Zollernalb regelmäßig moderierte Dampfzugfahrten
statt. Seit Juli 2011 ziert eine historische Dampflok
den Bahnhofsvorplatz in Triberg. Der Schwarzwaldbahn-
Erlebnispfad mit 16 Stationen rund um die
Bahnstrecke und ihre Geschichte ist aus Arnolds Sicht
eine besondere Erfolgsgeschichte. „Das hat eine tolle
Eigendynamik entwickelt“, sagt er über die Entstehung
des Wanderweges von der Idee bis zur Umsetzung.

Seit bereits 2012 lockt der Schwarzwaldbahn-
Erlebnispfad Besucher an.
Bislang vier Mal – 2014, 2016, 2018 und 2024 –
fanden zudem die Schwarzwaldbahn-Tage in Triberg
statt, an die Arnold gerne zurückdenkt. „Die haben
immer sehr viel Spaß gemacht.“ Die Veranstaltung
mit Lokparade, Sonderzugfahrten, Ausstellungen
und vielem mehr entspringt ebenfalls dem Ideen-
Pool des Triberger Tourismuschefs.

Und sie sind nicht die einzige Großveranstaltung,
die Arnold über die Jahre in der Wasserfallstadt
etablieren konnte. Auf die Suche nach einer Sommer-
Veranstaltung in Triberg machte er sich vor
einigen Jahren und wurde gleichfalls fündig: Das
Triberger Schinkenfest findet seit 2012 statt. Was vor
Jahren als überschaubares kulinarisches Fest begann,
nahm schnell größere Ausmaße an. Nach wenigen
Jahren fand erstmals ein kleiner Trachtenumzug
statt. „Da kamen ein paar Vereine aus der Umgebung“,
erinnert sich Arnold. Mittlerweile lockt der
original Schwarzwälder Trachtenumzug mit jeder
Auflage bis zu 1.000 Trachtenträger an, viele
Tausend Zuschauer säumen den Straßenrand.

Kinderhilfsprojekt Mali
„Eine absolute Herzensangelegenheit“ ist dem
Stadtmarketingleiter das Kinder-Hilfsprojekt Mali. Es
entstand durch die Kontakte zur Triberger Patenbatterie
bei der Bundeswehr, dem Artilleriebataillon 295
aus Stetten am kalten Markt. Nach einem Auslandseinsatz
in Mali brachten die Soldaten beklemmende
Eindrücke mit nach Deutschland. „Die Kinder dort
haben noch weniger als nichts“, fasst Arnold zusammen.
„Da war schnell klar, dass wir helfen wollen. Also
haben wir ein Kinder-Hilfsprojekt gegründet.“ Seit
2019 hat das große Kreise gezogen. Mittlerweile
wurden mehr als 20.000 Euro gespendet, schildert
der Stadtmarketingleiter. Auch das Interesse des
heutigen Chefs des Bundeskanzleramts und Bundesministers
für besondere Aufgaben, Thorsten Frei,
weckte das Projekt. Und die Grundschule in Triberg
Da war schnell klar, dass
wir helfen wollen. Also
haben wir ein Kinder-
Hilfsprojekt für Mali
gegründet.

Links:
Vorstellung Kinder-Hilfsprojekt Mali in Corona-Zeiten mit
von links: Karl Rombach (damals CDU-Landtagsabgeordneter),
Felix Arnold,
Nikolaus Arnold und MdB Thorsten
Frei (CDU), heutiger Chef des Bundeskanzleramtes und
Bundesminister für besondere Aufgaben.
Rechte Seite:
Erfolgsaktionen von Nikolaus Arnold.
Oben links: als Werbeträger für den SC Freiburg in Uhrenträger-
Tracht. Oben rechts: als Initiator des Schwarzwaldbahn-
Erlebnispfades aus der Lok grüßend.
Unten: Inmitten einer Schwarzwälder Kirschtorte im Instagram-
Museum „Triberg-Fantasy“.

77
78
Da leben wir
hat inzwischen eine Partnerschule in Mali. Immer
wieder ist man in Kontakt, freut sich Arnold – ob per
Foto, Video oder sogar persönlich.

Internationale Verbindungen der Stadt prägt der
Tourismuschef aber noch weitere: So engagiert er
sich für den Austausch mit der französischen
Partnerstadt Fréjus, ist Vorsitzender des Freundeskreises
Triberg/Fréjus. „Ich bin sicher zwei oder drei
Mal pro Jahr dort“, sagt er über die Partnerstadt.

Auch kümmert Arnold sich um die Koordination mit
dem Lazarus-von-Schwendi-Bund: In diesem haben
sich deutsche, französische und belgische Gemeinden,
die einst im Besitz dieses Freiherrn waren,
zusammengeschlossen – darunter auch die Wasserfallstadt.
Außerdem war Arnold 22 Jahre lang
städtischer Ansprechpartner für den Triberger
Weihnachtszauber. Die Veranstaltung erlebte jedoch
2024 ihre letzte Auflage.

Karrierestart in Furtwangen
Wenn Arnold in Erinnerungen an all diese Projekte
schwelgt, ist seine Begeisterung deutlich zu spüren.
Dann sprudelt es nur so heraus aus dem Triberger
Tourismuschef, der 2025 seinen 60. Geburtstag
gefeiert hat. Seine berufliche Karriere im Bereich des
Tourismus begann 1991 in Furtwangen. Dort trat der
Triberger nach seiner Ausbildung zum Touristik-Fachwirt
eine Stelle in der Tourist-Info an. In Furtwangen
arbeitete Arnold bis 2003. Und brachte sich schon
dort vielfältig ein – unter anderem zwölf Jahre lang als
Geschäftsführer des „Vereins Trödlermarkt und
Stadtfest“ sowie elf Jahre lang als Geschäftsführer des
„Vereins Schwarzwald-Bike-Marathon“. Die heutige
Großveranstaltung wurde in Arnolds Zeit in Furtwangen
ins Leben gerufen. Noch heute denkt der Triberger
Tourismuschef gerne an seine Zeit in Furtwangen
zurück. „Auch dort hat mir die Arbeit immer sehr viel
Spaß bereitet“, sagt Arnold.

Immer am Puls der Zeit
Der Triberger freut sich aber ebenso darüber, dass er
nun in seiner Heimatstadt an vorderer Stelle vieles
initiieren und mitgestalten kann. Nikolaus Arnold:
„Wenn es nach mir geht, sind wir noch lange nicht am
Ende.“ Dass das nicht nur leere Versprechungen sind,
spürt man schnell. Für jedes der Triberger Museen hat
er Ideen zur Weiterentwicklung: Fürs „Triberg-Fantasy“
beispielsweise sind weitere Fotokojen im Entstehen.
Und auch für die Modernisierung des Schwarzwaldmuseums
schwebt Arnold noch allerlei vor. Woher die
Inspiration für all das kommt? Die holt er sich, wenn
er selbst verreist ist. In Kalifornien und Dubai war er
beispielsweise schon – und geht gerne in die Berge
zum Wandern. „Da schaue ich mir an, was andere so
machen und welche Themen die aufgreifen“, sagt der
Stadtmarketingleiter. Auch auf Reisen hat er so die
touristische Entwicklung Tribergs immer im Hinterkopf.
„Es ist einfach wichtig, am Puls der Zeit zu
bleiben“, betont Nikolaus Arnold – auch was neue
technologische Entwicklungen angehe. Bei allen
neuen Ideen dürfe jedoch nie die Authentizität
Wenn es nach mir geht,
sind wir noch lange nicht
am Ende. Es ist einfach
wichtig, am Puls der Zeit
zu bleiben. Es muss immer
authentisch sein, immer
Schwarzwald.

Beim Omelette-Fest in der französischen Partnerstadt von
Triberg – Fréjus.
Nikolaus Arnold
79

Tribergs verloren gehen. „Es darf nichts Aufgesetztes
sein, was nicht hierher passt“, betont der Stadtmarketingleiter.
„Es muss immer authentisch sein,
immer Schwarzwald.“

Eines brauche der Triberger Tourismuschef für
seine Aufgabe ganz besonders: Durchhaltevermögen,
wie er lachend erklärt. „Es geht eben nicht alles
auf einmal.“ Schon allein wegen der knappen
finanziellen Ressourcen müsse man teils lange und
beharrlich am Ball bleiben, um die Ideen umsetzen
zu können. Denn die touristische Weiterentwicklung
der Stadt ist längst nicht die einzige Baustelle – das
weiß auch der Stadtmarketingleiter. Wobei er sich
sicher ist: Neue Angebote wie das „Triberg-Fantasy“
und das „Triberg-Land“, Veranstaltungen wie das
Schinkenfest und vieles mehr kommen nicht nur
Touristen zugute – sie bringen auch einen Mehrwert
für alle Triberger. Außerdem habe sich durch die
weiteren Freizeiteinrichtungen die Aufenthaltsdauer
von Touristen in der Stadt verlängert, bilanziert
Arnold. „Das kommt allen zugute, zum Beispiel auch
Gastronomen, Hoteliers, Einzelhändlern und
Souvenirgeschäften.“

Für seinen ideenreichen und engagierten Einsatz
über Jahrzehnte hinweg wurde Nikolaus Arnold
mehrfach gewürdigt. Besonders freut er sich über
die Verleihung des Titels „Tourismusheld“ durch
Patrick Rapp, Staatssekretär im baden-württembergischen
Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und
Tourismus. Und einen „Tourismushelden“ braucht
Triberg mehr denn je, um die Wasserfallstadt im
Wettstreit um Touristen aus der ganzen Welt auch
künftig weit vorne zu platzieren.
Mit Triberg tief verwurzelt – Nikolaus Arnold als Vorsitzender
und „Täfeleträger“
des Trachtenvereins Triberg.

88

Da leben wir
Stephan Peltzer
VOM YATEGO-GRÜNDER
ZUM ZÜCHTER VON
WAGYŪ-RINDERN
VON MICHAEL SAURER
81

Um das innere Gleichgewicht
zu finden,
gibt es verschiedene
Möglichkeiten.
Stephan Peltzer aus
St. Georgen findet es auf der Weide,
inmitten seiner Rinderherde. Dort,
wo der Wind pfeift und in der Ferne
der Ruf eines Rotmilans zu hören ist.
Ruhe, einfach nur Ruhe.

82
Da leben wir
Stephan Peltzer züchtet Rinder. Das allein ist
noch nichts Besonderes, gerade im Schwarzwald.
Und doch gibt es einiges, das bei ihm
anders ist: Da ist zum einen die Rasse seiner Tiere
– der 47-Jährige züchtet Wagyū-Rinder. Die aus
Japan stammenden Edel-Rinder sind bei Gourmets
weltweit für ihr zartes Fleisch bekannt. Auch das
berühmte Kobe-Fleisch gehört zum Wagyū, was auf
Deutsch übersetzt einfach nur japanisches Fleisch
bedeutet. Und tatsächlich lässt sich Wagyū nicht mit
europäischem Rindfleisch vergleichen. Da ist zum
Beispiel der hohe Fettgehalt, der sich aber nicht
punktuell ansammelt, sondern sich durch das Fleisch
hindurchzieht und ihm die für Wagyū typische Marmorierung
verleiht. Dadurch zerfällt Wagyū praktisch
auf der Zunge, schmeckt butterig weich – und ist vor
allem sehr gesund. Das japanische Fleisch ist voller
Vitamine, Mineralstoffe und ungesättigter Fettsäuren,
darunter auch Omega-3. Es gehört somit zu den
gesündesten Fleischarten überhaupt – und auch zu
den hochpreisigsten.

70 Rinder, reinrassige Wagyū und einige Hybriden
hat Stephan Peltzer derzeit und geht es nach
ihm, sollen bald doppelt so viele auf den Weiden
stehen. Möglicherweise auch mehr – wenn er einen
weiteren Investor findet. Denn Stephan Peltzer hat
viel vor. Das war schon immer so und das führt zum
weiteren Punkt, der Peltzer von der Masse an Rinderzüchtern
in der Region unterscheidet. Denn der
Mann mit dem Hut und der typischen Lederjacke
kam erst vor wenigen Jahren zur Rinderzucht. In
seinem früheren Leben machte Peltzer etwas völlig
anderes. Und das bis zum Exzess. Irgendwann ging
Das japanische Fleisch es nicht mehr – und die Rinder waren die Lösung.
ist voller Vitamine,
Mineralstoffe und
ungesättigter Fettsäuren,
darunter auch Omega-3. Stephan Peltzer mit seinem Zuchtbullen.

Stephan Peltzer 83
Wagyū (Quelle Wikipedia)
Wagyū (japanisch 和牛, dt. etwa „Japan-Rind“),
manchmal auch „Wagyū-Rind“, ist eine Bezeichnung
mehrerer Rinderrassen japanischen Ursprungs.
Wagyū heißt übersetzt schlicht „japanisches
Rind“, wobei hiermit nur die Rinder der
japanischen Rassen gemeint sind.
Das Wagyū-Rind ist als Kobe-Rind sehr
bekannt, was insofern eine nicht ganz richtige
Bezeichnung ist, da nur das Fleisch der Wagyū-
Rinder, die in der japanischen
Region Kobe geboren,
aufgezogen, gemästet und
geschlachtet wurden, die
Bezeichnung Kobe tragen
darf. Es handelt sich also um
eine geschützte Ursprungsbezeichnung und ist
vergleichbar mit Champagner oder Nürnberger
Lebkuchen. Von in Japan insgesamt rund 774.000
geschlachteten Wagyū-Rindern durften z.B. 2009
nur 3.066 als Kobe-Fleisch deklariert werden.

Erst „Turbo Pascal“, dann spielen
Peltzer war zwölf, als er seinen ersten Computer
bekam. Damals lebte er in Marbach, einem Ortsteil
von Villingen. Um diesen ersten Computer zu
bekommen, musste er einen Deal mit seinem Vater
eingehen: Bevor er ein Spiel installieren darf, muss
er zunächst die Programmiersprache „Turbo Pascal“
lernen. Der Junge stürzte sich aufs Programmieren,
steigerte seine Kenntnisse und begann bald schon,
seine ersten Programme zu schreiben. Etwa ein
Programm für den Matheunterricht. Ganz einfache
Funktionen, die Grundrechenarten zu Beginn. Doch
er erweiterte es schrittweise. Irgendwann konnte es
komplizierte logarithmische Kalkulationen durchführen.
„Das Programmieren ist für mich zu einem
Hobby geworden“, sagt Peltzer heute.

Mit 16 verkaufte er sein erstes Programm an
eine Firma für Schneeräumfahrzeuge in St. Blasien.
Mit diesem konnten die Mitarbeiter die Achslast
der Fahrzeuge leichter berechnen. 2.000 Mark bekam
er damals – viel Geld für den Schüler. Noch zu
Schulzeiten gründete er mit Freunden die Firma
Dynamic Hardware, einen Hardware-Dienstleister.
Die Kumpels installierten Netzwerke, legten Verkabelungen
und erstellten – es war die Frühzeit des
Internets – erste Webseiten für zahlende Kunden.

和牛
84
Da leben wir
Danach gründete
er die Firma Unisol, die Webseiten
erstellte, Datenbanken programmierte und damals
WAP-Seiten entwickelt hat, eine frühe Form des Internetzugangs
für Mobiltelefone. Die Firma zog ins
Technologie-Zentrum in St. Georgen, eine Kreativschmiede,
in den alten Produktionshallen des Dual-
Werks, das viele Start-ups anzog.

Revolutionäre Idee
Gleichzeitig begann Peltzer ein Studium der Wirtschaftsinformatik
an der Hochschule in Furtwangen.
Doch die Firma und das Studium parallel voranzutreiben,
funktionierte irgendwann nicht mehr,
Peltzer musste eine Entscheidung treffen. Er brach
das Studium trotz der Warnungen seines Vaters ab
und konzentrierte sich auf seine Firma.

Doch auch die war ihm irgendwann nicht mehr fordernd genug.
Durch seine Kontakte fand er Mitstreiter für eine
Idee, die damals, 2003, geradezu revolutionär war:
Zusammen gründeten sie die Firma Yatego, einen
frühen Online-Marktplatz. Amazon war damals noch
ein reiner Buchhändler, Ebay eine Auktionsplattform
für Gebrauchsgegenstände.

Es war eine Idee, die zündete. Yatego stieg
schnell auf zu den ganz großen Online-Märkten,
machte einen Jahresumsatz von fünf bis sechs Millionen
Euro und auf der Webseite wurden Waren
im Wert von bis zu 100 Millionen Euro im Jahr umgesetzt.
120 Mitarbeiter beschäftigte Yatego in der
Spitze, das Geschäft sprudelte und damit auch Stephan
Peltzers Einnahmen. „Ich wusste irgendwann
nicht mehr, was ich mit dem ganzen Geld machen
soll“, sagt er. Er fuhr einen großen Cadillac, flog für
einen Kurztrip übers Wochenende in die Karibik,
feierte Silvester im Berliner Hotel Adlon. „Aber egal,
wie viel Geld ich ausgab, am Ende des Monats war
schon wieder welches da“, sagt Peltzer.

Yatego:
Die Firma Yatego galt bei ihrer Gründung 2003 als
eine der Pioniere des aufkommenden Online-Handels
und gewann schnell an Kunden und Reichweite.
Während zu Beginn noch rund 400.000 Produkte
von 200 Händlern dort gehandelt wurden, waren es
2011, als Stephan Peltzer und Michael Hollmann, die
beiden Gründer, die Firma verkauften, bereits 3,7
Millionen Produkte von 10.200 Händlern.
Übernommen wurde die Firma zunächst von dem
Wachstumsfinanzierer für Internet- und Mobile-
Unternehmen Acton Capital Partners mit Sitz in
München, der sie dann später an einen Berliner
Investor verkaufte. Allerdings hat die Firma angesichts
der gestiegenen Konkurrenz durch die Großen
der Branche wie Amazon viel an Reichweite verloren.
Statt wie zu den Hochzeiten über 100 Mitarbeiter
beschäftigt die Firma heute nur noch neun
Mitarbeiter.

Gehandelt werden nur noch knapp eine Million
Produkte von 990 Anbietern. Da die Räumlichkeiten
in St. Georgen zu groß wurden, ist der Firmensitz
deshalb 2018 nach Villingen verlegt worden. Geschäftsführer
Albert Kampf glaubt dennoch an die
Zukunft des Unternehmens und möchte den
Schwerpunkt verlagern. Künftig sollen dort vor allem
regionale Produkte aus Baden-Württemberg auf
einer eigens gegründeten Plattform mit dem Namen
„the Plätform“ gehandelt werden. Seit dem 1. August
2025 können dort lokale Erzeugnisse wie Kartoffeln,
Käse, Wein, Säfte, Holzarbeiten oder Kosmetik
online bestellt werden.

Stephan Peltzer 85
Stephan Peltzer im Wohnzimmer, sprich der ehemaligen Scheune seines Bauernhofs im St. Georgener Ortsteil Brigach.

Ich habe teilweise jeden
Tag, bis auf Sonntag, 16
Stunden gearbeitet, fast
nie Urlaub gemacht. Am
Ende war ich einfach nur
ausgebrannt.

Neuer Sinn im Leben
Was sich für viele Menschen wie ein Segen anhört,
war für Stephan Peltzer aber das Gegenteil. Immer
schneller drehte sich das Hamsterrad. „Ich habe
teilweise jeden Tag, bis auf Sonntag, 16 Stunden gearbeitet,
fast nie Urlaub gemacht. Am Ende war ich
einfach nur ausgebrannt.“ 2011 zog er den Stecker,
verkaufte zusammen mit seinen Mitgesellschaftern
die Firma und suchte einen neuen Sinn in seinem
Leben. Er kaufte einen alten Hof bei St. Georgen und
renovierte ihn schrittweise.

Dort, wo früher ein großer Stall war, sollte nun
die geräumige Wohnküche entstehen. Es war ein
Projekt, das ihn wieder forderte, in das er all‘ seine
Energie steckte. Doch als die Bauarbeiten dann zu
Ende waren, fiel er abermals in ein Loch. Er, der
Macher, der Zeit seines Lebens immer Ideen hatte,
den Ton angab, hatte plötzlich nichts mehr zu tun.
Er besaß nun einen Hof mit fünf Hektar Wiese und
vier Hektar Wald. Aber diese wurden nicht wirklich
bewirtschaftet. Und so reifte in ihm irgendwann die
Idee, einfach Rinder zu züchten. Aber wenn schon,

86
Da leben wir

so dachte er, ganz Geschäftsmann, dann sollte sich
das Ganze auch lohnen. Besondere Rinder sollten es
sein. So kam er zum Wagyū.
Eine Biografie, die gar nicht so ungewöhnlich sei,
sagt Uwe Jerathe, Erster Vorsitzender des Wagyū-
Verbands Deutschland. Viele Wagyū-Züchter seien
Quereinsteiger und hätten in ihrem früheren Leben
etwas anderes gemacht. Einer der größten Züchter
in Deutschland sei durch Immobilienhandel zu Wohlstand
gekommen und hätte dann, ähnlich wie Peltzer,
einen neuen Sinn gesucht. Wagyū würde durch
den Trend zu Slow Food und bewusster Ernährung
einen Nerv der heutigen Zeit treffen – bei Kunden
wie bei Erzeugern. „Viele Menschen sagen, dass sie
lieber weniger Fleisch essen, aber wenn, dann etwas
Hochwertiges“, so Jerathe.

Kein Export aus Japan
Mit sechs Tieren fing bei Stephan Peltzer alles an.
Zwei davon waren Kühe, einer wurde als Zuchtbulle
ausgewählt, drei weitere Männchen wurden kastriert.
Heute hat er drei Zuchtbullen und sämtliche
Kälber sind durch, wie er sagt, „Natursprung“, also
auf natürliche Weise, gezeugt worden. „Die Bullen
machen ihre Arbeit gut“, sagt Stephan Peltzer
augenzwinkernd. Einfach neue Tiere zu kaufen, sei
auch gar nicht so einfach. Immer noch dürfen die
meist schwarzen, muskelbepackten Tiere ebenso wie
ihr Fleisch, ihre Samen und Embryonen nicht aus
Japan ausgeführt werden, so Uwe Jerathe. Nur in
den 1970er- und später noch einmal in den 1990er-
Jahren habe es vereinzelte Tiere gegeben, die den
Weg in die USA, nach Australien und Europa gefunden
haben. Sämtliche Wagyū-Rinder außerhalb
Japans sind Nachkommen dieser Tiere.

Im Gegensatz zu Japan, in denen die Wagyū-
Haltung meist eine Massentierhaltung sei, legt Peltzer
aber Wert darauf, dass es seinen Tieren gut gehe,
dass sie auf natürliche Weise leben und aufwachsen.
Den ganzen Sommer über sind seine Tiere auf der
Weide, Kälber werden nicht von den Müttern getrennt.
Im Winter sind sie im Stall, aber auch der ist
geräumig und die Tiere haben jederzeit die Möglichkeit,
den Stall zu verlassen. Bereits heute produziert
er nach Bio-Kriterien, offiziell als Bio-Fleisch deklarieren
darf er es aber erst ab 2026, so verlangt es das
Gesetz.

Die Rinder sind in Pension
Die Ställe sind nicht bei seinem Haus, den Platz
hätte er gar nicht. Stephan Peltzer hat seine Tiere
auf anderen Höfen in Pension gegeben. Auch so eine

Neue Tiere zu kaufen, ist
nicht so einfach. Immer noch
dürfen die Tiere – ebenso wie
ihr Fleisch, ihre Samen und
Embryonen nicht aus Japan
ausgeführt werden.

Petra und Wolfram Haas – auf ihrem Hof stehen 24
Wagyu-Rinder.

Stephan Peltzer 87

ungewöhnliche Idee. „Ich passe nicht ins System“,
gesteht Peltzer. Das sieht vor, dass jemand entweder
Rinder bei sich auf dem Hof hat oder sie temporär
woanders unterstellt. Aber dass jemand seine Tiere
permanent auf anderen Betrieben großzieht, kennen
die Paragrafen nicht. Die Zertifizierungsstelle etwa
habe sich ganz schön gewunden, als er damals
sein Gewerbe angemeldet habe. Letztendlich
brauchte er eine Ausnahmegenehmigung des
Regierungspräsidiums Karlsruhe.

24 seiner Rinder stehen zum Beispiel derzeit auf
dem Hof von Petra und Wolfram Haas, nur wenige
Hundert Meter von seinem Wohnhaus entfernt. Für
die beiden Vollerwerbslandwirte kam Peltzer genau
zur richtigen Zeit. Ihre 35 Milchkühe hatten sie 2016
abgegeben – wirtschaftlich hätte sich das bei dieser
Größe nicht mehr rentiert, erklärt Wolfram Haas.
„Die Frage war damals, entweder investieren wir
einen höheren sechsstelligen Betrag in eine Modernisierung
– oder wir verkaufen alles.“ Am Ende sei
die Entscheidung klar gewesen. Und so hatten sie
plötzlich einen Hof, aber leere Ställe. Peltzer wollte
Rinder halten, hatte aber keine Ställe. Eine Winwin-
Situation. Klar, am Anfang sei Wolfram Haas
skeptisch gewesen, ob sich das für Peltzer auszahle.
„Aber für uns war das kein großes Risiko.“ Seine
Frau Petra hingegen sei von Anfang überzeugt von
der Idee gewesen. „Ich habe einfach sofort gemerkt,
dass das keine fixe Idee war, sondern durchdacht.“
Und vor allem sei Stephan Peltzers Enthusiasmus ansteckend
gewesen.

Auf drei Höfen verteilen sich die 70 Rinder derzeit,
doch Peltzer ist auf der Suche nach weiteren
Orten, auf denen er seine Tiere unterstellen kann.
Diese müssten auch nicht zwingend in der Gegend
um St. Georgen sein, betont er. Nur im Schwarzwald
sollten sie sein. Auf bis zu 150 Rinder möchte er, sofern
er weitere Weiden und Stallflächen findet, noch
aufstocken, das könnte er im Alleinbetrieb noch
schaffen, ist er sich sicher.

Bestellungen werden noch selbst verpackt
Tatsächlich startet der 47-Jährige gerade wieder voll
durch. Seine Tage seien bereits wieder voll, sagt er.
Noch liegt die gesamte Vermarktung in seiner Hand.
Zusammen mit seiner Frau Katja kümmert er sich
um den Schlacht- und Zuchtplan, die eigene Homepage
www.schwarzwaldwagyu.de und selbst die
Bestellungen werden von ihm noch selbst gepackt
und verschickt. Derzeit lässt er einmal im Monat
schlachten, da funktioniert das noch. Doch schon
bald möchte er die Menge verdoppeln und zweimal
im Monat schlachten lassen. Dann würde er auch
zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben. Derzeit,
solange die Herde noch im Aufbau ist, ist er froh,
wenn am Ende des Jahres eine schwarze Null
herauskommt. Doch das soll sich ändern. Denn eines
ist klar: Geschäftsmann ist Stephan Peltzer geblieben.
Nur diesmal sollen sein inneres Gleichgewicht
und das seines Bankkontos miteinander im Einklang
sein.

Die Kälber befinden sich gemeinsam mit den Muttertieren
den ganzen Sommer über auf der Weide.

88
Da leben wir
Lukas Nagel
TRAUMBERUF(UNG)
PRIESTER
VON HELEN MOSER

Polizist oder Tierärztin, Profifußballer oder Ballerina – das wollen viele Kinder
einmal werden. Bei Lukas Nagel aus Triberg war das anders. „Klar“, sagt er,
habe es zwischenzeitlich immer mal wieder andere Berufswünsche gegeben
– aber einer, den nicht viele Kinder teilen, zog sich von klein an durch: Nagel
wollte Priester werden. Mittlerweile ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.
Ein bisschen überrascht ist Lukas Nagel schon.

„Man wundert sich manchmal, aber es interessiert
die Leute irgendwie“, sagt er – und meint
damit seine Berufswahl. Denn der junge Triberger
hat einen Weg eingeschlagen, den heute nicht mehr
viele wählen: Im Mai 2025 wurde er im Freiburger
Münster von Erzbischof Stephan Burger zum Priester
geweiht. Vielleicht sei das in der heutigen Zeit
exotisch, räumt Nagel an. Doch für ihn war es ein
Ereignis, auf das er sich intensiv vorbereitet und auf
das er schon lange hingearbeitet hat.

Denn Priester wollte er bereits lange werden.
„Einen genauen Zeitpunkt kann ich gar nicht
ausmachen, aber es war ein Wunsch, den ich schon
seit meiner Kindheit hatte“, sagt er. Der Glaube
begleite ihn als Teil seines Lebens bereits lange.
Nach seiner Erstkommunion, erinnert er sich, habe
sich dann immer klarer gezeigt, welchen Weg er
einschlagen wolle – ein Wunsch, der sich mit der
Zeit unter anderem durch Ministranten- und
Oberministrantendienst in seiner heimischen
Kirchengemeinde noch verstärkt habe.

„Gottesdienst und Kirche – das hat mich schon
immer fasziniert“, blickt Nagel zurück. Was ihm
besonders gefiel: Die Gemeinschaft der Kirchengemeinde,
die zusammenkomme, um die Heilige
Messe zu feiern. Umso mehr bedauert er, wie sehr
Gottesdienstbesuche in den vergangenen Jahren in
vielen Gemeinden zurückgegangen sind. „Man sieht,
wie radikal schnell sich das verändern kann“, blickt
er zurück – in seiner Kindheit habe er das noch ganz
anders erlebt.

Auch sein Umfeld aus Familie, Freunden und
Bekannten habe ihn stets auf seinem Weg bestärkt,
sagt Nagel. Eine Person nennt er ausdrücklich:
„Wichtig war für mich auch mein Religionslehrer am
Lukas Nagel vor dem Panorama seiner Heimatgemeinde
Triberg.

Lukas Nagel 89

90
Da leben wir

Gymnasium.“ Dieser habe ihn „zur Suche meiner
Berufung ermutigt und mein Interesse an der
Theologie wachsen lassen“. So wuchs nach und nach
die Überzeugung, einmal Priester werden zu wollen.
„Ich kann nicht sagen, dass es bei mir den einen
Berufungsmoment gab, der von heute auf morgen
mein Leben verändert hat“, blickt Nagel heute
zurück. „Vielmehr war der Glaube etwas, das schon
immer zu meinem Leben dazugehört hat.“ Ob auch
das Priestertum etwas für ihn sein könnte? Das
vermutete Nagel – daher war es nur folgerichtig,
nach seinem Abitur, das er 2016 machte, ins Priesterseminar
Collegium Borromaeum in Freiburg einzutreten
und an der örtlichen theologischen Fakultät
sein Studium aufzunehmen.

So klar dieser Weg für Nagel war – heute gehen
ihn vor allem im Vergleich zu vergangenen Zeiten
nicht mehr viele junge Leute. „Wir waren damals ein
recht großer Jahrgang“, erklärt Nagel. Elf Mitbrüder
traten zusammen mit ihm ins Priesterseminar in
Freiburg ein – sieben von ihnen kamen, wie Nagel
selbst, aus dem Bistum Freiburg, zwei aus dem
Bistum Basel in der Schweiz und noch einmal zwei
aus dem Bistum Mainz.
Priesterseminar bietet viel Zeit für Reflexion
Von den acht Kandidaten aus dem Bistum Freiburg
blieben letztlich noch zwei übrig, schaut Nagel zurück
– „und einer davon bin ich“. Viele, erinnert sich Nagel,
hätten schon während des ersten Semesters im
Priesterseminar – noch bevor das eigentliche Studium
angefangen habe – nach und nach aufgehört.
„Es war die erste Berufungsprüfung damals“, sagt
er heute. „Ist das wirklich etwas für mich, was auch
für die kommenden Jahre trägt, sodass ich den Weg
weiter gehen kann?“ Nicht bei allen sei die Antwort
auf diese Frage positiv ausgefallen – für Nagel
vollkommen verständlich. „Das ist eine wichtige
Entscheidung, die man nicht leichtfertig trifft“, sagt
er über den Entschluss, die Priesterlaufbahn einzuschlagen.
Genau deshalb sei das Priesterseminar
auch auf mindestens siebeneinhalb bis acht Jahre
ausgelegt – weil es neben dem Studium und einer
praktischen Ausbildung auch viel Zeit biete, zu
reflektieren.

Zeit, die auch Nagel ausgiebig nutzte. Musste
auch er einmal genau darüber nachdenken, ob er
weitermachen will oder nicht? „So radikal nicht“,
meint Nagel. „Im Nachhinein kann ich sagen, dass es
nie einen konkreten Anlass gab, wo ich dachte, dass
es jetzt gar nicht mehr geht.“
Nur mit einem Thema hatte er etwas zu kämpfen,
blickt er zurück. „Es war immer mein Wunsch,
Priester zu werden. Aber wir sagen, es ist eine
Berufung. Das bedeutet: Gott will etwas vom
Menschen – und wir antworten darauf. Für mich war
immer klar, dass ich das will. Aber ich war mir nicht
Priesterweihe am 11. Mai 2025 durch Erzbischof Stephan
Burger im Freiburger Münster.
Ist das wirklich etwas für
mich, was auch für die
kommenden Jahre trägt,
sodass ich den Weg weiter
gehen kann?

Lukas Nagel 91

hundertprozentig sicher, ob es auch Gottes Wille ist.“
Diese Frage habe sich „die ganze Zeit durchgezogen“,
so Nagel über seine Zeit am Priesterseminar.
Letztlich war es das Praxissemester in Überlingen
sowie einige Erfahrungen im Gebet, die in der
Sache den Durchbruch brachten, erinnert sich Nagel
heute. Damals habe er erkennen können, „wie
erfüllend die Aufgaben eines Priesters sein können
und wie schön es ist, Gott und den Menschen zu
dienen“, schildert er. Erfahrungen, die er auch in
seiner Zeit in der Seelsorgeeinheit Empfingen/
Dießener Tal bestätigt sah: Dort war Nagel ab Ende
Oktober 2023 als Pastoralpraktikant tätig, nach
seiner Diakonweihe im Juni 2024 und bis zu seiner
Priesterweihe noch einmal knapp ein Jahr als
Diakon.

Begegnung mit Menschen und ihnen dienen
Vor allem in seiner Zeit als Diakon habe er erlebt,
wie erfüllend es sei, Menschen in unterschiedlichen
Situationen kennenzulernen und zu begleiten.
Kinder taufen, Paare trauen, Tote begraben, Kranke
besuchen, Liturgie feiern, Schüler unterrichten sowie
Kinder und Jugendliche auf die Sakramente vorbereiten,
nennt Nagel zentrale Aufgaben, die er nun auch
als Priester wahrnimmt.

Die Fülle sei enorm – und genau das mache ein
Stück weit auch den Reiz aus. „Manchmal erlebt man
wirklich das ganze Leben an einem Tag“, sagt Nagel
– vom Taufgespräch über Hausbesuche und einen
Gottesdienst bis hin zu einer Krankensalbung.
Den Begegnungen mit Menschen, die er als
Vertreter der Kirche hat, misst Nagel gleichzeitig
eine große Bedeutung zu – nicht nur spirituell.
„Gerade bei Taufen oder Trauungen habe ich es oft
mit Menschen zu tun, die nicht unbedingt aktiv sind
in der Kirchengemeinde und vielleicht nicht regelmäßig
in den Gottesdienst kommen, aber die
trotzdem eine Verbindung zur Kirche haben“, erklärt
er. „Da finde ich es wichtig, dass sie in dem Moment
positive Erfahrungen mit der Kirche machen – und
dass sie danach sagen können: Bei all den negativen
Bildern, die die Kirche ja leider umgeben, das war
jetzt gut für uns.“

Denn daraus, dass das Ansehen der Kirche in den
vergangenen Jahren in vielen Köpfen gelitten hat,
macht Nagel kein Geheimnis. Nicht nur der Missbrauchsskandal
habe am Bild der Kirche gekratzt.
Umso mehr freut er sich, dass er bislang sehr
positive Erfahrungen gemacht habe – „vom Beginn
des Studiums an über das Praxissemester bis jetzt“,
schildert er.

Natürlich kämen Themen wie Missbrauch in der
Kirche und auch das Zölibat im Gespräch immer mal
wieder auf. Aber er habe es noch nie erlebt, dass er
Manchmal erlebt man
wirklich das ganze Leben an
einem Tag.

Die heilige Messe während der Heimatprimiz von Lukas
Nagel in Triberg.

92
Da leben wir

im direkten Austausch „blöd angemacht“ worden
sei. „Manchmal denkt man, die Leute müssten
eigentlich viel mehr Misstrauen haben“, meint Nagel.
„Aber ich habe es als große Chance erlebt, dass die
Menschen, denen ich begegnet bin, mir als Amtsträger
viel Vertrauen entgegenbringen.“ So könne er
seinen Teil dazu beitragen, die Kirche positiv zu
repräsentieren.

Als besonders bereichernd hat Nagel viele
Begegnungen rund um seine Priesterweihe und auch
um die Heimatprimiz in der darauffolgenden Woche
in Triberg in Erinnerung, wie sich im Gespräch zeigt.
Diese fielen in eine ereignisreiche Zeit: Aus der
Seelsorgeeinheit, in der er als Diakon tätig war,
heraus, in die Vorbereitung auf die Priesterweihe
– „dann ist man so weit“, sagt Nagel. „Und dann geht
es wirklich Schlag auf Schlag.“
Überwältigende Heimatprimiz in Triberg
Denn die Heimatprimiz in Triberg war nach seiner
Priesterweihe längst nicht der einzige Termin für
Nagel. In den Tagen nach der Weihe sei er fast
täglich an einem anderen Ort gewesen, habe
Gottesdienste gefeiert und sei Menschen begegnet,
die er während seiner unterschiedlichen Stationen
auf dem Weg zur Priesterweihe kennengelernt habe.
Es sei überwältigend gewesen, blickt er zurück, wie
viel die Menschen auf die Beine gestellt hätten. „Da
ist auch emotional sehr viel los in einem“, erinnert
sich Nagel. „Es kamen so viele Leute, die das
mittragen, die für einen beten – und die auch für
sich selbst viel mitnehmen.“
Er selbst hätte niemals gedacht, dass eine so
große Zahl von Menschen ihr Interesse zeigt und
etwa – aber längst nicht nur – die Heimatprimiz
mitfeiern würde, blickt Nagel zurück. „Aber es gibt
auch jetzt, Monate später, immer noch Menschen,
die mich darauf ansprechen und mir sagen, wie
schön es auch für sie war. Mein Heimatpfarrer hat es
ganz gut gesagt, fand ich: Bei all den Krisen, die es
Bei all den Krisen, die es in
der Kirche gibt und bei der
Endzeitstimmung, die fast
schon herrscht, ist es schön
zu spüren, dass es auch
noch etwas Neues gibt.

Lukas Nagel 93

in der Kirche gibt und bei der Endzeitstimmung,
die fast schon herrscht, ist es schön
zu spüren, dass es auch noch etwas Neues
gibt. Es gibt auch noch Aufbruch, es gibt
noch solche Ereignisse, bei denen man
erlebt, wie Menschen zusammenkommen,
weil ihnen der Glaube wichtig ist.“

Es folgt eine fünfjährige Vikarszeit
Auch wenn es eine stressige Zeit gewesen
sei, wolle er sie nicht missen, erklärt Nagel.
„Man surft da schon ein bisschen auf einer
Welle – und die flacht eigentlich erst ab,
wenn man zu seiner ersten Stelle nach der
Priesterweihe kommt.“ Für Nagel war das
von Mitte Juni bis Ende August in der
Seelsorgeeinheit Sinzheim/Hügelsheim, wo
er als Priester tätig war. „Das ist auch eine
Zeit, um noch mehr in die Aufgabe reinzuwachsen“,
sagt er. Besonders froh sei er
gewesen, dass er dort quasi jeden Tag die
Heilige Messe feiern durfte.

Je länger er sich auf solche Aufgaben
konzentrieren könne, desto besser, findet
Nagel. Und meint lachend: „Eine Leitung
muss gar nicht so schnell kommen“ – wegen
der dann verstärkt anfallenden Organisationsarbeiten.
Zunächst steht für Nagel
ohnehin erst einmal seine Vikarszeit an.
Diese hat im September begonnen und
dauert fünf Jahre, berichtet er. Aufgeteilt ist
sie auf zwei Stellen. Den ersten Teil seiner
Zeit als Vikar verbringt Nagel derzeit in
Rastatt.

Linke Seite: Lukas Nagel nach dem Gottesdienst
während seiner Heimatprimiz inmitten seiner
Wegbegleiter, seiner Heimatpfarrer und
Ministranten.

Rechts: Lukas Nagel bei der Dankvesper
am Abend des Primizssonntages in der
Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“.

94
4. Kapitel – Wirtschaft

95
STRAUB 400
VON DER MÜHLE
ZUR WELLPAPPE
100 JAHRE STRAUB-VERPACKUNGEN
200 JAHRE STANDORT BRÄUNLINGEN
400 JAHRE UNTERNEHMER
VON WILFRIED DOLD

96
Wirtschaft
Zukunft braucht Herkunft – dieses prägnante Zitat des Philosophen Odo
Marquard scheint wie für das Bräunlinger Familienunternehmen Straub geschrieben.
Ein Familienunternehmen mit 400-jähriger Geschichte, davon 200 Jahre
am Stammsitz Bräunlingen und mit 100-jähriger Erfahrung in der Wellpappenherstellung.
1626 als Getreidemühle
gegründet, wandelte sich Straub 1905 vom Getreide-, Papier und
Sägemüller zur zeitweise größten Holzwollefabrik Süddeutschlands und schließlich
1925 zu einem Pionier der Verpackungsindustrie.

Zugleich ist die Firmenhistorie seit
bald einem Jahrhundert untrennbar mit der Familie Würth verbunden: 1932 heiratet der
Kaufmann Otto Würth mit Margarete Straub die Älteste der drei Töchter von Friedrich
Straub und übernimmt 1940 sämtliche Anteile am Unternehmen. Damit ist der Grundstein
für den Aufstieg von Straub zur heutigen Größe gelegt. Die Firmengruppe erwirtschaftet
2025 mit über 900 Mitarbeitern rund 240 Millionen Euro Umsatz. Und mit dem Bau des
19.000 qm großen „Werk 3“ in Bräunlingen tätigt Straub derzeit die größte Investition
der Firmengeschichte. Der Geschäftsführende Gesellschafter Dr.
Steffen Würth: „Unser
Familienunternehmen ist eines der ältesten in Deutschland und steht für Pioniergeist
und stetige Erneuerung. Mit Blick auf diese großartige Tradition wollen wir mit unserem
‚Werk 3’ weitere Erfolgsgeschichten schreiben. Tief verwurzelt im Schwarzwald und der
Baar als starker Arbeitgeber und Zukunftsgestalter.“

Straub-Verpackungen arbeitet mit den höchsten Standards in Sachen Umweltschutz: Wellpappe von Straub wird
aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, ist ökologisch abbaubar und vollständig recyclingfähig.

Straub-Verpackungen 97

Hanß Straub wird Mauchenmüller in Meßkirch
Die Erfolgsgeschichte der Familie Straub/Würth
nimmt ihren Anfang im Jahr 1623 in Meßkirch. Dort
wird der Zimmermann Hanß Straub zum Bürger
aufgenommen, kauft sich aus der Leibeigenschaft
frei und heiratet 1626 die Müllerstochter Margaretha
Mauch, der zur Hälfte das Erblehen auf die
Mauchenmühle
gehört. Aus dem selbstständigen
Zimmermann wird jetzt auch ein Müller. Hanß Straub
begründet damit 1626 das 400-jährige Unternehmertum
der Familie.

100 Jahre wirtschaftet die Familie Straub bereits
erfolgreich in Meßkirch, als 1726 mit Philipp Straub
ein Ur-Ur-Enkel von Hanß Straub in die Eulenmühle
in Unadingen einheiratet. Mit dieser Eheschließung
zieht die Geschichte der Familie Straub von Meßkirch
nach Unadingen auf der Baar weiter.
Philipp Straub ist leidenschaftlicher Müller, arbeitet
im elterlichen Betrieb mit, doch die Mühle der
Familie
übernehmen kann er nicht, sie fällt nach dem
Lehensrecht an den älteren Bruder.

Unverhofft tut
sich ihm dann doch die Chance auf eine eigene Mühle
auf: In Unadingen fehlt ein erfahrener Müller, der
die Eulenmühle des Fürsten zu Fürstenberg übernehmen
soll. Dort ist der Müller Rieger verstorben und
lässt seine 24-jährige Witwe Maria Kleinhans samt
fünf Kindern zurück, die einen Ernährer brauchen.
Die in Meßkirch angesiedelte Mühlenverwaltung
des Fürsten zu Fürstenberg betätigt sich in diesem
Fall erfolgreich als „Eheanbahnungsinstitut“. Sie findet
mit dem 23-jährigen Philipp Straub quasi „um die
Ecke“ einen von der Witwe akzeptierten Bräutigam
und damit neuen Eulenmüller.

Erste Papiermühle im Fürstentum Fürstenberg
Philipp Straub erweist sich als ausgezeichnete Wahl,
der 23-Jährige bringt die Eulenmühle zu neuer Blüte.
Er wagt sich in Unadingen zudem an die komplizierte
Herstellung von Papier heran und nimmt 1741 in
einer neu erbauten Beimühle zur Eulenmühle die
erste Papiermühle im Fürstentum Fürstenberg in
Betrieb. Er produziert unter größtem Aufwand Papier,
das die Fürstliche Verwaltung zur Regelung und
Dokumentation ihrer Geschäfte einsetzt.
Doch unerwartet
tun sich Probleme auf: Die
Gesetzgebung seiner Zeit macht es ihm unmöglich,
beständig an eine ausreichende Zahl von Lumpen
(Hadern) heranzukommen, die er f

ür die Papierherstellung
als Rohstoff dringend benötigt. Sammeln
darf er die Lumpen nur dort, wo nicht bereits ältere
Rechte bestehen. Philipp Straub benötigt jährlich
80 bis 90 Zentner davon. Und Hadern sind zu dieser
Zeit heiß umkämpft, weil wesentlich seltener
und damit
kostbarer als in unserer heutigen Welt.
Wer einem Hadernsammler altes Leinen übergibt,
Die Eulenmühle in Unadingen (hinten links) wird von 1726
an von Philipp Straub bewirtschaftet, der dort 1741 auch
eine Papiermühle gründet. Zur Eulenmühle gehört alsbald
auch eine Sägemühle (vorne).

Die Fürstenbergische
Mühlenverwaltung
in
Meßkirch findet 1726 mit
Philipp Straub quasi „um
die Ecke“ einen von der
Witwe akzeptierten
Bräutigam und damit
neuen Eulenmüller.

98
Wirtschaft
bekommt dafür je nach Menge und Qualität neues
Geschirr, Bürsten oder bunte Bänder. Wer seine
Lumpen selbst zur Papiermühle von Philipp Straub
bringt, dem wird Bargeld ausbezahlt.
Im Jahr 1741 schöpft Philipp Straub das erste Papier.
Es sind Bogen im „Kanzleiformat“, etwa heutiges
DIN-A3-Format, wie sie der Fürst zu Fürstenberg
für Akten und Urkunden benötigt. Das Papier wird in
der Mitte gefaltet und ist mit gleich zwei Wasserzeichen
versehen: Das eine zeigt die Initiale „PS“, das
zweite besteht aus einem halben Mühlrad, auf dem
eine Eule sitzt (siehe Foto oben).

Das Leben und Arbeiten in der Papiermühle
ist von beispielloser Härte: Die abgelegene Lage
an der Gauchach
verlangt, dass die Arbeiter vor
Ort wohnen.

Arbeitsbeginn ist an sechs Tagen die
Woche
um 2 Uhr morgens, Feierabend um 17 Uhr
und Nachtruhe
ab 20 Uhr. Diesen Arbeitsrhythmus
erzwingt das Abhängen
der getrockneten
Papierbogen
auf dem Trockenboden („Trockenkeuche“)
vor
Einsetzen
von Tau und der Tagesfeuchte.

Die Nöte beim Lumpensammeln zwingen den
Eulenmüller, die mühsam aufgebaute Papiermühle
nach 10-jährigem Betrieb 1751 aufzugeben. Mit dem
Fürsten zu Fürstenberg findet Philipp Straub einen
Käufer,
der sie nicht nur übernimmt,
sondern zugleich
deren bauliche
Erweiterung in Auftrag gibt.

Dass der Fürst die Mühle persönlich erwirbt und
unter
neuen Vorzeichen fortführt, unterstreicht, wie
wegweisend die Initiative von Philipp Straub war.
1802 dann fällt die mittlerweile baulich erweiterte
Papiermühle einem Brand zum Opfer und wird

Papier von Philipp Straub aus den 1740er-Jahren
(FF-Archiv, Donauschingen), gefertigt im Kanzleiformat.
Die beiden Wasserzeichen links sind üblicherweise links
und rechts auf dem Papier verteilt und wurden hier zur
besseren Sichtbarkeit elektronisch verstärkt und an einer
Stelle platziert.

Straub-Verpackungen 99
nicht wieder aufgebaut. Im Landesmuseum für
Technik und Arbeit in Mannheim ist ein Modell von
ihr ausgestellt, was gleichfalls die Bedeutung dieser
Straub-Initiative unterstreicht (siehe Foto links).

Von der Getreidemühle
und Säge hin zur Holzwolle
Bald 100 Jahre nach der Einheirat von Philipp Straub
in die Eulenmühle zieht die Straub-Geschichte ein
drittes Mal weiter, nun an den heutigen Stammsitz
Bräunlingen. 1823 erwirbt der von der Eulenmühle
stammende Müllermeister Franz Anton Straub – und
damit ein Nachfahr von Philipp Straub – die dortige
Stadtmühle, die er fünf Jahre später seiner Tochter
Kreszentia schenkt. Sie veräußert die Stadtmühle
1842 innerhalb der Familie an Josef Straub weiter,
der ebenfalls von der Eulenmühle stammt.

Die Bräunlinger Stadtmühle hat eine reiche Geschichte,
die sich bis zum Jahr 1512 zurückverfolgen
lässt. Und es ist eine absolute Besonderheit, dass
sich die Stützenmühle populär platziert auf einem
Ölgemälde
aus dem Jahr 1581 wiederfindet.
Entstanden
ist die Mühlendarstellung im Zusammenhang
mit der Schaffung eines Votivbildes zur Ruchtraud-
Sage. Dargestellt ist die Stützenmühle als Mühle mit
gleich drei unterschlächtigen
Wasserrädern.

Drei
Wasserräder
sind selten und erlauben es, mehrere
Mahlwerke gleichzeitig anzutreiben.
Josef Straub beschert der Getreidemühle in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen
Aufschwung, doch verlangt der Zeitenlauf drei Jahrzehnte
später eine unternehmerische Neuausrichtung.

Der klassische Mühlenbetrieb gerät im letzten
Dritttel des 19. Jahrhunderts zunehmend unter
Druck, industriell betriebene Großmühlen verdrängen
mehr und mehr die handwerklich geprägten Betriebe.
Die Familie Straub reagiert auf diese Entwicklung
frühzeitig, nimmt zusätzlich eine Sägemühle in
Betrieb und handelt jetzt nicht länger nur mit Mehl,
sondern ebenso mit Holz. Diesen Wandel gestalten
mit Josef Straub II. und Heinrich Weishaar, der Sohn
und Schwiegersohn von Josef Straub I.
Größte Holzwollefabrik Süddeutschlands
Weil mit den Brettern, die die Bräunlinger Mühle
sägt, auch Kisten für den Warentransport gefertigt
werden, erkennt mit Josef Straub III. der Sohn von
Modell der erweiterten Papiermühle in Unadingen, die
1741 von Phillipp Straub begründet und dann 1751 an
den Fürst zu Fürstenberg veräußert wurde. Das Modell
ist im Technoseum Mannheim zu sehen und ist nach
den Original-Erweiterungsplänen erstellt.

Die Stadtmühle oder „Stützenmühle“ nach
einem Ölgemälde aus dem Jahr 1585. Woher der
Name „Stützenmühle“ stammt und wie alt diese
ist, ist nicht überliefert. Im Jahr 1512 geht sie in
den Besitz der Stadt Bräunlingen über, wird so
„Stadtmühle“. Über 300 Jahre verstreichen nun, bis
die Stadtmühle im Jahr 1823 bei einer
Versteigerung
an die Familie Straub veräußert wird. Es handelt sich
seit jeher um eine große Mühle, wie die gleich drei
Wasserräder auf dem Ölgemälde unten aus dem
Jahr 1585 zeigen. Die Mühle ist Bestandteil eines
Votivgemäldes zur Ruchtraud-Sage.

100
Wirtschaft

Josef Straub II., dass diese Kunden zum sicheren Verpacken
von Ware in den Holzkisten verstärkt Holzwolle
einsetzen. So beschließt er ab 1906 die Zerspanung
von Rundholz zu Holzwolle aufzunehmen. Sein
Schwager Heinrich Weishaar nimmt diesen grundlegenden
Wandel zum Anlass, aus dem Unternehmen
auszuscheiden und sich einen lang gehegten Traum
zu erfüllen: Er wird Hotelier in Bonndorf.

Nach dem plötzlichen Tod von Josef Straub III.
im Jahr 1909 führt seine Witwe Maria die Mühle,
Sägemühle und Holzwollefabrik
fort. Unterstützt von
den Söhnen Friedrich und Josef IV., die dann ab 1912
die Leitung übernehmen.

Die Fabrik gilt mit Blick auf
ihre moderne Maschinentechnik in der gesamten
Region als vorbildlich. Ihre Maschinen werden mit
selbst erzeugtem Strom angetrieben und es gibt dort
elektrisches Licht. Die Holzwollefabrik zählt zu den
mit größten Käufern von Papierholz im Schwarzwald
und Bodenseegebiet.

Der Anfangserfolg ist enorm – doch die Sorgen
werden bei Straub nicht kleiner: 1910 kommt es zu
einem verheerenden Großbrand der Mühle. Kaum
sind die Folgen halbwegs überstanden, brennt es am
6. Juli 1911 erneut, nun in der mit neuesten
Maschinen
eingerichteten Holzwollefabrik,
die vollständig
vernichtet wird. Vor diesem Hintergrund stellen die
Straubs im Jahr 1911 – nach 285 Jahren – den immer
weniger lukrativen Mühlenbetrieb ein, um die so frei
werdenden Räume für die Holzwolle-Produktion zu
nutzen.
Die Holzwollefabrik wird derweil in Rekordgeschwindigkeit
– auch unter Einsatz der gesamten
Belegschaft – auf dem Gelände der Stadtmühle
neu errichtet. Schon bald stellt Straub wieder die
stark nachgefragte Holzwolle her. Der erfolgreiche
Geschäftsverlauf gestattet es, dass sich das
Unternehmen als die „
größte Holzwollefabrik in
Süddeutschland“
bezeichnen kann. Der Erste Weltkrieg
beeinträchtigt in der Folge den Geschäftsbetrieb
stark. Kaum ist der Krieg vorüber,
zerstört
am 5. September 1919 ein weiterer Großbrand große
Teile des Betriebes, Zeitungsberichte melden den
fast vollständigen Verlust der Fabrik.
Josef Straub beschert der
Getreidemühle ab 1842
einen enormen Aufschwung,
doch verlangt der Zeitenlauf
nur drei Jahrzehnte später
eine unternehmerische
Neuausrichtung.

Straub-Verpackungen 101
Die Kunst- und Sägemühle der
beiden Geschäftspartner Straub
& Weishaar in den 1890er-Jahren,
unmittelbar an der Bregtalbahn
und der Straße
nach Hüfingen
liegend. Bei der Abbildung
handelt es sich um die einzige
bekannte Fotografie der Straub-Mühle
aus dem 19. Jahrhundert.

Im Holzschuppen links
befindet sich die Sägemühle,
im stattlichen Hauptgebäude
sind die Getreidemühle, die
Verwaltung des Unternehmens
und die Wohnräume der
Müllerfamilie untergebracht.

1925 erfolgt der Start mit Wellpappe
Beim Wiederaufbau des Unternehmens nach dem
Brand von 1919 rückt in den frühen 1920er-Jahren
eine neue Verpackungstechnik in den Blick: die
Wellpappe. Ihr Wellenprofil verleiht Stabilität bei
geringem Gewicht und macht sie zur Alternative zur
Holzwolle. Da immer mehr Menschen elektrischen
Strom nutzen, kommen in den 1920er-Jahren neue
elektrische Apparate zuhauf auf den Markt: Staubsauger,
Bügeleisen, Fön oder das Villinger SABA-Radio.

Diese empfindlichen Geräte müssen sicher
und gefällig verpackt werden. Der stetig größere
Kundenkreis von Straub regt deshalb am Beginn der
1920er-Jahre an, in die Herstellung und das Bedrucken
von Wellpappe einzusteigen. So gründen die
Brüder Josef Straub VI. und Friedrich Straub 1925 das
Unternehmen „Josef Straub Söhne – Herstellung
von Wellpappe und Kartonage“.

Von Beginn an verarbeitet Straub die Wellpappe
zu Kartonagen weiter – ein Schritt, der sich bis zum
heutigen
Tage als goldrichtig erweisen sollte. Anfangs
dienen vor allem Schrenz- und Strohpapier als
Rohstoffe, für bessere Qualitäten kommen Zelluloseund
Halbweißpapier zum Einsatz.

In großem Stil wird weiterhin auch Holzwolle
produziert, die Wellpappenfertigung
nimmt zwar kontinuierlich zu, der Holzwolle läuft sie aber erst in
den 1950er-Jahren den Rang ab. Schließlich wird deren
Herstellung aufgrund geänderter Marktverhältnisse
zugunsten der Wellpappe eingestellt.

Einstieg von Schwiegersohn Otto Würth
Auf die „goldenen 1920er-Jahre“ folgt 1929 die Weltwirtschaftskrise,
die Kundengewinnung für Straub
wird schwierig: Fabriken schließen, Arbeitslosigkeit
und politische Spannungen nehmen zu, die Wirtschaft
und damit der Versand
von Waren beginnt zu
stagnieren. Nicht nur die Wellpappe, sondern auch
der Absatz von Holzwolle
leidet. So kommt nach dem
Börsencrash u.a. der Export von Fertighäusern nach
Amerika zum Erliegen, bei deren
Bau die Straub’sche
Holzwolle in großem Stil mitverwendet wird.
Unentbehrlich macht sich jetzt der Kaufmann
und Schwiegersohn Otto Würth. Nach seiner Heirat
mit Margarete
Straub im Jahr 1931 steigt er nach dem
plötzlichen Tod von Teilhaber
Josef Straub im Jahr
1932 rasch zur rechten Hand von Friedrich Straub auf
– ersetzt damit dessen Bruder in der Geschäftsführung.
Friedrich Straub ist mittlerweile Alleininhaber
des Unternehmens. Als er 1941 mitten im Zweiten
Weltkrieg stirbt, übernimmt Otto Würth zusammen
mit Ehefrau Margarete sämtliche Anteile und baut
die Verpackungssparte systematisch weiter aus. Das
Unternehmen firmiert nun als „Josef Straub Söhne,
Inhaber Otto Würth“.

102
Wirtschaft
Spezialisierung auf Wellpappe
Auf den Zusammenbruch des Dritten Reiches folgt
im Mai 1945 die „Stunde Null“, das Ende des Zweiten
Weltkrieges und der arbeitsintensive, mit Weitblick
betriebene Neuaufbau. Otto Würth richtet das Unternehmen
nach dem Zweiten
Weltkrieg von der Holzwolle-
und
Wellpappenherstellung
ausschließlich auf
die Fertigung von Wellpappe und Kartonagen
aus.

Straub entwickelt sich zum „
Full-Service-Anbieter“.
1951 entsteht auf dieser Grundlage ein großzügiger
Neubau in Bräunlingen. Weiter beteiligt sich Straub
zur Rohstoffsicherung an der Papierfabrik Vreden
und ergänzt 1967 das Programm
um Schaumstoffverpackungen
(„Würipor“). 1969 wird in Bräunlingen
ebenso ein neues Verwaltungsgebäude erstellt.
Neben den Investitionen in den Standort Bräunlingen
ist vor allem die Inbetriebnahme von „Werk 2“
in Blumberg ein Meilenstein der Nachkriegszeit. Auf
Drängen der notleidenden Stadt Blumberg eröffnet
Straub-Köpfe – den Aufstieg zur heutigen Größe begründeten v. links: Josef Straub II. (1812 – 1882), Josef Straub III.
(1875 – 1909) sowie Friedrich Straub (1877 – 1940), dessen Tochter Margarete 1931 mit Otto Würth den nächsten Inhaber von „Josef
Straub Söhne“ heiratete. Otto Würth (1906 – 1980) ist das starke Wachstum von Straub in der Nachkriegszeit zu verdanken.

Straub in den 1920er-/1930er-Jahren. Die Gebäude
entsprechen der Realität, die gleich zwei Eisenbahnen
visualisieren, dass Straub Anschluss an den Weltverkehr
hat. Mit Ausnahme des Gebäudes rechts, das 1939
erneuert wurde, präsentierte sich Straub so auch noch in
der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Straub-Verpackungen 103
Straub in den Nachkriegsjahren dort ein zweites
Werk und startet am 10. Oktober 1956 in den Räumen
der früheren Doggererz
AG die Wellpappen-Produktion.
Mit hohem Aufwand wird 1961 die erste
2.000 qm große Halle zur Wellpappenfertigung
errichtet. 1966 folgt ein zweiter Hallenbau. Da die
Aufwärtsentwicklung anhält, beschließt Straub in
Blumberg ein selbstständiges „Werk 2“ zu verwirklichen.
Es geht 1968 in Betrieb.
Mit dem Rückzug aus der Geschäftsführung
von Otto Würth im Jahr 1974 endet eine 42 Jahre
dauernde
Ära. Sie ermöglicht der Firma Straub dank
der außergewöhnlichen unternehmerischen Fähigkeiten
von Otto Würth den Aufstieg zu einem der
großen Verpackungshersteller in Deutschland.
In Anerkennung seines Lebenswerks wird Otto
Würth am 19. Mai 1978 das Bundesverdienstkreuz
sowie die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bräunlingen
verliehen. Er stirbt am 6. November 1980.
Steile Aufwärtsentwicklung
Die steile Aufwärtsentwicklung bei Straub setzt sich
nach der Übernahme der Geschäftsleitung durch
die Söhne Wolfram Würth und Friedrich Würth fort.
Die neue Straub-Geschäftsführung erweist sich als
äußerst innovativ. Einer der Meilensteine ihrer Ära
ist die Investition von 25 Mio. D-Mark am Standort
Bräunlingen: Dort entsteht eine 125 auf 70 Meter
große Halle mit 8.000 qm Produktionsfläche
und 5.000 qm Werkstätten- und Lagerräumen.

In siebter Generation leiten ab 1996 zunächst
Dr. Steffen Würth in Nachfolge seines Vaters
Wolfram Würth und ab 1998 ebenso Alexander Würth
für seinen Vater Friedrich Würth als Geschäftsführer
das Unternehmen. Die Technische Leitung hat mit
Volker Würth der Bruder von Alexander Würth inne.
Der Aufstieg von Straub zu einem der führenden
Hersteller von Verpackungen aus Wellpappe setzt
sich unter dieser Geschäftsführung kontinuierlich
fort, was das enorme Wachstum in allen Geschäftsbereichen
dokumentiert.

So wird in den Jahren 2000 und 2012 das komplette
Firmenareal
des Unternehmens Coats-MEZ
erworben, da der einst größte Arbeitgeber
in Bräunlingen
die Produktion nach Osteuropa verlagert.
Damit ist der Weg für künftige Erweiterungen von
Straub am Standort Bräunlingen frei. Weiter wird u.a.
das mittlerweile 40 Jahre alte Werk in Blumberg in
mehreren
Bauabschnitten erweitert und komplett
saniert.
Das 2003 gegründete Tochterunternehmen „Wellstar“
entwickelt sich innerhalb von zehn Jahren so
gut, dass die angemieteten Produktionsräume nicht
Straub-Köpfe – das Lebenswerk von Otto Würth setzen mit ebenso großem Erfolg (v. links) die Söhne Wolfram
Würth (1932 – 2014) und Friedrich Würth (1935 – 2012) fort. Ihnen folgten 1996 Dr. Steffen Würth als Kaufmännischer
Geschäftsführer und 1998 Alexander Würth als Technischer Geschäftsführer nach, der 2024 in den Ruhestand wechselte.
In Anerkennung seines
Lebenswerks wird Otto
Würth am 19. Mai 1978 das
Bundesverdienstkreuz sowie
die Ehrenbürgerschaft der
Stadt Bräunlingen verliehen.

104
Wirtschaft
länger ausreichen. So wird am Standort Bräunlingen
ein hochmodernes Industriegebäude erstellt. Wellstar
produziert Wellpappeverpackungen mit und
ohne Klebeverschluss zum Lagern und Versenden.
Aktuell beschäftigt Wellstar rund 100 Mitarbeitende
und bietet weit über 300 verschiedene, sofort verfügbare
Lagerartikel für den sicheren, effizienten
und ressourcenschonenden
Versand von Produkten.
Ein weiterer Meilenstein: Nach nur 14 Monaten
Bauzeit wird 2020 das neue Logistikzentrum
auf
dem früheren Coats-MEZ-
Areal in Betrieb genommen.

Auf 15.500 qm entstehen zwei Hochregallager,
ein Versandbereich
sowie ein Verwaltungsgebäude.
Mit 34 und 21 Metern Höhe
prägen die beiden Gebäude
das Ortsbild von Bräunlingen
mit. Die Kapazität
von 28.000 Paletten ist enorm.
Die Straub-Gruppe
Straub-Verpackungen hat sich in den vergangenen 75
Jahren zu einer Firmengruppe bestehend aus sechs
Unternehmen mit über 900 Mitarbeitern entwickelt,
die 2024 einen Jahresumsatz von über 240 Millionen
Euro erwirtschaftet. Der Aufbau der Firmengruppe
beginnt mit der Beteiligung an der Papierfabrik
Vreden im Jahr 1952.

Im Jahr 2014 kommt es zur vollständigen
Übernahme. 1989 wird weiter die Aktienmehrheit
an der Schweizer Werner Beer AG (heute
Beer-Verpackungen AG) erworben. Hierdurch sichert
sich Straub in der Schweiz bedeutende Marktanteile
und baut diese weiter aus. Neben der 2003 gegründeten
Wellstar-Packaging GmbH gehören zur Gruppe
zudem die Firmen Sewapack mit Sitz in Bischwiller
(Frankreich) und Progress Packaging in Regensburg.
Über 650 „Straubianer“ ermöglichen
Verpackungen höchster Qualität
„Straub-Verpackungen“ zählt mit den über 650
„Straubianern“, wie sich die Mitarbeiter selbst
bezeichnen,
zu den großen Arbeitgebern im
Schwarzwald-Baar-Kreis. Auf einer Fläche von
217.600 Quadratmetern vereinen sich in Bräunlingen
und Blumberg moderne Produktions-, Lager-, Verarbeitungs-
und Verwaltungsbereiche. Diese Fläche
entspricht elf Prozent der überbauten
Fläche der
Kernstadt Bräunlingen – ein mehr als imposanter Wert.
Zum Portfolio des Unternehmens gehören Versandverpackungen
jeder Art, ob für Gefahrgut,
Flaschen, Lebensmittel oder unterschiedlichste
Waren. Auch empfindliche elektronische Bauteile
können mit einer Wellpappen-Verpackung vor
elektrostatischer
Entladung (ESD) geschützt werden.
Verkaufsdisplays oder Trays, Kühlverpackungen,
Das Gebäude von Wellstar. Das 2003 gegründete Tochterunternehmen beschäftigt aktuell 100 Mitarbeiter.

105
Das Straub-Logistikzentrum auf dem früheren Coats-MEZ-Areal. Die Kapazität von 28.000 Palettenplätzen ist enorm.
Das 1956 eröffnete, in den 1960er-Jahren erweiterte und in jüngerer Zeit umfassend sanierte Werk Blumberg.

Straub-Verpackungen
106
Wirtschaft
Faltschachteln
oder E‑Commerce‑Verpackungen
mit Aufreißfaden
und Selbstklebestreifen: „Das nachhaltige
Verpackungsmaterial Wellpappe
überzeugt durch erstklassige
Eigenschaften in puncto Flexibilität,
Stabilität und Nachhaltigkeit“,
heißt es auf „straub-verpackungen.
de“, wo via Internet eine Fülle von
Informationen zur Welt der Wellpappen-
Verpackungen abgerufen werden
kann. Und wie stabil Wellpappe
ist, hat im Übrigen jeder bereits erlebt,
der mit Straub-Umzugskartons
sein Hab und Gut in die neuen vier
Wände transportiert hat …
Straub bietet den Kunden bei der
Produktentwicklung oder Produktion
eine durchgängige Unterstützung,
die von der CAD‑Konstruktion
und Mustererstellung
über Stanzung, Klebung und Qualitätssicherung
bis zur Just‑in‑Time‑Lieferung reicht.
Ergänzend entstehen Einsätze, Stege und Trennwände
zum Produktschutz sowie stabile Mehrweg‑Verpackungen
für Schwerlast und Langgut. Für Promotions
und den Handel fertigt Straub zudem Theken‑ und
Boden‑Displays inklusive Konstruktion, Stanzung
und Konfektionierung.

Damit die Wellpappen-Verpackung ein Gesicht
bekommt, setzt Straub alle klassischen Druckverfahren
ein. Hervorzuheben ist der Digitaldruck:
Die Investitionsfreude und der Pioniergeist des
Bräunlinger Unternehmens ermöglichen 2018 die
Inbetriebnahme von Werk IV. Dieser
neue Produktionsbereich
ist komplett
auf den Digitaldruck und dessen
Weiterverarbeitung ausgelegt.

Die so erzielbare
Qualität bei selbst
engsten Lieferzeiten und kleinsten
Fertigungseinheiten ist sensationell.
Der Digitaldruck ermöglicht kurze
Rüstzeiten und damit wirtschaftliche
Klein‑ und Mittelserien. Motive
lassen sich im laufenden Betrieb
wechseln – Personalisierungen und
variable Daten (z. B. QR‑/Barcodes, fortlaufende
Nummern) sind unmittelbar integrierbar.
In 87 Tagen einmal um die Welt
Die faszinierende Welt der Wellpappe lässt sich mit
beeindruckenden „Straub-Facts“ plakativ umreißen:
Tag für Tag fertigen die Werke in Bräunlingen
und Blumberg zusammen rund 460 Kilometer
Wellpappe – eine Strecke von Bräunlingen bis nach
Lyon in Frankreich. Täglich verlassen etwa 80 Lkws
die Produktionsstätten mit Wellpappe als Ladung,
ihr Transportgut entspricht der Fläche von
insgesamt rund 150 Fußballfeldern. Jährlich
verarbeitet Straub 108 Mio. Kilogramm
Papier, das zu 100 Prozent recycelbar ist.
Die 25.000 Artikel im Portfolio von
Straub werden von mehr als 2.000
Kunden in Auftrag gegeben. Rund
14 Prozent der „Straubianer“
haben bei ihrem Arbeitgeber
auch die Ausbildung absolviert.
Und alle 87 Tage reicht die Straub-
Produktion
aus, um mit ihr einmal
„um die Welt zu reisen“, sprich
unserem Erdball rundum
ein Band aus Wellpappe zu
gönnen.
Vor allem auch
Getränkehersteller
jeder
Art profitieren
von den Verpackungslösungen
von Straub. Hier das
Beispiel einer
Flaschenbox.

Der Digitaldruck bietet vielfältige
Möglichkeiten, so auch einen
Papp-Aufsteller in Form einer
Trachtenträgerin, deren elektronisch
ausgeschnittenes Gesicht zu einem
Selfie einlädt.

Straub-Verpackungen 107
Einblicke in die Fertigung bei Straub-Verpackungen. Wellpappe entsteht aus dem vorbedruckten Papier, das oben in die
Wellpappenproduktionsanlage
(WPA) eingespannt wird und der Pappe, die in einem aufwendigen Prozess in der WPA
mit dem Papier „verheiratet“
wird. Bei Straub erfolgt die Produktion in einer der modernsten Anlagen, die es am Markt
gibt. Unten Mitte: Befüllen der Druckwerke mit Farbe und Prüfen der Farbqualität beim Druck. Unten links bespricht sich
Geschäftsführer Dr. Steffen Würth (Mitte) mit seinem Team zur Fertigung. Unten rechts prüft Patrick Gemeinder (rechts),
Leiter Marketing und Projektmanagement, in der laufenden Produktion die Qualität von Wellpappe.
Der Bau von „Werk 3“ die größte
Investition der Firmengeschichte
In den Jubiläumsjahren 2025/2026 – 2026 feiert die
Familie Straub/Würth ihr 400-jähriges Unternehmertum
– stehen Dr. Steffen Würth als Kaufmännischer
Geschäftsführer und Volker Würth als Technischer
Geschäftsführer an der Spitze von Straub.
Alexander Würth wechselte 2024 nach 27-jähriger
Tätigkeit in der Geschäftsführung in den Ruhestand.
Der Kaufmännische Geschäftsführer Dr. Steffen
Würth ist vielfach engagiert. So als Vorsitzender des
Verbandes der Wellpappenindustrie (VDW), Vizepräsident
der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg und
Vorsitzender des Stiftungsrates der Bürgerstiftung
Bräunlingen. Und nebenbei bemerkt ein Mann mit
zwei Berufen: Er ist zugleich „Berufshubschrauberführer“
oder Hubschrauberpilot – samt Landeerlaubnis
auf Schweizer Gletschern.

Mit dem Bau von „Werk 3“ in Bräunlingen stellt
die Familie Würth derzeit unter seiner Führung
die Weichen für die Übernahme der Leitung von
Straub-Verpackungen durch die bereits
achte Generation.

Der Neubau vergrößert in Bräunlingen die
Fläche für Produktion und Verwaltung um 19.000
Quadratmeter. Die Familie Würth investiert dafür am
Stammsitz mehr als 40 Mio. Euro. Es handelt sich um
die größte Einzelinvestition
der Firmengeschichte.
Geschäftsführer Dr. Steffen Würth betont, insgesamt
habe die Unternehmerfamilie Straub/Würth seit
Mitte
der 1990er-Jahre an den Standorten Bräunlingen
und Blumberg die gewaltige Summe von rund
200 Mio. Euro investiert.
Thorsten Frei: „Es ist geradezu bombastisch,
wie sich Straub entwickelt hat“
An dieses unternehmerische, soziale und regionale
Engagement von Straub-Verpackungen knüpfte beim
Festakt am 26. Juni aus Anlass „200 Jahre Straub in
Bräunlingen“ und „100 Jahre Straub-Verpackungen“
der CDU-Politiker Thorsten Frei an. Der Bundesminister
für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes
sowie CDU-Bundestagsabgeordnete
betonte, es sei geradezu bombastisch, wie groß das
Unternehmen in Bräunlingen geworden sei und welche
Summen hier investiert würden.

Das unternehmerische Wirken der Familie Würth
spiegele zudem die Werte Dankbarkeit, Bescheidenheit
und Gemeinwohlorientierung wider. Thorsten
Frei: „Familienunternehmen wie das der Familie
Würth zahlen sich darin aus, dass man nicht nach
Quartalszahlen schaut, sondern in Generationen
denkt.“ Man sehe sich als Teil einer langen Geschichte
und Tradition. Jeder wisse, dass er auf den
Schultern der Vorgänger stehe und gehe mit dieser
Verantwortung umsichtig um.
Landrat Sven Hinterseh im Namen des Schwarzwald-
Baar-Kreises und Bürgermeister Micha Bächle
zeigten sich gleichfalls beeindruckt, was die Unternehmerfamilie
Straub/Würth geschaffen hat.

Das unternehmerische Engagement strahle auf den
gesamten
Landkreis, besonders aber auf das Städtedreieck
aus. Das klassische Familienunternehmen sei
Mit dem Bau von „Werk 3“
in Bräunlingen stellt die
Familie Würth derzeit unter
der Führung von Dr. Steffen
Würth die Weichen für die
Übernahme der Leitung von
Straub-Verpackungen durch
die bereits
achte Generation.

Beispiele für Verpackungslösungen
von Straub.
Straub-Verpackungen 109
Die Geschäftsführung von Straub-Verpackungen: Dr. Steffen Würth (rechts) leitet den kaufmännischen Bereich,
Volker Würth (links) fungiert seit dem Sommer 2024 als Technischer Geschäftsführer. Er folgte auf seinen Bruder
Alexander Würth (Mitte) nach, der in den Ruhestand wechselte.
in Bräunlingen tief verwurzelt, engagiere sich vielfach
nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell
und sozial. Straub kooperiere seit vielen Jahren mit
Schulen, unterstütze Vereine und Veranstaltungen
und sei in der 2005 gegründeten Bürgerstiftung
Bräunlingen aktiv. Außerdem zählt zu den festen
Engagements u.a. die langjährige Unterstützung des
Fördervereins für krebskranke Kinder e. V.
Wie sehr Straub-Verpackungen im Städtedreieck
Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen verankert
ist, demonstrierte am Jubiläumswochenende ein
„Tag der offenen Tür“: Tausende von Besuchern nutzten
die Gelegenheit, sich einen Einblick in die Werke
in Bräunlingen und Blumberg zu verschaffen, die zu
den modernsten der Branche gehören.
Verfassung sichert die Zukunft von Straub
als Familienunternehmen
„Erfolg fällt nicht vom Himmel“, lautet die Maxime
der Familie
Würth, die sie ihrer Familienverfassung
voranstellt. Die Inhaber
der Straub-Gruppe regeln
mit ihr den Fortbestand von Straub als Familienunternehmen
auch für die 8. und die folgenden
Generationen. Die Familie Würth: „Die Verfassung
ist die Leitlinie für die zukünftige
Ausrichtung von
Straub und regelt das Verhältnis
zwischen Familie
und Unternehmen.

Zudem
bildet sie die Basis
dafür,
dass wir als Unternehmerfamilie weiter
zusammenwachsen.“
Dr. Steffen Würth betont diesbezüglich:
„Wir sollten uns stets vor Augen führen, dass die
Erfolge der Vergangenheit nicht die der Gegenwart
sind – und auch nicht die der Zukunft.“
Weitere Details zur außergewöhnlichen
Straub-Historie finden sich im großen Buch zu
Straub-Verpackungen, das im Spätsommer 2026
erscheint. Das Buch zu „Straub 400“ ist weitaus
mehr als die Geschichte eines der ältesten Familienunternehmen
in Deutschland. Das Buch und eine
Ausstellung im Bräunlinger Museum Kelnhof im
Herbst 2025 zeichnen den Weg zu einem der großen
Hersteller von Verpackungen nach. Zeigen auf, was
Straub – sprich die Unternehmerfamilie Würth – so
besonders macht.

Und ebenso die „Straubianer“, die über 650 Mitarbeiter.
Dr. Steffen Würth unterstreicht mit Blick
auf die Straub-Erfolge und die Mitarbeiter: „Das
alles haben erst unsere Straubianer ermöglicht. Eine
unglaublich
leistungsfähige und tolle Truppe, die Tag
für Tag ihr Bestes gibt!“

110
Wirtschaft
JOHANNES GÖPPERT
HANDWERK UND
HEIMATLIEBE
VON SYLVIA GÜRTLER

„Holz hat ein Gedächtnis“, sagt Johannes Göppert und schaut auf. Nach
dieser Überzeugung führt er respektvoll weiter, was vor mehr als 130
Jahren mit seinem Ur-Großvater Amand Göppert begann, ebenso Vater
Hans Göppert begeisterte und nun von ihm in bereits vierter Generation
in Schönwald weitergeführt wird. Wie den Vorfahren, so ist es auch dem
61-jährigen Zimmermeister und Restaurator im Zimmererhandwerk eine
Herzensangelegenheit, Jahrhunderte alte Schwarzwaldhöfe zu bewahren
– und so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft des
Schwarzwaldes zu leisten. Über 150 Bauernhöfe haben die Göpperts bis
heute saniert – so viele wie wahrscheinlich kein zweites Zimmerergeschäft
im Schwarzwald.
Holzbau Göppert

112
Wirtschaft
Still ist es auf dem sonst so geschäftigen Areal von
Holzbau Göppert – dort, wo sich alltäglich über 20
Zimmerer, Schreiner, Dachdecker und Azubis für
ihren Arbeitseinsatz startklar machen, Holzbauelemente
vorproduziert, Treppen gebaut oder letzte
Handgriffe erledigt werden, bevor es zur Baustelle
geht. An diesem späten Freitagnachmittag jedoch
ist für die Mitarbeitenden längst das Wochenende
angebrochen. Der Chef allerdings – Johannes Göppert
– ist noch da, bittet freundlich in sein Refugium
im Obergeschoss mit Blick auf die Fertigungshalle.
Nimmt sich Zeit für ein ausführliches Gespräch, dabei
ist Johannes Göppert ein sehr gefragter Mann.
Ein wahrer „Tausendsassa“, wenn man so will.
Um unten bei den Mitarbeitern selbst Hand anzulegen,
etwa an das wintergeschlagene Holz aus dem
Oberprechtal, dafür ist viel zu selten Zeit. Dabei gehört
diesem heimischen Werkstoff die große Leidenschaft
des Schönwälders. „Im Schwarzwald wächst
unser Werkstoff, im Handwerk lebt er weiter“, so
Göpperts Erkenntnis.

Es gilt nachzuspüren, wie das Holz bearbeitet
und eingesetzt werden will. Nicht nach dem schnells-
Unten links: Die Zimmerei von Johannes Göppert am
Ortsausgang von Schönwald nach Triberg.
Oben rechts: Zukunftsorientierte Niedrigenergiehäuser in
Systembauweise von Holzbau Göppert.
Unten rechts: Die Sanierung alter Bauernhöfe braucht
Geduld und Könnerschaft. Besondere Aufmerksamkeit
haben die für die Höfe so typischen Fenster verdient.
Nicht nach dem schnellsten
und einfachsten Zugang zu
schauen, sondern nach dem
richtigen, lautet einer der
Grundsätze von Johannes
Göppert, Restaurator im
Zimmererhandwerk.

Holzbau Göppert 113
ten und einfachsten Zugang zu schauen, sondern
nach dem richtigen, lautet einer der Grundsätze von
Johannes Göppert.

Ständerbau und Bundwerk
Der Betrieb Göppert ist im Dorf ein Begriff – für
Dachstühle und Hallen, moderne Holzsystemhäuser,
für Carports und Aufstockungen, für Treppen,
Fenster und den Möbelbau. Aber vor allem für
etwas, das Zeit, Geduld und besondere Könnerschaft
verlangt: Die Restaurierung alter Bauernhöfe.
Schwarzwälder Eindachhöfe, Krüppelwalmdächer,
Ständerbau und Bundwerk – Begriffe, die hier Alltag
sind, aber außerhalb der Werkstatt klingen wie
Vokabeln aus einem anderen Jahrhundert. Für den
Chef sind sie Gegenwart, wie bereits für seinen Vater
Hans Göppert, der seit den 1970er-Jahren aktiv in der
Bewahrung der heimischen Baudenkmäler war.
Hans Göppert wurde für seinen Einsatz das
Bundesverdienstkreuz verliehen. Er arbeitete eng
mit Professor Hermann Schilli zusammen, der 1931
die Zimmermeisterschule in Freiburg gründete und

114
Wirtschaft

diese
bis zu seiner Pensionierung 1962 leitete. Danach
verschrieb sich Schilli unter anderem der Vermessung
von alten Schwarzwaldhöfen im südlichen
und mittleren Schwarzwald. Von ihm stammt das
Standardwerk „Schwarzwaldhaus“, in dem anschaulich
aufgezeigt wird, dass es eine große Bandbreite
von Bauwerken gibt – nicht nur die des Gutacher
Malers Hasemann. Deshalb gilt der Respekt des
Zimmermanns und Restaurators Johannes Göppert
jedem Hof, sein Anspruch ist, ihn in seiner Einzigartigkeit
zu sanieren. Zu seines Vaters Zeiten war
das finanziell betrachtet noch deutlich einfacher:
sanierungswillige Bauern konnten zur weiteren Nutzung
ihres Gehöftes auf bis zu 90 % Zuschuss bauen.
Hatte man doch erkannt, dass nur so die einmalige
Kulturlandschaft des Schwarzwaldes bewahrt werden
kann. Es war den Schwarzwaldbauern einfach
nicht mehr länger zuzumuten, in einer Umgebung zu
leben und zu arbeiten, die vor 200 oder 300 Jahren
den Ansprüchen der Menschen genügte.

Vieles hat sich seit den 1970er-Jahren getan. Das
Denkmalamt begleitet in aller Regel die einzelnen
Bauvorhaben wohlwollend und offen, solange die
jahrhundertealte Struktur erhalten bleibt. Und hier
beginnt die Arbeit von Johannes Göppert: „Restaurieren
heißt nicht, alt zu kopieren“, erklärt er. „Es
heißt zu verstehen, warum ein Hof so geworden ist
– und dann so wenig wie möglich, so viel wie nötig
zu tun.“ Anzuerkennen, dass die Abbundanlage neben
der traditionellen Arbeit mit Holzdübeln, ohne
Metallschrauben oder chemischen Hilfsmitteln, ihre
Berechtigung hat.

Wer ihm dabei über die Schulter schaut, sieht
Handwerk als Archäologie. Bevor ein Balken ersetzt
wird, kommt das Stemmeisen, dann die Taschenlampe,
dann das Maßband. Es folgen Bestandsaufnahme,
Holzgutachten, das ausführliche Gespräch
mit Planern, Bauherren, den Denkmalbehörden und
weiteren Fachfirmen.

Bauernhof im Hübschental bei Gütenbach. Es braucht das
Auge des Fachmannes, um am Beginn der Sanierung zu
klären, welche Bauteile wiederverwendet werden können
und was erneuert werden muss. Auch moderne Elemente
können einfließen, um das Bauernhaus zeitgemäß bewohnbar
zu machen – zumal in energetischer Hinsicht.
Holzbau Göppert 115
Am Anfang steht eine Unzahl von Fragen
Es stellen sich bei den ersten Begutachtungen eine
Unzahl von Fragen, die in die Planung und Ausführung
übernommen werden müssen: Wo arbeitet der
Wind? Wo staut sich Feuchte? Welche Balken tragen
noch, welche haben an den Auflagepunkten Schwächen?
Am Ende soll kein Museum stehen, sondern
ein Hof, der weiter lebt und in dem zeitgemäß
gelebt werden kann. Sämtliche Eingriffe werden in
kleinen, präzisen Schritte dokumentiert, bevor sie
fachgerecht ausgeführt werden. Wo immer möglich,
werden Bauteile mit Bedacht rückgebaut, gereinigt
zwischengelagert, bevor sie sorgfältig eingepasst,
wiederverwendet werden. Nachhaltigkeit ist kein
leeres Wort, sondern das zugrunde liegende Prinzip.
Wie sieht moderne Nachhaltigkeit in einem
Handwerk aus, das mit Jahrhunderten rechnet? Für
Johannes Göppert so: kurze Wege, regionale Hölzer,
ehrliche Details. Häuser so zu reparieren, dass nicht
nur die Dächer dicht sind, sondern wieder gut in ihnen
gelebt werden kann. Handwerk und Heimatliebe
ergänzen sich damit vortrefflich.

Die Schwarzwaldhöfe haben Jahrhunderte überdauert,
sodass von ihnen so viel mehr zu lernen ist
als von den heutigen Neubauten:
Konstruktionen, die atmen können, Leinöl
statt dickem Lack, Holzschutz nach dem Motto
„Konstruktion
vor Chemie“, also den charakteristischen
Dachüberstand weiterhin so einzuplanen, dass
die Fassade keinen Schaden nimmt, zum Schutz des
Holzes und gleichzeitig als Beschattung anzuerkennen,
die dunkle Wandfarbe dient als Wärmespeicher.
Wo es passt, ergänzt Kalkputz den Wandaufbau, wo
nötig, bleibt eine alte Bohlenwand erkennbar.
„Es braucht jedes Mal die Vorstellungskraft, dass
daraus ein schickes Kleinod werden kann“, gibt
Johannes
Göppert unumwunden zu.

Und weiter: „Es
ist ein Highlight, die Dachkonstruktion so herzustellen,
dass man möglichst alle noch zu gebrauchenden
Holzteile aus dem Erbauungsjahr verwenden kann.
Ganz einfach und pragmatisch, so gibt sich der
Schönwälder Zimmermeister: „Man muss sich modernen
Techniken aufschließen, dann kommt das beste
Ergebnis raus.“ Woher kommt Johannes Göpperts
Oft sind es persönliche Bindungen an historische
Häuser, die wie hier beim Frevlethof in Schonach zu
ihrer Sanierung führen, so Johannes Göppert. Der Enkel
sanierte das Haus des Großvaters.

116
Wirtschaft

fundiertes Wissen? Nach der Ausbildung und der
Meisterprüfung folgte eine einjährige Fortbildung
im Bildungszentrum Holzbau in Biberach a.d.R. zum
„Geprüften Restaurator im Handwerk – Master Professional“.
Wer bei Holzbau Göppert in Schönwald arbeitet,
lernt schnell, dass Traditionsliebe nicht mit Fortschrittsfeindlichkeit
verwechselt werden darf. In der
Halle finden sich CNC-Pläne neben Bleistift-Skizzen,
Feuchtemessgeräte neben gut eingearbeiteten
Stemmeisen.

Der Laptop hat genauso seine Berechtigung
und Verwendung wie die Werkbank.
Zahlreiche Würdigungen und Preise
Dieses Prinzip der Herangehensweise ist mit Erfolg
gekrönt, Würdigungen in Fachzeitschriften legen
davon Zeugnis ab. Dies alles kann der Zimmermeister
aus Schönwald zu Genüge vorweisen, ist er doch
seit über 40 Jahren im Beruf, darf sich über zahllose
Preise und Berichte in einschlägigen Fachzeitschriften
freuen. Hier werden seine Leuchtturmprojekte
einem breiten und interessierten Publikum vorgestellt.
Mit dem malerischen Kienzlerhansenhof bei
Schönwald, einem mittlerweile beliebten Fotomotiv,
haben sich die Stuttgarter Architekten Anja Kluge
und Ingolf Gössel einen Traum verwirklicht. Die
Bauzeit beanspruchte mehr als zwei Jahre – Holz,
Lehm und Granit wurden ebenso traditionell verbaut
wie 1.000 Quadratmeter handgespaltene Holzschindeln
des Daches.

Lohn für diesen Einsatz war 2016 der Denkmalschutzpreis
Baden-Württemberg für ein „Kulturdenkmal
von besonderer Bedeutung von 1591“. „Die
baulichen Maßnahmen wurden unter Beibehaltung
der Grundrisse in traditioneller Handwerkskunst
durchgeführt“, heißt es in der Begründung für die
Preisverleihung weiter anerkennend. Oder wie im
Rahmen des Staatspreises Baukultur von 2020
beschrieben: „Denkmalschutz, Klimaschutz und
hohe gestalterische Qualität müssen sich nicht
ausschließen, sondern können in gegenseitiger
Verknüpfung zu ganz besonderen, dem Ort angemessenen
und herausragenden Ergebnissen führen.
Holzbau, Tragwerk Bestand: Holzbau Göppert GmbH,
Schönwald.“

Auch bei der Sanierung des Hansmichlhofs in
Schramberg-Tennenbronn habe Holzbau Göppert die
„ganze Erfahrung im Umgang mit der historischen Substanz
und viel Herzblut für ein herausragendes Gebäude
mit eingebracht“, so der Wortlaut der Laudatio.
Einer weiteren Auszeichnung würdig in der Kategorie
„Die besten 50 Einfamilienhäuser des Jahres
2023“ war die Sanierung des Gründlehofs in Hornberg
– hier in Zusammenarbeit mit dem renommierten
Architekten Hardy Happle.

Der Farnrainhof in Yach erhielt ebenso einen
Preis für seine gelungene Sanierung wie das Uhrmacherhüsli
in Lenzkirch oder ein Bauernhaus im Hübschental
sowie das Zipfelhäusle in Langenordnach,
um nur einige wenige zu nennen.
Und das werden mit Sicherheit nicht die letzten
Projekte unter der Mitwirkung des Schönwälder
Erfolgsbetriebes bleiben, die von der Fachwelt mit
Preisen bedacht werden.
Seit 1865 in Familienbesitz
Eine besondere Freude ist es dem Chef des seit 1865
in Familienbesitz befindlichen Betriebes, besonders
langjährige Mitarbeiter auszuzeichnen, die seit
Jahrzehnten im Unternehmen sind. Diese tragen
maßgeblich zum Erfolg des Betriebes bei oder wie
Johannes Göppert feststellt: „Nur mit wirklich
erfahrenen Mitarbeitern, die ihr Wissen und ihre
Handwerkskunst weitergeben, kann ein Betrieb
erfolgreich am Markt agieren.“
Zusätzlich bildet er aus – nicht, weil es schön
klingt, sondern weil es im ländlichen Raum Zukunft
sichert. „Wenn Jugendliche nach der Schule hierbleiben
sollen, brauchen sie sinnvolle Arbeit.“ Und
anders als gemeinhin berichtet, „haben wir keine
Nur mit wirklich
erfahrenen Mitarbeitern,
die ihr Wissen und ihre
Handwerkskunst weitergeben,
kann ein Betrieb erfolgreich
am Markt agieren.

Holzbau Göppert 117
Am Anfang jeder Sanierung eines Bauernhofes steht die Klärung einer Unzahl an Fragen – was kann bleiben, was muss
ersetzt werden? Hier der Farnrainhof in Yach, oben am Beginn der umfangreichen Sanierung. Rechts das geglückte und
preisgekrönte Ergebnis. Aufwendig auch die Schiebefenster und die Schindelfassade.
Probleme,
Auszubildende zu finden“, so Johannes
Göppert weiter. Mittels Mund-zu-Mund-Propaganda
kommen die Kandidaten auf den Betrieb zu.
„Und wir sehen zu, dass unsere Azubis interessante
Arbeiten verrichten dürfen und variabel eingesetzt
werden. Momentan haben wir sogar einen Lehrling
mit Abitur, der die ihm zustehende Lehrzeitverkürzung
nicht in Anspruch nimmt, weil ihm die Arbeit
bei uns so wichtig ist“, erklärt Göppert in wenigen
Worten sein Erfolgsrezept, dem viel beklagten
Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Auf ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung
vom März 2023 angesprochen – „Handwerker sind
besonders begehrt und besonders glücklich“- von
92 % der befragten Handwerkern bestätigt – kann
Johannes Göppert dies tatsächlich nur unterstreichen,
auch wenn er mit Wehmut einräumen muss,
dass mittlerweile seine Hauptarbeit „leider nur noch
Papier“ gelte, die Zunahme an Verwaltungsarbeit
sei mit 50 % einfach zu viel.

Doch Johannes Göppert saniert längst nicht nur
historische Bauernhäuser – mittlerweile sind es
stolze 150 – oder baut neue Häuser. Sein Fachwissen
war ebenso bei der Sanierung der Holzstege
am Blindensee, der Salinentürme in Bad Dürrheim,
Die Sanierung des malerischen Kienzlerhansenhofs in
Schönwald gilt als ein Leuchtturmprojekt von Holzbau
Göppert. Auch hier verdiente die Erneuerung und Sanierung
der Schiebefenster besondere Aufmerksamkeit.

118
Wirtschaft

der Grässlin-Mühle in St. Georgen oder der Haube
des historischen Wasserturms in Konstanz im
Schneegestöber
am Gschmutzige Dunschdig gefragt.
Als wäre es nicht bereits Aufgabe und Verantwortung
genug, eine erfolgreiche Holzbaufirma zu führen,
kennt man ihn in Schönwald nicht nur als Handwerker,
sondern als jemanden, der hilft und unterstützt,
wenn’s drauf ankommt: Beim Dorffest, wenn
es an einer Bühne klemmt, beim Vereinsheim, wenn
ein Dach geflickt werden muss, vom traditionellen
Aufstellen des Maibaums, vom selbstverständlichen
Bereitstellen von Parkraum bei Dorffesten, bis zu
Materialspenden für Schulprojekte, wenn die nächste
Generation das erste Vogelhäuschen zimmert.
Bleibt angesichts der offensichtlich nicht ganz
ausgewogenen „Work-Life-Balance“ – der Chef arbeitet
von Montag bis Freitag von 5.30 bis 18 Uhr,
samstags „nur“ bis 12 Uhr – noch Zeit für anderes?
Selbstredend wirkt er in der politischen Gemeinde
mit, ist seit Jahrzehnten im Gemeinderat vertreten,
Futuristischer Anbau auf Stelzen an die historische
Grässlin-Mühle in St. Georgen.

Der viel begangene Holzsteg durch das Naturschutzgebiet
Blindensee, auch hier war Fachwissen gefragt.

119
war als Bürgermeisterstellvertreter präsent und ist
Gründungsmitglied der „Freien Liste“ – einer Vereinigung
„zum Wohle des Dorfes“.

Zeit für seine Hobbys möchte sich Johannes
Göppert bewahren – sei es alpines Tourengehen,
Gleitschirmfliegen oder Reisen nach Kasachstan und
Georgien. Und da ist natürlich auch die Familie und
es gibt Freunde, die nicht auf den „Schaffer“ verzichten
möchten. An erster Stelle stehen Ehefrau Elke,
die sich im Büro um die Buchhaltung und die Löhne
kümmert, sowie die beiden Kinder Katrin und Leo.
Auf die Frage: „Hat man nicht ungemein viele
Freunde, wenn man so viele Talente hat und so hilfsbereit
ist? Wird man nicht zum Wurstsalat eingeladen
und soll nebenbei ein paar lockere Bretter fixieren?“
Darauf schmunzelnd Johannes Göppert: „Wenn
es ein guter Wurstsalat ist …“

Und ganz klar – aus dem geliebten Schwarzwald
ist der Schönwälder nicht wegzudenken: „Hier ist es
grün, der Landschaft und der Kultur bin ich einfach
stark verbunden. Und jede Menge wunderschöner
Höfe, die auf unseren Einsatz warten, gibt es hier
auch! Die Arbeit geht uns nicht aus!“ Johannes Göppert
Bauernhof in Triberg Nussbach; „Auf der Ecke“. Einer von über 150 sanierten Bauernhöfen im Mittleren Schwarzwald
durch Holzbau Göppert.

Holzbau Göppert
LEISER REISEN, SICHERER BAUEN, BESSER SCHÜTZEN:
GRIWECOLOR – VON DER
MAGIE DER FARBEN UND
BESCHICHTUNGEN
VON ROLAND SPRICH UND WILFRIED DOLD

Wirtschaft

Im Schauraum von „griwecolor“ bleibt der
chinesische Gong beinahe stumm, obwohl Sven
Wehinger ihn beherzt mit dem Schlegel trifft.
Das demonstrativ erzeugte dumpfe „Ploppen“
verweist auf das Prinzip, das in den Innenräumen
von Hochgeschwindigkeitszügen seit dem ICE 2
angenehm leises Reisen ermöglicht. Auf der
Rückseite des Gongs wie an den Blechwänden
eines ICE dämpft „griwephon® Antidröhn“
zuverlässig jede Resonanz. Vor 30 Jahren
machten sich Lacklaborant Jörg Grieshaber und
Farbtechniker Franz Wehinger selbstständig
– mit dem Anspruch, innovative Farben und
Beschichtungen wie Antidröhn zu entwickeln.
Heute sind ihre hochspezialisierten Lösungen
weltweit im Einsatz: von Rasenmarkierfarbe über
Antirutsch-Beschichtungen, Abziehlacke und
Baumschutzfarbe bis hin zu nicht brennbaren
Schutzschichten für Fassaden. Und auch die
Zukunft des Unternehmens ist gesichert:
Sven Wehinger, Sohn von Franz Wehinger
und seit 2018 Geschäftsführer Marketing
und Vertrieb sowie Diana Licht, Tochter von
Jörg Grieshaber, Prokuristin und Mitglied der
Geschäftsführung, tragen als zweite Generation
bereits Verantwortung. Das geschieht ganz im
Sinne der Gründer, von denen Jörg Grieshaber
als Geschäftsführer Entwicklung und Technik
weiterhin aktiv ist. Im Gespräch betont er: „Es
geht uns mehr denn je um nachhaltig produzierte
Farben und Beschichtungen mit Mehrwert.
Im Zeitalter des Klimawandels entwickelt
griwecolor Produkte, die unsere Welt ein Stück
umweltfreundlicher gestalten.“

121
Die Firmengründer Jörg Grieshaber (links) und Franz Wehinger
(rechts) mit der zweiten Generation bei der Farbmischanlage
von griwecolor: Diana Licht, Technik und Entwicklung, sowie
Sven Wehinger, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb.

122
Wirtschaft
Das Firmengelände von
griwecolor
im Gewerbegebiet
Wieselbrunnen. Mit den Jahren
kamen Erweiterungsbauten
hinzu, so 2025 der Neubau
einer
Lagerhalle (vorne).

Am Anfang der Gründungsgeschichte von griwecolor
steht bei Jörg Grieshaber und Franz Wehinger die
Begeisterung für die Möglichkeiten emissionsarmer,
wässriger Farben. Diese sind bekannt für ihren
geringen bis keinen Anteil an organischen Lösungsmitteln,
was sie umweltfreundlich, geruchsarm
und
für sensible Umgebungen wie Innenräume oder
Krankenhäuser geeignet macht. Der Umstand, dass
der ehemalige Arbeitgeber das Geschäftsfeld der
Dispersionsfarben aufgegeben hat, veranlasste die
beiden, die Selbstständigkeit anzustreben. So gründen
sie auf Basis ihrer jahrzehntelangen Erfahrung
in der Farben- und Lackbranche 1996 kurzerhand ein
eigenes Unternehmen.

Im neu ausgewiesenen Gewerbegebiet „Wieselbrunnen“
in Döggingen errichtet „griwecolor“ exakt
gegenüber des Firmenareals von FreiLacke einen
Neubau, der die Entwicklung, Verwaltung sowie die
Produktion
und ein Lager aufnimmt. Bis die ersten
Produkte entwickelt und produziert sind und zum
Verkauf angeboten werden können, braucht es eine
nicht unerhebliche Anlaufzeit.
Dann endlich gehen
500 Faxe an mögliche
Kunden raus, die für neuartige
Fassadenfarben mit Mehrwert werben. Die Ernüchterung
folgt auf dem Fuß: Exakt eine einzige Bestellung
über zwei Gebinde mit je 15 Liter Farbe kommt
zurück. Absender ist der Maurer, der das Fundament
des Firmengebäudes von griwecolor betoniert hat.

Der Weg zur Raiffeisenbank und die Bitte
um
weitere Kredite ist da vorprogrammiert. Und die
Kredite werden den Firmengründern auch gewährt.
„Undenkbar wäre das heute“, schauen Jörg Grieshaber
und Franz Wehinger auf die Dramatik ihrer
Anfangsjahre als Unternehmer zurück.
Jörg Grieshaber und
Franz Wehinger gründen das
Unternehmen griwecolor
auf Basis ihrer jahrzehntelangen
Erfahrung in
der Farben- und
Lackbranche.

123

Die Entwicklung der neuartigen Markierfarbe für Rasenflächen
brachte griwecolor in den Gründerjahren den
ersten
großen Verkaufserfolg.

Markierfarbe für Rasenflächen als
erste Sonderentwicklung
Den Wendepunkt
in der Geschäftsentwicklung
beschert eine Anfrage der Zentralgenossenschaft
Donaueschingen,
die eine Markierfarbe für Rasenflächen
benötigt, diese aber nirgends finden kann.
Die Sonderentwicklung
bringt griwecolor den ersten
Erfolg, steigert die Bekanntheit des jungen Unternehmens
enorm, das jetzt auch Produkte in den Niederlanden
absetzt. Doch, so schaut Jörg Grieshaber
zurück: „Finanziell ausreichend war das noch lange
nicht. Wir trauten uns damals nicht einmal, Mineralwasser
fürs Büro zu bestellen“.

Das ändert sich am Ende der 1990er-Jahre schlagartig:
In Döggingen klingelt das Telefon und es kündigt
sich ein Mega-Seller an: Zu dieser Zeit etabliert
sich ein regelrechter Hype um Fensterfarben. Hobbyläden,
Kaufhäuser und selbst Supermärkte füllen
ganze Regalwände mit diesem Produkt. Jetzt will
einer der etablierten Anbieter neuartige Fensterfarben
entwickeln lassen, entdeckt die Manufaktur
in Döggingen für sich. Leuchtende Farben sollen es
sein, nicht so milchige wie bislang. Aus hochwertigen,
umweltfreundlichen Materialien müssen sie bestehen
und sich möglichst einfach wieder entfernen
lassen.

Griwecolor entwickelt den Prototypen für die
neuen Fensterfarben in kürzester Zeit. Es ist eine
Maxime der Firmengründer, auf Kundenanfragen
nicht nach Monaten, sondern möglichst in spätestens
14 Tagen mit einem Lösungsvorschlag zu reagieren.
Veräußert wird das neue Produkt erstmals
über einen der damals bekanntesten Fernsehshopping-
Kanäle – gleich bei der ersten Sendung gehen
über 20.000 Bestellungen ein.

Die Hobby- und Kreativbranche etabliert sich in
der Folge bei griwecolor zu einem der Hauptumsatzträger:
Drei Viertel der deutschen Händler veräußern
Kreativ-Produkte „made in Döggingen“. Und die hoch
zufriedenen Kunden treten mit immer neuen Wünschen
an die Manufaktur heran: Andere Rezepturen
für Fensterfarben, Farben, die mittels Schablone
dauerhaft beliebige Motive auf T-Shirts aufbringen
können, Kunstschnee für Weihnachtsbäume, Flitter,
Dekopaste und vieles mehr …

Doch es ist wie bei jedem Hype – um das Jahr
2004 fällt der Markt schlagartig in sich zusammen.
Noch vor Weihnachten ist bei griwecolor die Zahl der
Bestellungen derart hoch, dass zahlreiche Aufträge
unerledigt bleiben. Nach Weihnachten aber werden
binnen kürzester Zeit sämtliche
Bestellungen storniert,
der Bedarf ist gesättigt.
Den Kreativbereich gibt es bei griwecolor als
Nischensparte
jedoch nach wie vor. Die Produktpalette
reicht von Künstler- über Dekorationsfarben
griwecolor – Magie der Farben

Tophner

124

Wirtschaft

für Wände, Textilien, Glas, Kunststoffe oder andere
Untergründe
bis hin zu Produkten, die im Modellbau
Verwendung finden. Allesamt umweltschonend und
größtenteils auch für Kinder geeignet.
Antidröhnmasse für den ICE
findet weltweit Beachtung
„Lärmbelästigung war gestern“, schmunzelt Jörg
Grieshaber mit Blick auf die weltweiten Erfolge der
Beschichtung „griwephon® Antidröhn“.

Auslöser
dieser Entwicklung ist ein Branchenfachmann, der
beim Besuch von griwecolor über fehlenden Wettbewerb
und die Produktqualität im Bereich von
Funktionsbeschichtungen
bei Hochgeschwindigkeitszügen
klagt. Eine hochgradig komplizierte Angelegenheit,
wie die Gründer Franz Wehinger und Jörg
Grieshaber im Rückblick befinden. Für einen „Hidden
Champion“ und Problemlöser wie griwecolor
allerdings
zugleich eine willkommene Herausforderung.
Die Gewinne aus den Verkaufserfolgen in der
Kreativbranche werden jetzt u.a. in die Entwicklung
einer Antidröhnbeschichtung investiert. Die Rezeptur
für die Beschichtung selbst zu entwickeln ist der
komplexeste Schritt auf dem Weg hin zu einem neuen
Produkt. „Weil, da klappt nicht alles beim ersten
Mal. Zumal bei einer derart schwierigen Rezeptur,
das liegt in der Natur der Dinge“, merkt Jörg Grieshaber
an. Aber als nahezu ebenso zeitraubend – und
besonders teuer – stellen sich zudem die zahlreichen
Prüfverfahren heraus.

Als mit größte Hürde erweist sich schlussendlich
das Unternehmen Siemens, der damals dominierende
Akteur im globalen Schienenfahrzeugbau mit
dem ICE 2 als Aushängeschild. Ein Jahr warten auf
einen Termin, um die Antidröhnmasse vorstellen
zu können. Als die Präsentation endlich stattfinden
kann, wird das Produkt als erstklassig befunden und
die Verwendung beim ICE 2 angekündigt. Ein voller
Erfolg somit. „Jetzt aber braucht es noch einmal zwei
Jahre, bis der erste Auftrag kommt – vier Jahre nach
dem Projekteinstieg“, bedauert Jörg Grieshaber noch
heute. Gerade zwei Tonnen der Antidröhnmasse wer-
Die Gewinne aus den
Verkaufserfolgen in der
Kreativbranche werden jetzt
u.a. in die Entwicklung einer
Antidröhnbeschichtung
investiert.

Der ICE 2 wird mit der Antidröhnmasse von griwecolor schallgedämmt.
griwecolor – Magie der Farben 125
Sven Wehinger und Jörg Grieshaber mit dem Gong, der die Wirkung von „griwephon® Antidröhn“ demonstriert.

den zunächst bestellt und das zum Dumpingpreis.
Gelohnt hat sich der Aufwand dennoch allemal:
„griwephon® Antidröhn“ gilt als eines der weltweit
besten Produkte seiner Art und wird international
nachgefragt.

Die lösemittelfreie Antidröhnmasse gibt
es mittlerweile in vier Spezifikationen.
Und „griwephon® Antidröhn“ ist nicht auf Hochgeschwindigkeitszüge
beschränkt. Die Beschichtung
ist überall dort von Nutzen, wo es darum geht, unerwünschtes
Dröhnen zu reduzieren: Von Kraftfahrzeugen
über Schiffe, Flugzeuge oder Landmaschinen,
Industrieanlagen bis zum Hochbau reicht die Reihe
von Anwendungsmöglichkeiten. Auch bei der Sanierung
des legendären Londoner Bahnhofs King‘s Cross
kommen nicht-brennbare Entdröhnungsmassen
für Fassadenelemente von griwecolor zum Einsatz.
Durch die Kombination aus Schalldämpfung und
Nichtbrennbarkeit tragen diese Beschichtungen dazu
bei, den denkmalgeschützten Bahnhof sowohl akustisch
als auch sicherheitstechnisch auf den neuesten
Stand zu bringen.

Jörg Grieshaber betont mit Blick auf den Einsatz
von griwecolor-Produkten im berühmten Londoner
Bahnhof: „Knifflige Anforderungen reizen mich, das
macht den Problemlöser aus. Die Antidröhnmasse
ist
eine tolle Entwicklung und die neuen Rezepturen sind
noch besser, setzen Maßstäbe beim Brandschutz“.
Gerade der Brandschutz ist ein immer wichtigerer
Faktor bei der Produktentwicklung,
wie auch Sven
Wehinger unterstreicht. Der Geschäftsführer Marketing
und Vertrieb ist es auch, der die bislang unausgesprochene
Frage thematisiert, weshalb auf Farbund
Beschichtungs-Rezepturen wie „griwephon®
Antidröhn“ und weitere griwecolor-Produkte bis zum
heutigen Tag keine Patente angemeldet sind. Sven
Wehinger: „Das würde bedeuten, die Rezeptur preiszugeben
und jeder, der dazu in der Lage
ist, könnte
unsere Erfindungen nach Ablauf des Patentes einfach
nachbauen. Genau
das wollen wir verhindern.“
Sven Wehinger: Von Shanghai nach
Döggingen – Einstieg in die Geschäftsführung
Was Farben können, lässt einem im Verlauf der Gesprächsrunde
bei griwecolor mit den Firmengründern
und ihren Nachfolgern Sven Wehinger und
Diana
Licht immer neu staunen. Aber auch der Weg
und die Begeisterung für das Unternehmen, die die
2. Generation bei griwecolor in die Verantwortung
führt, ist bemerkenswert. Sven Wehinger
lässt sich in
Stuttgart zum Lacktechniker ausbilden. Anschließend
folgt eine einjährige Qualifizierung bei der IHK zum
„Master of Technical Management“. Für ihn steht
schon zu diesem Zeitpunkt fest, dass er später bei

126

Wirtschaft
Von Döggingen aus beliefert griwecolor weltweit seine Kunden. Mehrere Tonnen an Entdröhn- und Fassadenbeschichtungen
wurden auch für die Sanierung des weltberühmten Londoner Bahnhofs Kings Cross bereitgestellt.
griwecolor einsteigen will. Es folgt eine sechsjährige
Beschäftigung bei einem
internationalen Anbieter
für Zinklamellen-Beschichtungen in Markgröningen.
Davon verbringt Sven Wehinger zwei Jahre in Shanghai,
um 2017 in den Betrieb des Vaters einzusteigen,
wo er 2018 in die heutige Position
aufsteigt.

Welches Produkt beeindruckt ihn bei griwecolor
am allermeisten? „Die Antidröhnbeschichtung und
da die griwephon® AN2-750/EU, eine nicht-brennbare
Beschichtung. Sie kann die für so ein Produkt derzeit
höchste Klassifizierung in Sachen Brandschutz
vorweisen.“ Das bedeutet, sie darf auch in Hochhäusern
oberhalb des siebten Stockwerkes verbaut werden.
Ebenso in sicherheitsrelevanten Objekten wie
dem erwähnten Londoner Bahnhof King‘s Cross oder
beim Jahrhundertvorhaben „Stuttgart 21“.
Was Sven Wehinger am Unternehmen der
Familien
Wehinger/Grieshaber besonders schätzt,
legte er unlängst auch Thorsten Frei dar. Der CDUBundestagsabgeordnete
im Schwarzwald-Baar-Kreis
und Bundesminister für besondere Aufgaben sowie
Chef des Bundeskanzleramtes besuchte griwecolor
bereits zum zweiten Mal. Ihn fasziniere, so Sven Wehinger,
dass bei griwecolor jedes Anliegen Chefsache
ist und selbst komplizierte Kunden-Anfragen umgehend
sowie kompetent erledigt werden. Und er fügt
hinzu: „Wir verstehen uns als Spezialisten und genau
das ist unsere Stärke.“

Diana Licht: „Gipfelstürmerin“ mit
Leidenschaft für die Magie der Farben
Die Tochter Diana Licht teilt das Gespür des Vaters
für die „Magie der Farben und Beschichtungen“.
Hinter jedem Produkt steckt wissenschaftliches
Auch bei der Sanierung
des legendären Londoner
Bahnhofs King‘s Cross
kommt nicht-brennbare
Entdröhnungsmasse für
Fassadenelemente von
griwecolor zum Einsatz.
griwecolor – Magie der Farben 127
Produkte von griwecolor (in Auswahl)
griwephon® Antidröhn
Dünnwandige Bleche erzeugen oft störende
Vibrationen und Dröhngeräusche – griwephon®
Entdröhnungsmasse dämpft diese Schwingungen
wirksam. Das reduziert Lärm deutlich und
steigert zugleich Haltbarkeit und Stabilität der
Bauteile. Die vielseitige Beschichtung eignet sich
für Fahrzeuge, Maschinen, Schienenverkehr,
Aufzüge, Fassadenelemente und auch Haushaltsgeräte.
Das Produkt griwephon® AN2-750/EU
setzt zudem Maßstäbe in der Brandschutzklassifizierung,
ohne die herausragenden Entdröhnungseigenschaften
zu beeinträchtigen.

Baumschutzfarbe
griwecolor Baumschutzfarbe ist eine biologisch
abbaubare Schutzfarbe und für den Einsatz an
jungen Bäumen und Sträuchern entwickelt. Sie
verhindert Frostaufbrüche der Rinde und
unterstützt die natürliche Atmung der Gehölze
durch die für Tiere und Pflanzen ungiftigen
Rohstoffe. Die Baumschutzfarbe ist physiologisch
unbedenklich und enthält keine für Tiere und
Pflanzen schädliche Rohstoffe.
Rasenmarkierfarbe
griwecolor Rasenmarkierfarben sind hochdeckfähige
Markierfarben-Systeme zur Markierung von
Rasen- und Hartplätzen mit den handelsüblichen
Markierwagen. Das Portfolio der griwecolor
Rasenmarkierfarben umfasst sowohl spritzfertige
Systeme wie griwecolor Topliner als auch
entsprechende Konzentrate aus der RA1-700
Produktreihe zur individuellen Handhabung.
Außenanstrich
griwecolor Außenfarben sind für alle gängigen
Untergründe geeignet. Sie sind diffusionsoffen
und haben hervorragende Verarbeitungseigenschaften.
Außerdem bieten sie hohe Wetterechtheit
und Farbstabilität. griwecolor übernimmt
zudem gerne die Einstellung des
Wunschfarbtons.

Weitere Infos unter: griwecolor.de
Firmengründer Franz Wehinger mit Sohn Sven Wehinger,
der ihm 2018 bei griwecolor als Geschäftsführer Marketing
und Vertrieb nachfolgt.

Firmengründer Jörg Grieshaber, Geschäftsführer
Entwicklung und Technik, mit Tochter Diana Licht, Mitglied
der Geschäftsführung und Prokuristin.

128
Wirtschaft
Know-how und eine große Portion Leidenschaft:
Bindemittel, Pigmente, Füllstoffe, Wasser, möglichst
wenig Lösemittel und Additive werden präzise
kombiniert, bis im Laborbehälter eine perfekte
Rezeptur entsteht. Auf Prüfkarten und Blechen muss
jede Farbe zeigen, was in ihr steckt – Verlauf,
Deckkraft, Haftung und Funktion (Brandschutz etc.)
sind mit entscheidend. Und wenn eine Farbe „zickt“,
beginnt mit detektivischem Spürsinn die Fehlersuche.
Schritt für Schritt entsteht so ein Produkt „Made
by griwecolor“, das höchsten Ansprüchen gerecht
wird.

Diana Licht studiert nach dem Abitur zunächst
Wirtschaftsingenieurwesen. Noch während des
Studiums
zeichnet sich ab, dass aus Begeisterung
für das Lebenswerk des Vaters und für Farben eine
Ausbildung zur Lacklaborantin folgen wird. Diese
schließt sie mit Bravour ab und erhält die IHK-Auszeichnung
„Gipfelstürmerin“. Gleich nach ihrer Ausbildung
steigt Diana Licht im Lehrbetrieb
zur Teamleiterin
der Qualitätskontrolle
auf.

Im November 2015 folgt der Wechsel zu griwecolor.
Dort durchläuft sie sämtliche Abteilungen, lernt
die Abläufe in all ihren Facetten kennen. Freut sich
an der Vielseitigkeit des täglichen Tuns, wie sie im
Gespräch mit Vater Jörg Grieshaber und Sven Wehinger
über „30 Jahre griwecolor“ und die Zukunft des
Unternehmens unterstreicht.

Impressionen aus dem Alltag bei griwecolor. Steht die Rezeptur im Labor, wird die Farbe gemischt und abgefüllt. Für die
Qualität der Produkte ist die Entwicklungsabteilung zuständig, die Jörg Grieshaber zusammen mit Tochter Diana Licht
leitet (unten links). Ein Produkt der ersten Stunde von griwecolor ist die Rasenmarkierfarbe, die auf Tausenden von Sportplätzen
zum Einsatz kommt.

griwecolor – Magie der Farben 129
„Es bleibt immer spannend, immer
neue Themen kommen auf“
Sie fasziniert es, sich ergänzend zu den Anforderungen
des Alltags in Forschungsprojekte zu vertiefen.
In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-
Institut für
Produktionstechnik und Automatisierung IPA untersucht
sie die photokatalytischen Fähigkeiten von
Farbe. Auf Gewebe aufgetragen kann hierfür speziell
entwickelte Farbe in Filteranlagen
verbaut und mit
UV-Licht bestrahlt flüchtige organische Bestandteile
(VOC) und Stickoxide aus der Luft abbauen. „Farbe
reinigt Luft in Krankenhäusern, Industriebetrieben
oder anderen Orten“, fasst Diana Licht zusammen.
Ein weiteres Projekt befasst sich mit den photokatalytischen
Fähigkeiten von Innenwandfarben,
wieder in Zusammenarbeit mit dem Fraunhoferinstitut.
Es handelt sich um eine Rezeptur, die auch
Viren abbaut und so in Krankenhäusern oder Pflegeheimen
hervorragende Dienste leistet.

„Es bleibt immer spannend, immer neue Themen
kommen auf“, freut sich die Prokuristin und Mitglied
der Geschäftsführung über ihr breites wissenschaftliches
Betätigungsfeld bei griwecolor. Auf Themen,
die teils auch fünf Jahre intensive Teamarbeit brauchen,
bis sich der Erfolg einstellt. So die Entwicklung
von Farben, die für Kinder vollständig ungefährlich
sind, selbst wenn sie verschluckt werden.
Gründerprodukt Rasenmarkierfarbe auch
nach 30 Jahren stark nachgefragt
Die intensive Entwicklungs- und Forschungsarbeit
im Labor führt auch zurück zu den Wurzeln, zur
Rasenmarkierfarbe, dem ersten Erfolgsprodukt der
Gründerphase. Seit drei Jahrzehnten wird dieses
Produkt beständig optimiert und nach wie vor
international auf Fußballfeldern eingesetzt. Bei so
manch dramatischem Elfmeterschießen bei Weltund
Europameisterschaften oder im DFB-Pokal ruhte
der Ball auf einem Elfmeterpunkt, der wie sämtliche
Linien auf dem Platz mit der Rasenmarkierfarbe aus
Döggingen aufgetragen wurde. Mit Farben, die
weder das Nachwachsen des Rasens verhindern
noch das Gras ersticken lassen, wie es in der
Produktbeschreibung heißt.
Nicht immer kommen die Anregungen für
griwecolor-
Produkte von außen, unterstreicht Jörg
Grieshaber. Der Firmengründer lenkt die Aufmerksamkeit
auf das Produkt Weißkonzentrat, eine

Eigenentwicklung:
Das Weißkonzentrat beispielsweise
schützt junge Knospen an Obstbäumen und
Beerensträuchern
vor Beschädigung durch Vögel und
Kleintiere – ist für die Tiere aber völlig ungefährlich.
Griwecolor hat für das Konzentrat die Zulassung des
Bundesamtes als Pflanzenstärkungsmittel erhalten.
Fasziniert von der Magie der
Farben und Beschichtungen
Griwecolor im Bräunlinger Ortsteil Döggingen gilt
mit seinen 15 Mitarbeitern als ein Problemlöser, der
sich mit seinen Nischenprodukten in vielen Ländern
erfolgreich am Markt behauptet. Der Familienbetrieb
hat sich aus einer in der Tat mutigen Gründungsidee
heraus zu einem anerkannten Spezialisten für die
Möglichkeiten emissionsarmer, wässriger Farben
und Beschichtungen entwickelt. Der Pioniergeist der
Gründer Jörg Grieshaber und Franz Wehinger prägt
das Unternehmen bis heute – und wird weitergetragen
von der zweiten Generation mit Sven Wehinger
und Diana Licht.

Die Begeisterung über die Magie und die Möglichkeiten
von Farben
und Beschichtungen liegt
förmlich in der Luft, wenn sich die Lacklaboranten in
den Familien Grieshaber und Wehinger über all das
austauschen, was griwecolor ausmacht. Da steckt
vor allem auch Beharrlichkeit dahinter, die Fähigkeit,
so lange nicht aufzugeben, bis die perfekte Rezeptur
gefunden ist. „Das sind die tollsten Tage“, ist sich das
Team von griwecolor einig, wenn nach mehrjähriger
Projektarbeit und immer wieder auch Zweifeln am
Erfolg dann doch der Augenblick da ist, wo alles
ineinandergreift
und die Rezeptur steht.
Das sind die tollsten Tage“, ist
sich das Team von griwecolor
einig, wenn nach mehrjähriger
Projektarbeit der Augenblick
da ist, wo alles ineinandergreift
und sich der Erfolg einstellt.

130

Wirtschaft

five Konzept 131

Die drei five-Konzept Gründer, von links:
Christoph Limberger, Wolf Harwath und Lutz Kruger.
Fünf Übungen, drei Schwarzwälder,
eine gemeinsame Idee: Die Firma five-
Konzept aus Hüfingen bringt mit ihren
Fitnessgeräten weltweit Menschen in
Bewegung – als Pionier hochwertiger
Anwendungen für Muskellängentraining.
Wie aus körperlichem Leiden eine
berufliche Leidenschaft wurde.

five –
BEWEGUNGSREVOLUTION
„MADE IN
BLACK FOREST“
VON TANJA BURY
132

Wirtschaft

fiveHip

Trainiert die hüftbeugende Muskulatur
in die Hüftstreckung und kann somit
das Hüftgelenk, das Kniegelenk sowie
den Rücken beeinflussen.

Der Auslöser
Ein Kaminofen war es. Ihn hob Schreiner Christoph
Limberger an – und da war er, der stechende
Schmerz im Rücken. Diagnose: Schwerer Bandscheibenvorfall,
eine Operation stand im Raum. Das war
2003. Als Kunde des Sport- und Gesundheitszentrums
Rückgrat in Donaueschingen erzählte Limberger
Studioinhaber Lutz Kruger davon. Dieser
empfahl ihm den Freiburger Arzt Walter Packi. Der
Allgemeinmediziner gilt als Begründer der Biokinematik,
einer speziellen Bewegungslehre, bei der
Muskeln nicht nur gekräftigt, sondern in ihrer
natürlichen Länge trainiert werden. Lutz Kruger war
von dem Arzt behandelt worden, nachdem er mit
einer Sportverletzung zu kämpfen hatte. Packi, seine
Behandlungsmethode und die dazugehörigen
Übungen hatten Kruger sehr geholfen und er war
überzeugt, dass der Mediziner auch Limberger
helfen kann. Der Schreiner ging zu Packi und bekam
five Trainingsgeräte in einem Parcours.

five Konzept 133
entsprechende Physiotherapieeinheiten verordnet.
Mit einer Therapeutin ging es für Limberger auf
einen Naturparcours. Die Aufgabe: Die Füße unter
einen Holzstamm in Knöchelhöhe klemmen und den
Oberkörper über einen zweiten Stamm in Hüfthöhe
weit nach hinten beugen. „Ich hab‘ ihr gesagt, dass
ich das mit einem frischen Bandscheibenvorfall und
meinen Schmerzen auf keinen Fall machen kann.
Aber das hat sie nicht interessiert“, erinnert sich
Limberger. Also ging er in die Rückenlage, die
sogenannte Extension. „Auf der Rückfahrt vom
ersten Training merkte ich schon, wie mein Zustand
besser wurde. Die Übungen taten mir gut, sehr gut
sogar.“ So war es auch Lutz Kruger nach seiner
Verletzung gegangen.

Allerdings war es für Limberger mit viel Aufwand
verbunden, mehrmals die Woche zur Physiotherapie
nach Freiburg zu fahren: Zeit, Organisation und das
lange Sitzen im Auto. Es ist Gift für einen Patienten
mit Bandscheibenvorfall. Limberger begann also zu
Hause zu trainieren – mithilfe zweier Sprudelkisten
und der Treppe. Als seine Frau fragte, ob die Kisten
im Wohnzimmer denn jetzt zur Dauereinrichtung
werden sollten und ob er nicht „was Vernünftiges“
für sich anfertigen wolle, ging der Schreiner in seine
Werkstatt im Keller und baute. Das erste five-Gerät,
der fiveBack, – den beiden Holzstämmen im Naturparcours
nachempfunden – war geboren. Und damit
eine besondere Geschäftsidee.
Der Anfang
Dieses Übungsgerät, den damals sogenannten
Backmover, zeigte Limberger seinem Freund Kruger
und es fand Einzug in dessen Fitnessstudio. „Das
Gerät war beliebt, die Leute standen fast Schlange,
um es zu benutzen“, berichtet Limberger. Denn die
Erfahrung zeigt: Menschen machen Übungen statt
frei, lieber an einem Gerät. „Es hat einen Aufforderungscharakter
und vor allem: Es hilft ihnen.“ Wolf
Harwath, damals Mitarbeiter im Rückgrat, war so
angetan, dass er eine zweite Gerätschaft für weitere
Übungen baute. „Mit einfachen Materialien aus dem
Baumarkt. Ich hab‘ es dann etwas schöner gemacht“,
sagt der heute 57-Jährige und lächelt. „Nur für uns. Da
war noch kein Businessgedanke dahinter.“ Doch eben
jener nahm Fahrt auf. 2004 gründeten Lutz Kruger,
Christoph Limberger und Wolf Harwath, mittlerweile
ausgebildeter Physiotherapeut mit eigener Praxis,
Auf der Rückfahrt vom ersten
Training merkte ich schon, wie
mein Zustand besser wurde.

Links: Christoph Limberger auf dem Naturparcours. Auf
Basis dieses Prototypen baute er das erste Trainingsgerät,
den fiveBack (rechts).

134
Wirtschaft
Oben: Wolf Harwarth begeistert die gespannten Zuhörer bei einem Vortrag über das five-Konzept.
Unten: Der aktuelle Messestand mit dem five im Jahr 2025 auf der FIBO vertreten war. Seit 2013 gehört
dieses Event zum festen Bestandteil des Jahresprogramms des Unternehmens.
five Konzept 135
gemeinsam eine Firma für Trainingsgeräte. Sie
nannten die Marke „five“ – ausgehend von den fünf
Grundübungen der Packi-Methode. Mit viel Idealismus
und Pioniergeist wurde getüftelt, entwickelt und
gebaut. Zwischen 2005 und 2008 entstanden so
sieben weitere Geräte. Kunden wurden akquiriert, ein
Netzwerk aufgebaut und 2009 die five-Academy
gegründet. Hier werden bis heute Trainer in der
Methode und an den Geräten ausgebildet, um
Kunden und Patienten in Fitnessstudios, Physiotherapiepraxen
und Rehakliniken anzuleiten. five-Geräte
finden sich nahezu ausschließlich in solchen Einrichtungen.
Mittlerweile gibt es auch ein kleines Portfolio
für den Privatgebrauch. (www.five-home.de).

Die Methode
Die Firmengründer nennen sie die Logik des Schmerzes.
Es geht um Bewegungen, die der menschliche
Körper kann, aber kaum noch macht. Die ständig
gebeugte Haltung im heutigen Arbeitsalltag führt zu
einseitiger Belastung. Die dadurch verkürzten
Muskeln sorgen für Dysbalancen und Spannungen
im Körper und sind oft der Auslöser für Schmerzen
und mangelnde Bewegungsfreiheit. Mit five werden
die Muskeln trainiert und durch aktive Dehnung
wieder auf Länge gebracht. Der gesamte Körper wird
entgegen seiner Gewohnheiten gestreckt – bereits
vier bis fünf Rückwärtsbewegungen pro Tag können,
so die five-Philosophie, das Empfinden positiv
verändern. Durch das Muskellängentraining werden
Einschränkungen in der Bewegung aufgehoben oder
minimiert. Auch bei akuten Schmerzen – siehe
Krugers Sportverletzung und Limbergers Bandscheibenvorfall
– kann die Methode angewendet werden.

five ist aber auch Prävention und kann die
Leistungsfähigkeit enorm verbessern: Wer regelmäßig
seine Beweglichkeit trainiert, hat mit weniger
Problemen zu kämpfen. Denn neben Kraft, Ausdauer,
Schnelligkeit und Koordination ist Beweglichkeit
essenziell, um motorische Grundfähigkeiten zu
erhalten. Dafür reichen in einem Zeitraum von zehn
Tagen zwei regelmäßig absolvierte Einheiten. „Wir
verstehen five als eine Art Körperhygiene, wie zum
Beispiel das Zähneputzen“, sagen die Firmengründer.

Der Durchbruch
Den Durchbruch brachte dem noch jungen Unternehmen
2013 die Teilnahme an der FIBO, der
internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness und
Gesundheit in Köln. Mit 14 Geräten waren die drei
Unternehmer aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis an
Wir verstehen five als eine
Art Körperhygiene, wie zum
Beispiel das Zähneputzen.
fiveTrapez
Aktives Längentraining der gesamten Hals- und Nackenmuskulatur.

136
Wirtschaft

den Rhein gereist, um sich, ihre Methode und die
Philosophie zu präsentieren. Mit Erfolg: Mit übervollen
Auftragsbüchern fuhr das Trio nach Hause. Doch
dann die bange Frage: Wie bekommen wir das
überhaupt alles produziert? Bislang hatte Limberger
die Geräte in der von ihm angemieteten Werkstatt in
Grüningen gebaut, wo auch sein damaliger Küchenmontagebetrieb
untergebracht war. „Ich bin ans
Limit gekommen“, sagt er. Es wurde ein Partner für
die Produktion gesucht und mit der Schreinerei
Widmann in Neudingen gefunden. Der Handwerksbetrieb
mit seinen 30 Mitarbeitern ist bis heute
Produzent der five-Geräte – in enger Zusammenarbeit
mit den five-Unternehmern. „Ich gehe in der
Schreinerei ein und aus, als ob es meine eigene
wäre“, sagt Limberger mit einem Augenzwinkern.

fiveSpagat
Aktives Längentraining von Teilen der vorderen
und hinteren Muskelkette mit Schwerpunkt
auf die ischiocrurale und die hüftbeugende
Muskulatur.

Der Partner für die Produktion der five Produkte, die
Schreinerei Widmann in Neudingen.
five Konzept 137

Die Geräte
Ihr Design ist stilvoll-minimalistisch, ihre Benutzung
maximal komfortabel, wie Erschaffer Limberger sagt.
„Die Geräte sind funktionell und einfach in der
Handhabung.“ Sie bestehen aus Birkenholz, sind
entweder mit Eiche oder Linoleum belegt. Einige
Teile sind mit Kunstleder bezogen. Belag und
Bezugsfarbe kann der Kunde je nach Geschmack
wählen. Nachhaltigkeit ist den Gründern von five ein
wichtiges Anliegen. „Das größte Problem unserer
Fabrikate ist ihre Qualität: Sie sind zu gut, ihr
Lebenszyklus ist lange“, so Limberger. Wer sich vor
zwölf Jahren ein five-Gerät für sein Studio angeschafft
habe, habe heute immer noch ein sehr gutes
Produkt. Auch wenn es mittlerweile die dritte
Generation von Geräten auf dem Markt gibt, die sich
in Optik und Haptik etwas verändert haben. Die
Produktpalette umfasst mittlerweile 24 Geräte. Und
es soll weitere geben. Innovation wird bei five
großgeschrieben.

Die Entwicklung
Nach Aufträgen aus ganz Deutschland ging es nach
dem Erfolg auf der Messe für five auf den internationalen
Markt. Die Firma aus dem Schwarzwald-Baar-
Kreis war schnell in elf Ländern vertreten, unter
anderem in Brasilien. 2015 wurde five mit dem FIBO
Innovation Award ausgezeichnet. Für Fitnessstudios,
die etwas auf sich halten, stellt sich schon lange
nicht mehr die Frage, ob sie das five-Konzept in
ihrem Angebot brauchen, sondern nur noch, wie
viele der Geräte es sein sollen. Von 2012 auf 2013
konnte das Unternehmen seinen Umsatz vervierfachen.
Und das gegen anfängliche Skepsis in der
Branche. Die Methode der Überstreckung war bei
einigen Trainern und Physiotherapeuten verpönt.
„Jetzt sagen sie alle, wir haben schon immer
gewusst, wie effektiv das ist“, sagt Limberger mit
einem Augenzwinkern. Dazu kommt ein Umfeld, das
stärker als manch anderes schnellen Moden unterworfen
ist. „Trends in der Fitnessbranche kommen
und gehen. Wir sind gekommen, um zu bleiben. Die
Wirksamkeit unserer Produkte und der Erfolg geben
uns recht“, sagt Limberger.
Und das alles „Made in Black Forest“. „Der
Schwarzwald ist für uns Heimat“, macht Limberger
deutlich. Hier entsteht, was Menschen etwa in
Fitnessstudios in Rio de Janeiro und Tokio zur Bewegung
animiert. Seinen Sitz hat five in Hüfingen.
Am Standort im Gewerbegebiet Seemühle wurden
Das größte Problem
unserer Fabrikate ist ihre
Qualität: Sie sind zu gut,
ihr Lebenszyklus ist lange.

Anwendung des fiveGluts. Er kann die Spannung in der
gesamten Gesäßmuskulatur lösen und die Beweglichkeit in
der Hüfte und im Kniegelenk positiv beeinflussen.

138
Wirtschaft
Ende 2021 neben Verwaltung auch Lager und ein
großer Ausstellungsraum eingerichtet. Hier entsteht
auch der Podcast, den Wolf Harwath regelmäßig mit
wechselnden Gesprächspartnern zu den Themen
Training und Gesundheit aufnimmt. Mit dabei war
auch schon Walter Packis Sohn Wolfgang, der eine
Klinik für Biokinematik in Bad Krozingen leitet. Außerdem
gibt es immer wieder von five organisierte
Trainer-Conventions. Etwa im vergangenen September
und November.

Das Heute
2017 ist Lutz Kruger aus dem Unternehmen ausgestiegen.
Christoph Limberger und Wolf Harwath
haben five zunächst alleine weitergeführt. 2020
haben sie ihre Firma an die milon Industries GmbH
verkauft. Das Unternehmen aus Emersacker im
Landkreis Augsburg entwickelt und produziert seit
mehr als 50 Jahren elektronisch gesteuerte Trainingsgeräte
für Fitnessstudios und Gesundheitseinrichtungen.
milon und five sind zusammen in über
30 Ländern vertreten, täglich werden rund 50.000
Trainingseinheiten an ihren Geräten absolviert. Die
eigene Firma zu verkaufen – kein leichter Schritt für
die five-Gründer. „Aber es ging letztendlich um die
Absicherung unseres Lebenswerks“, sagt Limberger.
Er und Harwath sind Geschäftsführer von five-Konzept
geblieben und treiben in diesen Positionen
seine Entwicklung weiter voran. Denn wie der
menschliche Körper muss auch ein Unternehmen
stets in Bewegung bleiben.

Das Fazit
Die Welt der Bewegung nachhaltig verändert zu
haben, das nehmen die Gründer von five und dem
Konzept für sich in Anspruch. Gemeinsam mit vielen
Partnern wurde ein Umfeld geschaffen, in dem
Veränderung hin zu mehr Lebensqualität und
Mobilität möglich wird. „Wir haben diese wirksame
Trainingsmethode der breiten Masse zugänglich
gemacht“, sagt Limberger. Damit haben die Schwarzwälder
viel für Gesundheitsprävention und die
Linderung von Schmerzen getan. Solche Schmerzen,
wie Christoph Limberger sie hatte. Nach dem
Kaminofen und vor five.

Wir haben diese wirksame
Trainingsmethode der breiten
Masse zugänglich gemacht.
fiveChest
Aktives Muskellängentraining mit
Schwerpunkt auf die Zwischenrippen-,
Brust- und Atemmuskulatur.
Wolf Harwath und Christoph Limberger

five Konzept 139

xyz
Oben: Animationsprogramm von Wolf Harwath in der U-Bahn von Tokyo.
Unten: Der five-Bereich in einem Fitnessstudio.

140
ART FACTORY –
HOFFNUNGSVOLLES
LEUCHTTURMPROJEKT
TEXT UND FOTOGRAFIE VON MARC EICH

141
An der Goldenbühlstraße in Villingen stand lange das verlassene Industriegebäude
der ehemaligen Burger-Spritzguss-GmbH, das kaum noch jemand beachtete,
sozusagen dem Zerfall überlassen war. Heute entsteht dort ein nicht nur für das
Oberzentrum Villingen-Schwenningen ungewöhnlicher Ort: Die „Art Factory“
vereint Arbeitsräume mit urbanem Charakter – klare Gestaltung mit individueller
Handschrift. Was wie ein mutiges Experiment begann, hat sich längst zu einem
stark nachgefragten Anziehungspunkt entwickelt.

142
Wirtschaft
Wer früher am ehemaligen Burger-Spritzguss-Areal
an der Goldenbühlstraße in Villingen vorbeigefahren
ist, dürfte dem Schandfleck kaum Aufmerksamkeit
geschenkt haben. Kein Wunder: Das alte Industriegebäude
mit seinen Ockerfarben wirkte wie ein Relikt
aus einer anderen Zeit – abweisend, grau, sinnbildlich
für den Verfall vergangener Wirtschaftskraft. Die
Fassade war verwittert, der Putz bröckelte an mehreren
Stellen. Fensterläden hingen schief oder waren
dauerhaft geschlossen, einige Fenster notdürftig mit
Holzplatten verbarrikadiert. Dort, wo einst produziert
wurde, kamen zwischenzeitlich verschiedenste
Mieter unter, die zwischen viel Leerstand unkompliziert
Platz suchten.

Doch auch in diesem Zustand sah Badiah Ihlenfeld
– in der Kunstwelt als Badiah Azabo unterwegs
– das Potenzial der auf den ersten Blick schmucklosen
Bauten; der Häuser A und B des längst vergangenen
Industrieunternehmens. Als frühere Mieterin
verliebte sie sich in das Ensemble: In den Charme der
Bauart mit ihren hohen Decken, in den Holzboden,
der unter Dreck und Öl auf bessere Zeiten wartete.
Als Ihlenfeld erfuhr, dass die Trakte zum Verkauf
stehen, sah sie den Moment gekommen, etwas ganz
Besonderes zu realisieren: ein millionenschweres
Leuchtturmprojekt mit exklusiven Gewerbeflächen.
Badiah Ihlenfeld und Steffen Halder planen
einen Ort mit Großstadtflair
Die 52-jährige, gebürtige Französin, die sich nicht
nur als Künstlerin, sondern auch als Gestalterin von
Wohn- und Büroräumen einen Namen gemacht
hat, setzte sich mit Steffen Halder zusammen. Der
56-jährige Architekt aus Schwenningen gründete
gemeinsam mit ihr die „Halder & Ihlenfeld GmbH“ –
der Startschuss für die „Art Factory“. Ihr Ziel: Aus einem
ehemaligen Produktionsstandort einen Ort mit
Großstadtflair zu schaffen, eine Gemeinschaft von
Mietern, die die „Art Factory“ nicht nur als Arbeitsplatz,
sondern als Wohlfühlort verstehen – ein Ort,
an dem sich Kunst, Genuss, Kreativität und Produktivität
vereinen. Ein Projekt, das weit über die Grenzen
der Stadt hinausstrahlen soll.

„Die Menschen sollen nicht nur ihr Zuhause, ihr
Essen oder ihren Urlaubsort fotografieren – auch
ihren Arbeitsplatz. Ich möchte diesen anderen Lifestyle“,
sagt Badiah Ihlenfeld.
Diese Worte klangen vor Baustart im Frühjahr
2023 noch vermessen. Nicht selten erklärte man die
beiden Initiatoren für „verrückt“, wenn sie erzählten,
was sie dort vorhatten. Doch mit jedem Sanierungsschritt
wurde klar: Das ist kein Hirngespinst. Das Gebäude
mit seinen 7.000 Quadratmetern Nutzfläche
erhielt zunächst edle, dunkle Fenster. Dann verschwand
der alte Look der Fassade – und die neue
Hamburger Backsteinoptik sorgte für den ersten
Aha-Effekt. Doch das war erst der Anfang.

„Die meisten Mieter haben wir
ohne Werbung gefunden“
Ende 2024 wurde die bisherige Dachkonstruktion
des Gebäudeteils A entfernt, um mit Fertigwänden
eine neue, vollwertige Etage zu realisieren. Hier
oben vereinen sich Großzügigkeit und Exklusivität –
auf 300 Quadratmetern findet beispielsweise Notar
Alkan Atak ein neues Zuhause. Eine Terrasse mit
Blick auf Villingen, edles Interieur und aufsehenerregende
Designkomponenten runden das Bild ab.
Auch im Parallelgebäude soll die Dachkonstruktion
verschwinden, um neue Räume für eine Werbeagentur
zu schaffen.

Die Nachfrage nach Flächen ist groß, berichtet
Badiah Ihlenfeld – so groß, dass sie auch absagen
muss. Bereits mit den ersten Maßnahmen und veröffentlichten
Plänen stieß das Projekt auf breite Aufmerksamkeit
weit über Villingen-Schwenningen hinaus.
„Die meisten Mieter haben wir ohne Werbung
gefunden“, erzählt die Initiatorin.
Noch während Bauarbeiten an der Hülle und im
Inneren auf Hochtouren liefen, lud die 52-Jährige
Die Nachfrage nach Flächen
in der Art Factory ist derart
groß, dass die Initiatoren
Badiah Ihlenfeld und Steffen
Halder auch absagen
müssen.

143
Die Art Factory an der Goldenbühlstraße entwickelt sich zu einem beliebten Standort für Gewerbetreibende jeder Art.
Die Idee dazu hatte die Künstlerin und Designerin Badiah Ihlenfeld.

144
Wirtschaft
Interessierte in „ihr“ Reich ein. Im zweiten Obergeschoss
hatte sie bereits die ersten sanierten
Räume ganz nach ihren Vorstellungen designt. Hier
konnte man einen frühen Eindruck von der Transformation
gewinnen. Wenn Ihlenfeld von einer „anderen
Welt“ sprach, war das keineswegs übertrieben:
Parkettboden im Fischgrätmuster verleiht dem Raum
Wärme und Eleganz, offene Regale mit Designerstücken,
abgestimmte Sitzarrangements, eine lange
Holztafel – und als Blickfang eine auffällige Deckenleuchte
mit goldfarbenen, ovalen Elementen. Und all
das in einem einst heruntergekommenen Industriebau.
„Es ist gelungen, den Charme des Alten
mit dem Reiz des Modernen zu verbinden“
Auch heute spricht Badiah Ihlenfeld gelegentlich von
einem „Wunder“, wenn sie mit schier unbändiger
Energie durch die neuen Räume geht. „Da waren
Löcher im Boden“, erklärt sie in einem der
schmucken
Büros und ergänzt: „Das war eine
Katastrophe.“

Doch davon ist nichts mehr zu sehen.
Die regionalen Baufirmen haben es geschafft, den
Eine völlig andere Welt hat sich in der ehemaligen Burger-Spritzguss-GmbH etabliert: Parkettboden im Fischgrätmuster
verleiht den Geschäftsräumen von Badiah Ihlenfeld Wärme und Eleganz.
Im Frühjahr 2023 haben die umfassenden Sanierungsarbeiten
zur Art Factory begonnen.

145
Als Blickfang fungiert in den Geschäftsräumen von Badiah Ihlenfeld eine auffällige Deckenleuchte mit goldfarbenen, ovalen
Elementen. Unten: Die Hamburger Backsteinoptik der Art Factory sorgte für den ersten Aha-Effekt.

146
Wirtschaft
Charme des Alten mit dem Reiz des Modernen zu
verbinden. Egal wie kaputt die Flächen einst waren
– heute weht ein besonderer Glanz durch die Räume.
„Wir haben nicht gespart, wir wollten etwas Schönes
schaffen und die alte Fabrik wiederbeleben.“
Alle Nutzer der „Art Factory“ sollen bei der
Grundausstattung denselben hohen Standard vorfinden
– ganz gleich, ob es sich um ein Ingenieurbüro
im Obergeschoss oder um Proberäume für Bands im
Kellergeschoss handelt. Dass das keine leere Versprechung
ist, zeigt sich eindrucksvoll im Untergeschoss:
Dort, wo Musiker lautstark kreativ sein können, stehen
ihnen dieselben hochwertigen Sanitäranlagen
zur Verfügung wie allen anderen. Natürlich gibt es
individuelle Extras. Einige Mieter ließen sich großzügige
Bäder einbauen. „So etwas habe ich nicht mal
zu Hause“, sagt Ihlenfeld lachend.

Darauf ist sie stolz. Denn die kreative Arbeit, die
ausgeklügelten Designkonzepte und der Charme des
Hauses stammen vielfach aus ihrer Feder. Viele Mieter
hat sie bei der Ausstattung beraten, hat Räume
geschaffen, die in ihrer Gesamtheit wie eine Symbiose
wirken – und Mieter wie Gäste gleichermaßen
beeindrucken. Beispielsweise Yesim Kokott. Sie ist
mit ihrem Schönheitssalon aus der Innenstadt in das
Erdgeschoss des Gewerbeparks gezogen und zeigte
sich beim ersten Rundgang „wie geflasht“ vom Konzept.
„Hier entsteht etwas auf dem nächsten Level“,
betont sie.

„Das freundschaftliche Miteinander gehört
dazu wie das stilvolle Interieur“
Was die „Art Factory“ aber besonders auszeichnet,
ist nicht nur die Optik, sondern ihre Seele – das
Kollektiv, das hier gewachsen ist. Ihlenfeld – die alle
längst nur „Didi“ nennen – springt nicht nur bei
Designfragen ein, sondern auch dann, wenn jemand
im Haus eine Schnittwunde hat. Sie versorgt die
Verletzung, plaudert ein paar Minuten – und lädt zur
Afterworkparty ein: „Wäre schön, wenn du auch
kommst!“ Das freundschaftliche „Du“ gehört zur
Grundausstattung wie das stilvolle Interieur.
Wer durch die Räume geht, spürt sofort: Hier
geht es nicht nur um Design – hier wurde ein
Lebensgefühl
geschaffen. Ihlenfeld und Halder haben
nicht einfach saniert. Sie haben eine Gemeinschaft
geformt. Eine, in der man sich kennt, hilft,
miteinander feiert und voneinander profitiert. Die
„Art Factory“ fühlt sich an wie ein großes, kreatives
Zuhause – mit aktuell 45 Firmen unter einem Dach.
Das zeigt auch das Beispiel von Benni Hayn vom
Tattoo-Studio „Bad Kids“. Er arbeitete zuvor in der
Oberen Straße und startet nun mit seinem Team
auf 300 Quadratmetern – inklusive eigener Bar – in
der „Art Factory“ durch. Für ihn ist das neue Umfeld
ein Glücksgriff: „Hier kann die kreative Szene
zusammenkommen – das ist ein tolles Netzwerk.“
Seine Räume dienen auch als Treffpunkt für Afterwork-
Events mit DJ und entspannter Atmosphäre –
ein Angebot, das im ganzen Haus Anklang findet.

Benni Hayn zeigt auch, wie viel Entwicklungspotenzial
in der „Art Factory“ steckt. Neben dem
Tattoo-Studio betreibt er nun ein kleines Boarding-
House. Gast-Tätowierer, die eine Unterkunft
brauchen, finden diese direkt neben dem Studio.
Aber auch andere Firmen buchen die Zimmer für
Geschäftspartner.

„Die Nachfrage ist groß“, sagt
Hayn. Ein weiteres Konzept, das in diesem vielseitigen
Gewerbezentrum funktioniert.
Fünf Ladenflächen entstehen
Vervollständigt wird das Ensemble durch fünf
Ladenflächen entlang der Goldenbühlstraße. Wo
einst Unkraut wuchs und ein rostiger Zaun stand,
lädt heute eine mediterran anmutende Terrasse zum
Verweilen ein. Helle Fliesen, dunkle Holzüberdachung,
Pflanzen, die eine grüne Oase schaffen
sollen. „So wird das Äußere mit dem Inneren zu
einem Gesamtkunstwerk“, sagt Ihlenfeld.
Auch Antonio De Luca findet in der „Art Factory“
eine neue Heimat. Der erfolgreiche Friseur aus
Die Nachfrage nach Flächen
in der Art Factory ist derart
groß, dass die Initiatoren
Badiah Ihlenfeld und Steffen
Halder auch absagen
müssen.
,,
five Konzept 147
Oben: Im Tattoo-Studio „Bad Kids“ von Benni Hayn wird deutlich, wie viel Wert in der Villinger „Art Factory“
auf Innendesign und Wohlfühlfaktor gesetzt wird. Er hat sich sogar eine Theke einbauen lassen.
Unten: Blick in den Friseursalon von Antonio De Luca.
Wirtschaft
Trossingen wurde von der Location und dem Projekt
überzeugt und zog mit seinem Salon „De Luca Hair“
in das Prestige-Gebäude.
Eine der Optionen hat sich ebenfalls Yesim
Kokott
gesichert. Sie betreibt den Schönheitssalon
„Pure Signature Treatments“ in der Niederen Straße
– „es war einfach Zeit für den nächsten Schritt“,
erklärt sie im Gespräch. Sie hatte ihr erstes eigenes
Studio zur Zeit des Lockdowns eröffnet „Nun möchte
ich weiter vorankommen“, freut sie sich.

Daneben entsteht ein Café mit Außenbestuhlung.
Und auch Badiah Ihlenfeld selbst wird eine Fläche
belegen: Unter dem Namen „Interieur Azabo“ eröffnet
sie einen Designerladen für Planung, Möbel
und Beleuchtung – ein Ort für alle, die sich von der
Ästhetik
der „Art Factory“ inspirieren lassen wollen.
Innenhof mit Sonnensegeln
Besonders gespannt ist die 52-Jährige auf den zukünftigen
Innenhof zwischen den Gebäuden.

Bis zum
Sommer 2026 soll er fertig sein – zeitgleich zum gesamten
Projekt. Geplant sind große Sonnensegel und
Platz für kulturelle Formate. Im Sommer Kleinkunstbühne,
im Winter ein stilvoller Weihnachtsmarkt –
Ideen hat Badiah Ihlenfeld viele. Und sie steckt jede
freie Minute in die Umsetzung „ihres Babys“.

Dabei geht es ihr nicht um das große Geld, wie
sie betont. Vielmehr will sie Impulse in der Stadt setzen,
für Aufsehen sorgen – und eine außergewöhnliche
Gemeinschaft schaffen. „Ich möchte dieses Konzept,
dieses Bild, diesen Traum fertig sehen.“
Das millionenschwere Leuchtturmprojekt, das
insbesondere durch seine exklusive Ausstattung und
das außergewöhnliche Design besticht, soll voraussichtlich
in einem Jahr abgeschlossen sein. Zu verdanken
ist es in der Hauptsache einer mutigen und
durch und durch kreativen Frau: Badiah Ihlenfeld.
Das Design der einzelnen Geschäftseinheiten ist vom
Feinsten – gleich, ob es sich um die Architektur oder die
Inneneinrichtung handelt. Oben links und unten ist der
Kosmetiksalon von Yesim Kokott
zu sehen. Überrascht hat
Badiah Ihlenfeld, dass sich etliche Gewerbetreibende auch
ein komplettes Bad einbauen ließen. Und in vielen Bereichen
begegnet einem die Backsteinoptik in Verbindung
mit einem spannenden Lichtkonzept.
Die Büroflächen in den oberen Etagen verfügen teils über
großzügige Außenbereiche.

148

149

Das zentrale Versuchsfeld der Fachschule
für Landwirtschaft Donaueschingen bei
Döggingen
aus der Vogelperspektive.

150
5. Kapitel – Bildung
100 Jahre Fachschule
für Landwirtschaft
Donaueschingen
VON BERNHARD LUTZ

Blühende Rapsfelder auf der Baar, Streuobstwiesen im
Achdorfer Tal, Getreidefelder
zwischen VS-Tannheim und Wolterdingen,
Rinderherden am Rohrhardsberg bei Schonach – der Schwarzwald-Baar-Kreis
ist trotz tiefgreifendem Strukturwandel bis heute von Landwirtschaft geprägt.
Als unersetzbar gilt deshalb die Fachschule für Landwirtschaft in Donaueschingen.
Auf ihren Versuchsfeldern
lernen angehende Landwirte nicht nur, welche
Getreidesorten
sich hier anbauen lassen, sondern auch, wie der Anbau optimal
gelingt. Doch nicht nur die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten
gewandelt
– auch die Ausbildung. Zum 100-jährigen Bestehen
der
einstigen „Winterschule“ zeigt eine Bestandsaufnahme, wie stark Tradition
und
Moderne miteinander verknüpft sind.

152
Bildung
Landwirtschaft war und ist im Schwarzwald und
auf der Baar seit Jahrhunderten ein wesentlicher
Erwerbszweig. Höfe mit drei Generationen
und mehr sind keine Seltenheit. Dass dies bis nach
dem Zweiten Weltkrieg so blieb – und dass Landwirtschaft
nach wie vor Perspektiven hat – ist zu einem
wesentlichen Teil den Fachschulen für Landwirtschaft
wie jener in Donaueschingen zu verdanken. Hier
wird den Jungbauern und Jungbäuerinnen das nötige
Wissen zu Themen wie Viehhaltung, Bodenbeschaffenheit
oder Klima vermittelt – und ebenso zur Unternehmensführung.
Denn einen landwirtschaftlichen
Betrieb zu führen, ist keine Kleinigkeit.

Naturkatastrophe gab den Anstoß
Diese Fachschulen verdanken ihre Existenz einem
für die gesamte Welt verheerenden Vulkanausbruch
im Jahr 1815 in Indonesien. Auf der östlich von Java
gelegenen Insel Sumbawa schleudert der Mount
Tambora eine bis zu 30 Kilometer hohe Aschewolke
in die Luft, die sich wie ein Schleier über die Erde
legt. Zwei Jahre lang gibt es auch in Europa und
Nordamerika keinen richtigen Sommer. Der Himmel
verfinstert sich, das Jahr 1816 geht als das „Jahr ohne
Sommer“ in die Geschichtsbücher ein.

Diese verheerenden Wetterverhältnisse und
Missernten führen in Europa zur schlimmsten
Hungersnot im 19. Jahrhundert. Oberschwaben, eine
der Kornkammern Württembergs, und das gesamte
Großherzogtum Baden sind besonders stark betroffen:
Auf der Schwäbischen Alb fällt im Juli 1816 sogar
Schnee. An eine Ernte ist nicht mehr zu denken – die
Menschen hungerten und verhungerten.
Die Hungersnot gibt den Anstoß, die landwirtschaftliche
Ausbildung zu forcieren. König Wilhelm I.

von Württemberg erkennt, dass eine Produktivitätssteigerung
in der Landwirtschaft dringend notwendig
ist. In der Folge wird 1818 in Hohenheim die
„Landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und
Musteranstalt“ gegründet, aus der die heutige
Universität Hohenheim hervorgeht.

Auch im damaligen Großherzogtum Baden tut
sich etwas: Im Jahr 1846 wird die „Ackerbauschule
Hochburg“ ins Leben gerufen. Ab 1864 beginnt dann
die erste von drei Aufbauphasen sogenannter „Landwirtschaftlicher
Winterschulen“. Die ersten Winterschulen
entstehen in Karlsruhe und Heidelberg
und bereits 1868 wird die Winterschule in Villingen
gegründet. Ihr Einzugsgebiet erstreckt sich auf die
damaligen Amtsbezirke Donaueschingen, Villingen
und Triberg.

Der Himmel verfinsterte
sich, das Jahr 1816 ging als
das „Jahr ohne Sommer“ in
die Geschichtsbücher ein.
Die Fachschule für Landwirtschaft in Donaueschingen.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 153
Bis dann allerdings auch in Donaueschingen eine
Fachschule für Landwirtschaft entsteht, dauert es
fast noch einmal 60 Jahre. Dabei stellt die Landwirtschaft
einen wesentlichen Anteil der gesamten Wirtschaft
und Wirtschaftskraft dar. Im Jahr 1925 zählt
die Residenzstadt insgesamt 4.375 Einwohner, und
rund 50 Prozent der Beschäftigten des Kreisbezirks
Donaueschingen sind in der Landwirtschaft tätig. So
besteht der Wunsch nach einer Fachschule nah am
Wohnort und Arbeitsplatz, weil bei dem intensiven
Arbeitspensum auf den Höfen längere Anfahrten
einen
Schulbesuch häufig verhindern.

Josef Kaiser aus Behla der Initiator
Dass Donaueschingen heute eine Landwirtschaftsschule
besitzt, ist vor allem einem Mann zu verdanken,
der sich mit Weitblick, großer Tatkraft und viel
Energie für deren Gründung einsetzte: Josef Kaiser,
dem damaligen Bürgermeister von Behla. Die
Landwirtschaft lernten der 1883 geborene Josef und
seine elf Geschwister schon von klein auf im
elterlichen Betrieb kennen. Sein Vater war Großimker,
die Mutter erzielte auf dem Gebiet der Schweinezucht
gute Erfolge, heißt es in einem Porträt in
dem 1953 erschienenen Buch „Baaremer Bauernköpfe“
von Josef Albicker, auf dem dieser Absatz beruht.
Josef Kaiser war begabt, der Klassenprimus,
doch für ein Studium war kein Geld vorhanden, auch
nicht für den Besuch der landwirtschaftlichen Winterschule
in Villingen. 1914 nahm er als Soldat am
Ersten Weltkrieg teil, im September 1914 wurde er in
Frankreich schwer verwundet und als Schwerkriegsbeschädigter
entlassen. In Behla begann er mit der
bäuerlichen Aufbauarbeit und mit seiner kommunalen
und wirtschaftspolitischen Tätigkeit. Mit seiner
gradlinigen und integeren Art und mit seinem Weitblick
erwarb er sich Ansehen. Er wurde in den Verwaltungsrat,
dann in den engeren Vorstand der Badischen
Gebäudeversicherung berufen und schließlich
Bezirks-Direktor der Hagelversicherung.

Die von Großbränden betroffenen Gemeinden
der Baar und die von Hagelschlag betroffenen Landwirte
hatten Josef Kaiser viel zu verdanken. „Er war
immer ein wahrer Mittler zwischen Behörden und
Volk und hatte großes Geschick, Meinungsverschiedenheiten
schmerzlos aus der Welt zu schaffen“,
heißt es in dem Buch „Baaremer Bauernköpfe“. Und:
Er wusste, was er wollte. Dreimal stellte er in der
Kreisversammlung in Villingen den Antrag, dass in
Donaueschingen eine Landwirtschaftsschule gebaut
werden sollte, dreimal wurde der Antrag abgelehnt,
weil die Villinger befürchteten, dass ihre Schule dann
von deutlich weniger Schülern besucht wird.
Nach dem dritten „Nein“ sagte Josef Kaiser in
seinem Schlusswort: „Ich bin noch vergrämt, dass
es mir nicht möglich war, die Landwirtschaftsschule
in Villingen zu besuchen wegen Mangel an den
nötigen Mitteln. Ich möchte deshalb nicht haben,
dass andere Bauernsöhne ebenfalls vergrämt und
verhärmt werden, weil in Donaueschingen keine
Landwirtschaftsschule besteht.“ Den überraschten
Mitgliedern in der Kreisversammlung erklärte er,
„dass in Donaueschingen eine Landwirtschaftsschule
gebaut wird, auch wenn der Kreis keine Mittel dafür
übrig hat.“

In der nächsten Bürgermeisterversammlung
in Donaueschingen überzeugte Josef Kaiser seine
Kollegen vom Bau einer Schule und davon, dass das
Geld von den Gemeinden kommen müsse, weil der
Kreis Villingen keinen Zuschuss geben wolle. Es wur-
Bürgermeister Josef Kaiser aus Behla.

154
Bildung

de ein Zweckverband gegründet, das Gebäude des
Bezirkskommandos in der Käferstraße 26 erworben,
das heutige Domizil der Volksbank, und dort die
Donaueschinger Winterschule eingerichtet. Als der
Kreis Villingen sich dann drei Jahre später doch dazu
entschloss, die Schule zu erwerben, war das Haus
bereits bezahlt.

Insgesamt 39 Jahre diente Josef Kaiser seiner
Heimatgemeinde als Bürgermeister. In dieser Zeit
verdoppelte er das Gemeindevermögen, vermehrte
das Waldgebiet um ein Drittel und engagierte sich
vielfältig für Verbesserungen wie für die Elektrifizierung
im Jahr 1921. Und in Behla wurden die ersten
Saatgutäcker in der Region angelegt!
1925 die ersten Schüler
Die Landwirtschaftsschule Donaueschingen gehört
zu den nachhaltigsten Verdiensten von Josef Kaiser.
Schon die erste Winterschule, die am 7. Januar 1925
eröffnete, besuchten 29 Schüler mit einem Durchschnittsalter
von 25 Jahren. Die Winterschule 1925/26
besuchten schon 56 Schüler zwischen 16 und 27
Jahren, das Schulgeld für den Unterkurs betrug 20
Ich bin noch vergrämt, dass
es mir nicht möglich war,
die Landwirtschaftsschule
in Villingen zu besuchen
wegen Mangel an den
nötigen Mitteln.

Ich möchte
deshalb nicht haben, dass
andere Bauernsöhne ebenfalls
vergrämt und verhärmt
werden, weil in Donaueschingen
keine Landwirtschaftsschule
besteht.

Die Landwirtschaftsschule im Gebäude des ehemaligen
Bezirkskommandos in der Käferstraße 26 von 1925 – 1954.
Heute beherbergt dieses Gebäude die „Gestalterbank.“
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 155
Reichsmark, für den Oberkurs waren 15 Reichsmark
zu entrichten.

1933 startete die erste Mädchenklasse, darin
ging es neben der Landwirtschaft und den inneren
Zusammenhängen des landwirtschaftlichen Betriebs
auch um die Themen Hauswirtschaft, Ernährung und
Kinderpflege sowie um die Bedeutung der Frau in
staatsbürgerlicher Hinsicht.

In 100 Jahren über 4.500 Schüler unterrichtet
Bis zum Jubiläumsjahr 2025 besuchten über 4.500
Jungbauern und Jungbäuerinnen die Landwirtschaftsschule
Donaueschingen, die mittlerweile die
einzige Landwirtschaftsschule im Schwarzwald-Baar-
Kreis ist. Denn nachdem der Landkreis Donaueschingen
1973 im Zuge der baden-württembergischen Verwaltungsreform
im neuen Schwarzwald-Baar-Kreis
aufging, wurde die Landwirtschaftsschule Villingen
am 31. März 1974 geschlossen. Doch auch dabei spielten
die Differenzen zwischen der Baar und dem Raum
Villingen-Schwenningen eine Rolle, allerdings mit
schlechtem Ausgang für das Oberzentrum, schildert
Siegfried Jäckle aus St. Georgen, der lange Jahre im
Landwirtschaftsamt tätig war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte auch im Gebiet des
neuen Schwarzwald-Baar-Kreises längst der gravierende
Strukturwandel in der Landwirtschaft
eingesetzt. Da die Industrie und das Handwerk oft
wesentlich lukrativere Arbeitsplätze boten, mussten
Links: Ab 1954 bezog die Landwirtschaftsschule ein neues
Gebäude in der Irmastraße 3, wo bis 2007 unterrichtet wurde.
Rechts: Blick in den Werkraum im Jahr 1954.
Unten: In der Schulküche Anfang der 1950er-Jahre noch
im ersten Gebäude in der Käferstraße.

156
Bildung

immer mehr kleinere Höfe den Betrieb einstellen
und ihre Felder verpachten oder verkaufen. Die aktuellen
Zahlen spiegeln den enormen Rückgang wider:
2023 hatte Donaueschingen 22.312 Einwohner, doch
nur noch etwa zwei Prozent der Bevölkerung sprich
ca. 450 Erwerbstätige sind in der Landwirtschaft
beschäftigt. Umso wichtiger ist eine fundierte Ausbildung
der verbleibenden Landwirte. Und dies ganz
besonders deshalb, weil der Schwarzwald-Baar-Kreis
mit seiner Topographie die Landwirte klimatisch und
topografisch vor höchst unterschiedliche Herausforderungen
stellt.

Großes Einzugsgebiet
„An der Landwirtschaftsschule Donaueschingen
bildet die Rinder- und Milchtierhaltung neben der
Unternehmensführung samt Betriebswirtschaft den
Hauptschwerpunkt“, so Dr. Silke Lanninger, Dezernentin
für Ländlichen Raum im Schwarzwald-Baar-
Kreis und Gertraud Lohrmann, bis Mai 2025 Leiterin
der Landwirtschaftsschule Donaueschingen. „Die
Landwirte sind Unternehmer und das Investitionsvolumen,
das im Landkreis umgesetzt wird, ist beachtlich“,
so die Dezernentin. In den letzten zehn Jahren
wurden allein von den Betrieben, die eine Investitionsförderung
in Anspruch nahmen, im Schnitt zehn
Mio. Euro jährlich in Bau- und Modernisierungsmaßnahmen
investiert. „Und das trotz der hohen
Baukosten und den gestiegenen Zinsen“, erklärt
Stephanie Häußler-Gnirß, die beim Landwirtschaftsamt
für Investitionsförderung zuständig ist.
Doch gibt es in der Landespolitik aktuell Bestrebungen,
die fachliche Ausbildung auf drei Standorte
zu konzentrieren: auf Kupferzell
im Hohenlohischen,
Emmendingen-Hochburg und einen sogenannten
„Cluster Oberschwaben“. Dezernentin Silke Lanninger:
„Wenn es tatsächlich so käme, gäbe es im Südwesten
Baden-Württembergs einen weißen Fleck.
Die Meisterschulen in Emmendingen und Oberschwaben
sind für Landwirte im Schwarzwald-Baar-
Kreis einfach zu weit entfernt.“ Denn schon das Einzugsgebiet
der Donaueschinger Schule ist groß: Es
umfasst neben dem Schwarzwald-Baar-Kreis die Landkreise
Konstanz, Tuttlingen, Rottweil, Breisgau-Hochschwarzwald
und Waldshut.

Breites Ausbildungsangebot
Viele junge Landwirte absolvieren in Donaueschingen
die Ausbildung zum „Wirtschafter/in des
Landbaus“. Der Abschluss richtet sich an alle, die
Führungsaufgaben in landwirtschaftlichen Betrieben
übernehmen wollen – sei es im Familienbetrieb oder
als Betriebsleiter. Inhalte sind unter anderem
Pflanzenbau, Tierhaltung, Agrarökonomie und
Betriebsführung. Zudem wird die Ausbildung so
gestaltet, dass die Absolventen gut auf eine anschließende
Meisterprüfung vorbereitet sind. Die
Ausbildung zum Meister erfolgt nach einer dreijährigen
Lehre zum Landwirt auf einem landwirtschaftlichen
Betrieb. Daran schließt sich der Besuch der
Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen an,
die drei volle Winterhalbjahre sowie einzelne
Unterrichtstage im Sommer umfasst. Die Meister-
Auf dem Versuchsfeld wird der Wuchs der Getreidesorten
begutachtet.

Wenn es tatsächlich so
käme, gäbe es im Südwesten
Baden-Württembergs
einen weißen Fleck.

100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 157
prüfung legen 90 bis 95 Prozent der teilnehmenden
Jungbäuerinnen und Jungbauern ab.
Die zweite Schulform ist eine Teilzeitschule für
Nebenerwerbslandwirte. Sie umfasst zwei Winterund
ein Sommerhalbjahr. Im Winter wird jeweils am
Dienstag- und Donnerstagabend von 19 bis 22 Uhr
unterrichtet. Dezernentin Silke Lanninger hat Respekt:
„Das sind Leute, die sind voll im Betrieb und
Beruf, setzen sich ins Auto und absolvieren dann drei
Stunden die Schule mit einer hohen Eigenmotivation,
um ihre berufliche Entwicklung voranzubringen.“
Dennoch sei das Interesse groß an diesem Weiterbildungsmodell,
schildert die ehemalige Schulleiterin
Gertraud Lohrmann: „Im Moment haben wir
eine Warteliste von 70 Anmeldungen, und bis nächstes
Jahr haben wir sicher 90 Bewerbungen. Doch wir
können gerade einmal 30 Studierende annehmen, da
nicht mehr Kapazitäten zur Verfügung stehen. Das
zeigt, dass Landwirtschaft ein Beruf mit Zukunft ist.“
Weiter besteht eine Teilzeitklasse Hauswirtschaft,
es handelt sich um eine nebenberufliche Ausbildung
mit einem Tag Unterricht in der Woche. Sie dauert
zwei Winter und einen Sommer. Dezernentin Silke
Lanninger schildert die Entwicklung: „Die Hauswirtschaftsausbildung
diente ursprünglich dazu, Bauerntöchter
dazu zu befähigen, einen großen Haushalt zu
führen.“ Dazu kamen Themen wie Hygiene, Vorratshaltung
und die medizinische Grundversorgung für
Mensch und Tier. „Das haben die Frauen wie selbstverständlich
auch gemacht“, erklärt die Dezernentin.

Aktuelle Themen sind zentraler Inhalt
Spannend findet Silke Lanninger bei den nebenberuflichen
Ausbildungen die berufliche Vielfalt unter
den Teilnehmern: Sie reicht etwa vom Förster über
Zimmermann und Mechaniker bis hin zum Mechatroniker.
Bei den Frauen sind sowohl kaufmännische
als auch handwerkliche Berufe vertreten. Stolz ist
Lanninger auf die enge Betreuung der Studierenden
durch die Fachlehrer. Diese biete auch eine qualifizierte
Entscheidungsgrundlage, zum Beispiel, wenn
jemand seinen Betrieb umstellen will, etwa von
Milchviehhaltung auf Bullenmast. Im Rahmen der
Meisterarbeit zeige sich, ob so eine Umstellung
lohnend und wirtschaftlich sei, oder ob schwerwiegende
Gründe dagegen sprechen.

Von Ökolandbau bis Digitalisierung
Aktuelle Themen sind ein zentraler Bestandteil des
Unterrichts an der Fachschule. So werden auch Themen
wie Biodiversität, Ökolandbau, Digitalisierung
oder Tierwohl in den Unterricht mit eingebunden.
Wer für seine Rinder zum Beispiel höhere Standards
bei der Haltungsform anstrebt, muss dies bereits
beim Stallbau, beziehungsweise Stallumbau berücksichtigen,
was die Baukosten entsprechend erhöht.
Unterricht am dritten Standort der Fachschule für Landwirtschaft,
in der Humboldstraße 11.

158
Bildung

Dann kann er aber über das entsprechende Tierwohllabel
seine Produkte auch besser vermarkten. Somit
sind für angehende Landwirtschaftsmeister nicht nur
betriebswirtschaftliche und produktionstechnische
Kenntnisse wichtig, sondern auch Kenntnisse über die
Anforderungen an eine artgerechte Nutztierhaltung.
Auch für ökologisch erzeugte Produkte gibt es
zahlreiche Labels zur Kennzeichnung der Produkte.
So steht das Bio-Siegel als markengeschütztes Zeichen
für eine zertifizierte ökologische Produktion
und kann für die Kennzeichnung von Bio-Lebensmitteln
verwendet werden.

„Die Landwirtschaftsschule Donauschingen
muss erhalten bleiben“
Dezernentin Silke Lanninger und ehemalige Schulleiterin
Gertraud Lohrmann sind sich einig: „Die Stärke
der Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen
und insbesondere des Standorts ist, dass die
Studierenden ein Angebot vor Ort haben, das es
ihnen ermöglicht, während der Ausbildung im
eigenen Betrieb weiter präsent zu sein und mitzuarbeiten.“
Ein Herzensanliegen ist den beiden engagierten
Frauen: Die Landwirtschaftsschule Donaueschingen
muss auf alle Fälle erhalten werden, um die
landwirtschaftliche Ausbildung in der Region
sicherzustellen.
„In der Landwirtschaft waren schon immer
Persönlichkeiten mit guten Ideen aktiv“
Auch für Landrat Sven Hinterseh hat die Fachschule
für Landwirtschaft Donaueschingen einen hohen
Stellenwert. Er betont, bereits die Entstehung der
Fachschule zeige, dass in der Landwirtschaft im
Landkreis schon immer Persönlichkeiten mit guten
Die Stärke der Fachschule
für Landwirtschaft Donaueschingen
und insbesondere
des Standorts ist, dass die
Studierenden ein Angebot
vor Ort haben, das es ihnen
ermöglicht, während der
Ausbildung im eigenen
Betrieb weiter präsent zu
sein und mitzuarbeiten.
Praxisunterricht innerhalb der Ausbildung zur Fachkraft
für Hauswirtschaft sowie Unterricht im Stall während der
Ausbildung zum Wirtschafter im Landbau.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 159
Ideen aktiv waren. Die auch aus einer eigenen Betroffenheit
heraus einen bedeutenden Mehrwert für
die Gesellschaft geschaffen hätten. Und was Josef
Kaiser mit Überzeugung, Tatkraft und Eigeninitiative
vor 100 Jahren gelungen sei, trage weiter in unsere
Zeit.

Landrat Sven Hinterseh hält mit Blick auf das
100-jährige Bestehen der Donaueschinger Fachschule
für Landwirtschaft zudem fest: „Wir haben junge,
aktive und innovative Landwirtinnen und Landwirte
in unserem Kreis und im Einzugsgebiet unserer Fachschule
für Landwirtschaft, die eine hochmoderne
Landwirtschaft betreiben.
Um unsere Nachwuchslandwirte mit dem fachlichen
Know-how auszustatten und sie für ihre eigene
Selbstständigkeit gut zu wappnen, ist unsere Fachschule
für Landwirtschaft mit ihren Lehrkräften eine
wichtige Institution. Hier ist es möglich, dass die
Nachwuchskräfte Impulse für ihre Arbeit erhalten
sowie Kontakte knüpfen. Vor allem sei wichtig, durch
die Ortsnähe weiter im eigenen Betrieb arbeiten zu
können.“
Von Ökolandbau bis Digitalisierung
Im 100. Jahr des Bestehens der Schule gab es auch
einen Wechsel an der Spitze: Verantwortlich für die
Fachschule für Landwirtschaft in Donaueschingen
ist seit September 2025 der neue Schulleiter Markus
Porm mit einem bewährten
Team um
den langjährigen
Stellvertreter Manuel
Krawutschke.

Markus Porm ist seit
2010 in der Landwirtschaftsverwaltung
in
Baden-Württemberg
tätig. Zu seinen Stationen
innerhalb der
Verwaltung gehören
neben der Landesanstalt
für Schweinezucht
(LSZ) und dem Landwirtschaftsministerium
(MLR) in Stuttgart das Landwirtschaftsamt in
Stockach. Hier war er als Schulbeauftragter für den
Bereich Landbau zuständig. Zuletzt war Porm Leiter
des Fachbereichs Landwirtschaft am Landratsamt
Breisgau-Hochschwarzwald.

Auch der neue Schulleiter benennt den Erhalt der
Landwirtschaftsschule als zentrale Aufgabe in seiner
neuen Funktion. Die Rolle der Landwirtschaft im
sozialen Gefüge und als Wirtschaftsfaktor des ländlichen
Raumes seien unersetzlich, hält er fest. Eine
gute Ausbildung ist für ihn die Grundvoraussetzung
für den Erhalt der heimischen Landwirtschaft und
damit des ländlichen Raumes sowie unserer einzigartigen
Kulturlandschaft.

DIE ABSCHLÜSSE
HAUPTBERUFLICHE ABSCHLÜSSE:
∙ Wirtschafter im Landbau
∙ Landwirtschaftsmeister/Landwirtschaftsmeisterin
NEBENBERUFLICHE ABSCHLÜSSE:
∙ Abschluss Fachkraft für Landwirtschaft und
∙ Fachkraft für Hauswirtschaft
Weitere Informationen gibt es im Internet unter
Schulleiter Markus Porm

Bildung
Erfolgsgeschichten aus der Landwirtschaftsschule
VON BERNHARD LUTZ

160

Armin Obergfell
Der aus St. Georgen-Stockwald stammende gelernte
Elektriker Armin Obergfell ( Jahrgang 1978) übernahm
im Jahr 2010 den auf 830 Metern gelegenen
elterlichen Hof, der sich schon seit mehreren
Generationen im Familienbesitz befindet. Er entwickelte
ihn von 41 auf heute 50 Milchkühe plus
Nachzucht. Insgesamt betreut Armin Obergfell
zwischen 80 und 90 Tieren.

Von 2001 bis 2003 besuchte er die Berufsschule
in Villingen und absolvierte die Ausbildung zum
Landwirt. Von Herbst 2003 bis 2006 schloss sich daran
der Besuch der Landwirtschaftlichen Fachschule
in Donaueschingen an. „Ich fand den Ansatz super,
die Nähe zum Betrieb zu haben und dass man das
Ganze in der Schule begleitet“. Spannend empfand er
die betriebswirtschaftliche Komponente der Ausbildung.
„Wir hatten damals in der Winterschule
Buchführung am PC. So habe ich gelernt wie man
Buch führt und mache das heute noch“. Danach folgte
die Auswertung des Buchführungsabschlusses. „Wir
haben in der Schule den eigenen Betrieb genau
analysiert. Das hat mich wach gerüttelt, ob das so
sinnvoll ist, was wir machen“. Der Hof hat sich auf
dieser Basis gut entwickelt. 2011 stellte die Familie
von der Anbindehaltung auf Laufstallhaltung um. Vom
Hof ernährt sich aktuell seine vierköpfige Familie.
Insgesamt zieht Armin Obergfell ein positives
Fazit: „Ich habe in beiden Schulen viel gelernt über
Tierhaltung, Pflanzenbau und Betriebswirtschaft.
Dieses Wissen nützt mir bis heute, meinen Betrieb zu
führen.“

Armin Obergfell
Wir haben damals in der
Schule den eigenen Betrieb
ganz genau analysiert. Das
hat mich wach gerüttelt, ob
das so sinnvoll ist, was wir
machen.

Der Hof der Familie Obergfell in St. Georgen-Stockwald befindet
sich seit mehreren Generationen im Familienbesitz.

161
Markus Keller
Aus einer landwirtschaftlich geprägten Familie in
Blumberg-Opferdingen stammend, entdeckte
Markus Keller ( Jahrgang 1976) schon früh seine
Leidenschaft für das Landleben. Nach einer Ausbildung
zum Werkzeugmechaniker absolvierte er 1999
die Gehilfenprüfung im Beruf Landwirt und übernahm
2011 den Hof seiner Eltern Franz und Hannelore
Keller. Von Herbst 2011 bis Frühjahr 2014 besuchte
er die Landwirtschaftsschule in Donaueschingen und
legte im Herbst 2014 die Meisterprüfung ab. Seit
2017 ist er Mitglied des Meisterprüfungsausschusses.
Der Hof wird im Vollerwerb bewirtschaftet, davon
lebt die ganze Familie, das Ehepaar Markus und
Karin Keller mit ihren drei Kindern. Vater Franz Keller
unterstützt sie noch mit viel Elan. Auf der landwirtschaftlichen
Berufsschule habe er erfahren, wie man
zum Beispiel düngt oder wie man füttern soll sowie
die Unternehmensführung und Betriebswirtschaft
erlernt. Die Fachschule war die Vorbereitung auf die
Meisterprüfung, drei Winter- und zwei Sommersemester,
und endete mit dem Abschluss „Staatlich geprüfter
Wirtschafter für Landbau“. Gefordert war eine
Wirtschafterarbeit, in der der Standort, der Betrieb
und die ganzen Produktionsverfahren beschrieben
wurden. Anhand von drei Buchführungsabschlüssen
wurde ein kalkulierter Ist-Betrieb erstellt, der anschließend
durch kleine Veränderungen optimiert wurde,
schildert Markus Keller.

Die anschließende Meisterarbeit baute auf der
Wirtschafterarbeit auf, die um Zukunftspläne ergänzt
wurde. Einzelne Fragestellungen lauteten: „Wie
könnte mein Betrieb in fünf Jahren aussehen? Baue
ich zum Beispiel einen neuen Stall, investiere ich in
Ferienwohnungen oder stelle ich meinen Betrieb auf
ökologisch um?“ Wie sind die Auswirkungen auf das
Betriebsergebnis, die Arbeitskraft, den Grundfutterbedarf?
Darauf folgte die Stellungnahme zu den Ergebnissen
der Pläne.

Der engagierte Landwirt betont: „Mir hat der Besuch
der Landwirtschaftsschule in Donaueschingen viel
gebracht, und sie liegt mir auch am Herzen. Es wäre mir
nicht möglich gewesen, die Fachschule in Emmendingen-
Hochburg zu besuchen neben dem Betrieb und der
Familie mit damals drei kleinen Kindern.“
Neben Beruf und Familie engagiert er sich
ehrenamtlich
im Narrenverein „Obertalemer Blindschießer“,
bei der Feuerwehr und seit 2024 auch im
Ortschaftsrat Achdorf. Zudem ist er Vorsitzender des
BLHV-Stadtverbands Blumberg. Er kritisiert die Pläne,
die Zahl der Fachschulen in Baden-Württemberg auf
drei zu reduzieren. Zum Glück sehe das Landwirtschaftsministerium
dies bisher anders und erkläre,
„So lange Schüler da sind, bleibt die Schule!“

Markus Keller
In diesem 1829 erbauten Hof mit Hausnamen „ s‘Heinimas“
wohnt die Betriebsleiterfamilie Keller in 7. Generation. Unter
diesem Dach ist ebenfalls der Stall des Jungviehs.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen
Es wäre mir nicht möglich
gewesen, die Fachschule in
Emmendingen-Hochburg
zu besuchen neben dem
Betrieb und der Familie mit
damals drei kleinen Kindern.

Ariane Fleig
Vor ihrem Küchenfenster steht immer ein frischer
Basilikum. „Bei mir kommt fast auf jedes Essen
Basilikum“, sagt Ariane Fleig vom Poolehof in
VS-Nordstetten. Die gelernte Krankenschwester aus
Brigachtal sieht Hauswirtschaft als Lebensaufgabe.
Dass ihr die umfangreiche Arbeit auf dem großen
Hof mit 200 Milchkühen, bis zu 15 Mitarbeitern und
ihrer vierköpfigen Familie Freude bereitet, verdankt
sie auch der Landwirtschaftsschule Donaueschingen.
Nach der Heirat zog sie auf den 753 Meter hoch
gelegenen Hof, in dem vier Generationen lebten –
und arbeitete zunächst weiter in ihrem Beruf. Als ihre
Schwiegermutter und die Großmutter gleichzeitig
im Krankenhaus lagen, übernahm sie den gesamten
Haushalt – eine Aufgabe, die sie jahrelang prägte. In
der Bauernzeitung las sie von der zweijährigen Ausbildung
zur ländlichen Hauswirtschafterin mit einem
Unterrichtstag pro Woche. Neugierig meldete sie
sich an und startete 2018 die Ausbildung. „Wir waren
ein kleiner Kreis von 20 Frauen, alles Gleichgesinnte,
wir haben uns gegenseitig unterstützt.“

Die Ausbildung gliederte sich in zwei Teile: Fachkraft
für Hauswirtschaft und anschließend Hauswirtschafterin.
Auch Homeschooling während Corona
gehörte dazu. Für die Prüfung plante sie, wie sie ihre
15 Mitarbeiter tagsüber nahrhaft verpflegt. In der
praktischen Prüfung stellte sie ein Buffet für Jugendliche
mit heimischen Produkten zusammen.

Zur Ausbildung zählten auch Nähen, Bügeln, Gartenbewirtschaftung
und viele Alltagsthemen. Das dort
erworbene Wissen nutzt Ariane täglich – besonders
in der Erntezeit, wenn sie zwölf Mitarbeiter versorgt.
„Ich backe Brot, Brötchen, Nusszopf und Kuchen
selbst.“ Auch Käse und Joghurt stellt sie aus eigener
Milch her. „Bei uns wird jeden Tag frisch und mit guten
Produkten gekocht. Mir macht es Spaß, die Freude
am Kochen auch meinen Kindern weiterzugeben.“
Wichtig war ihr der Austausch mit den anderen
Frauen und die vielen Tipps: „Man muss es nicht
perfekt machen – es muss Spaß machen.“ Die Schule
vermittelte Freude an der Hauswirtschaft. „Sie ist
eine wertvolle Aufgabe – sie gibt uns das Wohlfühlgefühl
zuhause.“ Ihre fast erwachsenen Kinder
kochen und backen ebenfalls gern. Weiterbildung
bleibt für sie essenziell: „Stillstand ist Rückstand.“
Lebensmittel wertzuschätzen gehört für sie dazu
– und sie wünscht sich mehr gesellschaftliche
Anerkennung
für die Hauswirtschaft.

162
Ariane Fleig
Man muss es nicht perfekt
machen – es muss Spaß
machen.
Der Poolehof der Familie Fleig in VS-Nordstetten.
100 Jahre Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen 163
Reiner Schnekenburger
Ein wichtiger Botschafter der Landwirtschaftlichen
Fachschule Donaueschingen ist Reiner Schnekenburger
( Jahrgang 1960 ) aus dem Bad Dürrheimer Ortsteil
Biesingen. Seit 20 Jahren engagiert er sich als Vorsitzender
des „Vereins landwirtschaftlicher Fortbildung“
intensiv für die Vereinsbelange, einen Zusammenschluss
der ehemaligen Fachschüler. Als Kind erlebte
er in den 1960er Jahren wie der elterliche Hof mitten
in Biesingen abbrannte.

Die Eltern entschlossen sich zu einer Aussiedlung.
1967 eröffneten sie den neuen Hof mit zwölf
Kühen samt Nachzucht und fünf Muttersauen mit
angegliederter Mast und erweiterten ihn Stück für
Stück auf bis zu 40 Kühen. Ab 1980 führte der Sohn
Reiner Schnekenburger den Betrieb bis zum Jahr
2012 dann im Vollerwerb mit Mastschweinen und
Milchkühen.

Nach der Mittleren Reife hatte er auf der Berufsschule
in Villingen eine landwirtschaftliche Lehre absolviert,
an die sich dann der Besuch der Winterschule
Donaueschingen anschloss – mit dem 1981 erlangten
Abschluss zum hauptberuflichen Landwirt. Der
Fachschulbesuch bedeutete für ihn eine Vertiefung
im Pflanzenbau, der Tierhaltung und hauptsächlich
der Betriebswirtschaft. Nach zwei praktischen Jahren
folgte dann 1984 der Meisterbrief.

Mit seinem Vater Richard Schnekenburger zusammen
hatte er eine GbR gehabt, bis der Vater in
Rente ging. Als eine größere Investition anstand,
seine Söhne sich aber beruflich anders orientierten,
gab Reiner Schnekenburger die Milchviehhaltung
auf. Er erhielt eine Anstellung bei dem Ernteversicherer
„Vereinigte Hagel“ und ist seither im Außendienst
sowie als Sachverständiger im südlichen
Baden-Württemberg unterwegs. Die gesamte Fläche
seines Hofes bewirtschaftet er seither im Nebenerwerb
als Grünland für Heuverkauf sowie im Ackerbau
mit den klassischen Kulturen Winterweizen,
Wintergerste, Raps, und Silomais.

Die Fortbildung endet für ihn nicht mit dem Besuch
der Fachschule, dafür sorgt er im „Verein landwirtschaftlicher
Fortbildung“ als Vorsitzender. Der
Verein ist ein Zusammenschluss der ehemaligen Fachschüler
und hat derzeit rund 600 Mitglieder: Angeboten
werden Veranstaltungen wie die jährliche Bezirkslehrfahrt
im Sommer, „wo wir drei Betrieb besuchen,
die in eine bestimmte Richtung investiert haben, wo
wir etwas Neues anschauen können“, zum Beispiel in
den Fremdenverkehr oder in die Milchviehwirtschaft.
Dazu kommen Führungen auf dem Versuchsfeld in
Döggingen sowie Seminare für den landwirtschaftlichen
und hauswirtschaftlichen Bereich.

Reiner Schnekenburger
Der auf der Ostbaar gelegene Hof von Reiner Schnekenburger
in Biesingen.

164
Bildung
Die Hochschule Furtwangen

175 Jahre Hochschule Furtwangen 165
Zukunft gestalten im
Herzen des Schwarzwalds
VON ANJA BIEBER

Mitten im Schwarzwald gelegen, verbindet die Hochschule Furtwangen (HFU) auf
einzigartige Weise Tradition und Zukunft. Sie ist eine der ältesten
Hochschulen
Baden-
Württembergs und zugleich eine der innovativsten: Mit rund 4.500 Studierenden,
an verschiedenen Standorten und mit einem klaren Fokus auf Zukunftsthemen
bietet sie ein modernes Studienumfeld mit internationaler Ausrichtung, hoher
Praxisnähe und wissenschaftlicher Exzellenz. Im Jahr 2025 blickt die Hochschule
Furtwangen (HFU) auf eine beeindruckende
175-jährige Geschichte zurück. Eine
Geschichte, die geprägt ist von technischer Kompetenz, kontinuierlicher Innovation
und enger Verflechtung mit der regionalen Wirtschaft.

Von der Uhrmacherkunst zur
Ingenieurschule – die Anfänge
im 19. Jahrhundert
Seit ihrer Gründung im Jahr 1850
hat sich die Hochschule Furtwangen
(HFU) stetig weiterentwickelt:
von einer spezialisierten Uhrmacherschule
zu einer modernen
Hochschule für angewandte Wissenschaften
mit internationaler Ausstrahlung
und technologischer
Vorreiterrolle. Die Wurzeln der
Hochschule Furtwangen reichen
zurück ins Jahr 1850 – zur Gründung der Großherzoglichen
Badischen Uhrmacherschule. Erster Leiter
dieser Institution war Robert Gerwig,
ein technikbegeisterter Ingenieur,
Visionär und vielseitiges Genie
seiner Zeit. Gerwig, später bekannt
als Erbauer der Schwarzwaldbahn
und Präsident der Badischen
Staatseisenbahn, erkannte früh die
Bedeutung systematischer technischer
Bildung für die wirtschaftliche
Entwicklung der Region. In einer Zeit,
in der der Schwarzwald als Zentrum
der Uhrmacherkunst galt, sollte diese
Schule die handwerkliche Tradition
sichern und durch systematische Ausbildung
weiterentwickeln.

Bereits zwei Jahre später wurde
Robert Gerwig
Mit der Hochschule Furtwangen blickt eine der ältesten Hochschulen
in Baden-
Württemberg auf eine 175-jährige Geschichte zurück

166
Bildung

1852 das heutige „Deutsche Uhrenmuseum“ in Form
einer Uhrensammlung begründet. Dieses ist bis
heute eng mit der Hochschule verbunden und
fungiert mit seiner einzigartigen Sammlung als
lebendiges Zeugnis auch dieser frühen Ära.
In den folgenden Jahrzehnten wurde das Bildungsangebot
kontinuierlich erweitert: 1877 wurde
die Uhrmacherschule neu aufgestellt und eine
Schnitzereischule eingerichtet. Bereits 1891 folgte
mit der Einführung der Elektrotechnik ein erster
Schritt in Richtung moderner Ingenieursausbildung
– ein Weitblick, der das Fundament für die spätere
technische Ausrichtung legte.
20. Jahrhundert – technologischer Wandel
und neue Bildungsfelder
Mit der Umbenennung zur „Badischen Uhrmacherschule,
Staatliche Höhere Fachschule für Groß- und
Taschenuhrmacherei, Feinmechanik und Elektromechanik“
im Jahr 1925 wurde die zunehmende
Bedeutung
der Technik deutlich. Nur ein Jahr später
folgte die Einführung der Radiotechnik – ein
weiteres Zeichen dafür, dass die Institution stets am
Puls der technischen Entwicklungen war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1947 aus der
Uhrmacherschule die „Staatliche Ingenieurschule
Furtwangen/Schwarzwald“. Nun stand der Ausbau
ingenieurwissenschaftlicher Disziplinen im Mittelpunkt.
Die Ausbildung in Feinwerktechnik, Gerätebau,
Automatisierungstechnik sowie später Elektronik
und Regelungstechnik bereitete Studierende auf
eine neue industrielle Realität vor.

In den 1960er-Jahren wurde das physische
Wachstum der Schule durch mehrere Neubauten an
der Gerwigstraße sichtbar, ebenso wie der technologische
Fortschritt: 1963 nahm das erste Rechenzentrum
mit einer elektronischen Großrechneranlage
seinen Betrieb auf – ein Vorreiterprojekt in einer
Zeit, als Computertechnik noch in den Kinderschuhen
steckte.

Aufstieg zur Fachhochschule – Informatik,
Wirtschaft und Interdisziplinarität
Mit der Umwandlung zur „Fachhochschule Furtwangen“
im Jahr 1971 begann eine neue Ära. Die Einführung
der Studiengänge Allgemeine Informatik und
Wirtschaftsinformatik markierte den Beginn eines
dynamischen Wachstums, das die Hochschule in den
kommenden Jahrzehnten prägen sollte. Bereits 1975
wurde Wirtschaftsinformatik als eigenständiger
Studiengang etabliert – eine zukunftsweisende
Entscheidung angesichts der späteren Digitalisierung
aller Lebens- und Arbeitsbereiche.
In den 1980er- und 1990er-Jahren baute die
Hochschule ihr Profil als technologische Innovationsstätte
weiter aus. Product Engineering, Werkstofftechnik,
Verfahrenstechnik, Mikrosystemtechnik,
Die Großherzoglich Badische Uhrmacherschule (links) bei
der evangelischen Kirche nach 1900.

175 Jahre Hochschule Furtwangen 167
Medieninformatik und Medical Engineering – die
Liste der neu eingeführten Studiengänge liest sich
wie eine Chronik der technologischen Entwicklungen
der jeweiligen Zeit. Besonders hervorzuheben ist die
Etablierung eines Labors für integrierte Schaltungen
im Jahr 1984, ein Schritt, der die Verankerung der
Mikroelektronikforschung in Furtwangen unterstrich.
Mit der Eröffnung einer weiteren Abteilung in
Villingen-Schwenningen im Jahr 1988 begann die
Hochschule Furtwangen damit, sich regional zu verzweigen
– ein strategischer Schritt, um neue Kompetenzzentren
in medizinischen und digitalen Technologien
aufzubauen.

Der Weg zur „Hochschule für
Technik und Wirtschaft“
1997 firmierte die Institution um zur „Hochschule
für Technik und Wirtschaft“ – ein neuer Name, der
der Bandbreite an Disziplinen und Studiengängen
gerecht wurde. In den frühen 2000er-Jahren
erlebte die HFU einen wahren Innovationsschub:
Studiengänge wie Online Medien, Biotechnologie,
Computer Engineering oder Business Consulting
verdeutlichen die Ausrichtung auf Zukunftsthemen.
2009 erweiterte die Hochschule Furtwangen ihr
Wirkungsgebiet und eröffnete ihren dritten Campus
in Tuttlingen. Das sogenannte „Tuttlinger Modell“
steht exemplarisch für das enge Zusammenspiel von
Hochschule und Industrie: In einer in Deutschland
einzigartigen Form konzipierten hier die Hochschule,
die regionalen Unternehmen, das Land Baden-Württemberg
und die Stadt Tuttlingen eine Kooperation.
Die Eröffnung des Innovations- und Forschungs-Centrums
(IFC) im Jahr 2018 festigte diesen praxis-orientierten
Ansatz zusätzlich.

Die Hochschule Furtwangen mit Deutschem Uhrenmuseum
(rechts vorne) in den 1970er-Jahren. Die Liste der an der
HFU neu eingeführten
Studiengänge liest sich wie
eine Chronik der technologischen
Entwicklungen
der jeweiligen Zeit.

168
Bildung

Wissenschaft mit Verantwortung – Nachhaltigkeit,
Gesundheit und Gesellschaft im Blick
In jüngerer Zeit erweiterte die HFU ihr Profil um
weitere Schwerpunktthemen, zum Beispiel im
Fachbereich Gesundheit. Studiengänge wie Angewandte
Gesundheitswissenschaften, Human Factors,
Interdisziplinäre Gesundheitsförderung, Hebammenwissenschaft
oder Risikoingenieurwesen zeigen: Die
Hochschule begreift Innovation nicht nur als
technischen, sondern auch als gesellschaftlichen
Fortschritt. Auch Nachhaltigkeit rückte immer
stärker in den Fokus, etwa mit Studiengängen wie
Nachhaltige Bioprozesstechnik und durch die
EMAS-Zertifizierung im Jahr 2016.

Durch die Einführung zahlreicher Studienprogramme,
die bilingual oder auch komplett in englischer
Sprache unterrichtet werden, positionierte sich
die HFU zudem immer stärker als international ausgerichtete
Hochschule, die dem Fachkräftemangel in
technischen und gesundheitsbezogenen Bereichen
aktiv entgegenwirkt.

2016 erweiterte die HFU ihr Gebiet erneut, mit
der Einrichtung des Forschungszentrums Rottweil
und dem Studienzentrum Freiburg, in dem der Studiengang
Physiotherapie angesiedelt wurde, schloss
sich die Hochschulachse zwischen Rhein und Bodensee.
175 Jahre Zukunftsgestaltung
Die Geschichte der Hochschule Furtwangen ist eine
Geschichte des Wandels und der Weitsicht. Was 1850
als Uhrmacherschule begann, ist heute eine der
forschungsstärksten Hochschulen des Landes, mit
über 60 Studiengängen, starken Standorten und
einem klaren Bekenntnis zu Innovation, Nachhaltigkeit
und gesellschaftlicher Verantwortung.
Als Partnerin der regionalen Industrie, als Impulsgeberin
für technologische Entwicklungen und als
Bildungsstätte mit internationalem Anspruch ist die
HFU ein bedeutender Akteur im Bildungs- und Innovationsraum
Baden-Württemberg – und weit darüber
hinaus.

Durch Studienprogramme,
die bilingual oder komplett
in englischer Sprache
unterrichtet werden,
positioniert sich die HFU
immer stärker als international
ausgerichtete
Hochschule.
Meilensteine einer Erfolgsgeschichte
1850 Gründung der Großherzoglichen
Badischen
Uhrmacherschule durch Robert
Gerwig, Pionier der Ingenieurausbildung
im Schwarzwald
1852 Begründung einer Sammlung mit Schwarzwalduhren,
heute Deutsches Uhrenmuseum
1891 Beginn der Ausbildung in Elektrotechnik
1947 Umwandlung zur Staatlichen Ingenieurschule
Furtwangen/Schwarzwald
1963 Erstes elektronisches Rechenzentrum mit
IBM-Großrechner
1971 Aufstieg zur Fachhochschule Furtwangen,
Einführung von Informatik und Wirtschaftsinformatik
1988 Erweiterung: neuer Standort Villingen-
Schwenningen
1997 Umbenennung zur Hochschule für Technik
und Wirtschaft
2009 Eröffnung des dritten Standorts Tuttlingen
im Rahmen des Tuttlinger Modells
2013 Systemakkreditierung – Qualitätssicherung
in Lehre und Studium
2016 EMAS-Zertifizierung – Nachhaltigkeit wird
zum Leitprinzip; Einrichtung Forschungszentrum
Rottweil und Studienzentrum
Freiburg
2018 Einweihung des Innovations- und Forschungs-
Centrums (IFC) in Tuttlingen
2025 Über 60 Studiengänge in Gesundheit,
Informatik, Medien, Technik und Wirtschaft
– regional verwurzelt, international
vernetzt

175 Jahre Hochschule Furtwangen
169
Herzstück der Hochschule sind ihre fünf Kompetenzfelder:
Gesundheit, Informatik, Medien, Technik und
Wirtschaft. In diesen Bereichen bietet die HFU mehr
als 60 praxisorientierte Studiengänge an und bildet
alle akademischen Möglichkeiten ab, vom Bachelor
bis zur Promotion.

Im Kompetenzfeld Gesundheit gehört die Hochschule
Furtwangen zu den führenden Einrichtungen
in Deutschland. Studiengänge wie Physiotherapie,
Hebammenwissenschaft, Gesundheitsförderung
oder molekulare Medizin kombinieren medizinisches
Wissen mit digitalen Technologien und gesellschaftlichen
Fragestellungen. Die Ausbildung erfolgt interdisziplinär
und anwendungsbezogen – in Kliniken,
Laboren oder in direkter Zusammenarbeit mit der
Forschung. Zu diesem Kompetenzfeld zählt auch
der Teilbereich Sicherheit, in dem die HFU gesuchte
Expertinnen und Experten ausbildet, sei es für Strahlen-,
Arbeits- oder Katastrophenschutz.

Informatik hat an der HFU eine lange Tradition
Der Fachbereich Informatik hat an der HFU eine
lange Tradition – hier gehörte die Hochschule
bundesweit zu den Vorreitern in entsprechenden
Studienangeboten. Ob Künstliche Intelligenz,
IT-Sicherheit, Medieninformatik oder Wirtschaftsinformatik:
Die Studiengänge verbinden theoretisches
Wissen mit direkter Umsetzung in Laboren und
Praxisprojekten. Dabei zeichnet sich das Studium
durch enge Betreuung, kleine Gruppen und hohe
internationale Anschlussfähigkeit aus.
Auch bei den Medien gilt die HFU als Pionier
und Vordenker. Mit zukunftsweisenden Studieninhalten
gilt es, auf den rasanten Wandel der digitalen
Kommunikation zu reagieren. Studiengänge wie Online-
Medien, Design oder Games & Immersive Media,
qualifizieren für kreative und technische Berufe
in einer sich stetig wandelnden Medienlandschaft.
Projekte mit Unternehmen, interdisziplinäre Teams
und hochmoderne Ausstattung machen das Studium
zu einer praxisnahen Erfahrung.

Im Fachbereich Technik steht die HFU ganz im
Zeichen von Innovation. Hier geht es um nachhaltige
Mobilität, Robotik, Medizintechnik oder Industrie 4.0.
Die Studierenden entwickeln kreative Lösungen für
die Herausforderungen von morgen. In hochmodernen
Laboren, durch enge Industriekooperationen
und in interdisziplinären Projekten erwerben sie das
Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere in Forschung
oder Industrie.

In der „HFU Business School“, dem Bereich Wirtschaft,
punktet die HFU mit ihrer internationalen
Ausrichtung: Viele Veranstaltungen finden auf Englisch
statt, ein Auslandsaufenthalt ist fester Bestandteil
des Studiums, und die inhaltliche Vielfalt reicht
von Digitalisierung über Nachhaltigkeit bis zum
Gründungsmanagement. Die HFU Business School
zählt zu den renommiertesten Wirtschaftsfakultäten
unter den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften.
Exzellente Forschung
Neben ihrer starken Lehre hat sich die HFU zu einer
der forschungsstärksten Hochschulen für Angewandte
Wissenschaften in Baden-Württemberg entwickelt.
In den Bereichen Medizintechnik, Mikrosystemtechnik,
Gesundheitsforschung, Künstliche
Intelligenz und smarte Technologien werden
zukunftsweisende Projekte umgesetzt.
Ein herausragendes Beispiel ist die Aufnahme der
HFU in das 3R-Netzwerk Baden-Württemberg. Als
einzige Hochschule für Angewandte Wissenschaften
wurde sie in das renommierte Forschungsnetzwerk
aufgenommen, das sich für tierversuchsfreie Methoden
in der Forschung einsetzt. An der HFU entstand
das „3R Entwicklungs- und Transferzentrum für 3D
Gewebemodelle in vitro und in silico“, das mit über
300.000 Euro vom Land gefördert wird. Die HFU
erforscht hier alternative Testverfahren auf Basis von
Hochschule Furtwangen:

Kompetenz mit Perspektive

170
Bildung

Gewebemodellen und simulierten Systemen – ein
Meilenstein für ethisch verantwortungsvolle Forschung
und wissenschaftlichen Fortschritt.
Smarte Kontaktlinsen für Altersweitsichtigkeit
Ein weiteres zukunftsweisendes Forschungsfeld der
HFU liegt im Bereich Mikro- und Nanosystemtechnik.
Hier werden unter anderem smarte Kontaktlinsen
entwickelt, die Altersweitsichtigkeit kompensieren
könnten – ein innovativer Ansatz, der
Medizintechnik, Materialforschung und Mikrosensorik
vereint. Die HFU zählt in diesem Bereich zu den
führenden Hochschulen in Deutschland und treibt
durch interdisziplinäre Kooperationen und internationale
Projekte die Entwicklung neuartiger Anwendungen
entscheidend voran.

Auch im Zukunftsthema Künstliche Intelligenz
positioniert sich die HFU als Vorreiterin: Zum Beispiel
in einem Forschungsprojekt, in dem Oberflächenbearbeitung
mit erklärbarer KI kombiniert wird.
„PräziLoop“ heißt das Vorhaben, das eine kontinuierliche
Qualitätsvorhersage direkt während des
Schleifprozesses ermöglichen soll – und das sogar
bei sehr kleinen Stückzahlen. In der Präzisionsfertigung
erfolgt die Qualitätssicherung bisher meist erst
im Nachgang durch aufwendige Messtechnik.
„PräziLoop“ setzt stattdessen auf den Einsatz
von maschinellem Lernen, Sensordatenanalyse und
adaptiver Prozesssteuerung. Bauteile werden schon
während der Fertigung klassifiziert und der Fertigungsprozess
automatisch angepasst. Das senkt Kosten
und Energieverbrauch, erhöht die Effizienz und
schafft durch den Einsatz erklärbarer KI zusätzliches
Vertrauen in intelligente Produktionssysteme.
In allen Bereichen bringt die HFU ihre Forschung
auch konsequent in die Lehre ein. Studierende
profitieren von aktueller wissenschaftlicher Expertise,
etwa in den Bereichen Data Science, Machine
Learning, Medizintechnik oder molekularer Biomedizin.
Gleichzeitig bestehen enge Kooperationen
mit Industriepartnern, was den Technologietransfer
fördert und praxisrelevante Forschungsergebnisse
garantiert.

Regional verankert – international vernetzt
Die Hochschule Furtwangen versteht sich als
Bildungs- und Innovationsmotor für die gesamte
Region zwischen Rhein und Bodensee. Vom Studienzentrum
in Freiburg über den Hauptstandort
Furtwangen bis nach Villingen-Schwenningen und
Tuttlingen deckt die HFU die wirtschaftlich starke
Achse im Südwesten ab. Besonders hervorzuheben
sind die engen Beziehungen zu zahlreichen regionalen
Unternehmen – viele davon weltweit erfolgreich
und doch oft wenig bekannt: sogenannte „Hidden
Champions“.

Diese Unternehmen kooperieren seit vielen Jahren
eng mit der HFU – in Forschungsprojekten ebenso
wie in der Lehre. Studierende schreiben ihre
Abschlussarbeiten
in Unternehmen, absolvieren Praxissemester
und arbeiten im Rahmen von Projekten an
realen Aufgabenstellungen. So entstehen frühzeitig
Kontakte, die nicht nur den Berufseinstieg erleichtern,
sondern auch den Wissenstransfer zwischen
Hochschule und Wirtschaft stärken.
Diese enge Verzahnung mit der regionalen
Wirtschaft prägt das Profil der HFU ebenso wie ihre
internationale Ausrichtung. Forschung, Lehre und
Transfer greifen dabei ineinander – zum Nutzen der
Studierenden, der Unternehmen und der Region.
Moderne Lehre, flexible Formate
Innovative Lehrmethoden gehören zum Kern der
Hochschule Furtwangen. Schon lange vor der
Corona-Pandemie war die HFU Vorreiterin bei
Blended Learning-Formaten, bei denen Präsenz- und
Online-Lehre intelligent verzahnt werden. Die
Studierenden profitieren von modernen digitalen
Die Hochschule
Furtwangen versteht sich
als Bildungs- und
Innovationsmotor für die
gesamte Region zwischen
Rhein und Bodensee.

175 Jahre Hochschule Furtwangen
171

Tools, interaktiven Lernplattformen und einer engen
persönlichen Betreuung. Auch berufsbegleitende
Programme sind Teil der modernen Hochschulkultur.
Die HFU steht für ein Studium, das sich an den
Lebenswirklichkeiten der Menschen orientiert.

Besonders hervorzuheben ist die Spitzensportförderung
an der HFU: In enger Zusammenarbeit mit
dem Olympiastützpunkt Freiburg werden individuell
angepasste Studienmodelle für Leistungssportlerinnen
und -sportler angeboten. Diese ermöglichen
es, sportliche Karriere und akademische Ausbildung
optimal zu vereinbaren – durch flexibilisierte Bedingungen,
die in den Studien- und Prüfungsordnungen
geregelt sind und durch die persönliche Betreuung
der Sportlerinnen und Sportler.

Eine Hochschule mit Haltung
Gesellschaftliche Verantwortung spielt eine zentrale
Rolle an der HFU. Nachhaltigkeit, Ethik in der
Forschung, Diversität und der offene Dialog zwischen
Wissenschaft und Gesellschaft sind gelebte
Praxis. Projekte in der Region, internationale
Partnerschaften, soziale Initiativen und ein lebendiger
Campus machen die Hochschule Furtwangen zu
einem Ort, an dem Bildung, Forschung und gesellschaftliches
Engagement Hand in Hand gehen.

So versteht sich die HFU als Impulsgeberin für
die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und darüber
hinaus. Ihre Absolventen sind international gefragt
– und bringen ihr Wissen und ihre Haltung in unterschiedlichste
gesellschaftliche Bereiche ein.
Lehren, lernen und forschen – und ebenso das Miteinander auf dem Campus gestalten. Impressionen vom Alltag an der
Hochschule Furtwangen.

172
Bildung
Frau Dr. Bormann, Sie leiten die Hochschule Furtwangen
seit etwas über einem Jahr. Wie erleben Sie die HFU?
Als eine Hochschule mit außergewöhnlichem
Potenzial. Die HFU ist praxisnah, persönlich und
gleichzeitig hoch innovativ. Mich beeindruckt besonders
das Engagement der Mitarbeitenden und
die starke regionale Verwurzelung bei gleichzeitiger
internationaler Ausrichtung. Es ist ein Ort, an dem
man Zukunft gestalten kann – gemeinsam und mit
viel Gestaltungsfreiraum.

Bundesweit verzeichnen viele Hochschulen einen Rückgang
bei den Studienanfängern. Wie sieht das an der
HFU aus?

Wir beobachten diese Entwicklung ebenfalls,
auch wenn sie regional unterschiedlich ausfällt. Die
demografischen Veränderungen, aber auch neue Bildungs-
und Lebensentscheidungen beeinflussen die
Nachfrage. Wir reagieren darauf mit Plänen zu einem
noch klareren Profil und mit innovativen Studiengängen.
Dabei spielt auch eine immer höhere Flexibilisierung
der Lernangebote eine Rolle.

Die HFU befindet sich also in einem strukturellen Wandel.
Was sind dabei die wichtigsten Ziele?
Wir befinden uns in einem Transformationsprozess,
wie er für Hochschulen genau wie für Unternehmen
sinnvoll und in regelmäßigen Abständen
auch notwendig ist. Ich bin sehr stolz auf die HFU,
weil wir in kürzester Zeit bereits geschafft haben,
unsere Grundordnung zu ändern und uns in vier
neue, starke Fakultäten zu gliedern. Diese Struktur
soll Synergien schaffen, Prozesse vereinfachen und
Interdisziplinarität fördern. Das macht uns als Hochschule
agiler, sichtbarer und zukunftsfähiger. Wir
Dr. Alexandra Bormann,
Rektorin der Hochschule Furtwangen.

„Forschung und Lehre eng
miteinander verknüpfen“
Im Gespräch mit Rektorin Dr. Alexandra Bormann (HFU)
175 Jahre Hochschule Furtwangen 173
stellen uns strategisch neu auf, um Forschung, Lehre
und Transfer noch besser miteinander zu verzahnen
– im Sinne unserer Studierenden, Mitarbeitenden
und Partnern.

Die Hochschule ist eng mit der regionalen Wirtschaft
verbunden. Was bedeutet diese Partnerschaft konkret?
Sehr viel! Unsere Partnerunternehmen – viele davon
innovative Weltmarktführer – sind integraler Bestandteil
unseres Netzwerks. Studierende schreiben
dort Abschlussarbeiten, absolvieren Praktika oder
arbeiten an konkreten Projekten. Gleichzeitig fließen
Impulse aus der Wirtschaft direkt in unsere Lehre
und Forschung zurück. Diese enge Verzahnung stärkt
nicht nur die Region, sondern auch die Qualität unseres
Studienangebots.

Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Stärken der
HFU?
Die persönliche Betreuung ist sicher ein Alleinstellungsmerkmal:
Unsere Studierenden lernen in
kleinen Gruppen und werden individuell begleitet.

Gleichzeitig bieten wir ein modernes, forschungsnahes
Studienumfeld in einer einzigartigen Umgebung
– mitten im Schwarzwald, aber mit internationaler
Ausrichtung. Die Verbindung von Regionalität, Praxisnähe
und Innovationskraft macht uns besonders.

Die Hochschule genießt auch für ihre Forschungsstärke
ein hohes Renommee. Wo liegen aktuell die Schwerpunkte?
Wir arbeiten in verschiedenen Zukunftsfeldern
auf hohem wissenschaftlichem Niveau – etwa in
der Medizintechnik, der Gesundheitsforschung, der
Mikrosystemtechnik oder im Bereich smarter Technologien.
Besonders wichtig ist uns, dass die Gesellschaft
von den Lösungen profitiert, die wir durch
unsere hochwertige Forschung erarbeiten. Und dass
Forschung und Lehre eng miteinander verknüpft
sind. Unsere Studierenden profitieren unmittelbar
von den Erkenntnissen und Methoden, die wir in der
Forschung entwickeln.

Gibt es einen Bereich, in dem Sie an der HFU ein besonderes
Entwicklungspotenzial für die Zukunft sehen?
Gesundheit und Gesundheitstechnologien sowie
Medizintechnik sind zentrale Zukunftsfelder für
die HFU. Wir zählen hier zu den führenden Einrichtungen
– mit starken Studiengängen, exzellenter
Forschung und interdisziplinären Kooperationen.
Unsere Strategie ist klar: Diese Stärke wollen wir
konsequent weiter ausbauen. Die Verbindung von
Gesundheits- und Medizinthemen mit digitalen und
technologischen Ansätzen bietet ein enormes Innovationspotenzial.

Wie möchten Sie die Hochschule in den kommenden
Jahren weiterentwickeln?

Wir wollen die HFU als forschungsstarke, gesellschaftlich
relevante Hochschule weiter profilieren.
Dazu gehören mehr Sichtbarkeit, neue kooperative
Studienangebote, Ausbau der Digitalisierung, aber
auch gezielte Impulse in Richtung Nachhaltigkeit
und Transfer. Wir haben viele Stärken – es geht jetzt
darum, diese noch mutiger und selbstbewusster
nach außen zu zeigen.

Hochschulen stehen heute in besonderer Verantwortung.
Wie füllt die HFU diese Rolle aus?

Bildung ist mehr als Wissensvermittlung. Gerade,
weil wir heute in einer Zeit der Politikkrisen leben,
kommt uns als Hochschule eine entscheidende Rolle
zu: Wir wollen junge Menschen befähigen, Verantwortung
zu übernehmen – für sich, für die Gesellschaft
und für die Zukunft. Nachhaltigkeit, Ethik,
Diversität und ein respektvoller Diskurs sind zentrale
Werte an der HFU. Gleichzeitig engagieren wir uns
aktiv in der Region und bringen Wissenschaft dorthin,
wo sie gebraucht wird.

Gesundheit und Gesundheitstechnologien
sowie
Medizintechnik sind zentrale
Zukunftsfelder für die
HFU. Wir zählen hier zu
den führenden Einrichtungen,
mit starken
Studiengängen
und
exzellenter Forschung.

174
6. Kapitel – Geschichte

80 Jahre Kriegsende

Momentaufnahmen
des Jahres 1945

ZEITZEUGENBERICHTE – BEARBEITET VON WILFRIED DOLD /
UNTER MITARBEIT VON SILVIA BINNINGER, SYLVIA GÜRTLER, JUTTA RIEDEL UND JOSEF VOGT

Längst ist der von Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg verloren, dennoch dauern
zwischen dem 20. und 27. April 1945 auch im Schwarzwald-Baar-Kreis die Kampfhandlungen
weiter an. Es kommt u. a. im Raum Blumberg/Fützen, aber auch in Behla,
Aasen oder Bad Dürrheim zu schweren Gefechten zwischen der französischen Armee
und deutschen Truppen auf dem Rückzug. Heftige Bombenangriffe muss erneut
Donaueschingen
hinnehmen. Und es geschehen Greueltaten: In St. Georgen werden am
22. April im „Märtis-Loch“ von Nazi-Schergen 50 Kriegsgefangene erschossen – ein bis

heute nicht aufgeklärtes Verbrechen. Es fallen in großer Zahl französische
und deutsche
Soldaten bei Kampfhandlungen – und es
werden couragierte Bürger hingerichtet, weil sie sich dem letzten
Aufbegehren von Hitler-Deutschland verweigern. Am 8. Mai 1945
dann wird im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation
Deutschlands unterzeichnet – der Zweite Weltkrieg ist offiziell
beendet.

Durch seine Recherchen zum Ablauf des Kriegsendes in unserer
Region hat vor allem der Villinger
Hermann
Riedel in jahrzehntelanger
Arbeit einen wesentlichen
Beitrag geleistet. Seine Bücher sind längst
vergriffen: „Villingen 1945“, „
Aasen“, „Marbach“ sowie „Ausweglos…!“
und „Halt! Schweizer
Grenze!“ beschreiben die dramatischen Ereignisse
zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Schwarzwald und auf der Baar.
80 Jahre nach Kriegsende erinnert der Almanach
auf Basis dieser Veröffentlichungen
sowie weiterer
Publikationen und von Augenzeugenberichten
schlaglichtartig an die Ereignisse
des Jahres 1945
– die „Stunde Null“ und den schwierigen Neuanfang.
Und kann dazu u. a. später preisgekrönte
Bilder der Französin Germaine Kanova
veröffentlichen,
die als Kriegsfotografin
im Raum Fützen/Blumberg sowie bei Bad
Dürrheim/Schwenningen an der Front im
Einsatz war (siehe dieses Foto und die
Aufnahmen ab der S. 185).
Die Kampfhandlungen
sind endlich vorbei – die
französischen
Befreier sind
da und werden freudig und
ängstlich zugleich begrüßt.
Fotografiert von Germaine
Kanova zwischen
Bad Dürrheim und
Schwenningen um den
30. April 1945.

176
Von links: Massenbegräbnis nach dem Bombenangriff am 22. Februar auf Schwenningen. Schwerste Schäden erlitt
ebenso die Stadt Donaueschingen (Mitte links und rechts) sowie Fotos auf den nachfolgenden Seiten 178-181.
Mitte Januar, Triberg
Die Bombenangriffe der Alliierten
werden auch im Schwarzwald-
Baar-Kreis immer heftiger. In den
großen deutschen Städten sind
sie schon längst massiv. Heinrich
Himmler, Anführer der Waffen-SS
und Gestapo, zieht es da in den
sicheren Schwarzwald, in die
Tunnel der Schwarzwaldbahn bei
Triberg. Im Spätherbst 1944 rückt
er gleich mit mehreren Salonwagen
samt Personal an. Die
Lokomotiven an der Spitze und
am Endes des Zuges stehen
andauernd „unter Dampf“.
Tauchen Bomber am Himmel auf,
rauscht der „Himmlerzug“ in den
Großhaldentunnel. Die Tunnel der
Schwarzwaldbahn bieten dem
SS-Chef den perfekten Schutz vor
feindlichen Luftangriffen.

Mitte oder Ende Januar 1945
ist der Spuk plötzlich vorbei. Mag
gut sein, dass es an den Flugblättern
der alliierten Streitkräfte
liegt, die über Triberg niedersegeln.
Ihr Text: „Triberg im Loch,
wir finden dich doch.“
Mitte Januar, Villingen
Kaum ein Tag vergeht ohne
Fliegeralarm.
Allein in Villingen
heulen zwischen Januar und Mai
an 81 Tagen exakt 321 Mal die
Sirenen. Genügend Luftschutzräume
stehen nirgends zur
Verfügung, meist bleibt den
Menschen nur der eigene Keller.
Wer keinen hat, flüchtet zum
Nachbarn.

Jagdflieger beobachten die
Bahnlinien, fliegen Angriffe auf
Züge und verletzen sowie töten
mit ihren Bordwaffen immer
wieder neu Passagiere.
Die Firmen sind gezwungen,
ihre Arbeitszeiten auf die Abendund
Nachtstunden zu verlegen.
Ein Arbeitstag dauert so von 17
Uhr bis 1 Uhr morgens.
02. Januar
Ziele eines alliierten Luftangriffs
sind an diesem verhängnisvollen
Dienstag in Donaueschingen um
13.30 Uhr der Bahnhof und das
Postamt: 96 Tote, 56 Verletzte
und zwölf Vermisste werden
beklagt. Die Stadt ist Bahn- und
Telegrafieknotenpunkt und vor
allem Kasernen-
Standort,
gilt
deshalb als strategisch wichtiges
Ziel der Alliierten.
Sie hat von
Oktober 1944 an bis zum
Kriegsende im April 1945 gleich
30 Luftangriffe mit Hunderten
von Toten zu ertragen. In
Massenbegräbnissen werden die
Opfer der Luftangriffe am frühen
Morgen beigesetzt, bevor am
Himmel erneut die Bomber und
Jagdflugzeuge der Alliierten
auftauchen.

Verheerende Luftangriffe hat
auch Schwenningen zu erdulden.
Beim Bombenangriff am 2.
Januar 1945 wird die Zündholzfabrik
in der Nähe des
Bahnhofs getroffen und vollkommen
zerstört. Es sterben mehrere
Arbeiter.

177
2. Februar, Klengen
Anita Doser aus Klengen erinnert
sich: „Immer wenn vom Bahnhof
her gerufen wurde: ‚Die Flieger
kommen, haut alle ab‘, sind viele
zu uns in den Keller gerannt.
Unser Keller war einer der
wenigen, der dank eines dicken
Bruchsteinmauerwerkes einen
sehr guten Schutz bot, jedoch recht
klein war.

An Maria Lichtmess 1945,
also drei Monate vor Kriegsende,
gab es wieder Fliegeralarm und
viele flüchteten wie auch ich in
unseren
Keller. Kaum waren wir
drinnen, erschütterte ein fürchterlicher
Schlag den Raum. Schnell
war allen bewusst, dass ganz in
der Nähe eine Bombe eingeschlagen
hatte. Als wir ins Freie treten
wollten, türmte sich ein riesiger
Haufen aus Erde, Steinen und
Ziegel vor uns auf. Als erstes
sahen wir ein mächtiges Loch in
der Straße und danach das
Nachbarhaus, von dem nur noch
das erste Stockwerk stand. Da sich
die Mutter um meine Sicherheit
sorgte, schickte sie mich zu Oma
und Opa nach Kirchdorf.“

3. März, Donaueschingen
Im Luftschutzkeller des Donaueschinger
Krankenhauses wird
mit Anselm Kiefer einer der heute
zehn bedeutendsten Gegenwartkünstler
geboren. Er ist Sohn des
Wehrmachtsoffiziers und Kunstpädagogen
Albert Kiefer und
seiner Frau Cilly. Bis zum Alter
von sechs Jahren wächst der Junge
in Donaueschingen auf, dann
zieht die Familie 1951 ins
badische Ottersdorf. „Meine
Biographie ist die Biographie
Deutschlands“, lautet ein häufig
zitierter Ausspruch des Malers
und Bildhauers, dessen Kindheit
im Nachkriegs-Deutschland für
sein Schaffen mit prägend ist.
Anselm Kiefers Werke thematisieren
oft die deutsche Vergangenheit,
insbesondere den
Nationalsozialismus und den
Holocaust. Werke von ihm
befinden sich auch in den
Fürstlich Fürstenbergischen-Sammlungen
in Donaueschingen.

22. – 25. Februar
Es kommt zum Generalangriff
u. a. auf das Verkehrsnetz und die
Kaserne in Donaueschingen
(siehe Fotos S. 178 – 181). Am
22., 23. und 25. Februar töten
Bombenabwürfe ins Donaueschinger
Stadtzentrum mindestens
330 Menschen. Es gibt 124
total demolierte, 276 schwer
beschädigte und 727 leicht
beschädigte Gebäude. Zerstört
wird am 22. Februar auch das
Landratsamt, in dessen Luftschutzkeller
40 Menschen den
Tod finden, darunter Landrat Binz
mit Familie.

Nur drei Stunden später fallen
wieder Bomben auf die Stadt und
ebenso auf ihr Umland – in Pfohren
sterben neun Menschen, in
Wolterdingen
28.
Schwenningen erlebt am 22.
Februar den schwersten von
insgesamt fünf Luftangriffen. Es
werden insgesamt 189 Tote, 75
Schwer- und 22 Leichtverwundete
gezählt. 128 Gebäude sind
vollkommen und 724 teilweise
zerstört.

Heinrich Himmler, Anführer der Wafffen-SS, versteckte sich vor den Bombenangriffen der Alliierten mit einem
Sonderzug
in den Tunnelanlagen der Schwarzwaldbahn bei Triberg – vor allem im Großhaldentunnel (rechts).

178
Geschichte
179

Aufnahme der erneuten Bombenangriffe
mit Martin B-26 Marauder-Bombern
der französischen
Streitkräfte
auf Donaueschingen
am 25. Februar 1945. Bereits am
22. Februar und 23. Februar gab
es schwerste Luftangriffe.
Am 25.
Februar 1945 werden wieder die
Militärkasernen
bombardiert, ein
französischer Fotograf
dokumentiert
den Abwurf der Bomben aus
dem Flugzeug im Minutentakt (siehe
auch die nächste Doppelseite). Die
hier zu sehende Aufnahme entstand
um 14.50 Uhr, die nächste
Doppelseite
zeigt die Situation um
14.53 Uhr. Der Angriff
wurde von
der 34. französischen Fliegerstaffel

34e Escadre de Chasse) durchgeführt,
die Rauchschwaden
dokumentieren
schwerste Treffer.
180
Geschichte

Eine weitere Aufnahme vom
Bombenangriff
auf die Donaueschinger
Kaserne (siehe vorherige
Doppelseite), entstanden am 25.
Februar um 14.53 Uhr. Die Beschriftung
auch auf diesem Luftbild ist
handschriftlich und teils militärisch
kodiert. Als Angriffsziel
sind „Kasernen
und Depots
in Donaueschingen“
benannt. Die Bombenangriffe vom
20., 23. und 25. Februar hinterlassen
in der Stadt schwerste Zerstörungen,
die teils selbst auf dieser
aus großer Höhe aufgenommenen
Fotografie
zu erkennen
sind. Bei den
drei Angriffen sterben mindestens
330 Menschen, es gibt 124 total
zerstörte,
276 schwer beschädigte
und 727 leicht beschädigte Gebäude
– Donaueschingen
erlebt ein Inferno.

182
20. – 21. April, Donaueschingen
Werner Kohler aus Gundelfingen
veröffentlichte auf „dhm.de“
(Lebendiges Museum Online)
einen hier in Auszügen gedruckten
Bericht über das Kriegsende
in Donaueschingen. Sein Vater
hatte beim Bombenangriff auf
Freiburg am 27.11.1944 sein
rechtes Bein verloren und wurde
im Fürstenberglazarett
behandelt.

Einen Tag vor der Besetzung
Donaueschingens
erreichen der
Sohn und seine Mutter am 20.
April 1945 die Stadt zu einem
Lazarett-Besuch. Der Sohn: „Wir
erlebten einen Bombenangriff
und hatten fürchterliche Angst.
Der Bahnhof war vollständig
zerstört, es fuhr kein Zug mehr
zurück. Meine Mutter und ich
saßen fest. Von allen Seiten
erwartete man die französischen
Truppen. Auch das Lazarett
wurde bombardiert. Es herrschte
ein unglaubliches Durcheinander.
Am nächsten Spätnachmittag
verbreitete sich in Windeseile
die
Nachricht: ‚Die Marokkaner
kommen!‘ Angst machte sich
breit. … Es erfolgte ein letzter
Fliegerangriff: Donaueschingen
brannte überall. … Die Heeresverpflegungsstelle
wurde für die
Bevölkerung freigegeben, bevor
alles dem Feind in die Hände fiel.
Alles rennt, rettet Käseräder,
Mehlsäcke,
Brot, Reis, Speck,
Zigaretten
und Schnaps. … Die
Jagdbomber schossen auf alles
und jeden.“
Der Vater überlebte. Den
gesamten Beitrag
lesen Sie hier:

20. – 22. April, St. Georgen
Die Ereignisse überschlagen sich
an diesem 20. April, die Stadt
wird von den Franzosen eingenommen,
heißt es in einem Buch
zum Bürgerprojekt „St. Georgen
im Nationalsozialismus“. Die in
Lagern untergebrachten Zwangsarbeiter
werden befreit und
bewaffnet. Am Abend kommt es
zu Plünderungen. Am Morgen
des 22. April schlagen deutsche
Truppen die noch wenigen
Besatzer zurück, St. Georgen ist
wieder in „deutscher Hand“.
Es kommt zu einem Gefecht
mit den im Russenlager verbliebenen
Gefangenen mit vielen
Toten und Verletzen. Die Gefangenen
unterliegen, werden zu
einer Fußgruppe formiert und in
Richtung Sommerau abgeführt.

50 Personen aus dieser wohl
70-köpfigen Gruppe müssen in
einem Dobel beim Märtishof eine
Grube ausheben – ihr eigenes
Grab. Mit einem Maschinengewehr
werden die Männer
niedergemetzelt. Das bezeugt ein
glücklich Überlebender.
Eine Untersuchung der
Staatsanwaltschaft Ludwigsburg
in den 1980er-Jahren
bestätigt
das Kriegsverbrechen. Die
Verantwortlichen lassen sich
wohl nie mehr ermitteln.
Ein Jahr sammelte eine Arbeitsgruppe
in Zusammenarbeit mit
der Uni Gießen Dokumente aus
der Zeit des Naziregimes und
arbeitete das dunkle Kapitel für
St. Georgen auf. Weitere Informationen
finden sich hier:

Anfang April, Rohrbach
In Rohrbach bei Furtwangen
erlebt die Engländerin Christabel
Bielenberg die letzten Kriegsmonate,
von denen sie in ihrem
Buch „Als ich Deutsche war
1934 – 1945“ erzählt. Sie war mit
dem deutschen Rechtsanwalt
Peter Bielenberg verheiratet und
lebte vom Herbst 1943 bis zum
Kriegsende in Rohrbach. Zur
Situation im April 1943 schreibt
sie: „Unser Lokalblatt veröffentlichte
noch einen kaum lesbaren
Verzweiflungsaufruf zum letzten,
fanatischen Widerstand, der wie
aus einer anderen Welt zu
kommen schien, dann gab es den
Geist auf. Kein Papier, keine
Druckerschwärze, vielleicht auch
kein Redakteur mehr, jedenfalls
hatte der ‚Schwarzwaldbote‘ sein
Leben ausgehaucht.

Das Dorf veränderte allmählich
sein Aussehen, wenn auch
kaum seinen Charakter, denn die
Bauern ließen sich von dem
nahenden Ungewitter nicht aus
dem ruhigen Gleichmaß ihres
Lebens bringen, dem einzigen
gesunden Element in einer
verrückt
gewordenen Welt. Trotz
der plötzlich vom Himmel herabstoßenden
Jagdbomber (Jabos)Schwarzwald-Baar-Buch

Almanach 2026

50. Folge
und des fernen Geschützdonners
rief die Kirchturmglocke
noch
immer zur Messe. Als Achtungsbezeugung
vor den Jabos hob
man neben der Straße ein paar
Deckungsgräben aus, die sich
bald mit Schnee und Schlamm
füllten. Doch schien niemand
ernsthaft daran zu denken, in
ihnen im Fall der Fälle ein
eiskaltes Bad zu nehmen …“
20. – 22. April, Villingen
Der katholische Stadtpfarrer
Weinmann berichtet über die
letzten Kriegstage wie folgt:
„Nachdem am 20. und 22.2. bei
den größeren Angriffen das
Münster durch Luftdruck an
seinen Glasfenstern auf der
Südseite Schaden genommen hat,
die Bickenkapelle durch Volltreffer
zerstört wurde, ist auch im
Bahnhofsviertel ein herber
Verlust zu beklagen.
… Der letzte
schwere Luftangriff war am
19.4., ein Volltreffer
zerstörte
den wertvollen Teil der Saba-Radio-
Werke. Es gab mehrere Tote,
wie auch der Einmarsch der
Franzosen mehrere Menschenleben
forderte.

Nach der Übergabe der Stadt,
die in der Nacht kampflos
geräumt wurde, entstanden
durch Schießereien versprengter
Soldaten, besonders in der Nacht
vom 24. auf den 25. 4. durch
Rückfluten unserer deutschen
Armee bis fast in das Herz der
Stadt, schwerste Bedrohungen.
Der befehlende Offizier der
deutschen Panzerspitze erklärte:
‚Ich werde die weiße Fahne vom
Münster herunterholen und es
sprengen!‘

Aber auch hier wandte sich
plötzlich alles zum Guten, da man
noch in der Nacht in Richtung
Donaueschingen abzog und sich
ein höherer SS-Stab bei Aasen
aus der Umklammerung lösen
konnte. Bei dieser Kampfhandlung
verloren zwischen Marbach
und Bad Dürrheim viele Menschen
das Leben.“

22. – 25. April, Aasen
Die Besetzung von Aasen durch
französische und marokkanische
Soldaten erfolgt am Sonntag, den
22. April. Hermann Riedel hat die
nun folgenden Ereignisse zu
einem ganzen Buch verarbeitet,
er schreibt: „In der ersten Nacht
von Sonntag auf Montag kam es
zu zahlreichen Vergewaltigungen
durch Marokkaner. Insbesondere
in den Häusern, wo die Frauen
und Mädchen alleine waren,
mußten diese das Schlimmste
erdulden.“ Zeitzeugen schildern
dem Villinger Kriegschronisten,
dass etliche Marokkaner mit dem
Treiben ihrer Landsleute nicht
einverstanden sind und sich
schützend vor die Einwohner
stellen. Ebenso die französischen
Soldaten. Dennoch werden über
50 Frauen vergewaltigt.
Als zwölf Marokkaner die
Vergewaltigungen in Heidenhofen
fortsetzen und die Häuser
auch ausrauben, beschwert sich
der dortige Pfarrer bei der
französischen
Führung. Einer der
Täter wird an den Pfahl gebunden
und mit verbundenen Augen
standrechtlich erschossen.
Die Gegend um Aasen ist in
diesen Tagen heftig umkämpft,
es gibt auf beiden Seiten wohl
Hunderte von Toten und es
werden über 1.000 deutsche
Soldaten gefangengenommen.
Auch mehrere Hinrichtungen
sind dokumentiert, so von drei
SS-Männern, die sich zuvor ihr
eigenes Grab schaufeln müssen.
Ein besonders dramatisches
Bild bietet die sogenannte
„Steige“ mit toten Soldaten, toten
und schwer verletzten Pferden
sowie Hunden einer Sanitätseinheit.
20. – 26. April, Marbach
Dramatische Szenen ereignen
sich auch in Marbach, die zur
Hinrichtung des Oberlehrers
Maximilian Fischer durch die
französische Besatzungsmacht
führen. Der Villinger Hermann
Riedel zitiert Soldat Victor
Charriez, der in seinem Tagebuch
festhält: „Außerdem erfahren wir,
daß der Schullehrer von Marbach
den Deutschen verraten hatte,
wo sich die Befehlsstelle der
Kompanie befand, nämlich in den
Kellerräumen der Schule. Als er
auf die Befehlstelle geholt
wurde, wurde er regelrecht von
anwesenden Soldaten verdroschen.
Ein Soldat läßt die Luft
aus den Autoreifen. Mit einer
Handpumpe muß Fischer die
Reifen wieder aufpumpen – unter
Begleitung von Fußtritten ins
Gesäß. Dann verlangt der Soldat
namens Pautut von Capitaine
Joly die Genehmigung, Fischer
durch seinen Sohn erschießen zu
lassen.“

Capitaine Joly berichtet
diesbezüglich: „Vater und Sohn
(Soldat Pautut und Sohn) versicherten,
gesehen zu haben, wie
der Schullehrer die deutschen
Truppen zu den Stellungen des
zweiten Zuges geleitet hat. Ein
anderer versichert, derselbe
Schullehrer habe deutschen
Soldaten die Türe der Schule
geöffnet und sie zu den Franzosen
geführt. Was konnte er denn
anderes tun, wenn er Patriot ist?“
Maximilian Fischer wird am
26. April 1945 in Bad Dürrheim
zunächst brutalst misshandelt
und dann erschossen.
Momentaufnahmen
des Jahres 1945 183
184
Geschichte
26. – 27. April, Fützen
„Am 26. und 27. April 1945
erlebt Fützen die mit schwärzesten
Tage seiner Geschichte“,
schreibt Erich Schüle auf fuetzen.
de. Dokumentiert hat diese Tage
die Kriegsfotografin Germaine
Kanova (siehe Infoblock und die
Fotos auf den folgenden Seiten).
Kämpfe bei Behla verlagern sich
mehr und mehr nach Fützen. Am
Sonntag, 22. April, ziehen Teile
des 18. SS-Korps unter General
Keppler von Achdorf her in
Fützen ein, sie wollen sich über
den Randen in Richtung Bodensee
durchschlagen. Fützener
Landwirte und Pferdebesitzer
sollten dabei helfen, die schweren
Geräte über den Randen zu
schaffen.

Dies blieb den allierten
Streitkräften nicht verborgen
und bei Einbruch der Dämmerung
wurde der Ort von Behla
aus mit schweren Granaten unter
Beschuss genommen. Schon die
ersten Einschläge forderten unter
der Bevölkerung zwei Todesopfer.
Am folgenden Donnerstag,
dem 26. April 1945, wimmelte es
im ganzen Dorf von deutschen
SS-Soldaten. Sie versuchten, den
Einmarsch der Franzosen von
Grimmelshofen her zu verhindern.
Dabei kommt es zu schweren
Kampfhandlungen mit Toten
und Verwundeten. In der Folge
nehmen französische Panzer den
Ort unter Dauerbeschuss,
bald
brennt Fützen an allen Ecken und
Enden. Nach Mitternacht verlassen
die SS-Soldaten den Ort.

Unbemerkt hatten sich
bereits am Mittwoch der spätere
Bürgermeister Justin Gleichauf
und Johann Gleichauf mit dem
Fahrrad in das bereits besetzte
Blumberg auf den Weg gemacht.
Dabei hatten sie eine weiße
Fahne, sie wollten den Ort
kampflos übergeben. Da die
deutschen Truppen aber zeitgleich
einen neuen Vorstoß
unternahmen, war die Botschaft
der beiden Männer unglaubwürdig
und sie wurden kurzerhand
festgenommen.
Am Morgen des 27. April
rückten die französischen
Truppen mit ihren Panzern in
Fützen ein und machten sich auf
den Weg zur Schweizer Grenze
bei Beggingen. Hier hatten sich
in einer Heuhütte 20 Meter vor
der mit Stacheldraht bewehrten
Grenze bis zu 100 Fützener
Bürger verkrochen oder andere
unter ihren Leiterwagen Schutz
gesucht.

Endlich wurden die Absperrungen
entfernt und die total
verstörten und auch hungrigen
Menschen in dankenswerterweise
verpflegt.

13 Tote, viele Verwundete
und um die 1.000 Gefangene
befinden sich am 27. April in
Fützen. Geschütze, Munition und
Proviant für 18.000 deutsche
Soldaten werden zurückgelassen.
Ingesamt gab es in Fützen 70
stark beschädigte Häuser. 16
Familien hatten mit ihren
ausgebrannten
Häusern auch ihr
gesamtes Hab und
Gut verloren.

Germaine Kanova (1902 – 1975)
Geboren am 31. August 1902 in
Boulogne-sur-Mer, Frankreich,
war Germaine Kanova eine
Pionierin der Kriegsfotografie.
Sie ließ sich in Wien ausbilden
und eröffnete Ende der 1930er
Jahre ihr eigenes Porträtstudio
in London. Dort erlangte sie
Anerkennung für ihren dramatischen
Einsatz von Licht und
schuf Porträts von Persönlichkeiten
wie George Bernhard Shaw
und Irene Vanbrugh.

Sie engagierte sich im
Zweiten Weltkrieg in den Kreisen
der Freien Französischen
Streitkräfte, fotografierte 1942
General Charles de Gaulle. Nach
der Landung der Alliierten in der
Normandie hielt sie die Befreiung
von Paris im Bild fest und
schloss sich dem Maquis (Untergrundbewegung)
im Südwesten
Frankreichs an. Für ihren Einsatz
wurde Germaine Kanova mit
dem Orden Croix de Guerre
(deutsch: Kriegskreuz) ausgezeichnet.
Landesweite Ausstellungen
würdigen heute ihr
Schaffen.
Foto rechts: Französische Soldaten
im Gefecht mit deutschen Truppen
beim Viadukt der Sauschwänzlebahn
in Fützen.
Momentaufnahmen
des Jahres 1945 185

186
Geschichte

Foto oben: Angriff auf Fützen, wo sich Teile des 18. SS-Korps unter General
Keppler aufhalten. Am 27. April enden die Kämpfe, es befinden sich 13 Tote,
viele Verwundete und um die 1.000 Gefangene im Ort.
Links unten: Französische Sanitäter eilen zu einem Verwundeten.
Rechts unten: Fützen erleidet starke Beschädigungen, hinten der Turm
der Erlöser-Kirche.
187

188
Geschichte
Foto oben: Bei der Gefangennahme deutscher Soldaten in Fützen.
Foto unten: Wie in vielen Orten ergeben sich auch die Bürger von Stühlingen kampflos den alliierten Truppen.
Rechte Seite: Ein langer Zug deutscher Soldaten macht sich vorbei an der Fützener Antonius-Kapelle auf den Weg
in die Kriegsgefangenschaft.
XXX 189
Gefangen, verwundet, gezeichnet – deutsche Soldaten auf ihrem Weg in die Kriegsgefangenschaft. Von Fützen aus
führte ihr Marsch zunächst über Bad Dürrheim zu einer Sammelstation in Schwenningen.

192
Geschichte
27. April, Klengen
Der Villinger Hermann Riedel hat
sich wie kein Zweiter mit dem
Kriegsende im Schwarzwald und
auf der Baar beschäftigt. Der
französische Gefreite Pierre
Cordier aus dem Departement
Doubs schreibt ihm über die
Situation in Klengen: „Unter den
Gefangenen befanden sich junge
und alte Männer, Italiener und
auch Russen Der große Schulkeller
war überfüllt von Männern,
die eng aneinandergepresst
standen, die Treppenstufen
waren bis oben besetzt. Ich
erinnere mich noch an einen
alten Soldaten des Volkssturmes,
dem ich ein wenig Wasser zu
trinken gegeben habe. Dieser
Mann sagte mir, dass er 1916 vor
Verdun gewesen sei. Er weinte
sehr und seine Stimme zitterte
vor Aufregung. … Er hatte den
Eindruck eines guten Mannes
gemacht, welcher wirklich traurig
darüber war, sein Vaterland
besiegt zu sehen. Er hat dann
seine Hose ausgezogen und ich
habe gesehen, dass ein MG-Geschoss
sein Hinterteil durchbohrt
hatte. Der Mann war in der Tat
ein sehr tapferer Soldat.“
Der verwundete Soldat
Waldemar Bartler muss zusehen,
wie als Folge des Durchbruchs
deutscher Truppen am 25. April
bei Klengen sein Elternhaus
abbrennt. Als er dorthin will,
nehmen ihn französische
Soldaten fest: „Ich hörte nur noch
SS und bekam einen Schlag ins
Genick.“ Es folgte ein Verhör in
Schwenningen, wo seine Wunde
entdeckt und weiter behandelt
wird.

5. – 12. Mai
Zwischen Fützen und
Grimmelshofen spielt sich am
5. Mai eine schändliche Bluttat
ab, von der einmal mehr der
Villinger Hermann Riedel in
seinen Büchern zum Kriegsende
berichtet: „Dort werden einige
Landser von SS-Mordgesellen
erschossen, weil sich die Nazis
eine Wehrmachtsuniform
aneignen wollten, um auf diese
Weise als harmlose Landser
„stiften“ gehen zu können.
Vielleicht haben sie sich bereits
in die Schweiz gedrückt.
Mit der bedingungslosen
Kapitulation Deutschlands am
8. Mai 1945 beginnt die „Stunde
Null“. Die Angst vor dem,
was bevorsteht, eint auch die
Menschen im Schwarzwald-Baar-
Kreis. Allgegenwärtig sind der
Hunger, die Trauer um Gefallene,
die Furcht, dass Vermisste aus
dem Zweiten Weltkrieg nicht
mehr zurückkehren werden,
Hamstern nach Mehl, Eier oder
Kartoffeln – die Wohnungsnot!
Allein Schwenningen hat 1.221
Kriegstote zu beklagen.
Der Vöhrenbacher Lothar
Dold erinnert sich im 95. Lebensjahr
stehend, wie er mit seiner
Mutter Maria die Bauernhöfe bei
Eisenbach und Neustadt aufsucht,
dort mit einem Blechgeschirr
in der Hand um Nahrung
bittet. Ein Esslöffel Mehl, ein,
zwei Kartoffeln, vielleicht ein Ei
– mehr ist nicht zu bekommen.
Zu viele Menschen ziehen auf
der Suche nach Nahrung von
Bauernhof zu Bauernhof.

Weil keine Männer zur
Verfügung stehen, bekommt
Lothar Dold als 15-Jähriger eine
Anstellung als Briefträger bei der
20. – 27. April, Bad Dürrheim
Über 800 verwundete deutsche
Soldaten befinden sich am
Kriegsende in Bad Dürrheim in
sechs Lazaretten. Als ein auch
bei den Alliierten bekannter
„Sanitätsort“ blieb Bad Dürrheim
von Angriffen bislang verschont
– als jedoch am 20. April bekannt
wird, dass feindliche Truppen
bereits Villingen erreicht haben,
breitet sich große Unruhe aus.
Auf den Einmarsch der
Alliierten in Bad Dürrheim am
21. April folgen dramatische
Ereignisse in der Nacht vom 24.
auf den 25. April: Plötzlich
ziehen deutsche Truppen auf
ihrem Rückzug durch den Ort, die
französischen Streitkräfte sind
völlig überrascht. Es kommt zu
mehreren Schießereien im
Rahmen von Straßenkämpfen mit
Toten und Verletzten. Viele
Franzosen haben keine Chance
mehr, sich zu sammeln und
verstecken sich bei ihren
Quartiergebern. Dass sie von
diesen nicht verraten werden,
wird den Bad Dürrheimern
später hoch angerechnet.
Zu den tragischen Vorfällen
dieses Tages zählt der Tod von
Anneliese Grießhaber: Das
15-jährige Mädchen hört die
Gefechte und rennt auf die
Straße, um ein Kätzchen zurück
ins Haus zu holen. Ein Gewehrschuss
in die Brust tötet sie. Der
Todesschütze, ein blutjunger
Franzose, entschuldigt sich
Monate später unter Tränen
persönlich bei den Eltern.
Am Ende des Tages werden
bald 100 Tote gezählt – Zivilisten
und Soldaten beider Lager.

Momentaufnahmen
des Jahres 1945 193
Post. Die Einnahmen aus dieser
Tätigkeit helfen mit, die siebenköpfige
Familie über Wasser zu
halten.
Hannelore Glatz aus Volkertsweiler,
der späteren Ehefrau von
Lothar Dold, fällt auf: Man
bekommt in Villingen als Schülermädchen
keine Ohrfeigen von so
manchem hohen Herrn mehr,
wenn man ihn nicht mit erhobenem
Arm begrüßt …

Und es beginnt auch die
Aufarbeitung der eigenen
Geschichte: in Blumberg werden
30 Nazis von Kommunisten am
Ort denunziert, im Rathauskeller
festgehalten und im Zimmer des
Bürgermeisters von Volksgenossen
geschlagen, wie Hermann
Riedel berichtet.
In Hondingen müssen alle
Männer weiße Armbinden
tragen. Wer etwas mit der NSDAP
zu tun hatte, muss zusätzlich
zwei schwarze Bänder anbringen.
Die schwarz-weiß Fotos rechts
wurden nachträglich koloriert, um
die technisch grenzwertigen
Bilddokumente für den Betrachter
aufzuwerten. Von ob. links bis
Mitte: Alliierte Soldaten in Furtwangen
und Villingen am Münster – gefürchtet
waren die Marrokaner.

Unten: Vernichteter deutscher
Militärtross bei Bad Dürrheim, April
1945.
194
Geschichte
Mai, Furtwangen
In den ersten Wochen kam es in
Furtwangen zu keiner dauernden
Besetzung. Französische Truppen
zogen meist recht schnell durch
den Ort. Die tatsächliche Macht
übten die Kriegsgefangenen, aber
auch die russischen und polnischen
Zwangsarbeiter aus. In
diesen kritischen Tagen erwarb
sich der Sprecher der französischen
Kriegsgefangenen Robin
mit seiner Umsicht bleibende
Verdienste um die Stadt. Übergriffe
gegen die nun schutzlose
örtliche Bevölkerung konnte er
weitgehend verhindern, was ihm
1980 mit einer Ehrung gedankt
wurde.

Die ersten Truppen, die länger
in Furtwangen verweilten, waren
die Spahis. Gefürchteter als die
algerischen Spahis waren die
marokkanischen Goumiers, die im
Juli 1945 die Spahis ablösten.
Auch die „Schwarzwald-Lichtspiele“
in der Bismarckstraße wurden
mit den Marokkanern belegt.
Diese Kolonialtruppen waren
wegen ihrer Brutalität, vor allem
den Frauen gegenüber, sehr
gefürchtet.

Foto:
In der Villa „Heimatblick“ residierte
der Ortskommandant Leutnant
Boisecq – hier eine Fotografie aus
dem Alltag. Für Furtwangen gibt es
eine ganze Serie an Bilddokumenten
zur Besatzungszeit 1945. Die
Transporteinheit
nutzte vier
beschlagnahmte Tankstellen und
eine Werkstatt für den Fuhrpark. Im
„Hotel Ochsen“ war das
Offizierskasino
eingerichtet.

195
196
Geschichte
Juli, Niedereschach
Detailliert schildert
der
katholische Pfarrer Krieg für
Niedereschach die Zeit nach
der „Stunde Null“: „Mit sehr
verringerter Belegschaft
arbeiten
zwar die hiesigen Fabriken seit
Sommer 1945 wieder, aber mit
verkürzter Arbeitszeit und meist
nur mit den noch vom Krieg her
vorhandenen Rohstoffen.

Bei nicht wenigen Menschen,
besonders Jugendlichen, ist
bedingt durch den Zusammenbruch
und oft noch mehr durch
Nahrungsnot eine wirkliche
Arbeitsunwilligkeit festzustellen.
Moralisch geschwächt und
verwildert durch die Nazi-
Unkultur suchen sich viele
Jugendliche und manche
durch Kriegsleid heimgesuchte
Ehefrauen aus ihrer drückenden
Lebensnot und dem in ihnen
bohrenden Pessimismus einen
Ausgleich in Vergnügungssucht,
besonders in Tanzwut und
mancherlei unsittliche Exzesse.
Gestützt oft durch Verlockungen
und materielle Versprechungen
von der anderen Seite.

Die Reaktion der Volkspsyche
auf den Mord an einer
hier evakuierten, verheirateten
Frau durch einen Marokkaner,
der sie vorher geschwängert
hatte, ließ schließen, wie tief
die moralischen Begriffe und
Werte bei manchen gesunken
sind. Das Versagen der Schule
im 3. Reich und vor allem der
etwa anderthalbjährige Ausfall
jeglichen Unterrichts während
des Krieges hat der Jugend sehr
geschadet.“

8. August, Villingen
Der SÜDKURIER meldet: „Die
Stadtgemeinde von Villingen
überreichte dem französischen
Detachementschef eine Summe
von 100.000 RM. zu Gunsten
einer französischen Stadt, die
unter den Greueln und Verwüstungen
der „SS“ besonders
schwer gelitten hat. Der Brief des
Stadtrates an den Militärgouverneur
von Villingen lautet: „Der
Landkreis Villingen, den Sie seit
zwei Monaten mit ebenso viel
Strenge wie Gerechtigkeit
regieren, erkennt in vollem
Ausmaße die Gnade der Vorsehung,
die diesen Kreis von
Zerstörungen durch den Krieg
fast vollkommen verschont ließ.
In dem Bewusstsein der Verwüstungen,
die dieser schreckliche
Krieg besonders Ihrer Nation
brachte, würde es sich der
Landkreis zur Ehre anrechnen,
seinen besonderen Teil zu dem
Reparationszweck (für Frankreich)
beitragen zu können.

Der Landkreis bittet um die
Genehmigung, eine durch die
„SS“ verwüstete französische
Stadt zu adoptieren. Zunächst
stellt Ihnen die Stadt Villingen
eine Summe von R.M. 100 000.–
zu Gunsten einer französischen
Stadt zur Verfügung, deren Wahl
sie Ihnen überlässt. Weiterhin
soll, Ihr Einverständnis vorbehalten,
der Bevölkerung die Möglichkeit
gegeben werden Textilien,
Schuhe, Hausrat, Spielzeug
für Kinder usw. auf Grund von
Haussammlungen Ihren französischen
Landsleuten zuzusenden.“
April / Mai, Rohrbach
In Rohrbach bei Furtwangen
erlebt die Engländerin Christabel
Bielenberg wie schon eingangs
geschildert, die letzten Kriegsmonate.
Von ihnen erzählt sie in
ihrem Buch „Als ich Deutsche
war 1934 – 1945“. Sie schildert
ohne Datumsangabe einen
Besuch im Amtszimmer des
Bürgermeisters unmittelbar vor
oder nach Kriegsende: „Am
Abend ging ich hinüber zum
Ratszimmer, da ich Licht brennen
sah und die Möglichkeit bestand,
daß Sepp und der Bürgermeister
dort wie üblich an ihrem Schreibtisch
sitzen würden. Sie waren
tatsächlich da, und ich bemerkte
zu meiner Freude, daß ihr
Verhalten mir gegenüber sich
nicht geändert hatte; sie waren
nicht weniger freundlich und
auch nicht achtungsvoller als
sonst – ich war eine der Ihren.
Nach einiger Zeit beschlich
mich aber das unheimliche
Gefühl, daß irgend etwas – oder
war es irgend jemand? – im
Zimmer fehlte. Hinter ihren
Schreibtischen, über ihren
Köpfen war an der Wand ein
großer, viereckiger, heller, leerer
Fleck. Sepp und der Bürgermeister
schienen zu spüren, wonach
ich suchte, denn sie widmeten
sich höchst geschäftig ihren
Papieren.

„Wo ist er denn?“ fragte ich,
nach einer ziemlich langen
Pause. Ohne den Kopf zu heben,
nickte Sepp zu einem großen,
eisernen Ofen hin, der in der
Ecke vor sich hinbullerte und
eine gewaltige Hitze ausströmte

197
6. Oktober,
Villingen / Vöhrenbach
Am 1. Oktober wurde durch die
Militärregierung die Ausgehzeit
für die Bevölkerung der Stadt
Villingen auf die Zeit von 5 Uhr
bis 22 Uhr festgesetzt. Die hier
für Villingen im SÜDKURIER
gemeldeten Zeiten galten auch in
den anderen Orten.

Bericht der Vöhrenbacher
Stadtverwaltung im SÜDKURIER
zur Lage im Jahr 1945: „Am 25.
April wurde unser Städtchen
kampflos den französischen
Truppen übergeben. Dadurch ist
unser Ort unversehrt erhalten
geblieben. An der Spitze der
Gemeinde amtiert seit jenen
Tagen der frühere Ratschreiber
Faller als Bürgermeister. In
wirtschaftlicher Hinsicht ist
schon mancher Fortschritt zu
verzeichnen. Verschiedene
Betriebe arbeiten wieder, wenn
auch noch nicht mit voller
Belegschaft.

Die Nachbargemeinde
Langenbach hat wieder ihren
eigenen Gemeinderat, der
Bürgermeisterposten wird
kommissarisch vom Bürgermeister
von Vöhrenbach versehen.
Die Kartoffelversorgung für
den Winter ist sichergestellt,
ebenso der Bedarf an Brennholz.
Unser eigenes Kraftwerk hat sich
in dieser schweren Übergangszeit
voll und ganz bewährt und
konnte teilweise noch die
Nachbargemeinden mit Strom
versorgen.“

2. Oktober, Villingen
Der SÜDKURIER berichtet: „Eine
der ersten Maßnahmen der
neuen Stadtverwaltung Villingen
war die Entfernung aller Zeichen,
die an die Naziherrschaft
erinnerten. Vor allem wurden die
entsprechenden Straßennamen
geändert. Die Bevölkerung hat
sich sehr rasch wieder an die
alten Namen gewöhnt.

Der Zugverkehr auf dem
Villinger Bahnhof wird immer
lebhafter. So verkehren jetzt
allein zwischen Offenburg und
Radolfzell über Villingen täglich
vier Zugpaare, darunter ein Paar,
das den Besatzungsangehörigen
vorbehalten ist.

Ferner verkehrt in Richtung
Donaueschingen—Hinterzarten
ein Personenzug. In Richtung
Rottweil—Tuttlingen—Immendingen
verkehren zwei Personenzüge.
… Der Andrang der Reisenden
zu all diesen Zügen ist sehr stark,
sodass teilweise Zulassungskarten
ausgegeben werden müssen.
Weiter heißt es im SÜDKURIER:
„Das Jahr des Abschlusses
des zweiten großen Weltkrieges
bringt auch in Villingen auffallende
Erscheinungen. Vor allem die
hohe Zahl der Sterbefälle springt
ins Auge. In den ersten acht
Monaten dieses Jahres sind nicht
weniger als 317 Personen mit
Tod abgegangen, während es im
gleichen Zeitraum des Vorjahres
208 waren, sodass jetzt schon
ein Mehr von 109 Todesfällen im
Jahre 1945 zu verzeichnen ist.“
16. September,
Schwarzwald und Baar
Wieder ist es der SÜDKURIER der
aus dem Alltag im Schwarzwald
und von der Baar berichtet:
„Fahren wir durch das Land von
Konstanz nach Rheinfelden, von
Rheinfelden nach Villingen und
von dort zum See, so sehen wir
kaum Fabrik-Ruinen. Einige
Zerstörungen in Radolfzell, eine
Brandstelle in Gottmadingen,
unbedeutende Beschädigungen
in Singen, einiges in Donaueschingen
und Villingen. Kaum
an einer dieser Stellen dürften
Schäden entstanden sein, die die
Produktion für längere Zeit
unmöglich machen könnten.
Überall sieht man fleißig Hand
sich regen, um den Schaden zu
beseitigen und alle Behinderungen
wegzuschaffen, oft ist der
Schaden kaum noch bemerkbar.
Alle Fabriken unserer Gegend
waren im Augenblick des
Zusammenbruchs noch in Gang,
allerdings hatten die immer
katastrophaler werdenden
Verkehrsverhältnisse und die
Einwirkungen der Kriegslage das
Tempo der Arbeit durchweg
verlangsamt. Dieser Umstand
dürfte der Grund sein, daß die
Eindeckung der Werke mit
Rohstoff im Augenblick des
Zusammenbruchs, allgemein
gesehen, nicht ungünstig war.“

Momentaufnahmen
des Jahres 1945
198
4. – 6. Oktober,
Donaueschingen
Im SÜDKURIER steht zu lesen:
„Wer gegenwärtig im Glanz der
herrlichen Septembersonne die
Hochebene der Baar durchfährt,
mag angesichts der herrlichen
Landschaftsbilder den Eindruck
gewinnen, als ob auch hier die
Einwirkungen des Krieges sich in
mäßigen Grenzen gehalten
hätten. Dem ist nicht überall so.
Die Landkreisstadt Donaueschingen
selber hat in der Zukunft
allergrößte Aufgaben zu lösen,
um Wohnwesen, Handel und
Wandel wieder in geordnete
Verhältnisse zu bringen. …

Von den in „ohnmächtigem
Unverstand“ in letzter Stunde
gesprengten fünf Brigachbrücken
im Stadtgebiet sind die Schloßbrücke
und die Schützenbrücke
wieder hergestellt. Die Solbadbrücke
ist wieder provisorisch
begehbar. An der Käferbrücke
sind die Arbeiten in Angriff
genommen. Vom Landratsgebäude
blieb buchstäblich kein Stein
auf dem andern. Die Diensträume
sind jetzt im F. F. Kammergebäude,
wo sich auch das Gouvernement
befindet. Auf einen
kleinen Restteil beschränkt sind
die bombardierten Anlagen des
städtischen Schlachthofes. Der
völligen Vernichtung anheim fiel
daneben die Gewerbehalle, der
untere Teil der Max-Egon-Straße,
Zeppelinstrasse, die halbe
Rosentraße, die gesamte Wasserstraße,
ein gut Teil der Käfer- und
Herdstraße, auch mehrere
umliegende Gebäude des
Viehmarktplatzes. Weiter ist
auch die staatliche Stadtmühle
zerstört, unweit davon das
Sägewerk Buck und viele
Anwesen an der Neuen Wolterdinger
Straße und der oberhalb
liegenden Eigenheimsiedlung.
Starke Verwüstungen erlitt die St.
Lorenzstraße und die nähere
Nachbarschaft der Hindenburgkaserne.
Die militärischen Gebäude
sind ebenfalls vielfach in
Mitleidenschaft gezogen. An
altehrwürdigen Stätten sind
vernichtet die Sebastiankapelle
und die Friedhofkapelle. Von
Letzterer blieben nur einige
Quadratmeter Mauerwerk übrig.
Der Friedhof selbst ist hart
mitgenommen. Längere Zeit
mußten die Donaueschinger
Toten ihre letzte Ruhestätte in
Allmendshofen finden. Stadtkirche
und Schloß kamen mit
Dach- und Fensterschäden
davon. Sehr verwüstet ist die
protestantische Kirche, ihre
Kulturräume befinden sich jetzt
im Gemeindehaus in der Kronenstraße.
Auch in nicht gewerblicher
Straßenlage sind einzelne
Gebäude vernichtet.

Sehr ernstlich zu spüren
bekamen die letzten Kriegshandlungen
des unseligen Krieges
ebenso die Baarstädte und Orte
Hüfingen, Bruggen, Wolterdingen,
Sunthausen, Behla, Randen,
Pfohren, Geisingen und Immendingen.“
Weiter heißt es: „Mit Zustimmung
der französischen Militärregierung
des Landes Baden
ist
Gerichtsassessor Dr. Robert
Lienhart in den Dienst der
badischen allgemeinen und
inneren Verwaltung übernommen
und gleichzeitig zum Landrat des
Kreises Donaueschingen ernannt
worden.“

30. Oktober,
St. Georgen / Triberg
Für St. Georgen beschreibt der
SÜDKURIER die Situation wie
folgt: „Nach amtlicher Feststellung
sind zu verzeichnen:
Insgesamt 151 Gebäudeschäden,
darunter 4 % Totalschäden, 25 %
leichtere Schäden. Der Gesamtschadensbetrag
beläuft sich auf
etwa 1 Mio. RM. Nicht begriffen
darin ist der ganz enorme
Glasschaden an Fensterscheiben,
der beinahe jedes einzelne Haus
mehr oder weniger schwer
betroffen hat.

So haben denn unsere
Handwerker alle Hände voll zu
tun, bemühen sich redlich um die
Beschaffung des notwendigen
Baumaterials, um noch vor dem
Einzug des Winters jedem
Geschädigten nach besten
Kräften zu helfen. Mit dem
Wiederaufbau der totalgeschädigten
Häuser in der Stadt
konnte dieses Jahr noch nicht
begonnen werden.“

Aus Triberg berichtet die
Lokalpresse: „Seit der Besetzung
durch französische Truppen am
24. April nimmt das Leben in
Triberg einen ruhigen Verlauf.
Der Eisenbahnverkehr ist, wenn
auch vorläufig, nur eingleisig
wieder aufgenommen worden.
Die sinnlos zerstörten Brücken
und Tunnels bedürfen zu ihrer
Wiederherstellung allerdings
eines erheblichen Arbeitsaufwandes.
Besonders angenehm
wird das gute Funktionieren der
Straßenbeleuchtung empfunden.
Verschiedene Betriebe haben die
Friedensproduktion wieder
aufgenommen.“

Geschichte
199

13. November 1945,
Landkreis Donaueschingen
Über die Kriegsschäden im
Donaueschinger Umland berichtet
der Landkreis: „Größere
Verwüstungen weisen auf die
Orte Aasen, ganz zerstört
5
Gebäude, 6 teilweise, Achdorf 2
und 56, Behla 9 und 1, Blumberg
12, Bräunlingen 2 und 162,
Döggingen 2 und 24, Donaueschingen
124 und 719, Eßlingen
4 und 1, Fützen 15 und 74,
Geisingen 4 und 114, Hintschingen
2 und 33, Hüfingen 9 und
252, Immendingen 5 und 107,
Ippingen 16 und 23, Mauenheim
7 und 4, Neukirch 4 und 1,
Oefingen 9 und 45, Pfohren 10
und 81, Riedböhringen 5 und 10,
Sunthausen 5 und 7, Wolterdingen
15 und 69, Zimmern ganz
zerstört 17, teilweise 19.“
31. November 1945; Villingen
Dank der wieder freien Presse
sind den örtlichen Zeitungen
immer mehr Informationen über
das alltägliche Leben zu entnehmen.
Der SÜDKURIER meldet aus
Villingen: „Unser Bahnhof nimmt
allmählich wieder ein friedensmäßiges
Aussehen an. Die durch
die Kriegsereignisse zerstörte
große Maschinenhalle wird
gegenwärtig in ihrer alten
Ausdehnung wiederhergestellt.
Auch die Gleisschäden sind
behoben und die zerstörten
Wagen beseitigt. – Die Schüler
der Klassen Sexta und Quinta der
Oberschule und die Schüler der
Klassen Quarta und Untertertia
werden demnächst wieder mit
dem Unterricht beginnen.“

zu lindern und nicht nur die
materiellen, sondern ist es immer
wieder das Bestreben, auch die
ideellen Wunden zu heilen, die
sich oft heftiger äußern, als die
ersteren.

Stadttheater, Musikabende
und Vorträge und andere
kulturelle Veranstaltungen sind
bestrebt, den Bewohnern des
Kreises Anregung und Mut zu
geben, an den Wiederaufbau der
Heimat zu denken.
Auch der Schulbetrieb ist
im Kreis sehr vorangeschritten.
Es ist eine der vornehmsten
Aufgaben des Landrates, nicht
nur die Heimkehrenden, sondern
auch der künftigen Jugend alle
Fürsorge angedeihen
zu lassen.

Die Kreisstelle des Roten
Kreuzes sorgt in vorbildlicher
Weise für Gefangene, Durchreisende
und sonstige der
Betreuung bedürftiger Personen.
Die Bereinigung von
unerwünschten Anhängern
der Nazi-Partei ist rasch
fortgeschritten. Alle diese
Faktoren zusammenfassend,
lassen die Hoffnung aufkommen,
daß der Kreis Villingen zur
Jahreswende mit einem guten
Start in das Neue Jahr 1946
beginnen kann.

Viele neue Aufgaben sind
bereits für das kommende
Jahr in Angriff genommen. Sie
lassen der Hoffnung Raum, daß
das Jahr 1946 ein wirkliches
Friedensjahr im wahrsten
Sinne des Wortes wird und ein
menschenwürdigeres Dasein mit
sich bringen mag.“

31. Dezember 1945,
Kreis Villingen
Recht bange Tage erlebten der
Kreis und die Stadt Villingen in
den letzten Phasen des Krieges
im Monat April und nicht zuletzt
bei den endgültigen Kämpfen
in der Umgebung von Villingen
selbst, wie aus einem Beitrag
im SÜDKURIER hervorgeht:
„Außer der Gemeinde Bad
Dürrheim ist der Kreis, im ganzen
gesehen, glimpflich aus diesen
Kämpfen hervorgegangen.
Glücklicherweise fanden sich
am Ende dieses unseligsten
aller Kriege beherzte Männer,
die in den kritischen Stunden
das Geschick der Stadt und
des Kreises in die Hände
genommen haben. Diesen war
es zu verdanken, daß sich
alsbald wieder Vertrauen in
der Bevölkerung bemerkbar
machte und somit die ersten
Anfangsschwierigkeiten der
Besatzung überwunden waren.
Zunächst galt es für die nötige
Beschäftigung zu sorgen und
dank der Fürsorge des Landrats
konnten in Bälde zahlreiche
Betriebe des Kreises wieder die
Arbeit aufnehmen, wenn auch
nicht in vollem Umfang. Die
Gründung einer Handelskammer,
die gleichfalls auf Betreiben
des Landrats erfolgt ist, hat
diesen Bestrebungen der
Wiederankurbelung recht guten
Vorschub geleistet, und dürfte in
der Person des Geschäftsführers
Herrn Dr. Schlenker zu den
besten Erfolgen berechtigen.
Die zuständigen Stellen des
Kreises, wie Bürgermeister
Bräunlich als Stadtoberhaupt
von Villingen, sind unablässig
bemüht, die entstandene Not
Momentaufnahmen
des Jahres 1945

200
Geschichte

„Wer unter dem Schirm des
Höchsten sitzt“
VON ELKE REINAUER

Schwenningen 1945 – eine Geschichte der Nächstenliebe
Ein Netzwerk der Hilfe

In Schwenningen besteht während der Kriegsjahre
ein Netzwerk der Hilfe, als Teil der sogenannten
„Pfarrhauskette“ der evangelischen Kirche. Deren
Mitglieder verbergen Juden in Pfarrhäusern und an
anderen Orten, um den rechten Augenblick für die
gefährliche Flucht in die Schweiz abzupassen. Im
Nazi-Deutschland droht diesen Menschen das
Konzentrationslager und damit der Tod. Die Hilfe
wird von der „Sozietät“ innerhalb der sogenannten
„Bekennenden Kirche (BK)“ organisiert, dem auch
Laien wie die Eltern von Albrecht Benzing angehören.
Während die Amtskirche zu den Judenverfolgungen
lange Zeit eher schweigt, wird von der „Sozietät“
in Stuttgart die Pfarrhauskette gestartet.

Es handelt sich bei der „Bekennenden Kirche“ um
eine Oppositionsbewegung evangelischer Christen
gegen Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und
Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche
(DEK) mit dem Nationalsozialismus. Als einheitliche
Opposition gegen das NS-Regime fungiert die BK
jedoch nicht, was die Arbeit des Schwenninger
Netzwerkes innerhalb der „Sozietät“ erschwert: Teile
Schwenningen 1945: Teile der Stadt liegen nach Bombenangriffen in Trümmern. Gefährliche
Tage liegen hinter den Menschen – auch hinter Albrecht Benzing, der als 10-jähriger
Bub zudem in eine Rettungsaktion für jüdische Mitmenschen involviert war, in die
„Pfarrhauskette“ der evangelischen Kirche. Das Kriegsende
bringt allerdings nicht sofort
Frieden, sondern Besatzung, Hunger und Unsicherheit. In den Straßen patrouillieren
französische Soldaten, in den Fabrikhallen
stehen fremde Militärfahrzeuge. Für die Kinder
wird die schwer
getroffene Heimatstadt zum gefährlichen Abenteuer-Spielplatz.
Albrecht Benzing
Albrecht Benzing – „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt“ 201
der „Bekennenden Kirche“ bleiben dem Führerstaat
treu und bejahen auch den Zweiten Weltkrieg.

80 Jahre später sitzt der heute 90-Jährige in
seinem Arbeitszimmer und erinnert sich als Teil
dieser Hilfe zurück an einen Code, den er sozusagen
durch die Stadt „zu tragen hatte“. Die Familie
Benzing lebt in der Hegelstraße 72, der 10-jährige
Albrecht wächst dort zusammen mit vier Geschwistern
auf. Im Helferkreis allerdings wird von der
Hegelstraße nur noch als „72“ gesprochen. Immer
wenn diese Zahl genannt wird, ist das Wohnhaus der
Familie Benzing gemeint.

Albrecht Benzing schildert: „Nur ein kleiner Kreis
durfte wissen, was das bedeutet. Denn es war eine
Zeit, in der meine Eltern Lydia und Eberhard äußerst
verschwiegen sein mussten. Beispielsweise konnte
es bedeuten, dass sich die Schwenninger Vikarin
Margarete Hoffer bei uns versteckt hielt, was
mehrfach der Fall war. Margarete Hoffer ist damals
35 Jahre alt und pflegt wie Pfarrer Weber enge
Verbindungen zur „Sozietät“. (s. Beitrag auf S. 204).
Die Hilfe für jüdische Menschen umfasste vor allem
die Zeit von Pfarrer Gotthilf Weber (ab 1936 im Amt)
und Vikarin Margarete Hoffer (ab 1941).

Mit dem Schuh-Müller-Transporter
in die Schweiz geflüchtet
Albrecht Benzing kann zu dieser Fluchthilfe viele Details
nennen, auch zu seiner Aufgabe: „Meine Eltern
hatten mir eingebläut, was ich zu sagen hatte, wenn
eine Flucht geglückt war: ‚Wer unter dem Schirm
des Höchsten sitzt‘. Ich klingelte dann an der Türe
bestimmter Häuser und sagte diesen einen Satz.
Er bedeutete: Ein Transporter der Schwenninger
Firma Schuh-Müller war einmal mehr mit zwei, drei
jüdischen Mitmenschen, versteckt in mit Schuhen
beladenen Paletten, über die Schweizer Grenze gefahren.
Am Steuer saß ein Mann namens Neumann,
ein Nazi-Gegner. Er war der entscheidende Mann,
seine Nerven durften nicht versagen. Der Transport
war sehr gefährlich, der Fahrer musste immer damit
rechnen, erwischt zu werden.“

Der Transporter überquerte die Grenze zur
Schweiz in Thayngen bei Blumberg. Dass er zur
Verfügung
stand, ist dem Umstand zu verdanken,
dass Albrecht Benzings Mutter eine geborene Müller
war. Die Firma „Schuh-Müller“ lieferte Militär- und
Die Familie Benzing im Kriegsjahr 1944 mit den Eltern
Lydia und Eberhard, Albrecht (neben dem Vater), Hartmut,
Hermann, Gudrun und Hans Martin.
Albrecht Benzing – seit Jahrzehnten
ehrenamtlich für Flüchtlinge aktiv
Der Schwenninger erlernte das Schreinerhandwerk
bei Möbel-Bürk, arbeitete in Stuttgart und
besuchte gleichzeitig die Abendschule. Nach vier
Arbeitsjahren in der Schweiz kehrt er 1960 nach
Stuttgart zurück, besteht die Schreiner- sowie
Industriemeisterprüfung und studiert schließlich
Holzingenieurwesen. 1965 macht sich Albrecht
Benzing mit dem Unternehmen „Möbel Exquisit“
selbstständig.

Im Jahr 1990 gab er sein Geschäft im Alter von
55 Jahren auf, um sich intensiv der Flüchtlingsarbeit
widmen zu können, die er seit nunmehr über
40 Jahren ehrenamtlich bewältigt. Für die
Albrecht Benzing im Übrigen eigenes Vermögen
einsetzte und für die er 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet wurde.
Als Kirchengemeinderat gründete er 1980 die
Friedensgruppe in der evangelischen Kirchengemeinde
Schwenningen. Weiter gehört er 1995 zu
den Gründungsmitgliedern der Stiftung „Neue
Hoffnung“, wird zudem Kirchenbezirksbeauftragter
für Flüchtlinge und Migration. Im Rückblick
sagt er, dass er es genau so wieder machen
würde. Diese und weitere Details finden sich im
Almanach 2016 (s. S. 70).

202

Geschichte
Polizeischuhe in die Schweiz – auch während des
Zweiten Weltkrieges war das erlaubt. Und so bot sich
die Chance, jüdische Mitbürger in den Fahrzeugen zu
verstecken. Sie hielten sich in Hohlräumen unter den
Paletten verborgen. Und zwar bewusst ganz vorne
bei der Türe, weil da keiner gesucht hätte, sondern
wenn, dann im hinteren Bereich, berichtet Albrecht
Benzing.

Selbstmord beim Luftangriff
am 22. Februar 1945
Doch nicht immer ging die Hilfe glücklich aus: Die
berühmte jüdische Opernsängerin Margarethe
Sterneck aus München lebte mehr als ein Jahr lang
im Johannespfarrhaus (s. Beitrag S. 204). Auch ihr
gleichfalls jüdischer Mann Berthold Sterneck ist ein
gefeierter Sänger an der Bayerischen Staatsoper.
Doch nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
bekommt er Berufsverbot und wird
zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er erkrankt schwer
und stirbt 1943. Tochter Johanna kann mit einem
Kindertransport nach Großbritannien gerettet werden,
Sohn Kurt wird in ein Konzentrationslager und
später in ein Zwangsarbeiterlager verschleppt. Doch
beide Kinder überleben den Holocaust, was die
Sängerin zum Zeitpunkt ihres Todes nicht wissen
kann: Margarethe Sterneck bricht unter all diesen
Schicksalsschlägen zusammen und setzt während
eines Luftangriffs
auf Schwenningen am 22. Februar
1945 ihrem Leben aus Verzweiflung ein Ende. Damit
die Helfer der Pfarrhauskette nicht auffliegen, wird
die Verstorbene als evangelische Polin unter einem
Decknamen beerdigt (s. S. 205).

„Meine Eltern waren immer sehr engagiert, wenn
es galt, Juden zu helfen“, blickt ihr Sohn Albrecht
im
Gespräch über das Jahr 1945 zurück. Und fährt fort:
„Mut brauchte es unbedingt dazu. Weil auch in der
Kirchengemeinde niemand mehr dem anderen trauen
konnte. Es gab die sogenannten Deutschen Christen,
die saßen in der Kirche ganz vorne, teilweise in
Auch Schwenningen muss beim Bombenangriff der
Alliierten am 22. Februar 1945 schwerste Schäden hinnehmen,
hier das Areal beim Bahnhof.

Albrecht Benzing – „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt“ 203
Uniform. Dann gab es die ‚Bekennende Kirche‘ und
die ‚Sozietät‘, die diese Hilfe leistete. Und da haben
meine Eltern dazugehört.“

Mut bewies die Familie Benzing auch in anderer
Hinsicht: Vater Eberhard war engagiertes SPD-Mitglied
– doch das passte seinem damaligen Arbeitgeber
nicht, der Firma Kienzle. Albrecht Benzing:
„Mein Vater war Ingenieur, verrichtete eine wichtige
Tätigkeit und wurde dennoch nach Frankreich versetzt.
Er sagte damals über sein Engagement für die
Pfarrhauskette: ‚Diese Verfolgten sind Deutsche wie
wir.‘ Und die Mutter meinte: ‚Wir haben fünf gesunde
Kinder, da muss man anderen doch helfen, denen
es nicht so gut geht!‘“

Auch Wanderwege dienen als Fluchtrouten
Doch nicht nur mit dem Laster der Firma „Schuh-Müller“
wurde Juden zur Flucht in die Schweiz verholfen.
Das grenznahe Blumberg samt Umgebung
galt auch als bekanntes Wandergebiet. So kundschaftete
die Familie Benzing, teils zusammen mit
der Vikarin Hoffer, Wege aus, die einen hoffentlich
unbemerkten Grenzübertritt gestatteten. Albrecht
Benzing erinnert sich an die Unterhaltungen zu diesem
Thema und erläutert: „Man konnte sich in dem
unwegsamen Gebiet tatsächlich leicht verirren. Also,
wenn man zu Fuß die Grenze überqueren wollte und
dabei erwischt wurde, konnte man sagen, man hatte
sich verirrt.“ Die Benzings brauchten diese Ausrede
einmal selbst. „Wir gingen sonntags an der Grenze
spazieren, als Familie“, so Sohn Albrecht. „Natürlich,
um die Gegend auszukundschaften. Und auf einmal
stand ein deutscher Grenzbeamter da, wie aus dem
Nichts.“

Erinnerungen an die „Stunde Null“
Als der Krieg endlich vorbei ist, beginnen für Jungen
wie Albrecht Benzing neue, gefährlich-spannende
Zeiten. Er ist bei Kriegsende
zehn Jahre alt – und
erinnert sich an waghalsige Ausflüge in Militärlager
und unzählige Soldaten in der Stadt. „Ich habe Bilder
im Kopf von Franzosen, die das Haller-Werk der
Firma Kienzle besetzen, hauptsächlich Marokkaner.“
Vor der Firma stand ein Bus des deutschen Militärs.
„Wir Buben sind in den Bus rein, da waren Handgranaten,
Zünder und Geschosse drin. Wir haben das
Pulver von den Gewehren in andere Geschosse
gefüllt und diese zur Explosion gebracht. Das hat
ganz schön geknallt und gebrannt“, erinnert sich
Benzing und lacht.

Im Schwenningen der „Stunde Null“ ist er
zusammen mit Freunden viel auf Streifzügen
unterwegs. Ebenso in Dauchingen: Am dortigen
Ortseingang gibt es ebenfalls ein Militärlager, doch
es wird bewacht… Albrecht Benzing: „Weil ich klein
war, musste ich durchs Fenster klettern und herbeischaffen,
was interessant für uns schien, während
die Großen derweil Wache standen“. An diesem Tag
kam er mit einem Stahlhelm auf dem Kopf und einer
Gasmaske nach Hause. „Ich hab vom Vater den
Ranzen voll gekriegt“, erinnert er sich.
Die erbeuteten Handgranaten brachten die Jungs
dann zur Explosion: „Wir haben den Zünder gezogen
und die Granate im Wald so weit wie eben möglich
in die Höhe geworfen. Die Explosion war derart
heftig, dass die Tannenzapfen von den Bäumen
rieselten.“ Die Zapfen sammelte Albrecht Benzing
zusammen mit den Freunden ein, sie waren als
Brennmaterial begehrt. Je nach Menge gab es dafür
eine oder zwei Mark. Keine ungefährliche Aktion:
Zahlreiche Buben sind bei ähnlichen Handlungen
gestorben oder haben schwerste Verletzungen
davongetragen. Ein Freund von Albrecht Benzing
starb beim Zünden einer Panzerfaust.
Der Kreis schließt sich am Schluss des Gespräches
über das Jahr 1945 und die „Stunde Null“: Aus dem
Bub, der in ausgesuchte Schwenninger Häuser einst
Botschaften der Hoffnung trug, ist ein Mann geworden,
der – auch in Erinnerung an seine Familie – seit
Jahrzehnten Flüchtlingen in Deutschland hilft. Die
Mittel haben sich geändert, die Menschlichkeit der
Familie Benzing ist geblieben.

Wir haben fünf gesunde
Kinder, da muss man anderen
doch helfen, denen es nicht
so gut geht!

Lydia Benzing

204

Geschichte

Margarete Hoffer

„Nächstenliebe
ist Widerstand!“
VON SYLVIA GÜRTLER

1941 kommt die österreichische Theologin Margarete Hoffer nach Schwenningen und wird
Teil der „Württemberger Pfarrhauskette“. Eines Netzwerks, das von Konzentrationslagern
und vom Tod bedrohten Juden zur Flucht in die nahe Schweiz verhilft. So fährt Margarete
Hoffer mit dem Fahrrad über Land, sammelt heimlich Lebensmittel für diese Verfolgten
und gibt Schutz, wo Gefahr lauert. In ihrem Roman „Die Vikarin. Margarete Hoffer – Widerstand
im Dritten Reich“ zeichnet die Schwenninger Autorin Brigitte Liebelt präzise und
wortgewaltig nach, wie aus gelebter Nächstenliebe ein Akt des Widerstands gegen das
NS-
Regime wird. So lässt sie Geschichte wieder lebendig werden und setzt der Theologin
aus Österreich für ihr Wirken in Schwenningen in den Jahren 1941 - 1945 ein mehr als
300-seitiges literarisches Denkmal.

Der Roman „Die Vikarin. Margarete
Hoffer – Widerstand im Dritten
Reich“ führt in die 1940er-Jahre
nach Schwenningen, in eine
Arbeiter- und Uhrenstadt, die sich
mit den erzwungenen politischen
Veränderungen schwertut. Er
erzählt von einheimischen
Sozialdemokraten, die ermordet
werden, von Pfarrern, die
Flugblätter schreiben und von Jugendlichen, die für
ihre Überzeugungen verhaftet werden. Im Mittelpunkt
steht aber immer wieder Margarete Hoffer
– mutig, pragmatisch, menschlich.

Wie entdeckte die Schwenninger
Diplombibliothekarin,
Krankenschwester, Mutter von
sechs Kindern und aktive Gestalterin
christlicher Begegnungen in
ihrer Gemeinde diesen neuerlichen
„Stoff“? Wo genau entstand
die Idee, nach ihrem ersten
Roman „Im Dienst der Hoffnung.

Friederike
Fliedner – die Pionierin
der Diakonie“, einen zweiten biografischen Roman
zu schreiben, nun über die österreichische Theologin
Margarete Hoffer? Eine Theologin, die in Schwenningen
in den 1940er-Jahren als sogenannte „Vikarin
Margarete Hoffer
Margarete Hoffer 205
auf Kriegszeit“ – Frauen durften zur damaligen Zeit
noch nicht Pfarrerin sein – in der Johannesgemeinde
eingesetzt ist, weil Pfarrer Erich Kurz zum Kriegsdienst
eingezogen wird. Gemeinsam mit dessen Frau
Lotte Kurz schließt sich Margarete Hoffer der
„Württemberger Pfarrhauskette“ an und gewährt
verzweifelten Verfolgten Schutz vor den Nazi-Schergen,
ist doch Schwenningen ein idealer Zufluchtsort.

Brigitte Liebelt schreibt in ihrem Roman: „Das
politische Klima in Schwenningen als ein letztes
Glied in der Kette vor der Schweizer Grenze war für
eine Art ‚Umschlagplatz der Menschlichkeit‘ nicht
ungünstig. Dennoch, das Risiko blieb für jeden, der
sich beteiligen würde.“ […]
Begegnung mit dem Sterneck-Enkel
Es war bei der Verlegung der Stolpersteine und dem
Anbringen einer Gedenktafel am Pfarrhaus der
Johanneskirche, als Brigitte Liebelt auf Peter
Sanders, den Enkel von Margarethe Sterneck traf.

Auf den Enkel der Opernsängerin, die sich in den
letzten Kriegsmonaten in Schwenningen das Leben
nahm, nachdem sie vor den Nazis flüchtend und sich
in ständiger Todesgefahr befindend über ein Jahr
Zuflucht und Schutz im Johannespfarrhaus bei
Margarete Hoffer und Lotte Kurz gefunden hatte. Die
Sorge um ihre Kinder, aber auch das verheerende
Bombardement von Schwenningen (s. S. 202) trieb
die verzweifelte Frau im Februar 1945 in den
Selbstmord. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf
dem Schwenninger Waldfriedhof – möglich war ihre
Beisetzung nur durch das Ausstellen falscher
Papiere, die sie als Polin Anni Czerny auswiesen und
der Bereitschaft des Pfarrers der Paulusgemeinde,
Richard Schäfer, diese Täuschung mitzutragen. Wäre
sie unter ihrem wirklichen Namen begraben worden,
hätte das sämtliche Helfer in Gefahr gebracht.
Bei Pfarrer Richard und seiner Frau Anne Schäfer
handelte es sich um Gleichgesinnte. Auch sie
Das Pfarrhaus der Schwenninger Paulusgemeinde. Auch
dort wurden verfolgte Menschen durch Pfarrer Richard
Schäfer versteckt, ihnen so die Flucht in die nahe Schweiz
ermöglicht.

Margarethe
Sterneck – mit der
Machtergreifung der
Nationalsozialisten
folgen für die
Opernsängerin mit
jüdischen Wurzeln
Berufsverbot,
Ausgrenzung und
Erniedrigung.

206
Geschichte
beherbergten „Rasse- und Glaubensjuden“ in ihrem
Pfarrhaus der Paulusgemeinde.
Beeindruckt habe sie, blickt Brigitte Liebelt
zurück, dass Peter Sanders versöhnende Worte fand
und dass diese Begegnung eine gute gewesen sei.
Sie war letztlich der Auslöser, sich die außergewöhnliche
Vita von Margarete Hoffer genauer anzuschauen,
die im Übrigen nicht nur Margarethe Sterneck
Schutz vor den Nazi-Schergen geboten hatte.
Wer war Margarete Hoffer?

Eine Versetzung bringt sie 1941 als Vikarin der
Johannesgemeinde nach Schwenningen. Nicht nur als
Seelsorgerin, sondern ebenso als Teil eines Netzwerks,
die erwähnte „Württemberger Pfarrhauskette“.
Dahinter verbergen sich Menschen, die Verfolgten
Unterschlupf bieten, für sie eine Fluchthilfe in die
nahgelegene, neutrale Schweiz organisieren. Mehr als
einmal riskierte die Vikarin, die wie Dietrich Bonhoeffer
zur „Bekennenden Kirche“ gehörte, dabei ihre eigene
Sicherheit. Bonhoeffer, der wohl bekannteste evangelische
Theologe und Widerstandskämpfer und erbitterter
Nazigegner, wurde auf ausdrücklichen Befehl Adolf
Hitlers noch am 5. April 1945 im KZ Flossenbürg
hingerichtet, war er doch einer der letzten NS-Gegner
und an den Hitler-Attentatsplänen beteiligt.

Als Margarete Hoffer bei einer ihrer Erkundungsfahrten
mit dem Fahrrad von einer Grenzpatrouille
entdeckt wird, befindet sie sich gleichfalls in Gefahr.
Sie gibt vor, nach Pilzen gesucht zu haben… Auf der
Rückfahrt lässt Brigitte Liebelt die Vikarin in ihrem
Roman eingestehen: „Um ein Menschenleben zu
retten, durfte nichts unversucht bleiben und kein
Risiko zu groß sein. Sie würde es jederzeit wieder
tun. Aber – natürlich wollte sie leben. 37 ist kein
Alter, in dem man lebenssatt gehen wollte und schon
gar nicht auf diese Weise.“

In Schwenningen gibt es mutige Mitstreiter
Das Engagement Margarete Hoffers in Schwenningen
war nur dadurch möglich, dass es zahlreiche
Mitstreiter gab, die ihrem Gewissen folgten und im
Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand gegen das
Naziregime leisteten. Die Pfarrer der drei evangelischen
Gemeinden in Schwenningen verkündeten
ihre Solidarität mit Juden sogar von der Kanzel und
gingen dadurch, ihrem Glauben verpflichtet, ein
enormes persönliches Risiko ein.

Auch der spätere Oberbürgermeister Hans Kohler
beschaffte falsche Papiere für jüdische Mitbürger.
Selbst Polizeichef August Keller verhalf Schwenninger
Juden im Rahmen seiner Möglichkeiten zur
Auswanderung.

Ein Kunstgriff der Autorin Brigitte Liebelt ist in
ihrer biografisch-romanhaften Darstellung der
Ereignisse die Einführung der fiktiven Figur Elly
Haller. Durch sie ist es möglich, in das Innenleben
der tatsächlichen Zeitzeugen einen Einblick zu
erhaschen, in einen Alltag zwischen Angst, Solidarität
und innerem Widerstand. Oder wie die Autorin
ausführt: „Die meisten Personen in diesem Buch
haben wirklich gelebt. Rein fiktiv sind die Protagonisten
Elly Haller und Jochen Schindler sowie deren
Familien und Freunde.“ Und weiter: „Die Schilderung
der historischen Personen ist natürlich nur die
Interpretation dessen, was ich über sie in Erfahrung
bringen konnte.“

Zunächst macht die Schwenningerin Elly bereits
in Wien die Bekanntschaft von Margarete Hoffer, die
dort in der evangelischen Jugendarbeit wirkt,
während das junge Mädchen ihre Tante Julie, die
sich einen komplizierten Armbruch zugezogen hat,
im Haushalt unterstützt. Als sich die Ereignisse in
Wien überschlagen, jüdische Mitbürger drangsaliert
und schikaniert werden, der Mann ihrer Tante als
„Judenfotograf“ gebrandmarkt wird und ihrer engen
Freundin Lea in letzter Minute die Flucht nach
Shanghai geglückt war, kehrt Elly ins heimische
Schwenningen zurück.
Dort muss Elly erfahren, dass ihr Vater nicht
länger mit der Herstellung von Uhren betraut ist,
sondern dass die Produktion nun auf die Herstellung
von Zeitzündern für Granaten und Bomben umgestellt
worden war.

Um ein Menschenleben zu
retten, durfte nichts
unversucht bleiben und kein
Risiko zu groß sein.

Margarete Hoffer 207
Schwenninger Widerstand
Bereits beim „Anschluss“ Österreichs an Deutschland
im März 1938 wird deutlich, dass diese politische
Zeitenwende in Schwenningen auf Widerstand
stoßen würde. Obwohl auch hier Sympathien für das
Hitlerregime vorhanden sind, gelingt es Brigitte
Liebelt in ihrem Roman durch fiktive Einschübe
beispielsweise den Konflikt darzustellen, den Elly mit
einer ihrer Freundinnen hat, die sich in einen
SS-Angehörigen verliebt hat.

Elly freundet sich mit der Pfarrersfrau Lotte Kurz
an, die keine Romanfigur ist und tatsächlich eine
Unterstützerin der „Württemberger Pfarrhauskette“
war und mutig jüdischen Mitbürgern wie beispielsweise
der bereits genannten Opernsängerin Margarethe
Sterneck oder der Berliner Sozialarbeiterin
Herta Pineas in ihrem Haus Unterschlupf und Schutz
gewährte.

Ellys Eltern sind im Roman Mitglieder der
„Bekennenden Kirche“, in deren Aktivitäten die
junge Frau zunehmend eingebunden wird und sich
im geschützten Rahmen der Kirchengemeinde in
ihren Freund aus Kindertagen verliebt, der wegen
einer Gehbehinderung nicht von der Wehrmacht
eingezogen wird.

Eindrücklich wird in Brigitte Liebelts Werk
beschrieben, wie sich die politisch verschärfende
Situation auch in Schwenningen bemerkbar macht.
So wird beispielsweise die Tragödie des Fahrradhändlers
und überzeugten Sozialdemokraten Karl
Schäfer geschildert, der wegen ‚Hochverrats‘
angeklagt und im berüchtigten Welzheimer Polizeigefängnis
am 8. Mai 1938 ermordet wird. Auch an
ihn erinnert ein Stolperstein in der Talstraße 25 in
Schwenningen.

Nachdem die kirchlichen Kindergärten geschlossen
werden, verfassen die Pfarrer Erich Kurz und
Gotthilf Weber ein Flugblatt, das dazu führte, dass
Pfarrer Weber denunziert, diffamiert und inhaftiert
wird. Nach breitem Protest der Schwenninger
Bevölkerung wird er jedoch aus der Untersuchungshaft
wieder entlassen und in „einer Art Triumphzug
vom Bahnhof abgeholt“, wie Liebelt schreibt. Er sei
keiner gewesen, „der den Mund hielt“.

Mit dem Fahrrad unterwegs, um
Lebensmittel für Verfolgte zu hamstern
Im Kriegsjahr 1941 trifft die Romanfigur Elly Haller
auf Margarete Hoffer, die Pastor Erich Kurz während
dessen Dienst in der Wehrmacht vertritt und im
Pfarrhaus mit dessen Frau Lotte und deren Kindern
wohnt.

Legendär und von vielen Zeitzeugen überliefert
ist das Bild von Margarete Hoffer, die sich auf ihrem
Fahrrad, just zur Mittagszeit, in die ländlichen
Gebiete rund um Schwenningen begibt, dort
notgedrungen zum Mittagessen eingeladen wird und
zusätzlich Lebensmittel hamstert. Bald ist sie als
Schnorrerin verschrien, ahnt doch niemand, dass sie
ihre eigenen, so wertvollen Lebensmittelmarken und
auch die ergatterten Lebensmittel für ihre jüdischen
Schützlinge dringend benötigt.

Eine weitere hoch angesehene Schwenninger
Persönlichkeit ist Kurt Schlenker, ein Sohn des
damaligen CVJM-Vorsitzenden Christian Schlenker,
des „Vereins Christlicher Verein Junger Menschen“,
der mit dem oben bereits erwähnten Pfarrer Gotthilf
Weber viele immens gefährliche Aktionen umsetzte,
um junge Menschen vor den ideologischen Übergriffen
des Regimes zu bewahren. Wie Brigitte Liebelt in
ihrem Roman skizziert, sei bereits das Verlesen von
Fürbitten verboten gewesen. Weiter heißt es: „Außer
der Fürbitte forderte Pfarrer Weber die Gemeinde
auf, an die Inhaftierten und ihre Familien Karten und
Briefe zu schreiben, um den Kontakt aufrechtzuerhalten
und sie zu ermutigen.“

Verhör und Folter für einen 18-Jährigen
Kurt Schlenker selbst sei nach einem von Pfarrer
Weber regelmäßig organisierten Vorträgen zu den
Gräueltaten in den Konzentrationslagern, gerade
Pfarrer Weber forderte die
Gemeinde auf, an die
Inhaftierten und ihre
Familien Karten und Briefe
zu schreiben, sie zu
ermutigen.

208
Geschichte

18-jährig von der Gestapo verhaftet worden. Er hatte
es gewagt, das an diesem Abend Gehörte in der
Jugendgruppe weiterzuerzählen. Brigitte Liebelt auf
Seite 104: „Drei Tage lang wurde er verhört und
gefoltert. Dann gelang es seinem Onkel, dem
Schwenninger Polizeirat August Keller, ihn freizubekommen.“
Und weiter: „Dreimal versuchte Kurt
Schlenker mit dem Fahrrad bei Nacht die Schweizer
Grenze zu passieren. Dann kam er zurück, bleich und
entmutigt. Die Grenze war zu gut gesichert.“
Und auch diese Geschichte wird in „Die Vikarin“
erzählt: Anna Maria Schlenker, eine Tante Kurt
Schlenkers, fiel den Nazis 1940 in Grafeneck zum
Opfer. Dort beginnt im Januar 1940 das Ermorden
von Menschen mit Behinderung aus verschiedenen
Heilanstalten. 1941 dann wird das Programm auf
Juden, Sinti und Roma ausgedehnt. An seine Tante
Anna Maria erinnert sich Kurt Schlenker anlässlich
einer Gedenkstunde: „Als Betroffener danke ich für
diese Gedenkstunde. Wir können diese mörderischen
Ereignisse nicht ungeschehen machen. Ich
schäme mich für die Schuld meiner Generation.“
Doch wie endet der Roman „Die Vikarin“?

Das letzte Kapitel im Buch ist überschrieben mit
„Nachkriegstage“. Mit der Rückkehr von Pfarrer Erich
Kurz im Herbst 1945 weiß Margarete Hoffer, dass
ihre Schwenninger Zeit somit vorbei ist. Oder wie
Brigitte Liebelt ihr Werk schließt und Margarete
Hoffer sagen lässt: „Ihr Dienst in Schwenningen war
getan, aber sie war überzeugt davon: Gott würde
Margarete Hoffer
( 1906 – 1991)
Margarete Hoffer wurde am 31. Juli 1906 in Marburg
an der Drau geboren, 1912 übersiedelte die Familie
nach Graz. 1908 und 1913 wurden ihre beiden Brüder
Wilfried und Heinrich geboren – beide glühende
Anhänger des Naziregimes.

Schon früh reifte in Margarete Hoffer der
Wunsch, Theologie zu studieren, was zur damaligen
Zeit in Wien noch nicht möglich war, weshalb sie in
Kiel, Leipzig und Tübingen studierte und schlussendlich
1931 in Wien ihr Examen ablegte. Zunächst
arbeitete sie als Religionslehrerin und widmete sich
der Jugendarbeit innerhalb der evangelischen Kirche.
Bald engagierte sie sich, ebenfalls noch in Wien,
in judenchristlichen Frauenkreisen und unterstützte
schon in den 1930er-Jahren die Ausreise jüdischer
Mitbürger. Als der Religionsunterricht in Österreich
1938 ausgesetzt wurde, ging sie nach Deutschland,
wo sie 1941 von der württembergischen Landeskirche
„auf Kriegsdauer“ als Vikarin in Schwenningen
eingesetzt wurde.

Unmittelbar nach Kriegsende legte sie „ein
Rastjahr“, so Hoffer selbst, an der Universität in
Tübingen ein, wo sie zum Thema „Metanoia“– in der
christlichen Theologie oft mit „Bekehrung“ oder
„Reue“ übersetzt, promoviert. Ab 1947 wirkte sie in
ihrer österreichischen Heimat weiter, bevor sie
schließlich am 17. März 1991 in Graz in der Steiermark
verstarb.
1952 wurde Margarete Hoffer mit dem silbernen
Verdienstzeichen des Landes Steiermark ausgezeichnet.
Im Jahr 2012 schließlich ist sie posthum von der
israelischen Gedenkstätte Yad Vashem für ihren Mut
bei der Rettung von Juden geehrt worden und ihr
wurde der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“
zuerkannt. Damit gehört sie zu den weltweit 27.000
Personen, die mit diesem Ehrentitel
ausgezeichnet
wurden – rund 110 davon sind Österrreicher.
Margarete
Hoffer,
Portrait aus
ihrer Zeit nach
Schwenningen.

Margarete Hoffer 209
weiter mit ihr gehen, in neue Aufgaben, neue
Herausforderungen. Sie war bereit.“
Tatsächlich beginnt sie an der Tübinger Universität
mit der Arbeit an ihrer Dissertation, weil ihr
Gesuch um die Wiederaufnahme in den Kirchendienst
Österreichs zunächst abgelehnt wird und erst
ab 1947 wieder möglich ist.

Was macht den Roman „Die Vikarin. Margarete
Hoffer – Widerstand im Dritten Reich“, 2024 im
Verlag Gerth Medien erschienen, so fesselnd? Ist es
die Tatsache, dass die Autorin Brigitte Liebelt hier in
einer doppelten Rolle wahrgenommen werden kann:
Hier die überzeugte, praktizierende Christin, dort die
packend erzählende, akribisch recherchierende
Schriftstellerin?

Dass dieses Engagement und diese Hingabe
wertgeschätzt wird, zeigt sich in den vielen gut
besuchten Lesungen der Autorin, im Echo der Presse
– nicht nur vor Ort im heimischen Schwarzwald-
Baar-Kreis, sondern auch im österreichischen
Fernsehen und Rundfunk.

Ziviler Mut in einem totalitären Staat
Ganz offen gesteht die Schwenningerin, dass sie sich
beim Recherchieren für diesen Roman sehr oft
gefragt habe: „Wie hätte ich wohl selbst in dieser
Zeit gedacht und gelebt?“ Oder wie Brigitte Liebelt
im Nachwort des Buches beschreibt: „Die Menschen
konnten nicht absehen, dass die Zeit des Hitlerregimes
begrenzt war. Sich irgendwie darin ‚einzurichten‘,
um mit einigem Anstand zu ‚überleben‘, lag
daher nahe. Der zivile Mut gegenüber der totalitären
Diktatur hatte eine politische Qualität, die man nicht
unterschätzen darf.

Verfolgte zu verstecken und Lebensmittel und
andere notwendige Dinge zu beschaffen ist vordergründig
keine politische Tat, aber es ist eben eine
solche in einem Staat, der vollständige Unterwerfung
und Identifikation mit seinen Zielen verlangt.
Die Menschen, die das taten, entzogen sich diesem
Absolutheitsanspruch des Staates und unterliefen
seine Ziele. Sie erkannten Handlungsspielräume in
scheinbar aussichtslosen Situationen und sie
entdeckten Gleichgesinnte, mit denen sie sich
austauschen konnten und so resistenter gegenüber
der Denkweise und den Ansprüchen ihrer Zeit
wurden.“

Und so bleibt als Fazit die bange Frage: Sollten
wir uns angesichts der Krisen unserer Zeit nicht weit
dem Grundsatz öffnen: Ich kann nicht alles ändern,
aber ich kann handeln – hier und jetzt ?
Ihre Wiederaufnahme in den
Kirchendienst wird nach
dem Zusammenbruch des
Dritten Reiches vorerst
abgelehnt und ist Margarete
Hoffer erst 1947 wieder
möglich.

Die Vikarin
Margarete Hoffer –
Widerstand im
Dritten Reich
Biografischer Roman,
350 Seiten, Hardcover
ISBN 13: 9783986950514
Die Schwenninger
Autorin Brigitte Liebelt
hat mit „Die Vikarin“ im
Jahr 2024 ihr zweites
Buch veröffentlicht. Das
in bereits 2. Auflage
vorliegende Werk stößt
auf große Resonanz.

Lebensfragen, Leiterwagen und
Lieblingskuchen – Auf den Spuren
Albert Schweitzers in Königsfeld
VON DANIELA SCHNEIDER

150. Geburtstag und 60. Todestag

Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 211
„Die Zeit in Königsfeld war die schönste meines Lebens.“ Diesen Satz schrieb der
90-
jährige Albert Schweitzer kurz vor seinem Tod an eine Bekannte. Zu diesem Zeitpunkt
blickte er auf ein langes, bewegtes und bewegendes Leben zurück. Schweitzer
starb am 4. September 1965 im Urwaldhospital von Lambaréné, das er selbst 1913
gegründet
und fortan aufgebaut hatte und mit dem er weltweite Bekanntheit erlangte.
2025 gibt es gleich zwei Anlässe, an den Urwalddoktor zu erinnern: Der 150. Geburtstag
– der berühmte Elsässer kam vor 150 Jahren, am 14. Januar 1875, in Kaysersberg zur
Welt – und ebenso sein 60. Todestag. Das Doppel-Jubiläum
war Anlass, 2025 zum „Albert-
Schweitzer-Jahr“ zu erklären. Und es ist auch ein guter Grund, sich auf die Spuren
zu begeben, die der Theologe, Arzt, Philosoph, Musiker und Friedensnobelpreisträger in
jenem Ort hinterlassen hat, über den er im erwähnten Brief an seine Bekannte schrieb:
„In Königsfeld konnte ich ruhig arbeiten, hatte eine Orgel, konnte in den Wald gehen,
hatte viele Freunde. Tief bewegte mich, dass meine Weltanschauung der Ehrfurcht vor
dem Leben ihren Weg in der Welt macht. Mit dieser Philosophie habe ich mich schon in
Königsfeld befasst, im Walde von Königsfeld.“

Spuren von Albert Schweitzer im Rathaus
Heute hat der Kurort einen Bürgermeister namens
Fritz Link – und wer etwas über Königsfeld im
Allgemeinen und seine Beziehung zu Albert
Schweitzer im Besonderen erfahren möchte, ist bei
ihm genau an der richtigen Adresse.

Allein schon beim Betreten des Rathauses begegnet
ihm und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
der Gemeindeverwaltung der bekannte
Urwaldarzt und Weltbürger buchstäblich auf Schritt
und Tritt. Im Treppenhaus zeigt eine Skulptur des
Bildhauers Fritz Behn einen nachdenklichen und in
sich gekehrten Albert Schweitzer. Dies ist nur eine
von zahlreichen Darstellungen des bekannten Mannes
mit dem markanten Schnauzbart, die sich hier
mehr oder weniger überall finden.

Im ersten Obergeschoss wartet eine Schweitzer-
Ausstellung mit zahlreichen Exponaten in etlichen
Vitrinen auf, mit Aufnahmen von Schweitzer,
etwa an der Orgel von Königsfeld oder auf Spaziergängen
im Ort, mit gerahmten Zitaten, Büsten, Erinnerungsstücken
aus Lambaréné – hier den Überblick
zu gewinnen, ist nicht ganz einfach.
Aber Bürgermeister Link kann weiterhelfen.
Dieser hat sein Büro gleich nebenan. Und ganz abgesehen
von all den Erinnerungsstücken,
die ihn und
seine Rathausmannschaft umgeben, hat er nicht nur
ein immenses Faktenwissen zu Albert Schweitzer parat.

Vielmehr wird im Gespräch mit ihm recht schnell
ebenso deutlich: Sein Respekt für diesen Mann,
seine Hochachtung vor dessen Lebensleistung ist
groß. Und das gilt ebenso für seinen Wunsch, dass
möglichst viele Menschen wissen oder erfahren, wer
Albert
Schweitzer war, was er bewirkte. Und: Wie
spannend auch die Geschichte ist, wie die Mitglieder
der Familie Schweitzer in diese Gemeinde kamen,
hier arbeiteten, wohnten, Kontakte pflegten und
schöne, aber durchaus auch schwere Stunden erleb-
Links: Albert Schweitzer und das Tonmodell für die Bronze-
Büste, die der Maler und Bildhauer Otto Leiber 1929 in
Königsfeld anfertigte.

212
Geschichte

ten (siehe Infokasten). Gerne verweist der Bürgermeister
auf eine gute Quellenlage. Ein zielsicherer
Griff in den Bücherschrank fördert einen Band des
Kompendiums „Albert Schweitzers Erben“ zutage.
Darin ist Königsfeld ein ganzes Kapitel gewidmet.

Dass die Person Albert Schweitzer heutzutage in
der Retrospektive auch kritisch gesehen wird – als
ein Kind seiner Zeit mit ihren kolonialen Denkmustern,
als jemand, der sich auf „zivilisatorischer Mission“
in Afrika sah, als jemand, der den Menschen in
Lambaréné sagte, dass er ihr Bruder, aber ihr „großer
Bruder“ sei – stößt bei Fritz Link mit Blick auf den
historischen Kontext Schweitzers auf Verständnis.
So habe Schweitzer auch Zeit seines Lebens nie die
örtlichen Stammessprachen gelernt, merkt er an.
Und dennoch: Was Schweitzer geleistet hat, seine
immense und nachhaltige Aufbauarbeit, bleibt für
ihn als Lebenswerk bestehen.

Besuch in Lambaréné
Bei einem Besuch einer Königsfelder Delegation
im Jahr 2013 in Lambaréné konnte sich der Bürgermeister
auch persönlich davon überzeugen, wie die
Arbeit dort bis heute erfolgreich fortgeführt wird.
Besonders freut ihn, dass dort dank einer großen
Königsfelder
Spendenaktion ein Fahrzeug für eine
Mutter-Kind-Station mitten im Busch ebenso finanziert
werden konnte, wie mit der Spendenaktion
2025 hoffentlich eine Solarbeleuchtung oder eine
neue Pumpentechnik für das Spital.

Bürgermeister Link betont zudem, dass das
entscheidende Ziel des Hauses in Königsfeld sei,
das unglaublich vielfältige Denken Schweitzers als
einem der letzten Universalgelehrten in Erinnerung
zu rufen.

Sein geistiges Werk manifestiere sich in
umfangreichen schriftstellerischen Arbeiten eben-
Im Rathaus von Königsfeld ist Albert Schweitzer allgegenwärtig.
Im Arbeitszimmer von Bürgermeister Fritz Link
steht diese Skulptur von Fritz Behn, die den Ehrenbürger
der Gemeinde als Organist zeigt.
Bürgermeister Link über Albert
Schweitzer: Seine Vorstellung
der Achtung vor dem Leben in
allen Facetten – heute vielleicht
nötiger denn je.

In der Ausstellung im Rathaus wimmelt es nur so von
Informationen über Albert Schweitzer und Königsfeld.
Bürgermeister Fritz Link kennt sie alle.
Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 213
1922 hatten Albert Schweitzer und seine Frau Helene
Schweitzer-Bresslau eine damals noch bis zum
Waldrand reichende Grundstücksparzelle an der
jetzigen Ecke Schramberger Straße und Albert-Schweitzer-
Weg von der Evangelischen Brüderunität in
Herrnhut erworben. Darauf ließen sie ihr Haus
errichten, das 1923 bezugsfertig war, errichtet nach den
Plänen des Stuttgarter Architekturprofessors Wilhelm
Weigel.

Aber warum eigentlich ausgerechnet Königsfeld?
Den Kurort kannte das Ehepaar von früheren Besuchen.
Die lungenkranke Helene
Schweitzer-Bresslau war hier
schon zu Kuraufenthalten,
sie hatten in der Gegend ihre
Flitterwochen verbracht.
Der Ort bot sich nun als
neue Heimat an, weil Helene
Schweitzer-Bresslau weiter
krank war, geschwächt
zusätzlich durch die Folgen
der Internierung, in der sie
– verdächtig als Deutsche
im französischen Kolonialgebiet
– bis 1918 hatte ausharren
müssen. Zudem war
die 40-jährige Frau schwanger.
Und sie fühlte sich offenbar
im Straßburg der
Nachkriegszeit nicht mehr
heimisch. Vom Heilklima in
Königsfeld versprach man
sich auch einen guten Einfluss
auf ihre Gesundheit.
Weil ihr Mann – als Urwalddoktor und Organist weithin
berühmt – den Entschluss gefasst hatte, wieder nach
Lambaréné zurückzukehren, sie ihn aber aus gesundheitlichen
Gründen nicht begleiten konnte, fiel die Wahl
auf Königsfeld, um der Familie hier ein festes Domizil
zu errichten.

Am 1. Mai 1923 konnte das Ehepaar Schweitzer
schließlich mit Tochter Rhena das Wohnhaus beziehen.
Fortan lebten vor allem Mutter und Tochter hier, während
Albert Schweitzer oft auf Reisen und vor allem oft
in Lambaréné war. Für Helene Schweitzer-Bresslau war
ihre Zeit hier nicht leicht, wie man heute unter anderem
aus ihren Aufzeichnungen weiß. Sie war eine einsame
Frau in diesem Ort, in dem es ihr schwerfiel, Kontakte zu
knüpfen, während ihr Mann in der Welt unterwegs war.
Viel lieber, so machte sie es selbst oft deutlich, wäre sie
bei ihm gewesen, in Lambaréné oder wo auch immer.
Für Albert Schweitzer hingegen, so schreiben es seine
Biografen, war Königsfeld „stets ein Refugium, ein
selbst gewählter Ort der Ruhe, an dem er sich manchmal
nur für Tage oder Wochen von seiner ärztlichen Tätigkeit
im tropischen Lambaréné erholen und seiner schriftstellerischen
Arbeit widmen
konnte.“ Hier übte er an der
Orgel, hier gab er auch Konzerte
im Kirchensaal.
Tochter Rhena besuchte
die Zinzendorfschulen und
zeitweise auch das dortige
Internat, wenn ihre Eltern
im Ausland waren.

1933 verließen die Halbjüdin
Helene Schweitzer-Bresslau
und ihre Tochter
Rhena Deutschland während
der Nazizeit; sie lebten erst
in der Schweiz, dann kurz in
Amerika, dann in Frankreich
und schließlich wieder in der
Schweiz. In ihrem Wohnhaus
in Königsfeld wurden
zeitweise Flüchtlinge untergebracht,
was auch in der
Nachkriegszeit noch der
Fall war, als die Schweitzers
wieder zurückkehrten und nun nur noch das Erdgeschoss
bewohnten.

1949 hat der Königsfelder Gemeinderat entschieden,
Schweitzer zum bislang einzigen Ehrenbürger zu
machen.
Die Würde wurde ihm anlässlich seines 75. Geburtstages
verliehen, übrigens Jahre bevor er den Friedensnobelpreis
überreicht bekam.
1957 starb Helene Schweitzer. 1959 wurde das Grundstück
samt Gebäuden der Evangelischen Brüdergemeinde
in Königsfeld vermacht, der das Anwesen bis heute
gehört.

So kam Familie Schweitzer nach Königsfeld – und so lebte sie hier
Familie Schweitzer, Albert, Rhena, und Helene.
214
Geschichte
so wie in theologischen Schriften und sei in einem
eigenständigen
philosophischen Denkgebäude seiner
Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ etabliert.
Ein Beispiel? Das Schlagwort Nachhaltigkeit –
bei Schweitzer spielte es bereits eine Rolle, als es
noch keine Modeerscheinung der Jetztzeit war. Seine
Vorstellung der Achtung vor dem Leben in allen
Facetten – heute vielleicht nötiger denn je. „Für uns
ist er daher auch ein Vorbild für die ökologische Ausrichtung
unserer Kommune“, sagt Fritz Link, „es gilt,
die Natur zu achten, dafür Sorge zu tragen, dass sie
auch für künftige Generationen weiter besteht.“
Mit einer gewissen Besorgnis beobachtet der
Königsfelder, dass das Andenken aber langsam etwas
zu verblassen droht. 2013 sei eine repräsentative
Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach
veröffentlicht worden. Fast 50 Jahre nach Schweitzers
Tod war dieser demnach rund 88 Prozent der
Deutschen bekannt und 26 Prozent zählten ihn zu
ihren wichtigsten Vorbildern. Würde man die Umfrage
heute noch einmal lancieren – es gäbe wohl
– obwohl Schweitzer selbstredend immer noch eine
bekannte Persönlichkeit ist – ein nicht mehr ganz
so beeindruckendes Ergebnis. Umso wichtiger also,
dass an Orten wie Königsfeld die Erinnerung an diesen
besonderen Mann, seine Frau und auch deren
Tochter Rhena wachgehalten wird, die nach dem
Tod der Eltern viel für den Erhalt der Klinik in Afrika
getan hat.

Lebensmittelpunkt der Familie Schweitzer
Während nun anderswo das Jubiläumsjahr für
verschiedenste Veranstaltungen und Veröffentlichungen
genutzt wurde, ist in Königsfeld immer und
jedes Jahr Schweitzer-Zeit. Schließlich steht hier das
Haus, das die Familie ab 1923 bewohnte – und hier
wird in einer detailreichen Ausstellung eindrücklich
an sie erinnert. Die freundliche Aufforderung von
Bürgermeister Link ist daher eindeutig: Wer mehr
über Albert Schweitzer und Königsfeld erfahren
möchte, muss dazu vom Rathaus aus nur die paar
Der frühere Haupteingang war auf der anderen Seite des Gebäudes gelegen. Über der Tür im Portikus sind die Namen der
Bauherren, das Baujahr 1923 und diese erhaltene Inschrift zu lesen: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern
die zukünftige suchen wir – Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen.“ – diese Textstellen stammen aus den Briefen
des Apostels Paulus. Auch sie schmücken das Haus.
215
Schritte zu dem freundlichen Bau am Rand des
Doniswalds hinüber gehen.

Hier steht das denkmalgeschützte Albert-Schweitzer-
Haus, in dem 2001 im Erdgeschoss eine
Gedenkstätte als „Forum für Information und Kommunikation“
errichtet wurde. Sie gilt als ein „wichtiger
Ort für die Bewahrung und Fortführung des
humanitären und geistigen Werkes Albert Schweitzers“
und macht auch rein äußerlich mit den hellen
Holzschindeln, dem Mansarddach und den charakteristischen
Schleppgauben einen einladenden
Eindruck. Bürgermeister Link verweist noch darauf,
dass das, was im Inneren an Objekten fragmentarisch
erhalten wurde, eher stellvertretend dafür zu
verstehen ist, wie die Familie hier lebte. „Das Haus
ist das Ausstellungsstück an sich“, sagt er. Das einzige
eines Friedensnobelpreisträgers, zumindest in
Baden-Württemberg und alleine schon deshalb ein
Objekt mit beachtlichem Stellenwert.

Der Historische Verein Königsfeld führt die Begegnungsstätte
mit einer ständigen Ausstellung über
Leben und Werk Albert Schweitzers und seiner Frau
Helene. Wer hier zu den üblichen Öffnungszeiten
vorbeischaut, kann zum Beispiel auf Daniel Müllhäuser
treffen. Er gehört zu einem rührigen Team von
Ehrenamtlichen, die es ermöglichen, dass das Haus
von Besucherinnen und Besuchern erkundet werden
kann. Sie betreuen die Begegnungsstätte als Aufsichten
und organisieren Führungen nach Voranmeldung
bei der Tourist-Info.
An einem sonnigen Sonntag im August sitzt also
Daniel Müllhäuser an der Kasse im Schweitzer-Haus
in dem hellen, früher als Glasveranda genutzten Eingangsbereich.
An der Seite zur Schramberger Straße hin zeigt ein Schild
an, dass hier das Albert-Schweitzer-Haus steht. Heute
betreten die Besucher das Gebäude über die ehemalige
Veranda.
Daniel Müllhäuser aus Königsfeld-Neuhausen gehört
zum Team der ehrenamtlichen Helfer im Albert-Schweitzer-
Haus. Hier hält er das Gästebuch mit all den vielen
Einträgen in seinen Händen.
… wichtiger Ort für Bewahrung
und Fortführung des
humanitären und geistigen
Werkes Albert Schweitzers.
Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld

216
Geschichte
Der Mann an der Kasse plaudert freundlich mit
einem Ehepaar aus dem Schwäbischen. Woher sie
kommen, hat er gerade im Gespräch erfahren. Ob
es ihnen denn gefallen habe, fragt er noch und freut
sich über die Antwort: „Ja, es war sehr interessant“.
Das motiviert ihn, hier weiter mitzuhelfen. Er hat viel
Freude daran, wie er sagt, der Aufwand hält sich in
Grenzen, man trifft nette Menschen und das Thema
ist interessant. Vielleicht, so hoffen er und seine Mitstreiter,
finden sich ja noch weitere Leute, um hier
mit auszuhelfen.

Während er noch erzählt, dass sich diese gerne
beim Historischen Verein dafür melden dürfen, stehen
schon die nächsten Besucher in der Eingangstür.
Daniel Müllhäuser kassiert den Eintrittspreis und erklärt
ihnen dabei kurz, dass die Ausstellung sich über
das Erdgeschoss des ehemaligen Wohnhauses der
Familie Schweitzer erstreckt und in sieben Räumen
deren Leben und Werk zeigt. Die Besucher bedanken
sich und machen sich auf, das Haus zu erkunden.
Rundgang durch die Lebensstationen
Über die knarzenden Holzdielen geht es in den
ersten Raum, das ehemalige Wohnzimmer, das sich
dem ethischen Werk Schweitzers, seinem Grundsatz
„Handeln – einfach ein Mensch sein …“ widmet.
Hier steht zum Beispiel auch das tropentaugliche
Pedalklavier, das Schweitzer einst geschenkt bekam.
Den Weg nach Afrika hat dieses Instrument zwar nie
angetreten und in Königsfeld spielte er auch nicht
darauf, weil es zu seinen Lebzeiten stattdessen in
seiner Heimatgemeinde Gunsbach im Elsass stand.
Sehenswert ist es aber allemal und bespielt werden
Das tropentaugliche Pedalklavier von Albert Schweitzer
stand zu seinen Lebzeiten in seiner Heimatgemeinde
Gunsbach im Elsass.

Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 217
könnte es womöglich übrigens auch noch: 2025
wurde eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen,
um auf diesem und einem weiteren Pedalklavier
eine CD einzuspielen. Sie soll speziell der Jugendzeit
Albert Schweitzers gewidmet sein und den Titel
„Zu Gast bei Onkel Bery – französische Salonmusik
und Jugendkompositionen von Albert Schweitzer“
tragen. Damit wird auch an den Kosenamen erinnert,
den der junge, musikbegeisterte Schweitzer in
seiner eigenen Familie verpasst bekommen hatte.
Dass er natürlich nicht immer der bärtige, ältere
Herr mit Tropenhut war, der am hier ebenfalls aufgestellten
Spazierstock flanierte oder auf dem breiten
Schreibtischstuhl Platz nahm, wird übrigens in
diesem ersten
Ausstellungsraum auch sehr deutlich
untermauert dank zahlreicher Aufnahmen aus seiner
Kindheit und Jugend.

Geht man als Besucher in den nächsten Raum,
erfährt man etwas über das gemeinsame Werk Helene
und Albert Schweitzers. Hier dreht sich alles
um das Spital in Afrika, das sie zusammen ins Leben
gerufen haben („Lambaréné ist das Symbol meines
Denkens“).

Raum drei widmet sich dem Leben und Wirken
Helene Schweitzer-Bresslaus in den Jahren 1897 bis
1924 („Wir wollen miteinander für etwas leben“) und
im vierten Raum wird unter der Überschrift „Eine
Heimat in Königsfeld“ eine kleine Baugeschichte des
Hauses präsentiert.
Raum fünf widmet sich der Zeit zwischen Königsfeld
und Lambaréné von 1927 bis 1965, Raum sechs
dem geistigen Werk Albert Schweitzers als Musiker,
Philosoph, Theologe und Seelsorger und im letzten
Raum wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung
Albert Schweitzer heute noch hat („Jeder muss
sein eigenes Lambaréné finden“).

Auch wenn die Räume nicht groß sind – wer sie
besuchen möchte, sollte viel Zeit mitbringen. Die
Fülle an Informationen und spannenden Details
Auf dem breiten Schreibtischstuhl nahm Albert Schweitzer
einst gerne Platz.

Schweitzer allgegenwärtig
In Königsfeld findet man zahlreiche weitere Verweise
auf den berühmten Ehrenbürger der Gemeinde.
So trägt zum Beispiel die Medi-Clin-Baar-Klinik
seinen
Namen.

• Der Historische Verein Königsfeld veranstaltet
regelmäßig
die Albert-Schweitzer-Tage.
• Und zum vierten Mal wird 2026 in Königsfeld
der mit 10.000 Euro dotierte Internationale
Albert-
Schweitzer-Preis für „herausragenden Erhalt
oder Fortentwicklung humanistischen Denkens
im Sinne Albert Schweitzers“ verliehen.
• Das Albert-Schweitzer-Haus ist samstags, sonnund
feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Audio-
Guides können ausgeliehen werden. Weitere
Informationen sind bei der Tourist-Info Königsfeld,
Telefonnummer 07725/800945 erhältlich.
Hier sind auch Sonderöffnungen und Führungen
buchbar.

• Im Albert-Schweitzer-Jahr 2025 gab es in der Gemeinde
auch einige hochkarätige Jubiläumsveranstaltungen,
darunter ein Benefizkonzert mit
dem Heeresmusikkorps Ulm im Kurpark, eine
Ausstellung zu Schweitzers Leben in Königsfeld
und ein Orgelkonzert im Kirchensaal mit Pianistin
Henriette Gärtner.

Wir wollen miteinander für
etwas leben.

218
Geschichte

ist beachtlich und wer sich darauf einlässt,
kann tief eintauchen in die
Leben derer, um die es hier geht.
Und: Es finden sich hier viele
Anekdoten
und Geschichten,
die die Zeit in Königsfeld
veranschaulichen.
Um nur ein Beispiel
zu nennen: In der ehemaligen
Küche steht ein
eigentlich recht unscheinbarer
Leiterwagen. Dass
Albert Schweitzer den
aber einst höchstpersönlich
zog, um Gäste zum Bahnhof
Peterzell-Königsfeld zu begleiten
und deren Gepäck damit zu
transportieren, wäre ja eigentlich schon
bemerkenswert genug. Was dann aber passierte,
erfährt man in der Ausstellung auch. Ein eben an
dem Bahnhof angekommenes Gästepaar, das den
Friedensnobelpreisträger für einen Hotelbediensteten
hielt, belud ihm kurzerhand sein Gefährt mit
ein paar Koffern und gab ihm die Anweisung, diese
in ihr Hotel zu befördern. Er zögerte
nicht und tat, wie ihm geheißen
– in der Unterkunft angekommen,
als sich das Missverständnis
aufklärte, war‘s
dem Hotelier und auch
den Touristen hochnotpeinlich
– Schweitzer
aber, so wird es
erzählt, schwieg und
zog in Richtung Doniswald
von dannen.

Ob ein Schmunzeln
über sein Gesicht ging?
Heute weiß das niemand
mehr – aber allein die Vorstellung
macht einfach Spaß.
Das finden an diesem Sonntag
auch die Besucherinnen Margrit Lehmann
und Renate Eith aus dem Zollernalbkreis. Die
beiden Freundinnen, die schon länger vorhatten,
sich die Ausstellung mal anzuschauen, schlendern
langsam durch die Räume, lesen die Infotafeln, hören
in Interviews mit Zeitzeugen rein, die Schweitzer
Fotos auf dieser Doppelseite:
Oben: Auch auf dem Grundstück
rund um das Haus gibt es etwas
zu entdecken, so das Modell des
Urwaldhospitals in Lambaréné.
Unten: Der Leiterwagen von
Albert Schweitzer in der ehemaligen
Küche des Hauses.

Rechte Seite:
Albert und Helene Schweitzer in
ihrem Haus in Königsfeld. Zum
Geburtstag bestellte der Urwalddoktor
per Telegramm aus Lambaréné
im Café Sapel stets die
Lieblingstorte seiner Frau, die
„Tausend-Blätter-Torte“.

Auf den Spuren Albert Schweitzers in Königsfeld 219
noch persönlich kennengelernt haben, und freuen
sich einfach, wie all das hier aufbereitet wurde. Was
sie besonders beeindruckt? „Oh, vieles“, sagen sie,
„wie alt das Ehepaar geworden ist zum Beispiel.“
Und ob sie das Albert-Schweitzer-Haus auch anderen
zum Besuch empfehlen würden? „Auf jeden Fall“,
folgt die Antwort auf dem Fuß, „das lohnt sich sehr“,
versichern sie, bevor sie Gerlind Scholz am Ende
ihrer Tour durch das Haus noch fragen, wo man in
Königsfeld denn gut auf ein Stück Kuchen und einen
Kaffee einkehren kann? Die Seniorin aus dem Ehrenamtlichen-
Team, die gerade ihren Vorgänger an der
Aufsicht abgelöst hat, gibt ein paar Empfehlungen
ab, darunter auch das Café Sapel.

Eine Torte zum Geburtstag
Die beiden Besucherinnen freuen sich über den
Tipp und machen sich auf den Weg dorthin. Ob sie
abschließend auch eine besondere Spezialität – die
Tausend-Blätter-Torte – probiert haben? Dieses süße
Backwerk kann man dort jedenfalls genießen,
garniert mit einer Geschichte: Jedes Jahr, wenn der
Geburtstag seiner Frau Helene nahte, soll Albert
Schweitzer, der gerade einmal wieder fern der Heimat
und fern seiner Gattin mitten im afrikanischen
Urwald weilte, telegraphisch aus Lambaréné im Café
Sapel eben jene Torte bestellt haben, die Helene
Schweitzer-Bresslau anscheinend so sehr liebte.
Die elsässische Spezialität wurde ihr in ihr Haus
geliefert. Und im Café Sapel wird sie heute wieder
serviert – „im Gedenken an die charmante Geste eines
großen Mannes“, wie es heißt. Auch das ist eine,
in diesem Fall ganz süße Spur, die Albert Schweitzer
in Königsfeld hinterlassen hat.
Im Café Sapel gibt es mit der
„Tausend-Blätter-Torte“ die
Lieblingstorte von Helene
Schweitzer. Albert Schweitzer
bestellte sie seiner Frau per
Telegramm aus Lambaréné
stets zum Geburtstag.

DAS QUARTETT
„MANOUCHE“
VON RENATE ZÄHRL
220
7. Kapitel – Musik

221

„Manouche“, das sind v. links
Michael Lauenstein, Daniel Beurer,
Peter Westhoff und Fabian Huger.

222
Musik

Pariser Flair zwischen Donau und Schwarzwald: Das Donaueschinger Quartett
„Manouche“ lässt den Gypsy-Swing der 1920er- bis 1940er-Jahre aufleben
– präzise, warm und mitreißend. Die Besetzung ist klassisch und klingt wie
aus einem alten Club an der Seine: Daniel Beurer und Fabian Huger an den
Gitarren, Michael Lauenstein am Akkordeon, Peter Westhoff am Kontrabass. Der
ursprünglich afroamerikanische Swing, den Django Reinhardt in Europa berühmt
machte, ist bei Manouche sozusagen „Zuhause“. „Das langjährige Zusammenspiel
macht die Qualität – wir vier spielen mit traumwandlerischer Sicherheit
zusammen“, sagen die Musiker über sich selbst. Die vor 22 Jahren gegründete
Band kann sich über eine große Fangemeinde weit über den
Schwarzwald-Baar-Kreis hinaus freuen.
Daniel Beurer
Michael Lauenstein
Fabian Huger
Peter Westhoff
Das Quartett „Manouche“ 223
Der Name „Manouche“ kommt von den französischen
Sintis, die sich selbst so nennen.
Hinter ihm stehen vier Vollblutmusiker: Daniel
Beurer, der Frontmann des Quartetts, verbindet die
traditionelle orientierte Spielweise des Swing ebenso
wie moderne Mainstream-Jazzgitarre. Der virtuose
Solist und Django-Kenner bereichert den musikalischen
Auftritt des Quartetts um kurze Anekdoten aus
dem Leben des legendären Musikers aus der großen
Reinhardt Familie der französischen Sinti und trägt
damit entscheidend zu den abwechslungsreichen und
kurzweiligen Konzerterlebnissen bei.

Michael Lauenstein ist studierter Akkordeonist,
der in der Klassik ebenso wie im Theater und im Jazz
zu Hause ist. So setzt er den Saiteninstrumenten mit
seinem „Orchester“ mehrstimmige Akzente entgegen
und erweitert mit der Klangfarbe seines Instruments
und solistischen Höhepunkten den Gitarrenrhythmus
des Trios. Oder wie Beurer und Westhoff anekdotisch
feststellen. „Er verwächst beim Spielen zu einem organischen
Ganzen mit seinem Akkordeon“.

Fabian Huger sorgt für den rhythmischen Hintergrund.
„Faire la Pompe“ ist der Ausdruck dafür, er
bezeichnet die Aufgabe des Rhythmus-Gitarristen,
im Zusammenspiel mit dem Bassisten sowohl den
rhythmischen als auch den harmonischen Hintergrund
für die Solisten zu gewährleisten.

„It don‘t mean a thing if it ain‘t got that swing“ –
so könnte das Lebensmotto des Kontrabassisten Peter
Westhoff lauten, der nach klassischer Ausbildung
am Instrument seit über 40 Jahren in unterschiedlichen
Formationen von Dixieland über Swing und
Mainstream-Jazz bis hin zu salonorchestralen Besetzungen
bewegt. Er bildet das tieffrequente Rückgrat
der akustischen Besetzung von Manouche. Über den
Service des rhythmischen Gerüsts hinaus trägt er
durch ausgewählte Soli zur musikalischen Vielfalt
der Besetzung bei.

Das Quartett Manouche mit Gastmusikern in der
Waldkulturscheune.
Der Name „Manouche“
kommt von den
französischen Sintis, die
sich selbst so nennen.

224
Musik
Die Historie
Begonnen hat alles vor 22 Jahren mit dem Villinger
Hans-Peter Müller, bekannt als Dicke, der Jazz
und französische Chansons liebte. 2003 fanden
sich „
Dicke“, Daniel Beurer und Peter Westhoff
zusammen und gründeten die Musikerformation
Manouche als Trio. Der Name stammt wie eingangs
erwähnt von den französischen Sintis, die sich selbst
so bezeichnen. Die Auftritte des Trios fanden überwiegend
im Theater am Turm in Villingen statt, in
der ehemaligen Druckerei Müller wurde geprobt. So
spielten die Musiker zusammen mit Bernie Rainer
Ott, dem damaligen künstlerischen Leiter des Theaters
am Turm, der passende Literatur zur Musik las.
Schon damals spielte das Trio oft mit Gastmusikern
wie der Geigerin Sylvia Oelkrug, dem Akkordeonisten
Alekseys Maslakows, dem bekannten Villinger
Klarinettisten Volker Berger, Daniel Kübler mit Geige
und Mandoline und anderen. Im Laufe der Zeit formierte
sich das heutige Quartett in fester Besetzung.
Peter Westhoff: „Das langjährige Zusammenspiel
macht die Qualität der Musik, wir vier spielen mit
traumwandlerischer Sicherheit zusammen“. Zur
besseren Wiedererkennung wurde Manouche in
„Quartett Manouche“ umbenannt.

Daniel Beurer erzählt, dass seine erste Begegnung
mit dieser Musik ein persönliches Live-Erlebnis
1996 in Augsburg war, als ihn die beim dortigen Festival
auftretenden Sinti-Gitarristen mit diesem Musikstil
förmlich fesselten. Er erinnert sich: „Damals
gab es kaum Unterrichtsmaterialien, keine Lehrbücher,
die besondere Spielweise, die Techniken oder
die Griffe auf der Gitarre mussten sich die Musiker
selbst aneignen. Auch die Technik der rechten Hand
ist anders.“ Daniel Beurer: „Die Rhythmus-Gitarre
ersetzte bei den Sinti, die Straßenmusiker waren, das
ursprüngliche Schlagzeug, den Bass und das Klavier
gleichermaßen.“

Begeistert von der Musik Django Reinhards
Die Musik Django Reinhardts hat sich über die Zeit
zu einer eigenen Gattung entwickelt, dem Gypsy
Swing, der von Jazz-Musikern bis heute anerkannt
ist. Django Reinhard entstammte einer französischen
Sintifamilie. Aufgewachsen in einer Wohnwagensiedlung
in einem Elendsviertel vor Paris, erwies er sich
bereits mit 12 Jahren als virtuoses Ausnahmetalent,
das sich spontan Melodien aneignen konnte. Durch
einen Akkordeonisten, Vétese Guérino, bekam der
junge Musiker Auftritte in Cafés vermittelt, stimmte
in den „Bals Musette“ Walzer zum Tanz an und
trug so zum Familieneinkommen bei. Als 18-Jähriger
machte Django Reinhardt erste Aufnahmen, eine
Karriere bahnte sich an. Aufgrund eines Unfalls – der
Wohnwagen war in Brand geraten – verlor er Finger
an der rechten Hand. Doch er erfand eine neue Art
des Gitarrenspiels, benutzte für die Melodie nun
Zeige-
und Mittelfinger.

Die Instrumente der Sinti waren Violine, Solound
zwei Rhythmusgitarren sowie Kontrabass. Auf
das Schlagzeug konnte wegen der typisch perkussiven
Gitarrenbegleitung (la pompe) mit ihrem Swing-Drive
verzichtet werden. Teilweise werden auch
Klarinette und Akkordeon eingesetzt. Als Gitarren
kommen traditionell Instrumente zum Einsatz wie
sie in den 1930er-Jahren vom italienischen Gitarren-
Django Reinhardt (1910 – 1953)
Die Instrumente der Sinti
waren Violine, Solo- und
zwei Rhythmusgitarren
sowie Kontrabass.
Das Quartett „Manouche“ 225
bauer Maccaferri
für die in Paris ansässige Firma
Selmer
gebaut wurden. „Dieser Gitarrentyp sowie
die heutigen Nachbauten zeichnen sich durch eine
große Lautstärke aus“, erklärt Daniel Beurer. Das
Instrument ist mit Stahlsaiten bezogen und wird mit
dem Plektrum angeschlagen.

Mit seiner Spielart und seinen Kompositionen
wurde Reinhardt weltberühmt. „Er entwickelte aus
den verschiedenen Musikrichtungen wie Jazz, Klassik
und Volksliedern einen ganz eigenen Stil. Dieser
europäische Beitrag zum amerikanischen Jazz ist bis
heute prägend. Viele Jazzmusiker auf der ganzen
Welt berufen sich auf Django Reinhard“, unterstreicht
Peter Westhoff.
Kraftvoll und leidenschaftlich
Das Quartett Manouche nimmt sich dem musikalischen
Erbe von Django Reinhard jedenfalls intensiv
an. Aber es interpretiert in seinen Konzerten auch
andere zeitgenössische Künstler. Gemeinsam ist
den vier Musikern das kraftvolle, leidenschaftliche
Zusammenspiel, das sich mit unglaublicher Dynamik
entfaltet. Die Fingerfertigkeit und die Spielfreude
nehmen das Publikum von Beginn an mit. Gerne
spielen sie alle auch Solo, und zeigen ihr musikalisches
Können, was die Zuhörer mit großem Applaus
goutieren. Die Gruppe hat auch gelegentlich Gastmusiker
dabei.

Bei den Konzerten wird ein kurzweiliges Gesamtpaket
geboten. Daniel Beurer moderiert und erzählt
zwischen der Interpretation von bekannten Stücken
unterhaltsame Anekdoten aus dem unsteten Leben
des Nomaden Reinhardt, der bereits zu Lebzeiten eine
Legende war. Dieser Musiker, der nie eine Schule
besuchte und weit außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
stand, fasziniert bis zum heutigen Tag und
bietet reichlich Erzählstoff.
„Für das Quartett gab es in den vielen Jahren
durchaus auch überraschende Momente“, so Beurer
zum Abschluss. Besonders bemerkenswert war eine
Einladung nach Paris. Die Musiker dachten, es wäre
ein kleines Konzert, das es zu spielen gilt. Zu ihrer
Überraschung landeten sie vor einem Schloss mit
einer riesigen Bühne und tausenden Besuchern. Ein
unerwartetes und am Ende ein ebenso begeisterndes
Erlebnis.

Die Termine und Spielorte
des Quartetts finden sich im
Internet unter:
www.guitar-swing.de
Unten: Open Air Konzert vor der wunderbaren Kulisse des
Museum ART.PLUS in Donaueschingen.
11

MUSEUM
226
Die Villinger
Stüblekultur
an Fasnet
VON DIETER WACKER
– MIT FOTOS VON
HANS-JÜRGEN GÖTZ
8. Kapitel – Brauchtum
Partyalarm im „Brillen-Stüble“
Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 227
Die Villinger Fasnet spielt sich nicht nur
auf der Straße ab. Ein wichtiger Bestandteil
sind die Stüble, die in dieser Form in der
Schwäbisch-
Alemannischen Fastnacht einmalig
sein dürften. Die Stüble dienen Kneipenfastnachtern
als Spielstätte, den Hästrägern der
Historischen Narrozunft als Rückzugsort und
vielen närrisch gestimmten Menschen als Ort
für Party und Spaß. Zwar ergänzen sich die
Stüble letztendlich, aber jedes für sich bietet
eine
eigene närrische Welt.
228
Brauchtum
Es ist laut, eng und bullenwarm – „aber trotzdem
schee“, wie es auf Villingerisch für „schön“ heißt.
In der „Bärenhöhle“ in der Villinger Innenstadt
steppt im wahrsten Sinne des Wortes der Bär. In der
bunt dekorierten Doppelgarage lässt es die Jugendkapelle
der „Stadtharmonie“ mit Pauken und Trompeten
krachen. Für viele Narren im historischen Villinger
Fasnethäs gibt es kaum ein Halten mehr. Sie hüpfen
zum Takt der Musik, das Spaßbarometer schnellt in
die Höhe. Die „Bärenhöhle“ im geschichtsträchtigen
Hotel „Bären“ ist über die Fasnettage ein sogenanntes
Narrostüble und damit eine Villinger Besonderheit: In
solche Lokalitäten haben nämlich ausschließlich
Hästräger der Historischen Narrozunft Zutritt.
Doch Narrostüble ist nicht gleich Narrostüble.
Während in der „Bärenhöhle“ kräftig gefeiert wird,
gibt es andere Stüble, in denen es wesentlich ruhiger
ist. Hierher kommen Narros und Morbili und all die
anderen Narrenfiguren der Zunft, um sich nach
anstrengenden Stunden im Häs ein wenig auszuruhen,
eine kühle Weinschorle zu trinken, etwas zu
essen, mit Freunden und Bekannten ein „Schwätzle“
zu halten oder vielleicht um zu strählen – mit und
(weil es im Stüble ist) auch ohne Scheme (Maske).
Strählen? Noch so eine Villinger Spezialität: Dabei
wird dem Gegenüber im Regelfall in der Anonymität
hinter der Scheme ungeschminkt, aber nie beleidigend,
oftmals auf lustige Art, mit verstellter Stimme,
die eine oder andere unangenehme Wahrheit gesagt.
Bei geübten Protagonisten entwickelt sich schnell ein
unterhaltsamer Schlagabtausch zwischen Maschgere
(männlicher Hästräger im Villinger Dialekt) und
Gestrählten, der sich zu einem wahren Feuerwerk der
Wortakrobatik ausweiten kann. Im Narrostüble lässt
sich solch ein närrisches Zwiegespräch, natürlich zur
Freude der Gäste, hautnah miterleben.
Dass in Villingen über die Fasnet (Fastnacht) vieles
etwas anders läuft, dürfte jetzt schon einmal in
Ansätzen klar geworden sein. Um es aber auf den
Punkt zu bringen: Stüble gehören in der Fasnethochburg
an der Brigach zu den närrischen Tagen wie das
Salz in der Suppe. Doch langsam, es ist ein wenig
kompliziert und für Außenstehende nicht so leicht zu
Narro beim Strählen.

Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 229
In Ermangelung der traditionellen
Wirtschaften,
findet die Kneipenfasnet
heute überwiegend in
Räumen statt, die für die
närrischen Tage entsprechend
hergerichtet
werden.

Links: Volles Haus und beste Stimmung im Narrostüble
„Bärenhöhle“.
Rechts: Man muss nicht unbedingt ins traditionelle Fasnethäs
schlüpfen, um an den hohen Tagen in Villingen
Spaß zu haben, wie diese Besucher eines Lokals.
überblicken, denn: Es gibt gleich drei unterschiedliche
Arten von Stüble. Als da wären:
– Lokalitäten, in denen – am Schmotzigen Dunschtig
(Donnerstag), teilweise auch am Freitag und
am Fastnachtsamstag – die Kneipenfasnet
stattfindet.

– Über die beiden Hauptfasnettage (Montag und
Dienstag) sind dann die bereits erwähnten
Narrostüble sehr beliebt und man achte auf den
feinen sprachlichen Unterschied.
– Es gibt noch die reinen Fasnetstüble. Während in
die Narrostüble nur Hästräger der Historischen
Narrozunft kommen, sind die Fasnetstüble für alle
offen, die Spaß am närrischen Treiben haben.
Egal, ob im fastnächtlichen Gewand eines der
zahlreichen anderen Villinger Narrenvereine oder
einfach als Besucher des bunten Treibens.
Die Kneipenfasnet
Steigen wir ein mit der Kneipenfasnet und werfen
zugleich einen Blick in die Vergangenheit. „Wenn
man in der Historie zurückschaut, so muss man die
Wörter drehen. Damals hieß es eher Fasnet in den
Kneipen“, sagt Hansjörg Fehrenbach, der langjährige
frühere Archivar der Historischen Narrozunft. Bereits
vor über 180 Jahren gab es, dem Zeitgeist entsprechend,
eher karnevalistisch geprägte Veranstaltungen
über die Fastnachtszeit in vielen Villinger
Wirtschaften. Entnehmen lässt sich das aus diversen
Anzeigen im einstigen Villinger Wochenblatt „Der
Schwarzwälder“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
dann zogen verschiedene Gruppen (Bänkelsänger)
von Lokal zu Lokal. Sie führten Moritaten auf, die mit
Gesang, Drehorgelbegleitung und selbst gemalten
Illustrationen bekannte Bürger und deren Verfehlungen
auf lustige Art auf die Schippe nahmen. „Dies
zur großen Begeisterung des Wirtshauspublikums“,
wie Hansjörg Fehrenbach aus seinen Geschichtskenntnissen
heraus weiß. Im Zunftarchiv sind heute
noch alte Textblätter der Bänkelsänger vorhanden.
Die hohe Moritatenkunst ließ in der Neuzeit die in
Villingen weithin bekannte, zwischenzeitlich leider
verstorbene, Bärbel Brüderle mit Bravour wieder
aufleben.

Die Villinger Kneipenfasnet, wie man sie heute
kennt, entstand in den 1960er-Jahren. Zu dieser Zeit
bildeten sich Gesangsgruppen, die meist mit Gitarrenbegleitung
im „Städtle“ unterwegs waren. Die
populärste
Gruppe, die „Spittelsänger“, genoss
absoluten Kultstatus. Ihre genialen Mundartlieder wie
„Hät denn kon kon Kamm“, geprägt von der Liebe zur
Fasnet und zur Heimatstadt, sind nicht nur unvergessen,
sie sind Villinger Kulturgut.
Im Laufe der Jahrzehnte kamen immer neue und
immer mehr Gruppen und Einzelakteure hinzu, die
vom Schmotzigen Dunschtig bis zum Fasnetsamstag
von Stüble zu Stüble ziehen. In Ermangelung der traditionellen
Wirtschaften findet die Kneipenfasnet heute
überwiegend in Räumen statt, die entsprechend für
Brauchtum
die närrischen Tage hergerichtet werden. Dazu zählt
der „Spitalkeller“ der Historischen Narrozunft,
vor
dem sich schon zwei Stunden vor Öffnung eine lange
Schlange Einlasswilliger bildet. Hier tritt ausschließlich
am Schmotzigen Dunschtig so ziemlich alles auf, was
in der Villinger Kneipenfasnetszene
Rang und Namen
hat. Die Künstler geben sich die Klinke in die Hand,
die Stimmung ist an diesem Abend grandios und das
Programm kann schon mal bis weit nach Mitternacht
dauern. Und das alles kostenlos.
Wer und das trifft in erster Linie auf Freitag und
Samstag jeweils am Abend zu, auf die Kneipenfasnet
gehen will, muss im Regelfall im Vorfeld rechtzeitig
reservieren, sonst gibt es keine Chance auf einen
Platz. Die meisten Stüble geben Einlassbändel aus,
ohne die kommt man kaum irgendwo rein. Wer
einen begehrten Bändel für eines der etwa ein
Dutzend Stüble ergattert hat, der kann sich auf ein
Programm freuen, das eine Mischung aus Klamauk,
Hintersinnigem, Nachdenklichem, fetziger Musik,
gewürzt mit jeder Menge Lokalkolorit bietet. Da die
Gruppen, Kapellen und Solisten von Kneipe zu Kneipe
ziehen, sind Vielfalt und Abwechslung garantiert.
Für den 1. Zunftmeister der Historischen Narrozunft,
Anselm Säger, ist die Kneipenfasnet eine ganz
wichtige Facette der Villinger Fasnet mit Strahlkraft
über die Mauern der Stadt hinaus. Für Sägers Stellvertreter
Alexander Brüderle „sucht die Kneipenfasnet
mit ihrer Vielfalt ihresgleichen“. „Strählen ohne
Scheme“, nennt Brüderle das, was sich zwischen
Donnerstag und Samstag in den Stüble abspielt. Unisono
verweisen die beiden Zunftvorderen auf einen
zentralen Teil der Villinger Fasnet: „Möglichst vieles
auf die Schippe nehmen, auch uns selbst.“
Anselm Säger und Alexander Brüderle wissen
bestens, wovon sie sprechen. Schließlich führen sie
gemeinsam nicht nur die Narrozunft mit ihren 5500
Mitgliedern, sie selbst sind auch aktive Kneipenfastnachter.
Zusammen mit Klaus Richter und Andreas
Meßmer bilden sie das kongeniale Quartett „Die mit
der Leiter“. Eine Gruppe, die in jedem Stüble schon
sehnsüchtig erwartet wird. Mit ihrer Mischung aus
Nonsens, ungeschminkten Wahrheiten und hoher
Improvisationskunst sind sie seit rund 30 Jahren
unterwegs und genießen mittlerweile ähnlichen
Kultstatus wie die „Spittelsänger“. „Man muss schon
eine Rampensau sein, wenn man sich wie wir hautnah
vor das Publikum stellt“, sagt Anselm Säger. Und sein
Kollege und Freund Alexander Brüderle ergänzt: „Was
Möglichst vieles auf die
Schippe nehmen, auch uns
selbst.

230

231

wir da auf die Beine stellen, das entspricht einfach
meinem Naturell.“ Antrieb und Motivation für beide:
„Wir machen uns gerne über alle möglichen Dinge
und Ereignisse im Städtle Gedanken. Wenn es am
Ende beim Publikum gut ankommt, dann spornt uns
das weiter an.“ Und weitermachen will die Gruppe auf
jeden Fall „noch solange es bei uns geht“. Denn die
einfache wie närrisch-pfiffige Erklärung von Alexander
Brüderle: „Wenn wir nicht mehr mit der Leiter
unterwegs wären, müssten wir uns ja um Sitzplätze in
den Stüble bemühen …“.

Bejubelt und gefeiert werden bei der Kneipenfasnet
eine Vielzahl von Akteuren. Namen wie „Total
verkehrt“, „Flower-Klauer“, „Hils Angels“, „Sockenmolli“,
„Los Ämol“, „Rentnerbänd“, „Stadtfüchse“, „Rotaugen“,
die Gebrüder Dörr, Michael Schonhardt, Chrissi
Zimmermann oder Henry Greif und Gunther Schwarz,
um nur einige zu nennen, standen und stehen für
Wortwitz, musikalische Glanzleistungen sowie Spaß
und Unterhaltung pur.

Für den langjährigen Zunftmeister und heutigen
Ehrenzunftmeister der Historischen Narrozunft,
Joachim Wöhrle, ist die Villinger Kneipenfasnet eine
Bereicherung für die närrischen Tage. „Auf hohem
Niveau wird Kleinkunst geboten, die ihresgleichen
sucht. Die Kneipenfasnet in diesem Umfang und in
solch einer künstlerischen Vielfalt stellt ein Alleinstellungsmerkmal
der Villinger Fasnet im schwäbisch-alemannischen
Raum dar“, schwärmt Joachim Wöhrle.

Sein Ehrenzunftmeisterkollege Klaus Hässler ist
ebenfalls ein begeisterter Kneipenfasnetgänger: „Für
mich gehört sie zu den Höhepunkten der Villinger
Fasnet. Der Schmotzige Dunschtig sowie der Fasnetsamschtig
sind zwischenzeitlich Kult und nicht mehr
wegzudenken. Was die verschiedenen Akteure
darbieten, ist grandios bis fernsehreif“, betont Klaus
Hässler. Armin Räth, Ur-Villinger und langjähriger
Helfer im Spitalkeller am Schmotzige Dunschtig,
findet die Kneipenfasnet „einfach toll und für mich
sehr wichtig“. Er verweist darauf, dass an diesen
Abenden auch Leute, die über die hohen Tage selbst
nicht ins Häs gehen, echte Villinger Fasnetluft schnuppern
können.
Villinger Kneipenfastnachter: Die Gruppen „Total verkehrt“
(v. links), „Die Rotaugen“ und „Die mit der Leiter“ sorgen
für Stimmung bei ihrem Auftritt im Zunftkeller.

Was die verschiedenen
Akteure darbieten, ist
grandios bis fernsehreif.

232
Brauchtum
Die Narrostüble
Kommen wir zu den Narrostüble, die an den beiden
Villinger Hauptfastnachtstagen Montag und Dienstag
ebenso außergewöhnlich sind wie die Kneipenfasnet.
Denn: Wer nicht in einem Häs der Historischen
Villinger Narrozunft unterwegs ist, dem ist
schlicht und einfach der Zugang in eines der etwa
zehn offiziellen Narrostüble verwehrt. Hauptgrund:
Narro & Co sollen in der Öffentlichkeit anonym
bleiben, schließlich soll man beim Strählen nicht
wissen, wer sich hinter der Scheme (Maske) verbirgt.
Im Narrostüble
dagegen sind die Hästräger unter
sich. Hier darf die Scheme abgelegt und für die Zeit
des Aufenthaltes in den geschlossenen Räumen die
Anonymität aufgehoben werden. Narrostüble sollen
Rückzugsorte für die Hästräger der Zunft sein. Hier
kann der Narro auch seine Rollen (Geschell), die bis
zu 25 kg wiegen können und seinen voluminösen
Kragen für eine gewisse Zeit von den Schultern
nehmen und sich etwas ausruhen, bevor er wieder
auf die „Gass“ geht.
Schon immer sollen Hästräger anonym bleiben
Auch hier lohnt ein Blick in die Historie: Altarchivar
Hansjörg Fehrenbach geht nach Studium der
vorhandenen Unterlagen davon aus, dass bereits im
19. Jahrhundert die Maschgere – Frauen gab es noch
keine in der Fasnet – in separaten Räumen verköstigt
wurden. Wie diversen historischen Zeitungsartikeln
zu entnehmen ist, war dies wohl auch dringend
notwendig, denn damals wurde offenbar sehr „hart“
gestrählt und manch ein Narro schon mal als
„Mistfinkenhansel“ beschimpft. Auch deshalb
mussten die Hästräger anonym bleiben und es war
ihnen schier unmöglich, sich in aller Öffentlichkeit
zu „entlarven“. Die Narrostüble waren sehr klein und
das war ungeschriebenes Gesetz, außer der Bedienung
kam kein „Zivilist“ rein.
Früher betrieben Gastwirte die Narrostüble.
vielfach in separaten Nebenzimmern. Es wurden
aber auch Fremdenzimmer oder gar Teile der
Privatwohnung für Narrostüble zur Verfügung
gestellt. Die Gasthausbesitzer waren sehr interessiert,
dass die Maschgere ihre Lokale besuchten und
die Gäste ordentlich strählten. Das brachte Leben
und Gäste in die Buden. Zwei oder drei gut eingespielte
Narros konnten die Besucher bis zu eineinhalb
Stunden mit ihrer Strählkunst bestens unterhalten.
Anschließend gingen die Maschgere ins
hauseigene Narrostüble.

Um 1900 besaß die Villinger Innenstadt 49
Gaststätten, die Mitgliederzahl der Narrozunft war
zugleich mit etwa 200 sehr überschaubar, Platzprobleme
gab es da in den Narrostüble keine. Im Gegensatz
zu heute, wo die Zunft 5.500 Mitglieder und
eine entsprechend hohe Zahl an Hästrägern hat. „Für
uns als Verein ist das eine große Herausforderung.
Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Maschgere
entsprechend versorgt werden. Wir sind bei diesem
Thema extrem wach“, resümiert Zunftmeister
Anselm Säger.

Die Narrozunft selbst organisiert zwei Stüble im
eigenen Zunfthaus „Zehntscheuer“ und im Münsterzentrum.
Letzteres ist, ebenso wie das katholische
Fidelisheim (genannt „Schwarzer Rock“), von der
Größe her vor allem auf umfangreiche Verpflegung
der Maschgere und Mäschgerle (weibliche Hästräger)
ausgerichtet. Bei den großen Stüble ist die Zunft
für die Unterstützung durch verschiedene Vereine
sehr dankbar.

Wesentlich heimeliger geht es in den meisten
anderen Narrostüble zu, die mit ganz viel Idealismus
und aus Spaß an der Freude oftmals von Privatpersonen
betrieben werden. Kommerzielle Gedanken
spielen kaum eine Rolle, oftmals steht am Ausgang
eine Spendenkasse für Getränke und Essen. Manch
ein Stüblebetreiber spendet am Ende selbst und
zwar den Gewinn an soziale Einrichtungen. Es gibt
regelrechte Institutionen unter den Villinger Narrostüble.
Exemplarisch genannt seien das „Hafnerstüble“
in der gleichnamigen Gasse, das bereits seit 30
Jahren an der Fasnet seine Türen öffnet oder das
Oftmals steht am Ausgang
eine Spendenkasse für
Getränke und Essen. Und
manch ein Stüblebetreiber
spendet am Ende selbst,
und zwar den Gewinn an
soziale Einrichtungen.

Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 233
Von oben: Im klassischen Villinger
Narrostüble sind die Hästräger
der Historischen Narrozunft
unter sich. Und bei schönem
Fasnetwetter ist auch ein Sonnenplatz
vor dem Narrostüble
attraktiv. Unten: Narrostüble
brauchen Ablagemöglichkeiten
für Schemen, Kragen, Hauben,
Rollen usw..

234
Brauchtum

Stüble des Lehrerehepaars Uli und Hansjörg Wahr,
die 25 Jahre dabei sind. Und dann gibt es immer
wieder Newcomer, wie zum Beispiel die eingangs
erwähnte „Bärenhöhle“, die 2025 zum ersten Mal an
den Start ging. Sie steht für eine modernere Art des
Narrostübles
mit Spaßcharakter, was vor allem bei
jüngeren Hästrägern bestens ankommt. „Wir wollten
ein wenig die Fasnet einfangen, so wie wir sie auch
aus unserer Kindheit kannten. Da gab es immer tolle
private Stüble. So haben wir das auch umgesetzt“,
erklärt Torsten Haas, der Initiator der „Bärenhöhle.“
Wichtig waren ihm und seinen Mitstreitern: „Kein
Geld mit dem Stüble verdienen, sondern in erster
Linie eine scheene Fasnet haben.“ Dafür sorgen neue
und alte Musikkapellen, die in der „Bärenhöhle“
zusammen mit den zunfteigenen Gruppen wie
Wueschte und Butzesel ordentlich Stimmung
machen. Torsten Haas ist sich auf jeden Fall sicher:
„Bei der nächsten Fasnet sind wir wieder dabei.
Unser Team hatte viel Spaß und die Rückmeldungen
der Besucher waren sehr positiv.“

Familiärer Rahmen wird weniger
Dass heute manche Narrostüble bereits einen
gewissen Partycharakter haben, kommt in einer dem
Brauchtum und der Historie verpflichteten Zunft nicht
überall gut an. Dass dabei auch die geforderte
Anonymität von Narro & Co oftmals leidet, da am
Ende nicht mehr ganz glasklar zwischen „Zivilisten“
und Hästrägern zu unterscheiden ist, bereitet
Zunftmeister Anselm Säger durchaus Kopfschmerzen.
Ebenso, dass das Strählen im Stüble auch aufgrund
der Lautstärke immer mehr auf der Strecke bleibt.
Dennoch, da ist sich der Zunftmeister sicher, könne
sich auch die Historische Narrozunft bestimmten
Entwicklungen nicht verschließen. Problematisch ist
mittlerweile die sehr geringe Zahl an Gastwirtschaften
in der Stadt, dies im Zusammenspiel mit der großen
Menge an Hästrägern, die ja alle irgendwo unterkommen
wollen. Davon profitieren in besonderem Maße
die reinen Fasnetstüble, in der bunt gemischt Maschgere/
Mäschgerle der Narrozunft und alle anderen
Narren aufeinandertreffen. Dass es hier mit der
Anonymität oftmals schwierig ist, lässt sich an fünf
Fingern abzählen. In diesen Stüble herrscht meist
Partyalarm hoch drei. „Schön wäre es, wenn es wie
früher wäre“, gibt sich Alexander Brüderle ein wenig
nostalgisch. „Heute gibt es zu viel Party, zu wenig
Rückzugsorte für den Narro“, blickt er durchaus
kritisch in die Zukunft. Zwar gebe es den kleinen,
familiären Rahmen in manch einem Stüble noch, doch
die würden immer weniger, bedauert Alexander
Brüderle.

Ähnlich sieht es auch der heutige Zunftarchivar und
Vorsitzende des zunfteigenen Brauchtumsausschusses,
Michael Bohrer: „Für viele Hästräger ist die Fasnet
mittlerweile eher ein Event, denn eine Traditionsveranstaltung.
Man sucht die Stüble auf, die auf die Traditionen
nicht so sehr Wert legen. Da sind dann auch
Zivilisten, sodass die Anonymität nicht mehr gegeben
ist. Und dann verkommt die historische Villinger Fasnet
zu einem Partyevent, wo man auf den Tischen tanzt,
den ganzen Tag nicht einmal das Stüble wechselt und
auch nicht wirklich weiß, was man denn so im Häs alles
machen kann.“ Für Michael Bohrer, der von Kindesbeinen
an mit der historischen Fasnet aufgewachsen ist,
„sind Besuche in klassischen Narrostüble, wo alle in
ihren Häsern an den Tischen sitzen, noch immer etwas
Besonderes“. Er liebt die Atmosphäre in den traditionellen
Stüble, wo man Bekannte treffe, die man seit der
letzten Fasnet nicht mehr gesehen habe, wo man im
Häs ungezwungene Stimmung genießen könne und wo
man ins Strählen ohne Scheme komme, bevor man
wieder „uff´d Gass geht“.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es in Villingen
auch ganz private Narrostüble hat, die weitgehend im
Verborgenen blühen. Dort treffen sich Freunde,
Verwandte oder Bekannte. Es braucht schon eine
persönliche Einladung, um dort überhaupt reinzukommen.
Musik: „Ja“ oder „Nein“ im Stüble?
Wie man es dreht und wendet: Ohne Stüble keine
Villinger historische Fasnet. Das sagen auch Silke
Schreiter und Sina Gienger. Die Mutter und die
Rechte Seite, oben: Der obere Saal im Villinger Münsterzentrum
verwandelt sich an Fasnet in ein Narrostüble XXL.
Hierher kommen viele Hästräger vor allem zum Essen.
Unten: Rein privates Narrostüble in einem Wohnzimmer.
Die Villinger Stüblekultur an Fasnet 235

Brauchtum
Tochter sind an den hohen Tagen mal als Morbili und
mal als Altvillingerinnen zusammen in der Stadt
unterwegs. Sie schätzen an den Narrostüble die
Geselligkeit, die Möglichkeit Bekannte zu treffen
oder sich bei schlechtem Wetter auch mal etwas
aufzuwärmen. Wenn die beiden im Häs sind, dann
kommen für sie nur Narrostüble infrage, reine
Fasnetstüble lassen sie da außen vor. Wichtig ist
ihnen allerdings, dass in die Narrostüble auch mal
die eine oder andere Musikgruppe kommt und
entsprechend Stimmung macht.
Und genau am Thema Musik schieden sich schon
vor Jahrzehnten die Geister. Gegen Lieder aus der
Konserve hatte, wenn sie im Narrostüble dezent im
Hintergrund liefen, niemand etwas einzuwenden.
Als dann immer mehr Musikkapellen vor allem in die
großen Stüble einmarschierten und ordentlich
Ramba Zamba machten, schob die Zunft dieser
Entwicklung einen Riegel vor. Heute hat man aber
nichts dagegen, wenn zum Beispiel die Jugendkapellen
der heimischen Musikvereine „Stadtmusik“ und
„Stadtharmonie“ in die von der Narrozunft betriebenen
Stüble einmarschieren. Auf die Stüble anderer
Träger hat die Zunft letztendlich eh kaum Einfluss.
Und überhaupt sieht gerade Zunftmeister Anselm
Säger die Sache mit der Musik gelassen: „Musikgruppen,
die für Stimmung sorgen, die müssen wir in die
Stüble lassen. Das wird heute einfach von vielen
Hästrägern gefordert. Wir müssen da als Zunft
runter vom hohen Ross.

Anselm Säger, dessen Zeit im Häs wegen diverser
Verpflichtungen als Zunftmeister an Fasnet begrenzt
ist, geht zuvorderst gerne auf die Straße zum Strählen.
Persönlich mag er die kleineren, heimeligen
Stüble lieber, sucht aber auch gerne als Zunftmeister
den Kontakt zu den Maschgere und Mäschgerle in
den großen Stüble. Wenn ihm der Trubel mal zu viel
wird, dann zieht er sich in das hauseigene Narrostüble
zurück, das seine Familie schon seit Jahrzehnten
privat organisiert und selbst zu Coronazeiten über
Fasnet ein „halblegaler Treffpunkt für Hästräger war“,
wie Anselm Säger im Rückblick mit einem verschmitzten
Lächeln berichtet.
Für Stellvertreter Alexander Brüderle, dessen
Zeitfenster ebenfalls an Fasnet sehr eng ist, sind die
Narrostüble persönlich ganz wichtig, vor allem auch
als Begegnungsstätte mit alten Freunden oder
Schulkameraden, die oftmals aus der halben Welt
eigens zu den hohen Tagen angereist kommen.
Alexander Brüderles Ziel ist es, viel zu strählen, auf
der Gass und im Stüble.

Als der frühere Zunftarchivar Hansjörg Fehrenbach
noch im Häs unterwegs war, genoss er die Zeit
in einem Narrostüble, um sich vom „Narrolaufen“ ein
wenig zu erholen. „Immerhin sind vier Riemen
Narrorollen nicht ganz leicht und ein bis eineinhalb
Stunden mit gebundener Scheme in einem früher oft
Links: Der „Rietbunker“ des Villinger Fastnachtsvereins
„Rietvögel“ ist an den hohen Tagen ein sehr beliebtes Fasnetstüble.
Rechte Seite: Wenn die „Rentnerbänd“ unterwegs ist,
dann gibt es in den Stüble kein Halten mehr.

236
Die Villinger Stüblekultur an Fasnet
237
verrauchten Lokal zu strählen, war auch kein Zuckerschlecken“,
berichtet Hansjörg Fehrenbach. Im
Narrostüble sei man unter seinesgleichen gewesen:
„Man konnte sich gut unterhalten und da wurde auch
ohne Scheme kräftig gestrählt.“
Begegnungen mit alten Bekannten
„Persönlich waren für mich die Begegnungen in den
Narrostüble mit allen Hästrägern ein wichtiger
Bestandteil der beiden Fasnettage. Viele Menschen,
die man unter dem Jahr wenig oder gar nicht gesehen
hat, trifft man in den Stüble. Es wurde gestrählt, man
saß gemütlich zusammen, bis es dann wieder auf die
Gass ging,“ erinnert sich Ehrenzunftmeister Klaus
Hässler gerne an seine Zeit als aktiver Narro. Die
heutige Entwicklung in den Stüble betrachtet er mit
„gemischten Gefühlen“, vor allem auch mit Blick auf
die Anonymität der Maschgere. „Klar ist, die Fasnet ist
keine Trauerfeier und man will/soll Spaß haben.“

Auch Ehrenzunftmeister Joachim Wöhrle hat eine
klare Meinung zum Thema Narrostüble und dem sich
wandelnden Charakter: „Zentraler Bestandteil unserer
Brauchtumspflege ist die Achtung und Wahrung der
Anonymität der Mäschgerle und Maschgere. Unabdingbare
Voraussetzung hierfür sind die Narrostüble.
Leider geht bei vielen Hästrägern das Bewusstsein
und das Verständnis für die Grundfesten unserer
Fasnettradition immer mehr verloren, was mittlerweile
ein großes Problem für die Narrozunft darstellt.
Hier ist es wichtig, die richtige Balance zwischen
Brauchtumswahrung und den sich verändernden
gesellschaftlichen Bedürfnissen und Ansprüchen zu
finden. Es gibt tolle Fasnetstüble, aber Narros gehören
in die Narrostüble, Zivilisten in die Fasnetstüble.“
Für den erfahrenen Narro Armin Räth sind
Narrostüble persönlich („aber nur, wenn ich mich dort
nicht in einer Disco befinde“), aber auch ganz
grundsätzlich wichtiger denn je: „Wo sollen die
Hästräger denn sonst noch hingehen?“, betont er
angesichts der kaum noch vorhandenen Wirtschaften
in Villingen. Auch er bedauert, dass für viele Hästräger
die Anonymität keine große Rolle mehr spiele.

Kritisch merkt er an: „Das Häs wird immer mehr zur
reinen Eintrittskarte ins Stüble. Da gibt es leider für
viele oft kein Halten mehr. Werte gehen so verloren.“
Zum Schluss hat Armin Räth eine lustige Begebenheit
zu berichten: „Als ein Narro zur späteren Stunde
nach Hause wollte, stellte er fest, dass sein einst
prächtiger Fuchswadel (Der an der Narrokappe
befestigte Fuchsschwanz) bloß noch ein kurzer
Stumpen war. Im Stüble brach riesiges Gelächter aus
und der Narro wurde von allen Seiten zur möglichen
Ursache kräftig gestrählt. Das war Stüblefasnet pur.“
Das Häs wird immer mehr
zur reinen Eintrittskarte ins
Stüble. Da gibt es leider für
viele oft kein Halten mehr.
Werte gehen so verloren.

Landgasthof Waldrast –
Familientradition
trifft Moderne
VON ELKE REINAUER

238

9. Kapitel – Gastlichkeit

Seit 1964 besteht das Restaurant „Landgasthof Waldrast“ in Vöhrenbach.
Mitten im Schwarzwald gelegen, verkörpert der viel besuchte Gasthof eine
Mischung aus Tradition und Moderne. Während in der Küche Spätzle noch
immer klassisch von Hand geschabt werden, unterstützt zugleich modernste
Technik die perfekte Zubereitung der Mahlzeiten und einen ebenso perfekten
Service. Kevin Kleiser hat 2020 den Betrieb von seinem Vater Klaus Kleiser
übernommen und setzt neben gutbürgerlicher Küche verstärkt auf vegetarische
Alternativen. Drei Generationen Gastronomie-Leidenschaft prägen das Haus.
Die Familie Kleiser im Gastraum der
„Waldrast“.
Links: Der frühere Inhaber
Klaus Kleiser, rechts Sohn Kevin Kleiser
mit Lebensgefährtin Vanessa und Sohn Leo.

240
Gastlichkeit
In einer Pfanne brutzelt gerade ein Rumpsteak, der
Ofen piepst, es duftet in der Küche der „Waldrast“
nach Bratensoße und Gewürzen. An verschiedenen
Stationen arbeiten Köche, schneiden, braten, rühren.
Kevin Kleiser bereitet eine Soße für die Linsen-Bolognese
zu. „Rote Linsen mit Berglinsen, einfaches
Gericht, sehr beliebt bei Vegetariern“, sagt er und
schöpft die Soße in eine Tonschüssel, garniert sie mit
Petersilie. Schon ist es fertig, das vegetarische Gericht,
zu dem Spaghetti serviert werden.

Die „Waldrast“ ist ein gutbürgerliches Restaurant
und bekannt für ihr gutes Fleisch. Doch Kevin Kleiser
kreiert mit Freude zugleich ebenso vegetarische
und vegane Alternativen für seine Gäste. „Die Nachfrage
nimmt zu“, sagt er mit Blick auf vegetarische
Küche. Waren es früher vereinzelte Vegetarier, die
sich im Restaurant mit Gemüseplatten als vegetarische
Alternative begnügen mussten, sind es heute
bei einer Gesellschaft zwei oder drei Vegetarier.

Deshalb bietet er in der Waldrast eine abwechslungsreiche
vegetarische Küche an, wie Gemüsegratin
mit Fetakäse, Bohnenchili oder saisonbedingt
Ofenspargel. „Der Trend wird sich fortsetzen“, ist
sich Kevin Kleiser sicher.
Landgasthof Waldrast 241
Moderne Küche mit traditioneller Handarbeit
Doch auch die Klassiker kommen nicht zu kurz. An
diesem Vormittag werden im hinteren Bereich der
Küche von einem Azubi Spätzle geschabt – ganz
klassisch mit dem Spätzlebrett. Für ihre hausgemachten
Spätzle ist die „Waldrast“ beliebt. Diese
traditionelle Handarbeit braucht Platz. So wurde die
Küche bei einem Umbau vergrößert. „Früher war es
hier echt eng, nun haben wir genügend Raum, so
dass einer der Köche selbst während des laufenden
Betriebs in Ruhe eine Mahlzeit vorbereiten kann.“

Kevin Kleiser deutet auf eine Kamera im vorderen
Bereich der Küche. „Wir haben sie installiert, damit
der Mitarbeiter vom Gastraum einen Blick auf den
Monitor werfen und sehen kann, wenn Essen vielleicht
schon darauf wartet, serviert zu werden.“ Die
Wärmebrücke sorgt derweil dafür, dass alles warm
bleibt. Eine weitere Kamera befindet sich im Außenbereich.
Das erleichtert die Arbeit für die Mitarbeiter,
wenn sie zum Beispiel allein im Service tätig sind, so
Kevin Kleiser. Denn durch den Um- und Anbau der
„Waldrast“ sieht man nicht mehr von der Theke auf
die Terrasse.

Von der hochmodernen Küche führt Kevin Kleiser
in den Gastraum, wo sich Tradition und Moderne auf
andere Weise begegnen. Kevin Kleiser deutet im Thekenbereich
auf einen weiteren Monitor. Dieser zeigt,
Das Restaurant „Landgasthof Waldrast“ in Vöhrenbach
liegt verkehrstechnisch günstig an der Kreuzung Donaueschinger
Straße, Landstraße 172 und der Kreisstraße ins
Oberzentrum
Villingen-Schwenningen (linke Seite).
Der erfahrene Gastronom Kevin Kleiser (oben rechts) hat
die „Waldrast“ 2020 von Vater Klaus Kleiser übernommen.

Das stilvoll eingerichtete Lokal verfügt über modernste
Küchentechnik – nur so ist es Kevin Kleiser möglich, seine
vielen Gäste mit hervorragend zubereiteten Speisen in
bester Qualität zu verwöhnen. Erstklassiger Service gehört
gleichfalls dazu.

242

Gastlichkeit
dass sich gerade ein Gast auf die Terrasse gesetzt hat
und nun bedient werden möchte.
Bei schönem Wetter sitzen die Gäste am liebsten
draußen, aber auch der Gastraum wirkt hell, einladend
sowie rustikal und modern zugleich. „Wir setzen
auf Traditionelles kombiniert mit Modernem“, so
Kevin Kleiser. 2022 wurde der Gastraum samt Theke
renoviert, die Küche ausgebaut, alles ist noch neu
und das Bewährte hat auch seinen Platz gefunden:
Denn Altes und Neues wird hier kombiniert. Wie das
Gemälde, das seit vielen Jahrzehnten zur Waldrast
gehört. Es zeigt Menschen in einem Gasthaus und ist
in braunen und blauen Tönen gehalten. Das Kunstwerk
ist für ihn die prachtvolle Mitte des Gastraums.
Doch das Herz der „Waldrast“ ist vor allem auch
Klaus Kleiser, dessen lautes Lachen schon von Weitem
zu hören ist. „Wir gehen zu Klaus“, so sagen es
viele der Gäste, die den Landgasthof in Vöhrenbach
besuchen.

„Waldrast“ der Lebenstraum der Großmutter
Das Restaurant mit der großen Terrasse und dem angrenzenden
Parkplatz am Ortseingang von Vöhrenbach,
liegt mitten im Schwarzwald. Und damit der
Besucher auch weiß, dass er sich an der „Waldrast“
befindet, ist auch die dortige Bushaltestelle als
„Waldrast“ ausgewiesen. Auf einem Schild am Haus
Blick in den Gastraum der „Waldrast“ in Vöhrenbach.
Klaus Kleiser ist bei den Gästen äußerst beliebt und war
über mehr als drei Jahrzehnte hinweg der Inhaber der
„Waldrast“. 2020 hat Sohn Kevin das Gasthaus übernommen,
sein Vater Klaus hilft aber weiter tagtäglich mit.
Landgasthof Waldrast

243

prangt die Jahreszahl 1964, das Gründungsjahr des
Restaurants. „Es war der Lebenstraum meiner Großmutter“,
erzählt Kevin Kleiser. „Sie hatte für die Gastronomie
eine Leidenschaft entwickelt, weil sie selbst
als Bedienung tätig war. Sie wollte sich unbedingt
auch selbst als Gastwirtin versuchen.“

Margarete Kleiser, gebürtig aus Seppenhofen,
ließ nicht locker, bis ihr Ehemann schließlich ein passendes
Gebäude fand. Als er ihr in Vöhrenbach ein
ehemaliges Fabrikgebäude kaufte, konnte der Traum
wahr werden. Die Fabrik Wehrle, die sich auf Industrie-
Automaten-Einrichtung und Dreherei spezialisiert
hatte, verkaufte das Gebäude. Kevins Vater Klaus
wuchs dort auf und half schon als Kind in der Wirtschaft
mit. Er erinnert sich an seine Mutter als sehr
ordentliche Person, bei der er oft so lange putzen
musste, bis es in ihren Augen sauber war. Sie galt als
beliebte Wirtin, so wie ihr Sohn Klaus als beliebter
Gastwirt, der als Nachfolger die „Waldrast“ über 36
Jahre lang gleichfalls prägte. Er unterhält heute immer
noch die Gäste. Trotz der Übergabe der Waldrast
an seinen Sohn Kevin im Jahr 2020 ist Klaus täglich
präsent, hilft überall mit – meistens findet man ihn
jedoch bei den Gästen.

Dass Kevin einmal in seine Fußstapfen treten
würde, war lange Zeit alles andere als sicher. Lange
Klaus Kleiser erinnert sich
an seine Mutter Margarete
als eine engagierte und
beliebte Gastwirtin, die
sehr auf Sauberkeit und
Ordnung achtete.
Margarete Kleiser

244
Gastlichkeit

wusste Kevin Kleiser nicht, was er beruflich machen
wollte, erzählt er. Es bestand keine Verpflichtung,
den Familienbetrieb zu übernehmen und seine beiden
Geschwister schlugen beruflich andere Wege
ein. Früh wusste er: „Ich will selbstständig sein.“ Er
absolvierte seine Lehre in Freiburg. „Dort habe ich
arbeiten gelernt.“ Das Restaurant hatte damals einen
Michelin-Stern. Anschließend zog es den Jungkoch
nach Ischgl, wo er als Koch für die Saison arbeitete.
Nach Stationen im Öschberghof kehrte er zurück in
die Heimat. „Ich wollte nur eine Sommer-Saison mithelfen“,
sagt er. Doch dann änderte ein Unglück alles:
Im Jahr 2014 brach im nebenstehenden Gebäude der
„Waldrast“ ein Feuer aus. Zum Glück war der Großvater,
der dort einst wohnte, nicht anwesend. Der
Brand sorgte dafür, dass Kevin länger blieb und mithalf,
die Schäden wieder zu beseitigen und das Gebäude
neu aufzubauen. Nach dem Brand wollte sein
Vater von ihm wissen: „Wie sieht es aus, wirst du den

LANDGASTHOF WALDRAST
Donaueschinger Str. 15
78147 Vöhrenbach
www.waldrast-voehrenbach.de
Tel.: 07727 309
ÖFFNUNGSZEITEN:
Montag, Dienstag, Mittwoch:
11.30 – 21.30 Uhr I Küche bis 20.30 Uhr
Donnerstag: Ruhetag
Freitag: 16.00 – 22.00 Uhr I Küche bis 20.30 Uhr
Samstag: 11.30 – 22.00 Uhr I Küche bis 20.30 Uhr
Sonn- und Feiertage: 11.00 – 21.00 Uhr I Küche
bis 20.00 Uhr

Landgasthof Waldrast 245

Linke Seite
Der großzügige Außenbereich
der „Waldrast“ ist bei den Gästen
sehr beliebt.
Rechte Seite
Mit Liebe und Sorgfalt zubereitet,
das zeichnet die Küche von
Kevin Kleiser aus.
Rustikal-modern sind die
im Landhausstil gehaltenen
Gasträume möbliert.

246
Gastlichkeit
Wir haben
vielleicht nicht DAS
Alleinstellungsmerkmal,
aber wir verkörpern
etwas, das eventuell
ein wenig verloren geht
in der heutigen Zeit:
gutbürgerliche Küche
Laden einmal übernehmen?“ Die Entscheidung sei
ein Prozess gewesen, doch er sagte „Ja“. Es folgte ein
Jahr in Heidelberg, ein Jahr für die Weiterbildung zum
Fachwirt, Meister und Ausbilder sowie eine Zeit in
Schorndorf – dann kehrte er nach Hause zurück und
übernahm die „Waldrast“ nach einiger Vorlaufzeit.

Bewährung in schwierigen Zeiten
Kevin Kleiser hat die Waldrast 2020 von seinem Vater
Klaus übernommen, ausgerechnet als die Corona-Pandemie
wütete. „Wir haben es durchgezogen, weil
es schon länger geplant war“, sagt Kevin Kleiser. Als
während der Pandemie die Gasthäuser geschlossen
bleiben mussten, boten Klaus und Kevin Kleiser einen
Mitnahme-Service an. Ein Catering hatte Klaus Kleiser
bis dahin nebenbei betrieben, durch die Pandemie
wurde es während des Lockdowns das Hauptgeschäft.

Es sei gut gelaufen, berichtet der Gastronom.
Sie nutzten weiter die Zeit, das Restaurant zu
sanieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der
Gastraum wirkt hell und einladend. Statt Tischdecken
zieren Tischläufer die Holztische. Bei der Gestaltung
der Einrichtung war die ganze Familie beteiligt; Kevin
Kleisers Mutter brachte sich ein wie auch seine
Lebensgefährtin. Die Holzdecke wurde so angepasst,
dass die Akustik angenehm bleibt, auch wenn der
Gastraum voller Menschen ist, die sich alle gleichzeitig
unterhalten.
„Wir haben vielleicht nicht DAS Alleinstellungsmerkmal,
aber wir verkörpern etwas, das eventuell
ein wenig verloren geht in der heutigen Zeit“, sagt
Kevin Kleiser. Und das ist: Gutbürgerliche Küche,
jeden Tag mittags und abends geöffnet, außer am
Ruhetag. Außerdem eine starke Verbundenheit zu
den eigenen Wurzeln: „Niemals vergessen, wo man
herkommt“, meint Kevin Kleiser. Und wie steht es
doch auf der Homepage: „Vor der entspannenden
Schwarzwälder Natur verwöhnen wir Sie und Ihre
ganze Familie mit dem Besten, was die regionale
Küche zu bieten hat. Verweilen Sie mit uns und
genießen Sie gemütliche Momente in freundlicher
Atmosphäre.“

Modern eingerichtet präsentiert sich auch das Hotel der
„Waldrast“, wo auf die Gäste zudem ein leckeres und herzhaftes
Frühstück wartet
.
Waldrast 247

KEVINS VEGANE LINSEN-BOLOGNESE
Zutaten (für vier Personen)
120 g Berglinsen
50 g Zwiebelwürfel
80 g Karotten, fein gewürfelt
80 g Sellerie, fein gewürfelt
50 g Champignons, fein gewürfelt
1 TL Tomatenmark
120 g rote Linsen
15 ml Weißwein
circa 250 ml Gemüsefond
circa 400 g Tomaten, gestückelt
Knoblauch – Majoran – Oregano – Salz – Pfeffer – Öl zum Braten
Zubereitung
Die Berglinsen werden zunächst etwa 15 bis 20 Minuten vorgekocht. Parallel dazu werden
Zwiebelwürfel in einer Pfanne angedünstet, bevor fein gewürfelte Karotten, Sellerie und Champignons
hinzugefügt und mit angedünstet werden.
Anschließend kommt Tomatenmark dazu, das schön angeröstet wird. Die roten Linsen werden
ebenfalls kurz mitgeröstet, bevor alles mit Weißwein und Gemüsefond abgelöscht wird.
Die Masse wird mit den gestückelten Tomaten sowie den vorgekochten Berglinsen ergänzt.
Abschließend wird die Linsen-Bolognese mit Knoblauch, Majoran, Oregano, Salz und Pfeffer
abgeschmeckt und zehn Minuten geköchelt bis sie den perfekten Gargrad erreicht hat.
Mit Nudeln/ Pasta nach Wahl servieren (Bei der veganen Variante Pasta ohne Ei verwenden.)

248
Treffpunkt mit Charme
und „Schwarzwälder“
VON ROLF WEHRLE

Es war einst das „Erste Furtwanger Caféhaus“, heute ist das traditionsreiche
Haus weit über die Stadt hinaus als „Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer“
bekannt. Am oberen Marktplatz, im Herzen der Stadt, zieht schon die in
Pastellfarben gehaltene und mit Ornamenten bemalte Außenfassade mit ihren
gelb-weißen Markisen die Aufmerksamkeit auf sich. Bei guter Witterung laden
die Tische vor dem Café zum Platz nehmen und Verweilen im Straßencafé ein.
Seit 2007 führt Melanie Weißer das Café mit viel Herzblut und einem klaren
Anspruch an Qualität und Atmosphäre. Ihre Eltern, Hansjörg und Edeltraud
Mayerhöfer, haben das Café über 33 Jahre gleichfalls vorbildlich geführt.

Gastlichkeit
Das Café Mayerhöfer
249
Inhaberin Melanie Weißer
führt das Café Mayerhöfer
mit viel Herzblut. Unterstützt
wird sie dabei von Konditormeister
Thomas Mack.
Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer

250
Gastlichkeit
Betritt man das Haus, leuchten zu linker Hand die
üppigen Auslagen mit den Conditorei- und Confiserie-
Erzeugnissen und den bunt verzierten Geschenkkartons
für die Pralinen im warmen Licht des
Verkaufsraums. Rechts öffnet sich der Blick in das
urgemütliche, in einladenden Gelbtönen gehaltene
Café mit den geschmückten Tischen, gepolsterten
Stühlen und Bänken. Ein feiner Duft von Kaffee, von
frisch gebackenem Kuchen und von süßem Naschwerk
überzeugt den Besucher endgültig: Hier bin ich
an einem Ort des Wohlfühlens.
Das Haus ist mehr als eine Conditorei und ein
Café
– es ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ort
der Begegnung mit dem Ambiente eines gemütlichen
Kaffeehauses. Wer das Café Mayerhöfer betritt,
spürt sofort die besondere Mischung aus Herzlichkeit,
Tradition und echter Handwerkskunst.

Seit 2007 führt Melanie Weißer das Café mit viel
Herzblut und einem klaren Anspruch an Qualität und
Atmosphäre. Ihre Eltern, Hansjörg und Edeltraud
Mayerhöfer haben das Café über 33 Jahre geführt.
Maßgeblich unterstützt wird Melanie Weißer dabei
von Konditormeister Thomas Mack. Er absolvierte
von 1997 an bis zum Jahr 2000 die Konditorenausbildung
im Café Mayerhöfer. Sein Ausbilder war
Hansjörg Mayerhöfer. Anschließend sammelte der
Gütenbacher Erfahrungen in anderen Konditoreien
und war 2007 wieder zurück. Im Jahre 2011 legte er
seine Meisterprüfung ab.

Gäste schätzen besonders die große Auswahl an
Torten und Köstlichkeiten, die mit der Sorgfalt und
Erfahrung der Handwerkskunst des Konditors zubereitet
werden. In der fünf Meter langen Theke finden
bis zu 30 Torten ihren Platz – direkt daneben schließt
sich eine üppig bestückte Pralinentheke an. Schon
der Anblick erfreut das Auge, ein anschließender
Verzehr den Gaumen.
Wer das Café Mayerhöfer
betritt, spürt sofort die
besondere Mischung aus
Herzlichkeit, Tradition und
echter Handwerkskunst.

Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer 251
Von der „Schwarzwälder“ bis zu Schokoladen-
Kuckucksuhren „Made in Furtwangen“
Das Kuchensortiment reicht von klassisch gebackenen
Kuchen über saisonale Obstkuchen und
natürlich Schwarzwälder Kirschtorte bis zur Nussbaiser-
Creme-Torte, für die auch schon mal von weit
her zum Café am Marktplatz in Furtwangen gefahren
wird. Für Geburtstage und Hochzeiten sind Torten
mit Cocktailcreme, Cocktailfrüchten, Eierlikör und
Marzipanüberzug die Klassiker. Bei den Pralinen gehören
die Tannenzapfen-Pralinen mit Tannenhonig-Trüffel-
Füllung und die Kuckucksuhren-Pralinen mit
Kirschwasser zu den Favoriten.
Die selbst hergestellten Pralinen in Geschenkkartons
werden regelmäßig als ganz besonderes Präsent
aus Furtwangen verschenkt. Ebenso mit auf weite
Reisen genommen oder in alle Welt verschickt. Ein
leckerer Pralinengruß aus der Confiserie Café Conditorei
Mayerhöfer ist überall ein mehr als willkommener
Gruß aus dem Schwarzwald.

Das Angebot im Mayerhöfer orientiert sich
selbstredend auch am Jahreslauf: In der Adventszeit
füllen feine Weihnachtskekse und Plätzchen die
Auslagen, zu Ostern die handbemalten Osterhasen
in den mit Geschenkband geschmückten Cellophantüten.
Zum Wonnemonat Mai sind es die kleinen
Maikäfer mit Mandeln als Flügel und die großen
Exemplare aus Schokolade. Im Oktober liegen die
lecker gefüllten Backwarentüten mit den dünnen,
aus heißem Fett ausgezogenen Kilwi-Küchle für die
Kundschaft bereit, an Fastnacht sind die Berliner das
begehrte Süßgebäck.

Auch zum Frühstück ist das Café längst ein
beliebter Treffpunkt – das Angebot reicht von klassischen
Varianten bis zum raffiniert zusammengestellten
Frühstücks-Arrangement. Ergänzt wird die
Speisekarte durch herzhafte Flammkuchen, feine
Suppen, saisonale Baguettes und eine kleine, aber
feine Auswahl an Weinen.

Das Café Mayerhöfer steht aber nicht nur für
edle Backwaren – es steht ebenso für Geselligkeit
Die „Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer“ bietet in Furtwangen
eine gemütliche Caféhaus-Atmosphäre. Die angegliederte
Konditorei bietet Süßes „Made im Schwarzwald“:
Von Tannenzapfen bis Kuckucksuhren aus Schokolade und
viele ebenfalls selbstgemachte Pralinen. Vorne rechts die
Modelle zu den preisgekrönten Schwarzwälder Kirschtorten
der Konditorin Ana Kostava (s. S. 254).

252
Gastlichkeit
und Verbundenheit im Ort. Seit 1987 findet am
Fasnet-
Mittwoch der traditionelle Frauencafé der
„Alte Jungfere“ statt. Beiträge in Reimform oder
Büttenreden gehören genauso zum Nachmittag wie
die ausgelassene Stimmung – ohne Männer wohlgemerkt.
In einer Kooperation mit dem Guckloch-Kino
treffen sich einmal im Jahr an einem Sonntag zudem
Cineasten zum Filmfrühstück im Mayerhöfer, bevor
es gemeinsam zur Filmvorführung im nahe gelegenen
Vorführraum im alten Postkraftwagenhof geht.

Die Fachfrau Melanie Weißer wird schon
früh für ihr Können ausgezeichnet
Melanie Weißer ist ausgebildete Konditoreifachverkäuferin
und wurde früh für ihr Können ausgezeichnet
– als Regionalsiegerin des Leistungswettbewerbs
der Deutschen Handwerksjugend im Bezirk der
Handwerkskammer Konstanz. Die Begeisterung für
das Handwerk wurde ihr in die Wiege gelegt. Ihr
Vater Hansjörg Mayerhöfer war Jahrgangsbester bei
der Meisterprüfung. Der goldene Meisterbrief, eine
Ehrung für seine langjährige berufliche Lebensleistung,
schmückt den Eingangsbereich des Hauses –
ein Qualitätsanspruch, der das Café bis heute prägt.

Ein Haus mit Charakter und Geschichte
Die Wurzeln des Hauses, in dem sich Backstube,
Ladengeschäft und Café befinden, reichen bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Nach dem großen
Stadtbrand von 1857, der sich vom Gasthaus Sonne
ausgehend zur Stadtkirche ausbreitete, wurde das
Haus am Marktplatz 16 im Jahr 1860 neu erbaut.

Anfangs befanden sich hier eine Metzgerei und
später ein Friseursalon. Im Jahr 1905 eröffnete Paul
Ketterer, ein gelernter Koch aus Gütenbach, hier das
„Erste Furtwanger Caféhaus“.

Nach seinem frühen Tod im Jahr 1915 wechselte
das Haus mehrfach den Besitzer, bis es 1919 von Hermann
Neumaier übernommen wurde – einem erfahrenen
Koch und Konditor aus Haslach im Kinzigtal. Er
wurde tatkräftig unterstützt von seiner Frau Tertia.
Sie prägten das Café für fast ein halbes Jahrhundert
und etablierten es unter dem Namen „Café Neumaier“
als feste Größe im Stadtleben. Immer wieder hört
man in der Bevölkerung auch heute noch die Benennung
„Im Neumaier“.

Als Hermann Neumaier im Lebensalter von fast
80 Jahren einen Pächter für das Geschäft suchte,
Im Jahr 1905 eröffnete
Paul Ketterer, ein gelernter
Koch aus Gütenbach, hier
das „Erste Furtwanger
Caféhaus“.

Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer 253
griffen 1968 Edeltraud und Hansjörg Mayerhöfer zu.
Aus Bad Dürkheim in der Pfalz kommend, übernahmen
sie das Café zunächst pachtweise von Hermann
Neumaier. 1974 kauften sie es schließlich von Tertia
Neumaier – der Beginn der Ära „Café Mayerhöfer“.
Der Gastraum wurde stilvoll renoviert, das Ladenlokal
umgestaltet und mit einer großen Umluftkühltheke
ausgestattet. Fünf Jahre später folgte die
nächste Umgestaltung: 60 Sitzplätze im Hauptraum
und weitere 30 im Nebenzimmer, aufgrund der
großen Spiegel an den Wänden als „Spiegelsaal“
Die „Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer“ im Spiegel
der Zeit, v. links: 1905 eröffnet Paul Ketterer das „Erste
Furtwanger Caféhaus“ – ausgestattet im reinsten Jugendstil.

1919 übernimmt es Hermann Neumaier (Foto Mitte)
– vielen Furtwangern ist dieser Name noch heute ein
Begriff. 1968 werden Edeltraud und Hansjörg Mayerhöfer
die Pächter (Foto rechts u. unt. links), die das Café 1974
erwerben. Es folgen stilvolle Renovierungen inklusive
„Spiegelsaal“. Das Café etabliert sich in seiner Sparte in
Furtwangen als „erstes Haus am Platz“ – die Mayerhöfers
werden „eine Institution“.

Pralinenproduktion im Café Mayerhöfer in den 1970er-Jahren.
Hinten Hansjörg Mayerhöfer, dessen Torten und Pralinen
begehrt sind.
Melanie Weißer führt das Café der Eltern seit 2007 fort. Sie
freut sich auf Gäste aus aller Welt, denn das „
Mayerhöfer“
ist weit über Furtwangen hinaus bekannt.

254
Gastlichkeit
bezeichnet, bieten seither Platz für Familienfeiern,
Gruppen oder einfach eine gemütliche Auszeit.
2002 verabschiedeten sich die Mayerhöfers in
den Ruhestand und verpachteten das Café an das
Ehepaar Klaus und Ingrid Ortwein. Als es das Ehepaar
nach Bayern zieht, übernimmt Melanie Weißer
2007 die Leitung – und führt das Familienunternehmen
seither mit frischem Elan und bewährter Kontinuität
weiter. Im Café und im Laden steht Melanie
Weißer ein Team erfahrener Mitarbeiterinnen zur
Seite. In der Backstube zaubern der Konditormeister
Thomas Mack mit Konditorin Ana Kostava und den
Auszubildenden Vienne Kürner sowie Litzy Sandova
Torten, Naschwerk
und Speisen.

Ana Kostava freut sich über den bereits
zweiten Sieg beim „Kirschtortenfestival“
Der Name Ana Kostava und damit auch der Name
des Café Mayerhöfer gingen im Mai 2025 durch
die Medien. Ana Kostava ging beim Schwarzwälder
Kirschtortenfestival in Todtnauberg mit ihrer Kreation
zum zweiten Mal nach 2023 als Siegerin hervor.
Die Teilnehmer hatten unter den strengen Augen der
Jury 20 Minuten Zeit, ihre Torte zu kreieren, durften
allerdings zu Hause schon einige Zutaten vorbereiten.
Dann wurde das Ergebnis beurteilt. Als Kriterien
in der Kategorie „Geschmack“ nennt Jury-Mitglied
Alfred Boch: „Wie schmeckt die Kirschtorte?
Ist das
alles homogen zueinander? Ist zu viel Kirschwasser
drin oder zu wenig? Oder die Sahne: Ist sie zu süß,
oder ist vielleicht gar kein Zucker drin?“ Am besten
fand die Jury am Ende das Werk von Ana Kostava,
deren Torte ein großer Bollenhut aus modellierter
Schokolade schmückte. Dafür erhielt sie zusätzlich
den Kreativpreis.

Wie kam Ana Kostava zu ihrer Liebe und Kunstfertigkeit
für feinste Torten? Die ersten Schritte für
ihre spätere Profession ging sie früh in ihrer Heimat
Georgien. Als sie spürte, dass es ihr große Freude
machte, zu Hause zu backen, auch eigene Rezepte
auszuprobieren oder Torten zu verzieren, beschloss
sie, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Sie begann
vor sieben Jahren ihre Ausbildung zur Konditorin
im Café-Conditorei Mayerhöfer bei Melanie Weißer.
Dort bäckt sie nun zusammen mit den Mitarbeitern
vor allem die klassischen Kuchen und Torten für den
täglichen Verkauf.

Ihre künstlerische Seite lebt sie bei Aufträgen für
Hochzeits- oder Geburtstagstorten oder daheim aus.
Dann experimentiert sie bei den Tortenrezepten und
vor allem bei der Dekoration, versucht neue Formen,
Farben und ebenso Geschmacksrichtungen.

Aus
Mehl, Zucker, Obst, Schokolade oder Marzipan fertigt
sie kleine Kunstwerke, die für sie ihre Emotionen
zeigen und Geschichten erzählen. „Das Zusammenspiel
von Form, Farbe, Geschmack und Fantasie, das
ist für mich die wahre Magie des Konditorberufs“,
schwärmt Kostava.

Ihre Freude am Gestalten lebt sie neben dem Tortenhandwerk
auch beim Schnitzen von Obst und Gemüse
aus. „Aus Karotten, Äpfeln oder Gurken gestalte
ich Blumen, Blätter und filigrane Muster. Ich sehe
eine Karotte nicht nur als Zutat, sondern als Material
für ein Kunstwerk. Für mich ist das eine eigene Form
von Kunst. Ich finde meine Inspiration überall: in der
Natur, in Farben, in Blumen, in der Stimmung eines
Tages. Diese Liebe zur Ästhetik hat sich mit der Zeit
immer weiterentwickelt.“

Zurück zu ihrer Siegertorte. Hier hält sie sich im
Grunde an das herkömmliche Rezept, verwendet
aber statt des klassischen Kirschwassers eine Art
Kirschwassergel, das aus ihrer Sicht den Geschmack
intensiviert. Und bei der Gestaltung möchte sie einfach
die Herkunft und den Namensgeber der Torte
herausstellen, den Schwarzwald. Ana Kostava: „Es
kommen oft Gäste ins Café, die sich besonders auf
meine Schwarzwälder Kirschtorte freuen“, berichtet
sie. Von der „Schwarzwälder“ und den anderen Köstlichkeiten
der Conditorei Mayerhöfer angetan, kehren
viele Genießer und Leckermäulchen auch nach
längerer Anreise im Haus am Marktplatz ein, dem
früheren „Ersten Furtwanger Caféhaus“. Und wer
einmal dort war, kommt gerne wieder – zum Frühstück,
zum Kaffeetrinken, zum Treffen mit Freunden
oder einfach für eine kleine Auszeit im „Mayerhöfer“.
Es kommen oft Gäste ins
Café, die sich besonders
auf meine Schwarzwälder
Kirschtorte freuen.

Confiserie Café Conditorei Mayerhöfer 255
Ana Kostava mit der von ihr besonders geliebten, klassischen Schwarzwälder Kirschtorte.
Annette Hengstler
vor ihrem Atelier in
Überauchen.

10. Kapitel – Kunst
Die künstlerische Welt von Annette Hengstler
Farben, Figuren und
Verbindungen aus dem
Herzen VON CORNELIA PUTSCHBACH

256

257
Wenn man Annette Hengstler
begegnet, spürt man schnell:
Hier steht ein Mensch, der
mit offenen Augen durch die
Welt geht – und mit offenem
Herzen.

Sie ist eine Künstlerin,
die sich nicht auf große Bühnen
drängt. Eine Gestalterin, die aus
dem Inneren
schöpft, wie sie
unterstreicht.

258
Kunst
Von sich selbst sagt die 59-Jährige: „Der Mensch
im Dialog mit sich selbst, in der Begegnung
mit anderen, in vielfältigen Lebensformen und
in Alltagssituationen fasziniert mich. Meine Gedanken
dazu setze ich in meiner Kunst mit eigenen Ideen und
Inspirationen um.“
Heute entdeckt man ihre Werke an ungewöhnlichen
Stellen nicht nur in der Region: eine ihrer
farbenfrohen Nana-Figuren an Hauswänden wie die
lebensgroße Schwarzwaldmarie in Schramberg oder
ein lachender Bücherwurm vor dem Brigachtaler
Rathaus.

Annette Hengstler ist es, die diese Kunstwerke
initiiert, begleitet und zum Lächeln bringt. Doch sie
ist weit mehr als eine Kulturvermittlerin. Sie ist auch
Impulsgeberin, Gestalterin, Administratorin und
Verbindungsglied zwischen Kunst und Alltag.
Schon als Kind waren Stifte und Farben ihre Welt.
Von Kindesbeinen an lebt sie ihre Phantasie und
Kreativität. Ihr Zimmer habe sie selbst mit einem
großen Wandbild gestaltet, erinnert sich Annette
Hengstler.
Eigentlich wollte sie den Beruf der Schaufenstergestalterin
erlernen. Doch ihre Eltern legten Wert auf
eine „vernünftige Ausbildung“. Also absolvierte sie
eine Lehre zur Verwaltungsfachangestellten bei der
Gemeinde Brigachtal. Hier fand sie anschließend auch
eine Anstellung.

Die Arbeit im Rathaus erwies sich als weit weniger
trocken als zunächst angenommen. „Ich arbeite gerne
mit Menschen zusammen, die Organisation von
Veranstaltungen macht mir Spaß“, sagt Annette
Hengstler. Immer wieder bringt sie Kunst und
Verwaltung zusammen: Sie vernetzt, koordiniert,
organisiert – mit kreativer Note.
Grundlagen bei namhaften Künstlern
Doch parallel zu ihrer Arbeit in der Kommunalverwaltung
gehört das Herz von Annette Hengstler
immer und vor allem der Kunst. Im Laufe der Zeit sei
der Wunsch, ihre künstlerische Freiheit zu leben,
immer größer geworden, erklärt sie. Dazu wollte sie
die richtigen technischen Grundlagen erlernen. In
verschiedenen Kursen bei namhaften Künstlern
folgte ab 2007 eine Ausbildung in Ausdrucksmalerei
nach Arno Stern. Dies sei für ihre persönliche
Entwicklung ein richtiger Quantensprung gewesen,
erinnert sich Annette Hengstler. Diese Erfahrung
habe sie weiter darin bestärkt, ihre Berufung zu
leben, die Kunst.

Im Jahr 2008 gründete sie ihre eigene Kunstwerkstatt
im heimischen Keller. Im lichtdurchfluteten
Obergeschoss einer großen Industriehalle in Kirchdorf
entstanden dann seit 2020 farbenfrohe Bilder,
Plastiken und Figuren, die Lebensfreude, Leichtigkeit,
Optimismus, Humor und auch innere Ruhe ausstrahlen.
Im Jahr 2022 ergänzte Annette Hengstler ihr
künstlerisches Wirken um einen weiteren Baustein.
Sie absolvierte eine Ausbildung in Kunst- und
Gestaltungstherapie. In diesem Rahmen ist es
möglich, seinen Gefühlen und Gedanken kraftvoll
Ausdruck zu verleihen.

Ein Traum ging in Erfüllung
In diesem Jahr konnte Annette Hengstler den großen
Wunsch nach einer eigenen Kunstwerkstatt hinter
ihrem Wohnhaus in Überauchen verwirklichen. Die
alte Autowerkstatt ihres Onkels wurde dafür saniert.
Entstanden sind helle Räume, die Besucher und
Kunstinteressierte mit einem Blick in die Natur und
ansprechendem Ambiente empfangen. Sie lassen
der Kreativität noch mehr Raum. Hier kann Annette
Hengstler nun ihre Workshops für Kunstinteressierte
in einem inspirierenden Rahmen weiter ausbauen.
Die Phantasie kennt bei der Künstlerin selbst
kaum Grenzen. Ihr Schaffen ist vielfältig und reicht
von der Malerei über die Anfertigung von Kleinplastiken
bis hin zum Bau von großen Skulpturen.
Die meisten Skulpturen präsentieren sich schlank
und reduziert auf die Gestalt, oft in übersteigerten
und herausgestellten Proportionen, die für die
Einmaligkeit des Menschen stehen und den Blick auf
das Innere und dessen Ausstrahlung lenken sollen.
Der Mensch im Dialog mit
sich selbst, in der Begegnung
mit anderen, in vielfältigen
Lebensformen und in
Alltagssituationen fasziniert
mich.

259
Links: Gruppe aus der Serie „Red Heels“
aus Draht und Modelliermasse.
Oben: Die Skulptur „Bereit für …“
Unten: Blick in das weiträumige Atelier
von Annette Hengstler.

260
Kunst
Die künstlerische Ausbildung umfasst: expressives
Malen nach Arno Stern in Wiesbaden, Studien bei
Anton Petz in Hohenaschau, bei Michael Ryba am
Schluchsee, bei Angelika Karoly in Rottweil und bei
Birgit Feil in Leonberg. Die Summe dieser Einflüsse
formt ihre künstlerische Sprache: Sinnlich, lebhaft,
unmittelbar – eine Sprache, die nicht auf Hochglanz
abzielt, sondern das Leben abbildet.
Kunst ist Aufbau von Identitätsbestärkung
Die Projekte von Annette Hengstler zeigen ein
gemeinsames Schema: Kunst ist für sie Teilhabe.
Farben und Figuren laden ein zum Nachdenken, zum
Ergründen, zum selbst etwas Gestalten und zum
Reden und Zusammenkommen.

In ihrer Kunstwerkstatt bietet Annette Hengstler
regelmäßig Workshops an – sie schafft Freiräume, die
es möglich machen, „schief“ zu malen, zu lachen, zu
reflektieren, Gemeinschaft zu bilden. Es geht nicht um
Perfektion, sondern um das Erleben und Erfahren mit
allen Sinnen.
Annette Hengstler ist sich sicher: „Jeder ist kreativ.
Jeder ist sprachfähig. Kunst ist Selbstermächtigung,
dient dem Aufbau von Gemeinschaft und ist zugleich
Identitätsbestärkung.“

Ihre Kunst lebt in Figuren, Farben und einer
unverwechselbaren Leichtigkeit, gepaart mit tiefer
Symbolik. Wer einen Blick in ihre Galerie und
Werkstatt wirft, findet keine bloße Aufreihung von
Exponaten, sondern die Einladung in eine farbige Welt,
in der sich Weiblichkeit, Lebensfreude und Freiheitsdrang
verbinden. Ihre Werke sind nicht nur Ausdruck,
sondern auch Haltung – greifbar, lesbar, nahbar.
Oben: Skulptur „Himmelsgucker“ aus dem Atelier.
Unten: „Edle Könige“ ein Weihnachtsgeschenk aus
Annette Hengstlers Onlineshop.
Es geht nicht um Perfektion,
sondern um das Erleben
und Erfahren mit allen
Sinnen.

Annette Hengstler
261
Eine „Schwarzwaldmarie“ im Nana-Stil
Ein zentrales Motiv sind Figuren. Die Materialien variieren,
doch die Formensprache bleibt klar: Körper
brauchen bei der Brigachtalerin oft kein Gesicht. Sie
sind Träger von Gefühl, Gestik und Botschaft.
Bestes Beispiel ihres Wirkens ist die „Schwarzwaldmarie“
– eine lebensgroße Skulptur im Nana-Stil
nach Niki de Saint Phalle, die 2021 als Auftragsarbeit
eines Geschäfts in Schramberg enthüllt wurde. Aus
wetterfestem Polymergips und Glasfaser gestaltet,
trägt sie einen knallroten Bollenhut und strahlt
Selbstbewusstsein aus. In der Lokalpresse war sie „ein
absoluter Hingucker“, zugänglich im öffentlichen
Raum – Kunst, die nicht abgehoben, sondern mitten
im Leben steht. Seither ist die korpulente Dame ein
echter Blickfang.

Deutlich kleiner und filigraner sind die Figuren der
Serie „Red Heels“, der Serie der Frauen mit den roten
Schuhen. Die Idee entstand bei einer Tanzveranstaltung,
erinnert sich Annette Hengstler. Sie selbst tanzt
sehr gerne. Bei guter Musik kann sie auf der Tanzfläche
nichts aufhalten. Die Frauen mit den roten Schuhen
stehen für Damen jeden Alters, die ihrer Leidenschaft
folgen, ihren Emotionen freien Lauf lassen, das innere
Leuchten nach außen bringen und frei und ohne
Konventionen tanzen. Sie sind eine Hommage an das
Leben.

Ihre Werklinie „Gedankenflug“ stellt dagegen
Silhouetten von Köpfen dar. Die Objekte zeigen die
Umrisse eines Kopfes, den Blick zuversichtlich nach
vorne in die Zukunft gerichtet. Das Objekt wirkt
durchlässig. Es überbrückt den Raum zwischen
Bewusstsein und Fantasie. Die kräftigen Farben
symbolisieren die Vielfalt und Lebendigkeit im
inneren Prozess, Erinnerungen und Lebensphasen.
Gedanken lösen sich schwerelos und frei, kommen
und gehen. „Ein stilles Plädoyer für geistige Freiheit,
für Kreativität und Mut und dafür, sich von Gedanken
zu lösen und neuen Inspirationen zu folgen“, so die
Gedanken der Künstlerin.

Oben: Annette Hengstler mit ihrer „Schwarzwaldmarie“
– einer lebensgroßen Skulptur im Nana-Stil nach Niki de
Saint Phalle, 2021 vor einem Geschäft in Schramberg.
Rechts: Die „Red Heels“.

263
Eine Hommage an den
Schwarzwald sind die Schwarzwaldmädel:
Kleine, aus
Kunststoff gearbeitete
Schwarzwälderinnen mit
modellierten Bollenhüten. Das
erste eigene Kunstobjekt von
Annette Hengstler. Mal thronen
die Mädels auf dem Stopfen
einer Weinflasche, mal zieren
sie ein Schlüsselbrett. Sie
sind auch in ihrem Webshop
zu erwerben.

Annette Hengstler
arbeitet mit unterschiedlichsten
Materialien: Modelliermasse,
Metall, Draht – aber
auch Acrylfarben, Beton. Mit
dem Schweißgerät
gibt sie
großen Figuren auch selbst das
eine oder andere Mal ein Gerüst.
Diese Vielfalt zeigt sich nicht nur
im Handwerklichen, sondern auch im Ausdruck. Ihre
Skulpturen können monumentale Präsenz haben oder
filigran sein. Manche erinnern an Bronzeskulpturen.
Und doch verbindet sie alle ein gemeinsamer Ton:
Eine Wärme, eine Nahbarkeit, eine Einladung, sich zu
öffnen – für das Werk, für sich selbst, für andere.
Eine Erzählerin mit Formen
Auffällig ist auch, wie viele ihrer Werke ein Lächeln,
lebhafte Gestik oder offene Körperhaltungen zeigen.
Figuren, die nicht isoliert wirken, sondern im Dialog
stehen. Ob in der Geste des Lesens, der Freude, der
Bewegung oder des Lachens – immer geht es um
Verbindung. Das unterscheidet Hengstlers Arbeit
grundlegend von Kunst, die nur betrachtet werden
will. Ihre Werke wollen berühren – nicht nur die
Netzhaut, sondern das Herz.

Was in ihrer Galerie deutlich wird: Annette
Hengstler ist eine Erzählerin. Nicht mit Worten,
sondern mit Formen, Farben und Figuren. Ihre
Skulpturen und Objekte sind keine stummen Zeugen,
sondern Gesprächspartner. Sie erzählen von dem Mut,
sichtbar zu sein. Vom Recht auf Lebensfreude. Von
der Schönheit im Unperfekten. Von der Kraft der
Gemeinschaft.

Und vielleicht ist es das Schönste an Annette
Hengstlers Kunst: Sie steht nie nur für sich. Sie steht
für jeden von uns.
Ihre Skulpturen und Objekte
sind keine stummen
Zeugen,
sondern
Gesprächspartner.
Sie
erzählen von dem Mut,
sichtbar zu sein.
Links: Die Skulpturenserie „Gedankenflug“.
Oben: Den Flaschenaufsatz „Schwarzwald-Mädel“ gibt es
auch im Onlineshop zu erstehen.
Rechts: Annette Hengstler beim Modellieren einer Skulptur.
Annette Hengstler

264
Kunst
Felix Rombach
Grenzen ausloten, Bedeutungen hinterfragen – Freie Kunst und Bildhauerei
VON STEFAN SIMON
Bedeutungen hinterfragen, Kontexte umdefinieren und Grenzen ausloten – das ist
die Praxis des Künstlers Felix Rombach im wortwörtlichen Sinne. Die Fundstücke und
Alltagsgegenstände in seinen Serien Kinetics und Mini Kinetics entwickeln losgelöst
von ihrem ursprünglichen Dasein ein unvorhergesehenes Eigenleben. Felix Rombach,
1983 in VS-Villingen geboren und in Vöhrenbach aufgewachsen, fand schon früh
über das Spiel mit verschiedenen Materialien seinen Zugang zur Kunst: Sein Meisterabschluss
in Metallbau war für ihn lediglich die logische Schlussfolgerung, das Handwerk
als eine Ausdrucksform zu perfektionieren. Anschließend studierte er Freie
Kunst und Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
und war Meisterschüler von Aktionskünstler John Bock. In den Werken von Felix
Rombach begegnet
uns eine Bildhauerei, die sich der starren Dingwelt widersetzt.
Aus Fundstücken, Metallfragmenten, Maschinenresten und konstruierten Elementen,
entstehen
Skulpturen, die zwischen Objekt, Installation und Bewegung changieren. Sie wirken
technisch,
handwerklich präzise – und zugleich rätselhaft, poetisch, ja fast absurd.
265
„Die Glückspanne“, 2010
Static, Light, 160 × 80 × 90 cm
266
Kunst
„Am Ende der Fahnenstange“. Was kann danach
wohl noch kommen? Nicht nur für die Besucher
der „
Donaueschinger Regionale 2024“ eine ganze
Menge. Das raumgreifende Kunstwerk eröffnet neue
Horizonte
und ermöglicht erfrischende Perspektiven
auf zeitgenössische Kunst und ganz speziell auf einen
Künstler, der aus der Region stammt. Mit dem
temporären Gastspiel, bestehend aus einer lackierten,
verformten Vierpunkttraverse und farbigem
Markisenstoff, hat sich Felix Rombach in den Donauhallen
spektakulär in der Heimat zurückgemeldet.
In einer Region, in der der 1983 in VS-Villingen
geborene und in Vöhrenbach aufgewachsene
Künstler seine kreativen Wurzeln hat und in der er
seit Herbst 2025 mit einem überdimensionalen Hingucker
dauerhaft vertreten ist. Die Arbeit „Portal“
mit den stattlichen Dimensionen
von 350 x 350 x 100
Zentimetern steht nun vor dem frisch renovierten
Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwangen. Die einzelnen
technoiden Stahlfundstücke,
wie etwa die riesigen
Schraubenschlüssel, Ketten,
Zahnräder und Muttern,
aus denen diese Arbeit zusammengesetzt ist,
erleben durch Rombach eine Transformation in eine
neue – in eine organische Form. Der Betrachter ist
absolut frei darin, eine Torsituation mit allerlei damit
verbundenen Assoziationen zu sehen.
Meisterschüler bei John Bock
Für Felix Rombach beinhalten die Arbeit und ihr
Standort einen besonderen Aspekt. Der Blick durchs
Portal richtet sich ausnahmsweise einmal zurück,
dorthin, wo alles begann, die Grundlagen für die
beruflichen Entwicklungen gelegt wurden. Rombach
war bis zu seinem Realschulabschluss Schüler
am Otto-Hahn-Gymnasium. Nach seinem Abitur an
der Furtwanger Robert-Gerwig-Schule erlernte er
zunächst den Beruf des Metallbauers. Parallel zu seinem
Abschluss als Betriebswirt legte Rombach 2008
die Meisterprüfung ab. 2009 nahm er ein Studium
der Freien Kunst an der Staatlichen Akademie der
Bildenden Künste Karlsruhe auf, das er 2014 mit Diplom
und als Meisterschüler bei John Bock abschloss.
Eine fundierte Ausbildung im Metallbau vor dem
Kunststudium – das hört sich schlüssig an. Aber wie
hängen beide Bereiche für den Künstler zusammen?
Die Ausbildung war nicht die ausschlaggebende
Motivation – ich habe schon davor künstlerisch mit
plastischen Materialien gearbeitet“, erklärt Rombach
sehr anschaulich beim Rundgang durch sein
Vöhrenbacher Domizil. Im Kindesalter war es eben
Holz, als Teenager hat er sein Repertoire um Metall
erweitert und zunächst begonnen, mit einem Schutzgasschweißgerät
naturalistische Formen und Körper
aus Schrottteilen nachzubilden: Frühe, vorakademische,
meist rostige figürliche Zeugnisse, die rund um
das Anwesen zu finden sind. Erst später, nach dem
Meister in Metallbau, hat er bemerkt, dass der künstlerische
Ausdruck durch handwerkliche Dogmen
nicht unbedingt begünstigt wird. Rombach: „In der
Ausbildung wird anhand von Ansätzen, Normen und
ausgetretenen Wegen gelernt“. Es war ihm nun wichtig,
seine Arbeit weniger dogmatisch und nicht nur
in einem bestimmten Materialspektrum zu sehen.
Kunststudium eröffnet eigene Wege
Durch das anschließende Studium der Bildhauerei
sind ganz neue Materialien, Techniken, Dimensionen
und vor allem Sichtweisen hinzugekommen. Im
Kunststudium musste er sich bewusst von den
erlernten, eng gesteckten Lehrsätzen distanzieren,
um eigene Wege und Lösungen zu finden. Natürlich
spiele das Handwerk heute immer noch eine
wesentliche Rolle, so Rombach rückblickend. Aber es
ist nun mehr reines Mittel zum Zweck, auf das er
jederzeit zurückgreifen kann. Wie etwa für den
öffentlich zugänglichen Brunnen am Bruderkirchleweg
Im Kindesalter war es eben
Holz, als Teenager hat er
sein Repertoire um Metall
erweitert und zunächst
begonnen, mit einem
Schutzgasschweißgerät
naturalistische Formen und
Körper aus Schrottteilen
nachzubilden.

Felix Rombach 267
„Am Ende der Fahnenstange.“
Vierpunkttraverse mit farbigem Markisenstoff, 2019.
Material: Stahl, Markisenstoff
LBH: 5,5 m x 2,5 m x 3,5 m

268
Kunst
beim Waldrand oberhalb von Vöhrenbach. 1888 hat
Cornelius Heine, ein Vorfahre von Felix Rombach,
dort eine Quelle erschlossen. Rombach hat die
Quelle 2011 künstlerisch aufgewertet. Das Wasser
fließt nun in einen Trog, der von einer beschützenden
Hand aus Stahl gehalten wird.

Eine weitere Arbeit im öffentlichen Raum in seiner
Heimatstadt befindet sich im Rathaus. Die 2009
entstandene Bewerbungsarbeit für die Kunstakademie
– ein anatomisch detailgenaues, lebensgroßes,
aus alten Kfz-Kennzeichen geformtes Paar lädt zum
Dialog ein. Eine frühe, unbetitelte Arbeit, in der
das erlernte Handwerk ebenso drinsteckt wie auch
die Leidenschaft des Sammelns von Objekten jeglicher
Art, denen Rombach in seinen Prozessen neue
Form verleiht. Seine Ateliers in Vöhrenbach und in
Berlin-Pankow sind gefüllt mit Dingen aus unserer
Alltagswelt, die er frei von ihrem ursprünglichen,
monetären Wert oder ihrer Funktion betrachtet.
Darüber hinaus bezeichnet sich Rombach selbst
als „Sammler von zwischenmenschlichen Begebenheiten“.
Die meisten Arbeiten entstehen aus einem
Prozess der Synthese und Neuordnung – indem er
Erinnerungen und Objekte, die er im Alltag oder auf
Frühe Arbeiten von Felix Rombach, die sich im Umfeld
seines
Elternhauses und im Rathaus Vöhrenbach befinden.
V. ob. links: Brunnen beim Elternhaus, ohne Titel und
Menschen aus Kfz-Kennzeichen.

WERDEGANG
1983_geboren in Villingen-Schwenningen
2006_Abschluss als Metallbauer-Geselle
2006_Stipendium Begabtenförderung
Baden-Württemberg
2007_Abschluss als Betriebswirt GA
2008_Abschluss als Metallbauer-Meister
2008_Kunstschmied auf Korsika
2009_2014 | Studium der Freien Kunst
an der AdBK Karlsruhe bei Prof. John Bock
2012_Ausstellungspreis der AdBK Karlsruhe
2014_Diplom Bildhauerei an der AdBK
Karlsruhe
2015_Meisterschüler bei John Bock
2016_Stipendium »Artist in Residence«
Herrenhaus Edenkoben
2017_Debütanten Preis »Tangenten« der
Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
2017-25_Lebt und arbeitet in Berlin
„Blick durchs Portal“.
Installiert beim Otto-Hahn-Gymnasium
Furtwangen.

Felix Rombach 269
„Black Forest, vorerst“, 2015
„Herz 9“, 2016
Kinetic, 12 × 12 × 12 cm
„Tiefschwarz“
2023

270
Kunst
seinen Reisen sammelt, in spezielle Zusammenhänge
stellt und miteinander kombiniert. Er formuliert auf
diese Weise Sehangebote und Fragestellungen, die provokativ
und offen zur Auseinandersetzung einladen.
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht“
Zu den reinen
Metallarbeiten und den Objekten aus
Fundstücken kommt das kinetische Element hinzu.
Eine wunderbare Arbeit, die aufgrund ihrer Komplexität
die unterschiedlichsten Sinne anspricht, ist das
bereits 2010 entstandene kinetische Werk „Junger
Mann zum Mitreisen gesucht“. Eine Erinnerung an
den Rummelplatzbesuch inspirierte den Künstler
zum Titel dieser Trommelmaschine. Ein über ein
Fahrrad umgelenkter Rasenmähermotor lässt zwei
Klöppel auf eine Trommel schlagen und erzeugt so
einen eindringlichen, rhythmischen Klang, der an die
Trommelschläge auf einer Galeere erinnert.

Bei Ausstellungen kommt noch das performative
Element hinzu, wenn der Künstler selbst den Viertakt-
Motor startet. Von vielen kinetischen Arbeiten
und von deren Funktionsweisen gibt es Videodokumentationen,
die selbstverständlich den unmittelbaren
Austausch des Publikums mit den Arbeiten nicht
ersetzen können. Aber für den Künstler gibt es im
Bereich Video, im Gegensatz zur Fotodokumentation,
ein ganz neues Spektrum an Möglichkeiten, eine
Arbeit in Szene zu setzen. Rombach: „Ich sehe mich
hier aber weniger als Regisseur und mehr als Zirkusdirektor“.
Ein Zirkusdirektor, der wie es scheint, eine
intensive Beziehung zu seinen Wesen führt.

Interaktion mit dem Publikum
Seine Arbeiten gestalten sich so unterschiedlich wie
die Themen, mit denen er sich befasst. Es kann um
Missstände in der Gesellschaft gehen, es gibt Porträts
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht“, 2010 Kinetic, Sound, 135 × 55 × 150 cm.

Felix Rombach 271
von Einzelpersonen oder Gruppen. Gerade die „Mini
Kinetics“ sind teilweise sehr privat, aber es gibt auch
ganz allgemein gefasste, clownesk inszenierte
Themen. Bei den kleinformatigen Arbeiten für den
Hausgebrauch gibt es außerdem das, was der
Künstler „Frankenstein-Moment“ nennt. Rombach:
„Funktioniert das Werk so, wie ich es mir vorgestellt
habe – lebt es?“ So richtig leben können sie aber
erst in dem Moment, in dem sie ausgestellt sind und
von anderen betrachtet werden. Für den Künstler ist
eine Arbeit erst dann fertig, wenn es eine Interaktion
mit dem Publikum gibt.

Gelegentlich reicht auch der Dialog
mit dem Erschaffer,
wie bei den kleineren Arbeiten in Rombachs
Zuhause. Wenn er von einer Reise zurückkommt,
muss er erst einmal nach ihnen sehen und überprüfen,
ob sie noch laufen. Deshalb auch die Referenz
zum Zirkusdirektor, der seine Schützlinge auf seinen
Reisen dann doch gelegentlich alleine lassen muss.
„Provisorien interessieren mich sehr“
Aber gerade Rombachs Sicht auf die Vielfalt der
Welt, der Gesellschaften und Menschen prägt seine
Arbeit ungemein. Im besten Fall kann er vor Ort
arbeiten und so eine Zeitlang Teil davon werden. Ihn
interessiert, wie Menschen in verschiedenen
Regionen
ganz unterschiedlich mit ähnlichen
zwischenmenschlichen Problematiken umgehen,
welche Prioritäten im Leben gesetzt werden und was
für eine Rolle sie spielen, wenn etwas Unvorhergesehenes
geschieht. „Improvisationsgabe und sogenannte
Provisorien interessieren mich sehr,
sowohl
materiell als psychosozial“, so Rombach.

Und hier kommt wieder der Begriff „Fundstück“
als wesentliches künstlerisches Element ins Spiel.
Das gefundene Stück ist ein Scharnier, ein Vehikel,
ein Schmiermittel und beschränkt sich nicht nur auf
physische Aspekte, sondern beinhaltet auch zwischenmenschliche
Begebenheiten und abstrakte
„Sunsetburger“, 2012, Installation, Performance, Video, 300 × 500 × 400 cm.
272
Lösungsansätze. Man könne Fundstücke auch als
Werkzeuge oder Prozessbegleiter für den Umgang
mit dem Leben bezeichnen, so Rombach.
„Mit voller Kraft voraus“
Das Reisen ermöglicht Rombach, sein Repertoire
stetig zu erweitern und zu überdenken. Er selbst will
in Bewegung bleiben und weiterhin von der Welt
überrascht werden. Lähmende Trägheit missfällt ihm.
Sein Motto ist: Mit voller Kraft voraus, der Zukunft
entgegen streben, begleitet durch den bewussten
Blick in den Rückspiegel. Hört sich, inklusive des
Mikrokosmos Berlin, der nach ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten
funktioniert, recht kosmopolitisch an.

Ist es auch in vertrauter Umgebung in der Vöhrenbacher
Wirkungsstätte, in der selbstverständlich die
Schwarzwälder Kuckucksuhr nicht fehlen darf. Ein
Schwarzwälder Symbol, das freilich ganz im Sinne
des Künstlers tickt: Bei einem Aufenthalt in Mexiko
hat er eine Kuckucksuhr aus Kunststoff gefunden,
die in China produziert wurde und die er schließlich
mit religiösen und gesellschaftskritischen Themen
ausgestattet hat, die auch für den lateinamerikanischen
Raum relevant sind. Sie hat den Titel „Patria o
Muerte“ (Vaterland oder Tod), geschaffen 2016.
Eine andere minikinetische Arbeit mit dem an
Hermann
Hesse angelehnten poetischen Titel „Überflort
von Tannenschatten“ aus dem Jahr 2016 steht
letztlich stellvertretend für die Vielfalt in Rombachs
Schaffen sowie für eine globale kulturelle Vermischung
aus Assoziationen und Deutungen. Sie befasst
sich eindeutig mit der Heimat Schwarzwald und deren
bekanntestem Produkt: der Kuckucksuhr.

EINZELAUSSTELLUNGEN (IN AUSWAHL)
• 2020 – Frontfliptucknohand, Galerie
Ebensperger, Berlin, kommunalegalerie.de
• 2020 – Habe die Haare, hebe die Ehre,
Galerie Ebensperger, Salzburg
• 2019 – Jaywalking, SMAC Galerie,
Berlin (22. November – 8. Dezember 2019)
• 2016 – Anim-/a/us, aus dem Reisetagebuch,
Herrenhaus Edenkoben, kommunalegalerie.de
• 2016 – Welterbe: Homo Homini Deus est,
Kunstverein Letschebach, Karlsruhe Durlach
• 2014 – Panoptikum, Diplom-Ausstellung,
Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe
• 2013 – Erinnerungsdefragmentierung,
Kunstverein Rastatt, kommunalegalerie.de
GRUPPENAUSSTELLUNGEN (IN AUSWAHL)
• 2024 – Regionale 2024, Donaueschingen
• 2021 – Fahrradkörper, Städtische Galerie
Delmenhorst
• 2020 – Zodiac, Lindenow, Leipzig
kommunalegalerie.de
• 2019 – 22. Skulpturenpark Mörfelden Walldorf
(Publikumspreis für sein Stahlportal)
• 2019 – Kunst Liegewiese, Freiburg,
kommunalegalerie.de
• 2018 – Played, Galerie Ebensperger, Salzburg,
kommunalegalerie.de
• 2018 – Rêver Deux Printemps, Galerie Detais,
Paris, kommunalegalerie.de
Rechts:
„Patria o muerte“ (Vaterland oder Tod), 2016.
Kuckucksuhr
aus China, erworben in Mexiko – um
gesellschaftskritische
und religiöse Themen ergänzt.
273
„Überflort von Tannenschatten“, 2016.
Minikinetische Arbeit mit einem an Hermann
Hesse angelehnten poetischen Titel.
Felix Rombach

274

11. Kapitel – Freizeit
Die Idee zum Westweg wird 1897
geboren und 1900 umgesetzt
Ein wenig geschichtliche Informationen
vorab einzuholen, bevor die
Wanderung auf der 8. Etappe des
Westweges beginnt, das musste einfach
sein. Zumal im 125. Jahr des Bestehens
dieses außergewöhnlichen Wanderweges.
Bereits 1897 entstand im Badischen
Schwarzwaldverein die Idee, die vielen
lokalen Wanderwege zu einem großen Ganzen zu
verbinden. Wer diesen Gedanken zuerst äußerte,
ist unbekannt – doch Philipp Bussemer machte
ihn zu seiner Herzensangelegenheit. Der 1855 in
Heidelberg geborene und durch seine Heirat nach
Baden-Baden gekommene „Wahlschwarzwälder“
war seit langem aktives Mitglied und Mitgründer
der dortigen Sektion des Schwarzwaldvereins.
Bussemer war leidenschaftlicher Wanderer, kannte
den Schwarzwald wie kaum ein anderer. So galt er
als die ideale Persönlichkeit, um ab dem
Jahr 1900 den ersten Höhenweg des
Schwarzwaldes ins Leben zu rufen – in
Zusammenarbeit mit Julius Kaufmann.
Zurück zur Tour, zum Anfang: Wir machen
uns an einem Montag bei herrlichem,
nicht zu warmem Wetter auf den Weg. Die
Etappe 8 bedeutet übrigens auch:
Aufstieg 420 m und Abstieg 380 m.
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer (ich beschloss, das
zu ignorieren). Mit dabei meine Freundin Anja,
etwas Proviant und eine Wander-App. Um 9.30 Uhr
schreiten wir gemessenen Schrittes auf der Wilhelmshöhe
durch ein gewaltiges Tor aus Findlingen.
285 Kilometer Freiheit – der Westweg ist ein stolzes Stück Schwarzwaldgeschichte. Seit 125 Jahren
begeistert der einstmals erste Fernwanderweg des Schwarzwaldvereins Wanderer aus ganz
Deutschland. In 14 Etappen führt er durch ursprüngliche Natur, glänzt mit faszinierenden Panoramablicken
und umgibt einen mit der besonderen Ruhe, die so nur der Schwarzwald bietet.
Besonders reizvoll ist die mittelschwere 8. Etappe durch den westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis:
Von der Wilhelmshöhe in Schonach bis zur Kalten Herberge in Urach spannt sich ein 22,5 Kilometer
langer Weg, den die Wanderer als außergewöhnlich schön einstufen. Wer der roten Raute
auf weißem Grund folgt, bewegt sich im Übrigen nicht nur auf dem längsten der drei großen
Schwarzwaldwanderwege, sondern auch auf einem Teil des Europäischen Fernwanderwegs E1.
Etwa sieben Stunden braucht es, diesen Teil des Westweges zu bewältigen.
Rechts: Das imposante Tor aus Findlingen auf der
Schonacher
Willhelmshöhe markiert den Startpunkt
zur 8. Etappe des Westweges.

Unterwegs auf der 8. Etappe des Westweges
Von der Wilhelmshöhe
zur Kalten Herberge
VON BARBARA DICKMANN MIT FOTOS VON MICHAEL STIFTER
1900-2025
125 Jahre

WESTWEG
Schwarzwald
275
276
Freizeit
Jede Menge Hinweistafeln beschreiben unsere
Route. Die vor uns liegende Tour entdecken wir als
metallenes, in den Boden beim Findling eingelassenes
Band. Das eindrucksvolle Tor bietet einen
geradezu sensationellen Einstieg in einen besonderen
Tag. Ab jetzt gilt es, stets der roten Raute zu
folgen – und wir laufen los …
Flirrend strahlt die Sonne durch die Bäume
Wir lassen uns schon beim Streckenstart „bezaubern“:
Flirrend strahlt die Sonne durch die Bäume,
das Moos flimmert wie tausend Diamanten und die
Vögel singen um die Wette. Bereits nach wenigen
Minuten sind wir gefangen von der so besonderen
Stimmung. Reden ist überflüssig, vielmehr spricht
die Natur zu uns. Der Weg führt zum Blindensee,
doch geht es zunächst am Schonacher Wolfbauernhof
mit seinem gut vier Meter hohen Longinuskreuz
vorbei. Dieses Kreuz gehört zu einer besonderen
Form des Arma-Christi-Kreuzes, das sich durch die
Darstellung der Leidenswerkzeuge Christi inklusive
der Figur des Longinus als Reiter auszeichnet.
Fast am Blindensee angekommen, sehen wir ihn
zum ersten Mal: Ein junger Mann läuft schnellen
Schrittes an uns vorbei. In der Hand eine Kamera,
auf deren Display er andauernd angestrengt schaut.
Wohl jeden Meter seines Weges filmisch festhaltend.
Nichts für uns, stellen wir fest. Wir filmen lieber mit
den Augen – und genießen …
Am Blindensee – Relikt aus der Eiszeit
Das sagenumwobene Naturschutzgebiet Blindensee
ist der erste Höhepunkt der 8. Westweg-Etappe. Das
Gebiet rund um den Hochmoorsee steht seit 1960
unter strengem Naturschutz und gehört zu den
ökologisch wertvollsten Landschaften des Mittleren
Schwarzwaldes. Seinen Namen verdankt der auf
rund 1.050 Meter liegende See vermutlich seiner
dunklen Wasserfarbe, die den Blick in die Tiefe
„blind“ werden lässt. Der See ist eiszeitlichen
Ursprungs und entstand in einer Senke, die sich
nach dem Rückzug der Gletscher mit Wasser füllte.
Wir erreichen ihn über einen hölzernen Bohlensteg,
der durch Wollgraswiesen, Torfmoospolster
und an Moorbirken vorbeiführt. Im Frühjahr wiegt
hier das Wollgras im Wind und im Sommer tanzen
Libellen über dem Wasser. Im Herbst strahlt das Laub
der Bäume – „Indian Summer“ im Schwarzwald. Und
falls der Winter einer ist, verschwindet der See unter
einer dicken Eisschicht.

Der Blindensee ist vollständig von Hochmoorvegetation
eingefasst, was ihm einen geradezu
märchenhaften Charakter verleiht. Ob in aller Herrgottsfrühe
oder mitten in der Nacht: Auf Menschen
trifft man am Blindensee (fast) immer – er ist das,
was man einen „Hotspot“ nennt. Und an Märchen
sprich Sagen mangelt es gleichfalls nicht: Angeblich
soll dereinst ein Ochsengespann im Moor versunken
sein, das in Kehl am Rhein wieder auftauchte. Eine
andere Sage berichtet, dass eine Kuh im Blindensee
ertrunken sei – und Wochen später wieder in der
Donau zum Vorschein kam. Mystische Orte wie dieser
haben zu allen Zeiten die Fantasie der Menschen
heraufbeschworen, sind reich an sagenhaften Geschichten.
Oben: Longinuskreuz beim Wolfbauernhof in Schonach.

277
Allein schon seine Lage, versteckt zwischen Schonach
und Schönwald, mitten in einem Hochmoorgebiet,
macht den Blindensee außergewöhnlich. Seine
besondere Stimmung entfaltet er in den frühen
Morgenstunden, wenn Nebelschwaden über dem
Wasser schweben. Jetzt allerdings herrscht praller
Sonnenschein. Wir entdecken seltene Pflanzen und
Krüppelkiefern und können uns an der Natur nicht
sattsehen. Der perfekt ausgeführte Holzsteg führt
uns die ganze Zeit mitten durch diese Oase
der Ruhe
– nur zögerlich setzen wir unsere Wanderung fort,
genießen diese kostbaren Momente.
Am Blindensee: Mystische
Orte wie dieser haben zu
allen Zeiten die Fantasie der
Menschen heraufbeschworen,
sind reich an
sagenhaften Geschichten.
Impressionen vom Blindensee bei Schonach/Schönwald.
Durch das Hochmoor führt die Wanderer ein Holzsteg.

Unterwegs auf dem Westweg

278
Freizeit
Von der Elz zum Günterfelsen
Vom Blindensee geht es der jungen Elz entlang zum
Hauptkamm zwischen Donau und Rhein. Vorbei am
Hofcafé „näbbe duss“ (Sie, liebe Leserinnen und
Leser des Almanach haben es in der Ausgabe 2025
kennengelernt), dem wir einen sehnsuchtsvollen
Blick zuwerfen. Doch: Nein, das ist zu früh für eine
Pause und ein Schluck Wasser muss reichen.
Dann gilt es den steilsten Teil der 8. Etappe zu
bewältigen, den Aufstieg vom Furtwängle hinauf
zur Martinskapelle. Er führt durch Fichtenwälder
an der naturnah eingefassten Quelle der Elz vorbei.

Der malerische Quellort lädt wie der Blindensee
zum Verweilen geradezu ein. Die junge Elz, die zum
Rhein hin fließt, bahnt sich ihren Weg durch ein
wahres Meer an Granitfelsen. Nur wenig mehr als
ein Kilometer trennt uns nun noch von der Breg,
dem Quellfluss der Donau. Wir haben somit die
Europäische Wasserscheide zwischen Schwarzem
Meer und der Nordsee überschritten.
Weiter geht es vom Ursprung der Elz aus
zum Ursprung der Breg, sprich der Donau,
beim Kolmenhof und Lukasenhäusle nah der
Martinskapelle. Wir steigen auf 1.085 Meter hinauf.

Am Rande alter Wege steht die Martinskapelle wie
ein lebendiges Geschichtsbuch. Wie alt das Kirchlein
wirklich ist und ob es sich wie oft gemutmaßt wird,
gar um ein Quellheiligtum handelt, ist ungewiss.
Archäologische Untersuchungen von 1958 sollen
belegen, dass sich an dieser Stelle bereits um 800 n.
Chr. ein sakraler Bau befand.
Wir besichtigen das Kirchlein, genießen den Blick
zum Lukasenhäusle, in dem einst das „Hoch Mariele“
lebte, ein Furtwanger Original. Die Martinskapelle
war und ist, wie der nahe Brend, ein wirkliches
„Winterland“. Hier führt auch der Fernskiwanderweg
Schonach-Belchen vorbei.

Jetzt begeben wir uns auf die Suche nach dem
Günterfelsen. Versteckt im Wald liegend ist diese
Ansammlung riesiger Granitfelsen beeindruckend.
Bei der Gruppe großer, moosbewachsener Felsen
handelt es sich um ein regelrechtes Steindenkmal
der Natur, das völlig ohne menschliches Zutun
entstand. Lange wurden die Felsen für Findlinge
aus der Eiszeit gehalten, tatsächlich erhielten sie
ihre charakteristische, abgerundete Form aber
vor Ort durch sogenannte Wollsackverwitterung:
Die obersten Gesteinsschichten wurden zersetzt,
während das weichere Material wegerodierte – übrig
blieben die übereinander geschichteten „Wollsäcke“
aus Granit.

Seit 1956 sind die Felsen und ihre Umgebung als
Naturschutzgebiet ausgewiesen. Die Felsformation
trägt den Namen des in alten Urkunden erwähnten
Bauern Heinrich Günter, auf dessen Grundstück sie
liegt.
Oben links: An der Quelle der Elz, die zum Rhein fließt.
Rechts: An der Breg- sprich Donauquelle bei der Martinskapelle
bei Furtwangen.
Rechte Seite: Blick zum Lukasenhäusle mit Kolmenhof
und Martinskapelle. Von hier aus führt der Westweg am
Günterfelsen
vorbei (unten) hinüber zum nahen Brend.
Unterwegs auf dem Westweg 279

280
Freizeit
Halbzeit auf dem Furtwanger Hausberg Brend
Weiter geht es zum Aussichtsturm am Brend: 17
Meter hoch, erbaut im Jahre 1906. Der Furtwanger
Hausberg ist mit 1.149 m Höhe der höchste Punkt
von Furtwangen und zugleich der 8. Etappe des
Westweges. Natürlich müssen wir den Turm besteigen!
Hinauf führt eine schmale Wendeltreppe. Das
Schwarzwaldpanorama vom Turm aus lohnt den
Aufstieg
allemal: Die Sicht ist klar und reicht bis zum
Feldberg, Belchen, Schauinsland und Kandel. Und
vielleicht haben wir sogar noch die Alpen, die
Rheinebene und die Vogesen gesehen? Jedenfalls an
klaren Tagen bietet der Brendturm eine geradezu
fantastische Alpensicht.

Um 13 Uhr kehren wir im Naturfreundehaus
Brend ein. Halbzeit ist – elf wunderbare Kilometer
liegen hinter uns und der Kaffee schmeckt einfach
herrlich. Nun ist es keine Frage mehr, wir werden
Etappe acht bezwingen. Wie sagte doch Angela Merkel
stets: Wir schaffen das! Dann geht es weiter in
Richtung Urach, in Richtung Etappenziel.
Und urplötzlich sehen wir ihn zum zweiten Mal:
Immer noch schnellen Schrittes eilt dieser junge
Mann mit seiner Kamera an uns vorbei. Und wieder
grüßt er freundlich und starrt unaufhörlich auf das
Display seiner Kamera. Er scheint, wie bereits an
anderer Stelle erwähnt, seine komplette Wanderung
auf dem Westweg in Filmbildern festzuhalten… Irgendwann
werden all diese Bilder vielleicht als Zeitraffer
auf Social Media oder irgendeiner Internetseite
auftauchen, da sind wir uns sicher. Wer weiß,
vielleicht werden, einem Schweizer Beispiel folgend,
dann sogar fünf Euro Eintritt beim Blindensee oder
auf dem Brendturm verlangt. Weil die Besucher in
Rekordscharen herbeiströmen. Die neuen Zeiten machen
all das möglich.

Vorbei an alten Handelswegen
Zwischen Wald und Wiesen geht es weiter. Nach einem
gemütlichen Abstieg zwischen einer Weide und
dem Wald verlassen wir die Brendhöhe. Es geht zur
„Ladstatt“. Hier, am weithin sichtbaren Kreuz unter
einer Linde, führte einst die Fahrstraße nach Freiburg
vorbei. Im Gasthof „Zur Alten Eck“, das früher
den Namen „Zur Stadt Freiburg“ trug, mussten
die
Pferdegespanne gewechselt werden, bevor es die
steile Kilpenstraße in Richtung Waldkirch/Freiburg
hinunterging. Der Furtwanger Rolf Wehrle hat in
einem Buch die Geschichte dieser alten Handelsstraße
nachgezeichnet, auf der einst die berühmten
Schwarzwalduhren in alle Welt transportiert wurden.
An dieser Stelle ist auch ein Abstecher möglich,
wenn die Kraft in den Beinen dazu noch reicht: Im
nahen Hübschental lebt der Designer Jochen Scherzinger,
der mit seiner modernen Art der Schwarzwaldfotografie
internationale Aufmerksamkeit
erzielte. Sein Unternehmen „Artwood“ hat auch ein
Westweg-Wandershirt im Programm. Wer es erwerben
will, ist bei Scherzingers herzlich willkommen.
Eine Stunde zusätzliche Wegzeit muss aber eingeplant
werden.

Vom Kilpen führt der Weg zum Raben, zu einem
„Goldstück“ alter Schwarzwälder Gastlichkeit. Ein
Stück Asphaltstraße muss auf dem Weg dorthin allerdings
in Kauf genommen werden. Belohnt wird
man mit der grandiosen Aussicht nach Westen zum
Kandel hin, mit der Silhouette des Alteckhofs davor.
Der Raben zeigt sich als ein schmaler Sattel, auf dem
zwei Bauernhäuser vom Höhenhotel „Zum goldenen
Raben“ überragt werden. Unbedingt zu empfehlen
ist die Einkehr in dieses Haus jedem, der es nostalgisch
liebt. Unverfälscht im Stil der 1920er-Jahre ist
Brend-Impressionen: Vom 17 Meter hohen Turm aus kann
man ein faszinierendes Schwarzwald-Panorama genießen.
An klaren Tagen herrscht zudem Alpensicht. Für eine Pause
eignet sich das nahe Naturfreundehaus (Mitte rechts).
Wieder schnellen Schrittes
eilt erneut dieser junge Mann
mit seiner Kamera an uns
vorbei… Und wieder grüßt er
freundlich und starrt dabei
unaufhörlich
auf das Display
seiner Kamera.

Unterwegs auf dem Westweg 281
282
Freizeit
nicht nur das Äußere erhalten, auch die Gaststube mit
gewölbter Decke
und Jagdtrophäen an den Wänden
ist sehenswert.

Hier kehrte einst auch der legendäre
Schwarzwalddichter Pfarrer Heinrich Hansjakob ein.
Der Westweg ist kein Spaziergang – das wissen
wir nun und reden schon lange nicht mehr. Unsere
Gedanken schweifen im positiven Sinn ab, Stress und
Hektik liegen in weiter Ferne. Irgendwie schärft sich
der Blick und Gerüche und Farben erweisen sich als
unglaublich intensiv. Wandern lässt den eigenen Körper
und Geist bewusster erleben stellen wir fest.
Entlang der Europäischen Wasserscheide
Vom Raben aus folgt der Westweg erneut der Europäischen
Wasserscheide – bis zur Neueck mit dem
Landgasthof Hirschen. Davor überqueren wir die
Landstraße nach Waldkirch. Unter hohen Eschen
laden beim Hirschen schmucke Tische und Stühle zu
Rast und Ausblick auf den Feldberg und übers Bregenbächle
ein. Hier ist es allerdings laut und nicht
mehr ganz so entspannt, denn das südliche Teilstück
der B 500 liegt nur wenige Meter entfernt.
Bald haben wir auch die B 500 an der Stelle überquert,
wo man die freieste Aussicht nach Westen
über Neukirch hinweg genießt, vom Kandel bis zum
Feldberg. Vorgelagert sind die Hügel der Gemarkung
Bregenbach, die hie und da Gehöfte erkennen lassen.
Wer bei Neukirch immer noch genügend Energie
verspürt, der sollte einen Abstecher wagen und die
unten im Ort liegende St. Andreas-Kirche besuchen.
Die dortigen Altäre des Neukircher Herrgottschnitzers
Matthias Faller (1707 - 1791) sind mehr als sehenswert,
Kostbarkeiten der Kirchenkunst.

Bald tut sich nun ein eindrucksvoller Blick hinunter
ins Mäderstal auf. Wir steigen durch ein Waldstück
mäßig bergab und unterqueren die Brücke
der B 500. Wie in einem Bilderrahmen erscheint
zwischen den hohen Stützpfeilern der Autostraße
im Norden, das Kussenhofgebiet von Furtwangen.
Vom Schweizersgrund aus wandern wir nun wieder
stetig bergan. Unser Weg führt immer noch leicht
aufwärts durch Erlen- und Ahorngebüsch. Endlich ist
das Hohle Bildstöckle erreicht. Abgeschirmt gegen
Straßenlärm und Staub durch Strauchwerk und lichte
Waldpartien wandern wir eine zeitlang rechts der
Unsere Gedanken schweifen
im positiven Sinn ab, Stress
und Hektik liegen in weiter
Ferne.

Unterwegs auf dem Westweg 283
Höhenstraße B 500 mit dem Blick aufs ursprüngliche
Urachtal. Endlich blinkt im Tal ein weißes
Haus, die Kalte Herberge naht. Hier verlief schon im
14. Jahrhundert eine wichtige Handelsstraße durchs
Urachtal. Sie sicherte die Verbindung zwischen Freiburg
und dem Bodensee. Als dann die Uhrmacherei
immer mehr Bedeutung erlangte, wurde dieses Gasthaus
zum Umschlagplatz für den Uhrenhandel.
Aber wie kam die „Kalte Herberge“ zu ihrem Namen?
Sicher, auf diesem Sattel in mehr als 1.000 m
Höhe hält sich der Schnee besonders lang, was die
Skiläufer an der Liftanlage gegenüber der Gaststätte
zu nutzen wissen, aber dass hier einst ein Handwerksbursche
auf der Ofenbank erfroren sein soll,
gehört ins Reich der Sagen.

Nachgewiesen ist vielmehr, dass die Bauern und
Uhrmacher der Umgebung in Zeiten der Kriege und
Bedrohungen die Keller und Mauern dieses stattlichen
Gebäudes nutzen konnten, um wertvolles Hab
und Gut darin zu verwahren; „verkalten“ ist der alemannische
Ausdruck dafür. Wir kommen diesem Ziel
immer näher und jetzt kann man es ja sagen: Die
Füße tun weh – und wie! Die Wasserflasche ist so
leer wie der Magen und es ist 18.00 Uhr. Die letzten
Meter sind ein Kampf. Doch stolz erhobenen Hauptes
schreiten wir durch das Tor an der Kalten Herberge
… Ziel erreicht – die Etappe acht des Westwegs ist
bezwungen.

Sehnsucht nach mehr Westweg
Fast sieben Stunden mit Pause für 22,42 km. Fazit:
Es war einfach wunderbar. Selbst der Muskelkater an
den nächsten Tagen schmälert nicht das Hochgefühl.
Der Westweg weckt die Sehnsucht nach mehr Westweg
und nicht nur der Etappe 8. Wie wäre es mit
Etappe 9 und vielleicht … Was bleibt, ist eine tief verwurzelte
Erkenntnis, die man eigentlich weiß, doch
manchmal auch vergisst: Unsere Heimat ist so schön
und was ist es für ein Glück, hier zu leben.
Übrigens, zum Schluss der Tour, da kam er auch
schon wieder, unser junger Mann mit der Kamera.
Er heißt Daniel und wandert und dreht Videos für
„Daniel auf Abwegen“… seinen Podcast. Vielleicht
wird es ja doch noch was mit dem großen Ruhm auf
Social Media für die 8. Westweg-Etappe.
Wir allerdings haben die gesamten 22,42 Kilometer
einzig mit unserer „Kamera im Kopf“ zurückgelegt,
weswegen uns auch ein Fotograf nachwandern
durfte. Carpe Diem – nutze und genieße den Tag!
Oben links: Ein beliebtes Einkehrziel, der Landgasthof
Hirschen
auf der Neueck.

Oben rechts: Das Tor am Ende der 8. Etappe des Westweges
führt zur Kalten Herberge.

284
12. Kapitel – Sport

285
WILD WINGS –
DAS HERZ DES
SCHWENNINGER
EISHOCKEYS
VON LORENZO LIGRESTI

Heimspiel der Wild Wings in der vollbesetzen
Helios-Arena am Schweninger Moos. Über
5.000 Fans finden hier Platz.

286
Sport
Wie bei vielen Vereinen ertönt auch bei den
Schwenninger Wild Wings ein Kult-Lied vor
jeder Heimpartie. Auf dem Papier oder via
YouTube sind diese Balladen meistens nicht die
beeindruckendsten aller lyrischen Werke. Aber im
Stadion? Wenn sich die Zeilen ihren Weg durch
Tausende Stimmbänder bahnen? Dann entwickelt
sich eine ganz besondere Atmosphäre, die sich an
keinem anderen Ort so erleben lässt. Das gilt auch
für die Helios Arena, dem Wohnzimmer der Wild
Wings.

Schwenningen und Eishockey – eine Stadt und
ihre Sportart, eng verknüpft und untrennbar
miteinander verwoben. Im Mittelpunkt: das ehemalige
Eisstadion am Bauchenberg, die heutige Helios
Arena. Knapp 95 Kilometer Luftlinie trennen die
Spielstätte der Wild Wings von Stuttgart. 50 Kilometer
sind es nach Freiburg, 27 bis zur Schweizer
Grenze. Hier, im tiefen Südwesten der Republik,
schlägt das Herz eines ganz besonderen Vereins.
Die Geschichte des Stadions ist gleichzeitig die
Geschichte des Schwenninger Eishockeys. Die
Es ist wieder mal so weit
Heut‘ ist Eishockey
Auf ins Stadion
Zu den Fans
Und zu Stimmung und Spiel
Auszug aus dem Fansong
Heutzutage ist die Helios Arena in Villingen-Schwenningen eine moderne Mehrzweckhalle.
Doch manchmal kommt diese gewisse Stimmung auf, diese Aura. Man taucht
regelrecht
ein in Erinnerungen an vergangene Tage, an pfeifenden Wind und gefrorenen
Bierschaum. Plötzlich ist man wieder im altehrwürdigen Eisstadion am Bauchenberg –
und spürt das Schwenninger Eishockey-Herz schlagen.
Die Schwenninger

Wild Wings 287
Spielstätte der Wild Wings hatte bei ihrer Eröffnung
im Jahr 1968 noch wenig mit der heutigen, modernen
Halle zu tun. Kein riesiger Videowürfel, keine
blinkenden LED-Lichter, keine ohrenbetäubenden
Lautsprecher. Nur eine Eisfläche, ein kleiner Zuschauerwall,
ein Technikgebäude und eine Gaststätte.
1976 wurde die Eisbahn erstmals überdacht sowie
ein Kabinentrakt errichtet. Doch schon bald war
auch das nicht genug. Der Schwenninger Eis- und
Rollsportclub – kurz SERC – wurde schnell zu groß
für sein Kinderzimmer.

Rasanter Aufschwung
1976 stieg der Club von der Regional- in die Oberliga
Süd auf. Nur drei Jahre später folgte der Sprung in
die 2. Bundesliga. Ab der Saison 1981/82 wurde in
Schwenningen plötzlich Bundesliga-Eishockey
gespielt. Der rasante Aufschwung, losgetreten durch
die Rekrutierung von Spielern aus der nahe gelegenen
kanadischen Kaserne in Lahr, war nachhaltig. 22
Jahre lang war der SERC erstklassig – zunächst in der
Bundesliga, später dann als die „Wild Wings“ in der
neu gegründeten DEL. In dieser Zeit wurde das
Stadion am Bauchenberg immer wieder aus- und
umgebaut. Schritt für Schritt wurden zusätzliche
Tribünen, eine zweite Eisbahn, eine Curlinghalle und
neue Kabinentrakte errichtet. Doch es entstand noch
etwas. Nicht aus Holz und Zement, sondern aus
Erlebnissen und Erzählungen. Ein Mythos, der
heimische Ultras und gegnerische Teams gleichermaßen
in seinen Bann zog.

Wolfgang Jack erinnert sich noch gut an die
glorreichen Tage der 1980er- und 1990er-Jahre.
Heutzutage ist er nicht mehr nur eingefleischter
Anhänger seines SERC, sondern auch einer von drei
Fanbeauftragten der Wild Wings. Er liebt und lebt das
Schwenninger Eishockey. In dessen Blütezeit verpasste
Oben: Die Nürnberger Ice Tigers gegen die Schwenninger
Wild Wings.

Linke Seite: Die Fans sind mit Begeisterung dabei.
Man kommt in die Halle rein
Auf dem Spielfeld Nebel steht
Die Atmosphäre ist’s
Die mir den Kopf verdreht
Auszug aus dem Fansong

288
Sport
er kaum eine Partie am Bauchenberg – und erinnert
sich an alles. Daran, wie die Bratwürste geschmeckt
haben. Daran, wie die Eisfläche nach großen Siegen
regelmäßig von Fans gestürmt wurde. An die schillernden
Gestalten auf den Rängen, an die Strickpullover,
an den einen Fan in kurzen Lederhosen, an die
leeren Getränkekisten, auf die sich manche stellen
mussten, um wenigstens eine halbwegs gute Sicht auf
das Eis zu haben. Daran, wie er mal vor einem
Heimspiel einen Verzehrbon statt einer Eintrittskarte
bekam, weil es der Kassierer mit der maximalen
Kapazität der Halle mal wieder nicht ganz so ernst
genommen hatte. „Es waren einfach geile Zeiten! So
etwas im kleinen Schwenningen. Zuhause haben wir
sie alle besiegt“, denkt er an diese Zeit zurück.
Bis zum Umbau war die Ostkurve offen
Vor allem erinnern sich Fans wie Wolfgang Jack aber
an eines: Wie bitterkalt es im Eisstadion am Bauchenberg
werden konnte. „Lange Unterhose,
Du bist mein Leben – ERC
Immer und ewig – ERC
Mit dir bis zum Ende – ERC
Krieg‘ nicht genug von dir
Auszug aus dem Fansong

Die Schwenninger Wild Wings.
289

Jogging- und Jeanshose, darüber zwei Pullover, zwei
Paar Socken“ – ein typisches Stadion-Outfit zur
damaligen Zeit. Denn bis zum großen Umbau 2009
war die Halle nur dreiseitig geschlossen. Die
Ostkurve, wo noch heute die hartgesottenen Ultras
stehen, war offen. An kalten Wintertagen pfiff der
Wind ungebremst in das Stadion hinein. Nicht selten
waren die Anhänger Schnee oder Regen ausgesetzt.
Gefrorener Bierschaum oder Cola, die sich nur
widerwillig ihren Weg aus der Flasche bahnten, waren
keine Seltenheit. Regelmäßig wurde das Stadion am
Bauchenberg wortwörtlich zu einer Eishalle.
Randvoll war die Halle bei den meisten Heimspielen
trotzdem. Bis heute sind die Schwenninger
Fans berüchtigt für die lautstarke Unterstützung
ihrer Mannschaft. Natürlich ließ man sich da auch
von Minusgraden nicht davon abbringen, den SERC
vor heimischer Kulisse nach vorne zu peitschen. „Es
gab Spiele, da dachtest du, das Hallendach fliegt
weg“, erinnert sich Wolfgang Jack. Die Derbys gegen
den EHC Freiburg beispielsweise. Oder Heimsiege
gegen die „Großen“ aus Mannheim, Köln oder
Düsseldorf.

Auch nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga – im
Zuge eines Insolvenzverfahrens 2003 – war die
Bauchenberghalle immer wieder für einen magischen
Moment gut. Im Playoff-Viertelfinale der
Das Team der Wild Wings für die Saison 2025/26.

290
Sport

Saison 2005/06 lagen die Wild Wings gegen den
Lokalrivalen aus Bietigheim-Bissingen in der
Best-of-Seven-Serie mit 0:3 zurück. Doch nach zwei
Siegen war die historische Wende in Spiel 6 möglich.
Kurz vor Schluss sah beim Stand von 1:3 alles nach
dem Ausscheiden aus – doch man schaffte noch das
Wunder. Anschlusstreffer, Ausgleich, Sieg im Penaltyschießen.
„Beim 3:3 dachte ich, mein Trommelfell
platzt“, erzählt Jack. Die Wild Wings gewannen auch
die siebte Partie und zogen ins Halbfinale ein.
Der Zauber des altehrwürdigen Stadions fiel
jedoch langsam, aber sicher in sich zusammen – im
wahrsten Sinne des Wortes. Der Einsturz der Eishalle
im bayrischen Bad Reichenhall, bei dem am 2. Januar
2006 15 Menschen ums Leben kamen, war der letzte
Oben: Intensiv wird in VS-Schwenningen die Nachwuchsarbeit
betrieben.

Unten: Im Zweikampf mit der Mannschaft EHC Red Bull
München.
Ich steh‘ auf meinem Platz
Die Lichter gehen aus
Im Wunderkerzenschein
Kommen die Wild Wings aufs
Eis heraus
Auszug aus dem Fansong
Die Schwenninger Wild Wings 291
Weckruf. In den folgenden Jahren wurde das
Wohnzimmer der Wild Wings Schritt für Schritt von
Grund auf renoviert. Die Baumaßnahmen endeten
im Herbst 2009 – der Geburtsstunde der Helios
Arena. Wie beflügelt von der neuen Heimstätte
kehrte auch der sportliche Erfolg für die Wild Wings
kontinuierlich zurück. Drei Jahre in Folge schrammte
man nur knapp an der Meisterschaft vorbei. 2013
war es dann soweit: Die Schwenninger verloren zwar
die Finalserie gegen Bietigheim, durften sich aber
dennoch über den Aufstieg freuen, nachdem die
Steelers keine DEL-Lizenz erwerben konnten.
Der SERC-Fan ist treu
Seit ihrer Rückkehr in die DEL fristeten die Wild
Wings ein Dasein in den unteren Regionen der
Tabelle. Das Ausscheiden in den Pre-Playoffs 2017/18
war in dieser neuen Ära des Clubs lange das höchste
der Gefühle. Seit 2020 schwebt auch wieder das
Damoklesschwert des sportlichen Abstiegs über den
Schwenningern und ihrer Konkurrenz im Tabellenkeller.

Die mitreißende Euphorie der 80er- und
90er-Jahre keimte lange nur noch in einzelnen
Momenten auf. Doch eines ist nie verloren gegangen:
die Liebe der Anhänger zu ihrem Verein. „Der
SERC-Fan ist treu“, ist Wolfgang Jack felsenfest
überzeugt. Und wie eine optimistische Bestandsaufnahme
zeigt, beginnt sich die Geduld auszuzahlen.
Im Frühherbst 2025 befindet man sich in Schwenningen
inmitten der Vorbereitungen auf die DEL-Saison
2025/26. Im Herzen der Helios Arena scheint
aktuell etwas zu herrschen, was von den Fans in
vielen vergangenen Sommern schmerzlich vermisst
wurde: Kontinuität. Steve Walker, der als Spieler mit
den Eisbären Berlin fünf Meisterschaften gewann,
geht in seine dritte Saison als Wild-Wings-Headcoach.

In den vergangenen Wochen wurden nach
und nach die Vertragsverlängerungen von langjährigen
Leistungsträgern und tragenden Säulen des
Teams bekannt gegeben, darunter die Verteidiger
Will Weber und Ben Marshall, die Angreifer Sebastian
Uvira und Alexander Karachun sowie die kanadischen
Zwillinge und Publikumslieblinge Tylor und
Tyson Spink. Nach zwei erfolgreichen Spielzeiten
unter der Federführung von Walker, der zum
DEL-Trainer des Jahres 2024 gewählt wurde, scheint
am Neckarursprung etwas heranzuwachsen.

Oben: Die Eismaschine im Einsatz – eine einwandfreie Eisfläche
ist unabdingbar.
Unten: Jubel nach einem Torerfolg.
Das Spiel fängt an
Die Stimmung steigt
Die Trommler legen los
Wie in jedem Spiel ist die
Unterstützung groß

Auszug aus dem Fansong
292
Sport

In Walkers erster Saison explodierten die Wild
Wings förmlich: Nach dem zwölften Platz im Vorjahr
wurde man 2023/24 plötzlich Sechster, gewann 29
seiner 52 Spiele in der regulären Saison und qualifizierte
sich direkt für das Viertelfinale, wo man in der
Best-of-Seven-Serie auf dramatische Art und Weise
mit 3:4 an den Straubing Tigers scheiterte. Mit 59
Punkten aus 26 Partien waren die Schwenninger
sogar das stärkste Heimteam der gesamten DEL. Das
hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Helios
Arena als einziger Austragungsort über eine etwas
kleinere Eisfläche verfügt – gemäß den Statuten der
nordamerikanischen NHL, der besten Eishockey-Liga
der Welt. Als neutraler Beobachter hatte man jedoch
auch das Gefühl, dass sich das Wohnzimmer der Wild
Wings – ganz im Stile des Eisstadions am Bauchenberg
– einmal mehr zu einer Festung entwickelte.

Die vergangene Spielzeit 2024/25 war tabellarisch
ein Rückschritt: Rang 9 bei 71 statt 85 Punkten
und ein Ausscheiden in der ersten Playoff-Runde
gegen die Ice Tigers aus Nürnberg. Im Kreise der
Verantwortlichen fiel das Fazit einer Saison, in der
die Wild Wings teilweise von zahlreichen Verletzungen
gebeutelt waren, dennoch versöhnlich aus.
„Insgesamt war es sehr positiv, auch wenn die
Enttäuschung nach dem Ausscheiden gegen Nürnberg
im ersten Moment sehr groß war. Wir haben
zum zweiten Mal in Folge die Playoffs erreicht. So
hätte ich das vor der Saison auch unterschrieben“,
sagte Geschäftsführer Stefan Wagner Anfang April in
einem Interview.

Heimspiele waren restlos ausverkauft
Der Welle der Eishockey-Euphorie, die in der
Vorsaison begonnen hatte, Schwenningen mitzureißen,
tat der kleine sportliche Rückschritt kaum einen
Abbruch. Die Halle war stets gut gefüllt, ganze zwölf
Heimspiele waren restlos ausverkauft. Wagner
scherzte auf der Abschlussfeier, dass man sich
vielleicht über einen Ausbau der Helios Arena
Gedanken machen müsse. Die Stimmung im
Schwenninger Lager – sowohl unter den Fans als
auch hinter den Kulissen – scheint eine gesunde
Mischung verschiedener Emotionen zu sein. Stolz,
Aufregung, Optimismus – aber auch eine gewisse
Du bist mein Leben – ERC
Immer und ewig – ERC
Mit dir bis zum Ende – ERC
Krieg‘ nicht genug von dir
Auszug aus dem Fansong
Linke Seite: Blick in die imposante Fankulisse.
Die Schwenninger Wild Wings 293
Oben: Ein Herzensanliegen der Schwenninger Wild Wings
ist die Nachwuchsförderung und das Engagement für
Kinder und Jugendliche in der Region. Das Foto entstand
beim Besuch der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde
am Schwarzwald-Baar Klinikum mit Trainer Steve
Walker sowie Stürmer Sebastian Uvira und Verteidiger
Daryl Boyle.

Daten und Fakten zum SERC
(Stand 09/2025)
Gründung: 1904
Aktuell in der DEL seit: 2013
Größte Erfolge: Playoffs-Viertelfinale 1995 und 2024
Spielstätte: Helios Arena (Kapazität: 5.300)
Durchschnittliche Zuschauer (Saison 2024/25):
4.847 (Platz 10 in der DEL)
Trainer: Steve Walker
Top-Scorer (Saison 2024/25):
Tyson Spink (48 Scorerpunkte), Tylor Spink (38),
Zach Senyshyn, Alexander Karachun (beide 37)
In der DEL eingesetzte Spieler (Saison 2024/25): 26
Nationalitäten der Spieler:
Deutschland (16x), Kanada (7x), USA (1x),
Schweden (1x), Finnland (1x)
Vorsicht. Sollte man im Vergleich zum vergangenen
Sommer vielleicht mit einer etwas gedrosselten
Erwartungshaltung in die neue Saison gehen?
Vermutlich. Sollte man deshalb nicht zulassen, den
laufenden Prozess bei den Wild Wings als eine positive
Entwicklung wahrzunehmen? Auf keinen Fall! Der
„treue SERC-Fan“, den Menschen wie Wolfgang Jack
über Jahrzehnte kennen und lieben gelernt haben,
hat jedes Recht darauf, sich auf die nächsten Jahre
des Schwenninger Eishockeys zu freuen.

Den traditionsreichen Charme vergangener
Zeiten wird die Helios Arena wohl so schnell nicht
wiedererlangen. Dieser Tage lässt sich das Bier
problemlos ohne gefrorenen Schaum genießen. Die
vor Fett triefende Bratwurst wurde in der ein oder
anderen Hand durch das etwas noblere Salami-Baguette
ersetzt. Und auch leere Getränkekisten sind
nicht mehr nötig, um das Geschehen auf dem Eis
verfolgen zu können. Viele Fans haben vermutlich
nicht einmal mehr eine lange Unterhose an. Doch
manchmal sind da diese Momente. Diese Augenblicke
der Leidenschaft, in denen sich Tausende Fans in
den Armen liegen. In denen ein kollektiver Torschrei
zu diesem leisen, nervigen Pfeifen in den Ohren
führt. In denen eindeutig zu spüren ist, wie sehr die
Stadt und die Fans ihren SERC lieben. Plötzlich ist
man wieder im altehrwürdigen Eisstadion am
Bauchenberg – und spürt das Schwenninger Eishockey-
Herz schlagen.

Von der Eishalle zum
kulinarischen Treffpunkt:
Die Geschichte der
„STULLE three26“
VON ELKE REINAUER

294
Sport

Tanja Strom und
Burkhard Rohde.

296

Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee erfüllt
die Luft, während Burkhard Rohde einen
Espresso aus der glänzenden, italienischen
Maschine laufen lässt. Im Schwenninger Stadtteil
Rinelen
hat ein besonderes Café seine Türen geöffnet
– das „STULLE three26. Unsere Leidenschaft“.
Hinter diesem ungewöhnlichen Namen verbirgt sich
eine Geschichte, die Eishockey und kulinarische Kreativität
auf einzigartige Weise verbindet.

Eine Vision wird geboren
Tanja Strom, selbstständige Architektin aus Villingen
und ihr Mann Burkhard Rohde, Anästhesie-Pfleger im
Schwarzwald-Baar Klinikum, hatten ursprünglich keine
Berührungspunkte mit der Gastronomie. Ihre gemeinsame
Leidenschaft galt dem Eishockey – genauer
gesagt, der Unterstützung ihres Sohnes Kimi-Arik, der
in der U15-Mannschaft der Schwenninger Wild Wings
Future spielt und die Rückennummer 3 trägt.
„Schwenningen lebt von Eishockey und wir leben
Eishockey“, erklärt Tanja Strom lächelnd. Diese
Leidenschaft prägt nicht nur den Familienalltag,
sondern auch das neue Café. Ein großformatiges Bild
hinter Acryl-Glas zeigt zwei junge Eishockeyspieler
mit den Rückennummern 3 und 26 – Kimi-Arik und
sein Teamkollege Paul Drössel – und offenbart die
Herkunft des Café-Namens.

Tanja Strom und Burkhard Rhode haben sich in Schwenningen einen Traum
erfüllt und ein Café eröffnet. Genau das fehlte noch im Stadtteil Rinelen. In ihrem
liebevoll ausgestatteten Café servieren die Architektin und der gelernte Sanitäter
belegte Brote oder eben Stullen. Diese und die Verbindung zum Eishockey gaben
dem Café seinen Namen.

STULLE three26 297
Die Idee zur „STULLE“ entstand an einem ungewöhnlichen
Ort: am Kiosk-Tresen der Helios-Arena.
Dort versorgte Tanja Storm gemeinsam mit anderen
engagierten Eltern die Fans und Spieler während der
Nachwuchs-Eishockeyspiele mit Snacks. Statt der
üblichen halben Brötchen kreierte sie großzügig belegte
Brote – oder wie man in Norddeutschland, der
Heimat ihres Mannes Burkhard Rohde, sagt: Stullen.
Von der Idee zur Wirklichkeit
Die Gelegenheit zur Verwirklichung ihres Traums bot
sich, als im Elternhaus von Holger Drössel, dessen
Sohn Paul ebenfalls in der U15-Mannschaft spielt,
Räumlichkeiten im Erdgeschoss frei wurden. Der
Pachtvertrag wurde im Juli 2024 unterzeichnet, und
seitdem verwandelte die Architektin den Raum in
eine wahre Wohlfühloase.

„Jeder, der hereinkommt, soll sich als jemand
Besonderes fühlen“, betont Strom. Diese „Herzensbotschaft“
spiegelt sich in jedem Detail wider: enzianblau
gestrichene Wände, moderne Holztische, einladende
Polstermöbel und als Herzstück ein ovaler,
großer Holztisch, der zum Verweilen und Austausch
einlädt. Filigrane Stuckleisten umrahmen verschiedene,
in Blau-Gold gehaltene Muster an den Wänden
–blau, so Strom, wirke beruhigend.
Regionale Qualität trifft
norddeutschen Charme
„Wir wollen uns abheben durch die STULLE“, erklärt
das Betreiberpaar. Besonders beliebt ist die
Mett-Stulle. Das Brot dafür kommt von der Bäckerei
Link aus Trossingen, das Fleisch vom Metzger Staiger
aus Villingen. Neben den herzhaften Stullen, die
auch zum Mitnehmen angeboten werden, umfasst
Links: Burkhard Rohde hinter dem einladenden Tresen.
Rechts: Stullenvariationen.

Jeder, der hereinkommt,
soll sich als jemand
Besonderes fühlen.

298
Gastlichkeit
das Angebot Bruschette, Brotsalat, hausgemachte
Limonaden, Kaffee und Kuchen. Die Speisekarte
wechselt alle zwei bis drei Monate und setzt konsequent
auf regionale Produkte – Getränke von Getränke
Peter, Blumenschmuck von Blumen Lamprecht
aus Schwenningen. Marktbutter von Käse Haaga aus
Bösingen, Eier vom Geflügelhof Wolf aus Pfohren, Eis
vom Vogtshof in Tannheim.
Das Café bietet 34 Plätze, im Sommer kommt
Außengastronomie hinzu. Für Stammgäste lohnt sich
das Herunterladen der Stammgast-App, einem Start-
Links: Tanja Strom und Burkhard Rohde.
Rechts: Das Bild das dem Café seinen Namen gab: Es zeigt
zwei junge Eishockeyspieler mit den Rückennummern 3
und 26 – Kimi-Arik und sein Teamkollege Paul Drössel.

Unten: Leckere Stullen werden angeboten.
Rechts: Angenehme Farbtöne sorgen für ein stilvolles
Ambiente
im Café.

STULLE three26
299

up aus Norddeutschland, dessen Gründer Burkhard
Rohde persönlich kennt. Die App informiert über
aktuelle Angebote und die Speisekarte.
Mehr als nur ein Café – ein
kultureller Treffpunkt
Was die „STULLE three26“ von anderen Cafés unterscheidet,
ist der Anspruch, mehr als nur ein gastronomischer
Betrieb zu sein. Die Räumlichkeiten dienen
auch als Ausstellungsfläche für lokale Künstler.

„STULLE meets ART“ lautet das Motto. Alle zwei
Monate sind Vernissagen geplant – die erste im November,
eine weitere pünktlich zur Fasnet. Bereits zu
sehen waren Fotos zur Fasnacht von den Ziegelbuben.
Eine weitere Idee ist die einer Ausstellung mit historischen
Bildern des Stadtteils. Bisher ist Tanja Strom
noch auf der Suche nach diesen. „Es ist wichtig, dass
der Stadtteil Rinelen wieder einen Anlaufpunkt für alle
Generationen hat“, betont die Neu-Gastronomin.

Familiäre Atmosphäre für alle Generationen
Die Gäste der „STULLE three26“ sind so vielfältig wie
deren Angebot. Besonders ältere Menschen fühlen
sich hier wohl, aber auch Mütter mit Kindern kommen
gerne. Tanja Strom hofft, dass am großen Holztisch
Bekanntschaften geschlossen werden und neue
Initiativen entstehen – vielleicht Walking-Gruppen
oder ein Treffpunkt für Still-Mamas.

Damit Strom und Rohde ihre bisherigen Berufe
weiterhin ausüben können, haben sie acht Mitarbeiter
engagiert, die im Laden unterstützen – darunter
auch das Ehepaar Drössel. Das Café ist tagsüber
geöffnet, jedes zweite Wochenende jedoch geschlossen,
weil beide Betreiber in der Eishockeyhalle sind,
um ihre Kinder zu unterstützen.
Die ersten Reaktionen fallen durchweg positiv
aus. Tanja Strom ist erfüllt und stolz, die „STULLE
three26“ verwirklicht zu haben. Ihr Motto: „Wenn
man eine Vision hat, dann soll man sie auch umsetzen“
– besonders wenn es um Herzensangelegenheiten
geht. Oder wie sie es selbst formuliert: „Träume
einfach leben.“

STULLE three26

Auf Rinelen 19, 78056 Villingen-Schwenningen
info@stullethree26.com 0175 4102320
ÖFFNUNGSZEITEN:
Montag – Freitag: 08.00 – 16.30
Donnerstag: 08.00 – 19.00
Samstag: 08.00 – 13.00
Wenn man eine Vision hat,
dann soll man sie auch
umsetzen.

300
Anhang
Bei der Bundestagswahl am
23 . Februar 2025 errang der CDU-Politiker
Thorsten Frei mit 42,3
Prozent der gültigen Stimmen im
Schwarzwald-Baar-Kreis das Direktmandat
für den Deutschen Bundestag.
Am 6. Mai 2025 wurde der
52-Jährige von der Bundesregierung
aus CDU/CSU und SPD als Chef des
Bundeskanzleramts und Bundesminister
für besondere Aufgaben
vereidigt.

Damit ist der frühere Oberbürgermeister
von Donaueschingen
und CDU-Kreisrat der erste Politiker
aus dem Landkreis, der zum Bundesminister
berufen wurde.
In dieser Funktion koordiniert
Thorsten Frei die Arbeit der Bundesregierung,
fungiert als Bindeglied
zwischen Kanzler Merz, den
Ministerien, dem Parlament und den
Ländern und unterstützt den Kanzler
bei der Umsetzung politischer Vorhaben.
Der Erfolg der Regierungspolitik
hängt somit maßgeblich von
seiner Arbeit ab.

Das Interesse an seiner Person
ist entsprechend groß. Ob „Bild“,
„Spiegel“ oder „Bunte“ – alle wollen
auch Privates beleuchten. So sei sein
Einzug in den Bundestag eher der
Wunsch seiner Parteikollegen als
sein eigener gewesen, berichtet die
Presse aus Interviews. Seine Frau Katharina
war zunächst wenig begeistert
von der Aussicht, dass ihr Mann
künftig in Berlin arbeitet, schildert
Frei; dennoch unterstützt sie ihn tatkräftig.
Trotz der räumlichen Distanz
zu seinen Kindern stehen diese für
ihn an erster Stelle, wie er betont:
„Wenn die Kinder anrufen, hat das
immer Priorität.“
Natürlich ist freie Zeit für einen
der führenden deutschen Politiker
knapp. Um sich fit zu halten, geht
Thorsten Frei in seiner „Freizeit“ gerne
joggen oder mit dem Familienhund
spazieren.

Die junge Ringerin Ayla Sahin vom SV Triberg
sorgte bei den Europameisterschaften in Skopje
sowie den Weltmeisterschaften in Athen für eine
Sensation: Sie wurde U17-Europameisterin der
Klasse bis 69 kg. Doch damit nicht genug – von
den Weltmeisterschaften in Athen kam das
16-jährige Ausnahmetalent als Vizeweltmeisterin in
der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm nach Hause
und wurde in Triberg erneut begeistert gefeiert.
MdB Thorsten Frei (CDU) ist Chef des Bundeskanzleramtes
und Bundesminister für besondere Aufgaben
Almanach-
Magazin
Notizen
aus dem Landkreis
Der Wolf ist auf der Baar zurück. Sechs Monate
lang muss ein Wolf in einem Gebiet nachgewiesen
sein, damit er als sesshaft gilt. Beim Wolf mit dem
Namen „GW 4389“ ist das der Fall, wie auch die
Aufnahmen einer Wildtierkamera im Jahr 2025 in
Geisingen beweisen. Nun beobachten die Wolf-Experten
ob eine Paarbildung erfolgt und es bald
Welpen gibt. Das Foto oben ist ein Symbolbild, das
Tierfotograf Erich Marek in Kanada aufnahm.

Magazin 301
„Feuer in der Altstadt von Villingen“,
dieser Notruf am Samstag,
den 14. Juni 2025 um 18.27 Uhr aus
der Goldgrubengasse versetzte
alsbald eine ganze Stadt in Angst
und Schrecken. Zunächst war von
einem Balkonbrand die Rede, dann
jedoch breiteten sich die Flammen
in der eng bebauten Altstadt im
Bereich Goldgrubengasse/Gerberstraße
in Windeseile immer mehr
aus, wovon eine riesige, weithin
sichtbare Rauchsäule zeugte.
Schlussendlich sind insgesamt
sechs Gebäude von den Flammen
betroffen. 130 Feuerwehrleute
waren im Einsatz, um einen der
größten Brände in der jüngeren
Geschichte von Villingen zu
bekämpfen. Ebenso die Polizei,
Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk
und die Malteser.

Die Löscharbeiten waren
aufgrund enger Gassen und des
dichten Altbaubestandes sehr
schwierig. Angrenzende Gebäude
wurden von der Feuerwehr mit
Wasserfontänen gekühlt, um die
Ausbreitung der Flammen zu
verhindern. Im Verlauf des Einsatzes
hatten es die Rettungskräfte
auch damit zu tun, immer wieder
Schaulustige
der Gefahrenzone zu
verweisen.

Der Schaden geht nach ersten
Einschätzungen von Feuerwehr und
Polizei in die Millionen. Es haben 35
Bewohner ihr Obdach verloren,
sieben Menschen sind verletzt
worden und u.a. drei Dachstühle
eingestürzt. Weiter haben Geschäftsleute
ihr gesamtes Inventar
samt Warenbestand verloren.
Die Brandursache ist bis zum
Herbst 2025 weiter ungeklärt, die
Kriminalpolizei ermittelt.
Die Stadt Villingen-Schwenningen
initiierte eine Hilfsaktion, die
auf große Resonanz stieß. Die Villinger
Bevölkerung bewies große
Solidarität mit den Geschädigten.

Großbrand in der Villinger Altstadt macht 35 Bewohner obdachlos
Großbrand in der Villinger Innnenstadt am Abend des 14. Juni 2025. Sechs Häuser stehen schließlich in Flammen, weithin
sichtbar ist die Rauchsäule über der Villinger Altstadt. Bis heute ist die Ursache ungeklärt. Den über 130 Feuerwehrleuten
ist es nach stundenlangem Einsatz gelungen, ein weiteres Ausbreiten der Flammen zu verhindern.

Arbeitslosigkeit
in Prozentzahlen
Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland
30.06.2025 4,8 % 4,5 % 6,2 %
30.06.2024 4,2 % 4,1 % 5,8 %
30.06.2023 3,8 % 3,8 % 5,5 %
Quelle: Agentur für Arbeit

Orden und Ehrenzeichen
Mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland wurden bis August 2025
ausgezeichnet: Wolf Hockenjos (Donaueschingen), Gerhard Mengesdorf (St. Georgen), Elke Bettecken,
Gernot Laufer, Rüdiger Wischert (alle Villingen-Schwenningen).
Mit der Staufermedaille wurde im Juli 2025 ausgezeichnet: Karl Volk (Triberg).
Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden bis August 2025 ausgezeichnet: Wolfgang Limberger
(Donaueschingen), Gerhard Biesemann und Klaus Lachner (beide Furtwangen), Gerhard Bader und Jutta Schlenker
(beide Niedereschach), Klaus Gunkel (St. Georgen), Rolf-Dieter Hübner (Villingen-Schwenningen).

Wahlergebnisse der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025
Ergebnisse der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 im Wahlkreis 286 Schwarzwald-Baar (Amtliches Endergebnis)
Wahlberechtigte: 160.376 Wähler: 131.135 (81,8 %)
Erststimmen (Gewählt im Wahlkreis: Thorsten Frei, CDU) Zweitstimmen
absolut in % absolut in %
Ungültige Erststimmen 1.057 0,8 Ungültige Zweitstimmen 899 0,7
Gültige Erststimmen 130.078 99,2 Gültige Zweitstimmen 130.236 99,3

Davon für Davon für
Thorsten Frei, CDU 55.044 42,3 CDU 44.338 34,0
Derya Türk-Nachbaur, SPD 19.396 14,9 SPD 16.814 12,9
Marin Juric, GRÜNE 9.979 7,7 GRÜNE 12.895 9,9
Mark Hohensee, FDP 4.524 3,5 FDP 6.874 5,3
Sebastian van Ryt, AfD 29.143 22,4 AfD 30.953 23,8
Alexandra Hermann, Die Linke 5.295 4,1 Die Linke 6.591 5,1
Leon Dold, FREIE WÄHLER 2.933 2,3 dieBasis 481 0,4
Selina Schmidt, Volt 1.500 1,2 FREIE WÄHLER 2.066 1,6
Louis Weißer, Parteilos 2.264 1,7 Tierschutzpartei 1.243 1,0
Die PARTEI 502 0,4
Volt 929 0,7
ÖDP 234 0,2
Bündnis C 285 0,2
MLPD 47 0,0
Gewählt ist weiter Frau Derya Türk-Nachbaur (SPD), die
über die SPD-Landesliste von Baden-Württemberg in den
21. Bundestag einzog.
BÜNDNIS DEUTSCHLAND 167 0,1
BSW 5.817 4,5

303

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge
Bieber, Anja, 78120 Furtwangen
Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen
Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim
Dickmann, Barbara, 78098 Triberg
Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach
Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen
Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal
Gürtler, Sylvia, 79650 Schopfheim
Heinig, Birgit, 78052 Villingen-Schwenningen
Hinterseh, Sven, Landratsamt Schwarzwald-Baar
Ligresti, Lorenzo, 72336 Balingen
Lutz, Bernhard, 78183 Hüfingen
Mielenz, Daniel, Landratsamt Schwarzwald-Baar
Moser, Helen, 72364 Obernheim
Putschbach, Cornelia, 78087 Mönchweiler
Reinauer, Elke, 78647 Trossingen
Riedel, Jutta, 78050 Villingen-Schwenningen
Rist, Petra, Landratsamt Schwarzwald-Baar
Saurer, Michael, 79114 Freiburg
Schneider, Daniela, 78098 Triberg
Sigwart, Roland, 78183 Hüfingen
Simon, Stefan, 78052 Villingen-Schwenningen
Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen
Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach
Vogt, Josef, 78086 Brigachtal
Wacker, Dieter, 78052 Villingen-Schwenningen
Wehrle, Rolf, 78120 Furtwangen
Zährl, Renate, 78073 Bad Dürrheim
Bildnachweis Almanach 2026
Titelseite: Oksana Schlee-Keil
Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach
Soweit die Fotografen
nicht namentlich angeführt werden,
stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages
oder sind die Bildautoren/
Bildleihgeber
über ihn erfragbar.

Mit Fotos sind im Almanach vertreten:
Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2-3, 9, 10-13, 18-19, 20, 22-23, 30,
31 u., 33, 34, 37, 66, 98, 99 u.; Landratsamt Schwarzwald-
Baar-Kreis: 4 li., 25, 26, 36 ob., 55-59; Arnold Willmann,
Mönchweiler: 4 M., 41; Michael Stifter, Vöhrenbach: 4 re., 7,
14-17, 27, 31, 72-75, 110-112, 113 u., 120-121, 127, 238-242,
244-251, 253 u., 255, 274-283; Straub-Verpackungen,
Bräunlingen: 5, 94-96, 100-109; Établissement de communication
et de production audiovisuelle de la Défense
(ECPAD), Ivry-Sur-Seine Cedex, Frankreich: Archiv mit Fotos
von Germaine Kanova, Boulogne-sur-Mer, Frankreich: 6 li.,
174-175, 184-191; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 6 M.,
226-237, 301; Felix Rombach, Vöhrenbach: 6 li., 264-273;
black&white photography, Mönchweiler: 32, 35, 36 u.; Birgit
Heinig, Villingen-Schwenningen: 38, 39 ob.; Verein
Palliativzentrum-VS e. V.: 39 u., 40, 42, 43; Klinik Katharinenhöhe,
Schönwald: 44-53; Nadja Schitova: 60-63, 70-80;
Cornelia Putschbach, Mönchweiler: 64, 256-259, 260 ob.,
261 u., 262, 263 u.; Oksana Schlee-Keil, VS-Marbach: 65;
Konstantin Killer: 67, 69; Nikolaus Arnold: 76, 77 ob., 78, 79;
Helen Moser, Obernheim: 77 u., 89; Michael Saurer,
Freiburg: 80-82, 85-87; Adobe-Stock,
HL-PHOTODESIGN.EU:
83; Yatego: 84; Peter Cupec: 90; Foto Carle, Triberg: 91-93;
Archiv Doldverlag, Vöhrenbach: 97, 177 re., 243 u., 252 li.;
Technoseum Mannheim: 99 ob.; Göppert Holzbau,
Schönwald: 113 ob., 114-119; Griwecolor, Döggingen: 122-126;
128; five-Konzept, Hüfingen: 130-139; Marc Eich, Villingen-
Schwenningen: 140-149; Markus Schwarz Medien,
St. Georgen: 150-152, 156-159 u.; Archiv Familie Kaiser,
Behla: 153; Fachschule für Landwirtschaft, Donaueschingen:
159; Armin Obergfell, St. Georgen: 160; Bernhard Lutz,
Hüfingen: 161 M.; Markus Keller, Opferdingen: 161 u.; Ariane
Fleig, Nordstetten: 162; Reiner Schnekenburger, Biesingen:
163; Hochschule Furtwangen: 164-173; Stadtarchiv Villingen-
Schwenningen: 176 li., 202; Stadtarchiv Donaueschingen:
176 re., 177 li.; Hermann Riedel, Villingen-Schwenningen:
193 M. u.; Établissement de communication et de
production audiovisuelle de la Défense (ECPAD), Ivry-
Sur-Seine Cedex, Frankreich: 178-181; Stadtarchiv
Furtwangen: 193 ob., 194-195; Elke Reinauer, Trossingen:
200, 296, 298 ob. re., 299; Archiv Familie Benzing,
Villingen-Schwenningen: 201; Archiv Brigitte Liebelt,
Villingen-Schwenningen: 209 u.; Archiv Albert-Schweitzer-
Haus, Königsfeld: 208, 213, 219 li.; Daniela Schneider,
Triberg: 212, 214-218, 219 re.; Tobias Ackermann, Donaueschingen:
220-222; Jörg-Dieter Klatt, Brigachtal: 223;
Wikipedia, Gemeinfrei, Gottlieb: 224; Museum ART.PLUS,
Donaueschingen,
225; Archiv Familie Kleiser, Vöhrenbach:
243 ob.; Archiv Café Mayerhöfer, Furtwangen: 252 re., 253
re. ob., li. u.; Annette Hengstler, Brigachtal: 260 u., 261 ob.,
263 ob.; Wild Wings Schwenningen, PENNY DEL Photo-Sharing:
284-285; Roland Sigwart, Hüfingen: 286-287, 290 u.,
291 u., 292; Wild Wings Villingen-Schwenningen: 288-289,
293; Eibner-Pressefoto/Sven Laegler, Altshausen: 290 ob.,
291 ob.; Stulle three26, VS-Schwenningen: 294-295, 297,
298 ob. li., 298 u.; Michael Kienzler, Brigachtal: 300 ob.; SV
Triberg: 300 u. li.; Erich Marek, Villingen-Schwenningen:
300 u. li.;

304
Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2026
Drei weitere Freunde und Förderer des Almanachs
wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

300
Anhang
Tradition trifft Schick
Oksana Schlee-Keil aus VS-Marbach bietet
mit ihren selbst designten und genähten
Tüllkleidern jeder Frau und jedem Mädchen
die Möglichkeit, „sich wie eine Prinzessin
zu fühlen“, wie sie selbst sagt. Und sie
schmückt mit einem ihrer Werke und mit
sich selbst auch den 50. Almanach des
Schwarzwald-Baar-Kreises: Tradition trifft
Schick – inklusive Jubiläumstorte aus dem
Furtwanger Café Mayerhöfer.

Almanach 2026 Das Schwarzwald-Baar-Buch 50. Folge
JAHRE ALMANACH

 

]]>
https://almanach-sbk.de/almanach-2026/feed/ 0
Almanach 2025 https://almanach-sbk.de/almanach-2025/ https://almanach-sbk.de/almanach-2025/#respond Wed, 23 Apr 2025 08:50:13 +0000 https://almanach-sbk.de/?p=2137 Schwarzwald-Baar-Buch

Almanach 2025

49. Folge

Zeiten des Umbruchs – Zukunftsaufgaben

gemeinsam meistern

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Jahr zahlreicher Ereignisse liegt hinter uns.
Höhepunkte waren dabei sicherlich die Kommunal-
und Europawahlen im Juni. Eine lebendige Demokratie
gehört zum Schwarzwald-Baar-Kreis und ist
ein hohes Gut, das es unbedingt zu bewahren gilt.
Deshalb freut es mich sehr, dass die Wahlbeteiligung
bei der diesjährigen Kreistagswahl gestiegen ist.
Mit Sorge blicke ich allerdings auf die zunehmende
Radikalisierung in unserer Gesellschaft. Wir leben
in einer Zeit großer Umbrüche auf der Welt und das
bekommen auch wir hier in unserer Heimat, dem
Schwarzwald-Baar-Kreis, zu spüren. Nationale wie internationale
Entwicklungen sorgen für das Gefühl von
Unsicherheit bei vielen Bürgerinnen und Bürgern.

Als Landkreis haben wir viele Herausforderungen
zu bewältigen, welche uns auch noch die kommenden
Jahre beschäftigen werden. Dazu zählen unter
anderem Jugendhilfe, Migration und Klimaschutz.
Und das alles bei einer ohnehin schon angespannten
Haushaltslage. Die Lösungen für unsere Probleme
werden nicht einfach sein, weshalb wir ruhig und
besonnen agieren sollten. Trotz all dieser Umstände
gilt es erneut, die Zuversicht nicht zu verlieren,
weiterhin positiv in die Zukunft zu blicken und neue
Chancen zu ergreifen. Zusammen mit den Bürgerinnen
und Bürgern und dem neuen Kreistag werden
wir die Zukunftsaufgaben angehen. Wir können
stolz sein auf die Geschichte unseres Landkreises
und darauf vertrauen, dass wir gemeinsam bestehen
werden, denn in unserem Quellenland steckt
viel Potenzial. Und vor allem leben hier viele Menschen,
kluge Köpfe, die anpacken und somit unseren
Schwarzwald-Baar-Kreis aktiv mitgestalten.

Über einige dieser tollen Menschen können Sie
im diesjährigen Almanach lesen. Alle zusammen
bringen die Vielfältigkeit unseres Kreises zum Ausdruck,
denn wie immer ist eine große Bandbreite an
Themen im Jahrbuch vertreten: Von Geschichte über

Kunst und Kultur bis hin zu Wirtschaft und Sport –
all diese Bereiche finden sich hier wieder. Unser
Landkreis hat viel Spannendes zu erzählen. Ich bin
deshalb zuversichtlich, dass unser Schwarzwald-
Baar-Buch wieder einmal zur Identifikation mit
unserem Kreis beitragen kann und auch in diesem
Jahr seine gewohnte Resonanz findet.

Mein besonderer Dank gilt den treuen Freunden
und Förderern des Almanachs. Ebenso gilt mein
Dank dem dold.verlag aus Vöhrenbach sowie den
zahlreichen Autoren und Fotografen, ohne die eine
so abwechslungsreiche und vielseitige Publikation
in dieser Qualität nicht umsetzbar gewesen wäre.
Ich blicke voller Vorfreude auf die weiterhin vertrauensvolle
und erfolgreiche Kooperation für unser
Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar-Buch,
unserem Almanach und seiner 50. Folge im kommenden
Jahr.

Zum Schluss möchte ich mich bei Ihnen bedanken,
den Leserinnen und Lesern des Almanach
2025, für die Treue und das Vertrauen, das Sie uns
teilweise seit fast fünf Jahrzehnten schenken. Ich
wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre unseres
Schwarzwald-Baar-Buches.

Bitte halten Sie dem Almanach weiterhin die
Treue!

Ihr

Sven Hinterseh, Landrat

Zum Geleit

10

Winterabend bei der Baumallee in Hausen vor Wald.

12

Der „einsame Baum“ auf der Baar bei Bad Dürrheim.

14

Schwarzwald bei Triberg mit Blick auf die Höhen von Nußbach und Gremmelsbach.

16

Herbststimmung in Bräunlingen mit Stadtkirche und Mühlentor.

DIE ALMANACH-REDAKTION IM DIALOG
MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH

Trotz gewaltiger Aufgaben
gemeinsam unsere Zukunft
aktiv gestalten

Ein gewaltiges Aufgabenspektrum im Kreistag und im Landratsamt, Daseinsvorsorge
im Ländlichen Raum, Migrationspolitik, Jugendhilfe, Öffentlicher
Nahverkehr oder Ringzug 2.0: Die Herausforderungen in der Kreispolitik bleiben
weiterhin enorm, wie Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit dem Jahrbuch
Almanach unterstreicht. Und doch hält er abschließend fest: „Es geht darum, dass
wir diese Herausforderungen zuversichtlich annehmen und gemeinsam aktiv
unsere Zukunft gestalten.“

Herr Landrat Hinterseh, das Jahr 2024 stand ganz im
Zeichen der Kommunalwahlen. Am 9. Juni galt es, einen
neuen Kreistag zu wählen. Im Interview zum Almanach
2024 haben Sie sich unter anderem gewünscht, dass
Sie weiterhin gut mit den Kreisrätinnen und Kreisräten
zusammenarbeiten. Zudem war Ihr Wunsch, dass mehr
Frauen in das Gremium einziehen. Ist Ihr Wunsch in
Erfüllung gegangen?

Ich freue mich sehr, dass unser 11. Kreistag des
Schwarzwald-Baar-Kreises bereits seine Arbeit aufgenommen
hat und ich gratuliere nochmals jedem
gewählten, ehrenamtlich engagierten Kreisrat und
jeder Kreisrätin zu diesem Amt. In unserem neu gewählten
Gremium sind viele neue, aber auch einige
„altbekannte“ Gesichter. Ich bin dankbar für dieses
ehrenamtliche Engagement für den SchwarzwaldBaar-
Kreis, denn es ist alles andere als selbstver-

In unserem neu gewählten
Gremium sind viele neue,
aber auch einige „altbekannte“
Gesichter. Ich bin dankbar
für ihr ehrenamtliches Engagement,
denn es ist alles
andere als selbstverständlich.

ständlich. Gerade in einer Gesellschaft, die immer
mehr „Ich-bezogen“ ist, ist dieses Engagement umso
bemerkenswerter. Tatsächlich hat sich der Frauenanteil
im neuen Gremium leider nicht erhöht. Hier
ist bei der mengenmäßigen Vertretung der Frauen

19

Landrat Sven Hinterseh

also durchaus „noch Luft nach oben“ – jetzt beginnt
dann die inhaltliche Arbeit des Kreistags und seiner
Ausschüsse und darauf freue ich mich.

Die Kommunalwahlen haben für den Landkreis eine
besondere Bedeutung. Welche Aufgaben sind mit diesen
Wahlen verbunden?

Für den Landkreis waren die Kommunalwahlen in
vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Besonders
unser Kommunal- und Rechnungsprüfungsamt war
als Kreisgeschäftsstelle des Kreiswahlleiters wieder
mit der Vorbereitung und Durchführung der Wahlen
auf Kreisebene gefordert. Hier gilt mein Dank dem
gesamten Team des Kommunal- und Rechnungsprüfungsamtes
für die hervorragende Arbeit. Für uns ist
die Wahl des Kreistags natürlich von besonderer Bedeutung,
weil dieses Gremium unser Hauptorgan ist.

Wir haben uns als Landratsamt im Vorfeld der
Wahl bemüht, Aufklärungsarbeit zu leisten, warum
Wahlen wichtig sind und worum es dabei geht. Demokratie
lebt vom Mitmachen von jedem Einzelnen.
Die ehrenamtlichen Leistungen, ob im kommunalpolitischen
Amt oder in anderen ehrenamtlichen
Tätigkeiten, sind ein wertvolles Gut. Um dies hervorzuheben,
haben wir einen neuen Weg der Ansprache
versucht und eine neue Staffel unseres Podcasts
„Quellenland aufs Ohr“ aufgelegt. Der Titel der zweiten
Staffel wurde bewusst gewählt: „Wir gestalten
mit Dir unsere Zukunft!“ und stellt das Ehrenamt in
den Mittelpunkt der Geschichten aus dem Schwarzwald-
Baar-Kreis. Reinhören lohnt sich, auch jetzt
noch nach der Wahl. Die erzählten Geschichten zeigen,
wie sich Menschen aus dem Schwarzwald-Baar-
Kreis für ihre Mitmenschen einsetzen, ob im sozialen
Bereich, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder auf
andere vielfältige Art und Weise.

Bürgerinnen und Bürger darauf aufmerksam zu
machen, wie sie unsere Gesellschaft mitgestalten
können, wird offensichtlich immer wichtiger. Wie ist es
möglich, hier die junge Generation anzusprechen?

Ja, das ist uns natürlich ein großes Anliegen, vor allem
die Jugendlichen zu erreichen. Deshalb haben
wir für unsere Erstwähler die Veranstaltung „Politik

Mit der Veranstaltung „Politik
und Pizza“ ist es gelungen,
gemeinsam mit der Landeszentrale
für politische Bildung
BadenWürttemberg
einen
direkten, aber niederschwelligen
Kontakt von Jugendlichen
mit Kommunalpolitikern
zu schaffen.

und Pizza“ gemeinsam mit der Landeszentrale für
politische Bildung Baden-Württemberg hier im Landratsamt
durchgeführt. Der Zuspruch war sehr groß.
Vor allem ist es gelungen, einen direkten, aber
niederschwelligen Kontakt von Jugendlichen mit
Kommunalpolitikern zu schaffen. Mit anderen Jugendlichen
und jungen Erwachsenen hatten die Erstwähler
die Möglichkeit, ihre Themen und Anliegen bezogen
auf ihre Gemeinde und den Schwarzwald-Baar-
Kreis zu diskutieren. Wir haben sehr gutes Feedback
dazu bekommen.

Auf Bundes- und Landesebene zeichnen sich schwierige
Zeiten unter anderem in finanzieller Hinsicht ab. Wie
wirkt sich das auf die Kreisebene aus?

Gerade vor dem Hintergrund der aktuell schwierigen
Rahmenbedingungen, des demografischen Wandels
und des Arbeitskräftemangels in so vielen Bereichen,
stellt sich die Situation tatsächlich als herausfordernd
dar.

Unser Aufgabenspektrum im Kreistag und im
Landratsamt – wo wir als Behörde ja für kommunale
und staatliche Aufgaben gleichermaßen zuständig
sind – ist ganz gewaltig. Und man muss schon feststellen,
dass die Regelsetzung aus Brüssel, Berlin
und Stuttgart leider nicht nachlässt, ganz im Gegenteil.
Sie wird immer umfänglicher und bringt uns als
Landratsamt in manchen Bereichen wirklich auch an
den Rand des noch Leistbaren.

Bei der Infound
Mitmachveranstaltung „Politik und Pizza“ im Landratsamt nutzten rund 120 Jugendliche die Gelegenheit
mehr über das Thema Wahlen und wie gewählt wird zu erfahren. Nach einem informativen Input der Referenten (Foto

u. li.) Miriam Krafft, Clara Burger und Jonas Pauther von der Landeszentrale für politische Bildung, stellten sich die Kandidierenden
für die Kommunalwahlen vor. An zehn Haltestationen hatten die Erstwähler die Möglichkeit, ihre Themen
und Anliegen bezogen auf ihre Gemeinde und den SchwarzwaldBaarKreis
mit den Kandidierenden zu diskutieren. Und
natürlich gab es auch eine ofenfrische Pizza zur Politik – ganz dem Motto der Veranstaltung entsprechend. Für die zweite
Staffel des Podcasts „Quellenland aufs Ohr“ sammelte Podcasterin Henriette Schreurs (u. re.) Stimmen der Erstwähler.
Neben den allgemeinen Rahmenbedingungen, die sich
stark verschärft haben, gibt es für den neuen Kreistag
weitere Herausforderungen, um den Schwarzwald-Baar-
Kreis attraktiv zu halten. Welche sind das?

Nach meiner Auffassung ist der Erhalt der Daseinsvorsorge
im Ländlichen Raum noch immer eine der
zentralen Herausforderungen. Auch hier im Schwarzwald-
Baar-Kreis werden die Bürgerinnen und Bürger
glücklicherweise immer älter – darüber freuen wir

uns, nur dass da kein Missverständnis aufkommt.
Aber bald ist es jetzt so weit: die Babyboomer gehen
so langsam in den Ruhestand und die Arbeit wird
sich dann auf noch weniger Schultern verteilen. Es
stellt sich dann die Frage, wie wir das bewältigen
können. Auf dem Land wirkt sich dieser Wandel anders
aus als in der Stadt – die Herausforderungen
sind dabei aber sowohl in den Orten als auch in den
Städten groß. Mit unserer Demografiestrategie sind
wir zwar gut gerüstet, aber natürlich ist dies kein

Zukunft gestalten – Im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh

Der Ringzug erstrahlt in neuem Glanz – bei der Vorstellung der neu gestalteten RegioShuttles des SWEGVerkehrsbetriebs
Hohenzollerische Landesbahn, die auf den RingzugStrecken
fahren. Von links: Tobias Harms (Vorsitzender der SWEGGeschäftsführung),
Barbara Kollmeier (Dezernatsleiterin Rechtsund
Ordnungsverwaltung Landratsamt SchwarzwaldBaarKreis),
Sven Hinterseh (Landrat SchwarzwaldBaarKreis),
Stefan Bär (Landrat Landkreis Tuttlingen) und Berthold
Frieß (Ministerialdirektor im Ministerium für Verkehr BadenWürttemberg).

 

Mit eines der wichtigsten
Themen für den Kreistag ist die
Bildung als Aufgabe für alle
Lebensphasen – von der
frühkindlichen Bildung, über
Schule, Ausbildung, Fortund
Weiterbildung, Studium bis hin
zum lebenslangen Lernen.

statischer Prozess und wir müssen immer wieder
prüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Und wir müssen weiter daran arbeiten, eine wettbewerbsfähige
Infrastruktur in allen Bereichen zu
erhalten und auszubauen: Bildung, Soziales, Straßen,
Schiene, Breitbandausbau im gesamten Landkreis,
all das ist existenziell wichtig für die Daseinsvorsorge
im Ländlichen Raum.

Mit eines der wichtigsten Themen für den
Kreistag ist die Bildung als Aufgabe für alle Lebensphasen
– von der frühkindlichen Bildung, über Schule,
Ausbildung, Fort- und Weiterbildung, Studium bis
hin zum lebenslangen Lernen. Bildung muss nach
wie vor oberste Priorität genießen. Ich bin davon
überzeugt, dass wir hier Spitze sein müssen. Wir
brauchen die besten Schulen, um unseren Kindern
die größtmöglichen Chancen für einen Aufstieg und
berufliches Fortkommen zu ermöglichen. Und gerade
dabei haben unsere Beruflichen Schulen eine ganz
besondere Aufgabe: sie sind schließlich „Aufsteiger-
schulen“ und wir müssen alles tun, sie noch weiter
zu stärken.

Wie ist der Schwarzwald-Baar-Kreis mit seiner Infrastruktur
derzeit aufgestellt?

Wenn man sich das einmal aus der „Vogelperspektive“
anschaut, dann finde ich, ist die Infrastruktur im
Schwarzwald-Baar-Kreis insgesamt in einem doch
recht ordentlichen Zustand. Das gilt für vieles, aber

Links: Zum 1. Januar 2023 wurde eine große Tarifreform und Verbundfusion für Bus und Schiene vorgenommen. Daraus
ist der neue Verkehrsverbund SchwarzwaldBaarHeuberg
„MOVE“ entstanden, dem alle drei Landkreise aus der Region
angehören. Rechts: Die Belegung von Dächern der kreiseigenen Gebäude mit PVAnlagen
und somit die Erhöhung der
Eigenstromerzeugung wurde kontinuierlich gesteigert.

auch für die Schulen ebenso wie für den ÖPNV. Zum

1. Januar 2023 wurde eine große Tarifreform und Verbundfusion
vorgenommen. Daraus ist der neue
Verkehrsverbund Schwarzwald-Baar-Heuberg
„MOVE“ entstanden, dem alle drei Landkreise aus
der Region angehören.
In den nächsten Jahren wird es eine weitere
große Herausforderung sein, den Öffentlichen
Personennahverkehr im Landkreis auskömmlich zu
finanzieren und inhaltlich weiterzuentwickeln. Auch
ganz neue Wege müssen dabei eingeschlagen
werden. Zum Beispiel müssen wir uns mit dem
Einsatz emissionsarmer und -freier Antriebe oder
aber der Einrichtung von On-Demand-Verkehren im
ÖPNV beschäftigen. Heißt: Möglichst in Tagesrandlagen
weg vom Fahrplan und klassischem Linienverkehr,
hin zu einer Flexibilisierung – Fahrten nur nach
Bedarf, das muss das Ziel sein!

Und dann bin ich bei einem weiteren Großprojekt
(und da meine ich wirklich „groß“): „Ringzug 2.0“.
Unser Ziel ist es, in den nächsten Jahren mit der
Unterstützung des Bundes und gemeinsam mit dem
Land Baden-Württemberg alle Schienenstrecken

hier in der Region zu elektrifizieren und eine umsteigefreie
Verbindung von Villingen über Schwenningen
und Rottweil nach Stuttgart zu realisieren.
Ferner möchten wir den Ringzugverkehr hier in der
Region mit weiteren Haltepunkten noch attraktiver
machen – Stichwort Ringzugerweiterung nach
St. Georgen mit Zwischenhaltepunkten.

Der ÖPNV ist ja auch eine wichtige Säule, um einen
Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Eines der Zukunftsthemen.
Was unternimmt der Schwarzwald-Baar-Kreis
hier?

Wenn wir über Klimaschutz und die daraus folgenden
Maßnahmen sprechen, dann spielen nicht nur
die Gebäudesanierungen mit der Installation von
PV-Anlagen, die Arbeit unseres Klimaschutzmanagers
oder unserer Energieagentur eine wichtige Rolle.
Wir müssen auch eine wirkliche Ergänzung zum
Individualverkehr mit unserem ÖPNV, zum Beispiel
über die bereits angesprochenen On-Demand-Verkehre,
bieten können.

Zukunft gestalten – Im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh

23

Das Kreisjugendamt unterstützt junge Menschen und Familien dabei, positive Lebensbedingungen zu schaffen und zu
erhalten, sowie Kinder und Jugendliche vor Gefahren zu ihrem Wohl zu schützen.

Auf welche Themen blicken Sie mit Sorge, was treibt Sie
um?

Besorgniserregend ist derzeit, welche Fallzahlen
unsere Jugendhilfe bereits seit einer Weile verzeichnet,
aber auch in welcher Intensität sich diese Fälle

gestalten. Die aktuellen negativen Entwicklungen im
Krankenhauswesen und die massiven Eintrübungen
im Finanzbereich sind leider auch dramatisch. Das
stellt uns vor sehr schwierige Aufgaben. Hinzu kommen
unsere Anstrengungen im Flüchtlingsbereich
mit der Suche nach Unterkünften, der Organisation

von Integrationskursen und der
Einführung einer Bezahlkarte.
Und wir sehen, dass wir uns bei
der Sozialarbeit neu ausrichten
müssen, um effektiver arbeiten
zu können. Hier werden wir
künftig mehr in die Sozialräume
gehen. Als Pilotprojekt wurde

Mit dem „Roten Löwen“ in
St. Georgen wurde ein ortsnahes
Beratungsangebot und ein
Zentrum der Begegnung
zugleich geschaffen.

hierzu der Rote Löwen in St. Georgen mit einem
Beratungsangebot geschaffen, das sich kundenorientiert
und kundennah an den Bedürfnissen der Ratsuchenden
ausrichtet (siehe Seite 158).

Stark diskutiert wird auf bundespolitischer Ebene aktuell
die Migrationspolitik. Wie sind die Auswirkungen im
Schwarzwald-Baar-Kreis zu spüren? Welchen Herausforderungen
muss sich der Landkreis bei diesem Thema
stellen?

Die bundes- und landespolitischen Entscheidungen
wirken sich direkt auf die Landkreise aus. Das
Landratsamt als untere Aufnahmebehörde ist für die
Unterbringung der Flüchtlinge in den
Gemeinschaftsunterkünften zuständig. Die Herausforderung
für die Kreisverwaltung liegt darin, dass
monatlich rund 50 bis 70 neu hinzukommende
Flüchtlinge eine Unterkunft benötigen. Die derzeitige
Situation der Aufnahme von Flüchtlingen gestaltet
sich im Schwarzwald-Baar-Kreis so, dass der
Landkreis dazu verpflichtet ist, von den in Baden-
Württemberg aufgenommenen Flüchtlingen 2,3 Prozent
in vorläufiger Unterbringung, also in den
Gemeinschaftsunterkünften, aufzunehmen.

Aktuell, mit Stand zum 1. Oktober 2024, bringen
wir als Landkreis 850 geflüchtete Menschen in unseren
zwölf Gemeinschaftsunterkünften in sieben
Städten und Gemeinden im Schwarzwald-Baar-Kreis
unter. Die Städte und Gemeinden wiederum halten
Unterkünfte für die Geflüchteten in der danach folgenden
Anschlussunterbringung vor.

Die Frage ist, wie viel unsere Gemeinschaft,
unsere öffentlichen Einrichtungen und unsere Infrastruktur
schaffen können, um nicht überfordert zu
werden. Wir sehen hier regelmäßig und bundesweit
Schwierigkeiten in Kindergärten, Schulen, bei Ärzten
und auch in Behörden.

Wie motivieren Sie sich in Anbetracht der zahlreichen
und vielschichtigen Herausforderungen?

Wir alle sehen und erleben es beinahe täglich, dass
wir in angespannten Zeiten leben. Vor allem, wenn
man das Weltgeschehen und die Entwicklungen in
den aktuellen Krisengebieten betrachtet. Die Be-

Wir leben in einem Landkreis,
in dem Gemeinschaft und
Ehrenamt einen hohen Stellenwert
haben. Das ist nicht
selbstverständlich, zeigt aber,
dass wir gemeinsam viel
erreichen können und dass der
Zusammenhalt in der Bevölkerung
insgesamt gut ist.

richterstattungen aus der Ukraine oder aus Nahost
machen demütig, aber auch dankbar, dass wir in einem
so friedlichen Teil der Erde leben dürfen, in dem
unsere Demokratie und unsere freiheitlichen Werte
ein hohes Gut sind. Manches Problem wird in dieser
Relation dann etwas kleiner.

Wir leben in einem Landkreis, in dem Gemeinschaft
und Ehrenamt einen hohen Stellenwert haben.
Das ist nicht selbstverständlich, zeigt aber, dass
wir gemeinsam viel erreichen können und dass der
Zusammenhalt in der Bevölkerung insgesamt gut ist.

Vor allem die Jugend nimmt hier eine wichtige
Rolle ein. Als Landrat komme ich oft mit engagierten
Jugendlichen in Kontakt. Diese Begegnungen sind
für mich auch eine Kraftquelle. Ich erlebe, wie sich
junge Menschen mit ihrer Zukunft auseinandersetzen:
mit viel Einsatz, oft sehr kritisch, aber fast
durchweg positiv. Auch bei meinen eigenen Kindern
erlebe ich diese Grundhaltung. Das ist Motivation für
mein Wirken.

Außerdem erlebe ich bei unseren Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern im Landratsamt auch in diesen
herausfordernden Zeiten weiterhin eine hohe Motivation
und Schaffenskraft, das macht mich stolz. Es
geht darum, dass wir zuversichtlich die Herausforderungen
annehmen und gemeinsam die Zukunft
gestalten.

Herr Landrat Hinterseh, wir danken Ihnen für dieses
Gespräch.

Zukunft gestalten – Im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh

Der neue Kreistag des SchwarzwaldBaarKreises
hat 61 Mitglieder

Erste Sitzung des 11. Kreistages:
Neubeginn, Abschied und Dank

Mit einem Rückblick auf die zehnte Legislaturperiode eröffnete
Landrat Sven Hinterseh im Großen Sitzungssaal am Montag, den

22. Juli 2024 die konstituierende Sitzung des 11. Kreistages des
SchwarzwaldBaarKreises.
Der aktuelle Kreistag zählt 61 Mitglieder,
die Landrat Sven Hinterseh in der ersten Sitzung des neu gewählten
Gremiums verpflichtete. Gewürdigt wurden zahlreiche Kreisräte
für deren langjähriges ehrenamtliches Engagement – teils über
Jahrzehnte hinweg.
Landrat Sven Hinterseh betonte eingangs, wie sich diesem Gremium etwas (er)schaffen, etwas veränjeder
Einzelne in das Gremium einbringen und etwas dern – ja mitmachen! Gemeinsam können wir das
bewirken könne: „Sie wollen und, da bin ich mir Beste für den Landkreis, seine Städte und Gemeinden
sicher, Sie werden mit Ihrer ehrenamtlichen Arbeit in und unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger erreichen.“

Nach der konstituierenden Sitzung des neu
gewählten 11. Kreistages des Schwarzwald-Baar-
Kreises am 22. Juli 2024 ehrte Landrat Sven
Hinterseh in feierlichem Rahmen Kreisräte, die sich
teils seit mehreren Legislaturperioden im Kreistag
engagierten. Weiter 26 Frauen und Männer, die aus
dem Gremium ausgeschieden sind. Nach einem
kurzen Streifzug durch die kreispolitischen Themen
der letzten fünf Jahre, der verdeutlichte, wie
vielfältig und umfangreich die Beratungen im
Kreistag und seinen Ausschüssen waren, dankte er
den Räten für die Leistungen, den Einsatz und das
Herzblut, das alle in die Kreistagsarbeit haben
einfließen lassen. „Sie alle haben die Entwicklung
des Schwarzwald-Baar-Kreises ganz maßgeblich
mitgestaltet“, attestierte der Landrat den Geehrten
und scheidenden Kreisräten.

Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-
Württemberg in Silber und Bronze verliehen

Die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-
Württemberg erhalten sowohl Mitglieder, die aus
dem Gremium ausscheiden, als auch aktive Mitglieder
des Kreistages, die die entsprechende Dauer der
Kreistagsmitgliedschaft erfüllt haben. Die Verdienstmedaille
des Landkreistags Baden-Württemberg in
Silber für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über
30 Jahren erhielt Edgar Schurr. Er hatte sich dazu

Landrat Sven Hinterseh verpflichtete die Kreisrätinnen und
Kreisräte auf die gewissenhafte Erfüllung ihrer Amtspflichten
mit dem Wortlaut: „Ich gelobe Treue der Verfassung,
Gehorsam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllung
meiner Pflichten. Insbesondere gelobe ich, die Rechte des
Landkreises gewissenhaft zu wahren und sein Wohl und
das seiner Einwohner nach Kräften zu fördern.“ Stellvertretend
für alle Kreisräte sprach der jüngste Kreisrat Michael
Haselberger (li.) die Formel.

Edgar Schurr (links) wurde mit der Verdienstmedaille des
Landkreistages BadenWürttemberg
in Silber für über
30jährige
Tätigkeit als Kreisrat und mit der Verdienstmedaille
des SchwarzwaldBaarKreises
in Gold durch
Landrat Sven Hinterseh geehrt.

11. Kreistag: Neubeginn, Abschied und Dank
27

Die Verdienstmedaille des Landkreistages in Bronze erhielten (v. links) Thomas Ettwein, Angelika Baumann, die die Auszeichnung
für ihren Ehemann Adolf Baumann posthum entgegennahm, Bürgermeister Fritz Link, Oberbürgermeister
Jürgen Roth und Dr. KarlHenning
Lichte. Adolf Baumann (posthum) und Dr. KarlHenning
Lichte erhielten außerdem die
Verdienstmedaille des SchwarzwaldBaarKreises
in Gold.

entschlossen, nicht erneut zur Wahl anzutreten. Die
Verdienstmedaille des Landkreistages in Bronze für
eine Zugehörigkeitsdauer von über 20 Jahren
erhielten: Adolf Baumann (posthum), Thomas
Ettwein, Dr. Karl-Henning Lichte, Bürgermeister Fritz
Link und Oberbürgermeister Jürgen Roth.

Ein Kreisrat wurde bei der Ehrung besonders hervorgehoben,
nämlich der „dienstälteste“ Kreisrat mit
der längsten Zugehörigkeit zum Kreistagsgremium,
der nun ausscheidet: dies ist Karl Rombach. 35 Jahre
lang war er Mitglied des Kreistages im Schwarzwald-

Mit der Verdienstmedaille
des
SchwarzwaldBaarKreises
in Gold wurde
Karl Rombach
geehrt.

Baar-Kreis. Für dieses ehrenamtliche Engagement
konnte er bereits 2009 bzw. 2019 die Verdienstmedaille
des Landkreistages in Bronze sowie in
Silber entgegennehmen.

Besondere Ehrung für Anton Knapp

Eine besondere Ehrung erhielt Anton Knapp,
Bürgermeister a.D. aus Hüfingen, für seine langjährige
Tätigkeit im Kreistag. 40 Jahre ist er bereits
als Kreisrat aktiv. Auf 35 Jahre Kreistagstätigkeit
kann er im Schwarzwald-Baar-Kreis zurückblicken.
Weitere fünf Jahre engagierte er sich im Kreistag des
Landkreises Rastatt. Landrat Sven Hinterseh gratulierte
Anton Knapp und überreichte ihm die Verdienstmedaille
des Landkreistages in Gold. Sven
Hinterseh: „Das ist eine überragende Leistung!“.

In der vergangenen Wahlperiode brachte sich
Anton Knapp als Mitglied des Ausschusses für Bildung
und Soziales ein. Dort war er Sprecher der
SPD-Kreistagsfraktion. Zudem war er Mitglied im
Begleitgremium zum European Energy Award und
in der Lenkungsgruppe zur Wirtschaftskonzeption.
Anton Knapp brachte sich während der letzten vier
Jahrzehnten bei bedeutenden Themen ein, wie beispielsweise
bei der Konzeption des Ringzugs, bei der
großen Krankenhausstrukturreform im Schwarzwald

Die Verdienstmedaille des SchwarzwaldBaarKreises
in Silber erhielten (v. links): Rainer Jung, Manfred Scherer,
Theobald Effinger, Werner Ettwein und Beate BergHaller.

Baar-Kreis oder bei der Gründung des Zweckverbands
Breitbandversorgung. „Hierbei hatten Sie
auch in Ihrer Zeit als Bürgermeister von Hüfingen
nie immer nur die „Bürgermeisterbrille“ auf, sondern
hatten den Landkreis im Blick und wollten dabei
stets das Beste für die Bürgerinnen und Bürger des

Die Verdienstmedaille des Landkreistages BadenWürttemberg
in Gold für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über
40 Jahren erhielt Bürgermeister a. D. Anton Knapp (links)
durch Landrat Sven Hinterseh (rechts).

gesamten Landkreises“, hob Landrat Sven Hinterseh
hervor. Anton Knapp wurde erneut in den Kreistag
gewählt.

Verdienstmedaillen des
Schwarzwald-Baar-Kreises

Eine besondere Ehrung wurde vier Kreisräten mit
der Verleihung der Verdienstmedaille des Schwarzwald-
Baar-Kreises in Gold zuteil. Die Ehrung erhalten
Kreisräte, die vier und mehr Wahlperioden vollendet
haben. Dem kürzlich verstorbenen Kreisrat Adolf
Baumann wurde die Verdienstmedaille posthum
verliehen, die Ehrung nahm seine Ehefrau Angelika
Baumann entgegen. Weiter erhielten diese Ehrung
Dr. Karl-Henning Lichte, Karl Rombach und Edgar
Schurr.

Adolf Baumann aus Hüfingen wurde 2004 erstmals
in den Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises
gewählt und gehörte der FDP-Fraktion an. Ebenfalls
seit 2004 wurde Dr. Karl Henning Lichte aus
Villingen-Schwenningen für die Freie Wählervereinigung
in den Kreistag gewählt. Karl Rombach aus
Schonach war für die CDU seit 1989 Mitglied im
Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises und Edgar
Schurr aus Villingen-Schwenningen für die SPD seit
1994.

11. Kreistag: Neubeginn, Abschied und Dank
29

10 Jahre Engagement für den Landkreis – die Verdienstmedaille des SchwarzwaldBaarKreises
in Bronze erhielten (v. l.):
Wolfgang Kaiser, Katharina Hirt, Sigrid Fiehn und Bertold Ummenhofer. Dr. Marcel Klinge konnte bei der Ehrung nicht
dabei sein.

Es ist die Zeit gekommen,
um Dank zu sagen: Für Ihre
Leistungen, Ihren Einsatz
und Ihr Herzblut, das Sie
alle in die Kreistagsarbeit
haben einfließen lassen. Ich
danke Ihnen im Namen des
SchwarzwaldBaarKreises
aber auch persönlich sehr
herzlich.

Sven Hinterseh, Landrat

Weitere Verdienstmedaille und Urkunden

Sechs Kreisrätinnen und Kreisräte haben sich
insgesamt 15 Jahre, also drei Wahlperioden ehrenamtlich
für den Schwarzwald-Baar-Kreis eingebracht.
Landrat Sven Hinterseh überreichte die Verdienstmedaille
des Schwarzwald-Baar-Kreises in Silber an
Beate Berg-Haller, Theobald Effinger, Werner
Ettwein, Rainer Jung und Manfred Scherer. Dr. Klaus

Götz erhielt ebenfalls die Verdienstmedaille in Silber,
konnte jedoch an der Ehrung nicht teilnehmen.

Beate Berg-Haller aus Königsfeld wurde erstmals
2004 in den Kreistag gewählt. Wiedergewählt wurde
sie für zwei weitere Wahlperioden von 2014 bis 2024
für das Bündnis 90/Die Grünen. Werner Ettwein aus
Villingen-Schwenningen wurde erstmals von 1999
bis 2004 und wieder von 2014 bis 2024 für die Freie
Wählervereinigung in den Kreistag gewählt. Jeweils
von 2009 bis 2024 waren im Kreistag Theobald
Effinger aus Brigachtal für die CDU, Dr. Klaus Götz
aus Bad Dürrheim für die Freie Wählervereinigung,
Rainer Jung aus Furtwangen für die Freie Wählervereinigung
und Manfred Scherer aus St. Georgen für
die CDU.

Fünf Kreisrätinnen und Kreisräte wurden für
zehn Jahre Engagement für den Schwarzwald-Baar-
Kreis geehrt. Sigrid Fiehn, Katharina Hirt, Wolfgang
Kaiser, Bertold Ummenhofer und Dr. Marcel Klinge,
der nicht bei der Ehrung dabei sein konnte, waren
zwei Wahlperioden als Kreisrat aktiv. Für dieses Engagement
erhielten sie die Verdienstmedaille des
Schwarzwald-Baar-Kreises in Bronze.

Jeweils von 2014 bis 2024 im Kreistag waren:
Sigrid Fiehn aus Königsfeld für die Freie Wählervereinigung,
Katharina Hirt aus Villingen-Schwenningen
für die CDU, Wolfgang Kaiser aus Bad Dürrheim für
das Bündnis 90/Die Grünen, Bertold Ummenhofer

Eine Dankesurkunde erhielten: (v. l.) Joachim Senger, Birgit Helms, Bürgermeisterin Lisa Hengstler, Dr. Ursula RothZiefle
und Josef Heissmann. Nicht im Bild: Dr. Armin Faas, Bürgermeister a. D. Michael Kollmeier, Angela Nock, Andreas Olivier,

Maren Ott und Landtagsabgeordneter Niko Reith.

aus Villingen-Schwenningen für die Freie Wählervereinigung
und Dr. Marcel Klinge aus Villingen-
Schwenningen für die FDP.

An die Mitglieder des Kreistages, die eine Periode
im Kreistag waren, vergab der Schwarzwald-Baar-
Kreis eine Dankurkunde. Landrat Sven Hinterseh
übergab die Urkunden an Josef Heissmann, Birgit
Helms, Bürgermeisterin Lisa Hengstler, Dr. Ursula

Roth-Ziefle und Joachim Senger. Eine Urkunde erhielten
ebenfalls Dr. Armin Faas, Bürgermeister a. D.
Michael Kollmeier, Angela Nock, Andreas Olivier,
Maren Ott und Landtagsabgeordneter Niko Reith. Sie
konnten an der Feierstunde nicht teilnehmen.

Der neue Kreistag nimmt seine Arbeit auf.

11. Kreistag: Neubeginn, Abschied und Dank
31

Neuer Kreistag hat 61 Mitglieder

Wahlbeteiligung von 56,24 Prozent – 12 Frauen gehören dem Gremium an

Der Kreistag nach der
konstituierenden
Sitzung am
22. Juli 2024:
22
10 8
8
5
8
22 Sitze
340.209 St.
(34,2 %)
10 Sitze
156.522 St.
(15,7 %)
8 Sitze
136.035 St.
(13,7 %)
5 Sitze
84.494 St.
(8,5 %)
8 Sitze
147.898 St.
(14,9 %)
8 Sitze
130.173 St.
(13,1 %)
„Ich freue mich über viele neue, aber natürlich auch
über einige altbekannte Gesichter in diesem neuen
Gremium“, so Landrat Sven Hinterseh in der konstituierenden
Sitzung am 22. Juli 2024. Der neue Kreistag
bestehe aus einer ausgewogenen Mischung. So
gehören ihm zwölf Frauen und 49 Männer an, wobei
es bei der Frauenquote von knapp einem Fünftel
noch „Luft nach oben“ gebe. Mit 34 Jahren ist der
jüngste Kreisrat Michael Haselberger aus Villingen-
Schwenningen. Der älteste Kreisrat ist Ernst
Schaumann mit 78 Jahren.

Im 11. Kreistag sind 16 Oberbürgermeister und
Bürgermeister vertreten. 32 Kreisrätinnen und Kreisräte

wurden wiedergewählt, 25 wurden erstmals gewählt
und vier Mitglieder waren schon einmal im Kreistag
aktiv. Die Sitze des Kreistags verteilen sich auf die CDU
als stärkste Partei mit 22 Sitzen, gefolgt von der
Kreistagsfraktion der Freien Wähler mit zehn Sitzen.
Diese 10 Sitze setzen sich aus neun Sitzen der Freien
Wähler und einem Sitz der Gemeinschaft unabhängiger
Bürger e. V. (GuB) zusammen. AfD, Bündnis 90/Die
Grünen und die SPD haben jeweils acht Sitze und die
FDP ist mit fünf Sitzen im Kreistag vertreten.

Von 165.056 Wahlberechtigten gaben am 09. Juni
2024 92.833 Wähler ihre Stimme ab, die Wahlbeteiligung
lag bei 56,24 Prozent lag (2019 = 53,4 Prozent).

Partei/Wählerabsolute
in Prozent gleich-in Prozent Sitze zzgl. Aus-Sitze
vereinigung Stimmen wertige gleichssitze gesamt
Stimmen

CDU 340.209 34,2 30.319 36,7 18* 4 22*

Freie Wähler 156.522 15,7 13.462 16,3 9* 1 10*

SPD 130.173 13,1 10.870 13,2 7* 1 8*

GRÜNE 136.035 13,7 10.110 12,3 8* 0 8*

FDP 84.494 8,5 7.184 8,7 5* 0 5*

AfD 147.898 14,9 10.588 12,8 7* 1 8*

insgesamt 995.331 100 82.533 100 54* 7 61*

*Auf die Freien Wähler entfallen acht Direktsitze und ein Ausgleichssitz. Die GuB schließt sich im 11. Kreistag mit den
Freien Wählern zusammen und erweitert die Sitzanzahl der Freien Wähler um einen weiteren Direktsitz.

Der Kreistag 2024 – 2029

Als Fraktionsvorsitzende fungieren: CDU: Oberbürgermeister Jürgen Roth, Villingen-Schwenningen; Freie Wähler:
Bürgermeister a.D. Walter Klumpp, Tuningen; SPD: Nicola Schurr, Villingen-Schwenningen; BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN: Cornelia Kunkis, Villingen-Schwenningen; FDP: Frank Bonath MdL, Villingen-Schwenningen; AfD: Vera
Buddeberg, Bad Dürrheim

CDU, 22 Sitze
Jürgen Roth, Villingen-Schwenningen
Micha Bächle, Bräunlingen
Jonathan Berggötz, Bad Dürrheim
Elke Bettecken, Villingen-Schwenningen
Patrick Bossert, Donaueschingen
Andreas Braun, Unterkirnach
Detlev Bührer, Villingen-Schwenningen
Torben Dorn, Dauchingen
Thomas Ettwein, Villingen-Schwenningen
Matthias Fischer, Blumberg
Olaf Gißler, Brigachtal
Josef Herdner, Furtwangen
Markus Keller, Blumberg
Dr. Lioba Kühne, Furtwangen
Fritz Link, Königsfeld
Maria Noce, Villingen-Schwenningen
Erik Pauly, Donaueschingen
Martin Ragg, Niedereschach
Dirk Sautter, Villingen-Schwenningen
Mathias Schleicher, Dauchingen
Michael Schmitt, Brigachtal
Christian Stark, Bräunlingen
Freie Wähler, 10 Sitze
Walter Klumpp, Tuningen
Jörg Frey, Schonach
Severin Graf, Donaueschingen
Wilhelm Hahn, Schonach
Michael Haselberger, Villingen-Schwenningen
Dr. Christine Molina-Benzing, Villingen-Schwenningen
Michael Rieger, St. Georgen
Willy Storz, Mönchweiler
Heiko Wehrle, Vöhrenbach
Domenico Wittkopf, Villingen-Schwenningen

SPD, 8 Sitze
Nicola Schurr, Villingen-Schwenningen
Bernhard Braun, Furtwangen
Oliver Freischlader, St. Georgen
Anton Knapp, Hüfingen
Bernd Lohmiller, Villingen-Schwenningen
Peter Rögele, Donaueschingen
Birgitta Schäfer, Villingen-Schwenningen
Kerstin Skodell, Hüfingen
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 8 Sitze
Cornelia Kunkis, Villingen-Schwenningen
Martina Braun, Furtwangen
Annie Bronner, Donaueschingen
Hans-Joachim von Mirbach, Villingen-Schwenningen
Petra Neubauer, Niedereschach
Dr. Ulrike Salat, Villingen-Schwenningen
Armin Schott, Villingen-Schwenningen
Christoph Trütken, Bad Dürrheim
FDP, 5 Sitze
Frank Bonath, Villingen-Schwenningen
Roland Erndle, Donaueschingen
Michael Steiger, Villingen-Schwenningen
Sven Wehinger, Bräunlingen
Georg Wentz, St. Georgen
AfD, 8 Sitze
Vera Buddeberg, Bad Dürrheim
Eduard Friesen, Villingen-Schwenningen
Dr. Dieter Gellhorn, Villingen-Schwenningen
Detlef Kraus, Blumberg
Martin Rothweiler, Villingen-Schwenningen
Sebastian van Ryt, Villingen-Schwenningen
Ernst Schaumann, Villingen-Schwenningen
Waldemar Seifert, Villingen-Schwenningen

Kreistagswahlen 2024

Georg Wentz, FDP
Anton Knapp, SPD

Bernhard Braun, SPD

Martina Braun, GR

ÜNEPeter Rögele, SPD

Birgitta Schäfer, SPD

Nicola Schurr, SPD Patrick Bossert, CDU

Hans-Joachim von Mirbach, GRÜNE

Michael Steiger, FDP

Frank Bonath, FDP

Roland Erndle, FDP
Eduard Friesen, AfD

Sven Wehinger, FDP

Erik Pauly, CDU

Walter Klumpp, FWV

Wilhelm Hahn, FWVJosef Herdner, CDU

Oliver Freischlader, SPD

Sebastian van Ryt, AfD
Martin Rothweiler, AfD Domenico Wittkopf, FWV

Bernd Lohmiller, SPD
Sven Hinterseh, Landrat

Christoph Trütken, GRÜNE

Ernst Schaumann, AfD Willy Storz, FWV

Andreas Braun, CDU

Martin Ragg, CDU

Der amtierende Kreistag ist der elfte nach der Gründung des SchwarzwaldBaarKreises
am 1. Januar 1973 und tagte am
Montag, den 22. Juli 2024, zum ersten Mal. Der 11. Kreistag wurde bei den Kommunalwahlen am 9. Juni 2024 bestimmt.
Auf dem Gruppenbild fehlt: Annie Bronner, GRÜNE.

Neuer Kreistag

Jürgen Roth, CDU Waldemar Seifert, AfD
Christian Stark, CDU

Detlev Bührer, CDU

Detlef Kraus, AfD

Cornelia Kunkis, GRÜNE

Torben Dorn, CDU

Olaf Gißler, CDU

Matthias Fischer, CDU

Vera Buddeberg, AfD
Fritz Link, CDU
Mathias Schleicher, CDU

Dr. Dieter Gellhorn, AfD

Micha Bächle CDU

Elke Bettecken, CDU

Markus Keller, CDU

Dr. Lioba Kühne, CDU

Jonathan Berggötz, CDU

Maria Noce, CDU

Michael Schmitt, CDU

Michael Rieger, FWV
Jörg Frey, FWV Heiko Wehrle, FWV

Michael Haselberger, FWV

Severin Graf, FWV
Petra Neubauer, GRÜNE
Dr. Christine Molina-Benzing, FWV
Thomas Ettwein, CDU

Armin Schott, GRÜNE
Kerstin Skodell, SPD

Dr. Ulrike Salat, GRÜNE

Dirk Sautter, CDU

Nachruf

Constantin Papst

Vom Wunder der kleinen Schritte

10. OKTOBER 1972 – 27. JANUAR 2024

Constantin Ernst Papst bleibt als Leuchtturm in Erinnerung – sein Leben lehrt Demut und
Zuversicht, sind sich die Menschen in dankbarem Gedenken an diesen außergewöhnlichen
St. Georgener einig. Über 400 Trauergäste versammeln sich am Freitag, den 2. Februar
2024 in der Lorenzkirche, um einer beeindruckenden Unternehmerpersönlichkeit, einem
überaus sozial engagierten Mitbürger und profilierten Stadtrat die letzte Ehre zu erweisen.
Einem hoch verdienten Mann, der sein Leben in einem bewegenden Abschiedsbrief als
„Wunder der kleinen Schritte“ beschreibt. Constantin Papst leidet zeitlebens an der unheilbaren
Krankheit Neurofibromatose, einer genetischen Erkrankung, die ihn in der Fähigkeit,
sich zu bewegen, enorm einschränkt. Und doch lässt er sich seine Lebensfreude und Tatkraft
nicht nehmen. Diese Haltung in Verbindung mit Toleranz, Fürsorge, einem tiefen Glauben
und beispielhaftem Engagement für die Allgemeinheit beeindrucken und inspirieren
die Menschen vielfach. Das spiegeln die Nachrufe auf Constantin Papst wider und ebenso
Kondolenzschreiben, die die Familie nach dem Tod des Ehemannes und Vaters sowie Sohnes
und Bruders erreichen. Die Verdienste um St. Georgen sind groß: Der Dipl.-Volkswirt
ermöglichte als Geschäftsführer und Gesellschafter der PAPST LICENSING GmbH & Co. KG
seiner Heimatgemeinde neben sozialen Projekten auch das Hotel „FederWERK“. Constantin
Papst ist am 27. Januar 2024 einer langen, schweren Krankheit erlegen.

„Man muss dankbar sein für das, was man hat und Als fünfjähriger Junge wurde er erstmals operiert.
nicht dem nachtrauern, was man nicht hat“, hält Damals löste eine deutliche Verdickung am linken
Constantin Papst in einem letzten Brief fest, der als Unterschenkel die Befürchtung aus, er könnte an
persönliche Botschaft bei der Trauerfeier verlesen Krebs erkrankt sein. Zum Glück bewahrheitete sich
wird. Das schreibt ein Mann, der in seinem Leben diese Annahme nicht. Es spricht für den Lebensmut
mehr als 50 Operationen erdulden muss, ausgelöst von Constantin Papst, dass er die mit der Neurofidurch
ein sogenanntes „Überwachstum“ am linken bromatose verbundenen Einschränkungen nie akzep-
Bein als Folge eines spontan aufgetretenen Gen-tierte: Er versuchte mit Freunden Fußball und Tennis
defekts. Gehen konnte Constantin Papst deshalb nur zu spielen, zu schwimmen oder zu tanzen – Constantin
mit Hilfe von Stützen. Papst hat sich darin auf seine Weise bewährt.

37
Constantin Ernst Papst

Was es bedeutet, mit einer Behinderung durchs
Leben zu gehen, erfährt er in gleich mehrfacher
Hinsicht schmerzhaft. Da sind die ständigen Operationen:
Die erste größere erfolgt im Alter von sechs
Jahren, es muss das linke Bein um fünf Zentimeter
eingekürzt werden. Aufgrund der 1983 erfolgten
Diagnose „Tumor auf der Sehnervenkreuzung“ sagen
die Ärzte dem damals 11-Jährigen sogar einen frühen
Tod voraus. Die düsteren Vorhersagen bewahrheiten
sich nicht. In späteren Jahren werden immer wieder
neu Weichteilwucherungen entfernt. Es sind Operationen
mit erhöhtem Risiko, da es dabei stets zu starken
Blutverlusten kommt. Seine schwere Krankheit
begleitet ihn pausenlos.

Waldorfschule öffnet den Weg in ein
gelungenes und selbstbestimmtes Leben

Constantin Papst muss auch früh lernen, mit
gesellschaftlichen Vorbehalten umzugehen. Denn
dass ein kleiner gehbehinderter Junge, der zudem eine
Leseschwäche aufweist, dennoch geistig äußerst
rege und hoch intelligent sein kann, erweist sich als
eine Erkenntnis, die sich in zumindest einem gravierenden
Fall selbst sogenannten „Bildungsprofis“
verschließt: Der Schulleiter der Rupertsbergschule
in St. Georgen verweigert Constantin die Aufnahme
in die Grundschule, besteht auf den Besuch einer
Sonderpädagogischen Einrichtung. So sind die Eltern
Doris und Georg Papst gezwungen, ihren Sohn auf
die Waldorfschule in Schwenningen zu schicken –
und das mit großem Erfolg: Constantin Papst legt
dort 1992 sein Abitur ab. Die freie Waldorfschule
ermöglicht dem jungen Mann somit den Weg in ein
gelungenes und selbstbestimmtes Leben.

Ab 1993 studiert Constantin Papst an der Universität
Konstanz Volkswirtschaft. Er widerlegt damit
zugleich eine weitere ärztliche Vorhersage gegenüber
den Eltern, die da lautete: „Ihr Sohn wird niemals
studieren können!“

Ab 2009 Mitglied der Geschäftsführung
von PAPST LICENSING

Im Jahr 2002 tritt der Diplom-Ökonom Constantin
Papst nach Stationen bei einem Multi-Family-Office
in Düsseldorf und Ernst & Young in München, eine
der vier umsatzstärksten Wirtschaftsprüfungsgesell-

Stehende Ovationen gab es für Constantin Papst (vorne)
bei der Eröffnung des Hotels „FederWERK“ im September
2018, hier zusammen mit den MitInvestoren
Mutter Doris
Papst und Bruder Daniel Papst.

schaften der Welt, ins Unternehmen der Familie ein.
Die gesundheitlichen Sorgen weichen indes nicht: Im
Jahr 2005 liegt der nunmehr 33-Jährige eine Woche
lang im künstlichen Koma, es kommt zu massiven
postoperativen Blutungen und einem hämorrhagischen
Schock in Folge einer Operation. Constantin
Papst im Rückblick: „Es ist ein wirkliches Wunder,
dass ich noch leben darf.“

Bei der PAPST LICENSING (siehe dazu den Infoblock
rechts) steigt er im Jahr 2009 wie sein Bruder
Daniel Papst in die Geschäftsführung auf und führt
nach dem Ableben des Vaters Georg Papst im Jahr
2012 zusammen mit ihm die Geschäfte in gemeinsamer
Verantwortung.

Seit 2011 ist Constantin Papst mit Qian Yang verheiratet,
im August 2014 kommt die Tochter Josefine
zur Welt. Der Ehemann und Vater: „Ich empfinde
es als ein großes Geschenk, dass ich eine liebende
Familie und Freunde haben darf, dass ich eine fürsorgliche
Frau gefunden habe und uns eine herrliche
Tochter geschenkt wurde. Durch sie kommt jeden

Tag Freude und Fröhlichkeit in unsere Familie. Sie ist
für mich ein Lebensmotivator.“

Stehende Ovationen für Hotel „FederWERK“

Stehende Ovationen erhält Constantin Papst im
Herbst 2018 bei der Eröffnung des St. Georgener
Hotels „FederWERK“. Daniel Papst, wie die Mutter
Doris Papst Mit-Investor, bekräftigt, das „Feder-
WERK“ sei zuallererst das Werk seines Bruders – bis
hin zur Namensgebung. Im Hotelprojekt „Feder-
WERK“ sieht Constantin Papst eine Chance für die
gesamte Region St. Georgen. Seine Leidenschaft für
die Hotellerie und Gastronomie war für ihn mit ausschlaggebend
dafür, das Hotelprojekt zu realisieren.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Unternehmer
engagiert sich Constantin Papst u.a. als
geschäftsführender Vorstand der gemeinnützigen
Stiftung „Helfen aus Dank“. Diese Stiftung seiner Familie
wurde im Jahr 2005 gegründet. Sie hilft notleidenden
und bedürftigen Menschen, fördert die Verbreitung
des Evangeliums und leistet einen Beitrag
zur Erforschung seltener Humankrankheiten.

Weiter ist Constantin Papst über 15 Jahre hinweg
als Kirchengemeinderat der evangelischen Kirchengemeinde
St. Georgen-Tennenbronn tätig. Darüber
hinaus wirkte er seit 2014 für die CDU im Stadtrat
von St. Georgen, war Fraktionssprecher sowie dritter
Stellvertreter des Bürgermeisters. Und er gehörte
dem Aufsichtsrat der Volksbank Schwarzwald-Baar-
Hegau an. In diesem bürgerschaftlichem Engagement
sieht er eine persönliche Bereicherung und die Möglichkeit,
etwas an die Gesellschaft zurückzugeben.

Constantin Papst lernt früh, niemals aufzugeben

Im September 2022 zeigen sich im pathologischen
Befund nach einer Gewebsresektion aggressive Sarkom-
Krebszellen im linken Unterschenkel – die stets
„gutartigen“ Wucherungen scheinen an einer Stelle
ins karzinogene zu kippen. Im Nachgang einer Operation
geht die eigentlich verheilte Wunde im Sommer
des Jahres wieder auf, es haben sich nach und
nach Metastasen gebildet. Als es im Herbst aufgrund
der Wundsituation zu einer Blutvergiftung kommt, muss
das linke Bein amputiert werden. Immer mehr kristallisiert
sich trotz aller Zuversicht heraus, dass der 51-Jährige
die Krebserkrankung nicht zurückdrängen kann.

PAPST LICENSING

Der Name Papst ist seit über 80 Jahren eng
mit dem Schutz und der Lizenzierung geistigen
Eigentums verbunden. Hermann Papst
(1902-1981) war ein ideenreicher Ingenieur
und Erfinder, besaß 400 eigene Schutzrechte.
1942 gründete er in St. Georgen das Unternehmen
Papst Motoren. Als technischer Geschäftsführer
war Georg Papst, Vater von Constantin
Papst, maßgeblich am Ausbau und Wachstum
des Unternehmens Papst-Motoren beteiligt.
Unter seiner Leitung wurden zahlreiche neue
Elektromotoren, Lüfter und Laufwerke entwickelt
und erfolgreich vermarktet. Georg Papst
selbst ist auf über 120 Patenten als Erfinder
genannt. Unter seiner maßgeblichen Führung
wurden die Produktionsstandorte in Spaichingen,
Newport, Rhode Island (USA) und Singapur
aufgebaut. Auf Druck der Banken waren
er und seine Mitgesellschafter jedoch gezwungen,
das Unternehmen 1992 zu verkaufen.

Unmittelbar nach dem Verkauf von
Papst-Motoren gründete Georg Papst die
PAPST LICENSING GmbH, die 1993 das Portfolio
von ca. 600 Patenten und Patentanmeldungen
der Papst-Motoren GmbH & Co. KG erwarb.
Daraus schuf Georg Papst ein weltweit operierendes
Patentverwertungsunternehmen, das
sich mit großem Erfolg auf die Verfolgung von
Patentverletzungen spezialisierte.

Dankbarkeit, Freude, Optimismus, Großzügigkeit,
Selbstlosigkeit und Toleranz sind die Werte, die
Constantin Papst, genannt ‚Coni’, gelebt hat. Und er
war äußerst diszipliniert: Es kostete ihn viel mehr
Zeit und Mühe als andere, um alles zu lernen, was er
lernen wollte.

Über 50 OPs von Kindesbeinen an – dennoch
wohlgemut und geborgen im Glauben an Jesus Christus,
so behalten die Familie, Freunde und Mitarbeiter
Constantin Papst im Gedächtnis. Sein unbedingter
Wille zum Leben ermutigt alle, die ihn kannten. Sie
erinnern sich dankbar an einen Mann, der nie aufgehört
hat zu kämpfen. An einen Leuchtturm für Menschen
in schwierigen Situationen. Wilfried Dold

Constantin Papst – Nachruf

Nachruf

Heinrich Fürst zu
Fürstenberg

17. JULI 1950 – 11. JULI 2024

Mit Heinrich Maximilian Egon Karl Fürst zu Fürstenberg ist am 11. Juli 2024 im Alter von
73 Jahren nach langer Krankheit das Oberhaupt des Hauses Fürstenberg verstorben. Der
Verstorbene entstammte einem der ältesten deutschen Hochadelsgeschlechter mit einer
über 1000-jährigen Geschichte. Der Fürst hinterlässt neben seiner Ehefrau Massimiliana die
beiden Söhne Fürst Christian und Prinz Antonius sowie sechs Enkelkinder. Familie, Freunde
und Wegbegleiter haben sich am Freitag, den 26. Juli 2024 bei einer Gedenkfeier in der
Donaueschinger Stadtkirche St. Johann von ihm verabschiedet. Zelebriert wurde die Messe
von Erzbischof Stephan Burger. Viele seien von weit gekommen, um am Requiem dabei sein
zu können, führte Christian Fürst zu Fürstenberg in einem bewegenden Nachruf aus. Er sei
überwältigt von der großen Anteilnahme. Der frühere Donaueschinger Oberbürgermeister
und Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei, Landrat Sven Hinterseh und der amtierende
Oberbürgermeister Erik Pauly würdigten Heinrich Fürst zu Fürstenberg als eine Persönlichkeit,
die sich auf vielfache Weise in Donaueschingen und im Schwarzwald-Baar-Kreis sowohl
karitativ als auch kulturell und gesellschaftlich engagiert hatte. Er habe bereits zu
Lebzeiten seines Vaters viel Weitblick gezeigt, im Haus Fürstenberg auch unpopuläre
Umstrukturierungsprozesse umgesetzt und es damit in eine sicherere Zukunft geführt. Die
vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Wohle von Stadt und Region bleibe in bester Erinnerung,
betonten die Trauerredner.

Heinrich Maximilian Egon Karl Joachim Paul Felix Fürstenberg, geb. Gräfin zu Königsegg-Aulendorf
Konrad Hubertus Eusebius Leo Maria Wilhelm (1926-2019).
Friedrich Alexius Martin Fürst zu Fürstenberg, Seine Kindheit verbrachte er auf Schloss Hohen-
bisheriger Chef eines der ältesten deutschen lupfen in Stühlingen. 1964 zog die Familie nach
Hochadelsgeschlechter, wurde am 17. Juli 1950 auf Donaueschingen. Nach dem Besuch der Gymnasien in
Schloss Heiligenberg geboren. Er war das dritte Kind St. Blasien und Hinterzarten sowie seiner Studienzeit
und der älteste Sohn von Joachim Egon Fürst zu an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der
Fürstenberg (1923-2002) und Paula Fürstin zu Universität Wien übernahm der junge Erbprinz Mitte

Heinrich Maximilian Egon Karl Fürst zu Fürstenberg

der 1970er-Jahre von seinem Vater Aufgaben in der
fürstenbergischen Verwaltung.

Im Jahr 1976 heiratete er Massimiliana Prinzessin
zu Windisch-Graetz. Fürstin Massimiliana stammt –
wie ihr Ehemann – aus einem ehemals reichsunmittelbaren
Fürstenhaus, das ursprünglich in Österreich
beheimatet war. Nach dem Zweiten Weltkrieg
verlegte die Familie die Familie Windisch-Graetz
jedoch ihren Lebensmittelpunkt nach Italien. Die
Hochzeit von Heinrich und Massimiliana fand daher
am 11. November 1976 in Rom statt (siehe auch den
Almanach 2024).

2002 folgte Erbprinz Heinrich seinem Vater als
Chef des Hauses Fürstenberg nach

Im Jahr 2002 folgte Erbprinz Heinrich seinem
verstorbenen Vater als Chef des Hauses Fürstenberg
und trug seither den Titel „Seine Durchlaucht
Heinrich Fürst zu Fürstenberg, Landgraf in der Baar
und zu Stühlingen, Graf zu Heiligenberg und
Werdenberg, Freiherr zu Gundelfingen, Herr zu
Hausen im Kinzigtal, Meßkirch, Hohenhöwen,
Wildenstein, Waldsberg, Werenwag, Immendingen,
Weitra und Pürglitz“. Der Titel ist Geschichte, aber
diese Geschichte und die Tradition des Hauses
Fürstenberg waren für den Fürsten immer Leitbild
seines Handelns, wie es im Nachruf des Hauses
Fürstenberg weiter heißt.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit setzte der neue
Chef ein sichtbares Zeichen für seine Verbundenheit
mit dem Haus und sein Verantwortungsbewusstsein
für die Familie: Fürst Heinrich, der eigentlich die
überschaubaren Verhältnisse einer Villa schätzte und
darüber hinaus sehr naturverbunden war, zog aus
dem Hofjägerberg in das Schloss Donaueschingen.
Nur so konnte die Hauptresidenz des Hauses langfristig
für die Familie erhalten werden. Jahrzehntelang
hatte das Schloss nur noch als Museum und für
Empfänge gedient und war deshalb zunehmend in die
Jahre gekommen. Es wurde innen und außen umfangreich
restauriert und von der Familie neu belebt.

Schon zu Lebzeiten seines Vaters in den späten
1980er- und frühen 1990er-Jahren war der damalige
Erbprinz zeitweise Präsident der Fürstlich Fürsten-
bergischen Gesamtverwaltung gewesen und hatte
die Schwachpunkte eines sehr breit diversifizierten
Wirtschaftsbetriebes kennengelernt. Mit Mut und

Weitsicht straffte er die Betätigungsfelder. In den
Neunzigerjahren hatte der Verkauf der Nibelungen-
Handschrift C für 20 Millionen Euro an das Land
Baden-Württemberg für Aufsehen gesorgt. Zusammen
mit dieser herausragenden Handschrift waren
die meisten anderen Teile der Hofbibliothek und die
Sammlung mittelalterlicher Gemälde abgestoßen
worden. Unter der Leitung von Fürst Heinrich
wurden nach der Jahrtausendwende die notwendigen
strukturellen Anpassungen vorgenommen, um
das Haus zukunftsfähig aufzustellen. Unter anderem
veräußerte die Familie 2004 ihre Anteile an der
Fürstenberg-Brauerei, die aber weiterhin den Namen
der Familie trägt. Auch ziert nach wie vor das
Wappen des Hauses eines der „Besten Biere der
Welt“, wie die Brauerei betont. Das fürstenbergische
Wappen führt Bestandteile des Wappens der
Zähringer und der Grafen von Urach zusammen –
beide Vorfahren des Fürstenhauses Fürstenberg.

Festgehalten hat die Familie an ihrem umfangreichen
Waldbesitz. Die Fürstenberger zählen immer
noch zu den größten privaten Waldbesitzern in
Deutschland.

Viele Sportbegeisterte zieht das Internationale
„Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier“
nach Donaueschingen, das nach wie vor im Schlosspark
stattfindet und zu den traditionsreichsten
Turnieren Europas gehört.

Opulentes Werk über seinen Urgroßvater
Max Egon II. herausgegeben

Fürst Heinrich veröffentlichte 2019 ein opulentes
Werk über seinen Urgroßvater Max Egon II. (1863 –
1941). Die reich bebilderte und aufwendig recherchierte
Publikation schildert insbesondere die enge
Freundschaft Max Egons zu Kaiser Wilhelm II., aber
auch das Leben eines Aristokraten, der nach dem
Untergang des Kaiserreichs sein Haus neu aufstellen
musste. In dem Buch zeigt sich, wie realistisch Fürst
Heinrich seine Familie und Geschichte sah: Ebenso
offen wie die Verdienste seines Urgroßvaters – beispielsweise
um die Donaueschinger Musiktage –
werden die Verirrungen der NS-Zeit angesprochen.

Fürst Heinrich fühlte sich seinem Urgroßvater
sehr verbunden, vielleicht auch deshalb, weil er
genau wie dieser nach dem Tode seines Vaters das
Haus Fürstenberg neu positionieren musste.

Heinrich Fürst zu Fürstenberg mit dem von ihm herausgegebenen
opulenten Werk über seinen Urgroßvater
Max Egon II.

„Als herausragender Lenker das Haus
Fürstenberg neu aufgestellt“

Christian Fürst zu Fürstenberg folgt seinem Vater als
Chef des Hauses Fürstenberg. Bereits seit 2003 ist er
als nicht-exekutives Vorstandsmitglied des Hauses
aktiv und seit 2022 Präsident und CEO der „Haus
Fürstenberg Holding“. Bei der Trauerfeier in der
Stadtkirche St. Johann mit 350 geladenen Gästen
fand er zum Tod des Vaters bewegende Worte.
Christian Fürst zu Fürstenberg betonte, sein Vater
sei ein faszinierender Charakter gewesen, der es
geliebt habe, anders zu sein. Als herausragender
Lenker des Hauses Fürstenberg habe er dieses
zielstrebig mit großer Weitsicht und großem Verantwortungsbewusstsein
neu aufgestellt. Erforderlichen

Kontroversen sei er dabei nicht aus dem Weg
gegangen, die Menschen habe er dabei jedoch nie
aus den Augen verloren. Und der Sohn führte weiter
aus: „Es gab niemanden, mit dem man länger und
lauter lachen konnte. Sein Sinn für Humor war
einzigartig.“

Christian Fürst zu Fürstenberg hob abschließend
hervor: „Sein Tod bedeutet einen großen Verlust für
die Familie, Freunde und alle, die das Glück hatten,
ihn zu kennen und mit ihm zusammenzuarbeiten.
Seine besondere Persönlichkeit, seine menschliche
Größe und seine Liebe zur Familie werden uns allen
stets in lebendiger Erinnerung bleiben.“

Trauerfeier unter Anteilnahme
des europäischen Hochadels

Die Nachricht vom Tod des Fürsten hatte sich in der
Stadt am 11. Juli 2024 wie ein Lauffeuer verbreitet
und war schon nach kurzer Zeit durch die Trauerbeflaggung
des Schlosses sichtbar. Um dem Interesse
der Öffentlichkeit gerecht zu werden, wurde das
Requiem auf eine Videoleinwand ins Freie übertragen.
Zelebriert wurde es von Erzbischof Stephan
Burger, seinem Bruder, Erzabt Tutilo Burger, sowie
Donaueschingens Pfarrer Erich Loks und Pfarrer
Bruno Hünerfeld aus Freiburg. Bereits am Mittwoch
vor dem Requiem beteten zahlreiche Trauergäste in
einer Rosenkranzandacht für den verstorbenen
Fürsten.

Erzbischof Burger warf während des Gottesdienstes
die Frage auf: „Was bleibt von dem, was wir
gearbeitet, gewirkt und geschaffen haben?“ Vor
allem sei es die Liebe, die der Verstorbene empfangen
und die er geschenkt habe.

Unter den Trauergästen waren viele bekannte
Gesichter aus der Welt des europäischen Hochadels
zu sehen: Bernhard und Stefanie von Baden, Ernst
August von Hannover oder Gloria von Thurn und
Taxis. Weiter wohnten der Beisetzung der CDU-Bundestagsabgeordnete
und frühere Donaueschinger
Oberbürgermeister Thorsten Frei, Landrat Sven
Hinterseh und der amtierende Oberbürgermeister
Erik Pauly bei.

Im Anschluss an die Zeremonie machte sich der
engste Familienkreis auf den Weg nach Neudingen.
Dort erfolgte die Beisetzung in der fürstlichen
Grablege. (wd)

Heinrich Fürst zu Fürstenberg – Nachruf

Bernward Janzing sammelt seit 45 Jahren Wetterdaten

FURTWANGER WETTERSTATION
BELEGT KLIMAWANDEL

VON MICHAEL SAURER

Der renommierte Fachjournalist Bernward Janzing
sammelt seit 45 Jahren mit einer professionell
betriebenen Wetterstation in Furtwangen regionale
Klimadaten. Diese belegen den Klimawandel auch
für das Obere Bregtal: Nicht nur, dass die Winter
immer mehr ausbleiben, vor allem die Nächte sind
um rund zwei Grad wärmer geworden. Und es lohnt
sich, Solaranlagen zu betreiben: Es sind im Jahr bis zu
1.295 Kilowattstunden pro Quadratmeter zu erwarten,
wie die Messreihen zeigen.

2. Kapitel – Da leben wir

45

I
I
m Teenageralter kann man sich mit Vielem
beschäftigen. Viel Unsinn ist da oft dabei. Bei
Bernward Janzing war das anders. Während andere
in seinem Alter an Mopeds geschraubt oder
auf dem Commodore 64 die ersten Computerprogramme
geschrieben haben, beschäftigte sich der
heute 59-Jährige lieber mit seiner Wetterstation in
Furtwangen. Es ist eine Liebe, die bis heute anhält
und die – so wie alle Beziehungen – auch akribisch
gepflegt werden muss.

Bernward Janzing war Schüler in der Mittelstufe,
als er in Furtwangen eine Wetterstation aufbaute
und im Januar 1979 mit regelmäßigen Messungen
begann. Die Schneemessungen startete er bereits
mit Beginn des Winters im Herbst 1978. Nach sechs
Beobachtungsjahren konnte er mit seinen Auswertungen
beim Wettbewerb „Jugend forscht“ im Jahr
1985 den baden-württembergischen Landessieg und
den 4. Bundessieg in Physik erringen. Die Messdaten
verarbeitete er anfangs – weil PCs zu dieser Zeit
noch wenig verbreitet waren – auf dem Großrechner
der örtlichen Fachhochschule. (Für Technikhistoriker:
ab 1982 auf DECsystem-10 in der Programmiersprache
Basic, ab 1984 auf VAX 11/780 in Pascal). Zu

Bernward Janzing war Schüler
in der Mittelstufe, als er in
Furtwangen eine Wetterstation
aufbaute und im
Januar 1979 mit regelmäßigen
Messungen begann. Die
Schneemessungen startete er
bereits mit Beginn des Winters
im Herbst 1978.

dieser Zeit war er bereits regelmäßig für die lokale
Tageszeitung tätig, für die er unter anderem über
seine Wettermessungen berichtete. Auch über den
Klimawandel schrieb er bereits in den 1980er-Jahren.

Bernward Janzing im Rechenzentrum der Fachhochschule
Furtwangen, 1985.

Mal gibt es keinen, dann wieder viel zu viel Regen, doch ist nach den Messungen von Bernward Janzing für das Bregtal kein
signifikanter Trend erkennbar. Oben: Anfang November 2018 macht ein Landwirt in FurtwangenLinach
bei großer Trockenheit
auf seine Not aufmerksam. Unten: Das Hochwasserrückhaltebecken bei Wolterdingen beim Hochwasser am 6. Januar 2018.

Weg zum renommierten Journalisten

Janzing, der in Freiburg Geographie, Geologie und
Biologie studiert und bei der Badischen Zeitung ein
Volontariat absolviert hat, gilt heute als einer der renommiertesten
deutschen Journalisten bei Themen
wie erneuerbare Energien oder den Auswirkungen
des Klimawandels. 2010 wurde ihm für seine Berichterstattung
der Deutsche Solarpreis verliehen. Die
Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass sich
Janzing durch seine exzellente Recherche und kompetente
Berichterstattung in den Themenbereichen
erneuerbare Energien und Klimaschutz bundesweit
einen Namen gemacht habe.

Er ist ein Mann, der für seine Themen brennt. Das
Betreiben der Wetterstation ist trotz seines Arbeitspensums
aber mehr als nur ein zeitaufwendiges
Hobby. Es ist eine Leidenschaft, der er seit 45 Jahren
verbunden ist.

Seit seinem Studium lebt Bernward Janzing in
Freiburg, später in Emmendingen. Sein Arbeitsplatz
ist in einer Bürogemeinschaft im Sedanviertel, einem
studentisch geprägten Stadtteil Freiburgs unweit
der dortigen Universitätsbibliothek, mit alternativen
Cafés, Kneipen und vielen Fahrrädern – ein Ort, der
zu Janzing passt. Die Bürogemeinschaft, die ein wenig
das Flair einer Männer-WG verströmt, auch. Ein
Altbau, der im Inneren mit viel Holz ausgekleidet ist,
mit Eingang im Hinterhof, direkt daneben hat die
Umweltschutzorganisation BUND ihren Regional-
und Ortsverband.

Ruhig ist es dort, trotz der Nähe zur trubeligen
Innenstadt. Ein guter Ort, um Artikel zu schreiben
und um die Daten der Wetterstation auszuwerten.
Doch wo kommt die Begeisterung für klimatologische
und meteorologische Ereignisse überhaupt her?
Janzing denkt kurz nach. Mit Sicherheit habe es etwas
mit seinem Herkunftsort zu tun, meint er. Er ist
in Furtwangen aufgewachsen, einem Ort, der klimatologisch
durchaus interessant sei und der einige Besonderheiten
bereithalte, so der Klima-Experte. Dort
gebe es etwa mit die höchsten Niederschlagsmengen
in Deutschland, sagt Janzing. Im nur wenige Kilometer
weiter östlich gelegenen Vöhrenbach etwa, seien
die schon deutlich geringer.

Ein guter Standort also für Janzings Wetterstation,
die er mit 14 Jahren auf dem Grundstück seiner
Eltern aufgestellt hat und die dort immer noch steht.
Eine einfache Apparatur sei das in den ersten Jahren

Die Wetterstation übermittelt
seit fünf Jahren per SIMKarte
die Daten bequem nach
Freiburg. Wie andere die
„Tagesschau“, schaut Janzing
abends nach Temperatur,
Luftfeuchtigkeit, Luftdruck,
Sonneneinstrahlung,
Niederschlagsmenge und
Niederschlagsart.

gewesen, sagt Janzing rückblickend. „Damals war
alles mechanisch, ich konnte die Temperatur und
die Luftfeuchtigkeit sowie die Regenmenge messen“,
erinnert er sich. Aber immerhin hat er damals
schon darauf geachtet, dass die Wetterstation an der
richtigen Stelle positioniert wurde. Die Messdaten
seien damals bereits absolut valide gewesen, betont
Janzing.

Die Entwicklung der Wetterstation

Das Elternhaus wurde vor vielen Jahren bereits verkauft
– doch die Wetterstation steht immer noch.
Und sie wird weiterhin von Bernward Janzing betrieben,
ihre Messdaten jeden Abend ausgewertet.
Zum Glück für den umtriebigen Journalisten kam der
Käufer des Grundstücks aus dem Forstbereich und
hatte selbst einiges Interesse an den Messreihen.
Ob die Station dort bleiben kann, stand somit nie in
Zweifel, sondern war sogar gewünscht. Zumal sie
im Laufe der Zeit stetig weiterentwickelt wurde. Aus
der einfachen Apparatur ist ein High-Tech-Messgerät
geworden, das auch den Vergleich zu den professionellen
Anlagen des Deutschen Wetterdienstes nicht
zu scheuen braucht. Musste er früher noch einmal
im Monat in den Hochschwarzwald fahren, um seine
Aufzeichnungen abzuholen, übermittelt die Station
seit fünf Jahren per SIM-Karte die Daten bequem
nach Freiburg. Wie andere die „Tagesschau“, schaut
Janzing abends nach Temperatur, Luftfeuchtigkeit,




Pyranometer horizontal und in

OstAusrichtung
Pyranometer, dem Sonnenlauf
nachgeführt


Windmesser, links Windwegmesser
mechanisch, Mitte
Anemometer elektromechanisch,
rechts Windfahne

elektronisch
Sonnenscheinschreiber
Pyranometer zur Messung der

Bodenreflexion

Solarmodul zur Versorgung des
Messturms mit Strom

Messturm der Furtwanger Wetterstation in den späten 1980erJahren.
Das Pyranometer misst die Globalstrahlung
(eingestrahlte Sonnenenergie auf eine horizontale Fläche), der Sonnenscheinschreiber nach CampbellStokes
misst die
Sonnenscheindauer. Zeitweise wurde in einem Projekt zusammen mit der FHFurtwangen
auch die Sonneneinstrahlung
auf unterschiedlich geneigten Flächen gemessen, sowie auf einer Ebene, die astronomisch dem Gang der Sonne nach

geführt wird.

Luftdruck, Sonneneinstrahlung, Niederschlagsmenge
und Niederschlagsart.

Wird das nach 45 Jahren nicht irgendwann langweilig?
Janzing schüttelt den Kopf, alleine die Frage
scheint ihn zu befremden. „Nö, eigentlich nicht.“
Gerade die lange Zeit seiner Messungen mache für
ihn den Reiz aus. „Je länger die Datenreihe, desto
spannender ist sie doch.“ Und vor allem ließen sich
daraus interessante Rückschlüsse ziehen, etwa über
den Klimawandel. So zeigten seine Daten, dass es in

jedem Jahrzehnt seiner Messung einen durchschnittlichen
Temperaturanstieg um 0,5 Grad gegeben habe.
Auf die 45 Jahre hochgerechnet, zeige sich somit
ein Anstieg von deutlich über zwei Grad. „Das ist ein
Bereich, den auch die Meteorologen messen“, sagt
Janzing. Dass dies ein langfristiger Trend sei, den
man nicht wegdiskutieren könne, sei für ihn ein Fakt.
„Rein zufällig kann ein solcher Anstieg über eine so
lange Messreihe hinweg nicht sein. Das wäre außerhalb
jeglicher Wahrscheinlichkeit.“

Bernward Janzing

Die Temperatur steigt nachts

Interessant scheint Janzing dabei ein weiterer Aspekt,
der seiner Meinung nach zu wenig diskutiert
werde. Der Anstieg der Temperatur fand seinen
Messungen zufolge gar nicht so sehr tagsüber statt,
wenn die Sonne schien. Er sei vielmehr darauf zurückzuführen,
dass es nachts nicht so stark wie früher
abgekühlt sei. Dies könnte mit dem Anstieg des
Kohlendioxids in der Atmosphäre zusammenhängen,
sagt Janzing. Das Kohlendioxid reduziere die Abstrahlung
der Wärme des Tages, die Nächte fielen so
milder aus.

Es ist eine Einschätzung, die auch von führenden
Meteorologen so bestätigt wird. „Das deckt sich mit
unseren Beobachtungen“, sagt Florian Imbery, Klimaexperte
beim Deutschen Wetterdienst. Prinzipiell
gebe es für Klimaforscher zwei bedeutende Messparameter:
die Tagesmaxima und die Tagesminima.
Und da zeige sich, dass der Anstieg der Tagesminima
deutlich höher ausfalle als der -maxima – ein Zeichen,
dass es nachts nicht mehr so stark abkühle.

Ein Phänomen, das sich auch im Hochschwarzwald
zeige, betont Janzing. In den vergangenen zehn
Jahren hätten seine Wettermessungen in Furtwangen
ergeben, dass sich die Sommer häufen, die eine
zweistellige Zahl an warmen Nächten aufweisen, die

Der Anstieg der
Temperatur fand Janzings
Messungen zufolge gar
nicht so sehr tagsüber
statt, wenn die Sonne
schien. Er sei vielmehr
darauf zurückzuführen,
dass es nachts nicht so
stark wie früher abkühlt.

nicht unter 15 Grad abkühlen. Vor der Jahrtausendwende
habe es solche Häufungen nicht gegeben.

Nachzulesen ist dies auch in Janzings neuestem
Buch „Protokoll des Klimawandels. Meine Wettermessungen
in Furtwangen im Schwarzwald.“ In
diesem, mit knapp 100 Seiten schlanken Büchlein
mit allerlei historischen Fotos, zeichnet Bernward
Janzing akribisch nach, was seine seit 45 Jahren
laufenden Wettermessungen ergeben haben. Etwa

wie die Jahresmitteltemperatur in Furtwangen von
5,2 Grad in den 1980er-Jahren über 6,8 Grad in den
2010er-Jahren auf zuletzt 7,7 Grad in den 2020erJahren
gestiegen ist.

Das zeige sich auch an den Temperaturen im Winter,
der selbst an Orten wie Furtwangen, immerhin
auf knapp 900 Metern Höhe gelegen, seinen Schrecken
längst verloren hat. Lag in den 1980er-Jahren
die Mitteltemperatur im meteorologischen Winter
noch bei minus 2,3 Grad, liegt sie in den 2020er-Jahren
längst im positiven Bereich bei plus 0,9 Grad. Dazu
passt auch die Beobachtung, dass die Schneemenge
im gleichen Zeitraum deutlich zurückgegangen
sei. „Ganz klar, früher gab es mehr Schnee“, betont
er. „Ich kann mich erinnern, wie ich durch zwei Meter
tiefen Schnee gestapft bin.“ Gerade in Orten wie
Furtwangen sei das nicht selten gewesen. Manche
Menschen glauben, dass dies eine Verklärung der
Erinnerung an die Kindheitstage sei. Bei Bernward
Janzing ist das anders: Er hat es gemessen.

Blick in die Zukunft

Und er will weitermessen. 45 Jahre sei eine krumme
Zahl, in fünf Jahren stehe das 50. Jubiläum an. Wie
Janzing das angehen will, weiß er selbst noch nicht.

Vielleicht noch ein Buch? Janzing muss schmunzeln.
Er habe noch viel zu erzählen meint er. Und seine
Messungen gehen ja auch weiter. Klare Sache, wer
45 Jahre durchhält, wird das auch weiter tun. Er
habe zwischenzeitlich auch überlegt, weitere
Messstationen an anderen Orten aufzubauen. Aber
dann fehlten die langjährigen Werte, sagt er. Es sei
gerade die lange Zeit und die damit mögliche
Vergleichbarkeit, die seine Messungen in Furtwangen
auszeichnen. Er wird seiner Station dort verbunden
bleiben und weiter seine Messreihen auswerten.
Dass diese stetig höhere Temperaturen aufzeichnen
wird, steht für ihn außer Frage. Und auch wenn er
mit einigem Recht stolz auf seine Messungen ist –
dieser Punkt bereitet ihm dann doch Unbehagen.

Die Winter sind unstet geworden. Fällt kräftig Schnee wie
auf dem Bild links beim „Kurbeleck“ auf der B 500 in Furtwangen,
ist die Freude über das Weiß oft nur von kurzer
Dauer. Renommierte Skisportveranstaltungen wie der
Schonacher Schwarzwaldpokal können nicht selten nur
dank aufwendig angelegter Schneedepots ausgetragen
werden.

51

Auszüge aus dem Janzing-Buch „Protokoll des Klimawandels“

Anhand von 43 Grafiken analysiert Bernward Janzing in
einem neuen Buch seine Furtwanger Messreihen der
vergangenen Jahrzehnte. Mit ein wenig Statistik ordnet er
die Messwerte ein, jeweils drei Kennwerte sind den
Grafiken daher zur Seite gestellt: Links steht der langjährige
Mittelwert der betreffenden Messreihe im bisherigen
Beobachtungszeitraum; bei den Temperaturen ergibt sich
ein Wert von 6,13 Grad. Beim mittleren Symbol ist der

JAHRESMITTELTEMPERATUR

rechnerische Trend vermerkt, den auch die Trendlinie
symbolisiert; bei der Temperatur lässt sich ein Anstieg um
etwa ein halbes Grad pro Jahrzehnt errechnen. Der rechte
Wert unterdessen gibt den Korrelationskoeffizienten an. Er
ist ein Maß dafür, wie deutlich und damit signifikant eine
Veränderung ist. Werte ab etwa 0,5 werden als signifikant
gewertet – womit der Anstieg der Jahresmitteltemperatur
eindeutig als statistisch gesichert gelten kann.

8 Grad Celsius76548,34,219791981198319851987198919911993199519971999200120032005200720092011201320152017201920212023Jahr6,13 Grad Celsius + 0,54 K* pro Jahrzehnt 0,69
* Temperaturdifferenzen werden in Kelvin (K) angegeben. Ein K entspricht einer Differenz von einem Grad auf der Celsius-Skala.
JAHRESMENGE DES NIEDERSCHLAGS

236419791981198319851987198919911993199519971999200120032005200720092011201320152017201920212023Jahr12862000150010005000Liter/m1817 Liter/m² 49
Liter/m²* pro Jahrzehnt 0,24
* entspricht -2,7 %

Der Anstieg der Temperatur tritt ohne nennenswerten
Unterschied in allen vier Jahreszeiten auf. An anderer Stelle
hingegen zeigt sich eine bemerkenswerte Asymmetrie: Die
Nachttemperaturen sind deutlich stärker angestiegen als
die Tagestemperaturen. Stark abgenommen haben daher
die strengen Frostnächte mit minus 10 Grad und darunter,
stark zugenommen haben warme Sommernächte, die nicht
mehr unter 15 Grad fallen.

JAHRESSUMME SONNENEINSTRAHLUNG

Der Temperaturanstieg führt zu abnehmenden Schneemengen.
Die Jahresniederschläge zeigen sich ebenfalls
leicht rückläufig, doch dieser Trend ist statistisch nicht
signifikant. Ebenso ist der leichte Anstieg bei der Sonneneinstrahlung
ein Phänomen, das weiter zu beobachten ist.

Aus: Protokoll des Klimawandels – Meine Wettermessungen
in Furtwangen im Schwarzwald. Picea Verlag Freiburg, Juni
2024, ISBN: 978-3-9814265-3-3

1200 kWh/m
1000800600400200019791981198319851987198919911993199519971999200120032005200720092011201320152017201920212023Jahr99212951142 kWh/m² + 30 kWh/m²* pro Jahrzehnt 0,49
* entspricht +2,6%

WINTERSPORTTAGE (MINDESTENS 30 ZENTIMETER SCHNEEHÖHE)

41,3 Tage 4,9
Tage* pro Jahrzehnt 0,19

 

*entspricht -12,0 %

Frank Stark

HARRY ZAPP –
DER CLOWN MIT
DER ROTEN NASE

VON HELEN MOSER

Wenn Frank Stark als Clown Harry Zapp auf der Bühne
steht, hat er die Lacher auf seiner Seite. Doch hier
geht es um mehr als nur den nächsten Gag. Es geht
um eine Ablenkung vom Alltag. Denn den Menschen,
die Harry Zapp in seinen Bann zieht, fällt das Lachen
sonst eher schwer. Meist sind es schwer chronisch
kranke Kinder, Jugendliche und Eltern.

Rote Nase, Brille, einen lustigen Hut auf dem Kopf und überdimensionierte
Schuhe – das ist Harry Zapp. Er stolpert etwas unbeholfen über die Bühne; bis
er sein Mikrofon richtig aufgestellt hat, vergehen schon mal ein paar – ziemlich
amüsante – Minuten. Spätestens wenn der Clown mit Tüchern und Kisten zu
zaubern beginnt, glänzen die Kinderaugen in der ersten Reihe. Wenn er in
Begleitung von Gitte, seiner Gitarre – natürlich samt ihrem Freund Kurt, dem
Gurt, der so sehr an ihr hängt – musikalische Schmankerl mit erheiternden
Texten bietet, singen alle mit. Und bei Harry Zapps Späßen werden die
Lachmuskeln der Zuschauer ganz schön strapaziert. Es ist genau dieses
unbeschwerte Lachen, das Frank Stark aus Peterzell so gerne hört. Da geraten
die Sorgen und der Stress des Alltags für einen Moment in Vergessenheit.
Genau davon – Stress und Sorgen – gibt es im Leben seiner Zuschauer nämlich
häufig viel zu viel. Denn Frank Stark arbeitet in der Freizeitabteilung der
Nachsorgeklinik Tannheim.

54 Da leben wir

55

Das Repertoire an komischen Rollen ist groß, links Harry Zapp als Briefträger. Rechts: Vor vollem Saal bei einem Auftritt
in der SüdstadtSchule
in VSVillingen.

I
I
n der Nachsorgeklinik Tannheim ist er nicht nur
als Harry Zapp tätig, sondern auch als Organisator
von Festen, als Begleiter bei und Koordinator von
Freizeitaktivitäten – eben einfach als Frank Stark,
der durch das schlichte Poloshirt der Nachsorgeklinik
viel weniger auffällt als Harry Zapp, bei dem so
manches Mal schon das Outfit für Erheiterung bei
seinen Zuschauern sorgt.

Diesen Kontrast hält der Peterzeller ganz bewusst

aufrecht, wie er sagt. „Wenn ich nicht gerade als

Clown auf der Bühne stehe, dann bin ich einfach

Frank Stark vom Freizeitbüro, ein guter Freund von

Harry Zapp.“ Nur bei seinen Shows tritt er als Clown

in Erscheinung und zaubert den jungen Patienten

und ihren Familien ein Lächeln ins Gesicht.

„Viele rechnen in der Reha nicht damit, dass sie

auch Fun-technisch versorgt werden“, weiß Frank

Stark. Dabei sei eben diese Flucht aus dem Alltag

besonders wichtig: „Wenig Lachen, viel Stress“ – so

Wenn ich nicht gerade als
Clown auf der Bühne
stehe, dann bin ich
einfach Frank Stark vom
Freizeitbüro, ein guter
Freund von Harry Zapp.

beschreibt er das tägliche Leben vieler Familien, deren
Kinder an einer schweren chronischen Krankheit
leiden. Und genau dazu bilde seine Clownshow – wie
die Angebote der Freizeitabteilung überhaupt –
einen Ausgleich.

Frank Stark in der Klinik Tannheim, wo seine Shows schwer chronisch kranke Kinder und deren Familien erfreuen. Links
mit der Euromaus des EuropaPark
Rust.

Die Anfänge als Klinikclown auf der Bühne
der Katharinenhöhe in Schönwald

Diese Überlegung war es auch, die Frank Stark
ursprünglich dazu animierte, als Klinikclown tätig zu
werden. Eine Entscheidung, die schon einige Zeit
und mehr als 600 Klinikclown-Auftritte zurückliegt:
Im Oktober 1988 stand er erstmals als Harry Zapp
auf der Bühne der Katharinenhöhe in Schönwald, in
der er bis zu seinem Wechsel zur Nachsorgeklinik
Tannheim im Jahr 2011 arbeitete und zahlreiche
Clownstheater präsentierte – viele von ihnen als Duo
mit Eddi Zoff. Hinter diesem Clown verbirgt sich
Edwin Bug, der Frank Stark überhaupt erst auf
seinen heutigen Weg brachte.

Denn in seiner Jugend habe er sich eigentlich nie
fürs Theater interessiert – geschweige denn dafür,
auf der Bühne zu stehen, erinnert sich Frank Stark.
Das änderte sich erst 1983 mit einem Pantomime-
Seminar. Und das gab kein anderer als Edwin Bug,

damals als Schauspieler am Pforzheimer Theater
engagiert. Er wurde für Frank Stark zu einem schauspielerischen
Mentor. Zusammen mit weiteren jungen
Leuten bauten die beiden auch eine Pantomime-
Gruppe auf, die mehrere Jahre bestand.

Start als Harry Zapp

Beruflich ging es für Frank Stark aber in eine andere
Richtung: Er machte eine Ausbildung zum Erzieher,
kam dann im Zuge seines Zivildiensts zur Rehaklinik
Katharinenhöhe – und sorgte dort, eben ab 1988, als
Harry Zapp für den Spaß-Faktor. Damit liegt Frank
Starks Start als Klinikclown sogar noch vor der ersten
offiziellen Clown-Sprechstunde in Deutschland, die
Laura Fernandez, Gründerin des Vereins „Die Clown
Doktoren e.V.“, 1994 anbot.

„Aber ich bin auch nicht der klassische Klinikclown,
der von Bett zu Bett geht“, sagt Frank Stark.

Frank Stark 57

Er steht als Harry Zapp vielmehr bei regelmäßigen
Vorführungen auf der Bühne – das war schon ganz
zu Beginn so und änderte sich auch 1992
nicht, als Edwin Bug ebenfalls an
die Katharinenhöhe kam. Als
Harry Zapp und Eddi Zoff

waren die beiden mehr als 20 Jahre lang das klinikeigene
Clown-Duo der Schönwälder Rehaklinik. An
diese Zeit denkt Frank Stark auch heute noch gerne
zurück: „Im Duo zu spielen, ist einfach fantastisch“,
findet er. Denn das biete noch einmal ganz andere
kreative Möglichkeiten.

Ziel ist es, gemeinsam
Spaß zu haben“, sagt
Frank Stark – und zwar
mit Spiel, Zauberei,
Geschichten, einer
Portion Mitmachtheater
und einem Mix
außergewöhnlicher
Natursportarten.

Weitere kreative Projekte und Spiele-Erfinder

Doch nicht nur auf der Bühne lebt Frank Stark seine
kreative Ader aus: Auch als Erfinder von Spielen war
der Peterzeller schon tätig. 1999 erschien sein erstes
Gesellschaftsspiel mit dem Titel „Nichts als Ärger“.
Ihm folgten im Laufe der Jahre viele weitere. Schon
damals ging es Frank Stark besonders um eines: den
Spaß. Leicht zu erklären und schnell zu lernen – so
sollten die von ihm entwickelten Spiele sein. Und
natürlich sollten sie für viel Heiterkeit sorgen.

Heute legt Frank Stark seine Schwerpunkte andernorts.
Doch der Spaß steht noch immer im Fokus.
Denn mittlerweile ist er Erlebnis- und Fun-Pädagoge –
nicht gerade eine gewöhnliche Tätigkeit. Dafür
aber eine, die ganz einfach erklärt ist: „Ziel ist es,

Harry Zapp in seinem Element.

Bei seinen Zauberseminaren können die Teilnehmer
Zaubertricks erlernen, die unterschiedliche Altersgruppen
verblüffen – sie alle sind mit Alltagsgegenständen und
Spielkarten durchführbar.

gemeinsam Spaß zu haben“, sagt Frank Stark – und
zwar mit Spiel, Zauberei, Geschichten, einer Portion
Mitmachtheater und einem Mix außergewöhnlicher
Natursportarten. Bei jedem Treffen sollen die
Teilnehmer aufs Neue überrascht werden, erläutert
Frank Stark. So können sie Kontakte knüpfen, sich
auf lustige Art und Weise vernetzen – und all das frei
von Ängsten und Stress.

Obwohl er hier viele Erfahrungen aus seiner
langen Zeit als Clown einbringen könne, gehe Fun-
Pädagogik über das reine Clownstheater hinaus,
meint Frank Stark. Seit 2013 ist er deshalb auch zertifizierter
Erlebnis- und Umweltpädagoge.

Auch außerhalb der Rehaklinik Tannheim hat
Frank Stark immer mal wieder Auftritte als Harry
Zapp. Außerdem bietet er Zauberseminare an, bei
denen Interessierte selbst in die Welt der Magie eintauchen
können. Dabei lernen die Teilnehmer aus
erster Hand, wie viel Fingerfertigkeit es braucht, um
mit Karten oder Alltagsgegenständen Verblüffendes
zu leisten.

Der ständige Begleiter: die Clownsshow

Dass Harry Zapps Tricks und Gags gar nicht so
einfach auszuführen sind, merkt man der Show aber
nicht an: Auf der Bühne wirkt alles

Trotzdem sind Harry Zapp und seine Show im
Alltag ständige Begleiter für Frank Stark. Denn er sei
immer auf der Suche nach dem nächsten Gag, halte
stets Ausschau nach etwas Neuem für die Bühne.
Manchmal ergebe sich eine Pointe spontan während
einer Show. „Das ist etwas ganz Besonderes.“ Aber
eben auch die Ausnahme. „Die Ideen kommen beim

Duschen, beim Joggen, im

mühelos. Die Zaubertricks, die Urlaub oder einfach zuhause“,
motorisch anspruchsvoll sind, verdeutlicht er. „Meistens
müsse er regelmäßig üben, sagt dann, wenn man entspannt ist
Frank Stark. Seine Späße sind ihm und gerade an etwas ganz an-
hingegen in Fleisch und Blut deres denkt.“
übergegangen. „Die probe ich Vom Geistesblitz bis hin
eigentlich nie.“ zur fertigen Nummer kann

es schnell gehen, wenn alle
Rädchen sofort ineinandergreifen.
Bisweilen ist der Weg

Eines der unzähligen Spiele, die Frank Stark aber auch etwas weiter: „An
als Spieleerfinder herausgebracht hat. manchen Dingen muss man

Frank Stark 59

Auch sein Publikum
bezieht Harry Zapp dabei

60
XXX
gerne mit ein. Wobei die
Späße nie auf Kosten der
Mitwirkenden gehen – das
ist Frank Stark ganz
wichtig: „Es muss fern von
Demütigung bleiben – wer
hat das schon gerne ?“

länger feilen“, sagt Frank Stark. Und für manche
Gags oder Zaubertricks braucht es die passenden
Requisiten. Die wiederum gibt es nur selten
von der Stange. Vielmehr hat Frank Stark seinen
Fundus aus aller Herren Länder zusammengetragen.
Oft sind es etwas schräge Alltagsgegenstände,
die sich in eine Nummer einfügen, oder
Zufallsfunde, die sich als Glückstreffer erweisen.
Manchmal muss das nötige Clownszubehör
aber auch aufwendig beschafft, bisweilen sogar
selbst gebaut werden.

Auf diesem Weg hat Frank Stark eine große
Sammlung an Clownszubehör angehäuft. Vier
oder fünf verschiedene Mikrofone – natürlich
jedes mit seinem besonderen Kniff –, Hüte in allen
Farben und Formen, Tücher, Kisten, Schuhe,
Zauberstäbe in jeder erdenklichen Größe, und,
und, und. Kein Wunder, dass das Kofferpacken
im Vorfeld seiner Auftritte das Einzige ist, was
Frank Stark am Clownsein nicht gefällt. Da den
Überblick zu behalten und für die anstehende
Show die passenden Requisiten einzupacken,
will gelernt sein.

Zu seiner Tätigkeit in der Freizeitabteilung der
Nachsorgeklinik Tannheim gehört u.a. auch die Betreuung
und Anleitung zum Klettern an der Kletterwand
oder bei der Fahrt mit der Seilrutsche in luftiger
Höhe.

Das große Kompliment: Ein
lachendes Publikum

Ist das Zubehör aber komplett, so geht es auf der

Bühne Schlag auf Schlag. Auch sein Publikum

bezieht Harry Zapp dabei gerne mit ein.

Wobei die Späße nie auf Kosten
der Mitwirkenden gehen – das

ist Frank Stark ganz wichtig:

„Es muss fern von Demüti

gung bleiben – wer hat das

schon gerne?“ Schließlich

gehe es nicht darum, die

Zuschauer, die in diesem

Moment an der Show

mitwirkten, zu blamieren –

das sei auch gar nicht notwen

dig, um alle anderen zum

Lachen zu bringen. „Das

Lustige ist die Geschich

te, der Gesamtkontext“,

betont Frank Stark. Und

das Lustige ist das

Gebaren von Harry Zapp,

der sich gewollt unbehol

fen à la Laurel und Hardy

auf der Bühne bewegt.

„Der kann gar nichts, aber

es ist so lustig“ – mit diesen

Worten habe ein Kind seine Show

einmal beschrieben – für Frank Stark

die perfekte Zusammenfassung.
Und wenn doch mal etwas schief

läuft oder eine Requisite nicht dort

ist, wo sie sein sollte? Kein Grund

zur Panik, sagt Frank Stark. „Mitt

lerweile ist mein Repertoire so

groß, dass ich weiß: Egal was

passiert, es gibt immer etwas,

das ich auf der Bühne zeigen

kann.“ Obwohl er eigentlich

Frank Stark wie ihn seine Fans lieben.

61
noch nie ein Problem damit hatte, vor vielen Leuten
aufzutreten, wie er erzählt. Ganz im Gegenteil: Vor
voll besetzten Zuschauerrängen, wenn viele Augen
auf ihn gerichtet sind, macht ihm das Clownsein besonders
viel Spaß.

Wenn dann der ganze Saal begeistert mitmacht
und dabei in schallendes Gelächter ausbricht, ist
das für Frank Stark das größte Kompliment.
Und am meisten freut es ihn, wenn diese gute
Stimmung auch noch den Raum erfüllt,
nachdem er die Bühne schon wieder
verlassen hat.

Frank Stark

Robert Schorp –
BrotSommelier

 

„Die Qualität muss passen,
das ist mein Credo, denn:
Geiles Brot braucht Zeit.“

VON WILFRIED STROHMEIER

Robert Schorp ist Bäcker vom
Scheitel bis zur Sohle und er
kennt sein Handwerk – auch die
Geschichte, die hinter dem
täglichen Brot steht.

Robert und Martina Schorp mit den Kindern
Jonathan, Hannah sowie Alea.

Die Familie Schorp, von links: Herbert, Gisela,
Da leben wir

XXX

Robert Schorp ist BrotSommelier,
gibt Seminare zum Brotbacken,
entwickelt Rezepte für eigene Brotsorten und schiebt einmal jährlich
auf dem Campus Galli in Meßkirch Brote in einen mittelalterlichen
Lehmbackofen. Er ist ein Tausendsassa im Namen des Brotes,
will diesem Grundnahrungsmittel wieder den Stellenwert geben,
den es haben sollte. Das bedeutet: Weg von achtlosem Umgang
mit Lebensmitteln. Mehrmals im Jahr steht der Bäckerund
Konditormeister zudem bei der SWRSendung
„Kaffee oder Tee“
vor der Kamera.

S
S
ein ganzes Engagement rund um das Brot hat
seinen Ursprung in der Familienbäckerei Schorp
im Bräunlinger Ortsteil Döggingen. Dort
arbeitet er zusammen mit seiner Frau Martina und
zwölf Angestellten. 2024 steht hier bereits die vierte
Generation in der Backstube und auch die fünfte
Generation darf schon mal beim Brezelformen mit
anpacken. Fast zehn Jahre hat der Bäcker- und
Konditormeister Robert Schorp als Fachlehrer und
Bereichsleiter an der Akademie des Deutschen

Bäckerhandwerks in Weinheim gearbeitet und ab
2017 als Eventbackstubenleiter die Eventbackstube
„bäck stage“ in Mössingen geleitet – damit begann
die Entwicklung der vergangenen Jahre.

Für die SWRSendung
„Kaffee oder Tee“ steht Bäckerund
Konditormeister Robert Schorp mehrmals im Jahr vor der
Kamera und regt die Zuschauer zum Nachbacken seiner
Kreationen sowie Kuchenklassiker an.

Robert Schorp führt die Bäckerei
der Familie in eine neue Ära

Und dann kam Corona. Zusammen mit seiner Frau
Martina entschloss er sich 2021 die elterliche Bäckerei
zu übernehmen. Sie wollten diese aber anders
weiterführen als bisher. „Wir wollten es klein und
fein machen“, erzählt der umtriebige Bäckermeister.
Ohne Filialen, ein straffes Sortiment. Unter der Woche
beginnt die Arbeitszeit bei Schorps um 4 Uhr,
am Wochenende um 2 Uhr. Und wenn Markttag in
Donaueschingen ist, kommt das Brot direkt aus dem
Backofen in den Verkaufswagen. Samstags wird das
Milchhäusle in Mundelfingen versorgt und auf Naturparkmärkten
sind die Schorpschen Backwaren ebenfalls
zu finden.

Unter der Woche bietet die Bäckerei drei Brotsorten
an, insgesamt sind sieben im Sortiment, hinzu
kommen noch 14 Brötchensorten und süße Teile. Es
sind aber nicht alle Brötchensorten durchgehend im
Verkaufsregal – da wird variiert und man darf auf so
manche Eigenkreation gespannt sein, teilweise mit
Zutaten, die man nicht in jeder Mühle findet.

Für Robert Schorp gibt es vier große Faktoren für
die Brotqualität: Faktor eins ist die Rohstoffauswahl,
gefolgt von deren Qualität, womit auch die Rezeptur
zusammenhängt, denn nur wenn man weiß,
welcher Rohstoff was bewirkt, kann man gezielt mit
ihm arbeiten. Das dritte Kriterium ist die Rezepturzusammenstellung.
„Es ist ein Baukastensystem“,
erklärt er. Hinzu komme die Teigführungsart. Er bevorzuge
die lange Teigführung bis zu 72 Stunden, weil
sich dabei mehr Aromen entwickeln, das fertige Brot
saftiger und bekömmlicher wird.

Der vierte Faktor ist der Backofen: Wird das Brot in
den Backofen „scharf eingeschossen“ – sprich bei hoher
Hitze, wird es entweder länger gebacken, um eine
satte Kruste zu bekommen oder weniger lang, um
eine eher weiche Kruste auszubilden. Und die Kruste
ist der entscheidende Geschmacksträger eines jeden
Brotes, fasst der Bäckermeister die vielen Möglichkeiten
zusammen.

Tradition trifft Experimentierfreude – Alle
Zutaten stammen wo möglich aus der Region

Bei sämtlichen Zutaten legt Robert Schorp wo immer
möglich Wert auf regionale Produkte mit kurzen
Lieferwegen. So kommen Milch und Eier sozusagen

2024: 100 JAHRE BÄCKEREI SCHORP

Die Brotund
Feinbäckerei Schorp kurz nach ihrer
Gründung im Jahr 1924, im Vordergrund Katharina
Schorp mit fünf ihrer sechs Kinder.

Die Geschichte der Dögginger Bäckerei begann
1924 in einem geschichtsträchtigen Haus, das
sich in der Linkskurve gegenüber der heutigen
Gaststätte „Kuhstall“ befindet. Gegründet wurde
die Bäckerei von Urgroßvater Wilhelm Schorp,
der eigentlich Landwirt war. Im rechten Teil des
geräumigen Hauses richtete er die „Brot- und
Feinbäckerei Schorp“ mit einem Verkaufsraum
ein. Der Großvater Robert – nach ihm wurde der
heutige Inhaber benannt – erlernte das Bäckerhandwerk
und führte die Bäckerei mit seiner
Ehefrau Berta weiter. Früh verstorben übernahm
der Vater des heutigen Inhabers Herbert Schorp
1973 mit der Mutter Gisela die Bäckerei.

Gründer Wilhelm
Schorp mit Ehefrau
Katharina,
den Kindern Karl,
Berta, Anna und
Marie und einer
Tante in den
1930erJahren.

BrotSommelier
Robert Schorp

Robert und Martina Schorp führen seit 2021 Bäckerei und Café in Döggingen. Rechts oben: Eine außergewöhnliche
Kreation: Beim Black Forest Baguette werden unter anderem SepiaTinte
und Cranberries hinzugefügt. Rechts unten:

Roggenmischbrot.

aus der Nachbarschaft, die Mühle ist auch nicht allzu
weit entfernt.

Seinen sehr geschätzten Sauerteig hat er selbst
gezüchtet, der Grundteig entstand bereits 2017. Benötigt
werden Mehl – Schorp verwendet hier eine
alte Getreidesorte, den Waldstaudenroggen – Wasser
und Milchsäurebakterien. Mit besagten Milchsäurebakterien
„geimpft“, gärte die Mehl-Wasser-Mischung
einen Tag lang. In der Entwicklung wird ein Teil dieses
Teigs abgespalten und am nächsten Tag wieder
neu angesetzt und so über mehrere Tage, jedes Mal
bei einer anderen Temperatur, bis der Sauerteig
die gewünschten Eigenschaften hat. Von diesem
ursprünglichen Grundsauerteig wird bei jeder Teigproduktion
nun der Sauerteiganteil hinzu gegeben
und der Grundsauerteig weitergeführt.

Bei den Zutaten für sein
Sortiment legt er Wert auf
regionale Produkte mit
kurzen Lieferwegen –
überall wo es geht. So
kommen Milch und Eier
sozusagen aus der Nachbarschaft,
die Mühle ist
auch nicht allzu weit
entfernt.

Oben links: Auch die jüngsten Mitglieder der Familie interessieren sich für die Arbeiten in der Backstube.
Oben rechts: Seniorchef Herbert Schorp an der Knetmaschine.

Neben diesem begehrten Sauerteigbrot verlässt
mit dem „Black Forest Baguette“, ein dunkles Brot,
mit Sepia- Tinte eingefärbt und mit Cranberries
versehen, eine weitere Eigenkreation die Dögginger
Backstube.

Brotgeheimnisse aus Mittelalter
und Gegenwart

Doch wie „entdeckte“ Robert Schorp die alte Getreidesorte,
den Waldstaudenroggen, der bereits im
Mittelalter angebaut wurde? Das geschah im Rahmen
seiner Projektarbeit, die er für den Abschluss
seiner Weiterbildung zum Brot-Sommelier benötigte.
Diese Arbeit führte den Bäckermeister in den „Campus
Galli“ nach Meßkirch, einem Klosterprojekt, das

sich zum Ziel gesetzt hat, das Mittelalter Stück für
Stück erlebbar zu machen. Der Klosterplan, der die
Grundlage der Klosterstadt „Campus Galli“ ist, wurde
vor 1.200 Jahren von Mönchen der Insel Reichenau
gezeichnet und zeigt den Idealplan eines Klosters.

Hier kann man alte Gewerke hautnah erleben:
Löffelschnitzern, Färbern, Müllern, aber auch
Bäckern über die Schulter schauen. Und genau hier
kann man auch Bäckermeister Schorp aus Döggingen
ein Mal im Jahr bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit
antreffen: Allerdings hat er anders als in der heimischen
Backstube, in der mittelalterlichen Anlage nur
einen Lehmbackofen zur Verfügung. Und dieser stellte
ihn am Anfang vor Herausforderungen, da er im
wahrsten Sinne des Wortes nicht ganz dicht war und
nachgebessert werden musste – sprich es mussten

BrotSommelier
Robert Schorp

67

Einmal im Jahr zeigt Robert Schorp im mittelalterlichen
Klosterprojekt Campus Galli bei Meßkirch wie das Brotbacken
anno dazumal im Lehmbackofen funktionierte.

Das Brot riecht ganz anders,
viel intensiver und so ist es
auch geschmacklich“,
schwärmt der experimentierfreudige
Bäcker über das
Backen im Campus Galli.

Löcher geschlossen werden. Doch mittlerweile funktioniert
der Ofen.

Aber wie wussten die Mönche und Bäcker früher,
dass der Ofen die richtige Temperatur hatte? Robert
Schorp lächelt bei der Frage. Und verrät, dass er
hier dann doch auf modernes Equipment zurückgreift.
Aber im Mittelalter war es denkbar einfach.
Beispielsweise wurde Mehl in den beheizten Backofen
gestreut, dann gab es ein kurzes Gebet oder ein
Lied. War das Mehl verbrannt, war der Ofen zu heiß.
Und mit dem schlichten Klopftest wurde abschließend
geprüft, ob das Brot durchgebacken war.

„Das so gebackene Brot riecht ganz anders,
viel intensiver und so ist es auch geschmacklich“,
schwärmt der experimentierfreudige Bäcker. Zudem
gibt es noch ein paar weitere Zutaten in dem Brot:
die Gewürze Kümmel, Anis und Fenchel. Diese Gewürze
hatten die Mönche nachweislich schon im
Mittelalter in ihren Kräutergärten.

Über den Antrieb, anderen das
Brotbacken zu vermitteln

Solche Tipps sind es zwar nicht, die er in seinen
Brotbackseminaren weitergibt, denn die moderne
Hausfrau und der moderne Hausmann sind technisch
doch um einiges besser ausgerüstet als die
Mönche im Mittelalter. Jedoch: In den vergangenen
Jahren verstärkte sich der Trend zum heimischen
Brotbacken.

Bei seinen Backseminaren in Döggingen kommen
sowohl Neulinge als auch Könner auf ihre Kosten,
verbindet die Teilnehmenden zunächst das gemein

Das gesamte Team der Bäckerei Schorp ist mit Begeisterung dabei.

same Ziel, dem Brot, neben dem Genuss, einen
höheren Stellenwert in der modernen Wegwerf- und
Konsumgesellschaft zu geben. „Es ist einfach schön,
wenn man Leuten sagen kann, welche Brote es gibt
und was man kombinieren kann“, erzählt er über seinen
Antrieb, anderen das Brot backen zu vermitteln.

Doch wie kommt man dazu, als erfolgreicher Bäcker-
und Konditormeister eine Weiterbildung zum
Brot-Sommelier anzuschließen? Ist die Fortbildungsmaßnahme
doch eine sehr aufwändige: Um die
Zusatzausbildung als Brot-Sommelier zu absolvieren,
muss man bereits einen Abschluss als Meister haben
und bereit sein, gut 500 Arbeitsstunden zu investieren.
Am Schluss gibt es eine Prüfung in den Bereichen
Theorie, Geschichte und Sensorik – letzteres
zielt auf den Geschmack und den Duft ab, an dem
der Prüfling auch Brote erkennen muss.

Dafür verfasste Robert Schorp seine bereits
erwähnte Projektarbeit im Rahmen des ehrenamtlichen
Engagements im „Campus Galli“. Er ging dabei
mehreren Fragen auf den Grund wie beispielsweise:
Welche Getreidearten gab es? Welche Sorten wurden

verwendet? Welches Know-how hatten die Bäcker?
Oder auch: Konnten sich nur die Reichen und Adligen
gutes Brot leisten? Wie war der allgemeine Zustand
der Gesellschaft im Mittelalter, wie wurde mit
Hungersnöten umgegangen – wie war die landwirtschaftliche
Struktur?

Dazu kamen die handwerklichen Aspekte: Kneten
ohne Kneter, Backen ohne Hefe und Backen ohne
Thermometer. Mit diesen Grundgedanken ging er
ans Werk. Und war erfolgreich.

Bei seinen ersten Backversuchen benötigte der
angehende Brot-Sommelier einige Minuten, bis das
Feuer brannte – denn natürlich gab es auch keine
Feuerzeuge oder Streichhölzer im Mittelalter –
Feuersteine kamen zum Einsatz. Er dokumentierte
genau das Wetter, wie und wann beheizt wurde und
am Schluss war er dann erfolgreicher Bäcker eines
Brotes nach mittelalterlichen Methoden. Sein Diplom
als Lehrgangsbester konnte Bäcker- und Konditormeister
Robert Schorp im Jahr 2020 in der Akademie
des Bäckerhandwerks in Weinheim aus den Händen
von Sternekoch Johann Lafer entgegen nehmen.

BrotSommelier
Robert Schorp

69

Beim beliebten Brottasting können verschiedene Brotsorten
verköstigt werden.

70
Robert Schorp ist mit Leidenschaft
und Enthusiasmus
Bäcker, das merkt man ihm in
jedem Satz über jeden Laib
Brot und über jedes Brötchen
an. Es ist sein Beruf und
Berufung mit Heimatliebe,
ohne den Fortschritt zu
vergessen.

2024 feiert die 1924 gegründete Bäckerei ihr
bereits 100-jähriges Bestehen. Nach verschiedenen
Besitzerwechseln hatte Johann Schorp die ehemalige
„Sonne“ zum Ende des 19. Jahrhunderts hin von dem
bekannten Dögginger Portraitmaler Ignaz Weisser erworben
und vererbte sie später an seinen Sohn Karl.
Danach ging das Anwesen 1909 an den Gründer der
Bäckerei, Wilhelm Schorp. Im rechten Teil des geräumigen
Hauses richtete er die „Brot- und Feinbäckerei
Schorp“ mit einem Verkaufsraum ein. Da Wilhelm
Schorp das Bäckerhandwerk nicht erlernt hatte, stellte
er einen Bäcker ein. Er wiederum kümmerte sich
um die Versorgung der umliegenden Dörfer wie Unadingen,
Bachheim oder Mundelfingen. Über 100 Jahre
hinweg versorgt die Bäckerei Schorp seitdem die
Region um Döggingen mit Brot (s. auch S. 67). Vor
diesem Hintergrund entwickelte Robert Schorp die
Rezeptur für ein 100-Jahr-Brot, das mit den 1924 zur
Verfügung stehenden Mitteln gebacken wird.

Auch damit sei gesagt: Robert Schorp ist mit
Leidenschaft und Enthusiasmus Bäcker, das merkt
man ihm in jedem Satz über jeden Laib Brot und
über jedes Brötchen an. Es ist sein Beruf und seine
Berufung mit Heimatliebe – ohne den Fortschritt zu
vergessen.

BrotSommelier
Robert Schorp

SCHORP-SAUERTEIGBROT

60% Roggen, 40% Dinkel

Sauerteig

Zutaten:

420 g Waldstaudenroggenvollkornmehl
40 g Reifer Sauerteig oder Starter
420 g Wasser (ca. 45°C)

Knetzeit: ca. 5 Minuten von Hand kneten oder 3 Minuten auf niedriger Stufe mit der Maschine
Teigtemperatur: 32°C fallend auf 23°C

Reifezeit: 16 Std.

ergibt ca. 880 g Natursauerteig

Brühstück

Zutaten:

280 g Waldstaudenroggenvollkornmehl
420 g Wasser 100°C (aufkochen)

Knetzeit: ca. 5 Minuten von Hand verrühren

Reifezeit: 2 Std.

ergibt ca. 700 g Brühstück

Teigherstellung

Zutaten:

550 g Dinkelmehl Typ 630
140 g Roggenmehl Typ 1150
32 g Salz
880 g Natursauerteig
700 g Brühstück
2 g Fenchel (gemahlen)
2 g Kümmel
1 g Anis
ca. 350 g Wasser

Knetzeit: 12 Minuten auf niedriger Stufe

Teigruhe: 15 Minuten bei Raumtemperatur

ergibt ca. 2.700 g Gesamtteig

Aufarbeitung

Teiggewicht pro Brot: ca. 900 g

Den Teig nach der Teigruhe einteilen und runde Laibe formen.
Oberseite in Roggenmehl wälzen und in Holzschliffförmchen legen.
Nochmal ca. 4 Stunden bei Raumtemperatur garen lassen.
Die Formen auf ein Blech oder am besten eine Steinplatte stürzen.

Backen

Backofen vorheizen
Ofentemperatur: 250°C und nach 15 Minuten Backzeit Ofen auf 200 Grad
zurückschalten (Ober-und Unterhitze).
Dampf: nein
Backzeit: ca. 60 Minuten

HOFGESCHICHTEN

74 ANNA PACKT AN – DIE
JUNG-LANDWIRTIN ANNA
KLAUSMANN

86 DER GRIESGET-HOF – VOM
ZAUBER EINES PLATZES

98 LUKAS DUFFFNER –
AUF DER OFENBANK
MIT DEM „ROTE BUR“

108 DOLDENHOF – DEN
CHARME DER
VERGANGENHEIT
MIT LIEBE BEWAHRT

3. Kapitel – Hofgeschichten

Wer durch den Schwarzwald streift,
der bleibt an Orten wie dem Griesget
Hof hängen – wie der Schwennin
ger Dokumentarfilmer Hermann
Schlenker, der Elisabeth und Adolf
Fehrenbach zusammen mit Dackel
„Waldi“ und der Milchkuh „Goldili“
im Sonntagsstaat fotografiert (Fo
to). Und 1976 den Hof von ihnen
erwirbt. Staunend steht man auch
vor dem mit Liebe zum Detail re
novierten Doldenhof in Rohrbach.
Und freut sich daran, einer jungen
Landwirtin wie Anna Klausmann
beim Ersten Schnitt in Linach zu
begegnen, die für die Zukunft des
Schwarzhansenhofes steht. Dass
die Landwirtschaft im Schwarzwald
eine Zukunft hat, dafür hat ein Le
ben lang der „Rote Bur“ gekämpft:
Der 95-jährige Lukas Duffner schaut
auf ein bewegtes Leben im Dienst
der Landwirtschaft zurück.

Ein Besuch bei der jungen Landwirtin
auf dem Schwarzhansenhof in Linach

ANNA PACKT AN

VON DANIELA SCHNEIDER / FOTOGRAFIE WILFRIED DOLD

„In de ,Line‘, da bin ich daheim.“ Die Liebe zur Familie, den Tieren, zum
Schwarzhansenhof und Linach ist Anna Klausmann in die Wiege gelegt.
21 Jahre jung stemmt die angehende Landwirtschaftsmeisterin eine Sieben-
Tage Woche und strahlt. „Ich bin mit Herzblut dabei, weil es mir Spaß
macht – Papa hat mich eben von klein auf miteinbezogen.“ Bei einer Mäh-
Pause auf dem Wangerberg hoch über dem Linachtal prüft Anna nebenher
den „Ersten Schnitt“. In der Luft hängt der Duft der frisch gemähten Wiese.

Hofgeschichten

D
D
raußen liegt noch Tau auf den Wiesen und
rund um den Schwarzhansenhof der Familie
Klausmann ist es still – wirklich still. Der

Bauerngarten auf der Ostseite des Hofes strahlt im

Morgenlicht – Linach präsentiert sich an diesem Tag

im Juli als Schwarzwaldidylle pur.

Drinnen im Stall des Schwarzhansenhofs wird

gemolken, Anna und ihr Vater Markus reinigen die

Zitzen der Kühe und desinfizieren sie, dann setzen

sie die Becher der Melkanlage an. Anna füttert

anschließend die wenigen Wochen alten Kälber,

schmust mit ihnen – und wendet sich schließlich

einem „Sorgenkind“ zu, der Kuh „Temse“, die an

einer Klauenkrankheit leidet. „Panaritium“, eine

infektiöse Erkrankung, die bei Milchkühen häufig

vorkommt. Die junge Landwirtin schreitet entschlossen
zur Tat, vom Mitleid allein wirdʼs nämlich
(leider) sicher nicht besser. Vielmehr sind jetzt
Annas Muskelkraft und Geschick gefragt – und ihr
Sachverstand. Dass sie weiß, was sie da tut, daran
lässt sie keinen Zweifel aufkommen.

Hier, im Stall des Schwarzhansenhofs in Linach,
hat sie solche und viele andere Handgriffe unzählige
Male gemacht. Sie sitzen so gut wie die Gummistiefel
an ihren Füßen, die Handschuhe an ihren
Händen und die flugs zusammengebundenen,
blonden, langen Haare auf ihrem Kopf. Die junge
Landwirtin weiß, wie groß die Verantwortung ist,
die sie im Umgang mit den Tieren hat, für die
Rinder und auch für sich selbst. Sie strahlt darin

Morgendlicher Viehtrieb, bei der Arbeit im
Melkstand mit Vater Markus Klausmann
und bei der Kälberaufzucht.

Sicherheit und eine große Selbstverständlichkeit aus.
Und natürlich kennt sie nicht nur „Temse“, sondern
auch alle anderen Kühe um sie herum mit Namen,
von „Blümle“ über „Ela“ bis hin zur „Sofie“.

Nach dem Melken sperrt Vater Markus die am
Hof vorbeiführende Talstraße für den Verkehr. Jetzt
treiben die beiden die Kühe aufs Feld, zur Wiese am
Oberen Winterberg gegenüber des Schwarzhansenhofs
– die Linach schlängelt sich am Talgrund

entlang und das Vieh liebt diese naturnahen Wiesen.
„Wenn die Kühe nach dem langen Winter im Stall
erstmals dorthin auf die Weide dürfen, machen sie
wahre Freudensprünge“, strahlt Anna.

Die Klausmanns, eine bäuerliche Großfamilie

Es ist eine typische bäuerliche Großfamilie mit
starkem Zusammenhalt, die den Schwarzhansenhof

umtreibt: Anna ist die älteste Tochter von Birgit und Die Familie Klausmann vor ihrem SchwarzhansenMarkus
Klausmann. Auf dem Hof, der seit vier hof, v. links: Lorenza, Salome, die Eltern Markus
Generationen von der Familie bewirtschaftet wird und Brigitte, sitzend die Großeltern Anna und
und den ihr Vater vor rund drei Jahrzehnten auf Helmut sowie Nicole, Lenz, Anna und Quinn.
Biobetrieb umgestellt hat, leben auch Oma Anna Das Wandgemälde links oben zeigt den Heiligen
Klausmann und Opa Helmut Klausmann. Und St. Wendelin. Er gilt als Patron der Bauern und
natürlich Annas fünf Geschwister, die Schwestern insbesondere des Viehs. Ein Schild an der Stalltür
Nicole, Lorenza und Salome im Altersabstand von macht auf den wertvollen Viehbestand des Hofes
rund anderthalb Jahren und die zwei Buben Quinn aufmerksam (linke Seite unten).

Schwarzhansenhof in Linach

79

und Lenz als Nachzügler – und die Tiere. „Temse“,
die Kuh aus dem Klauenpflegestand, gehört zur
Milchviehherde aus rund 40 Vorderwälder Rindern,
die im Stall von Familie Klausmann oder auf den
Weiden stehen. 50 Hektar Grünland bewirtschaften
sie, wozu auch gepachtete Flächen gehören. Was die
eigene Nachzucht angeht, wird neuerdings verstärkt
auf Regionalität gesetzt. Die Bullenkälber kommen
im Alter von drei Monaten auf einen Mastbetrieb
nach Schönenbach.

Markus Klausmann ein Bio-Pionier

Annas Vater Markus Klausmann hat sich in den
1990er-Jahren für extensive Bewirtschaftung mit
völligem Verzicht auf chemisch-synthetische Dünge-
und Pflanzenschutzmittel entschieden – also in
einer Zeit, in der der Begriff „Bio“ noch von kaum
jemandem überhaupt in den Mund genommen
wurde. Der Linacher war damals ein Pionier: Sein
Betrieb war einer von neun, die auf diese Weise
erzeugte eine Million Liter Milch bei der Genossenschaft
ablieferten und damit für das Bio-Sortiment
der „Schwarzwaldmilch“ den Grundstein legten. Der
Schwarzhansenhof selbst besitzt das Bio-Siegel seit
einem Stallumbau im Jahr 2001.

Zum Betrieb gehören außerdem 56 Hektar Wald,
die Markus Klausmann zusammen mit seinem Bruder
managt – wegen des Borkenkäfers ist das derzeit
eine Mammutaufgabe. Außerdem betreibt er einen
Baggerbetrieb. Möglichst auf mehreren Standbeinen
stehend wird so das Einkommen gesichert.

Die Klausmanns leben das Leben einer typischen
bäuerlichen Familie in den Höhenlagen des Schwarzwalds.
Die Generationen sind aktiv in die Arbeit
eingebunden, die Großeltern stehen wie eh und je
frühmorgens ganz selbstverständlich Tag für Tag im
Stall und auch die jüngeren Geschwister packen mit
an, wo es notwendig ist. Man hält zusammen und in
der zugegeben knapp bemessenen Freizeit machen
so gut wie alle in der Dorfgemeinschaft mit, sei’s
in der Theatertruppe, im Harmonikaverein oder im
„Furtgau“-Club, den es ja schließlich auch in „de
Line“ gibt. Ein zugleich gar nicht so versteckter Hinweis
darauf übrigens, dass hier noch vollkommen
selbstverständlich Dialekt gesprochen wird, auch
bei den Klausmanns daheim, was anderes käme hier
niemandem in den Sinn, warum denn auch?

Während sich Mädchen
früher meistens eher dazu
entschlossen haben, den
Beruf „Landwirtschaftliche
Hauswirtschafterin“ zu
erlernen, tendieren sie
heute immer öfter zum
Ausbildungsberuf
„Landwirtin“.

Mit ihren Schulfreunden aus dem Linachtal, mit
denen Anna gemeinsam die Grundschule in Furtwangen
besuchte, ist sie noch heute verbunden. „Wir
sind viel miteinander unterwegs“, sagt sie und ihr
fröhliches Lächeln verrät, wie wichtig ihr das ist.

Immer mehr Frauen werden „Landwirtin“

Den Umgang mit den Tieren, der Alltag auf einem
Bauernhof, das Los der Landwirte somit, hat Anna
Klausmann quasi mit der Muttermilch eingeflößt
bekommen. Und hat sich dazu entschlossen, diesen
Weg weiterzugehen. Dafür hat sie ruckzuck die
Ausbildung zur Landwirtin absolviert und dann auch
gleich noch ein Praxisjahr in einer Furtwanger
Tierarztpraxis drangehängt. Das kommt jetzt dem
Betrieb und Kuh „Temse“ und Co. zugute. „Einmal in
der Woche helfe ich in der Praxis noch aus. Mir
macht das Spaß“, sagt Anna. Und meint damit aber
nicht „das Kleinzeug“, wie sie lachend ergänzt. Mit
Kaninchen und Kanarienvögeln kann sie nämlich
wenig anfangen – ihr Herz schlägt vor allem für die
Nutztiere. Auch deshalb hat sie sich für die Landwirtschaft
entschieden.

Dafür absolvierte sie ihr erstes Lehrjahr in Vollzeit
an der Albert-Schweitzer-Schule in Villingen, wie es
in der Ausbildung üblich ist. Mit den „Kerlen“ in
ihrer Klasse, sagt sie, kam sie „superklar“. Die waren

Anna mit Mutter Brigitte bei der Arbeit im Bauerngarten – schon mit Oma Anna war die angehende Landwirtschaftsmeisterin
hier tätig. Gemeinsam mit Schwester Salome kümmert sie sich auch um die Hühner des Schwarzhansenhofes.
Als Hühnerstall dient der ehemalige Kornspeicher des Hofes (unten).

Anna besucht das Vieh auf der Weide am
Oberen Winterberg. Im Hintergrund der
Schwarzhansenhof, vorne Mitte rechts das
Bregerhäusle, das die Familie gegenwärtig
denkmalgerecht saniert. Im Talgrund fließt
die Linach – für das Vieh, so Anna Klausmann,
ist die Weide unmittelbar gegenüber
des Schwarzhansenhofes ein absoluter
Lieblingsort. Sie strahlt, wenn sie von den
Freudensprüngen der Kühe im Frühjahr erzählt,
wenn sie nach den langen Wintermonaten
endlich wieder dorthin dürfen.

da noch in der Überzahl, allerdings steigt der Anteil
der weiblichen Lehrlinge kontinuierlich. Während
sich Mädchen früher meistens eher dazu entschlossen
haben, den Beruf „Landwirtschaftliche Hauswirtschafterin“
zu erlernen, tendieren sie heute immer
öfter zum Ausbildungsberuf „Landwirtin“. Anna
findet das klasse. Schließlich, sagt sie, gibt es auch
keinen Grund, warum das nicht so sein sollte.
Frauen, da ist sie sich sicher, können und sollen sich
in dem Beruf behaupten, wenn sie das möchten.
Und damit sei dieses Thema – junge Frau in der
Landwirtschaft – für sie „auch geschwätzt“. Schließ

lich zählt Durchsetzungsvermögen und Interesse an
der Arbeit und nicht das Geschlecht, selbst wenn das
traditionell lange anders war und in manchen
Köpfen wahrscheinlich heute noch so ist.

Mal ganz abgesehen davon, dass sie ebenso das
Thema Hauswirtschaft spannend findet – einen
Garten zu bewirtschaften zum Beispiel, das hat sie
schon von ihrer Oma gelernt, auch das gehört dazu
und ist einfach interessant. Da zeigt es sich deutlich:
Berührungsängste und Klischees – beides ist Anna
einfach nur fremd; Schubladen passen nicht zum Leben
der Landwirtin von heute.

Landwirt ist so ein
umfangreicher Beruf. Man

(und Frau) muss einfach
vieles beherrschen, um
Maschinen, Gebäude und
Gerätschaften instand
halten zu können.

Lehrjahr in Milchviehbetrieb

Das zweite Lehrjahr verbrachte sie auf einem
großen, konventionellen Milchviehbetrieb in
Hohentengen am Hochrhein. „Das war das, was ich
wollte“, sagt sie, weg von daheim, ganz bewusst
etwas anderes kennenlernen, sich darauf einlassen.
Da war sie übrigens gerade mal 16 Jahre alt. „Du
machst es von klein auf. Die Arbeit kennst du ja.
Die Arbeitsweise von anderen übernehmen – das
war eine Herausforderung. Aber einen Chef haben,
der nicht ‘Papa’ heißt, ist auch schön“, erzählt sie
in der Rückschau. Was sie dabei auch gelernt hat:
„Landwirt ist so ein brutal umfangreicher Beruf“.
Man (und Frau) muss einfach vieles beherrschen.
Um Maschinen, Gebäude und Gerätschaften instand
zu halten, sind handwerkliche Fähigkeiten gefragt,
Fahrzeuge und mitunter auch schweres Gerät
müssen bewegt werden können, zudem gilt es,
gut zu wirtschaften, praktisch zu rechnen, sich mit
Tierhaltung und Pflanzenproduktion auszukennen
und dabei möglichst immer auf dem aktuellen Stand
zu sein.

In der Zwischenzeit hat sie den Abschluss in der
Tasche – und obendrein auch gleich noch den Jagdschein.
Darauf, ja, ist sie stolz, und das kann sie auch
sein. Seit 2023 – gerade mal im Alter von damals
zarten 20 Jahren – büffelt sie nun jeweils in den
Winterhalbjahren von November bis März für den
Abschluss als Landwirtschaftsmeisterin. In der Zeit
von April bis Oktober arbeitet sie ansonsten Vollzeit
auf dem elterlichen Hof mit.

Bürokratie und Herausforderungen

Und doch ist eines klar: Auch das bäuerliche Leben
im Schwarzwald ist dem steten Wandel unterworfen.

Schwarzhansenhof in Linach

Natürlich sind Anna und ihre Schwestern nicht nur
mit den Kühen, sondern auch mit modernen Medien
groß geworden. Und sind sie allesamt Realisten,
die sehen, welch enorme Herausforderungen die
Landwirtschaft mit sich bringt und dass es halt alles
andere als ein Zuckerschlecken ist, einen solchen
Betrieb zu führen und die Zukunftsaussichten
ziemlich ungewiss sind.

Das ist mit ein Grund, warum Anna bei den
jüngsten Bauernprotesten dabei war. „Ich bin auch
mitgefahren“, sagt sie, „es war wichtig, zu zeigen,
dass es uns gibt und dass wir uns mit der momentanen
politischen Situation nicht zufriedengeben“.
Die Landwirte müssen erklären, wo es hakt, ist sie
sich sicher. Die Agrardiesel-Debatte, sagt sie, sei da
nicht entscheidend. Rund 1.200 Euro machen die
21 Cent auf ihrem Hof aus, die die Landwirte von den
47 Cent Diesel-Steuer zurückbekommen können.

Weitaus aufreibender: Das leidige Thema
Bürokratie, gefühlt beklagt seit Ewigkeiten! Und
letztlich werde es immer nur noch schlimmer statt
besser. Bei allem grundsätzlichen Verständnis dafür,
dass bestimmte Dinge wie der Antibiotika-Einsatz
geregelt und kontrolliert werden müssen, ärgern sich
Anna und ihre Kollegen: Hier sei etwas gut gemeint,
aber schlecht gemacht. Immer neue Verordnungen,
Richtlinien und Standards – sie machen der Landwirtschaft
erhebliche Probleme, moniert Anna. Die
vielen Nebenerwerbsbetriebe, die die Branche
gerade im Schwarzwald kennzeichnen, können das
immer weniger bewerkstelligen, das beklagen auch
die berufsständischen Vertretungen. Nicht wenige
Ökonomen zeichnen ein düsteres Bild: Vor allem
kleine Betriebe werden demnach verschwinden. Die
hohen finanziellen Anforderungen und Investitionen,
die sich aus den Vorgaben ergeben, können und
wollen sie nicht erfüllen. Anna ist überzeugt: „Das
Höfesterben ist voll im Gang.“

Bei ihr wiederum hat das regelrecht einen Kampfes-
willen befördert. Sie sieht den Abgesang für ihren
Hof nicht kommen. Ihren Eltern hat sie schon ganz
früh signalisiert, dass sie den Betrieb eines Tages
weiterführen möchte. Dazu steht sie nach wie vor.
Aber ihr stellt sich schon unweigerlich die Frage, wie
auskömmlich das Ganze zukünftig sein wird.

Ob Landwirte denn genug verdienen? Bei dieser
Frage ist es ihr wichtig, das Ganze emotionslos und
sachlich zu betrachten, und zwar anhand der Da-

Was Anna ärgert, ist die
Tatsache, dass die Landwirte
zwar Unternehmer
sind, aber ihre Preisgestaltung
niemals selbst
in der Hand haben.

ten der offiziellen Statistik: In Deutschland hat ein
Haupterwerbsbetrieb im Wirtschaftsjahr 2022/23
demnach ein durchschnittliches Betriebsergebnis
von 115.400 Euro eingefahren. Rechnet man das
pro Arbeitskraft auf den Höfen hoch, landet man
laut Bundeslandwirtschaftsministerium bei zuletzt
46.118 Euro je Arbeitskraft für eine durchschnittliche
Arbeitszeit von 46,7 Wochenstunden. „Wenn es nicht
gleichzeitig auch unser Hobby wäre, würde das niemand
machen“, sagt die Frau vom Fach. Zu beachten
sei dabei, dass es Unterschiede gebe, je nachdem,
wo in der Republik der Hof stehe und ob es sich
um einen konventionellen oder einen Ökobetrieb
handele. Letztere wiederum bekommen eine höhere
öffentliche Förderung.

Unterdessen sind auch die Erzeugerpreise ein
Dauerthema. 60 Cent für den Liter Biomilch sind es
2024. Das ist besser, als es schon mal war, aber die
Verbraucher zahlen an der Supermarktkasse deutlich
mehr. Für eine faire Vergütung landwirtschaftlicher
Produkte will sich auch Anna Klausmann künftig einsetzen,
damit es mehr Planungssicherheit für die Betriebe
gibt. Was sie ärgert, ist die Tatsache, dass die
Landwirte zwar Unternehmer sind, aber ihre Preisgestaltung
niemals selbst in der Hand haben. Entweder
bestimmt die nämlich – im Falle der Rinderzucht –
der Viehhändler oder eben der Handel zum Beispiel
in Sachen Milch.

Zukunftspläne und Visionen

Anna hat auch einen konkreten Vorschlag, wie es
klappen könnte, dass die Bauern besser kalkulieren

Der Schwarzhansenhof
wurde 1561 erbaut

Der Schwarzhansenhof ist als
zweitältester Hof des Dorfes in
der Linacher Ortschronik erwähnt.
1561 wurde er gebaut,
mittlerweile wird er von der
dritten Generation der Familie
Klausmann bewirtschaftet. Annas
Uropa hat in der Tenne einst
einen Balken erneuert, der rund
500 Jahre alt war, ein Verweis
also auf die jahrhundertelange
Geschichte des Anwesens. Das
Foto zeigt den Hof vor dem
Umbau in den 1980er-Jahren.

Annas Vater Markus Klausmann hat sich in den also in einer Zeit, in der der Begriff “Bio” noch von
1990er-Jahren für extensive Bewirtschaftung mit kaum jemandem überhaupt in den Mund genomvölligem
Verzicht auf chemisch-synthetische men wurde. Der Schwarzhansenhof hat das
Dünge- und Pflanzenschutzmittel entschieden – Bio-Siegel seit einem Stallumbau im Jahr 2001.

können: mit Hilfe des Paragrafen 148 der Gemeinsamen
Marktorganisation (GMO) nämlich. Die ist einer
der zentralen Bestandteile der gemeinsamen Agrarpolitik
der EU-Mitgliedstaaten. Besagter Paragraf
sieht vor, dass Rohmilchlieferungen nur und ausschließlich
aufgrund schriftlicher Verträge erfolgen
dürfen. Warum schreibt man genau darin nicht auch
die Preise fest, fragt sich die Junglandwirtin. Das
würde nicht gegen das Kartellrecht verstoßen.
Gleichzeitig könnten Faktoren wie Nachhaltigkeit
oder ökologische Kriterien als Grundlage des
Wettbewerbs gestärkt werden. Das Bundesministerium
für Ernährung und Landwirtschaft ist dran an
diesem Punkt und das findet sie gut. Ihre Hoffnung:
„Dass wir uns nicht wieder so aufbauschen müssen,
um gesehen und gehört zu werden.“

Auch dafür paukt sie an der Meisterschule: Um
sich auch bei all diesen Themen fit zu machen, um
mitreden zu können und zwar fundiert. Im Sommer
2026 wird sie beim Landwirtschaftsamt in Donaueschingen
jedenfalls ihre Meisterprüfung ablegen.

Wie es danach weitergeht? Anna weiß es noch
nicht genau. Möglich wäre, dass sie zunächst zusammen
mit ihrem Vater den Betrieb führt.

Sie und ihr Freund sind noch sehr jung. Aber
schon jetzt müsse sie sich überlegen, wie die Zukunft
des Betriebes und auch ihre persönliche einmal aussehen
wird – eine Bürde ist das allemal. Eines aber
hat Anna für sich schon so gut wie entschieden: Sie
will im Schwarzwald leben, den Schwarzhansenhof
am Leben erhalten. Und sie will dafür sorgen, dass
sich die Familie nach wie vor ihre Selbstständigkeit
bewahren kann. „Mir ist alles hier sehr wichtig, hier
bei uns alt werden, das wäre doch was Schönes,“
meint sie, lächelt und macht sich auf in Richtung
Weide, auf der am Hang gegenüber das Vieh der
Klausmanns grast. An einem Sommertag im Juli, so
wie es seit bald fünf Jahrhunderten üblich ist.

Stolz sind die Eltern, Brigitte und Markus
Klausmann: „Was Anna erreicht hat und mit welcher
Liebe sie ihr Tagwerk auf dem Hof der Familie verrichtet,
das freut uns ungemein! Es macht uns glücklich
zu sehen, dass das Lebenswerk der Großeltern
Anna und Helmut Klausmann und unseres eine so
freudige und glückliche Fortsetzung findet.“ Was,
fragt man sich, kann es für die zehnköpfige Großfamilie
im Linacher Schwarzhansenhof in heutigen
Zeiten Schöneres geben?

Schwarzhansenhof in Linach

BIOGRAFIE EINER EINSIEDELEI
IN NUSSBACH
DER GRIESGET-HOF – VOM
ZAUBER EINES PLATZES
VON SYLVIA GÜRTLER
BIOGRAFIE EINER EINSIEDELEI
IN NUSSBACH
DER GRIESGET-HOF – VOM
ZAUBER EINES PLATZES
VON SYLVIA GÜRTLER
86

Hofgeschichten

87

Sanft schlängelt sich das Sträßlein den bewaldeten Hang hinunter – es zieht sich. Ist
das überhaupt der richtige Weg? Geht es hier zum GriesgetHof?
Ein Hinweisschild
an einem Baum beruhigt, hier geht es entlang! Nach weiteren Kehren und dem
Passieren eines Bauernhofes zur Rechten leuchtet es golden zwischen den Zweigen
hervor: Die Wetterfahne der erst kürzlich geweihten Hofkapelle weist einem
zielsicher den Weg. Diesen „Weg“, mittlerweile eine komfortable Zufahrtsstraße gibt
es erst seit 1997 – zuvor mussten selbst der Pfarrer und der Doktor sommers wie
winters zu Fuß von Nußbach zum Griesget hinauf. Auf dem Parkplatz oberhalb der
vier Gebäude wartet Markus Hoch, der den GriesgetHof
zusammen mit seiner Frau
Maria 2019 erworben hat. Ein Gebäudeensemble an einem Platz, der vom bekannten
Dokumentarfilmer Hermann Schlenker und seiner Frau Anny mit ungeheurem
Einsatz zu einem Ort der Begegnung umfunktioniert wurde und seitdem Menschen
zur Einkehr, Weiterbildung und zum Feiern anlockt. Diesen Geist weiterleben zu
lassen, weiterhin Begegnungen zu ermöglichen, sich den Traum eines magischen
Ortes zu erfüllen, animierte Maria und Markus Hoch zum Kauf.

Der Rundgang beginnt am jüngsten Aushängeschild
des Ensembles, der kürzlich fertiggestellten und
geweihten Hofkapelle. Schön ist es geworden, dieses
kleine Gotteshaus: Durch eine großzügige Glastür
geht es ins Innere, wo schlichte Holzhocker zum
Verweilen einladen. Maria Hoch lässt einem den
sagenhaften Ausblick und die meditative Ruhe des
Inneren des kleinen Gotteshauses genießen.

Was dieses kleine Bauwerk so besonders macht,
ist die Architektur: Weit öffnet sich der Raum zur Natur
hin mit einer spektakulären Glasfront, anders als
in traditionellen Hofkapellen mit ihren eher kleinen
Fensteröffnungen. Nichts ist zu viel, kein unnötiger
Zierrat lenkt vom grandiosen Blick in die Natur, in
„Gottes Schöpfung“ ab. In der Ferne hinter dem Altar

Das Ehepaar Maria und Markus Hoch hat nach dem
Erwerb des GriesgetHofs
eine moderne Kapelle erbaut,
deren Nordseite aus Glas tolle Ausblicke in den Schwarzwald
ermöglicht.

Der GriesgetHof
– Vom Zauber eines Platzes

ist die Hornisgrinde auszumachen, der höchste Berg
des Nordschwarzwaldes.

Der Altartisch aus massiver Eiche betont die
Mittelachse. Darauf ein schlichter Kerzenleuchter
und eine Chagall-Bibel auf einem hölzernen Ständer.
Rechts thront eine klassische Marienstatue,
links, auf einer ebenso massiven Stele hat Judas
Thaddäus seinen Platz gefunden, der Schutzpatron
der „Hoffnungslosen“ und Namensgeber der Kapelle.
In der Mitte über dem Altartisch schwebt eine
prachtvoll gearbeitete Jesusdarstellung des Villinger
Bildhauers Christian Günter.

Auch die Glocke mit dem Villinger Narro auf dem
Dach der Kapelle ist eigens gefertigt. Sind die Hausherren
Maria und Markus Hoch etwa begeisterte
Fastnachter? Beide schmunzeln bei dieser Frage –
ein Villinger Narro und eine Alt-Villingerin geben
sich nicht so einfach zu erkennen …

Für das so gelungene Bauwerk verantwortlich
zeichnet der Unterkirnacher Architekt Dietmar
Helmstädter, der genau verstanden hat, worum es
dem Ehepaar Hoch ging: Einerseits der alten Tradition
zu folgen, dass ein jeder Hof auch eine Kapelle
brauche, andererseits wollte man das Licht bis in den
letzten Winkel hereinlassen. Ob Andacht, Einkehr,
Meditation oder den Bund der Ehe schließen, Ehegelübde
auffrischen, Trauerfeiern begehen – vieles
wird von den aufgeschlossenen Eheleuten ermöglicht.

„Das ist ein Ort der Begegnung“, so Maria Hoch,
die nahezu täglich vor Ort ist – morgens die Kapelle
aufschließt, mit den verschiedensten Menschen ins
Gespräch kommt und die so besondere Atmosphäre
genießt.

Mit Erzbischof Georg Gänswein weiht
ein Papst-Vertrauter die Kapelle
„Es ist immer ein Herzenswunsch gewesen“

Doch wie kommen die in Unterkirnach lebenden
Hochs dazu, ein Areal mit zwei Selbstversorgerhäusern,
einer Scheune, einem Fischteich und einem
Löschwasserteich umgeben von mehreren Hektar
Wald zu erwerben? Maria Hoch, examinierte
Krankenschwester aus Bensheim an der Bergstraße
stammend, erklärt: „Es ist immer ein Herzenswunsch
gewesen, ein so bezauberndes Domizil in herrlicher
Umgebung bewirtschaften zu können. Als ich im

Herbst 2019 das Entenhäusle für ein Wanderwochenende
mit Freunden bewohnte, erzählte die damalige
Pächterin von den Verkaufsabsichten.“

Professor Dr. Markus Hoch, einer alteingesessenen
Villinger Bäckerfamilie entstammend, ist
Studiendekan International Engineering sowie Professor
für Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen
an der Hochschule Furtwangen, Außenstelle
Schwenningen. Und ergänzt: „Konkreter wurde es
dann bei der Feier meines 60. Geburtstages in der
Tenne des Griesget-Hofes , da ist der Entschluss gereift,
tatsächlich in dieser Richtung tätig zu werden.
Als die Besitzer Hermann und Anny Schlenker das
Ensemble schließlich zum Kauf anboten, haben wir
gehandelt.“

Bei Hermann Schlenker, gebürtiger Schwenninger,
handelt es sich um einen der bekanntesten
Dokumentarfilmer der Welt. Seine Arbeit führte
ihn und seine Ehefrau Anny in über 75 Länder, nach
Island, Afghanistan, Mali, Tibet und nicht zuletzt
Papua-Neuguinea – um nur einige Forschungsziele
zu nennen. Die letzte Schaffensperiode der Eheleute
Schlenker galt der Heimat: In Zusammenarbeit mit
den Volkskundlern der Universität Freiburg entstand
eine Dokumentation dem versinkenden Brauchtum
und dem vergessenen Handwerk des Südschwarzwaldes
gewidmet. Hier kommen Glasbläser, Hinterglasmaler,
Schappelmacher, Schildmaler, Schnitzer
und Schindelmacher zu Wort.

Auf der Suche nach einem
„Wochenendhäuschen in Waldeinsamkeit“

Auf einer Wanderung ist der Filmemacher im Jahr
1975 auf dieses Kleinod gestoßen, zu dem nur ein
Fußweg hinführte. Zum damaligen Zeitpunkt noch
Junggeselle, wollte er sich den Traum eines
„Wochenendhäuschens in Waldeinsamkeit“ erfüllen,

Erzbischof Georg Gänswein bei der Weihe der Kapelle des
GriesgetHofs.
Es wurde ein Gottesdienst unter freiem
Himmel gefeiert, der Benediktussegen ausgesprochen,
das Wasser geweiht und mit ihm Boden, Wände und die
Heiligenfiguren des Kirchleins bespritzt (Foto unten).

Der GriesgetHof
– Vom Zauber eines Platzes

so Hermann Schlenker in seiner Autobiografie. Er
kommt mit den Bewohnern Elisabeth und Adolf
Fehrenbach ins Gespräch – die Faszination Griesget
nimmt ihren Lauf.

Wie sich diese zufällige Entdeckung weiter entwickelt,
davon legt ein von den Eheleuten Hoch sorgsam
gehütetes Fotoalbum der Schlenkers Zeugnis ab.
In diesem finden sich unzählige Fotografien
Hermann Schlenkers, die ursprünglichen Bewohner
des Griesget-Hofes zeigend: Adolf und Elisabeth,
genannt Liesel, Fehrenbach. Beschwerlich war das
Leben auf dem Hof, gab es doch nur besagten Fußweg
nach Nußbach hinunter. Liesel, im Griesget geboren,
war das mühsame, entbehrungsreiche Leben
gewohnt, war auf dem Schulweg den Unbilden des
Wetters, besonders in den damals noch wahrhaft
harten Wintern ausgesetzt. Nur wer die nötige Portion
Zähigkeit mitbrachte, konnte hier leben. Anrührend,
dass Liesels letzte verbliebene und geliebte
Kuh „Goldili“ ihre Stimme verstand und ihr wie ein
Hund folgte. Unter Tränen wurde sie verkauft.

Menschliche Gesellschaft gab es auf dem idyllisch
gelegenen Hof in einem stillen Seitental des
Landschaftsschutzgebietes Heidenstein-Lägerfelsen
eher selten. Wie bezeichnete Elisabeth Fehrenbach
doch verschmitzt ihre Beziehung zu den nächsten
Nachbarn? „Mit de Nochbere kunnt mer guet us,
wenn mer vo wiitem frindlig isch.“

Anrührend, dass Liesels
letzte verbliebene und
geliebte Kuh „Goldili“ ihre
Stimme verstand und ihr
wie ein Hund folgte. Unter
Tränen wurde sie verkauft.

Als die Mühen des Alltags zu groß wurden und
selbst der Pfarrer und der Doktor sich im Frühjahr
1976 einig waren: „Im nächsten Winter gehen wir
nicht mehr von Nußbach her zu Fuß da hinauf!“ – da
beschlossen Adolf und Elisabeth Fehrenbach, den
Hof an den Dokumentarfilmer Hermann Schlenker
zu übergeben. Weil, so Adolf Fehrenbach zu
Hermann Schlenker: „Du sollsch es kriaga, du bisch
d’r einzig wo’s au pflegt und a Freid dra het.“ Und somit
hatten rund ein Dutzend Kaufinteressenten das
Nachsehen.

Im Alter von 79 und 82 Jahren zogen die Fehrenbachs
schweren Herzens zu ihrer Tochter an den Bodensee.
Sie zögerten ihren Abschied vom geliebten
Hof so lange hinaus, dass sie es gerade noch vor dem
ersten Schneefall schafften. Besonders Liesel plagte
das Heimweh so sehr, dass es sie kurzfristig nicht
nur auf den kargen Griesget-Hof, sondern auch nach

Schwerer Abschied – für Elisabeth und Adolf Fehrenbach
geht das immer beschwerlichere Leben auf dem geliebten
GriesgetHof
im Spätherbst 1976 zu Ende: Mit Dackel
„Waldi“ ziehen sie an den Bodensee.

93

Von links oben: Der GriesgetHof
vor dem 1977 beginnenden
Umbau. Da eine Sanierung nicht möglich war, wurde
das Dach gestützt und darunter alles neu aufgebaut. Mit
einer Raupe baute sich Schlenker auch eine eigene Straße,
denn die gab es bis dahin zum Griesget nicht. Auch das
Kellergewölbe wurde originalgetreu neu aufgebaut.

Fotos rechte Seite unten: Tatkräftig unterstützt hat
Hermann Schlenker seine Ehefrau Anny Schlenker. Nach
der Fertigstellung war der GriesgetHof
eine beliebte
EventLocation
– auch für Porsche.

Nußbach zurückzog. Schließlich aber doch ihren Lebensabend
bei der Tochter am Bodensee verbrachte.

Gewaltige Anstrengungen beim Wiederaufbau

Voller Tatendrang ging Hermann Schlenker ans
Werk. Gemeinsam mit seiner Frau Anny wollte sich
Schlenker zunächst seinen Traum von einem
Wochenendhäuschen erfüllen. Kaum mit Renovierungsarbeiten
begonnen, erwies sich das Haus als
nicht „einfach“ zu renovieren – es musste großteils
abgerissen und der aus dem 18. Jahrhundert stammende
Wohnteil vollständig wieder aufgebaut
werden. Adolf Fehrenbachs optimistische Prognose:
„S’Dach wird au hebe, so lang i läb!“, bewahrheitete
sich leider nicht – gleich im ersten Winter sollte der
Firstbalken brechen.

Das alte Haus war nicht
unterkellert. 115 Sprengladungen
waren notwendig,
um bei bestehendem
Dach das Granitgestein im
Keller zu lösen.

Die Anstrengungen beim Wiederaufbau in den
70er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren gewaltig.
Hermann Schlenker in seinem Bau-Tagebuch: „Abriss
und Wiederaufbau war im Landschaftsschutzgebiet
nicht erlaubt, also musste das Dach stehen bleiben.
Die Fundamente wurden mit dem Kompressor tief
in die Felsen eingearbeitet. Das alte Haus war nicht
unterkellert. 115 Sprengladungen waren notwendig,
um bei bestehendem Dach das Granitgestein im Keller
zu lösen.“ Mehr als zwei Jahrzehnte nahmen die
Arbeiten in Anspruch. Dass es dadurch nicht mehr
„nur“ ein Wochenendhäuschen für private Zwecke
bleiben konnte, liegt auf der Hand, es wurde ein
Seminarhaus, das man für verschiedenste Anlässe
mieten konnte. Fischteiche wurden angelegt und in
der geräumigen Tenne Platz geschaffen für Seminare
und Familienfeiern aller Art.

Wo zuvor nur Liesel und Adolf Fehrenbach mit
Dackel „Waldi“, Kuh „Goldili“ und unzähligen Katzen
in Abgeschiedenheit lebten, gelegentlich unterbrochen
von Besuchen der Nachbarn, von Waldarbeitern
oder Jägern, kehrte im Zuge der Umbaumaßnahmen
von Anny und Hermann Schlenker rege Betriebsamkeit
in das stille Tal ein. Schwere Baumaschinen
rollten an, eine große Helferschar fand ihren Weg
zum Hof: Die Fahrstraße hinauf zum Hirzwald wurde
gebaut, eine hochmoderne Kläranlage in Betrieb
genommen – dazu kamen die umfangreichen Arbeiten
am Griesget-Hof selbst. Es war ein unglaublicher
Kraftakt erforderlich. Der Neubau des Entenhäusles
und die Gestaltung der Außenanlagen folgten.

Und wie die Bilder zeigen, wurde auch ausgiebig
gefeiert, getrunken und geschlemmt. Die Geburtstagsfeier
eines Freundes der Schlenkers im Griesget
war die Initialzündung für weitere gesellige Angebote.
Neben zahlreichen Helferfesten, Familienfeiern
waren es in der Folge Seminare und Teambuilding-
Aktivitäten namhafter Firmen wie Mercedes, Porsche
oder der Landesbausparkasse. Siebzehn Jahre war
Anny Schlenker für das leibliche Wohl der Gäste zuständig,
trug dadurch maßgeblich zur besonderen
Atmosphäre des Griesget-Hofes bei. Die Umsorgten
hochzufrieden und gerne wiederkommend. Der
Ideenreichtum und das Improvisationstalent Anny
Schlenkers war hier mehr als einmal gefordert.

„Romantischer Schwarzwaldhof“

Eine von den Eheleuten Schlenker und heute von
den Hochs gepflegte Webseite preist den Griesget-
Hof als einen „romantischen Schwarzwaldhof im
Grünen“ an. Man dürfe sich auf ein „gepflegtes
Landhaus mit 46 Betten nebst „Gewölbekeller“ und
„bestes Trinkwasser aus eigenen Quellen“ freuen.
Um besagte Quellen überhaupt erschließen zu können,
engagierten die Schlenkers einen Rutengänger:
den damaligen Furtwanger Totengräber.

Was mit Anny und Hermann Schlenker begonnen
hat, wird heute von Maria und Markus Hoch mit
großem Engagement weitergeführt: Die Gäste des
Griesget-Hofes dürfen auf angenehmen Komfort vertrauen.
Sie finden eine voll ausgestattete moderne
Gastroküche vor, einen Speiseraum, acht Bäder mit
Dusche und WC, den Gewölbekeller und eine großzügige
Tenne. Somit insgesamt betrachtet einen
anheimelnd-gemütlichen und für bis zu 100 Personen
geeigneten Veranstaltungsort.

Die Mühe lohnt sich, Gästen aus nah und fern
dieses schöne Fleckchen Erde für ein Wochenende
zur Verfügung zu stellen – gerne auch für einen
längeren Zeitraum. Und dieses Idyll somit nicht nur
für sich selbst zu beanspruchen. „Schauen Sie sich

um!“, bringt es Markus Hoch auf den Punkt. Und
ergänzt: „Bevor wir abends zurückfahren in unser
Zuhause, genießen wir die Ruhe und den Frieden
dieses Bilderbuch-Seitentales, schauen hinauf zum
Heidenstein und werfen dem Sternenhimmel einen
letzten Blick zu.“

Diesen Worten kann Maria Hoch nur zustimmen.
Sie ist es, die morgen erneut im Griesget nach dem
Rechten sieht, die Kapelle aufschließt und die munteren
Forellen im hinteren Teich beobachtet.

Weitere Informationen zum
Griesget-Hof finden sie im
Internet unter:

www.griesget-hof.de

Unten: Das Dachgeschoss des GriesgetHofs
eignet sich
für Feiern von bis zu 100 Personen.

Rechte Seite:
Der GriesgetHof
(links) und das Entenhäusle.
Unten: Blick in eines der gemütlichen Schlafzimmer.

96

97Der GriesgetHof
– Vom Zauber eines Platzes Der GriesgetHof
– Vom Zauber eines Platzes

LUKAS DUFFNER – MIT SICH UND
DER WELT IM REINEN

AUF DER OFENBANK
MIT DEM „ROTE BUR“

VON WILFRIED DOLD

Der Landwirt Lukas Duffner war Gemeinderat,
dienstältester Kreisrat im Schwarzwald-Baar
Kreis und ist eines der ältesten SPD Mitglieder in
Deutschland. Er war nahezu sein ganzes Leben
lang politisch aktiv und trat und tritt couragiert
für die Belange seines Berufsstandes ein. Im

95. Lebensjahr stehend, zeichnet er im Gespräch
auf der Ofenbank des Reinertonishofs den Weg
eines Obst- und Weinbauernsohnes aus Ettenheim
in den damals ungeheuer schneereichen Schwarz
wald bei Schönwald nach.
Hofgeschichten

99

„Ich bin z’friede.“ Der „Rote Bur“ schaut sich in der Bauernstube des
Reinertonishofes um und rät: „Reg dich net über Sache uf, die du eh nit ändere
kasch. Aber bis mutig, wo sich was mache lässt. Ich sag Dir, es gi’t Leut, die
hen ei’fach keinen Mumm!“ Lukas Duffner hat ein Leben lang „Mumm“ bewiesen.
Sein Parteifreund Willy Brandt würde ihm da zweifelsfrei zustimmen: Der
frühere Bundeskanzler hat den SPDler aus Schönwald einst als Berater in Sachen
Landwirtschaft spontan in Regierungskreise mitgenommen. Und geschätzt hat
er auch den Schinken, den ihm der „Rote Bur“ zu einem Wahlkampfauftritt in
Schwenningen oder anderswohin mitbrachte. Am 6. September 2024 feierte
Lukas Duffner an der Seite seiner Frau Marianne den 95. Geburtstag. Umgeben
von neun Kindern, 18 Enkelkindern und 14 UrEnkeln,
von denen zwei im Augenblick
in der Bauernstube mit der Katze spielen. Lukas Duffner steht mitten im
Leben. Ihn freut, dass er sich von seiner Großfamilie umsorgt weiß und so gut
wie alles noch machen kann, was er eben machen will – aber nicht mehr muss.
Mit seiner Ehefrau Marianne lebt er im Altenteil des Schneiderjockenhofes
in Schönwald, 400 Meter vom Museumsbauernhof Reinertoni entfernt, der
maßgeblich zur Existenz der Familie beiträgt.

Eine verbotene Jagd

Die Ofenbank-Gespräche führen in die Kindheit und
Jugend in Ettenheim zurück. Lukas Duffner wird dort
am 6. September 1929 als drittes Kind des Obst- und
Weinbauern sowie Blechners Anton Duffner und
seiner Frau Karoline geboren. Er wächst zur Zeit des
Dritten Reichs und somit im Zweiten Weltkrieg auf
Allein sein jugendliches Alter schützt ihn vor einem
Einsatz an der Front, an der sein 19 Jahre alter Bruder
kurz vor Kriegsende fällt. Der Vater ist zu Zwecken
der Kriegswirtschaft abgestellt.

Das letzte Aufbäumen von Nazi-Deutschland
erlebt der Ettenheimer 1944 als Mitglied der Hitlerjugend
im Elsass, dort ist der 15-Jährige dem
Jagdgeschwader Udet unterstellt. „Die hatten nicht
ein einziges Flugzeug mehr“, merkt er an. Vom
Kriegsende erfährt Lukas Duffner im April 1945 in
Triberg bei einer Schulung der Hitlerjugend. Die
Anweisungen sind klar: Jeder soll sich auf eigene
Faust in seine Heimat durchschlagen. Und tatsächlich
gelingt es Lukas Duffner, unbehelligt Ettenheim
zu erreichen. Er unterstützt jetzt wieder die Mutter

beim Obst- und Weinbau. Und jagt im Weinberg der
Familie trotz Verbot der Besatzungsmacht mit einem
automatischen Gewehr nach Wild. Dabei wird er von
französischen Soldaten „g‘schnappt“ und im Ettenheimer
Gymnasium eingesperrt.

Die vier Jahre ältere Schwester Antonia „haut den
Bruder schließlich raus“. Als Köchin versorgte sie zu
Kriegszeiten in einem Krankenhaus bei Lahr hochrangige
französische Gefangene an den Wachmannschaften
vorbei mit Sonderrationen. Das erzählt sie
den Soldaten, die ihren Bruder weggesperrt haben –
und erreicht seine Freilassung.

Kurz darauf jagt Lukas Duffner erneut im Weinberg
der Eltern, weil es der Familie ständig an
Nahrung fehlt. Prompt wird er wieder ertappt. Ihm
gelingt es, sich der Verhaftung mit einer Flucht
durch die Weinberge zu entziehen. Und weil er das
Gefängnis fürchtet, versucht der nunmehr 17-Jährige
per Zug in die amerikanische Zone zu entkommen.
Kurz vor Karlsruhe allerdings muss er die Eisenbahn
fluchtartig verlassen, entgeht mit viel Glück der
Verhaftung durch die französische Feldgendarmerie.

Lukas Duffner unterwegs mit seinem Unimog, der auch zur Schneeräumung eingesetzt wird. Es handelte sich um den ersten
Unimog im Großraum Schönwald überhaupt.

Ein „paar Wochen“ im Schwarzwald
verändern das gesamte Leben

Doch das Schicksal meint es gut mit ihm: Der Ettenheimer
lernt zwei Tage später einen Mann namens
Bonnert kennen, der ihn „für ein paar Wochen“ bei
sich in seiner Heimat Schonach aufnimmt. Für Lukas
Duffner verändern diese Wochen im Schwarzwald
das gesamte Leben: Er verliebt sich in Alma Dold
vom Schneiderjockenhof in Schönwald. Dort fehlt es
zudem an einem Sohn und damit am Nachfolger. Als
das junge Paar 1950 in der Triberger Wallfahrtskirche
heiratet, ist endgültig besiegelt, dass der einzig
verbliebene Sohn der Duffners nicht den elterlichen
Obst- und Weinbau in Ettenheim übernimmt, sondern
den seit 1756 im Familienbesitz befindlichen
Schneiderjockenhof. Somit bestimmen fortan Milchviehhaltung
und Waldwirtschaft den Alltag von Lukas
Duffner und seiner Frau Alma.

„Für mich war das ein völlig anderes Leben“,
blickt er zurück. Den milden Kaiserstuhl tauscht er
gegen den mit Schneemassen „gesegneten“ und
kalten Schwarzwald ein. Schaut unvermittelt auf

und meint: „Des kann ich Dir sage, Schnee gab es
in Schönwald und drum herum wie Sand am Meer!“
Der „Rote Bur“ verlässt die Ofenbank und setzt sich
schräg gegenüber in den Herrgottswinkel, weil es
dort bequemer ist. Lukas Duffner wäre nicht Lukas
Duffner, wenn sich mit den Schneemassen nicht ein
Geschäft machen ließe … In Schönwald wird zu dieser
Zeit noch mit Ross und Ochs gebahnt. Was aber,
wenn man den damals üblichen Spitzpflug vor einen
der neuartigen Unimogs spannt? Vor einen Unimog,
der sich das ganze Jahr über auch für den lukrativen
Transport von Gütern jeder Art einsetzen lässt?

Gesagt, getan: Lukas Duffner kauft den ersten
Unimog im Großraum Schönwald, beginnt mit dem
Gütertransport und übernimmt zudem die Schneeräumung.
Damit verdient er gutes Geld, wie er
unumwunden einräumt. Und er stellt den Schneiderjockenhof
von der wenig lukrativen Milchwirtschaft
auf Mutterkuhhaltung und damit auf Fleischzucht
um. Was Milchwirtschaft an harter Arbeit bedeutet
und wie wenig sie einbringt, erlebt er als Jungbauer:
Frühmorgens wird gemolken und mit dem Ochs im

Auf der Ofenbank mit dem „Rote Bur“

101

Auftrag der Milchgenossenschaft die Rohmilch in
Kannen durch Schönwald gefahren – verkauft wird
sie vom Fuhrwerk weg. Dann wird die Pasteurisierung
von Milch und Milchprodukten zur Vorschrift,
das Milchgeschäft verändert sich. Jetzt bringt er täglich
die Milchausbeute von Schönwald zum Pasteurisieren
nach Triberg, erst danach darf sie verkauft
werden.

Auf zur modernsten Landwirtschaftsausstellung
der Welt in London

Alle fünf Jahre findet in den 1950er-Jahren die größte
und modernste Landwirtschaftsausstellung der
Welt in London statt. Ein Landwirt aus Gutach, der
im Zweiten Weltkrieg in Kanada Kriegsgefangener
war, berichtet Lukas Duffner begeistert davon. Und
ebenso von den Vorzügen der in Kanada gehaltenen
Angus-Rinder. So fliegen die beiden nach London,
dort lässt sich Lukas Duffner von dieser speziellen
Rindersorte endgültig überzeugen, die bei bester
Fleischqualität zudem ohne fremde Hilfe ihre Kälber
zur Welt bringt.

Lukas Duffner kauft in Bayern einen Angus-
Bullen, der seine Mutterkühe besamt. Eine Entwicklung,
die den „boxbeinigen Schwarzwäldern“ in der
Heimat Schönwald so gar nicht gefällt. Sich aber
durchsetzt – bis zum heutigen Tag. Schon seit bald
sechs Jahrzehnten grast auf den Wiesen des Schneiderjockenhofs
im Schönwälder Schwarzenbachtal
eine stattliche Herde an Angus-Rindern. Die Familie
züchtet ihre Deutsch-Angusrinder bis heute mit
eigenem Deckbullen.

Wie der „Rote Bur“ zu seinem Namen kommt

Anfangs der 1960er-Jahre ärgert sich Lukas Duffner
darüber, wie übergeordnete Behörden mit seinem
Berufsstand umgehen und die Bauern im Schwarzwald
schlicht bevormunden. So kandidiert er 1965
auf der Liste der SPD für den Kreistag und wird auf
Anhieb gewählt. Im damaligen Landkreis Villingen
setzt er sich für seinen Berufsstand und den Straßenbau
engagiert ein, versteht sich als Anwalt der
Bürger und kämpft mit harten Bandagen.

Was Lukas Duffner besonders auszeichnet, ist
seine Fähigkeit, über sämtliche Parteigrenzen hinweg
Freundschaften und Allianzen zu schmieden.

An eine Fahrt nach Bonn
erinnert sich der „Rote Bur“
besonders: Willy Brandt
nimmt ihn sozusagen „vom
Bus weg“ als Berater in
Landwirtschaftsfragen zu
einer Kabinettssitzung mit.

Als sich 1973 der Schwarzwald-Baar-Kreis gründet,
freundet er sich u.a. mit dem Bad Dürrheimer
CDU-Bürgermeister Otto Weissenberger an. Und
Weissenberger tauft Lukas Duffner in Anspielung
auf dessen SPD-Mitgliedschaft aus einer Laune des
Augenblicks heraus spontan als „Roten Bur“. Der
Name bleibt und ist zur „Marke“ geworden.

Dabei ist Lukas Duffner anfangs ein SPD-Mitglied
„wider Willen“: Sein Vater war der Partei noch vor
dem Ersten Weltkrieg während einer vorübergehenden
Anstellung in Berlin beigetreten. Das Ungleichgewicht
bei der Bezahlung von Arbeitern ist ihm ein
Dorn im Auge. Als 1929 Sohn Lukas das Licht der
Welt erblickt, meldet ihn der Vater schon in jungen
Jahren als SPD-Mitglied an. Davon erfährt der „Rote
Bur“ allerdings erst, als er sich aus eigenem Antrieb
für die Sozialdemokratie einsetzt und Mitglied werden
will.

1966 gründet er den SPD-Ortsverein Schönwald.
Kurz darauf erweckt er bei einer Parteiveranstaltung
in München als streitbarer Landwirt das Interesse
des damaligen Außenministers und Vizekanzlers
Willy Brandt, die beiden machen sich bekannt und
tauschen sich politisch aus. Und wenn Lukas Duffner
mit Parteifreunden künftig im Bus zur SPD-Zentrale
nach Bonn fährt, sind Begegnungen mit Willy Brandt
wann immer möglich eingeplant. An eine Fahrt nach
Bonn erinnert sich der „Rote Bur“ besonders: Brandt
nimmt ihn sozusagen „vom Bus weg“ als Berater in
Landwirtschaftsfragen zu einer Kabinettssitzung mit.
Und als Willy Brandt bei einer Wahlveranstaltung in
Schwenningen spricht, vermacht ihm Lukas Duffner
einen Schwarzwälder Schinken aus Eigenproduktion.

Lukas Duffner schafft als erster Landwirt der Region für den Schneiderjockenhof Angusrinder an und züchtet sie. Großen
Erfolg hat er mit Kutschfahrten und Ponyreiten für Feriengäste. In seiner Brennstube beim Reinertonishof entsteht Hochprozentiges.

Sehr zur Freude des späteren Friedensnobelpreisträgers
und Bundeskanzlers.

Allein mit sieben Kindern

Lukas Duffner ist mittlerweile Gemeinderat von
Schönwald, sitzt im Kreistag des Schwarzwald-Baar-
Kreises und ist nicht zuletzt dank seiner Bekanntschaft
mit Willy Brandt auch in Parteikreisen kein
Unbekannter mehr. Damit empfiehlt er sich geradezu
für eine Kandidatur für den Landtag von Baden-
Württemberg. Doch jetzt schlägt erbarmungslos das
Schicksal zu: Seine Ehefrau Alma erkrankt schwer
und stirbt, Lukas Duffner bleibt mit sieben Kindern

zurück, von denen drei bereits volljährig sind und
die jüngste Tochter noch den Kindergarten besucht.
Unter diesen Vorzeichen ist ihm ein Einstieg in die
Landespolitik unmöglich.

Zwei Jahre ziehen ins Land, in denen es Lukas
Duffner dank der gemeinsamen Hilfe seiner Kinder
gelingt, das Leben der Familie zu stabilisieren. Bei
seinen vielen Aktivitäten unterstützt ihn seit seinem

17. Lebensjahr besonders sein Sohn Siegfried. Der
staatlich geprüfte Land- und Forstwirt hält ihm den
Rücken frei.
Dann lernt er mit Marianne Warden seine heutige
zweite Ehefrau kennen. Sie weilt mit ihrem kranken
Sohn in Schönwald zu einem Kuraufenthalt und geht

Auf der Ofenbank mit dem „Rote Bur“

103

mit ihm täglich zum Ponyreiten beim Schneiderjockenhof
von Lukas Duffner. Reiten auf großen und
kleinen Pferden (Ponys) sowie Kutschfahrten bieten
die Duffners auf dem Schneiderjockenhof bereits
seit den 1950er-Jahren an.

So nimmt das Schicksal seinen Lauf – doch
Marianne, die in Düsseldorf bei einem Ministerium
angestellt ist, macht es dem Landwirt aus Schönwald
nicht leicht: Von Düsseldorf ins bäuerliche Schönwald,
das ist ein großer Schritt! Wieder daheim in
Düsseldorf, erhält sie regelmäßig am Wochenende
Besuch von Lukas Duffner und die Entscheidung fällt
bald: 1979 wird geheiratet, beide haben sie es bis
zum heutigen Tage nicht bereut.

Der Reinertonishof steht in Flammen,
die Existenz ist vernichtet

Das Gespräch im neuen Reinertonishof kann ein
Thema nicht aussparen: In den Morgenstunden des

21. Januar 2006 brennt der 387 Jahre alte Reinertonishof,
der von zwei Jugendlichen aus der Nachbarschaft
angezündet wird. Die rund um den Hof
herum auch noch Bäume fällen, um der Feuerwehr
den Weg zur Brandstelle unmöglich zu machen.
Schließlich können immerhin die Tiere aus den Flammen
gerettet werden, das einzigartige Kulturdenkmal
und Ziel unzähliger Busreisen von Tagestouristen
allerdings ist vernichtet – und damit auch die
Existenzgrundlage der Familie Duffner.
Zur Vorgeschichte: Vom Schneiderjockenhof liegt
der „Reinertoni“ nur 400 Meter
entfernt – von dessen Verkauf erfährt
Lukas Duffner 1980 allerdings
aus der Frankfurter Zeitung …
Lukas und Marianne Duffner erwerben
den Hof, erkennen die
touristischen Möglichkeiten und
sanieren ihn bei großer Unterstützung
durch das Landesdenkmalamt
und des Schwarzwald-Baar-Kreises
mustergültig. Als Kulturdenkmal
von 1619 wird der Heidenhof mit
seiner über 400 Jahre alten Küche
in das Denkmalbuch Baden-Württemberg
eingetragen, er entwickelt
sich aus dem Stand zu einer viel
besuchten Attraktion.

Lukas und Marianne
Duffner kaufen 1980 den
Reinertonishof, erkennen
die touristischen Möglichkeiten
und sanieren ihn
mustergültig.

Glücklicherweise kommt es nach der Brandstiftung
im Jahr 2008 zum Neuaufbau des Reinertonishofes,
der im Oktober 2012 abgeschlossen ist. Der
Wiederaufbau ist allein den Söhnen und Enkeln,
besonders aber dem Zimmermeister Ludwig Duffner
und dem hauptverantwortlichen Hoferbauer
Siegfried Duffner mit der Architekten IB Schweizer
aus Blumberg zu verdanken. An seiner Seite weiß
Siegfried Duffner seine Ehefrau Ute, die Tochter der
zweiten Frau Marianne von Lukas Duffner. Beteiligt
sind alle Söhne und Enkelsöhne. Zu dieser Zeit befinden
sich einige von ihnen noch in der Ausbildung.
„Das war einmalig“, freuen sich Lukas Duffner und
Ehefrau Marianne. Wieder ist der Reinertonishof als
Museum und zusätzlich als Location für Veranstaltungen
wie Hochzeiten konzipiert. Er ist eine Außenstelle
des Standesamtes der Gemeinde Schönwald,
eine Überraschung des damaligen Bürgermeisters
Hans-Georg Schmidt zur Eröffnung.

Der neue Reinertonishof kann im Oktober 2012 in Betrieb genommen werden.

Oben: Der im Januar 2006 abgebrannte Reinertonishof mit den Besitzern Marianne und Lukas Duffner.
Unten: Den Wiederaufbau des Museumsbauernhofes ermöglichen die Kinder der Duffners im Rahmen eines großartigen
Arbeitseinsatzes. Die Großfamilie Duffner um Lukas und Marianne Duffner (sitzend) sowie Ute und Siegfried Duffner
(hinten Mitte stehend) hat gemeinsam den Reinertonishof in Schönwald aus Brandruinen zu neuem Leben erweckt. Links
Simon und Stefan, rechts MarkAnton
und Sebastian Duffner.

Landrat Sven Hinterseh (links) überreichte den Duffners
im Namen des Landkreises zur Eröffnung des neuen
Reinertonishofes ein gusseisernes Wappen des Großherzogtums
Baden.

Nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an
Lukas Duffner im Jahr 2008 in der Villa Reitzenstein wurde
gefeiert und das „Badnerlied“ intoniert. Am Klavier
Ministerpräsident Günther Oettinger, daneben Lukas
Duffner und MdL Karl Rombach (CDU).

Zur Eröffnung des neuen Museumsbauernhofes
„Reinertoni“ kommt viel Prominenz, darunter der
frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg
und damalige EU-Kommissar Günther Oettinger.
Und er stellt wie Landrat Sven Hinterseh fest: „Die
Duffners haben gemeinsam eine fürwahr ungeheure
Arbeitsleistung erbracht“.

Das „Badnerlied“ in der Villa Reitzenstein

Mit Günther Oettinger fühlt sich Lukas Duffner auch
in anderer Hinsicht verbunden. Als ihm der Ministerpräsident
im Jahr 2008 das Bundesverdienstkreuz
verleiht, zieht sich die große, eigens aus dem
Schwarzwald-Baar-Kreis angereiste Festgesellschaft
um Lukas Duffner nach dem offiziellen Teil des
Abends in den zweiten Stock der Villa Reitzenstein
zurück. Es wird „privat“: Günther Oettinger setzt sich
ans Klavier und stimmt zusammen mit Lukas Duffner
und seinen Gästen das „Badnerlied“ an. Der „Rote
Bur“ strahlt noch heute, wenn er diese Geschichte
zum Besten gibt.

Kurz überlegt er, lächelt spitzbübisch – dann
gibt Lukas Duffner auch die Geschichte vom Ski-
langlaufen mit Ministerpräsident Erwin Teufel zum
Besten. Der Ortenauer, der seiner Frau Alma zuliebe
als junger Mann im Schwarzwald das Skifahren erlernte,
ging bei der Eröffnung des Fernskiwanderweges
Schonach-Belchen mit weiteren Prominenten
gleichfalls an den Start. Darunter auch Erwin Teufel.
„Doch dem Erwin ging schon auf der Martinskapelle
die Puste aus“, lacht der „Rote Bur“. Und hängt hintendran:
„Ich bin natürlich durchgelaufen.“ Doch um
keine Zweifel aufkommen zu lassen: Mit Erwin Teufel
verbindet den „Roten Bur“ eine echte Freundschaft,
beide kennen und schätzen sich seit „einer Ewigkeit“.

So leicht wie früher geht ihm mit 95 Jahren
die Arbeit nicht mehr von der Hand

Nach wie vor ist Lukas Duffner nicht nur bei der
Arbeit in Schönwald, sondern auch in seinem
terrassenförmig angelegten Weinberg in Ettenheim
zu finden, wo Trauben für Müller-Thurgau und Ruländer
geerntet werden. Doch so leicht wie früher gehe
ihm die Arbeit dort nicht mehr von der Hand, das
Alter fordere eben seinen Tribut. In Schönwald sitzt
er gerne im Vesperhäusle Reinertoni, der Gaststätte

der Schwiegertochter Ute Duffner – erzählt die Geschichten
von früher und kommentiert die Tagespolitik
(„So schlecht ist der Scholz als Kanzler nicht…“).
Allein sitzt der „Rote Bur“ nie am Tisch, seine Nähe
wird wie eh und je gesucht.

Und er fährt Ehefrau Marianne und sich mit
dem Auto umher… obwohl ihm unlängst angeraten
wurde, den Führerschein besser zurückzugeben. Ein
Bagatell-Unfall auf einem Parkplatz löste bei einem
Polizisten Zweifel an der Fahrtauglichkeit aus und er
verlangte auf freiwilliger Basis deren Überprüfung.
Sowohl die Chefin des Gesundheitsamtes als auch
der Ohrenarzt und ein Fahrlehrer bescheinigen Lukas
Duffner dann, dass er mit seinen nunmehr 95 Jahren
geistig fit ist, gut hört und einwandfrei ein Auto
steuern kann. Was er bei gleich zwei Fahrstunden
unter Beweis stellte, wie er stolz anmerkt.

Beim Streifzug durch sein Leben kommt Lukas
Duffner immer wieder neu auf das Thema Bildung zu
sprechen. Er unterstreicht, welch große Bedeutung
die Schulstadt Furtwangen für die hervorragende
schulische und berufliche Ausbildung seiner Kinder
hatte. „Die haben dort alle viel gelernt“, freut er sich.

Gerade bei Kreistagssitzungen wird ihm als
„Volksschüler“ immer wieder neu bewusst, dass
wer über eine entsprechende Bildung verfügt, sich
politisch deutlich gewählter artikulieren kann. Aber
man muss sich halt zu helfen wissen – und ein wenig
Bauernschläue gehört dazu: So notiert er sich
die Fremdworte, die Kreistagskollegen bei ihren
Ansprachen benutzen. Zuhause schlägt er im Lexikon
nach, was dieser oder jener Ausdruck so alles bedeutet
… Und gebraucht die Formulierungen schließlich
auch selbst.

Das erzählt er mit größter Selbstverständlichkeit
– der „Rote Bur“ braucht sich nicht zu verstecken.
Der Rebell aus dem Schwarzenbach ist über
sämtliche Parteigrenzen hinweg geachtet: Dienstältester
Kreisrat im Schwarzwald-Baar-Kreis, Gemeinderat
und SPD-Vorsitzender in Schönwald, eines
der ältesten SPD-Mitglieder in Deutschland – und
unzählige Ehrungen. Von der SPD erhielt er die Willy
Brandt-Medaille, ist dort seit über 75 Jahren Mitglied.

Und es darf zuguterletzt die eine Frage nicht fehlen.
Die, was er von den jüngsten Bauernprotesten
hält? Da war der „Rote Bur“ nicht dabei – das ist
einerseits dem Alter geschuldet. Aber eben auch der
Tatsache, das einige die Proteste als ein Aufbegehren

Unsere Demokratie,
die müssen wir
entschieden verteidigen“,
hält Lukas Duffner
unmissverständlich fest.

gegen die Demokratie und die europäische Freundschaft
missbraucht hätten. Sein Zeigefinger stellt
sich ganz geschwind aufrecht, unterstreicht in seiner
Hab-Acht-Stellung die Worte, die folgen: „Unsere
Demokratie, die müssen wir entschieden verteidigen“,
hält der „Rote Bur“, hält Lukas Duffner unmissverständlich
fest.

Wer nun denkt, da spricht einer, der außer Schönwald
so gut wie nichts von unserer Welt gesehen
hat, der täuscht sich: Mit dem „Duffi-Fanclub“ war er
1994 beispielsweise in Lillehammer bei den Olympischen
Spielen dabei. Christoph Duffner gewann dort
mit Dieter Thoma, Jens Weißflog und Hansjörg Jäkle
die Goldmedaille im Teamskispringen. In Rom war
er, um den Papst zu treffen, badete im Toten Meer,
durchquerte mit der Transsibirischen Eisenbahn
Russland, besuchte Ungarn und Frankreich im Rahmen
von Partnerschaften und stand in Begleitung
eines Sohnes ebenso an der Chinesischen Mauer.

Bald drei Stunden auf der Ofenbank und dann im
Herrgottswinkel sitzend, um Erlebtes aus 95 Jahren
zu schildern – es kann dennoch nur ein Streifzug
durch ein ereignisreiches Leben sein. Lukas Duffner
zeigt sein verschmitztes Lächeln, schaut hinüber zur
Ofenbank und stellt fest: „Ich war immer am schaffe
– ich bin mit mir und der Welt im Reinen!“

Ob’s zum Abschied ein selbst gebranntes
Schnäpsle sein darf?

Weitere Beiträge über Lukas
Duffner und den Reinertonishof
finden Sie hier:

Auf der Ofenbank mit dem „Rote Bur“

Doldenhof in Rohrbach
DEN CHARME DER
VERGANGENHEIT MIT
LIEBE BEWAHRT
VON ROLAND SPRICH
Doldenhof in Rohrbach
DEN CHARME DER
VERGANGENHEIT MIT
LIEBE BEWAHRT
VON ROLAND SPRICH
108Hofgeschichten108

Der erstmals um 1200 erwähnte Doldenhof in Rohrbach bei Furtwangen –
1885 nach einem Brand neu aufgebaut – wurde durch Björn und Melanie
Linhard mit großer Liebe zum Detail aufwendig restauriert. Im Innern
scheint die Zeit seit 140 Jahren stehengeblieben zu sein. Mustergültig geriet
auch die Hofkapelle (links).

W
W
enn Björn und Melanie Linhard den Schlüssel
zu dem alten Bauernhaus umdrehen,
fühlen sie sich sofort in ein anderes
Jahrhundert zurückversetzt. Die abgenutzten
Dielenbretter in der Wohnstube knarzen, der alte
Kachelofen strahlt behagliche Wärme aus. Wie viele
Menschen mögen wohl im Laufe der vergangenen
140 Jahre über diesen Boden gelaufen, wie viele
Generationen an kalten Wintertagen und -nächten
auf der Ofenbank gesessen und sich gewärmt
haben? In der von der Wohnstube aus erreichbaren
Küche steht ein alter Herd auf rot-gelb gefliestem
Boden.

Die Stiegen zu den oberen Stockwerken knarzen
ebenfalls, die ganze Szenerie des Stiegenhauses
hat die Patina der Bauzeit. Und die beiden Schlafkammern
im Obergeschoss sehen aus, als ob sie
seit mindestens einem halben Jahrhundert niemand
mehr betreten hat. „Das sind die Kammern auch tatsächlich
nicht. Seit vor etwa 50 Jahren der damalige
Bewohner hier gestorben ist, wurden diese Zimmer
nicht mehr genutzt und es wurde nichts verändert“,
erzählt Björn Linhard. Der Vorbesitzer bewohnte nur
die unteren Räume des großen Anwesens. Lediglich
die Hofkatze hat hier uneingeschränktes Hausrecht
und stromert selbstbewusst durch die Räume. Sie

Die abgenutzten
Dielenbretter in der
Wohnstube knarzen, der
alte Kachelofen strahlt
behagliche Wärme aus.
Wie viele Menschen
mögen wohl an kalten
Wintertagen und nächten
auf der Ofenbank gesessen
und sich gewärmt haben?

ist vermutlich das einzige Lebewesen, das auf ihrer
Patrouille jeden Winkel des Hauses regelmäßig aufsucht.

Für die Linhards erfüllt sich 2013 ein Traum

Björn Linhard und seine Frau Melanie sind seit 2013
Besitzer des Doldenhofs, dem laut Ortschronik

Björn und Melanie Linhard im mit SchwarzwaldAntiquitäten
liebevoll ausgeschmückten Speicher des Doldenhofes.

Zur Geschichte des Doldenhofes

Der Doldenhof war einer der ersten Höfe, als um
1200 herum mit der Besiedelung Rohrbachs
begonnen wurde. Als Obergutlehenhof gehörte er,
wie viele andere, zum Klosterbesitz des Klosters in
St. Georgen. Später gehörte der Hof durch
Grundstückstausch über mehrere Jahrhunderte
zum Kloster St. Margarethen in Waldkirch.

Erster erwähnter Besitzer war Bartle Kaltenbach,
der den Hof um 1512 bewirtschaftete. Den Namen

fünften Hof im Obertal von Rohrbach, grob zwischen
St. Georgen und Schönenbach bei Furtwangen
gelegen. Und das kam so: Der Vorbesitzer Erwin
Scherzinger hatte keine Nachkommen. Er lebte mit
seiner Schwester, die vor längerer Zeit starb, allein
auf dem großen Hof. Da ihm die Bewirtschaftung
mit dem Alter zu viel wurde, suchte er nach einem
Nachfolger. Und so gab es 2010 zunächst Gespräche
mit den Linhards. „Meine Mutter war eine von vielen
Cousinen des Besitzers“, erklärt Björn Linhard. Man
wurde sich einig. Und für das junge Ehepaar erfüllte
sich ein Traum, als sie den Hof 2013 übernehmen
konnten.

Doldenhof erhielt der Hof erst später, nachdem der
Hof ab Ende des 17. Jahrhunderts von vielen Familien
des Namensgeschlechts Dold bewohnt und bewirt
schaftet wurde. 1874 kaufte Fortunat Kienzler aus
Gremmelsbach den Hof. Zu dieser Zeit wird er zu
sammen mit einem „Doldenhäusle“ auch in „Meyers
Orts- und Verkehrslexikon des deutschen Reichs“ er
wähnt. 1884 brannte der Hof komplett ab und wurde
ein Jahr später wieder aufgebaut (siehe Foto).

Zum Rohrbacher Doldenhof gehörten damals
mehr als 50 Hektar Land.

350 Festmeter heimisches Holz verarbeitet

Schon kurz darauf wurde begonnen, den Hof mit
Einverständnis des früheren Besitzers und dessen
tatkräftiger Unterstützung zu sanieren. In den
Folgejahren wurde das Gebäude quasi einmal „auf
links gedreht und aufwendig von außen saniert. Das
Dachgebälk musste teilweise erneuert werden, auch
das Mauerwerk, vor allem in Richtung Hang, erwies
sich als marode. Das Dach wurde neu eingedeckt.
Dabei sei den Bauherren immer wichtig gewesen,
den ursprünglichen Charakter des Gebäudes so gut
es ging zu erhalten. Auch das Fachwerk wurde
saniert, um den historischen Touch des Gebäudes zu

Doldenhof in Rohrbach

Der Doldenhof am Beginn seiner Sanierung.

unterstreichen. „Insgesamt haben wir 350 Festmeter
Holz, Fichte und Tanne aus heimischem Wald
verbaut“, zeigt Björn Linhard den Kraftakt auf. Vieles
davon haben die handwerklich begabten Linhards
selbst und mit Unterstützung aus der Familie
gemacht. „Aber wir hatten auch gute Handwerker an
der Hand.“

Im Hofinnern hat sich nichts verändert

Zehn Jahre sind seit Beginn der Restaurierungsarbeiten
vergangen. Heute ist der Doldenhof äußerlich
ein wahres Schmuckstück. Innen dagegen wartet das
Interieur noch geduldig darauf, aufgewertet zu
werden. Denn hier wurde nach dem Tod von Erwin
Scherzinger, der den Hof nach dem Tod seines Vaters
Adolf 1969 übernahm und der bis 2017 auf dem
Doldenhof lebte, so gut wie nichts verändert. Das
alte Sofa mit dem abgewetzten Stoff, auf dem der
Vorbesitzer noch regelmäßig seinen Mittagsschlaf
hielt, steht ebenso noch da, wie das Saba-Radio. An
der Hausfassade hängt ein Kruzifix. Der Korpus
stammt von einem alten Wegkreuz, das viele Jahre
an der Einfahrt zum Hof stand. Das Kreuz selbst war
verfault und wurde von den Linhards durch ein
neues ersetzt. Jetzt wacht der Herrgott am Kreuz
über das Anwesen.

Wenngleich der Doldenhof ein paar Jahrhunderte
auf dem Buckel hat und ein typischer Schwarzwaldhof
ist, so sieht er optisch nicht aus wie die „typischen“
Schwarzwaldhöfe mit heruntergezogenem
Walmdach. „Es war eine Zeit lang modern, solche
Dachformen zu bauen“, weiß Björn Linhard.

Früher wurde auf dem Hof auch Landwirtschaft
betrieben. Doch die ist schon lange aufgegeben, in
den alten Stallungen des Ökonomiegebäudes hat
sich Björn Linhard eine geräumige Werkstatt eingerichtet.

Mit der Innensanierung der Wohnräume haben
es die Linhards nicht eilig. Sie genießen den Charme
der Vergangenheit, der sich in der gesamten Einrichtung
widerspiegelt. „Wir haben derzeit keinen
Bedarf, groß etwas zu verändern. Die Räume haben
überall Stockhöhe von zwei Metern, was absolut unüblich
war für die damalige Zeit und der alte Charakter
ist für uns in Ordnung.“ Die Familie selbst wohnt
mit ihren beiden Kindern nicht nur hier, sondern
auch im etwa drei Kilometer entfernten Balzenhof.
So halten sie sich regelmäßig auf dem Hof auf und
genießen „das Leben in vergangenen Zeiten“.

Weshalb wollten die Linhards den Hof übernehmen?
„Ich liebe ja alles, was alt ist“, verrät der
Hausbesitzer. Und nimmt das sogleich als Stichwort,
um die steile Treppe ins Dachgeschoss zu gehen und
dort seine gesammelten Gegenstände zu zeigen. „Ich
sammle alles Alte aus dem Schwarzwald und aus
der Gegend, seit ich ein Kind war“, freut sich Björn
Linhard. Einrichtungen von Gasthäusern, die längst
nicht mehr existieren, finden in dem geräumigen
Speicher ebenso einen würdigen Platz wie altes
Handwerkszeug und Dinge, die man liebevoll auch
als „Kruscht und Krempel“ bezeichnen mag. Auch
in der großen Tenne lagern viele historische Gegenstände.

Rechte Seite:
Blick in die seit Jahrzehnten so gut wie unveränderte
Wohnstube samt ihrem Herrgottswinkel (u. links). Bis auf
einzelne Accessoires unverändert sind im Doldenhof auch
die Küche und das Schlafzimmer.

Die Hofkapelle samt Garten nach ihrer Restaurierung.

Alte Hofkapelle liebevoll restauriert

Das jüngste und bislang letzte Kapitel im historischen
Buch des Doldenhofs haben die Linhards mit
der Restaurierung der hofeigenen Kapelle aufgeschlagen.
1851 wurde die Kapelle, die direkt neben
dem Wohnhaus steht, als solche aufgegeben. Seither
hat das kleine Häuschen im Laufe der Jahrhunderte
häufig sein Gesicht und seinen Nutzen verändert.
Björn Linhard „juckte es in den Fingern“, das
Gebäude nach dem erfolgreichen Abschluss der
Arbeit am Doldenhof ebenfalls zu restaurieren.

Doch auch die frühere Kapelle stellte Linhard
vor eine Herausforderung. „Die Substanz war uralt“,
er erkannte das Potenzial und wollte das Bauwerk
zurück zu den Wurzeln entwickeln. Auch sollte so
gut es eben ging, alles Alte erhalten bleiben. Das
gestaltete sich dann doch nicht ganz einfach, aber
der handwerklich begabte Elektriker wusste sich
zu helfen. Über das bestehende Dach hat er einen
freitragenden Dachstuhl gesetzt, so ist der Kornspeicher
erhalten geblieben. Im Innern wurde der
kleine Raum wieder als Hofkapelle hergerichtet.
Eingerichtet mit kleinen Kirchenbänkchen und bestückt
mit allerlei sakralen Devotionalien, die der
Sammler in seinem Bestand hatte. Ein Kapellenturm
mit Glocke vervollständigt das Kirchlein. „Die Glocke
habe ich allerdings im Internet erstanden“, so der

Wir gehen regelmäßig zu
unserer Kapelle, um im
hektischen Alltagsleben
für einige Augenblicke
innezuhalten.

Bauherr. Sogar einen neu angelegten Kapellengarten
mit Brunnen gibt es, optisch angelehnt an die Gärten
großer Klöster.

„Die Kapelle wurde 2023 von unserem Pfarrer
geweiht“, erzählen Björn und Melanie Linhard stolz.
Und sie wird im Übrigen von der Familie des Öfteren
aufgesucht. „Wir gehen regelmäßig zu unserer Kapelle,
um im hektischen Alltagsleben für einige Augenblicke
innezuhalten. An Weihnachten haben wir
hier mit der Familie einige Zeit verbracht. Und eine
Maiandacht fand ebenfalls statt“, freut sich Melanie
Linhard.

Auch einen neuen Namen haben die Linhards
der Kapelle gegeben. „Die Kapelle ist dem Heiligen
Jakobus geweiht“, so Björn Linhard. Benannt nach einem
in der Hofchronik auftauchenden Jakob Löffler.
Er wurde nur 22 Jahre alt und starb der Überlieferung
nach durch einen tragischen Unfall, der sich genau
gegenüber des Hofes an einem Hang ereignete. „Wir
dachten, das wäre eine passende Gelegenheit, diesen
jungen Bauern zu ehren.“

Nach zehn Jahren harter, aber für die Besitzer
erfüllender Arbeit scheint die Restaurierung des
Doldenhofs abgeschlossen. Oder doch nicht? Wenn
man den Ideenreichtum und Arbeitswillen der Familie
Linhard kennt sowie ihre Liebe, Altes zu erhalten,
dann könnte das Anwesen noch so manch weitere
Veränderung erfahren.

Oben: Blick ins Innere der sorgsam restaurierten Kapelle.

Unten: Auch den Glockenturm hat Björn Linhard selbst
gebaut, der rechts auf das neue Dach der JakobusKapelle
gesetzt wird.

114

Doldenhof in Rohrbach

Das Schwenninger Familienunternehmen
beschäftigt über 600 Mitarbeitende

Kübler Group – Präsenz
auf allen fünf Kontinenten

Weltweit führender Hersteller von Industriekomponenten
zur Messung, Übertragung und Auswertung von
Daten und Signalen feiert sein 65jähriges
Bestehen

VON WILFRIED DOLD

4. Kapitel – Wirtschaft

Made by Kübler: Sensor zum Messen,
Schleifringe zum Übertragen und Zähler
zum Auswerten von Daten (v. links).

Unten: Das Kübler Stammhaus
in VS Schwenningen
an der Schubertstraße.

Fritz Kübler war „Zählermacher“, blicken die Söhne Gebhard Kübler und

Lothar Kübler auf die Anfänge des Unternehmens im Elternhaus in der

Schwenninger Hahnstraße zurück. Aber ein ganz besonderer, dessen Ideen
eines der größten Familienunternehmen im
SchwarzwaldBaarKreis
zu verdanken ist
und der als ein Vordenker der Automation
gilt. Mit der Konstruktion und dem Bau von
Kurzzeitmessgeräten und elektronischen
Zählern begründet Ingenieur Fritz Kübler
1960 eine Erfolgsgeschichte, die seine
Söhne in den 2000erJahren
global
ausweiten: Die Kübler Group mit Hauptsitz
in VSSchwenningen
umfasst heute zwölf
internationale Tochtergesellschaften. Sie
gilt bei der Entwicklung, Herstellung und
Vertrieb von Industriekomponenten zum
Messen, Übertragen und Auswerten von
Signalen und Daten als weltweit führender
Spezialist. Im Sommer 2024 beschäftigt
das Unternehmen über 600 Mitarbeitende
und erwirtschaftet 2023 einen Umsatz von
100 Mio. Euro. Die Kübler Group verfügt

über Fertigungsstandorte in Europa, Asien und den USA und unterhält

in 50 Ländern Vertretungen. Im Jahr 2025 feiert Kübler sein 65jähriges

Bestehen und will bis Anfang der 2030erJahre
mit neuen Technologien und

einer Vielzahl an Innovationen seinen Umsatz verdoppeln und dabei als

unabhängiges, stabiles Familienunternehmen bestehen bleiben.

Firmengründer Ingenieur Fritz Kübler.
(1922 2003)

 

Der Aufzug im Stammsitz Schwenningen befördert
Besucher und Mitarbeitende in die Produktion und
die Entwicklungsabteilung im ersten Stock. Die Geschäftsführenden
Gesellschafter Gebhard Kübler und
Lothar Kübler verweisen auf die im Innern verbaute
Technologie: Die dort zum Einsatz kommenden
Drehgeber und Schachtkopiersysteme von Kübler garantieren
hohe Zuverlässigkeit und einen optimalen
Fahrkomfort – sie sind weltweit in unzähligen Aufzügen
im Einsatz. Aufzüge zählen auch dank der Kübler-
Technologie zu den sichersten Transportmitteln
der Welt, über eine Milliarde Menschen vertrauen
tagtäglich dieser Technik. Allein für ein Mega-Wohnprojekt
in Singapur hat das Schwenninger Unternehmen
dieser Tage über 10.000 Systeme geliefert.

Die berührungslose Technologie von Kübler
hat entscheidende Vorteile: Bei konventionellen
Aufzugsanlagen ist allein schon das Positionieren
der Aufzugskabine mit hohem Aufwand verbunden –
und auch der Wartungsaufwand enorm. Gebhard
Kübler: „Für maximale Flexibilität, höhere Performance
und Kosteneinsparungen sorgt allein schon
unsere neue Generation an Schachtpositioniersystemen.
Diese sind zugleich ein klassisches Beispiel für
die Anforderungen der Industrie 4.0 und in der Lage,
in Echtzeit die Befindlichkeit des gesamten Systems
mitzuteilen. Sie reagieren in Millisekunden auf Befehle
und garantieren höchste Sicherheitsstandards.“

Aufzüge zählen dank der
KüblerTechnologie
zu den
sichersten Transportmitteln
der Welt, über eine Milliarde
Menschen vertrauen
tagtäglich dieser Technik.

Die Aufzugstechnik ist ein Beispiel von vielen für
die Anwendung von Kübler-Produkten. Sie kommen
beispielsweise in Abfüllanlagen, Kränen, bei der mobilen
Automation, in der Antriebstechnik und der Solar-,
Wind- oder Verpackungsindustrie zum Einsatz.
Lothar Kübler unterstreicht mit Blick auf das Knowhow
der Kübler Group: „Wir gehören zu den weltweit
führenden Spezialisten in der Positions- und Bewegungssensorik,
der funktionalen Sicherheitstechnik,
Zähl- und Prozess- sowie der Übertragungstechnik.“

Die Aufzugstechnik ist ein Beispiel von vielen für die
weltweite Anwendung von KüblerProdukten.

 

Links: Im Elternhaus in der Hahnstraße 8 gründet Fritz Kübler 1960 sein Unternehmen „Ing. Fritz Kübler Feingerätebau“.
Schon nach kurzer Zeit beschäftigt er hier zwölf Mitarbeitende. Rechts: Fritz und Erika Kübler heiraten 1967 und die
Ehefrau ist sich dessen bewusst, dass sie einen geschäftigen Unternehmer zum Ehemann haben wird, wie sie es später

ihren beiden Söhnen Gebhard und Lothar erzählt.

„Ing. Fritz Kübler Feingerätebau“ – gegründet
1960 im Elternhaus in Schwenningen

Der weltweite Erfolg der Kübler Group basiert auf
der Entwicklung eines Kurzzeitmessgerätes im Jahr
1960 durch Fritz Kübler. Es ist eine klassische Gründergeschichte,
von der Erika Kübler geb. Schlenker
in Erinnerung an ihren 2003 im Alter von 81 Jahren
verstorbenen Ehemann Fritz Kübler den Söhnen
Gebhard und Lothar oft erzählt. Sie lernt den damals
38 Jahre alten Unternehmer 1962 kennen – und gibt
ihre Tätigkeit bei der Stadt Schwenningen auf, um
ihn beim Aufbau des Unternehmens zu unterstützen.

Fritz Kübler kommt am 5. Oktober 1922 als zweites
von vier Kindern in Schwenningen zur Welt. Nach
dem Abitur musste er zunächst für vier Jahre in den
Zweiten Weltkrieg und ist in Tunesien als Fahrer
eines Offiziers im Einsatz. Seiner Familie erzählt er
immer wieder davon, wie viel Glück er hatte und
wie er Gott danke, dass er diese Zeit überlebte und
wieder nach Hause zurückkehren konnte. Nach

seiner Rückkehr absolviert Fritz Kübler eine Feinmechanikerlehre
an der Schwenninger Feinmechanik-
schule. Daran schließt sich ein Ingenieurstudium an der
Fachhochschule Esslingen an.

Am 1. April 1960 gründet der Konstrukteur im
Elternhaus in der Hahnstraße 8 das Unternehmen
„Ing. Fritz Kübler Feingerätebau“. Am 1. April 2025
kann die Kübler Group somit auf ihr 65-jähriges
Bestehen zurückblicken. Was folgt, ist eine beeindruckende
Gründergeschichte eines erfolgreichen
Familienunternehmens in Deutschland, die aus
unermüdlichem Fleiß besteht, gepaart mit technischer
Stärke, Mut und Innovationskraft. Im Keller
befindet sich die Fertigung und im Dachgeschoss
die Konstruktionsabteilung. Das Wohnzimmer dient
als Büro – in der Küche ist der Versand untergebracht,
den die Mutter Rosina managt. Die Firmeneinrichtung
wird mit bescheidenen Eigenmitteln
finanziert: Die Banken sind nicht bereit, dem Gründer
einen Kredit zu gewähren.

Mit Erfindungsreichtum und
Tüftlergeist gelingt es dem
Gründer innerhalb weniger
Jahre, aus einem EinMannUnternehmen
eine international
operierende Firma
aufzubauen.

Das erste Kurzzeitmessgerät überhaupt

wird vom Start weg ein weltweiter Erfolg

Die Idee hinter der Firmengründung ist bahnbrechend:
Fritz Kübler konstruiert und baut das
weltweit erste Kurzzeitmessgerät „KM1“ mit permanenter
Zeitanzeige, was die Steuerung und
Optimierung von Maschinen sowie Fertigungsprozessen
geradezu revolutioniert. Denn am Ende
einer Messung bleibt das Ergebnis dauerhaft
ablesbar stehen und die Anzeige springt nicht wie
bei den Konkurrenzprodukten einfach auf Null
zurück. Das Kübler-Gerät ermöglicht zudem exakte
Messungen im Millisekundenbereich und wird in
Laboratorien beispielsweise zur Ermittlung von
Relaisschaltzeiten eingesetzt. Seine Erfindung lässt
sich Fritz Kübler patentieren.

Bahnbrechende Neuheit: 1961 erfindet Ingenieur Fritz
Kübler das weltweit erste Kurzzeitmessgerät KM1, das am
Markt mit Begeisterung aufgenommen wird.

Modell des ersten KüblerMessestandes.

 

Obwohl das Unternehmen „Ing. Fritz Kübler Feingerätebau“
(noch) völlig unbekannt ist, entwickelt sich
das Produkt schnell zum Erfolg. Dazu arbeitet Fritz
Kübler quasi rund um die Uhr, erinnert sich seine damalige
Verlobte und spätere Ehefrau an die Jahre des
Aufbaus. An einem Freitag im Juli 1967 wird geheiratet,
Erika Kübler zu ihren Söhnen in Erinnerung an
die bewegten Gründerjahre: „Euer Vater nahm nach
der feierlichen Zeremonie noch am Kaffeetrinken
teil, dann ging es zurück in die Firma, damit die Mitarbeitenden
pünktlich ihren Lohn in Händen hielten.
Ich wusste von Anfang an, dass ich einen geschäftigen
Unternehmer zum Ehemann haben werde.“

Gebhard Kübler bekräftigt diese Worte der Mutter,
zumal er wie sein Bruder Lothar die Begeisterung
des Vaters teilt. Beide erfasst die Faszination
von Kübler ebenso, auch sie kennen Arbeitstage bis
in die Morgenstunden hinein.

„Mit Erfindungsreichtum und schwäbischem Tüftlergeist
gelang es dem Gründer innerhalb weniger
Jahre, aus einem Ein-Mann-Unternehmen eine international
operierende Firma aufzubauen. Seine stets
optimistische Grundhaltung, große Sparsamkeit und
Weitsicht trugen wesentlich zu diesem Erfolg bei“,
heißt es zu den Anfangserfolgen des Unternehmens
in einer Festschrift zum 50-jährigen Bestehen.

Schon kurze Zeit nach der Gründung beschäftigt
das Unternehmen „Ing. Fritz Kübler Feingerätebau“
bereits zwölf Mitarbeitende, die im Keller, Wohnzimmer,
der Küche und auf der Bühne des elterlichen
Hauses in der Hahnstraße tätig sind.

Einstieg in die Fertigung von Zählern

Die Meilensteine der Kübler-Historie veranschaulicht
ein mit Liebe zum Detail eingerichtetes Firmenmuseum.
Dort präsentieren Gebhard Kübler und sein
Bruder Lothar den ersten von ihrem Vater konstruierten
und gebauten elektromechanischen Zähler.
Die starke Nachfrage nach dem patentierten
Kurzzeitmessgerät macht es 1961 möglich, in die
Fertigung selbst entwickelter Zähler einzusteigen
und die dafür erforderlichen Maschinen zu beschaffen.
Und wieder stellt sich der Erfolg vom Start weg
ein, was die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Fritz
Kübler als Konstrukteur unterstreicht. Und ebenso sein
ausgeprägtes Gespür für die Bedürfnisse der Industrie.
Der Schwenninger Ingenieur ist zweifelsfrei ein
Vordenker der Automation, wie auch die kommenden
Jahrzehnte seiner unternehmerischen Tätigkeit unter
Beweis stellen werden.

Die sogenannte „E-10-Reihe“ stößt mit ihren
Impuls- und Vorwahlzählern in eine Marktlücke vor:
Die Zähler sind nicht nur kleiner und robuster, sondern
auch zuverlässiger als die Konkurrenzprodukte. Sie
lassen sich vielfach einsetzen, um verschiedenste
Prozessschritte mengenmäßig zu erfassen. Die
Kübler-Technologie ist dem Markt eindeutig voraus.

Der Erfolg der „E-10-Reihe“ erlaubt es, als ersten
Firmenwagen einen VW-Käfer anzuschaffen und im
Jahr 1964 den heutigen Kübler-Stammsitz an der
Schubertstraße zu planen und über zwei Jahre
hinweg zu bauen. Er wird in den folgenden Jahrzehnten
kontinuierlich erweitert. Nun nennt sich das
Unternehmen „Ing. Fritz Kübler, Zählerfabrik“.

Dank der aufkommenden Halbleitertechnologie
produziert Fritz Kübler in den frühen 1970er-Jahren
elektronische Varianten seiner Zähler. Jetzt sind
völlig neue Funktionen realisierbar, so Aufgaben zur
elektronischen Längenmessung. Diese Anwendung
findet Eingang in alle Maschinen, die etwas auf
Länge bearbeiten oder abschneiden müssen wie
beispielsweise Holzbearbeitungsmaschinen. Mit dem
„Kübler Elektronischer Zähler 1“ – kurz KE-1 – kann
im Vergleich zu den mechanischen Zählern eine
20-fach höhere Zählgeschwindigkeit realisiert
werden. Erstmals ist es möglich, auch rückwärts zu
zählen oder einfach und komfortabel eigene
Parameter einzustellen. Die K-Serie wird um Zähler
im Kleinformat ergänzt. Diese steuern beispielsweise
in Beatmungsgeräten lebenswichtige Funktionen

Der erste von Fritz Kübler konstruierte
elektromechanische Zähler aus dem Jahr 1961.

und kommen ebenso in Tanksäulen zum Einsatz. Als
Kübler 2009 das 50-jährige Bestehen feiert, verweist
man stolz darauf, dass die K-Serie mit über 30 Millionen
verkauften Geräten die bislang wohl erfolgreichste
Zählerserie auf dem Weltmarkt überhaupt sei.

Der Export beginnt früh

Fritz Kübler exportiert früh in die ganze Welt, in
den USA findet er 1966 in der Firma Kessler Ellis
Products einen vielversprechenden Partner. Corson
Ellis aus New Jersey und Fritz Kübler begründen eine
erfolgreiche Partnerschaft, obwohl der eine so gut
wie kein Wort deutsch und der andere nur wenig
Englisch sprechen kann … Aus der Partnerschaft entwickelt
sich eine lebenslange Freundschaft und auch
die Söhne lernen den ersten großen Handelspartner

Der Markterfolg der „E10Zählerreihe“
erlaubt es Fritz
Kübler mit einem VWKäfer
den ersten Firmenwagen
anzuschaffen.

des Unternehmens kennen, wie auch weitere internationale
Geschäftspartner des Vaters.

Das Gesprächsthema ruft Erinnerungen an die
Kindheit in der Fabrik der Eltern wach. Gebhard und
Lothar Kübler: „Unter der Woche verkauften wir an
die Mitarbeitenden Vesper, mit dem so verdienten
Geld bauten wir uns ein Gartenhaus und richteten es
ein – samt elektrischem Strom und einer Klingel. Dort
werden am Ende der 1970er- anfangs der 1980er-Jahre
ausländische Kübler-Besucher „bewirtet“ – so
auch Corson Ellis. Die Besucher hatten an der
Gartenhaus-Atmosphäre ihre Freude und besserten zum
Dank das Taschengeld der Kübler-Brüder auf.

Die Entwicklungsabteilung – das
Herzstück des Unternehmens

Die im Firmenmuseum ausgestellten Zähler der so
erfolgreichen K-Serie geben dem Gespräch über die
65-jährige Geschichte von Kübler den Impuls, sich
der generellen Entwicklung der Zählertechnologie
zuzuwenden, die weltweit untrennbar mit dem
Namen „Kübler“ verbunden ist. Der Geschäftsführende
Gesellschafter Lothar Kübler: „Der Erfolg, der
in Stückzahlen von zwei Millionen jährlich produzierten
Zähler der K-Serie führte zur Vergrößerung
der Entwicklungsabteilung und zur Erweiterung der
Produktion.“

Der Erfolg des Schwenninger Familienunterneh

mens ist enorm, der Erfindungsreichtum
von Fritz Kübler, gepaart mit einer
Fertigung in höchster Qualität, lässt die
Zahl der Mitarbeitenden am Beginn der
1990er-Jahre auf 100 steigen, mit denen
jährlich sieben Mio. Euro Umsatz erwirtschaftet
werden.

Der Einstieg in die Sensorik ist zu
dieser Zeit ein weiterer wegweisender
Impuls durch Firmengründer Fritz Kübler.
Ziel ist es, der Zählerlastigkeit der
Firmengruppe zu begegnen. Aus diesem
Grund nimmt Kübler die Entwicklung

Lothar und Gebhard Kübler zusammen
mit ihrem Vater Fritz Kübler. 1997 übergab
er die Geschäftsleitung im Alter von
75 Jahren an seine Söhne.

Die Zahl der Mitarbeitenden
steigt am Beginn der
1990erJahre
auf 100, mit
denen jährlich sieben Mio.
Euro Umsatz erwirtschaftet
werden.

und den Bau modularer Drehgeber auf. Ein Drehgeber
ist ein Sensor, der die Drehzahl oder Position
einer Welle oder eines Rotors misst. Diese Informationen
gibt er in Form von elektrischen Signalen

z.B. an Steuerungssysteme oder Roboter weiter.
Drehgeber spielen eine entscheidende Rolle in der
Präzisionssteuerung und sind in automatisierten
Systemen unverzichtbar.
Wie schon bei den Zählern gelingt es auch im Fall
der Drehgeber, deren Qualität deutlich zu verbessern
und diese optimal an Kundenwünsche anzupassen.
Als sich der Firmengründer im Alter von 75 Jahren im
Jahr 1997 aus dem operativen Geschäft zurückzieht,
übernehmen seine beiden Söhne, der Wirtschaftsingenieur
Gebhard Kübler und Lothar Kübler, Ingenieur der
Feinwerktechnik, als Geschäftsführende Gesellschafter
die Unternehmensleitung. Mit Vehemenz treiben sie

das weltweit wachsende Geschäftsfeld der Sensorik
weiter voran. Es war eine in der Tat wegweisende
Entscheidung, in diese Produktsparte einzusteigen.

Mit Gebhard Kübler und Lothar Kübler
übernimmt die zweite Generation das Steuer

Auf ihre Aufgabe als Geschäftsführende Gesellschafter
hatten sich die Söhne mit Akribie vorbereitet.
Nach dem Schulabschluss beginnen sowohl Gebhard
als auch Lothar Kübler mit ihrem jeweiligen Studium.

Gebhard Kübler studiert Wirtschaftsingenieurwesen.
Nach einigen Stationen bei anderen Unternehmen
steigt er 1996 als Assistent der Geschäftsleitung
bei der Kübler GmbH ein. Lothar Kübler studiert
Feinwerktechnik und setzt einen MBA (Master of
Business Administration) darauf. Er übernimmt bei
seinem Eintritt ins väterliche Unternehmen im Jahr
1996 die Leitung der Exportabteilung.

Mit dem Unternehmen sind die beiden von
Kindesbeinen an vertraut. Wie es bei mittelständischen
Familienunternehmen des Öfteren der Fall ist,

Die Kübler Group ist ein Familienunternehmen
wie es im Buche steht.
Zu sehen sind v. links nach rechts: Nadja
Kübler, Josefin Kübler, Geschäftsführender
Gesellschafter Gebhard Kübler, Geschäftsführender
Gesellschafter Lothar Kübler,
Konstantin Kübler, Ferdinand Kübler, Erika
Kübler (Ehefrau des Firmengründers), Silke
Leffler, Viktoria Kübler und Leonhardt Kübler.

wohnten die Küblers lange Zeit auch in ihrer Fabrik.
Gebhard Kübler schaut zur Decke empor und erklärt:
„Wir befinden uns hier im Augenblick in der früheren
alten Fabrik. Im dritten Stock oben haben wir bis ins
Jugendalter auch gewohnt: Unsere heute 93-jährige
Mutter Erika, unser 2003 verstorbener Vater Fritz
und wir, die Söhne.“ Die beiden Brüder sind sozusagen
mitten in der Fabrik aufgewachsen, die sie als
interessante, einzigartige Spielwiese empfinden.
Zumal am Wochenende, wenn die Arbeit ruht und sie
in der weitläufigen Produktion umhertoben können.

Blick in die hochmoderne Produktion bei Kübler mit den
selbst entwickelten Fertigungsinseln.

Die Fabrik der Eltern ist im Leben der Söhne wie
selbstverständlich stets präsent, so Lothar Kübler. Er
und sein Bruder begleiten den Vater bei Geschäftsessen
– ebenso zu Industriemessen und auf Geschäftsreisen
nach Asien. „Wir fanden das toll, so
wurde unser Interesse am elterlichen Unternehmen
geweckt“, unterstreichen die Geschäftsführenden
Gesellschafter.

Gebhard Kübler und Lothar Kübler entwickeln
nach dem Einstieg in die Geschäftsführung eine Produkt-
Präsentation, die den Kunden die Möglichkeiten
aufzeigt, wie sie Kübler-Erzeugnisse optimal für ihre
spezifischen Belange einsetzen können. So gelingt
es, den Exporterfolg der Drehgeber entscheidend zu
verbessern – für Kübler in den USA große Kunden zu
akquirieren.

Lothar Kübler zeichnet im Unternehmen aktuell
für die Bereiche Produktentwicklung, Personalmanagement,
IT, Finanzwesen und Einkauf verantwortlich.
Gebhard Kübler ist für Produktion, Quali

tätsmanagement, Lean & Kaizen, Produktmanagement
und -strategie sowie Business Development
Projekte zuständig. Mit in der Geschäftsführung ist
seit dem Jahr 2019 Martin Huth als Fremdgeschäftsführer,
er verantwortet die Bereiche Vertrieb und
Marketing.

Produktion von Schleifringen – Eröffnung
einer Tochtergesellschaft in Indien

Der Einstieg in den Bereich der Sensorik beflügelt
den Umsatz von Kübler, ebenso ab 2007 die eigene
Fertigung von Schleifringen. Dazu beteiligt sich
Kübler mehrheitlich an einem bewährten Lieferanten.
Ein Schleifring ermöglicht es, elektrische Energie
oder Signale von einem stationären Teil eines
Systems zu einem rotierenden Teil zu übertragen.
Schleifringe werden vor allem dort eingesetzt, wo
im Maschinenbau Rotationsbewegungen stattfinden
und gleichzeitig elektrische Verbindungen aufrechterhalten
werden müssen.

Einen weiteren Wachstumsimpuls erfährt Kübler
durch die Gründung von „Kübler Automation India

Pvt Ltd“ im Jahr 2007 in Pune, Bundesstaat Maharashtra.
Die 100%ige Tochtergesellschaft in Indien
wird unter Federführung von Gebhard Kübler zu
einer hochmodernen Produktionsstätte ausgebaut.
Kübler fertigt dort zum Beispiel seine sehr erfolgreichen
Drehgeber aus der Sendix-Familie und viele anderen
Produkte für den indischen und chinesischen
Markt, aber auch für die gesamte Firmengruppe. Im
Jahr 2022 erfolgt die Erweiterung der Fertigungs-
und Montagefläche um 2.000 Quadratmeter.

Die Eigner Gebhard und Lothar Kübler sowie
Martin Huth betonen, dass die Erweiterung die Bedeutung
des indischen Produktionsstandortes innerhalb
der globalen Produktionsstrategie der Kübler
Group unterstreiche.

Kübler heute – Im ständigen Dialog mit
den Kunden Innovationen vorantreiben

Vom Firmenmuseum aus führt der Weg in die Gegenwart
der Kübler-Erfolgsgeschichte: zum Rundgang
durch die Produktion mit ihren selbst konzipierten
Fertigungsinseln und in die Entwicklungsabteilung.

Rund 15 Prozent der deutschen Mitarbeitenden
sind in Forschung und Entwicklung beschäftigt, die
Kübler am Stammsitz Villingen-Schwenningen, im
bayerischen Otterfing (Schleifringe) und seit einigen
Jahren auch in Berlin und in Indien betreibt.

Die Produktwelt des Schwenninger Unternehmens
zu beschreiben, kommt einem Streifzug durch
die Welt der Automatisierung, der Positions- und
Bewegungssensorik sowie der Zähl-, Prozess- und
Übertragungstechnik gleich. Kübler steht auf den
drei technologischen Säulen Drehgeber, Übertragungstechnik
und Anzeigen. Produziert wird an
insgesamt zwei Standorten in Deutschland, im indischen
Pune und in Charlotte, North Carolina (USA).

Das heutige Produktportfolio ist einem wahren
Innovationsmarathon zu verdanken: Für den Bereich
der Messung entwickelt und produziert das Schwenninger
Unternehmen u.a. Drehgeber, Motor-Feedback-
Systeme, lineare Messtechnik, Schachtkopiersysteme
für Fahrstühle oder Neigungssensoren.
Zur Übertragung von Daten kommen Schleifringe,
Signalwandler sowie Kabel und Steckverbinder zum
Einsatz. Die Auswertung der übertragenen Signale

folgt u.a. mit Zählern und Tachometern, Prozesssteuergeräten
oder Drehzahlwächtern.

Innovator der gesamten Branche

Die Kübler Group gilt als Innovator der gesamten
Branche – es gelingt den Spezialisten für Automatisierung
aufgrund des eigenen Know-hows und des
intensiven Dialogs mit weltweiten Kunden immer
wieder neu technische Grenzen zu verschieben.
Gebhard Kübler: „Wir möchten die Anwendung des
Kunden immer verstehen. Nur so können wir die
richtigen Produkte und Lösungen anbieten – daraus
entstehen maßgeschneiderte Zukunftsprojekte.“ Das
Management fordere und fördere seit jeher Technologiegespräche
mit Leitkunden und treibe so in
deren Branchen und im eigenen Unternehmen Innovationen
voran. „Es zeigt sich dabei, dass die Anforderungen
immer noch digitaler werden“, beschreibt
Gebhard Kübler den nach wie vor starken Trend hin
zur Sensorik und Ethernet-Übertragung. „Mensch
und Maschine rücken näher zusammen“, so der Geschäftsführende
Gesellschafter.

In der Geschäftsentwicklung widerspiegelt sich
der Erfolg auf dem Weltmarkt vielfach: So durchbricht
das Unternehmen im Jahr 2023 erstmals die
Umsatzmarke von 100 Mio. Euro. Die Geschäftsführenden
Gesellschafter Gebhard Kübler und
Lothar Kübler zeigen sich überzeugt, bis Anfang
der 2030er-Jahre mit neuen Technologien und einer
Vielzahl an Innovationen den Umsatz verdoppeln zu
können und dabei als finanziell unabhängiges, stabiles
Familienunternehmen bestehen zu bleiben.

Die Zukunft von Kübler ist durch hohe Investitionen
in Entwicklung, Technologie sowie IT und
Software geprägt. Nur so lasse sich die Basis für Stabilität
und ertragreiches Wachstum stärken, erklärt
Lothar Kübler. Größere Investitionen in Werkserweiterungen
im In- und Ausland sowie in die Logistik sind
in Vorbereitung. Auch der Vertrieb soll weiter wachsen,
sowohl in puncto Branchen als auch Regionen.

Eine Gefahr sehen die Geschäftsführenden
Gesellschafter darin, dass Deutschland vielfach träge
geworden sei. Die starke Bürokratie, die hohen Energiekosten,
der Mangel an qualifizierten Mitarbeitenden
sowie die fragwürdigen Einstellungen zur Arbeit
wie eine Vier-Tage-Woche würden manche Investoren
aus dem Ausland abschrecken, hierzulande zu

Es zeigt sich, dass die
Anforderungen immer
digitaler werden, beschreibt
Gebhard Kübler den nach
wie vor starken Trend hin zur
Sensorik und EthernetÜbertragung.

investieren oder zu bleiben. „Das Modernste kommt
vielfach nicht mehr aus Deutschland, es gilt aufzuholen“,
so die beiden Unternehmer.

Für Kübler selbst sehen die Inhaber wegen der
hohen Internationalität und einer guten Firmenkultur
dennoch gute Aussichten. „Wir verändern uns
ständig“, das sei sehr wichtig und Voraussetzung.
Die Schwierigkeiten der deutschen Industrie wolle
man mit Geschäften im Ausland kompensieren.
„Wir haben einen Exportanteil von rund 75 Prozent“,
erklären die beiden Inhaber stolz.

Die Ziele der künftigen Geschäftspolitik sind klar
definiert, die Geschäftsführenden Gesellschafter:
„Wir wollen uns nicht nur an die neue, stark veränderte
Welt anpassen, sondern vorauseilen und
Strukturen und Organisationsformen so verändern,
dass wir nicht nur hohe technologische Standards
entwickeln, sondern unsere Ohren und Augen
noch viel weiter öffnen für Kundenbedürfnisse und
(Mega-)Trends der Zukunft“. So ein Megatrend ist die
Künstliche Intelligenz. Es sei die Idee da, Sensoren
über Deep Learning in die Lage zu versetzen, Produktions-
und Geschäftsprozesse noch effektiver zu
steuern. Hier stehe man aber ganz am Anfang.

Radarsensoren und Drehgeber mit
Cyber Security entwickelt

Insgesamt verzeichnet Kübler immer anspruchsvollere
neue Messaufgaben der Kunden. Daraus
entstand u.a. eine neue Baureihe leistungsstarker
Radarsensoren. Und Kübler-Kunden im Maschinenbau
verlangten mehr Sicherheit für sogenannte

Als Innovator und Marktführer der gesamten Branche fertigt Kübler selbst entwickelte Industriekomponenten zum
Messen, Übertragen und Auswerten von Signalen und Daten auf höchstem Niveau. Von ob. links: Einblicke in die
Entwicklung und Herstellung von Drehgebern.

Safety Ethernet Drehgeber. So brachte Kübler den
ersten Drehgeber mit Cyber Security auf den Markt,
was mehr Sicherheit z.B. für Produktionsanlagen vor
Cyber-Kriminalität bedeutet.

Die hohe Kompetenz und die unbedingte Ausrichtung
auf Innovation des Unternehmens findet
ihren Widerhall in einer ganzen Reihe von Auszeichnungen.
Laut einer Umfrage der Zeitschrift
„Wirtschaftswoche“ gehört Kübler seit Jahren zu den
100 innovativsten mittelständischen Unternehmen
in Deutschland. Weitere mehrfache Auszeichnungen
wie „Top Innovator“ oder „TOP JOB Arbeitgeber“
kommen hinzu. „Die Auszeichnungen sind eine Bestätigung
unserer Firmenkultur, unserer Werte und
unserer darauf basierenden Strategie“, freuen sich
die Geschäftsführenden Gesellschafter.

Damit sich dieses Rad der Innovation beständig
weiterdreht, dazu braucht es qualifizierte Mitarbeitende.
Und diese zu finden sei in allen Bereichen

Kübler verfügt über modernste Fertigungsanlagen,
sogenannte Produktionsinseln. Diese sind selbst
entwickelt und hergestellt.

schwer geworden, auch bei der Ausbildung. Der
Kübler Group sei wichtig, Mitarbeitende für sich
zu gewinnen, die an Technologie und Kundenfokus
interessiert sind. Man habe vor diesem Hintergrund
zudem die Aktion „Mitarbeitende finden Mitarbeitende“
ins Leben gerufen.

Weiteres Wachstum in Schwenningen

Auf die Frage, wo in Zukunft investiert werde, verweist
die Geschäftsführung auf geplante Erweiterungen
am Stammsitz Schwenningen. „Die Pläne liegen
bereit, im Moment warten wir die konjunkturelle
Entwicklung ab“, so die Geschäftsführung. Auch

Investitionen in Indien sind in Planung, um die Stellung
als Marktführer weiter zu untermauern. Vom
Ein-Mann-Unternehmen des Ingenieurs Fritz Kübler
zum Global Player der Branche: Zehn internationale
Tochterunternehmen, zwei Produktionswerke in
Deutschland, eines in Indien sowie den USA – Distributoren
und Vertretungen in über 50 Ländern sowie
ein Engineering Solution Center in Berlin unterstreichen,
dass die Kübler Group wettbewerbsfähig
positioniert ist! „Mit dem Kunden die Zukunft entwickeln
– digitaler, technologischer, nachhaltiger! Mit
unseren starken, schnellen Teams können wir das“,
sind die Geschäftsführenden Gesellschafter und Eigner
des Familienunternehmens Gebhard und Lothar
Kübler mehr als überzeugt. Und daran zu arbeiten,
erfordert Veränderungen jeden Tag.

Soziales Engagement beinhaltet auch
Unterstützung der Vesperkirche

Die Kübler Group engagiert sich auch über den eigenen
unternehmerischen Fokus hinaus, setzt sich
für gute Zwecke ein: Seit mehreren Jahren werden
soziale sowie sportliche Projekte und Organisationen
unterstützt – auch eine namhafte Ukraine-Hilfe wurde
beispielsweise gewährt. Kübler fördert den ProKids-
Treff im Schwenninger Jugendhaus, der junge
Familien und Kinder unterstützt. Ebenso das Kinderzentrum
Ümüt-Nadjeschda e.V., das sich in Kirgistan

Vielfach ist Kübler auch beim Sponsoring aktiv, seit
langem unterstützt das Familienunternehmen die
Schwenninger Vesperkirche, die auf dem Bild oben die
Söhne Gebhard und Lothar zusammen mit ihrer Mutter
Erika Kübler besuchen.

um Kinder kümmert, die aufgrund von Behinderungen
völlig isoliert von der Gesellschaft leben.

Eine Herzensangelegenheit ist der Inhaberfamilie
weiter die Vesperkirche in Schwenningen mit dem
Motto „Gemeinsam an einen Tisch“. Bei etwa 300 Essen
und Gästen pro Tag sind es über 29 Tage hinweg
knapp 9.000 Essensportionen, die Jahr für Jahr in liebevoller
Atmosphäre durch ehrenamtliche Helferinnen
und Helfer an den Tischen serviert werden. Auch
dank des Engagements von Kübler ist das möglich.

Und last but not least sponsert das Schwenninger
Familienunternehmen die Blackforest-Panthers,
Kübler hielt dem Basketball in guten und schlechten
Zeiten stets die Treue. Als Hauptsponsor nunmehr
schon im 11. Jahr. Das Engagement ist somit vielgestaltig,
dahinter steht die Überzeugung, dass Unternehmer
zu sein auch verpflichtet, über die Schaffung
von Arbeitsplätzen hinaus seiner sozialen Verantwortung
nachzukommen. Die Brüder Gebhard und
Lothar Kübler: „Zu allen Projekten pflegen wir auch
persönliche Beziehungen. So können wir sehen, was
mit dem Geld geschieht, das wir spenden.“

Jägerbataillon 292
in Donaueschingen
VON BERNHARD LUTZ
Jägerbataillon 292
in Donaueschingen
VON BERNHARD LUTZ
Wirtschaft
Bei der Verabschiedung von Soldaten in den
Auslandseinsatz. Diese findet traditionell im
Schlossgarten des Schlosses Fürstenberg in
Donaueschingen statt.
132

Mit den Standorten Donaueschingen und Stetten
am Kalten Markt und seinen rund 900 Soldatinnen
und Soldaten gehört das Jägerbataillon 292 zu den
großen Arbeitgebern im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Das Jägerbatallion 292 gehört zu den Kampf
truppen und ist speziell für den Einsatz in urbanem,
stark bewaldetem Gelände sowie für den Jagd
kampf ausgebildet. Zusammen mit den Gebirgs
und Fallschirmjägern bildet es die Infanterie. Die
Jägertruppe erfüllt alle grundlegenden Aufgaben
der Infanterie und unterstützt andere Infanterie
einheiten bei speziellen Aufgaben. Aufgrund ihrer
leichten Ausrüstung sind die Soldatinnen und
Soldaten des Bataillons in der Lage, mit Fahrzeu
gen, Transporthubschraubern oder Schlauchbooten

nahezu jedes Einsatzgebiet zu erreichen. Im Einsatz
agieren die Jäger überwiegend zu Fuß und werden
durch die Bordwaffen ihrer Gefechtsfahrzeuge
unterstützt.

Das Jägerbataillon 292 entstand aus der Fusion
des Jägerbataillons 552 und des Panzergrenadier
bataillons 292. Die 1. bis 4. Kompanie sind in
Donaueschingen stationiert, während die 5. Kompa
nie ihren Standort in Stetten am kalten Markt hat.
Seit März 2022 wird das Jägerbataillon 292 von
Oberstleutnant Timo Elbertzhagen geführt.

D
D
en Weg nach Litauen kann Oberleutnant
Kevin Lahr, Presseoffizier des Jägerbataillons
292, aus dem Stegreif schildern. Vom Verladebahnhof
im badischen Villingen führt der Weg mit
der Bahn in die Oberlausitz bei Görlitz, von dort
starten die Fahrzeuge per Landmarsch über Breslau
in den Raum Oppeln und von dort Richtung Warschau,
nach Bialystok und über die strategisch
wichtige Suwalki-Lücke zum Truppenübungsplatz
Pabrade in Litauen. Insgesamt mehr als 1.800 Kilometer
in vier Tagen.
Litauen ist nur einer von zahlreichen Einsatz- und
Übungsorten des Jägerbataillons 292 Donaueschingen.
Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine
und weiteren möglichen kriegerischen Szenarien von
Präsident Wladimir Putin Richtung Westen kommt der
Sicherung der baltischen Staaten besondere Bedeutung
zu. Dies drückte sich auch durch den Besuch von
Bundeskanzler Olaf Scholz beim Jägerbataillon 292
während der Übung „Grand Quadriga“ im Frühjahr
2024 in Litauen aus. Der Kanzler konnte sich von der
Schlagkraft und Einsatzfähigkeit der Donaueschinger

„Jäger“ überzeugen und er sagte dies auch.

Die vom Kanzler gelobte Einsatzkraft und Ein

satzbereitschaft ist zu einem guten Teil auch durch

den regionalen Bezug und der Verbundenheit vieler

Zur Heraldik: Die drei Hirsch

geweih-Stangen in seinem

Wappen finden sich zum ei

nen im Wappen des Bundes

landes, aber auch im Wappen

des Panzergrenadierbataillon

292 wieder. Das goldene Eichen

laub ist in der Analogie des Wappens

dem Jägerbataillon 552 entliehen und stellt das

typische Symbol der Jägertruppe dar.

Soldaten zu ihrem Standort bedingt. So leben circa
60 Prozent der Soldaten in einem Einzugsbereich von
etwa 100 Kilometern und pendeln täglich nach Hause.
Und etliche kommen direkt aus Donaueschingen oder
der nahen Umgebung.

Unten: Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat die
Soldatinnen und Soldaten der DeutschFranzösischen
Brigade
in Litauen besucht. Das gepanzerte TransportKraftfahrzeug
Boxer ist das Hauptwaffensystem des Jägerbataillons
292 aus Donaueschingen. Bundeskanzler Olaf
Scholz fuhr ein Stück mit.

134

Die Deutsch-Französische Brigade

Das Jägerbataillon wurde am 18. März 1993 in der
Oberfeldwebel-Schreiber-Kaserne in Immendingen aus
dem Jägerbataillon 552 aus Böblingen sowie dem
Panzergrenadierbataillon 292 aus Immendingen in
Dienst gestellt. „Grund dafür war die Reduzierung der
Gesamtstärke der Bundeswehr im Zuge der deutschen
Wiedervereinigung“, schildert Presseoffizier Kevin Lahr,
der aus dienstrechtlichen Gründen nicht im Beitrag
abgebildet ist. Das Bataillon wurde ein Teil der 1989
aufgestellten Deutsch-Französischen Brigade. Das
Jägerbataillon 292 ist der älteste noch aktive Jägerverband
der Bundeswehr. Aus Teilen des Jägerbataillon
292 wurde auch das Schwesterbataillon, das Jägerbataillon
291, im französischen Illkirch-Grafenstaden
bei Straßburg mitbegründet. Die Deutsch-Französische
Brigade hat eine Sonderstellung. Ist sie doch
„der einzige binationale Verband in ganz Europa“,
betont der Kommandeur des Jägerbataillons Timo
Elbertzhagen. Im Laufe des Jahres 1993 wurde das
Bataillon in die Fürstenberg-Kaserne nach Donaueschingen
verlegt, wo es heute noch stationiert ist. Die
schwere Kompanie, die mit schwereren Waffen und
Ausrüstung wie Mörsern und Panzerabwehrsystemen
zur Feuerunterstützung anderer Einheiten ausgestattet
ist, befindet sich in Stetten am kalten Markt.

Vorteile und Herausforderungen des
Bundeswehrstandortes Donaueschingen

Donaueschingen erweist sich für die Bundeswehr als
gutes Pflaster. Die Fürstenberg-Kaserne als Stadtkaserne
hat für die Soldaten zahlreiche Vorteile in
Bezug auf ihre außerdienstlichen Aktivitäten. Bietet
die Stadt doch deutlich mehr Möglichkeiten als die vielen,
oft sehr ländlichen Bundeswehrstandorte mit
meist schlechter Verkehrsanbindung, wenig ausgebautem
Internet und dürftiger Infrastruktur. Hier haben
die Soldaten „eine moderne Stadt mit zahlreichen
Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangeboten sowie
einer hervorragenden Infrastruktur und einer guten
Verkehrsanbindung“, so Presseoffizier Kevin Lahr,
dadurch könnten viele Soldaten täglich in die Kaserne
pendeln. Kommandeur Timo Elbertzhagen lobt das
„hervorragende Zusammenwirken mit der Stadt.“

Für den Innendienst hat der limitierte Platz in der
Stadt einige Nachteile. Die Kaserne habe in der Stadt
keinen Platz zum Wachsen und werde durch die um-

Jägerbataillon 292

„Die Stadt Donaueschingen ist für
mich und meine Familie Heimat“

Der 45-jährige Stabsfeldwebel Martin M. wurde
in Donaueschingen geboren und wuchs in einer
Nachbarstadt auf. Seine Frau stammt aus der
Region, die Stadt passt auch für ihre beiden
Kinder. Er hat einen kurzen Weg zum Dienst,
und „es gibt alle Schularten“. Seit 1998 ist er bei
der Bundeswehr, seit 2007 beim Jägerbataillon.
„Das Jägerbataillon ist meine militärische
Heimat“. Als er beim Jägerbataillon begann, war
er viele Jahre lang Zugführer
und in dieser Zeit auch in
Auslandseinsätzen in
Afghanistan.

Stabsfeldwebel
Martin M.

Auch Obergefreiter Lara H. (20) kam in Donaueschingen
zur Welt und wuchs in Brigachtal auf.
Sie leistet nach dem Abitur seit November 2023
ein Jahr lang einen freiwilligen Wehrdienst. Zur
Bundeswehr zog es sie, „weil ich etwas erleben
wollte“, das Jägerbataillon gehe fast jedes Jahr
in einen Einsatz. Ihr Vater diente auch bei der
Bundeswehr, war auch an Auslandseinsätzen
wie in Bosnien beteiligt und habe ihr viel erzählt
und die Kameradschaft hervorgehoben.
Die Tochter ist in der Personalentwicklung und
in der Kompanieführung tätig.
Ihre Erfahrung in ihrer Kompanie:

„Ich bin mit Abstand
die Jüngste, aber
ich fühlte mich
vollkommen
akzeptiert.“

Obergefreiter
Lara H.

liegende Bebauung limitiert. Der Wohnungsmarkt
hingegen profitiert, da die Soldaten häufig im Umfeld
der Kaserne nach Unterkünften suchen. Hauptthema
für Kommandeur Timo Elbertzhagen und das
Bataillon sind die begrenzten Übungsmöglichkeiten.
Der Truppenübungsplatz hat gerade mal 54 Hektar,
weitere 170 Hektar nordwestlich von Aufen und
Grüningen sind zum größten Teil nur eingeschränkt
nutzbar, unter anderem durch eine Tonnagebeschränkung
auf zwei Tonnen. Eigentlich benötigt
ein Infanteriebataillon 522 Hektar. „Wir brauchen
dringend mehr Flächen“, betont der Kommandeur
und bittet die Bevölkerung dafür um Verständnis.
Oft müssten sie zum Üben mehr als eine Stunde
lang nach Stetten am kalten Markt fahren, um ihren
Aufträgen wie in Litauen gerecht werden zu können.
Mehr Übungsgelände zu erhalten ist und bleibe die
große Herausforderung.

Gegenseitiges Verständnis zwischen
Bataillon und Bevölkerung

Das von der Bevölkerung erbetene Verständnis für
mehr Übungsfläche bringt das Bataillon umgekehrt
für die Einwohner auf. Seit dem 8. Juli 2021 hat das
Jägerbataillon 292 eine der modernsten Schießanlagen
der Bundeswehr. Damit so wenig Lärm wie
möglich nach außen dringt, besteht die Überdachung
aus perforierten Stahlblechen (Rasterkassetten),
die den Schall brechen und in Zusammenwirken
mit den großen, schweren Türen und Wänden
die Lärmbelästigung deutlich reduzieren.

Die Fürstenberg-Kaserne gehört zum Stadtbild.
Auf dem Weg vom Donaueschinger Pferdekreisel
hoch zum Hindenburgring sind früh die Gebäude
und die Umzäunung zu sehen, umgeben von Wohngebieten.
„Für die Bevölkerung sind wir als Standort
ein integraler Bestandteil der Stadt Donaueschingen“,
betont der Presseoffizier. In der Region insgesamt
sind Soldaten kein seltener Anblick und mehrheitlich
auch willkommen. „Wir erfahren hier viel Zuspruch
durch die Bevölkerung.“ Fast jedes Jahr finden öffentliche
Appelle vor dem Fürstlich Fürstenbergischen
Schloss statt und die zivile Bevölkerung ist dabei ein
gern gesehener und stets präsenter Gast. Die Jäger
pflegen auch guten Kontakt zur Lokalpolitik, den öffentlichen
Behörden sowie dem DRK. Schülerinnen
können die Bundeswehr und das Leistungsspektrum

Donaueschingen bietet den
Soldaten mit seinen zahlreichen
Einkaufsmöglichkeiten
und Kulturangeboten sowie
einer hervorragenden Infrastruktur
und einer guten
Verkehrsanbindung deutlich
mehr als viele andere Bundeswehrstandorte.

in einem Infanteriebataillon am GirlsʼDay kennen
lernen, interessierte Heranwachsende können sich
zudem für ein mehrtägiges Praktikum melden. Die
Polizeischule Villingen-Schwenningen übt ebenso
regelmäßig in der Kaserne, und die Verkehrswacht
der Stadt Donaueschingen führt hier auch jährlich die
Ausbildung für die Radfahranfänger durch.

Dazu kommt die Verbundenheit des Jägerbataillons
mit seinen zahlreichen Patengemeinden:
Rottenburg a.N. für das gesamte Jägerbataillon,
Bonndorf für die 1. Kompanie des Jägerbataillons,
Hilzingen für die 2. Kompanie, Tengen für die
3. Kompanie, Niedereschach für die 4. Kompanie
und Sipplingen für die 5. Kompanie. Auf Festen
und Veranstaltungen ist die Bundeswehr hier gerne
vertreten und unterstützt im Bedarfsfall auch die
Patengemeinden bei gemeinnütziger Arbeit oder im
Hilfs- und Katastrophenfall.

Tief verwurzelt: Die Beziehung zwischen
Donaueschingen und dem Jägerbataillon 292

Das gute Verhältnis der Stadt Donaueschingen zum
Jägerbataillon betont auch Oberbürgermeister Erik
Pauly. „Das Jägerbataillon ist in Donaueschingen tief
verwurzelt und gehört untrennbar zum Stadtbild und
zur Geschichte unserer Stadt. Nach wie vor ist die
Deutsch-Französische Brigade einer der größten
Arbeitgeber in Donaueschingen und ein erheblicher
Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Zwischen den

Oben: Die neue Standortschießanlage Pfaffental des Jägerbataillon 292 wurde im Juli 2021 eröffnet. Durch die verbaute Rasterkassettendecke
wird die Lautstärke nach außen stark reduziert. Links unten: Soldaten beim scharfen Schuss. Rechts unten: Mit
der 9erLochwand
üben die Soldaten, auch in unbequemen Positionen und Anschlägen zu schießen und ihr Ziel zu treffen.

Bundeswehrangehörigen und der Donaueschinger
Bürgerschaft ist eine tiefe Verbundenheit entstanden.
Wir sind froh darüber, den Soldaten in Donaueschingen
zumindest eine Heimat auf Zeit gewähren
zu können und sehen es als unsere ständige Aufgabe,
unseren Soldaten am Standort eine Atmosphäre
des Vertrauens zu bieten und die Partnerschaft auf
allen Ebenen mit Leben zu füllen. Dafür werden wir
uns auch weiterhin einsetzen.“

Dies alles habe auch das Verhältnis der Bevölkerung
zu den Soldaten des Jägerbataillons 292 positiv
geprägt. Oft erfahren die Soldaten hier öffentlichen
Zuspruch und ermutigende Worte.

Worte, die gut tun für die Jäger. Das Jägerbataillon
ist ein sehr einsatzerfahrener Verband. Seit 1996
starteten die Donaueschinger Jäger zu insgesamt 23
Einsätzen in acht Ländern auf drei Kontinenten. Darunter
waren vier SFOR-Einsätze in Bosnien-Herzegowina,
ein Task-Force-Fox-Einsatz in Mazedonien, drei
ISAF-Einsätze in Afghanistan. Fünf Mal waren die Jäger
in Mali, vier Mal für KFOR in Kosovo, im Vorjahr
2024 und 2025 stellen sie gar zwei KFOR-Rotationen.
Drei Mal waren sie in Litauen. Beim ersten Mal 2015
beteiligten sich dort rund 200 Soldaten mit rund
100 Fahrzeugen, darunter das gepanzerte Transport-
Kraftfahrzeug „Boxer“, der Transportpanzer „Fuchs“

Jägerbataillon 292

137

Das Jägerbataillon ist in
Donaueschingen tief verwurzelt
und gehört untrennbar
zum Stadtbild und zur Geschichte
unserer Stadt. Nach
wie vor ist die DeutschFranzösische
Brigade einer
der größten Arbeitgeber in
Donaueschingen und ein
erheblicher Wirtschaftsfaktor
für die Stadt. Zwischen den
Bundeswehrangehörigen
und der Donaueschinger
Bürgerschaft ist eine tiefe
Verbundenheit entstanden.

Erik Pauly, Oberbürgermeister
Stadt Donaueschingen

Christina M. (31) Stabsunteroffizier, wuchs in
Donaueschingen auf und wohnt jetzt in einem
Nachbarort. Seit 2015 ist sie bei der Bundeswehr
im Jägerbataillon 292. Die ersten sechs Jahre war
sie eine Zivilangestellte für die Logistik in der Küche,
seit Juli 2021 ist sie Soldat.

„Mein Papa war mehr als 30 Jahre
Berufssoldat. Als Kind durfte ich mit in
die Kaserne, es hat mich begeistert, die
Fahrzeuge und die Uniformen zu sehen.“

und das militärische Kettenfahrzeug „Wiesel“. 2018
waren im Rahmen der verstärkten Vornepräsenz der
NATO „Enhanced Forward Presence“ fast 350 Soldaten
mit 150 Fahrzeugen für sechs Monate in Litauen,
um dort mit sieben weiteren Nationen militärische
Stärke zu zeigen, glaubhaft abzuschrecken und gemeinsam
zu üben.

Darauf folgten die Übungen „Blauer Express“ im
Jahr 2023 (mit rund 200 Soldaten und 50 Fahrzeugen)
sowie „Grand Quadriga 2024“ (mit abermals
200 Soldaten und 100 Fahrzeugen). Bei diesen Übungen
wurde das schnelle Verlegen nach Litauen geübt
und im Anschluss wurden bei einer großangelegten
Gefechtsübung im scharfen Schuss die eigenen Fähigkeiten
eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Eindrucksvolle Demonstration: „Grand Quadriga“
und der Besuch von Kanzler Olaf Scholz

Bei der Übung „Grand Quadriga 2024“ wurde dem
Bundeskanzler, Verteidigungsminister Boris Pistorius
und dem Generalinspekteur Carsten Breuer sowie
der Öffentlichkeit das gesamte Fähigkeitsspektrum
der Jägertruppe aufgezeigt. Das bedeutet das Zusammenwirken
von Aufklärung am Boden und in
der Luft, der streitkräftegemeinsamen taktischen
Feuerunterstützung von Mörsern und Pionieren,
Infanteristen und dem Sanitätsdienst. Die Soldaten
waren während der Übung nur etwa sieben Kilometer

Sie freut sich, jetzt bei der aktiven Truppe zu
sein, es sei sehr abwechslungsreich und abenteuerlich.
Sie liebt es, draußen zu sein und sie
schätzt die Kameradschaft: „Man ist nie alleine.“

Stabsunteroffizier
Christina M.

Oben: Das Jägerbataillon 292 in Litauen. Im Jahr 2018 waren im Rahmen der verstärkten NATOPräsenz,
der „Enhanced
Forward Presence“, nahezu 350 Soldaten mit 150 Fahrzeugen vor Ort. Ziel war es, gemeinsam mit sieben weiteren Nationen
militärische Stärke zu demonstrieren, glaubhaft abzuschrecken und gemeinsam zu üben.

Unten: Bei einem feierlichen Anlass marschieren mehrere NATONationen
zusammen.

Bei der Übung „Grand
Quadriga 2024“ wurde das
Zusammenwirken von
Aufklärung am Boden und
in der Luft, der streitkräftegemeinsamen
taktischen
Feuerunterstützung von
Mörsern und Pionieren,
Infanteristen und dem
Sanitätsdienst dargestellt.

entfernt von der weißrussischen Grenze und damit im
direkten Einflussgebiet der russischen elektronischen
Kampfführung. Diese Übung so dicht an den Grenzen
eines potentiellen Gegners verdeutlichte den Soldaten
die Notwendigkeit der permanenten Präsenz von
Streitkräften der NATO zur Abschreckung in Litauen.

Für die Soldaten stellte der Besuch des Bundeskanzlers
einen Höhepunkt der Übung dar. „Das
Jägerbataillon 292 rückte damit kurzzeitig in die
weltweiten Nachrichtensendungen. Die Soldaten
konnten dadurch direkt zu einer glaubhaften
Abschreckung beitragen“, betont Presseoffizier Kevin
Lahr. Zudem habe der Kanzler damit das Interesse
der Politik an der Bundeswehr und ihrem Auftrag
unterstrichen, da er mit den Soldaten in Litauen das
Gespräch gesucht habe. Dies wurde allgemein sehr
positiv und motivierend durch die Soldaten wahrgenommen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius und
der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten
Breuer, lobten ausdrücklich die „hohe Professionalität
und Fähigkeiten der Donaueschinger Jäger“.

Das Übungsgelände ist klein, doch einen Trumpf
haben die Jäger mitten in ihrer Kaserne: eine Anlage
für den Orts- und Häuserkampf, die sogenannte
Catwalk-Anlage. Die Bezeichnung Catwalk kommt
dabei von dem Laufsteg, der sich über dem Übungsraum
befindet. Der Übungsraum stellt nachgebildete
Wohnungen dar, die sich individuell umbauen lassen.
„Der Ausbilder kann das Vorgehen der Soldaten

beim Orts- und Häuserkampf während der gesamten
Ausbildung beobachten und auswerten“, informiert
Presseoffizier Kevin Lahr. Die Anlage kann von bis zu
30 Soldaten benutzt werden.

Kooperation und Übung im Alltag:
Zusammenarbeit mit Polizei und Stadt

Verständnis für ihre Einsätze erwerben sich die Jäger
außerdem durch die Zusammenarbeit mit der
Polizei. Es ist Dienstagmorgen, 26. April 2022, in der
Donaueschinger Innenstadt. Kurz nach acht Uhr
bahnen sich drei gepanzerte Fahrzeuge ihren Weg
auf den Bereich hinter den Donauhallen. Zwei
Transportpanzer und ein sogenannter Dingo der
Bundeswehr halten, Soldaten steigen aus und
untersuchen die Fahrzeuge nach Sprengkörpern.
Eine Vorbereitung auf den Mali-Einsatz. Die Soldaten
marschieren durch die Straßen, Ziel ist die Kreuzung
um das Rathaus mit dem nahegelegenen Polizeirevier.
Revierleiter Thomas Knörr und mehrere seiner
Kollegen simulieren malische Polizisten, mit denen
die Soldaten Gespräche führen, um Informationen
über lokale Konflikte zu erhalten. Bei der Übung in
Donaueschingen und Umgebung ging es darum,
eventuelle Einsatzszenarien, wie sie auch in Mali
vorkommen könnten, zu trainieren. Beispielsweise,
mit großen gepanzerten Fahrzeugen durch enge
Gassen fahren und dabei Rücksicht auf die Bewohner
nehmen, gewaltsamen Konflikten begegnen,
Gespräche mit Einheimischen führen oder die
Umgebung auf Sprengfallen absuchen. Intensiviert
hat das Jägerbataillon seine Kontakte zur Stadt 2023,
als es an einer Planübung der Stadt teilnahm, bei
dem das Handeln beim Auftreten eines plötzlichen
Katastrophenfalls geübt wurde.

Oben: Als Einsatzvorbereitung für den Einsatz MINUSMA
in Mali übten Soldaten Patrouillenabläufe in der Donaueschinger
Innenstadt.

Unten: Mitten in der Kaserne befindet sich eine Anlage
für den Ortsund
Häuserkampf, die sogenannte CatwalkAnlage.

Führung und Perspektiven

Seit März 2022 führt Oberstleutnant Timo
Elbertzhagen das Jägerbataillon. Die Schwerpunkte
des Kommandeurs liegen in erster Linie auf der
systematischen Ausbildung zur Einsatzbereitschaft
des Jägerbataillons 292 für die Landes- und Bündnisverteidigung
sowie die regionale Verwurzelung des
Bataillons mit der Bevölkerung hier im SchwarzwaldBaar-
Kreis und allen anderen Patengemeinden in
Baden-Württemberg. „Die Ausrüstung und Ausstattung
des Jägerbataillons 292 ist derzeit gut, wodurch
die Donaueschinger Jäger ihre vielfältigen Aufträge
lageangepasst erfüllen können,“ so Kommandeur
Timo Elbertzhagen.

Links: Das Jägerbataillon 292 bei einer
Übung im Wald. Hier tragen die Soldaten
im Winter „Schneetarn“.

Unten rechts: Das Luftbild vom 31. Juli
2024 zeigt, wie die FürstenbergKaserne
am Buchberg in das Donaueschinger
Stadtbild eingebettet ist. Das größere,
dunkle Gebäude in der oberen Bildmitte
zeigt den Rohbau der Realschule, darüber
ist der Kirchturm von St. Marien zu sehen.

Für die Bundeswehr bleibt Donaueschingen ein
wichtiger Standort. Der neue Kasernenkommandant
Tobias Lang, zugleich stellvertretender Kommandeur,
hebt einen Pluspunkt hervor. 2006 kam er mit
seiner Frau und den Kindern aus Bayern zum Jägerbataillon.
Die Menschen hier in ihrer Offenheit und
Freundlichkeit hätten seiner Familie das Einleben
leicht gemacht. „Für mich ist Donaueschingen Heimat“,
erklärt Lang. Kommandeur Timo Elbertzhagen
macht deutlich: Der Charme des Jägerbataillons und
das gute Klima in der Kaserne und in Donaueschingen
haben sich längst weit herumgesprochen. Wenn
die Jäger neue Kräfte suchen, „haben wir Bewerbungen
bis nach Norddeutschland.“

Der Charme des Jägerbataillons und das gute
Klima in der Kaserne und in Donaueschingen
haben sich längst weit herumgesprochen.

Timo Elbertzhagen,
Kommandeur

Hauptfeldwebel Ulrich H. (59) stammt aus Calw, sein
Herz und seine Familie sind längst hier in der Region
verwurzelt. 1985 kam er zur Bundeswehr nach
Immendingen zum Panzergrenadierbataillon 292, hier
fühlt er sich zu Hause. Er war ursprünglich Berufssoldat,
wechselte dann 20 Jahre in eine andere Berufssparte.
2021 kehrte er zur Bundeswehr zurück, er ist
jetzt Reservist und im Lagezentrum eingesetzt. „Wir
machen alles, was im weitesten Sinne mit den
Auslandseinsätzen zu tun hat“, beschreibt er seinen
Aufgabenbereich. Interessant findet der Hauptfeldwebel,
dass ehemalige Soldaten bei der Bundeswehr so
genannten Reservedienst leisten können, sprich
wieder für eine gewisse Zeit ihren Dienst tun. „Die
Reservisten sind ein verlässlicher Stützpfeiler im
Bataillon“, stellt Presseoffizier Kevin Lahr fest. Die
Dauerreservisten hätten eine hohe Fachkompetenz
und arbeiteten zum Beispiel in den Kompanieführungen
oder in der Personalabteilung.

Für Hauptfeldwebel Ulrich H. war seine Rückkehr
zur Bundeswehr etwas Besonderes:

„Als ich die Uniform wieder angezogen habe,
hatte ich das Gefühl, ich komme heim.“

Er, wie auch Stabsfeldwebel Martin M., sind Zeitzeugen
für die Gründung des Jägerbataillons, das
zugleich auch ein Stück deutsche
Geschichte verkörpert.

Ulrich H. (59),
Hauptfeldwebel,
als Reservist im Bataillon

143

Zwischen Hightech
und Kuckucksuhr

75 Jahre Südwest Messe in Villingen-Schwenningen

VON SYLVIE BRACKENHOFER

Die 75-jährige Geschichte der Südwest Messe in Villingen-
Schwenningen begann 1950 mit der ersten Veranstaltung
unter dem Motto „Südwest stellt aus“. Diese ursprüngliche
Ausstellung zog bereits 60.000 Besucher an und stellte einen
bedeutenden Marktplatz für regionale Unternehmen dar.
Über die Jahre entwickelte sich die Messe zu einem wichtigen
Wirtschaftsfaktor und kulturellen Ereignis, das jährlich viele
tausend Menschen anzieht.

Wirtschaft

75 Jahre Südwest Messe 75 Jahre Südwest Messe

Südwest Messe

Die Südwest Messe bietet eine Plattform für Aussteller, um
Neuheiten zu präsentieren und direkte Kundenkontakte zu
knüpfen. Besucher können Produkte nicht nur sehen, sondern
auch ausprobieren und mit Experten sprechen. Highlights
sind Kochvorführungen, Mitmachaktionen und Sonderschauen
zu aktuellen Themen. Im Laufe der Zeit hat die Messe viele Veränderungen durchlaufen,
darunter einen Standortwechsel und die Einführung moderner Messehallen. Sie
bleibt jedoch ein Ort des Austauschs und der Entdeckung, wo Startups
und etablierte
Unternehmen gleichermaßen präsent sind. Die Südwest Messe ist nicht nur ein
Marktplatz, sondern auch ein soziales Ereignis, das generationenübergreifend Menschen
zusammenbringt und eine tiefe Verwurzelung in der Region hat. Das bereits 75jährige
Bestehen verdeutlicht, wie wichtig die Messe für die lokale Wirtschaft und das
Gemeinschaftsleben ist. Es unterstreicht zugleich die Bedeutung von Messen als Orte
des persönlichen Austauschs und der Inspiration.

S
S
amstag nach Pfingsten, sechs Uhr morgens:
Das Gelände am Waldeck ist bereit für den
Ansturm. Das Straßenkehrfahrzeug zieht seine

Kreise, Staubsauger düsen emsig über Teppich

böden. Nach und nach erscheinen die Aussteller, die

Messestände füllen sich mit Leben, in den Hallen

duftet es nach frischem Brot. Zeit für ein kurzes

Frühstück, denn um neun Uhr öffnen sich die Tore:

Die Südwest Messe beginnt!

Neun Tage lang haben Besucherinnen und

Besucher Zeit, durch die Hallen und über das große

Freigelände zu schlendern. Dabei Neuheiten zu

bestaunen, Start-ups kennenzulernen, die Moderni

sierung des eigenen Hauses und dessen Einrichtung

zu planen oder mit der ganzen Familie einen

schönen Tag zu erleben. Man trifft Bekannte, die

man lange nicht gesehen hat, verkostet Unbekann

tes, lässt sich Haushaltsgeräte und Fitnesstrends

vorführen und entdeckt im Freigelände das coole

Elektrofahrzeug, das vieles erleichtern kann.

Ein einziger Besuch reicht für all das meist nicht
aus – es gibt so viel zu entdecken, zu erfahren und
zu kaufen! Aber eben nicht anonym aus dem
Internet, sondern nach ausführlicher Beratung, oft
heißt es auch Ausprobieren. Die Südwest Messe ist
ein Markt mit echtem Kauferlebnis: Hier wird
gezeigt, präsentiert, gehandelt – und bei Fragen gibt
es immer einen Ansprechpartner. Was zieht die
Menschen zur Südwest Messe, was macht dieses
besondere Flair aus – und das seit 75 Jahren?

Südwest stellt aus

Eine Rückblende auf die erste Messe überhaupt am

3. Juni 1950: Wo Mozartstraße und Beethovenstraße
aufeinandertreffen, ist der Haupteingang zur
„Südwest stellt aus“. Monatelang hat die Stadt
Schwenningen an den Vorbereitungen gearbeitet,
der Werbeaufwand ist riesig und umfasst neben
Plakaten und Zeitungsanzeigen auch Standbilder auf

Das Messegelände an der B27 im Überblick.
75 Jahre Südwest Messe

147

Schon 1953 herrscht reges Treiben auf dem Messegelände.

Kinoleinwänden und sogar Lautsprecherwagen, die
durch die Dörfer fahren.

Das Messeareal liegt mitten in der Stadt,
zwischen Wasenstraße und Mühlweg. Die
Ausstellungsfläche umfasst rund 6.000 Quadratmeter.
Friedensschule, Beethovenhaus und Turnhalle
sowie 12 Zelthallen dienen als Ausstellungsräume.
Der Anstoß zur Industrie-, Handels- und Gewerbeausstellung
kommt vom Schwenninger Oberbürgermeister
Dr. Hans Kohler. Die Menschen haben wieder
Geld, nach den Jahren der Entbehrung ist der Warenhunger
groß. Die Firmen zeigen Flagge am Markt: Sie
wollen ihre Produkte vorstellen, Bedürfnisse wecken
und Aufträge generieren. Mit Mut und Pioniergeist –
wie sein Großvater Johannes Bürk, 1857 Initiator
der ersten Gewerbeschau in Schwenningen – stellt
Kohler die Weichen für eine große Regionalmesse.

Neben Neuheiten wie der sparsamen „Orienta“Kaffeemaschine
und der elektrischen Farb-Spritzpistole,
die keinen Kompressor mehr braucht, bringen

1950: Monatelang hat die Stadt
Schwenningen an den Vorbereitungen
gearbeitet, der
Werbeaufwand ist riesig und
umfasst neben Plakaten und
Zeitungsanzeigen auch Standbilder
auf Kinoleinwänden und
sogar Lautsprecherwagen, die
durch die Dörfer fahren.

Kraftfahrzeuge, Schlepper und Ackergeräte die Besucherinnen
und Besucher zum Staunen. In der Friedensschule
stellt die Uhrenindustrie aus, der soziale

Messetrubel im Jahr 1957, aus ganz BadenWürttemberg
kommen die Messebesucher mittlerweile.

Wohnungsbau an der Kinzigstraße. Gegenüber der 17 Tagen ihre Waren und Dienstleistungen. Insge-
Ziegelei stehen der Vergnügungspark und das Bier-samt 60.000 Menschen strömen aus der Region,
zelt. Sogar einen Sonderstempel kann man auf dem vom Bodensee, dem Rheinland, aber auch aus der
Messepostamt erhalten. Schweiz, Schweden und Dänemark herbei. Eine

Die Messe übertrifft alle Erwartungen: Schon Fortsetzung wird angestrebt, allerdings mit einer
am ersten Tag muss der Einlass wegen Überfüllung Änderung: Die Stadt Schwenningen wünscht sich
geschlossen werden. 370 Aussteller zeigen an den eine private Fachfirma als Organisator.

Das Messepostamt war eine
besondere Einrichtung auf
der Südwest Messe, die den
Besuchern die Möglichkeit
bot, ihre Post direkt vor Ort
zu versenden. Oftmals konnte
man dort auch spezielle
Sonderstempel erhalten, die
an die Messe erinnerten.

75 Jahre Südwest Messe

149

Pioniere und Visionäre

Im Südwesten sind derweil zwei Männer unterwegs,
die sich mit regionalen Ausstellungen wie „Festwoche
des Handwerks“, „Stadt und Land – Hand in
Hand“ und „Schalten und Walten der Hausfrau“
einen Namen gemacht haben: Fritz Glunk und Kurt
Langer vom Büro für Organisation und Wirtschaftswerbung
(BOW). Auf Anfrage empfiehlt das Landesgewerbeamt
in Stuttgart die erfolgreichen Messemacher.
Schnell wird man sich einig, und eine
langjährige und erfolgreiche Public-private-Partnership
nimmt ihren Anfang.

Glunk und Langer sind Pioniere in ihrem Marktsegment,
und die Messe in Schwenningen wird ihr
Meisterstück und Impulsgeber für neue Messekonzepte.
Dabei wirkt der erfahrene Glunk als Stratege,
der auch in anderen Städten Regie führt. Der wesentlich
jüngere und ideenreiche Kurt Langer übernimmt
als örtlicher Ausstellungsleiter das operative
Geschäft. Die spannende Mischung aus Fach- und
Sonderschauen trifft den Nerv der Zeit und weist in
die Zukunft: Neuheiten entdecken, Qualität präsentiert
und erklärt bekommen, Wissenswertes erfahren
und mit der Familie einen vergnüglichen Tag erleben.
Erkennen, welche Schätze vor der Haustür liegen
und wie sie verarbeitet werden – da verzahnen sich
traditionelles Handwerk und moderne Wirtschaft,
Landwirtschaft und regionale Spezialitäten, internationale
Trends und raffinierte, praktische Neuheiten,
die den Alltag verbessern. Wovon man gestern in
der Zeitung gelesen hat, das kann man heute auf der
Messe nicht nur bestaunen, sondern auch anfassen
und begreifen – ob es sich um einen Roboter, die
schreibende Nähmaschine, die Badewanne mit Einstiegstür
oder ein Solardach handelt.

Erkennen, welche Schätze vor
der Haustür liegen und wie
sie verarbeitet werden – da
verzahnen sich traditionelles
Handwerk und moderne
Wirtschaft, Landwirtschaft
und regionale Spezialitäten,
internationale Trends und
raffinierte, praktische
Neuheiten, die den Alltag
verbessern.

Zwei Messen – ein Familienunternehmen

Anfang der 1960er-Jahre sucht die Stadt Mannheim
einen Betreiber für ihren Maimarkt, der eine
350-jährige Tradition aufweist und entscheidet sich
ebenfalls für Glunk und Langer. Seit 1962 sind die
Südwest Messe und der Maimarkt eng miteinander
verbunden. Nachdem Glunk aus Altersgründen
ausscheidet, ist Kurt Langer bis 1997 Alleininhaber
der Südwest Messe- und Ausstellungs-GmbH (SMA)
und der Mannheimer Ausstellungs-GmbH. Danach
übernimmt seine Tochter Stefany Goschmann die
Geschäftsführung. Mit Jan Goschmann, der 2004
über die Veranstaltungstechnik in die Führungsetage
eingestiegen ist, steuert bereits die dritte Generation
das Familienunternehmen.

Fritz Glunk Kurt Langer Stefany Goschmann und Jan Goschmann

Von Industriemaschinen bis zu Haushaltswaren, auf der Südwest Messe gibt es (fast) nichts, was es nicht gibt. Seit 1978
gehört auch der Hahn als weithin sichtbares Logo zur Südwest Messe.

Ein idealer Standort

Schon zur zweiten Messe 1953 wird ein neuer
Standort gefunden: Auf dem Gelände der Turngemeinde
1859 Schwenningen am Waldeck finden über
400 Aussteller Platz. 17 Hallen werden aufgestellt,

92.000 Besucher drängen zur Veranstaltung.
Uhrenindustrie und Werkzeugmaschinenhersteller
sind stark vertreten. Die Bauern präsentieren eine
eindrucksvolle Leistungsschau und heben am
Pfingstmontag mit einer Kundgebung den „Tag der
Landwirtschaft“ aus der Taufe, der zur Tradition
wird. Sozialverbände und Institutionen stellen sich
vor, eine Strumpffabrik zeigt ihren hauchdünnen
Faden, es gibt Modenschauen, einen Kinopavillon,
einen betreuten Kindergarten und als Höhepunkt ein
Fernsehstudio. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Von
nun an findet die Messe alle zwei Jahre statt, ab
1969 jährlich. Seit 1961 heißt sie „Südwest Messe“.
Für den endgültigen Standort an der B 27 muss
das Gelände befestigt, entwässert und mit Strom
und Wasser versorgt werden. Die Stadt baut einen
Parkplatz am Messegelände. 1967 steht eine feste
Messehalle – Halle A – ein Fortschritt vor allem für
die Aussteller von Werkzeugmaschinen. 1972 folgt
Messehalle B. Ein neuer Haupteingang mit einem
Gebäude für die Messedienste entsteht 2002, ein
Betriebshof 2006. Ein Jahr später ergänzt Halle C die
Ausstellungsräume. Das ist nicht nur für die Südwest
Messe von Bedeutung, sondern auch für die inzwischen
gewachsenen Fachmessen. Messegelände und
Messehallen sind vollständig Eigentum der Stadt

Schon zur zweiten Messe
1953 wird ein neuer Standort
gefunden: Auf dem Gelände
der Turngemeinde 1859
Schwenningen am Waldeck
finden über 400 Aussteller
Platz. 17 Hallen werden
aufgestellt, 92.000 Besucher
drängen zur Veranstaltung.

Villingen-Schwenningen und werden von der SMA
als privat geführtem Unternehmen betrieben.

Südwest Messe – der Markt zum Anfassen

Dabeisein und Mitmachen sind Trumpf: Schon in den
Anfangsjahren drängen sich die Menschen um
Kochvorführungen, wo es regionale Leckerbissen,
Schweizer Bündnerfleisch und dänischen Käse zum
Verkosten gibt. Im Fahrsimulator wird man kurz zum
Rennfahrer, beim SWR darf man Moderator spielen.
Wer geschickt ist, schafft es, die Mondlandung
fehlerfrei auf dem Computer zu simulieren. Mutige
lassen sich ein Bio-Tattoo stechen, das nach einiger
Zeit von selbst verschwindet. Auch die Aussteller
und Ehrengäste werden aktiv: Man hat schon
unzählige Minister und Oberbürgermeister um die
Wette Spargel und Kartoffeln schälen sehen. Der
langjährige Bauernverbandspräsident Constantin
Freiherr von Heereman beschlägt eigenhändig ein
Pferd. Große Wellen schlägt die Attraktion des Jahres
1969: Als alle Welt die Fernsehserie „Flipper – jeder
kennt ihn, den klugen Delfin“ guckt, dürfen die
beiden Delfine Sindbad und Skipper aus Florida
einfliegen und in einem Extrazelt mit ihrer Trainerin
ihre Kunststücke vorführen.

Bis heute werden in den Sonderschauen aktuelle
Themen gezeigt. Regelmäßig diskutiert die
Stadt Villingen-Schwenningen ihre Vorhaben mit
Besuchern, der Schwarzwald-Baar-Kreis präsentiert
sich mit Thementagen. Was ein Chemiker alles aus
Wasserproben entnehmen kann, zeigt im Jahr 2019
Professor Andreas Fath mit seinem Team in der Sonderschau
„Rheines Wasser“ und kämpft damit gegen
Plastikmüll. Und wie hat nochmal die Neutrinopower
beim Aufladen von Handys funktioniert?

Spiegel und Motor der Wirtschaft

Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen
kennen 96 Prozent der Bevölkerung in den Landkreisen
Schwarzwald-Baar-Heuberg, Rottweil und
Tuttlingen die zweitgrößte Regionalmesse im
süddeutschen Raum nach dem Maimarkt Mannheim.
Mit 45 Millionen Euro Umsatz der Aussteller ist die
Messe ein starker Wirtschaftsfaktor und ein attraktiver
Marktplatz für Unternehmen. Die Besucher
kommen aus allen Altersschichten, die meisten aus

Bunte Vielfalt mit zahlreichen Vorführungen inklusive, das zeichnet seit 75 Jahren die Südwest Messe aus. Auch Vereine
aus der Region machen mit, hier unterhält der Fanfarenzug von Schwenningen die Besucher.

der Region. 72 Prozent haben die Absicht, etwas zu
kaufen. Pro Kopf werden im Durchschnitt 500 Euro
ausgegeben. Rund 15 Prozent des Publikums hat
auch berufliches bzw. gewerbliches Interesse.

Als Spiegel der Wirtschaft ist die Südwest Messe
ganz nah an den Trends, an den Bedürfnissen der Aussteller
und Verbraucher. Dass die Messe 2020 wegen
der Covid19-Pandemie ausfallen muss, ist ein Schock
für alle. 2021 gelingt es, vom 9. bis 12. September eine
„Südwest Messe spezial“ zu den Themen Bauen,
Handwerk, Energie durchzuführen. 97 Aussteller und
über 4.200 Besucher nehmen unter Auflagen teil. Seit
2022 kann die Südwest Messe wieder wie gewohnt
stattfinden. Einige Aussteller haben allerdings mit
Schwierigkeiten bei der Betriebsnachfolge und Personalmangel
zu kämpfen. Es geht stetig aufwärts. 2024

treffen rund 500 Aussteller auf 76.000 Besucherinnen
und Besucher – und diese sind sehr interessiert und
kauffreudig, wie die Schlussumfrage zeigt: 82 Prozent
der Aussteller geben ihren Ergebnissen die Note sehr
gut, gut oder befriedigend, ebenso viele melden gute
Aussichten auf das Nachgeschäft.

Das ganze Jahr aktiv

Nicht nur die Südwest Messe macht das Gelände zu
einer eigenen Welt – seit 1973 wird es ganzjährig für
Veranstaltungen genutzt. Hier treffen sich die
Züchter, um Geflügel, Rassekaninchen, Hunde und
Alpakas vorzuführen. Ein Renner ist der Firmenlauf.
Konzerte gingen schon mit Udo Lindenberg,
Dr. Quincy and his Lemon Shakers, Mark Forster und

75 Jahre Südwest Messe

153

Selbst Baumaschinen sind auf der Südwest Messe zu finden.

Entscheider und Praktiker
können sich quasi vor der
Haustür über Innovationen
und Trends bei Werkzeugmaschinen,
Präzisionswerkzeugen
und Zubehör
bis zu ganzen Prozessketten
informieren und
Geschäftskontakte
knüpfen.

Dieter Thomas Kuhn über die Bühne. Geschlossene
Firmenveranstaltungen erleben in Zeiten des Home
Office eine neue Bedeutung.

Besonders erfolgreich sind Messen mit starkem
regionalen Bezug: Die „Jobs for Future – Messe für
Arbeitsplätze, Aus- und Weiterbildung, Studium“
vereint alle Bereiche des Berufslebens unter einem

Dach. Sie verbindet umfassende Informationen über
Berufswege und Anforderungen mit dem persönlichen
Kennenlernen potenzieller Kollegen und
Chefs.

Ein Sahnestück im größten Cluster der Zerspanungstechnik
in Deutschland sind die „DST Dreh-
und Spantage Südwest“. Die Messe, die 2025 zum
fünften Mal stattfindet, ist zentraler Marktplatz
für einen der wesentlichen Wirtschafts- und somit
Jobmotoren im Großraum Schwarzwald-Baar-Heuberg.
Entscheider und Praktiker können sich quasi
vor der Haustür über Innovationen und Trends bei
Werkzeugmaschinen, Präzisionswerkzeuge und Zubehör
oder ganze Prozessketten informieren sowie
Geschäftskontakte knüpfen. Im Fach-Forum diskutieren
Aussteller und Fachbesucher über Best-Practice-
Beispiele, verbesserte Techniken, Lösungsansätze
und Optimierung von Workflows.

Bereits seit 1967 existiert eine ständige Fertighausausstellung,
heute HausBauPark. Rund 15 moderne
Musterhäuser verschiedener Hersteller können
das ganze Jahr über besichtigt werden. Diese
Häuser sind besonders wegen ihrer Vorreiterrolle in
Sachen Energieeffizienz und nachhaltiger Bauweise
gefragt und können individuell geplant werden.

Beratungsgespräche gehören auf dem Messegelände in VSSchwenningen
selbstverständlich dazu, zumal, wenn es um
komplexe Haustechnik geht.

Bierdeckel, Krimi und Messehahn:
Fester Platz im Kalender der Region

Auch nach 75 Jahren hat die Südwest Messe einen
festen Platz im Kalender der Region. „Start-ups
erleben hier ihre Premieren, große Firmen betreiben
aktive, praktische Marktforschung im Gespräch mit
den Kunden, weil sie hier den Querschnitt der
Gesellschaft erreichen“, sagt Geschäftsführer Jan
Goschmann. Und betont weiter: „Hier erfahren die
Hersteller direkt vom Kunden, was gut funktioniert,
aber auch, was sie noch besser machen können.“

Die Besucherinnen und Besucher kommen, weil
sie wissen wollen, was es Neues gibt, es ist „ihre“
Messe. So gab es schon Sammler, die Bierdeckel
und Siegelmarken aufbewahrten. Es existiert ein
auf Schallplatte gepresster Messe-Marsch. 2006
führt der Krimi „Schwarzwaldrätsel“ auf das
Messegelände. Zur 50. Südwest Messe
im Jahr 2009 ist eine Chronik mit vielen
Bildern und Messegeschichten
erschienen.

„Messen wird es immer geben“,
resümiert Jan Goschmann, „weil Menschen
sich treffen und gemeinsam beraten
wollen. Und weil man immer etwas

findet, das man nicht gesucht hat – aber immer
schon haben wollte.“

Von Menschen für Menschen

Das ganze Jahr über arbeitet ein Team von 13 Personen
für die SMA, in Mannheim sind es 49 Menschen.
Messeleiter in Schwenningen ist seit 2019
Tobias Ertl. Man tauscht sich regelmäßig aus und
unterstützt sich gegenseitig mit Ideen, Infrastruktur
und Material. So werden für die Südwest Messe zum
Beispiel 19 Kilometer Stromleitungen mit einem
Gesamtgewicht von 23 Tonnen verlegt, analog muss
Wasser installiert werden. Routine gibt es nicht,
Langeweile auch nicht. Vor Jahren hat das Messe

team seine Schritte gezählt und kommt im Schnitt
auf 13 Kilometer pro Person und Messetag.
Die Spannung steigt von Tag zu Tag, dann
ist es so weit: Samstag nach Pfingsten.
Es kann losgehen.

Messeleiter Tobias Ertl

75 Jahre Südwest Messe

155

In enger Zusammenarbeit mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis
ein innovatives Modellprojekt verwirklicht:

Der „Rote Löwen“ –
Stolz von St. Georgen

VON ROLAND SPRICH

Der „Rote Löwen“ strahlt wieder, ist sich ganz St. Georgen
einig. Seine Geschichte ist vielgestaltig und reicht von der
ältesten Erwähnung 1548 als Scheune und Tanzlaube bis
hin zu seiner Funktion als Vereinslokal für Gastarbeiter
aus Italien, Spanien und der Türkei. Bis ihm schließlich
der Abriss drohte, den Bürgermeister Michael Rieger tat
kräftig verhinderte.

5. Kapitel – Soziales

Der „Rote Löwen“ in St. Georgen war einst Klosterwirtsstube, Feuerwehrhaus, Weinhandel
und Vereinsheimat. Nach jahrzehntelanger Tristesse, vom Zerfall und Abriss
bedroht, ist er jetzt wieder das, was er schon vor 500 Jahren war: Ein sozialer Treffpunkt
für die Bürger von St. Georgen – aber auch ein Modellprojekt für den Landkreis.
In einer einmaligen Kooperation zwischen dem Sozialdezernat des Landratsamtes
SchwarzwaldBaarKreis,
den kirchlichen Sozialdiensten und der Stadt St. Georgen
entstand mit dem „Sozialräumlichen Beratungsund
Sozialdienst“ ein Meilenstein bei
der VorOrtBetreuung
der Bürger. Dieser ermöglicht den Menschen in St. Georgen
einen unkomplizierten Zugang zu Informationen, Hilfen und zur aktiven Selbsthilfe.
Wo bisher oft der Weg nach Villingen zu verschiedenen Dienststellen notwendig war,
arbeiten die zuständigen Leistungsträger nun vor Ort. Landrat Sven Hinterseh freut sich
bei der Eröffnung des „Roten Löwen“: „Dieses Begegnungszentrum mitten in der Stadt
leistet für das Miteinander in der Bergstadt einen wichtigen Beitrag – im Rahmen eines
geförderten Landesprojektes betreten wir Neuland.“

A
A
ls im Frühjahr 2024 das neue Bürger- und
Beratungszentrum „Roter Löwen“ in St. Georgen
feierlich eingeweiht wird, fallen die
Strapazen und Anstrengungen der vorangegangenen
sieben Jahre von den Schultern aller Beteiligter ab.
Strahlende Gesichter der Verantwortlichen, anerkennende
Worte des Landrates sowie staunende Blicke
und zustimmendes Nicken der Bevölkerung sind
verdienter Lohn dafür, dass sich gleich etliche
Verantwortliche nicht von der deutlich verlautbarten
Skepsis anderer beirren ließen. Sie haben das Projekt
vielmehr durchgezogen und das marode und zuletzt
einsturzgefährdete Gebäude mit vielfältigen
Beratungsangeboten, Begegnungscafé, Jugendraum
und imposantem Bürgersaal zu einem neuen
Treffpunkt in der Innenstadt gemacht.

Denn wenn es nach einem Teil der St. Georgener
Bürger und einem kleinen Teil der Mitglieder aus
den Reihen des damaligen Gemeinderates gegangen
wäre, wäre der „Rote Löwen“ längst dem Erdboden
gleichgemacht und an seiner Stelle ein Parkhaus
errichtet worden. Damit hätte das Gebäude das
gleiche Schicksal ereilt wie zahlreiche Häuser
50 Jahre zuvor, als am Anfang der 1970er-Jahre große

Ich hatte von Anfang an
die Vision, das mit diesem
Gebäude etwas ganz
Besonderes passieren muss.

Michael Rieger, Bürgermeister

Teile der Innenstadt abgerissen und durch damals
moderne Betonklötze ersetzt wurden.

Neuer Bürgermeister erkennt Potenzial

Michael Rieger indes, 2008 ganz frisch als Bürgermeister
von St. Georgen ins Amt gewählt, erkannte,
dass in dem markanten Gebäude großes Potenzial
steckt. „Ich hatte von Anfang an die Vision, dass mit
diesem Gebäude etwas ganz Besonderes passieren
muss. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt aber noch keine
passende Idee“, blickt er zurück. Es sollte dann auch
bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit im Frühjahr

Oben: Historische Bilder erinnern an die Geschichte St. Georgens, in der der „Rote Löwen“ seit fast 500 Jahren eine Rolle spielt.

Unten: Mehrere hundert Besucher kommen zur Eröffnung des Bürgerzentrums „Roter Löwen“ in St. Georgen. Im Bild vorne
von links der ehemalige Bürgermeister Wolfgang Schergel, Landrat Sven Hinterseh und Bürgermeister Michael Rieger.

Modellprojekt „Roter Löwen“ in St. Georgen

Die Hauptstraße mit dem „Roten Löwen“ (rechts) um die Jahrhundertwende.

2024 dauern, ehe der „Rote Löwen“ mit einem
einzigartigen Nutzungskonzept tatsächlich zu neuem
Leben erweckt werden konnte.

Im Jahr 1533 ließ Abt Johannes Kern das
„Würtzhaus zu Sant Jörgen“ errichten

Um nachvollziehen zu können, welchen historischen
Hintergrund ausgerechnet dieses wuchtige und
zugegebenermaßen damals wenig ansehnliche
Gebäude in der Innenstadt der viertgrößten Gemeinde
im Schwarzwald-Baar-Kreis hat, muss man das
Rad der Zeit knapp 500 Jahre zurückdrehen. 1533
ließ der damalige Abt des Benediktinerklosters
St.Georgen, Johannes Kern, das „Würtzhaus zu Sant
Jörgen“ errichten. Das geht aus Aufzeichnungen des
St. Georgener Heimatforschers Wolf-Dieter Gramlich
hervor. Als sogenannte „Klosterbannwirtschaft“
genoss das Gasthaus über Jahrhunderte viele
Privilegien. So mussten in der Klostergemeinde
sämtliche kirchlichen Familienfeiern wie Hochzeiten

und Taufen der Bürger von St. Georgen und Umlandgemeinden
in diesem Gasthaus stattfinden, das
später in „Roter Löwen“ umbenannt wurde. Wer
diese Anordnungen nicht befolgte, dem drohten
hohe Geld- oder gar Gefängnisstrafen.

Dieses Bannrecht überdauerte sogar die Klosterzeit,
das 1633 nach der Zerstörung durch einen Brand
nicht wieder aufgebaut wurde. Erst 1848 wurde das
Bannrecht, sehr zum Leidwesen des damaligen
Wirts, aufgehoben. Von da an konnten die St.Georgener
Bürger selbst entscheiden, in welchem der
Gasthäuser, von denen es mittlerweile ein halbes
Dutzend in der Bergstadt gab, sie ihre Familienfeiern
abhalten wollten. Die Aufhebung des Privilegs
läutete allerdings auch das Ende des „Roten Löwen“
als Gasthaus ein, das einen schleichenden Tod starb
und 1921 geschlossen wurde.

Wenngleich der „Rote Löwen“ eine Geschichte
vorweisen kann, die ein halbes Jahrtausend umfasst,
das jetzige Gebäude ist damit verglichen ein
regelrechter „Jungspund“: Es wurde erst 1866

errichtet und damit ein Jahr nach dem großen
Stadtbrand wieder aufgebaut, der große Teile der
damaligen Innenstadt vernichtete. Einzig der Keller
dürfte noch aus der Originalzeit stammen. Er wurde
um 1572 vom damaligen Wirt Hans Engelhör beantragt,
„damit der Wein im Sommer nicht schlecht
wird und im Winter nicht gefriert.“ Auf den Keller
wurde das aktuelle zweigeschossige Gebäude
aufgesetzt, das somit „erst“ rund 160 Jahre alt ist.

Feuerwehrgerätehaus, Weinhandlung
und interkultureller Treffpunkt

Im 20. Jahrhundert diente der „Rote Löwen“ unterschiedlichen
Nutzungen, so beispielsweise der
örtlichen Feuerwehr von 1933 bis 1964 als Spritzenhaus.
Unter dem damaligen Rathauschef Günter
Lauffer, der von 1968 bis 1992 Bürgermeister war,
gab es dann verschiedene Nutzungsideen. Richtig
durchsetzen mochte sich aber keine. Und so darbte
das Gebäude über die Jahrzehnte vor sich hin und es
wurde bei kleinen Schönheitsreparaturen belassen.
Von Anfang der 1980er bis Anfang der 2000er-Jahre
befand sich dort zudem eine Weinhandlung und von
2004 bis 2019 ein Blumengeschäft. Außerdem
konnten mehrere interkulturelle Vereine die Räumlichkeiten
als Treffpunkt nutzen.

Als bei einer Brandverhütungsschau durch das
Landratsamt 2018 gravierende Sicherheitsmängel
beispielsweise durch fehlende Flucht- und Rettungswege
und offenliegende Stromleitungen festgestellt
und das Betreten des Gebäudes für die dortigen
Vereine quasi über Nacht untersagt wurde, war dies
sozusagen der Startschuss für die Stadt St. Georgen,
sich intensiv mit der Zukunft des „Roten Löwen“ zu
befassen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst in das
Sanierungskonzept der Innenstadt aufgenommen
worden. Eine konkrete Nutzungsidee gab es mittlerweile
ebenso: Der „Rote Löwen“ sollte zu einem
sozialen Treffpunkt für alle Generationen werden, mit
einem breiten Sozialberatungsangebot für St. Georgener
Bürger. Auch eine Begegnungsstätte und einen
Bürgersaal sah die Ursprungsidee bereits vor.

Gemeinderat stimmt mehrheitlich zu

Die Architektengemeinschaft Martin Rosenfelder
und Stefan Blum, beide mit großer Erfahrung in der

Der „Rote Löwen“ soll zu
einem Treffpunkt für alle
Generationen werden, mit
einem breiten Beratungsangebot
für die Bürger.

Sanierung alter und historischer Gebäude, erstellte
eine Machbarkeitsstudie und eine erste Kostenberechnung:
4,3 Millionen Euro sollte die Sanierung
kosten. Viel Geld für das Stadtsäckel, das nach
Ansicht eines Teils des Gemeinderats besser in
andere Projekte hätte fließen sollen. Doch die
Verwaltung war seinerzeit bereit, insgesamt 4,5 Millionen
Euro an Eigenmitteln zu finanzieren. Letztlich
betrug der Eigenanteil der Stadt durch großzügige
Förderungen 3,8 Millionen Euro.

Da das bis dahin erarbeitete Nutzungskonzept in
das Investitionspaket „Soziale Integration im
Quartier“ des Landes Baden-Württemberg passte,
aus dem 54 Prozent und damit mehr als die Hälfte
der Kosten bezuschusst wurden, war für die Stadt
noch ein Anteil von zwei Millionen Euro zu stemmen.
Der Gemeinderat stimmte vor diesem Hintergrund
im Januar 2019 mehrheitlich der Sanierung zu.
Viele Bedenken gab es bezüglich unvorhersehbarer
Kostensteigerungen, weil bei einer derartigen
Bausubstanz immer mit Überraschungen gerechnet
werden müsse. Wenngleich die Architekten eine
detaillierte Kostenberechnung abgaben und nichts
schön rechneten.

Dass am Ende mit 6,5 Millionen Euro doch eine
höhere Summe zusammenkam – aber mit letztendlich
55 Prozent auch leicht höhere Zuschüsse
fließen – ist unter anderem auf die Inflation und
Verzögerungen aufgrund der Pandemie und des
Ukrainekrieges zurückzuführen. Dafür ist der „Rote
Löwen“ zu einem einzigartigen Projekt geworden.
Für St.Georgen sowieso, aber auch für den
Schwarzwald-Baar-Kreis, da das Nutzungskonzept
einen besonderen Modellcharakter hat.

Modellprojekt „Roter Löwen“ in St. Georgen

Oben: Das Team des Café „Vielfalt“ betreibt seit Mai 2024 das Begegnungscafé im Erdgeschoss.
Unten: Neben einem kleinen, täglich frisch zubereiteten Mittagstisch stehen mehrere Kuchen zur Auswahl.

Vielfältige Angebote für
Jung und Alt

Betritt man das Gebäude von der Hauptstraße aus,
gelangt man in das Begegnungscafé. Das Besondere
daran: Das Café Vielfalt führen in städtischer Regie
zwei hauptamtliche und ein großes Team an ehrenamtlichen
Mitarbeitern und es wird zudem als
integrativer Betrieb geführt. Das bedeutet, dass hier
auch Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung
geschaffen wurden. Das Café Vielfalt bietet auch
einen kleinen, täglich frisch zubereiteten Mittagstisch
an.

Direkt nebenan hat die St. Georgener Jugend ihr
neues Domizil gefunden. Mit gemütlichen Sitzecken,
einem Billardtisch, Tischkicker und einem überdimensionalen
Bildschirm lässt es sich hier „perfekt
abhängen und chillen“. In der kleinen Küchenzeile
können die Kinder und Jugendlichen, die von einer
Mitarbeiterin des Jugendbüros betreut werden,
kleine Speisen selbst kochen. Oder sich einfach mal
eine Pizza in den Ofen schieben.

Weiter steht den Jugendlichen im „Roten Löwen“
ein eigens angelegter Außenbereich zur Verfügung,
der vor allem im Sommer begehrt ist.

Oben: Der Jugendraum mit Sitzecken, Tischkicker und Billardtisch. Unten: Das „Zwergenstüble“ bietet stundenweise Entlastung
für Eltern. Ortsnahe Unterstützung für Bürger bieten u.a. verschiedene Beratungsangebote des Landkreises.

Koordinations- und Aktionsstelle
für bürgerschaftliches Engagement

Im ersten Obergeschoss befinden sich neben der
„Wirkstatt“, einer Koordinations- und Aktionsstelle
für Projekte für bürgerschaftliches Engagement aus
unterschiedlichsten Bereichen, und dem Kinderbetreuungsangebot
„Zwergenstüble“, weitere Büros
verschiedener Sozialberatungsstellen. In einer
bislang kreisweit einmaligen Kooperation mit dem
Sozialdezernat des Landratsamtes, den kirchlichen
Sozialdiensten Diakonie und Caritas sowie der Stadt
St. Georgen wurde hier ein Modellprojekt geschaf

fen, das Menschen mit sozialem Beratungsbedarf
einen unkomplizierten und niedrigschwelligen
Zugang zu Informationen, Unterstützungen und
Angeboten verschiedener Leistungsträger bietet.

Das Jobcenter der Agentur für Arbeit, Diakonie
und Caritas, dazu das Landratsamt mit dem Jugendamt
sowie dem Pflegestützpunkt als Beratungsstelle
für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige sind
hier ebenso mit regelmäßigen Sprechstunden
vertreten. Weiter die Beratungsstelle für Erwachsene,
Kinder und Jugendliche. Auch die Eingliederungshilfe
für Menschen mit Behinderung und die

Modellprojekt „Roter Löwen“ in St. Georgen

163

Auch Sprachkurse werden im „Roten Löwen“ angeboten.

sozialen Leistungsangebote der Stadt St. Georgen
sind hier im wahrsten Sinne unter einem Dach
vereint. Für die Personen, die die Angebote in
Anspruch nehmen, ergibt sich der große Vorteil, dass
sie nicht mehr zu den Ämtern und Beratungsstellen
in VS-Villingen fahren müssen.

Bedeutender Schritt bei der
Sozialraumorientierung

Landrat Sven Hinterseh ist von dem neuen Bürgerzentrum
sehr angetan. Er betont: „Mit dem ‚Roten
Löwen‘ wurde in St. Georgen ein Begegnungszentrum
geschaffen, das für das Miteinander in der

Landrat Sven Hinterseh mit Bürgermeister Michael Rieger
im Café Vielfalt.

Bergstadt einen wichtigen Beitrag leistet. Dieses
Angebot bietet dem Schwarzwald-Baar-Kreis die
Möglichkeit, einen bedeutenden Schritt bei der
Sozialraumorientierung zu gehen. Dabei wird das
Ziel verfolgt, passgenaue Unterstützung und
Begleitung für hilfesuchende Bürger ortsnah zu
gestalten. Das Landratsamt wird im Rahmen eines
geförderten Landesprojekts hier Neuland betreten.
Allen Beteiligten, die sich bei diesem Projekt so
großartig engagieren, bin ich sehr dankbar.“

Geleitet wird das neue Beratungs- und Sozialdienstzentrum
von Markus Esterle. Auch das ist ein
großer Vorteil. Esterle war zuvor Leiter des Amtes
für Ordnung, Bildung und Soziales in St. Georgen.
Er kennt somit die Sorgen und Bedarfe der unterstützungsbedürftigen
Bürgerinnen und Bürger. „Ich
freue mich, dass ich durch meine neue Aufgabe
noch näher an den Menschen dran bin und ihnen
noch mehr helfen und noch mehr bewirken kann“, so
Markus Esterle.

Durch die räumliche Nähe, die konzeptionelle
Neustrukturierung sowie die ämterübergreifende
Vernetzung und Zusammenarbeit sollen die Bedürfnisse
der Menschen individueller erfasst und die
Hilfsangebote besser auf sie zugeschnitten werden,
um sie in ihren jeweiligen Bedarfen optimal zu
unterstützen.

Das Sozialdienstangebot ist ein auf drei Jahre
angelegtes Modellprojekt des Kommunalverbandes

Für kulturelle, gesellschaftliche und soziale Veranstaltungen ist der Bürgersaal im Dachgeschoss gedacht.

Jugend und Soziales Baden-Württemberg, das mit

100.000 Euro gefördert und zudem wissenschaftlich
begleitet wird. Die Projektpartner erhoffen sich
wichtige Erkenntnisse aus dieser Form der Zusammenarbeit,
um künftig weitere Vorhaben dieser Art
umzusetzen.
Bürgersaal ist ganzer Stolz

Der ganze Stolz des „Roten Löwen“ ist der Bürgersaal
direkt unterm Dach. Der große Raum besticht in
vielerlei Hinsicht: Betritt man den Saal, wandert der
Blick durch das offene Gebälk direkt bis unter die
Dachspitze. Die mächtige Dachkonstruktion wurde
weitgehend im Original belassen, als Reminiszenz an
die historische Vergangenheit des Gebäudes. Der
rote Bodenbelag bietet einen starken Kontrast zum
Holz.

Der Bürgersaal ist wie die übrigen Etagen dank
eines Aufzuges barrierefrei erreichbar und für
kleinere kulturelle Veranstaltungen gedacht. Der Saal
bietet je nach Bestuhlung Platz für bis zu 230 Personen
und ist mit modernster Ton-, Licht- und Multimediatechnik
ausgestattet. Dank Induktionsschleifen
im Fußboden können auch Personen mit Hörgeräten
Veranstaltungen akustisch optimal mitverfolgen. In
einer gut ausgestatteten Cateringküche können
angelieferte Speisen erwärmt und für die Ausgabe
vorbereitet werden. Der Saal kann zudem auch für

Der „Rote Löwen“ soll auch
als „Frequenzbringer“ für
die Innenstadt fungieren,
die dadurch belebt werden
kann, so Bürgermeister
Michael Rieger.

Firmen- oder private Familienfeiern gebucht werden.
Voraussetzung: Es können nur Personen den Saal
buchen, die in St. Georgen wohnen oder eine
familiäre oder berufliche Verbindung zu der Stadt
haben. Wie Bürgermeister Michael Rieger betont,
soll das Veranstaltungsangebot dabei „in keinster
Weise im Wettbewerb zu anderen kulturellen oder
gastronomischen Angeboten und Einrichtungen
stehen.“

Fazit: Mit dem „Roten Löwen“ hat St. Georgen einen
Treffpunkt für Menschen aller Generationen geschaffen.
Und so erhofft sich Hauptinitiator Bürgermeister
Michael Rieger einen „Frequenzbringer“ für
die Innenstadt. Diese werde durch das neue Angebot
deutlich aufgewertet und belebt, wovon letztendlich
auch der Einzelhandel profitiere.

Modellprojekt „Roter Löwen“ in St. Georgen

165

Bronzeplakette des Landes

Mehr als die Hälfte der Gesamtkosten in Höhe von
6,5 Millionen Euro investierte das Land Baden-Württemberg
in die Sanierung des „Roten Löwen“. Vor
diesem Hintergrund kamen im Juli 2024 Vertreter
des Landes und des Regierungspräsidium nach
St. Georgen und begutachteten das Projekt. Und der
„Rote Löwen“ machte bei den Landesvertretern
enorm Eindruck. „Wir sind stolz wie Bolle“, brach es
aus Ralph König vom Ministerium für Landesentwicklung
und Wohnen heraus. Es mache ihn stolz zu
sehen, was dank der Förderung entstanden ist. Mit
dem „Roten Löwen“ sei etwas Identitätsstiftendes
für St. Georgen geschaffen worden.

Thomas Wirth von der Stadtentwicklungsgesellschaft
STEG bezeichnete das Ergebnis als „beispielhaft.“
Und FDP-Landtagsabgeordneter Frank Bonath
stellte fest, die Stadt habe den Mut gehabt, das alte
Gebäude wieder zum Leben zu erwecken. „Der „Rote
Löwen“ ist kein Strohfeuer, sondern strahlt langfristig
Atmosphäre aus“, so sein Fazit.

Sozialdezernent Stach: „Die Menschen zur
Selbsthilfe anleiten“

Sozialdezernent Jürgen Stach vom Landratsamt wies
auf den notwendigen Paradigmenwechsel in der
Sozialpolitik hin. „Der Anspruch, dass, sobald
jemand ein Problem hat, eine Behörde das richten
soll, wird nicht mehr erfüllt werden können.“
Vielmehr sollen die Menschen, die Unterstützung
suchen, zur Selbsthilfe angeleitet werden. „Wir
fragen, was ist dein Bedarf, was kannst du selbst
einbringen und was sind deine Ressourcen?“

„Ich bin sehr glücklich, dass es so ist wie es ist“,
sagte Bürgermeister Michael Rieger, nach dem die
Delegation einen Rundgang durch das Gebäude
gemacht hatte und beeindruckt war. Rieger ließ den
langen Weg aufblitzen, bis der „Rote Löwen“ in
seinem jetzigen Erscheinungsbild erstrahlen kann.
Sein großer Dank galt dann auch den Vertretern des
Landes und des Regierungspräsidiums, ohne deren
Fördermittel das Projekt nicht hätte umgesetzt
werden können.

Bei einer Feierstunde im „Roten Löwen“ überreichte
Ralph König vom Ministerium für Landesentwicklung und
Wohnen (links) an Bürgermeister Michael Rieger eine
bronzene Plakette. Sein Fazit: „Wir sind stolz wie Bolle.“

Mit dem „Roten Löwen“ ist
etwas Identitätsstiftendes
für St. Georgen geschaffen
worden.

Als sichtbares Zeichen der Anerkennung für das
Projekt, das aus der Masse weit herausragt, und ein
bisschen auch als Erinnerung daran, wer das Projekt
maßgeblich mitfinanziert hat, bekam Bürgermeister
Rieger durch Ralph König vom Ministerium für
Landesentwicklung und Wohnen eine Bronzeplakette
überreicht.

Modellprojekt „Roter Löwen“ in St. Georgen

Der „Rote Löwen“ mit Blick aus nordöstlicher Richtung. Dank der
mustergültigen Sanierung hat St. Georgen in der Stadtmitte ein neues
Bürgerzentrum und ein Schmuckstück zugleich erhalten.
Der „Rote Löwen“ mit Blick aus nordöstlicher Richtung. Dank der
mustergültigen Sanierung hat St. Georgen in der Stadtmitte ein neues
Bürgerzentrum und ein Schmuckstück zugleich erhalten.

60 Jahre Malteser
Eine Erfolgsgeschichte im Wandel der Zeit Eine Erfolgsgeschichte im Wandel der Zeit
Hilfsdienst im
Schwarzwald-Baar-Kreis

VON HANS-JÜRGEN GÖTZ

Sanitätseinheiten der Malteser kommen immer
dann zum Einsatz, wenn eine große Anzahl von
verletzten oder erkrankten Personen versorgt
werden muss. Bei Großschadenslagen wie
Industrieunfällen oder Bränden können die
Helferinnen und Helfer sowohl vor Ort erste
Not lindern als auch eine große Anzahl von
Patientinnen und Patienten versorgen und für
den Transport ins Krankenhaus stabilisieren.

Soziales 169

Die Organisation bietet ein breites Spektrum an Diensten an, von Sanitätsdienst, Zivilschutz, ErsteHilfeAusbildung,
Fahrdienste, Menüservice, Hausnotruf, ambulanter Pflege, „Café Malta“, Besuchshunden bis zum mobilen Einkaufswagen.

Wer den Namen Malteser Hilfsdienst
hört, denkt zunächst an die Krankentransportfahrzeuge,
die vor allem bei
größeren Schadensereignissen im
Zusammenspiel mit dem DRK und
der Feuerwehr auf den Straßen zu sehen
sind. So mancher hat auch schon
mal an einem ErsteHilfeKurs
der
Malteser teilgenommen. Dabei hat der
Hilfsdienst weit mehr zu bieten und
eine weit zurückreichende internationale
Historie. Diese geht zurück bis
ins Jahr 1048 mit der Gründung des
ersten Hospizes und der Kirche des hl.
Johannes zu Jerusalem.

E
E
s dauerte bis 1956, bis in Baden-Württemberg
die ersten Malteser Ortsgruppen gegründet
wurden. Inzwischen engagieren sich insgesamt
rund 10.000 Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche
ehrenamtlich in 57 Orts- und Stadtgliederungen
innerhalb der Erzdiözese Freiburg und der Diözese
Rottenburg-Stuttgart. 1964 wurde dann auch die

Im Hauptamt sind im
Landkreis 190 Mitarbeiter in
der gGmbH Voll,
Teilzeitoder
geringfügig beschäftigt.
Parallel dazu engagieren
sich 151 Ehrenamtliche
in den verschiedenen
Einsatzbereichen des
Malteser Hilfsdienstes.

Neben Rückholund
Fahrdiensten für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen gehört auch die Schülerbeförderung
und Individualfahrten zum klassischen Dienstleistungsspektrum des Malteser Hilfsdienstes im Landkreis.

Ortsgruppe bzw. Stadtgliederung in VS-Villingen
gegründet und ist seitdem Teil des Katastrophenschutzes
sowie des Rettungsdienstes im Kreis.

Struktur und Entwicklung der
Malteser-Dienste im Landkreis

Der Malteser Hilfsdienst ist in zwei wesentlichen
Bestandteilen organisiert, einem Hauptamt und
einem ehrenamtlichen Teil. Im Hauptamt sind im
Landkreis 190 Mitarbeiter in der gGmbH Voll-,
Teilzeit- oder geringfügig beschäftigt. Parallel dazu
engagieren sich 151 Ehrenamtliche in den verschiedenen
Einsatzbereichen des Malteser Hilfsdienstes.
Beide Organisationseinheiten sind rechtlich und
disziplinarisch voneinander getrennt, arbeiten aber an
vielen Schnittstellen einheitlich zusammen. Neben
den klassischen Diensten wie zunächst dem Sanitätsdienst
und der Breitenausbildung, folgt die Bereitstellung
des Rückhol- und Fahrdienstes für Menschen mit
körperlichen oder geistigen Einschränkungen oder
anderen Hintergründen, welche einen besonderen
Transport benötigen. Über die Jahre etablierte sich der

Der ErsteHilfeGrundlehrgang
ist das Basisangebot für das
Erkennen und Einschätzen von Gefahren und die Durchführung
der richtigen Maßnahmen wie beispielsweise der
Wiederbelebung. Moderne Medien und eine entsprechende
medizinische und pädagogische Qualifikation der Ausbilder
garantieren, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in nur
einem Tag lernen, wie sie im Notfall schnell helfen können.

60 Jahre Malteser Hilfsdienst im SchwarzwaldBaarKreis

171

172 172
Für die tägliche Auslieferung werden bis zu 240 warme
Mahlzeiten auf sieben Fahrzeuge verteilt. Der beliebte
Menüservice ist sowohl tageweise, als auch über einen
längeren Zeitraum hinweg buchbar. Die Fahrzeugflotte ist
weitgehend auf EAntrieb
umgestellt.

Malteser Fahrdienst in Villingen-Schwenningen und
zählt heute zu einem der führenden Fahrdienstanbieter
im Landkreis Schwarzwald-Baar. Mittlerweile
wurden die Leistungsgebiete um die Landkreise
Rottweil und Tuttlingen erweitert. Seit dem Jahr 2021
fahren sie neben der Christy-Brown- und der CarlOrff-
Schule in Villingen-Schwenningen ebenso die
Kompetenz- und Bildungszentren in Villingen und
Donaueschingen an. Sowohl die tägliche Schülerbeförderung,
als auch die Individualfahrten für
Seniorinnen und Senioren und beeinträchtigte
Menschen sind fester Bestandteil der Dienstleistungen
der Malteser Hilfsdienst gGmbH im SchwarzwaldBaar-
Kreis. Im Schuljahr 2023 legten ihre Fahrzeuge
auf 15 Touren verteilt, eine Gesamtstrecke von
257.628 Kilometern zurück, das entspricht umgerechnet
einer 20-fachen Erdumrundung.

Ebenfalls viele Kilometer bringt der mobile
Menüservice und der ambulante Pflegedienst auf die
Straße. Von Villingen aus werden mit aktuell sieben
Fahrzeugen bis zu 240 warme Mahlzeiten pro Tag
ausgeliefert. Hier, wie in anderen Bereichen, haben
die Malteser ihre Fahrzeugflotte inzwischen weitgehend
auf Elektroautos umgestellt. Zu den weiteren
Angeboten für Seniorinnen und Senioren gehören
auch ein Einkaufsdienst, Besuchs- und Begleitdienste
sowie spezielle Angebote für Menschen mit demenziellen
Erkrankungen.

In der PflegeWG
wird den
Bewohnerinnen und Bewoh

nern eine vollumfassende
Versorgung angeboten,
während gleichzeitig die
Eigenaktivität und gemeinschaftliches
Zusammensein
gefördert wird.

Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Pflege-
Wohngemeinschaft in der Hauptstraße 71 in Blumberg.
Hier werden zwölf Menschen mit Pflegebedarf

Oben: Das Wohnzimmer der PflegeWohngemeinschaft
in Blumberg. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben jeweils
ein eigenes Zimmer, nutzen jedoch gemeinschaftlich Räume, die die Begegnung und die Erledigung des täglichen Lebens
fördern. Die WG bietet eine umfassende Betreuung, legt aber gleichzeitig großen Wert auf die Förderung der Eigeninitiative
und des Miteinanders. So wird zum Beispiel der wöchentliche Speiseplan in der Gruppe erstellt. Je nach individuellen
Möglichkeiten bereiten die Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam mit den Betreuungskräften die Mahlzeiten
zu. Unten: Das Esszimmer mit angegliederter Küche.

173

Oben: Während der Nachmittage im Café Malta betreuen
ehrenamtliche Demenzbegleiter und Demenzbegleiterinnen
die Gäste mit Kaffee, Kuchen und kreativen Angeboten.
Hierbei stehen geselliges Beisammensein und
ressourcenorientierte Aktivierung im Vordergrund.

Unten: Der Malteser Hausnotruf ist per Knopfdruck rund
um die Uhr erreichbar und hilft, wenn es darauf ankommt.

in einer Wohngruppe von acht wechselnden Pflegekräften
vollumfänglich betreut und versorgt. Die
Bewohnerinnen und Bewohner haben jeweils ein
eigenes Zimmer, nutzen jedoch gemeinschaftlich
Räume, die die Begegnung und die Erledigung des
täglichen Lebens fördern. Entgegen der oft vorzufindenden
Meinung, die Betreuung beschränke sich auf
die Installation eines Hausnotrufgerätes und die
Organisation von gelegentlichen Kaffeenachmittagen,
ist die Betreuung der Bewohnerinnen und
Bewohner der Pflege-WG sehr individuell. In diesem
Wohnkomplex, der auf Seniorinnen und Senioren
ausgerichtet ist, gibt es weitere Wohnungen, die
unabhängig angemietet werden. Die Bewohnenden
können bei Bedarf den regulären ambulanten
Pflegedienst in Anspruch nehmen.

Café Malta und weitere
Dienstleistungen für Senioren

Gleich gegenüber, in der Hauptstraße 18 in Blumberg
befindet sich das Café Malta. Hier werden in den neu
und offen gestalteten Räumlichkeiten individuelle
Angebote geschaffen, um der Bevölkerung einen
sozialen Mehrwert und Begegnung zu bieten. Zwei
weitere Cafés gibt es in Bad Dürrheim und Donaueschingen.

Und wer all dies noch nicht nutzt, jedoch im Alter
mehr Sicherheit braucht, der oder dem bietet der
Malteser Hilfsdienst bundesweit einen Hausnotruf an.
Über den können die Menschen zu Hause, aber auch
unterwegs jederzeit mit einem einfachen Knopfdruck
einen Notruf absetzen. In der Notrufzentrale in Köln
sind bereits alle Daten hinterlegt, der aktuelle Standort
bekannt und so wird die passende Hilfe sofort zu den
Menschen in einer Notlage auf den Weg gebracht.

Koordination und Zusammenarbeit
im Katastrophenschutz

Ebenfalls in Blumberg wurde 2021 eine Rettungswache
eingerichtet. Hier steht rund um die Uhr ein
Notarzteinsatzwagen mit einem Notfallsanitäter und
Notarzt bereit. Damit wurden die Rettungszeiten vor
allem an der südlichen Grenze des Landkreises
deutlich verkürzt.

Koordiniert werden alle Einsätze über die
zentrale Rettungsleitstelle des Landkreises beim

Die 2021 in Blumberg eingerichtete Rettungswache stellt rund um die Uhr einen Notarzteinsatzwagen mit einem Notfallsanitäter
und Notarzt bereit. Bei einer Notfalllage bekommen die Fahrerinnen und Fahrer die Zielkoordinaten zum
Einsatzort direkt auf ihr Navigationsgerät im Fahrzeug eingespielt und müssen keine wertvolle Zeit mit Suchen und Telefonieren
verlieren.

Schwarzwald-Baar Klinikum, wo auch der Rettungshubschrauber
stationiert ist. Hier werden alle Einsatzfahrzeuge
von Feuerwehr, THW, DRK und eben
auch des Malteser Hilfsdienstes zusammengeführt
und deren aktuelle Position und Einsatzbereitschaft
per Funk und GPS erfasst. Das ermöglicht es den Disponenten
auf der Leitstelle zu jeder Notfalllage das
am nächsten gelegene und am besten ausgerüstete,
einsatzbereite Rettungsfahrzeug zu alarmieren. Die
Zielkoordinaten zum Einsatzort bekommen die Fahrerinnen
und Fahrer direkt auf ihr Navigationsgerät
im Fahrzeug eingespielt und müssen keine wertvolle
Zeit mit Suchen und Telefonieren verlieren.

Auch im Rahmen des Bevölkerungsschutzes
sind die Malteser im Katastrophenschutzdienst
des Landkreises eingebunden. Gemeinsam mit
dem DRK-Kreisverband Donaueschingen stellen sie

In Blumberg wurde 2021
eine Rettungswache eingerichtet.
Hier steht rund
um die Uhr ein Notarzteinsatzwagen
mit einem
Notfallsanitäter und Notarzt
bereit.

eine Einsatzeinheit bereit. Wenn bei einer Großschadenslage
oder im Katastrophenfall der Regelrettungsdienst
nicht mehr ausreicht, ist es ihre Aufgabe,
den Behandlungsplatz 25 (BHP 25) zu stellen.

60 Jahre Malteser Hilfsdienst im SchwarzwaldBaarKreis

175

Damit sind sie in der Lage, pro Stunde 25 Verletzte
mit unterschiedlichen Verletzungsmustern auf
einem Behandlungsplatz erstzuversorgen und zum
Weitertransport in eine Klinik vorzubereiten. Hierzu
wird Einsatzmaterial vorgehalten, welches auf drei
LKW (GwSan) verladen ist. Der Behandlungsplatz
umfasst insgesamt sechs Sanitätszelte, wobei vier
davon aufblasbar sind. Werden zur Unterstützung
des Rettungsdienstes zusätzliche Krankentransportfahrzeuge
benötigt oder wird eine überörtliche
Hilfe angefordert, sind sie gemeinsam mit dem
Kreisverband des Roten Kreuzes Donaueschingen
in der Lage, mit drei Notfallkrankenwagen und zwei
4er-Tragewagen zu unterstützen.

Einsätze bei Katastrophen:
Vom Landkreis bis ins Ausland

Unvergessen ist der Einsatz dieser Einheit am 14. und

Ehrenamtliche Helfer des Katastrophenschutzteams unterstützen
z. B. die Feuerwehr bei größeren Gefahrenlagen
wie Naturkatastrophen, großen Bränden oder anderen
schweren Unglücksfällen.

15. Februar 1990, als die ganze Baar vom Jahrhunderthochwasser
betroffen war. Wolterdingen traf es
damals besonders hart. Zwei Tage lang kämpften die
Bewohnerinnen und Bewohner gegen die Wassermassen,
viele Häuser versanken in den Fluten. Am
6. September 1992 dann waren Teile des Zuges
alarmiert und begleiteten ein schweres Busunglück
in Bad Dürrheim. Im Zuge der Novellierung des
Katastrophenschutzes in den Jahren 1995 bis 1997
wurde der dritte Sanitätszug zwar personell reduziert,
aber mit weiteren Fahrzeugen ausgestattet.
Aber auch außerhalb des Landkreises helfen die
Malteser. Im Juli 2021 sind sie mit zwei Fahrzeugen

Auch außerhalb des Landkreises
helfen die Malteser.
2021 rückten sie als Notfallhelfer
zur Hochwasserkatastrophe
ins Ahrtal aus, um
dort vor Ort die lokalen Einsatzkräfte
bei ihrer schweren
Arbeit zu unterstützen.

Oben links: Hilfskräfte der Blaulichtorganisationen aus
dem SchwarzwaldBaarKreis
haben sich im Juli 2021
auf den Weg nach RheinlandPfalz
in das Gebiet der
HochwasserKatastrophe
gemacht. Mit dabei vom Malteser
Hilfsdienst Villingen waren (v. rechts) Benjamin Crain,
Maximillian Riegger und Kilian Jäger (2.v.l.).
Oben rechts: Mit einem Lastwagen fahren die Helfer durch
die zerstörten Straßen bis zum Krankenhaus von Ahrweiler.
Unten: Bei der Vergabe der Fluthelfermedaille im
Landratsamt. Von links: Jürgen Riegger, Maximillian
Riegger, Benjamin Crain, Maria Theresia Rehder, Kilian
Jäger, Pascal Fritzer und Dr. Michael Fritzer.

als Notfallhelfer zur Hochwasserkatastrophe ins Ganz unkonventionell sind die Malteser auch bei
Ahrtal ausgerückt. Eine Woche lang haben sie dort Hilfeleistungen im Ausland aktiv. Im Jahr 2022 leiste-
vor Ort mit vier Helfern die lokalen Einsatzkräfte bei te der Malteser Fahrdienst mit vier Fahrzeugen und
ihrer schweren Arbeit unterstützt. acht Mitarbeitenden einen kleinen, aber wichtigen

60 Jahre Malteser Hilfsdienst im SchwarzwaldBaarKreis

Bei der Übergabe eines ausgemusterten Feuerwehrfahrzeuges an die Malteser im August 2024. Von links: Gerd Wimmer,
Kommandant der Feuerwehr Donaueschingen und Bürgermeister Severin Graf übergeben die Schlüssel an Benjamin
Crain, Stadtbeauftragter und Leiter der Ausbildung und Rainer Kühl, Dienststellenleiter der Malteser Hilfsdienst gGmbH.
Rechts im Bild Detlev Dillmann, der für die Überführung des Fahrzeugs in die Ukraine zuständig war.

Beitrag, um beeinträchtige Personen sowie ältere
Menschen aus den Kriegsgebieten der Ukraine zu
evakuieren. Hierzu wurden die Personen an der polnischen
Grenze in die Malteserfahrzeuge überführt
und sicher nach Deutschland transportiert. Im Verlauf
der Zeit wurden immer wieder Fahrzeuge des
Malteser Fahrdienstes zur Verfügung gestellt, um lo-

Im Laufe der Zeit wurden
immer wieder Fahrzeuge
der Malteser Fahrdienste für
die Beförderung logistischer
und medizinischer
Materialien an die Grenze
zur Ukraine zur Verfügung
gestellt.

gistische und medizinische Materialien an die Grenze
zu befördern. Zuletzt brach ein kleiner Konvoi im
August 2024 von Villingen aus erneut in die Ukraine
auf. Darunter auch ein ausgemustertes, aber voll
einsatzfähiges Feuerwehrfahrzeug der Freiwilligen
Feuerwehr Wolterdingen.

Der Einsatz des Feuerwehrarztes und
die Rolle der Malteser im Rettungsdienst

Seit 2010 wird durch den Malteser Hilfsdienst e.V. der
Feuerwehrarzt unter der Führung von Dr. Michael
Fritzer mit vier Sanitätsdienstlerinnen und Sanitätsdienstlern
bereitgestellt. Ab der Ausbildung zum
Einsatzsanitäter dürfen die freiwillig Engagierten bei
den Einsätzen mitmachen. Dr. Fritzer wird im
Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit zeitweise von
weiteren vier Ärztinnen oder Ärzten unterstützt, was
eine beste Vernetzung und gute kooperative
Zusammenarbeit über Barrieren hinweg fördert.
Gegenwärtig besteht das ärztliche Team aus
Dr. Michael Fritzer und Dr. Matthias Bollinger. Das

Team wird durchschnittlich 30-mal im Jahr bei
Einsätzen ab der Brandstufe drei zur Überwachung
der Feuerwehrleute alarmiert. Die Aufgaben des
Feuerwehrarztes sind vielseitig: Er fungiert als
Betriebsarzt für die Feuerwehr und führt Vorsorge-
sowie Tauglichkeitsuntersuchungen für Atemschutzgeräteträger,
Maschinisten (mit Lkw-Führerschein)
und Höhenretter durch. Zudem berät er Feuerwehrangehörige
zu gesundheitlichen Themen und
Impfungen.

Zum weiteren Tätigkeitsbereich zählt die Betreuung
der Feuerwehrengagierten im Einsatz. Bei größeren
Bränden (ab Brand 3) wird der Feuerwehrarzt
automatisch mit alarmiert und versorgt alle Betroffenen.
Bei absehbar längeren Einsätzen wird auch
der jeweilige Ortsverein des DRK oder der „Brand-
KTW“ der 2. Einsatzeinheit (Malteser und DRK DS)
alarmiert, um den Rettungsdienst zu entlasten. Die
Zusammenarbeit der Feuerwehrärzte und -sanitäter
mit diesem gestaltet sich reibungslos, da für alle die
Patientin oder der Patient im Vordergrund steht. Da
auf vielen Rettungsmitteln kein CO-Hb-Messgerät
vorhanden ist, können die Malteser oft mit ihren
Messungen bei der Entscheidung für oder gegen
eine Klinikeinweisung einen wichtigen Parameter
beisteuern. In den letzten Jahren wurde das Team
durchschnittlich zu 36 Einsätzen pro Jahr angefordert.
Auch dieser Dienst wird ehrenamtlich umge-

Feuerwehrarzt Dr. Michael Fritzer (rechts) ist Betriebsarzt
der Feuerwehr, berät und betreut die Feuerwehrengagierten
im Einsatz.

setzt und die Malteser sind stolz darauf, dass fast alle
Einsätze angenommen wurden und Feuerwehrangehörige
betreut werden konnten. Jährlich wurden
bisher immer über 220 Messungen dokumentiert.
Der Malteser Hilfsdienst bildet damit eine tragende
Säule im Rettungs- und Katastrophenschutzdienst
des Landkreises. Daneben sind die Themen Seniorenbetreuung,
Pflegeangebote, Essen auf Rädern,
Schülertransporte und einiges andere nicht mehr
wegzudenken.

D
D
ie Malteser in VS-Villingen gehören zu
den Maltesern für den Bezirk
Schwarzwald-Oberrhein mit ihrer
Geschäftsstelle in Freiburg unter der Leitung der
Diözesan- und Bezirksgeschäftsführerin Sabine
Kuri. Yvonne Hartmann übernimmt als deren
ständige Vertretung die Steuerung der Außen
stelle im Schwarzwald-Baar-Kreis. Der Dienst
stellenleiter in der gGmbH ist Rainer Kühl,
Benjamin Crain ist Stadtbeauftragter des Vereins
und Leiter der internen Ausbildung.

60 Jahre Malteser Hilfsdienst im SchwarzwaldBaarKreis

Johann Baptist Krebs –
Opernstar aus Überauchen

VON JOSEF VOGT

Sein außergewöhnliches musikalisches Talent und die wunderschöne Stimme fallen früh
auf: Johann Baptist Krebs spielt schon als Sechsjähriger Orgel und singt im Knabenalter
am Fürstlich Fürstenbergischen Hoftheater in Donaueschingen, wo er intensiv und mit
großem Erfolg gefördert wird. Umjubelt ist sein Debüt an der königlichen Hofoper in
Stuttgart im Alter von 21 Jahren. Dort hat Johann Baptist Krebs in der Folge 25 Jahre lang
die Position des Ersten Tenors inne, gilt als einer der herausragendsten und bestbezahlten
Sänger seiner Zeit. Bis zu seinem Tod im Jahr 1851 prägt er zusammen mit führenden
Künstlern das höfische Musikund
Theaterleben sowohl in Stuttgart als auch in Ludwigsburg.
Parallel zu seiner Tätigkeit als Sänger, Librettist und Regisseur erarbeitet sich Krebs
eine Führungsposition bei den Freimaurern. Der Opernstar verfasst theosophische und
esoterische Lehrwerke, die in über 30 Büchern veröffentlicht werden und die in Freimaurerkreisen
bis heute ihre Leserschaft haben. 1811 gründet er in Stuttgart zudem ein
Musikinstitut für Waisenkinder. Im Jahr 2024 gedenken Opernfreunde und Freimaurer
des 250. Geburtstages von Johann Baptist Krebs, der im Jahr 1774 in Überauchen, einem
Ortsteil von Brigachtal, als zweites von acht Kindern von Johann und Maria Viktoria
Krebs zur Welt kommt.

Sohn einer Tagelöhner-Familie

Überauchen zählt im Geburtsjahr von Johann Baptist
Krebs gerade einmal 200 Einwohner, die sich auf weniger
als 30 Familien verteilen. Herrschaftlich ist das
Dorf der Stadt Villingen unterstellt, rein katholisch
und agrarisch geprägt. Die Häuser stehen überwie

gend entlang des Bondelbachs: Die großen Hofstellen
der Landwirte liegen von Klengen her betrachtet
rechts des Bachufers und die gedrungenen Häusle
der Tagelöhner links davon. Der überwiegende Teil
der Bevölkerung verdient sich den Lebensunterhalt
als Tagelöhner, so auch die Eltern des späteren

6. Kapitel – Geschichte

Johann Baptist Krebs

Opernstars. Tagelöhner zu sein bedeutet, bei
schlechter bis mittelmäßiger Bezahlung verschiedene
Auftraggeber und somit mehrere Arbeitsstellen
gleichzeitig zu haben.

Johann Baptist Krebs wird am 12. April 1774
geboren. Neben der älteren Schwester gibt es noch
sechs weitere Geschwister. Die Eltern Johann und
Maria Viktoria Krebs haben alle Mühe, ihre Kinderschar
und sich selbst satt zu bekommen. Dass Eltern
zu jener Zeit auch für den Schulbesuch ihrer Kinder
bezahlen müssen, belastet das Auskommen enorm.

Sich als Kind einer Tagelöhnerfamilie in ein
besseres Dasein empor zu arbeiten, ist kein leichtes
Unterfangen: Mädchen entrinnen den ärmlichen
Verhältnissen nicht selten, indem sie ins Kloster
gehen. Begabte Buben können Pfarrer werden.
Vorausgesetzt, der Lehrer, der zu dieser Zeit in der
Regel auch der Ortspfarrer ist, erkennt das Talent,
fördert es durch zusätzlichen Unterricht und setzt
sich persönlich für die Aufnahme in eine höhere
Schule ein. Dann sind die Eltern von der Schulgeldpflicht
befreit.

Im Fall von Johann Baptist ist es der in Kirchdorf
als Pfarrer und in Überauchen als Lehrer tätige Franz
Josef Bemmel, der sein außergewöhnliches musikalisches
Talent erkennt. Im Verkündbuch hält er fest,
dass der erst Sechsjährige Choräle auf der Orgel recht
gut spielen könne und beim Üben der Lateinvokabeln
gute Fortschritte mache.

Schulzeit in Villingen und Konstanz

Im Alter von zwölf Jahren wird Johann Baptist Krebs
auf das von den Benediktinern geleitete Gymnasium
nach Villingen geschickt. In Villingen findet der
wissbegierige und fleißige Pennäler optimale
Voraussetzungen vor: Unter den Mitschülern gibt es
manch anregenden Charakter, etwa den gleichaltrigen
Lukas Meyer, später Pfarrer und Historiker im
Südschwarzwald. Und weiter den ebenfalls gleichaltrigen
Johann Georg Benedikt Kefer, später Professor
der Kirchengeschichte in Freiburg und bedeutender
Erforscher der Geschichte seiner Heimatstadt
Villingen.

Zur Lehrerschaft des Benediktinergymnasiums
zählen angesehene Gelehrte wie der Philosoph und
Orientalist Georg Maurer und der Patristiker, sprich
Gelehrte und Theologe, Gottfried Lumper.

Bei Johann Baptist Krebs ist es
Pfarrer und Lehrer Franz Josef
Bemmel, der das musikalische
Talent erkennt: Im Verkündbuch
hält er fest, der erst
Sechsjährige spiele Choräle
auf der Orgel recht gut.

Theologiestudium in Freiburg

Der weitere Lebensweg scheint vorgezeichnet: 1790
wechselte Krebs von Villingen nach Konstanz an
das Jesuitenkolleg, er soll Pfarrer werden. Nach drei
Jahren verlässt er Konstanz wieder, um im Jahr 1793
ein Theologiestudium an der Universität Freiburg zu
beginnen. Ein Grund dürfte die bessere Abkömmlichkeit
zum Hoftheater in Donaueschingen sein, wo
es Krebs schon seit vielen Jahren hinzieht, da er dort
Unterricht in Gesang und Theaterspiel nimmt und
auch Auftritte hat.

Über seine Zeit in Freiburg ist wenig bekannt.
Offenbar schwankt er zwischen der Laufbahn zum
Theologen und seiner großen Leidenschaft für Theater
und Musik. Bekannt ist, dass er Freiburg 1795
ohne Abschluss des Studiums verlässt: Freiburg
sieht sich zu dieser Zeit durch französische Revolutionstruppen
heftig bedrängt und die Bewohner
fürchten mehr und mehr um ihr Leben. Ein weiterer
und vielleicht noch entscheidenderer Grund dürfte
sein, dass das künstlerische Naturell des nunmehr
21-jährigen Johann Baptist Krebs immer offensichtlicher
wird und er den intellektuellen Beschränkungen
der theologischen Fakultät entrinnen will. Das zeigt
sich allein schon an der Tatsache, dass er nur kurze
Zeit später als Tenor an der Stuttgarter Oper gefeiert
wird, dort zum Opernstar aufsteigt.

Donaueschingen, das künstlerische und
musikalische Eldorado für den jungen Krebs

Wann sich der musikbegabte Knabe zum ersten Mal
zu Fuß von Überauchen aus auf den Weg zum 1774

Links: Außenansicht der ehemaligen Winterreitschule in Donaueschingen, die Fürst Joseph Wenzel 1774 in ein Hoftheater
umfunktionieren ließ. Als es am 28. April 1850 abbrannte, wurde es nicht wieder aufgebaut. Rechts: Das Interieur des
ehemaligen barocken Hoftheaters nach einer Zeichnung von Hans Lembke. Das ehemalige Hoftheater gehörte um die
Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zu den herausragenden Bühnen im süddeutschen Raum.

und damit im Geburtsjahr von Krebs eröffneten
Hoftheater des Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen
macht, ist nicht bekannt. Für die sieben
Kilometer braucht der Junge jeweils eine Stunde.
Tatsache ist, dass 1786 mit dem Tenor Franz Walter
und 1789 mit dem Bariton Franz Xaver Weiß zwei
professionelle Kammersänger in Donaueschingen
angestellt sind, die für die Stimm- und Gesangsausbildung
des Knaben aus Überauchen von großer
Bedeutung sind. Besonders Franz Xaver Weiß ist für
Johann Baptist Krebs ein wichtiger Wegbegleiter, da
er das Stimmpotenzial des Knaben erkennt und ihn
entsprechend fördert.

Schauspiele und Opern werden in Donaueschingen
aufgeführt, unter anderem unter der Leitung der
Hofkapellmeister Konradin Kreutzer und Johann
Wenzel Kalliwoda. Die am Hoftheater erhaltene
musikalische Ausbildung und Stimmbildung versetzen
den jungen Johann Baptist früh in die Lage, bei
Aufführungen diverse Singrollen zu übernehmen.
Und das mit enormem Erfolg, wie es an gleich
verschiedener Stelle heißt. Für seine „wunderherrliche,
sonore und zarte Tenorstimme“ erntet er
allgemein Beifall. Das Erfolgsrezept des Gesangsunterrichts
durch den Hofsänger Weiß dürfte die
„Italienische Schule“ sein. Diese auch unter dem

Begriff „Belcanto“ (schöner Gesang) bekannte
Stimmbildung bezeichnet eine Gesangstechnik, die
in Italien Ende des 16. Jahrhunderts aufkommt.

Erster Tenor am Hoftheater in Stuttgart

Als Johann Baptist Krebs sich mit gerade einmal
21 Jahren in der Karwoche 1795 auf Empfehlung
seines Mentors Franz Xaver Weiß an der Stuttgarter
Hofoper vorstellt, erreicht die jahrelange Förderung
ihre Krönung: Seine Stimme entzückt Herzog Ludwig
Eugen förmlich und Johann Baptist Krebs ist umgehend
engagiert. Doch ist zu dieser Stunde nicht
absehbar, dass der Herzog nur wenige Wochen
später an einem Schlaganfall sterben wird. Johann
Baptist Krebs ist jetzt auf die Gnade eines neuen
Dienstherren angewiesen – und überzeugt wieder:
Auf Ludwig Eugen folgt sein jüngerer Bruder
Friedrich Eugen nach und der Herzog ist von dem
sängerischen Ausnahmetalent derart angetan, dass
er Johann Baptist Krebs augenblicklich ein jährliches
Festgehalt von zunächst 500 Gulden und einige
Monate später von 1.200 Gulden nebst sonstigen
Privilegien anbietet und ihn so dauerhaft für die
Hofoper gewinnt. Ein Lehrer verdient gerade einmal
200 Gulden im Jahr, was aufzeigt, wie bedeutend die

Johann Baptist Krebs

183

Gage des 21-Jährigen ausfällt. Krebs wird außerdem
erlaubt, alle zwei Jahre eine Benefizoper aufzuführen,
deren Einnahmen ihm zugesichert sind.

Doch auch Friedrich Eugen sind nur drei Jahre
Regierungszeit vergönnt – jetzt tritt Herzog Friedrich,
der spätere König Friedrich I., die Nachfolge an. Die
folgenden 19 Jahre gestalten sich für den Hofsänger
Krebs zunächst als durchaus schwierig. Einerseits hat
er dank seiner außerordentlichen sängerischen
Qualitäten, die ihn zum Publikumsliebling machen,
einen unanfechtbaren Status als Erster Tenor.
Andererseits sieht er sich durch die Disziplinarordnung
der Zensurstelle, die Friedrich I. für das
Hoftheater aufstellen lässt und der Graf Wintzingerode
als Minister für Auswärtige Angelegenheiten vorsteht,
zum Teil unerträglichen Repressalien ausgesetzt.
So berichtet die über 400 Seiten umfassende
Personalakte von mehreren Arrestzeiten, die der
Sänger absitzen muss, weil er einer Probe ferngeblieben
oder nicht rechtzeitig aus dem Urlaub zurückgekehrt
sei.

Ein anderes Mal soll sein gesamter Besitz beschlagnahmt
werden, weil er ohne Genehmigung nach
Freiburg reist, um einer Besorgung nachzugehen. Die

Fehde zwischen Krebs und Graf Wintzingerode ist
derart heftig, dass der Opernsänger 1805 wegen
angeblicher Stimmprobleme um seine Entlassung
bittet. Die der König jedoch ablehnt, da er einen
Aufstand des Theaterpublikums fürchtet. Als
Wintzingerode 1807 aus dem königlichen Dienst
ausscheidet, bessert sich das Verhältnis zwischen
Johann Baptist Krebs und der Theateroberintendanz
nachhaltig.

König Friedrich I. verstirbt 1816 und Wilhelm I.
tritt die Nachfolge an. Mit ihm wird das Klima am
Hoftheater liberaler und künstlerisch anspruchsvoller,
was sicher ganz im Sinne von Krebs ist. Welch
enormes, sängerisches Ausnahmetalent er ist,
beschreibt der Autor und Zeitgenosse Carl Albert
von Schraishuon in einem nicht datierten Aufsatz
wie folgt:

„Krebs, den man eher für einen Bassisten als Tenoristen
gehalten hätte, wenn man ihn sprechen hörte, gebot
über ein Register von 2,5 Oktaven in Brusttönen. Dadurch
wurde es ihm aber auch möglich, in dem kurzen
Zeitraum von sechs Wochen in der Zauberflöte den Tamino
und den Sarastro zu singen, eine Leistung, welche gewiss
einzig in ihrer Art dasteht. Seine hohe Meisterschaft
bekundete er ganz besonders in den Rezitativen, welche
in den älteren Opern eine höhere Bedeutung als in den
Kompositionen der Neuzeit hatten.

Von imponierendem Eindruck war das breite Portamento,
bei welchem kein Vokal anders tönte als er
lautete und keine Silbe, viel weniger ein Wort verloren
ging. Daher war auch das Hauptfeld seiner Tätigkeit die
heroische Oper, in welcher er namentlich als „Achilles“
von Paer in der Titelrolle, als Licinius in der „Vestalin“
und „Ferdinand Cortez“, von Spontini ganz Hervorragendes
leistete. Daß er aber auch als lyrischer Sänger großen
Eindruck machte, bewies sein Tamino, Don Ottavio in
„Don Juan“, Titus, Belmonte in der „Entführung aus dem
Serail“ und so manchen anderen Opern dieser Gattung.

In seinen späteren Jahren, als er jüngeren Kräften
weichen musste, glänzte er noch immer im Kirchengesang,
an dem er neben Madame Müller ruhmreich
mitwirkte.“

Theaterzettel für eine Benefizvorstellung zugunsten des
Hofsängers Krebs, die ihm ergänzend zu seinem Gehalt
alle zwei Jahre zugesichert wurde.

Außenansicht des königlichen Hoftheaters in Stuttgart – Darstellung um 1840.

Auch Komponist und Librettist

Neben seiner überaus erfolgreichen sängerischen
Karriere an der Königlichen Hofoper Stuttgart, die
1795 beginnt und 1823 zu Ende geht, wirkt Krebs
ebenso als Regisseur und Librettist, als Verfasser von
Texten für musikdramatische Werke somit. So übersetzt
er Opern aus dem Italienischen ins Deutsche
und dichtet Texte für Arien, Duette, Terzette, Oratorien
und ganze Opern.

Insgesamt wirkt Krebs über 50 Jahre am Hoftheater
bzw. der Hofoper und gestaltet zusammen
mit herausragenden Hofkapellmeistern wie Johann
Friedrich Kranz (1803-1806), Justin Heinrich Knecht
(1806-1808), Franz Danzi (1807-1812), Conradin
Kreutzer (1812-1816) und Johann Nepomuk Hummel
(1816-1818) das Musikleben in den Residenzstädten
Stuttgart und Ludwigsburg. Die längste Zeit arbeitet
er mit dem aus Nonnenhorn stammenden Peter
Joseph von Lindpaintner zusammen, der 1819 als
Kapellmeister nach Stuttgart kommt und dort bis
1856 wirkt. Aus dieser Zusammenarbeit stammen
die noch heute öfters aufgeführten Oratorien „Tod
Abels“ und „Abraham“, für die Krebs die Texte
schreibt und die Lindpaintner vertont.

Zwischen dem Komponisten Karl Maria von
Weber, der in Stuttgart von 1808 bis 1809 eine Anstellung
hat und Johann Baptist Krebs besteht of

fensichtlich eine besondere Freundschaft. Jedenfalls
komponiert Weber für Krebs zu dessen Namenstag
eigens eine Burleske, die als verschollen gilt.

Johann Baptist Krebs als Musikpädagoge

Der Startenor aus Überauchen stellt sich auch als
Musikpädagoge für den Sängernachwuchs zur
Verfügung: So ist in Schillings musikalischem
Lexikon über den Tenor und Komponisten Franz
Xaver Löhle (1792-1837) festgehalten: „Bei seiner
Ankunft in Stuttgart im November 1807 […] zuerst dem
Unterricht und der Pflege des Kapellmeisters Danzi
übergeben; dann aber dem damaligen ersten Tenoristen
Krebs, dem er dann auch nach seiner eigenen Versicherung
ziemlich Alles verdankt, was er weiß und kann,
sowohl in rein künstlerischer als auch wissenschaftlicher
Beziehung“.

Auch über den an mehreren Hofopern gefeierten
Tenor Georg Weixelbaum kommen im Lexikon die
besonderen Fähigkeiten von Johann Baptist Krebs als
Lehrmeister zum Ausdruck: „Sein stimmliches Talent
wurde durch den Gesangspädagogen Krebs so geformt,
daß er zur Meisterklasse in seinem Stimmfach aufsteigen
konnte.“

Seine ganze musikalische Hingabe widmete er
jedoch seinem Adoptivsohn Karl August, der im Alter

Johann Baptist Krebs

von zwei Jahren in das Haus Krebs aufgenommen
wird. Das Ehepaar Maria Anna und Johann Baptist
Krebs hat keine eigenen Kinder. Die Mutter des
kleinen Karl ist die Freundin von Maria Anna Krebs
und sie verspricht der am Nervenfieber erkrankten
Opernsängerin Charlotte Miedke am Sterbebett,
sich um Karl zu kümmern. Überliefert ist: „Frühzeitig
entwickelten sich bei dem Knaben ungewöhnliche musikalische
Anlagen. Schon im sechsten Lebensjahre spielte
er, von Schelble unterrichtet, die Pianoforteconcerte von
Mozart, Dussek, Ries etc. Er machte auch durch sein
Compositonstalent, das sein Adoptivvater gepflegt hatte,
großes Aufsehen und gehörte zu den sogenannten Wunderkindern.
Fortwährend studierte er mit unermüdlichem
Eifer und bildete sich unter Anleitung seines Pflegevaters
und anderen ausgezeichneten Lehrern zum tüchtigen
Musiker heran.“

Das Musikinstitut für Waisenkinder

Zusammen mit dem aus Hüfingen stammenden
Johann Nepomuk Schelble, der ebenfalls durch die
Gesangsschule von Weiß in Donaueschingen ging
und durch Krebs an die Hofoper kam, gründet der
Erste Tenor 1811 weiter ein Musikinstitut für Waisenkinder.
Mit ihm will er einen neuen Weg in der
Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses für das
Hoftheater beschreiten. Anders als bei der schon
existierenden Karlschule, die vornehmlich auf die

Handschriftliches Notenblatt mit Liedtext von Johann
Baptist Krebs.

Bildung der Kinder aus der privilegierten Oberschicht
ausgerichtet ist, sollen in dem von Krebs
konzipierten Institut Kinder der Waisenhäuser in
Stuttgart und Ludwigsburg als Musiker, Tänzer und
Schauspieler ausgebildet werden. Offenbar hat sich
Krebs intensiv mit dem Gedankengut des Reformpädagogen
Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)
beschäftigt und daraus seine Idee für die Errichtung
einer Art „Künstlerschule“ speziell für Waisenkinder
entwickelt.

In einem königlichen Dekret von 1811 wird zu
dieser Initiative veröffentlicht: „Unterricht für
60 Waisen beiderlei Geschlechts in der Musik,
Akustik, Ästhetik, im musik(alischen) Komponieren,
im Italienischen, Französischen u[nd] Rein-Deutschen.“
Außerdem werden Klavier-, Geigen-,
Tanz- und Gesangsunterricht erteilt. Der Unterricht
ist kostenfrei und die Verpflegung besser als im
Waisenhaus. Krebs selbst gibt Gesangsunterricht und
übernimmt die Aufsicht über den Klavierunterricht.
Von Hampeln leitet die Geigenklassen und Danzi ist
Lehrer für Komposition und Leiter der Bläserklasse.
Der Hofsänger Johann Nepomuk Schelble erteilt den
Kindern Elementarunterricht „nach Pestalozzischen
und eigenen Grundsätzen“.

Von Anfang an gibt es Vorbehalte gegen das
Institut, das „Waisenkinder für solche Zwecke
verwendet“. Als der Druck aus der Gesellschaft ob
der vermeintlichen Zweckentfremdung der Waisenhäuser
zu groß wird, entzieht der König 1818 die
Erlaubnis und das Institut muss nach nur sieben
Jahren seinen Betrieb einstellen. Am Ende hält die
Statistik des Instituts fest: „Zwölf männliche und
sieben weibliche Mitglieder werden durch das
Hoftheater übernommen – 19 junge Männer und
sechs Mädchen ohne Anstellung entlassen.“

Johann Baptist Krebs und die Freimaurer

Wann und durch wen der seit 1795 in Stuttgart an der
Hofoper tätige Erste Tenor Johann Baptist Krebs mit
der Freimaurerei in Berührung kommt, lässt sich nicht
feststellen. Die fünf Grundideale der Freimaurerei
sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und
Humanität. Diese Ideale sollen durch ihre „praktische
Einübung im Alltag“ gelebt werden. Gut vorstellbar,
dass der Sohn einer Tagelöhnerfamilie, der zum
Opernstar aufsteigt, sich in diesen Grundsätzen der
Freimaurerei besonders gut wiederfindet.

Am 12. August 1820 wird er von der Berliner
Johannis-Loge „Zum Widder“ in den Grad eines
Ritter-Lehrlings erhoben. Er empfängt diesen Grad in
Berlin, da in seiner Heimatstadt Stuttgart zu dieser
Zeit die Freimaurerei noch verboten ist. Nachdem das
Verbot aufgehoben ist, treibt Johann Baptist Krebs mit
großem Engagement die Neugründung einer Loge in
Stuttgart voran und kann diese mit königlichem
Dekret im Mai 1835 ins Leben rufen. Als „Meister vom
Stuhl“ steht er der Loge von 1835 bis zu seinem Tode
1851 vor. Sie gibt sich zu Ehren König Wilhelms I. den
Namen „Wilhelm zur aufgehenden Sonne“.

Wie sehr er als Stuhlmeister fasziniert, macht die
Aussage eines Logenbruders deutlich: „Sprach er vom
Altare aus mit der ihm eigenen Gewandtheit und Überzeugungskühnheit,
mit hinreißender Begeisterung und
voller Klarheit, so mußte sein Wort die Zuhörer packen
und ergreifen, die Geister beleben, durchdringen. Ja, es
war ein hoher Genuss, den von ihm geleiteten Arbeiten
anwohnen, seiner Rede lauschen zu können.“

Johann Baptist Krebs veröffentlicht auch zahlreiche
Aufsätze und über 30 Bücher zur Freimaurerei
und ist diesbezüglich unter seinem schriftstellerischen
Pseudonym „Johann Baptist Kerning“ bzw.

Büste des J.B. Kerning alias „J.M. Gneiding“ sprich Johann
Baptist Krebs. Sie wurde von Bildhauer Claus Mohr 1905 in
Stuttgart nach Gemälden und Stichen sowie einer Bronzebüste
gefertigt. Verehrer des „Meisters“ konnten sich bei
den Freimaurern einen Gipsabguss der Büste anfertigen
lassen.

„J.M. Gneiding“ bekannt. Insgesamt sind es 31 Bücher,
die er verfasst. Kaum ein Name ist häufiger mit dem
freimaurerischen Gedankengut verbunden als der von
Krebs. Die Bücher tragen Titel wie „Wege zur Unsterblichkeit
auf unleugbare Kräfte der menschlichen Natur
gegründet“. Eine Fülle von Auszeichnungen, die er
zwischen 1820 und 1850 erhält, würdigt die erfolgreiche
publizistische Tätigkeit. Noch heute wird Johann
Baptist Krebs in Freimaurerkreisen verehrt.

Der berühmte Opernsänger stirbt am 15. September
1851 im Alter von 77 Jahren. An seiner feierlichen
Beerdigung auf dem Fangelsbachfriedhof in Stuttgart
nimmt „eine überaus große Zahl an Verehrern
des Heimgegangen“ teil. Diese Anteilnahme dokumentiert,
welch außerordentliche Hochachtung sich
der Sohn einer Tagelöhnerfamilie aus Überauchen
in der Welt der Oper und als führendes Mitglied der
Freimaurer erworben hat.

Johann Baptist Krebs

Mythos „Laubenhausen“ –
ein sagenhafter Ort

VON PETER GRASSMANN

188 Geschichte

Foto Illustration von Hammereisenbach mit seiner
Ruine Neu Fürstenberg. Ganz in der Nähe soll sich das
Krumpenschloss befunden haben und in einem nicht
näher bestimmbaren Gebiet zwischen Mistelbrunn,
Krumpenschloss und Hammereisenbach wird das
sagenhafte „Laubenhausen“ vermutet.

Unfern des Ortes Mistelbrunn, wo das Gebirg in jähem Abfalle in das Thal der Brege sich senkt,
[hat] einst eine Stadt gestanden: Laubenhausen, durch Handel mächtig und blühend, lange
bevor die Zähringer sich Villingen erbauten…(Badisches SagenBuch)
1

S
S
o berichtet uns Karl Alois Fickler in seiner Sage
der Ruchtraut von Allmendshofen, überliefert
im „Badischen Sagenbuch“ von 1846. Über
dieses Laubenhausen ist im Laufe von 200 Jahren
viel spekuliert und gemutmaßt worden – ernsthafte
Forschung ist hingegen rar. Was für ein Ort ist es, der
hier geblüht haben soll, bevor die Zähringer Villin

gen gründeten, und in dem manche sogar eine

keltische Siedlung erkennen wollen? Wo liegt er, und

was ist wirklich über ihn bekannt?

Laubenhausen: Ein mysteriöser Ort
mitten im Schwarzwald

Der Ort, der seit dem 18. Jahrhundert schriftlich als

„Laubenhausen“ dokumentiert ist, liegt in einem

weitläufigen Waldgebiet im Distrikt Oberholz auf

Donaueschinger Gemarkung zwischen Mistelbrunn

und Bregenbach-Zindelstein. Das Areal umfasst eine

Fläche von etwa 120 bis 150 Hektar und wird seitlich

eingefasst vom Krumpendobel und Wilddobel. Dass

der Ort seit Jahrhunderten sowohl zu fantastischen

Überlegungen als auch zu wissenschaftlichen

Forschungen anregt, liegt unter

anderem daran, dass er nicht auf dem
Altsiedelland der Baar liegt, sondern
bereits auf dem Buntsandsteinboden
des angeblich erst spät, nämlich mit
den Klostergründungen, besiedelten
Schwarzwalds. An Laubenhausen
entzündete sich daher schon bald die
Frage nach einer ur- und frühgeschichtlichen
Besiedlung des Mittelgebirges
per se2.

In der Gegend befinden sich
mehrere natürliche Quellen, deren
bekannteste der „Laubenhauser
Brunnen“ ist. Sie wird markiert durch
einen Grenzstein von 1589 mit der

An Laubenhausen entzündete
sich immer schon die Frage

nach einer urund
frühgeschichtlichen
Besiedlung
des Mittelgebirges per se.

Inschrift „TONESIGOA“, der Urbar von 1793 zufolge
eine eigentümliche Schreibweise von „Donaueschingen“
3. Dass auf der Oberseite des Steines gekreuzte
Knochen eingraviert sind – wohl eine Warnung gegen
Grenzfrevler – trug zur mysteriösen Aura des
Gebietes bei. (s. Foto linke Seite). Nicht im engeren
Sinn zu Laubenhausen gehört das sogenannte Krumpenschloss
bzw. Alt-Fürstenberg auf dem nordwestlich
gelegenen Schlossberg, 400 Meter oberhalb der
Breg bei Hammereisenbach.

Der erste Bericht über das Areal stammt vom Fürstlich
Fürstenbergischen Archivar Karl Joseph Friedrich
Döpser. Seit 1769 hatte er sich im

Auftrag der fürstenbergischen Verwaltung
um eine historisch-statistische
Landesbeschreibung bemüht und
dabei besonderes Gewicht auf Burgen
gelegt. In diesem Zusammenhang
stieß er auf den Eintrag „Alt-Fürstenberg“
auf der Landtafel der Baar aus
der Zeit um 1620, den er, weil „weder
in Actis eine Spur hiervon anzutreffen

Grenzstein von 1589 mit der Inschrift
„TONESIGOA“ (wohl Donaueschingen
bedeutend) am sogenannten „Laubenhauser
Brunnen“.

Laubenhausen
Krumpenschloss
Laubenhausen
Krumpenschloss
Ungefährer Standort des sagenhaften Ortes „Laubenhausen“ – einer mutmaßlich keltischen Siedlung, über die es keinerlei
wissenschaftlich fundierte Kenntnisse gibt, deren Existenz aber bis heute immer wieder neu behauptet wird. Beim
Fischerhof in Hammereisenbach soll sich das ebenfalls sagenhafte Krumpenschloss befunden haben (oben).

ist, nochweniger jemandem von diesem Schlosse etwas
bekannt seyn wollte“, selbst vor Ort überprüfte.4 Auf
dieses Alt-Fürstenberg werden wir noch zu sprechen
kommen. Im Zuge seiner Feldforschungen im Juli 1782
erkundigte sich Döpser auch nach dem sagenhaften
Laubenhausen, das ihm wohl aus der mündlichen
Überlieferung bekannt war, und erhielt vom Besitzer
des Krumpenhofes den Hinweis, es liege nur eine halbe
Stunde von seinem Hof entfernt.

Döpser erzählte, von dieser „ehemalig berühmt
gewesen seyn sollenden großen Handelstatt“ habe
man noch zu seiner Zeit „ex Traditione auf dem
Schwarzwald Känntnis“ besessen. „Ihr Umfang soll
sich auf eine Stund Wegs erstreckt haben, und ihr
Daseyn fallt in die Zeiten des Heidenthums. Wer sie
zerstöhrt habe, hat die Sage nicht auf uns gebracht,
nur soll erst nach ihren Ruin Villingen erbaut worden
seyn“, so der Archivar. Er selbst vermutete, dass die

Mythos „Laubenhausen“ – ein sagenhafter Ort

191

B

A

Oben: Zeichnung von Archivar Döpser mit dem Krumpenschloss
(A) und Laubenhausen (B). Weiter zu sehen sind der
Krumpenhof (C), das Anwesen „Zum Fischer“ (D) und die
Straße von Zindelstein nach Vöhrenbach (E). (Quelle F.F. Archiv
Donaueschingen, OB 20, Vol. I/2, Bd. 2, S. 11681169.)

Links: Ausschnitt aus der fürstenbergischen „Generalforstkarte“
um 1790 mit dem Flurnamen „Auf Laubenhausen“ (1).

Zerstörung im Jahr 925 erfolgt sei, „in welchem der
Schwarzwald durch die Hungarn erbärmlich zerstört
und heimgesucht wurde“.5 Vor Ort fand er keine
Überbleibsel von Mauern, aber viele aufeinander
getürmte Steine.

Ein Ort der Sagen und
Archäologie im Schwarzwald

Döpsers Bericht markiert in gewisser Weise die
Geburtsstunde des Laubenhausen-Mythos. Wie weit
die mündliche Überlieferung vor ihm zurückreicht,
ist nicht bekannt; auf der Landtafel um 1620 taucht
der Name nicht auf. Zwar ist es durchaus möglich,
dass das Wissen um eine untergegangene Stadt über
Jahrhunderte oral tradiert wurde – das zeigt etwa

Vor Ort, in Laubenhausen,
fand Archivar Döpser keine
Überbleibsel von Mauern,
aber viele aufeinander
getürmte Steine.

das Beispiel der sagenhaften Stadt Rungholt an der
Nordsee, die tatsächlich existiert hat6 –, doch gehört
das Motiv der „versunkenen Stadt“ auch zum
typischen Kanon der sogenannten ätiologischen
Sagen, mit denen die Entstehung von bestimmten
Gegenwartsphänomenen historisch begründet
werden soll. Viele dieser Sagen sind neuzeitlichen
Ursprungs.7

Der eingangs zitierte Fickler jedenfalls hielt die
Geschichte von Laubenhausen durchaus für plausibel,
denn jüngere Forschungen zeigten seiner Ansicht
nach einen „ältern Anbau der rauhen Gegend,
als man anzunehmen geneigt ist.“8 Der Historiker
und Baarvereins-Vorsitzende hatte selbst am 4. Juni
1845 drei „Hünengräber“ an der nahegelegenen Windistelle
bei Waldhausen geöffnet und mehrere Körperbestattungen
mit einem Bronzering als einziger
Beigabe geborgen, die er (fälschlich) in die alemannische
Zeit datierte (siehe dazu die Abb. rechts).

Ein noch wichtigerer Fund war ein „Streitmeißel“,
der 1846 im Ackerfeld bei Mistelbrunn entdeckt
wurde, „in der Nähe des Waldes, an welchen sich
die Sage einer untergegangenen Stadt namens Laubenhausen
knüpft“.9 Aus Ficklers Beschreibung lässt
sich schließen, dass es sich dabei um ein spätbronzezeitliches
Lappenbeil handelte, jedenfalls sicher
nicht um eine „keltische Streitaxt“, wie später immer
wieder behauptet wurde.10 Das Stück ist inzwischen
leider verschollen, nachdem es kurz nach Auffindung
in den Besitz des „Bierwirts Strobel“ in Wolterdingen
gelangt war.11 Dort wurden Ende des 19. Jahrhunderts
zwei weitere Beile ähnlicher Zeitstellung geborgen,
die heute im Archäologischen Landesmuseum verwahrt
werden.12

Im Jahr 1853 begegnet uns Laubenhausen in fiktionalisierter
Form bei Lucian Reich: In seinem „Hieronymus“
bildet der „Laubhauser Hof“ einen zentralen
Handlungsort, dessen Name zweifellos auf die

Oben: Ficklers Skizze der Grabhügel an der Windistelle
(Archiv BaarVerein).

 

sagenumwobene Wüstung anspielt. An einer Stelle
des Romans erzählt der „Forbach-Klaus“ den Kindern
beiläufig die Geschichte der versunkenen Stadt: „Ein
ander Mal berichtete Klaus von dem Laubhauser
Berg, worauf einst, an der Stelle, wo noch im Walde
gewaltige Steinhaufen liegen, eine Stadt gestanden
habe, von der zu seiner Zeit noch ein gut erhaltener
Thorbogen zu sehen gewesen sei“.13 Natürlich bediente
sich Reich hier seiner künstlerischen Freiheit

– ein gut erhaltener Torbogen wurde in Laubenhausen
nie gefunden. Die tatsächlichen Untersuchungsergebnisse
sind sehr viel bescheidener.
Rätselhafte Mauern und uralte Wälle

Erste gründliche Forschungen zu Umfang und Alter
stellten 1879 die Fürstlich Fürstenbergischen
Archivare Sigmund Riezler und Franz Ludwig von

Mythos „Laubenhausen“ – ein sagenhafter Ort

Baumann an. Sie fanden im Gelände „einen In Wolterdingen gefundenes Bronzebeil. Der
Steinwall aus regellos ohne Bindemittel Fund beweist zwar, dass sich schon früh Menübereinander
gehäuften, unbehauenen schen in der Gegend aufhielten – sagt aber
Sandsteinen“, der sich über 1.200 Meter nichts über Laubenhausen aus. Foto: Archäoloweit
verfolgen ließ und auf den ersten 500 gisches Landesmuseum.
Metern als Doppelwall angelegt schien.
Von einer Ausgrabung sahen sie ab, da der
Winter schon fortgeschritten war und anstellte“, ergaben seiner Ansicht nach
bereits Schnee lag. Von Einheimischen das Vorhandensein „eines keltischen Ring-
erfuhren Riezler und Baumann, dass die walles […] mit welcher in Waldesdüsternis
Donaueschinger einst ihr Vieh zur Weide in eingesunkenen Tatsache sich denn damals
diesen Gemeindewald getrieben hatten die forschenden Bergsteiger beruhigten,
und fragten sich daher, ob die Mauern ohne dem geschichtlichen Rätsel der unnicht
zur Einzäunung der Weidefläche tergegangenen Laubenhäuser […] weiteres
gedient haben könnten. Dies verneinten sie Kopfzerbrechen zu widmen“.15
aber schließlich mit Hinweis auf die Die Erwähnung dieses mächtigen

Dimensionen und Struktur der Anlage.
Außerdem schätzten sie, dass die Wälle älter als
200 Jahre sein müssten, da sie „an einer Stelle einen
uralten Stamm in der über den Steinen angeflogenen
Erde wurzeln sahen“.

An eine untergegangene Stadt indes, wie es die
Sage und der Flurname nahelegten, wollten sie nicht
recht glauben: „Vielleicht liegt dem Namen ebenso
wie dem Schlossberg nur eine irrige Deutung des
alten Steinwalles durch das Volk zu Grunde“. Nach
einem Vergleich mit anderen vermeintlich vorgeschichtlichen
Stätten in der Umgebung schlossen sie:
„Das eine kann […] mit Bestimmtheit gesagt werden,
dass mittelalterliche Burgen auf keinem der bezeichneten
Punkte standen […] Wie uns scheint besser
begründet ist die Annahme, daß derartige Werke von
den Kelten rühren.“14 Damit brachten sie eine neue
Möglichkeit ins Spiel, die die weitere Debatte fortan
prägen sollte.

Den Untersuchungen von Riezler und Baumann
konnte in den folgenden Jahrzehnten wenig hinzugefügt
werden. Um 1890 befasste sich Joseph Viktor
von Scheffel im Zusammenhang mit seiner Arbeit am
Roman „Juniperus“ mit der Anlage: „Den benachbarten
Wald umschwebt geheimnisvoll die Sage von einer
untergegangenen Stadt Laubenhausen“, schrieb
er, „in deren Bezirk ein ganz abgegangenes Heiden-
schloss gestanden haben soll“. Angelockt durch
solche Erzählungen begab sich Scheffel vor Ort auf
Spurensuche. Untersuchungen, die er gemeinsam
mit einem „vorzeitkundigen Freund […] an einem
heißen Sommertag im Schweiße seines Angesichtes

Walls finden wir im selben Jahr (1890) in
den „Kunstdenkmälern des Großherzogtums Baden“
von Franz Xaver Kraus. Der Autor hielt sich
mit einer Deutung und Datierung allerdings zurück
und schrieb nur allgemein von „Befestigungen im
Donaueschinger Oberholz“ und einem „doppelte[n]
Steinwall von ungewissem Alter“.16 Auch der Leiter
der Großherzoglichen Sammlung in Karlsruhe, Ernst
Wagner, der den Ort 1908 in seinen „Fundstätten
und Funden im Großherzogtum Baden“ erwähnte,
verzichtete auf weiterreichende Spekulationen.17

Zwischen wissenschaftlichem Interesse
und kühnen Theorien

Eine intensive Auseinandersetzung mit der Anlage
erfolgte erst wieder in den 1980er-Jahren durch den
Fürstlich Fürstenbergischen Oberforstdirektor Karl
Kwasnitschka. Auch für ihn stand fest, dass es sich bei
Laubenhausen um nichts anderes als eine „befestigte
keltische Siedlung“ handeln könnte – so der Titel
seines Beitrags in den „Schriften der Baar“ von 1991.18
Vorausgegangen waren eine Exkursion des Baarvereins
im Jahre 1979 und eine gründliche Kartierung der
Anlage in den Sommern 1988/89. Mit seiner Kritik,
dass eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung
nie erfolgt war, hatte Kwasnitschka zweifellos
Recht, und sein Verdienst ist es, das Interesse an

Rechte Seite: Die Illustration „Laubhauser Hof“ aus
Lucian Reichs Buch „Hieronymus“.

Mythos „Laubenhausen“ – ein sagenhafter Ort

Im Schweiße seines Angesichts
erahnt der Dichter
Joseph Viktor von Scheffel
einen keltischen Ringwall.

Laubenhausen gesteigert und interessante Beobachtungen
beigetragen zu haben. Letztendlich entsprach
sein Vorgehen aber nicht den Standards einer
archäologischen Forschung, weil sie bereits manche
Wertungen voraussetzte und sich zum Teil in ausufernden
Spekulationen verlor. So sprach Kwasnitschka
von einer „Doppelwall-Verteidigung“, die ihn darauf
schließen ließ, „dass diese Anlagen von den Kelten
herrühren“, und meinte sogar den Standort einer
„Torbefestigung“ zu erkennen.19 Die vorhandenen,
sehr bescheidenen Strukturen geben eine solch
weitreichende Interpretation aber nicht her. Immerhin
fügte er selbstkritisch hinzu: „Alles Vermutungen und
Fragen, die erst durch archäologische Untersuchungen,
welche bisher fehlen, geklärt werden können“.20

Wie weit er sich spekulativ aus dem Fenster
lehnte und die tatsächlichen Befunde interpretativ
überspannte, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er
abschließend sogar die Frage aufwarf, ob Lauben-
hausen nicht die von Herodot genannte Keltenstadt
Pyrene gewesen sei – eine haltlose Überlegung.

In der Folge wurde Laubenhausen immer wieder
mit dem von 1970-73 ausgegrabenen frühkeltischen
Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen in
Zusammenhang gebracht, zumal dessen zugehörige
Siedlung bis heute nicht entdeckt wurde. Spekuliert
wurde auch darüber, ob das Vorkommen von Eisenerz
die Kelten in unsere Gegend getrieben haben
könnte. Jede Verbindung zwischen den beiden
Stätten ist aber völlig spekulativ, und ein vormittelalterlicher
Eisenabbau konnte in der Umgebung nie
nachgewiesen werden.

Das Krumpenschloss:
Rätselhafte Wälle ohne Keltenspuren

Zum Gesamtareal gehört auch eine Gruppe von
Hügeln westlich des Wilddobels, die oft als Grab-

Joseph Viktor von Scheffel (18261886),
Schriftsteller und
Heimatforscher, stattete auch dem sagenhaften Laubenhausen
einen Besuch ab.

hügel gedeutet wurden. Kwasnitschka berichtet,
dass der Ort im Volksmund „Zu den drei Gräbern“
heißen soll und man sich früher von einem „Laubenhauser
Geist“ erzählt habe, der dort sein Unwesen
treibe.21 Sein Urteil, dass es sich um keltische
Hügelgräber handelt, ist verfrüht. Ähnliche Steinhügel
wurden von Archäologen der Universität Tübingen
im Jahr 2015 auf der „Fehrn“ bei Titisee-Neustadt
gründlich untersucht. Die Forscher kamen zum
Ergebnis, dass es sich keineswegs – wie auch dort
jahrzehntelang behauptet – um Gräber handelt,
sondern um Relikte der Landnutzung. Zur Schaffung
von steinfreien Acker- und Weideflächen wurden die
großen Steine systematisch zusammengetragen und
auf Haufen deponiert, die im Laufe der Zeit überwuchsen.
Keramikscherben und Radiokarbon-Daten
wiesen zweifelsfrei ins Spätmittelalter und die frühe
Neuzeit.22 Das sagt über Laubenhausen direkt nichts
aus – zeigt aber, dass eine rein oberflächliche
Betrachtung von Befunden in die Irre führen kann.

Wie bereits erwähnt, liegt in unmittelbarer Nähe
zu Laubenhausen eine weitere auffällige Struktur,
das sogenannte „Krumpenschloss“, auch als Alt-Fürstenberg
bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine

Der Magdalenenberg bei VillingenSchwenningen,
größter Grabhügel der Hallstattzeit in Mitteleuropa.

Ost-West ausgerichtete, annähernd ovale Befestigung
mit Ausmaßen von 150 x 80 Metern und mehreren,
teils aus Trockenmauerwerk aufgeschichteten
Wällen. Döpser sah vor Ort „in einem zirkulförmigen
Bezirk von 700 bis 800 Schritt ein Bollwerck […], das
aus einer ungeheuren Menge auf einander gethürmten
Steinen bestehet“, und spekulierte darüber, dass
die Anlage „in vorigen Kriegsunruhen aus den Ruinen
des Schloßes Alt-Fürstenberg […] aufgeführet wurde“.
23 Ein solches Schloss taucht aber in keiner einzigen
historischen Quelle auf und dementsprechend
wurde auch hierfür immer wieder ein vorgeschichtliches
Alter angenommen.

Kwasnitschka sah im Krumpenschloss eine
„Fliehburg für die Bewohner von Laubenhausen“,
die „vielleicht auch dem Fürsten des Keltenstammes
als Wohnsitz“ diente.24 Ähnlich wie für die angeblich
versunkene Stadt gibt es, jenseits zahlreicher Mutmaßungen
und einer oberflächlichen Kartierung, auch im
Bereich des Krumpenschlosses kaum seriöse archäologische
Forschung. Eine Ausnahme stellen Begehungen
dar, die im Rahmen der Forschungsinitiative „Naturraum
– Ressourcen – Landwirtschaft“ der Universität
Tübingen seit 2008 durchgeführt wurden. Ziel war es,

archäologisch relevante Informationen über die Landnutzungsgeschichte
im Bereich der mutmaßlichen
Befestigung zu erlangen. Am Hangfuß wurden Proben
aus angeschwemmten Lockersedimenten, sogenannten
Kolluvien, entnommen und darin enthaltene
Holzkohlefragmente und organische Bodensubstanz
mit der Radiokarbonmethode datiert. Als frühester
Entstehungszeitraum wurde das 9. bis 11. Jahrhundert
festgestellt, was Hinweise auf das Alter des Krumpenschlosses
geben könnte. Spuren von Kelten, Germanen
oder Römern fanden sich nicht.

Die Forscher schlossen mit dem Fazit: „Ein vermutlich
massiver Holzeinschlag mit anschließender
Erosion fand – zumindest in diesem Hangbereich –
noch nicht in urgeschichtlicher Zeit statt; eine eisenzeitliche
Datierung der Anlage kommt daher kaum
infrage.“25 Sie wiesen jedoch auch darauf hin, dass
weitere Untersuchungen nötig seien, um die Geschichte
dieser Strukturen näher zu erforschen.

Weder von Laubenhausen noch vom Krumpenschloss
liegen trotz zahlreicher Begehungen im
Laufe vieler Jahrzehnte sichere archäologische Funde
vor. Wenn sich hier über längere Zeit Menschen
aufhielten, sollte man zumindest Keramikscherben

Mythos „Laubenhausen“ – ein sagenhafter Ort

197

Wall aus Trockenmauerwerk beim Krumpenschloss.

erwarten, die in der Regel gut datierbar sind und
daher Aufschluss über das Alter der Anlage geben
können – ihr Fehlen lässt das Vorhandensein einer
Siedlung fraglich erscheinen.

Angeblich vor langer Zeit gefundene „Münzen“
sind nicht mehr als ein bloßes Gerücht,26 und die bei
Mistelbrunn und Wolterdingen entdeckten Bronzebeile
sind zwar überaus spannende Funde, dürften
aber mit der vermeintlichen Wüstung in keinerlei
Zusammenhang stehen.

Während das Krumpenschloss noch heute eine
recht eindrucksvolle Erscheinung bietet, lassen sich
für Laubenhausen manche der historischen Schilderungen
im Gelände schwer nachvollziehen. Eine
Inspektion vor Ort zeigt zwar wall- und grabenartige
Strukturen, doch sind diese relativ flach, unter dem
Bewuchs schwer auszumachen und nicht eindeutig
zu bestimmen. Eine imposante Doppelwallanlage
sucht man vergebens, und auch die wenigen Reste
von Mauerwerk sind fragwürdig. Allerdings ist dabei
zu berücksichtigen, dass Teile der Mauern in den
1960er- und 1970er-Jahren zur Befestigung der Straßen
abgetragen worden sein sollen und das heutige
Erscheinungsbild daher nicht mehr dem früherer Zei

ten entspricht.27 Letztendlich ist nicht erwiesen, ob
die Strukturen überhaupt einen inneren Zusammenhang
haben, oder ob es sich nicht um verschiedenartige
und zu unterschiedlichen Zeiten entstandene
Reste von obertägigem Gesteinsabbau, Grenzziehungen,
Entwässerungsgräben oder, wie schon Riezler
und Baumann überlegten, Einfriedungen von Weideflächen
handelt.

Laubenhausen – das Geheimnis bleibt

Was bleibt also von Laubenhausen? Das schöne
Waldgebiet eignet sich auf jeden Fall für Rad- und
Wandertouren von Hammereisenbach, Wolterdingen
oder Mistelbrunn aus. Und die nahegelegenen Ruinen
Neu-Fürstenberg und Zindelstein verleihen der
Gegend eine große historische Bedeutung. Nicht zuletzt
befinden sich mit dem Römerbad bei Hüfingen,
den Kelten- und Merowingergräbern bei Brigachtal
oder dem Villinger Magdalenenberg wichtige vor-
und frühgeschichtliche Fundstätten im Umland – ein
Ausflug lohnt sich also allemal. Die Stille und Schönheit
dieser Region am äußersten Rand des Schwarzwalds,
über dessen früheste Vergangenheit seit

Luftbild des mutmaßlichen Gebietes, wo das Krumpenschloss (1) und Laubenhausen (2) vermutet werden.

Jahrhunderten gerätselt wird, lädt zum Träumen und rade darin sein Zauber. Wo das Wissen aufhört, fängt
Nachdenken ein. So schnell wird Laubenhausen sein die Fantasie an, und die soll Albert Einstein zufolge
Geheimnis wohl nicht lüften – und vielleicht liegt ge-ja das Wichtigere sein.28

1 Fickler, Karl Alois: Ruchtraut von Allmendshofen und die Kirche von
Mistelbrunn, in: Schnezler, August (Hg.): Badisches SagenBuch,
Band 1,
Karlsruhe 1846, S. 454.
2 Zur Frage der Besiedlung des Schwarzwalds siehe: Graßmann, Peter;
Ade, Dorothee; Rademacher, Lisa (Hg.): KULT(UR)WALD. Die Besiedlung
des Schwarzwalds, VillingenSchwenningen
2022.
3 Vgl. Goerlipp, Georg: Der älteste Donaueschinger Grenzstein am Laubenhauser
Brunnen, in: Schriften der Baar, Band 37, Donaueschingen
1991, S. 8.
4 F.F. Archiv Donaueschingen, OB 20, Vol. I/2, Bd. 2, S. 11681169.
5 Ebd.
6 Vgl. Duerr, Hans Peter: Rungholt. Die Suche nach einer versunkenen
Stadt, Frankfurt a. M. 2005.
7 Vgl. Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. Eine volkskundliche Untersuchung,
Mainz 1956.
8 Fickler 1846.
9 Fickler, Karl Alois: Alterthümer aus der badischen Baar, in:
Schriften der Alterthumsund
Geschichtsvereine zu Baden und Donaueschingen,
Band III, Donaueschingen 1848, S. 187.
10 z.B. bei Riezler/Baumann 1880 oder im Südkurier vom 25.08.1979.
11 Vgl. Fickler 1848, S. 187, sowie: Wagner, Ernst: Fundstätten und Funde
im Großherzogtum Baden, Erster Teil: Das badische Oberland, Karlsruhe
1908, S. 100.
12 Vgl. Wagner 1908, S. 103.
13 Reich, Lucian: Hieronymus. Lebensbilder aus der Baar und dem
Schwarzwalde, Karlsruhe 1853, S. 37.
14 Riezler, Sigmund; von Baumann, Franz Ludwig: Alte Befestigungen

an der Breg und oberen Donau, in: Schriften der Baar, Heft 3, Donaueschingen
1880, S. 284 ff.
15 Von Scheffel, Joseph Viktor: Juniperus. Geschichte eines Kreuzfahrers,
Fünfte Auflage, Stuttgart 1891, S. 108 f.
16 Kraus, Franz Xaver: Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden,
zweiter Band: Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen, Freiburg i. B.
1890, S. 13.
17 Vgl. Wagner 1908, S. 224.
18 Vgl. Kwasnitschka, Karl: Laubenhausen – eine befestigte keltische Siedlung,
in: Schriften der Baar, Band 37, Donaueschingen 1991, S. 46 ff.
19 Ebd., S. 56.
20 Ebd., S. 69.
21 Vgl. Kwasnitschka 1991, S. 56.
22 Vgl. Knopf, Thomas et al.: Zur Landnutzungsgeschichte des Südschwarzwalds
– Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen,
in: Fundberichte aus BadenWürttemberg
39, 2019, S. 41 ff.
23 F.F. Archiv Donaueschingen, OB 20, Vol. I/2, Bd. 2, S. 1168—1169.
24 Kwasnitschka 1991, S. 69.
25 Knopf, Thomas et al.: Landnutzung im frühen Mittelalter? Eine archäopedologische
Prospektion im mittleren Schwarzwald, in: Archäologisches
Korrespondenzblatt 42, 2021, S. 129.
26 Vgl. Interview mit Erich Fesenmeyer Südkurier, Nr. 196, 25. August
1979, S. 15.
27 Vgl. Kwasnitschka 1991, S. 46.
28 „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, Zitat
von Albert Einstein, aus: What Life Means to Einstein, The Saturday Evening
Post, 26. Oktober 1929.

Mythos „Laubenhausen“ – ein sagenhafter Ort

199

200 Geschichte

Bei Bregenbach mit Blick
in Richtung des sagenhaften
Laubenhausen (1). So oder so:
Der Mythos bleibt!

Die Trachten der
evangelischen und
katholischen Baar

REALISATION: WILFRIED DOLD/SILVIA BINNINGER
TEXT: SILVIA BINNINGER
FOTOGRAFIE: WILFRIED DOLD

Auf der Baar begegnen sich die reich bestickten und farbenprächtigen Trach
ten der katholischen und die schlichte Eleganz der streng gehaltenen Trachten
der evangelischen Gegenden. Ohne auf die Entstehung im Detail eingehen zu
können, bietet der nachstehende Beitrag einen fotografischen Überblick mit
beschreibenden Texten zur einstigen Trachtenvielfalt. Teils sind Trachten abgebil
det, die 150 Jahre alt sind. Sie zu einem Fotoshooting zusammen zu bekommen,
bedurfte intensiver Recherchen und Vorbereitungen. Derart alte Originaltrachten
sind äußerst selten und können meist nur in Museen bestaunt werden. Unser
Dank gilt den Leihgebern sowie den Akteuren vor und hinter der Kamera (siehe
Bildnachweis auf S. 303). Festzuhalten bleibt, dass sich die Welt der Trachten in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für immer verändert: die Tracht weicht aus
dem alltäglichen Leben zurück – überall greift die allgemeine Mode um sich.

Links: Clara zeigt sich in einer evangelischen Tracht, wie sie von
den Mädchen auf der Baar zur Konfirmation getragen wurde. Kenn
zeichen sind der grüne Brustlatz und die grünen Bänder am Schurz.
Die über 150 Jahre alte Tracht im Originalzustand stammt aus Tunin
ger Privatbesitz. Sie wurde in der gesamten evangelischen Ostbaar
getragen, zu der Schwenningen, Schura, Trossingen, Talheim, Hausen
ob Verena, Tuningen, Aldingen, Öfingen, Biesingen, Sunthausen (der
evangelische Teil) und Oberbaldingen gehören.

7. Kapitel – Brauchtum

204

Baaremer Festtagstracht
aus Donaueschingen

Jessica präsentiert auf dem Foto links
stolz die Donaueschinger Festtagstracht
vom Ende des 19. Jahrhunderts. Ihren
Kopf schmückt die „Backenhaube .
Das Mieder ist mit Rosen, Ranken und
Vergissmeinnicht aus Silberfaden in
Sprengtechnik bestickt. Hinter der Ver
schnürung mit Silberkordel zeigt sich
der kostbar bestickte Vorstecker. Das
Goller aus weinrotem Samt bildet den
Halsabschluss. Der lange schwarze Rock
mit Samtblege und roter Litze reicht bis
zu den Knöcheln. Zur Tracht gehören
weiter die Schürze aus Schillerseide,
schwarze Halbschuhe, die weißen
„Handele“ (lange Fingerhandschuhe)
und ein bestickter Gürtel.

Auf dem Bild rechts wird
die Donaueschinger Trachten
trägerin vom „Baaremer Bur
schen Manuel begleitet.

Sein Erscheinungsbild
prägen die charak
teristische Pelzmüt

ze und der grüne
„Schopen“ mit Gold
knöpfen. Weiter ein
rotes Gilet, eine blaue

Halsbinde und eine
schwarze Kniebundho
se. An der Fastnacht allerdings
verhält es sich mit der Begleitung
anders, die Rollen wechseln: An den

hohen Tagen begleitet die Trachten
trägerin nachweislich seit 1783 als
„Gretle“ den Donaueschinger Hansel.

Die Trachten der Baar

205

Hüfingen – Floral
und Kunstsinnig

Salome zeigt keck ihre floralen
Silberstickereien auf dem grünen
Mieder. Das Rebenmuster ist für
Hüfingen typisch. Ansonsten gleicht
die Hüfinger Tracht der Donaueschin
ger oder Bräunlinger. Blumig ist auch
der rötliche Schurz gestaltet. Wer
eine Hüfinger Tracht aus dem frühen

19. Jahrhundert sehen will, sollte
das Bräunlinger Kelnhofmuseum
besuchen.

bunt und quicklebendig

Die Hüfinger Kinder machen es den Großen nach: Ihre Tracht ist tupfengleich mit der der
Erwachsenen. Und die Begeisterung sowieso, was auf dem Foto die Geschwister Theresa und
Anton beweisen. Theresa trägt über der Bluse ein Samtmieder mit Silberstickerei und über
dem Rock einen rotgeblümten Schurz. Die Bubentracht entspricht der Burschentracht – über
dem weißen Hemd trägt Anton ein rotes Gilet und eine Kniebundhose gehört ebenso dazu.

207

Wenn Trachten wandern

Die kostbar bestickte, über 120 Jahre alte
Tracht, die Jessica auf der Seite rechts
stolz trägt, stammt aus Hüfinger Besitz
und wurde anlässlich des Besuchs der
badischen Großherzogin Luise um das
Jahr 1900 in Neustadt geschneidert.
Als die Trachtenträgerin von damals
heiratet und mit ihrem Mann nach Wol
terdingen zieht, beginnt die Wanderung
dieser Tracht: Von jetzt an wird sie auf
der Baar getragen. Die Trachtenträgerin
vermacht sie schließlich ihrer Tochter,
die samt Tracht in Donaueschingen hei
misch wird. Deren Tochter wiederum
zieht nach Hüfingen und obwohl es auch
dort eine örtliche Trachtentradition gibt,
mischt sich die Hochschwarzwälder
Tracht wie selbstverständlich erneut
unter Baaremer Festtagstrachten.

Die Baaremer Tracht und die Trach

ten des Hochschwarzwalds sind sich im

Übrigen durchaus ähnlich: Mieder, Goller

sowie der Vorstecker werden stets reich

bestickt. Jedoch eher selten so kostbar

und filigran, wie es bei der Tracht rechts

der Fall ist. Den Kopf schmückt die

Bändelkappe, die im Hochschwarzwald

auch „Harzerkappe“ genannt wird.

Abbildung links:
Rückseite einer Hüfinger Tracht mit
Silberstickereien, bemerkenswert ist der
reich bestickte Kappenblätz mit Schleife
und langen Moirebändern, die über den
Rücken der Trägerin gleiten und am
Rocksaum enden.

208 Brauchtum

Die Bräunlingertracht

Die Bändelkappe von Nicole ist
die der Baar. Das Mieder aus
Samt wird in Bräunlingen in den
Farben schwarz, weinrot, korn
blumenblau und grün getragen.
Es wird wie der Goller mit Gold-
oder Silberfaden in Spreng
technik von Hand bestickt – als
Motive dienen Kornblumen und
Ähren mit Grannen. Über dem
Vorstecker liegt passend zur
Stickerei eine im Zick Zack ver
schnürte Gold- oder Silberkordel.
Eine Besonderheit in Bräunlin
gen ist die Brautkrone.

Trachten der West-Baar nach einem Aquarell des Hüfinger Malers Rudolf Gleichauf (1826 1896).
Er fertigte im Auftrag des Großherzogtums Baden zwischen 1861 und 1869 bildliche Darstellungen
und Beschreibungen aus dem Leben der ländlichen Bevölkerung an.

Das Baaremer Schappel

Das Schappel, die Krone der Jungfräulichkeit, tragen
in katholischen Gegenden unverheiratete Frauen
zu hohen Festtagen und zur Hochzeit. Die Braut
krone gehört zu den Schwarzwaldschappeln und ist
bereits im 17. Jahrhundert bekannt. Das Schappel ist
mit Flitterwerk, Münzen, Glasperlen, Goldpapier
blättern, Glassteinchen und Wollblumen geschmückt.
Das Schappel links aus dem 19. Jahrhundert stammt
aus Unadingen und befindet sich im Badischen
Landesmuseum Karlsruhe.

Die Trachten der Baar

Riedöschinger Tracht

Kim trägt die Baaremer Festtagstrachten aus
Riedöschingen, wo die Mieder der Tracht in
Anlehnung an historische Vorbilder teils neu
bestickt wurden, da die Restaurierung der alten
Trachten zu aufwendig gewesen wäre.

Brigachtaler Tracht

Zur Baar zählt ebenso die Raumschaft
Brigachtal – Hannah zeigt hier eine Tracht
aus den 1980er-Jahren, deren Mieder und
Goller mit floralen Motiven goldfarben
bestickt ist.

Bräunlinger Burschentracht

Die Tracht der jungen Männer besteht u.a. aus einem Janker mit rotem
Innenfutter, einer roten Weste, schwarzer Kniebundhose, Samtbändel für
die Hemdschleife und weißes Hemd. Stolz ist Elias auf seine Kopfbedeckung,
die Fuchsfellmütze. Es war üblich, dass sich jeder Bursche aus einem eigens
gejagten heimischen Pelztier eine Kappe nähen ließ.

Die Trachten der Baar

Bad Dürrheim –
mit Perlen
bestickt

Das Mieder der Frauentracht
ist mit Perlen, das Goller an
den Ecken in Sprengtechnik
mit Silberfaden bestickt (Foto
linke Seite). Eine weiße Blu
se mit Puffärmel, der Rock,
die seidene Schürze sowie
die Giebelkappe – so sagt
man in Bad Dürrheim zur
Backenhaube – vervollständi
gen die Tracht. Als Accessoire
trägt Franziska ihr „Krättle , ein
kleines Körbchen.

Auch die Männertracht ist
die der Baar: Die Halsbinde aus
Baumwolle mit Rosendekor bil
det einen schönen Akzent. Auf
dem Kopf trägt Philipp einen
Filzhut mit Blumenschmuck –
und auch der Regenschirm darf
nicht fehlen.

Die Arbeitstracht
der katholischen
Baar

Sie hatte die Anforderungen
des strengen Arbeitsalltages im
Haus, auf dem Bauernhof und
dem Feld zu erfüllen: Die ka
tholische Arbeitstracht rechts
aus dem Raum Pfohren stammt
aus den 1890er-Jahren. Das
schlicht bestickte Goller verleiht
Silvias Tracht einen besonderen
Akzent. Um den Kopf hat sie
ein Tuch geschlungen, das im
Nacken gebunden wird.

Die Trachten der Baar

Die VillingerMännertracht

Die farbenfrohe Villinger
Männertracht entspricht
der Mode des Biedermeier.
Über dem weißen Hemd mit
weißem Binder trägt Patrick
eine bunte Seidenweste, die
oft mit Blumen bedruckt ist.
Der Gehrock sowie u.a. eine
Taschenuhr, weiße Hand
schuhe, der Zylinder und ein
Gehstock komplettieren die
Erscheinung.

Die Alt-Villingerin

Auf dem Kopf trägt Anna die in
Goldplatt-Hohlspitze gefertigte
Radhaube mit Pfauenmuster.
Mehrere hundert Arbeits
stunden stecken in dieser
Pracht! Die Tracht entspricht
der Damenmode des Bieder
meier. Sie besteht aus Rock
und Jacke mit Schößchen.
Das seidene Schultertuch mit
geknüpften Fransen wird in
der kalten Jahreszeit unter
einem Wiener Schal getragen.
Die Schürze, Accessoires wie
weiße Handschuhe, schwarze
Spangenschuhe sowie Granat
broschen, Ohrringe und mehr
reihige Halsketten runden das
Erscheinungsbild ab.

Brauchtum

217

218

Die evangelische Frauentrachtder Baar am Beispiel Tuningen

Die evangelische Frauentracht der Baar ist
schlicht und elegant, wie die Fotografien von
Jessica (großes Foto links) und von Clara (rechts)
zeigen. Charakteristisch ist die schwarze „Hippe
(der Rock) – früher „Juppe“ genannt. Sie besteht
aus der Brust, dem Zeug und der Blege, reicht bis
zum Knöchel und ist in unzählige kleine Falten
gelegt. Sie wird deshalb auch „Rieselehippe“ oder
„Riebelehippe“ genannt. Der Hippenrock besteht
aus bis zu neun Stoffstücken und wiegt teils
stolze zehn Kilogramm. Die Brust der Hippe
besteht aus geblümtem schwarzen Seidensamt.
Der herzförmige Ausschnitt hat an den Seiten
weiße Metallhaften, durch die ein schwarzes
Nestelband im Zickzack geschnürt wird. Darunter
liegt das schwarze Brusttuch. Den Hals
umschließt ein Goller.

Beim Gehen blitzt der Unterrock auf …

Unter der Hippe wird ein roter Unterrock aus
Wollstoff getragen, der kunstvoll mit einem grü
nen Band und Rosenstickereien verziert ist. Beim
Gehen blitzt der Unterrock unter der Hippe her
vor, so wie bei Clara auf dem Foto rechts. Über
wiegend unverheiratete Frauen entwickelten ei
nen besonderen Gang, um auf diese Weise ihren
Unterrock zu präsentieren und das Interesse der
Männerwelt auf sich zu lenken.

Über der Hippe wird ein schwarzes, gerie
seltes Führtuch aus Seide getragen, an dem ein
langes Samtband befestigt ist. Die Strümpfe unter
der Hippe sind rot, es sei denn, es wird Trauer
getragen, dann sind sie schwarz. Die schwarzen
Samtschuhe werden „Toffle“ genannt. Für Hoch
zeiten gab es besondere Schuhe aus Leder, auf
der Oberseite mit Rosen bestickt (zu sehen im
Heimatmuseum Tuningen).

Je nach Witterung tragen die Frauen zusätz
lich eine Jacke wie Jessica auf dem Foto links.
Als Kopfbedeckung dient eine flach anliegende,
schwarze Haube.

Die evangelischeArbeitstracht

Zur Feldarbeit trug man eine
Hippe aus weniger feinem
Stoff (Foto links). Die Brust
wird mit dem Nestelband
verschnürt, über dem Mieder
das schwarze Samtgoller
getragen. Der Schurz ist aus
blauem Leinen, er kann bei der
Feldarbeit hochgerafft und
hinten am „Fidläknotä
befestigt werden. Den Kopf
ziert die schwarze Haube.
Gelegentlich wird ein meist
rotes Kopftuch getragen, das
wie hier auf dem Foto mit
Chantell auch über den
Schultern liegen kann.

Die evangelischeMännertracht der
Baar bei Tuningen

Über dem weißen Hemd trägt
der Tuninger Mann das Gilet
aus rotem Wollstoff und um
den Hals eine schwarze
Seidenbinde. Der schwarze
Samtschopen von Markus ist
an den Aufschlägen mit
silbernen Knöpfen besetzt. Die
Kniebundhose aus Hirschleder
wurde mit Stickereien verziert.
Auf dem Kopf sitzt ein Filzhut.
Markus wird von Franziska
begleitet, die die Tuninger
Frauentracht trägt (s. S. 219). In
Tuningen und Trossingen
trugen in den 1930er-Jahren
einige ältere Männer nach wie
vor die Tracht.

Mit strohhut – Die
Schwenninger
Frauentracht

Kim trägt ein buntes Mieder, das
den unverheirateten Frauen vor
behalten ist. Über dem Mieder
befindet sich ein weißes Goller
mit Rüschen. Das Prachtstück
ist die Hippe aus schwarzem
Zeug, sie ist in zahlreiche Falten
gelegt – gerieselt. Über dem
Käppchen wird in Schwenningen
auch der zylinderförmige Stroh
hut getragen, der „Schihut“ (von
„Scheinen“).

Mit Uhren – Die
Schwenninger
Männertracht

Bei der Schwenninger Männer
tracht, die hier Philipp zeigt,
befindet sich über dem roten
Gilet ein dunkler Schopen
aus Wollstoff. Die mit floralen
Motiven bestickte Kniebund
hose mit Latz besteht aus
schwarzem Leder. Angelehnt
an die Uhrenindustrie wird bei
Umzügen der Trachtengrup
pe von den Männern gerne
eine Uhrenkraxe getragen. In
Schwenningen war der letzte
„Lederhosenmann“ der „Tam
pora Chrischtä , der 1917 im
Alter von 83 Jahren starb.

Der Strohhut gehört bei
den Trachten der Raum
schaft Schonach/Triberg/
Schönwald und Furtwan
gen traditionell dazu. Hier
im Bild eine Schonacher
Strohflechterin in Tracht.
Hüte dieser Art waren in
der ersten Hälfte des

19. Jahrhunderts begehrt,
noch war das Tragen der
Tracht alltäglich.
8. Kapitel – Museen

„Förderverein Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach e.V.“

Die Strohhutfabrik Sauter
fertigte Hüte, Taschen,
Schuhe – und die Grundlage
für Bollenhüte

VON ELKE REINAUER

Schonach ist ein weithin bekanntes Skidorf, zugleich das
letzte Kuckucksuhrendorf des Schwarzwaldes – und
galt lange Zeit ebenso als Hochburg der Stroh

flechterei. Bis zum Jahr 1992 produzier

L.F. Sauter“ vorzugsweise
Strohhüte und Taschen, danach

wurden bis zum Jahr 2005 noch Fastnachtsartikel

veräußert. Nachdem das unter Denkmalschutz stehende

Gebäude der einstigen Strohhutfabrik aufgrund erheblicher

baulicher Mängel nicht zu retten war, verlagerte der im Jahr

2016 gegründete „Förderverein Schwarzwälder Strohmanu

te die „Strohmanufactur Schonach
factur Schonach e.V.“ in über 4.500 Arbeitsstunden ihr Innenleben in die Räume
der früheren Drogerie Sperl. Auch wurde dort eine vielfach nutzbare Begegnungsstätte

Ob Taschen jeder Art, Strohschuhe, die

sogenannten „Finken“ oder das Grund

gerüst des Bollenhutes: Das Fertigungs

programm der einstigen Strohmanufactur

Sauter in Schonach war breit gefächert.

geschaffen.
225

N
N
ur noch ein Haufen Mauersteine ist zu sehen
und auch er wird nicht mehr lange überdauern:
An diesem Nachmittag im März 2024

trägt ein Bagger die Überreste der „Strohmanufactur

Schonach L. F. Sauter“ ab. Die Steine sind die letzten

Reste der 1863 eröffneten Fabrik. Das Gebäude mit

Flachdach – auf diesem wurde das Stroh getrock

net – war lange ein markanter Teil des Ortskerns,

nun ist es Geschichte. Doch: Mag auch die einstige

Hülle der Strohmanufactur nicht mehr existieren, nur

ein paar Schritte weiter ist ihr Innenleben in der

ehemaligen Drogerie Sperl neu auf-, sprich nach

gebaut. Bis dort aber die Türen der musealen

Strohmanufactur am 1. Dezember 2023 öffnen

konnten, war es ein langer und beschwerlicher Weg.

Selbst der alte Fabrikboden wurde bewahrt

Durch eine Glastür betritt der Besucher einen

lichtdurchfluteten Raum mit einem langen Tisch.

Hier empfangen Ingrid Schyle, Vorsitzende

des Vereins „Förderverein Schwarzwälder

Werbung zur Zeit des Jugendstils für die Produkte der
Strohmanufactur von L.F. Sauter. Besonders hervorgehoben
werden die Hüte.

Herzstück des Museums ist
ein lichtdurchfluteter Raum
mit langem Tisch. Eine
Glasplatte schützt den
original erhaltenen Nähtisch
aus der Fabrik.

Strohmanufactur Schonach e.V.“ und Kathrin Kimmig,
stellvertretende Vorsitzende, den Besucher. Beides
Schonacher Frauen, die sich für die Geschichte ihres
Heimatortes einsetzen. Kathrin Kimmig ist beruflich
als Hebamme tätig. Ingrid Schyle ist Erzieherin und
Projektleiterin an der Naturparkschule in Schonach,
außerdem ist sie Gästeführerin und bietet u.a.
Themenwanderungen in ihrer Heimat an.

Die Holzdielen knarzen leicht unter den Füßen:
„Der Holzboden ist der Originalboden aus der
Fabrik“, sagt Kathrin Kimmig und deutet nach unten.
Die Mitglieder des Vereins haben den Boden in
der alten Fabrik ausgebaut und in dem Gebäude
der jetzigen Strohmanufactur wieder verlegt. Das
Büro, ursprünglich Contor genannt, ist ebenfalls
dem Original in der Fabrik nachempfunden. In
dem dort stehenden massiven, cremefarbenen
antiken Schrank befinden sich Bücher mit Geflecht-
mustern, die Unterlagen zur Buchhaltung und alte
Fotos, die den Inhaber Ludwig Sauter sowie seine
Enkelin Anne-Marie zeigen, die letzte Besitzerin der
Strohmanufactur.

Herzstück des Museums ist ein lichtdurchfluteter
Raum mit langem Tisch. Eine Glasplatte schützt hier
den original erhaltenen Nähtisch aus der Fabrik. An
ihm saßen früher die Schonacher Frauen und nähten
Strohhüte. In einer Ecke am Schaufenster stehen
zwei Nähmaschinen, in Regalen stapeln sich
Strohhüte und reihen sich Strohschuhe aneinander.
Sogenannte „Finken“, wie sie nicht nur im Schwarzwald
getragen wurden und werden. Die Zeugnisse

Oben: Die „Strohhutfabrik L.F. Sauter“ im Jahr 1911. Unten: Ein Teil der SauterBelegschaft,
vorne Strohhutnäherinnen.

Blick auf den Nähtisch. Er ist original erhalten und stellt
das Herzstück der Manufactur dar. Groß ist die Auswahl an
Strohhüten, die man im Schonacher Museum besichtigen
kann.

Auch das Staatstheater
Stuttgart bestellte bei der
Manufactur Strohhüte.

der alten Fabrik sind weiter auf historischen Abbildungen
zu sehen, die die Wände schmücken. Ebenso
zeigen die Bilder die Strohflechterinnen bei der
Arbeit.

Am „Tag des offenen Denkmals“ 2004 gab es
eine Besichtigung der Strohmanufactur

2004 konnte die ehemalige Fabrik von den Schonachern
am „Tag des offenen Denkmals“ noch im
Originalzustand besichtigt werden. Es sah alles noch
genauso aus wie am Tag ihrer Schließung im Jahr
1992: Sämtliche Maschinen samt Hutpressen, aber
auch Strohhüte und andere Artikel waren zu sehen.
Und was man nicht vermuten würde: Es gab ebenso
einen Verkaufsraum mit Hüten und anderen Artikeln
aus Stroh für die hohen Tage. Anne-Marie Sauter hat
derlei Fastnachtsartikel im Obergeschoss der Fabrik
noch bis ins Jahr 2005 veräußert. Zu den Kunden
zählte auch das Stuttgarter Staatstheater, das bei der
Manufactur für diverse Aufführungen im Schwarzwald
produzierte Strohhüte bestellte.

Ein Jahrzehnt später, im Jahr 2014, wurde die
Strohhutfabrik durch die Gemeinde erworben, die
2015 beschloss, das Gebäude abzureißen. Doch
stimmte das Denkmalamt dem Abriss zunächst nicht
zu und auch in Schonach regte sich Widerstand. Es
kam im November 2016 zur Gründung des „Fördervereins
Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach e.V.“
mit dem Ziel, die Sanierung und Erhaltung der
denkmalgeschützten ehemaligen Strohhutfabrik
Sauter zu unterstützen. „Wir wollten die Fabrik
erhalten“, so die Vorsitzende Ingrid Schyle und ihre

Die neue Heimat der Strohmanufactur befindet sich in der Villa Sperl. Rechts Kathrin Kimmig, die den Verein bis 2019 leitete
und auch maßgeblich seine Gründung mitinitiiert hat.

Stellvertreterin Kathrin Kimmig, die bis 2019 den
Verein leitete und auch maßgeblich seine Gründung
mitinitiiert hatte. Bereits kurz vor der Vereinsgründung
war ein Loch im Dach notdürftig repariert
worden, um weitere Schäden im Innern des Gebäudes
zu verhindern. Doch die Mitglieder des Fördervereins
mussten einsehen: „Das Gebäude war nicht mehr zu
retten, weil laut Gutachten die Belastung durch
Schadstoffe, Schimmel und Hausschwamm zu hoch
war“, blickt Kathrin Kimmig zurück.

Vor dem Abriss konnte der Verein den Zustand
der Fabrik umfassend dokumentieren und Ideen für
das heutige Museum sammeln. Im Internet unter
www.strohmanufactur.de steht diesbezüglich zu lesen:
„Wir waren einerseits begeistert, was für Schätze an
Formen, Borten, Hutpressen und Maschinen noch vorhanden
sind. Andererseits aber traurig, wie man diese
Kostbarkeiten so lange zum Teil unter schlechten
Bedingungen einfach dem Verfall preisgeben konnte.
Während wir z.B. Strohborten von weit her und kostspielig
bestellten, lagen sie dort meterweise zum Teil
einfach auf dem Boden …“

Wir wollten die Fabrik
erhalten, doch das Gebäude
war nicht mehr zu retten,
weil die Belastung durch
Schadstoffe, Schimmel und
Hausschwamm zu hoch
war.

4.500 Arbeitsstunden in den Wiederaufbau
der Strohmanufactur investiert
Die neue Heimat der Strohmanufactur, die Villa
Sperl, erwies sich als ebenfalls renovierungsbedürftig,
so wartete auf den jungen Förderverein jede

Förderverein Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach

229

Strohhutnäherinnen der Strohhutfabrik Sauter. Strohhutnäherinnen der Strohhutfabrik Sauter.
Menge Arbeit: 4.500 Arbeitsstunden investierten die
Vereinsmitglieder in ihre Sanierung und den
dortigen Wiederaufbau der Strohmanufactur. Die
Gemeinde unterstützte den Förderverein und stellte
die Räume in der Villa zur Verfügung. Förderungen
gab es durch das „Leader“-Entwicklungsprogramm.

Strohflechten – ein altes Handwerk

Bereits 100 Jahre bevor die Uhrenindustrie im
19. Jahrhundert ihren Aufschwung nahm, war das
Strohflechten im Schwarzwald eine wichtige Verdienstquelle.
In Akten des Landesgewerbeamtes
Karlsruhe ist ein erster Hinweis auf Schwarzwälder
Strohhüte aus dem Jahre 1716 überliefert. Derlei
Arbeiten sollen zu dieser Zeit aber noch aus recht
groben Kornhalmen hergestellt worden sein. Als
Obervogt Karl Theodor Huber um 1806 die Bevölkerung
im Amt Triberg mit feineren Flechtmethoden
bekannt macht, will er mit seiner Initiative der
großen wirtschaftlichen Not entgegen wirken. Die
feinen Geflechtarbeiten hatte er auf Reisen in Italien

Das Ausgangsmaterial der
Feinflechterei ist noch

unreifer, langhalmiger
Roggen, da er sich nur in
diesem Zustand kunstvoll
verarbeiten lässt.

und der Schweiz kennengelernt, wo sie stark
nachgefragt wurden. Huber sah in dieser Art der
Strohflechterei eine dringend erforderliche neue
Verdienstmöglichkeit und ließ auf eigene Kosten
einen Lehrmeister aus der Toskana nach Triberg
kommen.

Das Ausgangsmaterial der Feinflechterei ist noch
unreifer, langhalmiger Roggen, da er sich nur in
diesem Zustand kunstvoll verarbeiten lässt. Dass
diese neue Art und Weise der Strohflechterei tatsächlich
Geld einbringt, erkannten die Schwarzwälder

rasch: Die feinen Strohartikel waren nach kurzer Zeit
über den Schwarzwald hinaus gefragt.

Einen weiteren Aufschwung erfuhr das Gewerbe
1850 durch die Uhrmacherschule in Furtwangen und
deren Vorstand Robert Gerwig. Dank der Uhrmacherschule
wurden zuerst in Furtwangen und später
auch in anderen Orten staatliche Geflechtschulen
gegründet oder die Flechterei im Rahmen der
örtlichen Volks- und Gewerbeschulen unterrichtet,
wie es z.B. auch in Schonach der Fall war.

Robert Gerwig bemühte sich damit nicht nur um
die Professionalisierung der Uhrmacherei, sondern
ebenso der Strohflechterei. Denn wie bei der
Uhrmacherei erfordert auch das Strohflechten viel
Wissen um die Möglichkeiten des Materials und
andauernde Übung im Flechten. Im Rahmen der
Gewerbeförderung trieb Gerwig deshalb auch die
Ausbildung von Geflechtlehrerinnen für die Strohflechtschulen
voran. Kathrin Kimmig und Ingrid
Schyle schildern beim Rundgang durch die nachgebaute
Manufactur, dass es erstaunlich sei, wie die
Frauen so gleichmäßige und feine Geflechte überhaupt
anfertigen konnten. Anleitung dazu gaben
ihnen u.a. Musterbücher, in denen Geflechtproben
eingeklebt sind.

Um so feine Flechtwaren auch selbst herstellen
zu können, übten die Frauen und Mädchen ihr
Handwerk unter Anleitung einer Lehrerin im
Rahmen des Unterrichtes an den Geflechtschulen
und darüber hinaus stundenlang. „Wenn man die
feinen Geflechte sieht und weiß, wie viel Arbeit da
drinsteckt, dann steigt die Wertschätzung für das
Produkt“, unterstreicht Kathrin Kimmig.

Strohhutfabrik Sauter gründet sich 1863

Die starke Nachfrage nach den feinen Flechtarbeiten
brachte ein weit verzweigtes Handelsnetz hervor. Und
um immer mehr und günstigere Flechtwaren herstellen
zu können, entstanden zahlreiche Fabriken,
darunter die 1863 eröffnete Strohhutfabrik Sauter.
Gegründet hat sie der Uhrenhändler Andreas Kienzler,
der sie jedoch schon bald seinem Schwiegersohn
Ludwig F. Sauter übereignete. Zusammen mit dem
Schwiegervater baute dieser u.a. eine Strohhutfertigung
auf, wozu wuchtige Maschinen und wegen der
verschiedenen Kopfgrößen Dutzende von Pressformen
erforderlich waren.

Die Hutpresse und einige der vielen Formen dazu.

Förderverein Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach

231

Nach dem Bleichen wurde das Stroh zunächst
gespalten und mit einer speziellen Technik geflochten.
Diese Flechtarbeit führten die Schonacher Frauen und
Kinder zu Hause aus. Die so entstandenen „Strohborten“
dienten als Ausgangsmaterial für die Strohhutherstellung
in der Fabrik. Das Tauschmaß für die
Strohborten mit jeweils 32 Metern Länge waren
gerade einmal ein bis zwei Laib Brot … Die Bezahlung
war somit schlecht, obwohl das Geschäft der Fabriken
florierte: So lieferte Sauter beispielsweise im Jahr
1870 neben den Hüten auch um die 1.200 Taschen pro
Woche aus.

Im 19. Jahrhundert boomte das Geschäft mit
Strohwaren. Es gab eine Zeit, da ging keiner ohne
Hut aus dem Haus. Der Strohhut ist zudem Bestandteil
der Schonacher Tracht – und gehört ebenso zu
vielen weiteren Schwarzwälder Trachten wie
selbstverständlich dazu. Selbst beim berühmten
Bollenhut ist die Basis der Strohhut, dieser wird dazu
vergipst.

Das Handwerk der Strohflechterei übten vor allem
Frauen und Mädchen aus, im Jahr 1810 waren es
im gesamten Amt Triberg 1.500. Als preisgünstige
Strohhüte aus China den deutschen Markt förmlich
überschwemmten, brachte das auch der Strohma-

Wir haben Unmengen
Roggen geerntet – mit der
Sichel, denn maschinell
ging es nicht. Wir haben uns
wohl etwas überschätzt.
Es war unglaublich,
wie viel Arbeit das war.

nufactur Sauter einen schweren Rückschlag: 1905
beschäftigte sie gerade noch vier Näherinnen und
zwölf Heimarbeiter.

Den Roggen selbst angebaut

Für die Geflechte wird langhalmiger Roggen benötigt.
Doch um das Feinflechten mit dieser Getreideart
lebendig zu halten, muss diese Getreideart erst
einmal zur Verfügung stehen: Heutzutage wird

Rechte Seite: Impressionen aus der Schonacher Strohmanufactur
– auch sogenannte Finken, Hausschuhe aus
Stroh wurden hergestellt (oben rechts). Weiter sind diverse
handwerkliche Hilfsmittel zu sehen und unten eine
Strohnähmaschine.

Linke Seite unten: Da für die Geflechte langhalmiger Roggen
gebraucht wird und dieser im Großraum Schonach nicht
zu bekommen ist, baute ihn der Förderverein selbst an.

langhalmiger Roggen im Schwarzwald bei Schonach
kaum mehr angebaut. Vor diesem Hintergrund
bestellten die Mitglieder des Fördervereins selbst ein
Feld mit Roggen. Der Erfolg war groß, doch die Ernte
gestaltete sich unerwartet schwierig: „Wir haben
Unmengen an Roggen geerntet – mit der Sichel,
denn maschinell ging es nicht. Die Halme müssen ja
in ihrer ganzen Länge erhalten werden. Wir haben
uns wohl etwas überschätzt. Es war unglaublich, wie
viel Arbeit das war“, blickt Kathrin Kimmig zurück.

Förderverein Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach

233

Am Ende half dem Verein eine ganze Schulklasse.
Anschließend stellte sich die Frage: Wohin mit dem
Roggen? Also nahm jeder ein Bündel mit nach Hause
und trocknete es dort. Früher geschah dies, wie
schon an anderer Stelle berichtet, auf dem Flachdach
der Firma Sauter.

Auch die Weiterverarbeitung ist aufwendig: Nach
dem Trocknen und Bleichen wurde das Stroh
„ausgezogen“. Danach wird es in Wasser eingeweicht
und zu Geflechten verarbeitet. Schließlich wird ein
Bündel gefaltet. Die Geflechte werden danach durch
eine Walze gedreht (eine Art Mangel), um sie zu
glätten. Nun werden die Strohhalme auf die Haspel
gewickelt. Dieses Aufwickeln hilft u.a. dabei, Knoten
zu vermeiden, die den Flechtprozess stören könnten,
und eine gleichmäßige Spannung zu erreichen.

In dieser gespannten Form erfolgt die Weiterverarbeitung
der Bänder, beispielsweise zu Hüten.
Sind die Hüte genäht, kommen sie in die Presse. Bei
der früheren Hutfabrik Sauter stand diese mit

Die Vorsitzende des Fördervereins Ingrid Schyle hat besondere
Verbindungen zum Strohflechten, die Großmutter
besuchte einst die Schonacher Geflechtschule.

zahlreichen Modellen für Hutformen und -größen aus
Gusseisen im Keller bereit. Die Formen sind jeweils
derart schwer, dass diese Arbeit von Männern
verrichtet werden musste. In der Presse werden die
Hüte glatt und stabil gemacht. Eine der Pressen aus
der Fabrik ist in der Villa Sperl wieder aufgebaut.

Ein Ort für vielerlei Aktivitäten

Die Mitglieder des Vereins betonen, dass die
Manufactur kein Museum sei, sondern ein lebendiger
Raum, in dem Aktivitäten und Veranstaltungen
stattfinden. Dazu gehört auch, dass das Handwerk
der Strohflechterei und -näherei weitergegeben wird.

Blick in den Hauptraum der Strohmanufactur, in dem
sich der große Nähtisch befindet, geschützt durch eine
Glasplatte. Hier finden Kurse und weitere Veranstaltungen
statt.

Und so kommt es, dass an dem langen Nähtisch
aus der Fabrik heute wie damals Frauen sitzen und
ein Handwerk am Leben erhalten, das ohne sie in
Vergessenheit geraten würde.

Neben Kursen im Strohflechten bietet der Förderverein
in der Villa weiter Cego-Kurse und ein Sprach-
Café an. Ein Ort der Begegnung sollte hier entstehen,
das war den Mitgliedern des Vereins wichtig. Doch
steht das Stroh im Mittelpunkt. „Ich finde es faszinierend,
was man mit Stroh alles machen kann“, betont
Kathrin Kimmig. Kinder staunen immer wieder und
stellen fest, dass der Strohhalm ein echtes „Röhrle“
ist, erzählt sie. Es gibt eine Kooperation mit der
Naturparkschule, deshalb kommen Schüler zum
Flechten in die „Strohmanufactur“.

Viele Mitglieder des Vereins verbindet eine
Geschichte mit der Fabrik oder der Strohflechterei. So
war die Großmutter von Ingrid Schyle, der ersten
Vorsitzenden des Fördervereins, Schülerin der
Schonacher Geflechtschule, wie die meisten Schonacher
Kinder. Ingrid Schyle hat sich mit diesem
alten Handwerk intensiv beschäftigt und weiß
ebenso viele Details über die Behandlung der
Näherinnen in den Fabriken, die sich dort so
manchen Schwierigkeiten ausgesetzt sahen. Wenn
den Frauen bei der Herstellung der Hüte die Nadel
an der Maschine abbrach, wurde sie ihnen vom Lohn
abgezogen.

Ingrid Schyle resümiert: „Oft schaut man mit
verklärtem Blick auf die damalige Zeit, die Rahmenbedingungen
allerdings waren alles andere als ein
Zuckerschlecken.“ Diesen Alltag aufzuzeigen, ist eine
weitere wichtige Aufgabe des „Förderverein
Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach“, der sich
über einen regen Besuch des Museums freuen kann.

Förderverein Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach

235

Das KirnerKabinett:
Museum mit Furtwanger
Kunst von nationalem Rang

VON GERHARD DILGER

Das Deutsche Uhrenmuseum in der Gerwigstraße ist ein viel besuchter Ort,
weithin bekannt wegen seiner Sammlung historischer Uhren. Deutlich weniger
populär ist ein Furtwanger Museum, das mit Johann Baptist Kirner einen Sohn
der Stadt würdigt, der im 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten süddeutschen
Maler ist und die damalige Genremalerei in meisterlicher Vollendung repräsentiert
– wie außer ihm vielleicht nur Carl Spitzweg. Auch das renommierte Freiburger
Augustinermuseum würdigt ihn vom Oktober 2021 bis Ende Januar 2022
im Rahmen einer großen Sonderausstellung. Im reich bebilderten Katalog heißt
es dazu: „Seine Bilder sind so lebendig, dass man das Klirren der Gläser und
das Lachen der Kinder beinahe hören kann. Einst einer der berühmtesten Maler
des Schwarzwaldes, ist Johann Baptist Kirner (18061866)
heute weitgehend in
Vergessenheit geraten.“ Das will mit Guido Staeb ein Nachfahr des Malers mit
einem „KirnerKabinett“
in Furtwangen ändern. Doch aller Anfang ist schwer, wie
so oft fehlt es auch dieser Initiative an entsprechender öffentlicher Förderung.
Wobei die Stadt Furtwangen tut, was sie nur kann: Bürgermeister Josef Herdner
unterstützt Guido Staeb bei seinem Vorhaben nach Kräften.

Johann Baptist Kirner (1806 1866)

237

G
G
anz nahe beim Uhrenmuseum mit seinen
Besuchern aus aller Welt widmet sich im
Gebäude der Volksbank ein kleines Museum

den Werken Johann Baptist Kirners. Doch: Bisher

führt das „Kirner-Kabinett“ gewissermaßen ein

Schattendasein und ist auch im Bewusstsein der

Furtwanger noch nicht so präsent, wie sich das der

Gründer wünschen würde. Guido Staeb leitete viele

Jahre ein Fahnengeschäft in Freiburg, im Ruhestand

intensivierte sich seine Beschäftigung mit Kirner. Mit

der Eröffnung des Kirner-Kabinetts erreicht er vor

vier Jahren ein erstes Zwischenziel: Erstmals sind

damit Werke von Johann Baptist Kirner dauerhaft in

Furtwangen zugänglich.

Erschwert wird der Start des Museums im Jahre

2020 durch die Covid-19-Pandemie. „Kaum hatten

wir eröffnet, musste das Museum auch schon wieder

schließen,“ bedauert Staeb. Der Kirner-Nachfahr

hat die Ausstellung von Werken von Johann Baptist

Kirner und dessen Bruder Lukas Kirner gewisserma

ßen im Alleingang ins Leben gerufen. Wie kam es zu

dem Wunsch, die Bilder am Geburtsort der Malerbrü

der auszustellen? „Ich bin ein Verwandter der Kirner,

meine Großmutter Hulda Mahler hat Oskar Pfrengle

geheiratet, der aus der Kirner Familie stammt“, so

Zahlreiche Skizzen, Studien
und Gemälde von Kirner
befinden sich in Familienbesitz,
andere Werke sind

u.a. in der Kunsthalle
Karlsruhe, im Augustinermuseum
in Freiburg und
vielen weiteren namhaften
Museen ausgestellt.
Guido Staeb, der viele Jahre ein Fahnengeschäft in Freiburg
leitete, hat sich als Nachfahr von Johann Baptist
und Lukas Kirner voll und ganz der Bewahrung und
Ausstellung der Werke der beiden Maler verschrieben. In
Furtwangen betreibt er das Museum „KirnerKabinett“.
Auf
dem Foto präsentiert er das Werk „Der Improvisator“ von
Johann Baptist Kirner aus dem Jahr 1836, gemalt in Rom.

die Erklärung des 81-Jährigen. In der Familie sei die
künstlerische Hinterlassenschaft des berühmten
Malers schon immer ein Dauerthema gewesen, erinnert
er sich.

Viele Bilder und Skizzen im Familienbesitz

Zahlreiche Skizzen, Studien und Gemälde sind bis
heute im Familienbesitz, viele Werke befinden sich
daneben auch in der Kunsthalle Karlsruhe, denn
Kirner war als Badischer Hofmaler verpflichtet,
Bilder an den Badischen Hof zu liefern. Ebenso sind
Werke im Augustinermuseum in Freiburg und
etlichen weiteren renommierten deutschen Museen
ausgestellt.

Mein Vater Anton Staeb hat
sich insbesondere nach
dem Zweiten Weltkrieg
daran gemacht, alle
KirnerBilder
zu archivieren
und zu ordnen, die sich in
der Familie befinden.

„Mein Vater Anton Staeb hat sich insbesondere
nach dem Krieg daran gemacht, alle Kunstwerke zu
archivieren und zu ordnen, die sich in der Familie
befinden“, erzählt Guido Staeb. „Unsere Wohnung in
der Bühlhofstraße war voll mit Kirner-Bildern!“ Das
hat ihn geprägt und den Grundstein zu einer lebenslangen
Beschäftigung mit den Werken des berühmten
Verwandten gelegt. Nicht allen in der Familie ist
diese Wertschätzung der Werke gemeinsam: Es gab
vor einiger Zeit sogar Pläne, die gesamte künstlerische
Hinterlassenschaft dem Freiburger Augustinermuseum
zu überlassen. „Das wollte ich nicht, meiner
Meinung nach sollen die Werke Kirners in Furtwangen
zugänglich gemacht werden,“ so Guido Staeb.

Ein erster Schritt in diese Richtung folgt 2015: In
Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Heimat-

Der Mandolinenspieler, vor 1836. Ölfarbe auf Papier.
Skizze eines Landarztes.

Johann Baptist Kirner

Die Eltern in der Stube im Wohnhaus der Familie in Furtwangen ist Johann Baptist Kirners letztes Werk, entstanden 1864.
Kurz darauf lebt er in der Oberen Mühle in Furtwangen in der pflegerischen Obhut seiner Schwester Karoline.

verein reift der Plan, für eine Ausstellung zum
150. Todestag des Künstlers alle greifbaren Werke
von Johann Baptist Kirner für eine Jubiläumsausstellung
an einem Ort zu vereinen. Mit dem Uhrenmuseum
ist auch bald ein geeigneter Ort für eine Ausstellung
gefunden und so kann im November 2016 ein
breiter Querschnitt an Werken präsentiert werden:
von Skizzenbüchern, Kohlezeichnungen und Studien
bis hin zu Ölgemälden. Ein umfangreicher, sehr aufwändiger
Ausstellungskatalog verzeichnet die ausgestellten
Arbeiten (nach wie vor erhältlich über den
Geschichts- und Heimatverein Furtwangen).

Vom 30. Oktober 2021 bis zum 30. Januar 2022
widmet dann das Augustinermuseum in Freiburg
dem Furtwanger Maler eine großartige, zweigeteilte
Ausstellung. Sind unter dem Titel „Erzähltes Leben“
vor allem Gemälde zu sehen, werden im zweiten Teil

der Ausstellung Zeichnungen und Skizzen gezeigt,
der mit „Der Blick des Zeichners“ überschrieben ist.
Leihgaben auch aus der Sammlung von Guido Staeb
machen diese Doppelausstellung erst in diesem Umfang
möglich. Selten sind derart viele Kirner-Exponate
an einem Ort versammelt. Der Zustrom an Besuchern
ist entsprechend, Kirner wird sozusagen neu
entdeckt. Die hervorragend kuratierte Ausstellung
würdigt den Furtwanger Maler wie nie zuvor. Auch
diese Ausstellung unterstreicht die Bedeutung des
Werkes und damit zugleich des Kirner-Kabinetts.

Exponate, aber keine Räume

Zur Zeit der Freiburger Ausstellung wird ein Gedanke
konkreter, den Staeb schon lange hegt und der
zunehmend möglich erscheint: Ein Kirner-Museum in

240 Museen

Furtwangen. „Ich hatte Exponate, aber keine Räume“,
schildert Staeb sein damaliges Dilemma.

Hilfesuchend wendet er sich an den Bürgermeister
von Furtwangen. „Josef Herdner unterstützt mich
sehr, weil er mit mir einen Gedanken teilt: Die Bilder
müssen in Furtwangen bleiben!“, dankt Staeb dem
Bürgermeister. Ein Ziel soll sein, der Bevölkerung ins
Bewusstsein zu rufen, dass einer der bedeutendsten
Genremaler des 19. Jahrhunderts in Furtwangen
geboren wurde und auch dort gestorben ist. Und so
kommt es dank der Vermittlung des Bürgermeisters
zu der Lösung mit angemieteten Räumen im Obergeschoss
der Volksbank in der Gerwigstraße unweit des
Uhrenmuseums.

„Ich habe alles selbst gemacht, die Wände gestrichen,
die Räume so aufbereitet, dass die Bilder
einen würdigen Platz finden“, schildert Guido Staeb
die Anfänge. Bei einem Gang durch die Räumlichkeiten
sieht man augenblicklich, wie viel Arbeit in
dem Museum steckt. Das Konzept ist, nicht nur die
Bilder zu präsentieren; vielmehr soll ebenso gezeigt
werden, wie der Künstler gearbeitet hat: Von der
ersten Skizze über Detailentwürfe, von kleinteiligen
Studien zum fertigen Gemälde, dieser Weg soll
erfahrbar werden. „Eines der wichtigsten Begleiter
von Johann Baptist Kirner war sein Skizzenbuch, das
er auf Schritt und Tritt dabei hat“, so Staeb. So kann
er unterwegs Eindrücke festhalten, die später zur
Grundlage seiner Werke werden.

Gründung einer Stiftung wäre ein Ziel

Nachdem die Raumfrage geklärt ist, stellt sich die
Frage der Finanzierung des Museums. Bisher steckt
vor allem eigenes Geld im Kirner-Kabinett, so Staeb.
Es gibt einen kleinen Freundeskreis, der aber mehr
informellen Charakter hat und vor allem durch
Mundpropaganda Werbung macht. Was Staeb
vorschwebt, wäre eine Stiftung, die sich auch
zukünftig der Belange des Museums annehmen
könnte. „Interessierte Personen wären schon da,
aber kein Geld,“ schmunzelt er. Eine weitere Hürde
ist die personelle Ausstattung.

Geöffnet hat das Museum jeweils am Samstag
und Sonntag von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr sowie nach
Vereinbarung. „Meistens bin ich am Sonntag selbst
da und erwarte Besucher“, erläutert Staeb die
derzeitige Situation.

Eines der wichtigsten
Utensilien von Johann Baptist
Kirner ist sein Skizzenbuch,
das er auf Schritt und Tritt mit
sich führt, um Anregungen für
Hauptwerke festzuhalten.

Grabstein von Johann Baptist Kirner auf dem Bergfriedhof
von Furtwangen. Die Verbindung zu seiner geliebten
Heimat hat der renommierte Maler sein ganzes Leben
lang nie abreißen lassen. Das Grabdenkmal stammt von
dem Vöhrenbacher Bildhauer Adolf Heer.

Johann Baptist Kirner

Guido Staeb präsentiert ein Portrait von Karoline Duffner, der Schwester der Malerbrüder Kirner, geschaffen 1839 durch
Johann Baptist Kirner. Karoline war es, die ihren Bruder Johann Baptist in seinen beiden letzten Lebensjahren pflegte.

Unterstützung erhält er insbesondere am Samstag
von Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins.
Elke Schön, die Leiterin des Museums „Gasthaus
Arche“, steht jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung.
Leider ist die Nachfrage sehr unterschiedlich,
berichtet Staeb. Die meisten Besucher kommen
von auswärts. Dazu trägt sicher auch bei, dass in
Menzenschwand, der Heimat des Malerfreundes
Franz Xaver Winterhalter, im dortigen Museum auf
das Furtwanger Kirner-Kabinett hingewiesen wird.

Wenn man sich so intensiv wie Staeb mit dem Werk
Kirners beschäftigt, stellt sich zwangsläufig die Frage,
ob es neben den schon in der Familie vorhandenen
Bildern und Materialien noch weitere Bestände gibt.
„Ich schaue immer wieder neu im Internet, ob bei Auktionen
Kirner-Bilder angeboten werden,“ schildert
er. Das sei jedoch sehr selten der Fall, fährt Guido Staeb
fort, die meisten Bilder, die im Kabinett ausgestellt

sind, stammen aus dem Besitz der Kirner-Familie.
Diese hat die Erinnerung an das Schaffen von Johann
Baptist Kirner und Lukas Kirner stets hochgehalten.

Teil der Furtwanger Museumslandschaft

Eine Vision hat Guido Staeb oft vor Augen: Das
Kirner-Kabinett könnte Teil der Furtwanger Museumslandschaft
werden, die aus seiner Sicht derzeit
im Entstehen ist. „Das Siedle-Museum wird bald eine
hochkarätige Sammlung moderner Kunst öffentlich
präsentieren,“ wagt Staeb einen Blick in die Zukunft.
Und was würde näher liegen, so seine Einschätzung,
als in unmittelbarer Nähe dazu gewissermaßen als
Kontrapunkt oder Ergänzung Bilder des berühmtesten
Furtwanger Malers zu präsentieren? Was ihm
vorschwebt, wären Räume unweit des neuen
Siedle-Museums: „Das ehemalige Postamt ist im

242 Museen

Der Furtwanger Orchestrionbauer Martin Blessing,
Ölgemälde von Johann Baptist Kirner.

Besitz der Stadt Furtwangen. Meine Idealvorstellung
wäre, dort ein Kirner-Museum einzurichten,“ so sein
Wunschtraum. Dann gäbe es mit dem Deutschen
Uhrenmuseum, Siedle-Museum, Museum „Gasthaus
Arche“ und Kirner-Kabinett gleich vier sehenswerte
Museen in Furtwangen. „Eine richtige Museumslandschaft
eben“, so Guido Staeb.

Ob diese Vision eines Tages Wirklichkeit werden
könnte, wird die Zukunft zeigen. Einen Bebauungsplan
für das Areal hat der Gemeinderat jedenfalls
zur Sicherung der geplanten neuen Nutzung bereits
beschlossen. Und ein Planungsbüro wurde mit der
Entwicklung einer Nutzungsplanung beauftragt und
hat ein erstes Konzept vorgelegt, das neben der
Schaffung von Wohn- und Geschäftsräumen auch
Ausstellungsräume vorsieht. Zu wünschen wäre es
dem kleinen, aber feinen Kirner-Kabinett allemal,
dass es dort eine endgültige Heimat findet.

Johann Baptist Kirner:

Badischer Hofmaler
aus Furtwangen

Geboren wurde Johann Baptist Kirner 1806 im
„Schuhpeterhaus“, wo er als jüngster Sohn des
Schuhmachers Peter Kirner aufwuchs. Er sollte
einst die Schuhmacherwerkstatt seines Vaters
übernehmen. Aber schon bald zeichnete sich
ab, dass er eine ganz andere Lebensrichtung
verfolgen wird: Bereits in seiner Kindheit
zeigte sich sein zeichnerisches Talent und er
hatte früh den Wunsch, Kunstmaler zu werden.

Gefördert von seinem zwölf Jahre älteren
Bruder Lukas Kirner, der als Porträtmaler bei
Augsburg lebte, gelang es ihm, gegen manche
Widerstände 1822 ein Kunststudium ebenfalls
in Augsburg zu beginnen. 1824 wechselte er an
die Königlich Bayerische Akademie der bildenden
Künste nach München. Als die finanziellen
Mittel seiner Eltern erschöpft waren, wandte
er sich an das Großherzoglich Badische Innenministerium
mit der Bitte um Unterstützung.
Wider Erwarten erhielt er ein Stipendium für
die Jahre 1827 und 1828, nicht zuletzt dank der
Förderung durch die bekannte Kunstmalerin
Marie Ellenrieder. So konnte er 1829 seine Studienzeit
erfolgreich abschließen.

Johann Baptist Kirner lebte und arbeitete
zunächst weiter in München. Er wandte sich
nun verstärkt der sogenannten Genremalerei
zu und wurde einer der bekanntesten Vertreter
dieser künstlerischen Richtung. 1832 trat er eine
Reise nach Italien an, wo er in Rom mit dem
später als „Fürstenmaler“ berühmt gewordenen
Porträtmaler Franz Xaver Winterhalter aus
Menzenschwand das Atelier teilte. Zu seinen
Freunden gehörten weiter so bekannte Maler
wie Carl Spitzweg und Moritz von Schwindt.

Nach seiner Rückkehr aus Italien 1837 und
einem Aufenthalt in Wien wurde er 1839 zum
Badischen Hofmaler ernannt, was ihn seine
finanziellen Sorgen dauerhaft vergessen ließ.
1865 kehrte er gesundheitlich angeschlagen
nach Furtwangen zurück. Seine Schwester
Karoline Duffner pflegte ihn bis zu seinem Tod
im November 1866.

Johann Baptist Kirner

244 9. Kapitel – Sport

Nicht nur beim DFB-Pokal 2024:

Matchwinner
Kai Brünker

VON MARC EICH

Es ist die Geschichte eines Fußballers, der
sich nach dem Vorbild seines Vaters einen
Kindheitstraum erfüllt und Profi wird. Und es
ist die Geschichte eines Mannes, der ausge
rechnet nach dem tragischen Tod des Vaters
und Vorbilds beim DFB Pokal 2024 einen
vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere erlebt:
Durch seine Tore gegen die höherklassigen
Mannschaften des Karlsruher SC, Bayern
München, Eintracht Frankfurt und Borussia
Mönchengladbach schafft es der Drittligist bis
ins Halbfinale – wo er gegen den 1. FC Kaisers
lautern scheitert. Eine Leistung, die ihm nicht
nur in seiner Heimat VS Villingen im Schwarz
wald Baar Kreis viel Anerkennung und Respekt
einbringt. Die Rede ist von Kai Brünker.

E
E
s ist der 12. März 2024 – ganz Fußballdeutschland
redet über ihn, den „Panzer“: Kai Brünker
hat im Viertelfinale des DFB-Pokals für den
1. FC Saarbrücken das entscheidende Tor gegen den
haushohen Favoriten Borussia Mönchengladbach
geschossen und damit für ein Weiterkommen seines
Drittliga-Clubs gesorgt. Der 30-jährige Mittelstürmer
kann es anschließend vor laufenden TV-Kameras
kaum fassen und meint: „1. FC Saarbrücken – Halbfinale
– das ist geisteskrank. Da oben sitzen meine
Schwester, mein Schwager und meine Schwiegermutter.
Ich könnte losheulen.“

Ein magischer Moment:
Wie Kai Brünker ins Rampenlicht tritt

Wenn Kai Brünker an diesen magischen Moment in

seiner Karriere zurückdenkt, dann erinnert er sich an

dieses „geile Gefühl“ und grinst – „wegen solcher

Momente spielt man Fußball. Dann überlegt er und

sagt: „Aber es war auch unwirklich.“ Denn der

gefeierte Pokalheld stand plötzlich im Mittelpunkt,

der Medientrubel brach über den Familienvater aus

Villingen-Schwenningen über Nacht mit Brachialge

walt förmlich herein.

Unzählige TV-Interviews und sogar die Einladung

in das ZDF-Sportstudio zum Torwandschießen waren

die Folge. „Da haben Legenden drauf geschossen, ich

Beim FC 08 Villingen hat er
das Kicken gelernt, den
Grundstein für seine
Profikarriere gelegt. Nach
einem Vorbild muss man
Kai Brünker nicht fragen –
denn für den gebürtigen
Villinger ist die Passion um
das runde Leder unweigerlich
mit seinem Vater Dirk
verbunden.

hatte sogar zwei Treffer“, sagt Brünker und lacht. In
der Heimat sprachen ihn die Kids an: „Hey, Du bist
doch der, der rausgeschossen hat“, hieß es dann. Kai
Brünker war aber auch ganz froh, als er wieder aus
dem Fokus der bundesweiten Medien geriet. Das
passt zu dem bescheidenen Fußball-Profi: Er ist eben
bodenständig, so kennt man ihn in seiner Heimat
VS-Villingen.

Beim FC 08 Villingen hat er das Kicken gelernt,
den Grundstein für seine Profikarriere gelegt. Nach
einem Vorbild muss man Kai Brünker nicht fragen –
denn für den gebürtigen Villinger ist die Passion um
das runde Leder unweigerlich mit seinem Vater Dirk
verbunden. Kein Wunder: Dirk Brünker hatte sich mit
seinen Torjäger-Qualitäten einen Namen in der Region
gemacht. Der hochtalentierte Fußballer avancierte
in den 1980er-Jahren beim FC 08 Villingen zum
gefürchteten Stürmer. Seine Abschluss-Qualitäten
sorgten dafür, dass der SC Freiburg auf den gebürtigen
Essener aufmerksam wurde, ab Juli 1988
stand er (übrigens gemeinsam mit Ex-Bundestrainer
Joachim Löw) als Mittelstürmer im Profi-Kader der
Breisgauer. Wegen einer Verletzung kam er dort jedoch
nicht zum Einsatz.

Kai Brünker als Jugendspieler.

Dank an die Fans – der FC 08 Villingen mit Kai Brünker (vorne) im Jahr 2014.

„Die Berichte über meinen Papa waren als Kind
meine Abendlektüre“, so Kai Brünker. Man könnte
meinen, der heute 30-Jährige hat sich die Karriere
seines Vaters verinnerlicht – denn seine Schritte
ins Profigeschäft weisen deutliche Parallelen auf:
Im SCFreiburg-Trikot rannte er als Knirps damals in
Kappel umher, wo die Familie (neben Kai und Dirk
waren das Mutter Michaela und Schwester Tamara)
von Villingen hingezogen war und ein Haus baute.
Dann streifte er sich in der F-Jugend den Dress des
FC Kappel über. Dort erkannten die Trainer früh sein
Talent, genauer: sein Bewegungstalent.

Der Aufstieg beginnt: Von der
Schwarzwald-Auswahl bis zur Oberliga

In der D-Jugend schaffte er den Sprung in die
Schwarzwald-Auswahl. „Ich war da total verbissen,
das war für mich wie die Nationalmannschaft“, sagt
Brünker lachend. Der Ehrgeiz sollte sich auch

weiterhin auszahlen, denn für den Stürmer ging es
schnell bergauf. Er wechselte zunächst zum FC 08
Villingen, dann in die Talentschmiede des SVZimmern,
der mit dem SC Freiburg kooperiert: In zwei
Jahren schenkt er als B-Jugendlicher den gegnerischen
Teams insgesamt 70 Mal (!) ein, viele sagen
schon damals: „Ganz der Vater“. Die Folgen sind
abermals Einladungen in Auswahl-Teams.

In der A-Jugend wechselte er aufs Neue nach
Villingen. BeimFC08 macht er in Trainingsspielen
gegen die Oberliga-Truppe von Martin Braun –
Ex-SC Freiburg-Profi – auf sich aufmerksam. Es folgte
unmittelbar der Sprung in den aktiven Bereich, weil
Braun darauf pochte, dass Brünker in der Oberliga
Erfahrungen sammeln müsse. „Ich war richtig stolz,
Teil der 1. Mannschaft zu sein.“ Parallel schnürte er
seine Kickschuhe auch für die U23, trug sich dort
regelmäßig in die Torschützenliste ein. „Gegen den
Bahlinger SC habe ich dann mein erstes Tor in der
Oberliga geschossen“, erinnert sich Brünker.

Kai Brünker 247

Kai Brünker in Aktion beim SC Freiburg.

Was Brünker ausmacht und seine Bodenständigkeit
deutlich macht: Seine berufliche Ausbildung hat
er nie vernachlässigt. Als 15-Jähriger begann er eine
Lehre zum Elektriker bei einem Villinger Fachbetrieb
und blieb diesem auch treu. „Jeder zweite Kunde hat
mit mir über den Nullacht gesprochen“, so der 30-Jährige.
Sein Name und Gesicht waren schon früh unweigerlich
mit Fußball und den Schwarz-Weißen verbunden.
Und selbst sein Chef, der dem Fußball eigentlich
gar nicht so viel abgewinnen konnte, interessierte
sich plötzlich für Kai und „seine“ Nullachter. Wenn der
Fußballer daran zurückdenkt, muss er schmunzeln.

Diese positive Verbindung mit seinem Ausbildungsbetrieb
sorgte auch dafür, dass er dem ersten
Proficlub vorerst eine Absage erteilte. In Freiburg
hatte man vom Talent des Schwarzwälder Stürmers
Wind bekommen, der SC klingelte bei Brünker an.
Doch der bewahrte einen kühlen Kopf und überstürzte
nichts. „Würdest Du Dich denn damit wohlfühlen?“,
hatte ihn sein Vater damals gefragt. Eine
Frage, die Kai vor Augen führte, dass er noch nicht
viel von einer Profikarriere hielt.

Im Gespräch ist Kai Brünker ehrlich und deshalb
so sympathisch, weil er unverblümt von den Motiven
erzählt, weswegen er zunächst nicht zum SC wollte.
Denn neben der Tatsache, dass er zunächst seinen
beruflichen Grundstein neben dem Fußball legen
wollte, waren es insbesondere persönliche Gründe.
So dachte er an jene, die bereits in jungen Jahren
den Fokus voll auf den Sport legen – „viele werden
entwurzelt von daheim, können nicht mal auf eine
Party. Ich hatte einfach keinen Bock, von daheim
weg zu gehen“. Auch 1860 München sagte er deshalb
später ab, hier wäre zudem der Aufwand kaum zu
bewerkstelligen gewesen.

Vom Schwarzwald nach England

Mit etwas Abstand – und seiner Ausbildung in der
Tasche – tat er es seinem Vater dann aber doch noch
gleich und wechselte im Sommer 2015 in den
Breisgau. Dort unterschrieb er zunächst einen
Zwei-Jahres-Vertrag. Doch schnell musste Brünker
auch mit Herausforderungen umgehen. Denn in der

Reserve des Erstligisten setzte es im ersten Jahr
zunächst einen Abstieg, „das hat keinen Spaß
gemacht“. Der Ehrgeiz machte dann aber den
Unterschied aus: Im zweiten Jahr holte der Stürmer
alles aus sich heraus, „ich hatte an jedem Fuß
15 Blasen“.

Die fielen dann auch der Freiburger Trainer-Ikone
Christian Streich auf, der den unbedingten Willen
des 190 Zentimeter großen Villingers erkannte. Er
durfte schließlich beim Bundesliga-Team reinschnuppern,
traf gar bei einem Testspiel. An eine besondere
Begegnung mit Streich denkt Brünker gerne zurück.
„Er meinte plötzlich zu mir: ‚Sagst dem Vater mal ‘en
Gruß‘ – und ich wusste nicht mal, dass sie sich gekannt
haben!“

Für den Fußballer ging es trotz der schönen Zeit
in Freiburg dann jedoch ins Ausland, und zwar zur
Fußballnation schlechthin – im Januar 2018 hieß es:
auf nach England, genauer gesagt zum Drittligisten
Bradford City. Lediglich ein Jahr war er dort, in dieser
Phase sammelte er jedoch nicht nur viele prägende
Erfahrungen, nein, von der Insel brachte er dann
auch den Spitznamen „Panzer“ mit. Und das ausgerechnet
beim körperbetonten Fußballstil in England.

Brünker erinnert sich, wie es dazu kam: Sein Club
hatte gegen den FC Portsmouth 2:1 geführt, als es zu
einem Foul kam. Brünker nahm den Ball unter seinen
Arm, wurde deshalb von zwei gegnerischen Spielern
bedrängt, die daraufhin umfielen. Kai Brünker: „Auf
Twitter hat man mich dann ‚tank‘ genannt“ – der
Spitzname ‚Panzer‘ war geboren und begleitet mich
seit diesem Ereignis.“

Rückkehr in die Heimat

Dabei begann seine Station in Bradford wenig
verheißungsvoll und war auch in der Folge voller
Höhen und Tiefen gezeichnet. Kurz nach seiner
Ankunft flog der Trainer, man steckte den Stürmer in
die zweite Mannschaft – dort sollte er zunächst mal
den englischen Fußball kennenlernen, hieß es.
Ausgerechnet eine körperliche Auseinandersetzung
mit einem Mannschaftskollegen im Training sollte
für einen Aufschwung sorgen. „Ich dachte zuerst,
dass es jetzt für mich ganz rum ist – stattdessen
hieß es: ‚Der Junge lässt sich nicht unterkriegen‘“ –
Brünker erhielt seine Chance. Auch dank seiner
Einsätze sammelte das Team in der „League One“

Kai Brünker mit Vater Dirk.

Auf Twitter hat man mich
dann ‚tank‘ genannt – der
Spitzname ‚Panzer‘ war
geboren und begleitet mich
seit diesem Ereignis.

Punkte, der bullige Stürmer durfte zudem den Titel
„Man of the match“ einsacken. Obwohl er sich
ordentlich Respekt in England verschafft hatte, zog
es ihn wieder nach Hause. Eines Tages habe er alle
seine Habseligkeiten in seinen Opel Astra gepackt –
über den Eurotunnel ging es zurück in die Heimat.

Hier heuerte er im Januar 2019 beim „Dorfklub“,
der SG Sonnenhof-Großaspach, in der dritten
Liga an. Im ersten Jahr feierte man den Nichtabstieg,
in der zweiten Saison konnte der Gang in

Kai Brünker 249

Riesige Freude: Kai Brünker mit der 2022 geborenen Tochter Alica. Rechts zusammen mit Freundin Marina Marfing aus
Villingen, das Paar erwartet gerade sein zweites Kind. Der Meisterpokal in der Dritten Liga bedeutet den Aufstieg in die
2. Bundesliga, an dem Kai Brünker als Torschütze unmittelbar beteiligt war.

die Regionalliga nicht verhindert werden, Brünker
konnte in dieser Spielzeit trotzdem immerhin sieben
Tore beisteuern. Sein Weg führte anschließend in
den Osten – zum 1. FC Magdeburg. Und hier tauchte
der „Panzer“ in eine ganz neue Fußballwelt ein. In eine
Welt, in der das Spiel eine große Rolle in der Stadt und
der ganzen Region spielt. Der Villinger bringt es auf den
Punkt: „Bei denen ist der Fußball wie eine Religion.“

Das kann in zwei Richtungen ausschlagen: Nach
Niederlagen wurde die Mannschaft auch schon von
200 vermummten Anhängern bedrängt, andererseits
schätzte der Fußballprofi die familiären Verhältnisse
in Magdeburg und im Verein, in dem sich emsig um
das Wohlbefinden der Spieler gekümmert wird. „Ich
bin da mit den Ultras Kaffeetrinken gegangen.“ Kein
Wunder, dass sich der 30-Jährige dort einen beson-

Auch dank seiner Einsätze
sammelte das Team in der
„League One“ Punkte, der
bullige Stürmer durfte
zudem den Titel „Man of the
match“ einsacken.

deren Namen machte und zum Publikumsliebling
avancierte.

Dass er sich gerne an die Zeit in der Otto-Stadt
erinnert, liegt aber auch an privaten Gründen: Seine
Lebensgefährtin Marina Marfing, die aus Villingen

stammt und die er während seiner Zeit beim
SC Freiburg kennengelernt hatte, folgte ihm nach
Magdeburg – gemeinsam zog man an den Dom, und
hier kam im September 2022 auch seine Tochter Alica
zur Welt.

Gedanklich mit der Schwangerschaft verbunden
ist dabei zudem der sportliche Höhepunkt während
seiner Zeit in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt.
Denn Kai Brünker war direkt am Aufstieg des 1.FC Magdeburg
in die 2. Bundesliga beteiligt. Im entscheidenden
Spiel wurde der Mittelstürmer eingewechselt
und traf nur wenige Minuten später zum 3:0-Endstand.
„Die ganze Familie war dabei, ich bin marschiert
wie ein Wilder – beim Tor sind alle Dämme
gebrochen“, so der Familienvater. Er konnte noch seinen
„Babyjubel“ mit Ball unter dem Trikot vollziehen,
im nächsten Moment hatten die Fans bereits das
Spielfeld gestürmt.

Ein tragischer Verlust: Kai Brünker und der
schwerste Moment seines Lebens

Auch Vater Dirk erlebte diesen besonderen Moment
in der Profikarriere seines Sohnes im Stadion live
mit, ließ sich anschließend stolz mit ihm fotografieren.
Es sind Momente, die sich in das Gedächtnis von
Kai Brünker eingebrannt haben. Insbesondere
deshalb, weil den Vater noch im selben Jahr ein
schlimmes Schicksal ereilte. Es war der schwerste
Lebensabschnitt für den heute 30-Jährigen.

Denn am 23. Dezember 2022 verschwand der
61-Jährige nach einem Gaststättenbesuch in der
Villinger Innenstadt spurlos. „Ich habe an dem Tag
noch mit ihm telefoniert, wir haben uns auf richtig
schöne Weihnachten gefreut.“ Am 24.12. erfuhr er,
dass sein Vater nicht nach Hause zurückgekehrt
war. Was folgte, waren beispiellose Suchaktionen,
sowohl von privaten Initiativen und der Familie, aber
auch von Hilfs- und Rettungsorganisationen sowie
insbesondere der Polizei. Dankbar ist die Familie bis
heute, dass man weder Kosten noch Mühen bei den
Ermittlungen gescheut hat.

Am Boden, im Wasser und auch aus der Luft
suchte man nach Anhaltspunkten, wo und auf
welchem Weg der bekannte Villinger Fußballer verschwunden
sein könnte. Doch keine Spur führte zum
Auffinden des 61-Jährigen. „Das war eine heftige
Zeit – das Ungewisse war das Brutale.“ 77 quälend

Kai Brünker war direkt am
Aufstieg des 1. FC Magdeburg
in die 2. Bundesliga
beteiligt. Im entscheidenden
Spiel wurde der Mittelstürmer
eingewechselt und
traf nur wenige Minuten
später zum 3:0Endstand.

lange Tage dauerte es, bis die Familie zumindest ein
Stück weit Gewissheit hatte. Denn im März 2023
fand man die Leiche des Vaters in der Brigach in Donaueschingen.
Die Nachricht ereilte den Fußballer im
Training in Magdeburg. Er setzte sich anschließend
unverzüglich ins Auto, um in die Heimat zu fahren.
Die Zeit des Abschiednehmens folgte („Ich hätte
ihm gerne noch Lebewohl gesagt“), gleichzeitig sind
für die Familie einige Fragen noch ungeklärt. Der
30-Jährige sagt: „Wir werden wohl nie erfahren, wie
es genau passiert ist.“

Die Familie, sein Team in Magdeburg und die
große Unterstützung seiner Partnerin halfen ihm
anschließend in den Alltag zurückzufinden. Der Leistungssport
sorgte dafür, dass der Stürmer wieder auf
andere Gedanken kam. Dennoch konnte er, so gibt
Brünker zu, bei den ersten Spielen nicht ausblenden,
dass „mein größter Kumpel“ nicht mehr gespannt
vor dem Fernseher oder am Spielfeldrand sitzt und
ihm die Daumen drückt.

Riesenerfolg im DFB-Pokal

Und trotzdem spürt der talentierte Kicker, dass er
auf seinem weiteren Weg von seinem Vorbild
begleitet wird – auch zu der nächsten Station in
seiner Fußballkarriere. Zu jenem Club, mit dem der
Villinger die Sensation schaffte. Denn nachdem sich
Brünker mit der Vereinsführung in Magdeburg
hinsichtlich seines weiteren Werdegangs nicht

Kai Brünker 251

Fußball ist zwar ein wichtiger
Bestandteil seines Lebens,
aber längst nicht alles.
„Wenn es privat stimmt,
muss ich mir auch über den
Fußball wenig Gedanken
machen“, sagt er mit Blick
auf das Familienglück.

einigen konnte, meldete sich der 1. FC Saarbrücken.
Ein „schlafender Riese“, wie er den Verein nennt. Es
folgte eine schnelle Einigung – die beide Seiten nicht
bereuen sollten.

Dem legendären Einzug ins Halbfinale des DFB-
Pokals nach dem Sieg gegen Borussia Mönchengladbach
ging eine weitere Sensation voraus. Denn
in der zweiten Runde kegelte der Drittligist den
deutschen Rekordmeister Bayern München aus dem
Wettbewerb. „Als wir nach dem Weiterkommen in
die zweite Runde Bayern gezogen haben, dachten
wir, dass unsere Reise im DFB-Pokal schon wieder
zu Ende ist“, erinnert sich Brünker an den Moment
der Auslosung. Doch es kam anders: Saarbrücken
gewann mit 2:1.

Der „Bayern-Schreck“, wie die Saarländer nun
genannt wurden, warf anschließend zudem Eintracht
Frankfurt dank eines 2:0-Sieges aus dem Pokal. Auch
dank eines Treffers von Kai Brünker, der im ausverkauften
Ludwigsparkstadion für Jubelstürme der

15.000 Zuschauer sorgte. Was dann gegen Borussia
Mönchengladbach folgt, ist bekannt: Saarbrücken
gewinnt durch einen Treffer von Kai Brünker in der
Nachspielzeit mit 2:1. Dass im Halbfinale schließlich
Schluss ist – 0:2-Niederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern
– schien weniger dramatisch.
Auch in der neuen Saison möchte Kai Brünker
mit Saarbrücken weiter für Furore sorgen. Doch
gleichzeitig macht er klar: Fußball ist zwar ein wichtiger
Bestandteil seines Lebens, aber längst nicht
alles. „Wenn es privat stimmt, muss ich mir auch

über den Fußball wenig Gedanken machen“, sagt er
mit Blick auf das Familienglück. So erlebte er auch
die Schattenseiten des Profifußballs, sah sich mit respektlosen
Privatnachrichten nach Niederlagen konfrontiert,
beispielsweise, wenn Fans deswegen ihre
Sportwette verloren hatten. „Wenn man in der Öffentlichkeit
steht, kann man sich da halt nur schwer
gegen wehren.“

Grundsätzlich ist für ihn immer wichtig, auf dem
Boden zu bleiben. Und so passt es auch, dass sich
Brünker bereits Gedanken über die Zeit nach dem
Profitum macht. „Ich bin ja schaffen gewohnt, weiß,
was es heißt, zu arbeiten.“ Ein wichtiger Bestandteil
der Zukunft soll dabei auch ein Café sein, welches
er derzeit gemeinsam mit einem Kumpel in der Villinger
Färberstraße aufzieht. „Da würde ich später
gerne mal drin stehen“, sagt er. Nebenher noch ein
Engagement in einem Verein in der Region, das wäre
eine wunderbare Kombination für ihn.

Dass es eines Tages wieder in die Heimat zurück
gehen wird, ist klar. Hier im Schwarzwald-Baar-Kreis
möchten Kai Brünker und seine Partnerin Marina
Marfing ihre gemeinsame Familie aufwachsen sehen
– und irgendwann ihren Enkeln von den aufregenden
Momenten und schönsten Anekdoten in der
Karriere des Fußballprofis erzählen.

Beim Achtelfinale des DFBPokals
gegen Eintracht Frankfurt:
Kai Brünker erzielt mit Maske (wegen Nasenbeinbruchs)
das 2:0 – wieder ist die Sensation perfekt.

252 Kai Brünker

Schwarzwälder Strohmanufactur Schonach

Zurück in der Regionalliga:

FC 08 Villingen –
Herzschlagfinale mit
glücklichem Ende

VON MICHAEL EICH

254 Sport

255

Kapitän Tevfik Ceylan ist bei den Nullachtern groß geworden und sicherte den Villingern mit seinem abgefälschten Freistoßtor
den 3: 2 Sieg gegen den 1. CfR Pforzheim und damit den RegionalligaAufstieg.

Immerhin 52 Jahre musste der FC Villingen warten, ehe dem Schwarzwälder Traditionsverein
wieder der Sprung in die Regionalliga gelang. Umso größer war am 1. Juni 2024
der Jubel, als Schiedsrichter Vincent Schöller die Heimpartie der Nullachter gegen den

1. CfR Pforzheim abpfiff. Mit 3:2 gewannen die Villinger das letzte Saisonspiel der
Oberliga BadenWürttemberg
und erfüllten sich einen Traum.
Z
Z
uvor entwickelte sich vor der Rekordkulisse
von 4.100 Zuschauern jedoch ein echtes
Herzschlagfinale, das die Nerven der einheimischen
Fans arg strapazierte. Zwei Mal mussten die
Gastgeber einem Rückstand hinterherlaufen, zwei
Mal glichen sie aus. Am Ende war es in der Schlussphase
ein Freistoß von Kapitän Tevfik Ceylan, der
abgefälscht im Pforzheimer Netz einschlug und für
den Siegtreffer sorgte. Der verwandelte die MS
Technologie-Arena im Villinger Friedengrund
zunächst kurzzeitig und nach dem Abpfiff endgültig
in ein Tollhaus. Da der unmittelbare Konkurrent um

den Aufstieg aus Großaspach sich beim Parallelspiel
in Holzhausen nur mit einem überraschenden 1:1
begnügen musste, hätte den Villingern sogar schon
ein Remis zum Sprung in die Regionalliga gereicht.
Doch das interessierte an diesem denkwürdigen Tag
der FC 08-Vereinsgeschichte niemanden mehr.

Ein buntes Rahmenprogramm und
große Feierlichkeiten

Der Oberligist hatte sich bereits im Vorfeld viel
Mühe gegeben, der wichtigen Begegnung den

Der Jubel im Friedengrund ist riesig, die Rückkehr des FC 08 Villingen in die Regionalliga perfekt. Zuletzt war der Aufstieg
im Jahr 1966 geglückt.

entsprechenden Rahmen zu verleihen. Selbst ein
Touch der bekannten Villinger Fasnet fehlte nicht. So
unterhielt der Spielmannszug mit Majoretten des
Fasnetvereins Glonkigilde die zahlreichen Besucher
in der Pause und nach der Partie. Da floss bereits das
Freibier in Strömen. Villingen-Schwenningens
Oberbürgermeister Jürgen Roth, übrigens selbst
Vereinsmitglied, hatte es sich natürlich nicht
nehmen lassen, das entscheidende Duell vor Ort
mitzuverfolgen und beglückwünschte Erfolgscoach
Mario Klotz mit seinem Team unmittelbar nach dem
Sieg auf dem Rasen der MS Technologie-Arena.

Besonders groß war das Entzücken der Nullachter
mit ihrer Vorstandsriege um Armin Distel, Reinhard
Warrle, Andreas Flöß und Denis Stogiannidis, da eine
Woche vor dem Meisterschaftstriumph auch der elfte
südbadische Pokalsieg gefeiert werden durfte. Im
Freiburger Dreisamstadion gelang ein 1:0-Erfolg über
den Verbandsligisten SC Lahr. Deshalb wurde am
Aufstiegssamstag dann ganz Fußball-Deutschland
bei der Auslosung der ersten Runde im DFB-Pokal
Augenzeuge der feiernden Nullachter.

Selbst ein bisschen Touch der
Villinger Fasnet fehlte nicht.
So unterhielt der Spielmannszug
mit Majoretten des
Fasnetvereins Glonkigilde die
zahlreichen Besucher.

Denn ein Kamerateam der ARD-Sportschau hatte
sich nach Villingen aufgemacht, um die Reaktionen
auf das Los 1. FC Heidenheim einzufangen. So
erlebten ein Millionenpublikum an den Bildschirmen
eine Live-Bierdusche für FC 08-Trainer Mario Klotz
mit. Da bereits eine Woche zuvor die U 21 mit ihrem
Trainer und ehemaligen 08-Spieler Daniel Miletic
den eher unerwarteten Sprung in die Oberliga
erreicht hatte, war der „Supersamstag“ endgültig
perfekt.

FC 08 Villingen 257

Am Aufstiegssamstag war ganz FußballDeutschland
bei der Auslosung der ersten Runde im DFBPokal
Augenzeuge der
feiernden Nullachter: Ein Kamerateam der ARDSportschau
hatte sich nach Villingen aufgemacht, um die Reaktionen auf
das Los 1. FC Heidenheim einzufangen. So erlebte ein Millionenpublikum an den Bildschirmen eine LiveBierdusche
für
FC 08Trainer
Mario Klotz mit.

Turbulenter Saisonstart

Doch nach so viel sportlichem Erfolg hatte es zu
Saisonbeginn noch gar nicht ausgesehen. Der spät
als Cheftrainer verpflichtete ehemalige polnische
Nationalspieler Ryszard Komornicki verabschiedete
sich kurzfristig bereits nach zwei Spieltagen wieder.
Er sprach von nicht erfüllten Versprechen. Das führte
auch zu Unstimmigkeiten in der Vorstandschaft. Der
sportliche Leiter Denis Stogiannidis setzte sich
daraufhin selbst auf die Bank, stimmte Training und
Taktik mit den erfahrenen Spielern ab. Die Notlösung
wurde zur Verwunderung der anderen Clubs der
Oberliga zum Erfolgsmodell. Die Nullachter gingen
als Tabellenzweiter mit nur einem Punkt Rückstand
auf Spitzenreiter SG Sonnenhof Großaspach in die
Winterpause, was der Grundstein zum späteren
Erfolg wurde. In dieser Situation übernahm im
Januar 2024 mit Mario Klotz von der TSG Backnang
ein ehemaliger 08-Spieler den verwaisten Trainerposten
erfolgreich.

Neue Herausforderungen und
bauliche Ertüchtigungen

Mit dem errungenen Aufstieg in die Regionalliga

Südwest kamen auf den FC 08 Villingen aber viele
neue Anforderungen im administrativen und
organisatorischen Bereich zu. Sie mussten in
Rekordzeit umgesetzt werden.

Zumindest von den äußeren Voraussetzungen
her waren die Nullachter allerdings bereits sehr gut
vorbereitet auf die vierthöchste Spielklasse in
Deutschland. Denn durch zahlreiche bauliche
Ertüchtigungen mit Unterstützung der Stadt Villingen-
Schwenningen in Höhe von 1,1 Millionen Euro
entwickelte sich bereits in den Vorjahren die
MS-Technologie-Arena zu einem regionalligareifen
Stadion. Hierzu gehörten vor allem das LED-Flutlicht
und ein umzäunter Gästeblock. Unter Leitung des
Vorstandsmitglieds und FWV-Stadtrats Andreas Flöß,
einem renommierten Villinger Architekten, wurde
dann auf der Haupttribüne ein separater VIP-Bereich
eingebaut. Realisierbar war die beeindruckende
Räumlichkeit aber nur, weil Sponsoren 750.000 Euro
zur Verfügung stellten.

Von der TR-Electronic Lounge aus, die auch per
Fahrstuhl erklommen werden kann, hat man neben
einem Rundblick in den Schwarzwald, vor allem eine
perfekte Sicht aufs Spielfeld und ins Stadion. Da
leuchtet bei Flutlichtspielen weit sichtbar das

Emblem des Namensgebers „MS Technologie“ aus
Spaichingen, einem führenden Unternehmen aus
dem Bereich des Ultraschall-Schweißens von
Kunststoffen. Die MS Ultrasonic Technology Group
steuert über einen Zeitraum von zehn Jahren
insgesamt eine Million Euro zum Unterhalt des
Stadions bei.

Stolz auf Tradition und neue Erfolge

Ganz wichtig für das Vereinsleben war es dann auch,
dass Ende 2022 unter der Tribüne die neue
Club-Gaststätte eingeweiht werden konnte, auf die
Architekt und Bauleiter Andreas Flöß genauso stolz
ist. Das Schmuckkästchen ist wie die VIP-Lounge in
den Vereinsfarben schwarz und weiß gehalten.

Mit den jüngsten baulichen Maßnahmen wurde
in beeindruckender Weise fortgeführt, was beim
erstmaligen Regionalligaaufstieg des FC Villingen im
Jahre 1966 seinen Anfang genommen hatte. Damals
machten es ebenfalls Zuschüsse der Stadt Villingen
und Privatgelder möglich, dass aus dem wenig regionalligatauglichen
Sportplatz im Friedengrund, der
zunächst lediglich auf einer Längsseite über Stehränge
verfügte, im Laufe von drei Jahren ein Stadion
entstand, das 15.000 Zuschauer fasste. Hier war es
das permanente Insistieren im Gemeinderat des
damaligen ersten Vorsitzenden Paul Riegger, einem
FWV-Stadtrat, das schließlich 1969 zur Erstellung

Mit den jüngsten baulichen
Maßnahmen wurde
beeindruckend fortgeführt,
was beim erstmaligen
Regionalligaaufstieg im
Jahr 1966 seinen Anfang
genommen hatte.

der repräsentativen Haupttribüne mit 800 Plätzen
(Kostenpunkt 375.000 Mark) führte. Der frühere
Direktor der Firma Kienzle Taxameter und Apparate
GmbH aus Villingen beließ es aber nicht dabei. Er
bezahlte dann noch aus zunächst eigener Tasche
die 60.000 Mark für die Errichtung der gegenüberliegenden
überdachten Stehtribüne, auf der 3.000
Besucher Platz finden.

Der Ausbau des Friedengrundstadions und die
großzügige finanzielle Unterstützung, vor allem des
einstigen Weltunternehmens SABA und weiterer
heimischer Firmen, machte es dann möglich, dass
der kleinstädtische FC 08 im Konzert der Großstadtvereine
wie 1860 München, 1. FC Nürnberg, Karlsruher
SC, Offenbacher Kickers und SpVgg Fürth sechs

Die TRElectronic
Lounge bietet eine perfekte Sicht aufs Spielfeld und ins Stadion. Bei Flutlichtspielen leuchtet weithin
sichtbar das Emblem des Namensgebers „MS Technologie“.

FC 08 Villingen

Der gebürtige Vöhrenbacher FC 08Keeper
Karl Armbrust zählte zu den besten Torhütern der Regionalliga Süd. Beim
Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (2:2) im März 1971 fängt er hier den Ball souverän.

Jahre lang munter in der zweithöchsten deutschen
Spielklasse mitmischte.

Die glorreichen Zeiten des Vereins
und neue Ambitionen

Spielerpersönlichkeiten wie Karl Armbrust aus
Vöhrenbach, einem der besten Torhüter der Regionalliga
Süd, Robert Nies, Klaus Bockisch, Ivan
Perusic, Kurt Kothmann oder der Mainzer Torjäger
Gerd Klier prägten das 08-Team und begeisterten
immer wieder die manchmal bis zu 12.000 Fußballfans.
Der absolute Zuschauerrekord stammt auch
aus der Regionalligazeit des Vereins, als zum
DFB-Pokalspiel gegen den Bundesligisten Hamburger
SV um das deutsche Fußballidol Uwe Seeler
Anfang Januar 1970 annähernd 16.000 Besucher in
den Friedengrund pilgerten und die 1:3-Niederlage
erlebten.

Jetzt will der FC Villingen um seinen neu gewählten
Präsidenten Dieter Haller, einem ehemaligen
Diplomaten, wieder einen Anlauf nehmen, um an die

Der ehemalige FC 08Vorsitzende
Paul Riegger war ein
großzügiger Gönner des Vereins in der Regionalliga Süd.
Hier präsentiert er stolz sein spezielles VLKennzeichen.

 

Beim 1:0Sieg
des FC 08 Villingen in der Regionalliga Süd gegen den VfR Mannheim im Oktober 1969 war die Haupttribüne
im Friedengrund noch nicht ganz fertiggestellt, aber bereits randvoll besetzt. Vorne steigt 08Akteur
Heinz
Schrodt (Nr. 11) zum Kopfball hoch.

alten Glanzzeiten anzuknüpfen. Das Zuschauerpotenzial
und das Interesse am Fußball scheinen im
Schwarzwald-Baar-Kreis und den angrenzenden
Gebieten weiterhin vorhanden zu sein. Das machte
das DFB-Pokalspiel im August 2024 gegen den
Bundesligisten 1. FC Heidenheim erneut deutlich.
Immerhin fast 7000 Zuschauer aus der gesamten
Region bis hinunter zum Bodensee erlebten im
höchstgelegenen Stadion Deutschlands zwar eine
0:4-Niederlage des Regionalligaaufsteigers mit, was
aber dem friedlichen Fußballfest bei bestem Wetter
keinen Abbruch tat.

Zudem weckte der Traditionsverein mit seiner
zwölften DFB-Pokalteilnahme wieder das Interesse
vieler Medien aus ganz Deutschland und lenkte den
Blick auf die Doppelstadt. Jetzt will der FC 08 auch
mit guten Leistungen in der Regionalliga Südwest
und der U 21 in der Oberliga Baden-Württemberg
zwischen den Bundesligastädten Freiburg und
Stuttgart weiter für sich selbst und den Fußball
Werbung machen. Das soll auch noch mehr hungrige
Talente in die erfolgreiche Juniorenabteilung locken.

Bei den FC 08Spielen
in der Regionalliga Süd gab es in
der Halbzeitpause immer weder Verlosungen mit wertvollen
Gewinnen. Stadionsprecher Werner Jörres überprüft
beim Spiel gegen den Karlsruher SC im Mai 1970 die prall
gefüllte Lostrommel auf dem Rücken von 08EselsMaskottchen
Laila.

FC 08 Villingen 261

Sportliche Heimat ist der Tennisclub BlauWeiß
Villingen e.V.

Dominik Koepfer –
einer der besten
Tennisspieler der Welt

Er zählt zu den 100 besten Tennisspielern der
Welt, rangiert im Frühjahr 2024 auf Rang 49 der
ATP Rangliste und ist die aktuelle „Nummer drei“
in Deutschland. Wäre da nicht das erneute Ver
letzungspech, hätte Dominik Koepfer sein Ziel,
sich unter den 30 Besten der Welt zu etablieren,
wohl noch 2024 erreicht. Dann wäre er selbst bei
einem Grand Slam Turnier gesetzt und hätte es
nicht bereits in der ersten Runde in Wimbledon
oder bei den US Open mit Top Ten Spielern wie
Djokovic, Zverev oder Sinner zu tun. Dass es der
Furtwanger unter die besten 30 Tennisspieler der
Welt schaffen kann, darin ist sich die Tenniswelt
samt seinen früheren Trainern Oliver Heuft und
Jürgen Müller einig. Und Einigkeit herrscht auch in
einem weiteren Punkt: Dominik Koepfers Tennis
karriere ist absolut außergewöhnlich! 2012 kommt
er auf Vermittlung seiner Trainer als unbekannter
Tennisspieler aus Furtwangen im Schwarzwald
an die Tulane University von New Orleans und
verlässt sie im Jahr 2016 nach seinem Bachelor
studium mit Fokus „Finanzwirtschaft“ als Tennis
star. Sportlich beim Tennisclub Blau Weiß Villin
gen e.V. aufgewachsen, stößt Dominik Koepfer
im Jahr 2015 mit seinem Sieg bei den amerikani
schen College Meisterschaften die Tür in Richtung
Profitennis weit auf.

„Aufschlag Koepfer“ – fotografiert im Jahr 2021.

Sport

„Besuche bei der Familie in Furtwangen
und beim Heimatverein Blau-Weiß in
Villingen sind selten“, beantwortet Dominik
Koepfer im Videochat die Frage, wie oft er
in der alten Heimat anzutreffen ist. Er lebt
in Tampa an der Golfküste von Florida, ist
elf Monate im Jahr mit dem Tenniszirkus
unterwegs und zieht von Turnier zu Turnier
quasi einmal um den Erdball. Mitte September

2024 hält sich der Weltklassespieler in München auf,
kuriert eine Sehnenverletzung am Ellbogen aus und
hofft, im Spätherbst wieder ins Turniergeschehen
eingreifen zu können, beschreibt er via FaceTime
seine aktuelle Situation. Bei den Olympischen
Spielen in Paris war er noch in Top-Form, den
Daviscup in China allerdings musste die deutsche
Nummer drei auslassen, was schmerzt: „Ob Daviscup
oder Olympia, für Deutschland zu spielen ist mir
immer eine besondere Motivation und absolut große
Ehre“, so der 30-Jährige.

Die Begeisterung über die Teilnahme an den
Olympischen Sommerspielen 2024 hallt bei Dominik
Koepfer auch Wochen später nach. In Paris habe eine
unglaublich tolle Atmosphäre geherrscht, viele
Deutsche seien dabei gewesen – seine Matches dort
habe er fast als Heimspiele empfunden. Dass er im
Achtelfinale gegen den späteren Olympiasieger
Novak Djokovic nach erstklassigem Spiel ausgeschieden
ist, hat er verschmerzt. Den ersten Satz spielte
Koepfer auf Augenhöhe, den hätte er gewinnen
können, blickt er selbstkritisch zurück. Ärgerlich,
dass eine denkbar knappe Niederlage im Doppel an
der Seite von Jan-Lennard Struff den Einzug ins
Halbfinale und damit einen möglichen Medaillengewinn
verhinderte. Aber dennoch: Die Olympiateilnahme
war ein Erfolg und hat ihm „einfach auch
riesigen Spaß gemacht“. Nicht zuletzt des Teamgedankens
wegen, denn die meiste Zeit des Jahres sind
Tennisspieler völlig auf sich allein gestellt unterwegs.

Förderung durch Blau-Weiß Villingen

Die Eltern Marianne und Thomas Koepfer spielen
beide im Tennisclub Furtwangen, die Begeisterung
für den weißen Sport wird Sohn Dominik somit in
die Wiege gelegt. Am 29. April 1994 geboren, zeigt

Stationen der TennisKarriere
von Dominik Koepfer:
Vom TennisSteppke
zur Teilnahme an den Olympischen
Spielen in Paris, hier in der dritten Runde gegen Novak
Djokovic.

sich früh sein sportliches Talent: Schon als Kleinkind
steht Dominik auf Skiern und stellt seine Begeisterung
für Ballspiele unter Beweis. Die Eltern wechseln
zum Tennisclub Blau-Weiß Villingen e.V., dort sind
die Fördermöglichkeiten optimal. „Dominik war noch
nicht einmal eingeschult, als er bei mir in Villingen
das Training aufnahm“, erinnert sich Oliver Heuft,
langjähriger Talentfördergruppenleiter und Honorartrainer
des Badischen Tennisverbandes. Von Anfang
an zeigt sich sein besonderer Ehrgeiz: Den Ball, der
ihm zugeworfen wurde, nicht fangen zu können, sei
ein absolutes „No-Go“ gewesen, so Heuft. An die
Arbeit mit dem Schläger wird Dominik zu dieser Zeit
allerdings gerade erst herangeführt.

Tennis bleibt für Dominik Koepfer die Kindheit
und Jugend über „einfach Hobby“. Vielfach sportlich
begabt, sammelte er erste Erfahrungen beim Golfen,
spielt Fußball und ist im Winter wann immer möglich
am Staatsberg beim Skifahren anzutreffen – bestreitet
für den Skiclub Furtwangen auch Rennen.
„Sportlich war Dominik damit ungemein vielfältig
aufgestellt. Es wurde mit ihm in der Jugend eben
nicht viel zu viel ausschließlich in Richtung Tennis
gemacht, man ließ ihm vielmehr die Zeit, sich breit
zu betätigen“, schaut Trainer Jürgen Müller zurück,
der ihn als Jugendspieler im Alter von 14 Jahren von
Oliver Heuft zur weiteren Ausbildung übernimmt.
Jürgen Müller ist aktuell Senior Coach der VS TENNIS
ACADEMY. Beide sind sie sich einig: Die vielfältigen
sportlichen Talente und Erfahrungen in Verbindung
mit dem ausgeprägten Ehrgeiz haben die Entwicklung
zum Profitennisspieler förmlich beflügelt.

Obwohl sein Talent offensichtlich ist, wird
Dominik Koepfer außerhalb des Blau-Weiß Villingen
wenig gefördert. Er gehört bis zum Alter von
14 Jahren der Fördergruppe Schwarzwald-Bodensee
des Badischen Tennisverbandes an, dann lediglich
dem „erweiterten Kader“. Jürgen Müller muss beim
Verband schließlich um Erlaubnis bitten, damit sein
Schützling in Villingen als Gast auch mit dem
engeren Kader trainieren darf.

Völlig überraschend gewinnt Dominik Koepfer
die deutsche U16-Vizemeisterschaft

Dass Dominik Koepfer in jungen Jahren ohne
großartige Förderung durch den Deutschen Tennisbund
dasteht, ist maßgeblich dem Umstand zuzu-

Überraschung: Dominik Koepfer wird 201o Deutscher
JugendVizemeister.
Umgehend wird das Training intensiviert.

 

schreiben, dass er kaum Turniere bestreitet und
dadurch in der deutschen Jugend-Rangliste erst weit
hinten auftaucht. Er spielt nahezu ausschließlich
Medenspiele, Verbands- und nationale Meisterschaften.
Dominik Koepfer: „Ich bin außerhalb des
Blau-Weiß Villingen kaum aufgefallen. Auch meine
Eltern, die selbst Tennis spielen, bauten keinen
Druck in diese Richtung auf. Ich habe gerade
zweimal die Woche intensiv trainiert.“ Sein Trainer
Jürgen Müller ergänzt: „Wenn mich zu dieser Zeit
jemand gefragt hätte, ob ich dem 14-Jährigen eine
Profi-Karriere zutraue, ich hätte es verneint.“

Das ändert sich schlagartig, als Dominik Koepfer
im Jahr 2010 völlig überraschend Deutscher U16Jugend-
Vizemeister wird. Dass ihr Schützling im
nationalen Vergleich derart mithalten kann, überrascht
selbst seine Trainer, denn Dominik Koepfer
trainiert mit seinen zwei Einheiten pro Woche
deutlich weniger als die Gegner. Jürgen Müller:
„Plötzlich staunt man nur noch …“

So wechselt Dominik Koepfer mit 16 Jahren in die
zweite Villinger Herrenmannschaft, spielt in der
Oberliga. Und mit 17 Jahren steht seinem Einsatz in
der ersten Mannschaft der Villinger in der Badenliga
nichts mehr im Wege. Seit der deutschen Vizemeisterschaft
trainiert er in Villingen so intensiv wie nie
zuvor – sein Tennistalent ist jetzt offenkundig.

Dominik Koepfer – einer der besten Tennisspieler der Welt

Sportförderung und Studium
am College von Tulane begeistern

All die Jahre besucht Dominik Koepfer in Furtwangen
das Otto-Hahn-Gymnasium, wo er 2012 mit 18 Jahren
sein Abitur macht. Jetzt rückt immer mehr der
Gedanke in den Vordergrund, Tennisprofi zu werden
– aber dennoch nicht auf eine Berufsausbildung
zu verzichten. Der Furtwanger will es in Amerika mit
College-Tennis versuchen, dort ein Studium mit dem
Leistungssport verbinden. Er plant, in den Vereinigten
Staaten umzusetzen, was im Fall des Skisports in
seiner Heimat Furtwangen seit vielen Jahren mit
dem Skiinternat gelingt.

Dominik Koepfer kann bei dieser Entscheidung
einmal mehr auf die Unterstützung seiner Eltern
Marianne und Thomas Koepfer setzen, die seine
sportliche Karriere seit Jahren fördern. Und er weiß
vor allem die Trainer Oliver Heuft und Jürgen Müller
an seiner Seite. Allerdings steht er zu dieser Zeit in
der deutschen Herrenrangliste lediglich auf Position
525 – da braucht es Fürsprecher, erinnert er sich
beim Videocall an die damalige Situation. Der
Tennisprofi schildert, wie es seinen Trainern gelingt,
über einen Freund mit Marc Booras, Head-Coach bei
Tulane, in Kontakt zu treten. Sie erzählen ihm vom
Kämpferherzen des Furtwangers und seinem
Riesen-Potenzial. Von Qualitäten, die Booras auch in
den Videos entdeckt, die per YouTube auf seinem
Notebook in New Orleans landen.

So reist der Tennis-Coach für drei Tage nach
Villingen, spricht mit Dominik und seinen Eltern und
absolviert mit dem jungen Deutschen ein Probetraining,
das den College-Trainer überzeugt. Für Dominik
Koepfer erfüllt sich ein Traum: Er wird Teil eines
College-Teams, studiert über vier Jahre hinweg
Betriebswirtschaftliches Finanzwesen und trainiert
bei professioneller Anleitung intensiv Tennis.

„Die Entscheidung, an die Tulane University zu
wechseln, war auf jeden Fall die beste Option, um zu
studieren und gleichzeitig im Tennis voranzukommen“,
zieht Dominik Koepfer eine erfreuliche Bilanz.
Es beginnen allerdings harte Jahre, die Tage am
College verlangen ihm viel ab: Morgens ab 6 Uhr
absolviert er Krafttraining und zwischen 8 und 12 Uhr
sitzt er in Vorlesungen und Seminaren des Studiengangs
„Finance Management“. Nachmittags steht er
auf dem Tennisplatz – danach heißt es Lernen fürs
Studium.

Dominik Koepfer mit Trainer Marc Booras nach seinem
Sieg am 15. November 2015 bei den amerikanischen
CollegeMeisterschaften
in der Halle.

Dominik Koepfer bringt diesen Einsatz gerne, ist
begeistert: „Du bist von Anfang an Teil eines Teams
und spürst einen Zusammenhalt, der einmalig ist.
Ich habe in dieser Zeit Freunde fürs Leben gefunden,
bin mit ihnen vier Jahre lang wirklich durch dick und
dünn gegangen“, freut sich der Tennisprofi. Und
ergänzt: „Es war einfach großartig dort. Ich bin
immer besser geworden, weil das Training im Team
für mich perfekt war. Es war in Tulane wie in einer
großen Familie.“

„Pitbull“ beißt sich durch – vom „Nobody“
zum College-Tennisstar

Oliver Heuft und Jürgen Müller verfolgen mit, wie
sich Dominik Koepfer im ersten Jahr in Tulane im
wahrsten Sinn des Wortes „durchbeißt“. Dass er das
kann, drückt sein Spitzname „Pitbull“ aus. Von
„Pitbull Koepfer“ wird in seiner späteren Tenniskarriere
des öfteren die Rede sein: Weil er nie aufgibt,
reißt er so manch bereits verloren geglaubtes Match
doch noch herum. Im zweiten Jahr in Tulane erobert

sich Dominik Koepfer mit dem sechsten Platz
erstmals einen Stammplatz im Team, schafft es
schließlich auf Rang zwei – und dann auf die eins!

Wie sehr sich das Engagement von Dominik
Koepfer sowohl für sein College als auch ihn selbst
auszahlt, zeigt sich im Jahr 2015: Drei Jahre nach
seiner Aufnahme ins Tennisteam der Uni von Tulane
steht er im Endspiel um die amerikanischen College-
Meisterschaften in der Halle. Noch heute kann
man auf der Internetseite von Blau-Weiß Villingen
nachlesen, was damals geschah. TC Blau Weiss Head
Coach Jürgen Müller verfolgt wie viele weitere
Villinger Tennisspieler über sein Smartphone per
Live-Ticker das Finale in Flushing Meadows, wo
Dominik Koepfer gegen Andre Goransson spielt. Der
erste Satz geht mit 6:1 an Koepfer, den zweiten
gewinnt er mit 7:5. Da das Endspiel live im amerikanischen
Fernsehen übertragen wird, liefert das
College-Team gleich ein Video des Matchballes mit.
Der Sieg ist für den 21-jährigen Sportler die Krönung
eines fantastischen Jahres.

Dominik Koepfer war als „Nobody“ in das Team
der Tulane University aufgenommen worden und
entwickelte sich in nur drei Jahren zu einem Star der
US-College-Spielerszene. Und noch in der Nacht des
Sieges beweist er, dass er nicht vergessen hat, wem
dieser Erfolg maßgeblich mit zu verdanken ist: Er

Dominik Koepfer war als
„Nobody“ in das Team der

Tulane University aufgenommen
worden und
entwickelte sich in nur drei
Jahren zu einem Star der
USCollegeSpielerszene.

schickt seinen früheren Trainern Oliver Heuft und
Jürgen Müller eine E-Mail, bedankt sich für all die
Unterstützung: „Ohne Euch würde ich das hier
wahrscheinlich alles nicht erleben!“, hält er fest.
Oliver Heuft verweist diesbezüglich wie Jürgen
Müller aber ebenso auf Marc Booras, der Dominik
Koepfer in Amerika auf den Villinger Grundlagen
aufbauend zu einem Weltklassespieler formt.

Wie stolz das College in Tulane über den Koepfer-
Sieg ist, verdeutlichen Zeitungsberichte und Fernsehreportagen
in den amerikanischen Medien – bis
hin zur New York Times. Ihr Tenor: Dominik Koepfer
an das College in Tulane zu holen, sei der Deal des
Jahrzehnts gewesen.

Links: Groß ist die Freude beim Heimatverein BlauWeiß
und Jugendtrainer Jürgen Müller (Mitte), wenn Dominik Koepfer
in Villingen spontan zum Training erscheint, wie hier mit seinem aktuellen Coach Rhyne Williams (rechts). Foto rechts:
Den Grundstein für die Ausbildung von Dominik Koepfer legte der langjährige Talentfördergruppenleiter und Honorartrainer
des Badischen Tennisverbandes, Oliver Heuft. Er berät den Weltklassespieler noch heute und analysiert mit ihm
gemeinsam die Matches.

Dominik Koepfer – einer der besten Tennisspieler der Welt

„Dominik hat das Niveau und das Herz, um
sich als Tennisprofi zu behaupten“

Wieder sind es am Ende des Studiums in Tulane und
damit zugleich beim Ausscheiden aus der College-
Mannschaft die Eltern Marianne und Thomas
Koepfer sowie die Villinger Trainer Oliver Heuft und
Jürgen Müller, die an Weihnachten 2016 zusammen
mit Dominik Koepfer über den weiteren Weg
entscheiden. Dominik Koepfer will sich vergewissern,
ob er seine Absicht, Profi-Tennisspieler zu
werden, tatsächlich umsetzen könne. Die Antwort
seiner beiden Trainer auf diese Frage ist mittlerweile
weltweit in einer wahren Flut von Presseberichten
zur außergewöhnlichen Koepfer-Karriere nachzulesen.
Sie lautet: „Wir mussten nicht lange überlegen.
Dominik hat das Niveau, das Herz und einen
beruflichen Abschluss. Wir konnten zum ersten Mal
in unserer langen Trainerzeit einem Spieler raten,
Profi zu werden.“

Die Profi-Karriere beginnt mit der
ITF Future Tour und der ATP Challenger Tour

Der Start als Tennisprofi gerät für Dominik Koepfer
zu einer Herausforderung: Während im Herbst 2024

Wir mussten nicht lange
überlegen. Dominik hat das
Niveau, das Herz und einen
beruflichen Abschluss. Wir
konnten erstmals in unserer
langen Trainerzeit einem
Spieler raten, Profi zu
werden.

sein erspieltes Preisgeld in nunmehr acht Profijahren
seitens der ATP mit rund 3,52 Mio. US Dollar angegeben
wird, steht es 2016 selbstredend auf „Null“.
Dominik Koepfer spielt am Beginn der Karriere auf
der ITF Future Tour, wo selbst ein Turniersieg vor
Steuern gerade einmal 2.600 Dollar einbringt.
Unmöglich, von derlei Erträgen die Reisekosten, den
Trainer oder den eigenen Lebensunterhalt zu
erwirtschaften. Ohne die Unterstützung seiner Eltern
hätte er die beiden ersten Profijahre nicht überstehen
können. Dominik Koepfer: „Natürlich musste

Seit 2019 ist Dominik Koepfer mit Ausnahme von verletzungs
bedingten Ausfällen bei allen wichtigen ATP Turnieren samt
der vier Grand Salm Turnier am Start. Links in Wimbledon und
rechts bei den US Open, seinem Lieblingsturnier, wo ihm 2019
der Einzug ins Achtelfinale gelingt.

auch ich ‚Futures‘ spielen, aber ich habe es dank
meiner College-Tennis-Erfahrung schnell geschafft,
da rauszukommen.“ Doch selbst als sich Dominik
Koepfer in der Weltrangliste dem 150. Platz nähert,
reichen die Einnahmen noch nicht aus, um vom
Profitennis leben zu können.

Dominik Koepfer erfährt zu dieser Zeit auch, dass
ein Leben als Tennisprofi ein sehr einsames sein
kann: Während er sich später einen eigenen Trainer
und Physiotherapeuten leistet, die ihn größtenteils
auf der Tour begleiten, ist er zu Beginn seiner
Karriere überwiegend auf sich allein gestellt.

Seinen Durchbruch schafft er im Juni 2019, als er
das Challenger-Turnier von Ilkley gewinnt, was ihm
eine Wildcard für das Grand-Slam-Turnier in Wimbledon
einbringt – die erste Teilnahme an einem
Grand-Slam-Turnier überhaupt. Dort besiegt er in der
ersten Runde Filip Krajinović, scheitert aber in
Runde zwei. Auf der Tribüne sitzen auch Fans aus
der Heimat, die Familie, die früheren Trainer Oliver
Heuft und Jürgen Müller und andere. Dass es
Dominik Koepfer bis Wimbledon geschafft hat, ist
schlicht eine Sensation. „Das war auch finanziell eine
echte Erleichterung“, hält er fest. In Wimbledon hat
er mit Erreichen der ersten Runde bereits 80.000

Euro sicher und damit fast die Hälfte des bis zu
diesem Zeitpunkt als Profi-Tennisspieler insgesamt
verdienten Geldes.

Der bisherige Höhepunkt der Tenniskarriere folgt
im selben Jahr bei den US Open: Der Tennisprofi
spielt sich über die Qualifikation in das Hauptfeld
und erreicht überraschend das Achtelfinale, das er
gegen den späteren Finalisten Daniil Medwedew
nach vier Sätzen knapp verliert. Mit dem Sieg gegen
Nikolos Bassilaschwili schlägt er auf dem Weg
dorthin erstmals einen Spieler aus den Top 20 der
ATP-Weltrangliste. Dominik Koepfer in der Rückschau:
„Das war natürlich mein Durchbruch, da bin
ich erstmals in die Top 100 gekommen, stand auf
Platz 86.“

Die furiosen Auftritte bei den US Open 2019
verhelfen Dominik Koepfer erstmals zu Davis-Cup-
Ehren. Tennislegende Boris Becker, Männer-Chef im
deutschen Tennis Bund, räumt dem 25-Jährigen am
Rand des Grand-Slam-Turniers in New York gute
Chancen ein, beim Finalturnier 2019 in Madrid für
das deutsche Team an den Start zu gehen. Der
sechsmalige Grand-Slam-Sieger bewertet die
Spielweise des Schwarzwälders als sehr beeindruckend,
vor allem von seiner Einstellung her. Es zeige

Dominik Koepfer – einer der besten Tennisspieler der Welt

Schlussjubel von Team Deutschland beim Daviscup im
März 2020, v.l.: Andreas Mies und Dominik Koepfer, der
mit seinem Matchgewinn maßgeblich zum Sieg der deutschen
Mannschaft beitragen konnte.

Rechte Seite: Dominik Koepfer bei den Rom Masters
2020, bei denen er das Viertelfinale erreicht.

sich eine starke Mentalität. Und in Sachen Daviscup
kommt es dann so auch: Dominik Koepfer wird für
das deutsche Team nominiert und erstmals im März
2020 eingesetzt – er gewinnt sein Match.

Der gebürtige Furtwanger etabliert sich in der
Folge dauerhaft in den Top 100, im Kreis der besten
Tennisspieler der Welt. Bei den Rom Masters 2020

Dominik Koepfer im Überblick

(Stand 09/2024)

Erste Profisaison: 2016
Trainer: Rhyne Williams
Spielhand: Links, beidhändige Rückhand
Höchste Platzierung Weltrangliste: 49
Preisgeld: 3.523.289 US-Dollar

Turniersiege, Einzel:

2015: Amerikanische College-Meisterschaften
2019: Ilkley, England
2022: Calgary, Kanada
2023: Mexiko-Stadt, Mexiko
2023: Turin, Italien
2024: Canberra, Australien

Turniersiege, Doppel:

2023: Columbus, USA

Weitere Erfolge in Auswahl:

2012: Deutscher Vizemeister U16
2019: US Open, Achtelfinale
2020: Rom Masters, Viertelfinale
2021: French Open, 3. Runde
2021: Wimbledon, 3. Runde
2024: Miami Masters, Achtelfinale

Olympische Spiele 2021: Achtelfinale, Einzel
Olympische Spiele 2024: Achtelfinale, Einzel
Viertelfinale, Doppel

erreicht er das Viertelfinale, unterliegt dann dem
Weltranglistenersten Djokovic. Zugleich schlägt er
mit Gaël Monfils erstmals einen Top-Zehn-Spieler.

Lange Auszeit wegen Armverletzung

Auf die Zwangspause namens „Corona“ folgt für
Dominik Koepfer zum Beginn des Jahres 2022 ein
schwerer Rückschlag: Er muss aufgrund langwieriger
Schmerzen am linken Schlagarm den Auftakt der
Tennissaison zunächst um Wochen verschieben. Es
dauert schlussendlich bis zum Mai 2023, bis er nach
über 14 Monaten wieder wirklich fit ist. Mittlerweile
rangiert er sogar außerhalb der Top 250 der Weltrangliste,
kämpft sich aber eindrucksvoll über Monate
hinweg in die Weltspitze zurück – bis auf Rang 49.

Weiterhin in Top-Form übertritt er sich in der
Folge gleich zweimal den Fuß – und pausiert nach
den Olympischen Sommerspielen mehrere Wochen
erneut, nun wegen einer Armverletzung. Allein
dieses Verletzungspech verhindert, dass sich Koepfer
als einer der 30 besten der Weltrangliste festsetzt.

Prägende College-Zeiten – Zwei Zuhause

Ganz gleich wo Dominik Koepfer von Journalisten
aus aller Welt zu seinen Erfolgen befragt wird, um
seine College-Erfahrungen geht es stets ebenso. Die
vier Jahre in Tulane prägen ihn bis heute – vor allem,
weil er dort lernt, sich zu fokussieren und zur
inneren Ruhe zu kommen. Coach Booras verordnet
ihm anfangs vor jedem Match, große Puzzles
zusammenzusetzen. Den Ärger über sich selbst,
wenn es nicht so läuft, wie es laufen sollte, bekommt
Dominik Koepfer so besser in den Griff. Gelegentliche
Rückfälle ausgenommen …

Aber wo ist ein Schwarzwälder daheim, der andauernd
mit dem Tenniszirkus um die Welt reist?
Dominik Koepfer denkt kurz nach und entgegnet:
„Als ich ins College ging, hätte ich nicht gedacht,
dass ich sozusagen ewig in den USA bleibe. Ich

dachte, ich mache das College und gehe danach zurück
nach Europa. Aber dann habe ich mich für eine
Profi-Karriere entschieden und kam gut voran – und
meine Trainer arbeiten in den USA. Da aber meine
Familie nach wie vor in Furtwangen lebt, würde ich
sagen, dass ich zwei Zuhause habe. Mir gefällt es
sowohl in den USA als auch in Deutschland und in
Europa. Fakt ist: Im Augenblick ist Tampa mein Zuhause,
solange ich Tennis spiele, wird es so bleiben –
aber danach? Mal sehen!“

Eine weitere Heimat gibt es ebenfalls: den
Blau-Weiß Villingen e.V. Der einzige Tennisclub in
Deutschland, der einen Tennisspieler beginnend
ab einem Alter von fünf Jahren bis zur Weltklasse
führte. So verwundert nicht, dass auf der Startseite
des Blau-Weiß-Internetauftrittes der Satz zu lesen
steht: „Heimat von „Pitbull“ Dominik Koepfer“. Oder
auch von „Dom“, wie Koepfer von seinen Eltern und
Freunden gleichfalls genannt wird. Die Verbindung
zum Blau-Weiß ist eng – und wird via WhatsApp
rund um die Welt gehalten. Ein wenig „Stallgeruch“
muss einfach sein, zumal die Sportkameraden und
Freunde von einst quasi über sämtliche Zeitzonen
hinweg möglichst „live“ verfolgen, wo der „Dom“
und „Pitbull“ um Weltranglistenpunkte fightet.

Dominik Koepfer – einer der besten Tennisspieler der Welt

271

Kurt genuss&keramik
Die Schwenningerin Sonja Börner erweckt ihr Elternhaus
zu neuem Leben
VON ELKE REINAUER

Die Schwenningerin Sonja Börner erweckt ihr Elternhaus

zu neuem Leben
VON ELKE REINAUER

272

10. Kapitel – Gastlichkeit

Mit „Kurt genuss&keramik“ erfüllte sich die
Schwenningerin Sonja Börner in der GustavSchwabStraße
8a einen lang gehegten Traum:
Kulinarisches und Kreatives vereinen sich in
der ehemaligen Metallpoliererei ihrer Eltern.

Hier dürfen Gäste nicht nur vorzüglich speisen, sondern können auch töpfern,

malen und im Rahmen von Gottesdiensten sogar beten.

S
S
onja Börner steht hinter der Theke und
schäumt Milch auf. Dort, wo einst Zeiger für
Uhren poliert wurden, befinden sich heute der
Gastraum und die Theke des Restaurants und Cafés
„Kurt genuss&keramik“. Die dominierende Farbe
im Raum ist Türkis. So sind die Rahmen der großen
Fenster gestrichen; der Farbton ist auch zum Teil in
den Holztischen und Stühlen zu finden. Die Wände
und den Eingangsbereich zieren Bilder. Alles ist hell
und freundlich gestaltet. Die Möbel stammen zum
Teil von Restaurantauflösungen, die Eckbänke passen
perfekt in den Raum, auch sie erwarb Sonja Börner
gebraucht. Die gelernte Keramikerin eröffnete 2022
im ehemaligen elterlichen Betrieb der Metallpoliererei
das Restaurant mit angegliederter Töpferei. „Kurt“
ist übrigens der Name ihres verstorbenen Vaters: „Er
hat dieses Haus gebaut, deshalb habe ich das Restaurant
nach ihm benannt“, so Sonja Börner.

„Kurts“ Gesicht, von einem Foto entnommen,
ziert das Logo des Betriebs, Theke und Speisekarten.
Vor der Tür parkt ein alter Citroën mit dem Logo von
„Kurt“. „Mein Mann und ich sind Oldtimer-Fans“,
verrät Sonja Börner. Ihr Mann ist es auch, der mit ihr
zusammen „Kurt“ betreibt. Er hilft, wenn er nicht gerade
in einem Unternehmen arbeitet.

Langgehegter Traum geht in Erfüllung

Die Idee, ein Restaurant und Café mit Töpferei zu
eröffnen, hegte Sonja Börner schon lange. Auch in
der Vergangenheit war sie selbstständig und betrieb
in Schwenningen ein Geschäft mit Geschenkartikeln.
Die gebürtige Schwenningerin lernte zuerst Floristin,
absolvierte dann eine Ausbildung zur Keramikerin in
der Töpferei „Ob dem Brückle“ in Schwenningen.

Alles ist hell und freundlich
gestaltet. Die Möbel
stammen zum Teil von
Restaurantauflösungen –
auch die Eckbänke sind
gebraucht.

Die Idee war also lange präsent, der passende
Raum bot sich ihnen 2014, als Sonja Börner und ihr
Mann beschlossen, die Räume der elterlichen Metallpoliererei
für die Gastronomie umzubauen. Diese
stand seit einiger Zeit leer. Bis ins Jahr 2000 hatte
ihre Mutter noch in der Metallpoliererei gearbeitet,
der Vater war im Jahr 1992 gestorben. 2014 begann
der Umbau, 2022 wurde eröffnet. Die Corona-Pandemie
hatte für eine Verzögerung gesorgt.

Doch alles fügte sich perfekt: Im Innenhof gestaltete
Sonja Börner mit Terrassenmöbel einen lauschigen
Biergarten. Das Gebäude hinter dem „Kurt“ wurde
frei, hier brachte Sonja Börner ihre Töpferei unter.
Gerne führt sie den Besucher in ihre Töpferwerkstatt.
In Regalen stapeln sich Formen von Tassen,
Schalen und Vasen. In einem weiteren kleinen Raum

Impressionen von „Kurt genuss&keramik“. Inhaberin Sonja
Börner und ihr Team freuen sich über ihre so besondere
Schwenninger Gaststätte.

275

An der Töpferscheibe arbeitet Keramiker Milen Solakov, er bringt Menschen das Töpfern bei. Ein Event für bis zu vier Personen,
das gerne gebucht wird. Fotos unten: Alle Speisen sind bei besten Zutaten eigene Schöpfungen.

trocknen die bereits getöpferten Schalen und Tassen,
bevor sie in einem runden Brennofen gebrannt werden.
An der Töpferscheibe arbeitet Keramiker Milen
Solakov, er bringt Menschen das Töpfern bei. In kleinen
Gruppen bis zu vier Personen kann man sich an
der Töpferscheibe versuchen. Ein Event, das gerne
gebucht wird.

Das Geschirr für „Kurt“ ist selbst gestaltet

Und nicht nur das Töpfern ist beliebt: „Die Gäste
können einmal gebrannte Waren selber anmalen,

wenn sie möchten. Dies verleiht den Dingen eine
persönliche Note“, sagt sie. Das Event kann zum Beispiel
als Junggesellinnenabschied oder Mädelsnachmittag
gebucht werden.

Sonja Börner gestaltete das Geschirr für „Kurt“
selbst. Die Teller, Schüsseln, Tassen und Teekannen
können im Restaurant auch erworben werden. Liebevoll
angerichtet werden auf ihnen Speisen serviert.
„Wir servieren, was uns selbst gut schmeckt“,
so Sonja Börner, die in der Küche des „Kurt“ steht.
Dazu zählen zum Beispiel die Rösti-Rolle und BlackPepper-
Chicken. Außerdem wird ein reichhaltiges

Sonja Börner bietet auch freies Malen an: Jeder darf seine Stifte, Staffelei und Papier mitbringen und im „Kurt“
gemeinsam mit anderen zeichnen und malen.

Frühstück angeboten. Bei den Getränken legt Sonja
Börner ebenso Wert auf Qualität wie bei den Speisen:
Es gibt hausgemachte Limonade oder Bier aus
einer kleinen Brauerei sowie erlesene Weine.

Herausfordernde Arbeit in der Gastronomie

„Ich habe schon immer gerne privat für Feiern gekocht“,
sagt Börner. Herausfordernd sei anfangs
gewesen, dass sie „keine Ahnung von Arbeit in der
Gastronomie hatte“, wie sie sagt. Doch mithilfe eines
erfahrenen Kochs lernte sie die Arbeitsabläufe
im Restaurant besser kennen. Die gut ausgestattete
Küche mit Kombidämpfer und allen professionellen
Gastro-Geräten sei ein Traum, so Sonja Börner.

Doch nicht nur Töpfern und Kulinarisches wird
angeboten: Sonja Börner lädt auch zum freien Malen
ein. Jeder darf seine Stifte, Staffelei und Papier
mitbringen und im „Kurt“ gemeinsam mit anderen
zeichnen und malen. Die Idee kam ihr, weil sie selbst
gerne mal malt, wie sie erzählt. „Allein macht man
es ja oft nicht“, sagt sie. Auch einige Bilder an den
Wänden sind von ihr.

Eine weitere Veranstaltung im „Kurt“ ist „Kirche
im Café“, die die Schwenninger Pastorin Julia Müller
veranstaltet. Eines Abends, als Julia Müller mit ihrem
Mann im „Kurt“ saß, dachte sie, dass dies ein schöner
Ort für ihr Vorhaben sei. „Ich hatte mir noch andere
Plätze angesehen, fand diese aber nicht so geeignet.“
Sonja Börner unterstützte die Idee und seitdem findet
einmal im Monat „Kirche im Café“ statt. Ein Format,
das gut ankommt, wie Sonja Börner berichtet.
Und so hat die Schwenningerin einen Raum geschaffen,
nicht nur für Gäste und Kreative, sondern auch,
um das Andenken an ihren Vater in Ehren zu halten.

Kurt genuss&keramik

Gustav-Schwab-Str. 8a, 78054 VS-Schwenningen

www.kurtgenussundkeramik.de

Öffnungszeiten:

Mittwoch: 17-22 Uhr.

Donnerstag: 17-23 Uhr.

Freitag und Samstag: 9-14 Uhr und 17-23 Uhr.

Kurt genuss&keramik

Das Hofcafé
„näbbe duss“

Der Geheimtipp für guten Kuchen,
Kaffee und mehr: nette Wirtsleute
und geradezu sensationellen Ausblick

VON BARBARA DICKMANN

„Kaffee“ kommt vom arabischen „Kahwe“ oder „Qahwa“
und bedeutet so viel wie Lebenskraft oder Stärke. Und
„Kaffeehäuser“ waren schon im alten Orient weit verbreitet
und gern besucht. Doch erst um 1673 eröffnete
in Bremen die erste deutsche Kaffeestube. Heute sind
Cafés nicht mehr wegzudenken. Sie sind einfach besondere
Orte, sind Treffpunkte der Kommunikation, der
Zweisamkeit oder der Entspannung, die man gut auch
alleine besuchen kann. Das „näbbe duss“ an der jungen
Elz auf dem Schönwälder Farnberg gelegen, ist so ein
besonderer Ort – ein Hofcafé professionell geführt und
mit viel, viel Liebe geschaffen und betrieben von Judith
und Dieter Dold.

278 Gastlichkeit

 

Eine wunderbare Wanderwelt Blick über
den Farnberg und das Tal der jungen Elz bei
Furtwangen Schönwald. Zum Café „näbbe duss“

(1) führt gleich eine Fülle an schönen Wander
und Spazierwegen. So auch der bebilderte Wan
derpfad, ausgeschmückt mit großformatigen
Fotografien von Jochen Scherzinger (Artwood)
und Tobias Ackermann (unten links).

Das Wetter war herrlich, der Hund wollte laufen und
wir auch. Der Wanderweg vom Parkplatz Weißenbach
in Schönwald Richtung Farnberg war einfach
ideal für zwei, die keine Lust auf allzu große Anstrengungen
hatten. Dann kam der Kaffeedurst. Doch wohin
an einem Montagnachmittag, dem beliebten Ruhetag
der Schwarzwälder Gastronomie? Da fiel uns
ein kleines gelbes Schild auf, „näbbe duss – Hofcafé“
stand darauf. Schon der Weg dorthin über Schotter
und Stein, zwischen Wiesen und Wald, versprach
eine Rast inmitten der Natur. Doch es war Montag!
Und ohne viel Hoffnung gingen wir die 500 Meter,
die uns das Schild anzeigte – und dann kam die
Überraschung schlechthin: Wir stehen vor einem Café
mit einladender Terrasse – und es hat tatsächlich
geöffnet!

„Heidelbeertorte oder doch die Linzer?“

Voller Begeisterung setzen wir uns an den letzten freien
Tisch, schauen in die Speisekarte und stehen gleich
wieder auf. Nicht um zu gehen, sondern Selbstbedienung
ist hier das Motto und nur zu gerne nehmen wir
die Kuchentheke in Augenschein. Dahinter werkelt
eine Frau, die fast gleichzeitig Kaffee macht, Sprudel
aus dem Kühlschrank holt und ein Stück Kuchen
abschneidet. Dabei lächelt sie noch freundlich. „Was
darf ich ihnen geben?“ Tja, die Frage ist nicht so leicht
zu beantworten. Vielleicht die Heidelbeertorte oder
Tiramisu oder doch die Linzer? Sie lächelt immer noch
und wartet geduldig ab …

Judith Dold, Jahrgang 1968, ist in ihrem Element.
Genau so mag sie es. Ihr Kuchen ist heiß begehrt, die
neue Kaffeemaschine eine wirkliche Bereicherung,
die Gäste sind gut gelaunt und freie Plätze Mangelware.
Sie ist die engagierte Wirtin des Hofcafés
„näbbe duss“ am Farnberg in Schönwald und dass
sie seit heute Morgen fünf Uhr auf den Beinen ist,
glaubt kein Mensch. „Ich backe morgens alles frisch“,
sagt sie lachend und das komme einfach gut bei den
Gästen an. Man sieht es, man schmeckt es. Gute Zutaten,
keine Fertigmischung, alles Handarbeit, dazu
Heidelbeeren aus dem Wald – von der Schwägerin
gebracht – und einfach Freude an der Arbeit. „Ich
mach‘ das gerne!“, sagt Judith Dold.

Dass sie einmal die Eigentümerin eines Cafés
werden würde, war nicht vorauszusehen, denn Judith
Dold ist Bankkauffrau und arbeitet bei der Volksbank

Oben und rechte Seite: Judith und Dieter Dold haben am
Farnberg in Schönwald mit ihrem Café „näbbe duss“ einen
beliebten Anlaufpunkt für Spaziergänger, Ausflügler
und Wanderer geschaffen.

in Triberg, als sie ihren Mann kennenlernt. Dieter
Dold ist Forstwirt und seine Eltern haben einen landwirtschaftlichen
Betrieb im Nebenerwerb mit drei
Ferienwohnungen.

Sie heiraten und 1993 übernehmen sie den Hof.
Und Judith Dold beschließt noch eine Ausbildung zu
absolvieren. „Ich hatte ja keine Ahnung von Landwirtschaft“,
berichtet sie und das möchte sie ändern.
Mit kleinen Kindern legt sie los. Bei ihrem Abschluss
sind diese ein, zwei und drei Jahre alt. Doch Judith
ist jetzt eine „Fachkraft für den landwirtschaftlichen
Haushalt“. „Das war nicht so leicht, doch es hat sich
wirklich ausgezahlt.“

Besonders interessant findet sie die Lehrfahrten
während ihrer Ausbildung, bei denen sie die unterschiedlichsten
Betriebe kennenlernt. Auch ein „Hofcafé“
schauen sie sich an und in Judiths Hinterkopf
setzt sich eine Idee fest. „Das wäre doch was, ich
habe schon immer gerne gebacken.“ Der Gedanke

283

lässt sie nicht mehr los. Sie beendet erfolgreich ihre
Ausbildung, doch die Kinder sind noch zu klein, um
ihren Traum zu verwirklichen und Judith will warten,
bis sie etwas größer sind. Dann werden die Schwiegereltern
krank und zum Pflegefall, dazu die drei
Ferienwohnungen, der Hof mit den Milchkühen und
ihr Mann im Vollzeitjob. Die Tage könnten 36 Stunden
haben, die Eheleute sind mehr als ausgelastet …

Die Zeit vergeht, doch der Traum bleibt. Dieter
und Judith Dold beschließen 2017 nicht länger zu
warten: „Wenn nicht jetzt, dann schaffen wir es nie,
dann sind wir zu alt!“ Und zwanzig Jahre nachdem
die Idee entstanden ist, legen sie los.

„Wenn wir es machen, dann
machen wir es richtig!“

Aus drei Ferienwohnungen wird eine fest vermietete,
eine Wohnung bleibt für die Kinder und die dritte,
ebenerdige Wohnung soll das Hofcafé werden. Und
dann beginnen die Mühlen der Bürokratie zu mahlen.
Nicht alle Anlaufstellen des Landratsamts finden
die Idee gut. Man begründet die Zweifel mit dem
Argument, dass keine eigenen Produkte zu Kuchen
verarbeitet werden könnten. Das ist jedoch auf fast
1.000 Meter Höhe nicht möglich, da hier weder Getreide
noch Obst angebaut werden können. Doch
zum Glück wird das Gremium neu besetzt und das
„Ferienland“, eine Arbeitsgruppe, in der auch die
Bürgermeister der umliegenden Gemeinden sind,
beschließt ein „Hüttenkonzept“ speziell für den
Außenbereich. Die Eheleute lassen sich auf die Liste
setzen und sind froh. Als auch das gecancelt wird,
machen sie auf eigene Faust weiter. Nutzungsänderung,
Bauantrag, Konzession – das volle Programm.
Diesmal ist die Unterstützung groß. Landratsamt wie

Die Zeit vergeht, doch der
Traum bleibt. Dieter und
Judith Dold beschließen
2017 nicht länger zu
warten: „Wenn nicht jetzt,
dann schaffen wir es nie,
dann sind wir zu alt!“

Landwirtschaftsamt stehen hinter dieser Idee und
sogar der Förderantrag für das „Entwicklungsprogramm
Ländlicher Raum (ELR) wird bewilligt. Alles
wird festgelegt – alles muss beantragt und genehmigt
werden. Die Anzahl der Plätze, die Küche, die
Toiletten, die Öffnungszeiten, auch das Veterinäramt
muss eine Lizenz ausstellen und und und …

„Wenn wir es machen, dann machen wir es richtig“,
ist die Devise der Dolds. Mit professioneller
Hilfe werden alle Anträge gestellt, die Küchenfirma
legt das Küchenkonzept vor und gleichzeitig machen
sich die Eheleute Gedanken über den täglichen
Ablauf, über die Speisekarte, die Getränke und natürlich
über die Einrichtung. Aus ihren Erfahrungen

„Selbstgebackene Kuchen nach traditionellen Rezepten.
Mit natürlichen Zutaten und einer Extraportion Liebe
aus unserer Backstube“, so preist das „näbbe duss“ seine
leckeren Kuchen an. Die Hausmacher Vesper bestehen
aus Produkten von regionalen Metzgern – und es gibt
dazu selbst gebackenes Brot. Auch der Quark ist selbst
gemacht, die Kräuter stammen aus dem eigenen Garten.

als Vermieter wissen sie, dass die Ansprüche der
Menschen immer größer werden. Und sie sparen
nicht. „Das wäre nur auf Kosten der Qualität möglich
gewesen.“ Die Stühle beizen und streichen sie selbst,
die Eckbänke fertigt ein Schreiner, die Polsterung ist
wieder Eigenarbeit und so wächst ihr Hofcafé mit
viel Liebe zum Detail, äußerst professionell und gut
durchdacht. „Das hat viel Spaß gemacht!“ Freunde,
Nachbarn und Bekannte sind begeistert und voller
Vorfreude. „Das wird nix, sagen nur ganz wenige.“

Der lang ersehnte Eröffnungstag

Pfingsten 2018 ist es soweit. Das Hofcafé
„näbbe duss – Kaffee und mehr“ wird eröffnet. Wie
kommt man auf so einen Namen? „Auf keinen Fall
sollte es einfach nur unser Name sein und unser Hofcafé
ist eben nicht im Dorfkern, sondern außerhalb“,
erklärt Dieter Dold.

Die ganze Familie ist am Start und hilft. Zwölf
Kuchen stehen bereit, selbst gebackenes Brot,
Wurstsalat, Schwarzwälder Speck, Schinken für den
kleinen Hunger und Kräuterquark für die Vegetarier.
Eine kleine Speisekarte, doch dafür alles in Handarbeit
und frisch mit regionalen Produkten von höchster
Qualität. Gleich um 11 Uhr ging es los. „Die Leute
strömten förmlich und wir haben gearbeitet und
gearbeitet. Es war einfach sensationell!“ Judith Dold
erinnert sich gern an diese erste Zeit. „Wir mussten
noch viel lernen. Die Arbeitsabläufe waren noch
nicht perfekt und damals habe ich auch noch abends
gebacken. Und ich hatte nur zwei Brotbacköfen…“
Das war alles egal. Denn endlich war ihr Traum Wirklichkeit
geworden.

Und auch heute noch, nach sechs Jahren, ist
die Begeisterung für diesen Job wie am ersten Tag.

Hofcafé „näbbe duss“ –
Kaffee und mehr

25 Plätze und große Terrasse

Farnberg 3, 78141 Schönwald

www.naebbe-duss.de

Öffnungszeiten:

Montag, Donnerstag, Freitag von 14-18 Uhr

Samstag, Sonntag von 11-18 Uhr.

Kleine Speisekarte:

Schwarzwälder Vesper

Selbst gebackenes Brot

Kräuterquark

Bauernhofeis

Kuchen, Kuchen, Kuchen

Mittlerweile sind sie ein eingespieltes Team. In der
Woche ist Judith Dold alleine und am Wochenende
hilft ihr Mann gerne. Eigentlich „opfert“ er seine
gesamte Freizeit fürs Café. Sein erster Gang aus dem
Wald führt direkt an den Gästen vorbei ins Café. Und
schon auf dem Weg hält er gerne das ein oder andere
Schwätzchen. „Ohne meinen Mann ginge das gar
nicht, er ist wirklich Gold wert.“ Keine Frage, zwei
Menschen, die an einem Strang ziehen und das auch
noch am gleichen Ende.

Ihre Gäste sind mittlerweile Stammgäste, Wanderer,
die ihre Tour danach auslegen, im „näbbe
duss“ eine Pause einzulegen und einfach Menschen,
die mitten in der Natur einen guten Kaffee trinken
möchten.

„näbbe duss – das kleine, aber feine Hofcafé“, so der
Slogan, gefällt durch liebenswerte Details.

Ein „Handwerkerpfad“ wird geboren

Keine Frage, die Atmosphäre, das Ambiente, das
Angebot und eine ausgesprochen freundliche, zuvorkommende
Wirtin – oder auf den Punkt gebracht:
Persönlich, familiär, gemütlich und qualitativ hochwertig,
das sind die Rezepte, um zum begehrten Geheimtipp
zu werden. Denn es gibt weder Flyer noch
irgendwelche Anzeigen. „Werbung haben wir noch
nie gemacht“, sagen die rührigen Eheleute. Das Geld
stecken sie lieber in ihr Hofcafé, denn nach sechs
Jahren muss das ein oder andere Teil schon erneuert
werden.

Und doch haben sie zu ihrem fünfjährigen Bestehen
in ein besonderes Highlight investiert. Denn eines
Tages kam Blasius Willmann aus Schönwald, ein
bekannter Veranstaltungstechniker (BW Licht & Ton)
mit einer ungewöhnlichen Idee zu ihnen. Die Fotografen
Jochen Scherzinger und Tobias Ackermann
(Artwood in Gütenbach) hatten beeindruckende Fotos
gemacht, die u.a. typische Schwarzwälder Handwerksberufe
und Bräuche zeigen. Könnte man nicht
daraus etwas machen? Judith und Dieter Dold sahen

Blick in die gemütliche Gaststube.

sich die Bilder an, kauften sie, ließen sie vergrößern
und wetterfest machen. Und am 23. Februar 2023
standen sie im Wald, fest einbetoniert in regelmäßigen
Abständen auf 800 Meter. Der „Handwerkerpfad“
war geboren. Bis zum 27. Februar 2023 wurden
die Fotos von Blasius Willmann beleuchtet. Eine fast
mystische Stimmung entstand. „Es war ein wunderbares
Erlebnis und die Leute waren begeistert!“

Mittlerweile ist der Handwerkerpfad, der vom
Parkplatz Weißenbach bis zum Hofcafé geht, eine
Attraktion für viele Touristen und das zu recht.

Am eingangs erwähnten Ausflugs-Montag haben
wir uns übrigens für köstlichen Erdbeerkuchen und
himmlische Himbeertorte entschieden und lange auf
der Terrasse gesessen. Einfach schön hier – einfach
schön …

Wie war das noch: „Wenn wir was machen, dann
machen wir es richtig“. Keine Frage, das stimmt.

Das Hofcafé „näbbe duss“

287

„THE BRILLOS“ –
35 JAHRE JUNG UND KEIN

WENIG LEISE
VON CORNELIA PUTSCHBACH
Eine Band, die ihre Fans mit
perfekt gecoverten Rockklassikern
immer wieder neu begeistert
Vor 35 Jahren – oder anders gerechnet 27 Jahre nach
der Gründung der Rolling Stones – finden sich 1989
im Schwarzwald-Baar-Kreis fünf Musiker zu einer
Band zusammen, die bis heute viele Fans hat. Es ist
der Start der heute weithin bekannten „Brillos“.

11. Kapitel – Kultur und Freizeit

Von „Billy Contact & the Brillos“
zur festen Quintett-Formation

Die Anfänge der Brillos gehen auf den Kontakt von
fünf Musikern zurück, die in der Region bereits
musikalisch in anderen Bands unterwegs waren. Sie
schlossen sich damals zur Band „Billy Contact & the
Brillos“ zusammen. „Einer hatte Kontaktlinsen, wir
anderen Brillen“, erzählt Thomas Baur, wie das
Quintett zu seinem Namen kam. „Billy Contact“ ist
längst aus dem Titel verschwunden. Eingeweihte
wissen: Der Kontaktlinsenträger hat sich lasern
lassen. Geblieben sind „The Brillos“ und mit einer
Ausnahme die Akteure.

Einzig auf der Position des Keyboarders brauchte
es über die Jahre fünf Anläufe. Vor 22 Jahren stieß
schließlich Hermann Kern zu den Brillos. Damals war
er „der Neue“, mittlerweile gehört er unumstößlich
zu dem Quintett. Nach über 20 Jahren Probezeit
boten die Brillos ihm im Sommer beim Konzert im
Klosterhof „eine Festanstellung an“. Der immer wiederkehrende
Witz des Keyboarders auf Probe hat
sich damit in diesem besonderen Jahr des 35-jährigen
Bandbestehens für allemal erledigt.

Mit Rockklassikern begeistern

Die fünf Musiker Thomas Baur (Bass), Chris Castellazzi
(Gesang, Gitarre, Percussion und Blues Harp), Klaus
Stahl (Schlagzeug, Gesang), Rolf Wagner (Solo-Gitarre,
Gesang) und Hermann Kern (Keyboard, Akkordeon,
Gesang) können es selbst manchmal kaum
glauben, dass sie so lange gemeinsam auf der Bühne
stehen und immer noch voller Freude und mit viel
Humor dabei sind.

Der Villinger Thomas Baur ist beruflich selbstständig
im Bereich Media Management. Chris
Castellazzi, ist Siebdrucker und wohnt ebenfalls in
Villingen. Der Vöhrenbacher Klaus Stahl ist als
Niederlassungsleiter tätig. Der Marbacher Hermann
Kern und Rolf Wagner aus Donaueschingen sind fidele
Ruheständler.

Englisch ist die Sprache, in der sie einen ganz wesentlichen
Teil ihrer Musik singen. Ein hochprozentiges,
für alle Generationen bekömmliches Destillat
von AC/DC über Deep Purple bis hin zu Santana und
ZZ-Top. Die fünf Musiker verfügen über ein außergewöhnliches
Repertoire an Rockklassikern aller Genres,
die in dieser Vielfalt als Livemusik nicht oft zu

Die fünf Musiker können es
selbst manchmal kaum
glauben, dass sie so lange
gemeinsam auf der Bühne
stehen und immer noch
voller Freude und mit viel
Humor dabei sind.

hören sind. Tolle Hits von Billy Idol, Doobie Brothers,
Queen, Prince, Zucchero oder Hot Chocolate sorgen
für ein mitreißendes Miteinander von Publikum und
Band. Natürlich zählen aber auch etliche Ohrwürmer
des Deutsch-Rocks wie Grönemeyer, Spliff, Westernhagen
oder Klaus Lage zu dem, was die Zuhörer regelmäßig
bei Auftritten der Brillos hören dürfen.

Ein außergewöhnliches Jubiläumsjahr

„Verdammt lang her“, unter diesem Titel fallen den
Brillos gleich zwei denkwürdige Begebenheiten
ein. In Allensbach war man einst als Band bei einer
Hochzeitsfeier engagiert. Die Musik gefiel sehr gut.
Einzig die Ehe hielt nicht. Nach drei Jahren durften
die Brillos auf der gemeinsamen Scheidungsparty
der Eheleute spielen.

Der wohl ungewöhnlichste Gig fand tief im Wald
statt. Als Schwarzwälder wissen die fünf Musiker
damit umzugehen. Der Einzug auf die Festwiese im
Stockwald fand auf einem Tieflader statt. Intoniert
wurde dabei „Smoke on the water“.

„Unsere 30-Jahr-Feier fiel der Pandemie zum Opfer“,
erinnert sich Klaus Stahl und fügt an: „35 Jahre
ist ja nicht die typische Jubiläumszahl, aber in unserem
Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen“.
Deshalb machen die Brillos dieses Jahr zu einem
besonderen, einem Geburtstagsjahr. Gefeiert wurde
mit einem Konzert im Klosterhof. Es ist aber auch an
der Zeit, an die vielen gemeinsamen Jahre der Band
zurückzudenken. 35 Jahre, die natürlich gespickt
sind, mit Musik, aber auch mit einmaligen Erlebnissen
und gemeinsamen Erfahrungen. Manches ernst,
ganz vieles aber voller Spielfreude und Hingabe.

Die Brillos, v. links: Rolf Wagner (SoloGitarre,
Gesang), Klaus Stahl (Schlagzeug, Gesang), Hermann Kern (Keyboard,
Akkordeon, Gesang), Chris Castellazzi (Gesang, Gitarre, Percussion und Blues Harp) sowie Thomas Baur (Bass).

Mit der intensivsten Hingabe kann es allerdings
dahin sein, wenn einem der Fünf eine „Schofseckelaktion“,
also ein echtes Missgeschick widerfährt. So
konnten die Vöhrenbacher im Rahmen ihres Stadtfestes
viele Jahre die Brillos genießen. Damals strafte
mangelnde Konzentration oder einfach Ungeschicklichkeit
Rolf Wagner ab. Jeder in der Band hat bis
heute vor dem Auftritt seine Aufgabe. Als „Karpfen“
alias Thomas Baur und er an diesem Tag eine schwere
Lautsprecherbox aufbauen wollten, folgte diese
der Schwerkraft und landete auf dem Daumen von
Rolf Wagner. Der Daumen musste genäht werden.
An einen Auftritt war für den Pechvogel an diesem
Abend nicht zu denken. Das Glück war den Brillos
hold. Werner Müller, guter Freund und bekannter
Musiker aus der Region, kam zufällig vorbei und
sprang kurzfristig ein.

Unvergessliche Gigs und Missgeschicke

Doch nicht nur bei Hochzeiten, Geburtstagen und
Stadtfesten sind die Brillos zu hören. Nach einem
Auftritt bei einer Betriebsfeier beim damaligen
Fernmeldeamt in Rottweil kam die Telekom auf die

Band zu und engagierte sie für ihr großes Betriebsfest.
Gespielt wurde vor 5.000 Zuhörern in der
Oberschwabenhalle in Ravensburg. Liest sich wie ein
bemerkenswertes Konzert vor beachtlich großem
Publikum. Zumal Klaus Stahl, zuständig für die
Technik, zuvor die Ehre zuteilgeworden war, zur
Besichtigung der Location für das Konzert mit dem
Flieger aus Donaueschingen anzureisen.

Als am Konzertabend gegen Mitternacht die
Scheinwerfer allmählich ausgingen, war die Halle
gerade dabei, sich im Eiltempo zu leeren. Zur
Ehrenrettung der Brillos bleibt festzuhalten: Die
Telekom ließ pünktlichst die Busse zum Heimtransport
der Festgesellschaft vorfahren. Dagegen hatten
auch die Brillos keine Chance.

Miteinander leben die fünf Musiker der Brillos
ihre Leidenschaft für Rock- und Beatklassiker aus,
denen sie ihre persönliche Note geben. Manches wird
neu interpretiert oder die Brillos bieten eine eigene
E-kustik-Variante. Statt des Keyboards kommt dabei
ein Akkordeon zum Einsatz oder das Cajon übernimmt
auch einmal die Rolle des Schlagzeugs. Drive
und Rhythmus der Spaß macht, in Bauch und Beine
geht, sind so gewiss.

The Brillos 291

Im Tuttlinger Irish Pub
standen die Brillos auf der
Bühne … und „Revolverheld“
kam nach einem Konzert auf
einen „Absacker“ vorbei. Der
Absacker wurde länger als
geplant und die Brillos
hatten mit den „Helden“
einen schönen Abend.

Diese Flexibilität und die Musik im Blut macht
es den Brillos auch möglich, ganz spontan zu den
Instrumenten zu greifen. Der alljährliche Vatertagsausflug
mit Instrumenten im Gepäck gehört zu
den regelmäßig zelebrierten Aktionen der Gruppe.
Eines Jahres führte sie der Weg nach Überlingen
am Bodensee. Vor einer Weinstube war es dann so
weit: „Total ohne Strom“, erzählt Chris Castellazzi,
„mit Straßenmusik eben oder Back to the roots“,
wie er lachend feststellt, rettete die Band der Wirtin
den Nachmittag und Abend. Man wollte die Gruppe
keinesfalls mehr weiterziehen lassen.

Aus diesem ungeplanten Einkehrschwung ergab
sich für die Brillos die Gelegenheit, bei der
Mississippi-Shuffleboat-Party auf dem dreistöckigen
„Dixieschiff“ zusammen mit den vielen musikbegeisterten
Gästen ihre Rockparty zu feiern. Bereits zum
dritten Mal in Folge wurden die Brillos auf diesem
Schiff, das auf dem Bodensee in See sticht, für das
Hauptdeck engagiert.

Und dennoch gab es, so verrät Hermann Kern,
auch den denkbar kürzesten Auftritt und auch mal
einen Flop. Bei einem großen Rockkonzert mit vielen
Bands in Straßburg waren die Brillos 1991 der Top
Act. Lange Anreise, langes Warten, später Beginn,
aber bereits nach dem zweiten Song war von einem
Moment auf den anderen Schluss mit der Musik: Die
Gendarmerie beendete das Konzert, weil es an eben
jenem Ort bei einem Rockkonzert eine Woche zuvor
zu Ausschreitungen kam. Neuerliche Exzesse sollten
verhindert werden.

Für eine Silvesterfeier in Rottweil kündigte deren
Veranstalter das Quintett als Tanzkapelle für
klassische Standardtänze an. „Die Gäste kamen mit
Abendkleid und Smoking“, erinnert sich Rolf Wagner
lachend und stellt fest: „Das sind wir wirklich nicht
und wollen wir auch nicht sein“. Der Veranstalter dieser
Silvesterfeier verpasste definitiv die Chance einer
gelungenen Party.

Dass aber auch Stars und Sternchen eine Chance
verpassten oder bis heute nicht wissen, welche
Ehre ihnen zu Teil wurde, als sie auf die Brillos trafen,
kann man mit Blick zurück ebenso festhalten.
So bestritt Patrick Lindner einst bei einem großen
Open-Air in Hinterzarten das „Vorprogramm“ für die
Brillos. Bei anderer Gelegenheit kamen die Musiker
der Gruppe Revolverheld nach einem Auftritt im Rittergarten
auf einen Absacker in den Tuttlinger Irish
Pub. Auf der „Bühne“ standen dort an diesem Abend
die Brillos. Revolverheld hat es gefallen. Der Absacker
wurde länger als geplant und die Brillos hatten
mit den „Helden“ einen schönen Abend.

35 Jahre Leidenschaft und
Freundschaft auf der Bühne

Doch wie gelingt es den Brillos regelmäßig die
Menschen mit ihrer Musik zu erreichen? Wie gelingt
es auch nach 35 Jahren auf der Bühne immer gut
drauf zu sein? „Das ist für uns alle eine Auszeit, ein
Ausgleich zu unseren Jobs“, sagt Rolf Wagner. Man
habe „einen großen gemeinsamen Nenner gefunden.“
Es sei „superwertvoll“, dass man sich so gut
verstehe, die Musik verbinde die Band tief. Nach der
Probe gehe es montags beispielsweise immer in den
Irish Pub. „Dann erzählen wir uns Witze, als wären
wir erst 18“, lässt Chris Castellazzi hinter die Kulissen
blicken. Die gemeinsame Freude an der Musik geben
die fünf Vollblutmusiker an ihre Zuhörer weiter.
Zurück kommen dafür die Begeisterung und das
Funkeln in den Augen des Publikums.

Seit 35 Jahren halten die Brillos am Covern von
Songs fest. Dabei lieben sie es auch zu experimentieren
und neu zu arrangieren. Es gibt noch viele schöne
Stücke, die die fünf neu interpretieren werden.
Routine kehrt keine ein. Bei jedem Auftritt sei es
wie am ersten Abend, sagt Rolf Wagner. Was neu ins
Repertoire kommt, wird demokratisch entschieden.
Grundsätzlich soll jedes Lied aber allen Musikern ge

fallen. „Sollte das mal nicht so sein, bleibt das unser
Geheimnis“, verrät er mit einem Augenzwinkern.

Zu hören sind die Brillos in der Region verschiedentlich.
Doch ein bestimmter Termin ist alljährlich
ganz fest im Kalender eingeplant. Jedes Jahr, am

Wo die „Brillos“ auftreten, herrscht
schon bald PartyStimmung,
wie oben
beim Jubiläumskonzert im Klosterhof in
VSVillingen.
Da spielt Chris Castellazzi
die Blues Harp (v. links ob. nach re. unten),
Thomas Baur den Bass, Hermann
Kern das Akkordeon, Rolf Wagner die
SoloGitarre
und sorgt Klaus Stahl am
Schlagzeug für den perfekten Rhythmus.

27. Dezember spielen sie im Villinger Irish Pub. Zu
den Inhabern verbindet sie seit 2006 eine wunderbare
Freundschaft. Und Freundschaft bedeutet für
Chris Castellazzi, Rolf Wagner, Klaus Stahl, Thomas
Baur und Hermann Kern so viel wie ihre Musik.

The Brillos 293

Als Gremmelsbach das
Laienspiel entdeckte!

Viele Talente ermöglichen 1926 die
Gründung der Theatergruppe „Bergradler“

VON BARBARA DICKMANN

294

Szenen aus bald 100 Jahren Laientheater in Gremmelsbach.
Linke Seite: Probe und Aufführung des erneut sehr erfolgreichen
Stückes „Mord im Weinkeller“ im Dezember 2023.
Auf dem ProbenFoto
oben sind v. links zu sehen: Andreas
Kienzler, Thomas Wenke, Sarah Schwer, Lea Dieterle
(Souffleuse), Nicole Kienzler, Tamara Schwer und Jürgen
Schwer. Unten bei der Aufführung: Nicole Kienzler, Tamara
Schwer und Jürgen Schwer.
Rechte Seite: Oben eine Aufführung aus den 1920erJahren,
unten aus den 1950erJahren.
Mitte: Das Stück „Mariandel“ mit von links: Klaus Kienzler,
Eva Look, Joachim Müller, Franz Duffner, Leonhardt Flaig,
Irmgard Hug und Rosa Dieterle.

Nahezu 100 Jahre Volkstheater in Gremmelsbach – eine beachtliche Tradition des
Laienspiels am Ort! Das im SchwarzwaldBaarKreis
vielerorts gepflegte Laienspiel,
sprich Volkstheater, wurzelt in den geistlichen Spielen des Mittelalters und kirchlichen
Aufführungen wie Krippenspielen. Laien spielen und erzählen dabei das biblische
Geschehen. Die bekannteste und älteste Form des neuzeitlichen Volkstheaters ist hingegen
die Commedia dell’Arte, die ab dem 16. Jahrhundert in Italien aufkommt und auf
Straßen und Märkten ihre Zuschauer fesselt. Wann genau das Laientheater heutiger Prägung
in unserer Region Fuß fasst, ist zeitlich schwer zu belegen – zum Ende des 19. Jahrhunderts
hin jedoch war es bereits weit verbreitet. Am 30. Januar 1926 – und damit vor
fast 100 Jahren – erreicht diese spezielle Form des Theaters nach monatelangen Proben
auch Gremmelsbach bei Triberg. Das ganze Dorf versammelt sich, um insgesamt drei Aufführungen
der eben gegründeten Theatergruppe „Bergradler“ zu erleben, einer Abteilung
des gleichnamigen Radfahrvereins am Ort.

V
V
or 100 Jahren waren derlei Theateraufführungen
der „Bergradler“ zusammen mit den
weihnachtlichen Krippenspielen und Konzerten
des Musikvereins die kulturellen Höhepunkte im
Jahreslauf des Dorfes. Und sind es bis heute geblieben,
was für die Qualität des Gremmelsbacher
Laienspiels spricht. Die Vorgeschichte: Schon zwei
Jahre nach der Gründung des Radfahrvereins im Jahr
1923 machen sich theaterbegeisterte Mitglieder
Gedanken darüber, ob nicht eine Theateraufführung
zur Bereicherung des kulturellen Angebotes von
Gremmelsbach und Umgebung beitragen könnte.
Bereits ein Jahr später, am 3. Januar 1926, findet
anlässlich der Weihnachtsfeier des Radfahrvereins
der erste Theaterabend statt. Er muss zweimal
wiederholt werden, so groß ist sein Erfolg.

Zur Aufführung kommen gleich zwei Stücke: Der
dramatische Vierakter „Ulrich der Wilderer“ und die
Komödie „Einer muß heiraten“. In der Pause zwischen
den beiden Stücken spielt die Musikkapelle
und es werden Lose verkauft. Diese Tradition hat
sich mit Ausnahme der Live-Musik bis heute gehalten.
Als Aufführungsorte fungierten damals das
Gasthaus Staude und das Gasthaus Pflug, beide in
Gremmelsbach.

Laut Chronik des Vereins rührt das Drama „Ulrich
der Wilderer“ das Publikum zu Tränen und ruft
hingegen die Komödie „Einer muss heiraten“ wahre
„Stürme der Heiterkeit“ hervor. „Im Anschluß an die
Aufführungen wird der Erfolg bis in die frühen Morgenstunden
hinein gefeiert“, hält der Schriftführer fest.

Historiendramen und Komödien

Am 30. Januar 1927 wagen sich die Schauspieler
gleich an drei Stücke: „Ida von Toggenburg“, „Kaspar
Larifari als Wunderdoktor“ und „Eine lustige Zither-
stunde“. Für das Stück „Ida von Toggenburg“ lassen
sich die Akteure historische Gewänder aus Köln in ihr
Schwarzwalddorf schicken. Mit Kulissenbau, Kostüme
aussuchen und/oder anfertigen, Requisiten
beschaffen und den monatelangen Proben ist ein
gewaltiges Arbeitspensum zu leisten. Wieder sind
die Aufführungen ein voller Erfolg. Und zugleich eine
großartige theatralische Leistung, denn die Handlung
des historischen Stücks „Ida von Toggenburg“
verlangt der Schauspielkunst einiges ab.

Jedes Jahr freuen sich die Gremmelsbacher fortan
auf „ihr“ Theater. Zu den frühen Aufführungen
gehören Volkstheaterstücke wie „Das Strafgericht im

Bergradler Gremmelsbach e.V.

Theaterszene aus den 1950erJahren,
ein Stück zum Thema Wilderei.

Die Aufführung „Ehestand und Wehestand“, anfangs der 1970erJahre
mit v. links Martha Dold, Adolf Laube, HeinzPeter
Dieterle, Johanna Hug, Klaus Kienzler, Rosa Dieterle und Wolfgang Dold.

297

Walde“, „Im Krug zum grünen Kranze“, „Die stolze
Bettlerin“ oder „Der überlistige Polizeidiener“. Doch
am 22. Januar 1933 ist mit „Die Perlenschnur einer
Mutter“ für viele Jahre alles vorbei – das Dritte Reich
beginnt und es folgen die Schrecken des Zweiten
Weltkrieges.

Heimatstücke nach dem Krieg

Rosa Dieterle und Martha Dold, beide Jahrgang 1950
und aktive Mitglieder bei den „Bergradlern“, wissen
über die Theateranfänge der Nachkriegszeit nur aus
Erzählungen. Doch sie schildern diese erneuten
Gründerjahre des Gremmelsbacher Theaters so
lebendig, als wären sie dabei gewesen. Irgendwann
nach dem Zweiten Weltkrieg ging es weiter. Die
erste Dokumentation, die nach einem Hausbrand
noch vorhanden ist, stammt aus dem Jahr 1964. Mit
„Wo das Herz der Heimat schlägt“, einem Heimatstück
mit viel Gefühl und der Satire „Die fromme
Helene“ von Wilhelm Busch wird eine neue Art von
Theater eingeleitet.

„Das war einfach wunderbar“, erzählen Rosa
Dieterle und Martha Dold. Sie können sich gut an
den Neubeginn erinnern, denn sie sind schon als
Schulkinder begeisterte Zuschauer der Aufführungen.
„Bei der Generalprobe durften alle Kinder dabei
sein,“ erinnern sie sich an ihre ersten Berührungen
mit dem Volkstheater. Je älter sie werden, desto
mehr fiebern die beiden jungen Frauen ihrem 21. Geburtstag
und damit der Volljährigkeit entgegen: Jetzt
endlich dürfen auch sie mitspielen! Im Radfahrverein
Mitglied sind beide schon längst.

Warum eigentlich wollten sie auf die Bretter, die
die Welt bedeuten? Hatten sie Ambitionen, wollten
sie gar Schauspielerinnen werden? Rosa und Martha
lachen und sind sich einig: „Das war die einzige
Möglichkeit, rauszukommen – etwas zu erleben. Wir
waren alle in Vereinen aktiv, es gab ja sonst nichts.
Kein Auto, keine Disco: Einfach nichts! Und schon
Nußbach war ja Ausland.“

Wer Theater spielt, verändert sich

„Und natürlich ist Theaterspielen etwas ganz
Besonderes“, so die beiden Frauen. „Man schlüpft in
eine andere Person, lernt einen fremden Charakter
kennen. Der Text muss sitzen und das Zusammen

spiel mit anderen Menschen funktionieren – das
Achten aufeinander und manchmal auch das
Helfen.“ Denn wenn ein Mitspieler „stecken bleibt“,
ist improvisieren angesagt. Und vor vielen Menschen
aufzutreten ist auch nicht leicht. Ohne Selbstbewusstsein
geht da gar nichts. „Keine Frage“, so die
Akteurinnen, „wer Theater spielt, verändert sich –
und das zum Positiven.“

Mit 21 Jahren dürfen Rosa Dieterle und Martha
Dold somit endlich selbst Theater spielen. Natürlich
haben sie manchmal um die Rollen „fast gestritten.“
„Ich wollte nie die feine Dame spielen, lieber die
gefährliche“, lacht Martha Dold. „Das war eine schöne
Zeit“, sagen beide Frauen fast gleichzeitig, „wir
möchten keine Stunde missen.“

Heute stehen sie nicht mehr auf der Bühne. Denn
jetzt ist Rosa Dieterle die Regisseurin und Martha
Dold hilft, wo immer es nötig ist.

„Unsere Auswahl muss einfach passen“

Begeisterte Schauspielerin ist ebenso Tamara
Schwer, 50 Jahre jung, Schriftführerin der Bergradler
und mit einer ganz besonderen Sommerbeschäftigung:
Sie und ihr Mann Jürgen lesen und das nicht
zu knapp. Denn Rosa Dieterle findet jedes Jahr um
die zwanzig Stücke für ihre schauspielenden
Bergradlerinnen und Bergradler und genau diese
werden von dem Ehepaar genau studiert. Übrig
bleiben meist zwei oder drei. Sind die besten Stücke
gefunden, wird es ernst: Das Dreier-Team kauft die
Drehbücher und verteilt die einzelnen Rollen.

„Unsere Auswahl muss einfach passen, vom
Charakter, vom Stück her – vom Bühnenbild.“ Tamara
und Jürgen Schwer kennen ihre Mannschaft genau, die
aus zehn bis 15 Theaterbegeisterten besteht. Im Jahr
2024 sind das: Sylvia Schneider, Claudia Reuter, Nicole
Kienzler, Sarah Schwer, Tamara Schwer, Oliver
Hannemann, Jürgen Schwer, Andreas Kienzler, Thomas
Wenke, Klaus Faller und Regie führt Rosa Dieterle.

Komödien sind besonders beliebt

In den 1970er-Jahren waren die Gremmelsbacher
Theateraufführungen mehr noch als sonst gefragt,
sodass Sonderaufführungen u. a. für das Rote Kreuz
veranstaltet wurden. Ab 1984 geht man dazu über,
nur noch ein großes Theaterstück aufzuführen. Im

Kein Drama und auch kein
klassisches Schauspiel,
sondern etwas zum Lachen
ist bei den Zuschauern
gefragt.

Jahre 1988 schließlich wird der Termin der Aufführungen
von Januar/Februar auf den November/
Dezember verlegt. In diesem Jahr tritt Rosa Dieterle
als Regisseurin die Nachfolge von Adolf Laube an,
der sich besonders um die Gremmelsbacher Theatergeschichte
verdient gemacht hatte. Fast 25 Jahre
prägt er das Theatergeschehen als Schauspieler und
Regisseur. Wenn er mitspielt, ist der Saal stets
rappelvoll. Rosa Dieterle ist – trotz Landwirtschaft
und einer Familie mit fünf Kindern – seit nunmehr
36 Jahren unermüdlich im Einsatz.

Im Laufe der Jahre verändern sich die Theaterstücke,
passen sich dem Geschmack des Publikums
an. Vom historischen Stück über die Liebesschnulze
hin zur Krimikomödie führte der Weg. Aktuell gilt:
„Kein Drama, kein klassisches Schauspiel mehr – etwas
zum Lachen ist bei den Zuschauern gefragt.“
Und der Erfolg gibt der Gremmelsbacher Theatergruppe
recht: Drei Aufführungen werden jedes Jahr
gespielt – und alle drei sind ausverkauft. Besucher
aus der gesamten Region bevölkern den Dorfgemeinschaftsraum
von Gremmelsbach.

Im Jahr 2011 erlebt die Theater-Fangemeinde eine
besondere Premiere, denn der Schriftsteller kommt
aus dem eigenen Dorf: Gerd Kienzler schreibt aus
Anlass des 900-jährigen Bestehens der Burg
Althornberg das humorvolle Stück „Die Ellerbacher
oder die falsche Wilpurg“. Die Bergradler sind sich
einig: „Wahnsinn, welche Talente auf einmal zum
Vorschein kommen. Das Stück war das Highlight
schlechthin.“

Im Jahr 2023 war „Mord im Weinkeller“ der Hit
und in diesem Jahr? Lassen Sie sich überraschen …
Nach der Sommerlektüre von Tamara und Jürgen
Schwer, dem Aussuchen des Stücks, der Verteilung
der Rollen, des Lernens des Textes, etlicher intensiver
Proben zweimal pro Woche, dem Drucken von

Martha Dold

Rosa Dieterle

Tamara Schwer

Flyern und dem Organisieren von Essen und Getränken,
fiebern die Akteure ab dem Spätherbst mehr
und mehr der Premiere entgegen. Wenn Ton, Licht
und Maske stimmen, ist es wieder soweit. Dann
heißt es drei Mal „Vorhang auf“ im Dorfgemeinschaftsraum
von Gremmelsbach.

Auf der Bühne stehen die bereits genannten
Akteure. Hinter der Bühne Rosa und Enkelin Lea
Dieterle als Souffleuse. Und danach? „Danach
machen wir einen Theaterausflug“, sagen alle voller
Vorfreude, denn auch dieser ist Tradition. Der

30. Januar 1926 war somit in Gremmelsbach ein
besonderer Tag, er schenkte dem Dorf bis heute
echtes Volkstheater.
Bergradler Gremmelsbach e.V.

Almanach-Magazin
Notizen aus dem Landkreis
Almanach-Magazin
Notizen aus dem Landkreis
Naturschutzgroßgebiet Baar

Besuch von Ministerin
Thekla Walker

Im Rahmen ihrer Sommertour
besuchte die Umweltministerin von
Baden-Württemberg, Thekla Walker,
das Naturschutzgroßprojekt Baar in
Villingen-Schwenningen. Im Fokus
standen das Schwenninger Moos
und die dort umgesetzten Maßnahmen.
Bei bestem Wetter wurde sie
vom Ersten Landesbeamten des
Schwarzwald-Baar-Kreises,
Dr. Martin Seuffert, und dem
Tuttlinger Landrat Stefan Bär
begrüßt. Beide hoben hervor, dass
das Projekt mit der Verbesserung
des Biotopverbundes und der
Kohlenstoffbindung die Ziele des
Umweltministeriums bereits
vorantreibt.

Thekla Walker zeigte sich
beeindruckt von den Maßnahmen.
Projektleiter Thomas Kring erläuterte

Europameister im
„Öschberghof“

Aufregende Tage liegen hinter
dem Hotel Öschberghof in
Donaueschingen-Aasen, wo die
spanische Fußball-Nationalmannschaft
während der Fußball-
Europameisterschaft fünf Wochen
lang untergebracht war.

Die Spieler äußerten sich
positiv über ihre Unterkunft und
feierten schlussendlich den
Europameistertitel.

Während ihres Aufenthalts
hatte die Mannschaft das gesamte

Auf dem Rundweg im Schwenninger Moos berichtet Projektleiter Thomas Kring
von der intensiven Naherholungsnutzung des Gebiets.

bei einem Rundgang die naturschutzfachliche
Bedeutung des
Moores, wo sich der gefährdete
Rundblättrige Sonnentau wieder
ansiedeln konnte. Er erklärte auch
den Bau von Grabensperren zur
Wasserhaltung im Moor und die

Hotel für sich und das Restaurant
wurde in ein Spielzimmer umgebaut.

Notwendigkeit der Offenhaltung für
seltene Arten wie den Hochmoor-
Glanzflachläufer und den Randring-
Perlmutterfalter, die auf feuchte
Standorte angewiesen sind. Die
Umweltministerin bedankte sich bei
allen für ihre wichtige Arbeit.

Das öffentliche Training auf dem
Aasener Sportplatz durften 500 Zuschauer
mitverfolgen.

Links: MitInitiator
des DSKennzeichens
MdL Niko Reith und Landrat Sven Hinterseh. Rechts: Als eines der ersten
Fahrzeuge wurde in der Außenstelle des Landratsamtes in Donaueschingen ein Feuerwehrfahrzeug der Großen Kreisstadt
zugelassen. Frank Fetzer, Leiter des Straßenverkehrsamtes, Oberbürgermeister Erik Pauly und Gerd Wimmer,
Feuerwehrkommandant der Stadt Donaueschingen bei der Übergabe des neuen Kennzeichens.

16. September, wurden erstmals wieder „DS“-Kenn

„DS-Kennzeichen“ stark gefragt

zeichen ausgegeben. Eine der ersten Zulassungen
Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind künftig zwei Auto-zum „DS“-Kennzeichen nahm Erik Pauly, Oberbürger-
Kennzeichen unterwegs! Seit dem 1. Januar 1972 gibt meister von Donaueschingen, in der Kfz-Zulassungses
bereits das Kennzeichen „VS“. Seit der Kreisreform stelle des Landratsamtes in Donaueschingen vor.
am 1. Januar 1973 gab es dann keine Möglichkeit mehr, „Das Interesse der Donaueschinger ist groß und
Fahrzeuge mit dem Kennzeichen „DS“ anzumelden, da viele Menschen haben sich ihr Wunschkennzeichen
es den Landkreis Donaueschingen ja nicht mehr gab. schon reservieren lassen – ich bin wirklich froh

Im Dezember 2023 hatte der Kreistag jedoch auf darüber, dass sich unsere Bemühungen und unser
vielfachen Wunsch die Wiedereinführung des Einsatz für die Wiedereinführung des DS-Kennzei„
DS“-Kennzeichens beschlossen und danach wurde chens gelohnt haben“, freute sich der Oberbürger-
das weitere Verfahren zügig verfolgt. Am Montag, meister.

Bürgermeisterwahlen

Michael Rieger

Der amtierende

Vier Kandidaten
Bürgermeister

bleibt für weitere

forderten den
von Mönchwei

acht Jahre

Amtsinhaber bei
ler, Rudolf Fluck,

Bürgermeister in

der Bürgermeisist
am 3. März

St. Georgen. Am

terwahl am
2024 wiederge

5. Mai 2024

30. Juni 2024 in
wählt worden. Er

stimmten 3.449

Hüfingen heraus.
war als einziger

Wahlberechtigte

Mit 61,3 Prozent
Kandidat zur

St. Georgener für

der Stimmen
Wahl angetreten. 97 Prozent der eine weitere Amtszeit Michael setzte sich der 30-jährige Patrick
Wähler haben mit ihrer Stimme Riegers. Das entspricht 99,4 Haas aus Mönchweiler gegen seine
gezeigt, dass sie hinter der Gemein-Prozent der abgegebenen Stimmen. Konkurrenten durch und wurde im
despitze stehen. Einen Gegenkandi-Die Wahlbeteiligung lag bei ersten Wahlgang neuer Bürgermeisdaten
gab es nicht. Die Wahlbeteili-34,6 Prozent. Michael Rieger war ter. Die Wahlbeteiligung lag bei
gung lag bei 38,7 Prozent. der einzige Kandidat. 58,1 Prozent.

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis

Gemeinde Stand der Wohnbevölkerung Veränderungen

30.06.2024 30.06.2023 in Zahlen in Prozent

Villingen-Schwenningen 89.454 88.705 749 0,84
Donaueschingen 22.381 22.366 15 0,07
Bad Dürrheim 13.784 13.761 23 0,17
St. Georgen 13.169 13.111 58 0,44
Blumberg 10.261 10.315 -54 -0,52
Furtwangen 9.051 9.035 16 0,18
Hüfingen 8.080 8.002 78 0,97
Königsfeld 6.147 6.068 79 1,30
Niedereschach 6.086 6.045 41 0,68
Bräunlingen 6.068 6.058 10 0,17
Brigachtal 5.213 5.246 -33 -0,63
Triberg 4.881 4.885 -4 -0,08
Schonach 4.033 4.056 -23 -0,57
Dauchingen 3.895 3.913 -18 -0,46
Vöhrenbach 3.722 3.699 23 0,62
Tuningen 3.372 3.302 70 2,12
Mönchweiler 2.982 2.971 11 0,37
Schönwald 2.674 2.669 5 0,19
Unterkirnach 2.585 2.657 -72 -2,71
Gütenbach 1.120 1.134 -14 -1,23

Kreisbevölkerung insgesamt 218.958 217.998 960 0,44

Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg

Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen

Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland

30.06.2024 4,2 % 4,1 % 5,8 %
30.06.2023 3,8 % 3,8 % 5,5 %
30.06.2022 3,6 % 3,5 % 5,2 %

Quelle: Agentur für Arbeit

Beschäftigte insgesamt: 88.651, davon 38.265 im produzierenden Gewerbe (43,2 %), 17.265 in Handel, Verkehr und
Gastgewerbe (19,5 %) sowie 32.872 im Bereich „Sonstige Dienstleistungen“ (37,1 %).

Stand: 30.06.2023 – Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg

Orden und Ehrenzeichen

Mit der Staufermedaille wurde im August 2024 ausgezeichnet:
Dieter Sirringhaus (Niedereschach)

Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden bis September 2024 ausgezeichnet:
Margot Schneckenburger (Brigachtal), Luzia Burgbacher und Stefan Scherzinger (beide Furtwangen),
Andreas Nock (Triberg), Martina Müller (Villingen-Schwenningen), Klaus Gunkel (St. Georgen)

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge

Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen
Brackenhofer, Sylvie, 68163 Mannheim
Dickmann, Barbara, 78098 Triberg
Dilger, Gerhard, 78120 Furtwangen
Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach
Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen
Eich, Michael, 78050 Villingen-Schwenningen
Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal
Gürtler, Sylvia, 79650 Schopfheim
Graßmann, Peter, 78050 Villingen-Schwenningen
Lutz, Bernhard, 78183 Hüfingen

Bildnachweis Almanach 2025

Titelseite: Anna Klausmann, Linach
Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach

Soweit die Fotografen nicht namentlich angeführt werden,
stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages
oder sind die Bildautoren/Bildleihgeber über ihn
erfragbar.

Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold,
Vöhrenbach: 2-3, 9-19, 26-31, 34-35, 47 u., 50, 58, 59 ob.,
60-61, 74-83, 88-89, 96-97, 98-99, 103 ob., 188-189,
199-201; 202-223, 280-281 ob., 281 u.; Landratsamt
Schwarzwald-Baar-Kreis: 21, 23, 24 ob., 301 ob., 301 u. mi.;
SWEG Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH, Lahr: 22;
Markus Schwarz, St. Georgen: 24 u., 163, 164 ob., 167;
Familie Papst, St. Georgen: 37; Roland Sprich, St. Georgen:
38, 104, 113-114, 115 ob., 156-159, 162, 164 u., 165, 166;
Fürstenhaus Donaueschingen: 41; Roland Sigwart,
Hüfingen: 43, 300 u.; Bernward Janzing, Freiburg: 44-45,
49; Markus Reutter, St. Georgen: 47 ob.; Susanne Kammerer,
Schonach: 51; Catrin Heusch: 55; Frank Stark, Peterzell:
56, 57 li., 59 u. ; Helen Moser, St. Georgen: 57 re.; Familie
Schorp, Döggingen: 62-70; Album Anny und Hermann
Schlenker, Königsfeld: 72-73, 92-95; Familie Klausmann,
Linach: 85; Michael Stifter, Vöhrenbach: 86-87, 108-110,
228, 229 li., 231, 233-235, 272-273, 275 re. ob., 277, 278-279,
280 u., 283, 285-287; Maria Hoch, Nußbach: 91; Lukas
Duffner, Schönwald: 101, 105 ob., 106 u.; Maria Kienzler,
Triberg: 105 u., 106 ob.; Familie Linhard, Rohrbach: 111, 112,
115 u.; Kübler Group, VS-Schwenningen: 116-131; Dt.
Bundeswehr: 132-143 ob.; Roger Müller, Donaueschingen:
143 u., 300 ob.; MAG Mannheimer Ausstellungs-GmbH,

Moser, Helen, 78112 St. Georgen
Putschbach, Cornelia, 78087 Mönchweiler
Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen
Saurer, Michael, 79114 Freiburg
Schneider, Daniela, 78098 Triberg
Sigwart Roland, 78183 Hüfingen
Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen
Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach
Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim
Vogt, Josef, 78086 Brigachtal

Mannheim: 144-155; Andreas Burwig, St. Georgen: 160;
Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 168-170, 171 u., 172 ob., 172
u., 175-176, 178-179; Malteser Hilfsdienst: 171 ob., 172 m.,
173, 174, 177; Archiv Josef Vogt, Brigachtal: 181-184,
186-187; Landesbildstelle Stuttart: 185; FF Archiv, Donaueschingen:
190,192; Archiv Baar-Verein, Donaueschingen:
193; Archäologisches Landesmuseum: 194; Jens Hagen,
Königsfeld: 197; Stadt Vöhrenbach: 198; Adobe Stock,
Jürgen Wiesler: 225 re.; Arnold Kuner, Schonach: 226, 227,
230; Archiv dold.verlag, Vöhrenbach: 224, 225 li.; Elke
Reinauer, Villingen-Schwenningen: 229 re., 276 ob.; Rita
Bolkart, Schonach: 232; Stadtarchiv Furtwangen: 237;
Gerhard Dilger, Furtwangen: 238, 241-242; Guido Staeb,
Freiburg: 239, 240, 243; FC Saarbrücken: 244-245; Kai
Brünker, Villingen-Schwenningen: 246, 249; FC 08
Villingen: 247; SC Freiburg: 248; IMAGO, Ines Hähnel: 250
li., Christian Schroedter: 250 re., Jan Huebner: 253, Jürgen
Hasenkopf: 262-263, Paul Zimmer: 268, Robert Deutsch:
269, Anke Waelischmiller/Sven Simon: 270, Alfredo
Falcone/LaPresse: 271; Marc Eich, Villingen-Schwenningen:
254-259; Archiv Michael Eich, Villingen-Schwenningen:
260-261; Dominik Köpfer, Furtwangen: 264-266; Jürgen
Müller, Villingen-Schwenningen: 267 li.; Oliver Heuft,
Villingen-Schwenningen: 267 re.; kurt genuss&keramik,
VS-Schwenningen: 275 li. ob., 275 mi., 275 u., 276 u.;
Barbara Dickmann, Triberg: 282, 299; näbbe duss,
Schönwald: 284; Klaus Stahl, Vöhrenbach: 288-289; Archiv
The Brillos: 291-293; Hans-Jürgen Kommert, Triberg: 294;
Archiv Bergradler, Gremmelsbach: 295-297; Stadtverwaltung
Mönchweiler: 301 u. li.; Stadtverwaltung Hüfingen: 301 u. r.;

Mitwirkende beim Baar-Trachtenshooting (S. 202-223)
Das Team am Set: Wilfried Dold, Fotografie + Realisation; Silvia Binninger, Realisation; Sylvia Gürtler, Realisation;
Ute Kuner, Visa; Margit Weißer und Monja Gereta, Assistenz

Als Fotomodelle fungierten: Clara Binninger S. 203, 219; Jessica Bisceglia 204, 205, 209, 218; Manuel Winter 209; Salome
Klausmann 206, Theresa & Anton Gräter 207, Nicole Martin 210, Kim Klausmann 212 (li.), 222; Hannah Bühler 212 (re.),
Elias Köhnen 213 ; Franziska Schmelzer 214, 221; Philipp Diemand 214, 223; Silvia Binninger 215; Patrik Weigert 216, Anna
Zech 217; Chantell Winter 220, Markus Schmelzer 221
Die Leihgeber der Trachten: Elisabeth & Werner Hauser, Tuningen; Brunhilde Hellstern, Hüfingen; Silke Gräter, Hüfingen;
Verena Hall, Hüfingen; Waltraud Albert, Hüfingen; Silvia Binninger, Donaueschingen; Klothilde Ritzmann, Brigachtal;
Franziska Fuhrer, Riedöschingen; Barbara Reith, Bad Dürrheim; Ingrit Rothmund, Villingen; Trachtengruppe der Narrenzunft
Frohsinn, Donaueschingen; Heimat- und Trachtenbund Bräunlingen; Schwenninger Heimatverein

304
Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2025
Drei weitere Freunde und Förderer des Almanachs
wünschen nicht namentlich genannt zu werden.
Weißer +
Grießhaber GmbH
VENTILATOREN

IM HERZLAND –
WO DIE HEIMAT IST

Die 21 jährige Landwirtschaftsmeisterin
Anna Klausmann mit einer Gras und
Blumengarbe vom „Ersten Schnitt“ geerntet
im Mai 2024 an einem Feldrand in Linach. Der
„Erste Schnitt“ ist der energiereichste des Jahres,
er liefert das Winterfutter für die Tiere. Für Anna
Klausmann ist es keine Frage: Der Schwarzwald ist
ihr „Herzland“, mittendrin steht die Heimat, der
Schwarzhansenhof in Linach, den sie in eine siche
re Zukunft führen will.

]]>
https://almanach-sbk.de/almanach-2025/feed/ 0
Almanach 2018 https://almanach-sbk.de/almanach-2018/ Tue, 03 Dec 2024 08:53:12 +0000 https://almanach-sbk.de/?p=2099 Schwarzwald-Baar-Jahrbuch
Almanach 2018
42. Folge

Foto: Der letzte Schnee – auf dem Oberfallengrund in Gütenbach.
Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de
Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de
Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations-und Kulturamt Stadt Hüfingen Clemens Joos, Kreisarchivar Andrea Lauble, Stadtmarketing St. Georgen

Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet.
Gestaltung: Wilfried Dold, Margit Weißer, dold.verlag
Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2017 www.doldverlag.de
Druck: jetoprint GmbH, Villingen-Schwenningen
ISBN: 978-3-927677-97-5

Die Stärkung unserer Infrastruktur – ein Gewinn für Bürgerschaft und Tourismus
Liebe Leserinnen und Leser,
unser Schwarzwald-Baar Jahrbuch – der Alma.nach – erscheint in diesem Jahr bereits in seiner
42. Auflage. Ein weiteres Mal ist eine Publikation entstanden, die neben aktuellen Themen auch historische Begebenheiten aufgreift.
Die Beiträge zum Thema Winter, ein Schwerpunkt, zeigen aus unterschiedlichen (zeitlichen) Perspektiven anregend und bildhaft anschaulich aufbereitet, unter anderem, was der Klimawandel für den Schwarzwald-Baar-Kreis bedeuten kann. Egal ob lange Hitzepe.rioden im Sommer oder milde, regenreiche Winter – Wetterextreme sind auch bei uns mitt.lerweile keine Seltenheit mehr. Das hat ebenso Auswirkungen auf unseren Tourismus, dem im Schwarzwald-Baar-Kreis eine bedeutende Rolle zukommt. So ist unser Landkreis neben seinen zahlreichen Freizeitmöglichkeiten im Sommer auch gefragte Wintersportdestination.
Eine gute Infrastruktur und Vernetzung ist in einer eher ländlich geprägten Gegend, wie es der Schwarzwald-Baar-Kreis ist, Voraussetzung für einen attraktiven Lebensraum. Dies gilt einerseits für den Tourismus, ganz besonders jedoch auch für die Lebensqualität vor Ort.
Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist im Bereich der digitalen Vernetzung bereits weit voran.geschritten – hierfür sorgt der Zweckverband Breitbandversorgung gemeinsam mit dem Landkreis sowie den Städten und Gemeinden. Darüber hinaus gilt es jedoch auch, den Nahver.kehr zu optimieren und den Tourismus zu stär.ken, welcher einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor darstellt.
Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind wir auf ei.nem sehr guten Weg, die Attraktivität unseres Landkreises noch weiter zu steigern, indem wir die Anbindung, sei es digital, auf der Schiene oder der Straße, stetig weiterentwickeln und verbessern. Ganz speziell geschieht dies der.zeit durch die Umsetzung des neuen Nahver.kehrsplanes, dessen Weiterentwicklung aus verkehrs-, umwelt- und wirtschaftspolitischen Gründen notwendig wurde. Hierbei handelt es sich um eine gesamtpolitische Herausforde.rung, die jedoch auf einem tragfähigen sowie zukunftsfähigen Konzept fußt. Neben den politischen Vertretern wurden in der Entstehungs.phase dieses Zukunftsplans auch alle Städte und Gemeinden sowie die Bürgerinnen und Bürger einbezogen.

Ebenso trägt die aktuell erarbeitete Tourismuskonzeption zur Erhöhung der Lebens.qualität bei. Mit ihr wird unser, von der Boden.ständigkeit und Heimatverbundenheit der Men.schen geprägter Landkreis, sicher noch weiter an Attraktivität gewinnen.
Herzlichen Dank sage ich auch in diesem, dem 42. Jahr unseres Schwarzwald-Baar Jahr.buchs, wieder den treuen Freunden und zahl.reichen Förderern des Almanachs sowie allen Autoren und Fotografen, die einmal mehr dazu beigetragen haben, dass eine ansprechende und sehr informative Publikation mit großer The.menvielfalt entstehen konnte.
Nicht zu vergessen sind jedoch auch unsere treuen Leserinnen und Leser. Auch dank ihrer, teilweise seit Jahrzehnten gewachsenen, Ver.bundenheit zu unserem Almanach, ist eine jähr.liche Veröffentlichung möglich.
Ihr
Sven Hinterseh Landrat
Schneeschuhwanderer beim Günterfelsen – Martinskapelle bei Furtwangen.
Aus dem Kreisgeschehen

Nahverkehr und Tourismus von steigender Bedeutung
von Sven Hinterseh

Öffentlicher Nahverkehr – ein wichtiger Standortfaktor
Ein gut aufgestellter Öffentlicher Personennah.verkehr (ÖPNV) ist ein wichtiger Standortfaktor und für das Funktionieren des Alltags, vor allem bei uns im ländlichen Raum, von erheblicher Bedeutung. Für viele Kreisbürger ist es entschei.dend, wie sie von A nach B kommen. Für Schü.lerinnen und Schüler ist die Busverbindung von ihrem Heimatort zur Schule wichtig, aber auch um Freiheiten in der Gestaltung ihrer Freizeit zu haben. Für Arbeitnehmer bedeutet der ÖPNV eine verlässliche Möglichkeit, kostengünstig zum Arbeitsplatz zu gelangen. Für Firmenchefs ist eine gute Anbindung an den ÖPNV wichtig, damit Mitarbeiter gut zur Arbeit kommen. Und für ältere Mitbürger stellt der ÖPNV die optimale Möglichkeit dar, ihren Alltag zu organisieren und weiter am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Für unseren Landkreis und für die Städte und Gemeinden ist der ÖPNV ein wichtiger Teil,
Schramberg
Hornberg Dunningen
ORTENAUKREIS LANDKREIS ROTTWEIL
Weiler

der entscheidet, ob wir attraktiv sind. Denn: Mobilität entscheidet über unsere Lebensqualität. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit dem Öffentlichen Personennahverkehr intensiv befassen. Ein bedeutender Grundstein für die neue Ausrichtung und weitere Entwicklung des ÖPNVs ist die Fortschreibung des Nahverkehrsplans für unseren Schwarzwald-Baar-Kreis. Der Nahverkehrsplan ist das Planwerk, welches den Rahmen dafür vorgibt, wie sich der ÖPNV künftig entwickeln soll. Zum Inhalt hat der Nahverkehrsplan eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Einrichtungen und Strukturen, die auch bewertet werden, zudem eine Verkehrsprogno.se und Ziele sowie Rahmenvorgaben dafür, wie der ÖPNV künftig gestaltet werden soll.
Im Herbst 2017 hat der Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises den neuen Nahverkehrsplan beschlossen. Der letzte Plan stammte noch aus dem Jahr 1999. Inzwischen waren die darin definierten langfristigen Ziele alle umgesetzt, wie zum Beispiel die Realisierung
des Ringzugsystems, die Gründung eines ein.
heitlichen Tarifs innerhalb des Schwarzwald-Baar-Kreises und die

der demografische Wandel mit tendenziell abnehmenden Schülerzahlen sowie einer wachsenden älteren Bevölkerung, die auch ohne Auto mobil und aktiv bleiben möchte.
gemacht, die Nahverkehrsplanung im Schwarzwald-Baar-Kreis an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen.
Weniger Schüler, mehr ältere Fahrgäste
Dabei war es wichtig, den ÖPNV an die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden anzupassen. Hervorzuheben ist insbesondere der demografische Wandel mit – zumindest im ländlichen Raum – tendenziell abnehmenden Schülerzahlen sowie eine wachsende ältere Bevölkerung, die auch ohne Auto mobil und aktiv bleiben möchte. Doch auch bei der jüngeren Bevölke.rung zeichnet sich eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens ab. Junge Heranwachsende streben nicht mehr notwendigerweise zum frühestmöglichen Zeitpunkt den Führerschein und einen eigenen Pkw an, sondern investieren freie Zeit und finanzielle Mittel in andere Aktivitäten.

Stündlich umsteigefrei nach Freiburg
Auch infrastrukturell entwickelt sich der Schwarzwald-Baar-Kreis stetig weiter. So wird ab Dezember 2019 mit der Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn mit der Breisgau-S-Bahn eine neue Ära in der Verkehrsverbindung Richtung Freiburg anbrechen. Ab dann werden stündlich Züge zwischen Villingen und Freiburg umsteigefrei von etwa 6 bis 24 Uhr auch an Sonn- und Feiertagen verkehren. Durch intelligente Busverkehre werden künftig 95 % der Ein.wohner des gesamten Schwarzwald-Baar-Kreises mit maximal einem Umstieg und ohne größere Wartezeiten mit der Breisgau-S-Bahn nach Freiburg und zurück gelangen, zu Zeiten, die sowohl für einen frühen Arbeitsbeginn als auch für die Rückkehr nach einem Theater- oder Kinobesuch in Freiburg ausreichen.
Ein wesentliches Element des neuen Nah.verkehrsplans ist es, den ÖPNV für Berufspend.ler attraktiver zu machen. Bislang orientieren sich die Busverkehre stark an den Schülern, weshalb in manchen Ortsteilen außerhalb der Schulferien und auch an Wochenenden nahezu keine Busverbindungen bestehen. Deshalb ist dort der Bus für Berufstätige keine wirkliche Alternative zum eigenen Auto. Auch die Fahrpläne sind häufig schwer verständlich, weil die Busse einer Linie zum Teil unterschiedliche Strecken abfahren. Im neuen Nahverkehrsplan sollen klare Linien- und durchgängige Taktverkehre dem

An den zentralen Verleihpunkten in Schönwald und Schonach stehen Mountainbikes und E-Bikes mit neuester Technologie zur Verfügung.
Nutzer den Einstieg in den ÖPNV erleichtern, da er sich nur die Abfahrtsminute für seine Halte.stelle merken muss.
Mit dem Fahrrad bis zum Bahnhof
Zum geänderten Mobilitätsverhalten der Bevölkerung gehört es auch, dass man nicht mehr zwingend vom Start- zum Zielort ausschließlich mit einem Verkehrsmittel reisen will. Mancher Nutzer möchte gerne mit dem Fahrrad bis zum Bahnhof oder der Bushaltestelle fahren und dann mit dem öffentlichen Verkehrsmittel weiterreisen. Umgekehrt können Touristen die Schiene zur Anreise in den Schwarzwald-Baar-Kreis nutzen, um sich hier ein Fahrrad, E-Bike oder auch einen Mietwagen für die Erkundung touristischer Ziele zu leihen. Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, sieht der Nahver.kehrsplan vor, sogenannte Mobilitätszentralen einzurichten, die in den größeren Städten die entsprechende Infrastruktur bereitstellen, beispielsweise zum Einschließen hochwertiger Fahrräder oder zum Ausleihen von E-Bikes als Anschlussmobilität.

klare Linien- und durchgängige Taktverkehre dem Nutzer den Einstieg in den ÖPNV erleichtern. Er muss sich nur die Abfahrtsminute für seine Haltestelle merken.

Entwicklung erfolgte in enger Abstimmung
Der Nahverkehrsplan wurde von der Landkreisverwaltung in enger Abstimmung mit den Verkehrsunternehmen und den Städten und Gemeinden des Schwarzwald-Baar-Kreises entwickelt. In fünf Teilräumen wurden Infor.mationsveranstaltungen durchgeführt, zu denen Stadt-, Gemeinde- und Ortschaftsräte sowie die interessierte Bevölkerung eingeladen waren und in denen rege Diskussionen über das jeweils geplante Verkehrsangebot und die Linienführungen stattfanden. Mit der Verabschiedung des Nahverkehrsplans durch den Kreistag begann sofort die Detailplanung der künftigen Fahrpläne in der Südbaar, um zur

Der Ringzug sorgt seit dem Jahr 2003 für eine hohe Qualität im Schienen-Personen-Nahverkehr. Ab Dezember 2019 soll die Breisgau-S-Bahn die Oberzentren Villingen-Schwenningen und Freiburg besser verbinden.
Fertigstellung der neuen Breisgau-S-Bahn im Dezember 2019 auch die darauf abgestimmten Busverbindungen umsetzen zu können. Danach werden sukzessive bis voraussichtlich 2024 die weiteren Teilräume des Schwarzwald-Baar-Krei.ses folgen.
Der Tourismus schafft im Landkreis
9.300 Vollarbeitsplätze
Von hoher Bedeutung ist im Schwarzwald-Baar-Kreis nach wie vor die Tourismuswirtschaft. Unser Landkreis bietet in dieser Hinsicht viele Gründe, die dafür sprechen unser Quellenland zu besuchen und bei uns den Urlaub zu verbrin.gen. Eine intakte Natur, familienfreundliche Angebote, attraktive Wanderwege und Rad.rundtouren, Gesundheits- und Wellnesseinrich.tungen zum Entspannen und im Winter alpines Skivergnügen, Langlaufloipen, Rodeln und Schneeschuhwandern.
Mit 1,6 Millionen Übernachtungen steht der Schwarzwald-Baar-Kreis auf Platz 4 von 16 Stadt- und Landkreisen im Schwarzwald und auf Platz 8 von 44 Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg. Beachtlich ist auch, dass der Tourismus im Schwarzwald-Baar-Kreis im Jahr 2015 für eine Nettowertschöpfung (Löhne, Einkommen, Gewinne) in Höhe von 205,6 Milli.onen Euro sorgte und rechnerisch 9.300 Vollar.beitsplätze schaffte.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist im Tourismus somit ein echtes Schwergewicht. Neben der Höhe der Umsätze oder der Zahl der Arbeitsplätze gehen hinsichtlich des Tourismus auch positive Ef.fekte für die Lebensqualität der Einwohner einher.
Genau dieser Effekt wird für uns im ländlichen Raum immer mehr zum Thema, wenn sich vor allem in kleineren Gemeinden die Frage stellt, wie die bestehende Infrastruktur wie zum Bei.spiel der Einzelhandel, Ärzte, Apotheken, Bäder und vieles mehr erhalten bleiben kann. Werden diese Einrichtungen touristisch genutzt, hat auch die heimische Bevölkerung einen Gewinn davon. Genauso verhält es sich mit dem touristischen Angebot bei der Freizeitgestaltung. Viele dieser Einrichtungen, wie Bäder oder Wanderwege und Kulturangebote werden auch durch unsere Bürgerinnen und Bürger, die im Schwarzwald.Baar-Kreis leben, gerne angenommen und

Mit den Schneeschuhen auf dem Oberfallengrund bei Gütenbach/Neukirch unterwegs. Das Schneeschuhwan.dern hat an Beliebtheit enorm zugenommen.
genutzt. Die Einrichtungen machen unseren Landkreis attraktiv, auch im Hinblick auf die Gewinnung und Bindung von Fachkräften.
Umso mehr gilt es, sich für die Zukunft zu wappnen und diesen wichtigen Wirtschaftsbe.reich weiter zu fördern. Unsere Aufgabe ist es, optimale Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung des Tourismus im Schwarzwald.Baar-Kreis zu bieten. In den vergangenen Jahren ist es uns gemeinsam mit unserem Projektpart.ner, dem Landkreis Rottweil, gelungen, im Rad-und WanderParadies Schwarzwald und Alb 30 Radrundtouren sowie über 30 Wanderrundtou.ren auszuweisen, von denen im Schwarzwald.Baar-Kreis die meisten als „Qualitätswege Wan.derbares Deutschland“ oder „Premiumwege“ zertifiziert sind. Die Premiumwege werden von der Schwarzwald Tourismus GmbH zusätzlich als „Schwarzwälder Genießerpfade“ erfolgreich vermarktet.
Die Schwarzwald Tourismus GmbH, bei der auch der Schwarzwald-Baar-Kreis seit 2009 als einer von insgesamt 16 Stadt- und Landkreisen im Schwarzwald Gesellschafter ist, spielt bei der Vermarktung dieses bedeutenden Wirtschafts-

Baar-Kreises ist es, optimale Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung des Tourismus zu bieten. Eine wichtige Rolle spielt die Schwarzwald Tourismus GmbH.

zweigs auch für die Kommunen im Quellenland eine bedeutende Rolle. So bringen sich die Städ.te und Gemeinden sowie Interessensgemein.schaften, wie das „Ferienland im Schwarzwald“ (Furtwangen, Schönwald, Schonach und St. Georgen) oder die „Quellregion Donau“ (Donau.eschingen, Bräunlingen und Hüfingen) in den verschiedenen touristischen Themenbereichen ein und nutzen die Broschüren der Schwarzwald Tourismus GmbH als Plattform zur weltweiten Bewerbung der eigenen Produkte unter der Dachmarke Schwarzwald.
Neben der Vermarktung über diese Platt.form ist es aber auch wichtig, regelmäßig abzu.klären, wie der aktuelle Stand im Tourismus auf

Die Premiumwanderwege im Schwarzwald-Baar-Kreis kann man sich teils auch mit der Sauschwänzlebahn erschließen, die hier das Viadukt bei Epfenhofen überquert.
Landkreisebene ist, um sich gegebenenfalls auf neue Ziele ausrichten zu können.
Deshalb wurde in einem straff organisierten und geführten Prozess, bei dem alle relevanten Akteure der Städte, Gemeinden und der verschiedenen Organisationen und Verbände in mehre.ren Workshops und Gesprächen eingebunden worden sind, eine Tourismuskonzeption erstellt. Diese soll Grundlage für die gemeinsame Aus.richtung des Tourismus im Schwarzwald-Baar-Kreis sein und den Beteiligten Entwicklungsziele und Handlungsempfehlungen aufzeigen. Zentra.les Ziel ist es, künftig die Bedeutung des Touris.mus für die Region zu steigern.
Insgesamt auf einem guten Niveau
Die mit der Ausarbeitung der Konzeption beauftragte ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH aus Köln kam zum Ergebnis, dass sich der Tourismus im Schwarzwald-Baar-Kreis insge.samt auf einem guten Niveau befindet, es aber in einigen Bereichen Handlungsbedarf gibt.
So verfügt der Schwarzwald-Baar-Kreis einerseits über eine hohe landschaftliche Attraktivität, teilweise sogar echte Bilderbuch.landschaften mit Quellen und Wasserfällen, be.eindruckenden Städten, wie etwa Villingen und Donaueschingen und touristischen Hotspots wie Triberg und Bad Dürrheim. Andererseits ist die touristische Infrastruktur mit ihren Bädern, Kurmitteleinrichtungen, Freizeit- und Sport.angeboten und vor allem die Beherbergung in manchen Kommunen in die Jahre gekommen. Dies ist das Ergebnis von Vor-Ort-Untersuchun.gen, Expertengesprächen, Gästebefragungen sowie Befragungen der Übernachtungsbetriebe und Gastronomie.

Die gemeinsam mit allen Beteiligten ausgearbeiteten Handlungsempfehlungen und Projektvorschläge sowie der erkennbare Wille aller Akteure den Tourismus im Schwarzwald.Baar-Kreis weiter voranzubringen, lassen die be.rechtigte Hoffnung zu, dass das gute Niveau im Bereich Tourismus nicht nur gehalten, sondern zum Vorteil aller Beteiligten verbessert und ausgebaut werden kann. Mit der Tourismuskon.zeption gehen wir als Impulsgeber mit einem Leitfaden an der Hand an die Aufgabe, konkrete Maßnahmen anzustoßen.
Sabine von Knobloch

„Diligite animalia“ – Achtet die Tiere!
Wer Sabine von Knobloch in Neuhausen besucht, wird schon vor der T mit den lateinischen Wtern „Diligite animalia“ begrt – Achtet die Tiere! Ihr Vater Dietrich von Knobloch hatte dieses Motto, das er seinen Kindern zeitlebens vorgelebt und vererbt hat, vor vielen Jahrzehnten in den Sockel einer Skulptur geschnitzt. Egal, wo sie ist – f einen Notfall lässt die leidenschaftliche Tierärztin alles stehen und liegen und vollbringt in ihrem Operationsraum so manches „Wunder“.
von Stephanie Wetzig
I
m Jahr 1954 wurde Sabine von Knobloch als jüngstes von fünf Kindern des Tierarzt-Ehe.paares Dietrich und Irmgard von Knobloch geboren. „Hier oben, im ersten Stock“, sagt sie, während sie im Schatten eines Rebstocks, der sich wie ein Schirm über die Terrasse breitet, einen doppelten Espresso trinkt. Von ihrem bequemen Gartenstuhl aus überblickt sie alles, was ihre Eltern aufgebaut haben – die Praxis, die über einen langen Zeitraum Tierklinik war, den Anbau, in dem ihr Vater sein Atelier hatte, und den Garten, in dem die Hunde herumtollen und die Katzen aufmerksam alles beobachten.
Neuanfang in Neuhausen
Ihre Eltern waren nach dem Zweiten Weltkrieg eher zufällig in den Schwarzwald gekommen. Auf die beiden Familiengüter in Ostpreußen mit Rinderherden, hunderten von Pferden, einer Schweinezucht, Hühnerfarmen, einer Molkerei, einer Mühle und einer Imkerei konnten sie nicht

Flucht viele Zurückweisungen erfahren. Daher habe ich großes Verständnis für die Menschen, die derzeit auf der Flucht sind.

zurück und auch nicht in die gut gehende Praxis, die sie gemeinsam in Tapiau, einer Stadt nahe des heutigen Kaliningrads, aufgebaut hatten. Irmgard von Knobloch war nach Stuttgart geflo.hen, wo eine Schwägerin wohnte, und wartete dort, bis ihr Mann 1947 aus russischer Kriegs.gefangenschaft zurückkam. „Es war schlimm“, sagt Sabine von Knobloch, die sich noch an die Schilderungen erinnert und die Zurückweisun.gen, die ihre Familie als Flüchtlinge erfahren musste. „Daher habe ich großes Verständnis für die Menschen, die derzeit auf der Flucht sind.“
Ihre Eltern übernahmen Vertretungen von Tierärzten im damaligen Landkreis Villingen und konnten ein Jahr später mit Unterstützung des
2. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

Ein neuer Patient ist eingetroffen – Sabine von Knobloch in ihrer Praxis in Neuhausen.
Villinger Veterinärs Dr. Dietz in Neuhausen eine Praxis eröffnen. Bis es einen speziellen Raum dafür gab, operieren sie in der Küche und leiste.ten dabei viel Pionierarbeit. „Damals behandel.ten Tierärzte vor allem Rinder, Schweine, Pferde und Schafe, die Behandlung von Kleintieren war noch nicht so verbreitet und es gab dazu auch wenig Fachliteratur.“ „Mein Vater war der erste Tierarzt in der Region, der Fremdkörper operier.te und damit so manchem Rind, das beim Fres.sen zum Beispiel ein Metallteil verschluckt hat, das Leben rettete.“
Zur damaligen Zeit waren die Tierärzte für bestimmte Orte zuständig und durften woanders nicht praktizieren. Um diese Regelung zu umgehen, brachten einige Landwirte, die außerhalb des Gebietes wohnten, ihre Tiere zu einem Landwirt in Neuhausen, damit Dietrich von Knobloch sie behandeln konnte. Zu dieser Zeit war der Tierarzt noch oft mit seiner Kutsche unterwegs. Bis es 1960 zu einem schweren Unfall kam, spannte er sein Island-Pferd Ossin oft vor die Kutsche, um so seine Patienten zu besuchen. Nach dem Unfall wurde Ossin nur noch von den Kindern geritten oder im Winter vor den Schlit.ten gespannt.

Unbeschwerte Kindheit und Jugend
Zusammen mit der Großmutter galt es eine achtköpfige Familie zu versorgen und obwohl beide Eltern von Sabine von Knobloch in der Praxis arbeiteten, musste eine weitere Einnahmequelle her. „Sie züchteten sehr erfolgreich Pudel mit dem Zwingernamen, vom Schwarzwaldteufel‘ “ erinnert sie sich, die in ihrer Kindheit mit den Hunden aufwuchs. Ausstellungen in München, Freiburg, Basel, Salzburg und Innsbruck boten der Familie Abwechslung im Alltag.
Wenn die Zuchthündinnen geworfen hat.ten, lebten zeitweise bis zu 19 Pudel im Haus, dazu Katzen, ein Schwein, das Island-Pferd

Haus, dazu Katzen, ein Schwein, das Island-Pferd Ossin, Esel Harras, Milch.schafe, Katzen, Tauben, Enten, Hüh.ner, Bienen, ein Papagei, eine Krähe, ein Fuchs und immer wieder gelähm.te Dackel.
Ossin, Esel Harras, Milchschafe, Katzen, Tauben, Enten, Hühner, Bienen, ein Papagei, eine Krähe, ein Fuchs und immer wieder gelähmte Dackel, deren Besitzer die Pflege ihres Hundes nicht leisten konnten oder wollten. „Es war eine chaotische und schöne Zeit“, blickt die 63-Jährige auf ihrer Kindheit zurück, „und dank meiner Groß.mutter war ich dennoch gut behütet.“
Eine Katze, die ein verwaistes Lamm wärmt
Zu ihren ersten Erinnerungen gehört das Bild einer Katze, die in einem Karton lag und ein zu früh geborenes, verwaistes Lamm wärmte. Bei der Taufe von Sabine von Knobloch wurde ein Schwein in die Küche gebracht, um operiert zu werden. Jeder wollte zuschauen, deshalb folgte die gesamte Festgesellschaft nach und als sie zurückkam, erwischte sie eine Katze dabei, wie sie genüsslich das Taufwasser trank – solche Familiengeschichten geraten einfach nie in Ver.gessenheit.
Die große Leidenschaft ihres Vaters neben den Tieren galt der Kunst. Er schnitzte hunderte Skulpturen, wenn er nicht gerade Tiere behan.delte. Sie waren in Ausstellungen zu sehen, hingen in Kirchen und Kliniken und wurden teilweise auch verkauft. „Es war Hobby und Zu.brot zugleich.“ Viele der Skulpturen finden sich auch heute noch in und an den verschiedenen Anbauten des verwinkelten Hauses.
Sabine von Knobloch durchlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Im Sommer ging sie in dem Freibad am Bodelschwinghweg baden, lernte in der Villinger Tanzschule, die regelmä-

Sabine von Knobloch vor ihrer Tierarztpraxis in Neuhausen mit Dackelmischling Strolch und Mischlingshündin Arwen. Auch Gänse, Katzen und andere Tiere leben hier. Zudem finden sich überall die Kunstwerke des Vaters.
ßig im Jungeninternat der Zinzendorfschulen gastierte, Walzer, Quickstep und Foxtrott. In den Naturwissenschaften war sie eine gute Schülerin, aber Sprachen lagen ihr nicht so sehr, vor allem Englisch gehörte nicht zu ihren Lieblingsfächern und sie wählte es so bald wie möglich ab.
Der Weg zur eigenen Kleintierpraxis
Trotzdem ging sie nach ihrem Abitur für ein Jahr als Au-Pair ausgerechnet nach England, bevor sie sich in Freiburg zur Veterinärmedizi.nisch-technischen Assistentin ausbilden ließ. Anschließend arbeitete sie in München in einem Labor der Tierklinik der Ludwig-Maximi.lians-Universität. „Dabei stellte ich sehr schnell fest, dass ich mich nicht gerne in hierarchische Gebilde einordne.“ Also musste ein anderer Beruf her. Sabine von Knobloch bewarb sich um einen Studienplatz für Veterinärmedizin und

ich verkaufe die Klinik“, lautete der Hilferuf der Schwester. Sabine von Knobloch kehrt von England zurück nach Neuhausen, um das Lebenswerk der Eltern zu bewahren.
wurde von der Zentralen Vergabestelle für Stu.dienplätze nach Berlin geschickt, von wo aus sie nach dem Physikum nach München wechselte, wo sie einen größeren Freundeskreis hatte. Sie promovierte über die Fruchtbarkeit von Rindern. „In den 1980er-Jahren war für Frauen der Doktortitel wichtig, um sich in dem damals männerdominierten Beruf behaupten zu kön.nen.“ Heute überwiegt der Frauenanteil bei den Tiermedizinern deutlich.
Als Tierärztin nach England
Abermals zog es Sabine von Knobloch nach England, wo sie in Birmingham bei einer Hilfs.organisation für Tiere eine Anstellung in der Tierklinik fand und dabei sehr viele praktische Erfahrungen sammeln konnte. Gerne denkt sie an die Zeit zurück und wäre auch gerne dort geblieben, denn sie konnte mit ihrer Arbeit viel bewirken – für Menschen und Tiere. Außerdem sind in England Tierärzte hoch angesehen. Sie haben eine wesentlich bessere Reputation als ihre Kollegen aus dem Human-Bereich. Doch ihre Schwester Ingrid, die mittlerweile die elterliche Tierklinik in Neuhausen übernommen hatte, wollte sich zur Ruhe setzen. Der Gesund.heitszustand ihres Mannes, eines Schramberger Tierarztes, verlieh diesem Wunsch eine gewisse Dringlichkeit, so dass sie ihre Schwester vor die Wahl stellte: „Entweder Du kommst zurück oder ich verkaufe die Klinik.“ Das Lebenswerk ihrer Eltern in fremde Hände zu geben, kam für Sabine von Knobloch nicht in Frage, daher zog sie wieder zurück in den Schwarzwald. Die Tierklinik konnte sie alleine nicht bewerkstelligen, denn mit diesem Status ist eine 24-Stunden-Erreichbarkeit verbunden, deshalb wandelte sie die Klinik in eine Kleintierpraxis um.

Liebe zur Musik und zu den Tieren
Damit ihre Englischkenntnisse nicht einrosten, besuchte sie einen internationalen Stammtisch von Thomson-Mitarbeitern, wo sie ihren jetzi.gen Mann, den Engländer Robert kennenlernte. Beide verbindet die Liebe zur Musik und zu den Tieren. Sie trommeln gemeinsam in einer Per.cussion-Gruppe und wenn die Zeit es zulässt, setzt sich Sabine von Knobloch auch gerne ans Klavier und spielt ihrem Mann klassische Musik vor. Die Küche ist sein Revier, ebenso wie die voll eingerichtete Werkstatt, während sie sich eher um den Garten kümmert.
Natürlich leben immer noch jede Menge Tiere mit ihnen. Die junge Mischlingshündin Arwen kommt aus dem spanischen Tierschutz, den Dackelmischling Strolch hat sie übernom.men, nachdem seine Besitzerin verstorben ist. Die Katzen Mira und Jasmin beäugen staunend, welche Kunststücke der rüstige Dackelsenior für ein paar Leckerchen vollbringt, im hinteren Teil des weitläufigen Grundstücks leben noch zwei Laufenten und drei Schafe.
In ihrem Beruf ist es schwierig, private Termine zu planen – zu häufig kommt etwas dazwischen. „Der Tag ist durchzogen von be.ruflichen Einsätzen und der Tagesablauf wird immer wieder unterbrochen“, aber so, wie sie es sagt, scheint es sie nicht besonders zu stören. Ihre Freizeit ist mittlerweile geregelter, die Not.fälle werden seltener, weil es inzwischen ein gut ausgebautes Netz an Vertretungen gibt. Trotz.dem kommt sie nur selten zur Ruhe. „Ich habe es einfach nicht gelernt zu entspannen“, sagt sie lachend.
Sabine von Knobloch ist – obwohl viel in ihrem Leben herumgekommen – tief verwurzelt in Neuhausen. „Ich bin sehr dankbar, dass es mir gut geht und dass ich einen Mann habe, der mich immer unterstützt“, freut sie sich. Und der nicht zuletzt ihr Lebensmotto teilt: Diligite animalia.
Miguel Quilamba

Als freier Bger glklich auf der Baar
Fragt man in Hingen nach Miguel Quilamba, so erhält man mit Sicherheit eine positive Antwort. Der freundliche und aufgeschlossene Afrikaner, der in den 1990er-Jahren auf der Baar eine neue Heimat fand, ist hier schon lange kein Unbekannter mehr. Ganz im Gegenteil: Er hat sich schnell eingelebt, hat Freunde und Bekannte gefunden, ist in verschiedenen Vereinen aktiv, hat seine Bilder in der Ausstellung des Hinger Kunstkreises ausgestellt und scheut sich nicht in der Gemeindepolitik Verantwortung zu ernehmen. Sein Interesse an der demokratischen Mitbestimmung des Volkes ist groß und er ist froh, dass er als freier Bger hier leben darf. In seiner kommunistisch regierten Heimat Angola hat er solche politischen Freiheiten nicht gehabt. Darin begrdet liegt auch seine Flucht nach Deutschland.
von Gabi Lendle
E
infach war der lange Weg von Luanda nach Hüfingen nicht. Als 24-Jähriger ist Miguel Quilamba aus politischen Grün.den aus dem kommunistisch regierten Angola auf guten Rat und mit Hilfe von Freunden nach Deutschland geflohen. Nach der Schule absolvierte er als 17-Jähriger unfreiwillig eine militä.rische Ausbildung und wurde danach im Staats.sicherheitsdienst eingesetzt. Auf Grund dieser Tätigkeit war es ihm möglich, verschiedene Länder wie Ungarn, Frankreich, Kuba, Chile und Peru kennenzulernen. Diese Reisen faszinierten den jungen Mann und er konnte viele nützliche Erfahrungen sammeln.

Staatsdiener immer enger und er sah sich häufig gefährlichen Situati.onen ausgeliefert. So verließ er seine Heimat.

In Angola wurde die Luft um ihn als Staats.diener immer enger und er sah sich häufig gefährlichen Situationen ausgeliefert. Er fasste den Entschluss, seine Heimat und seine Familie zu verlassen. Seinen Herzenswunsch, einmal Ozeanographie zu studieren, musste er aufge.ben. Er reiste als politisch Verfolgter mit dem

Flugzeug nach Deutschland und erhielt fürs Erste eine Adresse in Bonn. Als er dort ankam, kannte er niemanden und konnte kein Wort Deutsch. Er beantragte Asyl, aber das langwieri.ge Verfahren zog sich hin. Vier Monate blieb er in Bonn, doch Miguel Quilamba wollte lieber in einer kleineren Stadt irgendwo auf dem Land le.ben. Während seines laufenden Asylverfahrens wechselte er zuerst nach Freiburg und später nach Donaueschingen.
Die Baar sofort als Heimat empfunden
Auf der Baar gefiel es dem jungen Afrikaner sofort. Hier konnte er seinen geliebten Laufsport in der freien Natur problemlos ausüben und bequem von der Haustür aus losrennen. Mit der Zeit hat er sein anfängliches Heimweh und die Angst vor Verfolgung ablegen können und war

das große Bedürfnis nicht von anderen abhängig zu sein. Deshalb nahm ich eine Arbeit als Dachdecker an.

durch sein positives Denken und Handeln relativ schnell in der Lage hier Wurzeln zu schlagen. Bereits in Freiburg hatte er eine junge Frau kennengelernt, der er nun zufällig in Donaueschin.gen auf einem Fest wieder begegnete. Der Pfeil des Amors traf beide, sie verliebten sich und heirateten später.
Die vorerst kleine Familie lebte in Hüfingen und erhielt bald Zuwachs durch einen Sohn und zwei Töchter. Seine Kinder sind ihm seither sehr ans Herz gewachsen. „Ich wollte immer arbeiten und hatte das große Bedürfnis nicht von anderen abhängig zu sein. Deshalb nahm ich eine Arbeit als Dachdecker an“, erinnert sich Quilamba an sein erstes selbst verdientes Geld. Doch als sich Nachwuchs einstellte und Sohn Elias geboren wurde, übernahm er die Tätigkeit des Hausmannes und erziehenden Vaters, wäh.rend Ehefrau Myriam ihrem Beruf als Erzieherin in einer Kindertagesstätte nachging.
Nun erfüllte sich der junge Familienvater seinen Wunsch eine deutsche Schule zu besu.chen. Er meldete sich an der Abendrealschule an und absolvierte seinen Abschluss bereits nach einem Jahr statt der normalen Dauer von zwei Jahren. Eine private Lehrerin, die sich schon damals für Asylbewerber engagierte, half ihm Deutsch zu lernen, den Rest eignete er sich in der Schule an. Noch heute ist er ihr dankbar für die intensive Hilfe, die ihm vor allem in der mündlichen Prüfung zu Gute kam.
Berufliches und soziales Engagement
Miguel Quilamba weiß, was er will und verfolgt seine Ziele mit großem Engagement, dabei denkt er stets positiv. 1995 begann er eine kaufmännische Ausbildung und verschickte an.

Mit großer Freude singt Miguel Quilamba im Hüfinger Vokalkreis „Singing Voices“.
schließend rund 50 Bewerbungen. „Keiner woll.te mich trotz des guten Abschlusses haben. Das war für mich ein großer Schock und ich war sehr frustriert. Sobald ich mich bei den Firmen per.sönlich vorstellte und die Verantwortlichen mei.ne schwarze Hautfarbe sahen, wurde ich trotz meiner guten Zeugnisse immer enttäuscht“, erzählt er. „Für meine Kinder wollte ich aber ein Vorbild sein und nicht ohne Arbeit zu Hause bleiben. Mir ist es stets wichtig, dass ich mein Leben im Griff habe und so sah ich als letzte Chance den Beruf des Malers, den ich durch die Empfehlung und Unterstützung eines Freundes ergreifen konnte und den ich bis heute noch ausübe“. Inzwischen hat er an vielen Fortbildun.gen teilgenommen und kann in seiner Arbeit auch etliche kreative Ideen umsetzen.
Seine sportlichen Erfahrungen hat der ak.tive Läufer an die Jugend weitergegeben. Im Leichtathletikverein Donaueschingen hat er als Trainer den Nachwuchs im Alter von 11 bis 24 Jahren fit gemacht. Er selbst hat aktiv mit Spitzensportlern trainiert und an verschiedenen Wettkämpfen und Läufen in den Disziplinen Lang- und Mittelstrecke sowie im Sprint teilge.nommen. Darüber hinaus startete er auch beim Marathon. In Hüfingen und anderswo hat er durch seine offene Art schnell Freunde gefun.den, denn Kontakte zu knüpfen fällt ihm nicht schwer.

Die Erinnerung an die Herkunft bewahren
„Mit meinem deutschen Pass besuchte ich nach drei Jahren zum ersten Mal wieder meine Familie in Angola. Zu meinem Vater und auch den anderen Familienmitgliedern habe ich eine enge Verbindung und besuche sie in regelmäßigen Abständen. Meine Kinder, die mir sehr viel bedeuten, begleiteten mich schon fünfmal auf Reisen in meine afrikanische Heimat“, erzählt er stolz. In über zwei Jahrzehnten ist aber Hüfingen immer mehr zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. „Die Menschen hier sind nett und freundlich zu mir und geben mir das Gefühl der Heimat“, sagt er, was aber sicherlich mit seiner eigenen zuvorkommenden und offenen Persönlichkeit zu tun hat. Vielseitigkeit zählt ebenfalls zu den Stärken von Miguel Quilamba, der für seine Kinder seit 2014 an einem Buch über sein Leben schreibt. „Damit möchte ich meine afrikanische Herkunft sowie die große und in der ganzen Welt verzweigten Familie Quilamba meinen Kindern näherbringen und vertraut machen“, beschreibt er dieses Anliegen.
Beim Singen vergisst man alle Sorgen
In seiner Freizeit beschäftigt sich Miguel Qui.lamba allerdings noch mit vielen anderen Dingen. „Die Musik spielt in der afrikanischen Kultur eine große Rolle, und ich singe für mein Leben gern, weil man dann alle Sorgen ver.gisst. Gesang ist der Ausdruck von Freude und Leid. Schon als Kind habe ich mit meiner Oma viel gesungen, sie ist 105 Jahre alt geworden“, schmunzelt er und meint wohl damit, dass Sin.gen auch der Gesunderhaltung dient. Es dauer.te nicht lange, bis er bei einem Freund in einer Musikband mitwirkte. Später entschloss er sich ganz spontan den Hüfinger Vokalkreis „Singing

Kultur eine große Rolle, und ich singe für mein Leben gern, weil man dann alle Sorgen vergisst. Gesang ist der Ausdruck von Freude und Leid.

Voices“ mit seiner ausdrucksvollen Stimme zu unterstützen. Hier tritt er hin und wieder bei Konzerten als Solist hervor. „Mit dem Chor erlebe ich die ganze Bandbreite des Gesangs, angefangen von Klassik bis zu Rock und Pop. Es macht Spaß in der Gemeinschaft zu singen und tut mir einfach gut“, bestätigt er den bereits vor vielen Jahren gefassten Entschluss dem Chor beizutreten. Die Hüfinger Sänger freuten sich natürlich über diesen positiven Zugewinn, der auch der Gemeinschaft sehr gut tut.

Miguel Quilamba daheim in Afrika, zusammen mit Mutter Julietta, Vater Antonio sowie den Brüdern José und Francisco (von links) zu sehen.
Malen als Passion
Dass er sich im Eiltempo zu einem echten Hüfinger entwickelt hat, liegt auch an seinem kreativen Zeichnen und Malen. Das Vertrauen der Hüfinger Narren hat er gewonnen, als er damit anfing ein „Hansel-Häs“ zu bemalen. Der Zunftmeister hatte ihn zuvor gefragt, ob er sich vorstellen könne, solch ein Kunstwerk anzufertigen. Diese einmalige und wichtigste Narrenfigur der örtlichen Fasnet bedeutet den Bürgern sehr viel, und wer solch ein Häs mit Motiven der heimischen Flora, Fauna und mit Tieren bemalen kann, hat den Respekt und die Anerkennung der Hüfinger verdient. Insgesamt vier Hansel-Häser hat Miguel Quilamba inzwischen mit unterschiedlichen bunten Motiven und Porträts verziert.
Doch am liebsten malt er ganz für sich und hat sich im eigenen Haus in Hüfingen ein Mal- und Schreibzimmer eingerichtet. Hauptsächlich nachts bringt er seine unzähligen spontanen Ideen mit Pinsel, Farbe und Stift zum Ausdruck und ist auch mit wenig Schlaf morgens wieder fit für seinen Job. Seine Stärke sind Porträts und Landschaften mit versteckten Botschaften. Als Werkzeug dient ihm am liebsten ein Bleistift, aber er experimentiert auch gerne mit Öl und Acryl, mit Sand, Pigmenten und Farben.
Als die Menschen um in herum merkten, dass er so gut malen kann, erfüllte er den einen oder anderen Auftrag von privaten Interessenten. Ihnen gefiel besonders der afrikanische Akzent, der in seinen Gemälden zum Ausdruck kommt. Zweimal hat er im Hüfinger Kunstkreis als Gast seine Arbeiten in der jährlich stattfindenden Werkschau ausgestellt und mit seiner Ausdrucksweise der afrikanischen Kultur für Aufmerksamkeit gesorgt. Heute malt er am liebsten für sich selbst und für seine Seele. Die Ergebnisse seiner künstlerischen Arbeit verschenkt er dann gerne an Freunde und Bekannte.
Auf Anhieb in den Gemeinderat gewählt
Doch das ist noch nicht alles, was Miguel Quilamba in seiner Gemeinde tut, mit der er sich inzwischen fest identifiziert und in der er weiterhin leben will. Sein Interesse an der Poli.tik war stets groß, dennoch wollte er aufgrund seiner Tätigkeit in Angola nicht mehr politisch aktiv werden. Mit großer Aufmerksamkeit ver.folgte er die Nachrichten aus aller Welt, aber vor allem aus Deutschland mit seiner demokra.tischen Staatsform. Seine Interessen blieben bei den Sozialdemokraten in Hüfingen nicht unentdeckt. Deshalb wurde er gefragt, ob er nicht Lust hätte, in der Kommunalpolitik mitzu.wirken. Quilamba ließ sich 2014 als SPD-Kandi.dat aufstellen. „Ich glaube nicht daran, dass die Menschen mich hier wählen“, dachte er. Doch er schaffte auf Anhieb den Sprung in den Gemein.derat. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet, aber die Arbeit in diesem Gremium macht mir viel Spaß, da hier Menschen gemeinsam etwas in die Wege leiten, durchführen und gestalten.“

Quilamba ist in Hüfingen eingebunden, vernetzt und ein beliebter Bürger, Kollege und Freund. „Ich habe mich von Anfang an um mei.ne Integration bemüht und möchte den vielen anderen Geflüchteten die Erfahrung mitgeben, dass Schritte zur Eingliederung in eine Gesell.schaft zum größten Teil von einem selbst aus.gehen müssen“, unterstreicht er.

Oliver Vlcek

Dem Leben eine Linie geben
Seit 17 Jahren widmet der Schwenninger Oliver Vlcek sein Leben als Trainer, Vorsitzender oder Präsident dem Boxen. Doch sein oberstes Ziel geht er den reinen Sport hinaus: Nicht nur mit dem aktuellen Integrationsprojekt „Fight for your life“ mhte er Boxern helfen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
von Mareike Kratt
W
enn Oliver Vlcek beim täglichen Nachwuchstraining des Vereins Boxing VS neben seinen Schülern steht, dann beobachtet er nicht nur ihre Kör.perhaltung und ihre Schlagtechnik. Er schaut ihnen auch tiefer ins Gesicht, das für den Trainer manchmal Bände spricht über das Leben derje.nigen Person, die sich dahinter verbirgt. „Trainie.ren ist das eine. Das andere, was ich schon früh gemerkt habe: Viele Jungs haben Probleme“, erklärt er. Jugendliche aus schwierigem Eltern.haus, mit einer kriminellen Vergangenheit oder Flüchtlinge, die Anschluss in der Gesellschaft suchen, finden im Boxtraining nicht nur ein Ven.til, um ihre Sorgen zu vergessen. Sie finden in Vlcek auch jemanden, der ihnen zuhört und sich ihrer Probleme annimmt.
Anfänge der Boxkarriere
Doch warum kann sich gerade der 39-jährige Schwenninger so gut in ihre Situation hinein.versetzen? Anderssein: Dieses Motto hat Vlcek,

mit Ausgrenzung und Rassismus gemacht.

dessen kroatische Mutter mit der Gastarbeiter.welle und dessen tschechischer Vater mit der Flüchtlingswelle aus dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen, wohl sein ganzes Leben lang begleitet. „Als Kind habe ich viele Er.fahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus ge.macht“, erklärt er. „Das hat mich nicht belastet, aber wütend gemacht.“ Wut, die sich entladen musste – beim Verein Boxring 1952 Schwennin.gen. Dort sei er mit vielen anderen Migranten zusammen gewesen, dort habe er aber auch ein hohes Gewaltpotenzial erlebt. „Es tat einfach gut im Ring zu stehen“, versucht Vlcek das Ge.fühl zu beschreiben. Bis zu seinem 18. Lebens.jahr habe er viel trainiert, sei aber gleichzeitig mit „falschen Leuten“ in Kontakt gewesen.

Mit großer Konzentration beobachtet Trainer Oliver Vlcek seine Schützlinge während des Trainings in der Villinger Steppachturnhalle.
Zum Bruch mit dem alten Freundeskreis kam es durch Vlceks Ausbildung zum Zollbeam.ten in Freiburg. „In diesen zwei Jahren habe ich mich verändert“, sagt der Schwenninger, der an.schließend mehrere Jahre in Singen als Beamter gearbeitet hatte. Erweitertes Boxtraining in Sin.gen, Basel oder Freiburg hatte ihn zudem zum ersten Mal mit dem Leistungssport in Berüh.rung gebracht. Und auch wenn der Boxer keine eigene Wettkampferfahrung sammeln konnte, kam er 2001 nach Schwenningen zurück und wurde Cheftrainer des Boxrings. Sein Ziel, das er mit eisernem Willen durchsetzen wollte: den Verein vergrößern, Wettkämpfe ausrichten und einen deutschen Meister herausbringen. Paral.lel dazu wurde der Landesboxverband auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn ehrenamtlich für den Olympiastützpunkt in Heidelberg als Ju.gendwart sowie als Landestrainer für den Nach.wuchs. 2009 wurde Vlcek sogar hauptamtlicher Landestrainer.
Doch im Stich lassen wollte der Schwennin.ger seinen Heimatverein nicht, im Gegenteil: Er war maßgeblich daran beteiligt, dass im Jahr 2008 der Schwenninger Boxring – dem würt.tembergischen Boxverband zugehörig – und der Boxclub Villingen – dem badischen Boxverband

Oliver Vlcek bei der Betreuung eines seiner Schütz.linge im Boxring. Vom großen Erfahrungsschatz des Trainers profitieren die Nachwuchs-Boxer enorm.
zugehörig – zum Verein Boxing VS, der heute noch besteht, fusionierten. „Der Villinger Trainer Witali Tarassow und ich haben uns perfekt er.gänzt“, erinnert sich Vlcek, der sich als typischen „Doppelstädter“ sieht. 2009 folgte eine berufs.begleitende Trainerausbildung an der Kölner Trainerakademie.
Die sportlichen Erfolge und sein unermüd.liches Trainerengagement gaben Vlcek recht: 2012 klopfte der Deutsche Boxverband an und bat ihn um ein Engagement als Bundesstütz.punktleiter. „Ich habe lange überlegt und zuge.sagt. Aber es war ein Fehler. Die Arbeit einfach zuviel und mit Profis und Kindern zu gegensätz.lich“, sagt der Trainer rückblickend. Ende 2014 gab Vlcek den Vereinsvorsitz und die Landes.trainertätigkeit ab und widmete sich nicht nur dem Bundesstützpunkt, sondern wurde auch U15-Bundesnachwuchstrainer.
Olympia 2016: „Ich will fair gewinnen“
Das neue Ziel: Olympia 2016 in Rio de Janeiro, wofür sich vier deutsche Athleten vom Stützpunkt qualifizieren konnten. Doch aus einem Traum wurde – zumindest für Vlcek – ein Albtraum: Nicht, weil der Wettbewerb für die deutschen Boxer bereits in ihrem ersten Kampf zu Ende war. „Ich will fair gewinnen oder verlieren. Und das war bei Olympia eben nicht so“, erklärt der Trainer. „Wir sind rausgepunktet worden.“ Auch wenn das Miteinander der vielen unterschiedlichen Athleten eine tolle Erfahrung und ein beeindruckendes Sportfest gewesen sei, zeigt sich Vlcek zudem von den Bedingungen vor Ort enttäuscht: „Vieles ist einfach nicht so, wie es im Fernsehen rüberkommt, zum Beispiel die Unterbringung der Sportler.“
Mit in diese Erfahrung mag ebenso die Er.kenntnis spielen, die sich bei ihm bereits seit einiger Zeit angekündigt hatte: „Leistungssport ist nur eine Komponente, die sehr eingeschränkt wirkt. Für mich ist der Athlet keine Nummer, sondern ein Mensch. Und das geht über den rei.nen Sport hinaus.“
Integrationsprojekt „Fight for your life“
Nicht zuletzt deswegen hatte Vlcek bereits im Jahr 2014 über den Heimatverein Boxing VS und mithilfe des Landessportverbands das Integrationsprojekt „Fight for your life“ ins Leben gerufen, das Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund von der Straße in den Ring holen soll. 2017 erlebt es mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung des Boxverbands Baden-Württemberg, des Schwarzwald-Baar-Kreises sowie der Pro.Kids-Stiftung aus Villingen-Schwenningen eine Neuauflage. „Jeder Verein betreibt mittlerweile Integration, hat aber nicht die geeigneten Strukturen und Mittel.“ „Fight for your life“ sieht sich indes als niederschwelliges Angebot, um Kinder, deren gemeinsame Schnittstelle das Boxen ist, aus ihrer Problemlage zu holen und ihnen neue Perspektiven zu ermöglichen. Anlaufstellen, an die Vlcek und zwei weitere ausgebildete Trainer weitervermitteln, sind mitunter Jugendamt, Jobcenter, Ausbildungsbetriebe oder Schulen. Beim Training, das sechsmal pro Woche in der Villinger Steppachturnhalle sowie an der Schwenninger Friedensschule stattfindet, wird gekämpft, geschwitzt – und geredet. Hier sind zwei Brüder mit krimineller Vergangenheit

Olympia 2016 in Rio de Janeiro: eine Erfahrung, die Oliver Vlcek (links) nicht missen will. Rechts ein Teamkollege.

Für das Integrationsprojekt „Fight for your life“ findet Oliver Vlcek (Mitte links) mit MdB Thorsten Frei (CDU) (Mitte rechts) und Landrat Sven Hinterseh (links) wichtige Unterstützer. Zahlreiche Jugendliche profitieren nicht nur vom Boxtraining, sondern auch von der sozialen Hilfestellung, die ihnen gegeben wird.
anzutreffen, für die Vlcek Kontakt mit der Jugendgerichtshilfe aufgenommen hat. Da ist ein Syrer, für den der Trainer kurzerhand einen Ausbildungsvertrag bei einem Schwenninger Betrieb organisieren konnte. Oder ein 17-Jähriger mit ADHS, mit dessen Klassenlehrer Vlcek in regelmäßigem Kontakt steht. „Das Projekt ist mir eine Herzensangelegenheit“, fasst der 39-Jährige zusammen. Für sein soziales Engagement erhält er bereits Ende 2016 den Paul-Harris-Preis des Rotary Clubs Villingen-Schwenningen.
Den Black Forest Cup initiiert
Die Arbeit an der Basis, im Schwarzwald-Baar-Kreis, hat für Vlcek in den vergangenen Jahren eine immer größer werdende Bedeutung angenommen. So ist im Jahr 2014 auf seine Initiative der Black Forest Cup entstanden. Einmal im Jahr messen sich in der Schwenninger Deutenberghalle Nachwuchsboxer aus ganz Europa. „Damit können wir den Gästen unsere Region zeigen. Der Cup ist zum neuen Aushängeschild geworden.“ Mittlerweile sei es auch gelungen, die Veranstaltung über die europäischen Grenzen hinaus bekannt zu machen. An vier Tagen entwickle sich der Cup zu einem wahren Sportfest für die Teilnehmer. Im letzten Jahr hätten von 350 Boxern 300 in der Halle geschlafen. „Es ist ein wahnsinniges Miteinander.“

Schwenninger Deutenberghalle Nachwuchsboxer aus ganz Europa.

An einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben steht Oliver Vlcek im Jahr 2017: Die Leitung im Bundesstützpunkt ist mittlerwei.le abgegeben, auch als Bundesnachwuchstrai.ner zieht er sich zurück und will sich nur noch beim Landesverband als Sportdirektor engagie.ren. „In den vergangenen 17 Jahren war ich ei.gentlich nur unterwegs, manchmal drei Monate am Stück. Das soll nun anders werden“, meint der zweifache Vater selbstkritisch im Hinblick auf seine Familie. Momente wie diesen, wenn er mit seiner anderthalbjährigen Tochter Lea Alek.sa und seinem fünfjährigen Sohn Lennox Lewis durch den Garten seines Schwenninger Hauses tollt, gab es für Oliver Vlcek in der Vergangen.heit nicht oft. Alles habe durchgeplant werden müssen. Unterstützung, auch in schwierigen Zeiten, konnte Vlcek von seiner Ehefrau Marina Hermann, die seit 2005 Geschäftsführerin des Landesboxverbands ist, erfahren. „Sie war immer eine Art Konstante im Hintergrund“, erklärt er.
Der Schwarzwald – die Heimat
Trotz aller Verpflichtungen ist Vlcek seinen Wurzeln stets treu geblieben. Heimat, das bedeutet für ihn Familie, das ist aber auch der Schwarzwald.Baar-Kreis. Denn gegen die Auflage des Verbands, zu Zeiten des Bundesstützpunktleiters nach Heidelberg zu ziehen, habe er sich ganz bewusst entschieden: „Dafür bin ich hier viel zu sehr verwurzelt. Ich fühle mich einfach wohl, die Region ist nicht so überladen wie eine Großstadt.“ Mittlerweile genieße er es, zusammen mit seiner Familie ganz spontan in den Schwarzwald fahren zu können. „Ich mag das Klima. Ich bin ein richtiger Schwarzwälder“, meint der 39-Jährige und schmunzelt.
Dann fällt sein Blick auf den „Akkredi.tierungs-Baum“, der an einer Tür in seinem Kellerbüro hängt und die unzähligen Wett-kampf-Teilnahmen zeigt. „Zu jeder Akkreditie.rung gibt es eine Geschichte zu erzählen.“ Er kramt das Olympia-Ticket hervor. Vielleicht habe

Ich mag das Klima im Schwarzwald-Baar-Kreis. Ich bin ein richtiger Schwarzwälder, fühle mich hier einfach wohl.

die Erfahrung aus Rio auch seine Entscheidung,
sich sportlich auf seine Heimat zu konzentrie.
ren, beeinflusst, mutmaßt Vlcek. „Ich wäre auf
jeden Fall nicht der, der ich heute bin. Daher war es gut, dass ich dort war.“ Er betont, dass er gewiss keinen „Groll“ auf Olympia habe. So würde er auch keinem Sportler davon abraten, sich selber ein Bild von diesem Wettbewerb zu machen. „Vielleicht braucht es auch einfach ein, zwei Jah.re, bis ich das Ganze positiver sehe“, meint er.
Vorbild für die Jugend
Einen positiven Effekt gibt es auf jeden Fall jetzt
schon: die Wirkung, die er als ehemaliger Olympia-Trainer auf die
Jugendlichen beim Projekt „Fight for your life“ ausübt: „Kinder brauchen Vorbilder,
und ich merke, dass ich für sie ein Vorbild bin.“ Und auch wenn sich der 39-Jährige, der sich be.
scheiden, ja fast scheu gibt, erst noch an diese Funktion gewöhnen muss, kann er damit sein oberstes und ganz persönliches Boxziel noch schneller vermitteln: „dem Leben eine Linie geben.“

„Zu jeder Akkreditierung gibt es eine Geschichte zu erzählen“, sagt Oliver Vlcek. Der „Akkreditie.rungs-Baum“ hängt an einer Tür in seinem Büro und lässt erahnen, wie die Boxwettbewerbe sein Leben dominiert haben.
Katrin und Peter Sutermeister

Die „Kragestube“
Klack-klack-klack-klack. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich der weiße Stoff durch den Metallrahmen. Klack-klack-klack-klack. Eine Falte nach der anderen entsteht, gleichmäßig, wie mit dem Lineal gezogen.
von Nathalie Göbel
A
us gut elf Metern fest gestärktem Baum.wollstoff entsteht ein stattlicher Narro.kragen… Aus 9,5 Metern ein Jugendkra.gen, aus 5,5 Metern ein Kragen der Triberger Teufel. Immer begleitet vom Geklacker der Plissiermaschine.
„Da braucht man schon einen Gehörschutz“, sagt Peter Sutermeister. Zusammen mit seiner Frau Katrin hat er die aufwändige Arbeit des Kragenmachens vor einem Jahr von seinen Eltern Gerlinde und Hans übernommen.

Am 11.11., wenn in den karnevalistisch orientierten Narrenvereinen die Saison beginnt, öffnet auch die „Kragestube“ ihre Türen. Ab dann herrscht im Hause Sutermeister Ausnah.mezustand. Und dieser steigert sich noch, wenn am Dreikönigstag die schwäbisch-alemannische Fasnet eröffnet wird.

Der neun Jahre alte Jan kann schon fast einen Narro.kragen in Jugendgröße tragen. Großmutter Gerlinde Sutermeister hat die praktische Messlatte geschaffen.
Spätestens dann kommen sie alle in die Kra.gestube – die Villinger Narros, die Glonkis, die Latscharis aus Kirchen-Hausen, die Brigachblätz.le und Schindelhansel. Und sie alle wünschen sich für die nächste Saison einen frisch aufberei.teten Kragen, um „Uff d’ Gass“ zu gehen.
In der Kragestube stehen dann Plissier-, Le.ge- und Nähmaschine nicht mehr still. Oder wie Jan, der älteste Sohn von Katrin und Peter Suter.meister, sagt: „Das ist ein Großfamilienjob.“ Der Neunjährige hilft oft mit und trennt die Kragen auf, die zum Waschen gebracht werden.
Zeitersparnis durch Tüftlergeist
Gut 30 Jahre ist es her, dass seine Großeltern Hans und Gerlinde Sutermeister die Kragestube eröffneten. Dass die aufwändige Kragenmacherei zumindest etwas weniger zeitintensiv von der Hand geht, ist dem Tüftlergeist Hans Sutermeisters zu verdanken.

Ganz unspektakulär zusammengerollt kommt der Kragenstoff daher: Es handelt sich um weiße Baum.wolle, mehrere Meter lang.
Der gelernte Elektromechaniker, früher bei Mannesmann-Kienzle tätig, hat sowohl die Plissier- als auch die Legemaschine konstruiert und die Teile an seiner eigenen kleinen Drehbank gefertigt. Auch eine Nähmaschine hat er so modifiziert, dass sie lediglich große, einzelne Stiche macht – perfekt, um die fertig gelegten Kragen zu fixieren. „Er hat in diesen 30 Jahren an seinen Maschinen praktisch jedes Jahr etwas verbessert“, weiß Katrin Sutermeister. So etwa einen Zählmechanismus eingebaut, der hilft, bei der Zahl der gelegten Bündel den Überblick zu behalten. Katrin Sutermeister, gelernte Physiotherapeutin und Mutter von drei Kindern, hat vor der Übernahme der Kragestube bei ihrem Schwiegervater hospitiert. „Viele denken ja, die Kragen kommen fertig aus der Plissiermaschine“, sagt die 35-Jährige und lacht. Von wegen: Bis aus einem unscheinbaren, mit viel Stärke versehenen Baumwollstoff ein schmucker Kragen entstanden ist, braucht es

„Einmal auftrennen und waschen, bitte“: Hier liegen schon einige Kragen bereit, die für die kommende Fasnet in Form gebracht werden müssen.
seine Zeit, auch wenn die Maschinen Marke Eigenbau wertvolle Dienste leisten.
„Sie sind einfach aufgebaut, aber laufen bis heute“, sagt Peter Sutermeister. Und wenn et.was mal nicht so rund läuft, bringt der Maschi.nenbauingenieur die besten Voraussetzungen

hat in 30 Jahren an seinen Maschinen praktisch jedes Jahr etwas verbessert. Hat sie auch selbst konstruiert und gebaut.
mit, um das Problem zu beheben. Für die in die Jahre gekommene Nähmaschine gibt es keine Ersatzteile mehr. Einen neuen Motor hat er den.noch organisieren können – allerdings musste dieser auch selbst programmiert werden.

Auch die Legemaschine hat Hans Sutermeister vor rund 30 Jahren selbst entwickelt und gebaut, hier wird der Stoff erst gefaltet anschließend abgeteilt.
Mit der Fasnet groß geworden
Dass das Herz der Sutermeisters für die Fasnet schlägt, verwundert wenig. Katrin Sutermeister

ist in der Hexenzunft groß geworden und war später in der Narrozunft aktiv, Peter Sutermeis.ter war „praktisch schon immer irgendwie när.risch“. Mit einem Vater, der in der Guggenmusik „Alte Kanne“ spielte und bei den Glonkis enga.giert war. Seit mittlerweile 30 Jahren gehört der 39-Jährige zur Wuescht-Gruppe, jenen mit Stroh fest ausgestopften Figuren im ramponierten Narro-Häs, über die es im Villinger Schunkellied heißt: „Am Schluss no kummet die Schönste.“ Ist das Wuescht-Häs nicht furchtbar unbequem? Peter Sutermeister lacht. „Es ist schon befrei.end, wenn man dann ohne Stroh nach Hause kommt. Aber dafür friert man nie.“
Viele Arbeitsschritte bis zum fertigen Kragen
Apropos frieren: Auch dem Kragenstoff wird eingeheizt, bevor er akkurat aufgefaltet die Narrenfiguren ziert. Wenn alle Nähte aufgetrennt wurden, werden die Stoffbahnen zunächst bei 90 Grad gewaschen. Manche Kunden waschen selbst, andere lassen ihren Kragen schon zum Waschen in der Kragestube. 30 Euro kostet das Kragen richten, mit Waschen fünf Euro mehr, das Auftrennen kostet zwei Euro.
Nach dem Trocknen – nur an der Luft, in den Wäschetrockner darf der Stoff nicht – werden die Kragen in der Wäscherei Grießhaber ge.stärkt und gemangelt. „20 Kilo Stoff müssen wir für einen Durchgang beisammen haben“, sagt Katrin Sutermeister.
Sonst lässt sich das korrekte Mischverhält.nis der Stärke nicht herstellen – und es braucht eine Menge Stärke, damit die Kragen auch gut halten. Schließlich müssen sie das ein oder an.dere Schneegeriesel ebenso überstehen wie Ge-
Oben: So lang ist ein Narrokragen: Jan, Peter und Kat.rin Sutermeister mit gut elf Meter Baumwollstoff. Mitte links: Katrin Sutermeister hat an der Plissierma.schine Platz genommen, wo sich viele Meter Baum.wollstoff in wenige Meter Kragen verwandeln. Mitte rechts: Die Nähmaschine macht nur einzelne, große Stiche – so wird der Kragen perfekt fixiert. Unten: So sehen die gelegten Bündel aus.

20 Kilo Stoff müssen wir für einen Durchgang beisammen haben.
dränge in den Stüble. „Die meisten Narros haben zwei Kragen“, weiß Katrin Sutermeister. Gleichwohl gibt es auch Narren, die weitaus mehr Exemplare ihr Eigen nennen, andere besit.zen nur einen, weil sie nur bei gutem Wetter ins Häs gehen. Eine nasse Fasnet, wie 2017, dämpft nicht nur das Vergnügen, sondern verursacht auch ganz konkrete Probleme: Die Kragen be.ginnen im schlimmsten Fall zu schimmeln, ist Stärke doch ein Naturprodukt.
Häufig überdauern die Kragen aber Jahr.zehnte – und werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Oft ist es die Groß.mutter, die mit einer großen Tüte voller Stoff bei den Sutermeisters steht und später die fertigen Schmuckstücke an die Familienmitglieder ver.teilt.
Gestärkt und aufgerollt kommen die na.mentlich gekennzeichneten Stoffbahnen aus der Wäscherei zurück in den Erikaweg. Dann beginnt die eigentliche Arbeit – und der „Groß.familienjob“ kann beginnen. „Dann sind alle eingespannt“, erzählt Katrin Sutermeister, die sich unterm Jahr um die Verwaltung im Kosme.tikstüble ihrer Mutter kümmert und nebenbei außerdem ein Fernstudium in Präventions- und Gesundheitsmanagement absolviert.
Eine aufregende Zeit beginnt
Für die drei Kinder der Familie – neben dem neunjährigen Jan, der sieben Jahre alte Nick und die vierjährige Ella – beginnt dann eine aufregende Zeit, wenn im Untergeschoss die Plissiermaschine rattert und der „Großfamilienjob“ beginnt.
Zur Hausaufgabenbetreuung kommt dann Großmutter Marlene ins Haus und auch die Cousinen Annabelle, Amelie und Adele gehen ein und aus, weil deren Eltern Manuela und Stefan Schölzl wiederum ebenfalls mithelfen, wann sie können. „Für die Kinder ist das toll. Un.term Jahr ist das Haus ja nicht dauernd so voll“, sagt Peter Sutermeister. Schwiegervater Alfons Honer nimmt auch mal an der Theke Kragen an, Vater Hans steht mit Rat und Tat zur Seite – sodass am Ende der Saison auch alle Kunden zufrieden mit ihren Kragen nach Hause gehen können.

„Da ist schon die ganze Familie eingespannt“, sagt Katrin Sutermeister. Hinzu kommt eine Mitarbeiterin: Die fertigen Kragen werden von Claudia Kreidler routiniert zusammenge.knüpft – sie war zuvor bereits seit 15 Jahren in der Kragestube von Hans und Gerlinde Su.termeister dafür zuständig. Die Übernahme der Kragestube von den Eltern und Schwieger.eltern hatten Katrin und Peter Sutermeister so eigentlich nicht geplant. „Meine Eltern

Man geht mit diesem Fachwissen schon anders in die Fasnet. Man schaut sich die Kragen genauer an.

wollten das Geschäft nicht mehr bei sich zu Hause haben. Sonst wird man es nicht los“, erinnert sich Peter Sutermeister an die ersten Rückzugsüberlegungen seiner Eltern.
Zunächst hatte seine Schwester Heike über.legt einzusteigen, was aber aus beruflichen Gründen – sie ist mit ihrem eigenen Geschäft Hihola House & Garden in der Südstadt selbst.ständig – wieder verworfen wurde. Also musste ein neuer Plan her. „Letztlich haben wir gesagt: Wenn wir den Keller rechtzeitig zur Saison trocken und saniert bekommen, machen wir es“, blickt Peter Sutermeister zurück. Und tat.sächlich waren die Arbeiten rechtzeitig beendet und aus der ehemaligen Einliegerwohnung ist die Kragestube geworden – mit allem, was es braucht: Einer Annahmetheke, Räume für die Maschinen und nicht zuletzt viele Meter Regal.bretter, auf denen die Kragen auf ihre Abholung warten.
Dafür gehen im Herbst die Bestellungen an den Großhandel hinaus: Nähfaden, Bändel und viele Meter Stoff werden geordert.
Wenn dann am Mittwoch vor dem „Schmot.zigen“ wirklich alle Kragen abgeholt sind, kön.nen sich auch die Kragestube-Chefs auf die när.rischen Tage freuen. „Man geht schon anders in die Fasnet. Man schaut sich die Kragen genauer an“, sagt Katrin Sutermeister. Was den teils doch stressigen „Großfamilienjob“ erleichtere: „Die Leute sind sehr dankbar, dass man ihnen diese Arbeit abnimmt und bringen die Kragen gerne her. Das motiviert.“
Villinger Narro mit prächtigem Kragen.

„Weil ich mich nicht gewöhnen will …“
Er ist angekommen, nicht irgendwie und auch nicht irgendwo: Zielstrebig, im Kabarett, auf der zeit- und sozialkritischen Kleinkunstbne, im Fernsehen, ein Kstler, ganz oben.

D
eutscher Kleinkunstpreis, Bayerischer Kabarettpreis, Nordrhein-Westfälischer Kleinkunstpreis, Kleinkunstpreis Ba.den-Württemberg, Mindener Stichling, Thürin.ger Kleinkunstpreis, Schweizer Kabarett-Preis Cornichon 2017 – und das ist noch nicht mal alles. Im Fernsehen ist er präsent als Gast bei den ganz Großen des Kabaretts – heute auch selbst ein Macher-Gastgeber. In Niedereschach ist er aufgewachsen, vor 47 Jahren als Sohn des Bürgermeisters Otto Sieber geboren – wir reden von Christoph Sieber.
Grundschule Niedereschach, Gymnasium am Hoptbühl in Villingen und dann? Was wird er machen, der Sohn vom Schultes? Ein sozialer Beruf lag nahe, weil z.B. in der Katholischen Jungen Gemeinde engagiert, sozial eingestellt eben. Nein, er will Pantomime studieren! Nichts bringt ihn davon ab.
1991 bis 1995 studiert er Pantomime und Schauspiel an der Folkwang-Hochschule, heute Folkwang Universität der Künste. Sein Pro.gramm zur Abschlussprüfung „Abgeschminkt“ wird 2015 mit dem Baden-Württembergischen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

„Alle Pantomimen können schweigen, ich nicht!“ – so wird er ein Meister des Wortes, sei.ne Programme heißen denn also „Das gönn´ich euch!“, „Hoffnungslos optimistisch!“, „Alles ist nie genug!“, „Jeder ist ein Deutscher – fast überall!“, „Sie haben mich verdient!“ – da wird ein jeder neugierig: Die Würde des Menschen ist unantastbar – es lebe der Konjunktiv! Das Blatt vor dem Mund ist chancenlos, wie es in seinen Programmen heißt.
Es gibt Kabarettisten, die kommen gut im Fernsehen, Christoph Sieber live erleben über.trumpft seine Auftritte im Fernsehen – mit Sicherheit der Ausbildung in Pantomime und Schauspiel geschuldet.
Christoph Sieber, man könnte meinen, der Name sei Programm: Wahrheit von Lüge tren.nen, ein richtiger „Sieber“? Er wehrt sich gegen diese Schwarzmalerei: „Jeder beansprucht die Wahrheit und bezichtigt den andern der Lüge.“ Die Wahrheit ist vielschichtig – Sieber spricht in seinen Programmen die Wahrheiten an, die sonst weniger zur Sprache kommen und zwar so, dass man darüber lachen kann. Oder einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Die Herkunft nie verleugnet
Sprechen im Dialekt? Die Färbung ist heraus-hörbar: „Ich sehe keinen Grund, meine Herkunft zu verleugnen. Meine sprachliche Färbung ist auch schon dem Hessischen, dem Sächsischen und dem Holländischen zugeordnet worden. So gesehen bin ich ein Sprachentalent!“
Für Christoph Sieber ist es ein Geschenk, in der Provinz aufgewachsen zu sein. Das habe ihn geerdet, bei allen Erfolgen bleibt er so auf dem Teppich. „Ich bin aus der Provinz, ohne Entschul.digung.“
In der Heimat aufzutreten ist nach wie vor et.was Besonderes für ihn – man kennt sich, schaut sich an und denkt: Ganz schön alt geworden. Ob Hamburg, München oder Niedereschach – das mache letztlich keinen Unterschied: „Außer, dass Niedereschach natürlich nicht ganz so provinziell ist wie München oder Berlin.“
Der Schwarzwald, die Baar sind Heimat für den Kabarettisten von Welt – hier ist er ein

20 Jahre lebe, bin ich in zweiter Ehe verheiratet. Zum Glück musste ich mich dafür nicht vom Schwarzwald scheiden lassen.
Heimischer: „Mit Köln, wo ich jetzt schon fast 20 Jahre lebe, bin ich in zweiter Ehe verheiratet. Zum Glück musste ich mich dafür nicht vom Schwarzwald scheiden lassen“, unterstreicht der Künstler.
Der Vater Otto Sieber war 40 Jahre Bürgermeister in Niedereschach, die Politik hat Chris.toph Sieber somit hautnah erlebt. Da bleibt nicht viel Wahl: In die CDU eintreten oder in die Opposition gehen – Sieber hat sich für letzteres entschieden. Er war im Trachtenverein, Ober.ministrant, im Musikverein, hatte eine behü.tete Kindheit, Drogen und andere Sachen kein Thema – vom Messwein mal abgesehen. Mit Naivität an bestimmte Dinge heranzugehen, habe ihm am Anfang sehr genutzt: „Zum Panto.mimenstudium hätten sie mich wahrscheinlich nicht zugelassen, wenn ich nicht so unver-

Christoph Sieber 1994 als Schauspieler in „Die letzten Tage der Menschheit“ und 2017 in der ei.genen Late Night Show „Mann Sieber!“ im ZDF.
braucht gewesen wäre. Der Kulturschock war dafür natürlich umso heftiger.“ Die Neugier hat er sich bewahrt – bis heute ist diese eine seiner größten Antriebsfedern.
Die Großstadt braucht er nicht unbedingt, viele seiner Kolleginnen und Kollegen suchen die Ruhe in der Provinz. An Informationen ge.langt man schließlich übers Internet oder – man höre und staune – findet diese auch in einem Buch. Sieber „lebt gerne in der Großstadt, auch wenn ich gar nicht oft ausgehe. Zu wissen, dass ich es könnte, reicht mir schon.“
Straßentheater, Maskentheater, Clown – sehnt er sich nach den Anfängen? „Eher weni.ger. Ich bin froh, dass ich vorangekommen bin. Ich richte den Blick auf das, was noch kommen mag: Ein neues Bühnenprogramm oder eine neue Staffel von „Mann Sieber!“ Und Theater spielen wollte ich eigentlich auch mal wieder. Oder ich schreibe ein Buch oder laufe endlich mal einen Marathon. Straßentheater mache ich dann wieder mit 80. Oder ich werde halt doch noch Bürgermeister in Niedereschach. Und das ist durchaus als Drohung gemeint.“ Er ist halt ein echter Schwarzwald-Baar-Kreisler, der Christoph Sieber.
Simone Jung
Ihr Lebensmittelpunkt ist ein Museum
Es sind ihre quirligen braunen Locken, ein offener Blick und die Art, wie sie zugleich ruhig und aufgeweckt auf dem breiten Sofa sitzt, die Simone Jung zu einem interessanten Gegener machen. Sie spricht von Leidenschaft, von Weltoffenheit und von Zufriedenheit – schon nach kurzweiligen und manchmal auch atemlosen acht Jahren ist zu spen, dass Jung, die gebtig aus Kirchen/Sieg kommt, auf der Baar eine zweite Heimat gefunden hat.
Von Madlen Falke
E
s braucht nicht lange, um zu erfahren, dass ihr Dreh- und Angelpunkt ein ganz bestimmter Ort ist: Das Museum Art.Plus in Donaueschingen ist der Lebensmittelpunkt der 45-Jährigen. Sie leitet das Kunstmuseum, das von Kunstsammlerin Margit Biedermann gegründet wurde, von Beginn an. Ihre Kreativi.tät und Ideen sind in die Entstehung des Hauses mit eingeflossen.
Eine Aufgabe, die sie von der Staatsgale.rie Stuttgart in die Provinz gelockt hat? Jungs Augen verengen sich, ihre rechte Augenbraue zuckt kurz nach oben. Die Antwort lautet Ja und Nein. ‚Ja‘, die Aufgabe hat sie in die alte Residenzstadt Donaueschingen gebracht und ‚Nein‘, von Provinz will sie nichts wissen, denn als diese empfindet sie die Quellstadt im Quel.lenlandkreis keineswegs. „Ganz im Gegenteil sogar. Die Welt ist in dieser kleinen Stadt zu Gast – im Grunde sogar Tag für Tag“, gibt sie enthusiastisch ihre Eindrücke wieder. Nicht nur im Museum für zeitgenössische Kunst, sondern auch an der Donauquelle, beim Reitturnier, den Windhundtagen und nicht zuletzt bei den Donaueschinger Musiktagen. Die Stadt ist in den Augen der Museumsleiterin lebendig und mit einem ungewöhnlichen kulturellen Bewusstsein ausgestattet.

Mischung aus Weltoffenheit, Kultur.reichtum und der kleinstädtischen Übersichtlichkeit sorgen bei Simone Jung für Zufriedenheit.

Genau diese bunte Mischung aus Weltoffen.heit, Kulturreichtum und einer kleinstädtischen Übersichtlichkeit sorgen bei Simone Jung für Zufriedenheit. Es ist aber auch die Arbeit, die ganz spürbar ihre Leidenschaft ist. Ein ‚nine-tofive-job‘ ist undenkbar für die studierte Kunst.wissenschaftlerin. „Als das Museum noch in den Kinderschuhen steckte, waren die Tage lang
und aufregend. Das gehört dazu, auch wenn nicht mehr so intensiv wie zu Beginn. Denn Kunstvermittlung, die mir sehr am Herzen liegt, Netzwerke knüpfen und den Austausch suchen, das lässt sich nicht in ein starres Arbeitszeiten.modell pressen. Dazu gehört, dass ich auch zu unüblichen Zeiten arbeite“, erklärt Jung. Es ist die Leidenschaft für die Kunst, die Simone Jung antreibt.
Eine Passion, die sie nicht in die Wiege ge.legt bekommen, sondern vielmehr im Jugendal.ter entfaltet hat. Zunächst Grafik und Malerei wecken in ihr den Impuls nach einem eigenen künstlerischen Ausdruck. Fragen darüber, wie Bilder entstehen und was Bilder wollen, führen sie an die Philips-Universität nach Marburg. Dort studiert sie Kunstgeschichte, Medienwis.senschaft, Grafik/Malerei. In Karlsruhe geht sie an der Hochschule für Gestaltung in der Kunst.wissenschaft, Philosophie und Ästhetik sowie der Malerei den eigenen Fragen auf den Grund. Während des Studiums absolviert sie diverse Praktika in Museen, darunter auch die Natio.nalgalerie in Berlin. Das Studium schließt sie als Magistra der Kunstwissenschaft ab. Gleich da.nach folgt ein Stipendium an der Kunststiftung Baden-Württemberg in Stuttgart. Sie ist als Kuratorin und als freie Kunstwissenschaftlerin tätig und leitet schließlich den Kunstklub an der Staatsgalerie Stuttgart, bevor es sie in den Schwarzwald-Baar-Kreis verschlägt.

Es ist ihr Beruf, bei dem sie ihren Ideen Raum geben, ihre künstleri.sche Ader ausleben kann.
Ihrer Kreativität kann sie bis heute nach.kommen, allerdings nicht mehr selbst so häufig zum Pinsel greifen. Es ist ihr Beruf, bei dem sie ihren Ideen Raum geben, ihre künstlerische Ader ausleben kann. Denn solch ein Museum ist auch heute noch kein Selbstläufer, es muss weiter bekannt gemacht werden, es muss ge.worben werden, Vorurteile abgebaut und Türen geöffnet werden. Wie das gelingt, dazu hat Si.mone Jung viele Einfälle – von der Mittagspau.sen-Kurzführung, dem Kinderkunstworkshop, dem Abendangebot Art+Talk und vielem mehr. Die Möglichkeiten, die ihr dieses Museum bie.tet, sind so vielfältig, dass es Jung noch lange nicht langweilig werden dürfte. „Wir machen das, was wir gut finden. Wovon wir glauben, dass es die Menschen erreichen kann“, so die Museumsleiterin.

Wurzeln geschlagen
In der Stadt, in der sich die Donau auf ihre lange Reise begibt, fühlt sie sich angenommen. Das fiel der dynamischen Frau auch nicht besonders schwer. „Das liegt zum einen daran, dass man in dieser beruflichen Funktion in gewissem Ma.ße automatisch ein Stück in der Öffentlichkeit steht und deshalb auch schneller mit Menschen in Kontakt tritt, zum anderen hat das auch da.mit zu tun, dass es von Beginn an ein Ziel des Museums war, sich nach außen hin zu öffnen, zu kooperieren, Gemeinsames mit anderen zu schaffen. Wir wollten kein abgeschottetes, eli.täres Haus sein. Wir wollen uns in die Stadt ein.bringen“, erklärt die 45-Jährige. Das ist nicht nur dem Museum gelungen, das ist auch Simone Jung gelungen. So schlägt Jung nicht nur beruf.liche Wurzeln, auch im privaten Bereich haben sich Freundschaften zu echten ‚Eschingern‘ ge.bildet. Und auch die eigenen Mitarbeiter sorgen dafür, dass sich das kleine Museumsteam für Jung beinahe anfühlt wie eine große Familie. Wenn die Frau mal nicht am Schreibtisch sitzt oder durch die aktuellste Ausstellung führt, geht es bei Jung oft sportlich zu. Joggen, Wan.dern, Radfahren – alles, was sich in der Natur abspielt, ist für sie eine echte Freude.
Gerade in den ersten Jahren hat sie die Regi.on vor allem mit dem Rad erkundet. „Ich muss regelmäßig raus, Bewegung ist mir sehr wichtig. Als ich mich entscheiden musste, wo mich mein beruflicher Weg hinführen sollte, war auch ein Gedanke, etwas im sportlichen Bereich zu ma.chen“, erinnert sie sich. Den oberen Donaurad.weg nach Sigmaringen hat sie sich erst kürzlich

Simone Jung vor dem Museum Art.Plus – ihrer Wirkungsstätte.
vorgenommen. Denn gerade auch die Donau und der damit verbundene Zwist zwischen Furtwangen und Donaueschingen darüber, wo nun tatsächlich der zweitlängste Fluss Europas entspringt, faszinieren sie.
Und in der Region warten auf die Sport.begeisterte noch viele Möglichkeiten, um sich auszupowern, was es ihr noch einfacher macht, anzukommen und heimisch zu werden. Ruhe und Energie tankt sie auf einer Bank am Wal.desrand, wo diese sich genau befindet, will sie aber lieber für sich behalten. Es soll dort schließ.lich ruhig bleiben. Sich selbst beschreibt sie als „rechtshirnig“, sie sei eine eher emotional und intuitiv gesteuerte Person, die sich im berufli.chen Alltag jedoch soweit diszipliniert hat, dass Planung und Organisation selbstverständlich geworden sind.

Begeistert von Donaueschingen, von einer überaus interessanten Region
Beruflich schaut die Museumsleiterin auch ger.ne hin und wieder über den Tellerrand hinaus. So hat das Museum gemeinsam mit dem Rott.weiler Bildhauer Jürgen Knubben und anderen Kunsthäusern in der Region einen Führer mit dem Titel „Kunst der Gegenwart in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg“ veröffentlicht, der einen Überblick über die Museen und Kunstprojekte in der Region gibt. Dieser zeige auf, so Jung, wie interessant diese Region sei. Donaueschingen jedoch steche in Sachen Kunst und kulturellem Angebot aus ihrer Sicht her.aus. Und das meint die Museumsleiterin nicht allein wegen des Museums Art.Plus, sondern aufgrund des vielfältigen Angebots, das eben die Welt jedes Jahr aufs Neue nach Donaue-schingen bringe. Jung ist gewissermaßen zur Donaueschingerin geworden, das zeigt ihre Begeisterung für diese Stadt. Und der Stolz, den die Donaueschinger laut ihrer eigenen Einschät.zung hätten, schwingt auch in ihren Worten mit, wenn es um die Stadt geht.

Verwirklichung ihrer Ideen und Vorstellungen und nicht um Effizienz. Kunst machen heißt auch das Scheitern einzukalkulieren.
Was fasziniert Simone Jung an ihrem Beruf? „Es geht den Künstlern um die Verwirklichung ihrer Ideen und Vorstellungen und nicht um Effizienz. Kunst machen heißt auch das Schei.tern einzukalkulieren. Dazu benötigt es Aus.dauer, davor habe ich große Achtung. Etwas zu erschaffen, ohne vorher zu wissen, wie viel Anerkennung das Werk erhalten wird. Es geht einfach um die Sache, um das Tun. Jung schätzt auch den Kontakt zu den unterschiedlichsten Künstlern. „Wenn ich mich mit Künstlern treffe, hat das mittlerweile etwas Selbstverständliches, auf Augenhöhe. Das mag ich und dank meiner Arbeit habe ich ja auch sehr oft die Gelegenheit zum Austausch“, berichtet Jung. Und auch wenn sie viel Zeit am Schreibtisch verbringen müs.se, für die Weiterentwicklung des Hauses mit verantwortlich zu sein, ein Museum zu leiten, das sich auch in der Kunstvermittlung aktiv einbringt, das lässt es für Jung einen Traumjob sein.

In die Zukunft zu blicken, müsse aus ihrer Sicht auch stets mit einem Rückblick verbunden werden. „Dazu gehört zu reflektieren, was ist gut gelaufen, was haben die Menschen gut an.genommen. Denn gegenüber einem Museum bestehen immer noch Ängste und Vorurteile, deshalb wollen wir nicht nur Ausstellungen zeigen, sondern mit unseren Besuchern aktiv umgehen, mit ihnen im Austausch sein“, be.richtet sie. Dieses Museum empfindet Jung als einen Organismus, der sich weiterentwickelt und ständig im Fluss ist, was fast schon verhei.ßungsvoll klingt, wenn man die Lage des Hauses in direkter Nähe zur Donauquelle sieht – dem Fluss, der die Stadt weit über seine Stadtgrenzen hinweg bekannt macht.

Siegfried Kaltenbach
Ein Leben f den Skisport und den Wald
Vielleicht war es ja kein geringerer als Olympiasieger Georg Thoma, dem der Schonacher Scher und talentierte junge Skilangläufer Siegfried Kaltenbach nacheifern wollte, als in ihm die Idee reifte, Postler zu werden.
von Wolf Hockenjos
Geboren 1945 nur wenige Monate nach Kriegs.ende, begann für den vierzehnjährigen Siegfried Kaltenbach der Ernst des Berufslebens in Triberg als „Postjungbote“. Was bedeutete, dass das Briefeaustragen zunächst noch einher ging mit dem Besuch der Villinger Kaufmännischen Han.delsschule und der Postfachschule. Zwei Jahre später war er Postschaffner und damit Beamter auf Zeit. Das war schon mal was, denn daheim auf dem Wittenbachhof mussten viele Mäuler gestopft werden. 1957 war die Mutter plötzlich verstorben und sieben Kinder wollten versorgt sein. Die Post empfahl sich dem Schüler Sieg.fried nicht nur aus Versorgungsgründen: Sportler sahen sich dort gut aufgehoben, wie die Bei.spiele Georg Thoma, Oskar Burgbacher, Helmut Eschle oder auch Adolf Seger zeigten, allesamt Briefträger und zugleich national wie internati.onal erfolgreiche Sportgrößen – dank großzügi.ger Unterstützung durch den Arbeitgeber.
Die Entdeckung der Erholungsfunktion der Wälder und der Beginn der Langlaufbewegung
Und dennoch entschloss sich der Siebzehn.jährige plötzlich, den sicheren Postdienst zu quittieren und nochmals eine Lehre anzutreten: Er wechselte in den Waldarbeiterberuf. Was könnte es für Gründe dafür gegeben haben? Dass auch der „Gold-Jörgle“ schon mal im Wald gearbeitet hatte, der soeben in Squaw Valley die Goldmedaille in der Nordischen Kombination errungen hatte, konnte wohl nicht den Ausschlag gegeben haben für den überraschenden Schritt. Und die Waldberufe hatten sich bis dahin nicht eben als sonderlich sportfreundlich empfohlen: Imagepflege mit leistungssportlichen Aushängeschildern war der Forstverwaltung fremd, wo doch der Andrang in die Forstlaufbahnen den Personalbedarf bei weitem überstieg. Ein Lied davon konnte bereits Siegfrieds älterer Bruder Viktor singen, der es zum Forstwart gebracht hatte, auch er ein viel.versprechender Nachwuchslangläufer, der in der deutschen Spitze mithalten konnte. Doch mangels Unterstützung bei der Freistellung für Trainings- und Wettkampfaufenthalte hatte er sich gezwungen gesehen, seine Sportkarriere vorzeitig zu beenden.

Immerhin zeichnete sich bei der Forstpartie gerade ein Wandel ab: In den 1960er-Jahren hatte man die Erholungsfunktion der Wälder entdeckt, denn die Aktiverholungswelle war von den USA nach Deutschland herüber geschwappt. Es war die Zeit, als in den stadtnahen Wäldern allenthalben Trimm-dich-Pfade angelegt wurden. Nach Georg Thomas Olympiasieg waren Volksskiläufe und in deren Folge auch die Wintererholung in den Blickpunkt der Forstverwaltung gerückt: Skilanglauf war plötzlich kein Hinterwäldlersport mehr, er wurde jetzt zunemend auch von der städtischen Wohlstands.gesellschaft entdeckt. Und den winterlichen Ausdauersport galt es zu fördern, vorneweg der Volksgesundheit zuliebe, waren mit dem stei.genden Wohlstand doch auch die Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Mortalitätsstatistiken an die vorderste Stelle gerückt.

Erste Erfolge im Forstbiathlon und im Skilanglauf
Allein schon aus Gründen des Artenschutzes und der Jagd musste der neue Volkssport jedoch

Skilanglauf war plötzlich kein Hinter.wäldlersport mehr, er wurde jetzt zunehmend auch von der städtischen Wohlstandsgesellschaft entdeckt.

gesteuert, ja, von den Förstern mitgestaltet werden, schon um den im Winter besonders störungsanfälligen Wildtieren Stress zu erspa.ren. Mit Fördermitteln der Forstverwaltung und mit Know-how, das interessierten Forstbediens.teten zuvor in speziellen Lehrgängen vermittelt worden war, machte man sich daran, die ersten Langlaufzentren im Schwarzwald ins Leben zu rufen, so auf dem Thurner, auf der Martinska.pelle, auf dem Notschrei und am Belchen. Doch dabei hatte sich rasch herausgestellt: Skisport.licher Sachverstand, erst recht die Fitness des eigenen Personals, erforderten eine engere Ver.bundenheit mit dem Sport, tunlichst auch ein regelmäßiges Ausdauertraining. Dieses wieder.um bedurfte, vor allem für die körperlich schwer arbeitenden Waldarbeiter, einer zusätzlichen Triebfeder: des Wettkampfs.
Diese Erkenntnis, gewonnen auch aus skandinavischen Betriebssport-Beispielen, führte im Jahr 1969 auf dem Herzogenhorn zur Austragung der ersten internationalen Skiwettkämpfe für Förster, Waldarbeiter und Waldbesitzer. Abends, bei der Siegerehrung im traditionsreichen Todtnauer Ochsen, wo einst der erste deutsche Skiclub gegründet worden war, wurde als Sieger und Tagesschnellster des „Forstbiathlons“ (einer Kombination von Ski.langlauf und jagdlichem Kleinkaliberschießen) der Forstlehrling Siegfried Kaltenbach gefeiert. Der war in diesen Jahren auch sonst noch in der Loipe erfolgreich: als mehrfacher Deutscher Jugendmeister, Deutscher Juniorenmeister und als Schwarzwaldmeister im Skilanglauf.
Neunundvierzig Jahre nach jenen ersten Europäischen Forstlichen Nordischen Skiwett.kämpfen (EFNS) auf dem Herzogenhorn im Februar 2017 sollte sich die grüne Zunft im letti.schen Biathlonzentrum Madona messen, auch diesmal wieder mit über 600 Teilnehmern aus fast allen europäischen Nationen. Und wieder hieß der Sieger Siegfried Kaltenbach, aufgerückt derweil in die Klasse der über 70-Jährigen. Mit sei.ner famosen Klassenbestzeit hätte er freilich auch in den jüngeren Altersklassen noch Spitzenplätze belegt – so wie bei zahllosen Wettkämpfen in den Jahrzehnten zuvor. Nur die Haare auf dem Kopf und der Schnurrbart waren inzwischen grauer geworden, ansonsten rannte er noch immer wie ein Junger. Wetten, dass er auch im kommenden Winter im Südtiroler Antholz beim 50-jährigen Jubiläum der Veranstaltung wieder ganz vorne mitmischen und zugleich als Techni.scher Delegierter fungieren wird?
Gleichermaßen bewandert in Forst-, Sport- und Artenschutzfragen
Damals, anfangs der 1960er-Jahre, hatte der junge Hupfer seine Liebe zum Wald entdeckt, sodass ihm der Umstieg vom Postbeamten in den Waldarbeiterberuf und weiter in die Ausbildung für die mittlere Forstlaufbahn nicht schwerfiel. Den Beruf des Försters wollte er von der Pike auf erlernen, und so meisterte er 1971, nachdem auch der Wehrdienst noch absolviert war, die Forstwartprüfung. Als frischgebackener Forstwart versah er zunächst den Revierdienst im damaligen Forstbezirk Schönau, doch schon im Jahr darauf bewarb er sich, der besseren winterlichen Trainingsbedingungen wegen, um das Revier Katzensteig im Forstamt Furtwangen. Dass ihm der Absprung aus dem Wiesental in die Hochburg der mittelschwarzwälder Skilang.läufer so rasch und reibungslos gelang, verdank.te er nicht zuletzt einem gewichtigen Fürsprecher: dem damaligen Furtwangener Bürger.meister und Finanzausschussvorsitzenden Hans

Ob beim Bregtallauf (links unten), beim Interview mit Miriam Behringer oder bei den forstlichen Skiwett.kämpfen: Siegfried Kaltenbach ist auch heute noch mit Energie dabei.

Frank MdL. Dessen Wünschen mochte sich auch in der Forstverwaltung niemand verschließen. Überdies stand bei der Freiburger Forstdirektion ein personeller Wechsel an: Forstpräsident wurde Erwin Lauterwasser, im Ehrenamt alsbald Vizepräsident des Deutschen Skiverbands, der sich, noch als Todtnauer Forstamtsleiter, besonders um die forstlichen Skiwettkämpfe verdient gemacht hatte. „Was lag näher“, so schrieb Lau.terwasser zurückblickend als Vorsitzender des DSV-Umwelt-Beirats in seinem Leitfaden Ski.sport und Umwelt, „als dass die Forstverwaltun.gen … von vornherein versuchten, die Langläufer dorthin zu lenken, wo die Konfliktsituationen mit der Natur am geringsten erschienen, und somit gewährleisteten, dass genügend Ruhe- und Schutzbereiche verschont wurden.“ Gefragt waren da Forstbeamte vom Schlag des Katzen.steiger Revierleiters, gleichermaßen bewandert in Forst-, Sport- und Artenschutzfragen.
Forstberuf und ehrenamtliches Engagement im Einklang
Über 37 Jahre sollte Siegfried Kaltenbach schließlich das Forstrevier Katzensteig leiten; zu seinen Dienstaufgaben gehörte, auch noch nach etlichen Reformen, die Betreuung des Langlauf.zentrums auf der Martinskapelle. Inzwischen hatte er längst auch den Aufstieg von der mitt.leren in die gehobene Forstlaufbahn geschafft und darüber hinaus zahlreiche Sonderfunktio.nen übernommen: als Prüfer an der Gengenba.cher Waldarbeitsschule, als Maschineneinsatzleiter, als örtlicher Personalratsvorsitzender, als Mitglied des Bezirkspersonalrats bei der Frei.burger Forstdirektion wie auch als Mitglied des Landesvorstands der berufsständischen Orga.nisation des Bundes Deutscher Forstleute. Sieg.fried Kaltenbach schien es mühelos zu gelingen, Forstberuf und ehrenamtliches Engagement mit seinen sportlichen Ambitionen in Einklang zu bringen. Was in den 1960er-Jahren mit der Teilnahme an in- und ausländischen Trainings.lagern und Wettkampfreisen begonnen hatte, was sich sodann fortsetzte in regelmäßigem Fitnesstraining des Freizeitsportlers auf den Heim.loipen um die Martinskapelle, im Ehrenamt als

Winter wieder läuft und läuft, dass er im Weißenbachtal bei fehlendem Schnee die Schneekanone in Stellung bringt, wenn die Skiroller oder das Mountainbike vom Schneetraining abgelöst werden.

Funktionsträger im Schwarzwälder Skiverband und für den Schwarzwälder Skimarathon wie für die Arbeitsgemeinschaft Skiwanderwe.ge Schwarzwald e.V., als Organisator für das Langlaufzentrum auf der Martinskapelle, für die Biathlonanlage und deren Förderverein im Wei.ßenbachtal und für das Furtwanger Skiinternat (SKIF): All dies hinderte ihn nicht daran, seinen Beruf vorbildlich auszuüben – seine Energie schien unerschöpflich!
Bei so viel Tatkraft, bei so viel Liebe zum Beruf und zum Wald, mag es manchen Kol.legen überrascht haben, dass sich Siegfried Kaltenbach mit Dreiundsechzig in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete. Dass er einen gesundheitlichen Nackenschlag zu verkraften hatte, bekam kaum einer mit. Seiner Lauf- und Lebensfreude konnte die Erkrankung freilich nur kurzzeitig Abbruch tun, schon gar nicht seinem Engagement für den Schwarzwälder Skinach.wuchs. Mit eiserner Diätdisziplin und mit der ihm eigenen Energie war er im Winter 2008/09 schon wieder bei den forstlichen Skiwettkämpfen erfolgreich.
So verläuft denn der Ruhestand im Furtwan.ger Eigenheim und zusammen mit seiner Frau Ilona alles andere als ruhig: Klar, dass er auch im kommenden Winter wieder läuft und läuft, dass er im Weißenbachtal bei fehlendem Schnee die Schneekanone in Stellung bringt, wenn die Skiroller oder das Mountainbike vom Schneetraining abgelöst werden. Beste Aussichten mithin für einen weiterhin kurzweiligen wie er.füllten Lebensabend des sportiven, inzwischen Dreiundsiebzigjährigen.
Zählwerke kurz vor der Montage auf dem Prüfstand.
3. Kapitel – Wirtschaft

Von der Trompeter uhr zum Wasserzähler – die
E. WEHRLE GMBH
„Aus gutem Grund perfekt“ – Vor 175 Jahren als Musikwerke-und Uhrenfabrik in Furtwangen gegrdet
von Wilfried Dold

Präzision als Prinzip – von der Schwarzwalduhr zum Pionier beim Kunst.stoffspritzguss und Innovationsführer der

Die E. WEHRLE GMBH steuert nach sehr erfolg.reichen Jahren weiter auf Erfolgskurs: Das von Georg Herth in fünfter Generation inhaberge.führte Unternehmen erwartet im Jubiläumsjahr einen Umsatz von über 42 Mio. Euro, beschäftigt mehr als 280 Mitarbeiter und investierte am Stammsitz im Gewann „Auf dem Moos“ ca. sechs Mio. Euro in einen Erweiterungsbau und die Optimierung seiner Produktion. Die Familie Herth ist stolz darauf, dass Wehrle als weltweit renommierter Hersteller von Wasserzählern auch in Zukunft nahezu komplett am Standort Furtwangen und somit in Deutschland fertigt.
Eine Heirat als Gründungsimpuls
Die heutige E. WEHRLE GMBH ist aus der 1842 gegründeten Werkstatt für Spieluhren von Franz Xaver Wehrle (1819 – 1885), des „Wannen-Xaverie“, und der 1860 ins Leben gerufenen Uhrenfabri.kation von Emilian Wehrle (1832 – 1896) hervor.gegangen. Die Namensgleichheit ist zufällig. Anlass für den Zusammenschluss ist 1866 die Heirat von Emilian Wehrle mit Norma Wehrle, der Tochter von Franz Xaver Wehrle. Da der Markt für Musikwerke von Absatzkrisen heim.gesucht ist und die neuartigen Trompeteruhren von Emilian Wehrle eine gesicherte Zukunft ver-
Ein Orgelpositiv von Franz Xaver Wehrle aus dem Jahr 1862 ist im Furtwanger Museums Gasthaus Arche ausgestellt. Das Firmenschild über der Tastatur zeugt von zahlreichen Preisverleihungen, so auch bei der Weltausstellung 1851 in London.

heißen, firmiert das gemeinsame Unternehmen als „Trompeteruhrenfabrikation E. Wehrle & Comp“. Produziert wird in der Werkstatt von F. X. Wehrle, die in direkter Nachbarschaft zu der von Emilian Wehrle liegt. Franz Xaver Wehrle hat sein Anwesen im Schönenbacher Gewann „Auf dem Moos“ 1849 erworben. Das Grundstück grenzt unmittelbar an die Gemarkung von Furt.wangen. Die Nähe zur Uhrenstadt führt dazu, dass sich Wehrle stets als Furtwanger Firma ver.steht, wie auch Chronist Robert Siedle 1924 in seinem Buch „50 Jahre Furtwanger“ vermerkt. Er schreibt, der „Wannen-Xaverie“ gehöre zwar politisch zu Schönenbach, sei aber mit Leib und Seele ein Furtwanger.“
Der Spieluhrenmacher Franz Xaver Wehrle
Zukunft hat Herkunft – und die Herkunft der
E. WEHRLE GMBH ist auf geradezu einzigartige Weise dokumentiert: In großformatigen Haupt-, Cassa- und Kopierbü.chern sind über mehrere tausend Seiten hinweg sämtliche Geschäftsvor.gänge der Jahre 1842 bis ca.1930 verzeichnet. Die Familie Herth bewahrt die Geschäftsbücher in der früheren Wohnstube des Stammhauses auf, die heute als Archiv zur Familien- und Firmengeschichte dient. In feiner Handschrift hat der gelernte Musikuhrmacher Franz Xaver Wehrle darin das Da.tum der Firmengründung fest.gehalten, die am 1. Mai 1842 im Haus von Erlog Ganter in Furtwangen erfolgte. Zwischen 1842 und 1866 fertigt F. X. Wehrle hauptsächlich Musikwerke, Drehorgeln und Spieluhren. Die technisch und musikalisch herausragenden Produkte fin.den europaweit Abnehmer: Der Spieluhrenmacher liefert sie u.a. nach Russland, Frank.reich, Holland, England und in die nahe Schweiz. Goldene, silberne und bronzene Me.daillen, verliehen für Spieluhren und mechanische Musikinstrumente, die bei Gewerbeausstellungen ge.zeigt werden, bezeugen die Qualität seiner Arbeit.

Eine Geschäftsbezie.hung ist für die Entwicklung der Spieluhren-Werkstatt von besonderer Be.deutung: die mit Daniel Imhof, dem Inhaber der Orchestrionfabrik Imhof & Muckle“. Der gebürtige Langenbacher Franz Xaver Wehrle, Sohn eines Wagners, lernt den späteren Orche.strionfabrikanten in Furtwangen kennen. Dort absolviert Wehrle eine Lehre bei Martin Bles.sing. Daniel Imhof flüchtet 1848 im Zuge des Badischen Aufstandes als „Hecker-Freischärler“ nach London, entgeht so seiner Bestrafung für die aktive Revolutions-Teilnahme. Dort gründet er 1852 mit Leopold Muckle aus Furtwangen die Orchestrionfabrik „Imhof und Muckle“. Ein Briefwechsel dokumentiert über Jahre hinweg die Freundschaft und Geschäftsbeziehung der beiden Männer. F. X. Wehrle fertigt für Imhof & Muckle komplette Spieluhren und mehrfach Walzen für Orchestrien. Das sind Musikwerke, die ganze Musikkapellen imitieren.

Die mit Metallstiften versehenen Walzen sind das Herzstück eines Orchestrions, auf ihnen befinden sich die „Noten“ der Melodien – sie erzeugen die Töne, bringen das Instrument
Eine Trompeteruhr von Wehrle aus den 1860er-/1870er-Jahren, ausgeführt als Doppelbläser.
zum Spielen. F. X. Wehrle ist Spezialist für die komplizierte Walzen-Herstellung, die ne.ben großen handwerklichen
Fertigkeiten enormes musika.lisches Wissen verlangt. Solche Walzen befinden sich auch in den selbstspielenden Orgeln, die der Spieluhrenmacher fertigt. 1851 erhält er auf der Weltaus.
stellung in London für eine
Orgel mit vier Walzen eine „Ehrenerwähnung“. Die Weltausstellung besucht er
persönlich: Zusammen mit
dem Uhrengenius Lorenz Bob und namhaften Furt.wangern reist F. X. Wehrle
im Auftrag des Landes Ba.

den nach England, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schwarzwälder Uh.renindustrie zu ergründen und nach fortschritt.lichen Fertigungsmöglichkeiten Ausschau zu halten.
Franz Xaver Wehrle wirkt weit über sei.ne Werkstatt hinaus: 1847 gehört er zu den Mitbegründern des „Gewerbevereins für den uhrenmachenden Schwarzwald“. Und er ist ein begeisterter Sänger in den Reihen des 1838 gegründeten Gesangvereins Arion. Dieser steht zur Zeit des badischen Aufstandes von 1848 unter besonderer Beobachtung – wie auch Franz Xaver Wehrle selbst. 1856 erfolgt in des.sen Haus die Ausarbeitung neuer Statuten, die den Fortbestand des „revolutionären Vereins“ sicherstellen.
Umfirmierung und Trompeteruhren-Produktion
Franz Xaver Wehrle heiratet 1843 die Furtwan.gerin Sybilla Kuss. Aus der Ehe gehen sechs Kin.der hervor, zwei von ihnen, die Tochter Norma und der einzige Sohn Julian, stehen in enger
E. WEHRLE GMBH
Verbindung zur Firmengeschichte. Norma heiratet im August 1866 den Schönenbacher Uhrmacher Emilian Wehrle, der seit 1860 in der Nach.barschaft von F. X. Wehrle kunstvolle Kuckucks- und Trompeteruhren herstellt. Ihre Werk.stätten führen sie in der „Trompeteruhrenfabrikation E. Wehrle & Comp“ zusammen und konzentrieren sich auf die Herstellung von Spieluhren. F. X. Wehrle als Experte für den Bau von Musikwerken und Emilian Wehrle als genialer Uhrmacher – die Partnerschaft beginnt vielversprechend. Erfolg.reichstes Produkt ist die von Emilian Wehrle technisch entscheidend verbesserte Trompe.teruhr. Vor allem die enorme Laufruhe, die den Musikgenuss perfektioniert, wird vielfach gelobt. Bei dieser Uhrengattung setzt eine teils bewegliche Figur aus Holz zur vollen Stunde die Trompete an den Mund und bläst ein Jagdstück oder eine Melodie aus dem Alpenraum, wie ein Katalog aus dem Jahr 1866 die Funktionsweise beschreibt.
Großen Anklang finden weiter Sing.vögeluhren, die täuschend echt den Gesang der Nach.tigall nachahmen. Das Unternehmen erhält für seine Produkte weltweit Auszeichnungen. Medaillen werden Wehrle in London, Santiago, Sidney, Philadelphia, New York, Paris oder Ant.werpen verliehen.
Um ein Konkur.renzprodukt zur Ku-

Rechte Seite: Werbeblatt für Produkte der Trompe.teruhrenfarbik Wehrle, wohl Mitte der 1860er-Jahre.
ckucksuhr aufzubauen, bringen die Uhrmacher um 1885 mit der Hahnenschreiuhr eine eigene Erfindung auf den Markt und melden ihre Neu.heit zum Patent an. Der große Erfolg bleibt der Innovation jedoch versagt: Die Kuckucksuhr ist schon damals äußerst populär und nicht vom Thron zu stürzen. Zu dieser Zeit firmiert das Un.ternehmen als „E. Wehrle & Cie. in Furtwangen (Baden) – Trompeter-, Flöten- u. mech. Singvö.gel-Uhren-Fabrik.“
Die kunstvollen Spieluhren erfreuen heute eine weltweite Sammlergemeinde. Sie finden sich in Furtwangen selbst, so im Deutschen Uh.renmuseum und im Heimatmuseum „Arche“, wo mit einem Orgelpositiv aus dem Jahr 1862 auch ein Musikwerk von F. X. Wehrle ausgestellt ist. Und es existiert weltweit eine große Zahl von Privatsammlern, die sich vorzugsweise auf Auktionen mit den hochpreisig gehandelten Wehrle-Trompeteruhren eindecken. Im Internet finden sich auf Plattformen wie YouTube gleich Dutzende von Videoclips, die spielende Trompe.ter- und Singvogeluhren zeigen, von ihren Besit.zern liebevoll restauriert.
Pioniere und Tüftler – Fertigung mechanischer Laufwerke und elektrotechnischer Artikel
Als die Schwarzwälder Uhrenproduktion im Ge.folge von Wirtschaftskrisen und preisgünstiger Konkurrenzprodukte ins Stocken gerät, zeigt sich, dass der Familienbetrieb als reine Uhren.fabrik nicht überdauern kann. Wehrle versucht sich 1880 durch die Übernahme der Furtwanger Firma A. Zimber, die elektrotechnische Artikel herstellt, weiter durch die Fertigung von Addier.maschinen und automatischen Schaltern für Treppenhausbeleuchtungen, ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Es gelingt immerhin, den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.
Franz Xaver Wehrle stirbt 1885, sein Schwie.gersohn Emilian Wehrle 1896 – damit geht die große Zeit der Uhrenfabrikation unwillkürlich

Erwin und Elise Wehrle mit ihren Töchtern (v. links) Renate, Friedhilde und rechts Elfriede, die als Neunjährige im Rahmen der Kinderlandverschickung in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aufgenommen wurde. Gearbeitet wurde dort, wo man lebte, im auch als Fabrik dienenden Gebäude im Gewann „Auf dem Moos“ in Furtwangen, das nach und nach etliche Erweiterungen erfahren hat, aber noch heute bewohnt wird.
zu Ende. Die wirtschaftliche Situation ist denk.bar schlecht – die Kinder von Emilian Wehrle wandern nach Amerika aus, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Die einstige Uhren.fabrik geht nun an Julian Wehrle über. Dieser hatte ab 1859 bei seinem Vater Franz Xaver Wehrle eine fünfjährige Lehrzeit als Uhrmacher sowie Schreiner absolviert und die Furtwanger Musikschule besucht. Er wagt einen Vorstoß in neue Geschäftsfelder und steigt in die Fertigung mechanischer Laufwerke ein, wie sie in Gram.mophone oder bewegliche Reklamefiguren eingebaut werden. Sie ähneln einem mecha.nischen Uhrwerk – es gelingt, die Kompetenz aus der Uhrenfertigung auf neue Produkte zu übertragen.
Bestandteile-Fertigung für Wasserzähler
1923 übergibt Julian Wehrle das Unternehmen in die Hände seines jüngsten Sohnes Erwin Wehrle, der sich durch großes technisches Ver.ständnis und ungeheuren Fleiß auszeichnet. Er entwickelt ein zukunftsweisendes, neues Fabrikationsprogramm und beginnt um das Jahr 1930 mit der Herstellung von Bestandteilen für Wasserzähler. Seine Zahnräder und sonstigen Komponenten treiben den Fortschritt einer neu.en Zeit an: In ganz Europa wachsen die Städte, immer mehr Mietshäuser entstehen – damit explodiert der Bedarf an Wasseruhren.

In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre be.schäftigt Wehrle bereits 36 Mitarbeiter. Erwin Wehrle erzielt bei der Bearbeitung von Reinni.ckel, ein Material, das beim Wasserzählerbau zu dieser Zeit Vorschrift ist, enorme Fortschritte: Er erfindet „rotierende Büchsen“, die ihm die Verarbeitung von Reinnickel auf Automaten ermöglichen. Doch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zerstört diesen Wettbewerbsvorteil, nahezu alle männlichen Mitarbeiter müssen an die Front. Mit der Unterstützung von zugewie.senen 24 Ostarbeiterinnen produziert Wehrle jetzt wie alle Unternehmen in Deutschland für die Rüstungsmaschinerie der Nazis und stellt Ambossschrauben für Zünder her.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bringt der Familie auch im Alltag tiefgreifende Veränderungen. Um der Lebensmittelknapp.heit zu begegnen, werden Hühner, Ziegen und Hasen gehalten und auf einem nahen Acker Kartoffeln angepflanzt. Da es sich beim Gewann „Auf dem Moos“ um ein ehemaliges Moorge.biet handelt, beginnt die Familie damit, dort Torf zu stechen, ihn zu trocknen und als Brenn.stoff zu verwenden. Als die deutschen Groß.

In den 1950er-Jahren reichen die Räumlichkeiten nicht mehr aus, es folgt bei Wehrle ein Erweite.rungsbau auf den nächsten. Die Aufnahme zeigt das Unternehmen in den 1960er-Jahren.
städte immer verheerenderen Bombenangriffen ausgesetzt sind, bekommen die Töchter Renate und Friedhilde eine „Schwester“: Die neunjähri.ge Elfriede aus Bremen findet 1941 im Rahmen der Kinderlandverschickung in Furtwangen eine neue Heimat, lebt schließlich bis zu ihrem 19. Le.bensjahr bei den Wehrles.
Das Endes des Krieges im April 1945 wird durch die Demontage des Unternehmens über.schattet: Schweigend verfolgt Erwin Wehrle im Jahr 1945 den Abtransport nahezu sämtlicher Maschinen durch die französische Besatzungs.macht – sein Unternehmen steht vor dem Nichts.
Pionierleistungen beim Kunststoffspritzguss
Auf die Resignation folgt der Mut zum Neu.anfang – und dieser ist dank der verstärkten Hinwendung zum Kunststoffspritzguss wegwei.send. Bereits ab den 1940er-Jahren beschäftigt sich Erwin Wehrle mit der Erfindung einer ei.genen Spritzgießmaschine, die schließlich 1950 in Betrieb geht. Auch der Erfinder Max Braun (Gründer des Elektrogeräteherstellers Braun) ist von diesem Eigenbau begeistert, die beiden Männer sind befreundet. Max Braun ist bis zu seinem plötzlichen Tod im November 1951 mehr-

Die E. WEHRLE GMBH im Jahr 1976, wieder dokumen.tieren Neubauten das Wachstum. Das Furtwanger Unternehmen gilt längst als Spezialist für die Ferti.gung von Wasserzähler-Komponenten.
fach bei Wehrles zu Gast, mit dem Angler Erwin Wehrle geht er sonntags gerne zum Forellen-essen.
Gemeinsam sollen die beiden zudem die Technik der 1905 von Paul Schmidt erfundenen und später im Unternehmen von Max Braun in großem Stil produzierten Dynamo-Taschenlam.pe verbessert haben. Die Taschenlampe benö.tigt keine Batterien, die durch eine andauernde Handbewegung erzeugte Energie reicht für ihren Betrieb aus. Zur Zeit des Zweiten Welt.krieges und im Nachkriegsdeutschland ist diese Erfindung mit Blick auf den allgemeinen Strom.mangel stark gefragt.
Mit neuen Maschinen ausgestattet, wächst bei Wehrle die Produktion rasch – schon 1952 reichen die Räumlichkeiten nicht mehr aus. Das Wohnhaus bekommt einen ersten Erwei.terungsbau, 1954/55 entsteht ein Rundbau, der die Automatendreherei aufnimmt und den Wehrle bereits 1959 vergrößert. 1964 folgt eine eigene Halle für die Kunststoffspritzerei. Dar.an zeigt sich: Die Wehrle-Historie ist zugleich eine Geschichte der Kunststoffkompetenz, auf diesem Gebiet gelingen dem Unternehmen mehrfach Pionierleistungen. Zahnräder sind in den 1950er-Jahren die ersten Präzisionsteile, die aus Kunststoff entstehen. Der in der Branche als
E. WEHRLE GMBH

exzellent bekannte Wehrle-Werkzeugbau er-
Mehrstrahl-Nassläufer, ein Wasser.möglicht ständig weitere Ein- und Mehrkompo-zähler, der eine hohe Langlebigkeit nentenlösungen aus Kunststoff, so auch den vorweist. Spritzguss mit metallenen Einlegetei.len. Es folgen als weitere Innovation zweifarbig gespritzte Zahlenrollen.
stirbt 1971, die Geschäftsfüh-Produktion kompletter rung übernimmt formell Wasserzähler zunächst seine Witwe Elise – Die immer fortschritt-Eduard Herth hatte mittlerweile in lichere Wehrle-Pro-der Region ein erfolgreiches Immobilien.duktion und die starke büro aufgebaut.
Bautätigkeit im Nachkriegsdeutschland lassen den Absatz von Bestandteilen für Wasserzähler geradezu explodieren, deren Zählwerke ab 1960 komplett montiert ausgeliefert werden. Um 1965 beschäftigt das Unternehmen bereits an die 200 Mitarbeiter. Das ist mit das Verdienst von Schwiegersohn Eduard Herth, der 1959 nach der Heirat mit Friedhilde Wehrle in die kauf.männische Abteilung des Unternehmens ein.tritt, diese schließlich leitet und der 1961 zudem Kommanditist wird. Ihm gelingt es, den Vertrieb der Wasserzähler-Komponenten zu optimieren und neue Märkte zu erschließen. Erwin Wehrle

In Fritz Vosseler findet die Familie einen Kaufmännischen Leiter, der 1977 zum Ge.schäftsführer berufen wird. Unterstützt von Renate Wehrle leitet Fritz Vosseler in der Folge 31 Jahre das Unternehmen, maßgebende Ent.scheidungen fallen stets unter Einbeziehung des Familienbeirates. Meilensteine dieser Epo.che sind der verstärkte Ausbau der Produktion von technischen Präzisionsteilen zum zweiten Standbein, vor allem jedoch der Aufbau einer staatlich anerkannten Prüfstelle für Wasser- und Wärmezähler im Jahr 1981. Sie ist die Vo.raussetzung für den Einstieg in die Fertigung und den Vertrieb kompletter Wasserzähler, da diese amtlich geeicht sein müssen.

1997 kommt es zum Erwerb des Unterneh.mens G. BERNHARDT’s Söhne Ges.m.b.H, Wien, der Wehrle die Tür zum österreichischen Markt weit öffnet. Im Jahr 2000 erfolgt die Übernah.me der ANDRAE Wassertechnik GmbH in VS-Vil.lingen. Sie stärkt die Position des Furtwanger Unternehmens auf dem kommunalen Markt.
Im Jahr 2001 stirbt Renate Wehrle. Da sie unverheiratet und kinderlos bleibt, geht nach ihrem Tod das Unternehmen in den Besitz der Familie Herth über.
2002 tritt Georg Herth ins Unternehmen ein und fungiert ab 2004 zusammen mit Fritz Vosseler als Geschäftsführer. Zum Jahresende 2007 wechselt Fritz Vosseler in den Ruhestand – eine neue Ära bricht an.
Die E. WEHRLE GMBH im Jubiläumsjahr 2017 – das Unternehmen feiert sein 175-jähriges Bestehen. Spektakulär der mit blauen Fassadenelementen verkleidete Hallenanbau.

Die fünfte Generation: Geschäftsführer Georg Herth
Mit Georg Herth steht ab dem 1. Januar 2008 ein direkter Nachfahre von Firmengründer Franz Xa.ver Wehrle als alleiniger Geschäftsführer an der Spitze des Unternehmens – ein klares Bekennt.nis der Inhaberfamilie Herth zum Standort Furt.wangen. Der Geschäftsführende Gesellschafter: „Als mittelständisches Familienunternehmen mit Traditionswurzeln in Furtwangen bekennen wir uns damit zugleich zu unseren Mitarbeitern. Zu den Menschen, die entscheidend dazu bei.tragen, dass wir unsere Ziele erreichen.“
Zahlreiche bauliche und maschinentech.nische Investitionen unterstreichen diese Ab.sichtserklärung eindrucksvoll. 2009 baut Wehrle ein 900 Quadratmeter großes Hochregallager mit 1.540 Palettenplätzen. In den Jahren 2015 und 2016 wird ein spektakulär mit blaufarbenen Fassadenelementen verkleideter Hallenneubau realisiert. Auf 12.000 Quadratmeter Fläche sind dort über vier Etagen hinweg die Energiezentrale, Kunststoffspritzerei, Montage und Prüfstände, der Werkzeugbau sowie Büroräume angesiedelt. Gerade auch unter technologischen Aspekten wurde ein hochmodernes Gebäude realisiert.
WEFLOW heißt die neueste Generation intelligenter elektroni.scher Wasserzähler von
E.WEHRLE. Das integrier.te Funkmodul erlaubt die bequeme Fernauslesung. Die innovative Eigenent.wicklung ist seit Septem.ber 2017 erhältlich.

Wenn Georg Herth ausführt, dass es in Deutschland kaum ein Haus gibt, in dem sich nicht ein Wehrle-Produkt findet, dann hat er dabei nicht ausschließlich die Wasserzähler im Sinn, die rund drei Viertel der Produktion ausmachen. Mehr als 70 hochmoderne Spritz.gießmaschinen produzieren rund um die Uhr Präzisionsbauteile für verschiedenste Bran.chen. Ob Zahnräder, Schalterkomponenten für Automobile, Antriebsteile für elektrische Rasierapparate und Zahnbürsten, Getriebe für Küchenmaschinen oder Frontplatten mit hinter.spritzter Platine für EC-Karten-Lesegeräte: Das Traditionsunternehmen ist ein „Problemlöser“ und Hidden Champion, wie er im Buche steht. Die E. WEHRLE GMBH gilt seit Jahrzehnten als etablierter Zulieferer für die Automobil-, Elekt.ro- und Optische Industrie. Auch Produzenten von Haushalts- und Healthcare-Geräten sowie Hersteller luxuriöser Schreibgeräte vertrauen auf ihre Erzeugnisse.

Geschäftsführer Georg Herth: „Als Spezi.alist für hydraulische Durchflussmessgeräte verfügen wir über langjähriges Know-how. Wir beliefern weltweit marktführende Kunden der Wasserzählerindustrie: Ein- oder Mehrstrahl.zähler, Ringkolbenzähler, Messeinsätze oder kundenspezifische Applikationen – wir bieten zukunftsweisende Wasserzähler und -kompo.nenten, vorbereitet für Fernauslesung sowie Volumenmessteile für Wärmezähler in heraus.ragender Qualität“.

Georg Herth und Senior-Gesellschafter Eduard Herth (rechts). Georg Herth leitet die E. WEHRLE GMBH als Geschäftsführender Gesellschafter in fünfter Generation und hat sie technologisch hervorragend platziert.
Das mittelständische Unternehmen mit Wurzeln in der Uhrenindustrie ist technologisch führend – aber ebenso umwelttechnisch sowie beim sozialen und kulturellen Engagement glänzend aufgestellt. Vorbildlich ist das Energie.einsparkonzept. Georg Herth: „Zum Kühlen der Spritzgießmaschinen wird eigenes Brunnenwas.ser eingesetzt und die Abwärme der Produkti.onsanlagen dient Heizzwecken. Wir setzen in allen Bereichen auf modernste Systemtechnik, produzieren äußerst energieeffizient und leis.ten dank der lediglich noch auf Minimalniveau benötigten Energiemengen im Bereich Strom und Gas einen wesentlichen Beitrag zum Um.weltschutz.“

Sozial und kulturell enorm engagiert
Enorm ist das soziale Engagement. Bei Wehrle werden acht Schwerbehinderte beschäftigt, die über ihren Schwerbehinderten-Vertreter im Betriebsrat vertreten sind. Nur wenige regionale
E. WEHRLE GMBH

Unternehmen dieser Größe können eine derart hohe Behindertenquote vorweisen. Das Un.ternehmen unterstützt zudem einige Schulen, das Kinderhaus St. Elisabeth und den Verein Energiewende. Vom kulturellen Engagement profitieren das Deutsche Uhrenmuseum, die Furtwanger Bürgerstiftung, der FC 07 Furtwan.gen, die Sportfreunde Schönenbach sowie die Furtwanger Jugendfeuerwehr. Ebenso das Kin.der- und Jugendmuseum in Donaueschingen.
Und die Inhaberfamilie engagiert sich seit jeher auch politisch: Georg Herth gehört als Mitglied der Freien Wählervereinigung dem Furtwanger Gemeinderat an. Sein Großvater Erwin Wehrle wirkte in den 1960er-Jahren in Schönenbach als Gemeinderat und Bürger.meisterstellvertreter, nach ihm ist im heutigen Furtwanger Teilort auch eine Straße benannt. Mit Alois Herth kann Georg Herth auf einen Ur-Großvater verweisen, der Abgeordneter des Badischen Landtages und von 1903 bis 1919 Bürgermeister von Furtwangen war. Für seine Verdienste ernannte ihn die Stadt Furtwangen zum ersten Ehrenbürger. Der Stadtpark an der Friedrichstraße trägt seinen Namen.
Georg Herth: „Bedarf steigt weltweit“
Das Familienunternehmen E. WEHRLE GMBH sieht einer glänzenden Zukunft entgegen. Die 2013 gebildeten Business Units METERING 1 und METERING 2 sowie PRECISION PLASTICS sind die
Auch das Kinder- und Jugendmuseum Do.naueschingen profitiert vom kulturellen Enga.gement von Wehrle. Für das Museum haben Azubis eine Station reali.siert, an der Kinder spie.lerisch erkunden können, wie ein Wasserzähler funktioniert.

Grundpfeiler, auf denen Wehrle seit Jahrzehn.ten steht. Sie stellen sicher, dass Durchfluss.messgeräte für Wasser und Wärme, Dienstleis.tungen rund um das Thema Durchflussmessung sowie die Entwicklung und Produktion von Kunststoff-Präzisionsteilen auf höchstem Niveau die Marktposition weiter festigen und ausbauen helfen.
Der Bedarf an hochpräzisen Zählern, die fernausgelesen und in Systeme eingebunden werden können, steigt weltweit. Georg Herth ist überzeugt: „Unsere intelligenten Zähler werden sich im globalen Wettbewerb auch zukünftig hervorragend behaupten.“ Fortschritt und Inno.vation haben bei Wehrle eine 175-jährige Tradi.tion – das Unternehmen ist aus „gutem Grund perfekt“. Und das selbstverständlich am Stand.ort Furtwangen, „in der Stadt mit der einzigen Donauquelle“, schmunzelt Georg Herth.
Blick in die Wehrle-Produktion. Oben links: In der Konstruktion – Darstellung einer Verzugssimulation. Prüfung eines Werkzeuges (ob. rechts) und Mitte: Die Steine für die Lager der Zählwerke werden ge.setzt. Unten: Blick in eine offene Druckgusspresse und rechts vollautomatische Hydraulik-Montage für Einstrahlzähler.
E. WEHRLE GMBH

Der totraumfreie Küken.hahn ist für den sicheren Prozessablauf vor allem in der chemischen Industrie unverzichtbar. Hier ein Bild der Fertigung und eines Durchgang-Flanschhahns aus Edelstahl.

Start in Schonach
Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Jahr 1963 in Schonach: Dipl.-Ing. Gerhard Wisser, Vater des heutigen ge.schäftsführenden Gesellschafters Jörg Wisser, gründet die Firma mit seinem Studienkollegen Dipl.-Ing. Gernold Buck. Beide haben Maschinenbau studiert. Sie legen den Grundstein für eine erfolgreiche Entwicklung, die von Schonach über Triberg nach Mönchweiler führen wird. Anfangs noch ohne eigene Produktion, werden die konstruierten Produkte von Drittanbietern hergestellt.
Bereits 1965 läuft in angemieteten Räumen in Triberg die eigene Produktion an – auf 64 Quadratmetern und mit drei Mitarbeitern. Als einer der ersten großen Kunden bestellt das Kernforschungszentrum Karlsruhe gleich Hun.derte von totraumfreien Muffenhähnen. Das Büro befindet sich zu dieser Zeit weiterhin zu Hause bei Firmenchef Gerhard Wisser.

Das Vertriebskonzept von Gerhard Wisser geht auf – dank seines großen technischen Wis.sens löst er vielfach Probleme für Industriean.lagen. Er spezialisiert sich auf weichdichtende, totraumfreie Kükenhähne und auf Sonderlösun.gen. Zusammen mit den Kunden werden durch AZ neue Armaturentypen für wirtschaftlichere Produktionsanlagen entwickelt. Mit großem Erfolg: Nach nur zwei Jahren kann das erste eigene Betriebsgebäude in Schonach errichtet und bezogen werden.
Kontinuierliche Aufwärtsentwicklung
Der technische Fortschritt und die innovativen Lösungen, die AZ anbieten kann, begründen ei.ne kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. Einige Beispiele: Als elektrische Stellantriebe in der Chemieindustrie auf dem Rückzug sind, ent.wickelt Gerhard Wisser einen pneumatischen Antrieb. Bei den handbetriebenen Kükenhähnen bewältigt der ideenreiche Erfinder und Kon.strukteur die relativ hohen Drehmomente mit mehrstufigen Zahnradgetrieben.
Weitere Produktimpulse durch den Einsatz neuer Werkstoffe und innovativer Produkti.onsverfahren sind die Bausteine des Unterneh.menswachstums. So produzierte AZ Mitte der 1970er-Jahre als einer der ersten chemiekalien.beständige Kunststoffauskleidungen mit FEP- bzw. PFA im Transfer-Moul.ding-Verfahren. Auch verschiedene Patente, z.B. für Probenahmesysteme, unterstreichen das hohe Niveau der Entwicklung bei AZ.

Das Produktportfolio wird immer komplexer: Große Armaturen werden mit handbetätigten, offe.nen Schneckengetrieben ausgestattet, vermehrt kommen pneumatische Antriebe zum Einsatz. In der Kernkraftindustrie allerdings sind keine die.ser Stellantriebe erlaubt, so entwickelt AZ eigens einen elektrischen Stellantrieb. Immer wieder neu gründet der AZ-Erfolg auf der Tatsache, ein anerkannter Problemlöser zu sein. Das Quali.tätsmanagement wird früh fester Bestandteil in der Produktion, z.B. mit einem eigenem Röntgen-Labor zur zerstörungsfreien Material.prüfung, was maßgeblich die Produktsicherheit und -qualität erhöht.
Früh erkennt Gerhard Wisser die Notwen.digkeit der Internationalisierung. In Südafrika wird 1985 die erste Auslandsgesellschaft gegründet. 1995 folgt die Gründung von AZ Brasil.

Expansion in Mönchweiler
Die Produktionsfläche in Schonach kann mit dem Wachstum nicht mehr Schritt halten: Vorhandene Produk.tionshallen werden in Mönchweiler erworben und um ein modernes Verwaltungsgebäude erweitert – der Umzug erfolgt 1992. Auch der permanente Facharbei.termangel wird durch das größere Einzugsge.biet des neuen Stand.ortes entschärft.

Mit dem Umzug nach Mönchweiler ist für AZ-Armaturen auch ein Generationenwechsel verbunden: Mit Di.pl.-Ing. Jörg Wisser tritt 1992 der Sohn des Fir.mengründers in die Geschäftsführung ein, der ab 1993 schrittweise die Führung übernimmt. Die Geschicke der Unternehmensgruppe leitet Jörg Wisser mittlerweile seit mehr als zwei Jahr.zehnten.
Seit über 25 Jahren ist das Unternehmen nun am Stammsitz Mönchweiler erfolgreich – zweimal konnten bereits Erweiterungen vorge.nommen werden. Weltweit sind rund 450 Mit-

Der heutige Firmensitz in Mönchweiler nach der zweiten Erweiterung 2016.

Das Werk in Brasilien verfügt über eine Edelstahl-Gießerei für Feinguss.
Unten: Probenahmehahn für gefährliche und toxische Flüssigkeiten oder Feststoffe, Typ CONTIFLOW.

arbeiter beschäftigt, davon 120 in Mönchweiler. Der Exportanteil liegt bei ca. 62 Prozent, es wird in mehr als 80 Ländern der Welt geliefert. Zu.dem erfolgten in dieser Zeit zahlreiche weitere, wegweisende Schritte, so 2009 die Eröffnung des Werks in China.
Die verbesserten räumlichen Möglichkeiten bilden mit die Grundlage für den Aufstieg zu einer international agierenden Unternehmens.gruppe. AZ-Armaturen produziert aktuell in vier Werken, die in Mönchweiler, Brasilien, China und Südafrika angesiedelt sind. Hinzu kommen Gießereien in Schwäbisch Gmünd und Brasilien.
„Das Unternehmensmotto ‘Partner für höchste Ansprüche’ ist keine Worthülse. Wir wollen schnell, flexibel und kompetent sein“, so Geschäftsführer Jörg Wisser. Um Kunden.nähe zu demonstrieren und den Anspruch „Problemlöser“ zu dokumentieren, betreibt AZ mittlerweile weltweit 16 eigene Service-Nieder.lassungen. Dieser enge Draht zu den Kunden ist ein großer Pluspunkt und zeichnet das Fami.lienunternehmen aus. Jörg Wisser steht dafür persönlich zur Verfügung, wird bei Problemen häufig direkt kontaktiert. Der Geschäftsführer: „Auf dieser Basis entwickeln sich langjährige Partnerschaften.“
Totraumfreie Kükenhähne verhindern Rückstände jeder Art
Dass AZ-Kükenhähne totraumfrei und war.tungslos sind hat folgenden Vorteil: Aufgrund fehlender Leerräume in der Armatur – fachlich als Toträume bezeichnet – können sich zum Beispiel kristallisierende und polymerisierende Medien nicht festsetzen oder zurückbleiben. Produktverschmutzungen und ein Blockieren der Armatur sind ausgeschlossen. Die Indus.trieanlagen haben durch diese langlebigen Kükenhähne störungsfreie und hohe Anlagen.laufzeiten.
Auf AZ-Armaturen vertrauen die Ingenieure außerdem immer dann, wenn höchste Zuver.lässigkeit gefragt ist. Das Unternehmen gehört zu den Pionieren, wenn es auf diese Eigenschaft ankommt. Die Dichtheit hat eine elementare Bedeutung, wenn hoch korrosive, aggressive oder toxische Medien zum Einsatz kommen. Höchste Beständigkeit von den langlebigen und robusteren Kükenhähnen ist der größte Vorteil gegenüber anderen Armaturentypen. Die Pro.dukte werden fast immer unter Extrembedin.gungen eingesetzt – extreme Temperaturen, extremer Druck und/oder aggressive Säuren gehören dazu.
Diese Anforderungen verlangen Erfahrung und Präzision. AZ hat die Qualität seit nunmehr über 54 Jahren perfekt im Griff, zählt zum Kreis der weltweiten Marktführer. Oft setzt sich das
Oben: Kükenhahn mit gegossenem Heizmantel zur Tem.perierung des Mediums, z.B. flüssiger Schwefel, Typ HM.
Mitte: Absperrarmatur DN400 für Kerosinbetankung an Flughäfen, Typ DBI.
Unten: Drei-Wege-Blockhahn aus Hastelloy für flüssiges Phosgen mit s.g. Schnüffelports an Schaft, Flansch und Armaturendeckel zum detektieren von Undichtigkeiten, Typ MB-3.

Unternehmen mit seinen kundenspezifischen Lösungen gegen konzerngeführte Konkurrenten durch. Auch mit größeren Durchmessern bis DN600/24“ sowie höheren Drücken bis 160 bar und innovativen Produktentwicklungen reagiert man auf die steigenden Anforderungen. Die ho.he Kompetenz von AZ unterstreicht im Jahr 2012
u.a. die Herstellung des bislang weltgrößten weichdichtenden Kükenhahns für ein Projekt in Indien mit einem vollrundem Durchgang von 600 mm Durchmesser.
Das umfassende Programm an metallischen Kükenhähnen, Schaugläsern sowie ausgeklei.deten Küken-/Kugelhähne, Klappen, Filter, und Rückschlagventilen ist „nur“ ein Teil des Produktportfolios. Insbesondere die Systeman.gebote für Probenahmestationen, Regelhähne, Automatisationen und umfangreiche Sonderan.fertigungen sind aktuelle Verkaufsschwerpunk.te. Seine Produkte vertreibt das Unternehmen stets selbst. „Wir haben den Vertrieb in eigener Hand“, so Geschäftsführer Jörg Wisser. Auch aus diesem Grund strickt AZ ein enges Netz an Service-Niederlassungen. Durch die Globalisie.rung kommt es sehr auf dieses internationale Netzwerk an.
Höchste Präzisionsarbeit
Die Techniker von AZ-Armaturen sind daran gewöhnt, dass nicht selten Präzisionsarbeit im Eiltempo gefragt ist. Kommt es bei einem Unternehmen zu einem Problem, gar einem An.lagenstillstand, muss schnell Abhilfe geleistet werden. „Die Herausforderungen bleiben und werden nicht weniger“, unterstreicht Jörg Wis.ser. Immer wieder legen die Kunden ganze Pro.duktionsanlagen still, um sie überholen zu las.sen. Dann schlägt die Stunde der AZ-Techniker: Jede Armatur wird überprüft, im Zweifelsfall ausgetauscht, um den reibungslosen Anlagen.betrieb sicherzustellen. Jeder Produktionsaus.fall der Industrieanlage bedeutet einen hohen finanziellen Schaden – bei Genauigkeit und Qualität können keinerlei Abstriche gemacht werden.

Gute Infrastruktur
Über dieses Vertrauen im Zusammenspiel mit der technischen Kompetenz schafft es AZ, sich auf dem Weltmarkt mit Nachdruck zu behaup.ten. Dass das Mönchweiler Unternehmen zwar international tätig ist, aber eben nicht von einer anonymen Investorengruppe geführt wird, sei der große Vorteil. Jörg Wisser: „AZ setzt sehr auf Nachhaltigkeit. Nur mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Produkte und den inten.siven Kundenbeziehungen wird man Partner für höchste Ansprüche.“
Das mündet auch in einer engen Verbun.denheit zur Heimat und zur ganzen Region. „Die hohe Lebensqualität und die sichere Umgebung in der wir leben und produzieren können schät.ze ich sehr“, sagt der geschäftsführende Gesell.schafter. In Mönchweiler verfüge das Unterneh.men über eine gute Infrastruktur.

Am 27. August 2015 verstirbt im Alter von 83 Jahren in seinem Heimatort Schonach der Fir.mengründer Gerhard Wisser. Im Nachruf heißt es: „Seine Leidenschaft galt der Technik, sein Po.tenzial war die Analyse von Problemen und de.ren Lösung in langlebige Produkte. Wichtig war ihm dabei immer der ganzheitliche Ansatz: Mit Erfindergeist wurden schon früh die Armaturen mit langlebigen Antrieben kombiniert oder mit neuen Werkstoffen experimentiert.“
Diese kundennahe Umsetzung von Inge.nieursleistungen in komplexe Modulsysteme ist noch heute das Leitmotiv der AZ-Firmen.gruppe, deren Zukunft gesichert ist: Die dritte Generation steht zur Übernahme zukünftiger Herausforderungen bereit, so Jörg Wisser, Vater von fünf Kindern. „Wir möchten für unsere Kun.den kompetenter Ansprechpartner für höchste Ansprüche bleiben. Die von meinem Vater be.gonnene Produktpolitik haben wir konsequent weitergeführt.“ Womit der Geschäftsführer un.terstreicht: AZ ist und bleibt Spezialist für tech.nisch anspruchsvolle Sonderarmaturen – liefert höchste Qualität.

Durch die vielfältigen Gehäuseformen, Armaturausführungen sowie kleinen Losgrößen pro Auftrag ist eine Fertigung mit hohem Automatisationgrad kaum möglich – sorgfältige Handarbeit von Spe.zialisten ist in vielen Produktionsschritten gefragt.
79

Der Blick in jede Stadtkulisse dokumentiert es: Keine andere Errungenschaft des modernen Lebens ist im öffentlichen Bild ebenso präsent und selbstverständlich wie das Auto. Segen und Fluch gleichermaßen ist dieses Vehikel. Unter allen Konsumgütern ist es vielen Menschen das wertvollste. Auf keinen Fall möchte man darauf verzichten, auch wenn diese Mobilität den Men.schen in der Großstadt buchstäblich stinkt.
Folglich nimmt auch jene Adresse in der regionalen Wirtschaft eine Sonderstellung ein, an der die Fahrzeuge auf die Straße rollen. Nirgendwo sonst im Schwarzwald-Baar-Kreis ist das so oft der Fall wie beim Mercedes-Auto.haus Südstern-Bölle. Das mit seiner Zentrale an Donaueschingens Dürrheimer Straße 12 residie.rende Handels- und Servicehaus, welches für den Stuttgarter Stern-Konzern die drei Landkrei.se Schwarzwald-Baar, Hochrhein und Konstanz mit schwäbischer Mobilität versorgt, hält den Rekord: Jährlich rollen vom Hauptsitz in der Baar-Stadt und den Niederlassungen in Villin.gen, Schwenningen, Titisee-Neustadt, Walds.hut, Singen und Konstanz 1.300 neue, 2.200 gebrauchte Pkw, 240 Lkw und weit mehr als tausend Transporter auf die Straßen. 5.000 Fahr.zeuge also münden bei diesem Stapellauf zum Asphalt in den Gebrauch – ein Strom, der jetzt gerade einen markanten Jubiläums-Meilenstein passierte: Vor hundert Jahren wurde diese Quel.le in der Quellstadt erschlossen. Damals grün.dete der Donaueschinger Kaufmann Carl Honer an der Josefstraße sein Unternehmen, das die Wurzel der heutigen Aktiengesellschaft ist.

Carl Theodor Honer hatte im Jahr 1867 die Firma Fabrikation und Vertrieb von Stahlwaren in Spaichingen gegründet, deren Sitz im Jahr 1879 in die Josefstraße in Donaueschingen verlegt wurde. 1916 schloss Carl Theodor Honer einen ersten Händlervertrag mit Daimler-Benz ab – eine weitsichtige Entscheidung.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Betriebs.gelände durch Bombenangriffe schwer beschä.digt. Nach dem Kriegsende stand der Wieder.aufbau an. 1969 wurde eine neue Werkstatt in der Dürrheimer Straße gebaut. 1970 folgte dann das neue Verwaltungsgebäude.
Einer der ersten Vertragspartner von Daimler
Selbst für den Stuttgarter Weltkonzern schrieb der längst verstorbene „C. Honer“ Geschichte. Der knorrige Baaremer war einer der ersten Ver.tragspartner der schwäbischen Autofabrik. Und während das Unternehmen inzwischen in einer ganz anderen Liga als einst spielt und in jeder

Das Autohaus Honer am Stammsitz in der Donaueschinger Josefstraße, wohl 1920er-Jahre. Südstern-Bölle am Standort VS-Villingen.

Die beiden Geschäftsführer Johann Bucher und Willi Maurer-Spitznagel (v. links) leiten Südstern-Bölle in Donaueschingen.
Hinsicht reformiert, saniert, expandiert und in seiner Philosophie neu justiert ist – ein Relikt erinnert dann doch noch an die vergangene Epoche. Im Büro des Vorstandes Johann Bucher hat C. Honers Besprechungstisch überlebt – als Requisit aus lackiertem braunem Holz und Hosenboden-poliertem Glattleder, das in der Nachbarschaft zum modernen Arbeitsplatz-In.terieur den Gezeitenwechsel antiquarisch doku.mentiert.
Heute ist die Baaremer Südstern-Bölle AG + Co. KG trotz der enorm prosperierenden Kollegen in Ballungszentren weiter nach oben gerankt in der Größen-Statistik der 89 deut.schen Sterne-Händler. Auf Platz 13 rangiert das Unternehmen, das von Donaueschingen aus seine Geschäfte steuert. Unter der Leitung des Stammsitz-Vorstandes Johann Bucher und seines Waldshuter Chef-Kollegen Willi Maurer-Spitznagel, die gemeinsam 1998 das Eigentümer-Erbe der havarierten Firma Honer übernommen hatten, stehen inzwischen 520 Mitarbeiter, darunter 75 Lehrlinge, auf den Gehaltslisten. 120 von ihnen in dem modernen Firmenkomplex in Donaueschingens Stadtzen.trum. Das Vorstands-Büro Johann Buchers, die kaufmännische Leitung, die Verkaufsleitung für Nutzfahrzeuge und die Serviceleitung, als die Steuerung der Werkstätten sind hier angesie.delt. In Waldshut-Tiengen residiert der zweite Vorstand Willi Maurer-Spitznagel. Von Singen aus wird der Verkauf neuer und gebrauchter Personenwagen gemanagt.

Dass sich im Laufe der vergangenen Jahr.zehnten die einst selbstständigen Firmen wie die Rheinbrück-Garage am Hochrhein, Bürk
S
üdstern-Bölle sorgt für Mobilität durch Kraftfahrzeuge. Aber von der Aktienge.sellschaft mit Sitz in Donaueschingen gibt es auch eine verwandtschaftliche Beziehung zu einem anderen Unternehmen mit Sitz im Schwarzwald-Baar-Kreis, das auch noch auf an.dere Weise für Mobilität sorgt. Der Vorstand der Südstern-Bölle AG, Johann Bucher, sitzt eben.falls am Firmensteuer des im Südwesten bedeu.tenden Händlers und Produzenten von Schmier.stoffen, Mineralölen und Dienstleistungen für die Industrie auf diesem Branchen-Terrain. In Personalunion ist der 65-jährige Unternehmer auch Geschäftsführender Gesellschafter der Bürk-Kauffmann GmbH in VS-Schwenningen, teilt sich diese Rolle mit seinem 35-jährigen Sohn Dominik und weiteren angestellten Chefs. Mit einem wortlosen und doch vielsagenden Schmunzeln antwortet Johann Bucher auf die ihm immer wieder angeheftete Frage, wie diese Doppelbelastung in Chefsesseln zu bewältigen sei – zumal es da auch noch etliche ehrenamt.lichen Rollen und Leidenschaften gibt wie etwa im national agierenden „Senat der Wirtschaft“, in der Vollversammlung der IHK, im Lions-Club
und Görlacher in Villingen und Schwenningen, Honer in Donaueschingen, 2008 der große Nachbar Bölle aus Singen und Konstanz und 2003 schon die Titiseer Firma Schmidt zu ei.nem einzigen Unternehmen legierten, das lag an dem Credo des Stuttgarter Konzerns. „Dort drängt man auf größere Einheiten im Handels- und Servicenetz“, erklärt Bucher. Nur so – heißt die Botschaft – könnten die Anforderungen des Marktes und moderne Steuerungsmechanis.men funktionieren.
Menge macht’s also. Und so schreibt heute das Unternehmen, das der Stadt Donaueschin.gen ein wichtiges Moment wirtschaftlicher Zentralität im Südwesten verschafft, auch be.eindruckende Leistungsdaten. Aus den einst 30 Millionen D-Mark Umsatz, den die damaligen Geschäftsführer Bucher und Maurer-Spitznagel 1998 von der Firma Honer übernahmen, sind inzwischen 240 Millionen Euro geworden. Und in den Bestell-Katalogen, wo einst gerade ein-oder im Pferdesattel. Denn bei Bürk-Kauffmann fordert ein florierendes und ständig dehnendes Geschäft doch ebenso wie beim Mercedes-Haus viel Präsenz und Einsatz. Schließlich stehen dort auf 32.000 Quadratmetern Firmenareal an der Schwenninger Neufenstraße 25, in einigen De.pendancen und bei den Tochterfirmen Mowag

Firmen-Verwandtschaft zur Bürk-Kauffmann GmbH
in Lauchingen und Gaiser in Oberndorf mehr als 120 Menschen auf der Gehaltsliste. Spezia.listen für den Handel und die Herstellung von Schmierstoffen für die industrielle Metallbear.beitung und Zerspanung, für den motorischen Einsatz sind es.
Außerdem betreibt das 120 Jahre alte Un.ternehmen 43 Dieseltankstellen, handelt mit Strom, Gas und freilich Heizöl, wo man zu ei.nem der großen Anbieter im Südwesten aufge.stiegen ist.
mal ein halbes Dutzend verschiedener Modelle gelistet waren, hat der Kunde „heute die Wahl zwischen 38 verschiedenen Modellen“, wie der Vorstand erklärt. Auf 450.000 Euro lautete kürz.lich die höchste Rechnung, die Südstern-Bölle einem Kunden für einen luxuriösen Pkw – einen Geländewagen G 6×6 – ausstellte. Am anderen Ende des Angebotsspektrums stehen die Fe.dergewichtsflitzer der Marke Smart, auf deren Verkauf und Service sich die Dependancen in Villingen und Singen spezialisiert haben.
Tiefgreifende Veränderungen
So sehr man sich nach der Wegmarke des hun.dertjährigen Bestehens der Tradition bewusst ist, so sehr hat die nicht börsennotierte Aktien.gesellschaft die enormen Anforderungen und Aufgaben eines sich gerade in nächster Zukunft epochal verändernden Geschäfts im Blick. Der Paradigmenwechsel der Mobilität weg vom al.

Am Standort Donaueschingen beschäftigt Südstern-Bölle rund 120 Mitarbeiter, darunter etliche Auszubildende.
leine den Markt beherrschenden Verbrennungs.motor hin zu Elektro- und anderen Antrieben ist eine der großen Herausforderungen. Auch durch die starke Vernetzung oder Digitalisierung und die Ablösung des Fahrers in seiner Pilotenrolle durch die Steuerungstechnologie werde sich der Alltag in den Werkstätten oder auch beim Handel mit Fahrzeugen tiefgreifend verändern. „In Zukunft meldet das Auto der Werkstatt automatisch, wenn der Motor ein Problem hat oder die Bremsbeläge verschlissen sind“, erklärt Firmenchef Johann Bucher. Und die Werkstät.ten bekommen immer häufiger Hybridmotoren, Elektroantriebe oder komplexe Komfort-Featu.res vorgesetzt. Aus dem Automechaniker alter Prägung ist heute schon der interdisziplinär ausgebildete Mechatroniker geworden, der viel qualifizierter sein muss als der akademische In.genieur vor zwei Jahrzehnten.
In besonderer Weise werden schon jetzt und noch mehr in Zukunft die Service-Leistungen bei jenen Kunden zum wichtigen Leistungs-Parameter, bei denen mit den Fahrzeugen ganz direkt Geld verdient wird. Bei Transportern oder Lastfahrzeugen zum Beispiel bedeutet jede Stunde, die das Fahrzeug in der Werkstatt pau.sieren muss, verlorenes Geld. Also warten die Fachleute des Lkw-Service von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr am Abend auf die Brummi-Patienten.

Mit der Region eng verbunden
Nicht nur in den Handels- und Technik-Diszipli.nen und als Arbeitgeber ist das Unternehmen eine „große Nummer“ der regionalen Volkswirt.schaft – auch auf der Landkarte gesellschaft.licher Strukturen oder als Mäzen und Sponsor wird neben regionalen Banken Südstern-Bölle so häufig bemüht und genannt wie wohl kein anderes Unternehmen dieser Landschaft. Vereine, Reitturniere und andere sportliche, musische oder kulturelle Akteure, aber auch caritative Adressen, nähren sich an dem Selbst.verständnis der Südstern-Bölle-Chefetage, die Verbundenheit mit der Region durch so manch generöse Geste zu demonstrieren. Und im Falle Südstern-Bölle ist der im Donaueschinger Stadt.bild exponierte gläserne Karton der Ausstel.lungshalle schon häufig zum Stadthallen-Ersatz geworden.
Also ist Südstern-Bölle in vielfacher Hinsicht von der Werkstatt zur Bühne mutiert. Zum Podium eines Unternehmens, auf dem sich schicksalhafte Zufälle wie der Niedergang der Alteigentümer mit dem entschlossenen Fort.schrittswillen der Gegenwart die Hauptrolle teilen.

Die gläserne Ausstellungshalle von Südstern-Bölle ist nicht nur Show- und Verkaufsraum, sondern oft auch ein Ort für Events jeder Art – auf dem Bild oben ist es die Vorstellung neuer Automodelle.

H
ans Dhonau ist bereit. Er setzt beherzt seine graue Mütze auf, rückt seinen Gürtel zurecht, in den er die Arbeits.handschuhe geklemmt hat, und stiefelt los, raus aus seinem Büro. Er macht sich auf den Weg hinein in das Herz seines Betriebs. „Willkom.men in der Vorhölle“, scherzt er grinsend und mit jeder Menge Schalk im Nacken, während er den Aufzugsknopf drückt und mit dem Besuch hineinfährt in die Produktionshallen der letzten im Schwarzwald-Baar-Kreis verbliebenen Eisen.gießerei.
Eine der letzten ihrer Art
Seit 36 Jahren ist der Gießerei-Ingenieur Inhaber des Betriebs. 1981 im November kam der aus dem Hunsrück in Rheinland-Pfalz stammende, damals 41-jährige Fachmann, der bis dato Leiter der Gießerei Siempelkamp in Krefeld gewesen war, im Schwarzwald an. Hier wollte er sich die ehemalige Gießerei Werneth genauer anschauen. Um die war es

Der Unternehmer misst nach: Hans Dhonau ist täglich in der Fabrikation anzutreffen.
allerdings alles andere als gut bestellt. Im Mai 1981 war der Betrieb in Konkurs gegangen, 55 Mitarbeiter standen auf der Straße. „Dann kam ich und hab‘ die Ruine gekauft. Ich war der Einzige, der hier noch Geld reinsteckte. In ganz Süddeutschland hat man mich Idiot genannt“, sagt Hans Dhonau, sich zurückerinnernd. Der Familienvater von zwei Kindern hatte derweil den unumstößlichen Entschluss gefasst, sich selbstständig zu machen. „Ich war das Angestelltenleben einfach leid“, sagt er im Rückblick. Zuletzt hatte er ein eigenes Verfahren entwickelt und war sich sicher: Wenn man sich in Schonachbach auf Handformguss konzentrieren würde, könnte man einen idealen Fertigungsfluss erreichen. Spezialisierte Produkte – das war die Zukunft, die er mit „Elan, Erfahrung und ehrgeizigen Plänen“ angehen wollte, so schrieben es damals die örtlichen Zeitungen.
Die Arbeit wurde also wieder aufgenom.men. „Wir waren sehr schlecht eingerichtet, der Anfang war ganz furchtbar hier“, sagt Dhonau und verzieht beim Gedanken daran mit deutlich erkennbarem Erschaudern das Gesicht. Von den zuvor gekündigten Mitarbeitern wurden zunächst zehn wieder eingestellt. Im ersten Jahr verlor der neue Firmenchef so viel Geld, wie er bis dato in seinem ganzen Leben verdient hatte; ab dem dritten Jahr sei das Ganze profitabel geworden und „danach haben wir nie mehr rot geschrieben“, erzählt er und über sein Gesicht geht wieder ein Grinsen, diesmal ein sehr brei.tes, sehr stolzes – ein kleiner, später Gruß an alle jene, die ihm das seinerzeit nicht zugetraut hatten.
Seither hat Dhonau einen treuen, verlässli.chen Kundenstamm aufgebaut. Auf sehr vielen der Modelle prangt der Name Arburg. Der Ma.schinenbauer aus Loßburg im Kreis Freuden.stadt ist der größte Kunde der Gießerei. Weitere Abnehmer sind zum Beispiel der Antriebsspe.zialist SEW Eurodrive in Bruchsal, die Spritz.

Firmenansicht von oben, unschwer erkennbar ist die schwierige topografische Lage.
gussmaschinenbauer Engel aus Österreich oder Netstal im schweizerischen Glarus, die Heller GmbH in Nürtingen, die vorwiegend CNC-Fräs.maschinen baut, der Baumaschinenriese Lieb.herr oder Krauss Maffei mit Sitz in München. Auch die J. G. Weisser Maschinenfabrik in St.Ge.orgen vertraut auf Dhonau-Produkte. Deren Geschäftsführer Thorsten Rettich verweist bei seinen eigenen Firmenrundgängen dann auch schon gern mal auf das Unternehmen im Nach.barort und erklärt, dass er dieses für „eine der besten Gießereien Deutschlands hält“ – sehr zur Freude von Hans Dhonau natürlich.
Für all diese Kunden produziert er die unter.schiedlichsten Gussstücke, vom Schwenkteil für Werkzeugmaschinen über Verriegelungszylin.der für Kunststoffspritzguss-Maschinen bis zu Teilen für Buchdruckmaschinen zum Beispiel.
Bei Dreck wird der Chef fuchsteufelswild
Und wie sieht es nun heute in der Fabrik aus? Vorhölle, wie angekündigt? Ort des Grauens? Finstere Männer mit rußgeschwärzten Gesich.tern, die sich ihren Buckel in dunklen, zugigen Hallen krummschaffen müssen, in denen man knietief im Dreck steht und die eigene Hand vor Augen kaum sieht? In denen man die Hitze inmitten von Feuer und Funken schier nicht aus.hält und in denen angesichts tonnenschweren Arbeitsgerätes obendrein noch ohrenbetäuben.der Lärm herrscht? Ja, dieses Image hält sich hartnäckig und andernorts in ähnlichen Betrie.ben mag es unter Umständen auch manchmal noch so oder so ähnlich zugehen. Bei Dhonau aber: Fehlanzeige. Das auf sehr beachtliche Größe entlang des Bachlaufs regelrecht um die Kurve angewachsene Gebäudeensemble hat eine weiß gestrichene Fassade, an der stolz das mächtige Firmenlogo prangt. Der Chef persön.lich wird fuchsteufelswild, wenn von den Mit.arbeitern nicht penibel auf Ordnung geachtet wird, da versteht er keinen Spaß. Um gegen das schlechte Image anzugehen, tut er, was er kann. Und er findet: „Es ist immer noch nicht sauber genug.“ Seine feste Überzeugung lautet: „In keinem der Gebote Gottes steht, dass eine Gießerei ein Saustall sein muss.“

Also werden jedes Wochenende die (vielen!) Fenster geputzt und 160.000 bis 180.000 Euro gibt er jedes Jahr für die Maler aus, die hier zum Beispiel ständig die Wände weißeln. Die Beleuchtung wird sukzessive auf LED-Betrieb umgestellt. Und in den verschiedenen Hallen der Gießerei ist es auch dank der großflächigen Fenster, die so viel Tageslicht wie möglich hin.einlassen, heller als anderswo. Sie sind einmalig in der Gießerei-Branche.
Wo man rausschauen kann, kann man von draußen auch reinschauen, tagsüber, aber auch abends, wenn die Fabrik indirekt beleuchtet wird: Der Passant kann dann durch die hohen Industriefenster – wenn er Glück hat und gera.de gegossen wird – den Dhonau-Mannen bei der kniffligen und schweißtreibenden Arbeit an den Schmelzöfen zusehen. Hier sprühen buch.stäblich die Funken, wenn das glühende, heiße Eisen in die Form gegossen wird.
Viele Arbeitsschritte ergeben ein Ganzes
Bis das aber soweit ist, stehen viele, viele Ar.beitsschritte zuvor an, ablesbar an den verschie.denen Abteilungen des Industriebetriebs. Nach entsprechendem Auftragseingang und der Zu.sammenarbeit mit dem Kunden, um das beste Produkt für den jeweiligen Zweck auszutüfteln, muss ein Modell des Gussteils erstellt werden, entweder seitens des Kunden oder gleich in der hauseigenen Schreinerei. Im riesigen, exakt temperierten Modelllager werden diese dann auch für die weitere Verwendung aufbewahrt. Hier ist der Gabelstapler entlang der tipptopp aufgeräumten Hochlager unterwegs, um das jeweils benötigte Holzmodell für den Guss her.auszusuchen.
Auch im zuletzt hinzugekommenen Ge.bäudeteil hin zur B 33, im Kasten- und Rohma.teriallager, ist einiges los. Hier findet man das brasilianische Roheisen, das in faustgroßen Klumpen in Containern gelagert und bei Bedarf in Richtung Ofen transportiert wird. Schrott, der aus einer Umgebung von rund 200 Kilometern geliefert wird, wird hier ebenfalls gelagert.
Mit einem Kran werden unterdessen die Formkästen ausgesucht, in denen die Modelle und später beim Guss die Formen zusammen.gehalten werden. Mehrere Männer sind in der Kernmacherei. Sie fertigen in absoluter Hand.arbeit Kerne für Hohlräume in den Gussteilen an – Handformen lautet der Fachbegriff. Eine eigene Entwicklung des technischen Betriebs.leiters Martin Grieshaber kommt hier zudem zum Einsatz: Die Kerne werden miteinander verklebt – ein Dhonau-typisches, eigens aus.getüfteltes Verfahren. In der Kernmacherei wird mit schwarzem, mit Furanharz gebundenem Sand hantiert, der später auch noch mal bei einem anderen Produktionsschritt zum Einsatz kommt.

In der Füllhalle nämlich, wo er mittels eines Greifarms und eines Trichters in die jeweilige Kastenform gefüllt wird, um die notwendige Stabilität beim Guss zu erreichen. Der Furan-harz-Sand härtet aus und dann kann das jewei.lige Modell wieder herausgenommen werden. In den entstandenen Hohlraum wird später das Eisen gegossen, um das gewünschte Endpro.dukt zu erhalten. Es folgen als nächste Schritte noch das Fluten der Form und das sogenannte Zurichten.
Und dann wird es richtig heiß: In den beiden mächtigen Induktionsöfen werden das für den Guss benötigte Roheisen, Schrott, Ferrosilizium und andere Zusatzstoffe wie Kupfer, Zinn und Nickel und mehr in vorher genau festgelegtem Mischungsverhältnis bei großer Hitze verflüssigt.
Feuer und Flamme für den Beruf
Hier steht Hans Dhonau am liebsten. Einmal täglich muss er flüssiges Eisen sehen. Das ist seine Devise – und wer ihn dabei beobachtet, weiß, dass dieser Mensch buchstäblich Feu.er und Flamme für seinen Beruf und seinen Betrieb ist. Die glühende, faszinierend hellrot leuchtende Masse wird aus den Elektroöfen in eine mächtige Gießpfanne umgegossen. Aus dieser wiederum, sie kann mittels entsprechen.der Gerätschaften gekippt werden, wird das flüssige Eisen – exakt 1.315 Grad heiß muss es sein – final in die Form gegossen. Geredet wird bei all diesen Arbeitsschritten nicht viel, wenn überhaupt nur das Notwendigste. Die Männer
Oben: In der Füllhalle und der gesamten Fertigung ist Handarbeit gefragt. Mitte: In der Fluterei wird die Form geflutet. Unten: Blick in die Zulegerei.

Spezialisierung durch Sphäroguss
Dhonau arbeitet mit dem Verfahren des sogenannten Kugelgraphitgusses, auch Sphäroguss genannt. Dieser hat sich als ideal für technisch anspruchsvolle Er.zeugnisse mit hohem Nutzen erwiesen und ermöglicht einen hohen Grad an Spezialisierung. „Gleichmaß in Sphäro.guss“ ist der Slogan der Produktion: Das Augenmerk richtet sich dabei auf eine durchgängige Gleichmäßigkeit in allen Fertigungs-Prozessschritten. Auch in der Wiederholfertigung werden ständig mögliche Verbesserungen der Guss.stücke geprüft, ganz nach dem Motto: „findig und fordernd arbeiten“. Eine Dhonau-Besonderheit ist, dass alle Mo.delle auf Platte und Gegenplatte nach CNC-gefrästen Daten mit Formstand und komplett montierter Gießtechnik erstellt werden. Die Losgrößen liegen bei einem bis 20 Stück. Auf Wiederhol.genauigkeit wird größter Wert gelegt
– ein Gussstück ist wie das andere. Die Stückgewichte variieren von 100 Kilogramm bis 5,5 Tonnen, es ginge aber auch noch größer. Durch Beratung und gute Kooperation mit den Kunden erreicht Dhonau „maßgeschneiderte Gussstücke mit maßgeschneiderten Eigenschaften“. Durch das Handformen erreicht man eine höhere Flexibilität und eine große Palette der Endprodukte.
Auch Grauguss wird im Betrieb noch praktiziert, allerdings macht er nur noch rund zwei Prozent des Portfolios aus. Dhonau behält das Verfahren haupt.sächlich bei, um das Know-how nicht zu verlieren.
wissen, was zu tun ist, jeder Handgriff sitzt, die Abläufe sind eingespielt und hochkonzentriert muss hier zu Werke gegangen werden.
Danach kommen die gegossenen und über einen Zeitraum von mehreren Tagen abge.kühlten Teile in die Gussputzerei, wo an ihnen auf Teufel komm raus geflext und geschliffen wird. „Hier kriegt das Gussstück ein Gesicht gemacht“, erklärt Hans Dhonau. Es folgen Grun.dierung und Lackierung und schließlich der Ver.sand. Festgeschnallt auf Europaletten treten die Gussteile mittels Speditionen die Reise zu den Kunden in die nähere Umgebung oder auch in die Schweiz oder nach Österreich an. Sechs oder sieben Lastwagen fahren hier in der Regel pro Tag vom Hof. Zum Betrieb gehören auch noch eine eigene Schlosserei und – ganz wichtig – das Labor, wo unter anderem die Eigenschaften des verwendeten Materials und die Zusammenset.zung der heißen Eisenmischung vor dem Guss noch einmal genau geprüft werden.
In der Verwaltung und im Labor beschäftigt Dhonau acht Mitarbeiter. Der Rest ist direkt in der Produktion tätig, bis dato ausschließlich Männer, die meisten von ihnen sind ausgebil.dete Facharbeiter. Insgesamt arbeiten in dem Unternehmen, das zwischen 15 und 16 Millio.nen Euro Umsatz pro Jahr verzeichnet, rund 60 Personen. Von preußischer Geschichte weiß

Oben: Funkenflug am Ofen. Unten: Gießhalle, abschlacken vor dem eigentlichen Gießen.
Hans Dhonau viel zu erzählen, dafür hat er ein erkennbares Faible. Die Disziplin der damali.gen Zeit beeindruckt ihn nachhaltig. Und die erwartet er auch von seinen Leuten im Betrieb. „Hier gelten die Regeln des Anstands“, insistiert er. Wer hier arbeitet, muss sich daran halten, kann aber auch das Entsprechende erwarten. Den Knochenjob in der Produktion machen die Mitarbeiter ohne zu klagen und sehr verlässlich. Bei Dhonau ist man „entweder kurz“ (weil man gleich merkt, dass die harte Arbeit nix für einen ist), „oder sehr lang“, berichtet der Chef von Mitarbeitern, die dem Betrieb entsprechend die Treue halten. „Wir gehören zu den bestzah.lenden Unternehmen in der Gießereibranche. Wer hier lange ist, hat hart, schwer und viel gearbeitet“ – und dafür soll er auch entspre.chend entlohnt werden, meint Dhonau. Der Durchschnittslohn der Mitarbeiter liegt bei rund
60.000 Euro pro Jahr. Geschmolzen und gegos.sen wird im Zweischichtbetrieb zwischen 6 und 22 Uhr; alle übrigen Arbeiten werden in der re.gulären Tagschicht absolviert.
Sozialleistungen durch das Unternehmen
Früher hat der Betrieb auch ausgebildet, heute fehlt der Nachwuchs sehr. Hans Dhonau be.dauert: „Wir finden keine Lehrlinge mehr“ – das Gießerei-Image ist wie erwähnt gemeinhin nicht sonderlich sexy.
Wer bei Dhonau arbeitet und Kinder hat, kann sich darüber freuen, dass der Betrieb die Beiträge für den Kindergarten bezahlt, ebenso wie bei Bedarf die Kosten für die Betreuung der Schulkinder und ähnliches. Direktversicherun.gen und Altersvorsorge für die Mitarbeiter sind hier selbstverständlich, außerdem sind sie am Gewinn des Unternehmens über Ertragsprämi.en beteiligt. „Alles, was den Mitarbeitern hilft, machen wir“, sagt Dhonau, seine Leute „müssen wissen, dass sie auch irgendwo geborgen sind.“

Kürzlich hat er mit einem jungen, frisch verheirateten Mann gesprochen, der genau wie die Ehefrau berufstätig ist und es sich trotzdem nicht leisten kann, eine Familie zu gründen. „Das kann doch nicht sein“, ärgert sich der Unternehmer und sieht da ein grundlegendes Systemproblem. Von der Politik ist Dhonau auf diesem Gebiet enttäuscht – und das sagt er Politikern von Zeit zu Zeit dann auch mehr als deutlich. Schon länger hat von ihnen bei ihm im Betrieb keiner mehr vorbeigeschaut. Dhonau ist ein streitbarer Geist, einer, der sehr deutlich sagt, was er denkt und dabei nicht gerade zim.perlich ist.
In Teile der Fabrik schaut der blanke Fels rein
Gewachsen ist die Gießerei in den letzten Jahr.zehnten sowohl was die Zahl der Mitarbeiter angeht als auch baulich in die Länge und in die Breite. Den Platz musste man dem Felsen teil.weise mittels massiver Sprengung abtrotzen. Der kleine Schonacher Ortsteil Schonachbach, Exklave im schmalen Gutachtal unterhalb von Triberg, lag früher direkt an der viel befahrenen Bundesstraße 33. Für die allerdings wurde vor über 20 Jahren der Zuckerhut-Tunnel gebaut, so dass der Verkehr an dem kleinen Weiler seitlich vorbeirauscht. Im Flecken selbst stehen einige Wohnhäuser mit mitunter über 100-jähriger Geschichte, die weltgrößte Kuckucksuhr im Uhrenpark Eble, die Elektrofirma Wild und – wahrlich unübersehbar schon bei der Einfahrt in den kleinen Ortsteil – eben die Eisengießerei.
Und die wird weitere Flächen benötigen. Keine Frage, die Lage im engen Tal mit be.schränkten Erweiterungsmöglichkeiten und nicht gerade idealer Verkehrsanbindung ist ein Standortnachteil. Hier sind die logistischen Probleme nicht wegzudiskutieren. In Teile der Fabrik schaut unmittelbar der blanke Fels rein. Platz ist das Hauptproblem, er ist einfach knapp, auch wenn gerade erst wieder eine neue Lager.halle gebaut wurde. Das nächste Firmengebäu.de für die Lagerung der Formkästen ist schon in Planung, die entsprechenden Anträge bei den Behörden sind längst gestellt. So mancher Einheimische spricht hier scherzhaft auch schon mal vom „Dhonautal“, worüber sich der Gieße.reichef königlich amüsieren kann.

Motto: „Gegossen wird immer“
Wie es weitergeht mit der Eisengießerei? Der Mann ist Optimist. „Gegossen wird immer“, sagt er erst mal nüchtern. Im Bereich der Handformereien haben die Chinesen den deut.schen Gießereien etliche Marktanteile wegge.schnappt. Aktuell geht die Auftragsvergabe aber wieder in die andere Richtung zurück. Laut Dho.nau haben die Auftraggeber vielfach gemerkt, dass die Chinesen Qualitätsprobleme haben. Zudem steigen dort die Löhne schneller als er.wartet. Es kommt außerdem immer wieder zu Lieferschwierigkeiten. Da sind die deutschen Gießereien einfach verlässlicher. Dhonau selbst sagt: „Wir haben vor den Chinesen keine Angst

wir sitzen in einer Nische“. Und: „Wir überle.ben entweder, wenn wir zu den besten der Welt gehören oder die besten der Welt sind“. Von der uneingeschränkten Wachstums-Devise hält er aber nicht viel: „Wir müssen nur besser werden


sonst nichts.“ Eine hocheffektive Fertigung und Entwicklung, neue Werkstoffe und weiter anwendungsorientierte und maßgeschneiderte Produktion, das ist das Erfolgsrezept, wie er glaubt.

Blick in die Zukunft
Und wie wird es mit ihm persönlich weiterge.hen? „Ich bin der Methusalem der Eisengieße.rei-Industrie“, lacht der 77-Jährige. Schwer vor.stellbar, dass er eines Tages mal nicht mehr in der Gießerei tätig ist. Und doch ist klar: Ewig wird er diesen Job auch nicht machen können. Deshalb, so erzählt er, hat er seine Nachfolge klar geregelt. Wie genau, dazu sagt Hans Dhonau nichts. Nur so viel: Heuschrecken („die sparen als erstes bei den Löhnen und Gehältern“) werden seinen Be.trieb nicht übernehmen, dafür hat er jedenfalls gesorgt.
Und dann kommt das Funkeln noch einmal zurück in seine Augen: Einmal am Tag flüssiges Eisen sehen – ohne das wird es bei ihm schlicht.weg nicht gehen, soviel steht fest.

Oben: In der Putzerei. Unten links: Blick ins Strahlhaus. Unten rechts: Fertig zur Abholung, diese Gussteile ste.hen zum Versand bereit.
Gießerei Dhonau

Briefkopf aus den 1930er-Jahren.

Ursprung als Kettenschmiede
Die Geschichte der heutigen Gießerei Dhonau / von Daniela Schneider
D
ie Ursprünge der Eisengießerei liegen im Jahr 1873. Der Bachbauer, der seinen Hof gegenüber der heutigen Fabrik hatte, gründete hier seinerzeit eine Kettenschmiede – ein Zubrot musste her für den Landwirt, der einst eine noch unbewaldete Fläche im Seelen.waldgebiet in Almwirtschaft beweiden ließ und vor allem in den Wintermonaten für seine Familie einen Zuverdienst benötigte. Der Bauer nutzte die Wasserkraft des hier durchfließenden Gutachbachs, elektrische Energie gab‘s in Tri.berg und Umgebung erst ab den 1890ern.
1876 wurde aus dem Betrieb die Metall- und Eisengießerei für Uhrenteile Kaiser, Werneth & Cie. GmbH; es folgten mehrere Besitzerwechsel bis 1906. Dann spezialisierte man sich auf Eisen.gießerei für Uhrenteile und Industrieguss; spä.ter wurde auch Handformguss gefertigt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde hier Eisen als Massenproduktion gegossen, circa 6.000 Ton.nen Uhrengewichte pro Jahr.
1936 betrieb Besitzer Carl Werneth fortan die Einzelfirma Eisengießerei Triberg. Er war ur.sprünglich Banker und hatte vor 1914 schon bei Henry Ford in Detroit gearbeitet, war also mit modernsten Fertigungsmethoden vertraut.

In der Nachkriegszeit erweiterte und moder.nisierte die Gießerei ihren Betrieb. 1961 wurde das heutige Verwaltungsgebäude errichtet. 1963 starb Carl Werneth im Alter von 83 Jahren; sein Schwiegersohn Stefan Lütten führte den Betrieb weiter.
Konkurs und Neubeginn
1981 im Mai musste die Gießerei Konkurs an.melden, sie schloss wegen Unrentabilität für immer ihre Pforten, wie es hieß. 55 Mitarbeiter erhielten ihre Kündigung, vom kaufmännischen Leiter bis zum einfachen Arbeiter. Im Schwarz.wälder Boten war damals zu lesen: „Eines der ältesten und traditionsreichsten Unternehmen in der Raumschaft war die Eisengießerei Carl Werneth Triberg/Schonach im Ortsteil Scho.nachbach an der Bundesstraße 33. In ihr fanden über viele Jahrzehnte zahlreiche Mitbürger – meist aus der Raumschaft – Arbeit und Brot. Es gab Mitarbeiter, die 40 und mehr Jahre treu und brav zum ‚Kaiser-Werneth‘ zur Arbeit gingen – eine Arbeit, die nicht immer leicht und einfach war.“
Am 27. November desselben Jahres war dann im Südkurier zu lesen: „Ehemalige Eisengießerei fängt von vorne an.“ Berichtet wurde vom neu.en Besitzer Hans Dhonau. 1982 am 1. Januar kam der Neubeginn in der Gesellschaftsform als Ein.zelfirma unter neuem Namen als reine Hand.formerei, zunächst mit einem Stückgewicht von 30 bis 1.500 Kilogramm in Grauguss. 1989 wurde von Kupol- auf Induktionsöfen umgestellt. Im Jahr 2000 wurden Modell-, Lager- und Produkti.onshallen um- und teilweise neugebaut. Schon ein Jahr später wurde das nächste Modelllager fällig, gefolgt vom Neubau eines Kastenlagers im Jahr 2005. 2012 konnte die Eisengießerei Dhonau ihr 30-jähriges Bestehen feiern.

Eine der letzten ihrer Art
Sie ist im Übrigen eine der letzten ihrer Art. Früher hatte es im Schwarzwald-Baar-Kreis zum Beispiel auch noch die Gießerei Hess in Villingen gegeben, aber dort wird schon seit den 1980ern nicht mehr gegossen. Vor 30 Jahren gab es allein in Baden 25 Gießereien, jetzt sind es noch sieben. 1955 existierten in der BRD rund
1.550 Eisen-, Stahl- und Tempergießereien. Sie waren auf die Grundstoffindustrie eingerichtet und produzierten oft materialintensive Teile für Stahlwerke oder den Bergbau. Heute sind es noch 190, allerdings ist die Kapazität heute trotzdem gleich hoch wie zu der Zeit vor über 60 Jahren. Größter Abnehmer von Eisengieße.reiprodukten ist heutzutage die Automobilindu.strie. Eine der größten Gießereien der Welt ist Waupaca in den USA. Sie produziert rund 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Ebenfalls zu den Marktführern zählt Tupy in Joinville in Brasilien mit deutsch.stämmigen Besitzern und circa
8.000 Mitarbeitern.
Die größte Gießerei in Deutschland bringt es indes auf rund 400.000 Tonnen pro Jahr, sie hat rund 4.000 Beschäftigte. Zum Vergleich: Dhonau schmilzt
13.000 Tonnen und produziert
10.000 bis 11.000 Tonnen pro Jahr; damit ist man etwas größer als der Durchschnitt der deut.

schen Gießereien; der liegt bei 8.560 Tonnen pro Jahr.

Foto rechts: Johannes Hellstern (rechts) zusam.men mit seinem Vater Peter bei der Prung eines Produkts.
Fotos links: Hoch komplexe Kunststoffteile und Werk.zeuge von Sternplastic.

Sternplastic Hellstern GmbH & Co. KG – ein Technologieunternehmen in Schwenningen – gewitzt, innovativ, international aufgestellt und letztlich doch bodenständig. Irgendwie so, wie man sich eben ein typisch schwäbisches, erfolgreiches Familienunternehmen vorstellt. Und doch ist es eines mit einem ganz eigenen Charakter: Rund 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt die Firma, die technisch hochwertige Kunststoff- und Keramik-Spritzgussteile herstellt und damit nicht nur in Europa, sondern weltweit unterwegs ist und heute einen Umsatz von ca. 24 Millionen Euro erzielt, wobei der Exportanteil bei etwa 40 Prozent liegt.
Firmenchef Peter Hellstern erzählt anerkennend von seinem Vater, der sich 1951 vom übrig gebliebe.nen Hochzeitsgeld eine Drehbank kaufte und bei sich zu Hause im Albrecht-Dürer-Weg eine Werkstatt einrichtete.
Schmunzelnd erinnert er sich an seine eigenen Anfänge in dem Familienunternehmen: „Bereits mit fünf Jahren musste ich schon für ir.gendjemand Gehäuse nieten.“ Der heutige Geschäftsführer lachend: „Ich gehörte damit sozusagen zu den ersten Beschäftigten des Be.triebs.“ Große Sprünge konnte man damals keine machen. Die Familie bestand aus den Eltern, den fünf Kindern und der Oma. Schmal.hans war Küchenmeister bei den Hellsterns.
„Mit einem Schuss ein Zahnrädle“
Als dem Vater ein Freund in einem Loßburger Unternehmen eine Spritzgußmaschine vorführte, war der Firmengründer Matthias Hellstern hin und weg: „Das ist es!“ Eine Maschine, mit der man mit einem „Schuss“ ein Zahnrädle machen kann. Ein Teil, das bislang sehr aufwändig gefräst werden musste. Es dauert nicht lange, da stand ein solches Ding in Schwenningen. Von nun an ging es am Neckar.ursprung bergauf. Nicht explosionsartig, son.dern kontinuierlich. Gesundes Wachstum würde man heute so etwas nennen.
1966 war dann das Jahr in dem im Alb-recht-Dürer-Weg nichts mehr ging. Nur platz-mäßig wohlgemerkt. Das Geschäft selbst lief gut, nahm inzwischen so viel Raum ein, dass man um einen Neubau nicht mehr herumkam. Der Grundstein für den heutigen Standort wur.de gelegt. Firmeninhaber Peter Hellstern blickt zurück: „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft wir hier angebaut haben“. Dann gibt es von ihm schmunzelnd doch noch eine Antwort: „zigmal“.

Industriegeschichte mitgeschrieben
Im Laufe der Jahre überraschte das Unterneh.men immer wieder mit Entwicklungen, die Furore machten. Einige der Produkte, die hier gefertigt wurden, haben es sogar ins Deutsche Museum in München geschafft. Zeichen dafür, dass in dem Betrieb am Neckarursprung auch ein kleines Stückchen deutsche Industriege.schichte mitgeschrieben wurde. Doch da sind noch andere Fakten. 1981 holte Sternplastic den „Europäischen Preis für technische Kunststoff.teile“, den der Fachverband ausgelobt hatte und 1993 war man eines der ersten deutschen Unter.nehmen, das nach „DIN ISO“ zertifiziert wurde.
Auch im Ausland wurde Sternplastic aktiv. Heute hat man Betriebe in der Schweiz und in Irland. In die Schweiz ging man 1988. Und zwar nach Schleitheim im Kanton Schaffhausen, nicht weit von der Grenze entfernt. Bis zum Engagement im Nachbarland hatte Sternplastic trotz aller Bemühun.gen bei den Eidgenossen keinen Fuss auf den Boden bekommen. Hellstern: „Wir mussten feststel.len, dass man in der Schweiz nur mit einer Schweizer Firma Kunden bekommt. Also haben wir eine gegründet. Die Eidgenossen gehen nun einmal nicht gerne über die Grenze.“ Im Zeichen des heutigen Wechselkurses hat sich das etwas geändert, doch im Prinzip hält der Unternehmer an seiner Aussage fest.
Das Schwenninger Unternehmen hatte in Schleitheim gerade mit den Erdarbeiten für das neue Domizil begonnen, als man auch schon in den Schlagzeilen stand. Bei den Arbeiten auf dem neuen Firmengrundstück war man auf Spuren einer römischen Siedlung gestoßen. Teile davon wurden in das Betriebsgebäude integriert und können besichtigt werden. Heu-te arbeiten rund 30 Menschen am Schweizer Standort.

Ähnlich viele wie in Irland, wo das Unterneh.men einem großen Kunde, der seine Produktion von Deutschland 1978 auf die grüne Insel ver.lagerte, zum Spritzgießen begleitete, weil man ihn nicht verlieren wollte. In der Zwischenzeit ist der Kunde weg, während das Schwenninger

Detailaufnahme am Montageautomat.

Keramik- und Kunststoffteile aus der Produktion von Sternplastic.
Unternehmen dort nach wie vor präsent ist. Pe.ter Hellsterns inzwischen verstorbener Bruder Hansjörg war es, der dort das Unternehmen leitete und nach vorne brachte.
„Tüftler vor dem Herrn“
Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch die Firmengeschichte. Die Hellsterns hatten und haben es vor allem technisch richtig gut drauf, waren und sind – um es einmal salopp zu for.mieren – „Tüftler vor dem Herrn“. Sowohl der Vater als auch der Sohn haben Patente ange.meldet. Der jetzige Firmenchef, der das Unter.nehmen seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1993 führt, gleich deren zehn. Hellstern lacht: „Von den zehn habe ich gerade mal mit einem Geld verdient.“
Zu den Dingen, auf die der Schwenninger ein Patent hat, gehört beispielsweise die bahnbre.chende Erfindung des „Runden Messerrückens bei spritzgegossenen Keramikmessern“, die unter dem Markennamen CeraStar vertrieben werden. Bei dem Patent geht es darum, dass der runde Rücken im Gegensatz zum eckigen die Keramik entlastet und so dafür sorgt, dass diese nicht so schnell bricht. „Unsere Messer sind mit die Besten, die es gibt“, sagt Hellstern im Brust.ton der Überzeugung. Der Verkauf erfolgt im Werksverkauf und über das Internet.

Mit der Automobilindustrie wird der größte Umsatz gemacht
Sein Geld verdient das Schwenninger Unter.nehmen indes mit seinen hochwertigen Kera.mik- und Spritzgussteilen für die Industrie. Kundenmäßig ist man dabei breit aufgestellt, liefert in viele Branchen wie den Maschinenbau, die Elektrotechnik oder die Medizintechnik, bei der man zum Beispiel ein Unternehmen wie Aesculap auf der Kundenliste hat, für das man
u.a. Keramikteile für Scheren liefert.
Den größten Umsatz macht Sternplastic allerdings im Bereich der Automobilindustrie. Größter Kunde der Schwenninger ist die Firma Bosch, die man im Bereich elektrische Antriebe mit verschiedenen Komponenten versorgt, allen voran Kohlebürstenhalter. In die Halter werden unter anderem Kohlebürsten montiert, dadurch dreht sich dann der Motor. Peter Hellstern über die Bedeutung der Autoindustrie für sein Haus: „Obwohl wir recht breit aufgestellt sind, sind wir von der Autobranche abhängig. Würden die.se Aufträge wegbrechen, müssten wir hier deut.lich kleiner werden. Es ist ganz einfach so, dass

Eine mit Robotertechnik betriebene, hochmoderne Produktionsanlage.
es dieser Industriezweig ist, der große Mengen braucht und abnimmt.“
Doch bleibt das so? Natürlich macht man sich im Hause Sternplastic seine Gedanken über die neuen Entwicklungen in diesem Industrie.bereich. Die E-Mobilität spielt zwar im Moment noch keine so große Rolle, aber sie wird kom.men. Und sie bringt es mit sich, dass man künf.tig deutlich weniger Komponenten brauchen wird, um ein Auto zusammenzubauen. Das hat Auswirkungen auf die Zulieferindustrie, wird Arbeitsplätze in diesem Bereich kosten. Nun stellt man zwar bei Sternplastic Produkte her, die von dieser Entwicklung nicht betroffen sind, die auch für Elektroautos weiter gebraucht werden, doch Hellstern gibt sich da keinen Illus.sionen hin. „Das wird auch auf uns Auswirkun.gen haben. Der Wettbewerb wird größer wer.den, denn die Unternehmen, die von den neuen Entwicklungen betroffen sind, werden sich neue Betätigungsfelder suchen.“
Hochkomplexe Roboteranlagen
Dennoch sieht man bei Sternplastic durchaus optimistisch in die Zukunft, gibt sich auch selbstbewusst. Schließlich hat man jede Menge drauf. „Unsere Stärke ist die Fertigungstech.nologie. Wir sorgen beispielsweise dafür, dass unsere Kunden preiswerte und qualitativ hoch.wertige Massenteile von uns beziehen können.“ Dafür hat man eigene hochkomplexe Roboter.anlagen entwickelt und gebaut, die entschei.dend dazu beitragen, dass das Unternehmen den ständig wachsenden Ansprüchen gerecht werden kann.

Dass Sternplastic heute so gut aufgestellt ist, hat vor allem auch damit zu tun, dass man technologisch immer ganz, ganz weit vorne dabei war. In diesem Unternehmen ist erfah.renes Personal am Werk. Nicht selten sind die Mitarbeiter Absolventen der Schwenninger Feintechnikschule. Hellstern schätzt die breit angelegte Ausbildung, die die jungen Menschen in dieser Einrichtung erhalten. Sie für gewisse Aufgaben zu spezialisieren sei dann Sache des Unternehmens. Er weiß um die Bedeutung der Feintechnikschule für die Wirtschaft in der Re.gion. Über viele Jahre war er Vorsitzender des Vereins ehemaliger Feintechnikschüler und ist der Schule bis heute sehr eng verbunden.
Ausbildung wird großgeschrieben
Rund 20 Auszubildende für die verschiedensten Berufe hat die insgesamt rund 220 Mitarbeiter zählende Sternplastic heute. Ingenieure arbeiten in dem Unterneh.men gerade mal vier. „In unserer Branche machen gute Facharbeiter den Wert des Un.ternehmens aus“, so Hellstern. Doch kommen immer mehr Ingenieure in die Praxis zurück, da es immer wichtiger wird, die Produktion wissenschaftlich zu begleiten. Bildungsein.richtungen wie die Feintechnikschule oder die Hochschulen sind es unter anderem, die den Unternehmer zu der Einschätzung bringen, „dass wir in unserer Region eine gute Infrastruk.tur haben.“ Natürlich spürt man auch in der Hegaustraße den Fachkräftemangel. Dies sei aber ein Problem nicht nur dieser Tage, sondern eines, mit dem man „schon immer zu kämpfen hatte“. Und irgendwie ist man dennoch immer einigermaßen damit zu Recht gekommen. Nicht nur in dieser Firma, sondern bei vielen anderen in der Region. Hellsterns Bilanz: „Diese Region steht wirtschaftlich gut da.“
Sein Sohn führt das Unternehmen weiter
63 Jahre ist er inzwischen alt. Da darf man so langsam auch einmal ein klein bisschen ans Kürzertreten denken. Die Weichen für die Zu.kunft des Unternehmens sind schließlich ge.stellt. Sein Sohn Johannes wird es weiterführen. Schon das zeigt, dass er selbst ganz fest an die
Die Kennzeichnung für Hydranten ist ebenfalls ein Produkt von Sternplastic.
bereits erwähnt.
Darüber hinaus war

der Schwenninger lange Jahre auch politisch unterwegs, saß beispielsweise für die CDU des Schwarzwald-Baar-Kreises im Kreistag. Und auch mit der katholischen Kirche ist er sehr verbunden. Bis heute ist er in Schwenningen Mitglied des Kirchengemeinderats.
Dann die Fasnacht. Da ist Hellstern alles, Hästräger bei der Schwenninger Narrenzunft, Akteur bei der katholischen Saalfasnet und vor allem vom „Schmotzigen“ bis Aschermittwoch unterwegs.
Schließlich ist er auch noch begeisterter Rennradfahrer. Im Sattel gilt er bei seinen Freunden als ein „ganz harter Hund“, als einer dem die Berge nicht steil genug sein können. Ja, und dann ist da noch etwas: Peter Hellstern ist einer der Macher bei der Hagelabwehr Südwest. Dem Verein also, der dafür sorgt, dass Jahr für Jahr in der Region Hagelflieger aufsteigen. Von deren Wirksamkeit war er immer überzeugt. Diese Überzeugung wird jetzt durch ein For.schungsprojekt der Hochschule in Schwen.ningen, in das er mit eingebunden ist, wissen.
schaftlich untermauert. Doch das wäre

Zukunft des Betriebes glaubt. schon wieder eine neue, ganz
Langweilig dürfte es dem Unterneh-eigene Geschichte. mer, wenn er denn mal tatsächlich im Ruhestand ist, ganz bestimmt nicht werden. Schon jetzt ist er ein kleiner Tausendsassa, einer der in der Region vielfältig engagiert ist. Der lang.jährige Vorsitz im Ver-Abdeckung für ein ein ehemaliger Fein-Getriebe. technikschüler wurde
Von der Lernfabrik 4.0 zum CyberKnife Centrum S
Ein Döschen mit blauem Deckel: Es sind zwei Berührungen des Bildschirms und schon legt die Maschine los. Ein Unterteil, ein Deckel, Montage. Siegfried Kärcher, Schulleiter der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen, ist stolz. Was hier steht, ist die Zukunft. „So produzieren ein paar große Betriebe in Deutschland – in der Region aber kaum ein Unternehmen. Diese Produktionsweise ist bislang eine Ausnahme“, erklärt Kärcher. Das Stichwort ist Lernfabrik 4.0.
von Stephanie Jakober
Hier lernen die Berufsschüler Mechatronik und Automatisierungstechnik – nur eben auf mo.dernstem Niveau. „Es ist eine Stufe mehr als Automatisierung“, so der Schulleiter. Denn die Maschine erhält einen Auftrag und entscheidet dann selbst, wie sie diesen ausführt. „Der Pro.duktionsweg kann morgen anders aussehen als heute.“ Doch das setzt für seine Schüler vor allem eines voraus: Dass sie ganz anders lernen, als dies in der Vergangenheit war.
Dank Förderung hochmoderne Lernfabrik entstanden
Das hat auch das Land Baden-Württemberg erkannt und deswegen einen Fördertopf für Lernfabriken in beruflichen Schulen eingerich.tet. 6,8 Millionen Euro hat das Ministerium
An der Gewerbeschule am Standort in VS-Schwenningen können Schüler jetzt die Verbindung von Produktions- und Informationstechnologien ganz praktisch erlernen. Oben: Siegfried Kärcher, Schulleiter der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen.

Modernste Automatisierungskomponenten wie Servoantriebe, Sensoren, SPS-Steuerungen, kollaborative Ro.boter, RFID-Technik, neueste computergestützte Handarbeitsplätze mit Datenbrille etc. wurden ideal zu einer didaktisch wertvollen „Fertigungslinie“ für den Schulungsbetrieb aufgebaut.
für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Das Ziel: Fach- und Nach.wuchskräfte auf die Anforderungen der Digi.talisierung vorzubereiten. Die Gewerbeschule ist eine von 16 Schulen, die nun gefördert wird. Mit einer Summe von einer halben Million Euro. Doch das hätte für die hochmoderne Lernfabrik nicht gereicht. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat die Lernfabrik mit 525.000 Euro unterstützt und auch regionale Wirtschaftsunternehmen ließen sich von der Notwendigkeit überzeugen und steuerten nochmals 120.000 Euro bei. So stan.den 1,125 Millionen Euro für die Ausrüstung der Lernfabrik zur Verfügung.
Und wo einst die Metallwerkstatt im Schwenninger Standort untergebracht war, sind nun drei Grundlagenlabore entstanden. Von jedem Arbeitsplatz kann auf die komplexe Produktionsanlage zugegriffen werden. Die Anlage mit Rohstofflager, Förderband, 3D-Dru.cker, Montagepresse und Roboter, der die Werk.stücke aufnimmt und ablegt, ist in Modulen aufgebaut, die miteinander vernetzt sind. Erst einmal sollen nur Döschen mit Deckel versehen und wieder auseinander gebaut werden. Doch die Anlage könnte auch andere Arbeitsschritte. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Schüler lernen, wie die Maschine arbeitet, was sie macht – und vor allem, wie man sie dazu bringt, das zu tun. Einzelne Module kön.nen herausgenommen und einzeln betrachtet werden. Was muss ich tun, damit das Lesegerät erkennt, dass auf dem Döschen noch kein De.ckel ist? Wie bringe ich dem Roboter bei, dass er einen blauen Deckel nimmt und keinen roten? Und was muss ich machen, dass der Schlitten, auf dem das Döschen hält, auch an der richtigen Station anhält?

„Es ist ein riesengroßes Mosaik“, sagt Kärcher. So mancher Berufsschüler lernt hier Dinge, die sein Ausbilder noch nicht kennt. Doch die Devise heißt: „Wir wollen gemeinsam diesen Weg gehen“, erklärt Kärcher. So sei es durch.aus denkbar, dass nicht nur die Schüler in der Lernfabrik 4.0 neue Wege beschreiten, sondern dass auch Ausbilder dort ihren Horizont erwei.tern können.
Cyber-Classroom – pädagogisches Vorzeigeobjekt von morgen
Dass die Digital Nativ oft denen voraus sind, ha.ben auch andere erkannt. Am Donaueschinger Fürstenberg-Gymnasium beispielsweise. Das Stichwort ist der Cyber-Classroom – ein päda.gogisches Vorzeigeobjekt, wie der Unterricht von morgen aussehen kann. Komplizierte Sach.verhalte virtuell erleben – das Lernen kann hier durch Virtuelle Realität wesentlich anschauli.cher werden. So gibt es beispielsweise die Mög.lichkeit, sich das menschliche Ohr von innen zeigen zu lassen und so aus allen möglichen Perspektiven nachzuvollziehen, wie Hammer, Amboss und Steigbügel bei Tönen reagieren und wie leise und laute Töne über die Hörschnecke an das Gehirn weitergegeben werden. Oder wie der chemische Aufbau von verschiedenen Kunststoffen aussieht. Möglich macht es das St. Georgener Unternehmen Imsimity, das sich auf Virtual Reality (Darstellung und gleichzei.tige Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung) und Augmented Reality (Überblen.den der Realität mit zusätzlichen Informationen wie beispielsweise Pokémon Go) spezialisiert hat. Anfangs war die teure Technik nur für Un.ternehmen erschwinglich. „Durch einen Auftrag für den Europapark habe ich aber das Leuchten in den Augen der Kinder und Jugendlichen gese.hen, als sie unsere Technik ausprobiert haben“, sagt Geschäftsführer Martin Zimmermann. Mittlerweile wird der Cyber-Classroom am Fürs.tenberg-Gymnasium, am Thomas-Strittmat.ter-Gymnasium in St. Georgen und am Techni.schen Gymnasium in Schwenningen verwendet.

Dinge, die sein Ausbilder noch nicht kennt. Doch die Devise heißt: diesen Weg gemeinsam zu gehen. So sei es durchaus denkbar, dass nicht nur die Schüler in der Lernfabrik 4.0 neue Wege beschreiten, sondern dass auch Ausbilder dort ihren Horizont erweitern.
Einmalige Erfahrung für Schüler
Imsimity, Lehrer und Schüler arbeiten gemein.sam an der Weiterentwicklung der Programme. Für Zimmermann die Möglichkeit, sein Produkt besser auf die Bedürfnisse der Schüler anzu.passen und für die Schüler eine einmalige Er.fahrung. Für Philipp Bürk, Alexander Kaiser und Lukas Werb, die im Sommer 2016 ihr Abitur am Fürstenberg-Gymnasium gemacht haben, hat sich daraus ein einmaliges Erlebnis entwickelt. Die drei haben den Cyber-Classroom eingepackt und sind damit zu einer Innovationswalz aufge.brochen. Das Ziel: Ihr Wissen hinaus in die Welt zu tragen. So wie früher die Glasbläser- oder Uhrmacherkunst aus dem Schwarzwald hinaus in die Welt getragen wurde, sollte dies auch auf dem Bildungssektor geschehen. Und das Fazit der Reise zeigte genau das: Es wird im Bildungs.wesen viel mit den Möglichkeiten der Virtuellen Realität experimentiert, doch am Ziel ist noch niemand. Aber Donaueschingen spielt ganz vorne mit.
Von der Buchmesse Frankfurt führte der Weg der drei jungen Abiturienten drei Monate lang an ganz unterschiedliche Ziele: Sie waren im Vatikan, an der Elite-Uni Harvard, bei Google. Dabei öffnete ihnen gerade das Alter viele Tü.ren, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wären. Wo sonst vielleicht ein Hintergedanke oder ein Verkaufsgespräch vermutet worden wäre, konnten die drei ganz unbefangen über die Möglichkeiten, die die Virtuelle Realität im Bereich Bildung bietet, diskutieren. „Wir wurden überall ernst genommen“, blickt Lukas Werb auf

Links: Sie gehen gemeinsam auf Innovationswalz (von links): Lukas Werb, Alexander Kaiser und Philipp Bürk werden die Möglichkeiten, Virtuelle Realität im Bildungssystem einzusetzen, hinaus in die Welt tragen. Rechts: Schulleiter Mario Mosbacher vom Fürstenberg-Gymnasium in Donaueschingen erklärt, wie das menschliche Ohr funktioniert. Am Bildschirm kann das in 3D selbst erkundet werden.
die Reise zurück. So wurden sie beispielsweise von einem Lehrer gefragt, in welche Technik er sein Budget in Höhe von 20.000 Euro inves.tieren soll. Oder Doktoranden ließen sich von ihnen erklären, wie die Virtuelle Realität am besten eingesetzt wird.
Eine abschließende Antwort auf die Frage, wie Virtuelle Realitäten am besten im Bildungs.bereich eingesetzt werden, haben die Drei aber noch nicht gefunden. Überall wird ausprobiert. Überall wird getestet. Was ist sinnvoll? Was funktioniert nicht? Viele Schulen, Universitä.ten und andere Bildungseinrichtungen suchen nach Lösungen und Antworten. Aber durch ihre Innovationswalz haben Bürk, Kaiser und Werb Kontakte zu anderen genutzt, die ebenfalls auf der Suche sind. Mario Mosbacher, Schulleiter des Fürstenberg-Gymnasiums, spricht in diesem Zusammenhang gerne von Spielkindern. Lehrer und Schüler, die neue Wege gehen wollen, die Lust haben, Möglichkeiten zu testen und die einen Weg in die Zukunft finden wollen. Stift und Papier werden jedoch erst einmal nicht ver.schwinden. „Wir wissen zwar noch nicht genau, wie die Zukunft aussieht, aber das Internet wird sicher nicht verschwinden“, sagt Mosbacher und fügt hinzu: „Wir sind von der Digitalisierung be.einflusst. Aber unsere heutigen Schüler werden den nächsten Schritt in die Zukunft machen.“

Schnelle Glasfaser statt langsame Kupferkabel
Doch dafür braucht es nicht nur Spielkinder, die Visionen haben und Neues ausprobieren wollen. Es braucht auch die entsprechende Inf.rastruktur. Die Voraussetzungen müssen stim.men. Eine Viertelmillion wurde beim Umbau des Fürstenberg-Gymnasiums in die digitale In.frastruktur investiert. Doch all das bringt wenig, wenn die Voraussetzungen vor der Haustüre nicht stimmen. Wie sollen Unternehmen die Möglichkeiten der Industrie 4.0 nutzen, wenn ihr Zugang zur digitalen Welt nur im Schnecken.tempo funktioniert. Doch die Telekommunika.tionsunternehmen setzen ihre Schwerpunkte beim Ausbau auf Ballungszentren. Denn hier können die Investitionen durch viele Kunden wieder schnell hereingeholt werden. Der länd.liche Raum? Ist wirtschaftlich für sie weniger interessant. Doch abhängen lassen wollen sich auch Kommunen wie Gütenbach, Blumberg oder Niedereschach nicht – und das liegt auch nicht im Interesse des Schwarzwald-Baar-Krei.ses. Schließlich geht es um die Standortsiche.rung der Unternehmen im Flächenlandkreis und auch um die Bürger, denn schnelles Internet gehört schon längst zu den Faktoren, die bei der Wahl des Wohnortes berücksichtigt werden. Das Motto lautet deshalb: Schnelle Glasfaser statt langsame Kupferkabel. Und so haben im Frühjahr 2014 die 20 Kommunen und der Kreis selbst den Zweckverband Breitbandversorgung gegründet. Mit einem Investitionsvolumen von 91,6 Millionen soll die Datenautobahn zu den rund 206.000 Einwohnern gebracht werden. Bei der Finanzierung hilft zwar das Land Ba.den-Württemberg mit Fördergeldern, doch auch der Schwarzwald-Baar-Kreis und die Kommunen selbst greifen tief in die Tasche. Es soll sich nicht nur eine 352 Kilometer lange Hauptdatenlei.tung (Backbone) durch den Landkreis ziehen, die bis Ende 2018 jede Kommune mit all ihren Ortsteilen erreicht haben soll. Auch innerhalb der 20 Städte und Gemeinden werden die örtli.chen Glasfasernetze ausgebaut, um die Kunden auch erreichen zu können. Und wenn Jochen Cabanis, Geschäftsführer des Zweckverbandes Breitbandversorgung, mit seinem Team durch den Kreis tourt und Informationsveranstaltung über Informationsveranstaltung anbietet, dann spürt er überall den Aufbruchgedanken, denn in vielen gerade kleinen Ortsteilen können es die Unternehmen und auch die Bürger kaum erwar.ten, dass das Projekt fertig wird.

wie die Zukunft aussieht, aber das Internet wird sicher nicht verschwinden. Wir sind von der Digitalisierung beeinflusst. Aber unsere heutigen Schüler werden den nächsten Schritt in die Zukunft machen.

Schwarzwald-Baar Klinikum: Technik bringt Vorteile für Patienten und Ärzte
Doch der Schwarzwald-Baar-Kreis spielt nicht nur mit dem Pilotprojekt Breitbandausbau und im Bereich Bildung in der ersten Liga mit. Auch beim Blick in das Schwarzwald-Baar Klinikum wird deutlich, dass die Zukunft bereits längst begonnen hat. Stichworte sind CyberKnife Cen.trum Süd und da Vinci Xi. Hört sich spektakulär an, ist es für die Ärzte, die diese hochmodernen Geräte nutzen dürfen, und natürlich auch für diejenigen, die damit behandelt werden, auch.
Das 2,5 Millionen Euro teure Roboter-System da Vinci Xi, das sowohl in der Klinik für Urologie und Kinderurologie und der Klinik für Allge.mein- und Viszeralchirurgie eingesetzt wird, ermöglicht nämlich Operationen durch winzige Löcher. Wie durch ein Schlüsselloch kann der Arzt nun operieren und muss nicht mehr gleich die ganze Türe öffnen, um etwas sehen zu können. Minimalinvasive Eingriffe mit Roboter.technik. Die Vorteile für den Patienten: weniger Blutverlust, kleinere Wunden und dadurch kaum Narben und der Heilungsprozess geht natürlich auch viel schneller. Lediglich vier bis fünf wenige Millimeter große Zugänge werden benötigt, durch die Ärzte die Kamera sowie die einzelnen Instrumente im Bauchraum platzie.ren können. Damit dort auch ausreichend Platz ist, wird der Bauch des Patienten im Vorfeld mit Kohlenstoffdioxid aufgebläht. Die Roboterarme sind flexibel nutzbar, da sie mit Greifer, Schere, Messer oder anderen Instrumenten ausgestat.tet werden können – je nachdem, was eben benötigt wird.
Die Zukunftsmusik erklingt bereits
Doch nicht nur für die Patienten bringt die Technik Vorteile, auch die Ärzte des Schwarz-wald-Baar Klinikums, die nun mit einer Konsole die Roboterarme steuern, haben es leicht. Es ist möglich, den Bereich, in dem operiert wird, bis zum Zwölffachen zu vergrößern. Und da der Arzt alles in 3D sieht, können auch die aller kleinsten Befunde operiert werden. So kann schon einmal ein Organ gerettet werden, an.statt es komplett zu entfernen. Und auch hier

Robotertechnik: Das 2,5 Millionen Euro teure Roboter-System „da Vinci®.OP-System“ ermöglicht nämlich Operationen durch winzige Löcher. Wie durch ein Schlüsselloch kann der Arzt nun operieren und muss nicht mehr gleich die ganze Türe öffnen, um „etwas“ sehen zu können.
braucht es schnelle Leitungen, denn das Gerät ist stets mit der Firma verbunden. So kann bei Defekten, Problemen und Störungen per Fernwartung schnell eingegriffen werden. Die Zukunftsmusik erklingt bereits: Über eine Sa.tellitenverbindung könnten auch Operationen von anderen Orten aus ermöglicht werden – beispielsweise, wenn besondere Spezialisten benötigt werden.
Im Bereich Tumortherapie strahlt das Klinikum ebenfalls über die Kreisgrenzen hinaus. Hier wird das weltweit modernste, robotergestützte Ra.diochirurgie-System, das 4,2 Millionen Euro ge.kostet hat, eingesetzt. Hinter einer knapp einen Meter dicken und 20 Tonnen schweren Stahltür verbirgt sich das Wunderwerk CyberKnife. Auch hier gibt es einen gelenkigen Roboterarm, doch er ist mit einem Bestrahlungskopf versehen. Aus bis zu 3.000 verschiedenen Richtungen kann ein Tumor bestrahlt werden – und vor allem so präzise, dass nur das kranke Gewebe behandelt wird. Das umliegende gesunde Gewebe wird geschont. So kann auch mit einer höheren Dosis gearbeitet werden – der Tumor stirbt schneller ab, die Behandlungszeit verkürzt sich. Anstatt vier bis sechs Wochen mit täglich einer rund 20-minütigen Bestrahlung, sind nun eine bis fünf Sitzungen nötig.
Mit dem neu eingefrten, roboter-assis.tierten „da Vinci®-OP-System“ konnten die Einsatzmlichkeiten bei minimalinvasiven Eingriffen deutlich erweitert werden.

Wenn der Winter immer seltener ein Winter ist…
Momentaufnahmen einer fotografischen
„Winterreise“ durch den westlichen
Schwarzwald-Baar-Kreis
von Wilfried Dold

W
enn der Schnee ausbleibt, ist das für das „Winterland“ Schwarzwald weit über den Wintersport hinaus ein Problem. Doch der Klimawandel hat unweigerlich begonnen – der Almanach 2018 zeigt einige der Folgen auf. Aber zugleich auch, wie es ist, wenn der Winter im Schwarzwald ein echter Winter ist, was heutzutage verstärkt im Februar und März der Fall zu sein scheint. Und unser Jahrbuch schaut zudem zurück, erinnert daran, wie der „Winter uf em Wald“ früher war. Am Anfang des vielgestal.tigen Schwerpunktthemas „Winter“ stehen aktuelle Momentaufnahmen des Klimawandels.
4. Kapitel – Schwerpunkt Winter

A
lles Hoffen ist vergebens: Der Dezember 2013 bleibt weitestgehend schneefrei. Das Skidorf Schonach aber macht den Schwarzwaldpokal dennoch mlich: Am 22. Dezember strahlt aus dem Wintergr als einziges Weiß der Anlauf der Langen.waldschanze heraus – mit Kunstschnee f den Wettkampf präpariert. Doch dann muss der Schwarz.waldpokal wenige Minuten vor Beginn wegen Sturms unvermittelt abgesagt werden, das Klima spielt einmal mehr verrkt! Schließlich wird der Weltcup in der Nordischen Kombination durch die FIS zum Saisonfinale aufgewertet und dauerhaft in den vermeintlich schnee.
115

sicheren März verlegt (s. S. 148).

U
nten gr, oben bereits weiß: Die Schnee grenze verschiebt sich als Folge des Klima wandels Meter um Meter nach oben: Um nur 0,4 Grad here Temperaturen entsprechen bereits ca. 60 Hen metern. Die Fotografie ist im November 2013 im 845 m M. gele.genen Untertal in Furtwangen- Rohrbach entstanden.

G
re Weihnacht – zum Christfest legt der Winter gerne eine Pause ein. Über die Weihnachtsmärk.te – hier in Kigsfeld – bummelt man oft ohne „weißen Zauber“. Stme und Hochwasser sind zum Fest oft zu beobachten: Der Orkan Lothar verwtete an
Schwerpunkt Winter

Weihnachten 1999 nahezu den gesamten Schwarzwald.

P
erfekte Bedingungen sind heutzutage auch auf den Langlaufloipen keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Großraum Schonach/Schwald/Furtwangen ist der Langlauf zwar dank sorgsam präparierter und gespurter Loipen an vielen Wintertagen mlich – aber Bilderbuchtage wie hier im Weißenbachtal in Schwald
scheinen fast schon eine Ausnahme zu sein.

E
isschollen im Bregtal… Ein plzlicher Klimawech.sel verwandelt den Schnee entlang der Breg bei Wolterdingen (768 m M.) in ein riesiges „Eis.meer“. Eines, das bei uns so selten zu sehen ist. Im nahen Schwarzwald indes stellte sich noch am Tag zuvor
Schwerpunkt Winter 131
Neuschnee ein.

K
aum ist der Winter vorbei – kehrt er im Mai f kurze Zeit zurk. Im Schwarzwald ist das keine Seltenheit! Schnee deckt im Mai – und gelegent.lich selbst noch im Juni – bereits gre Wiesen immer wieder einmal zu. Hier ist es im Urachtal am 16. Mai 2012 der Fall – auch 2017 wäre so eine Aufnahme mlich
gewesen.

Die Winter haben
ihren Biss
verloren…
von Bernward Janzing Fotos: Wilfried Dold

D
ie Erinnerung trügt nicht. Die Winter im Schwarzwald haben ihren Biss verloren, die Temperaturen sind in den letzten Jahrzehnten messbar angestiegen. Es ist eingetreten, was Klimaforscher schon vor einem halben Jahr.hundert aufgrund theoretischer Überlegungen prognostiziert hatten: Mit einem steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre steigen die Temperaturen, weil das Abgas aus Verbren.nungsprozessen jedweder Art die Wärme einfängt wie das Glas eines Treibhauses. Noch gibt es ihn, den Schnee, oft genug in großen Mengen. Aber der Winter ist wankelmütig geworden, die Schneetage gehen zurück. Besonders gut zeigt sich das am Beispiel des einstigen „Schneelochs“ Furtwangen.
Winterabend in Furtwangen. Die von Bernward Janzing seit 1979 in der Hochschulstadt betriebene Wetter.station belegt es eindeutig: Die Furtwanger Winter sind weniger schneereich und nicht mehr ganz so kalt wie
Schwerpunkt Winter

Deutlich spiegelt sich der Trend, den Klima.forscher längst weltweit beobachten, auch im Schwarzwald wider: An der Wetterstation in Furtwangen, an der seit 1979 auch der Schnee gemessen wird, ist der Rückgang der Schnee.höhe deutlich: Seit der Jahrtausendwende ist die Menge im Januar im Vergleich zu den früheren beiden Jahrzehnten um 30 Prozent zurückgegangen. Im Dezember nahm sie um 27 Prozent ab, lediglich im Februar blieb sie bis.lang weitgehend unverändert. Schnee im April wurde inzwischen gar zur Rarität – die Mengen halbierten sich glatt.
Natürlich sind die Schwankungen groß, und kurzfristig kann es auch mal wieder in die an.dere Richtung gehen. Um 1990 herum zum Bei.spiel fiel sehr wenig Schnee, danach aber gab es durchaus wieder einzelne schneereichere Jahre wie die Winter 1998/99 und auch 2005/06. Das alles ändert freilich nichts am Gesamttrend der entschärften Winter, der den gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis umfasst. Alle Skigebie.te, seien sie in Schonach oder Schönwald, leiden unter der schwindenden Schneesicherheit.
Die Schwarzwaldberge sind klimatisch gesehen niedriger geworden…
Nun können zurückgehende Schneemengen meteorologisch betrachtet verschiedene Ursa.chen haben. Denkbar sind einerseits steigende Temperaturen, aber ebenso abnehmende Nie.derschläge. Doch die Beobachtungen sind ein.deutig: Es waren vor allem die Temperaturen, die sich in den letzten Jahrzehnten verändert haben, und zwar ausnahmslos in jedem der zwölf Kalendermonate. Die Wintermonate Dezember bis Februar waren nach der Jahrtau.sendwende jeweils um etwa 0,4 Grad wärmer als in den Jahren zuvor.
Veränderungen dieser Größe mögen margi.nal klingen. Doch sie entsprechen bereits einer Höhenverschiebung um rund 60 Meter. Die Schwarzwaldberge sind klimatisch gesehen also in diesem Ausmaß niedriger geworden.
Stärker noch als im Winter war der Anstieg der Temperaturen im Frühjahr und Frühsom.mer. Die Monate April bis Juni legten jeweils um

Februar waren nach der Jahrtausend.wende jeweils um etwa 0,4 Grad wärmer als in den Jahren zuvor. Veränderungen dieser Größe mögen marginal klingen. Doch sie entspre.chen bereits einer Höhenverschie.bung um rund 60 Meter.
mehr als ein Grad zu, der Juni gar um 1,8 Grad, was 300 Höhenmetern entspricht. Auf 800 Metern war es im Frühsommer zuletzt folglich so warm wie früher auf 500 Metern. Dass sich das auf die Vegetation auswirkt, liegt natürlich nahe.
Die Veränderungen bei den Niederschlägen sind weniger deutlich
Weniger deutlich als der Temperaturtrend sind die Veränderungen bei den Niederschlägen. Dort zeigte sich insgesamt zwar eine leichte Ab.nahme, allerdings lässt sich dieser Trend noch als zufällig betrachten. Und so sahen die Mes.sungen aus: Über das ganze Jahr gesehen lagen die Regenmengen seit der Jahrtausendwende um fünf Prozent niedriger als zuvor, wobei die Mengen im Januar, Mai und Juli gegen den Trend leicht zunahmen.
Wenngleich hier also bislang kaum eindeu.tige Trends feststellbar sind, rechnen die Klima.forscher auch bei den Regenmengen mit Verän.derungen: Die Landesanstalt für Umwelt, Mes.sungen und Naturschutz Baden-Württemberg geht in einer Broschüre von 2012 („Klimawandel in Baden-Württemberg“) davon aus, dass die Winter feuchter werden als früher, im Winter würden in manchen Regionen bis zu 35 Prozent mehr Niederschlag erwartet. „Schon jetzt sind die Sommer trockener und die Winter feuchter als früher“, heißt es in dem Dokument.
Das allerdings spiegelt sich zumindest bis.lang in den Furtwanger Messdaten noch nicht wider. Betrachtet man die Werte seit der Jahr.tausendwende und vergleicht sie mit denen der Zeit davor, so sind die Niederschläge während des meteorologischen Winters sogar leicht zurückgegangen. In diesem Punkt dürften die Klimaszenarien also durchaus noch gewisse Un.sicherheiten haben. Auf die meteorologischen Jahreszeiten bezogen, waren die Winter in Furtwangen seit der Jahrtausendwende um drei Prozent trockener als zuvor, die Frühjahre um fünf Prozent, die Herbstzeiten gar um zehn Pro.zent. Nur im Sommer waren die Niederschlags.summen unverändert.
„Früher“ brachte der Winter im Schnitt an 63 Tagen mehr als 30 cm Schnee
Aber zurück zum Schnee. Das letzte Jahrzehnt, das im Schwarzwald noch ordentliche Schnee.mengen brachte, war das 1980er, als im Winter in Furtwangen im Schnitt 63 Tage mehr als 30 Zentimeter Schnee lag. Im vergangenen Jahr.zehnt waren es im Mittel nur noch 44 Tage. Als Spitzenwert der Furtwanger Aufzeichnungen waren im Winter 1981/82 beachtliche 129 Tage mit mehr als 30 Zentimeter Schnee gezählt worden. Im Winter 2013/14 gab es – das war das andere Extrem – keinen einzigen.
Solche gravierenden Trends verändern na.türlich vieles. Sie verändern die Natur, die Pflan.zen- und die Tierwelt, sie verändern das Leben der Menschen vor Ort. Und das reicht natürlich auch in zahlreiche Wirtschaftsbranchen hinein. Land- und Forstwirtschaft sind zusammen mit dem Tourismus immer die ersten, die vom Wet.ter und langfristig vom Klima abhängig sind. Aber auch für die Wasserversorgung und den Hochwasserschutz – und damit für die Baupla.nung – sind klimatische Veränderungen eben.falls ein wichtiges Thema.

Nur wenn es 100 Schneetage gibt, lohnt sich der Unterhalt der Skilifte
Doch zuerst zum Tourismus: Im Wintersport wird gerne die 100-Tage-Regel angeführt. Nur dort, wo es in der Saison 100 Schneetage gibt – und 30 Zentimeter werden als Minimum für den Wintersport angesetzt – lohnt sich die Inf.rastruktur, also speziell der Unterhalt der Skilif.te. In Furtwangen wurde die Marke von 100 Ta.gen mit mindestens 30 Zentimetern zuletzt im Winter 2008/09 überschritten, davor im Winter 2005/06. Das waren zugleich die beiden einzi.gen Winter seit der Jahrtausendwende, die auf mehr als 100 skitaugliche Tage kamen.
„Dem Skitourismus stehen magere Zeiten bevor“ resümiert entsprechend auch das ba.den-württembergische Umweltministerium. Und es blickt zugleich in die Zukunft: Im Ver.gleich zu den Jahren 1994 bis 2003 werden die Zahl der Schneetage in den Jahren 2021 bis 2030
Winter mit kaum Schnee sind heute selbst in Furt.wangen nicht mehr selten – hier beim Schwarzbau.ernhof im Katzensteig.

in tieferen Lagen um mehr als 18 Prozent und in Höhenlagen zwischen 500 und 1000 Metern um rund 23 Prozent zurückgehen. Noch schlim.mer seien die Aussichten für die Jahre 2041 bis 2050: Forscher rechneten mit 25 bis 44 Prozent weniger Schneetagen in den Gipfellagen des Schwarzwalds. In den tieferen Lagen sei gar von bis zu 65 Prozent weniger auszugehen.
Ski-Internat Furtwangen sieht dank Kunstschnee keine Standortprobleme
Am Ski-Internat in Furtwangen gibt man sich indes gelassen. „Der fehlende Schnee hat keine Auswirkungen auf unsere Schülerzahlen“, sagt Internatsleiter Niclas Kullmann, „wir vertrau.en schon seit langem nicht mehr auf Natur.schnee“. Alle wichtigen Anlagen würden mit Kunstschnee belegt: „Daher werden wir auch in naher Zukunft kein Standortproblem haben.“
Welche Konsequenzen der Tourismus im Schwarzwald unterdessen aus dem Rückgang der Schneemengen ziehen kann und sollte, will ein Forschungsprojekt der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) herausarbeiten. Es ist in diesem Frühjahr gestar.tet und auf anderthalb Jahre ausgelegt, somit gibt es bislang nur recht allgemein formulierte Zielsetzungen, keine Ergebnisse: „Der globale Klimawandel stellt die Schwarzwaldregion, wie viele Destinationen weltweit, vor Herausfor.derungen“, betont die Hochschule. Um „den Risiken des Klimawandels, wie zum Beispiel Schneeunsicherheit in den Wintermonaten, zu begegnen“ seien „neue Konzepte und Ge.schäftsfelder und die Intensivierung der beste.henden Maßnahmen vor Ort“ nötig.
Klingt im Moment noch ziemlich banal. Die Tourismusbranche freilich hat sich über das Thema schon lange Gedanken gemacht. Und so gewinnen Wandern, Nordic-Walking und das Mountainbike an Bedeutung in Zeiten, in denen der Schnee fehlt. In seiner Studie „Strategie zur Anpassung an den Klimawandel in Baden-Würt.temberg“ kommt das Land zum Ergebnis, dass künftig „Ganzjahresaktivitäten“ zu fördern seien. Dabei werden „nordische Bewegungsfor.men und Lebensstile“ benannt, zu denen auch

die Schwarzwaldregion, wie viele Destinationen weltweit, vor Herausforderungen. Neue Konzepte sind erforderlich.

die „Entschleunigung“ gezählt wird. Ein Thema für den Tourismus der Zukunft könne auch eine „ausgeprägte Gesundheitsorientierung“ sein.
„Das Ferienland wird auch bei Schneemangel gut gebucht“
„Unsere Premiumwanderwege sind ebenso für den Winter geeignet“, sagt derweil Julian Schmitz, Geschäftsführer der Ferienland im Schwarzwald GmbH mit Sitz in Schönwald. So könne man auch bei wenig Schnee den Ferien.gästen ein attraktives Angebot machen. Über die Weihnachtsferien seien die Unterkünfte deswegen selbst bei Schneemangel gut ge.bucht. Denn die Gäste suchen nicht zwingend den Schnee: „Das Naturerlebnis steht im Vor.dergrund.“
Wie in anderen Ferienregionen ging bei stetig steigenden Ankünften von Gästen auch im Ferienland die Aufenthaltsdauer zurück. Mit einer mittleren Aufenthaltsdauer von 5,4 Tagen, die im Winter ähnlich ist wie im Sommer, liege das Ferienland aber deutlich über den Durch.schnittszahlen des Schwarzwalds. Dass immer
In einem schönen Schwarzwaldwinter mit „Ski und Rodel gut“ herrscht an den Skiliften im Landkreis Hochbetrieb. Zumal, wenn in Schönwald das Horn.schlittenrennen ausgetragen wird (oben).
Für bestens präparierte Pisten sorgt das Spurgerät, hier auf dem Raben bei Furtwangen.

kurzfristiger gebucht werde, sei ein weiterer Trend, der aber nicht auf die Region und auch nicht auf den sich verändernden Winter be.schränkt sei.
Ein besonderer Höhepunkt für das Feri.enland sei stets der Weltcup der Nordischen Kombinierer in Schonach, der sowohl in den betreffenden Tagen viele Gäste in die Region bringe – jeweils rund 15.000 Besucher – als auch der Imagepflege der Wintersportregion diene.
Insgesamt sei man im Ferienland recht opti.mistisch, sagt Schmitz, selbst wenn der Schnee zuletzt oft noch nicht über Weihnachten und Neujahr gekommen sei, sondern erst später. Dann sei es eben besonders wichtig, die touris.tische Infrastruktur in bestem Zustand präsen.tieren zu können: „Da dürfen die Hallenbäder dann nicht gerade geschlossen sein.“ Auch die Wanderwege würde im Winter „sehr gut ange.nommen“.
Im Schwarzwald soll künftig wieder mehr Weißtanne wachsen
Zugleich denkt man natürlich auch in anderen Sektoren, die von und mit dem Wetter und

Winteridylle beim Reinertonishof in Schönwald.
Klima leben, darüber nach, was auf die Men.schen, was auf die Natur zukommt. So befasst die Universität Freiburg sich mit den Wäldern und deren Umgang mit dem Klimawandel. Viele Pflanzen seien vor allem den längeren Trocken.zeiten, mit denen zu rechnen ist, nicht gewach.sen, heißt es bei den Forstwissenschaftlern.
Dazu zählt die Fichte, Deutschlands wichtigs.te Wirtschaftsbaumart, die einen Großteil der Waldfläche des Schwarzwalds ausmacht. Auch sie sei vom Klimawandel betroffen, lässt die Professur für Waldbau der Albert-Ludwigs-Uni.versität Freiburg wissen. Untersuchungen dort kommen zu dem Schluss, dass sowohl die einheimische Weißtanne als auch die aus Nord.amerika eingeführte Douglasie auf lange Sicht geeignete Ersatzbaumarten für die Fichte sind.
Als „erfreuliches und gleichermaßen er.staunliches Ergebnis“ beschreiben die Forscher, dass die Weißtanne, die während der 1970er.und 1980er-Jahre besonders unter dem sauren Regen litt und als bedroht galt, sich nun als einheimische Ersatzbaumart für die Zukunft an.bietet. Während die Douglasie die produktivere Baumart sei, wirke die Weißtanne vorteilhafter auf die Biodiversität. Auf lange Sicht sei es da.her sinnvoll, Fichtenwälder mit hohem Risiko des Trockenstresses durch Mischbestände mit Weißtannen und Douglasien zu ersetzen, wobei in den Hochlagen des Schwarzwaldes vor allem auf Weißtannen zurückgegriffen werden sollte.
Der Vegetationsbeginn hat sich um sieben Tage nach vorne verschoben
Des Weiteren ist natürlich auch die Landwirt.schaft vom Klimawandel betroffen. Der Vege.tationsbeginn im Schwarzwald hat sich im Vergleich zu den Verhältnissen vor 50 Jahren um sieben Tage nach vorne verschoben. Doch ob das wirklich positiv ist, ist fraglich, denn zugleich haben sommerliche Trockenperioden zugenommen.
Um für die Zukunft mehr Klarheit zu schaf.fen, wurden in den letzten Jahren diverse For.schungsprojekte mit kreativen Kunstnamen lanciert. Da gab es etwa „Klimopass“, das Pro.jekt Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg, der LUBW Landesan.stalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg. Das Fazit – wie sollte es anders sein – lautete: „Für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, den Naturschutz und auch den Tourismus werden sich die Wirtschafts.bedingungen ändern.“ Im Pflanzenbau sei der verstärkte Anbau von hitze- und trockenheits.resistenten Sorten gefragt. Zudem sei eine „konservierende Bodenbearbeitung, vor allem Mulchsaat“ sinnvoll, um Bodenerosion bei Starkregen zu verhindern, und zu starke Aus.trocknung bei Hitze.

Für die Landwirtschaft gibt es zudem das EU-Projekt „AgriAdapt“, das ebenfalls heraus.arbeiten will, wie die Betriebe weniger anfällig für die Risiken des Klimawandels werden. Von deutscher Seite wird es durch die Bodensee-Stif.tung betreut, die gerade dabei ist, 30 Pilotbe.triebe im südbadischen Raum zu finden, die in diesem Rahmen untersucht werden. Das Projekt soll im Jahr 2019 abgeschlossen werden.
Der Vegetationsbeginn hat sich im Schwarzwald um sieben Tage nach vorne verschoben und die Trocken.perioden haben zugenommen. Das Foto vom „ersten Schnitt“ entstand im Schonacher Gewann Losbach.

Folgen von Starkregen sollen durch eine veränderte Bauplanung minimiert werden
Weil sich wohl auch die Niederschlagsmuster ändern werden, ist auch die Wasserwirtschaft an dem Thema dran. Das Land Baden-Württemberg hat soeben einen Starkregenleitfaden erstellt, der den Kommunen helfen soll, mit kurzfristig auftretenden lokalen, aber sintflutartigen Regenfällen besser umgehen zu können – also die Schäden durch veränderte Bauplanung zu minimieren.
Eine der ersten Gemeinden im Schwarz.wald-Baar-Kreis, die aus dem Leitfaden nun Konsequenzen ziehen will, ist Königsfeld. Sie will sich von einem Ingenieurbüro eine Stark-regen-Gefahrenkarte und daraus resultierend Handlungsempfehlungen ausarbeiten lassen, wie der städtische Ausschuss für Umwelt, Technik, Wirtschaft und Verkehr im Juni 2017 beschloss. Bei dieser Entscheidung dürfte auch das Starkregenereignis von Juli 2015 eine Rolle gespielt haben. Davon waren vor allem die Orts.teile Erdmannsweiler und Neuhausen betroffen, in denen etliche Grundstücke überschwemmt wurden und zahlreiche Keller voll liefen.
Beim Ziel, die Schäden durch Starkregener.eignisse gering zu halten, spielt die Bauleitpla.nung eine entscheidende Rolle. Im Sinne der Risikobegrenzung sollten möglichst viele unver.siegelte Flächen erhalten und neue geschaffen werden. Denn jeder Quadratmeter, auf dem Wasser versickern kann, reduziert die Hochwas.sergefahr. An diesen Flächen allerdings herrscht in den Städten oft ein Mangel – was neben ver.mehrten Starkregen durch Klimaveränderungen eine entscheidende Ursache von Überflutungen sein kann.
An den Flüssen sollten unterdessen, so das Land, „Auenflächen und naturnahe Überflu.tungsflächen gesichert (zum Beispiel durch Flächenfreihaltung), gefördert und reaktiviert, soweit sinnvoll auch Dämme rückverlegt sowie Moore und Feuchtgebiete erhalten und reakti.viert werden.“
Doch in welchem Maße sind verstärkte Starkregenereignisse bisher statistisch erkenn.bar? Schwer zu sagen, denn sie treten so selten und nur punktuell auf, dass sie sich in den

punktuell auf, so dass sie sich mit den Aufzeichnungen einer einzelnen Wetterstation nicht statistisch bele.gen lassen.
Aufzeichnungen einer einzelnen Wetterstation nicht statistisch belegen lassen. Das zeigt ein Blick auf die Furtwanger Werte. Betrachtet man sich zum Beispiel die Anzahl der Tage, die min.destens 50 Liter Regen pro Quadratmeter brach.ten, so lag diese vor der Jahrtausendwende bei 2,8 pro Jahr, seither bei nur noch 1,8. Regen.reiche Tage dieser Kategorie waren folglich zu.letzt sogar seltener als früher.
Nun sind 50 Liter in 24 Stunden noch nicht unbedingt ein Starkregen, zumindest dann nicht, wenn die Menge gleichmäßig über den Tag verteilt niedergeht. Betrachtet man sich da.her die Zahl der Tage mit mindestens 80 Litern pro Quadratmeter, so nahm diese zwar von 0,2 auf 0,3 pro Jahr zu, und die Zahl der Tage mit mindestens 100 Litern stieg von 0,1 auf 0,2 pro Jahr. Doch aufgrund der geringen Fallzahlen ist hier eine ernsthafte Aussage über einen Trend kaum möglich. Zudem: Was die Starkregener.eignisse auszeichnet, ist oft auch gar nicht die Menge, die in 24 Stunden verzeichnet wird, sondern die Menge, die in kürzeren Zeiträumen fällt. Damit zeigt sich: So eindeutig wie bei den Temperaturen sind Trends beim Regen nicht auszumachen.
Der Klimawandel führt zu mehr Trockenheit – so leidet auch die Trinkwasserversorgung
Und doch mehren sich die Indizien, dass neben häufigerem und heftigerem Starkregen einerseits auch längere Trockenphasen zunehmen. Die zweite Hälfte des Jahres 2016 zum Beispiel war so trocken wie kein anderes Halbjahr in den letzten Jahrzehnten.
In der Folge leidet auch die Trinkwasserver.sorgung. „Am liebsten wäre es mir, wenn es jetzt vier Monate durchregnen würde“, zitierten Medien im Frühjahr 2017 den Forstamtsleiter in Villingen-Schwenningen. Denn an vielen Orten wurden in jenen Wochen die niedrigsten Grund.wasserstände seit 30 Jahren gemessen. Zuletzt im Juni des Vorjahres waren in der Region die im langjährigen Mittel zu erwartenden Nieder.schläge gefallen.

Vor allem die fehlenden Winterniederschlä.ge der Saison 2016/17 machten sich bemerkbar. Der Dezember 2016 war in Furtwangen mit knapp 10 Litern pro Quadratmeter der zweit-trockenste Monat in den letzten vier Jahrzehn.ten, nur der November 2011 brachte noch etwas weniger Niederschlag
Unter dem Phänomen längerer Trockenheit leiden inzwischen auch wiederholt einige Quel.len der Region. Schon im Herbst 2015 versiegte im eigentlich regenreichen Schwarzwald man.che Quelle aufgrund der anhaltend fehlenden Regenfälle.
Was den Flüssen und Bächen, und letztlich auch dem Grundwasser, zunehmend fehlt, sind natürlich die Schmelzwässer. Denn im Altschnee stecken große Mengen an Wasser, mitunter durchaus 300 bis 500 Liter pro Qua-

Ein letzter Hauch von Winter und eine randvoll ge.füllte Breg in Furtwangen-Schönenbach. Gerade die Winterniederschläge haben einen großen Anteil an der Sicherstellung unserer Trinkwasserversorgung. Bleiben sie aus, sinkt der Grundwasserspiegel.
dratmeter bei einer Schneehöhe von einem Meter. Und idealerweise tauen diese Schnee.massen nach und nach ab und liefern damit noch lange in das Frühjahr hinein stetigen Was.serfluss.
Doch große Schneemengen sind im Spät.winter heute noch seltener als im Januar. Zuletzt im März 1988 gab es späten Schnee in Hülle und Fülle: Am 14. März wurden an der Wetterstation nochmals 188 Zentimeter ge.messen, nachdem zuvor binnen 24 Stunden ein halber Meter Neuschnee gefallen war.
Wobei trotz aller Erwärmung nicht ausge.schlossen ist, dass auch im März selbiges wieder einmal auftreten kann – denn schließlich wird, wie Klimatologen befürchten, das Wetter zu.gleich extremer. In jeder Hinsicht.
Der Schwarzwaldpokal und das Skidorf Schonach
Susanne Kammerer im Gespräch mit Jg Frey, Bgermeister von Schonach, Heidi Spitz, Geschäftsfrerin des Schwarzwaldpokals und Gunter Schuster, Vorsitzender des Skiclubs Schonach.

Der Schwarzwaldpokal gilt als ein von Stadionatmosphäre und Begeisterung erfülltes, großartiges Wintersportfest. Die erhoffte zauberhafte Schwarzwäl.der Winterlandschaft allerdings, die den perfekten Rahmen für die Wett.kämpfe liefert, gleicht jedoch immer mehr einem Lotteriespiel. Schonachs Bürgermeister Jörg Frey, Skiclubvor.sitzender Gunter Schuster und die Ge.schäftsführerin des Schwarzwaldpokals, Heidi Spitz, sehen die unberechenbarer werdenden Schneeverhältnisse für die Austragung des Schwarzwaldpokals al.lerdings als weniger problematisch an. Die klimatischen Veränderungen gelte es zu akzeptieren, den damit verbunde.nen Herausforderungen stellen sich die Schonacher – und bewältigen sie, wie sie im Interview unterstreichen.
In den vergangenen Jahren musste der Schwarz.waldpokal mehrmals wegen zu milder Tempera.turen und fehlenden Schnees abgesagt werden. Dies war 2001, 2003, 2007 und 2012 der Fall. Se.hen Sie in dieser Ausfallserie eher eine Ausnahme, oder gab es immer schon Schwierigkeiten mit dem „weißen Gut“?
Gunter Schuster: Zum ersten Mal musste der Schwarzwaldpokal im Januar 1983 wegen einer Regenperiode abgesagt werden. Probleme mit milden Wintern gab es aber auch schon vorher. Wir mussten eigentlich fast immer Schnee vom Rohrhardsberg an die Wettkampfanlagen im Ort fahren und für die Langlaufstrecke zusam.menkratzen. Wir mussten auch schon das ein oder andere Mal auf die Loipe bei der Martins.kapelle in Furtwangen ausweichen und dort die Veranstaltung durchführen.
Jörg Frey: Wir liegen in der Ortsmitte auf knapp unter 900 Metern ü. d. M., das ist eine Höhen-

Die Qualitätsansprüche, die die FIS
an die Wettkampforte stellt, sind
höher geworden. Das heißt, man
braucht mehr Schnee und mehr
Schnee heißt auch mehr Aufwand
und Problematik mit dem Transport
bzw. der Produktion.
Jörg Frey

lage, die seit Jahrzehnten nicht schneestabil ist. Das wäre auf 2.000 Metern Höhe sicherlich anders. Wobei selbst in den Alpen mittlerweile maschinell beschneit wird, um eine Schnee.garantie zu haben.
Heidi Spitz: Die Winter sind immer unterschied.lich. In den letzten Jahren war es so, dass der Schnee eher später kam. Es gab stets milde Peri.oden im Laufe des Winters, mit dem berühmten „Weihnachtstauwetter“ kämpfen wir schon im.mer. Zwischen Ende November und März haben wir unseren Schnee, aber der liegt eben nicht durchgehend. Dass eine Schneeschicht wirklich lange bleibt, ist ganz selten.
Das klingt so, als hätte sich die Situation um die schneearmen Winter grundsätzlich nicht verschärft. Dennoch scheint es, dass die Durch.frung des Schwarzwaldpokals mit immensen Klimmzen verbunden ist.
Gunter Schuster: In dem Moment, wo der Schwarzwaldpokal ansteht, wird einem ein schneearmer Winter eher bewusst. Man muss in diesem Zusammenhang jedoch wissen: Wir brauchen an der Strecke mehr Schnee als frü.her. Früher hatten wir eine schmale Spur, haben den Schnee von rechts und links einfach auf der Wiese zusammengetragen und dann hatten wir eine Loipe. Das ist heute nicht mehr der Fall. Denn jetzt braucht man eine Loipe von acht bis zwölf Metern Breite, das sind wirklich Massen an Schnee, die benötigt werden.

Für die acht bis zwölf Meter breite Loipe müssen große Mengen an Schnee herangeschafft werden.
Jörg Frey: Die Qualitätsansprüche, die die FIS an die Wettkampforte stellt, sind höher geworden. Das heißt, man braucht mehr Schnee und mehr Schnee heißt auch mehr Aufwand und Proble.matik mit dem Transport bzw. der Produktion. Ich persönlich glaube ja, dass die Niederschlags.mengen im Winter nach wie vor gleichbleibend sind. Aber die geschlossenen Schneedecken bleiben nicht mehr. Es ist ein Auf und Ab: Der Schnee kommt und geht wieder weg. Die Stabi.lität ist nicht mehr gegeben.
Heidi Spitz: Dieses Problem betrifft nicht nur uns, sondern alle Weltcuporte, von Skandinavi.en bis Italien, also durch ganz Europa. Das hat man in den letzten Wintern verstärkt gesehen: Alle Weltcuporte müssen maschinell Schnee produzieren, um ihre Wettbewerbe abzusi.chern.
Haben Sie die Sorge, dass Schonach aufgrund der zurkliegenden Ausfallserie und den zuletzt schwierigen Bedingungen aus dem Weltcupka.lender fallen knte?

Gunter Schuster: Dass wir den Weltcup noch haben, liegt sicher daran, dass wir bisher alles daran gesetzt haben, um die Wettbewerbe durchziehen zu können. Wir haben die Welt.cups nur abgesagt, als wirklich nichts mehr ging. Ansonsten versuchten wir immer – mit großem Arbeitsaufwand und Schneetranspor.ten und allem, was dazugehört – den Weltcup so lange wie möglich zu halten.

Dass wir den Weltcup noch haben, liegt sicher daran, dass wir bisher alles daran gesetzt haben, um die Wettbe.werbe durchziehen zu können.
Gunter Schuster

Auch bei widrigen Wetterbedingungen sorgt eine große Gruppe an ehrenamtlichen Helfern dafür, dass die Wettkämpfe stattfinden können. An der Schanze wird tagelang gearbeitet.
Heidi Spitz: Eine große Gruppe an freiwilligen Helfern steht hinter dem Ganzen. Alle arbeiten und überlegen in dieser Zeit intensiv, wie man es machen könnte. Gerade an der Langlaufstre.cke und an der Skischanze sind die Leute tage.lang tätig.
Jörg Frey: Durch das unglaubliche Engagement der vielen Ehrenamtlichen haben wir uns, so glaube ich, zwischenzeitlich einen Namen erar.beitet. Dass es in ganz schwierigen Situationen bei uns immer noch möglich war den Weltcup durchzuführen, hat uns entschieden dazu ver.holfen, dass wir immer noch dabei sind und bis.her immer wieder als Weltcupstandort von DSV und FIS auserkoren wurden.
Wir hoffen natürlich, dass es so weitergeht. Aber es ist klar: Mit jedem Weltcup, der ausfällt, wird es schwieriger, da die Funktionäre natürlich auch schauen, wo sie verlässliche Partner haben.

Helfern steht hinter dem Ganzen. Alle
arbeiten und überlegen in dieser Zeit
intensiv, wie man es machen könnte.
Heidi Spitz

In der Saison 2015/2016 konnte die Veranstaltung mangels Schnee nicht zum geplanten Termin Anfang Januar stattfinden. Ausgerechnet bei der Jubiläumsausgabe, dem 50. Schwarzwaldpokal. Hier kam es jedoch zu einem Ersatztermin im März, der gleichzeitig das Weltcup Finale sein sollte. Wie kam es dazu?
Heidi Spitz: Wir hatten im Januar 2016 absolut keinen Schnee, die Veranstaltung war einfach nicht machbar. Der Schnee kam in ganz Mittel.europa erst Mitte Januar, auch andere Weltcup.veranstaltungen wie in Chaux-Neuve wurden abgesagt.
Unser Glück war, dass wir vom DSV gefragt wurden, ob wir unseren Wettbewerb nachholen wollen. Wir haben dann die Chance ergriffen und sagten zu. Da im Terminkalender im März noch Luft war, haben wir so das Weltcup-Finale bekommen.
Jörg Frey: Es kamen also zwei unglückliche bzw. glückliche Umstände zusammen: Unser traditio.neller Termin im Januar funktionierte nicht und gleichzeitig war der Weltcupkalender nicht voll.
Fürs Finale legten wir uns dann richtig ins Zeug und versuchten, etwas Besonderes dar.aus zu machen. Denn beim Finale geht es nicht mehr nur ums Sportliche, das ist gleichzeitig der Saisonabschluss der gesamten Crew. Er gibt die Möglichkeit, auch mal ausgelassen zu feiern.
Der gesamte Weltcuptross war schließlich so begeistert, dass alle sagten, hey, da möchten wir wieder hin!
Kam die erneute Anfrage f das Weltcup-Finale im März 2017 eher erraschend oder hatten Sie darauf spekuliert?
Heidi Spitz: Wir haben das Finale ganz gut hin.bekommen, sodass dann die Frage kam, ob wir im nächsten Winter 2016/2017 unseren alten Termin im Januar zurück haben wollen oder wieder das Weltcup Finale ausrichten wollen.
Gunter Schuster: Es ist für uns natürlich erfreu.lich, wenn die FIS an uns herantritt und sagt, sie würden das Finale gerne in Schonach machen.
Jörg Frey: Wir haben beim ersten Finale nur posi.tive Erfahrungen gemacht. Daraufhin haben wir mit unseren Helfern gesprochen und uns intern beraten, ob wir es wieder machen. Realistisch ge.sehen haben wir immer mit der Wettersituation zu kämpfen, egal ob im Januar oder im März. Der Vorteil bei den Wettkämpfen im März: Wir haben länger Zeit, Schnee zu produzieren.

Heidi Spitz ist seit 1982 Geschäftsführerin des Schwarzwaldpokals. Die gebürtige Scho.nacherin war einst
selbst aktive Langläufe.
rin, dann als Übungsleite.rin und Trainerin im Skiclub Schonach tätig. Außerdem ist Heidi Spitz staatlich geprüfte Skilehrerin. Ihre große Leidenschaft für den Wintersport führte sie schließlich in die „Funktionsmaschinerie“. Seit vielen Jahren organisiert sie den Schwarzwaldpokal und sämtliche andere Wintersportwettbewerbe, die in Schonach stattfinden.

Jörg Frey ist seit 1995 Bürgermeister der Schwarzwaldge.meinde Schonach. Um die Bedeutung des Schwarzwaldpo.
kals für die ganze Region wissend, setzte er sich für den Umbau der Langenwaldschanze im Jahr 2010 ein, der die Durchführung des Weltcups für weitere Jahre sicherte. Als begeisterter Skifahrer und großer Wintersportfan genießt das Gemein.deoberhaupt das internationale Flair, das während der Weltcupveranstaltungen stets in der Gemeinde Schonach herrscht.

Gunter Schuster ist seit über 30 Jahren Vor.sitzender des Skiclub Schonach. 2012 wurde er deshalb mit der
Staufermedaille des
Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, einem Orden für herausragende, langjährige Verdienste im Ehrenamt, ausgezeichnet. Gemeinsam mit Bürgermeister Jörg Frey und Heidi Spitz bildet Gunter Schuster seit vielen Jahren erfolgreich den Kopf des Schwarzwaldpokal-Organisationskomitees.
Welche Anforderungen gibt es an die Wett.kampfanlagen bei einer Weltcupveranstaltung?
Heidi Spitz: Die Schanze muss FIS-zertifiziert sein, was wir mit dem Umbau im Jahr 2010 für die nächsten Jahre gesichert haben. Das Zerti.fikat gilt bis 2020. Außerdem müssen verschie.dene Auflagen erfüllt werden, etwa dass sie mit maschinellem Schnee präpariert wird.
Auch für die Langlaufstrecke gelten Vorga.ben. Die Spur muss acht bis zwölf Meter breit sein, die Trasse gilt es so waagerecht wie möglich zu halten. Außerdem müssen gewisse Höhenme.ter in der Streckenführung enthalten sein.
Von technischer Seite her gibt es im Herbst immer eine Begehung mit dem TV Produzenten. Hier wird festgelegt, wo welche Kamera steht und wo die Leitungen gelegt werden müssen.
Um Sprungschanze und Loipe weltcuptauglich zu halten, benigt es auch Investitionen…
Jörg Frey: Die Wettkampfanlagen und auch die Ansprüche der Verantwortlichen entwickeln sich weiter. Das heißt, eine Wettkampfanlage wird nie fertig sein, sie ist es nur so lange, wie die Zertifizierung läuft. Die Qualitätsansprüche sind in den letzten 20 Jahren so enorm gestie.gen, dass auch wir an weitere Investitionen denken müssen.
Wir müssen jetzt schon zehn Jahre weiter denken und überlegen, wo wir künftig Investiti.onsschwerpunkte setzen und inwieweit wir diese dann auch noch vertreten können. Man darf nicht vergessen, dass es letztendlich enorme Aufwen.dungen sind, die wir dann gerne vertreten, wenn wir die großen Erfolge bei uns haben. Das wird teilweise natürlich auch kritisch gesehen.
Was bedeutet der Schwarzwaldpokal f Schonach und seine Einwohner?
Jörg Frey: Ich habe noch nie eine Veranstaltung erlebt, bei der so viele Freiwillige zusammen-helfen und in wirklich sehr schwierigen Situa.tionen nahezu Unmögliches möglich machen.

fertig sein, sie ist es nur so lange, wie
die Zertifizierung läuft. Die Quali.
tätsansprüche sind in den letzten
20 Jahren so enorm gestiegen, dass
auch wir an weitere Investitionen
denken müssen.
Jörg Frey

Das gibt eine Dynamik im Ort, die für das Mitei.nander im Dorf von allergrößter Bedeutung ist.
Dass es auch Kritiker gibt, ist völlig normal, die gibt es bei jeder Veranstaltung. Für mich als Bürgermeister ist der Weltcup ein unglaubliches Instrument, um den Zusammenhalt im Ort auf.recht zu erhalten, denn in solchen Situationen zeigen die Menschen, was sie miteinander zu leisten vermögen.
Auch das Thema Tradition spielt hier in Schonach eine große Rolle. Der Schwarzwald.pokal findet 2018 nun zum 52. Mal statt. Ich glaube, dass wir auch im Weltcup die größte Tradition schlechthin haben. Der Weltcup ist außerdem ein Alleinstellungsmerkmal, nicht nur für die Gemeinde und den Skiclub, sondern auch für den Schwarzwald.
Hinzu kommt der Anreiz für unsere jungen Nachwuchssportler. Der Weltcup, mit den besten Athleten, spornt die Jugendlichen an, sich reinzu.hängen und zu trainieren und eine solche Karriere anzustreben. Es gibt deutschlandweit wohl nur wenige Orte – mit Ausnahme der großen Winter.sportzentren – die bezogen auf ihre Einwohner.zahl, so viele Olympiasieger und Weltmeister ha.ben wie Schonach. Wir sind dankbar und stolz auf die tolle Nachwuchsarbeit, und dass es so viele in den Weltcupzirkus schaffen.
Wie wirkt sich der Schwarzwaldpokal auf den Tourismus aus?
Jörg Frey: Schonach ist durch den Weltcup in den Medien bekannt. Dies hat eine bedeutende

Ein Schneeband schlängelt sich durch graugrüne Wiesen – Impression vom Schwarzwaldpokal 2017.
Auswirkung auf den Tourismus. Nicht umsonst kommen immer wieder Gäste aufgrund des Schwarzwaldpokals auch im Sommerurlaub. Was die Übernachtungszahlen betrifft, ist das Skidorf Schonach ein Sommerurlaubsort.
Dass wir nicht der typische Winterurlaubs.ort sind hat verschiedene Gründe. Die Mobilität ist größer geworden. Das heißt, wenn jemand Skifahren will, dann fährt er in die Alpen. Früher war es so, dass auch viele aus dem benachbar.ten Elz- und Kinzigtal zum Skifahren zu uns ge.kommen sind, das ist heute nicht mehr in dem Maße so.
Auch das Hotelangebot in Schonach ent.spricht nicht mehr dem, was sich viele wün.schen. Daher gibt es weniger Gäste im Winter.
Heidi Spitz: Die Gäste im Winter buchen erst, wenn Schnee liegt und der Loipenbericht gut ist. Sind unsere Loipen gespurt, so sind auch ruckzuck die Läufer da. Das geschieht alles recht kurzfristig. Sie haben sich auf die unregelmä.ßigen Winter eingestellt. Ist Schnee da, dann kommen die Gäste, wenn nicht, dann nicht.

Gibt es hinsichtlich der unsicheren Schneelage ein Zukunftskonzept f den Winterurlaubsort Schonach?
Jörg Frey: Wir haben unseren Namen als Wintersportort natürlich durch den Weltcup. Wir möchten unseren Kindern immer die Mög.lichkeit geben können, Skifahren zu lernen und den Einheimischen, Ski zu fahren, egal ob alpin oder Langlauf.
Es ist illusorisch, anhand der Größe unseres Skigebietes zu glauben, dass wir mit den großen Wintersportorten in Konkurrenz treten könnten.
Wenn wir das halten, was wir haben und auch unseren Einheimischen und Menschen der Region die Möglichkeit zum Skifahren geben, dann sind wir gut beraten.
Herr Frey, Frau Spitz, Herr Schuster – herzlichen Dank f das Gespräch. Und natlich: Einen schneereichen März f die 52. Auflage des Schwarzwaldpokales!

Winter-Miszellen: Lawinenunglück, heftigste Schneestürme – ungeheure Schneemassen:

Erinnerungen an den „Winter uf em Wald“
Historisches zum Schwarzwaldwinter in Furtwangen, Triberg, Schonach und Schönwald
von Wilfried Dold

Daran erinnert sich jeder „Wälder“: ans Knirschen des Schnees unter den Winterstiefeln, an Neujahrswanderungen durch tief verschneite Wälder oder entlang gefrorener Bäche und Weiher. An Bilderbuch-Winter mit Skitouren durch eine Zauberwelt. Diese Winterromantik begegnet einem häufig in Erzählungen – historische Zeitungsberichte indes sprechen meist eine andere Sprache. Sie dokumentieren, wie beschwerlich die Winter waren, wie sehr sie das Alltagsleben im Schwarzwald geradezu lähmten. Ein bis heute weltweit beachtetes Ereignis ist 1844 das Lawinenunglück beim Königenhof – 17 Menschen sterben. Auch in jüngerer Zeit gab es sehr harte Winter: 1988 beispielsweise sind im Großraum Furtwangen/Triberg/St..Georgen in wenigen Stunden 58 cm Neuschnee gefallen, die Gesamtschneehöhe betrug 1,85 Meter! Mit dem Rekordwinter 1952 können diese Mengen allerdings nicht mithalten: Damals schippten im Schwarzwald über 7.000 Männer den Schnee von den Straßen, allein 1.150 in Furtwangen. Die Räumfahrzeuge kamen nicht mehr durch.
Beschwerliche Wege – eine Menschengruppe kämpft sich zu Fuß durch den Schnee voran. Die zeitgenössische Darstellung des Furtwangers G. Heine stammt aus der Zeit um 1890 und ist mit „Sonntäglicher Kirchgang im Schwarzwald“ betitelt.
Vom Untergang des Königenhofes – das bis heute größte Winterunglück im Schwarzwald
K
ein Neukircher, der diese Geschichte nicht kennt – hier sind alle von Kindesbeinen an mit der Tragödie des Königenhofes vertraut. Schon in der Grundschule habe man ihr das Ereignis in allen Details erzählt – und das Lawinenun.

glück vom 24. Februar 1844 ist im Kreis der Familie noch heute gelegent.lich ein Gesprächsthema, erzählt die Seniorin auf dem Friedhof, zufällig bei der dort angebrachten Gedenktafel für die Opfer stehend. Nachts um 23 Uhr donnerten Tonnen von Schnee einen Steilhang hinunter, zerstörten den Königenhof vollständig und töteten 17 Menschen. Am Unglücksort stehend, würde man nicht vermuten, dass sich hier das bis heute folgenreichste Lawinenunglück im Schwarzwald ereignen konnte. Der Unglückshang ist längst wieder dicht bewaldet, damals war der Steil.hang baumlos: Der Königenbauer hatte den Hang kahlgeschlagen – nur so konnte es zu dem Lawinenabgang überhaupt kommen. Stellenweise bis zu drei Meter hoch soll sich der Schnee in diesem Winter aufgetürmt haben. Und dennoch: Im Wagnerstal gibt es deutlich steilere Hänge als der, von dem sich die tödliche Lawine löste. Wo sich der Königenhof und

Das Lawinenunglück nach einer zeitgenössischen Darstellung des Vöhren.bacher Lithografen Casimir Stegerer. Ein kolorierter Großdruck findet sich auf der folgenden Doppelseite.
Hier stand einst der Königenhof – ein heute unscheinbarer Ort, an dem man ein Lawinenunglück dieses Ausmaßes nie ver.muten würde.

seine Nebengebäude befun.den haben, kann man teils noch Mauerreste ausmachen. Hier steht heute eine Hütte des Forstamtes Furtwangen, liegt ein Grillplatz und erinnert ein Gedenkstein aus dem Jahr 1908 an das Unglück – eine dicke Plexiglasscheibe schützt ihn vor Vandalismus.
Sieben Überlebende
Dass über den Hergang des Lawinenunglückes zahlreiche Details bekannt sind, ist sie.

ben Überlebenden zu verdanken. Ihre Schilderungen finden sich in einer Akte des Bezirksamtes Triberg. Überlebt haben die ältesten Töchter und kleinsten Kinder des Königenbauers, die in einer gangartigen Kammer schliefen. Diese wurde beim Unglück nicht wie der restliche Hof zer.malmt, sondern zur Seite gedrückt. Viele Stunden blieb der Unglücksfall unbemerkt – selbst durch die unmittelbaren Nachbarn, die in dieser Nacht ihre Söhne verloren haben. Im Protokoll des Bezirksamtes steht zu lesen: „Es war Sonntag und Tauwetter trat ein. Abends, so gegen 6 Uhr, ging eine erste Lawine nieder und riss das Immenhaus (Bienenhaus) weg. Die Weibsleute äußerten daher Besorgnis. Doch der Königenbauer und seine Knechte sagten, dass eine Lawine oder viel Schnee dem gro.ßen Gebäude nichts antun könne.“ Ein tödlicher Irrtum, wie sich wenige Stunden später zeigte. Weiter heißt es im Protokoll: „Die Frau des Uhren-

Auf der Höhe oberhalb des Königenhofes erinnert ein Kreuz an den Ausgangs.punkt der Lawine.
Übersichtsbild des Un.glücksortes (1). Vom Königenhof sind nichts als längst verwachsene Mauerreste geblieben. Die Lawine löste sich von einem damals baumlosen Steilhang (2).

Am 24. Februar 1844 kommt es in Neukirch zum bis heute schwersten Lawinenunglk im Schwarzwald. Der Kigenhof wird vlig zerstt, 17 Menschen sterben. Die Lithografie, eine ndliche Ansicht der Unglksstelle, stammt von dem Vrenbacher Kstler Casimir Stegerer, der selbst vor Ort war.

gestellmachers Beha im Nachbarshaus hatte, wie sie später aussagte, nur ein Sausen wie von einem Windstoß gehört und gespürt, wie ihr Haus erzit.terte. Doch da es eine sehr stürmische Nacht war, hatte sie sich nichts dabei gedacht und war wieder eingeschlafen. Um vier Uhr morgens stand sie auf und kochte das Morgen.essen, denn ihre beiden Söhne sollten an diesem Morgen Uhrengestelle über die Fernhöhe hinü.

ber nach Urach tragen. Als die Söhne nicht erschienen, als man sie auch nicht in der Kammer fand, stapfte Vater Beha zum Hof hinüber, fand aber in der Dunkelheit nur einen Haufen Schnee vor. Allmählich erst konnten die Eltern fassen, was geschehen war. Sie weckten den Dachdecker Löffler, der talaus.wärts hastete, um auf dem Kajetanhof Hilfe zu holen, und begannen, im Laternenschein nach Überlebenden zu suchen.
Als die ersten Helfer an der Unglücksstelle eintrafen, hatte man soeben vier Töchter des Königenbauern lebend aus den Trümmern ge.borgen. Die Rettungsmaßnahmen wurden zusätzlich durch einen Kälte.einbruch erschwert, der den nassen Schnee zu Eis gefrieren ließ und die Überlebenschancen der Verletzten weiter verschlechterte. Nur sieben Personen überlebten das Unglück, die Bergung der Toten dauerte Tage.“
Die Toten im Freien auf Brettern aufgebahrt

Nach und nach kamen Hunderte von Helfern im Wagnerstal an, die Schreckensnachricht verbreitete sich in Windeseile. Die Helfer waren teils viele Stunden unterwegs gewesen: In das abseits gelegene Gebiet überhaupt vorzudringen, stellte in diesem schneereichen Winter 1844 eine Meisterleistung für sich dar. Beim Königenhof bot sich ein Bild des Schreckens – eine der authentischen Schilderungen findet sich in der Freiburger Zeitung: „Eine schwere Lawine löste sich vom Berghang des Wagnerstales, stürzte auf das Bauernhaus des Königenbauern Martin Tritschler und drückte es gänzlich zusammen. Es fanden dabei 17 Perso.nen ihren Tod – der Bauer, der mit 5 Kameraden am Tisch saß und Tarock (Cego) spielte, dessen Frau, 4 Söhne und 3 Töchter, der Mietsmann mit dessen Weib und 3 Kindern. Zu Grunde gingen ferner 23 Stück Rindvieh, 1 Pferd und 6 Schafe, 3 Schweine und einige Geißen. Das Unglück wurde erst am andern Tag bemerkt und so kam auch Hilfe aus der Nachbar.schaft viel zu spät. Über Nacht wurde es wieder eisig kalt und die Ret-
Die Erinnerungstafel an die Opfer des Lawinenun.glückes beim Königenhof am 24. Februar 1844. Die Tafel ist auf dem Friedhof in Neukirch angebracht, enthält die Namen der 17 Verunglückten und ihr Lebensalter – vom einjäh.rigen Salomon bis zum 60-jährigen Hofbesitzer Martin Tritschler. Gespen.det haben die Tafel die Verwandten der Opfer.
tung erschwerte sich, erst nach 8 Tagen wurden die letzten Toten aus den Trüm.mern geborgen und alle auf Brettern am Unglücksort aufgebahrt. Das Vieh lebte zum Teil noch, musste aber nach dem Herausziehen von 5 Metzgern geschlach.tet werden. Dies mag den Eindruck des Grauenhaften noch verstärkt haben.“
Ein junger Uhrengestell.macher übrigens konnte nach vielen Stunden befreit werden, sein Kopf steckte in einer Holzkiste. Er starb kurz nach seiner Rettung. Die 17

Toten wurden bei einer so noch nie dagewesenen Feier auf dem Friedhof in Neukirch beigesetzt.
Nach der Zerstörung des Königenhofs war im Wagnerstal nur noch der Kajetanhof bewohnt. 1845 plante der Kajetansbauer, den Königenhof wieder aufzurichten. Das Bauholz lag schon bereit, da verstarb der Bauer unerwartet während einer Pferdeprozession. Der Hof mit seinen 90 Hek.tar Wirtschaftsfläche wurde endgültig nicht mehr aufgebaut. Auch die noch unversehrten Nebengebäude wurden nun abgerissen, das Grund.stück 1878 durch den Staat erworben und aufgeforstet.
Das Unglück hatte auch für die Überlebenden in vielfacher Hinsicht gravierende Folgen. Zwei Monate nach dem Unglück stellte der Neukir.cher Pfarrer fest: ,,Die Tritschlerschen älteren Kinder ziehen heimatlos umher.“ Und das, obwohl aus dem ganzen Land Baden großzügigste
Spenden nach Neukirch geflossen waren. Der Groß.herzog und der Fürst zu Fürstenberg spendeten 500 Gulden, Kirchenkollekten und Wohltätigkeitskonzerte wurden für die Kinder des Königenbauers abgehalten.
Der vor 173 Jahren erfolgte Lawinenabgang findet bis zum heutigen Tage viel Beachtung und ist mit Blick auf die 17 Toten regelmäßig in Zusammen.stellungen zu den weltweit größten Lawinenunglücken zu finden.
Die 17 Toten des Lawinen.unglückes im Wagnerstal wurden auf dem Friedhof in Neukirch beigesetzt.
Die Kapelle des Kajetan.hofes ist das letzte Über.bleibsel aus der Zeit, als dieser Teil des Wagnerta.les noch bewohnt war. Der Königenhof lag in unmit.telbarer Nachbarschaft.

Schnee, Sturm und Regen
Triberg kämpft 1849 gegen ein verheerendes Hochwasser
D
ie Hochwasser im Winter waren und sind wie die Win.tergewitter gefürchtete Er.eignisse. So hat ein Winter.gewitter am 10. Januar 1843 die Kirche von Furtwangen in Brand gesetzt, der Blitz

schlug in die Kirchturmspitze ein. Über eines der schweren Hochwasser berichtet 1849 der in Villingen herausgegebene „Schwarzwälder“. Die Zeitung schreibt über die Situation in Triberg am 17. Januar 1849: „Wenn in dem Winter früherer Jahre ungeheure Schneemassen die Thäler des Schwarzwaldes beinahe unzugänglich machten, so hat uns dieser Win.ter mit den Verheerungen angeschwollener Gewässer bedacht. Zu der Nacht vom 14. auf den 15. schmolz in Folge der unaufhörlichen Regengüs.se, begleitet von einem gewaltigen Sturmwinde, der Schnee, welcher seit einigen Tagen unser Hochgebirge bedekte. Das tobende Gewässer, wel.ches in seinem reissenden Laufe Felsstücke von beträchtlicher Größe und Tannenbäume mit donnerähnlichem Getöse dahinwälzte, riß Mauren ein, untergrub Gebäude, schwemmte den Rasen der für unsere Gegend so kostbaren Wiesen fort.
Hiebei müssen wir auch eines wakren Mannes gedenken, des Zim.mermeisters Schweikert, welcher eine Familie aus ihrem auf einer Insel stehenden Wohnhause, dessen Einsturz zu befürchten war, rettete,
indem er die Mutter und die Kinder auf einer vom Ufer in ein Fenster des untern Stock.werkes gelegten Leiter über die wilden Fluthen trug.
Leider hat auch unsere Stadt das Leben eines braven Mannes zu beklagen, wel.cher um sich von der Höhe des Wassers zu überzeugen in seinem edlen Diensteifer an dem Ufer zu weit vortrat in dem Augenblicke, in wel.chem die Mauer einstürzte, und so rettungslos ein Opfer der schäumenden Wellen ward. Friede sei seiner Asche!“

Bahnschlitten unterwegs auf der Geutsche bei Tri.berg, wohl 1920er-Jahre.
In einer Welt ohne Autos waren die Straßen auch recht gefahrlose Rodelbah.nen – wenn auch nicht zur Freude der Fußgänger. Das Bild zeigt die Kreuzstraße in Triberg um die Zeit des Ersten Weltkrieges, früher der Hauptverbindungsweg nach Schonach.
Unglaublich hohe Schneeberge…
vom Schwarzwald, 6. März 1858
D
em ohnehin schon vorhandenen großen Schnee hat sich seit vorgestern Nacht eine so ge.waltige Masse beigestellt, daß sie zu den Seltenheiten auf un.seren Bergen gerechnet wer.den kann. Wenn der Schnee

gegenwärtig durchschnittlich 3 bis 4 Fuß hoch liegt, so hat ihn die das Schneien stets begleitende sturmbewegte Luft an gar vielen Orten zu unglaublich hohen Bergen zusammengeweht. Der Verkehr ist beinahe ganz aufgehoben, und die Postwagen können nur mit großer Mühe und Gefahr fortgeschleppt werden.
Der Verkehr zwischen den einzelnen Orten ist auf ein Minimum be.schränkt, und die Schulen können aus Mangel an Kindern in gar zu vielen Orten nicht mehr abgehalten werden. Wen nicht ein unaufschiebliches dringendes Geschäft hinaus zwingt, der bleibt behaglich am warmen Ofen sitzen. Bahnen hilft nicht viel, denn der Sturm fegt die kaum ge.öffneten Schneewege sofort wieder zu; auch ist es an vielen Orten un.möglich, den Bahnschlitten fortzubringen, da die Pferde im Schnee nicht fortzukommen vermögen. (Beitrag aus dem „Schwarzwälder“)
April-Schnee
vom Schwarzwald, 19. April 1917
Auf unserm hohen Schwarz.wald haben wir wirklich einen Tag wie den andern Schneefall und zwar so ergiebig, daß der Bahnschlitten geführt werden muß. Daß bei der solchen Witterung die Bestellung der Felder und Gärten ganz ausge.schlossen ist, versteht sich von selbst. Hoffen wir, daß uns der liebe Gott bald mit Frühlings.wetter erfreuen möge.
(Meldung aus dem „Schwarz.wälder“)

Schneetunnel auf dem Raben bei Furtwangen am 15. März 1905.
Winterfreuden der be.sonderen Art: Vier Meter hohe Schneeberge auf der Neueck bei Furtwangen/ Gütenbach haben die Schneeräumer im Schnee.sturm des Jahres 1907 am
6. März zum Bau eines Tunnels animiert. Auch der Pfedeschlitten passte hindurch.

Schneedurchbruch am Raben, „Wiedereröffnung“ der Straße zwischen Gütenbach und Furtwangen am 1. März 1907. Und Fassanstich zum „Tunnel durchbruch“ in der Furtwanger Unterallmend (rechte Seite). Die Unbilden des Winters nahmen die Schwarzwälder offensicht lich „gelassen hin“.

„Jedes Kind ist doch heute ein Brettlehupfer“

Ein Fremdenfrer von 1927 erzählt, wie das Uhrendorf Schwald zum „Wintersportplatz“ aufgestiegen ist
D
drei Norweger sollen es gewesen sein, die in den 1880er-Jahren den Skisport nach Schönwald sprich in unsere Gegend gebracht haben. So zumindest erzählen es die Schönwälder – im nahen Triberg auf dem Feldberg oder anderen Orten im Schwarzwald ist die.se Geschichte eine andere. Die Gäste aus dem Norden waren von den faszinierenden Möglichkeiten im Schwarzwald hellauf begeistert, berichtet die Chronik. Sie sollen auf dem Brend, der Martinskapelle und im Weißenbachtal unterwegs gewesen sein. Tief beeindruckt waren indes auch die Schwarzwälder, als ihnen diese neuen Möglichkeiten bewusst wurden: Endlich konnte man über den Schnee gleiten… Das Skifahren wird über Nacht zunächst zum Modetrend bei den Wohlhabenden – und dringt rasch in das Alltagsleben der gesamten Bevölkerung vor.
Um 1910 bereits, so steht es im 1927 aufgelegten Führer des klimatischen Höhenluftkurortes nachzulesen, war das Dorf ein Wintersport.platz ersten Ranges, in dem selbst die Briefträger ihren Dienst auf Skiern verrichteten und sich die Arbeiter mit den selben auf den Weg zur Fabrik machten. Wörtlich schreibt Alfred Dold von der Kurverwaltung: „Noch
Sogar ein gesticktes Ski.abzeichen legte der Win.tersportplatz Schönwald dereinst auf, das sich so mancher Skiläufer an Jacke oder Pullover nähen ließ (oben links). Ein Hinweis auf die damalige Bedeu.tung des Skiparadieses.
Rechts: Hohen Unterhal.tungswert bietet der von Alfred Dold, Mitglied der Kurverwaltung, im Juni 1927 aufgelegte Fremden.führer. Der Autor rühmt den Winter in den höchs.ten Tönen – und in der Tat hatten die Schwarzwälder mit dem Aufkommen des Wintersportes an der kal.ten Jahreszeit schlagartig die größte Freude.
vor 30 Jahren fast unbekannt, ist heute jedes Kind ein ‘Brettle.hupfer’. Die ganze Jugend lernt das Skilaufen. Ja der Schnee.schuh ist dem Schwarzwälder heute so wichtig geworden wie dem Weltumsegler das Schiff.“
„Großartige Zukunft“
Die Norweger prophezeiten den Schönwäldern eine großartige Zukunft als Wintersport.platz – und der Ort machte in der Tat umgehend das Beste daraus. Denn wie heißt es

doch im schon bald aufgeleg.ten Winter-Führer: „Niemals fühlt man die Luft so leicht, trocken und erfrischend, durch nichts werden die Muskeln des ganzen Körpers so angespannt, nie wird das Gemüt so hell und leicht, der Körper abgehärtet und gestählt, als im Gebirge durch Skisport und Freiluftleben im Winter. Was nun die Bedeutung Schönwalds als Winterkurort in hygienischer Beziehung anbelangt, so seien namentlich Blutarme, Bleichsüchtige, Neurastheniker und sonstige Erholungsbedürftige auf unseren Kurort aufmerksam gemacht.“
1907 gründet sich der Skiclub

Schon 1907 gründete sich in Schönwald ein Skiclub „zur Pflege des so schönen und gesunden Wintersportes“, der sich wiederum dem Ski-Club Schwarzwald anschließt, dessen Mitgliedskarte unten rechts abgebildet ist. 1920 zählte der Verein bereits 130 Mitglieder. Eine mächtige Sprung.schanze stand bald im Adlerwald, später nannte man die Schanze „Adler.schanze“. Die heutige K85-Nor.
malschanze wurde 1967 erbaut, das Eröffnungsspringen fand am 17. März 1968 statt.
Zurück in die Pionierzeit des Wintersports. Im Fremdenfüh.rer heißt es abschließend: „Der Winter ist nicht mehr der rauhe und griesgrämige Geselle, der früher im Schwarzwald regier.te, sondern er ist ein froher Bursche mit wehenden Locken und blitzenden Augen, der sein jugendliches Spiel mit Jung und Alt treibt.“

Wenn der Briefträger (Helmut Eschle) die Post auf den Skiern bringt: aufgenommen in den 1970er-Jahren in Schön.wald.
Als das Skifahren populär wurde, sind auch etliche Schönwalder Mitglied im Ski-Club Schwarzwald geworden. Vorsitzender war der oft in Furtwangen und Schönwald weilende Skipionier Prof. Franz Kohl.hepp, dessen Unterschrift die Karte trägt.

Ein Winter wie wohl kein zweiter:
7.300 Männer schippen Schnee!
In Furtwangen/Schönwald/Gütenbach geht im Februar 1952 nichts mehr, die Region ist von der Umwelt abgeschnitten
E
war der Jahrhundertwinter schlechthin – nicht nur in Furtwangen, Schönwald oder Gütenbach, im gesamten Schwarzwald gab es so gut wie kein Vorankommen mehr. Ohne Zweifel: Den Großraum Furtwangen/Schönwald hatte es im Februar 1952 besonders schwer getroffen. Der SÜDKURIER erscheint am 5. Februar mit der Schlagzeile: „Winter, wie zu Großvaters Zeiten“. Die Zeitung berichtet von bis zu sie.ben Meter hohen Schneeverwehungen auf der B 500 hinauf zur Escheck. Alle Männer im Alter von 14 bis 65 Jahren wurden am 9. und 10. Fe.bruar zum Freischaufeln der Straßen und der Bregtalbahn eingesetzt, sämtliche Betriebe blieben geschlossen. Allein in Furtwangen schippten
Schnee wohin das Auge blickt: Allein schon um an ihren Einsatzort zu kommen, mussten sich die mehreren tausend Schnee.räumer im Winter 1952 zunächst für sich selbst Wegle freischaufeln. Das Bild entstand auf der heu.tigen B500 zwischen Furt.wangen und Schönwald. Ein Rekordwinter wie der des Jahres 1952 hat sich bis heute nicht wiederholt.
1.150 Männer Schnee. Die Baudirektion Freiburg hat die Ereignisse festgehalten: „Von den 5.059 Kilometern an Bun.des- und Landstraßen in Baden waren am 12. Februar wegen starker Schneeverwehungen fast 1.400 Kilometer vollstän.dig gesperrt. Am schwersten waren die Verwehungen um Furtwangen herum, das wie Gütenbach oder Schönwald zeitweise ganz abgeriegelt war. Die Straßenverwaltung

hatte im ganzen nur 12 Spezialräumgeräte und 89 motorisierte Pflüge einzusetzen, die vor den Schneewänden kapitulieren mussten.
Die Schneekatastrophe zwang dazu, zum ersten Mal wieder 298 bespannte Pflüge (Bahnschlitten) einzusetzen. Aber auch diese konn.ten nicht mehr viel ausrichten. An einigen Tagen waren im gesamten Schwarzwald bis zu 7.300 Mann auf den Straßen.“
Auch die Bregtalbahn steht still

Zur Lage der Bregtalbahn berichtete die Tageszeitung SÜDKURIER am 14. Februar 1952: „Nachdem infolge der erneuten Schneefälle bereits am vergangenen Sonntag (10. Februar) der gesamte Autoverkehr über Furtwan.gen zum Erliegen kam, musste auch die Bregtalbahn am Montag den aussichtslosen Kampf mit den Elementen aufgeben. Schon 14 Tage lang war vom Personal der Bregtalbahn das Äußerste verlangt und geleistet worden, um den Verkehr so lange als irgend möglich aufrecht zu erhal.ten. Trotz täglichen Einsatzes
des Schneepflugs ließ sich jedoch das Verhängnis nicht aufhalten. Meterhoch war inzwischen der Schnee stellenweise angeweht worden.“
Veranlasst durch diese Schneekatastrophe schaffte die Stadt Furtwangen ihre erste Schneefräse an, die sich rasch bezahlt machte. Denn weitere schneereiche Winter folgten, und die Schneemas.sen wären erneut nur mit einem Heer von Zwangsver.pflichteten Schneeräumern zu bewältigen gewesen.

Verdiente Pause – unauf.hörlich schippten über
1.150 Männer im Winter 1952 allein im Großraum Furtwangen den Schnee von den Straßen.
Unter dem Eindruck des Rekordwinters 1952 nahm die Stadt Furtwangen ihre erste Schneefräse in Betrieb – die erste im Landkreis überhaupt. Sie machte sich rasch bezahlt.

Erster elektrischer Skilift, Rodelbahn, Eiskunstlauf und Internationale Wintersportsausstellung
Triberg steigt zum Wintersportort auf

Reiseberichte dokumentieren, dass sich Triberg nach der Eröffnung der Schwarzwaldbahn am 1. November 1873 zu einem der bekanntesten Luftkurorte des Schwarzwaldes entwickelte. Der Wintersport hat daran einen großen Anteil, der Kurort genoss zeitweise hohes Ansehen in diesem Bereich. Vor allem für den ersten elektrischen Skilift der Welt, ihre Bobbahn und ebenso international bedeutsame Wettkämpfe im Eiskunstlauf war die Stadt an den Wasserfällen bekannt.
von Klaus Nagel
Als vor etwa 12.000 Jahren die letzte Eiszeit auch auf den Höhen rund um das Schwarzwald.städtchen Triberg zu Ende ging, stieß der Homo sapiens sapiens, der vor ungefähr 35.000 Jahren in den Alpenvorraum einwanderte, vermut.lich nur episodisch in das Gebiet des heutigen Schwarzwalds vor, das damals allerdings wohl nur eine waldlose Tundra gewesen sein könnte. Vielleicht benutzten dabei diese steinzeitlichen Jäger während der Schwarzwaldwinter auch schon Fortbewegungshilfen, sind doch die Existenz von Tretschuhen vor ca. 5.000 Jahren für Norwegen belegt. Der „Ski von Hoting“ aus Schweden ist etwa 4.500 Jahre alt. Auch der Gletschermann „Ötzi“ trug Schneeschuhe bei sich, die auf 3.300 v. Chr. datiert werden.
Sicherlich ahnten die steinzeitlichen „Ski.pioniere“ nicht, dass im Zentrum der einstigen
Titelseite zum Programmheft der Deutschen Winterkampfspiele, die in Triberg und Titisee stattfanden.

Start zum Skirennen der Damen auf dem Gelände des heutigen Waldsportbads, wo sich die Tal.station des ersten elektrischen Skilifts der Welt befand.
Mittelschwarzwälder Verglet.scherung Mitte des 13. Jahr.hunderts n. Chr. das Städtchen Triberg entstehen sollte, das sich um 1910 gar zu einem internationalen Wintersport.ort entwickelte, an dem alle Wintersportarten ausgeübt
werden konnten.
Belegt ist, wie damals das Skilaufen in den Schwarzwald kam, nämlich durch den Arzt Dr. Tholus in Todtnau im Wiesental, der bei einem Aufenthalt in Norwegen „Schneeschuhe“ ken.nengelernt hatte und sich ein Paar aus Norwe.gen kommen ließ, um als Landarzt im Winter sei.ne Patienten auf den Schwarzwaldhöfen leichter zu erreichen.
Schon am 5. Januar 1892 wurde in Todtnau der erste Skiclub in Mitteleuropa zur Förderung des Schneeschuhlaufens gegründet. Auf dem
1.493 m hohen Feldberg entwickelte sich bald der Schneeschuhlaufsport, der innerhalb weniger Jahre im ganzen Schwarzwald bekannt wurde.
Triberg entwickelt sich zu einem beliebten Kurort
Reiseberichte aus der Zeit der Romantik deuten an, dass sich das nach dem Triberger Stadtbrand von 1826 neu erbaute Städt.
chen mit seinen Wasserfällen zu einem der beliebtesten Schwarzwaldorte entwi.ckelt. Nach der Eröffnung der Schwarzwaldbahn am 1. No.vember 1873, wird Triberg zu einem der bekann.testen Luftkurorte des Schwarzwalds und taucht in allen Reiseführern auf. In dem Buch „Kurorte & Heilquellen des Grossherzogtums Baden“ aus dem Jahr 1905 ist über Triberg zu lesen: „Seit Triberg Centralpunkt der großartigen Schwarz.waldbahn geworden, ist es zu einem Vorort der Schwarzwälder Uhrenindustrie und zum Luft.kurort ersten Ranges erblüht, mit einer Durch.schnittsfrequenz von 10-15.000 Gästen. Zahlen, die mit den heutigen etwa 400.000 Besuchern am Wasserfall natürlich nicht mithalten können.

Anfänglich spielte im internationalen Luft.kurort Triberg der Wintersport keine Rolle, wohl aber in der Umgebung. In einem Werbeheftchen, aufgelegt im Jahr 1910, ist für das 1877 erbaute „Schwarzwald-Hotel“, das 1906 um das „Kurhaus Waldlust“ erweitert wurde, zu lesen: „Triberg, die Perle des Schwarzwalds, ist seit vielen Jahren als bedeutender und viel besuchter Sommer-

Skipioniere auf der „Unteren Geutsche“ am „Hofeck“ bei der heutigen Triberger Jugendher.berge.

Links: Wintersport-Prospekt des „Schwarzwald-Hotel“ und des „Hotel Waldlust“ um 1910. Mitte: Der erste elektrische Skilift der Welt stand im Hoflehen-Talgrund in Triberg und wurde 1910 anlässlich der „Internationalen Wintersportsaus.stellung“ in Betrieb genommen. Rechts: Eiskunstlauf auf dem Bergsee.
kurort bekannt und geschätzt. Vor drei Jahren hat nun auch der Wintersport seinen Einzug in Triberg gehalten. Unter all den bekannten Wintersportplätzen liegt keiner so günstig wie Triberg. Nicht allein dem Rodelsport sind in Tri.berg Bahnen gewiesen. Zwei neue Eislaufplätze, aufs Beste unterhalten, bieten dem Schlittschuh.künstler frohes Ergötzen. Bekannt ist, daß des Schwarzwald’s Höhen das prächtigste Skigelän.de darstellen.
Welch entzückende Touren der Skilauf ermöglicht, zeigt sich bei den wöchentlichen Ausflügen des Ski-Club Schwarzwald, Ortsgrup.pe Triberg. Seit unter ihrer Führung eine neue Rodelbahn gebaut wurde, die unstreitig die schönste und beste des Schwarzwalds sein dürf.te, herrscht, reges, fröhliches Treiben. Veranlaßt durch den technischen Fortschritt, werden keine Mühen und Kosten gescheut, so daß neuerdings eine elektrische Aufzugsbahn hergestellt wird, so daß auch solchen, die den langen Aufstieg gern vermeiden, Gelegenheit geboten ist, dem herrli.chen Vergnügen nach Herzenslust zu huldigen.

Um den Skisport in jeder Hinsicht pflegen zu können, hat sich die Ortsgruppe entschlossen, mit erheblichen Kosten einen Sprunghügel zu bauen, der nach seiner Vollendung (Dezember 1909) einer der zweckmäßigst angelegten sein wird und des.sen Lage geradezu ideal zu nennen ist.
Für 1910 steht die Erstellung einer allen An.sprüchen Rechnung tragenden Bobsleighbahn bevor, so daß zur Ausübung des Wintersports kein Wunsch mehr zu erfüllen bleibt. So bietet denn Triberg neben seiner herrlichen Lage, die dem Erholungsbedürftigen neue Kräfte zuführen soll, auch dem Sportliebhaber reichlich Gelegen.heit zur Ausübung jeglichen Wintersports.“
Europameisterschaften im Eiskunstlauf
Im Eislaufen wurde Triberg bekannt, als auf dem Bergsee, einer glazialen Nische, 1925 sogar die Europameisterschaften im Eiskunstlauf und vom 23.-26. Januar 1926 die Deutschen Winterkampf.spiele im Eiskunstlauf stattfanden.
Als es gelang, die „Internationale Winter.sportsausstellung“ nach Triberg zu holen, die unter dem Protektorat „Seiner Großherzoglichen Hoheit Prinz Max von Baden“ stand, war das Schwarzwaldstädtchen Triberg endgültig ein Mittelpunkt des Wintersports geworden. Die Ausstellung fand vom 18. Dezember 1909 bis zum 20. Februar 1910 in den Räumen der ehemaligen Gewer.behalle statt, die 1936 zum Hei.matmuseum bzw. später zum Schwarzwaldmuseum umfunkti.oniert wurden.

Erster elektrischer Skilift der Welt
Schon im Jahre 1883 wurde in Triberg am Wasserfall eine An.lage erstellt „zur Beleuchtung aller Straßen und Plätze mit elektrischen Bogenlampen. Tri.berg war die erste Stadt, die mit elektrischem Licht beleuchtet wurde“. Die elektrische Energie wurde auch dazu benutzt, um im Triberger Hoflehen anlässlich der Internationalen Ausstellung den ersten elektrisch betriebe.nen Skilift der Welt zu errichten. Beim Kaiserlichen Patentamt wurde dieser von Robert Winter.halder (1866 – 1932) aus Schol.lach, Amt Neustadt, als „Vor.richtung zum Hinaufziehen von Schneeschuhläufern und Rod.lern mittels einer kontinuierlich sich bewegenden Seilbahn auf beschneite Berghänge“ angemel.det. In Triberg sah Winterhalder die Möglichkeit, seinen Lift, den der Schwarzwälder Tüftler zuvor schon in Schollach errichtet hat.te, weltbekannt zu machen.

Der Schollacher Lift wurde al.lerdings von einer Wassermühle, also von Wasserkraft, getrieben und war einschließlich der Trä.ger, das stählerne Transportseil ausgenommen, vollkommen aus Holz. Winterhalder war Bauer und Wirt, der den „Schne.ckenhof“ betrieb und mit der „Vorrichtung zum Aufziehen von Schneeschuhläufern, Rod.lern usw. auf Berghänge“ den zahlreichen Wintergästen seiner Wirtschaft den mühsamen Auf.stieg nach der Abfahrt ersparen wollte. Sein Experiment gelang. Winterhalder, übrigens selbst kein Skifahrer, meldete seine Konstruktion zum Patent an und ließ sich seine „Lift-Erfindung“ bereits 1909 auch in Österreich, Norwegen und Schweden paten.tieren.
Die Liftspur in Triberg war 550 m lang und überwand einen

Links: Auf der Rodelbahn – um 1900 vor allem auch eine beliebte Sportart bei Erwachsenen. Mitte: Blick in einen Ausstellungsraum der Internati.onalen Wintersportsausstellung 1910. Rechts: Startaufstellung zu einem Triberger Volks.wettlauf um 1900.
Höhenunterschied von 85 Metern. Zwölf einbe.tonierte Eisenträger leiteten das zwölf Millimeter starke endlose Drahtseil über die Laufrollen. Die Anlage wurde von einem 15-PS-Motor getrieben. Winterhalder hatte bei seiner Konstruktion auch an die damals noch zahlreichen Rodler gedacht. Der Triberger Lift erschloss nicht nur die Skihänge im Hoflehen, sondern lief entlang der Sprungschanze auch zur Rodelbahn hoch. Die „Lift-Rodler“ verwendeten Schlitten mit verstellbaren Sitzflächen, die bei der Höhenfahrt am Drahtseil so gestellt wurden, dass der Rodler nicht vom Sitz abrutschen konnte. Auch das war eine Winterhaldersche Idee.
Heute gehört dieser Triberger Lift der Vergan.genheit an. Schon im Ersten Weltkrieg wurden um 1917 die Eisenträger abgebaut, um sie für die Rüstungsindustrie zu verwenden. Auch der „Ur-Lift“ in Schollach war nur bis zum Beginn des Ers.ten Weltkrieges in Betrieb und wurde abgebaut.
Dadurch verlor auch die erste Triberger Sprungschanze an Bedeutung, die aber von etwa 1955 an noch viele Jahre den Jugendspringern für das Training diente. Eine weitere, in den 1920er-Jahren erbaute Schanze, stand am Steil.hang der Geutsche. Mit dem Bau einer großen Sprungschanze an der „Unteren Geutsche“ wur.de begonnen. Diese konnte aber nie vollendet werden, da das Vorhaben wohl eine Nummer zu groß war. Der betonierte Schanzentisch steht aber heute noch.

Deutsche Rodelmeisterschaften
Die Triberger Rodelbahn wird seit 2015 aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht mehr offiziell als Rodelbahn ausgewiesen. Auch die Beleuchtung für das nächtliche Rodeln auf der Hofwald-Rodelbahn musste abgebaut werden. Auf ihr fanden 1913 und 1954 die Deutschen Ro.delmeisterschaften und am 14./15. Februar 1959 sogar die Deutschen Rennrodelmeisterschaften statt. Triberg blickt also auch auf eine alte Tradi.tion im Rennschlittensport zurück.
Ein elektrischer Skilift sollte in Triberg auf der „Geutsche“ (Gemarkung Nußbach) erst wieder im Jahr 1966 erbaut werden. Die Länge betrug 385 m bei einem Höhenunterschied von 102 m. Der Elektromotor hatte eine Stärke von 60 PS. Den Lift betreute der Landwirt Johann Kienzler, der sogenannte „Jockenbauer“. Viele schneear.me Winter haben nur an wenigen Tagen einen Betrieb erlaubt, so dass der „Geutsche-Skilift“ schon Mitte der 1990er-Jahre stillgelegt und schließlich im Jahr 2003 demontiert wurde. Ge.blieben ist auf dem Hochplateau der Geutsche lediglich die 1973 hergerichtete Skiwanderloipe, deren Streckenführung in den letzten Jahren ei.nige Verbesserungen erfuhr. Die „Panorama-Loi.pe Geutsche“ bietet nach Norden hin phantasti.sche Ausblicke auf den Nordschwarzwald, nach Osten hin sogar bis zur Schwäbischen Alb.

Bau der „Sterenberg-Bobbahn“
Der Erste Weltkrieg unterbrach in vielerlei Hin.sicht abrupt den Höhenflug Tribergs als Winter.sportort. Ein weiterer Wintersport-Höhepunkt tung der „Sterenberg-Bobbahn“, mit deren Bau im November 1911 begonnen wurde. Das Eröff.nungsrennen auf der Naturbahn fand dann am

24. November 1913 statt.
Die ursprünglich mit einer Länge von 1.630m und einem Gefälle von 9 % geplante Bobbahn wurde vom „Bobsleighclub Schwarzwald“ unter dem Ehrenvorsitzenden Prinz Wilhelm von Sach.sen-Weimar, dem Ersten Vorsitzenden Freiherr von Venningen und dem Triberger Bürgermeister de Pellegrini als Zweitem Vorsitzenden erbaut.
Titelseite eines sogenannten Leporellos mit Winter-Auf der „Sterenberg-Bobbahn“, 1950er-Jahre.

Motiviert durch die „Internationale Win.tersportsausstellung“ in Triberg, begannen 45 Pioniere aus Straßburg, das damals noch zum Deutschen Reich gehörte, mit dem Bau der Na.turbobbahn. Die Bahn fällt vom Start in 980 m ü. NN auf dem Sterenberg (Gemarkung Triberg) zuerst kerzengerade mit 10,7 % nach unten, bevor nach einer Linkskurve, die „Starrkurve“, die „Wasserfallkurve“ und die „Kohlplatzkurve“ folgen. Ihren Auslauf hat die tatsächlich ausge.führte „Sterenberg-Bobsleighbahn“ nach etwa 100 m oberhalb des „Prisenhäusles“ in der Ziel.kurve. Für später war sogar geplant, die Bahn um nahezu 1.000 m zu verlängern und beinahe nach Triberg hineinzulegen.
211 offizielle Rennen ausgetragen
Der im Sommer 2017 ausgeschilderte „Qualitäts.weg Prisental“ folgt dem Verlauf der ehemaligen Naturbobbahn. Auf neuen Tafeln ist auf der „Pa.radiestour“ viel Wissenswertes über die einstige Triberger Bobbahn zu erfahren. Etwa in der Mitte der Bobbahn steht ein großer Granit-Wollsack, in dem sich eingemeißelte Namensinitiale von neun Personen aus Winden im Westerwald (Hes.sen-Nassau, Rhein-Lahn-Kreis) finden, die ver.mutlich im November und Dezember 1911 beim Bau der „Sterenberg-Bobbahn“ mitwirkten. We.nig oberhalb liegt am Weg ein Wasserschacht, ein Relikt der Wasserleitung, die dafür diente, die Naturbobbahn zu bewässern, um bei Minustem.peraturen für eine Eisschicht zu sorgen.

Für die Zuschauer erstellte man 1914 neben der Bobbahn einen Fußweg, der heute noch gut zu erkennen ist. Ursprünglich sollte die Bobbahn bis zum Prisenhäusle führen, wo sich Pferde- und Bobstall befinden sollten. Mit Pferden wurden die Bobschlitten wieder hinauf auf den Steren.berg gezogen. Der Ausbruch des Weltkrieges verhinderte aber den weiteren Ausbau der Na.turbobbahn.
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrie.ges fanden auf ihr 211 offizielle Rennen statt, darunter 1925 die Deutsche Meisterschaft im Zweierbob und 1926 die Deutschen Winter.kampfspiele im Zweier- und Viererbob. Die letzte Veranstaltung auf der „Sterenberg-Bahn“ wurde am 9. März 1958 durchgeführt, da die Bahnen der deutschen Mittelgebirge den gestiegenen Anfor.derungen nicht mehr gewachsen waren. Pläne, in Triberg eine Kunst-Bobbahn zu bauen, ließen sich nicht verwirklichen.
Der „Bob- und Rodelclub (BRC) Schwarz.wald“, 1911 gegründet, wurde daher nach 88 Jah.ren 1999 aufgelöst. Heute erinnert eine Ausstel.lung im Schwarzwaldmuseum“ mit mehreren Bobschlitten an die „Sterenberg-Bahn“ und den einst so erfolgreichen „Bob- und Rodelclub (BRC) Schwarzwald“.

Winterbegebenheiten in St. Georgen
St. Georgen im Schwarzwald ist eine „Winterstadt“, zumal sich die Gemarkung auf bis 1.000 Höhenmeter erstreckt. Oft genug waren gerade die Verhältnisse auf der Sommerau extrem. Was es bedeutet hat, die früher oft schneereichen und kalten Winter in der Bergstadt zu erleben, wird nachstehend

geschildert.
von Erwin Epting
Der „Jahrhundertwinter“ 1952
Die ungeheuren Schneemengen konnten im Februar 1952 mit Bahnschlitten und Schneepflü.gen nicht bewältigt werden, mehrere Haupt- und Durchgangsstraßen waren nicht mehr passier.bar. Auch die Portale des Sommerauer-Tunnels waren zugeschneit, so das etliche Tage in Folge kein Bahnverkehr möglich war. In der Stadt er.gaben sich Trampelpfade, auf denen die Bewoh.ner das Wichtigste erledigten. Wegen der sich ergebenden Notlage wurden auf Wunsch der Landesbehörden und der Stadt Auszubildende und Arbeiter aus den Firmen zur Schneeräumung herangezogen (s. S. 172).

Zugefrorene Wasserleitungen
Bei Kälte waren in vielen Häusern zugefrorene Wasserleitungen gefürchtet. Dann musste man sich mitunter mühsam mit Wasser versorgen, was bei strenger Kälte kein Vergnügen war. Aus Eimern überschwappendes Wasser führte schnell zu hart gefrorenen Hosen. Vor allem aber bestand das Risiko, dass zugefrorene Lei.tungen Risse bekamen. Das war gewissermaßen der „GAU“ und man versuchte mit allen mögli.chen Wärmequellen dies zu vermeiden. So gab es z.B. in vielen Häusern die damaligen Lötlam.pen, mit denen man vorbeugend hantierte oder bereits zugefrorene Leitungen wieder auftaute.

Die Bergstadt im Schnee vor 1900, vorne die Gleise der Schwarzwaldbahn. Winterimpressionen aus den 1920er-Jahre – Schneeräumen in der Gerwigstraße.

Strohschuhe
Die Kinder aus dem Stockwald hatten, beson.ders wenn sie auf ihrem Schulweg „Schnee stampfen“ mussten, in der Schule nasse Schuhe und kalte Füße. Deshalb stellte die Stadt eigens für diese Kinder leihweise Strohschuhe zur Verfügung. Bemerkenswert ist, dass die Stock.wälder Kinder kaum zu spät zur Schule kamen – jedenfalls viel seltener als die Stadtkinder.
Alle Jahre wieder: Schneeräumen
Zu Zeiten, als es noch keine oder wenig Autos gab, gab es auch keinen öffentlichen Räum.dienst, in der Art, wie er heute selbstverständlich ist. Räumen erfolgte mit Bahnschlitten durch dazu beauftragte Privatpersonen, die von ihrem Auftraggeber entlohnt wurden. Große Bauern besaßen einen eigenen Bahnschlitten, dessen Größe wählte der Bauer nach Bedarf. Der Bahn.schlitten wurde von Pferden gezogen. Für breite Straßen und entsprechend große Bahnschlitten war ein bis zu achtspänniges Pferdegespann notwendig (acht paarweise eingespannte Zug.pferde). Damit er das notwendige Gewicht hatte, wurde er meist mit Personen beschwert. Zum „Aufwärmen“ wurde gerne eine Schnaps.flasche mitgeführt. Das Sitzen auf dem Bahn.schlitten war gefährlich, auf keinen Fall durfte man in das Innere rutschen. Manchmal durften

Schneeräumung durch die Stadt, die den Räumdienst erst in den 1950er-Jahren übernommen hat.
auch größere Kinder „mitfahren“, was für sie natürlich spannend und eine Abwechslung war, konnte man doch bei „Wichtigem“ dabei sein.
Der Bahnschlitten ergab eine für Fußgänger und Pferdeschlitten einigermaßen gut geräumte Strecke. Mitunter hinterließ er aber eine kurvige oder nicht ausreichend geräumte Strecke
– je nach Schneeart und Gewicht des Bahnschlittens. Dann musste geschaufelt werden – vor allem auch, wenn es mit dem Bahnschlitten kein Weiterkommen gab.
Die Gefällstrecken wurden verbotenerwei.se vor allem von Kindern gerne als Rodelbahn genutzt. Auch mancher Erwachsene nutzte sie als innerstädtische „Skipiste“. Beides führte zu Konflikten mit Fußgängern und Fuhrwerken.
Mit dem Bahnschlitten wurden hauptsächlich die innerstädtischen Straßen geräumt, vor allem die Sommerauerstraße, Hauptstraße, „Säggasse“ (jetzige Bahnhofstraße), die heutige Bundesstraße und die Straßen nach Brigach und in Richtung Langenschiltach. Räumen von Nebenstraßen und Haus- und Hofzufahrten waren Sache der Anlieger. Mit Zunahme des Auto- und Lkw-Verkehrs reichte diese Art des Räumens nicht mehr. Ab Anfang der 1950er-Jahre übernahm zunächst die Stadt den Räumdienst, nach und nach dann auch Fuhrunternehmen.

Eine Besonderheit war der damalige Bahn.übergang nach Brigach. Die Bundesstraße wurde bis zum Bahnübergang bereits mit dem Schneepflug geräumt, die Straße nach Brigach noch eine zeitlang mit dem Bahnschlitten. Der räumte naturgemäß weniger gründlich. So entstand am Übergang eine beträchtliche Stufe, die von Hand beseitigt werden musste. Unter.blieb dies, gab es Probleme und Ärger, wenn Fahrzeuge stecken blieben und nicht mehr ohne weiteres von den Gleisen wegkamen.
Klosterweiher-Eis
In vielen Wintern war der Klosterweiher mit einer dicken Eisschicht zugefroren. Auch war besonders im Winter das Wasser sehr sauber und klar. So wurden bis in die 1950er-Jahre hinein dicke Eisblöcke von Hand herausgesägt und verladen. Dazu wurde ein eigens für diese Arbeit hergestellter Kran benutzt. Das Heraussägen der Eisblöcke war nicht ungefährlich. Dieses Eis wurde zur Kühlung von Getränken und Waren benutzt, vor allem im Eiskeller des damaligen Gasthauses „Sonne“, aber auch für den St. Ge.orgener Bierkeller der damaligen Brauerei „Bil.ger“. Dieses Eis hielt in gut isolierten Räumen bis weit in den Sommer hinein.
Henningers Kohlen
Der bedeutendste Kohlehändler in St. Georgen war bis Ende der 1950er-Jahre die Eisenhand.lung „Henninger“. Ihr großes Kohlelager befand sich schräg oberhalb der evangelischen Kirche. Zu Beginn der Winterzeit herrschte dort Hoch.betrieb, da sich alle mit Kohle für den Winter eindeckten. Außerdem gab es noch den kleine.ren Kohlenhändler „Pfendler“ neben der evan.gelischen Kirche und den Hafner Staiger in der Gerwigstaße.
Die Kohlen wurden per Bahn geliefert und am Bahnhof von den Händlern abgeholt, an.fänglich noch mit Pferdefuhrwerken. Es war wichtig zu erfahren, wann wieder Kohlen ein.trafen und man fachsimpelte, welche Kohlenart wohl für was die bessere sei – Eierkohlen (in Ei-form gepresster Kohlenstaub), Koks, Steinkohle oder Briketts. Letztere waren für uns Kinder in.teressant, enthielten diese doch oft unvollstän.dig verkohlte Holzreste, die unseren Forscher.drang weckten – sehr zum Leidwesen der Eltern. Zum Transport nach Hause nutze man spezielle, stabile Kohlensäcke mit verstärktem oberen Rand, an dem sich lange Zotten zum Tragen der Säcke befanden. Sie wurden nicht zugebunden und sollten daher nicht umfallen. Manch armer Schlucker war froh, wenn er aus dem Schnee nennenswert Kohlen auflesen konnte – am Zaunrand oder solche, die auf dem Heimweg verloren wurden. Dies galt besonders in Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Pferde mit kleinen Glöckchen
Bis etwa zum Ende der 1950er-Jahre waren die Bauern mit großen Schlitten und Reiche auch mit der Chaise unterwegs. Die Straßen wurden noch nicht „gesalzen“, es war meist eine mehr oder weniger gut befahrbare Schneedecke vorhanden. Die Chaise war eine zweisitzige Kutsche, im Winter mit Kufen, mit bequemen, gepolsterten Sitzen und beweglichem, halbem Verdeck. Die Zugpferde trugen am „Kommet“ (Halsgeschirr des Pferdes) kleine Glöckchen. Sie ergaben im Laufrhythmus der Pferde ein zart und lieblich klingendes Geläut. So war das
Der Klosterweiher diente nicht nur zum Schlittschuhlaufen, sondern lange Zeit zur Eisgewinnung. Das Heraussägen der Eisblöcke war mühsam.

Auf Skiern in den 1950er-/1960er-Jahren mitten durch den „Winterluft.kurort St. Georgen“.

Gefährt schon von weitem zu hören. Ein schö.nes Geläut war der Stolz jedes Bauern. Es war an den damals noch stillen Wintertagen ein ungleich schöneres Geräusch als der heutige Verkehrslärm.
Wintersport
Skifahren
Wintersport war und ist in St. Georgen eine nicht wegzudenkende Freizeitbeschäftigung. Mit Aufkommen brauchbarer Skier wurde er überall, wo es nur möglich und günstig er.schien, mit Begeisterung ausgeübt, so z.B. im Mühledobel, am Adlerberg, später hauptsäch.lich am Kohlbühl und Storzenberg. Die Begeis.terung zeigte sich auch darin, dass nach jeder Abfahrt wieder mühsam zu Fuß aufgestiegen wurde, nur um möglichst oft abzufahren. Die Hauptanstrengung waren somit nicht die Ab.fahrten, sondern die Aufstiege. Dies erkannte ein rühriger St. Georgener und errichtete am Kohlbühl Ende 1960 den ersten und einzigen Skilift auf der Gemarkung. Leider lohnte er sich nicht. Der Kohlbühl ist ein Sonnenhang und so waren die Betriebszeiten zu kurz. Anfang 1980 wurde der Lift abgebaut. Mit Aufkommen der Ski.lifte am Kesselberg und in Oberkirnach verloren die stadtnahen Hänge ihre Bedeutung, aber das alpine Skifahren erlebte einen ra.santen Aufschwung.
Im Jahre 1941 und bis heute nie mehr fand ein

Abfahrtslauf durch die Stadtmitte statt. Die „Rennstrecke“ führte ab der Mozartstraße (Nähe heutiger Festplatz), vorbei am Areal der Firma Papst und weiter den Schmiedegrund bergab zum Ziel am Kloster.weiher. Wer diese Gefälle kennt und um die da.malige Ausrüstung weiß, kann verstehen, dass diese Abfahrt eine echte Herausforderung war.
Im Februar 1912 fand der erste dokumentier.te Skikurs mit „verheißendem Erfolg“ statt. Eine besondere Leistung war es dabei, ohne Sturz den Kohlbühl oder später den Storzenberg hin.unter zu kommen.
Der Rucksacklift
Zur Verbesserung des Trainings und der Nut.zung interessanter Hänge wurde im Jahre 1966 von 32 Mitgliedern des Ski-Vereins St. Georgen ein transportabler „Rucksacklift“ angeschafft und artgemäß mit dem Namen „PICCOLO“ ge.tauft. Er wurde in einer Art „Aktiengesellschaft“, mit eigener Satzung selbst finanziert. Er war in relativ kurzer Zeit aufzustellen. Zusammenge.packt waren es drei „Rucksäcke“, der schwerste mit knapp 20 kg enthielt den Motor. Nachdem 1966 am Kesselberg der Lift mit Flutlicht ge.baut war, fand der Rucksacklift ab Anfang der 70er-Jahre nur noch in besonderen Situationen Anwendung.
Insgesamt vier Sprungschanzen
Eine weitere bedeutende Wintersportart war das Skispringen. Bei St. Georgen gab es zwi.schen 1920 und 1982 ununterbrochen Sprung.schanzen, insgesamt vier.
Ab den 1920er-Jahren waren auch bei über.regionalen Veranstaltungen etliche Skispringer (und Kombinierer) aus St. Georgen sehr erfolg.reich. Daher waren Skispringen in St. Georgen immer Großereignisse. In Würdigung der Leistungen dieser Sportler war es in den 1950er-Jahren Brauch, dass zu jedem Skispringen in einem kleinen Umzug die Stadtmusik und an.schließend die Springer mit ihren Sprungskiern auf den Schultern, nicht ohne Stolz, zur Sprung.schanze marschierten.
Eine Besonderheit war das „7-Hippewieb.le“, das in einheimischer Tracht, der „Hippe“, jedes Skispringen mit viel Geschrei eröffnete. Erfunden hat es anfangs der 1930er-Jahre der junge Oskar Wössner in einer Schnapslaune, in Anlehnung an eine Sage über das St. Georgener Gewann „Ecke“.
In den Jahren 1950/51 wurde die dritte Schanze in 1.530 Stunden Mitarbeit von Skiver.einsmitgliedern erbaut. Das Eröffnungsspringen erfolgte am 7. Januar 1951 vor 1.100 (!) Zuschau.ern. Bei Skispringen an Sonntagen gab es auf der Bundesstraße öfters Blechschäden. Die Aufmerksamkeit der Autofahrer galt mehr der Schanze als der Straße.
Ab den 60er-Jahren trainierte der Springer-nachwuchs an der kleinen „Schülerschanze“ mit geländebedingtem flachen Anlauf. Bei schlechtem Schnee blieb der eine oder andere auf der Schanze stehen, was dann vom damali.gen Ansager Adolf Weißer mit „Minus 2 Meter“ verkündet wurde. Der erste, selbst gezimmerte, wacklige Anlaufturm der Schülerschanze mit Leiter-Aufstieg war für die Kleineren bereits ei.ne Mutprobe.

Das Skispringen in St. Georgen lockte stets eine große Zahl an Zuschauern an. Eröffnet wurde es vom soge.nannten „7-Hippewieble“ (unten).
Schwald an.
von Roland Sprich

W
enn der Winter er den Schwarzwald-Baar-Kreis hereinbricht und die Stra.ßen unter Schneemassen verschwinden lässt, schlägt die Stunde der Win.terdienste. Der Räumdienst ist im Landkreis bestens organisiert. Dutzende von Räumfahrzeugen sind zwischen Blumberg und Schonach im Einsatz und befreien 165 Kilometer Bundes-, 199 Kilometer Landes- und 306 Kilometer Kreisstraßen von der weißen Pracht. Dazu kommen noch unzählige Gemeindestraßenkilometer, die von den jeweiligen Kommunen geräumt werden. Ein Großteil des Winterdienstes ist dabei an externe Dienstleister vergeben.

Schönwald: Motorisierter Schneepflug ab 1955 im Einsatz
Wenn der Schnee heutzutage ganz selbstverständlich mit hochspezialisierten Räumfahrzeugen von den Straßen geräumt wird, scheint es nahezu unvorstellbar, dass früher Ochsenkarren und Pferdegespanne zur Schneeräumung eingesetzt wurden. Die Motorisierung brachte dann vielfache Verbesserungen. Im schneereichen Furtwangen beispielsweise war der erste motorisierte Schneepflug im Winter 1938/39 unterwegs. In Schönwald war es 1955 Lukas Duffner, der gegen das Verständnis des Schönwälder Gemeinderates, der von der Notwendigkeit dieses modernen Hilfsmittels zunächst nicht zu überzeugen war, mit der neuen Technik den Winterdienst aufnehmen wollte.

Der aus Ettenheim stammende Lukas Duffner war zu jenem Zeit.punkt 25 Jahre alt und kam durch die Liebe in den auf 1.000 Meter hoch gelegenen Ort Schönwald. Sein Schwiegervater in spe Otto Dold betrieb dort einen Milchhandel über die Milchgenossenschaft und hatte einen Vertrag mit dem Milchwerk in Radolfzell. Zwischen 1949 und 1954 hat der junge Lukas täglich die Milch aus dem Ort an verschiedenen Stützpunkten ein.gesammelt und anschließend mit der Pferdekutsche zur Sammelstelle

„Irgendwann wollte ich nicht mehr. Ein Unimog musste her.“
Lukas Duffner
im Winter zur schieren Plackerei aus, wenn er sich mit dem Schlit.ten durch die hohen Schneeberge kämpfen musste. „Irgendwann wollte ich nicht mehr. Ein Unimog musste her“, erinnert sich Lukas Duffner heute.
Von dem „Universal-Motor-Ge.rät“, das ab 1945 entwickelt und ab 1949 zunächst von einer kleinen Firma in Göppingen gebaut wurde, hatte Duffner bereits gehört. Mit solch einem Kleinlastwagen und ei.nem entsprechenden Pflug sollten die Gemeindestraßen doch leicht

nach Triberg gebracht. Was im Sommer kein und schnell vom Schnee geräumt werden kön-Problem für den kräftigen Mann war, artete nen, dachte er sich.

Ein Unimog für die motorisierte Straßenräumung
Lukas Duffner trug sein Anliegen dem Gemein.derat vor und – stieß auf Ablehnung. „Von den gesamten Gemeinderäten hatte ja damals keiner einen Führerschein und deshalb sahen die auch keine Notwendigkeit zur Anschaffung eines solchen Fahrzeugs. Damals gab es nur wenige Autos und nicht viele Straßen“, erzählt Duffner.
Doch wer das Schönwälder Original kennt, weiß, dass sich ein Lukas Duffner nicht von ei.ner Idee abbringen lässt, wenn sie ihm sinnvoll und notwendig erscheint. Also beschaffte er sich kurzerhand auf eigene Kosten und eigenes Risiko einen solchen Unimog. „Ein Kriegskame.rad schaffte zu der Zeit bei Mercedes-Benz. Das Unternehmen hat Unimog inzwischen über.nommen und am Bodensee produziert. Er hat mir geholfen, dass ich so ein Fahrzeug bekom.men habe“, erinnert sich Duffner. 14.000 Mark kostete der erste Unimog, den Lukas Duffner über einen Kredit finanzierte und mit der Über.nahme vom Güternahverkehr zurückzahlte.

Immerhin hat sich die Gemeinde unter dem damaligen Bürgermeister Fritz Merkle bereit erklärt, die Kosten für das Räumschild zu über.nehmen. Und so wurde Lukas Duffner ab 1956 Schneepflugfahrer im Auftrag der Gemeinde und war mit einem motorisierten Räumfahr.zeug mit Keilpflug unterwegs. „Und auch das eine oder andere Auto aus den Schneehäufen zog, die stecken geblieben sind“, lacht Lukas Duffner. Nachdem der Gemeinderat nach dem

Gestern und heute: Lukas Duffner bei der Schneeräu.mung in Schönwald (links) und ein Räumfahrzeug der Gegenwart in St. Georgen.
ersten Winter sah, wie effizient Duffner mit seinem Unimog die Straßen räumte, wollten sie die Konditionen ändern und die Entlohnung senken. „Da hab ich aber nicht mitgemacht. Die Leistung muss bezahlt werden“, argumentierte Duffner. Von da ab war Ruhe, so lange Lukas Duffner im Winterdienst tätig war.
Die Unimogs haben im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gewechselt, die Leidenschaft für den Winterdienst ist Lukas Duffner bis zu seinem letzten Arbeitstag geblieben. „Ich habe es im.mer gerne gemacht. So habe ich die Menschen in Schönwald kennen gelernt, ich war ja fremd. Man musste halt früh aufstehen.“ Um 3 Uhr ist Duffner aufgestanden und hat zuerst die Au.ßenbereiche und anschließend die Straßen im Dorf geräumt.
Dabei wurde er auch so manches Mal un.versehens zum „Geburtshelfer“, weil er die Dorfhebamme zu Hausgeburten in Schönwald gefahren hat, die ansonsten keine Möglichkeit gehabt hätte, über die zugeschneiten Straßen „mal geschwind“ zu den teils sehr abgelegenen Bauernhöfen zu gelangen.

Erst als Lukas Duffner seinen Reinertonishof 1995 an seinen Sohn übergeben hat, gab der da.mals 66-Jährige das Schneeräumen auf. „Mein Sohn hat den Winterdienst übernommen bis 2006, als der Reinertonishof abgebrannt ist“, blickt Duffner zurück. Nach dem Brand war der Sohn mit dem Wiederaufbau des Hofes zu sehr beschäftigt.
Modernste Technik bei der Schneeräumung von heute
Mit dem Unimog von damals haben moderne Schneeräumgeräte heute nicht mehr viel ge.meinsam. Sie sind nicht nur leistungsstarke Fahrzeuge, die auch große Schneemassen mit modernen Pflügen mühelos von den Straßen räumen. Neben dem reinen Schneeräumen er.füllen moderne Schneeräumfahrzeuge zudem heute auch individuelle Anforderungen zur Beseitigung und Verhinderung von Schnee- und Eisglätte. Dazu sind die modernen Fahrzeuge mit Computern ausgestattet, mit denen sich nicht nur der Verbrauch von Streusalz optimal dosieren, sondern auch die Auswurfbreite ideal auf die jeweilige Fahrbahnbreite anpassen lässt.

Hanspeter Boye ist der Leiter des Bauhofes in St. Georgen, der drittgrößten Stadt im Schwarz.wald-Baar-Kreis. Aufgrund der topografischen Lage und der zahlreichen Steigungen ist der Winterdienst hier eine ganz besondere Heraus.forderung. Nicht umsonst trägt St. Georgen den Beinamen Bergstadt. Um die in St. Georgener Verantwortung liegenden 180 Straßenkilome.ter verschiedener Kategorien adäquat vom Schnee zu räumen, setzt man hier zusätzlich zum Räumschild und Trockenstreusalz auch so genanntes Feuchtsalz ein. Dabei wird das Trockensalz vor dem Auswurf angefeuchtet. „Zu jeweils 15 Gramm Trockensalz werden fünf Gramm Wasser beigemischt“, erläutert Boye.

St. Georgen setzt als erster Winterdienst im Landkreis das Full-Wet-System ein
Darüber hinaus setzt St. Georgen als erster Winterdienst im Landkreis auch das sogenann.te Full-Wet-System ein. Dabei wird Sole auf die Fahrbahn gesprüht. Die Sole besteht aus 80 Prozent Wasser und 20 Prozent Salz. „An.fangs haben die Autofahrer schon verwundert geschaut, wenn man bei niedrigen Tempera.turen auch noch vermeintlich Wasser auf die Straße sprüht“, sagt Hanspeter Boye. Doch die Speziallösung bewirkt einerseits ein schnel.leres Abtauen, wenn man es auf die eisglatte Fahrbahn sprüht. Außerdem wird die Sole auch präventiv aufgebracht, dadurch wird verhin.dert, dass die Fahrbahn gefriert. Was wiederum die Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer er.höht. Zudem ist Sole weniger aggressiv gegen Fahrzeuglacke. Auch die empfindlichen Pfoten von Haustieren werden durch das Solegemisch deutlich weniger belastet als durch das Salz. „Und zudem ergibt sich ein enormes Einspar.potenzial, weil man weniger Salz benötigt und das Salz-Wasser-Gemisch durch nachfolgende Autofahrer natürlich weniger verwirbelt wird“, weist der Bauhofleiter auf weitere Aspekte des Full-Wet-Systems hin, das bislang einzigartig im Schwarzwald-Baar-Kreis eingesetzt wird.
Die Entscheidung, ob Trocken- oder Feuchtsalz oder Sole auf die Fahrbahn auf.gebracht wird, hängt von der Temperatur ab. „Bis minus acht Grad fahren wir Feuchtsalz, bei höheren Minustemperaturen nehmen wir Trockensalz“, sagt Boye. Bei Glatteisregen oder wenn Schneefall angekündigt ist, wird präven.tiv Sole gesprüht. Der richtige Einsatz des jewei.ligen Mittels erfordert neben Erfahrung auch das ständige Beobachten des Wetters.
Wenngleich die Schneeräumfahrzeuge also heute modernste Technik anwenden, damit Verkehrsteilnehmer auch im tiefsten Winter freie Fahrt haben, eines können die Fahrzeuge bis heute nicht: verhindern, dass der von den Straßen geräumte Schnee vor Hof- und Garagen.einfahrten purzelt. Und von dort mühsam mit der Hand weggeschaufelt werden muss.
Bernhard Dorer
Wie waren die Winter auf dem Bernhardenhof?
Wolf Hockenjos im Gespräch mit Bernhard Dorer, Alt-Bernhardenhofbauer
M
itten im Sommer plaudern
bindet uns ein gemeinsames Faible wir über den Winter. für Heimatgeschichte, über die wir Dazu treffe ich mich mit beide allerlei publiziert haben: Er Bernhard Dorer (Jahrgang 1943) mit zahlreichen Beiträgen in der Ba.im Libdinghaus gegenüber dem dischen Bauernzeitung, die er dann 1570 erbauten, 1974 modernisierten auch zu einem Heimatbuch zusam-
Bernhardenhof. Den hat er bereits 2008 an Joachim, einen seiner sechs Söhne übergeben. Irmgard, Bernhards Frau, stellt uns ein Apfelsaftschorle auf den Tisch in der holz-getäfelten Wohnstube.Wir kennen uns schon seit den 1960er-Jahren, als wir beide noch Ski.langlauf-Wettkämpfe bestritten. Später traf man sich jahrein, jahraus im Organisationsko.mitee des Schwarzwälder Skimarathons, denn Bernhard war der Streckenchef. Zudem ver.
mengefasst hat. Im Linacher Harmoni.

ka-Verein spielt er seit 52 Jahren Bass, und in der dortigen Laienspielgruppe spielte er nicht nur mit, sondern schrieb ihr auch das preisge.krönte Theaterstück „Der Linacher Stausee“. Im Winter trifft man Bernhard und Irmgard auch noch immer in der Loipe an. Unser Gespräch wurde auf Schwarzwälderisch geführt, versteht sich, dass ich hier der Lesbarkeit wegen ins Hochdeutsche zurückübersetzen will.

Wolf Hockenjos: An welche „Jahrhundertwin.ter“ erinnern Sie sich besonders lebhaft?
Bernhard Dorer: Der schneereichste Win.ter, den ich erlebt habe, war zweifellos der 1952er. In Erinnerung geblieben ist er mir vor allem deshalb, weil ich drei Tage nicht zur Schule konnte; fünf Kilometer hatten wir zur Schule. Die Telefonleitung verlief in Reichhöhe, sodass wir sogar die Drähte anfassen konnten. Heimzus ging‘s dann mitunter auf dem Pfadschlitten, der mehrspännig gezogen werden musste. An.sonsten absolvierten wir den Schulweg per Ski, damals noch Eschenbretter mit Leder.riemenbindung. Jeden Tag musste auch die Milch zum Nachbarn gebracht werden, der sie auch von den andern Höfen mitnahm und sie dann zur Sammelstelle in der Stadt brachte. Von dort wurde sie dann per Last.wagen nach Freiburg zur Schwarzwaldmilch gebracht, was 1952 mehrere Tage lang nicht mehr ging. Oft mussten wir mit unseren beiden Ochsen pfaden. Dazu kamen noch die Gespanne von den anderen Höfen. Die erste Schneefräse tauchte erst zwei Jahre später auf.
Der Hof war oft so eingeschneit, dass wir den Schnee vom Dach runter schaufeln mussten; dabei wären meine Schwester und ich um ein Haar auch unter eine Dachlawine geraten. Andererseits konnten wir per Ski aufs Dach steigen und runterfahren. Wie in allen alten Höfen, hat der Schnee aber auch den bergseitigen Wohnteil warm gehalten, wie natürlich auch den talseitigen Stall, der vor dem Umbau des Hofs noch zur Wetter.seite hin lag, so wie bei allen Heidenhäusern.

Gab es auch grere Schäden?
Im Hofwald hat es 1958 einen gewaltigen Schneebruch gegeben. Ich erinnere mich noch gut an die vielen, weiß leuchtenden Abbrüche der Fichtendolden im Wald ge.genüber. Aber natürlich war uns allen auch das Lawinenunglück des Königenhofs von 1844 noch immer präsent. Oder auch, wie drüben im Wolfsloch der Nassschnee erst dem Unteren und dann, ein paar Jahre spä.ter, auch noch dem Oberen Wolfslochhof das Dach zusammengedrückt hat, nachdem sie nicht mehr bewohnt und bewirtschaf.tet wurden. Das Dachgebälk des Bernhar.denhofs hat jedenfalls seit 1570 – Gott sei Dank – durchgehalten.
Aber schneearme oder gar schneelose Winter gab es doch auch schon immer?
Die Alten haben uns auch immer schon von derlei Wintern erzählt: 1931 soll es ab dem
20. Oktober so stark geschneit haben, dass an der Kilbi der Bahnschlitten zum Einsatz kam; das soll dann der einzige Einsatz im Winter 31/32 geblieben sein. Extrem war

Der Bernhardenhof in einem Rekordwinter der 1940er-Jahre mit Schneebergen bis zum Dach hinauf. Der Bernhardenhof vor seiner Sanierung im Jahr 1973. Rechts eine Impression aus dem nahen Mäderstal,

fotografiert an Ostern 1970.
dann auch der Winter 1974: In der ersten Oktoberwoche hat es soviel geschneit, dass gebahnt werden musste. Die Ernte – wir haben damals noch Kartoffeln und Getreide angebaut – lag unter einer fast halbmeter.hohen Schneedecke, danach wurde es kalt, und wir hatten bis Mitte November Pulver.schnee. Erst danach konnten die Kartoffeln ausgegraben werden, während Hafer und Roggen kaputt waren.
Doch dann ist ziemlich Schluss gewesen mit dem Winter. So wie ja dann mehrmals auch wieder in den 1990er-Jahren. Im März 1988 hat es nochmals Rekordschneemengen herunter geworfen, doch dann wurden die Winter zunehmend lottriger. Wogegen es nach der Jahrtausendwende immerhin auch wieder ein paar rechte Winter gab. Und auch Schnee im September gab es immer wieder mal, so am 25. September 2002. Aber auch Schnee noch im Juni, wie am 2. Juni 2006.

Wie kam man eigentlich dazu, Skilanglauf als Leistungssport zu betreiben?
Bernhard Dorer: Der winterliche Schul.weg bot die beste Voraussetzung dafür. Mit 14 Jahren hab ich dann meine ersten Langlaufski bekommen. Der Langlaufsport hatte ja nach dem Krieg in der ganzen Regi.on einen unwahrscheinlichen Aufschwung genommen, nachdem 1949 die Skizunft Brend gegründet worden war. Schon 1950 stellte die Skizunft eine komplette Damen.mannschaft und hinzu kamen die großen internationalen Erfolge von Oskar Burg.bacher und den Gebrüdern Siegfried und Peter Weiß vom Unteren Leimgrubenhof: Deutsche Meisterschaften noch und nöcher, und dann natürlich Siegfrieds viermalige Olympiateilnahme.
Bernhard Dorer bei den Schwarzwaldmeister.schaften 1965 in Saig.
Für die Jugend auf den Höfen zwischen der Martinskapelle, Neukirch und Linach gab es nur noch den Skilanglauf. Und alle Winter begannen mit dem großen Skifest „Rund um Neukirch“, über viele Jahre mit internatio.naler Beteiligung. Siegfried Weiß übernahm damals auch die Trainerrolle; das von ihm geleitete Training war hart und sehr speziell, aber überaus erfolgreich. Im Schwarzwald blieb die Skizunft in den Staffelrennen ohne ernsthafte Konkurrenz, wozu ab 1966 auch die erste Flutlichtanlage auf der Martinska.pelle beitrug, die wir in Eigenarbeit errichtet haben.
Wie wird es weitergehen mit den Wintern?
Die Klimaentwicklung gibt mir schon zu denken. Ob man je noch einmal den Schnee von den Dächern schaufeln muss, mit den Ski zum First hochsteigen und runterfahren wird? Auf der Südseite des Stalls verbietet das mittlerweile schon die Photovoltaikan.lage. Aber Joachim, der Hofnachfolger, ist noch aktiver Langläufer. Als Waldbesitzer nimmt er jedes Jahr noch immer am Forst.biathlon teil, ob im norwegischen Lilleham.mer oder im slowenischen Pokljuka. Und auch die Enkel scheinen dem Skilanglauf treu bleiben zu wollen. Die Winter werden kürzer und unzuverlässiger werden, das ja, doch so ganz werden wir sie bestimmt nicht abschreiben müssen. Und zur Not kommt der Schnee, wie im Biathlonzentrum im Weißenbachtal oder auf der Schonacher Weltcup-Strecke, halt auch aus der Kanone.

Zum Abschluss unseres Gesprächs frt mich Bernhard Dorer noch in sein Arbeits.zimmer, zeigt mir am PC eine Fle historischer Winterfotos, uralte Ansichtskarten.motive mit gewaltigen Schneewänden an den Straßen samt Schauflerkolonnen. Das Sammeln von Fotos ist sein Hobby, erzählt er. Gelegentlich zeigt er sie im Rahmen von Bildvorträgen. Und schließlich frt er mir seinen 1999 zum 50. Skizunftjubilä.um angefertigten Film vor, in dem er sie alle wieder lebendig werden lässt, die Bren.der Skilanglaufidole. Frer, denke ich mir, noch ehe der Skisport aufkam, men die Schwarzwaldbauern im Winter ins Sinnieren geraten sein, manch einer ist dabei sogar zum Erfinder geworden. In Bernhards Arbeitszimmer sind die Wände bis zur Decke mit Regalen voller Bher verstellt. Ob mit oder ohne Schnee, dem Altenteiler wird es bestimmt nicht langweilig werden.
Skiwanderung über den „Scheitel Alemanniens“
Noch gibt es den 100 Kilometer langen Fernskiwanderweg Schonach – Belchen
von Wolf Hockenjos
O
b da der Hüfinger Schriftsteller und Maler, dessen 200. Geburtstag soeben festlich begangen wurde, bei seiner Schilderung des Schwarzwaldwinters nicht doch ein bisschen gar zu dick aufgetragen hat? Oder waren die Winter einst tatsächlich so viel grimmiger und schneereicher als heutzu.tage? Schneegeier, weiß der Ornithologe, hat es jedenfalls immer nur in den Hochgebirgen Zentralasiens gegeben, nachweislich nie im Schwarzwald. Doch zum Mythos des Schwarz.walds gehört nun einmal der knackige Winter mit seinen gewaltigen Neuschneemassen, unter denen sich tief bewalmte Höfe ducken, wäh.rend deren Bewohner drinnen ins Sinnieren zu verfallen pflegten und dabei, ganz nebenbei, die Schwarzwalduhr erfanden. Glücklich, wenn‘s den Bewohnern gelingt, bis zum Nachbarn

So weit man umherblickt in der beschneeten Landschaft, auch nicht ein menschliches Wesen! Nur Raben und Schneegeier umflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so dass der Hausvater des Morgens weder Läden noch Haustüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht.
Lucian Reich: Ein Winter auf dem Walde. Aus Hieronymus, Karlsruhe 1853.
ein Tunnel zu schaufeln, fährt der
weiter über den Feldberg bis zum Schöpfer des Hieronymus unbeirrt Belchen zu eröffnen und zu unter-fort, um zu erkundigen, ob dieser halten: Schwarzwaldwinter pur noch am Leben sei. Soweit also speziell für Individualisten unter das Klischee. Was davon ist übrig den Skiwanderern, die mit Ruck-geblieben, nachdem die Winter sack und Langlaufski die sportliche neuerdings immer unzuverlässi-Herausforderung suchen und sich ger geworden sind? Alles Schnee von all den Anstiegen und Abfahr.
von gestern? Wir Heutigen wünschen uns den „harten Mann“ sehnlichst zurück in der ungewissen Hoffnung, endlich wieder einmal ungetrübt die Freuden des Skisports genießen zu können.
Fernskiwanderweg: Schwarzwaldwinter pur speziell für Individualisten
Was war das doch in den frühen 1970er-Jahren noch für eine Aufbruchsstimmung gewesen, damals, als auf der Martinskapelle und am Thurner die ersten Skilanglaufzentren für Jeder.mann entstanden und erstmals der Schwarz.wälder Skimarathon über 60 Kilometer von Schonach nach Hinterzarten gestartet wurde. Als der Begriff „Klimawandel“ noch nicht erfun.den war.
1974 war von etlichen dem Wintertouris.mus wohl gesonnenen Verbänden, vom ADAC über den Schwarzwälder Skiverband bis zum Schwarzwaldverein, die Arbeitsgemeinschaft Skiwanderwege Schwarzwald e.V. gegründet worden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einen durchgängig markierten und maschinell gepflegten Skiwanderweg erst von Schonach bis Hinterzarten auf der Marathonstrecke, dann

ten auf einhundert Kilometern, alles in allem mit einer Gesamtsteigung von 2.300 Metern, nicht abschrecken lassen.
Rucksacklauf über 100 Kilometer
Den Gipfel dieses Skiabenteuers, das Nor.maltouristen in drei bis vier Etappen bewälti.gen, erklimmen freilich jene Hartgesottenen, die es sich zutrauen, am Rucksacklauf um den Wäldercup teilzunehmen, dem Nonplusultra al.ler Volksskiläufe: Einhundert Kilometer auf und ab an einem einzigen Tag, das hatten anfangs selbst Skisport-erfahrene Fachjournalisten für gänzlich unrealistisch gehalten. Zumal die Läuferinnen und Läufer aus Sicherheitsgründen auch noch den Ballast des Rucksacks mit sich zu schleppen haben, dessen Inhalt und Mindestge.wicht in der Wettkampfausschreibung vorgeschrieben werden.
Gedacht war das Rennen, das dem norwegischen Birkebeinerlauf nachempfunden wor.den war, vor allem als Werbung für den neuen Skiwanderweg, aber auch als Ansporn für die Skiclubs, auf ihrer jeweiligen Teilstrecke für narrensichere Markierung und stets passable Präparierung zu sorgen.

Unterwegs auf dem Fernskiwanderweg in den 1990er-Jahren.
Fernskiwanderweg bringt hungrige und durstige Übernachtungsgäste
Für den mittel- und südschwarzwälder Wintertourismus wurde der Fernskiwanderweg zum großen Wurf, denn anders als beim üblichen Loipenbetrieb mit seinem Tagestourismus brachte der Fernskiwanderweg hungrige und durstige Übernachtungsgäste. Die Wirte an der Strecke hatten zudem den Gepäcktransport von Haus zu Haus organisiert, sodass die mehrt.gige Skitour mit dem leichten Tagesrucksack immer mehr Anklang fand und sich rasch auch in der internationalen Langlaufszene herum.sprach. Selbst überfüllte Etappenziele konnten die Wirte längs der Strecke nicht in Verlegenheit bringen; notfalls brachten sie die Skiwanderer auch in Quartieren der weiteren Umgebung unter, um dann dafür zu sorgen, dass sie morgens von dort aus auch wieder rechtzeitig in die Spur zurück fanden.

Der Rucksacklauf – ein einzigartiges Abenteuer
Für Koordination und Organisation des Fernski.wanderwegs wie auch für die Ausrichtung des Rucksacklaufs ist bis heute die Arbeitsgemein.schaft mit Sitz im Schonacher Haus des Gastes zuständig, seit 1983 mit ihrer langlauferprobten Geschäftsführerin Heidi Spitz. Hektisch geht es bei ihr allenfalls frühmorgens beim Ruck-sacklauf zu, der traditionell am ersten Februar.samstag Punkt sieben Uhr mit dem Glockenschlag der Schonacher Kirche gestartet wird.

Von der nervösen Anspannung der Teilneh.mer lässt sie sich dennoch kaum anstecken, die kurz vor dem Start noch von Zweifeln geplagt werden, ob das richtige Wachs aufgelegt, der Rucksack nicht doch zu leicht oder zu schwer bepackt worden ist und ob sie den Lauf überhaupt schaffen würden innerhalb der strengen Limitzeiten. Die sollen am Neueck, in Hinterzar.ten und schließlich am Notschrei dafür sorgen, dass allzu untrainierte Läufer nicht erschöpft unterwegs liegenbleiben oder abhanden kom.men, sondern rechtzeitig vor Zielschluss heil und von Glückshormonen getragen in Multen am Belchen eintreffen, um dort, wie es die Tra.dition will, den Begrüßungskirsch gereicht zu bekommen.
Dorthin, freilich per Kleinbus, muss sich am Wettkampftag auch Heidi Spitz mitsamt dem Schonacher Team und beladen mit Sachpreisen durchschlagen, damit die Zeitmessung klappt und rechtzeitig die Siegerehrung stattfinden kann. Und weil man auch noch in Hinterzarten eine Zwischenlandung einplanen muss, wo die Teilnehmer des Kleinen Rucksacklaufs über 60 Kilometer eintreffen, müssen sich alle sputen: Die Rekord-Fabelzeit über die einhundert Kilo.meter liegt nach wie vor bei jenen phänomenalen 5 Stunden und 51 Minuten, aufgestellt im Jahr 1982 durch den Hinterzartener Olympia.sieger Georg Thoma. Freilich bei blitzschnellen Harschverhältnissen und desto tückischeren Abfahrten – wie denn überhaupt bisher, trotz internationaler Beteiligung, immer ein Schwarz.wälder, ein Wälder, das Rennen gewonnen hat.
Schneesicherheit lässt zu wünschen übrig
Dass die Schneesicherheit im Schwarzwald zu.mal unterhalb der 1000-Meter-Höhenschichtlinie mittlerweile zu wünschen übrig lässt, ist auch am Fernskiwanderweg und am Rucksacklauf nicht spurlos vorüber gegangen. Schon ab den 1990er-Jahren mussten die Rennen immer häufiger mangels Schnee abgeblasen werden. Eine Entwicklung, der auch der Schwarzwälder

die Rennen im Schwarzwald immer häufiger mangels Schnee abgeblasen werden. Eine Entwicklung, der auch der Schwarzwälder Skimarathon im Jahr 2004 schließlich zum Opfer fallen sollte.
Skimarathon schließlich zum Opfer fallen sollte, mochte er einst noch so populär gewesen sein. Anfangs hatte die organisationsbedingte Begren.zung der Teilnehmerzahl noch dazu geführt, dass vor dem Marathon erst noch das Rennen um einen Startplatz gewonnen oder die Anmeldung per Eilboten an das Schonacher Wettkampfbüro abgeschickt werden musste. Dennoch fand 2004 auf verkürzter Ausweichstrecke rund um die schneesichere Martinskapelle der letzte Schwarzwälder Skimarathon statt; sinkende Teil.nehmerzahlen und die finanziellen Risiken einer Großveranstaltung hatten zu dem Entschluss genötigt, fortan nur noch den Rucksacklauf durchzuführen.
Ausfallquote von 40 Prozent
Dabei hatte es den ersten großen Katzenjam.mer bereits im Winter 1977 gegeben, als plötzliches Tauwetter erstmals zur Absage des Skima.rathons gezwungen hatte. Damals war die Idee des Rucksacklaufs gereift, einer verschlankten Veranstaltung mit minimierter Organisation, mit Eigenverantwortung der Teilnehmer und Verpflegung aus dem eigenen Rucksack. Die Wettkampfausschreibung sah sogar vor, dass kürzere Teilstrecken bei lückiger Schneeunter.lage zu Fuß zurückzulegen waren. Dennoch musste das Rennen zwischen 1989 und 1993 viermal hintereinander abgesagt werden, sodass die langjährige Ausfallquote derzeit um die 40 % schwankt. Während 2013 der Lauf wegen Sturm, Nebel und beißender Kälte (unter minus 20 °C) auf dem Höchsten vorzeitig in Hinterzar.ten abgebrochen werden musste, wurde er 2017

wegen unzureichender Schneeverhältnisse im Mittelschwarzwald verkürzt und von Hinterzar.ten aus gestartet. Die Resonanz unter den Teil.nehmerinnen und Teilnehmern blieb dennoch überschwänglich – der Schwarzwaldwinter schien an Reizen nichts eingebüßt zu haben.
Dass auch der Skiwanderbetrieb auf den einhundert Kilometern immer öfter ausfallen muss, weil unterhalb von 1.000 Höhenmetern die Schneedecke nicht ausreicht, hat die Arbeitsgemeinschaft dennoch nicht entmutigen können. Schon vor dem ersten Schneefall sor.gen die Clubs wie all die Jahre dafür, dass die Markierungsstangen auf den Freiflächen angebracht werden und die Beschilderung wieder komplettiert wird. Und noch immer führt die Strecke von Schonach durch das Turntal hinauf ins 1.000 m hoch gelegene Wittenbachtal, wo.hin die Schonacher mittlerweile ihr Skistadion verlegt haben. Für Skiwanderer und Rucksack.läufer bleibt es daher bei diesem ersten stram.men Anstieg, wo sich die Spreu vom Weizen trennt und wo Rennläufer wie Mehrtages-Skiwanderer von der Starteuphorie verlässlich zurückfinden zu ökonomischem Laufstil und individuell angepasstem Tempo.
Dann geht es, ausreichende Schneeunterla.ge vorausgesetzt, in flottem Auf und Ab durch das Schwarzenbach- und das Weißenbachtal nach Schönwald hinüber, wo um 1880 die allerersten Skiläufer aufgetaucht waren, drei norwegische Studenten, Kurgäste im Gasthaus Hirschen. Am Biathlonzentrum vorbei führt die Strecke zum Briglirain, wo erstmals die Europä.ische Wasserscheide erreicht wird, der „Scheitel Alemanniens“. Dem Höhenzug zwischen den zum Rhein hin führenden Steiltälern und den eher flachmuldigen Donauzuflusstälern folgt der Skiwanderweg von der Martinskapelle über den Brend zum Neueck und weiter bis zur Kal.ten Herberge, wo das Schmelzwasser auf der einen Dachhälfte zum Rhein, auf der andern zur Donau abfließt, wann immer es selbst dort oben taut. Und wäre die Urdonau nicht aus.gangs der letzten Eiszeit zum Hochrhein hin abgelenkt und zur Wutachschlucht eingekerbt worden, so hätte der Skiwanderer die Furtwanger Donauquelle nicht schon am Kolmenhof auf der Martinskapelle passiert, sondern erst droben am Grüblesattel, dem Quellgebiet der Urdonau. Das Landschaftserlebnis wird indes auch heute noch von der alten Wasserscheide geprägt, dem so gegensätzlichen Charakter zwischen danubischer und rhenanischer Topo.graphie.

Skiwanderwege gibt es weiterhin
Gut möglich also, dass die Wechselbäder des Winters weiter zu-, die Schneetage weiter abnehmen werden im Zuge des Klimawandels. Doch überzeugt davon, dass es im Schwarzwald auch weiterhin zu polaren Kaltluftvorstößen mit Schneelagen kommen wird, bereitet sich die Arbeitsgemeinschaft Skiwanderwege Schwarz.wald unverdrossen auf den nächsten Winter vor, auf Skiwanderer wie auf Rennläufer. Noch gibt es keine Anzeichen dafür, dass die finanzi.ellen Beiträge der Mitglieder storniert, die eh.renamtlichen Helferdienste jemals eingestellt werden könnten.
Auch wenn die Klimaerwärmung Lucian Reichs Anekdote „Winter auf dem Walde“ wo.möglich endgültig ins Reich der Mythen und Märchen verweisen sollte. Immerhin hatte der Schriftsteller damals noch ein Happy End parat, das ihm zu Ehren und aus Anlass seines 200. Geburtstages dem Almanach-Leser nicht vorenthalten werden soll:
Einmal lag ein einsamer Bauernhof… mit den Bewohnern wochenlang unter dem Schnee be.graben, bis endlich, es war gerade Karfreitag, Umwohnende den Dachfirst aus der Bahrdecke hervorragen sahen und nun zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter, ob noch alle am Leben seien. „Ja!“ antwortete es aus der Tiefe. „Wißt Ihr auch dass heut Karfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „dass Gott erbarm!“ tte es von unten zurk, „Karfreitag, und wir verzehren soeben das letzte Stk vom letzten Stier.“ So fiel es den Leuten schwerer aufs Herz, das Fastgebot, wenn auch unwissend, ertreten zu haben, als die Befrei.ung aus langer Haft und Nacht sie zu erfreuen vermochte.

50 Jahre Skilift Kesselberg

Vor fünfzig Jahren zur Skisaison 1966/67 wurde der Skilift Kesselberg in Betrieb genommen. Jedes Jahr stellt sich für den Betreiber die bange Frage: „Wann kommt der Schnee und wie viel wird es sein?“. Seit 50 Jahren ist dieser Lift in Betrieb und er zählt damit zu den dienstältesten im Landkreis.
von Wilhelm Dold
Artur Summ, Villinger Geschäftsmann und Skiclubmitglied, war Ideengeber und Investor für diese Liftanlage. Sie war vor allen Dingen der Tatsache geschuldet, dass die begeisterten Skifahrer aus dem Skiclub Villingen vor dieser Zeit vielfach mit der Eisenbahn zum Sommer.auer Bahnhof fuhren, von dort mit den Skiern zum Kesselberg hinauf wanderten, um am dortigen Hang Ski zu fahren. Man musste zuerst mal „treppeln“, eine Piste treten, um abfahren zu können. Der Skisport zur damaligen Zeit war mehr harte Arbeit als schwungvolles Vergnü.gen. Abends ging‘s „nordisch“ wieder zurück zum Bahnhof, oft mit einer zünftigen Einkehr im Gasthaus „Hirzwald“. Der Bezug zu diesem Hang war somit für viele Skifahrer bereits seit mehreren Jahren vorhanden.

Gepflegte Pisten ermöglichen heute am Kesselberg ein sportliches Skivergnügen für Jung und Alt.
Vom „Rucksacklift“ zum Liftbau
Auch für den Ski-Verein St. Georgen war der Kesselberg ein beliebter Skihang und wurde regelmäßig besucht, sogar im Vereinslied wird es festgehalten. Um das Skivergnügen zu optimieren, nahm der Ski-Verein im Winter 1965/66 erstmals einen sogenannten „Rucksacklift“ in Betrieb (siehe S. 186).
Ein anderer Umstand war für den späteren Lifterbauer Artur Summ entscheidend: Er lernte in der Kriegsgefangenschaft in Italien den Süd.tiroler Anton Leitner kennen. Beiden gelang die Flucht und sie schlugen sich nach Sterzing in Südtirol durch, wo Leitner daheim und Inhaber einer Liftbaufirma war. Artur Summ fand den Weg schließlich über die Alpen nach Villingen. Der Briefkontakt der beiden blieb über viele Jah.re bestehen. Hierbei entstand dann die Idee, am Kesselberg einen Skilift zu erbauen.
Anton Leitner kam eigens in den Schwarz.wald gereist, um das Gelände am Kesselberg in Augenschein zu nehmen. Anfangs war angedacht, dass Leitner den Lift als Investor bauen würde, als er aber die Verhältnisse und die Höhenlage in Betracht zog, hat er von diesem Vorhaben Abstand genommen. Artur Summ war jedoch von der Idee so angetan, dass sie ihn nicht mehr losließ und er den Liftbau schließlich in Eigenregie in Angriff nahm und auch finanzierte. So wurde 1966 der Lift erstellt und in der Saison 1966/67 in Betrieb genommen.

Anfangs stellte Summ sein Personal aus der eigenen Firma an, um den Lift zu bedienen, zu kassieren, Bügel zu geben, den Betrieb insge.samt zu organisieren. Schließlich wurden Ein.heimische aus Oberkirnach hinzugezogen, die diese Arbeiten übernahmen und einen besseren Bezug zur Technik, Organisation und zu den Ski.fahrern hatten. Eine Besonderheit führte Artur Summ gleichfalls ein: Der Skiclub Villingen hatte montags immer Freifahrt. Die Abrechnung für die Auslagen lag in den Händen von Gertrud Summ, der Ehefrau von Artur Summ.
Ganz zu Anfang musste auf Grund eines Materialfehlers mitten im Winter ein Getriebe
Seit 50 Jahren befördert der Skilift Kesselberg in Oberkirnach die Skifahrer vom Tal auf die Höhe. Der Lift gab den Anstoß für weitere Anlagen in der näheren und weiteren Umgebung.

ausgewechselt werden. Das war sehr schwierig. Mit einem Pferdegespann und einem Schlitten bewältigte man auch dieses Problem. Zuweilen waren Schülerinnen von St. Ursula im Rahmen des Sportunterrichts am Hang. Damals mussten die Nonnen noch um Erlaubnis fragen, damit sie zum Skifahren Hosen anziehen durften.
Abendlicher Liftbetrieb dank Flutlichtanlage
Der Lift fand zunehmend Zuspruch und der Andrang wurde größer. Die Skifahrer standen geduldig in langen zweireihigen Schlangen an, um die etwa 300 Meter am Lift hochgezogen zu werden. Das Warten nahm wesentlich mehr Zeit in Anspruch als das Liften und das Abfah.ren. Schließlich wurde 1976 eine Flutlichtanlage installiert, so dass auch abends reger Liftbetrieb möglich war. Regelmäßig trainierten die Ski.sportvereine und konnten somit ihre Technik verbessern. Einheimische und auch auswärtige
Flutlicht- und Fackelabfahrten sind ein besonderer Reiz des Skilaufs.

Skischulen nutzten die Gelegenheit gleichfalls in zunehmendem Maße und hatten guten Zu.lauf.
Die Pistenverhältnisse mit den zerfahrenen Schneemassen, die sich zu Buckeln anhäuften einerseits, die Skiausrüstungen mit steifem Ski.material, mangelhaften Skibindungen und mit einfachen Lederschuhen andererseits, waren für die Skifahrer zur damaligen Zeit ein gesund.heitliches Risiko. Kaum ein Wochenende ging vorüber ohne Verletzungen. Deshalb etablierte sich die Bergwacht Schwarzwald Ortsgruppe Villingen am Kesselberg, um bei Unfällen auch gleich zur Stelle zu sein. Ihre Einsatzzeit am Lift war Samstagnachmittag, sonn- und feiertags. Die Bergwachtler versorgten Schnittwunden, Zerrungen und auch Knochenbrüche. Mit Ret.tungsschlitten, später auch mit Motorschlitten, wurden die Verletzten abtransportiert.
Liftanlage erhält 250 Parkplätze
1972 wurde die Kesselbergmühle zum Kiosk umgebaut, so dass auch der Durst und der Hunger der Skibegeisterten gestillt werden
Gerade auch für Kinder bietet der Skilift ideale Bedingungen.
konnte. Vielerlei Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass das Skifahren bequemer und sicherer und der Spaßfaktor größer wurde. Skiausrüstung und Pistenpflege bekamen eine größere Bedeutung. Der Kreistag setzte sich 1976 gegen
den Widerstand anderer Regionen durch und investierte in die Infrastruktur beim Skilift: Im Zuge der Ausbesserungsarbeiten der Kreisstraße Oberkirnach – Schönwald wurden dort rund 250 befestigte Parkplätze angelegt. Bürgermeister Otto Weissenberger aus Bad Dürrheim begründete die Entscheidung so: „Man kann das einzige Skigebiet des Kreises nicht außer Acht lassen …“ Diese Parkplätze werden bis heute nicht nur im Winter, sondern zu allen Jahreszeiten für das Naherholungsgebiet Oberkirnach genutzt.
Neue Besitzer stellen sich ein
Auch die Besitzverhältnisse änderten sich: 1977 gab Artur Summ die Liftanlage ab. Die Familien Hils und Stockburger übernahmen den Lift und betreuten ihn in Eigenregie, schließlich stiegen 1994 Waltraud und Hartmut Haas an Stelle von Johann Georg Stockburger ein. Das Jahr 2000 begrüßte man am Kesselberg mit einer zünfti.gen Silvesternacht. Ein offenes Grillfeuer und eine Schneebar am Hang nutzten eine ganze Schar von Skifahrern aus der Umgebung und bewunderten schließlich das Feuerwerk. Ein bleibendes Erlebnis, spielten doch Temperatur und Schneelage bestens mit.
Einige Verbesserungen kamen 2002 dem Skigebiet insgesamt zu Gute: Ein eigener Pis.tenbully wurde angeschafft, so dass stets eine gepflegte Piste anzutreffen war. Das wurde von den Skifahrern gern angenommen, denn die An.sprüche sind gewachsen. Eine lange Abfahrt um das Gewann herum wurde angelegt, so dass für nicht so sichere Skihasen ein Umfahren des Kes.selbergs möglich war. Vor allen Dingen Kinder nehmen dieses Angebot gern an.

Für Geübte und Anfänger
2004 verlegte eine professionelle Skischule ih.ren Übungslift an den Kesselberg. Damit war es möglich, Anfänger in flachem Gelände zu schu.len, mit der Steigerung der Fähigkeiten dann den „Steilhang“ zu nutzen. Dazwischen gibt es einige moderate Varianten.
Der Kiosk wurde 2008 zu einer gemütlichen Imbissstube umgebaut, neue Sanitäranlagen wurden geschaffen. Dieses Angebot zum zünfti.gen „Après-Ski“ nehmen die Gäste gerne an.
Der Skilift Kesselberg gab Ende der 1960er-Jahre den Anstoß zu mehreren Liftanla.gen in Oberkirnach und darüber hinaus im heu.tigen „Ferienland“. Jedes Jahr jedoch kommt für die Betreiber die Frage: Wann fällt Schnee, wie viel davon und wie lang bleibt er liegen? Es gab Winter mit 130 Betriebstagen, aber auch solche mit nur fünf Tagen. Dennoch ist die Situation zuweilen so, dass es in St. Georgen regnet, im „Schneeloch“ Kesselberg Schneeflocken hernie.dergehen und beste Bedingungen herrschen. Skifahren in freier Natur und an der frischen Luft ist und bleibt ein toller Sport und die Region kann sich glücklich schätzen, in unmit.telbarer Nachbarschaft solche Möglichkeiten zu haben.
Das 50-jährige Bestehen wurde im würdigen Rahmen gefeiert. Nachtabfahrten mit Fakelbe.leuchtung und Liftkartenpreise wie vor 50 Jah.ren lockten zahlreiche Skifahrer an.
Was Olympiasieger und Weltmeister heute machen…

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist die Heimat vieler erfolgreicher Wintersportler. Ob Biathlon, Skispringen oder Nordische Kombination: Simone Hauswald, Georg Hettich, Christof Duffner, Hansjörg Jäkle, Hans-Peter Pohl, Martin Schmitt, Alexander Herr und Urban Hettich erlangten seinerzeit große Erfolge bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Sie sorgten dafür, dass eine ganze Region jubeln, feiern und stolz auf „ihre“ Athleten sein konnte und immer noch kann. Für allesamt hat sich das Leben nach der aktiven Sportlerkarriere grundlegend verändert, die Eindrücke, Erlebnisse und glanzvollen Momente wirken immer noch nach.
von Susanne Kammerer
Hans-Peter Pohl Hansjörg Jäckle Christof Duffner Simone Hauswald Georg Hettich Martin Schmitt

Eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen, ist der größte Traum eines jeden Sportlers. Für Georg Hettich, Nordische Kombination,
wurde er wahr.

DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 2002, Salt Lake City Silber mit der Mannschaft
Olympia 2006, Turin Gold im Einzelwettbewerb Silber mit der Mannschaft Bronze im Sprint
Junioren-WM 1997, Weltmeisterschaften 2003 und 2005: Silber mit der Mannschaft

Am 21. Februar 2006 schrieb der Schonacher in Turin Geschich.te. Ein Tag, an dem einfach alles gepasst hat. „Ich wusste, dass ich gut in Form bin, alles Weitere ließ ich einfach auf mich zu.kommen“, beschreibt der Olympiasieger das denkwürdige Ren.nen. Die Bescheidenheit, die den besonnenen Schwarzwälder ausmacht, sollte ihm schließlich zum Sieg verhelfen. Nach dem Sprungwettbewerb ging er weiterhin mit mäßiger Erwartung in die Loipe. „Man soll an seine Aufgabe denken und nicht an das Ergebnis“, so die Devise, die er befolgte. Mit Erfolg. Fünf Meter vor der Ziellinie und den Konkurrenten Felix Gottwald ein gutes Stück hinter sich, war Georg Hettich schließlich klar: Er ist Olympiasieger! „Dieser Moment war schon krass“, erzählt er. Die große Siegerehrung auf der Medals-Plaza in Turin, und die vielen Empfänge und Ehrungen im Anschluss seien wie ein Film abgelaufen. „Erst nach der Saison, als ich zur Ruhe kam, konnte ich alles realisieren“. Auch lange nach den Olympischen Spielen gab es für Georg Hettich viele Termine und Veranstaltungen wie Galas, Interviews und Autogrammstunden zu bestreiten. „Da waren coole Sachen dabei“, erinnert er sich gerne. Dennoch wurde ihm schnell klar: „Das ist nicht mein Hauptleben“. Ein normales Leben in einer normalen Familie, das waren die wirklichen Lebensziele von Georg Hettich.
Und diese hat er auch erreicht. Gemeinsam mit seiner Frau Birgit und Sohn Hannes lebt und arbeitet der 39-Jährige heute in Tuttlingen. Der Diplom-Ingenieur ist in der Medizintechnik tätig. In der Entwicklungsabteilung der Aesculap AG forscht er zusammen mit seinen Kollegen nach biologischeren Lösungen für Knochenersatzmaterial, das beim Austausch von Hüftpro.thesen benötigt wird. „Wir arbeiten eng mit Ärzten zusam.men, die schwere Fälle behandeln. Gemeinsam wird überlegt, was man tun kann“, erklärt er die hochkomplexe Tätigkeit mit einfachen Worten.
In seiner im Jahr 2015 an der Universität Freiburg abgeschlossenen Doktorarbeit erforschte Georg Hettich, wie im menschlichen Gehirn die Gleichgewichtssteuerung funktioniert. Die Grundlage für die Entwicklung von so genannten intelligenten Prothesen.
Gelenke und Gleichgewicht – beides nicht weit vom Leis.tungssport und einstigen Leben Georg Hettichs entfernt. Die.ses tangiert ihn in den Wintermonaten wieder intensiv, wenn er als Fachkommentator mit der ARD unterwegs ist. Hier ist er wieder ganz nah dran und trifft auch immer wieder auf ehemalige Kollegen.
Als gebürtiger Schonacher ist der Olympiasieger natürlich auch beim Schwarzwaldpokal vor Ort, wo er einst selbst an den Start ging. Ein Resümee über die Zeit als Leistungssportler? „Es war eine tolle Zeit, in der alles ziemlich gut gepasst hat“, antwortet Georg Hettich. Gewohnt bescheiden, gewohnt sympathisch.
Martin Schmitt, Skispringen: 28 Weltcupsiege, zweimal Gesamt-Weltcupsieger, ein zweiter und dritter Platz bei der legendären Vierschanzentournee. Dazu einmal olympisches Gold und zweimal Silber mit dem Team, außerdem elf WM-Medaillen in allen Farben.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1998, Nagano und 2010, Vancouver, Silber mit der Mannschaft Olympia 2002, Salt Lake City Gold mit der Mannschaft
Neben zahlreichen Bronze- und Silbermedaillen gab es bei der WM 1999 und 2002 Gold im Einzel und in der Mannschaft
Skiflugweltmeisterschaft 2002 Silber im Einzel

Martin Schmitt war einer der erfolgreichsten Wintersportler Deutschlands. Und einer der beliebtesten: Gemeinsam mit Teamkollege Sven Hannawald hatte der gebürtige Tannheimer zur Jahrtausendwende einen Skisprung-Boom in Deutschland ausgelöst. Der Sport wurde zwischenzeitig zu einer der popu.lärsten Fernsehsportarten. Martin Schmitt startete für den Skiclub Furtwangen und in der Hochschulstadt ist nach ihm auch eine Straße benannt.
Heute, drei Jahre nach Karriereende, spürt er nur noch wenig von dem Hype um seine Person – ist aber noch immer ein gerne angefragter Autogrammschreiber. „Ab und zu werde ich noch angesprochen, aber das hat nicht mehr die Dimensi.on von damals“, erzählt der 39-Jährige. Auf seine unzähligen, großen Erfolge angesprochen, möchte er keinen davon hervor.heben. „Mit jedem Erfolg verbindet man Emotionen, die einzig.artig sind“, sagt Martin Schmitt.
Immer noch eng mit dem Leistungssport verknüpft
Heute lebt der einstige Skisprung-Star mit seiner Familie in Freiburg. Sein Leben ist weiterhin eng mit dem Leistungssport verknüpft. Er ist in der Wintersaison Experte beim TV-Sender Eurosport, besitzt einen Trainerschein und ist gemeinsam mit Ex-Skisprungkollege Simon Ammann Mitinhaber der 2015 gegründeten Vermarktungsagentur ASP SPORTS. Letzterer gehört nun seine volle Aufmerksamkeit: „Wir fördern und un.terstützen Leistungssportler, stellen Kontakte zu Firmen und Sponsoren her“, beschreibt er das Tagesgeschäft. Die Trainer.tätigkeit steht daher aktuell auf dem Wartegleis. „Parallel geht das nicht“, sagt Martin Schmitt.
Was Olympiasieger
Hansjörg Jäkle, Skispringen, genannt „Jackson“, hat sich nach dem Karriere ende der Ausbildung des Skispringernachwuchses verschrieben.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1994, Lillehammer Gold mit der Mannschaft Olympia 1998, Nagano Silber mit der Mannschaft
Weltmeisterschaft 1995, Silber und 1997, Bronze mit der Mannschaft.

Seit 2005 trainiert „Jackson“, so sein Rufname während der aktiven Zeit, die jungen Skispringerinnen und Skispringer des heimischen Skiteams Schonach-Rohrhards berg. Darunter auch seine beiden Kinder Anna (14) und Jonas (16), die erfolg.reich in der Nordischen Kombination unterwegs sind. Die Trai.nertätigkeit lässt sich für Hansjörg Jäkle gut mit dem Beruf vereinbaren.
Hansjörg Jäckle zählt zum Kreis der besten deutschen Skispringer, gewann bei Olympia Gold und Silber in der Mann.schaft und bei Weltmeisterschaften Silber und Bronze in der Mannschaft. 1998 war das erfolgreichste Jahr in der Karriere des Schonachers: Team-Silber bei den Olympischen Winter.spielen in Nagano, Deutscher Meister von der Normalschanze, Deutscher Meister mit dem Team und ein zweiter Platz bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen krönten die Karriere.
Ganz nah dran am Skisprungnachwuchs
Er ist Lehrer für Sport, Technik und Wirtschaftslehre/Infor.matik, an der Dom Clemente Schule Schonach. Somit ist er auch außerhalb der Trainingszeiten ganz nah dran am Ski.sprungnachwuchs. Neue Skispringerinnen zu gewinnen, sei in den letzten Jahren jedoch immer schwieriger geworden. „Die Kinder werden schon im jüngsten Alter mit vielen Freizeit.angeboten überschwemmt“, beschreibt der 46-Jährige. Seinen Mädchen und Jungs aus dem Skiteam rät er, fleißig daran zu arbeiten, immer besser zu werden. „Sich selbst zu motivieren kann man lernen. Wichtig dabei ist, dass man den Spaß an der Sache nie verliert“.
heute machen…
Die ehemalige Top-Athletin
Simone Hauswald, Biathlon, lebt mit ihrem Mann Steffen und ihren beiden Kindern in Schönwald. Sie arbeitet heute als Mental-Coach.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 2010, Vancouver, Bronze im Einzel und mit der Staffel
Biathlon Junioren-Weltmeisterschaft 1998 Gold und 1999 Silber im Einzel und Gold mit der Mannschaft
Gold, Silber oder Bronze im Einzel und mit der Mannschaft bei den Weltmeisterschaften 2003, 2004, 2009 und 2010

Zwei bronzene Medaillen bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver und diverse Weltmeistertitel in den Jahren 2003, 2004, 2009 und 2010 sind die Bilanz einer großartigen sport.lichen Karriere, die sie 2010 auf deren Höhepunkt beendete. Viele erfolgreiche Athleten wechseln nach ihrer aktiven Zeit die Seiten und werden Trainer. Für Simone Hauswald kam das jedoch nicht in Frage. „Als Frau die Trainerlaufbahn einzu.schlagen, ist eher untypisch“, sagt sie. „Das stand für mich nie zur Debatte“. Kurze Zeit kommentierte sie die Biathlonwett.bewerbe als Expertin für den TV-Sender Eurosport. Ende 2011 kamen dann die beiden Söhne Filou und Noah auf die Welt, denen sie sich in der ersten Zeit voll und ganz widmete.
Vollblutmama und Mental-Coach
Heute ist die Vollblutmama als Mental-Coach und Mentaltraine.rin tätig, ein Beruf, der für die 38-Jährige auch eine Herzensange.legenheit ist. „Ich wollte immer Menschen helfen, etwas Gutes tun mit meinem Sein“. Schon während ihrer aktiven Zeit als Biathletin beschäftigte sie sich intensiv mit dem Mentaltraining, das sie letztendlich selbst zu großen Erfolgen führte und schließ.lich zur Lebenseinstellung wurde. „Es geht darum, in sich hin.einzuhören und den Verstand außer Acht zu lassen. Im Unterbe.wusstsein eines jeden Menschen steckt so viel Potenzial“, weiß Simone Hauswald. Dieses zu wecken und dabei zu unterstützen, Regisseur des eigenen Lebens zu werden, ist die Aufgabe eines Mental-Coachs. Hierin hat Simone Hauswald nach dem Biath.lonsport ihre zweite Berufung gefunden. Die Zeit als Weltklasse.athletin tangiert sie auch sieben Jahre nach Karriereende noch ab und zu. „Wenn ich als Gastrednerin eingeladen bin, kommen meine Erfolge schon zur Sprache“, erzählt sie. Fanpost flattert ebenfalls hin und wieder bei ihr ein, die sie gerne beantwortet.
Was Olympiasieger
Obwohl die sportliche Karriere von Hans-Peter Pohl, Nordische Kombination,
schon um etliche Jahre zurückliegt, ist der Schonacher bei seinen Fans nicht vergessen.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1988, Calgary Gold mit der Mannschaft
Junioren-Weltmeisterschaft 1985 Gold mit der Mannschaft
Weltmeisterschaft 1987, Gold und 1993, Bronze mit der Mannschaft

Hans-Peter Pohl aus Schonach war erfolgreicher Nordi.scher Kombinierer in den 1980er-Jahren und anfangs der 1990er-Jahre: 1987 wurde er mit der Mannschaft Weltmeister, ein Jahr darauf, 1988, gewann er, ebenfalls im Teamwettbe.werb, olympisches Gold. 1993 bei der Weltmeisterschaft in Falun gewann er im Team noch einmal Bronze. „Ab und zu kommen noch Autogrammanfragen, was mich immer sehr freut“, erzählt der 52-Jährige. Nach seiner sportlichen Karriere studierte er an der Trainerakademie in Köln, legte dort 1995 die Prüfung ab. Danach ließ er sich in Schonach nieder, grün.dete mit seiner Frau Anja eine Familie und baute nach einer Ausbildung zum Versicherungsfachmann in einer örtlichen Agentur sein berufliches Umfeld auf. Seit 2014 führt er diese Agentur erfolgreich alleine.
Noch immer mit dem Skisport verbunden
Von November bis März ist er als Co-Moderator bei Eurosport für die Berichterstattung der Wettkämpfe in der Nordischen Kombination und im Damenskispringen tätig. In den Jahren 2003 bis 2010 wirkte der Schonacher im Fernsehen auch als ARD-Experte. „Das ist ein toller Spagat zwischen meinem Be.ruf und meinem damaligen Hobby, das für eine Zeit lang zum Beruf wurde. So bin ich doch noch ein wenig mit dem Skisport verbunden“, freut sich Hans-Peter Pohl.
Auch beim Schwarzwaldpokal, dem Weltcup in der Nordi.schen Kombination, der jedes Jahr in Schonach stattfindet, ist der ehemalige Sportler involviert. Bei den Planungen für das Rahmenprogramm ist seine Meinung stets gefragt, außerdem fungiert er als Moderator. „Die Grundlage meines heutigen Le.bens ist die Zeit von damals“, ist Hans- Peter Pohl dankbar.
heute machen…
Auch Christof Duffner, Skispringen, schaut gerne auf die Zeit zurück, in der er als erfolgreicher Sportler durch die Lande zog und große Erfolge feiern durfte.
DIE GRÖSSTEN ERFOLGE
Olympia 1994, Lillehammer Gold mit der Mannschaft
Weltmeisterschaft 1997 Bronze und 1999 Gold mit der Mannschaft

An die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer erinnert er sich nur zu gerne. Da war der überraschende Olympiasieg, zusam.men mit seinen Teamkollegen Jens Weißflog, Dieter Thoma und Hansjörg Jäkle. Aber auch das Drumherum stimmte: jeden Tag blauer Himmel und Sonnenschein, 20 Grad Minus und zwei Meter Schnee. Alle Wettbewerbe fanden im selben Ort statt, im Olympischen Dorf wurde zusammen gewohnt und gefeiert. „Ganz Lillehammer war voller Begeisterung. So stellt man sich Olympia vor“, schwärmt der 46-Jährige noch heute. Ebenfalls legendär: die Weltmeisterschaft in Ramsau, als die Mannschaft trotz zweier Stürze Gold gewann. Ein Krimi, den Skisprungfans weit über die Grenzen der Heimatgemeinde Schönwald mitver.folgten. „Duffi“ wurde vielerorts angefeuert, er war der erste Skispringer der Geschichte mit einem eigenen Fanclub.
Der Fokus hat sich klar verändert
2003 beendete der gelernte Werkzeugmechaniker seine Karri.ere und wurde Lehrer. Seit neun Jahren unterrichtet er an der Realschule Triberg Sport, Technik und EWG (Fächerverbund Erdkunde-Wirtschaftskunde-Gemeinschaftskunde). Mit dem Skispringen hat er heute nur noch wenig zu tun. Anfangs trai.nierte er den Nachwuchs des SC Schönwald, war Co- Trainer seines Skisprungkollegen und guten Freundes Hansjörg Jäkle. Doch der Fokus hat sich klar verändert: Die Familie ist für Christof Duffner das Wichtigste im Leben. Die drei zehnjäh.rigen Töchter (Drillinge) machen mittlerweile Biathlon und fahren Alpin rennen. „Hier trifft man immer wieder mal auf ehemalige Sportkollegen“, erzählt er. Begegnungen, die ihm Freude machen und die die Erinnerungen an die glanzvollen Tage der „Schwarzwaldadler“ zurückbringen.
Was Olympiasieger

5. Kapitel – Städte und Gemeinden

Ein bunter Reigen von Veranstaltungen und Festlichkeiten erinnert 2017 in Villingen-Schwenningen unter dem Motto „Aufbruch – 817 – 2017 – Wege in die Zukunft“ an die urkundliche Ersterwähnung von Schwenningen, Tannheim und Villingen vor 1.200 Jahren. In einer fränkischen Urkunde aus dem Jahr 817 treten die drei Ortsteile in die Geschichte ein.
von Madlen Falke
Besuchte man im vergangenen Sommer das Franziskanermuseum in Villingen, sah man dort in der Ausstellung „Wie tickt Villingen-Schwen.ningen“ eine der vier Abschriften der Urkunde aus dem 9. Jahrhundert von Kaiser Ludwig dem Frommen, Sohn von Karl dem Großen. Das Original der Urkunde, am 4. Juni 817 von der Kanzlei des Frankenkaisers in der Pfalz zu Aachen ausgefertigt, wird im Kloster St. Gallen aufbewahrt.
„Swanningas“, „Tanheim“ und „Filingas“
Mit der Rohrfeder schrieb der unbekannte Schreiber – der Kanzleivorsteher Erzkaplan Heli.sachar wurde vom Diakon Durandus vertreten – in der gerade neu eingeführten Minuskelschrift auf ein großes Stück Pergament, was der Kaiser entschieden hatte. Der Text der Kaiserurkunde beginnt mit den Worten: „Im Namen des Herren und unseres Erlösers Jesus Christus, Ludwig begünstigt durch göttliche Gnade Kaiser und Augustus. Weil es uns für unser Seelenheil und als Ertrag ewigen Lohns gefällt, sei (euch), allen

Schnaubende Pferde, die so festlich herausgeputzt sind wie ihre Reiter, Fußsoldaten und wehende Fahnen: Das phantastische Szenario versetzte die Zuschauer spielerisch in eine andere Welt.
Grafen in den Landschaften Alemanniens, oder euren Nachfolgern sowie allen unseren Ge.treuen bekannt gemacht, dass wir durch diese Urkunde dem Kloster St. Gallen einen gewissen Zins von den unten aufgeführten Mansen zuge.stehen“. Neben 44 anderen Hofgütern erwähnt das kaiserliche Dokument zum ersten Mal „ad Swanningas mansum Liubolti, ad Filingas mansi Witoni et Himonis, ad Tanheim mansum Tuotonis“. Beglaubigt und mit den Zeichen der herrscherlichen Macht ausgestattet endet die Urkunde mit dem Chrismon, dem grafischen Symbol, das für die Anrufung Gottes steht, dem Rekogni.tionszeichen des Durandus und dem Siegel Kaiser Ludwigs.
„Swanningas“, „Tanheim“ und „Filingas“ hat es be.reits vor 817 gegeben, nur keinen Grund, die Namen dieser „Weiler“ irgendwo aufzuschreiben. Mit der Nennung in der Urkunde des Kaisers, treten die drei Orte, die heute mit anderen Ortsteilen (Herzogenweiler, Marbach, Mühlhausen, Obereschach, Pfaffen.weiler, Rietheim, Weigheim und Weilersbach) das Oberzentrum Villingen-Schwenningen bilden, zum ersten Mal ins Licht der Geschichte. Unter den aufgeführten 47 Mansen von 28 Or.ten sind auch Nordstetten, Weigheim und Wei.lersbach in dieser Kaiserurkunde aufgeführt. Doch diese drei Orte wurden zuvor in früheren Quellen schon genannt.

Kaiserliches Dokument ist Beweis für große Veränderungen
Für den Alltag der Bauern auf der Baar hatte die Urkunde von 817 keine nennenswerte Bedeutung. Ob sie nun diesem oder jenem Herren ihren Zins zu zahlen hatten, konnte ihnen ziemlich egal sein. Doch ist das kaiserliche Dokument Beweis großer Verände-
Das Historische Grenadiercorps entführte die Besucher mit Schau-Exerzieren in originalgetreuen Uniformen zu einer Zeitreise in die eigene Geschichte.

rungen: Um 817 führte Ludwig der Fromme die wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Reformen, die sein Vater begonnen hatte und eine Vereinheitlichung im Reich der Franken be.wirken sollten, weiter. Die Urkunde vom Juni 817 war Ausdruck dieser Politik, die wenige Wochen später zur „ordinatio imperii“ führte, der zu.kunftsweisenden Nachfolgeregelung des noch jungen Kaisers.
Mit seinem Erlass übertrug der Herrscher einen Teil der Abgaben, die den Grafen in der Baar-Region zustanden, an das junge Kloster in St. Gallen, dem Abt Gozbert vorstand. Als Ge.genleistung hatten die Mönche fortan für das kaiserliche Seelenheil zu beten. Wie kurz das Le.ben sein konnte, hatte Ludwig wenige Monate vorher erlebt: Am Gründonnerstag, am 9. April 817, brach unter ihm und seinen Begleitern der Verbindungsgang vom Wohntrakt der Kaiser.pfalz in die Marienkapelle ein und begrub den Hofstaat unter diesen Trümmern. Es starben Menschen und viele wurden schwer verletzt, doch der Kaiser selbst hatte Glück; er trug nur leichte Blessuren davon, so dass er Ende April wieder zur Jagd durch die Wälder von Nimwe.gen aufbrechen konnte.
Bis ins 13. Jahrhundert tauchten die Ortsteile der Stadt Villingen-Schwenningen nur noch selten in Urkunden auf, gingen über die folgenden Jahrhunderte mehr oder weniger „getrennte Wege“ und gehörten meist unterschiedlichen Landesherren an. Villingen genoss die Förde.rung durch die Dynastie der Zähringer. Eine der ihren erhielt 999 von Kaiser Otto III. Markt-, Münz- und Zollrechte verliehen. Aus diesen Privilegien – diese waren bisher den klerikalen Mächtigen vorbehalten und wurden erstmals in der Geschichte dem weltlichen Gefolgsmann des Kaisers aus Villingen verliehen – entwickel.ten sich Stadtrechte, der Siedlungsraum wurde im 12. Jahrhundert auf die andere Seite der Bri.gach verlegt und die Stadt wuchs zu einem klei.nen Handelszentrum. Das Dorf Schwenningen gehörte bis zum Untergang des Zähringer-Ge.schlechts 1218 zu wechselnden Herrschafts.sphären und wurde 1444/49 württembergisch. Während Villingen unter österreichischer Herr.schaft katholisch blieb, wurde Schwenningen im Zuge der Reformation 1534 lutherisch. In Tannheim entstand 1353 das Paulinerkloster, das den wundertätigen Eremiten Cuno der Schwei.ger verehrte und bis 1803 bestand. Der kleine Ort entwickelte sich dank dieses schweigsamen Gottesmannes im Mittelalter zu einem belieb.ten Wallfahrtsort.

Jubiläumsjahr macht Geschichte lebendig
Zum ersten Mal überhaupt wird die Ersterwäh.nung von Schwenningen, Tannheim und Villin.gen in der kaiserlichen Urkunde vom 4. Juni 817 in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts in einem bunten Veranstaltungsreigen gefeiert. Das Motto des Jubiläumsjahrs „Aufbruch – 817.2017 – Wege in die Zukunft“ entwickelte sich aus dem Kontext der Entstehungsgeschichte der Kaiserurkunde und bietet Gelegenheit, Ge.schichte in der Gegenwart und für die Zukunft lebendig werden zu lassen. Zugleich regt es dazu an, den Blick auf größere Zusammenhänge zu weiten und in die Zukunft zu richten. So kön.nen die Stärken und Chance der gemeinsamen Stadt in vielfacher Weise für die Bürgerschaft erlebbar werden.
Im Zusammenarbeit mit dem Amt für Kultur und vielen Akteuren in den Vereinen und Kirchen, den freien Kulturschaffenden, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern städtischer Institutionen und mit der finanziellen Unterstützung zahlreicher Sponsoren konnte ein Festprogramm entwickelt werden, das viel.fältige historische Bezüge zwischen 817 und heute aufgriff. Zu Beginn stand bereits 2015 eine historische Fachtagung im Theater am Ring, in der renommierte Mittelalterhistoriker über den Forschungsstand zur Entstehungsgeschichte der Kaiserurkunde von 817 aus unterschiedli-
Die urkundliche Ersterwähnung von Schwenningen, Tannheim und Villingen vor 1200 Jahren war Anlass für den prachtvollen Umzug der Bürgerwehren und Milizen von Baden und Südhessen durch die Villinger Altstadt.

cher Perspektive berichteten. Im Oktober 2016 erklang ein experimentelles Doppelkonzert im Netzwerk Neue Musik Baden-Württemberg zeitgleich in der Evangelischen Stadtkirche Schwenningen und im Franziskaner Konzert.haus in Villingen. Die Aufführenden der eigens komponierten Musik, die live in den jeweiligen anderen Klangraum übertragen wurde, interagierten so im Wechselspiel der Tondichtung der Stadtkomponisten Matthias Schneider-Hol.lek und Harald Kimmig. Im Jubiläumsjahr 2017 waren ein Symposium zum Paulinerkloster in Tannheim, das Zähringer Narrentreffen, der „Kanonendonner“ über Villingen im Verbund mit dem Landestreffen der Bürgerwehren und Milizen von Baden und Südhessen, die „Lange Schwenninger Kulturnacht“, ein Festakt und Festwochenende in Tannheim, die „Lange Tafel“ oder das Bürgertheater „Romeo und Julia in VS“ weitere Höhepunkte. Die Ausstellungen „REVI.SION“ des Kunstvereins Villingen-Schwenningen e.V., „Wie tickt Villingen-Schwenningen“ und
Gemeinsames Tanztheaterprojekt „Scheherazade“ verschiedener Schulen aus Villingen-Schwenningen, der Tanzbühne Villingen, der Musikakademie VS, der Hochschule für Musik Trossingen und des Amtes für Kultur VS.

„Hidden Champions“ vom Franziskanermuseum erarbeitet, „Das Skulpturenprojekt 817-2017“ oder „70 Jahre Lovis-Presse Schwenningen 1947.1949“ der Städtischen Galerie spannten den Bogen von der Herkunft über Gegenwart zur Zukunft. Mit dem Ökumenischen Festgottes.dienst, den zahlreichen Sonderkonzerten, einer Operngala, dem Tanztheater „Scheherazade“, Vorträgen zu „500 Jahre Reformation“, der „Wanderung entlang historischer Grenzsteine“ und zahlreichen weitere Veranstaltungen zeigte sich Villingen-Schwenningen allen Menschen der Stadt und der Region als vielfältiges, facet.tenreiches, familienfreundliches und zukunfts.orientiertes Oberzentrum.
Was bleibt?
Neben den Publikationen, der „Digitalen Orts.chronik Tannheim“ dem Tagungsband „817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen“ und der „Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen Band II“ sind es viele schöne Erinnerungen an wissenschaftliche Tagungen und Vorträge, an Konzerte, Theater.aufführungen und Ausstellungen. Es bleibt auch die beglückende Erfahrung über das Gelingen im gemeinsamen Feiern und Erinnern eines be.sonderen Jubiläums im Zusammenwirken aller

Drei Kunstwerke des Kölner Bildhauers Philipp Goldbach, der die lateinischen Formeln der Ortsnamen aus der kaiserlichen Urkunde in leuchtende Messing-Schmiedearbeit an der Südseite des Schwenninger Rathauses, am östlichen Giebel des Tannheimer Rathauses und an der Südseite des Alten Rathauses Villingen übertrug.
beteiligten Institutionen im Verbund mit den vielen ehrenamtlich engagierten Mitmenschen im Festjahr 2017. Und es bleiben drei Kunst.werke des Kölner Bildhauers Philipp Goldbach,
Beim Symposium zum Paulinerkloster haben Histo.riker und Vertreter des heutigen Paulinerordens die Tannheimer Kloster- und Wallfahrtsgeschichte syste.matisch reflektiert.

welche Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon für die Stadt ankaufen konnte. Der Künstler über.trug die lateinischen Formeln der Ortsnamen aus der kaiserlichen Urkunde in leuchtende Messing-Schmiedearbeit: an der Südseite des Schwenninger Rathauses – „ad suuanningas mansum“ – am östlichen Giebel des Tannhei.mer Rathauses – „ad tanheim mansum“ – und an der Südseite des Alten Rathauses Villingen – „ad filingas mansis“.

Warum ausgerechnet hier?
Zur frgeschichtlichen Siedlungsgeographie der Sbaar
von Martin Fetscher

Die 1200-Jahrfeiern der ersten urkundlichen Erwähnungen von gleich ff Orten im Schwarzwald-Baar-Kreis, nämlich Villingen, Schwenningen und Tannheim sowie Pfohren und Hondingen, aber auch jgere Erwähnungen wie z.B. Kommingens vor 700 Jahren, haben das Bewusstsein f die Geschichte unserer Heimat neu gestärkt. Mit beachtlichem Engagement der Stadt- bzw. Ortsverwaltungen, aber auch der Bgerinnen und Bger, wurden Ausstellungen und zahlreiche Veranstaltungen mit geschichtlichem Hintergrund organisiert.
Blick in die Südbaar vom Wartenberg aus, im Vordergrund die junge Donau mit Neudingen.
6. Kapitel – Vor- und Frgeschichte
Über die Vor- und Frühgeschichte der Baar schweigen zwar die Archive, doch selbstver.ständlich reicht die Geschichte der Baar viel wei.ter zurück, auch die der einzelnen Ortschaften zum Zeitpunkt ihrer urkundlichen Ersterwäh.nung. Diese liegt zwar für viele Ortschaften der Baar relativ früh, doch ist das dem glücklichen Umstand geschuldet, dass Schenkungen an Klöster aus dieser Zeit urkundlich dokumentiert wurden und – vor allem – dass diese Urkunden in Archiven, allen voran dem Stiftsarchiv St. Gal.len, bis heute erhalten geblieben sind.
Schon die Urkunde Ludwigs des Frommen aus dem Jahr 817 lässt leicht darauf schließen, dass die erwähnten Orte deutlich älter sein müssen, denn erstens bestehen bereits die Namen der Orte und diese müssen auch allge.mein bekannt gewesen sein – sonst würde ihre Erwähnung keinen Sinn ergeben, und zweitens waren die geschenkten bäuerlichen Anwesen sicherlich keine Häuser in Einzellage, sondern wenigstens Gehöftgruppen. Einige Orte auf der Südbaar sind noch früher urkundlich erwähnt, wie Heidenhofen und Biesingen (759), Baldin.gen (769), Wolterdingen und Neudingen (772), Mundelfingen (773), Achdorf (775), Aselfingen

(791) und Bräunlingen (799). Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass diese Orte älter sind als diejenigen, die „erst“ 817 oder ein paar Jahr.zehnte später ihre Ersterwähnung finden.
Bei ihnen allen handelt es sich um sehr alte Orte, die mehr oder weniger zufällig in dieser oder jener Urkunde erwähnt werden und die.se auch, ebenfalls zufällig, bis heute erhalten geblieben sind. Zudem gibt es Ortschaften, die genauso alt sind oder älter, über die aus dem frühen Mittelalter aber, aus welchen Gründen auch immer, keine Urkunden existieren, wie beispielsweise Hüfingen, das erst im Jahr 1083 urkundlich genannt wird. Der Name der Baar selbst ist bereits im Jahr 741 in einer Urkunde bezeugt, und zwar als Paratoldesbaara – Ber.toldsbaar, benannt nach dem damaligen Grafen Bertold, in dessen Verwaltung sich die Baar

weise am Kirnbergsee zu Tage. Im Untergrund stößt man auf sie, wenn man auf der Baar, je nach Standort, ca. 500 bis 700 Meter tief bohrt. Die Gesteine bildeten ursprünglich ein Gebirge innerhalb des Großkontinentes Pangaea, das im Lauf von Jahrmillionen vollständig abgetragen wurde.
In damals wüstenhaftem Klima in Äquator-nähe wurde die Landschaft eingeebnet und es entstanden die roten Sedimente des Buntsand.steins, aus dem beispielsweise die Bräunlinger Stadtkirche erbaut ist. Anschließend wurde Süddeutschland vollständig vom Muschel.kalkmeer überflutet. Dieses Flachmeer war zeitweise abgeschnitten vom Weltmeer. So bildeten sich Gips und Steinsalz, die jedoch nur im tieferen Untergrund noch vorhanden sind. Die Flächen des Muschelkalks sind heute für die Baar prägend. Erst in der Jurazeit war Süd.deutschland über 50 Millionen Jahre hinweg dauerhaft von Meer überflutet, und es bildeten sich die Gesteine der Schwäbischen Alb und der Baaralb sowie deren Vorland heraus. Wäh.rend dieser Zeit der Trias (vor etwa 240 bis 200 Millionen Jahren) und des Juras (vor etwa 200 bis 150 Millionen Jahren) entstand das süddeut.sche Schichtgebirge von der Ostabdachung des Schwarzwaldes bis auf die Schwäbische Alb, deren heute sichtbare Kalkfelsen sich in tropi.schen Riffen der Jurazeit bildeten.
Vom Tertiär zur Mittelsteinzeit
Die nächsten erdgeschichtlichen Zeugnisse finden sich erst wieder aus der Tertiärzeit im Miozän, vor ca. 20 bis ca. sechs Millionen Jahren. Während dieser Zeit war das Molasse.becken entlang der entstehenden Alpen vom Gebiet des heutigen Bodensees her immer wieder überflutet. Die Ablagerungen von Meer, Seen und Flüssen reichen jedoch nur bis in den Bereich Riedöschingen – Hondingen – Riedbö-ringen. Auch der Hegau-Vulkanismus fällt in diese Zeit. Seine nördlichsten Ausläufer sind der Wartenberg und bei Riedöschingen der Basalt.vulkan Blauer Stein, der Vulkankrater Krummen.ried und die Travertin-Ablagerungen ehemaliger heißer Quellen am Roten Stein.
Mit dem Pleistozän vor 2,6 Millionen Jahren wurde das Klima auf der ganzen Welt deutlich kühler und die Pole begannen zu vereisen. Der süddeutsche Raum hob sich im Bereich von Schwarzwald und Schwäbischer Alb weiter empor und es formte sich nach und nach die heutige Landschaft heraus. Den Höhepunkt erreichte die Abkühlung in der Riß-Kaltzeit vor etwa 130.000 Jahren. Die Gletscher der Alpen füllten das gesamte Bodenseebecken bis zum Hegaurand, und auch die Schwarzwaldgletscher erstreckten sich bis in die Baar hinein. Während dieser Zeit war die Baar völlig unbewaldet und es hielten sich in höheren Lagen über das ge.samte Jahr hinweg Schneefelder.
Da wenig Vegetation vorhanden war, konn.ten die Böden leicht fortgespült werden. Damit waren auch die Gesteine stärker der Witterung und Erosion ausgesetzt. In der letzten Kaltzeit, der Würm-Kaltzeit, die bis ca. 10.000 v. Chr. an.dauerte, war das Klima kaum günstiger, sodass alleine aufgrund des Klimas davon auszugehen ist, dass sich Menschen auf der Baar allenfalls gelegentlich zur Jagd aufhielten. Das Klima war etwa 10° kälter als heute, vergleichbar etwa mit den heutigen klimatischen Bedingungen auf Island oder in Lappland. Sofern sich vor diesen Kaltzeiten schon Urmenschen wie der Neandertaler auf der Baar aufgehalten haben sollten, sind deren Spuren durch die Kaltzeiten verwischt.
Steinwerkzeuge aus Silex-Knollen
Die Wutach floss damals noch als „Feldberg-Donau“ über die Blumberger Pforte durch das Aitrachtal, bevor ihr die Ur-Wutach von Stühlin.gen her das Wasser abgrub. Erst vor ca. 20.000 Jahren entstand die Wutachschlucht und im heu.tigen Aitrachtal verblieb vergleichsweise nur ein Rinnsal. Die Baar war zu dieser Zeit von Menschen unbewohnt. Aus dieser Hochphase der Kaltzeit fehlen im gesamten süddeutschen Raum Nach.weise von Siedlungsplätzen. Es wird vermutet, dass dieser erst gegen Ende der Eiszeit wieder von Südwestfrankreich her besiedelt wurde.

Am Ende der Würm-Kaltzeit, bevor der Wald die gesamte Region wieder vollständig überzog, war das offene Weideland besiedelt von Ren.tieren, Wildpferden, Auerochsen, Mammuts, Wollnashörnern und Wölfen. Auch Löwen gab es am Ende der Kaltzeit noch. Höhlen boten den damaligen Jägern Zuflucht, wie die Petershöhle bei Engen oder das Kesslerloch bei Thayngen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind größere Höhlen allerdings nicht bekannt, denn sie beschränken sich auf die Massenkalke des höheren Weißjuras.
Die Jäger und Sammler des Magdalénien – so nennen Archäologen diese Zeit – waren ohnehin in Mitteleuropa nicht sesshaft. Sie wanderten im Rhythmus der Jahreszeiten mit ihren bevorzug.ten Beutetieren, den Rentieren und Wildpferden. Diese Menschen der Mittelsteinzeit nutzten Steinwerkzeuge aus Silex, welche von den zeit.weiligen Wohnstätten mit großen Mengen von Knochen überliefert sind. Die Ausgangsmateri.alien von Steinwerkzeugen aus quarzhaltigen Gesteinen sind in der Region vielerorts zu finden, beispielsweise im Massenkalk der Schwäbischen Alb als Silex-Knollen, aus denen man Speerspit.zen und Schaber herstellen kann. Auch die roten Karneolknollen, die auf Äckern im Buntsand.stein beispielsweise westlich von Bräunlingen zu finden sind, konnten dazu genutzt werden. Geradezu gesteinsbildend sind solche Quarze im Bereich der Kesselberg-Verwerfung zwischen Tri.berg und Unterkirnach, wo sie bis in die Neuzeit hinein abgebaut wurden. Ausgangsmaterial für Feuerstein aus Quarz sowie für Steinbeile bei.spielsweise aus Diabas finden sich auch in den Schwarzwald-Schottern der Breg oder der Feld.

Temperatur (°C)

Die Grafik zeigt bodennahe nordhemisphärische Mitteltemperaturen der letzten 11.000 Jahre (verändert nach Dansgaard et al., 1969, und Schönwiese, 1995).

Klima-Optimum Mittelalterliche des Holozän Wärmeperiode
17
17

15 15
13
13
11
berg-Donau bei Blumberg. Als Ausgangsstoffe für Keramik sind vielerorts gut brennbare Tone vorhanden. Damit waren zumindest die wich.tigsten Werkstoffe für die Steinzeitmenschen mehr oder weniger unmittelbar vor Ort auffind.bar. Dennoch wurden Steinwerkzeuge bereits in der Steinzeit über weite Strecken gehandelt.
Die Siedlungsentwicklung auf der Baar
Auch heute bringen die Baarbewohner ihre Lebensqualität stark mit dem typischen Baare.mer Klima in Zusammenhang. Während dieses manchem zu kühl ist, schätzen andere die küh.len Nächte oder lieben den Schnee im Winter. In Zeiten, in denen alles von der regionalen Landwirtschaft abhing, war das Klima jedoch ein existenzieller Faktor. Seit der letzten Eiszeit bzw. Kaltzeit gab es immer wieder wärmere und kühlere Phasen (siehe Abbildung). Für hochge.legene Regionen wie der Baar und der Schwä.bischen Alb müssen diese Klimaschwankungen für die Besiedlung von besonderer Bedeutung gewesen sein – insbesondere seitdem Landwirt.schaft betrieben wird. So kam es während der kühlen Phasen zu Hungersnöten, weil die Ernte nicht gesichert war, wohingegen die Hochregio.nen in warmen Phasen gegenüber dem Tiefland gerade bei Trockenheit eher sogar begünstigt waren. Dementsprechend ist in den Warmpha.sen in der Region jedes Mal ein gewisser Sied.lungsschub zu beobachten. Berücksichtigt man, dass das Klima auf der Baar durch die Klimaer.wärmung innerhalb der vergangenen 100 Jahre bereits über ein Grad angestiegen ist, leben wir hier gerade in einer vergleichsweise angeneh.men Warmphase.

Um ca. 9000 v. Chr. erwärmte sich das Klima über den gesamten Globus ungemein schnell und bereits ca. 6000 v. Chr. war es sogar wärmer als heute. Damit waren beste Voraussetzungen geschaffen für die Besiedlung der Baar. In den zunächst wohl noch überwiegend geschlosse.nen Wäldern lebten neben den heutigen Tieren
u.a. noch Braunbären, Wölfe, Waldbisons und Auerochsen. Für die Menschen wurden Pflanzen als Nahrungslieferanten immer bedeutender. An die Stelle von Jagd und Sammlertum traten zunehmend Tierhaltung und Ackerbau. Die Men.schen der Jungsteinzeit begannen in größerem Umfang Wälder zu roden, wurden zunehmend sesshaft und begannen zu wirtschaften. Bekannt ist diese Kultur durch typische Verzierungen auf Tongefäßen, die sogenannte Linearbandkeramik, welche auf der Baar durch Funde in Schwennin.gen belegt ist. Pollenanalysen aus dem Schwen.ninger Moos beweisen, dass zu dieser Zeit auf der Baar bereits Getreide angebaut wurde.
Die Siedlungen lagen idealerweise auf – in Bezug auf Wegnetze und Verteidigung – stra.tegisch günstig gelegenen Anhöhen in der Nähe von Flüssen oder Seen und diese boten eine zusätzliche Nahrungsquelle. Die Wege orientierten sich häufig an Flüssen oder Tälern. Regelmäßig überschwemmte oder sumpfige Niederungen wurden eher gemieden – außer natürlich bei Pfahlbauten, die bereits in dieser Zeit entstanden. Weiter von Bedeutung waren Trinkwasser und Bodenschätze. Die Böden haben sich auf der Baar maßgeblich erst nach Ende der Kaltzeit aufgebaut und sind daher für die Landwirtschaft meist vergleichsweise ge.ringmächtig und karg. Die ersten Ackerbauern, die sich in Süddeutschland niederließen, legten meist großen Wert auf gute, fruchtbare Böden wie Lößböden. Dort bauten sie typische Lang.häuser, die vom Oberrhein oder aus dem Hegau bekannt sind. Erst als der Siedlungsdruck größer wurde, wurden ab ca. 4500 v. Chr. auch höher.gelegenere Gegenden mit ungünstigeren Böden wie die Südbaar besiedelt. Die besten Boden.verhältnisse fanden die Siedler im Bereich des oberen Muschelkalks im Übergang zum Keuper, also im Bereich der Linie Schwenningen – Bad Dürrheim – Donaueschingen – Hüfingen, oder im Unteren und Mittleren Jura, also im Bereich von Ostbaar – Neudingen – Riedböhringen vor.

Insgesamt waren also die Baarorte Neudin.gen, Hüfingen, Bräunlingen oder Donaueschin.gen von ihrer Lage her besonders begünstigt. An all diesen Orten reichen Anhöhen direkt an die Breg bzw. Brigach und Donau und es sind kelti.sche Besiedlungen sowie Funde aus vorkeltischer Zeit belegt. Da jedoch überwiegend mit Holz ge.baut wurde, sind kaum Überreste von Gebäuden erhalten, sondern in erster Linie Grabstätten mit teilweise wertvollen Grabbeigaben.
Nutzung von Eisen revolutionierte Militär, Handwerk und auch die Landwirtschaft
Die Verkehrswege sind geographisch und morphologisch vorgeprägt durch die Donau in Ost-West-Richtung sowie die Nord-Süd-Verbin.dung von bedeutenderen Siedlungsgebieten im Bereich Hochrhein und Bodensee in den Neckarraum. Damit lag Hüfingen bereits in der Frühgeschichte an einem Verkehrsknoten.punkt. Wegetechnisch ungünstig waren damals die Schwemmebenen der Riedbaar sowie die ehemals sumpfigen Niederungen zwischen Donaueschingen und Schwenningen. Nach Süd.westen waren natürliche Hindernisse durch die Wutachschlucht und deren rutschungsanfällige Seitentäler gegeben sowie nach Süden durch den relativ unfruchtbaren Höhenzug der Länge und deren steile Nordflanke. Daher müssen Wege von Süden durch das Hondinger oder das Riedböhringer Tal bestanden haben.

Während der Bronzezeit (ca. 2200 bis 800 v. Chr.) war die Region dadurch etwas benachtei.ligt, dass die Grundstoffe für Bronze, nämlich Zinn und Kupfer, in der Region kaum zu finden waren. Lediglich in entfernteren Teilen des Schwarzwalds gab es Fundorte für Zinn, Kupfer und Silber, die mit damaligen Abbaumethoden wohl eher wenig ergiebig waren. Auch Gold war nicht zu finden – die nächsten Fundstellen vereinzelter Goldflitter befinden sich in den alpinen Rheinschottern. Dadurch waren die Menschen der Baar auf Importe angewiesen. Während dieser Zeit wurden in der Region auch noch Steinwerkzeuge weitergenutzt.
Eine klimatische Warmphase um 1200 bis 800 v. Chr. begünstigte nochmals die Besied.lung der Baar. Die Kulturlandschaft mit Grün- und Ackerland und Hudewäldern zur Bewei.dung wurde der heutigen Kulturlandschaft ähn.lich. Angebaut wurden vor allem Hirse, Gerste, Dinkel, Linsen und Hülsenfrüchte.
Umso stärker wirkte sich die Nutzbarma.chung von Eisen aus, denn Eisenerze gab es auch vor Ort genügend: die Doggererzvorkommen im Bereich zwischen Blumberg und Neudingen, die Bohnerzvorkommen auf der Alb und im Juranagelfluh (z.B. um Riedöschin.gen) sowie die Eisenerzvorkommen bei Eisenbach. Die Kelten be.herrschten bereits die hohe Kunst,
Bohnerzknollen aus der Südbaar – damit konnten die Kelten Eisen herstellen.
Bissula Gedicht
Bissula, dren zu Haus,
Dort erm eisigen Rheinstrom,
Bissula, die oft belauscht heimlich der Donau Quell,
Sklavin des Kriegs, dann frei vom Feinde gelassen,
Sie herrscht nun im Reiche des Mannes,
Dem sie der Kriegsgott geschenkt..
Wenn auch durch Latinums Gesittung
Ihr Wesen ein andres geworden,
Blieb sie Germanin noch stets
Blau die Augen, blond auch ihr Haar.
Decimus Magnuns Ausonius (310 – 390 n. Chr.)
das Eisen vor Ort zu verhütten und zu schmie.den. In der Eisenzeit, der Hallstatt- und La-Tène-Zeit (ca. 800 v. Chr. bis zu Christi Geburt) erlebte die Baar einen ersten Höhepunkt der Besied.lung1. Die Nutzung von Eisen revolutionierte nicht nur Militär und Handwerk, sondern auch die Landwirtschaft, da damit erst eine effektive Bodenbearbeitung für die Ackerwirtschaft mög.lich wurde. Rinder, Schafe und Ziegen wurden gezüchtet. Mit dem Eisen war die Zeit der Kelten gekommen, der bislang eindrucksvollsten und reichsten Kultur der europäischen Vorgeschichte.
Aus dieser Zeit stammen auf der Baar die meisten der bis heute erkennbaren Hügelgrä.ber wie auf dem Magdalenenberg in Villingen. Auch Viereckschanzen wie die Heidelburg im Tuninger Wald oder Verteidigungswälle wie am Hörnekapf zwischen Unterbaldingen und Geisingen sind bis heute sichtbar. Die Kelten auf der Baar standen mit weiter entwickelten Völkern und Kulturen im Mittelmeerraum in Handelskontakt.
Zeit der römischen Besiedlung
Die Römer waren die ersten, die systematisch ein Straßen- und Wegenetz ausbauten. Schnelle Verbindungen für das Militär und den Handel waren ein wesentlicher Grundpfeiler bei der Errichtung des Römischen Reiches über einen Großteil der damals bekannten Welt hinweg.

Während der Zeit der römischen Besiedlung waren die Straßenverbindungen zwischen Hüfingen und Rottweil (Brigobanne und Arae Flaviae) nach Süden hin Richtung Schleitheim (Juliomagus), Zurzach (Tenedo) und der römi.schen Stadt Vindonissa in der Schweiz (Win.disch/CH) sowie zur östlich gelegenen Provinz Raetia (heute Bayern, Schweiz/Österreich) zu sichern. Während nördlich von Donaueschingen die Römerstraße noch gut erkennbar ist, ist der genaue Verlauf nach Süden und erst recht nach Westen als Verbindung zum Oberrhein über längere Strecken unsicher. Zwar existiert mit der Tabula Peutingeriana (siehe auch Seite 263) sogar eine „Straßenkarte“ aus der Römerzeit, in die sogar der Ort Brigobanne eingezeichnet ist; die Wegverbindungen können jedoch anhand dieser Karte nicht lokalisiert werden.
Die Römer erreichten nach schriftlicher Überlieferung erstmals 15 v. Chr. die Quellen der Donau. Ab ca. 40 n. Chr. wurde die Region zwi.schen Hochrhein / Bodensee und Donau von ih.nen eingenommen und militärisch gesichert. Die Römer waren die ersten, die ihre Gebäude über.wiegend aus Stein errichteten. Besonders geeig.nete, gut zu bearbeitende Naturbausteine sind bis in die Neuzeit der rote Buntsandstein z.B. aus Bräunlingen oder der Randengrobkalk, der bei Blumberg am Lindenbühl oder in Epfenhofen ab.gebaut wurde, aber auch die Kalksteine. Daher sind vielerorts auch auf der Baar Gebäudereste archäologisch nachweisbar, wie die zahlreichen römischen Gutshöfe, die villae rusticae. Um 75 n. Chr. wurde die Grenze weiter nach Norden verlegt und der germanische Limes angelegt. In.folgedessen war die Baar nun weiter von der Au.ßengrenze des Römischen Reichs entfernt und verlor an militärischer Bedeutung, doch konnten sich Zivilsiedlungen unter römischer Herrschaft entwickeln. Um 230 n. Chr. wurde die militäri.sche Lage für die Römer in Südwestdeutschland immer schwieriger bis sie schließlich nach über 200 Jahren römischer Herrschaft um 260 n. Chr. über den Rhein zurückgedrängt wurden. 368 n. Chr. stieß Kaiser Valentinian nochmals zu den Quellen der Donau vor. Sein Hofdichter Ausonius erhielt als Kriegsbeute das schöne Alemannen.mädchen Bissula – die erste namentlich bekann-te Baaremerin1. Der Rhein bildete bis ca. 400 n. Chr. die Nordgrenze des römischen Reichs.
Die Alemannen nahmen von Norden her den Raum ein und gründeten nach und nach ihre Dörfer. Nur selten wurden Siedlungen der Römer weitergeführt. Die ersten alemannischen Siedlungen waren einfache, ebenerdige Pfos.tenhütten, die für die Baar bislang nicht nach.gewiesen werden konnten. Allerdings ist davon auszugehen, dass die alemannischen Bauern das bereits vorhandene Kulturland übernom.men haben, sodass sich auch die ersten Sied.lungen überwiegend in denjenigen Bereichen befunden haben dürften, welche in römischer Zeit besiedelt waren. Zudem wurde das gut ausgebaute, römische Wegenetz weitergenutzt. Allerdings wechselten die Siedlungsplätze manchmal noch und erst im Hochmittelalter mit seiner Siedlungsverdichtung endete die Mo.bilität der Siedlungen endgültig15.
Die ersten nachrömischen Jahrhunderte wa.ren von stark wechselnden politischen Kräften und starken Siedlungsbewegungen gekennzeich.net, die erst am Ende des 5. Jahrhunderts und mit der Eingliederung in das Frankenreich um das Jahr 537 nachließen. Die ältesten Gräberfelder der Südbaar stammen aus dem 4./5. Jahrhun.dert, die größten wurden in Donaueschingen so.wie in Hintschingen (bei Geisingen) gefunden.
Während aus der Zeit des fränkischen Herr.schergeschlechts der Merowinger (481 bis 751) noch keine urkundlichen Zeugnisse aus der Südbaar überliefert sind, häufen sich die Zeug.nisse danach ab der Zeit der Karolinger. Bereits im 5. und 6. Jahrhundert gibt es erste Hinweise auf die Christianisierung der Südbaar, ab dem

7. Jahrhundert erfolgte sie von der Reichenau aus. Bereits um 600 wurde das Bistum Konstanz gegründet, zu welchem auch die Baar gehörte. Die überlieferten, ersten urkundlichen Erwäh.nungen stehen alle im Zusammenhang mit Schenkungen an Klöster.
Die frühgeschichtlich bedeutsamen Orte der Südbaar, in welchen vor 817 bereits archäologi.sche oder urkundliche Hinweise bekannt sind, sind nachfolgend zusammengestellt.
Hüfingen
In Hüfingen ist durch Funde aus mehreren Kul.turen eine fast kontinuierliche Geschichte von über 3000 Jahren belegt, wenn auch nicht direkt am Ort der heutigen Altstadt. Die erste Siedlung bestand in der Bronzezeit, der sogenannten Urnenfeldzeit ab ca. 1200 v. Chr. rechtsseitig der Breg auf einem Felsvorsprung am Fluss, dem Höhlenstein. Auch in der Eisenzeit (La-Tène-Zeit) ist eine Siedlung der Kelten belegt. Dort wurden die ältesten Münzfunde der Baar gemacht. Der Name Breg ist auf keltischen Ursprung zurückzu.führen und dementsprechend haben die Römer den Namen der Siedlung Brigobanne übernom-
Das Römerbad erinnert an die reiche römische Geschichte Hüfingens.

men. Sie errichteten in Hüfingen
Die Silberscheiben mit Reliefs der thro.ein Militärlager, welches dann nenden Maria – eines der frühesten ca. 40 n. Chr. zur Sicherung der bekannten christlichen Zeugnisse in Südwestdeutschland.
Nordgrenze des Römischen Reiches, die damals die Donau bildete, zum Kastell ausgebaut wurde. Mit der Gründung des des Hauses Fürstenberg Kastells in Rottweil (Aarae Flavi-eingenommen wird, ist mit ae) um 73 n. Chr. verlor das Kastell seiner Lage ursprünglich direkt über
in Hüfingen an militärischer Bedeu.tung, aber es existierten auch eine Zivilsiedlung und das bis heute in Ruinen erhaltene Römer.bad. Römische Gutshöfe zur Versorgung der Siedlung lagen u.a. in Fürstenberg, Behla und Hausen vor Wald1. Nach Abzug der Römer bilde.te sich im 4./5. Jahrhundert eine alemannische Siedlung im Bereich der Altstadt. Hüfingen war im 5. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts Hauptort der Baar, also Verwaltungs- und Adelssitz. Wert.volle Grabfunde bezeugen Reichtum und Han.del. Die bedeutendsten unter ihnen sind die drei silbernen Phalera aus Hüfingen: aus dem byzan.tinischen Reich stammende Silberscheiben vom Zaumzeug des Pferdes eines adligen Reiters. Das Grab ist auf das Jahr 606 datiert. Die Silberschei.ben mit Reliefs der thronenden Maria und eines Reiterheiligen2 sind zusammen mit zwei noch älteren Goldkreuzen die frühesten bekannten christlichen Zeugnisse in Südwestdeutschland.
Bräunlingen
Bräunlingen ist ebenfalls eine frühalemanni.sche Siedlung, deren Gründung im 5. Jahrhun.dert angenommen wird. Aus dem 6./7. Jahr.hundert stammt ein Gräberfeld und die Remi.giuskirche wird bereits im Jahr 799 urkundlich erwähnt. Doch deuten Grabfunde sowie Reste von Pfahlbauten bereits auf Siedlungsperioden seit der Steinzeit hin13. In Bräunlingen und Dög.gingen wurden Reste eines römischen Gutsho.fes entdeckt.
Neudingen
Von Neudingen sind einige steinzeitliche Einzelfunde bekannt (Steinbeile, Klinge). Der Hügel „Auf Hof“, der heute von der Gruftkirche

der Donau für eine frühgeschichtliche Besiedlung prädestiniert. Zudem gibt es Anhaltspunkte für die Theorie, dass die Donau oberhalb der Engstelle am Wartenberg zeitweise gestaut war, sodass sich bis oberhalb Neudingens eine große Wasserfläche bildete, die strategischen Schutz bot9. Grabungen brachten Hinweise auf eine keltische Besiedlung hervor9. Auch aus der Römerzeit sind einige Einzelfunde belegt und es gibt Hinweise auf Bauwerke9.
In Neudingen hat jedenfalls bereits eine frühe alemannische Siedlung bestanden, was durch reichhaltige Grabfunde ab dem 6. Jahr.hundert belegt ist. Von besonderer Bedeutung sind ein Webrahmen, der in einem Frauengrab gefunden wurde, und eine Fibel mit alemanni.scher Runenschrift. Im Jahr 746 wurde fast der gesamte alemannische Adel im „Cannstatter Blutgericht“ hingerichtet. Infolge der Neuor.ganisation der Verwaltungszentren wurde Neudingen Königshof und Pfalz. Damit verlor Hüfingen die Vormachtstellung für längere Zeit. Vom Hügel über der Donau aus wurde von einem Pfalzgrafen über einen Zeitraum von ca. 200 Jahren die Bertholds- bzw. Adalhardsbaar verwaltet9. Die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung des Dorfs stammt aus dem Jahr 772.
Fürstenberg
Der Fürstenberg, der ‚vürderste Berg‘ der Länge war während der gesamten Geschichte von be.sonderer strategischer Bedeutung, zeitweise als Befestigung, zeitweise als Wehr- und Zufluchts.ort für Neudingen und Hondingen. Bereits in frühgeschichtlicher Zeit war der Fürstenberg besiedelt11. Für die Bronze- und Eisenzeit wird dort eine Höhensiedlung vermutet, was Tonfun-de aus dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. bestätigen. Teile der Ringwallanlage stammen wohl bereits aus dieser Zeit. Die Kelten, aber auch die frühen Alemannen, wählten für ihre Höhensiedlungen gezielt solche Orte aus. Eine solche ist auf dem Fürstenberg nicht eindeutig nachgewiesen, denn durch die mittelalterliche Bebauung des Bergs ist vieles überprägt worden. Auch Funde aus der Römerzeit wurden auf dem Berg ge.macht.
Hondingen
Während in der Ortschronik von Hondingen aus dem Jahr 1979 als einziger Beleg aus frühge.schichtlicher Zeit lediglich eine römische Münze genannt ist, die mittlerweile verschollen ist, ka.men im Jahr 2003 beim Bau der Überland-Gas.leitung einige Funde zum Vorschein. So wurden Keramikscherben als Reste einer Siedlung von
Die Renovierung der St. Martin-Kirche in Hondingen gab Rät sel auf, denn es zeigte sich, dass der auffäl lige Vorbau älter sein muss als Hauptschiff und Turm.

ca. 1000 v. Chr. sowie ein ca. 6000 Jahre altes Steinbeil gefunden. Unweit davon am Stoberg sowie gegenüber am Zisiberg befinden sich Grabhügel bislang unbekannten Alters. Aus der Römerzeit wurden Fundamente mit rö.mischen Begleitfunden kartiert. Im Ortsetter wurde eine römische Kupfermünze von Kaiser Constans (333–350 n. Chr.) gefunden – einer Zeit, in welcher die Römer längst an den Rhein zurückgedrängt waren. Spätrömische Münzen sind im Siedlungsgebiet der Alemannen keine Seltenheit, doch das Hondinger Exemplar ist immerhin ein Belegstück aus einer Zeit, aus der von der Baar sonst kaum Funde existieren.
Der Name des Dorfs, in der Urkunde von 817 Huntingun, wird in herkömmlicher Weise mit dem Namen des Stammesältesten „Hun.to“ und der alemannischen Endung auf -ingen erklärt. Denkbar ist jedoch auch eine andere Herkunft: Als die Franken um 537 im Südwesten die Herrschaft übernahmen, richteten sie zur Absicherung der Baar sogenannte „Huntare“ ein4,5. Huntaris ist die Bezeichnung für eine alemannische Reitereinheit, und eine Hunta der ihr zugeordnete Bezirk16. Diese Grenzorte oder -bezirke lagen häufig an römischen Ver.kehrswegen. Hieraus ist die Namensgebung für Hondingen naheliegend herleitbar16. Hondingen wird in der Urkunde von 817 als Teil dieser kleinen Grafschaft ‚Eitrahuntal‘ eines Grafen namens Frumold im Bereich des Aitrachtals als südöst.lichen Teil der Bertholdsbaar genannt. Mehrere Gründe sprechen dafür, dass Hondingen der Sitz dieses Grafen war und dass in einer älteren Ur.kunde aus dem Jahr 769, in welcher ein Ort Dorf Eitrahuntal erwähnt ist, Hondingen gemeint sein könnte12,16.
Hondingen besitzt eine sehr alte St. Mar.tins-Kirche. Zu der Pfarrei gehörten im Mittel.alter einige Nachbardörfer wie auch Fürsten.berg16. Das Partronat geht, wie bei den ebenfalls sehr alten St. Martins-Kirchen in Kirchdorf und Löffingen auf eine Fränkische Vorliebe zu diesem Namenspatron zurück8. Die Kirchenre.novierung vor fünf Jahren gab einige Rätsel auf, denn es zeigte sich, dass entgegen der bisheri.gen Annahmen der auffällige Vorbau der Kirche älter sein muss als Hauptschiff und Turm. Diese müssen jedoch schon im 7. bis 10. Jahrhundert bestanden haben, und der Vorbau für sich ge.nommen ergibt als Kirchenbau keinen Sinn. Damit drängt sich die Frage nach einem Vorgän.gerbau auf. Da die Alemannen zunächst nicht in Stein gebaut hatten, müsste dieser am ehesten aus römischer Zeit gestammt haben. Die Nut.zung römischer Steinbauten durch die Aleman.nen war besonders in der Nähe der römischen Grenze nicht ungewöhnlich: Auch andernorts wurden Pfarrkirchen auf Gutshöfen errichtet oder ein alemannisches Dorf in Holzbauweise fügte sich an ältere römische Steingebäude3, so wie dies beispielsweise auch in Wurmlingen bei Tuttlingen der Fall war. Dort wurde zufällig die gleiche Münze des Kaisers Constans gefunden wie in Hondingen im Unterdorf.

Riedböhringen
Bei Riedböhringen befand sich auf dem Bür.glebuck1 eine steinzeitliche Siedlung aus der Rössener-Kultur, ca. 4500 v. Chr. – damit einer der ältesten Siedlungsreste im Landkreis. Inter.essant ist die versteckte Lage dieses Wehrhügels über dem Krottenbachtal. Auch eine jüngere, keltische Siedlung ist dort nachgewiesen.
Auch aus den meisten anderen Orten bis hin zu den Randenbergen sind frühgeschichtliche Funde bekannt, so beispielsweise eine verzierte Steinaxt aus Zollhaus aus dem 3. Jahrtausend
v. Chr., Belege aus der Urnenfeldzeit (2. Jahrtau.send v. Chr.) in Riedöschingen, Hügelgräber in Epfenhofen aus der Bronzezeit, sowie zahlreiche Einzelfunde aus keltischer Zeit. In Überachen und Fützen wurden Reste römischer Gutshöfe gefunden. Die römische Militär- und Handels.straße querte bei Zollhaus das Aitrachried. Auch
die frühen Alemannen hinterließen
Spätrömische Münze aus Hondingen. Gräberfelder in Blumberg, Fützen, Kommingen und Riedöschingen. Aus Pfohren und in der Ostbaar sind ebenfalls frühgeschichtli-fällig und wenn nicht immer wieder che Belege bekannt: Aus Pfohren interessierte oder aufmerksame Bür.
jungsteinzeitliche Moorsiedlungen und Grabhügel aus der Bronzezeit; in Aa.sen und Öfingen befanden sich römische Guts.höfe.
Im Früh- und Hochmittelalter war die Baar während einer Warmphase wiederum klima.tisch begünstigt. Das förderte die Gründung von Dörfern und Städten auch in noch höher gelege.nen Regionen im Schwarzwald und auf der Alb.
Die Zusammenstellung der Fundstellen auf der Südbaar ist bei weitem nicht vollständig. Zahlreiche Einzelfunde sind gar nicht aufge.führt. Die Funde zeigen aber, dass die Südbaar bereits weitgehend flächendeckend über Jahr.tausende hinweg besiedelt war.
Dass vergleichsweise wenige Zeugnisse aus der mindestens 5000-jährigen Siedlungs.geschichte der Südbaar vorhanden sind, heißt also nicht, dass die Südbaar nicht besiedelt war, sondern dass Relikte nicht erforscht und Spuren verwischt sind oder noch gar nicht entdeckt wurden. Solche Entdeckungen sind meist zu-
Verwendete Literatur: 1 Reichelt, Günther: Die vorgeschichtliche Siedlung, in: Die Baar. Wanderungen durch Landschaft und Kultur, hg. von Dems., Vil.lingen-Schwenningen 1972, S. 95–100. 2 Reichelt, Günther: Die Baar. Wo Donau und Neckar entsprin.gen, Donaueschingen 1990. 3 Fingerlin, Gerhard: Siedlungen und Siedlungstypen. Südwest.deutschland in frühalamannischer Zeit, in: Ausst.-Kat. Die Ala.mannen, Stuttgart 1997, S. 125–134. 4 Geuenich, Dieter: Zwischen Loyalität und Rebellion. Die Ala.mannen unter fränkischer Herrschaft, in: ebd., S. 204-208. 5 Jänichen, Hans: Baar und Huntari, in: Grundfragen der ale.mannischen Geschichte. Mainauvorträge 1952 (Vorträge und Forschungen 1), Sigmaringen 1955, S. 83–148. 6 Münzer, Martin: Die Geschichte des Dorfes Hondingen, Blum.berg 1979. 7 Hall, Ewald M.: Zur Namenstruktur auf der Baar. Die Besied.lungsgeschichte der Baar aus der Sicht der Namenkunde, in: Alemannisches Jahrbuch (1997/98) S. 41–60. 8 Grees, Hermann: Die historische Entwicklung der Dörfer auf der Baar, in: Alemannisches Jahrbuch (1997/98) S. 79–136. 9 Münzer, Martin: Die Geschichte des Dorfes Neudingen. Mit Kai.serpfalz, Kloster Maria Auf Hof und Pfarrkirche, Neudingen 1973.
ger da gewesen wären, die diese Funde

dokumentiert oder gemeldet haben, wäre die Geschichte sicherlich noch weitaus lücken.hafter. Den Wert einer römischen Kupfermünze kann man heute leicht über das Internet fest.stellen – im Zweifelsfall ein paar Euro. Solche Münzen existieren tausendfach. Ihr archäolo.gischer Wert für die Geschichte eines Dorfes und des Landkreises insgesamt ist hingegen nicht bezifferbar und kommt der Allgemeinheit zu Gute. Daher soll an dieser Stelle ein Appell an alle gerichtet werden, die etwas Auffälliges finden oder in der Natur oder auf einer Bau.stelle beobachten, dass sie sich damit an die Denkmalbehörden und ihre ehrenamtlichen Beauftragten, die hiesigen Geschichtsvereine oder auch an das Kreisarchiv wenden, die die weiteren Kontakte mit den Fachleuten herstel.len können. Denn nur so kann sich das Mosaik unserer über 5000-jährigen, spannenden, hoch.interessanten und wechselhaften Geschichte nach und nach weiter vervollständigen.
10 Wacker, Karl: Der Landkreis Donaueschingen, Konstanz 1966. 11 Wagner, Heiko: Historischer Pfad Fürstenberg (Kulturhistori.sche Reihe der Stadt Hüfingen 15), Hüfingen 2017. 12 Borgolte, Michael: Die Grafen Alemanniens in merowingi.scher und karolingischer Zeit. Eine Prosopographie (Archäologie und Geschichte 2), Sigmaringen 1986. 13 Jenisch, Bertram: Die Siedlungsgenese Bräunlingens – vom Dorf zur Stadt, in: Spurensuche. „Die Bräunlinger und ihre Stadt“ (Schriftenreihe der Stadt Bräunlingen 2), Bräunlingen 2005, S. 6–37. 14 Nübling, Verena: Vor- und Frühgeschichte des Raumes Blum.berg, in: Die Geschichte der Stadt Blumberg, hg. von Joachim Sturm, Vöhrenbach 1995, S. 10–24. 15 Brather, Sebastian: Die frühmittelalterliche Baar aus archäolo.gischer Sicht, in: Tagungsband 817 – Die urkundliche Ersterwäh.nung von Villingen und Schwenningen, Thorbecke Verlag 2016 16 Jänichen, Hans: Baar und Huntari, Thorbecke Verlag 1952. 17 Koenigswald, von, Wighart: Säugetierreste aus Karsthohlräu.men der Schwäbischen Alb, in: Vom Schwarzwald zum Ries, hg. von Elmar P. J. Heizmann (Erdgeschichte mitteleuropäischer Regionen 2), München 1998, S. 139. 18 Keefer, Erwin: Frühe Menschen und Kulturen, in: ebd., S. 237.
Evangelisches Leben im Schwarzwald-Baar-Kreis
500 Jahre Reformation
von Horst Fischer

2017 blickten die evangelischen Christen auf den Beginn der Reformation vor 500 Jahren zurück, als am
31. Oktober 1517 Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte und damit die gewaltige Reformationsbewegung auslöste. Im Schwarzwald und auf der Baar ist die Entwicklung der Reformationsbewegung nie kontinuierlich gewesen und sie stand ganz im Schatten der großen politischen Ereignisse auf den Reichstagen in Worms, Speyer oder Augsburg.
7. Kapitel – Geschichte
Darstellung des Klosters St. Georgen (Mitte) mit Pe.terzell (vorne) und Nußbach (hinten) aus der Zeit der Reformation. Die Zeich.nung ist dem Klosterarchiv entnommen und findet sich im Buch „Geschichte der Stadt, des Klosters und Kirchspiels St. Georgen“ von Karl Theodor Kalchschmidt, erschienen 1895.
Die vielen sozialen Spannungen des Spätmit.telalters, vor allem in der Bauernschaft und den unteren Ständen, waren auch im Schwarz.wald und auf der Baar zu spüren. Die Schweiz, der Bodenseeraum und der Oberrhein waren nicht fern. Parolen des Bundschuh und der Bewegung des Roten Konrad griffen auch auf unsere Gegend über. Ideen der Freiheit und des „göttlichen Rechts“ – durch die Schriften Martin Luthers gefördert – waren auch hier zu vernehmen. In Donaueschingen, im Brigachtal, in Bräunlingen, Hüfingen, Fürstenberg, Wolter.dingen oder Vöhrenbach kam es zu Unruhen und Aufständen. Doch man kann schwerlich behaupten, dass die bäuerlichen Unruhen in un.serer Region maßgeblich die reformatorischen Bewegungen beeinflusst hätten.
Frühe Gründungen evangelischer Gemein.den und die Einführung der Reformation in der Frühzeit der Bewegung gab es ausschließlich in den Gebieten, die zum Herrschaftsbereich des württembergischen Herzogtums gehörten. Das Jahr 1534 wird in den Chroniken der einzelnen Kirchengemeinden als das entscheidende für die Einführung der Reformation genannt, als sich der zunächst vertriebene Herzog Ulrich nach seiner Rückkehr für die Einführung der Re.formation in seinem Herzogtum entschied.

Das Kloster St. Georgen kann für die refor.matorischen Vorgänge bereits im 16. Jahrhun.dert als ein gutes Beispiel angeführt werden. Das Benediktinerkloster wurde 1084 von Hirsau-er Mönchen in der Nähe der Brigachquelle auf dem „Scheitel Alemanniens“ (vertex Ale.manniae) gegründet und dem Heiligen Georg gewidmet. Es entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Klöster Südwestdeutschlands und im 12. Jahrhundert zu einem Mittelpunkt der Reform des Benediktinertums. Im Spätmit.telalter wurde es aber allmählich zum Opfer der Territorialisierung und befand sich in einem geistigen und religiösen Niedergang, als seit

sche Herzog Ulrich die Reformation einführte, war für die Ostbaar von entscheidender Bedeutung, denn sie wurde und blieb bis zum heutigen Tag weitgehend evangelisch.
1444 die Grafen und Herzöge von Württemberg nach und nach bis 1534 die gesamte Vogtei über das Kloster erlangten; seit 1536 unterstand es der württembergischen Landeshoheit.
Konfliktreiche Zeit für Kloster St. Georgen Dass Herzog Ulrich nach seiner Rückkehr in seinem Herzogtum 1534 endgültig die Refor.mation einführte, geschah zu einem großen Teil aus machtpolitischen Gründen in der Aus.einandersetzung mit Kaiser und Reich, weniger aus Glaubensüberzeugungen. Doch für den Abt und die Mönchsgemeinschaft war das eine existenzielle Glaubenssache. Über sie konnte auch der Landesherr nicht entscheiden. Für das Kloster begann eine lange, konfliktreiche Zeit; nach einem Ausweichen nach Rottweil fand es schließlich seine neue Heimat im österrei.chischen Villingen. In St.Georgen wurde 1566 Severinus Bertschin zum ersten evangelischen Abt ernannt, und das Kloster bildete den Mittel.punkt des Klosteramts St. Georgen. Doch in den Wirren der Zeit waren die Bewohner St.Geor.gens mehrmals gezwungen, die Konfession zu wechseln, selbst noch während des Dreißigjäh.rigen Krieges.
In den Auseinandersetzungen mit seinen Falkensteiner Schirmvögten hatte das Kloster seinen Besitz ständig ausgeweitet, so gehör.te auch Mönchweiler zum Klostergebiet und wurde somit zusammen mit St. Georgen 1536 evangelisch und erhielt 1539 eine eigene evan.gelische Pfarrei. Ebenso wie St. Georgen musste die Bevölkerung, ohne dass sie danach gefragt wurde, bis in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges zeitweise die Konfession wechseln.

Eine Besonderheit weist die Geschichte Tennenbronns auf: Seit 1500 war die Gemeinde dreigeteilt – zwischen dem württembergi.schen Amt Hornberg, dem österreichischen Amt Schramberg (ab 1594) und dem Kloster.amt St. Georgen. 1565 wurde Tennenbronn mit Buchenberg als Filiale als gemeinsame Pfarrei eingerichtet. Allerdings konnten katholische wie evangelischen Christen die Tennenbronner Kirche gemeinsam benutzen. Erst nach dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde 1649 die Kirche in Tennenbronn württembergisch und damit evangelisch.
Die Vorgänge auf der Ostbaar
Das Jahr 1534, als der württembergische Herzog Ulrich die Reformation einführte, war für die Ostbaar von entscheidender Bedeutung, denn sie wurde bis zum heutigen Tag weitgehend evangelisch. In der Reformationsgeschichte scheint Tuningen eines der wenigen Beispiele zu sein, wo die Reformation nicht nur von oben gekommen ist, denn die Chronik vermerkt, dass 1537 die Tuninger Bürger die Reformation annahmen, nachdem bereits 1535 der letzte ka.tholische Priester nach der Visitation durch den Reformator Ambrosius Blarer den Ort verlassen hatte. Dieser kam aus Konstanz und stand im Dienst von Herzog Ulrich.
Eine evangelische Tracht
Von Schwenningen geht in der Frühzeit der Reformation keine große Wirkung aus; wie die Gemeinden in der Umgebung unterstand es der Einführung der Reformation in Württemberg. Rein äußerlich kann man dies heute noch in der Entwicklung einer besonderen evangelischen Form der Schwarzwälder Tracht, vor allem bei den Frauen, erkennen. Die kirchliche Ortschronik vermerkt nur, dass das Dorf mit seiner Bevölke.rung bereits in den Bauernkriegen 1525/26 vom
Die evangelische Tracht von Schwenningen nach einer historischen Lithografie aus dem 19. Jahrhundert.

österreichischen Villingen zerstört wurde. Das gleiche Schicksal erfuhr es im Dreißigjährigen Krieg, und erst 1699 konnte mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen werden.
Das 19. Jahrhundert war für die Entwicklung Schwenningens von entscheidender Bedeutung, als durch die Entwicklung der Uhrenindustrie – es entstanden Weltfirmen wie Mauthe, Kienzle, Schlenker oder Haller – ein enormer Zuzug von meist evangelischen Arbeitskräften zu verzeich.nen war. In gesellschaftspolitischer Hinsicht profitierte weniger das evangelische Gemein.deleben als vielmehr die sozialistische Arbei.ter- und Gewerkschaftsbewegung von dieser Entwicklung.
Trennung im Alltagsleben
Auf der Ostbaar bildete Tuttlingen so etwas wie ein reformatorisches Zentrum, und so konnte sich die neue Glaubensrichtung nach Öfingen und den Umlandgemeinden Oberbaldingen, Biesingen und Sunthausen ausbreiten. Aber erst seit 1558 gab es den ersten evangelischen Pfar.rer in Öfingen, der auch die Nachbargemeinde Oberbaldingen mit versorgen musste. Die Evangelischen der Ostbaar sollten jedoch bis ins 19. Jahrhundert warten, bis in Öfingen die erste evangelische Kirchengemeinde gegründet wur.de. Die heutige Kirchengemeinde Oberbaldingen bildet im Kirchenbezirk Villingen seit 1946 eine Besonderheit, als Pfarrer Emil Koch als Mitbe.gründer des EC (Entschieden für Christus) den evangelistischen und missionarischen Gemein.deaufbau mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit begann. Die Gemeinde gehört aber weiterhin der Badischen Landesskirche an.
Für das kirchliche Leben auf der Ostbaar ist bis ins 20. Jahrhundert eine deutliche Trennung zwischen katholisch und evangelisch gepräg.tem Alltagsleben bemerkbar, die durch die unmittelbare Nachbarschaft der beiden Konfes.sionen besonders deutlich wurde. Katholische Bauern mussten sich von ihren Pfarren sagen lassen, dass eine Beschäftigung evangelischen Gesindes sündhaft sei, wie zum Beispiel den Kirchenbüchern Sunthausens zu entnehmen ist. Der Pfarrer dort drohte 1629 seiner Ge-

Ostbaar ist bis ins 20. Jahrhundert eine deutliche Trennung zwischen katholisch und evangelisch gepräg.ten Alltagsleben bemerkbar.

meinde, die Sakramente nicht mehr zu spenden. Er forderte die Bauern auf, lieber einen schlech.ten katholischen, als einen guten evangelischen Knecht einzustellen.
Konfessionsverschiedene Ehen wurden bis vor wenigen Jahrzehnten als Mischehen diffa.miert und von katholischer Seite als fast „sün.dig“ angesehen. Selbst, dass evangelische Paten ihr Patenkind bei der Taufe aus dem Taufbecken der katholischen Kirche hoben, war verpönt. Ein besonders krasses Beispiel sind z.B. auch die zusammengewachsenen Gemeinden Oberbal.dingen (ehemals württembergisch) und Unter.baldingen (fürstenbergisch). Dort soll der ka.tholische Pfarrer Unterbaldingens noch in den 1970er-Jahren streng darauf geachtet haben, dass seine Ministranten nicht mit den „Ketzern“ aus dem Nachbardorf Fußball spielten.
Evangelisches Leben im Zeichen des landesherrlichen Kirchenregiments
Schon im Laufe des 16. Jahrhunderts schlossen sich einige deutsche Fürsten und Landesherren der Reformation der Kirche nicht nur aus religi.ösen Gründen an, sondern in der Machtausei.nandersetzung mit Kaiser und Reich sahen sie einen bedeutenden Machtgewinn. So entstan.den schon bald unter ihrer Obhut landeskirch.liche Ordnungen, und die Fürsten bekamen die Funktion von Notbischöfen, was man später allgemein unter dem Begriff „Thron und Altar“ verstand.
1556 führte der Markgraf von Baden-Durlach in seinem Gebiet die Reformation ein und zwar in der lutherischen Form. Dies war nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 wichtig, da in den katholischen und lutherischen Gebieten der Grundsatz galt: „Cuius regio, eius religio“ – der Landesherr bestimmt die Konfession seiner Untertanen. Der Markgraf war Oberhaupt der Kirche – „summus episcopus“ – und vereinigte in seiner Person die weltliche und kirchliche Macht. Diese Funktion hatte dann auch der Großherzog seit 1806 im neugebildeten Groß.herzogtum Baden inne – nach den beträchtli.chen Gebietserweiterungen im Zuge der Säku.larisierung und Mediatisierung.
Die Besonderheiten, die sich aus diesem Verhältnis von Großherzog und evangelischer Kirche ergaben, zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie am Beispiel Donaueschingen. Hier hatte mit der Bildung des Großherzogtums Ba.den das (katholische) Haus Fürstenberg die po.litische Souveränität über sein Fürstentum 1806 verloren und gehörte zum neu geschaffenen Großherzogtum Baden.
So war die Heirat des jungen Fürsten Karl Egon II. am 19. April 1818 mit der badischen Prinzessin Amalie Christine, Tochter des Groß.herzogs Karl Friedrich aus dessen zweiter Ehe, zunächst eine politische Angelegenheit. In dem Ehevertrag wurde festgelegt, dass die Fürstin Amalie evangelisch blieb – sie war lutherischen Glaubens – und einen Hofprediger bekam. Die.ser hielt Gottesdienste im Schloss – zunächst in den Privatgemächern der Fürstin, dann in der neu eingerichteten Amalienkapelle für alle Evangelischen in der Stadt. Dabei handelte es sich um meist fürstenbergische hohe und mitt.lere Beamte sowie Angehörige des badischen Bezirksamts. Für das junge Paar, für das die Ehe menschlich gesehen eine Liebesheirat war, war die Heirat sicher auch eine Art „Win-Win-Situa.tion“, denn für den Fürsten, den 1. Vizepräsiden.ten der badischen Ständekammer, hatte die en.ge verwandtschaftliche Beziehung zum Hause Baden ein enorm politisches Gewicht. Und für die Fürstin Amalie als Prinzessin ohne Erbbe.rechtigung bedeutete die Ehe gesellschaftliche Aufwertung.
Der Tag der Hochzeit kann also mit Fug und Recht als der Beginn evangelischen Lebens in der rein katholischen Residenzstadt Donau.eschingen bezeichnet werden. Ein gemeinde-ähnliches Leben entwickelte sich nur langsam, und nach dem Tod der Fürstin Amalie wurden die evangelischen Gottesdienste in einem Raum des Museumsgebäudes abgehalten. Erst 1870 bildete sich die Evangelische Genossenschaft, und 1876 konnte die erste evangelische Kirche an der Brigach, am Rande der Residenzstadt, ge.baut werden. Doch die Ernennung zur Kirchen.gemeinde durch Großherzog Friedrich I. erfolgte erst am 7. März 1878.

Die Fürstin Amalie war in der gesamten, überwiegend katholischen Bevölkerung sehr beliebt, dennoch kann von einer ökumenischen Gemeinschaft nicht gesprochen werden, denn evangelische Christen waren hauptsächlich in der oberen Mittel- und Oberschicht vertreten, vornehmlich in der fürstenbergischen und groß.herzoglichen Beamtenschaft. Und zudem galten sie als Zugezogene. Daran sollten die Nähe zum Landesherrn, dem Großherzog, und ab 1900 die jährliche Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. nichts ändern. Er war „summus epis.copus“ aller evangelischen Christen im Reich und weilte als Gast seines persönlichen Freun.des, des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg, in Donaueschingen.

Villingen feiert 1854 den ersten evangelischen Gottesdienst
Ein zweites Beispiel der Gründung einer evan.gelischen Gemeinde in unserer Region unter der großherzoglichen Ägide ist Villingen, die aber weit weniger spektakulär verlief. In der Gemein.dechronik ist bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur von wenigen evangelischen Bewohnern im Villinger Bereich die Rede. Die Zahl muss bis ins Jahr 1852 aber so angestiegen sein, dass der Antrag der bestehenden Evangelischen Genossenschaft auf Umwandlung in eine Kirchengemeinde gestellt wurde. 1854 wurde im Saal des Strafgerichts (heute Amtsgericht) der erste evangelische Gottesdienst gefeiert. Doch erst nach Weihung der Johanneskirche, der ehemaligen Kirche des Johanniterkonvents (gebaut im 14. Jahrhundert), zur evangelischen Kirche wurde am 22. April 1862 die evangelische Kirchengemeinde Villingen als Filialkirche von Mönchweiler errichtet. 1902 erhielt sie eine ei.gene Pfarrstelle.
Evangelisches Leben in den Villinger Um.landgemeinden ist nur im Zusammenhang mit den evangelischen Gemeinden wie Mönchwei.ler, Villingen oder Bad Dürrheim zu sehen. Heu.te gibt es die Jakobusgemeinde mit Dauchin.gen, Niedereschach, Weilersbach, Fischbach, Kappel, Schabenhausen, die Matthäusgemeinde mit Marbach, Klengen, Kirchdorf, Überauchen, Tannheim und Rietheim; Unterkirnach ist Teil der Paulusgemeinde Villingen.
Evangelisches Leben in der Diaspora im 19. und 20. Jahrhundert
Das Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises befand sich außerhalb der bereits be.handelten Orte, die von der württembergischen Reformation im 16. Jahrhundert geprägt waren,
Die Christuskirche in Donaueschingen – das ursprüngliche Orgelgitter mit den drei Stifter.wappen (von links) des Großherzogs, des Kaisers und des Fürsten von Fürstenberg wurde 1996 wiederhergestellt.

einschließlich Donaueschingen und Villingen, in einer reinen Diasporasituation. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau der Kirche in Donaueschingen vom Gustav-Adolf-Werk, das die evangelischen Gemeinden in der Diaspora auf der ganzen Welt unterstützt, bezu.schusst. Die Ausbreitung evangelischen Lebens im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hatte am we.nigsten religiöse oder reformatorische Gründe, sondern war durch Zuzug aus wirtschaftlichen und industriellen Veränderungen, gesellschaft.liche Entwicklungen und Flüchtlingsbewegun.gen, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Ursachen bedingt.
1828 registrierte man in Triberg vier evange.lische Einwohner, deren Zahl sehr langsam stieg und die seit 1846 von St. Georgen, später von Hornberg aus, betreut wurden. Einen erhebli.chen Einfluss auf die steigende Zahl von Evan.gelischen hatte zwischen 1860 und 1870 der Bau der Schwarzwaldbahn mit dem Zuzug von Arbeitskräften, so dass schon 1879 eine evange.lische Gemeinde auf Initiative des Hornberger Pfarrers Reuther gegründet wurde, beim ersten Gottesdienst zählte man immerhin 60-100 Be.sucher, und am 13. November 1898 konnte die Triberger Kirche eingeweiht werden.
Seit Mitte des 19. Jahrhundert lebten we.nige Evangelische in Furtwangen, und schon 1869 entspricht der Oberkirchenrat in Karlsruhe der Bitte um evangelische Gottesdienste in der Stadt. Die Gründung der ersten deutschen Uhrmacherschule durch den Ingenieur Robert Gerwig, der auch den Bau der Schwarzwald.bahn plante, hat wohl einen spürbaren Anteil am Anstieg der Evangelischen. Besonders aber der Zuzug evangelischer Arbeiter, hervorgerufen durch die sich immer mehr entwickelnde Uh.renindustrie – ähnlich wie in Schwenningen. Im September 1901 kann die evangelische Kirche in Furtwangen eingeweiht werden. Eine Kirche, in der im Dritten Reich auch Nazi-Gegner zu konspirativen Treffen zusammenkamen. In den 1970er-Jahren wurde in Furtwangen zudem das einzige evangelische Studentenwohnheim im Landkreis erstellt.
Vor dem Krieg gibt es nur wenige evangeli.sche Christen in den benachbarten Gemeinden Vöhrenbach und Gütenbach, die von der Furt.wanger Gemeinde mit betreut wurden. Nach dem Krieg kam es durch die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in Vöhrenbach, die sich im kirchlichen Bereich sehr engagierten, 1953 zum Bau der evangelischen Kirche. Auch in Gütenbach wurde 1972 eine eigene evangelische Kirche gebaut. Erst am 1. September 2013 wur.den die drei Kirchengemeinden Furtwangen, Vöhrenbach und Gütenbach zur Gesamtge.meinde Furtwangen vereinigt.
Industrielle Entwicklung beeinflusst das kirchliche Leben stark
Blumberg, die südlichste Gemeinde des Land.kreises, ist sicherlich das beste Beispiel dafür, wie die industrielle Entwicklung das kirchliche Leben beeinflusst. 1937 wurde im Dritten Reich der Doggererzbergbau eröffnet, und unter den Bergleuten aus allen Teilen Deutschlands waren auch viele Evangelische, so dass schon 1939 eine evangelische Kirchengemeinde mit rund 300 Gemeindegliedern mit staatlicher Genehmi.gung (!) errichtet wurde. Die Gemeinde erfuhr nach dem Krieg 1945 eine starke Zunahme durch Vertriebene und Flüchtlinge, und 1956 wurde die ehemalige umgebaute altkatholische Kirche als evangelische Kirche eingeweiht.
Bad Dürrheim gehörte bis 1806 zum König.reich Württemberg, weshalb es erstaunlich ist, dass in der Chronik erst 1848 von einer evan.gelischen Familie Götz, die sich in Dürrheim ansiedelte, die Rede ist. Weitere Evangelische folgten, so dass 1869 der erste Gottesdienst für sie im Kassengebäude der Salinenverwaltung stattfand. Durch die Entwicklung des Kurbe.triebs, durch das Solebad, kam es zu einer Ver.größerung der evangelischen Diasporagemein.schaft, die 1928 zur Kirchengemeinde erhoben wurde. Seit 1910 gab es schon eine kleine Kirche in der Ludwigstraße, und 1961 wurde dann die neue Johanneskirche eingeweiht. Angesichts der außerordentlich starken Entwicklung des Kurbetriebs wurde 1977 der erste hauptamtliche Kurseelsorger eingeführt.
Die evangelische Kirchengemeinde Hüfin.gen-Bräunlingen besteht mit eigenem Pfarramt erst seit 1970. Seit 1937 gab es schon die Hü.finger Kirchengemeinde, betreut von Donau.eschingen, mit einem eigenen evangelischen Pfarrer seit 1950; und die neue Friedenskirche wurde 1955 eingeweiht. 1969 wurde die Aufer.stehungskirche in Bräunlingen gebaut, so dass dann die gemeinsame Kirchengemeinde gebil.det werden konnte.

Die besondere Geschichte der Kirchengemeinde Königsfeld
Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Königsfeld hat eine ganz besondere Geschich.te. Denn Königsfeld ist eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine aus dem Jahr 1806 nach Erlaubnis des Königs von Württemberg. Die Herrnhuter blieben aber nicht lange unter sich, denn nach dem Bau der Schwarzwaldbahn entwickelte sich Königsfeld ab 1873 zu einem beliebten Kurort, und der Anteil der Bürger, die nicht der Brüdergemeine angehörten, stieg ste.tig. 1902 wurde Königsfeld eine badische Land.gemeinde, und 1952 wurde zwischen der Brü.dergemeine und der Badischen Landeskirche ein einmaliger Vertrag geschlossen: Evangelische Gottesdienste werden seitdem im Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine gehalten, ab.wechselnd nach der Ordnung der Landeskirche und der Brüdergemeine, die Geistlichen tragen Talar oder Anzug, auch beide Gesangbücher werden benutzt. Die Bezeichnung „Evangelische Gesamtgemeinde Königsfeld“ hat sich seitdem eingebürgert.
Die neue evangelische Kirche in Furtwangen und das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Pfarrhaus.

Zu den ältesten Gotteshäusern im Schwarzwald-Baar-Kreis zählt das Nikolauskirchlein in Königsfeld-Buchenberg. Die erste gesicherte Anga.be stammt aus einem Zehntbuch über Abgaben für die Kreuzzüge von 1275. Nach der 1534 in Buchenberg erfolgten Reformation wurde aus der katholischen eine evangelische Kirche. Die kostbaren Fresken aus dem
15. Jahrhundert wurden weiß übertüncht und blieben so fragmentarisch teils bis heute erhalten.

Die Hofkapelle zu Beckhofen
von Josef Vogt

Abreißen, umbauen, neu aufbauen, renovieren? Diese Fragen stellten sich die Eigentümerfamilien Maier und Hirt aus Beckhofen, als sie 1989 vor dem desolaten Erbe ihrer Vorfahren standen – der einstigen Hofkapelle. Es war wohl das Gespür für die Verantwortung um ein kulturgeschichtliches Erbe, das sie zunächst zum Kulturamt ins Landratsamt führte, um sich Rat für ihr Vorhaben zu holen. So blieb ein kirchengeschichtlich kostbarer Ort erhalten, ein großartiges Zeugnis früherer Volksfrömmigkeit. Die Kapelle wurde vorbildlich saniert und erfährt heute eine liebevolle Betreuung. Erstmals erwähnt ist sie im Jahr 1616 – ihr Baujahr ist unbekannt.
Wenn von der Gemeinde Brigachtal die Rede ist, so wird meist von den drei großen Ortsteilen Kirchdorf, Klengen und Überauchen gesprochen. Dabei wird übersehen, dass es genau genom.men auch noch einen „vierten Ortsteil“ gibt, nämlich Beckhofen. Dieser südwestlich von Klengen gelegene Weiler war bis zum Jahr 1924, als er nach Klengen eingemeindet wurde, ein „gemeindefreies Gebiet“. Er befand sich somit seit der Säkularisierung im Jahr 1805 im Besitz des Landes, hatte jedoch keine Gemeindever.tretung (Gemeinderat), keine ortspolizeiliche Verwaltung und wurde lediglich durch einen Obmann bzw. Ortsvorsteher verwaltet. Und obwohl dieser Ortsteil mit seinen „936 Jauchen“ (ca. 337 ha Land und Waldfläche) nie mehr als 40 Einwohner zählte, die ursprünglich zwei gro.ße Höfe, später auch einen ehemaligen Gasthof
Beatrix und Dietmar Maier mit Günter Hirt vor der Hofkapelle. Dass die Kapelle heute ein Kleinod im Landkreis darstellt, ist auch der Initiative ihrer Besitzer zu verdanken, die ihre Sanierung in den 1990er-Jahren größtenteils in Eigenarbeit bewerkstelligten.

und heute zwei weitere Wohngebäude bewoh.nen, lassen sich seine geschichtlichen Zeugnisse durchaus mit denen der drei anderen Ortsteile von Brigachtal messen.
Die Kapelle bestand bereits im Jahr 1616
Für nahezu 700 Jahre blieb Beckhofen zunächst im Besitz des Klosters St. Georgen, was durch Urkunden und Lehensbriefe dokumentiert ist. Fortan wurden die beiden Höfe, der Untere Hof oder Dinghof und der Obere Hof, als Lehen ver.geben. Eine Weiterentwicklung der Ansiedlung wurde dadurch vermieden; die zwei Höfe schie.nen dem Kloster St. Georgen zur Verwaltung seines Besitzes im Brigachtal zu genügen. Wie wichtig dieser Besitz allerdings für das Kloster war, geht daraus hervor, dass der Untere Hof als sog. „Freier Hof“, „Meyerhof“ oder auch als „Dinghof“ bezeichnet wurde. Nur große und wichtige Höfe erhielten diese Bezeichnung.
In diese Zeit fällt wohl auch die Errichtung einer Hofkapelle als Zeichen der Vorrangstel.lung des Hofes. Wir wissen zwar nicht das genaue Erbauungsdatum, wohl aber erteilt

Der Weiler Beckhofen mit der Hofkapelle neben dem Anwesen Maier, unmittelbar am Ufer der Brigach liegend.
Theodor Fürstbischof von Konstanz 1616 die überliefert, dass die Kapelle baufällig war und Erlaubnis, dort für sieben Jahre das Mess-repariert werden musste. Nach dem Protokoll opfer darzubringen. Und aus dem Jahr 1667 ist von 1685 „pfarrte“ der Dekan Josef Mötz von
Villingen die Beckhofer nach Kirchdorf ein. Die
gläubigen Beckhofer hatten zu versprechen, Dietmar Maier läutet die Grüninger-Glocke aus dem „allzeit am Sonntag nach Kirchdorf in die Kirch Jahr 1802. zu gehen“ und dem Pfarrer das „Hafergeld“ zu

Die Kapelle bietet Platz für bis zu 30 Besucher – der Altar stammt aus der Kirche von Klengen.
zahlen, wenn er zur Messlesung am Werktag in die Kapelle nach Beckhofen kam.
1802 erhält die Kapelle eine feinklingende Glocke, die Meinrad Grüninger aus Villingen für Josef und Ursula Hirt goss, so deren Inschrift. Auf der Rückseite der Glocke befindet sich eine Darstellung von Christus am Kreuz.
Im Zuge der Säkularisation von 1805 wurde der gesamte Besitz des Klosters St. Georgen verstaatlicht, so auch Beckhofen. Das bedeute.te, dass der vorderösterreichische Besitz 1805 zunächst an Württemberg und ein Jahr später dem Großherzogtum Baden einverleibt wurde. Im geographischen Lexikon des Großherzogtum Baden aus dem Jahre 1813 steht über Beckhofen: „Zwey Höfe mit 33 Seelen und einer eigenen Ge.markung im Bezirksamte Villingen am rechten Ufer der Brigach.“
Hofkapelle wechselt in Privatbesitz
Im Zuge der gebietlichen Neustrukturierung konnten die ehemaligen Pächter der Höfe diese vom Staat kaufen. So ist überliefert, dass der Lehensbauer den Unteren Hof unmittelbar vor seinem Tod erworben hat und seine „Wittib“ (Witwe) Mühe hatte, das notwendige Geld aufzubringen. Es ist anzunehmen, dass zum Hofkauf auch die Kapelle gehörte und diese so.mit Privatbesitz wurde. Die Messe wurde weiter gehalten, aus einem Schreiben vom 19. August 1816 erfahren wir: „Mittelst Schreiben des hochwürdigen Fürstbischof Theodor wurde die Darbringung des hl. Meßopfer auf sieben Jahre unbeschadet des Pfarrgottesdienstes erlaubt.“ Seither war es üblich, dass je nach Pfarrversor.gung – gewöhnlich wöchentlich, mindestens jedoch monatlich – ein Werktagsgottesdienst gehalten wurde. Ob dieser Anordnung immer nachgekommen wurde, ist nur spärlich überlie.fert. In der Regel hing es immer vom jeweiligen Pfarrer bzw. Pfarrverweser ab, wie gut er sich mit den Einwohnern verstand bzw. wie gut die.se der Pflicht nachkamen, den Pfarrer für seine Dienste zu alimentieren.

Frühe Sanierung und Auseinandersetzungen
Als Pfarrer Stephan Wehrle 1874 in Kirchdorf die Pfarrstelle antrat und damit auch für den Weiler Beckhofen zuständig wurde, begann für die Ka.pelle offenbar eine bessere Zeit. Allerdings kam es auch zu unerfreulichen Auseinandersetzun.gen zwischen Pfarrer und den Eigentümern wie Briefe und Aufzeichnungen widerspiegeln. So berichtet Pfarrer Wehrle in einem Brief an das Ordinariat: „Bei meinem Dienstantritt im Jahre 1874 fand ich die Kapelle in einem baufälligen und verwahrlosten Zustand, der Kelch und die Paramente waren derart vernachlässigt, der Altartisch mit einem Plunder, mit Glastafeln verstellt, daß Pflicht und Gewissen, selbst den natürlichen Abscheu, an solcher Stelle die hl. Messe zu feiern, mir dies verboten.“
„Gottesdienst ist nicht zahlreich besucht“
Ein Beckhofer wollte die Kosten für die jetzt folgende Sanierung der Kapelle nicht mittragen, verlor aber vor Gericht und bezahlte schließlich doch. Der Pfarrer: „Während des Rechtsstrei.tes konnte ich mich nicht entschließen, in der Kapelle zu Beckhofen die hl. Messe zu feiern. Auch habe ich die Meinung, eine Monatsmesse in Beckhofen wäre etwas viel. Im Sommer und Winter wird der Gottesdienst in Beckhofen nicht zahlreich besucht. Es sind 4 Wohnhäuser und oft waren nur 2 Personen aus einem Hause in der Kapelle.“

Über die Situation in Beckhofen berichtet der Pfarrer in aller Ausführlichkeit, betont, bei diesem Priestermangel sei eine Monatsmesse „für einen älteren und einzigen Priester mit Sitz in Kirchdorf eine Last“.
Weiter führt er an: „Obgleich ich mich, durch bittere Erfahrungen belehrt, entschlossen hatte, die Kapelle in Beckhofen ihrem Geschicke und dem guten Willen der Eigentümer zu überlas.sen, so ließ ich mich wieder bereden und sorgte dafür, daß die alten Kreuzwegstationen von der Kirche in Klengen nach Beckhofen kommen. Den geschenkten Altar (von Klengen) für die Kapelle haben sie mit Widerwillen angenommen, weil er Kosten wegen der Restauration verursachte. Deshalb hat der kath. Stiftungsrat in Klengen beschlossen, die entbehrlich gewordenen 14 Kreuzwegstationen nicht mehr zu schenken, sondern dafür 5Mk. 50 Pfg. für den Kirchenfond in Klengen zu fordern, was auch geschah und bezahlt wurde. Ob die Stationen den übrigen Beckhofer genehm waren, kann nicht gesagt werden. Es scheint, daß kirchliche Gegenstän.de, zumal wenn sie Geld kosten, nicht genehm sind.“
Über die Kreuzwegstationen ist in einem Protokoll vom 5. September 1877 folgendes zu lesen: „Die 14 Kreuzwegstationen befanden sich in einem mangelhaften und verwahrlosten Zu.stande“. Die ledige Carolina Hirt von Beckhofen, Tochter des Lorenz Hirt und der Maria Josefa Kupferschmitt, hat die alten Stationen für die Kapelle zu Beckhofen angekauft und dem
Rechts: Eine wertvolle barocke Arbeit ist die Strahlen.madonna eines unbekannten Meisters, die auf einem Apfel mit der Schlange thront. Der Marienaltar der Beckhofer Kapelle stand früher in der Kirche von Klen.gen. Aus eigenen Mitteln hätte sich der Weiler so eine wertvolle künstlerische Ausgestaltung der Hofkapelle kaum leisten können.
Links: Altarmalerei, ein betender Mönch.

Zum Altar der Kapelle gehören zwei Heiligenfiguren: Links der Heilige Josef mit Jesuskind und Lilie, rechts der Heilige Antonius, der als Franziskaner mit dem Jesuskind auf dem Arm und einer Lilie in der Hand dargestellt ist.
Kirchenfond Klengen bezahlt. Wie sehr das Ver.hältnis zwischen Pfarrer Wehrle und den Beck.hofenern gestört war, zeigt auch die Tatsache, dass der Pfarrer die restaurierten Kreuzwegsta.tionen am 17. März 1878 in Kirchdorf gesegnet hat, diese aber dann ohne ihn nach Beckhofen gebracht wurden, da er seit 1876 die Kapelle nicht mehr betreten wollte.
So mussten die Beckhofer geduldig auf eine Änderung des pfarrerlosen Zustandes warten. Er kam 1891, als Pfarrer Wehrle Kirchdorf verließ, und ein neuer Pfarrer die dortige Pfarrstelle übernahm. Sogleich schrieben die Beckhofener am 19. Dezember 1891 einen Brief an das Or.dinariat: „Nachdem nun unsere Pfarrei durch einen jungen sehr eifrigen und wertgeschätzten Priester besetzt ist, der nach unserem Dafür.halten den Weg von Kirchdorf nach Beckhofen mit größter Bereitwilligkeit machen würde, erlauben wir uns, an Hochwürdiges Erzbischöf.liches Ordinariat die ergebenste Bitte zu stellen, daß Pfarrer Lehmann zu Kirchdorf die Weisung erhält, wie seinerzeit alle Monate ein Messe in unserer Kapelle zu feiern.“

Offensichtlich hatten die Beckhofer im neu.en Amtsverweser August Lehmann ebenfalls ei.nen guten Fürsprecher für ihr Anliegen, der sich für sie einsetzte. Über Beckhofen berichtete er: „Der kleine Weiler zählt jetzt alles im allem 38 Personen, in der Nähe ist ein Bahnwärterhaus, 600 Schritte von der Kapelle die sogenannte Heergasse mit 10 bewohnten Häusern, auch von diesen wird der Gottesdienst besucht.“
Beide Bittbriefe verfehlten nicht ihre Wir.kung, denn in einem Beschluss vom 21. Januar 1892 wird für die Beckhofer-Kapelle die Messe wieder zugelassen.
Eingemeindung nach Klengen
Eine starke Zäsur für den Ort brachte das Jahr 1924: Am 22. Mai 1924 stimmte der Bürgeraus.schuss der Gemeinde Klengen einer Vereinigung mit der Gemarkung Beckhofen zu. Für die Kapel.le änderte sich zunächst nichts. Die jeweiligen Pfarrer machten bis in die 1960er-Jahre auch in Beckhofen von Zeit zu Zeit ihren Dienst. Da der Kirchenbesuch jedoch regelmäßige Gottes.dienste nicht mehr rechtfertigte, wurden diese eingestellt, was zur Folge hatte, dass die Pflege des Inneren der Kapelle vernächlässigt wurde. Zwar wurde nach 1945 die Kapelle von außen wieder in Stand gesetzt, das Schindeldach durch ein Kunstschieferdach ersetzt. Im Inneren ver.ursachte aber mangelnde Lüftung und eindrin.gendes Wasser immer sichtbarere Schäden, die letztendlich 1989 die heutigen Eigentümer vor die Frage stellte: abreißen, umbauen, neu auf.bauen, renovieren?
Durch eine Anfrage beim Kulturamt des Landratsamtes wurde schnell klar: An einen Abriss war nicht zu denken. Ein dickes Akten.bündel machte deutlich, dass die Beckhofer Hofkapelle ein hochwertiges Kulturgut darstellt, das über den Schwarzwald-Baar-Kreis hinaus von Bedeutung ist.
Renovierung mit viel Eigenarbeit
Das Landesdenkmalamt sagte Zuschüsse für die Renovierung zu. Nachdem sich die Eigentümer.familien Hirt und Maier geeinigt hatten, dass sie die Kapelle in jedem Fall erhalten wollen, wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Kostenvor.anschläge und Bilder der Hofkapelle wurden an das Landesdenkmalamt nach Freiburg geschickt, das seinerseits einen beachtlichen Zuschuss zu.sicherte. Weiter spendete die Bevölkerung über

16.000 Mark für die Sanierung der Kapelle.
Als Erstes wurde in Eigenarbeit damit be.gonnen, eine Drainage zu verlegen. Danach machte man sich an die Dachsanierung, um den Innenraum trockenzulegen. Erst danach konnte der Putz innen und außen erneuert werden. Nachdem alles gut trocken war, konnte die inzwischen fachmännisch restaurierte Ein.richtung wie Altar, Kreuzwegtafeln und Figuren wieder an ihren angestammten Platz gebracht werden.
Dank unzählig vieler freiwillig geleisteten Arbeitsstunden durch die Eigentümerfamilien sowie deren Freunde und Bekannte konnte im Mai 1995 wieder eine vorzeigbare Kapelle der Öffentlichkeit präsentiert werden. Bis heute ist die Kapelle viel besucht – ein Kleinod im Schwarzwald-Baar-Kreis. Führungen werden gerne in Anspruch genommen und gerne ge.währt.

Beatrix Maier sorgt in der Hofkapelle für Blumenschmuck. Im Weiler Beckhofen wird die Kapelle immer wie.der auch für einen Gottesdienst oder wie auf dem Bild rechts für eine Taufe genutzt, hier durch den früheren Vöhrenbacher Stadtpfarrer Bernhard Adler.

Die Erfindung des „Barockkuckucks“
Leben und Wirken des Uhrmachers Robert Hermann (1910 – 1982) von Dr. Johannes Graf, Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen
„Barockkuckuck“, durch Robert Hermann in den 1950er-Jahren zusammengefügt aus Teilen des 18. bis 20. Jahrhunderts (Deutsches Uhrenmuseum, Inv. 03-2202).

Am 15. März 1941 heirateten der Feinmechaniker Robert Herrmann und die Saalschreiberin Maria Staiger in der Triberger Wallfahrtskirche. Dabei passierte ein folgenreiches Missverständnis: Wohl aus Aufregung hatte das Ehepaar übersehen, dass der Familienname auf den amtlichen Urkunden nur mit einem „r“ geschrieben worden war. Als der Fehler bemerkt wurde, war es zu spät. Eine Änderung der Unterlagen wäre sehr aufwändig geworden, zumal in Kriegszeiten. Das Paar gab sich pragmatisch. Der Ehemann unterschrieb seitdem mit „Robert Hermann“. In der Nachkriegszeit sollte Robert Hermann mit dem Handeln und Reparieren von alten Uhren Geschichte schreiben. Wie kaum ein anderer hat er in den 1950er- und 1960er-Jahren das Bild geprägt, das sich Uhrensammler von Kuckucksuhren und anderen historischen Schwarzwalduhren machten. Hier soll erstmals an diese einflussreiche Persönlichkeit erinnert werden.
Traditionell waren es die Frauen, die bei der Hei.rat ihren Geburtsnamen abgeben mussten. In diesem Fall wurde es auch dem Mann bei jeder Unterschrift bewusst, dass er mit dem Namens.wechsel ein neues Leben begonnen hatte. Wie radikal sich das Leben des Feinmechanikers durch einen Schicksalsschlag kurz nach der Hochzeit ändern sollte, wird im Folgenden erzählt.
Robert Her(r)manns Lebenslauf
Am 4. April 1910 war Robert Hermann als sechstes Kind von Josef Herrmann und seiner Frau Theresie, geborene Gässler, in Furtwangen auf die Welt gekommen. Der in Dubenitz (Böhmen) geborene Vater war als Holzbildhauer tätig. Auch seine Frau Theresie hatte eine Ausbildung an der Furtwan.ger Schnitzereischule erhalten. Nach einer Lehre als Feinmechaniker arbeitete Robert Hermann bei Kienzle Apparate in Villingen. Der Hersteller von Taxametern und anderen Geräten hatte sich Anfang der 1930er-Jahre von der gleichnamigen Schwenninger Uhrenfabrik getrennt. Aus der Ehe mit Maria Staiger (04.04.1908 – 14.08.1996) gingen zwei Mädchen hervor, Waltraud Maria (*1941) und Christa Rosemarie (*1943).

Die Geburt der Kinder fiel in eine doppelt schwierige Zeit: Es war Krieg, und 1941 hatte Robert Hermann einen Schlaganfall erlitten. Sein rechtes Bein blieb gelähmt. Weitere gravie.rende gesundheitliche Einschränkungen konnte er dank der Unterstützung seiner Frau Maria in den Griff bekommen. Einer regelmäßigen Arbeit konnte Hermann nicht mehr nachgehen. Die Rente des 31-Jährigen reichte nicht, um die vier.köpfige Familie zu ernähren. Deshalb verdiente er sich in Heimarbeit, unter anderem für Kienin.ger und Obergfell (St. Georgen), ein Zubrot. Er begann, Uhren zu reparieren.
1943 floh die Familie nach Pfohren bei Do.naueschingen. Hermann erhoffte sich, auf dem Land von den Folgen des Krieges verschont zu bleiben. Auch hier hielt er die Familie mit Uh.renreparaturen über Wasser.
Unmittelbar nach Kriegsende kehrte er mit Frau und Töchtern nach Villingen zurück, wo sie im Gasthaus Schwert direkt unter dem Dach wohnten. Hermann kümmerte sich jetzt auch um die Uhren der französischen Besatzungssoldaten. Aus dieser Zeit datieren erste Hinweise über den Handel mit Schwarzwalduhren. Hermann rüstete Lackschilduhren mit Figurenautomaten auf.

Preiswerte Lackschilduhren als Grundlage
Als Grundlage für seine Umbauten dienten ihm die typischen robusten Holzuhren mit bunt be.malten Zifferblättern. Diese Lackschilduhren wa.ren im gesamten 19. Jahrhundert in vielen kleinen Uhrmacherwerkstätten des Schwarzwaldes ar.beitsteilig und mit Maschineneinsatz entstanden. Die preiswerten Massenprodukte konnten sich selbst ärmere Schichten leisten.
Während die hölzernen Alltagsuhren in großen Stückzahlen erhalten blieben, zählen Schwarzwalduhren mit kleinen beweglichen Fi.guren zu den Raritäten. Eine seltenere Variante sind Glockenschlägeruhren, bei denen auf einer kleinen Bühne oberhalb des Zifferblatts kleine Holzfiguren zu sehen sind. Diese tragen in der Hand einen kleinen Hammer, mit dem sie zu jeder Stunde und meist auch zur Viertelstunde auf die Glocken schlagen.
Hermann nahm einige der häufigen Lack.schilduhren, sägte den halbkreisförmigen Bogen im oberen Teil des Lackschilds ab und platzierte auf dem Werk eine Bühne. Dort warteten Zwerge mit Wattebärten in Manier der Erzgebirgischen Holzkunst darauf, die Glocke schlagen zu dürfen. Eine solche 1945 entstandene Automatenuhr

Glockenschläger-Automat auf der Basis einer Lack.schilduhr, Robert Hermann, Villingen, 1945 (Deutsches Uhrenmuseum, Inv. K-0014).
wurde von Hellmut Kienzle, dem Direktor der gleichnamigen Schwenninger Uhrenfabriken, er.worben. Kienzle war in den 1950er-Jahren regel.mäßiger Gast bei Hermann. Über die firmeneige.ne Sammlung alter Uhren ist dieses Stück an das Deutsche Uhrenmuseum gelangt (Inv. K-0014).
Durch die Gestaltung der Zwerge und der Bühnenumrandung ist auf den ersten Blick er.kennbar, dass es sich nicht um einen originalen Automaten handelt, sondern um eine spätere Ergänzung. Heute haben diese naiv anmutenden Veränderungen in ihrer Harmlosigkeit einen eige.nen Charme, da sie viel über die Sehnsüchte und Wünsche der Uhrensammler unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg aussagen. Es ist durch.aus bezeichnend, dass sich erwachsene Männer damals für Holzuhren aus dem 19. Jahrhundert mit glockenschlagenden Zwergen begeistern konnten. Denn schließlich wollten die meisten Deutschen vor allem eines: Die jüngste Geschich.te mit ihren Superlativen von Groß-Deutschland und dem größten Führer aller Zeiten vergessen.
In der „Gerbe“
1946 kehrte Hermann auf Wunsch des betag.ten Vaters Josef Herrmann nach Furtwangen zurück. Zunächst wohnte man im Elternhaus, dem „Kohlerhäusle“, Katzensteig 34. 1948 starb der Vater. Das Erbe wurde unter den sechs Ge.schwistern aufgeteilt. Robert Hermann konnte seine Brüder und Schwestern nicht auszahlen. So musste die Familie das idyllische Tal nördlich der Furtwanger Kernstadt verlassen.
Hermann fand eine neue Bleibe in der In.nenstadt. In der „Gerbe“ befand sich die Firma „Uhren-Walz“, eine kleine Fabrikationswerk.stätte für Kuckucksuhren, die in einem eigenen Laden verkauft wurden. Interessanterweise arbeitete Hermann trotz seiner Kenntnisse in Feinmechanik und Uhrenreparatur nie für „Uhren-Walz“. Die älteste Tochter mutmaßt, der Vermieter habe Angst davor gehabt, ihr Vater könne die Erfahrungen bei der Kuckucksuhren.produktion ausnutzen, um zur Konkurrenz zu werden. Allerdings ernährte die Herstellung von Schwarzwalduhren auf kleiner Flamme kaum den Besitzer der Firma. Es wäre sicherlich ein schwer zu kalkulierendes Wagnis gewesen, den geschickten, aber nur eingeschränkt arbeitsfähi.gen Robert Hermann einzustellen.
Die Wohnverhältnisse in der „Gerbe“ waren beengt, weil der Vater einen der beiden großen Räume als Werkstatt nutzte. Dieses Zimmer wurde im strengen Furtwanger Winter nicht be.heizt. Wenn der Vater arbeitete, mussten sich die Kinder absolut still verhalten. Die älteste Tochter berichtet: „Oberste Priorität war, dass es ihm gut ging. Denn wenn er arbeiten konnte, verdiente er Geld, und dann ging es auch uns gut.“
Im zweiten großen Raum befand sich das Schlafzimmer für die gesamte Familie. Um et.was mehr Privatsphäre zu schaffen, kaufte die ältere Tochter von ihrem ersten Geld, das sie mit Kinderhüten verdient hatte, einen Vorhang. Durch den Raumteiler entstand so wenigstens optisch der Eindruck eines eigenen Zimmers für die beiden Töchter. Das familiäre Leben spielte sich vor allem in der Küche ab, dem einzig dau.erhaft beheizten Raum. Ein weiterer kleiner Raum diente als gute Stube. Er wurde jedoch nur selten genutzt, zu Familienfesten oder wenn Besuch kam.

Die Mutter stockte das Einkommen durch Schneiderarbeiten auf. In Heimarbeit montierte sie Modellbahnhäuschen für die im benachbar.ten Gütenbach ansässige Firma Faller. „Eigent.lich wurde bei uns immer gearbeitet“, erinnert sich die älteste Tochter.
Nach fast zwanzig Jahren zog die Familie 1964 in eine helle Wohnung in der ersten Furt.wanger Uhrmacherschule um. Als das historisch bedeutende Gebäude in der Allmendstraße einer Ausstellungsfläche für Gebrauchtwagen weichen musste, fand Robert Hermann mit seiner Frau 1972 eine neue Bleibe im „Schatten.küfer“, einem urigen Schwarzwaldhaus in der Bregstraße. Mit den schweren, großgemuster.ten Stores an den Fenstern, den alten Balken und dem Kachelofen bot es die passende Kulisse für die Erinnerung an die Produkte der regiona.len Hausindustrie des 18. und 19. Jahrhunderts.
Robert Hermann an seiner Werkbank in der „Gerbe“, um 1960.

Am 15. Juni 1982 starb Robert Hermann mit 72 Jahren. Seine Frau lebte in dem Haus noch ein weiteres Jahr, bevor sie ins Seniorenheim kam. Kurze Zeit später brannte der „Schatten.küfer“ unter nicht genau geklärten Umständen ab. An seiner Stelle befindet sich heute eine Hei.zungs- und Sanitärfirma.
Uhrensammler geben sich die Klinke in die Hand
Hatte Hermann anfangs wohl vor allem Uhren repariert, so verschob sich sein geschäftliches und privates Interesse in der Nachkriegszeit mehr und mehr in Richtung historische Uhren. Er wurde zur Anlaufstelle für Sammler alter Holzuhren. In den 1950er- und 1960er-Jahren war das Sammeln von Schwarzwalduhren noch ein eher exklusives Hobby. Bei Robert Hermann in Furtwangen ging nach Aussagen der Tochter ein und aus, wer in der Uhrenszene Rang und Namen hatte.

Frühe Kuckucksuhr, wohl Elsass, zweite Hälfte 18. Jahrhundert, von Robert Hermann an das Deutsche Uhrenmuseum verkauft (Inv. 03-2002).
Aus der unmittelbaren Nachbarschaft kamen ein Fabrikant aus Furtwangen, Bankdi.rektor Mellert aus (Titisee-)Neustadt sowie der Bäckereibesitzer Stefan Weber aus St. Peter. Als Gründungsmitglied des Fachkreises „Histo.rische Uhren“ der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie hatte Weber publik gemacht, dass das Sammeln alter Holzuhren genau so ernst zu nehmen war wie das von Taschenuhren oder Eisenuhren des 16. bis 18. Jahrhunderts. Der Banker Mellert verfolgte den Plan, in Neustadt ein Museum zur Geschichte der Schwarzwald.uhren zu errichten. Er ließ deshalb unter ande.rem bei Hermanns Schwiegersohn 1962 eine idealtypische Schwarzwälder Uhrmacherwerk.stätte restaurieren bzw. rekonstruieren. Dieser Auftrag kam dem historisch interessierten Schreiner sehr gelegen. Denn damit konnte er die Hochzeit mit der ältesten Tochter von Robert Hermann finanzieren.
Großsammler mit eigenen Uhrenmuseen wie Hellmut Kienzle aus Schwenningen und Jür.gen Abeler aus der gleichnamigen Wuppertaler Juwelierdynastie, der in Furtwangen von 1950 bis 1954 eine Uhrmacherlehre absolvierte und 1959 die Meisterprüfung ablegte, waren eben.falls unter den Kunden. Berühmt-berüchtigt wa.ren die winterlichen Ausflüge des Schwenninger Fabrikantenehepaars. Kienzle bezahlte die alten Schwarzwalduhren, die er vor oder nach einer Skitour erwarb, nur selten bar. Meist hatte er – wie eine der Töchter von Hermann berich.tete – „händevoll Armbanduhren“ aus aktueller Produktion dabei, die er gegen die historischen Zeitmesser eintauschte. Robert Hermann ak.zeptierte zähneknirschend diese Art des Tausch.handels, wohl wissend, dass es sich um keine hochwertigen Armbanduhren handelte, die er abschätzend als „Traktoren“ bezeichnete. Auch Hans Künzel, Inhaber der „Madrifa-Moden“ in Krefeld, brachte der Ehefrau von Robert Her.mann bei seinen Reisen in den Schwarzwald

Robert Hermann und ein Kunde im Gespräch über eine Schwarzwalduhr, um 1960.
säckeweise Stoffreste aus der eigenen Textilpro.duktion mit, aber nicht, um damit alte Uhren zu bezahlen, sondern als Rohmaterial für die An.fertigung von Kleidung und Haustextilien.
Einer der treuesten Kunden war ein deut.scher Botschaftsangehöriger mit Namen Weich-hold, der regelmäßig nicht nur Furtwangen besuchte, sondern auch den legendären Pariser Flohmarkt. Von dort brachte Weichhold auch eine alte Kuckucksuhr nach Furtwangen, die er gegen eine andere Uhr oder als Bezahlung für Reparaturen in Zahlung gab. Diese Uhr mit Holzräderwerk und bemaltem rechteckigen Holzschild verkaufte Hermann an Stefan Weber. Eben diese Uhr erwarb später die Historische Uhrensammlung, das heutige Deutsche Uh.renmuseum. Sie gilt heute als eine der ältesten Kuckucksuhren überhaupt. Wo sie gebaut wur.de, konnte noch nicht mit Bestimmtheit geklärt werden. Lange Zeit wurde als Entstehungsregi.on der Schwarzwald angenommen. Inzwischen ist jedoch eine Holzräderuhr vergleichbarer Bau.art aufgetaucht, die ein elsässischer Uhrmacher signiert hatte.

Der „Barockkuckuck“ – Hermanns legendäres Meisterwerk
Bei allen acht Uhren im Deutschen Uhrenmuse.um, die von Hermann stammen, handelt es sich um optisch außergewöhnlich attraktive Stücke. Sie weichen deutlich vom Mittelmaß ab. Ge.meinsam ist der Mehrzahl dieser Uhren zudem, dass sie von Robert Hermann oder in späterer Zeit stark verändert wurden, damit sie der Er.wartung der Sammler entsprachen. Wie mir die älteste Tochter erzählte, war für den überwiegen.den Teil der Uhrenliebhaber der Nachkriegszeit das Aussehen der Uhren entscheidend, nicht die Authentizität. Manche Schilder wurden soweit überarbeitet, dass heute nicht mehr erkennbar ist, was gewachsene Substanz und was moderne Zutat ist. Wichtig war und ist für die meisten Sammler ebenso, dass die Uhren wieder funkti.onierten. So setzte Hermann die Werke wieder instand, egal, wie gravierend die Eingriffe auch waren. Zahnräder wurden ergänzt, teils sogar ganze Platinen neu gefertigt.
Im Extremfall entstanden in Hermanns Werkstatt aus unterschiedlichen alten und neu-en Teilen optisch attraktive Phantasieprodukte, die das Bild der Schwarzwalduhr maßgeblich beeinflussen konnten. Die wohl folgenreichs.te Erfindung Hermanns war der sogenannte „Barockkuckuck“, der 1961 vom Furtwanger Mu.seum angekauft wurde. Voller Stolz über diese prächtige Uhr druckte man sie auf dem Um.schlag des Standardwerks über die Kuckucksuhr von 1988 ab.
Heute ist jedoch klar: Bei dieser Uhr passt fast nichts zusammen. Zwar stammt das ge.schnitzte Uhrenschild wahrscheinlich aus dem späten 18. Jahrhundert. Die ursprüngliche Fas.sung ist jedoch nicht mehr erhalten. Der Furt.wanger Malermeister Gruber, der auch andere Uhren für Hermann ausbesserte, hat das Schild neu mit Goldbronze gehöht. Die fehlenden Zei.ger wurden nach historischen Vorbildern von Robert Hermanns zweitem Schwiegersohn in den Werkstätten der Furtwanger Berufsfach.schule angefertigt.
Hinter dem Zifferblatt verbirgt sich ein Uhr.werk, das den Prägestempel IW des Gestellma.chers auf der Vorderseite trägt. Der Prägestem.pel ist vor allem von Uhrwerken mit typischen Merkmalen einer Entstehung von 1810/20 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Das Werk ist folglich deutlich jünger als das Schild.

Ursprünglich hatte das Werk gar keinen Kuckucksmechanismus, sondern wohl einen Stundenschlag auf Glocke. Dies lässt sich aus den wieder verschlossenen Bohrungen in Decke und Boden für die Schlagwerkwelle schließen. Um die Hebel für das Anheben der beiden Kuckucksflöten anbringen zu können, musste Hermann je eine der seitlichen mittleren und hinteren Platinen ergänzen. Außerdem musste er das gesamte Werk nach hinten verlängern, um eine geeignete Position für das Anheben der links und rechts angebrachten Flöten zu erhal.ten. Ferner sind das Material der Rückwand so.wie der gesamte Glockenstuhl samt Glasglocke genau so neu wie die Kuckuckspfeifen. Bei der Verheiratung von Uhrwerk und Schild wurden Gestelldecke und –boden der Rundung des Schildes angepasst, weil sich das Zifferblatt im Laufe der Zeit stark gewölbt hatte. Frühere Be.festigungen an der Rückseite des Schildes waren ausgebessert worden.
Robert Hermann mit Ehefrau in seiner Wohnung in der ehemaligen Großherzoglich Badischen Uhrenmacherschule, um 1970.

Ebenso untypisch für das 18. Jahrhundert ist die Figur des Kuckucks. Solche wohlgenährten Holzvögel wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – etwa in einigen der prächtigen Beha-Kuckucksuhren aus Eisenbach – verwendet. Zudem ist fraglich, ob hinter der Aussparung im Uhrenschild ursprünglich ein Kuckuck oder vielleicht eine andere bewegliche Figur sichtbar war. Ein Kläppchen wie bei vielen Kuckucksuhren scheint es früher aber gegeben zu haben.
Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, wie meine Vorgänger im Deutschen Uhrenmuseum diese zusammengebastelte Uhr schöngeredet haben. In dem oben genannten, ansonsten sorgfältig recherchierten Buch über die Kuckucksuhr fin.det sich nicht der leiseste Zweifel an der Echt.heit der Uhr. Offensichtlich war der Wunsch so stark, endlich den heiligen Gral der Kuckucksuhr gefunden zu haben, dass in der Beschreibung selbst der nicht zu leugnende Widerspruch zwi.schen dem Barockschild dem deutlich späteren Werk stillschweigend eingeebnet wurde, ja als Indiz für die Authentizität der Uhr gedeutet wurde: „Das Werk erweckt den Eindruck, als sei es nach der Barockperiode entstanden, oder es müßte in dieser Zeit als sehr fortschrittliches, recht solides Werk sehr früh gegenüber anderen Werken ähnlicher Bauart hergestellt worden sein.“
Wie gehen wir mit dem Erbe von Robert Hermann um?
Robert Hermann ist es gelungen, durch seine Tätigkeit als Uhrmacher und Uhrenhändler das Bild der Schwarzwalduhr nachdrücklich zu prägen. Als Frührentner auf einen Nebener.werb angewiesen, um die vierköpfige Familie durchzubringen, fand er eine Nische darin, die Uhrensammler der Nachkriegszeit mit dem zu beliefern, wonach sie suchten: Er besorgte ih.nen Schwarzwalduhren, die außergewöhnliche Motive zeigten und möglichst mit Zusatzfunk.tionen ausgestattet waren. Dabei war es ne.bensächlich, ob die Uhrwerke original mit dem Schild verbunden waren oder nicht. Und noch heute haben viele der außergewöhnlichen Uh.ren aus der Sammlung Hermann ihren eigenen

durch seine Tätigkeit als Uhrma.cher und Uhrenhändler das Bild der Schwarzwalduhr nachdrücklich zu prägen.

Reiz. Aber es ist nicht immer einfach, die Quali.tät der Uhren zu beurteilen, wie bei den beiden Kuckucksuhren, die das Museum von Hermann gekauft hat: Die Spanne ist riesig, von der frü.hen, weitgehend originalen Holzräderuhr aus dem Elsass bis zur Erfindung eines angeblichen „Barockkuckuck“ aus altem Schild und neuerem Uhrwerk.
Zur Zeit ist die bedeutende Elsässer Holz.räderkuckucksuhr im Museum ausgestellt. Sie passt perfekt zur Erzählung von den ältesten bis zu den jüngsten Uhren mit Schwerpunkt Schwarzwald. Der „Barockkuckuck“ hingegen wurde bei der Neugestaltung der Schausamm.lung vor etwa zehn Jahren ins Depot gebracht. Der Entschluss, diese äußerst dekorative Uhr nicht mehr zu zeigen, wurde damals kontrovers diskutiert. Schließlich war diese Kuckucksuhr eines der Erkennungszeichen der Furtwanger Sammlung. In der Außenwerbung für das Mu.seum spielte sie eine zentrale Rolle. Und noch heute ist die Popularität der Uhr weitgehend ungebrochen. Immer noch wird sie in Touris.musprospekten der Region verwendet – ein.fach, weil sie die traditionelle Schwarzwälder Kuckucksuhr scheinbar perfekt verkörpert, ohne das Klischee der Souveniruhren mit röhrenden Hirschen zu wiederholen.
Für den Besucher ist jedoch nur schwer zu er.kennen, wie wenig authentisch diese Uhr ist. Sie steht eben nicht als Zeugnis für die Hausindus.trie des Schwarzwalds, sondern für die Wunsch.vorstellung der Uhrensammler in der Mitte des
20. Jahrhunderts. Noch haben wir keinen Weg gefunden, diese vertrackte Überlieferung deut.lich zu machen. Deshalb wird es wohl noch eini.ge Zeit dauern, bis der „Barockkuckuck“ wieder einen festen Platz in der Geschichtserzählung des Museums einnehmen wird.
Der Hüfinger Orchideenwald im Wandel der Zeiten
Dr. Hans-Joachim Blech
Der Hinger Orchideenwald ist f Naturliebhaber im S.westen wie auch in Europa seit vielen Jahrzehnten ein Eldo.rado der seltenen Pflanzen, vor allem Orchideen. Es ist ein Gebiet von ca. 126 Hektar Gre, hälftig durchschnitten von der Bundesstraße 31. Etwa 80 Hektar sind Orchideenge.biet. Es geht zur Gemarkung Hingen.
Zweiblättrige Waldhyazinthe
Platanthera bifolia

Etwa 20 Arten der seltenen Pflanzen blühen zwischen Mai und Juli und können per ausgeschildertem Rund.weg besichtigt werden.
aber auch für die nacheiszeitliche menschliche Besiedlung. Der Peters.felsen bei Engen mit seinen 10.000
bis 12.000 Jahre alten großen Mengen von tierischen Knochenfunden sind Zei.chen erster Besiedlung durch Sammler und Jäger. Vor allem klimatische
Schwankungen von weni.
gen Graden brachten bereits gravierende Veränderungen für Fauna, Flora und Menschen. Ver.
stärkte Pollenfunde von Fichte
in Mooren der Baar sind Anzei-

Geschichte chen für kältere Phasen, Pol-
Der südliche lenfunde von Buche für wärmere
Bereich, Deggen-Phasen. Kulturelle Hochphasen korrelieren
reuschen, leitet sich in der Regel mit wärmeren Zeiten, Bevölkerungs.

in der Namensgebung ab von „Dögginger, Döggerischer Wald, Deckenreuschen, Teg.gen Rüschen“ und wird bereits 1501 als Wald angegeben. Das nördlich der Bundesstraße gelegene Gebiet Rauschachen leitet sich von Rau gleich dichtes Gebüsch und Schachen, Schochen oder Schorren ab und bedeutet Wal.dung, Gehölz (zwischen den Äckern). Der Name des Gewannes Schosen leitet sich wohl von „herabstürzendem Wasser“ ab (westlich liegt etwas höher das Watzental, Wassertal). Auf der Hüfinger Urbarkarte von 1786 sind die beiden Waldanteile deutlich dargestellt. Die Höhenlage liegt zwischen 720 und 776 m, muldenförmig nach Osten absinkend. Die Geologie zeigt im Rauschachen und im nördlichem Drittel vom Deggenreuschen oberen Muschelkalk (Trigo.nodusdolomit), die südlichen zwei Drittel des Bereiches Deggenreuschen sind Lettenkeuper.
Über viele Jahrtausende unterlag auch die Baar seit dem Ende der Eiszeit menschlichen wie klimatischen Veränderungen und Einflüssen: die Baar ist ein Kreuzungspunkt für Fauna und Flora wachstum und Intensivierung von Ackerbau und Viehhaltung. Der Waldanteil wurde dadurch, aber auch durch Glasbläserei, Köhlerei, Erzver.hüttung, zu Heizungszwecken und durch Bauten

z.B. durch Klöster, zurückgedrängt, so dass z.T. der Waldbestand im frühen Mittelalter nur 25 % von heute betrug. Das änderte sich wieder, als Mitte des 19. Jahrhunderts der Holzbedarf zurück ging, vor allem durch den Energieträger Kohle und die Entdeckung des Kunstdüngers durch Justus von Liebig.
Die Siedlungen der frühen Menschen hin.terließen z.B. im Gewann Niederwiesen zwi.schen Hüfingen und Bräunlingen im Bereich der Bregniederung sowohl mittelneolithische Keramikscherben (ca. 4000 v. Chr.), Gräber aus der späten Bronzezeit (1200 v. Chr.), der Ur.nenfelderzeit (ca. 1000 v. Chr.) und der späten Hallstadtzeit der Kelten (600 v. Chr. Zeit des Magdalenenberges Villingen) (Jutta Krug-Trep.pe, Schriften der Baar 2001).
Auf dem Galgenberg oberhalb des Römer.bades war eine Siedlung aus der La-Tène-Zeit (100 v. Chr.). Menschen der Bronzezeit, Kelten wie auch besonders die Römer, haben auf der Baar große Spuren hinterlassen. Dies trifft besonders für den Bereich Hüfingen und das Umfeld des Hüfinger Orchideenwaldes zu. Hü.fingen lag an der Römerstraße von Windisch nach Rottweil. Wahrscheinlich gab es auch eine Römerstraße aus dem Rheintal kommend nach Osten. Dokumentiert wurde dies auf der mittel.alterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte aus dem 4. Jahrhundert, der Tabula Peutingeria.na. Die drei oben genannten Orte trugen die Na.men Brigobanne, Vindonissia und Arae Flaviae.

Brigobanne
Der römische Standort Brigobanne (Hüfingen) existierte etwa von 70 n. Chr. bis 240 n. Chr. Kastell, Römerbad, Vicus (Dorf) lagen am Nord.ost Rand des Gebietes Rauschachen, die Villa rustica (Gutshof) am Südrand des Gebietes Deggenreuschen. Neben den einheimischen Bürgern des Ortes mussten das Militärlager, die Handwerker, die durchreisenden Händler, wie auch ihre Tiere versorgt werden. Es gibt im Hüfinger Orchideenwald einige Bereiche, wo Terrassierungen erkennbar sind, ohne sie zeitlich einordnen zu können. In der Hüfinger Urbarkarte von 1786 ist das Gebiet Deggenreu-

Brigobanne (Punkt) auf der Tabula Peutingeriana, auch Peutingersche Tafel genannt, die das römische Straßennetz zeigt.
schen-Rauschachen wie auch das Gebiet der Trasse der heutigen Bundesstraße 31 gut zu erkennen. Wie im Mittelalter üblich, wechselten Städte, Ortschaften oder Gewanne den Eigen.tümer durch kriegerische Einflüsse oder durch notwendigen Verkauf. So wechselte Hüfingen in der Zeit von 1620 bis 1640 durch Kauf von den Schellenbergern zu den Fürstenbergern. Damit wurde der Hüfinger Wald wahrscheinlich auch mehr jagdlich genutzt. 1805 verloren die Fürstenberger durch die Mediatisierung ihren Besitz und Hüfingen kam zum großen Teil zum Herzogtum Baden.
Ein Naturschutzgebiet entsteht
Das zunehmende regionale Interesse an ein.heimischer Fauna und Flora durch regionale Fürsten, Ärzte, Apotheker, Pfarrer, Lehrer usw. führte 1805 in Donaueschingen zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde vaterländischer Geschichte und Naturgeschichte an den Quellen der Donau“, heute kurz „Baarverein“, unter an.derem durch den Immendinger Reichsfreiherrn Friedrich Roth von Schreckenstein. Gleichzeitig
verstärkte sich der Gedanke, Landschaft und Natur zu erhalten. Bei Roth von Schrecken.stein wurden 1799 in seinem Buch „Verzeichnis sichtbar blender Gewaechse, welche um den Ursprung der Donau und des Nekars, dann um den unteren Theil des Bodensees vorkommen“
erstmals regionale Orchideen erwähnt, bei dem Hüfinger Tierarzt Carl Engesser wurden 1852 be.reits Gewannnamen angegeben. Noch ausführ.licher und botanisch präziser sind die Angaben von Hermann Zahn 1889 in „Flora der Baar“.
Neben der Gründung der vaterländischen Vereine (u.a. 1805 der heutige „Baarverein“ Do.naueschingen) in der ersten Hälfte des 19. Jahr.hunderts folgte die Gründung der Wanderver.eine in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wie z.B. des Schwarzwaldvereins 1864 oder des Schwäbischen Albvereins 1888. Ziel dieser Verei.ne war zunächst der Erhalt des Landschaftsbil.des, später kam der Gedanke des Naturschutzes hinzu. In den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhun.derts standen bereits mehrere hundert Gebiete im Südwesten auf einer Liste schützenswerter Regionen, darunter auch das Gebiet des heu.tigen Hüfinger Orchideenwalds. Der Gedanke „Naturschutz“ wurde durch die Naturschutzge.setzgebung 1935 gesetzlich verankert, was zu dieser Zeit auch zur Ideologie passte. 1939 kam es zu einem Antrag der Bezirksnaturschutzstelle Donaueschingen unter Leitung von Karl Wacker an die Badische Landesnaturschutzstelle in Karls.ruhe zur Errichtung eines Pflanzenschongebietes Rauschachen. Im Hintergrund maßgeblich mit.beteiligt war Dr. Erwin Sumser, geb. 1891 in Merz-hausen bei Freiburg, gestorben 1961 in Hüfingen. Er war ein Pionier des Naturschutzes im Südwes.ten, kaufte privat Gebiete in Ebringen (Sumser Gärtchen), Döggingen, Bräunlingen, Riedöschin.gen oder Hondingen (Zisiberg). Schwerpunkt war in erster Linie der Schutz der Orchideen. Daher wurde er auch „Orchideenvater“ genannt. Pflege und Bewachung, vor allem auch in Hüfingen, zahlte er oft aus eigener Tasche. Kurz vor seinem Tod 1961 gingen diese Gebiete in das Eigentum des Landes Baden-Württemberg über. Übrigens war Dr. Sumser auch daran beteiligt, dass die Wutachschlucht nicht aufgestaut und damit zer.stört wurde.

Am 7. April 1941 wurde das Gebiet durch das „Badische Ministerium des Kultus und Unter.richts“ in Karlsruhe offiziell zum Naturschutzge.biet Degggenreuschen- Rauschachen ernannt.
Nutzung, Reparationsleistung und Sturmschäden
Neben der schon genannten alten Nutzung der Holzgewinnung wur.den die Wälder im Mittelalter bis in die Neuzeit auch als Waldwei.de genutzt. Seit dem Mittelalter gab es verstärkt Eingriffe durch den Menschen, Waldweide und Ackerbau, das Klima war zum Teil kälter (Kleine Eiszeit von 1350 bis 1850), deshalb gab es weniger Bu-
Der sogenannte „Franzosenhieb“ ver.nichtete große Teile des Waldbestandes.
chen und mehr Fichten. Seit etwa 150 Jahren dominiert die Fichte und die Kiefer. Namen von Gewannen deuten auch auf die Nutzung hin: Hammeltal, Ochsentrieb, Schafschachen. Folgen sind starke Oberbodenschädigung und Nährstoffentzug, die heute mit zu den massiven Orchideenbeständen führen. Dies erfuhr 1777 durch Änderung der Waldweidenutzung eine Einschränkung, die erst gegen 1820/1830 end.gültig zur verpflichtenden Stallhaltung der Tiere wurde. Die Nutzung des Waldes als Heizmateri.al und das Sammeln von Bruchholz zeigte einen „aufgeräumten“ Wald bis in die fünfziger Jahre. Heute geht vieles von den Holzresten in die Hackschnitzelproduktion. Auf der anderen Sei.te wissen wir, dass Totholz im Wald eine ganz wichtige ökologische Funktion hat. Deshalb ist es das Ziel im Hüfinger Orchideenwald, auch ein Totholzmanagement zu realisieren. Wobei es festzuhalten gilt, dass alle unsere Wälder Kulturwälder sind und wohl noch lange bleiben werden, auch wenn wir uns um das Entstehen von „Urwäldern“ bemühen.
In der Nachkriegszeit vernichtete der soge.nannte „Franzosenhieb“ als Reparationszah.lung im Rauschachen große Teile des Waldbe.standes. Die Folgen der Wiederaufforstung als reinem Fichtenbestand bereitet den Förstern durch Käferbefall, schlechtes Wachstum, Rot.fäule des Kernholzes und durch zunehmende Trockenheit bis heute große Sorgen.
Ganz wesentlichen Einfluss auf den Wald hatten auch Stürme, in naher historischer Zeit waren es vor allem:

Sturm ohne Namen 1967, ca. 12.000 Festmeter Windbruch Vivian 25.-27.02.1990, 285 Km/h

• Wiebke 28.02.-01.03.1990, 285 Km/h


Lothar 26.-27.12.1999, ca. 35.000 Fest.meter Windbruch, 272 Km/h

Neben dem Verlust von Waldbestand bieten Sturmflächen aber gerade Pionierpflanzen ein willkommenes Wachstumsgebiet und es ent.stehen Aufforstungsbereiche mit unterschiedli.chem Lichteinfall am Boden, wo sich Fauna und Flora erneuern können.

Die Nutzung heute besteht aus Forst, Jagd, Freizeit und Tourismus (Orchideenbesucher). Schaden kann der Orchideenbestand nehmen durch zu intensive Nutzung außerhalb der Wege durch Freizeit und Orchideenbesucher, Verbiss durch zu hohen Wildbesatz oder durch Stickstoffemissionen durch die nahe Bundes.straße 31. Gefahr bestand auch kurzfristig durch die Absicht eines vierspurigen autobahnähn.lichen Ausbaues der Bundesstraße 31. Als Alternative wurde die Verlegung südlich des Gebietes Deggenreuschen diskutiert. Gegen die Ausbauabsichten formierte sich 1990/91 die BUB Hüfingen (Bürgerinitiative) für einen umweltgerechten Ausbau der B 31. Das Resultat war der heute vorhandene dreispurige Ausbau als Kompromiss.
Klima
Die Baar mit ihrem kontinentalen Klima und wenig Regen (600 bis 800 mm ) im Schatten des Schwarzwaldes ist immer gut für späte Fröste. So nimmt der Erstaustrieb der Buchen im Hü.finger Bereich oft noch Ende Mai – Anfang Juni Schaden. Beim Hagelschlag am 24. Mai 2012, 14 Tage vor Eröffnung des neuen Lehrpfades, wurden die nicht geschützt stehenden Frauen.schuhe vernichtet. Bei den zunehmend trocke.nen Wintern und Sommern erleiden Korallen.wurz, Stendelwurz-Orchideen (Epipactis) und Widerbart Trockenschäden oder Totalausfälle.
Besonders viele Orchideen wachsen auf Kalk, hauptsächlich wenn dort Nadelbäume (Fichte) wachsen, es sind die Waldorchideen. Der Oberboden ist durch die Nadelstreu der Fichte sauer, der Unterboden durch Kalk ba.sisch, die Humusschicht ist oft nur Zentimeter stark, die Verwitterungszonen geringer als eine Spatentiefe. Der Kalkboden besitzt eine gute Drainage und wird dadurch schnell trocken. Der Orchideenreichtum ist bedingt durch diese Konstellation, wie auch im NSG Tannbüel bei Bargen/Neuhaus oder Hattinger Orchideenwald (NSG Schopfeln Rehletal). In Zukunft wird es wohl regelmäßig trockenere und wärmere Som.mer mit Temperaturanstieg bis zu 2 Grad und feuchtere Winter geben. Dies könnte Probleme für im Boden lebende Insekten geben, weil die Frostgare des Bodens fehlt. Frauenschuh wird

z.B. von im Boden lebenden, schmalleibigen Wildbienen der Gattung Andrena bestäubt. Weiter sind mehr Stürme und extremere Wet.tersituationen zu erwarten, die auch dem Wald zusetzen, da Fichtenbestände durch die flachen Tellerwurzeln gegen Stürme nicht so wider.standsfähig sind. Die Durchschnittstemperatur, bemessen über 110 Jahre, betrug 6,5 Grad, die Niederschlagsmenge zwischen 1160 mm (1930) und 515 mm (1949), im Durchschnitt 760 mm, ab 1960 ist es feuchter bis 1100 mm. Eigentlich gibt es keinen Monat ohne Frostgefahr.
Naturschutzgesetz „Pflege- und Entwicklungsplan“
In Naturschutzgebieten gelten einige Spielre.geln: Alle Pflanzen und Tiere sind geschützt in allen ihren Teilen; von den Orchideen bis zum Hahnenfuß und den Pilzen. Weiter besteht Wegegebot, damit die unterirdischen Triebe nicht zertreten werden und die oft lebensnot.wendige Mykorrhiza (Pilzgeflecht im Boden) nicht zerstört wird.
Fast alle Naturschutzgebiete (außer Mooren und Feuchtgebieten) sind in der Regel durch menschliche Einflüsse entstanden. Zum Erhalt der Gebiete wurde deshalb ein Pflege- und Entwicklungsplan für das Naturschutzgebiet Deggenreuschen Rauschachen erstellt durch Dr. Friedrich Kretzschmar vom Regierungspräsidi.um Freiburg (veröffentlicht in Schriften der Baar 1999 Bd. 42, Seite 51-80). Es wurde vor allem auch die zum Teil kleinflächige Vielfältigkeit des Gebietes erhoben: Nadel-Mischwaldbestände auf Mullboden, nährstoffreiche Hanglagen, kleine Tälchen, Talgrund mit starker Kraut.schicht, Magerrasen und magere Waldränder, Enzian-Halbtrockenrasen, kleine Waldränder, Wegeränder, Parkplatzgebiete, Fettwiesen, Waldmantel und Waldsäume z.B. mit Busch.nelke. Der Wald wird als Typ Pyrola-Abietum (Wintergrün-Tanne) beschrieben. Während der„Buchenzeit“ 800 v.Chr. bis 500 n. Chr. war es wärmer und dadurch bedingt ein hoher Bu.chenanteil. Seit dem Mittelalter gab es verstärkt Eingriffe durch den Menschen, Waldweide, das Klima war kälter (Kleine Eiszeit von 1350 bis 1850), deshalb weniger Buche und mehr Fichte. Seit 150 Jahren dominiert Fichte und Kiefer.

Gefährdung und Erhalt des Orchideenreichtums
Die bekannteste und imposanteste Orchideen.art in Mitteleuropa ist der Frauenschuh (Cyp.ripedium calceolus), der in wechselstarken Beständen vorkommt. Drei Orchideenarten, die kein oder nur sehr wenig Chlorophyll bilden, ge.hören zu den Moderorchideen. Es sind die Koral.lenwurz, der Widerbart und die Vogelnestwurz. Vor allem die ersten beiden Arten sind sehr gefährdet durch Trittschäden der Besucher, die sich nicht an das Wegegebot im Naturschutz.gebiet halten, wie auch durch Klimaerwärmung und Trockenheit. Die Gattung Stendelwurz ist mit mehreren Arten und Unterarten vertreten und blüht verstreut von Juni bis August mit z.T. hohen Blütenrispen. Von besonderem Interesse für den Artenschutz sind ferner die Vorkommen einiger Wintergrün Arten sowie des Fichten.spargels (Monotropa hypopitys). Wintergrünar.ten sind: Einblütiges Wintergrün (Moneses unif.lora), Nickendes Wintergrün (Orthilia secunda), Grünblütiges Wintergrün (Pyrola chlorantha).

Orchideenbestand heute

Im Hüfinger Orchideenwald kommen fast 20 verschie.dene Orchideenarten vor, die von der zweiten Hälfte Mai bis Anfang August blühen. Sie gehören überwie.gend den Waldorchideen an, deren Lichtanforderun.gen von dunkel bis etwa 80 % gehen. Orchideen sind auch Zeigerpflanzen für bestimmte Biotoptypen.
1 Bleiches Waldvögelein (Cephalanthera damasonium) 2 Grünblütiges Wintergrün (Pyrola chlotantha) 3 Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis) 4 Widerbart (Epipogium aphyllum) 5 Grünliche Waldhyazinthe (Platanthera chlorantha) 6 Fuchs, geflecktes Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) 7 Korallenwurz (Corallorhiza trifida) 8 Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) 9 Rotes Waldvöglein (Cephalanthera rubra)

4

Links: Sommerwurzarten wie z.B. Orobanche treten in den letzten zehn Jahren verstärkt auf. Sie sehen aus der Distanz Orchideen teilweise ähnlich. Rechts: Frühlingsenzian – Gentiana verna.
In den letzten zehn Jahren treten verstärkt Sommerwurzarten (Orobanche ssp.) auf, die in der Regel chlorophylllose Pflanzen sind und daher als Vollparasiten leben. Sie sehen aus der Distanz teilweise Orchideen ähnlich. Fliegen.ragwurz und Mückenhandelwurz sind erst in den letzten Jahren wieder regelmäßiger aufge.treten. Es sind Wärme liebende Arten aus dem Trockenrasenbereich. Als Eiszeitrelikt blüht als erstes der Frühlingsenzian (Gentiana verna).
Dr. Sumser zählte vor 70 Jahren noch etwa zehn andere Orchideenarten auf, die vor allem im Waldrandbereich wuchsen und heute durch benachbarte Landwirtschaft und durch nicht mehr vorhandene offene Waldränder verloren gingen. Der Orchideenreichtum steht einer modernen, auch einer der Klimaveränderung angepassten, Waldnutzung entgegen. Aufgrund der Naturschutzsituation und der touristischen Bedeutung für die Stadt Hüfingen wird ange.strebt, zum Erhalt der Orchideenbestände einen 60%igen Fichtenanteil zu erhalten.
Einweihung des Lehrpfades am 5. Juni 2012
Zur Besucherlenkung ergab sich die Notwendig.keit der Einrichtung eines Lehrpfades, geplant im Bereich Deggenreuschen. 1969 hat die Arbeits.gemeinschaft zur Erforschung und zum Schutz heimischer Orchideen im Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar („Baarverein“) den Antrag auf Einrichtung eines Lehrpfades mit Beschilderung beim Regierungspräsidium Freiburg gestellt, der dort wie auch von der Stadt Hüfingen genehmigt und umgesetzt wurde. Drei Jahre später wurde der Lehrpfad bereits erweitert. Nachdem 1999 die Sturmflächen von Lothar aufgeräumt waren, wurde der Lehrpfad 2003 wiederhergestellt. Die Orchideenbestän.de gingen jedoch durch größeren Lichteinfall und Verbuschung stark zurück. Kurz und gut, man musste sich nach einem neuen Lehrpfad umsehen. 2011 wurde unter Einbeziehung der unterschiedlichen Entscheidungsträger ein neuer Lehrpfad im Gebiet Rauschachen geplant. Der Na.turpark Südschwarzwald und die Stadt Hüfingen teilten sich die Kosten von knapp 16.000 Euro. Das Kreisforstamt, die Kreisstelle für Naturschutz, Mitarbeiter des Forstbezirks der Stadt Hüfingen und der zuständige Naturschutzwart (der Autor) haben diese Maßnahme umgesetzt. Der neue Lehrpfad wurde am 5. Juni 2012 in Anwesenheit von Umweltminister Alexander Bonde und Land.rat Sven Hinterseh eingeweiht. Als besonderer Höhepunkt wurde am 7. April 2016 das 75-jährige Bestehen des Naturschutzgebietes mit einem Festabend, mit Berichten und einer Ausstellung im Rathaus gefeiert.

Als letztes Highlight sitzt ein Student aus China seit 2017 an einer Masterarbeit. Initiiert wurde die Arbeit durch Prof. Dr. Albert Reif, Faculty of Environment and Natural Resources,

Viele besondere Pflanzen sind auch außerhalb der „Orchideensaison“ auf dem schönen Rundwanderweg zu bestaunen. Links: Silberdistel – Carlina acaulis, rechts: Tollkirsche – Atropa belladonna
Albert-Ludwigs-University, Freiburg. Vor Ort wird die Arbeit unter anderem begleitet durch den Autor. Ziel der Masterarbeit ist es, durch Bodenproben die Standortbedingungen für die Orchidee Widerbart zu untersuchen.
Pflegemaßnahmen
Pflegemaßnahmen wurden vor Jahrzehnten schon durch Dr. Erwin Sumser u.a. mit dem Schwarzwaldverein veranlasst und auch be.zahlt. Heute führt der Schwarzwaldverein Do.naueschingen und die Umweltgruppe Südbaar jährlich Maßnahmen der Entbuschung zur Of-
Auskunft über Blütezeit, Führungen, Wanderungen, Vorträge usw. erteilt die Touristinfo der Stadt Hüfingen (Tel. 0771 / 6009-24) oder im Internet unter: www.huefingen.de

fenhaltung an den Orchideenstandorten durch. Früher war es die Waldweide, die dieses verrich.tete. Mit Ziegen wird in ausgesuchten Gebieten ebenfalls die Verbuschung zurückgedrängt. Die Pflegemaßnahmen werden in der Lokalpresse angekündigt und Gäste sind immer willkom.men. Weitere Maßnahmen werden auch durch die forstliche Pflege des Waldes oder in Zukunft durch das Naturschutzgroßprojekt Baar durch.geführt. Der Hüfinger Orchideenwald gehört zu den Kerngebieten dieses Projektes und es fan.den in diesem Rahmen eine Reihe von Begehun.gen statt, damit auch zukünftige Generationen Orchideen sehen können.
„Der Patient heißt Familie“
Nachsorgeklinik Tannheim ist 20 Jahre alt – Ohne Roland Wehrle gäbe es diese Einrichtung und die Stiftung Deutsche Kinderkrebsnachsorge nicht
von Dieter Wacker mit Fotografien von Wilfried Dold
20 Jahre ist es her, dass in Tannheim bei Villingen-Schwenningen eine Erfolgsgeschichte begann, die bundesweit bis heute besonders ist: Zum einen wurde eine Klinik erfnet, die komplette Familien kranker und auch verstorbener Kinder in den Mittelpunkt eines bis dahin vlig neuen Rehabilitationsansatzes stellt. Zum anderen ist die Nachsorgeklinik Tannheim ein Symbol daf, was erreicht werden kann, wenn sich Menschen f eine Idee begeistern. Maßgeblich ist dieser Erfolg mit Haupt.initiator Roland Wehrle verbunden, dem Tannheim-Geschäftsfrer und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge. Ohne den Mann aus Furtwangen gäbe es die Klinik in Tannheim und die Familienorientierte Nachsorge auf diesem hohen Niveau und ihrem breiten Behandlungsspektrum nicht.
Bei der familienorientierten Nachsorgeklinik für krebs-, herz- und mukoviszidosekranke Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie verwaiste Familien in Tannheim stehen gleich zwei prägende Leitsätze im Mittelpunkt: „Der Patient heißt Familie“ lautet einer davon und kennzeichnet das Handeln in der Klinik seit ihrer Eröffnung am 14. November 1997. Der Grund.stein trägt die Inschrift: „Viele Menschen haben dieses Haus gebaut“. Besser kann man es nicht ausdrücken, dass die Nachsorgeklinik Tannheim gemeinnützige GmbH eine Solidarerklärung von Zehntausenden von Spendern mit Familien ist, deren Leben durch die chronische Erkrankung ihres Kindes oder gar dessen Tod sprichwörtlich auf den Kopf gestellt wurde.

Dass in Tannheim bis heute weit über

14.000 Patienten behandelt werden konnten und rund 46 Millionen Euro an Spenden eingin-
Roland Wehrle im Gespräch mit einer Familie, deren vierjährige Tochter Enna an Krebs erkrankt ist und die in der Nachsorgeklinik Tannheim eine vierwöchige Reha absolviert.
9. Kapitel – Soziales

gen, ist vielen, die sich engagiert haben oder dies bis heute tun, zu verdanken. Vor allem aber Roland Wehrle, Geschäftsführer der Nachsor.geklinik Tannheim und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge. „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnung zu er.füllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ Wenn dieser bemerkenswerte Satz von Thomas Woodrow Wilson, Historiker und 28. Präsident der USA, auf jemanden zutrifft, dann auf Roland Wehrle. Der Geschäftsführer war Ideengeber und Kämpfer für die Tannheimer Nachsorge.klinik in einer Person. Immer als Trommler für die Sache unterwegs, nie die Flinte ins Korn werfend, wenn ihm manchmal auch danach zumute war.
Roland Wehrle versteht es wie kein Zwei.ter für seine Sache, die Familienorientierte Nachsorge, die ihm zur Lebensaufgabe gewor.den ist, zu trommeln. Er hat bei vielen Großen, Bekannten und Mächtigen dieses Landes immer mindestens einen Fuß in der Tür, wenn es der
Aus einer Vision wurde Wirklichkeit: Die Nachsorgeklinik Tannheim im Sommer 2017.

Sache nutzt. Er ist sich aber auch nicht zu scha.de, bei Wind und Wetter viele Kilometer bis in den hintersten Winkel zu fahren, um eine noch so kleine Spende für Tannheim abzuholen und sich persönlich zu bedanken. Und deshalb gibt es die Nachsorgeklinik Tannheim, die bis zum heutigen Tag so einzigartig ist in Deutschland.
Am Anfang stand eine Vision
Dabei fing alles einmal in einem Umfeld an, über das man heute schmunzeln mag. Der Autor dieses Beitrags erinnert sich noch gut an jene, man muss schon etwas despektierlich fast „Bruchbude“ sagen, am Rößleplatz mitten in Furtwangen. In einem Haus, das einige Zeit später auch dem Abrissbagger weichen sollte, saß Roland Wehrle 1990 als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Baden-Württember.gischen Förderkreise krebskranker Kinder. Die gebrauchten Büromöbel kamen von der Furt.wanger Sparkasse, der gebrauchte PC von der Furtwanger Fachhochschule.
Der Verein hatte damals zwar fast kein Geld, doch mit Roland Wehrle einen Mann, der ein klares Konzept vor Augen, einen Kopf voller

die Idee der Nachsorgemöglichkeit für krebskranke Kinder und Jugendliche – und ließ ihn von da an nicht mehr los.
Ideen und eine deutliche Vision hatte: den Bau einer Nachsorgeklinik für krebskranke Kinder, bei der die kleinen Patienten von Eltern und Ge.schwistern begleitet werden konnten.
Doch blenden wir noch ein paar weitere Jahre zurück: Der studierte Sozialarbeiter und Diplompädagoge Roland Wehrle leitete in den 1980er-Jahren das ehemalige Familienbildungs.zentrum Katharinenhöhe oberhalb Furtwan.gens, das 1982 zum Familienerholungszentrum umgewandelt wurde. Träger der Einrichtung war und ist bis heute die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Baden. 1983 war es aus finanziellen Gründen dringend gefordert, in den Gesund.heitsbereich einzusteigen. Und ab diesem Jahr wurden auf der Katharinenhöhe Mutter-Vater.Kind-Kuren angeboten.

1984 suchte die Arbeitsgemeinschaft der ge.setzlichen Renten- und Krankenversicherungs.träger Nordrhein-Westfalen eine eigenständige Reha-Möglichkeit für krebskranke Kinder. Die Katharinenhöhe hätte zwar die Räumlichkeiten gehabt, eine Zusammenlegung der Konzepte der Mutter-Vater-Kind-Kuren mit dem Konzept der Nordracher Klinik kam aber nicht in Frage. Zudem war Furtwangen einfach auch zu weit weg von Nordrhein-Westfalen. Doch die Idee der Nachsorgemöglichkeit für krebskranke Kin.der und Jugendliche packte Roland Wehrle und ließ ihn von da an nicht mehr los.
Kontakte zur Kinderonkologie
Und dann spielte vielleicht der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle. Villingens damaliger Ar.beitsamtsleiter, Horst Billing, besuchte eines Tages die Katharinenhöhe. Er kam mit Roland Wehrle über ein mögliches Nachsorgekonzept für Krebs ins Gespräch. Billing stellte Kontakte zum Donaueschinger Amtsgerichtsdirektor Karl Günther her, der Vorsitzender des Eltern.kreises Freiburg war, einem Förderverein für krebskranke Kinder. Diese Liaison erwies sich als wahrer Glücksfall. Karl Günther vermittelte Roland Wehrle nicht nur Gesprächspartner in der Universitätsklinik Freiburg, sondern brachte ihn auch mit Prof. Dr. med. Dietrich Nietham.mer, dem Direktor der Universitätskinderklinik Tübingen zusammen, der bundesweit die „Nummer 1“ für Kinderonkologie war. Prof. Niethammer versprach Roland Wehrle seine Unterstützung: Aber nur unter der Vorausset.zung, dass konzeptionell und dann in der Praxis die gesamte Familie in den Rehaprozess inte.griert werden würde. Und so wurde Professor Niethammer nicht nur Roland Wehrles „ärzt.licher Mentor“, er erwies sich als Vorsitzender der Medizinischen Fachgesellschaft auch als exzellenter „Türöffner“.

Noch im November 1984 erfolgten erste Ge.spräche mit den Kostenträgern. Bereits im April 1985 reisten Familien mit einem krebskranken Kind auf der Katharinenhöhe an, im Mai erfolg.te die „offizielle Eröffnung“ der neuen Famili.enorientierten Rehabilitation. Roland Wehrles Visionen begannen Realität zu werden.
Schicksalshafte Begegnung mit Klausjürgen Wussow
Im Sommer 1986 sollte es zu einer geradezu schicksalshaften Begegnung kommen. Im nahen Glottertal und in diversen Schwarz.waldgemeinden drehte das ZDF eine der bis heute erfolgreichsten Fernsehserien: die Schwarzwaldklinik. Mit einem Bus voller Pati.entenkinder besuchte Roland Wehrle einen der Drehorte in Hinterzarten. Dort lernte er den Star des TV-Knüllers, den Schauspieler Klausjürgen Wussow, kennen. Der verkörperte als Professor Klaus Brinkmann den Chefarzt der Schwarz.waldklinik. In dieser Rolle wurde Wussow von vielen, vor allem weiblichen Fans, geradezu vergöttert und befand sich auf dem absoluten Höhepunkt seiner Popularität.
Klausjürgen Wussow zeigte sich in Hinter-zarten tief beeindruckt von der Zusammenkunft mit den vom Schicksal so sehr getroffenen Kindern und Jugendlichen. Zugleich war der Schauspieler sehr von einem Mann angetan, der ihm so nachdrücklich schilderte, weshalb Rehabilitationsmaßnahmen im klinischen Um.feld gemeinsam mit Familien so wichtig seien. Dieser Mann war Roland Wehrle. Bereits einige Monate später besuchte Klausjürgen Wussow die Katharinenhöhe. In seinem Schlepptau hat.te er jede Menge medialer Berichterstatter, vor allem das Who is Who der Yellow- und Boule.vardpresse.

Damit hatte Roland Wehrle von einem Tag auf den anderen das, was er vielleicht nie zu träumen gewagt hätte: bundesweite Aufmerk.samkeit für schwerstkranke Kinder und Jugend.liche, für die sich bis zu diesem Zeitpunkt die Öffentlichkeit nie groß interessiert hatte. Und er hatte Schlagzeilen für ein Konzept, das spä.ter in der Tannheimer Nachsorgeklinik bis zur

Der Bundespräsident war von dem, was wir hier konzeptionell auf die Beine gestellt hatten, ebenso stark beeindruckt, wie vom ungeheuren Lebensmut unserer jungen Patienten.
Roland Wehrle
Vollendung weiterentwickelt werden sollte: die Familienorientierte Nachsorge, kurz FOR, die es nun seit über 30 Jahren gibt.
Bundespräsident Weizsäcker stärkt der Familienorientierten Nachsorge den Rücken
Am 6. Oktober 1988 besuchte ein weiterer Top-Prominenter die Katharinenhöhe: Bundes.präsident Richard von Weizsäcker. Und wieder war bundesweites Medieninteresse garantiert. „Es war ein sensationeller Besuch. Der Bundes.präsident war von dem, was wir hier konzepti.onell auf die Beine gestellt hatten, ebenso stark beeindruckt, wie vom ungeheuren Lebensmut unserer jungen Patienten“, erinnert sich Roland Wehrle im Nachklang immer noch mit Freu.de und Stolz. Und ergänzt: „Dabei waren wir damals echte Exoten im Gesundheitswesen.“ Roland Wehrle war sich nach den Besuchen von Wussow und von Weizsäcker mehr denn je sicher, dass die Familienorientierte Reha das Zu.kunftskonzept ist. Er blieb dran am Thema – mit voller Kraft und Energie.
Seine Kontakte zu Klausjürgen Wussow hat.ten sich zwischenzeitlich intensiviert. 1989 wur.de mit dem großen Schauspieler ein Video auf der Katharinenhöhe gedreht, untermalt mit der Titelmelodie der Schwarzwaldklinik. Emotionen pur! Doch das reichte Wussow nicht, er wollte mehr, wollte ganz konkret helfen. Ihm gegen.über stand ein Roland Wehrle, der den TV-Star in seinem Ansinnen mit offenen Armen auf.nahm. Und so traf sich an einem Mittwoch.abend daheim bei Roland Wehrle am Wohnzim-mertisch im heimischen Furtwangen eine illustre Schar von profunden Unterstützern: Klausjürgen Wussow, dessen damalige Frau Yvonne, Rainer Philipp Stöhrle, Fabrikant aus Pforzheim, Dr. Erwin Ruf, Notar aus Furtwangen, Fritz Funke, Furtwanger Sparkassenchef und Dr. Eberhard Lei.dig, ärztlicher Leiter der Katharinenhöhe. Sie gründeten den Verein „Freunde der Katharinen.höhe“. Die Urzelle sozusagen des späteren Trä.gers der Tannheimer Klinik.

1990 kristallisierte sich immer mehr heraus, dass die Plätze für krebskranke Kinder auf der Katharinenhöhe nicht mehr ausreichten. Prof. Dietrich Niethammer machte zudem deutlich, dass er nicht nur krebskranke Kinder, sondern auch andere, die an schweren chronischen Krankheiten litten, gerne in die Familienorien.tierte Reha mit eingebunden hätte. Im Frühling des Jahres kam Roland Wehrle, der zwischen.zeitlich jede Menge Verbindungen aufgebaut und dank einer gewissen medialen Präsenz, sich einen Ruf über die Grenzen des Schwarz.waldes hinaus erworben hatte, mit Christiane Herzog in Kontakt. Ihr Mann Roman Herzog war Präsident des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe und folgte später Richard von Weiz.säcker als Bundespräsident. Christiane Herzog war Schirmherrin der gleichnamigen Stiftung für Mukoviszidosekranke. Sie suchte dringend Rehaplätze für Kinder, die an dieser unheilbaren Atemwegserkrankung leiden. Roland Wehrle wollte ihr gerne helfen.
Die Arbeitsgemeinschaft Kinderkrebsnachsorge plant den Bau einer neuen Klinik
Just in dieser Zeit erreichte Roland Wehrle der Ruf, die Geschäftsführung der damals gemein.nützigen Hohensteinklinik im nahen Triberg zu übernehmen, in der auch onkologische Patien.ten behandelt wurden. Zeitgleich zeichnete sich ab, dass der Freundeskreis der Katharinenhöhe in eine Stiftung umgewandelt werden sollte. Und dann kam auch Carl Herzog von Würt.temberg auf den Furtwanger zu. Der Adlige war Schirmherr der Arbeitsgemeinschaft der Baden-Württembergischen Förderkreise krebs.kranker Kinder. Im Ratskeller in Stuttgart sprach Herzog Carl Roland Wehrle ganz offen an: „Wir wollen mit Ihnen das Konzept der Familienori.entierten Reha weiterentwickeln. Wenn Sie es sich zutrauen, eine eigene Klinik zu bauen, dann stellen wir Sie ein.“
Der Furtwanger wurde am 1. Oktober 1990 Geschäftsführer der neuen Arbeitsgemeinschaft Kinderkrebsnachsorge. Diese bestand aus den baden-württembergischen Förderkreisen von Herzog Carl und der in Gründung befindlichen Stiftung Klausjürgen Wussow. Im Dezember wurde in Ludwigsburg der Verein „Freunde der Katharinenhöhe“ in die „Kinderkrebsnachsorge Klausjürgen-Wussow-Stiftung“ umgewandelt. Mit im Boot Carl Herzog von Württemberg und Christiane Herzog. Und das Stiftungsziel war von Anfang an festgeschrieben: Irgendwo eine Klinik zu bauen.

Mit seiner ganzen Dynamik und Überzeu.gungskraft ging Geschäftsführer Roland Wehrle an die Umsetzung des Auftrags und ließ sich von da an auch keinen Millimeter mehr vom Weg abbringen. Aus 20 Grundstücksangeboten fiel bereits 1991 die Entscheidung für einen Kli.nikneubau in Tannheim, dem südlichsten Stadt.teil der Großen Kreisstadt Villingen-Schwennin.gen. Hier stimmten mit 57.000 Quadratmetern Fläche und Erbbaurecht die Rahmenbedingun.gen. Eine richtungsweisende Entscheidung, hinter der maßgeblich der damalige und zwischenzeitlich verstorbene Oberbürgermeis.ter von Villingen-Schwenningen, Dr. Gerhard Gebauer, stand. Das Grundstücksthema war also geklärt, doch völlig unklar war die Finanzie.rung. „Wir hatten null D-Mark auf dem Konto“, erinnert sich Roland Wehrle. Und jetzt startete das nächste ganz große Verdienst des heutigen Tannheim-Geschäftsführers: Er machte sich an die Spendenakquise – ein ständiges Bangen zwischen Hoffnung und Erfolg.
Die Tageszeitung SÜDKURIER und der VfB Stuttgart sind die ersten Unterstützer
Die ersten, die Roland Wehrle mit ins Boot bekam, das waren der VfB Stuttgart und die Tageszeitung SÜDKURIER. Bei den Fußballern vom VfB war Dieter Hoeneß Manager. In dessen Bekanntenkreis gab es ein krebskrankes Kind. Hoeneß war schnell von der Notwendigkeit des Klinikbaues überzeugt. Der SÜDKURIER startete eine erste Spendenaktion, die auch in den Folgejahren viel Geld in die Tannheimer Kassen spülen sollte. Weitere Unterstützer folgten. Trotzdem lagen im Spätsommer 1994 „nur“ 3,5 Millionen DM auf dem Baukonto. Auf der einen Seite ein Erfolg, auf der anderen Seite aber auch eher Ernüchterung bei Roland Wehrle und den Förderkreisen. Im Osten Deutschlands schlossen reihenweise Rehakliniken, das ge.sundheitspolitische Klima war in dieser Zeit ein eher schwieriges. Kein ermutigendes Zeichen. Die das Klinikprojekt tragenden Vereine wollten das Handtuch werfen. Sie hatten allerdings

Die Gründung der Stiftung „Kinderkrebsnachsorge – Klausjürgen-Wussow-Stiftung“, heute Deutsche Kinder.krebsnachsorge, am 9. Dezember 1990 machte den Bau der Klinik in Tannheim überhaupt erst möglich. Die Gründer waren, v. links: Konrad Baier, Roland Wehrle, Ernst Martin Joos, Dr. Klaus Peter Baatz, Christiane Her.zog, Fritz Funke, Yvonne Viehöver, Klausjürgen Wussow, Rainer Philipp Stöhrle, Dr. Erwin Ruf und Karl Günther. Ein weiterer Gründer ist Carl Herzog von Württemberg. Foto: Deutsche Kinderkrebsnachsorge
nicht mit der Kämpfernatur Roland Wehrle ge.rechnet. Er bat um sechs Monate Aufschub, was gewährt wurde.
Doch die Rückschläge nahmen kein Ende: So kamen u.a. Absagen auf finanzielle Hilfe von der Aktion Sorgenkind und der Deutschen Herzstif.tung. Die Deutsche Krebsstiftung hatte sich zu diesem Zeitpunkt zudem noch nicht erklärt. Als ob das nicht gereicht hätte: Die Krankenkassen machten völlig quer und wollten das Klinikpro.jekt nicht genehmigen.
Die Zeit der langen schlaflosen Nächte für Roland Wehrle begann. Einen der ganz wenigen Unterstützer hatte Roland Wehrle in diesen hei.ßen Tagen in Karl Günther, dem Amtsgerichtsdi.rektor aus Donaueschingen, der Jahre zuvor die ersten wichtigen Kontakte vermittelt hatte. Aber auch in seinem langjährigen Freund Fritz Funke, dem Sparkassendirektor aus Furtwangen.
Herzog Carl zeigte trotz großer Bedenken wahre Größe: Er vertraute weiterhin seinem Geschäftsführer aus Furtwangen. „Der Herzog war in dieser Situation sensationell gut“, ist ihm Roland Wehrle bis heute dankbar. Bis heute en.gagiert sich Herzog Carl für die Klinik.
Und dann lief tatsächlich über die damaligen Landessender SDR und SWF die Spendenaktion „Herzenssache“ zugunsten der Klinikpläne. Mit einem Millionenerfolg. Die TV-Hilfe war gleich.zeitig die Initialzündung für weitere Sponsoren. Die Baukasse füllte sich zusehends. Roland Wehrle hatte wieder Luft zum Durchatmen.

Ein stolzer Tag: Am 6. Juli 1995 beginnt der Klinikneubau
Am 6. Juli 1995 begann der Klinikbau, ein stolzer Tag für den unermüdlichen Trommler und Strei.ter Roland Wehrle. Die nächste Krise kam zwei Jahre später, zwei Monate vor Eröffnung der Klinik. Seit Jahren hatte Roland Wehrle bereits versucht, die Endfinanzierung über Darlehen sicherzustellen. Doch auf einmal wollten die Banken keine Rehakliniken mehr finanzieren. „Die Insolvenz stand so knapp vorm Ziel vor der Tür“. Beim Gedanken daran läuft es Ro.land Wehrle immer noch eiskalt den Rücken hinunter. Und wieder war seine Kämpfernatur gefordert. Dank seiner guten Kontakte auch in höchste politische Kreise hinein, erwies sich der damalige Landesfinanzminister und spätere DFB-Präsident, Gerhard Mayer-Vorfelder (MV), als wahrer Rettungsanker. Roland Wehrle: „MV nahm alles persönlich in die Hand.“
Anfang September waren Darlehensverträge über 26 Millionen DM unter Dach und Fach, am
14. November 1997 wurde die Klinik eröffnet! Ein sensationeller Erfolg für Roland Wehrle, auf den drei Jahre zuvor viele keinen Pfifferling mehr ge.geben hatten und der nun Geschäftsführer der neuen Klinik war.
Zur Eröffnung kam auch Ministerpräsident Erwin Teufel, der sich persönlich für den Bau von Tannheim engagiert hatte. Seine Rede gipfelte in der Feststellung: „Hier wurde eine Rehabili.tationseinrichtung geschaffen, die die kranken

Nach dem Festakt durchschnitt Edeltraud Teufel zusammen mit Gerhard Mayer-Vorfelder das Tornetz zum VfB-Haus der Nachsorgeklinik Tannheim. Gerhard Mayer-Vorfelder hatte auch den DFB-Pokal mitgebracht, den der VfB 1997 gewonnen hatte. Tausende waren es, die am 16. November 1997 die Nachsorgeklinik beim „Tag der offenen Tür“ besichtigten.
Kinder und Jugendlichen mit ihrem schweren persönlichen Schicksal ganz in den Mittelpunkt stellt. Hier werden neben den körperlichen auch ganz bewusst die seelischen Belastungen, die für die jungen Menschen in ganz besonderem Maße mit der Krankheit verbunden sind, in das Therapiekonzept einbezogen. Die heutige Eröffnung ist aber auch ein großartiges Zeichen der Solidarität unzähliger Menschen mit den schwerkranken Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien. Auch in dieser Hinsicht ist die Nachsorgeklinik Tannheim einzigartig. Sie ist entstanden durch das Engagement der Bürge.rinnen und Bürger im Land.“
Eine Mammutbelastung bis heute
Doch wie steht man solch eine Mammutbelas.tung – übrigens bis zum heutigen Tag – über.haupt durch? Da ist zum einen Roland Wehrles Familie, die ihm Rückhalt und Rückzug bietet. Da ist die Fastnacht, in der er mit Leib und Seele aufgeht. Seit 1996 ist er Präsident der ältesten und größten Narrenvereinigung in Deutschland, der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN).
Und da war Björn. Ein Patientenkind aus

höhe. Björn hatte Krebs, ertrug sein Leiden aber tapfer und mit großer Geduld. Er wusste, dass er bald sterben würde und malte ein Bild, auf dem er sich selbst in einen Sarg legte. Für Roland Wehrle ein tiefgreifendes Erlebnis, das ihn bis heute nicht losgelassen hat. In seinem Arbeitszimmer hing das Sargbild des kleinen Björn. So sagt Roland Wehrle auch: „Alleine dieses Kind war für mich Motivation genug.“ Wenn mal wieder in der Planungsphase für die Klinik alles den Bach runterzugehen drohte, dann erinnerte sich Roland Wehrle an den tap.feren, zwischenzeitlich verstorbenen Björn. Das stachelte ihn an, nicht aufzugeben. „Man darf sich von einer Idee nie abbringen lassen, wenn die Ziele realistisch sind“, wurde zum Motto des
Die Nachsorgeklinik Tannheim bietet im Rahmen der Familienorientierten Nachsorge bei der Krebs-, Herz- oder Mukoviszidose-Erkrankung eines Kindes der gesamten Familie eine vierwöchige Behandlung. Jugendlichen Patienten steht die „Junge Reha“ zur Verfügung, Erwachsenen ermöglicht die Klinik die Nachsorge im Rahmen der REHA27PLUS. Weiter be.handelt die Nachsorgeklinik Tannheim „Verwaiste Familien“ – das sind Familien, die durch Krankheit ein
Roland Wehrles Jahren auf der Katharinen-Kind verloren haben.

Tannheim-Geschäftsführers. Und bis heute ist sich Roland Wehrle sicher: „Dass wir das Klinik.projekt hinbekommen haben, das ist irgendwie auch Björn zu verdanken.“
Ein ganz großes Stück des Erfolgs geht aber auf die geniale Fähigkeit Roland Wehrles zurück, Netzwerke zu knüpfen. „Ein Kontakt ermöglicht oft den nächsten“, weiß er aus lan.ger Erfahrung. Aber er weiß ebenso: „Man darf nicht nur auf Prominente setzen.“ Heißt: Man braucht eine ganz breite Basis an Unterstützern und Helfern. „Mir ist jede Spende von 20, 50 oder 100 Euro genauso wichtig wie Großspen.den“, betont Wehrle.
Dass sich Roland Wehrle nie auf den Pfrün.den seiner Erfolge ausgeruht hat, verdeutlichen die Veränderungen, die es seit der Eröffnung der Klinik 1997 gegeben hat. Neue Behandlungs.konzepte, neue Einrichtungen, zusätzliche Aus.stattungen, Anbauten, Umstrukturierungen – all das sind die sichtbaren Zeichen des Wandels, den Roland Wehrle kontinuierlich weitertreibt. Zu den emotionalen Faktoren gehören seit fast 18 Jahren Rehas für Familien, die ein Kind durch Krankheit oder Unfall verloren haben. Hier die Eltern in ihrem Schmerz, in der Aufarbeitung des Geschehenen, nicht alleine zu lassen, ist dem Geschäftsführer ein großes Anliegen. Und wenn Familien mal finanzielle Probleme haben, in die Reha überhaupt kommen zu können, da findet Roland Wehrle schon Mittel und Wege zur Hilfe. Die Finanzen sind es, die den „Mister
Aus der Hand von Ministerpräsident Günther Oettinger (rechts) er.hält Roland Wehrle im Dezember 2005 für seine Verdienste um die Familienorientierte Nachsorge und das schwä.bisch-alemannische Fastnachtsbrauchtum das Bundesverdienstkreuz. In der Mitte Ehefrau Jacqueline Wehrle.

Tannheim“, wie der Geschäftsführer gerne auch genannt wird, immer noch mächtig umtreibt. „Die Krankenkasse AOK Baden-Württemberg und die Deutsche Rentenversicherung waren immer guten Willens“, spricht Roland Wehrle gerne Lob aus. Vernünftig mit Blick auf die finanzielle Seite der Reha läuft es seit 2009. „Ich habe 25 Jahre gebraucht, um politisches Verständnis für unser Behandlungskonzept zu bekommen“, sagt Wehrle nicht ohne Bitternis.
„Den Schwächsten und ihren Familien helfen“
Da bleibt dann doch noch einmal die Frage, was einen wie Roland Wehrle immer weitertreibt? Die Antwort kommt wie aus der Pistole ge.schossen: „Wichtig ist, dass man den Schwächs.ten und ihren Familien in dieser Gesellschaft hilft. Es aber gleichzeitig auch als großes Glück betrachtet, wenn man gesunde Kinder hat.“ Wenn der Geschäftsführer in der Nachsor.geklinik Tannheim unterwegs ist, dann ist er immer wieder begeistert von der Einstellung der schwerkranken Kinder. „Es ist unglaublich, auf welchem Niveau die positiv denken. Und diese Kinder, ihre Eltern, ihre Geschwister, die darf man nicht im Regen stehen lassen.“ Ro.land Wehrle kann viele Erfolge in seinem Leben vorweisen. Besonders stolz ist er aber: „Darauf, dass es mir zusammen mit Professor Nietham.mer und der Katharinenhöhe gelungen ist, ein für Deutschland völlig neues Behandlungs.konzept durchzusetzen.“ Trotzdem, Visionen hat der Mann immer noch: „Ich träume davon, unser Rehakonzept für alle chronisch erkrank.ten Kinder und deren Familien in unserem Land umzusetzen.“
Für seine Lebensleistung erhielt Roland Wehrle im Dezember 2005 aus den Händen von Ministerpräsident Günther Oettinger das Bundesverdienstkreuz am Bande. Letztendlich ist das, was Roland Wehrle auf der Katharinen.höhe, in Tannheim und im gesamten deutschen Gesundheitswesen geschaffen hat, aber mit keinem noch so hohen Orden zu würdigen.
„Die Patienten spüren, dass es uns in Tann.heim um die gesamte Familie geht. Unsere Mit.arbeiterinnen und Mitarbeiter leben die Fami.lienorientierte Nachsorge mit ganzem Herzen, sind von ihren Möglichkeiten begeistert wie am ersten Tag“, sagt Roland Wehrle mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre. Heute arbeiten in der Klinik rund 150 Menschen. Sie ist damit auch ein bedeutender Faktor auf dem regionalen Arbeitsmarkt. 100prozentige Auslastung mit Patienten und Familien aus dem ganzen Bun.desgebiet, Österreich und der Schweiz zeigen, welchen Stellenwert die Klinik im Gesundheits.system hat.
Zum Erfolgsmodell tragen hochspeziali.sierte Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und das gesamte Betreuungspersonal bei. Zum weiteren Angebot gehören aber auch z.B. Reittherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Gangschule, Heilpädagogik oder umfassende Freizeitaktivitäten. Eine klinikeigene Schule sorgt dafür, dass Patientenkinder auf dem Lau.fenden bleiben. Die Klinikküche kann mit jedem guten Restaurant spielend mithalten. Und ein Teil des Tannheimer Erfolges ist auf den Klinik.bau selbst zurückzuführen: Lichtdurchflutet, mit sehr ansprechender Ausstattung, hat das Haus rein optisch mehr den Charakter eines ge.pflegten Hotels denn einer Klinik. Die Patienten sollen sich wohlfühlen, lautet auch einer der weiteren Grundsätze. Wie wertvoll in den zu.rückliegenden 20 Jahren Tannheim für Familien mit schwer chronisch kranken Kindern ist, doku.mentiert stellvertretend der Brief einer Mutter. Darin beschreibt sie die Klinik als ihre „Insel im Meer der Sorgen“. Schöner und intensiver lässt es sich kaum formulieren.

Roland Wehrle gibt Geschäftsführung ab
Zum 1. Januar 2018 nun endet in Tannheim eine Ära: Roland Wehrle legt die Geschäftsführung der Nachsorgeklinik in die Hände von Sandra Bandholz und Thomas Müller. Er selbst ist wei.terhin beratend tätig und zudem im Aufsichts.rat der Nachsorgeklinik aktiv. Roland Wehrle bleibt zusammen mit Sonja Faber-Schrecklein Vorstand der Stiftung Deutsche Kinderkrebs.nachsorge.
Eine Vollblutwirtin zwischen Nudelmaschine, Brot backen und Gäste bedienen
In der Sonne-Post in Oberbaldingen bei Ingrid Lorenz und ihrer Familie
kommt viel Gutes aus der Khe.
von Wilfried Strohmeier
Bekannt ist Ingrid Lorenz, die Wirtin der Sonne-Post in Oberbaldingen, als „Schnitzel-Ingrid“. Doch der Beiname sagt viel zu wenig über die Vollblutgastronomin aus. Ihre Spezialität sind neben den besagten Schnitzeln vor allem Nu.deln, Knöpfle und Brot – das alles macht sie mit ihrem Sohn, dem gelernten Koch Martin Lorenz, in Eigenarbeit in der Wirtshausküche. In den Morgenstunden, in denen diese Spezialitäten entstehen, geht es am Herd, am Ofen und an der Nudelmaschine rund, da muss jeder Hand.griff sitzen – Mutter und Sohn sind aber ein eingespieltes Team.
Sonne-Post feiert 85-jähriges Bestehen
In diesem Jahr feiert die Familie Lorenz das 85-jährige Bestehen der Sonne-Post. Friedrich Futter, der Vater von Ingrid Lorenz, kaufte sich die Gaststätte am 1. März 1933. Die Lage des Hauses an der Kreuzung, an der sich die Straßen von Bad Dürrheim in Richtung Geisingen und Tuttlingen sowie in Richtung Öfingen, treffen war nahezu ideal. Für die Gäste gibt es in der Sonne-Post viel Platz. Die Gaststätte hat rund 70 Sitzplätze, in den Sommermonaten ist auf der großen Fläche vor dem Haus ebenfalls gestuhlt.
Der Doppelname des Hauses hat seinen Grund: Friedrich Futter betrieb neben der Gaststätte ein Kolonialwarengeschäft, eine Tankstelle und eine Postagentur. So für den Lebensunterhalt gerüstet, heiratete er 1934 Berta Glunz aus Oberbaldingen. Kolonialwaren.geschäft und Tankstelle wurden irgendwann geschlossen, die Arbeit ging dennoch nicht aus, Berta Futter erbte die Landwirtschaft ihrer El.tern. Die Postagentur bestand bis ins Jahr 2001 und wurde zuletzt von Ingrid Lorenz betrieben. 1975 hatte auch sie geheiratet. Ihr Mann Eugen Lorenz hatte einen ganz anderen Beruf, nach Feierabend und an den Wochenenden stand er zusammen mit ihr im Speiselokal und das tut er auch heute als Rentner noch. Er kümmert sich um den Außenbereich und erledigt zudem viele kleine Reparaturarbeiten rund um das Haus. Und während der Sohn Martin in der Küche arbeitet, hilft auch Tochter Britta, die ebenfalls einen anderen Beruf hat, an den Wochenenden des öfteren in der Gaststätte als Bedienung mit – ein traditioneller Familienbetrieb.

Stets frisch gekocht und aus der Region
Traditionell ist auch das, was Ingrid und Martin Lorenz in der Küche machen. Die Speisekarte ist eher übersichtlich, doch das hat seinen Grund: Die Gäste können sich sicher sein, dass alles,
Bei der „Schnitzel-Ingrid“ gibt es neben Schnitzeln vor allem Nudeln, Knöpfle und Brot.
10. Kapitel – Gastlichkeit

was irgendwie geht, frisch gekocht, selbst ge.macht und aus der Region ist. Darauf legt die Wirtin ganz großen Wert und darauf ist sie auch stolz. So holt sie ihr Gemüse und den Salat bei.spielsweise bei ihren Nachbarn über der Straße, und wenn ihr der grüne Salat oder Ähnliches gegen Abend ausgeht, kann sie einfach noch mal hinüberlaufen, um Nachschub zu holen. Auch der Kartoffelsalat stammt aus der eigenen Küche. „Der geht dann auch mal gegen Abend aus“, erklärt sie und: „Ich habe keinen fertigen Salat irgendwo im Eimer stehen, den ich einfach nur noch verfeinern muss.“ Für die Gäste ist dies kein Problem, denn sie wissen schließlich, was sie an der Sonne-Post haben.
Wie die selbst gemachten Speisen fein wer.den, dafür hat Ingrid Lorenz so manches Haus.frauen- und Köchinnengeheimnis auf Lager, so kommt in den Knöpfleteig beispielsweise ein Schuss Mineralwasser, damit der Teig etwas
Dicht an dicht sitzen goldbraun gebackene Brote auf dem Blech – Ingrid und Martin Lorenz sind ein eingespieltes Team.

irgendwo im Eimer stehen, den ich einfach nur noch verfeinern muss.

luftiger wird, alles verrät die Köchin aus Leiden.schaft jedoch nicht.
„Es muss Hand in Hand gehen“
Das Fernsehen wurde auch schon aufmerksam auf die Wirtsfamilie, und so wurde ihr schon ganz genau in die Töpfe geschaut. Und wieder hat sie einen Beobachter von den Medien zu Gast. An diesem Morgen wird Brot gebacken und Nudeln gewalzt. Der Brotteig muss fertig sein, bevor die Nudeln produziert werden. „Es muss Hand in Hand gehen“, erklärt die Wirtin und bald ist klar, wieso. In einem großen Edel.stahlbehälter wird der Hefeteig angesetzt. In Ruhe darf er 75 Minuten gehen und dabei sein Volumen vergrößern. Ist der Teig fertig, nimmt Martin Lorenz den Behälter, hievt ihn von der Maschine auf den Küchentisch und lässt ihn aus dem Behälter hinausgleiten. „Ich habe schon als kleiner Junge gerne gebacken“, erzählt er mit sichtbarer Freude über den gelungenen Teig. Ein Kilogramm Rohmasse wird jeweils abgewogen und auf das breite Backblech gesetzt. Dort darf er nochmals ein paar Minuten ruhen und dann geht es in den Ofen hinein. Gebacken wird mit „abfallender Hitze“, erklärt die Küchenchefin. Das heißt, am Anfang ist die Hitze hoch, wäh.rend des Backvorgangs wird die Temperatur tiefer gestellt.

In der Zeit, in der das Brot bäckt, geht es an die Nudeln. Ingrid Lorenz hat dazu eine kleine Maschine, die mehrere Funktionen: Sie kann so.wohl die Zutaten vermischen als auch mit einer ähnlichen Funktion wie beim Fleischwolf den Teig durch die Form, Matrize genannt, pressen. In dem Teigbehälter sind abgewogen eingefüllt: 500 Gramm Mehl und 500 Gramm Grieß – bei.des aus der Mühle in Biesingen – dazu kommen acht Eier – von einem regionalen Bauern – der durchsichtige Deckel wird geschlossen und los geht es. An diesem Morgen gibt es schmale Walznudeln. Die Metallhaken der Spindel wüh.len sich durch die Masse. Zunächst sieht man noch nicht viel Veränderung, doch langsam aber sicher vermischen sich die Zutaten. Der Teig bekommt eine Konsistenz wie Streuselteig für einen Kuchen. Genau richtig. „Er darf nicht zu nass und nicht zu trocken sein“, die Köchin sieht das mit bloßem Auge – Jahrzehnte lange Erfahrung. Die Form für die Nudeln wird einge.setzt, die Funktion umgeschaltet. Kurz darauf kommt der Teig goldgelb durch die schmalen Öffnungen hindurch. Langsam werden die Nudeln immer länger, der Auffangbehälter ist eine luftdurchlässige Box, in welche die schein.bar endlosen Teigschlangen hineingleiten. Ab und zu greift Ingrid Lorenz am Teigauslass der Maschine ein. Schwungvoll greift sie nach dem Teigbündel und kappt die Streifen. „Wir könnten aber heute auch Kilometernudeln machen“, wirft ihr Sohn ein. So haben die Gäste die Nudeln getauft, die endlos lange sind. Hat sie eine ordentliche Portion Nudeln in der Git.terbox zusammen, kommen diese in siedendes Salzwasser und werden kurz gekocht, danach in eine weitere Box zur Aufbewahrung, bis sie an einem der nächsten Tage als Beilage auf einem Teller der Gäste landen.

Die Tradition erhalten
Währenddessen ist auch das Brot im Ofen fer.tig. Martin Lorenz greift zu den Topflappen und öffnet die Luke. Mit goldbrauner Kruste sitzen die runden Brote dicht an dicht auf dem Blech. Er nimmt es hinaus und lässt die heißen Laibe auf den Küchentisch gleiten zum Auskühlen. In einer Ecke steht schon ein Servierwagen bereit, auf den die Brote gelegt werden, der wird dann im Thekenbereich aufgestellt. So zieht der Duft des frischen Brotes durch den Gastraum – ein Anreiz für viele, das Brot zu kaufen, zu Hause frisch mit Butter zu bestreichen und reinzubeißen.
Wieso Ingrid Lorenz die viele Zeit investiert? „Es ist eine Tradition, die ich weitergeführt ha.be.“ Sie hat sie von ihrer Mutter übernommen und den Gästen schmeckt es.
Die Bahnhofstraße 8 in Villingen
Die Jugendstilvilla des ehemaligen Schnapsbrenners Preiser wurde aufwendig saniert und zum Hotel umgebaut.
von Andreas Fl
Historie und Städtebau
In der Blütezeit des Deutschen Kaiserreichs (1871–1918) ent.standen zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten

historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Gymnasium am Romäusring und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße (Friedrichskran.kenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterun.gen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchwei.lerstraße, Vöhrenbacher Straße, Schillerstraße, am Benediktinerring, in der Luisenstraße und direkt angrenzend, in der Bahnhofstraße statt.
Das Haus Bahnhofstraße 8
Auch die Bahnhofstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz ei.niger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Das Haus in der Bahn.hofstraße 8 wurde in der Hochzeit des Villinger Jugendstils, im Jahr 1900 errichtet.
Für die sich um die Jahrhundertwende merklich erweiternde Stadt war diese Lage eine bevorzugte Wohngegend geworden: nahe beim Bahnhof und vor den Toren der mittelalterli.des ausgehenden Historismus wie auch Stilelemente aus dem Jugend.stil werden am Gebäude augenfällig, wenngleich in spürbarer Zurückhal.tung. Das Haus ist ein anschauliches

Belegstück für die baugeschichtliche Entwicklung der Stadt und ihrer Erweiterung sowie für die architektonische Formensprache dieser Zeit.
Im Jahre 2012 hat Andreas Flöß das Gebäu.de von der Familie Preiser erworben und ein Aufnahmeverfahren in die Liste der Kulturgüter angestrebt. Das Landesdenkmalamt hat die.sem Wunsch entsprochen und mit Datum vom 1.10.2013 nachfolgende Denkmaleigenschaft festgestellt:

traufständiger Klinkerbau, zwei.geschossig mit Gliederungen in Werkstein und Schmuckdetails in Fachwerk. Nach Plänen des Villin.ger Architekten Naegele für den Fabrikanten C. Kaiser errichtet. Am Erker der Straßenfront bez. 1900. Hofseitig originaler verglas.ter Wintergartenvorbau.“
chen Umfassungsmauern. Der Formenschatz
Dr. F. Cremer LDA RP FR

Villa8 mit neuem Hotel-Logo und Hausnummer in der Eingangspforte.
Ein nahezu „unverbautes“ Gebäude
Im Innern des Hauses ist vom Erdgeschoss bis ins Dachgeschoss weitgehend die historische Raumaufteilung mit großen Teilen der bau.zeitlichen ortsfesten Ausstattung erhalten. So zum Beispiel das Treppenhaus mit einer Eichen-Holztreppe und gedrechseltem Geländer sowie die Zwischenwände mit Oberlichtern und Türen, die Terrazzo- und Holzfußböden bzw. Bodenfliesen in Flur und Küche. Die originalen Haus- und Zimmertüren mit originalen Türklin.ken runden ein stimmiges Bild von einem nahezu „unverbauten“ Gebäude ab.
Von der Einfriedung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, ist der eiserne Zaun mit Ein-
Die originalen Haus- und Zimmertüren mit ori.ginalen Türklinken runden ein stimmiges Bild von einem nahezu „unverbauten“ Gebäude ab.

Links: Architekt Andreas Flöß und Hotelbetreiberin Brigitte Hiermaier. Rechts: Die ursprünglich glasierte Fliesen.keramik im Eingangsbereich war stilgebend für das neue Hotel-Logo.
gangspforte zum Gehsteig noch erhalten. Das rückwärtig angeschlossene Fabrikationsge.bäude, stammt vermutlich aus den 1920er-Jah.ren. Es wurde später sowohl nach Süden, als auch nach Norden bis nahe an die Grundstücksgrenzen erweitert. Anschaulich wird dies im Innern an der Nordseite der ursprünglichen Außenwand, wo sich noch die Werbeinschrift der Spirituosen und Aromen Herstellerfirma Preiser KG, die ab 1906 das Anwesen übernommen hat, befindet.
Aufwendige Sanierung
Nach mehreren Jahren Suche nach einer geeig.neten Nutzung wurde ab dem Jahr 2016 eine aufwendige Sanierung für beide Gebäude an.gestoßen. Während im rückwärtigen Fabrikati.onsgebäude große Loftwohnungen entstanden, war für die nun denkmalgeschützte Villa die weitere Bestimmung, ein Hotel zu werden.
Möglich wurde dies durch Brigitte Hiermaier, welche das Gebäude erwarb und seit April 2017, ein kleines Hotel mit Frühstück, dort betreibt.

Unter großem Einsatz aller beteiligten Handwerksfirmen der Region wurde Stück für Stück der ursprüngliche Charakter des Gebäu.des wieder herausgeschält. Hierbei galt es die bestehenden historischen Bauteile zu reparie.ren und zu ergänzen, gleichzeitig aber auch mit den neuen und baurechtlich nötigen Bestim.mungen in Einklang zu bringen.
Die schmucklosen und neuzeitlichen Fens.ter wurden komplett durch fein ausprofilierte Rahmen und Flügel ersetzt. Die vorhandenen Bodenbeläge wurden entfernt und die beste.henden Dielenböden entsprechend repariert, geschliffen und geölt. Ebenso wurden die be.stehenden Holztüren mit Überblattungen und
Bahnhofstraße 8 mit rückwärtig angebautem Fabri.kationsgebäude und aufgemaltem Firmenlogo. Das Bild wurde von Norden aufgenommen, auf dem jetzi.gen Standort des Postgebäudes.

Hotelzimmer im Obergeschoss mit vorgelagertem und erhöhtem Flur.
Holzfüllungen erhalten und für eine Hotelnut.zung überarbeitet und aufgerüstet.
In Küche und Diele wurden die historischen Fliesen ergänzt und, wo es nötig war, repariert. Aus dem Muster der Fliesen, hat sich das Ho.tel Villa8 auch sein Logo abgeleitet, um damit formal einen optimalen Bezug zum Gebäude herzustellen.
Die bestehenden Wände und Decken wur.den nach Abnahme der Tapeten entsprechend gespachtelt und mit glattem Putz sowie Anstrich versehen. Lamperien wurden ersetzt, wo es notwendig war. Die haustechnischen Anlagen wie Elektro, Heizung und Sanitär wurden durch behutsamen Eingriff in die bestehende Bausub.stanz eingebaut. Die Raumstrukturen wurden übernommen, um die ursprüngliche Ables.barkeit der Wohnungen zu erhalten. Außerge.wöhnlich für ein Hotel sind die Holzdielenböden und die natürliche Belichtung in den Bädern.
Im Außenbereich wurde die Fassade überar.beitet und die Dachhaut mit ihren Gaupen und Wiederkehr komplett erneuert.
Der Außenbereich wurde mit dem dahinter-liegenden Fabrikgebäude gemeinsam gestaltet und bildet fortan ein schönes Visavis zum Villin.ger Bahnhof. Städtebaulich wertet die Sanierung den Bereich um die Bahnhofsgegend insgesamt auf, welche in den vergangenen Jahren selbst schon einige Veränderungen erfahren hat.

Beim Hader Karle in Weilersbach
Als vor 25 Jahren die Entscheidung fiel, aus dem ehemaligen Bauernhaus in Weilersbach ein Wirtshaus zu machen, hatte Karl Fleig das Bild eines „singenden Gastwirtes“ vor Augen. Das ist der 56-Jährige auch bis heute geblieben. Doch mittlerweile verbindet man den „Hader Karle“ mit viel mehr – denn das Gasthaus hat sich zu einem Unikat der Gastroszene im Schwarzwald-Baar-Kreis entwickelt.
von Marc Eich

Start als Vesperstube lich diese besondere Kombination unter einem Das Wirtshaus als Ursprungsidee, ein Hotelbe-Dach das Aushängeschild des Betriebes sein. trieb mit vielen individuellen Noten, die dazu-Kein Wunder, dass Karl Fleig stolz ist, wenn gehörige Goaß-Alm mit garantiertem Hütten-ihm bewusst wird, was er mit viel Eigenleistung feeling und als i-Tüpfelchen die Hausbrauerei und dank der Unterstützung der Familie in mit den Eigenkreationen, die Kenner weit über seinem eigenen Elternhaus und seiner Geburts.die Grenzen der Region schätzen: Es gibt viele stätte erschaffen hat. „Das ist für mich ein be-Gründe, warum tagtäglich Einheimische und sonderer Ort, hier steckt viel Herzblut Auswärtige den Weg in den Hader Karle im drin“, erzählt der Gastronom, der VS-Ortsteil finden. Mittlerweile dürfte sicher-früher als Tanzmusiker unterwegs war. Doch wie kam es, dass das ehemalige Bau.ernhaus vor einem Vierteljahrhundert einen kompletten Wandel erfuhr?

„Für den Hof sahen wir keine Zukunfts.perspektiven – und die Gastronomie hat mich schon immer fasziniert“, blickt er zurück. Als es um die Zukunft des väterlichen Landwirt.schaftsbetriebes ging, fasste die Familie des.halb den Entschluss, das Gebäude zu einem Wirtshaus umzubauen. Im April 1992 empfing Karl Fleig gemeinsam mit seiner Frau Beate und dem Schwager Wolfgang Waller, den alle „Wolfi“ nennen, erstmals Gäste. Der Start als Vesperstube glückte – der Erfolg führte dazu, dass die Gaststätte schnell ausgebaut und die Karte erweitert wurde. Damals bekamen die Gäste im Hader Karle internationale Küche, die Zeiten sind aber vorbei. „Wir haben uns dann zurückbesonnen auf unsere Wurzeln.“ Heißt: bodenständige deutsche Küche mit Einflüssen aus dem Bayerischen, dem Schwäbischen und natürlich auch dem Badischen. Viel Wert legt der Gastronom dabei auf Hausgemachtes – so sind Maultaschen, Knödel, Spätzle und sogar das Brot selbst hergestellt.
Individuelle Übernachtungsmöglichkeit
Der erste Schritt, sich in Weilersbach zu eta.blieren, war schließlich geschafft. Die Gäste zeigten sich zufrieden – der gute Ruf lockte zudem Geschäftsleute mit Kundschaft an, die bei ihrem Besuch in der Region die gute Küche

Links: Das rustikale Hotelzimmer „Jagdschlösschen“. Rechts: Im traditionsreichen Wirtshaus steckt viel Herzblut drin.
genossen. „Die meinten dann irgendwann, dass es toll wäre, wenn sie hier auch übernachten könnten“, erinnert sich Fleig zurück. Eine Idee, die den Weilersbacher nicht mehr losließ. Denn Platz hatte man in dem geräumigen Bauern.haus genug, schließlich bot die Familie dort während der Wohnungsnot Studentenzimmer an. Nach zehn Jahren waren diese jedoch re.novierungsbedürftig, sodass dem Ehepaar die Entscheidung nicht schwerfiel: Statt Studenten sollten zukünftig Hotelgäste im Haus unter.kommen. Das wurde in die Tat umgesetzt, seit 2002 kann im Hader Karle auch übernachtet werden. Zur Verfügung stehen insgesamt sechs Zimmer, bald soll ein weiteres folgen. Der Hader Karle wäre aber nicht der Hader Karle, wenn es sich dabei um Standard-Zimmer handeln würde – nein, die Fleigs legen Wert darauf, jedem Zimmer eine individuelle Note zu verlei.hen. Während das Zimmer „Meran“ eher einen mediterranen Touch erhalten hat, hängen im rustikalen „Jagdschlösschen“ beispielsweise ausgestopfte Rehköpfe an der Wand.
Der Erfolg spricht für sich: Rund 100 Über.nachtungen verzeichnen sie mittlerweile im Schnitt pro Monat, davon zahlreiche Stamm.gäste. Über die Jahre haben diese ein fast familiäres Verhältnis entwickelt – nicht nur zu Familie Fleig, sondern auch zu den Besuchern im Wirtshaus. „Die Hotelgäste wurden hier in den Kreis aufgenommen, da sind zum Teil rich.tige Freundschaften daraus geworden“, freut sich Fleig über die besonderen Beziehungen in seinem Elternhaus.

In der Goaß-Alm gibt es regelmäßig Gaudi
Die Einrichtung des Hotels gab ihm dabei auch die Möglichkeit, lange gehegte Ideen umzu.setzen. „Urige Berghütten haben mich beim Skifahren und Bergwandern schon immer faszi.niert, deshalb wollte ich so etwas auch bei mir“, erzählt Fleig. Als die Entscheidung fiel, Zimmer anzubieten, war für ihn deshalb klar: „Wir brau.chen eine Hotelbar.“ Kein Wunder, dass er gleich vor Augen hatte, wie diese aussehen könnte – die Idee für die Goaß-Alm war geboren. Im Mit.telpunkt steht hier die ausgestopfte Ziege, aus deren Hinterteil die Bierhähne kommen. „Die wurde schon X-mal fotografiert“, lacht Fleig. In kompletter Eigenregie hat der Gastronom dabei seine Vorstellungen der Berghütte verwirklicht und darüber hinaus einen Raum für verschiede.ne Events geschaffen: Egal ob Hüttenabende, Schlager- oder Weihnachtspartys, in der Goaß-Alm gibt es regelmäßig Gaudi.
Wer jetzt glaubt, dass sich der „singende Gastwirt“ auf dem Erfolg ausruht, kennt den

Die ausgestopfte Ziege, aus deren Hinterteil die Bier.hähne kommen, ist die Attraktion in der Goaß-Alm.
Familienvater nicht gut. Denn Karl Fleig wollte sich noch einen Traum erfüllen. Der Anlass, dies umzusetzen, war jedoch ein trauriger. 2009 starben seine Eltern – in den frei gewordenen Räumen wollte Fleig deshalb etwas ganz Be.sonderes erschaffen, seine eigene Brauerei mit Bräustüble. Damit einhergehend absolvierte er die Ausbildung zum Diplom-Biersommelier, im Herbst 2010 feierte „Hader Bräu“ schließlich Premiere. Und wenn es um das Bier geht, dann leuchten beim 56-Jährigen die Augen. 250 Hek.toliter seiner Kreation setzt Karl Fleig davon im Jahr durchschnittlich ab, 6000 Liter hat er immer als Vorrat im Haus. Damit dies auch so bleibt, steht er zwei bis drei Mal die Woche am Braukessel, insgesamt sechs Stunden muss er jedes Mal für den Brauprozess aufbringen. An.schließend reift beispielsweise das Hefeweizen 14 Tage, das Helle fünf Wochen und ein Bock.bier sechs bis acht Wochen. „Unser handwerk.lich gebrautes Helles ist weniger stark gehopft, vollmundig, unfiltriert und süffig – also ein typisches Gasthausbrauerei-Bier“, berichtet der Sommelier. Insgesamt vier Sorten hat Fleig im Angebot, eine fünfte Sorte bietet er je nach Saison an. So gibt es nach Aschermittwoch den kräftigen Sankt Carolus Fastenbock, vor Ostern das karamelige Frühlingsmärzen, zum Sommer.beginn das dunkle Dark Summer, zur Wiesn-Zeit das süffige Herbstgold und im Winter das eben.falls dunkle Karl Boromäus Winterbier.
Dem Bier eine besondere Note verleihen…
Doch wie kommt ein Sommelier immer wieder auf verschiedene Sorten? „Wir besuchen mit dem Verband der Biersommeliers viele Ver.kostungen und versuchen dann oft, die Biere daheim nachzubrauen“, so der Kenner des Hopfengetränks. Dabei wollen die Sommeliers selbstverständlich auch immer wieder ihre eige.nen Ideen umsetzen und dem Bier eine beson.dere Note verleihen. „Die Ausbildung hat dabei

Karl Fleig am Braukessel vom „Hader Bräu“. Hier können Gäste nicht nur das hausgebraute Bier genießen, sondern auch alles über den Brauvorgang erfahren.
geholfen, viel Erfahrung zu sammeln, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.“ Und mit dem Bierbrauen hat er sich nicht nur einen Traum er.füllt, sondern konnte hierdurch auch erreichen, dass das Einzugsgebiet des Hader Karle deutlich gewachsen ist. Viele Bierkenner decken sich in Weilersbach dann gleich mit den Lieblingssor.ten ein – eine neue Abfüllanlage soll zukünftig außerdem dafür sorgen, dass das Bier zudem in den handelsüblichen Flaschengrößen über die Verkaufstheke geht.
Musik spielt eine große Rolle
Langweilig wird es Familie Fleig mit Karl, der 51-jährigen Beate und Tochter Ramona (25), die nach ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule seit drei Jahren ebenfalls im Betrieb mit dabei ist, also definitiv nicht. Das liegt sicherlich eben.falls an den vielen Veranstaltungen, die immer wieder viele Gäste in das Wirtshaus mit dem herrlichen Biergarten locken. „Ich liebe Musik, das spielt bei uns immer eine große Rolle“, er.klärt hierzu der Gastronom. Dabei steht er als „singender Bierbrauer“ gerne selber noch vor seinen Gästen, um sie zu unterhalten. Neben den Events in der Goaß-Alm will die Familie ihre

und hinaus in den mit Hopfen verzierten Biergarten sagt Fleig: „Ich habe diesen Schritt in die Selbstständigkeit aber trotzdem nie bereut.“ Und ergänzt: „Das hier ist einfach mein Leben.“
Gäste auch mit jahreszeittypischen Angeboten verwöhnen – dem Schlachtplattenbüffet im Herbst, dem Dämmerschoppen im Frühjahr, einem Wurstsalat-Büffet oder einem Weiß.wurst-Spätessen.
Nachdem Karl Fleig die 25 Jahre Revue hat passieren lassen, denkt er ebenso daran, mit wie viel Arbeit die Erfüllung seines Traums ver.bunden war und ist – und zwar für die gesamte Familie. „Den Urlaub müssen wir uns immer hart erkämpfen“, betont der Familienvater. Nach einem Blick in das Wirtshaus und hinaus in den mit Hopfen verzierten Biergarten sagt Fleig: „Ich habe diesen Schritt in die Selbststän.digkeit aber trotzdem nie bereut.“ Und ergänzt: „Das hier ist einfach mein Leben.“
Vom Theater am Turm und Sommertheater
Ein Stadttheater direkt am Kaiserturm
von Uwe Spille
Welchen besseren Grund gäbe es für einen theaterbegeisterten Donau.eschinger, Blumberger, Triberger oder Furtwanger Bürger als nach Vil.lingen zu gehen und einen Abend im Theater zu verbringen?
Da gibt es einerseits natürlich das Theater am Ring, in dem über das Jahr unter der Leitung des Kulturamtes der Stadt Villingen-Schwenningen Tourneetheater ihre Produktionen zur Auffüh.rung bringen.
Zum anderen allerdings gibt es da noch ein ganz eigenständiges, privat geführtes kleines, aber feines Theater inmitten der Innenstadt Villingens. Vom Villinger Bahnhof kommend findet man es malerisch gelegen direkt unter dem Kaiserturm an der historischen Stadtmau.er. Genau durch diesen Kaiserturm führt ein Weg, hier hindurch, gleich rechts abbiegen und schon sieht man eine große Werbetafel mit den Produktionen der aktuellen Spielzeit.
„Das Theater am Ring hat das Haus, wir ha.ben die Schauspieler“, die künstlerische Leiterin, Liliana Valla, ist ohne Zweifel recht selbstbe-
Von links: Gudrun Henny, kaufmännische Leitung, Jens Swadzba, erster Vorstand, Theaterleitung und Öffentlichkeitsarbeit, Silvia Besana, Gastspielorgani.sation, Liliana Valla, künstlerische Leiterin, und Her.mann Schreiber, technische Leitung.
312

12. Kapitel – Kunst und Kultur
wusst, wenn es um den eigenen Stellenwert in der Stadt geht. Denn dass man hier mit einem eigenem Pool an Schauspielern zu glänzen ver.steht, ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis von 30 Jahren kontinuierlicher Arbeit, die allerdings die ersten Jahre gänzlich auf eine eigene Bühne verzichten musste.
Schon 1987 ergriffen der damalige Kultur.amtsleiter der Stadt, Walter Eichner und der Theaterfreund Eberhard Zimmermann, die Initia.tive zur Gründung des Sommertheaters Villingen.
Gleich die erste Produktion „Die Deutschen Kleinstädter“ von August von Kotzebue wurde dabei zu einem vollen Erfolg. Und ermutigte zur Fortführung der Theaterarbeit.
Auch die folgenden Jahre kam es dem.entsprechend erfolgreich zu sommerlichen Theateraufführungen, immer an wechselnden Standorten der Stadt. Mal wurde der malerische Klosterhof der St. Ursula-Schulen zur Theater.bühne, ein andermal das Franziskaner Museum.
Einige Aufführungen fanden auch auf dem Firmengelände einer Leuchtenfirma statt, manches Mal wurde das Theatergeschehen auf die kleinen Teilorte Villingens verlegt. Und einmal sogar fand das Villinger Sommertheater in Schwenningen statt. Das war im Jahr 2010, als die Landesgartenschau in der Stadt residierte.
Vom Sommer- zum Ganzjahrestheater
Das Sommertheater selbst war einige Jahre später der Anfang des Theaters am Turm. 1992 wurde in einer ehemaligen Fabrik am Ende der Schaffneigasse direkt an der Stadtmauer das noch heutige Domizil des Theaters ausgebaut, bezogen und erstmals Stücke für die Bühne inszeniert.
Heute firmiert man unter dem etwas sper.rigen Titel „Theater am Turm – Villinger Som.mertheater e. V.“ 65 Mitglieder hat der Verein derzeit und seit Juli 2017 mit Jens Swadzba ei.nen neuen Vorsitzenden. Auch wenn der selbst keine Schauspielerfahrung hat, ist er ein über.zeugter Theater am Turm-Anhänger.
„Ich habe immer die Produktionen des The.aters am Turm verfolgt“, erzählt der gebürtige Berliner und heute in Bad Dürrheim ansässige selbständige Bauingenieur. Seine Mutter hatte zwar einst die Schauspielschule besucht, diesen Beruf jedoch nie ergriffen.

Auf Jens Swadzba abgefärbt hat jedoch die Liebe zum Theater. Dass er jetzt selbst Vorsit.zender eines solchen ist, lässt ihn schmunzeln. Und er ist selbstbewusst, diese Arbeit auch zur Zufriedenheit aller zu schaffen. „Ich war zwölf Jahre lang der Landesvorsitzende des Deut.schen Retriever Clubs. Und das ist, so denke ich, keine so schlechte Voraussetzung, um auch ei.nen Kulturverein zu managen“, bringt er es auf den Punkt. Dazu kommt, dass Swadzbas Frau Silvia Besana schon seit Jahren die Gastpiel.organisation für das Theater am Turm unter ihren Fittichen hat.
Denn die Gastspiele anderer Produktionen und Künstler gehören seit vielen Jahren schon zum festen Programm des Hauses. Das Ensemble des Theaters am Turm ist zwar fleißig und willig, kann aber nicht alles selbst auf die Bühne brin.gen, denn selbstverständlich handelt es sich nicht um professionelle Schauspieler. Es sind jährlich nicht weniger als fünf Eigenproduktionen, die vom Theater gestemmt werden. Doch im aktu.ellen Programm sind darüber hinaus noch insge.samt acht teils mehrtägige Gastspiele geplant, fünf allein zwischen Januar und Juni 2018.

Eigenproduktionen und Gastspiele
Aber natürlich sind es eben die Eigenprodukti.onen, die den guten Namen des Theaters am Turm ausmachen. So war das in der Vergan.genheit, so soll es auch in der Zukunft sein, wie Liliana Valla verdeutlicht.
Mit diesen Eigenproduktionen, die ganz überwiegend von den, teils über jahrelange Erfahrungen verfügenden, Laienschauspielern auf die Beine gestellt werden, hat man über die Jahre hinweg immerhin eine Auslastung von rund 75 Prozent erzielt. Das heißt, bei den knapp einhundert Plätzen, die das Theater bietet, sind im Schnitt bei jeder Aufführung in den Eigen.produktionen 75 Plätze verkauft worden.
„Das machen dann jährlich bei rund 80 Auf.führungen in Eigenproduktion etwa 6.000 Besu.cher in unserem Haus. Nicht gerechnet die Gast.spiele“, bringt es Liliana Valla auf den Punkt.
Dabei stechen immer wieder besonders erfolgreiche Produktionen heraus, die ab und zu sogar eine Neuauflage und Fortsetzung er.fahren, weil das Publikum das Theater geradezu überrennt.
So war das erst vor drei Jahren mit dem briti.schen Bühnenknaller „Ladies Night“, der damals zum wiederholten Male aufgelegt worden war. Im Jahr zuvor, als das Stück erstmals gespielt wurde, war das Stück schon nach der dritten Aufführungen für die restlichen Termine restlos ausverkauft gewesen, so dass in der laufenden Spielzeit schon damals noch einige Aufführun.gen zusätzlich anberaumt wurden. Und bei der Wiederaufnahme im Jahr darauf durfte es noch.mal denselben Publikumszuspruch erfahren.

Die strippenden Männer unter der Regie von Liliana Valla gefielen dabei nicht nur den Frauen ausgesprochen gut, auch wenn die ganz dem Titel des Stückes entsprechend den größeren Anteil des Publikums ausmachten. „Wir hatten damals tatsächlich eine 100-prozentige Quote“, bestätigt Hermann Schreiber die fulminante Erfolgsstory der damaligen Produktion.
Eine Besonderheit des Theaters ist auch, dass selbst der Oberbürgermeister der Stadt Vil.lingen-Schwenningen Dr. Rupert Kubon, hier als Schauspieler schon Auftritte absolviert hat. Den letzten hatte er in einer Hauptrolle im Stück „Der Büchsenöffner“ von Victor Lanoux inne, das mit großem Erfolg gespielt wurde.
Erfolgreiche Sommertheater
Aber auch die Produktionen des Sommertheaters fallen nicht nur aufgrund der Auswahl der Stücke immer wieder positiv auf. So die Produktion zum 30-jährigen Jubiläum im Jahr 2017, die in einem geradezu traumhaften Ambiente zum Zuge kam.
Das Schauspiel „Figaros Hochzeit“ wurde um die legendäre Junghans Villa im Waren.bachtal der Stadt inszeniert und feierte dabei einen großen Erfolg.
Nicht nur, dass der Aufführungsort besonders war, denn genau 29 Jahre nach der zweiten Som.mertheaterinszenierung, die damals ebenfalls im Garten der Junghans Villa stattgefunden hatte, konnte dieser Aufführungsort wieder in den Mit.telpunkt des Geschehens gestellt werden.
Zudem war die Regie in diesem Sommer ei.nem ganz besonderen Künstler anvertraut wor.den. Der Wiener Opernregisseur Ches Themann, der erst vor zwei Jahren als Außenstehender das Stück „Der Botschafter“ von Slawomir Mrozek für das Theater am Turm in Szene gesetzt hatte, ließ es sich auf Anfrage natürlich nicht nehmen, dieses besondere Werk des Figaro für diesen ausgesprochen besonderen Anlass auf die Büh.ne zu bringen.

Kindertheater „Nur ein Tag“, mit Jan Schuhmacher, Evelyn Friedel und Antonio Laser.
Kinder- und Jugend – Die Zukunft des Theaters
Besonders am Herzen liegt den Machern des Theaters am Turm darüber hinaus die Kinder-und Jugendarbeit. „Wir müssen an die nächste Generation denken, die wir damit für das The.ater begeistern. Denn es soll auch weiterge.hen, wenn wir nicht mehr können“, bringt es Hermann Schreiber, der Herr über Technik und Bühnenbau, auf den Punkt.
Seit vielen Jahren gibt es deshalb immer im Januar eine Kindertheaterproduktion, die regel.mäßig viele kleine Fans anzieht.
In diesem aktuellen Programm für das Früh.jahr 2018 wird es das Stück „Dr. Brumm kommt in Fahrt“ sein, mit dem der stadtbekannte Henry Greif, ein Urgestein des Theaters, gemeinsam mit Reinhard Gackowski die Kinder begeistern will. Dass Henry Greif das bestens kann, beweist er immer wieder, wenn er als fester Auftrittspart unter dem Jahr sein „Tri-tra-trallala“ zur Auf.führung bringt.

Ein weiteres Merkmal der Arbeit mit der jungen Generation ist die Kooperation mit der Theater Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums am Hoptbühl.
Im kommenden März wird es das zehnte Jahr sein, in dem Schülerinnen und Schüler un.ter der Leitung der Lehrerinnen Kathrin Seuthe und Ulrike Merkle mehrere Abende den profes.sionell ausgestatteten Theatersaal nutzen, um sich mit ihrem neuen Stück der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Das Theater am Turm findet man in der Schaffneigasse in der Villinger Innenstadt, direkt am markanten Kaiserturm. Kommt man mit dem Zug, so geht man vom Bahnhof Richtung Villinger Innenstadt über die Brigachbrücke für Fußgänger bis zur Stadtmauer. Hier sieht man rechts den Kaiserturm markant aufragen. Hier hin geht man, dann findet man das Theater sofort. Park.plätze, für mit dem eigenen Auto anreisende Gäste, finden sich unter anderem im Parkhaus der nahe liegenden Tonhalle, das Insel Parkhaus befindet sich ebenfalls in fußläufiger Nähe. Den Vorverkauf für die Produktionen und Gastspiele des Theaters am Turm gibt es bei Morys Hof.buchhandlung in Villingen, unter der Telefonnummer 07721/502020 kann man ebenfalls Karten bestellen. Vorbestellte Karten müssen am Spieltag bis 12 Uhr bei der Hofbuchhandlung in Villin.gen abgeholt werden. Im Internet findet man das Programm und weitere Informationen unter der Homepage www.theater-am-turm.de

Zum Tode von Dr. Gerhard Gebauer
OB war Vater der Doppelstadt
In Rahmen einer Trauerfeier wurde am Freitag, den 16. Juni 2017 in der Schwenninger Stadt.kirche vom ehemaligen Ober.bürgermeister und Ehrenbürger Villingen-Schwenningens, Dr. Gerhard Gebauer, Abschied ge.nommen. Er starb am 3. Juni im Alter von 90 Jahren. „Wir schau.en auf ein großes Leben und ein großes Lebenswerk zurück“, sagte Pfarrerin Märit Kaasch. „Hier bin ich, sende mich“, war der Konfirmationsspruch des
Begrder von „vsswingt“
Fritz Ewald verstorben
Der gebürtige Schwenninger starb am 3. Oktober 2017 im Alter von 78 Jahren. Seine Liebe zum Jazz fand er in den 1950er Jahren – später wurde er selbst Musiker. Von einem Profi lernte er das Drummen und spielte mit den „Dixi Jazz Youngsters“. Einen Namen machte sich Ewald insbesondere als Konzert-Organisator und Programmma.cher. Als erste Konzertreihe initiierte er die Veranstaltung

Dr. Gerhard Gebauer
jungen Gerhard Gebauers, der ihn sein ganzes Leben lang be.gleitet habe, so Kaasch. Sein großer Wille und seine enorme Schaffenskraft seien in vielen Lebensbereichen sichtbar ge.worden.
1953 heiratete Gebauer sei.ne Frau Liselotte, mit der er 64 Jahre lang das private und öf.fentliche Leben geteilt und vie.les bewirkt hat. Gebauer war von 1960 bis 1961 Bürgermeister, von 1962 bis 1972 Oberbür.germeister von Schwenningen.

Fritz Ewald
Mit viel Geschick ist ihm die Städtefusion von Villingen und Schwenningen 1972 zum Ober.zentrum gelungen. Seit der Fusi.on war Gebauer bis 1994 Ober.bürgermeister von Villingen-Schwenningen. Ihm war es stets wichtig, in der Not zu helfen. Beispiele dafür sind die Lebenshilfe, das Bürgerheim und die Geriatrische Klinik am Kloster.wald.
Joachim Gwinner, Erster Landesbeamter des Schwarzwald-Baar-Kreises, sprach von Gerhard Gebauer als einer „außerordentlichen Persönlichkeit“ mit einer „großartigen Lebensleistung“. Gebauer war mehr als 54 Jahre in der Kreispolitik tätig. Er habe viele wegweisende Entscheidungen mit Weitsicht und Gestaltungswillen getroffen. Bei all seiner Routiniertheit und seinem strategischen Weitblick sei er ein liebenswerter, aufrichtiger und einfühlsamer Mensch gewesen (siehe u.a. auch Almanach 1998 und 2007).
„Jazz und Pop“. Dann kam das Festival, mit dem sich „Mister Jazz“ endgültig einen Platz als bedeutende Persönlichkeit in der kulturellen Geschichte von Villingen-Schwenningen sicherte: „vsswingt“. 1977 lag die Geburtsstunde des Jazz-Festivals im Theater am Ring. Für die Organisation des Festivals kam ihm vor allem die nicht vor.handene Scheu vor den Großen der Branche zugute, von denen er viele engagieren konnte. „Mister Jazz“ erhielt die Landesehrennadel, die Bürgermedaille und das Bundesverdienstkreuz.

Bgermeisterwahlen im Schwarzwald-Baar-Kreis
Josef Herdner, Furtwangen
Knapp eine Stunde nach Schließung der Wahllokale stand am
Sonntag, den 9. Oktober das vorläufi.ge Ergebnis fest: Mit 96 Prozent der Stimmen wurde Josef Herdner in seine zweite Amtszeit als Bürgermeister von Furtwangen gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 35,7 Prozent. Landrat Sven Hinterseh gratulierte persönlich und betonte die gute Zusam.menarbeit mit Furtwangen.

Micha Bächle, Bräunlingen
Der neue Bürgermeister von Bräunlingen heißt Micha Bächle
und stammt aus Löffingen. Der langjährige Amtsinhaber Jürgen Guse hatte nicht mehr kandidiert und gratulierte am Wahlabend wie Landrat Sven Hinterseh zu einem phänomenalen Sieg. Micha Bächle hatte sich trotz dreier Mitbewerber im ersten Wahlgang mit 68,1 Prozent klar durchgesetzt, die Wahlbeteili.gung betrug 69,1 Prozent.

Markus Keller, Blumberg
Bürgermeister Markus Keller erhielt bei der Wahl am 15. Ok.
tober 2017 2.816 gültige Stimmen, das sind 97,9 Prozent, eine klare Bestätigung für den Amtsinhaber. Eine Wahlbeteiligung von 37,8 Prozent sei für einen Einzelkandidaten hoch, wie Landrat Sven Hinterseh betonte. Der Landrat weiter: „Der Amtsinhaber achtet sehr darauf, dass Blumberg selbstbewusst in die Zukunft gehen kann.“

Titelseite: Kandelblick-Abfahrtsstrecke mit Vöhrenbach Wilfried Dold, Vöhrenbach
Rückseite: Märzenbecher, Wutachflühe Wilfried Dold, Vöhrenbach.
Soweit die Fotografen nicht namentlich angeführt wer.den, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bildautoren/Bildleihgeber über ihn erfragbar.
Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten:
Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 4 r., 6 r., 9, 17, 43, 57, 60, 61, 66/67 u., 69, 114-135, 136-147, 156/157, 160, 161, 164, 165, 217, 226/227, 236, 248/249, 250, 252 o., u. l., 253.257, 279-289; dold.verlag, Vöhrenbach: 158/159, 160 o., 162/163, 167, 168, 169, 170 r., 190/191, 239, 241, 247; Stadt Furtwangen: 172, 173; Horst Fischer, Donaueschingen: 6 l., 243, 244; Dr. Hans-Joachim Blech, DS-Aufen: 6 M., 266-277; Tobias Raphael Ackermann, Donaueschingen: 7, 306/307; Ferienland Schwarzwald, Schönwald: 4 l., 10/11, 14, 16; Stephanie Wetzig, Königsfeld-Buchenberg: 19-22; Gabi Lendle, Hüfingen: 25-27; Michael Kienzler, Brigachtal-Klengen: 31, 32 o. r.; Mareike Kratt, VS-Villin.gen: 32 o. l., 34, 35, 309; Nathalie Göbel, VS-Villingen: 36-42; Christoph Sieber, Köln: 44-47; Madlen Falke, Hüfingen: 49-52; Helmut Junkel, Eisenbach: 55; Günter Vollmer, Donaueschingen: 83 u., 86, 87 u., 87 M.; Roland Sigwart, Hüfingen: 87 o., 218-223; Foto-Carle, Triberg: 88/89, 91, 93, 97; Daniela Schneider, Triberg: 90, 94, 95; Stephanie Jacober, Donaueschingen: 110; Werner Oppelt, Triberg: 166, 170 o. l., 171 u., 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 171 o., 198-204; Erwin Epting, St. Georgen: 182-183, 185-187; Stadt St. Georgen: 184; Roland Sprich, St. Georgen: 188/189, 193, 206-209, 238; Bernhard Dorer, Furtwangen-Linach: 194.197; Frank Armbruster, Bad Krozingen: 200/201; Stadt Villingen-Schwenningen: 224, 225; Martin Fetscher, VS-Villingen: 228, 231, 235, 237; Adobe Stock: 229, Stadt Hüfingen: 233, 234; Josef Vogt, Brigachtal: 252 u. r.; Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen: 258-264; Wil.fried Strohmeier, Bad Dürrheim: 291-293; Jessica Rüh.mann, Bregenz: 295-297; Marc Eich, VS-Villingen: 298.301; Günther Baumann, VS-Schwenningen: 302-305;Child of Nature: 310; Üwen Ergün, Kinderrechteforum, Köln: 311; Birgit Heinig, VS-Villingen: 316

]]>
Almanach 2024 https://almanach-sbk.de/almanach-2024/ https://almanach-sbk.de/almanach-2024/#respond Tue, 05 Dec 2023 12:52:57 +0000 https://almanach-sbk.de/?p=1894  

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis in Zusammenarbeit mit dem dold.verlag www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.deInformationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.deRedaktion: Sven Hinterseh, Landrat; Wilfried Dold, Redakteur (wd); Kristina Diffring, Referentin des Landrates; Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv; Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung und Vertrieb: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2022 www.doldverlag.de Druck: PASSAVIA Druckservice GmbH & Co. KG D-94036 PassauISBN: 978-3-948461-11-02

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen 50 Jahre SBK Da leben wir Das neue Verwaltungs gebäude „An der Brigach“ Momentaufnahmen aus einem Quellenland Romina Auer und Nikol Konta – Wenn Mädchen­ träume wahr werden 30 62 92 Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 112 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, des Amtes für Abfallwirtschaft, der Bußgeldbehörde und des Kreisarchivs untergebracht. Das 50-jährige Bestehen des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhards- berg, der Langenwaldschanze oder am Triberger Wasserfall. Für Gespräche und Impressio- nen beim Kreiserntedankfest in Bräunlingen und Begegnungen mit den Initiatoren des neuen Donau-Zusammenflusses. Mitten in Schwenningen, im Alten E-Werk, führen Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier „La belle mariée“. Damit erfüllen sie nicht nur die Träume vieler Frauen vom perfekten Hochzeitskleid, sondern auch ihre eigenen: Seit Oktober 2021 sind sie selbstständig und nahmen auch an der TV-Show „Zwischen Tüll und Tränen“ teil. 4 Inhalt

 

 

 

Inhaltsverzeichnis 2 Impressum 8 Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! / Sven Hinterseh 10 Impressionen aus Schwarzwald und Baar / Wilfried Dold 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 22 Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten / Marc Eich 30 Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ / Andreas Flöß 42 Klinikschule der Luisenklinik – Für eine gute Zukunft der jungen Patienten / Wilfried Strohmeier 2. Kapitel / 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis 50 „Ich bin zuversichtlich, dass sich unser Landkreis im Wettbewerb der Zukunftsregionenregionen behaupten kann“ – Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh / Klaus Peter Karger / Wilfried Dold 62 Momentaufnahmen aus einem Quellenland / Wilfried Dold 3. Kapitel / Da leben wir 92 Romina Auer und Nikol Konta: „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden / Elke Reinauer 102 Patrick Bäurer – Ein Leben mit dem Ball / Hans-Jürgen Götz 112 Selina Haas – Tradition und Moderne kreativ verknüpft / Marc Eich 120 Daniela Maier: Skicross-Weltelite aus dem Schwarzwald – Bronze bei Olympia / Silvia Binninger 4. Kapitel / Wirtschaft 132 lehmann_holz_bauten – Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien / Roland Sprich 140 Die Klinik am Doniswald – Psychotherapie und Seelsorge / Barbara Dickmann 148 75 Jahre Hezel GmbH – Vom Pionier zum hochmodernen Entsorgungsfachbetrieb / Roland Sprich 158 Wilhelm Stark Baustoffe GmbH – Seit 90 Jahren ein solider Partner für Handwerker und Bauherren / Wilfried Strohmeier 5. Kapitel / Geschichte 168 Der Stolz von Villingen – Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut / Bernd Möller 5 Geschichte Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut 168 Das Münster ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befinden sich ein neunstim- miges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeut- schen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut. Inhalt

 

 

 

Kunst und Kultur Freizeit Vereine und Einrichtungen Das Museum Art.Plus in Donaueschingen Mythen und Zauber der Wutachflühen Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Orts­ gruppen im Schwarzwald 216 226 246 Das im Jahr 2009 eröffnete Museum richtet seinen Fokus auf zeitgenössische Kunst. Mit einer Vielfalt künstlerischer Positionen ermöglicht das Museum Art.Plus einen abwechslungsreichen Einblick in das moderne Kunstgesche- hen auf interna tionalem Niveau, berücksichtigt aber auch das regionale Kunst- schaffen. Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwest- deutschen Schichtstufenland- schaft durchwandern. Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarzwald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwangen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwald- vereins, des Skiclubs und den Naturfreunden zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. 6 Inhalt

 

 

 

182 EGT – Auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität / Wilfried Dold 200 Gedächtnis für die „Fürstenberger Lande“ – Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen / Edgar H. Tritschler 6. Kapitel / Kunst und Kultur 216 Das Museum Art.Plus – Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst / Ursula Köhler 7. Kapitel / Freizeit 226 Mythen und Zauber der Wutachflühen / Wolf Hockenjos 242 Schroffe Felsen, sanfte Höhen – Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf / Gerhard Dilger 8. Kapitel / Vereine und Einrichtungen 246 Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald / Gerhard Dilger 256 Wenn Kinder der Natur und Tieren ganz nahe kommen – Der Bauernhofkindergarten in Waldhausen / Dagobert Maier 9. Kapitel / Gastlichkeit 264 Feines erleben – Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen / Tanja Bury 276 Zum Wilden Michel – “Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal / Daniela Schneider 290 Mit Herz und Hand – Der Löwen in Brigachtal / Josef Vogt Anhang 299 Almanach-Magazin 302 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 304 Ehrenliste der Freunde und Förderer Ergänzende digitale Inhalte zum Almanach 2023 finden unsere Leser unter: www.almanach-sbk.de/almanach2023-digital Gastlichkeit Zum Wilden Michel – „Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal 276 Zwischen Bauernhof- romantik, Naturidylle und absolut null Handy- netz wurde 2021 mit der Gaststätte „Zum Wilden Michel“ etwas Besonderes auf den Weg gebracht. Das spricht sich rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz der Kultgast- stätte genau ausmacht. Inhalt 7

 

 

 

Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! Liebe Leserinnen und Leser, nach drei Jahren mit Pandemie, Krisen, düsteren Zukunftsprognosen, was die Energieversorgung, Preiserhöhungen und die finanzielle Situation im All- gemeinen sowie den Weltfrieden angeht, wollen wir mit diesem Schwarzwald-Baar-Buch für ein wenig Ablenkung, Zerstreuung und Abwechslung sorgen. Pandemiebewältigung, nicht abreißende Flüchtlings- ströme, die unsere Unterbringungsmöglichkeiten an die Kapazitätsgrenze bringen sowie Gasmangel, Preiserhöhungen und Energiesparen an allen Ecken und Enden haben in den letzten Monaten unser Le- ben vorwiegend bestimmt. Fachkräfte mangel und Materialverknappung sind im Alltag schon spürbar. Auch die Prognosen von Experten lassen keine schnelle Besserung erwarten. Zahlreiche Existenzen sind bedroht, viele Bürgerinnen und Bürger plagen Zukunftsängste und die Ungewissheit vor dem, was wohl noch kommen wird, scheint einen das ein oder andere Mal beinahe zu erdrücken. Gerade deshalb wollen wir mit diesem Werk die Gelegenheit bieten, dem herausfordernden Alltag für ein paar Augenblicke zu entfliehen. So können Sie sich im Almanach 2023 über ganz „Normales“ und dennoch Besonderes freuen: über Menschen wie „du und ich“, beeindruckende Persönlichkeiten, span- nende und außergewöhnliche Lebens-, Firmen- und historische Geschichten, die für Unterhaltung und Kurzweiligkeit sorgen. Das Schwarzwald-Baar-Buch lädt dazu ein, seine Gedanken in Zuversicht, Mut und Lebensfreude zu wandeln – ergreifen Sie diese Chance! Einen großen Teil nimmt in diesem Jahr auch un- ser Kreisjubiläum ein – 50 Jahre Schwarzwald-Baar- Kreis. Bereits ein halbes Jahrhundert lang sind Städte und Gemeinden und somit natürlich die darin leben- den Menschen in unserem Landkreis nun schon zu- sammengewachsen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich zum echten Heimat- und Wohlfühlort etabliert und entwickelt sich stetig weiter. Die Menschen, die hier leben, sind zukunftsorientiert und traditions- bewusst, innovativ und erfolgreich zugleich – darauf können wir stolz sein und daraus Zuversicht schöp- fen! Diese Menschen sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, unsere Leistungsfähigkeit und unser ganzes Potential – und auf diese Kraft können wir auch in Zukunft bauen. Ein großes Dankeschön gilt in der inzwischen 47. Ausgabe des Almanach erneut den zahlreichen Förderern und treuen Freunden des Schwarzwald- Baar-Buchs sowie allen Autoren und Fotografen, die wieder einmal entscheidend dazu beigetragen ha- ben, dass eine attraktive, sehr informative Publikati- on mit großer Themenvielfalt entstehen konnte. Mein besonderer Dank gilt auch in diesem Jahr dem dold.verlag aus Vöhrenbach, der ein weiteres Mal dafür gesorgt hat, dass mit dem Almanach 2023 ein ganz besonderes und einzigartiges Werk entstan- den ist. Daher freue ich mich auch weiterhin auf eine vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation in den kommenden Jahren für unser Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar-Buch, unserem Almanach. Ihnen, den Leserinnen und Leser des Almanach 2023, möchte ich ebenfalls für Ihre teilweise über Jahrzehnte gewachsene Verbundenheit danken und wünsche Ihnen mit unserem Schwarzwald-Baar- Buch einmal mehr eine interessante, unterhaltsame Lektüre sowie viel Freude dabei. Halten Sie uns auch weiterhin die Treue! Ihr Sven Hinterseh, Landrat 8 Zum Geleit

 

 

 

Unterwegs am Rohrhardsberg bei Schonach. Landrat Sven Hinterseh besucht Ranger Nikolas Binder, macht sich im Rahmen einer Stippvisite mit einem Naturschutzgebiet vertraut, das eine der letzten Auerhahnpopulationen im Schwarzwald beherbergt (s. S. 64). 9

 

 

 

Winter in Schönwald. Das Schwarzenbachtal mit Anstieg des Fernskiwanderweges hinauf zur Weißenbacher Höhe.

 

 

 

Blick von Rohrbach über die Fuchsfalle hinweg zur Bergwelt bei Triberg. Links im Tal unten der Doldenhof an der L 175 liegend.

 

 

 

14

 

 

 

Frühlingsblumen am Rain eines Feldweges in Linach: Margeriten, Acker- oder Wiesenwitwen- blumen, Habichtskraut, diverse Gräser und ein Meer von Schmetterlingen sind zu sehen.

 

 

 

Alt-Villingerin Die Tracht der Alt-Villingerin ist seit jeher der Ausdruck von Bürgerstolz: Die silberne, goldene oder schwarze Radhaube wird ebenso im Bodenseegebiet, Oberschwaben, Allgäu und in Vorarlberg getragen – ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Reich der Habsburger. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand die edle Frauentracht aus dem Alltagsleben und kehrte an der Wende zum 20. Jahrhundert als Begleiterin des Narro zumindest an der Fastnacht ins Alltagsleben zurück. Als sich im Jahr 1926 in Villingen ein Volkstrachtenverein gründet, ist die Alt-Villingerin fortan auch bei Trachtenfesten zu sehen. Heute tragen auch junge Frauen wie Joline Rothmund die Villinger Tracht – vorzugsweise an der Fastnacht. 16

 

 

 

 

 

 

18

 

 

 

Gleitschirmflieger auf dem Fürstenberg. Im Herbst herrscht am Startplatz Süd des Baarflieger Fürstenberg- Geisingen e.V Hochsaison. Die Thermik und die Talwinde werden schwächer, die Flugbedingungen sind ideal.

 

 

 

20

 

 

 

Klirrend kalter Wintermorgen an der jungen Donau bei Neudingen.

 

 

 

Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten Die Corona-Krise war noch nicht komplett überstanden, da rollte auf den Landkreis schon die nächste Herausforderung zu: Angesichts des Angriffs von Russland auf die Ukraine musste sich der Schwarzwald-Baar-Kreis auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen. Vom 14. März bis 26. September 2022 wurden 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Nicht nur, dass ein Rädchen ins andere griff, sondern auch der Zufall half dabei, dass die Situation gemeistert werden konnte. von Marc Eich 14. März 2022, 10.41 Uhr, Sturmbühlstraße in Villingen-Schwenningen. 18 Tage, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin eine Invasion auf die Ukraine in Gang gesetzt hat, sind die Auswirkun- gen dieses Befehls knapp 1.500 Kilometer Luftlinie entfernt zu spüren. Denn in der Flüchtlingsunter- kunft, die zunächst als zentrale Anlaufstelle für die Geflüchteten des Krieges eingerichtet worden war, herrschte der Ausnahmezustand. „Schon am Vormittag war hier ‚Land unter‘“, erinnert sich Eberhard Weckenmann. stab unter Leitung von Landrat Sven Hinterseh zusammengefunden und beschlossen, dass die Erstregistrierung und Versorgung der ukrainischen Flüchtlinge nur durch eine gemeinsame Arbeit zu bewältigen sei. Deshalb hatte man sich frühzeitig da- zu entschlossen, ein Aufnahmezentrum mit allen be- teiligten Behörden zu gründen. Das Sozialamt wurde als Steuerungsstelle für sämtliche Bereiche auserko- ren. Man ging zunächst davon aus, dass die zentrale Aufnahmeeinrichtung des Landkreises in der Sturm- bühlstraße der richtige Ort dafür sei. Allerdings Es muss reagiert werden Der 63-Jährige, der im Sozialamt des Landkreises tätig ist und sich unter anderem in der Unteren Auf- nahmebehörde um die Unterbringung von Flücht- lingen kümmert, hat noch vor Augen, mit welchen Heraus forderungen das Team gleich zu Beginn zu kämpfen hatte. An Aschermittwoch, sechs Tage nach Kriegsbeginn, hat sich im Landrats amt der Krisen- Die Not hat viele Gesichter – die Männer kämpfen gegen die russischen Angreifer, viele ukrainische Frauen und Kinder können sich durch eine Flucht nach Deutschland in Sicherheit bringen. Allein im Schwarzwald-Baar-Kreis finden 3.042 Frauen und Kinder eine vorläufige Unter- kunft (Stand 22. September 2022). 22 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

wusste man zu diesem Zeitpunkt nicht, mit welchem Ansturm zu rechnen sein würde. So gestaltete sich der Starttag am 14. März als ziemlich chaotisch. Auf- enthaltsräume mussten zu Wartebereichen umfunk- tioniert werden, zwischenzeitlich fanden sich dort 70 bis 80 Menschen wieder, in der Küche wickelten Mütter ihre Kinder und bereiteten das Essen zu. Und das zu Zeiten von Corona. Schnell war klar: Es muss reagiert werden. „Auch Landrat Sven Hinterseh hat gesagt: ‚So kann man gar nicht arbeiten‘“, erklärt Eberhard Weckenmann. Was dann in die Wege geleitet wurde, das sieht der Flüchtlingsexperte als „beeindruckend“ an. Denn innerhalb von einer Woche schaffte es das Landrats- amt im Zusammenspiel mit den Großen Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen sowie auch dank der Unterstützung der Hilfs- und Rettungsorganisationen und vieler ehrenamtlicher Kräfte eine neue zentrale Aufnahmestelle aus dem Boden zu stampfen. Als Standort nutzte man die Sporthalle der Albert-Schweitzer-Schule in Villingen. „Was im Vorfeld über den Tisch von Kreisbrand- meister Florian Vetter lief, war enorm“, so Eberhard Weckenmann. Am 21. März eröffnete schließlich die neue Aufnahmestelle – und war zugleich Vorreiter im Land. „Wir waren die Ersten, die in dieser Struktur alles unter einen Hut bekommen haben“, hebt der Sachgebietsleiter für sondergesetzliche Sozialleis- tungen die Weitsichtigkeit hervor. Denn der Clou am neuen Standort: Alle notwendigen Behörden waren zentralisiert worden, die Geflüchteten konnten mit einem einzigen Besuch alle Behördengänge erledigen. Zentrale Aufnahmestelle erfasst alles Notwendige für den Aufenthalt In der zentralen Aufnahmestelle wurde eine Registrier- straße organisiert, in der alles Notwendige für den Eine logistische Herausforderung war der Transport der Möblierung und die Einrichtung der Notunterkünfte wie hier im Heilig-Geist-Spital. 24 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Dem Krieg entkommen, aber fern der Heimat: Ukrainische Kinder beim Puppenspiel. Aufenthalt der Geflüchteten erfasst wurde und mehrere Behörden zusammenarbeiteten. Die Ausländerbehörde leitete das Verfahren ein, um einen Aufenthaltstitel erteilen zu können. Die Untere Aufnahmebehörde meldete die Geflüchteten an das Regierungspräsidium Karlsruhe, um die sogenannte „vorläufige Unterbringung“ festzustellen und sorgte – wenn nötig – für ein Dach über dem Kopf. Wenn noch keine Unterkunft in einer Gemeinde vorhanden war, erhielten die Menschen umgehend einen Unterkunftsplatz. Die vorläufige Unterbrin- gung ist wiederum für die Kostenerstattung des Landes an den Landkreis ausschlaggebend und für die darauf folgende Anschlussunterbringung in den Städten und Gemeinden. Weiter wurde in der Registrierstraße der Antrag für finanzielle Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz gestellt. Mit dem Rechtskreiswechsel war auch das Jobcenter schon ab Anfang Mai im Aufnahmezentrum mit im Boot. Seit 1. Juni 2022 beziehen die Ukraine-Geflüch- teten ihre Sozialleistungen nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern nach dem Zweiten oder Zwölften Sozialgesetzbuch – für erwerbsfähige Geflüchtete änderte sich damit die Zuständigkeit. Die Arbeit des gemeinsamen Aufnahmezentrums endete schließlich zum 31. Juli. Dann konnten auch die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule ihren Sport- unterricht wie gewohnt in ihrer Turnhalle absolvie- ren. Die Registrierung der seither ankommenden Flüchtlinge findet nun wieder in den jeweiligen Be- hörden, geordnet über ein Laufzettelverfahren, statt. Hilfe für die Ukraine 25

 

 

 

angesichts der Verdopplung der Flüchtlingszahlen zwischen Som- mer und Winter 2021 ohnehin notwendig gewesen wäre. Registrierung Geflüchteter aus der Ukraine Vom 14. März bis 26. Septem­ ber wurden insgesamt 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon waren Frauen. April März „Private Unterkünfte haben uns gerettet“ Die erkennungsdienstliche Behandlung der Kriegsflüchtlinge und die Zusammenfassung der Behördengänge war jedoch nur ein Teil der Herausforderung. Denn: Auch die Unterbringung musste gewährleistet sein. Und hier hatte der Landkreis keinerlei Möglichkeiten, sich auf den plötzlichen Zustrom an Menschen aus der Ukraine vorzubereiten. „Wir haben vor dem 24. Februar keine Vorkehrungen treffen können“, erklärt Eberhard Weckenmann. Als sich ein Angriff Russlands andeutete, war der Umfang des Flüchtlingsstroms zunächst unklar. „Im März und April warteten viele Ukrainer zunächst in Polen und dachten, dass sie schnell wieder in ihre Heimat zurückkönnen.“ Die Hoffnung auf eine schnelle Beendigung des Angriffs war jedoch ein Trugschluss. Dass den Ukrainern dennoch ausreichend Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden konnten, hing von zwei Faktoren ab. September August Juni Mai Juli „Die privaten Unterkünfte haben uns gerettet“, macht Eberhard Weckenmann in diesem Zusammen- hang deutlich. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung sei enorm gewesen, „die Menschen sind uns von der Mentalität natürlich näher“, sieht er als eine Erklärung dafür. Auch die politische Entscheidung, dass die Geflüchteten zugleich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, habe dazu beigetragen. Doch die privaten Unterkünfte allein hätten nicht gereicht. Der Grundstein für ausreichende vorläufige Unterkünfte war bereits im Oktober 2021 gelegt worden – schon lange bevor sich eine Eskalation der Lage im Kriegsgebiet andeutete. Der Zufall wollte es, dass diese Maßnahme in der unvorhergesehe- nen Flüchtlingswelle weiterhalf. Wie kam es dazu? Eberhard Weckenmann: „Im Herbst 2021 war bereits klar, dass die Flüchtlingszahlen allgemein wieder steigen würden – es war Glück, dass wir die Kapazi- täten schon hochgefahren hatten, ohne zu wissen, was in der Ukraine passiert.“ So reaktivierte der Landkreis Unterkünfte der vorherigen Flüchtlings- welle 2015/2016 zum 1. Januar 2022 wieder – was 123 681 362 207 203 250 1.495 Der Krisenmodus dauert an Neben den Unterkünften in der Sturmbühlstraße, in Donau- eschingen sowie in St. Georgen (320 Plätze), kamen zusätzlich zum Jahresbeginn 2022 auch die Standorte in Blumberg (80) sowie in der Alleenstraße in Schwenningen (95) hinzu – und zwar für die „normalen“ Flücht- linge. Das reichte angesichts der Auswirkungen von kriegerischen Handlungen jedoch nicht aus. Zusätzlich mietete der Landkreis die ehemaligen Mediclin-Gebäude in Königsfeld (100) und Donau- eschingen (120) an. Hier hielt sich der Aufwand zur „Reaktivierung“ der Gebäude angesichts eines kurzen Leerstands von drei Monaten in Grenzen. Das sah bei der Unterkunft im ehemaligen Heilig- Geist- Spital (230) in Villingen, welches zwei Jahre lang leer gestanden hatte und teilweise zurückgebaut worden war, ganz anders aus. „Das war ein enormer Auf- wand“, so der 63-Jährige. In kürzester Zeit waren somit 450 Plätze für ukrainische Geflüchtete geschaffen worden, „die sind voll belegt, wir sind an der Oberkante“, macht Eberhard Weckenmann mit Stand September 2022 deutlich. Die Herausforderungen sind damit jedoch nicht zu Ende – sowohl für den Landkreis als auch für die Anschlussunterbringung nach sechs Monaten in den Städten und Gemeinden. Gerade mit Blick auf den Winter und den zu erwartenden Zustrom an Menschen, die vor dem Krieg und den prekären Be- dingungen angesichts der kalten Witterung in ihrer Heimat flüchten, werden wohl weitere 300 bis 600 Plätze benötigt. Der Krisenmodus wird also noch länger anhalten. Momentaufnahmen aus der Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge im Heilig-Geist-Spital, wo auch Sprachunter- richt angeboten wird (unten). 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

27

 

 

 

Eberhard Weckenmann Hilfe für Flüchtlinge – Sachgebietsleitung Sondergesetzliche Sozialleistungen Für Eberhard Weckenmann vom Sozialamt des Landkreises ist die Flüchtlingswelle aus der Ukraine die letzte große Aufgabe in seiner beruflichen Lauf- bahn. Nach vielen Jahren im Bereich des Sozial wesens ist klar: Weil keine Flüchtlingswelle der vorherigen gleicht, ist dauerhafte Flexibilität notwendig. Es ist ein ständiges Auf und Ab, ein permanen- tes Flexibelreagieren und nicht zuletzt ein Kraftakt. Eberhard Weckenmann war einer jener Akteure im Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der die vergangenen großen Flüchtlingszuströme miterlebt hat. „Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren“, sagt er rückblickend. Der Erfolg bei der Überwindung der Flüchtlings- krisen dürfte ihm recht geben. Der 63-Jährige, der einen Studiengang zum gehobenen Verwaltungs- dienst in Kehl absolvierte, erinnert sich an die Zeit in den Jahren 2005 und 2006, als die Flüchtlings- unterkünfte – bis auf die Obereschacher Straße in Villingen und die Einrichtung in St. Georgen – im gesamten Landkreis zurückgebaut waren. In der Unteren Aufnahmebehörde hielten sich die Aufga- ben in Grenzen, Eberhard Weckenmann kümmerte sich daher zwischenzeitlich um Sozialleistungen wie Wohngeld und Bafög. Das änderte sich im Jahr 2012, als die Flüchtlings- zahlen wieder stiegen. „Damals war das dramatisch, aus heutiger Sicht eher übersichtlich“, so Eberhard Weckenmann. Die Unterkunft zwischen Villingen und Unter kirnach, Maria Tann, wurde eingerichtet, um den Geflüchteten Platz zu bieten. Neue Dimensionen er- reichte die Flüchtlingsarbeit dann mit der Krise in den Jahren 2015/2016. Das Land installierte im Landkreis bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen in Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren. Villingen und Donaueschingen, während das Landrats- amt selbst über 20 Gemeinschaftsunterkünfte schuf. Nach dem zwischenzeitlichen Abbau der Plätze für Geflüchtete, folgte nun wieder der Aufbau – „Asyl ist immer wellenartig“, so der Experte. Der ge- bürtige Rottweiler sieht dabei aber deutliche Unter- schiede zwischen der vorherigen Krise und der der- zeitigen Flüchtlingswelle: „Damals war der Zustrom geordnet, weil die Flüchtlinge zunächst in der Erst- aufnahme registriert und anschließend verteilt wur- den.“ Die heutige Freizügigkeit der Ukrainer sei eine „große Herausforderung“, weil keine Zuweisungen möglich seien. Und auch da heißt es wieder: perma- nent flexibel sein. Bei der Flüchtlingsarbeit handle es sich schließlich um ein heterogenes Feld, welches man mit offenen Ohren und Augen begleiten müsse, um Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen und dann reagieren zu können. Wie vielseitig das Feld ist, hat ihm unter anderem die Corona-Krise deutlich gemacht, als die Flüchtlings- unterkunft im Frühjahr 2021 aufgrund vermehrter Fälle für zwei Wochen komplett geschlossen werden 28 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

musste. Da wurden Eberhard Weckenmann und sein Team zu Einkaufshelfern und Corona-Testern umfunktioniert, „PCR-Tests haben wir in Vollmontur machen müssen, solche Dinge sind für mich die Würze“, sagt er und erinnert sich: „Als die Quaran- täne beendet war und kein einziger neuer Fall hinzu- kam, haben alle geklatscht.“ Ein Moment, der ihn bis heute berührt. Eberhard Weckenmann, der 27 Jahre lang beim Sozialamt des Landkreises gearbeitet hat (zwischen 1990 und 2001 folgte ein Zwischenspiel als stellver- tretender Heim- und Verwaltungsleiter bei einem Al- tenpflegeheim in Geisingen) gibt angesichts der per- manenten Flexibilität aber offen zu: Nach so langer Zeit in diesem Bereich sei er nun „müde“ und bereit für den Ruhestand – auch wenn es ein „toller Job“ sei und er sich weiterhin wohl fühle. Zudem kann er festhalten: In der damaligen Flüchtlingskrise waren Strukturen geschaffen worden, die nun wieder grei- fen konnten. Und stolz ist er auch auf das Wir-Gefühl im Team. „In solchen Krisen wächst man zusammen, das tolle Miteinander werde ich vermissen.“ Eberhard Weckenmann 29

 

 

 

Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Landkreis investiert 11,8 Mio. Euro in eine 4.000 Quadratmeter große, moderne Nebenstelle von Andreas Flöß 30 30 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungs- gebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 120 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, das Amt für Abfallwirtschaft, die Bußgeldbehörde und das Kreisarchiv untergebracht. Nach „60er-Jahre- Charme“ zeige sich das Haus mit zeitgemäßer Architektur und Infrastruktur, die moderne Architektur werte den Villinger Bahnhofsvorplatz jetzt optisch auf, so Landrat Sven Hinterseh bei der Schlüsselübergabe am 28. September 2022 durch Architekt Andreas Flöß. Für 1,8 Millionen Euro hatte der Landkreis das Gebäude von der Post erworben, nochmals zehn Millionen Euro waren für die Sanierung und Ausstattung erforderlich. Dem „Wächter der Wutachflühen“ auf der Spur 31 31

 

 

 

Schlüsselübergabe an Landrat Sven Hinterseh durch Architekt Andreas Flöß (rechts daneben) bei der feierlichen Inbetriebnahme des Verwaltungsgebäudes „An der Brigach“ im Beisein von Mitarbeitern und Vertretern/Vertreterinnen des Kreistages. Das neue Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ glänzt mit moderner, praxisorientierter Architektur: Eine eingestellte Box fungiert als Rückzugsort. 32 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

XXX 33

 

 

 

Die Luisenstraße um 1907, Blick von Norden mit der Brigach. Zur Geschichte des Standortes In der Blütezeit des deutschen Kaiserreichs (1871- 1918) entstanden zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Romäus-Gymnasium und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße, (Friedrichskrankenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterungen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchweiler Straße, Vöhrenbacher Straße, Schiller- straße sowie am Benediktinerring statt. Auch die Luisenstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz einiger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Zerstörung am Ende des Weltkrieges Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges zerstörte eine Fliegerbombe die Gebäude Luisenstraße 2 und 3 und beschädigt am Haus Luisenstraße 4 den Nordost- flügel. Der Angriff hat mit großer Wahrscheinlichkeit dem Villinger Bahnhof gegolten. Zwischen den Häusern Luisenstraße 4 und Bahnhofstraße 8 und dem Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund der Zerstö- Am Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit rund 2.200 Quadratmetern Fläche. rung bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit ca. 2.200 Quadratmetern Fläche, da die beschädig- ten Gebäude nicht wieder aufgebaut, sondern abgerissen wurden. Fortan entstand an der markan- ten Ecke, an welcher sich Luisenstraße und Bahnhof- straße treffen, eine Wiese, welche durch die Neube- bauung der Deutschen Post geschlossen wurde. In diesem Zusammenhang sollte das Haus Luisenstra- ße 4 zu Abbruchzwecken an die Post verkauft werden, damit man ausreichend Parkplätze schaffen könne. Ein Bauantrag hierzu wurde bei der Baurechts- behörde Villingen 1963 eingereicht. Die Eigentümer der Luisenstraße 4 waren indes nicht gewillt, ihr Haus zu verkaufen, sodass eine 34 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Undatiertes Luftbild, im Norden links das heute noch existierende Haus Luisen- straße 4 mit Turm sowie rechts die Preiser Schnapsfabrik nebst vorgelagertem Wohnhaus in der Bahnhofstraße 8. Im obersten Bildabschnitt die Wiese mit den bereits abgebrochenen Häusern Bahnhofstraße 2 und 6 sowie den eben- falls fehlenden Häusern Luisenstraße 2 und 3. Hier baute die Deutsche Post. Das 1968 in Betrieb genommene Gebäude der Post, das 2017 durch den Schwarzwald-Baar-Kreis erworben und schließlich für zehn Millionen Euro kernsaniert wurde. Enteignung angedroht wurde. Dies war aufgrund der hoheitlichen Aufgaben, welche der Neubau einer Postdienststelle mit sich brachte, legitim. Der Ver- kauf wurde dennoch 1965 durchgeführt, allerdings entschloss sich die Deutsche Post, das Gebäude nicht abzubrechen, sondern selbst als Dienstsitz bis ins Jahr 1997 zu nutzen. Neubau des Postgebäudes Die Genehmigungsphase für die neue Postdienst- stelle verzögerte sich aufgrund erheblicher Einwände seitens Villinger Stadträte und führte zwischenzeit- lich bei der Oberpostdirektion Freiburg zu Überle- gungen, den Standort aufzugeben. Die Baugenehmi- gung wurde schließlich dennoch im Jahr 1966 erteilt. Die Inbetriebnahme des Gebäudes war für das Jahr 1968 geplant. Paketverteilzentrum. Im ersten Obergeschoss war das Briefverteilzentrum untergebracht. In den bei- den obersten Etagen befanden sich Einzelbüros für Postbank, Personalrat, Unterrichtsräume, Teeküche, Erfrischungsraum sowie zwei Dienstwohnungen, einerseits für den Amtsvorsteher sowie für den Hauswart. Bis auf die beiden Wohnungen war die Nutzung bis zum Auszug der Post im Sommer 2019 nahezu identisch mit der ursprünglich geplanten und angedachten. Zum Börsengang der Deutschen Post im Novem- ber 2000, verkaufte der Bund als Eigentümer einen Großteil seiner Immobilien zunächst an einen luxem- burgischen Immobilienfonds und mietete die Gebäu- de größtenteils wieder zurück (sale and lease back), später wechselte erneut der Besitzer, hin zu einem kanadischen Immobilienfonds. Anfang 2016 entschieden die Eigentümer, die Im Erdgeschoss befand sich die Schalterhalle mit einem separaten Abteil für Schließfächer sowie das Immobilie am Markt zu platzieren und zu veräu- ßern. Die Deutsche Post war zu diesem Zeitpunkt Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 35

 

 

 

noch Pächter. Nach entsprechender Analyse des Gebäudes hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Postgebäude im Frühjahr 2017 erworben, um dort nach Umbau Teile der Landkreisverwaltung unterzubringen. Zuletzt war lediglich noch die Postbank als Mieterin untergebracht. Stationen einer Kernsanierung inklusive freiem Blick auf den Bahnhofsvorplatz nachdem alle Fassaden entfernt wurden. Auch etliche Schadstoffe mussten ausgebaut werden, bevor es an die Generalsanierung, sprich den „Neubau“ ging. Einstieg in die Detailplanung für das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Die Verwaltung hat bereits im ersten Halbjahr 2018 verschiedene Möglichkeiten erarbeitet, welche Bereiche der Landkreisverwaltung sich für eine Unterbringung im Postgebäude eignen würden. Nach interner Erörterung und Bewertung der möglichen Varianten entschied sich die Kreisverwal- tung für das Jugendamt mit 57 Mitarbeitern, das Amt für Abfallwirtschaft mit 26 Mitarbeitern, die Buß- geldstelle mit 14 Mitarbeiter sowie das Kreisarchiv mit Freihandbibliothek, Rollregaleinheiten und fünf Mitarbeiterarbeitsplätzen. Hinzu kommen noch weitere Arbeitsplätze für Studierende der Dualen Hochschule, Praktikanten und Auszubildende. Die Detailplanung für die Gestaltung und Einrichtung der Arbeitsräume erfolgte unter Einbeziehung der betroffenen Bereiche. Hierzu wurden in umfangreichen Workshops mit den betroffenen Ämtern individuelle Lösungen für die Fachbereiche erarbeitet und in der Möblierungs- planung berücksichtigt. Die dem Bauantrag zugrun- deliegende Entwurfsplanung sah eine Abkehr von der bisherigen horizontalen Fensterbandstruktur mit den liegenden Fensterformaten vor. Stattdessen wurden die neuen Fenster in die Vertikale gedreht, sodass aufgrund der neuen Bodentiefe mehr Licht 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

und Attraktivität gegeben waren. Die ersten Entwür- fe spiegelten den fertigen Zustand bereits relativ gut wieder. Analyse und Ausbau von Schadstoffen Parallel zu den entwurflichen Überlegungen, galt zunächst das Augenmerk den umfangreichen Ana- lysen der Bestandsschadstoffe in Wänden, Böden, Decken und der Außenhaut. Tatsächlich wurden Asbestbestandteile in Teilen der Wandfarbe, der Spachtelmasse im Fliesenkleber und in den blauen Faserzementplatten an der Außenhaut nachgewie- sen. Ebenso waren die bituminösen Abdichtungen der Kelleraußenwand sowie die Dachabdichtungs- bahnen mit PAK (Teerbestandteilen) versetzt. In den Gebäudedehnfugen sowie in den Fensterdichtungen wurden PCB (Weichmacherbestandteile) entdeckt. Die verbauten Dämmmatten in den Akustikdecken, Rohrummantelungen, Wand- sowie Deckendämmun- gen waren aus KMF (künstliche Mineralfasern) und ebenfalls ein Fall für die Schadstoffentsorgung. Im Herbst 2019 waren alle erforderlichen Ge- nehmigungen erteilt und der kontrollierte Rückbau konnte mit behördlicher Begleitung beginnen. Nach- dem alle Schadstoffe behutsam ausgebaut, getrennt, verpackt und entsorgt waren, wurden die Fenster im Frühjahr 2020 ausgebaut. Gleichzeitig war dies der Startschuss für die restlichen Rückbau- und Abbruch- arbeiten von Baumaterialien, welche keiner Konta- minierung unterlagen. Nachdem die Abdichtungs-, Kanal-, und Drainage- arbeiten erledigt waren, wurden sämtliche Funda- mente für die späteren Zubauten wie Rampe, Eingangsüberdachung, Ladesäulen und Flucht- treppenhaus betoniert. Anschließend wurden alle Gebäudeteile wieder mit Erdreich angefüllt, so dass ab April 2020 das Fassadengerüst aufgebaut werden konnte. Nunmehr war es möglich, auch die rest- lichen Abbrucharbeiten an den Dächern und der Außenwand zu erledigen. Parallel wurde die neue vertikale Fensterstruk- tur sowie die Fenster eingebaut. Ebenso wurde die Wärme dämmung und die Außenhaut aus Faserzement tafeln an der Nord- und Südseite sowie die Dämmung an den beiden Giebeln angebracht. Zum Jahresende 2020 war das Gebäude winterfest und für den Innenausbau vorbereitet. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. Ab dem Jahr 2021 wurde im Innenraum die Haus technik eingebracht. Sämtliche Daten- und Elektroleitungen sind so verlegt, dass jederzeit und pro blemlos nachträgliche Änderungen und Anpas- sungen möglichen sind. Recycelte Fischnetze als Teppichboden – „graue Energie“ exakt betrachtet Um eine transparente Planung und Mitsprache zwi- schen Bauherrn und Architekt zu realisieren, wurde ein Bauausschuss gegründet, der sich aus dem Landrat sowie Kreisrätinnen- und Kreisräten zusam- mensetzte. Hier wurde in zwei Sitzungen detailliert über verschiedene ökologische Komponenten wie Heizungssysteme und Materialien beraten. Schluss- endlich entschied man sich beim Energieträger aus insgesamt sieben möglichen Varianten für eine Lö- sung mit dem geringsten CO2-Ausstoß. Die Wahl fiel auf eine Pelletanlage. Die räumlichen Strukturen im Untergeschoss erlaubten eine Doppel-Pelletbunker- anlage mit einem Fassungsvermögen in Höhe des jährlichen Verbrauches von ca. 28 Tonnen. Somit ist beim Heizmaterialeinkauf eine gewisse Flexibilität gegeben. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. So wurde beispiels- weise der Teppichbodenbelag aus recycelten Fischer- netzen hergestellt. Gleichzeitig wurde großen Wert auf die Betrach- tung von „grauer Energie“, von Materialien gelegt. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 37

 

 

 

Auf dem Dach wurde auf einer Fläche von 316 Quadratmetern eine Photovoltaikanlage mit 170 Modulen zu je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Sie liefert bis zu 67.000 Kilowatt- stunden Strom im Jahr. Ein erheblicher Teil der Dachfläche und des Grundstückes wurden begrünt, insgesamt rund 650 Quadratmeter. Hierbei wird der Ener- gieverbrauch, bei der Herstellung, Lagerung, Transport, Verarbei- tung und Entsorgung von Produkten ent- steht, bewertet. Je mehr „graue Energie“ in einem Baustoff steckt, desto negativer fällt die Ökobilanz aus. Zweifelsohne ist der Baus- toff Beton, mit welchem die komplette Tragstruktur und Hülle des Gebäudes errichtet wurde, ein großer Verursacher von hohen CO2-Ausstößen. Unter der Annahme, dass ein solches Gebäude einem Rückbau zugeführt werden müsste, wäre die Ökobilanz noch- mals schlechter zu bewerten. Nicht jedoch, wenn die komplette Baumasse er- halten und wiederverwendet werden kann. So liegt beispielsweise der Primärenergieinhalt der Außen- wand bei 314 kWh/m² wobei lediglich ein Drittel an neuen Materialien hinzugefügt werden musste. Photovoltaikanlage deckt 26 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs Nachdem das Dach abgedichtet war, wurde ab Früh- jahr 2022 eine Photovoltaikanlage auf einer Fläche von 316 Quadratmetern mit 170 Modulen mit je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Die Anlage erreicht eine Gesamtleistung ca. 64,60 kW/h (kWp Spitze) und einer somit theoretisch errechneten Leistung von 67.000 kWh pro Jahr. Bei einem prognostizierten Eigenverbrauch von 52.000 kWh pro Jahr beträgt die Netz einspeisung ca. 15.000 kWh pro Jahr und der Eigenverbrauchsanteil der PV-Anlage beträgt damit ca. 78 Prozent. Der Gesamtstromverbrauch wird auf rund 200.000 KWh pro Jahr geschätzt. Der Deckungs- anteil der Photovoltaikanlage am Gesamt-Eigen- strombedarf beträgt somit 26 Prozent. Der Innenausbau sowie sämtliche Einrichtungen sind gemäß den erarbeiteten Ergebnissen in den Workshops mit den jeweiligen Nutzern im Sommer umgesetzt worden. Die Außenanlagen wurden im Herbst 2021 begonnen und im Sommer 2022 pünkt- lich abgeschlossen. Von dem 2.200 Quadratmeter großen Gesamtgrundstück konnte ein beträchtlicher 38 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die offen gestalteten sogenannten Openspace-Bereiche können auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. Sie dienen zugleich als Arbeits- und Rückzugsort (oben). Unten: Blick in einen der großzügigen Verwaltungsbereiche. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 39

 

 

 

Teil von ca. 650 Quadratmetern auf der Fläche und auf Dächern begrünt werden. Die prognostizierten Baukosten in Höhe von zehn Mio. Euro konnten eingehalten werden, der Einzug alle Ämter erfolgte in Etappen von Juni 2022 bis August 2022. Neben einem modernen Verwal- tungsgebäude für bis zu 120 Mitarbeiter ist zusätz- lich das Kreis archiv mit dazugehöriger Administra- tion entstanden. Als Nebeneffekt erfährt das Quar- tier rund um den Villinger Bahnhof eine erhebliche städte bauliche Aufwertung. Das Kreisarchiv besitzt Regalanlagen mit einer Kapazität von 3.600 laufenden Metern (lfm) sowie eine Freihand- bibliothek mit 380 lfm. Daneben gibt es einen Lese- und Rechercheraum und neue Planschränke mit 60 Schubladen der Größe A0 sowie 60 lfm Regal fläche für das Fotoarchiv und zwei Mikrofilm schränke für zusammen 1.450 Filmrollen. Kubatur und Nutzung – Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Bruttogrundrissfläche ca. 3.840 Quadratmeter Bruttorauminhalt ca. 14.350 Kubikmeter Nutzfläche Gebäude ca. 3.200 Quadratmeter davon beheizte Nutzfläche ca. 2.990 Quadratmeter Aktuell werden 102 Mitarbeiter im Jugend amt, im Amt für Abfallwirtschaft, in der Bußgeldstelle und im Kreisarchiv beschäftigt. Im Endausbau sind 120 Mitarbeiterplätze möglich. Jedes Amt ist mit separater IT-Infrastruktur, Sozialräumen und Teeküchen ausgestattet. Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend gemeinsam genutzt. 40 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Oben: Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend genutzt. Unten: Einladend und freundlich – die Teeküche der Bußgeldbehörde. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 41

 

 

 

KLINIKSCHULE DER LUISENKLINIK Für eine gute Zukunft der jungen Patienten von Wilfried Strohmeier 42 42

 

 

 

XXX

 

 

 

Sie ist keine Schule wie jede andere, doch für Schüler mit einer länger dauernden Krankheit ein tröstendes Stück Normalität. Sie schreiben Arbeiten, haben einen Stundenplan, es gibt eine Schul leitung und etwa 25 Lehrer: Die Klinikschule der Luisen klinik ist ein Teil der Krankenhausschule des Schwarzwald-Baar-Kreises. In der Schule werden Unterrichtsangebote sämtlicher Schularten (Hauptschule, Realschule, allgemeinbildende und berufsbildende Gymnasien), sowohl in Einzel- als auch Kleingruppenunterricht in allen relevanten Fächern vorgehalten. Offiziell ist sie geführt unter der Bezeichnung „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für Schülerinnen und Schüler in längerem Krankenhausaufenthalt“ (SBBZ). Mit gut 1.300 Schüler innen und Schülern zählt die Klinikschule zu den größten Klinikschulen Deutschlands. Es ist ruhig und leise, wenn man das liebevoll sanierte Haus mit dem modernen Anbau auf dem Gelände der Luisenklinik in Bad Dürr- heim betritt. Auf der einen Seite befindet sich das ehemalige, denkmalgeschützte Ärztehaus des Kindersolbads (später Haus Hohenbaden), auf der anderen Seite ein moderner Flachdachbau. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichts- räumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurch- flutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapfwaldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. Dass das Gebäude in Bad Dürrheim so eingerichtet werden konnte, ist der Weitsicht von Rolf Wahl und der Einsatz von dessen Sohn Sven Wahl im Zusammenspiel mit dem Schwarzwald-Baar- Kreis, der als Schulträger fungiert, zu verdanken. Es gibt noch eine Außenstelle in der Rehaklinik Katharinen höhe in Schönwald, dort ist man direkt im Klinikgebäude untergebracht. Eine weitere Nieder- lassung gibt es im Standort der Luisenklinik in Radolfzell. Insgesamt eine außergewöhnliche Konstellation. Die Schüler, so der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg, haben ganz unterschied liche Geschichten und Bedürfnisse. In der Katharinenhöhe sind die Kin- der und Jugendlichen mit einer lebensbedrohenden Krankheit konfrontiert, während die Schüler der Lui- senklinik am Leben zweifeln und auch zu verzweifeln drohen. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichtsräumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurchflutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapf- waldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. 40-jähriges Bestehen der Schule Die Klinikschule als Einrichtung blickt zum Schuljah- resbeginn 2023/24 auf ein 40-jähriges Bestehen zurück, der Grundstein wurde aber schon ein paar Jahre früher gelegt. Ab dem Jahr 1980 baute man eine Klinikschule an den Kliniken in Villingen- Schwenningen auf, zum Schuljahresbeginn 1983/84 gründete man ganz offiziell die Schule für kranke Kinder und Jugendliche in der Trägerschaft des Schwarzwald-Baar-Kreises. Gertrud Humpf war die erste Schulleiterin, die Schülerzahl lag damals bei 44 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

etwas über zehn, der Schwerpunkt war zunächst in der Kinderklinik in Villingen angesiedelt. 1987 kam die Katharinenhöhe als Außenstelle hinzu und 1993 die Luisenklinik, die Gesamtschüler- zahl wuchs auf rund 50 Kinder und Jugendliche. Die Eröffnung der Abteilung Kinder- und Jugendpsychia- trie der Luisenklinik im Jahr 2001 brachte einen Sprung auf rund 110 Schüler. Der damalige Ärztliche Direktor und Geschäftsführer Rolf Wahl erkannte, wie wichtig eine Beschulung der jungen Patienten in der Luisenklinik ist. „Es war ein weitblickender Schritt“, zeigt sich der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg überzeugt. Im Jahr 2005 wechselte das Rek- torat von Villingen an die Luisenklinik, zunächst in die Hammerbühlstraße 19. Sven Wahl entschloss sich im Dezember 2013 das jetzige Gebäude zu kaufen, zu sanieren und der Klinikschule zur Verfügung zu stel- len, der Einzug war dann bereits im März 2015. 2007 ernannte man Martin Feldweg zum Schul- leiter, seine Stellvertreterin wurde 2009 Frauke- Maria Weinberg-Schirmer, sie trat zum Anfang des Schul- jahres 2022/23 die Nachfolge von Martin Feldweg als kommissarische Schulleiterin an. 2013 kam der dritte Standort Radolfzell zur Klinikschule hinzu. Einer der großen räumlichen Meilensteine war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisenklinik. Das Gebäude war ehemals das Ärz- tehaus des benachbarten Haus Hohenbaden. Dieses, wie auch das so genannte Pförtnerhaus, kaufte die Familie Wahl aus dem Areal Haus Hohenbaden und Die Luisenklinik ist eine private und inhabergeführte Fach- klinik für psychische und psychosomatische Erkrankun- gen. Gründer und Leiter der Klinik war Prof. Dr. Rolf Wahl. Bis heute ist die Klinik im Besitz der Familie Wahl. Auf dem Foto von links: Pablo Wahl, Sven Wahl und der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. Unten: Ein Meilenstein war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisen klinik. Das Gebäude fungierte ehemals als Ärztehaus des benachbarten Haus Hohen baden. Klinikschule der Luisenklinik 45

 

 

 

Der Werkraum der Klinikschule – hier werden handwerkliche Fähigkeiten gefördert. sanierte es, zudem errichtete Sven Wahl noch einen modernen Anbau an das Klinikschulgebäude, so dass acht Unterrichtsräume auf 450 Quadratmeter für den Unterricht nutzbar sind, zusätzlich stehen ein Technikraum und eine Küche zur Verfügung. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neben Zwangs- störungen, Angststörungen, Autismus und Depressio- nen sind die beiden vorherrschenden Krankheitsbilder bei den Mädchen Essstörungen, bei den Jungen ADHS. Die beiden letztgenannten Räume leisten für den Im praktischen Ablauf bekommt die Schule aus Aufbau des Lehrer-Schüler-Vertrauensverhältnisses einen wichtigen Beitrag. In ihnen werden handwerkli- che Fähigkeiten in Projekten gefördert. Sei es das ge- meinsame Kochen oder das Arbeiten an einem tech- nischen Werkstück. Vor allem für diese können die Jungen begeistert werden und auch Nähmaschinen stehen zur Verfügung. „Das Konzept mit dem fach- praktischen Unterricht hat sich bewährt“, weiß Martin Feldweg zu berichten. Denn die Lehrer müssen schnell Zugang zu jedem einzelnen Schüler finden und das ist über solche Projektarbeiten gut möglich. Mehr als reine Wissensvermittlung Der Stundenplan ist hochflexibel. In kleinen Lerngrup- pen werden Schüler aller Klassenstufen und Schular- ten unterrichtet. Die Anzahl der Stunden wird in Absprache mit den ärztlichen Betreuern festgelegt, mit Blick auf den Therapieplan der jungen Patienten der Klinik eine Schulanmeldung eines neuen Schülers, es wird dann zunächst ein Stundenplan erstellt, der Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten ist man in ständigem Kontakt und es gibt regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. 46 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Eine Lerngruppe in einem der Klassenzimmer, an der Türe der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. jedoch nach einer Woche evaluiert und in der Regel angepasst wird. Es gibt dabei viele Faktoren, die be- rücksichtigt werden müssen. Dazu gehört beispiels- weise wie sich das Krankheitsbild und der Unterricht in wechselseitiger Beziehung auswirken oder wie lan- ge sich ein Schüler konzentrieren kann. Es geht dabei mehr als um die reine Wissensvermittlung. Manchmal ist ein Unterricht nur für eine Stunde am Tag möglich, beschreibt Martin Feldweg die Praxis. Bei den Mädchen, die an Magersucht (Anorexie) leiden ist es meist so, dass sie extrem gute Schüle- rinnen seien, perfektionistisch mit Lernzwang. Hier hatte Corona verheerende Auswirkungen, erzählt Martin Feldweg. Denn die Mädchen bekamen nicht mehr die Rückmeldung über ihren Leistungsstand und lernten dadurch immer mehr, um immer besser zu werden. Sie vernachlässigten jedoch sich selbst. Jungen mit ADHS bekommen in der Klinik – auch mit dem Unterricht – einen geregelten Tagesablauf. Bei ihnen sei ein konzentriertes Arbeiten oftmals nur wenige Minuten am Stück möglich. Insgesamt seien die Kinder überfordert. Der Unterricht beginnt norma- lerweise täglich um 8 Uhr. Ziel ist es dabei auch, kei- nen Bruch in der Schullaufbahn durch den Aufenthalt in der Klinik zu erzeugen, führt Martin Feldweg aus. Beratung ist ein enorm wichtiger Baustein In Bad Dürrheim sind die Schüler in Lerngruppen eingeteilt, man versucht diese so homogen wie möglich zu gestalten bezüglich Wissenstand und Alter der Schüler. In jeder Gruppe sind maximal vier Schüler, betreut von einem Lehrer. Die Klinikschule ist auch immer mit den Heimatschulen in Verbindung, von dort kommen auch die Infos zu Unterrichtsinhal- ten und anstehenden Klassenarbeiten. Die können dann in der Klinik von dem jeweiligen Schüler mitgeschrieben werden, die Entscheidung darüber fällt jedoch der zuständige Lehrer der Klinikschule. Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten sei man in ständigem Kontakt und es gebe regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. Martin Feldweg ist überzeugt: Nur so kann sich ein Erfolg während eines Aufenthalts einstellen. Denn die Lehrer erleben die Kinder und Ju- gendlichen meist länger als der Therapeut und entwi- ckeln auch ein gutes Gespür für die jungen Patienten. Insgesamt ist der Bereich der Beratung von Schü- lern, Eltern und den Kolleginnen und Kollegen an den Heimatschulen ein wesentlicher und enorm wichtiger Baustein der Arbeit an der Klinikschule. Psychische Klinikschule der Luisenklinik 47

 

 

 

Die Bad Dürrheimer Luisenklinik, auf deren Gelände sich die Klinikschule im Schwarzwald-Baar-Kreis befindet. Störungsbilder wirken sich immer auf das Leben und Lernen der Kinder und Jugendlichen in den Schu- len aus, werden jedoch häufig nicht als Ursache für schulischen Misserfolg erkannt. Andererseits können schulische Überforderung oder belastende Kontakte zu Mitschülern Ursache von psychischen Störungen sein. Nicht immer ist es jedoch einfach, Schüler und deren Eltern davon zu überzeugen, dass ein Wechsel auf eine andere Schulart sich positiv auf den Gesun- dungsprozess auswirken würde. Während es bei den Schülern der Luisenklinik meist mehr Aufwand ist, sie für die Teilnahme am Unterricht zu motivieren, ist dies bei der Katharinen- höhe gänzlich anders – und das hat mit dem Krank- heitsbild zu tun. In der Rehaeinrichtung haben die Jugendlichen eine schwierige, auch lebensbedrohli- che Leidenszeit hinter sich. Sie wollen mit Mut in ihr zukünftiges und manchmal auch neu gewonnenes Leben gehen. In der Regel haben sie alle ihre Schul- sachen dabei und freuen sich auf den Unterricht, beschreibt Martin Feldweg. Dort kann der Unterricht auch besser geplant werden, da es von Beginn an relativ klar sei, wie lange der Reha aufenthalt eines Patienten dauere, in der Regel dreieinhalb Wochen – im Gegensatz zur Luisenklinik. Die Klinikschule bietet die Möglichkeit, Schulab- schlüsse für alle Schularten innerhalb des stationären Klinikaufenthaltes abzulegen. Patienten, für die eine Eingliederung in öffentliche Schulen wichtig ist, kön- nen von der Klinik aus externe Schulen besuchen. Erfolgreiche Symbiose Auch wenn der Hauptsitz mit dem Rektorat in den Räumen der Luisenklinik untergebracht ist, gibt es keine Reibungsverluste zwischen Klinik, Klinikschule und dem Schulträger. Ausgestattet wird die Schule bezüglich der Lernmaterialien durch den Schwarz- wald-Baar-Kreis. Dass ein Technikraum wie auch eine Küche eingerichtet wurde, war aber beispielsweise kein Muss, sondern eine freiwillige Leistung der Klinikleitung der Luisenklinik. Und natürlich ist der Austausch mit den Verantwortlichen der Klinik, egal ob in der Geschäftsleitung oder beim medizinischen Personal, äußerst wichtig, um eine erfolgreiche Symbiose im Sinne der mittlerweile über 180 jungen Patienten zu erzielen – das weiß Martin Feldweg aus vielen Jahren Erfahrung. Und er zeigt sich froh und dankbar, dass Klinik- schule, Schwarzwald- Baar-Kreis und Leitung der Luisenklinik zu jedem Problem bis jetzt eine Lösung fanden, zum Wohle der immerhin rund 1.300 Schü- lern, die jährlich an den drei Standorten unterrichtet werden. 48 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

DIE KLINIKSCHULE DER AWO-REHAKLINIK KATHARINENHÖHE Die Klinikschule der Katharinen­ höhe ist eine Außenstelle des Sonderpädagogischen Bildungs­ und Beratungszentrums (SBBZ) Bad Dürrheim für Schüler und Schüler innen in längerer Kranken­ hausbehandlung. Träger der Schule ist der Schwarzwald­ Baar­ Kreis. Die Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland und der Schweiz werden während ihres Aufenthaltes in Einzel­ oder Klein­ gruppen unterrichtet. Das ermög­ licht eine intensive, ganz auf die einzelnen Kinder ausgerichtete schulische Betreuung, die in enger Kooperation mit den jeweiligen Heimatschulen stattfindet. Diese Aufgabe übernehmen Lehrer und Lehrerinnen aller Schulformen in einem inklusiven Setting für alle Schulzweige. Um für Patienten­ und Ge­ schwisterkinder eine lückenlose Weiterführung der Schule zu ge­ währleisten, wird bereits vor dem Reha­Aufent halt mit den Schülerin­ nen und Schülern, den Eltern und der Heimat schule Kontakt aufge­ nommen. So können für die Pla­ nung wichtige Vorinformationen eingeholt werden und individuelle Lehrpläne erstellen werden. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene finden an der Kathari­ nenhöhe neben dem Unterricht ein breites Beratungsangebot rund um die Themen Nachteils ausgleich, Schullaufbahn, Planung des schu­ lischen Wiedereinstieges und zum Thema Berufswahl/Ausbildung vor. Für Patienten und Patientinnen mit Hirntumor wird bei Bedarf ein Gedächtnistraining angeboten, welches zum Ziel hat, durch die Erkrankung erworbene Einschrän­ kungen in Konzentrations­ und Gedächtnisleistung abzufedern. 49

 

 

 

IM GESPRÄCH MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH ICH BIN ZUVERSICHTLICH, DASS WETTBEWERB DER ZUKUNFTS- 50

 

 

 

SICH UNSER LANDKREIS IM REGIONEN BEHAUPTEN KANN Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 unter- hielten sich die Redakteure Klaus Peter Karger und Wilfried Dold mit Landrat Sven Hinterseh über die Entstehung des Landkreises im Jahr 1973 und seine Perspektiven. Herr Hinterseh, die Bildung des Schwarzwald-Baar- Kreises vor 50 Jahren ist im Kontext der Kreisreform vom 1. Januar 1973 zu sehen. Auf Initiative der Großen Koalition aus CDU und SPD im Landtag von Baden- Württemberg wurden 63 Land- und Stadtkreise zu 35 vereint. Was waren die Beweggründe, was hat es gebracht? Landrat Hinterseh: Es gingen schwierige Debatten voraus, wie stets bei großen Reformen. Baden, Würt- temberg und Hohenzollern waren am 25. April 1952 zu Baden-Württemberg vereint worden. Zwei Jahr- zehnte später galt es, die Strukturen zu optimieren 51

 

 

 

und zukunftsfähig auszugestalten. Das ist schwierig, was sind effiziente Größen? Wie groß darf es sein? Der damalige Oberbürgermeister von Villingen- Schwenningen hatte sich gar für den Großkreis „Schwarzwald-Baar-Heuberg“ ausgesprochen, gebil- det aus den heutigen Landkreisen Rottweil, Tuttlin- gen und Schwarzwald-Baar-Kreis. Das wäre ein sehr großes Gebilde geworden. Vieles wurde übrigens auch schon vor der Reform umgesetzt. So die Fusion von Villingen und Schwen- ningen zur Doppelstadt zum 1. Januar 1972. Mein Fazit zur Kreisreform ist: Die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass eine Struktur entstanden ist, in der man gut arbeiten kann. Und es ist auch eine kul- turelle Identität gewachsen. Natürlich immer mit der Besonderheit Baden und Württemberg. Die Geburt unseres Kreises ging ja nicht reibungslos vonstatten, es gab einen Bedeutungsverlust für Donau- eschingen. Sind die Wunden von damals geheilt? Es wurde stets Wert daraufgelegt, dass man der Großen Kreisstadt Donaueschingen gerecht wird. Im dortigen Landratsamt arbeitet eine große Ver- waltungseinheit mit über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine kluge Politik war vor diesem Hintergrund, ein dezentrales berufliches Schulsystem aufzubauen. So konnte der junge Landkreis sowohl den Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen als auch Furtwangen, St. Georgen und Bad Dürrheim – und damit in der Fläche allen Städten und Gemein- den – gerecht werden. Völlig gewichen ist die Rivalität allerdings nicht. Das zeigte sich beispielsweise, als es um den Standort des Kreisarchivs ging… Ich bin Sportler – und Wettkampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruch- tend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Und natürlich gibt es zwischen den Städten und Gemeinden durch- aus das eine oder andere Thema, bei dem Konkur- renz aufkommt. Ich bin Sportler – und Wett- kampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruchtend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Die Landkreise und Landratsämter fungieren als Binde- glied zwischen den Regierungspräsidien auf der einen und den Städten und Gemeinden auf der anderen Seite. Was bedeutet das in der alltäglichen Praxis? Lassen Sie mich grundsätzlich festhalten: Das Land- ratsamt hat eine Doppelfunktion. Zum einen ist es untere staatliche Verwaltungsbehörde, zum ande- ren eine Kommunalbehörde und ergänzt somit die Tätigkeit der Städte und Gemeinden. Landratsämter übernehmen Aufgaben, die zwischen Kommunen anfallen oder für die eine einzelne Gemeinde zu klein ist. Als untere staatliche Verwaltungsbehörde ist das Landratsamt vor allem damit beschäftigt, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwenden und die Rechtsaufsicht über die Ge- meinden auszuüben. Ich sehe uns einerseits als starke Kommunalbe- hörde, die in den vergangenen Jahrzehnten ein hoch- modernes Schwarzwald-Baar Klinikum hervorbrach- te, über ein hervorragend entwickeltes Sozialamt verfügt und die einen starken öffentlichen Personen- nahverkehr aufbauen konnte – um drei Beispiele zu nennen. Wir haben andererseits wichtige staatliche Aufgaben zu erfüllen – bis hin zur Genehmigung von Windkraftanlagen oder die Themenbereiche rund um das Gesundheitsamt und die Gewerbeaufsicht. Es sind viele Räder, die im Landratsamt ineinander- greifen. Ich empfinde die Aufgabenvielfalt im Land- ratsamt als äußerst reizvoll – wir dürfen entwickeln und gestalten! 52 2. Kapitel – 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Sie haben als Landrat zwei Vorgänger: Dr. Rainer Gutknecht, der bis 1996 und somit 23 Jahre lang als erster Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises fungier- te. Es folgte Karl Heim bis 2012 – dann beginnt Ihre Ära. Was waren bei Amtsantritt von Dr. Gutknecht die drängendsten Aufgaben, die es anzupacken galt? Zunächst ging es darum zu integrieren, alle mit- zunehmen. Vor allem in der Residenzstadt Donau- eschingen saß der Schmerz über den Verlust der Eigenständigkeit tief, das ist ja bereits an anderer Stelle angeklungen. Es galt ein berufliches Schul- system und Sonderschulsystem und wichtige Beratungs leistungen aufzubauen. Der Schwarzwald- Baar-Kreis war einer der ersten Landkreise, der sich der Erziehungsberatung widmete, der jungen Famili- en zur Seite stand, Eheberatung und Jugendberatung anbieten konnte. Rainer Gutknecht kam aus dem Bergischen Land zu uns, brachte wichtige und neue Ideen mit. Das hat dem Landkreis gut getan, gerade auch auf dem Feld der Abfallwirtschaft, das am Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren begründet wurde. Bis dahin waren allein die Kommunen für diesen Aufgaben- bereich zuständig. Um bei der Vielgestaltigkeit der kreispolitischen Auf- gaben zu bleiben: Im Jahr 2023 feiert die Landesbe- rufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe ihr 60-jähriges Bestehen. Das ist eine Schule mit Internat, für die der Landkreis – neben etlichen weiteren beruf- lichen Schulen – zuständig ist. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Bereich? In der Tat gilt die Landesberufsschule als gutes Beispiel dafür, was Kreis- und Kommunalpolitik bewegen können. Wir holten diese Schule von der Insel Reichenau in den Schwarzwald-Baar-Kreis, da sie dort nicht adäquat untergebracht war und sich so nicht weiterentwickeln konnte. Die Hotellerie und Gastronomie spielt nicht nur bei uns eine wichtige Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 53

 

 

 

Rolle. Das Schöne ist, dass die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Ausbildung im Schwarzwald-Baar- Kreis international tätig sind. Es kann einem passie- ren, dass man irgendwo auf der Welt unterwegs ist und in einem Hotel oder einer Gaststätte auf Absol- venten der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe trifft. Es gibt in der Trägerschaft des Landkreises 14 Schulen. Den Schwerpunkt bilden berufliche Schulen jedweder Art plus die ehemaligen Sonderschulen. Bei letzteren handelt es sich um sonderpädagogi- sche Bildungs- und Beratungszentren, die körperlich und geistig behinderte Schülerinnen und Schüler unter richten. Hinzu kommen Besonderheiten wie die Landwirtschaftsschule oder die Klinikschulen. Insoweit bedienen wir ein breites Spektrum. Sorgen bereiten allerdings die rückläufigen Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar- Kreis, heißt, viele junge Leute gehen auf die Hoch- schulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungs- weg abgeschnitten. Wenn die Schülerzahlen rückläufig sind – sehen Sie da einen Handlungsbedarf? Schüler zahlen, die von 11.000 auf knapp 9.000 ge- sunken sind, aber das ist ein allgemeiner Trend. Allerdings: Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis, heißt, 54 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

viele junge Leute gehen auf die Hochschulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungsweg abge- schnitten. Da gibt’s keine einfachen Antworten. Wir werden in der Region intensiver zusammen- arbeiten müssen und es werden Schularten von einigen Schulen verschwinden, die es vielleicht in Tuttlingen oder in Rottweil gibt. Und anderes wird nach Villingen-Schwenningen, Donaueschingen oder Furtwangen kommen. Mein Ehrgeiz ist es, dass wir diese Dezentralität halten können, weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir beispielsweise auch im Bregtal, wo wir eine starke Industrie vorfinden, den Indu strie- unternehmen und den Bürgerinnen und Bürgern ein Angebot machen können. Aber das wird nicht in jedem Segment möglich sein, da wird es Konsolidie- rungsbedarf geben. Ein großes Projekt in der Amtszeit von Landrat Gutknecht war der Neubau des Landratsamtes, ein- geweiht 1991. Wie sieht es heute mit der räumlichen Situation aus? Rainer Gutknecht kam aus einer modernen Verwal- tung und war dann im Kaiserring untergebracht, in alten dicken Mauern, wo moderne Verwaltung nicht möglich ist. Zeitgleich kam der Wunsch nach Bürgernähe und Transparenz auf. Man wollte weg von der ‚preußischen Obrigkeitsverwaltung‘ hin zu einer Verwaltung, die auf Augenhöhe kommuniziert. Architektur macht auch etwas mit den Menschen, die in diesen Gebäuden arbeiten. Das darf man nicht geringschätzen. Unser Landrats amt auf dem Hopt- bühl ist der beste Beweis dafür: Obwohl das 1991 eingeweihte Gebäude mittlerweile über 30 Jahre alt ist, wirkt es nach wie vor modern und besitzt eine tolle Ausstrahlung – angelehnt an die Schwarzwald- architektur mit viel Glas und Holz. 1. Januar 2005 wurden viele Sonderbehörden aus der unteren staatlichen Verwaltungsebene ins Landrats- amt eingegliedert. Viele staatliche Aufgaben sind an die Landratsämter übertragen worden, das führt auch heute noch zu zusätzlichem Raumbedarf. Den- ken Sie an das alte historische Villinger Krankenhaus, wo wir mit dem Gesundheitsamt in der Herdstraße untergebracht sind und das wir vor einigen Jahren saniert haben. Zuletzt kauften wir das Postgebäude in der Bahnhofstraße, da ist kein Stein auf dem an- deren geblieben (siehe S. 30). Wie bereitet sich der Landkreis auf die Herausforderun- gen unserer neuen Arbeitswelt vor? Stichwort Digitalisie- rung, Teilzeitbeschäftigung und Homeoffice. Wir beobachten auch bei jungen Leuten ohne Kinder verstärkt den Wunsch, lediglich 70 oder 80 Prozent zu arbeiten. Als moderner Arbeitgeber muss man das ermöglichen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man schwarz oder weiß sagen kann. Man muss sich da weiterentwickeln. Das haben wir in den letzten Jahren getan. Wir versuchen in den neuen Gebäuden „atmende Systeme“ zu ermöglichen. Damit wir, auch wenn wir Stellenzuwächse haben, nicht zwingend mehr Flächen schaffen müssen. Homeoffice, mobiles Arbeiten und Teilzeitbe- schäftigung, das sind die Schlagworte dieser neuen Arbeitswelt. Ich bin richtig neugierig: Im Kreisju- gendamt versuchen wir das alles. Da haben wir tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich auf diesen Prozess einlassen. Wir haben sie nicht einfach in die- se neue Welt des Arbeitens hineingeschickt, sondern sie haben sich in einem mehrjährigen Prozess auf diesen Weg gemacht, z.B. Akten digitalisiert und ins- gesamt konsequent auf Digitalisierung gesetzt. Und dennoch ist das Landratsamt zu klein. Der Land- kreis hat das ehemalige Villinger Postamt erworben und saniert, um die räumlichen Möglichkeiten zu erweitern… Natürlich sind die Anforderungen an das Landrats- amt aus seiner Bauzeit nicht mit denen zu verglei- chen, die sich uns 2023 stellen. Da gab es Verwal- tungsreformen kleinerer und größerer Art. Zum Wie groß ist der Bedarf an Homeoffice? Corona war natürlich ein Treiber. Wir hatten zeitwei- se über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice und werden einiges auch nicht zurück- schrauben. Aber wir merken ebenso, dass die Kolle- ginnen und Kollegen auch gerne ins Büro kommen, um interagieren zu können. Ich blicke diesbezüglich gespannt in die Zukunft, was unsere neue Welt des Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 55

 

 

 

Die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg sind geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Arbeitens noch an Veränderungen hervorbringt. Verschließen dürfen wir uns diesen Entwicklungen keinesfalls. Ein weiteres großes Thema ist und bleibt der Nahver- kehr. In der Amtszeit Ihres Vorgängers Karl Heim wurde der Ringzug aufs Gleis gesetzt. Im August 2003 ist er das erste Mal gefahren und eine Erfolgsgeschichte ge- worden… Absolut. Der Bundesgesetzgeber entschloss sich in den 1990er-Jahren zur Regionalisierung, heißt: Die Bundesländer bekamen Geld vom Bund, um den Nahverkehr in die Fläche zu entwickeln, unser Landkreis profitierte davon. Jetzt stehen wir vor dem Sprung in die neue Zeit, in der wir alle Strecken elek- trifizieren wollen. So auch die Strecke zwischen Vil- lingen-Schwenningen und Rottweil, damit wir letzt- lich besser an die Landeshauptstadt angeschlossen sind. Was wir nach Freiburg mit der Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn geschafft haben, wollen wir auch in Richtung Stuttgart erreichen. Es gibt Überlegungen, den Ringzug nach St. Georgen auszubauen. Wie konkret sind sie? Sehr konkret, die Strecke ist dank der Schwarzwald- bahn bereits elektrifiziert. Es geht zuallererst um den Bau neuer Haltepunkte. Das ist unsere Aufgabe und so sind auch die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Ebenfalls in die Amtszeit von Karl Heim fällt die Neuordnung der Krankenhauslandschaft, die 2013 zur Eröffnung des Schwarzwald-Baar Klinikums führte. Wie bewerten Sie diesen Klinikneubau heute? Das war zweifelsfrei unser bislang größtes Projekt. Wir hatten im Schwarzwald-Baar-Kreis zuletzt noch sechs Krankenhausstandorte, die auf zwei reduziert wurden. Es ging darum, ein sehr leistungsfähiges Klinikum zu verwirklichen, das auf universitärem Niveau arbeitet. Sie müssen sehen: Wir haben 56 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

zwischen Freiburg und Tübingen dieses große Schwarzwald-Baar Klinikum mit zwei Standorten geschaffen, nämlich dem Neubau in Villingen- Schwenningen und dem sanierten Bestandsbau in Donaueschingen. Deswegen können wir Medizin auf technisch höchstem Niveau bieten. Wir haben über 300 Mio. Euro investiert und bilden ein sehr gutes medizinisches Portfolio ab. Da würde ich mal sagen: Alles richtig gemacht! Aber man hört auch Klagen. Zu groß, zu unpersönlich… Ich will diese Kritik keinesfalls kleinreden, doch Sie müssen sehen: Wir verfügen in Deutschland über eines der international besten medizinischen Syste – me. Ich glaube schon, dass die Medizin vor 20 oder Das im Jahr 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum. 30 Jahren individueller war. Doch keinesfalls, dass sie besser gewesen ist. Ich glaube, dass die Pflege mehr Zeit hatte pro Patient. Diese menschliche Komponente ist wichtig, daran müssen wir weiter intensiv arbeiten. Aber wir haben na tür lich in der Medizin eine enorme Technisierung erlebt, die man schätzen sollte. Wenn Sie eine Krebserkrankung oder andere gesundheitliche Herausforderungen zu bewältigen haben, dann brauchen Sie dringend eine technisierte Hochgerätemedizin wie sie das Schwarzwald-Baar Klinikum bietet. Das kostet sehr viel Geld, wir müssen somit schau- en: Wie können wir mit einem solchen Haus, mit dem Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 57

 

 

 

Ob Bildung und Ausbildung wie sie u.a. die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe bietet oder der Ringzug, der einen hervorragend getakteten Nahverkehr ermöglicht: Für Landrat Sven Hinterseh geht es darum, im Schwarzwald-Baar-Kreis vor Ort Strukturen zu schaffen, die zukunftsfest sind. niemand Gewinne einfahren will, zumindest eine schwarze Null schreiben? All die Einheiten, die im Land und in der Republik über mehrere Jahre rote Zahlen schreiben, verschwinden irgendwann. Sie sehen ja selbst, was hier in der Raumschaft passiert ist. Man hat damals mit Nachbarlandkreisen gesprochen, die betonten, dass der Standort X oder Y erhalten bleiben müsse. Diese Standorte gibt es heute alle nicht mehr, das Faktische setzt sich irgendwann einfach durch. Deswegen bin ich dankbar, dass das Klinikum realisiert werden konnte. So sehe ich auch meine Aufgabe, dass wir schauen müssen, dass wir hier vor Ort Strukturen schaffen, die zukunftsfest sind. Es war genau die richtige Entscheidung, nicht nur zu jammern und zu klagen, sondern sich zu fragen: Was können wir tun, damit wir eine gute medizinische Versorgung haben? Und natürlich ist kein System so gut, dass es nicht verbessert werden kann. An den Dingen, die noch nicht so gut sind, arbeiten wir je- den Tag, damit wir besser werden. Meter „einfach so“ unter der Erde! Wir haben für dieses Projekt Förderzusagen von über 100 Mio. Euro bekommen, noch ist nicht ganz alles verbaut, aber sehr, sehr viel erreicht. Wir wollen nicht, dass der Ländliche Raum ab- gehängt wird. Dort aber stellt sich die Problematik: hoher Invest, wenig Nutzer – wie kriegt man das hin? Deswegen bin ich als Vorsitzender des Zweckverban- des Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar dankbar, dass das Land Baden-Württemberg als eines der ers- ten Länder in Deutschland ein Förderprogramm auf- gelegt, immer wieder modifiziert und verbessert hat. Seit einigen Jahren unterstützt uns auch der Bund mit Millionenbeträgen. Ich bin durchaus stolz darauf, was wir erreicht haben: Die Zahl der Anschlüsse ist hoch, was die Bedeutung dieser Initiative unterstreicht. Schauen wir uns ebenso die Entwicklung im Sozial- bereich an, dort scheint die Ausgabensteuerung beson- ders problematisch? Ein weiteres großes Thema ist der Glasfaserausbau, die Aufgabe, das Highspeed-Internet im möglichst gesam- ten Landkreis verfügbar zu machen. Wie beurteilen Sie den aktuellen Projektstand? Das Schwierige beim Thema Glasfaserausbau ist: Sie sehen nichts, die Kabel verschwinden Meter um Wir leben in einem Sozialstaat. Ich bin dankbar, dass die Bundesrepublik als sozialer Bundesstaat gegrün- det wurde. Insbesondere der Bundesgesetzgeber hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Sozialleistun- gen geschaffen, die es vor Ort umzusetzen gilt. Da sind wir als Sozialamt im Schwarzwald-Baar-Kreis die zuständige Stelle. Das ist eine sehr wichtige Aufga- 58 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Die Landräte Sven Hinterseh, seit 1. Juni 2012 im Amt, Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996, verst. 2018) und Karl Heim (1996 – 2012), fotografiert beim Landratsamt aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2013. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. be, die in der Tat auch haushalterisch sehr wirksam ist. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. Das ist schon erheblich. Tendenz steigend? Tendenz steigend, weil immer wieder neue Aufga- ben vom Bundesgesetzgeber identifiziert werden. Weil die Entwicklung so ist, dass natürlich – jetzt haben wir gerade eine hohe Inflation – in der Regel die Summen dynamisiert und angepasst werden. Die Ausgabenzuwächse bereiten mir aber schon erheb- liche Sorgen! Wir haben in unserer Region fast Voll beschäftigung. Man mag gar nicht daran denken, wie sich die Ausgaben entwickeln würden, wenn wir in eine echte Arbeitsmarktkrise, wie wir es damals bei dem Zusammenbruch der Uhren- und Phono- industrie hatten, geraten würden. Ist das Sozialamt auch von seiner personellen Ausstat- tung her das größte Amt? Wie viele Mitarbeiter sind dort beschäftigt? Weit über hundert und damit ist das Sozialamt das größte Amt. Wenn Sie allein an das Bundes teilhabe- gesetz und die Eingliederungshilfe denken, bei der wir uns um gehandikapte Personen kümmern und jeden einzelnen Fall gesondert betrachten, dann erklärt sich der personelle Aufwand. Das kann man Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 59

 

 

 

kritisieren, aber ich glaube schon, dass es eine große Errungenschaft der Bundesrepublik ist, dass wir uns nicht rein der Freien Marktwirtschaft, sondern der Sozialen Marktwirtschaft verschreiben. Es gilt den Schwächeren beizustehen. 2022 sind Sie zehn Jahre im Amt – wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft? Ich wurde im März 2012 gewählt, 2020 für weitere acht Jahre im Amt bestätigt. Ich lege all meine Kraft und meine Fähigkeiten in dieses Amt und das gilt auch für die kommenden Jahre. Jetzt habe ich noch ein Mandat für sechs Jahre. Dieses Mandat will ich bestmöglich mit meiner ganzen Kraft, mit meinem Ideenreich- tum und mit meiner Kompetenz ausfüllen. Wir sind alle gut beraten, die wir in Wahlämtern sind, dass wir demütig sind und dass man nicht plant, was passiert. Man muss sich wieder neu bewerben und neu um Mehrheiten ringen. Deswegen mache ich eins nach dem anderen. Was wird an neuen Ideen und Aufgaben auf den Schwarzwald-Baar-Kreis und das Landratsamt zukom- men? Was sind die Großprojekte der Zukunft? Der öffentliche Personennahverkehr bleibt nach wie vor eine zentrale Aufgabe. Wir stehen jetzt mitten in den Verhandlungen mit den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil und dem Land Baden-Württemberg. Wir wollen einen schlagkräftigen Verbund mit einem sehr attraktiven Tarifsortiment in der Region Schwarzwald- Baar-Heuberg schaffen. Wir wollen noch mehr Verantwortung im Schienenpersonen- nahverkehr übernehmen. Ich hatte Ihnen vorher gesagt, dass wir Ideen haben, wie wir den Ringzug weiterentwickeln können. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen ist nur ein kleiner Baustein. Es geht darum, dass wir in der Region dieses System weiter ausbauen. Wir müssen Sorge tragen, dass unsere Infrastruktur, Straße und Schiene, so ausge- baut wird, dass wir auch in zehn, 20 oder 30 Jahren wettbewerbsfähig sind. Für mich ist Robert Gerwig ein tolles Beispiel: Er hat vor rund 150 Jahren die Schwarzwaldbahn gebaut. Wir profitieren als Raumschaft jeden Tag davon, dass wir diese Schwarzwaldbahn haben. Vor über 50 Jahren wurde die Autobahn Stuttgart- Singen gebaut, von der wir jeden Tag profitieren. Ich will mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn wir die Schwarzwaldbahn und die Autobahn 81 nicht hätten. Das zeigt Das Landratsamt auf dem Hoptbühl in VS-Villingen. 60 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Wir müssen sicherstellen, dass sich unsere Infrastruktur in einem guten Zustand befindet und – wo nötig – auch ausgebaut wird. Alle Themen- bereiche rund um die Bildung gehören für mich hier dazu. Bei unseren Jüngsten dürfen wir nicht sparen. Kein Kind darf uns verloren gehen! Und wir müssen konsequent den Weg hin zu einer möglichst dezen- tralen Energieerzeugung und -versorgung beschrei- ten. Und bei all dem müssen wir auch Sorge tragen, dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht weiter verloren geht. Es gilt Spaltungen zu vermei- den und das Miteinander zu fördern. Wenn wir dies alles erreichen, dann bin ich zuversichtlich, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis Zukunftsregion „Nummer 1“ wird. Wir die vor uns liegenden Herausforderungen nicht nur meistern, sondern, dass wir enger zusammenstehen, uns miteinander solidarisieren und dann insgesamt gestärkt sind. Herr Hinterseh, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. wie wichtig Infrastrukturprojekte für eine Raum- schaft sind und deswegen will ich mit meiner ganzen Kraft und mit der Unterstützung von Bund, Land und vieler Abgeordneten und mit Institutionen daran ar- beiten, dass wir diese Infrastruktur weiter ausbauen und im Wettbewerb mit anderen Regionen in Zukunft bestehen können. In welchen finanziellen Dimensionen bewegen wir uns hier? Wenn Sie den Glasfaserausbau und das Projekt Ringzug 2.0, wie wir es nennen, in der gesamten Region nehmen, dann reden wir von einer Investi- tion von jeweils rund 250 Mio. Euro. Das sind für uns schon ganz gewaltige Summen. Wo sehen Sie den Schwarzwald-Baar-Kreis in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? Unser Landkreis steht natürlich im Wettbewerb mit anderen Kreisen und Regionen – und genau diesen Wettbewerb gilt es zu bestehen, das treibt mich tagtäglich an. Ganz allgemein ist der Erhalt der Daseinsvorsorge die zentrale Herausforderung. Der demografische Wandel wird sich in den ländlicheren Regionen stärker auswirken als in den Ballungs- räumen, das gilt übertragen auch für uns in unserem Landkreis. 61

 

 

 

SCHWARZWALD BAAR MOMENTAUFNAHMEN AUS EINEM QUELLENLAND von Wilfried Dold Die Triberger Wasserfälle – der weltweit bekannteste Hotspot des Schwarzwald- Baar-Kreises. Beim Kreisernte- dankfest 2022 in Bräunlingen. 82 72 Schanzengespräch: Olympiasieger Hans- Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh. 64 76 88 Der neue Donauursprung. Der Auerhahn (Foto: Erich Marek). ist mit dem Schwarzwald untrennbar verbunden. Doch er kämpft um sein Überleben: Die letzte Population im Schwarzwald-Baar-Kreis findet sich auf dem Rohrhardsberg. 62

 

 

 

Rohrhardsberg Elz Schonach Schiltachquelle Schiltach N Triberg Blindensee Gutach Elzquelle Schönwald Gutachquelle Bregquelle Brend Stöcklewald St. Georgen Niedereschach Königsfeld Brigachquelle Schwarzwaldbahn Mönchweiler Brigach Unterkirnach Dauchingen VILLINGEN-SCHWENNINGEN Neckar Gütenbach Vöhrenbach Breg Furtwangen Linach Wilde Gutach Neckarquelle Schwenninger Moos Tuningen Bad Dürrheim A864 Himmelberg A81 Blatthalde Brigachtal Breg Brigach DONAUESCHINGEN Bräunlingen Schellenberg Brändbach Riedseen Donau Hüfingen Gauchach Höllentalbahn Fürstenberg länge Eichberg Wutach Blumberg Buchberg Hoher Randen Dicht bewaldeter Schwarzwald, Triberger Wasserfälle und Kuckucksuhr treffen auf die weite Baar: Brigach und Breg, die in der Fürstenstadt Donaueschingen mit der Donau den zweitgrößten Fluss des Abendlandes hervorbringen. Gemeinsam bilden die topografisch grundverschiedenen Landschaften mit ihrer Mitte Villingen-Schwenningen seit 1973 den über 1.000 Quadrat kilometer großen Schwarzwald-Baar-Kreis. Sein 50-jähriges Bestehen im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhardsberg und am Triberger Wasserfall oder für einen Dialog mit Olympiasieger Hans-Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze in Schonach. Für Gespräche und Impressionen beim Bräunlinger Kreis erntedankfest 2022 und Begegnungen am Donau beginn, einem Ort von europäischer Dimension. Damit werden stellvertretend für viele Aufgabenfelder zentrale kreispolitische Themen in den Fokus gerückt: Umwelt und Natur, Breitbandverkabelung, Tourismus, vereintes Europa sowie Schwarzwald und Baar als Heimat. Und Heimat braucht es in unserer krisen geschüttelten Zeit mehr denn je. 63

 

 

 

UNTERWEGS MIT RANGER NIKOLAS BINDER ROHRHARDSBERG – AUF DEM DACH DES QUELLENLANDES 64 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Der Rohrhardsberg gehört als beliebtes Wanderziel zu den bedeuten- den Naturschutzgebieten in Baden-Württemberg, dort findet sich eine der letzten Auerhahn-Popula tionen des Schwarzwaldes. Ranger Nikolas Binder (links) und Landrat Sven Hinterseh (rechts) engagieren sich im Zusammenspiel mit Naturschutz, ForstBW und Natur freunden dafür, dass der Auerhahn bei uns nicht ausstirbt! Bei einer Stippvisite am Rohrhards- berg wurde deutlich, wie kostbar dieses Naturschutzgebiet ist, in dem sich auf 1.153 Metern zugeich der höchste Punkt des Landkreises befindet. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 65

 

 

 

Oben: Wildblühende Arnikawiesen gibt es in Baden-Württemberg nur an wenigen Orten, der Rohrhardsberg ist einer davon. Unten im Tal ist der Schänzlehof zu sehen. Wie kostbar die Natur am Rohrhardsberg ist, dokumentiert eines der letzten Auerhahn vorkommen im Schwarzwald und das letzte im Schwarzwald-Baar-Kreis (Foto: Erich Marek). Auch das Knaben kraut hat in den Hoch- und Übergangsmooren seinen Lebensraum. 66 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Wenn auf dem Rohrhardsberg der Frühling einzieht und die Blumenwiesen blühen, geht er andernorts im Landkreis bereits in den Sommer über. Mächtige Felswände, Schonwald und naturnahe Bachläufe Naturschutz ist im Landkreis ein großes Thema. Mit über 530 Quadratkilometern sind mehr als die Hälfte des Schwarzwald- Baar-Kreises als Natura-2000-Gebiet geschützt. Als Leuchtturmprojekt gilt das Naturschutzgroßprojekt Baar. Auch im Großraum Rohrhardsberg – zwischen Elz und Wildgutach – liegen mehrere Schutzgebiete: Rohrhardsberg-Obere Elz, Yacher Zinken und Kostgefäll, Blindensee, Elzhof, Prechtaler Schanze-Ecklesberg und Laubeck-Rensberg. Hier wechseln sich großflächige Tannen- Fichten-Wälder ab mit artenreichen Weid- feldern, Bergwiesen und Hochmooren. Nikolas Binder ist als Ranger beim Regie- rungspräsidium Freiburg, Referat 56 Natur- schutz und Landschaftspflege angestellt und seit Januar 2022 für die Naturschutzgebiete am Rohrhardsberg, Blindensee und Kandel zuständig. Grund genug für eine Stippvisite des Landrates, dem der Naturschutz ein besonderes Anliegen ist – zumal am Rohr- hardsberg. Die Aufgabe als Ranger begeistert Nikolas Binder rundum, wie sich schon auf den ersten Metern einer morgend lichen Wanderung mit Landrat Sven Hinterseh zeigt. Er versteht sich als Vermittler zwischen der Natur und den Menschen. Die Besucher sollen verstehen lernen, weshalb sie am Rohrhardsberg oder Blindensee die ausge- schilderten Wege nicht verlassen dürfen, erläutert er eine seiner Hauptauf gaben. Er bewältigt sie überaus freundlich und kompe- tent: Der 26-jährige Ranger vermag zu fast jeder Pflanze und jedem Tier interessante Details zu berichten. Die Vögel erkennt er bereits an ihrem Gesang. Seit Januar 2022 ist Nikolas Binder ein „Schwarzwald-Baaremer“ mit Wohnsitz Schönwald. Von dort aus kann er die Natur- schutzgebiete rund um den Rohrhardsberg mit dem Fahrrad und teils sogar zu Fuß erreichen. Aufgewachsen ist er in Breunings- weiler, einem Stadtteil von Winnenden bei Stuttgart. Auf das Abitur folgte eine Lehre zum Forstwirt. Dann ließ er sich in Südafrika zum Field and Trailsguide ausbilden, um anschließend in Freiburg Waldwirtschaft und Umwelt zu studieren. Noch während des Studiums hat er im Nordschwarzwald Momentaufnahmen aus einem Quellenland 67

 

 

 

Der Rohrhardsberg ist ein Winterland – schneereich und kalt. Auf dem Übersichtsbild oben sind rechts der Ochsenhof, darüber der Erlenhof und weiter oben der Schänzlehof zu sehen. Unten: Im Schneegestöber mit Blick zum Schänzlehof. 68 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Das Gasthaus zur Schweden- schanze, das „Schänzle“, bietet Winterwanderern eine willkommene Einkehrmöglich- keit. als Trecking-Guide gearbeitet, kennt seinen heutigen Arbeitsplatz in über 1.000 Metern Höhe somit schon länger. Unterwegs zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises Es geht an diesem 22. Juli durch schattige Schonwaldgebiete hinauf zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der sich auf 1.153 Meter Höhe befindet. Nikolas Binder schildert, was dieses Naturschutz- gebiet so besonders macht: Auerhahn, wild blühende Arnikawiesen, seltene Orchi- deen – Schonwaldgebiete. An der Seite des Rangers geht es durch eine subalpine Landschaft. Selbst Pflanzen mit ansonsten alpiner Verbreitung wie Alpen-Milchlattich und Alpen-Dost oder eher im alpinen Raum anzutreffende Vogelarten wie Raufußkauz und Ringdrossel sind hier daheim. Und nur am Rohrhardsberg und auf dem Brend wächst in Baden-Württemberg das gelb oder rot blühende Holunder- Knabenkraut. Auf nährstoffreicheren Böden wären diese Orchideen anderen Gewächsen hoffnungslos unterlegen, sie würden über- wuchert. Um Arnikawiesen oder das besagte Knabenkraut zu erhalten, braucht es eine naturnahe, extensive Landwirtschaft. Und geschützte Lebensräume wie Borstgras rasen, Hoch- und Übergangsmoore, Moorwäl- der, Auenwälder mit Erle, Esche, Weide, Hainsimsen- Buchenwald sowie Schlucht- und Hangmischwälder. Sie alle kommen im Rohrhardsberggebiet vor. Der Weg führt begleitet vom intensiven Austausch über Naturschutzbelange am Rohrhardsberg stetig bergauf – schließ- lich ist der höchste Punkt erreicht: Der 1.153 Meter hohe „Gipfel“ liegt inmitten eines Fichtenmeers das keinerlei Aus blicke zulässt. Hier verläuft zugleich die Grenze zwischen den Landkreisen Emmendingen und Schwarzwald- Baar. Mit 1.153 Meter überragt der Rohrhards berg den wenige Kilometer entfernt liegenden 1.149 Meter hohen Brend bei Furtwangen um gerade einmal vier Meter. Eines aber haben die beiden höchsten Erhebungen im Quellenland gemeinsam: Momentaufnahmen aus einem Quellenland 69

 

 

 

„Lücken für Küken“ heißt eines der Schutz- programme, mit denen am Rohr- hardsberg dank der Hilfe von Frei- willigen das Über- leben der dortigen Auerhahn-Popu- lation gesichert werden soll. Foto: Erich Marek Nir gends sonst im Landkreis ist der Winter strenger. Vorausgesetzt, dass er in Zeiten des Klimawandels auch einer ist. Es zieht die beiden Wanderer ans Licht. Dorthin, wo die Morgensonne die Augen förmlich blendet. Am 50 Meter tiefer lie- genden Waldrand bietet sich ein imposan- ter Blick über den Mittleren Schwarzwald hinweg: Links im Tal liegt der Schänzlehof, der höchstgelegene Bauernhof im Land- kreis, rechts die „Schweden schanze“. Eine urige Vesperstube, die unter Denkmalschutz steht. Der Blick streift über das Wäldermeer bei Schonach, Schönwald und Furtwangen. Etliche dieser Wälder sind wie der Rohrhards- berg als Schonwaldgebiete ausgewiesen und sich somit teils selbst überlassen. Schutz der Auerhahn-Population genießt Priorität Der Blick über die Landschaft macht deutlich, welch immens großes Gebiet der Ranger zu betreuen hat. Landrat Sven Hinterseh fragt nach, was hier alles zu leisten ist. Nikolas Binder nennt neben Naturschutz und Landschaftspflege die Mitwirkung bei der Besucherlenkung, naturparkspezifische Bildungs- und Informationsarbeit, aber auch die Unterstützung von naturschutz relevanten Forschungsaktivitäten. Vor allem aber schützt der Ranger bestmöglich die Brutgebiete des vom Aussterben bedrohten Auerhahns vor unliebsamen Besuchern. Der Rohrhardsberg war deshalb im Frühjahr 2022 ein Schwer- punkt seiner Tätigkeit: Auerhühner reagieren in der Paarungszeit äußerst empfindlich auf Störungen. So galt es, zur Balz- und Brutzeit das Auerhahngebiet in Zusammenarbeit mit Forst BW groß flächig zu überwachen. Das Auerhuhn hat im Rohrhardsberg- gebiet (noch) eine kleine Population. Sie stellt eine wichtige Verbindung zwischen den Vorkommen im Nordschwarzwald (Natio- nalpark) und dem Feldberggebiet dar. Auer- hähne benötigen vor allem lichte Wälder mit ausreichenden Heidelbeer-Beständen. Ini- tiativen wie „Lücken für Küken“ im Rahmen 70 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Blick zum Erlenhof. Typisch für den Rohrhardsberg sind die Halden aus mächtigen Granitfelsen des Biodiversitätsprogramms des Landes sind eine wichtige Hilfe. Naturfreunde schaf- fen diese „Lücken für Küken“ ehrenamtlich. „Viele setzen sich am Rohrhardsberg für den Naturschutz ein“, freut sich Nikolas Binder. Corona verstärkt den Zustrom Nikolas Binder verdankt seine Stelle aber auch den Corona-Zeiten, die am Blindensee den Zulauf noch verstärkt haben. Der tinten- schwarze Hochmoorsee an der Gemar- kungsgrenze von Schonach/Schönwald ist ein touristischer Hotspot. Schon kurz nach Sonnenaufgang sind hier die ersten Wanderer unterwegs. Und ebenso spätabends. Um die Tier- und Pflanzenwelt dort und am Rohr- hardsberg vor den Folgen dieses intensiven Zulaufs bestmöglichst zu schützen, macht Nikolas Binder u.a. im Rahmen von geführ- ten Wanderungen mit den Besonderheiten der Natur vertraut. „Was man kennt, das schützt man auch“, lautet seine Devise. Der Rohrhardsberg ist bei der Besucher lenkung der weitaus ruhigere Flecken, den der Ran- ger zu betreuen hat. Der Grund ist simpel: Mit dem Auto kommt man nicht bis zum Gipfel. Auch verhalten sich die Besucher die- ses Naturschutzgebietes anders als die des Blindensees, sie sind mit den Belangen des Naturschutzes besser vertraut. Und während am Blindensee nahezu ständig „Hochbe- trieb“ herrscht, gibt es am abseits liegenden Rohrhardsberg auch „stille Momente“. Die Erfahrungen von Nikolas Binder sollen unmittelbar in die Arbeit der Natur- schutzbehörde des Landkreises ihren Ein- gang finden. Landrat Hinterseh lädt ihn ab- schließend zu einem Fachaustausch mit dem Naturschutz ins Landratsamt ein. Sein Fazit ist rundum positiv: 50 Jahre Schwarzwald- Baar-Kreis bedeuten auch 50 Jahre intensive Hinwendung zum Schutz und Erhalt seiner einzigartigen Natur. Eine enge Verzahnung aller Bemühungen auf diesem Weg sind unabdingbar – Stippvisiten wie diese tragen dazu bei, auf diesem Weg wieder ein gutes Stück voranzukommen. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 71

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – AUF STIPPVISITE BEI HANS-PETER POHL WIE BREITBAND-TECHNOLOGIE EINEN OLYMPIASIEGER WELTWEIT LIVE AN DIE SPRUNGSCHANZEN BRINGT „Als Sportler bin ich über ein Jahrzehnt lang um die Welt geflogen. Daheim aber ist für mich Schonach, der Schwarzwald und Schwarzwald-Baar.“ Diese Worte stammen von Hans-Peter Pohl, Mannschafts-Olympia- sieger in der Nordischen Kombination des Jahres 1988. Seine Schilderungen zu seiner Sportlerkarriere im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh im Juli 2022 komplettiert diese Ausführungen zum „Daheim-Sein“ um eine weitere Komponente: „Daheim“ war der Nordische Kombinierer auch auf den Loipen und Sprungschanzen dieser Welt. Und Hans-Peter Pohl ist es weiterhin – wenn auch oft digital, wie er auf den Stufen des Sprungturms der Schonacher Langen- waldschanze sitzend erzählt: Seit Jahren kommentiert der Olympiasieger als Experte bei Live-Übertragungen von Eurosport die Wettkämpfe in der Nordischen Kombina- tion. Doch er sitzt dabei mittlerweile nicht immer vor Ort in einem Pressezentrum mit Blick zur Sprungschanze oder Loipe, sondern ab und an auch daheim im Dachgeschoss seines Eigenheimes in einem Mini-Studio. Modernste Breitbandtechnik macht es mög- lich, dass Hans-Peter Pohl von Schonach aus ohne Zeitverzögerung zum Fernsehbild das Geschehen kommentieren kann. Nicht nur in Corona-Zeiten eine enorme Erleichterung. Landrat Sven Hinterseh merkt an, dass dank der Breitbandverkabelung durch den Zweckverband Breitbandversorgung die- se besondere Form des „Homeoffice“ in Schonach erst möglich geworden sei. Der Landkreis investiert in diese Technologie ins- gesamt über 200 Mio. Euro. Hans-Peter Pohl ist mit ganzem Herzen Schonacher, sein Haus hat er mit Aussicht auf die Sprungschanze gebaut. Keine Frage, dass eine Stippvisite bei ihm an der Langen- waldschanze stattfinden muss. Als der 39 Meter hohe Sprungturm über unzählige Treppenstufen hinweg bestiegen ist, gilt mit luftiger Aussicht auf Schonach die erste Fra- ge dem Skispringen: Nein, Hans-Peter Pohl würde heute nicht mehr über die Langen- waldschanze springen, antwortet er Sven Hinterseh. Und auch was die Olympiaschan- zen in Peking anbelangt, hat er eine klare Mei- nung: Noch gigantischere Sprungschanzen, das muss einfach nicht sein. Diese Entwick- lung sei der immer größeren Kommerziali- sierung des Sports zuzuschreiben. Als „noch brutaler“ bewertet er die zu erwartende Gender-Quote: Diese besagt, dass ab 2030 in der Nordischen Kombination auch Frauen am Start sein müssen. Ansons- ten droht ihr, dass sie als reiner Männersport aus dem Olympia-Programm gestrichen wird. Ein Wettkampf, der seit 1924 bei den Olym- pischen Spielen vertreten ist und dem der Schwarzwald und das Skidorf Schonach ihr weltweites Renommee als Wintersport region maßgeblich mitverdanken! Erster Sieg im Alter von sieben Jahren Mit sechs Jahren trainiert Hans-Peter für die Nordische Kombination, als Siebenjähriger feiert er 1972 strahlend seinen ersten Sieg im Skispringen. 1977 belegt der Schonacher den zweiten Platz bei der Deutschen Schüler- meisterschaft, wird 1979 Deutscher Meister Zur Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh (rechts) an der Schonacher Langen wald- schanze hat Hans-Peter Pohl (links) seine Goldmedaille von den Olympischen Spielen 1988 im kanadischen Calgary mitge- bracht. 72 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hans-Peter Pohl 1988 mit der olympischen Gold- medaille für den Sieg in der Mann- schaftswertung. Rechts der Sprung zum Gewinn der Weltmeisterschaft in Oberstdorf 1987. Fotos: Sammy Minkoff in der Altersklasse bis 14 Jahre. Dieser Titel markiert endgültig den Beginn einer groß- artigen Sportlerkarriere: Hans-Peter Pohl erkämpft sich in der Folge zwölf Deutsche Meistertitel, davon viermal bei den Senioren. Zweimal holte er sich den Alpincup-Gesamt- sieg in der Nordischen Kombination sowie im Spezialspringen. Der Weltmeistertitel im Jahr 1987 in der Mannschaft mit Hermann Weinbuch und Thomas Müller in Oberstdorf und 1988 der Olympiasieg in Calgary in der Mannschaft mit Thomas Müller und Hubert Schwarz ge- raten zu den Höhepunkten seiner Karriere. 1991 erzielt der Schonacher Platz fünf bei der WM in der Einzelwertung und 1993 Platz drei mit der Staffel. Über zwölf Jahre hinweg ist Hans-Peter Pohl ein Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft. Wie schnell der sportliche Ruhm selbst in den eigenen Reihen verblassen kann, erfährt der Nordische Kombinierer am Karriere ende: Im November 1993 kündigt er seinem Team die letzte Saison als Profi an. Wie Hans-Peter Pohl heute weiß, war diese Fairness ein Fehler. Augenblicklich wird der frühere Welt- meister und Olympia sieger sowie Staffel- WM-Dritte des Jahres 1993 aufs Abstellgleis geschoben. Als die Nordischen Kombinierer ausgerechnet beim Schwarzwaldpokal 1994 in Schonach neue Sprunganzüge erhalten, wird Hans- Peter Pohl übergangen. Sein Trainer teilt ihm kurz darauf telefonisch mit, gleich welche Leistung er auch bringe, für die Olympischen Spielen 1994 im norwegi- schen Lillehammer werde er nicht nominiert. Auf die Sportkarriere folgt der Erfolg als Fernsehkommentator So fährt Hans-Peter Pohl auf eigene Rech- nung zu Olympia, was sich als Glücksfall erweist. Er trifft bei der Schanzenanlage zufällig auf Dirk Thiele, Kommentator beim Fernsehsender Eurosport. Dieser bietet dem Schonacher spontan an, mit ihm zusammen das olympische Spezialspringen zu kommen- tieren. Eine Hürde allerdings gilt es noch zu nehmen: Da er bei Olympia nicht als Journa- list akkreditiert ist, schleicht sich Hans-Peter Pohl frühmorgens in den Kampfrichterturm, fällt dort nicht weiter auf. So kann er nach- mittags sein Debüt als TV-Experte geben. Eine Karriere beginnt, die bis heute andauert. Anfangs fliegt er dazu an jedem Wettkampfwochenende in die Eurosport- Zentrale nach Paris, um von dort aus zu kommentieren. Als die große Zeit von Martin 74 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hoch über Schonach – beim Gespräch über Leistungssport, die Nordische Kombi nation und die Liebe zur Heimat auf der Langen- waldschanze: Landrat Sven Hinterseh (links) und Hans-Peter Pohl (rechts). Schmitt und Sven Hannawald anbricht und Skispringen über Nacht ein Millionenpubli- kum begeistert, nimmt neben ARD und ZDF auch Eurosport die Berichterstattung vor Ort auf. Hans-Peter Pohl reist jetzt als Fernseh- kommentator an jene Orte, die er in den Jah- ren zuvor als Sportler besucht hatte. Für den 29-Jährigen heißt es am Karriere- ende zudem, ins Berufsleben einzusteigen. Als Sportler mit Amateurstatus durfte er nicht einmal einen Sponsorenvertrag un- terzeichnen, eine Rücklage aufzubauen, war somit nicht möglich. Immerhin: Für die Olympische Goldmedaille gab es eine Prämie von 15.000 Mark. Die angestrebte Trainerkarriere erweist sich für Hans-Peter Pohl nach bestandener Prüfung im Jahr 1995 als der falsche Weg, er will den Skisport hinter sich lassen. Da kommt das Angebot der Schonacher Allianz- vertretung, ins Versicherungswesen einzu- steigen im richtigen Augenblick. „Das war das Perfekteste was mir passieren konnte“, so der frühere Profisportler. Denn eines hat sich mittlerweile gezeigt: Olympiaruhm der bleibt – überall wird der sympathische Scho- nacher mit offenen Armen empfangen. Noch heute gibt es Autogrammanfragen. Und Landrat Sven Hinterseh freut sich: „Ein Olym- piasieg, das ist doch irre!“ So bekommt der frischgebackene Ver- sicherungsmann selten Absagen auf Ge- sprächsanfragen. Auch wenn die Kunden sich fragen: Kann der das? „Ich musste mich in diesem Umfeld erst beweisen“, erinnert sich der Sportler, was ihm jedoch glückt. Beim Abstieg vom Sprungturm verrät Hans-Peter Pohl, dass er mit seiner Frau Anja und den Söhnen Dominik und Patrick in wenigen Stunden nach Kanada fliege, wo Tochter Jacqueline die Liebe fürs Leben gefunden habe. Auch deshalb ist die Breit- band-Internetverbindung für die Pohls noch bedeutender geworden. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 75

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – WO IM LANDKREIS DER TOURISMUS BEGANN WELTBEKANNTE WASSERFÄLLE: DAS GOLD VON TRIBERG Wenn der Landrat aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises auf Stippvisite im Landkreis unterwegs ist, gehören die Triberger Wasserfälle als „der“ touristische Hotspot einfach dazu. Sven Hinterseh wird am Eingang zum Wasserfall- gebiet von dem Mann erwartet, der hier für die Ordnung und Sicherheit die Verantwor- tung trägt: Bauhofleiter Hubert Kienzler. An diesem sonnigen Dienstag im Sommer 2022 verrät schon die Warteschlange am Kassen- häuschen, dass in Triberg neben Europa zumindest auch Asien, Indien und Amerika vertreten sind. Landrat Sven Hinterseh zeigt sich überzeugt, dass der Touris mus weit über Triberg hinaus von der Popularität der Was- serfälle profitiert. Bis hin zum über 110 Kilo- meter langen Premium wanderweg Wasser- WeltenSteig, den der Landkreis verwirklicht hat und der in Triberg bei den Wasserfällen beginnt und am Rheinfall in Schaffhausen endet. entlang der Felsen, der zum ersten der sechs Fälle hinaufführt. Am vierten Fall lädt ein Holz- steg dazu ein, mitten über dem Wasserfall zu stehen – sein Tosen ist ganz nah. Die Wasserfälle sind seit über 200 Jahren eine Touristenattraktion „The Triberg Falls“ gehören seit über 200 Jah- ren zu den bekanntesten Tourismus- Hotspots in Baden-Württemberg. Im Jahre 1805 er- schließt der weitsichtig agierende Obervogt Theodor Huber die Wasserfälle über ein Wegenetz für Besucher – das Interesse an diesem Naturspektakel steigt umgehend. Mit Inbetriebnahme der Schwarzwaldbahn setzt ab 1873 ein wahrer Tourismus-Boom ein, die Eisenbahn ermöglicht jedermann das Reisen. Auch gut betuchte Kurgäste entdecken jetzt Triberg, das schon bald in einem Atemzug mit dem nahen Titisee und dem Kurort Baden-Baden genannt wird. Immerhin gehören die Triberger Wasser- Auch die First Lady von Amerika weilt in fälle mit ihrer Fallhöhe von 163 Metern zu den höchsten in Deutschland. Und sind einsamer Spitzenreiter im Schwarzwald: Am nächsten kommen ihnen die 97 Meter hohen Todtnauer Wasserfälle. Sie sind indes mehr als doppelt so hoch wie die Gertelbachfälle mit ihren 70 Metern und mehr als viermal so hoch wie die Zweribach-Wasserfälle und der Todtmoser Wasserfall mit 40 Metern. Und sie sind vor allem eines: „Unglaublich schön“, wie Landrat Sven Hinterseh spontan äußert, als sich nach kurzem Fußweg der imposante Hauptfall vor ihm auftut. Überall stehen Menschen, schießen mit ihren Handys unzählige Erinnerungsfotos. Und begeben sich dann auf den Waldweg den 1890er-Jahren neben vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten in der Wasser- fall-Stadt: Kaiser Wilhelm II., Reichskanzler Otto von Bismarck oder Ernest Hemingway waren Besucher der in sieben Stufen über 163 Meter ins Tal hinunterstürzenden Was- serfälle. Und mit der Kraft ihrer Wasserfälle erzeugen die Triberger ab 1884 ebenso den Strom für eine der ersten elek trischen Straßenbeleuchtungen in ganz Deutschland. Neue Kraft aus der Natur bei den Wasserfällen schöpfen Für Stadtmarketingleiter Nikolaus Arnold steht unumstößlich fest, dass die Wasserfälle Kraft am Wasser- fall schöpfen, die Licht- und Wasserspiele ge- nießen. Die Triber- ger Wasserfälle, Kuckucksuhr und Schwarzwaldbahn ziehen seit dem 19. Jahrhundert Besucher aus aller Welt an. 76 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

das Gold von Triberg sind. „Was fasziniert die Menschen an den Wasserfällen?“, frägt Land- rat Sven Hinterseh in die Runde. Nikolaus Arnold und Hubert Kienzler antworten, dass es das Natur erlebnis sei. Ein Blick in die Ge- schichte zeigt, wie sehr die Natur im Umfeld der Wasserfälle die Menschen seit jeher be- geistert. In den 1920er-Jahren beispielsweise wird die Luft im Wasserfallgebiet auf das Vorhandensein von Luftelektrizität hin unter- sucht. Sie soll Menschen dabei helfen, ihre Depressionen zu besiegen, so ein Arzt. Dass an der besonderen Kraft der Natur im Wasserfallgebiet etwas dran sein muss, beweist die Gegenwart in Form der Asklepios- klinik, die Menschen behandelt, die eine Krebserkrankung bewältigen müssen. Die Patienten besuchen nahezu täglich die Was- serfälle, verbringen viel Zeit dort. Sie schöp- fen neue Energie aus der Begegnung mit diesem besonderen Stück Natur. Nikolaus Arnold hat beobachtet, wie manche Wasserfallbesucher teils Stunden auf der Bank der Besucherplattform verbringen, um die Gischt der Wasserfälle und den Klang des herunterstürzenden Wassers zu genie- ßen. Zu den Wasserfall-Fans gehört der Leiter des Stadtmarketings auch selbst. Er schätzt den Triberger Hotspot ebenso bei Regen, Nebel, Kälte oder in wasser armen Sommer- monaten. „Es ist einfach ein ganz besonderer Ort für mich“, hält der gebürtige Triberger fest. „Die Menschen sollen sich am Wasser- fall und im umliegenden Waldgebiet einfach wohlfühlen“, beschreibt er das Bemühen der Stadt, dieses Landschaftsschutzgebiet so natürlich wie möglich zu halten. Selbst die Moose und Flechten auf den Granitsteinen entlang des Wasserfalles sind besonders und stehen unter Naturschutz. Corona stoppt den Wasserfall- Tourismus über Nacht Vor Corona lockten die Wasserfälle alljähr- lich weit mehr als 500.000 Besucher nach Triberg. Damit ist es mit Ausbruch der Pan- demie im Februar/März 2020 erst einmal vorbei. Nikolaus Arnold schildert, er erinnere sich mit Schrecken an die Oster- und Pfingst- feiertage 2020. Mutterseelenallein war er auf den Straßen in Triberg unterwegs. An Tagen, an denen üblicherweise Menschen aus aller Welt den Boulevard bevölkern und die Sou- venir geschäfte dort besuchen. Der ganzen Stadt sei angesichts dieser Leere bewusst geworden, wie sehr Triberg vom Tourismus profitiert, wie wertvoll die Wasserfälle sind. Dass die Triberger Wasserfälle derart be- rühmt und für die Stadt so bedeutend gewor- den sind, hängt neben der Schönheit der An- lage am Wasserfall auch mit ihrer zentralen Lage zusammen: Die Touristen müssen von der Stadtmitte aus nur wenige hundert Me- ter zu Fuß gehen, bis sie den Haupteingang zum Wasserfallgebiet erreichen. So bleibt die Kaufkraft der Wasserfall-Touristen in Triberg. Nirgends sonst auf der Welt findet sich ein Wasserfall „fast schon“ inmitten einer Stadt. Beim Triberg-Marketing dürfen auch Influencer nicht fehlen Landrat Sven Hinterseh verfolgt mit großem Interesse, wie die Triberger die sozialen Medien zur Belebung ihres Fremdenverkehrs nutzen. Nikolaus Arnold betont, Instagram, Facebook oder YouTube seien kein Allheil- mittel, aber fester Bestandteil im Portfolio des Tourismus-Marketings. Dass mit einfluss- reichen Influencern, die über entsprechend hohe Zahlen an Followern verfügen, heute Werbeverträge geschlossen werden, verstehe sich fast von selbst. Und dennoch, so Arnold, werden nach wie vor Prospekte in großer Zahl auch auf Papier gedruckt, da die Nach- frage diesbezüglich enorm sei. Woher stammen die Gäste? Zu bis zu 70 Prozent aus dem Ausland – 2022 sind es ungewöhnlich viele Spanier, die Triberg besuchen. Einen Einbruch gibt es als Folge von Corona bei den chinesischen Gästen. Einzelne Souvenir geschäfte hatten bereits Personal mit chinesischen Sprachkenntnissen eingestellt, weil das Kaufinteresse der Chine- sen enorm ist, besonders Schwarzwalduhren Rechte Seite: Die Triberger Wasserfälle im Frühjahr 2020, mitten in der ersten Corona- Welle. Ganze zwei Besucher stehen auf der ansonsten meist gut gefüll- ten Plattform am Fuß der Wasser- fälle und nehmen das obligatorische Selfie auf. 78 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 79

 

 

 

Oben: Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit dem Triberger Bauhofleiter Hubert Kienzler Mitte: Der Leiter des Triberger Stadtmarketings Nikolaus Arnold ist nicht nur be- ruflich, sondern auch privat ein Fan der Triberger Wasserfälle. Was es bedeutet, den Besucherfluss am Triberger Wasserfall zu lenken und die üblicherweise jährlich rund 500.000 Besucher mit den entspre- chenden Informationsmaterialien zu versorgen, zeigt Bauhofleiter Hubert Kienzler am Beispiel der Flyer und Eintrittskarten auf: Um die Kassen- häuschen am Wasserfall damit zu versorgen, ist ein einzelner Mitarbei- ter mehrfach im Jahr jeweils einen ganzen Tag lang unterwegs. Und auch die Sicherheit am Wasserfall braucht im Zeitalter der Selfie-Fotografen besondere Auf- merksamkeit. Die Touristen filmen und fotografieren unaufhörlich, suchen nach spektakulären Moti- ven, wie sie Influencer auf sozialen Netzwerken tagtäglich präsentieren. Die Folgen bleiben nicht aus: In jün- gerer Zeit sind diesbezüglich gleich mehrere besorgniserregende Vorfälle dokumentiert. Ein Asiate stürzt im Sommer 2018 bei der Suche nach eindrucksvollen Video bildern fast die Wasserfälle hinunter, weil er die offiziellen Wege verlassen hat. Der Mann kann sich mit letzter Kraft ans Ufer klammern, wie der Bauhofleiter schildert und muss von der Feuerwehr gerettet werden. Die Triberger Wasserfälle sind eben nicht nur schön, sondern auch gefährlich. sind gefragt. Dafür besuchen verstärkt Touristen aus den Arabischen Emiraten das „Triberg land“ – neben Gästen aus dem Elsass, der Schweiz, den Niederlanden sowie Ita- lien – und natürlich aus Deutschland selbst. Pflege der Anlagen beim Wasserfall ist aufwendig Doch dieser Ansturm will erst einmal logistisch bewältigt sein – die Pflege der weit verzweigten Anlage um den Wasserfall ist aufwendig, wie Bauhof-Leiter Hubert Kienzler bei der Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh darlegt. Baumkontrollen im mit Felshalden durchzogenen Waldgebiet nach Gewittern und Starkregen, Schnee- und Eiskontrollen im Winter und tägliche Reini- gungsarbeiten fallen an: Der Wasserfall hält das technische Personal der Stadt auf Trab. Äußerst positive Reaktionen auf die „Triberg-Inklusiv-Karte“ Für die Zukunft des Wasserfall-Tourismus gibt es in Triberg viele Pläne. Nikolaus Arnold betont, das Stadtmarketing werde kontinuierlich optimiert. So hofft er darauf, dass es gelingt, die Aufenthaltsdauer der Gäste auszubauen und die Saison über das Ende der Schulferien hinaus zu verlängern, da Triberg und sein Wasserfall auch im Herbst und Winter viel zu bieten haben. Ein Wandel ist bereits spürbar, so kommen Besucher aus Israel und der Niederlande 80 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

verstärkt im Januar und Februar, verknüpfen ihren Aufenthalt mit Wintersport. Weiter versucht Triberg, mehr Busreisende in die Stadt zu bekommen. Ein Prozess, der Jahre dauern kann. Wer den Wasserfall besucht hat, auf den warten zahlreiche weitere Aktivitäten. Stolz ist Nikolaus Arnold auf die „Triberg-Inklusiv- Karte“: Mit dem Erwerb der Eintrittskarte zu „Deutschlands höchsten Wasserfällen“ ist zugleich der kostenlose Besuch des Schwarzwaldmuseums, des „Triberg-Landes“ mit interaktiven Modellbauanlagen sowie des Instagram-Museums „Triberg-Fantasy“ möglich. Hier können fantasievolle Fotos aufgenommen und augenblicklich um die Welt gepostet werden. Das ungewöhnliche Fotostudio findet großen Anklang, erfreut Besucher aller Altersschichten. „Das gesamte Umland profitiert von den Triberger Wasserfällen“ „Es ist ein großes Aufgabenpaket, das die Stadt Triberg mit dem Wasserfall-Tourismus zu bewältigen hat“, zieht Landrat Sven Hinterseh beim Gang zurück zum Haupt- eingang eine erste Bilanz seiner Stippvisite. Und er fügt hinzu: „Die Wirtschaftskraft der Wasser fälle strahlt weit über Triberg hinaus – das gesamte Umland profitiert.“ Doch keine Stippvisite in Triberg ohne einen abschließenden Blick in die Souvenir- läden. Es ist ein besonderes Erlebnis, in den Geschäften entlang des Boulevards mitzuver- folgen, wie sich Menschen aus aller Welt an Schwarzwalduhren erfreuen. Und sich oft da- zu entschließen, eine dieser Qualitäts uhren als Erinnerung an Triberg und den Schwarz- wald zu erwerben. Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“ – die erste Stufe zum Wer- den des Triberger Wasser falles. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 81

 

 

 

KREISERNTEDANKFEST 2022 IN BRÄUNLINGEN GEFÜHLE UND IDEEN ZU ALL DEM WAS HEIMAT AUSMACHT 82 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Die Landjugend Weiler mit „Radio Heimatliebe“ (oben) und Mönchweiler mit „Scheibe für Scheibe Heimat erleben“ (Mitte). Heimat Wo fühlen Sie sich denn daheim? Die Frage von Landrat Sven Hinterseh gilt der Vorsitzen- den der Landjugendgruppe von Bräunlingen Sabrina Albicker im Anschluss an den Festzug im Rahmen des 61. Kreiserntedankfestes am 2. Oktober 2022. „In meiner Familie – hier in Bräunlingen“, lautet ihre Antwort. Die Frage, wo sich die Landjugend des Jahres 2022 im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim fühlt und was Heimat generell ist, bestimmt als Motto den kompletten Festzug. Und die ideenreich gestalteten Antworten erfreuen nicht nur den Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises: Weit über 10.000 Zuschauer säumen den Straßen- rand, klatschen den Akteuren begeistert Beifall. Ausgerichtet hat das Kreiserntedank- fest 2022 die Landjugendgruppe Bräunli ngen – unter stützt durch Freunde und weite- re Vereine. An der Spitze der Organisatoren stehen Sabrina Albicker und Jonas Glunk, die gemeinsam den zu gleich ältesten Landjugend- verein im Schwarzwald-Baar-Kreis leiten: Ihr Verein wurde am 7. Mai 1950 als erster gegründet – damals gehörte Bräunlingen noch dem Landkreis Donaueschingen an. Die Initiatoren waren Junglandwirte und Lehrer des Landwirtschaftsamtes. Zweck war es, den Junglandwirten durch die Gruppentreffen, die zumeist aus Feldbegehungen, Viehbeurteilun- gen und Vortragsabenden bestehen, weitere Informationen zu ihrem Beruf zu vermitteln. Die Landjugend Mundelfingen präsentiert „Trümpfe unserer Heimat“. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 83

 

 

 

Bei der Ehren- tribüne der Bräun- linger Landjugend. Bürgermeister Micha Bächle (v. rechts vorne) sowie Landrat Sven Hinterseh mit seinen Töch- tern Hannah und Charlotte. Schließlich widmet sich die Landjugend immer häufiger auch der Brauchtumspflege. So entsteht 1962 die Idee zum Kreisernte- dankfest heutiger Prägung. Die Premiere fin- det in Mundelfingen statt, im Oktober 1964 feiert die Landjugend erstmals in Bräunlingen. Variationen zum Thema Heimat Was Heimat sein kann, verdeutlichen die The menbeschreibungen zu den prächtig auf- gemachten Wagen des Kreiserntedankfestes 2022. Die Landjugend Hausen vor Wald prä- sentiert eine mit Feldfrüchten und Blumen verzierte Lupe. Ihr Motto: „Die Wertschät- zung liegt im Detail“. „Die Lupe hilft uns, die liebenswerten Details des Landlebens wieder zu erkennen und wertzuschätzen“, heißt es in der Begründung. „Auf der Suche wird klar – wir lieben unsere Heimat!“, lautet das Fazit. Die Landjugend Weiler präsentiert ihren Rundfunksender „Radio Heimatliebe“, der seine Hörer fragt: Was wertschätzt DU an un- serer Heimat?“ Die Begründung: „Oft verges- sen wir, wie vielseitig unsere Heimat und das Landleben sind. Wir von Radio Heimatliebe wollen deine Meinung hören! Ruf uns an und erzähl uns, was du besonders an unse- rer Heimat schätzt, damit wir uns allen ihrer Schönheit wieder bewusst werden! Denn wir l(i)eben das Landleben!“ Das Motto „Weil jedes Teil zählt!“ ist zugleich das Siegermotto, die Landjugend Brigachtal präsentiert nach Ansicht der Jury den besten Themenwagen. Sie erläutert es wie folgt: „Wie ein Puzzle setzt sich unsere Heimat aus vielen verschiedenen Teilen wie Familie oder Tradition zusammen, Stück für Stück entsteht das Gesamtbild – unser LANDLEBEN. Nur als Ganzes wird es zu dem, was wir LIEBEN.“ An der Erntefolge macht die Landjugend Brigach das Jahr fest: „Unser Jahr in allen Äh- ren“, lautet das Motto. Der Aasener Verein fragt: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ Die Land jugend Dauchingen/Hochemmingen sucht die „vielfältigen Bauklötze unserer Hei- mat“. Und Schonach freut sich: „Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen.“ Wolterdingen schlägt „Die Brücke zu unserer Heimat“, prä- sentiert die markante Bregbrücke als Nach- bau. Unadingen beschäftigt sich mit der Land- flucht und Mundelfingen präsentiert „Die Trümpfe unserer Heimat“ als Kartenspiel. Rechte Seite: Mit tollen Wagen- aufbauten waren v. ob. links die Landjugend Brigach, Hau- sen vor Wald, Dauchingen/ Hochemmingen und Brigachtal beim Kreisernte- dankfest vertreten. 84 Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 85

 

 

 

„Ein Brauch mit großer Bedeutung“ Die große Zahl der Zuschauer zeigt auf, wie sehr die Landjugend mit ihrer Weltsicht die Herzen der Menschen berührt. An der Seite von Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle zeigte sich Landrat Sven Hinterseh von der Landjugend und dem in der Regel jährlich stattfindenden Kreiserntedankfest begeistert: „Es ist ein wichtiger Brauch mit großer Be- deutung. Der Umzug und seine Themenviel- falt sind ein Spiegelbild der Heimatliebe so vieler junger Menschen“, betont er. Mit Sabrina Albicker unterhält sich der Landrat nach dem Festzug mit einer der maßgeblichen Organisatorinnen des 61. Kreiserntedankfestes. Sie sei total über- wältigt vom Fest in Bräunlingen, am Ernte- dankumzug dabei sein zu können, sei ein unbeschreiblich schönes Erlebnis gewesen. Das Fazit der Bräunlinger Landjugend hat zwar auch mit Heimat, aber noch mehr mit Corona zu tun. Sabrina Albicker: „Endlich mal wieder richtig feiern können, zusammen zu sein, das war der größte Wunsch der jungen Menschen“. Und genau dieser Wunsch ist beim Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen großartig in Erfüllung gegangen, betont sie auch im Namen von Jonas Glunck, der beim Erntedankfest gleichfalls rund um die Uhr im Einsatz war. Wie viele Vereine setzt im Übrigen auch die Bräunlinger Landjugend darauf, weitere Mitglieder zu finden. Wichtig ist ihr: Zum Verein könne sehr gerne auch dazustoßen, wer keinen Bauernhof besitze, so das Duo an der Spitze der Vorstandschaft. Rechte Seite, v. oben links: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ fragt die Landjugend Aasen. Hondin- ger Trachtenpaar und Bregbrücke der Wolterdinger Landjugend. Die Umzugs wagen sind allesamt mit Feldfrüchten, heimischem Obst und Blumen geschmückt, hier der Wagen von Brigach. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/kreiserntedank Links: Sabrina Albicker vom Führungsduo der Landjugend Bräunlingen und Landrat Sven Hinterseh im Festzelt beim Kreisernte- dankfest. Die Erntekrone im Hintergrund wird ab November traditionell wieder im Landratsamt präsentiert. 86 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 87

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – EIN NEUER ZUSAMMENFLUSS FÜR BRIGACH UND BREG DIE DONAU – WO EUROPA BEGINNT 88 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Am Zusammenfluss von Breg (links) und Brigach (Mitte oben). Der neue Donaubeginn in Donaueschingen hat sich in kurzer Zeit zu einem Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische gleichermaßen entwickelt.

 

 

 

Dass im Quellenland Schwarzwald-Baar mit der Brigach und der Breg zwei Schwarzwald- flüsse die Donau zuweg bringen, ist für den Landkreis ein besonderes Highlight. Doch spielte der Zusammenfluss – das Entstehen der Donau – unter touristischen Aspekten betrachtet eine bislang eher „untergeordnete Rolle“. Jetzt ist der Donaubeginn in Donau- eschingen neu gestaltetet. „Hier ist etwas richtig Großes entstanden“, freut sich Landrat Sven Hinterseh bei der offiziellen Eröffnung des neuen Donauursprungs am 29. Juni 2022. Er ist im Rahmen eines der größten Renaturierungsprojekte möglich geworden, die in Baden-Württemberg in jüngerer Zeit stattgefunden haben, so Umweltministerin Thekla Walker beim Festakt am Zusammen- fluss. Sie verwies auf Investitionen in Höhe von vier Millionen Euro. Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten Neben der Verbesserung des Lebensraums für die Tier- und Pflanzenwelt war es von Anfang an das Ziel, auch die Themen Naher- holung und Tourismus zu integrieren. „Das ist hier wunderbar gelungen, weil für die Natur ausreichend ungestörte Flächen ge- schaffen wurden“, stellte Umweltministerin Thekla Walker bei ihrem Besuch erfreut fest. Unter anderem sind Stege und Aussichts- plattformen beim Unterlauf von Brigach und Breg entstanden, die die Menschen zum Verweilen und Beobachten der zahlreich vor- kommenden Wasservögel einladen. Die internationale Staatengemeinschaft sei nicht nur bei der Energieversorgung mit- einander verbunden, sondern auch bei der Qualität ihrer Gewässer. „Umso wichtiger ist es, dass die Menschen in Europa ihre Flüsse als Lebensräume für Fische und viele andere Tier- und Pflanzenarten naturnah gestalten und sauber halten und sie so auch als Erho- lungs- und Erlebnisgebiet für uns Menschen erhalten“, führte die Ministerin weiter aus. „Nicht nur hier an der Donau, sondern auch in allen anderen Landesteilen werden wir un- sere Bemühungen, die Gewässerökologie zu verbessern, fortsetzen“, betonte sie weiter. „Wir müssen alle Menschen für diese Wasserthemen sensibilisieren“, sagte Thekla Walker. Es sei eine große Aufgabe, die Gewässerqualität weiter zu verbessern, indem beispielsweise weniger Schad- und Nährstoffe in die Flüsse und Bäche gelangen. Und natürliche Gewässer haben enorme Bedeutung auch mit Blick auf den fortschrei- tenden Klimawandel, führte die Ministerin aus. „Sie sind widerstandsfähiger gegenüber dessen Wirkungen. Und die Ufervegetation bietet Lebensräume und wirkt positiv auf das Kleinklima.“ Flussmündung erlebbar gemacht Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer machte deutlich, dass das Land mit der Revitalisierung des Donauursprungs nicht nur einen wertvollen Beitrag für die Ökologie des Flusses leiste: „Der zusätzliche Raum, den wir der Donau geben, hat auch einen positiven Neben effekt auf den Hochwasserschutz. Zugleich profitieren die Menschen vor Ort, weil wir die Flussmün- dung erlebbar gemacht haben.“ Darüber hinaus erinnerte Bärbel Schäfer daran, dass die Donau zehn Länder verbinde. Sie denke an diesem feierlichen Tag auch an die Menschen in der Ukraine, die am Ende dieses Flusses zur gleichen Zeit im Krieg le- ben: „Die Donau verbindet uns mit ihnen.“ Im Quellenland: Rund 1.000 Kilometer Gewässer Landrat Sven Hinterseh erinnert sich im Dialog mit den rund 50 Festgästen an ver- gangene Zeiten, als der Donaubeginn in Donaueschingen eher nur von „Eingeweih- ten“ besucht wurde, da schwer zugänglich und wenig attraktiv. Er verwies darauf, dass der Quellenlandkreis mit seinen Quellen, Flüssen und Seen eine der wasserreichsten Regionen im Einzugsgebiet von Donau, Neckar, Hochrhein und Oberrhein mit circa 90 Die Donau – Wo Europa beginnt

 

 

 

Enthüllung des neuen Kilometer- steins der Donau, v. links: Oberbür- germeister Erik Pauly, Landrat Sven Hinterseh, Umweltministerin Thekla Walker, Re- gierungspräsiden- tin Bärbel Schäfer, Landtagsabgeord- neter Niko Reith (FDP/DVP) und Bundestagsab- geordnete Derya Türk-Nachbaur (SPD). 1.000 Kilometer Gewässern sei. Und ebenso durchzieht die Europäische Wasserscheide den Schwarzwald-Baar-Kreis. „Die Bedeutung der Donau für Europa werde einem bewusst, wenn man sich vor Augen führe, dass der Fluss durch zehn Län- der fließe und ins Schwarzen Meer münde. Der Donaubeginn hat jetzt den Stellenwert bei uns, der ihm zusteht“, so Landrat Sven Hinterseh. Ein neuer Anziehungspunkt Dass in Donaueschingen ein neuer Anzie- hungspunkt entstanden ist, zeigt sich in der Folge vielfach: Wo die Donau ihren Anfang nimmt, finden sich Besucher aus aller Welt und in großer Zahl ebenso Einheimische ein. Dies besonders auch vor dem Hintergrund, dass sich die Besucher nun dem Fluss nähern und vorzugsweise Kinder und Jugendliche den Sommer über in der Donau selbst baden können. Der Zusammenfluss hat sich zu ei- nem Naturerlebnis erster Güte entwickelt. Und auch wer auf dem Donau radweg unterwegs ist, profitiert: Für die zahlreichen Radtouristen wurde eine vielseitige und attraktive Infrastruktur geschaffen, insbe- sondere ein Ankunftsplatz mit Abstellmög- lichkeiten, einer Ladestation für E-Bikes und einem Trinkwasserbrunnen. Beendet ist die Maßnahme in Donau- eschingen noch nicht, auch ein Info-Zentrum soll entstehen und zahlreiche digitale Ange- bote sind geplant. Eines allerdings ist schon jetzt Gewissheit: Der „neue“ Donauursprung in Donaueschingen ist schon jetzt eine große Attraktion – ein Hotspot. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 91

 

 

 

92 3. Kapitel – Da leben wir

 

 

 

Romina Auer und Nikol Konta „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden von Elke Reinauer mit Fotos von Michael Stifter

 

 

 

MITTEN IN SCHWENNINGEN, IM ALTEN E-WERK, FÜHREN ROMINA AUER UND NIKOL KONTA IHR BRAUTATELIER „LA BELLE MARIÉE“. DAMIT ERFÜLLEN SIE NICHT NUR DIE TRÄUME VIELER FRAUEN VOM PERFEKTEN HOCHZEITSKLEID, SONDERN AUCH IHRE EIGENEN: SEIT OKTOBER 2021 SIND SIE SELBSTSTÄNDIG UND NAHMEN AUCH AN DER TV-SHOW „ZWISCHEN TÜLL UND TRÄNEN“ TEIL. D avon träumen viele Frauen schon als kleine Mädchen: Dem Tag, an dem sie ihr Hochzeits- kleid aussuchen, es anprobieren und gleich spüren: Das ist es! Auch Romina Auers und Nikol Kontas Träume drehten sich um Brautkleider – und darüber hin- aus: Sie wollten ein eigenes Brautmoden- geschäft eröffnen. Im Oktober 2021 war es dann so weit: Die beiden jungen Frauen machten sich mit dem Braut- atelier „La belle mariée – die schöne Braut“ selbstständig. Eine Pariser Bou- tique sei das Vorbild gewesen, erzählen sie. Der Laden befindet sich im alten E-Werk in Schwenningen. In dem großen lichtdurchfluteten Raum mit Backstein- wänden bekommen Bräute in spe einen guten Überblick und können in Ruhe stö- bern. In Regalen glänzen cremefarbene Brautschuhe, Schmuck und Handtaschen sind ausgestellt. Brautkleider mit viel Spitze, schlicht oder üppig – das überla- den wirkende Tüll-Kleid findet man hier allerdings nicht. Clean-Chic ist gerade Nikol Konta und Romina Auer heißen zukünftige Bräute in ihrer neuen Boutique Willkommen. 94 Da leben wir

 

 

 

Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Romina Auer Oben: Das eindrucksvolle Backsteingebäude des ehemaligen Elektrizitätswerks. angesagt. Also ein Kleid ohne viele Appli- kationen, zu dem man Accessoires kom- binieren kann. Wichtig dabei: „Die Braut soll nicht verkleidet aussehen“, so Romina Auer. Das Kleid soll zu der jeweiligen Frau passen. „Sie soll sich darin wohlfühlen.“ Persönliche Beziehung Dass Frauen auf Brautkleid-Fang ein wenig anders ticken, weiß Romina Auer genau. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Make- up-Artistin, mit Fokus auf Braut-Make-Up. „Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Auf das Kleid schaut jeder“, weiß Romina Auer. Die erste Ner- vosität lege sich dann meistens, wenn die Braut in ein Kleid schlüpft, das passt. „Oft wissen die Frauen, was ihnen nicht steht und was sie nicht wollen“, so Romina Auer. Das sei schon einmal ein Anfang. Eine zu genaue oder keine Vorstellung seien eher hinderlich bei der Auswahl des Kleides, so die beiden Geschäftsfrauen. Sie legen Wert darauf, eine persönliche Beziehung zu jeder Frau aufzubauen, die zu ihnen in das Brautatelier kommt. „Das ist das Wich- tigste“, weiß Nikol Konta. „Wir verkaufen Emotionen“, sind sich die beiden einig, denn welche Frau träumt nicht von ihrem Hochzeitskleid? Ob es dabei lieber ein Kleid mit viel Glitzer und Spitze sein soll oder ein Meerjungfrauen-Kleid, enganlie- gend und nach unten weit, ist Typ-Sache. Romina Auer und Nikol Konta bieten auch eine Curvy-Kollektion an. Außerdem führen La belle mariée 95

 

 

 

sie ausgewählte Designermarken aus Neuseeland und Südafrika. Kleider der A-Line sind der Klassiker. Als A-Linie wird die Schnittform bezeichnet, die sich durch eine nach unten hin verbreiternde Silhouette auszeichnet. So ähnelt das Kleid dem großen „A“. Ist das Kleid gefunden, wird gefeiert Mindestens sechs Monate vor der Hochzeit sollte das Kleid ausgesucht werden. Dieses muss ja noch bestellt und angepasst werden. Das übernimmt eine Schneiderin für das Brautatelier. Zwischen 900 und Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird. Romina Auer Ein erstes Kennenlernen und beraten mit der Braut sowie deren besten Freundin. 4.000 Euro kosten die Kleider. Immer beliebter werden Zweiteiler, stellen die Modeexpertinnen fest. So können Frauen das Oberteil oder den Rock nach der Hochzeit noch tragen. Zwei Mal im Jahr gibt es eine neue Kollektion. Früher ging die gängige Vorstellung in Richtung A-Linie oder Prinzessin, also einem eher ausgestell- ten Brautkleid, berichten die beiden Frauen. Viele Bräute bevorzugen noch immer diese klassische Form. „Im Alltag kleiden junge Frauen sich modern und stilbewusst, aber beim Brautkleid sind sie eher scheu“, stellten die Inhaberinnen fest. Diese Scheu wollen sie den Frauen nehmen. „Das Kleid soll den jeweiligen Typ unterstreichen.“ Die Geschäftsinhaberinnen freuen sich mit den Bräuten, wenn das Kleid der Kleider gefunden ist. Ein Grund, um zu feiern, mit Sekt und Leckereien und den Freundinnen, Müttern und Großmüttern der Bräute, die zum Aussuchen mitkommen. Das Aussuchen des Brautkleides gehört als Ritual dazu und ist neben der Location das Wichtigste in der Hochzeitsvorbereitung. Es war während der Pandemie, als Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier im Herbst 2021 96 Da leben wir

 

 

 

Oben: Nikol Konta präsentiert die feine Perlenstickerei an einem ihrer Brautkleider. Rechts: Und zwischendurch ein Selfie. eröffneten. Ein Risiko, das die beiden Unternehme- rinnen in Kauf nahmen: „Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird“, berichtet Romina Auer. Doch dann hatten sie „Glück im Unglück“ und profitierten von den vielen Hochzeiten, die nachgeholt wurden. Das Herz schlägt für die Region Als sich Romina Auer und Nikol Konta vor sieben Jahren über Freunde bei einer Winterwanderung kennenlernten, fanden sie sich sofort sympathisch und stellten schnell fest, dass sie die gleichen Ziele verfolgten. Ein regionaler Bezug war außerdem beiden wichtig. Denn sie sahen eine Marktlücke in der Region: „Hier fehlt das Geschäft, das junge, frische Brautmode anbietet. Bisher musste man sich entscheiden, ob man das regionale Geschäft besucht, das vielleicht eher die klassischen Modelle verkauft oder nach Stuttgart und Frankfurt fährt, um La belle mariée 97

 

 

 

Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat. Nikol Konta trendigere Modelle anzuprobieren.“ Nikol Konta erzählt, dass sie das Kleid für ihre Hochzeit in Stuttgart ausgesucht hatte. In der Region sei sie damals nicht fündig geworden. Das habe ihr zu denken gegeben. „Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat“, sagt die gebürtige St. Georgenerin. Sie lebte mit ihrem Mann damals in Stuttgart und Heilbronn, es sei aber klar gewesen, dass sie in den Schwarzwald-Baar-Kreis zurückkehren wollen. „Seit meiner Kindheit lodert eine Leidenschaft für Brautmode in mir“ Nach dem ersten Treffen verging etwas Zeit. Sie wollten sich nicht Hals über Kopf in das Geschäft stürzen, erzählen sie, sondern gut vorbereitet sein. Deshalb recherchierte die modebewusste Romina Oben: Für den perfekten Sitz muss das Kleid von einer Schneiderin angepasst werden. Unten: Eine strahlende Braut in einer traumhaften Robe. Romina Auer und Nikol Konta fächern den Tüll auf, so kommt der Stoff erst richtig zur Geltung. 98 Da leben wir

 

 

 

Die Freude über das richtige Kleid steht allen ins Gesicht geschrieben. Auer auf Messen für Unternehmensgründung, sammelte Mode-Labels, die sie interessierten und entwickelte einen Business plan. Drei Jahre lang arbeitete sie als Model und Werbegesicht. Die 31-Jäh- rige kam dabei mit Brautmode in Berührung und habe gemerkt, dass ihr das liegt, sagt die gebürtige Dauchingerin. Nach ihrer Ausbildung als Verwaltungs fachangestellte beim Landratsamt absolvierte sie ein Duales Studium in Sozialer Arbeit und arbeitete im Nachgang als Sozialpädagogin. „Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir“, sagt sie. Ge nauso geht es Nikol Konta, Mutter und Geschäftsfrau. Sie studierte Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir. Romina Auer La belle mariée 99

 

 

 

Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund. Nikol Konta Mode- und Designmanagement in Düsseldorf. Als Einkäuferin besitzt sie ein gutes Auge für Qualität. Mit Nachhaltigkeit beschäftigte sie sich im Textilbe- reich für einen Discounter. In ihrem Job besuchte sie zahlreiche Produktionsstätten in Asien. Ihr Wissen über nachhaltige Labels setzt die 36-Jährige nun ein, denn sie weiß, dass immer mehr Bräute erfahren wollen, wo ihr Kleid herkommt und wie es produ- ziert wird. Außerdem stellte sie einen Trend fest: „Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund.“ Für die Beratung benötigen zukünftige Bräute ei- nen Termin. Die beiden Frauen sind außerdem regel- 100 Da leben wir

 

 

 

mäßig auf Messen unterwegs, um mit den neuesten Trends nach Schwenningen zurückzukehren. Zwischen Tüll und Tränen Und ein Highlight in ihrer Karriere haben sie bereits erlebt: Die beiden Unternehmerinnen konnten ihr Glück kaum fassen, als sie sich im letzten Jahr für die Sendung „Zwischen Tüll und Tränen“ des Senders Vox beworben hatten und prompt eine Zusage erhielten. Nach langer Suche wurde eine Braut gefunden, die bereit war, sich bei den Hochzeitsvor- bereitungen filmen zu lassen. Braut Madeleine aus Schwenningen stellte sich dafür zur Verfügung. Die Beratung mit Mutter, Trauzeugin und Freundin wurde am zweiten Drehtag im Brautatelier gefilmt. Am ersten standen die Location und die Stadt Villingen-Schwenningen im Mittelpunkt. Der Clou bei „Zwischen Tüll und Tränen“ ist: Für jedes Brautmodengeschäft gibt es eine besondere Herausforderung. Für Auer und Konta handelte es sich um folgende: Die Braut hatte sich bereits zuvor in einem anderen Brautmodengeschäft Favoriten- kleider ausgesucht. Nun galt es also, diese Kleider zu toppen und durch die Beratung die zukünftige Braut zu überzeugen. Romina Auer und Nikol Konta seien bis zur letz- ten Minute des sechsstündigen Drehs aufgeregt gewesen, berichten sie. Doch die Atmosphäre sei sehr entspannt gewesen. Die Plattform sei perfekt für Newcomerinnen. Denn so konnten die Unterneh- merinnen zeigen, was in ihnen steckt: Sensibilität, Fachwissen und viel Zeit für zukünftige Bräute. Links: Blick in das großzügige Atelier. Beliebt sind neben dem Brautkleid auch Schuhe und der Brautschmuck. La belle mariée 101

 

 

 

Patrick Bäurer Ein Leben mit dem Ball Der Hondinger zählt zu den besten Fußball­Freestylern der Welt von Hans-Jürgen Götz 102 102 Da leben wir

 

 

 

Fußballweltmeister werden, das wünschen sich viele Fußballtalente. Und genau so hat es bei Patrick Bäurer aus Hondingen auch angefangen. Gekommen ist es aber völlig anders: Heute ist der 28-Jährige Profi und Vizeweltmeister, aber nicht im „regulären“ Fußballsport wie wir ihn kennen, sondern im Fußball-Freestyle. Bei dieser speziellen Sportart geht es darum, den Ball nach allen Regeln der Kunst mit dem ganzen Körper effektvoll zu jonglieren. Patrick Bäurer gehört zu den besten Freestylern der Welt und bietet eine Fußball-Freestyle-Show der Extraklasse, wie ihm Medien und Fans bescheinigen. Er trägt zehn Titel, hat mehr als 500 Kunden in über 2.000 Shows und 1.000 Workshops in 30 Ländern begeistert. XXX 103

 

 

 

Wie alles begann Seine Karriere begann er wie viele andere Kinder mit dem Beitritt zu einem Fußballverein. In seinem Fall war das der SV Hondingen, dessen Fußballplatz nur ein paar Gehminuten vom Elternhaus entfernt liegt. Dort lernte er das Fußballspielen von der Pike auf. Seine Trainer bescheinigten ihm ein gutes Ballgefühl und durchaus Talent, es weit zu bringen, voraus gesetzt, er trainiere fleißig. Das tat er mit großer Begeiste- rung. Irgendwie hatte Patrick selbst aber immer das Gefühl, dass er zwar gut sei, aber es in diesem Sport dennoch nicht bis zum Weltmeister schaffen werde. Als er zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet zufällig ein Video von Fußball- Weltstar Ronaldinho, wie er Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführt. Das war die Initial- zündung, von nun an ist es um den kleinen Patrick geschehen, das wollte er auch kön- nen. Gesagt getan: Der Junge analysierte das Video immer und immer wieder, auch in Zeitlupe und Standbildern. Dann ging es raus auf die Ter- rasse, um das Gesehene selbst auszuprobieren. So lange, bis es endlich klappt! Und ab dem Punkt immer weiter und weiter, um das Erlernte zu perfektionieren. Der Grund- Als Patrick zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet ein Video von Ronaldinho, wie dieser Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführte. Das wollte er unbedingt auch können. 104 stein für eine Profi-Karriere in der Sportart Fußball- Freestyle war damit gelegt. Von nun an ließ ihn das Thema nicht mehr los und für ihn ging es nach der Schule in seiner Freizeit fast nur noch darum. Und hier zeigte sich eine der Charaktereigenschaften von Patrick Bäurer: Er weiß genau was er will und kann Jonglage mit vier Fußbällen. Da leben wir

 

 

 

und arbeitet zu 100 Prozent entschlossen daran, daraus etwas zu machen und täglich besser zu wer- den. Von jetzt an suchte und fand er im Internet im- mer neue Informationen sowie viele Tipps und Tricks rund um die damals noch neue Sportart. Alles sog er wissbegierig auf und versuchte es in die Tat um- zusetzen. Meist war das Erlernen eines neuen Tricks mit vielen Dutzend Stunden harter Trainingsarbeit verbunden. Im Jahre 2008 dann wird die erste Weltmeister- schaft im Fußball-Freestyle ausgetragen. Die war allerdings nicht im Fernsehen zu sehen und Social Media gab es noch nicht. So war es sehr müh- sam, mehr darüber zu erfahren. Ab 2010 bekam Patrick erstmals Zugang zu einem Internet- Forum, in dem sich Gleichgesinnte trafen und austauschen konnten. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis der damals 16-Jährige in Stuttgart zum ersten Mal Freestyle-Fußballer in der realen Welt kennenlernen durfte. In dieser Zeit begann er, seine Kunststücke mit kleinen Video-Clips auf YouTube und Facebook zu präsentieren und wurde dadurch innerhalb der Szene bekannter. Inzwischen hat sich dieses Engagement auf Instagram und TikTok erwei- tert. Unter seinem Label @patrickbfree ist Patrick auf allen sozialen Netzwerken mit über zwei Millionen Followern zu finden. Die erste Weltmeisterschaft Im Alter von 18 Jahren nimmt Patrick 2012 das erste Mal an der Weltmeisterschaft teil, die in Prag statt- findet. Als einer von vier Freestylern aus Deutschland, die gegen Sportler aus über 20 Ländern antreten. Obwohl er einen der hinteren Ränge belegt, bedeutet diese WM für ihn den Einstieg in die Welt der Profis. Er lernt die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für seine weiteren Aktivitäten. Eines ist klar: Wenn er als Profi von dieser Sport- art leben will, geht das nur, wenn er seine Kunst- stücke auf Veranstaltungen aller Art vorführt und dafür eine Gage erhält. Anfänglich findet das alles noch im Heimatdorf Hondingen und Umgebung statt. Durch Mund-zu-Mundpropaganda kommt es jedoch zu immer mehr Einladungen und die Gagen bessern sein Taschengeld merklich auf. Vor allem Bei der ersten Freestyle- Weltmeisterschaft 2012 lernte Patrick Bäurer die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für weitere Aktivitäten. sind es der Applaus und das Feedback der Zuschauer, die ihn motivieren weiterzumachen, neue Tricks ein- zustudieren und stetig besser zu werden. Über drei Stunden trainiert er dazu jeden Tag. Bis ein neuer Trick sitzt, kann es bis zu 1.000 Versuche brauchen. Geduld und Ausdauer sind unabdingbar. Einen Schub für sein Selbstbewusstsein bekommt der junge Patrick bei einem Urlaub mit seiner Fami- lie auf Mallorca. Hier versucht er sich nebenbei als Straßenkünstler und zeigt seine Balltricks zwanglos den vorbeilaufenden Urlaubern. Nach gerade zehn Minuten hat er sich seine erste Pizza verdient. Mit der Erfahrung, dass er es wirklich kann und in der Lage ist, damit Geld zu verdienen, entscheidet er sich, diesen Weg weiter zu beschreiten. Im Trainingslager mit dem FC Bayern München Fußball spielt er derweil aber trotzdem noch. Und so kommt es, dass Patrick im Jahr 2013 aus über 19.000 Bewerbungen als einer von 80 ausgewählten jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren am „Paulaner Cup des Südens“ beim FC Bayern München teilnehmen darf. In der Jury sitzen Waldemar Hartmann, Paul Breitner und Raimund Aumann. Patricks Fußballtalent zahlt sich aus: Die Jury wählt ihn als eines von 25 Talenten aus, die für fünf Tage zum Trainingslager nach Italien eingeladen werden. Höhepunkt ist das Fußballspiel der Equipe gegen die Bayern, welches sie vor 5.000 Zuschauern grandios 13:0 verlieren. Der Spaß, die Anerkennung und der Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 105

 

 

 

persönliche Kontakt zu den Fußballstars entlohnt die Fußballtalente aber. Stolz präsentiert Patrick ein Foto, das ihn bei der Deckung gegen Philipp Lahm zeigt, als es in der ersten Halbzeit erst 2:0 stand. Und nebenbei kann er die Bayern-Profis in den Trainings pausen mit seinen Freestyle-Kunststücken begeistern, in dieser Diszip- lin gewann er auf jeden Fall. Vizeweltmeister – Corona zum Trotz An der Freestyle Weltmeisterschaft in Prag nahm Patrick seit 2012 jedes Jahr teil und belegte dabei immer bessere Ränge. Im Corona-Jahr 2020 war es dann aber endlich so weit, er wurde Vizeweltmeister. Diesen Titel konnte er auch im Jahr darauf erneut bestätigen. Während der Corona-Zeit reduzierten sich seine Auftritte bei Veranstaltungen schlagartig auf null und so nutzte er die Zeit, noch mehr und härter zu trainieren. Der Lohn seiner Mühen war dann diese Auszeichnung in Prag. Dieser Titel trägt natürlich dazu bei, dass Patrick Bäurer bei seiner Zielgruppe im Internet immer bekannter und gefragter wird. So hat er während der Corona-Pandemie damit begonnen, über das Internet Freestyle-Kurse und Trainings anzubieten. Zu seinen Kunden zählen auch der BVB und der VFB, für die er in dieser Zeit mehrere Online-Seminare moderiert. Alles von seiner Woh- nung im kleinen Hondingen am Fuße des Fürsten- bergs aus – produziert für die weite Welt. Als ein Jahr später die Corona-Beschränkungen so nach und nach weltweit gelockert wurden, konnte Patrick seine Künste auch wieder ver- mehrt auf Veranstaltungen in der ganzen Welt präsentieren. So wurde er 2021 unter anderem zu 106 Da leben wir

 

 

 

Ballspielereien in allen erdenklichen Variationen. Was Patrick Bäurer in seiner Show bietet, begeistert Zuschauer weltweit. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/patrick-baeurer 107

 

 

 

Mai 2022: Frankreichs Fußballstar Kylian Mbappé (links) und Patrick Bäurer. Unten: Auch Selfies mit Patrick Bäurer sind begehrt. einer Veranstaltungsserie in Dubai, Katar und Saudi Ara bien eingeladen. Hier entstanden dann Fotos mit welt bekannten Fußballern von Paris Saint-Germain (PSG) wie Neymar und Kylian Mbappé. Der erste Weltrekord: 118 Crossover im Sitzen in nur einer Minute Im Laufe der Zeit absolvierte Patrick viele Fernseh- auftritte im In- und Ausland. Darunter im Tigerenten- club in Deutschland und in der Sendung „Supertalent“ in Deutschland und Polen. 2013 hatte Patrick einen Auftritt im „Sportstudio“ des ZDF. Fernsehmoderator Sven Voss forderte ihn auf, beim Schießen auf die legendäre Torwand zu zeigen, was er wirklich drauf hat. Wahrscheinlich war es der Anspannung in einer Livesendung geschuldet, kein einziger der sechs Bälle sollte treffen. So etwas kratzt zwar an der Ehre, einen Vollprofi hält das aber nicht auf, unermüdlich trainierte er weiter, um seinem Publikum noch mehr und bessere Tricks mit dem Ball zeigen zu können. Im Jahre 2020 wollte Patrick dann erstmals auch einen Weltrekord knacken. Ziel war es, einen neuen 2020: Beim Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde mussten über 101 Wieder- holungen innerhalb von einer Minute gezeigt werden. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Können voraussetzt. Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde aufzustellen. Über 101 Wiederho- lungen mussten innerhalb einer Minute gezeigt wer- den. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Kön- nen voraussetzt. Das Ganze fand unter den Augen ei- ner strengen Jury während eines Freestyle Camps in Donau eschingen statt. Alles lief perfekt und am Ende 108 Da leben wir

 

 

 

So funktioniert der Weltrekord „Crossover im Sitzen“: Schritt 1: Winkeln Sie Ihre Beine im Sitzen an und jonglieren Sie den Ball mit dem Fußspann. Schritt 2: Mit dem rechten Fuß spielen Sie den Ball in die Luft. Schritt 3: Den linken Fuß kreisen Sie von außen nach innen einmal um den Ball. Schritt 4: Ihr linker Fuß berührt den Ball nicht. Schritt 5: Ihr rechter Fuß fängt den Ball wieder auf. sollten es sogar 118 Crossover werden und Patrick damit der neue Weltrekordhalter in dieser Disziplin. Region. So generiert er im Laufe der Zeit neue Nach- wuchstalente aus der Heimat. Der zweite Weltrekord: 24 Ballpässe mit der Partnerin in nur 30 Sekunden Im Jahre 2021 folgte dann eine Einladung zur BBC nach London. Dort sollte er live in der Sendung „Blue Peter“ auftreten. Ziel war es, einen weiteren Weltrekord mit den meisten „Neck-Catch-Pässen“ aufzustellen. Mindestens 21 Ballpässe von Nacken zu Nacken musste er zusammen mit seiner Partnerin Aguśka innerhalb von 30 Sekunden zeigen. Auch das gelang mit 24 Pässen, und der zweite Weltrekord war ebenfalls in der Tasche. Unzählige Auftritte bei Veranstaltungen aller Art auf der ganzen Welt folgten seitdem. Das reicht von Firmen- und Sport-Veranstaltungen, Fernsehauftrit- ten über Workshops und Trainingslager bis hin zu Benefizveranstaltungen in nah und fern. Rund 150 Shows und mehr absolviert Patrick pro Jahr. Und dazwischen immer mal wieder kleine, kostenlose Trainings-Angebote für jugendliche Fußballer in sei- nem Heimatverein SV Hondingen und anderen in der Schule und Ausbildung sind wichtig: Studium zum Wirtschaftsingenieur Wer jetzt denkt, Patrick kann außer Fußball nichts, der liegt komplett falsch. Von Anfang an war ihm klar, dass er keinesfalls die Schule vernachlässigen darf und eine solide Ausbildung in einem „normalen“ Beruf anstreben muss. So absolvierte er 2013 sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Donaueschingen. Direkt darauf folgte ein dreijähriges Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Dualen Hochschule in Lörrach. In dieser Zeit arbeitete er während des Praktikumsteils bei der Blumberger Firma Metz Connect, wo er nach seinem Abschluss bis 2017 als Produktmanager weiter angestellt war. Während seiner Ausbildungsphase ging es 2015 für fünf Mo- nate zu einem Auslandssemester nach Kanada. Eine Erfahrung, die Patrick nicht missen möchte. Während dieser Zeit hat er diverse Shows durchgeführt und viele neue Kontakte, Eindrücke und Erfahrungen für sein weiteres Leben mitgenommen. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 109

 

 

 

Zusammen mit Aguśka arbeitet Patrick daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und egal, wo es ihn in der Welt hinzieht: Hondingen war, ist und bleibt seine Heimat, der er zutiefst ver- bunden und dankbar ist. Vor allem ist er sehr dank- bar für die stets uneingeschränkte Unterstützung seiner Familie, denn seine Eltern Doris und Thomas haben ihn von Anfang an bei all seinen Ideen und Vorhaben unterstützt. Und wer ist nicht stolz, am Ende auch einen Vizeweltmeister und Weltrekord- halter als Sohn und Bruder zu haben? Weitere Informationen unter www.apfreestyle.com. Genauso zielstrebig wie seine sportliche Karriere verfolgte Patrick Bäurer seine berufliche Weiter- bildung. Ein Masterstudium im Bereich „Internati- onales Sportmarketing“ war sein nächstes Ziel. Am Bodensee Campus in Konstanz war das möglich und mit den stetig zunehmenden sportlichen Aktivitäten gerade noch vereinbar. 2019 hatte der Freestyler auch dieses Ziel erreicht. Seine Abschlussarbeit befasste sich mit dem Thema „Nutzung neuer Trendsport- arten“. Damit wurde er endgültig zu einem gefragten Gesprächspartner, Berater und Performer für große Sportartikelhersteller rund um den Globus. Und das Beste kommt zum Schluss: Lebenspartnerin Aguśka Mnich Wer so viel unterwegs ist und jede freie Minute für seinen Sport investiert, hat eigentlich keine Zeit mehr, sich um viele andere Themen zu kümmern, unter anderem die Liebe. Aber wie es der Zufall will, lernte Patrick bei der Weltmeisterschaft 2020 in Prag seine jetzige Lebenspartnerin Aguśka Mnich aus Polen kennen. Sie ist mehrfache Weltmeisterin in verschiedenen Damen-Disziplinen und hatte alleine dieses Jahr erneut zwei Goldmedaillen in Prag abgeräumt. Auf den sozialen Netzwerken ist sie unter @aguskafree zu finden. Da lag es für Patrick nahe, dass er seitdem mit Aguśka zusammen eine Duo-Show gibt. Auch hier betreten die beiden Neuland, denn so etwas gibt es bisher kaum. In dieser Kombination sind die beiden jetzt noch mehr als je zuvor in der Welt unterwegs, aber nie mehr alleine. Patrick Bäurer wäre nicht Patrick Bäurer, wenn er jetzt alles erreicht hätte und keine neuen Ziele und Herausforderungen sehen würde. Zusammen mit Aguśka arbeitet er daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und natürlich strebt er weiterhin an, den Weltmeister titel zu holen, etwas, was ihm bisher trotz aller Arbeit immer noch nicht gelungen ist. Und so ganz nebenbei plant er auch den einen oder ande- ren zusätzlichen Weltrekord. Zudem schreibt Patrick derzeit ein Buch zum Thema Freestyle-Fußball, welches zum Jahresende 2022 erscheinen wird. Die Arbeit geht Patrick Bäurer nicht aus und die Ideen und sein sportlicher Ehrgeiz noch viel weniger. Patrick Bäurer mit seiner Lebenspartnerin Aguśka Mnich, die wie er eine erfolgreiche Freestyle-Fußballerin ist. 110 Da leben wir

 

 

 

Beim Freestyle-Trainingscamp für Nachwuchs-Fußballer. Patrick Bäurer und seine Lebenspartnerin Aguśka Mnich bestreiten ihre Showacts auch gemeinsam. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 111

 

 

 

Selina Haas und das neue Bild vom Schwarzwald Tradition und Moderne kreativ verknüpft Ein missglückter Studienbeginn, ein „schlüpfriges“ Werbeplakat mit rekordverdächtiger Reichweite und ein Kuckuck, der seine gewohnte Umgebung verlassen hat – das sind die Etappen einer Erfolgs geschichte, die gerade in Schonach geschrieben wird. Im Mittelpunkt steht dabei Selina Haas, Designerin und mittlerweile Geschäftsführerin der alteingesessenen Uhrenfabrik Rombach & Haas. von Marc Eich Rechts: Selina mit der Schwarzwalduhr des Jahres 2021. Das Wandbild ist kaum erkennbar als Zeitanzeiger – die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. 112 Da leben wir

 

 

 

XXX 113

 

 

 

Traditionelle Produkte neu gedacht „Jetzt noch ein grelles Grün!“ Selina Haas, die nach ihrer Heirat mittlerweile Kreyer heißt, greift in ihrem Schaffensraum in ein Regal und schnappt sich eine Tube. In einem Strahl trifft die Farbe auf einen Uhrenkasten, die 33-Jährige schwingt mit den Tuben über das neu geschaffene Kunstobjekt. „Eigentlich“, sagt sie, „‘vergewaltige‘ ich hier traditionelle Produkte.“ Das klingt angesichts des Erfolgs der Uhren fabrik, die sich dank der kreativen Frau des Hauses in den vergangenen Jahren neu erfunden hat, etwas derb – trifft aber möglicher- weise das Gefühl jener, die insbesondere von der Kuckucksuhr ein sehr ursprüngliches Bild vor Augen haben und das auch behalten möch- ten. Dabei könnte man den „Farb- anschlag“ auf den schlichten Uh- renkasten durchaus als Recycling bezeichnen. Denn der Kasten hat Designer-Kuckucksuhr mit Original Schwarzwälder Kuckucksuhrenwerk und lackierter Holz-Arbeit von Selina Haas. eigentlich – wie viele andere, die in ihrem Atelier stehen – einen Defekt. Doch statt ihn zu entsorgen, wird er aufgemöbelt. Ein Unikat wird geschaffen. „Wir machen da Kunst draus!“, so Selina Haas. Familie ist seit 1894 mit der Uhrmacherei verbunden Sie scheint sich in jenen Momenten in ihre Vergan- genheit zurückversetzt zu fühlen. An damals, als das Mädchen neben ihrer Mutter Conny saß, während diese mit Acrylfarben Uhrenschil der für die Fabrik bemalt hat. Schon im Kindesalter hat sie gerne mit Far- be gespielt, „und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt“, sagt sie heute mit einem verschmitzten Lächeln und ergänzt: „Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt.“ Die gebürtige Tribergerin hat früh in den Familienbetrieb rein- geschmeckt. Sie erinnert sich noch an die Zeiten, als ihr Großvater Herbert hier das Sagen hatte und mit der kleinen Selina in die Welt der Uhren eingetaucht ist. 114 Da leben wir

 

 

 

Schon im Kindesalter hab ich gerne mit Farbe gespielt und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt. Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt. Damals gab es – selbstredend – nur die traditi- onellen Kuckucksuhren. Zu den besten Kunden ge- hörten zu jener Zeit die Amerikaner. Ihr Opa Herbert Haas wurde deshalb ein Jahr auf Sprachreise ge- schickt, um sein Englisch zu perfektionieren – ohne jene Sprachkenntnis schien ein Führen der Firma zur damaligen Zeit fast schon utopisch. Seit der Gründung im Jahr 1894 war die Familie mit der Uhrmacherei ver- bunden – dennoch hatte Selina Haas nicht von Anfang an auf einen Platz in der Firma geschielt. Bildfolge oben: Aus alt mach neu – ein Unikat wird geschaffen. Nachdem sie die Realschule abgeschlossen hatte, entschied sie sich für das Profil „Technik und Manage ment“ am Technischen Gymnasium in Furtwangen. Noch bevor sie dort ihren Abschluss erlangte, war für sie glasklar, dass sie zukünftig im kreativen Bereich tätig sein möchte. Ohne Abitur, aber mit großem Willen, schloss sie die Aufnahme- prüfung erfolgreich ab – einem Kunststudium an der Fachhochschule Macromedia in Freiburg stand dann nichts mehr im Wege. Doch so richtig warm wurde sie mit dem Studien- gang und den Rahmenbedingungen nicht. „Die Künstler hatten sehr viele Freiräume“, erinnert sich die heutige Designerin an die Anfänge in Freiburg. Sie sagt: „Ich dachte, ich lerne dort verschiedene Techniken kennen – aber mir wurde nicht wirklich was beigebracht.“ Schon bald schielte sie auf die Stu- dierenden ein Stockwerk tiefer – Grafikdesign sollte es schließlich sein. Nach einem Semester wechselte sie den Studiengang, fokussierte sich nun voll auf Selina Haas 115

 

 

 

die Ausbildung, ließ Studentenpartys links liegen. Dabei reizte sie schon immer der Mix aus Fotografie und grafischen Elementen, das Geschaffene fand dann Platz auf Postkarten und Wandbildern, oft auch in Verbindung mit Schwarzwald-Motiven und der Kuckucks uhr, die beispielsweise mit Bollenhut „be- kleidet“ im dichten Unterholz hängt. Qualität bleibt das oberste Credo trotz moderner Neuausrichtung Ihre grafischen Fähigkeiten führten sie schnell wieder zurück zur Firma ihrer Eltern. „Ich habe dann angefan- gen, Prospekte zu machen und Logos zu entwerfen.“ Dazu passte, dass ihre Eltern der Uhrenfabrik ohnehin schon einen frischen Anstrich verpasst hatten. Im Hause Rombach & Haas stand nichts Geringeres als ein neues Zeitalter an. Auch deshalb, weil der Markt für die klassische Kuckucksuhr stagnierte. „Viele wollen sich so etwas nicht mehr in die Wohnung hängen“, erklärt sie. Warum also nicht Tradition und Moderne verbinden – und gleichzeitig an der Manufaktur festhalten? Qualität sollte das oberste Credo bleiben. 2006 fand die Bewerbung erster moderner Modelle, die auch der jüngeren Generati- on den Zugang zur Schwarzwälder Uhrentradition ermöglichen sollte, auf einer Messe statt. Es sei am Stand viel diskutiert worden über den neuen Zeitgeist, der im Hause Rombach & Haas eingekehrt war, ohne die ursprünglichen Modelle zu verschmähen. Nicht überall rannte die Familie offene Türen ein. „Einer hat den Papa sogar am Kragen ge- packt“, erzählt sie. Heute kann sie – angesichts des Erfolges und des Fortbestands der Firma – darüber schmunzeln. Gleichzeitig habe sie großen Respekt davor, dass die neue Linie durchgezogen wurde. Und auch sie wurde peu à peu Teil dieser Revolu- tion in Schonach. Das wurde beispielsweise im Fach Marketing während des Studiums deutlich. Eine fiktive Firma sollte sie sich ausdenken, um sich Marketing- und Vertriebsmöglichkeiten zu überlegen. „Ich hab‘ dann einfach unsere Firma genommen“, so Selina Haas, „dann ist mir aufgefallen, was man alles verän- dern könnte.“ Schnell kam ihr in den Sinn, unter ande- rem ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause zu verbinden, eine ganz neue Symbiose zu schaffen. Alle Ideen packte sie auf ein Plakat. Beim Besuch ihrer Eltern hatte sie im Freiburger Seepark dann genau Für Selina Haas war klar: Sollte sie die Firma übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause verbinden und damit eine ganz neue Symbiose schaffen. jenes Plakat unter dem Arm und stellte ihre Überle- gungen vor. „Das war fast wie eine Bewerbung“, sagt die 33-Jährige und lacht. Für sie war schon damals klar: Sollte sie die Firma wirklich mal übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Werbekampagne mit ungeahnten Folgen Doch bis dorthin machte sie noch einen ordentlichen Schlenker – für den ausgerechnet der Vorsitzende einer Spaßpartei den Weg ebnete. Wie kam es dazu? Am Anfang stand dabei zunächst eine Anfrage des damaligen Ferienland-Geschäftsführers Julian Schmitz. Für den touristischen Zusammenschluss von Schonach, Schönwald, Furtwangen und St. Geor- gen sollte eine Werbekampagne gestartet werden – die junge Designerin wurde damit kurz vor dem Abschluss ihres Studiums beauftragt. Mit ungeahn- ten Folgen: Eines der Plakate von ihr war mit dem Spruch „Große Berge, feuchte Täler & jede Menge Wald“ und der schlüpfrigen Silhouette einer sich räkelnden Frau mit Bollenhut bestückt. „Da bin ich zusammen mit meinem späteren Mann draufgekom- men“, erzählt sie, „wir wussten aber nicht, wie es ankommt.“ Das Ferienland übernahm den Vorschlag und schaltete damit Anzeigen – und genau über eine solche stolperte Martin Sonneborn, seines Zeichens Vorsitzender der Spaßpartei „Die PARTEI“, in einem Heftchen der Fluggesellschaft Ryanair. Mit dem Satz „Schwarzwald? Geile Gegend“ schickte er das Plakat ins World Wide Web – mit ungeahnten Folgen. Medien stürzten sich auf die Kampagne, sogar der Deutsche 116 Da leben wir

 

 

 

In ihrem Designatelier präsentiert Selina Haas ihre Illustrationen mit Schwarzwald-Motiven. Werberat wurde auf den Plan gerufen. „118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch ungläubig den Kopf. Von diesem Tag an klingelte bei ihr unaufhörlich das Telefon – viele hätten sie dazu animiert, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzumachen. Über die Medien sei aber auch Kritik an der „sexistisch“ anmutenden Darstellung laut geworden. Nichtsdesto- trotz: Ihr Name war in aller Munde. „Ab da woll- ten alle Werbung von mir, ich hätte in eine große Werbeagentur einsteigen können.“ Doch das war nicht das, was sich die nun bekannte Designerin aus dem Schwarzwald vorgestellt hatte. „Ich wollte mein 118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch über die ungeheure Resonanz ungläubig den Kopf. Die Werbekampagne für das Ferienland Schwarzwald sorgte 2015 für jede Menge Wirbel und Aufmerksamkeit. Selina Haas 117

 

 

 

Handarbeit und Qualität stehen im Mittelpunkt der Uhrenproduktion. Selina steigt 2015 in das elterliche Uhrengeschäft ein und übernimmt schließlich im Januar 2021. eigenes Ding durchziehen“, sagt sie. Gegenüber der elterlichen Firma richtet sie sich eine kleine, aber feine Designagentur ein, bedient von dort aus ihre Kunden, feilt außerdem weiter an ihren Illustratio- nen mit Schwarzwald-Motiven. Auch die haptischen Kunstformen fließen in ihre Arbeit mit ein – statt ausschließlich Kundenwünsche umzusetzen, ver- wirklicht sie ihre eigenen Ideen, vertreibt diese erfolgreich. Und: Die Verbindung zur Uhren- fabrik reißt nie ab. Übernahme der Uhrenfabrik Nach mehreren Jahren mit eigener Agentur und Atelier eröffneten die Eltern ihr die Möglichkeit, die Uhrenfabrik zu übernehmen – in fünfter Genera- tion. Mit ins Boot kam dabei auch ihr Mann Andreas (33), der zuvor als Landschaftsgärtner Handarbeit und Qualität sollen weiterhin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. seine Kreativität ausgelebt hatte und diese nun ebenfalls in das Traditions- unternehmen mit einbringt. 2015 stieg sie zunächst in das elterliche Geschäft mit ein, behielt – mittler- weile ungeachtet des Namenswech- sels nach der Hochzeit – ihre Marke „SELINA HAAS“ bei und lässt sie bis heute teilweise in die traditionelle Uhrenfabrik mit einfließen. „Es war aber klar, dass wir uns auf die Designuhren konzentrieren.“ Im Januar 2021 erfolgte schließlich die Schlichte Vogelhaus-Kuckucksuhr mit besonderem Motiv im typischen SELINA HAAS DESIGN-Stil. endgültige Übernahme durch das Ehepaar Kreyer – zu einem Zeitpunkt, als die Corona- Krise viele Betriebe beutelte. Nachdem zunächst 118 Da leben wir

 

 

 

Uhren und Wandbilder von Selina Haas. wirtschaftliche Sorgen und ein Einbruch des Absat- zes im Vordergrund standen, hat sich die Thematik mittlerweile verschoben. „Es geht jetzt eher um die Lieferprobleme, das kannten wir bislang gar nicht“, gibt Selina einen Einblick. So wäre man nun abhän- gig davon, ob jene Firmen, die die vielen Einzelteile für die Kuckucks uhren herstellen, überhaupt noch liefern können. Denn: Handarbeit und Qualität sollen weiter- hin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. Neuer Kundenkreis dank Mut und Kreativität Dennoch weht ein frischer Wind in dem Haus, welches insbesondere im Produktions bereich in der Zeit stehenge- blieben zu sein scheint und einen Charme versprüht, der die Verbundenheit zur ursprünglichen Kuckucksuhr am Leben erhält. Dennoch der Betrieb hat sich seit der Übernahme verändert. Das Ehepaar verkleinerte die Produktvielfalt, passte sie an. Die Uhren werden dafür professioneller präsentiert. Im Showroom verdeutlicht sich der Wandel bei Rombach & Haas und die erfolgreiche Symbiose zwischen der Designerin und der traditio- nellen Uhr besonders. Hervor blitzt hier die „Schwarz- walduhr des Jahres 2021“ – kaum erkennbar als Zeitanzeiger, vielmehr als Wandbild. 2019 entstand die Idee, hinter eines jener Wandbilder, die eine Kuckucksuhr abbilden, ein Werk einzubauen und daraus eine Uhr zu gestalten. Die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. Genau solche modernen Modelle haben der Firma mittlerweile einen ganz neuen Kundenkreis erschlos- sen, Rombach & Haas steht für Innovation auf diesem Gebiet. Dank des Mutes der Familie und der Kreativität von Selina Haas. Und genau diese Kreativität sorgt dafür, dass der eigentlich ausrangierte Uhrenkasten im Schaffensraum zu einem neuen Kunstwerk wurde. Die 33-Jährige kneift mit der Tube in der Hand die Augen zusammen, betrachtet die Farbakzente. „Ja doch, so gefällt es mir“, sagt sie. Jetzt noch ein Werk rein und schon erhält der Ku- ckuck in Schonach in ungewohnt farbenfroher Umgebung ein neues Zuhause. Selina Haas 119

 

 

 

Daniela Maier SKICROSS-WELTELITE AUS DEM SCHWARZWALD – BRONZE BEI OLYMPIA von Silvia Binninger Die Olympischen Winterspiele in China 2022 werden die Menschen in Urach und Furtwangen sowie viele weitere Sportbegeisterte im Landkreis nicht so schnell vergessen: Am 17. Februar holte die Furtwangerin Daniela Maier für den Ski club Urach die Bronze medaille im Skicross in den Schwarzwald. Die erfolgreiche Sportlerin gilt als Leuchtturm im Skicross­Team des Deutschen Skiverbandes. Immer gut drauf, ein Lächeln im Gesicht und voller Optimismus – das ist Daniela Maier! Dass sie im Finallauf als Vierte von der olympischen Jury eine Bronze medaille wegen unfairen Wettkampfs der Schweizerin Fanny Smith zugesprochen bekommt, hat jedoch ein Nachspiel: Zwar führt das Internationale Olympische Komitee (IOC) Daniela Maier als alleinige Gewinnerin der Bronze­ medaille – und das IOC veranstaltet immerhin die Olympischen Spiele … Doch bemühen sich nach dem Einspruch des einflussreichen Schweizer Skiverbandes gegen diesen Jury­Entscheid die Deutschen und Schweizer Verbände gemeinsam darum, dass beide Sportlerinnen eine Bronzemedaille zugesprochen bekommen. Daniela Maier begrüßt diesen Antrag. Es wäre für sie ein „Happy End“, so die Furtwangerin am Beginn des Skicross­ Weltcups 2022/23, wenn beide Skicrosser­ innen eine Medaille erhalten würden. Ob auch Fanny Smith Olympia­Bronze bekommt, stand bis zum Erscheinen des Almanachs nicht fest. 121

 

 

 

122 Da leben wir

 

 

 

Noch nicht einmal geboren, wird Daniela Maier auch schon Mitglied im Skiclub Urach: Noch während der Schwangerschaft füllt der Vater den Aufnahmeantrag aus. Am 4. März 1996 erblickt Daniela in Villingen-Schwenningen das Licht der Welt und wird in eine sportbegeisterte Familie hineingeboren. Die Eltern Thomas und Brunhilde Maier sind aktive Mitglieder im Skiclub Urach und da liegt es nahe, den Nachwuchs so schnell als möglich ebenso für den Skisport zu gewinnen. Mit drei Jahren steht Daniela Maier auf den Skiern, es zeigt sich, „Skifahren ist ihr Ding“. Schon in jungen Jahren ist nach zahlreichen Erfolgen klar, dass sie den Skisport professionell weiterführen möchte. Den Zugang zum Leistungssport findet sie zudem durch ihren Bruder Dominik Maier, der Skispringer war. Danielas Kindheit ist mit Trainingseinheiten förmlich durchgetaktet – für sie ist das aber keine Last. Sie fährt Ski, turnt und macht Leichtathletik, mit dem Vater trainiert sie auf dem Bike. Zeit für das Erlernen eines Instruments bleibt da nicht, obwohl sie das gerne getan hätte. Zu den verschiedenen Trainingsorten fahren sie die Eltern. Oft wird sie gleich nach der Schule abgeholt und zum Feldberg gebracht oder auch mal ins Kaunertal zu einem Lehr- gang. Daniela Maier: ,,Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben.“ Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben. Begeisterung vom Vater steckte an Bis zu ihrem 16. Lebensjahr nimmt Daniela an diversen alpinen FIS-Rennen teil, bis sie in der Saison 2012/2013 zum Skicross wechselt. Ihr Vater Thomas betreibt diese Sportart schon länger und ist derart vom Skicross begeistert, dass er zu Daniela meint: ,,Das wäre auch was für dich!“ Bei so viel Enthusiasmus konnte Daniela nicht „nein“ sagen und versuchte es einfach. Daniela Maier bei der Flower Ceremony in Peking. Skicrosserin Daniela Maier 123

 

 

 

Nach einigen Trainingseinheiten fährt sie das erstes Rennen in Grasgehren am Riedberger Horn im Allgäu. Prompt bringt sie ihre erste Goldmedaille mit nach Hause. Vor dem Hintergrund dieses Erfol- ges knüpft Danielas Vater die ersten Kontakte zum Deutschen Skiverband. Beim FIS-Rennen in Mitten- wald belegt Daniela Maier schließlich den zehnten Platz. Kurz darauf wird sie Junioren-Meisterin bei der Deutschen Meisterschaft in Lienz. Im Sommer 2013 erfolgen Sichtungen in verschiedenen Camps – der DSV erkennt Danielas Potenzial. Sie wird als eine der wenigen Schwarzwälderinnen in das deutsche Team aufgenommen und fährt jetzt im Landeskader Bayern. Ihr Trainer ist Maximilian Wittwer. Erste Erfolge im deutschen Nationalteam Als Mitglied des deutschen Nationalteams nimmt Daniela in der Saison 2013/2014 am Eurocamp teil und beim Europacup im Montafon wird sie Achte. Da Daniela 2014 am Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwan- gen mit Erfolg ihr Abitur ablegt, fährt sie im Februar 2014 weniger Rennen. Im darauf folgenden Winter erreicht sie bei den Deutschen Meisterschaften den fünften Platz und wird in den deutschen Nachwuchs- kader bzw. in den C-Kader aufgenommen. Daniela ist überglücklich und zieht nach Bayern um. Im Oktober 2014 folgt die Aufnahme in den Ski-Zug der Bundeswehr in Berchtesgaden. Die sportlichen Erfolge halten an: In der Skisaison 2014/2015 steht Daniela Maier zweimal auf dem Podest. Sie geht als Siegerin beim Europacup hervor und wird Deutsche Meisterin. Zum Abschluss des Winters gewinnt sie bei den Juniorenweltmeister- schaften in Chiesa in Valmalenco die Silbermedaille. Die erfolgreiche Sportkarriere benötigt nun eben- so eine berufliche Komponente. Im August 2015 be- ginnt Daniela Maier eine vierjährige Ausbildung bei der Bundespolizei im Leistungszentrum für Winter- sportarten in Bad Endorf in der Nähe des Chiemsees. Die Sportlerin kann so Sport und Ausbildung ver- binden und hat die Möglichkeit, nach ihrer Sportler- karriere im Polizeidienst zu arbeiten. Daniela Maier mit ihrem olympischen gehäkelten Blumenstrauß, den es für alle Medaillengewinner gibt. 124 Da leben wir

 

 

 

Überglücklich ist Daniela Maier, als sie 2015 Vize-Juniorenweltmeisterin im Skicross wird. Erste Weltcupsaison – „Rookie of the Year“ In der Saison 2015/2016 fährt Daniela Maier ihre erste Weltcupsaison – von nun an darf sie mit den ,,richtig großen Mädels“ an den Start. Bei ihrem Weltcup-Debüt im Montafon landet sie auf Platz 12 und startet bei jedem Weltcup-Rennen. Daniela beendet den Winter auf Rang 17 in der Weltcup- Gesamt wertung und erhält eine besondere Auszeich- nung: ,,Rookie of the Year“. Alle teilnehmenden Nationen küren sie zum besten Neuling. Das damit verbundene Trikot ist bis heute ihr Glücksbringer. Nach der ersten Weltcup- saison 2015/2016 wird Daniela zum besten Neuling gekürt und erhält eine beson- dere Auszeichnung: ,,Rookie of the Year“. Rückschläge verkraften Die Saison 2016/2017 beginnt mit einem großartigen Resultat: Im Dezember 2016 wird Daniela Dritte in Val Thorens und steht erstmals auf dem Weltcup- Podium. Unglücklicherweise verletzt sie sich bei einem Rennen am Feldberg im Februar 2017 am Knie und zieht sich eine immense Schädigung des Gelenk- knorpels zu. Der Knorpel muss im Labor neu gezüchtet und dann verpflanzt werden – in insge- samt drei Operationen. Trotz dieser Knieverletzung beendet sie die Saison als 13. im Gesamtweltcup. Eine bittere Erfahrung ist die Notwendigkeit, eine eineinhalbjährige Pause vom Skifahren einlegen zu müssen. Daniela Maier ist dankbar, in dieser mental und körperlich schwierigen Zeit von der Familie, dem Skiclub Urach und ihren Freunden So funktioniert Skicross: Bei diesem Wettkampf handelt es sich um eine Ski-Freestyle- Disziplin, bei der vier Skifahrer auf einer speziell konzipierten Strecke gegeneinander antreten. Skicross-Strecken sind schmal, kurvig und mit zahlreichen natürlichen und künstlich angeleg- ten Sprüngen, Bodenwellen, Steilhangkurven und Hindernissen gespickt. Beim Skicross kommt exakt dieselbe Ausrüs- tung zum Einsatz wie beim traditionellen alpinen Skisport. Die Rennen laufen in mehreren Runden ab. Zunächst findet eine Qualifikation statt, bei der die Athleten allein gegen die Zeit fahren. Dann kommen die besten 16 Frauen und 32 Männer wei- ter und werden in Vierer-Läufe eingeteilt. Gefahren wird jeweils im KO-System. Die bei- den Erstplatzierten eines Laufs qualifizieren sich für die nächste Runde. So geht es bis hin zum Finale, in dem dann schließlich die ersten vier Plät- ze ausgefahren werden. Aktionen wie Festhalten, Schubsen und Schlagen der Mitstreiter werden als Foul gewertet und können zur Disqualifikation führen. Skicross ist eine Wintersport-Disziplin, die auch beim FIS Freestyle-Skiing-Weltcup und bei den Olympischen Winterspielen vertreten ist. Skicrosserin Daniela Maier 125 125

 

 

 

Während der Saison 2017/2018 kann Daniela zum Training wieder auf die Piste. Mit ihrem Team geht es zu den Rennen, zu Trainingszwecken ist sie bei den Wettkämpfen mit dabei. Nach ihrer 22-monati- gen Wettkampfpause steigt sie im Dezember 2018 wieder ins Renngeschehen ein und startet mit gleich zwei Siegen in Folge bei den FIS-Rennen auf der Reiteralm. Siebter Platz in der Weltcup-Gesamtwertung 2019 wird sie beste deutsche Fahrerin bei ihren ersten Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Solitude bei Salt Lake City und Elfte in der Gesamt- wertung. Bei den folgenden zehn Weltcupeinsätzen fährt sie jedes Mal in die Top 15. Wieder richtig fit und voller Energie beginnt die Saison 2019/2020 mit dem Weltcup-Rennen in Inni- chen in den Sextener Dolomiten. Sie schafft es aufs Podium mit dem dritten Platz. Ebenso in Russland sowie im Sunny Valley. In der Weltcup-Gesamtwer- tung liegt sie auf dem siebten Rang. Das Finale muss allerdings einen Tag davor coronabedingt abgesagt werden, die Pandemie verändert nun auch das Wett- kampfgeschehen im Skicross. Während des Lock- downs trainiert Daniela viel zu Hause und beendet erfolgreich ihre Ausbildung bei der Polizei. Die Bundespolizistin kann 2020/2021 ihren Auf- wärtstrend der vergangenen Saison fortsetzen. Zu- nächst mit einem zehnten Platz in Arosa, fährt sie in Val Thorens ihr bisher bestes Weltcup-Ergebnis mit Rang zwei ein. Auf der Reiteralm beim Europacup kann sie das Rennen zunächst für sich entscheiden, bevor sie am darauffolgenden Tag beim Training schwer stürzt und wieder das Kreuzband im rechten Knie reißt. Sie wird sofort operiert, es folgt eine Reha im Sportzentrum am Tegernsee und Osteopathie bei Veronika Winterhalter. Daniela hat trotz der er- neuten Verletzung keinen Vertrauensverlust in ihr rechtes Knie – und landet in dieser Saison erneut auf dem Podium. Danielas Trainingspläne werden von ihrem Trai- ner Maximilian Wittwer geschrieben. Es ist ein ganz- heitliches Coaching mit geschultem Blick für Fehlhal- tungen und individuell angepasster Physio therapie. Es beinhaltet auch mentales Training, das sehr wich- tig ist vor einem Rennen und allgemein zum Über- winden von Unsicherheiten in der Fahrweise. Nach 22-monatiger Wettkampfpause, ausgelöst durch eine schwere Knieverletzung, startet Daniela Maier im Jahr 2019 wieder durch. Gymnastik war eines der Mittel, um die Fitness und körperliche Belastbarkeit wieder herzustellen. großartig unterstützt zu werden. Um die Muskulatur und Gelenke schonend zu kräftigen, ist Wassergym- nastik das beste Mittel. Mit Margot Zeitvogel weiß sie in Bad Reichenhall eine routinierte Therapeutin an ihrer Seite. Ihre Reha absolviert die Sportlerin in der Simse Klinik direkt neben der Bundespolizei in Bad Endorf. Ihr Trainer Maximilian Wittwer begleitet den langwierigen Weg von der Reha zurück zum Skicross. 126 Da leben wir

 

 

 

Olympia 2022 in Peking – Zuerst Vierte, dann folgt die Bronze-Medaille Das bislang größte Highlight in Danielas Karriere folgt im Februar 2022, als sie bei den Olympischen Winterspielen in China startet. „Ohne die Glücksbrin- ger, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking“, erzählt Daniela Maier mit einem Lächeln im Gesicht bei ihrer Abreise der Presse. Die 25-jährige Skicrosserin nimmt Kuscheltiere, besondere Socken, Fotos, Bücher und selbst UNO-Karten mit. ,,Es war sehr aufregend“, blickt sie auf Olympia zurück. „Das ganze Drumherum und auch sich mit so vielen Sportlern aus verschiede- nen Nationen zu unterhalten, das war etwas Besonde- res“, schwärmt sie. Mit bis zu 80 Stundenkilometern unterwegs – Daniela Maier bei den Olympischen Spielen in Peking. Ohne die Glücksbringer, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking. Skicrosserin Daniela Maier 127

 

 

 

Am Renntag ist Daniela Maier in Top-Form. Im Viertel- und Halbfinale kämpft sie sich mit extrem couragierter Fahrweise jeweils von hinteren Positionen nach vorne. Den Journalisten bei Olympia erklärt sie: „Ich bin sehr stolz auf meine Leistung, so gut bin ich noch nie Skicross gefahren und habe brutal schnelle Ski unter den Füßen.“ Schließlich gehört sie zu den vier Finalistinnen. Nach einem fulminanten Start gerät Daniela im Finale jedoch ins Hintertreffen und wird von der Schweizerin Fanny Smith ausgebremst, wird zunächst Vierte. Nach langsam verstreichenden Minuten im Zielraum, aus dem man als Viertplatzier- te so schnell wie möglich raus möchte, so die Furtwangerin, wird per Video beweis eine Behinde- rung seitens der Schweizerin an Daniela Maier festgestellt. Somit rutscht sie auf den dritten Platz und kann bei der Siegerehrung die Bronzemedaille in Empfang nehmen. Es ist die erste Medaille bei den Olympischen Spielen für Deutschland im Skicross. Daniela Maier zeigte in diesem Augenblick Fair Play und sportliche Größe, als sie mehrfach unterstreicht, sie selbst habe das Verhalten der Schweizerin zunächst nicht als Behinderung empfunden. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: erst auf dem vierten dann doch auf dem dritten Platz… Sie sagt sich: „Genieße es, es ist dein Moment.“ Es folgen die Dopingkontrolle und Interviews mit der ARD und dem ZDF. Am Abend wird Daniela Maier mit rotem Konfetti in Empfang genommen. Natürlich gibt es ein Telefonat mit ihren Eltern. Ihrer Meinung nach ist sie das beste Skicross in ihrer bisherigen Laufbahn gefahren und als sie sich das Rennen anschaute, dachte sie sich: „Wer ist diese Frau?“ In all den Interviews, die jetzt folgen, sagt sie: „Ich wusste, eine kleine Chance besteht. Es sind aber die Besten der Besten hier vor Ort, die absolute Weltklasse. Ich habe zwar schon auf dem Podest gestanden, aber noch nie konstant, ich komme aus einer Verletzungssituation. Ich habe gekämpft, ich habe bis zum Schluss gekämpft – und die Medaille ist rausgekommen!“ Als sie auf dem Podest der olympischen Siegerehrung steht, rollen Tränen der Freude. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/daniela-maier 128 Da leben wir

 

 

 

Der fulminante Zieleinlauf in Peking. Rechts Daniela Maier, ausgebremst beim Zielsprung durch Fanny Smith (links daneben), so das Urteil der Olympia-Jury vor Ort. 129

 

 

 

Die größten Erfolge in der Übersicht: 2015 Erste Weltcup-Platzierung, Platz 12 Montafon (Österreich) 2015 Weltcup-Platzierung, Platz 8 Innichen (Italien) 2015 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 2 Valmalenco (Italien) 2015 Europa-Cup, 2 Siege Gesamtwertung: Platz 2 2016 Erstes Weltcup-Podest, Platz 3, Val Thorens (Frankreich) 2016 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 4 Val Thorens 2019 Weltmeisterschaft, Platz 11 Solitude (USA) 2021 Weltcup-Platzierung, Platz 2 Val Thorens 2022 Olympische Winterspiele, Bronzemedaille Peking 2022 Gesamt-Weltcup, Platz 8 Sport macht einfach Spaß Nach Olympia ging‘s im Weltcup nochmals weiter, Daniela Maier erreicht den achten Platz in der Gesamtwertung. Beim Red Bull SuperSkicross in Andermatt kann sie zum Saisonende erneut demon- strieren, was Skicross wirklich ist: Ein wilder Ritt! Mit 80 Stundenkilometern geht es zu viert in Steilkurven, es folgt ein 40-Meter-Sprung – zum Schluss schießen die Crosserinnen über ein schräges Hausdach aus Schnee. Das Fazit von Daniela Maier: „Ein richtig cooles Event, eine gute Werbung für unseren Sport!“ Nach den Winterspielen genießt sie die Aufmerk- samkeit, die ihr Olympia gebracht hat. Bundespräsi- dent Frank-Walter Steinmeier verleiht ihr das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland. Dar- über hinaus ist sie Gast beim Ball des Sports und die Deutsche Sporthilfe kürt sie zum „Champion des Jah- res“. ,,Aber nicht jede Party kann man mitmachen, das haut dich sechs Trainingseinheiten zurück!“, erzählt sie lachend. Außerhalb des Skicross ist Daniela Maier gerne in den Bergen zum Wandern oder beim Biken. Sie schwimmt im Chiemsee oder macht dort eine Fahrt mit dem Stand-up Paddle mit anschließender Brotzeit auf dem See. Außerdem backt sie sehr gerne Kuchen und teilt Empfehlungen für Back portale im Internet. Sie ist glücklich in ihrer WG in Marquartstein im Chiemgau, aber kommt immer mal wieder in den Schwarzwald zu Besuch. Und sie telefoniert häufig mehrere Stunden lang mit ihrer Mutter in Furtwangen. Für die Zukunft möchte die nunmehr 26-Jährige den Hauptfokus auf ihre physische Konstitution rich- ten. Noch mehr Energie in die Vorbereitung zu den einzelnen Wettkämpfen investieren. Aber das Wich- tigste für Daniela ist, dass ihr der Sport einfach Spaß macht und sie unendlich dankbar ist, wie sie von ihren Eltern, Freunden und durch den Skiclub Urach unterstützt wird. Was nun Olympia anbelangt, hofft Daniela Maier: „Es wäre super, wenn es ein Happy End gibt – und wir beide eine Medaille bekommen. Das wäre das beste Szenario.“ Großartiger Empfang in Furtwangen Rund 250 Fans, Familie, Wegbegleiter, Politikpro- minenz und hochrangige Sportfunktionäre berei- ten Daniela Maier Anfang April 2022 einen tollen Empfang in ihrer Heimatstadt Furtwangen. Fahnen schwenkend und jubelnd begrüßen sie die Schwarz- wälder Athletin in der Festhalle. Es gibt eine Polo- naise mit dem Skinachwuchs des SC Urach, ihrem Heimatclub und ein spontanes Tänzchen mit Mama Bruni. Lachend und in die jubelnde Menge winkend bahnt sich Daniela Maier den Weg durch das Fahnen- meer auf die Bühne. Dort plaudert sie mit Moderator Stefan Lubowitzki locker über ihre Erlebnisse in Peking. Aber auch über ihre ersten Gehversuche im Alter von drei Jahren beim Skiclub Urach, dem sie bis heute eng verbunden ist. Schließlich schauen sich Daniela Maier und die Zuschauer noch einmal die spannendsten Momente von Olympia auf der Großbildleinwand an. Darunter auch den Finallauf. „Dani, du hast uns Nerven gekostet, so spannend war es. Aber wir sind alle sehr stolz darauf, dass du die Saison 2021/2022 mit diesem großartigen Erfolg gekrönt hast“, so der Furtwanger Bürgermeister Josef Herdner und der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. 130 Da leben wir

 

 

 

In Furtwangen wird Daniela Maier am 2. April 2022 von ihren Fans laut jubelnd begrüßt. Unten: Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Furtwangen mit den Bürgermeistern Josef Herdner, Furtwangen (links) und Heiko Wehrle, Vöhrenbach (rechts). Skicrosserin Daniela Maier 131

 

 

 

Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien lehmann_holz_bauten aus St. Georgen­Peterzell hat sich voll und ganz dem Bauen mit dem heimischen Werkstoff Holz verschrieben. Eine Holzart hat es Inhaber Christian Lehmann dabei ganz besonders angetan: die Weißtanne. Von Roland Sprich Weißtannen-Tinyhäuser nach der Hütten- konzeption des Schwarzwald- Baar-Kreises 132 (siehe auch Infokasten auf S. 135). 4. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

XXX 133

 

 

 

Der Begriff Schwarzwaldhaus ist bis heute besetzt mit rustikalem Wohnen auf einem urigen Bauernhof. Mit tief heruntergezogenem Dach und hölzernen Schindeln an den Wänden. Christian Lehmann aus St. Georgen-Peterzell denkt und interpretiert das historische Schwarzwaldhaus neu. Er plant und projektiert Wohn- und Nutzgebäude mit dem typischen und reichlich im Schwarzwald vorkommenden Baumaterial, mit Holz. Und ist auch in anderer Weise ganz eng mit dem Naturstoff verbunden. In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre. Holz spielt im Leben von Christian Lehmann schon immer eine Rolle. Geboren und aufgewachsen ist er auf einem denkmalgeschützten Schwarzwälder Eindachhof mit Sägewerk im Hornberger Ortsteil Reichenbach, nahe der höchsten Anhöhe Windkapf, wo sich die drei Landkreise Ortenau, Rottweil und Schwarzwald-Baar treffen. So lernte er die Wert- schöpfungskette Holz vom Wald über die Verarbei- tung bis zur Veredelung, aus nächster Nähe kennen. Heute ist er von Holz als Werkstoff fasziniert. Mit seinem Unternehmen lehmann_holz_bauten plant, projektiert und realisiert er Holzbauten aller Art – als Baubetreuer oder Generalübernehmer. Und beweist, dass sich die traditionelle Schwarzwälder Holz- bauweise mit moderner und zeitgemäßer Holzbau- architektur verbinden und mit der ursprünglichen Einfachheit und Gemütlichkeit vereinbaren lässt. Im Holzhaus wohnen ist ein Lebensgefühl Wenn Christian Lehmann über Holz spricht, ist er in seinem Element. Selbstredend lebt er auch selbst in einem Holzhaus und hat für sich und seine Familie in einer Holzhausgruppe in den 1990er-Jahren ein Zuhause geschaffen. „In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre.“ Darüber hinaus sind für Christian Lehmann, Inhaber von lehmann_holz_bauten. 134 Wirtschaft

 

 

 

HÜTTENKONZEPTION DES SCHWARZWALD-BAAR-KREISES Mit einem umfassenden Konzept will der Schwarz- wald-Baar-Kreis den Tourismus attraktiver gestalten. Die Hüttenkonzeption soll als Teil davon die gastro- nomische Versorgung entlang von Rad- und Wander- wegen sowie Loipen stärken. Dazu gehören auch Beherbergungsbetriebe. Vier von Christian Lehmann geplante und gebau- te Tiny-Häuser wurden dazu in Langenschiltach bei Familie Lehmann aufgestellt (siehe auch Seite Foto auf Seite 132). Innen wie außen dominiert die Weiß- tanne, die Ferienhäuser stehen mitten in der Natur. ihn die ökologischen, energetischen und wohnge- sunden Aspekte wichtig. „Holz ist ein lebendiger, nachwachsender und leicht zu bearbeitender Rohstoff aus der Natur“, bringt Christian Lehmann seine Faszination für den Baustoff auf einen Nenner. Dazu kommt, dass Holz von allen Baumaterialien die beste CO2-Öko-Klima-Bilanz sowohl bei der Herstel- lung, beim Transport, bei der Verarbeitung, der allgemeinen Nutzung und beim Recycling hat. Nicht von Anfang an der Traumberuf Dass er einmal beruflich mit Holz zu tun haben sollte, war dennoch nicht von vorneherein klar. „Eigentlich wollte ich Landmaschinenmechaniker werden“, verrät er. Familiäre Umstände zeichneten aber einen anderen beruflichen Weg vor. So absol- vierte er stattdessen von 1974 bis 1977 eine Ausbil- dung zum Zimmermann bei seinem Onkel, der in Langenschiltach einen Zimmermannbetrieb hatte. „Zu Anfangszeiten war das mehr ein Baustoffhandel als eine Zimmerei“, erinnert sich Christian Lehmann. Dennoch hat er schnell gelernt und sich viel Wissen selbst angeeignet, was auch zu frühem selbstständi- gen Arbeiten führte. Mit 22 Jahren schon Meister Der berufliche Ehrgeiz setzte sich auch nach Ende der Lehrzeit fort. Bereits nach eineinhalb Jahren als Zimmerergeselle konnte er durch einen glücklichen Umstand die Meisterschule besuchen und hatte letztendlich im Alter von 22 den Meisterbrief im Zimmererhandwerk in der Tasche. Im Anschluss startete er bei einem großen Holzbaubetrieb, wo er 20 Jahre als Bereichs- und Projektleiter für den Holzbau/Hausbau zuständig war und Großprojekte sowie den Schlüsselfertigbau leitete. „Darunter unter anderem den Bau der Neuen Tonhalle in VS-Villingen, das Hallen-/Neckarbad in VS-Schwenningen und die Deutsch-Schweizer Grenz-/Zollanlage in Konstanz- Kreuzlingen“, zählt er auf. 1989 hat Christian Lehmann die Prüfung zum Restaurator im Zimmererhandwerk abgelegt und un- ter anderem die Pfarrkirche St. Martin in Brigachtal und die drei Klosteranlagen in Villingen – die der Franziskaner, Kapuziner und Benediktiner – restau- riert beziehungsweise saniert. lehmann_holz_bauten 135

 

 

 

Oben: Zwei Familien, eine Idee: Die beiden ++Energie-/CO2-Aktivhäuser wurden einfach gespiegelt, so konnte die Baufläche optimal genutzt werden. Unten: Trotz hoher Standardisierung lassen sich auch individuelle Wünsche umsetzen. Die Baufamilie dieses Plusenergiehauses wollte eine Kletterwand an der Hausfassade haben. 136 Wirtschaft

 

 

 

Auch als Energieberater tätig Ein weiteres Standbein, das aktuell wichtiger ist denn je, ist seine Expertise als Energieberater. Selbstredend, dass er bei seinen projektierten Häusern auf den Energiewert achtet. Energieeffizientes Bauen liegt ihm nicht erst seit den steigenden Energiekosten am Herzen. Sogenannte Plusenergiehäuser werden als ++Energie-/CO2-Aktivhäuser gebaut. Dabei wird mehr Energie erzeugt als verbraucht wird. Die Atmosphäre wird nicht mit CO2 be- sondern entlastet. Der durch die Photovoltaikanlage auf der Süddachseite gewonnene Strom wird in eine Hochleistungseffizienz- Luft-Wasser-Wärmepumpe eingespeist. Die Wärme wird über die Fußbodenheizungen verteilt und das Brauchwasser gepuffert. Die Stromspeicher ergänzen und die Elektro-Ladestation komplettieren das Energiekonzept. Entwicklung eigener „Rahmenbedingungen“ Bei der Zusammenarbeit mit einer jungen, dynami- schen Architektengruppe Anfang der 1990er-Jahre bekam Christian Lehmann auch Zugang zur Architek- tur. „Damals habe ich begonnen, nebenher die ersten Häuser in Holz-System-Bauweise zu planen und auf Karo-Papier skizzenhaft zu entwerfen“, erinnert er sich. Dabei stieß er auch auf ein von einem Konstanzer Architekten entwickeltes Raster- modell für das Holzbau-Tragsystem. Von diesen Kenntnissen ausgehend entwickelte Christian Lehmann seine eigenen „Rahmenbedingungen“, die längst zu seinem Markenzeichen geworden sind, seitdem er sich 2003 mit einem eigenen Büro in Die hohe Standardisierung durch den Einsatz des Meter- Rasters macht Bauen effektiv und preisgünstig. Peterzell selbstständig gemacht hat. Auf der Ein- gangstür steht: „architektonisch pur – lehmann_ holz_bauten – beraten, betreuen, bauen.“ Die Planungen für seine Holzbauten, ganz egal ob Wohn-, Arbeits-, Ferien-, An-/Um-, gewerbliche, öffentliche, landwirtschaftliche Bauten, beruhen allesamt auf dem Meter-Raster. In der Regel gibt es ein Primär-Tragraster und ein Ein-Meter- Sekundär- raster. Heißt, dass sämtliche Maße in Meter- Schritten gedacht, geplant und eingeteilt sind. Der Vorteil dabei liegt für Christian Lehmann auf der Hand. „Es ist eine hohe Standardisierung, was das Bauen effektiv und preisgünstiger macht.“ Die Anpassung des Raumprogramms an die Holz-Raster-System-Bauweise im Meter-Raster er- möglicht besonders wirtschaftliche Holzbauten mit kurzer Bauzeit. Die effizienten und kostenoptimier- ten Bauteile werden teilvorgefertigt und mit Holz- faser gedämmt. Einfache, reduzierte Materialwahl, Konstruktionen und Bauteile sowie standardisierte Anschlüsse und Übergänge bestimmen den Entwurf, die weitere Planung, die Projektierung und die Reali- sierung bis ins Detail. In die Tenne eingeschobene Wohnboxen gehören bei Christian Lehmann zum Standardprogramm bei der Sanierung von Schwarzwald- höfen. Im Bild das Projekt Lippenhof bei Unterkirnach. lehmann_holz_bauten 137

 

 

 

Der umgebaute jahrhundertealte Lippenhof in Unterkirnach besticht durch den Einsatz von veredelter heimischer Weißtanne und die umlaufenden großflächigen rahmenlosen Verglasungen. Besonders hohen Wert wird auf baubiologisch unbedenkliche Baustoffe und wohngesundes Bauen gelegt. Es werden einheimische/regionale und wo möglich, naturbelassene Materialien/Hölzer verwen- det. Die Konstruktion wird in der Regel mit Konstruk- tionsvollholz (KVH) in Fichte/Tanne und die Außenbe- kleidungen in Douglasie ausgeführt. Die Fenster und Türen werden ebenfalls in Holz (Lärche) gefertigt. Im Innenbereich werden meist Eichenholzböden verlegt. Etwas Besonderes ist, dass Innenwände häufig über alle Geschosse durch Raumteiler/Einbauschränke er- setzt werden, die beidseitig als Schrankwand nutzbar sind und mit Oberlichtern ausgestattet werden. Vorliebe für klare Strukturen und Linien „Fünf Finger, fünf Bauteile, fünf Minuten, fertig ist das Haus“, fasst er die erforderlichen Bauelemente – Boden, Außenwand, Innenwand, Decke, Dach – zu- sammen. Der Vorteil zahlt sich für den Bauherrn in barer Münze aus. Im Schnitt 15 Prozent, so Lehmann, lassen sich mit einem nach seiner Methode projek- tierten Gebäude gegenüber konventioneller Bauwei- se mit gleich- oder höherwertigem Raumprogramm einsparen. Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meisterstücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindachhöfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen. 138 Wirtschaft

 

 

 

Individuelle Wünsche trotz hoher Standardisierung möglich Diese von ihm übernommene und weiterentwickelte Bauweise kommt Christian Lehmann auch bei seiner Vorliebe für klare Linien und Strukturen zugute. Verwinkelte Ecken, Schnörkel und Erker sind seine Sache nicht. Wenn sich dagegen die Einrichtung an die Holz-System-Bauweise anschmiegt und wie aus einem Guss wirkt, strahlt Christian Lehmann. „Was nicht heißt, dass individuelle Wünsche nicht reali- siert werden können.“ So lässt sich auch Ausgefalle- nes, wie beispielsweise eine Kletterwand an der Hausfassade, mühelos verwirklichen. Neben der Realisation von Neubauten ist der Umbau bestehender Gebäude ein weiteres Stecken- pferd von Christian Lehmann, der außerdem Restau rator im Handwerk ist. „Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meister- stücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindach höfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen“, erklärt Lehmann. Als einer der Ersten wagte er es, den Ausbau einer Tenne zu einer Wohnung nicht über die gesamte Fläche auszudeh- nen. Sondern eine Wohnbox in die Tenne zu stellen. Heute gehört der Einschub von Wohn-Glas-Boxen in große Dachräume, in denen früher das Futter für den Winter gelagert wurde, für ihn zum Standardpro- gramm. Mit dieser innovativen Holzbauarchitektur und unter Verwendung moderner Baustoffe wie viel Glas und veredelter Weißtanne lassen sich so zeitgemäßes Wohnen und Leben in der alten Hülle unter einem schützenden Dach auf kreative und an- genehmste Weise miteinander kombinieren. Ohne die vorhandene charakteristische, den Schwarzwald prägende Gebäudestruktur zu verändern oder gar zu zerstören. Besondere Vorliebe für Weißtanne Eine Sorte Holz hat es Christian Lehmann besonders angetan: die Weißtanne. Seit vielen Jahren engagiert er sich im FORUM WEISSTANNE, einem gemeinnüt- zigen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, der heimischen Baumart eine Stimme zu geben. Die Tanne hat durch die Globalisierung des Holzmarktes in den vergangenen Jahrzehnten ihre einst führende Marktposition in ganz Süddeutschland verloren. Obwohl sie gerade im Schwarzwald eine der wich- tigsten Baumarten war und ist und aufgrund kurzer Transportwege eine unschlagbar günstige CO2-Bilanz aufweist. Das FORUM WEISSTANNE versucht, das Marktverhalten zugunsten der Weißtanne dahinge- hend zu verändern, dass es für Waldbesitzer wieder attraktiver wird, Weißtanne anzubauen und als eigenes Sortiment zur Verfügung zu stellen. Christian Lehmann setzt auf Weißtanne wo im- mer es möglich ist. Fast alle seine Projekte bekom- men eine Fassade aus dem heimischen Holz. Aktuel- les Beispiel ist der Lippenhof, ein jahrhundertealter Bauernhof in Unterkirnach mit Land-, Forst-, Ener- gie- und jetzt auch Gastwirtschaft mit Ferienwoh- nungen in der großen Gaube und in den ehemaligen Gangkammern. Aber nicht nur bei privaten Wohn- projekten lässt Lehmann die Weißtanne eine Rolle spielen. So wurde ganz aktuell ein im Auftrag der Bundeswehr erstelltes AWL-Gebäude (Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude) zur Standortschießan- lage in Donaueschingen, für das er die Projektierung und Bauleitung hatte, fast ausschließlich aus Holz und hier überwiegend in Weißtanne gebaut. Das ganz in NUR-Holz, mit leimfreien Holzelementen, gebaute Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude ist eines der aktuell realisierten Weißtannenprojekte für die Bundeswehr am Standort Donaueschingen. XXX 139

 

 

 

140 Wirtschaft

 

 

 

„Klinik am Doniswald“ – Psychotherapie und Seelsorge von Barbara Dickmann Die Menschen in Königsfeld sind eng verbun- den mit der Herrnhuter Brüdergemeine und mit ihren Kliniken. Auch die Michael-Balint- Klinik, die mehr als 26 Jahre erfolgreich als psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedi- zin betrieben wurde, gehörte „einfach dazu“. Keine Frage: Die Patienten waren willkomme- ne „Kurgäste“. Doch 2019 kam das „Aus“! Zwei lange Jahre passierte nichts und die wildesten Gerüchte machten die Runde. Dann lernten Andrea Fetzner und Andreas Leschinger, zwei promovierte Ärzt*innen, nicht nur diese Klinik, sondern ebenso Ralf Ruchlak kennen, einen Betriebswirt mit speziellen Kenntnissen in medizinischen Geschäftsfeldern. Die Folge: Am 1. Oktober 2021 öffnete die „Klinik am Doniswald“ ihre Tore. Klinik am Doniswald 141

 

 

 

Schon am Morgen fühlt sich Gerda erschöpft. Und eine unendliche Müdigkeit begleitet sie den ganzen Tag. Gegen Mittag setzen die Kopf- schmerzen ein, Bauchschmerzen nach dem Essen, Kreislaufstörungen und Verdauungsbeschwerden werden ein ständiger Begleiter ihres Alltags. Hinzu kommt die Angst, denn sie befürchtet eine schwere Erkrankung. Besonders nachts verstär- ken sich diese quälenden Gedanken und sie schläft schlecht. Ihr Hausarzt hört ihr geduldig zu, findet aber keine organische Ursache und drückt ihr eine Über- weisung in die Hand. Es wird nicht die letzte sein. Gerda wandert durch die unterschiedlichsten Fach- richtungen. Magen spiegelung, Darmspiegelung und und und… alles ohne Befund. Doch das ist kein Trost, sondern eher das Gegenteil. Und der Teufelskreis beginnt: Bauch-, Muskel- und Kopfschmerzen, Mü- digkeit und Erschöpfung führen zu noch mehr Stress, was wiederum die körperlichen Signale zusätzlich verstärkt. Nach einem langen Leidensweg kommt die Dia- gnose: Die Schmerzen, die Beschwerden sind psycho- somatisch! Gerda kann damit nichts anfangen. Was ist das eigentlich? Der Begriff Psychosomatik kommt aus dem Griechischen für Seele (Psyche) und Körper (Soma). Dieser Teil der Medizin beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen von psychologischen, biolo- gischen und sozialen Bedingungen einer Krankheit. Probleme belasten, sie „liegen im Magen“, Liebes- kummer „bricht das Herz“ und bei Ärger kommt uns „die Galle hoch“. Wenn die Seele sich auf den Körper auswirkt, können Beschwerden auftreten, für die man keine organische Ursache findet. Sie sind des- halb nicht weniger schlimm – ganz im Gegenteil. Gerdas Krankheitsverlauf wird immer dramatischer. Was ist die Ursache? Was belastet ihre Seele? Welche Narben hat sie? Ist Gerda traumatisiert? Oder ist es sogar eine Persönlichkeits-, Angst- oder Zwangsstö- rung? Gerda geht in die Akutklinik… Danach wird ihr eine Rehabilitation bewilligt. Gerda möchte nach Königsfeld in die Klinik am Doniswald. Der Tag der Anreise naht… Gerda reist an. Sie hat sich die Klinik am Doniswald ganz bewusst ausgesucht. Das denkmalgeschützte, liebevoll sanierte und aufs Neueste ausgestattete Hauptgebäude hatte es ihr angetan. Gerda wollte nicht in eine große Klinik, das allein machte ihr schon Angst. Die Klinik am Doniswald ist überschau- bar, da kann die Atmosphäre nur sehr persönlich sein. In der Küche wird frisch und gesund gekocht, was ihr auch wichtig ist. Der weiträumige Kurpark und der direkt hinter der Klinik beginnende Donis- wald sind für sie schon ein Teil der Therapie und Bal- sam für die Seele. Hier ist schon Albert Schweitzer gewandert, denkt sie voller Hochachtung. Und dann gibt es noch ein besonderes Thema, das sie für sich klären will: die Seelsorge. Denn „der 142 Wirtschaft

 

 

 

Freundlich empfangen und dank des ganzheitlich- psychotherapeutischen Ansatzes auch bestens betreut. Die Klinik am Doniswald bietet ihren Patienten beste Rahmen bedingungen. ganzheitlich psychotherapeutische Ansatz wird um eine geistlich-spirituelle Ebene erweitert, unab- hängig ihrer Überzeugung oder Religion wird auf Wunsch Seelsorge angeboten“…, so steht es auf der Internetseite. Gerda wird ausgesprochen freundlich empfangen, ihr Zimmer gefällt ihr gut, die Umgebung … so traum- haft wie sie es sich erhofft hat. Das Essen – einfach super und gleich am ersten Abend lädt Andrea Fetzner zu einem faszinierenden Vortrag ein. Es geht um die Geschichte der Klinik, um Königsfeld um die Herrnhu- ter Brüdergemeine und um Albert Schweitzer… Vier Wochen ganz auf sie abgestimmte, intensive Therapie liegen vor ihr, gepaart mit künstlerischen, musikali- schen und seelsorgerischen Angeboten. Ob Gerda physisch wie psychisch gesund werden wird, kann man nicht sagen. Doch die Voraussetzun- gen könnten nicht besser sein… Die Klinik am Doniswald – für Psychotherapie und Seelsorge Keine Frage, Gerda hat eine gute Wahl getroffen. Doch dass es diese Klinik überhaupt gibt, ist der Verdienst von drei besonderen Menschen, die sich einfach getraut und mit einer freundlichen Hartnä- ckigkeit ihr Ziel verfolgt haben und jetzt ihren Traum leben. „Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik!“ Andrea Fetzner, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Andreas Leschinger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ralf Ruchlak, Diplom-Betriebs- wirt sind die heutigen Geschäftsführer. Drei Macher, die das Schicksal zusammengeführt hat. „Andreas Leschinger und ich kannten uns schon und wir wussten, dass wir gut zusammenarbeiten können“, berichtet Andrea Fetzner. Beide waren sie unzufrieden, hatten einfach andere Vorstellungen von einer Klinikleitung, als sie es in ihren Jobs er- lebten. Sie suchten nach Alternativen, sprachen im Freundeskreis darüber und irgendwann entstand die Idee, eine eigene Klinik zu gründen. „Die ehe- malige „Michael-Balint-Klinik“, so hieß dieses Haus 27 Jahre lang, war in einer Insolvenzmasse und stand leer“, erinnert sich Andreas Leschinger. Gemeinsam Klinik am Doniswald 143

 

 

 

Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik! Dr. Andrea Fetzner besichtigten die beiden Ärzte das Haus, irgendwie sprang da ein Funke über und sie kamen ins Grübeln. Und dann lernten sie Ralf Ruchlak kennen. Der Betriebswirt kannte die Klinik in- und auswendig. Er war vom Insolvenzverwalter 2019 als Verwaltungslei- ter eingesetzt worden und hatte die Klinik ein halbes Jahr bis zu deren Schließung geleitet. Ralf Ruchlak war besonders betroffen. Denn obwohl die Klinik gut belegt war, musste er von einem Tag auf den Betrieb einstellen und alle Mitarbeiter entlassen. „Das war einfach furchtbar, ich habe sehr darunter gelitten“, erinnert er sich. Mit Ralf Ruchlak war das Team kom- plett und drei höchst motivierte Menschen starteten das Projekt „Klinikkauf“, was nicht so einfach war. Denn die Frist zur Abgabe eines Kaufangebots war nicht einzuhalten. Auf ihre Bitte genehmigte der Insolvenzverwalter eine Verlängerung, sonst hätten sie keine Chance gehabt. Sie erarbeiteten einen Businessplan, fanden weitere Investoren, die bereit waren, Gesellschafter zu werden, kümmerten sich um die Finanzierung und gründeten mit insgesamt zwölf Menschen die „Doniswald Immobilien GmbH“. Und schon wieder lag es an dem Insolvenzverwalter. Denn insgesamt drei Bewerber wollten dieses Haus kaufen und es umbauen. Doch ihr Konzept überzeugte und sie erhielten den Zuschlag. Das war die Geburtsstunde der „Klinik am Doniswald“. An der Spitze und verantwortlich: die geschäftsführenden Gesellschafter Andrea Fetzner, Andreas Leschinger und Ralf Ruchlak. Große Nachfrage nach freien Plätzen Am 1. April 2021 kamen die ersten Handwerker – und das in Corona-Zeiten. Gleichzeitig schrieben sie Bei der Besichtigung der Doniswaldklinik sprang der Funke über, v. links: Die Ärzte Andreas Leschinger und Andrea Fetzner sowie der Königsfelder Bürgermeister Fritz Link nach dem Ortstermin. 144 Wirtschaft

 

 

 

Die Geschichte der Klinik Das vordere, denkmalgeschützte Gebäude wurde 1903 als Grandhotel für Kurgäste in Königsfeld erbaut und „Schwarzwaldhotel“ genannt. Der gemeindeeigene „Toniswald“ (später Doniswald) liegt direkt hinter der Klinik. Vor der Klinik wurde ein weiträumiger Kurpark angelegt. 1975 enstand unter Leitung des Hoteliers Hans Diegner ein zweiter Bau „Tonishof“ für Gäste zugefügt. 2021 wurde das Gebäude an die Doniswald Immobilien GmbH verkauft. 1991 übernahm die W. Rother GmbH das Gelände mit den beiden Gebäuden „Schwarzwaldhotel“ und „Tonishof“ und eröffnete die psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedizin. Wie zuvor wird die Klinik als gemischte Fachklinik geführt und unter dem Namen „Klinik am Donis- wald“ am 1. Oktober 2021 neu eröffnet. Von 1993 bis 1998 erfolgten aufwändige Umbauar- beiten mit einem neuen Verbindungsbau zwischen beiden Gebäuden, um den Anforderungen an eine zeitgemäße Klinik gerecht werden zu können. Im vorderen, denkmalgeschützten Gebäude soll – sobald grünes Licht gegeben wird – eine Abteilung mit Akutbetten für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entstehen. Die Klinik ist weitestgehend barrierefrei gebaut und eingerichtet und wurde mehr als 26 Jahre erfolgreich als „Michael-Balint-Klinik“ geführt, bevor sie 2019 geschlossen wurde. Der Zwischenbau und der zum Wald hin gelegene Gebäudeteil ist seit 1.Oktober 2021 als Abteilung Rehabilitation für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wieder eröffnet. Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mit- streiter sind rundherum glücklich und zufrieden. das medizinische Behandlungskonzept, reichten knapp 300 Seiten Unterlagen an Behörden und Kostenträger ein und schafften es binnen kurzer Zeit, 75 Mitarbeiter zu finden. Etliche von ihnen waren frühere Mitarbeiter der „Michael Balint- Klinik“, und „deren Freude war groß, denn der Schmerz über die plötzliche und eigentlich grundlo- se Schließung saß tief“, erinnert sich Ralf Ruchlak. Am Freitag, den 1. Oktober 2021 war es soweit. Knapp 60 Patienten wurden aufgenommen. Und das hat sich bis heute nicht geändert. „Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mitstreiter sind rundherum glücklich und zufrieden. Natürlich sei die Arbeit anstrengend, besonders wenn sich manchmal coronabedingt Krankheitsfälle bei den Mitarbeitern häufen würden und natürlich sei der Verdienst auch geringer. Und ja, eigentlich wären sie und Andreas Leschinger eher in einem Alter, in dem man an mehr Freizeit denke. Und Ralf Ruchlak, der Jüngste im Bunde, mit kleinen Kindern – keine Frage! Wenn da nicht die Partner so unterstützend mitspielen wür- den, ginge das gar nicht. Was machen sie anders als andere Kliniken? „Wir haben eine sehr flache Hierarchie“. Die Geschäfts- führer duzen sich mit dem Hausmeister, der Klinik am Doniswald 145

 

 

 

In der Fachklinik Doniswald werden folgende Krankheitsbilder behandelt: • ADHS • Angsterkrankungen Burnout • • Coronafolgen • Depressionen Essstörungen • • Persönlichkeitsstörungen Schlafstörungen • Schmerzerkrankungen • Traumafolgestörungen • • Zwangsstörungen Links: Blick in den Speisesaal und der Empfang. Rechts: Das 1993 von dem Künstler Tobias Kammerer erschaffene Seccofresco beschäftigt sich bildkünstlerisch mit der medizinischen Psychosomatik. Reinigungsfrau oder dem Koch genauso wie mit ihren Kollegen. Das ist kein Gag, sondern einfach ein Ausdruck dafür, dass sich alle auf einer Ebene begeg- nen, dass sie eine Gemeinschaft sind und sich gegenseitig wertschätzen und respektieren. „Ich glaube, dass der Geist der Herrnhuter Brüdergemeine auch uns berührt hat. Denn es gibt dort nur Brüder unter Brüdern und Schwestern unter Schwestern, alle sind gleichwertig.“ Ja selbst auf dem Friedhof seien alle Gräber gleich. Es gäbe keine großen Monumente. Und die Geschichte von Königsfeld sei einfach faszinierend … Man spürt es genau – Königs- feld hat es Andrea Fetzner angetan. Es gibt keine Mindestlöhne und kein Catering. Es wird nichts outgesourct. Ganz im Gegenteil. „Unsere Mitarbeiter sind uns wertvoll.“ Nächstes Ziel: Genehmigung der Akutbetten Ständig wird verbessert, verschönert, modernisiert und an den Therapieplänen gefeilt. Das nächste Ziel: Die Genehmigung, der durch die Schließung verloren gegangenen Akutbetten, denn der Bedarf ist groß. Die Anträge sind gestellt, doch das zu erreichen braucht sehr viel Geduld. „Wir sind eine kleine Klinik, der Streit um die Akutbetten wird seit Jahren geführt. Die zusätzliche Therapieform der Seelsorge liegt den Verantwortlichen besonders am Herzen. „Es gibt viele Menschen, die aufgrund ihres Glaubens in Schwierigkeiten geraten sind. Das ist noch ein an- derer Aspekt der Psychotherapie – egal ob Moslem oder Christ!“ Zwei Seelsorger sind für die Patienten auf Wunsch da und natürlich sei auch die Spirituali- tät ein Kreativbaustein zur Heilung der Seele. 146 Wirtschaft

 

 

 

Andrea Fetzner Andrea Fetzner studierte von 1980 bis 1987 Medizin in Tübingen, Promotion 1987 im Bereich Entwicklungsneurologie, Approbation 1988. Von 1987 bis 1995 war sie als Familienfrau und Mutter von drei Kindern tätig. Von 1995 bis 2007 arbeitete sie als Assistenzärztin in der Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe (Klinik für krebs- und herzkranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) und von 2008 bis 2012 als Assistenz ärztin in der Mediclin Baarklinik und Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld. Nach der Facharztprüfung mit Anerkennung zur Fachärztin für Psycho somatische Medizin und Psychotherapie arbeitete Andrea Fetzner 2012 bis 2013 als Oberärztin in der Mediclin Baarklinik Königsfeld, von 2013 bis 2014 als Oberärztin in der Privatklinik Friedenweiler. Ab Januar 2015 arbeitete sie zunächst als leitende Oberärztin, ab August 2015 als Chefärztin in der Medianklinik St. Georg Bad Dürrheim. Seit 1. August 2021 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin und Chefärztin der Klinik am Doniswald GmbH. Andreas Leschinger Andreas Leschinger studierte Medizin in Köln und Gießen, Promotion im Bereich Neurophysiologie, 1994 Approbation. 1995 Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Magdeburg, Facharzt seit 2001. Im Jahr darauf erhielt er die Legitimation und Facharztanerkennung für das Fach Psychiatrie in Schweden. Dort war er zunächst als Oberarzt, ab 2007 als Chefarzt vornehmlich in der Akutpsychiatrie, sowohl in der stationären als auch ambulanten Versor- gung tätig. Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2015 zunächst oberärztliche Tätigkeit im Vinzenz von Paul Hospital Rottweil. 2017 bis Juli 2021 leitender Oberarzt in der Median Klinik St. Georg in Bad Dürr heim. Jetzt geschäftsführender Gesellschafter und Chefarzt der Klinik am Doniswald GmbH. Ralf Ruchlak Ralf Ruchlak studierte Betriebswirtschaft in Lörrach und in den USA. Fast zehn Jahre war er für die Firma ALDI Süd in der Funktion als Regionalver- kaufsleiter in Süddeutschland und den USA tätig. Zuletzt auch als Prokurist in der Firmenzentrale von ALDI Süd in Mülheim an der Ruhr. Seit 2011 ist Ralf Ruchlak in verschiedenen Managementfunktionen im Gesundheitswesen aktiv. Neben der Leitung diverser Kliniken unter- schiedlichster Fachrichtungen beschäftigte sich Ralf Ruchlak insbesonde- re mit der Sanierung und dem Aufbau von medizinischen Geschäftsfeldern. Beratend oder auch in operativer Funktion unterstützte er verschiedene Insolvenzverwalter bei Insolvenzen im Gesundheitswesen. Ralf Ruchlak ist geschäftsführender Gesellschafter der Klinik am Doniswald GmbH. Klinik am Doniswald 147

 

 

 

75 JAHRE HEZEL GMBH VOM PIONIER ZUM HOCHMODERNEN ENTSORGUNGSFACHBETRIEB von Roland Sprich „Kompetenz rund um Recycling“ – die Firma Hezel aus Mönchweiler gilt als Entsorgungsfachbetrieb auf modernstem Stand und feiert 2023 ihr 75-jähriges Bestehen. Das Unternehmen entwickelte sich aus kleinsten Anfängen heraus zum Universalfachbetrieb für die Verwertung von Abfällen aller Art im gewerblich-industriellen Bereich. Am Beginn dieser Erfolgsgeschichte steht der Schrotthandel von Oskar Hezel, des „Schrottle“, wie die Mönchweiler den Firmengründer und Recycling-Pionier nannten. Heute stehen Uwe Hezel, seine Tochter Tanja und Jürgen Hezel an der Spitze eines über 40 Mitarbeiter großen Unternehmens mit hervorragenden Zukunftsperspektiven. 148

 

 

 

 

 

 

Weil Oskar Hezel das Altmetall anderer Leute einsammelte, bezeichneten ihn die Mönchweiler als „Schrottle“. Aber der Pionier erkannte früh den Wert des Recyclings und besonders von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg gibt ihm alsbald recht. Doch: Der Handel mit Schrott erwies sich als zu- nehmend erfolgreich. Kurz nach dem Weltkrieg war das als „Schrott“ bezeichnete Altmetall bares Geld wert. „Es gab ja nach dem Krieg nichts, aber überall lag Schrott herum“, beschreibt Sohn Jürgen Hezel die damalige Situation. Oskar Hezel wird indes für seine Schrottsammlerei eher belächelt. Die Mönchweiler geben ihm dafür den Spitznamen „Schrottle“. Aber er lässt sich nicht beirren, erkennt als ein Pionier des Recyclings früh den Wert von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg bleibt nicht aus, was auch notwendig ist, denn die Familie hat fünf Kinder zu ernähren. Späne schaufeln ist Schwerstarbeit Schon bald kauft sich Oskar Hezel einen Opel P4, den er zum Pritschenwagen umbaut, um immer Alles beginnt mit der Gründung eines Schrotthan- dels durch Oskar Hezel im Jahr 1948. Der gelernte Formenbauer, Jahrgang 1923, arbeitet in der Aluminiumgießerei in Villingen, wo er unter anderem die Lüfterflügel für die St. Georgener Papst-Motoren gießt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründet der 22-Jährige gemeinsam mit seinem Schwager Fritz Ecker in Hornberg eine eigene Gießerei, in der Kochtöpfe hergestellt werden. Diese tauschte er mit den Bauern in der Umgebung – im Gegenzug dazu erhält er Speck, Käse, Fleisch, Milch und andere Lebensmittel. Noch gibt es die D-Mark als sichere Währung nicht. So erzählt es der älteste Sohn Fritz Hezel. „Dadurch habe es immer genug zu essen gegeben“, erinnert er sich an die Schilderungen des Vaters. Oskar Hezel Das Handeln mit Waren liegt der Familie seit Generationen im Blut. „Schon Oskars Großmutter Katharina war Händlerin, die mit dem Handwagen nach Villingen lief, um dort Kurzwaren einzukaufen, die sie hier am Ort verkaufte“, so Jürgen Hezel weiter, der das Unternehmen heute zusammen mit seinem Bruder Uwe und dessen Tochter Tanja führt. Im Jahr 1950 wird die Gießerei Hezel & Ecker aufgegeben. Oskar Hezel entwickelt eine neue Geschäftsidee: Er erwirbt einen selbstfahrenden Claas-Mähdrescher und ist damit in der gesamten Region unterwegs, um das Korn der Bauern in Lohn- arbeit zu dreschen. Nebenher baute Oskar Hezel einen Schrotthandel auf, der zunächst nur als ein „Notnagel“ galt, um ein bisschen Geld zu verdienen, wenn nichts anderes mehr ging. Auf der Gewerbeschau Mönchweiler im Jahr 2007 wurde ein Fahrzeug nachgestellt, wie es etwa Oskar Hezel zu Be- ginn seiner Karriere hatte. Im Original war es ein Opel P4 Pritschenwagen, Familie Hezel zeigte einen Ford Model A mit Pickup-Aufbau. 150 Wirtschaft

 

 

 

1970er-Jahre zu florieren beginnt, braucht Oskar Hezel Unterstützung. So steigt der gelernte Reise- bürokaufmann Jürgen Hezel nach seiner Bundes- wehrzeit 1976 in das Unternehmen ein. Und 1982 gibt ebenso Sohn Uwe Hezel seinen Beruf als Maschinenschlosser bei J. G. Weisser in St. Georgen auf und bringt sich gleichfalls in das väterliche Unternehmen ein. 1988 dann übergibt Oskar Hezel die Firmenleitung an drei seiner Kinder. Er bleibt jedoch weiterhin in beratender Funktion an der Entwicklung des Unternehmens beteiligt, bis er 1994 stirbt. Bis heute bilden die Kinder – und mittlerweile auch Enkeltochter Tanja – die Führungsspitze der Firma Hezel. Jürgen und Uwe Hezel sind gemeinsam mit ihrer Schwester Angelika ebenso die Gesellschaf- ter des Unternehmens. Die jüngste Schwester Angelika kam 1984 hinzu, hat sich allerdings vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurück- gezogen. Sie war jedoch all die Jahre maßgeblich an der Gestaltung der Firmengeschicke beteiligt. „Oskar räumt alles auf“ – Zeitungsanzeige aus den 1970er-Jahren für den Entrümpelungs-Service von Oskar Hezel. größere Mengen an Altmetall einsammeln zu können. Neben dem Erwerb von Schrott von Privatkunden beginnt Oskar Hezel jetzt auch damit, Metallabfälle aus den umliegenden Firmen der aufstrebenden metallverarbeitenden Industrie zu erwerben. Die Verwertung dieser Späne ist indes ein gewaltiger Kraftakt. „Das war Schwerstarbeit, denn zu Beginn mussten die Metallspäne von Hand auf den Pritschenwagen geschaufelt werden“, beschreibt Uwe Hezel den Knochenjob, den sein Vater leisten musste. Die Ära des „Waldcafé Hezel“ Oskar Hezel versucht noch immer, sich nicht nur auf eine Einnahmequelle zu verlassen. So entwickelt er Ende 1963 die Idee, ein Café zu betreiben, das er im eigenen Wohnhaus in der Oberen Mühlenstraße einrichtet. Das „Waldcafé Hezel“ existierte bis 1971. Das Wohnhaus ist bis heute in Familienbesitz und liegt nur einen Steinwurf vom alten Betriebsgelände entfernt. Nach der Schließung des Cafés konzentriert sich Oskar Hezel vollends auf die Erweiterung seines Schrotthandels und bietet darüber hinaus einen Ent- rümpelungsservice an: „Oskar räumt alles auf – vom Keller bis Speicher“ lautete die Anzeige, mit der er in den hiesigen Zeitungen um Kunden warb. Drei Kinder steigen ins Geschäft ein Der Schrotthandel beeinflusst auch die beruflichen Werdegänge der beiden jüngeren Söhne des Fir mengründers. Als das Geschäft Mitte der Die Geschäftsleitung in den 1980er-Jahren, von links: Die Geschwister Uwe, Angelika und Jürgen Hezel. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 151

 

 

 

Heute gehört mit Tanja Hezel, Tochter von Uwe Hezel, ebenso ein Enkelkind des Firmengrüders der Geschäftsführung an. Tanja Hezel ist seit 2011 im Unternehmen tätig und verantwortet unter anderem die Personalleitung, das Marketing und die Kunden- betreuung (s. S. 157). Oben, die Geschäftsleitung im Jubiläumsjahr: Uwe, Tanja und Jürgen Hezel vor dem Eingangsportal des Verwal- tungsgebäudes das mit den Maskottchen der Firma Hezel bestückt ist, den Ameisen. Unten: Die 19.000 Quadratmeter große Recycling-Halle und das Verwaltungsgebäude. Entsorgung von „A“ wie Altpapier bis „Z“ wie Zink Die Firma Hezel entsorgt praktisch alles. Von „A“ wie Altpapier über „E“ wie Elektronikschrott bis „Z“ wie Zink. Hezel kümmert sich um die fachgerechte Entsorgung von insgesamt über 360 unterschiedlichen Materialien, die in Industriebetrieben anfallen. Lediglich Sprengstoffe, radioaktive Substanzen und Tierkörper werden 152 Wirtschaft

 

 

 

Oben: Ein Hezel-Fahrzeug liefert neues Recycling-Material an. Unten: Das Team der Firma Hezel GmbH – manch einer ist schon über 25 Jahre dabei. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 153

 

 

 

bei Hezel nicht angenommen. Die Kernkompetenz ist auch heute noch das Recycling von Schrott und Metall, was 60 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Als eines der ersten Recyclingunternehmen 1997 als Entsorgungsfachbetrieb zertifiziert. Gesamtentsorgungsunternehmen zu sein, bedeutet eine Menge Know-how, hohe Verantwortung und eine umfangreiche Logistik, um die unterschiedlichs- ten Anforderungen bei der Abfallentsorgung zu gewährleisten. Um das stetig steigende Aufkommen an recyclingfähigem oder zur endgültigen Entsor- gung bestimmtem Material bewältigen zu können, erweiterte Hezel 2008 seine Betriebsfläche. Heute Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit des Materials um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung. Jürgen Hezel mit Kupfergranulat, das aus Kabel abfällen gewonnen wurde (kleines Bild). agiert das Unternehmen auf 30.000 Quadratmetern. Pro Jahr werden rund 50.000 Tonnen Material umgeschlagen. Bei steigender Tendenz. „Das entspricht etwa dem Gewicht von 8.300 Elefanten“, zeigt Tanja Hezel die Dimension auf. Herzstück auf dem Grundstück im Mönchweiler Gewerbegebiet Egert ist eine 19.000 Quadratmeter große und 16 Meter hohe Halle. Hier werden sämtli- che Abfälle, insbesondere Metalle und weitere Wert- stoffe wie Holz und Papier, angeliefert, begutachtet, sortiert und entweder zur Wiederaufbereitung in Stahl- und Schmelzwerke oder zur Energiegewin- nung in Verbrennungsanlagen transportiert. Nur we- nige Abfälle werden noch deponiert. „Bei uns liegt kein Stück Abfall unter freiem Himmel“, so Jürgen Hezel. Wertschöpfung durch Materialtrennung Ein positives Beispiel in Sachen Wertschöpfung kann Hezel bei der Gewinnung von Kupfer aus alten Stromleitungen vorweisen. In einer speziellen Granu- lieranlage wird die Gummiummantelung von den Kupferleitungen getrennt. Das reine Kupfer wird zu 154 Wirtschaft

 

 

 

Granulat verarbeitet und anschließend in Gießereien wieder eingesetzt. „Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung“, sagt Jürgen Hezel. Beachtlicher Fuhrpark und eigenes Feuerwehrauto Der Fuhrpark ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angewachsen. Aktuell umfasst er 18 Fahrzeuge, in erster Linie Containerfahrzeuge, aber auch einen eigenen Saug- und einen Pressmüllwagen sowie ein Hebebühnenfahrzeug. Sogar ein eigenes Feuerwehr- fahrzeug mit einem 8.000 Liter-Wassertank gehört zum Fuhrpark. „Das Fahrzeug dient der Bekämpfung interner Brände und um diese in Schach zu halten, bis die Feuerwehr eintrifft“, wie Tanja Hezel sagt. Angeschafft wurde es zur eigenen Sicherheit und Risikominimierung. „Seit wir das Feuerwehrauto haben, kam es zu keinen größeren Bränden mehr“, ist die Juniorchefin erleichtert. Apropos Feuerwehr: Seit 2019 ist die Hezel GmbH offiziell „Partner der Feuerwehr“. Diese besondere Auszeichnung des Feuerwehrverbandes erhielt das Unternehmen für die regelmäßige Bereitstellung des Firmengeländes sowie von Altfahrzeugen für techni- sche Übungen der Feuerwehr Mönchweiler. Mitte: Container mit einer fleißigen Ameise. Unten: Styroporpressling. Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisenstaat nicht überleben könnte. Maskottchen. „Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisen- staat nicht überleben könnte. Übertragen auf unser Unternehmen wäre ohne die Tätigkeit jedes einzel- nen Mitarbeiters der komplette Ablauf nicht mög- lich“, erläutert Tanja Hezel die Sinnhaftigkeit des Maskottchens. Fleißig wie die Ameisen Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich um die fachge- rechte Entsorgung des Materials. Jeder Einzelne trägt in seinem jeweiligen Tätigkeitsbereich täglich dazu bei, die Umwelt ein Stück sauberer zu machen. Nicht umsonst ist auch die Ameise seit vielen Jahren das Ein Ansprechpartner für alle Kundenbelange Service und Kundenzufriedenheit stehen bei der Firma Hezel ganz oben. „Wir wollen ein Gesamtent- sorger sein und alles entsorgen, was ein Betrieb zu entsorgen hat“, sagt Tanja Hezel. Zum besonderen Kundenservice gehört hier, dass der Kunde nur einen Ansprechpartner für all seine Belange hat.“ Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 155

 

 

 

Diese Unternehmensphilosophie hat Bestand. „Viele Betriebe begleiten wir als Entsorgungspartner seit deren Anfängen. Angefangen als Garagenbetrieb sind heute große, namhafte Firmen daraus gewor- den. Deshalb schätzen wir jeden einzelnen Kunden“, gibt Uwe einen Einblick in die Firmenphilosophie. Nicht nur die Wertschätzung der Kunden, auch die der Mitarbeiter liegt der Familie Hezel am Her- zen. Das spiegelt sich auch in der Treue der Mitar- beiter zu ihrem Arbeitgeber wider. „Wir haben Kolle- gen, die seit über 25 Jahren bei uns sind“, sagen die Hezels stolz. Beispiel Schrott und Metalle: Um aus Erzvorkommen Stahl herzustellen, dauert das in modernen Hoch- öfen drei Stunden. Das Einschmelzen von Schrotten im Elektroofen dauert hingegen nur eine halbe Stunde, was den Energieverbrauch um 75 Prozent reduziert und etliche Millionen Tonnen CO2 einspart. Unternehmen wie die Hezel GmbH leisten somit einen erheblichen Beitrag zum Umweltschutz. Um hier auch in Zukunft gut aufgestellt zu sein und weiterhin einen wertvollen Beitrag zu leisten, trägt die Firma Hezel in Mönchweiler täglich mit Ihrer Dienstleistung zum Wohl der Bürger im Schwarzwald- Baar-Kreis und weit darüber hinaus bei. Wichtiger Beitrag zum Umweltschutz Dass Oskar Hezel mit der Gründung seines Altmetall- handels vor 75 Jahren einen wichtigen Baustein im Bereich Recycling gelegt hat, mag ihm damals sicher so nicht bewusst gewesen sein. In Zeiten knapper werdender Ressourcen und des Umweltschutzes leistet die Firma Hezel heute einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Das zeigt sich allein am Der beachtliche Fuhrpark der Firma Hezel mit eigenem Feuerwehrauto. 156 Wirtschaft

 

 

 

Tanja Hezel vielfach engagiert Mit Tanja Hezel arbeitet Hezel trotz des lockeren „Du“ zwischen Chefin und Angestellten der Respekt der Mitarbeiter sicher, den sie sich durch Leistung und harte Arbeit verdient hat. Die heute 36-Jährige ist zudem seit 2020 Mitglied im Organisa- tionsteam des Frauenwirtschafts- forum, eines Unternehmerinnen- Netzwerkes unter dem Dach des Steinbeis-Instituts aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und darüber hinaus. Des Weiteren setzt sie sich für karitative Pro- jekte ein zum Beispiel half sie den Erdbebenopfern in Kroatien mit einer Spende. Und noch eine Tätigkeit übt die Unternehmerin aus. Sie ist seit einiger Zeit auch als ehrenamtliche Richterin am Arbeitsgericht in Villingen tätig. Wer so viel arbeitet und sich zum Wohl anderer engagiert, der braucht auch ein entspannendes Hobby. Und da fällt der Apfel offenbar nicht weit vom Stamm. So wie ihr Vater Uwe ist Tanja Hezel ein begeisterter Fan alter Fahrzeuge und fährt und pflegt Oldtimer, die sie unter anderem als Hochzeitsautos samt Chauffeur zur Verfügung stellen. heute mittlerweile die dritte Generation des Familienunternehmens mit. Ihr beruflicher Werdegang ist beeindruckend: Nach der Haupt- schule besuchte sie zunächst die Berufsfachschule sowie das Wirtschaftsgymnasium an den Zinzendorfschulen in Königsfeld. Anschließend folgte ein Studium an der Hochschule Furtwangen im Studiengang internationale Betriebswirtschaft (International Business). Inklusive eines sechs- monatigen Praktikums bei einem Automobilhersteller in Barcelo- na, wo sie im Bereich Personal- entwicklung tätig war. Das Studium führte Tanja Hezel auch für ein Aus- landssemester nach Montreal, Kanada. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie zudem ihr Masterstudi- um bei der Steinbeis-Hochschule-Berlin an der Busi- ness School Alb-Schwarzwald abgeschlossen und ist jetzt Master of Business Administration, kurz MBA. Wenngleich sie das jüngste Mitglied auf Geschäftsfüh- rungsebene ist – seit 2018 hat sie Prokura – so ist Tanja Tanja Hezel vor ihrem Ford A. Das Fahrzeug in der seltenen Berliner Taxiausführung aus den 1930er-Jahren ist eine außer ordentliche Rarität. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 157

 

 

 

DIE WILHELM STARK BAUSTOFFE GMBH SEIT 90 JAHREN ERFAHRENER PARTNER VON HANDWERKERN UND BAUHERREN von Wilfried Strohmeier 158 158 Wirtschaft

 

 

 

Das Geschäftsführer- Trio der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH von links: Michael Stark, Christian Stark und Udo Bohnerth am STARK Hauptsitz in VS-Villingen. 159

 

 

 

Begonnen hat alles im Elternhaus in Döggingen, wo Wilhelm Stark seine Baumaterialien handlung vor 90 Jahren begründete. Heute führt die Wilhelm Stark Baustoffe GmbH an sieben Standorten vom Mauerstein bis zum Parkettboden etwa 50.000 Artikel, die allesamt dazu gedacht sind, zu einem gemütlich- schönen Zuhause beizutragen. Im Jubiläumsjahr steht die bereits dritte Generation der Familie Stark in der Verantwortung für das Unternehmen, das über 100 Mitarbeiter beschäftigt. Die Kunden sind zu einem Drittel Endverbraucher und private Bauherren – zu zwei Drittel Bau-Profis und Handwerksbetriebe. Geboren im Jahr 1908, startete der Firmengründer Wilhelm Stark im Jahr 1926 mit viel Elan seine kaufmännische Lehre im Wolterdinger Ziegelwerk der Gebrüder Bott. Doch nur ein Jahr nach Beginn der Ausbildung veräußerte das Bruchsaler Unternehmen seine Nebenstelle in Wolterdingen. Der neue Inhaber vermochte das Ziegelwerk keine zwölf Monate zu halten und es kam aus der Konkursmasse heraus zum Verkauf an das Schwenninger Ziegel- werk. Wilhelm Stark schloss seine in Wolterdingen begonnene Lehre zum Kaufmann schließlich beim nunmehr dritten Eigentümer an dessen Hauptsitz in Schwenningen ab. Doch 1931 ging auch das Schwen- ninger Ziegelwerk in Folge der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Und für den gerade 23-jährigen Wilhelm Stark stand als junger Kaufmann eine existenzielle Frage im Raum: Wie soll es weitergehen? Stammsitz in Döggingen 1933 kam es somit zur Gründung der Baumaterialienhandlung in seiner Heimatgemeinde Döggingen am Rande des Schwarzwalds. Von zu Hause aus belieferte Wilhelm Stark die Baufirmen im Raum Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen und im Hochschwarzwald mit Baustoffen aller Art. Das Jahr 1933 wird in der Geschichte des inhabergeführten Unternehmens auch als das Gründungsjahr gesehen und Döggingen als Stammsitz. Der juristische Hauptsitz der Firma ist seit Anfang der 1950er-Jahre in Villingen. Der Firmengründer erinnerte sich bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen seines Unternehmens an die Anfänge. An die Zeit, zu der er mit dem Motorrad den ganzen Schwarzwald bereiste, von Hinterzarten bis Furt wangen und bis in den Hegau nach Engen. Doch bald stieg er um, kaufte 1934 einen gebrauchten Mit dem Motorrad in der Region unterwegs Er wandte sich an seinen ehemaligen Lehrherren, die Firma Bott. Und für diese arbeitete er nun als Handelsvertreter auf Provisionsbasis. Mit einem Motorrad besuchte er mögliche Kunden und dadurch kam nach seiner kaufmännischen Lehre ein zweiter Pfeiler für die spätere Selbstständigkeit hinzu: Er bekam Kontakte in die gesamte heimische Baubran- che. Und es lag nahe, zusätzlich zu den Ziegeln der Firma Bott auch Baustoffe ins Sortiment aufzuneh- men, die stark nachgefragt waren. Das mütterliche Elternhaus, der STARK Stammsitz seit 1933 in Döggingen. 160 Wirtschaft

 

 

 

Opel 4/20 mit Allwetterverdeck. Und wenig später hatte er auch einen großen Erfolg als Handelsvertre- ter: Die meisten der zahlreichen Kasernenbauten in Donau eschingen wurden in den 1930er-Jahren mit Bott-Ziegeln gedeckt – der Verkauf erfolgte durch Wilhelm Stark. Nach den Anfangserfolgen stellt der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Unternehmen vor neue Herausforderungen: Wilhelm Stark wurde im August 1939 zur Luftwaffe eingezogen. Seine Ehefrau Lina, die er Ende 1938 geheiratet hatte, versuchte den Baustoffhandel so gut es ging aufrecht zu erhalten, was in Anbetracht des Krieges über weite Zeitspan- nen nur eingeschränkt möglich war. Sechs Jahre sollte es dauern, bis der Unternehmer 1945 aus dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft nach Hause zu- rückkehrte. Der Baustoffhandel wurde unter schwie- rigsten Umständen wieder aufgenommen. Materialknappheit nach dem Krieg Nach dem Krieg begannen die Aufbaujahre des Unternehmens und diese standen in den ersten Jahren noch im Zeichen der Not der Nachkriegszeit. Die Region befand sich unter französischer Wilhelm Stark (1908 – 2001) Ehefrau Lina versuchte den Baustoffhandel zur Zeit des Zweiten Weltkrieges so gut es ging aufrecht zu erhalten. Der Fuhrpark der Firma Wilhelm Stark in den 1950er-Jahren, bestehend aus einem Borgward und einem Mercedes-Benz. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 161

 

 

 

men. Auch wurde er 1948 zum ersten Bürgermeister der damals selbstständigen Gemeinde Döggingen gewählt. Das Amt gab er 1952 auf, um sich ganz auf seinen Baustoffhandel zu konzentrieren. In die Währungsreform ging er mit einem Lager- bestand von 1.100 Mark, er musste von allen Ver- wandten und Bekannten Geld zusammensammeln, um seinen ersten Waggon Zement kaufen zu können. Vom ersten Lkw zum ersten Firmengebäude Ab 1949 ging es voran. Wilhelm Stark kaufte den ersten Lkw und in den Jahren danach vergrößerte er sukzessive den Fuhrpark. Und noch etwas erkannte er: Von Döggingen aus könnte es langfristig schwie- rig werden, die Kunden zu bedienen. 1953 pachtete er eine Fläche in Villingen und 1954 errichtete er dort das erste Firmengebäude. Villingen wurde zum Hauptsitz des Unternehmens, der Stammsitz Döggingen wird seitdem als Filiale geführt. Diese erste Fläche von damals ist heute noch ein Teil des Firmensitzes, der im Laufe der Zeit immer wieder erweitert wurde. In den Folgejahren festigte Wilhelm Stark sein Unternehmen, das hieß Messe- auftritte zu absolvieren, bei denen der Chef selbst den Stand betreute und Informationsfahrten zu Kunden und Zulieferern zu unternehmen. Über den wirtschaftlichen Erfolg vergaß er aber auch seine Mitarbeiter nicht, so ist beispielsweise bereits für das Jahr 1957 ein Firmenausflug dokumentiert. Die zweite Stark-Generation In den 1960er-Jahren stellte der Baustoffhändler die Weichen für den Fortbestand des Unternehmens: Die Kinder Gertrud und Werner traten als Gesellschafter ein. Ende der 1960er-Jahre konnte in Villingen zudem ein Teil des Geländes der ehemaligen Baufirma J. Treinen erworben werden. Diese lag in der angrenzen- den Nachbarschaft und so war es möglich, das Unternehmen am Hauptsitz räumlich zu erweitern. In den 1970er-Jahren erfolgte die weitere Expansi- on – vor allem im Schwarzwald-Baar-Kreis. 1973 wurde eine Filiale in der Weiherdammstraße in Furtwangen eröffnet, ein Jahr später erfolgte die Umfirmierung von Wilhelm Stark KG zur Wilhelm Stark GmbH & Co. KG. Sohn Werner Stark und Schwieger sohn Detlef Koop wurden zu Geschäftsführern berufen. Bei der Gewerbe-Ausstellung in Donaueschingen wurde 1952 neben vielen Baustoffen auch das neue Logo von „Baustoffe STARK“ präsentiert. Im Jahr 1954 eröffnete Wilhelm Stark die erste Filiale am heutigen Stammsitz in der Singener Straße in VS-Villingen. Besatzung und zu bekommen war so gut wie nichts – außer man legte selbst Hand an oder beschaffte sich Material durch „Hamstern“. Wollte er Gips, so erinnerte sich Wilhelm Stark, musste er diesen in Ewattingen unter Tage im Bruch selbst abbauen. In Dotternhausen war der Kalk lose auf dem Hänger zu holen – gegen Lieferung von Brennholz oder Essbarem. Wurde Wilhelm Stark auf dem Rückweg jedoch von einem Gewitter über- rascht, hatte er Mörtel statt Gips auf seinem Hänger liegen, Planen zum Abdecken gab es keine. Im heimischen Lager musste dann alles in die mitge- brachten Säcke der Kundschaft abgefüllt werden. Der Firmengründer besaß trotz der schwierigen Rahmenbedingungen viel Weitsicht und Mut. So kaufte er 1947 mit Erlaubnis der französischen Besatzungsmacht zwei Opel Blitz-Wracks und baute aus diesen ein funktionierendes Fahrzeug zusam- 162 Wirtschaft

 

 

 

Eröffnung des Neubaus in Villingen am 18. Oktober 1975. Von links: Die Geschäftsführer Detlef Koop (Schwiegersohn von Wilhelm Stark), Wilhelm Stark sowie Werner Stark mit dem Vertreter der IHK Kurt Kositzke und dem Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Gerhard Gebauer. Rechts: Senior-Chef Werner Stark im Villinger Büro. Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe und Erweiterung in Villingen Ein markanter Punkt der Firmengeschichte bildete die im Jahr 1973 geschlossene Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe aus Karlsruhe. Durch die persönliche Bekanntschaft des Firmengründers mit einem der leitenden ZG-Mitarbeiter wurde der Grundstein für eine bis heute dauernde und erfolg- reiche Kooperation gelegt, in deren Folge sich die ZG Raiffeisen-Gruppe paritätisch an der weiterhin familiär geprägten Firma STARK beteiligte. Vor allem im Bereich des Einkaufs nutzt man die gemeinsame Stärke als einer der großen Akteure im badischen Baustoffhandel. Im Oktober 1975 eröffnete die dadurch noch stärker gewordene Firma STARK ihre grundlegend erweiterte Niederlassung in Villingen mit großer Ausstellung und SB-Baumarkt. Sechs Jahre später konnten die Firmen Hermann Götz mit Standorten in Immendingen und Tuttlingen sowie die Firma Christians & Thiele in VS-Villingen übernommen werden. Weitere Standorte kommen hinzu Weitere Ereignisse in der Firmengeschichte waren im Jahr 1994 die erneuerte Ausstellung am Standort Tuttlingen, im Jahr 2005 die Übernahme der Hauptsitz von STARK in VS-Villingen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 163

 

 

 

ZG-Baustoffabteilung am Standort St. Georgen sowie im Jahr 2010 der Bezug des neu errichteten Ver- kaufs- und Ausstellungsgebäudes am Hauptsitz in Villingen. Mit der Übernahme der Baustoff- und Holzabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in Donau- eschingen im Jahr 2015 wurde der siebte STARK-Standort etabliert und damit die Marke von 100 Mitarbeitern überschritten. 2019 konnte das neu erbaute Büro- und Verkaufsgebäude in Immendingen eingeweiht werden; die heitere Festrede wurde vom damaligen Justizminister Guido Wolf MdL gehalten. Im Jahre 2021 wurden die komplett sanierten Räumlichkeiten am Standort St. Georgen eröffnet. Wegen der Corona-Problematik musste auf eine feierliche Eröffnung jedoch verzichtet werden. Das STARK-Logo gibt es seit 1952 Schon 1952 bekam das Unternehmen ein eigenes Logo; zu einer Zeit, in der Firmen vergleichbarer Größenordnung für solche Marketingmaßnahmen STARK-Logo 1952 STARK-Logo 1967 STARK-Logo seit 2008 noch selten Geld ausgaben. Und es beinhaltete damals schon das STARK-Männchen mit den kräfti- gen Armen. Im Laufe der vergangenen 70 Jahre seit der Einführung gab es zwar kleine Änderungen, doch dieses Signet wurde in seiner Grundform stets beibehalten und nur in Nuancen verändert. Auch die Schriftart passt dazu – kräftig und solide. Baustoffe und Dienstleistungen auf über 50.000 Quadratmetern Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Firma STARK zu einem soliden Partner für Handwerker und Privat- personen entwickelt. Man führt Baustoffe, die alle Bereiche abdecken: vom Hochbau über den Tiefbau und Innenausbau bis zum Garten- und Landschaftsbau. Dach-Baustoffe und Dämmung können genauso bezogen werden wie Fliesen für Bad, Wohnbereich und Terrasse. Zum leis- tungsfähigen Fuhrpark gehören zwölf eigene Liefer- fahrzeuge, die teils über Kräne und Mitnahmestapler verfügen. Neben der Lieferung von Baustoffen bietet der STARK Baustoff-Fachhandel auch eine große Palette an Dienstleistungen, die von Mietgeräten über Hand- werker-Seminare bis zum Farbmischservice reicht. Das gesamte Sortiment sowie der Dienstleistungs- sektor wuchs über die Jahrzehnte zu einem soliden, breit ausgebauten Angebot in mehreren Abteilungen: Tiefbau und Entwässerung; Hochbau und Sanierung; Holz und Platten; Dach, Dämmung und Fassade; Natur steine und Garten-Landschaftsbau; Fliesen und Sanitär; Trockenbau, Putze und Wärmedämmver- bundsysteme; Türen, Tore, Parkett & Co.; Maschinen sowie Geräte und Werkzeuge. Eine Ausstellung in Sachen Natursteine ergänzt das Sortiment und ein weiterer Produktbereich sind Photo voltaiksysteme. Insgesamt verfügt das Unternehmen STARK an seinen sieben Standorten über mehr als 50.000 Qua- dratmeter Fläche und 50.000 verschiedene Artikel im Angebot. Das bedeutet eine hohe Verfügbarkeit vor Ort aus der eigenen Lagerhaltung. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, aufgrund eines leistungs- fähigen Netzwerks auf verschiedene Zentrallager zurückgreifen zu können. Wollen die Privatkunden nicht selbst Hand anlegen beim Bau oder der Sanie- rung, vermittelt das Unternehmen auch Handwerker für die einzelnen Gewerke. 164 Wirtschaft

 

 

 

Am Hauptsitz in Villingen bietet STARK neben dem großen Baustoff-Lager eine attraktive Ausstellung mit so gut wie allem, was man zum Bauen braucht – bis hin zu Natursteinen. Neben umfassender Beratung ist auch Service bei der Auslieferung der Baustoffe selbstverständlich. 165

 

 

 

Mitarbeiter kennen die Materie Um die Kunden adäquat zu dieser großen Produkt- palette beraten zu können, benötigt es ausgewiesenes Fachpersonal. Und hier kann das Unternehmen auf seine jahrzehntelange Erfahrung und die oft selbst ausgebildeten Mitarbeiter zurückgreifen. Unter den ca. 100 Mitarbeitern befinden sich auch zehn Auszu- bildende. Doch Erfahrung allein genügt nicht: Technische Neuerungen, neue Produkte und Weiter- entwicklungen erfordern eine permanente Fortbil- dung. Umfassenden Service und Informationen zum Thema Bauen und Baustoffe finden Interessierte auch auf der Homepage www.alles-zum-bauen.de. Dabei geht um das Sortiment und außerdem um Informati- onen zu Dämmstoffen, Energiesparen im Eigenheim, Finanzierungen, ressourcenschonendem Bauen, Sanieren sowie Nachhaltigkeit und Vielem mehr. Das Lebenswerk wird fortgeführt Nachhaltigkeit war von Anfang an ein wichtiges Kriterium bei der Aufbauarbeit des Firmengründers: Wilhelm Stark stellte mit Weitblick früh die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Um sein Lebenswerk fortzuführen, band er seinen Sohn Werner und den Schwiegersohn Detlef Koop in die Geschäftsführung ein. Er selbst war bis ins hohe Alter für sein Unter- nehmen aktiv. Und die zweite Generation hielt es ebenso – auch Werner Stark hat im „Unruhestand“ sein eigenes Büro und ist jede Woche mehrfach an seinem Schreibtisch anzutreffen. Heute stehen Christian und Michael Stark als geschäftsführende Gesellschafter in der Verantwortung, wie auch Geschäftsführer Udo Bohnerth. Sowohl die Familie Stark, die Mitgesellschafter und das gesamte STARK-Team freuen sich sehr, dass man im Jahr 2023 das 90-jährige Bestehen des Baustoffhandels am Stammsitz in Döggingen feiern kann. Zufällig in dem Jahr, in dem auch die Heimat- gemeinde Döggingen ihr 900-jähriges Jubiläum begehen wird. Die STARK Filialen im Schwarzwald-Baar- Kreis, von oben nach unten: Döggingen, Donaueschingen, Furtwangen und St. Georgen. 166 Wirtschaft

 

 

 

Geschichte der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 1908 Geburt von Wilhelm Stark als Sohn von Wilhelmine Stark und des Dögginger Oberlehrers Karl Stark. 1933 Gründung der Baumaterialienhandlung in Döggingen. 1936 Eintrag in das Handelsregister. 1952 Eröffnung einer Filiale in VS-Villingen. 1954 Verlegung des Hauptsitzes von Döggingen nach Villingen, Döggingen wird zur ersten Filiale. 1973 Eröffnung der Filiale in Furtwangen; Werner Stark und Schwiegersohn Detlef Koop werden zu Geschäftsführern ernannt. 1981 Kauf der Fa. Götz mit Niederlassungen in Tuttlingen und Immendingen sowie der Firma Christians & Thiele in Villingen. am Standort Tuttlingen. 1994 Umbau und Neukonzeption der Ausstellung 1997 Umzug der Filiale Furtwangen nach Gütenbach-Neueck 1999 Detlef Koop wechselt in den Ruhestand; Paul Mäder wird zum weiteren Geschäftsführer berufen. 2001 Tod des Firmengründers Wilhelm Stark in seinem Heimatort Döggingen. 2005 Übernahme des Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in St. Georgen. 2010 Bezug des neu errichteten Büro- und Verkaufsgebäudes am Standort Villingen. 2011 Umzug der Filiale Gütenbach-Neueck „zurück“ nach Furtwangen. 2012 Christian Stark wird zum Geschäftsführer ernannt; Michael Stark zum Prokuristen. Werner Stark zieht sich als Geschäftsführer zurück, steht als Senior-Chef dem Unternehmen aber weiterhin zur Verfügung. 2015 Übernahme der Holz- und Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe am Standort Donaueschingen (siebter STARK-Standort). 2017 Michael Stark und Udo Bohnerth werden zu weiteren Geschäftsführern bestellt. 2019 Einweihung des Neubaus am Standort Immendingen. 2021 Komplettsanierung der Räumlichkeiten in St. Georgen. 2023 Jubiläum zum 90-jährigen Bestehen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 167

 

 

 

DER STOLZ VON VILLINGEN – DIE MÜNSTERTÜRME UND IHR PRACHTVOLLES GELÄUT Das Münster Unserer Lieben Frau ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen aus dem 15. und 16. Jahrhundert das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befin- den sich ein neunstimmiges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeutschen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut, von denen die älteste – die gotische Taufglocke, auch Alphabetglocke genannt – aus dem 14. Jahrhundert stammt. von Bernd Möller mit Fotos von Michael Stifter 168 5. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Blick aus dem Nordturm des Villinger Münsters, vorne der Südturm. 169

 

 

 

Andreas Franz Turner erklärt in der Sakristei den Glockenplan. Wie besteigt man die Villinger Münster- türme? Was für ein Mensch wird das sein, der einen hinauf begleitet, und wie wird jemand Mesner? Also eine Art Hausmeister an einem so ehrwürdigen, sakralen Gebäude wie der Villinger Hauptkirche, dem das Stadtprofil so prägenden „Münster Unserer Lieben Frau“? Diese Fragen treiben mich vor allem um, als ich Andreas Franz Turner im Sommer 2022 meinen Besuch abstatte. Mesner, Mesmer, Mößmer, Küster, aber auch Türmer oder Glöckner – diese Berufsbezeichnung kommt in vielen Varianten vor. Das Mesnerhaus, die Küsterwohnung, taucht bei fast jedem alten sakralen Bau auf, sei es ein Dom, eine Kathedrale, ein Münster oder auch nur eine einfache Stadtkirche, ja sogar bei manch einer größeren, wichtigeren Kapelle. Auch als Familiennamen kommen sie nicht sel- ten vor. Wie bei anderen immer rarer werdenden Berufen, beispielsweise Müller und Schmied, Sattler, Rademacher, Wagner und Seiler ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass Mesner früher nicht nur wich- tig, sondern auch weit verbreitet waren und einen festen Platz in unserer Gesellschaft hatten. Ich treffe einen Endfünfziger, anfangs eher zurück- haltend, dann aber im Gespräch immer lebhafter wer- dend, voller Wissen um Daten und Zahlen, Geschichte und Geschichten mit einem eigenen Humor, und eines war ganz schnell klar: Sein Herz hängt am Geläut, an den Glocken und am Glocken spiel des Münsters. Seit 21 Jahren betreut Andreas Franz Turner hauptamtlich das Villinger Münster, dazu die Benediktinerkirche und auch die Loretto kapelle an der Hammerhalde. Auf meine Frage, wie man zu einem solchen Beruf komme, hatte er eine verblüffende Erklärung: Der gebürtige Saarländer entwickelte schon in seinen Tagen als Ministrant eine Begeisterung für Glocken und ihren liturgischen Einsatz – für Kirchen- kunst allgemein. Schon als Bub sei er sonntags mit dem Rad durch die Landschaft gefahren und habe mit seinem Rekorder die Geläute der verschiedens- ten Kirchen aufgenommen, sie miteinander vergli- chen, ebenso ihre Geschichte, ihre Glockengießer und alles, was er dazu in Erfahrung bringen konnte. Obwohl er beruflich als chemisch-technischer Assistent z.B. in Wiesbaden und im Rheinland ganz andere Wege ging, ließ ihn diese Leidenschaft nicht mehr los. Er betrieb sie in seiner Freizeit weiter. 170 Geschichte

 

 

 

Der Nord- und Südturm des Villinger Münsters. 171

 

 

 

Die Glocken des Münsters Name Gießer Gussjahr Masse Christus Salvator F. W. Schilling, Heidelberg 1954 5.400 kg St. Jakobus Karlsruher Glockengießerei 1985 3.651 kg Maria St. Josef Johannes d.T. Peter und Paul Nikolaus von Flüe St. Pius X. Schutzengel Taufglocke / Sturmglocke F. W. Schilling, Heidelberg 1954 2.065 kg 1.389 kg 1.098 kg 617 kg 508 kg 336 kg 290 kg unbekannt ~14. Jh. – Unten: Die von Bildhauer Klaus Ringwald 1985 gezierte Jakobus glocke trägt neben weiteren Motiven, die sich auch auf den Münsterportalen finden, die Inschrift: „Heiliger Jakobus Patron der Pilger und Straßen rufe die Völker Euro- pas zur Einheit in Freiheit.“ Und so inserierte er eines Tages kurz entschlossen im Konradsblatt sein Interesse an einer Tätigkeit als Mesner. Zwei kleine Inserate haben gereicht: Nun konnte er in Villingen seinen lang gehegten Wunsch tatsächlich verwirklichen. Und was macht ein Mesner nun genau? Die Berufsbezeichnung „Mesner“ kommt vom lateini- schen „mansionarius“ und bedeutet ähnlich wie die alternative Bezeichnung „Küster“ (von lateinisch „custos“) Haushüter, Hüter oder Wächter. Und das ist mehr als ein Hausmeister, der lediglich für die Betreuung eines Gebäudes zuständig ist. Mesner sein ist ein kirchliches Amt. Hierzu gehören einer- seits Verwaltung, Überwachung, Instandhaltung, Reinigung des Gebäudes sowie die Vor- und Nach- bereitung des Kirchenraumes und der Sakristei für den jeweiligen Gottesdienst – und vieles mehr. Für eine hauptamtliche Anstellung ist in der Regel eine Ausbildung erforderlich, die liturgische, spirituelle und kirchenorganisatorische Themen genauso um- fasst wie praktisch-handwerkliche Tätigkeiten. Die Glocken des Münsters – Neunstimmiges Geläut plus Sturm- und Taufglocke Und zu den Aufgaben des Mesners gehört eben auch die Betreuung des Geläutes. In der Sakristei hängt der Glockenplan. Das neunstimmige Bronzegeläut wird ergänzt durch eine zehnte, kleine Sturm- oder Taufglocke in der Dachlaterne des Südturms, der einzigen historischen Glocke aus dem 14. Jahrhun- dert. Andreas Franz Turner nennt das Jahr 1305. Jede Glocke trägt den Namen eines Schutzheiligen. Am häufigsten zu hören ist St. Jakobus, die zweit- größte Glocke im Nordturm. Sie wurde 1986 in Karls- ruhe gegossen und schlägt im Big-Ben-Modus die Zeit, also im Viertelstunden-Takt. Die Glocke wurde von dem renommierten Bildhauer Klaus Ringwald geziert, von dem auch die Portale des Münsters stammen. Zum Angelus-Läuten um 7, 12 und 19 Uhr und dem Frei- tagsläuten kommen jeweils andere Glocken dazu. Diese drei Geläute werden seit 1968 funkge- steuert über die Villinger Stadtwerke in Bewegung gesetzt. Hierzu wurde die alte Hauptuhr umgerüs- tet, eine elektromagnetische Rarität mit Auslösung der Glockenschläge mittels Schleifkontakten, sehr zuverlässig und unabhängig von atmosphärischen Spannungsbeeinträchtigungen. 172 Geschichte

 

 

 

Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest, an ihnen kommen die meisten Glocken zum Einsatz. Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt da- gegen nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Je nach der Bedeutung der jeweiligen Messe im Kirchenjahr kommen andere und zusätzliche Glocken zum Einsatz. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest. Jeden Freitag um 11 Uhr läutet die letzte große Glocke, die für das Geläut 1954 gestiftet wurde, mit der Bitte um Frieden in der Welt (siehe Fotos S. 175-177). Nach all diesen Erklärungen wollen wir sie uns nun anschauen. Aus der Sakristei geht es über eine enge, steile Wendeltreppe immer links herum hinauf in den Nordturm. Beleibt durfte ein Mesner nicht sein, sondern äußerst beweglich. Nach jedem Sturm, nach jedem Gewitter, aber auch sonst nach festem Plan, muss er hinauf aufs Dach und in die Türme, um zu überprüfen, ob das Dach unbeschädigt ist und die Taubengitter noch dicht sind. Und die Glockenanlage muss ebenso optisch auf etwaige Schadstellen über- prüft werden. Das Bruchstein-Mauerwerk der Wendeltreppe ist innen recht roh zusammengefügt, die Mauern sind geschätzt 120 bis 150 cm dick mit engen Licht- scharten. Überhaupt macht der Nordturm einen massigeren Eindruck als sein Gegenstück im Süden. Das wohl auch, weil er die beiden größten und ton- tiefsten Glocken trägt: Christus-Salvator mit 1,9 Me- tern Durchmesser und 5,4 Tonnen Gewicht sowie die schon genannte St. Jakobus mit 1,7 Metern und 3,6 Tonnen schwer. Zusammen also neun Tonnen! Über eine steile Wendeltreppe geht es hinauf in den Nordturm des Villinger Münsters. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 173

 

 

 

Blick hinauf zur Spitze des 54,5 Meter ho- hen Nordturmes. Dort hinauf gelangt man nur noch über eine schmale, lange Leiter. Rechts: Blick auf die Riesen des Nordturms. sensible Riesen: Verschiebt sich der Anschlagspunkt der riesigen Klöppel nur um Zentimeter, verändert sich der Klang sofort und die Glocken sind nicht mehr richtig aufeinander abgestimmt. Andererseits braucht man die dicken Glocken nur mit dem Bleistift anzusto- ßen, und schon ergibt es einen leisen, feinen Ton. Aber wenn sie schlagen, wenn man vor ihnen steht, spürt man ihr Dröhnen körperlich mit Wucht – als würde man aus dem Turm gedrückt – und hält sich unwillkürlich fest. An Heiligabend 2017 glaubte Andreas Franz Turner einen leisen Missklang an der großen Chris- tus-Salvator-Glocke zu hören. Ausgerechnet an Weihnachten! Er leuchtete sie mit seiner Stablampe ab und fand nichts. Auch der noch im alten Jahr herbeigerufene Kundendienst konnte nichts finden. Aber der Missklang verstärkte sich von Tag zu Tag. An Neujahr ließ er letztmalig das Läuten der Glocke zu. Der Klang wurde immer schlimmer und jetzt zeigte sich bei nochmaliger intensiver Überprüfung ein Haarriss. Die Glocke musste geschweißt werden. Hierzu wurde der Turm seitlich geöffnet und in einer sehr aufwendigen Aktion die Glocke auf Schienen aus dem Turm geführt und abgesenkt. Die Reparatur führte die Glockengießerei Eijsbouts in Asten in den Niederlanden aus. Aus- und Wiedereinbau, Transport und Reparatur verschlangen 200.000 Euro, die nur dank der hohen Spendenbereitschaft der Villinger Bevölkerung zu bestreiten waren. Seitdem wird die Glocke geschont. Sie bekam einen leichteren Klöppel und läutet nur noch jeden Freitag um 11 Uhr und an höheren Feiertagen. Neben der Christus-Salvator-Glocke stehen zwei große Rätschen. Sie vertreten nach alter Kirchen- tradition am Karfreitag und am Ostersamstag um 12 Uhr die Glocken. Wenn sie schwingen, verdrei fachen sich ihre Läute- kräfte. 27 Tonnen wirken dann auf den Turm und sein Gemäuer. Wenn sie beide läuten, vibriert der ganze Turm. Da bekommt man Hochachtung vor der Leis- tung der damaligen Baumeister, deren Konstruktion diesen Kräften Jahrhunderte lang standgehalten hat. Seit 1954 hängen sie aber in einem stählernen Glo- ckenstuhl, der den ganzen Turm stabilisiert. Aber soweit sind wir noch nicht: Auf Höhe des Dachstuhls der Kirche endet die Wendeltreppe und die Kletterei geht weiter über Holzleitern und Zwischendecken. In diesen Zwischendecken sind Öffnungen eingelassen, durch die früher die dicken Hanfseile liefen, mit denen die damaligen großen Glocken von unten von Hand geläutet wurden. Und hier kann man eine Besonderheit sehen: Dicke Glas- ringe, die in Löcher eingelassen wurden und durch die diese Hanfseile liefen. So verhinderte man die ständige Reibung der Seile an den Holzplanken. Das schützte einmal die Seile selber vor unnötigem Ab- rieb, verhinderte aber wohl auch eine stärkere Erhit- zung bei längerem Läuten, eine sehr sinnvolle Vor- sichtsmaßnahme bei dem allgegenwärtigen Staub, den Spinnweben und dem trockenen Taubenmist früherer Zeiten. Bei den Riesen des Nordturms Die Spannung erhöht sich, bis wir endlich schnau- fend vor ihnen stehen oder besser gesagt, unter den großen Glocken durchkriechen können. Es sind 174 Geschichte

 

 

 

175

 

 

 

176 Geschichte

 

 

 

Villinger Münstertürme und ihre Glocken Das Prüfen der Glocken auf Beschädigungen gehört zu den regelmäßigen Aufgaben von Mesner Andreas Franz Turner. Hier befindet er sich inmitten der 5,4 Tonnen schweren Christus-Salvator-Glocke. Sie wurde wie das fast gesamte Geläut 1954 von der Gießerei Schilling in Heidelberg gegossen und hat einen Durchmesser von 1,92 Meter. 177

 

 

 

Die übrigen sieben Läuteglocken hängen in einem Holzglockenstuhl im Südturm. Damit verfügt das Münster insgesamt über ein neunstimmiges Geläut. Acht Glocken dieses Geläuts wurden 1954 von der Glockengießerei F. W. Schilling in Heidel- berg gegossen, eine Glocke 1985 von der Karlsruher Glockengießerei. Die historischen Glocken haben die Weltkriege nicht überstanden. Das Glockenspiel im Südturm Um in den Südturm zu gelangen, muss wieder zum Dachboden abgestiegen, dann über den Chor gequert und im Südturm aufgestiegen werden. Hier überrascht eine großartige Konstruktion: Der stählerne Glockenstuhl eines der größten Glocken- spiele im südwestdeutschen Raum. Die Glocken sind in fünf Kreisen übereinander angeordnet, das gesamte Glockenspiel hat einen Tonumfang von es¹ und as¹ bis a⁵, umfasst also fünf Oktaven. 46 Glocken davon wurden 2006 von der Glockengießerei Perner in Passau gegossen. Außerdem wurde eine Glocke des ursprünglichen Münster-Geläuts von Grüninger aus dem Jahr 1909 in das Glockenspiel integriert, nachdem sie sich schon im Museum befunden hatte. Der Name Grüninger spielt eine große Rolle für Villingen: Die Familiendynastie Rebner/Grüninger betrieb fast 375 Jahre eine bedeutende Glockengie- ßerei in Villingen. Und der Großvater des heutigen Eigentümers der Glockengießerei Perner aus Passau war 1919 Praktikant beim letzten Meister Grüninger. Villingen ist eine glockenfreundliche Stadt: Es kommen eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. men eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. In der Zwischenetage des Südturmes, in der sich heute das Glockenspiel befindet, war früher das mechanische Uhrwerk der Turmuhr untergebracht. Dieses löste vor der Automatisierung auch die Schlä- ge des Zeitläutwerkes auf der großen Glocke im Nordturm aus. Und zum Abschluss befindet sich über Glocken- spiel und Läuteglocken ganz oben im südlichen Glockenturm noch ein nur schwer zugängliches Wächterstübchen mit kleinen Schiebefensterchen. Bis ins 17. Jahrhundert wachte hier ein Türmer über die Stadt. Um sicherzugehen, dass er auch wach und wachsam war, musste er jeden Stundenschlag der großen Glocke mit einem Zugmechanismus wieder- holen, vom Südturm zum Nordturm. Ferner sind vier Läuteglocken des darüberhän- Und so verlassen wir die Türme wieder, steigen genden Münster-Geläutes auch im Rahmen des Glockenspiels spielbar. Diese insgesamt 51 Glocken werden elektronisch über einen Laptop gesteuert und spielen um 10:05, 12:05, 15:05 und 18:05 Uhr wechselnde kirchliche und weltliche Melodien. Diese liegen als fertige Pro- gramme vor, Tonkonserven gewissermaßen. Auch das Badener Lied ist darunter. Über ein Carillon- Manual, eine mechanische Klaviatur, ist ein solches Glockenspiel auch individuell mit den Fäusten be- spielbar. Dieses fehlt in Villingen noch. Die Glocken dieses Glockenspiels tragen die Na- men ihrer Spender. Sie sind ein freudig tönender Be- weis für die Liebe der Villinger zu ihren Glocken und für ihre Spendenfreudigkeit. Andreas Franz Turner lobt Villingen als eine glockenfreundliche Stadt. Es kä- ab zum Dachstuhl des Chores, aber werfen noch einen Blick in den mächtigen Dachstuhl des Kirchen- schiffes. Eine beeindruckende Zimmermannsarbeit versteckt sich unter der Ziegeleindeckung und man sieht noch deutlich die Spuren des alten gotischen Tonnengewölbes, das 1701 durch die barocke Stuck- decke des Villingers Ignatius Bürkner ersetzt wurde. Auch das gotische Radfenster wurde damals aus- getauscht durch das heutige Spitzbogenfenster mit schönem Blick auf das Rathaus. Das aus 51 Glocken bestehende Glockenspiel im Südturm des Villinger Münsters gehört zu den größten und klangschönsten in Südwestdeutschland. 178 Geschichte

 

 

 

xyz 179

 

 

 

Bis ins 17. Jahrhundert wachte im Münsterturm ein Wächter über die Sicherheit der Stadt, warnte bei Feuer, Blitzschlag oder Sturm. Seine „Ausgucke“ gibt es noch, hier derjenige in Richtung Westen zur Benediktinerkirche hin. An der Südwand des Villin- ger Münsters kann man zudem eine Eisentüre entdecken. Dahinter befindet sich ein Seil, das hoch bis zum Turmwächter sprich zur Sturmglocke in der Dachlaterne des Südturms führt. So konnte bei Feuer oder Blitzschlag auch vom Boden aus rasch eine Warnung an den Turmwächter oder die Bevölkerung abgesetzt werden. Überhaupt wurde Villingens Wahrzeichen schon 1130 im romanischen Stil begonnen, aber schon 1271 beim großen Villinger Stadtbrand so stark beschä- digt, dass man es neu aufbauen musste, nun im go- tischen Stil (siehe Infoblock auf der Seite rechts). Am Adelstag 1282 war wohl bereits Richtfest, obwohl das Münster erst zwei Jahre später fertiggestellt wurde. Damals war Rudolf von Habsburg zu Gast in Villingen und erteilte den Söhnen Heinrichs von Fürstenberg den Ritterschlag. Ein festlicher Anlass für ein Richt- fest. Die beiden heutigen Türme kamen erst im 15. und 16. Jahrhundert dazu, der massive Nordturm mit 54,5 Metern und der zierlichere Südturm mit 56 Me- tern. Sie waren im Geschmack der damaligen Zeit von Anfang an verschieden konstruiert, so wie bei vielen anderen Kirchen des Mittelalters. Ein Symbol der Vielfalt des Irdischen – Harmonie und Symmetrie waren dem Himmlischen vorbehalten. Und noch einmal führte wohl hoher Besuch zu Baumaßnahmen am Münster, die sein heutiges Bild prägen: Ein Besuch von Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin u. a. von Ungarn und Böhmen, soll um 1759 zur Eindeckung des Münsters mit seinen farbig glasierten Ziegeln nach dem Vor- bild des Stephansdomes in Wien geführt haben. Mit vielen solchen Geschichten bereicherte der Mesner Andreas Franz Turner die Klettertour durch das Innenleben der Villinger Münstertürme. Mehr als zwei Stunden waren verflogen, als wir wieder auf dem Marktplatz standen. Der Kopf noch leise dröhnend von Glockenschlag und Faktenfülle. Und zum Abschluss brachte es Andreas Franz Turner noch einmal auf den Punkt: „Für so einen Beruf muss man ledig sein. Ich bin verheiratet mit meinen Kirchen und Kirchenglocken!“ Mehr zum Glockengeläut des Villinger Münsters finden Sie unter www.almanach-sbk.de/villinger-muenster 180 Geschichte

 

 

 

DAS VILLINGER MÜNSTER Die Villinger Hauptkirche, das „Münster Unserer Lieben Frau“, war ursprünglich Johannes dem Täufer geweiht. Die dreischiffige, flach gedeckte Basilika ohne Querhaus entspricht dem für viele Kirchen dieser Zeit typischen schwäbischen Stil der Konstanzer Diözese. Schon bei der Planung der zukünftigen Stadt Vil- lingen war hierfür ein Bauplatz reserviert worden. Der Baubeginn wird auf 1130 geschätzt. Von diesem ursprünglich romanischen Bau sind heute nur noch das Westportal, die Untergeschosse der beiden Tür- me und das Doppelportal an der Südseite vorhan- den. Diese Portale haben ihre Vorbilder im Elsass. Schon 1271, noch vor der Fertigstellung, wurde das Münster bei dem großen Villinger Stadtbrand so stark mitbetroffen, dass es zu großen Teilen ab- gebrochen und nun im gotischen Stil fertig gestellt wurde. Jetzt entstanden der hochgotische Chor und auch die beiden Türme. 1282 fand das Richt- fest statt, erst 1284 war das Münster fertiggestellt. Die Türme erst später. Der Südturm ist der aufwendigere und erinnert architektonisch etwas an den Rottweiler Kapellen- turm: Über einem quadratischen Erdgeschoss folgen drei sechseckige Geschosse. Die oberen zwei zeigen schön gearbeitete, große gotische Doppelfenster, überragt von Ziergiebeln. Doch dann bricht der Turm ab, trägt nur noch eine kleine Laterne. Der schlichtere und massigere Nordturm schließt mit einem harmonisch wirkenden, spitzen Turmhelm ab. Das Münster wurde immer wieder umgebaut, ergänzt und dem Geschmack der Zeit angepasst. Starke Veränderungen brachte das Aufkommen des Barock mit sich. Das gotische Radfenster an der Westseite und das hölzerne Tonnengewölbe wurden entfernt, eine Stuckdecke eingezogen. Später hat man die Kirche wieder von vielen dieser zeitbedingten Werke „befreit“. Barocke Fülle ge- gen puristischen Eifer. Nicht immer ist man dabei pfleglich mit der Kirche und ihren Kunstwerken umgegangen, der übliche Tribut an den Zeitge- schmack. Auch am äußeren Bild des Münsters sind diese Eingriffe nicht vorbeigegangen. Erwähnt sei hier nur das „Vorzeichen“, ein hübscher Renaissance- Vorbau vor dem südlichen Doppelportal, von einem holländischen Maler dokumentiert. 1851 wurde es abgebrochen. Geblieben ist aber ein klarer hochgotischer Bau, harmonisch und in sich geschlossen, mit schönen Türmen, ein die Stadt prägendes Wahrzeichen, das Villinger Münster. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 181

 

 

 

AUF DER SUCHE NACH DEM HEILIGEN GRAL DER ELEKTROMOBILITÄT DIE 1896 GEGRÜNDETE ELEKTRIZITÄTSGESELLSCHAFT TRIBERG (EGT) GEHÖRT IN DEUTSCHLAND ZU DEN PIONIEREN BEI DER FERTIGUNG VON AKKUMULATOREN – FRÜHE ELEKTRO-TESTFAHRTEN IN TRIBERG UND FURTWANGEN Eine von sechs Münchner E-Lokomotiven, die die Trambahnwagen zwischen 1898 und 1906 über den stromlosen Strecken- abschnitt der Straßenbahn in der historischen Innenstadt ziehen. Damit das Stadtbild nicht gestört wird, verzichteten die Münchner bei der Stromversorgung der Straßenbahn teilweise auf eine Oberleitung und setzten auf die Akku-Technologie. Drei der Lokomo tiven sind mit Akkumulatoren der EGT unterwegs, so die hier abgebildete Nr. VI. 182 Geschichte

 

 

 

Mit Stand August 2022 sind im Schwarzwald-Baar-Kreis bei 135.000 Pkws 2.157 Elektro- und 3.782 Hybridfahrzeuge zugelassen. Dieser Trend ist aus bekannten Gründen stark steigend! Neu ist die Elektromobilität im Quellenland Schwarzwald-Baar jedoch nicht, sie hat vielmehr eine über 130-jährige Vorgeschichte. Bereits in den 1890er-Jahren sind in Deutschland elektrische Straßenbah- nen, Eisenbahnzüge und Elektro autos unterwegs. Die 1896 gegründete Elek trizitätsgesellschaft Triberg (EGT), die heutige EGT Unternehmensgruppe, erkennt diesen Trend. Sie versorgt den Groß- raum Triberg nicht nur mit Elektrizität, sondern fertigt zwischen 1896 und 1903 in ihrer „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach eigenen Patenten ebenso wiederaufladbare Batteri- en für den statio nären und mobilen Einsatz. Die stationären Akkus versorgen E-Werke bei „Wasserklemme“ und Störungen über meh- rere Stunden hinweg mit zuvor gespeicherter elektrischer Energie. Eine mobile Variante dient der Elektromobilität: 1898 ist vor diesem Hintergrund auf den Straßen bei Triberg das mutmaßlich weit und breit erste Elek tro- auto zu Test zwecken unterwegs. Und eine elektrische Lokomotive wird auf der Bregtalbahn in Furtwangen für Versuchsfahrten vorbereitet. Ab 1898 bewegen EGT-Akkus die Wagen der Münchner Straßenbahn und kommen in Ludwigs hafen beim Schie- Blick in die Akkumulatorenfertigung der EGT im Gewann Loch in Schönwald/ Triberg. Die Blei-Akkus wurden im Glaskasten oder im Holzgehäuse ausgeliefert. Die Darstellung ist einer EGT-Broschüre des Jahres 1898 entnommen. nen-Nahverkehr zum Einsatz. Die EGT Triberg gilt als ein Pionier der Elektro mo bilität in Deutschland – und feierte 2021 zudem ihr 125-jähriges Bestehen. Akkumulatorenfabrik Triberg 183

 

 

 

Markttag in Triberg in den 1890er-Jahren – der Marktplatz mit beim Parkhotel Wehrle platzierter elektrischer Bogenlampe. Triberg besaß als eine der ersten Städte in Deutschland eine elektrische Straßenbeleuchtung. Die Geschichte der Elektrizität und Elektromo- bilität wurzelt im Schwarzwald-Baar-Kreis im Jahr 1884: Es beschert der Kurstadt Triberg als einem der ersten Orte in Deutschland überhaupt eine elektrische Straßenbeleuchtung. Und es ist die erste Straßenbeleuchtung in ganz Deutschland, für die der Strom mit Wasserkraft erzeugt wird, was die Triberger Wasserfälle ermöglichen. Aus dem städtischen E-Werk am Fuß des Was- serfalles gehen 1892 die Elektrizitätswerke Triberg und im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) hervor, die heutige EGT Unternehmensgruppe. An ihr sind ab 1922 auch die Städte und Gemeinden Triberg, Hornberg, Furtwangen, St. Georgen und Schonach beteiligt – aktuell zu rund einem Drittel. Ein weiteres Drittel liegt im Jahr 2022 in den Händen der Nachfahren der EGT-Gründerfamilie von Schoen, den Erben von Gesellschafter Theodor Wurster und des früheren EGT-Vorstandsvorsitzenden Rudolf Kastner. Das letzte Drittel gehört der Alb-Elektrizi- tätswerk Geislingen-Steige eG. Hauptsächlich die Patente von Ingenieur Carl Meissner zum Bau von Blei- Akkumulatoren sind der Grund dafür, weshalb die schwerreichen Investoren Friedrich von Schoen, dessen Bruder Wilhelm von Schoen und der berühmte Erfinder Carl von Linde 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) ins Leben rufen. Bei Carl Meissner handelt es sich um 184 Geschichte

 

 

 

Friedrich von Schoen (1849 ­ 1941) Wilhelm Freiherr von Schoen Geheimrat Prof. Dr. Carl von Linde (1851 ­ 1933) (1842 ­ 1934) Carl Meissner (1850 ­ 1944) Friedrich Kranich (1857 ­ 1924) Die Gründer der Elektrizitätsgesellschaft Triberg und der Akkumulatorenfabrik Triberg. Ingenieur Carl Meissner und Obermaschineriemeister Friedrich Kranich sammelten am Festspielhaus Bayreuth von Richard Wagner ihre ersten Erfahrungen in der Anwendung von Elektrizität. Dort lernten sie auch Friedrich von Schoen kennen. Letzterer war der größte private Sponsor des Operngiganten und enger Freund von Richard und Cosima Wagner. Friedrich von Schoen begeisterte dann seinen Bruder Wilhelm Freiherr von Schoen und den Freund Carl von Linde für die Idee, in Triberg eine Elektrizitätsgesellschaft und Akkumulatorenfabrik aufzubauen. Akkumulatorenfabrik Triberg 185

 

 

 

Blick in die E-Werk-Zentralstation in St. Georgen. Mehr als sechzig Akkumulatoren sprich Zellen befinden sich im Raum: Sie helfen mit, die Spannung im Netz konstant zu halten, springen bei Störungen ein oder übernehmen die Stromver- sorgung einige Stunden lang vollständig. Werden wie hier mehrere Akkumulatoren zusammen geschaltet, spricht man von einer Batterie. den früheren Leiter des AEG-Installationsbüros in Frankfurt. Der Ingenieur gilt als einer der Pio- niere beim Aufbau der Elektrizitätsversorgung im Schwarzwald. Die aus München stammenden Inves- toren stellen ihm ein Millionenkapital bereit, um den Großraum Triberg mit Elektrizität zu versorgen und im Gewann „Loch“ bei Schönwald in der „Akkumula- torenfabrik Triberg“ Akkus für die Speicherung von Elektrizität herzustellen. Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der in den 1890er-Jahren erstmals auf- kommenden Elektromobilität und versprechen sich von der Produktion wiederaufladbarer Batterien ein Millionengeschäft. Sie blicken fasziniert nach Ameri- ka, wo die Zahl der Elektroautos förmlich explodiert. Neben Ingenieur Carl Meissner ist bei der EGT in diesen Gründerzeiten der Industriellen-Sohn Fried- rich von Schoen die treibende Kraft. Eine Erbschaft verhalf ihm zu einem „sagenhaften Vermögen“, wie er es in seinen Memoiren selbst schreibt. Er fördert mit seinem Vermögen die Kunst, so den Opern- giganten Richard Wagner – und die Wissenschaft. Er ist mit dem Erfinder Carl von Linde befreundet, der ihm dazu rät, in Triberg einzusteigen und sich auch selbst an der EGT beteiligt. Und Friedrich von Schoen steht mit großer Leidenschaft von der Gründung an vier Jahrzehnte lang an der Spitze des Aufsichtsrates der EGT. Sein Vermögen allerdings verliert er in den Wirren der Weimarer Republik fast vollständig. Es bleiben ihm die Anteile an der EGT und ein Landgut in Berchtesgaden. Akkumulatoren sind unverzichtbar Hauptsitz der EGT ist die frühere Obere Mühle, die gegen über des heutigen Schwarzwald museums Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der Elektromobilität, versprechen sich von der Produktion wieder auf- ladbarer Akkus ein Millionengeschäft. 186 Geschichte

 

 

 

Göttin Electra zaubert mit einem Akkumulator die Elektrizität für die Mobi- lität der Welt herbei. Das Werbe plakat eines italieni- schen Her stellers zeigt auf, wie vielfältig die Akkumu- latoren einsetzbar sind. an der Straße nach Schonach steht. Dort befinden sich das Un- tere Werk, das mit der Wasserkraft der Triber- ger Wasserfälle Gleich- strom erzeugt, die Ver- waltung des E-Werks und die Werkstätten des Installations betriebes. Hier beginnt Ingenieur Carl Meissner ab 1893 ver- suchsweise mit der Fertigung von Akkumulatoren und erkennt den immensen Bedarf. Die neuartigen Energiespeicher sind für die Gewährleistung der Sta- bilität der Elektrizitätsversorgung überall unverzicht- bar, denn sie verhindern über automatische Strom- zugaben die gefürchteten Spannungsschwankungen im Netz. Diese führen zum Flackern des Lichts oder gar zum Durchbrennen der kostspieligen Glühbirnen in den Anwesen der Kunden. Weiter sind die Akkumulatoren in der Lage, bei „Wasserklemme“ oder technischen Störungen die Energieversorgung aufrechtzuerhalten. In Triberg, Hornberg, Furtwangen und St. Georgen schaltet die EGT deshalb jeweils bis zu 272 Akkumulatoren zu einer Großbatterie zusammen. Diese beansprucht 70 Quadratmeter an Fläche, wiegt um die 46 Ton- nen und entspricht laut einer Tabelle der Deutschen Bundesbank nach heutiger Kaufkraft einem Gegen- wert von bald 200.000 Euro. Die Batterie vermag in diesen Pionierzeiten immerhin 320 Glühlampen bis zu vier Stunden lang mit Energie zu versorgen. Carl Meissner rüstet zunächst vor allem Kraftwer- ke mit den Akkus aus. Zum Beispiel 1895 das Fluss- kraftwerk Stallegg des Fürsten zu Fürstenberg in der Wutachschlucht. Da etliche Fabriken mit Wasserkraft selbst Strom erzeugen, sichern die Akkumulatoren auch dort die nicht mehr wegzudenkende elektrische Beleuchtung. Oder sie verhindern in Brauereien als Notstromlösung den Ausfall der für die Produk tion wichtigen Kühlan lagen, wenn mal wieder kein Strom zur Verfügung steht. Etwa bei der Fürstenberg- Brauerei in Donau eschingen oder der Hamburger Holsten-Brauerei. Dass in diesen Gründerzeiten der Elektrizität die Stromversorgung ausfällt, ist jeden- falls keine Seltenheit. Akku-Fertigung in großem Stil Schließlich steigt Carl Meissner dank der finanziellen Hilfe von Magdeburger Geschäftsleuten 1894/95 Akkumulatorenfabrik Triberg 187

 

 

 

im Gewann Loch bei Schönwald auf der Grundlage eigener Patente im großen Stil in die Fertigung von Blei- Akkumulatoren ein. Mit Ingenieur Friedrich Schneider gewinnt er einen Mitarbeiter, der eben- falls von der Zukunft dieser Speichertechnologie überzeugt ist. Da die mit dem Aufbau einer Akkumu- latoren-Fertigung verbundenen finanziellen Heraus- forderungen gewaltig sind, begibt sich Carl Meissner auf die Suche nach weiteren Geldgebern. Er findet sie in München – überzeugt Friedrich von Schoen, Wilhelm von Schoen und Carl von Linde von seinem Vorhaben. Kurz darauf gründet sich im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT). Sie über- nimmt alle Anlagen zur Stromerzeugung in Triberg und ebenfalls die kürzlich eröffnete Akku- Fabrik. Die bisherigen Teilhaber werden von den neuen Geldge- bern allesamt ausbezahlt. Zwar bleibt der Auf- und weitere Ausbau einer Elektrizitätsversorgung im Großraum Triberg das zentrale Anliegen der EGT, das große Geld aber soll die Akkumulatoren-Fertigung einbringen. Warten auf einen mobilen Akku Wohl mit auf Vorschlag von Carl von Linde hin konzentriert sich die EGT in ihrer Fabrik neben der Fertigung von Akkumulatoren für den stationären Betrieb zunächst auf die Entwicklung und den Bau von Batterien für Straßen- und Eisenbahnen. Derweil die Produktion von Akkumulatoren für den stationä- ren Betrieb der EGT einen kontinuierlichen Absatz sichern, sind bei der Herstellung der mobil verwend- baren Akkus rasche Erfolge nicht zu erzielen: Auch acht Monate nach Übernahme der Akkumulatoren- fabrik ist ein auf Basis eigener Patente ent wickelter mobil einsetzbarer Akkumulator von seiner Serienreife weit ent- fernt. Ständige Rückschläge bei der Fertigung bringen den Hauptkapitalgeber Friedrich von Schoen an den Rand der Verzweiflung. Er zeigt sich be- unruhigt, verweist im Februar 1897 in einem seiner rund 1.000 erhaltenen Briefe auf die rasch zunehmende Elek- tromobilität: „Ich habe das 188 Friedrich von Schoen im Februar 1897 über die Akkufertigung der EGT: „Ich habe das Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ In der Tat: Wenn im Straßenbild der Städte ver- mehrt Automobile ohne nennens werte Geräusche und Gestank elegant dahingleiten und Straßen- bahnen ohne vorgespannte Pferde oder Oberleitun- gen umherfahren, sind stets Blei- Akkumulatoren im Spiel, die Elektromotoren antreiben. Die Bat- terien stammen von der wie Pilze aus dem Bo- den schießenden EGT-Konkurrenz, vor allem der Akkumulatorenfabrik Hagen. Immer mehr mischen auch Weltunternehmen wie Siemens, VARTA oder AEG auf dem vielversprechenden Zukunftsmarkt mit. Komplexes Fertigungsverfahren Wie komplex sich die Entwicklung und Fertigung von Akkus darstellt, wird offenkundig, wenn es um die Details geht: Vereinfacht ausgedrückt verwandelt ein Blei-Akkumulator elektrische Energie in chemische. Wird die elektrische Energie wie- der benötigt, läuft dieser Prozess umgekehrt ab. Hierfür die per- fekte Rezeptur zu finden – selbst EGT-Akkumulator im Glasgefäß. Gut zu erkennen sind die einzelnen Zellen aus Bleiplatten und Bleigittern mit aktiver Masse. Die positiven und negativen Zellen werden miteinander verlötet und stehen mit ca. 5 mm Abstand in einem Behältnis, das mit Schwefelsäure gefüllt ist. Geschichte

 

 

 

Links: Patent von EGT-Ingenieur Friedrich Schneider für eine besondere Zellkonstruktion in Blei-Akkumula to ren. Rechts sind Be- standteile des neuartigen EGT- Röhrchen- Akkumulators zu sehen. Friedrich von Schoen ließ die EGT-Patente teils in bald ganz Euro- pa schützen, was enorme Ausgaben mit sich brachte. Hier sind zwei Patente für den englischen Markt abgebildet. Lebertran wird der „aktiven Masse“ versuchsweise beigemischt – gleicht der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität. Blei-Akkumulatoren bestehen aus negativ und positiv formierten Bleiplatten, den Elektroden. Die negativen Platten sind mit einer Art Rahmen ver- gleichbar, der im Fall der EGT mit hohlwandigen Bleiröhrchen bestückt ist (siehe Abb. oben). Diese werden mit einer aus Bleimenni ge samt Zusätzen bestehenden Masse befüllt, sprich bestrichen. Die positiven Platten hingegen bestehen aus reinem Blei. Die Platten werden in einen mit Blei ausgekleide- ten, hölzernen Batterie kasten eingebaut. Abschlie- ßend wird das Behältnis mit Schwefelsäure plus destilliertem Wasser befüllt (Nassbatterie). Durch die jetzt folgende Formierung erhalten die Platten die Eigenschaft, Energie aufzunehmen und später wie- der abzugeben. Größtes Hemmnis ist bei mobilen Akkumulatoren die Betriebs sicherheit: Die Erschütterungen durch den Fahrbetrieb führen im Alltag zu einer ganzen Se- rie an Ausfällen. Immer wieder kommt es aufgrund mangelnder Stabilität der Bleiplatten- Konstruktion zur Beschädigung von Lötstellen oder die Bleiplatten berühren sich, was zum Kurzschluss führt. EGT beschäftigt 30 Arbeiter Die Akkumulatorenfertigung der EGT beschäftigt 1897 ca. 30 Arbeiter, darunter Gießer, Klempner, Löter, Mechaniker und diverse Hilfskräfte wie Ver- packer. Ihnen steht Oberingenieur Friedrich Schnei- der vor, der als Werksleiter fungiert, während die Geschäftsführung in den Händen von Carl Meissner liegt. Die Fertigung der Akkumulatoren verlangt nicht nur ein sehr exaktes Arbeiten, sondern ebenso Akkumulatorenfabrik Triberg 189

 

 

 

 2 3 4 Die Belegschaft der Akkumu la toren fabrik Triberg, ab Mai 1896 die „Abteilung B“ der EGT. Links: Fass mit Schwefelsäure (1), davor die massive Bleiplatte für einen Akkumulator (2). Gestell mit Bleiplatten – die Zelle sprich Basiseinheit des Akkumu lators (3). Mitte rechts das Behältnis, das die Zelle aufnimmt und danach mit Schwefelsäure befüllt wird (4). Geschichte

 

 

 

8 9 6 5 7 Arbeiter mit Schöpflöffel für das Einbringen des flüssigen Bleis in die Gießform (5), mit der die Akku-Zellen hergestellt werden. Rechts davon Arbeiter mit Gussform (6). Der Schlauch im Bild dient zum Befüllen der Akkus mit Schwefelsäure (7). Akkumulatorenfabrik Triberg Stehend rechts: Gründer und Direktor Carl Meissner (8). Mitte oben Ingenieur Friedrich Schneider (9). 191

 

 

 

2 Die Akkumulatorenfabrik der EGT im Gewann Loch bei Schönwald (1). Nach wie vor befindet sich im noch stehenden Gebäude als Museumsstück das von der EGT aufgebaute Wasserkraftwerk zur Stromer zeugung, unten ein Blick in den Maschinenraum (2). zweimal die Woche am Arbeitsplatz warm baden oder duschen zu können. Und sie hat ihnen wö- chentlich kostenlos gereinigte Arbeitskleidung samt Mützen zur Verfügung zu stellen. Arbeiter, die be- sonders empfindlich auf das Blei reagieren, müssen sich eine andere Beschäftigung suchen. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind jetzt Vorschrift. Immer mehr Hersteller drängen auf den Markt Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen ist neben der Fertigung der stark nachgefragten stationären Batterien die Fertigstellung einer mobilen Variante und der Verkauf derselben. Trotz aller Verspre- chungen steht diese für Straßen- und Eisenbahn- Versuchsfahrten erst im Herbst 1897 auch tatsäch- lich zur Verfügung. Und damit mehr als eineinhalb Jahre nach der Gründung der EGT. Für Friedrich von Schoen eine äußerst unbefriedigende Situation. Sie mache ihm Angst, räumt er in seinen Briefen an die Triberger Geschäftsführung mehr als einmal unumwunden ein. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt einen sorgfältigen Umgang mit dem hochgiftigen Schwermetall Blei und der nicht minder gefährlichen Schwefelsäure. Den damit verbundenen Anforde- rungen an den Arbeitsschutz wird die Fabrik jedoch nicht gerecht: Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Das trifft zu dieser Zeit auf allerdings sämt liche Akkumulatorenfabriken in Deutschland zu. Wie dramatisch die Zustände in der Fabrik sind, schildern 1898 gleich drei Berichte der Offenburger SPD-Zeitung „Volksfreund“. Bleivergiftungen in gro- ßer Zahl sind an der Tagesordnung, vor allem die gefürchtete Bleikolik. Es kommt zu weitreichenden Auflagen: Die Akkumulatorenfabrik muss es ihren Arbeitern als Folge der Inspektionen ermöglichen, 192 Geschichte

 

 

 

über 1,5 Mio. Euro Risikokapital allein in die Akku- mulatorenfertigung investiert! Für die damalige Zeit eine ungeheuer große Summe! Und immer mehr Hersteller drängen auf den Markt, alle erhoffen sich von der Elek tromobilität ein großes Geschäft. Aus- gerechnet die EGT kann in diesen Konkurrenzkampf in Ermangelung eines Produktes lange Zeit nicht eingreifen. So verhandelt Friedrich von Schoen über Straßen- und Eisenbahn testfahrten mit EGT-Akkumulatoren in Ludwigshafen und München, ohne dass er ein Produkt vorzeigen kann. Die eventuellen Kunden vertrauen auf seine mitgebrachten Muster und sein Renommee. Wie in der Gegenwart der Elektromobili- tät ist bei all diesen Verkaufsgesprächen nicht allein die Reichweite der Akkus von Bedeutung, sondern ebenso deren Ladezeit. Damit sie eine Trambahn oder einen Triebwagen mit genügend elektrischer Energie versorgen können, müssen mehrere Ak- kumulatoren zu teils über drei Tonnen schweren Batterien zusammengeschaltet werden. Für die in Brüssel, Ludwigshafen oder München vorgesehenen Batterien gibt die EGT eine Reichweite von bis zu 120 Kilometern und eine Ladezeit von fünf Stunden an. Obwohl das Produkt im Sommer 1897 weiter auf sich warten lässt, mangelt es dem Triberger Unterneh- men keinesfalls an Selbst bewusstsein. Die Schreiben an mögliche Käufer schließen stets mit dem Verspre- chen: „So viel ist sicher, daß unser System in Bezug auf die Lebensdauer alle anderen weit übertrifft.“ Elektrotechnik-Pionier Erasmus Kittler als Berater tätig Friedrich von Schoen baut unterstützt durch Carl von Linde ein EGT-Vertriebs-Netzwerk auf, das im März 1897 neben Frankreich und Belgien auch Italien um- fasst. In Deutschland setzt von Schoen außerdem auf die Beziehungen von Erasmus Kittler. Der Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt gilt als Elektrotechnik-Pionier und renommierter Physiker. Kittler ist maßgeblich an der Einrichtung zahlreicher Kraftwerke beteiligt und für die EGT teils als Berater und Gutachter tätig. So empfiehlt er Friedrich von Schoen, die für Testfahrten in Furtwangen vorgese- hene Lokomotive in der Werkstatt der Maschinen- fabrik Kummer schnellstmöglich zu elektrifizieren und sie zu den bald anstehenden Versuchen mit dem Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Bleikoliken sind an der Tagesordnung. EGT-Akkumulatoren-Triebwagen in Ludwigs hafen mitzubringen. Friedrich von Schoen betont, wenn ein Mann wie Erasmus Kittler sich für die Akkumula- toren der Elektrizitätsgesellschaft Triberg interessie- re, „sei das außerordentlich viel werth“. Von Schoen: „Wenn wir seinem Rathe nicht folgen, entfremden wir uns den Herrn, der uns sonst sehr nützen kann. Ludwigshafen nützt uns auch für die hiesige Staats- bahn mehr als die Bregtalbahn.“ „Wir sollten uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen-Batterien pro Jahr einrichten“ Der zu dieser Zeit in München in einer prächtigen Stadtvilla residierende EGT-Haupteigner Friedrich von Schoen sieht einen geradezu riesigen Bedarf an Akkumulatoren: für den Trambahn- und Eisenbahn- betrieb, die Beleuchtung von Eisenbahn- Waggons, bei Omnibusgesellschaften – und in verkleinerter Ausführung für Fahrradlampen und Kutschenbe- leuchtungen. Er träumt von einer neuen Fabrik unmittelbar bei München. In einem Schreiben vom 28. März 1897 betont er: „Ich sprach gestern darüber mit Herrn Meißner, und ich dachte, daß wir uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen- Batterien pro Jahr einrichten sollten.“ Eine derartige Großproduktion anzukurbeln – überhaupt Akku triebwagen oder Trambahnen mit EGT-Akkumulatoren ausstatten zu dürfen, ist ohne Akkumulatorenfabrik Triberg 193

 

 

 

Die EGT bewirbt sich für Straßenbahn-Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. die erfolgreiche Teilnahme an kostspieligen Test- fahrten nicht möglich. Die Eisenbahn- oder Straßen- bahngesellschaften lassen sich zu diesem Zweck einen Triebwagen oder Straßenbahnwaggon auf Kosten des Akkumulatoren-Herstellers betriebsfertig ausstatten. Kommt es nicht zum Vertragsabschluss, müssen die in der Regel mehr als drei Tonnen schwe- ren Batterien wieder zurückgebaut werden. Die EGT bewirbt sich ungeachtet dessen für Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. Nach der ersten Euphorie hat bei den Straßen- bahn-Betreibern indes das große Rechnen begonnen und aus Kostengründen sprechen sich etliche Städte trotz der unschönen Oberleitungen gegen einen rei- nen Akkumulatorenbetrieb aus – auch das ein Rück- schlag. Die Mehrheit neigt zum gemischten Betrieb, bei dem nur Teilstrecken – etwa in der Altstadt – mit Blick auf das Stadtbild ohne Ober- oder Unterleitung zur Stromversorgung ausgestattet sind. Mit Oskar von Miller, der bei vielen Planungen beigezogen wird, zieht ein angesehener Bauingen ieur, Elektro- techniker, Wasserkraftpionier und Begründer des Deutschen Museums ebenfalls aus Kostengründen die Oberleitungen vor. Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive auf der Bregtalbahn geplant Um ihre Produkte testen zu können, kauft die EGT bei der Firma Kummer & Cie in Niedersedlitz bei Dresden einen Trambahnwagen und eine Lokomo- tive mit Elektromotor. Die Lokomotive wird im Juli 1897 nach Furtwangen geschleppt, wo sie auf einem Nebengleis der Bregtalbahn parkt und für den Akku- mulatoren-Betrieb umgerüstet werden soll. Die Breg- talbahn eignet sich für Testfahrten ideal: Unmittelbar neben dem Furtwanger Bahnhof befindet sich das E-Werk der EGT, von dort aus kann sie den Strom zum Laden der Akkumulatoren direkt ans Bahngleis führen. Über die Ankunft des Triebwagens in Furtwangen berichtet die in Triberg erscheinende Tageszeitung „Echo vom Wald“ am 31. Juli 1897 wie folgt: „Der Akkumulatorenwagen, mit welchem Versuche auf der Bregtalbahn gemacht werden sollen, ist am Donnerstag hier eingetroffen. Derselbe sieht von den Längsseiten fast aus wie ein Spezial wagen für Bier; die Kopf- oder Stirnseiten sind jedoch von Glas. Der Bau ist jedenfalls ziemlich kompliziert, denn so ein elektrisches Wägel- chen ohne Inhalt kostet ungefähr 13.000 Mark (ca. 95.000 Euro, d. Autor).“ Zugleich widerruft die Zeitung Gerüchte, die Bregtalbahn werde die Personenbeförderung mit elektrisch angetriebenen Wagen der EGT aufnehmen – vielmehr handele es sich um Testfahrten im Zusam- menhang mit der eigenen Akkumulatorenfertigung. Allerdings tut sich die Süddeutsche Eisenbahn- Gesellschaft als Betreiber der Bregtalbahn schwer mit der Vorstellung, dass auf ihrer Bahnstrecke eine elektrische Lokomotive unterwegs sein soll. Sie verlangt von der EGT den Abschluss einer Versi- cherung, die bei Unfällen mit Verletzten und Toten einspringt oder nach einem Einsturz von Brücken für die Kosten geradesteht. Dabei soll die Lokomotive vom dafür ausgebildeten Personal der Bregtalbahn gesteuert werden – die Furcht vor dem „Elektri- schen“ scheint gewaltig. Der Umbau des in Furtwangen stationierten Triebwagens für Akkubetrieb stellt sich für die EGT als enorme Herausforderung dar. Der Energiebedarf für den Antrieb der Lok ist derart hoch, dass allein für die Verbindung der Bleiplatten, die in den über 150 (!) Akkumulatoren zum Einsatz kommen, 155.000 Kanäle zu gießen sind. So bestellt die EGT für 4.000 Mark (ca. 28.000 Euro) eine neue Gießform, die ihr die Herstel- lung von täglich 3.600 Kanälen ermöglicht. Was somit einer Produktionszeit von ca. 43 Tagen entspricht. Einmal mehr erweist sich aber die Ankündigung, dass die Testfahrten in Furtwangen bis Ende August stattfinden werden, als Irrtum. Die Elektrizitäts- gesellschaft Triberg schiebt sie wegen anderweitiger 194 Geschichte

 

 

 

Die Furtwanger Energiezentrale der EGT unmittelbar beim Bahnhof der Bregtalbahn. Wegen der Nähe des E-Werkes zu den Bahngleisen, die ein problemloses Aufladen der Akkus ermöglichte, sollten ab Herbst 1897 in Furtwangen Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive erfolgen. Projekte immer wieder neu auf. In welchem Umfang diese im weiteren Verlauf der Arbeiten stattfinden, ließ sich im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag nicht klären. Erhebliche Probleme bei der Fertigung Dass die Akkumulatorenfabrik der EGT trotz der allgemein glänzenden Geschäftsaussichten der Branche ihren Investoren nur Verluste einfährt, hat – neben der noch nicht abgeschlossenen Akku-Neuentwicklung – vor allem mit ihrer schlech- ten Fertigungsqualität zu tun. Friedrich von Schoen dokumentiert in seinen Briefen geradezu unglaubli- che Zustände, die offenlegen, dass in Schönwald so gut wie keinerlei Qualitätskon trolle erfolgt. Friedrich von Schoen: „Es ist sehr traurig, daß bei uns solche Dinge häufig vorkommen.“ Der EGT-Haupteigner will in Triberg trotz aller Schwierigkeiten aus verständlichen Gründen den Erfolg – und bemüht sich vor dem Hintergrund der Millionen-Investitionen, wo er nur kann, persönlich um Großaufträge. Auch zahlreiche Inserate werden geschaltet. In Bayern sollen ab Spätherbst 1897 stets 14-täglich erscheinende Anzeigen in den Münchner Neuesten Nachrichten die Bekanntheit der EGT- Akkumulatoren steigern. Ebenso inseriert die EGT regelmäßig in den führenden elektrotechnischen Zeitschriften. Die „Akkumulatoren für Beleuchtung und Kraftübertragung“ werden in diesen Textanzeigen wie folgt beworben: „Stationär und transportabel, her- gestellt nach eigenem, bedeutend verbessertem, mehr- fach patentiertem Verfahren. Special-Akkumulatoren zur Fort bewegung und Beleuchtung von Fahrzeugen jeder Art. Geringes Gewicht! Hohe Lebensdauer, weit- gehende Garantie! Billigste Preise. Prospekte und Vor- anschläge kostenfrei!“ Mehr Informationen finden Sie unter www.almanach-sbk.de/egt Akkumulatorenfabrik Triberg 195

 

 

 

EGT-Akkumulator schafft in Ludwigshafen mit Bravour seine erste Bewährungsprobe Der Geschäftsverlauf 1897 ist geprägt von zwei Groß-Ereignissen im Herbst des Jahres: den Testfahr- ten für die Pfälzischen Eisenbahnen in Ludwigshafen und für die Münchner Trambahngesellschaft. In Lud- wigshafen müssen sich die EGT-Batterien beim Be- trieb der Straßenbahn und in einem Akkutrieb wagen auf Nahverkehr-Eisenbahnstrecken bewähren. Eingebaut werden 156 Akkumulatoren, die in Reihe geschaltet als Großbatterie fungieren und sich unter den Sitzen im Fahrgastraum befinden. Das Gewicht dieser Batterien ist enorm. Die Faustregel lautet: In den Zellen, sprich einzelnen Akkumulatoren der Bat- terie, müssen Bleiplatten verbaut sein, die insgesamt einem Viertel des Fahrzeuggewichtes entsprechen. Nur so lässt sich genügend Energie speichern, die ausreicht, um das Schienenfahrzeug anzutreiben. Die Pfälzischen Eisenbahnen setzen Akkutrieb- wagen mit Systemen der Hagener Akkumulatoren- fabrik (AFA) bereits seit 1896 erfolgreich ein, beför- dern mit ihnen allein im Jahr 1897 bald 100.000 Per- sonen, so der Jahresbericht der Verwaltung. Und ab 4. Oktober 1897 leisten auch die EGT-Akkumulatoren ihren Beitrag zur Personenbeförderung: Das rundum positive Ergebnis der ersten Probefahrten auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen am Rhein – Mun- denheim erfüllt die Triberger Gesellschaft mit Stolz. Zumal sich die EGT-Akkumulatoren besser schlagen als jene der Hagener Akkumulatorenfabrik (AFA). Friedrich von Schoen schickt ein Glückwunsch- telegramm nach Triberg. Und das „Echo vom Wald“ berichtet am 6. Oktober: „Gestern und Vorgestern fanden auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen a. Rhein – Mundenheim Probefahrten mit einer elektri- schen Lokomotive statt, angetrieben durch die neuen, patentierten Akkumulatoren der Elektrizitätsgesell- schaft dahier. Das Resultat war, wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, ein vorzügliches.“ Holpriger Start bei den Probefahrten in München Was in Ludwigshafen so verheißungsvoll beginnt, startet ausgerechnet in München – der Heimat von Friedrich von Schoen und Carl von Linde – mehr als „holprig“: Die dort eingebauten Akkumulatoren verfügen nach Darstellung des Sachverständigen der Betreibergesellschaft über zu wenig Kapazität. Es kommt zu Kurzschlüssen und teils fallen Zellen voll- ständig aus oder es entwickeln sich giftige Dämpfe, da Schwefelsäure austritt. Die Mängel in Ludwigshafen und München sind indes keine Einzelfälle, auch bei stationären Akku- mulatoren häufen sich die Qualitätsprobleme. Der Aufsichtsratsvorsitzende drängt mit Blick auf den wegen der vielen mangelhaften Produkte zu erwar- tenden Konkurs der Akkumulatorenfabrik auf „stren- gen Verkauf“ – die Akku-Fabrik brauche Einnahmen. Die Bilanz des Investors zum zweiten Jahr seines En- gagements bei der EGT fällt geradezu erschütternd aus: „Ich kann nur versichern, daß, wenn ich nicht für mein engagiertes großes Kapital sorgen müßte, ich den Vorsitz des Aufsichtsrates längst niederge- legt hätte.“ Doch die Probleme nehmen weiter zu: Als in München in einem Straßenbahnwagen aus den un- ter den Sitzen angebrachten Akkumulatoren giftige Dämpfe austreten, erkundigt sich nach Hinweisen der Fahrgäste im Januar 1898 die Polizei nach der Sicherheit der EGT-Batterie. Das Renommee der EGT- Akkumulatoren sieht der Aufsichtsratsvorsitzende Werbeanzeige der EGT Triberg aus dem „Elektrotechnischen Anzeiger“ für den Verkauf von Akkumulatoren. Die Anzeige erscheint in der viel gelesenen Zeitschrift zwischen 1897 und 1899 teils wöchentlich. 196 Geschichte

 

 

 

Der Wagen Nr. 30 der Münchner Trambahn ist für den gemischten Betrieb ausgelegt. In den Außenbezirken wird die Energie aus der Oberleitung bezogen, in der Innenstadt treibt ein Akkumulator der EGT die Straßenbahn an. daraufhin sowohl in München als auch in Ludwigs- hafen oder beim Trambahn wagen-Lieferanten Union Berlin aufs Schwerste beschädigt. Das erste vierrädrige Automobil stammt 1888 von Maschinenfabrikant Flocken Trotz aller Fertigungsprobleme gelingt es der EGT, Akkus für den mobilen Betrieb auch für den Einsatz in Automobilen zu veräußern – Fuß fassen kann das Triberger Unternehmen jedoch auch in dieser Spar- te nicht. Zur Vorgeschichte: Im Jahr 1888 nutzt der deutsche Maschinen fabrikant Andreas Flocken den Blei-Akkumulator zum Antrieb des ersten Elektro- autos mit vier Rädern. Bis zu diesem Zeitpunkt gelten dreirädrige Kutschen mit Elektromotor als „Automobil“. Die Flocken-Erfindung ruft weltweit Konkurrenten auf den Plan und das Aufkommen weiterer Hersteller erhöht die Zahl der Elektroautos kontinuierlich. Die in den Akkumulatoren gespeicherte Energie lässt sich immerhin für bis zu 100 Kilometer weite Fahrten nutzen. Der Motor startet auf Knopfdruck – muss nicht wie im Fall des Verbrennungsmotors mit einer Kurbel erst mühsam in Bewegung gesetzt wer- den. Und es gibt keine Schaltung, die Elektroautos lassen sich „mit einer Hand steuern“. Sie werden we- gen der leichten Bedienung besonders Frauen zum Kauf empfohlen. Ein weiterer Vorzug ist das Vorhan- densein von elektrischem Licht bei Nachtfahrten. Die frühen Elektroautos erreichen Geschwin- digkeiten von bis zu 25 Kilometer in der Stunde. Deutlich schneller sind die Renn wagen dieser Zeit unterwegs: Die einer Zigarre ähnelnden Fahrzeu- ge liefern sich keine Rennen wie sie heute üblich sind, sondern kon kurrieren um die erreichbare Höchstgeschwindigkeit. In ihrem Innern befinden sich Fulmen- Elemente, Hochleistungs-Akkus, die in Verbindung mit 25kW-Gleichstrommotoren enorme Beschleunigungen ermöglichen. Der Belgier Camille Jenatzy fährt mit ihrer Hilfe im April 1899 als erster Mensch schneller als 100 Kilometer pro Stunde, erreicht eine Geschwindigkeit von 105,88 km/h. Aus dem Briefverkehr zwischen Friedrich von Schoen und der Triberger Geschäfts- führung geht hervor, dass sich die EGT diese Ful- men-Elemente in Frankreich beschafft und deren Aufbau untersucht. Den Auftrag führt EGT- Vertreter Le Roy aus, der in Frankreich erfolgreich für die Tri- berger Fabrik tätig ist und dort eine statt liche Zahl an Akkumulatoren für den stationären Betrieb ab- setzt. Es gibt somit auch Erfolge zu vermelden. Akkumulatorenfabrik Triberg 197

 

 

 

Die EGT bringt im Winter 1898 das erste Elektroauto in den Schwarzwald Ein Brief vom 16. Februar 1898 zeigt auf, dass die Akkumulatorenfabrik neben Straßen- und Eisen- bahnen ebenso Elektroautos mit Batterien versorgt. Bereits 1897 war eine elek trische Kutsche mit einem Antriebssystem ausgestattet worden – wohl die des Herzogs von Coburg. EGT-Gesellschafter Wilhelm von Schoen hatte diesen Auftrag vermittelt – ebenso ei- ne Batterie für das dortige Hoftheater. Der Diplomat fungiert als Hofrat des Fürsten von Sachsen-Coburg, was viele Türen öffnet. Der EGT gelingt weiter die Zusammenarbeit mit der gleichfalls in Coburg an- gesiedelten Maschinenfabrik von Andreas Flocken, dem Erfinder des vierrädrigen Automobils. Die Triberger Geschäftsführung berichtet dazu an den Aufsichtsratsvorsitzenden nach München: „Die Batterie für den automobilen Wagen von Flocken mit Sitz in Coburg wurde nun heute von hier abgesandt. Ein anderer Wagen ist hier angekommen (mit der Schwarzwaldbahn, d. Autor) und wird die Batterie probiert werden, sobald die Wege fahrbar sind.“ An den wenigen Zeilen ist zu erkennen, dass die EGT in Triberg mit Elektroautos diverse Fahrversuche unter- nimmt. Das bedeutet: Die E-Mobilität hält somit in den 1890er-Jahren auch im Schwarzwald zumindest zu Versuchszwecken ihren Einzug. Dass für den Auftakt dieser Bestrebungen ausge- rechnet ein schneereicher Februar gewählt wurde, ist eine Besonderheit am Rande. Es muss ein impo- santes Bild gewesen sein, als Pferde das mutmaß- lich auf einem Schlitten stehende Automobil vom Bahnhof Triberg aus hinauf zur gut fünf Kilometer entfernt liegenden Akkumulatorenfabrik im Gewann „Loch“ bei Schönwald gezogen haben. Mit einem Victoriawagen, der mehr einer Kutsche als einem Automobil ähnelt, unternahm die EGT 1898/99 Fahrversuche im Umfeld ihrer Akkumulatoren fabrik. nig ist, eine mittlere Geschwindigkeit von 15 Kilome- tern pro Stunde ist mindestens anzustreben. Das ist sehr wichtig, da alle Welt schnell fahren will.“ Mit der Fertigung von Akkumulatoren für Elektro- boote hat die EGT indes ebenfalls kein Glück: Wenn überhaupt, werden Batterien für diesen Zweck in nur geringer Stückzahl veräußert. Die noch vorhande- nen Geschäftsunterlagen lassen diesbezüglich keine Rückschlüsse zu. So beschließt Friedrich von Schoen, das Testboot vom Zürichsee an den Boden see zu ver- legen und dort zum Verkauf anzubieten. Kein Erfolg mit Elektrobooten Wer Eisenbahnen und Automobilen mit Akkumula- toren zum elek trischen Betrieb verhilft, der will auch Boote mit dieser Technologie ausstatten. Auf Drän- gen von Friedrich von Schoen wird in der Schweiz bereits im Herbst 1897 ein Boot mit einem elektri- schen Antrieb in Betrieb genommen, das mehrfach Testfahrten auf dem Zürichsee absolviert. Als es im Rahmen der Testberichte um die Motorleistung geht, meldet sich der Münchner vehement zu Wort: „Ich wiederhole, daß 12 km/h Geschwindigkeit viel zu we- Das Ende der Ära Carl Meissner Für das Engagement der Münchner Investoren in Triberg ist nicht nur die Rendite allein der ausschlag- gebende Faktor. Friedrich von Schoen will zusammen mit seinem Bruder Wilhelm von Schoen und Carl von Linde mit der Bereitstellung von Risikokapital etwas bewirken – eine regionale Stromversorgung aufbauen und einen Beitrag zum Gelingen der Elektro- mobilität leisten. Doch im Spätsommer 1898 wird ihm mehr und mehr bewusst, dass ein Großteil des 198 Geschichte

 

 

 

gemeinsamen Triberger Millionen invests allein we- gen Fahrlässigkeit zunächst verloren ist. „Denke ich an die Hunderte von Verfehlungen – wahrlich, es steht mir der Angstschweiß auf der Stirn“, formu- liert er am 1. August 1898. Als sich dann noch Mitte September sämtliche Batterien in den Triberger Stromzentralen der EGT als defekt oder nicht gela- den erweisen, ist das Schicksal von EGT-Initiator und Geschäftsführer Carl Meissner besiegelt: Bei einem Gespräch im November 1898 in München vereinbart Friedrich von Schoen mit ihm das Ausscheiden zum Jahresende. Kurze Zeit später veräußert Meissner auch seine Anteile an der EGT. Ein Pionier des Auf- baus der Stromversorgung im Schwarzwald scheidet unrühmlich, doch aus nachvollziehbaren Gründen aus den Diensten der EGT aus. Carl Meissner arbei- tet künftig mit Erfolg als selbstständiger Ingenieur, stirbt 1944 im Alter von 94 Jahren in Duningen. Die Abwicklung der Akkumulatorenfabrik Mit dem Ausscheiden von Carl Meissner aus der EGT finden die Pionierzeiten im Unternehmen ihr Ende. Friedrich von Schoen verliert in ihm auch einen Mit- streiter – einen Mann, den die Möglichkeiten der Elektromobilität ebenso begeistern wie den Münch- ner Investor selbst. Produktionstechnisch konzen- triert sich die „Abteilung B“ der EGT in der Folge auf die Fertigung stationärer Akkumulatoren, legt dazu 1899 eine umfassende Werbebroschüre auf (siehe Abb. oben). Doch ein Erfolg stellt sich nicht mehr ein, vielmehr kommt es zu weiteren Rückschlägen: An Heiligabend des Jahres 1903 erscheint die Verkaufs- Offerte der EGT für ihre einstige Akkumulatorenfabrik im „Echo vom Wald“. Zum Verkauf des Fabrikgebäudes kommt es aber erst Monate später – unter großen Verlusten. Akkumulatoren-Imagebroschüre der EGT, die nichts unver- sucht lässt, um ihre Produkte erfolgreich zu veräußern. Immer mehr Akkumulatoren fallen aus, immer mehr Käufer verklagen die Akkumulatorenfabrik Triberg auf Schadensersatz. Zeitweise hat das Unternehmen mehr als 50 Prozesse gleichzeitig zu führen. Sechs Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1896 wird die „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach Millionen- verlusten schließlich abgewickelt. Fertigungsproble- me und die übermächtige internationale Konkurrenz besiegeln 1903 endgültig das Schicksal einer Fabrik, die ihre Akkus zu besten Zeiten auch nach Frank- reich, Belgien und Italien lieferte. Und das im statio- nären Bereich mit beachtlichem Erfolg. Das Fazit: Die EGT- Triberg hat viel gewagt und zählt nach wie vor zum Kreis der Pioniere der Elektro – mobilität in Deutschland – in der Fachliteratur hat sie noch heute ihren Platz. Und was nun zu guter Letzt die Lok in Furtwan- gen anbelangt: Sie wurde 1903 wegen einer krum- men Achse auf einem Frachtwagen stehend zum Verschrotten nach Dresden geschleppt. Eine Test- fahrt muss es somit doch gegeben haben… Akkumulatorenfabrik Triberg 199

 

 

 

GEDÄCHTNIS FÜR DIE Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen von Edgar H. Tritschler 200

 

 

 

FÜRSTENBERGER LANDE Foto: Urkundenpotpourri mit einem Wappenbrief, zwei Kaiser urkunden mit Goldener Bulle und großem Wachssiegel sowie einem sogenannten Igel, einer Urkunde mit zahllosen Siegeln.

 

 

 

Zur Herkunft der Fürstenberger Das Fürstentum Fürstenberg ist der Oberbegriff für die von den Reichsfürsten zu Fürstenberg regierten Gebiete im schwäbischen Reichskreis. Von 1664 bis 1716 umfasste das Fürstentum nur die der Linie Fürstenberg-Heiligenberg gehörigen Gebiete, insbesondere die Grafschaft Heiligenberg. Von 1716 bis 1744 existierten die Fürstentümer Fürsten- berg-Stühlingen und Fürstenberg-Meßkirch neben- einander. Nach dem Aussterben der Linie Fürsten- berg-Meßkirch im Jahre 1744 vereinigte Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg-Stühlingen alle schwäbischen Besitzungen des Gesamthauses Fürstenberg. Dieser kleine Streifzug zur Herkunft der Fürsten- berger erscheint auch für die Darstellung ihrer Archivgeschichte hilfreich. Das Fürstlich Fürsten- bergische Archiv (F. F. Archiv) beherbergt in seinem historischen Teil (Haupt- und Cameralarchiv bis 1806) eine Vielzahl an Beständen, die im Kontext zur Familien- und Territorialgeschichte stehen und für das Gesamtverständnis z.B. von Herrschafts- und Regionalgeschichte erforderlich sind. Nach dieser knappen Darstellung soll auch der Übergang gro- 202 Geschichte

 

 

 

Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg (1699 – 1762) Karte der Fürstenbergischen Herrschaften in der Baar, am Hochrhein und am Bodensee, gezeichnet von Bourz von Seethal, Ende des 18. Jahrhunderts. Dargestellt sind die Grenzen der Grafschaften und Herrschaften Baar, Hohen- hewen, Stühlingen, Meßkirch und Heiligenberg. Weiter wurden Ansichten der Orte Bräunlingen, Hüfingen, Donau- eschingen, Stühlingen sowie der Schlösser Heiligenberg und Hohenlupfen eingezeichnet, ebenso die Poststationen (Posthorn). Auf dem Bodensee sieht man Schiffe und Fischer. Deutlich auszumachen ist die territoriale Zersplitterung im deutschen Südwesten. ßer fürstenbergischer Territorien auf Vorderöster- reich – u.a. Bräunlingen 1305, Villingen, „Haslacher Anschlag“ 1326 – lediglich angemerkt werden. Dieser komplexe Vorgang, der im F. F. Archiv breiten Raum einnimmt, kann im Themenzusammenhang nicht an- gemessen dargestellt werden. Joseph Wilhelm Ernst Fürst zu Fürstenberg ver- legte im Jahr 1723 seine Residenz von Stühlingen nach Donaueschingen. Damit gelang es ihm, aus der kleinen Residenz Donaueschingen einen Mittelpunkt der Behördenorganisation zu machen und den ver- schiedenen Teilherrschaften nach außen und nach innen ein einheitliches Gepräge zu geben sowie aus den so verschiedenartigen Gebieten ein kräftiges, neuzeitliches Staatswesen zu schaffen. Durch die Vereinigung aller Herrschaften ent- stand unter der Leitung dieses Regenten ein mit größeren deutschen Territorial staaten vergleichba- res Gebilde mit etwa 85.000 Einwohnern unter der Administration von 14 Oberämtern. Der fürstlichen Regierung in Donaueschingen gehörten ein Kanzler, drei Hof- und zwei Kammerräte sowie der fürstliche Archivar an, dessen Funktion 1723 erstmals genannt wird. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 203

 

 

 

Das Portal mit dem schönen Wappengitter. Fürstenbergisches Archiv: Das Gebäude Das „Fürstenbergarchiv“ ist einer der frühesten selbstständigen Archivbauten in Deutschland. Es wurde bereits 1756 – 1763 errichtet, zu einer Zeit, als es noch gang und gäbe war, Archive in zweckfrem- den Bauten und Räumen zu lagern. So z.B. in Rathauskellern, Schlossgewölben oder Kirchtürmen, wo wertvolles Archivgut zum Teil erheblichen Schaden nahm, unleserlich wurde oder bei Umzügen von einem Lagerort zum anderen gar verloren ging. In Donaueschingen gelang es, andernorts schnell gefundene Lösungen zu vermeiden, ein vorhandenes, eigentlich ungeeignetes Gebäude oder einen Teil des Herrschaftskomplexes kurzerhand zum Archiv umzufunktionieren oder einen solchen mit einem Anbau auszustatten, für den irgendwo eine Grund- fläche verwendbar erschien. Die damalige Konzep- tion hat sich bis heute fast unverändert erhalten. Dadurch steht das Archiv wohl einzigartig dar. Das Gebäude entstand neben dem Kanzleigebäu- de, dem Sitz der fürstlichen Zentralverwaltung. Mit diesem zusammen bildete es das Herz eines ganzen Ensembles aus Verwaltungs-, Wirtschafts- und Wohn- gebäuden, die Fürst Joseph Wilhelm Ernst zwischen 1722 und 1762 an seinem neuen Residenzort Donau- eschingen errichten ließ. In der Bauform und Größe lehnte es sich mit 27,50 x 16,25 Metern Grundfläche und sechs ober- und unterirdischen Stockwerken bewusst an das Kanzleigebäude an. Allerdings war es aufgrund des hohen Bauaufwands wesentlich teurer als die Kanzlei und alle sonstigen fürstlichen Gebäu- de der Zeit. In sieben langen Jahren Bauzeit wurden ca. 80.000 Gulden verbaut. Schon dies dokumentiert schlagend den hohen Rang, den Fürst Joseph Wil- helm Ernst dem Archiv beimaß. Es liege ihm, so ließ er mehrfach verlauten, über allem am Herzen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtigkeit ausgerichtet. Zum Zuge kam schließlich ein Plan des fürst- lichen Baumeisters Franz Joseph Salzmann. Nach außen präsentiert sich sein Gebäude relativ nüch- tern und abweisend. Sockel, Mauerblenden und Gebäudeecken aus Quaderstein, eine großzügige Frei treppe und das Portal mit dem schönen Wappen- gitter sind der einzige Schmuck. Die Fenster sind durch Gitter und eiserne Läden sicher verschlossen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtig- keit ausgerichtet. Es erfüllt noch heute vorrangig die notwendigen Schutzwirkungen als Spezialgebäude für die Sicherheit der Archivalien vor unerwünschtem 204 Geschichte

 

 

 

Lichteinfall, garantiert Sauberkeit, Trockenheit, Be- lüftung und ideale Raumtemperatur. Als Baumaterial wurde deshalb nur Stein und Eisen verwandt. Die Wände sind mehr als einen Meter dick, die Decken kreuzgratgewölbt, die eisernen Türen fast zwei Zent- ner schwer. Der Gewölbekeller Der geräumige zweistöckige Keller hatte und hat noch heute ökonomische und klimatische Vorteile. Zum einen konnten auch Bierfässer der gegenüber- liegenden Brauerei gelagert werden; von den Kellern führte deshalb ein direkter Gang hinüber zur Brauerei. Der Erbauer, Fürst Joseph Wilhelm Ernst, hatte dies so bestimmt, nicht um das Archivpersonal mit edlem Gerstensaft zu versorgen, sondern um das „sündhaft teure Archivgebäude“ wenigstens teilweise betriebswirtschaftlich zu nutzen. Unschätz- bar wertvoll ist der klimatische Nutzen dieser Art von Unterkellerung. Beide Kellergeschosse sind außergewöhnlich gut belüftet und schützen dadurch das Gebäude und das Archivgut effektiv vor einer Durchfeuchtung von unten. Das untere hat zu diesem Zweck Lüftungsschächte; das obere reicht über das Straßenniveau hinaus und ist ringsum durchfenstert. Die Luftfeuchtigkeit im Gebäude ist dadurch bis heute im tolerablen Bereich, vor allem in den Räumen, die von vornherein als Archivräume vorgesehen waren. Im ersten Kellerstock, der auch heute noch für die Unterbringung von Archivalien genutzt wird, ist die Feuchtigkeit im Jahresmittel nur leicht erhöht. Klimatisch schwieriger ist der eben- falls für Archivzwecke genutzte Dachstuhl, wo es zu stärkeren Temperatur- und Klimaschwankungen kommt. Bei der Belegung dieser beiden Lagerorte mit Archivgut sind diese Besonderheiten zu berück- sichtigen. Das Gebäude des Fürstenbergarchivs, nach außen relativ abweisend, ist konsequent auf ein Ziel ausgerichtet: Urkun- den, Akten und Büchern eine möglichst sichere und dauer- hafte Aufbewahrung zu bieten. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 205

 

 

 

Der Max-Egon-Saal Im Inneren überrascht der äußerlich so zurückhalten- de Bau mit einem prächtigen barocken Bibliotheks- saal. Das Gestühl mit seinen aufwändigen Schnit- zereien und Einlegearbeiten, mit Köpfchen, Fratzen und Kapitellen stammt aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch und wurde schon zur Erbauungs- zeit des Archivs nach Donaueschingen überführt. Es beherbergte ursprünglich die Arbeitsbibliothek der benachbarten fürstlichen Zentralverwaltung, daher die Zierrahmen am Kopf der Regale, die nur juris- tische Sachgebiete ausweisen. Heute befindet sich im Max-Egon-Saal die Arbeitsbibliothek des Archivs mit Werken zur badischen, württem bergischen und fürstenbergischen Geschichte. Ganz rechts unten: ein Geheimfach. 206 Geschichte

 

 

 

Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 207

 

 

 

Das „Reisearchiv“ Ein „Highlight“ des Fürstenbergarchivs ist das sogenannte „Reisearchiv“ in den Ge- wölben A und B des Erdgeschosses. Hierbei handelt es sich um die wichtigsten Doku- mente des Archivs, die bereits in Flucht- kisten verpackt sind, damit sie im Gefahren- fall schnell auf Fahrzeuge verladen und in Sicherheit gebracht werden können. Die „Flüchtung“ des fürstenbergischen Archivs vor allem vor französischen Heeren war im 17. und 18. Jh. keine Seltenheit. Letztmals fuhren 1796 insgesamt 17 große Wagen ins schweizerische Feuerthalen, um das Archiv in Sicherheit zu bringen. Auch im Zweiten Weltkrieg waren die wichtigsten Stücke aus- gelagert, diesmal auf der Burg Wildenstein im Donautal. Das Erdgeschoss und die Obergeschosse Die wertvollsten Archivalien wurden in den beiden Gewölben des Erdgeschosses in speziellen Flucht- kisten untergebracht, so dass sie bei Kriegsgefahr schnell und reibungslos in Sicherheit gebracht werden konnten. Ein Saal im ersten Obergeschoss diente den Archivaren und Registra toren als groß- zügiges Arbeitszimmer. Im zweiten Obergeschoss wurde das barocke Bibliotheksgestühl aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch eingebaut. Es war vor allem für die juristische Arbeitsbibliothek der Zentralverwaltung bestimmt. Im Grunde ist dieses Gebäude, auf das man schon zu Planungs- und Bauzeiten viel Sachverstand und finanzielle Mittel verwandte, bis heute bautech- nisch up to date. Das Fürstenhaus wendet neben an- deren, vielfältigen Kulturleistungen regelmäßig hohe Summen für das Archivpersonal und den Erhalt des Archivgebäudes auf. Eines der größten Adelsarchive Deutschlands Das Fürstenbergarchiv zählt zu den größten Adels- archiven in Deutschland und gleicht in seiner Größe einem kleineren Staatsarchiv. Das Archivgebäude ist vom Keller bis unter das Dach bis auf den letzten Quadratmeter mit Archivalien gefüllt, ein gewaltiger Bestand, in dem etwa 25.000 Pergamenturkunden verwahrt werden. Das Ausmaß an archivierten Akten ließe sich nur in Regalkilometern angeben. Entschei- dend für die Bedeutung des Archivs ist aber weniger dessen Quantität, als vielmehr die Qualität der Überlieferung. Worauf beruht diese? Da die Fürsten- berger – wie alle anderen Standesherren nach der Mediatisierung des Jahres 1806 – ihr gesamtes Archiv ungeschmälert als Privateigentum behalten konnten, ist es für die Zeit bis 1806 somit als ein Landesarchiv anzusehen. Es bewahrt neben der Überlieferung der fürst- lichen Familien und ihrer Besitzungen auch umfang- reiche Bestände hoheitlicher Herkunft. Schließlich war Fürstenberg nach dem Herzogtum Württemberg, den vorderösterreichischen Landen, den vereinig- ten badischen Markgrafschaften und der Kurpfalz das größte reichsunmittelbare Territorium im deut- schen Südwesten. Wer sich mit der Geschichte eines fürsten bergischen Ortes, einer Liegenschaft, einer bestimmten Familie oder Person, einem x-beliebigen historischen Thema aus der Zeit vor 1806 beschäf- tigen will, der kommt kaum am Fürstenbergarchiv vorbei. Insbesondere für die Geschichte der ehemals fürstenbergischen Orte und Gemeinden im Schwarz- wald-Baar-Kreis enthält es einen schier unerschöpfli- chen Fundus an historischen Quellen. 208 Geschichte

 

 

 

Rechts: Urkunde vom 10. Dezember 1716. Kaiser Karl VI. erhebt die Linien Stühlingen und Meßkirch des Hauses Fürstenberg in den Fürstenstand. 1664 war bereits die Heiligenberger Linie „gefürstet“ worden.Die für die Familie Fürstenberg äußerst wert- volle Urkunde ist mit einer Goldenen Bulle besiegelt. Unten: Urkunde, entstanden zwischen 1492 und 1499. Papst Alexander VI. stellt den Grafen Heinrich und Wolfgang von Fürstenberg einen Beichtbrief aus. Zu sehen sind oben das Wappen des Papstes mit der Tiara und den Schlüsseln des Petrus, darunter das Wappen des Hauses Fürstenberg.

 

 

 

Die politischen Verhältnisse in der Zeit nach 1806, also für das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die NS-Zeit, spiegeln sich auch in der archivi- schen Überlieferung wider. Als Großgrundbesitzer, Eigentümer zahlreicher Wirtschaftsbetriebe, poli- tisch aktive Standesherren, engagierte Förderer des kulturellen Lebens, Mitbegründer der „Donaueschin- ger Musiktage“ und der „Internationalen Reitturnie- re“ – um nur einige ihrer Engagements zu nennen – waren die Fürstenberger auch nach 1806 wichtige Repräsentanten in den fürstenbergischen Landen und darüber hinaus und nahmen zahlreiche Funk- tionen in Wirtschaft und Gesellschaft wahr. Damit übersteigen die Volumina der in dieser Zeit entstan- denen Akten das historische Archiv deutlich. Manch neuer Bestand gehört zu den am meisten genutzten Abteilungen des Archivs; so auch jene Materialien, die die fürstenbergische Residenzstadt Donaueschin- gen betreffen und eigentlich in ein Kommunalarchiv gehören. Das Donaueschinger Stadtarchiv ging aber im 20. Jahrhundert gleich zweimal komplett verlo- ren: 1908 verbrannte es beim großen Stadtbrand und 1945 wurde es vor den anrückenden Franzosen in Sicherheit gebracht und verschwand „auf Nimmer- wiedersehen“. Alle dazu angestellten Nachforschun- gen, um den Bestand wiederzufinden, verliefen ergebnislos. Herausragend zu nennen sind die Archivbestände zur fürstenbergischen Theater- und Musikgeschichte, allen voran zu den „Donaueschinger Musiktagen“. Sie In einer weiteren archivischen Sonderrolle beherbergt das Fürstenbergarchiv den Nach- lass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. wurden speziell in den letzten 15 bis 20 Jahren und besonders im Vorfeld des hundertjährigen Jubiläums (2021) sehr intensiv erforscht. Zahlreiche wissen- schaftliche Veröffentlichungen und Quelleneditionen konnten so erscheinen. In einer weiteren archivischen Sonderrolle be- herbergt das Fürstenbergarchiv den Nachlass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., und hatte als Vizepräsident des österreichischen Herrenhauses beste Beziehungen zum österreichischen Kaiserhaus. Sein Nachlass ist eine Fundgrube für die Spätzeit der Monarchie in Deutschland und Österreich und wird deshalb immer wieder von Forschern genutzt. Das Arbeitszimmer Als das Archiv noch das Staatsarchiv des Fürstentums Fürstenberg war und deshalb wie ein Tresor vor fremden Blicken und Benutzern geschützt wurde, diente das Arbeits zimmer im ersten Obergeschoss nur den Archivaren und Registratoren. Heute forschen hier die wissenschaftli- chen und heimatkundlichen Benutzer des Archivs. Nur dieser Raum ist beheizt und hat zum Schutz der Archivare vor der Kälte einen Parkettfußboden. 210 Geschichte

 

 

 

der fürstenbergischen Baar und der angrenzenden Landesteile dar. Als Leistung eines standesherrlichen Archivs sind sie einzigartig. In zahllosen Büchern, Aufsätzen, wissenschaft- lichen Beiträgen etc. haben Autor(innen) Archi- valien aus dem Fürstenbergarchiv genannt oder in Fuß noten zitiert, die sie für ihre Publikationen verwendet haben. Mit jeder Anfrage bzw. jedem Benutzerantrag ist das Fürstenbergarchiv selbst involviert, da deren forschungsleitendes Interesse unterstützt sein will und in der Folge manche erst zu findende Archivalie ausgehoben wird. Es wä- re eine Fleiß arbeit, die für die Orte in den ehem. Fürstenbergischen Landen erschienenen Ortschroni- ken, kirchen- oder familiengeschichtlichen Beiträge, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Aufsätze u.a. mit dem Quellenmaterial aus dem Fürstenbergarchiv in Verbindung zu bringen. Es würde aber aufzeigen, welche Bedeutung dieses Archiv auch in der Gesamt- schau mit den Materialien z.B. des Staatsarchivs Frei- burg und des Generallandesarchivs Karlsruhe für die Aufgabe der Geschichtsvermittlung hat. Aktenbündel über Aktenbündel im zentralen Treppenhaus, welches das gesamte Gebäude erschließt. Aufgaben und kulturelle Bedeutung des Fürstenbergarchivs Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv enthält die Überlieferung der Grafen und Fürsten zu Fürsten- berg. Es ist ein ungewöhnlich reichhaltiges und nahezu geschlossen erhaltenes Archiv. Der Familie galt es stets als größter Schatz und wurde entspre- chend sorgfältig gehütet. Bis zur Mediatisierung von 1806 und noch weit da- rüber hinaus war das Archiv ein Ort, zu dem Fremde, Besucher und Forscher keinen Zutritt erhielten; es war das Geheime Staatsarchiv der Fürstenberger Lande und diente ausschließlich der fürstlichen Verwaltung. Dies änderte sich mit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit 1806. Die Fürstenberger mussten sich jetzt gänzlich neu positionieren, wollten sie ihren Status als hochadeliges Haus bewahren. Ein wichti- ger Schritt dazu war neben der Modernisierung der Wirtschaftsbetriebe und der Verwaltung der Aufbau der „Fürstlich Fürstenbergischen Institute für Kunst und Wissenschaft“ unter Fürst Karl Egon III. ab 1860. Zu ihnen zählten neben dem Archiv auch die Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen und die Hofbiblio- thek, die der Öffentlichkeit in großzügiger Weise zugänglich gemacht wurden. Das Archiv erhielt den speziellen Auftrag, die Fürstenbergische Geschichte zu erforschen und interessierte externe Benutzer bei deren eigenen Recherchen zu unterstützten. Ein weiteres Faktum macht das Fürstenberg- archiv bemerkenswert: Es wurde bereits im Jahr 1862 von Fürst Karl Egon III. zur wissenschaftlichen Forschungsstätte ausgebaut und der geschichts- interessierten Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Archiv wird deswegen hauptamtlich von einem Historiker geleitet und zählt daher zu den gut zugänglichen Adelsarchiven in Deutschland. Im Fürstenbergarchiv befindet sich auch die Hofbiblio- thek des Hauses Fürstenberg. Zwischen 1870 und 1950 haben die Fürsten- bergischen Archivare ein viel beachtetes historisches Forschungs- und Editionswerk vorgelegt. Unbestreit- bare Höhepunkte waren dabei das „Fürstenbergi- sche Urkundenbuch“ und die „Mitteilungen aus dem Fürstenbergarchiv“, eine neunbändige Edition der Quellen zur Haus- und Familiengeschichte bis zum Jahr 1600. Beide Werke stellen nach wie vor die Grundlage aller historischen Arbeit im Gebiet Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 211

 

 

 

Häufig sind historische Gedenktage oder Jubi- läen fürstenbergischer Orte und Einrichtungen der Anlass, das ganze Arsenal der Geschichtsvermittlung zum Einsatz zu bringen. Es werden Ausstellungen und Tagungen konzipiert und ausgerichtet, wissen- schaftliche Beiträge verfasst, Bücher geschrieben oder herausgegeben, Vorträge gehalten und Führun- gen angeboten. Der Fürstliche Archivar übernimmt daneben vielfältige Repräsentationsverpflichtungen für das Haus Fürstenberg, vor allem in kulturel- len oder historischen Zusammenhängen. Auch im Rahmen der Kultur- und Tourismusarbeit der Stadt Donaueschingen. Als besonders beliebtes Ereignis hat sich die Übergabe der vom Fürstenhaus alljähr- lich gespendeten „Goldenen Uhr für die besten Ab- solvent(innen) des Fürstenberg-Gymnasiums“ durch den Archivar etabliert. Die Archivare Bei der Darstellung der Fürstenberger Archivge- schichte ist zu erwähnen, dass schon im Jahr 1723 die Funktion des fürstlichen Archivars neben Hof- und Kammerräten als Mitglied der Donaueschinger Regierung genannt wurde. Diese hierarchische Positionierung ist zu dieser Zeit ungewöhnlich und zeigt einerseits den Weitblick des Fürsten und andererseits die hohe Wertschätzung, die dem damaligen Archivar zuteil wurde. Der Inhaber dieser Stelle könnte mit einem der „Räte und Registrato- ren“ identisch sein, die auf der älteren der beiden Wandtafeln genannt sind, die zu deren Gedenken im Benutzerraum des Archivs ausgestellt sind. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächt- nisses der Region, für die das Archiv mit dem Gut an schriftlichen Überlieferungen besteht. Sie arbeiten kraft ihrer persönlichen und fachlichen Qualifikation auch als „Übersetzer“ von Schriftgut, da die Archiva- lien bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts in deutscher Kanzlei- bzw. Kurrentschrift verfasst sind und der Transkription in die heute lesbare Schrift bedürfen. Neben dieser Aufgabe ermöglicht erst die Inter- pretation der Inhalte die Erkenntnisgewinnung für den forschenden Archivar oder den nachfragenden Benutzer und macht die ausgehobenen Archivalien erst dadurch sprechend. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächtnisses der Region. bezeichnungen auf den obigen Wandtafeln schon verraten, dass sie als „(Hof)Rath und Registrator/ Archivarius“ bis Mitte des 19. Jahrhunderts stets in einer Doppelfunktion auftraten und danach – ent- sprechend dem gestiegenen Aufkommen an Archiv- gut – in der Archivarbeit ihre Hauptaufgabe hatten. Als Leiter des Fürstenbergarchivs fungierten danach nicht mehr – wie bisher – [Verwaltungs]Juristen, sondern Historiker, von denen einige mit besonderen wissenschaftlichen Leistungen hervortraten. Den Anfang machte 1862 Freiherr Roth von Schreckenstein, der zuvor Vorstand des Germani- schen Museums in Nürnberg gewesen war und nach seinem Ausscheiden Direktor des Generallandesar- chivs in Karlsruhe wurde. Auf ihn folgten bekannte Namen wie Dr. Sigmund Riezler, Dr. Franz Ludwig Baumann, Aloys Schulte, Dr. Georg Tumbült und Prof. Dr. Karl Siegfried Bader, allesamt anerkannte Wissen- schaftler und Archivare, die den Ruf des Archivs im 19. und 20. Jahrhundert weit über die Region und die Landesgrenzen hinaus begründeten. Dem letztgenannten Karl Siegfried Bader, der in seiner Eigenschaft als Rechtshistoriker weit über seine Archivarbeit in Donaueschingen hinaus wirkte, wurden verschiedene Würdigungen seines Lebenswerks zuteil. Auch der in Baders Nachfolge amtierende Archi var Georg Goerlipp wurde für seine Jahrzehnte währende Arbeit geehrt; er hatte fast sein gesamtes Berufsleben mit hohem persönlichem Engagement im Fürstenbergarchiv zugebracht. Dr. Andreas Wilts – Herausforderungen einer neuen Zeit Mit Dr. Andreas Wilts wurde im Jahr 1995 ein Nachfolger berufen, der über 170 Jahre nach der erstmaligen Nennung eines Fürstenbergarchivars die lange Reihe an Amtsinhabern fortsetzte und sich der anspruchsvollen Aufgabe in Donaueschingen stellte. Diese Quellenarbeit wird seit vielen Jahren von Der neue Archivar ging mit Respekt an seine Persönlichkeiten wahrgenommen, deren Amts- archivische Lebensaufgabe, von der er – wie seine 212 Geschichte

 

 

 

Dr. Andreas Wilts leitete das Fürstlich Fürstenbergische Archiv von 1995 bis zum Jahr 2022. 213

 

 

 

Die Fürstenfamilie mit Dr. Andreas Wilts bei der Vorstellung des Buches „Max Egon II. zu Fürstenberg – Fürst, Soldat, Mä- zen“ vor einem Portrait des Fürsten Max Egon II. Von links: I. D. Erbprinzessin Jeannette zu Fürstenberg, S. D. Erbprinz Christian zu Fürstenberg, S. D. Fürst Heinrich zu Fürstenberg, I. D. Fürstin Massimiliana zu Fürstenberg und Dr. Andreas Wilts. Vorgänger – schon bei Dienstantritt wusste, dass er wichtige, vielleicht einmalige Bausteine für das Geschichtsbild würde beisteuern können, die Arbeit aber niemals final erledigt sein werde. Zu den außergewöhnlichen Projekten gehörte aber vor allem: Andreas Wilts war in der langen Ge- schichte des fürstenbergischen Archivwesens der erste Leiter, dessen Amtszeit mit den Anfängen, dann mit den stürmischen Weiterentwicklungen der Informationstechnologie einherging. Personal Computer der 1980er Jahre wurden während seiner ersten Dienstjahre allmählich in den Verwaltungsbe- trieb integriert, während die eigentliche Archivarbeit noch von Karteikarten oder Zettelkästen als Find- mittel gekennzeichnet war. Die Innovationszyklen der IT wurden immer kürzer, eine Hardware- und Softwaregeneration löste die andere ab, bevor sie von den Anwendern richtig beherrscht und ange- Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segens- reich erweisen wird. wandt werden konnte. Die 1990er-Jahre waren das Jahrzehnt des Internets und des World Wide Web, und es zeichnete sich ab, dass die weitere Dienstzeit von Andreas Wilts und seinen Mitarbeiter(innen) von neuen Herausforderungen, aber auch von riesigen Chancen geprägt sein würde. Insofern entsprach die- ser fundamentale Wandel aber der allgemeinen Ent- wicklung in Wirtschaft und Gesellschaft und bedürfte für ein Archiv nicht der besonderen Erwähnung. Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang 214 Geschichte

 

 

 

befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segensreich erweisen wird: Die Rede ist von der Digitalisierung von Archivalien. Während in Jahrhunderten der Nutzung von Gerichts- und Verwaltungsakten, Urkunden, Verträgen, Protokoll- und Rechnungsbüchern u.v.a.m. immer die Originale in Gebrauch waren, d.h. von den Archi varen den Nutzern zur Einsichtnahme vorgelegt wurden und diese im Laufe der Zeit oft beschädigt wurden oder gar verloren gingen, ist deren Digitalisierung nicht weniger als eine großartige Errungenschaft, ein Mei- lenstein. Im Archiv an einem speziellen Gerät das Digi- talisat lesen und den Inhalt auf einem USB-Stick mitnehmen zu können, ist schon technische Realität, wenn auch ein Großteil von Archivalien – so auch im Fürstenbergarchiv – für diesen Transformationspro- zess noch ansteht. Auch hierzu wird der nächste Ver- fahrensschritt schon längst praktiziert, nämlich – un- ter Verzicht auf den Archivbesuch – der Zugriff auf Archivbestände über das Internet und der Download auf einen externen Rechner. In diesem Spannungs- feld stand und steht das Fürstenbergarchiv an der Schwelle zum Übergang der Leitung auf den Nach- folger von Andreas Wilts. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 1995 äußerte er angesichts einer im Benutzerraum ausgestellten „ganzen Galerie zierlich gerahmter Porträts mit ehrwürdigen Männerköpfen“ in einem „Südkurier“- Interview, er hoffe, dass eines Tages die Reihe der in Ehren gehaltenen Fürstenberg-Archivare mit seinem Porträt ergänzt werde. Damit hatte er sich hohe Ziele gesetzt und diese in den 27 Jahren seines Wirkens nie aus den Augen verloren. Aus gutem Grund und großer Dankbarkeit wird sein Porträt nun einen wür- digen Platz an der Stätte finden, wo er bleibende Spuren hinterlassen hat. Ein Archivar ist es gewohnt, in langen Zeiträumen zu denken. Möge Andreas Wilts diese Übung für seinen Ruhestand beibehalten. Nachfolge durch Dr. Jörg Martin Als Nachfolger ist Dr. Jörg Martin bestellt, der die lange Reihe fürstenbergischer Archivare fortsetzen wird. Der Historiker und gelernte Archivar brachte aus seinen früheren Aufgaben als Archivar in Blaubeuren, Schelklingen und Munderkingen sowie als Kreisarchivar des Alb-Donau-Kreises bereits umfangreiche fachliche Erfahrungen mit, bevor er in den Stadtarchiven der Städte Staufen im Breisgau und Bad Krozingen neue historische Räume erschlie- ßen und als Kulturreferent beste Voraussetzungen für seine vielfältigen Aufgaben in Donau eschingen sammeln konnte. Der neue Archivar Dr. Jörg Martin. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 215

 

 

 

Außenansicht des Museum Art.Plus mit Werken von Jürgen Knubben, Paul Schwer und David Nash. 216 6. Kapitel – Kunst und Kultur

 

 

 

Das Museum Art.Plus Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst von Ursula Köhler Seit 180 Jahren prägt das klassizistische Museums- gebäude in Donaueschingen den Ort am Ufer der Brigach1. Obwohl der zweigeschossige Bau im Verhältnis zu seiner Umgebung, am Übergang zum Landschaftspark und in der Sichtachse zum fürstenbergischen Schloss, eher klein dimensioniert ist, wirkt er markant. XXX 217

 

 

 

Ungefähr sieben Generationen haben das Museum in unter- schiedlichen Funktionen ken- nengelernt und seine jewei- ligen Umgestaltungen gesehen. Immer war es ein öffentlicher Ort. Vom Haus der Musen, in denen die bürgerliche Museums gesellschaft sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts traf, wandelte es sich zum Soldatenheim. Nach den Zerwürfnis- sen infolge des Ersten Weltkriegs und der Auflösung der Museumsgesellschaft wur- de es in städtischer Trägerschaft in den 1920er-Jahren zum Kurhaus umgestaltet und schließlich von 1937 an für fast sie- ben Jahrzehnte zum Kino. Gemessen an der gesamten Zeitspanne seines Beste- hens sind 13 Jahre, in denen das Museum Art.Plus in diesem geschichtsträchtigen Haus existiert, recht kurz. Doch lässt sich umso besser nachvollziehen, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich bereits seit seiner Eröffnung im Sep- tember 20092 ereignet haben, sei es im technischen, wirtschaftlichen oder im kulturellen Bereich. Sanierung lässt ursprüngliche Atmosphäre wieder erahnen Wie sehr ein Gebäude seine Umgebung beeinflusst, lässt sich bei der Erinnerung an das funktionslos gewordene, verwit- ternde Lichtspiel-Haus nachvollziehen. Von dem ehemaligen selbstbewussten Anspruch einer gebildeten Bürgergruppe im Stadtraum durch repräsentative Architektur sichtbar zu sein, war zu Beginn des 21. Jahrhunderts wenig erkennbar geblieben. Das änderte sich mit der geplan- ten Nutzung des Hauses als Museum für zeitgenössische Kunst durch ein Sammlerpaar. Auf dem Höhepunkt der internationalen Neubauaktivitäten, um Privatsammlungen in eigenen Muse- en präsentieren zu können, wurde in Donaueschingen der Rückbezug auf ein 218 Das gemeinsame Credo von Auftraggebern und Architekten war, so vorsichtig wie möglich mit der alten Substanz umgehen. traditionelles Haus gewagt3. Die Sanie- rung durch die ortsansässigen Architek- ten gäbele&raufer hat dem Ort viel von seiner Strahlkraft und stadträumlichen Wirkung zurückgebracht und lässt die ur- sprüngliche Atmosphäre wieder erahnen. Das gemeinsame Credo von Auftrag- gebern und Architekten war, „so vorsich- tig wie möglich mit der alten Substanz umgehen.“4 Nun ist es ein kühnes Unter- fangen, zeitgenössische Kunst in einem traditionellen Gebäude ausstellen zu wol- len – selbst wenn es ‚schon immer Muse- um genannt wurde‘5 , denn es war unter gänzlich anderen Voraussetzungen er- richtet worden. Bei genauerem Hin sehen aber muteten manche Ansprüche einer Lesegesellschaft bereits wie aktuelle Mu- seumsanforderungen an. Dabei kann ein besonderer Reiz von dem scheinbaren Widerspruch ausgehen, zeitgenössische Werke explizit in einem nicht für sie ent- worfenen Raumkontext zu zeigen. Die Bauaufgabe Museum war noch nicht formuliert, als sich die Architekten in fürstenbergischen Diensten an die Arbeit machten. Bauinspektor Martin entwarf für den Neubau von 1841 die Grundstruktur des heutigen Baus, der von Baumeister Theodor Diebold nach einem Brand leicht modifiziert wieder- aufgebaut wurde. Deutlich ist an dem Gebäude von 1848 ablesbar, dass hier die im Schlossbau verankerte Galerie Modell stand. Viele der frühen eigenständigen Stefan Rohrer, Vespa, 2007. Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 219

 

 

 

Das „Museum“ als städtisches Kurhaus Ende der 1920er- Jahre. Museumsbauten, etwa die 1843 eröffnete Staatsgalerie in Stuttgart, weisen deshalb eine stark durchfensterte Fassade auf. Das entspricht nicht heutigen Standards der inzwischen höchst ausdifferenzierten Bauaufgabe. Keine fensterlose ‚Schachtel‘ Die fensterlose ‚Schachtel‘ wurde zum Ideal erhoben, da in ihr optimale Lichtverhältnisse erzeugt werden können. Eine Aussage darüber, was gute Räume für die Kunst sind, ist schwierig. Allerdings darf auch eine perfekte Architektur für die Kunst die Umgebung, in der sie steht, nicht außer Acht lassen.6 Für eine andere Museumsaufgabe am Anfang des 21. Jahrhunderts, nicht nur zu bilden, sondern auch zu unterhalten, bot das historische Gebäude mit Festsaal und Foyer bereits die besten Vorausset- zungen. So sah das neue Konzept vor, das Museum in dieser ursprünglichen Funk- tion aufleben zu lassen. Anhand der Bau- unterlagen im Fürstenbergischen Archiv konnte das Architektenpaar seinem An- spruch gerecht werden: „Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen.“7 Die tatsächlichen Qualitäten der durch viele Umnutzungen veränder- ten Innenräume kamen so wieder zum Vorschein. Als Hauptmerkmal hatten gäbele&raufer die Bausymmetrie identifi- ziert. Diese nutzten sie als verbindendes Element für den rückseitig situierten Erweiterungsbau aus Leichtbeton. Subti- ler sind die Verbindungen zwischen den traditionellen Materialien und modernem Baustoff. Die stimmige Gesamtwirkung erzeugt Details, die eine anhaltende ästhetische Kraft entfaltet. Das Haus erstrahlt auch deshalb wie- der in klassizistischer Würde, weil ein heller Fassaden anstrich, gepaart mit dem bewussten Verzicht auf Fensterläden den Baukörper wieder unverformt zum Vor- schein bringt. Dabei vereint das Gebäude in einem steten Wechsel alt und neu, offen und geschlossen, innen und außen, weiß und schwarz, Solitär und Ensemble, Kultur und Natur. Das Weiß hat auf die 220 Kunst und Kultur

 

 

 

Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen. Außenhaut des Museums gefunden, um dort auf den Eindruck des ersten Entwurfs anzuspielen. Die dunkle Pflasterung im Bereich zwischen Schauseite und Brigach führt optisch und real zum rückwärtigen monolithischen Erweiterungskubus aus schwarz eingefärbtem Leichtbeton. Die- ses Wechselspiel von Anpassen und Kont- rast greift der Neubau auf. Historische Innenräume unterstützen die Kunst Während 13 Nutzungsjahren konnten genügend Erfahrungen gesammelt werden, die zeigen, dass sich der anspruchsvolle Weg, ein historisches Gebäude in ein, den aktuellen Anforde- rungen entsprechendes Ausstellungshaus zu konvertieren, gelohnt hat und die Lorbeeren des Deutschen Architekten- preises berechtigt waren. Als unterstützend für die Kunst haben sich die historischen Innenräu- me erwiesen, die in unterschiedlichen Ausstellungszusammenhängen für die Besucher*innen und Kunstwerke einen harmonischen Begegnungsraum erzeu- gen. Dabei gehören die Veränderungen im Tages- und Jahresverlauf, den die Lichtstrahlen als (Seh-)Erfahrung durch die Fenster schicken, zum beständigen Subtext. Als Nutzungsspur ist das Thema Zeit im ganzen Haus ebenso erfahrbar wie in etlichen Werken der Sammlung und Ausstellungen. Besonders sinnfällig tritt das Phänomen von Dauer und Ver- änderung in Jinmo Kangs Baumporträt hervor, das 2009 zur Museumseröffnung entstand und den Ausstellungsraum nach außen erweitert. Im Laufe der Jahre wuchs der frisch gepflanzte Kirschbaum über sein Abbild aus Edelstahl hinaus. Nicht zuletzt rhythmisieren zwei parallel gezeigte Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Laufzeiten die Prä- sentationen. Das kleinere Format bietet experimentellen, partizipativen Kunstfor- men Raum und knüpft zudem mit jährli- chen Klanginstallationen während der Ta- ge Neuer Musik an die Aufführungspraxis aus der Anfangszeit des Festivals an. Breites Spektrum künstlerischer Projekte Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrge- nommen. Variantenreiche künstlerische Projekte, zu denen die Stadtgemein- schaft zur Mitgestaltung eingeladen ist, loten ihn aus. Beispielsweise bereitet Gabriela Oberkofler 2012 ein Festessen aus einer kollektiven Speisekammer zu, die die Donaueschinger*innen zuvor bestückt hatten. Bei diesem temporären Projekt löst sich dessen materielle Grundlage in einem Transformationspro- zess auf, um im immateriellen Bereich als Erinnerung aufgehoben zu sein und möglicherweise als Gemeinschaftserleb- nis nachhaltig zu wirken. Museum Art.Plus 221

 

 

 

Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrgenommen. Ebenfalls um Individuum und Ge- meinschaft geht es zwei Fotografen 2014 und 2019, wenn sie Porträts vom Muse- umspublikum anfertigen. Wolf Hoelzle integriert die Donaueschinger Aufnah- men in sein Projekt Homo Universalis. Durch Überblendung aller Fotos entsteht schließlich ein allgemeintypisches Ge- sicht. Bei Robert Hak hingegen steht das individuelle Einzelgesicht im Fokus. Durch standardisierte Fotoausschnitte schließt er 100 zufällige Besucher im Kontext des Ausstellungsraums zu einer Gruppe zusammen. Museumsort und individuelle Erinnerung verknüpft Karolin Bräg in ihrer Text-Schrift-Installation von 2016 explizit. Eine extreme Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit Ort und Zeit, mit Ausstellungsraum und Publikum, mit Gestaltungsmitteln und Formen beginnt im Juli 2019 vor dem Museum.8 Daniel Beerstecher bricht als eine le- bende Skulptur zu einem Langsamkeits- marathon von 60 Tagen auf, der höchste Selbstfokussierung erfordert. Schon anhand dieser wenigen Werk- und Ausstellungsbeispiele wird deutlich, dass Künstler*innen die gesellschaftli- chen Veränderungen im Bereich Indivi- duum, Gruppe und Öffentlichkeit früh registrierten und sichtbar machten. So unterschiedlich die Gestaltungsformen ausfallen, ihnen allen liegt ein weiter Kunstbegriff zugrunde, der in seiner Vielfalt immer noch im musealen Kontext erlebbar wird. Seit vielen Jahren drehen sich fachinterne Debatten um andere Ausstellungs- und Vermittlungsformate, um niedrigschwellige Zugänge zu Kultur- institutionen. Das Auto als Gegenstand in der zeitgenössischen Kunst Die unübersehbare allgemeine Faszination an Geschwindigkeit und am Auto mündet 2019 in eine Ausstellung, die in historischen Museumsräumen – aus einer deutlich langsameren, unmotorisierten Zeit – das Auto als Gegenstand in der zeitgenössi- schen Kunst und als Sammlerstück Rechts: Ausstellungs- situation, Raum 3 (Anbau). Links: Ausstellungssituation, Raum 2. 222 Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 223

 

 

 

224 Kunst und Kultur

 

 

 

Links: Spiegelsaal des Museum Art.Plus mit Helios von Stefan Rohrer, 2013. präsentiert. Ausgebremst wurde die Ausstellung „Vollgas – Full Speed“ von der Pandemie, die das öffentliche Leben für lange Zeit zum Stillstand brachte und andere öffentlichkeitswirksame Kommu- nikationsformen nötig machte. Das Digitale wurde zum rettenden Vehikel und geriet an den Museen schneller als erwartet aus der Testphase zur Anwendung. Per Handy abrufbare Ausstellungsvideos und Audioguides ermöglichen geleitete Kunstrundgänge. Dieser weder orts- noch zeitgebundene Zugang generiert andere Erfahrung von Realität und Öffentlichkeit. Welche ge- sellschaftlichen Auswirkungen die von Covid ausgelöste Zäsur hat, ist noch nicht abzuschätzen. Vorerst lassen sich die Un- terschiede zwischen digital und analog, ihre jeweiligen Vor- und Nachteile bei einem Kunst-Spaziergang am Museums- weg oder im Museum Art.Plus in Donau- eschingen untersuchen. Ein interaktiver Audioguide liefert per QR-Code- Scan nützliche Informationen zur aktuellen Ausstellung. Mehr Informationen finden Sie unter www.museum-art-plus.com 1 Huth, Volkhard: Donaueschingen – Stadt am Ursprung der Donau. Ein Ort in seiner ge- schichtlichen Entwicklung, Sigmaringen 1989 / Nachdruck 1997. 2 Eröffnet wurde es noch unter dem Namen Mu- seum Biedermann und fünf Jahre später in Mu- seum Art.Plus umbenannt, um das Augenmerk auf die inhaltliche Ausrichtung von Kunst und kulturellen Begleitveranstaltungen zu lenken. 3 Als Beispiele seien in der näheren Umgebung genannt: die Fondation Beyeler in Riehen/ Basel, 1997 (Architekt Renzo Piano); Kunsthal- le Würth in Schwäbisch Hall, 2001 (Architekt Henning Larsen); Museum Frieder Burda in Baden-Baden, 2004 (Architekt Richard Meier); Museum Ritter in Waldenbuch, 2005 (Architekt Max Dudler); Kunstraum Grässlin in St. Georgen, 2006 (Architekt Lukas Baumewerd); Kunsthal- le Weishaupt in Ulm, 2007 (Architekturbüro Wolfram Wöhr) 4 Gäbele, Lukas und Raufer, Tanja: Museum Biedermann: der Umbau 2008-2009, hrsg. v. Biedermann Foundation u.a., Freiburg i.Br. 2009, vgl. a. S. 38. 5 „Museum wurde es immer schon genannt“ ist der Titel eines Kunstprojektes von Karolin Bräg, 2016, in dem die Künstlerin in 111 Zitaten von Donaueschinger*innen, deren Erinnerungen und Bindungen an das Haus sichtbar werden ließ. Ein erlebter Zeitraum von annähernd 90 Jahren Hausgeschichte konnte damit wieder in die Öffentlichkeit gebracht werden. 6 Die Relevanz von „Unterhaltung“ im positiven Sinn betont David Chipperfield in einem Inter- view anlässlich der Schlüsselübergabe seines Erweiterungsbaus für das Kunsthaus Zürich. Vgl. https://www.archithese.ch/ansichten/in-den- kontext-gesetzt.html, aufgerufen am 7.9.2022 7 Gäbele, Raufer, 2009, S.39. 8 Der Walk-in-Time war Daniel Beerstechers Beitrag zum Skulpturenprojekt Donaugalerie der Stadt Tuttlingen. Museum Art.Plus 225

 

 

 

7. Kapitel – Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen XXX Unterwegs mit Wolf Hockenjos

 

 

 

228 228 Freizeit

 

 

 

XXX Wenn in den Wutachflühen zigtausendfach der Märzenbecher blüht, finden sich alljährlich Hunderte von Wanderern ein. 229

 

 

 

Auf einem Parkplatz oberhalb der Wutachflühen beginnt die Rundwanderung durch die wild-romantischen aber nicht ungefährlichen Wutachflühen. Wer hier wandern geht, braucht einen sicheren Tritt.

 

 

 

Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwestdeutschen Schichtstufenlandschaft durchwandern: Vom kristallinen Grundgebirge des Schwarzwalds durch das Buntsandstein­ Deckgebirge und vor allem aber durch die Muschelkalk­Felsenwelt der mittleren Schlucht. Alles auf das Anschaulichste aufgeschlossen durch die enorme Erosionskraft des vor ca. 20.000 Jahren mit dem Ausklingen der letzten Eiszeit zum Hochrhein hin abgelenkten Flusses. Am abrupten Knick des Tals nach Süden hin wird noch heute erkennbar, wo die alte, gemächlich ostwärts fließende Feldbergdonau angezapft und abgeleitet worden ist. Mythen und Zauber der Wutachflühen 231

 

 

 

Oben: Der Scharlachrote Kelchbecherling erscheint nach der Schneeschmelze. Mitte: Die Mühlsteine der Moggerenmühle. Unten: Die Hirschzunge ist nur in den Flühen zu finden. Ab Achdorf nimmt das dank weicher, rutsch- gefährdeter Gesteinsschichten geweitete und landwirtschaftlich genutzte Tal plötzlich Schluchtcharakter an: die Wutachflühen tun sich auf (von alemannisch Fluh = Felsen). Sie erreicht man am besten über das achterbahnartig nach Fützen füh- rende, sehr schmale „Wellblechsträßle“ (siehe Skizze, 1). An dessen Scheitelpunkt dient ein beliebter Wan- derparkplatz als Start und Ziel für eine 2,5 stündigen Rundwanderung: Zu Fuß geht es zunächst 350 Meter auf dem steil abfallenden Sträßchen retour, markiert mit dem gelben Rhombus des Schwarzwaldvereins, bis ein durch Holz erntemaßnahmen zunächst ziem- lich ramponierter Erdweg (am Markierungspunkt „Am unteren Flühen weg“) nach links abzweigt. Diesem folgend, geht es flussabwärts knapp über der rauschenden Wutach dahin, vorbei an den Mühl- steinen der 1891 durch ein Hochwasser zerstörten Moggerenmühle (2). Bisweilen verengt sich der Weg durch Hangschutt und Geröll zum Fußpfad, der jedoch gut zu begehen ist. Zur Linken blickt man den bewaldeten Steilhang hinauf zu den gewaltigen, aus Muschelkalk beste- henden Felsgalerien, in denen die Dohlen lärmen und auch Wanderfalken wie Uhus horsten. Im zei- tigen Frühjahr lockt im Schluchtwald unter Linden, Ahornbäumen, Eschen und Tannen die Märzen- becherblüte (3), ein Muss für jeden wintersatten Baarbewohner! Allenfalls ausgangs der Gauchach- schlucht oder auf dem Wartenberg lassen sich ähnli- che Frühlingsgefühle erwandern, wenn auch längst nicht in vergleichbarer Fülle. Als floristische Ganzjahresbesonderheit ist die seltene Hirschzunge (Bild rechts unten) zu entde- cken, ein zungenförmiges Farngewächs, das sonst weder die obere, noch die mittlere Schlucht zu bieten hat. Als weitere Rarität der Flühen gilt der Scharlachrote Kelchbecherling, ein nach der Schnee- schmelze in Erscheinung tretender Pilz feuchter, 232 Freizeit

 

 

 

 „Wellblechsträßle“ Richtung Achdorf 2 Mühlräder der Moggerenmühle Steinstrand an der Wutach 3 Märzenbecherblüte START/ZIEL: WANDERPARKPLATZ P Aussichtspunkt  Sackpfeifendobel Richtung Fützen Aussichtspunkt 9 Sturzdobel Wasserfall BLUMEGG 8 Lunzifelsen 7 Mannheimer Felsen 6 Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ 5 Schautafeln 4 Viadukt der Sauschwänzlebahn KURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 6,5 Kilometer, Rundtour Dauer: ca. 2,5 Stunden Pausen: Vesperpause am Viadukt der Sauschwänzlebahn; spätere Einkehr in der Scheffellinde in Achdorf möglich. Höchster Punkt: 622 Meter über NN Tiefster Punkt: 518 Meter über NN Anforderung: mittelschwere Tour; Trittsicherheit; gutes Schuhwerk Aussichtsreiche Rundtour mit vielen botanischen und geologischen Höhepunkten. Mythen und Zauber der Wutachflühen 233

 

 

 

felsiger und moosreicher Kalkböden der Schlucht- wälder. Erst bei der überraschend auftauchenden Brücke (4) der strategischen Bahn, der „Sauschwänzlebahn“, verlassen wir den Erdweg und wenden uns nach dem Studium der Schautafeln (5) zum Bau der Bahn scharf nach links, um nun den schmalen, mitunter sogar recht ausgesetzten und Trittsicherheit erfor- dernden Felsenpfad einzuschlagen, auf dem auch die beiden Fernwanderwege verlaufen: Der Ostweg des Schwarzwaldvereins (von Pforzheim nach Schaff- hausen) und der Schluchtensteig (von Stühlingen nach Wehr). Der Felsenpfad führt auch zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung – nicht ohne Warn- hinweis des Schwarzwaldvereins an die Adresse von allzu ungeübten Halbschuhtouristen. Das Fabelwesen „Wächter der Wutachflühen“ Nach etwa zehn Fußminuten, erst durch eine vom Nadelholz geräumte Kahlfläche, auf der im Frühjahr Seidelbast und Leberblümchen blühen, dann durch den blocküberlagerten, zunehmend urwüchsigen Schluchtwald, entdecken wir ihn endlich – fast hät- ten wir ihn übersehen: den „Wächter der Wutachflü- hen“, wie das aus einem Muschelkalkblock heraus gemeißelte Fabelwesen (6) in den Wanderführern angepriesen wird, das knapp einen Meter hohes Un- tier mit Hufen, Höckerbeulen über dem Rücken und einem furchteinflößenden löwenartigen Schädel mit vorspringendem Riecher. Wer mag bloß der Erschaf- fer dieser rätselhaften Skulptur gewesen sein, und zu welchem Zweck mag er sich hier, so weit abseits der Zivilisation, als Steinmetz verewigt haben? War es ein Witzbold, der Wanderern einen Schrecken einja- gen wollte? Viele haben sich schon an der Deutung der Figur versucht, nicht zuletzt der im Ruhestand befindliche Bonndorfer Lehrer Emil Kümmerle in seinem Buch „Sagen und Geschichten aus dem Raum Bonndorf – Stühlingen – Wutach“. Ihm zufolge soll der Urheber ein Bildhauer aus Spanien oder Italien gewesen sein, der als Gastarbeiter in Blumberg gelebt und sich in ein Fützener Mädchen verliebt habe, das oftmals die Flühen zu durchstreifen pflegte. Doch habe es keinerlei Interesse an seinem Anbeter gezeigt. Woraufhin der verschmähte Liebhaber die Tierplastik geschaffen und dem Mädchen sodann erklärt habe: „Immer wenn Du durch die Flühen gehst, wirst Du an mich denken.“ Soweit also der romantische Erklä- rungsversuch. Oder sollte der Steinmetz doch eher einer jener Spezialisten gewesen sein, wie man sie zur Bewäl- tigung aufwändiger Felsarbeiten vorzugsweise aus dem italienischen Piemont ins Land geholt hat? Beim Bau der Sauschwänzlebahn mit ihren Tunneln, Viele Rätsel gibt in den Wutachflühen die Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ auf. Und lädt damit zu allerhand Spekulationen förmlich ein. 234 Freizeit

 

 

 

Das Wutach-Viadukt der 1890 eröffneten Sauschwänzlebahn. Die 107,5 Meter lange und 28 Meter hohe Wutachbrücke liegt in einem Gebiet, das wegen geologischer bedingter Rutschungen den Bauingenieuren viele Sorgen bereitete. 235

 

 

 

In der Blumberger Chronik wird die Skulptur heimweh – kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Sau- schwänzle bahn beschäftigt waren. Kehren und Brücken in den Jahren 1887 bis 1890 war derlei Spezialistentum zweifellos gefragt. Werk des Tierarztes Sylvester Dillmann? Freilich gibt es auch noch eine ganz andere Lesart, über die der SÜDKURIER am 11. Mai 2010 berichtet hat: In einem Steinbruch im Gewann Fohloch unweit von Epfenhofen waren an etlichen Steinblöcken ebenfalls höchst seltsame Steinmetzarbeiten ent- deckt worden. Es handelt sich um halb reliefartige Darstellungen u. a. einer Christusfigur, einer Frau mit Löwenkopf, eines Rehs, eines Löwen kopfs sowie die Figur des Sehers aus der Minnelyrik des Walther von der Vogelweide. Auch sie wurden in der Bevölkerung wie auch in der Blumberger Stadtchronik heimweh- kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Bahnlinie beschäftigt waren. Doch anlässlich einer VHS-Wanderung habe der Verfasser der Epfenhofener Ortsgeschichte, Edwin Fluck, sich dafür verbürgt, dass die in Kalkstein gemeißelten Darstellungen vom Donaueschinger Tierarzt Sylvester Dillmann (1934 – 2010) stammen. Dessen Vater war in Epfenhofen Zollbeamter, der- weil der Sohn täglich mit der Bahn ins Waldshuter Oben: Eine nach Knoblauch duftende Bärlauchwiese. Mitte: Der sagenumwobene Lunzifelsen. Unten: Kleinod in den Felsen, eine „Mariengrotte“. 236 Freizeit

 

 

 

Der Felsenpfad in den Wutachflühen kann teils nur von geübten Wanderern begangen werden. Gymnasium zu gondeln hatte, wo ihn der Deutsch-, Geschichts- und Kunstunterricht bei seinem Hobby inspiriert haben könnten. Mag also durchaus sein, dass er die Bahnfahrt bisweilen an der Haltstation Wutachbrücke unterbrach, um statt des staubtrocke- nen Mathematikunterrichts an seinem Fabelwesen zu meißeln. Der „Wächter der Wutachflühen“ – wo- möglich ein Schülerstreich? Der Tierarzt kann leider nicht mehr dazu befragt werden: Kurz nachdem er sich Edwin Fluck im Epfenhofener Steinbruch offen- bart hatte, ist er verstorben. Entlang des Felsenpfades Genug der Rätsel um das steinerne Fabelwesen, konzentrieren wir uns jetzt voll und ganz auf den Pfad, der sich in geschlängeltem Auf und Ab durch den Steilhang zieht, zur Rechten überragt von den Flühenwänden, aus denen sich immer wieder einmal Felsmassen gelöst haben. Darunter der „Mannhei- mer Felsen“ (7), wie einer Tafel zu entnehmen ist. Mit ihr wird einer Geldspende von Mannheimer Wanderfreunden gedacht, die damit 1908 die Einheimischen beim Bau eines Stegs über die Wutach unterstützt haben. Die Felsblöcke haben da und dort zu Verebnungen geführt, auf denen im fort- geschrittenen Frühjahr der nach Knoblauch duftende Bärlauch blüht. Noch immer nicht herabgestürzt ist die bizarre Nadel des sagenumwobenen „Lunzifelsens“ (8), der freilich nur im laublosen Winterzustand der Vegeta- tion hoch über dem Pfad zu entdecken ist. Gruselig sind alle Versionen der Sage, die sich hier zugetragen haben soll: Mal ist es die schöne Mechthild, Braut des Freibauern Lunzi vom nahen Thalerhof, die sich, verfolgt vom Blumberger Burgvogt, vom Fels herab- gestürzt haben soll. Für zarter Besaitete hat Emil Kümmerle aber auch noch eine „Openend-Variante“ Mythen und Zauber der Wutachflühen 237

 

 

 

parat: Diesmal ist es Guntrud, die Braut des Freibau- ern Gero vom Lunzihof, die sich mit ihrem Liebsten vor dem zudringlichen und rachsüchtigen Blumegger Vogt, dem verhassten Dienstmann des Fürstabts von St. Blasien, in den Flühen verstecken muss, nachdem es zuvor zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit ihm gekommen war. Hier stürzt sich nicht die Braut in die Tiefe, es sind vielmehr die beiden miteinander „auf schmalem Tannenstamm überm Abgrund“ um sie Ringenden, Gero und der Vogt – während Guntrud nie mehr gesehen ward. Dann rücken die Felswände näher heran, an denen sich schwindelanfällige Wanderer entlang zu tasten pflegen, und es geht hinein in den „Sturzdobel“ (9) mit seinem über einen Kalktuffbart herab plätschernden Mini-Wasserfall. Schließlich teilt sich der Pfad, und wir nehmen den rechten, der zum Parkplatz hinauf markiert ist (0,5 km): Erst einem steilen Zickzackpfad folgend, dann um den jäh in die Tiefe stürzenden „Sackpfeiferdobel“ (10) herum, geht es schließlich über zwei mit Geländer versehe- ne Felskanzeln mit Tiefblick auf die Wutach hinab. Nach Verlassen des Waldes steht man dann urplötz- lich wieder vor seinem am Wanderparkplatz abge- stellten Wagen. Wen drängt es jetzt nicht zu einem zünftigen Vesper, doch hierzu gilt es erst noch einmal das abenteuerliche Wellblechsträßle zu bewältigen – es geht nach Achdorf in die Scheffellinde. Pläne zur Elektrizitätsgewinnung in den 50er-Jahren Nachzutragen ist: Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Natur- schutzgebiet, während obere und mittlere Schlucht samt Gauchach bereits 1939 unter Schutz gestellt worden waren. Um sie hatte es in den 1950er-Jahren ein heftiges Ringen gegeben, nachdem die Schluch- seewerk AG zwischen Haslach- und Rötenbachein- mündung eine 62 Meter hohe Staumauer errichten wollte, um das Wasser der Wutach zur Elektrizitäts- gewinnung in das Hotzenwald-Speichersystem abzuleiten. „Hände weg von der Wutachschlucht!“, wehrte sich eine erste deutsche Bürgerinitiative dagegen. „Ein nationaler Notstand zwingt nicht dazu, das Naturschutzgebiet zu opfern“, so ihr Appell. Denn was wäre das Erlebnis der Schlucht Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Naturschutzgebiet. ohne Wasser! Naturschutzgebiete können, wie man sieht, wachsame (wenn auch nicht unbedingt steinerne) Wächter besonders gut gebrauchen: Noch 1971 signalisierte das Schluchseewerk sein nach wie vor bestehendes Interesse an der Wutachableitung. Sollten die Pläne unterm Vorzeichen des Klimawan- dels und des Ukrainekriegs nun wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden? Bergwacht bringt im Notfall rasche Hilfe Als „Wächter“ über die Wutachschlucht fungiert indessen auch unübersehbar die Bergwacht, die sie auf Hinweisschildern in Sektoren samt Notrufnum- mer 112 aufgeteilt hat, um bei Unglücksfällen rascher Hilfe leisten zu können. Zuletzt am 9. Februar 2022 wurde sie zur Bergung eines tödlich verunglück- ten Wanderers in die Wutachflühen gerufen. Der Besucherandrang in diesem touristischen Hotspot fordert leider immer wieder seinen Tribut, weshalb von der Begehung im Winter – wie auch zur Zeit der Schneeschmelze und bei Nässe – von Wutach- Ranger Martin Schwenninger dringend abgeraten wird. Das Kalkgestein kann allemal sehr glitschig werden, von umgestürzten Bäumen, gar von Felsstürzen und Rutschungen, einmal ganz abgesehen. Zur Märzen- becherblüte verzichte man im Zweifel besser auf die Benutzung des Felspfads – wie dann halt auch auf eine Stippvisite beim steinernen „Wächter der Wutach flühen“. Rechts oben: Der „Sturzdobel“ mit seinem Mini- Wasserfall. Rechts unten: Blick von einer Felskanzel auf die Wutach hinab. 238 Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen 239

 

 

 

Schroffe Felsen, sanfte Höhen Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf von Gerhard Dilger 240 Freizeit

 

 

 

Die rund 14 Kilometer lange Tour im nördlichen Kreisgebiet startet am Wanderparkplatz „Dieterle- bauernhöhe“ in Triberg-Gremmelsbach. Sie ist vom Charakter her zweigeteilt: Bewegt man sich in der ersten Hälfte auf Gremmelsbacher Gemarkung im schroffen Felsengebiet des oberen Gutachtales, so ist der zweite Teil der Wanderung eine eher ebene Angelegenheit ohne allzu große Höhenunterschiede. Eine Wanderkarte wie die des Schwarzwaldvereins (Blatt W 248) leistet gute Dienste. Schon die Anfahrt auf der schmalen, nicht sehr stark befahrenen Straße durch den Leutschenbach lässt die landschaftliche Schönheit erahnen, die die Wanderer erwartet. Auf dem Parkplatz gibt es immer genügend Platz, und so startet man entspannt in westliche Richtung, durchquert ein lichtes Waldstück und gelangt bald an den ersten Aussichtspunkt. Was es damit auf sich hat, erklärt eine Info tafel zum Historischen Pfad Gremmelsbach, initiiert vom Hei- matverein. Diesen Informationstafeln begegnet der Wanderer noch öfters. An diesem Punkt jedenfalls ist trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern an kla- ren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszu- machen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Nicht umsonst versammeln sich hier jedes Jahr am französischen Nationalfei- ertag (14. Juli) zahlreiche Menschen, um aus großer Distanz das Feuerwerk zu beobachten. Trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern ist an klaren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszumachen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Weg zum Rappenfelsen mit 800 Metern, die Alter- native führt über die Gersbacher Höhe etwas weiter (1,8 km) ebenfalls zum Rappenfelsen. Diese Variante ist die empfehlenswertere, weil sie mehr Aussicht bietet. Also halblinks in den Wald hinein und leicht bergauf. Nach etwa 200 Metern tauchen noch im Wald rechts des Weges auffällige Hügel auf, die vom Landesdenkmalamt als Hügelgräber aus der Bronze- zeit (1200 bis 800 vor Christus) eingeordnet werden. Wenig später öffnet sich auf der Gersbacher Höhe der Blick nach Südwesten und Westen, und eine ungewohnte Aussicht auf Triberg bietet sich. Eine Wenig später bietet der Wegweiser des Schwarz- waldvereins zwei Möglichkeiten an: Einen kürzeren Gleich zu Beginn der Wanderung bietet sich dieser Blick auf Althornberg und die Höhen nördlich des Kinzigtals. 242 242 Freizeit

 

 

 

aus ist erstmals Hornberg mit seiner Burg auszu- machen, wenn auch die Bäume den Aussichtspunkt mittlerweile stellenweise überragen. Blick auf die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn Das ist auf dem im weiteren Wegverlauf bald erreich- ten Oberen Schlossfelsen anders: Nach dem Bestei- gen des steilen Felsens öffnet sich ein ungehinderter Blick, der senkrechte Absturz ins Gutachtal ist durch ein Geländer gesichert. Dennoch ist ein wenig Vor- sicht angebracht, gerade für nicht schwindelfreie Personen. Für Eisenbahnfreunde bietet sich hier die Möglichkeit, die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn zu verfolgen: Gleich an mehreren Stellen ist die von Robert Gerwig ersonnene Tras- se zu erspähen, es lohnt also, in den Fahrplan der Schwarzwaldbahn zu schauen, wenn man die Eisen- bahn auf ihrer Fahrt verfolgen will. Nach dem Abstieg geht es weiter zum Unteren Schlossfelsen, der über einen steilen, gesicherten Steig ebenfalls gut zu erreichen ist. An dieser Stelle stößt man nun auf menschliche Spuren: Im Mittel- alter stand hier die Burg der Herren von Hornberg, „Althornberg“ genannt. Ein in den Fels gehauener Der Aufstieg zum Rappenfelsen ist einfach zu bewältigen und gut gesichert. Auch Hügelgräber aus der Bronzezeit tauchen auf dem Weg zum Rappenfelsen im Wald auf. Sitzgruppe steht für eine erste Rast bereit, unterhalb findet sich ein großer, rundlicher Felsblock aus Tri- berger Granit, der ein Kruzifix trägt. Weiter geht der Weg rechts in den Wald hinein und führt sanft ab- wärts, vorbei an einem ersten, schön gelegenen Aus- sichtsfelsen, der einen Blick hinab ins Tal und auf die Höhen um Schonach ermöglicht. Nach einem kleinen Anstieg erreicht man bald mit dem Rappenfelsen einen ersten Höhepunkt. Der Felsen ist dank der im Jahre 2011 erneuerten Aufstiegshilfen mit Stufen und Geländer leicht zu erklettern. Von seinem Rücken 243

 

 

 

Schacht wurde erst vor relativ kurzer Zeit von dem Gremmelsbacher Heimatforscher Karl Volk als Trink- wasserzisterne der einstigen Burg identifiziert. Recht abenteuerlich geht es vom Wanderheim „Linden- büble“ aus durch einen Hohlweg aus Sandstein hinauf zur Brunnholzer Höhe. Von „Alt hornberg“ Richtung Windkapf Die Route führt nun weiter zu einem einsam gele- genen, idyllischen Weiler, der bis heute den Namen „Alt hornberg“ trägt. Ab hier steigt der Weg abermals an, um nach etwa einem Kilometer wieder die Höhe mit dem Parkplatz zu erreichen. Hier kann man nun wählen: Wem diese kleine, aber spannende Runde über die Felsen genügt, kann wieder den Heimweg antreten und eventuell in Hornberg oder Triberg einkehren. Wer aber auch den zweiten Teil der Wanderung noch unter die Wanderschuhe nehmen will, wendet sich ostwärts und folgt dem Wegwei- ser Richtung Windkapf. Sanft ansteigend geht es zur Obersteighöhe auf 853 Meter Meereshöhe und weiter zum Wegweiser Birkenbühl. An dieser Stelle hält man sich rechts Richtung Holops, wo es kurz vor dem Erreichen des Wanderheims „Lindenbüble“ des St. Georgener Schwarzwaldvereins links in den Wald geht. Bevor man hier eine geschichtlich interessan- te Passage erreicht, den Hohlweg zur Brunnholzer Höhe, bietet sich zumindest sonn- und feiertags ein Abstecher zum besagten „Lindenbüble“ an. In der Sommersaison, die von 1. Mai bis 31. Oktober dauert, freuen sich die ehrenamtlichen Helfer des Vereins zwischen 10 und 18 Uhr auf Tagesgäste. Zurück auf unserem Wanderweg geht es recht abenteuerlich durch einen Hohlweg aus Sandstein, einst Teil der alten „Hochstraße“, hinauf zur Brunn- holzer Höhe. Dieser Weg gilt Heimatforschern als be- reits in vorrömischer Epoche begangene Verbindung zum Windkapf. Aus späterer Zeit findet man auf dem Sandsteinboden noch Radspuren von Fuhrwerken, die wohl bereits im Mittelalter unterwegs waren. Zum Teil bewegt man sich auf weichem Sand, teils besteht der Weg auch aus Sandsteinplatten. Bis zu sechs Metern Tiefe hat die Erosion durch das bei starken Regenfällen durch die Rinne fließende Was- ser den Hohlweg eingeschnitten. Wenn man schließlich die Höhe erreicht hat, ist man erstmals im Grenzgebiet zwischen Schwarz- wald-Baar-Kreis auf Tennenbronner Gemarkung und damit im Kreis Rottweil unterwegs. Die Brunnholzer 244 Freizeit

 

 

 

Höhe ist auch die höchste Erhebung im Landkreis Rottweil. Mit 944 Metern ist hier gleichzeitig der höchste Punkt der Wanderung geschafft. Nach etwa einem Kilometer erreicht man das Gasthaus „Deut- scher Jäger“ am Windkapf, das wiederum einige Meter jenseits der Grenze zum Ortenaukreis liegt. Wie der Wirt Martin Staiger zu berichten weiß, ging einst die Kreisgrenze genau durch das Gasthaus, wurde vor Jahrzehnten jedoch verlegt. „Das wäre bei der heutigen Bürokratie wohl kaum noch so einfach möglich“, schmunzelt der Wirt, der seine Gäste mit gutbürgerlicher Küche versorgt. Im Biergarten sitzt man gut beschattet unter Kastanien. Für durstige Wanderer steht sogar an den Ruhetagen (derzeit Mittwoch und Donnerstag) ein Getränkeautomat bereit, und wer mit dem E-Bike un- terwegs ist, kann hier nicht nur den eigenen „Akku“ wieder aufladen, sondern auch den des Fahrrads. Die Runde schließt sich Nach der Stärkung geht man ein kurzes Stück auf der Hochstraße zurück und hält sich beim Wegwei- ser „Hohe Straße“ rechts Richtung Birkenbühl. Links und rechts sind immer wieder Steinwälle zu sehen, oder was noch von ihnen übrig ist. Manche Heimat- forscher halten sie für Überbleibsel aus keltischer Zeit. Keine ganz abwegige Vermutung, waren doch die Hochstraße und die weiteren Wege über den Windkapf uralte Verbindungen zwischen Ortenau, Baar und Schwarzwald. Auffällig im Waldaufbau sind die zahlreichen Kiefern, sie scheinen sich auf dem Sandsteinboden recht wohlzufühlen. Am Wegweiser Birkenbühl schließt sich die Runde wieder, von hier erreicht man auf demselben Weg wie beim Hinweg nach kurzer Zeit wieder den Parkplatz „Dieterle- bauernhöhe“. Der Blick schweift weit über die Höhen der Grem- melsbacher Gemarkung bis zum Rohrhardsberg, in Richtung Norden sind die Höhen um den Branden- kopf auszumachen. Kurz vor Erreichen des Parkplat- zes biegt rechts der Weg ab in Richtung Philippsruhe und Hornberg, was auch eine reizvolle Wanderung wäre. Doch für dieses Mal mag es genug sein; wer bisher keine der Einkehrmöglichkeiten genutzt hat, kann natürlich nach den rund 14 Kilometern Wande- rung in den umliegenden Orten Hornberg, Triberg oder auch St. Georgen die Gastronomie nutzen. Von oben: Auf der Obersteighöhe, 853 Meter hoch gelegen. Im Gasthaus „Deutscher Jäger“ kann man zur Hälfte der Wanderung eine Rast einlegen, bevor es über die „Hochstraße“ wieder zurück zum Ausgangspunkt nach Gremmelsbach geht. Schroffe Felsen, sanfte Höhen 245

 

 

 

Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald Die Bergwacht Furtwangen wurde 1924 zum Schutz der Natur gegründet von Gerhard Dilger Die 1924 gegründete Bergwacht Furtwangen wird mehr gebraucht denn je: 50 bis 60 Einsätze der Ehrenamtlichen im Jahr sind die Regel. Darunter auch Großeinsätze wie im Juni 2022 in Schonachbach: An der Schwarzwaldbahn geriet eine Böschung in Brand. Durch die Trockenheit war die Gefahr eines flächenübergreifenden Brandes sehr hoch und eine große Zahl von Helfern bemühte sich erfolgreich um die Eindämmung. Mittendrin: die Ortsgruppe Furtwan- gen der Bergwacht. In dem unwegsamen, steilen Gelände brachten die Bergretter eine Seilsicherung an. Darüber hinaus war das äußerst geländegängige, sechsrädrige „ATV“- Fahrzeug (All Terrain Vehicle) der Furtwanger für die anderen Hilfsorgani sa tionen im Einsatz (siehe Foto). 246 8. Kapitel – Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Bergwacht Furtwangen

 

 

 

Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarz- wald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwan- gen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich auf Anregung von Adolf Hochweber in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwaldvereins, Skiclubs und den Naturfreun- den zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. Doch zunächst standen nicht wie heute die Rettung von Personen und technische Hilfeleistungen im Vordergrund, es ging den Initiatoren vor allem um den Naturschutz. Die Ortsgruppe richtete dazu einen Bergwachtdienst ein, der im Großraum Furtwangen jedes Wochenende im Einsatz war, um die Besucher des Brend und anderer Gebiete zu einem achtsamen Umgang mit der Natur anzuleiten. Doch naturgemäß waren die Helfer durch ihre ständige Präsenz bald auch als Retter für verun- glückte Wanderer und Skiläufer gefragt. In den 1920er-Jahren gab es immer mehr Menschen, die in ihrer zunehmenden Freizeit Erholung in der Natur suchten. Insbesondere der Skisport entwickelte sich zur Massenbewegung, zwangsläufig stieg die Zahl der Unfälle der meist nicht mit den Gefahren des Winters vertrauten Touristen. Und so verlagerte sich die Tätigkeit der Bergwacht immer mehr in Rich- tung Rettung und Hilfeleistung. In Gasthäusern wie der „Fuchsfalle“ oder dem „Lachenhäusle“ wurden Unfallmeldestellen eingerichtet, und die erste proviso- rische Rettungswache fand ihren Platz im Brendturm. Eine erste Hütte löst den eiskalten Brendturm als Einsatzzentrale ab Doch bald war der Raum nicht nur zu klein, sondern im Winter einfach zu kalt. Der damalige Brendwirt erlaubte den Bergrettern 1936, eine Unterkunfts- hütte auf seinem Gelände zu bauen, sie diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Quartier. 1936 trat der legendäre Furtwanger Landarzt Dr. Fritz Guttenberg in die Ortsgruppe ein und organisierte fortan für viele Jahre die Sanitätsausbildung. Seiner Popu- larität war es zu verdanken, dass die Ortsgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg regen Zulauf erhielt. Jahrelang war Guttenberg auch Landesarzt der Bergwacht Schwarzwald. Die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten 1948 Fritz Gfell, Dr. Guttenberg und Hermann Wehrle. Die Tätigkeit der Berg- wacht verlagert sich ab den 1920er-Jahren immer mehr in Richtung Rettung und Hilfeleistung – insbesondere der Skisport entwickelt sich mehr und mehr zur Massenbewegung. 1953 bauten die Bergwachtmitglieder auf dem Brend die bis heute existierende „Reckholder-Hüt- te“. In der Gegenwart ist die Hütte vor allem für die Pflege der Kameradschaft beliebt, ihre bisherige Auf- gabe als zentrale Rettungswache wurde ab 1988 von der neu erbauten Rettungswache auf der Neueck übernommen. Es hatte sich gezeigt, dass die Orga- nisation mit mehreren Rettungswachen, die über das große Einsatzgebiet verteilt sind, nicht optimal war. In den meisten Fällen können Verunglückte von der Zentrale an der B 500 in Neukirch aus schneller erreicht werden. Die Zentrale der Furtwanger Bergwacht an der B 500 in Furtwangen-Neukirch. 248 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

In den Anfangsjahren verrichtete die Furtwanger Bergwacht ihren Rettungsdienst im 1905 erstellten Brendturm – auch den Winter über ohne Heizung. Der Wintersport blühte in den 1920er-/1930er-Jahren und so kam als neue Hauptauf- gabe der Bergwacht die Rettung von Verletzten hinzu. Unten: Skiabfahrt am unbewaldeten Abhang des Brend. Blick ins Simons wälder Tal und zum Kandel. Bergwacht Furtwangen 249

 

 

 

Stand der Ortsgruppe beigetragen. Für seinen Einsatz wurde er 2019 durch den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Fundierte Ausbildung für die Einsätze Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören der- zeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten noch 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Diese gestaltet sich sehr aufwen- dig. „Aber die umfangreiche Ausbildung ist erfor- derlich“, so Janik Probst. Die Einsätze sind geregelt im Rettungsdienstgesetz, die Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Bergungen aus unweg samen Gelände, eine wichtige Aufgabe ist auch die medizinische Versorgung in Notfällen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt. Oft sind die Bergretter die Ersten am Einsatzort, die richtige Erstversorgung ist bei solchen Einsätzen extrem wichtig. Und da wundert es nicht, dass die medizinische Ausbildung einen hohen Stellenwert einnimmt. „Neben medizinischen Kenntnissen ist es natürlich entscheidend für eine gute Arbeit, dass auch die technischen Abläufe sitzen“, unterstreicht Marcel Rathmann. Unter Stress im echten Notfalleinsatz müssen die immer wieder geübten Arbeiten gewis- sermaßen „blind“ funktionieren. Dazu trainieren die Bergretter jede Woche und arbeiten auch die Theorie bei Dienst abenden auf. Davor steht aber als Voraussetzung eine umfangreiche Ausbildung, damit man sich als „fertige“ Bergretterin oder Bergretter bezeichnen darf. Nicht zuletzt ist das auch wichtig für einen guten Zusammenhalt, denn der hohen Ver- antwortung wird man nur gerecht, wenn man neben Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören derzeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Der Bergwacht-Vorsitzende Rainer Probst wurde 2019 für seinen Einsatz von Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Jugendarbeit ist Voraussetzung für das Weiterbestehen“ Wie sieht nun die Arbeit der Ortsgruppe in der Ge- genwart aus? Bei einem Gespräch mit Mitgliedern der Vorstandschaft gibt Janik Probst, der Schriftfüh- rer des Vereins, einen Überblick: „Unsere Arbeit ruht auf vier Säulen: Kata stro phenschutz, Rettungsdienst, Naturschutz und Jugend arbeit“, fasst er die zentralen Aufgaben zusammen. Und die Vorstandschaft er- gänzt: „Die Jugendarbeit ist elementarer Bestandteil der Zukunft unserer Ortsgruppe sowie der Sicherung unserer Einsatzbereitschaft. Wir sind darauf ange- wiesen, dass sich junge Menschen für unsere Arbeit begeistern und sich bei uns engagieren. Nur so kann gewährleistet werden, dass wir auch weiterhin eine starke und einsatzbereite Ortsgruppe sind, welche den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landkreises in der Not helfen kann. Die Jugend von heute ist die Zukunft von morgen.“ Hier ist die Furtwanger Bergwacht offensichtlich auf einem guten Weg, es fällt auf, dass die Vorstand- schaft vor allem aus jungen Leuten besteht. Auch der (junge) Technische Ausbilder Marcel Rathmann ist beim Gespräch dabei, der Vorsitzende Rainer Probst ist per Video zugeschaltet. Rainer Probst ist seit 1998 Vorsitzender der Ortsgruppe und hat mit seiner gro- ßen Erfahrung außerordentlich viel zum heutigen 250 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

den technischen Fertigkeiten auch gegenseitiges Vertrauen für die unabdingbare Teamarbeit aufbaut. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und besteht aus 182 Unterrichtseinheiten und viel Praxis. Die Grundinhalte sind Technik, Notfallmedizin, Na- turschutz, Alpine Gefahren, Sprechfunk, Orientie- rung im Gelände und Organisation von Einsätzen. Auch Skifahren gehört dazu. Die Ausbildung wird abgeschlossen durch zwei Prüfungen durch den Landesverband in Todtnauberg, eine zweitägige Oben: Kinder und Jugendliche sind für die Arbeit der Bergwacht gut zu begeistern. Unten: Regelmäßige Praxis ist dringend erforderlich: Für eine gute Arbeit müssen die technischen Abläufe sitzen. Auch Kenntnisse im Klettern und Sichern müssen geübt und nachgewiesen werden. 251

 

 

 

Die medizinische Ausbildung hat bei der Bergwacht einen hohen Stellenwert. Sommerprüfung und eine Winter prüfung, die einen Tag dauert. Im Sommer muss die Fähigkeit nachge- wiesen werden, Rettungen in unwegsamem Gelände durchführen zu können. Auch die Kondition, mit Ausrüstung in einer Stunde 400 Höhenmeter zu bewältigen, gehört zu den Grundkompetenzen der Bergretter. Kenntnisse im Klettern und Sichern müs- sen nachgewiesen werden. Einen ganzen Tag lang werden die Kenntnisse in der Notfallmedizin geprüft. Bei der Winterprüfung geht es vor allem um Pisten- rettung und alpine Gefahren. Deutlich verbesserte Finanzierung Wie sieht es nun mit der Finanzierung der aufwen- digen Ausrüstung aus? „In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewis- sen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der ver- stärkten Medienpräsenz zu verdanken. 252 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Links: Nils – das All Terrain Vehicle. Rechts: Maximus – der Sprinter, der seit 2016 primäres Einsatzfahrzeug ist und für sieben Bergretter sowie einen Verletzten Platz bietet. verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewissen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der verstärkten Medienpräsenz zu verdanken. Hier hat insbesondere Adrian Probst, der rührige Vorsitzende der Bergwacht Schwarzwald und Bürgermeister von St. Blasien, viel zum Erfolg beigetragen. Eine Fernsehserie über die Bergwacht Schwarzwald des Südwest-Fernsehens vor einigen Jahren hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Auch die Furtwanger Bergretter zeigen sich präsent, ne- ben der Webseite, die über die Arbeit informiert, sind es zunehmend die sozialen Medien wie Face- book, über die die Ortsgruppe auf ihre Arbeit auf- merksam macht. Die Einsätze der Bergwacht werden mit den Kos- tenträgern abgerechnet, über den Landesverband fließen Gelder anteilig auch an die Ortsgruppe zu- rück. Ein Wermutstropfen in diesem Zusammenhang ist für die Bergretter, dass es keinen Ausgleich gibt, wenn durch Einsätze Arbeitszeit versäumt wird. So wird die Arbeit für die Allgemeinheit je nach zeitli- cher Lage zum „Privatvergnügen“. Stolz auf die Ausstattung Besonders stolz sind die Furtwanger auf ihre Fahr- zeuge, die sie liebevoll mit Namen versehen haben. Auf „Maximus“ hört der Sprinter, der seit 2016 das primäre Einsatzfahrzeug ist. Er bietet Platz für sie- ben Bergretter und einen Verletzten. Es versteht sich schon fast von selbst, dass das Fahrzeug mit Allradantrieb ausgestattet ist. Die Furtwanger haben bereits im Vorfeld in enger Zusammenarbeit mit der Herbolzheimer Spezialfirma, die für die Innen- ausstattung zuständig war, den „Maximus“ für ihre Zwecke optimiert. Finanziert wurde er vollständig über Spenden von Privatpersonen und Firmen sowie Kommunen. Hier wurde der große Rückhalt deutlich, den die Bergwacht bei der Bevölkerung in Furtwan- gen und Umgebung hat. Neben dem Sprinter unterstützt auch „Anton“ die Arbeit der Ortsgruppe, ein VW T5 mit vier Sitzen. Der ganze Stolz der Ortsgruppe ist jedoch „Nils“: Das sogenannte „All Terrain Vehicle“ der Firma Bombar- dier mit sechs angetriebenen Rädern ist ein weltweit Im Sommer bewegt sich das All Terrain Vehicle „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz mon- tiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Bergwacht Furtwangen 253

 

 

 

Im Sommer 2022 kam es an der Schwarzwaldbahn zu einem Flächenbrand. Außer der Feuerwehr und dem Rotem Kreuz war auch die Bergwacht mit zehn Einsatzkräften vor Ort. einmaliges „Unikat“. Das sieht man auch daran, dass bereits Anfragen anderer Ortsgruppen und von weiteren Hilfsorganisationen zu den Details des Um- baus kommen. Auf der Plattform ruht ein speziell auf Furtwanger Bedürfnisse zugeschnittener Aufbau, der nach den Vorgaben der Bergretter gefertigt wurde. Das Fahrzeug kann neben dem Fahrer und einem Sozius einen Patienten plus Betreuer auch in schwie- rigstem Gelände befördern. Im Sommer bewegt sich „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz montiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Doch woher wissen die Furtwanger Spezialretter, wann sie benötigt werden? Jeder aktive Bergretter trägt einen Fernmeldeempfänger, umgangssprach- lich „Piepser“ genannt, bei sich und wird so über die Integrierte Leitstelle Schwarzwald-Baar über einen Einsatz informiert. Durch die Einsatzmanagement-App „Divera“ kann jeder Bergretter individuell rückmel- den, ob er zu dem aktuell anstehenden Einsatz kom- men kann und wie lange er dorthin braucht. Über diese App behalten die Furtwanger Bergretter auch die Übersicht darüber, wer derzeit als Einsatzkraft zur Verfügung steht. Steigende Zahl von Einsätzen mit oft dramatischen Unfällen Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest, rund 50 bis 60-mal kommen die Aktiven der Orts- gruppe pro Jahr zum Einsatz, und es sind nicht im- mer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Ein Beispiel war der Absturz eines Tragschraubers im Bereich Gütenbach vor einigen Jahren, bei dem der Pilot nur noch tot geborgen werden konnte. Im Jahr 2022 waren es allein bis August schon 60 Einsätze, davon eine Bergungsaktion bei einem Segelflug- zeugabsturz in Schonach, bei dem der junge Pilot ebenfalls ums Leben kam. Da sind Einsätze wie zum 254 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die Bergretter am Brend mit Einsatzfahrzeug „Anton“. Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest. Und es sind nicht immer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Beispiel beim Schwarzwald-Bike-Marathon jeweils im September doch bedeutend angenehmer, wenn auch mit viel Arbeit und Aufwand verbunden. Die Bergwacht ist hier federführend für den Rettungs- dienst verantwortlich. Bei allem Aufwand und bei aller Einschränkung der persönlichen Freizeit ist eines doch deutlich spürbar: Die Furtwanger Bergretter sind begeistert von dem, was sie tun. „Das hundertjährige Jubiläum 2024 werden wir sicher festlich begehen“, so Probst. Die Form der Feier wird bereits geplant, auf jeden Fall werden die Furtwanger „ihr“ zweites Jahrhun- dert zuversichtlich beginnen. Bis heute ist die Ortsgruppe Furtwangen übri- gens die einzige Bergwacht im Schwarzwald-Baar- Kreis. Einst gab es auch in Villingen eine Ortsgrup- pe, die nach einer Serie von tragischen Unfällen außerhalb der Bergwacht aus Mitgliedermangel wieder eingestellt werden musste. Ähnlich erging es einer von Furtwangen aus initiierten Ortsgruppe im bergreichen Großraum Triberg. Bergwacht Furtwangen 255

 

 

 

Wenn Kinder der Natur und Der Bauernhofkinder­ garten in Waldhausen von Dagobert Maier Seit dem 1. März 2022 hat der Bauernhofkindergarten „Grünling“ in Waldhausen geöffnet. „Eine tolle Bereicherung für unsere Stadt“, freut sich der Bräunlinger Bürgermeister Micha Bächle über die 20 neuen Kindergartenplätze im Ortsteil. Träger ist die Genos- senschaft Kita Natura, die Stadt deckt 75 Prozent der Betriebskos- ten. Der Bauernhofkindergarten hat als bereits 20. Kindergarten von Kita Natura den Betrieb auf- genommen, gegründet wurde er auf Initiative von Alexandra Beyrle und Andrea Groß. Der Trägerverein aus Anlass der Eröffnung: „Grün- dungsberatung und Trägerschaft für Bauernhof kindergärten, Wald- und Naturkinder gärten – das ist die Mission unserer 2017 gegründeten gemeinnützigen Genossenschaft.“ Kinder und Eltern jedenfalls sind vom Ergebnis begeistert. 256 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Tieren ganz nahe kommen Im Bauernhofkindergarten Waldhausen sind die Tiere des Hofes allgegenwärtig. 257

 

 

 

Der Waldhausener Bauernhofkindergarten ist beim 300 Jahre alten Hof der Familie Beyrle untergebracht. Das Erleben der Natur in all ihrer Vielfalt und der Umgang mit Tieren ist einer der Hauptschwerpunkte der täglichen Betreuungsarbeit im Bauernhofkinder- garten (Kiga) im Bräunlinger Ortsteil Waldhausen. Der Kiga „Grünling“ des Trägers Kita Natura hat im März 2022 erstmals Kinder ab drei Jahren aufgenom- men. Berücksichtigt werden nur Kinder aus Bräunlin- gen. Und neben der Kindergartengebühr fällt für die Eltern auch der Kauf eines Genossenschaftsanteils in Höhe von 350 Euro an der Kita Natura an. Der „Grünling“ befindet sich auf dem Gelände des 300 Jahre alten „Waldhauser Hofs“, der von der Familie Beyrle bewirtschaftet wird. Dort ist ein rund 1.000 Quadratmeter umfassendes Außengelände inmitten einer Streuobstwiese für die Zwecke des Kindergartens ausgewiesen. Einige der alten Apfel- und Birnenbäume sind Teil der über einen großen Sandkasten, einen Erdhügel und viel Platz zum Spielen verfügenden Fläche. Der Bauwagen dient zur Aufbewahrung der Materialien und Geräte. Ein Weidentipi, eine Matschküche und der Nasch- garten sind längst beliebte Aufenthaltsorte der Kinder geworden. Wenn es das Wetter einmal nicht zulässt, draußen zu sein, findet die Gruppe Zuflucht in der heimeli- gen Schutzhütte. Diese entstand aus einem alten Wirtschaftsgebäude des Hofes, welches vorher als Hühner stall diente (siehe Foto oben). Darin be- findet sich ein großer Bereich, der als Spiel- und Bewegungs raum genutzt werden kann. Außerdem gibt es ein kleines Badezimmer mit einer Trenntoilet- te und einem Handwaschbecken. 258 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die aktive Mitwirkung bei der Versorgung der Tiere ist wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzepts. Der Alltag im Bauernhof-Kiga Grünling muss nicht künstlich erschaffen werden: Die Kinder erfahren hier vielmehr jeden Tag aufs Neue, wie sie durch ihr eigenes Tun in Landwirtschaft, beim Handwerken und im Garten einen Zugang zur Natur und zu Tieren bekommen und lernen dadurch, was nachhaltiges Handeln bedeutet. Es ist nichts Außergewöhn liches, dass beim Spielen die Hühner zwischen den Kindern herumlaufen oder sie deren Eier finden. In den Gesichtern sieht man jeden Tag, wie sie sich über die kleinen und großen Wunder der Natur freuen. Es scheint, als würden sie ihren Bauernhof immer wieder neu entdecken. Sie sprechen mit den Tieren und kümmern sich liebevoll um sie. Die Eltern sehen, dass die Kinder ein Bewusstsein für die Tiere entwickeln, was beim freudigen Erzählen des Neuerlebten jedes Mal deutlich werde. „Für mein Kind ist es ganz wichtig, dass es viel mit der Natur zusammenkommt und auch mit den Tieren den Tag verbringt. Ich freue mich, dass mein Kind einen Platz im Grünling bekommen hat, der ein Naturkonzept mit einem guten und auch nachhal- tigem pädagogischen Verständnis verfolgt“, erzählt eine Mutter. Auch an der Versorgung der Tiere wirken die Kinder mit Kindergartenleiterin Andrea Groß über ihren außer- gewöhnlichen Wirkungsort: „Die Kinder erleben im Bauern hofkindergarten die Natur und die jahreszeit- lichen Veränderungen mit all ihren Sinnen. Die Natur in ihrer Vielfältigkeit, ob im Außenbereich, bei den Tie- ren, im Bauernhof, auf dem Acker oder im Wald. Das Draußen sein unterstützt bei den Kindern den Forscher- drang, das selbstständige Entdecken, Beobachten, Ausprobieren und Erkunden sowie auch die Stärkung des Immunsystems“. Die Diplom-Sozial pädagogin ist zugleich Wildkräuter- und Heilpflanzen pädagogin. Der Bauernhofkindergarten ermöglicht es den Kindern, aktiv an der Versorgung der Tiere mitzuwir- ken. In enger Absprache mit der Landwirtin werden sie in vielfältige Tätigkeiten miteinbezogen. In Klein- gruppen übernehmen die Kinder Aufgaben wie das Einsammeln von Eiern sowie das Versorgen der Hüh- Bauernhofkindergarten Grünling 259

 

 

 

Besonders für Schlechtwettertage braucht es im Bauernhofkindergarten auch eine heimelige „Schutzhütte“. Es handelt sich dabei um den früheren Hühnerstall des Hofes. ner. Diese sind in einem Hühnermobil in der Nähe des Kindergartengeländes untergebracht. „Wir holen die Eier, wir zählen ihre Anzahl, sehr oft nehmen die Kinder die Eier in die Hand, da sie das Naturprodukt spüren wollen und auch wie sich die Eierschale an- fühlt“, so Kindergartenleiterin Andrea Groß. Die Kin- der dürfen außerdem der Mutterkuh herde, die sich in den Wintermonaten im Stall befindet, das Futter hinschieben. Durch das Beobachten, Begegnen und das aktive Mithelfen werden unterschiedlichste Sinne und Emo- tionen angesprochen und die Grünling-Schützlinge lernen, Verantwortung zu übernehmen. Insgesamt soll dabei ein realistisches Bild der Landwirtschaft ermöglicht werden, wobei dieses neben der Geburt auch den Tod eines Tieres beinhaltet. Gesunde Ernährung und Herstellung wichtig „Eine gesunde Ernährung im Kindergarten ist uns wichtig und gehört zum Konzept unseres Kindergar- tens“, unterstreicht die Leiterin Andrea Groß weiter. Durch den eigenen Anbau von Obst und Gemüse im Bauerngarten wird die Wertschätzung von Le- bensmitteln wieder in den Vordergrund gerückt. Die Kinder erfahren, wie viel Zeit und Kraft vor der Zubereitung und dem Verzehr von Essen investiert werden muss. Zusätzlich soll durch das gemeinsame Zubereiten von hofeigenen Produkten ein genussvol- ler Bezug zum Essen hergestellt werden. Im Herbst steht das Obst im Mittelpunkt. Die Äpfel von den Bäumen zu holen ist eines der Haupt- themen. Danach werden sie in einer Saftpresse zusammen gedrückt und die Kinder stellen selbst- ständig Apfelsaft her. Dazu gehört auch ein Besuch in der Mosterei, so lernen sie den Kreislauf vom Ernten bis hin zum Verarbeiten kennen. Die Kinder leben mit der Natur und erfahren, was sie in ihrer Heimat zu der jeweiligen Jahreszeit gerade bietet. Auch im Kiga-Garten, wenn sie in der Erde graben, um beispielsweise Kartoffeln zu sammeln oder Kür- bisse abschneiden, aus denen Suppe gemacht wird. Ebenso beim Ernten der Karotten, die sie gleichfalls mit der eigenen Hand aus der Erde holen. 260 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Impressionen aus dem Kindergartenalltag – Erlebnisse mit den Tieren und die Freude über das einzigartige Außengelände sind deutlich zu spüren. 261

 

 

 

Nicht im Sandkasten, sondern im natürlichen Erdreich buddeln die Grünling-Schützlinge. Für das Frühstück und das zweite Vesper dürfen die Kinder ihr Essen mitbringen, doch legt der Kiga „Grünling“ Wert auf eine gesundheitsförderliche, abwechslungsreiche Kost. „Sofern es das Wetter zulässt, nehmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam im Freien zu uns. Dabei ist uns wichtig, höflich und respektvoll miteinander umzugehen“, heißt es in der Beschreibung der Kindergartenarbeit, die sich im De- tail auf kita-natura.de findet. Spielzeug mitten in der Natur entdecken Wer den Bauernhofkindergarten „Grünling“ besucht, der spielt mit dem, was die Natur bietet. Das zeigt sich oft beim Marsch in den Wald. Dort werden Stöcke und Tannenzapfen mitgenommen, die die Kleinen lange Zeit begleiten. Andrea Groß: „Unsere Kinder brauchen nur wenig künstlich gefertigtes Spielzeug. Natürlich haben auch wir die üblichen Spielgeräte, darunter Holzfahrzeuge. Immer wieder gibt es Tage, an denen wir nicht ins Freie können, da wird dieses Spielzeug gebraucht. Doch wir sind so oft wie möglich draußen und versuchen mit der Natur in Einklang zu kommen“. Selbst wenn Schnee liegt, sind die Kinder oft im Freigelände zu finden. Ein erstes Fazit nach über sechsmonatigem Kin- dergartenbetrieb lautet: Der Besuch des Bauernhof- kindergartens verändert die Kinder, vor allem ihr Be- zug zu Tieren wird ein anderer. Sind sie anfangs im Umgang mit ihnen meist noch zögerlich, gehören die Hühner oder Hasen nach kurzer Zeit einfach dazu. Nicht nur die Eltern, auch Bräunlingens Bürger- meister Micha Bächle ist von der Einrichtung in Waldhausen sehr angetan. Er betont bei einem Vor ort-Termin wenige Wochen nach der Inbetrieb- nahme: „Der Bauernhofkindergarten ist eine tolle Bereicherung für die Stadt. Mit seinem Konzept wird unsere Bildungs- und Betreuungslandschaft in Bräunlingen noch vielfältiger. Gerne haben wir als Stadt das Vorhaben finanziell und ideell unterstützt.“ Der Kindergarten wird vonseiten der Eltern sehr gut angenommen, die 20 Plätze sind längst besetzt. 262 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

xxxxx Die Besucher des Bauernhofkindergartens Grünling in Waldhausen mit ihren Erzieherinnen. Vorne links Kindergartenleiterin Andrea Groß, die die Einrichtung zusammen mit Alexandra Beyrle (hinten links) initiiert hat. Unten: Blick auf das großzügige Freigelände. Bauernhofkindergarten Grünling 263

 

 

 

Feines erleben: Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen von Tanja Bury 264 9. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

265

 

 

 

Der Name ist hier nicht Programm. Denn eine Burg im klassischen Sinn ist dunkel und verschlossen, eintreten darf nur, wer geladen ist. Beim Hotel­Restaurant „Die Burg“ im Donaueschinger Ortsteil Aasen ist das genau umgekehrt: ein helles und offenes Haus, in dem jeder willkommen ist, der schönes Ambiente und feines Essen schätzt. Und mit zwei Burgherren, die in der Gastronomie ihre Passion gefunden haben: Die Brüder Jason und Niklas Grom. Die Gastgeber Gastfreundschaft, Essen, Trinken, den Men- schen Freude machen – das kennen Jason und Niklas Grom von klein auf. Ihre Eltern führten auf den Immenhöfen eine Garten- wirtschaft. Eine Adresse, die viele Gäste aus dem ganzen Landkreis, aber auch darüber hinaus anzog. „Wir haben immer mitge- arbeitet – und zwar gerne“, erinnert sich Niklas Grom, der jüngere der beiden Brü- der. Schnell sei deshalb klar gewesen, dass der heute 28-Jährige und sein zwei Jahre äl- terer Bruder Jason ihre berufliche Erfüllung in der Gastronomie suchen wollen. Jason hatte sich von Anfang an für die Arbeit in der Küche interessiert. Und so startete er Von links: Jason Grom, Linda Lütte, Niklas Grom und Barbara Grom am Ortsschild der neuen Heimat Aasen. 266 Gastlichkeit

 

 

 

Jason Grom in seinem Kräutergarten. Niklas Grom im gemütlichen Restaurant. nach dem Schulabschluss eine Ausbildung als Koch bei einer guten Adresse ganz in der Nachbarschaft – dem Öschberghof. Auch Niklas’ Weg führte nach der Schule zunächst in das bekannte Hotel-Restaurant, allerdings in den Service und Hotelbereich. Wir haben immer mitgearbeitet – und zwar gerne. Gemein ist den Brüdern, dass sie nach ihren Ausbildungen das heimatliche Umfeld ver- ließen, um neue Gastroluft zu schnuppern, etwas anderes zu sehen. Beide waren in verschiedenen namhaften Häusern – etwa in Arosa, in Wien, am Vierwaldstättersee und in Schaffhausen – beschäftigt. „Wir wollten uns an den besten Betrieben orien- tieren, von den Besten lernen“, erklärt Niklas Grom, der auch eine Weiterbildung als Sommelier absolvierte. Das Ziel der Brüder: der eigene Betrieb. „Aber keinesfalls wollten wir den bevor wir 30 sind“, sagt Jason Grom und lacht. Es sollte anders kommen. Das Haus Aasen hatte einst eine Burg, erbaut von den Herren von Aasen und 1094 erwähnt. Die Anlage ist laut Geschichtsschreibung abge- gangen, es existiert nur noch der Burghügel. Geblieben ist der Name. Die Burg z’ Aase, ursprünglich eine kleine Gaststube inner- halb eines Bauernhofs, war über Jahrzehnte Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 267

 

 

 

eine Traditionsgaststätte mit gutbürger- licher Küche. Zusammen mit „Adler“, „Kranz“, „Krone“ und „Ochsen“ war sie ei- ner der Treffpunkte des dörflichen Lebens. Hier kamen die Stammtische zusammen, hier wurde Karten gespielt, nach Beerdi- gungen der Leichenschmaus eingenommen, wurden Hochzeiten und Taufen gefeiert. Doch auch vor Aasen machte das Gasthaus- sterben nicht Halt – die Burg schloss 2008, das Gebäude stand leer. Bis Horst Hall, der Ortsvorsteher von Aasen, es 2016 kaufte. Sein Antrieb war es, dem Dorf wieder ei- nen Treffpunkt zu geben und Platz für eine neue Art der Gastronomie zu schaffen. Als Wirtin mit Leidenschaft hatte er die ehe- malige Betreiberin einer Gartenwirtschaft auf den Immenhöfen im Sinn. Diese lehnte ab, verwies aber auf ihre beiden Söhne: den Koch Jason Grom und den Hotelfachmann Niklas Grom. „So kamen wir zur Burg. Und so hat etwas zusammengefunden, was wohl Das Hotel- Restaurant „Die Burg“ in Aasen. Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen ein- bringen. zusammengehört. Es fühlte und fühlt sich richtig an“, sagt Niklas Grom. Sein Bruder nickt. Mit Mitte 20 haben die beiden nicht nur einen Betrieb mit all der dazugehörigen Verantwortung übernommen, sondern sie haben ihn auch mitgestaltet. „Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen einbringen“, sagt Niklas Grom. Im September 2017 dann die Schlüsselübergabe von Horst Hall an die beiden Brüder – der Beginn einer kulinari- schen Reise. 268 Gastlichkeit

 

 

 

Freundlich und kompetent – das Team der Burg. In der Weinba(a)r im Untergeschoss werden Snacks serviert. Das Konzept Diese Reise führt in eine junge Gastrono- mie. Zeitgemäß ist sie, weg vom gutbür- gerlichen Rahmen der vergangenen Tage. „Modern und doch gemütlich“, beschreibt Niklas Grom den Anspruch. Drei Foodkon- zepte sind in der Burg zu erleben. Zum einen findet sich ein international ange- hauchtes, saisonales Menü mit regionalem Bezug. Ganz in der Linie des Casual fine Di- nings – also gehobene Küche ohne Schlips und Kragen. Beste Produkte, verarbeitet nach traditioneller Handwerkskunst. Wer à la carte bestellen will, findet bekannte Klassiker, jedoch neu interpretiert. Zwiebel- rostbraten zum Beispiel, Rindersuppe, Maul- taschen und Käsespätzle. In der Weinba(a) r werden Burger, Schinken- und Käseteller und Wurstsalat serviert. Natürlich, das verschweigen sie nicht, wurden die Brüder anfangs immer wieder kritische darauf angesprochen, warum es in der Burg kein Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 269

 

 

 

Schnitzel und keine Schlachtplatte gibt. Und damit eben das, was man bislang ge- wohnt war. „Wir sind die neue Burg“, lautet die Antwort der Groms. Das kommt an, wie verschiedene Auszeichnungen für das Restaurant zeigen. Beispielsweise die des Guide Michelin, 15 Punkte im Gault Millau und andere Erwähnungen in namhaften Restaurantführern. Man freue sich darüber und fühle durch sie in seiner Arbeit bestä- tigt. Doch mehr als Auszeichnungen zählen für die Brüder glückliche Gäste, die mitt- lerweile aus nah und fern kommen. „Ver- lassen sie unser Haus zufrieden, ist das das schönste Lob.“ Insgesamt sind in der Burg 30 Mitarbeiter beschäftigt, auch die Mutter der Grom-Brüder hilft mit. „Damit führen wir die Tradition des Familienbetriebs wei- ter – gemeinsam mit unserem tollen Team“, sagt Niklas Grom. Dazu gehören auch Aus- zubildende. Sie seien, so die Groms, nicht einfach zu finden. Doch die Burg gilt mitt- lerweile als gute Adresse für eine gastrono- mische Ausbildung – das hat sich rumge- sprochen. Und so konnten die Brüder auch dieses Jahr die Ausbildungsplätze in Service und Küche besetzen. Die Küche „In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause“, so beschreibt Jason Grom selbst seinen Stil. Geschmäcker und Gerüche aus seiner Heimat, der Baar, kombiniert der 30-jährige Küchenchef mit internationa- len Produkten. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf regionalen Zutaten. Um das zu zeigen, kann der Gast in der Speisekarte Jason Grom arrangiert einen raffinierten Nachtisch. 270 Gastlichkeit

 

 

 

Kreationen aus der Küche von Jason Grom. Impressionen der Gastlichkeit, umgeben von Kunst, geschaffen durch Andrea Pfrengle. In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause. eine Auflistung der Lieferanten aus der Um- gebung einsehen. Da finden sich Kartoffeln und Eier aus Tuningen, Rinder- und Schwei- nefleisch aus Neudingen, Käse aus Löffin- gen, Reh aus heimischen Wäldern, Pralinen aus St. Georgen. Wenn man Jason Grom danach fragt, was Kochen für ihn bedeutet, spricht er von einer ständigen Herausforde- rung. Man müsse viel probieren und sei – trotz einer abgeschlossenen Ausbildung – nie mit dem Lernen am Ende. „Man muss immer interessiert und wach sein“, sagt er. Es brauche Inspiration und Austausch, die Produkte müssten wertgeschätzt werden. Dazu gehört ein verantwortungsvoller Um- gang mit ihnen. „Es muss nicht immer das Filet sein“, sagt Jason Grom. Deshalb wer- den bei ihm beispielsweise auch Innereien verarbeitet. Kochen bedeute harte Arbeit, das Schaffen mit den Händen und – fürs Kochen brauche es Zeit. „Ohne die geht es nicht“, sagt Jason Grom. So entstehen Ge- richte wie ein Wolfsbarsch mit Safran und Curry, begleitet von Pulpo und fermentier- ten Mirabellen. Oder die Variation von Ka- rotte, die einen den Geschmack dieses Ge- müse ganz neu entdecken lässt. Was Jason Grom selbst am liebsten isst? Da hält sich der Küchenchef bedeckt. Aber er verrät, was seine große Leidenschaft sind: Saucen. „In ihnen ist geballter Geschmack.“ Das Restaurant Ein einladendes, feines Ambiente zeichnet den Gastraum aus. Natürliche Materialien und warme Farben empfangen den Gast, der durch die große Glasscheibe in die Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 271

 

 

 

Küche blicken kann. Das ist die Handschrift von Niklas Grom. Der 28-Jährige führt das Restaurant professionell, aber auf keinen Fall aufgesetzt. „Jugendlich-locker wollen wir sein, gepaart mit Herzlichkeit“, sagt er über sich und sein Team. Gemeinsam sei man bestrebt, den Gästen ein Erlebnis zu bescheren. Egal ob Stammgäste oder Besu- cher, die zum ersten Mal in die Burg kom- men, ob Geburtstagsrunde oder Hochzeits- feier, das Essen mit Freunden oder das erste Date – die Burg möchte ein Ort für all diese Anlässe sein. Dazu gehört es für Niklas Grom, dem Gast die Türe aufzuhalten, den Stuhl zurechtzurücken und auf seine Wün- sche einzugehen. Gleichzeitig dezent und präsent zu sein, dass ist der Anspruch von Niklas Grom. Seine Leidenschaft gilt neben dem Service dem Wein mit seinen vielen Fa- cetten. „Wein ist für mich ein unverzichtba- rer Teil eines schönen Restaurant besuchs“, wie er sagt. Der Sommelier hat den Wein- Wein ist für mich ein unverzichtbarer Teil eines schönen Restaurantbesuchs. Rechts: Blick ins Restaurant – offen und gemütlich. keller mittlerweile auf 370 Positionen aus- gebaut. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland, aber auch Weine aus ganz Europa, Südafrika und dem Libanon finden sich auf der Karte. Gerne beschäftigt sich Niklas Grom mit kleinen Weingütern, die traditionell-handwerklich und teilweise bio- logisch oder biodynamisch arbeiten. Feines erleben, das ist in Aasen dank des Konzepts und vor allem dank der Gast- geber einmal mehr möglich. Die Burg – sie ist im besten Wortsinn ein Gasthaus. 272 Links: Events sind ein fester Bestandteil des Angebots der Burg. Gastlichkeit

 

 

 

Sommelier Niklas Grom. 273

 

 

 

Sanft gegarter Zander mit Meerrettich-Beurre Blanc, Sauerkraut, Dill und Apfel für 2 Personen DIE ZUTATEN FÜR DEN ZANDER Zanderfilet ohne Haut Wasser Salz 320 g 1 l 30 g Fleur de Sel, Nussbutter ZUR FERTIGSTELLUNG DES SAUERKRAUTS 180 g Sauerkraut 2 Stck Schalotten 1 Stck Apfel, Elstar 1 Schuss Winzersekt, trocken 2 Zweige frischer Dill Salz, Pfeffer, Ahornsirup, Piment d‘Espelette, Frühlingslauch, Zitronenöl FÜR DIE MEERRETTICH BEURRE BLANC Schalotten, gewürfelt Knollenselleriewürfel Staudenselleriewürfel Lauch, weißer Teil, fein geschnitten Apfel, Elstar, gewürfelt Ingwer, gerieben trockener Weißwein 1 Stck 1 Stck Knoblauchzehe, in Scheiben 20 g 10 g 10 g 20 g 5 g 40 ml 10 ml Noilly Prat 200 ml Fischfond 1 Stck 100 g 1 Eßl Frischer Meerrettich, Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt Lorbeerblatt Butter Sauerrahm Das Salz im Wasser auflösen, das Zanderfilet in zwei gleich große Stücke teilen und in die Salzlake geben. Gekühlt für 3 Stunden ziehen lassen. Den Zander aus der Lake nehmen, abspülen und trocken tupfen. Mit etwas Nussbutter bepinseln und vakuumieren. Im Wasserbad bei 56°C für 16 Minuten garen, aus dem Vakuumbeutel nehmen und mit einem Bunsenbrenner leicht abflämmen. Mit Fleur de Sel nachwürzen. Die Schalotten und den Apfel in feine Würfel- schneiden, den Dill fein hacken. Die Schalotten- würfel in etwas Rapsöl glasig dünsten, das Sauerkraut zugeben, ein Schuss Winzersekt hinzufügen und bei geschlossenem Deckel zum gewünschten Gargrad fertigkochen. Die Apfelwürfel und den Dill unterrühren und mit den Gewürzen abschmecken. Das Gemüse in etwas Rapsöl dünsten, mit dem Alkohol ablöschen und etwas reduzieren. Mit dem Fischfond auffüllen, Lorbeerblatt hinzufü- gen und ca. ½ Stunde simmern lassen. Durch ein Sieb in einen neuen Topf abseihen. Die kalte Butter und den Sauerrahm mit einem Mixstab in den Sud einmontieren, mit dem frisch geriebenen Meerrettich und den Gewürzen abschmecken. 274 Gastlichkeit

 

 

 

ZUM FERTIGSTELLEN Das Sauerkraut mit einem runden Ausstecher mittig auf einem Teller platzieren, das Zanderfilet darauf platzieren und die aufgeschäumte Beurre Blanc angießen. Mit Apfelgel, gepickelten Apfelscheiben, Dillspitzen, Dillöl und frischen Lachsforellenkaviar garnieren. 275 XXX

 

 

 

HERZLICH, HEIMISCH, WILD – “WILDE WELT“ IM (FAST) STILLEN LINACHTAL von Daniela Schneider Gastlichkeit

 

 

 

277

 

 

 

278 Gastlichkeit

 

 

 

XXX Ute und Urs Fischbach, die Inhaber und kreativen Köpfe hinter dem „Wilden Michel“.

 

 

 

Der Michelhof und seine Außenterrasse. „Bitte wild klingeln!“ – der Empfang im Michelhof ist unkonventionell. Das Glöckchen, zu dem diese Aufforderung gehört, steht an der Re- zeption im Flur. Wird es möglichst beherzt betätigt, kommt ein freundlicher Mensch um die Ecke gebo- gen und nimmt den Gast in Empfang. Er betritt im an- sonsten still-beschaulichen Linachtal die „wilde Welt“ des „Wilden Michel“. „Herzlich, heimisch, wild“ – so lautet die erklärte Devise. Davon überzeugen können sich nicht nur die Feriengäste, die munter die Klingel bimmeln, um im Haus oder auf dem dazugehörigen Campingplatz einzuchecken, sondern auch alle ande- ren, die auf dem Hof vorbeikommen. „Herzlich willkommen“ in der Kultgaststätte „Zum Wilden Michel“ somit – aber, was also ist der Linacher Michelhof eigentlich? Ferienhaus mit Campingplatz? Schwarzwaldhof in idyllischer, einsamer und ruhiger Lage? Vesperstube oder Sonntagscafé? Zünftiges Lo- kal mit heimischen Spezialitäten und Steaks vom Grill oder doch eher eine Alternative für Leute, die Lust auf veganes Essen haben? Bunte Wohngemeinschaft? Familienzuhause und Mehrgenerationenhaus? Ein un- komplizierter Ort zum Feiern mit viel Livemusik? Die schlichte Antwort lautet: Ja, all das! Und diese lange Liste ist noch nicht einmal vollständig. Für Urs Fischbach und sein Team dürfte die Frage nach den Schubladen, in die das Projekt „Zum Wil- den Michel” wohl am ehesten passen könnte, aber ohnehin ziemlich überflüssig sein. Kategorien sind ihm, seiner Frau und den Mitstreitern auf dem Hof Das idyllische Linachtal, rechts der Michelhof samt Campingplatz. Gastlichkeit

 

 

 

eher mal so egal wie das Linachtal lang und schön ist. Sie sind an einem Ort im Schwarzwald angekom- men, an dem sie einfach das machen, was sie erfüllt: Gastgeber sein, mit Herz und Verstand einen Betrieb führen, anpacken, Ideen umsetzen. Machen eben. Die Fangemeinde wächst und wächst 2021 wurde der „Wilde Michel“ erworben und be- gründet, seitdem wächst und gedeiht er und trifft ganz offensichtlich einen Nerv: Innerhalb weniger Monate entwickelte sich so schnell eine Fangemein- de, dass es den Beteiligten manchmal schon fast ein bisschen unheimlich wird. Dass hier oben zwischen Bauernhofromantik, Naturidylle und absolut null Handynetz etwas Besonderes auf den Weg gebracht wurde, spricht sich jedenfalls immer mehr rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz des „Wilden Michel” genau ausmacht. Um das zu verstehen, muss man allerdings erst einmal den Weg hierher finden. Von Furtwangen vom Mäderstal her kommend sind es knapp sechs Kilometer Fahrweg. Etwa genauso lang ist die Strecke in die andere Richtung das Linachtal runter bis zur bekannten Talsperre. Ja, der Michelhof liegt ab vom Schuss, und genau das macht zweifelsohne einen Teil seines Charmes aus. „Von Montag bis Donnerstag ist hier der Hund begraben“, sagt Urs Fischbach. Diese Ruhe gefällt nicht nur ihm und seinen Leuten – sie kommt vielmehr auch bei Erho- lungssuchenden bestens an. Urige Gaststube. Die können sich zum Beispiel ein schönes Fleck- chen auf dem hofeigenen, terrassierten Camping- platz suchen. Die Gäste aller Altersgruppen kommen aus vielen Regionen Europas, viele von ihnen ma- chen auf der Durchreise einen Abstecher hierher, mal sind es Belgier, mal Spanier, mal Holländer und auch viele Italiener haben diesen Ort schon für sich entdeckt. Und dennoch: Die allermeisten, die hier auf dem Platz ihr Zelt aufschlagen oder den Camper 281 281

 

 

 

Kultur genießen, Vespern und/oder Campen – der Michelhof spricht ein breites Publikum an. auf eine der Platz-Terrassen rollen lassen, kommen aus der Region, meistens aus dem Bereich irgendwo zwischen Tuttlingen, Freiburg, Tübingen, Offenburg und Konstanz. Auch ganze Gruppen reisen an: Eine Motorradtruppe mit Beiwagen und eine ganze Horde Bullifreunde waren da, und auch mit jeder Menge Mofas wurde quasi im Rudel schon auf die Linacher Höhe hinaufgeknattert, um hier eine gute Zeit zu verbringen. Für all diese unterschiedlichen Men- schen scheint der Michelhof ein Volltreffer zu sein. Skaten, grillen und Punkrock Dabei müssen die Gäste damit rechnen, dass es in Richtung Wochenende mit der großen Ruhe meistens vorbei ist. Dann gibt es hier oben im Tal jede Menge Livemusik oder andere Events. Oft ist ja bei Veranstaltungen von „bunten Mischungen” die Rede – im Michel- hof trifft es wirklich zu: Gespielt wird mal mon- golische Weltmusik, mal fiedeln und flöten Mit- telalterspielleute, mal gibt’s Country, mal Me- tal, Punk oder Rock und dann wieder die aller- 282 zünftigste Blas- oder gemütliche Stubenmusik auf die Ohren. „Wooden Wumms” bietet Electro oder Swing, auch Mottopartys werden gefeiert und es stehen „Skaten, grillen und Punkrock” auf dem Programm. Donnerstags tagt der Musikerstammtisch, und jeden vierten Sonntag im Monat wird im „Mini Michel Club” außerdem ein Kinderprogramm geboten. Vesperstube mit Köstlichkeiten aus der Region Von Donnerstagabend bis Sonntagabend ist im Michelhof eine Vesperstube samt Außenterrasse geöffnet. Es werden einfache Hausmannskost und ein bis zwei warme Gerichte angeboten. Auch eine vegane Alternative darf nicht fehlen. Was auf der Der Michelhof ist auch eine Vesperstube mit vielen heimischen Produkten, die teils auch direkt von Linacher Erzeugern bezogen werden. Gastlichkeit

 

 

 

Links: Die Michelramp für Skater. Rechts: Einer der zahlreichen Nebenräume. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbäckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von regionalen Erzeu- gern. Gemüse und Obst vom Markt, der Kräutertee aus dem Linachtal. Speisekarte steht, variiert von Woche zu Woche. „Das reicht – wenig, aber dafür richtig gut”, mei- nen die Wirtsleute, und ihr Konzept kommt an. Die Vesperkarte reicht von Käse über Fleisch und Speck bis zu Fisch. Selbst gebackene Kuchen ergänzen das Angebot. „Kulinarisch wirst du mit Köstlichkeiten aus der Region verwöhnt. Wir kaufen nur vom Erzeu- ger direkt ein und machen alles von Hand im Hause selbst”, erfahren Interessierte auf der Homepage und Urs Fischbach ergänzt: „So gut wie gar nichts wird im Supermarkt gekauft.” „Made im Schwarzwald“ muss es sein. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbä- ckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von Erzeugern. Gemüse und Obst vom Markt, Kräutertee aus dem Linachtal. Und wer das hofeigene Quellwas- ser süßen möchte, kann Sirup aus der Ortenau dafür verwenden, den es hier zu kaufen gibt. Das Bier wird von einer Brauerei „aus dem Wald“ geliefert. Hochprozentiges stammt natürlich ebenfalls aus der Region: vom Kirschwasser bis zum Gin „Tannig“, für den stilecht Tannenschösslesirup verwendet wird. Mitten drin im „Schwarzen Wald“ Die quasi organische Verbindung zum Schwarzwald ist den am Michelprojekt Beteiligten extrem wichtig, und das merkt man bei Weitem nicht nur am Angebot im Vesperstüble. Urs Fischbach, der den Betrieb zusammen mit seiner Frau Ute führt, legt großen Wert auf die Verwurzelung in der Region. Kein Wunder: Schließlich bewirtschaften sie ein Anwesen, das seit Jahrhunderten mittendrin steht im „Schwar- zen Wald“, in dem auch Urs Fischbach selbst seine Wurzeln hat. Seine Mutter ist eine Furtwangerin. In der Bregstadt verbrachte der heute 36-Jährige einen Teil seiner Kindheit und seine Jugend. Mit 18 zog es ihn nach Donaueschingen, weil da „erstens die Disko Delta und zweitens ein Bahnhof war“, erinnert er sich grinsend an seine Motivation, damals umzuziehen. Vom Bahnhof aus war er mobil und im damals schon legendären „Delta“ jobbte er während seiner regulären Ausbildung nebenbei hinter der Bar. In seinem „Brotberuf“ in einem Schmiede-Unternehmen arbeitete er zehn Jahre lang, zuletzt in führender Position. Ungeachtet dessen, dass er rein äußerlich von manchem Zum Wilden Michel 283

 

 

 

Die Kassettendecke der Gaststube stammt von Uhrenschildmaler Karl Straub. Rechts: Blick in die Hofkapelle. Zeit genossen als ziemlich unangepasst eingeschätzt wurde – als einer, der vollkommen selbstverständ- lich Dreadlocks, Piercings und Tattoos trägt, weil sie einfach zu ihm gehören. In dem Automotive-Zuliefererbetrieb war er stark gefordert, verbrachte unter anderem viel Zeit in Shanghai. Hier wurde ihm schließlich angeboten, ein Werk des Unternehmens zu leiten. Allerdings machten sich Bedenken bei dem jungen Mann breit: „Immer mehr Verantwortung mit immer weniger Befugnissen“ – das schreckte ihn ab, wie er sagt. Mit seiner Frau Ute, die von der Schwäbischen Alb stammt und ebenfalls beruflich erfolgreich und gleichermaßen stark eingebunden war, gründete er eine kleine Familie. Weil beide berufstätig waren, blieb für den kleinen Oskar nicht so viel Zeit, wie sie sich das gewünscht hätten. „Nicht so das Wahre“ – so brachten es die beiden für sich auf den Punkt. Das Buch der Ideen ist randvoll Der Gedanke, das Leben anders gestalten zu wollen, wurde immer konkreter, entwickelte immer mehr Ei- gendynamik. „Wir hätten so noch 35 Jahre oder sogar noch länger weiterarbeiten müssen. Da steckten wir mittendrin. Also haben wir uns gesagt: Machen wir lieber etwas Neues“, fassen die Fischbachs zusam- men. Im Sommer 2020 waren die leidenschaftlichen Camper mal wieder mit ihrem Wohnmobil unterwegs. Beide hatten sich für Elternzeit entschieden und nutzten sie, um als kleine Familie ein Stück Europa zu erkunden. „Wir haben ganz viele coole Leute kennen- gelernt“, erinnert sich Urs Fischbach sehr gerne an die Reise. Und: Viele Plätze vor allem in Italien, meist Bauernhöfe und kleine Familienbetriebe, die im Stil der „Agri Camping“ agierten, weckten ihr Interesse: „Mensch, so etwas möchten wir selbst auch machen.“ Auf der Reise wurde dieser Wunsch immer größer. Das mitreisende „Buch der Ideen“ füllte sich ratz- fatz und wurde stetig dicker. Es wurde erst geträumt und dann konkret gegrübelt, wie so etwas auch da- heim in Deutschland funktionieren könnte. „Meine Frau und ich sind gleich. Wir sind extrovertiert und hatten schon immer Spaß daran, Leute zusammen- zubringen“, sagt Urs Fischbach – und das wollten sie nun in einem eigenen Unternehmen umsetzen. Aus Träumen wird Wirklichkeit Wieder nach Donaueschingen zurückgekehrt, beschlossen sie, einen Knopf auf die ganze Sache zu machen. Urs Fischbach erinnert sich: „Wir haben gesagt: So, jetzt hören wir auf mit schwätzen.“ Voller Tatendrang gingen sie mit der Planung ins Detail und suchten nach einem geeigneten Platz für ihren Campingtraum. Etliche Objekte schauten sie sich an. „Gefühlt waren es 200 Immobilien“, lacht Urs Fischbach, der als die „Vorhut“ im ganzen Schwarz- wald unterwegs war und sich leer stehende oder zum Verkauf angebotene Objekte in rauen Mengen 284 Gastlichkeit

 

 

 

Urs Fischbach im beheizbaren Badezuber mit Blick auf Linach – rechts einer der Eventräume. Durch einen Bekannten erfahren Fischbachs, dass der Michelhof zum Verkauf steht. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der Besitzerin war klar: Das passt einfach! anschaute. Wenn es konkreter zu werden schien, setzte sich die bürokratische Maschinerie in Gang: Bauvor anfragen an Kommunen und Gemeinderäte und all die weiteren planerischen Notwendigkeiten. Aber zunächst zerschlugen sich alle Vorhaben wieder – das Passende war einfach nicht dabei. Dann die Nachricht aus Linach, die das Ehepaar aufhorchen ließ: Durch einen Bekannten erfuhren sie, dass der Michelhof zum Verkauf stünde. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der bisherigen Besitzerin war klar: Das passt einfach! Das Konzept, das die Fischbachs vorlegten, ver- fing sowohl bei der Bank in Sachen Finanzierung als auch bei Angelika Brenner, die den Hof jahrzehn- telang bewohnt und gemeinsam mit ihrem Mann Horst geführt hatte. „Sie fand uns gut“, freut sich Urs Fischbach. Die Chemie stimmte derart, dass er und seine Frau das Anwesen im Frühjahr 2021 erwerben konnten. Für Ute und Urs Fischbach war klar: Der Michelhof, das ist es! Hier oben im Tal in Alleinlage mit genügend Platz drumherum kann das Ehepaar seine Träume verwirklichen. Danach ging die Arbeit allerdings erst richtig los. Und sie wird den Fischbachs so schnell nicht ausge- hen. Im Jahr 2022 setzten sie sich die Sanierung und naturnahe Anlage des Campingplatzes mit neuen Anschlüssen zum Ziel, und ab dem Jahr 2023 folgt der Innenausbau des Hofgebäudes, das neben den Wohn- bereichen auch noch ein Schlaflager im Dachgeschoss und weitere Ferienwohnungen bekommen soll. Zu- dem soll es für das alte Bauernhaus ein neues Dach und neue Fenster geben. Und für den Außenbereich wünschen sich die Betreiber dann auch noch zwei neue, schindelgedeckte Tiny-Häuser. Im Corona-Sommer den Betrieb aufgenommen Am 3. Juli 2021 – es war der Corona-Sommer, in dem es zeitweise Lockerungen gab und auch die Gas- tronomie und ähnliche Einrichtungen wieder öffnen durften – ging das Haus in Betrieb. Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung waren aber erst mal noch beson- dere Gäste eingeladen, sich das Ganze in Ruhe anzu- schauen: ausschließlich die Linacher nämlich. „Zwei Drittel des Ortes waren da”, lächelt Urs Fischbach. Die Charmeoffensive, die er und seine Frau gestartet hatten, zeigte Wirkung: Die beiden Zum Wilden Michel 285

 

 

 

Im Wilden Michel gibt es in der Gaststube einen gemütlichen Kachelofen, wird viel Wert auf einen ansprechend geschmückten Außenbereich gelegt und werden vor allem sämtliche Kuchen selbst gebacken. hatten jeden Hof im Tal abgeklappert und überall ge- klingelt, um die Nachbarschaft einzuladen. „Uns war es wichtig, dass alle sehen können, was wir machen”, setzte das Paar von Anfang an auf Offenheit und Transparenz. Urs Fischbach ist zweifelsohne ein besonderer Typ und er hat ganz offensichtlich viele Talente: Er ist Ideengeber, Macher, Unternehmer, Kommunikator, ein „schaffiges Kerlchen“, wie er selbst sagt. Einer, der Dinge anpackt, der gerne etwas ausprobiert, sich freut, wenn es gelingt, aber doch auch gelassen ge- nug scheint, es hinzunehmen, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant. Ein Optimist – und Nerven-Be- wahrer. Sein Motto: heitere Gelassenheit. Das Pensum, das er, seine Frau und ihr ganzes Team „abreißen“, ist amtlich: Neben der (Um-)Bau- planung und behördlichen Anforderungen ist da auch noch der ganz normale Tagesbetrieb, zum einen, was den Campingplatz angeht. Ein Gast kommt rein und braucht eine Duschmarke? Kein Problem: Der Chef drückt sie ihm in die Hand, parliert ein paar Worte auf Spanisch mit dem Touristen, erklärt ihm, wie die Dusche funktioniert und wünscht ihm noch einen schönen Abend. Woher er Spanisch kann? Seine Schwester lebt in Spanien und hat einen Part- ner – und der und seine Freunde sprechen eben nur Spanisch, also lernt er es halt einfach selbst über eine Sprach-App. „Jeden Morgen eine Viertelstunde – da kommt man schon ganz gut zurecht“, erklärt er, wie auch das noch in den vollen Tagesplan reingequetscht wird, ohne dass spürbarer Stress aufkomme. Das Prinzip ist klar: Wer Sachen nicht ausprobiert, wird nie wissen können, ob sie klappen oder nicht. 15 Personen haben Lust ‚mitzumicheln‘ Im Hof selbst bauen sich Ute und Urs Fischbach für ihre kleine Familie eine Wohnung aus und für die Eltern von Ute Fischbach entsteht in dem großen Gebäude ein barrierefreies Appartement. Dann wäre da außerdem noch die Betreuung der 286 Gastlichkeit

 

 

 

Ansichtskarte des Michelhofs aus den 1980er-Jahren. Schon von 1299 an gab es an der Stelle des heutigen „Wilden Michel“ einen Bauernhof. 1802 fiel dieser jedoch ei- nem Feuer zum Opfer. Das staatliche Anwesen wurde ein Jahr später wieder aufgebaut – und zwar von dem Linacher Michael Grieshaber – „Michel“ genannt. Von nun an gab es in Linach einen „Michelhof“. dann kamen hier bis 1990 auch Schulklassen im Landschulheim unter. Vor dem Haus wurde der Zeltplatz und drinnen Studentenzimmer und Ferienwohnungen eingerichtet. Zur Michelhof-Geschichte 1814 wurde Georg Rießle als Besitzer ge- nannt. Damals zählte Linach 227 Seelen, die in 34 Häusern wohnten. Von 1930 an wurde das Anwesen mehrfach verkauft, der Hof wurde von Pächtern bewirt- schaftet. Rosine und Nikolaus Brenner, ein Ehepaar, das aus Donauschwaben stammte, kaufte den Michelhof im Jahr 1955 und ließ sich hier nie- der. Zuletzt bewirtschafteten ihr Sohn Horst und dessen Ehefrau Angelika seit 1976 das An- wesen. Sie legten den Fokus nicht auf die reine Landwirtschaft, sondern setzten andere Ideen um. Erst wurde der Hof als Pension geführt, 1979 eröffnete die Familie Brenner in dem Hof eine Gaststätte. Die urige Vesperstube ziert eine Kassettendecke mit 79 vom Linacher Uhren- schildmaler Karl Straub bemalten Kacheln – eine echte Rarität. Karl Straub zählte zu den letzten Uhrenschildmalern im Schwarzwald und hat hier seine ganze Motivvielfalt ver- ewigt, die man auch von seinen Uhrenschil- dern her kennt. Horst Brenner kam dann vor rund 20 Jah- ren bei einem Waldunfall ums Leben. Seine Witwe Angelika führte den Betrieb viele Jahre weitgehend alleine weiter. 2021 stand fest, dass der Hof altershalber verkauft wird. Zum Wilden Michel 287

 

 

 

Wir arbeiten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wunderschön. Ferienwohnungen im Haus und das Betreiben der Vesperstube: Alle Kuchen werden selbst gebacken, das Essen vom Speckvesper bis zum Eintopf wird frisch zubereitet. Fast alle auf dem Hof sind ausnahmslos keine gelernten Gastrofachleute, dafür aber umso euphorischere Autodidakten. Der Rest der recht großen Hausgemeinschaft hat sich übrigens ziemlich schnell gefunden: Eine sehr gute Freundin der Fischbachs entschloss sich kurzer- hand, im Betrieb mitzuarbeiten und im Haus mit ein- zuziehen, genau wie die Eltern von Ute Fischbach, die gerade ihren Ruhestand angetreten hatten. Von Juni bis Dezember 2021 fanden sich dann noch weitere Mitstreiter. „Innerhalb von sieben Monaten haben wir neun Umzüge gemeistert“, erinnert sich Urs Fisch- bach und grinst: Auch das haben sie alle gemeinsam geschafft. Mittlerweile wohnen 15 Personen in dem Haus, darunter eine Studentin und zwei Studenten, die im Hof jeweils ein kleines Appartement gemietet haben. Der Jüngste im Haus ist der kleine Oskar mit seinen drei Lenzen, der Älteste zählt 65 Jahre. Sieben der Hausbewohner gehören zum Kernteam im Be- trieb des „Wilden Michel”. Rasantes Internet „fernab der Welt“: Auf Starlink folgt Breitband Zwei, drei Mal in der Woche wird gemeinsam gekocht und wer Lust hat, kommt zum Essen und Plaudern am großen Tisch in der Stube zusammen. „Ich möch- te Leute hier haben, die Lust haben, ‚mitzumicheln‘, erklärt Urs Fischbach das einfache, aber wirkungsvol- le Prinzip. Für das Zusammenleben wurden ein paar Grundregeln aufgestellt, aber im Großen und Ganzen geht es doch recht locker und gelassen zu. Übrigens hat die Gemeinschaft auch noch ein paar tierische Mitbewohner: Drei Hunde und vier Katzen und ein paar fleißig Eier legende Hühner sollen auch noch dazukommen. Die wiederum brauchen zwar überhaupt kein Glasfaser-Internet, um ein glückliches Leben zu füh- ren. Die menschlichen Mitbewohner und die Gäste würden sich dann aber doch darüber freuen, schließ- lich leben sie hier zwar wie gesagt ziemlich ab vom Schuss, aber eben keinesfalls hinterm Mond. Gut al- so, dass im Linachtal nun das Breitband verlegt wur- de. Bis das so weit war, musste sich Urs Fischbach et- was anderes überlegen, denn für den Betrieb ist der Internetanschluss extrem wichtig. Ohne ihn wäre ein solches Unternehmen schlichtweg verloren. Was also tun? Kurzerhand wurde bei Elon Musk „gebucht“ und das Netz via Starlink anfangs aus dem Weltall geholt. Enormes Interesse der Medien: Schon mehrfach im Fernsehen Im Betrieb wird definitiv mit der Zeit und den mo- dernen Medien gegangen: Auch dieses Haus braucht Marketing und das klappt – versehen mit der wilden Michel-Marke passend zum aufgefrischten Schwarz- wald-Image generell – unter anderem bestens über Social Media wie Instagram und Facebook und über die eigene Webseite. Ein besonderer Ort in besonde- rem Umfeld – das kommt ganz offensichtlich bestens bei der Netzgemeinde an. Auch in anderen überregi- onalen Medien ist man auf das Schwarzwälder Pro- jekt aufmerksam geworden – im Magazin „Discover Germany“ konnte man eine Geschichte drüber lesen, auch das SWR-Fernsehen berichtete schon mehrfach über das Michel-Projekt und seine Macher, genau wie der Deutschlandfunk in einer eigenen Reportage. Das Team ist weiter voller Tatendrang. „Wir arbei- ten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wun- derschön“ – sagen die Fischbachs und bereuen ihren Schritt jedenfalls bislang kein winziges Bisschen. Sie wollen hier noch viel bewegen – und dabei das Motto nicht vergessen: Herzlich soll es sein. Und heimisch. Und wild halt. Ute und Urs Fischbach mit Sohn Oskar und einem Teil des Teams. Hinten links die Eltern der Gastwirtin, die im Wilden Michel ihren Alterssitz eingerichtet haben und sich vielfach für das Projekt engagieren. 288 Gastlichkeit

 

 

 

Zum Wilden Michel 289

 

 

 

Mit Herz und Hand – der Löwen in Brigachtal Die Gastwirtsfamilie Bertsche ver- spricht Gastlichkeit, die man fühlt und Qualität, die man schmeckt. Ihr Traditionsgasthaus Löwen in Brigachtal ist als vorzügliche kulinarische Adresse weithin be- kannt. Der Gasthof befindet sich in der bereits vierten Generation in Familien besitz und wurde vor kurzem umfassend saniert und er- weitert. Nicole und Rainer Bertsche freuen sich: „Das Zusammenspiel moderner Architektur mit unseren historischen Räumlichkeiten sorgt für ein einzigartiges Restaurant- erlebnis mit besonderem Flair.“ von Josef Vogt Das Gebäudetrio Löwen, Pfarrhaus und Kirche (oben, angeschnitten). Gut ersichtlich ist der neu gestaltete Außenbereich des Löwen.

 

 

 

291

 

 

 

Familie Bertsche: Rainer und Nicole mit ihren Kindern Hannes und Leni. Zusammen mit der Kirche St. Martin und dem davor stehenden ausladenden Pfarrhaus bildet das Gasthaus Löwen ein Gebäudetrio, dem man schon von außen ansieht, dass es in enger geschichtlicher, aber auch funktionaler Sicht zu- sammengehören muss. Immer wieder wurde sogar behauptet, dass es im Mittelalter vom Löwen zum Pfarrhaus einen unterirdischen Gang gegeben hätte. Außen wie innen sieht man es dem Gasthaus an, dass es eine lange und entsprechend bedeutsame Geschichte vorzuweisen hat und dass sich hier schon viele Generationen an Wirtsleuten in den Dienst der Bewirtung der Einwohner rund um das Brigachtal sowie der Besucher und Durchreisenden gestellt haben. Eines gilt als sicher, der Löwen hatte im Mittel- alter die Funktion eines Kelmhofes, in dem die Ver- treter der Lehensgeber jährlich zusammenkamen, um die Zehnten für die jeweiligen geistlichen bzw. fürstlichen Herrscher über das Brigachtal abzuholen. Die erste urkundlich belegte Konzession für eine Realwirtschaft wurde für Josef Weißhaar von Fürst Joseph Wenzel zu Fürstenberg-Stühlingen im Jahr 1766 erteilt. Außerdem wurde dort von Zeit zu Zeit auch ein Gerichtstag abgehalten, bei dem Verträge geschlossen und Recht gesprochen wurde. Belegt ist weiter, dass in einem Stall Fuhrleute, die auf der so- genannten Sieben-Hügel-Straße, die auch am Löwen vorbei führte und ein Teilstück des Handelsweges von Frankfurt nach Schaffhausen war, ihre Gespanne wechselten und die Pferde unterbringen konnten. Zunächst Mitarbeiter beim Finanzamt Heute sind es die Wirtsleute Nicole und Rainer Bertsche, die sich zusammen mit zwölf festangestell- ten Mitarbeitern um das Wohl der Gäste kümmern, die größtenteils sowohl aus Brigachtal wie auch aus den umliegenden Städten und Ortschaften kommen. Dass Rainer Bertsche einmal Wirt des Löwen werden sollte, den sein Urgroßvater 1927 einem Vorbesit- Ein Gasthaus mit bedeutsamer Geschichte – seit fast 400 Jahren werden hier Einwohner und Reisende bewirtet. 292 Gastlichkeit

 

 

 

zer abkaufen konnte und den seine Mutter Brigitte Bertsche abgesehen von einer kürzeren Unterbre- chung von 1976 bis 2008 zusammen mit Ehemann Franz führte, war anfänglich nicht geplant. So ab- solvierte der heute 48-jährige Rainer zunächst eine Lehre als Finanzwirt beim Finanzamt. Neue Ausrichtung 1995 entdeckte Rainer Bertsche die Liebe zur professionellen Küche und ließ sich im Öschberghof zum Koch ausbilden. Danach ging er auf Wander- schaft durch verschiedene Häuser, um jenes Wissen und Können zu vertiefen, das einen erfolgreichen Gastwirt ausmacht. Mit der Prüfung zum Hotelbe- triebswirt an der Hotelfachschule Dortmund schloss er die Lehr- und Wanderjahre ab und kehrte nach Brigachtal in den elterlichen Betrieb zurück. Seine Frau Nicole, mit der er seit 2005 verhei- ratet ist und die heute die Rolle der Gastgeberin im Löwen ausübt, hatte zunächst keine klassische Aus- bildung in der Gastronomie. Nach ihrem Studium als Verwaltungsbetriebswirtin war sie mehr als 20 Jahre in der Finanz- und Personalverwaltung der Kur- und Bäder GmbH in Bad Dürrheim tätig. Das Bewirten von Menschen hat sie sich mehr beiläufig beige- bracht, da sie in ihrer Jugend regelmäßig in der Gast- wirtschaft ihrer Tante aushalf. Von dem Aufgabens- pektrum, die der Betrieb des Löwen bereit hält, ist sie für die Buchhaltung, die Organisation der Reservie- rungen und des Personaleinsatzes sowie für die Ko- ordination des Gästeservice zuständig. So kann sich ihr Mann Rainer voll auf die Planung der Angebote, das Kochen und das Catering konzentrieren. Große Investitionen in die Zukunft „Das Haus kann den Eigentümer nur ernähren, wenn auch dieser seinen Dienst am Haus tut“, diesen Leitspruch seiner Mutter, die fast 30 Jahre den Löwen mit ihrem Mann Franz führte, haben sich auch Rainer und Nicole Bertsche, die den Löwen in vierter Generation betreiben, zu eigen gemacht. So entschlossen sie sich 2018 das Gasthaus durch umfangreiche Umbaumaßnahmen zukunftsfähig zu machen. Dabei stellte sich die Aufgabe: Wie lässt sich ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude so umbauen, dass die Gästeräume barrierefrei Rainer Bertsche ist ausgebildeter Koch und vertiefte sein Wissen und Können in verschiedenen Restaurants, bevor er zum elterlichen Betrieb zurückkehrte. nutzbar, das Raumkonzept so flexibel gestaltbar ist, dass unterschiedliche Feiern störungsfrei nebeneinander stattfinden können und die Produktionsräume so gestaltet sind, dass das Personal dort in maximaler Effizienz aber gleichzeitig unter bestmöglichen Arbeitsbedingungen arbeiten kann? Die Herausforderung war dabei, dass die Forderungen der Denkmalschützer und die Auflagen für die zeitgemäße Betriebs- und Arbeitssicherheit zusammenpassen müssen. Dank der guten Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 293

 

 

 

Die neu geschaffene windgeschützte und bei Bedarf beheizbare Terrasse bietet rund 100 Plätze. Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt gelang es, neue technische Anforderungen und die bestehende Substanz gut miteinander zu verbinden. Der schützenswerte Charakter des historischen Löwen wurde beibehalten und das „Neue“ so integriert, dass es sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügte. Barrierefreiheit für die Gäste Nach rund zwei Jahren Umbau präsentiert sich die Küche mehr als doppelt so groß und mit modernster Technik ausgestattet. Deutlich vergrößern konnte man auch das Raumangebot im Innenbereich. Die größte Neuerung besteht darin, dass vor dem Gasthaus über 1.000 Kubikmeter Erdreich abgetra- gen und somit Platz für ein Nebengebäude geschaf- fen wurde. Auf dem Oberdeck des Anwesens befindet sich nun eine windgeschützte, gut zu beschattende und bei Bedarf beheizbare Terrasse mit rund 100 Plätzen. Durch den Einbau eines Personenaufzuges ist der Löwen auch für gehbehin- derte Gäste ohne Probleme zugänglich. Insgesamt wurden rund 2,1 Mill. in die Hand genommen. Damit dürfte der Löwen nun wieder auf längere Zeit den Herausforderungen einer zeitgemäßen Gastronomie entsprechen und vielleicht den beiden Kindern Leni und Hannes die Basis für eine weitere Wirte-Genera- tion sein. Die gastronomische Philosophie Seine Beliebtheit verdankt der Löwen sicher seiner auf den Gast ausgerichteten Grundphilosophie, die darin besteht, dass das Angebot die Bedürfnisse der Gäste aufgreift und eine verlässliche Qualität offeriert, die für eine gute Balance zwischen Preis und Leistung sorgt. Dazu setzt Küchenchef Rainer Bertsche auf Regionalität und Saisonalität bei Fisch, Wild, Schlachtfleisch, Geflügel, Obst und Gemüse, die er für die bekannten und bei den Gästen beliebten Speisen verwendet. Zu den Klassikern der Löwen- Speisekarte gehören seit vielen Jahren neben Wiener Schnitzel oder dem Brigachtaler Schlemmerteller auch das Schweinerückensteak nach Schwarzwälder Art sowie ein rosa gebratenes Hirschrücken steak mit einer Kruste aus Meerrettich und Preiselbeeren. Bei den Fischgerichten dominieren Gerichte mit Forelle, Saibling oder Zander. Aber auch haus gemachte Kartoffelgnocchi mit Ruccolapesto und Fetakäse oder eine der zahlreichen Nudelspezialitäten ergänzen das Angebot. Wem es nach Süßem ist kann beispielswei- se wählen zwischen Fünferlei Süßes im Mini-Weck- glas, Pannacotta auf Rhabarber-Erdbeer- Grütze mit 294 Gastlichkeit

 

 

 

Ein Großteil der Löwengäste sind Stammgäste. Im Löwen werden die Bedürfnisse der Gäste aufgegriffen und eine verlässliche Qualität offeriert. Baiser und Minzpesto, hausgemachter Crème Brûlée mit paniertem Vanilleeis oder Mousse variation von heller und dunkler Schokolade. Dass ein Großteil der Löwengäste Stammgäs- te sind, die im Regelfall mindestens vier Mal im Jahr einen Tisch buchen, bestätigt die Richtig keit des Angebotes. Nach wie vor ein Renner sind die „Schlemmer“- Büffets, die im Herbst zur Schlachtzeit, im Frühjahr zur Spargel- und Erdbeerzeit und im Sommer mit mediterranen Pastaspezialitäten ange- boten werden und in aller Regel schnell ausgebucht sind. Natürlich versucht der vorausschauende Küchen- chef Bertsche auch die Wünsche der Gäste nach be- sonderen Ernährungsformen aufzugreifen und in sein Angebot zu integrieren. So haben vegane und vegeta- rische Gerichte schon seit längerer Zeit einen festen Platz auf der Speisekarte und sind durch eine entspre- chende Kennzeichnung auch leicht zu erkennen. Löwen-Catering ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept Auf den Stationen seiner beruflichen Aus- und Weiterbildung zum Koch kam Rainer Bertsche auch in Betriebe, die sich auf den „Service außer Haus“ spezialisiert hatten und lernte das dazu notwendige Know-how. Nachdem er wieder in den Löwen zurückgekehrt war, kaufte er sich eine professionelle Nudelmaschine und produzierte damit zunächst verschiedene Sorten Teigwaren, mit denen er das Angebot im Löwen bereicherte. Aus den zaghaften Versuchen mit Pasta-Büffets mit mehreren Soßen, die er zu verschiedenen Anlässen außerhalb des Löwen lieferte, entwickelte sich bald eine rege Nachfrage, die mehr und mehr das Angebot im Restaurant ergänzten. Heute hat sich das Löwen- Catering zu einem festen und einträglichen Stand- bein im gastronomischen Portfolio entwickelt und macht inzwischen etwa die Hälfte des Geschäfts- volumens aus. Bewirtung der Donauhallen, des Rottweiler Kraftwerkes – von Ton- und Neckarhalle Neben der Belieferung und Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events, die in unterschiedlichen Lokalitäten der Auftraggeber ausgeführt werden, Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 295

 

 

 

Die Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept. „Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat.“ gehören auch immer mehr solche dazu, die bei be- stimmten Anlässen nach vertraglichen Bedingungen die Bewirtung der Besucher gewährleisten. So be- wirtet das Löwen-Catering-Team die Donauhallen in Donaueschingen, das Kraftwerk in Rottweil sowie die Ton- und die Neckarhalle in Villingen und Schwen- ningen. Wer in der Gastronomie erfolgreich sein will, braucht nicht nur ein gefragtes Angebot. Noch wichtiger ist ein motivierter Mitarbeiterstamm, der das Arbeiten mit dem Gast gerne annimmt, so die Personalchefin Nicole Bertsche. Es ist nicht leicht, Mitarbeiter für die Gastronomie zu gewinnen, da naturgemäß die Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende anfallen. Umso wichtiger sei es, dass die Mitarbeiter, die in der Gastronomie tätig sind durch möglichst gute Bedingungen bei der Stange gehalten werden, so die Chefin weiter. Frägt man die Mitarbeiter nach diesen Bedingungen, dann ant- worten diese fast unisono: Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat. Außerdem werden alle Arbeitszei- ten, die über die Regelarbeitszeit hinausgehen als Überstunden entweder durch Freizeit oder Entgelt ausgeglichen. Wichtig für die Mitarbeiter ist jedoch auch, dass ihnen Freiräume zugestanden werden. Der Löwen ist eine Herzensangelegenheit Man merkt es im Gespräch und beim Rundgang durch die Räume, dass der Löwen nicht nur ein gastrono- misches Projekt, sondern eine Herzensangelegenheit von Nicole und Rainer Bertsche ist, das sie mit viel Engagement betreiben und auf Erfolgskurs halten wollen. Dazu ist ihnen wichtig, dass sie mit ihrem Speisen- und Getränkeangebot, das aus traditionellen Gerichten der gehobenen badischen Küche – er- gänzt mit leichten, mediterranen Speisen und einem vielfältigen, regional ausgerichteten Getränkeange- bot – den Geschmack der Gäste treffen. Dabei kommt ihnen zur Hilfe, dass sie durch gute Mitarbeiter einen überdurchschnittlichen Service für die Gäste bieten können, die im Löwen ein Fest oder einfach nur so einen schönen Tag feiern wollen. Der Löwen ist und bleibt ein Genussort mit langer Tradition. Das historisch-moderne Ambiente des Innenraums lädt zum Verweilen ein. Unten: Gasthaus Löwen bei Nacht. 296 Gastlichkeit

 

 

 

297

 

 

 

Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Landesbauerntag in St. Georgen Bauern und Politik demonstrieren Einigkeit Hohen Besuch hatte aus Anlass des Landesbauerntages des BLHV am 25. September die Stadt St. Geor- gen: All jene, die sich üblicherweise mit Inbrunst beharken – Politik, Bauern, Umweltschützer und Verbände – demonstrierten bei dieser Veranstaltung in der Stadt – halle der Bergstadt vor allem eines: Einigkeit. Für die großen Probleme unserer Zeit, wie die sich abzeich- nende Versorgungskrise, die Nachhaltigkeit oder der Umwelt- und Tierschutz, wolle man „aktiv Lösungen aufzeigen“, sagte Bernhard Bolkart, der seit knapp einem Jahr Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptver- Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit den Landfrauen von St. Georgen. bands (BLHV) ist, in seiner ersten Grundsatzrede. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) machte den Landwirten Hoffnung, „aus einer längeren Dauerkonfron- tation“ bei manchen Themen herauszukommen. Viel Lob gab es für die Landfrau- en von St. Georgen, auch durch den Ministerpräsidenten. „Wir Landfrau- en sind die Frauen vom Land. Das heißt nicht, dass bei uns nur Frauen Mitglied sein können, die eine eigene Landwirtschaft haben“, informierte Renate Schreiber. Sie gehört zum Dreier-Vorstandsteam der Landfrauen. Aktuell betreibt nur etwa ein Drittel der 62 Mitglieder Landwirtschaft. Groß ist auch das gemeinnützige Engagement, denn auf die Landfrauen ist stets Verlass, so Winfried Kretschmann. An Lebensretter Jürgen Hermann Bayern verleiht Christopherus- Medaille Jürgen Hermann aus St. Georgen konnte im September 2022 von Ministerpräsident Markus Söder die Christophorus-Medaille in Verbin- dung mit einer öffentlichen Belobigung entgegennehmen. Es ist der Dank für sein schnelles Eingreifen, mit dem er am Münch- ner Hauptbahnhof eine Rollstuhl- fahrerin aus einer vermutlich lebens be drohlichen Situation rettete. Der 37 Jahre alte Mechani- ker war im August 2021 mit seiner Familie in München, als er am Hauptbahnhof den Sturz der Rollstuhlfahrerin ins Gleis verhin- derte. Diese wollte in eine S-Bahn einsteigen, scheiterte jedoch und blieb am Bahnhof zurück. Als der Zug losfuhr, geriet ein Rad des Rollstuhls zwischen Bahnsteig und Zug – die Bahn schrammte in voller Länge an der feststeckenden Rollstuhlfahrerin vorbei. In dem Moment, in dem sich der Rollstuhl vom Zug löste, ergriff Hermann dessen Handlauf und zog die Frau zurück auf den Bahnsteig. Jürgen Hermann erhielt von Minister- präsident Söder für seine Lebensret- tungsaktion die Christopherus-Medaille. 298 Magazin

 

 

 

57 Tage im Wasser: Andreas Fath schwimmt 2.700 Donau-Kilometer Tag für Tag näherte er sich seit dem 19. April 2022 schwimmend seinem Ziel, dem Schwarzen Meer, das er am 17. Juni 2022 auch erreichte: Prof. Dr. Andreas Fath schwamm 2.700 Kilometer für eine plastikfreie und saubere Donau. Der Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen bewältigte insgesamt 57 Schwimmtage mit 40 bis 60 Kilometer Strecke. Meist teilte sich Andreas Fath die Tage in drei Etappen ein, eine am Vormittag und zwei am Nachmittag. Dazwi- schen hielt er sich an Bord des Begleitschiffes MS Marbach auf, das als schwimmendes Labor und Hotel für das Begleitteam diente. Der Schwimm-Marathon der ganz besonderen Art begann in Süddeutschland und führte dann durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Serbien, Rumänien und Bulgarien. Die Prof. Dr. Andreas Fath beim Projekt- start an der Donauquelle in Furtwangen Donau fließt durch die Hauptstädte Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad, der Fluss verbindet Staaten. Hier treffen nationale Regelungen aufeinander, die auch im Flusswasser ablesbar sind. „In Belgrad war das Wasser so schmut- zig, dass ich im Stadtgebiet nicht geschwommen bin, sondern an Bord unseres Begleitschiffes war“, berichtet Andreas Fath. Die Millionenstadt Belgrad leitet ungeklärtes Abwasser in den Fluss. Das stundenlange Schwimmen ist anstrengend, aber nur Mittel zum Zweck. Ziel ist die Aufmerksamkeit in den Donauanrainerländern für den Umweltschutz zu erhöhen. „Der Bau von Kläranlagen, das Recycling von Plastikmüll, das sind Themen, die in manchen Ländern noch nicht weit vorangetrieben wurden“, sagt Fath. „Darauf möchten wir mit der Schwimm- Aktion aufmerksam machen.“ Das Interesse der Medien am schwimmenden Professor war sehr groß, heißt es in einer Mitteilung der Furtwangen University weiter. Auch Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker schwamm in Ulm mit Andreas Fath in der Donau, Sloweniens Umwelt- minister Jan Budaj hieß ihn in Bratis lava willkommen. Auch Fernsehauftritte gab es. Weitere Sichtungen Der Wolf ist im Landkreis mehrfach bestätigt Es hat an Weihnachten 2017 mit der Sichtung eines Wolfes an der Landstraße in Hammereisenbach begonnen, mittlerweile sind Wolfsichtungen im Schwarzwald und Schwarzwald-Baar-Kreis keine Besonderheit mehr. Erstmals allerdings belegte ein gerissenes Kalb in Vöhrenbach, dass Wölfe im Landkreis unterwegs sind. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein Wolf im August des Jahres das Kalb angegriffen hat, heißt es dazu aus dem Umweltministerium des Landes Baden-Württemberg. Wolfssichtungen gab es im Jahr 2022 in unserer näheren Umge- bung zudem in Simonswald, Schonach, Schönwald und Eisen- bach. Sowohl für Vöhrenbach als auch Simonswald wurde ein Wolf der Alpenpopulation oder italieni- sche Population genetisch nachgewiesen. Meist gelingt die Sichtung der scheuen Tiere jedoch nur über Fotos, die Wildkameras aufnehmen. Erik Pauly erreicht 98 Prozent der Stimmen Mit 98,2 Prozent der Stimmen wurden Erik Pauly im De zember 2021 im Amt des Oberbürgermeis- ters von Donau- eschingen bestätigt. In Corona- Zeiten lag die Wahlbeteili- gung bei 25 Prozent. Erik Pauly tritt damit seine zweite Amtszeit an, Oberbürgermeister von Donau- eschingen ist er seit 2014. Magazin 299

 

 

 

Kreisübergreifender Großeinsatz Katastrophenschutz- Übung an der Linachtalsperre Rund 250 Einsatzkräfte der Feuerweh- ren, des DRK, des Malteser Hilfsdiens- tes und des THW aus den Kreisen Freiburg, Konstanz, Schwarzwald-Baar und Waldshut haben am Samstag, den 15. Oktober an einer Katastrophen- schutzübung an der Linachtalsperre in Vöhrenbach teilgenommen. Koordi- niert wurde die kreisübergreifende Übung vom Regierungspräsidium Freiburg (RP) als höhere Katastrophen- schutzbehörde gemeinsam mit dem Landratsamt des Schwarzwald- Baar- Kreises als untere Katastrophenschutz- behörde. Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und der Erste Landes- beamte des Landratsamts Schwarz- wald-Baar-Kreis, Martin Seuffert, machten sich vor Ort ein Bild von der Zusammenarbeit der Einsatzkräfte. Beeindruckt von Professionalität Regierungspräsidentin Schäfer zeigte sich beeindruckt von der hohen Professionalität der Einsatzkräfte: „Für schnelle und effiziente Hilfe bei großen Schadensereignissen ist eine solide Planung des überörtlichen Einsatzes von Einheiten des Katastro- phenschutzes unabdingbar. Die heutige Übung hat gezeigt, dass das Konzept der kreisübergreifenden Hilfeleistung des Regierungspräsidi- ums praxistauglich ist und zur Bewältigung einer solchen Lage beiträgt.“ Schäfer bedankte sich bei allen Ehrenamtlichen des Katastro- phenschutzes für ihren Einsatz für die Sicherheit der Gesellschaft. Martin Seuffert hob hervor, wie wichtig diese kreisübergreifende Katastrophenschutzübung für die 300 Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (Mitte) informierte sich vor Ort zum Hin- tergrund der Großübung. Links Grünen-Landtagsabgeordnete und Linacherin Martina Braun, hinten der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. Magazin

 

 

 

Von oben links: Rettung von Verletzten nach einer angenommenen Explosi- on, Blick in die Einsatzzentrale, Aufbau einer Notwasserversorgung und der Behandlungsplatz für die Versorgung von „Verletzten“ am Fuß der Talsperre. Blaulichtfamilie zum jetzigen Zeit- punkt war: „Vor allem die Zeit während der Corona-Pandemie stellte unsere Einsatzkräfte vor eine große Herausforderung. Übungen waren in dieser Form nicht möglich. Jetzt wieder nach langer Zeit die Gelegen- heit zu haben, sich bei einer Übung, die sogar kreisübergreifend organisiert wurde, abzustimmen, war sehr wertvoll.“ „Wassermangel und Explosion“ Dem Drehbuch der Übung zufolge hatte eine lang anhaltende Trocken- heit zu einem Mangel an Brauchwas- ser geführt. In der Folge drohte auf Bauernhöfen Vieh zu verdursten. Gleichzeitig kam es auf einer Veran- staltung bei der Linachtalsperre zu einer Explosion mit mehreren Verletzten. Aufgrund des lang anhaltenden Einsatzes kamen die örtlichen Einsatzkräfte des Schwarz- wald-Baar-Kreises technisch und personell an ihre Grenzen. Deshalb war schnelle und strukturierte Unterstützung aus anderen Landkrei- sen notwendig. (Quelle: Pressetext Regierungspräsidium Freiburg) Magazin 301

 

 

 

Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 30.06.2021 30.06.2022 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bad Dürrheim St. Georgen Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Königsfeld Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Dauchingen Vöhrenbach Tuningen Mönchweiler Unterkirnach Schönwald Gütenbach 87.571 22.468 13.636 13.047 10.193 8.973 7.998 6.081 6.054 5.985 5.170 4.700 4.009 3.888 3.708 3.164 3.016 2.643 2.613 1.141 86.099 22.138 13.404 13.016 10.123 8.890 7.890 5.977 5.942 5.927 5.165 4.715 4.003 3.829 3.761 3.054 2.958 2.584 2.534 1.131 1.472 330 232 31 70 83 108 104 112 58 5 -15 6 59 -53 110 58 59 79 10 2.945 1,68 1,47 1,70 0,24 0,69 0,92 1,35 1,71 1,85 0,97 0,10 -0,32 0,15 1,52 -1,43 3,48 1,92 2,23 3,02 0,88 1,36 Kreisbevölkerung insgesamt 216.085 213.140 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2022 30.06.2021 30.06.2020 3,6 % 3,9 % 4,7 % 3,5 % 3,9 % 4,4 % 5,2 % 5,7 % 6,2 % Quelle: Agentur für Arbeit Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland wurde im Juni 2022 ausgezeichnet: Christa Gisela Lörcher (Villingen-Schwenningen) Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2022 ausgezeichnet: Dieter Löffelhardt (Brigachtal), Horst Hettich (Furtwangen), Egon Bäurer (Hüfingen), Jürgen Gampp, Hans Wolfgang Henschke, Manfred Herzner, Matthias King, Irmgard Liebert und Ulrike Lichte (alle Villingen-Schwenningen) 302

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dilger, Gerhard, 78120 Furtwangen Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Flöß, Andreas, 78050 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Karger, Klaus Peter, 78050 Villingen-Schwenningen Köhler, Ursula, 78050 Villingen-Schwenningen Maier, Dagobert, 78199 Bräunlingen Möller, Bernd, 78126 Buchenberg Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen Tritschler, Edgar H., 78048 Villingen-Schwenningen Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Vogt, Josef, 78086 Brigachtal Bildnachweis Almanach 2023 Titelseite: Daniela Maier, Skicrosserin aus Furtwangen, mit ihrer Bronzemedaille der Olympischen Spiele 2022. Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Rückseite: Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Soweit die Foto gra fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bild autoren/Bildleih geber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2-3, 9-21, 30-31, 33, 50-73, 75-79, 80 ob., 81-91, 120, 124, 126, 132, 135, 180 mi., 181, 192 u., 207 re. u., 210, 211, 213, 215, 226-231, 235 ob., 236 ob., 236 u., 237, 239 ob., 240-242; Marc Eich, Villingen-Schwenningen: 23, 25, 27, 29, 112, 114 ob., 115 ob., 117 ob., 118 ob., 119, 246, 250, 251 u., 253 ob. l.,; Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis: 24; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 32 ob., 36 u.r., 102-107, 108 r., 109-111, 291, 293 u., 295; Andreas Flöß, Villingen-Schwennin- gen: 32 u., 34-36, 37; 38 ob.; Katja Wickert, Niedereschach: 38 u., 39-41; Tobias Fröhner, Göppingen: 42; Luisenklinik, Bad Dürrheim: 45, 48; Wilfried Strohmeier, Bad Dürrheim: 46-47, Reha klinik Katharinenhöhe, Furtwangen: 49; Erich Marek, VS-Schwenningen: 62 u., 66 u. li., 70; Sammy Minkoff, Eching: 74; Nikolaus Arnold, Triberg: 80 u.; Michael Stifter, Vöhrenbach: 92-94, 96-101, 140-143, 148-149, 158-159, 163 u., 165, 167, 168-179, 180 ob., 278-280, 283 ob. li., 284 ob. re., 285 ob. li.; Patrick Bäurer, Hondingen: 108 li.; Selina Haas, Schonach: 114 u.; 117 u.; 118 u.; imago images/ GEPA pictures, Berlin: 122, 127, 129; Ski-Club Urach: 125; Roland Sprich, St. Georgen: 131, 134, 144, 152, 154-155, 298 ob., 299 ob., 300/301; Réne Lamb, Radolfzell: 136; Martin Granacher, Weilheim: 137-138; Nik van Veenen daal, Waldkirch: 139; Doniswald-Klinik, Königsfeld: 145-147; Hezel GmbH, Mönchweiler: 150-151, 153, 156-157; Wilhelm Stark Baustoffe GmbH, Villingen: 160-162, 163 ob., 164, 166; EGT Unternehmensgruppe, Triberg: 182-192 ob., 193-199; Ralf Brunner, Hamburg: 200, 206 ob.; FF-Archiv, Donaueschin- gen: 202-203, 207 li. u., 209; Andreas Wilts, Hüfingen: 204; Silvia Binninger, Donau eschingen: 205; Roland Sigwart, Hüfingen: 206 u., 218; Günter Ludwig, Königsfeld: 208; Studio Fräulein Graf, Donaueschingen: 216, 225; Frank Kleinbach, Stuttgart: 219, 224; Museum Art.Plus, Donau- eschingen: 220; Bernhard Strauss, Freiburg: 222-223; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 232-234, 235 u., 236 mi., 239 u.; Gerhard Dilger, Furtwangen: 243-245, 251 ob., 252, 255; Bergwacht Furtwangen: 248-249, 253 ob. r., 254; Archiv dold.verlag, Vöhrenbach: 249, 287; Dagobert Maier, Bräunlingen: 256-263; Nico Pudimat, Rottweil: 264-267, 269-273; Die Burg, Aasen: 268; Dome Der Grosse Fotografie, Berlin: 276-277; Daniela Schneider, Triberg: 281, 284 ob. li., 286 ob., 286 mi.; Zum Wilden Michel, Furtwangen: 282, 283 ob. re., 285 ob. re., 286 u., 289; Josef Vogt, Brigachtal: 292 ob.; Löwen, Brigachtal: 292 u., 293 ob., 294, 296-297; Freiwillige Feuerwehr Vöhrenbach: 301 ob. r. 303

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2023 BAUUNTERNEHMUNG VENTILATOREN Weißer + Grießhaber GmbH Vier weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. S Sparkasse Schwarzwald-Baar 304

 

 

 

„An der Brigach“ Neues Verwaltungsgebäude des Landratsamtes 8

 

 

]]>
https://almanach-sbk.de/almanach-2024/feed/ 0
Almanach 2022 https://almanach-sbk.de/almanach-2022/ https://almanach-sbk.de/almanach-2022/#respond Thu, 15 Dec 2022 14:23:32 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2022/  

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis in Zusammenarbeit mit dem dold.verlag www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrates Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Für den In halt der Beiträge sind die je weiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Ver vielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung und Vertrieb: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2021 www.doldverlag.de Druck: PASSAVIA Druckservice GmbH & Co. KG D-94036 Passau ISBN: 978-3-948461-07-2 2

 

 

 

Wolkenfliegereien – Blick vom Brend bei Furtwangen nach Gütenbach.

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen Da leben wir SABA Das Impfzentrum des SchwarzwaldBaar-Kreises in VillingenSchwenningen Bernhard Bolkart: Von Weihnachten und Gewiss heiten Farbund ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte Bereits im November 2020 stand fest: Die Schwenninger Tennishalle wird nach dem erfolgreichen Betrieb von Fieberambulanz und Abstrichzentrum auch Standort des Kreisimpfzentrums werden. Mit dem Impf zentrum war man im Schwarzwald-BaarKreis bestens für die Anforderungen der Ministerien gewappnet. Bei den Bolkarts in Schonach ist das ganze Jahr über Weihnachten. Und das nicht nur, weil die Familie auf einem Hektar ihrer landwirtschaftlichen Fläche Christbäume anpflanzt. Rita und Bernhard Bolkart fühlen sich auch reich beschenkt: durch die idyllische Lage ihres Betriebs im abgelegenen Kolbenloch. Der Verkauf des SABAGeländes Ende 2020 war für den Graffiti-Künstler Jonas Fehlinger der Anlass, beim Investor seine Idee einer GraffitiKunst-Aktion vorzustellen. Zusammen mit seinem Freund Steffen Schulz setzte er die geschichtsträchtigen SABAGebäude vor ihrem Abriss mit moderner SprayKunst in Szene.

 

 

 

Geschichte Seit 100 Jahren Strom aus dem Brändbach … Der Bau der Brändbachtalsperre zur Versorgung der Stadt Bräunlingen mit elektrischer Energie darf als gelungenes Beispiel gelten für die konfliktarme Erschließung einer neuen Energiequelle. Vom Bau der Brändbachtalsperre sollten nicht nur die Bürger profitieren, sondern auch Flora und Fauna dank des Kirnbergsees. Inhaltsverzeichnis Impressum Sehnsucht nach „normalem“ Leben / Sven Hinterseh 9 Impressionen aus Schwarzwald und Baar / Wilfried Dold 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen Und die Welt dreht sich weiter – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis / Sven Hinterseh Die DreiWelten Card für Schwarzwald, Rheinfall und Bodensee Das Impfzentrum des Schwarzwald-Baar-Kreises in Villingen-Schwenningen / Marc Eich Der neue Ursprung der Donau entsteht – ein kurzer Baustellenbericht / Michael Koch 2. Kapitel / Da leben wir Bernhard Bolkart – Von Weihnachten und Gewissheiten / Tanja Bury Wilfried Straub – Ein Imker und seine 24 Bienenvölker / Barbara Dickmann Alaa (Ali) Hamo – Vollumfänglich in Deutschland angekommen / Hans-Jürgen Kommert Hannah Eckstein – Einzig wegen dieses Jobs / Barbara Dickmann 3. Kapitel / Wirtschaft WAHL – Führender Global Player der Haarschneide technik / Elke Reinauer und Wilfried Dold 94 Energieversorgung Südbaar (esb) – Ein Energieversorger schreibt seit 35 Jahren Erfolgsgeschichte / Bernhard Lutz 102 Gebr. Faller GmbH – Die ganze Welt im Modellbaumaßstab / Roland Sprich 4. Kapitel / Villingen-Schwenningen 110 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs – Eine (kritische) Bestandsaufnahme einer nicht immer einfachen Städteehe / Dieter Wacker 120 SABA – Farbund ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte / Hans-Jürgen Götz 132 SABA Spuren / Birgit Heinig 5. Kapitel / Konversionsareal in Donaueschingen † „Am Buchberg“ – Ein neues Stadtviertel entsteht / Heinz Bunse

 

 

 

Gastlichkeit Kunstgeschichte / Fotografie Sport Zweites Jahr, zweiter Stern – eine Erfolgsgeschichte von der Baar Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen † † … Manuel Ulrich ist der Maître de Cuisine des „Ösch Noir“, eines Spitzenrestaurants, in dem mitten im Schwarzwald auf anerkannt höchstem Niveau gekocht wird. Er selbst – angesprochen darauf, wie denn nun seine korrekte Berufsbezeichnung lautet – winkt lächelnd ab und sagt einfach nur: „Ich bin der Küchenchef und fertig.“ Alltagsszenen, Brauchtum, oder Portraits: Der gerade 1,30 Meter große Johann Georg Fleig war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Pionier der Fotografie im Schwarzwald. Ihn und seinen von einem Hund gezogenen Karren mit der Fotoausrüstung darin kannte in Königsfeld/St. Georgen und im Gutachtal so gut wie jedes Kind. Aline Rotter-Focken schreibt Sportgeschichte, siegt bei Olympia in der Klasse bis 76 Kilogramm. Sie macht damit zugleich ganz Triberg und Schonach stolz, wo die Gesundheitsmanagerin lebt und arbeitet. Und: Aline RotterFocken wird „Die Beste 2021″, setzt sich bei der Wahl des deutschen Spitzensportlers durch.

 

 

 

6. Kapitel / Geschichte † „Glück Auf“ – Salz für Baden. 200 Jahre Saline Bad Dürrheim / Wilfried Strohmeier † Seit 100 Jahren Strom aus dem Brändbach / Wolf Hockenjos † GeheimnisGräberei. Augmented-Reality erweckt die Welt der Kelten zum Leben / Peter Graßmann † Hofgut Ankenbuck – Arbeiterkolonie und Konzentrationslager / Marc Ryszkowski 7. Kapitel / Gastlichkeit Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ / Daniela Schneider 220 Löwen Patisserie in Schönwald / Hans-Jürgen Kommert 230 „Klimperkasten“ – Kultkneipe in St. Georgen / Roland Sprich 8. Kapitel / Kunstgeschichte / Fotografie Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig / Bernd Möller Jessica Bisceglia – Seit über 10 Jahren als Fotomodell erfolgreich / Elke Reinauer und Wilfried Dold 9. Kapitel / Sport Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen / Hans-Jürgen Kommert und Wilfried Dold Triberg im Jubel – Empfang einer Olympiasiegerin / Roland Sprich 10. Kapitel / Natur und Umwelt 282 Über die Rolle der Jagd im Klimawandel / Wolf Hockenjos 289 Klima und Waldumbau – Im Gespräch mit Dunja Zimmermann und Dr. Frieder Dinkelaker 294 Durchs romantische Obere Glasbachtal / Birgit Heinig Anhang 299 Almanach-Magazin und Wahlergebnisse 302 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 304 Ehrenliste der Freunde und Förderer Ergänzende digitale Inhalte zum Almanach 2022 finden unsere Leser unter: almanach-sbk.de/almanach2022-digital Natur und Umwelt Über die Rolle der Jagd im Klimawandel ” Drei aufeinander folgende Trockensommer haben die Waldwirtschaft auch im Quellenlandkreis in akute Bedrängnis gebracht. Kaum jemand hegt noch Zweifel daran, dass der von uns Menschen verursachte Klimawandel bereits in vollem Gange ist. Eher zu den Gewinnern der Klimakrise zählt das Wild.

 

 

 

Sehnsucht nach „normalem“ Leben Liebe Leserinnen und Leser, ein weiteres Jahr, in dem uns die Corona-Pandemie stark beeinträchtigt hat, liegt beinahe schon wieder hinter uns. Viele Erleichterungen können wir bereits wieder erfahren, soziale Kontakte finden wieder häufiger und intensiver statt und auch Veranstaltungen, Festivitäten o.ä. sind in entsprechend reduziertem Umfang möglich. Diese Freiheiten gilt es nun möglichst zu genießen sowie zu schätzen und darüber hinaus sollten wir stets versuchen, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Weiterhin erfahren wir aber auch immer noch gewisse Einschränkungen, insbesondere bei unseren persönlichen Kontakten, bei Veranstaltungen und in täglichen Abläufen, wie beispielsweise beim Einkaufen, Arzt oder Museumsbesuch. Nach wie vor sind die Menschen, ist unsere Gesellschaft, noch in vielen Bereichen auf „Abstand“. Für viele von uns ist es schon fast nicht mehr vorstellbar, dass wir einmal wieder unser altes, „normales“ Leben, wie wir es vor Corona gelebt haben, werden führen können. Umso wichtiger war es für uns, mit unserem Almanach 2022 aufzuzeigen, dass es trotz allem auch noch Verlässlichkeit und Beständigkeit in solch herausfordernden und zeitweise auch anstrengenden Zeiten gibt. Die Beiträge unseres Schwarzwald-Baar Jahrbuchs sind in diesem Jahr abwechslungsreich wie eh und je, zeigen neue Entwicklungen bzw. bislang oftmals Vielen „verborgene“ Themen auf, bilden jedoch auch wieder ein gutes Stück Heimat, Historik oder beispielsweise Kulturelles ab. Eine ganz augenscheinliche Veränderung gibt es in diesem Jahr aber bei unserem Almanach: ein neues, vergrößertes Format, verbunden mit einem matten „Äußeren“, hebt die Wertigkeit dieser Publikation noch besser hervor und lässt die Lektüre der Beiträge für die Leserinnen und Leser großflächiger und somit komfortabler werden. Auch gerät so die Bildsprache und Bebilderung noch weiter in den Mittelpunkt. Ein herzliches Dankeschön sage ich in dieser, der 46. Ausgabe unseres Almanach, wieder den zahlreichen Förderern und treuen Freunden des Schwarzwald-Baar Jahrbuchs sowie allen Autoren und Fotografen, die einmal mehr dazu beigetragen haben, dass eine ansprechende und sehr informative Publikation mit großer Themenvielfalt entstehen konnte. Mein ganz besonderer Dank gilt in diesem Jahr jedoch dem dold.verlag aus Vöhrenbach, der nicht nur durch die Formatumstellung mit überragendem Engagement und viel Herzblut ein weiteres Mal dafür gesorgt hat, dass mit dem Almanach 2022 ein ganz besonderes Werk entstanden ist. Ich freue mich daher auch auf eine weiterhin vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation in den kommenden Jahren für unser Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar Jahrbuch, unserem Almanach. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser des Almanach 2022 möchte ich ebenfalls für Ihre, teilweise über Jahrzehnte gewachsene, Verbundenheit danken und wünsche Ihnen mit unserem Schwarzwald-Baar Jahrbuch einmal mehr eine interessante sowie unterhaltsame Lektüre sowie viel Freude dabei. Bleiben Sie uns auch weiterhin treu! Ihr Sven Hinterseh, Landrat

 

 

 

Sehnsucht nach Normalität – nach einem gemütlichen Bummel über den Villinger Weihnachtsmarkt.

 

 

 

 

 

 

Alpenpanorama – im Frühjahr bei Hondingen. 11

 

 

 

 

 

 

Trachtenfotografie gestern und heute – zweimal St. Georgener Brautkrone: Der in Buchenberg und Hornberg arbeitende Fotograf Johann Georg Fleig, der „Fleigle“, fotografierte in den 1880er/1890er-Jahren als einer der Pioniere Schwarzwälder Trachten und Brauchtum – kolorierte die Fotos dann von Hand. Mehr von ihm erfahren die Leser ab Seite 236. Und mehr von Fotomodell Jessica Bisceglia (links im Bild) ab Seite 264.

 

 

 

 

 

 

Nachhaltigkeit im Wald bei Gremmelsbach: Brennholz-Biegen warten am Wegrand auf ihren Abtransport – Tännchen und neuer Jungwald wachsen bereits wieder empor. Dahinter ragt erntefähiger Fichtenwald auf. Mehr zu diesem Thema finden die Leser ab Seite 288.

 

 

 

 

 

 

Herbstliche Allee bei Wolterdingen – auf dem Rad die Herbstsonne genießen.

 

 

 

 

 

 

Wo im Winter über Monate hinweg keine Sonne scheint – beim Zimberhäusle im Hexenloch bei Furtwangen-Neukirch.

 

 

 

Und die Welt dreht sich weiter – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis von Sven Hinterseh Uns alle hat die Corona-Pandemie immer wieder ausgebremst. Ob bei der privaten Urlaubsplanung, bei geschäftlichen Investitionen, im kulturellen Leben, in der Schule oder beim Pflegen der persönlichen Kontakte und dem gesellschaftlichen Leben. Die Landkreisverwaltung war in den vergangenen zwei Jahren vorrangig damit beschäftigt, die Pandemie zu bewältigen und die damit verbundenen Aufgaben rechtlicher und organisatorischer Art zu erfüllen. Vor allem unser Gesundheitsamt und unser Ordnungsamt standen im Brennpunkt: Angefangen von der Kontaktpersonennachverfolgung bis zu Hygienekonzepten über das Einrichten eines Testzentrums und später eines Kreisimpfzentrums. Und stets war es uns wichtig, trotz der Pandemie unseren Schwarzwald-BaarKreis weiterzuentwickeln und unsere wichtigen Themen weiter voranzubringen. So gibt es neben der prägenden Corona -Pandemie bedeutende Projekte, die wir weiter verfolgt haben. Neue Sensibilität für den digitalen Schwarzwald-Baar-Kreis Der Ruf nach schnellem Internet war gerade im ländlichen Raum schon immer laut. Aber seit Beginn der Corona-Krise mit all ihren persönlichen Herausforderungen ist der Anspruch an die Technik für Datenübertragungsmöglichkeiten in neue Sphären gehoben worden. Homeoffice, Homeschooling, Video-Konferenzen, Streaming-Dienste und Internet-Videospiele brachten die alten Kupferleitungen an ihre Grenzen und viele Nutzer mussten die Erfahrung machen, dass ein schneller Internetzugang kein „nice to have“ ist, sondern vielmehr eine wichtige Infrastruktur, die eine Grundvoraussetzung ist. Seit dem Jahr 2014 baut der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar ein kommunales Glasfasernetz auf. Alle 20 Kommunen und der Landkreis selbst sind Mitglieder des Zweckverbands und haben schon früh auf den eigenständigen Ausbau gesetzt. Durch den zurückliegenden langen Winter 2021, der viel Schnee mit sich brachte, mussten die Tiefbauarbeiten in diesem Jahr lange pausieren, bis es Ende März endlich wieder losgehen konnte. Seitdem läuft der Ausbau für die Projekte Gütenbach 2. Bauabschnitt, Blumberg-Fützen, Furtwangen-Neukirch Außenbereich, VS-Obereschach 1. Bauabschnitt, Schonach 3. Bauabschnitt (innerorts und Außenbereich), Schönwald mit den Abschnitten 1 und 2, St. Georgen-Galetsch und Niedereschach-Schabenhausen, Königsfeld-Glasbachtal. Aktuell wurden bereits 100 Millionen Euro in den Glasfaserausbau investiert. In den kommenden fünf bis sieben Jahren sind nochmals 150 Millionen Euro eingeplant. Diese immensen Summen sind für die Kommunen allein nicht finanzierbar. Möglich ist der Ausbau nur durch die Förderung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur und des Ministeriums des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen Baden-Württemberg. Seit 2014 hat der 20 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die Netzentwicklung des Backbone Schonach Triberg Schönwald Rottweil Fischbach St. Georgen Königsfeld Schabenhausen Peterzell Neuhausen Niedereschach Niedereschach Gütenbach Furtwangen Vöhrenbach Neukirch Oberkirnach Unterkirnach Mönchweiler Dauchingen Dauchingen VillingenSchwenningen Pfaffenweiler Rietheim Herzogenweiler Brigachtal Bad Dürrheim Hochemmingen Tuningen BreisgauHochschwarzwald HammereisenbachBregenbach Mistelbrunn Tannheim Grüningen Wolterdingen Sunthausen Biesingen Öfingen Aasen Oberbaldingen dingen Unterbaldingen Unterbaldingen Donaueschingen Donaueschingen Bräunlingen Bräunlingen Pfohren Tuttlingen vorhanden / 2015-2020 gebaut vorübergehende Anmietung Fremdnetze (Netcom) in Bau / in Vorbereitung Bau geplant Bau offen BreisgauHochschwarzwald Hüfingen Sumpfohren Döggingen Hausen vor Wald Neudingen Fürstenberg Mundelfingen Riedböhringen Hondingen Achdorf Blumberg Waldshut Konstanz Schweiz Zweckverband durch das Land Baden-Württemberg insgesamt rund 34 Millionen Euro Fördermittel nach eigener Landesrichtlinie bewilligt bekommen. Im Herbst 2019 gab es entscheidende Änderungen bei der Bundesförderung. Daher nutzt der Zweckverband größtenteils diese neue Möglichkeit, die die Finanzierung zur Hälfte durch den Bund und bis zu 40 Prozent durch die sogenannte Ko-Finanzierung des Landes Baden-Württemberg vorsieht. Die Kommunen müssen somit „nur“ die restlichen Summen tragen, was eine erhebliche Erleichterung darstellt, aber trotzdem immer noch in den Haushalten der Kommunen ein Großteil der jährlichen Ausgaben entspricht. Bisher hat der Zweckverband durch den Bund Fördermittel in Höhe von 65 Millionen Euro zugesagt bekommen. Hinzu kommt die Ko-Finanzierungszusage des Landes mit 51 Millionen Euro. Als förderfähig gilt eine Region, in der höchstens ein Telekommunikationsunternehmen versorgen kann und, in der die Download-Geschwindigkeit nicht höher als 30 Megabit pro Sekunde liegt. Und die Welt dreht sich weiter 21

 

 

 

Nachdem 2016 in Schonach die ersten GlasfaserHausanschlüsse in Betrieb genommen wurden, sind mit Stand zum August 2021 rund 6.500 Anschlüsse fertig gebaut. Das entspricht zirka 16.000 Wohneinheiten von Privatpersonen und Gewerbetreibenden, die jetzt über die Glasfaser einen sicheren und schnellen Zugang ins World Wide Web haben. Bis zur Fertigstellung eines flächendeckenden GlasfaserNetzes im Schwarzwald-Baar-Kreis sind noch weitere fünf bis sieben Jahre vorgesehen. Neue Anforderungen für den Öffentlichen Personennahverkehr Wichtige Weichenstellungen zur Weiterentwicklung und Verbesserungen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) konnten im Jahr 2021 angegangen werden. So wurde der Nahverkehrsplan weiter umgesetzt, der Ringzug zum Ringzug 2.0 weiterentwickelt, ein ÖPNV-Pakt mit dem Land Baden-Württemberg neu geschlossen und die Ringzugfinanzierung neu geregelt. Nahverkehrsplan Die Umsetzung des Nahverkehrsplans, der Ende 2017 durch den Kreistag beschlossen wurde, ist in drei Schritten vorgesehen. Den größten Teil davon nehmen die Neukonzepte der Busverkehre ein, die zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 in Betrieb gegangen sind. Um die Verkehrsgebiete flächenhaft zu erschließen, werden eine Vielzahl von Nebenachsen eingerichtet. Der Linienverkehr fährt dann ebenfalls im Stundentakt, der allerdings in den Nebenzeiten auch kleinere Taktlücken enthalten kann. nach St. Georgen oder von Schwenningen über Bad Dürrheim nach Donaueschingen. Um die Verkehrsgebiete flächenhaft zu erschließen, werden eine Vielzahl von Nebenachsen eingerichtet. Der Linienverkehr fährt dann ebenfalls im Stundentakt, der allerdings in den Nebenzeiten auch kleinere Taktlücken enthalten kann. Abends und an den Wochenenden sind grundsätzlich Rufbusse im Einsatz. Ergänzt werden die Hauptund Nebenachsen schließlich durch Erschließungslinien, die insbesondere auf Anforderungen von Schülerverkehren ausgerichtet sind. Im Frühjahr 2021 wurde die Vergabe der VerMit den Neukonzepten erhöhen sich die Verkehrsleistungen im Bereich Ostbaar (Bad Dürrheim, Tuningen), Nordöstliches Kreisgebiet (VillingenSchwenningen, Dauchingen, Mönchweiler, Königsfeld) und Nord-West (St. Georgen, Triberg) ausgeschrieben. Ergebnis ist, dass die Verkehrsleistungen in den nächsten acht Jahren von der Südbadenbus GmbH, der Verkehrsgemeinschaft Villingen-Schwenningen GmbH und der Firma Rapp sowie weiteren Subunternehmern erbracht werden. Alle Unternehmen sind seit vielen Jahren im Linienverkehr im SchwarzwaldBaar-Kreis tätig. Ein weiterer Fortschritt ist die Einführung eines verlässlichen Stundentakts auf den Hauptachsen, wie zum Beispiel zwischen Villingen und Bad Dürrheim, Villingen über Mönchweiler und Königsfeld kehrsleistungen in diesen Bereichen. Aktuell werden durch den ÖPNV 2,7 Millionen Fahrplankilometer geleistet. Künftig werden dies 3,9 Millionen Fahrplankilometer pro Jahr sein. Damit wird das Angebot für die Nutzer des ÖPNV deutlich verbessert und zudem ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende geleistet. Verbessert wird aber nicht nur das Angebot. Auch die Qualität der neuen Verkehre wird besser. So gibt es moderne neue Niederflurbusse, die neben WLAN auch eine Mehrzweckfläche für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder bieten. Ringzug 2.0 Im Jahr 2003 ging der Ringzug in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg in Betrieb. Der Ringzug war von 22 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Bei der Förderübergabe in St. Blasien: v.l. Michael Rieger, Bürgermeister St. Georgen, Prof. Manfred Kühne, Bürgermeisterstellvertreter Furtwangen, Sven Hinterseh, Landrat, Detlef Schuler, Bürgermeisterstellvertreter Vöhrenbach, Peter Engesser, Ortsvorsteher Fischbach, Andreas Braun, Bürgermeister Unterkirnach, Detlev Bührer, Bürgermeister VillingenSchwenningen, Thomas Strobl, Innenminister, Niko Reith, MdL (FDP), Erik Pauly, Oberbürgermeister Donaueschingen, Fritz Link, Bürgermeister Königsfeld und Hansjörg Staiger, Bürgermeisterstellvertreter St. Georgen. Unterwegs mit dem Quellenland-Bus. Die modernen neuen Niederflurbusse, bieten neben WLAN auch eine Mehrzweckfläche für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder. Und die Welt dreht sich weiter 23

 

 

 

Beginn an mehr als nur ein Schienensystem. „Zug und Bus aus einem Guss“ war und ist die Grundidee und der wesentliche Erfolgsfaktor dieses als S-Bahn im ländlichen Raum konzipierten Verkehrskonzeptes. Die Landkreise Rottweil, Schwarzwald-Baar-Kreis und Tuttlingen haben zusammen mit dem Land die Verantwortung für Schienenverkehre übernommen. Zudem haben die drei Landkreise konsequent ihre Busverkehre auf den Ringzug ausgerichtet. Allerdings haben die Regio-Shuttles, die auf der Schiene im Einsatz sind, in absehbarer Zeit das Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebszeit erreicht. Deshalb haben die drei Landkreise schon vor längerer Zeit die Beratungsfirma SMA aus Zürich damit beauftragt, ein Konzept für die künftige Ausrichtung des Ringzugs zu erarbeiten. Wesentliche Elemente waren dabei die vollständige Elektrifizierung der Ringzugstrecken sowie die Verlängerung des Ringzugs nach St. Georgen. Neben der Schwarzwaldbahn und Donautalbahn waren bei der Weiterentwicklung auch die BreisgauS-Bahn, die seit Dezember 2019 als umsteigefreie Verbindung zwischen Freiburg und Villingen fährt sowie der Metropolexpress (MEX), der ab 2027 vom Land geplant ist, zu berücksichtigen. Beim MEX handelt es sich um eine umstiegsfreie Verbindung von Villingen über Rottweil nach Stuttgart und zurück, der stündlich verkehren wird. Nach zahlreichen Gesprächen mit allen Beteiligten konnte im Frühsommer 2021 eine VerstänIm Schwarzwald-BaarKreis ist für die Erweiterung des Ringzugs nach St. Georgen der Bau von bis zu vier neuen Haltepunkten vorgesehen. digung über das künftige Fahrplankonzept erzielt werden. Dieses Konzept erfordert über die geplante Elektrifizierung hinaus weitere infrastrukturelle Maßnahmen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist für die Erweiterung des Ringzugs nach St. Georgen der Bau von bis zu vier neuen Haltepunkten (Villingen-West, Peterzell-Königsfeld, Peterzell und St. Georgen Industriegebiet) vorgesehen. Die Bahnsteige in Schwenningen müssen für den MEX auf eine Nutzlänge von 212 Meter verlängert werden. Im nächsten Schritt wird eine Betriebsprogrammstudie durch die DB AG sowie eine Wirtschaftlichkeitsanalyse für die Maßnahmen erstellt. Ziel ist eine Umsetzung möglichst zum Fahrplanwechsel im Dezember 2027. ÖPNV-Pakt Im Zuge der Gespräche zur Weiterentwicklung des Ringzugs wurde auf Initiative des Schwarzwald-Baar-Kreises die Idee geboren, im Anschluss an die „Trossinger Erklärung“ aus dem Jahr 1996 mit dem Land einen Letter of Intend (LOI) als gemeinsame Absichtserklärung zur Umsetzung des Vorhabens zu erstellen. In den sich daran anschließenden Gesprächen mit dem Land wurde daraus der ÖPNV-Pakt für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg entwickelt. Darin wurde die Umsetzung des Konzepts Ringzug 2.0 vereinbart. Zudem wurden weitere wichtige Themen in diese Absichtserklärung mit aufgenommen, um den öffentlichen Personennahverkehrs in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zu verbessern. Wichtige Punkte sind die beabsichtigte Reform der ÖPNV-Tarife und die Gründung eines gemeinsamen Tarifverbundes für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Hier haben sich die drei Landkreise zwischenzeitlich bereits auf die Grundzüge einer großen Tarifreform verständigt. Danach sollen die bisher vorhandenen relativ kleinteiligen Tarifzonen deutlich vergrößert und von derzeit 27 auf künftig nur noch 8 Zonen reduziert werden. Darüber hinaus ist geplant, die Tarife deutlich zu reduzieren, insbesondere im Bereich der Abonnements und Zeitfahrscheine. Derzeit finden zwischen den Landkreisen und den bestehenden Verkehrsverbünden intensive Abstimmungsgespräche zum geplanten künftigen gemeinsamen Tarifverbund statt. Hierzu sollen bis Ende 2021 die notwendigen Grundsatzbeschlüsse 24 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Bei der Unterzeichnung des ÖPNV-Pakts. Von links: Rüdiger Klos, MdL, Niko Reith, MdL, Dr. Rüdiger Michel, Landrat Kreis Rottweil, Sven Hinterseh, Landrat Schwarzwald-Baar-Kreis, Martina Braun, MdL, Winfried Hermann, Verkehrsminister MdL, Susanne Irion, Bürgermeisterin Trossingen, Stefan Bär, Landrat Kreis Tuttlingen und Daniel Karrais, MdL. Und die Welt dreht sich weiter 25

 

 

 

getroffen werden. Die Reformen könnten dann frühestens zum 1. Januar 2023 in Kraft treten. Im ÖPNV-Pakt ist auch ein weiterer Ausbau des ÖPNV-Angebots bei den Busverkehren hinterlegt. Ziel ist es, mittelfristig ein Angebot auf der Schiene und der Straße zwischen 5 und 24 Uhr zu stellen. Dieser Standard soll bis 2027 mindestens für alle Gemeindehauptorte realisiert sein. Daneben sollen auch weitere Schnellbuslinien (Regiobuslinien) realisiert werden. Regiobuslinien sind Busverbindungen, die in der Regel einen direkten Linienweg haben und in jedem Fall den Anschluss an den Schienenverkehr herstellen sollen. Neben der bereits seit Dezember 2019 bestehenden Schnellbuslinie Donaueschingen – Hüfingen – Blumberg soll im Dezember 2022 die Schnellbuslinie Villingen – Furtwangen in Betrieb gehen. Schließlich sind im ÖPNV-Pakt weitere Maßnahmen hinterlegt, die erweiterte öffentliche Mobilitätsangebote ausbauen sollen. Beispielsweise sollen Haltestellen attraktiv gestaltet und nutzergerecht ausgebaut werden. Es ist geplant, dass Multimodale Mobilitätsstationen, an denen verschiedene Verkehrsträger (ÖPNV, Car-Sharing, Bike-Sharing) umsteigen können, realisiert werden. Vorgesehen ist auch, in den Oberund Mittelzentren sogenannte Mobilitätszentralen einzurichten. Sowohl der ÖPNV-Pakt als auch die Vereinbarung zur Neuregelung des Ringzug-Finanzierungsvertrages wurden am 7. September 2021 im Eisenbahnmuseum in Trossingen von Minister Winfried Hermann und den Landräten Dr. Wolf-Rüdiger Michel, Stefan Bär und Sven Hinterseh unterzeichnet. Bei der Unterzeichnung waren auch zahlreiche Landtagsabgeordnete und Kreisrätinnen und Kreisräte der drei Landkreise anwesend. Kinderschutz während der Corona-Pandemie Die Corona-Pandemie stellt die gesamte Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch für das Kreisjugendamt hat die Pandemie teilweise elementare Veränderungen mit sich gebracht. Wie sich die Pandemie auf die Familien mit ihren Kindern vollumfänglich auswirkt, ist derzeit noch nicht umfassend abzuschätzen. Alle Experten gehen jedoch davon aus, dass die zwischenzeitlich nicht nur kurzfristigen erforderlichen Einschränkungen auch für Kinder und Jugendliche langfristige negative Folgen nach sich ziehen können. Nachwirkungen werden auch noch weit nach Ende der Pandemie spürbar sein. Die gemeinsamen Anstrengungen aller Akteure haben sich in der aktuellen Krisenzeit bewährt. Diese müssen erhalten und vermutlich noch ausgebaut werden. Nur so kann längerfristigen negativen Folgen bei Kindern und Jugendlichen entgegengewirkt werden. Mehr denn je ist es erforderlich, dass die verschiedenen Systeme, wie zum Beispiel Schule, Kindergarten, freie und öffentliche Jugendhilfeträger, eng zusammenarbeiten und die Politik die erforderlichen Rahmenbedingungen hierfür bietet. Die bundesweiten Verordnungen zur Eindämmung der Infektion mit dem Coronavirus haben unser Jugendamt von Beginn an vor die Frage gestellt, wie sich diese Verordnungen wohl innerhalb der Familien auswirken. Die Schließung der Kindertagesstätten, der Schulen, das Verbot von Kontakten mit Gleichaltrigen, die Schließung oder zumindest Reduzierung von Arztpraxen, ambulanten Diensten, Fördereinrichtungen und so weiter hatte gerade auch für die Jugendämter eine besondere Bedeutung. Von einem Tag auf den anderen gab es keine „soziale Kontrolle“ von außen mehr und die Sorge, dass bedrohliche Situationen für Kinder und Jugendliche zunehmen, wurde größer. In den ersten drei Wochen nach Inkraftsetzung der Verordnungen, wurden bei unserem Jugendamt keine kindeswohlgefährdeten Situationen mehr gemeldet. Allein diese Tatsache erhöhte die Sorge. Die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes hatten von Beginn an regelmäßige telefonische Kontakte zu den bekannten „belasteten“ Familien. Mit entsprechender Schutzausrüstung wurden im Bedarfsfall weiterhin vor Ort Termine wahrgenommen. Dadurch, dass die pädagogische und medizinische Infrastruktur fehlte, gelang es dem Jugendamt nur schwer, meist mögliche häusliche Gewalt, psychische und physische Misshandlung von Kindern und Jugendlichen zu erfahren. Aus diesem Grund wurde die bisherige Rufbereitschaft des Jugendamtes erweitert und ein 24-Stunden-Hilfe-Telefon eingerichtet. Zudem wurde eine Hot-Mail geschalten, so dass Kinder und Jugendliche über WhatsApp-Nachrichten selbst das Kreisjugendamt benachrichtigen konnten. 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Zwischenzeitlich haben sich die Rahmenbedingungen deutlich verändert. Wie zu erwarten war, zeigt sich fortlaufend, dass die Meldungen an Kindeswohlgefährdungen drastisch ansteigen. In sehr vielen Fällen handelt es sich um häusliche Gewalt, bei der die Kinder selbst Opfer von Gewalt wurden, oder aber indirekt durch die Streitigkeiten ihrer Eltern betroffen sind. Bewältigung der Pandemiefolgen in der Bildungsregion Eine Antwort darauf, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, die Folgen der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen etwas abzufedern, ist die Bildungsregion. Mit dem Ziel Bildungsgerechtigkeit und Teilhabechancen zu ermöglichen, trägt die Bildungsregion dazu bei, Kinder und Jugendliche zu unterstützen. Die Aktivitäten das Bildungsbüros richten sich auch an jene, die im Verlauf der Pandemie in Benachteiligungssituationen geraten sind. Als wichtiges Projekt im Netzwerk unserer Bildungspartner sind in diesem Mehr denn je ist es erforderlich, dass die verschiedenen Systeme, wie zum Beispiel Schule, Kindergarten, freie und öffentliche Jugendhilfeträger, eng zusammenarbeiten und die Politik die erforderlichen Rahmenbedingungen hierfür bietet. Zusammenhang beispielsweise die Sommerschulen, die neben dem schulischen Lernen das soziale Lernen fördern. Das 24-Stunden-Hilfetelefon und eine Hotmail für Kinder und Jugendliche wurde durch das Kreisjugendamt eingerichtet. Silke Zube, Leiterin des Jugendamtes und Mitarbeiterinnen aus dem Kriseninterventionsdienst (KID): Franziska Eigeldinger, Lena Herberholz und Jessica Schon bieten ihre Beratung am Hilfetelefon an. Und die Welt dreht sich weiter 27

 

 

 

Einen besonderen Blick haben wir im Schwarzwald-Baar-Kreis dabei aber auch auf Jugendliche am Übergang von der Schule in den Beruf. Im Zentrum stehen hier die beruflichen Schulen, die mit der Unterstützung des Landes spezielle Bildungsgänge zur Ausbildungsvorbereitung entwickelt haben. Dabei wird das Ziel verfolgt, mehr Jugendliche in Ausbildung zu bringen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist mit einem starken Zusammenhalt durch die Krisenzeit gegangen. Zahlreiche Akteure, ehrenamtliche Helfer, Verantwortungsträger in unterschiedlichsten Positionen haImpressionen aus den erlebnisreichen Sommerschulen, die neben dem schulischen Lernen das soziale Lernen fördern. ben dazu beigetragen, dass unser Landkreis die Pandemie gut gemeistert hat. Die Folgen, mit denen wir uns in Zukunft weiter auseinandersetzen müssen, sind vollumfänglich noch nicht abzuschätzen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch diese Herausforderung gut meistern werden. 28 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die DreiWelten Card für Schwarzwald, Rheinfall und Bodensee Im Juli 2021 ist die DreiWelten Card erfolgreich gestartet und bietet nicht nur den Touristen, sondern auch den Bürgern der Region ein echtes Urlaubserlebnis: Im Schwarzwald, am Rheinfall und am Bodensee gibt es mit der DreiWelten Card freie Erlebnisfahrten und freien Eintritt bei rund 100 Attraktionen. Familien, Kulturbegeisterte, Sportler und Naturliebhaber können eine lange Liste an Attraktionen gratis und flexibel nutzen. Voraussetzung: Der Gast bucht sich mindestens zwei Nächte bei einem Partnergastgeber ein. Bei der Anreise bekommt er für die Dauer seines Aufenthaltes die „DreiWelten Card“ kostenfrei überreicht. An den Kassen der Ausflugsziele wird die personalisierte Karte digital eingelesen. Der Eintritt wird per Umlage vom Gastgeber finanziert. Tolle Angebote nicht nur für Touristen Doch die DreiWelten Card bietet nicht nur für Touristen tolle Erlebnisse. Auch Einheimische der DreiWelten Region kommen mit der DreiWelten BürgerCard in den Genuss der über 100 Freizeitangebote. Zwischen Villingen-Schwenningen, Schaffhausen in der Schweiz und Bad Säckingen können Einheimische ihre Heimat ganz entspannt entdecken. Die DreiWelten BürgerCard hat echte Highlights im ProDie DreiWelten BürgerCard ist die persönliche Eintrittskarte für Einheimische zu mehr als 100 Attraktionen im Schwarzwald, am Rheinfall und Bodensee. DreiWelten BürgerCard 29

 

 

 

Links: Greifvögel unterschiedlichster Art können im Triberger Eulenpark aus nächster Nähe bestaunt werden. Rechts: Die Miniaturwelt „Smilestones“ in Neuhausen am Rheinfall zeigt die schönsten und bekanntesten Schweizer Destinationen. gramm: zum Beispiel die Rheinfall-Schifffahrt, die Solemar Therme in Bad Dürrheim, das Gloria-Theater in Bad Säckingen und die neue Genusswelt der Rothaus Brauerei. Aber auch die kleineren Ziele wie Freibäder, Stadtführungen und E-Bike-Verleih sind absolut lohnenswert. Darüber hinaus warten Naturspektakel wie die Triberger Wasserfälle, Kunstausstellungen, Golfplätze und vieles mehr auf die BürgerCard-Besitzer. Radfahrer und Wanderer schätzen den Schwarzwald und die hügelige Weinund Obstbauregion entlang des Rheins seit Langem. Die neu gebündelten Attraktionen sind ein lange ersehntes Angebot – vor allem, weil sie eine Grenze überschreiten. Der Schweizer Kanton Schaffhausen ist mit charmanten und imposanten Highlights die dritte Region im Bunde neben den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Waldshut.

 

 

 

Ein Naturschauspiel der besonderen Art sind Deutschlands höchste Wasserfälle in Triberg. Rechts: Entspannung und Wohlbefinden bietet die Sole-Therme Solemar mit angegliederter Schwarzwald-Sauna, Salzgrotte und WellnessCenter. Heimat ganz neu entdecken – mit der DreiWelten BürgerCard Bei so viel Fülle braucht es einen guten Plan: Deshalb kommt die Karte mit einem Reiseführer zum Auffalten, der alle Attraktionen auf einen Blick präsentiert. Meist lohnen sich die Kosten schon nach einem Wochenende So macht die DreiWelten BürgerCard das Entdecken der Stationen auf rund 2.500 Quadratkilometern ganz leicht – und noch dazu zu einem kalkulierbaren Vergnügen. Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahre zahlen 89,00 Euro, Kinder ab sechs Jahre 49,00 Euro für die Karte. Kinder unter sechs dürfen die DreiWelten Bürgercard ihrer Eltern kostenfrei mitbenutzen. Das kann sich schon nach nur einem Wochenende lohnen: Denn wer einmal mit der Sauschwänzlebahn fährt, in ein Hochrhein Kanu steigt, die Smilestones Erlebniswelt besucht und einen Wellnesstag im Solemar verbringt hat den Wert der Karte wieder drin. Egal ob sportlicher Abenteurer, Kultur-Genießer oder Natur-Liebhaber: Mit der Karte lässt sich alles einfach ausprobieren – auf gut Glück, noch kurz am Abend oder einfach mal dazwischen. Genau zur rechten Zeit Darum sind sich alle Beteiligten einig: Die Karte kommt genau richtig. Über zwei Jahre hat ein ganzes Team mit Vertretern aus den Landkreisen Schwarzwald-Baar-Kreis, Landkreis Waldshut und dem Kanton Schaffhausen an der Einführung der DreiWelten Card gearbeitet. Das Projekt wurde durch das Interreg-Programm Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein der Europäischen Union und der Schweizerischen Eidgenossenschaft gefördert. Zum operativen Start im Juli 2021 hat die DreiWelten Tourismus GmbH mit Sitz in Bad Dürrheim die Verwaltung und Weiterentwicklung der DreiWelten Card als Tochter der dortigen Kurund Bäder GmbH übernommen. Erhältlich ist die DreiWelten BürgerCard im Online-Shop unter www.dreiwelten.com sowie in einigen Tourist-Informationen und Bürgerämtern der DreiWelten Region. Sie ist ein Jahr lang gültig und bietet in dieser Zeit jeweils einen Eintritt/eine Nutzung bei allen Attraktionen. Weitere Informationen unter www.dreiwelten.com DreiWelten BürgerCard

 

 

 

Das Impfzentrum des Schwarzwald-Baar-Kreises in Villingen-Schwenningen von Marc Eich

 

 

 

Als „Königsweg aus der Pandemie“ bezeichnet die Landesregierung von BadenWürttemberg die Impfungen. Und genau für jenen Königsweg zeigte man sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis bestens gewappnet. Als die Anforderungen für die Impfzentren bekannt wurden, hatte das Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises bereits seinen Wunsch-Standort bestimmt: Die Tennishalle in VS-Schwenningen, die sich bereits in den Wochen zuvor bewährt hatte. Die Vorbereitung Bereits im November 2020 stand fest: Die Schwenninger Tennishalle wird nach dem erfolgreichen Betrieb von Fieberambulanz und Abstrichzentrum auch Standort des Kreisimpfzentrums werden. „Dieser Standort hat sich bereits bei der ersten Welle der Corona-Pandemie bewährt, als wir dort die zentrale Fieberambulanz mit Abstrichstelle zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung betrieben haben. Hier sehen wir die Rahmenbedingungen als optimal gegeben, um die Abläufe für mehrere hundert Impfungen pro Tag durchzuführen“, äußerte sich Landrat Sven Hinterseh in den Medien zu der geplanten Einrichtung. Gefragt war dann insbesondere eine zügige Vorbereitung. Zum Leiter des Kreisimpfzentrums wurde Daniel Springmann ernannt, der innerhalb kürzester Zeit – die Öffnung war für den 15. Januar 2021 geplant – einige Herausforderungen zu bewältigen hatte. Viele organisatorische Fragen waren noch offen und mussten mit den zuständigen Ministerien in Stuttgart abgestimmt werden, die entsprechenden Erlasse galt es schließlich vor Ort umzusetzen. Unter anderem mithilfe eines Presseaufrufs Mitte Dezember war Personal gesucht worden, um einen Zwei-Schicht-Betrieb umsetzen zu können. Mehr als 100 Mitarbeiter konnten zum Start, der aufgrund des Impfstoffmangels um eine Woche nach hinten verschoben werden musste, rekrutiert werden. Aus dem Kreisgeschehen 33

 

 

 

In enger Abstimmung waren Strukturabläufe, für die es vom zuständigen Ministerium Rahmenmasterpläne gab, erstellt und umgesetzt worden. In die Vorbereitung waren darüber hinaus weitere Stellen des Landratsamtes eingebunden worden. Das Ordnungsamt unter der Leitung von Arnold Schuhmacher hatte die Verantwortung für den Aufbau übernommen. In enger Abstimmung waren Strukturabläufe, für die es vom zuständigen Ministerium Rahmenmasterpläne gab, erstellt und umgesetzt worden. Ein entscheidender Punkt hierbei war auch die Vorbereitung für die Mitarbeiter, die mit dem empfindlichen Impfstoff arbeiten mussten. Dafür hatte das Landratsamt mit dem Klinik-Apotheker Matthias Fellhauer einen versierten Experten als Pharmazeutische Leitung gewinnen können. Dieser hatte eine Verfahrensanleitung entwickelt, um das korrekte Lagern, die Aufbereitung sowie das Handling zu regeln. Fellhauer: „Das war quasi das Gesetzbuch für die Mitarbeiter.“ Die Impfstraße Zum 22. Januar standen für die ersten Patienten sechs Impfstraßen zur Verfügung, mit denen am Tag rund 1.000 PerDer sechsminütige Film informiert über das Coronavirus und die Impfung. sonen geimpft werden konnten. Pro Schicht arbeitete ein Personalstamm von 21 Personen, darunter fünf Ärzte. Auch Security und Reinigungspersonal kam zum Einsatz. Die „Impflinge“ mussten derweil insgesamt sechs Stationen durchlaufen. Im Eingangsbereich fand dabei zunächst die Kontrolle statt, ob der Besucher einen Termin und eine Impfberechtigung hat, bevor Fieber gemessen wurde. Bei der darauffolgenden Registrierung waren alle notwendigen Daten erfasst worden, ehe der Patient einen sechsminütigen Film über das Coronavirus und die Impfung anschauen konnte. Anschließend klärten Ärzte den Besucher auf und standen für Rückfragen zur Verfügung. Währenddessen wurden im Labor die Impfstoffe vorbereitet und die Spritzen unter den Die Verfahrensanleitung war quasi das Gesetzbuch für die Mitarbeiter. Matthias Fellhauer, Pharmazeutische Leitung KIZ 34 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Im Rahmen des Aufklärungsgesprächs standen Ärzte den „Impflingen“ für Rückfragen zur Verfügung. Medizinische Fachangestellte verabreichen die Spritze in den Oberarmmuskel. 35

 

 

 

Innerhalb des Landes verzichtete das zuständige Sozialministerium auf die vorgenommene Verteilung auf die Stadtund Landkreise nach einem Einwohnerschlüssel. Die Folge war derweil, dass im ländlichen Raum hunderte Bürger der Prioritätsstufe 1, dabei handelte es sich um die über 80-Jährigen, einige Zeit noch kein Impfangebot erhalten hatten. notwendigen Bedingungen aufgezogen – hier hatten aufgrund vieler Besonderheiten nur Mitarbeiter mit entsprechenden Einweisungen Zutritt. Für den Patienten ging es derweil zur Impfung weiter – nun erfolgte von Medizinischen Fachangestellten die Injektion in den Oberarmmuskel. Im abschließenden Wartebereich wurden die frisch Geimpften 20 Minuten auf mögliche Beschwerden beobachtet. Die Herausforderungen Der Impfstoffmangel sorgte von Anfang an für einigen Unmut bei den Verantwortlichen – hinzu kam eine Verteilung des Impfstoffs, die vielerorts auf Kritik stieß. Auch Landrat Sven Hinterseh sah sich gezwungen, auf entsprechende Ungerechtigkeiten und Missstände aufmerksam zu machen. Im Mittelpunkt der Kritik: Innerhalb des Landes verzichtete Im abschließenden Wartebereich wurden die frisch Geimpften 20 Minuten auf mögliche Beschwerden beobachtet. 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

das zuständige Sozialministerium auf die – wie vom Bund – vorgenommene Verteilung auf die Stadtund Landkreise nach einem Einwohnerschlüssel. Die Folge war derweil, dass im ländlichen Raum hunderte Bürger der Prioritätsstufe 1, dabei handelte es sich um die über 80-Jährigen, einige Zeit noch kein Impfangebot erhalten hatten. Auch der vorübergehende Impfstopp mit dem Vakzin von AstraZeneca brachte die Impfkampagne ins Stocken. Nach Ostern waren schließlich nur noch Zweittermine mit dem (von AstraZeneca umbenannten) Impfstoff Vaxzevria durchgeführt worden. Gleich zu Beginn der Impfkampagne sorgte zudem die vom Land organisierte Terminvergabe für Unmut, bei der insbesondere die ältere Bevölkerung einige Schwierigkeiten hatte. Schließlich stand ein Online-Portal im Mittelpunkt. Erst nach einiger Zeit – und einigem Missmut seitens der Bevölkerung – kam es hier zur Verbesserungen und damit zu einer Entspannung der Lage. Das Ende Wie im ganzen Land stellte das das Kreisimpfzentrums des SchwarzwaldBaar-Kreises zum 30. September seinen Betrieb ein. Nach exakt 252 Tagen ist die Einrichtung in der Schwenninger Tennishalle Geschichte. Unter der Leitung von Anne Derday, die die Aufgabe Mitte August von Daniel Springmann übernommen hatte, wird das gewonnene Knowhow an das Schwarzwald-Baar Klinikum weitergegeben, das ab Oktober gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten die Impfungen übernommen hat. Nur zwei Wochen, nachdem das KIZ seine Tore geschlossen hatte, wird in der Halle wieder den Tennisbällen nachgejagt. MEILENSTEINE Im Beisein von Sven Hinterseh wurde Tanja Schreiber aus VSVillingen als eine der ersten Personen geimpft. Sie ist im Schwarzwald-Baar Klinikum als Medizinische Fachangestellte tätig. 11. April: Vollbetrieb! Das hieß es erstmals am 11. April. An jenem Sonntag konnten dank des reibungslosen Betriebs im KIZ des Schwarzwald-Baar-Kreises 1.100 Impfungen durchgeführt werden. Von 7 bis 21 Uhr waren durchgehend Patienten durch die insgesamt sechs Impfstraßen geführt worden. 7. Juni: Rund zwei Monate später wird ein weiterer, wichtiger Meilenstein erreicht: Auch dank des KIZ hatte man die Schwelle von 100.000 Impfungen im Schwarzwald-Baar-Kreis überschritten. Im Impfzentrum, durch die mobilen Impfteams sowie durch die niedergelassenen Ärzte waren mehr als 114.000 Impfungen durchgeführt worden. 20. Juni: Sonderimpfaktionen in Zusammenarbeit mit den Städten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen sowie mit tatkräftiger Unterstützung der DRK-Kreisverbände VS und Donaueschingen sorgten für rund 1.000 weitere Impfungen an zwei Tagen. Die Zahl der Erstund Zweitimpfungen beträgt zu diesem Zeitpunkt rund 142.000. 26. Juli: Erstmals können Impfungen ohne Termine angeboten werden. Das liegt insbesondere daran, dass es keinen Impfstoffmangel mehr gibt. Die Impfstoffe Biontech und Johnson & Johnson stehen im KIZ zur Verfügung. Rund 700 bis 900 Impfungen wurden in den Wochen zuvor täglich in der Schwenninger Messehalle vorgenommen. 28. Juli: Der Impfbus, eine Art Arztzimmer auf Rädern, wird zum ersten Mal eingesetzt. Er fährt verschiedene Stationen im gesamten Landkreis an und erhält dort teilweise regen Zuspruch. Der Impfbus wurde bis zum 25. September eingesetzt. Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 37

 

 

 

Daniel Springmann 41 Jahre | Leiter Kreisimpfzentrum „Ich bin stolz darauf, dass ich die Aufgabe übernehmen durfte.“ Acht Monate zeichnete sich Daniel Springmann verantwortlich für die Leitung des Kreisimpfzentrums. Doch sich in den Mittelpunkt stellen wäre das Letzte, was dem 41-jährigen Diplom-Verwaltungswirt in den Sinn kommen würde. „Es waren so viele Menschen beteiligt“, betont Springmann. Denn nur als Team habe man die Einrichtung und den Betrieb des KIZ stemmen können. Verschiedene Stellen des Landratsamtes, Hilfsorganisationen und nicht zuletzt die Medizinischen Fachangestellten, die Ärzteschaft, der Verwaltungsapparat und weiteren Helfer waren über Monate an dem auf Zeit angelegten Projekt beteiligt. Die Federführung aber, die hatte Springmann inne. Wie kam es dazu? „Man ist an mich herangetreten, ob ich das machen möchte – ich habe gleich ‚ja‘ gesagt“, blickt Springmann auf den Winter 2020 zurück. Unzählige Überstunden werden notwendig Zu diesem Zeitpunkt war der gebürtige Ortenauer seit fünf Jahren im Landratsamt beschäftigt und Sachgebietsleiter des Versorgungsamtes. In der neuen Aufgabe habe er schließlich die Möglichkeit gesehen, andere Einblicke zu erhalten. Und dann auch noch gleich in einer Krise. Springmann: „Das ist ein so wichtiges Thema für die Bevölkerung.“ Nicht nur wichtig, sondern auch herausfordernd, wie der KIZ-Leiter bald erfahren muss: „Anfangs wussten wir aber natürlich noch nicht, wie alles läuft.“ Unzählige Überstunden, teilweise Arbeiten bis in die Nacht hinein, waren notwendig, um die Strukturen für den Betriebsablauf nach vorgegebenen Rahmenbedingungen zu schaffen. Eine der Prioritäten dabei: einen Mitarbeiterstamm zu gewinnen. Insbesondere das medizinische Fachpersonal sei nicht einfach zu rekrutieren gewesen – diejenigen, die sich gemeldet hatten, „hatten „Ich musste auf die aktuellen Entwicklungen immer schnellstmöglich reagieren und gleichzeitig Bürger, Besucher und Mitarbeiter zufriedenstellen.“ viel Lust und waren motiviert“. Für Springmann galt es schließlich, Handlungsanweisungen zu erarbeiten und dabei Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammenzubringen – angefangen von Pensionären über Selbstständige bis hin zu gestandenen Ärzten. Es sei nicht immer einfach gewesen, den Mitarbeitern die teils eigenwilligen Erlasse aus den Ministerien plausibel zu erklären. „Aber ich habe, soweit es rechtlich möglich war, auch Pragmatismus walten lassen“, so Daniel Springmann „Es war anstrengend, aber schön!“ Dies sei ohnehin eine der größten Herausforderungen gewesen, wie er erklärt: „Ich musste auf die aktuellen Entwicklungen immer schnellstmöglich reagieren und gleichzeitig Bürger, Besucher und Mitarbeiter zufriedenstellen.“ Dennoch galt als oberstes Gebot: Der gesamte Prozess muss im Fluss bleiben. Hemmnisse wie der anfangs nicht zufriedenstellende Terminservice oder der Stopp der Impfung mit AstraZeneca hätten zwar zwischenzeitlich für Sand im Getriebe und teilweise Konflikte mit Besuchern geführt, „bei aller Unzufriedenheit wird man aber 38 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Daniel Springmann irgendwann etwas gelassener“, sagt Springmann lachend. Die Last der Verantwortung und der Druck seien zu spüren gewesen, er habe jedoch nie hinterfragt, warum er die Aufgabe übernommen hat. Sein Fazit lautet deshalb: „Es war anstrengend, aber schön!“ Im August, als es im KIZ nur noch die reine Abwicklung im Vordergrund stand, trat der 41-Jährige aufgrund einer Vakanz schließlich vor Ende des Kreisimpfzentrums am 30. September seine neue Stelle im Amt für Umwelt, Wasserund Bodenschutz an. Aber nicht ohne mit dem Team eine Wanderung mit geselligem Abschluss zu unternehmen und der gesamten Mannschaft für das Engagement zu danken – denn nur gemeinsam habe man die herausfordernde Zeit bewältigen können. Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 39

 

 

 

Matthias Fellhauer 64 Jahre | Pharmazeutische Leitung KIZ Es ist diese Ruhe und Gelassenheit, die Matthias Fellhauer ausstrahlt – sie beeindruckt, lässt erahnen, welchen Einfluss der 64-Jährige auf den Erfolg des KIZ und die Impfaktionen im Schwarzwald-Baar-Kreis hatte. Denn diese beiden Eigenschaften gepaart mit dem Fachwissen auf pharmazeutischem Gebiet erwiesen sich als Fels in der Brandung in einer Pandemie, die für alle Beteiligten Neuland war. Auch für Landrat Sven Hinterseh. Dieser hatte den Direktor der Apotheke des Schwarzwald-Baar Klinikums im Rahmen der Vorbereitungen für das Kreisimpfzentrum (KIZ) im Dezember 2020 um Hilfe gebeten. Die daraus resultierende Videokonferenz machte aber deutlich, „dass es viele pharmazeutische Fragestellungen“ gab, wie Fellhauer erklärt. Vor allem aus zwei Gründen sagte er zu, als pharmazeutischer Leiter des KIZ an der Seite des Landratsamtes zu stehen. Neben der „sinnstiftenden Tätigkeit“, die ihn erfüllte, sei auch die fachliche Komponente „äußerst interessant“. Denn in seiner 30-jährigen Tätigkeit beim heimischen Klinikum habe es eine solche Situation noch nie gegeben. Fellhauer: „In weniger als zwölf Monaten nach dem ersten Kennenlernen der Krankheit wurde bereits ein Impfstoff auf den Markt gebracht.“ „Die Prozesse mussten standardisiert sein, was den Umgang mit den Impfstoffen betrifft, schließlich muss die Qualität der Leistung von den Personen unabhängig sein.“ Das A und O in diesem Fall: die Schulung des Personals. „Die Prozesse mussten standardisiert sein, was den Umgang mit den Impfstoffen betrifft“, erklärt er und nennt auch gleich den Grund: „Schließlich muss die Qualität der Leistung von den Personen unabhängig sein.“ Gemeinsam mit dem KIZ-Leiter Daniel Springmann hat man deshalb Handlungsempfehlungen erarbeitet – die aber regelmäßig aktualisiert werden mussten. Der Grund: Die Erkenntnislage zu den Impfstoffen hatte sich aufgrund der Erfahrungen immer wieder geändert, was aber jedoch auch zu Erleichterungen im Umgang führte. „Ich bin noch nie einem so empfindlichen Arzneimittel begegnet“ Das brachte besondere Herausforderungen mit sich. „Ich bin noch nie einem so empfindlichen Arzneimittel begegnet“, sagt der Fachapotheker für Klinische Pharmazie sowie Arzneimittelinformation und erläutert die Besonderheiten, mit denen der Experte in der Anfangsphase zu tun hatte: Lagerung bei -70 Grad, lichtempfindlich, erschütterungsempfindlich. Entsprechend sei auch der Umgang mit dem Impfstoff äußerst anspruchsvoll gewesen, denn es müsse sichergestellt sein, dass sich die Wirkung entfalten kann. Täglich neue Herausforderungen Dennoch hatte selbst die Gelassenheit von Fellhauer seine Grenzen, wie er zugeben muss. Insbesondere dann, wenn aus Reihen Außenstehender im Nachgang Entscheidungen kritisiert wurden. „Ich habe allergisch auf die Besserwisser reagiert“, so der Klinik-Apotheker. Schließlich mussten täglich Entscheidungen proaktiv getroffen werden „und oft ohne ausreichende Kenntnislage“. Dies sei überaus anspruchsvoll und auch im Klinikalltag abseits des KIZ „sehr belastend“ gewesen. Fellhauer: „Wir hatten keine Zeit, uns über Wochen Gedanken zu machen.“ 40 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Matthias Fellhauer Unbefriedigend sei für ihn darüber hinaus gewesen, dass zudem manche nur wenig zugänglich für sachliche Argumente gewesen seien. Er habe, auch jenen aus seinem Umfeld, nicht konkret zur Impfung geraten und lehne darüber hinaus eine Impflicht aus prinzipiellen Erwägungen ab. Aber: „Ich habe jedem gesagt: ‚Informiere dich umfassend und aus kompetenten, fachlich neutralen Quellen.‘“ Kein Thema war dies innerhalb des KIZ-Teams. „Der Teamgeist und die Zusammenarbeit mit der Leitung, der Ärzteschaft und den Medizinischen Fachangestellten hat mir gefallen“, zeigt sich der Fachapotheker vom Zusammenhalt beeindruckt. „Als wir uns zum Gruppenfoto aufgestellt haben, hatten wir alle das Gefühl, dass wir hier im KIZ etwas Sinnvolles machen.“ Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 41

 

 

 

Bianca Fattler 43 Jahre | Medizinische Fachangestellte Über Langeweile dürfte sich Bianca Fattler grundsätzlich nicht beklagen: Der heimische Schlossereiund Kunstschmiedebetrieb brummt, es gibt ein Haus mit Tieren zu versorgen, und auch ihr Mann Johannes sowie ihre Söhne Paul und Pius fordern die Aufmerksamkeit der 43-Jährigen aus Schönwald. Trotz allem musste Fattler nicht lange überlegen, als das Landratsamt nach medizinischem Fachpersonal gesucht hat, um für die Corona-Pandemie gewappnet zu sein. Zu groß war die Sorge vor einem dramatischen Pflegenotstand und einem Massensterben wie in den italienischen Hotspots. Die Kunstschmiedemeisterin erklärt mit Blick auf ihren alltäglichen Metallbauarbeiten: „Wenn es bei uns so weit kommt, braucht doch in erster Linie niemand mehr ein Geländer!“ Für Impfstoffzubereitung, das Impfen sowie die Dokumentation zuständig Dass die Schönwälderin zum gefragten medizinischen Personal gehört, hängt mit ihrer Ausbildung zusammen. Denn bevor sie die Leidenschaft für glühendes Metall packte und sie den elterlichen Betrieb übernahm, arbeitete sie als Krankenschwester im Kreisklinikum Schwarzwald-Baar Donaueschingen. Dass sie dem Beruf damals den Rücken zugekehrt hatte, hinderte sie nicht daran, jetzt wieder parat zu stehen. Ab Herbst 2020 ging es dann Schlag auf Schlag: Tageweise war sie in der Fieberambulanz des Landkreises gefordert, während des firmeneigenen Betriebsurlaubs im Dezember und Januar stieg sie als Vollzeitkraft in die geschlossene Covid-Kurzzeitpflege in einem Haus der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn ein („so ein Weihnachten braucht niemand“), ehe Anfang Januar die Anfrage für das Kreisimpfzentrum (KIZ) ins Haus flatterte. Fattler sagte zu, war als Medizinische Fachangestellte für die Impfstoffzubereitung, das Impfen sowie die Dokumentation zuständig. Auch als Teil des mobilen Impfteams. „Durch die Arbeit im KIZ konnten wir etwas bewegen und es war schön, ein Teil davon zu sein.“ „Im Winter ist die Zeit bei uns eher etwas ruhiger, da geht es etwas leichter, dass die Chefin aufgrund gewichtiger Gründe zu 100 Prozent woanders arbeitet“, erklärt sie. Gleichzeitig war aber klar: „Daheim muss jeder etwas mehr machen.“ Denn keineswegs war es so, dass sich die Metallgestalterin auf ihren zwischenzeitlichen Job konzentrierte, viel mehr fielen die Freizeit und die freien Tage der Doppelbelastung zum Opfer. Mitarbeit bei mobilen Impfteams über den 30. September hinaus Und auch nachdem die Arbeit im Handwerksbetrieb wieder zunahm, stand Fattler für das KIZ zur Verfügung – was die Kunden der Kunstschmiede mit Verständnis honorierten. „Die meinten dann: ‚Was, Sie impfen noch? Dann ist es kein Problem wenn’s ein bisschen länger dauert‘“, erzählt die gebürtige Schönwälderin. Das Verständnis und die Dankbarkeit der Impfwilligen waren es – neben der Unterstützung von daheim –, die ihr für die herausfordernde Zeit Kraft gaben. Aber da gab es auch noch etwas anderes: „Wir konnten etwas bewegen und es war 42 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Bianca Fattler schön, ein Teil davon zu sein.“ Denn das KIZ-Team habe sich gegenseitig motiviert, man habe trotz der Pandemie eine schöne Zeit erlebt, wie Fattler mit einer gewissen Zufriedenheit erzählt. Und deshalb bereut sie die Entscheidung, sich als Freiwillige für die Bekämpfung der Pandemie gemeldet zu haben, keineswegs. Ganz im Gegenteil. Denn trotz der Schließung des KIZ würde sie weiterhin zur Verfügung stehen. „Es muss ja auch nach dem 30. September mobile Impfteams geben – da könnte ich mir vorstellen, einmal die Woche zu helfen“, so die examinierte Krankenschwester. Doch zuerst steht wieder die Familie und der heimische Betrieb im Vordergrund. „Darauf freue ich mich jetzt wieder“, sagt die 43-Jährige. Schließlich ist ihre Leidenschaft für glühende Metalle noch lange nicht erloschen. Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 43

 

 

 

Der neue Ursprung der Donau entsteht, ein kurzer Baustellenbericht von Michael Koch 44 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Blick zum neuen Donaubeginn (oben links), September 2021. Noch gibt es auch das alte Flussbett der Breg (rechts). 45

 

 

 

Seit dem Spatenstich zur Renaturierung des Zusammenflusses von Brigach und Breg – dem Ursprung der Donau – im Juli 2020 hat sich die Flusslandschaft in diesem Bereich gewaltig verändert. Durch zwei Bauabschnitte in den Jahren 2020/21 ist ein völlig neuer Beginn des europäischen Flusses Donau entstanden, der jetzt schon für Mensch und Natur einen großen Gewinn und Anziehungspunkt darstellt. Heute schon fast nicht mehr vorstellbar wurde der Beginn der Donau über Jahrzehnte durch den Zusammenfl uss der zwei stark begradigten und befestigen Unterläufe von Brigach und Breg gebildet und der Ursprung der Donau lag eher nüchtern fast unter der Brücke der Bundesstraße B 27. Die ökologische Qualität der Mündungsbereiche von Brigach und Breg und des Beginns der Donau war sehr eingeschränkt. Für Flora und Fauna war die Aufenthaltsqualität in diesem Bereich vergleichbar mit der Atmosphäre in einer Tiefgarage. Die Maßnahmenpläne nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie mit dem Ziel, einen guten ökologischen Zustand der Gewässer zu entwickeln, sahen deshalb für diesen Bereich eine notwendige Aufwertung der gewässerökologischen Strukturen vor. Neue Lebensräume schaffen Mit großen Erdbewegungen ist im Jahr 2020 zunächst der Bereich des neuen Zusammenfl usses durch großfl ächige Abgrabungen im Bereich des ehemaligen Kreistierheimes und dem ehemaligen Standort des Vereins der Hundefreunde Donaueschingen entstanden. Hier können Brigach und Breg in Zukunft in einem Mündungsdelta durch das Zusammenspiel von Erosion und Anlandung bei Hochwasser dynamisch immer wieder neue Lebensräume und ökologisch wertvolle Strukturen schaff en. Nach der Abgrabung des künftigen Mündungsdelta wurde die Brigach in einem ersten Meilenstein rund 300 Meter oberhalb der ehemaligen Mündung in den neuen Zusammenfl uss verschwenkt und der ehemalige Brigachunterlauf als Altarm ausgebildet. Über den Winter 2020/21 mit einigen Hochwasser abflüssen hat sich das Bild bereits verändert – Uferanbrüche und verschiedene Kiesablagerungen haben neue Strukturen im Mündungsdelta als potenzielle Lebensund Aufenthaltsräume u.a. für Fische und Wasservögel geschaffen. Um die Breg in den neuen Zusammenfluss zu führen musste zunächst über die Wintersaison 2020/21 eine neue Brücke gebaut werden, die den neuen Verlauf der Breg überspannt. Nach Ende der Fischschonzeit im Mai 2021 konnte dann der zweite Bauabschnitt der Erdarbeiten beginnen. Zunächst stand dies allerdings unter keinem guten Stern, da die für den Sommer über Wochen ungewöhnlichen Starkniederschläge und damit ablaufende Hochwasser den Bauablauf erheblich behinderten. Dennoch konnte Anfang Oktober 21, zum Ende der „Wasserbausaison“ und der wieder beginnenden Fischschonzeit, der zweite Bauabschnitt und damit die wesentlichen Erdarbeiten des Projektes abgeschlossen werden. In diesem zweiten Bauabschnitt bekam zunächst der letzte Kilometer der Breg ein völlig neues Gesicht. Aus dem gestreckten Kanal, in der Fachsprache einem ausgebauten Doppeltrapezprofil, wurde ein in den Grenzen der Hochwasserdämme mäandrierender Flusslauf mit unterschiedlichen Gewässerstrukturen erstellt. Hierzu wurde die mit Steinverbau befestigte Uferstruktur aufgebrochen und das ehemalige Hochwasservorland großflächig abgegraben, sowie Strukturelemente wie Wurzelstöcke, Stammund Steinbuhnen eingebracht und ein erster neuer Verlauf der Breg ausgebildet. Diesen neuen Verlauf kann die Breg in Zukunft allerdings innerhalb der gesicherten Hochwasserdämme mit künftigen Hochwassern immer wieder neu bilden. Durch diesen dynamischen Prozess werden stets neue Strukturen wie Kiesinseln, tiefe Kolke, flache Fließschnellen, Bereiche mit feinkörniger oder grobkörniger Sohlstruktur usw. entstehen und so unterschiedliche Lebensraumangebote für Flora und Geburt des neuen Donauzusammenflusses – der Bagger hat der Breg den Weg in ihr neues Flussbett freigeräumt. 46 Verlegung des Donaubeginns

 

 

 

 

 

 

Fauna ausbilden. Die letzten ca. 400 Meter des Bregverlaufes wurden in einem neuen Flussbett, unter der neuen Brücke hindurch zum neuen Ursprung der Donau verschwenkt. Der ehemalige Unterlauf der Breg wurde als Altarm mit geringem Restwasserdurchfluss und als Hochwasserflutmulde ausgebildet. Schon jetzt Begeisterung über den neu entstandenen Ort spürbar Am ersten September 2021 war dann der zweite große Meilenstein und die Breg konnte von ihrem neuen Bett Besitz ergreifen und in Richtung des Zusammenflusses, dem Beginn der Donau fließen. Mit Umschluss der Breg und dem Zusammenfluss von Brigach und Breg im neuen Mündungsdelta bekam die Donau nun ihren neuen Beginn. Seit diesem Tag ist der Verlauf der Donau um ca. 300 Meter länger. All die genannten Maßnahmen sind unter Berücksichtigung des Hochwasserschutzes ausgeführt worden, d.h. der Hochwasserabfluss hat sich durch die Maßnahmen nicht verschlechtert, der Hochwasserrückhalt sogar verbessert. Aufgrund der Berücksichtigung des Hochwasserschutzes konnte der Unterlauf der Brigach nicht so großzügig renaturiert werden. Hier wurde die ökologische Struktur dennoch durch Einbauten wie Stammund Steinbuhnen aufgewertet, um verbesserte Fließund Sohlstrukturen zu schaffen. Mit den Erdarbeiten ist aus dem Aushubmaterial ein Lärmund Sichtschutzwall zur Abgrenzung zur B 27 auf der ehemaligen Hausmülldeponie von Do48

 

 

 

naueschingen entstanden. Der neue Ursprung hat so durch Sichtund Lärmschutz eine zusätzliche Aufenthaltsqualität erhalten. Bei vielen Besuchern spürt man heute schon die Begeisterung über diesen neu entstandenen Ort. Neben der ökologischen Aufwertung ist hier in Stadtnähe ein Erholungsort mit besonderer Atmosphäre entstanden. Zugleich wird sich dies als touristischer Anziehungspunkt – dem Beginn der Donau, einem für Europa bedeutenden Ort entwickeln. So ist es nun zum Abschluss der Maßnahme die Aufgabe durch ein Besucherlenkungskonzept über Stege und Aussichtsplattformen sowie attraktive Informationsangebote über die Umgestaltungsmaßnahme, die Ökologie der Flusslandschaft, aber auch über den Beginn der Donau und seine Geschichte einen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen des Menschen und der Natur zu schaffen. Weitere Fotos und Videos finden Sie unter www.almanach-sbk.de/donauverlegung Der Brigach-Durchbruch ist geschafft, der eine Quellfluss der Donau fließt in seinem neuen Bett. Zuvor wurde untersucht, ob ein Biberbau noch bewohnt ist (oben rechts) und Angler retten den Fischbestand im AltBett der Brigach (unten rechts). Verlegung des Donaubeginns 49

 

 

 

Bernhard Bolkart Von Weihnachten und Gewissheiten Wie Familie Bolkart im abgelegenen Schonacher Kolbenhof lebt und arbeitet von Tanja Bury 50 2. Kapitel – Da leben wir

 

 

 

51

 

 

 

Bei den Bolkarts in Schonach ist das ganze Jahr über Weihnachten. Und das nicht nur, weil die Familie auf einem Hektar ihrer landwirtschaftlichen Fläche Christbäume anpflanzt. Rita und Bernhard Bolkart fühlen sich auch reich beschenkt: durch die idyllische Lage ihres Betriebs im abgelegenen Kolbenloch. „Die erste Zeit hier habe ich schlecht geschlafen – es war mir zu dunkel und zu ruhig“, sagt der 59-jährige Bernhard Bolkart und lacht. Weihnachtlicher Duft selbst im Hochsommer Man kann sie hören, die Stille. Kein Motorenlärm durchdringt die Schwarzwaldruhe rund um den Kolbenhof. Da sind nur das Rauschen der Bäume, das Plätschern des Bachs und das Singen der Vögel. „Die erste Zeit hier habe ich schlecht geschlafen – es war mir zu dunkel und zu ruhig“, sagt der 59-jährige Bolkart und lacht. Der gelernte Landwirt, Großund Einzelhandelskaufmann, Lohnunternehmer und BLHV-Funktionär ist mitten in Donaueschingen aufgewachsen, wo seine Eltern den letzten Bauernhof im Stadtgebiet bewirtschafteten. Seine Frau Rita ist im Kolbenloch groß geworden. 1998 hat das Ehepaar den Kolbenhof von ihren Eltern übernommen – und mit ihm ein Stück Familiengeschichte. Der Hof wurde 1605 gebaut und war immer im Besitz der Familie Dold, wie Rita Bolkart mit Mädchennamen hieß. Jede Generation, die auf dem Hof gelebt und gearbeitet hat, hatte mit Herausforderungen zu kämpfen, musste schwierige Aufgaben meistern. So auch die Bolkarts. Ein Jahr nach der Hofübernahme fegte Orkan Lothar übers Land, die BSE-Krise kam. „Die Einnahmequellen des Hofs sind zusammengebrochen“, erinnert sich der Landwirt. Doch statt aufgeben war anpacken angesagt. Die Eheleute stellten Rechts: Der Kolbenhof liegt nördlich von Schonach in einem schmalen Seitental des Gutachtales, direkt an der Gemarkungsgrenze zu Hornberg. Auf dem Schwarzwaldhof finden sich bis zu neun verschiedene Tannenarten. Familienaufnahme aus dem Jahr 1946, dem ersten Friedensjahr nach dem Zweiten Weltkrieg. 52 Da leben wir

 

 

 

53

 

 

 

Sorgfalt und ein gutes Auge sind gefragt, um die kleinen Pflanzen im dichten Gras nicht zu übersehen und gar abzumähen. ausgemäht, weil die Steillage im Kolbenloch keinen Einsatz von Traktoren zulässt. „Außerdem sind Sorgfalt und ein gutes Auge gefragt, um die kleinen Pflanzen im dichten Gras nicht zu übersehen und gar abzumähen“, sagt Bolkart und zeigt auf einen der zierlichen Setzlinge. Er ist tatsächlich kaum zu sehen. Auch geschnitten werden müssen die Tannen – sonst wird nur aus jedem zweiten Baum ein ordentlicher Christbaum. Bolkarts Tannen sind biozertifiziert. Das heißt, der Landwirt verwendet keinerlei Pestizide. Die aufwändigen Pflegearbeiten und der geringere Ertrag lassen Bernhard Bolkart mit den Preisen der Verkaufsstände auf Superund Baumarktparkplätzen nicht mithalten. Doch das will er auch gar nicht. Ein nachhaltiges, regionales Naturprodukt ist sein Ziel – und die Freude, die er mit einem Bio-Christbaum aus dem Schwarzwald bei seinen Kunden auslöst. „Die ersten kommen schon in den Sommerferien und suchen sich ihre Tanne aus“, sagt Bolkart. Ab November herrscht Hochsaison auf dem Kolbenhof: Die Leute kommen direkt zum Betrieb, um ihren Baum abzuholen, außerdem wollen die zwei Verkaufsstellen in Schonach und Donaueschingen bestückt sein. Die Töchter Maria (links) und Christina bei der Arbeit in der Christbaumplantage. den Hof auf Biobetrieb und Mutterkuhhaltung um, bauten einen offenen Stall, entschieden sich, Christbäume anzupflanzen und den Wald klimastabil umzugestalten. Von den insgesamt 80 Hektar Land des Kolbenhofs sind heute 67 Hektar Wald, auf einem Hektar wachsen die Weihnachtstannen und der Rest ist offenes Gelände. Im Sommer wird der Baum für den Winter gemacht Bis zu neun verschiedene Tannenarten finden sich auf dem Schwarzwaldhof und warten darauf, an Weihnachten die Wohnzimmer zu schmücken. Neben der beliebten Nordmanntanne kann man sich bei Bolkarts beispielsweise eine Koreatanne oder eine amerikanische Riesentanne aussuchen. Ihr Harz strömt einen besonders intensiven Duft aus. So riecht es auch im Hochsommer nach Weihnachten. Überhaupt: Im Sommer wird der Baum für den Winter gemacht. Dazu ist viel Arbeit notwendig. Die Kulturen werden bis zu vier Mal mit der Motorsense Nach dem Fest ist vor dem Fest Gerade im vergangenen Corona-Winter sei das Abholen der Christbäume im Kolbenloch eine willkommene Abwechslung für viele Familien gewesen. „Die Kinder hatten ihren Spaß daran, durch die Kultur zu streifen, in der Natur zu sein, etwas zu erleben“, freut sich Bernhard Bolkart. Und während draußen die Christbäume von heute umgesägt wurden, dachte Rita Bolkhart drinnen vor ihrem PC über die Tannen von morgen nach: „Ich mach‘ rund um Weihnachten immer die Pflanzenbestellung fürs nächste Jahr fertig.“ Nach dem Fest ist vor dem Fest. 54 Da leben wir

 

 

 

Auch im Winter und bei Minusgraden muss der Wald bewirtschaftet werden. Weit in die Zukunft blicken, das ist als Waldbauer Dazu kommen die schwankenden Holzpreise. unerlässlich. Wer vom Forst lebt und ihn erhalten will, muss in Zeiträumen von bis 100 Jahren denken. „Das ist in unserer schnelllebigen Zeit für viele Menschen nicht vorstellbar“, sagt Bolkart. Im Ackerbau habe man jedes Jahr einen neuen Versuch, im Wald zeige sich erst nach vielen Jahrzehnten, ob man den richtigen Weg eingeschlagen habe. So habe etwa die Weißtanne in den 80er-Jahren als Todesbaum gegolten, danach war sie ein großer Hoffnungsträger. Jetzt zeige sich, dass sie durch die Erderwärmung massive Probleme bekommt. Die Herausforderung sei deshalb: Wie muss der Wald umgestaltet werden, um dem Klimawandel zu trotzen? „Es braucht wiederstandfähige Mischwälder“, gibt Bolkart die Antwort und zeigt auf den Hang gegenüber. Dort wachsen Esskastanien und Schwarznuss. Auch Winterlinden und Douglasien hat der Waldbauer gepflanzt. „Zusammen mit Buchen, Ahorn und Eschen als Gegensatz zu Fichte und Tanne haben wir eine gute Mischung auf dem Betrieb“, erklärt er. Die Esche sei jedoch gerade das Sorgenkind, sie sterbe ihm und seinen Kollegen weg. „Das sorgt für Unsicherheit.“ 2021 auf einem Hoch, waren sie in den vergangenen Jahren im Keller. Der Grund: Sturm und Schädling. 2018 sind in Baden-Württemberg nach Aussagen von Forstexperten 1,1 Millionen Festmeter Schadholz angefallen, in der ganzen Bundesrepublik 50 Millionen. Weit in die Zukunft blicken, das ist als Waldbauer unerlässlich. Wer vom Forst lebt und ihn erhalten will, muss in Zeiträumen von bis 100 Jahren denken. Erst nach vielen Jahrzehnten zeigt sich, ob man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Bernhard Bolkart 55

 

 

 

Hochsaison auf dem Kolbenhof: Die Leute kommen direkt zum Betrieb, um ihren Baum bei Sohn Sebastian Bolkart abzuholen, außerdem wollen die zwei Verkaufsstellen in Schonach und Donaueschingen bestückt sein. Dazu kam Holz aus anderen Ländern, die ebenfalls von Stürmen, Trockenheit und Käferbefall betroffen waren – beispielsweise 20 Millionen Festmeter aus Tschechien. Der Markt wurde überschwemmt, die Preise stürzten ab. Außerdem macht massive Trockenheit dem Wald zu schaffen. Die Bäume sind angeschlagen und damit anfällig für den Borkenkäfer. Er sorgt dafür, dass der Nährstofftransport unter der Rinde unterbrochen wird, was den Baum nach und nach absterben lässt. Außerdem hat das Tierchen einen Pilzerreger im Gepäck, der das Holz blauschwarz verfärbt, was einen massiven Qualitätsverlust und weniger Einnahmen bedeutet. Auch wenn Bolkart in seinem eigenen Wald in den vergangenen Jahren kaum mit Sturm und Käfer zu kämpfen hat, die Auswirkungen spürt er dennoch. „Drei Jahre fehlten die Einnahmen fast ganz. Wir hauen ja kein gutes Holz in einen schlechten, übervollen Markt“, erklärt er. Der Regen, der diesen Sommer so reichlich gefallen ist, hat das Herz des Waldbauern höher schlagen lassen – weil er weiß, wie gut die Nässe dem Forst tut. Der Sommermensch Bernhard Bolkart aber hat wie viele andere gelitten: „Ich gebe zu, ich mag es gerne trocken und warm.“ „Zusammen mit Buchen, Ahorn und Eschen als Gegensatz zu Fichte und Tanne haben wir eine gute Mischung auf dem Betrieb.“ „Nur Zusammenarbeit bringt uns weiter“ Bequem macht es sich Bernhard Bolkart selten. Neben der Arbeit auf seinem eigenen Betrieb hilft er seinem Bruder, der den Weiherhof bei Donaueschingen betreibt. Und Bolkart ist vielfach ehrenamtlich engagiert: beim Landschaftserhaltungsverband Schwarzwald-Baar, als Vorsitzender des Kreisverbands Villingen des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) und erster 56 Da leben wir

 

 

 

BLHV-Vizepräsident auf Landesebene. In diesen Funktionen hat Bernhard Bolkart mit allen Facetten der Landwirtschaft zu tun, kennt die Probleme, steht mit Behörden in Kontakt, sucht den Austausch. Vor allem dieser ist dem Landwirt bei seiner Verbandsarbeit wichtig. Zu lange, sagt Bolkart, habe man sich mit Naturschützern Grabenkämpfe geliefert und sich statt aufeinander zu mehr und mehr voneinander weg bewegt. Dabei könnten die Herausforderungen nur gemeinsam und im Dialog gemeistert werden. Das habe sich immer wieder gezeigt. „Zusammenzuarbeiten – das kann uns alle nur weiterbringen“. Beispielsweise beim Thema Wolf. Die Rückkehr des Raubtiers ist ein großes und emotional aufgeladenes Thema bei Landwirten und Umweltschützern. Auch hier geht es Bolkart darum, gemeinsam Lösungen zu finden. „Wir Landwirte müssen das Gespräch annehmen und uns in den Prozess einbringen“, sagt der BLHV-Funktionär. So sei in Sachen Herdenschutz schon einiges erreicht worden. Doch er muss weiter im Auge behalten, dass die Sorgen und Ängste der Landwirt ernst genommen werden. Dafür setzt Bolkart sich ein. Für ihn und seine Frau steht fest: Ein Wolfriss in ihrer Mutterkuhherde und die Tierhaltung wird aufgegeben. Die Gewissheit, am richtigen Platz zu sein Die Kühe liegen im Gras und genießen die Sonne. Im Bauerngarten wiegen sich Rita Bolkarts Lieblingsblumen, die Dahlien, im leichten Wind. Kein Zweifel – es ist ein besonderes Fleckchen Erde, auf dem die Familie lebt. Doch ist es nicht auch schwierig, so weit draußen, so einsam zu wohnen? Das Ehepaar schaut sich an, beide schütteln den Kopf. Nein, Nachteile können sie keine daran finden, im Kolbenloch zu Hause zu sein. Ganz im Gegenteil. „Hier hat mein seine Ruhe, seine Freiheit. Das ist Lebensqualität“, sagen die Bolkarts. Wie privilegiert es sei, im Außenbereich zu leben – die Corona-Pandemie habe es gezeigt. „Und wir sind ja nicht ganz ab vom Schuss – auch wenn Schnee und Eis uns manchmal nicht vom Hof wegkommen lassen“, sagt Bernhard Bolkart und schmunzelt. Dann wird eben gestrichen, gewerkelt und geräumt. Und durch den Glasfaseranschluss, den der Hof seit einiger Zeit hat, können sich die Bolkarts die weite Welt in den Wald holen. „Wir haben hier alles, was wir brauchen – und noch mehr.“ Wen „Wir haben hier alles, was wir brauchen – und noch mehr.“ Wen wundert es also, dass Urlaub für die Bolkarts bedeutet, die Arbeit früher zu beenden, ein Eis aus der Gefriertruhe zu holen, sich mit einem guten Buch auf die Terrasse zu setzen und der Stille zu lauschen. wundert es also, dass Urlaub für die Bolkarts bedeutet, die Arbeit früher zu beenden, ein Eis aus der Gefriertruhe zu holen, sich mit einem guten Buch auf die Terrasse zu setzen und der Stille zu lauschen. Auch die drei Kinder haben es genossen, hier groß geworden zu sein. Der Sohn wohnt weiter auf dem Hof, er möchte ihn gerne übernehmen und das nächste Kapitel in der Tradition des Kolbenhofs zu schreiben. Es ist eine Geschichte von Weihnachten das ganze Jahr über und einem großen Geschenk: der Gewissheit, am richtigen Platz zu sein. Bernhard Bolkart 57

 

 

 

Wilfried Straub Ein Imker und seine 24 Bienenvölker Eine besondere Beziehung zu einem besonderen Tier und eine große Bedeutung für Mensch und Natur von Barbara Dickmann Honig ist gesund, Honig auf frischem Brot ein Genuss, Propolis etwas ganz hochwertiges und zu besonderen Anlässen gibt es immer Kerzen aus Bienenwachs. Das ist ja bekannt. Und das Thema ist klar: die Biene. Doch Wilfried Straub liegt noch viel mehr am Herzen – etwas, was uns alle angeht. Denn „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“. Mit diesem Zitat, das dem Physiker Albert Einstein zugeschrieben wird, beginnt er unser Gespräch. Wie spannend und wichtig die brummenden Insekten sind, wie lehrreich und interessant die folgenden Stunden werden würden, ahnte ich in keiner Weise. 58 Da leben wir

 

 

 

59

 

 

 

60 Da leben wir

 

 

 

Schönenbach/Furtwangen Ende Juli. Wilfried Straub, 67 Jahre jung, schlank, sportlich und topfit ist Imker – und das mit Leib und Seele, mit Begeisterung und großer Hochachtung! Denn was diese auch manchmal stechenden Tierchen in ihrem kurzen Leben leisten, ist einfach unglaublich. Unermüdlich fliegen sie von Blüte zu Blüte, von Löwenzahn zu Löwenzahn, von Kirschblüte zu Kirschblüte … ganz gezielt und nicht wild umher. „Das nennt man sortentreu,“ erklärt Wilfried Straub und hat damit schon eine der wichtigsten Aufgaben umrissen. Denn nur so klappt die Bestäubung und damit auch die große Chance auf Äpfel, Birnen, Kirschen, Beeren… und natürlich auch auf Blütenhonig, Tannenhonig, Löwenzahnhonig. „Rund 80 Prozent der 2.000 bis 3.000 heimischen Nutzund Wildpflanzen sind auf die Honigbienen als Bestäuber angewiesen!“ Es geht also nicht nur um den Honig, obwohl der schon Grund genug wäre. Wie aus Wilfried Straub ein Imker wurde Die Abläufe in der Natur, die Funktion der Insekten und ihre Wichtigkeit als Bestäuber interessierten Wilfried Straub schon immer. „doch die Gesundheit der Bienenprodukte hat mich so fasziniert, dass ich zu einem stetigen Kunden eines Imkers wurde,“ erinnert sich Wilfried Straub. Sein Honigverbrauch wurde immer mehr und irgendwann meinte sein Imker, bei seinem Bedarf könne er sich auch eigene Bienen halten. „Dann bring mir ein Bienenvolk“, sagte er spontan. Der Imker schüttelte nur den Kopf und brachte ihm Wilfried Straub beim Abfüllen des Honigs. Wilfried Straub 61

 

 

 

Wilfried Straub bei seinen 24 Bienenvölkern. drei, denn das sei das Minimum. Und damit begann alles. Die ersten drei Jahre werden seine Lehrjahre. Wilfried Straub holt sich Infos aus dem Internet, besucht Kurse und studiert seine Völker. Er will genau wissen, wie man am besten mit diesen fleißigen Tierchen umgeht. Schnell wird ihm bewusst, dass er jetzt Massentierhalter ist, denn jedes Bienenvolk besteht aus ca. 50.000 Bienen! … Wussten Sie, dass die Bienen allein durch ihre Bestäubungsarbeit rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaften? Dass Äpfel, Birnen, Kirschen oder Pflaumen durchschnittlich 65 Prozent mehr Ertrag haben, wenn sie durch Bienen bestäubt werden? Honig kristallisiert immer: Imker setzen ihrem Honig keinen Zucker zu und das erkennt man an der Kristallisation. Denn genau die ist ein Zeichen dafür, dass es sich um echten, reinen, puren und naturbelassenen Honig handelt. Wilfried Straubs Honigsorten: Tannenhonig, Rapshonig, Lindenblütenhonig, Waldund Blütenhonig, Blütenhonig, Löwenzahnhonig. Und manchmal: Kastanienund Akazienhonig. Dazu noch „Wälderpower“, ein Brotaufstrich aus 80 Prozent Tannenhönig und 20 Prozent Schösslesirup. 62 Da leben wir

 

 

 

(Quelle: Analyse Universität Hohenstein, 2018) „Und das nur in Deutschland,“ ergänzt Wilfried Straub. Und selbst bei Gemüse variiert dieser Wert zwischen fünf Prozent (Bohnen, Paprika und Tomaten) und 95 Prozent bei Kürbis und Zucchini (Quelle: Analyse Universität Hohenstein). „Da gibt es noch viel mehr Unterschiede, denn Gewicht, Zucker-Säure-Gehalt, Keimkraft, Fruchtbarkeit und Lagerfähigkeit werden deutlich gesteigert“. Die Biene – ein Nutztier ? Nächste Frage: Wussten Sie, dass 175 Bienen ein Leben lang schuften müssen, um ein Glas Honig zu füllen? Dass sie neben Rind und Schwein die wichtigsten Nutztiere sind? Dass es ohne Bienen keine Schweine und Rinder gäbe? Dass jeder dritte Löffel Essen von den Bienen abhängig ist? (Quelle: Umweltbundesamt) Nicht nur Honigbienen haben es schwer, laut „Roter Liste“ ist die Hälfte der 560 Wildbienen-Arten vom Aussterben bedroht (Quelle: WWF Deutschland). „Mehr als 75 Prozent aller Insekten haben wir in den letzten 27 Jahren ausgerottet, rein rechnerisch schaffen wir die restlichen Insekten in den nächsten vier bis acht Jahren (Quelle: Radboud-Universität). Weit vorher wird es einen Kampf um Nahrung geben“. Wilfried Straub ist tief betroffen über diese Prognose, denn seine Arbeit in der Natur und mit seinen Bienen, diesen so wichtigen, fleißigen Nutztieren, hat ihn so begeistert, dass er inzwischen 24 Völker betreut, also insgesamt ca. 1,5 Millionen Bienen. Aus dem Hobby-Imker von 2008 ist ein Profi geworden. In guten Jahren kann er ein bis zwei Tonnen Honig erzeugen. Seine Devise war von Anfang an: so viel wie möglich Honig produzieren, mit null Prozent Bienenverlust! Das zieht er nun schon viele Jahre mit Erfolg durch. Ungefähr 300 bis 500 Stunden Arbeit an den Völkern investiert er ohne DAS BIENENJAHR Januar: Die Bienen sind in einer Wintertraube und wärmen sich gegenseitig. Die Königin wird gehegt, gepflegt und gefüttert. Ende Januar/Februar: Die Nussbäume blühen, die (Bienen-) Sammlerinnen holen die Blütenpollen für die jungen Bienen und die Königin beginnt Eier in leere Waben zu legen. Der Imker ersetzt alte, dunkle Waben durch neue, befreit die Bienen von eventuellem Milbenbefall, „mit biologischen Mitteln,“ erläutert Wilfried Straub und beobachtet, ob die Völker mit Zuckersirup oder Frühtracht-Honig nachgefüttert werden müssen. Die alten Waben werden eingeschmolzen und zu Wachsblöcken und Wachskerzen verarbeitet. Ab April: Die Obstbäume blühen und es gibt den ersten Frühtrachthonig. Die Bienen brauchen Platz, sonst ziehen sie eine neue Königin. Eine von beiden geht dann und nimmt einen bedeutenden Hofstaat mit. „Das ist ein großer Verlust für den Imker von 20 bis 50 Prozent, den man aber durch verschiedene Maßnahmen verhindern kann“. Der Löwenzahn blüht: Der erste Höhepunkt der Honigernte. Frühsommerzeit: In dieser Zeit entsteht oft eine Trachtlücke und der Imker tut gut daran zu kontrollieren, ob die Bienen genügend zu knabbern haben, ansonsten muss er wieder nachfüttern. Mit sanften Mitteln behandelt er die Varroa-Milben, die ihre Eier gerne in der Drohnenbrut (männliche Bienen) ablegen. Juli/August: Der Wald honigt! Das heißt, dass Baumläuse die Bäume anstechen und Baumsaft zu Honigtau verarbeiten. Diese klebrigen Tropfen holen sich die Bienen und verarbeiten sie zu Waldhonig. Füttern und Endbehandlung: Da Waldhonig schwer verdaulich ist für die Bienen, muss er komplett geerntet werden, dann wird in drei Etappen gefüttert und zusätzlich Topinambur-Saft beigemischt. „Das stärkt die Abwehrkräfte“. Bei guten Wetter steht die Endbehandlung mit Ameisensäure an und im frühen Winter noch einmal mit Oxalsäure. Winterruhe: Zur Sicherheit kommt ein Mäusegitter zum Schutz vor das Flugloch. Über den Winter werden dann die Waben gegen Wachsmotten behandelt und in Essigsäure getränkt. Das sind bei 20 Völkern ca. 300 Stunden Arbeit. Wilfried Straub 63

 

 

 

Vor dem Schlupf der neuen Königin setzen sich Tausende von Arbeitsbienen meistens an einem Ast ab, bevor das neue Quartier bezogen wird. Vermarktung! „Was für ein schönes Hobby, höre ich oft,“ lacht Wilfried Straub. Ja, das stimme wohl, aber auch zu 50 Prozent ein knochenharter Job mit einem Stundenlohn von vielleicht zwei Euro! Das macht schon nachdenklich. Denn welcher Jungimker wird sich so viel Arbeit für so wenig Geld antun. Was tun? Wilfried Straub hat Lösungsvorschläge parat, die man leicht umsetzen kann. Hier einige davon: • Imker bestäuben mit ihren Bienen unentgeltlich die Agrarlandschaft, das muss geändert werden. • Regional einkaufen, regionale Produkte verwenden (nicht nur Honig) • Auf biologischen/regionalen Anbau achten. • Wo es geht, Blühflächen ansetzen. • „Geiz ist nicht geil“, denn das bewirkt, dass Billigprodukte durch die halbe Welt gefahren, Menschen ausgebeutet und Kinder ausgenützt werden. • Auf die Natur achten und sich um sie kümmern….. Sich kümmern um Menschen Sich kümmern hat für Wilfried Straub noch eine besondere Bedeutung. Er war Mitinitiator als 1996 der Schwarzwald-Bike-Marathon ins Leben gerufen wurde, der nicht nur ein sportlicher Wettkampf, sondern auch ein Wettbewerb für den guten Zweck ist. Von Anfang an erhält die familienorientierte Krebsnachsorgeklinik Katharinenhöhe in Schönwald jedes Jahr eine große Spende, die dringend benötigt wird. Ein absolutes Highlight für die kleinen, leidgeprüften Patienten ist jedoch die Streckenfüh64 Da leben wir

 

 

 

Wilfried Straub ist Mitinitiator als 1996 der SchwarzwaldBike-Marathon ins Leben gerufen wird. Dieser ist nicht nur ein sportlicher Wettkampf, sondern auch ein Wettbewerb für den guten Zweck. rung, die genau durch die Katharinenhöhe führt. Ein ganz besonderer Tag, der Mut macht und Sorgen, Ängste und Nöte für eine Weile vergessen lässt. Sportliche Erfolge „Sport habe ich schon immer gemacht,“ berichtet Wilfried Straub. Und was er anpackt macht er gründlich. Er ist ein Perfektionist, ein Sportler, ja eigentlich ein Extremsportler. Er sucht immer seine Grenzen. Langlauf und Radfahren mit dem Rennrad sind sein Ding – bis er in den 80er-Jahren das erste Mountain Bike in einem Schaufenster sieht. Damit durch den Wald fahren, Pilze sammeln und noch mehr die Natur entdecken! 1985 steht es in seiner Garage und 1989 nimmt er am MountainbikeWeltcuprennen in Österreich teil, 1990 im US-Bundesstaat Colorado als Mitglied der Deutschen National-Mannschaft… es folgen noch viele Rennen. Gemeinsam mit Ulli Rottler aus Villingen, dem dreifachen Weltmeister, tingelt er durch die Welt – von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft. „Wir fahren heute noch zusammen,“ freut sich der leidenschaftliche Sportler und Vizeweltmeister. Letzter Sieg: 2020 bei den offiziellen Europameisterschaften im Skimarathon in Leutasch (Österreich) geht er als Erster durch‘s Ziel! Keine Frage, Honig ist gesund und lecker. Doch irgendwie ist dieses Glas mit dem goldgelben Inhalt nach diesem Nachmittag mit Wilfried Straub etwas Besonderes geworden. Und die Biene betrachtet man mit ganz anderen Augen. „Noch können wir die Wende mit viel Aufwand herbeiführen,“ sagt Wilfried Straub, „packen wir es an!“ Ob im Sommer auf dem Mountainbike oder im Winter beim Skimarathon: Beim Sport ist Wilfried Straub auf der Suche nach seinen Grenzen. Wilfried Straub 65

 

 

 

Alaa (Ali) Hamo Vollumfänglich in Deutschland angekommen Von Hans-Jürgen Kommert Der einstige unbegleitete Jugendliche hatte sich als Flüchtling aus dem kurdischen Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Österreich nach Deutschland durchgeschlagen, das er eigentlich zunächst ebenfalls nur als „Durchgangsland“ betrachtet hatte. Denn sein eigentliches Ziel war damals Skandinavien. Ali, wie er sich mittlerweile deshalb nennt, weil sich Europäer sehr schwertun, seinen Namen richtig auszusprechen, wurde im März 1997 in Kobanê im Norden Syriens geboren. Sein Vater, der wie die Mutter keinen Beruf hatte, führte neben der Landwirtschaft ein kleines Ladengeschäft, wo er schon während seiner Schulzeit gerne mitarbeitete. „Hier verkauften wir das, was unser Land hergab: Wir hatten ein paar Olivenbäume, pflanzten Getreide und Kreuzkümmel an“, zeigte er auf, was der Familie Einkommen brachte. Er habe als Kind liebend gerne draußen gespielt, eine weitere Leidenschaft aber war der Blick hinter die Fassaden: „Ich glaube, ich habe sehr regelmäßig dafür gesorgt, dass wir einen neuen Fernseher gebraucht haben, weil ich alles zerlegen musste, um die Technik hinter den Dingen zu erkunden. Und nicht alles, was ich zerlegt habe, habe ich auch wieder zusammenbauen können“, erzählt er aus seiner Kindheit. Glückliche Kindheit in Syrien Er war das fünfte von insgesamt zehn Kindern, die Vater und Mutter geschenkt wurden. „Einen Kindergarten gab es zwar, der war aber für einfache Leute einfach zu teuer, so etwas konnte sich nur die Elite „Ich habe regelmäßig dafür gesorgt, dass wir einen neuen Fernseher gebraucht haben, weil ich alles zerlegen musste, um die Technik hinter den Dingen zu erkunden. Und nicht alles, was ich zerlegt habe, habe ich auch wieder zusammenbauen können“, erzählt Alaa aus seiner Kindheit. erlauben“, räumt Ali ein. Immerhin neun Jahre Schule für die Kinder leistete sich das Ehepaar. Daher hatte der Vater zur Ernährung der großen Familie neben dem Ladengeschäft einen Handwerksbetrieb, wo er als Elektriker die Stromversorgung von Häusern sicherte. Auch dabei half ihm sein Sohn – schon als Jugendlicher habe er, so erzählt Ali, die ersten Neubauten komplett selbst installiert. 66 Da leben wir

 

 

 

Alaa oder auch Ali Hamo fühlt sich wohl in Deutschland, hier bei einem Ausflug nach Waldkirch. 67

 

 

 

„Mein Vater wollte damals unbedingt, dass ich einmal Medizin studiere. Deshalb auch mein Name – nach Ansicht meines Vaters würde sich der Name Alaa auf dem Praxisschild wirklich gut machen.“ „Wir waren nicht wirklich arm, aber auch alles andere als reich – dabei habe es durchaus Menschen in seiner Verwandtschaft gegeben, die mit irdischen Gütern reichlicher gesegnet waren: So sei einer seiner Onkels Agraringenieur, ein weiterer Jurist und zwei hätten Autohäuser geführt, allerdings habe sein Vater nur Halbgeschwister gehabt. Eine glückliche Kindheit habe er zunächst erlebt, immer aber durchsetzt mit selbst gewählter Arbeit. „Wenn ich nichts zu tun gehabt hätte, wäre mir sicher schnell langweilig geworden“, ist er sich im Nachhinein sicher. Ein Jahr lang besuchte Ali die Vorschule, danach die Grundschule und dann die siebte bis neunte Klasse, was in seiner Heimat einem Zwischending zwischen Realschule und Gymnasium entsprach – dann aber kam die Prüfungszeit. „Um die Prüfungen ganz sicher zu bestehen, braucht man in Syrien auch privaten Unterricht, was allerdings richtig teuer ist. Und weil das so ist und meine Eltern sich das nicht leisten konnten, musste ich mir viele Dinge selbst beibringen“, erinnert er sich an die Schulzeit zurück. Flucht vor dem „Islamischen Staat“ 2010 begann es dann in Syrien zu gären – der so genannte „arabische Frühling“, der bereits zuvor viele andere Staaten erfasst und verändert hatte, war jetzt auch hier angekommen. Früher hätten, wie im ganzen Land, auch in Kobanê Kirchen und Moscheen friedlich nebeneinander existiert, die Menschen beider Glaubensrichtungen lebten miteinander. Man habe dann zunächst etwas erlebt, was bis dahin nicht vorstellbar gewesen sei – eine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen und der Regierung des Machthabers Assad, in der Korruption Arbeit in der Türkei auf der Baustelle, Ali ist hier 17 Jahre alt. Im Schuljahr 2012/2013 stand er nach eigenen Aussagen kurz vor dem Abschluss, der in Deutschland dem Abitur entspräche. „Mein Vater wollte damals unbedingt, dass ich einmal Medizin studiere“, erzählt der junge Kurde. Das sei auch der Grund für seinen Namen gewesen – „nach Ansicht meines Vaters würde sich der Name Alaa auf dem Praxisschild wirklich gut machen“, weiß er. Der Vater selbst hatte nach der schulischen Grundausbildung am Ende der sechsten Klasse die Schule verlassen müssen, weil sie für die Eltern einfach zu teuer war. Alis Mutter durfte dagegen überhaupt nicht zur Schule gehen. „Meine Mutter hat sich aber vollkommen autodidaktisch die Grundzüge der arabischen Schrift angeeignet, sodass sie ein wenig lesen kann“, erklärt der junge syrische Kurde nicht ohne Stolz. Zuhause wurde selbstverständlich kurdisch gesprochen, obwohl das offiziell verboten war, denn arabisch sei nicht nur Amtssprache, sondern auch die offizielle Sprache in Syrien gewesen. 68 Da leben wir

 

 

 

und die Unterdrückung anderer Ethnien an der Tagesordnung waren. Was aber am Anfang erst einmal so ausgesehen habe, dass Reformen kommen könnten, sei schnell zu einer Art Revolution geworden, die aber in ihren Ursprüngen eher linksgerichtet gewesen sei. Was zunächst friedlich begonnen habe, sei dann recht bald schon in Gewalt umgeschlagen, da sich Baschar Hafiz al-Assad nicht einfach geschlagen geben wollte. „Wir, die wir im kurdischen Gebiet Syriens lebten, hatten am Anfang sogar Hoffnungen, dass dabei durch Abspaltungen ein echter Kurdenstaat entstehen könnte, zusammen mit den iranischen und türkischen und vielleicht sogar irakischen Kurden“, gibt Ali zu. Dann aber überzog im Jahr 2014 der sogenannte „Islamische Staat“, eine sehr rechts gerichtete, erzkonservative Terrororganisation, die Provinz und somit auch die Stadt Kobanê mit mörderischen Angriffen. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde damals in die Türkei evakuiert oder flüchtete dorthin. „Auch meine Familie flüchtete in dieser Zeit der Kriegswirren – die zum Teil immer noch existieren und derzeit erneut aufflammen“, berichtet Ali. Links: An der türkischen Küste am Tag der Flucht mit dem Boot stehen hunderte am Strand und warten auf Fluchtgelegenheit. Rechts: Während der Flucht auf der griechischen Insel Mytilini, viele junge Männer stehen dort an, um zu duschen. sei, zu erkennen, wenn Verhandlungen für ihn schlecht gelaufen seien. Im Sommer 2015 war er dann schließlich der Meinung, er habe nun genug gespart, um aus diesen miserablen Verhältnissen weiter zu flüchten. Und so kam er über Izmir, Griechenland, Mazedonien und Österreich in die Europäische Union. Unterwegs habe er viele weitere Demütigungen erleben müssen, betont er. Immer wieder habe man auch versucht, ihn und andere Flüchtlinge zu bestehlen und zu betrügen. „Eigentlich wollte ich damals nur nach dem Westen, Deutschland war niemals als Endziel angedacht, dieses Land hatte ich nie wirklich im Sinn“, erzählt er im Gespräch. Dennoch stand er dann irgendwie am 25. August 2015 plötzlich am Hauptbahnhof München, dort wurde er erstmals als unbegleiteter Flüchtling Als Hilfsarbeiter auf dem Bau in der Türkei Im Nachbarstaat Türkei habe er dann, um Geld zu verdienen, auf dem Bau gearbeitet, unter widrigsten Bedingungen. „Sechs Tage in der Woche und bis zu 15 Stunden am Tag, mit dem niedrigsten Lohn – und manchmal gab es für gute, harte Arbeit auch gar nichts.“ Zunächst als Schmied und später dann als Bauhilfsarbeiter musste er viele Demütigungen erleben. Er lernte aber so ganz nebenbei die türkische Sprache, sodass er schnell in der Lage gewesen „Eigentlich wollte ich damals nur nach dem Westen, Deutschland war niemals als Endziel angedacht, dieses Land hatte ich nie wirklich im Sinn.“ Alaa (Ali) Hamo 69

 

 

 

„Ich habe rasend schnell Deutsch gelernt, auch deshalb, weil ich festgestellt habe, dass Sprachkenntnisse überall eine Schlüsselstellung einnehmen. Dabei habe ich meiner Lehrerin Ranka Pretzer-Korac sehr viel zu verdanken.“ Ali durfte bei seiner Ausbildungsfirma Siedle einen Anwendungsfilm für Siedle Anlagen drehen. registriert. Über Ellwangen, Karlsruhe und Neustadt kam er dann schlussendlich in Donaueschingen im dortigen Aufnahmelager an, wo er sich mit vier weiteren Flüchtlingen ein Zimmer teilen musste. „Ich habe in Deutschland auch Anhänger des IS gesehen, die mich auch bedroht haben. Da ich aber zu der Zeit noch kein Wort Deutsch konnte, war es mir nicht möglich, jemanden auf diese Männer aufmerksam zu machen“, gibt er unumwunden zu. Nachdem ihm auf den letzten Kilometern sein gesamtes Hab und Gut gestohlen wurde, was er nicht direkt am Leibe trug, musste er 40 Tage lang mit nur einem einzigen T-Shirt auskommen, das er in dieser Zeit dann abends immer gewaschen habe, damit es über Nacht trocknen konnte. Bei seiner Ankunft war er sich sicher, dass er bald wieder weiter ziehen könne – doch es sollte völlig anders kommen. Akzentfreie Aussprache bereits nach fünfeinhalb Jahren in Deutschland Bereits am 1. November 2015 habe er in Deutschland seinen ersten Schultag gehabt, in der Robert-GerwigSchule in Furtwangen, wo es die erste VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit dem Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) gab. „Ich habe rasend schnell Deutsch gelernt, auch deshalb, weil ich festgestellt habe, dass Sprachkenntnisse überall eine Schlüsselstellung einnehmen. Dabei habe ich meiner Lehrerin Ranka PretzerKorac sehr viel zu verdanken“, erinnert er sich dankbar. Schnell habe er aber auch in Mathematik, Physik und Kunst Fuß gefasst. Schon nach drei Monaten Deutschunterricht habe er als Übersetzer aushelfen können. Nach rund sieben Monaten hatte er die Sprache dann weitgehend verinnerlicht. Um noch besser sprechen zu lernen, habe er in Donaueschingen in einem Mehrgenerationenhaus ehrenamtlich mitgearbeitet, wo er auch seine „ErsatzMama“ kennengelernt habe, mit der er bis heute einen sehr liebevollen Kontakt habe. Papiere habe er bei seiner Flucht nicht mitnehmen können, dafür seine Schulzeugnisse. „Ich habe die übersetzen lassen, sodass man feststellen konnte, dass ich schon immer ein guter Schüler war“ erklärt er. Im Berufsbildenden Schuljahr BFW 1 erwarb er auch in Deutschland die Mittlere Reife, mit einem Durchschnitt von 1,4. Danach besuchte er die Klasse „Gestaltungsund Medientechnik“ (GMT) an der RobertGerwig-Schule, wo er im Frühjahr 2020 sein Abitur mit der Note 2,1 bestand. Hier lernte er seine Lebensgefährtin Alexandra Kern aus Vöhrenbach kennen und lieben. Seine Deutschkenntnisse hatte er bis dahin nahezu perfektioniert, es ließe sich niemals vermuten, dass Alaa Hamo erst seit fünfeinhalb Jahren hier ist, denn seine Aussprache ist praktisch akzentfrei. „Ali besteht darauf, dass ich ihn sofort korrigiere, wenn er etwas falsch ausspricht“, räumt die junge Frau ein. Er sei in dieser Hinsicht ein absoluter Perfektionist. „Alles ist heutzutage möglich, wenn man es wirklich will“ Nebenbei lernte er bei Stephan Weisser an der Jugendmusikschule St. Georgen-Furtwangen das Gitarrenspiel, gab an verschiedenen Orten kleine 70 Da leben wir

 

 

 

Konzerte und erzählte über Syrien, den Islamischen Staat und seine Flucht in den Westen Europas. Während der Schulzeit nahm Hamo unter anderem an der „Schüler-Ingenieur-Akademie“ teil, die von der Furtwanger Firma S. Siedle & Söhne gesponsert wird. Die wurde dadurch auf den jungen Syrer aufmerksam und bot ihm ein sogenanntes „Studium Plus, Fachrichtung Informatik“ an, das neben dem Abschluss als Bachelor auch einen beruflichen Abschluss bietet. Da er aber zu wenig Geld dafür hatte, war es Alexandra Kern, die selbst ein Duales Studium „Sozialwirtschaft“ durchführt, die ihm hier weiterhalf. Sie suchte nach einen Weg, ihren Freund finanziell zu fördern – und fand dazu eine passende Möglichkeit: Unter über 1.700 Bewerbern wurde der junge Kurde ausgewählt für ein Stipendium der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“. Diese der FDP nahestehende Stiftung ist eine der größten Begabtenförderungswerke in ganz Deutschland. „Es ist schon eine Auszeichnung, wenn man hier genommen wird“, sind sich Alexandra Kern und Ali sicher. In seiner Freizeit setzt er sich noch immer intensiv für die Integration ein, seiner einstigen Religion aber hat er den Rücken gekehrt – zu groß waren für ihn die Diskrepanzen zwischen dem geschriebenen Wort im Koran, den Beteuerungen seiner einstigen GlaubensAlexandra Kern und ihr syrisch-kurdischer Freund Alaa Hamo gehen miteinander durch Dick und Dünn – irgendwann wollen sie gemeinsam ein eigenes Geschäft eröffnen. brüder über eine friedliche Religion auf der einen Seite und den reellen Erlebnissen auf der anderen. Ebenso das Frauenbild des Islam machte ihm dabei sehr zu schaffen. Durch das Stipendium wird Alaa Hamo nun nicht nur finanziell, sondern auch ideell stark gefördert. In der herrschenden Pandemie habe er sehr viel Zeit mit seiner Freundin gehabt für gemeinsame Gespräche und Sport, das habe ihn vielleicht noch mehr geprägt als vieles andere. Irgendwann, wenn er sein Studium erfolgreich beendet und ein wenig berufliche Erfahrung gesammelt hat, träumt er davon, sich selbständig zu machen im Software-Bereich. „Alles ist heutzutage möglich, wenn man es wirklich will – und träumen darf man, das kostet nichts“, schmunzelte er dazu. Denn die Realität sei oft hart genug. Auch Alexandra Kern hat noch Wünsche für ihren Freund: „Ich hoffe, dass er bald seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhält – und ich wünsche ihm, dass er irgendwann seine Familie wieder sehen kann.“ Alaa (Ali) Hamo 71

 

 

 

Hannah Eckstein EINZIG WEGEN DIESES JOBS „Ich habe im Schwarzwald gelernt, dass man überall glücklich sein kann, wenn man das macht, was man liebt und tolle Menschen um sich hat.“ von Barbara Dickmann 72 Da leben wir

 

 

 

73

 

 

 

Januar 2017 in Düsseldorf. Gut 619.000 Einwohner, Kunst und Kultur, Museen und Galerien an jeder Ecke. Urige Brauhäuser, allein zehn Sterne-Restaurants, jede Menge Lokale, Geschäfte von edel bis bezahlbar, von brav bis hipp, Disco, Theater, Kabarett, Musicals… Und feiern die ganze Nacht, wenn man es nur will. Hier hat Hannah Eckstein, knapp 30 Jahre jung, studiert und viel freie Zeit verbracht. Sie genießt das bunte Leben, die Offenheit und Geselligkeit der Menschen, die Leichtigkeit des Seins. Keine Frage: Hannah Eckstein ist ein Stadtmensch! Doch dann kommt alles ganz anders – ihr Weg führt nach St. Georgen im Schwarzwald. Geboren 1987, wächst Hannah Eckstein in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) auf. Einer Stadt mit gut 260.000 Einwohnern, ziemlich provinziell und ohne besondere Highlights. „Für einen jungen Menschen nicht gerade die Traumstadt und ich wollte weg“, erinnert sie sich. Hannah ist begeistert von anderen Kulturen und gemeinsam mit ihrer Schwester beschließt sie, in Istanbul zu studieren. „Mein Stiefopa ist Türke und ich mochte diese lebendige Stadt.“ Mein Studium war beendet, was wohl der gravierendere Grund für mich und meine Schwester war, nach Deutschland zurückzukehren. Sie bewirbt sich um einen Studienplatz für Political Science and International Relations auf Englisch (Politikwissenschaften und internationale Beziehungen). Das sei ziemlich naiv gewesen, meint sie im Nachhinein. Der deutsche Studiengang in BWL wird ihr angeboten. Nicht gerade ihr Traum, doch sie steigt ein. Hannah Eckstein hält drei Monate durch bis zur ersten Zwischenprüfung. Dann gibt sie auf, recherchiert und hat Glück: Sie kann sich für den Studiengang Kulturmanagement in Englisch und Türkisch einschreiben. Ihre Wahlfächer absolviert sie alle in Art Management. Sie macht Praktika in Galerien und Kunstinstitutionen, erhält im Studium Einblicke in die Kunstgeschichte, die Soziologie, Philosophie, Sponsoring, Fundraising, Rechnungswesen – einfach alles, um eine Kunstoder Kultureinrichtung zu leiten. Im Sommer 2012 hat sie den Bachelor in Kulturmanagement in der Tasche. Doch das reicht ihr nicht, denn Hannah Eckstein will Kuratorin werden – und nichts anderes. Istanbul hat sich verändert. Ein autoritärer Regierungsstil macht sich mehr und mehr bemerkbar. Die beiden Schwestern kehren nach fünf Jahren zurück nach Deutschland und landen in Essen. „Mein Studium war beendet, was wohl der gravierendere Grund für mich und meine Schwester war, nach Deutschland zurückzukehren“, erinnert sie sich. Ihre Schwester studiert weiter Medizin und Hannah recherchiert mal wieder. Um Kuratorin zu werden, muss sie sich in Kunstgeschichte auskennen. „Das ist eine handfeste Wissenschaft,“ erklärt sie und beschließt, ihren Master in Kunstgeschichte abzulegen. Doch für Menschen, die ihren Bachelor in einem anderen Studiengang erworben haben, ist das nicht so einfach. Lediglich die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf bietet die Möglichkeit einer Aufnahmeprüfung an. Hannah Eckstein bereitet sich ein halbes Jahr intensiv auf diese Prüfung vor. Sie liest und lernt – Tag für Tag, fängt in der Antike an und hört in der Gegenwart auf. Der Lohn der Mühe: Hannah besteht. Im vierten Semester beginnt sie ihre Masterarbeit über den Künstler Richard Serra zu schreiben. Parallel dazu arbeitet sie im Museum Kurhaus Kleve als kuratorische Assistentin, inventarisiert und digitalisiert im Rahmen dieser Tätigkeit eine private Sammlung. Zur selben Zeit – also parallel zur Masterarbeit und der Tätigkeit im Museum Kurhaus Kleve, kuratiert sie ein Ausstellungsprojekt im Kunstverein Mönchengladbach. 74 Da leben wir

 

 

 

Hannah Eckstein 75

 

 

 

Blick in den KUNSTRAUM GRÄSSLIN. Auch im St. Georgener Rathaus werden Kunstwerke der SAMMLUNG GRÄSSLIN präsentiert. 76 Da leben wir

 

 

 

Mein Beruf füllt einen großen Teil meines Lebens aus. Durch ihn bin ich viel unterwegs – auch in Großstädten. Eine umwerfende Sammlung 2017 hat sie es geschafft. Sie ist jetzt kuratorische Assistentin im Museum Kurhaus Kleve und baut gerade eine Ausstellung auf, als sie auf eine Ausschreibung stößt. Die Familie Grässlin in St. Georgen sucht für ihre Sammlung eine Leiterin. Whow! So eine renommierte und bekannte Sammlung! Hannah Eckstein versucht es einfach mal, bewirbt sich und wird zu einem Vorstellungsgespräch nach Frankfurt in die Galerie von Bärbel Grässlin eingeladen. Das Resultat: Hannah wird nach St. Georgen eingeladen. Sie solle sich den Ort und die Sammlung anschauen und überlegen, ob sie sich vorstellen könne, diese Sammlung zu leiten. Dialoge in Sachen Kunst. Einzige und umso wertvollere Entschädigung: Die Faszination der Sammlung Grässlin, die RÄUME FÜR KUNST, die Künstler, diese erfüllende Aufgabe, der Kontakt zu einer Familie, denen die Liebe zur Kunst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dafür nimmt Hannah einiges in Kauf. „Wenn man was will und es mit Leidenschaft macht, dann ist alles möglich,“ ist ihr Leitsatz. In St. Georgen empfängt die damalige SammDie Zeit vergeht, Monate ziehen ins Land und sie lungsleiterin die frisch gebackene Kunsthistorikerin – und die ist erst mal erschlagen und ziemlich beeindruckt. Diese Sammlung ist einfach umwerfend. Ein Traumjob, diese Chance kann man sich nicht entgehen lassen. Als sie die Zusage bekommt, fühlt sie sich als Glückspilz. Doch das Städtchen St. Georgen reißt sie nicht vom Hocker. Sie tauscht das dicht besiedelte Rheinland mit seinen zahlreichen Städten gegen ein 13.000-Seelen-Dorf im Schwarzwald. Das ist eine Riesensache für einen Stadtmenschen. „Mein soziales Leben ist vorbei“, denkt sie, „das mach ich ein paar Jahre und dann sehe ich weiter!“ Im Februar 2017, mitten im tiefsten Winter, zieht sie um und wohnt während der Probezeit in einer schönen alten Mühle, die ihr die Familie Grässlin zur Verfügung stellt. Mit Leidenschaft und Elan kniet sie sich in ihren neuen Job. Doch die Umstellung trifft sie hart. Sie vermisst die Familie, die Freunde, die Geschäfte, die unendlichen Möglichkeiten, die eine Großstadt einfach zu bieten hat. merkt immer mehr, wie sich ihre Sichtweise verändert … Base Camp in St. Georgen St. Georgen, im September 2021! Fünf Jahre sind vergangen. Hannah Eckstein ist angekommen. Sie mag den Schwarzwald, die Gemütlichkeit, genießt die Ruhe und die Natur. St. Georgen ist ihr Base Camp. Die Nähe zu Frankreich oder Österreich, mal eben zu den Bregenzer Festspielen fahren, sind ihre neuen Highlights. „Meine Lebensweise hat sich verändert“, sagt sie. „Mein Beruf füllt einen großen Teil meines Lebens aus. Durch ihn bin ich viel unterwegs – auch in Großstädten.“ Sie muss nicht mehr jede Woche feiern, hat sich daran gewöhnt, dass nicht alle möglichen Geschäfte direkt vor der Nase sind. Hannah Eckstein fühlt sich wohl im Schwarzwald, ihr soziales Umfeld, ihre Freunde und Bekanntschaften sind ihr wichtig. Hannah Eckstein 77

 

 

 

Das ist manchmal stressig, doch eine Win-Win-Situation für alle. „Ich habe im Schwarzwald gelernt, dass man überall glücklich sein kann, wenn man das macht, was man liebt und tolle Menschen um sich hat,“ sagt sie. Auf alte Freundschaften verzichtet sie nicht, sie pflegt sie, auch wenn sie in Deutschland oder der Welt verteilt sind. „Dann muss man halt mal nach München, Frankfurt oder London fahren oder fliegen“, sagt sie. Gerne besucht sie ihre Familie in Mönchengladbach, doch nach ein paar Tagen will sie wieder „nach Hause“. Ein starkes Wort, und das sagt sie wirklich, wenn sie nach St. Georgen fährt. Auch beruflich lebt sie auf der Sonnenseite. Seit Ende 2019 arbeitet sie nur noch zu 50 Prozent in St. Georgen, zusätzlich hat sie im Kunstverein Friedrichshafen die künstlerische Leitung übernommen. Hier gestaltet sie das Programm und sucht die jungen Künstlerinnen und Künstler aus, die im Kunstverein ausstellen, während sie in St. Georgen eine schon perfekte Sammlung betreut. „Das ist manchmal stressig, doch eine Win-Win-Situation für alle“. Die Kunsthistorikerin lacht, ja sie strahlt förmlich. Wer kann schon den Bodensee und den Schwarzwald so perfekt vereinen? Keine Frage Hannah ist ein Glückspilz, ein Naturmensch, doch weiß Gott keine Einsiedlerin. Sie mag die Stille, braucht aber auch den Trubel, braucht Kunst und Kultur, denn das ist ihre Leidenschaft. In 2017 war sie „nur“ ein Stadtmensch – heute sucht sie einen Bauernhof. Was eine Kunsthistoriker*in macht In der Regel gestalten Kunsthistoriker*innen Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Sie pfl egen die Sammlung, sorgen für die richtige Präsentation der Werke, schreiben die Ausstellungsund Werktexte, konzipieren Kataloge und Führungen. Es gibt Spezialisierungen: Entweder auf eine Epoche, wie das Mittelalter, die Renaissance oder die Moderne. Oder auf ein Medium wie Ma le rei, Bildhauerei – die Fotografi e. Außer sicherem Auftreten, Sorgsamkeit, Organisationsfähigkeit und Finanzmanagement ist das Interesse an Kulturund Kunstgeschichte die wichtigste Voraussetzung für diesen Beruf. Bei Hannah Eckstein ist es viel mehr. Es ist Liebe und Leidenschaft und das große Bedürfnis, durch ihre Führungen den kleinen und großen Menschen auch andere Perspektiven auf die Welt zu eröffnen. „Vielleicht sogar bessere“, sagt sie. Das oft ungeüb78 78 Da leben wir

 

 

 

te Auge des Betrachters auf Dinge zu lenken, die erst auf den zweiten Blick ersichtlich sind. So sind zum Beispiel Objekte wie Stühle, Tische, Lampen, die von Franz West (bedeutender, zeitgenössischer Künstler Österreichs, verstorben am 26.7.2012) im KUNSTRAUM GRÄSSLIN gezeigt werden, nicht nur ungewöhnliche Gebrauchsobjekte, sondern sollen die Sinne schärfen und unser Unterbewusstsein stimulieren. Oder anders gesagt: Den Betrachter und Benutzer auf neue Gedanken und Empfindungen bringen. Die Menschen sind fasziniert, es reißt sie förmlich vom Hocker. Ihre Führungen sind immer ein Erfolgserlebnis. „Die Menschen sind fasziniert, es reißt sie förmlich vom Hocker, genauso ist es mir damals ergangen.“ Es ist etwas Großes, was die Kunst erreichen kann, daran glaubt sie fest. „Und gerade in der heutigen Zeit und nach dem Lockdown kann das physische Erlebnis, die körperliche Präsenz in Ausstellungen niemals durch digitale Räume ersetzt werden“. Kunst muss berühren – im wahrsten Sinne des Wortes. Kunst verständlich machen, ist eine faszinierende Aufgabe. Es eröffnen sich dabei Perspektiven auf eine „vielleicht sogar bessere Welt“, wie Hannah Eckstein sagt. DIE SAMMLUNG GRÄSSLIN Bereits seit 2006 präsentiert die Familie Grässlin im KUNSTRAUM GRÄSSLIN und den über das Stadtgebiet von St. Georgen verteilten RÄUMEN FÜR KUNST ihre Sammlung nationaler und internationaler Kunst der 1980er-, 1990erund 2000er-Jahre. Interessierte Besucherinnen und Besucher haben seither die Möglichkeit, bei den geführten Stadtrundgängen Einblicke in die private Sammlung zu bekommen. Die Anfänge der SAMMLUNG GRÄSSLIN liegen in den 1970er-Jahren, als die Eltern Anna und Dieter Grässlin begannen, Grafiken des süddeutschen Konstruktivismus und zahlreiche Werke des deutschen Informel zusammenzutragen. Ihre vier Kinder Bärbel, Thomas, Sabine und Karola, von der Sammelleidenschaft ihrer Eltern angesteckt, wandten sich Anfang der 1980er-Jahre ihrer eigenen Generation zu und erwarben Werke von u.a. Werner Büttner, Günther Förg, Isa Genzken, Georg Herold, Martin Kippenberger, Meuser, Albert Oehlen und Franz West. Später wurde die Sammlung um Positionen der 1990erund 2000erJahre erweitert. Künstler wie Kai Althoff, Michael Beutler, Cosima von Borin, Clegg & Guttmann, Mark Dion, Michael Krebber oder Heimo Zobernig, die einen konzeptuellen oder vom Kontext abhängigen Ansatz verfolgten, fanden so ihren Weg in die Sammlung. Der KUNSTRAUM GRÄSSLIN und die ca. zwanzig externen RÄUME FÜR KUNST können nach Vereinbarung im Rahmen eines geführten Rundgangs besichtigt werden. Weitere Informationen finden Sie unter: www.sammlung-graesslin.eu. Terminvereinbarung unter Tel.: 07724/9161805 oder per e-Mail an: info@sammlung-graesslin.eu. 79

 

 

 

Energieversorgung Südbaar (esb) Ein Energieversorger schreibt seit 35 Jahren Erfolgsgeschichte von Bernhard Lutz Die Energiewende war noch nicht in Sicht, als auf der Südbaar 1986 ein neuer Energieversorger seinen Betrieb aufnahm, der eine Erfolgsgeschichte schrieb, die vor allem drei Kommunen eine Perspektive bis weit in das 21. Jahrhundert ermöglicht. Die Rede ist von der Energieversorgung Südbaar (esb). Mit der Stadt Blumberg und dem damaligen Kraftwerk Laufenburg gingen 1986 zunächst zwei Gesellschafter eine gleichberechtigte Partnerschaft ein, von denen der eine, die Stadt Blumberg, aus dem öffentlichen Bereich stammte und der andere aus der Privatwirtschaft. Ein Modell, das später noch häufig Schule machte. 94 Wirtschaft

 

 

 

95

 

 

 

Mit der „Stromfusion der Südbaar“ wurde die Energieversorgung Südbaar im Jahr 2016 von der ursprünglichen GmbH zu einer GmbH & Co.KG erweitert. Die Zahl der Gesellschafter wuchs von zwei auf vier, neue Gesellschafter waren die Städte Hüfingen und Bräunlingen, die jeweils 20 Prozent des Stammkapitals halten. Blumberg und die Energiedienst AG hielten zunächst jeweils 30 Prozent, später verkaufte die Stadt Blumberg zehn Prozent ihrer Anteile an die Energiedienst AG. Seither haben die drei Kommunen jeweils 20 Prozent und die Energiedienst AG 40 Prozent. Damit ist die Energieversorgung Südbaar in ihrer heutigen Ausprägung ein kommunal dominierter Stromversorger. Dies war auch das erklärte Ziel der Bürgermeister für die Stromfusion. Ursache für die Gründung war die Weberei Lauffenmühle Die Ursachen für die Gründung einer Energieversorgung reichen weit zurück. Im Dezember 1950 eröffnete der aus Schlesien stammende Fabrikant Gustav Winkler auf der Südbaar mit der Lauffenmühle in Blumberg Europas modernste Taschentuchweberei. Um den benötigten Dampf für die Weberei, in der bis zu 800 Menschen arbeiteten, zu erzeugen, wurde im Kesselhaus der Lauffenmühle Kohle verfeuert. Wenn in Blumberg damals Ostwind herrschte, wurde die Wäsche auf der Leine schwarz, ein Ärgernis. Blumbergs damaliger Bürgermeister Werner Gerber wollte dies ändern, ihm schwebte vor, Blumberg mit Erdgas zu versorgen. Als er für seine Idee um Unterstützung warb, wurde er vielfach belächelt, ein derartiges Vorgehen auf dem „flachen Land“ hielten viele für undenkbar. Doch Werner Gerber war keiner, der so schnell aufgab. 1976 hatte er schon der städtischen Museumsbahn Wutachtal allen Unkenrufen zum Trotz zur Taufe verholfen, zehn Jahre später gründete er mit dem Kraftwerk Laufenburg die Energieversorgung Südbaar. Den Durchbruch erzielte Gerber bei seinen Verhandlungen mit der Gasversorgung Süddeutschland (GVS). Er erreichte, dass für den Bau der Gasleitung Zuschüsse nach Blumberg flossen. Die Gasversorgung Süddeutschland machte allerdings zur Bedingung, dass Das Firmengebäude der Energieversorgung Südbaar in der ehemaligen Weberei Lauffenmühle in Blumberg. 96 Wirtschaft

 

 

 

Mit seinen drei Sparten Strom, Gas und Nahwärme ist die esb nach wie vor gut unterwegs und rüstet sich für die Zukunft. Edmund Martin die Gasleitung bis zu Bräunlingens Stadtteil Döggingen verlegt werde, damit dort der Ringschluss mit der Gasleitung der Freiburger Elektrizitätswerke (FEW, heute Badenova) erfolgen könne. Die Entwicklung gibt den Gründern bis heute Recht. Bereits 1987 wird das Erdgasnetz für die Ortsnetze Blumberg und Hüfingen angeschlossen, im August wird an der Druckregelstation Blumberg-Nordwerk die erste Gasflamme entzündet. Bis Ende 1989 verwirklicht die esb auch den Abzweig der Gashochdruckleitung nach Döggingen. 1993 begannen die Planungen zur Nahwärmeversorgung im Neubaugebiet Kehr ob der Kehr. 1998 zieht die esb von ihren ersten Räumen in der Vogtgasse in die ehemalige Heizzentrale der Lauffenmühle, die zum Bürogebäude umgestaltet wurde mit dem 21 Meter hohen Kamin als Blickfang. Edmund Martin, der die Geschäfte führt, zeigt sich optimistisch. Mit seinen drei Sparten Strom, Gas und Nahwärme ist der Versorger nach wie vor gut unterwegs und rüstet sich für die Zukunft. Wie die esb trotz ihres eng begrenzten Versorgungsgebiets wirtschaftet, zeigen die Zahlen. In den letzten Jahren konnte der Gewinn gesteigert werden, berichtet Geschäftsführer Edmund Martin. Für dieses Jahr werde ein Gewinn im mindestens höheren sechsstelligen Bereich erwartet, so Martin. Den größten Anteil am Gewinn liefert die Sparte Strom mit 60 Prozent des Gesamtgewinns, gefolgt vom Gas. Größere Investitionen Für das Jahr 2021 stehen im Strombereich größere Investitionen für den Netzausbau und das Erneuern von Bestandsleitungen an. Der größte Brocken ist mit Edmund Martin, Geschäftsführer der esb. über 600.000 Euro für die Erdverkabelung der bisherigen Freileitung von Döggingen nach Mundelfingen vorgesehen. Das Vorhaben werde schon seit Längerem diskutiert und würde die Versorgungssicherheit von Mundelfingen deutlich verbessern. Ein weiterer sechsstelliger Betrag ist für Trafo-Stationen angesetzt. Für den Ausbau und die Erschließung von Neubaugebieten sind weitere 200.000 Euro im Plan. Etwa 155.000 Euro sollen im Gasbereich für den Netzausbau im gesamten Netzgebiet investiert werden. Davon erfolgten und erfolgen in Hüfingen gewisse Netzausbaumaßnahmen im Zuge der Sanierung der Schaffhauser Straße. Ein weiterer Investitionsanteil in einem mittleren fünfstelligen Betrag fließt noch in das Messwesen sowie in den Erhalt und die technische Optimierung von Regelund Verteilstationen. Energieversorgung Südbaar 97

 

 

 

„Als Energieversorger haben wir den Vorteil, dass wir ausschließlich Strom aus Wasserkraft beziehen. Und: Das Unternehmen investiert Geld in Maßnahmen um die CO2-Emissionen zu reduzieren.“ Edmund Martin Für den Geschäftsbereich der Wärmeversorgung sind über 500.000 Euro für die Sanierung der Heizzentralen eingeplant. Für den Schulcampus in Blumberg soll die Heizzentrale bei der Realschule auf den neuesten Stand gebracht werden, und die Wohnbebauung des Lauffenmühle-Areals wird an die Heizzentrale in der Leo-Wohleb-Straße angeschlossen. Bekenntnis zur Region Wichtig ist Beschäftigten wie Gesellschaftern das Bekenntnis zur Region, betont Edmund Martin. „Wir bemühen uns, so gut wie möglich in der Region einzukaufen.“ Thema Energiewende: Wo sieht der Geschäftsführer den Beitrag zum Umweltschutz? „Als Energieversorger haben wir den Vorteil, dass wir ausschließlich Strom aus Wasserkraft beziehen.“ Und: Das Unternehmen investiere Geld in Maßnahmen um die CO2-Emissionen zu reduzieren. Der Fuhrpark werde auf dem aktuellsten Stand mit kleinem Schadstoffausstoß gehalten und wo möglich auf Elektro-Autos umgestellt, so Edmund Martin, er selbst fahre auch ein Elektroauto. „Wir schauen, dass wir unnötige Fahrten vermeiden und Einsätze so koordinieren, dass sie benzinsparend sind.“ Im Büro seien sie auf Öko-Papier umgestiegen, achteten auf die Reduktion von Papier, Ziel sei das papierlose Büro. Durch gezielte Maßnahmen und Unterstützung verschiedenster Institutionen dieser Region soll zukünftig die Bindung zum örtlichen/regionalen Versorger wieder mehr in den Vordergrund gestellt werden und somit auch der Stellenwert und die Verantwortung des Energieversorgers. So erlebten Hüfingen und Bräunlingen die Entwicklung Die Nachbarstädte Hüfingen und Bräunlingen waren in die Entwicklung der Energieversorgung Südbaar mit einbezogen. Bräunlingens damaliger Bürgermeister Jürgen Guse, der ab 1. Januar 1986 insgesamt 32 Jahre im Amt war, war als Bürgermeister zugleich kaufmännischer Werkleiter der Stadtwerke Bräunlingen mit der Stromversorgung und der Wasserversorgung. Die esb lieferte Bräunlingen zwar Gas, im Strombereich gingen Bräunlingen und Hüfingen zunächst einen eigenen Weg und gründeten zusammen mit der EGT Triberg den Energiezweckverband Baar (EV Baar). Wegen der wirtschaftlich schwieriger werdenden Situation auf dem Strommarkt wurden letztlich Gespräche mit neuen vorstellbaren Partnern geführt, die dann mit der Energieversorgung Südbaar in Blumberg zum Erfolg führten. Diese neu formierte esb sei schlagkräftig genug im derzeitigen Wettbewerb, und ihr Versorgungsgebiet umfasst 25.000 Einwohner und damit eine ausreichende Anzahl an potenziellen Kunden, erklärt Jürgen Guse. Durch das Zusammengehen auf der Südbaar seien Synergieeffekte entstanden, die sich positiv auf die Wirtschaftlichkeit auswirkten. Jedoch gibt es immer mehr Eigenstromerzeugung durch Solaranlagen, und auch wegen der Windkraft verändert sich stetig der Strommarkt. Durch Eigenverbrauch der Solaranlagen werden weniger Strommengen durch die Netze geleitet und dadurch weniger Netznutzungsentgelte erzielt. Deshalb gehe man in der Strombranche davon aus, dass neue Geschäftsfelder Oben rechts: Alexander Wojda und Mike Baier (esb) bei Freileitungsarbeiten in Uttenhofen. Unten rechts: René Wurzer (esb) bei einer Leitungsinbetriebnahme im Neubaugebiet „Bregenberg“ in Bräunlingen. 98 Wirtschaft

 

 

 

Energieversorgung Südbaar 99

 

 

 

„Die esb ist das Gegenteil eines anonymen Großkonzerns. Bei der esb weiß ich, wer sich um mein Anliegen kümmert.“ Michael Kollmeier Bürgermeister Hüfi ngen „Gerade im stark regulierten Strommarkt, ist es wichtig, einen gut aufgestellten Regionalversorger zu haben.“ Markus Keller Bürgermeister Blumberg „Der Zusammenschluss der EV Baar mit der esb war ein richtiger Schritt, um am Markt weiterhin erfolgreich unterwegs zu sein.“ Micha Bächle Bürgermeister Bräunlingen „Auf der Südbaar gehen wir gemeinsam die Herausforderungen der Energiewende im Einklang mit dem Klimaschutz an.“ Dr. Jörg Reichert Vorsitzender der Geschäftsleitung der Energiedienst Holding AG kreiert werden müssen als Kompensation für andere wegfallende Einnahmen. Ähnliches erlebte Hüfingens damaliger Bürgermeister Anton Knapp, der ab 1989 im Amt war, die Entwicklung. Der Kontakt zur esb bestand bereits durch den Konzessionsvertrag seines Vorgängers Max Gilly für die Gasversorgung in Hüfingen. Die ersten Überlegungen, den zwischenzeitlich gegründeten Zweckverband der Stadtwerke Hüfingen und Bräunlingen mit der EGT Triberg aufzulösen und die beiden Stadtwerke für die Stromversorgung mit der esb zu fusionieren entstand wenige Jahre vor Ende seiner Amtszeit und der seines Kollegen Jürgen Guse. Um wirtschaftlich weiterhin erfolgreich zu sein, hätten sie sich mehrere Varianten überlegt und umgeschaut. Am Ende war für sie klar, dass die Fusion mit der esb die richtige Lösung ist. „Denn so war der Sachverstand und das Knowhow für diesen durchaus schwierigen Markt im völlig liberalisierten Umfeld gesichert.“ Und die kommunale Seite besaß die Mehrheit. Gesellschafter schätzen die Vorteile ihres gemeinsamen Unternehmens Für Blumbergs Bürgermeister Markus Keller ist die esb ein wichtiger Versorgungsbaustein: „Gerade im stark regulierten Strommarkt, ist es wichtig einen gut aufgestellten Regionalversorger zu haben. Gemeinsam mit Hüfi ngen, Bräunlingen und dem Energiedienst sind wir hervorragend für die Zukunft gerüstet. Kurze Wege für die Bürger und eine verlässliche Versorgung sind ein Segen für die Südbaar.“ Hüfingens Bürgermeister Michael Kollmeier betont: „Die esb ist das Gegenteil eines anonymen Großkonzerns. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens ein Fahrzeug der esb in Hüfingen und Umgebung sehe. Arbeiten am Stromnetz oder vor Ort beim Kunden nehme ich 100 100 Wirtschaft

 

 

 

Thomas Fuhrer (esb) bei Kontrollarbeiten in der Gasstation in Döggingen. oft wahr. Dann merke ich: Bei der esb weiß ich, wer sich um mein Anliegen kümmert. Die esb hat die letzten fünf Jahre genutzt, um zusammenzuwachsen. Besonders gefreut habe ich mich über den 3-Städte-Tarif der esb. Hier wird deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger in Hüfingen und der Südbaar bei der esb den richtigen Ansprechpartner finden.“ Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle bewertet die esb so: „Der Zusammenschluss der EV Baar mit Bräunlingen und Hüfingen mit der esb in Blumberg war ein richtiger Schritt, um am Markt weiterhin erfolgreich unterwegs zu sein. Die esb ist ein regionaler und lokal verankerter Energieversorger, dessen Wertschöpfung am Ende allen Bürgerinnen und Bürgern zu Gute kommt. Kurze Wege zum Kunden sind unser Vorteil. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Gemeinsam können wir mehr erreichen als alleine.“ Jörg Reichert, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Energiedienst Holding AG, würdigt das gemeinsame Unternehmen so: „Wir schätzen die esb und die Zusammenarbeit mit den Kommunen sehr. Die Bürgerinnen und Bürger haben ihre bekannten Ansprechpartner vor Ort und mit der Energiedienst Holding AG einen starken Energieversorger im Rücken. So gehen wir gemeinsam auf der Südbaar die Herausforderungen der Energiewende im Einklang mit dem Klimaschutz an.“ Energieversorgung Südbaar 101

 

 

 

GEBR. FALLER GMBH Die ganze Welt im Modellbaumaßstab Die Brüder Hermann und Edwin Faller aus Gütenbach haben vor 75 Jahren mit Baukästen den Grundstein dafür gelegt, dass sich heute jeder Modellbauer seine Welt zuhause nachbauen kann. von Roland Sprich 102 Wirtschaft

 

 

 

Wirtschaft 103

 

 

 

rem. Hermann, gelernter Mechaniker und technisch versiert, Edwin der eher kreative Typ, ergänzen sich in hervorragender Weise. Sie erinnern sich an ihre eigene Kindheit, in der sie von Baukästen fasziniert waren und sich stundenlang damit beschäftigen konnten. Sie entwickeln den Modellbaukasten „Marathon“, mit der Idee, aus vielfältig nutzbaren, einzelnen Bauteilen eine kleine Stadt aufzubauen. Aus Holz, das im Schwarzwald ja ausreichend vorhanden war und bedruckter Pappe wurden erste Häuser als Baukasten entwickelt. Die bereits detailreich bedruckten Wände konnten dank Rastersystem auch von kleinen Kinderhänden mühelos zusammengesteckt werden. Zu den ersten Modellen, verschiedenen Siedlungshäuschen, gesellten sich schnell weitere Häusermodelle. Bald gab es sogar eine Mühle mit angetriebenem Mühlrad und eine Kirche mit funktionierendem Geläut, dank der technischen Innovationskraft von Hermann, dem Tüftler, der zeitweise bei Bosch in Stuttgart arbeitete. In der kleinsten Gemeinde im Schwarzwald-Baar-Kreis, in Gütenbach, ist die Welt im Modellbaumaßstab zuhause. Hier ist der Stammsitz der Gebr. Faller GmbH. Und hier entstehen seit 75 Jahren Miniaturwelten, die die Herzen von Modelleisenbahnfans höher schlagen lassen. Die Produkte der Firma Faller lassen eine Modellbahnlandschaft erst richtig lebendig werden. Häuser und Landschaften, Figuren und seit 1988 auch selbst fahrende Fahrzeuge hauchen jeder Modellbahn Leben ein. Der eigenen Fantasie und den Wünschen der Gestalter setzen dabei höchstens der zur Verfügung stehende Platz und das Budget Grenzen. Die Brüder Edwin (oben) und Hermann Faller. Von Topfuntersetzern zum Modellbaukasten „Marathon“ Begonnen hat alles 1946. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, von aufstrebender Wirtschaft, geschweige denn einem Wirtschaftswunder ist noch lange nichts zu spüren. Edwin Faller, 32, und sein ein Jahr jüngerer Bruder Hermann, kehren wieder in ihren Heimatort Gütenbach zurück. Sie wollen gestalten, kreieren, mithelfen, die Wirtschaft anzukurbeln. Doch welche Produkte brauchen die Menschen jetzt am dringendsten? In der kleinen, in ihrem Elternhaus in der Gütenbacher Kreuzstraße eingerichteten, Werkstatt starten sie mit der Produktion von Kämmen und Topfuntersetzern, Alltagsgegenständen, die in jedem Haushalt gebraucht werden. Doch die beiden tüfteln an GrößeDie Währungsreform 1948 brachte für die junge Firma einen kurzen Knick in den Bilanzen. Das Unternehmen berappelte sich schnell und die Modellpalette wuchs. Ab der Präsentation auf der ersten Spielwarenmesse in Nürnberg spielte der maßstabsgetreue Modellbau eine Rolle. Die Gebäude wurden immer detailreicher und filigraner gefertigt. Erst durch die Gebäude und weiteres Zubehör erwachen die Modelleisenbahnanlagen der namhaften Hersteller, Märklin und Fleischmann, zum Leben. Zu Bahnhöfen und Stellwerken gesellten sich Häuschen und Kirchen, die der Mittelpunkt jeder Anlage wurden. Dazu Bäume und Streumaterial. 1953 bestand das Sortiment aus 90 Artikeln, darunter zehn Bahnhöfe. Als Mitte der 1950er-Jahre die ersten Kunststoffspritzgussmaschinen auf den Markt kommen, nutzen die Fallers diese neue Technik sofort für sich. Der erste Modellbaukasten „Marathon“ beeindruckte mit seinen vielfältig nutzbaren, einzelnen Bauteilen. 104 Wirtschaft

 

 

 

Es geht uns heute richtig gut. Die Entwicklung hat sich aber schon in den letzten Jahren abgezeichnet, weil es uns durch gute Kommunikation und spannende Produkte gelungen ist, verstärkt neue Kunden, besonders jüngere Familien und Wiedereinsteiger, zu gewinnen. Die Corona-Pandemie hat dieser Entwicklung zusätzliche Impulse gegeben. Horst Neidhard, Geschäftsführender Gesellschafter Von nun an konnten die Bauteile, die bisher in mühevoller Handarbeit gefertigt wurden, maschinell und somit zeitund kostensparender und in höherer Stückzahl produziert werden. Innerhalb weniger Jahre wurden die Modellbauhäuschen nunmehr komplett als Fertigbausatz hergestellt. Für den Konsumenten bedeutet dies einerseits Kostenersparnis. Andererseits kommt nun ein weiterer Spaßfaktor, nämlich der des Selbst-Zusammenbauens dazu. Daran hat sich bis heute nichts mehr verändert. Wer die Verpackung eines Faller-Bausatzes öffnet, bekommt alle Teile konfektioniert. Das können, je nach Modell mal ein paar Dutzend oder aber, wie beispielsweise bei dem des Klosters Bebenhausen, bis zu 1.500 EinzelHier, mitten in Gütenbach, steht das Werk der Firma Gebr. Faller GmbH, die seit 75 Jahren die ganze Welt im Modellbaumaßstab entstehen lässt. Gebr. Faller GmbH 105

 

 

 

teile sein, die der Modellbauer zunächst fein säuberlich von dem Kunststoffspritzling abtrennen muss. Modellbau – ein Hobby für Erwachsene Die Gemeinschaft der Modellbauer wächst seit einigen Jahren wieder stetig. Und ausgerechnet die CoronaPandemie hat den Effekt verstärkt. „Die Menschen hatten plötzlich wieder mehr Zeit, um sich entweder ihrem Hobby, das in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurde, wieder mehr zu widmen. Oder sich die Modellbahn als neues Hobby zuzulegen“, erklärt Francisco Hoyo von der Marketingabteilung des Unternehmens, der sich über die neue Klientel natürlich freut. Der typische Modellbaukunde von Faller ist 40 plus. Ein Alter, in dem die eigenen Kinder groß sind, und man beruflich gefestigt ist und einen Ausgleich zum Arbeitsalltag sucht. Modellbauer befinden sich übrigens in prominenter Gesellschaft. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat eine, der Sänger Rod Stewart ebenfalls. Beide sind bekennende Modelleisenbahnfans. Damit die Modelloberflächen heute so detailgetreu wie möglich hergestellt werden können, gibt es bei Faller fünf Mitarbeiter im Werkzeugbau, die die filigranen Werkzeuge herstellen. Das Kunststoffgranulat, das sich mit den Grundfarben zu bis zu tausend möglichen Farbvariationen mischen lässt, wird in der Spritzgussmaschine erwärmt und mit Druck in die Werkzeuge gepresst, am Ende kommen Seitenwände, Dächer, Fenster und alle anderen Komponenten heraus. „Wir haben etwa 15.000 Spritzwerkzeuge und Vorrichtungen“, verrät Christoph Spitz, Meister des Werkzeugbaus. „Wir haben etwa 15.000 Spritzwerkzeuge und Vorrichtungen“, verrät Christoph Spitz, Meister des Werkzeugbaus. „Neben unseren eigenen Ideen und Vorstellungen bekommen wir unglaublich viele Vorschläge und Anregungen von unseren Kunden“, so Manfred Danner, CAD-Konstrukteur und Modellbauermeister. Seit jeher gleicht es einem Ritterschlag, wenn Faller ein Objekt im Modellmaßstab nachbaut Heute besteht das Sortiment aus weit über 2.000 Produkten. Abgedeckt werden dabei jedwede vorstellbare Themenfelder. Modellbaufans können heute auf ihren Anlagen praktisch das gesamte gesellschaftliche Leben abbilden. Regionalund länderspezifisch ist dabei der Schwarzwaldhof mit Strohdach ebenso vertreten wie das hanseatische Speicherhaus, die holländische Mühle und der nordfriesische Leuchtturm. Und wer will, kann seine Modelleisenbahn durch verschiedene Epochen fahren lassen. Zudem lassen sich auch ganze Szenarien nachbauen, so gibt es das brennende Finanzamt ebenso wie eine komplette Kirmes. Die Detailverliebtheit der Konstrukteure lässt einen den Duft von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte direkt erahnen. Woher kommen die Ideen für die Modelle und welche Arbeitsprozesse müssen durchlaufen werden, ehe ein neues Produkt überhaupt auf den Markt kommt? Das verrät Manfred Danner CAD-Konstrukteur und Modellbauermeister. „Neben unseren eigenen Ideen und Vorstellungen bekommen wir unglaublich viele Vorschläge und Anregungen von unseren Kunden“, sagt er. Aus diesem Ideenpool werde geschaut, in welches Themenfeld das passen könnte und ob es sich realisieren lässt. Dann geht es an die eigentliche Arbeit. Wo es möglich ist, werden bei öffentlichen und historischen Gebäuden 106 Wirtschaft

 

 

 

Originalzeichnungen und Grundrisspläne organisiert. Das funktioniert meist problemlos. „Wir werden in den allermeisten Fällen sehr gut unterstützt. Schließlich ist jede Behörde und jedes Unternehmen stolz, wenn wir ihr Gebäude als Modell nachbauen wollen“, sagt Danner. Seit jeher gleicht es einem Ritterschlag, wenn Faller ein Objekt für geeignet erachtet, im Modellmaßstab nachgebaut zu werden. Aus den zur Verfügung stehenden Skizzen und Plänen und jeder Menge Fotomaterial und Internetrecherchen fertigen die Konstrukteure dann Oben: Manfred Danner ist CAD-Konstrukteur und Modellbauermeister bei der Firma Faller. Aus den vielen Vorschlägen von Kunden und den Ideen aus eigenen Reihen werden neue Modelle mit Hilfe von Originalzeichnungen und Fotos zunächst am Rechner entworfen. Unten links: Aus Granulat, das in schier unendlich viele Farben eingefärbt werden kann, werden die Spritzgussteile hergestellt. Unten rechts: Ein Mitarbeiter der Kunststoffspritzerei begutachtet ein fertiges Teil, das aus der Spritzgussmaschine kommt. Gebr. Faller GmbH 107

 

 

 

eine CAD-Zeichnung an, die auf den jeweiligen Modellbaumaßstab, beispielsweise für H0 in den Maßstab 1:87 umgerechnet wird. Danach werden die Werkzeuge angefertigt und dann laufen die Spritzgussdruckmaschinen auf Hochtouren. Schon bald ist das fertige Modell tausendfach erhältlich. Dieser Vorgang dauert, je nach Größe und Aufwand, zwischen einigen Tagen und mehreren Monaten. So wie beim Schloss Bran, dem Jubiläumsmodell, das Faller anlässlich seines 75-jährigen Bestehens als exklusive Sonderedition aufgelegt hat und das erst seit Herbst 2021 erhältlich ist. Das „Dracula-Schloss“ steht im Original in Siebenbürgen und besteht aus 1.100 Einzelteilen. „Früher hätte jemand extra eine Reise dorthin unternehmen müssen und das Schloss und alle Details aus allen Blickwinkeln fotografieren müssen. Heute reicht ein Blick ins Internet“, erzählt Danner, Andreas Reinbold ist Schauanlagengestalter. Er erzeugt mit Landschaften, Vegetation, Menschund Tierfiguren und viel Zubehör den Effekt, der beim Betrachter die Vorstellung auslöst, wie das Modell auf der Anlage wirkt. wie die Arbeit für den detailgenauen Modellbau um einiges einfacher geworden ist. Auch das eigene Haus kann mittels 3D-Druck im Modell eingebettet werden Überhaupt nutzt Faller die modernen Technologien für den Bau seiner Modelle. Wer auf seiner Modellbahnanlage als Gag sein eigenes Wohnhaus platzieren möchte, kann dies tun, dem modernen 3D-Druck sei Dank. Er muss seine Daten nur übermitteln und erhält sein Haus kurze Zeit später als 3D-Druck. Die Züge sind heute längst nicht das einzige, das auf Modellbahnanlagen fährt. Mit dem Car System hat Faller schon vor Jahren ein System entwickelt, mit dem auch Fahrzeuge auf den Straßen selbständig unterwegs sind. Heute bewegen sich Lastwagen, Omnibusse, Feuerwehrfahrzeuge und Vieles mehr digital gesteuert. Inklusive Lichtund Soundfunktionen wie Fahrund Bremslichter, Blinker, Hupe. Bei Einsatzfahrzeugen ertönt sogar das Martinshorn. Damit ein neues Modell im Gesamtkatalog, der inzwischen mehr als 500 Seiten umfasst, nicht nur 108 Wirtschaft

 

 

 

Oben: Auf den Modellbahnanlagen werden die unterschiedlichsten Themenbereiche abgedeckt. Hier ein Containerterminal für eine Hafenlandschaft. Mitte und unten: Mit dem Car System hat Faller schon vor Jahren ein System entwickelt, mit dem Fahrzeuge selbstständig auf den Straßen unterwegs sind. als nüchterner Gegenstand dargestellt wird, betten Landschaftsbauer das Modell in die jeweilige Umgebung ein. Dafür ist unter anderem Andreas Reinbold verantwortlich. Der Schauanlagengestalter erzeugt mit Landschaften, Vegetation, Menschund Tierfiguren und viel Zubehör den Effekt, der beim Betrachter die Vorstellung auslöst, wie das Modell auf der Anlage wirkt. Nach einem dunklen Kapitel der Firmengeschichte 2009, als das Unternehmen Insolvenz anmelden musste, sich aber schnell erholte, ist Faller im Jubiläumsjahr zu seinem 75-jährigen Bestehen sehr erfolgreich. Gefeiert werden konnte das 75-jährige Firmenjubiläum bisher noch nicht. Über Besuch freuen sich die Mitarbeiter dennoch. In der Ausstellung von Faller Miniaturwelten können Besucher die Neuheiten bestaunen und sehen, was ihnen zur Optimierung ihrer eigenen Anlage noch fehlt. Und mit Hilfe der Modellbauprofis ihre Wunschwelt im Maßstab 1:87, N, Z oder im Gartenbahnmaßstab verwirklichen. Gebr. Faller GmbH 109

 

 

 

WAHL Führender Global Player der Haarschneide technik von Wilfried Dold und Elke Reinauer 80 3. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

Die WAHL GmbH ist als weltweit führender Spezialist für Haarschneidemaschinen mit ihren Produkten in 70 Ländern der Welt vertreten. Das Unternehmen beschäftigt am Standort Unterkirnach über 270 Mitarbeiter, macht mehr als 80 Mio Euro Umsatz und steht im 75. Jubiläumsjahr der früheren MOSER GmbH vor grundlegenden Veränderungen: WAHL siedelt von Unterkirnach nach Peterzell über, wo unmittelbar an der B 33 für einen zweistelligen Millionenbetrag ein großzügig dimensionierter, architektonisch gelungener Neubau mit einem Produktions-, Büround Logistikgebäude entsteht. „Der Umzug ist ein klares Bekenntnis von WAHL zum Standort Schwarzwald und zur Schwarzwälder Handwerkskunst“, unterstreichen die Geschäftsführer Jörg Burger und Gökhan Yilmaz. Kuno Moser gründete seine Firma 1946 in Unterkirnach und stieg mit seinen innovativen Haarschneidemaschinen zum Marktführer in Europa auf. 1996 wird MOSER im Zuge einer Nachfolgeregelung von der amerikanischen WAHL Clipper Corporation, mit Sitz in Sterling/Illinois übernommen. Die Produkte der Marke MOSER werden bis heute weltweit erfolgreich vertrieben. Ebenso die Tierhaarschneidemaschinen für Haus und Großtiere. 81

 

 

 

Kernkompetenz: Innovative Schneidsatz-Technologie Ein leises Klicken, ein sonores Surren, und schon kann es losgehen: Die Haarschneidemaschine läuft und summt leise in der Hand des Friseurs. Der Kunde sitzt entspannt im Salon, der Apparat wird angesetzt zum perfekten Schnitt, exakten Trimm oder zur kunstvollen Frisur. Welch intensive Entwicklungs arbeit, hochwertige Technologie und Präzision in diesen kleinen Maschinen steckt, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Die MOSER-Maschinen sind Hightech-Produkte der Fein mechanik und Mikroelek tronik, vereinen als klassische mechatronische Pro dukte zwei Welten in sich. Hergestellt werden sie teils voll-, teils halbautomatisch – es wird in Unter kirnach gestanzt, geschliffen, geschärft und montiert. Die technologische Kompetenz von WAHL ist herausragend. Wer an der Weltspitze der Haar schneide technik steht und sich diese Position dauerhaft Die Produkte von MOSER zeichnen sich besonders durch den Schneidsatz aus, in dem die geballte Kompetenz des Unternehmens steckt. Die Präzisionsschneidsätze „Made in Germany“ sind für sämtliche Anforderungen des Friseur alltages entwickelt. Ob kurzes Haar, sanfte Übergänge und Übergänge ins längere Haar über Kamm, den Anforderungen der Profis wird in vollem Umfang Rechnung getragen. Der Schneidsatz ist die Kernkompetenz des Unternehmens – das ist echte Schwarzwälder Handwerkskunst, betonen die Geschäftsführer Gökhan Yilmaz und Jörg Burger. Die Schneidsätze fertigt die WAHL GmbH ausschließlich in Unterkirnach. sichern will, der muss stetig forschen und entwickeln. Das fängt bei der Lautstärke und dem Klang des Rasiergeräusches an. Aber auch wie die Maschine in der Hand liegt, wie oft sie anund ausgeschaltet wird oder wie lange ihr Akku durchhält, sind Aspekte, die wie selbstverständlich in die Entwicklungsarbeit einfl ießen. Im Mittelpunkt von Entwicklung und Fertigung steht der Schneidsatz. „Er ist die Kernkompetenz des Unternehmens. Unsere Schneidsätze sind kleine technologische Meisterwerke und echte Schwarzwälder Handwerkskunst“, betonen die Geschäftsführer Gökhan Yilmaz und Jörg Burger. Die Schneidsätze fertigt die WAHL GmbH ausschließlich in Unterkirnach. Bei deren Herstellung triff t vollautomatische Hightech-Produktion auf präzise Handarbeit und am Ende stehen strenge Qualitätskontrollen. Das WAHL-Portfolio umfasst über 30 Produktgruppen an Haarschneidesowie mehr als zehn an Tierhaarschneidemaschinen – und es gibt zudem zahlreiche Varianten. Diese Vielfalt wird weltweit nachgefragt, die Haarschneidemaschinen aus Unterkirnach haben einen Siegeszug in 70 Ländern angetreten. Den größten Umsatzanteil macht dabei der Mittlere Osten aus, gefolgt von Russland, Deutschland sowie Spanien, Italien und Frankreich. Neben Produkten der Marke MOSER, die in Unterkirnach produziert werden, vertreibt das Unternehmen auch die in den USA gefertigten Haarschneidemaschinen der Marke WAHL. 82 Wirtschaft

 

 

 

Die Geschäftsführer Jörg Burger und Gökhan Yilmaz (rechts). 1946 gegründet – Mit innovativen Haarschneidemaschinen zum Erfolg Ingenieur Kuno Moser trägt sein Unternehmen zum Jahresende 1946 ins Villinger Handelsregister ein, vorher war es als Wolfgang Blessing KG 1938 gegründet worden. Der gebürtige Unterkirnacher war gelernter Feinmechaniker und Absolvent der Technischen Hochschule Berlin. Im Nachkriegswinter 1946/47 setzt er unter schwierigsten Bedingungen die Produktionsbaracken in Unterkirnach instand. Bald kann Kuno Moser wieder Drehteile, Mikrometer, Zerstäuber, Feuerzeuge oder andere im Nachkriegsdeutschland dringend benötigte Produkte herstellen. Die Belegschaft wächst rasch auf 20 Mitarbeiter. Mit der Ausrichtung auf elektrische Rasierapparate und Haarschneidegeräte findet MOSER jetzt seine Erfolgslinie: Ab 1956 produziert der Ingenieur erste Rasierapparate und ab 1959 startet bei MOSER die Entwicklung und Herstellung professioneller WAHL GmbH 83

 

 

 

Wegweisend ist die 1972 begonnene Zusammenarbeit mit dem Versandhaus Quelle. MOSER wird zum Synonym für Haarschneidemaschinen. Haarschneidemaschinen. Das erste Modell trägt die Bezeichnung „Famos“ als Abkürzung für „Firma Moser“. Zugleich erweitert Moser sein Produktsortiment in den 1960er-Jahren durch die Herstellung von elektrischen Zahnbürsten und Massagegeräten. Produziert werden diese Produkte in einem Neubau am Unterkirnacher Roggenbachweg, in den das Unternehmen 1957 umzieht. Ab Mitte der 1960er-Jahre sind 150 Menschen bei MOSER beschäftigt. In diese Expansionsphase fällt der Rückzug des Unternehmensgründers: 1966 erwirbt die Familie Ebner aus St. Georgen die MOSER GmbH. Der unternehmerische Erfolg hat auch vielfache bauliche Auswirkungen auf den Produktionsstandort in Unterkirnach. Während des Booms der 1970er-Jahre erfolgen mehrere Erweiterungsbauten, 1981 dann entsteht der Fabrikneubau am Unterkirnacher Ortseingang. Von 1966 1994 liegt die Geschäftsführung in den Händen von Dipl. Ingenieur Albert Ebner. Zahlreiche Patente sichern dem Unternehmen eine hervorragende Marktposition. Unter der Regie von Albert Ebner beginnt u.a. die kabellose Arbeit im Friseursalon, der Akku-Betrieb der Geräte stellt ab 1970 eine grundlegende Erleichterung im Alltag der Friseure dar. Wegweisend auch die 1972 begonnene Zusammenarbeit mit dem Versandhaus Quelle. MOSER wird zum Synonym für Haarschneidemaschinen. Weitere Innovationen folgen – bis hin zum Lockenstab ZeeCurl. Mit Einführung der MOSER Animallinie erweitert die Unterkirnacher Firma 1975 ihr Sortiment um Schneidemaschinen für die Fellpflege von Tieren. 1985 beschäftigte MOSER bereits 280 Mitarbeiter – der Erfolg der professionellen Haarschneidegeräte und der Tierhaarschneidemaschinen hält an. Die Firmengründer Kuno Moser (1910 1975). Produktion bei MOSER in den 1970er-Jahren. stetige Aufwärtsentwicklung führte 1993 weiter zum Aufbau einer zweiten Produktionsstätte in Mosonmagyarovar/Ungarn. Die Geschichte der Kuno Moser GmbH ist aber auch eine tragische: Der Gründer Kuno Moser stirbt im Juni 1975 bei einem Flugzeugunfall. Ein halbes Jahr zuvor hatte ihm die Gemeinde Unterkirnach aufgrund seiner großen Verdienste um die Entwicklung des Ortes die Ehrenbürgerschaft verliehen. Eine Konsequenz der Internationalisierungsstrategie und der Nachfolgeregelung im Unterneh84 Wirtschaft

 

 

 

men ist 1996 schließlich der Zusammenschluss mit der amerikanischen WAHL Clipper Corporation, dem weltweit führenden Hersteller von Haarschneidemaschinen mit Sitz in Sterling, USA. 1996 übernimmt Greg Wahl aus der dritten Generation die Unternehmensleitung der Corporation, ihm folgt im Sommer 2019 Brian Wahl nach. Im Jahr 2002 firmierte das Unternehmen schließlich in WAHL GmbH um. MOSER 1400 – eine ganz besondere Erfolgsgeschichte Die Erfolgsgeschichte der WAHL GmbH hängt mit einem Produkt ganz besonders zusammen: der MOSER 1400 Haarschneidemaschine. Seit 1962 wurden von ihr in mehr als 100 Ländern der Erde insgesamt über 50 Millionen Stück verkauft! Pro Woche fertigt WAHL am Standort Unterkirnach etwa 40.000 Haarschneidemaschinen dieses Typs. Die Schneidsätze ermöglichen bis zu acht verschiedene Schnitttechniken. Den Klassiker schlechthin gibt es auch als 1400 Mini, als perfekten Trimmer. Die Geschäftsführer Gökhan Yilmaz und Jörg Burger: „Seit bald 60 Jahren steht dieses Erfolgsprodukt für unsere außergewöhnliche Qualität, für „Made in Germany“. Wir sind eine der wenigen Firmen, die solche Geräte noch in Deutschland herstellen.“ Auch darauf ist man bei WAHL besonders stolz, so die Geschäftsführer weiter. Das markante Design der MOSER 1400 betone die Langlebigkeit der Maschine. Ihre klassische, charakteristische Form sei seit 1962 unverändert. „Technisch allerdings bringen wir unseren Bestseller permanent auf den neuesten Stand“, so Jörg Burger. 75-jähriges Bestehen der Marke MOSER 2021 feierte WAHL das 75-jährige Bestehen der Marke MOSER. Dazu gab es – neben einem eigens kreierten Jubiläumslogo, diversen Werbematerialien und einer Social-Media-Kampagne – einen neuen Imagefilm, der die Entwicklung von der Gründung bis hin zur Positionierung als Innovationsführer aufzeigt. Das Jubiläum war mit viel Innovation verbunden – für die Friseurbranche entwickelte das Unternehmen eine neue Haarschneidemaschine. Ihr Name KUNO ist eine Hommage an den Firmengründer Kuno Moser. Zudem präsentierte MOSER die Die Schneidemaschine MOSER 1400. Von der Haarschneidemaschine wurden weltweit bereits über 50 Millionen Stück verkauft. WAHL GmbH 85

 

 

 

Modernes Hairstyling als Inspiration für Friseure – präsentiert von MOSER zum 75-jährigen Bestehen. Trendkollektion „ROOTS“, die auf noch nie da gewesene Weise kreative Haarstylings mit High Fashion, zeitgenössischer Kunst und traditionellen Elementen des Schwarzwaldes verbindet. Als Inspiration für Friseure wurden insgesamt neun kreative Looks gezeigt. Mehr als nur Haareschneiden Für Frauen ist der Friseurbesuch schon lange ein Wohlfühlerlebnis. Doch auch immer mehr Männer genießen eine Auszeit im Barbershop. „Da kann man schon mal eineinhalb Stunden verbringen“, weiß Geschäftsführer Gökhan Yilmaz. Jörg Burger fügt hinzu: „Dort sind Männer unter sich und lassen sich nicht nur einfach die Haare schneiden, sondern genießen nebenbei vielleicht noch ein Glas Whiskey und gute Gespräche.“ Die beiden Geschäftsführer besuchen selbst regelmäßig den Barbier. Aus den Social-Media Kanälen erfuhr Gökhan Yilmaz, dass sich einige Barbiere den Schriftzug WAHL als Tattoo stechen lassen. „Dass unsere Maschinen eine solche Begeisterung auslösen, freut uns“, so Yilmaz. Nicht nur das Handwerk wird von den Friseuren und Barbieren in Ehren gehalten, sondern ebenso das perfekte Handwerkszeug, das WAHL liefert. Eine ganze Szene samt Lifestyle entwickelte sich inzwischen um die Barbershops. Nicht nur das Handwerk wird von den Friseuren und Barbieren in Ehren gehalten, sondern ebenso das perfekte Handwerkszeug, das WAHL liefert. Jahrzehntelanges Wissen und Handwerkskunst stecken in den Produkten. Präzision, Liebe zum Detail und stetige Forschung sowie Austausch mit den Kunden machen die Haarschneidemaschinen einzigartig und begehrt bei Barbieren und Friseuren. 86 Wirtschaft

 

 

 

Leo J. Wahl: Erfinder der Haarschneidemaschine 1996 wurde die Kuno Moser GmbH im Rahmen einer Nachfolgeregelung von der WAHL Clipper Cooperation übernommen und ist seitdem eine Marke der Firma WAHL. Damit fanden zwei Pioniere der Fertigung von Haarschneidemaschinen zusammen: Leo J. Wahl erfand im Jahr 1919 die erste elektrische Leo J. Wahl Haarschneidemaschine in den USA. Diese entstand aus einem Massagegerät mit Elektromotor heraus, das der Erfi nder für seinen Onkel J. Frank Wahl entwickelt hatte. Die Geräte verkaufte Leo an Friseurläden und stellte dabei fest, dass man mit solch einem Motor auch Friseurwerkzeuge verbessern könnte – und erfand die elektrische Haarschneidemaschine. WAHL gründete in Sterling in den USA die Wahl Clipper Corporation. Sofort brachte die begehrte Haarschneidemaschine dem noch jungen Unternehmen viel Anerkennung und große Erfolge ein. Im Jahr 1925 folgte eine Weiterentwicklung: das Modell 89. Sie war das Vorgängermodell einer der später am besten verkauften Haarschneidemaschinen weltweit – des WAHL SUPER TAPER. Sogar bis ins All schafften es die Modelle der Firma WAHL: Die Haarschneidemaschinen von WAHL sind weltweit in den Friseursalons und Barbershops zu finden. Unten: Imposante Serie an WAHL-Haarschneidemaschinen. 2005 wurde eine von der NASA zertifi zierte Haarschneidemaschine für Raumfl üge hergestellt. Die Produkte der Firma WAHL werden hauptsächlich in den USA produziert, die der Marke MOSER im Schwarzwald. Pro Jahr kommen neue Maschinen und Produkte in verschiedenen Designs dazu. WAHL Clipper Corporation beschäftigt über 3.500 Mitarbeiter. Die Firmengruppe befi ndet sich bereits in der vierten Generation in Privatbesitz. 87

 

 

 

Fellpflege wird zum Kinderspiel mit den Tierschermaschinen von MOSER Animal. Kundennähe im Fokus – MOSER Animal Kontinuierliche Verbesserung ist seit der Gründung von MOSER ein Schwerpunkt der Firmenphilosophie. „Früher waren wir ein klassischer Hersteller: Wir haben produziert, verpackt, und unser Produkt auf den Markt gebracht“, blicken die Geschäftsführer zurück. Jetzt beschäftige man sich noch unmittelbarer mit den Bedürfnissen der Anwender. Was benötigen sie, was ist ihnen wichtig? Fellpflege wird zum Kinderspiel mit den Tierschermaschinen von MOSER Dreimal schon wurden MOSER Animal-Produkte von den Verbrauchern aus über 1.000 Marken zur „Nr. 1“ gewählt. Die ganze Vielfalt an Möglichkeiten der Tierpflege bietet MOSER seit nahezu einem halben Jahrhundert – egal ob es um Hundepfoten oder Pferde geht. 88 Wirtschaft

 

 

 

Animal. Die ganze Vielfalt an Möglichkeiten der Fellpflege bietet MOSER seit nahezu einem halben Jahrhundert. Die fachmännische Begleitung bzw. Anleitung der Fellpflege zu Hause ist heutzutage ein wichtiger Bestandteil für die Kunden und macht MOSER Animal zum vertrauensvollen Partner bei der Fellpflege zu Hause. Dreimal schon wurden MOSER Animal-Produkte von den 100.000 Verbrauchern aus über 1.000 Marken zur „Nr. 1“ gewählt. Bei der Erörterung dieser Fragestellungen entdeckte die MOSER GmbH weitere Wachstumschancen für die in den 1970er-Jahren begründete MOSER Animalline. In diesem Segment geht es in erster Linie um die Gesundheit von Haut und Fell der Tiere. MOSER entwickelte sich aufgrund der hohen Produktqualität zum Marktführer in Europa, so Jörg Burger. Durch die Coronapandemie sei die Nachfrage noch gestiegen, unterstreicht Gökhan Yilmaz, da sich viele Menschen ein Haustier zulegten. Die Corona-Situation zwang das Unterkirnacher Unternehmen zu einer noch intensiveren Onlinepräsenz – auch was die Produkte für die Tierpflege anbelangt. Die Online-Kurse zur richtigen Handhabung der Tierschermaschinen fanden einen enormen Zuspruch, der Informationsbedarf erwies sich als groß. Worauf man achten muss, wenn man das Fell seines Lieblings schert und wie man es richtig pflegt, zeigen zahlreiche Videos des firmeneigenen Youtube-Kanals. Gökhan Yilmaz: „Weltweit vertrauen Haustierbesitzer auf die Marke MOSER Animal, denn sie wissen: Hier ziept nichts, die Schur ist sicher in der Handhabung und MOSER hat für jede Anwendung sowie Felltyp eine sanfte Lösung.“ Produkte wie die MOSER Schermaschine Rex sind dabei der Klassiker schlechthin. Den hohen Stellenwert der Produkte dokumentiert die Auszeichnung „Brand of the Year“ beim Wettbewerb des World Branding Forum (WBF), einer globalen Non-Profit Organisation. Das Engagement für mehr Tierschutz gehört wie selbstverständlich gleichfalls dazu. Sei es zur Unterstützung des Rottweiler Tierheims bei der Auflösung einer illegalen Zuchtstation oder einer großzügigen Spende an den Nothilfefond des deutschen Tierschutzbundes in Höhe von 7.500 Euro anlässlich des 75-jährigen Bestehens von MOSER. Neben den Produkten für die Fellpflege zu Hause, liefert WAHL unter der Marke WAHL Professional Pet auch Lösungen für den professionellen Gebrauch, Präzise und elegant Vorbei sind die Zeiten, in denen Maschinen nur als ergänzende Rasiertools zum Einsatz kamen. Die neuen Modelle von MOSER wie die LIPRO2, CHROM2STYLE BLENDING EDITION und GENIOPRO spielen in einer höheren Liga. Sie verfügen über Präzisionsund Variationsmerkmale, die sie zu einem schönen und eleganten Werkzeug im Friseursalon werden lassen. Denn sie sind extrem genau in ihren Schnitttechniken. Der CORDLESS DETAILER Ins Portfolio der Five Star Serie von WAHL gehört außerdem der Trimmer CORDLESS DETAILER LI. Dank der sehr starken Lithium-Ionen-Batterie ist der neue CORDLESS DETAILER noch stärker als die klassische Version und rasiert mit einer sehr hohen Drehzahl. Die Haarschneidemaschine ist ideal für hautnahe Konturen und Detailarbeiten wie exakte, klare Linien. Haartrockner, Lockenstäbe und Glätteisen Auch Styling-Tools wie z. B. Haartrockner, Lockenstäbe und Glätteisen werden von MOSER produziert und vertrieben und finden immer mehr Absatz. Zum Beispiel der Haartrockner VENTUS PRO. WAHL GmbH 89

 

 

 

z. B. im Hundesalon oder in der Tierarztpraxis. Nicht nur Hunde und andere Heimtiere können mit Maschinen der WAHL GmbH gepflegt werden. Unter der Marke WAHL Professional werden – gemeinsam mit der Schwesterfirma Lister Shearing Equipment Ltd. aus Großbritannien – auch Fellpflegeprodukte für Großtiere, also Pferde, Ponys und Rinder, angeboten. Dabei ist der Anspruch, für möglichst viele Einsatzbereiche die optimale Lösung zu bieten: Für Hobbyund Profi-Anwender, für Detailbis zur Vollschur, für Pferd oder Rind. Abgerundet wird die Produktpalette mit Bürsten und Shampoos, um das gesamte Spektrum der Fellpflege abzudecken. Der Umzug nach Peterzell ist ein klares Bekenntnis von WAHL zum Standort Deutschland – und somit auch zum Schwarzwald. Jörg Burger und Gökhan Yilmaz „Wir bieten einen 360-Grad-Ansatz“ Man verkaufe mehr als eine Maschine, nämlich Emotion, ein Lebensgefühl. Kundennähe hat für die beiden Geschäftsführer deshalb in jeder Hinsicht eine hohe Priorität. „Sie war ein entscheidender Schritt, um die Marke voranzutreiben“, so Gökhan Yilmaz. „Wir bieten einen 360-Grad-Ansatz“, ergänzt Jörg Burger. Vom Kunden zur Entwicklung bis zum Service. „Bei uns bekommt man auch jemanden ans Telefon, wenn man Beratung oder Hilfe braucht.“ Der 360-Grad-Ansatz eröffne viele Möglichkeiten, sowie einen Reparaturservice für die Haarschneidemaschinen. Nachhaltigkeit: Wo immer möglich, die Verschwendung von Ressourcen vermeiden Ein wichtiges Thema ist Nachhaltigkeit. Wie kann man die Produkte umweltschonend verpacken? an der B ²² in Peterzell ca. ³´ Monate Standort: Bauzeit: Nutzfläche: ³².µ¶¶ m² davon: ³¶.¶¶¶ m² Produktion ².µ¶¶ m² Verwaltung 90 Wirtschaft

 

 

 

Jedes Detail ist bedacht – die Geschäftsführer Jörg Burger und Gökhan Yilmaz auf der Baustelle. Unten: Der WAHL-Standort in Peterzell, vorne die Produktion, hinten das Verwaltungsgebäude. 91

 

 

 

Blick in die hochmoderne Produktion. Umweltaspekte und Produktsicherheit sind bereits ein Bestandteil des Produktentwicklungsund Herstellungsprozesses. Deshalb wird für den gesamten Produktlebenszyklus, von der Herstellung bis zur Entsorgung, eine bediensichere und umweltverträgliche Lösung angestrebt. Das große Ziel dabei ist, die Verschwendung von Ressourcen zu vermeiden und wo immer möglich der Umweltverträglichkeit die höchste Priorität einzuräumen. „Bekenntnis zum Standort Schwarzwald“ Seit 1946 wird in Unterkirnach produziert, nun steht der Umzug nach Peterzell an – ein Meilenstein der Firmengeschichte. In Unterkirnach, wo sowohl Entwicklung und Produktion als auch Vertrieb und Service ihren Sitz haben, platzt das Raumangebot seit Jahren aus allen Nähten. Da an diesem Standort nicht erweitert werden kann, entschied sich WAHL für den Neubau in Peterzell. Jörg Burger: „Der Umzug nach Peterzell ist ein klares Bekenntnis von WAHL zum Standort Deutschland – und somit auch zum Schwarzwald.“ Gökhan Yilmaz: „Es war ein riesiger Erfolg, den Mutterkonzern vom neuen Standort zu überzeugen. Wir werten diese Entscheidung als großen Vertrauensbeweis.“ Inzwischen verfügt der Mutterkonzern auf jedem Kontinent über einen Standort. Es wird international produziert, von China über Vietnam bis in die USA – und nun auch ab April 2022 in Peterzell. Das bisherige Gebäudegeflecht wird in Peterzell auf einen Standort konzentriert. Die Produktionsund Logistikbereiche umfassen rund 10.000 m¸, der Verwaltung bietet das neue Gebäude 3.700 m¸. Es entsteht eine moderne Arbeitswelt, die den Anforderungen von Produktion und Verwaltung ideal entspricht. Gökhan Yilmaz und Jörg Burger: „Eines der obersten Ziele ist es, die Prozesse so schlank und optimal wie nur möglich zu gestalten. Dies gilt vor allem für unseren Materialfluss.“ Weiter werden zeitgemäße Seminarund Aufenthaltsräume realisiert. Eine moderne, funktionale Architektur krönt das Ganze. Und selbstverständlich: Bei WAHL wurde auf eine energieeffiziente Bauweise geachtet, die den allermodernsten Standards entspricht. 92 Wirtschaft

 

 

 

ROOTS Collection 2021 zum Jubiläum: 75 Jahre MOSER – Black Forest trifft auf High Fashion und Gegenwartskunst. „The WAHL Way“ Der Umzug nach Peterzell verbessert nicht nur die Arbeitsabläufe – er optimiert auch das tägliche Miteinander. Den 270 Mitarbeitern und vier Auszubildenden etwas zu bieten, ist Teil der Firmenphilosophie. Diese ist mit „The WAHL Way“ überschrieben. Jörg Burger: „Werte wie Respekt und Familie sind sehr wichtig. Wir kümmern uns um die Mitarbeiter und deren individuelle Situation“. Auch das Essen in der Kantine sei den Mitarbeitern wichtig und habe gerade auf dem Land einen hohen Stellenwert. „Wir waren überrascht, wie wichtig den Beschäftigten die Kantine ist“, so die Geschäftsführer. Das Essen fördert das Gemeinschaftsgefühl, ebenso wie Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern. Umzug im Frühjahr 2022 Nach einer Bauzeit von wahrscheinlich 18 Monaten ist es voraussichtlich im 1. Quartal 2022 geschafft: Die Firma WAHL zieht um! „Wir freuen uns“, so Jörg Burger und Gökhan Yilmaz, „über die neue wunderbare Lage, die optimierten Fertigungs-, Logistikund administrativen Abläufe und die damit verbundene Zukunftssicherheit“. Die Geschäftsführer zeigen sich überzeugt, mit dieser Investition für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein und die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb nochmals zu erhöhen. Ein positives und gesundes Arbeitsumfeld, das gleichzeitig wettbewerbsfähig ist, sei der WAHL GmbH schon immer besonders wichtig gewesen, unterstreichen sie mit Nachdruck. WAHL will die Gemeinde Unterkirnach dabei unterstützen, die verlassenen Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen. Für Unterkirnach selbst ist der Weggang von WAHL ein herber Verlust. Die Geschäftsführer betonen, Lösungsansätze hierzu würden in enger Abstimmung gemeinsam erarbeitet. Jörg Burger: „Wir haben uns in all den Jahren dort sehr wohl gefühlt und fühlen uns mit Unterkirnach weiterhin eng verbunden“. Jetzt aber bricht WAHL zu neuen Ufern auf: Die Möglichkeiten in Peterzell werden die Unternehmensentwicklung förmlich beflügeln, blicken die Verantwortlichen voller Optimismus in die Zukunft. WAHL GmbH 93

 

 

 

110 4. Kapitel – Villingen-Schwenningen

 

 

 

VILLINGENSCHWENNINGEN: JAHRE IM ZEICHEN DES BINDESTRICHS Eine (kritische) Bestandsaufnahme einer nicht immer einfachen Städteehe 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs von Dieter Wacker 111

 

 

 

Weder wurden Ringe getauscht, noch küssten sich Braut und Bräutigam, wobei auch gar nicht klar war, wer für welchen Part eigentlich stand. Nein, es war keine Liebesheirat, die da an einem eiskalten 1. Januar 1972 vollzogen wurde. Die Ringe wurden durch einen gewöhnlichen Bindestrich ersetzt und eine Frage ist bis zum heutigen Tag nicht so richtig beantwortet: Kam es damals zu einer Zwangsehe oder eher zu einer Zweckehe? Vermutlich von beidem etwas. Die Gründe waren vielfältig, weshalb in den 1970er-Jahren Landesund Kommunalpolitiker und dann in letzter Instanz die Bürgerinnen und Bürger an der Wahlurne, für eine Fusion der bis dahin eigenständigen Städte Villingen und Schwenningen gestimmt haben. Tatsache ist jedenfalls, die Ehe hält bis zum heutigen Tag und kein Mensch käme auf die Idee, an dem Status quo zu rütteln. Dennoch war der Weg in den zurückliegenden 50 Jahren ein durchaus steiniger. Aber vielleicht gerade deshalb kann VS, das mit diesem Kürzel auf den Autokennzeichen einen ganzen Landkreis repräsentiert, nicht unbedingt mit großem Stolz, aber zumindest mit einer gehörigen Portion Respekt auf das zurückschauen, was sich in fünf Jahrzehnten so getan hat im Zeichen des Bindestrichs. Zwei Königskinder waren es gewiss nicht, sonst wären sie damals nicht zusammengekommen. Die Fusion von Villingen und Schwenningen stand als eine Art Synonym für eine tiefgreifende Gebietsund Kommunalreform in den 1970er-Jahren in Baden-Württemberg. Ziel war es, ein neues, starkes Oberzentrum zu schaffen, das der ganzen Region wirtschaftlich, politisch und kulturell ein deutlich stärkeres Gewicht innerhalb des Landes geben sollte. Entsprechend optimistisch, ehrgeizig und kühn waren die Planungen ausgelegt. VS wurde mittelfristig eine Einwohnerzahl von über 100.000 prognostiziert. Viele der Protagonisten von damals – vor Ort müssen hier in erster Linie die beiden damaligen Oberbürgermeister Gerhard Gebauer (Schwenningen) und Severin Kern (Villingen) genannt werden – leben nicht mehr. Ihre einstigen Ideale und Vorstellungen wurden schon bald zu den Akten gelegt. Zu weit klafften letztendlich Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Villingen-Schwenningen verzeichnet zwar gerade in den vergangenen Jahren eine resBild oben: Die damaligen Oberbürgermeister Gerhard Gebauer (Schwenningen) und Severin Kern (Villingen, rechts) enthüllen am 1. Januar 1972 das gemeinsame Ortsschild. Unten: VS-Fahne mit neuem Stadtwappen. 112 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Der neu gestaltete Rathausplatz in VS-Schwenningen. pektable Einwohnerentwicklung, aktuell leben gut 86.000 Menschen in der Stadt, doch die großstadtfähige 100.000er-Grenze ist längst kein Thema mehr. Dafür, das sollte an dieser Stelle aber nicht verschwiegen werden, ist VS mit einem Durchschnittsalter seiner Bewohner von 43,7 Jahren eine recht junge Stadt, was wiederum für eine gewisse Attraktivität spricht. „Reiches“ Villingen – „Arbeiterstadt“ Schwenningen „Villingen-Schwenningen ist Baden-Württemberg im Kleinen“, liest und hört man immer wieder mal. Wenn es nur so einfach wäre. Solch ein Satz ist genauso klischeebehaftet wie Hinweise auf das bürgerlich reiche badische Villingen und auf die rot eingefärbte ehemalige württembergische Arbeiterstadt Schwenningen. Wie gerne wurden solche Vergleiche in den Jahren rund um die Fusion be müht. Natürlich be inhaltet jedes Klischee auch ein Stückchen Wahrheit. Aber eben nur ein kleines Stück. Beide Städte konnten ab Ende der 1960er-Jahre kaum mehr auf Vergangenes bauen. Dafür hatten sie mit einer ins Trudeln geratenen Wirtschaft zu kämpfen, da schenkten sich das angeblich „reiche“ Villingen und die „Arbeiterstadt“ Schwenningen nicht viel. In beiden Städten gingen in den FolgeBeide Städte hatten mit einer ins Trudeln geratenen Wirtschaft zu kämpfen, da schenkten sich das angeblich „reiche“ Villingen und die „Arbeiterstadt“ Schwenningen nicht viel. jahren dominante In dustriebereiche (z.B. Uhren, Unterhaltungselektronik) langsam, aber sicher den Bach hinunter. Tausende von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe, auch in den Städten und Gemeinden im Umland, verschwanden, die Steuereinnahmen schrumpften gewaltig. Die Region und Villingen-Schwenningen, galten als strukturschwach. Das war die bittere Realität. Zentralisierung der städtischen Verwaltung und Vernetzung scheint unmöglich So sehr sich die Politik im fernen Stuttgart durch die Fusion eine Initialzündung für die Region gewünscht hatte, so wenig konnten die Erwartungen 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 113

 

 

 

anfangs erfüllt werden. Irgendwie war die Zeit nicht geschaffen dafür und vor Ort mangelte es vielmals an Ideen und Durchsetzungswillen. In VS beschäftigten sich die Kommunalpolitiker lieber mit sich selbst. Wankelmütigkeit und Ängste, ein Stadtbezirk könne bevorzugt bzw. benachteiligt werden, bestimmten einen gewichtigen Teil dessen, was sich in Verwaltung und Gemeinderat abspielte. Zwar ist mittlerweile viel Wasser die Brigach und den Neckar hinunter geflossen, im Rat sitzt eine völlig andere Generation von Mandatsträgern, doch auch 50 Jahre nach dem Zusammenschluss von V und S ist das Proporzdenken immer noch in manchen Köpfen präsent und damit ein Teil der kommunalpolitischen Kultur in der Gesamtstadt. Jüngstes Beispiel: Die geplante Bündelung der, auf eine Vielzahl von Standorten verteilten, städtischen Verwaltung auf dem Mangin-Areal (ehemaliges Kasernengelände) in Villingen. 41 Millionen Euro machte der Gemeinderat 2017 dafür locker. Der Gegenwind aus Schwenningen ließ nicht lange auf sich warten, obwohl unstrittig war, dass Schwenningen natürlich weiterhin sein eigenes Rathaus behalten sollte. Um es kurz zu machen: Am Ende kam es, wie es in VS schon so oft kam: Der Gemeinderat kippte drei Jahre später (beflügelt auch von einem Wahlversprechen des heutigen OBs an die Schwenninger Stimmbürger) seinen eigenen Beschluss und speckte das Projekt großzügig ab. Der noch drei Jahre zuvor als „großer Wurf“ beklatschte Plan verlor gegen das bekannte Kirchturmdenken. Was nun auf dem einstigen Kasernengelände an Verwaltung Den Neubau eines gemeinsamen Rathauses im Zentralbereich zwischen den beiden Stadtbezirken schmetterten die Bürger mit überwältigender Mehrheit ab. konzentriert werden soll, entspricht nicht annähernd der Ursprungsplanung. Bereits schon einmal, nämlich 2012, war eine angedachte Zentralisierung der Verwaltung krachend gescheitert. Den geplanten Neubau eines gemeinsamen Rathauses im Zentralbereich zwischen den beiden großen Stadtbezirken schmetterten Villinger(innen) und Schwenninger(innen) in selten gekannter Eintracht mit überwältigender Mehrheit bei einem Bürgerentscheid ab. Damit war 2012 eine weitere Chance vertan, V und S über den Zentralbereich zusammenzuführen. Über Jahrzehnte hinweg blieb der zentrale Entwicklungsbereich ungenutzt. Neubaugebiete entstanden an den Rändern der beiden Städte oder in den kleineren Stadtbezirken. Die für den zentralen Standort prädestinierten Einrichtungen wie Stadthallen, Eisstadion oder Messegelände wurden entweder in einem der beiden großen Stadtbezirke neu gebaut oder an bestehenden Standorten ausgebaut. 114 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Vor allem aus dem bereits erwähnten Proporzdenken heraus wurde eine entscheidende städtebauliche Weiterentwicklung und eine deutliche Vernetzung Villingens und Schwenningens verspielt. Aufschwung durch Schwarzwald-Baar Klinikum Dass sich in den vergangenen Jahren dennoch etwas im Bereich der alten Landesgrenze zwischen Baden und Württemberg getan hat und immer noch tut, ist sicher der glücklichen Fügung zu verdanken, dass Anfang des neuen Jahrtausends die Zeit für ein neues regional-zentrales Klinikum reif war. Und dafür boten sich Grundstücke zwischen den beiden großen Stadtbezirken geradezu an. Nach längerer Planungsund einer dann vierjährigen Bauzeit ging 2013 das modernste Krankenhaus im Land in Betrieb. 263 Millionen Euro investierten Stadt, Kreis und Land in das Zentralklinikum, das die bis dahin bestehenden Krankenhäuser in Villingen, Schwenningen und in einigen Umlandgemeinden ersetzte. Ein Meilenstein in der lokalen, wie regionalen Patientenversorgung war damit gesetzt. Für VS bedeutete das neue Klinikum eine deutliche Stärkung seiner oberzentralen Funktion. Das Klinikum sorgte für einen regelrechten Bauboom in einem Teil des doppelstädtischen Zentralbereichs: Geschäftshäuser mit Büros, Arztpraxen, Apotheken und einer Tagesklinik reihen sich nebeneinander, ein neues Hotel wurde errichtet und aktuell erstellt die Industrieund Handelskammer Schwarzwald-BaarHeuberg für 18,5 Millionen Euro ein repräsentatives Verwaltungsgebäude. Dafür verlässt die IHK ihr Als Bindeglied zwischen V und S fungiert das 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum, in dessen Umfeld sich ein neuer Zentralbereich entwickelt hat und noch immer entwickelt. Aktuell erstellt die Industrieund Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg für 18,5 Millionen Euro ein repräsentatives Verwaltungsgebäude. angestammtes Domizil in der Villinger Innenstadt. Man sieht: Es tut sich immerhin endlich einiges im VS-Zentralbereich, wenn auch Einrichtungen, die Bürgerinnen und Bürger aus V und S direkt zusammenbringen könnten, für dieses weitläufige Areal wohl ein Wunschtraum bleiben. Ernst zu nehmender Hochschulstandort dank Erwin Teufel Bevor Ende der 1970er/Anfang der 1980er-Jahre die Stadt aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten in eine Depression verfallen konnte und die oberzentrale Funktion nicht mehr als ein Papiertiger hätte wert sein können, trat ein Mann ganz entscheidend ins Rampenlicht, der bei der Bevölkerung schon länger große Sympathien genoss: Erwin Teufel, der spätere Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Seit 1972 saß der CDU-Politiker für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen im Landtag, war Staatssekretär und ab 1978 Fraktionschef der mächtigen CDU im Landesparlament. Erwin Teufels Wort hatte Gewicht, vor Ort und in Stuttgart. Er war es, der nicht tatenlos zusehen wollte, wie ein ehrgeiziges Landesprojekt mit 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 115

 

 

 

dem Namen Villingen-Schwenningen, das auch noch in seinem Wahlkreis lag, vor sich hindümpelte und meilenweit von den ehrgeizigen Entwicklungszielen entfernt war. Vor allem von Teufel stammte die Idee, VS zu einem ernst zu nehmenden Hochschulstandort auszubauen. Mit dieser Maßnahme sollte die verflossene Industriemacht in der Doppelstadt zumindest ein Stück weit kompensiert werden, wenn sie auch erst einmal vordergründig die verloren gegangenen Arbeitsplätze nicht ersetzen konnte. Es ist Erwin Teufels Visionen, seinen exzellenten Kontakten und seiner Beharrlichkeit zu verdanken, dass VS heute eine nicht unerhebliche Rolle in der Hochschullandschaft Baden-Württembergs spielt. Gleich drei Bildungsstätten sitzen in VillingenSchwenningen: die DHBW Duale Hochschule Baden-Württemberg, die HFU Hochschule Furtwangen University sowie die Hochschule für Polizei Baden-Württemberg. Alle haben übrigens ihren Standort in Schwenningen, was nie in Frage gestellt wurde. Knapp 7.000 Studierende sorgen für entsprechendes Flair und tragen den Namen Villingen-Schwenningen in alle Welt. Darüber hinaus bietet die Staatliche Hochschule für Musik in Trossingen mit ihrer Tochter Musikakademie VS gGmbH anspruchsvollen Musikunterricht für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in VS an. VS – Standort renommierter Forschungsstätten Hochschule und Hightech stehen im perfekten Kontext – und so wundert es nicht, dass sich im Umfeld der Hochschulen renommierte Forschungsstätten ansiedelten. Zu nennen sind die Hahn-SchickardGesellschaft für angewandte Forschung e.V., das Kompetenzzentrum für Spanende Fertigung (KSF), das Zerspanungs-Institut Südwest oder das Steinbeis-Transferzentrum Infothek. Diese durchgängige Bildungsund Forschungsstruktur ist wiederum Garant dafür, dass die Wirtschaft auf qualifizierte Nachwuchskräfte zurückgreifen kann. Damit ist die Basis für einen zukunftsfähigen Wirtschaftsstandort Villingen-Schwenningen vorhanden. Ein Großunternehmen (Continental) und eine Vielzahl mittlerer und kleinerer Betriebe, von denen viele ganz vorne in der obersten Innovationsund Hochtechnologieliga mitspielen, bilden 50 Jahre nach der Fusion das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt. Arbeitsplätze Die beiden großen Stadtbezirke verfügen in ihren fußgängerfreundlichen Innenstädten über einen durchaus attraktiven Einzelhandelsmix, ergänzt durch ein Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“. sind wieder vorhanden, die düstere Stimmung der 1970er/1980er-Jahren längst überwunden. Viele Menschen pendeln aus dem Umland zum Arbeiten nach VS und stärken so den oberzentralen Gedanken. Symbolhaft für diese neue Stimmung steht das südlich von Weilersbach gelegene Gewerbegebiet „Herdenen“, das aufgrund seiner Größe und seiner Autobahnnähe in den zurückliegenden Jahren einen enormen Aufschwung erlebte. Neben Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen und Handwerk ist der Handel in Villingen-Schwenningen ein stabiler Faktor. Die beiden großen Stadtbezirke verfügen in ihren fußgängerfreundlichen Innenstädten über einen durchaus attraktiven Einzelhandelsmix, ergänzt durch ein Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“. Nicht vergessen werden darf ein buntes und qualitativ hochstehendes kulturelles Angebot, das sich durchaus mit dem einer Großstadt messen kann. Städtebauliche Weiterentwicklung Wenn sich Villingen und Schwenningen auch nicht über ihre Wohngebiete als gemeinsame Stadt definieren, getan hat sich allerdings in allen Stadtbezirken ganz schön viel. Mit der anfänglich gerade in Villingen misstrauisch beäugten Landesgartenschau (LGS) im Jahre 2010 nutzte die Kommune die Chance, vor allem Schwenningen ein gutes Stück städtebaulich weiterzuentwickeln und Wohnwie Lebensqualität nachhaltig zu verbessern. Villingen profitierte durch Umgestaltung des Brigachufers oder durch die Sanierung der Ringanlage von der LGS. Neue städtebauliche Möglichkeiten in großem 116 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Umfang taten sich in V und S auf den verwaisten Grundstücken der beiden Krankenhäuser auf. Mit den Megabauprojekten auf dem ehemaligen Kasernenareal und dem SABA-Gelände verändert Villingen seit einigen Jahren und aktuell in Teilen sein Gesicht und bietet dem knappen Wohnraumangebot ordentlich Paroli (siehe Fotos auf der nachfolgenden Doppelseite). Eine vergleichbare Entwicklung erlebte und erlebt Schwenningen auf dem früheren Bauhofgelände und demnächst mit einem bereits gefundenen Investor im Bereich des alten Schlachthofs. Herzogenweiler, Pfaffenweiler, Rietheim, Tannheim, Marbach, Mühlhausen, Obereschach, Weilersbach und Weigheim sind die kleineren Stadtbezirke, die zusammen mit Villingen und Schwenningen eine kommunale Einheit bilden. Die ehemals eigenständigen Gemeinden entwickelten sich im Schatten der beiden großen Städte gut, wenn auch nicht alle Erwartungen und Versprechungen aus den Anfangsjahren der Fusionen erfüllt wurden. Die ländlichen Stadtbezirke gelten heute als attraktive Wohngemeinden, die durch die Bank auch über vernünftige Infrastrukturen verfügen. Die Weichen sind auf Erfolg gestellt Was aber bleibt als Fazit nach 50 Jahren Bindestrichstadt? Villingen-Schwenningen hat seine Rolle als wichtiges und selbstbewusstes Oberzentrum für die Unterwegs in VS-Villingen – bummeln in einer der schönsten Fußgängerzonen in Baden-Württemberg. Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gefunden. Das ist unstrittig. Eine perfekte Einheit bildet VillingenSchwenningen allerdings nicht. Da bedarf es sicher noch einiger Generationen. Eine gemeinsame Identität über Vereine wie den Eishockeyclub Schwenninger Wild Wings zu definieren, das reicht halt nicht. Solange es unterschiedliche Telefonvorwahlnummern gibt, solange Vereine und Kirchen immer noch in badischen und württembergischen Landesverbänden und Landeskirchen daheim sind und solange bei der Kommunalpolitik das Proporzdenken nicht gänzlich aus den Köpfen verschwunden ist – solange hat Villingen-Schwenningen ein ganz spezielles und eigenes Problem. Dass jeder Stadtbezirk auch auf Dauer ein Stück Eigenheit und vor allem kulturelle Identität bewahren sollte, daran gibt es mit Blick auf die historischen Entwicklungen absolut nichts auszusetzen. Allerdings darf diese Erkenntnis nicht die gemeinsame Zukunft hemmen. Villingen-Schwenningen hat, wie eingangs erwähnt, einen steinigen Weg hinter sich und gerade deshalb für das, was erreicht wurde, Respekt verdient. Zugleich sind die Weichen für eine weitere erfolgreiche Zukunft gestellt. Der Zug mit Namen VS muss nur mächtig unter Strom bleiben. 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 117

 

 

 

Die städtebauliche Weiterentwicklung von Villingen-Schwenningen schreitet im 50. Jahr der Städteehe enorm voran: Das internationale Immobilienunternehmen Ten Brinke und die Richter-Gruppe wollen auf dem SABA-Areal sowie dem ehemaligen Villinger Kasernenareal Lyautey – rund 64.000 Quadratmeter groß – einen neuen Gewerbepark und insgesamt 400 Wohnungen realisieren. Investiert werden ca. 100 Millionen Euro. Das gesamte Gebiet zwischen der Peterzeller Straße und der Richthofenstraße wird sich somit in den kommenden Jahren vollständig verändern. Der Großteil des Lyautey-Areals inklusiver zahlreicher denkmalgeschützter Gebäude ist vor zwei Jahren an die DBA Deutsche Bauwert verkauft worden. Der nördliche Teil des Lyautey-Areals (knapp 13.700 Quadratmeter) ist, ebenso wie das ehemalige Saba-Areal, das als Innovationspark geführt wird, im Besitz der Richter-Gruppe aus Mainz und von Ten Brinke. Das Immobilienunternehmen Ten Brinke fungiert als Investor und Entwickler. Die Bildfolge rechts zeigt einen Teil des SABA-Areals vor und nach dem Abbruch der Gebäude, aufgenommen im Frühjahr 2021 (oben) und dann im August 2021 (unten). 118 Villingen-Schwenningen

 

 

 

50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 119

 

 

 

120 120 120 120 Villingen-Schwenningen 6. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Farbund ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs Text und Fotografie von H.J. Götz 121 121 121 121

 

 

 

Im „Sprayer-Paradies“ – Jonas Fehlinger und Steffen Schulz. Ende letzten Jahres war der Verkauf des SABAGeländes für den Brigachtaler Graffiti-Künstler Jonas Fehlinger der Anlass, bei Kai Engesser, dem verantwortlichen Projektleiter des Investors Ten Brinke, seine Idee einer Graffiti-Kunst-Aktion vorzustellen. Zusammen mit seinem Freund Steffen Schulz plante er, die geschichtsträchtigen SABA-Gebäude vor ihrem Abriss mit moderner Spray-Kunst in Szene zu setzen. Dass die Arbeiten nur wenige Monate überdauern würden, reizte die Künstler besonders. Endlich Platz und freie Hand Mitte Dezember 2020 konnte die einmalige Kunstaktion beginnen: Zunächst waren Jonas Fehlinger und sein Freund Steffen Schulz alleine. Jeder begann eine Wand mit einem eigenen Motiv zu besprühen. Zu dieser Zeit war es recht ungemütlich, schließlich herrschte Winter. Doch selbst wenn man es schafft, sich selbst warm und trocken zu halten, so sind die Spraydosen nicht wirklich für ein Arbeiten bei derart rauen Bedingungen ausgelegt. So kamen auch Campingkocher zum Einsatz, die es ermöglichten, die Spraydosen vor ihrer Verwendung auf „Betriebstemperatur“ zu bringen. Und es gab ein weiteres Problem: Zu Beginn ihrer Arbeit wurden die beiden mehrfach von kritischen Zeitgenossen angesprochen, die diese Aktion für illegale Verschandelung hielten. „Daran haben wir uns gewöhnt, das muss man ertragen können, wenn man mit einer Spraydose arbeitet“, erklärt Steffen Schulz und weiter: „Wenn wir mit einem feinen Pinsel und normaler Farbe arbeiten würden, gäbe es solche Gespräche nicht, dann wären wir einfach nur Künstler“. Beiden Künstlern war bewusst, dass sie es als Zweier-Team niemals schaffen würden, derart viele Flächen zu bewältigen. Die Hoffnung war, dass weitere Graffiti-Künstler dazustoßen würden. So kam es auch: Durch die Berichterstattung in der Presse und im SWR-Fernsehen erweiterte sich der Kreis der Graffiti-Künstler beträchtlich. Am Ende umfasste das Kern-Team über 20 Sprayer. Auch Jugendliche kamen mehrfach zu Besuch – so entstand früh die Idee, Graffiti-Workshops für Kinder und Jugendliche anzubieten, bei denen sie sich unter Anleitung als Sprayer versuchen durften. SABA: Radio, Tonband, Fernseher – eine Weltmarke ermöglicht Motiv über Motiv An diesem geschichtsträchtigen Ort war klar, dass das Thema „SABA“ ein Schwerpunkt der Arbeiten darstellen musste: Vom Radio über das Tonband – vom Plattenspieler bis zum Fernseher wurden die verschiedensten Motive kunstvoll umgesetzt. Auch die Porträts der ehemaligen Firmenchefs, einige der alten Marketing-Motive und Logos wurden auf die SABA-Fassaden gesprüht. Und auch das legendäre 122 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Oscar Peterson meets Hans Georg Brunner-Schwer – ein Weltklasse-Jazzer trifft auf ein Weltklasse-Tonstudio und einen Weltklasse-Tonexperten. Werk von Jonas Fehlinger. Tanzen zur Musik aus SABA-Geräten – Momentaufnahme mit Bilderzyklus von Jonas Fehlinger. SABA – Farbund ausdrucksstarker Abschied 123

 

 

 

Into the Jungle – Graffiti von „Sakon“. Villinger Label MPS-Records kam zu Ehren: Der weltberühmte Jazzmusiker Oscar Peterson wurde zusammen mit Hans Georg Brunner-Schwer verewigt, der den Weltstar des Jazz mit seiner sensationellen Aufnahmetechnik zu begeistern vermochte. Für Jonas Fehlinger die perfekte Verbindung zu seiner Kunst: „Graffiti ist Jazz mit Buchstaben“, sagt er. Tausende von Besuchern Die bemerkenswerte Kunstaktion zog die Menschen alsbald in ihren Bann: An manchen Wochenendtagen waren es bei schönem Wetter und zu CoronaZeiten über 1.000 Besucher, die den Weg zur SABA fanden, wo der Kunstgenuss zu einem völlig ungestörten, befreienden Erlebnis geriet. Etliche der Besucher hatten selbst bei der SABA gearbeitet – es war zugleich ihr Abschiedsbesuch von einem lang vertrauten Ort. Über einige dieser Kontakte entstanden auch Ideen für weitere Motive. Der Name SABA stand stets ebenso für soziales Engagement und die Firmenleitung – allen voran der Firmeninhaber Hermann Brunner-Schwer – hatte stets ein Herz für Vereine und den Sport. So trat die SABA mit eigenen Sportstaffeln an. Weit über die Region hinaus bekannt waren die Boxer-Staffel und die Fußballelf mit ihren zahlreichen Stars, darunter einige Helden von Bern, allen voran Fritz Walter und Helmut Rahn. Und: Auch die Anfänge des Profi-Eishockeys in Schwenningen gehen auf ein Sponsoring der SABA zurück. Ein besonderes Erlebnis war es für die GraffitiKünstler, wenn Menschen vorbeischauten, die sie auf den SABA-Wänden porträtiert hatten. Prominentestes Beispiel ist der bekannte SABA-Boxer und ehemalige Box-Europameister im Bantamgewicht Horst Rascher. Er besuchte die SABA-Sprayer zusammen mit Sohn Dieter – beide hatte Jonas Fehlinger auf Die Augen der SABA – im Bann der Musik. Ein Werk von Jochen Laufer. 124 124 Villingen-Schwenningen

 

 

 

einem Graffiti am Boxring dargestellt (siehe folgende Doppelseite). So ein Event ist noch nie da gewesen Wie viele Fotos und Videos in diesen Wochen aufgenommen wurden, kann man kaum schätzen, aber allein in den Sozialen Medien finden sich Tausende davon. Die Künstler selbst wollen nun unter anderem einen Bildband und eine Videodokumentation über ihr Werk realisieren. Und getreu dem Motto: „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“, haben sich für gleich einige der Künstler durch die SABA-Arbeiten neue Aufträge ergeben. So bemalten Jonas Fehlinger und einige seiner Weggefährten inzwischen Wände im Unterkirnacher Hallenbad Aqualino und ebenso weitere Hausfassaden in VS-Villingen. Auch Gespräche mit der Stadt Villingen-Schwenningen laufen. Denn im Rathaus ist sehr wohl aufgefallen, welch zusätzliche kostenlose Publicity die Doppelstadt durch diese Aktion erfahren hat. Aber die allerschönste Belohnung war für Jonas Fehlinger etwas, was er so gar nicht geplant und erwartet hatte, denn oft kommt es auch im Leben eines GraffitiKünstlers anders als man denkt. „Die Arbeit an diesem Projekt werde ich nie vergessen, weil ich hier auch meine neue Liebe gefunden habe“, freut er sich, während er mit seiner Freundin einen letzten Blick auf die Arbeit der vergangenen drei Monate wirft. Weitere Bildmotive finden Sie auf: www.almanach-sbk.de/graffiti 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 125

 

 

 

xyz SABAnesin von Jochen Laufer und SABA-Bollenhutgirl von Jasmin Nestmann. 126 Villingen-Schwenningen

 

 

 

SABA-Boxer-Staffel: Horst Rascher coacht seinen Sohn Dieter – SABA-Fußballelf, hier Dirk Brüsker. © Jonas Fehlinger 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 127

 

 

 

Im Schwarzwald: Kuckucksuhr und Kuh mit SABA-Fernsehbrille von Jasmin Nestmann. 128 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Tunneleingang mit Spinnen von Steffen Schulz. Der Abriss ist in vollem Gang. SABA – Farbund ausdrucksstarker Abschied 129

 

 

 

Jonas Fehlinger ist in der regionalen Künstler-Szene kein Unbekannter, seine GraffitiWerke bereichern bereits seit über zehn Jahren ganz offiziell verschiedenste Objekte im Umland. Angefangen hatte es mit Graffiti-Werken auf Gebäuden in seiner Heimatgemeinde Brigachtal. Kurz nach Beginn seines Kunststudiums an der Akademie in Karlsruhe bekam er von der Gemeinde Brigachtal auch seinen ersten offiziellen Auftrag: Einer der hässlichen Beton-Brückenpfeiler beim Festplatz sollte schöner werden. IM PORTRAIT Der Sprayer Jonas Fehlinger Danach folgten weitere offizielle Graffiti-Kunst-Aufträge, wie z. B. die Neugestaltung des „Speedy“, eines umgebauten Eisenbahnwagons, der ebenfalls auf dem Dorfplatz steht und nach seiner Karriere als Jugendtreffpunkt zu einem Bistro umgebaut wurde. Auch die Verschönerung eines unansehnlichen Trafohäuschens in der Dorfmitte sollte eine weitere Auftragsarbeit von Fehlinger werden. Ganz bewusst tummelt er sich auch nicht in der UndergroundSzene, die unerlaubt alle möglichen Objekte mit ihren Graffitis Villingen-Schwenningen

 

 

 

verschandelt, von Brücken bis zu ganzen Eisenbahnzügen. Vielmehr ging es ihm schon immer darum, auch das Thema Graffiti in eine geschätzte und öffentliche Kunstform zu heben. Sein Vorbild sind große Städte wie Basel, Mannheim, San Francisco und viele weitere, die lokalen Grafitti-Künstlern schon seit langem die Gelegenheit bieten, sich offiziell auf speziell dafür reservierten Flächen verewigen zu können. Im Gegenzug profitieren diese Städte dadurch, dass die Arbeiten vermehrt kunstinteressierte Touristen anlocken. Allerdings sei ihm in unserer Region diesbezüglich der Durchbruch noch nicht geglückt, wie er betont. Dafür sind Hauseigentümer auf ihn aufmerksam geworden. So hat er unter anderem auch eine Wand in der Schlösslegasse, im sogenannten Gerber-Eck, mit Fastnachtsmotiven bemalt. Auch im Goldenen Bühl und anderen Stadtteilen zieren Fehlingers Graffitis inzwischen ganze Hausfassaden. Allesamt ganz legal und im Auftrag, denn auch ein Künstler wie Fehlinger lebt nicht von Luft und Liebe allein. Graffiti vom Feinsten: Jonas Fehlinger hat sich bei den Villingern zusammen mit seinem Freund Steffen Schulz vor allem auch wegen seiner FastnachtsGraffitis in der Goldgrubengasse hohe Anerkennung erworben. Unten v. links: Das Trafohäuschen, Garagengestaltung mit Eisenbahn, Wirtin Mirella Fanelli (links) und Graffiti-Künstler Jonas Fehlinger vor dem „Speedy“. 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 131

 

 

 

Diese Geschichte erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Zu vielfältig und überregional verstreut sind die Spuren der legendären SABA, der „Schwarzwälder Apparate Bau-Anstalt“. Noch immer finden sich SABA-Radiound Fernsehapparate in so manchem Haushalt und es existiert das firmeneigene, wiederbelebte MPSTonstudio. Im Villinger Stadtarchiv, aber auch im Privatbesitz, schlummern Promi-Fotografien und Schriftstücke – im Museum stehen u. a. ein SABA-Kühlschrank, ein Volksempfänger und ein Telefon. Dort hängen Boxhandschuhe der SABA-Box staffel und Gemälde der SABA-Malgruppe. Spuren wie diese machen die SABA unvergessen – weit über Villingen hinaus. Und nicht nur ehemalige „Sabanesen“ bedauern, dass die Gebäude des einstigen Weltmarktführers nach ihrem Geschmack zu sangund klanglos der Abrissbirne zum Opfer fielen. von Birgit Heinig

 

 

 

Der blaue Schriftzug „SABA“ wird vor dem Abriss geborgen und soll 2023 bei einer Sonderausstellung im Franziskanermuseum wieder zu sehen sein. 133

 

 

 

Manchmal kommen SABA-Spuren auch unverhofft wieder zum Vorschein. So wie das kleine tragbare TV-Gerät in knalligem Orange, das SABA pro FP 31 electronic aus dem Jahre 1972, das unter dem Motto „echt süß“ aktuell Teil einer plakativen Imagekampagne des Franziskanermuseums ist. Auf der Suche nach SABA-Spuren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man erkennt, was aus dem 1835 in Triberg von Joseph Benedikt Schwer gegründeten Produktionsbetrieb für Uhrenteile und Fahrradglocken entstand. Erinnerungen an eine Vielfalt von Produkten der Unterhaltungselektronik, aber auch an das großartige soziale Engagement dieser Villinger Unternehmerdynastie, hüten viele Menschen – und das jeder auf seine Weise. SABA-Spuren im Franziskanermuseum Der erste Weg führt ins Franziskanermuseum in VS-Villingen. Hier plant man für das Jahr 2023 eine Das tragbare Fernsehgerät SABA pro FP 31 electronic aus dem Jahre 1972 ist aktuell Teil einer Imagekampagne des Franziskanermuseums. Auf der Suche nach SABASpuren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man erkennt, was aus dem 1835 in Triberg gegründeten Produktionsbetrieb für Uhrenteile und Fahrradglocken entstand. SABA-Sonderausstellung. Dann ist es nämlich genau 100 Jahre her, dass die von Hermann Schwer 1923 in Villingen kreierten vier Buchstaben mit ihrem spektakulären Zug um die Welt begannen. Der meterhohe Schriftzug, der zuletzt auf dem Verwaltungsgebäude an der Peterzeller Straße prangte, wurde vor dem Abriss von der Stadt in Sicherheit gebracht. Er soll laut Museumsleiterin Dr. Anita Auer spätestens zur Ausstellung wieder ans Tageslicht kommen. Beim Gang durch die Dauerausstellung „Industriegeschichte in Villingen“ des Franziskanermuseums finden sich die Meilensteine der SABA-Produktionsgeschichte. Für die SABA – neben Kienzle seinerzeit größter Arbeitgeber mit zeitweise über 6.000 Beschäftigten – sind gleich mehrere Räume eingerichtet. Wer hier allerdings ausschließlich Radiound Fernsehapparate erwartet, darf sich wundern: Neben dem Volksempfänger S 35 von 1930 stehen auch ein Kühlschrank, ein Telefon und eine Rechenmaschine. Sie zeugen von den „Sonderproduktionen“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu gehören ebenso ein erfolgloses „Schlaftherapiegerät“, ein Ausflug in die Medizintechnik, eine „akustische Vogelscheuche“ und MPS-Records, das Villinger Tonstudio mit Weltruhm. Geschaffen hat es Hans Georg Brunner-Schwer, seine Tontechnik hat weltberühmte Musiker wie Oscar Peterson oder George Duke begeistert, wovon noch die Rede sein wird. Viele SABA-Erinnerungen schlummern laut Anita Auer noch im Museumsdepot. Die meisten stammen aus der Sammlung des Villinger „Sabanesen“ Herbert Schroff (1925-2011). Der Fotograf, Journalist und Tausendsassa seiner Zeit, hinterließ unter anderem unzählige Fotografien, die über die Homepage des 134 Villingen-Schwenningen

 

 

 

In der Museumsabteilung „Industriegeschichte in Villingen“ sind zahlreiche SABA-Spuren erhalten. nutzte nach dem Sieg der Deutschen seine Kontakte und gewann fast alle Nationalspieler als Werbeträger. Dazu muss man wissen: Hans Georg Bruner-Schwer war ab 1961 Technischer Geschäftsführer der SABAWerke und sein Bruder Hermann Kaufmännischer Geschäftsführer. 1960 wurde die SABA-Prominentenelf aus der Taufe gehoben, 15 Jahre lang gemanagt von Herbert Schroff. Fritz Walter und Horst Eckel, Trainer Sepp Herberger und Sportreporter Rudi Michel, zeitweise auch Schauspieler wie Mario Adorf und Jacky Stadtarchivs einzusehen sind. Ein großer Teil des bildlichen Schroff-Nachlasses wurde dank Sponsoren bereits digitalisiert. Weitere Sammlerstücke sollen nach der SABA-Sonderausstellung in einer sowohl räumlich als auch inhaltlich überarbeiteten Museumsabteilung Platz finden, verspricht Museumsleiterin Dr. Auer. Die SABA und das „Wunder von Bern“ Die Fernsehtruhe „Schauinsland“ von 1953 kostete stolze 1.448 D-Mark. Nur finanziell gut gestellte Kunden konnten sich das Nobelgerät leisten und die Fußballweltmeisterschaft 1954 im eigenen Wohnzimmer miterleben. Museumsbesuchern werden per Projektion Ausschnitte des „Wunders von Bern“ präsentiert. Der sportbegeisterte Hermann Brunner-Schwer Zahlreiche Erinnerungen an die SABA-Prominentenelf der beiden Villinger Rudolf Natschke und Hannes Frey sind geprägt von Begegnungen mit Stars aus Film, Funk und Fernsehen. SABA-Spuren 135

 

 

 

Nicht nur im Museum, auch im digitalen Schroff-Archiv und in Privatalben einstiger Mitspieler wie Hannes Frey (links) und Rudolf Natschke sind Fotos der legendären Prominentenelf zu finden. Auf den Fotos befinden sich auch Helden von Bern, so Fritz Walter (stehend, Dritter v. links). Fuchsberger oder der Sänger Tony Marschall, traten für den guten Zweck gerne gegen das runde Leder. So war der 1. Mai über viele Jahre Fixtermin für einen Kick zu Gunsten der „Aktion Sorgenkind“. Auch die beiden Villinger Rudolf Natschke (81) und Hannes Frey (83) waren dabei. Natschke war Aktiver der ersten FC ®8-Mannschaft, Frey unter anderem Jugendtrainer. Ihre Erinnerungen an rund 30 Jahre SABAProminentenelf sind geprägt von Begegnungen mit Stars aus Film, Funk und Fernsehen. Sie kickten nicht nur an der Seite von Günther Netzer und Uli Hoeneß: „Wir haben nach dem Spiel auch das ein oder andere Bier zusammen getrunken“, so die beiden. Zahlreiche SABA-Dokumente im Villinger Stadtarchiv Der Weg führt ins Stadtarchiv. Hier schlummern, von Amtsleiterin Ute Schulze und ihrem Team fein säuberlich katalogisiert und nach Anmeldung für jedermann einsehbar, zahlreiche Schriftstücke. Zum einen belegen sie den Aufstieg und das Sterben der SABA, zum anderen gewähren sie persönliche Einblicke in das Familienleben der Inhaber. Werbeplakate, Nachlassregelungen, Bilanzen und Geschäftskorrespondenz zeugen von den unternehmerischen Leistungen. Dazu gehören Feldpostbriefe aus dem Jahr 1915 von Hermann Schwer an seine Frau Johanna, aber auch Impf-, Geburtsund Taufscheine ihrer Tochter Margarete, ausgestellt 1906. Weiter berührt das durch eingeklebte Fotografien, getrocknete Blüten, Ausgeschnittenes und Gebasteltes mehrere Zentimeter dick gewordene „Merkbuch des Lebens, von Mutterhand begonnen zur späteren eigenen Fortsetzung“ den Betrachter. Es stammt von Margarete Schwer verheiratete Scherb, der späteren SABA-Mutter. Erinnerungen an die SABA-Mutter Margarete Scherb „Margarete-Scherb-Straße“ – das Straßenschild, weiße Schrift auf blauem Grund, steht im Gewerbegebiet „Vorderer-Eckweg“ auf Villinger Gemarkung und erinnert an eine Frau und Ehrenbürgerin der Stadt, die aufgrund ihrer sozialen Gesinnung und Bodenständigkeit als „SABA-Mutter“ bezeichnet wurde. Sie setzte damit die Tradition ihrer Mutter Johanna Schwer fort. Die Firma honorierte den Einsatz der Mitarbeiter, für die Überstunden und Sonderschichten selbstverständlich zu sein hatten, mit sozialen Angeboten für die ganze Familie: Es gab ein Ferienheim in Meersburg, einen Fonds für „hilfsbedürftige und würdige Mitarbeiter“, eine Werksbibliothek, Sportgruppen, Unterhaltungsabende und Ausflüge. Auch eine SABA-Big-Band spielte auf. Die Spuren von „Gretel“ Scherb (19051983) dürften heute vor allem in den Köpfen derer fortbestehen, die den SABA-Betriebskindergarten besuchten oder die legendären Weihnachtsfeiern in der Alten Tonhalle mit Besuch des Hohnsteiner Kaspers miterlebten. Übrigens: Margarete Scherbs erster, 1934 wieder 136 Villingen-Schwenningen

 

 

 

geschiedenen Ehe mit Hugo Friedrich Brunner, aus der die Söhne Hermann und Hans Georg hervorgingen, ist der heute mit der SABA verbundene Doppelname Brunner-Schwer zu verdanken. „Fritz“ Brunner war Musiker und Künstler und vererbte Sohn Hans Georg seine musische Leidenschaft. In seinem Privathaus richtete Hans Georg BrunnerSchwer – oder „HGBS“, wie ihn Freunde nannten, das weltberühmte MPS-Tonstudio ein, das bis heute unverändert existiert. Stadtführer Rudolf Reim bekam die Gelegenheit, diese SABA-Spur in Augenschein zu nehmen. Er besuchte die Witwe von HGBS, Marlies Brunner-Schwer, inzwischen 95 Jahre alt, und bereitete sich damit auf seine Blickpunktführung im Franziskanermuseum zum Thema „Lieblingsobjekte“ vor. Seines war das SABA-Mobil, das erste tragbare Tonbandgerät von 1961. HGBS veranstaltete in den 1960er-Jahren Hauskonzerte mit berühmten Musikern. Ihre Musik zeichnete er in einer nie zuvor gehörten Qualität auf Band auf. Als sich der kanadische Starpianist Oscar Peterson 1963 bei seinem ersten Besuch im Haus Schwer die Bänder seines Hauskonzertes anhörte, war er überwältigt. Es folgten Schallplattenaufnahmen über Schallplattenaufnahmen. In seinem Privathaus richtete Hans Georg BrunnerSchwer, das weltberühmte MPSTonstudio ein. Er veranstaltete in den 1960er-Jahren Hauskonzerte mit berühmten Musikern. Ihre Musik zeichnete er in einer nie zuvor gehörten Qualität auf Band auf. MPS: Most perfect sound – Im Studio von Hans-Georg Brunner-Schwer Das MPS-Studio, das es durch Hans-Georg BrunnerSchwers Engagement in den 60erund 70er-Jahre zu Weltruhm brachte, und in der internationalen Musikszene einen großen Namen hat, liegt auf Marlies Brunner-Schwer im privatem Tonstudio von HGBS – ihres verstorbenen Ehemannes Hans Georg Brunner-Schwer. Links Stadtführer Rudolf Reim, der die Erinnerungen von Marlies Brunner-Schwer in seine Führungen einbaut. SABA-Spuren 137

 

 

 

Friedhelm Schulz, Mitglied im Vorstand des MPS-Fördervereins, an einer der Bandmaschinen aus den 1960er-Jahren. dem SABA-Areal etwas versteckt. Das Kürzel „MPS“, „Musik Produktion Schwarzwald“, wird von Kennern mit „most perfect sound“ übersetzt. Hier sieht alles noch genauso aus wie vor 50 Jahren. Die Räume im ersten Stock eines unscheinbaren Hauses in zweiter Reihe der Villinger Richthofenstraße sind längst zum „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ erklärt. Hier, wo während des Zweiten Weltkrieges die Familien Brunner-Schwer lebten, während ihre beiden Villen in unmittelbarer Nachbarschaft – eine davon beherbergt heute einen Kindergarten – von den Franzosen besetzt waren, ist nicht nur ein großer Teil der deutschen Jazzund Klassik-Szene groß geworden. Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden zeugen von Besuchen internationaler Stars wie Oscar Peterson oder Duke Ellington. Aber auch George Duke, Friedrich Gulda, Wolfgang Dauner und viele andere musikalische Größen nahmen hier ihre Musik auf. Friedhelm Schulz ist einer der Verantwortlichen des seit 2017 bestehenden Fördervereins mit rund 70 Mitgliedern, die das Studio vor dem Untergang retteten und dafür sorgten, dass hier nach einer Zwangspause zur Klärung von Zuständigkeitsfragen wieder handgemachte Musik aller Art Einzug hielt. Die Erinnerung an die SABA wird damit auch musikalisch wachgehalten. Das Studio wird heute von Musikern für Tonaufnahmen gemietet, von Interessierten besichtigt und von Kulturfreunden bei Veranstaltungen besucht. Nachdem die „Schwarzwälder Apparate BauAnstalt“ in den 1950er-Jahren mit der Produktion von Tonbandgeräten begonnen hatte, ging man dazu über, bespielte Bänder und später Singles und LPs im eigenen Tonstudio einzuspielen. Nachdem die „Schwarzwälder Apparate BauAnstalt“ in den 1950er-Jahren mit der Produktion von Tonbandgeräten begonnen hatte, ging man dazu über, bespielte Bänder und später Singles und LPs im eigenen Tonstudio einzuspielen. Friedhelm Schulz zeigt die Zeugen aus dieser Zeit, Musikträger mit Titeln wie „Das alte Lied“ oder „Musikalisches Schatzkästlein“. Im Archiv lagern weitere hochwertige Konserven akustischer Musik und es werden auch neue Vinylplatten aus Archivbeständen veröffentlicht. Als SABA 1968 mit Beginn des Farbfernsehens die Amerikaner mit ins Boot nahm, wollten die von diesem Geschäftszweig indes 138 Villingen-Schwenningen

 

 

 

nichts wissen. Hans Georg Brunner-Schwer gründete MPS, das Tonstudio, das fortan auch mit Hauskonzerten weltbekannter Jazzer, mit „Jazz in the Black Forest“, Musikgeschichte schreiben sollte. Im Aufnahmeund Regieraum arbeiten die Tonmeister bis heute mit jahrzehntealter Technik, mit der es gelingt, von jedweder Digitalisierung unerreicht, Musik in einmaliger Authentizität wiederzugeben. Technikbegeisterte gründen die „Historische Radiowerkstatt“ 1993 jährte sich die Ausstrahlung der ersten Radiosendung zum 70. Mal. Für Ernst Schamburek, ehemaliger Sabanese und damaliger Mitarbeiter der Volkshochschule, der Anlass, um gemeinsam mit technikbegeisterten Freunden, SABA-Ingenieuren, Rundfunktechnikern und Physiklehrern, 1994 die „Historische Radiowerkstatt“ zu gründen. Seither traf man sich an jedem Montagabend, um Röhrenradios, „technische Kulturgüter“, die einst zum Alltagsgebrauch gehörten, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im März 2020 war der letzte „Bastelabend“, dann kam Corona. Noch wartet die kleine Werkstatt im VHS-Gebäude am Münsterplatz auf ihre Wiedergeburt nach der Pandemie, noch stehen in ihren Regalen nicht nur SABAGeräte, Kellerfunde oder Familienerbstücke, die zum Leben erweckt werden wollen. Doch ihre Zukunft war zum Redaktionsschluss ungewiss. Die Zahl der Tüftler ist durch Alter, Wegzug und die lange Zwangspause sehr geschrumpft. „Von den Gründervätern ist niemand mehr dabei“, bedauert der Wirtschaftsingenieur Klaus Gerhardt. Er stieß 1998 zur Radiowerkstatt. Das SABA-Radio „Freiburg 9“, bis heute bei Kennern gefragtes Spitzenmodell von 1958, hatte er sich von seinem ersten Lehrlingsgehalt geleistet. Mit Engelsgeduld die genial einfache, aber nur schwer zu restaurierende Mechanik der 1930erbis 1960er-Jahre wieder gangbar zu machen, dieser Wunsch eint das Team der Historischen Radiowerkstatt. Dazu braucht es Ersatzteile wie Röhren, Widerstände und Kondensatoren, die oft erst nach langem Stöbern auf Märkten, Messen und im Internet aufgespürt werden. Auch auf „Schrottgeräte“ zum Ausschlachten wird gerne zurückgegriffen. „Es gibt nichts Schöneres, als nach Wochen und Monaten zum ersten Mal den satten Sound eines SABA-Freudenstadt 14 von 1963 zu höErarbeiten in der Radiowerkstatt die Lösungen technischer Probleme gerne generationenübergreifend und interdisziplinär: Harald Greilich, Klaus Esslinger, Marcus Hetzinger und John, ein Gast aus Kanada (von links). ren“, schwärmte einst Harald Greilich, der inzwischen in Frankreich lebt. Das SABA-Radio, das auch Bundeskanzler Adenauer gern verschenkt haben soll, war weltweit bekannt für seine außerordentlichen Lautsprecher. Ein Box-Champion trägt den Namen SABA in die ganze Welt hinaus Auf eine lebendige SABA-Spur trifft man in Bad Dürrheim. Hier lebt Horst Rascher. Er trug in den 1960er-Jahren als Box-Champion den Namen SABA in die ganze Welt hinaus. Doch der Reihe nach. Hermann Brunner-Schwer war nicht nur Fußball-, sondern auch Boxfan. 1959 finanzierte er die Ausrichtung der Europameisterschaft in Luzern unter dem raffinierten Namen „Schweizer Amateur Box Association“, kurz SABA genannt. Der damals 19-jährige Rascher wurde in Luzern im Bantamgewicht Europameister und zog Schwers Interesse auf sich. Der Brief an dessen Heimverein in Ulm, in dem Brunner-Schwer dem jungen Talent das Angebot unterbreitete, nach Villingen zu kommen, erreichte den Boxer nie. Der Ulmer Verein unterschlug ihn wohl bewusst, wie Rascher heute weiß. Erst 1966 fanden er und die Schwarzwälder Apparate Bau-Anstalt zusammen. Da lagen die Olympischen Spiele in Rom 1960 schon hinter ihm, wo er einen Medaillenrang nur knapp verpasste. 1964 konnte er kein Olympiaticket lösen. Umso mehr SABA-Spuren 139

 

 

 

140 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Der heute 81-jährige Horst Rascher steigt noch so manches Mal in seinen Kellerraum hinab zu den Erinnerungsstücken seiner Zeit als erfolgreicher Boxer. Dort streift er seine Boxhandschuhe über, auf deren Rand „SABA“ steht. wurde der gelernte Elektroinstallateur von BrunnerSchwer gefördert und auf die Olympiade 1968 in Mexiko vorbereitet: beruflich mit einer Weiterbildung zum Technischen Zeichner und Einstellung in der Designabteilung, später der Modellbauwerkstatt und sportlich in der SABA-Boxstaffel. „Ihm verdanke ich alles“, sagt Horst Rascher über Hermann Brunner-Schwer, der seinerzeit auch Kontakt hielt zu den Profis Max Schmeling und Bubi Scholz, die der Amateur Horst Rascher kennenlernen durfte. Gerne war er dafür weltweit als SABA-Werbeträger unterwegs. Und er war erfolgreich: 1968 wurde er zum neunten Mal Deutscher Meister und qualifizierte sich für seine zweite Olympiade. Der Traum, seinem Mäzen eine Medaille zu präsentieren, blieb indes unerfüllt – der bitter enttäuschte Rascher wurde Fünfter. 1969 gab er seine sportliche Karriere nach rund 300 Kämpfen auf. Auch danach kümmerte sich die SABA um ihren Angestellten. Er wurde zum Industriedesigner weitergebildet. Anfang der 1990er-Jahre, mit der Geschäftsübernahme durch die Franzosen, endete Raschers Beziehung zu seinem „ganz besonderen“ Arbeitgeber. Er ging in den Vorruhestand. Der heute 81-Jährige steigt noch so manches Mal in seinen Kellerraum hinab zu den Erinnerungsstücken seiner Zeit als erfolgreicher Boxer. Und dort streift er seine Boxhandschuhe von früher über, auf deren Rand „SABA“ steht. Der frühere Europameister Horst Rascher mit seinen SABA-Boxhandschuhen. Gunnar Frey ist leidenschaftlicher Sammler von SABAGimmicks und hält hier das seltene Plakat der einstigen SABA-Big-Band in Händen. Begeisterte private Sammler bewahren unzählige SABA-Schätze Und dann gibt es da noch die vielen privaten Sammler, die ihre SABA-Schätze in den eigenen vier Wänden, in Schubläden, Schränken und Vitrinen verwahren. Stellvertretend für sie alle sei hier Gunnar Frey aus VS-Villingen vorgestellt. Mit 41 Jahren zu jung, um selbst ein Sabanese gewesen zu sein, nennt er je ein mit sattem Sound funktionierendes SABA-Röhrenradio der Marken „Villingen“ und „Freiburg“ sein eigen, ansonsten hat sich der Besitzer eines urigen Schallplattenladens auf SABA-Werbeartikel verlegt. Die „Gimmicks“ füllen zwei Vitrinen und reichen vom Kartenspiel und Schwarzwaldpüppchen mit dem SABA-Schriftzug auf der Schürze, über Kugelschreiber, Manschettenknöpfe, Aschenbecher und Nussknacker bis hin zu Zollstock, Spielzeugautos, Werbeplakate, Ausgaben der „SABA-Post“ und Kopfhörer in Originalverpackung. Gunnar Frey plant sogar eine kleine Ausstellung seiner Raritäten. Im Villinger „Café am Riettor“ will er dann einen SABA-Video-Player mit Joy-Sticks, der Ende der 1970er-Jahre noch vor dem ersten Commodore auf den Markt kam und vor allem die Jugend begeisterte, nicht nur zeigen, sondern die Besucher auch damit spielen lassen. SABA-Spuren 141

 

 

 

In Donaueschingen entsteht das neue Stadtviertel „AM BUCHBERG“ Die Konversion der ehemaligen französischen Kaserne als kommunalpolitische Herausforderung von Heinz Bunse 142 5. Kapitel – Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

143

 

 

 

Auf einem 14 Hektar großen innerstädtischen Areal entsteht das neue Quartier „Am Buchberg“. Der Entwicklungsprozess dieses Stadtviertels ist spannend zu beobachten, zeigt er doch die komplexen Aufgaben, mit der sich die Kommunalpolitiker heute auseinandersetzen müssen. Der Gemeinderat hat das Ziel vorgegeben „eine attraktive Wohnbebauung im Norden in Verbindung mit einer lebendigen Nutzungsdurchmischung im Süden mit viel öffentlichem Freiraum in hoher städtebaulicher Qualität zu schaffen“. Die Latte ist also hochgelegt. Im Folgenden soll der Konversionsprozess beschrieben und eine Zwischenbilanz dieses anspruchsvollen Projektes gezogen werden. Exerzierplatz um 1930. Folgen des Abzugs der Deutsch-Franzözischen Brigade Will man verstehen, warum der Abzug der Deutsch-Französischen Brigade die Donaustadt hart getroffen hat, muss man einige Jahre zurückschauen. Donaueschingen ist stolz auf seine Tradition als Garnisonsstandort. Diese Tradition wurde hart erstritten. Im März 1913 beschloss der Reichstag vor dem Hintergrund der Balkankrise eine „Heeresvermehrung“. Neue und moderne Kasernen mussten geplant werden. Mehr als 298 Gemeinden bewarben sich als Garnisonsstandort. Mit Unterstützung des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg konnte sich Donaueschingen in dieser übergroßen Konkurrenz behaupten. Die Pläne für die Kasernenbauten in Donaueschingen stammen aus der Feder des Karlsruher Professors Eugen Beck. Beck hatte wenige Jahre zuvor nach dem großen Stadtbrand im Jahr 1908 den reichsweiten Architektenwettbewerb für den Bau des Rathauses und der Sparkasse gewonnen. Wohl in Anlehnung an die Villinger Kasernenplanung wurden die beiden Mannschaftsund das heute nicht mehr erhaltene Wirtschaftsgebäude am Hindenburgring aufgereiht. Dahinter liegt der rechteckige Exerzierplatz, dessen Schmalseiten u. a. vom Familienwohnhaus zur Villinger Straße und dem Kammergebäude Richtung Friedhofstraße eingefasst sind. Französische Kultur und Lebensart in Donaueschingen Auch das ist ein Wesenszug der Stadt, auf den ihre Bewohner zu Recht stolz sind. Bereits 1964 zog das 110. französische Infanterie-Regiment in Donaueschingen ein, die französische Garnison war geboren. Im selben Jahr wurde mit dem elsässischen Saverne eine der ersten deutsch-französischen Städtepartnerschaften begründet. 1965 folgte die Gründung einer Deutsch-Französischen Gesellschaft. In der Folge fand auf der Ebene von etwa 40 Vereinen regelmäßig ein intensiver Kulturaustausch statt. Mit großem Interesse wurden in den 80er-Jahren die Überlegungen zur Bildung einer Deutsch-Französischen Brigade beobachtet. Während einer Ausschusssitzung des Deutschen Städtetags überreichte der amtieren144 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

Die denkmalgeschützten Mannschaftsgebäude, die eine markante Raumkante zum Hindenburgring (links) bilden und das Familienwohnhaus (rechts) stammen noch aus den ersten Jahren der Donaueschinger Garnison. de Bürgermeister Dr. Bernhard Everke dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl eine Bittschrift und führte Gespräche mit ihm. „Welchen Einfluss das hatte, weiß ich nicht, aber es hat geklappt“, erinnert sich Dr. Bernhard Everke. In der Folge der erfolgreichen Ansiedlungsbemühung lebten rund 2.000 Franzosen in Donaueschingen. Das deutsche und das französische Militär wurden ein wichtiger Arbeitgeber. Umso härter schlug im Oktober 2013 eine Nachricht ein, die letztlich die Auflösung des Standortes der Deutsch-Französischen Brigade zur Folge hatte. Bürgermeister Bernhard Kaiser leitete in dieser Zeit die Stadtgeschäfte. Er erinnert sich: „An einem Nachmittag Ende Oktober erreichte mich der Anruf eines mir gut bekannten französischen Generals. Er informierte mich, dass er mir zur Mittagszeit des darauffolgenden Tages, eine wichtige Nachricht zu überbringen habe. Der Brigadegeneral hatte noch zwei ranghöhere Generäle bei sich. Dem 110. Infanterieregiment hatte man zuvor mitgeteilt, was auch ich jetzt zu wissen bekam: Der traditionsreiche Verband wird zum 30. Juni 2014 aufgelöst. Binnen acht Monaten verließen 2.000 Franzosen, die wir immer als Mitbürger auf Zeit bezeichnet haben, unsere Stadt. Viele Projekte, auf die wir stolz waren, fanden so ein schnelles Ende: der deutsch französische Kindergarten, die vielen Partnerschaften zwischen den französischen und deutschen Schulen in Donaueschingen.“ Am 23. Juni 2014, wenige Tage vor dem 50-jährigen Jubiläum der Stationierung französischer Soldaten in Donaueschingen wurde die Regimentsfahne eingerollt. Mit einer Abschiedsparade verabschiedete sich Ein neues Stadtviertel entsteht 145

 

 

 

Abschiedsparade des 110. Infanterieregiments am 23. Juni 2014. das 110. Infanterieregiment von „seiner“ Stadt. Die Gebäude der Deutsch-Französischen Brigade standen leer. Ein Quartier für bis zu 2.000 Flüchtlinge Im August 2015 wurden die Tore der Kaserne an der Friedhofstraße wieder weit geöffnet. Rote Reisebusse fuhren auf das Kasernengelände. Die ersten Flüchtlinge kamen in Donaueschingen an. Im Juli 2015 hatte die Landesregierung wegen der Einrichtung einer Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA) Kontakt mit der Stadt Donaueschingen aufgenommen. Eine BEA hat im Gegensatz zu einer Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) lediglich einen zeitlich befristeten Charakter, teilte die Landesregierung der Stadt mit. Und es kam der Hinweis, dass die Nutzungsdauer auch abhängig von sich möglicherweise konkretisierenden Konversionsmaßnahmen der Stadt sei. Waren es anfänglich 500 Flüchtlinge, stieg deren Zahl binnen kürzester Zeit auf über 2.000. Die Schlagzeilen der Lokalpresse beherrschten in der Folgezeit Polizeieinsätze, kleinere Straftaten aber auch Demonstrationen für ein „bunLinks: Die Kontrollstelle an der Villinger Straße, eine wichtige Einrichtung der Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA). Rechts: Am 20. März 2017 übergibt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben einen symbolischen Schlüssel an Oberbürgermeister Erik Pauly (Mitte). 146 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

tes Donaueschingen“ und Märsche von dankbaren Flüchtlingen durch die Innenstadt. Im Rathaus wurde zu dieser Zeit die Konversion bereits „mit Volldampf“ vorangetrieben. gart ein Mitspracherecht über den Verkauf. Ohne konkreten Zeitpunkt, an dem das Land die Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge wieder aufgegeben würde, wäre der Vertrag zwischen BIMA und Stadt nicht zustande gekommen. Kauf des Gesamtareals sichert neues Stadtquartier Blicken wir zurück in das Jahr 2013. Bereits im November, nur wenige Tage nach der Hiobsbotschaft über den Abzug der Deutsch-Französischen Brigade, befasste sich der Gemeinderat erstmals mit dem Thema Konversion. Bürgermeister Bernhard Kaiser, der in dieser so schwierigen Zeit die Stadtgeschäfte leitete, war es ein großes Anliegen, dass die Stadt nicht in Agonie verfiel. Bereits im Januar 2014 fasste der Gemeinderat den Beschluss, die frei werdende innenstadtnahe 140.000 Quadratmeter große Grundstücksfläche von der Stadt oder von einer noch zu gründenden Entwicklungsgesellschaft erwerben zu lassen. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Nur als Grundstückseigentümerin besitzt die Stadt alle Möglichkeiten für eine optimale Innenstadtentwicklung. Im Dezember 2013 fand das erste Orientierungsgespräch mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) statt. Drei Jahre, 18 Verhandlungstreffen und 24 Vertragsentwürfe später wurde am 20.3.2017 der Kaufvertrag für die gesamte Fläche unterzeichnet. Dieser umfasst 46 Seiten. Bei den Verhandlungen saßen nicht nur zwei Verhandlungspartner am Tisch. Nachdem das Land im Sommer 2015 die Kaserne zur Notunterkunft für Flüchtlinge umgewandelt hatte, besaß auch StuttBürgerbeteiligung als Garant erfolgreiche Entwicklung Parallel zu den Grunderwerbsverhandlungen wurden im Sommer 2014 Vorstellungen entwickelt, wie der neue Stadtteil einmal aussehen solle. Der Gemeinderat hatte vorgegeben, die Planung für den neuen Stadtteil Schritt für Schritt mit der Bürgerschaft zu entwickeln. In einem Rahmenplan sollten dann die von Bürgern und Gemeinderat formulierten Ziele räumlich konkretisiert werden. Dieser Plan wurde auch für die Grunderwerbsverhandlungen dringend benötigt, da die zukünftige Nutzung den Wert des Grundstücks maßgeblich beeinflusst. Startschuss war eine erste Zukunftswerkstatt am 12. Juli 2014 in den Donauhallen. Alle interessierten Bürger wurden über den aktuellen Sachstand informiert. Gemeinsam mit den ebenfalls anwesenden Kommunalpolitikern wurden Ideen für die Entwicklung des neuen Stadtteils ausgetauscht. In vier Gruppen wurde diskutiert. Die Themen waren „Verkehr und Grün“, „Freizeit und soziale Infrastruktur“, „Arbeiten“ sowie „Wohnen und Leben“. Darauf aufbauend hat die Verwaltung im zweiten Schritt ein städtebauliches Entwicklungskonzept für den neuen Stadtteil und dessen Umfeld erstellen lassen. Am 9. Mai 2015 waren dann in einem dritten Ein neues Stadtviertel entsteht 147

 

 

 

Links: Bürger und Gemeinderäte entwickeln Ideen für den neuen Stadtteil im Rahmen der zweiten Zukunftswerkstatt am 9. Mai 2015. Rechts: Der von Baldauf Architekten Stuttgart aufgestellte Rahmenplan für die Entwicklung des neuen Stadtteils. Besonders überzeugt hatte das zentrale Element des neuen Planes, ein öff entlicher Grünzug, der autofrei eine Ost-West-Fuß wegverbindung von der Breslauer Straße zur Brigach und eine Nord-SüdFußweg verbindung Richtung Innenstadt über den Hindenburgring schaff t. historischer und neuer Bausubstanz ergeben. Für die Gebäude rund um den Exerzierplatz sind Nutzungen wie „Betreutes Wohnen“, Jugendherberge, Verwaltung und Dienstleistung, Kreativwerkstatt, Kino und Kinder-Jugendbüro geplant. Diese versprechen in der Zukunft einen belebten städtischen Platz. Die neuen Wohngebäude werden von der Villingerbzw. der Friedhofstraße erschlossen. Die im Norden aufgelockerte Baustruktur verdichtet sich nach Süden zum historischen Exerzierplatz zu kompakteren Bauformen. Der Standort der neuen Realschule fügt sich harmonisch in die Gesamtplanung ein. Zur Namensfindung für das neue Quartier fand im Frühjahr 2017 ein Wettbewerb statt. Unter Planungsschritt erneut die Bürgerinnen und Bürger gefragt: Das städtebauliche Entwicklungskonzept wurde vorgestellt. Jeder konnte überprüfen, welche Ideen und Überlegungen Eingang in das Konzept gefunden hatten und was vergessen worden war. Schritt für Schritt entstanden so detaillierte Zielvorstellungen für die Entwicklung des neuen Stadtteils. Auf Grundlage dieser verbalen Beschreibung wurde im letzten Planungsschritt die Erarbeitung eines Rahmenplanes parallel an vier renommierte Stadtplanungsbüros aus Baden-Württemberg vergeben. Mit diesen vier Entwürfen hat sich ein Gremium aus Stadträten und Baufachleuten am 14. September 2015 einen Tag lang befasst. Am Abend stand fest: Der neue Stadtteil „Am Buchberg“ wird gestaltet nach den Plänen des Büros Baldauf Architekten aus Stuttgart. Besonders überzeugt hatte das zentrale Element des neuen Planes, ein öffentlicher Grünzug, der autofrei eine Ost-West-Fußwegverbindung von der Breslauer Straße zur Brigach und eine Nord-Süd-Fußwegverbindung Richtung Innenstadt über den Hindenburgring schafft. Auch das 8.000 Quadratmeter große Parkgrundstück des ehemaligen Offizierscasinos wird in diesen Grünzug einbezogen. Am nördlichen Ende sind kleinere Grünflächen und eine Kindertagesstätte geplant. Im Süden soll durch die Neugestaltung des denkmalgeschützten Exerzierplatzes eine attraktive öffentliche Grünfläche entstehen, über die auch die Anbindung an die Innenstadt erfolgt. Ein Neubau am Hindenburgring zwischen den charakteristischen denkmalgeschützten Kasernengebäuden soll ein spannungsvolles Zusammenspiel zwischen 148 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

 

 

 

Der Abbruch einzelner Gebäude schreitet voran. Luftbild des Konversionsgeländes vom 23. April 2021. 46 Einsendungen machte schließlich der Name „Am Buchberg“ das Rennen. Die neuen Straßen sollen laut Gemeinderatsbeschluss an jüdische Mitbürger und an die Judenverfolgung in Donaueschingen erinnern. Alle interessierten Bürger werden regelmäßig über die per Email versandten Bürgerinformationen auf dem neuesten Stand gehalten. Etwa 650 Personen beziehen diesen Newsletter. Seit dem Frühjahr 2015 hat Oberbürgermeister Erik Pauly bereits 19 Bürgerinformationen versandt. Wo steht der neue Stadtteil „Am Buchberg“ heute? Mit den ersten Wohnhäusern wollte der Gemeinderat auch die Kinderbetreuung im neuen Stadtteil sichergestellt wissen, ein ehrgeiziges Ziel. Um einen optimalen Entwurf für diese wichtige Einrichtung zu erhalten, wurde erneut das in Donaueschingen bewährte Instrument des Architektenwettbewerbs gewählt. Im Dezember 2017 konnte ein Preisgericht, das aus pädagogischen Fachkräften, Stadträten und 150 Konversionsareal in Donaueschingen In der Prinz-KarlEgon-Straße wurden bereits mehrere Mehrfamilienhäuser saniert.

 

 

 

Als Erstes ging am 30. Juni 2020 die neue Kindertagesstätte „Am Buchberg“ in Betrieb. Dreißig neue Einzelund Doppelhäuser an der Villinger Straße sind im Bau. Links zu sehen ist das historische Offizierscasino. Ein neues Stadtviertel entsteht 151

 

 

 

renommierten Architekten bestand, die eingereichten Entwürfe beraten. Realisiert wurde ein Entwurf, den das Büro Ackermann & Renner aus Berlin eingereicht hatte. Unter der Leitung des Donaueschinger Architekten Alexander Schmid konnte am 30. Juni 2020 nach nur 15 Monaten Bauzeit die neue Kindertagesstätte in Betrieb gehen. Im Frühjahr 2021 sind von den 90 Betreuungsplätzen bereits 65 Plätze belegt. Wohnbebauung ist bereits weit fortgeschritten Im neuen Stadtviertel soll eine Durchmischung verschiedener Wohnformen entstehen. So werden im Norden am Ortsausgang Richtung Grüningen westlich und östlich der Villinger Straße auf 30 Grundstücken Einzel-, Doppelund auch Reihenhäuser gebaut. Der Verkauf gestaltete sich einfach, da die Nachfrage nach diesen Bauplätzen groß ist. Alle Grundstücke sind veräußert, die neuen Wohnhäuser sind im Bau. Mehrgeschossige Wohngebäude sind punktuell entlang der Villinger Straße geplant. Den nordwestlichen ca. 1,4 Hektar großen Bereich entlang der Alemannenstraße sollen zwei Investoren bebauen. Der geplante fließende Übergang von der Kindertagesstätte über zwei neue Mehrfamilienhäuser zu diesem neuen Areal mit 35 Gebäuden, überwiegend Doppelund Reihenhäusern, hatte den Gemeinderat überzeugt. Diese Häuser sollen noch Ende 2021 verkauft werden. Im Verlauf Richtung Süden, zum Hindenburgring nimmt der Anteil an mehrgeschossigen Wohngebäuden zu. Aktuell steht der Verkauf der neu zu bauenden und der denkmalgeschützten Gebäude im südlichen Bereich des neuen Stadtteils an. Insgesamt kommen dort ca. 40 weitere Gebäude bzw. Bauplätze zur Veräußerung. Der Verkauf der denkmalgeschützten Gebäude ist eine anspruchsvolle Aufgabe und nicht so einfach, wie von Bauplätzen für Einfamilienhäuser. Die zukünftige Nutzung dieser Gebäude wird ausschlaggebend sein für die Qualität des neuen Stadtviertels: Nur die vom Gemeinderat und von der Bürgerschaft angestrebte Nutzungsvielfalt wird einen belebten, urbanen Platz, den ehemaligen Exerzierplatz, als Tor zum neuen Stadtviertel ermöglichen. Rechte Seite: Das Konversionsgelände von Süden gesehen, vor und nach den Abbrucharbeiten. Unten: Die Südfassade des denkmalgeschützten Offizierscasinos in der Villinger Straße. 152 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

Ein neues Stadtviertel entsteht 153

 

 

 

Das ehemalige französische Cinéma wird wieder als Kino genutzt. Ehemaliges Offizierscasino spielt besondere Rolle 1937 wurde der beeindruckende, an der Villinger Straße gelegene, Flügelbau von der damaligen deutschen Wehrmacht errichtet. Zu dem unter Denkmalschutz stehenden Objekt gehört ein rund 8.000 Quadratmeter großes Grundstück. Herzstück des rund 60 Meter langen Gebäudes ist der große Ballsaal. Im Jahr 2019 hat die auf die Sanierung von Baudenkmalen spezialisierte Firma Gnädinger & Mayer aus Radolfzell das Offizierscasino gekauft. Andreas Schmid, Geschäftsführer der Firma erläuterte am 20.5.2019 im Schwarzwälder Boten: „Wir sind auf Denkmalschutz spezialisiert, und wir werden das Offizierscasino denkmalgerecht umbauen.“ In dem Gebäude, in dem einst rauschende Feste gefeiert wurden, sollen 14 Wohnungen entstehen. „Den Ballsaal wollen wir für die Allgemeinheit geöffnet halten und dort eine Begegnungsstätte schaffen“, erklärt Schmid. Auch ein Restaurant sei dort denkbar. Architekt Hilmar Lutz erläutert, dass das Konzept für die Sanierung des Offizierscasinos so gestaltet sei, dass der Charakter des Gebäudes erhalten bleibe. Dazu gehört auch die Südansicht. Auch das parkähnliche Grundstück soll erhalten bleiben und größtenteils der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Damit können wichtige Anregungen, die im Rahmen des Bürgerworkshops gegeben wurden, umgesetzt werden. Kino ist erste kulturelle Einrichtung „Am Buchberg“ In den Räumen des ehemaligen französischen Cinéma in der Friedhofstraße konnte im Oktober 2019 das Kommunale Kino guckloch e.V. sein 15-jähriges Jubiläum feiern. Im Herbst 2017 wurde das Angebot in den Räumen des Cinéma erweitert. Der Kinobetreiber Leopold Winterhalder zeigt dort seither am Wochenende aktuelle Kinofilme. Das Kino stellt eine Bereicherung nicht nur für den neuen Stadtteil dar. Es erinnert an die französische Vergangenheit des Viertels und sollte dort unbedingt erhalten werden. Der Neubau der Realschule – wichtiger Baustein im Quartier Einen gewaltigen finanziellen Kraftakt stellt der Neubau der Realschule mit der zugehörigen Dreifeldsporthalle dar. Rund 45 Millionen Euro 154 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

werden für dieses Projekt veranschlagt. Laut Planung soll die neue Realschule etwa 2025 fertig sein. Auch für dieses Projekt wurde im Frühjahr 2019 ein Architektenwettbewerb durchgeführt. Nach Tagung des interdisziplinären Jurygremiums bestehend aus Politik, Verwaltung, Architektur und Pädagogik erhielten Sander-Hofrichter-Architekten aus Ludwigshafen einstimmig den ersten Preis. Besonders beeindruckt war das Gremium vom schlanken Baukörper des Schulgebäudes, der gemeinsam mit der Sporthalle markante Raumkanten im neuen Quartier bildet. Die Sporthalle begrenzt den Pausenhof und bildet eine wichtige Fassade zum Bürgerpark. Geschickt werden die halböffentlichen Schulhofflächen mit dem nach Norden weiterführenden öffentlichen Grünzug verknüpft. Ausblick Im Sommer 2014 hat die DeutschFranzösische Brigade Donaueschingen verlassen. Sieben Jahre später, im Frühsommer 2021 wird dieser Aufsatz verfasst. Es hat sich viel getan in dieser kurzen Zeit. Donaueschingen ist auf gutem Weg, die Konversion erfolgreich zu meistern. Mit der architektonisch gelungenen Kindertagesstätte und den Plänen für die neue Realschule existieren bereits wichtige Mosaiksteine für ein interessantes Stadtviertel. Die zukunftsfähige Gestaltung des ehemaligen Exerzierplatzes stellt die nächste Herausforderung dar: Die Bürger haben zahlreiche Anregungen für die Nutzungen gegeben, die in die Planung einfließen sollten. Nur die von Gemeinderat und Bürgerschaft gewünschte Mischung aus kulturellen und gewerblichen Elementen kann den ehemaligen Exerzierplatz wieder mit Leben füllen. Wenn es zusätzlich gelingt, die geplanten Grünzüge als attraktive Fußwegverbindungen zur Brigach und zur Innenstadt zu gestalten, steht einem Erfolg dieses Jahrhundertprojektes nichts mehr im Weg. Oben: Der beeindruckende Ballsaal des Offizierscasinos vor der Sanierung. Unten: Ansichtszeichnung der im neuen Stadtteil am historischen Exerzierplatz geplanten Realschule. Ein neues Stadtviertel entsteht 155

 

 

 

„GLÜCK AUF“ SALZ FÜR BADEN Vor 200 Jahren erste Bohrung nach Salz – Bad Dürrheim profitiert vom Salzfund bis heute. von Wilfried Strohmeier 156 6. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Arbeiter beim Abwiegen und Verpacken des Salzes. 157

 

 

 

„Glück auf! Vom 25. auf den 26. wurde in der Tiefe von 375 Fuß auf ein ziemlich starkes Salzlager gebohrt, welches nach sogleich angestellter Probe ein vortreffliches Kochsalz resultierte.“ Diese Zeilen schrieb Johann Baptist Willmann, sie kamen vor 200 Jahren, am 28. Februar 1822, in der Hauptstadt Karlsruhe bei Großherzog Ludwig I. von Baden an. Willmanns Hartnäckigkeit und das Wissen von Christian von Langsdorf, einem der führenden Salinisten seiner Zeit, verhalfen dem jungen Großherzogtum Baden in Bad Dürrheim zu einem wertvollen Fund: Salz. Von diesem Fund profitiert die Kurund Bäderstadt mitten auf der rauen Baar bis heute. 150 Jahre, bis 1972, bestand die Saline. Der Erfolg der Salzsuche hatte viele Väter: Dies waren Konrad Heby, Johann Baptist Willmann, Christian und Gustav von Langsdorf sowie Großherzog Ludwig I., der die Suche genehmigen musste. Und es gab eine Frau, welche Kinderkuren maßgeblich förderte und somit einen wichtigen Grundstein für das Kurwesen legte: Großherzogin Luise von Baden. Die Geschichte um die Salzsuche in Bad Dürrheim begann aber schon Jahrzehnte vor dem Fund. Es gab einige Hürden zu überwinden und manch Zufall und Hartnäckigkeit der Beteiligten war ebenso notwendig wie das gewisse Quäntchen Glück. Anfänge der Salzsuche Bad Dürrheim, im zu Ende gehenden 18. Jahrhundert Dierheim oder Thierheim genannt, gehörte dem Johanniterorden. In Deutschland herrschte noch die Kleinstaaterei, in Villingen gab es mehrere Klöster und eine Verwaltung des Ordens. Johann Baptist Willmann war der Amtmann, der Stellvertreter des letzten Johanniterkomturs Johann Baptist von Flachslanden. Ein anderer Mann, hauptberuflich Schreiner, lebte zu dieser Zeit ebenfalls in Villingen, dies war Konrad Heby. Er war in der Zähringerstadt als „Tausendkünstler“ bekannt und ihn interessierte die Geologie. Zugang zu diesem Wissen fand er in der Bibliothek des Klosters des Heiligen Georgs. Johann Baptist Willmann Heby äußerte sich gegenüber Willmann zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dass er Salz unter Bad Dürrheim vermutet. Indiz dafür waren für ihn Gipssteine. Die Gipsschicht muss in jener Zeit relativ weit oben gelegen haben, denn es gibt einen Bericht im Landesarchiv Freiburg, dass die Bauern beim Pflügen solche Steine immer wieder freilegten. Heby überzeugte Willmann, eine Gipsmühle in Bad Dürrheim zu bauen. Grundlage dafür war das Ansinnen des Johanniterordens aus dem August 1784. In einer Zeitungsannonce suchten sie Interessierte, die eine Getreidemühle in Bad Dürrheim betreiben wollen. Es meldete sich aber niemand. Heby wollte diese Chance nutzen, bis 1806 hatte Willmann die Planungen und den Bau der Mühle unter der Johanniterherrschaft in Bad Dürrheim weit vorangetrieben. Doch die großpolitische Gesamtlage warf ihren Schatten auch auf Südwestdeutschland. Der Beginn des 19. Jahrhunderts war die Zeit großer politischer Umbrüche. 1806 überrannte Napoleon Bonaparte das Heilige Römische Reich deutscher Nation mit seiner Armee und setzte der Kleinstaaterei ein Ende. Im Südwesten entstanden das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg. Bad Dürrheim lag dicht an der Grenze und ob die Dürrheimer nun badisch oder württembergisch wurden – es war den Bauern wohl relativ egal, denn ihren Zehnten mussten sie hüben 158 Geschichte

 

 

 

wie drüben bezahlen. Aber man einigte sich, und ab 1806 wehte die badische Flagge von Napoleons Gnaden über dem Dorf. Willmann wurde Gefällverwalter für die Badener, betrieb die Getreideund Gipsmühle und sicherte sich gleichzeitig den Betrieb einer Schankwirtschaft, diese war zum wirtschaftlichen Überleben der Mühle notwendig. Das Gebäude stand wenige Meter nördlich an der Stelle, wo die Huberstraße auf die Luisenstraße trifft und sich heute die Erlöserkapelle des ehemaligen Kurheim Sanatorium, jetzt Sure Best Western, befindet. In der Ortsgeschichte war die Mühle wie auch das Wirtshaus bekannt. Zunächst trug es den Namen „Goldener Löwe“, nachdem die Saline Eigentümer war und das Gebäude ausgebaut wurde, war es bekannt als Gaststätte und Hotel Saline. Angetrieben wurde die Mühle durch die Stille Musel, Willmann baute dazu ein Wehr und staute den Bach auf. Der Gefällverwalter hatte drei Compagnons, dies waren der bereits genannte Konrad Heby, ein Joseph Neugart und ein Karl Magon. 1806 wurden weitere Investitionen notwendig, die keiner seiner Anteilseigner aufbringen wollte oder konnte, so wurde Willmann alleiniger Eigentümer und konnte die Geschicke in die Hand nehmen. Unruhige Zeiten verzögern die Suche nach Salz Baden als Mitglied des Rheinbundes und somit ein Verbündeter Napoleons musste für den Russlandfeldzug 1812 über 7.000 Mann stellen, was dem jungen badischen Staat zusetzte, es kamen keine 800 zurück. Ab 1813 war die Zeit der Befreiungskriege, in denen man Napoleon besiegte und des Wiener Kongress 1814/15 – diese unruhigen Zeiten waren wahrscheinlich einer von mehreren Gründen, warum sich die Suche nach Salz in Dürrheim immer wieder verzögerte. Johann Baptist Willmann zeigte Hartnäckigkeit und Patriotismus. Er nahm 1811 erstmalig mit der badischen Regierung in Karlsruhe Kontakt auf, Adressat war ein gewisser Referendar Volz, dieser bekam Wasserund Gesteinsproben. Volz versprach, sich persönlich darum zu kümmern. Die Sache verlief zunächst im Sand, wohl auch da Volz verstarb. In Karlsruhe war man sich des Problems, dass das Großherzogtum Salz Eine Postkartenansicht, links das Kassengebäude mit Glockenturm, heute Rathaus II und das Haus des Gastes. Saline Bad Dürrheim 159

 

 

 

einführen muss, bewusst. Die Regierung hatte damals auch eine Kommission eingesetzt, um in Baden Salz zu finden. Am 17. April 1818 unternahm Willmann den nächsten Anlauf, sich in Karlsruhe Gehör zu verschaffen. Ansprechpartner dieses Mal: Carl Christian von Langsdorf, der unter seinem zweiten Vornamen bekannt ist. Der Geologe kam aus einer Salinistenfamilie. Willmann hatte zur richtigen Zeit den richtigen Mann kontaktiert, denn dessen Neugierde war geweckt. Heby bekam von alldem nichts mehr mit, er saß wegen Falschmünzerei im Villinger Gefängnis und hatte sich – der Überlieferung zufolge, 1816 mit einem angeschärften Löffel die Kehle durchgeschnitten. Langsdorf wurde von der Landesregierung auf Erkundungstour geschickt. Er bereiste zusammen mit dem ehemals in Fürstlich Fürstenbergischen Diensten stehenden Bergrat Carl Josef von Selb das sogenannte Oberland. Die beiden Herren waren unter anderem in Bad Dürrheim und in Niedereschach. In seinem Bericht über Bad Dürrheim schreibt Langsdorf davon, dass der Gips auf den Fuhrwegen hervortrat und unstreitig zu jenem Gips gehöre, der bei Rottweil zu finden sei. „Ganz nahe bey Schwenningen liegt derselbe Gyps nur wenige Fuße tief unter dem Ackerfeld. In Dirrheim geht hin und wieder auf dem Ackerfeld sogar der Pflug durch Gyps, der daher auch schon gleich hinter dem Dorfe in großen Massen gebrochen wird und theils körniger, theils dichter Gyps von großer Festigkeit oder Alabaster ist.“ Langsdorf musste Willmann getroffen haben. Denn der Domänenverwalter versicherte dem Salinisten später in einem Schreiben, dass genügend Bauholz für die Erbauung eines Salzwerks vorhanden sei – dies war wohl eine Sorge bei dem Treffen. Erste Bohrungen erfolgen im Jahr 1821 Langsdorf wäre eine Bohrung in Niedereschach lieber gewesen, da man sich dort bereits im Tal befand. Carl Christian von Langsdorf Willmann ließ aber nicht locker: Am 30. März 1821 schrieb Willmann erneut an Langsdorf und erkundigte sich, wann mit der Bohrung zu rechnen sei. Dieser verwies auf die hohen Kosten von 10.000 Gulden, aber wenn „Sie ein Gebäude im Dorfe oder aber auch auf Ihrem Gute anweisen könnten, das zur Anlage der Bohrmaschine und einer Schmiede Raum darböthe. Hiermit erhielten wir einen bedeutenden Gewinn an Zeit und Kosten gegen jeden anderen Versuch.“ Willmann konnte. Dort, wo heute die Stele des Fundbohrlochs steht, gab es einen Schuppen und in diesem wurde noch im gleichen Jahr der Bohrer angesetzt und die notwendige Schmiede eingerichtet. Auf der sogenannten Schmiedwiese, in den 1920er-Jahren der erste Kurpark und heute der Hindenburgpark, standen mehrere einfache Schuppen, die während der Aufbauzeit der Saline als Werkstätten und Materiallager dienten. Christian von Langsdorf schickte seinen Sohn Gustav, der ab dem 9. April 1821 alle notwendigen Vorbereitungen erledigte. Am 21. Juli 1821 war der Bohrer bereit und konnte angesetzt werden. Angetrieben wurde dieser – vereinfacht dargestellt – durch ein Laufrad, das man sich wie ein Hamsterrad vorstellen muss, das Menschen in Bewegung setzten. Über die Umlenkung mithilfe von Zahnrädern erzeugte es eine Aufund Abbewegung des Schlagbohrers. Später wurden im 19. Jahrhundert andere Räder mit Pferden verwendet, die den ganzen Tag im Kreis liefen und auch die Bohrtechnik änderte sich. Es gab Ösen in den Aufhängungen, durch die ein Holzbalken geführt wurde. Mit diesem wurde der Bohrer, wenn er niederging, um eine Viertel Umdrehung bewegt und so schürfte man den Boden auf. Das Fundbohrloch lag damals am südlichen Dorfrand. Und nicht zu vergessen: Bad Dürrheim hatte keine 100 Einwohner und war ein weltvergessenes Bauerndorf in einer badischen Grenzprovinz. Man kann annehmen, dass die Bauern und Tagelöhner mit einer Mischung aus Skepsis und Neugierde dem Treiben zusahen, das die Bergleute auf der Wiese veran160 Geschichte

 

 

 

stalteten. Fuß um Fuß trieben sie die Bohrung voran, Runde um Runde mussten Männer und Pferde das Göpelwerk drehen, das den Bohrer antrieb. Tage-, wochenund monatelang. Der Sommer ging dahin, es wurde Herbst und Winter auf der kalten Baar. Weihnachten ging vorüber, ebenso der Jahreswechsel 1821/22 – sie bohrten noch immer in der Scheune am Dorfrand. Doch es gab keinen Erfolg zu vermelden. Wurde der Missmut der Bergleute größer oder die Anspannung? Vielleicht beides? Man weiß es nicht, aber eines ist gewiss: Die Bohrung und alles, was danach kam, stellte das Bauerndorf auf den Kopf. Der Bad Dürrheimer Salzstock wird entdeckt Man schrieb den 22. Februar 1822 als man im Bohrmaterial, das aus der Tiefe geholt wurde, erste Spuren von Salz entdeckte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde auch nachts gebohrt. Und in der Tiefe von 375 Fuß (etwa 112,50 Meter), am 26. Februar, morgens um 10 Uhr, waren sich die Bergleute ihres Erfolges gewiss: Man hatte ein ziemlich ergiebiges Salzlager angebohrt – dies geht aus einem Bericht hervor, den Willmann später an das Großherzogliche Direktorium in Konstanz schrieb. Zunächst informierte Willmann unverzüglich Langsdorf und die badische Regierung. Die Nachricht vom Erfolg verbreitete sich im Nu. Die Karlsruher Zeitung berichtete in der Ausgabe vom 3. März 1822 das freudige Ereignis in einer – damals üblichen – sehr blumigen Sprache. Großherzog Ludwig beorderte Christian von Langsdorf nach Bad Dürrheim, wo er am 26. April 1822 auch eintraf. Der Salinist war damals bereits 65 Jahre alt. Wie Joseph Alfons Steiger in seinem Buch „Dürrheim und seine Saline“ berichtet, sollte Langsdorf den Bau des ersten Bohrturms in die Wege leiten. Erforderlich waren die Rohre, eine Pumpe sowie ein Windrad und ein Laufrad für den Antrieb. Auch die Siedehäuser mussten gebaut werden, denn der badische Staat hatte viel vor: Zum 1. Januar 1824 Die Bohrtürme Fuß um Fuß trieben die Bergleute die Bohrung voran, Runde um Runde mussten Männer und Pferde das Göpelwerk drehen, das den Bohrer antrieb. Tage-, wochenund monatelang. Historische Zeichnung eines Göpelwerkes. Saline Bad Dürrheim 161

 

 

 

sollte das staatliche Salzmonopol in Kraft treten, das Salz dazu soll aus den Salinen Bad Dürrheim und Bad Rappenau kommen, dort stieß man etwa zur gleichen Zeit auf einen Salzstock. Eile war somit geboten. Langsdorf benötigte Baumaterial und ließ einen Steinbruch einrichten, dieser lag rund 200 Meter vor dem heutigen Ortsschild Marbach, auf der rechten Seite, von Bad Dürrheim her kommend. Des Weiteren musste er Felder ankaufen für das Salinenareal, hier führte er einige Verhandlungen, die Verträge wurden dann zum Großteil von August von Althaus, dem ersten Salinenverwalter abgeschlossen. Es war ein weitläufiges Areal: Die nördliche Grenze dazu bildete die heutige Bahnhofstraße in östlicher Richtung verlängert bis an die Stille Musel, an dieser nach Süden bis etwa zur Ecke Luisen-/Huberstraße den Alleenweg entlang bis zum Jugendhaus Bohrturm und ein Teil des Sportplatzes gehörte ebenso dazu. Der größte Einzelkauf war das Gasthaus Saline mit der dazugehörenden Unten: Wenden und Walzen des Salzes auf dem Trockenherd. Mühle. Willmann war inzwischen bei der badischen Regierung in Ungnade gefallen – hier hatte mutmaßlich Bergrat Selb seinen Teil dazu beigetragen – er wurde nach St. Blasien versetzt, wo er wenige Jahre später starb, er hinterließ Frau und drei Kinder. Eine Witwenrente vom Staat in Anbetracht der Verdienste um den Salzfund wurde nicht gewährt. Bau von Siedehäusern und Verwaltungsgebäuden Während Althaus die Kaufverträge abschloss und somit das Gelände sicherte, wurde in Karlsruhe Friedrich Arnold damit betraut, die Gebäude des Salinenensembles zu planen und später dann den Bau zu leiten. In seiner Planung griff er den Karlsruher Fächer auf. Mittelpunkt bildete der Platz zwischen den Verwaltungsgebäuden, heute Rathaus I und II – aus diesem Grund gibt es auch die gebogenen Fassaden. In den ersten Obergeschossen waren jeweils Wohnungen, das heutige Büro des Bürgermeisters war beispielsweise das repräsentative Wohnzimmer des Salinenverwalters. Links und rechts des Gebäudes II mit dem kleinen Glockenturm, schlossen sich die vier geplanten Siedehäuser an. 162 Geschichte

 

 

 

Arnold Tschira listet in seiner Zusammenfassung „Die Werkbauten der Saline Dürrheim“ die Jahreszahlen auf: Das Siedehaus I wurde als Erstes gebaut, in einer Rekordzeit von etwa einem Jahr, Einweihung war am 16. Januar 1823. Es stand auf der Fläche, wo heute der kleine Park Ecke Bahnhof-/Luisenstraße ist und zog sich bis in den Wohnblock hinein, der Abriss erfolgte 1933. Das Siedehaus II (Haus des Gastes) wurde ebenfalls 1823 fertig und das Siedehaus III (Haus des Bürgers) 1824, mit ihnen die Salzmagazine und die Solereservoire zwischen den Siedehäusern. Auch das Gebäude IV, das etwa parallel zur Huberstraße stand, wurde gebaut, allerdings nicht als Siedehaus, sondern als Lagerhaus. Der Abriss erfolgte um 1900, als das heutige Hotel Sure Best Western, damals Hotel Saline entstand, welches Jahrzehnte als Kurheim Sanatorium durch einen Schwesternorden betrieben wurde. Bohrhaus I und II (Fundbohrloch) wurden erst 1827 fertig, wobei dieses Gebäude noch nicht die mächtigen Türme hatte wie die heute noch stehenden Bohrhäuser. Es waren eher kleine, rund vier Meter hohe Türmchen, ähnlich wie sie in der Rottweiler Saline zu sehen sind. Das Gebäude wurde 1922 abgerissen, als der erste Kurpark entstand, der auf dem Gelände des heutigen Hindenburgparks lag. Dies waren somit die ersten Gebäude der Saline Bad Dürrheim – oder Ludwigshall, wie sie eigentlich hieß. Der Großherzog hatte erlaubt, diesen Namen sowohl für die Saline als auch für das Dorf zu führen, einzig die Bad Dürrheimer wollten nicht. Der Name fand keinen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch und in das kollektive Gedächtnis. Man sagt, dies könnte auch der Grund gewesen sein, warum Großherzog Ludwig das Dorf auf der Baar nie besuchte. Endlich genug Salz für Baden Das Großherzogtum Baden verfügte sozusagen von heute auf morgen über genügend Salz. Ziel war es, zum 1. Januar 1824 ein staatliches Salzmonopol einzuführen, dafür gab es die Order, dass 20.000 Zentner Salz verteilt werden müssen. Da Baden zum Rheinbund gehörte, ist davon auszuge164 Geschichte

 

 

 

hen, dass es die gleiche Maßeinheit war wie heute. Das Selbe trifft mutmaßlich auch auf Kilo und Gramm zu, auch wenn teilweise nach Aktenlage des Landesarchivs Freiburgs noch mit dem etwas leichteren Kölner Pfund gerechnet wurde. Der Erlass für das Salzmonopol wurde am 25. Oktober 1823 vom badischen Finanzministerium erteilt. Demnach durften nur noch Händler Salz verkaufen, den Hausierern war der Salzhandel verboten. Es war unverkennbar der Wille, den Badnern „gutes getrocknetes Salz, in vollständigem Gewicht und um billigen Preis“ zur Verfügung zu stellen. Baden hatte damals etwa eine Million Einwohner. Es galt für ganz Baden, vom Bodensee bis nach Wertheim und bis in den hintersten Winkel des Schwarzwaldes eine Logistik aufzubauen – dies ging nicht ganz reibungslos vonstatten. Ein Schriftwechsel aus dem Januar und Februar 1824 belegt, dass Karlsruhe ein Muster eines Viertel-Pfund-Gewichts Mitte Januar 1824 an das Großherzogliche Amt in Villingen verschickte. Der Zweck war ein einfacher: Es sollte das Muster sein, damit dort weitere gegossen Der Erlass für das Salzmonopol wurde am 25. Oktober 1823 vom badischen Finanzministerium erlassen. Demnach durften nur noch Händler Salz verkaufen, den Hausierern war der Salzhandel verboten. Die Saline zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Saline Bad Dürrheim 165

 

 

 

werden können, um diese dann an die Kaufleute zu verteilen. Das heißt nichts anderes, als dass es ein Salzmonopol nach Kilo und Gramm gab, aber in den ersten Monaten nicht die richtigen Gewichte dazu. Das Salzmonopol hatte mehrere Jahrzehnte Bestand, es wurde mit einem Erlass der Regierung, datiert vom 25. Oktober 1867 aufgehoben und eine Salzabgabe eingeführt. Während der 150 Jahre, welche die Saline in Bad Dürrheim in Betrieb war, wurden zehn Bohrlöcher niedergebracht, wobei nur eines eine Fehlbohrung war. Als das alte Bohrloch VII in Arbeit war, versiegten teilweise die Brunnen im Dorf. Es befand sich weit außerhalb des Salinenareals, hinter dem Gasthaus Schwert in Richtung Salinensee, heute Friedrichstraße 25. Erst nachdem die Bergleute das Bohrloch mit Lehm ausgekleidet und zugemacht hatten, gab es wieder kontinuierlich sprudelnde Brunnen. Die Salinenverwalter mussten natürlich Buch führen über die Fördermenge, Betriebsstunden und über den Verkauf der Sole und später dann auch an die einzelnen Erholungsheime. (S. Infokasten u.) Heute fördert die Kur und Bäder GmbH aus dem Bohrloch XI auf der Hirschhalde die Sole. Das Gebäude ist nicht größer als eine Garage. Die Solereservoirs sind im Boden eingelassen und weitgehend unsichtbar. Löste früher über das Bohrloch einlaufendes Grundwasser das Steinsalz, muss heute nach Bergbaurecht ein Brunnen dazu gebohrt werden. Im Notbetrieb könnte man die Sole auch aus den Bohrlöchern IX und X in der Luisenstraße, Ecke Hammerbühl straße, fördern. Die Siedehäuser waren jedoch nicht bis in die 1970er-Jahre in Betrieb. Ab 1931 wurde in einem zentralen, staatlichen Siedehaus auf dem heutigen Großraumparkplatz gesiedet, in den beiden noch stehenden Siedehäusern II und III wurden Werkstätten untergebracht. Der etwa 80 Meter hohe Kamin Unten: Salzsäcke aus Bad Dürrheim, die nach Afrika geliefert wurden. Für das Jahr 1910 meldete der damalige Salinenverwalter einen Solegehalt von 27 Prozent bei allen betriebenen Bohrlöchern und eine Soletemperatur von 11 Grad Celsius. Bei der Förderung sind folgende Zahlen belegt: Bohrl. III VII VIII IX X Betriebsdauer Stunden 2143 3418 3671 1776 3524 Fördermenge/ Stunde Liter 2101 3480 3480 1985 3235 Gesamtfördermenge Liter 5.034.931 12.058.640 12.840.280 6.191.085 12.025.423 Gesamtfördermenge: 48.150.359 Liter In der Auflistung ist in der Salzerzeugung Folgendes aufgeführt: 1910: 13.387.150 kg Salz, dazu wurden 44.176.527 l Sole benötigt, das sind rund 330 Liter Sole für 100 kg Salz. 166

 

 

 

Abtragen des Salzes von der Siede-Pfanne auf den Trockenherd. Saline Bad Dürrheim 167

 

 

 

Das Logo der Saline Bad Dürrheim. war über Jahrzehnte Wahrzeichen der Saline und des Orts. Im Dezember 1971 allerdings beschlossen die Betreiber, seit 1965 die Deutsche Salzwerke AG mit Sitz in Heilbronn, die Produktion im Jahr 1972 ganz einzustellen, da die Pfannensalinen nicht mehr wirtschaftlich arbeiteten. Zur Sprengung des Kamins kam es am 30. April 1974, das industrielle Zweckgebäude wurde ebenfalls abgerissen. Dies war eines der sichtbarsten Zeichen für den Niedergang der Saline und deren Schließung. Kurwesen zunächst ein „Nebengeschäft“ Die Saline brachte jedoch noch etwas anderes, es war in den ersten Jahren eigentlich ein „Nebengeschäft“: das Kurwesen. Bad Dürrheim war zum Zeitpunkt der Salinenschließung ein renommierter Kurort im Südwesten. Mit den Kuren begann es in der Mitte des 19. Jahrhunderts, damals noch in einem sehr geringen Umfang. Als ein wirtschaftlicher Wachstumsförderer kann das erste Kindersolbad betrachtet werden, das der badische Frauenverein einrichtete. Dieser war eine Gründung der Großherzogin Luise, er fusionierte später mit dem Badischen Roten Kreuz. Die ersten Solebäder für Kinder gab es ab 1905 im heutigen Gasthof Rössle. Die ersten Kurgäste saßen derweil in ihren hölzernen Badezubern im Badhaus I, welches gleichzeitig das ehemalige Gebäude des Bohrlochs IV war. Dieses stand auf dem Gelände der heutigen Luisenpassage und wurde 1971 abgerissen. Zur Sprengung des Kamins kam es am 30. April 1974, das industrielle Zweckgebäude wurde ebenfalls abgerissen. Dies war eines der sichtbarsten Zeichen für den Niedergang der Saline und deren Schließung. Ein zweites, größeres Badhaus, stand an der Ecke Huber-/Luisenstraße etwa vor dem jetzigen Haupteingang des Kurparks. Die Salinenverwalter mussten auch hier Buch führen, welche Einrichtung wie viel Sole bekam – und nicht immer stimmten die Zahlen im gesamten überein, was Karlsruhe mehr als ein Mal veranlasste, um Aufklärung zu bitten. Großherzogin Luise hatte Bad Dürrheim dazu auserkoren, die Gesundheit der jüngsten Landeskinder zu verbessern. Sie war auch mehrfach in Bad Dürrheim zu Besuch, um nach den Einrichtungen zu schauen und sich zu informieren. Nachdem das Rössle zu klein wurde, baute der Verein in den 168 Geschichte

 

 

 

Oben: In der Abfüllerei für Speisesalz arbeiteten Bad Dürrheimer Frauen. Links: Im Jahr 1931 ging das zentrale Siedehaus in Betrieb, die vier niedrigen Schornsteine waren jedoch nur Dampfabzüge. Gesiedet wurde darin bis 1972. Unten: Die Sprengung des 80 Meter hohen Kaminturms erfolgte am 30. April 1974. Saline Bad Dürrheim 169

 

 

 

170 Geschichte

 

 

 

Seite links, oben: Das Badehaus II stand entlang der Huberstraße, Ecke Luisenstraße, vor dem heutigen Haupteingang des Kurparks. Schon 1916 gab es Erweiterungspläne, die jedoch nie umgesetzt wurden. Links unten: Werbung für „Europas höchstes Solbad“. Links das Kurhaus, daneben der 80 Meter hohe SalinenSchornstein und der frühe Kurpark. Saline Bad Dürrheim Bis zum Ende der 1960er, Anfang 1970er-Jahre gab es eine große Zahl von Kindererholungsheimen, die einen größer, die anderen kleiner. Die Kinder waren über Wochen, teilweise Monate, in Behandlung. In den 1970er-Jahren ebbte dieser Zweig des Kurwesens ab und viele der kleinen Sanatorien schlossen, weil sie nicht mehr rentabel zu führen waren. Einige große Kliniken blieben übrig, denen die Gesundheitsreformen in den 1980erund folgenden Jahren schwer zusetzten. Die Rehaaufenthalte wurden regulär von vier auf drei Wochen verkürzt und die Zeiten von „Morgens Fango, abends Tango“ gingen dem Ende zu. Es schlossen einige weitere der kleineren Rehakliniken. Ein Meilenstein in der Bad Dürrheimer Kurgeschichte bedeutete das Jahr 1987, als das Solemar eingeweiht wurde. Im Vorfeld wurde 1983 der sogenannte „Jahrhundertvertrag“ mit dem Land abgeschlossen. Es übergab die Kureinrichtungen in das Eigentum der Stadt Bad Dürrheim und legte nochmal 27 Millionen Mark dazu, damit das Solemar gebaut werden konnte. Es entwickelte sich in drei Jahrzehnten zu einem Zugpferd für Selbstzahler und Tagestouristen. Heute ist Bad Dürrheim ein dreifach prädikatisierter Kurort: „Soleheilbad“, „Heilklimatischer Kurort“ und „Kneipp-Kurort“. Nach einer neueren repräsentativen Erhebung der Kur und Bäder GmbH werden mit der Reha in Bad Dürrheim rund 100 Millionen Euro pro Jahr umgesetzt. Weitere Informationen zum Thema Saline Bad Dürrheim finden Sie hier: www.almanach-sbk.de/saline 171 Badesalz aus Bad Dürrheim. Für das Jahr 1910 ist folgender Verbrauch aufgelistet: Für den Siedebetrieb Für den Badbetrieb Für den Verkauf Für das Kindersolbad Für das Landessolbad Für das Salinenhotel 44.176.509 l 2.710.424 l 265.093 l 251.000 l 296.000 l 369.600 l 1910er-Jahren das Kindersolbad am Ende der heutigen Luisenstraße, in Bad Dürrheim als Haus Hohenbaden bekannt und seit 2004 leer stehend. Für die erwachsenen Gäste stand die Bäder beispielsweise schon um 1900 im ehemaligen Gasthaus Saline bereit, zu dem Zeitpunkt ein Hotel. Ebenso hatte das Hotel Kreuz eigene Solebadewannen, es entstand das Gasthaus zur Hirschhalde (Seniorenstift) oder das heute nicht mehr existierende Kohlermannsche Jugenderholungsheim, in dem Sophie Scholl einige Wochen ein Praktikum absolvierte, das FriedrichLuisen-Hospiz als jüdisches Kinderheim (die Luisenklinik) und einige mehr.

 

 

 

SEIT JAHREN STROM AUS DEM BRÄNDBACH 172 Geschichte

 

 

 

von Wolf Hockenjos Die Errichtung der Brändbachtalsperre zur Versorgung der Stadt Bräunlingen mit elektrischer Energie darf als gelungenes Beispiel gelten für die konfliktarme Erschließung einer neuen Energiequelle. Vom Bau der Brändbachtalsperre sollten nicht nur die Bürger profitieren, sondern auch Flora und Fauna dank des Kirnbergsees (Foto). 100 Jahre Brändbachtalsperre 173

 

 

 

Mit dem Kirnbergsee entstand ein viel besuchter touristischer Hotspot in der Region und zudem wurde der Hochwasserschutz verbessert. Andernorts ist es im Ringen um die so dringend benötigte Energie bekanntlich weitaus kontroverser zugegangen: Erinnert sei an den „Kampf um die Wutachschlucht“ in den 1950er-Jahren. Auf bunten Plakaten hatte die Schluchseewerk AG auch dort der Bevölkerung einen See – mit Badeund Segelmöglichkeit von Neustadt bis Lenzkirch – versprochen, um für die Ableitung des Wutachwassers in ihr Speichersystem zu werben. Doch um eben dies zu verhindern, sammelte die Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, eine vom Schwarzwaldverein initiierte erste Bürgerinitiative in der noch jungen Bundesrepublik im Schwere Bauarbeiten mit Steinbrecher und Betonmischanlage. Im Steinbruch am Kirchweg wurde das Rohmaterial für die Betonmischung gewonnen. Mit dem Ausbau der Wasserkraftanlage im Brändbach ist die Stadtgemeinde Bräunlingen für fernste Zeiten von der allgemeinen Energienot und der damit eng verbundenen Preisbildung dieses wichtigen Wirtschaftsfaktors unabhängig geworden. Ingenieur Fritz Hofheinz 1923, zitiert aus Janzing, B.: Baden unter Strom. 174 Geschichte

 

 

 

Rahmen ihrer Aktion „Rettet die Wutachschlucht“ 185.000 Unterschriften. Womit man schließlich auch die Stuttgarter Regierung so beeindruckte, dass die Pläne eingefroren wurden. Proteste hatte es bereits gegen das allererste Flusskraftwerk Badens gegeben, das im Jahr 1895 auf Betreiben des innovationsfreudigen Fürsten Karl Egon III. zu Fürstenberg bei Stallegg in der Wutachschlucht erbaut worden war: Die Angler des noblen Bad Boll Fishing Clubs beschwerten sich, das Wasser werde oft tagelang zurückgehalten, sodass zwei Zentner tote Fische im Wert von 400 Mark zu beklagen seien. Und auch zuletzt noch, beim Bräunlinger Bürgerentscheid im Jahr 2018, hatte sich die Bevölkerung zutiefst gespalten gezeigt pro und kontra Windenergienutzung. Eine Staumauer aus Ruinenresten Nichts von alledem ist uns vom Brändbach überliefert – und dies, obwohl man sich beim Bau der Staumauer nicht gescheut hatte, sich auch des Steinmaterials aus den Ruinenresten der Burg Kirnberg zu bedienen. Der aus hartem Granit bestehende Felssporn, von welchem aus schon die Zähringer die uralte, womöglich bereits von Kelten und Römern benutzte Straßenverbindung vom Breisgau auf die Baar überwachten, sollte sich jetzt als ideale Engstelle zur Abriegelung und zum Aufstau des Brändbachtals erweisen. Nach der vorletzten Kaltzeit (Risseiszeit), in welcher das Tal vergletschert war, hatte der Moränenschutt führende Bach die quer liegende Granitbarriere durchnagt, die hier vor Urzeiten aufgrund einer tektonischen Verwerfung entstanden war. Wie denn die Geologie an diesem nördlichen Rand des „Bonndorfer Grabens“ überhaupt recht kompliziert ausfällt. Sie auch dem Laien zu erklären, bemühte sich in seinem Büchlein Baarwanderungen, Streifzüge durch Landschaft und Kultur mit Prominenten der Region (Baarverein, 2004), schon der wohl beste Kenner der Baar, Prof. Günther Reichelt. Beschrieben hat er sie im Rahmen einer dem vormaligen Bräunlinger Bürgermeister Jürgen Guse gewidmeten Rundtour von Bräunlingen zum Kirnbergsee und zurück. Festliche Grundsteinlegung Exakt vor einhundert Jahren, am 4. Dezember 1921, war Grundsteinlegung an der Talsperre. Den denkwürdigen Tag hat B. Janzing (s. o.) in Bild und Text aus Bräunlinger Quellen festgehalten: „Geschmückt mit Tannenreisig machten sich die Wagen am Mittag auf den Weg von Bräunlingen nach Unterbränd. Mit dabei: die Bräunlinger Räte, Bürgermeister Martin Müller und Stadtpfarrer Julius Meister – und natürlich viele Schaulustige. Es spielte die Stadtkapelle, es sang der ‚Liederkranz‘ und die Ingenieure priesen die Kraft des Wassers, der ‚weißen Kohle‘”. Zu den Hammerschlägen rief Bürgermeister Müller die hehren Worte aus: „Erstehe mit Hilfe Gottes, als ein Denkmal aus schwerer Zeit, als Zeichen deutscher Technik und Tatkraft. Zum Segen der Allgemeinheit und Wohle unserer lieben Vaterstadt.“ Nach der Schmach des Versailler Vertrags war offenbar Grundsteinlegung am 4. Dezember 1921 mit Stadtpfarrer Julius Meister (erste Reihe Zweiter von Links), Ingenieur Hofheinz (Vierter von Links) und Bürgermeister Martin Müller (Fünfter von Links mit Zylinder). 100 Jahre Brändbachtalsperre 175

 

 

 

Oben: Das Kraftwerk in Waldhausen – maschinentechnische Einrichtungen und Schaltraum. vaterländischer Zuspruch gefragt, und so setzte (ebenfalls zitiert nach B. Janzing) der Oberamtmann Weitzel noch eins obendrauf, als er in gereimter Form ausrief: „Ein Segen ruht auf schwerem Werke: Dir wächst, wie Du‘s beginnst, die Stärke. Bescheiden, zögernd fängst du‘s an, und steht‘s am Ziel ein ganzer Mann.“ Die Misslichkeiten heutiger Großbaustellen, ob Stuttgart 21 oder Berliner Großflughafen, waren da, wie man sieht, noch sehr weit weg. Litern Wasser aufstauen. Der Plan stieß auf allgemeine Zustimmung, denn die Wiesen dort waren stark versumpft und wenig ertragreich gewesen. Weil es in den Nachkriegsjahren noch an Arbeitskräften, insbesondere an Maurern, fehlte, wurde beschlossen, die Mauer aus Stampfbeton zu errichten, talseitig verblendet mit Bruchstein. Klar, dass sich hierzu auch die Steine der bereits 1416 von den Fürstenbergern im Zuge einer ihrer Fehden zerstörten Burg anboten. Der Bedarf an Energie wurde größer Um die öffentliche Stromversorgung mit 220 Volt aufzubauen, hatte die Stadt schon 1905 zwei 30-Kilowatt-Dampfmaschinen beschafft und im E-Werk in der Zähringerstraße in Betrieb genommen, doch deren Leistung reichte bald nicht mehr aus. Weshalb man genötigt war, sich nach weiteren Energiequellen umzusehen. Die Wasserführung des Brändbachs, der unterhalb der Stadt in die Brigach mündet, erscheint in Normalzeiten zwar nicht sonderlich ergiebig. Doch mit einer geschwungenen Staumauer von nur 125 Meter Länge und einer Höhe von maximal 15 Metern ließ sich am Kirnberg ein 32 Hektar großer See mit einem Fassungsvermögen von 1,7 Millionen Drei Turbinen und ein U-Boot-Dieselmotor Vom Staudamm aus war eine 2.865 Meter lange gusseiserne Druckrohrleitung mit einer lichten Weite von 70 cm längs des Brändbachs zu verlegen. Sie führt bis hinunter zum 65 Meter tiefer gelegenen, inzwischen denkmalgeschützten Turbinenhaus am Ortsausgang von Waldhausen. Die Baumaßnahmen erfolgten in staunenswert raschem Tempo, die Erdarbeiten ohne jegliche Baggerhilfe und Hydraulik, Rechte Seite: Die Bauarbeiten schreiten voran, im Hintergrund sieht man noch die Wiesenfläche vor der Stauung am 18. Juli 1922. 176 100 Jahre Brändbachtalsperre

 

 

 

177

 

 

 

Francis-Spiralturbine mit 150 Kilowatt-Generator, war das Werk in der Lage, jährlich je nach Niederschlag 500.000 bis 1,1 Millionen Kilowattstunden zu produzieren, womit nicht nur die Kernstadt, sondern auch die Nachbarorte, die heutigen Ortsteile Waldhausen, Bruggen und Unterbränd, versorgt werden konnten. Sicherheitshalber, um Bedarfsspitzen abdecken zu können und um gegen „Wasserklemmen“, gegen Trockenzeiten mit allzu geringer Schüttung des Brändbachs, gewappnet zu sein, wurde 1924 zudem ein U-Boot-Dieselmotor installiert. Anschluss an das Laufenburger Kraftwerk Wassermangel zwang freilich in der Folge immer wieder einmal dazu, die alten Dampfkessel in der Zähringerstraße zu reaktivieren, wiewohl sie offiziell (gem. § 19 der Badischen Verordnung zur Dampfkesselaufsicht) gar nicht mehr hätten in Betrieb genommen werden dürfen. Erst 1941 war es damit endgültig vorbei; die Kessel konnten an eine Schwenninger Schuhfabrik verkauft werden. Bis 1949 deckten die Stadtwerke den gesamten Stormverbrauch Bräunlingens mit der Wasserkraft aus dem Kirnbergsee, doch dann war man – wie auch andernorts auf der Baar – wegen des zunehmenden Energieverbrauchs wie aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und der Verlässlichkeit gezwungen, sich dem so viel günstiger anbietenden Laufenburger Großkraftwerk anzuschließen. Damals wurden sogar Stilllegungspläne erörtert. Doch dann besann sich die Stadt: Im Gegensatz zu Vöhrenbach mit seiner Linachtalsperre beschloss man, auch weiterhin auf die eigene Wasserkraft zu setzen und weiter zu investieren. Ohnehin stand eine Sanierung des Staudammes an, für die Stadt ein Anlass, ihn im Sommer 1955 gleich noch um zwei Meter aufzustocken und ihn zusätzlich zu sichern mit einer Vorsatzschale aus Spannbeton. Ausgangs des Jahrtausends war eine erneute Sanierung fällig, weil sich die Festigkeit des Bauwerks vor allem im untersten Bereich des Stampfbetons als unzureichend erwiesen hatte. Weshalb der See erneut abgelassen wurde und eine fünf Millimeter dicke „Geomembran“ aus Polyethylen aufgetragen wurde, ein in Deutschland erstmals angewandtes Verfahren. Nachdem auch das Wasserrecht erneuert werden konnte, reicht die Konzession zur energetischen Nutzung Oben: Schaltanlage im Kraftwerk Waldhausen. Unten: Außenansicht des Kraftwerks Waldhausen Rechte Seite: Staumauer der Brändbachtalsperre. die Loren von Hand gezogen und geschoben, das Material mehrspännig per Pferdefuhrwerk transportiert. Kaum ein Jahr nach der Grundsteinlegung der Mauer, noch im Jahr 1922, konnten zwei Turbinen bereits in Betrieb genommen werden. Weil die Preise zu explodieren begannen, musste man sich vorerst auf eine Francis-Spiralturbine der Firma Voith mit 159-Kilowatt-Drehstromgenerator und eine Pelton-Turbine desselben Herstellers mit 28 Kilowatt beschränken. Nach Einbau der dritten Turbine, einer 178 100 Jahre Brändbachtalsperre

 

 

 

179

 

 

 

des Brändbachs nun bis ins Jahr 2060. Wie sich im Zuge des Klimawandels die Niederschlagsmengen entwickeln werden und ob sich die Stromgewinnung aus dem Brändbach weiterhin noch einigermaßen wirtschaftlich betreiben lässt, steht einstweilen in den Sternen. Derzeit liefert die eigene Wasserkraft knapp sechs Prozent des Stromverbrauchs der Stadt. Was sich zum Leidwesen des Stadtrats leider bereits seit Jahren, streng betriebswirtschaftlich gerechnet, in roten Zahlen niederschlägt, sofern sämtliche Unterhaltungsund Abschreibungskosten penibel in Anrechnung gelangen. Wichtige Grundlage für den Tourismus Bürgermeister Micha Bächle ist in Sachen Brändbachtalsperre überaus positiv gestimmt, bezeichnet sie als ein technisches Meisterwerk und ein Zeichen des Fortschrittes. Wörtlich betont er: „Die Talsperre hat die Landschaft rund um Unterbränd verändert und den Kirnbergsee geschaffen, der gerne von Einheimischen und Touristen genutzt wird. Die Brändbachtalsperre war und ist damit zugleich eine wichtige Grundlage für den späteren Tourismus in Unterbränd.“ Dank der Talsperre könnten aktuell pro Jahr rund 500.000 kWh Strom erzeugt werden. Gleichwohl habe sich der Fokus in den letzten Jahren verändert. Aus Gründen des Hochwasserschutzes wurde die maximale Seehöhe um einen Meter abgesenkt. Damit wäre Bräunlingen bei Hochwasser besser geschützt. Der zweite Fokus sei das Thema Tourismus. Gerade im Sommer erfreue sich der See einer großen Beliebtheit. Ebenso für den Naturschutz sei er bedeutend, der Kirnbergsee biete Rückzugsorte und Laichplätze. Bürgermeister Bächle: „Die Stadt Bräunlingen hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder große Summen in die Standsicherheit der Talsperre und in die Tourismusinfrastruktur rund um den See investiert. Und dies wird eine Aufgabe für die Zukunft bleiben.“ Heute Gewinn für Natur und Erholung Erfreulich haben sich unterdessen die Bedingungen für den Naturschutz und für die touristische Nutzung rund um den Kirnbergsee entwickelt. Im Jahr 2000 erhielt ein 80 Hektar umfassendes Areal von Brüssel die Auszeichnung als FFH-Gebiet (FaunaFlora-Habitat) mit dem Schutzzweck: „Erhaltung, Pflege und Förderung von naturnaher Ufervegetation, Pfeifengras-Streuwiesen, sowie nasse und trockene Berg-Mähwiesen und der darin vorkommenden Tierarten“. Auf dem See tummelt sich unüberhörbar ein Graugans-Geschwader und allerlei Entenarten, Haubentaucher und Blässhühner sind auf ihm zu Hause. In der Durchzugsund Rastzeit nutzt ihn eine Vielzahl weiterer Arten. Auch der Biber hat sich eingefunden und lichtet da und dort das Ufergehölz aus Birken, Aspen, Erlen und Weidengesträuch. Hechte, Karpfen, Schleie und Zander können geangelt werden. Das einst von armen Harzern und Köhlern gegründete Dorf Unterbränd hat derweil mit seinen Gasthäusern, Fremdenzimmern und seinem Campingplatz mächtig hinzugewonnen. Am gegenüber liegenden, südöstlichen Ufer boomt der sommerliche Badebetrieb, genießt der Kirnbergsee mit seinem braunen Moorwasser den Ruf als wärmster aller Schwarzwaldseen. Sai sonunabhängig erfreut sich die Fußrunde um den See – tunlichst unter Einbezug der Unterbränder Gastronomie – wachsender Beliebtheit. Ermöglicht wird sie seit hundert Jahren dank der Stromerzeugung – ein Gewinn für Natur und Land schaft wie für die Erholung. Der Kirnbergsee ist auch ein 80 Hektar großes Naturschutzgebiet. 180 100 Jahre Brändbachtalsperre

 

 

 

Oben: Am Geländer der Brändbachtalsperre reiht sich ein Liebesschloss ans andere. Unten: Boote ruhen am Steg – ein sommerliches Bad.

 

 

 

GeheimnisGräberei. Wie ein Augmented-Reality-Projekt den keltischen Grabhügel Magdalenenberg neu denkt. von Peter Graßmann 182 Geschichte Geschichte

 

 

 

Die fiktive Archäologin Dr. Anna Wagner braucht die Hilfe der Besucherinnen und Besucher: Um die Geheimnisse des größten frühkeltischen Grabhügels zu lüften, werden sie auf eine Spurensuche durch die Ausstellung im Franziskanermuseum geführt. Es warten geheime Codes, verborgene Zeichen und wertvolle Gegenstände. Als Lohn winkt der Blick in eine andere Welt – oder es droht Unheil… Das Spiel GeheimnisGräberei nutzt die Augmented-Reality-Technologie, um die Welt der Kelten zum Leben zu erwecken. Auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse werden die Ausstellungsstücke rekonstruiert, ihre Geschichte erklärt und ein Blick über das Bekannte hinaus gewagt. Augmented Reality ist die Überlagerung des realen Raums durch digitale Zusatzinformationen. Das Spiel kann kostenlos auf Tablets an der Museumskasse ausgeliehen werden. Das Projekt wurde gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. GeheimnisGräberei 183 183

 

 

 

Grabungsgeschichte im Rückblick Villingen im Herbst 1890: Anstrengende Wochen liegen hinter dem städtischen Oberförster Hubert Ganter und seinem Team. Sechs Tage waren sie damit beschäftigt, Wasser aus dem Großgrabhügel Magdalenenberg zu pumpen, um die Ausgrabung des geheimnisvollen Monuments fortsetzen zu können. Tonnen von Felsgestein mussten sie beiseite schaff en, tausende Kubikmeter Erde bewegen. Seither haben sich um den Grabungstrichter, der von der Spitze des Hügels senkrecht nach unten führt, jeden Tag Schaulustige versammelt, die gebannt den Fortgang der Untersuchungen verfolgen. „Hont er de Schatz bald?“, fragen sie den Leiter des Stadtarchivs Villingen Christian Roder und den Archäologen Karl Schumacher ungeduldig, die, im Anzug und mit Pfeife im Mundwinkel, etwas abseits stehen und das Geschehen mit wissenschaftlicher Neugier verfolgen. Vertreter der Presse, die mit Spekulationen über versunkene Burgen und üppige Schätze die Mutmaßungen befeuert haben, machen sich eifrig Notizen. Als die Arbeiter beginnen, die letzten Meter Erde über der Zentralgrabkammer abzutragen, ist die Spannung mit Händen zu greifen. Doch nachdem sie die eingestürzte Balkendecke freigelegt und sich bis zum Boden der Kammer vorgekämpft haben, bietet sich ihnen ein Bild der Zerstörung: Statt eines Goldschatzes warten nur Trümmer und Fragmente. Jemand war den Wissenschaftlern zuvorgekommen. Off enbar vor sehr, sehr langer Zeit. Das Digitalprojekt: Vergangenes und Verborgenes wird sichtbar gemacht 131 Jahre später: Die Archäologin Dr. Anna Wagner will neueste Forschungsmethoden anwenden, um herauszufi nden, wie die Ausstattung der Fürstengrabkammer einst aussah. Sie setzt dafür auf künstliche Intelligenz, die die damals gefundenen Fragmente mit Ausgrabungen anderer Stätten vergleicht und dreidimensionale Rekonstruktionen erstellt. Leider ist sie von ihrem Arbeitgeber, dem FranziskanerNachdem die Arbeiter die eingestürzte Balkendecke der Zentralgrabkammer freigelegt und sich bis zum Boden vorgekämpft haben, bietet sich ihnen ein Bild der Zerstörung: Statt eines Goldschatzes warten nur Trümmer und Fragmente. Jemand war den Wissenschaftlern zuvorgekommen. Off enbar vor sehr, sehr langer Zeit. Die Ausgräber von 1890 trieben einen Schacht senkrecht von der Hügelspitze direkt in die Zentralgrabkammer des Fürsten. Von links nach rechts: Christian Roder, Karl Schumacher und Hubert Ganter. 184 184 184 Geschichte

 

 

 

museum, entlassen worden, weshalb sie nun einen Mitstreiter braucht, um ihre Forschungen heimlich fortsetzen zu können: den nichtsahnenden Museumsbesucher. Er muss die künstliche Intelligenz mit Informationen füttern, bis sie nach und nach die Geheimnisse des Fürstengrabs preisgibt. Anna Wagner gibt es nicht wirklich und es gibt auch keine künstliche Intelligenz im Franziskanermuseum. Beide sind Teil der fiktiven Storyline des Spiels „GeheimnisGräberei“, das die Geschichte des Magdalenenbergs mit ungewöhnlichen Mitteln erzählen und zugleich einige wichtige Fragen beantworten will: Was ist wirklich vor 2.600 Jahren geschehen? Was ist den Ausgräbern von 1890 entgangen? Und: Wie können wir all das heute noch wissen? Mit dem Spiel läutet das Franziskanermuseum eine neue Phase seiner Vermittlungsarbeit ein, denn als erstes von zwei Digitalprojekten soll „GeheimnisGräberei“ die Augmented-RealityTechnik nutzen, um Vergangenes und Verborgenes sichtbar zu machen und aktuelle Forschungsergebnisse zu vermitteln. Auf einer tieferen Ebene wirft es zeitlose Fragen nach dem wissenschaftlichen Fortschritt, dem Verhältnis zwischen Fakt und Fiktion und dem schwierigen Begriff der Wahrheit auf. Eine verwundete Grabkammer Der Magdalenenberg ist ein frühkeltischer Großgrabhügel südwestlich der Innenstadt von VS-Villingen und mit 33.000 Kubikmeter einer der größten – vielleicht sogar der größte – eisenzeitliche Grab hügel in Mitteleuropa. Seine erste Ausgrabung im Jahr 1890 steht heute im Schatten der spektakulären Zweitgrabung in den 1970er-Jahren, die von Konrad Spindler, dem späteren Erforscher des „Ötzi“, unter reger bürgerschaftlicher Beteiligung durchgeführt wurde. Dabei wurden rings um das Zentralgrab 126 weitere Gräber entdeckt, aus denen die Forscher nicht nur Fundstücke wie Schmuck und Waff en bargen, sondern auch wichtige Informationen etwa zur Sozialstruktur oder den Handelsbeziehungen der frühen Kelten gewinnen konnten. Das umfangreiche Fundmaterial, das auch Holzobjekte in fast unvergleichlich gutem Zustand umfasste, diente seither immer neuen Forschergenerationen zur Untersuchung weiterer Fragestellungen. In den letzten Jahren setzten beispielsweise Julia Koch mit migrationsund gendertheoretischen Ansätzen oder Allard Mees mit einer sehr umstrittenen archäoastronomischen These weitbeachtete Akzente. Die schönsten und interessantesten Funde bilden heute das Herzstück der Ausstellung „Keltisches Fürstengrab Magdalenenberg“ im Franziskanermuseum in Villingen-Schwenningen, wo unter anderem ein aufwändiges Bernsteincollier (s. S. 186 oben), verzierte Dolche oder die mutmaßliche Totenbahre des Fürsten (mit sämtlichen Spuren einer 2.600 Jahre alten Holzbearbeitung!) zu bestaunen sind. Zentrales Ausstellungsstück ist jedoch die mächtige, 6,5 x 8 Meter große Grabkammer des hier bestatteten „Fürsten“, zu dessen Ehren das Grabmonument im Jahre 616 v. Chr. (naturwissenschaftliche Datierung der Grabkammer) errichtet wurde. In dem aus Eichenbalken gezimmerten Kammerboden klaff t ein rechteckiges Loch wie eine off ene Wunde – die Erstausgräber konnten ihr Pech nicht fassen, sägten ein Loch in den Kammerboden und gruben darunter weiter, in der Hoff nung, die ersehnten Schätze doch noch zu bergen, erzählt man sich. Wann und durch wen das Loch tatsächlich entstand, ist allerdings nicht gesichert, nur, dass es bei der Zweitausgrabung bereits vorhanden war. Von der damaligen Enttäuschung zeugen auch jene recht spärlichen Holz-, Lederund Metallfragmente, die entlang eines Steges präsentiert werden, der an der Kammer vorbeiführt und einen Blick ins Innere erlaubt. Diese 1890 in der Zentralgrabkammer entdeckten Funde legen eine Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Anspruch und öffentlicher Erwartung offen: Schon damals wies der bedeutende Archäologe Ernst Wagner, Direktor der Karlsruher Der Villinger Magdalenenberg wurde 1890 erstmals Ziel einer Grabung. GeheimnisGräberei 185

 

 

 

Zu den schönsten Fundstücken aus den Nachbestattungen zählt ein Bernsteincollier. Altertumshalle, der die Grabung wissenschaftlich begleitete und auswertete, darauf hin, dass diese unscheinbaren Reste durchaus wichtige Erkenntnisse bargen. So ließ sich anhand von Radfragmenten der Typus des beigegebenen Wagens bestimmen und das gesamte Grab somit in die Hallstattzeit (800 – 450 v. Chr.) datieren. Ein merkwürdiger, kleiner BronzevoDer wahre Schatz ist die Erkenntnis, nicht der materielle Wert der Gegenstände. Und Erkenntnisse über die Kelten konnten durch den Magdalenenberg mehr als genug gewonnen werden – auch aus der geplünderten Zentralgrabkammer. gel in abstrahierter Gestalt wies in die Ideenwelt der Bronzeund frühen Eisenzeit und unterstrich diese frühe Datierung. Besonders ansehnlich sind die Funde indes nicht. Beim Gedanken an eine Fürstengrabkammer kommen den Besuchern eher Bilder des Pharaonengrabs Tutanchamuns oder, kulturell etwas näher liegend, der Grabkammer von Hochdorf in den Sinn: Prall mit fantastischen Gegenständen gefüllte Wohnstätten für die Toten, die ihre Entdecker zu berühmten Figuren vom Schlage eines Heinrich Schliemann oder Howard Carter machen. Überhaupt: Was ist schon eine Schatzkammer ohne Gold? Jahrzehnte der kulturellen Rezeption von Archäologie, von der Entdeckung „Trojas“ bis zu den fiktiven Helden von „Indiana Jones“, „Tomb Raider“ oder „Uncharted“, haben die Altertumswissenschaft mit der Schatzsuche verknüpft, mit dem Hauch von Geheimnis und dem Lockruf des Abenteuers. Die schnöde Realität kann diesem Vergleich kaum standhalten – dabei kann ein prächtiges Goldobjekt unter Umständen wissenschaftlich weit weniger interessant sein als ein einziger Radnagel. Der wahre Schatz ist eben die Erkenntnis, nicht der materielle Wert der Gegenstände. Und Erkenntnisse über die Kelten konnten durch den Magdalenenberg mehr als genug gewonnen werden – auch aus der geplünderten Zentralgrabkammer. 186 Geschichte

 

 

 

Die Augmented-Reality-Technologie ermöglicht mittels Rekonstruktionen den Blick in die ungeplünderte, reich gefüllte Grabkammer des Magdalenenbergs. Im Franziskanermuseum: Entlang der ausgestellten Zentralgrabkammer führt ein Steg mit den darin im Jahre 1890 entdeckten Funden. GeheimnisGräberei 187

 

 

 

Die erneute Inventarisierung der 1890 geborgenen Fragmente ließ im Franziskanermuseum die Idee entstehen, dieses Wissen mit einer anschaulichen Darstellung zu verknüpfen, indem die ehemalige Grabkammerausstattung rekonstruiert wird: virtuell, dreidimensional, mittels Augmented-Reality (AR). In Workshops mit der Medienund Filmgesellschaft wurde die Ursprungsidee weiterentwickelt. Im Bild von links nach rechts: Museumsleiterin Dr. Anita Auer, Projektleiter Peter Graßmann und wissenschaftlicher Berater Thomas Hoppe. Ein Abbild der eigenen Vergangenheit Die erneute Inventarisierung der 1890 geborgenen Fragmente ließ im Franziskanermuseum die Idee entstehen, dieses Wissen mit einer anschaulichen Darstellung zu verknüpfen, indem die ehemalige Grabkammerausstattung rekonstruiert wird: virtuell, dreidimensional, mittels Augmented-Reality (AR). Bei dieser Visualisierungstechnik werden reale Raumeindrücke mit virtuellen Objekten überlagert. Der Benutzer blickt durch ein Gerät – zum Beispiel ein Smartphone, Tablet oder eine AR-Brille – und sieht nicht nur den echten Raum, in dem er sich befindet, sondern auch digital erstellte Zusatzinformationen. Für Museen hat das unter anderem den Vorteil, dass nicht (bzw. nur minimal) in den realen Ausstellungsraum eingegriffen werden muss, sodass z. B. Ergänzungen an Exponaten vorgenommen werden können, ohne das Objekt selbst zu verändern. Im Fall der Magdalenenberg-Grabkammer ist es gerade deren materielle Präsenz, die den Besucher beeindrucken und die nicht zur Bühne degradiert werden soll. Vielmehr ermöglicht es Augmented Reality, das reale archäologische Objekt um ein Abbild seiner eigenen Vergangenheit zu ergänzen. Die Rekonstruktion kann somit die Pracht des Fürstengrabes enthüllen und dessen damalige Bedeutung greifbar machen. Mit dieser Idee bewarb sich das Franziskanermuseum 2018 für die Förderlinie des Landes BadenWürttemberg „Digitaler Wandel an nichtstaatlichen Museen im ländlichen Raum“ und wurde als eines von vier Museen ausgewählt. Es folgte ein Jahr der intensiven Vorbereitung durch die Medienund Filmgesellschaft im Rahmen des Coachingprogramms „Museen im Wandel“, in dessen Verlauf die Idee mehr und mehr Gestalt annahm. Eine zentrale Erkenntnis war dabei, dass sich die Anwendung im ständigen Austausch mit den späteren Nutzern weiterentwickeln müsse. Statt ihnen ein fertiges Produkt vorzusetzen, sollten die Museumsbesucher aktiv in die Entwicklung einbezogen werden und in einem „Bürgerbeirat“ die Möglichkeit zu konstruktivem Feedback erhalten. Neues Licht auf alte Funde Mit der Aufgabe, den ehemaligen Grabkammerinhalt zu rekonstruieren, stellte sich zunächst die Frage nach der korrekten Interpretation und Zuordnung der noch vorhandenen Fragmente. Diese lassen sich hauptsäch188 Geschichte

 

 

 

Wagen von ComoCa‘Morta, GolaseccaKultur (Italien) um 700 v. Chr. Eine ähnliche Gitterung könnte auch der Wagen vom Magdalenenberg besessen haben. lich drei Objekten zuordnen, die sich somit sicher im Grab befunden haben müssen: ein vierrädriger Wagen, ein junges Schwein sowie die sterblichen Überreste des Fürsten. Außerdem könnte es sich bei drei weiteren Objekten um die Reste eines Bogens, eines Pfeilschaftes sowie einer Holzschale handeln. Über den Wagen wollten weder Konrad Spindler noch die Erstausgräber weitergehende Mutmaßungen anstellen und beschränkten sich stattdessen auf die Rekonstruktion der Räder, deren Bestandteile noch in ausreichendem Umfang erhalten waren. Die Deutung sämtlicher weiterer mutmaßlicher Wagenbestandteile, also des Wagenkastens, Unterbaues oder der Deichsel, ist umstritten, doch lassen sich bei genauerer Betrachtung einige Schlüsse ziehen. So gehören zu den interessantesten Holzfunden 13 etwa 15 cm hohe, sich elegant verjüngende Bolzen, die wohl mit ihren beiden rechteckigen Enden in Löcher eingesteckt waren. Nicht nur die große Zahl der Bolzen erstaunt, sondern auch deren einheitliche, gut gearbeitete Erscheinung, die keine rein konstruktiv-statische Nutzung, sondern vor allem eine Zierfunktion nahelegt. Ihre Höhe stimmt exakt mit der Durchschnittshöhe von hallstattzeitlichen Wagenkästen überein – naheliegend also, dass sie ebenfalls Teil des Wagens waren und man sich diesen mit einer seitlichen Gitterung vorstellen muss. Ähnliche Konstruktionen kennt man von den etwas später zu datierenden Fahrzeugen aus Diarville und Vix (Frankreich), aber auch aus dem, der Golasecca-Kultur zugeordneten, Grab von Como-Ca‘Morta (Italien) oder, in diesem Fall mit Zierblechen ausgekleidet, dem Wagen von Ohnenheim. Bei der Rekonstruktion des Wagens vom Magdalenenberg für die AugmentedReality-Anwendung entschieden sich die Entwickler für eine eher schlicht gehaltene Darstellung. GeheimnisGräberei 189

 

 

 

Könnte so das Joch im Magdalenenberg ausgesehen haben? Ebenfalls um Teile des Wagenaufbaus dürfte es sich bei diversen Holzleisten mit angenagelten Lederresten gehandelt haben, die in verschiedenen Größen und Formen vorliegen und an die seitliche Lederbespannung des Wagens von Mitterkirchen erinnern. Hier zeigt sich bereits, dass eine vollständige Rekonstruktion nicht gelingen kann: Hatte der Wagen eine seitliche Lederbespannung oder eine Gitterung? Die Fragmente sind zu stark beschädigt und in zu geringer Menge erhalten, als dass sich deren Positionen zueinander noch ermitteln ließen. Bei der Augmented-RealityAnwendung entschieden sich die Entwickler daher für eine Hybridlösung, die beide Möglichkeiten kombiniert (s. Abb. S. 189 unten). Ansonsten wurde der Wagen bewusst eher schlicht gehalten, jedoch basierend auf der Farbgebung von Stoffen und Keramiken mit farbigem Anstrich versehen, auch hier in Anlehnung an den Prunkwagen von Mitterkirchen. In einem Punkt musste Konrad Spindler korrigiert werden: Für seine Rekonstruktion der Wagenräder hatte er einen zu geringen Durchmesser gewählt. Es zeigte sich, dass ein solches Rad bei gleichzeitig dichter Benagelung den Belastungen nicht standgehalten hätte und schon auf der Jungfernfahrt zerbrochen wäre. Offenbar handelte es sich vielmehr um zweireihige Segmentfelgen mit einem inneren und einem äußeren Kranz, die zusammen demnach die doppelte Breite besaßen wie von Spindler berechnet. Zwar haben sich keine Felgenklammern erhalten, die beide Kränze zusammenhielten, doch sagt dies in Anbetracht der generell schlechten Fundlage wenig aus. Als Achsnagel fungierte ein Radvorstecker mit schleifenförmigem Kopf, eine typische Form für den südwestdeutschen Raum und die Voralpenzone, was eine regionale Produktion nahelegt. Nach dem Archäologen Christopher Pare lässt sich der Wagen somit dem „Typ 5“ zuordnen, dessen nächste „Verwandte“ in Erkenbrechtsweiler, Inzigkofen-Vilsingen, Kappel-Grafenhausen und Winterlingen zu finden sind. Bronzevogel als Verbindung ins Jenseits Wahrscheinlich gehörte auch der kleine Bronzevogel, eine 4,1 cm hohe abstrahierte Aufsteckfigur, zum Wagen oder seinen Zugtieren. In der Vorstellungswelt der Bronzeund Früheisenzeit sah man offenbar eine Verbindung zwischen Vögeln, Fahrzeugen und dem Jenseits; vielleicht als Teil einer alten, indoeuropäischen Mythologie, deren Rudimente sich in der Sage vom Schwanenwagen Apolls erhalten haben könnten. Ähnliche Tierappliken finden sich jedenfalls auch am Pferdejoch aus Hochdorf, im dortigen Fall in Form von Pferdefigürchen, die die Jochmitte zu beiden Seiten flankierten. Für das Vorhandensein eines Pferdegeschirrs im Grab sprechen auch ein halbkreisförmig gebogenes Bronzeblech mit Kreisaugenornament, das Julia Koch in ihrer Übersichtsarbeit zum Wagen von Hochdorf als Jochbeschlag interpretiert, sowie drei kreisrunde Bronzescheiben, die als Verteiler für Lederriemen fungierten. Aus diesen wenigen Spuren zeichnet sich die große Bedeutung von Wagen und Pferden ab, die typisch ist für die sogenannten „Fürstengräber“ der Hallstattzeit. Für Kopfzerbrechen sorgt hingegen seit jeher ein etwa 45 cm langes, sauber bearbeitetes Holzstück, das an den Enden rechteckige Löcher aufweist. Spindler schrieb zu dem länglichen Objekt: „[Es] könnte von einem thronartigen Sessel [stammen], der auf dem Wagen gestanden haben mag […]“. In Frage käme aber auch ein Teil einer GrabwagenRücklehne, wie sie vom Prunkwagen von Mitterkirchen oder aus der etruskischen Tomba Regolini-Galassi bekannt ist. Ein in den Maßen und der Gestaltung vergleichbares Stück ließ sich bislang jedenfalls nicht finden. Die größte Ähnlichkeit scheint das Stück mit griechischen Kantholzstühlen zu haben, die im 4. und 5. Jahrhundert häufig als Götterthrone dargestellt wurden. Die etwa vier Zentimeter große Aufsteckfigur aus dem Zentralgrab zeigt einen stilisierten Vogel. 190 Geschichte

 

 

 

„Sessellehne“ aus dem Magdalenenberg. Im Geschmack der Zeit Ernst Wagner hatte also Recht: Auch die kleinen Fragmente aus der Zentralgrabkammer bieten spannende Erkenntnisse über das Leben und Sterben vor 2.600 Jahren. Dem Fundort Magdalenenberg kommt dabei besonders zugute, dass Holzund Lederreste erhalten blieben, die nur selten im Boden überdauern. Was aber befand sich noch in der Grabkammer, außer den wenigen Fragmenten, deren Funktion sich mehr oder weniger plausibel erklären lässt? Ein Blick auf besser erhaltene Fundkomplexe aus derselben Zeit und Kultur, wie Kappel-Grafenhausen oder Hohmichele Grab VI, lässt eine gewisse „Standardisierung“ der Ausstattung erahnen, die sich durch zeittypische Vorlieben, die Verfügbarkeit bestimmter Objekte und Materialien sowie gemeinsame kulturelle Werte und Vorstellungen ergibt. So scheint neben den unabkömmlichen Wagen auch die Beigabe von Waffen, Keramikund Bronzegefäßen, Nahrungsmitteln sowie Stoffen üblich gewesen zu sein. Die Bronzegefäße dürften besonders prestigeträchtig gewesen sein, handelte es sich doch oft um wertvolle Importstücke aus dem italienischen und griechischen Mittelmeerraum wie Schalen, Kannen oder Eimer. Goldgegenstände waren hingegen – anders als eine Generation später – in der Zeit um 600 v. Chr. noch eher selten. Wenn in deren Auffindung die Hoffnung der Ausgräber von 1890 bestand, wären sie also selbst von einem ungeplünderten Grab enttäuscht worden! Durch die Vergleichbarkeit der Beigaben ergibt sich die Möglichkeit einer plausiblen Rekonstruktionshypothese: Auch der Fürst vom Magdalenenberg dürfte über Bronzegefäße verfügt haben, denn weitläufige Kontakte seiner Gemeinschaft in alle Himmelsrichtungen lassen sich aus den zahlreichen Importfunden aus den Nachbestattungen ablesen. Da die Grabkammern in der Regel recht dicht gefüllt waren, lässt das auf eine entsprechend große Zahl derartiger Güter schließen. Sicher haben auch Natürlich bleibt das genaue Aussehen der Grabkammer vom Magdalenenberg unbekannt. Eine Visualisierung kann nur einen grundsätzlichen Eindruck, ein begründetes „so ähnlich“ vermitteln. Waffen eine große Rolle gespielt: Auf das vermeintliche Bogenfragment und den Pfeilschaft wurde bereits eingegangen. Vermutlich gehörte zu dieser Ausstattung auch ein Köcher, wie er in Kappel gefunden wurde, und auch einen Dolch hat der Fürst wohl getragen, so wie einige seiner nachbestatteten Gefolgsleute. Insgesamt waren die Kammern sehr wohnlich und vornehm eingerichtet, ihre Böden mit Fellen oder Stoffen ausgelegt und an den Wänden mit bunten Stoffvorhängen geschmückt. Natürlich bleibt das genaue Aussehen der Grabkammer vom Magdalenenberg unbekannt. Es ist, als stünde man vor der Aufgabe, eine Berliner Wohnung der 80er-Jahre zu rekonstruieren: Mit den entsprechenden Informationen (Wie groß? Ost oder West? Arm oder Reich? Single oder Familie? Welcher Bildungsstand? etc.) lässt sich eine „zeittypische“ Einrichtung entwerfen, die aber den individuellen Geschmack nie völlig treffen kann. Insofern kann die Visualisierung nur einen grundsätzlichen Eindruck, ein begründetes „so ähnlich“ vermitteln. Diebstahl oder Denkmalsturz? Bleibt letztlich die Frage, was mit all diesen Gegenständen geschehen ist. Dass die Grabkammer geplündert wurde, beweisen zurückgelassene „Tatwerkzeuge“ in Form von Holzspaten sowie ein Schacht, durch den die Räuber ins Grab eingedrungen sein müssen. Die Räumung einer solch großen Grabkammer kann aber kaum in einer heimlichen Nachtund Nebelaktion geschehen sein, sondern erforderte den Einsatz GeheimnisGräberei 191

 

 

 

Im Museum weisen Marker auf 3D-Rekonstruktionen hin, die über ein Tablet angezeigt werden können. mehrerer Arbeiter über einen längeren Zeitraum. Weitere Merkmale lassen aufhorchen: Die Knochen des Fürsten lagen, wie andere Gegenstände auch, wild verstreut auf dem Kammerboden und waren teilweise zerbrochen. Eine Fraktur des rechten Schienbeins lässt darauf schließen, dass diese Gewalteinwirkung bereits wenige Jahre nach der Grablege stattfand. Diese zeitliche Nähe, das enorme Schadensbild sowie der Umfang des Unternehmens lassen vermuten, dass es den Grabräubern nicht nur um materielle Bereicherung ging, sondern um eine bewusste Entweihung des Grabes und damit eine Delegitimierung des sicher nach seinem Tod kultisch verehrten Fürsten. Hatten sich die Machtverhältnisse verändert? Nach der Plünderung wurde der Magdalenenberg nicht mehr als Begräbnisstätte genutzt, von den Kelten finden sich keine weiteren Spuren im näheren Umkreis. entwickelte sich die Idee weiter in Richtung eines Spiels, das die Besucher aktiv miteinbeziehen und sie selbst in die Forscherrolle versetzen sollte. Damit tauchten jedoch neue Probleme auf: Wie unterscheidet man in einem Spiel Fakten und Fiktionen? Wie macht man dem Besucher klar, dass es sich zum Teil um wilde Spekulationen handelt? Und wie schafft man es gleichzeitig, ihn nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu belehren, sondern sicherzustellen, dass das Spiel auch Spaß macht? Die Entwickler lösten das Problem, indem sie aus der Not eine Tugend machten. „GeheimnisGräberei“ gibt gar nicht vor, sichere Erkenntnisse zu vermitteln, sondern spielt bewusst mit verschiedenen Realitätsebenen. Leiht der Besucher das Tablet aus, meint er sich zunächst in Was sind Fakten, was ist Vision? Im Zuge der Projektarbeit wuchs die Erkenntnis, dass ein passiver Blick in die Grabkammer unter den Möglichkeiten blieb, die sich mit Augmented-Reality auftaten. Gemeinsam mit der Tuttlinger Firma NUMENA 192 Die Grabräuber hinterließen ihre „Tatwerkzeuge“ in Form von hölzernen Spaten. Geschichte

 

 

 

Unter Anleitung einer fiktiven Wissenschaftlerin muss der Spieler von „GeheimnisGräberei“ kleine Puzzles lösen. einem gewöhnlichen Multimedia-Guide wiederzufinden, der ihn durch die Ausstellung führen soll. Plötzlich taucht eine Fehlermeldung auf, ein Chatfenster öffnet sich, jemand scheint das Gerät gehackt zu haben. Dr. Anna Wagner, die fiktive Archäologin, meldet sich zu Wort und erklärt dem Nutzer seine Aufgabe: Er soll eine künstliche Intelligenz mit Informationen zu den Objekten im Ausstellungsraum füttern, damit diese einige wichtige Fragen zum Magdalenenberg beantworten kann. Hierzu wird er von Exponat zu Exponat geführt, muss kleine Rätsel und Puzzles lösen, die sich oft an reale archäologische Forschungsmethoden anlehnen. In einer Station geht es zum Beispiel darum, Bohrproben aus der Holzgrabkammer zu gewinnen und diese in einen dendrochronologischen Kalender einzufügen, mit dessen Hilfe die Proben datiert werden können. Hat der Spieler das Puzzle gelöst, wird ihm eine Visualisierung angezeigt, entweder vom Ausstellungsobjekt in der Vitrine oder dem gesamten Grabkammerraum. Indem diese Visualisierungen als Interpretationen der fiktiven künstlichen Intelligenz gedeutet werden und eben nicht als Forschungsergebnisse einer realen Autorität, soll die Unsicherheit des Dargestellten unterstrichen werden. Im Laufe der Handlung scheint die künstliche Intelligenz schließlich ein Bewusstsein zu entwickeln und nimmt die Rolle des Fürsten an, der nun seinerseits ein Ziel verfolgt, das über die reine Rekonstruktion hinausgeht. Hier bewegt sich das Spiel zwar vollständig ins Fiktive hinein, doch mit durchaus historischem Hintergrund: Die Vorstellungen des KI-Fürsten entspringen der keltischen Ideenwelt, soweit sie sich rekonstruieren und in die Hallstattzeit übertragen lässt. So spielt etwa die Totenfolge eine Rolle, ein Brauch, wonach ein Mensch einem Verstorbenen freiwillig oder unfreiwillig ins Grab folgen musste. Bis in die jüngere Vergangenheit Spieler von GeheimnisGräberei werden von Exponat zu Exponat geführt, müssen kleine Rätsel und Puzzles lösen, die sich oft an reale archäologische Forschungsmethoden anlehnen. GeheimnisGräberei 193

 

 

 

Der Magdalenenberg ist der größte frühkeltische Grabhügel in Mitteleuropa. überlebte dieses, uns heute barbarisch anmutende Ritual, als Sati (Witwenverbrennung) in Indien. Einige Gräber im Magdalenenberg, in denen zwei Tote mit unterschiedlichem sozialen Status gleichzeitig bestattet wurden, scheinen genau diesen Brauch zu belegen. Durch die Schichtung der Realitätsebenen, vom vermeintlichen Multimediaguide über den Chat mit der Wissenschaftlerin bis hin zum KI-Fürsten, wird der Anspruch aufgegeben, sichere Wahrheiten zu vermitteln. Stattdessen bleibt alles bewusst spekulativ, fiktiv, subjektiv – aber gut begründet. Erst am Schluss des Spiels werden Fakten und Fiktionen wieder getrennt, Im Verlauf des Spiels begegnet man auch dem Fürsten höchstpersönlich. Anthropologische Untersuchungen und Fundstücke beweisen, dass er ein Bogenschütze war. indem in einer Art Epilog die wichtigsten Fragen beantwortet werden. Zum Beispiel: Gibt es Anna Wagner wirklich? Das Spiel versteht sich somit nicht als Ersatz zu den vorhandenen Ausstellungstexten, sondern legt bewusst einen anderen Schwerpunkt, nämlich den einer fiktionalisierten, spannenden Erzählung mit seriösem Hintergrund, in bester Tradition der populären Vermittlung von Archäologie: Hier wartet das Abenteuer, an das Begriffe wie „Schatzsuche“, „Keltenfürst“ und „Grabraub“ denken lassen, und Erinnerungen werden wach an die keltische „Anderswelt“, die Sphäre der Geister und Götter, die wie eine zweite Schicht neben unserer Alltagsrealität liegen soll. Wie geht‘s weiter mit dem Magdalenenberg? Das Spiel „GeheimnisGräberei“ wird ab dem 1. September für alle Besucher des Franziskanermuseums kostenlos zur Ausleihe auf Tablets zur Verfügung stehen. Damit ist die Vermittlung neuerer Forschungsergeb194 Geschichte

 

 

 

nisse aber noch nicht ausgeschöpft. Entsprechend groß war die Freude über die Förderung eines Folgeprojektes mit dem Arbeitstitel „Machtzentrum Magdalenenberg“ im Rahmen der Landeskonzeption „Baden-Württemberg und seine Kelten“, in dem das Umfeld des Grabhügels und die Suche nach der verschollenen Siedlung thematisiert werden sollen. Die noch von Spindler vertretene These, dass sich diese auf dem bereits im Schwarzwald gelegenen Felssporn Kapf befunden habe, wurde in den letzten Jahrzehnten immer stärker hinterfragt. LIDAR-Scans schienen 2012 eher die Vermutung zu stützen, dass sich die Siedlung in unmittelbarer Nähe zum Grab befand, denn den Archäologen fielen bei der Analyse der Bilder auffällige Gräben und Wälle ins Auge, die vielleicht menschlichen Ursprungs sein könnten. Eine Probegrabung erbrachte jedoch keine eindeutigen Ergebnisse. Lässt sich das Rätsel lösen, indem weitere keltische Fundorte in der Umgebung einbezogen werden? Das Projekt „Machtzentrum Magdalenenberg“, dessen Ergebnis eine App fürs eigene Smartphone sein soll, die vor Ort am Hügel genutzt werden kann, will deutlich machen, dass der Magdalenenberg nicht isoliert in der keltischen Landschaft um 600 v. Chr. existierte, sondern weitere hallstattzeitliche Fundorte im näheren und weiteren Umfeld bekannt sind, die mit diesem wichtigen Grabhügel und seinen Erbauern in Verbindung gebracht werden könnten. Auffällig ist zum Beispiel die direkte Parallelisierung des Hügels auf der Westseite des Schwarzwalds durch den zeitlich identischen Grabhügel Bürgle bei March-Buchheim. Markierten die Großgrabhügel vielleicht die Einund Ausgänge einer prähistorischen Schwarzwaldstraße, gründete sich der Reichtum ihrer Fürsten auf die Einfuhr von „Zöllen“? Es bleibt spannend und im Rätsel um den größten frühkeltischen Grabhügel Mitteleuropas warten noch zahlreiche (Ge-)Schichten darauf, entdeckt zu werden. GeheimnisGräberei Ein Augmented-Reality-Spiel zum keltischen Fürstengrab Magdalenenberg Das Spiel kann kostenlos auf Tablets an der Museumskasse ausgeliehen werden. www.franziskanermuseum.de www.facebook.com/franziskanermuseum/ www.instagram.com/franziskanermuseum/ GeheimnisGräberei 195

 

 

 

Zur Architektur und Geschichte des Hofguts Ankenbuck: Arbeiterkolonie und Konzentrationslager von Marc Ryszkowski 196 196 Geschichte Geschichte

 

 

 

Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck 197 197

 

 

 

Im Frühjahr 2020 startete ein Forschungsprojekt des Landesamts für Denkmalpflege, das sich seitdem mit der historischen Bestandssituation der ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager in den ehemaligen Ländern Baden und Württemberg beschäftigt. Zu den fünf landesweit zu untersuchenden Objekten zählt auch das Hofgut Ankenbuck bei Klengen im Schwarzwald-Baar-Kreis, auf dem zwischen 1933 und 1934 ein Konzentrationslager durch das badische Innenministerium betrieben wurde. Über die Phase der KZ-Nutzung als historischer Bezugspunkt hinaus erwies sich das Hofgut als architektonisch und kulturhistorisch sehr interessant – immerhin handelt es sich beim Ankenbuck um die einzige im Großherzogtum Baden realisierte Arbeiterkolonie, deren zentraler Gebäudebestand im frühen 20. Jahrhundert von den bekannten Karlsruher Architekten Adolf Williard und Emil Schweickhardt entworfen wurde. Das Hofgut Ankenbuck ist aufs Engste mit dem „Badischen Landesverein für Arbeiterkolonien“ als Teil der Inneren Mission verbunden, der das ursprünglich aus zwei benachbarten Höfen bestehende Gut 1884 kaufte und bis zum Ersten Weltkrieg zur einzigen Arbeiterkolonie im Großherzogtum Baden ausbauen sollte. 1918 verlor der Verein mit dem großherzoglichen Haus seine wichtigsten Förderer. Gleichzeitig führten neue Formen staatlicher Fürsorge in den 1920er-Jahren zum Verlust der Sinnhaftigkeit des Konzepts der Arbeiterkolonie, was die stark sinkende Zahl an Kolonisten in dieser Zeit belegen. Die ab dem späten 19. Jahrhundert überlieferten Jahresberichte des Landesvereins für Arbeiterkolonien belegt die Abhängigkeit von großherzoglichen Zuwendungen wie auch die Probleme, die bereits der Beginn des Ersten Weltkriegs und die damit einhergehenden rückläufigen Belegungszahlen mit sich brachte. Die finanzielle Schräglage sollte durch eine Reihe von „Nebennutzungen“ aufgefangen werden, zu der die Vermietung eines Teils der Gebäude als Gefängnis an die badische Justizverwaltung in den 1920er-Jahren, der Betrieb eines Konzentrationslagers durch das badische Innenministerium zwischen 1933 und 1934 und die Vermietung des Kolonistenhauses an die Organisation Todt noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten. Das Ende für den Verein und damit für die einzige badische Arbeiterkolonie kam schließlich mit Verspätung im Jahr 1946 – ab da wechselte das Hofgut regelmäßig den Besitzer, vom Kreis über einen Geschäftsmann aus dem Ruhrgebiet ohne landwirtschaftliche Vorkenntnisse, der Bundeswehr bis zu den Eltern des heutigen Besitzers. Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Arbeiterkolonien waren konzeptionell ein reichsweites Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das der sich veränderten wirtschaftlichen und sozialen Situation im Zusammenhang mit der Industrialisierung und insbesondere dem verstärkten Aufkommen der „Wanderarbeiter“ Rechnung trug. Sie waren in vielen Fällen konfessionell getragen und der zeitweise Aufenthalt mit der Verpflichtung zur Mitarbeit im angegliederten Betrieb verbunden. Dieser Grundgedanke wurde auf unterschiedliche Arten umgesetzt. 198 Geschichte

 

 

 

Die Arbeiterkolonie Ankenbuck als Ansichtskarte. Aufgelegt für die Kolonisten, damit sie Angehörigen von ihrem Aufenthaltsort berichten konnten, denn die meisten waren als Wanderarbeiter ohne festen Wohnsitz unterwegs. Annonce aus der Triberger Zeitung „Echo vom Wald“. Mehrfach bittet die Arbeiterkolonie 1884 dringend um Sachspenden und Kleidungsstücke. Die Arbeiterkolonie Ankenbuck war von Beginn an neben Wanderarbeitern auf ehemalige Häftlinge und „Vagabunden“ ausgerichtet. Sie war keinesfalls eine Kommune im Sinne der zeitgenössischen Lebensform, sondern eine autoritär geführte Erziehungseinrichtung für Randgruppen der kaiserzeitlichen Gesellschaft. Das Vorhaben, diese Personengruppen durch geregelte Arbeit zu resozialisieren scheiterte meist schon an der geringen Vergütung, der die Aufwendungen für Kost und Logis gegenüberstanden und die keine Rücklagen für einen Neuanfang erlaubte. In den Briefen der Kolonisten erscheint der Ankenbuck daher eher als soziale Falle und Endstation der Verelendung denn als erste Stufe eines sozialen Aufstiegs. Auch aus diesem Grund gaben vor dem Ersten Weltkrieg einzelne Strafgefangene, die ihre Reststrafe im Sinne der Resozialisierung in der Arbeiterkolonie verkürzen durften, auf eigenen Wunsch hin einer badischen Haftanstalt den Vorzug – bei voller Verbüßung ihrer Strafe. Ihre „Blütezeit“ in dieser Phase, aus der auch das bis heute noch erhaltene bemerkenswerte Gebäudeensemble des Ankenbucks stammt, verdankt die Arbeiterkolonie in erster Linie der Förderung durch Angehörige des Großherzoglichen Hauses u. a. Mitglieder der Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck 199

 

 

 

guten Gesellschaft Badens. Seit der Gründung der Arbeiterkolonie bis in die Zwischenkriegszeit wirbt der Verein außerdem in regelmäßigen Annoncen um Geldund Sachspenden (s. Abb. S. 199). Auch wenn bis zum Ersten Weltkrieg die Zahl der Kolonisten konstant hoch war, machten die Böden und das Klima der rauen Baar die Landwirtschaft von Anfang an zu einem schwierigen Unterfangen. In seiner autoritär-erzieherischen Ausrichtung auf gesellschaftliche Randgruppen präfigurierte der Ankenbuck schon sehr früh das, was nach 1933 zu einer Hauptaufgabe der noch existierenden Arbeiterkolonien im Deutschen Reich werden sollte. Und der Weg von der pietistisch inspirierten Arbeiterkolonie zum Standort eines frühen KZs war dementsprechend verhältnismäßig kurz. Das repräsentative Kolonistenhaus war zu diesem Zeitpunkt längst unterbelegt und ein KZ als Zwischennutzung eine willkommene Einnahmequelle. Es erlaubte die Unterbringung von bis zu 100 Häftlingen, die in der Mehrzahl aus „politischen Gründen“ inhaftiert wurden. Die notwendige Ausstattung, also Betten, Decken, Geschirr usw. wurde dem Konzentrationslager leihweise von der Heilund Pflegeanstalt in Emmendingen überlassen und 1934 nach Auflösung des Lagers wieder an diese zurückgegeben. Die verbliebenen Kolonisten mussten mit der Einrichtung des Konzentrationslagers im Frühjahr 1933 zunächst in den „Alten Hof“ und nach dessen Zerstörung durch ein Feuer im Dezember des gleichen Jahres in eine schlecht beheizbare Gefängnisbaracke aus den 1920er-Jahren umziehen. Kurt Hilbig das Opfer brutaler Willkür Neben zahlreichen Schikanen durch die Wachmannschaft ist für die Jahresmitte 1933 auch die schwere Misshandlung des aus Freiburg stammenden politischen Häftlings Kurt Hilbig überliefert, mit dessen Schicksal sich ein aktuelles Projekt des Vereins „Lernort für Zivilcourage und Widerstand“ aus Karlsruhe auseinandersetzt, das auf www.youtube.com zu finden ist. Die brutale Behandlung von Kurt Hilbig kann dabei stellvertretend für den Alltag in den ersten Konzentrationslagern in Baden und Württemberg stehen, in denen die Häftlinge jenseits der bestehenden und durchaus human formulierten Lagerordnung der Willkür von Lagerleitern und Angehörigen der Wachmannschaften schutzlos ausgeliefert waren. Im Frühjahr 1933 wird der Freiburger Kommunist Kurt Hilbig ins KZ Ankenbuck verschleppt. Als er dort im Juni aus der Zeitung erfährt, dass die KPD-Politikerin Clara Zetkin im Exil gestorben ist, organisiert er eine Gedenkminute – mit drastischen Folgen: Er wird verraten, mit verschärftem Arrest belegt und von sadistischen KZ-Wärtern halb tot geprügelt. Natürlich war der Landesverein für Arbeiterkolonien nicht der Träger des Konzentrationslagers. Sein Vorstand erkannte aber 1933 auch keinen Widerspruch zwischen dem Lager und der Lebenswirklichkeit seiner Arbeiterkolonie und befürwortete ausdrücklich die gewaltsame politische Umerziehung. Wie für weite konservative Kreise hatte der Nationalsozialismus auch für ihn ein sehr hohes integratives Potential – insbesondere dann, wenn die „neue“ Ordnung die Möglichkeit bot, sich persönlich oder institutionell zu bereichern. Neben den Einnahmen aus der UnterAnkunft von Kurt Hilbig im KZ Ankenbuck, wo er im Juni 1933 aus der Zeitung vom Tod der KPD-Politikerin Clara Zetkin erfährt. Die fünf Illustrationen stammen aus dem Projekt „Wortloses Widerstehen im KZ Ankenbuck“, 200 Lernort für Zivilcourage & Widerstand e. V. Zeichnungen & Storyboard: Katja Reichert. Geschichte

 

 

 

„Das badische Konzentrationslager Ankenbuck“ – Postkarte eines katholischen Geistlichen, Stadtarchiv Bad Dürrheim, der die Seelsorge im KZ übernahm. bringung und Versorgung der KZ-Häftlinge profitierte die Arbeiterkolonie vor allem von ihrem Einsatz in der Landwirtschaft und dem Wegebau. Im Jahresbericht für das Jahr 1933 betonte der Landesverein seine historische Verpflichtung, sich von Beginn an – d.h. mit Regierungsantritt der NSDAP – in den Dienst der NS-Bewegung zu stellen. Sein eigenständiges Fortbestehen konnte er auf diese Weise für die kommenden zwölf Jahre sichern, seine einzige Arbeiterkolonie blieb allerdings eine anachronistische Randerscheinung, wirtschaftlich unrentabel und für den Nationalsozialismus nicht systemrelevant. Jenseits der großen politischen Linien kam es im Verlauf der Jahre 1933 und 1934 immer wieder zu aktenkundigen Streitigkeiten zwischen dem Hausvater der Arbeiterkolonie und Als Reaktion auf die Organisation einer Gedenkminute wird Kurt Hilbig von KZ-Wärtern brutal misshandelt. Die hier gezeigten Illustrationen sind Bestandteil eines Filmes, der auf Youtube.com Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck unter dem Stichwort „Ankenbuck“ zu finden ist. 201 201

 

 

 

den wechselnden Leitern des Konzentrationslagers. Gegenseitige Beleidigungen bis hin zu überlieferten Tätlichkeiten kennzeichneten das Verhältnis von Hausvater Roos zu den Lagerleitern Polizeihauptmann Biniossek und SS-Standartenführer Helwig. Dabei waren die Differenzen weniger weltanschaulicher, als vielmehr zwischenmenschlicher Natur und gipfeln für Hausvater Roos in einer Geldstrafe wegen der Beleidigung Helwigs. Im Mai 1934 wird das KZ aus Kostengründen aufgelöst und die letzten Häftlinge in das Konzentrationslager Kislau verbracht. Danach läuft der Betrieb der Arbeiterkolonie wie zuvor weiter. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs deckte die Kolonie wie die allermeisten Betriebe ihren Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften durch den Einsatz von Zwangsarbeitern. Während das Kriegsende schon absehbar ist, streitet sich der mittlerweile in Bretten ansässige Landesverein noch vehement mit der Organisation Todt um den festzusetzenden Mietpreis für die Lagerräume im Kolonistenhaus, der – dem Beschwerdebrief eines Vertreters der OT zufolge – dem Niveau des Quadratmeterpreises in Berlin-Charlottenburg vor Kriegsausbruch entspräche. Dieser vielleicht letzte Versuch, die seit nunmehr Jahrzehnten unwirtschaftliche Kolonie wenigstens finanziell noch einmal kurzzeitig über einen historischen Umbruch in eine neue Zeit zu retten, konnte das Ende des Vereins und seiner einzigen Arbeiterkolonie ein Jahr nach Kriegsende nicht verhindern. Es waren die Grenzen der Besatzungszonen, die den badischen Landesverein von seiner einzigen realisierten Kolonie abgeschnitten hatten. Im Spiegel der Architektur Den nach der Jahrhundertwende geschaffenen Kernbestand an Gebäuden auf dem Ankenbuck bilden bis heute das große Kolonistenhaus, das Haus des Verwalters, eine Scheune und der große Rindviehstall. Das Kolonistenhaus – in dem 1933/34 auch das KZ untergebracht war – entstand in seiner bis heute weitgehend unverändert bestehenden Form in drei Bauphasen. Ausgehend von einem vor 1884 errichteten Wohnund Wirtschaftsgebäude wurde 1889 als eine erste Baumaßnahme des Vereins für Arbeiterkolonien der Wirtschaftstrakt zu einem Speiseund Aufenthaltsraum ausgebaut. 1909 erfolgte der grundlegende Umbau durch den Karlsruher Architekten Emil Schweickhardt (1846 1924), der das Gebäude aufstockte und mit einem Mansarddach, Treppenhäusern und modernen Toilettenanlagen versah. 1912 entwarf er auch den großen „Rindviehstall“ des Ankenbucks. Zu seiner Zeit war Schweickhardt einer der wichtigsten Architekten im Großherzogtum Baden. Neben einigen Projekten in der Landeshauptstadt Karlsruhe und dem Umbau des Gondelsheimer Schlosses in Formen Konstanzer Stolperstein im Gedenken an Paul Martin, Mitglied der KPD und im Widerstand aktiv. Er wurde mehrmals verhaftet, des Hochverrates angeklagt und dann 1934 aus Mangel an Beweisen wieder aus Ankenbuck entlassen. Freiburger Stolperstein zur Erinnerung an den SPD-Reichstagsabgeordneten Stefan Meier. Er wurde von März 1933 bis März 1934 in Ankenbuck als Schutzhäftling gefangen gehalten, kam dann frei. 1941 wurde er denunziert und ins Zuchthaus Bruchsal eingeliefert – 1944 im KZ Mauthausen ermordet. Stolperstein für Ludwig Moldrzyk. 1933 wurde er ins KZ Ankenbuck überstellt und 1934 entlassen. 1942 wurde er im Gefängnis in Stuttgart hingerichtet, weil er mit dem „Vorboten“ der LechleiterGruppe eine regimekritische Zeitung verteilt hatte. 202 Geschichte

 

 

 

teröffnungen der beiden älteren Bauphasen sind dabei sehr pragmatisch und ohne Rücksicht auf die Fensterachsen in den neuen Baukörper übernommen worden. Auch der alte Dachreiter samt Glockenstuhl wurde in die neue Dachkonstruktion übernommen, auch wenn der Plan zunächst einen neuen Dachreiter in den geschweiften Formen der Jahrhundertwende vorsah. Nicht zuletzt in diesen Details verbindet der repräsentative Bau die seitens der Auftraggeber gebotene pietistische Sparsamkeit mit einem ästhetischen Anspruch, der sich in der Formfindung zwischen schnörkelloser Reformarchitektur und dem breiten Spektrum des „Heimatstils“ bewegt. Diese architektonischen Qualitäten hat sich das Gebäude innen wie außen auch in zahlreichen Baudetails bis heute erhalten, auch wenn die Grundrisse der einzelnen Etagen im Zuge der Umnutzungen nach dem Zweiten Weltkrieg stark verändert worden sind. Es ist die Beschäftigung zweier bedeutender Architekten, die den Stellenwert der Arbeiterkolonie im Großherzogtum Baden vor dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck bringt und besonders mit Blick auf die spezielle Bauaufgabe das Hofgut auch heute noch zu einem architektonisch hochinteressanten Ensemble macht. In den vergangenen 120 Jahren bestimmte die Glocke im Dachreiter des Kolonistenhauses im Lauf der Jahrzehnte den Tagesablauf von Kolonisten, Strafgefangenen, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Es lohnt sich daher nicht nur einen näheren Blick auf die besondere Architektur des Ankenbucks zu werfen, sondern auch auf seine wechselvolle Geschichte. Weitere Informationen zum Thema Ankenbuck finden Sie über den QR-Code oder auf www.almanach-sbk.de/ankenbuck des Jugendstils lieferte er auch die Entwürfe für die Heilanstalten Friedrichsheim und Luisenheim in Marzell im Schwarzwald. Das Haus des Verwalters (1903) und die ihm gegenüberliegende Scheune (1906) wurden von dem ebenfalls aus Karlsruhe stammenden und vor allem für seine Sakralbauten bekannten Architekten Adolf Williard (1832-1923), eines Schülers von Heinrich Hübsch, entworfen. Williard, vormals großherzoglicher Baurat und Vorstand des erzbischöflichen Bauamts in Karlsruhe, befand sich zum Zeitpunkt der für ihn eher ungewöhnlichen Bauaufgabe auf dem Ankenbuck bereits offiziell im Ruhestand. Zu den bekanntesten erhaltenen Bauwerken Williards zählen die Kirchen St. Johannes Nepomuk in Eberbach und St. Franziskus in Pforzheim. Der Ankenbuck: Ein kurioses Spätwerk, das bislang eher wenig beachtet wurde Das Haus des Verwalters erinnert noch stark an Williards‘ Entwürfe für die Eisenbahn-Hochbaukommission oder die großherzogliche Baukommission Mannheim aus den späten 1860er-Jahren und repräsentiert den Hauptbetätigungszeitraum des Architekten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Im Vergleich zu den benachbarten, nur wenige Jahre jüngeren Bauten Schweickhardts wirkt es verhältnismäßig altmodisch. Für Adolf Williard und Emil Schweikhardt bilden die Gebäude auf dem Ankenbuck ein etwas kurioses Spätwerk, das bislang kaum Eingang in die Betrachtung der Werke beider Architekten gefunden hat. Landwirtschaftliche Zweckbauten waren für beide Architekten in ihrer praktischen Arbeit Neuland. Während der erste Scheunenentwurf von Adolf Williard hinsichtlich seiner Größe und funktionalen Gliederung überarbeitet werden musste, plante und realisierte Schweickhardt den großen Stall technisch nach allen Regeln der Kunst zeitgemäßer landwirtschaftlicher Nutzbauten und verband eine an regionalen Architekturmotiven orientierte Außengestaltung mit einer modernen Betonkonstruktion im Inneren. Die ausgewogene Asymmetrie von Schweickhardts Kolonistenhaus verschleiert auf den ersten Blick die Übernahme eines bestehenden, mehrfach veränderten Baukörpers. Die unterschiedlichen Fens204 Geschichte

 

 

 

Die Südfassade des Kolonistenhauses, im Plan von Emil Schweickhardt von 1908. Der zentrale Dachreiter mit Uhr wurde zugunsten der Übernahme des bestehenden Dachreiters nicht realisiert, rechts die aktuelle Ansicht. Der „Rindviehstall“ im Plan vom Emil Schweickhardt von 1911. Im Schnitt ist die in der Erbauungszeit moderne Zementhohlbalkendecke zu erkennen, rechts die aktuelle Ansicht. Die Scheune des Hofguts im überarbeiteten Plan von Adolf Williard, rechts die aktuelle Ansicht. Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck 205

 

 

 

Zweites Jahr, zweiter Stern – eine Erfolgsgeschichte von der Baar Küchenchef im „Ösch Noir“: Manuel Ulrich einer der besten Köche Deutschlands von Daniela Schneider Er trägt Kochjacke und ein freundliches Lächeln: Wenn Manuel Ulrich durchs Hotel Öschberghof geht, tut er das mit leichtem Schritt und schweifendem Blick. Mal winkt er den Kollegen an der Rezeption zu, mal begrüßt er mit herzlicher, aber auch mit zurückhaltender Geste die Gäste, die an einem der Tischchen in der weitläufigen Lobby sitzen. Sie nicken, das lässt sich ohne jegliche Übertreibung sagen, freudestrahlend zurück. Offenbar kennen sie diesen Mann. Dass es sich bei ihm um den Küchenchef eines sternedekorierten Gourmetrestaurants handelt, würde man auf den ersten Blick vielleicht nicht direkt vermuten, wie er da so ruhig und dezent seines Weges geht. Es ist aber so: Manuel Ulrich ist der Maître de Cuisine des „Ösch Noir“, eines Spitzenrestaurants, in dem mitten im Schwarzwald auf anerkannt höchstem Niveau gekocht wird. Er selbst – angesprochen darauf, wie denn nun seine korrekte Berufsbezeichnung lautet – winkt lächelnd ab und sagt einfach nur: „Ich bin der Küchenchef und fertig.“ Wie der 34­Jährige so im Hotel unterwegs ist, zeigt sich unverkennbar: Er gehört genau an diesen Ort. Im Öschberghof am Rande Donaueschingens ist er nicht nur einer der Haupt akteure, sondern hier ist er beruflich und ja, auch privat, schlichtweg zuhause. Die Symbiose Ulrich – Öschberghof ist eine buchstäblich gewachsene. Beide passen perfekt zueinander: So dezent und stilvoll, wie das Hotel in die Landschaft gebettet wurde, genau so agiert auch der Küchenchef in seinem Metier. Der Öschberghof selbst hat mit der Runderneuerung, der er binnen sechs Jahren unterzogen wurde, ein klares Signal gesetzt: Hier wurde nicht nur renoviert, sondern eine komplett neue Konzeptionierung in Angriff genommen, die mit rund 60 Millionen Euro zu Buche schlug. Der Betrieb vergrößerte sich von 73 auf insgesamt 127 Einheiten, die Anzahl der Hotel­ mitarbeiter schoss von 190 auf 380 nach oben, das Spa umfasst jetzt stolze 5.000 Quadratmeter und der Golfplatz wurde um 27 auf nun 45 Löcher erweitert. 206 7. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

207

 

 

 

Der im Jahr 2020 neu eröffnete Öschberghof. Hotelier Alexander Aisenbrey sagt: „Wir wollen ein Gesamtkunstwerk sein.“ Was dabei nicht fehlen durfte: ein Restaurant der Extraklasse. Und mit Manuel Ulrich wurde dieses herausfordernde Unterfangen in die Tat umgesetzt. „Kochen war für mich nur ein Hobby“ Wer also ist dieser Mann, der sich dieser Aufgabe stellte und sie so kompetent, aber auch so unprätentiös, ruhig, bodenständig und unaufgeregt meistert? Im Gespräch verrät er, wo er herkommt und wie sein bisheriger Berufsweg verlief: Manuel Ulrich stammt gebürtig aus dem Donaueschinger Ortsteil Heidenhofen. Zur Schule ging der 1986 geborene Baaremer erst in Aasen, später dann aufs Fürstenberg-Gymnasium in Donaueschingen. Dort machte er sein Abitur – und war dann erst einmal etwas ratlos. Während er seinen Zivildienst in einer Lungen-Rehaklinik absolvierte, grübelte er, wie es danach weitergehen sollte. „Ich stand vor der üblichen Berufswahl und alle dachten, ich würde studieren.“ Tatsächlich schrieb er sich wie etliche seiner Freunde für ein Studium ein. Chemie sollte es sein. Dann aber kam’s doch anders als erst gedacht: Weil es ihn einfach interessierte und reizte, arbeitete der junge Mann mal ein paar Tage in einem Hotel in Titisee in der Küche mit – und damit war die Sache geritzt. „Erstens war das ein toller Betrieb und zweitens habe ich gemerkt, dass Ich habe keinen gastronomischen Background und Kochen war für mich nur ein Hobby. Dass ich mit dem Öschberghof dafür den perfekten Betrieb fand, tat sein Übriges. das Arbeiten in der Küche das Richtige für mich ist“, so Manuel Ulrich und erklärt damit seine endgültige Motivation, sich für eine Kochlehre zu entscheiden. Er, der von sich selbst sagt: „Ich habe keinen gastronomischen Background und Kochen war für mich nur ein Hobby“, er entschied sich also für diesen Berufsweg und begann im Februar 2008 seine Ausbildung. Dass er mit dem Öschberghof nur einen buchstäblichen Steinwurf entfernt von seinem Wohnort dafür den perfekten Betrieb fand, tat sein Übriges: Manuel Ulrich selbst würde Vokabeln wie „schicksalhaft“ eher nicht in den Mund nehmen – aber wohl schon zustimmen, dass in dem Moment, als er und der Hotelchef den Ausbildungsvertrag unterschrieben, ein sehr besonderes Band geknüpft wurde. 208 Gastlichkeit

 

 

 

Damals vor 13 Jahren freilich konnte noch niemand ahnen, was daraus einmal entstehen sollte, nämlich die gemeinsame Entwicklung eines Sternerestaurants unter der Ägide des Heidenhofeners. Im Jahr 2008 war er schlichtweg ein Koch-Azubi, der vorher höchstens mal bei Jugendfreizeiten Eintöpfe gekocht hatte und gemeinsam mit seinem Bruder samstagabends dafür zuständig war, Pizza und Burger für die Familie zu machen oder sonntags hin und wieder leckere Kuchen zu backen. „Das hat mir alles Spaß gemacht“, blickt er zurück, aber mit dem, was danach kam, hatte es nicht wirklich viel zu tun. Handwerk als Grundlage Den Beruf erlernte er mit allen soliden Grundlagen, die es braucht. Auf diese Weise wurde ihm nicht nur das Handwerk vermittelt. Er entdeckte und entwickelte gleichermaßen auch die Liebe zum Öschberghof, in dessen Küche er nach Abschluss seiner Lehre einige Zeit als Geselle mitarbeitete. Gemeinsam mit seiner Partnerin Carolin Helmerich, die als Hotelfachfrau ebenfalls im Aasener Betrieb tätig war, reifte anschließend der Entschluss, auch noch in anderen Gegenden und Häusern weitere Berufserfahrung zu sammeln. Zunächst, so beschlossen sie gemeinsam, sollte es in Richtung Arlberg gehen. Im späten Herbst 2012 packten sie ihre Sachen und steuerten für eine Wintersaison lang ihre neue Station im „Burg Hotel Oberlech“ an. Manuel Ulrich über diese Zeit: „Es war gut und wichtig, mal aus der Komfortzone herauszukommen. Ich habe viel gelernt, einen anderen Blickwinkel erlebt und erfahren, wie zum Beispiel mit anderen Mengen gekocht wird. Es war ein cooles halbes Jahr.“ Von vornherein hatte aber schon festgestanden, dass es danach vom Sonnenplateau Oberlech wieder zurück mitten hinein in die sanfte Hügellandschaft der Baar gehen würde. Der Koch und seine Partnerin kamen wieder heim in den Öschberghof. Zurück in die Heimat Dabei zeigte sich: Hier hatte man mit ihm viel vor. Ganz offensichtlich hatte der damalige Küchenchef Peter Schmidt einen guten Riecher. Er war es, der das Talent von Manuel Ulrich erkannte und ihn für große Aufgaben geeignet hielt. Zu dem Zeitpunkt Manuel Ulrich zu seiner Ausbildungszeit. stand bereits fest, dass sich das Hotel in einem über mehrere Jahre angelegten Prozess einer kompletten Runderneuerung unterziehen würde und sich damit auf dem direkten Weg zu einem internationalen Vorzeigeprojekt befand. Dabei sollte auch die Küche eine entscheidende Rolle spielen: Geplant wurde, den Gästen nach der Wiedereröffnung ein umfassendes kulinarisches Angebot mit mehreren Restaurants zu bieten, darunter auch das neue Fine Dining Restaurant „Ösch Noir.“ Um dieses ehrgeizige Ziel eines anerkannten Gourmet-Restaurants zu verwirklichen, suchte Hotelchef Alexander Aisenbrey den richtigen Motor -und fand ihn im Eigengewächs Manuel Ulrich. Er fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, eine Einheit aufzubauen, die sich – so der Wunsch – zu einem Sternerestaurant entwickeln sollte. Der junge Mann, damals Ende 20, ein hervorragender Koch mit Ehrgeiz, Liebe zum Beruf und zum Betrieb, sagte sofort zu. Noch bevor das Restaurant also überhaupt gebaut war, war klar: Manuel Ulrich wird Küchenchef des „Ösch Noir“ und soll es zum Stern führen. „Allerdings hatte ich damals noch gar keine Gourmet-Erfahrung“, fasst er zusammen, wie mutig diese Entscheidung war. Offenbar hatte die Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 209

 

 

 

Ob in den Alpen, auf Island oder in der Türkei: Reisen bedeutet zugleich, neue Essenswelten zu entdecken. Hotelleitung aber volles Vertrauen in ihn und entschied gemeinsam mit ihm, dass es nun also an der Zeit war, bis zur Eröffnung des Restaurants eben diesen Gourmetbereich in anderen Häusern kennenzulernen. Ab an die Elbe – das „Haerlin“ lockt „Also habe ich reingeschnuppert in die SterneGastronomie“, beschreibt Manuel Ulrich die logische Konsequenz. Dieses Mal führte der Weg dafür nun aber nicht in den Süden, sondern in die entgegengesetzte Richtung, nämlich ins Restaurant „Haerlin“ im „Fairmont Vier Jahreszeiten“ in Hamburg. „Das Haus ist eine Instanz in der Hotelszene“, wusste der Koch von der Baar, der in der Luxusdestination an der Binnenalster staunend miterlebte, wie fein und filigran im „Haerlin“ zu Werke gegangen wurde. In die norddeutsche Großstadt kam er übrigens wieder gemeinsam mit seiner Partnerin Carolin, die dort ebenfalls eine Stelle annahm. „Wir freuten uns darauf, auch mal etwas weiter weg von daheim zu sein. Und wir wollten auch mal das Thema ‘In der Stadt wohnen’ abhaken“, muss Manuel Ulrich im Rückblick etwas schmunzeln. Von „Abhaken“ konnte nämlich dann keine Rede sein: Das Paar lernte das urbane Hamburg schnell schätzen, beide fühlten sich in der Elbmetropole richtig wohl. Beruflich gesehen war das „Haerlin“ ein wichtiger Lernort für den Koch: „Es war meine erste Station in der Sterneküche – und dann waren es auch gleich noch zwei Sterne“, berichtet er in der Rückschau von seinem Respekt davor, was nun auf ihn zukommen würde. Die Aufgabe ging er aber doch ganz ohne Berührungsängste an: „Ich hab mich wie ein Schüler gefühlt, aber das war total OK.“ Ein Jahr lang sog er alles auf, was ihm begegnete. Immer mit dem Hintergedanken, wie das im „Ösch Noir“ anzuwenden sein könnte. Der Kontakt in „sein“ Hotel bestand in all der Zeit so gut es ging weiter. Worin lagen die größten Unterschiede zu allem, was er bisher kannte? „Alles war ein bisschen filigraner“, fasst er zusammen, „gearbeitet wurde mit absoluten Top-Produkten“, von denen er selbst manche zuvor noch nie gesehen hatte. Hinzu kam der sehr geschmeidige Ablauf im Service. Ein Jahr lang sog er regelrecht alles auf, was ihm begegnete. Immer mit dem Hintergedanken, wie das im „Ösch Noir“ anzuwenden sein könnte. Der Kontakt in „sein“ Hotel bestand in all der Zeit so gut es ging weiter. So konnte es schon mal vorkommen, dass er an einem freien Tag nicht ausspannte, sondern gemeinsam mit Alexander Aisenbrey Tellermuster unter die Lupe nahm oder die Kücheneinrichtung plante. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ging es dann wieder zurück“, berichtet Manuel Ulrich wie er und seine Partnerin nach zwölf Monaten die Zelte im Norden abbrachen und wieder die Heimat ansteuerten, denn im September 2017 war 210 Gastlichkeit

 

 

 

der nächste Termin schon gesetzt: der Abschluss zum Küchenmeister. Mit Bravour beendete er planmäßig auch noch diese Ausbildung bei der Industrieund Handelskammer. Einblicke in die „Schwarzwaldstube“ Bevor es endgültig im „Ösch Noir“ losgehen sollte, arbeitete er von Februar bis Juli 2018 noch ein halbes Jahr im renommierten Restaurant „Schwarzwaldstube“ unter Torsten Michel. Auch diese Erfahrung war etwas ganz Besonderes: „Der Betrieb war super. Gearbeitet wurde noch etwas klassischer. Der Fokus lag zum Beispiel auf Soßen und der sehr aufwändigen Fleischzubereitung“ – auch das wertvolle Einblicke, mit denen er wieder in den Öschberghof zurückkehrte. Im Sommer 2018 war’s schließlich soweit: Das Abenteuer „Ösch Noir“ ging in die finale Umsetzungsphase. Der künftige Küchenchef machte sich daran, ein Team zusammenzustellen. Sein Souschef Julian Lechner kam aus Baiersbronn aus dem „Bareiss“ nach Donaueschingen, ein Glücksfall, wie Manuel Ulrich findet, denn zwischen den beiden stimmt die Chemie. „Wir entwickeln hier alles zusammen“, freut sich der Küchenchef über diese gute Arbeitsgrundlage. Auch der Rest des Teams fand sich mit der Zeit. Dabei half unbestritten, dass der Öschberghof seit Jahren kontinuierlich auf Nachwuchsförderung setzt. Neben der eigentlichen Ausbildung wird der Fokus außerdem auf die Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesetzt. Dafür wurde eigens eine eigene Schulungsakademie gegründet. Und: „Bei uns ist für eine gute Bezahlung gesorgt“, benennt Manuel Ulrich einen wesentlichen Faktor im fairen Miteinander. Endspurt zur Eröffnung Zurück zum Sommer 2018, zurück zum Öschberghof: Hier gab’s noch schier unzählige weitere Entscheidungen zu treffen, von der Anschaffung der besten Töpfe bis hin zum Aussuchen der passenden Tischdecken fürs Restaurant. Übrigens war auch ein gerüttelt Maß Zuversicht und auch ein bisschen Phantasie gefragt: „Zu der Zeit war hier noch ein Rohbau“, lacht Manuel Ulrich mit Blick auf die heutige Küche, „da war grade mal der Estrich reingegossen.“ Am Ende wurde der Zeitplan aber tatsächlich eingehalten, sodass im späten Herbst 2018 zum ersten Mal probegekocht und die entwickelten Ideen endlich umgesetzt werden konnten. Am 5. Dezember 2018 wurde das Restaurant offiziell und feierlich eröffnet. Die Resonanz war sehr gut, viele Gäste waren tief beeindruckt. Dass das Angebot gut angenommen wurde, beruhigte alle Beteiligten, schließlich galt es, dem „Ösch Noir“ als Neuling im Gourmetbereich einen Namen zu verschaffen. „Natürlich hatten wir am Anfang auch leere Tische“, beschönigt Manuel Ulrich nichts – alle wussten, dass es schwer werden würde, sich durchzusetzen. Schon früh der erste Stern Mitentscheidend sind dafür zweifelsohne anerkannte Auszeichnungen. Die ersten folgten schon wenige Wochen nach der Eröffnung. Am 3. März 2020 dann gab’s für den Chefkoch und sein Team einen glänzenden Grund, richtig zu jubeln: Manuel Ulrich und das „Ösch Noir“ wurden mit einem der heiß begehrten Michelin-Sterne belohnt. „Ja, wir haben darauf hingearbeitet und darauf hingefiebert“, so der Küchenchef, „aber dass es schon in der ersten Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 211

 

 

 

212 Gastlichkeit

 

 

 

Für das Haus sind die zwei Sterne ein wichtiger Faktor, viele Gäste richten sich danach. Kein Restaurantverzeichnis und -rating ist so relevant wie der Guide Michelin. Allein aus Marketinggründen ist dieses Renommee mit entscheidend. Sterne-Restaurants spiegelt eine moderne, zeitgemäße Interpretation der Umgebung wider: Neben den gläsernen Tautropfen finden sich auch noch Elemente aus Holz: An den Wänden wird der Nadelwald zitiert. Wenn die Gäste an den kleinen, hohen Tischen am Eingang des Restaurants ihren Aperitif Saison klappen würde, das hat niemand erwartet.“ Umso größer war die Freude natürlich, als es so weit war. Für das Haus ist die Auszeichnung ein wichtiger Faktor, viele Gäste richten sich danach. Kein Restaurantverzeichnis und -rating ist so relevant wie der Guide Michelin. Allein aus Marketinggründen ist dieses Renommee mit entscheidend. Die gute Organisation wurde dann allerdings wie allerorten durch Corona nach so kurzer Zeit des Einspielens erst mal auf einen Schlag ausgebremst. Die Mannschaft war in Kurzarbeit, von einem normalen Arbeitsalltag konnte keine Rede mehr sein. Auf den ersten folgte der zweite Lockdown und die bange Frage, wie es danach mit dem immer noch jungen Projekt Sternerestaurant weitergehen würde. Mit einiger Nervosität wurde die Wiedereröffnung herbeigesehnt. Die Bedenken erwiesen sich letztlich zum Glück als weitgehend unbegründet: Erstaunlich geschmeidig ging es weiter wie zuvor. Die Gäste goutieren seither wieder, was ihnen im „Ösch Noir“ geboten wird. Glaskugeln erinnern an den Morgentau… Dazu gehört auch das luxuriöse Setting mit klaren Linien und glanzvollem Design. Im Restaurant gibt es 30 Plätze im A-la-carte-Betrieb. Im Raum befinden sich runde Sitzgruppen, die Platz für bis zu vier Personen bieten. Separiert durch Ketten mit Glaskugeln entstehen stilvolle Lichteffekte. „Sie sollen an den Morgentau im Schwarzwald erinnern“, sagt Manuel Ulrich. Die stilvolle Architektur des Hingebungsvolles Arbeiten – das Zwei-Sterne-Team des Ösch Noir schafft Köstlichkeiten besonderer Qualität wie die Fotos links und rechts aufzeigen. Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 213

 

 

 

einnehmen, können sie von hier nicht nur in die offene Küche hineinschauen und so miterleben, wie die Menüs gezaubert werden. Sie finden sich hier auch schon mittendrin in einem modernen, aber doch auch behaglichen Ambiente – ein Schwarzwaldbild, das gut in die Zeit passt. Es zeigt gleichzeitig die Handschrift und das Selbstverständnis, die auch die Küche und gleichsam den Küchenchef auszeichnen: Klare Linien, damit Raum für das Wesentliche bleibt, Liebe zum Detail, ein großes Maß an Offenheit und die Freundlichkeit, mit der den Gästen hier begegnet wird. Hingabe und Konzentration Wer Manuel Ulrich und sein Team in der Küche von hier aus beobachtet, wird spüren: Sie wissen, was sie tun, sie tun es mit Hingabe und großer Konzentration, selbstbewusst, aber so dezent und zurückhaltend, dass sich alles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Verwurzelt zu sein, das erweist sich hier nicht als lautes, behauptetes Statement, sondern als logische und leichte Selbstverständlichkeit. Manuel Ulrich leitet ein sechsköpfiges Team. Und auch der Berufsnachwuchs ist in der Küche anzutreffen: Jeweils ein Auszubildender oder eine Auszubildende ist dabei und lernt hier die Grundlagen der Profession. Dass neben den sechs Männern auch zwei Frauen zum Koch-Team gehören, empfindet der Chef als Bereicherung: „Es tut dem Team gut, denn so ist auch noch jemand Vernünftiges dabei“, grinst er und freut sich über die gute Mischung, in der Robustheit neben filigranem Fingerspitzengefühl funktioniert. „Wir sind so ein tolles Team, haben alle zusammen angefangen und kennen uns gut“, beschreibt er das Miteinander. Die Bewertungen für den Küchenchef des „Ösch Noir“ und das dortige Ambiente fallen beachtlich aus. Der „Guide Michelin“ zur Küche von Manuel Ulrich: „Absolut gekonnt bringt er genau das richtige Maß an Moderne in die klassisch basierte Küche. Nichts ist übertrieben kreativ, alles ist ausgewogen und zugleich kraftvoll. Geschmackliche Tiefe und Aroma pur“. „Man muss den Gast bei Laune halten und überraschen“, heißt Manuel Ulrichs Devise, „deshalb suchen wir auch immer wieder neue Produkte und erarbeiten Kombinationen, um herauszufinden, wie man was am besten in Szene setzt.“ Heraus Der Guide Michelin: Absolut gekonnt bringt er genau das richtige Maß an Moderne in die klassisch basierte Küche. Nichts ist übertrieben kreativ, alles ist ausgewogen und zugleich kraftvoll. Geschmackliche Tiefe und Aroma pur. kommen dann Gerichte wie dieses: Kabeljau mit Blumenkohl an einer Nussbuttersoße. Dazu als Frischekick KalamansiFrüchte aus Asien, begleitet von Imperial-Kaviar. Die Liste der Beispiele ist schier unendlich: Exemplarisch könnte man ein Alb-Lamm mit Artischocke, Bärlauch und Paprika und Fregola-Sarda-Pasta nennen, oder auch eine Coquille Saint Jacques mit Mais, Ochsenschwanz und Frisée. Vier, fünf Produkte maximal, die optimal kombiniert werden, raffiniert, aber nicht zu verspielt – nach diesem Prinzip wird gearbeitet. Und wo die Rede schon einmal vom Alb-Lamm war: Wo immer es geht, wird versucht, hervorragende Produkte aus der Region zu verwenden, so wie zum Beispiel das ausgezeichnete Lammfleisch aus Münsingen. „Wir freuen uns immer, wenn es bei uns auf der Karte steht“, sagt der Küchenchef. Lammrücken müsse man absolut nicht im Limousin oder der Normandie ordern, wenn es eine so hohe Qualität auch in Baden-Württemberg gebe. Das gilt auch für das Gemüse, das man am liebsten vor der Haustür kauft. Forelle und Saibling kommen vom Buhlbachhof in Baiersbronn und die SchwarzwaldMiso-Paste aus Geisingen. Aber Steinbutt und Langusten wird man hier eben niemals finden, diese Spitzenprodukte werden aus der Bretagne und von den Färöern angeliefert. Diese beste Qualität ist für Restaurants wie das „Ösch Noir“ unverzichtbar, „da wollen wir uns auch nicht einschränken“, unterstreicht Manuel Ulrich. 214 Gastlichkeit

 

 

 

Oben: Manuel Ulrich und Hotelchef Alexander Aisenbrey im Videostream zum Anlass des erkochten zweiten Sterns. Unten: Das Zwei-Sterne-Team des Ösch Noir. Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 215

 

 

 

Vegetarische Angebote sind längst kein Trend mehr Eine Entwicklung hat er übrigens längst erkannt: Vegetarische Angebote sind kein Trend mehr, sondern selbstverständlicher Standard. Im „Ösch Noir“ gibt es das „Menü Noir“ und daneben ein vegetarisches „Menü Vert“, auch das mit sieben Gängen in vollem Umfang. Das Angebot wird „wahnsinnig gut angenommen“, so Ulrich. Auch vegane Küche wird auf Nachfrage offeriert – schließlich wird auch dieser Trend immer wichtiger. Der Küchenchef hat auch dafür ein offenes Herz: „Menschen, die sich mit veganem Essen befassen, beschäftigen sich auf jeden Fall mit Ernährung und das ist mir immer sympathisch.“ Freudige Nachricht über Facebook Womit wir uns dem Höhepunkt in der noch jungen Karriere des Küchenchefs nähern. Am 5. März 2021 folgte die nächste positive Überraschung: Es kam der zweite Michelin-Stern hinzu – und das fast schon auf heimlich leise Weise, denn schließlich war die Welt gerade mit einer Pandemie beschäftigt und arg viel Aufmerksamkeit blieb da für andere Dinge wie eben einen zweiten Stern fürs „Ösch Noir“ nicht übrig. „Ein bisschen haben wir die beiden Sterne quasi verschlafen“, nimmt Manuel Ulrich es mit ein wenig Galgenhumor, dass die Auszeichnungen im ganzen CoronaFieber fast unterzugehen drohten. Auf Vieles, was sonst angemessen und auch einigem Glamour gefeiert würde, musste einfach verzichtet werden. Keine Gala zur Verleihung, stattdessen ein Videostream via Facebook, über den die freudige Nachricht durchs Netz geschickt wurde. Dass der zweite Stern verliehen wurde, machte alle einfach nur noch glücklich. Dieses Mal wurde der Küchenchef von seinem Arbeitsplatz in Donaueschingen-Aasen direkt per Livestream in ein Interview zugeschaltet – und viele Zuschauer konnten sich auf diese Weise mitfreuen, wenn auch eben nur digital. Dass es mit dem zweiten Stern so schnell klappte, kam für alle überraschend und ist gleichsam ein großer Ansporn, weiter auf diesem hohen Niveau zu agieren. Manuel Ulrich beschreibt es so: „Jetzt werden wir noch direkter verglichen.“ Das Erreichte immer wieder zu untermauern und unter Beweis zu stellen, dass die Auszeichnungen gerechtfertigt sind, das ist jetzt die große Herausforderung. Letztes Jahr hat er den Golfsport für sich entdeckt. „Das ist ein ganz toller Ausgleich“, schwärmt er regelrecht, „man kann morgens schon eine Runde spielen und kriegt den Kopf frei. Ich habe jetzt gerade meine Platzreife gemacht.“ Golf, guter Sound und Genuss Auch wenn Manuel Ulrich sagt: „Ich arbeite gern. Und ich möchte immer in der Küche dabei sein“ – bleibt neben den vielfältigen Herausforderungen des Berufs denn eigentlich auch noch Zeit für Freizeit und Hobbys? Die überzeugte Antwort lautet „Ja“. Letztes Jahr hat er den Golfsport für sich entdeckt. „Das ist ein ganz toller Ausgleich“, schwärmt er regelrecht, „man kann morgens schon eine Runde spielen und kriegt den Kopf frei. Ich habe jetzt gerade meine Platzreife gemacht“, lächelt der Küchenchef ein bisschen stolz – auch er nutzt als Mitarbeiter des Hotels gerne die Möglichkeit, die hier alle haben: Selbst auf der großen Anlage Golf zu spielen und so einen Ausgleich zum anstrengenden Job finden zu können. Genau das gelingt ihm außerdem auch, wenn er Musik hört, „gerne alles von Folk über Alternative und Country bis zu Ambience und Neoclassic“, beschreibt er seinen vielseitigen Geschmack, der „je nach Stimmung“ variiert. Auch in der Gourmetküche läuft übrigens immer Musik: „Wir hatten schon Rammstein und Walgesänge, Charts-Hits oder Hip-Hop – und auch mal Musik aus den 80ern oder Klassik. Musik gehört einfach dazu.“ Dass er selbst unbestritten kreativ ist, zeigt sich vielfach: „Schwarzwald reloaded“ heißt das erste Kochbuch, an dem er mit eigenen Rezepten und Bei216 Gastlichkeit

 

 

 

Zwei-Sterne-Koch Manuel Ulrich im Ösch Noir – umgeben von gläsernen Tautropfen des Schwarzwaldes. trägen mitwirkt. Außerdem hat es ihm die Fotografie angetan. Motive entdeckt er überall, von Straßenszenen bis hin zu seinem täglich Brot. Denn auch die Food-Fotografie übt einen großen Reiz auf ihn aus. Zahlreiche bemerkenswerte Aufnahmen hat er schon im Kasten. Geschätzt wird durchaus auch das Einfache Der Koch selbst probiert und isst auch gerne. Was am liebsten? Italienisch sagt er, eine gute, handgemachte Pizza oder Pasta oder eine leckere Lasagne, damit macht man ihn glücklich und zufrieden. Wenn beruflich auf höchstem Gourmetniveau gekocht wird, schätzen viele Fachkräfte privat bekanntlich durchaus das Einfache und so ist es auch bei der ÖschberghofMannschaft: „Wir freuen uns oft auf ein Vesper oder ein Cordon bleu und samstagabends gibts fürs Team Currywurst – die muss gut, aber auch einfach sein.“ Diese Bodenständigkeit zeichnet Manuel Ulrich aus. Dazu passt auch sein Heimatort. Heidenhofen,dieser kleine, beschauliche Donaueschinger Ortsteil, zählt um die 250 Einwohner und liegt gerade den Buckel hoch, oberhalb des Öschberghofs. Wer dort wohnt, hat seine Ruhe und kann obendrein einen herrlichen Ausblick über die Baar genießen. Hier lebt er gemeinsam mit seiner Partnerin in seinem Elternhaus. Die beiden haben ein Stockwerk ausgebaut und fühlen sich pudelwohl. „Mir hat es auf der Baar immer gefallen“, betont er mit Blick auf seine Heimat. Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 217

 

 

 

STEINPILZSUPPE Pilze / Lauch DIE ZUTATEN Steinpilze Steinpilze, getrocknet Champignons, braun Portwein, weiß 350 g 30 g 50 g 50 ml 50 ml Weißwein 30 ml Madeira 750 ml 150 ml Sahne 40 g 40 g 30 g 3 g reduzierter Gemüsefond Schalotten Lauch Butter Knoblauch Thymian Salz, Pfeffer, Zucker, Chardonnay Essig LAUCH 200 g 30 g Lauch Butter Salz, Zucker Frühlingslauch Zitronenöl ZUM ANRICHTEN Steinpilze Champignons Frühlingslauch Die getrockneten Steinpilze für 15 Minuten in heißem Wasser einweichen. Die frischen Pilze salzen und im Ofen bei 200 Grad rösten. Zwiebel, Lauch und Knoblauch in der Butter hellbraun anschwitzen, dann die gerösteten sowie die eingeweichten Pilze zugeben und mit Weißwein, Portwein und Madeira ablöschen und reduzieren. Den reduzierten Gemüsefond und den aufgefangenen Fond der getrockneten Pilze hinzugeben und weiter köcheln lassen. Gegen Ende der Kochzeit die Sahne und den Thymian hinzugeben. Die Suppe anschließend mixen und durch ein feines Sieb passieren. Zum Finalisieren die Suppe mit Salz, Pfeffer, Zucker und etwas Chardonnay Essig abschmecken und schaumig aufmixen. Den Lauch waschen und in feine Julienne schneiden. Dann den Lauch in der Butter andünsten und unter Zugabe von etwas Wasser leicht bissfest garen und glasieren. Den Frühlinglauch längs halbieren, in Segmente schneiden. Diese mit einem Bunsenbrenner rösten und mit Salz, Zucker und etwas Zitronenöl würzen. Die Steinpilze längs halbieren und kreuzförmig einritzen. In einer Pfanne anbraten und glasieren. Die Champignons roh hobeln und das Grün des Frühlingslauches in feine Ringe schneiden. Als weitere mögliche Einlage sind Pilzbällchen und eingelegte Buchenpilze auf dem Foto rechts zu sehen. 218 Gastlichkeit

 

 

 

219

 

 

 

 

 

 

Löwen Patisserie in Schönwald Dominik Kaltenbach und seine zukünftige Frau Lena Cerasola erfinden das Höhengasthaus Löwen auf der Escheck neu. von Hans-Jürgen Kommert Gastlichkeit 221

 

 

 

Eine Patisserie abseits von Großstadt-Trubel, mitten in der Einsamkeit der Provinz – das gibt es leider nicht – oder etwa doch? So ganz anders als man das gewohnt ist, in den eher mondän anmutenden Einkaufsmeilen der Großstadt, eher einsam gelegen auf rund 1.060 Metern Höhe? Kaum vorstellbar, dennoch findet man genau dies auf der Escheck. Denn ein einst beliebtes Ausflugsziel zwischen Schönwald und Furtwangen wandelt sich gerade: Auf der Escheck, dem höchsten Punkt zwischen den beiden benachbarten Orten, dem Industrieund Hochschulstädtchen Furtwangen und dem Höhenluftkurort Schönwald gelegen, haben sich in den letzten Monaten gewaltige Veränderungen ergeben. Zunächst verabschiedete sich Friedrich Scherzinger vom Gasthaus Kreuz – altershalber. Das Haus wurde an drei Ärzte verkauft, die hier eine Gemeinschaftspraxis eröffnen wollen, seither aber auch nach einem Nachfolger für den Gastwirt suchen. Fündig bei der Nachfolgersuche wurden dagegen Alexander und Brigitte Kaltenbach mit ihrem Höhengasthaus Löwen, das um das Jahr 1840 erbaut wurde und seit 1922 im Familienbesitz ist: Seit Januar 2021 ist ihr Sohn Dominik gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau Lena Cerasola ganz offiziell in die Geschäftsführung des ehemaligen Gasthauses Löwen eingestiegen. Doch nicht nur ein neues Logo zeigt das, sondern auch der neue Name: „Löwen Patisserie“. Zudem wurden der Eingang und ein Teil des Restaurants sowie die Hotelzimmer von Dezember 2020 an komplett modernisiert und zu einer französischen Patisserie umgewandelt, sodass das junge Paar sein Meisterhandwerk auch fachgerecht präsentieren kann. Süße Leckereien „absolut sein Ding“ Koch hatte der heute 30 Jahre alte Konditormeister Dominik Kaltenbach ursprünglich nach der Mittleren Reife an der Realschule des Otto-Hahn-Gymnasiums Furtwangen gelernt. Von 2008 bis 2011 arbeitete er im erlernten Beruf im durchaus renommierten HotelRestaurant „Hirschen“ im Glottertal, ganz der Familientradition verbunden. Schon damals hatte er in der Ausbildung die größte Freude, wenn er Desserts und raffinierte Leckereien zubereiten durfte in der Patissierie des Restaurants. Folgerichtig kam daraufhin die Ausbildung zum Konditor, „absolut mein Ding“, wie er selbst sagt. Im Café Bockstaller in Todtmoos erlernte er daher anschließend in zweieinhalb Jahren das Handwerk des Konditors – und das offensichtlich sehr erfolgreich. Denn zunächst wurde er Innungssieger im Konditorenhandwerk, kurz darauf belegte er in der Landessiegerprüfung nur ganz knapp hinter dem Landessieger Platz zwei, dazu trat er auch bei diversen Wettbewerben an, wie dem „CarloWildt-Pokal“ für junge Konditoren. In diesem Beruf legte er dann auch im Jahr 2017 die Meisterprüfung ab. Gar nichts mit Gastronomie am Hut hat Alexander und Brigitte Kaltenbach (rechts) freuen sich, dass der Betrieb weiterläuft – mit Sohn Dominik Kaltenbach und der künftigen Schwiegertochter Lena Cerasola (links). 222 Gastlichkeit

 

 

 

Wir haben uns als Paar bei verschiedenen Patisserien in ganz Deutschland beworben. sein Zwillingsbruder Manuel – der arbeitet als Kfz-Mechatroniker, auch sein älterer Bruder Patrick hat dem Gastgewerbe als Einzelhandelskaufmann den Rücken gekehrt. Gemeinsam im „Törtchen Törtchen“ Seine sechsundzwanzigjährige Lebensgefährtin – bald seine Frau – Lena Cerasola ist selbst im gastgebenden Gewerbe aufgewachsen. Am Schwarzwaldgymnasium Triberg legte sie 2013 ihr Abitur ab. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen zu studieren – vielleicht Architektur, hatte sie überlegt. Auf jeden Fall sollte es ein kreativer Beruf werden. Dann aber ließ sie sich von der Begeisterung ihres Freundes für das Konditoren-Handwerks anstecken. „Dominik hat mich immer inspiriert und war mir bei der Ausbildung stets eine Stütze“, erinnert sie sich. Im September 2013 begann sie in der Confiserie Gmeiner in Appenweier ihre Ausbildung. Es seien drei harte, aber äußerst lehrreiche Jahre gewesen mit langen Arbeitstagen, sagt sie. Auch Lena wurde in ihrem Jahrgang Innungssiegerin und errang, wie Dominik, anschließend den zweiten Platz beim Landesentscheid. Nach der Ausbildung ging sie zunächst nach St. Georgen, wo sie bei Dagmar Holzer und Oliver Bittlingmaier arbeitete, um noch mehr Erfahrung mit dem Umgang mit Schokolade zu erhalten. Danach wollten die beiden jungen Konditoren weitere Erfahrung sammeln. „Wir haben uns als Paar bei verschiedenen Patisserien in ganz Deutschland Oben: In der Theke der Löwen Patisserie jagt eine Verlockung die nächste. Mitte: „Tortenkreation“ vom Feinsten zu jeder Gelegenheit. Unten: Dominik beim Aufdressieren der Eclairs. Einen mutigen Schritt in Richtung Zukunft des „Löwen“ auf der Escheck haben Dominik Kaltenbach und Lena Cerasola gewagt mit der Umgestaltung des Traditionshauses zur „Löwen Patisserie“ Löwen Patisserie in Schönwald 223

 

 

 

Oben und links: Einen mutigen Schritt in Richtung Zukunft des „Löwen“ auf der Escheck haben Dominik Kaltenbach und Lena Cerasola gewagt mit der Umgestaltung des Traditionshauses zur „Löwen Patisserie“ beworben – die erste Zusage kam tatsächlich recht schnell aus Köln, wo beide ihr Können in einer der renommiertesten Patisserien Deutschlands, dem „Törtchen Törtchen“ von Matthias Ludwigs und Elmar Schumacher-Wahls vervollständigen konnten. Zugleich absolvierte auch Lena die Meisterschule durch, da dies in Köln möglich war. Die Philosophie der beiden im eigenen Haus ähnelt der des „Törtchen Törtchen“: Beste Zutaten, innovative Ideen, Geschmack und Qualität. „Und manchmal ist weniger mehr, minimalistisch und auf den Punkt fokussiert“, verrät dazu Lena Cerasola. Mit der Gastronomie verbunden Lena kennt die Arbeit im gastgebenden Gewerbe – sie stammt aus dem renommierten Hotel Dorer in Schönwald. Auch dieses Haus ist ein Betrieb, der sich seit Generationen im Familienbesitz befindet. 1928 wurde das Haus von Josef und Albertine Dorer gegründet. Lenas Großeltern Rolf und Heidi Scherer haben das Hotel 1963 übernommen, da der Urgroß224 Gastlichkeit

 

 

 

Wir setzen auf Regionalität, frische Eier aus Schönwald oder frische, unbehandelte Milch aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die dann bei uns vor Ort homogenisiert und pasteurisiert wird. vater im Krieg gefallen war und seine Witwe nie mehr geheiratet hat. 2006 übernahm dann Tochter Manuela gemeinsam mit ihrem Mann Salvatore Cerasola das Hotel Dorer. In Zermatt hatte sie 1989 ihren Mann kennengelernt, wo dieser im Service tätig war. 1993 wurde geheiratet, nachdem das Paar 1991 nach Deutschland gekommen war. Im Restaurant Waldhorn in Tübingen-Bebenhausen – seinerzeit mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet – absolvierte er eine Kochlehre. Nach seiner Ausbildung arbeitete Salvatore zunächst im Hirschen in Sulzburg, danach im Engel in Vöhrenbach, damals ebenfalls Michelindekoriert. Bevor er dann die Küche des Dorer übernahm, war er noch eine Zeitlang im „Wehrle“ in Triberg. Auch Tochter Lena ist, wie Dominik, die Hälfte eines Zwillingspaares. Ihre Schwester Laura hat sich ebenfalls für die Arbeit in der Gastronomie entschieden. Sie hat Ihre Ausbildung als Restaurantfachfrau im Hotel Colombi in Freiburg absolviert, war dann im „Hirschen“ in Sulzburg tätig und arbeitet im Augenblick im Restaurant „Storstad“ in Regensburg. Auch herzhafte Speisen bietet die Löwen Patisserie, wie hier zum Frühstück ein vegetarisches „Egg Benedict“. in Coronazeiten auf Bestellung täglich ganze Kuchen oder Torten an, am Wochenende von 11 bis 17 Uhr auch Stücke zum Abholen, doch das ganz große Geschäft war das bisher nicht – sie hofften von Beginn an auf eine Öffnungsperspektive. Daher genießen sie die derzeitigen Lockerungen, in der Hoffnung, dass dies so bleibt. Von Freitag bis Dienstag ist zurzeit von 11-18 Uhr geöffnet, von Freitag bis Sonntag gibt es zusätzlich von 9 bis 11 Uhr ein ganz besonderes Frühstück. Dazu ist die Küche geöffnet, sodass ebenso herzhafte, traditionelle Schwarzwaldspeisen wie die leckere Schwarzwald-Forelle, Wurstsalat oder Schwarzwälder Vesper-Spezialitäten im Angebot sind. Modernisierung des Löwen Ein mutiger Schritt sei der Einstieg in dieser Zeit gewesen, sind sich die Seniorchefs des Höhengasthauses Löwen, Brigitte und Alexander Kaltenbach sicher. Viel Geld hat die Familie in die Hand genommen, um das Haus in neuem, modernen Schwarzwaldstil zu gestalten, sodass neue Gäste in die Region gelockt werden. Aber das muss sich irgendwann auch wieder auszahlen. Zwar bot die Patisserie Es locken regionale Produkte „Wir hoffen und vertrauen darauf, dass der ganze Corona-Spuk endlich vorbei ist. Daher können wir nun neben unseren süßen Leckereien auch Frühstück und kleine Gerichte für Einheimische wie für Laufkundschaft anbieten“, sind sich sowohl die Senioren als auch Lena und Dominik einig. „Es ist ein Frühstück, das man so nicht überall bekommt“, Löwen Patisserie in Schönwald 225

 

 

 

Höchste Konzentration und tolle Handwerkskunst für leckere Törtchen – Lena und Dominik bei der Arbeit während der Fernshshow „Das große Backen“. und etwas mehr als nur ein bisschen künstlerische Neigung schadet auch nicht“, wissen Konditormeisterin und Konditormeister. versprechen die Inhaber. „Wir setzen auf Regionalität, frische Eier aus Schönwald oder frische, unbehandelte Milch aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die dann bei uns vor Ort homogenisiert und pasteurisiert wird – aus der machen wir dann beispielsweise unser Eis“, lockt Lena Cerasola. Und – sie haben auch ein Herz für diejenigen, die das Süße nicht ganz so sehr mögen – „es gibt eigentlich immer auch alternativ zum Kuchen eine Quiche und eben auch kleine regionale Speisen, warm oder als Vesper“, schmunzelt das Team. Und – sie wollen künftig auch Kurse anbieten. Ob Dominik Kaltenbach und Lena Cerasola irgendwann ausbilden werden, hängt sicherlich mit davon ab, ob sie es schaffen, Nachwuchs für den überaus kreativen und attraktiven Handwerksberuf zu begeistern – ihre Erzeugnisse sprechen jedenfalls für sich. „Unser Beruf ist sehr vielseitig, wir lieben ihn und würden nicht tauschen wollen. Allerdings wird sehr viel Kreativität und exaktes, sauberes Arbeiten verlangt Präsenz in Fernsehshow Großes Aufsehen hatten die beiden erregt durch ihre Teilnahme an der Fernsehshow „Das große Backen – die Profis“, bei dem sie aus der ersten Folge als Sieger herausgingen. Dabei setzten sie zum Thema Urlaub auf „Reisen mit der Schwarzwaldbahn – anno dazumal“. Der erste Teil der Aufgabe bestand darin, genau 50 absolut gleich aussehende Törtchen passend zum Motto „Unsere Besten“ zu präsentieren, die neben dem Aussehen natürlich auch – und vielleicht vor allem – ungemein harmonisch schmecken sollten. Hier überzeugten sie die Jury, bestehend aus Bettina „Betty“ Schliephake-Burchard, eine hoch angesehene Fachfrau, die als erste Europäerin die Prüfung zum „Certified Master Sugar Artist“ der amerikanischen Tortenvereinigung erringen konnte, dem Chef-Patissier im Fünf-Sterne-Hotel Dolder Grand in Zürich, Christian Hümbs sowie Günther Koerffer, dem Hofkonditor am schwedischen Königshof gleich so sehr, dass sie von jedem der drei Juroren die Höchstpunktzahl erhielten – ein Erfolg, 226 Gastlichkeit

 

 

 

Wir kennen uns seit zehn Jahren. Jeder kann sich unbedingt auf den anderen verlassen, das macht uns schon zu einem sehr starken Team. der absoluten Seltenheitswert besitzt. Zumal Betty schon beim Backen selbst verraten hatte, dass sie einen Hauptbestandteil des Törtchens überhaupt nicht mag, nämlich Bananen – nicht umsonst nannten Lena und Dominik das leckere Teilchen „Bananarama“. Teil zwei „Reisen mit der Schwarzwaldbahn“ Danach wurde für Teil zwei eine Schoko-Lok hereingeschoben. Dabei setzten sie zum Thema „Süßer Zug“ auf „Reisen mit der Schwarzwaldbahn – anno dazumal“. Jedes Team bekam nun die Aufgabe, einen Motto-Wagon dazu zu „bauen“, als Hauptzutaten dienten natürlich Schokolade und Zucker. Dazu sollten 20 perfekte „Gepäckstücke“ gebacken werden, passend zum Motto des Wagons und natürlich wieder möglichst exakt gleich aussehend. Mindestens 35 Zentimeter hoch und 60 Zentimeter lang sollten die Wagons werden. Lena und Dominik entschieden sich für einen „Wälder Wagon“ zur Schwarzwaldbahn anno dazumal. Als Gepäckstücke hatten sie sich für „Schwarzwälder Koffer“ entschieden, mit einer Füllung à la Schwarzwälder Kirschtorte. Dazu Oben: Das Gewinnertörtchen „Bananarama“ überzeugte die Jury beim „großen Backen“. Unten: Der süße Zug. „Reisen mit der Schwarzwaldbahn – anno dazumal“ mit Lena und Dominik. Löwen Patisserie in Schönwald 227

 

 

 

Die Leute kommen zu uns, um unsere köstlichen Produkte und unsere Handwerkskunst zu probieren. Hingucker und kassierte folgerichtig auch die Höchstpunktzahl. Dennoch schieden sie bei dieser Challenge aus, denn beim ersten Teil war ihnen leider – wohl mangelnder Gelatine geschuldet – die Torte davon gelaufen. Die beiden nahmen es sportlich: „Wir haben hier ungemein viel gelernt – und Backen ohne Rezept ist normalerweise in unserem Beruf nur dann machbar, wenn man neue Dinge ausprobieren will. Und dann dokumentiert man aber jeden Schritt, um Fehler da auszumerzen, wo sie entstehen. Das war hier leider nicht möglich“, betonen sie. Trotz allem war es für die beiden eine wertvolle Erfahrung, die sie auf keinen Fall missen wollen. „Besonders der Kontakt zu den anderen Teams ist immer noch sehr eng, wir freuen uns sehr, nicht nur neue Kollegen, sondern auch Freunde gefunden zu haben“, sagt Lena. Dem kann Dominik nur zustimmen: „Die Teilnahme an der Show hat uns in jeder Hinsicht weitergebracht, auch wenn wir nicht gewonnen haben. Dabei sein war echt klasse!“ Freude über den Wandel in der Region So arbeiten sie auch an ihrem jetzigen Arbeits platz – höchst effektiv und sauber, in jeder Hinsicht nachvollziehbar und absolut lecker, vom kleinen Törtchen bis hin zu bestellten großen Torten. Sie freuen sich sehr, dass es nun endlich in der Region einen Wandel gibt. „Die Leute kommen zu uns, um unsere köstlichen Produkte und unsere Handwerkskunst zu probieren“. Von den zahlreichen Kunden bekommen die beiden nur positives Feedback. „Das lässt uns wirklich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken“, freuen sich beide und nippen an einer leckeren Tasse Kaffee, während sie strahlend ihr neues Café begutachten. Stilvoller und süßer Genuss in den neu gestalteten Räumlichkeiten mit Wohnzimmer-Flair. „baute“ Lena Miniatur-Figürchen als Fahrgäste. Ein kleines Malheur gab es beim Zusammenbau – beim Aufsetzen des Daches brach dies zunächst längs in zwei Teile. Doch Profis zucken bei so etwas nur kurz zusammen und „reparieren“ den Schaden mal eben professionell. Als Team zu arbeiten fällt dem Konditorenpaar, das sich nun seit fast zehn Jahren kennt, überhaupt nicht schwer. „Wir können uns blind auf einander verlassen, das macht uns schon zu einem sehr starken Team“, schmunzeln beide. Am Ende belegte der „Wälder Wagon“ mit 25 Punkten in dieser Kategorie den zweiten Platz, was zusammen mit den 30 Punkten aus dem ersten Teil den Tagessieg bedeutete. Eine wertvolle Erfahrung Der zweite Auftritt sollte dann aber schon der letzte gewesen sein. Zwar sorgte das Schaustück des Schönwälder Konditorenpaares erneut für Aufsehen – der Kölner Dom war nämlich ein echter 228 Gastlichkeit

 

 

 

SAUERKIRSCH TARTE FÜR EINE ¶·CM Ø KUCHENFORM Zutaten Mürbeteig: 250 g Butter 125 g Zucker 375 g Mehl 1 ganzes Ei 2 g Zitronenabrieb und etwas Vanille Salz Zutaten Belag: 750 g 83 g 3 Stk 22 g Sauerkirschen Zucker Eier Cremepulver oder Puddingpulver Quark 40 % Fett Creme Fraîche Sahne, flüssig Vanilleschote Salz 110 g 110 g 280 g 1/2 1 Prise Die kalte Butter mit Zucker und Gewürzen in einer Küchenmaschine glatt arbeiten. Das Ei hinzugeben und kurz einkneten lassen. Zuletzt das gesiebte Mehl hinzugeben und so kurz wie nötig kneten, damit ein glatter Teig entsteht. ACHTUNG: nicht zu lange kneten, da der Teig sonst „brandig“ wird und beim Ausrollen bricht. Gefettete Kuchenform mit Mürbeteig ca. 3 mm dick auslegen und mit den Sauerkirschen füllen. Jetzt Zucker mit dem Mark der Vanilleschote, einer Prise Salz und den Eiern in einer Schüssel verquirlen. Das Cremepulver dazu geben und alles glatt rühren, bis keine Klümpchen mehr zu sehen sind. Den Quark und die Creme Fraîche dazu geben. Zum Schluss die flüssige Sahne dazu und die Masse über die Sauerkirschen in die Kuchenform gießen. Bei 175°C ca. 40 Minuten goldbraun backen. Nach Belieben mit Tortenguss abglänzen oder mit Puderzucker bestäuben. *Leckerer Tipp: lauwarm mit einer Kugel Vanilleeis genießen! 229

 

 

 

Kultkneipe mit immer jungem Publikum Die Brüder Uwe und Andy Reich haben mit dem „Klimperkasten“ in St. Georgen Mitte der 1990er-Jahre einen beliebten Treffpunkt geschaffen. Von Roland Sprich Uwe (rechts) und Andy Reich in ihrem Klimperkasten, den sie seit 28 Jahren in St. Georgen betreiben. 230

 

 

 

231

 

 

 

Das Klavier in der Ecke, das dem „Klimperkasten“ einst seinen originellen Namen gegeben hat, ist heute nur noch in Einzelteilen als Dekoration zu entdecken. Ansonsten hat sich im „Klimper“, wie er von den Gästen in Kurzform genannt wird, seit einem Vierteljahrhundert nahezu nichts verändert. Seit Mitte der 1990er-Jahre steht das Bistro und Pub in St. Georgen für urige Gemütlichkeit. Und ist untrennbar verbunden mit Wirt Uwe Reich, der selbst längst Kultstatus erreicht hat. Dass er sich in seinem Berufsleben einmal der Gastronomie widmen würde, hat Uwe Reich nicht geahnt. In Villingen geboren und aufgewachsen, machte er eine Ausbildung zum Funkelektroniker bei SABA. „Danach habe ich mir erst mal eine Auszeit genommen und bin ein Vierteljahr an die Algarve nach Portugal – mit dem Fahrrad“, erzählt Uwe Reich. Dann sollte er eine Stelle als Hausmeister im Ferienresort „Hapimag“ in Unterkirnach antreten. Dort arbeitete sein Bruder Andreas bereits als Koch. „Doch als ich anfing, haben sie mich wegen Personalnot in den Service gesteckt und ich habe die Gäste bedient“, so Uwe. Und Andreas „Andy“ ergänzt. Dort hat sich Uwe als hundertprozentiger Gästemagnet erwiesen. Er war ein guter Kommunikator und ein Verkaufstalent. Er konnte super mit den Gästen.“ 232 Der „Klimperkasten“ ist eine urige Kneipe. Am „Nähmaschinentisch“ sitzen die Gäste besonders gern. Gastlichkeit

 

 

 

Links: Das alte Klavier, das der Kultkneipe einst seinen Namen gab, ist heute nur noch in Fragmenten zu erkennen. Über dem Eingang hängt der Spieltisch. Rechts: Bei der Deko haben die Reichbrüder auch einiges aus ihrem eigenen Fundus verewigt. Hier begutachtet Andy Reich ein Tretauto aus seiner Kinderzeit. Wir kamen rein, haben uns angeschaut – ohne ein Wort zu wechseln haben wir beide gewusst: Genau das ist es, das wollen wir haben. Der Wunsch nach einem eigenen Lokal Als das Hapimag vor dem Verkauf stand und die Zukunft für die Mitarbeiter ungewiss war, entschlossen sich Uwe und Andy, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. „Wir hatten die Idee, unser eigenes Speiselokal aufzumachen. Uwe im Service, ich in der Küche“, sagt Andy, der sein Kochhandwerk im Kurhaus in Bad Dürrheim erlernt und in verschiedenen Hotels und Restaurantküchen, unter anderem in der Schweiz, verfeinert hat. Auf der Suche nach einer geeigneten Lokalität in Villingen-Schwenningen und Umgebung („örtlich waren wir gar nicht festgelegt“), entdeckten sie im Hinterhof eines ehemaligen Hotels in St. Georgen, dass ein Investor gerade Umbauarbeiten für ein Bistro-Pub macht. „Wir kamen rein, haben uns angeschaut und ohne ein Wort zu wechseln haben wir beide gewusst: Genau das ist es, das wollen wir haben“, erklären Andy und Uwe Reich diesen magischen Moment, der ihr Berufsleben von einem Tag auf den anderen nachhaltig verändern sollte. Dadurch, dass das Bistro erst im Entstehen war, konnten die Brüder noch eigene Ideen in die Gestaltung des bis dahin noch namenlosen neuen Gastronomiebetriebs einfließen lassen. So kommt es, dass bis heute unter anderem ein Tretauto aus der Kinderzeit der Reich-Brüder an der Decke hängt. Der Name für ihr Bistro ergab sich praktisch von alleine. „Anfangs stand in der Ecke ein Klavier, daher der Name ‚Klimperkasten‘, lüftet Uwe Reich die wenig spektakuläre Namensfindung. Mit dem Sich-Schock-Verlieben in ihr künftiges Bistro mussten Andy und Uwe allerdings den Plan von einer Speisegaststätte aufgeben. „Die Nummer war gestorben, denn in dem Bistro gab es nur eine Miniküche, es war unmöglich, hier vernünftig Speisen zu kochen“, sagt Andy Reich. Viel mehr als Wurstsalat und belegte Baguette waren nicht drin. Beide Gerichte plus ein eigens kreierter Klimperburger sind bis heute die Dauerbrenner. Klimperkasten in St. Georgen 233

 

 

 

Die Kneipe hängt voller Utensilien, die Andy und Uwe Reich größtenteils selbst gesammelt oder auch von Gästen bekommen haben. Der Klimperkasten lief vom ersten Tag an „wie die Hölle“ und war praktisch seit der Eröffnung vor allem eins: viel zu klein. Angesagte Adresse in St. Georgen Anfangs hegten die Neu-Gastronomen, die mit ihrem Bistro und Pub in St. Georgen Fuß fassen wollten, Zweifel, ob die Bürger das neue Angebot auch annehmen würden. „Immerhin gab es zu der Zeit, Mitte der 1990er-Jahre, zahlreiche Lokale mit ähnlichem Angebot. Beispielsweise die ‚Bärenklause‘, ‚Evas Bar‘, der ‚Schwarzwaldelch‘ und das ‚Nachtcafé‘“, wie Andy aufzählt. Um die finanzielle Belastung für einen möglichen schleppenden Start so gering wie möglich zu halten, haben Andy und Uwe zunächst ohne Personal gearbeitet. „Wir haben alles selbst gemacht. Bedient, gekocht und abends geputzt. Wir sind sieben Tage die Woche von morgens 11 bis nachts um 1 Uhr im Laden gestanden“, erinnert sich Uwe an die stressige und arbeitsintensive Anfangszeit. Die Rollen waren dabei von Anfang an klar verteilt. Andy kümmerte sich um die Küche und hielt sich ansonsten mit Buchhaltung im Hintergrund. Uwe stand allabendlich an der Theke und bediente. Und avancierte zum Liebling aller Gäste. Schnell bemerkten die beiden, dass ihre anfänglichen Sorgen völlig unbegründet waren. „Der Klimperkasten lief vom ersten Tag an „wie die Hölle“ und war praktisch seit der Eröffnung vor allem eins: viel zu klein“, resümieren sie heute. Um den Besucherandrang bewältigen zu können, brauchten sie Bedienungen. Die zu finden war zum damaligen Zeitpunkt kein Problem. „Jeden Tag kamen Leute an den Tresen und fragten ob sie hier bedienen könnten“, sagt Andy. Kein Vergleich zu heute, wo es schwierig ist, gute und zuverlässige Mitarbeiter zu finden. So etablierte sich der Klimperkasten schnell zu einer der angesagten Adressen in St. Georgen und ist von den aufgezählten Lokalen längst das einzige, das die vergangenen knapp 30 Jahre überdauert hat und übrig geblieben ist. Dabei ließen sich die Wirte auch immer wieder etwas Neues einfallen, um ihre Gäste zu überraschen. „Wir waren zum Beispiel die Ersten, die an Heiligabend geöffnet hatten“, erzählt Uwe. Es war ein Versuch, von dem sie nicht wussten, ob sich das lohnen würde. „Die Bude war brechend voll“, lacht er, was zeigt, dass die Gäste auch in der besinnlichen Zeit ihrem Klimperkasten die Treue halten. 234 Gastlichkeit

 

 

 

Vorhof wird zum Biergarten Allerdings nur zwischen Herbst und Frühjahr. Die Sommermonate waren dagegen flau, „weil wir keinen gescheiten Biergarten hatten.“ Bei hochsommerlichen Temperaturen suchten sich die Gäste Lokale, wo sie draußen sitzen und feiern konnten. Die wenigen Tische und Stühle vor dem Eingang reichten bei Weitem nicht. So wurde 1999, in Absprache und mit Erlaubnis des Eigentümers, der bis dahin als Parkplatz genutzte Vorhof zum Biergarten umgebaut. Dass sich das als „goldene Investition“ erwiesen hat, haben die Klimperkasten-Betreiber schnell gemerkt. Seit Anfang der 2000er-Jahre begonnen wurde, Fußballweltmeisterschaftsspiele als Massenveranstaltung auszurichten und die Spiele der deutschen Elf gemeinsam zu verfolgen, verwandelt sich der Biergarten mit seinen hundert Sitzplätzen alle zwei Jahre zur Fußballwelt-, beziehungsweise Europameisterschaft in eine regelrechte Fußballarena. Wo die Gäste, meist ausstaffiert mit Merchandising in den Nationalfarben, richtige Stadionstimmung in den Biergarten bringen. Ein Mysterium für Uwe und Andy Reich ist, dass die Gäste in den vergangenen 28 Jahren, in denen es den Klimperkasten bereits gibt, nicht mitgealtert sind. „Normalerweise altern die Besucher mit dem Wirt und der Kneipe mit. Im Klimperkasten haben Unten: Alle zwei Jahre verwandelt sich der große Biergarten zur Sportarena, wenn hier Fußball-WModer EM-Spiele im Freien übertragen werden. wir seit jeher junges Publikum.“ So gehen heute längst die Kinder der ersten Gästegeneration im Klimperkasten ein und aus. Eine weitere Attraktion: Im Keller richteten sie eine kleine Brauerei ein und veranstalteten Bierbrauseminare. Heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, in denen sich der Klimperkasten längst zu einer Kultkneipe entwickelt hat, können sich Andy und Uwe Reich mehr Freizeit gönnen und sich auf gute Mitarbeiter verlassen. Ganz ohne Gastronomie geht es dennoch nicht. Vor sechs Jahren entschloss sich Andy dazu, gegenüber dem Klimperkasten den „Hirsch-Imbiss“ einzurichten. Ursprünglich sollten damit Synergieeffekte genutzt werden, wenn die Biergartengäste Appetit auf Burger & Co. bekamen. Dass sich der Schnellimbiss eines Tages als Retter in der Not erweisen sollte, war Andy damals nicht bewusst. In der Coronazeit, als mit dem Bistro keine Einnahmen erzielt werden konnten, rettete der Imbiss ein stückweit die Existenz der beiden Brüder. Und da kommen auch ernste Seiten der ansonsten immer gut gelaunten Gastronomen zum Vorschein. „Wir haben keine Perspektive, wie es mit der getränkeorientierten Gastronomie weitergeht“, sagen sie im Herbst dieses Jahres und auf den vor ihnen liegenden Winter blickend, wenn die Außengastronomie witterungsbedingt eingestellt ist und drinnen möglicherweise nur Gäste mit Impfoder Genesenennachweis bedient werden dürfen. „Uns macht es keinen Spaß, Gäste wegschicken zu müssen. Und wenn der 2-G-Nachweis kommt, wird für uns die Luft dünn“, machen sie klar, dass auch ein Klimperkasten ohne Umsatz nicht unbegrenzt klimpern kann. 235

 

 

 

Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig von Bernd Möller Alltagsszenen, Brauchtum, oder Portraits: Der gerade 1,30 Meter große Johann Georg Fleig, gebürtig im Stockwald bei St. Georgen, war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Pionier der Fotografie im Schwarzwald. Ihn und seinen von einem Hund gezogenen Karren mit der Fotoausrüstung darin kannte im Großraum Königsfeld/St. Georgen sowie im Gutachtal so gut wie jedes Kind. Und der „Fleigle“ gilt zugleich als einer der Begründer der inszenierten Trachtenfotografie, wie sie ja seit wenigen Jahren eine Renaissance ohnegleichen erlebt. 236 8. Kapitel – Kunstgeschichte / Fotografie

 

 

 

Johann Georg Fleig bei der Arbeit im Atelier.

 

 

 

Blick zum Schlosshof im Buchenberger Zinken Martinsweiler, wo Johann Georg Fleig bis 1885 sein Fotoatelier betrieb, um dann nach Hornberg umzusiedeln. Als Fotograf blieb er dem Großraum Königsfeld/St. Georgen jedoch weiter treu. Er wäre mein Nachbar gewesen, hätten wir zur gleichen Zeit gelebt. Und ich glaube, er hätte mich auch damals schon fasziniert. Auf dem alten Schlosshof im Buchenberger Zinken Martinsweiler, direkt oberhalb der Ruine Waldau, heute Ortsteil von Königsfeld, verbrachte er seine Jugendzeit. Dort stand auch bis zum Umbau zur heutigen Tierarztpraxis in den 1990er-Jahren ein alter, halbverfallener Schuppen hinter dem Hof, wie üblich voller Spinnweben und Gerümpel. Dort wäre mal eine Werkstatt gewesen. Ein abenteuerlicher Platz, die Kinder erzählten von alten, ausgestopften Tieren und seltsamem Gerät. Vor dem anstehenden Abbruch und Umbau brachten meine Nachbarn, die damalige Besitzerfamilie Hubert Kunz, noch einiges aus diesem Schuppen ins Dorfmuseum nach Buchenberg, von dem sie meinten, dass es für den Geschichtsverein von Interesse sein könnte: Einen verstaubten und verschrammten Koffer mit Büchern und Zeitschriften, Fachliteratur zur Fotografie, zu Fotolithografie und Lichtdruck, aber auch naturkundliche Werke und Anleitungen zur Tierpräparation aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, Flaschen mit undefinierbaren Chemikalien und eine Vielzahl kleiner Glasplatten. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich diese als belichtete fotografische Platten. Und hier erst hörte ich auch zum ersten Mal den Namen „Fleigle“. Christa Kunz stellte sich als seine Urgroßnichte heraus. Sie erzählte mir mit Begeisterung von dem Buchenberger Original, diesem bemerkenswerten Fotografen und Fotokünstler Johann Georg Fleig. Ich wurde aufmerksam auf seine Arbeiten: Alte Postkarten von Königsfeld und Umgebung, die für den Geschichtsverein und seine Arbeit immer schon wichtig waren. Portraits, Hochzeitsbilder, alte Fotos aus dem Archiv, stellten sich als seine Arbeiten heraus. Und wie es oft so ist, wenn eine Beziehung entsteht, schaut man sich die Dinge genauer an, erkennt immer mehr Details und bemerkt die hohe Qualität dieser frühen fotografischen Arbeiten. 238 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Johann Georg Fleig hat die fünf Weiherhof-Kinder vor neutralem Hintergrund fotografiert, dann zur Schere gegriffen und seine Modelle vor der Kulisse eines Buchenberger Bauernhauses perfekt in Szene gesetzt. Ringel-Ringel-Reihn 239

 

 

 

Und ich entdeckte eine Spezialität dieses „Fleigle“: Seine zeichnerisch verbesserten, oft handkolorierten Ansichtskarten. Nicht nur unter Postkarten-Sammlern sind diese kleinen Kunstwerke schon lange ein Geheimtipp, sind sie doch aufwendig gefertigte, künstlerisch hochwertige zeitgenössische Dokumente. Eine liebevoll zusammengetragene Sammlung davon ist noch im Dorf bei Anni und Hansjörg Lauble vorhanden. Kleinwüchsig, aber geistig hell wach Hinter all dem steckt ein anrührendes menschliches Schicksal: Am 21.11.1859 wurde Johann Georg Fleig im Gsod, Gemarkung Stockwald, in einfachen Verhältnissen als viertes Kind seiner Eltern Andreas und Anna Fleig geboren. Die zwei ersten Kinder starben schon bei der Geburt, und auch er war nicht gesund: Er sollte Zeit seines Lebens nicht größer werden als knapp 1,30 m. Ein hartes Schicksal, gerade in dieser Zeit. Aber er war trotz seiner Behinderung lebhaft und geistig hellwach. Sein Vater Andreas Fleig ernährte die Familie mühsam als Landwirt und Uhrmacher. Er galt als fleißig, sparsam und hatte wohl auch Glück. Wichtig für die Familie war des „Fleigles“ erster Pate Mattäus Fleig. Dieser bereiste als Uhrenträger das ganze Rheinland bis an die Nordsee, aber auch große Teile Frankreichs und selbst Venedig. Er vertrieb die Schilderuhren des Vaters und hatte dabei offensichtlich vielfach Erfolg. So kam der fleißige und sparsame Vater über die Jahre zu einem kleinen Vermögen. Vermittelt von des „Fleigles“ zweiter Göttin Anna Fleig, der Ehefrau des Schlossmüllers Andreas Haas, konnte er schließlich den etwas heruntergekommenen Schlosshof in Waldau kaufen. Die Schlossmühle grenzte an den Schlosshof an. Anna Fleig war wohl auch in Zukunft für den kleinen Johann Georg wichtig, da sie sich als Göttin sehr um ihn kümmerte und ihn ihr Leben lang unterstützte. Zinzendorfschule öffnet den Weg ins Leben Da Johann Georg Fleig bei der Landwirtschaft wenig helfen konnte, sahen sich die Eltern für ihn nach einem anderen Broterwerb um. Es gelang ihnen, ihren Sohn bis 1877 auf die nahe Zinzendorfschule in Königsfeld zu geben. Das war für ihn in vielerlei HinAuf der Zinzendorfschule in Königsfeld wurde Johann Georg Fleig trotz oder gerade wegen seiner Behinderung sehr gefördert und er erwies sich als ein fleißiger, intelligenter Schüler. sicht ein Glücksfall. Die Einrichtung der Herrnhuter Brüdergemeine galt schon damals als angesehene Privatschule in kirchlicher Trägerschaft. Dort wurde Johann Georg Fleig trotz oder gerade wegen seiner Behinderung sehr gefördert, und er erwies sich als ein fleißiger, intelligenter Schüler. Das internationale Milieu der Lehrerund Schülerschaft weitete seinen Horizont. Er nutzte das breite Spektrum der an der fortschrittlichen Schule angebotenen Fächer. Besonderes Interesse fand er an der Biologie und dem Kunstunterricht. Zeichnen konnte er ja schon seit jungen Jahren, da er seinen Eltern bei der Bemalung der Uhren über die Schulter geschaut und schon früh mitgeholfen hatte. Besonders sein Lehrer Heinrich Barth hatte es ihm angetan. Er hatte nämlich ein zu dieser Zeit sehr ausgefallenes Hobby: die Daguerreotypie. Schon 1866 ließ sich Barth aus Frankreich einen der ersten der hölzernen Fotoapparate kommen, richtete an der Schule ein Fotolabor ein und unterrichtete die Fotografie als fakultatives Lehrfach. Ob die Experimente mit der benötigten Chemie, der Selbstbau hölzerner Kameragehäuse oder die Nachbearbeitung der belichteten Glasplatten: Es gab noch keine festen Regeln, alles war neu. Das faszinierte und prägte den jungen Fleig. Er schloss sich Barth eng an, viele Stunden verbrachten sie gemeinsam in ihrem Labor, bis Barth dem kleinen Fleig nichts Neues mehr beibringen konnte. Das Abitur konnte er am renommierten Gymnasium nicht machen, dafür fehlte den Eltern das Geld. Aber die Schule hatte ihn geprägt. Viele Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen, der ihn durchs Leben tragen konnte, hatte er bei seiner körperlichen 240 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Ein Uhrenträger auf Wanderschaft Sehr wahrscheinlich hat Johann Georg Fleig hier seinen Paten fotografiert, den Uhrenträger Mattäus Fleig, der u.a. die Uhren des Vaters erfolgreich an den Mann brachte. 241

 

 

 

Situation nicht. Folgerichtig ging er 1897 bei Fotograf Dahl in die Lehre, der sich zu dieser Zeit als Erster seines Fachs aus Berlin kommend in Königsfeld niederließ. Zu ihm entwickelte er ein enges Verhältnis, und als ihm dieser nichts mehr beibringen konnte, setzte er seine Ausbildung bei der Firma Kurz in Mönchweiler fort. Dabei handelte es sich um einen der allerersten Berufsfotografen im Schwarzwald, der auch mit der Entwicklung der Fototechnik Schritt hielt. Obwohl Kurz anfänglich Bedenken hatte, ob sich Johann Georg für diesen Beruf wirklich eignet, ließ er sich schließlich doch auf einen Versuch ein. Der Grund lag, wie zu erwarten, in Johann Georgs Behinderung. Man darf seine Körpergröße nicht vergessen: 1,30 m! Die Fotoapparate dieser Zeit waren schwere Hartholzkästen. Dazu kamen das Dreibeinstativ sowie die beschichteten Glasplatten. Da diese kurz nach ihrer Belichtung entwickelt werden mussten, brauchte es vor Ort ebenso all die dazu erforderlichen Chemikalien. Das waren selbst für einen gesunden Mann ordentliche Gewichte, vor allem, wenn man im Gelände oder bei der Kundschaft arbeitete und nicht im Atelier. Aber Johann Georg Fleig war zäh – hielt durch. Was ihm an Körperkraft mangelte, ersetzte er durch andere Begabungen. Fotografie damals bedeutete viel Handarbeit und erforderte Geschick: Im Labor wurden die Glasplatten von ca. 13 x 18 cm poliert und mit Kollodium beschichtet, in das lichtempfindliche Silberhalogenid-Kristalle eingebettet waren, Salze aus Silber und Halogene wie Brom, Jod, Chlor oder Fluor. Die Chemikalien mussten selbst angesetzt werden. Bei Lichtkontakt fällt dann das Silber aus und es entstehen winzige metallische Körnchen, aus denen sich die Abbildung zusammensetzt. Diese beschichteten Platten wurden in der Kamera durch gesteuerten Lichteinfall belichtet und dann im noch nassen Zustand unter einem schwarzen Tuch im Kamerakasten sofort weiter bearbeitet. Ein aufwendiges Verfahren. Es war noch nicht möglich, die Aufnahmen vor Ort zu belichten und zu einem späteren Zeitpunkt zu entwickeln. Zu Johann Georgs Lehrzeit kam die Beschichtung der Platten mit Gelatine auf und damit ein deutlich verbessertes Verfahren. Gelatine quillt auf, sodass für die weitere Entwicklung benötigte Chemikalien eindringen können. Sie schrumpft beim Trocknen wieder, ohne dass Lage und Form der so bearbeiteAls Meister galt er bei der Bearbeitung der nicht immer gleich perfekten Bilder. Retuschen, Bearbeitungen mit Bleistift, Pinsel und Tusche und Handkolorierungen beherrschte er in hohem Maß. ten Silbersalze verändert werden. Das war wichtig, da die Silberhalogenid-Kristalle nicht für alle Wellenlängen, sondern nur für blaues und ultraviolettes Licht empfindlich sind. Sie müssen durch Einfärbung für andere Wellenlängen und damit Farben erst sensibilisiert werden. Die hierfür erforderlichen orthochromatischen Emulsionen mussten die Fotografen selbst herstellen. Vieles war noch experimentell – hierbei bewies Johann Georg Fleig viel Geschick. Als Meister galt er bei der Bearbeitung der nicht immer gleich perfekten Bilder. Retuschen, Bearbeitungen mit Bleistift, Pinsel und Tusche und Handkolorierungen beherrschte er in hohem Maß. Das erste Atelier in Buchenberg Bald entstand ein enges Verhältnis zwischen dem Mönchweiler Lehrmeister und seinem Gesellen. Kurz lobte ihn in der Öffentlichkeit als in manchen Dingen ihm überlegen, sprach ihn frei und empfahl ihm, ein eigenes Atelier zu eröffnen. Sein Erfolg führte dazu, dass ihm sein Bruder Andreas, der inzwischen den Schlosshof an der Waldau in Buchenberg übernommen hatte, durch einen Anbau im hinteren Teil des Hofes ein Atelier einrichtete, eben den eingangs erwähnten „Schuppen“, was ihm die Selbstständigkeit ermöglichte. In Buchenberg perfektionierte Johann Georg die zeichnerische Verbesserung seiner Fotografien, von hier aus zog er mit einem Wägelchen übers Land, worauf er den schweren Fotoapparat, das sperrige Dreibeinstativ und den Chemikalienkasten geladen hatte. Gezogen wurde der Wagen von einem Hund. 242 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Die Schwarz-Weiß-Fotografie ist meisterhaft inszeniert. Im Hintergrund wurde sie lasierend retuschiert, um so den optischen Schwerpunkt auf die Menschen zu lenken. In den Heidelbeeren 243

 

 

 

Johann Georg Fleig achtete stets auf sein Äußeres: Mit schwarzer Melone auf dem Kopf und in seinem schwarzgrauen Anzug entwickelte er sich, gescheit und umtriebig, zu einer geachteten Persönlichkeit. Und er verdiente Geld. Sein Götte Mattäus Fleig aus Stockburg nahm auf seinen Touren als Uhrenträger auch Fotografien seines „Fleigle“ mit. So etwas hatte man auf vielen Höfen bisher noch nicht gesehen – diese Neuheiten verkauften sich gut. Die üblichen Portraits und Aufnahmen bei Familienfesten mit ihren rein technischen Problemen füllten den begabten Fotografen bald nicht mehr aus. Er strebte nach mehr – nach „malerischer Fotografie oder fotografischer Malerei“. So fertigte der „Fleigle“ thematische Fotoserien: Phasen des Lebens, Handwerker bei ihrer Arbeit, ländliche Sitten und Gebräuche, Höfe und Landschaften. Doch es hielt ihn nicht auf Dauer in Buchenberg. Das Amtsstädtchen Hornberg mit seiner Eisenbahn, der aufkommenden Industrie und dem immer stärkeren Tourismus reizte ihn. 1885 wagte er den entscheidenden Schritt: Der „Fleigle“ eröffnete in Hornberg ein Atelier. Der Anfang war beschwerlich. Es wird berichtet, dass Johann Georg Fleig mit Trippelschritten sein schweres Gepäck zu Fuß stundenlang ins Reichenbächle schleppte, um dort erste Hochzeitsbilder zu machen. Aber die Qualität seiner Aufnahmen überzeugte auch anspruchsvolle Kunden und sein Können sprach sich schnell herum. Ständig experimentierte er mit neuen Ideen. So kam der „Fleigle“ auf die Idee, seine Bilder in Kupferplatten zu stechen und sie in Serien drucken zu lassen, so zur Bebilderung von Büchern. Auch Lithografien wurden hergestellt. Er gründete einen eigenen Verlag, den „J. G. Fleig Photograph und photographischer Verlag Hornberg“. Weiter kam ihm die Idee, von seinen entwickelten Glasplatten durch ein Kontaktverfahren Diapositive herzustellen und diese zu kolorieren. Neuartige Projektoren erlaubten es, diese Kunstwerke vorzuführen. Kunstbücher, biologische und geografische Werke gaben zusätzliche Motive her. Bald schaffte die Stadt Hornberg zwei Projektoren und etliche Diapositiv-Serien für ihre Schulen an. Begabter Tier-Präparator Immer schon hatte er eine große Freude an der Natur, ein großes Interesse an Tieren, besonders an VöBeim Präparieren von Tieren auf dem Schlosshof in Buchenberg, fotografiert 1892. Zu sehen ist Andreas Fleig, der Bruder des Fotografen, mit seiner Ehefrau Anna Dorothea und Tochter Anna Maria (Mitte hinten). geln. Sein Bruder Andreas war Jäger und hatte sich die Präparation von Tieren beigebracht, vor allem von Auerhähnen, die im Schlosshof in der Stube hingen. Von ihm hatte sich das „Fleigle“ einiges abgeschaut. Aber auch im Biologie-Unterricht der Zinzendorfschulen wurden solche Techniken gelehrt und gelernt. Anhand von Fachbüchern perfektionierte er diese, vor allem die Gestaltung von lebensnahen Gipskörpern mit Holzgestellen, die nach dem Überzug des konservierten Felles oder Gefieders das Tier wieder in einer natürlichen Stellung zeigten. Die Jägerschaft um Hornberg herum nahm das Angebot gerne an. Durch Zufall kam er sogar an einen Auftrag des Fürsten von Fürstenberg, der auf seiner alljährlichen Auerhahnjagd in Hornberg eine ganze Reihe besonders prächtige Exemplare geschossen hatte und sie schnell präpariert haben wollte. Er wurde an Johann Georg verwiesen, der für den unverhofft großen Auftrag schnell ein paar Hilfskräfte einstellen musste. Das Ergebnis fiel zur vollen Zufriedenheit des Fürsten aus, führte zu Folgeaufträgen und bildete ein weiteres Standbein der immer mehr florierenden Firma des Johann Georg Fleig. 244 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

„Fischen und Krebsen“ bei der Schloßmühle Johann Georg Fleig strebt nach „fotografischer Malerei“, was ihm auch bei diesem Motiv eindrucksvoll gelingt: Im Bach waten die Haller-Kinder – die Buchenberger Kinder standen dem „Fleigle“ gerne Modell. 245

 

 

 

Fotografische Souvenirs für Touristen Generell kam zum Fotografieren bald das Geschäft mit den Touristen, die in dieser Zeit immer mehr den Schwarzwald entdeckten. Sein Fotografen-Geschäft wurde zum Andenkenladen. Seine auf Glasplatten entwickelten und fixierten Aufnahmen stach er in Stahl und Kupfer und stellte davon Kunstdrucke her, er verkaufte Uhren mit nach seinen Fotomotiven gestalteten Uhrenschildern und Schwarzwald-Mineralien, zum Beispiel aus Wolfach, fertigte Schnitzarbeiten und Intarsienbilder seiner Fotografien, bot seine Tierpräparate an und kam auch noch auf die Idee, seine Aufnahmen als Postkartenserien zu verlegen. Bis zu fünfzehn Angestellte arbeiteten zuletzt für ihn. Er wurde, trotz seiner Zwergwüchsigkeit, eine angesehene Persönlichkeit in der Amtsstadt Hornberg. Und er unterhielt einen honorigen Freundeskreis mit dem Bürgermeister und dem Gemeindearzt. Recht wohlhabend geworden, weitete er seinen Aktionsradius aus. Die Eisenbahn ermöglichte ihm Ausflüge nach Engen, Konstanz und dem Bodensee. Auch hier entstanden künstlerisch und dokumentarisch hochwertige Arbeiten. Aber die allgemeine Entwicklung holte ihn schließlich ein, überholte ihn. Immer neuere Fotoapparate, leichter und noch leichter zu bedienen, und schließlich der einfach zu entwickelnde Rollfilm sorgten dafür, dass die Fotografie von einer hohen Kunst immer mehr zu einem verbreiteten Hobby wurde. Mit seiner aufwendigen Glasplattentechnik und seinem künstlerisch-malerischen Anspruch wurde er immer mehr zu einem altmodischen Vertreter seiner Kunst. Sein Ansehen sank, er wurde belächelt und – nicht zuletzt auch wegen seiner Behinderung – immer mehr verspottet. Auch gesundheitlich ging es ihm immer schlechter. So verkaufte er nach ziemlich genau zwanzig Jahren 1905 sein Geschäft und verließ Hornberg. Er zog um nach Oberweiler im Amt Badenweiler, wo er seine Krankheit zu kurieren versuchte. Seine Ersparnisse ermöglichten es ihm, kürzer zu treten. Aber auch dort schuf er sich Ansehen durch seine Arbeit, die er nicht lassen konnte: Fotoarbeiten und Tier-Präparationen. Seinen von einem großen Hund gezogenen Karren kannte jedes Kind. Und jetzt nahm er sich die Zeit und gönnte sich größere Reisen, so nach Venedig im Jahre 1913 und nach Hessen und Thüringen 1918. Auch dort entstanden fotografische Kunstwerke. Mit 64 Jahren starb Johann Georg Fleig. Eine große Abordnung von Freunden und Bekannten aus dem Schwarzwald, darunter viele Trachtenträger aus Buchenberg, St. Georgen und Hornberg, begleiteten ihn auf seinem letzten Gang. Ihn, den kleinen Mann, den großen Fotografen des Schwarzwaldes seiner Zeit. Schwarzwälder Trachtenträger begleiten den „Fleigle“ auf seinem letzten Weg Doch sein überstrapazierter Körper ließ ihn langsam immer mehr im Stich. Mit 64 Jahren starb er schließlich am 16. Juni 1924 in Oberweiler. Eine große Abordnung von Freunden und Bekannten aus dem Schwarzwald, darunter viele Trachtenträger aus Buchenberg, St. Georgen, dem Gutachtal und Hornberg, begleiteten ihn auf seinem letzten Gang. Ihn, den kleinen Mann, den großen Fotografen des Schwarzwaldes seiner Zeit. Sein fotografischer Nachlass erlitt ein besonderes Schicksal: Noch in den letzten Kriegstagen wurde Hornberg durch Luftangriffe getroffen. Die Kirche war schwer beschädigt, Dach und Fenster fehlten. Das Dach konnte schnell notdürftig gerichtet werden, aber die Fenster? Glas fehlte überall. Da erinnerte man sich, dass im Keller des Rathauses noch so große alte Kisten mit irgendwelchen Glasplatten von wem auch immer abgestellt waren. Tagelang wurde das Silberbromid von den Glasplatten abgeschrubbt und notdürftig damit die fehlenden Scheiben ersetzt. Schon ein halbes Jahr später war Glas wieder erhältlich, die unansehnlichen Notfenster wurden wieder herausgeschlagen und ein unermesslicher Schatz 246 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Fotografiert vor einer schlichten Scheunenwand. Die Schäpel hat Johann Georg Fleig von Hand koloriert. Buchenberger Trachtenmädchen 247

 

 

 

In der Schule – beseeltes Spiel für den Fotografen Johann Georg Fleig. Er realisierte mit den Buchenberger Kindern eine ganze Serie solcher Genre-Aufnahmen, die er wie seine Trachtenaufnahmen und Brauchtumsbilder mit großem kommerziellem Erfolg absetzen konnte. In Szene gesetzt hat er hier erneut die Weiherhof-Kinder, die Farbgebung der Tracht aber teils verändert. Die Kinder wurden einzeln fotografiert und einmontiert. eine Ausstellung über das Leben und Wirken von Johann Georg Fleig präsentieren können. Der Vortrag von Prof. Dr. Andreas Beck war ein Höhepunkt. Aufgrund des nach wie vor großen Interesses am Werk von Johann Georg Fleig ist in Buchenberg für das Jahr 2022 erneut eine Ausstellung zum Schaffen des Foto-Künstlers geplant. Auch diesmal werden viele fotografische Kostbarkeiten sein technisches und künstlerisches Können aufzeigen, seine Bedeutung als Zeitzeuge dokumentieren und dazu beitragen, dass der „Fleigle“ nicht erneut in Vergessenheit gerät. Weitere Fotografien von Johann Georg Fleig finden Sie unter dem nachstehenden Link: www.almanach-sbk.de/fleig frühester Schwarzwald-Fotografie verschwand endgültig auf der Müllkippe… Würdigung eines Schwarzwälder Genius Lange Zeit war es nun still um das „Fleigle“, den Fotografen. Nur ein Kreis von Kennern und Liebhabern hielt sein Andenken aufrecht. Doch in Prof. Dr. Andreas Beck, emeritierter Chefarzt des Klinikums in Konstanz, fand er einen Menschen, den er ebenfalls zunehmend faszinierte, der aber einen entscheidenden Schritt weiterging: Mit Hilfe einiger leidenschaftlicher Sammler und viel Ausdauer trug er einen guten Teil der noch vorhandenen Arbeiten von Johann Georg Fleig zusammen und rekonstruierte auch mit Hilfe des Geschichtsvereins Buchenberg dessen Leben und Werdegang. All diese Ergebnisse veröffentlichte er schließlich 2006 in einer lesenswerten, kleinformatigen Biografie unter dem Titel: „Johann Georg Fleig – ein kleiner Schwarzwälder Genius.“ Der Geschichtsverein Buchenberg hat 2007 schon einmal anhand einer ansehnlichen Privatsammlung 248 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Altes Schwarzwaldhaus an der Glashalde bei Buchenberg Handkolorierte Fotografie aus den 1890er-Jahren. Wie so oft platziert der „Fleigle“ als Blickfang eine Gruppe von Kindern im Bild. 249

 

 

 

250 Schwarzwälder Bauernhochzeit – die Trachten stammen aus dem Kirchspiel St. Georgen, zu dem auch Buchenberg gehört. Es handelt sich bei der Aufnahme um eine groß angelegte Fotomontage. Zunächst fotografierte Johann Georg Fleig einen Bauernhof mit Kind auf der Treppe. Dann nahm er die Trachtengruppe St. Georgen

 

 

 

auf. Eine Meisterleistung für sich war es, all die Personen zusammen zu bekommen. Es folgten die Aufnahmen der Musiker. Dann griff der Fotograf zur Schere und fügte die einzelnen Bildelemente zu der abgebildeten Gesamtkomposition zusammen. Dank der Größe der Abbildung ist seine Arbeitsweise unschwer zu erkennen. 251

 

 

 

St. Georgener Brautkrone Mit das liebste Fotomotiv von Johann Georg Fleig war die Tracht von St. Georgen, die so auch in Buchenberg getragen wurde. 252

 

 

 

Fotografiert im eigens für den „Fleigle“ beim Schlosshof errrichteten „Schuppen“, der ihm in seinen Gründerjahren als Atelier dient. Die Tracht gehört zum Kirchspiel St. Georgen. Trachtenträgerin mit Rosenhut 253

 

 

 

254 Genre-Aufnahmen wie diese verkaufte der „Fleigle“ besonders gut. Begegnung am Brunnen

 

 

 

Die Tracht stammt aus der Raumschaft Vöhrenbach/Hammereisenbach/Eisenbach. 255 Schwarzwälderin

 

 

 

Schwarzwälderinnen vor dem Kirchgang Das Anziehen einer Tracht ist eine Wissenschaft für sich, zumal das Tragen des Schäpels von St. Georgen.Ihn allein aufzusetzen, ist der Trachtenträgerin nicht möglich. 256

 

 

 

Gastwirt Gottlieb Braun (links) serviert Bier. Schon früh wurde die Decke und Täfelung des Buchenberger „Rössle“ ins Badische Landesmuseum verbracht, dort aber 1945 bei einem Bombenangriff zerstört. In der „Alten Hübelen“ 257

 

 

 

Das Schlachtfest In Buchenberg, wo der Bruder lebt und er sein selbstständiges Schaffen begonnen hat, war Johann Georg Fleig auch nach der Eröffnung seines Hornberger Ateliers im Jahr 1895 oft zu Gast – etliche seiner Genre-Motive entstehen weiterhin in der alten Heimat. So die Aufnahme der Hausschlachtung oben, die zugleich Schweinsblasen für die nächste Fastnacht liefert. Ob Rind oder Schwein: Das Tier wird so weit wie nur möglich komplett verwertet. Routiniert zerlegen es die beiden Hausmetzger in Unterund Oberschale, Hüftstück, Schweinehals und -rücken, Bauchspeck und Filet, Rippchen, Koteletts und Schnitzel. Im Bottich am Bildrand links befindet sich das Schweineblut. Es muss baldmöglichst geschlagen werden, damit es nicht gerinnt. Ansonsten würde bei der Schlachtplatte am selben Abend die Blutwurst fehlen… Auf dieses Festmahl freuen sich nicht nur die Metzger und Besitzer der Sau, sondern ebenso die Säcklestrecker (siehe rechts). 258

 

 

 

Beim Säcklestrecken Das Säcklestrecken und die Hausschlachtungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Am Schlachttag sitzen die Metzger und Bewohner abends traditionell in der guten Stube bei einer Schlachtplatte zusammen – und so mancher im Dorf wäre gerne dabei… Der Brauch des Säcklestreckens macht das (vielleicht) möglich: Mit einer Stange klopfen die Säcklestrecker abends ans Fenster, stellen sie dort ab und entschwinden in die Dunkelheit. Vorne an der Stange hängt ein Leinensack, in dem ein anonym verfasster Schandbrief über die „Missetaten“ des Hofbesitzers steckt. Wie der Bauer bald selbst lesen wird, droht ihm die Bekanntmachung all seiner Missetaten, wenn er von seiner heutigen „Metzgete“ nichts abgibt. Das (hoffentlich) gefüllte Säckle in derselben Nacht wieder abzuholen, ohne dabei ertappt zu werden, ist schlussendlich die eigentliche Kunst: Wird ein Säcklestrecker erwischt, färbt ihm der Bauer das Gesicht mit Ruß schwarz ein. Und seine Metzelsuppe schlürft der Säcklestrecker dann mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aus… Die obige Fotografie ist nachgestellt, denn nachts wäre sie zu dieser Zeit technisch nicht durchführbar gewesen. 259

 

 

 

Oben: Brechen des Flachses. Unten: Beim Spinnen in der Bauernstube des Mühllehenhofes. Beide Aufnahmen stammen aus Buchenberg, entstanden um 1900. Der Flachsbau 260

 

 

 

Gekonnt hat der „Fleigle“ die Spiegelungen der Ruine ins Roggenbächle hineingemalt. Da die Farbfotografie noch nicht erfunden war, verhalf ihm einzig die Handkolorierung zum Farberlebnis. An der Burgruine Waldau

 

 

 

262 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Alltägliches Arbeiten vor dem Bauernhaus im Oberen Stockwald bei St. Georgen, wo Johann Georg Fleig geboren wurde. Die handkolorierte Postkarte wurde ab 1885 vertrieben.

 

 

 

264

 

 

 

Jessica Bisceglia New York – Paris – Schwarzwald Seit über 10 Jahren als Fotomodell erfolgreich Sie ist ein angesagtes Fotomodell und Ingenieurin der Medizintechnik. Im Dezember 2019 gewinnt Jessica Bisceglia die Wahl zur „Miss Baden-Württemberg“ und erreicht am 15. Februar 2020 beim Finale zur Wahl der „Miss Germany“ einen Platz unter den Top sechs. Die Laufbahn der gebürtigen Trossingerin hat zum Schwarzwald-Baar-Kreis viele Berührungspunkte – zumal, wenn es um Trachtenshootings geht. Ob hipp gedresst oder in Schwarzwälder oder Baaremer Tracht: Jessica Bisceglia ist wandelbar und facettenreich. New York und Paris sind nur zwei Stationen ihrer Karriere. Und doch: Ihr Herz schlägt für den Schwarzwald und den Schwarzwald-Baar-Kreis, dessen Internetseite sie schmückt. In Tracht. Dass sich Jessica Bisceglia im Schwarzwald und Schwarzwald-Baar-Kreis zuhause fühlt, hat auch mit ihrem Lebensgefährten zu tun: Profi-Ringer Peter Öhler, der aus dem Kinzigtal stammt und als derzeit für den Leistungssport freigestellter Polizeikommissar dort nebenbei eine Landwirtschaft betreibt. Peter Öhler war vier Mal Deutscher Meister im Einzel, drei Mal holt er sich diesen Titel mit der Mannschaft. 2012 gewann er bei der Weltmeisterschaft die Silbermedaille, erzählt Jessica stolz. Die Liebe zum Schwarzwald teilen sich die beiden. Jessica Bisceglia: „Ich mag einfach die Kultur und Traditionen. Der Anblick der außergewöhnlichen Landschaft ist für mich immer wieder neu atemberaubend schön“. Inzwischen hat das Paar auch eine Wohnung im Kinzigtal, wo „der nächste Nachbar 500 Kilometer entfernt wohnt“, so Jessica Bisceglia augenzwinkernd. Über die Trachtenfotografie drückt sie ihre Liebe zur Heimat auch im Bild aus. Das Fotomodell schmückte bereits etliche Titelseiten von Illustrierten und ist zusammen mit Kim Klausmann auch auf dem Umschlag des neuen Bildbandes über den Schwarzwald-Baar-Kreis zu sehen. Für diese Aufnahme schlüpfte Jessica Bisceglia in die Baaremer Tracht. Es sei jedes Mal aufs Neue ein besonderes Gefühl, eine Tracht zu tragen, freut sie sich. Jessica verbindet damit Tradition und Heimat. Und natürlich mache sie es stolz, auf dem Cover zu sein.

 

 

 

Jessica Bisceglia wird im Dezember 2019 zur „Miss Baden-Württemberg“ gewählt (links). Im Februar 2020 ist sie bei der Wahl zur „Miss Germany“ nominiert (Mitte rechts vorne mit rötlich schimmerndem Haar), bei der sie es unter die Top sechs schafft. Ein Familienmensch durch und durch Jessica Bisceglia stammt aus Schura (Kreis Tuttlingen). Dort wuchs sie auf, ihr Vater kommt aus Italien, die Mutter aus Trossingen. „Ich bin in zwei Kulturen verwurzelt“, erzählt sie und bezeichnet sich als Familienmensch. Das kommt nicht von ungefähr: Ihr Vater hat sechs Geschwister, ihre Mutter elf. Alle Familienmitglieder sind im Übrigen stolz auf ihre Jessica. Der Onkel rahmte sogar einen Zeitungsbericht über seine Nichte ein und hängte ihn auf. Ihre Verwandtschaft in Italien besucht die 29-Jährige regelmäßig. Als Fotomodell ist sie es gewöhnt, flexibel und wandelbar zu sein. „Entwicklung ist für mich wichtig“, merkt Jessica an. Sie wolle „die beste Version ihrer selbst sein“. Als sie 2020 Miss BadenWürttemberg wird, kann sie es kaum glauben. „Es war mein Mädchentraum, der wahr wurde.“ Schon als Kind wollte sie ein Fotomodell sein und verfolgte jede Staffel von „Germany‘s Next Topmodel“ und die Miss-Wahlen. Als Jessica im Jahr 2019 „Miss Baden-Württemberg“ wird und 2020 bei „Miss Germany“ dabei ist, erfüllt sich ein Mädchentraum. Eine Freundin erzählte ihr von einer Internetseite, auf der sich Models und Fotografen vernetzen können. „So bekam ich meine ersten Aufträge“. Mit 17 Jahren begann sie zu modeln und ihr Netzwerk erweiterte sich mit jedem Shooting. Den klassischen Weg über eine Agentur ging sie nicht. Denn: Die Agenturen hatten damals noch sehr strenge Vorgaben. So durfte man zum Beispiel nicht unter 1,74 Metern groß sein. Jessica misst 1,69 Meter. „Das hat sich aber alles etwas gewandelt. Die Branche ist lockerer geworden“, blickt sie zurück. Doch wie gelang ihr der Aufstieg in die große Die erfolgreiche Karriere ermöglichte es ihr, auf weite Mode-Welt? „Ich hab mich oft gelangweilt als Jugendliche und mich selbst fotografiert“, blickt sie zurück und lacht. Und so kam eins zum anderen: der Brooklyn Bridge in New York zu modeln – in 15.000 Euro teuren Abendkleidern im Schatten des Eiffelturms fotografiert zu werden – in Rom und an

 

 

 

Beim Modeshooting in Paris. Foto: Cara-Lee Echle – Designerin: Casey Jeanne

 

 

 

Jessica Bisceglia bei einem Shooting mit Fotografin Anna Grewlding und Desingerin Sabine Heisig (Aviatrix) in VS-Villingen. anderen glanzvollen Orten dieser Welt. Und für Fotos prachtvollen Schmuck im Wert von 200.000 Euro anzulegen. Die Trachtenfotografie ist eben nur eine von vielen Facetten im Leben eines Fotomodells – wenn auch eine besondere, da sie mit Heimat zu tun hat. Und dann kam das Jahr 2019 mit seinen wunderbaren Überraschungen: Zuerst wurde die damals 27-Jährige zur „Miss Schwarzwald“ gekrönt und dann im Dezember 2019 erfolgte die Wahl zur „Miss Baden-Württemberg“, die Jessica als bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere sieht. Überbracht hat ihr die freudige Nachricht die damals amtierende „Miss Germany“ Nadine Berneis, die ebenfalls aus Baden-Württemberg stammt. Die Wahl zur „Miss Baden-Württemberg“ bedeutete zugleich, dass Jessica eine von 16 Frauen sein würde, die im Februar 2020 an der Wahl zur „Miss Germany“ teilnehmen. Schüchternheit durch Modeln überwunden Überrascht ist man, wenn man von dieser bildhübschen Frau den Satz hört: „Ich war früher schüchtern.“ So hatte sie Angst davor, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Jessica erinnert sich: „Vor der Wahl zur „Miss Schwarzwald“ war ich einen Monat lang durchgängig nervös, nur weil ich mich kurz vor Publikum vorstellen sollte.“ Doch sie überwand ihre Schüchternheit. Das neue Konzept des „Miss Germany“-Wettbewerbs trug ebenfalls dazu bei, denn es ist auf Persönlichkeit ausgerichtet. In Camps – unter anderem in Ägypten – wurden die Teilnehmerinnen rhetorisch geschult. Das habe ihr geholfen, so Jessica Bisceglia. Außerdem wurden die Frauen in Social Media fit gemacht, in der Selbstvermarktung somit. Gut vorbereitet trat Jessica Bisceglia dann vor 1.500 Zuschauern auf die Bühne im Europapark Rust. „Es fühlte sich für mich an wie ein Heimspiel.“ Lautstark angefeuert wurde sie während des Wettbewerbs von ihrer Familie und vielen Freunden. Das neue Konzept des Wettbewerbs sieht auch vor, dass ältere Models teilnehmen. „Weg vom Klischee“, sagt Jessica. Die Gewinnerin, die 35-jährige „Miss Germany“ Leonie von Hase, verkörpert für sie den Wandel in der Branche: „Sie ist Model, Mutter und Unternehmerin.“ Eine Mutter als „Miss Germany“ hatte es zuvor noch nie gegeben.

 

 

 

Wandelbar und facettenreich – Foto: Sebastian Klingk, VS-Villingen Modeaufnahmen mit Eule im Wald bei Trossingen. Foto: Cara-Lee Echle

 

 

 

Im Schatten der Pandemie Als amtierende „Miss Baden-Württemberg“ hatte sie für das Jahr 2020 eigentlich einen prall gefüllten Terminkalender – doch die Pandemie machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Geplante Events im Europapark, auf dem Cannstatter Wasen und mehrere Wohltätigkeitsveranstaltungen mussten abgesagt werden. Dennoch hatte sie Einsätze als Botschafterin in ganz Baden-Württemberg. Jessica Bisceglia war bewusst, dass sie in dieser Situation Eigeninitiative ergreifen muss, denn„ein Titel ist nicht alles“. Da sie auch als Fotomodell nur eingeschränkt arbeiten kann, startet sie online mit Social-Media-Kampagnen durch. Die 29-Jährige baute sich eine zweite Karriere als Marketing-Managerin auf und arbeitet auf ihrem eigenen InstagramAccount als Markenbotschafterin für regionale Firmen, Modelabels und andere Unternehmen. Social Media und Marketing mache ihr große Freude, sie sei auch dank des Coachings sehr kommunikativ. Wie erfolgreich Jessica Bisceglia dabei ist, beweisen ihre 14.000 Follower auf Instagram. Wer wie Jessica Bisceglia als Fotomodell in der ersten Liga der Branche mitspielt, der muss auf seine Fitness besonders achten. Sie liebt Sport, vor allem Laufen und Handball – spielt bei der HSG Baar. Und auch im Fitnessstudio ist das Modell ständig anzutreffen. Ob die junge Frau bald heiraten wird? Als Braut ist sie nach ihrer Teilnahme bei der Sendung „Die schönste Braut“ des Senders VOX jedenfalls bereits bestens bekannt: Sie erreichte den zweiten Platz. Das Motto lautete „schlichte Eleganz auf dem Land“. Auch bedingt durch Corona ist Jessica Bisceglia mittlerweile ins Berufsleben eingestiegen, bringt ihre medizinischen Kenntnisse bei einer Manufaktur ein, die sogenannte funktionelle Säfte produziert wie sie beispielsweise im Rahmen von Kuren eingesetzt werden. Die Karriere als Fotomodell ist dennoch längst nicht beendet: Im Herbst 2021 hat Jessica so viele Anfragen wie lange nicht – ihr Typ, ihre Eleganz, das Strahlen und ihr freundliches Wesen sowie das unkomplizierte Miteinander sind in Fotostudios in ganz Deutschland und darüber hinaus gefragt. Ob weitere Fernsehaktivitäten folgen, lässt sie offen. Wer Jessica kennt, der weiß, dass in ihrer Karriere so oder so weitere Höhepunkte folgen werden. Elke Reinauer/wd Auf Instagram hat Jessica Bisceglia 14.000 Follower, ihre Aktivitäten werden vielfach wahrgenommen. Foto: Sebastian Klingk. „Man muss immer 100 Prozent geben“ Jessica sieht ihren Erfolg in der Branche in ihrer Persönlichkeit und in Tugenden wie Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Letzteres benötigt ganz besonders, wer für Foto-Shootings gebucht wird: Sie dauern nicht selten bis zu zehn Stunden. „Ich kann dann nicht kurz vor Feierabend nachlassen. Man muss immer hundert Prozent geben“, sagt sie. Die Fotomodelle, die heutzutage Karriere machten, seien alles andere „als nur schön“ – sie sind vielmehr ehrgeizig und klug, blickt sie auf die Branche. Das trifft besonders auch auf Jessica zu: Die 29-Jährige machte nach dem Bachelor-Studium „Molekulare und technische Medizin“ ihren Master in „Technical Physician“, ist Ingenieurin der Medizintechnik von Beruf. Diesen Abschluss bezeichnet sie als Meilenstein in ihrem Leben.

 

 

 

Jessica Bisceglia mit Partner Peter Öhler. Foto: Cara-Lee Echle

 

 

 

Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen von Hans-Jürgen Kommert und Wilfried Dold Frauenringen ist eine Sportart, die seltener im Fernsehen übertragen wird – zumal live: Es ist Montagabend in Tokio, in der Makuhari Messe findet das Finale der Olympischen Spiele im Frauenringen bis 76 Kilogramm statt, es kämpft Aline RotterFocken. Die 30-Jährige schafft an diesem 2. August 2021 zu ihrem Karriereende etwas, was bisher keiner zweiten deutschen Ringerin vergönnt war: Sie wird mit dem allerletzten Kampf zugleich Olympiasiegerin. Mit einer Deutschlandfahne um die Schultern und ihrer Goldmedaille um den Hals sagt sie nach ihrem Kampf beim Interview mit der Weltpresse: „Es beweist einfach, dass harte Arbeit sich auszahlt und manchmal im richtigen Moment alles zusammenkommt.“ Die Wahl-Tribergerin besiegte eben die fünfmalige Weltmeisterin Adeline Gray aus den Vereinigten Staaten, die Nummer eins der Setzliste. Aline Rotter-Focken schreibt damit OlympiaGeschichte und macht neben ihrer Heimat Krefeld ganz Triberg und Schonach stolz, wo die Gesundheitsmanagerin lebt und arbeitet, man sie kennt und schätzt. Ein weiterer Sieg folgt: Aline Rotter-Focken wird „Die Beste 2021″, setzt sich bei der Wahl des deutschen Spitzensportlers des Jahres 2021 durch.

 

 

 

273 273

 

 

 

Die Vorkämpfe auf dem Weg zum Olympiasieg sehen wahrscheinlich nur echte Fans dieses Sports, finden sie doch zu eher unglücklichen Zeiten statt – ab etwa fünf Uhr deutscher Zeit am Sonntagmorgen beispielsweise. In Tribergs EventKino, im „TEK“, harren allerdings bereits ab vier Uhr nachts rund 30 Fans, Freunde und Bekannte sowie etliche Triberger Ringer der Dinge. An ihrer Spitze Jan Rotter, Ehemann von Aline Rotter-Focken und ehemaliger Triberger Spitzenringer. Die Familie ihres Mannes hätte Aline gerne gemeinsam mit ihren Eltern nach Japan begleitet – dann aber kam die bittere Absage. Am Ende waren es ausschließlich Sportler und Betreuer, die zu Olympia durften – der Pandemie wegen, die man in Japan keineswegs im Griff hatte. Umso größer der Jubel im Triberger Kinosaal, als sich Aline Rotter-Focken nach ihrem ersten Kampf, dem Achtelfinale gegen Sieg um fünf Uhr morgens: Nächtliche Live-Übertragung in Tribergs Event-Kino „TEK“. Rechts im Bild Ehemann Jan Rotter. Wasilisa Marsaliuk (Belarus), über einen hart umkämpften Sieg freuen darf. Ihr Mann sorgte bei diesem und allen weiteren Kämpfen per mit dem Handy übermitteltem Video dafür, dass Aline den Triberger Jubel fern der Heimat mitbekommt. Als Kleinkind zum ersten Mal „Ringerluft“ geschnuppert Aline Rotter-Focken stammt aus Krefeld, wo sie in eine Familie hineingeboren wird, in der das Ringen seit Generationen eine wichtige Rolle spielt. So wird ihr Großvater Hans Focken 1964 deutscher Vizemeister im freien Stil gegen den als „Kran von Schifferstadt“ bekannten Wilfried Dietrich. Sie selbst beginnt 1996 beim KSV Germania Krefeld mit dem Ringen und trainiert ab 2001 mehrmals pro Woche beim AC Ückerath in Dormagen, der schon damals auf Frauenringen spezialisiert ist. Dort ist auch der Landesund Bundesstützpunkt für das Frauenringen angesiedelt. Nachdem ihr Talent erkannt ist, wird Aline Focken im Stützpunkt von Landestrainer Heinz Schmitz bis zu ihrem 24. Lebensjahr trainiert.

 

 

 

Zusätzlich trainiert sie mit ihrem Vater HansGeorg Focken und wird seitens der Nationalmannschaft zunächst von Jörg Helmdach und zuletzt von Patrick Loës betreut. Bei einer Körpergröße von 1,76 Metern ringt sie zuletzt in der Gewichtsklasse bis 76 kg Körpergewicht, nachdem sie vorher in der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm gerungen hatte. „Bereits als Kleinkind habe ich zum ersten Mal Ringerluft geschnuppert und regelmäßig auf der Matte herumgetobt, da ich meinen Vater, meinen Opa und meinen Bruder regelmäßig zu ihren Kämpfen begleitete. Mein Opa startete in den 1960er-Jahren die kleine Ringer-Ära der Familie Focken und infizierte seine Söhne, Enkel und mich ebenso mit der Freude und der Leidenschaft am Ringkampfsport“, schildert sie ihren beinahe schon vorgezeichneten sportlichen Werdegang. Mit vier Jahren habe sie dann zum ersten Mal am Ringertraining des KSV Germania Krefeld unter der Leitung ihres Vaters Hans-Georg teilgenommen, mit sieben seien die ersten Wettkämpfe gekommen, erinnert sie sich. Mit zwölf Jahren wurde sie in den „Landesleistungskader NRW“ berufen, mit 15 führte sie der Weg in die Nachwuchs-Nationalmannschaft. Dieser Erfolg war keineswegs vorgezeichnet. „Eigentlich bin ich zunächst nur mit zum Ringertraining gegangen, um mich mal richtig auszutoben und die überschüssige Energie loszuwerden, die ich als Kind fast schon im Übermaß besaß. Meine Erfolge kamen erst einige Jahre später, nach vielen harten Trainingstagen. Sie brachten mich dazu, mit immer größerer Motivation und viel Spaß diesen Weg weiter zu verfolgen“, zeichnet sie ihre sportlichen Lehrjahre nach. Links: Erste Wettkampferfahrungen in jungen Jahren. Rechts: 2009 wird Aline Focken Deutsche Meisterin. Einen ersten größeren Erfolg auf nationaler Ebene hat sie im Jahre 2004, als sie bei den Deutschen Jugendmeisterschaften einen dritten Platz belegt. Im Jahre 2005 folgt bei den gleichen Meisterschaften der zweite Platz, den sie auch 2006 erreicht. Im Jahr 2007 wird sie erstmals Deutsche Jugendmeisterin in der Gewichtsklasse bis 60 kg. Diesen Titel verteidigt Aline 2008. Es folgten internationale Erfolge, so mehrere Bronzeund Silbermedaillen bei Europaund Weltmeisterschaften. 2014 dann startet Aline Rotter-Focken bei den Weltmeisterschaften in Taschkent und siegt dort in der Gewichtsklasse bis 69 kg – ist damit die Weltmeisterin. In der Form ihres Lebens Der Weg zu den Olympischen Spielen des Jahres 2021 hat eine überaus erfolgreiche Vorgeschichte: Bereits im September 2019 finden sich Freunde, Sponsoren, die Familie ihres Mannes und FrauenBundestrainer Patrick Loës in Triberg ein, um die erneut erfolgreiche Sportlerin zu empfangen, nachdem sie bei den Weltmeisterschaften in Kasachstan die Bronzemedaille schaffte. Damit löste sie zugleich ihr Olympia-Ticket. Von jetzt an arbeitete Aline Rotter-Focken bei Ranglisten-Kämpfen an einer möglichst erfolgreichen Olympia-Teilnahme in Tokio. Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei durch ihren Ehemann Jan Rotter.

 

 

 

Dass sie wohl in der Form ihres Lebens ist, deutet sich bereits beim Worldcup in Belgrad an, der Ende Dezember 2020 stattfindet und als inoffizielle Weltmeisterschaft gewertet wird. Das Finale bei den Frauen in der 76-Kilogramm-Klasse zwischen Aline RotterFocken und der amtierenden Europameisterin Yasemin Adar (Türkei) verlief zunächst ausgeglichen, ehe sich die deutsche Spitzenringerin eine 3:0-Punkteführung erarbeiten konnte. 36 Sekunden sind beide Athletinnen nach der kurzen Pause wieder auf der Matte, als die Türkin angreift, aber entscheidend von Aline Rotter-Focken ausgekontert wird. Ihr Schultersieg war für die kommende Olympiade geradezu perfekt – er brachte ihr die Goldmedaille ein. Hätten die Ringerinnen aus den USA und Japan aufgrund von Corona nicht auf die Reise nach Serbien verzichtet, dann wäre dieser Event sogar offiziell als Weltmeisterschaft gelaufen. So war es der World-Cup. Aline Rotter-Focken jedoch galt in der Ringer-Fachwelt seit diesem Abend als inoffizielle Weltmeisterin. „Für mich zählte vor allem, dass ich sehen konnte: Mein Weg in Richtung Tokio stimmt. Und dass ich in den vergangenen Monaten trotz fehlender Wettkämpfe einiges richtig gemacht habe.“ Akribisch hatte sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet, die eigentlich schon im Sommer 2020 hätten stattfinden sollen. Dann kam im April der erste Lockdown. Spezifisches Ringer-Training war lediglich daheim im Fitnessstudio ihrer Schwiegermutter gemeinsam mit ihrem Mann Jan möglich. Der frühere Klasseringer wurde der Trainingspartner. Das sei nicht ganz einfach gewesen – Jan kämpft griechisch-römisch, seine Frau im freien Stil. Und – „Männer kämpfen schon anders, es gab viele blaue Flecken“, lacht sie. Zwar liefen ab Juni dann für sie wieder nationale Lehrgänge, doch an Wettkämpfe war bis zum Sieg beim World-Cup in Belgrad im Dezember 2020 nicht zu denken. Für mich zählte nach dem World-Cup-Sieg vor allem, dass ich sehen konnte: Mein Weg in Richtung Tokio stimmt. Und dass ich in den vergangenen Monaten trotz fehlender Wettkämpfe einiges richtig gemacht habe. Aline Rotter-Focken im Corona-Jahr 2019 Tokio: „Go for Gold“ In Tokio folgte auf das harte Achtelfinale ein souveräner Sieg im Viertelfinale gegen die Chinesin Zhou Qian. Bei ihrem Kampf gegen die Japanerin Hiroe Minagawa im Halbfinale ging es bereits um Medaillen: Die 30 Jahre alte Wahl-Tribergerin siegt gegen die japanische Vize-Weltmeisterin und OlympiaMitfavoritin mit 3:1. Damit steht sie im Endkampf um die olympische Goldmedaille – und hat jetzt einen ganzen Tag zur Regeneration. „Ich denke, Aline hat heute wirklich einen richtig guten Tag erwischt“, ist sich an diesem 1. August ihr Mann Jan Rotter sicher. Historisches hatte sie bis bereits erreicht: Sie war die erste deutsche Ringerin, die sicher Edelmetall von einer Olympiade mit nach Hause bringen würde. Einzig die Farbe der Medaille, ob Silber oder Gold, stand noch nicht fest. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen Die Chance auf Gold hatte Aline Rotter-Focken 2021 machte sich die Gesundheitsmanagerin viele Gedanken über ihre Fähigkeiten. „Ich setzte mich noch mehr mit mentalem Training auseinander“. Sie arbeitete jetzt mit einem Mentalcoach und einem Sportpsychologen zugleich zusammen. Die Belohnung folgte in Belgrad: Aline Rotter-Focken trat sehr selbstbewusst auf, auch wenn sie vor dem Turnier nicht wusste, wo sie leistungsmäßig steht. gegen die an Nummer eins gesetzte fünfmalige Weltmeisterin Adeline Gray aus den USA. Eine Ringerin, mit der sie seit Jahren befreundet ist, die sie sogar zu ihrer Hochzeit eingeladen hatte. Die Amerikanerin stand in ihrem Halbfinalkampf gegen die Kirgisin Aiperi Medet Kysy tatsächlich bereits am Rande einer Niederlage. „Schade, dass sich Adeline Gray im letzten Moment doch noch durchgesetzt hat. Denn

 

 

 

Eine strahlende Olympiasiegerin: Aline Rotter-Focken. In Triberg und Schonach folgte ein begeisterter Empfang, so bei ihrem Schonacher Arbeitgeber, der SBS-Feintechnik. Foto: BURGER GROUP/© Tom Weller gegen die Kirgisin stand Aline schon mehrmals im Ring und hat jedes Mal gewonnen“, urteilte dazu ihr Mann Jan Rotter im Vorfeld des Finales. Deutlich bescheidener dagegen sieht ihre Bilanz gegen die Amerikanerin aus – sie war ihr jedes Mal unterlegen. Doch die Serie an Niederlagen sollte ein Ende nehmen: Mit Trainer Patrick Loës ist sich Aline Rotter-Focken einig: „Wir wollen hier Gold. Silber wollen wir nicht.“ Im olympischen Finale sieht es für die an Nummer zwei des Turniers gesetzte Aline Rotter-Focken tatsächlich früh nach Gold aus: Die Schiedsrichterin gibt ihr einen Punkt, da Gray zu passiv ringt. Danach pariert sie einen Angriff und drückt die Amerikanerin auf den Boden: 2:0. „Wenn Gray springt, sollte sie das ausnutzen zum Gegenkontern“, hofft der Trainer. So kommt es dann auch: Es steht 3:0 für RotterFocken. Und schließlich schmeißt sie Gray sogar um. Sie führt bereits 7:0! Einmal wird Aline aus dem Ring gedrückt. Dann packen die Arme von Gray zu: Sieben lange Sekunden wird es schwierig, doch Aline Rotter-Focken kann sich befreien. Sie liegt mit 7:3 vorne, der Olympiasieg ist Aline Rotter-Focken nicht mehr zu nehmen: Aline ist jetzt die „Gold-Aline“ – die Goldmedaille im Frauenringen in der Gewichtsklasse bis 76 Kilogramm ist die ihre! Beim Interview vor der Weltpresse erinnert sich die frisch gekürte Olympiasiegerin später: „Nachdem ich die Bodenlage abgewendet hatte, wusste ich, das darf ich mir nicht mehr nehmen lassen.“ Begeisterter Empfang bei der SBS-Feintechnik in Schonach Auf Aline Rotter-Focken wartet nach ihrer Rückkehr aus Japan in der Wasserfallstadt, in der Ringen schon seit Jahrzehnten eine herausragende Rolle spielt, ein geradezu triumphaler Empfang. Zuvor wird sie in ihrer früheren Heimatstadt Krefeld durch den Oberbürgermeister und rund 300 Vereinsmitglieder des KSV Germania, Freunde und Bekannte empfangen. Dann folgt das Willkommen bei ihrem Arbeitgeber, der SBS-Feintechnik in Schonach, wo ihr Begeisterungswellen entgegenschlagen. Mitarbeiter und die Firmenleitung begrüßen die Olympiasiegerin mit Aline Rotter-Focken

 

 

 

Großartiger Empfang bei der SBS-Feintechnik in Schonach, Olympiasieger „unter sich“: Aline Rotter-Focken beim Interview mit Hans-Peter Pohl, 1988 Goldmedaillengewinner in der Nordischen Kombination Es haut mich richtig um, wie ich bei der BURGER-GROUP empfangen werde, so die Goldmedaillengewinnerin im Frauenringen strahlend im Interview mit Hans-Peter Pohl. einem Meer aus Deutschland-Fahnen. „Erstmals in der 165-jährigen Geschichte unserer Firmengruppe haben wir aus den Reihen unserer aktiven Mitarbeitenden eine Olympiasiegerin“, freut sich Geschäftsführer Thomas Burger. Silke Burger, Abteilungsleiterin Human Resources der BURGER GROUP, erzählt lachend, man habe bereits überlegt, am Arbeitsplatz ein Bild von Aline aufzustellen – „damit man weiß, wie sie aussieht“. Denn der Weg zum Olympiagold war ein ungemein harter. Da brauchte es auch seitens des Arbeitgebers entsprechend Wohlwollen und Verständnis. Doch der Erfolg hat alle belohnt. Auf Facebook postet die SBS-Feintechnik: „Wir haben mitgefiebert und geweint vor Freude. Unsere wunderbare Kollegin Aline Rotter-Focken gewinnt nicht nur die Goldmedaille, sondern ist zudem die erste deutsche Ringerin, der dies bei den Olympischen Spielen gelingt.“ „Es haut mich richtig um, wie ich bei der BURGER-GROUP empfangen werde“, erwidert die Goldmedaillengewinnerin in Schonach strahlend im Interview mit Hans-Peter Pohl, 1988 Goldmedaillengewinner in der Nordischen Kombination und ehemaliger SBS-Mitarbeiter. Aline Rotter-Focken erzählt ihren Kollegen freudestrahlend von Olympia. Überrascht wird sie bei der Zeremonie mit einer OlympiaTorte und dem „Aline-Song“: Wolfgang Jachtmann aus Hüls komponierte für sie das Lied „Du hast Gold!“. Blick zurück: Silke Burger, Leiterin Human Resources der BURGER GROUP, beglückwünscht ihre Mitarbeiterin zur Bronze-Medaille bei der Weltmeisterschaft 2019. Großartige Unterstützung der EGT Einen Besuch stattet die Olympiasiegerin auch ihrem zweiten Hauptsponsor ab, der Elektrizitätsgesellschaft Triberg AG, kurz EGT. Vorstand Jens Buchholz

 

 

 

Links: Mit einem Elektroauto der EGT legte Olympiasiegerin Aline Rotter-Focken über Jahre hinweg wöchentlich rund 600 Kilometer auf ihrem Weg zum Training im Leistungszentrum in Freiburg zurück. EGT-Aufsichtsratsvorsitzender Rudolf Kastner und Vorstand Jens Buchholz freuen sich über den großartigen Erfolg. Rechts: Die Olympiasiegerin mit Vorstand Jens Buchholz bei einer Autogrammstunde im Rahmen der Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen der EGT. überbringt ihr herzliche Glückwünsche, die Olympiasiegerin bedankt sich für die tolle Hilfe, die ihr eine optimale Vorbereitungszeit auf Olympia ermöglichte. Mit dem stets vollgeladenen Elektrofahrzeug der EGT konnte sie mehrmals pro Woche zum Training ins Leistungszentrum nach Freiburg fahren. Immerhin 600 Kilometer in der Woche waren zurückzulegen. Wie so ein Trainingsplan aussieht, verriet sie etliche Monate vor Olympia bei einem Interview mit der EGT-Kundenzeitschrift: „Es stehen zehn harte Monate bevor. Die ersten Wochen machen wir sehr viel Grundlagen-Training, also Kraft, Ausdauer und Technik. Auf der Matte sind es erst mal lange und wenig intensive Einheiten. So ge wöhnen wir den Körper langsam an die starken Belastungen. Ab Januar wird es intensiver, mit kürzeren Einheiten auf der Matte. Zum Schluss trainieren wir nur noch mit ausgesuchten Partnern unter strengen Wettkampfbedingungen, also sechs Minuten pro Kampf.“ Als „Die Beste 2021“ ausgezeichnet Wie außergewöhnlich der Olympiasieg ist, zeigt ein weiteres freudiges Ereignis: Aline Rotter-Focken erhält, wie sie selbst sagt, „die allertollste Ehrung meines Lebens“. Nicht Weitsprung-Queen Mihambo und auch nicht Tennis-Star Zverev: Ringerin Aline RotterFocken wird als „Die Beste 2021“ ausgezeichnet. Die Olympiasiegerin im Ringen setzte sich bei der Wahl unter den 4.000 von der Deutschen Sporthilfe geförderten Athletinnen und Athleten durch. Die 30-Jährige konnte ihren Preis bei der Abschluss-Gala des „Club der Besten 2021“ im Aldiana Club Costa del Sol in Spanien entgegennehmen. Neben der Auszeichnung erhält Aline Rotter-Focken ein Auto und einen einwöchigen Urlaub. Wie sehr sich das Leben von Aline Rotter-Focken durch ihren Olympiasieg verändert hat, dokumentiert eindrücklich eine Autogrammstunde bei der EGT-Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen des Energieversorgers am Sonntag, den 3. Oktober: Gerade von der Abschluss-Gala zu „Die Beste 2021“ aus Spanien zurückgekehrt, geht es sofort nach der Autogrammstunde via Flughafen Zürich zu einer Veranstaltung des Ringer-Weltverbandes weiter. Ringen ist ein harter Sport, einen Olympiasieg bekommt man nicht geschenkt. Wie sagte Aline Rotter-Focken doch zur Süddeutschen Zeitung: „Nichts tut so weh wie ein Ringkampf. Beim Krafttraining brennen die Bizepse, beim Lauftraining die Lungenflügel, aber das ist kein Vergleich zum Vollkontakt: Da prallt Körper auf Körper, Knochen auf Knochen – es gibt Kopfnüsse und blaue Flecken.“ So bleibt am Ende, die Worte von Olympiasieger Hans-Peter Pohl zu wiederholen: „Weltmeister wird man, Olympiasieger aber bleibt man.“

 

 

 

Triberg im Jubel – Empfang einer Olympiasiegerin Mit einem Empfang, wie er einer Olympiasiegerin würdig ist, wurde Aline Rotter-Focken am 10. August nach ihrer Rückkehr von den Olympischen Spielen in Tokio in ihrer Wahlheimat Triberg im Schwarzwald willkommen geheißen. Umjubelt von rund 300 Menschen, die bei ihrem Einzug ins Kurhaus Schwarz-Rot-Goldene Fahnen schwenkend Spalier standen. Immer wieder musste sie ihre Goldmedaille zeigen, die sie voller Freude und Stolz um den Hals trug. Aline Rotter-Focken ist die erste deutsche Sportlerin, die eine Olympia-Medaille für den Ringersport der Frauen gewinnen konnte. Dass es eine Goldmedaille wurde, krönte den Abschluss der aktiven Ringerkarriere der 30-jährigen Krefelderin, die seit ihrer Voller Freude: Aline Rotter-Focken bei ihrem umjubelten Empfang in Triberg nach dem Gewinn der Goldmedaille im Frauenringen bei den Olympischen Spielen. Hochzeit mit Jan Rotter 2018, ebenfalls ehemaliger Spitzenringer, in dessen Heimat Triberg lebt. Vor 200 geladenen Gästen und rund 100 Fans gab Aline Rotter-Focken bei einem Empfang der Stadt Triberg einen Rückblick auf ihre Ringerkarriere, die im Alter von sechs Jahren begann, als sie ihrem Bruder nacheiferte. „Der ist aber irgendwann abgebogen“, kommentierte sie. Sie schilderte, wie hart der Weg war, den sie zum Abschluss ihrer Sportlerkarriere mit einer olympischen Goldmedaille krönen durfte: „Andere Kinder und Jugendliche waren im Schwimmbad oder Eis essen, ich war beim Training.“ Ihren Finalkampf gegen die Weltmeisterin Adeline Gray, der beim Empfang nochmals auf einer Groß-Leinwand gezeigt wurde, hatte die WahlTribergerin allerdings anders erlebt: „Ich dachte, ich hab voll die Super-Moves gemacht. Aber als ich den Kampf später im Fernsehen sah, war er nicht so toll. Mein letzter Kampf war nicht schön, aber wirkungsvoll“, bilanziert sie bescheiden. Neben zahlreichen Glückwünschen, die Aline Rotter-Focken auf der Bühne unter anderem von Tribergs Bürgermeister Gallus Strobel entgegennehmen durfte – und der jetzt „zu den Wasserfällen und zum Männerparkplatz eine weitere Attraktion dazu bekommen hat“, wie Moderator Jens Zimmermann scherzte – wurde Aline Rotter-Focken in den Kreis der lokalen Olympioniken aufgenommen. Hans-Peter Pohl, Olympiasieger 1988 in der Nordischen Kombination, Hansjörg „Jackson“ Jäkle, Olympiasieger 1994

 

 

 

Oben: Aline Rotter-Focken zusammen mit Ehemann Jan Rotter, der sie während der langen Trainingsmonate intensiv unterstützte. Rechts: Olympiasieger unter sich: Aline Rotter-Focken mit Georg Hettich, Hansjörg „Jackson“ Jäckle und Hans-Peter Pohl (rechts). Rechts unten: Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Triberg, links Bürgermeister Gallus Strobel. im Skispringen und Georg Hettich, Olympiasieger 2006 in der Nordischen Kombination und allesamt aus dem benachbarten Schonach, begrüßte die Wahl-Tribergerin symbolisch in ihrem „Olympischen Kreis“. Aus Erfahrung konnten die früheren Olympiasieger sagen, dass der Glanz der Olympischen Goldmedaille viele Jahre anhalten wird. Aline Rotter-Focken beendet ihre Sportkarriere nun und freut sich darauf, mit der Familienplanung zu beginnen. Sobald „der Rummel“ um ihr olympisches Gold abflacht. Wer bei Olympia siegt, ist begehrt! Roland Sprich

 

 

 

Über die Rolle der Jagd im Klimawandel von Wolf Hockenjos 282 10. Kapitel – Umwelt und Natur

 

 

 

Von Sturm „Sabine“ gerodetes Waldgebiet beim Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwangen. 283

 

 

 

Was ist das Jagen für eine Beschäftigung? Unsere Zeit – die eine recht dumme Zeit ist – betrachtet die Jagd nicht als eine ernsthafte Angelegenheit. José Ortega y Gasset Die Höhe der Wilddichte ist im übrigen völlig belanglos – solange das Rehwild seinen Lebensraum mit dem Äser nicht entmischt. B. Hespeler Eher zu den Gewinnern der Klimakrise zählt das Wild, zumal die mit Abstand häufigste jagdbare Art, das Reh. Drei aufeinander folgende Trockensommer, begleitet von heftigen Dürreund Borkenkäferschäden, haben die Waldwirtschaft auch im Quellenlandkreis in akute Bedrängnis gebracht. Und spätestens seit den katastrophalen Überflutungen im Juli 2021 hegt kaum jemand noch Zweifel daran, dass der von uns Menschen verursachte Klimawandel bereits in vollem Gange ist. Die Fichte, die mit Abstand häufigste Baumart der Baar und des Baarschwarzwalds, der „Brotbaum“ der Waldbesitzer, gilt mittlerweile als besonders bedroht. Mit seiner flachstreichenden Tellerwurzel ist er desto

 

 

 

gefährdeter, je trockener und wärmer die Sommer werden und je häufiger sich in der Treibhausküche des Atlantiks Orkantiefs zusammenbrauen. Derweil fahren die Holzpreise Achterbahn im hektischen Auf und Ab zwischen Holzverknappung und Schadholzschwemmen. Wild als Gewinner der Klimakrise Eher zu den Gewinnern der Klimakrise zählt indessen das Wild, zumal die mit Abstand häufigste jagdbare Art, das Reh. Mit den milder und schneeärmer werdenden Wintern verliert der wichtigste natürliche Regulator von großen Pflanzenfressern zusehends an Wirksamkeit. Zugleich verbessert sich das Äsungsangebot auf den Schadflächen, welche Borkenkäfer und Stürme hinterlassen; mit Himbeere, Weidenröschen und vielerlei krautigen Pflanzen gedeihen in der Schlagflora wahre Leckerbissen, begünstigt überdies durch den viel zu hohen Stickstoffeintrag aus Verkehr und Landwirtschaft. Und in den gepflanzten Kulturen und Dickungen entstehen fürs Wild neue „Einstände“ mit reichlich Deckungsschutz – Lebensraumverbesserungen, die zuverlässig zu erhöhter Reproduktion führen, wie sich schon nach den Orkanschäden ausgangs des vorigen Jahrhunderts gezeigt hatte. Oft wird in der Bevölkerung mitunter auch in der Jägerschaft geklagt, es lasse sich im Wald und an den Waldrändern ja kaum mehr ein Stück Rehwild blicken. Dennoch steigt das Niveau der erlegten Rehe in den Jagdstatistiken seit Jahrzehnten an. Einschließlich der Verluste im Straßenverkehr finden sich dort 2018/19 in Deutschland – sage und schreibe – 1,29 Millionen Rehe aufgelistet. Was keinen andern Schluss zulässt, als dass die Jagd über Jahrzehnte hinweg den Bambi-Zuwachs kaum mehr abzuschöpfen vermochte. Von Artenschwund, gar von Ausrottung kann beim Kulturfolger Reh auch in der Klimakrise keine Rede sein. Mischwälder kühlen auch besser ab in den sommerlichen Hitzewellen, und bei Starkniederschlägen speichern sie Wasser besser und verhindern die Bodenerosion zuverlässiger als Fichten-Monokulturen. Hilfsprogramme, wie sie freilich nicht erst in allerjüngster Zeit von Brüssel, Bund und Land aufgelegt worden sind. Schon vor der Jahrtausendwende konnten Orkangeschädigte Waldeigentümer Fördermittel für Waldumbaumaßnahmen in Anspruch nehmen, insbesondere für die Pflanzung von Weißtannen und Buchen unter dem zunehmend lichteren bis lückigeren Schirm labiler Fichtenbestände. Mischwälder kühlen auch besser ab in den sommerlichen Hitzewellen, und bei Starkniederschlägen speichern sie Wasser besser und verhindern die Bodenerosion zuverlässiger als Fichten-Monokulturen. Doch wer sonst unter den heimischen Nadelbaumarten sollte den Bauholz liefernden „Brotbaum“ ersetzen, wenn nicht die tief wurzelnde und klimahärtere Weißtanne? Nicht überall wurde die Chance eines beschleunigten, mit Steuermitteln geförderten Waldumbaus ergriffen, und so steht heute vielerorts die nächste Fichtengeneration bereits wieder in den Startlöchern. Wo sich junge Fichten doch als besonders robust und durchsetzungsfähig erweisen, werden sie doch auch vom Rehwild nicht verbissen. Klimawandel macht Waldumbau dringend erforderlich Der Klimawandel zwingt die Forstwirtschaft derweil zu handeln, zumal in fichtenreichen Betrieben: Waldumbau hin zu widerstandsfähigeren Mischungen ist das Gebot der Stunde, gefordert und gefördert durch Maßnahmen zum Schutz der jungen Weißtannen Junge Weißtannen hingegen, ob gepflanzt oder aus natürlichem Anflug stammend, erweisen sich als enorm verbissgefährdet, selbst die Keimlinge (die „Tannensternchen“) werden von den Rehen bereits selektiert. Weshalb der Jagd beim Waldumbau zwei

 

 

 

fellos eine Schlüsselrolle zukommt. Unterm Vorzeichen des Klimawandels sieht sich die Jägerschaft mehr denn je in die Pflicht genommen: Von ihr wird erwartet, dass sie für einen an die waldbaulichen Erfordernisse „angepassten“ Wildbestand sorgt. Gemäß Jagdgesetz hat die Jagd dazu beizutragen, Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen forstwirtschaftlichen Nutzung zu vermeiden. Alle drei Jahre wird seit 1983 jedes Jagdrevier per forstlichem Gutachten überprüft, inwieweit diese Vorgabe erfüllt wird. Nachdem für Rehwild die jagdbehördlichen Abschusspläne in Baden-Württemberg abgeschafft worden sind, kommt diesem Verfahren eine desto größere Bedeutung zu, um etwaige jagdliche Vollzugsdefizite aufzudecken. Die Ergebnisse des Gutachtens werden bei anschließenden Waldbegehungen der Förster mit den Waldeigentümern und Jägern veranschaulicht und erörtert, um so gemeinsam das weitere Vorgehen festzulegen. Tannenliebhaber unter den Waldbesitzern neigten freilich schon immer dazu, auf Nummer Sicher zu gehen: Vorsorglich schützen sie im Herbst ihren Tannennachwuchs, indem sie die Gipfelknospen im Herbst jeweils mit einer Flocke ungewaschener Schafwolle umwickeln. Andernorts verwendet man dazu Kunststoffklammern oder auch chemische Verbissschutzmittel, sofern man die Tännchen nicht sogar in Drahthosen steckte oder gleich hektarweise einzäunte. Anders als der Tannenjungwuchs werden Laubbaumkulturen neuerdings vielerorts in Polypropylen-Wuchsstoffhüllen verpackt, wo immer der Waldwirt glaubt, den Faktor Wildverbiss nicht anders mehr in den Griff zu bekommen. Eine Bildfolge, die zeigt wie Tannen heranwachsen: Links oben: Weißtannen-Keimlinge („Sternchen“) Mitte: Kontrollzaun im Wald der Gemeinde Brigachtal nach zehn Jahren Standzeit. Links unten: Derselbe Kontrollzaun nach 20 Jahren. Rechte Seite oben: Der Kontrollzaun im Wald von Brigachtal nach 30 Jahren und 37 Jahren. Recht Seite unten: Waldumbau gelungen – nach 37 Jahren!

 

 

 

287

 

 

 

Das Wasser entscheidet über die Waldbeschaffenheit der Zukunft Doch wie eigentlich soll der Wald konkret beschaffen sein, der am ehesten gegen die Widrigkeiten des Klimawandels, gegen Trockenstress, Insektenund Sturmschäden gefeit ist, der auch am besten vor Waldbränden und Erosion geschützt ist? Die Fachwelt ist sich in der Einschätzung einig, dass es vor allem der Wasserhaushalt ist, der künftig auch in unseren gemäßigten Breiten über das Wohl und Wehe von Wäldern entscheiden wird. Wobei der Waldboden unter winterkahlen Baumarten im Jahresverlauf mehr Niederschlag abbekommt und mehr Wasser zu speichern vermag als unter reinen Nadelholzbeständen. Deren Kronen fangen deutlich mehr Regen und Schnee ab und verdunsten auch mehr. Alles muss daher darauf abzielen, möglichst stabile, unterschiedlich alte und strukturierte Mischwälder mit kühlendem Binnenklima nachzuziehen. Angesichts der klimatischen Unwägbarkeiten gilt dabei der Grundsatz der Risikostreuung: Je breiter die Palette der an den jeweiligen Waldstandort angepassten Baumarten, desto besser. Wo flächige Waldschäden („Blößen“) entstanden sind, kommen auch die Pionierbaumund Straucharten (Birken, Ebereschen, Salweiden) zum Tragen, denn sie wirken als Nährstoffpumpen und stärken damit die natürlichen Selbstheilungskräfte des Waldökosystems. Aus Gründen der künftigen Nährstoffund Wasserversorgung sollten Räumungen von Totholz möglichst unterblieben und Bodenverdichtungen durch Befahrung minimiert werden. Zumindest in den höheren Lagen besteht die Hoffnung auf Erhalt der Fichte Idealerweise wird es beim Waldumbau also auch darum gehen, Schatten ertragende Baumarten wie Weißtannen und Buchen, aber auch die noch klimahärteren Douglasien unterm Schirm der verbliebenen Fichtenbestände einzubringen. Zumindest in den höheren Lagen der Mittelgebirge besteht Hoffnung, auf eine Beimischung der Fichte auch in Zukunft nicht gänzlich verzichten zu müssen. Derlei strukturund vorratsreiche Mischwälder erfüllen auch am besten ihre Funktion als CO¬-Senken, zumal wenn Bauholz produziert wird, in welchem sich das Treibhausgas noch auf weitere Generationen hinaus Jeder Hektar eines Mischwaldes bindet im Jahr ca. 10 Tonnen CO€! Dass unterm Vorzeichen des Klimawandels im Wald nicht mehr gekleckert werden darf, sondern mit den Sanierungsund Umbaumaßnahmen geklotzt werden muss, liegt auf der Hand. speichern lässt. Jeder Hektar eines solchen Waldes bindet im Jahr ca. 10 Tonnen CO¬! Dass unterm Vorzeichen des Klimawandels im Wald nicht mehr gekleckert werden darf, sondern mit den Sanierungsund Umbaumaßnahmen geklotzt werden muss, liegt auf der Hand: Je ausgedehnter die Fläche, auf der umgebaut wird, desto eher lässt sich auch der Zeitpunkt erreichen, ab dem sich die Probleme mit dem Wildverbiss relativieren lassen: der Sättigungspunkt, ab dem das Angebot an Tannenäsung die Nachfrage übersteigt. Immer vorausgesetzt, die Jägerschaft ist bereit, nach den Regeln eines zeitgemäßen Wildtiermanagements mitzuspielen, wie es das seit 2014 in Baden-Württemberg geltende Jagdund Wildtiermanagementgesetz vorsieht. Mag sein, dass künftig ja auch die großen Beutegreifer, Luchs und Wolf, als Jagdkumpane noch mit von der Partie sein werden. Am guten Willen und an Bekenntnissen zur Mitverantwortung fehlt es den Jäger*innen ja zumeist nicht. In den Worten des Landesjägermeisters (geäußert im Organ des Landesjagdverbandes Jagd in Baden-Württemberg 04/2021) klingt es so: „Dieses Bekenntnis [zur Unterstützung des Waldumbaus] fällt uns gar nicht schwer, da der jagdliche Auftrag zugleich unsere Leidenschaft ist“.

 

 

 

Klima und Waldumbau Im Gespräch mit Kreisjägermeisterin Dunja Zimmermann und Dr. Frieder Dinkelaker, Leiter des Kreisforstamtes Frau Zimmermann und Herr Dinkelaker, wenn man den diesem Interview vorangestellten Beitrag über die Rolle der Jagd beim Waldumbau gelesen hat, ist damit alles gesagt – oder gibt es zu diesen Aussagen unterschiedliche Meinungen zwischen Förstern und Jägern? Abschusszahlen, um dieses Ziel zu erreichen. Wie im Artikel von Wolf Hockenjos dargestellt, steigt die Anzahl der erlegten Rehe in Baden-Württemberg seit Jahren. Trotzdem gibt es noch Jäger, die davon überzeugt sind, dass es weniger Rehe gibt als früher… Dunja Zimmermann: Einig sind sich Waldbesitzende, Förster und Jäger über das Ziel, durch Bejagung gesunde und artenreiche Wildbestände zu erhalten, die in einem angemessenen Verhältnis zur Funktionsund Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts stehen. Über den Weg dorthin gibt es aber schon unterschiedliche Vorstellungen. Können Sie uns dazu Beispiele nennen? Frieder Dinkelaker: Es gibt zum Beispiel verschiedene Ansichten über die tatsächlich notwendigen Dunja Zimmermann: …was auch daran liegt, dass Wildtiere scheuer und vorsichtiger geworden und dadurch schwerer zu beobachten sind. Die ständig wachsenden Flächen für Siedlung und Verkehr und damit auch die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen spielen hier eine große Rolle. Vor allem die Nutzung der Natur als Erholungsort – so sehr wir alle uns gerne in der freien Landschaft bewegen – führt natürlich zu einer ständigen Beunruhigung in Wald und Feld, auch in den frühen Morgenstunden und bis in den Abend hinein. Und dadurch auch zu ständigem Stress für Wildtiere, die deshalb ihre Aktivitäten in die Nachtzeit verlegen müssen. Klima und Waldumbau

 

 

 

Frieder Dinkelaker: Ein weiterer Diskussionspunkt ist der tatsächliche wirtschaftliche und ökologische Schaden durch Wildverbiss. Für die Waldbesitzenden sind viele verschiedene Baumarten in bunter Mischung wichtig, um klimastabile Wälder aufzubauen. Zu hoher und vor allem selektiver Verbiss von Rehwild gerade an Tannen oder Laubhölzern kann dies erschweren oder gar verhindern. Der Jäger sieht ausreichend natürliche Verjüngung einer Baumart und versteht nicht, dass noch weitere jagdliche Anstrengungen notwendig sind um die Voraussetzungen für klimastabile Mischwälder zu schaffen. Dunja Zimmermann: Jäger bekennen sich zur Mitverantwortung für das Gelingen des Waldumbaus, schließlich nutzt dieser auch den Wildtieren. Sie sind aber keine Schädlingsbekämpfer. In manchen Revieren muss der Abschuss erhöht werden, aber irgendwann führt die ständige Erhöhung des Abschusses allein auch zu keinem Erfolg mehr. Verbiss entsteht schließlich nicht nur durch zu hohe Wildbestände. Wenn das Wild sich in Ruhezonen zurückziehen kann und dort auch ausreichend Nahrung findet, entstehen keine größeren Schäden an Forstkulturen. Die intensive Bewirtschaftung landund forstwirtschaftlicher Flächen trägt ebenso zu einer starken Beunruhigung des Wildes bei. Wie ist die Situation der Waldverjüngung im Schwarzwald-Baar-Kreis? Frieder Dinkelaker: Die Verbisssituation wird alle drei Jahre durch ein forstliches Gutachten ermittelt, ein aktuelles stammt aus dem Frühjahr 2021. Dabei wird nicht nur der Anteil tatsächlich verbissener Bäume, sondern es werden auch die waldbaulichen Auswirkungen dieses Verbisses für jedes einzelne Jagdrevier bewertet. Ein geringer Verbiss bis zu 20 Prozent der jungen Bäume wäre unproblematisch. Die vorläufigen Auswertung der Gutachten zeigt jedoch, dass der Verbiss von Laubholz und Tanne in einigen Revieren noch zu hoch ist, als dass diese Baumarten in ausreichender Anzahl vorkommen können. Wie der Wald unter dem Klimawandel leidet, dokumentiert die Aufnahme rechts. Sie zeigt einen Waldhang im Hexenloch bei Furtwangen-Neukirch. mern, den Jägern und Förstern besprochen werden. Diese Gespräche dienen dazu, allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, ihre Sichtweise und die jeweiligen Probleme darzustellen. Lösungsansätze könnten bei diesen Gesprächen gemeinsam entwickelt und besprochen werden. Wie lassen sich also die angestrebten waldbaulichen Ziele erreichen? Dunja Zimmermann: Wenn sich nach der endgültigen Auswertung der Gutachten der hohe Verbissdruck an Tanne und Laubhölzern bestätigt, bedeutet das für die Jäger in diesen Revieren, dass die jagdlichen Anstrengungen weiter verstärkt werden müssen. Das ist leichter gesagt als getan. Tatsächlich ist der Zeitund Arbeitsaufwand, der mit der Jagd ausübung verbunden ist, schon jetzt sehr hoch. Insbesondere in den letzten beiden Jahren haben die Freizeitaktivitäten in der Natur, auch in den frühen Morgen – und späten Abendstunden deutlich zugenommen. Wege werden verlassen, Gebote und Verbote nicht beachtet. Das erschwert die Jagdausübung zusätzlich! Es braucht weiterhin viel mehr Aufklärung und Information über die Zusammenhänge von Umwelt, Natur, Wildtieren aber auch den Anliegen von Landund Forstwirtschaft. Und auch die Überzeugung, dass die angestrebten Ziele nur gemeinsam erreicht werden können. Mit mehr Verständnis füreinander und Rücksichtnahme aufeinander wäre schon viel erreicht. Umweltbildung und Naturpädagogik unter dem Stichwort „Lernort Natur“ gibt es dabei nicht nur für Kinder, genauso bieten die Jägerorganisationen Informationen und Fortbildungen für Erwachsene an. Dunja Zimmermann: Wichtig ist, dass die Gutachten mit allen Beteiligten, also den GrundstückseigentüFrieder Dinkelaker: Ein weiterer Weg ist, junge Bäume gegen Wildverbiss zu schützen. Das kann zum

 

 

 

Klima und Waldumbau 291

 

 

 

Wer geht denn im Schwarzwald-Baar-Kreis auf die Jagd und was bewegt die Jäger? Dunja Zimmermann: Auf den meisten Feldund Waldflächen im Schwarzwald-Baar-Kreis ist das Recht auf Jagdausübung an Privatpersonen verpachtet. Große Waldbesitzer, einige Städte und Gemeinden sowie das Land bejagen ihre Flächen auch selber, zumeist durch Forstpersonal oder mithelfende Jäger. Frieder Dinkelaker: Natürlich wären die jagdund forstbetrieblichen Ziele leichter zu erreichen, wenn der Waldeigentümer selber jagt oder die Jagd durch eigenes Personal durchführen lässt. Das kann sich aber kaum ein Forstbetrieb leisten, es braucht die Unterstützung durch private Jäger. Somit findet für die meisten Jäger die Jagd in der Freizeit statt und muss sich mit Familie und Beruf vereinbaren lassen. Viele Jagdreviere sind auch sehr groß mit vielfältigen Aufgaben für Jagd und Hege. Kommen dann noch lange Anfahrtswege dazu, sind der zeitliche und finanzielle Aufwand für die Jagd sehr hoch. Dunja Zimmermann: Jagd besteht nicht nur aus der eigentlichen Jagdausübung, alleine auf dem Hochsitz oder gemeinsam mit anderen Jägern auf sogenannten Bewegungsjagden. Es müssen Reviereinrichtungen gebaut und unterhalten, Biotope gepflegt und Wildäcker als Futterquelle angelegt werden. Diese nutzen auch anderen Tier – und Pflanzenarten. Und auch die Verwertung und Vermarktung des Wildbrets erfordert Zeit und Aufwand. Auf diese Verwertung des Wildfleisches legen Jäger besonderen Wert und halten sich an die strengen Auflagen der Wildbrethygiene. Und nicht jeder, der sich in der Natur draußen aufhält, hat Verständnis für die Notwendigkeit einer wald – und wildgerechten Jagdausübung. Und was ist mit Wolf und Luchs – gelten diese Tiere als Konkurrenten für die Jäger? Frieder Dinkelaker: Wolf und Luchs sind zu uns zurückgekehrt, aber bisher nur als Gäste. Tatsächlich ernähren sie sich bisher fast ausschließlich Wildtieren, vor allem von Rehen. Schäden an Haustieren sind zum Glück noch die Ausnahme. Hier stimmt das Verhältnis von Wald und Wild! Der Wald der Zukunft braucht mehr Vielfalt, dazu muss dem Wildverbiss gerade bei jungen Tannen und Laubbäumen verstärkt Einhalt geboten werden, damit er auch heranwachsen kann. Beispiele durch die Einzäunung ganzer Flächen oder das Anbringen von Drahtgeflechten um einzelne junge Bäumchen geschehen. Oder aber man verdirbt dem Wild den Appetit auf Knospen und Triebe von Bäumen, in dem man diese mit einer sandhaltigen Paste anstreicht. Auch ein mechanischer Schutz mit Schafwolle oder Kunststoffklammern kann hilfreich sein. Das ist aber immer nur ein Notbehelf, der sinnvollste Weg zu einer Verbesserung führt über angepasste Wildbestände. 292 Umwelt und Natur

 

 

 

Dunja Zimmermann: Die Jäger fühlen sich mitverantwortlich für diese großen Raubtiere, genauso für andere Wildarten, die unter Schutz stehen. Sie übernehmen zentrale Aufgaben beim Monitoring dieser Arten vor Ort. Es ist allen bewusst, dass bei den nur vereinzelten Vorkommen von Luchs und Wolf die Auswirkungen auf die Wildtierpopulationen gering sind. Deshalb gibt es keine Konkurrenz – vielmehr ist für einen Jäger die Beobachtung eines Luchses oder Wolfes in der freien Wildbahn ein besonderes Erlebnis. Wie wird es Ihrer Meinung nach mit der Jagd weitergehen? Dunja Zimmermann: Noch gibt es genügend aktive Jäger und auch jagdlichen Nachwuchs. Die Anforderungen an die Jäger nehmen aber zu. Nicht zuletzt ist auch mit dem Umgang mit Jagdwaffen, der Ausbildung von Jagdhunden und ganz grundsätzlich dem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur eine hohe fachliche und persönliche Kompetenz gefragt. Wichtig ist vor allem, dass die Jagd in der Gesellschaft als notwendige Maßnahme zum Erhalt artenreicher und gesunder Wildbestände und zum Erhalt und zur Schaffung klimastabiler Wälder unverzichtbar ist. Schade ist, dass Vandalismus gegen jagdliche Einrichtungen oder auch offene Angriffe und Beleidigungen von Jägern immer noch vorkommen. Auch so etwas kann nur mit mehr Information, Kommunikation und gegenseitigem Verständnis vermieden werden. Frieder Dinkelaker: Bei der Jagd geht es nicht nur um die bisher besprochene Jagd auf Rehwild. Genauso wichtig ist die Bejagung von Wildschweinen und anderen Schalenwildarten, auch zur Abwehr von Schäden in der Landwirtschaft und – bei Wildschweinen – als Maßnahme gegen die Ausbreitung der afrikanischen Schweinepest. Dunja Zimmermann: Die Jäger folgen auch dem technischen Fortschritt. Gerade bei der Jagd auf Schwarzwild spielen Nachtsichtgeräte, Wildtierkameras und modernste Waffentechnik bereits jetzt eine entscheidende Rolle. Das Bild des Jägers wird sich wandeln. Die Aufgaben der Jäger neben der eigentlichen Jagdausübung werden zunehmen. Artenund Biotopschutz, Wildtiermonitoring und Öffentlichkeitsarbeit für Umwelt und Natur werden künftig eine immer größerer Rolle spielen. Kreisjägermeisterin Dunja Zimmermann unterwegs mit dem „Lernort Natur“. Die Initiative der Jäger möchte u. a. Kinder darüber aufklären, welche Tiere bei uns zu finden (zu Hause) sind.

 

 

 

Paradiestouren im Schwarzwald-Baar-Kreis: Durchs romantische Obere Glasbachtal Die Wanderschuhe sind geschnürt, der Rucksack gepackt und die Vorfreude auf rund vier Stunden Natur ist groß. Mit einer Freundin mache ich mich auf den Weg ins Obere Glasbachtal. von Birgit Heinig Auf einem schmalen Trampelpfad mit traumhaft weichem Boden geht es bergan.

 

 

 

Da wir in Villingen leben, wird die Anreise zu unserem Startpunkt mit dem Auto bestritten. Nach kurzer Fahrt nach Buchenberg findet sich dort neben dem Rathaus gleich ein Parkplatz. Bevor wir den Weg unter die Sohlen nehmen, treibt uns die Neugier auf das Innere des fast 900 Jahre alten St. Nikolauskirchleins. Im Eingangsraum des Rathauses, so steht es auf unübersehbaren Hinweisschildern, kann man sich den riesengroßen Kirchenschlüssel von einem frei zugänglichen Haken nehmen. Kein Mensch ist zu sehen, nicht im Rathaus, nicht auf den Dorfstraßen, noch herrscht Coronapandemie, allerdings darf das Café-Restaurant Rapp im Freien Gäste begrüßen. Nach unserer Wanderung wird es eine Freude sein, dort Kaffee und Erdbeerkuchen mit Sahne zu genießen. Zunächst aber betreten wir ehrfürchtig und aufgrund des Mini-Portals mit eingezogenem Kopf den winzigen und für Familienfeiern so beliebten Kirchenraum, bewundern das Lichterspiel der einfallenden Sonne und fragen uns, wie viele Menschen hier in fast 1.000 Jahren wohl schon mit Gott gesprochen haben. Königsfeld im Blick Der Rundweg durch das „Obere Glasbachtal“ ist auf Schautafeln mit 13,5 Kilometern ausgewiesen. Er kreuzt sich in Königsfeld mit der Runde durch das „Untere Glasbachtal“ mit weiteren 11,7 Kilometern. Die Entscheidung fällt zugunsten der längeren Strecke, wir lassen das Kirchlein hinter uns und wenden uns gen Königsfeld – weg vom Glasbachtal. Es ist schon sehr warm an diesem Vormittag und wir sind froh, dass wir viel durch den Wald gehen können. Wir „baden“ quasi darin, versuchen, Vögel an ihrem Gesang zu erkennen, saugen die trotz steigender Temperaturen kühle Luft ein und schreiten – noch frisch und munter – kräftig voran. Zur Sicherheit ist der Touristen-Wanderplan vom Qualitätsweg „Oberes Glasbachtal“ dabei, schließlich wollen wir uns nicht verlaufen. Doch schon ist es passiert: Der Weg gabelt sich, die „blaue Raute“ ist aber nirgends zu entdecken. Nach Gefühl geht es weiter, wir treten aus dem Wald und haben Königsfeld im Blick. Der Weg führt uns nach Obermartinsweiler am Jungbauernhof vorbei, einem typischen Schwarzwaldhaus, 1591 im Gutacher Stil erbaut. Oben: Ein wunderschönes Kleinod – das 900 Jahre alte St. Nikolauskirchlein in Buchenberg. Weiter gehts – jetzt in praller Sonne – am Bregnitzhof vorbei bis in den wieder Schatten spendenden Königsfelder Doniswald. Kaum jemand ist unterwegs, vielleicht liegt es an der Mittagshitze, am flächendeckenden Homeoffice oder dem Wochentag. Abstecher zum neu gestalteten Zinzendorfplatz und zum – leider wegen Corona noch geschlossenen – Albert Schweitzer-Haus müssen sein und auch ein kleines Picknick im Schatten. An der Ruine Waldau vorbei ins Muckenloch Wir verlassen den Kurort auf dem Gehweg entlang der Straße in Richtung Hardt, müssen aber nicht

 

 

 

Der Blick auf einer sanften Anhöhe geht zurück zur Ruine Waldau. lange Autos an uns vorbeirauschen lassen – allenfalls ein paar wenige Golfspieler, die mit ihren Caddys von Loch zu Loch ziehen. Es geht wieder in den Wald und die Holzschilder „Waldauweg“ lassen ahnen, welches Etappenziel unser nächstes sein wird. Beim Wanderparkplatz an der Ruine Waldau stellen wir fest, dass wir zwar nicht nach Plan gelaufen, aber dennoch richtig angekommen sind. Die WaldauSchänke, der einstige „Beck-Hof“, der um 1822 vor die Ruine gebaut wurde, hat nur am Wochenende geöffnet – ein frisches, kaltes Mineralwasser bleibt leider ein Wunschtraum. Wir müssen auf die längst warme Plörre aus unseren Rucksäcken zurückgreifen. Dafür faszinieren uns die Reste der Burg, die der Graf von Urach, ein Vorfahr der Fürstenberger, zwischen 1218 und 1236 gründete. Seit 1885 ist die Ruine im Besitz des Staates, der sie instand hält. Bergan geht es weiter. Fast auf der Höhe angelangt, werfen wir – auf einer Bank verschnaufend – den Blick zurück auf die Ruine Waldau, schauen links in Richtung Mühllehen-Mühle, beobachten einen mit Heu schwer beladenen Traktor und genießen den Anblick der sattgrünen Wälder und Hügel vor uns. Und wieder geht es in den Wald. Es wird uriger, geheimnisvoller, wildromantischer und unter Es wird uriger, geheimnisvoller, wildromantischer und unter uns hören wir – zum ersten Mal auf dieser Tour – den Glasbach plätschern. uns hören wir – zum ersten Mal auf dieser Tour – den Glasbach plätschern. Uns führt der Weg ins Muckenloch. Glücklicherweise scheint der Name an diesem schwülwarmen Tag nicht Programm zu sein – wir bleiben von Insektenstichen verschont. Inzwischen verläuft die Strecke auf einem Teil des „Höfeund Mühlenwanderweges“ wir passieren den Hof der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Muckenmühle. Bis in die 1950er-Jahre hinein wurde hier noch Getreide gemahlen. Inzwischen ist das Ensemble im Privatbesitz und bezaubert den Wanderer mit der liebevollen Gestaltung durch die Bewohner. Die sind zwar nicht zu sehen, dafür grüßen

 

 

 

Von Oben: Steinmännlein grüßen am Wegesrand. Liebevolle Gestaltung an der Muckenmühle. Verschnaufpause mit herrlicher Aussicht. Unten: Der Glasbach plätschert unter einer steinernen Brücke hindurch. Gänse, Katzen und Familie Truthahn mit Nachwuchs. Den Glasbach überquerend, geht es wieder bergauf und erneut in den Wald. Entlang einem alten Römerweg Das Glasbachtal lässt aber immer wieder Einblicke zu, die Augen ruhen zwischen Nadelgehölz auf grünen Gräsern, auf Klatschmohn, Margeriten und Glockenblumen. Seltene Tiere, wie im Wanderprospekt angekündigt, sind uns bisher zwar noch nicht begegnet – oder wir haben sie vielleicht auch nur nicht als solche erkannt. Eine seltene Pflanze aber könnte die „ährige Teufelskralle“ sein, die uns jetzt hin und wieder am Wegesrand auffällt. Laut Wikipedia, ist sie hierzulande allerdings doch verbreitet und ihre jungen Blätter kann man angeblich sogar essen, weshalb sie auch „ährige Rapunzel“ genannt wird. Trotzdem lassen wir sie stehen. Der blau-rote Wegweiser „Oberes Glasbachtal“ zeigt nach rechts – und steil nach oben. Es heißt den bequemen Waldweg verlassen und den steilen Pfad über Äste und Zapfen in die Höhe stiefeln. Oben angekommen stellen wir fest, dass es von hier nur noch wenige Schritte bis „Siedichfür“ sind, einem Weiler mit gerade einmal vier Häusern, auf einer Hochebene entlang einem alten Römerweg zwischen Königsfeld und St. Georgen gelegen. Zunächst führt der Weg uns weiter über die Höhe, fällt dann allmählich wieder ab in Richtung Glasbachtal. Es ist ein schmaler Trampelpfad mit traumhaft weichem Boden der perfekt mit der „gelben Raute“ ausgeschildert ist. Das Ende ist in Sicht Inzwischen spüren wir die Kilometer nämlich schon in den Beinen und freuen uns über das sanfte Wandern durch einen sich immer wieder anders zeigenden Wald. Ein Grillplatz ist in Sicht und wir Durchs romantische Obere Glasbachtal

 

 

 

Wir genießen das kalte Wasser, das sich hier in eine Kneipp‘sche Anlage zum Armund Fußbad ergießt. stellen belustigt fest, diesen hätten wir auch erreicht, wären wir nicht dem Wegweiser gefolgt, sondern einfach weitergegangen – das Wandererlebnis der letzten halben Stunde wäre uns dann aber entgangen. Grillade haben wir freilich nicht dabei, aber genießen das kalte Wasser, das sich hier in eine Kneipp‘sche Anlage zum Armund Fußbad ergießt. Von unserem Rastplatz aus sehen wir das Schild „Nikolausskirchlein – 0,6 Kilometer“. Das Ende unserer Wandertour ist nahe, der Kreis schließt sich. Das Kirchlein grüßt schon von Weitem, von ganz oben am gegenüberliegenden Hang. Noch einmal Oben: Der Kreis schließt sich – das Nikolauskirchlein eingebettet in sattes Grün ist wieder in Sicht. Unten: Blick ins Glasbachtal. 298 überqueren wir den Glasbach, nicht ohne uns allerdings an dieser idyllischen Stelle Schuhen und Strümpfen zu entledigen und bis zu den Knien ins sandige Flussbett zu steigen – herrlich! Ein paar Höhenmeter kommen jetzt noch und das nächste Mal trauen wir uns auch über die Kuhwiese, wie es der Wegweiser angibt, erreichen dann nämlich die Straße direkt neben dem Kirchlein. Unser Fahrzeug ist nicht weit, das unsere müden Glieder nach einer genussvollen Kaffeepause im Café Rapp wieder nach Villingen bringt. Und das nächste Mal steht die Wanderung durch das „Untere Glasbachtal“ auf der Agenda.

 

 

 

Almanach-Magazin Notizen aus dem Landkreis Großübung auf gesperrtem Schwarzwaldbahnabschnitt 100 Einsatzkräfte proben den Ernstfall im Bahntunnel Im September wurde die wegen Sanierung über Monate gesperrte Bahnstrecke zwischen Hornberg und St. Georgen von Rettungsorganisationen aus dem SchwarzwaldBaar-Kreis für eine große Übung im und am 912 Meter langen Gremmelsbacher Tunnel genutzt. Etwa 100 Einsatzkräfte der Feuerwehren aus St. Georgen, Triberg und Hornberg, Rotem Kreuz, Polizei und Bundespolizei sowie Mitarbeitern des Notfallmanagements der Deutschen Bahn und dem Führungsstab des Landratsamtes probten dabei, wie in einem Ernstfall die Rettung aus einem Tunnel bestmöglich gelingen kann. Das ausgesuchte, anspruchsvolle Übungsobjekt forderte die Feuerwehrkräfte heraus. Simuliert wurde der Brand eines selbstfahrenden Arbeitsgeräts inklusiver verletzter Personen im Gremmelsbacher Tunnel. Erfolgreiche Sportlerin gefeiert Top-Biathletin Janina Hettich in Schönwald empfangen Der Skiclub Schönwald und der Biathlon-Nachwuchs bereiteten ihrem Aushängeschild Janina Hettich einen triumphalen Empfang am Schießstand im Rothaus-Loipenzentrum. Unter anderem wurde sie Deutsche Das speziell für Bahneinsätze konzipierte Schienenfahrzeug der Feuerwehr St. Georgen bringt Material an die Einsatzstelle im Tunnel. Unten: Die Einsatzkräfte haben den simulierten Brand eines selbstfahrenden Arbeitsgeräts im Gremmelsbacher Tunnel unter Kontrolle. Meisterin im Einzel und Sprint, dazu kamen zahlreiche Spitzenplatzierungen im Weltcup, so der Sieg in der Staffel in Oberhof. Als Krö nung der Erfolgssaison folgte die Silbermedaille mit der Staffel bei den Weltmeisterschaften 2021 auf der Pokljuka in Slowenien. Janina Hettich erhält die Sportlermedaille in Gold der Gemeinde Schönwald. Magazin

 

 

 

Debüt bei Olympia Dominik Köpfer bei den Olympischen Spielen in Tokio Nach einem perfekten Auftaktspiel beim olympischen Tennisturnier ist der 27-jährige Furtwanger Dominik Koepfer als zweiter Olympiateilnehmer aus dem Schwarzwald-BaarKreis im Achtelfinale in Tokio ausgeschieden. Der im Herbst 2021 unter den „Top 70“ rangierende Weltranglisten-Spieler unterlag nach hartem Kampf dem Spanier Pablo Carreno Busta 6:7 (7:9), 3:6. Mit zwei Siegen und dem Achtelfinaleinzug bei seinen ersten olympischen Sommerspielen darf der Tennisprofi dennoch sehr zufrieden sein. Große Achtung erwarb er sich im Tennisjahr 2021 auch durch ein heiß umkämpftes Match gegen Dominik Köpfer Altmeister Roger Federer, der bei den French Open bis weit nach Mitternacht kämpfen musste, um den Furtwanger zu besiegen. Zentrum auf der Mögglingshöhe Der Umweltschutz hat hier seine Heimat Eine Erfolgsgeschichte schreibt das Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar, das einst anlässlich der Landesgartenschau 2010 auf der Möglingshöhe in Schwenningen aus dem Boden spross und 2021 sein 10-jähriges Bestehen feiern konnte. Landrat Sven Hinterseh betonte, die Zusammenarbeit sei äußerst wertvoll. Er lobte den großartigen Einsatz für den Neckar, der einen neuen Stellenwert erhalten habe. Als Geschenk brachte Landrat Sven Hinterseh zehn Obstbaumstämme alter Obstsorten mit. Wahlergebnisse der Bundestagswahl vom 26. September 2021 Ergebnisse der Bundestagswahl vom 26. September 2021 im Wahlkreis 286 Schwarzwald-Baar (Amtliches Endergebnis)

 

 

 

Christian Wörpel tritt zweite Amtszeit an Heiko Wehrle neuer Bürgermeister von Vöhrenbach Unterkirnach: Andreas Braun im Amt bestätigt Bei der Bürgermeisterwahl in Schönwald haben die Bürger am Sonntag, 15. November 2020, im ersten Wahlgang Christian Wörpel (parteilos) im Amt bestätigt. Bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent entfielen 94,26 Prozent der abgegebenen, gültigen Stimmen auf den 37-Jährigen. Heiko Wehrle ist am 26. September zum neuen Bürgermeister von Vöhrenbach gewählt worden. Die Wahlbeteiligung lag bei 67,1 Prozent. Der Hauptamtsleiter von Hinterzarten und gebürtige Vöhrenbacher erhielt 80,8 Prozent von insgesamt 2.963 möglichen Stimmen. Sein Mitbewerber kam auf 17 Prozent. Bürgermeister Andreas Braun bleibt Rathauschef in Unterkirnach. Am 26. September 2021 erreichte er mit 66,8 Prozent (949 Stimmen) die absolute Mehrheit und kann damit seine zweite Amtszeit in Unterkirnach starten. Der 57-Jährige setzte sich damit klar gegen vier weitere Bewerber durch. Wahlergebnisse der Landtagswahl vom 14. März 2021

 

 

 

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Stand der Wohnbevölkerung

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Bunse, Heinz, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dinkelaker, Dr. Frieder, Landratsamt Schwarzwald-Baar Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal Graßmann, Peter, 78050 Villingen-Schwenningen Heinig, Birgit, 78052 Villingen-Schwenningen Hinterseh, Sven, Landratsamt Schwarzwald-Baar Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Kienzler, Michael, 78086 Villingen-Schwenningen Lutz, Bernhard, 78183 Hüfingen Koch, Michael, Regierungspräsidium Freiburg Kommert, Hans-Jürgen, 78098 Triberg Möller, Bernd, 78126 Buchenberg Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen Richter, Gabor, 78112 St. Georgen Ryszkowski, Marc, 73728 Esslingen Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Wacker, Dieter, 78052 Villingen-Schwenningen Bildnachweis Almanach 2022 Titelseite: Baaremer Tracht, Modell: Jessica Bisceglia Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Rückseite: Monduntergang bei Wildgutach Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Soweit die Fotografen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bildautoren/Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2/3, 5, 9, 10-12, 14-19, 35 u., 44-49, 72/73, 76, 117, 172/173, 179-181, 194/195 ob., 264/265, 279 re., 291; Christa und Hubert Kunz, Villingen: 13, 243, 247, 248, 249, 256, 257, 261; Landratsamt Schwarzwald-Baar Kreis: 23-28, 37, 289; 292, 293; DreiWelten Card: 29-31; Michael Kienzler: 32/33, 34, 35 ob., 36; Marc Eich: 39, 41, 43; Tanja Bury, Bad Dürrheim: 50/51, 53, 57; Bernhard Bolkart, Schonach: 52, 54, 55, 56; Michael Stifter, Vöhrenbach: 58/59, 60/61, 62, 83 ob., 90, 91,113, 114/115, 224 ob. 282/283; Wilfried Straub, Schönenbach: 64, 65; Alaa Hamo, Furtwangen: 67, 68, 69, 70; Hans-Jürgen Kommert, Triberg: 71, 274, 278, 299 u.; Barbara Dickmann, Triberg: 75; Wolfgang Günzel, Offenburg: 77; Sammlung Grässlin, St. Georgen: 78; Maximilian Kamps, Stuttgart: 80/81, 86, 93; Jens Hagen, Villingen: 94/95, 97, 98 u., 101; Roland Sigwart: 100 1+2 ob.; Daniel Infanger, Zürich: 100 u.; Roland Sprich, St. Georgen: 102/103, 107, 108, 109 ob., 230/231, 232, 233, 234, 235, 280, 281, 299 ob.; Firma Faller, Gütenbach: 104/105, 109 m. u.; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 110/111, 118 131, 196/197, 203; Stadt Villingen Schwenningen: 132/133, Birgit Heinig: 134, 135, 139-141, 294-298; Archiv, Hannes Frey, Villingen: 136; Rudolf Reim, Villingen: 137; MPS-Studio, Villingen: 138; Rolf Wetzel, Donaueschingen: 142/143, 150 ob., 151 u., 153; Archiv Willi Hönle, Donaueschingen: 144; Heinz Bunse, Donaueschingen: 145, 146u., 148, 150 u., 151 ob., 152, 154, 155 ob.; Holger Jung, Donaueschingen: 146; Stadtarchiv Donaueschingen: 147, 149, 155 u.; Archiv Jürgen Kauth, Bad Dürrheim: 156/157, 159, 161 171; Archiv Bury, Bad Dürrheim: 158; Gemeinfreie, Wikipedia: 160; Archiv Doldverlag, Vöhrenbach: 174-177; Stadt Bräunlingen, Bernhard Hauser: 178; NUMENA, Tuttlingen: 182/183, 192 ob., 193 ob.; Stadtarchiv Villingen: 184/185; Regierungspräsidium Freiburg, Ref. Denkmalpflege: 186; Archäologische Illustrationen: 187 ob., 189 u., 190 ob., 194; Wirtschaft und Tourismus Villingen-Schwenningen: 187 u.; Carlo Dell‘Orto, Wikipedia: 189 o.; Franziskanermuseum: 190 u., 191, 192 u.; Stadtarchiv Bad Dürrheim: 199; Katja Reichert, Illustrationen: 200/201 u.; Archiv Manfred Hildebrand, Villingen: 201 ob.; Kreisarchiv VillingenSchwenningen: 205 li.; Marc Ryszkowski, Stuttgart: 205 re.; Öschberghof GmbH: 206/207, 208, 210 re., 211 m., 212,213, 215, 217, 219; Manuel Ulrich, Heidenhofen; 209, 210 li., m., 211 li., re.; maramoonshine photography, Schonach: 220/221, 222, 223, 224 u., 225, 227 ob., 228; Sat1: 226, 227 u.; Löwen Patisserie, Schönwald: 229; Bernd Möller, Martinsweiler: 236/237, 244, Anna Lauble, Martinsweiler: 238, 239, 241, 245, 250/251, 252, 253, 254, 255, 258, 259, 260, 262/263; Jessica Bisceglia, Trossingen: 266; Cara-Lee Echle, Niedereschach: 267, 269 u., 271; Anna Grewlding, Wittlich: 268; Sebastina Klingk, VS-Villingen: 269 ob., 270; Garbor Richter, Peterzell: 272/273; Aline Rotter-Focken: 275; Burger Group, Tom Weller: 277; EGT, Triberg: 279 li.; Erich Marek, Villingen: 284; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 286, 287; 303

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2022

 

 

 

Monduntergang – fotografiert von der B 500 beim Lachenhäusle aus mit Blick auf das Neukircher Hexenloch, Wildgutach und St. Märgen.

 

 

]]>
https://almanach-sbk.de/almanach-2022/feed/ 0
Almanach 2021 https://almanach-sbk.de/almanach-2021/ https://almanach-sbk.de/almanach-2021/#respond Thu, 15 Dec 2022 10:42:36 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2021/  

Schwarzwald-Baar Jahrbuch Almanach 2021

 

 

 

Foto: Sunthausen mit Sunthausener See und Alpenpanorama. He raus ge ber: Land rats amt Schwarz wald-Baar-Kreis www.schwarz wald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de Re dak ti on: Sven Hinterseh, Landrat Wil fried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informationsund Kulturamt Stadt Hüfingen Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Ver vielfältigungen je der Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und un ter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2020 www.dold ver lag.de Druck: BaurOffset Print e.K., VS-Schwenningen ISBN: 978-3-948461-05-8 2

 

 

 

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen Corona Schwerpunkt Rad Wiederwahl von Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten Stenogramm einer Pandemie Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 10 42 82 Es gab stehende Ovationen durch den Kreistag – die Freude stand Sven Hinterseh und seiner Familie ins Gesicht geschrieben. Seine Wiederwahl zum Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises am 16. März 2020 geriet zu einem großartigen Vertrauensbeweis: Sie erfolgte in geheimer Abstimmung und ohne Gegenstimme. Es gab stehende Ovationen für einen Landrat aus Berufung. Corona versetzt im Jahr 2020 die Menschen in einen so nie gekannten Ausnahmezustand. Mit der Situation im Schwarzwald-Baar Klinikum, der Arbeit des Gesundheitsamtes und des Landratsamtes in dieser so nie gekannten Situation, aber besonders auch mit den Sorgen der Bevölkerung im Landkreis, befasst sich der Almanach im Corona-Schwerpunkt. In Zeiten von Klimaschutz und eingeschränkter Reisemöglichkeiten bietet das E-Bike sprich Zweirad viele Möglichkeiten, die eigene Heimat zu erkunden. Der Almanach stellt das kreisweite Radwegenetz vor und beschreibt vier Radtouren im Schwarzwald und auf der Baar. 4 Inhalt

 

 

 

Inhaltsverzeichnis Impressum 2 8 Miteinander, füreinander – ein Jahr großer Herausforderungen / Sven Hinterseh 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 10 Ovationen zur Wiederwahl – Mutig unsere Zukunft 24 gestalten! / Wilfried Dold Joachim Gwinner – Sich stets als Anwalt der Bürger verstanden / Wilfried Dold 32 Professor Dr. Ulrich Fink – Medizinische Versorgung im Landkreis gebündelt / Hans-Jürgen Eisenmann 2. Kapitel / Corona – Stenogramm einer Pandemie 42 Corona-Situation spitzt sich zu 44 Tage weit weg von normaler Arbeit / Nathalie Göbel 52 Stenogramm eines Lockdowns / Wilfried Dold Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer / Nathalie Göbel 66 74 Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? / Roland Sprich und Wilfried Dold 3. Kapitel / Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 82 Die Entwicklung des Radwegenetzes im SchwarzwaldBaar-Kreis / Simone Neß 88 Brigach und Breg bringen die Donau zuweg: Vom Zusammenfluss an die Brigachquelle / Wilfried Dold 102 Der Schellenberg-Trail / Silvia Binninger 110 Der jungen Donau entlang / Rudolf Reim 122 Von Villingen zum Nikolauskirchle / Birgit Heinig 132 Den Neckar entlang ins Neckartäle / Michael Kienzler 4. Kapitel / Städte und Gemeinden 146 Der neu angelegte Kurpark – lebendige, vielgestaltige Mitte des Skidorfs Schonach / Claudius Eberl 5. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 154 Das Haus Eschle in Schönwald / Marc Eich 164 Andrea Pfrengle – In Stein meißeln, Geschichten erzählen / Marc Eich 172 Zappel-Philipp – das Kinderfachgeschäft mitten in der historischen Villinger Altstadt / Birgit Heinig 178 Simone Puchinger – International erfolgreiche ProfiTänzerin aus Furtwangen / Gerhard Dilger Städte und Gemeinden Neu angelegter Kurpark in Schonach 146 Am 13. Juli 2019 konnte der neue Schonacher Kurpark nach knapp drei Jahren Bauzeit in seiner Ganzheit eröffnet werden. Rund 5.433 Quadratmeter Pflastersteine wurden verlegt, 25.560 Kubikmeter Erde bewegt. Aus dem Kurpark ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ort für Spiel und Spaß geworden. Inhalt 5

 

 

 

Da leben wir Fastnacht Kunst und Kultur Andrea Pfrengle – In Stein meißeln, Geschichten erzählen Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste… Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen 164 240 264 Sie lebt im „Eschle“, einem 200 Jahre alten Kaufhaus in Schönwald, und schon immer war Andrea Pfrengle kreativ. Lange Zeit hat sie gemalt und gezeichnet – dann brachte sie eine Freundin zur Bildhauerei. Mittlerweile sind acht Jahre vergangen, und es ist ein vielgestaltiges Werk entstanden, das bei Ausstellungen hohe Wertschätzung erfährt. Stroh in der Hose und ein Brett auf dem Rücken ‒ bei der historischen Villinger Fastnacht sorgt die WueschtGruppe seit langer Zeit für Furore, genießt Kultstatus. Wie es ist, an der Fastnacht über mehrere Tage hinweg mit Stroh ausgestopft herumzulaufen, beschreibt der Wuescht Dieter Wacker aus der Ich-Perspektive. Schwebende oder ans Kreuz genagelte Roboter, Haarbürsten, die sich der Morgensonne zuwenden oder das DiscokugelBraininterface: Der aus Niedereschach stammende Medienkünstler Olsen arbeitet im Atelier in St. Georgen an Objekten und Installationen aus dem Bereich der Maschinenkunst. 6 Inhalt

 

 

 

Natur und Umwelt Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum 302 Bei der erstmals hergestellten Streuobstschorle von Bad Dürrheimer handelt es sich um einen besonderen regionalen Genuss in limitierter Abfüllung. Das Beste: Mit jedem Schluck wird die Streuobstkultur auf der Baar gefördert und damit zugleich ein wichtiger Beitrag für den Erhalt der Artenvielfalt geleistet. 186 Bernhard Gail – Ein Hobby zwischen Raum und Zeit / Tanja Bury 194 Melanie Reischl – Tattoostudio Tintenfass / Mark Eich 200 Bianca Purath – Alles hat seine Zeit / Silvia Binninger 6. Kapitel / Wirtschaft 206 „Sicher. Sauber. ALPRO“ / Eric Zerm 214 Maschinenring – Mit einem Rübenernter fing alles an / Roland Sprich 222 Nastrovje Potsdam – Das Kultlabel aus dem Schwarzwald / Simone Neß 232 Brennerei Mack – „Wasser des Lebens“ aus den Gütenbacher Highlands / Roland Sprich 7. Kapitel / Schwäbisch-Alemannische Fastnacht 240 Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste… / Dieter Wacker 8. Kapitel / Kunst und Kultur 258 Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst / Barbara Dickmann 264 Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen / Barbara Dickmann 9. Kapitel / Gastlichkeit 272 Orient trifft Okzident – Restaurant Felsen in VS-Schwenningen / Eric Zerm 10. Kapitel / Natur und Umwelt 278 Im Gespräch mit zwei Höhlenbrüter-Experten / Wolf Hockenjos 288 Wie sieht der Wald der Zukunft aus ? Waldzustand nach Sturm Sabine und Borkenkäfer / Dr. Frieder Dinkelaker 298 Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne / Wolf Hockenjos 302 Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut / Tanja Bury Anhang 316 Almanach-Magazin 318 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer Inhalt 7

 

 

 

Miteinander, füreinander – ein Jahr großer Herausforderungen Liebe Leserinnen und Leser, ein Jahr, das seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland die größten Herausforderungen für unser Land, unsere Gesellschaft, die Wirtschaft und Politik sowie vor allen Dingen für uns Bürgerinnen und Bürger – für jede Einzelne und jeden Einzelnen von uns – mit sich gebracht hat, liegt nun beinahe hinter uns: 2020 stand die Bewältigung sowie der „richtige“ Um gang mit der weltweiten Corona-Pandemie über allem. Im Frühjahr 2020 wurde unser aller Leben, der gewohnte Alltag, für einige Wochen außer Kraft gesetzt. Eine Zeit, die viele von uns aber auch einmal zum Innehalten und zum Besinnen auf das Wesentliche nutzen konnten. Schien die Corona-Pandemie Mitte des Jahres für viele beinahe schon wieder überstanden, kam sie im Herbst mit voller Wucht zurück. Trotzdem hat das Jahr 2020 bei allen Schwierigkeiten und großen Herausforderungen aber einmal mehr sehr deutlich gezeigt, dass wir hier im SchwarzwaldBaar-Kreis grundsätzlich gut aufgestellt sind: Hier leben verantwortungsvolle und hilfsbereite Bürgerinnen und Bürger, die sich vorbildlich an Regeln und so manche Einschränkung zum Schutze ihrer Mitmenschen halten. Darüber hinaus sind wir aber auch ausgestattet mit qualifizierten und hochleistungsfähigen Fachleuten, insbesondere im Gesundheitsbereich, sowie im Bereich des Katastrophenschutzes, in der Nahversorgung, bei den Behörden und in vielen anderen Bereichen. Bisher haben wir im Schwarzwald-Baar-Kreis fest zusammengehalten – auch wenn wir weiter physisch Abstand zueinander halten müssen – und dies gilt es auch in den kommenden Monaten zu pflegen. Wir sollten insbesondere auch nicht diejenigen vergessen, die das Jahr 2020 sehr schwer getroffen hat. Umso wichtiger ist es, uns mit dem Almanach 2021 ein Stück „Normalität“ zurückzugeben und zu bewahren. Wir wollen dabei zum einen auf Bewährtes und feste Traditionen, wie beispielsweise die Villinger Fasnet, zurückblicken, zum anderen aber auch neue Entwicklungen aufzeigen sowie unsere Aufmerksamkeit auch den Menschen und Berufsgruppen widmen, die das vergangene Jahr ganz besonders geprägt und teilweise schwer gebeutelt hat. Künstlerinnen und Künstler, Wirtschaftsunternehmen, aber auch besondere Persönlichkeiten unserer Heimat finden im Almanach 2021 mit informativen Beiträgen wieder ihren Platz. Mein Dank gilt auch in diesem Jahr wieder allen, die dazu beigetragen haben, dass das Schwarzwald-Baar Jahrbuch auch 2021 in ansprechender und informativer Form entstehen konnte. Ebenso bedanke ich mich ganz herzlich bei all den treuen Freunden und Förderern unseres Almanachs und insbesondere auch bei den zahlreichen Autoren und Fotografen, ohne die dieses Werk nicht hätte erscheinen können. Auf ein ganz besonderes Ereignis können wir in diesem Jahr gemeinsam mit dem Vöhrenbacher dold.verlag blicken: auf unsere 25-jährige Almanach-Zusammenarbeit. Aus diesem Grund möchte ich dem dold.verlag ein ganz großes Dankeschön aussprechen für 25 Jahre erfolgreiche und vertrauensvolle Kooperation bei unserem gemeinsamen Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar Jahrbuch, unserem Almanach. Gleichzeitig danke ich aber auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der 45. Ausgabe und wünsche Ihnen nun, dass Sie auch in diesem Almanach, unserem Schwarzwald-Baar Jahrbuch 2021, jede Menge anregenden Lesestoff finden. Bei der Lektüre wünsche ich Ihnen viel Freude sowie gute Unterhaltung. Ihr Sven Hinterseh, Landrat 8 Zum Geleit

 

 

 

Ovationen zur Wiederwahl – Mutig unsere Zukunft gestalten! Sven Hinterseh für weitere acht Jahre einstimmig als Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises bestätigt 10 10 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Es gab stehende Ovationen durch den Kreistag – die Freude stand Sven Hinterseh und seiner Familie ins Gesicht geschrieben. Seine Wiederwahl zum Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises am 16. März 2020 geriet zu einem großartigen Vertrauensbeweis: Sie erfolgte in geheimer Abstimmung ohne Gegenstimme. Sven Hinterseh rief nach Ablauf der ersten achtjährigen Amtszeit im Rahmen der Bewerbungsrede für seine Wiederwahl dazu auf, mutig unsere Zukunft zu gestalten und nicht die Zuversicht zu verlieren. Es war eine Wahl im Schatten von Corona: ohne Händeschütteln, mit abgekürzter Bewerbungsrede und ohne nachfolgende Feier. Mit pandemiebedingtem Sicherheitsabstand übermittelten alle Fraktionen des Kreistages ihre Glückwünsche – herzlich und freudig. Sie galten einem Landrat aus Berufung, der den Schwarzwald-Baar-Kreis mit großer Tatkraft in seine Zukunft führt, in die Zeit nach Corona und ins Zeitalter der Digitalisierung. Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten!

 

 

 

Ob die Wiederwahl als Landrat überhaupt würde stattfinden können, war bis kurz vor Beginn der Kreistagssitzung ungewiss. Im Stundentakt brachen neue Corona-Hiobsbotschaften über die Bevölkerung und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen, der Verwaltung und Politik herein. Zwei Tage später, am 18. März, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernseh ansprache für Deutschland den Lockdown. Der eben in seine zweite Amtszeit wiedergewählte Landrat Sven Hinterseh schlüpfte endgültig in die Rolle des kreisweiten Krisenmanagers – an eine Rückkehr in den politischen Alltag ist bis heute nicht zu denken. Wie schon die Wahl, stand auch die Vereidigung für die zweite Amtszeit durch Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer im Zeichen von Corona. Der Kreistag versammelte sich dazu am 27. Juli in der Neuen Tonhalle in VS-Villingen, weil nur dort für ein so großes Gremium die Sicherheitsabstände eingehalten werden konnten. Offiziell hat die zweite Amtszeit am 1. Juni 2020 begonnen. Auch der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich als Folge massiver Einnahmeausfälle durch Corona für seinen Haushalt die Umsetzung von Einsparungen auferlegt. Zahlreiche Projekte werden zeitliche Verzögerungen erfahren, beziehungsweise der Kreistag diskutiert deren Machbarkeit in Zeiten von Corona neu. „Jetzt hoffen wir, dass die Rettungsschirme von Bund und Land greifen, nur wenige Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und hoffentlich die sozialen Systeme nicht überlastet werden“, blickt Sven Hinterseh in einem am 28. September 2020 geführten Interview in die bis heute ungewisse Zukunft. Das nachstehend wiedergegebene Gespräch ist eine Bilanz der ersten acht Jahre im Amt des Landrates und der Versuch eines Ausblicks auf die Kreispolitik im Zeitalter nach Corona. Herr Hinterseh, Ihr Rückblick auf die Jahre 20122020, die erste Amtszeit als Landrat und Ihr Ausblick auf die zweite Amtszeit aus Anlass der Wiederwahl am 16. März des Jahres 2020 war überschattet von den Ereignissen der Pandemie. Wie haben Sie als frisch im Amt bestätigter Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises diese Zeit erlebt? In der Tat – Corona hat unser aller Leben vollständig verändert! Wir im Landratsamt betreiben seit Monaten überwiegend Krisenmanagement. Es galt und gilt ungeheuer viele Prozesse und Verwaltungsabläufe zu koordinieren und abzustimmen. Es gibt ja nirgendwo ein Gesetz, in dem steht: Wenn Corona ausbricht, dann hat das Landratsamt folgende Aufgaben zu erfüllen … und es besteht auch kein Pflichtenkatalog, der Beim Auszählen der Stimmen zur Landratswahl folgte ein „Ja“ auf das andere. Rechts: Walter Klumpp, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, gratuliert Landrat Sven Hinterseh zur einstimmigen Wiederwahl. 12 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Am 27. Juli 2020 vereidigte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer in einer Kreistagssitzung in der Neuen Ton halle in VS-Villingen Landrat Sven Hinterseh für seine zweite Amtszeit. Regierungspräsidentin vereidigt Landrat Sven Hinterseh für zweite Amtszeit „Fulminantes Ergebnis“ In der Kreistagssitzung am 27. Juli vereidigte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer den wiedergewählten Landrat Sven Hinterseh für seine zweite Amtszeit. Sie erinnerte in ihrer Ansprache an die erste Wahl Sven Hintersehs zum Landrat im Jahr 2012. Damals habe er mit viel Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen überzeugt. Nun konnte er mit 100 Prozent der Stimmen ein fulminantes Ergebnis bei der Wiederwahl am 16. März 2020 verzeichnen, so die Regierungspräsidentin, dies sei ein riesiger Vertrauensbeweis. Landrat Sven Hinterseh habe stets Weitblick, den Mut für innovative Entscheidungen und großes persönliches Engagement gezeigt. Er sei ein Landrat, der keine Parteipolitik, sondern Politik mit allen in den Mittelpunkt stelle. Dabei seien wegweisende Entscheidungen getroffen worden, wie beispielsweise die Gründung des Zweckverbands Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar. „Hier geht es um ein Jahrhundertprojekt“, hob Bärbel Schäfer die Tatkraft der politisch Verantwortlichen lobend hervor. Auch bei den Schulen habe der Landkreis viele Sanierungen und Erweiterungsmaßnahmen umgesetzt. Bei dem Thema Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) bestehe ein intensiver Kontakt mit dem Regierungspräsidium. Zudem erinnerte die Regierungspräsidentin an die Investitionen des Kreises beim Neubau des Zentralklinikums 2013. „Bei der Corona-Pandemie konnten wir nun erfahren, wie wichtig die Zentralkliniken sind“, betonte Bärbel Schäfer. Ein Blick zurück galt der Flüchtlingssituation des Jahres 2015. Damals habe sich Landrat Sven Hinterseh bei der Flüchtlingsaufnahme als Krisenmanager bewiesen: „Sie haben nicht „hier“ geschrien, aber sich auch nicht weggeduckt. Hierfür möchte ich mich persönlich bei Ihnen bedanken.“ Auch jetzt, in der Corona-Pandemie, hätten die Landkreise gezeigt, wie schnell sie ihre Krisenstäbe hochfahren können, der SchwarzwaldBaar-Kreis habe sehr früh reagiert. Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 13

 

 

 

auflistet, was zu tun wäre. Entscheidend scheint mir, das Gebot der Stunde zu erkennen. Auch wenn das Landratsamt für viele Aufgaben nicht zuständig ist, kann es dennoch vermitteln, sich um Lösungen bemühen. Der Kassenärztlichen Vereinigung haben wir geholfen, die Corona-Ambulanz in Betrieb zu nehmen. Dem Schwarzwald-Baar Klinikum konnten wir zur Seite stehen, als es darum ging, mit den Reha-Einrichtungen über eventuelle Not-Kapazitäten zu sprechen. Wir haben Seniorenund Pflegeeinrichtungen beraten, Schutzmasken und -kleidung beschafft und vieles mehr. Wie wir alle, war kein Landrat vor Ihnen mit so einer Situation konfrontiert … Corona ist weltweit eine einzigartige Herausforderung. Wir erlebten 2015/2016 einen ungewöhnlich großen Zustrom geflüchteter Menschen. Manche bezeichneten diese Situation als Krise, ich spreche von einer Herausforderung. Die Bewältigung der Corona-Pandemie hingegen ist bislang in der Tat einzigartig. Wir alle Es gibt ja nirgendwo ein Gesetz, in dem steht: Wenn Corona ausbricht, dann hat das Landratsamt folgende Aufgaben zu erfüllen… Und es gibt auch keinen Pflichtenkatalog, der auflistet, was zu tun wäre. haben uns nicht gewünscht, in so eine Situation zu geraten. Wir befinden uns nach wie vor mitten in der Pandemie – keinesfalls darf man die Lage auf die leichte Schulter nehmen. Dieser Tage war ich selbst kurze Zeit mit einem Corona-Infizierten im gleichen Auto unterwegs. Ich musste mich umgehend testen lassen – der Test fiel negativ aus. Was mich generell verwundert: Die Zahl meiner Auswärtstermine hat stark zugenommen. Nicht immer ist mir wohl dabei, Corona ist längst nicht überwunden. Wir müssen als Ge14 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

sellschaft das richtige Maß finden – das ist eine Aufgabe der nächsten Monate. Der Ausbruch der Corona-Pandemie im Schwarzwald-Baar-Kreis fällt ziemlich exakt mit dem Ende Ihrer ersten Amtszeit und der Wiederwahl zum Landrat zusammen. Sie wurden in geheimer Wahl ohne Gegenstimme im Amt bestätigt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt? Diese Eindeutigkeit war von mir zu keiner Zeit so erwartet worden. Ich hatte mir natürlich ein starkes Ergebnis gewünscht, aber dass es in geheimer Wahl einstimmig wird, das hat mich doch überrascht und sehr gefreut. Blicken wir auf die Zeit vor Corona zurück. Die Grundlagen für die „Zukunftsregion Schwarzwald-Baar“ zu schaffen, war Ihnen ein wichtiger Ansatz. Welche Impulse konnten Sie geben? Ich bin schon lange in der Politikberatung aktiv. Als Berater und Begleiter von Politiker*innen, eigentlich mein ganzes Berufsleben lang. Es ist meine feste Überzeugung, dass man die mit der Politik verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen muss. Das bedeutet, Zukunftsthemen aktiv anzugehen und die Themenfelder klar und mit Kraft nach vorne zu entwickeln. Infrastrukturthemen sind für einen Landkreis von entscheidender Bedeutung – insbesondere die Sicherstellung der digitalen Infrastruktur. Eine zentrale Rolle spielt dabei die durch Sie initiierte Demografiestrategie? In der Tat. Sie gab und gibt mir noch immer die Legitimation, unsere Zukunftsaufgaben konkret anzupacken. Sie fungierte in den letzten Jahren als gute Richtschnur unseres Handelns. Die Demografiestrategie ist im Kreistag, mit den Städten und Gemeinden sowie in Bürgerworkshops gemeinsam erarbeitet und einstimmig verabschiedet worden. Breitbandausbau, ÖPNVWeiterentwicklung, ärztliche Versorgung und Es ist meine feste Überzeugung, dass man die mit der Politik verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen muss. Das bedeutet, Zukunftsthemen aktiv anzugehen und die Themenfelder klar und mit Kraft nach vorne zu entwickeln. andere Themen sind in ihr angelegt. Sie sichert unsere Daseinsvorsorge. Und wie ich schon bei meiner Bewerbungsrede am 16. März ausführte: Es liegt mir besonders am Herzen, die Daseinsvorsorge nicht nur in unseren Städten und größeren Gemeinden zu erhalten und auszubauen, sondern gerade auch in den vielen Teilorten mit 300, 400 oder 500 Einwohnern sicherzustellen. Ihr sicherlich mit wichtigstes Projekt war der Einstieg in den Aufbau der Breitbandversorgung und die Gründung des Zweckverbands Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar. Wo stehen wir beim Aufbau des Glasfasernetzes am Beginn Ihrer zweiten Amtszeit? Wir haben in den letzten acht Jahren ganz Erhebliches geleistet, weit über 11.000 Haushalte sind bereits am Netz, und bis Ende 2019 wurden mehr als 130 Mio. Euro investiert. Der Glasfaserausbau hat die gleiche Bedeutung wie die Trinkwasseroder Stromversorgung. Wir haben dafür dank unserer klugen Politik viele Millionen Euro an Fördergeldern von Bund und Land erhalten. Und wir haben vor allen Dingen – das erscheint mir noch viel wichtiger – bei Land und Bund gezielt Einfluss nehmen können, wie die Förderkulissen ausgestaltet werden, sodass sie für uns auch passen. Das fällt alles nicht vom Himmel. Dafür muss man hart arbeiten, benötigt ebenso die Unterstützung seitens unserer Mandatsträger*innen. Ich wünsche mir, dass wir am Ende meiner zweiten Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 15

 

 

 

Amtszeit sagen können, dass der Breitbandausbau gemeistert ist. Und das ist im SchwarzwaldBaar-Kreis mit seinen über 1.000 km2 Fläche schon nicht ganz einfach. Eigentlich wollte ich keine Beispiele nennen, aber denken Sie, dass Sumpfohren, Nußbach, der Rensberg oder Unterbränd – und das sind jetzt nur ein paar wenige Orte – ohne unseren Zweckverband und ohne dieses solidarische Miteinander jemals schnelles Internet bekommen hätten? Wohl kaum, wie uns die Vergangenheit lehrt. Das Internet ist in der Corona-Zeit für viele über Nacht zur Existenzfrage geworden. Sind es jetzt überwiegend noch die eher ländlichen Regionen, die auf das Glasfaserkabel warten müssen? Nein. Zum Teil kommt es auch in größeren Städten zu einer Unterversorgung, von der einzelne Straßenzüge oder nur Teile einer Straße betroffen sind. Die Welt ist in dieser Hinsicht ziemlich kompliziert. Es gibt Orte im Landkreis, die sind zu 80 Prozent oder mehr gut ausgebaut. Und doch finden sich im gleichen Ort kleine Bereiche, die noch schlecht erschlossen sind. Da geht es teils um Grundstücksfragen, oft vor allem um die Wirtschaftlichkeit eines Teilausbaus. Über das schnelle Internet habe ich viele Gespräche mit Bürger*innen geführt. Es gibt den SAP-Berater, der deutschlandweit unterwegs ist, der vieles von zu Hause aus machen könnte, wenn er diese symmetrischen Glasfaseranschlüsse hätte. Es gibt die Wirtschaftsprüferin, die im Achdorfer Tal lebt, und gleichfalls das schnelle Internet braucht, damit sie von zu Hause aus arbeiten kann. Heute gilt: Auch das Achdorfer Tal ist am Netz! Es gibt genauso die Lehrer*innen, die gerade zu Corona-Zeiten die schnellen Anschlüsse benötigen, um ihren digitalen Unterricht bewerkstelligen zu können. Weiter den Studenten im Bregtal oder den Schüler im Glasbachtal bei Königsfeld, der auf schnelles Internet angewiesen ist. Spätestens mit Aufkommen von Corona haben alle erkannt, dass es das Glasfaserkabel einfach braucht, um technisch zukunftsfest aufgestellt zu sein. Denken Sie, dass Sumpfohren, Nußbach, der Rensberg oder Unterbränd ohne unseren Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar und ohne dieses solidarische Miteinander jemals schnelles Internet bekommen hätten? Ist der Schwarzwald-Baar-Kreis auch beratend tätig? Wir sind aktuell – auch im Auftrag der Städte und Gemeinden – mit dem Aufbau eines digitalen Netzwerkes für alle öffentlichen Einrichtungen im Landkreis als Grundlage für unsere interkommunale Zusammenarbeit beschäftigt. Das ist ein Angebot, das mit dem Voranschreiten des Glasfasernetzes korrespondiert: Nur mit den Möglichkeiten des schnellen Internets lässt sich so ein Zusammenschluss auch realisieren. Damit sind große Synergieeffekte verbunden, ebenso erhebliche Einsparungen für den Landkreis und die Kommunen. Sie haben die Schulen, die Bildung, angesprochen. Hat Corona den Schulen sozusagen über Nacht die Digitalisierung beigebracht? Das ist rhetorisch überhöht. Der SchwarzwaldBaar-Kreis bemüht sich als Schulträger seit Jahren intensiv um die Digitalisierung. Wir hatten gleichfalls schon vor Jahren ein Pilotprojekt mit der Hochschule Furtwangen initiiert und abgeschlossen. Das heißt, wir haben unseren Masterplan, wie wir die Digitalisierung in die Schulen und in den Unterricht bringen. Natürlich hat Corona dazu geführt, dass sich in ganz kurzer Zeit eben alle mit diesem Thema auseinandersetzen mussten. Insofern war und ist Corona mit Sicherheit ein Treiber dieser Entwicklung. 16 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Gibt es ein Gefälle? Wie schaut es mit Schulen aus, die sich in kommunaler Trägerschaft befinden? Schwarz-Weiß-Bilder sind immer schwierig. Was ich sagen kann, ist, dass die Kreisschulen relativ gut vorbereitet waren. Es gibt auch Schulen in kommunaler Trägerschaft, die sehr gut aufgestellt sind. Richtig ist vielleicht, dass sich ein großer Schulträger bei diesem Thema einen Ticken einfacher tut. Es gibt einige Städte und Gemeinden, die es schwerer haben. Ich würde nicht sagen, dass beim Landkreis alle Probleme gelöst und bei den anderen Schulträgern alle Probleme noch da sind, das wäre ein Zerrbild. Die Bildung war und ist für Sie ein zentrales Anliegen. Sie haben mehrfach betont, wie wichtig es ist, dass Jugendliche und Kinder tatsächliche Chancengleichheit antreffen. Fürchten Sie, dass Corona bei diesem Bemühen eine große Bremse sein könnte? Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir Bildungschancen für alle anbieten. Wir haben in der Demografiestrategie formuliert, dass kein Kind verloren gehen darf. Das heißt, wir wollen gleiche Chancen – egal ob ein Kind in ein bildungsbürgerliches Haus hineingeboren wird oder nicht. In der Tat wollen wir als Schulträger versuchen, den Kindern eine Chance zu geben, die kein optimales Umfeld für ihr Lernen vorfinden. Das ist besonders im Rahmen der Digitalisierung wichtig: Alle Kinder müssen die Möglichkeit haben, mit Tablets oder Laptops arbeiten zu können. Wenn wir auf dem Gebiet der Bildung Spitze sein wollen, brauchen wir die besten Schulen. Unsere Kinder verdienen die größtmöglichen Chancen für Aufstieg und berufliches Fortkommen, für Erfüllung und Zufriedenheit. Aufstieg durch Bildung muss für alle möglich sein – ungeachtet der Nationalität und der sozialen Herkunft. junge Familien halten bzw. in den Landkreis holen können, dann steht neben den Bildungschancen und der Breitbandversorgung ein attraktiver Nahverkehr ebenfalls ganz oben auf der Liste … Er ist ein weiteres großes Thema unserer Daseinsvorsorge und Zukunft. Wir müssen uns neben dem „Ringzug 2.0“ besonders um die „letzte Meile“ kümmern. Der Kreistag hat sich mit diesen Themen beschäftigt, die sehr komplex sind, die weit in die Zukunft hinausschauen und enorme Investitionen nach sich ziehen. Vor Corona war es beim Nahverkehr insofern einfacher, weil wir stetigen Zuwachs hatten. Corona hat hier einiges verändert, wir werden sehen, wie sich die Zahlen pandemiebedingt entwickeln. Glauben Sie, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis an Vorhaben wie „Ringzug 2.0“ mit Blick auf die finanziellen Folgen der Corona-Krise festhalten kann? Wenn wir über die Attraktivität von Lebensräumen sprechen, uns Gedanken machen, wie wir Derzeit weiß keiner, wie es mit den Kommunalfinanzen weitergeht. Die Wahrscheinlichkeit ist Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 17

 

 

 

Schauen wir in die Zeit vor Corona. Demografiestrategie, Bildung und Öffentlicher Nahverkehr sind bereits benannt. Was waren im Rückblick weitere Höhepunkte Ihrer ersten Amtszeit als Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises? Natürlich die Einweihung unseres neuen Klinikums in Villingen-Schwenningen im Sommer 2013. Mich hat es sehr gefreut, dass mein Amtsvorgänger Karl Heim an der feierlichen Eröffnung mit Ministerpräsident Kretschmann teilnehmen konnte. Er und viele weitere Helferinnen und Helfer waren es, die dieses Großprojekt auf den Weg gebracht haben. Es ist einem wahrscheinlich nur einmal im Leben vergönnt, ein derartiges Bauwerk einweihen zu dürfen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sechs Krankenhausstandorte auf zwei konzentriert. Über 280 Mio. Euro sind investiert worden. Gerade sehr groß, dass sie sich eintrüben. Mir scheint, dass der Kreistag nach wie vor den Ehrgeiz hat, den ÖPNV weiter zu stärken und auszubauen. Wenn wir über Infrastruktur und Zukunftsfähigkeit reden, ist es wichtig, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis ein gutes Grundangebot vorweisen kann. Nun lässt sich diskutieren, was heißt ein gutes Grundangebot? Ist das der verlässliche Stundentakt, ist das mehr – ist es weniger? Wie sieht es an Wochenenden und in den Nachtstunden aus? Da ist natürlich vieles denkbar. In unserem Nahverkehrsplan formulieren wir diesbezüglich ehrgeizige Ziele. Ich hoffe, dass wir sie weiterhin umsetzen können, am politischen Willen liegt es sicherlich nicht. Zumal ein gut ausgebauter Nahverkehr einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, der für uns im Schwarzwald-Baar-Kreis schon lange eine wichtige Rolle spielt. Ich freue mich auf die Arbeit unserer Klimaschutzmanagerin und dann auch auf den Zertifizierungsprozess hin zum European Energy Award. auch in Corona-Zeiten haben wir beweisen können, dass unser Klinikum mit zwei Standorten höchste medizinische Kompetenz vorhalten kann. Doch nicht nur die ganz großen Punkte zählen. Mich persönlich hat es sehr gefreut, dass wir den Landschaftserhaltungsverband Schwarzwald-Baar gründen konnten. Der eingetragene Verein bemüht sich um die Pflege unserer Kulturlandschaft. Und ebenso erfreulich ist die Umsetzung des Naturschutzgroßprojektes Baar. Hier sind wir aus der Planungsund Projektphase in die Umsetzungsphase eingetreten. Ungeklärt bleibt indes das Thema Flughafen Zürich, also unsere Belastungen durch das Anflugverfahren auf Zürich. Hier sind wir bis heute nicht wirklich vorangekommen. Zum Thema Infrastruktur will ich noch anmerken, dass wir jetzt endlich bei unseren Bundesstraßenprojekten sichtbare Fortschritte benötigen. Konkret also beim Lückenschluss der B 523. Und gleiches gilt für die Ortsum18 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Im Austausch mit den Bürger*innen und Kommunalpolitikern*innen erfahre ich, was die Menschen vor Ort bewegt. Ich verstehe mich als Anwalt des Schwarzwald-BaarKreises. Kontakt zu sein. Im Austausch mit den Bürger*innen und Kommunalpolitikern*innen erfahre ich, was die Menschen vor Ort bewegt. Ich verstehe mich als Anwalt des Schwarzwald-Baar-Kreises. Das erfüllt mich mit großer Zufriedenheit und gibt mir sehr viel. fahrungen in Blumberg-Zollhaus und Blumberg-Randen. All diese Vorhaben sind im Bundesverkehrs wegeplan enthalten – jetzt aber muss die Umsetzung kommen. Herr Hinterseh: Mit ganzem Herzen Landrat, was fasziniert Sie an diesem Beruf? Die Kombination: Landrat sein bedeutet, eine große Verwaltung mit über 1.000 Mitarbeiter*innen zu führen, Politik zu gestalten und gleichzeitig mit der Bürgerschaft in ständigem Wie begegnen Ihnen die Menschen, welche Wünsche werden an Sie herangetragen? Fast ausnahmslos sind die Begegnungen positiv. Diesen September beispielsweise fand das jährliche Almanach-Abendessen statt. Beim Almanach-Preisrätsel wird als 3. Preis stets ein Abendessen mit dem Landrat ausgelobt. Am Anfang habe ich gedacht, um Gottes willen, wer will mit dem Landrat essen gehen? Ist das ein Preis, der die Leute auch freut? Und in der Tat, diese Art Blind Date ist ausnahmslos angenehm. Sie begegnen völlig unterschiedlichen Menschen: Da gab es die ältere Dame, der im Leben Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 19

 

 

 

Das Spektrum reicht vom Rentenbescheid über den Nachbarschaftsstreit bis hin zu Problemen im Zusammenhang mit einem Bauantrag. Vielen Menschen ist es zu allererst wichtig, dass man ihnen zuhört. Sie fühlen sich oft nicht richtig verstanden. Wenn man ihnen persönlich darlegen kann, was hinter manchen Entscheidungen steht, können sie die Dinge besser nachvollziehen. Ab und zu gelingt es so auch, etwaige Einsprüche oder Auseinandersetzungen beizulegen und die Situation zu befrieden. Herr Hinterseh, acht Jahre Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis. Sind Ihnen die Baar und der Schwarzwald bereits zur Heimat geworden? Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist ganz klar Heimat für unsere Familie. Ich bin im Kaiserstuhl aufgewachsen und immer wieder gerne dort zu Besuch, aber Heimat und Lebensmittelpunkt ist für mich der Schwarzwald-Baar-Kreis geworden. Unsere Familie fühlt sich hier ausgesprochen wohl. Gibt es so etwas wie liebste Plätze? Lebensmittelpunkt unserer Familie ist unser Häusle in Pfaffenweiler – und das ist ein lieber Platz für uns. Aber natürlich, da gibt es auch andere Eindrücke. Was mich immer wieder neu begeistert ist der Blick von Fürstenberg aus auf die Baar. Oder wenn ich von Schönwald nach Unterkirnach unterwegs bin, der Augenblick, wenn sich der Blick nach Villingen und auf die Schwäbische Alb auftut. Das sind Momente, die mir das Gefühl vermitteln, dass ich nach Hause fahre. Aber ich bin ebenso gerne am Rohrhardsberg bei Schonach, im Glasbachtal bei Königsfeld, am Neckarursprung oder in Hüfingen. Es gibt im Schwarzwald-Baar-Kreis viele schöne Plätze. Auch das ist reizvoll an meinem Amt, dass man viel im Landkreis herumkommt, ihn auf diese Weise besonders schätzen und lieben lernt. nichts geschenkt wurde, die immer Aushilfstätigkeiten ausübte und die Sorge hatte, dass sie ihre Kinder nicht durchbekommt. Und ebenso den Unternehmer aus dem Nachbarlandkreis, ein auch soziologisch breites Spektrum somit. Immer war es nett, weil man leicht ins Gespräch kam und sich über die unterschiedlichsten Dinge unterhalten konnte. Ich bin einfach gespannt, was die Leute so erzählen, was sie umtreibt im Leben, wie ihre Lebenswirklichkeit ausschaut. Natürlich kommen immer auch Berührungspunkte zum Landratsamt zur Sprache, positive, negative, neutrale. Aber vor allem geht es den Leuten darum, zu erzählen, wie sie Heimat erleben, was sie so emotional umtreibt. Das ist für mich immer ein sehr schöner Abend. Und wie schaut es mit den Anliegen aus, die im Rahmen Ihrer Sprechstunde an Sie herangetragen werden? Sie sprechen damit zugleich den großen Themenkreis Naturund Kulturlandschaft an … 20 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Der Schwarzwald und die Baar sind einzigartig. Ich begrüße es, dass wir in Baden-Württemberg schon länger versuchen, die Felder Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus noch besser zu verzahnen. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis gilt: Über 42 Prozent der Fläche werden von 1.200 bäuerlichen Familienbetrieben bewirtschaftet. Hinzu kommen bedeutende Waldund Naturschutzflächen, sodass dieses verzahnte Miteinander zwingend geboten ist. Unsere Naturund Kulturlandschaft bildet zugleich die Grundlage für einen florierenden Tourismus. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung? Unser aller Aktivitäten im Tourismus wären wertlos, hätten wir nicht diese Naturund Kulturlandschaft. Die Naturvielfalt auf relativ engem Raum ist in ihrer Fülle herausragend und so anderswo im Land kaum vorhanden. Das Geschaffene im Tourismus ist von großer struktureller Bedeutung – alle Projekte dienen unserer Profilschärfung. Wir haben sehr viel gemacht, beispielsweise in meiner ersten Amtszeit die Tourismus-Konzeption erstellt, die wir jetzt umsetzen. Wir haben das Radund Wanderparadies weiterentwickelt, vor allem unseren neuen Premiumfernwanderweg WasserWeltenSteig von Triberg nach Schaffhausen grenzüberschreitend umsetzen können, der sehr gut angenommen wird. Und ein weiteres Highlight wird die DreiWeltenCard „Schwarzwald.Rheinfall.Bodensee“ sein. Gemeinsam mit dem Landkreis Waldshut und dem Kanton Schaffhausen bringen wir in Abstimmung mit dem Landkreis Konstanz eine Gästekarte auf den Markt, die Touristen über 100 Attraktionen kostenfrei zur Verfügung stellt. Kurz-Vita Sven Hinterseh wurde am 21. Januar 1972 in Freiburg im Breisgau geboren und wuchs in Oberrotweil, einem Ortsteil der Stadt Vogtsburg im Kaiserstuhl, in einem Weinund Obstbaubetrieb auf. Nach einer Berufsausbildung zum Industriekaufmann legte er das Abitur in Baden-Baden ab und leistete seinen Zivildienst in einem Altenund Pflegeheim in Freiburg im Breisgau. Auf das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Konstanz (Erstes Juristisches Staatsexamen) und Rechtsreferendariat am Landgericht Konstanz, das er mit dem Zweiten Juristischen Staatsexamen beendete, folgte ein Postgraduiertenstudium der Verwaltungswissenschaften an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Dort schloss Sven Hinterseh im Jahr 2001 mit dem Magister der Verwaltungswissenschaften (Mag.rer.publ.) ab. Seine beruflichen Stationen führten Sven Hinterseh vom Landgericht Konstanz, wo er als Referendar tätig war, über das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, als Landesbeamter in der Funktion des Rechtsund Ordnungsdezernenten in den Jahren 2001 bis 2003, in die Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Berlin. In den Jahren 2003 bis 2005, unter anderem zuständig für die Föderalismusreform. In den Jahren 2005 bis 2010 war er als Persönlicher Referent des damaligen Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder MdB, tätig. Danach führte ihn sein Weg im Jahr 2010 wieder zurück nach Baden-Württemberg, als Leiter der Grundsatzabteilung im Staatsministerium, der Staatskanzlei des Ministerpräsidenten, in Stuttgart. Von Mai 2011 bis Mai 2012 war Sven Hinterseh als Ministerialdirigent Leiter der Abteilung Naturschutz und Tourismus unter dem damaligen Minister Alexander Bonde. Am 26. März 2012 wurde Sven Hinterseh zum Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. Bei seiner Wiederwahl am 16. März 2020 erhielt er 52 von 52 Stimmen und wurde somit einstimmig gewählt. Sven Hinterseh ist römisch-katholisch, verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in Pfaffenweiler, einem Ortsteil von Villingen-Schwenningen. Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 21 21

 

 

 

Ja, ein Landkreis kann konjunkturelle Impulse geben. Deswegen werbe ich bei der Haushaltsstrukturkommission des Kreistages dafür, dass wir unsere Ausgaben nicht auf Null herunterfahren, sondern ganz gezielt auch Investitionen in Zukunftsbereiche tätigen. Insoweit, ja, ein Landkreis kann Impulse geben. Deswegen werbe ich bei der Haushaltsstrukturkommission dafür, dass wir unsere Ausgaben nicht auf Null herunterfahren, sondern ganz gezielt auch Investitionen in Zukunftsbereiche tätigen. Und so einen Beitrag leisten, dass unsere Wirtschaft stark bleiben kann. In kleinem Maße gilt das natürlich auch für andere Bereiche. Etwa für Werbeagenturen oder Künstler, aber eben nur eingeschränkt. Die Pandemie und ihre finanziellen Folgen: Wie geht die Kreis politik mit der aktuellen Situation um? In diesen Krisenzeiten hat man die Aufgabe, einiges zu hinterfragen. Das bedeutet nicht, dass das eine nicht mehr so wichtig ist, aber man muss jetzt wirklich Prioritäten setzen. Da können selbst Dinge, die in der Vergangenheit gut waren, neu diskutiert werden. Das finde ich legitim und es kostet Kraft – aber dieser Situation müssen wir uns jetzt stellen. Kann ein Landkreis mit Blick auf die vielfach angeschlagene Wirtschaft auch Konjunkturimpulse setzen? Und wie kann man sich das vorstellen? In beschränktem Maße schon, aber keinesfalls im Stil des Bundes. Wir versuchen, wo immer möglich, mit regionalen Partnern zusammenzuarbeiten. Das tun wir bereits seit vielen Jahren. Ein gutes Beispiel sind unsere hohen Investitionen im Schulbereich, da kommen ausnahmslos regionale Partner zum Zug. Und nichts anderes gilt beim Aufbau des kommunalen Glasfasernetzes. Ich war diesbezüglich in der letzten Woche im Achdorfer Tal, sämtliche Arbeiten hat dort ein Tiefbauunternehmen aus dem Landkreis umgesetzt. Das führt dazu, dass hier in der Region Arbeitsplätze entstehen und dass sie auch gehalten werden können. Weiter sanieren wir gegenwärtig das frühere Postgebäude beim Bahnhof in VS-Villingen. Und dort ist es ebenfalls so, dass die Arbeit überwiegend von Firmen geleistet wird, die in der Region ansässig sind. Die Abhängigkeit unserer Industrie vom Automotive-Sektor ist groß. Die E-Mobilität und nun auch Corona trüben die Aussichten ein. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr? Meine Wahrnehmung ist die, dass sich viele mittelständische Unternehmen bereits seit Jahren zukunftsorientiert ausrichten. Richtig ist aber, dass viele Technologien nur im Verbrennungsmotor zu Hause sind und man nicht einfach einen Schalter umlegen und sagen kann: Bis jetzt habe ich Technologien für Verbrenner gemacht, nun stelle ich auf E-Autos um! Etliche Komponenten, die sich in einem Automobil mit Verbrennungsmotor befinden, werden auch in Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb benötigt. Aber dennoch: Dieser Transformationsprozess wird sicher schmerzhaft werden. Und unter Umständen könnte das eine oder andere Unternehmen sogar auf der Strecke bleiben. Würden Sie da einen Vergleich zum Niedergang der Uhrenindustrie ziehen? Ich wäre da etwas vorsichtig. Ich persönlich hoffe und wünsche natürlich, dass dieser Technologiewechsel nicht die Auswirkungen hat, wie sie beim Niedergang der Uhrenoder Unterhaltungsindustrie zu beobachten waren. Ich hoffe vielmehr und glaube daran, dass uns dieser Transformationsprozess besser gelingt. Corona gibt uns bereits jetzt einen Vorgeschmack darauf, was mehr Arbeitslosigkeit für unser 22 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Sozialwesen bedeutet. Wie entwickelt sich aktuell der Sozialbereich? Einerseits verringern sich unsere Steuereinnahmen, andererseits steigen die Sozialausgaben. Das ist ein klassisches Dilemma. Wir sehen jetzt schon, dass die Sozialausgaben steigen. Die Arbeitslosigkeit hat sich im Vergleich zum Sommer 2019 verdoppelt. Wir sind auf einem Niveau, das nicht vergleichbar ist – und hoffentlich kommen wir da nicht hin – wie es beim Niedergang der Uhrenindustrie war. Insoweit muss man die Dinge auch richtig einordnen. Aber wir sehen, dass die Zahlen ansteigen. Es gibt eben leider schon Bürgerinnen und Bürger, die aus der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit gekommen sind. Zu den Schwerpunkten meiner zweiten Amtszeit zähle ich ebenso die Weiterentwicklung im ÖPNV inklusive Ringzug in Richtung St. Georgen. Ich bin dankbar, dass wir jetzt umsteigefrei nach Freiburg kommen. Das gleiche Angebot benötigen wir dringend in Richtung Stuttgart. Blicken wir in die kreispolitische Zukunft: Welche Schwerpunkte sehen Sie in Ihrer zweiten Amtszeit? Das Begonnene muss in allen Bereichen fortgesetzt werden. Die Verbesserung unserer digitalen Infrastruktur bleibt noch über Jahre hinweg ein Arbeitsschwerpunkt. Ich werde mich vor allen Dingen auch im Landratsamt um das Thema digitale Arbeitsprozesse intensiver kümmern. Es klingt jetzt nicht sonderlich spannend für unsere Leser*innen, für mich aber ist es ein wichtiges Feld, dass wir uns als Behörde mit über 1.000 Mitarbeiter*innen weiterentwickeln. Die digitale Transformation, die wir vorher im Zusammenhang mit den Schulen besprochen haben, wurde in der Kreisverwaltung bereits vielfach praktiziert. Wir haben allein während Corona über 160 weitere Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen. Das ist jedoch nicht in allen Bereichen möglich: Wir haben unsere Straßenwärter*innen, unsere Forstmitarbeiter*innen, die Vermesser*innen etc. Am Schluss unseres Gespräches – was würden Sie gerne unterstreichen? Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis zu sein, ist eine herausragende Gestaltungsaufgabe, der ich mich mit meiner Qualifikation, meiner beruflichen Erfahrung auf Bundes-, Landesund kommunaler Ebene, vor allem aber mit Herzblut, weiterhin stelle. Es ist mir Ehre und Verpflichtung, meinen Beitrag für einen starken, sozialen und lebenswerten sowie chancenreichen und innovativen Schwarzwald-Baar-Kreis zu leisten. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass wir eine Zukunftsregion „Nummer 1“ werden. Lassen Sie uns zusammen das Beste geben, dass wir die große und krisenhafte Herausforderung Corona meistern. Wir müssen als Gesellschaft in dieser schweren Zeit zusammenstehen und uns miteinander solidarisieren. Das Gespräch führte Wilfried Dold Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 23

 

 

 

Joachim Gwinner Sich stets als Anwalt der Bürger verstanden Der Erste Landesbeamte und Stellvertretende Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises in den Ruhestand verabschiedet Sein Beruf war ihm Berufung: Joachim Gwinner wirkte in der Position als Erster Landesbeamter und Stellvertretender Landrat des SchwarzwaldBaar-Kreises mit Leidenschaft. Ihn begeisterte die damit verbundene Gestaltungsfreiheit, die sämtliche Aufgabenbereiche einer Kreisverwaltung umfasst. Seine Lust am politischen Mitwirken drückte sich über 45 Berufsjahre hinweg in einer Vielzahl von Initiativen aus, die von der Beteiligung an einer Gesetzesnovelle zum Datenschutz sowie der Umsetzung komplexer Bauund Verwaltungsprojekte, über den Hochwasserschutz oder Sozialplanungen, bis hin zum Naturund Umweltschutz und Tourismus reichten. Landrat Sven Hinterseh bescheinigte seinem Stellvertreter am 27. Juli 2020 bei der Verabschiedung in den Ruhestand, eine in allen Belangen herausragende Bilanz. Joachim Gwinner unterstrich sein Bemühen, für die Bürgerinnen und Bürger im Schwarzwald-Baar-Kreis stets das Beste herauszuholen, er habe sich als ihr Anwalt verstanden. Ein Erster Landesbeamter fungiert in BadenWürttemberg als Stellvertreter des Land rates. In dieser Funktion vertritt er als staatlicher Beamter des Landes den kommunalen Landrat in dessen Doppelfunktion: als Leiter der kommunalen Kreisbehörde und als Chef der staatlichen unteren Verwaltungsbehörde. Eine in dieser Form einmalige Konstellation, die es so nur in Baden-Württemberg gibt. Die Verabschiedung von Joachim Gwinner fand unter anderen Bedingungen statt wie ursprünglich geplant. Landrat Sven Hinterseh bedauerte bei der Überreichung der Entlassungsurkunde: „Eigentlich wollten wir Sie mit einem großen Festakt im Beisein Ihrer langjährigen Wegbegleiter, der regionalen und überregionalen politischen Vertreter und der Kollegen aus dem Landratsamt gebührend verabschieden – doch Corona macht uns leider einen Strich durch die Rechnung und das bedauere ich zutiefst!“. 34 Jahre lang für den Landkreis tätig Für den Schwarzwald-Baar-Kreis war Joachim Gwinner 34 Jahre lang tätig, davon knapp 24 Jahre als Erster Landesbeamter. Seine beruf-

 

 

 

Joachim Gwinner, Erster Landesbeamter und Stellvertretender Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, wurde im Juli 2020 in den Ruhestand verabschiedet. 25

 

 

 

liche Laufbahn beginnt 1975: Auf den zweijährigen Wehrdienst folgt das Jura-Studium an der Universität Tübingen. 1980 legt er die Erste Juristische Staatsprüfung ab – 1983 folgte die Zweite. Bereits seine erste berufliche Station führt Joachim Gwinner in den Schwarzwald-BaarKreis: Am 1. März 1983 übernimmt er als junger Assessor die Leitung des Rechts amtes des Landratsamtes, später die Leitung des Ordnungsdezernats. Im Verlauf dieser ersten drei Jahre in der Kreisverwaltung erwächst eine enge Verbindung zu Landrat Dr. Rainer Gutknecht, von Haus aus gleichfalls Jurist. In der Rückschau bezeichnet ihn Joachim Gwinner als seinen Mentor. Bei ihm lernte er von der Pike auf, wie eine moderne Verwaltung funktioniert. Noch gut in Erinnerung sind ihm seine ersten Aufträge, die er von Dr. Gutknecht erhalten hat: Ein juristisches Gutachten zur Frage des Veröffentlichungsrechts der Kunstwerke von Klaus Ringwald im Almanach sowie zu den Haftungsund Handlungsmöglichkeiten beim damals noch „neuen“ Waldsterben. Es folgt 1986 der Wechsel an das Verwaltungsgericht Sigmaringen als Verwaltungsrichter. Und hier stellt sich für Joachim Gwinner nach knapp zweijähriger Tätigkeit als Richter – auch in Anbetracht der Antragsflut zur umstrittenen Volkszählung – die große Frage: Willst du das wirklich dein Leben lang machen? Er entschließt sich für eine Rückkehr in die Landesverwaltung und damit gegen eine weitere Tätigkeit als Richter. Der Jurist wechselt 1988 ins Innenministerium des Landes Baden-Württemberg. Dort wendet er sich dem damals in den Kinderschuhen steckenden und für ihn spannenden Aufgabenbereich des Datenschutzes zu. Es bietet sich ihm die Möglichkeit, die Grundzüge des Datenschutzes innerhalb der Landesverwaltung mitzugestalten und weiter an einer Novelle des Datenschutzgesetzes mitzuwirken. „Das Spektrum dieses Tätigkeitsfeldes war äußerst breit angelegt, denn gleich, welche Themen es in einer Landesverwaltung gibt, der Datenschutz spielt immer hinein“, unterstreicht Joachim Gwinner. Für Joachim Gwinner öffnet sich in seiner Funktion als Leiter des Sozialdezernates der Blick in eine andere Welt. Der Sozialbereich erfährt zu dieser Zeit einen großen Wandel. Neben der Altenhilfeplanung wird das Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“ beschlossen. Rückkehr in den Schwarzwald-Baar-Kreis Ein Hilferuf von Landrat Dr. Rainer Gutknecht veranlasst Joachim Gwinner 1989 in den Schwarzwald-Baar-Kreis zurückzukehren. Dort ist seine Unterstützung bei der Neustrukturierung des Sozial amtes gefordert: Ihm wird im Mai 1989 die Leitung des Dezernats III, des Sozialdezernats übertragen. Ein für ihn vollständig neuer Bereich, den dazu erforderlichen „Unterbau“ erarbeitet er sich in kurzer Zeit. Allerdings mit „Startschwierigkeiten“: Zu den Aufgaben gehört – damals noch Neuland und für einen Juristen ohnehin – die Erarbeitung einer Altenhilfeplanung. Bei der Vorstellung der Konzeption im Kreistag hagelt es vonseiten der späteren SPD-Bundestagsabgeordneten und gelernten Altenpflegerin Christa Lörcher förmlich Kritik … Dennoch wird die Planung mit großer Mehrheit verabschiedet. Joachim Gwinner und Christa Lörcher verbindet in der Folge ein gutes und herzliches Miteinander. Auch das zeichnet den Ersten Landesbeamten und Stellvertretenden Landrat stets aus: Bei aller Zielstrebigkeit, wo immer möglich in der Sache mit anderen zusammenzuwirken und dabei das Miteinander zu pflegen, den Menschen zu sehen. Für Joachim Gwinner öffnet sich in seiner Funktion als Leiter des Sozialdezernates der Blick in eine andere Welt, wie er es formuliert. Der Sozialbereich erfährt zu dieser Zeit einen großen Wandel. Neben der Altenhilfeplanung wird das Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“ beschlossen: 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Joachim Gwinner (rechts) zusammen mit den drei Landräten Dr. Rainer Gutknecht, Karl Heim und Sven Hinterseh (v. rechts). Das Foto entstand aus Anlass des 85. Geburtstages von Landrat Gutknecht. In der Amtszeit von Dr. Gutknecht hat Joachim Gwinner 1983 seine Tätigkeit im Landkreis begonnen. Acht Monate nach Amtsantritt von Karl Heim wurde er 1997 zum Ersten Landesbeamten und Stellvertretenden Landrat ernannt. Erster Landesbeamter Joachim Gwinner verabschiedet 27

 

 

 

Arbeitgeber können bei Einstellung eines Arbeitslosen staatliche Zuschüsse erhalten. Der Beginn der Jugendhilfeplanung fällt gleichfalls in seine acht Jahre dauernde Tätigkeit. Ernennung zum Ersten Landesbeamten Als 1996 der Erste Landesbeamte Friedemann Kühner in den Ruhestand wechselt, ist es der gemeinsame Wunsch des damals frisch gewählten Landrats Karl Heim und seines Vorgängers Dr. Rainer Gutknecht, dass ihm Joachim Gwinner nachfolgt. Doch braucht es ausgezeichnete Verbindungen ins Innenministerium, um diese Personalie zu realisieren: Die Ernennung eines Ersten Landesbeamten erfolgt nicht durch den Schwarzwald-Baar-Kreis, sondern durch das Land Baden-Württemberg. Und sie hat immer auch eine politische Komponente: Der gute Draht von Landrat Dr. Gutknecht ins Innenministerium und der massive Einsatz seines Nachfolgers Karl Heim bewirken dann dennoch zum 1. Februar 1997 die Ernennung des parteilosen Joachim Gwinner. Er wird Kraft seines Amtes zugleich der Stellvertreter des Landrates. „Herausfordernde und zugleich schöne Zeit“ „Es folgten 23 wunderbare Jahre, es war eine herausfordernde, an Aufgaben und Verpflichtungen reiche und zugleich schöne Zeit“, bilanziert der studierte Jurist am Beginn seines Ruhestandes. Landrat Sven Hinterseh benannte bei der Verabschiedung im Rahmen einer Kreistagssitzung am 27. Juli 2020 einige wesentliche Wegpunkte dieser Tätigkeit: Joachim Gwinner habe 2005 bei der großen Verwaltungsreform wichtige Impulse zur heutigen Organisationsstruktur des Landratsamtes gegeben. Ebenso in der Abfallwirtschaft vieles bewegt, beispielsweise wurde 1998 die Biotonne eingeführt. Richtungsweisend seien zudem die Vertragsverhandlungen im Rahmen der Restmüllverbrennung in den Jahren 1998 bis 2003 gewesen. Diese führten zur Schließung der Kreismülldeponien in Tuningen und Hüfingen. Der Eigenbetrieb „Abfallwirtschaft Schwarzwald-Baar“ löste sich in der Folge auf und wurde als Regiebetrieb Als 1996 der Erste Landesbeamter Friedemann Kühner in den Ruhestand wechselte, war es der gemeinsame Wunsch von Landrat Dr. Rainer Gutknecht und seines frisch gewählten Nachfolgers Karl Heim, dass ihm Joachim Gwinner nachfolgt. in der Struktur des Landratsamtes weitergeführt sowie die Untere Abfallbehörde in das Amt für Abfallwirtschaft eingegliedert (2000). Im Bereich des Wasserund Bodenschutzes und beim Umweltschutz standen neben der Nutzbarmachung des Kienzle-Areals in Schwenningen die Altlasten sanierung des Schwenninger Güterbahnhofs im Zuge der Vorarbeiten für die Landesgartenschau 2010 und die Reaktivierung und Sanierung des Baudenkmals Linachtalsperre im Mittelpunkt. Ebenso war der Bau des 2012 in Betrieb genommenen Hochwasserrückhaltebeckens in Wolterdingen ein Höhepunkt im Berufsleben von Joachim Gwinner. Wie wichtig ein zeitgemäßer Hochwasserschutz ist, erfährt er beim Jahrhundert-Hochwasser im Jahr 1990. Wegen der zufällig gleichzeitigen Abwesenheit von Landrat Dr. Gutknecht und des damaligen Ersten Landes beamten war es der Sozialdezernent und Reserveoffizier Joachim Gwinner, der im Februar 1990 im Schwarzwald-Baar-Kreis den Hoch wasser-Kata strophen fall auszurufen hatte. Im Rahmen seiner persönlichen Rückschau streift Joachim Gwinner zudem ein eigentlich „großes“ Thema, das einem in heutiger Zeit geradezu „profan“ erscheint: Die Genehmigung von Vesperstuben im Außenbereich als dringend benötigte Komponente der Tourismusentwicklung in der gesamten Region. Dank seines Einsatzes wurde es möglich, dass in Außenbereichen trotz baurechtlicher Restriktionen sowie Landschaftsund Denkmalschutz-Bedenken für Wanderer und Biker meist zugleich originelle Vesperstuben er

 

 

 

Joachim Gwinner (vierter v. links) bei der Dezernentenrunde mit Landrat Dr. Gutnecht (rechts) und weiteren Amtsleitern, 1985. Unten links: 10 Jahre Naturparkmarkt in Königsfeld, Joachim Gwinner (rechts) beim Tortenanschnitt mit Bürgermeister Fritz Link (zweiter v. links). Unten rechts: Besprechung im Landratsamt mit Bruno Mössner, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, und Landrat Karl Heim. Erster Landesbeamter Joachim Gwinner verabschiedet 29

 

 

 

öffnen konnten. Einkehrmöglichkeiten, auf die heute keiner mehr verzichten möchte. „Damit zwei, drei Generationen Atomstrom nützen können…“ Aber auch die Windkraft beschäftigt den Ersten Landesbeamten – zumal mit Blick auf die Welt, die wir zukünftigen Generationen hinterlassen. Beispielsweise seiner Enkeltochter Kimia, der Tochter seines Sohnes Michael mit Ehefrau Saghar, die in New York leben. Er Physiker, sie Chemikerin aus dem Iran stammend. Über 20 Jahre hinweg hatte sich Joachim Gwinner von Amts wegen mit der Atommüll-Endlagerstätte der Schweiz zu befassen. Eine bekanntlich bis heute nicht gelöste Aufgabe, da die Entscheidung der Schweizer weiter aussteht. Joachim Gwinner: „Diese Stätte soll die sichere Unterbringung des Atommülls für eine Million Jahre garantieren. Diesen Aufwand treiben wir, damit zwei oder drei Generationen der Menschheit den Atomstrom nutzen können.“ Und er fragt sich mit Blick auf die radioaktiven Abfälle: „Eine Million Jahre Lagersicherheit, wie will man die überhaupt garantieren?“ Folglich zeigt sich der Erste Landesbeamte für regenerative Strom erzeugung sehr offen – zumal mit Hilfe von Windkraft. In kürzester Zeit lagen dem Landratsamt über 60 Anträge zum Bau von Windkraftanlagen vor, denen Joachim Gwinner überwiegend positiv gegenüberstand, was ihm nicht wenige Anfeindungen einbrachte. Seither sind Widersprüche und Gerichtsverfahren in Sachen Windkraft beim Regierungspräsidium und den Verwaltungsgerichten keine Seltenheit. Seit vielen Jahren beschäftigten ihn ebenso die Fluglärmbelastungen durch die Anflüge auf den Züricher Flughafen. „Ganze zwei Jahrzehnte kämpften wir bislang vergebens darum, eine unverhältnismäßig große Flugverkehrsbelastung hier in unserer Region abzuwenden“, so der erfahrene Jurist und Verwaltungsexperte. Wenn ein Erster Landesbeamter sein Tagwerk mit derart großer Schaffenskraft bewältigt, bleiben Rufe von außen, sich in anderen Landkreisen als Landrat zu bewerben oder bei „Ihre Bilanz ist über stolze 45 Berufsjahre hinweg hervorragend“, bescheinigte Landrat Sven Hinterseh dem neuen Ruheständler. „Sie waren eine außerordentlich große und verlässliche Stütze.“ einer Bürgermeisterwahl anzutreten, nicht aus. Einmal hat Joachim Gwinner diesen Ruf gehört und sich als Landrat im Landkreis Rottweil beworben. Und dabei erlebt, wie wankelmütig es in der Politik zugehen kann, dass angesagte Unterstützung aus parteipolitischen Erwägungen heraus über Nacht verloren gehen kann. „Sie waren ein kompetenter Berater und eine verlässliche Stütze“ Im Rahmen der Verabschiedung von Joachim Gwinner in Juli 2020 betonte Landrat Sven Hinterseh vor dem Kreistag, er lasse den Ersten Landesbeamten nur ungern ziehen. Es sei enorm, was dieser gemeinsam mit Landrat a. D. Karl Heim bis 2012 und dann zusammen mit ihm – Landrat Sven Hinterseh – in den vergangenen acht Jahren umgesetzt habe. „Ihre Bilanz ist über stolze 45 Berufsjahre hinweg hervorragend“, bescheinigte Landrat Sven Hinterseh dem neuen Ruheständler. „Sie waren Landrat Karl Heim und mir stets eine außerordentlich große und verlässliche Stütze, ein kompetenter Berater und ein loyaler Verbündeter, den man bei schwierigen Entscheidungen gerne zu Rate zog, und auf dessen juristisches Fachwissen und Urteilsvermögen man sich immer zu einhundert Prozent verlassen konnte. Trotzdem ließen Sie aber auch nie das Menschliche vermissen. Und man ist bei Ihnen bei beinahe allen Themen immer auf viel Verständnis und offene Ohren gestoßen“, würdigte Landrat Sven Hinterseh die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Joachim Gwinner sei stets eine starke Führungspersönlichkeit gewesen, die durch strate

 

 

 

Der frühere Landrat Karl Heim (von links) und Landrat Sven Hinterseh bei der Verabschiedung des langjährigen Ersten Landesbeamten Joachim Gwinner in den Ruhestand, rechts Ehefrau Jutta Gwinner. gisches Denken, klare Analyse und logisches, pragmatisches Handeln bestach – die Wertschätzung und der Respekt vor den Leistungen der einzelnen Mitarbeiter sei dabei nie zu kurz gekommen. Zudem habe er stets eine praxisnahe Vorgehensweise, Kompromissbereitschaft beim Verhandeln, Weitblick und eine ganz besondere Zielstrebigkeit aufgewiesen. Joachim Gwinner hinterlasse eine riesige Lücke, aber auch ein geordnetes und wohlbestelltes Haus. Im Anschluss an seine Rede händigte Sven Hinterseh Joachim Gwinner im Auftrag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Versetzungsurkunde in den Ruhestand aus. Als Abschiedsgeschenk überreichte der Landrat eine Tischuhr aus den Uhrmacher-Werkstätten der Robert-Gerwig-Schule Furtwangen, die ihn stets an seine Zeit im Landratsamt erinnern soll. Zudem erhielt Joachim Gwinner einige Erinnerungen persönlicher Art in Form eines Fotobuchs. „34 Jahre lang den Ball im Spiel gehalten“ Auf einmal war sie da, die gesetzliche Altersgrenze, die Zeit, in der die Dienstunfähigkeit eines Beamten erreicht ist“, scherzte Joachim Gwinner im Anschluss. Er habe für den Schwarzwald-Baar-Kreis 34 Jahre lang den Ball im Spiel gehalten, den einen oder anderen Treffer erzielt, aber sicher auch das eine oder andere Foul verursacht“, blickt er bescheiden zurück. Einmal Jurist – immer Jurist. An der Universität Tübingen wird Joachim Gwinner weiterhin als Prüfer bei der Ablegung der Juristischen Staatsprüfung fungieren. Wenn es die Verhältnisse wieder zulassen, kann er sich ebenso gut vorstellen, sich an der Uni als Gasthörer für Geschichte einzutragen. Und er wünscht sich für die Zeit nach Corona gemeinsam mit seiner Ehefrau Jutta die Möglichkeit zu reisen. Wie erwähnt lebt der Sohn mit Familie in New York. Eine seiner Reisen wird eine längere Tour mit dem E-Bike durch den Schwarzwald-Baar-Kreis sein. Die Kollegen schenkten ihm zum Abschied Gutscheine für verschiedene Gaststätten und Vesperstuben entlang der Tour. Auch wenn Joachim Gwinner sein gesamtes Berufsleben lang in Balingen wohnte, seine eigentliche Heimat war und bleibt der Schwarzwald-Baar-Kreis. Wilfried Dold Erster Landesbeamter Joachim Gwinner verabschiedet

 

 

 

32 Aus dem Kreisgeschehen Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Professor Dr. Ulrich Fink Medizinische Versorgung im Landkreis gebündelt Der ehemalige Ärztliche Direktor des Schwarzwald-Baar Klinikums blickt zurück von Hans-Jürgen Eisenmann Prof. Dr. Ulrich Fink führte am Schwarzwald-Baar Klinikum die Radiologie ins Zeitalter der Digitalisierung und beteiligte sich ebenso maßgeblich an der Planung des Zentralklinikums, das 2013 in Betrieb ging. 24 Jahre lang wirkte er am Klinikum als Radiologe in leitender Position, seit 2004 als Ärztlicher Direktor. Im März 2020 wechselte Prof. Dr. Ulrich Fink nach 41 Berufsjahren in den Ruhestand. „Eine Feier zur Verabschiedung wäre angemessen gewesen, kann aber wegen der CoronaAuflagen nicht stattfinden“, bedauert Geschäftsführer Dr. Matthias Geiser. Er hebt hervor: Prof. Dr. Fink habe aus den drei früheren Radiologie-Abteilungen Villingen, Schwenningen und Donaueschingen eine Einheit geformt, dem Klinikum bundesweit zu einer Ausnahmestellung verholfen. Kaum ein anderes Haus habe so früh damit begonnen, die Radiologie vollständig zu digitalisieren. Professor Dr. Ulrich Fink

 

 

 

Es soll Fachärzte geben, die zu Hause nicht einmal den blutenden Finger ihrer kleinen Tochter versorgen können. Zu denen darf man Professor Dr. Ulrich Fink sicher nicht zählen, stellt er klar. Wenngleich er gerne die Geschichte eines Fußballspiels in München erzählt, wo sein Radiologenteam gegen eine andere Ärztemannschaft spielte. Als sich einer der Kicker beim Sturz verletzte, rief ein Radiologe: „Holt mal einen Arzt!“. Die Radiologen haben, wie Professor Dr. Ulrich Fink meint, sogar einen Vorteil: Sie betreuen alle Fachgebiete. Das heißt: Sie haben einen Überblick über alle Fachgebiete der Medizin und müssen für alle Bereiche die Diagnose stellen, ob Unfallchirurgie, Onkologie oder Orthopädie. Der Radiologe sei also ein sehr breit ausgebildeter Arzt und könne sehr schnell auch Differentialdiagnosen entwickeln. „Hier kannst Du etwas entwickeln…“ 1953 in Speyer am Rhein geboren, studierte Ulrich Fink in München Humanmedizin. „Ich bin auch noch vom Herzen her Pfälzer, aber auch von Herzen Bayer und Badener“, sagt er heute. Schon als Siebenjähriger kam er mit seinen Eltern nach Nürnberg, mit zehn nach München. Dort besuchte er auch die Schule und studierte später an der Ludwig-Maximilians-Universität Humanmedizin. Dort, am Uniklinikum Großhadern, begann er seine medizinische Laufbahn. Er vertiefte ab 1979 als Assistenzarzt an der Radiologischen Klinik der Universität seine Kenntnisse in den Fachbereichen Strahlentherapie, Röntgendiagnostik und Nuklearmedizin. Nach sechs Jahren hatte er seine Facharztanerkennung zum Arzt für Radiologie und wurde gleich Oberarzt. Mit der Habilitation wurde 1989 die Lehrbefähigung festgestellt. 17 Jahre wirkte Dr. Ulrich Fink an der Universitätsklinik in München, als er eines Tages einen Anruf aus Schwenningen bekam. Dort suchte man einen neuen Chefarzt, nachdem zwei bereits ausgewählte Bewerber abgesprungen waren. Parallel hatte er damals an einer städtischen Klinik in Hamburg ein Bewerbungsverfahren laufen und an der Uniklinik in Greifswald. Mit seiner Frau Barbara, 34 In Schwenningen entwickelte Professor Dr. Ulrich Fink die Abteilung zu einer modernen Radiologie. Die Klinik besaß damals nur eine Röntgendiagnostik mit einem alten Computertomografen und eine kleine Nuklearmedizin. ebenfalls Radiologieärztin, fuhr Fink nach Villingen-Schwenningen: „In München regnete es, in Ulm war alles total vernebelt, in Schwenningen kam die Sonne heraus. Als wir das zweite Mal hierher gefahren sind, war es genau so, da sagte meine Frau: Du, der liebe Gott meint es gut mit Villingen-Schwenningen“. Warum er sich dann gegen Greifswald und Hamburg und für Villingen-Schwenningen entschied, begründet er heute so: „Hier hatte ich das Gefühl, hier kannst Du etwas entwickeln“. Klinik-Geschäftsführer Horst Schlenker zeigte mir die Kliniken in Schwenningen und Villingen und verriet mir auch seine Vision, dass nämlich zwischen beiden Stadtteilen mal eine neue Klinik gebaut werden könnte. Mit viel Glück habe die Familie dann ein Grundstück in Bad Dürrheim bekommen. Noch während der Probezeit begann der neue Chefarzt mit dem Bau des neuen Familiendomizils. In Schwenningen entwickelte Professor Dr. Ulrich Fink die Abteilung zu einer modernen Radiologie. Schwenningen besaß damals nur eine Röntgendiagnostik mit einem alten Computertomografen und eine kleine Nuklearmedizin, kein MRT, auch keine Geräte zur Gefäßdarstellung und für radiologische Interventionen. Es gab keinen einzigen Computer in der Abteilung, die Befunde wurden noch mit Schreibmaschine geschrieben. Neben neuen Untersuchungsmethoden wurde nun auch die Digitalisierung Prof. Dr. Ulrich Fink

 

 

 

 

 

 

früh in Angriff genommen. Zum 1. Januar 2000 führte Professor Fink an der Radiologie in Schwenningen die digitale Bildgebung und Bildverteilung ein. Ganzkörperuntersuchungen innerhalb einer einzigen Sekunde „Mein Herz hat immer für die Radiologie geschlagen“, sagt er, das Fachgebiet, das in den letzten 20 Jahren mit neuen Geräten und neuen Untersuchungstechniken mit die größte Weiterentwicklung in der Medizin genommen habe. Als er in der Radiologie begann, kamen die ersten Computertomografen auf den Markt – mit Untersuchungszeiten von oft über einer Stunde. Am Ende seiner beruflichen Tätigkeit schafften es die Radiologen, die Ganzkörperuntersuchung bei einem polytraumatisierten Patienten innerhalb von einer Sekunde durchzuführen. Zuletzt wurde die Neuroradiologie ausgebaut, die Eingriffe bei Schlaganfällen oder Aneurysmen im Gehirn ermöglicht. Die Eingriffe, etwa bei Schlaganfall, werden in einem kleinen OP in der Da haben wir tolle Erfolge, die Blutgerinsel werden innerhalb einer halben bis ganzen Stunde mit Kathetertechnik entfernt und damit die Durchblutung des Gehirns wieder hergestellt. interventionellen Radiologie vorgenommen. „Da haben wir tolle Erfolge, die Blutgerinsel werden innerhalb einer halben bis ganzen Stunde mit Kathetertechnik entfernt und damit die Durchblutung des Gehirns wieder hergestellt.“ Stolz auf die hochmoderne Radiologie Ärzte können in der Radiologie die komplette Weiterbildung zum Arzt für Radiologie erwerben, haben dann noch zusätzlich die Möglichkeit, auch die Schwerpunkte in Kinderradiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin zu erlernen. „Wir sind eine der wenigen Kliniken, 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

wenn nicht gar die einzige in Deutschland, die unter einem Dach sämtliche Weiterbildungen in der Radiologie anbietet“, erläutert Professor Dr. Ulrich Fink. Dass er eine, mit allen wichtigen Untersuchungsgeräten ausgestattete hochmoderne Radiologie übergeben konnte, erfülle ihn mit Stolz, sagt Fink. Komplett digitalisiert inklusive Spracherkennung. „Das ist ein Riesenvorteil! Wir diktieren alle Befunde digital und haben keine einzige Schreibkraft mehr. Das führt dazu, dass die Befunde zeitnah im System abrufbar sind“, so der Arzt. Als Professor Dr. Ulrich Fink 2020 das Schwarzwald-Baar Klinikum verlässt, zählen 18 Ärzte zur Radiologie – weiter gibt es 45 Stellen im medizinisch-technischen Bereich. Gerade die Digitalisierung habe der Radiologie einen gigantischen Fortschritt beschert. Die zentrale Radiologie des im Jahr 2013 neu in Betrieb genommenen Schwarzwald-Baar Klinikums im Zentralbereich von Villingen-Schwenningen sei heute eine der modernsten Radiologieabteilungen in Deutschland. Daneben verfüge die kleinere Radiologie in Donaueschingen über die notwendigen Geräte, um bei Notfällen röntgen, ein CT oder aber auch ein MRT machen zu können. Den Standort in Donaueschingen beizubehalten, sei eine politische Entscheidung gewesen („Und das ist auch in Ordnung“). Diese Entscheidung sei, im Nachhinein betrachtet, auch nicht schlecht gewesen, weil man damit den kompletten südlichen Schwarzwald-Baar-Kreis versorgen könne. Das werde auch so bleiben, auch wenn die Diskussion, Donaueschingen zu schließen, immer wieder aufkomme. „Aber es wird sicher nie geschlossen, weil es sinnvoll ist, wie wir es gemacht haben. In Donaueschingen sind Fachrichtungen angesiedelt, die weitgehend autonom arbeiten können. Im Zentralbereich haben wir Fachrichtungen, die interdisziplinär arbeiten müssen“. Das habe bisher sehr gut geklappt. Das von Prof. Dr. Ulrich Fink wesentlich mitgeprägte und 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum.

 

 

 

Zusammenschluss der Kliniken Anfangs war für Prof. Dr. Ulrich Fink die Konkurrenz zwischen Schwenningen und Villingen ungewohnt. Im Nachhinein verrät er auch, dass es schwieriger war, als alle dachten, die beiden Kliniken Schwenningen und Villingen zusammenzuführen. „Weil sich in den Kliniken in Jahrzehnten eigene Abläufe entwickelt haben. Das hat wenig mit Konkurrenz zu tun, das war halt einfach so. Da sind in Villingen bestimmte Dinge anders gelaufen als in Schwenningen“. Die sanitären Verhältnisse in den alten Kliniken seien „überhaupt nicht mehr zeitgemäß gewesen“, in der Urologie und Gynäkologie habe es so z.B. nur Etagentoiletten gegeben. Dr. Fink erinnert sich, wie er 2001 in einer Aufsichtsratssitzung der Kliniken auftrat, als bekannt wurde, dass die damalige Kreisklinik in Donaueschingen für zehn Millionen Mark saniert werden sollte. Die Chefärzte der Kliniken in Villingen und Schwenningen fanden es nicht akzeptabel, dass der Landkreis, der von der Kreisumlage lebt, die zur Hälfte von der Stadt Villingen-Schwenningen gezahlt wird, sein eigenes Klinikum saniert „und wir in VS am Tropf hängen“. Ulrich Fink regte damals schon an, eine gemeinsame Krankenhausträgerschaft im SchwarzwaldBaar-Kreis zu diskutieren. Eine Privatisierung der städtischen Kliniken in VS zum damaligen Zeitpunkt lehnte er entschieden ab. Zuvor war noch über eine solche Privatisierung der städtischen Kliniken diskutiert worden. Aber an der Situation, dass VS mit der Kreisumlage die Donau eschinger Klinik finanziert, hätte sich damit nichts geändert. Der Rhön-Kliniken-Konzern hatte der Stadt Millionen geboten, um die VS-Kliniken zu übernehmen. Ulrich Fink und seine Chefarztkollegen sahen darin keinen gangbaren Weg und führten mit etlichen Stadträten informative Einzelgespräche, worauf dann der Gemeindeund Kreisrat Fahrten zu privaten und kommunalen Kliniken unternahm, um sich selbst ein Bild zu machen. „Gott sei Dank haben wir es geschafft, das Thema Privatklinik in VS zu verhindern“, sagt Fink. Bei Gemeinderat und Oberbürgermeister setzte sich die Überzeugung durch, dass eine kommunale Trägerschaft besser sei. „Das war, Leider sei in Deutschland noch „zu wenig bekannt, was wir hier bieten, nämlich die komplette medizinische Versorgung auf höchstem Niveau in einem Haus und mit modernsten Geräten. glaube ich, die wichtigste Entscheidung, die im Landkreis getroffen wurde, weil dadurch die medizinische Versorgung sehr effektiv gebündelt werden konnte“, so Dr. Ulrich Fink. „Das war ein schwieriger, aber sehr positiver Kampf“, erinnert sich der ehemalige ärztliche Direktor heute. Mit der geplanten Fusion der städtischen Klinik in VS und der Kreisklinik in DS wurde auch der Beschluss gefasst, neu zu bauen. 2004 fusionierten die beiden bis dahin selbstständigen Klinikgesellschaften Klinikum Villingen-Schwenningen und Kreisklinikum Donau eschingen zur Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwenningen GmbH. Im gleichen Jahr wurde Fink Ärztlicher Direktor des Klinikums, blieb aber Chefarzt der Radiologie in Villingen-Schwenningen. Ab 2005 war er dann nicht nur Ärztlicher Direktor des gesamten Klinikums, sondern auch Direktor des Instituts für Radiologie und Nuklearmedizin in Villingen-Schwenningen und Donaueschingen. Die Bündelung der medizinischen Versorgung im gesamten Kreis durch die gemeinsame Trägerschaft und der Bau des Schwarzwald-Baar Klinikums wurde inzwischen umgesetzt. Über einige Jahre hinweg sei dann in den beiden Altbauten nicht mehr modernisiert worden, erinnert sich Prof. Fink. Nach vier Jahren Bauzeit wurde der Neubau im Juli 2013 eröffnet. Keine Personaleinsparungen Professor Dr. Fink widerspricht der hier und da geäußerten Aussage, durch das Zentral klinikum sei Personal eingespart worden. Dies sei nicht der Fall gewesen, aber: „Es hat Synergien gegeben, es ist in manchen Bereichen weniger Per

 

 

 

Prof. Dr. Ulrich Fink mit Ehefrau Prof. Dr. Barbara Fink in der radiologischen Abteilung. sonal notwendig gewesen, weil man optimaler arbeiten konnte“. Die Radiologie beispielsweise habe kein Personal dazu bekommen, obwohl sie deutlich größer geworden sei und neue Geräte dazu kamen. Durch eine effektivere Arbeitsweise konnte das Personal in allen Bereichen besser eingesetzt werden. Noch während der Bauphase sei flächendeckend im gesamten Klinikum WLAN eingeführt worden, was auch zur Effektivitätssteigerung geführt habe. Der Betrieb eines Klinikums ist die eine Sache, die Finanzierung die andere. In Deutschland ist es so geregelt, dass das Land für die Finanzierung der Neubauten zuständig ist, die Krankenkassen für den laufenden Betrieb. „Ich bin der Meinung, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, weil das Land gar nicht mehr seinen Aufgaben gerecht wird“, äußert sich Professor Dr. Ulrich Fink. Die Landeszuschüsse beim Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums lagen unter 50 Prozent – „normalerweise hätten es 100 Prozent sein müssen“. Der Schwarzwald-Baar-Kreis habe mit dem Neubau die Chance genutzt, ein modernes Haus zu bekommen, in dem schon alles digitalisiert ist. „Wir haben einen sehr guten Ruf, wir werden beneidet in der Kliniklandschaft“, erzählt Fink. Andere Klinikträger hätten sich nach der Eröffnung des Neubaus hier informiert, wie es gelingen konnte, dass Stadt und Kreis gemeinsam sieben Klinikstandorte in zwei Häusern bündeln konnten. Leider sei in Deutschland noch „zu wenig bekannt, was wir hier bieten, nämlich die komplette medizinische Versorgung auf höchstem Niveau in einem Haus und mit modernsten Geräten“. Eigentlich müssten, so meint Fink, Ärzte und Pflegefachkräfte aus der ganzen Republik vom Wunsch beseelt sein, hier zu arbeiten, denn die Klinik sei hoch attraktiv, doch der Schwarzwald-Baar-Kreis sei zu wenig bekannt. Viele Abteilungen des Schwarzwald-Baar Klinikums hätten aufgrund ihrer Expertise eine Strahlkraft, die weit über die Region hinaus reiche. „Wir haben in jedem medizinischen Bereich Professor Dr. Ulrich Fink

 

 

 

optimale Bedingungen“, so der ehemalige Ärztliche Direktor. Das erkenne der Fachmann schon alleine daran, dass das Schwarzwald-Baar Klinikum in allen Bereichen die volle Weiterbildungsermächtigung für Ärzte habe, hier können alle Ärzte zu Fachärzten ausgebildet werden – das gebe es außerhalb von Unikliniken selten. „Da sind wir optimal aufgestellt“, auch was die Pflege angehe. Das Schwarzwald-Baar Klinikum biete von den Intensivstationen über hochmoderne OP-Säle alles. Ich habe eineinhalb Jahre länger gemacht, als ich hätte müssen – das tat ich gern, weil ich viel Spaß hatte, aber dann hörte ich richtig auf. Er selbst habe festgestellt, dass es wichtig ist, Bewerber zunächst einmal in die Klinik zu bekommen. „Wenn die erst mal in der Klinik sind, sind sie hellauf begeistert und sagen: Wir wussten gar nicht, dass es hier so eine tolle Einrichtung gibt“. Sehr gute Versorgung Natürlich kennt Ulrich Fink auch die Stimmen, die sich über Wartezeiten in der Notaufnahme oder ähnliches beschweren. Doch er wertet dies als Einzelstimmen. „Ich höre natürlich auch viele, die sehr, sehr zufrieden sind, die gehen nicht an die Öffentlichkeit“. Nichtsdestotrotz müsse man auch diese Einzelstimmen ernst nehmen. „Wir haben hier ein Klinikum, in dem alles geboten wird, was heute in der Medizin notwendig ist. Und das ist für einen Landkreis wie den Schwarzwald-Baar-Kreis überhaupt nicht selbstverständlich. Das heißt: Ich kann heute in die Klinik gehen und weiß, dass ich versorgt werde, egal was ich habe. Das ist unbezahlbar“. In anderen Landkreisen müssten Patienten oft bis zu 100 Kilometer fahren, um zu einem Spezia listen zu gelangen. Klar gebe es auch mal Wartezeiten und dass die Notaufnahme voll sei, liege unter anderem daran, dass alles in einer zentralen Notaufnahme zusammengefasst wurde. Fink gibt allen Kritikern zu bedenken: „Wer schwer erkrankt ist, wartet nicht. Das kann ich mit Fug und Recht sagen. Wer wirklich eine schwere Erkrankung hat, wird sofort perfekt versorgt“. Die Leute würden in die Zentrale Notaufnahme kommen, weil hier eben z.B. auch EKG, CT und Labordiagnose gemacht werden. Er selbst war manchmal erstaunt, wie schnell in der Notaufnahme gearbeitet wurde. Als er einmal einer Beschwerde nachging, fand er heraus, dass eine ältere Frau, die gestürzt und danach kurzzeitig bewusstlos war, nach vier Stunden in der Notaufnahme wieder nach Hause gehen konnte. In dieser Zeit war nicht nur ihre Wunde chirurgisch versorgt worden, es wurde auch noch eine Computertomografie ihres Kopfes angefertigt und, weil sie über Rückenschmerzen klagte, eine Kernspintomografie der Wirbelsäule. „Vier Stunden sind da eine super Zeit, wenn man weiß, wie lange andere Patienten darauf in der freien Praxis warten“, so der Mediziner. Die Schwarzwald-Baar-Klinik habe die Kritik aber immer zum Anlass genommen, zu schauen, wie die Prozesse besser gestaltet werden können. Gerade in der Corona-Pandemie habe es sich aber gezeigt, wie gut die Klinik aufgestellt sei und alles geklappt habe. „Wir haben überhaupt keine Probleme gehabt“. Die Klinik habe ja sogar aus Frankreich Patienten übernommen. „Wir haben hier eine optimale medizinische Versorgung, das ist für mich das Entscheidende“. Die Klinik ist aber auch ein Wirtschaftsbetrieb. Kritiker behaupten, dass deutsche Klinik-Ärzte eher zu Operationen raten, weil das Geld für ihren Arbeitgeber bringt. „Diese Frage stellt sich für uns nicht, weil wir immer belegt sind. Wir haben in den letzten Jahren eher schauen müssen, wie wir Betten frei bekommen“, so Professor Dr. Ulrich Fink. Und weiter: „Wir haben gar nicht die Möglichkeit zu sagen: Wir brauchen mehr Hüftoperationen. Nein, wir nehmen das, was kommt, und der größte Teil der Patienten, die stationär aufgenommen werden, kommt ja über die Notaufnahme. Wir suchen nicht nach Krankheiten“.

 

 

 

Natürlich müsse man wirtschaftlich denken Professor Dr. Ulrich Fink mit Familie. und auch beim Einkauf der Materialien wirtschaftlich arbeiten. Bei der Arbeit mit Patienten werde aber primär überlegt: „Wie können wir den Patienten sinnvoll und richtig behandeln?“ Die DRG-Pauschalen hätten dazu geführt, „dass wir noch mehr Druck haben“, die Patienten früher zu entlassen. Die Liegezeiten zu verkürzen, sei aber auch im Sinne der Patienten. Deutschland habe nach dem alten System nach Tagessätzen die mit Abstand längsten Liegezeiten gehabt, weiß Professor Dr. Ulrich Fink. Familie und Sport als Ausgleich Ausgleich im Beruf war für Ulrich Fink die Familie mit Ehefrau Prof. Dr. Barbara Fink und den vier Kindern Anna (heute 23), Nicola (27), Markus (34) und Martin (36). Die beiden Töchter haben sich für den Arztberuf entschieden, Anna studiert in Freiburg Medizin, Nicola ist Radiologin am Münchner Klinikum Großhadern, wo auch ihre Eltern sich zu Fachärzten ausbilden ließen. Sohn Martin arbeitet als Rechtsanwalt in Stuttgart in einer großen Kanzlei und Markus ist als Rechtsanwalt Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall in Villingen. Während er sich mit Fußball und Tennis in jungen Jahren fit hielt, widmet sich der Ruheständler heute dem Golfsport auf der nahen Anlage in Donaueschingen und nur noch im Winter dem Tennissport. Als Mediziner ist er nicht mehr tätig. „Ich habe eineinhalb Jahre länger gemacht, als ich hätte müssen – das tat ich gern, weil ich viel Spaß hatte, aber dann hörte ich richtig auf.“ Nun genießt er es, mehr Zeit für sich zu haben. Natürlich blickt er mit etwas Wehmut, aber auch Stolz und Dankbarkeit auf die 24 Jahre im Klinikum zurück, in denen so viel bewegt werden konnte, aber auch mit Genugtuung, dass seine erste Prognose „hier kann etwas entwickelt werden“ richtig war. Eines ist aber für ihn klar, das Schwarzwald-Baar Klinikum wird vom Herzen her immer sein Klinikum bleiben. Professor Dr. Ulrich Fink

 

 

 

Corona-Situation spitzt sich im Oktober dramatisch zu Die Entwicklung einer Pandemie wie Corona ist für das Schwarzwald-Baar Jahrbuch nur schwer zu fassen. Als Einleitung zum Corona-Schwerpunkt im Almanach veröffentlichen wir deshalb an dieser Stelle einen Überblick zur Situation im Oktober 2020. Stichtag ist der 28. Oktober, der Tag der Verkündung des Teil-Shutdowns durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ab Mitte Oktober spitzte sich die CoronaSituation bundesund landesweit wie erwartet zu. Auch vor dem Schwarzwald-Baar-Kreis machen die steigenden Zahlen nicht Halt: Die SiebenTage-Inzidenz stieg zunächst steil auf über 50, dann auf über 60 und lag am Mittwoch, den 28. Oktober bei 73,4. Bereits am 15. Oktober 2020 war der Schwarzwald-Baar-Kreis zum Risikogebiet erklärt worden. Vier große regionale Ausbrüche Bei einer Pressekonferenz im Landratsamt schilderte der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Jochen Früh einige Hintergründe. Vier große Ausbrüche in der Region, allesamt von außerhalb eingetragen, hatten maßgeblich Anteil an der zugespitzten Situation. Darunter der Fall eines 60-Jährigen in St. Georgen, der bei einer Kartenspielrunde, einem Geburtstagsfest und am Arbeitsplatz insgesamt 40 Menschen mit Corona infizierte. In einem anderen Fall war die Teilnahme eines jungen Mannes an einer Großhochzeit in Berlin Ende September die Ursache für rund 20 Infektionen in der Familie und im Kindergarten Brigachtal, der vorübergehend geschlossen wurde. Im Raum Furtwangen kam es nach der Busreise einer Frau in die Schweiz zu einer Ansteckung bei 21 Personen. In BlumCorona-Pressekonferenz des Schwarzwald-Baar-Kreises am 16. Oktober 2020. Anlass war die Einstufung des Landkreises als Risikogebiet. Die Tageszeitungen übertrugen per Videostream live. berg verbreitete ein Arbeiter aus Osteuropa das Coronavirus, steckte Arbeitskollegen und andere an. Auch zwei Schulen waren betroffen. Sieben Monate Erfahrung Dennoch: Sieben Monate Erfahrung im Umgang mit dem Virus machen einen großen Unterschied. „Im Moment kommen wir mit der zweiten Welle besser zurecht als mit der 42 2. Kapitel – Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

ersten“, sagt Jochen Früh am Abend des 21. Oktober. Der Mediziner ist noch im Dienst, das Gesundheitsamt arbeitet im Zweischichtbetrieb. Corona-Frust? „Nein, die Arbeit ist sinnvoll. Wir können die Befunde schnell abarbeiten und viele Leute vor der Erkrankung in Quarantäne bringen“, sagt Jochen Früh. „Wir betreiben keine Katastrophenverwaltung, sondern verfügen über aktive Eingriffsmöglichkeiten.“ CORONA-MOMENTAUFNAHME ZUM 28. OKTOBER 2020 Es ist eine Momentaufnahme auf Basis der täglichen Meldungen zu den Corona-Fällen auf der Internetseite www.lrasbk.de: Am Mittwoch, 28. Oktober wurden 834 Fälle gemeldet, die bereits wieder gesund sind (+ 17 Fälle zum Vortag). Im März des Jahres habe man zunächst Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle einmal alles neu definieren müssen. Durch die Einarbeitung der Mitarbeiter komme man mit den Fallzahlen besser zurecht als im Frühjahr. „Heute wissen wir, wie sich das Virus ausbreitet und kennen bessere Therapiekonzepte als zu Beginn.“ Problematisch sei in erster Linie die Einschleppung an Schulen, wie es beispielsweise in Donaueschingen und Hüfingen der Fall war. Durch die große Zahl an Menschen sei die Quarantänestellung aufwendig. Befunde müssen besprochen und Abstriche organisiert werden, zugleich sei der Diskussionsbedarf bei den unter Quarantäne gestellten Schülern groß. Uneinsichtigkeit sei nicht das Problem. Der Frust eines jungen Menschen beispielsweise, der seine praktische Führerscheinprüfung verschieben müsse, sei aber durchaus nachvollziehbar. Am 2. November tritt Teil-Shutdown in Kraft Ein weiterer Teil-Shutdown tritt am 2. November in Kraft, so die Festlegung der Bundesregierung, die am Mittwoch, den 28. Oktober verkündet wurde. Den gesamten November über sollen Kontaktbeschränkungen gelten, muss einmal mehr die Gastronomie schließen, darf es keine kulturellen Veranstaltungen, kein Kino – aber auch kein Amateurund Vereinssport geben, um an dieser Stelle nur einige Punkte aufzuführen. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte dazu: „Wir wissen, was wir den Menschen zumuten, doch es gilt die Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen.“ Finanzielle Hilfen für die Betriebe, die vom Shutdown betroffen sind, sollen die Auswirkungen auf die Betroffenen abfedern. Die Einschränkungen sollen bis Ende November 2020 gelten. Nathalie Göbel / wd liegt aktuell bei 1.077 (+ 18 Fälle zum Vortag), die genesenen Fälle sowie 35 Todesfälle (keine Änderung) sind hierin enthalten. Somit liegt die Zahl der aktuell an COVID-19 Infizierten bei 208 Personen (+ 1 Fall zum Vortag). Im Schwarzwald-Baar Klinikum befinden sich am Mittwoch, 28. Oktober 22 am Coronavirus erkrankte Personen. Von den bisher bestätigten Fällen wurden folgende Zahlen in den Städten und Gemeinden des Landkreises gemeldet: • Villingen-Schwenningen: 411 (318 genesen) • Donaueschingen: 92 (62 Personen genesen) • Bad Dürrheim: 50 (40 Personen genesen) • Blumberg: 96 (70 Personen genesen) • Bräunlingen: 17 (13 Personen genesen) • Brigachtal: 22 (19 Personen genesen) • Dauchingen: 10 (alle genesen) • Furtwangen: 87 (77 Personen genesen) • Gütenbach: 6 (5 Personen genesen) • Hüfingen: 45 (39 Personen genesen) • Königsfeld: 29 (25 Personen genesen) • Mönchweiler: 8 (3 Personen genesen) • Niedereschach: 33 (24 Personen genesen) • Schönwald: 9 (5 Personen genesen) • Schonach: 17 (14 Personen genesen) • St. Georgen: 87 (75 Personen genesen) • Triberg: 34 (17 Personen genesen) • Tuningen: 6 (4 Personen genesen) • Unterkirnach: 6 (alle genesen) • Vöhrenbach: 12 (8 genesen) Situation spitzt sich zu 43 CORONA

 

 

 

„Tage weit weg von normaler Arbeit“ von Nathalie Göbel – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

CORONA

 

 

 

Der 7. März 2020 ist ein kühler Spätwintertag. Ein ruhiger Samstag nach der Fastnacht. Man kauft ein, trifft sich mit Freunden zum Kaffee oder abends im Kino. Doch plötzlich ist es mit der Normalität vorbei. Um die Mittagszeit teilt das Landratsamt mit, dass eine erste Coronavirus-Infektion durch Labornachweis im Schwarzwald-Baar-Kreis gesichert ist. Die erkrankte Person stammt aus St. Georgen und ihre Infektion bringt SARS-CoV-2 in den beschaulichen Landkreis im Südwesten. Das neue Virus wütete in den neun Wochen zuvor noch in einer Millionenmetropole namens Wuhan. Das liegt in China und die Krankheit schien damit sehr weit weg zu sein. „Wir haben die Entwicklung schon seit Ende des Jahres gespannt verfolgt, aber alarmiert waren wir damals noch nicht“, erinnert sich Dr. Jochen Früh. Der Facharzt für Innere Medizin leitet das Gesundheitsamt des SchwarzwaldBaarKreises seit dem Jahr 2016 und hat mit seinem Team in den Pandemiemonaten eine Schlüsselrolle eingenommen. Dr. Jochen Früh, Leiter des Gesundheitsamtes. Das Ausmaß der Pandemie hat Dr. Jochen Früh nicht unbedingt überrascht: „Neue, auch bedrohliche Krankheiten gibt es immer wieder – denken Sie nur an SARS, HIV, MERS oder Ebola.“ In vernetzten Gesellschaften würden immer wieder Ausbrüche neuer Erreger drohen, die durch Wirtswechsel entstehen können. In allen Bundesländern gibt es daher Pandemiepläne, ausgelegt darauf, dass sich eine Grippewelle großflächig ausbreitet, so wie vor fast genau 100 Jahren, als die Spanische Grippe Millionen Menschen das Leben kostete. Noch Anfang Februar habe das Robert Koch-Institut die Risikosituation als gering eingestuft. Ende Januar hatte sich im bayrischen Stockdorf ein Mitarbeiter des AutomobilzuWir waren gut vorbereitet, weil wir nicht zu den ersten betroffenen Gesundheitsämtern in Deutschland gehörten, sondern eine Vorlaufzeit hatten. Allein am ersten Wochenende wurden im Abstrichzentrum rund 15 Fälle festgestellt. lieferers Webasto bei einer Kollegin aus China angesteckt. Damit war klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis das Coronavirus in Baden-Württemberg auftreten sollte. Das Gesundheitsamt traf die erste nachgewiesene Infektion mit dem neuartigen Coronavirus somit nicht unvorbereitet. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden daraufhin die Vorbereitungen intensiviert. „Ab dem 1. Februar haben wir zwei unserer ärztlichen Mitarbeiter beauftragt, die Entwicklung zu verfolgen“, schildert Jochen Früh. Die beiden verfolgten tagesaktuell Berichte des Robert KochInstituts und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und erläuterten die Entwicklung in den wöchentlichen Besprechungen des Verwaltungsstabs. Zu Beginn der Pandemie kam das Gremium sogar täglich zusammen. Der Verwaltungsstab ist quasi der Katastrophenschutzstab des Landratsamtes, der immer dann zusammentritt, wenn ein überörtliches Schadensereignis stattfindet, das einer Koordination in größerem Maße bedarf. Er tritt zusammen, wenn besondere Ereignisse wie Hochwasser oder Großbrände es erfordern. Im Jahr 2020 ist jedoch kein Großschadensereignis, sondern ein winziges Virus der Grund. SARS-CoV-2 hat gerade mal einen Durchmesser von 60 bis 120 Nanometer also 0,00006 bis 0,00012 Millimeter. „Wir waren gut vorbereitet, weil wir nicht zu den ersten betroffenen Gesundheitsämtern in Deutschland gehörten, sondern eine Vorlaufzeit hatten“, resümiert Dr. Jochen Früh. Eine der ersten Maßnahmen war die Einrichtung einer Abstrichmöglichkeit am Schwarzwald-Baar Klinikum Anfang März.

 

 

 

COVID-19-FÄLLE IM SCHWARZWALD-BAAR-KREIS Krankheitsfälle pro 100.000 Einwohner nach Städten und Gemeinden Stand: 28.10.2020

 

 

 

Corona-Ambulanz auf dem Schwenninger Messegelände Schnell habe sich gezeigt, dass eine vom Klinikbetrieb getrennte Ambulanz nötig sein würde. Am zweiten März-Wochenende richtete das Gesundheitsamt eine Corona-Ambulanz auf dem Schwenninger Messegelände ein. „Allein am ersten Wochenende wurden im Abstrichzentrum rund 15 Fälle festgestellt“, blickt Dr. Jochen Früh zurück. Am folgenden Montag übernahm die Kassen ärztliche Vereinigung (KV) den Betrieb des Abstrichzentrums, das nach strikten Vorgaben betrieben wurde: Wer hier getestet wurde, musste sich zuvor telefonisch mit seinem Hausarzt abgestimmt und eine entsprechende Überweisung bekommen haben. Ansonsten wäre die Ambulanz wohl hoffnungslos überlaufen gewesen, plagen sich doch im kühlen März viele Menschen mit banalen Erkältungsinfekten herum. Die Ermittlung und Nachverfolgung von Kontakten – sowie die In-Quarantäne-Stellung von Infizierten und Unterbrechung der Infektionsketten – gehören seitdem mit zu den zentralen Aufgaben des Gesundheitsamtes. Es verfügt über 30 Mitarbeiter*innen. Wie reagieren Menschen, wenn man ihnen mitteilt, dass sie in den kommenden zwei Wochen zu Hause bleiben müssen und nicht einmal Einkäufe erledigen dürfen? „In der ersten Phase ist das sehr gut gelaufen“, resümiert Dr. Früh. Die Probleme habe es erst gegeben, als die ersten asymptomatischen Patienten ermittelt wurden, häufig Reiserückkehrer. „Da war es teils schwer verständlich zu machen, warum sie nun – ohne Symptome – 14 Tage zu Hause bleiben sollten“, so der Leiter des Gesundheitsamtes und Facharzt für Innere Medizin. „Damals gab es dafür noch keine rechtliche Grundlage und eine bloße Empfehlung ist rechtlich nicht durchsetzbar.“ Ischgl-Rückkehrer auch im Schwarzwald-BaarKreis ein bedeutender Infektionsherd Große Bauchschmerzen habe er gehabt, als klar wurde, dass die Entwicklung in Ischgl aus Auch in den SchwarzwaldBaar-Kreis kehrten in diesen Tagen Urlauber aus Ischgl zurück, darunter einige aus dem Blumberger Teilort Riedböhringen, wo Ende März 22 Corona-Fälle gezählt werden. dem Ruder zu laufen drohte und es auch in Deutschland sukzessive zu der gefürchteten exponentiellen Steigerung der Fälle kam. Besonders anschaulich kann man sich die Exponentialfunktion anhand der Legende des indischen Königs Shirham vor Augen führen, der den Erfinder des Schachspiels belohnen wollte. Der Weise wünschte sich eine Entlohnung in Reiskörnern und zwar nach folgendem Muster: Auf das erste der 64 Felder eines Schachspiels lege man ein Reiskorn, auf das nächste zwei, auf das übernächste vier – immer doppelt so viele wie auf dem vorigen Feld. Schlussendlich würden auf dem Schachbrett 18.446.744.073.709.551.615 Reiskörner liegen. Das entspricht dem Zighundertfachen der weltweiten Reisernte eines Jahres. Eine unlösbare Aufgabe. Genau so schnell kann die exponentielle Ausbreitung eines Virus verlaufen. Wie dynamisch diese Entwicklung ist, zeigte sich besonders drastisch nach der Rückkehr tausender Skifahrer aus dem Tiroler Urlaubsort Ischgl, der sich seitdem mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, zur Ausbreitung des Virus in Europa maßgeblich beigetragen zu haben. Tausende Skifahrer hatten sich dort im Frühjahr infiziert. Im September wurden erste Sammelklagen eingereicht. Viel zu spät, so der Vorwurf, hätten die Tiroler Behörden auf das Coronavirus reagiert. Bereits Ende Februar hatte Island Alarm geschlagen, nachdem 15 Mitglieder einer Reisegruppe an Covid-19 erkrankt waren. Sie waren in Ischgl gewesen. Dort wurde ein vorzeitiges Saisonende erst am 12. März verkündet. Bis wirklich alle Lifte stillstanden, sollten drei weitere Tage vergehen, unter teils chaotischen Bedingungen reisten die Wintersportler ab. 48 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Auch in den Schwarzwald-Baar-Kreis kehrten in diesen Tagen Urlauber aus Ischgl zurück, darunter einige aus dem Blumberger Teilort Riedböhringen, wo Ende März 22 Corona-Fälle gezählt wurden und am 1. April eine Ausgangssperre verhängt wurde. Kein Aprilscherz, wie Bürgermeister Markus Keller damals betonte. „Tage weit weg von normaler Arbeit“ Die Corona-Tage waren und sind im Gesundheits amt „Tage weit weg von normaler Arbeit“, wie Dr. Jochen Früh unterstreicht. Ende März hatten wir in Deutschland eine Verdopplungszeit von sechs bis sieben Tagen. Zum Vergleich: Am 3. Oktober 2020 gab die Johns-Hopkins-University diesen Wert mit 89,5 Tagen an. Das Gesundheitsamt teilt täglich – bei Bedarf auch an den Wochenenden – die aktuellen Zahlen auf der Internetseite des Landratsamtes mit. Am Samstag, 25. April, beispielsweise liegt die Zahl der bestätigten Fälle im Kreis bei 473 – 17 dieser Patienten hatten die Infektion nicht überlebt. Bis zum 28. Oktober 2020 sind es dann 1.077 Erkrankte, von Vor der Fieberambulanz – warten auf den CoronaTest. denen 35 an Corona gestorben sind. Die Zahl der aktiv Erkrankten beläuft sich zum Stichtag 28. Oktober 2020 auf 208. Zumindest Ende September war der Landkreis von einem Lockdown, wie es ihn im Frühjahr gab, „gut entfernt“, sagt Dr. Jochen Früh. „Im Moment besteht ein wesentlicher Teil der Arbeit darin, das Personal zu schulen, zu trainieren und Abläufe zu optimieren.“ Dazu gehöre, sich in Computerverfahren einzuarbeiten, in Nachverfolgung und Kommunikation. Schon wenige Wochen später verändert sich das Bild, wie die aktuellen Fälle im Landkreis zeigen (siehe hierzu auch www.Lrasbk.de) An die 9.000 Kontaktpersonen ermittelt Kommunikation nimmt einen wichtigen Stellenwert ein, auch, weil sich nicht alle unter Quarantäne stehenden Personen angemessen ver„Tage weit weg von normaler Arbeit“ 49

 

 

 

halten. „Ja, es gab auch Verstöße“, sagt Dr. Früh. Insgesamt wurden im Flächenlandkreis im Rahmen der „ersten Welle“ an die 9.000 Kontaktpersonen ermittelt. „Mit den Kräften des Gesundheitsamtes können wir keine 24-StundenKontrollen vornehmen“, erläutert er weiter. Bei Kontaktpersonen aus schwierigem Umfeld oder entsprechenden Hinweisen von Nachbarn oder Angehörigen über Missachtung der Quarantäne habe man auch über die städtischen Ortspolizeibehörden Kontrollen veranlasst. Dass die Region die Pandemie bislang gut gemeistert und die erste Welle erfolgreich abgeschwächt habe, sei nicht allein Verdienst des Landratsamtes. „Da haben alle ganz uneigennützig mitgeholfen. Mein Dank geht an die niedergelassenen Ärzte, die mit dem Betrieb des Abstrichzentrums einen ganz wesentlichen Weg der Früherkennung bewerkstelligt haben, aber auch an das Schwarzwald-Baar Klinikum, das seine Kapazitäten schnell ausgebaut hat, so dass man noch alle Behandlungsoptionen hatte. Und nicht zuletzt all den Bürgern, die sich kooperativ an die Empfehlungen gehalten haben.“ Quarantäne und Abstand zeigen Wirkung Dr. Jochen Früh geht davon aus, dass Deutschland aufgrund der bisher gesammelten Erfahrungen mit einer zweiten Welle besser zurechtkommen werde. „Ich schätze, dass man bis zur Rot-Schwelle gut arbeitsfähig bleiben kann. Quarantäne und Abstand zeigen Wirkung.“ Die größte Sorge sei, dass einzelne Krankheitsherde zu Ausbrüchen zusammenfließen und es zu einem exponentiellen Anstieg kommen könnte. Zugleich seien auch andere Szenarien denkbar: Etwa, dass sich aus einem Anstieg auch wieder Ausbrüche in speziell empfängliche Bereiche wie Altenheime, Krankenhäuser, aber auch Fleischfabriken entwickeln könnten. „Das könnte zu einer Zuspitzung führen. Dafür müssen wir uns schulen und vorbereiten.“ Es gelte, einen Weg zu finden, um in Anbetracht der regionalen Häufigkeit die Maßnahmen gezielt steuern zu können. „Etwa Schulen und den ÖPNV hochfahren unter Beobachtung und mit der Tolerierung einer gewissen Rate Dass die Region die Pandemie bislang gut gemeistert und die erste Welle erfolgreich abgeschwächt habe, sei nicht allein Verdienst des Landratsamtes. „Da haben alle ganz uneigennützig mitgeholfen.“ von Fällen.“ Auch Jochen Früh hofft, „dass wir zu unserem freien Leben möglichst bald wieder zurückkehren können“. Zugleich dämpft der Mediziner die Erwartungen an einen Corona-Impfstoff – 40 Impfstoffkandidaten werden Anfang Oktober weltweit in klinischen Studien getestet. Davon, dass einer darunter den Durchbruch bringe, sei er nicht überzeugt. Zu viel hänge von der Oberfläche und der Wandelbarkeit des Virus ab. „Nehmen wir mal die klassische Grippe, die Influenza: Die Impfung hat eine absolute Schutzrate von 60 Prozent. Der Rest bekommt das Virus schwächer, aber ist trotzdem ansteckend.“ Ein hundertprozentiger Schutz sei deshalb auch von einer künftigen Corona-Impfung nicht zu erwarten, ebenso sei es unwahrscheinlich, die Pandemie weltweit durch eine Impfung zu beenden. Manche Viren würden im Verlauf einer Epidemie an Aggressivität zunehmen, andere wiederum sich abschwächen, zugleich komme es in der Bevölkerung zu einer wachsenden Immunität. „Wir gehen davon aus, dass uns Corona in besser beherrschbarer Tendenz die nächsten zwei Jahre begleiten wird, mit kleinen Ausbrüchen und Anstiegen und hoffentlich nicht wieder mit einer Ausnahmesituation wie beim Lockdown“, so die Einschätzung des Mediziners. Rechte Seite: In der Fieberambulanz, oben beim Abstrich. 50 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

51

 

 

 

25. Februar 2020 (Fastnachtsdienstag). In VS-Villingen sind zigtausend Narren und fasnetbegeisterte Zuschauer unterwegs. Lachen, feiern, schunkeln – in den vielen Fasnetstüble herrscht die übliche „Druckete“. Das Landratsamt warnt mit Blick auf das fortgeschrittene Infektionsgeschehen in Italien vor dem Corona-Ausbruch auch bei uns. Doch noch hat die Pandemie den Schwarzwald-Baar-Kreis nicht erreicht. Nur wenige Tage nach der Fastnacht tragen ein Kreuzfahrt-Rückkehrer, Ischgl-Urlauber und andere Infizierte die Pandemie in den Schwarzwald-Baar-Kreis hinein. Nachfolgend ein Stenogramm zu den Ereignissen für die Zeit vom 27. Februar bis zum 1. Juli 2020. 52 Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

STENOGRAMM EINES LOCKDOWNS von Wilfried Dold 53 53 CORONA

 

 

 

Tagtäglich neue Informationen zu Corona – die Interseite www.Lrasbk.de gehört zu den meistbesuchten im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis. 27. Februar # „Infos zum Coronavirus“. Diese Schlagzeile auf der Startseite des Internetauftrittes des Schwarzwald-Baar-Kreises verlinkt auf eine der am meisten besuchten Webseiten der Region: Bis zum 19. Oktober 2020 wurden 779.479 Zugriffe auf die Seite mit den täglich aktualisierten Corona-Daten gezählt! Am 27. Februar 2020 steht unter www.Lrasbk.de zu lesen: „Nachdem vier CoronavirusInfektionen in BadenWürttemberg festgestellt wurden, darunter ein Fall im Nachbarlandkreis Rottweil, behalten die Gesundheitsbehörden die Patienten und deren persönliches Umfeld besonders im Blickfeld.“ Noch hat Corona den Schwarzwald-Baar-Kreis nicht erreicht. 4. März # An der Werkrealschule am Ilben in Furtwangen bestätigt sich bei einem aus Freiburg stammenden Lehrer eine Corona-Infektion. Damit erreicht zugleich der erste SüdtirolCoronafall den Landkreis. Die Werkrealschule wird vollkommen desinfiziert und bleibt bis zum 20. März geschlossen. Die 121 Schüler sind die ersten im Schwarzwald-Baar-Kreis, die im Rahmen des unterstützenden Unterrichts via Internet mit Aufgaben für das Homeschooling versorgt werden. 54 6. März # Die aktuelle Entwicklung verun­ sichert viele Bürger*innen: Das Gesundheitsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises schaltet eine Hotline frei – im Verlauf der kommenden 14 Tage gehen über 2.000 Anrufe ein. 7. März # Der erste bekannte Corona­ Fall bei einem Einwohner des Schwarzwald-Baar-Kreises bestätigt sich in St. Georgen, er hat sich wohl bei einer Mittelmeer-Kreuzfahrt infiziert. Die Feuerwehr sagt daraufhin ihre Hauptversammlung ab – Bürgermeister Michael Rieger ruft zur Besonnenheit auf. 10. März # In begründeten Fällen nehmen Ärzte des Schwarzwald­Baar Klinikums ab sofort Corona­Abstriche vor. Die Weltgesundheitsorganisation stuft den Ausbruch des Corona-Erregers nun als Pandemie ein. Trotz aller Aufrufe, nicht in den Hamsterkauf-Modus umzuschalten, decken sich die Bürger auf Wochen hinaus mit Toiletten papier ein. Auch Desinfektionsmittel, Seifen, Nudeln, Mehl und Trockenhefe werden zum Luxus gut. Zu einer generellen Absage kultureller Veranstaltungen kommt es noch nicht, diese wird aber seitens des Gesundheitsministeriums dringend empfohlen. Immer mehr Veranstaltungen werden in der Folge freiwillig abgesagt, zu groß ist das Risiko einer Infektion.

 

 

 

Nicht nur im Villinger Münster bleibt aus Angst vor einer Corona-Infektion das Weihwasserbecken leer, die Hostie wird den Gläubigen auf die Hand gelegt. Bereits jedes zweite Unternehmen in der Region spürt laut einer IHK-Umfrage starke Corona-Auswirkungen. 11. März # Nahezu stündlich wird die Bevöl­ kerung mit neuen Nachrichten zum Coronavirus förmlich überflutet. Die Angst wächst. Gerade ältere Menschen sind besonders gefährdet und ziehen sich vermehrt vorsorglich aus der Öffentlichkeit zurück. Die Hamsterkäufe stellen auch die Tafelläden der Region vor Probleme: Aus den Supermärkten treffen bei ihnen immer weniger Waren ein. 12. März # Weil die Villinger Karl­Brachat­ Realschule eine Klassenfahrt ins Elsass unternommen hatte, wird die neunte Klasse samt sechs Lehrern für 14 Tage vom Unterricht freigestellt. Auslöser ist die Einstufung des Elsass als Corona-Risikogebiet. Während Hochschulen bereits ihren Semesterbeginn verschieben, bleiben die Schulen weiter offen. Immer mehr Veranstaltungen und Zusammenkünfte von Vereinen werden abgesagt. Die Landesregierung verbietet Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern. Nur zwei Tage später wird die Zahl der maximalen Besucher auf 100 gesenkt. 13. März # In den Fokus des Gesundheitsam­ tes rücken verstärkt auch die Pflegeeinrich­ tungen. Mitarbeitern mit Grippe-Symptomen und Rückkehrern aus Risikogebieten wird geraten, nicht zur Arbeit zu kommen. Besucher mit Erkältungssymptomen dürfen die Einrichtungen nicht mehr betreten. Überall fehlt es an Schutzmasken und -kleidung für das Pflegepersonal. 14. März # Die Landesregierung verkündet die Schließung aller Schulen und Kindergär­ ten ab Dienstag, 17. März. Für Krankenhäuser und Pflegeheime wird ein Besuchsverbot ausgesprochen. Ohne Worte: Die von Kurt Heizmann ins Leben gerufene „Gesellschaft zur Verblüffung des Erdballs“ mit Sitz in Vöhrenbach brachte in Corona-Zeiten die obige Grußkarte in Umlauf (Ausschnitt). Mit dem Erliegen des öffentlichen Lebens im Landkreis ist auch die Sperrung der Spielplätze verknüpft, wie hier in Brigachtal. Corona – Stenogramm eines Lockdowns 55

 

 

 

Um sich vor dem Einschleppen des Coronavirus zu schützen, lagert das Schwarzwald-Baar Klinikum seine Corona-Ambulanz auf das Schwenninger Messegelände aus. Erstmals wird im Schwarzwald-Baar-Kreis die Übertragung einer Corona-Infektion von einer Person zur anderen nachgewiesen. Kreisweit sind sieben Coronafälle bekannt. Landkreisweit registrieren die Beherbungsbetriebe das Ausbleiben von Touristen, die Stornierungen von Buchungen betragen bis zu 80 Prozent. Der Blick auf den Triberger Boulevard zeigt die Dramatik: Wo ansonsten täglich Hunderte von Besuchern entlangschlendern, sind nur vereinzelt Menschen unterwegs. 17. März # Im Schwarzwald­Baar­Kreis wer­ den am Tag vor dem Lockdown elf weitere Coronavirus-Fälle gemeldet. Somit liegen insgesamt 27 bestätigte Fälle vor. 18. März # Es ist ein historischer Augenblick in der Geschichte der Bundesrepublik: Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet in einer Fernsehansprache den Lockdown, das bislang beispiellose Herunterfahren des öffentlichen Lebens im Land. Angela Merkel: „Es ist ernst. Seit der Deutschen Einheit – nein, seit dem Zweiten Weltkrieg – gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt. … Das Coronavirus verändert zurzeit das Leben in unserem Land dramatisch.“ Der Lockdown sorgt endgültig für nahezu menschenleere Innenstädte im Landkreis. 21. März # Die Corona­Pandemie trifft neben Industriebetrieben auch die Gastronomie­ und Hotelbetriebe sowie die vielen Selbst­ ständigen mit ganzer Härte. Von Samstag, 21. März 2020, an müssen alle Gaststätten und Restaurants in Baden-Württemberg geschlossen bleiben. Es ist aber möglich, Mahlzeiten abzuholen oder sich ausliefern zu lassen. Schließen müssen ebenso viele Einzelhändler, Caterer oder Fitnessstudios. Ebenso Friseurgeschäfte und ähnliche Betriebe mit engerem Kontakt zu ihren Kunden, um nur einige von vielen 56 Corona fegt die Städte leer – hier in Hüfingen. Auch in VS-Villingen, Donaueschingen oder Bad Dürrheim beispielsweise, präsentieren sich die Innenstädte nahezu menschenleer . Post aus dem Familienzentrum Furtwangen. Der Kindergarten Maria Goretti hatte für alle Kinder einen Brief mit Erde und Blumensamen gerichtet. Denn: „Ohne euch Kinder ist es im Kindergarten still und langweilig! Wir vermissen euer Lachen, unser gemeinsames Spielen, unsere Gespräche…“, schreiben die Erzieherinnen in Corona-Tagen.

 

 

 

Sparten konkret zu benennen. Einzig Geschäfte des täglichen Bedarfs dürfen weiter öffnen. Viele Selbstständige, zumal Kunstund Kulturschaffende, wissen nicht, wie sie wegen der Geschäftsschließungen oder der Absage von Veranstaltungen und Familienfeiern die kommenden Wochen finanziell überstehen sollen. 22. März # Bund und Länder haben sich auf Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coro na virus geeinigt. Versammlungen von mehr als zwei Personen sind verboten. Ausgenommen sind Familien oder Personen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben. Außerdem müsse man sich an einen Mindestabstand von 1,5 bis zwei Metern halten. Die Stadt Villingen-Schwenningen überwacht die Einhaltung dieser Regelung mit mehr als 50 Mitarbeitern. Abstand halten gilt es auch auf den Wochenmärkten, die weiter stattfinden dürfen. Die Landesregierung beschließt eine Soforthilfe für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmen. Die Angst vor einer Pleitewelle in der Wirtschaft geht immer stärker um. Auch die Bundesregierung kündigt Milliardenhilfen an. Das Gesundheitsamt des SchwarzwaldBaarKreises meldet 76 bestätigte Corona-Fälle: In fünf Tagen haben sich die Infektionen verdreifacht. 23. März # Katholischer Gottesdienst auf YouTube sehr gefragt. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Lösungen, denn wegen Corona bleiben auch die Kirchen geschlossen. So wird der Gottesdienst des katholischen Pfarrers Martin Schäuble von der Seelsorgeeinheit Oberes Bregtal live auf YouTube ausgestrahlt. Innerhalb von 24 Stunden wurde die in Furtwangen-Neukirch gehaltene Messe auf YouTube mehr als 1.600 Mal aufgerufen, bis heute sind es bald 4.000 Mal. 27. März # Die Zahl der an Coronavirus er­ krankten Personen erhöht sich weiter. Am Freitag, 27. März stellt das Gesundheitsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises 153 bestätigte Corona virus-Fälle fest. In fünf Tagen hat sich damit die Zahl der Infizierten verdoppelt. Erstmals beklagt der Landkreis zwei Todesfälle. Die Brüder Felix und Lukas Leicht aus VS-Villingen zeichnen im Homeschooling ein Mutmach-Plakat. Ihr Wunsch: Auch andere Kinder sollen Plakate zeichnen und ins Fenster hängen. Im Corona-geschüttelten Italien singen die Italiener als Dank für ihre Helden des Alltages und zum Mutmachen auf den Balkonen gegen das Virus an. Die Menschen in Villingen-Schwenningen veranstalten am 22. März ebenfalls ein Balkonkonzert. Zu den Akteuren zählt auch die Familie Tröndle, hier Greta und Oskar Tröndle zusammen mit Vater Alexander. Corona – Stenogramm eines Lockdowns 57

 

 

 

Weil es überall an Schutzmasken fehlt und die Politik samt der Virologen die zunächst bezweifelte Schutzwirkung der Masken jetzt bestätigt, nähen unzählige Frauen im Landkreis Stoffmasken. Unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ bieten die Städte und Gemeinden auf der Südbaar ihren Händlern, Handwerkern und Gastro nomen eine neue Online-Vermarktungsplattform an. Überall im Landkreis versuchen von der Corona-Schließung betroffene Selbstständige, sich über Internetplattformen eine neue Geschäftsgrundlage zu erschließen. In VS-Schwenningen näht ein 15-jähriges Mädchen zusammen mit der Mutter kostenlos Atemschutzmasken, die ersten zehn gehen an eine Arztpraxis. Da Atemschutzmasken fast nicht zu bekommen sind, greifen immer mehr Frauen zur Selbsthilfe. In VS-Villingen überwacht jetzt im Auftrag der Stadt ebenso ein privater Sicherheitsdienst die Einhaltung der Corona-Verordnungen. 28. März # Im Schwarzwald­Baar­Kreis gibt es 179 bestätigte Corona­Fälle. Erstmals werden wegen Verstößen gegen die Corona-Verordnungen Bußgelder verhängt. Und in nur vier Tagen wird in der Schwenninger Tennishalle eine neue Fieber-Ambulanz sprichwörtlich aus dem Boden gestampft. Fünf Behandlungszelte stehen darin zur Verfügung (s. Foto S. 74/75), drei Ärzte sind im Dienst, helfen mit, die Arztpraxen im Landkreis zu entlasten. Die Zahl der Covid-19-Patienten im Schwarzwald-Baar Klinikum hat sich auf 37 Fälle verdreifacht. Betroffen sind nun auch die Altenund Pflegeheime in Niedereschach und St. Georgen. Noch immer lehnen zahlreiche Politiker eine Pflicht zum Tragen von Schutzmasken ab. 31. März # Ausgangssperre für Riedböhrin­ gen: Die Stadt Blumberg verhängt in Abstimmung mit dem Landratsamt im Kampf gegen das Coronavirus eine Ausgangssperre für Riedböhringen. Hintergrund ist die hohe Zahl an Infizierten: Von 29 am Coronavirus erkrankten Personen in Blumberg haben 22 ihren Wohnsitz in Riedböhringen. Ursache des Ausbruchs war ein Ischgl-Aufenthalt. Positives ist indes aus den Schulen zu hören: Die Schüler*innen lernen zu Hause gut, das bestätigen ihre Klassenlehrer*innen bei Umfragen. Wesentlichen Anteil haben die Mütter, die 58

 

 

 

Die Großeltern vermissen die Enkelkinder – die Enkelkinder ihre Großeltern. Die abgebildete Plakatfolge drückt aus, was viele Menschen im Landkreis empfinden: Corona macht einsam. vielfach wegen geschlossener Kindergärten und Schulen ihrer beruflichen Tätigkeit nicht nachgehen können. 01. April # Es fehlt weiter an Masken. Zu einer Nähaktion rufen die DRK-Kreisverbände Villingen-Schwenningen und Donaueschingen auf. Die Schutzmasken sollen an die Feuerwehren und die Mitarbeiter von sozialen Diensten ausgegeben werden. Auch ansonsten steigt die Schutzmaskenproduktion stark an, immer mehr Bürger*innen greifen zur Selbsthilfe. Selbst mit dem 3D-Drucker werden Masken produziert. Die Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg für Solo-Selbstständige und Betriebe bis zu 50 Mitarbeitern findet großen Widerhall: In den ersten fünf Tagen gehen bei der IHK bereits über 5.300 Anträge ein. Weiterhin Notstand herrscht bei der Versorgung mit Toilettenpapier, das in den Supermärkten kaum zu bekommen ist. Gleiches gilt für Desinfektionsmittel. 03. April # Noch schwerer als sonst ist die Arbeit der Lkw­Fahrer, ohne die in CoronaZeiten nichts mehr gehen würde. Da viele Rastplätze und öffentliche Toiletten wegen Corona geschlossen sind, stellt das Bräunlinger Unternehmen Straub für die Lastwagenfahrer drei Toilettenwagen auf. Der VerpackungsSpezialist liefert die Schachteln für die Berge an Internet-Bestellungen. Schwer trifft Corona das St. Georgener Seniorenpflegeheim Lorenzhaus, in dem acht Fälle registriert sind. 04. April # „Oma und Opa fehlt uns“. Plakate und Zeichnungen mit diesen Inhalten sieht man im Landkreis immer häufiger (siehe Fotofolge links). Die Senioren*innen leiden unter dem Besuchsverbot in den Pflegeeinrichtungen und sollen auch ansonsten aus Gründen der Ansteckungsgefahr keinen Kontakt zu Kindern und Enkelkindern haben. In Mönchweiler kommt es zu drastischen Schritten: Wegen vielfachen Ignorierens des Besuchsverbotes, wird um einen Wohnpark für Senioren ein Stahlgitterzaun gezogen. 59

 

 

 

Vom Pferd aus kontrollierte die Polizei auf dem Landesgartenschaugelände in VS-Schwenningen am Ostersamstag und -sonntag das Einhalten der Corona-Regeln. 06. April # Einbahnregelung um die Linach­ talsperre. Weil es auf der Mauerkrone der Linachtalsperre und dem dortigen Rundweg eng hergeht, beschließt die Stadt Vöhrenbach zur Sicherstellung der Abstandsregeln eine „Einbahnregelung“. Die Beschränkung hat einen realen Hintergrund: Es wird Frühling und es zieht die Menschen überall hinaus in die Natur. Da Reisen unmöglich geworden sind, wird zu Fuß oder mit dem Bike stärker denn je die Heimat erkundet. Die Stadt Bad Dürrheim verhängt als eine der ersten im Landkreis eine Haushaltssperre, da aufgrund der Pandemie hohe Verluste bei den Einnahmen befürchtet werden. 08. April # Chinesische Schüler sitzen fest. Auch die Zinzendorfschulen in Königsfeld stellten im Rahmen des Lockdowns ihren Betrieb ein. Für 17 chinesische Internatsschüler bedeutet die Schulschließung unter Corona-Vorzeichen, dass sie in den Ferien nicht wie gewohnt nach Hause fliegen können. Sie erfahren großes Misstrauen vonseiten der Königsfelder: Gehen die Schüler in dem Kurort spazieren, wechseln nicht wenige Bürger die Straßenseite. 10 ­ 13. April # Furcht vor den Ostertagen. Rechtzeitig zu den Osterfeiertagen entspannt sich die Corona-Situation im Schwarzwald-BaarKreis leicht. Am Karfreitag, 10. April, werden 142 Fälle gemeldet, die bereits wieder gesund sind. Insgesamt liegt die Zahl der bestätigten Corona virus-Fälle bei 362, die genesenen Fälle sind hierin enthalten. Es gibt somit 220 infizierte Personen, drei Todesfälle sind zu beklagen. Ein Osterfest ohne Gottesdienste, das hat es sehr lange nicht mehr gegeben – wenn überhaupt. Mittlerweile übertragen gleich mehrere Kirchengemeinden die Gottesdienste live auf Youtube, zumal die Feiern zur Osternacht. Wie ernst es damit ist, auch im Freien die Sicherheitsabstände einzuhalten, dokumentiert der Ruf nach einer Polizei-Reiterstaffel zur Überwachung der Parkanlagen in VS-Schwenningen. Beim Einsatz über die sonnigen Osterfeiertage hinweg bleibt aber alles ruhig. Junge Menschen tun sich mit den Abstandsregeln oft schwer. 60

 

 

 

Das sonnige Wetter lockte an Ostern die Menschen ins Freie – so in die Wälder, aber auch an die Linachtalsperre bei Vöhrenbach. Abstand halten hieß es auch beim Betreten der Geschäfte. 15. April # Die Lage entspannt sich weiter, 194 Corona-Kranken stehen 193 Genesene gegenüber. Insgesamt gibt es 397 bestätigte Corona-Fälle, zehn Todesfälle sind hierin enthalten. 20. April # Viele Geschäfte sind endlich wie­ der offen! Bei strengen Sicherheitsregeln dürfen nach fünf Wochen Schließung kleinere und mittelgroße Geschäfte wieder öffnen. Überall freuen sich die Menschen darüber, dass in die Innenstädte wieder das Leben zurückkehrt. Auch die Eisdielen können zumindest den Straßenverkauf aufnehmen. Anders verhält sich die Situation bei der Gastronomie, die weiter um ihre Existenz kämpft. Viele Gastronomen verkaufen ihr Essen auf die Straße oder liefern die Mahlzeiten nach Hause, doch der Ausfall an Einnahmen im Gefolge des Lockdowns kann so nur teilweise ausgeglichen werden. Auch die Hoteliers und mit ihnen die Urlaubsregionen im Landkreis befinden sich in höchster Not. Derweil fordert Corona weitere Opfer: Zwölf Menschen sind im Schwarzwald-Baar-Kreis der Seuche bereits erlegen. 23. April # Sonntagsessen für alle! Zu einem symbolischen Preis von einem Euro für Erwachsene und 20 Cent für Kinder bietet das Rote Kreuz in Villingen-Schwenningen eine warme Mahlzeit an. Hauptzielgruppe sind die Bürger*innen, denen es nicht so gut geht. Das Corona-Hilfsprojekt „Deine Einkaufstüte“ erfreut sich großen Zuspruchs. Denn die Zahl der Hilfsbedürftigen wird auch nach Wiederöffnung der Tafelläden nicht kleiner. Die Tüten voller Lebensmittel werden mit fünf Fahrzeugen ausgeliefert und vor Haustüren abgestellt, hinter denen Menschen leben, die in Coronazeiten auf Hilfe dringend angewiesen sind. Solidaraktionen wie diese gibt es auch andern orts, so beispielsweise in Donaueschingen seitens der katholischen Kirchengemeinde. Weil sie denen helfen will, denen es am Nötigsten fehlt. 24. April # Leere Arztpraxen! Aus Furcht vor einer Corona-Ansteckung gehen viele Menschen 61

 

 

 

Oben: Viel Zeit für den Garten haben im Frühjahr 2020 nicht nur Senior*innen: Der Lockdown schickt so viele Menschen wie selten zuvor in Kurzarbeit. Impression aus der Loretto-Gartenanlage in VS-Villingen. nicht mehr zum Arzt. Was zuvor undenkbar schien, ist eingetreten: Den Ärzten gehen scheinbar die Patienten aus… Diese Vorsicht wäre einem an Diabetes erkrankten 15-jährigen Mädchen fast zum Verhängnis geworden, sie konnte in letzter Minute gerettet werden. Viele Patienten leiden darunter, dass im Schwarzwald-Baar Klinikum wegen Corona selbst dringende Operationen nicht ausgeführt werden dürfen. Weiter ist es nicht erlaubt, die Patienten zu besuchen. Auch Zahnarztbesuche sind nur bei akuten Schmerzen möglich. 27. April # Die Schulen unterrichten wieder! Nach sieben Wochen ohne Präsenzunterricht öffnen sich für die Abschlussklassen wieder die Schulen – doch an einen regulären Unterricht ist zunächst nicht zu denken. Es kommt zum Schichtbetrieb und selbst Sporthallen werden zu Klassenzimmern umfunktioniert, um die Hygieneregeln erfüllen zu können. Nach vielen Irrungen und Verwirrungen gilt in Baden-Württemberg zeitgleich mit dem teilweisen Öffnen der Schulen die Maskenpflicht beim Einkaufen und bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Der Mundschutz wird zur begehrten Ware – auch weiterhin können nicht alle Bürger*innen mit einem „Maultäschle“ versorgt werden. Ab sofort darf man unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen wieder zum Friseur – und es werden wieder öffentliche Gottesdienste abgehalten. 01. Mai # Die Zahl der Corona­Infektionen sinkt! Nach wie vor sind die aktuellen Zahlen auf der Internetseite www.Lrasbk.de die mit am meisten verfolgten Neuigkeiten des Tages: Am Freitag, 1. Mai, werden 366 Fälle gemeldet, die bereits wieder gesund sind. Insgesamt liegt die Zahl der bestätigten Corona-Fälle bei 498, was 116 aktuelle Infektionen ergibt. Damit haben sich die Infektionen im Vergleich zu Mitte April in etwa halbiert. Es ereigneten sich mittlerweile 16 Todesfälle. 03. Mai # Corona bringt den Arbeitsmarkt im Schwarzwald-Baar-Kreis erwartungsgemäß kräftig in Schieflage. Ein Drittel aller Unter62 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Schutzmasken bleiben auch im Mai weiter Mangelware. Aber endlich darf man zum Friseur und in Blumberg fährt wieder die Sauschwänzlebahn. Das tolle Wetter lockt die Menschen ins Freie, gut besucht sind Ausflugsziele wie der Blindensee. nehmen im Schwarzwald-Baar-Kreis hat bei der Bundesagentur für Arbeit bis Anfang Mai Kurzarbeitergeld beantragt, das sind 2.085 von 5.647 Betrieben. Besonders betroffen ist das Gastgewerbe, das seit Wochen weitgehend brach liegt. Am Beginn der Corona-Krise arbeiteten gerade einmal 179 Firmen kurz. Von der Kurzarbeit sind somit über 29.000 Beschäftigte betroffen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Mai auf 11.529 Personen – 4.271 Personen mehr als noch vor einem Jahr. Die Zahl der Anträge auf Soforthilfe hat mittlerweile in der Region SchwarzwaldBaarHeuberg die 10.000er Marke durchbrochen. 04. Mai # Recycling­Center und Wertstoff­ höfe kehren zu üblichen Öffnungszeiten zurück! Mit Beginn der Corona-Krise und bei steigenden Kurzarbeiter-Zahlen verbringen immer mehr Menschen ihre Freizeit mit dem Aufräumen von Speicher und Keller oder mit Garten arbeiten. Es kommt zum Ansturm auf Recycling-Center und Wertstoffhöfe: Dort bilden sich lange Schlangen, Sonderöffnungszeiten werden erforderlich. Nun kehrt auch hier ein Stück weit der Alltag zurück. 06. Mai # Dem Landkreis fehlen 9,1 Mio. Euro. Im Zuge der Corona-Krise geht der Schwarzwald-Baar-Kreis von einem erheblichen Loch in seiner Haushaltskasse aus: Landrat Sven Hinterseh beziffert das Defizit auf 9,1 Mio. Euro. 08. Mai # Die Corona­Situation im Landkreis bleibt entspannt. Die Corona-Abteilung des Schwarzwald-Baar Klinikums in Donaueschin gen verfügt über 130 freie Beatmungsplätze, 30 Corona-Patienten werden stationär behandelt. 11. Mai # Dichtes Gedränge in den Innenstäd­ ten. Im Gefolge der Abmilderung des Coronavirus, aktuell gibt es im Landkreis noch 85 aktive Fälle, sehnen sich die Menschen nach Normalität. Anderen gehen die Lockerungen nicht weit genug, es kommt auch in VS-Villingen zu Demonstrationen wegen Einschränkungen der Grundrechte im Zuge der Pandemie. Weitere Proteste folgen. 63

 

 

 

12. Mai # Internet mildert ein Stück weit die Isolation. Das Coronavirus hat in den Altenund Pflegeheimen im Landkreis zu einer großen Isolation der Bewohner geführt. Manche Einrichtungen wie das Lorenzhaus in St. Georgen entwickeln sich zu einem Hotspot, dort steckten sich 17 Bewohner und 19 Mitarbeiter an. Was einmal mehr aufzeigt, wie gefährlich Corona gerade für Menschen in Altenpflegeeinrichtungen ist. Um die Isolation ein Stück weit aufzubrechen, nehmen die Senioren via Smartphone und Tablet den Kontakt zu Kindern und Enkelkindern auf – unterstützt durch das Pflegepersonal. In Villingen-Schwenningen übergibt das DRK 1.000 selbst genähte Alltagsmasken: Die Masken sind für die Mitarbeiter der Kreisund der Stadtverwaltung genäht worden. Wie sehr die Corona-Soforthilfe von Unternehmen angenommen wird, verdeutlicht eine Zahl aus der Doppelstadt: Allein in Villingen-Schwenningen wurden bereits 14 Mio. Euro ausbezahlt. 13. Mai # Digitales Semester aufgestellt. In kürzester Zeit hat die Fachhochschule Furtwangen ihren Vorlesungsbetrieb ins Digitale überführt. Die Hochschule mit fast 6.000 Studenten verlegte ihren gesamten Vorlesungsbetrieb ins Internet, investierte dazu kräftig in Software und in den Ausbau von System-Kapazitäten. Bis zu 2.500 Studenten gleichzeitig nehmen am Vorlesungsbetrieb teil. 18. Mai # Ein deutliches Stück mehr Norma­ lität kehrt zurück. Es hat lange gedauert, aber jetzt dürfen Angehörige wieder als Besucher ins Schwarzwald-Baar Klinikum: Pro Patient und Tag je ein Besucher, lautet die Regel. Am Wochenende 16./17. Mai öffnen überall im Landkreis wieder die Museen. Verhalten ist die Freude bei den Gastronomen: Sie können zwar wieder Gäste bewirten, doch müssen strenge Hygieneund Abstandsregeln eingehalten werden, was deutlich weniger Sitzplätze bedeutet. Die Gäste kehren zurück – aber anfangs noch verhalten. Die finanzielle Lage in der Gastronomie bleibt mehr als angespannt. Eine Woche nach der Wiedereröffnung 64 fällt die Bilanz der meisten Wirte durchwachsen aus, aber die Tendenz ist steigend. Die Kindergärten bereiten sich auf die Wiederaufnahme eines allerdings eingeschränkten Regelbetriebes vor. 29. Mai # Hotels nehmen wieder Privatgäste auf. Die schlimmste Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten die Hoteliers im Landkreis. Zunächst durften nur Geschäftsreisende beherbergt werden, doch rechtzeitig zum Pfingstwochenende dürfen auch wieder Privatpersonen in Hotelsund Gaststätten übernachten. Aber die Menschen sind noch verängstigt und unsicher, melden die Beherbergungsbetriebe zurück. 30. Mai # Pfingstfeiertage im Schatten von Corona. Zu Pfingsten finden in den Kirchen bei

 

 

 

Am 15. Juni öffnen im Großraum Blumberg wieder die Grenzübergänge in die Schweiz, oben die im Gefolge der Pandemie errichtete Sperre bei Fützen. begrenzten Teilnehmerzahlen wieder Gottesdienste statt, die zudem online angeboten werden. Da die Grenzen weiter geschlossen sind, bleiben die meisten Menschen über die Feiertage hinweg daheim, freuen sich am Garten, wandern oder fahren mit dem Rad. Die Nachfrage nach Tourismusangeboten ist im Landkreis groß. Während die Hotels weiter Auf den Besuch der Freibäder müssen die Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis auch im Sommer 2020 nicht verzichten, hier das Villinger Kneippbad. klagen, ist die Zahl der Tagesausflügler enorm. Auch die Gaststätten zeigen sich mit dem Betrieb über Pfingsten überwiegend zufrieden. Die verstärkten Inland-Anfragen nach Prospekten zeigen den Trend des Jahres 2020 früh auf: Die Deutschen buchen ihren Urlaub überwiegend im Heimatland. Im Schwarzwald-Baar-Kreis führt das früh zu ausgebuchten Ferienwohnungen und dicht belegten Campingplätzen. 12. Juni # Corona sorgt für mehr Gewalt gegen Frauen. Da die Alltagsstrukturen nicht mehr gegeben sind und die Menschen über Wochen hinweg eng beieinander leben, steigt im Frauenund Kinderhaus in Villingen-Schwenningen die Zahl der Hilferufe deutlich. Da die Einrichtung voll belegt ist, übernimmt unter anderem der Schwarzwald-Baar-Kreis die Kosten für die anderweitige Unterbringung betroffener Frauen und Kinder. 15. Juni # Schritt hin zu mehr Normalität. Ab heute gehen die Schüler*innen zumindest zeitweise wieder zur Schule. Der Präsenzunterricht wird mit dem Homeschooling kombiniert. Nach anderen Freibädern öffnet in VillingenSchwenningen das Kneippbad. Weitere Freibäder wie das Tannheimer können die CoronaBedingungen nicht erfüllen und bleiben geschlossen. Auf den Hilferuf eines Tannheimers an Udo Lindenberg schreibt der Sänger zurück: „No Panic – next Year!“ Das Schwarzwald-Baar Klinikum fährt kontinuierlich seinen regulären Betrieb wieder hoch. Am Klinikum werden noch 13 Corona-Patienten behandelt. Insgesamt gibt es 23 aktiv Erkrankte, die Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 30. Die Gesamtzahl der Corona-Fälle beträgt 571. Endlich öffnen sich wieder die Grenzen in Richtung Schweiz. (Mit dem 15. Juni endet dieses Stenogramm zum CoronaLockdown im ersten Halbjahr 2020. Aufgrund der vielen Ereignisse kann diese Schilderung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sie basiert im Wesentlichen auf der Bericht erstattung der Tageszeitungen, amtlichen Mitteilungen und den Inhalten der kommunalen Nachrichtenblätter.) 65

 

 

 

66 66 Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

IM GESPRÄCH MIT DR. MED. HINRICH BREMER von Nathalie Göbel 67 CORONA

 

 

 

Es war ein düsteres Worst-Case-Szenario: 40 bis 45 neue Lungenentzündungen täglich, verursacht durch das neuartige Coronavirus, wären demnach auf das Lungenzentrum am Schwarzwald-Baar Klinikum zugekommen. Täglich rund 40 neue, schwer kranke Patienten, die zu versorgen gewesen wären, womöglich beatmet und sediert. So lautete die Berechnung Ende März anhand der Wachstumsrate von Neuinfektionen. „Das“, sagt Hinrich Bremer, „hätten wir nicht geschafft.“ Dann kam der Lockdown – und mit ihm reduzierten sich die Wachstumsraten. „Dr. med. Hinrich Bremer, Leiter der Pneumologie/Stellvertretender Leiter des Lungenzentrums, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie/Allgemeine Innere Medizin“ steht auf der Webseite des Klinikums unter seinem Foto. Im Jahr 2020 müsste noch „Team CoronaKrisen-Management“ dabei stehen. An einem Spätsommernachmittag sitzt der gebürtige Marburger in seinem Büro im dritten Stock des Schwarzwald-Baar Klinikums in Donaueschingen. Aus dem Fenster geht der Blick auf die Baar – und auf einen vollen Parkplatz. Im Haus herrscht inzwischen wieder Normalbetrieb: Am Standort Donaueschingen werden nicht mehr ausschließlich Covid-19-Patienten versorgt. Vor wenigen Monaten war das noch anders. Die Corona-Welle, die das Land im Frühjahr mit voller Wucht überrollte, im März zum Lockdown führte, die Wirtschaft in die Knie zwang und das Gesundheitssystem zu überfordern drohte, traf das Klinikum jedoch nicht unvorbereitet. „Wir waren schon seit Februar im Krisenmodus“, sagt Hinrich Bremer. Teamleistung ist gefordert Doch wie managt man eine Krise, für die es keine Blaupause gibt? Naturkatastrophen, Grippewellen, Wirtschaftskrisen, all das gab es schon in unterschiedlicher Ausprägung. Und jetzt: Ein neues Virus, das mutmaßlich von einem Markt im chinesischen Wuhan aus, seinen tödlichen Kurs auf die ganze Welt aufnahm. Ein perfides Virus, das ältere und durch Vorerkrankungen geschwächte Menschen töten kann, während es bei jungen und gesunden Menschen häufig wenige bis gar keine Symptome hervorruft und sie andere aber dennoch anstecken können. Die letzte echte Pandemie haben allenfalls hochbetagte Menschen miterlebt, die zum Ende des Ersten Weltkriegs selbst noch Kleinkinder waren. Die letzte echte Pandemie haben allenfalls hochbetagte Menschen miterlebt, die zum Ende des Ersten Weltkriegs selbst noch Kleinkinder waren: Zwischen 1918 und 1920 forderte die Spanische Grippe weltweit 50 Millionen Todesopfer, mehr als der Erste Weltkrieg in den Jahren zuvor. „Erst einmal muss man die Krankheit und die Dimension dessen begreifen, was von einem verlangt wird“, sagt Hinrich Bremer, der seit Ende 2007 am Schwarzwald-Baar Klinikum tätig ist. Eine Teamleistung, in die neben Ärzten und Pflegekräften des Lungenzentrums auch viele andere medizinische Abteilungen des Klinikums eng eingebunden waren. Alle nicht lebensnotwendigen Operationen der Orthopädie beispielsweise, waren in der Hochphase der Pandemie abgesagt worden. „Die Orthopäden waren praktisch überall im Dienst“, sagt Hinrich Bremer, „die Anästhesisten übernahmen die Betreuung der schwerstkranken, beatmungspflichtigen Patienten.“ Die positiven Effekte interdisziplinärer Zusammenarbeit ließen nicht lange auf sich warten. „Wir haben beispielsweise sehr früh damit angefangen, schwere Verläufe mit Kortison zu behandeln und auch mit Medikamenten, die bereits in anderer Indikation verwendet wurden“, blickt Hinrich Bremer zurück. Eines dieser Medikamente heißt Ruxolitinib, eine Idee des Direktors der Klinik für Innere Medizin II, Professor Paul Graf La Rosée. Normalerweise wird Ruxolitinib bei bestimmten Blutbildkrankheiten eingesetzt. Die 68 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Dr. Hinrich Bremer, Leiter der Pneumologie/Stellvertretender Leiter des Lungenzentrums am Schwarzwald-Baar Klinikum in Donaueschingen. Erkenntnisse aus dieser Arbeit sind mittlerweile in eine Studie eingeflossen und publiziert. „Da waren wir nicht ganz unerfolgreich“, sagt Bremer und meint die sehr guten Ergebnisse. können bei Covid-19 eine fatale Rolle spielen. Die Hyperinflammation ist eine Überreaktion des Immunsystems als Folge der Virusinfektion, die auch körpereigene Strukturen angreift. Sterblichkeit betrug 17 Prozent Daten von 196 auf diese Art behandelten Patien ten des Schwarzwald-Baar Klinikums – Durchschnittsalter 70 Jahre – sind in die Studie eingeflossen. Demnach betrug die Sterblichkeit 17 Prozent, der Anteil der invasiven Beatmung lag bei vier Prozent. Zum Vergleich: In einer Studie der AOK mit 10.021 Patienten, Durchschnittsalter 72 Jahre, lag die Sterblichkeitsrate bei 22 Prozent, 13 Prozent wurden invasiv beatmet. Der Nutzen des Kortisons Dexamatheson konnte mittlerweile auch wissenschaftlich gesichert werden. Das künstlich hergestellte Glucocorticoid dämpft das Immunsystem und wirkt entzündungshemmend – und Entzündungen „Schwere Verläufe mit einem Hyperinflammationssyndrom sind insgesamt zwar selten, aber mit einer hohen Mortalität assoziiert“, schreibt das Robert-Koch-Institut in einem Handout namens „Hinweise von Klinikern für Kliniker“. Schwere Verläufe gab es auch am Schwarzwald-Baar Klinikum Ab Mitte März wurden am Standort Donaueschingen nur noch Covid-19-Erkrankte behandelt. Die Notaufnahme wurde geschlossen, Notfallpatienten ans Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen verwiesen. Der Tagesablauf in diesen ersten Pandemie-Wochen? Anstrengend. „In dieser Zeit habe ich eigentlich Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer 69

 

 

 

nur gearbeitet oder geschlafen“, sagt Hinrich Bremer. Jeden Tag fanden interdisziplinäre Fallbesprechungen statt, Videokonferenzen, jeden Morgen meldete das Institut für Klinische Pharmazie – die klinikeigene Apotheke – den Bestand an Medikamenten. Auch am Schwarzwald-Baar Klinikum gab es schwere Verläufe. 270 Covid-19-Patienten hat das Klinikum – Stand Ende August 2020 – behandelt. Das klingt zunächst einmal nicht viel. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 hat das Lungenzentrum 2.400 Patienten stationär und über das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) etwa 5.000 Patienten ambulant behandelt. Geht man jedoch davon aus, dass jeder der stationär aufgenommenen Covid-19-Patienten theoretisch einen schweren Verlauf hätte entwickeln können, erscheint die Zahl 270 nicht mehr so gering. Intensivtherapie teilweise durch Patientenverfügungen ausgeschlossen Zum Teil, sagt Hinrich Bremer, habe man die Patienten nur noch palliativ behandeln können. Zum einen, weil manche die Intensivtherapie bereits durch entsprechende Patientenverfügungen ausgeschlossen hatten, zu schwer waren bei anderen die Auswirkungen auf das komplexe Zusammenspiel aller Funktionen im menschlichen Körper. „Bei den schweren Fällen kam es häufig zum respiratorischen Versagen“, schildert er. Die meisten dieser Patienten mussten beatmet werden, häufig sei es zu Organversagen gekommen. Der Altersdurchschnitt der 35 Todesopfer im Landkreis (Stand Anfang Oktober) habe bei rund 82 Jahren gelegen. „Da geht es auch viel um ethische Fragen“, sagt Bremer. „Zum Beispiel die Frage, wie lange man eine Intensivtherapie fortsetzt, zumal viele Patienten schwer vorerkrankt waren.“ Zum Glück habe man nicht so reagieren müssen, wie es in Nachbarländern – beispielsweise im Elsass – der Fall war, wo die Behandlungkapazitäten erschöpft waren. „Dort mussten die Kollegen ressourcenorientiert versorgen und haben Patienten teilweise nach Deutschland verlegt“, sagt Bremer. Erst einmal muss man die Krankheit und die Dimension dessen begreifen, was von einem verlangt wird. Dort stellten sich dann auch die Fragen, die ansonsten eher in der Theorie in Ethikoder Philosophiekursen diskutiert werden, die während der Hochphase der Pandemie im Frühjahr auch in Italien und New York bittere Realität wurden. Nämlich die Frage, wer die besten Überlebenschancen hat und damit bevorzugte Behandlung erhält. Stichwort: Triage. Fragen, die man sich am Schwarzwald-Baar Klinikum glücklicherweise nicht zu stellen brauchte. Wohl aber diejenige, wie man einer fast unkalkulierbaren Gefahr begegnet. Wie viele Menschen werden schwer an Covid-19 erkranken? Wie viele Erkrankte haben Infizierte bis zu ihrer eigenen Diagnose angesteckt? Kann das Klinikum einen Massenansturm von Patienten bewältigen? Und nach welchen Konzepten geht die Versorgung vonstatten? Situation ist beherrschbar geblieben „Ein großer Segen war, dass wir schnell damit begonnen haben, standardisierte Behandlungen nach vorab definierten Parametern vorzunehmen“, sagt Hinrich Bremer. So wurde etwa sechs Mal täglich die Sauerstoffsättigung der Patienten gemessen, um Veränderungen so schnell wie möglich zu bemerken. Standardisiert wurde auch der Aufnahmebogen. Ohne die Frage beantwortet zu haben, ob im Ernstfall eine Maximaltherapie erwünscht ist, konnte das Dokument gar nicht erst abgespeichert werden. Fragen, mit denen sich niemand gerne beschäftigen möchte. Doch das Virus hat viele ethisch-politische Fragestellungen aufgeworfen. „Da ist ja auch die politische Dimension und die Frage, was wir – am Beispiel von Todesfällen – bereit sind, zu akzeptieren“, sagt 70 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Um einen sicheren Umgang mit den Beatmungsgeräten zu garantieren, gab es am Schwarzwald-Baar Klinikum zahlreiche Schulungsangebote. Niemand käme auf die Idee, Autobahnen zu sperren, weil es tödliche Unfälle gibt. Zugleich hat man es über Jahrzehnte hingenommen, dass jedes Jahr Hunderttausende Tote auf das Konto der Tabakindustrie gingen. der Mediziner. „Niemand käme auf die Idee, Autobahnen zu sperren, weil es tödliche Unfälle gibt. Zugleich hat man es über Jahrzehnte hingenommen, dass jedes Jahr Hunderttausende Tote auf das Konto der Tabakindustrie gingen.“ Dass das neuartige Coronavirus die Welt derart in Atem halten könnte, habe er schon früh für möglich gehalten. „Noch im Januar habe ich einen Ärztekongress in Berlin besucht, auf dem ein angesehener Professor das Virus als ‚harmlos‘ einstufte. Ich war, ehrlich gesagt, angesichts der Bilder, die man aus Wuhan sah, damals schon skeptisch, ob es wirklich so harmlos ist.“ Hat der 50-Jährige selbst Angst vor Covid-19? „Ich sag’s mal so: Mein Testament habe ich nicht gemacht“, sagt Hinrich Bremer und lacht. Respekt, ja, der sei vorhanden, vor der Krankheit an sich, aber in erster Linie vor der Frage, ob die Situation beherrschbar ist und es auch bleibt. Dies sei gelungen, weil jedes Teammitglied den absoluten Willen gehabt habe, die Coronakrise so gut wie möglich zu meistern. Viel Pragmatismus und eine hohe Solidarität hätten jene Zeit geprägt. „Da wurde nichts von ‚oben‘ vorgegeben.“ Da gab es das Hilfsangebot eines Altenheims, das dem Klinikum seinen halben Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer 71

 

 

 

Jedes Teammitglied hatte den absoluten Willen, die Corona-Krise so gut wie möglich zu meistern. Bestand an Schutzkleidung spendierte, da gab es einen guten Freund von Hinrich Bremer, der in nur einer Nacht eine App programmierte, um die Rekrutierung von Fachkräften zu vereinfachen. Da gab es den schwer an Covid-19 erkrankten französischen Patienten, der Ende März von der französischen Luftrettung eingeflogen und Wochen später geheilt entlassen wurde. Und es gab Dankbarkeit von Menschen, die das Coronavirus beinahe das Leben gekostet hätte. „Wir haben im Nachgang viele sehr nette Briefe bekommen“, freut sich Dr. Bremer. Infektionsketten werden unterbunden Warum gelang es Italien nicht, die Pandemie einzudämmen, warum starben dort so viele Menschen? „Dazu haben viele Faktoren geführt“, sagt Hinrich Bremer. Ein Grund sei das höhere Durchschnittsalter der Menschen und die Tatsache, dass man anfangs nicht mit Corona gerechnet und dementsprechend auch nicht getestet und sich geschützt hatte. „Man darf auch nicht vergessen, dass wir in Deutschland vier Wochen Vorsprung hatten.“ In Ein großer Segen war, dass wir schnell damit begonnen haben, standardisierte Behandlungen nach vorab definierten Parametern vorzunehmen. Italien sei anfangs keine Teststruktur vorhanden gewesen. Zugleich gab es mit dem Fußballspiel Bergamo-Valencia am 19. Februar vor knapp 45.000 Fans einen regelrechten Brandbeschleuniger. Nach diesem Match, sagt Hinrich Bremer, „sind wahrscheinliche Hunderte mit dem Virus aus dem Stadion gegangen“. In Deutschland sei ein Vorteil die weitaus größere Zahl an Laboren, auch wenn deren Testkapazitäten zu Beginn der Coronakrise äußerst begrenzt gewesen seien. „Ganz am Anfang konnte nur die Charité in Berlin testen und es dauerte ganze drei Stunden, ein einziges Röhrchen auszuwerten.“ Mittlerweile werden bundesweit an jedem Tag Hunderttausende Test-Kits in den Laboren bearbeitet. Ein Zustand, 72 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Die französische Luftrettung brachte einen schwer an Corona erkrankten Patienten nach Donaueschingen. von dem man im Frühjahr weit entfernt war – auch in Italien, weshalb man dort anfangs keine Infektionsketten habe unterbinden können. Das gelingt mittlerweile in vielen Fällen, unter anderem dank der Kontaktdatenerfassung, etwa beim Schwimmbadoder Restaurantbesuch. Dennoch: Nach dem Ende der Sommerferien sind die Infektionszahlen bundesweit wieder angestiegen. Infizierte Reiserückkehrer einerseits, Leichtsinn angesichts der Lockerungen andererseits – die steigenden Zahlen beweisen im Spätsommer eindrücklich, dass dem Corona virus die Puste noch längst nicht ausgegangen ist. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist bis dahin mit einem blauen Auge davon gekommen. Ausblick auf die kalte Jahreszeit Wie wird’s im Winter? Wie geht man mit der Situation um, wenn man weiß, dass man vorneweg von November bis Ende März mit fünf kalten Monaten kalkulieren muss? Dass die Zahl der Infektionen angesichts sinkender Temperaturen und der Verlagerung vieler Aktivitäten in Maske und Abstand – das ist es! geschlossene Räume steigen wird, dürfte niemanden überraschen. Hinrich Bremer verweist auf Ostund Südostasien, wo die Menschen schon lange Mundschutz tragen – ganz ohne behördliche Anordnung. Wurden japanische Urlauber vor nicht allzu langer Zeit noch amüsiert beobachtet, wenn sie an europäischen Touristen-Hochburgen die Maske zückten, weiß man inzwischen auch hier: Das Stück Zellstoff wird in erster Linie nicht deshalb getragen, um sich selbst vor einer Ansteckung zu schützen, sondern aus Höflichkeit den Mitmenschen gegenüber. Genau diesem Zweck sollen auch die Alltagsmasken dienen, egal ob aus schicken Stoffen selbst genäht oder nüchtern-weiß im Zehnerpack aus der Drogerie. Oder wie der Pneumologe mit Blick auf die kalte Jahreszeit zusammenfasst: „Maske und Abstand – das ist es!“ Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer 73

 

 

 

74 74 In der Fieber-Ambulanz, einer Tennishalle in VS-Schwenningen. Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh, Kreisbrandmeister Florian Vetter und dem Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortlichen für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arnold Schuhmacher WIE ORGANISIERT MAN DEN UMGANG MIT EINER PANDEMIE? von Roland Sprich und Wilfried Dold 75 CORONA

 

 

 

Die Corona-Pandemie versetzt im Jahr 2020 die Bevölkerung im Schwarzwald-BaarKreis in einen so nie gekannten Ausnahmezustand. Im Interview schildern Landrat Sven Hinterseh, Kreisbrandmeister Florian Vetter und der Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortliche für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-BaarKreis, Arnold Schuhmacher, wie die Behörden mit den Corona-Herausforderungen umgehen und welche Maßnahmen sie ergreifen, um die Bürger*innen im Landkreis bestmöglich zu schützen. Das am 29. September geführte Interview ist als Momentaufnahme zu sehen und berücksichtigt in seiner Fortschreibung die CoronaSituation bis zum 20. Oktober 2020. Danach musste die Drucklegung des Schwarzwald-Baar Jahrbuchs „Almanach“ erfolgen. Wie bereitet man sich auf einen so heimtückischen Gegner wie das Coronavirus vor? Landrat Sven Hinterseh: Als ein in Furtwangen tätiger Lehrer an Corona erkrankte, war sofort klar: Auch bei uns sind die Dämme gebrochen, uns erwarten schlimme Wochen. Als schließlich am 18. März der Lockdown verkündet wurde, befanden wir uns alle in einer so nie erwarteten und erlebten Situation. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass man ein ganzes Land in so kurzer Zeit praktisch komplett herunterfahren kann. Ihren traurigen Höhepunkt erreichten die Corona-Zahlen im Kreis dann Anfang April. Es gibt für solche Situationen keinen Fahrplan: Wir haben mit Altenpflegeheimen gesprochen, mit Kurkliniken – unseren eigenen Kliniken in Villingen-Schwenningen und Donaueschingen. Wir haben alle Reha-Einrichtungen zu Telefonkonferenzen eingeladen, um so alle denkbaren Eventualitäten und medizinischen Möglichkeiten abzuklären. Arnold Schuhmacher: Wir selbst verfügten ja über keinerlei Erfahrung, die man hätte heranziehen können. Wir bauten auf den Erfahrungswerten beispielsweise des Robert-Koch-Instituts und anderer Länder auf, um die Lage zu bewerten. Wir fragten uns: Was könnte kommen, wie bereiten wir uns vor und wie kann eine CoronaStrategie tatsächlich funktionieren? Frage, wie lässt es sich verhindern, dass das Schwarzwald-Baar Klinikum selbst vom Coronavirus heimgesucht oder überfordert wird? Wir haben Tag für Tag nach Krisenmodus Stabsbesprechungen abgehalten. Auf der Ebene der Kreisbrandmeister und Katastrophenschutzverantwortlichen hat dann ebenso ein Austausch zwischen den Landkreisen begonnen. Wie sehen Sie es in der Rückschau: War aus heutiger Sicht der am 18. März verkündete Lockdown gerechtfertigt? Sven Hinterseh: Ich glaube, in der Situation Mitte März, war es die richtige Entscheidung. Im Nachhinein kann man sagen, vielleicht hätte auch ein bisschen weniger gereicht, um die Krise in den Griff zu kriegen. Aber ich hätte nicht an der Stelle unserer Bundeskanzlerin oder der Ministerpräsidenten sein wollen. Die Wirkung war, dass die Infektionen Anfang April stark nach unten gingen – und das hat Entspannung gebracht. Im Krankenhaus, aber auch bei uns und im Gesundheitsamt. Deswegen konnte man gezielter arbeiten. Jetzt wissen wir, wir sind im Frühjahr gut durchgekommen. Und das, obwohl wir zu Beginn einen Mangel zu verwalten hatten: Es gab keine Schutzkleidung und keine Masken. Eine schwierige Zeit! Ein ganz großes Thema war von Anfang an die medizinische Versorgung. Vor allem die Florian Vetter: Wir mussten auch schauen, dass wir handlungsfähig bleiben. Eine Herausforde76 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Im Gespräch zum Thema Corona, von links: der Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortliche für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arnold Schuhmacher, Landrat Sven Hinterseh und Kreisbrandmeister Florian Vetter. rung war zudem der Umgang mit neuen Medien: An Telefonund Videokonferenzen teilnehmen, das mussten viele von uns ganz schnell lernen. Aber es hat sich bewährt, wir konnten auf diesem Weg schnell Entscheidungen treffen. Arnold Schuhmacher: Ein Gesprächskreis, der sich zwischenzeitlich etabliert hat, ist die Telefonkonferenz mit der Ärzteschaft. Auch die Kassenärztliche Vereinigung beteiligt sich, die die Fieber-Ambulanz oder das Abstrich-Zentrum eingerichtet hat. Weiter sind Vertreter des Gesundheitsamtes mit dabei, des Klinikums, der Hausärzte und der Kinderärzte. Wir telefonieren nach wie vor jede Woche. Sie haben erwähnt, dass es zunächst keine Masken und keine Schutzausrüstung gab. Wie verhielt sich das genau? Arnold Schuhmacher: Das Land Baden-Württemberg ist relativ rasch in die Beschaffung eingetreten und hat uns Lieferungen zukommen lassen. Gleichzeitig trafen sehr viele Anfragen Heute sind wir bei der Bevorratung von Masken und Schutzausrüstungen relativ gut aufgestellt. von Altenund Pflegeheimen, Reha-Kliniken, Ergotherapeuten oder Sozialdiensten bei uns ein. All diese Einrichtungen haben von uns auch tatsächlich Schutzausrüstungen bekommen. Wir haben mit jeder Lieferung einen neuen Schlüssel ausgearbeitet und die Masken und Schutzkleidung dann auf die 20 Städte und Gemeinden verteilt. Die letzte größere Landeslieferung erreichte uns kurz vor der Sommerpause im Juli. Heute sind wir bei der Bevorratung von Masken und Schutzausrüstungen relativ gut aufgestellt. Florian Vetter: Die erste Lieferung habe ich noch selber mit ausgefahren – sie entsprach dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben sieben bis neun Paletten in der Woche bekommen. Bei der Verteilung unterstützWie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? 77

 

 

 

Von links: Florian Vetter, Arnold Schuhmacher und Landrat Sven Hinterseh. Wir wussten: Jetzt müssen wir zusammenstehen, nur das zählt. Und das hat auch wirklich gut funktioniert. ten uns beispielsweise auch Mitarbeiter der Straßenmeisterei. Es formierte sich sozusagen eine große Gemeinschaft. Wir wussten: Jetzt müssen wir zusammenstehen, nur das zählt. Und das hat auch wirklich gut funktioniert. Sven Hinterseh: Und was mich als Behördenchef besonders freute, war die Tatsache, dass die Mitarbeiter*innen allesamt mitgezogen haben. Wir hatten sowohl im Landratsamt als auch im Schwarzwald-Baar Klinikum einen niedrigen Krankenstand. Das zeigt, dass das Team funktionierte und dass alle wussten; jetzt kommt’s auf uns an! Und ja, ich hatte auch den Eindruck, dass die Bürger*innen gespürt haben, was wichtig ist. Im Rückblick möchte ich festhalten: Es hätte nicht besser laufen können. Florian Vetter: Das ist definitiv so. In der Runde der Kreisbrandmeister informierte der Leiter der Berufsfeuerwehr aus Freiburg über die Situation in Frankreich. Da haben wir uns gesagt, französische Verhältnisse könnten theoretisch auch bei uns kommen, diesen Gedanken müssen wir uns stellen. Gott sei Dank sind wir von derlei Ereignissen verschont geblieben. Wie haben die Einsatzkräfte im SchwarzwaldBaar-Kreis diese schwierigen Tage erlebt? Florian Vetter: Es war ja der ganze Katastrophenschutz betroffen. Wir müssen einsatzfähig bleiben für unser tägliches Geschäft, die Brandbekämpfung. Aber ebenso für die Versorgung unserer Bürger*innen. Die Übungsdienste sind komplett ausgefallen – es gab nur den Einsatzfall. Und dazu viele Vorschriften, etwa, wann welche Schutzausrüstung zu tragen ist, wenn es zu einem Corona-Fall kommt. Der Übungsdienst ist heute noch eingeschränkt. Bis zu zehn Leute können gemeinsam proben, das funktioniert. Die Feuerwehren haben sich darauf eingestellt. Es war uns weiter wichtig, Hygienekonzepte zu entwickeln. Auch die Jugendlichen haben durch Corona ein völlig neues Leben erfahren, sei es schulisch oder in der Freizeit. Wir haben Treffen veranstaltet mit den Kommandanten, um zu besprechen, wie es mit der Jugendarbeit weitergehen kann. Es ist erstaunlich: Bisher gab es keine OnlineKurse an der Landesfeuerwehrschule. Wir hin78 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

die Infektionszahlen zu senken? Und fragen uns: Wäre das in so einem Fall auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis ein Lösungsansatz? Sven Hinterseh: Die Verhältnismäßigkeit ist enorm wichtig. Wir haben Grundrechtseinschränkungen erlebt, die temporär aufgrund dieser historischen Situation vertretbar und geboten waren, aber in dieser Dimension meines Erachtens sicher nicht mehr akzeptabel wären. Sollte es lokale Ausbrüche geben, dann sollte man auch sehr lokal reagieren können. Haben Sie den Eindruck, dass die Leute sich noch an die Vorschriften halten? Sind sie noch diszipliniert – oder lässt das schon etwas nach? Florian Vetter: Jeder ist in seiner eigenen Verantwortung gefragt. Früher hat man es belächelt, dass in Asien viele Menschen wie selbstverständlich mit Masken herumlaufen. Mittlerweile gehört die Maske auch bei uns fast schon dazu. Sie ist ein Gebot der Höflichkeit. Sven Hinterseh: Ich glaube schon, dass sich die Mehrzahl an die Regeln hält. Das ist meine Wahrnehmung. gegen haben einen Onlinekurs angeboten, der 1.000 Teilnehmer vorweisen kann. Ob Feuerwehr, Sanitätseinheiten, Katastrophenschutz oder THW: Es sind alle sehr diszipliniert. Das ist die Stärke dieser Einheiten, sie sind es gewohnt, Herausforderungen zu bewältigen. Wir müssen uns diesen neuen Rahmenbedingungen einfach stellen. Wie bewerten Sie den Verlauf der Pandemie in der Momentaufnahme – noch ist sie ja nicht vorbei? Landrat Sven Hinterseh: Als ein furchtbares Ereignis, das so vielen Menschen enormes Leid brachte. Viele, die infiziert waren, durchlebten glücklicherweise einen recht glimpflichen Krankheitsverlauf – aber einige leider einen schweren oder gar tödlichen. Vor allem auch wirtschaftlich sind die Einschläge ganz erheblich. Es ist offensichtlich, dass die Pandemie nicht überstanden ist und ich fürchte, dass wir noch einige wirtschaftliche Einschläge erfahren werden. Das betrübt uns natürlich. Was die rein organisatorische Seite der Pan demiebekämpfung anbelangt, will ich festhalten: Es hat alles gut funktioniert und wird weiter gut funktionieren! Damit meine ich nicht nur den Katastrophenschutz. Das gesamte Landratsamt hat bewiesen, dass wir in der Krise leistungsfähig sind. Auch was die Digitalisierung betrifft. Die Corona-Pandemie hat diesbezüglich einen weiteren Schub gegeben. Wir waren schon bislang nicht schlecht aufgestellt, aber jetzt sind wir um einiges besser geworden. Vieles, was wir mittlerweile als normal ansehen – beispielsweise Hybridveranstaltungen, bei denen sich Personen via Video einem Gespräch zuschalten – wäre vorher undenkbar gewesen. Arnold Schuhmacher: Wir schauen natürlich, welche Entscheidungen trifft eine andere Verwaltung, um beispielsweise in einem Hotspot Kreisbrandmeister Florian Vetter Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? 79

 

 

 

Müssen Sie sich bezüglich der PandemieBekämpfung auf die kalte Jahreszeit speziell vorbereiten? Sven Hinterseh: Die Experten gingen davon aus, dass die Zahlen steigen werden, weil die Menschen sich mehr in geschlossenen Räumen aufhalten. Anfang Oktober haben wir das ja exakt auch so erlebt. Im Schwarzwald-Baar-Kreis hatten wir mehr Fälle als je zuvor: Am Donnerstag, 15. Oktober, hat der Schwarzwald-Baar-Kreis den Grenzwert der Sieben-Tage-Quote von 50 auf 100.000 Einwohner (Inzidenz) überschritten und lag bei einer 7-Tages-Inzidenz von 56 pro 100.000 Einwohnern. Das bedeutet beispielsweise, dass Feiern mit mehr als zehn Personen nicht mehr möglich sind. Wir alle sind unter derlei Vorzeichen mehr denn je aufgefordert, zu überlegen, ob man sich einfach mehr an der frischen Luft aufhalten sollte, weil es dort weniger gefährlich ist als in geschlossenen Räumen. Da müssen sich beispielsweise Geburtstagskinder überlegen, ob sie auch mal bei einer Wandergaststätte draußen mit einem Glühwein in der Hand und Stockbrot feiern können – und nicht beim Käseraclette drinnen, wo alle eng zusammensitzen. Ich meine das ernst. Ich glaube das Gebot dieses Winters wird sein: Nicht zu viele Menschen in geschlossenen Räumen bei stickiger Luft. Ich kenne privat viele Fastnachter, die alle sehr vernünftig und sehr pflichtbewusst sind. Sven Hinterseh: Ich kenne privat viele Fastnachter, die alle sehr vernünftig und sehr pflichtbewusst sind. Da entstehen derzeit viele neue Ideen. Unter anderem überlegen sich manche Vereine beispielsweise Digitalmodelle. Da die Zahlen wieder deutlich steigen: Wie verhält es sich aktuell mit der Beschaffung von Schutzmasken? Arnold Schuhmacher: Parallel zu den Lieferungen, die das Land Baden-Württemberg dem Landkreis hat zukommen lassen, haben wir auch für die Verwaltung intern Masken beschafft. Und Besucher, die keine Schutzmaske besaßen, konnten bei uns eine erwerben. Wir haben weiter Schutzkittel besorgt und versucht, auf dem uns unbekannten Markt, zu einem günstigen Preis eine gute Qualität zu finden. Ich darf feststellen: Wir sind mit moderaten Mitteln gut zurecht gekommen. Es wurden mittlerweile alle Einrichtungen und Institutionen dazu verpflichtet, einen Vorrat für mindestens zwei Monate anzulegen. Auf der anderen Seite wurden die ganzen Weihnachtsmärkte abgesagt. Die wären ja im Freien und somit dann möglich? Eine wichtige Rolle spielt weiter die CoronaAmbulanz… Sven Hinterseh: Es verhält sich mit den Weihnachtsmärkten wie mit der Fasnet. Da ist man oft eng miteinander und es ist schwierig, die gebotene Distanz einzuhalten. Der Staat kann nicht alles regeln. Wir sind als mündige Bürger aufgefordert, auf uns und auf andere zu achten. Zum Stichwort „Fastnacht“. Gibt es seitens des Katastrophenschutzes oder Verwaltungsstabes bereits Ideen oder Vorkehrungen für die fünfte Jahreszeit? Arnold Schuhmacher: Es hat viel Energie, Kreativität, Zeit und Überlegungen erfordert, die Corona-Ambulanz auf dem Messegelände in VS-Schwenningen aufzubauen. Sie ging dann sogar einen Tag früher als geplant in Betrieb, da das Schwarzwald-Baar Klinikum den großen Ansturm nicht mehr stemmen konnte. Sowohl was die Corona Ambulanz in der Messehalle D angeht als auch später jene in der Tennishalle oder im leerstehenden Schulgebäude auf der Hallerhöhe: Hierbei haben wir unwahrscheinlich viel Unterstützung aus dem Ehrenamt bekommen – 80 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

aus der Feuerwehr, dem THW, dem Roten Kreuz und der DLRG. All diese Einrichtungen haben uns sehr geholfen und uns unterstützt, wo es nur ging. Sven Hinterseh: Und wir haben dabei nicht nach Zuständigkeiten gefragt, sondern die Dinge einfach umgesetzt. Auch die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten war wirklich sehr gut. Arnold Schumacher und Florian Vetter haben ein sehr gutes Netzwerk in unsere kreisweiten ehrenamtlichen Strukturen hinein. „In der Krise muss man Köpfe kennen“, das ist so ein Leitspruch. Und diesbezüglich waren und sind wir sehr gut aufgestellt, das hat sich absolut bewährt. Es musste ja auch eine besonders intensive und umfassende Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden… Arnold Schuhmacher: Auf die Bedeutung einer guten Pressearbeit muss ich besonders hinweisen – bis hin zu unseren Aktivitäten im Bereich von Social Media. Da ist Heike Frank als Leiterin dieses Bereichs vorbildlich tätig. Es geht auch darum, Verhaltensweisen immer wieder neu zu vermitteln. Bis hin zu grundsätzlichen Informationen wie: Wo befindet sich die Corona-Fieberambulanz, wann hat sie geöffnet, wie funktioniert dort die Behandlung und wer darf kommen? Das alles muss ja sehr präzise abgestimmt werden. Florian Vetter: Auf jeden Fall ist eine umfassende Pressearbeit von großer Bedeutung. Man muss diese schwierigen Themen der Bevölkerung verständlich kommunizieren. Um zum Schluss zu kommen: Corona und die Folgen – wie finden wir in der Zeit nach dieser Krise in die Normalität zurück? Der Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortliche für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arnold Schuhmacher. der Politik. Es wurden die letzten Jahrzehnte Dinge vernachlässigt, weil man sie nicht für notwendig erachtet hat. Vielleicht findet nun in mancherlei Hinsicht ein Umdenken statt. Florian Vetter: Es waren jetzt schon viele Feste im privaten Bereich, die aufgrund der Pandemie anders stattfinden mussten. Es ist für uns alle ausgesprochen schwierig, mit dieser Situation klarzukommen. Beispielsweise wenn ein Brautpaar völlig alleine im Standesamt steht… Ich bin gespannt, wie sich unser Leben nach Corona gestalten wird und kenne die Antwort nicht. Sven Hinterseh: Corona wird uns noch lange begleiten. Und wer weiß – vielleicht wird es kulturell irgendwann ganz verschwinden, jemandem die Hand zu geben oder in den Arm zu nehmen. Mir persönlich fehlt das. Mir persönlich hat es immer etwas gegeben, jemanden die Hand zu schütteln oder einen Freund in den Arm zu nehmen. Ich akzeptiere dieses andere Verhalten im Augenblick, aber ich glaube, dass das kulturell etwas mit uns macht. Arnold Schuhmacher: Ich glaube, dass für die Zeit danach Lehren gezogen werden – auch in Das Interview führten Roland Sprich und Wilfried Dold Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? 81

 

 

 

DIE ENTWICKLUNG DES RADWEGENETZES IM SCHWARZWALDBAAR-KREIS von Simone Neß Im Schwarzwald und auf der Baar wird das Fahrrad in Zeiten von Klimaschutz, E-Mobilität und ebenso vor dem Corona-Hintergrund immer beliebter. Der Landkreis selbst trägt dieser Entwicklung mit immer mehr und immer besser ausgebauten Radwegen entsprechend Rechnung. Im Quellenland kann der Radfahrer nicht nur einige Höhenmeter zurücklegen, so im Schwarzwald, sondern auch gemütlich an Neckar und Donau entlang radeln. Die gute Infrastruktur mit einer weitläufigen Beschilderung sowie die idyllische Landschaft locken auch viele Touristen in den Kreis und auf das Fahrrad. Vor allem auf das boomende E-Bike. 82 82 3. Kapitel – Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

83

 

 

 

Die landschaftliche und städtische Vielfalt ist im Schwarzwald-BaarKreis enorm. Auf einer Fläche von 42.000 Quadratkilometern gibt es einiges zu entdecken. Um das Quellenland wirklich hautnah erleben zu können, ist eine Radtour eine der besten Möglichkeiten. Hierfür legte der Schwarzwald-Baar-Kreis bereits vor über zehn Jahren den Grundstein, um mit dem Rad die Region zu erkunden. Ob Stöcklewaldturm, Neckarursprung, die historische Innenstadt Villingens oder der Magdalenenberg – der SchwarzwaldBaar-Kreis hat einiges zu bieten. Projekt „RadParadies Schwarzwald und Alb“ Im Bereich Tourismus nahm alles ab 2009 seinen Lauf. Der Schwarzwald-Baar-Kreis erkannte das Fahrrad als wichtige Alternative zu herkömmlichen Fortbewegungsmitteln. In Kooperation mit dem Landkreis Rottweil wurde das Projekt „RadParadies Schwarzwald und Alb“ in die Wege geleitet. Das Projekt beinhaltet die Beschilderung von 30 Radrundtouren mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad auf einer Strecke von insgesamt 1.150 Kilometern. Eine vergleichbare Beschilderung wie die des RadParadieses gab es zuvor nur von Seiten einzelner Kommunen. Einige Radwege in den großen Kreisstädten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen waren beispielsweise schon beschildert. Vorbei an den schönsten Orten in der Region verlaufen sowohl die Touren für Freizeitradler als auch für Sportbegeisterte. Etwa ein Drittel der Touren ist leicht, fünf haben es richtig in sich. Die 30 Radtouren werden in drei Tourenbroschüren vorgestellt, die kostenlos in den Tourist-Infor6 2 9 4 9 / 2 7 5 7 0 g n i t l u s n o C o C r a M RADROUTEN RAD + WANDERPARADIES L a n d k r e i s e R o t t w e i l & S c h w a r z w a l d B a a r K r e i s Tourenbroschüre mit 10 ausgewählten Radtouren im RAD+WANDERPARADIES Schwarzwald und Alb 10 Radrundtouren Leicht: 4 6 13 17 19 21 24 Mittel: 9 10 16 Band 3 Nicht nur in der Freizeitgestaltung, sondern insbesondere im Alltag hat das Rad einen immer größer werdenden Stellenwert. mationen zu erhalten sind. Anfangs konnten die Broschüreninhalte in Form eines Tourenbuchs erworben werden, doch die Nachfrage boomte. Der Hype um das Fahrrad wurde immer größer, die Radwege von Jahr zu Jahr beliebter. Mittlerweile werden jährlich etwa 10.000 Broschüren nachgedruckt und entsprechend aufbereitet. Der Schwarzwald-Baar-Kreis punktet mit einer eindrucksvollen Landschaft, charmanten Städten und einer beeindruckenden Topographie. Die höchste Erhebung des Kreises liegt 1.164 Meter über dem Meeresspiegel südlich des Rohrhardsbergs in der Nähe des Griesbacher Ecks. Der tiefste Punkt mit 472 Metern liegt an der Gutach zwischen Triberg und Hornbach. Damit kommt man auf eine Höhenmeterdifferenz von 692 Metern, die sich mit dem Rad teilweise nur schwer bewältigen lässt. Angesichts der Topographie spielen Elektrofahrräder in der Region eine wichtige Rolle, insbesondere auch vor dem Hintergrund des Klimawandels und der zunehmend präsenter werdenden E-Mobilitätsbranche. Darum organisierte das Quellenland in Kooperation mit dem Landkreis Rottweil den Fahrradverleih von elektrischen Zweirädern und etablierte zahlreiche Ladestellen. Mittlerweile gibt es im RadParadies 20 Verleihstationen und E-Tankstellen für die Fahrradfahrer. Aus der Organisation des Fahrradverleihs hat sich der Landkreis aufgrund der stark gestiegenen Verkaufszahlen für Pedelecs mittlerweile ausgeklinkt. Dennoch bieten weiterhin zahlreiche Kommunen, beispielsweise Villingen-Schwenningen und Königsfeld, den Verleih von E-Fahrrädern an. Die Tourenbroschüren vom „RadParadies Schwarzwald und Alb“ erfreuen sich großer Beliebtheit. www.rad-und-wanderparadies.de 84 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Straßenbauamt federführend bei der Erstellung des Radwegekonzepts Die touristischen Radwege sind allerdings nur ein kleiner Teil des Gesamtnetzes, zu dem auch die Alltagsrouten und Fernradwege gehören. Nicht nur in der Freizeitgestaltung, sondern insbesondere im Alltag hat das Rad einen immer größer werdenden Stellenwert. Nachdem die benachbarten Landkreise Waldshut und Breisgau-Hochschwarzwald bereits die Vereinheitlichung der Beschilderung für Radwege, insbesondere auch für die Fernradwege, umgesetzt hatten, zog auch der Schwarzwald-BaarKreis nach, um die Beschilderung in der Region fortzusetzen. Im Vorfeld zu dem neuen Wegweisungskonzept wurde ein Radverkehrsplan erstellt, in dem im Wesentlichen der Radwegebau eine Rolle spielte. Federführend bei der Erstellung des Radwegekonzepts waren das Straßenbauamt, der Bereich Tourismus und Wirtschaftsförderung im Landrats amt und das Straßenverkehrsamt. Aber auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) brachte sich mit seinen Erfahrungen ein. Der Kreis zog außerdem externe Planungshilfe durch die Firma Radverkehr-Konzept aus Frankfurt hinzu. Handlungsvorschläge der Bürger in Planung mit aufgenommen Darüber hinaus hatten auch die Bürger aus dem Kreis die Möglichkeit, sich diesbezüglich einzubringen. Mittels einer Bürgerbeteiligung über Einen Radverkehrskonzept gab es bereits in der Vergangenheit, doch das damalige Konzept war lange nicht so umfassend wie das des Plans, der 2013 erarbeitet wurde. Hintergrund für die Erstellung eines solchen Plans war auch eine Richtlinie des Landes Baden-Württemberg vom 1. Juni 2012, in der das Land Zuwendungen für den Ausbau von Radverkehrsanlagen zusicherte. Auch Sven Hinterseh hatte im Anschluss an seine Wahl zum Landrat im Jahr 2012 den Wunsch geäußert, im Thema „Radverkehr“ aktiver zu werden. Bis dato war der Bau von Radwegen eher zufällig, das Vorgehen unkoordiniert, Radwege in den Kommunen entstanden oft nur auf Zuruf. In den vergangenen Jahren wurden sämtliche Radwege im Landkreis mit großem Aufwand einheitlich beschildert. 85 65StandortNaturpark SüdschwarzwaldDer Südschwarzwald ist eine der schönsten Erholungsgebiete Deutschlands. Aussichtsreiche Berge, urige Bauernhöfe, blühende Wiesen, dichte Wälder eine einzigartige Mischung aus Natur und Kultur, aus Tradition und Moderne.Der Naturpark Südschwarzwald ist Garant für den Schu� und die nachhaltige Entwicklung der Region und dafür, dass alle diese besondere Naturund Kulturlandschaft erleben können. Ob Wandern, Radfahren, Langlaufen, Schneeschuhwandern, Erlebniswandern oder regionale Produkte genießen seien Sie uns im Naturpark Südschwarzwald willkommen!Naturpark Südschwarzwald, Haus der Natur, Dr.-Pilet-Spur 4, 79868 Feldberg www.naturpark-suedschwarzwald.de Weitere Radtouren und -wege RadParadies Schwarzwald und Alb: Auf 30 Radrundrouten werden Sie weg von den viel befahrenen Strecken durch die schönsten Landschaften der Region geführt. www.rad-paradies.deSchwarzwaldPanorama-RadwegQuellregion Donau: Die Städte Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen laden auf 9 ausgeschilderten Radrouten zu unbeschwertem Freizeitspaß und kulturellen Erlebnissen ein. www.quellregion-donau.deLandesradfernwege: Durch das Quellenland Schwarzwald-Baar-Kreis verlaufen vier Landesradfernwege. Neben den Flussradwegen Neckartal-Radweg und Donau-Radweg sind dies der Schwarzwald Panorama-Radweg und der Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Weg.Radverkehrsnetz Schwarzwald-Baar-Kreis KnotenpunktsystemDas Knotenpunktsystem▪ Individuelle Zusammenstellung von Fahrradtouren▪ Ziele, Streckenlänge und Landschaft können frei gewählt werden▪ Knotenpunkte in gewünschter Reihenfolge notieren▪ Nummern auf den Fahrradwegweisern folgen▪ Ausgewiesen werden immer die nächsten NachbarknotenQualitätssicherung Ihre Mithilfe erwünscht!▪ Der Schwarzwald-Baar-Kreis verfügt über ein ausgeschildertes iiRadverkehrsne� von 1.100 Kilometern Länge▪ Die Fahrradwegweisung wird jährlich geprüft und Fehler behoben▪ Helfen Sie bei der Qualitätssicherung: QR-Code am Wegweiser scannen und Mängelmeldung versenden Dieses Projekt wurde gefördert durch den Naturpark Südschwarzwald mit Mi�eln des Landes Baden-Wür�emberg, der Lo�erie Glücksspirale und der Europäischen Union (ELER).Teil des Projekts:Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums: Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete.

 

 

 

Bei der Eröffnung des Knotenpunktsystem der Fahrradwegweisung im Schwarzwald-Baar-Kreis am 05.07.2019 in Tuningen, von links: Landrat Sven Hinterseh, Regina Melch, Naturpark Südschwarzwald, Ralf Pahlow, Bürgermeister Tuningen und Siegfried Heinzmann, ehem. Kreisrat. das Internet war es möglich, das Amt darüber zu informieren, an welchen Orten Radwege noch gebaut werden müssen. Die Plattform, die im Juli 2013 freigeschalten wurde, war drei Monate lang aktiv. Insgesamt gingen 236 Meldungen von 150 Bürgern ein, die auch Positives zu dem bereits bestehenden Radverkehrskonzept rückmeldeten. Das bestehende Radverkehrsnetz konnte durch Befahrung erfasst werden. Als Ergebnis wurde ein Plan für ein Radverkehrsnetz für den kompletten Schwarzwald-Baar-Kreis entwickelt, der außerdem Vorschläge beinhaltet, Lücken im Radwegenetz zu schließen und Verbesserungsmaßnahmen in einem mittelfristigen Bauprogramm vorzunehmen. Die Ergebnisse der umfangreichen Arbeit wurden ausgewertet und im Kreistag priorisiert, um daraufhin einen Kosten-Nutzen-Plan zu erstellen. Auch die Handlungsvorschläge der Bürger wurden in die Planung mit aufgenommen. Letztendlich galt: Je höher der Nutzeffekt und je geringer in der Relation die Investition, umso weiter vorne die Maßnahme in einer großen Maßnahmenliste. Der Radverkehrsplan betrachtet dabei vor allem außerörtliche Radwege entlang klassifizierter Straßen. Ziel ist es, kurze, sichere Wege entlang dieser Straßen zu errichten. 2014 wurde der Radverkehrsplan im Kreistag genehmigt. Seitdem dient das Konzept als Grundlage für die Planung verschiedenster Bauprojekte und ist gleichzeitig eine wichtige Rücksicherung für Fördermittel. Weitere Projekte in Planung und Vorbereitung Mittlerweile hat sich schon einiges getan. Im Zeitraum von 2015 bis 2020 konnten die ersten Radwege gebaut werden. Dabei wurden 6,54 km Radweg an Kreisstraßen vom Landkreis, gemeinsam mit den Kommunen gebaut, wofür Kosten in Höhe von 1.388.000 Euro anfielen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis erhielt dafür Fördermittel in Höhe von 743.000 Euro. Der Radwegebau ist allerdings noch lange nicht abgeschlossen. In den kommenden fünf Jahren sollen die nächsten Baustellen in Angriff genommen werden. Gemeinsam mit den Städten und Gemeinden wird versucht, sukzessiv die Maßnahmen im Radverkehrsplan umzusetzen. 86 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Einige Projekte sind bereits in Planung und Vorbereitung. Darunter beispielsweise ein Radweg an der K 5705 zwischen Bad Dürrheim und Biesingen, der etwa eine Länge von 2,17 Kilometern umfasst. Außerdem soll ein Radweg zwischen St. Georgen und Hardt entstehen mit einer Länge von 4,5 Kilometern. Das Großbauprojekt ist eine interkommunale Maßnahme mit dem Nachbarlandkreis Rottweil und wird zusammen mit dem vorgesehenen Straßenausbau einige Jahre bis zur Fertigstellung dauern. Bei Genehmigung werden auch hier Fördermittel in beachtlicher Höhe erwartet. Neben dem Bau von über sechs Kilometern Radweg konnte in den vergangenen Jahren in einem enormen Kraftakt auch eine einheitliche Beschilderung in die Wege geleitet werden. Die kommunalen Radwege wurden überarbeitet und die touristischen Radwege in die Beschilderung mit aufgenommen. 2018 wurde das Projekt abgeschlossen. Im darauffolgenden Frühjahr fand die Schlussabnahme statt. Das Radwegenetz von etwa 1.100 Kilometern wurde abgefahren, um jeden Schilderstandort zu überprüfen. Das soll auch in Zukunft regelmäßig stattfinden, um so die Qualität der Infrastruktur zu sichern. Auch die Fahrradfahrer können zur Instandhaltung beitragen. Denn an jedem Wegweiser ist ein QR-Code angebracht, über den man Mängel an der Infrastruktur melden kann. Im Zuge des neuen Wegweisungskonzepts wurden über 3000 Schilder an fast 500 Standorten in der Region angebracht. Knotenpunktsystem als Pilotprojekt Doch die umfangreiche Beschilderung und der Bau zahlreicher Radwege ist nicht alles, was sich in den vergangenen Jahren im SchwarzwaldBaar-Kreis getan hat. Als erster Flächenlandkreis setzte der Schwarzwald-Baar-Kreis das Knotenpunktsystem als Pilotprojekt um. Das System, das insgesamt 70 Knotenpunkte und 1.700 Zusatzplaketten beinhaltet, soll Radfahrern ermöglichen, ihre Touren individuell zusammenzustellen. Orientiert hat sich der Landkreis dabei an einem Projekt aus unserem niederländischen Nachbarland. Das Ziel der Tour, die Als erster Flächenlandkreis setzte der Schwarzwald-Baar-Kreis das Knotenpunktsystem als Pilotprojekt um. Streckenlänge und die Landschaft können durch das neue System selbst bestimmt werden. Dafür müssen Radfahrer lediglich die Knotenpunkte in gewünschter Reihenfolge notieren und den Nummern auf den Fahrradwegweisern folgen. Auf den Wegweisern werden immer die nächsten Nachbarknoten mittels eines blauen Schilds mit einer weißen Nummer ausgewiesen. Mit Hilfe von QR-Codes an den Knotenpunktstangen kann die Karte direkt auf das mobile Telefon geholt werden. So erhält der Radfahrer vor Ort eine Übersicht über das komplette Radwegenetz. Die Radwegebeschilderung kostete den Landkreis insgesamt 381.000 Euro, wovon 162.000 Euro gefördert wurden. An Visionen mangelt es dem SchwarzwaldBaar-Kreis auf jeden Fall nicht. Denn auch in Zukunft können sich die vielen Radfahrbegeisterten auf zahlreiche Neuerungen freuen. Die vorhandenen Radwege sollen gesichert und in Stand gehalten werden, der Bau neuer Wege ist schon geplant. Auch der zielgruppenspezifische Ausbau der Infrastruktur, beispielsweise speziell für Mountainbikefahrer, genauso wie die Entschärfung von Nutzungskonflikten auf den Radwegen, ist nach wie vor ein Thema. Denn die Nachfrage ist groß, das Potenzial weiterhin da. Gleichzeitig arbeitet der Landkreis an einem Hüttenkonzept, um den Radfahrern möglichst viele Einkehrmöglichkeiten am Wegesrand ihrer Routen anbieten zu können. Und auch die Realisierung von Selbstbedienungsautomaten steht noch auf der To-Do-Liste des Quellenlands. Denn letztendlich ist das Gesamtpaket entscheidend. Die Infrastruktur mit einer guten Beschilderung sowie die atemberaubende Landschaft sind hierfür schon mal ein guter Anfang. Die Nachfrage bestätigt schließlich das Angebot, weshalb der Landkreis auch in Zukunft das Radfahren fördern wird und so vielen Radfahrbegeisterten ermöglicht, die Region kennenzulernen. Die Entwicklung des Radwegenetzes im Schwarzwald-Baar-Kreis 87

 

 

 

88 88 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Brigach und Breg bringen die Donau zuweg VOM ZUSAMMENFLUSS AN DIE QUELLE DER BRIGACH Kaiser Wilhelm, Jacques-Yves Cousteau und Claudio Magris waren hier, um drei von zahlreichen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zu nennen, die an der historischen Donauquelle in Donaueschingen vom Geländer des Quelltopfes aus zur Mutter Baar hinaufblickten. Die Skulptur weist der jungen Donau beim Schloss der Fürsten zu Fürstenberg symbolisch den Weg nach Osten – mich und eine von der Donau begeisterte Begleiterin hingegen zieht es nach Westen: Wir machen uns vom Zusammenfluss aus auf den Weg zur Brigachquelle beim Hirzbauernhof im St. Georgener Ortsteil Brigach. Was sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen lässt: Die Quellentour öffnet zugleich ein Tor in die geheimnisvolle Welt der Kelten, die im Landkreis vielfache Spuren hinterlassen haben. xyz Bestaunt von Besuchern aus aller Welt – die Mutter Baar zeigt der jungen Donau den Weg. 89

 

 

 

Der 31. Juli 2020 präsentiert sich als strahlender Sommertag. „Es ist fast zu heiß um Rad zu fahren“, schmunzelt meine Begleiterin aus dem Wiesental. Weit über 30 Grad sind für diesen Freitag vorhergesagt. Doch wer wie Sylvia als Donau-Begeisterte eigens in den SchwarzwaldBaar-Kreis reist, um vom Zusammenfluss aus auf dem E-Bike mit der Brigach einen der beiden Quellflüsse der Donau zu erkunden, den schrecken hochsommerliche Temperaturen nicht ab. Wo sich Brigach und Breg vereinen, gehört die Donau-Geburt in der gewohnten Form der Vergangenheit an: Am Zusammenfluss wird an diesem Freitag an gleich zwei Orten gebaggert Die Brigach fließt mitten durch Donaueschingen. Vorne links die Fürstenberg-Brauerei, dahinter die Stadtkirche St. Johann, in deren Rücken sich das Schloss der Fürsten zu Fürstenberg und die historische Donauquelle befinden. und Traktoren fahren im Fünf-Minuten-Takt hängerweise frisch ausgehobenes Erdreich von der Baustelle. Die Verlegung des Donaubeginns um ca. 300 Meter flussaufwärts ist erst wenige Wochen in Gang, doch die Erdbewegungen lassen schon jetzt das enorme Ausmaß des 90 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Vorhabens erkennen: Es handelt sich um eines der aktuell größten Renaturierungs projekte in Baden-Württemberg. Das Land investiert vier Millionen Euro in einen Auenpark, der dem Donaubeginn seine Würde zurückgibt und ihn als Wasserwelt erlebbar macht. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei außerdem, die Breg optisch nicht länger als „Nebengewässer“ der Brigach zu präsentieren. Schließlich lernt in Baden-Württemberg jedes Kind schon in der Schule: „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg!“ Und eben nicht überwiegend die Brigach, wie es der bisherige Zusammenfluss suggeriert hat. Das gewohnte Bild des Zusammenflusses von Brigach und Breg zur Donau gehört der Vergangenheit an. Gegenwärtig entsteht dort ein Auenpark. Es handelt sich dabei um das aktuell größte Renaturierungsprojekt in Baden-Württemberg. An der historischen Donauquelle Auf die Baustellenbesichtigung folgen die ersten eineinhalb Kilometer auf dem Rad, es geht an der Brigach entlang zur historischen Donauquelle beim Schloss der Fürsten zu Fürstenberg. Auf dem Grund des symbolischen Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 91

 

 

 

Von links: Quelltopf der historischen Donauquelle, Mutter Baar zeigt der jungen Donau den Weg, Donaurelief beim Brigachufer am Diana-Brunnen und die Schützenbrücke,ein viel besuchter Ort an der Brigach. Quelltopfs funkelt in der Morgensonne ein wahrer Münzschatz. „Es bringt Glück, in eine Quelle ein Geldstück hineinzuwerfen“, gebe ich mich überzeugt. Wohl wissend, dass Jahr für Jahr die Mitarbeiter des Donau eschinger Bauhofes die Münzen im Quelltopf bei den obligatorischen Reinigungsarbeiten wieder einsammeln, opfere ich ein 20-Cent-Stück. Sylvia zeigt sich von der 1896 entstandenen Skulpturengruppe des Vöhrenbacher Bildhauers Prof. Adolf Heer beeindruckt. Die Mutter Baar weist hier ihrer Tochter, der jungen Donau, den Weg in Richtung Osten. Dort mündet der zweitgrößte Fluss des Abendlandes nach einer 2.875 Kilometer langen Reise ins Schwarze Meer. Auf ihrem Weg ins Biosphärenreservat Donaudelta, des zweitgrößten Deltas in Europa, verbindet die Donau zehn Länder. Das Heer an Radfahrern ist unübersehbar Die Ferienzeit belebt Donaueschingen spürbar, trotz Corona-Pandemie versammeln sich an der hervorragend inszenierten historischen Donauquelle Besucher aus mehreren Ländern: Familien, junge Paare – viele Ruheständler. Unübersehbar ist das Heer an Radfahrern. Sie sind nicht wie wir zu einem Donau-Quellfluss unterwegs, sondern starten am Lammplatz beim DianaBrunnen auf den 2.700 Kilometer langen Donau-Radwanderweg, der dort offiziell beginnt. Wir steigen die Treppenanlage zum Platz bei der Stadtkirche hinauf. Von dort aus lässt sich die historische Donauquelle aus ungewohnter Perspektive studieren. „Noch 1.260 Kilometer bis Budapest“, ulkt ein Mann in rotem Raddress. Er gehört zu einer sechsköpfigen Gruppe junger Menschen mit üppig bepackten Rädern. Ein Selfie mit Donauquelle, dann radelt einer nach dem anderen davon. Trotz Corona wäre Budapest mit Blick auf die derzeit offenen Grenzen sogar erreichbar – doch wer im Sommer 2020 auf den Donauradweg startet, ist pandemiebedingt fast ausschließlich auf die deutsche Donaustrecke fokussiert. Donaueschingen hat „Fürstenflair“ – der fürstliche Prunk ist im Stadtbild bis heute präsent. Allerdings befinden sich etliche der Bauten nicht mehr in „fürstlichem“, sondern in „bürgerlichem“ Privatbesitz. Wie es sich in den stilvollen Häusern mit ihren hohen Räumen wohl lebt? Wir schieben unsere Räder an der Stadtkirche St. Johann vorbei zum Dianabrunnen. Hopfenduft hängt in der Luft, der Geschmack der grünen Seele des Biers. Jeder hier weiß, woher er stammt: Die in der Stadtmitte liegende Fürstenberg-Brauerei braut nicht nur in diesem Au92 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Der Duft von Hopfen hängt in der Luft, der Geschmack der grünen Seele des Bieres. Jeder hier weiß, woher er stammt: Die Fürstenberg-Brauerei braut nicht nur in diesem Augenblick eines der besten Biere der Welt. genblick eines der besten Biere der Welt. Trotz der vielen Menschen in der Stadt, der offenen Lokale und des geschäftigen Treibens auf dem Wochenmarkt: Es fehlt die gewohnte sommerliche Leichtigkeit. Über allem hängt die Pandemie – nicht nur die Masken erinnern einen trotz der augenblicklich fast nicht vorhandenen Fallzahlen unaufhörlich daran. Der Brigach entlang – 40 Kilometer „helles, lauteres Wasser“ Unser Vorhaben ist ehrgeizig: Wir wollen über Villingen und St. Georgen hoch zum Hirzwald radeln – und dabei zusätzlich den einen oder anderen Abstecher einlegen. So zumindest der Plan zweier Radfahrer, die wie viele andere in CoronaZeiten ins Lager der E-Biker gewechselt sind. Diese neue Form der Mobilität erlaubt auch „Normalos“ Radtouren mit großer Reichweite. Das E-Bike bedeutet gerade im Jahr 2020 für so viele Menschen wie noch nie zuvor ein Stück neu gewonnene Freiheit – und das bei sich daheim! Wir lassen Donaueschingen hinter uns und fahren an Aufen und Grüningen vorbei in Richtung Brigachtal. Sylvia fragt spontan, wo wohl der Name „Brigach“ herstamme? Einigkeit besteht wie im Fall der Breg im keltischen Ursprung. Doch die einen übersetzen „Brigach“ mit „helles, lauteres Wasser“ – die anderen mit „Bergbach“. „Brig“ soll für Berg und „ach“ für Fluss oder Bach stehen. Zwischen Donaueschingen und Brigachtal plätschert die Brigach meist wenig spektakulär dahin. Dichtes Gebüsch verhindert über weite Passagen hinweg den Blick auf den Fluss. Erst am Ortsausgang von Grüningen, vor allem ab Beckhofen bis Marbach, darf der zweite Quellfluss der Donau mäandern und Charakter zeigen. Bei Beckhofen stoßen wir unmittelbar neben dem prächtigen Bauerngarten von Beatrix und Dietmar Maier auf einen imposanten Brigach-Alt arm, der mit einer Biberburg durchsetzt ist. Gitter schützen den Baumbestand am Flussufer vor den Zähnen des Nagers. Die Spuren des Bibers begleiten uns von nun an bis hinauf zur Brigachquelle im Hirzwald. Das Magdalenenbergle – Tor in eine schriftlose Vergangenheit Die Gegend hier ist altes Keltenland: Mit Brigach und Breg vereinen sich auf der Baar zwei Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 93

 

 

 

Blick auf den Grabhügel am Magdalenenberg und die Eiche (ganz rechts). Im Hintergrund sieht man Rietheim und das Brigachtal. Flüsse mit keltischem Namen zur Donau – und auf dem Villinger Magdalenenberg befindet sich eines der bedeutendsten keltischen Fürstengräber Europas. Brigach, Breg – das Fürstengrab: alles ist verbunden. Wir entschließen uns bei Brigachtal spontan dazu, einen Umweg über das Magdalenenbergle einzuschieben und biegen nach Rietheim ab. Der weithin sichtbare Grabhügel liegt neben einer nicht minder imposanten Eiche. Er fungiert als Tor in die Vergangenheit einer noch schriftlosen Kultur. Als Archäologen im Jahr 1890 am Magdalenenbergle graben, hoffen sie auf Schätze – und entdecken ein geplündertes Fürstengrab. Und dennoch ist der Fund sensationell: Die 2.600 Jahre alte Grabkammer des Fürsten vom Magdalenenberg gilt heute als der größte hallstattzeitliche Holzfund Europas. Nach Baumring-Untersuchungen wurde der Grabhügel mit seinem Durchmesser von 104 Metern und zwölf Metern Höhe etwa um 616 v. Chr. aufgeschüttet. 80 Jahre später folgt die zweite Sensation: Es werden im Umfeld des Fürstengrabes 126 weitere Bestattungen mit einzigartigen Beigaben entdeckt. Sie verwandeln den Grabhügel am Rande Villingens in einen der bedeutendsten Fundorte der Eisenzeit in Süddeutschland. Das Fürstengrab erweist sich damit als Teil einer Die 2.600 Jahre alte Grabkammer des Fürsten vom Magdalenenberg gilt heute als der größte hallstattzeitliche Holzfund Europas. komplexen Grabanlage. Und diese soll nach einer 2012 von Allard Mees vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz veröffentlichten Abhandlung als frühkeltisches Kalenderwerk zu verstehen sein. Die Lage der einzelnen Gräber entspreche den nördlichen Sternbildern des Jahres 618 v. Chr., wie mithilfe von Software der Raumfahrtbehörde NASA ermittelt wurde. Wir lassen die Räder am Fuß des Hügels stehen und wandern hinauf. Der weite Blick nach Villingen und über Rietheim hinweg ins Brigachtal fasziniert. Auf dem Grabhügel soll 1633 die Villingerin Barbara Schwinger mit dem Teufel getanzt haben, so ihr „Geständnis“ unter grausamer Folter. Ein mystischer Ort, der gleich bei welchem Wetter und bei welcher Tageszeit immer wieder neu seine Besucher hat. Manche übernachten hier oben im Schlafsack, andere geben unter der Eiche ein Gitarrenkonzert oder versuchen in sich gekehrt, die keltischen Wurzeln dieses Landstrichs zu erspüren. Auch wenn es reizvoll wäre: Es fehlt heute einfach die Zeit dazu, die hier gemachten Keltenfunde im Villinger Franziskanermuseum in Augenschein zu nehmen. Bald drei Stunden sind mittlerweile verstrichen – und wir sind noch 94 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

nicht einmal in Villingen angekommen. Dabei wäre der Weg von Donaueschingen nach Villingen auf dem gut ausgebauten und bequem befahrbaren Radweg die Brigach entlang in einer reinen Fahrzeit von nicht einmal einer Stunde zu schaffen. Vorausgesetzt, man geht diese Tour weniger kulturgeschichtlich, sondern etwas sportlicher an. Kostbare Ringwald-Portale Über einen Feldweg rollen die E-Bikes wie von selbst nach Villingen hinab, immer in Richtung der Münstertürme. In der Fußgängerzone der Altstadt herrscht Hochbetrieb, die bis vor Kurzem teils gespenstisch leeren Straßen gehören gegenwärtig der Vergangenheit an. Beim Café Raben lädt ein Ecktisch im Freien zu einer Eisund Kaffeepause ein. Mittlerweile zeigt das Thermometer auf 31 Grad – doch nicht ein Villinger Kind watet, wie es eigentlich zu erwarten wäre, barfuß im Stadtbächle: Wegen Corona drehte die Stadtverwaltung dem Bächle kurzerhand das Wasser einfach ab. Aber es gibt ja die Brigach: Die hat zwar aufgrund der aktuellen Trockenzeit einen Tiefstand wie lange nicht zu beklagen, Wasser allerdings fließt dort nach wie vor. Gleich zwei Kindergärten nutzen die Gunst der Stunde und sind mit ihren Schützlingen einen Sommertag lang zur Brigach umgezogen, die unmittelbar an der Innenstadt vorbeifließt. Nah der Die Ringwald-Portale am Münster sind die mit bedeutendsten Kunstwerke, die es in VS-Villingen zu bestaunen gibt. Bei hochsommerlichen 31 Grad freuen sich die Kinder über Spielen in und an der Brigach. xyz 95

 

 

 

96 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Unter Denkmalschutz stehende eiserne Brigach-Brücke im Villinger Groppertal. Sebastian-Kneipp-Straße planschen die Kinder lautstark und voller Freude im kühlen Bach. Garantiert war das schon zu Keltenzeiten so… Wir schieben unsere Bikes zum nahen Villinger Münster, bestaunen die Portale von Klaus Ringwald. Die von Ringwald in unsere Zeit übertragenen Ereignisse der biblischen Geschichte gewinnen in Corona-Zeiten ungeheuer an Aktualität, berühren mehr denn je. Das Baugerüst am Münsterturm macht neugierig – ein Passant klärt uns auf: Die größere der beiden Glocken im Nordturm hat einen Sprung und muss heruntergeholt und repariert werden (s. S. 316). Durch das Groppertal und den Stockwald nach St. Georgen Durch das Villinger Kurgebiet geht es nach einem kurzen Halt im Kurpark dem Groppertal Links: „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg.“ Majolikafiguren im Villinger Kurpark aus den 1930er-Jahren, hergestellt in der von Richard Bampi geleiteten „Fayence-Manufaktur Kandern GmbH“. entgegen, der Villinger Riviera. Der Besuch im Villinger Kurpark lohnt allein schon wegen der dort aufgestellten Majolikafiguren, darunter die Flussallegorie „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“. Um 1935/36 schuf die von Richard Bampi geleitete„Fayence-Manufaktur Kandern GmbH“ u.a. sieben Majolikafiguren für den Villinger Kurpark, darunter die Flussallegorie. Wir radeln am Kirnacher Bahnhöfle vorbei, und schließlich taucht rechts am Straßenrand der Uhufelsen auf – seit eh und je ein beliebter Ausflugsort der Villinger. Wo zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Silber gegraben wurde, übt sich heute der Nachwuchs im Klettern. Motorradfahrer, Pkws, Radfahrer wie wir und Inliner teilen sich das schmale Sträßchen durch das malerische Groppertal. Stressfrei ist das nicht! Die meiste Zeit führt der Weg unmittelbar an den Gleisen der Schwarzwaldbahn entlang. Gut dreihundert Meter oberhalb der Stelle, an der sich der Gropperbach mit der Brigach vereint, weckt ein schmuckes Bahnwärterhäuschen unser Interesse. Ganz in der Nähe stoßen wir auf eine eiserne Brigachbrücke und entdecken eine Idylle, wie sie im Buche steht. Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 97

 

 

 

Blick auf Brigach mit St. Georgen. sich hier. Heute fungiert der Klosterweiher als Naturbad. Der Badebetrieb ist an diesem Freitag mit seinen mittlerweile 34 Grad zwar rege, aber hält sich coronabedingt in Grenzen. Da im Groppertal gerade Hochbetrieb Mehr als das Naturfreibad fasziniert die herrscht, beschließen wir die Tour zur Brigachquelle durch den Zinken Stockwald fortzusetzen. Vorbei an den wenigen Häusern führt der Weg bis zum Abzweig Dreihäusel/Stockwald. Dort geht es rechts ab und es gilt, die erste wirkliche Steigung zu bewältigen: Bereits seit Villingen führt uns der Weg stetig leicht bergauf, zunächst von 730 Meter auf 830 und jetzt auf über 900 Höhenmeter. Dank der E-Bikes stellt das keine wirkliche Herausforderung dar. Im angenehm-schattigen Wald passieren wir den „Süßen Winkel“ und erklimmen die letzten Meter der Schwanenhöhe. Jetzt rollen die Räder über eine Gemeindeverbindungsstraße wie von selbst hinab in Richtung Bahnhof St. Georgen. Klosterweiher und Biberland Im Gegensatz zu VS-Villingen und Donaueschingen fließt die Brigach in St. Georgen nicht mitten durch das Stadtgebiet, sondern am Rand der Bergstadt entlang. Nur ein einziges Mal macht sie dabei mit Nachdruck auf sich aufmerksam: Dem Donauquellfluss verdanken die St. Georgener ihren 27.000 qm großen Klosterweiher. Er diente dem früheren Kloster als Fisch weiher, auch eine Klostermühle befand sumpfartige Landschaft im Anschluss an den Klosterweiher. Dass sich dort ein wertvolles Biotop entwickeln konnte, ist das Werk einer Biberfamilie. Die Biber haben in den vergangenen rund zehn Jahren nicht nur diesen Ort, sondern den gesamten Brigachlauf bis hinauf zur Quelle am Hirzwald grundlegend verändert. Die durch das Werk der Nagetiere vielerorts sumpfig gewordenen Wiesen schaffen neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Die Landwirte allerdings freut die Anwesenheit des Bibers nicht: Sie haben bei der Bewirtschaftung ihrer Wiesen mit den Folgen zu kämpfen – auch der Ruf nach Abschüssen wurde deshalb bereits laut. Vom Klosterweiher aus führt ein Radweg wenige Hundert Meter die Bundesstraße entlang. Wir folgen der Untertalstraße, durchfahren eine Unterführung der Schwarzwaldbahn und biegen nach anderthalb Kilometern beim Unterbauernhof nach rechts zum Neubauernhof ab – es geht aufwärts auf 940 Meter Höhe. Wie so oft auf dieser Fahrt fällt beim Neubauernhof ein mit Liebe angelegter Bauerngarten auf. Obstbäume entlang der Straße bezeugen, dass der Schwarzwald auch in früheren Zeiten nicht ganz so karg gewesen sein kann, wie er oftmals beschrieben wird. 98 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Oben angekommen, sind das Gewann „An der Langen Gasse“ und der 940 Meter hohe Sturmbühl unser Ziel. Wir genießen die einmalige Aussicht auf den Schwarzwald bei St. Georgen und bei Triberg/Schonach. An einem Waldeck findet sich eine Informationstafel zur Langen Gasse. Hier verlief von der Sommerau kommend die Landesund Religionsgrenze zwischen dem katholischen Vorderösterreich und dem protestantischen Württemberg. Es sind alte Wege, auf denen wir unterwegs sind. Sie dienten bereits im späten Mittelalter als Verbindung nach Triberg und Furtwangen. Das Naturbad Klosterweiher und ein Biberdamm an der jungen Brigach. Mehr noch als die Lange Gasse fasziniert der Sturmbühl. Aussichtspunkte dieser Art finden sich im Schwarzwald selten: Unser Blick streift in östlicher Richtung über die Schwäbische Alb mit Hochberg, Lemberg und Klippeneck. Im Westen sind Schonach und der Rohrhardsberg Der Hirzbauernhof mit Brigachquelle. Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 99

 

 

 

100 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Links: Die Brigachquelle beim Hirzbauernhof. auszumachen. Zugleich stehen wir hier auf der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau. Bis zur Brigachquelle liegen jetzt gerade noch drei Kilometer vor uns. Wir radeln gemütlich über den Höhenrücken mit seinen immer wieder neuen, imposanten Ausblicken auf Brigach und St. Georgen. Nach exakt 48 Kilometern, inkl. des Umweges zum Magdalenenbergle, taucht in der Talsenke unter uns der Hirzbauernhof mit Brigachquelle auf. Die Fahrt hinab ist rasant – und wir stoppen sie verwundert auf halber Höhe: Am Hinteren Hirzbauernhof waten zwei über und über mit Schlamm bedeckte Mädchen laut lachend und kreischend in einem abgelassenen Weiher umher. Besser gesagt, sie stecken mittendrin im Schlamm… Der Weiher wird an diesem Rekordsommertag vom Schlamm befreit, die beiden Mädchen helfen mit und haben sichtlich Spaß dabei. Ausgetrocknete Brigachquelle Was die Trockenheit des Sommers 2020 mit den Gewässern der Region macht, verdeutlicht nicht nur überall im Landkreis der niedrige Wasserstand der Gewässer. Selbst der Brigachquelle geht das Wasser aus – kein Tropfen fließt aus dem Quellstein mit der Aufschrift „Brigachquelle“ heraus. Das stellt bald zwei Monate später auch ein prominenter Gast fest: Ministerpräsident Winfried Kretschmann besucht den Schwarzwald-Baar-Kreis und verweilt kurz an der vorübergehend ausgetrockneten Quelle. Wieder werden uns die reichen keltischen Spuren in dieser Region bewusst: Im Hirzbauernhof entdeckten die damaligen Besitzer bei einer Küchensanierung um 1889 das sogenannte Brigachrelief. Diese Steinplatte mit der Darstellung von Hirsch, Hase und Vogel sowie drei Köpfen soll römisch-keltischen Ursprungs sein. Eine Nachbildung findet sich an der Quelle. So ist unsere Tour zur Brigachquelle zugleich eine Reise ins Keltenland. Auch wenn sie rege besucht wird, steht die Brigachquelle im Schatten der Bregquelle auf der Martinskapelle in Furtwangen, die zugleich Schlammschlacht am Rekord-Sommertag des Jahres 2020 im Weiher des Hinteren Hirzwaldhofes. als geografische Donauquelle gilt. Das mag auch damit zu tun haben, dass es an diesem schönen und freundlichen Ort beim Hirzbauernhof keine Einkehrmöglichkeit gibt. Aber die verdiente Stärkung haben wir in den Radtaschen selbst mitgebracht und Ruhebänke stehen für jedermann zur Verfügung. Nach einer reinen Fahrzeit von etwas mehr als drei Stunden und bald sieben Stunden nach dem Aufbruch in Donaueschingen steht jetzt die Rückfahrt an. In St. Georgen könnten wir die Schwarzwaldbahn besteigen und bis Donaueschingen mitfahren… Aber wir entscheiden uns gegen den ganz bequemen Weg. Schließlich radeln wir die Landstraße nach Brigach hinunter, rollen weiter bis St. Georgen. Dort schwenken wir auf den Radweg ein, der uns bis Peterzell zur Abzweigung nach Stockburg führt. Es geht immer bergab, was die Fahrt bequem und schnell macht. Durchs Groppertal fahren wir nach Villingen, dann führt der Weg durchs Brigachtal nach Donaueschingen zurück. Ohne besondere Anstrengung ist der Rückweg zum Auto mit dem E-Bike in gut zwei Stunden absolviert. Unser Fazit nach bald 100 Kilometern auf dem Rad: Die Brigach ist eine Reise wert – allein schon wegen den Begegnungen mit der Welt der Kelten. Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 101

 

 

 

Der Schellenberg-Trail TRAILSURFING IN DER QUELLREGION von Silvia Binninger Für jeden ambitionierten Mountain-Biker ist es ein Genuss, auf engen und steileren Naturpfaden sein Können zu beweisen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis bietet hier auf einigen ausgewiesenen „Bike-Trails“ eine Menge Fahrspaß. Einer dieser Trails, der „Schellenberg-Trail“, befindet sich zwischen Bräunlingen und Donaueschingen. Sein Bau wurde von der Stadt Bräunlingen zwar maßgeblich unterstützt, doch einen großen Teil der Arbeit stemmten ehrenamtliche Helfer, die mit viel Herzblut ihren Traum vom eigenen Parcours verwirklichen wollten. Im Jahr 2018 war es soweit, die Strecke konnte eröffnet werden. 102 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

xyz 103

 

 

 

Wunsch nach einem Bike-Trail Die Stadt Bräunlingen hat den Wunsch einiger Jugendlicher und junger Erwachsener im Jahr 2014 ernst genommen, einen ausgewiesenen Trail am Südwesthang des Schellenberges zu unterstützen. Nachdem die bürokratischen Hindernisse überwunden waren, konnte im Februar 2017 mit dem Trailbau begonnen werden. Die Freude war groß bei den Bikern, schnell entstand eine WhatsApp-Gruppe, in der sich die ehrenamtlichen Trailbauer organisierten. Lars Fischer, Daniel Vogt, Jonas Günzer, Luca Gantert, Ringo Ammann und Vinzent Zandona waren federführend verantwortlich. Etwa 70 Helfer organisierten sich in der WhatsApp-Gruppe und trafen sich regelmäßig mit Schaufeln und Spaten bewaffnet am Trail: zum Graben und Buddeln. Sie bauten Hindernisse, errichteten Schanzen und Kurven und befreiten die Strecke von Ästen und Gestrüpp. Es machte bald die Runde in der Mountain-Bike-Szene, dass am Schellenberg etwas Neues entsteht. So unterstützten sogar Helfer aus den Nachbarstädten Schwenningen und Dauchingen das Team. Für die Strecke sind Ausgleichsmaßnahmen notwendig. Hier installieren Jugendliche um Daniel Vogt (rechts) einen Nistkasten für Vögel. Regelmäßig beteiligten sich zahlreiche Jugendliche an den Arbeiten rund um den neuen Bräunlinger Mountainbike-Trail am Schellenberg. 104 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Das Trailbau-Team mit Ringo Ammann, Vinzent Zandona, Jonas Günzer, Daniel Vogt, Lars Fischer und Christian Vogt sowie Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle, Oberbürgermeister Eric Pauli aus Donaueschingen, Bürgermeister a. D. Jürgen Guse, Geschäftsführer des Naturparks Südschwarzwald, Roland Schöttle und Maren Ott vom Bräunlinger Tourismusamt bei der Eröffnung des Trails 2018. Unterstützung von allen Seiten Beratend stand der Badische Radsportverband den Trailbauern zur Seite. Der Naturpark Südschwarzwald unterstützte die Strecke ebenfalls finanziell, förderte die Beschilderung und die Werbemaßnahmen zum Bräunlinger SingleTrail. Die verbleibenden Ausgaben trug die Stadt Bräunlingen. Die Nachbarstädte Donaueschingen und Hüfingen, beteiligen sich an den laufenden Kosten zur Unterhaltung. Eröffnung 2018 Endlich konnte die Strecke am 14. Juli 2018 nach der Freigabe des Badischen Radsportverbands eröffnet werden. Ständige Wartung und Kontrolle garantieren den Fahrspaß und die Sicherheit des Parcours. Durch die vielen Fahrten der Biker ist der Verschleiß groß und es muss hin und wieder die eine oder andere Passage ausgebessert werden. Die Stadtverwaltung Bräunlingen hat hierzu Gespräche geführt und ist fündig geworden: Die passionierten Mountain-Biker der Familie Vogt aus Bräunlingen kümmern sich mit Michael Heizmann vom Skiclub Bräunlingen darum. Christian, Daniel und Heinrich Vogt sowie Michael Heizmann kontrollieren die Strecke einmal im Monat und achten darauf, dass sie befahrbar bleibt. Der Schellenberg-Trail ist nicht nur für Profis geeignet, auch Intermediate (Fahrer*innen mit mittlerer Qualifikation) haben hier ihren Spaß. Allerdings sollten Anfänger ohne Trailerfahrung die Strecke mit Vorsicht befahren. Rote und schwarze Kennzeichnungen geben an, was für wen geeignet ist. Ähnlich der Auszeichnung einer Skipiste steht die schwarze Markierung für den anspruchsvollen Teil. Es empfiehlt sich aber vor der ersten Abfahrt, die Strecke einmal zu Fuß abzuwandern. 400 Meter lang ist die mittelschwere EnduroStrecke und hat einiges an Sprüngen und steilen Kurven zu bieten – bei den schwierigen Passagen gibt es auch immer leichte Der Schellenberg-Trail 105

 

 

 

Aus der Streckenbewertung des Badischen Radsport-Verbands: Der Trail ist sportlich anspruchsvoll, die schwierigsten Hindernisse bieten aber immer eine Umfahrungsmöglichkeit. Er fügt sich sehr schön in das lokale Waldbild ein. Es wechseln sich Abschnitte mit hohem Flow und teilweise stark verblockte Abschnitte ab. Es ist eine fortgeschrittene Radbeherrschung notwendig, um diese Abfahrt bewältigen zu können. Zwar können alle ganz schwierigen Elemente umfahren werden, dennoch bleibt eine durchgehende Schwierigkeit vorhanden. Umfahrungen oder Abrollmöglichkeiten. Es geht 100 Höhenmeter abwärts auf einem sehr flowigen, sprich fließend befahrbaren Parcours. Zu einer sicheren Abfahrt gehört auch die passende Ausrüstung, der Fahrradhelm ist selbstredend ein Muss, dazu werden Knieund Ellenbogen-Schoner empfohlen. Wer möchte, kann zusätzlich einen Rückenprotektor anziehen. Das beste Bike für diesen Trail ist ein voll gefedertes Mountain-Bike oder ein gefedertes E-Mountain-Bike. Der Trail kann jedoch auch mit einem einfach gefederten Bike/Hardtail bewältigt werden. Die MTB-Saison beginnt am 1. April und endet am 31. Oktober, sie ist vom Forstbzw. der unteren Naturschutzbehörde vorgegeben. Die Nutzungsbedingungen bzw. „Trail Rules“ sind auch auf der Homepage www.schellenberg-trail.de zu finden. 106 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Linke Seite: Rasant geht es den Trail hinab. Oben links: Lars Fischer und Daniel Vogt vom Trailbauteam bei der Eröffnung 2018. Oben rechts: Der Blick vom Bike auf die Strecke mit einer GoPro fotografiert. Unten links: Eine Bikerin testet den Parcours. Unten rechts: Das Trailbauteam auf der Holzrampe. Zwei Jahre nach der Eröffnung des Trails ist die Freude groß bei Maren Ott vom Bräunlinger Tourismusamt über die grandiose Entwicklung dieser Strecke am Schellenberg, so zentral in der Quellregion gelegen. Sie betont: „Wir sind schon ein bisschen stolz darauf, dass in der Heimat des Schwarzwald-Marathons auch das Mountainbiken sogar mit zwei Trails bzw. Parcours, einer in der Kernstadt und einer in Unterbränd zuhause ist.“ Bei guten Witterungsbedingungen und am Wochenende herrscht reger Verkehr am Trail. Zahlenmäßig sind die Biker leider nicht zu fassen. Sie kommen aus der gesamten Region, vereinzelt sogar aus den Großräumen Rottweil oder Stuttgart. Es tummeln sich hier Vereine, Gruppen, aber auch Einzelfahrer. Eine kleine Mountainbike-Szene hat sich schon um den Trail gebildet. Viele Jugendliche identifizieren sich mit diesem Projekt und helfen bei den Ausbesserungsarbeiten. Lars Fischer vom Trailbau-Team würde gerne das Angebot an Strecken auf der Gemarkung Bräunlingen erweitern, um die Attraktivität weiter zu erhöhen. Der Schellenberg-Trail 107

 

 

 

Wegbeschreibung: Wie kommen wir zum Trail? Es gibt zwei Möglichkeiten mit dem Bike zum Ausgangspunkt zu gelangen. Für alle, die von Bräunlingen kommen, starten wir am Ringzug-Bahnhof, überqueren die Donaueschinger Straße und biegen in die Bregenbergstraße ein. Wir folgen dem, mit gelben Schildern ausgewiesenen Weg durch ein Wohngebiet, fahren weiter stetig bergauf. Am Ende eröffnet sich uns schon eine grandiose Aussicht über Bräunlingen. Nach einer Rechtsund dann wieder Linkskurve folgen wir dem Weg geradeaus bis zum Waldrand. Endlich haben wir die große Hinweistafel, die den Trail beschreibt, erreicht. Auf dieser wird Wichtiges über die Benutzung und die Beschilderung aufgezeigt. Zu diesem Ausgangspunkt können wir aber auch von Donaueschingen aus starten. Dazu fahren wir am Krankenhaus vorbei und die Sonnhaldenstraße hinauf. Nun umfahren wir die Sonnhaldenklinik linksseitig und weiter zieht sich der Weg bergauf bis zur Amalienhütte. Wir genießen hier einen wunderbaren Ausblick auf die Baar und manchmal erstreckt sich die gesamte Berner Alpenkette am Horizont. Jetzt geht es weiter an der Hütte vorbei den Berg ein kleines Stück hinunter. Ein Hinweisschild zeigt uns den richtigen Pfad, der nach links abbiegt. Wir folgen dem gut ausgeschilderten Weg. Nach einer kurzen Abfahrt auf einer Schotterpiste treten wir wieder stetig den Berg hinauf und erreichen ebenfalls die Hinweistafel zum Trail. Nach dem Anstieg geht es endlich bergab Der tatsächliche Einstieg in den Trail befindet sich jedoch noch ein kleines Stück weiter oben im Wald. Wir fahren deswegen auf einer schmalen Rückegasse links von der eigentlichen Streckenführung etwas bergauf. Nun befinden wir uns am Startpunkt, einer Holzrampe, und schieben das Bike hinauf – mit Schwung geht es jetzt bergab. Der erste Teil des Trails ist kurvig, aber nicht ganz so steil. Für Geübte bieten sich hier gleich einige Sprünge an, die wir aber auch umfahren können. Weiter geht es bergab über schöne Wurzelteppiche bis zum nächsten größeren Sprung, dem ebenfalls auf der rechten Seite ausgewichen werden kann. Jetzt eröffnet sich ein etwas steileres, kurvenreiches Stück, das wie der übrige Trail gutes fahrerisches Können verlangt. Eine linksseitige abgeschrägte Kurve bildet den krönenden Abschluss dieser Passage. Nach einem kurzen, flacheren Teil fahren wir über ein abschüssiges Steinfeld mit Spitzkurve. Geübte Fahrer haben hier ihren Spaß, andere „tasten“ sich eher vorsichtig hindurch. Am Ende des ersten Teilstücks führt der Trail über einen hohen Absatz auf einen Waldweg. Hier ist Vorsicht geboten für Wanderer wie auch für Biker. Hinweisschilder warnen vor beiden Parteien. Es ist wichtig, dass bei allem Spaß der Respekt vor der jeweiligen Freizeitbeschäftigung gewahrt bleibt. Der zweite Streckenabschnitt Wir überqueren den eben erwähnten Weg und weiter geht es links abbiegend den Pfad entlang. Dieses Stück ist sehr abschüssig und wir müssen auf der Hut sein, um nicht rechts den Hang hinunterzurutschen. Weiter geht es über Wurzeln und Steine, noch zwei kleine Sprünge und wir haben das Ende erreicht. Auf dem Waldweg/Eichhölzleweg fahren wir links weiter, wiederum durch das Bräunlinger Wohngebiet zu unserem Ausgangspunkt, dem Bahnhof in Bräunlingen. Die Biker, die nach Donaueschingen zurück möchten, biegen am Ende des Trails nach rechts ab und treten stetig dem Waldweg folgend den Schellenberg wieder hinauf bis zur Amalienhütte. Dort sehen wir schon Donaueschingen unter uns liegen. Wir folgen dem ausgeschilderten Weg hinunter in die Stadt. 1. Die Holzrampe am Startpunkt. 2. Der erste Sprung, der umfahren werden kann. 3. Das steile kurvenreiche Teilstück. 4. Die linksseitige Kurve am Schluss dieses Stücks. 5. Das sehr abschüssige Steinfeld. 6. Wurzelteppich im zweiten Streckenabschnitt. 108 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

1 2 3 5 4 6 xyz 109

 

 

 

110

 

 

 

DER JUNGEN DONAU ENTLANG von Rudolf Reim Jahr für Jahr starten mittlerweile Tausende von Radfahrern auf eine Donautour. Viele radeln über Wochen hinweg vom Zusammenfluss in Donaueschingen aus bis zum Biosphärenreservat Donaudelta, der Mündung der Donau in das Schwarze Meer. Der Radfernweg führt auf einer Strecke von etwa 2.850 km durch die Länder Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien. Wer nicht so lange unterwegs sein kann oder will, der kann die Donau auch ein Stück lang im Schwarzwald-Baar-Kreis begleiten und über den Wartenberg sowie Unterhölzer Wald wieder nach Donaueschingen zurückradeln. Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 111

 

 

 

Los geht’s in Donaueschingen. Zwar ist der offizielle Startpunkt dieser Tour zugleich der Startpunkt des Donau-Radweges am Lammplatz, doch zieht es mich für ein Foto zunächst zur historischen Donauquelle. Schon seit dem 15. Jahrhundert gibt es dort eine Quell-Fassung. 1875 wurde das kreisrunde Quellbecken neu geschaffen und mit Ornamenten reich verziert. Hier ist ein Anziehungspunkt für Besucher aus der ganzen Welt – die Quelle ist viel besucht und der Donau-Radweg viel befahren. Die Hinweisschilder des Donau-Radweges zeigen wo es lang geht. Ich fahre vorbei an der Stadtkirche St. Johann, die mich mit ihren frischen Farben anstrahlt. Über die Brigach-Brücke geht es nach ca. 200 Metern auf der Josefstraße links ab über die Prinz-Fritzi-Allee in den Schlosspark. Der Donaueschinger Schlosspark ist einer der größten Landschaftsparks im Südwesten. Bemerkenswert ist sein Wasserreichtum. Viele Quellen, Weiher, Bäche und Kanäle beleben den Park und legen beredet Zeugnis davon ab, dass hier ursprünglich nichts war als Sumpf. Von Anfang an war er nicht nur den Mitgliedern des fürstlichen Hauses vorbehalten, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich. Sie sollte sich hier an der Natur erfreuen und ebenso gesundheitlich profitieren. Schon um 1800 brachte es der fürstliche Hofkavalier auf den Nenner: „Einst den Fröschen, jetzt der Gesundheit“. Aufgrund von Baumaßnahmen am Zusammenfluss von Brigach und Breg ist der Donau-Radweg umgeleitet. Die Ausschilderung ist vorbildlich und ich radle weiter im Park in Richtung Allmendshofen. Es geht direkt am Sportpark der DJK vorbei. Schon früh am MorKURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 40 km Dauer: • mit E-Bike: ca. 2,5 Stunden reine Fahrzeit • mit einem Mountainbike ohne elektrische Unterstützung: ca. 3,5 Std. reine Fahrzeit Pausen: Pfohren: Café, Neudingen: Grablege, Wartenberg, Donaueschingen je nach Lust und Interesse 30-60 min. Höchster Punkt: 830 Meter über NN Tiefster Punkt: 670 Meter über NN Bergauf: 330 Höhenmeter Bergab: 330 Höhenmeter Anforderung: mittel (leicht, wenn man den Wartenberg auslässt) Fahrrad: E-Bike / Mountain Bike Aussichtsreiche Rundtour mit vielen Sehenswürdigkeiten und einigen Möglichkeiten zum Einkehren. START/ENDE: DONAUESCHINGEN/ LAMMPLATZ AASEN IMMENHÖFE DONAUESCHINGEN PFOHREN HÜFINGEN DREILÄRCHEN 112 NEUDINGEN GUTMADINGEN Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

gen treffe ich hier auf Josef Reith, der mit Vorbereitungen für einen Wettkampf beschäftigt ist. Ich komme mit dem sympathischen Herren ins Gespräch. Er erzählt, dass er heute das Deutsche Sportabzeichen abnimmt. Für den Erwerb des Abzeichens werden in den vier Sportarten Leichtathletik, Schwimmen, Geräteturnen und Radfahren Prüfungen abgelegt. Zwischenzeitlich sind die beiden Prüflinge Harald Sell und Peter Strittmatter auch da. Sportlich sehen sie aus, die drei Herren aus Donau! Auf jeden Fall wäre mit meiner Tour zugleich ein Anfang für das Sportabzeichen gemacht. Jetzt überquere ich den zweiten Quellfluss der Donau, die Breg. Ich folge den Schildern und unterquere die B 33, um an den Riedsee zu kommen. Das Ried ist ein Gelände, auf dem sich vier größere und mehrere kleinere Seen befinden. Wegen ihrer landschaftlichen Reize – aber auch zum Beobachten von heimischen oder durchziehenden Wasservögeln – sind die Riedseen ein beliebtes Ziel bei Naturfreunden und Vogelkundlern. Auf dem Parkplatz fällt mir ein Wohnmobil im Retrostil ins Auge, ein gepflegter Hymer mit H-Kennzeichen. Er strahlt eine Gemütlichkeit aus wie ein altes Sofa. Macht sicher Spaß, damit unterwegs zu sein. Pfohren – „Das erste Dorf an der Donau“ Die Hinweisschilder kündigen mein nächstes Ziel an; Pfohren. „Das erste Dorf an der Donau“, begrüßt ein Schild am Ortseingang. Eine Brücke führt über die junge Donau. Auf der Brücke steht ein älterer Herr in Tarnkleidung und mit einer Fotokamera. Zunächst beobachte ich nur, wie er gespannt in das Okular der Kamera schaut. Vorne ein mächtiges Teleobjektiv mit Tarnring. Dann kommen wir ins Gespräch: Jean Tanchot stammt aus Donaueschingen, er ist leidenschaftlicher Tierund Naturfotograf. Von ihm erfahre ich viel Wissenswertes über die Artenvielfalt an der jungen Donau. So über den Eisvogel, den er heute im Visier hat. Ja, Der „Storchenbrunnen“ in Pfohren. Der jungen Donau entlang tatsächlich entdecke auch ich den kleinen blauen Vogel, wie er knapp über der Wasseroberfläche den Fluss quert. Er sieht aus wie ein blaues Juwel und sticht, trotz der Fluggeschwindigkeit, aus dem Wasser und der Uferböschung hervor. Mit Jean Tanchot‘s Unterstützung entdecke ich plötzlich Fische, Wildgänse und vieles andere mehr. Jean Tanchot erzählt mir aus seinem Leben, von der Arbeit in St. Georgen, wo man ihn schlicht „den Franzosen“ nannte. Auf Facebook und Instagram zeigt er seine Bilder. Es sind die Natur, die Denkmäler und die Geschichte, die diese Tour so schön machen. Aber nichts ist für mich spannender als die Menschen, die im Schwarzwald-Baar-Kreis leben. Viele, die hier aufgewachsen sind und ihre Wurzeln haben – und andere wie ich oder Jean Tanchot, die es hierher verschlagen hat. 113

 

 

 

Gruftkirche der Fürsten zu Fürstenberg in Neudingen, rechts die Familie Hahn auf ihrer Donautour nach Ulm. Da ich bei Süßem schlecht „Nein“ sagen kann, lege ich einen Halt am „s‘Café an der Donau“ ein. Es liegt an einem ausgemacht schönen Platz. Die Terrasse mit Blick auf die junge Donau und die Brücke. Über der Theke hängt der Spruch „Kein Kuchen ist auch keine Lösung“. Ich entscheide mich für eine Apfeltasche und packe die in meinen Rucksack. Im Ort geht es rechts ab und nach wenigen Metern sehe ich die Entenburg. Auch diese ehemalige Wasserburg ist, wie schon das Schloss in Donaueschingen, von den Fürstenbergern erbaut worden. Und zwar 1471. Damals noch „hus zu Pforren“ genannt. Prominentester Gast war Kaiser Maximilian I. Heute befindet sich die Entenburg in Privatbesitz. Auf der „Alten Schule“, in direkter Nachbarschaft zur Burg, schaut ein Storch aus seinem Nest. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit man unterwegs ist, trifft man auf der Baar und zumal in Pfohren/Neudingen immer wieder auf Störche. Am Ortsende macht der Radweg einen Rechtsknick und führt direkt an der Donau entlang. Es ist herrlich, hier mit dem Rad unterwegs zu sein. Die Luft ist klar und heute spiegelt sich die Flora und Fauna auf der Wasseroberfläche. Ich unterquere die B 31, die nach Tuttlingen führt. Nach ca. dreihundert Metern geht es leicht abschüssig nach Neudingen. Vor mir breiten sich „die Mutter Baar und ihre Tochter Donau“ in ganzer Schönheit und Vielseitigkeit aus. Das Gebiet hier ist ein Vogelschutzgebiet von europäischem Rang. Für die Vögel, die auf ihrem Flug von den Brutgebieten in Nordeuropa und Sibirien in die afrikanischen Winterquartiere und auch bei ihrer Rückkehr im Frühjahr weite Strecken zurücklegen, stellt die Baar eine unverzichtbare Zwischenstation dar. Am Radweg finden sich Informationstafeln des Landschaftsparks Junge Donau. Wenn es die Zeit erlaubt oder man mit Kindern unterwegs ist, empfehle ich den „Riedbaar Rundweg“. Er liegt direkt am Weg und informiert über die Fische in der Donau, die Vegetation auf der Baar, die Vögel und Insekten. Aber auch über die Bewässerung, Landwirtschaft oder Nutztiere auf der Baar erfahre ich viel Interessantes. Neudingen mit der Historischen Kaiserpfalz Noch immer befinde ich mich auf Donaueschinger Gemarkung. In der 700 Einwohner großen Gemeinde Neudingen wartet ein weiterer Höhepunkt der Tour, das Ziel wird schon am Ortseingang angekündigt: die Historische 114 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Die junge Donau bei Neudingen. Kaiserpfalz. Auf dem Weg durch den Ort komme ich auf wenigen Hundert Metern gleich an vier teils ehemaligen Gasthäusern vorbei. Am Gasthaus zum Bahnhof, Gasthof Linde, Gasthof Sonne und Gasthof Storchen. Das Gebiet wurde schon vor über 5.000 Jahren besiedelt. Bereits 870 ist die Neudinger Pfalz in einer Urkunde des Klosters St. Gallen erwähnt. Am 13. Januar 888 verstarb Kaiser Karl III. aus dem Hause der Karolinger auf dem Königshof in Neudingen. Von 1274 bis 1802 bestand auf dem Gelände der ehemaligen Pfalz das Kloster Neudingen. Vorbei an der Pfarrkirche St. Andreas führt die Tour in Richtung Gutmadingen. Hinter einem schmiedeeisernen Tor liegt ein ruhiger, ein magischer Ort: die Gruftkirche der Fürstenfamilie zu Fürstenberg samt Park mit den Familiengräbern. Es ist Zeit durchzuschnaufen, innezuhalten. Anschließend geht es zurück in Richtung Bahnhof. Am Bahngleis treffe ich Albert Hahn mit seiner Familie. Er steht mit seinem Verkaufswagen zweimal in der Woche auf dem Villinger Markt am Münster. Ich liebe seinen schmackhaften Käse vom Untermühlbachhof in Peterzell. Mit den Rädern sind die Fünf unterwegs nach Ulm. Tolle Menschen gibt es hier im Landkreis. Albert Hahn und seine Frau gehören für mich dazu. Ich habe großen Respekt davor, wie die beiden ihre Familie und die Verantwortung für den Hof meistern. Der geografische Höhepunkt der Tour Jetzt geht es zurück an die Junge Donau und ich biege auf dem Donauradweg rechts ab in Richtung Gutmadingen. Der Weg führt durch Sonnen blumenfelder, Mais und Getreide. Vorbei an Wiesen und der nahen Donau, die hier ganz Natur sein darf. Nach zwei Kilometern kommt der Abzweig zum Wartenberg. Ich unterquere die B 31, um gleich wieder links abzubiegen. Ein historisches Wegkreuz steht unmittelbar am Weg und dahinter kommt der geografische Höhepunkt der Tour in Sicht: der Wartenberg. Ein schönes Bild. Vor mir liegt der Unterhölzer Wald der Fürsten zu Fürstenberg mit seinen uralten Eichen. Es ist ein ganz außergewöhnlicher Wald. Ich stoße auf den Tierfriedhof Schwarzwald-Baar und schiebe mein Mountainbike an der Holzschranke vorbei, um ein paar Schritte nach innen zu gehen. Es ist ein schöner Platz für den besten Freund des Menschen. Der Laubmischwald Der jungen Donau entlang 115

 

 

 

116 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

besteht aus Eichen und Eschen. Die Wege sind mit weicher Baumrinde präpariert. Die Erinnerungstafeln und die liebevollen Grabstellen zeigen, dass Menschen hier ihre treuen Weggefährten begraben haben. Der Weg geht weiter durch den Wald, der zum Forstbetrieb der Fürsten zu Fürstenberg gehört. Am Ende biege ich nach rechts auf die Landstraße ab, die zu dem Weiler „Drei Lärchen“ und auf den Wartenberg führt. 1783 gründete ein Fürstenberger die Bauernkolonie für sieben Siedler. Gänse schnattern um die Wette und „frische Eier“ sind ab Hof im Angebot. Die Höfe empfangen mich mit reichem Blumenschmuck, und das große Sonnenblumenfeld am Anstieg zum Wartenberg wäre eine gute Vorlage für ein Stillleben. Am Wegkreuz geht es gut zwei Kilometer hinauf mit einer Steigung von zehn Prozent. Auf etwa halbem Weg lädt eine Bank zum Durchschnaufen ein. Ich nutze die schöne Aussicht auf die Höfe und ins Tal, um jetzt meine leckere Apfeltasche zu genießen. Herrlich, was der Donaubäcker in Pfohren aus Blätterteig und Äpfeln macht. Auf der Liste der Vulkane in Deutschland findet sich unter „Hegau“ auch der Wartenberg. Der nördlichste Basaltkegel des Hegaus ist 844,8 Metern hoch. Der letzte Ausbruch ist allerdings bereits Millionen von Jahren her. Um einen Schweißausbruch zu vermeiden, schiebe ich mein Cannondale Jekyll die letzten Meter den steilen Berg hinauf. Schließlich sind wir beide ja nicht mehr die Jüngsten 🙂 Vor mir liegt die höchstgelegene Streuobstwiese des Landes. Apfelbäume, Zwetschgen, Birnen wie aus dem Bilderbuch. Die roten Früchte strahlen mich an. Es ist ein beglückendes Gefühl, nun oben angekommen zu sein. Von hier aus – es handelt sich um den südlichsten Zipfel der Schwäbischen Alb – habe ich einen grandiosen Ausblick auf die Baar. Unten im Tal Gutmadingen, Neudingen und der Fürstenberg. Wartenberg-Impressionen und Blick vom Wartenberg zur jungen Donau. Der jungen Donau entlang 117

 

 

 

Der Rundblick reicht über Hüfingen und Donaueschingen hinweg bis zum Feldberg. Etwas unterhalb der Bergkuppe in Richtung Donaueschingen stand über lange Zeit die Burg Wartenberg. Ich umfahre den Wartenberg und folge dem Hinweis „Unterhölzer Wald“. Die Scheibenbremsen quietschen, was das Zeug hält. Es geht zurück zur ehemaligen Bauernkolonie „Drei Lärchen“. Durch den Weiler lasse ich das Rad laufen und biege am Ende der Geraden, direkt in der Kurve, nach rechts ab in den Wald. Ein Hinweisschild informiert mich, dass ich mich im Privatwald der Fürstenberger befinde. Der Untergrund wird gröber, sodass es von Vorteil ist, wenn das Trekkingoder Mountainbike eine gute Bereifung hat. Quer durch den Unterhölzer Wald Der Unterhölzer Wald gilt als eines der schönsten Naturschutzund Waldgebiete der Region. Uralte Baumbestände zeichnen das Naherholungsgebiet aus. Es wird geprägt von Jahrhunderte alten Eichen, dick und knorrig. Manche abgestorbene Bäume muten wie ein Kunstwerk an. Ich atme tief durch und stelle meine Kamera um auf den Schwarz-Weiß-Modus, da dadurch das Ganze auf dem Foto noch besser zum Ausdruck kommt. Die Natur ist selbst das größte Kunstwerk auf unserem Planeten. Das Totholz ist für viele Insekten der Lebensraum. Der „Circle of Life“ ist hier hautnah zu spüren. Der Wald gehörte ursprünglich zur Herrschaft der Wartenberger. Durch Heirat im 13. Jh. ging er an das Fürstenhaus in Donaueschingen. Der „Unterhölzer“ ist auch bekannt für seinen Wildreichtum, insbesondere an Damwild. Sogar Kaiser Wilhelm weilte öfter in Donau eschingen, um im Unterhölzer Wald der viel geliebten Jagd nachzugehen. Ich folge dem Hauptweg, bis eine Markierung den Abzweig nach links vorgibt. Jetzt geht es über einen langen Waldweg direkt auf das Jagdhaus der Fürsten zu. Einige Meter vor ihm biege ich nach links auf die „Pfohrener Allee“ ab. Es geht am Jägerhaus vorbei auf den Waldweg, der schnurstracks am alten Pförtnerhaus endet. Von Weitem sehe ich ein Fahrzeug, das auf dem Weg steht. Ich halte an und sehe, wie ein junger Mann aus dem Gehölz kommt. Es ist Jörg Fünfgeld. Im Gespräch erfahre ich von ihm, dass er Forstwirtschaft in Rottenburg studiert hat und nun für das Naturschutzgroßprojekt Baar aktiv ist. Auch der Unterhölzer Wald wird in dieser Maßnahme bearbeitet. Ziel des Projektes, das von Bund, Land und den beiden Landkreisen Schwarzwald-Baar-Kreis und Tuttlingen getragen wird, ist, die Wald-, Trockenund Feuchtlebensräume für den Artenund Biotopschutz und den Biotopverbund zu sichern. Jörg Fünfgeld ist dabei, junge Bäume gegen Wildverbiss zu schützen. Ich verlasse den Wald und das Rad läuft leicht bergab. 118 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Frühherbstliche Idylle im Unterhölzer Wald. Foto: Erich Marek Rechts: Der Forstwirt Jörg Fünfgeld ist für das Naturschutzgroßprojekt Baar auch im Unterhölzer Wald aktiv. Über die weite Hochebene der Baar Die Beschilderung auf der ganzen Tour ist vorbildlich. Nach 2,5 Kilometern geht es nach rechts in Richtung Immenhöfe. Auf gleicher Höhe stehen links ein Wegkreuz und eine Bank. Nun geht es stetig bergauf. Das Schilf am WeiherDer jungen Donau entlang 119

 

 

 

Wer auf der Baar radelt, trifft auf ein weitläufiges, überwiegend gut ausgebautes Wegenetz. Im Gegensatz zum Schwarzwald bietet die Baar weite Blicke, beispielsweise von Aasen aus hinüber zum Fürstenberg (oben). Bei Aasen stößt man auf den „einsamen Baum“, der zwischen dem Feldermeer wie ein Leuchtturm aufragt. graben wird vom Wind, der über die Baar weht, hin und her geschaukelt. Ich schalte in einen kleinen Gang und trete gleichmäßig die vor mir liegenden 2.600 Meter auf die Immenhöfe zu. Durch meinen Kopf schießen die Bilder vom „Fest der Pferde“. Das Reitturnier ist das Highlight des Jahres für alle, die Pferdesport lieben. Oben an der Landstraße geht es rechts ab in Richtung Bad Dürrheim, schon nach ca. 300 Metern links nach Aasen. Über einen gut befahrbaren Sandweg rollt mein Rad an Pferdekoppeln vorbei. Prächtige Tiere stehen dort ein. Auf der rechten Seite hat man von hier aus einen hervorragenden Blick über ein Fünf-Sterne-Superlativ, den Öschberghof. Das Hotel mit Golfclub wurde 1976 von Unternehmer Karl Albrecht erbaut und über die Jahre hinweg permanent vergrößert. Der vor mir liegende Platz ist ein echtes Superlativ: 45 Loch auf drei Golfplätzen ist weit und breit einmalig. Ich fahre leicht bergab und in der Talsohle geht es rechts ab mit Ziel Aasen. Der Weg führt direkt durch den Golfplatz, deswegen heißt es hier besonders aufmerksam zu sein. Das gepflegte Green, die Sandbunker und die wehenden Fahnen an den Löchern: Alles wirkt auf mich wie aus der Image-Broschüre, so perfekt sieht das Areal aus. Es geht wieder hinauf. Die knapp drei Kilometer ziehen sich. Von Weitem sehe ich einen Baum am Wegrand stehen. Ganz für sich. Der Wind bläst mir ins Gesicht. Gut, dass ich eine Radbrille trage. „Der einsame Baum“ trägt seinen Namen am Stamm. Ich trete ein paar Schritte zurück, um ein Foto aufzunehmen. Manchmal tut ein wenig „Einsamkeit“ auch gut, denke ich und mache mich wieder auf den Weg. Die Aussicht von hier ist sehr gut. Ich sehe die Ausläufer der Schwäbischen Alb auf der einen Seite, hinter mir den Wartenberg und im Westen den Schwarzwald. Um mich herum erstreckt sich die Baar. Ich folge den Schildern und es geht hinab durch den Ort Aasen. Er wurde 973 erstmals erwähnt. An der Einmündung zur Ostbaarstraße steht ein Brunnen. Ich biege ab in Richtung Donaueschingen und lasse Aasen hinter mir. Der neue Öschberghof mit seinen dunklen, klaren Gebäudestrukturen liegt nach wie vor in Sichtweite. Eine schöne Baumallee begleitet mich entlang des Weges in Richtung Ziel. Ich sehe die 120 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Silhouette von Donaueschingen, und fahre ein letztes Mal gegen den Wind über die B 27, vorbei am goldenen „M“ eines US-amerikanischen Fastfood-Restaurants. Auf gleicher Höhe steht eine Bank mit einem Wegkreuz, das an die Flurbereinigung 1985 erinnert. Darauf eine Tafel mit der Inschrift: „Herr, gib unseren Fluren Deinen Segen. Gib uns Sonnenschein und Regen.“ Wie wahr – wie wahr. Ein Plakat an der Einfahrt zur Donaueschinger Stadtmitte motiviert mich dann doch noch zu einem weiteren Abstecher: „Vollgas – Full Speed“ und ein goldener 911er sprechen mich an. Das Museum Art.Plus der Familie Biedermann zeigt zeitgenössische Kunst von internationalen Künstlern. Meine Radtour endet wie geplant am Diana-Brunnen vor der Fürstenberg-Brauerei. Der Brunnen erinnert an die 14 Besuche des deutschen Kaisers in der Stadt. Ich werde sicher wieder kommen und zu Fuß das Museum, die Fürstenberg-Sammlung und vieles mehr erkunden. Der jungen Donau entlang 121

 

 

 

Eine Radtour der vielen Möglichkeiten: VON VILLINGEN ZUM NIKOLAUSKIRCHLE 122

 

 

 

Ob sportlich oder genüsslich – ein Radausflug mit Familie, Freunden oder auch alleine ist nicht nur ein Naturerlebnis, sondern auch eine gesunde Sache: Das Herz-Kreislaufsystem wird gestärkt, der Kopf frei und man kann die Umgebung erkunden, fast ohne Schadstoffe zu produzieren. Der Schwarzwald mit seinem viele Tausend Kilometer langen, gut ausgeschilderten Radwegenetz bietet dafür unzählige Möglichkeiten. Ein Beispiel ist die hier beschriebene gut 30 Kilometer lange Tour: Sie führt über Obereschach, Neuhausen und Erdmannsweiler durch das Untere Glasbachtal bis zur Ruine Waldau und über einen Abstecher nach Buchenberg bis nach Königsfeld. Schließlich über Mönchweiler und Sommertshausen zurück zum Startpunkt. Egal, ob man mit dem E-Bike oder ausschließlich per Muskelkraft unterwegs ist: Durch die zahlreichen Sehenswürdigkeiten und mannigfaltigen Einkehrmöglichkeiten kann der Ausflug auf ausschließlich befestigten Wegen nahezu tagesfüllend ausfallen, ist für Eiligere aber auch in gut drei Stunden zu schaffen. Ebenso sind Teil-Etappen möglich. von Birgit Heinig Wir steigen am Rande des Villinger Wohngebietes Haslach auf dem Radweg aus dem Stadtzentrum und den Steinkreuzwiesen kommend ein und sind einmal mit und einmal ohne Motor unterwegs. Die ersten Meter radeln wir neben der Obereschacher Straße her. Wenn das Waldstück nach einer lang gezogenen Rechtskurve den herrlichen Blick freigibt auf Obereschach und die dahinterliegende Schwäbische Alb, kann man sich auf eine genussvolle Abfahrt freuen, die mitten in den Ortsteil von Villingen-Schwenningen mit seinen rund 1.700 Einwohnern führt. Nach dem Marbacher Kreisverkehr in der Talsohle lohnt sich ein kurzer Rechtsschwenk zum „Bruckburehof“ direkt gegenüber des Restaurants Schweizerhof. Der dortige Lehnsbauernhof der Villinger Johanniter wurde vermutlich 1705 gebaut. Der gewölbte Hochkeller gibt Hinweise auf eine Existenz seit 1651. Das Kulturdenkmal ist heute im Privatbesitz, wie man auf einer Infotafel nachlesen kann. Ein steiler, aber kurzer Anstieg auf der gegenüberliegenden Hangseite muss sein, wenn man sich auch gleich die St. Ulrich Kirche genauer ansehen möchte. 1821 errichtet, 1907 und 1981 renoviert, gilt sie als eine der schönsten Dorfkirchen der Umgebung und ist Teil der katholischen Seelsorgeeinheit „An der Eschach“. Von Neuhausen bis Erdmannsweiler Zurück im Sattel schwenken wir auf die Neuhauser Straße ein, teilen uns die Fahrbahn für ein kurzes Stück mit dem Autoverkehr, bevor wir linksseitig auf einen Radweg abbiegen, der uns direkt nach Neuhausen führt. Die wohl älteste Ansiedlung in der Gesamtgemeinde Königsfeld ist erstmals 1094 in der Gründungsschrift des Klosters St. Georgen erwähnt. Ganz in der Nähe – aber dafür müsste man in Richtung Königsfeld eine Anhöhe überwinden – sind sogar Reste alemannischer Gräber zu besichtigen. Wer den gut halbstündigen Umweg nicht scheut, erkundigt sich über den versteckt liegenden Ort am besten bei Einheimischen. Die Kirche St. Martin ist mit ihren alten Heiligenfiguren, dem Rippengewölbe im Chor von 1515/1520 und der historischen Orgel des französischen Orgelbauers Charles Mutin aber ebenso spannend. 1275 wurde St. Martin erstmals als eigenständige Pfarrei genannt. Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 123

 

 

 

Weiter geht es durch den Ort bei wenig Verkehr und bald wieder auf einem Radweg – einfach den Beschilderungen mit dem grünen Fahrrad folgen – in Richtung Erdmannsweiler. Bei guter Sicht ist auf der Höhe der Rottweiler Testturm für Aufzüge sichtbar. Auch die Ortsgeschichte von Erdmannsweiler ist eng mit dem einstigen Kloster St. Georgen verbunden. Der ursprüngliche Name „Ortinswilere“ geht auf den Namen Ortwin und dessen „vilare“ (Gehöft) zurück. Wer das war, dazu schweigen die Geschichtsbücher allerdings. Wir durchqueren den Ort entlang liebevoll angelegter Gärten und radeln zwischen goldenen Getreidefeldern weiter in Richtung Burgberg. Geschichtsträchtiges Burgberg Vor über 900 Jahren ließen sich hier die Herren von Burgberg nieder. Die Ruine „Weiberzahn“ KURZBESCHREIBUNG BUCHENBERG Strecke: 30 km Dauer reine Fahrzeit: 3 Stunden Dauer mit Pausen und Besichtigungen: ein Tag Höchster Punkt: 830 Meter über NN Tiefster Punkt: 690 Meter über NN Anforderung: leicht Fahrrad: E-Bike / Trecking-Fahrrad Radtour mit vielen Sehenswürdigkeiten und etlichen Möglichkeiten zum Einkehren. 124 BURGBERG ERDMANNSWEILER NEUHAUSEN KÖNIGSFELD MÖNCHWEILER OBERESCHACH SOMMERTSHAUSEN START/ENDE: VILLINGEN/ HASLACH VILLINGEN Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

auf der Bergnase zwischen Hörnlebach und Glasbachtal wäre einen weiteren Abstecher wert. Ebenso die Reste eines Wasserschlosses hinter dem nach langem Dornröschenschlaf gerade wieder in Betrieb genommenen Gasthof Kranz in der Ortsmitte. Der Kranz wurde 1486 als Haltestelle für Pferdefuhrwerke erbaut. Bis 1906 braute man hier Bier, eine Brennerei ist bis heute in Betrieb. Seit 1956 ist das Gasthaus in Besitz der Familie Schittenhelm. Wir lassen es rechts liegen, Auf der Höhe von Erdmannsweiler blickt man weit in die Schwäbische Alb hinein – Urlaub für die Augen. Der Blick zurück auf das einstige Wasserschloss von Burgberg lohnt. xyz 125

 

 

 

Die Burgruine Waldau. Der Bergfried ist fast völlig erhalten, es finden sich außerdem Reste der Ringmauer und des Ringgrabens. 126 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Blick über das Untere Glasbachtal. strampeln eine kleine Anhöhe hinauf und biegen rechts in das Untere Glasbachtal ab. Ein paar Pedal umdrehungen braucht es, bevor sich der Blick zurück auf den viereckigen Turm des zwischen 1200 und 1250 erbauten Wasserschlosses lohnt. Der war einst höher und mit einem Ziegeldach über einer Wohnstube ausgestattet. Die untere Etage beherbergte ein Gefängnis. Entlang des Hörnlebaches entstanden zu Zeiten der Burgherren viele Mühlen. Eine davon ist die 200 Jahre alte Nonnenmühle, die man auf der lichten und bei Sonnenschein angenehm schattigen Waldstraße bald erreicht. Bis vor 80 Jahren war sie noch in Betrieb. Ihr Name stammt nicht etwa von Ordensfrauen, die hier lebten, sondern, so vermuten die Historiker, entweder von dem Wort „Wunne“, wie damals eine hochgelegene Weide genannt wurde oder von hier weidenden, unfruchtbaren weiblichen Nutztieren, den „Nonnen“. Von der Burgruine Waldau bis nach Buchenberg Sobald wir den Wald verlassen und die L 177 überquert haben, sind die Burgruine Waldau und die Waldauschänke nicht zu übersehen. Im einstigen Beck-Hof, der um etwa 1822 vor die Ruine gebaut wurde und Ende der 1970er-Jahre in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen wurde, erhält der Radler nicht nur Getränke und eine Stärkung, auch der Akku des E-Bikes darf hier offiziell einen Schluck Strom nehmen, wie ein freundlich-gelbes Hinweisschild verspricht. Nur wenige Stufen sind es bis zur Ruine hinauf. 40 Cent in die Kasse werfen und schon fühlt man sich in die Zeit des Grafen von Urach zurückversetzt, einem Vorfahr der Fürstenberger, der die Burg zwischen 1218 und 1236 gründete. 1591 gehörten zu deren herrschaftlichem Besitz 27 Höfe der Vogteien Waldau-Buchenberg und Peterzell. Seit 1885 ist die Ruine im Besitz des Staates, der sie erhält. In jedem Sommer – außer im Coronajahr 2020 – werden in ihrem Hof Theater abende veranstaltet. Jetzt geht es kräftig den Berg hinauf – glücklich, wer hier auf seinem E-Bike eine Stufe höher schalten kann. Wir erreichen Martinsweiler, verschnaufen kurz und treten auf dem grünen Planweg weiter kräftig in die Pedale. Ein Blick Von Villingen zum Nikolauskirchle 127

 

 

 

Die stattliche Buchenberger Friedhofslinde – ein geschütztes Naturdenkmal. Links unten: Beliebter Treffpunkt für Hochzeitsund Taufgesellschaften ist die Nikolauskirche in Buchenberg. zurück auf die Burgruine und eine weithin sichtbare, herrlich geschwungene Landschaft lohnt sich, bevor wir in den Wald und auf der Höhe des Sportplatzes von Buchenberg wieder aus ihm herausfahren. Jetzt muss ein Abstecher sein: Es geht rechts hinab nach Buchenberg mit Einkehrmöglichkeit ins Café Rapp, links ein Blick auf die evangelische Dorfkirche. Sie wurde 1902 erbaut, als das St. Nikolaus-Kirchle, das wir jetzt ansteuern, zu klein geworden war. Hinter der ehemaligen Schule geht es den Berg hinab. Wer die kleine Kirche von innen sehen will, sollte sich zuvor im Rathausflur am Schlüsselbrett links über der Heizung die Zugangsmöglichkeit dazu verschaffen. Das Erstellungsjahr des vermutlich aus einer frühchristlichen Zelle entstandenen Kirchleins liegt im Dunklen, sie dürfte aber bereits über 800 Jahre alt sein, erfährt man durch eine Infotafel. Dass hier bis heute Trachtengottesdienste und sehr gerne auch Hochzeiten, Taufen und Konzerte stattfinden, kann man beim Anblick des idyllisch gelegenen historischen Gemäuers gut nachvollziehen. Erholungsparadies Königsfeld Jetzt müssen wir zurück zum Sportplatz von Buchenberg, um auf dem Radweg neben der Straße, am Landgasthof Schappelstube vorbei, im genussvollen Abfahrtsmodus und bei bester Weitsicht Königsfeld zu erreichen. Der anerkannt heilklimatische Kurort ist ein staatlich ausgezeichnetes Erholungsparadies – und mit seinen abwechslungsreichen Freizeitangeboten eigentlich eine eigene Reise wert. Mit dem Fahrrad machen wir heute lediglich den Schlenker zum Albert-Schweitzer-Museum. Das Museum befindet sich im früheren Wohnhaus von Schweitzer, das der berühmte Urwalddoktor und Organist 1923 für sich, seine Frau Helene und Tochter Rhena erbauen ließ. 128 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Oben: Die wertvollen Fresken im St. Nikolaus-Kirchle stammen aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts. Unten: Überall an der Strecke sind die hinreißend schönen Bauernhäuser zu bewundern, wie hier in Buchenberg mit der Dorfkirche im Hintergrund. xyz 129

 

 

 

Der Zinzendorfplatz in Königsfeld wurde nach historischem Vorbild in den Jahren 2018 und 2019 neu gestaltet. Hinten der Betsaal der Kirchengemeine. Dem legendären Haus schließt sich der Doniswald an, einst Bauernwald des Donishofes und vor 160 Jahren der erste Kurpark Königsfelds. Rücksichtsvoll schieben wir unsere Draht esel über die schattigen Fußwege, auf denen sich gerne Eichhörnchen anlocken lassen. Es geht an zahlreichen Ruhebänken und einer Kneippanlage vorbei und wir studieren die Tafeln, auf denen die hiesige Tierund Pflanzenwelt erläutert wird. Wir verlassen Königsfeld in südlicher Richtung und radeln auf einem asphaltierten Radweg parallel zur L 181 in Richtung Mönchweiler. Der Weg führt uns zu den Tannenhöfen und daran vorbei zum Wolfsteich. Hier lohnt eine letzte Rast auf den Bänken rund um den von Enten und Vögeln reich bevölkerten Fischweiher, bevor es bergan geht bis zur Straße, die Obereschach mit Mönchweiler verbindet. Wir überqueren sie und radeln entlang des Krebsgrabens und an Mönchweiler mit seinen 3.000 Einwohnern vorbei. Wir halten uns links und müssen noch einmal kräftig in die Pedale treten oder eine E-Bike-Stufe höher schalten. Ganz oben 130 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Die Ausstellung im ehemaligen Wohnhaus der Familie Schweitzer zeigt anschaulich das Leben und Werk von Albert Schweitzer. grüßt ein letzter Blick auf die Schwäbische Alb, denn wir nähern uns Sommertshausen, einem kleinen Weiler oberhalb von Obereschach. Unsere Rundtour beginnt sich zu schließen. Pferdeliebhaber schauen beim Schützenhof vorbei, einem Bauernhof, auf dem Kutschfahrten mit Schwarzwälder Rössern, Ponyreiten und Reitwanderungen angeboten werden. Dann erreichen wir wieder das Radwegenetz von Villingen-Schwenningen. Wenige Hundert Meter trennen uns von den Villinger Wohngebieten Haslach und Wöschhalde. Wir haben viel gesehen und gelernt, haben uns ausgiebig bewegt und mit Schwarzwälder Genüssen verwöhnt. Das nächste Mal fahren wir in Richtung Süden zu den Fürstenbergern rund um Donaueschingen. Unsere Heimat ist noch voller Überraschungen. Links: Das 3.000-Einwohner zählende Mönchweiler. Rechts: Blick auf Obereschach. xyz 131

 

 

 

DEN NECKAR ENTLANG INS NECKARTÄLE von Michael Kienzler 132 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Am Rande des Schwarzwald-Baar-Kreises, auf den Gemarkungen von Dauchingen und dem schwäbischen Deißlingen, liegt das Neckar täle. Dabei handelt es sich um ein landschaftliches Kleinod, das zum Wandern, Radfahren und einfach nur Ausruhen sowie die Natur genießen förmlich einlädt. Zugleich begegnet einem hier der in VS-Schwenningen entspringende Neckar erstmals als imposanter Fluss. Das Neckartäle ist von vielen Orten aus erreichbar und eines haben die Touren gemeinsam: Sie sind gespickt mit wunderbaren Aussichtspunkten und führen durch eindrucksvolle Landschaften. Die hier beschriebene Radtour führt von Brigachtal aus zur Quelle des Neckars, schließlich ins Neckartäle und zurück. „Kennst du das Neckartäle“, fragt mein Bruder am Telefon. „Eigentlich kenne ich mich im Schwarzwald-Baar-Kreis gut aus, aber im Neckar täle war ich noch nie“, entgegne ich – und der Entschluss zu einer Erkundungstour steht fest. Obwohl wir beide gerne wandern, wollen wir die Tour mit dem Rad machen. Ich mit dem E-Bike, mein Bruder mit einem „normalen“ Rad. Wir checken die Tour mit einer bedienerfreundlichen „App“, die Planung ist heutzutage kein Problem mehr. Unsere Tour führt über 46 Kilometer, wir fahren Teilstücke auf dem Neckartal-Radweg und werden am Ende 450 Höhenmeter knacken. Aber das sollte mit dem E-Bike kein Problem sein. Start auf dem Brigachtaler Dorfplatz Startpunkt ist der Dorfplatz in Brigachtal. Die Sonne „knallt“ an diesem Augusttag förmlich vom Himmel, da kommt eine Voraberfrischung am schmucken Brunnen auf dem schönen Platz gerade recht. Brigachtal blickt auf eine über 1.200-jährige Geschichte und liegt günstig zwischen Villingen, Donaueschingen und Bad Dürrheim. Die Gemeinde besteht seit der Gemeindereform 1974 aus den ehemals selbstständigen Gemeinden Kirchdorf, Klengen und Überauchen Im Neckartäle bei Dauchingen begegnet einem der junge Neckar erstmals als Fluss. und gehört zum Naturpark Südschwarzwald. Sehenswert ist die mittelalterliche Pfarrkirche St. Martin und das sehenswerte Heimatmuseum im Ortsteil Überauchen. Beim großen Brand von Klengen 1893 wurden dort 122 Gebäude ganz oder teilweise zerstört. Der Name der Gemeinde ist an die Brigach angelehnt, die durch die Talaue fließt. Wer Strom an seinem E-Bike sparen will, kann bequem mit dem Ringzug anreisen, dieser hält sowohl in Kirchdorf als auch in Klengen. Ein letzter Check der Räder, die Akkus sind voll, der Helm sitzt und motiviert sind wir auch. Zwischen Rathaus und der St. Martinskirche geht es links raus auf die St. Gallus-Straße. Nach wenigen Metern queren wir die Essy-les-NancyStraße, es geht vorbei am Lebensmittelgeschäft, gegenüber glitzert ein Berg von Aluminium, er ragt aus einem Recyclingwerk auf. Über die Herrenstraße und den Rupertsweg kommen wir zur Hauptstraße. Wir fahren rechts runter, nach wenigen Metern biegen wir bei der auf einer kleinen Anhöhe liegenden Klengener Blasiuskirche – die 1388 erstmals urkundlich erwähnt wurde – links auf die Ringstraße ab. Bei einer Bäckerei könnte man sich nochmals verpflegen, aber wir haben alles an Bord. Vor einem Fahrradgeschäft tummeln sich Kunden und schauen sich Räder an. Noch einmal rechts um die Ecke, dann zeigt sich erstmals, wie es um unsere Kondition bestellt ist. Es geht von etwa 700 Metern steil durch ein Wohngebiet die Hochstraße auf 920 Höhenmeter hinauf. Die Straße ist ein Teilstück der Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 133

 

 

 

Links: Beim „Käppele Kirchdorf“. Unten: Morgenstunden auf der Baar. Ich schalte an meinem E-Bike schnell auf den Sportmodus, nach 100 Metern werden die Tritte trotzdem schwerer, der Turbogang muss her. Problemlos hänge ich jetzt meinen Mitfahrer mit seinem stromlosen Mountainbike ab. Blick über die Baar Etwas großspurig warte ich oben auf 920 Höhenmetern beim „Käppele Kirchdorf“ auf seine Ankunft. Es bleibt etwas Zeit, die zwischen zwei Bäumen liegende Kapelle anzuschauen. Ursprünglich aus einem von Schweizer Fuhrleuten gestifteten Bildstock entstanden, bauten Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg die Kapelle zu einer Gedenkstätte aus. Drei Wege führen von hier weiter, wir nehmen die goldene früheren Handelsstraße von Frankfurt über die Schweiz nach Italien. Das finde ich schon sehr interessant. Aber für Nostalgie bleibt nicht viel Zeit. Der Berg ruft und kennt keine Gnade.

 

 

 

Mitte und radeln gut 500 Meter den asphaltierten Weg entlang. Auf halber Strecke muss ich anhalten, zu schön ist von hier der Blick über die Baar in Richtung Bad Dürrheim und Donaueschingen. Ein Foto lohnt sich allemal. An der nächsten Kreuzung biegen wir links auf die Siedlerstraße ab. Schon von Weitem fällt die hübsche St. Josefs kapelle ins Auge. Kurz danach biegen wir rechts ab, auf der abschüssigen Straße können wir erneut den Blick über die schöne Baar-Landschaft genießen. Etwa bei der Hälfte der Abfahrt entschließen wir uns dazu, an einer Bank eine Trinkpause einzulegen. Nanu, was für wunderfitzige Geschöpfe schauen da wenige Meter entfernt aus einem grünen Zelt? Es sind Alpakas, die sich vor der glühenden Mittagssonne in das schattige Zelt zurückgezogen haben. Irgendwie sind das lustige Tierchen. Wieder aufgesessen, schalte ich den Elektroantrieb aus und rolle gemütlich weiter, bis wir auf die Römerstraße stoßen. Links abgebogen, schaffe ich die nächsten drei Kilometer locker im Eco-Modus. Es geht vorbei an Sonnenblumen und Getreidefeldern. Immer wieder kreisen Bussarde oder Falken rütteln stehend in der Luft, um nach Nahrung Ausschau zu halten. Abstecher ins Naturschutzgebiet Schwenninger Moos Die Ruhe wird durch entfernt fahrende Autos unterbrochen. Wir gelangen an die Schaffhauser Straße, die Verbindungsstraße von der B 33 nach Marbach. Augen auf bei der Überquerung heißt es hier, aber wir müssen zum Glück nicht absteigen und können die Fahrt zügig fortsetzen. Nach wenigen Hundert Metern und einem leichten Anstieg sehen wir Zollhaus vor uns liegen. 1736 entstand zwischen Villingen und Schwenningen die erste Zollstation des Königreichs Württemberg und des Großherzogtums Baden, die dem Ort auch den Namen Zollhaus gab. Wer schon einen ersten kleinen Hunger verspürt oder Lust auf ein Stück Kuchen hat, kann hier im Café Hildebrand einkehren. Wir KURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 46 km Dauer: ca. 3,5 Stunden reine Fahrzeit Pausen: Zollhaus: Café, Schwenningen: Neckarquelle, Neckartäle, Brigachtal Höchster Punkt: 790 Meter über NN Tiefster Punkt: 629 Meter über NN Anforderung: mittel Fahrrad: E-Bike / Mountain-Bike Aussichtsreiche Rundtour mit vielen Sehenswürdigkeiten und einigen Möglichkeiten zum Einkehren. WEILERSBACH DAUCHINGEN VILLINGEN SCHWENNINGEN MARBACH ZOLLHAUS START/ENDE: BRIGACHTAL/KLENGEN xyz 135

 

 

 

Links: Eine buddhistische Stúpa, auch Friedenspagode genannt, findet sich in Zollhaus. erholen kann und erhalten bleibt. Im Schwenninger Moos entspringt mit dem Neckar eine Lebensader von Baden-Württemberg. Die historische Neckarquelle kann man wenige Hundert Meter weiter im Stadtpark Möglingshöhe besichtigen. An der Neckarquelle Einige Jogger drehen gerade ihre Runden, genauso wie eine Handvoll Enten auf dem Wasser. „Einfach herrlich hier“, sagt mein Bruder zurecht. Nach einigen Minuten entschließen wir uns zur Weiterfahrt. Auf einem gut gekennzeichneten Radweg passieren wir den Eishockeytempel der Wild Wings. Vor dem Gebäude absolviert eine Jugendmannschaft einige Trockenübungen. Nach etwa 300 Metern und einem leichten Schlenker nach links geht es unter der Straße durch auf das ehemalige Landesgartenschaugelände. Auf einem geraden Stück gelangen wir zur schön gestalteten Neckar quelle. Gleich daneben besteht die Möglichkeit zur Einkehr, die wir sehr gerne nutzen. Unter dem Motto „Die Natur verbindet“ fand in Villingen-Schwenningen im Jahr 2010 die Landesgartenschau statt. 1,1 Millionen Besucher sahen die Schau. Neue Grünflächen wurden im Bereich des Schwenninger Bahnhofsgeländes geschaffen; bestehende Anlagen wie die Möglingshöhe in Schwenningen sowie das Hubenloch, die Ringanlagen und das Brigachufer in Villingen wurden aufgewertet. Diese Flächen dienen auch über das Jahr 2010 hinaus der Naherholung und ebenso der Vermarktung für Hochschulund Wohnbaunutzung. Ich erinnere mich noch gut an das Brachland davor. Bei der Weiterfahrt entlang von Wohnanlagen und herrlichen Blumenbeeten begegnen uns viele Menschen, die spazieren gehen oder Sport treiben. Vor uns tauchen zwei Türme fahren jedoch rechts weg, um dann nach wenigen Metern auf den Radweg einzubiegen, der nach Schwenningen führt. Die Strecke ist schön flach, rechter Hand können wir einen Blick auf das Industriegebiet Bad Dürrheim werfen. In einiger Entfernung ist auch ein Solarpark zu erkennen, dann wird es „schlagartig finster“: Die offene Landschaft weicht einem dichten Wald. Ein Stück entlang der Ringzugstrecke gelangen wir auf einem schönen Weg zum Schwenninger Moos. Wir haben bereits etwa zehn Kilometer der Gesamtstrecke absolviert. „Lass uns das Moos kurz ansehen“, schlage ich vor. Gesagt, getan. Die Räder müssen allerdings am Zugang zum Moos gut gesichert auf uns warten. Das 1939 gegründete Naturschutzgebiet Schwenninger Moos, ein nacheiszeitliches Moor, blickt auf eine etwa 4.000-jährige Geschichte zurück. Etwa 200 Jahre wurde hier Torf abgebaut und das Moor dazu entwässert. Doch ohne Wasser kann ein Moor nicht leben, über 50 Sperren wurden in den letzten Jahrzehnten errichtet, um das Wasser wieder länger im Moor zu halten, sodass es sich 136 Den Neckar entlang ins Neckartäle

 

 

 

Die historische Neckarquelle im Stadtpark Möglingshöhe. xyz 137

 

 

 

Zwei Wahrzeichen von Schwenningen: Im Vordergrund der restaurierte Bürk-Uhrenturm und hinten der Neckar tower, das aktuell höchste Wohnhaus im Schwarzwald-Baar-Kreis. auf, beide sind sie auf ihre Art zu Wahrzeichen von Schwenningen geworden. Vorne ist es der restaurierte Uhrenturm der Firma Jäckle und weiter hinten der Neckartower. Modern trifft auf Geschichte – eine perfekte Mischung denke ich, während wir gemütlich den Uhrenturm passieren. Am Neckartal-Radweg entlang Am Ende des Weges sehen wir das ehemalige Stellwerk, dort biegen wir scharf rechts ab, radeln über die Brücke und fahren gleich wieder links. Erst dann können wir den Anblick der im März 2019 eröffneten neuen Neckarhalle genießen. Vorbei am Neckartower geht es dem Rad-Hinweisschild folgend nach einer Unterführung über den dortigen Zebrastreifen. Wer möchte, kann jetzt noch einen Abstecher auf ein Eis in die Schwenninger Innenstadt machen. Wir fahren jedoch weiter entlang der Neckaroffenlegung. Wohnhäuser prägen links das Bild, schöne Natur liegt rechts des Weges. Bänke laden zum Verweilen ein. Der Weg ist nicht allzu breit, deshalb müssen wir aufpassen, immer wieder begegnen uns Fußgänger und Radfahrer. Nach einigen Hundert Metern halten wir an einem Hinweisschild. „Na also, Neckartäle geradeaus“, sage ich zufrieden zu meinem Bruder. Sechs Kilometer werden angezeigt. Weiter auf dem schmalen Weg gelangen wir auf eine Straße, die nahe beim Industriegebiet Ost liegt. Wir folgen dem Radwegschild nach rechts „In Rammelswiesen“. Dadurch vermeiden wir die Fahrt 138 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

entlang der viel befahrenen Rottweiler Straße. Der Weg führt zum Schwenninger Flugplatz. Wir halten an der Weggabelung mit den vielen Hinweisschildern und checken erst mal, wo die Wege überall hinführen. Nach jetzt gefahrenen knapp 17 Kilometern ist es auch an der Zeit, wieder einen Schluck Wasser zu nehmen. Unter der Unterführung durch geht ein schöner breiter Weg entlang des Flugplatzes. Hinter der Landebahn ist das Internationale Luftfahrt-Museum zu sehen, davor grasen in aller Ruhe einige Schafe auf einer Wiese. „Guck mal da“, ruft mir mein Bruder zu. Ein kleines Flugzeug befindet sich im Landeanflug auf Schwenningen. Es schaukelt etwas hin und her, aber setzt dann sicher auf. Auf meinem E-Bike ist mittlerweile einer von fünf Balken erloschen. Damit kann ich leben, zumal es jetzt noch ein Stück flach bleibt. Die offene Landschaft wechselt. Links Wälder, rechts die Ringzug-Strecke. Und wir bekommen noch eine kostenlose Dusche, als wir an einem bewässerten Holzpolter vorbei müssen. Weil es so schön war, fahren wir noch mal zurück und genießen die Erfrischung an diesem warmen Tag. Einige Meter weiter baden Kinder im angrenzenden Neckar. Die Strecke führt entlang der Kreisgrenzen Schwarzwald-Baar und Rottweil. Plötzlich entdecken wir ein Hinweisschild „Neckartäle“, das links in den Wald zeigt. Eigentlich zeigt unsere Rad-App geradeaus. Oder ist das Schild ein bissel zu schräg angebracht? Aber wir sind ja auch Entdecker, also testen wir den Weg, der zunächst durch dichten Wald führt. Es wird heller und vor uns taucht die Verbandskläranlage des Abwasserzweckverbandes Oberer Neckar auf. Schopfelen heißt das Gebiet. Die Kläranlage wird seit 1978 als mechanisch-biologische Kläranlage betrieben und reinigt das Abwasser der Stadtbezirke Schwenningen, Mühlhausen und Weigheim, der Gemeinde Dauchingen sowie der Bereiche Trossingen-West und Deißlingen-Mittelhardt. Es geht über den etwas schwerer befahrbaren Wiesenweg etwas bergauf. Der Sportgang muss her. Nach einem Maisfeld biegen wir rechts ab und gelangen nach kurzer Zeit wieder Der naturnah gestaltete Neckar in Schwenningen. Der Schwenninger Flugplatz mit Luftfahrt-Museum. Den Neckar entlang ins Neckartäle 139

 

 

 

Fotos auf dieser Doppelseite: Impressionen aus dem Neckartäle, links das Tor, das den Eingang zur Talmühle freigibt. Im Neckartäle grenzt auch Baden an Württemberg, was ein Grenzstein bezeugt. Wildromantisches Neckartäle Weiter geht’s. Da der Weg hier wieder breiter wird, können wir auch mit den Rädern gut fahren. Es geht in den Wald und nach wenigen Metern rechts den Berg abwärts. Hier heißt es aufpassen, auf dem Weg liegen Steine und Äste. Unser nächster Stopp ist an einer Weggabelung. Hier kann man nach links, am Sportplatz vorbei, nach Dauchingen. Aber wir wollen natürlich in das Neckartäle. Nur noch wenige Hundert Meter trennen uns von unserem Ziel. Aber noch halten wir die Konzentration hoch, denn es geht einen abschüssigen Weg hinunter, bevor wir in der Talaue und am Festplatz ankommen. Rechts ist eine große ebene Fläche zu erkennen, wir entdecken in kurzer Entfernung hinter Baumreihen eine offene Landschaft, das Neckartäle. Geschafft! Der Weg führt in Richtung einer kleinen Brücke. Es ist ein erhebender Anblick, wenn man aus dem dunklen Wald in dieses wild-romantische Gebiet fährt. Ruhig fließt hier der Neckar, Insekten schwirren um die Blumen entlang des Flusslaufes. Herrlich! Zeit für Rast und Genuss. Der etwa 367 km lange Neckar wird als viertgrößter Nebenfluss des Rheins im Dauchinger Neckartäle badisch. Sieben Kilometer des 444 km langen Neckarweges, der 618 Höhenmeter vom württembergischen Neckarursprung im Schwenninger Moos (705 m/NN) bis zur Mündung bei Mannheim (ca. 87 m/NN) abgibt, verlaufen auf Dauchinger Gemarkung. Das besonders im oberen Teil sehr ursprünglich wirkende Neckartäle bietet dem Wanderer ursprüngliche, wild-romantische Natur pur. Der Neckar fließt hier am Fuß von steilen Felswänden entlang. Wir genießen ein zünftiges Vesper. Ich schlage vor, dass wir noch ein Stück durch das Neckartäle in Richtung Deißlingen fahren und uns auf dem Weg dorthin den Steinbruch anschauen. Über eine Brücke führt ein Pfad weiter, der ist aber für Räder nicht geeignet. Deshalb fahren wir ein paar Meter zurück Richtung Wald auf einen besseren Weg, der uns geradewegs an die Deißlinger Straße führt. Wir überqueren die Verbindungsstraße von Dauchingen nach Deißlingen und fahren nach links, nur wenige Meter, bevor wir ein Hinweisschild „Talmühle“ sehen, das nach rechts zeigt. Gerne folgen wir der Aufforderung. Es dauert nur Sekunden, bis sich auf dem leicht abschüssigen und geteerten Weg der Blick in ein schönes Tal bietet. Am Wanderparkplatz mit dem Wander-Hinweisschild halten wir. Es geht weiter leicht bergab, der Schatten tut uns gut an dem Tag. Dann gelangen wir an ein großes Tor, das zur Talmühle gehört. Aufgrund eines Disputs über den Wegeverlauf des Neckarwanderweges zwischen den Gemeinden Dauchingen und Deißlingen ist hier leider Endstation für Wanderer und Radfahrer. Wir stärken uns noch mal mit Flüssigkeit und machen einige Fotos. Dann entscheiden wir uns, unsere Räder zu schieben. Bei der dortigen schmucken Hütte geht es entlang einer Pferdekoppel steil bergauf, fahren ist schier unmöglich. Aber es sind nur etwa 200 Meter. Oben angelangt wird die Anstrengung mit einem schönen Blick über das Tal belohnt. Wir setzen uns auf die dortige Bank und atmen durch. Etwa 22 Kilometer haben wir jetzt hinter uns. 140 Den Neckar entlang ins Neckartäle

 

 

 

xyz 141

 

 

 

Der Steinbruch im Neckartäle bei Deißlingen. und biegen rechts ab. „Im Neckartäle“ steht auf einem Holzschild in roter Schrift. Nach einer Schranke führt der Weg leicht abschüssig entlang des Neckars, der sich rechts tief im Tal schlängelt. Es dauert auch nicht lange, bis linker Hand der Steinbruch auftaucht. Der kurze Abstecher auf Deißlinger Gemarkung hat sich gelohnt! Schnell noch ein Foto, dann kehren wir wieder um und folgen nach einer kleinen Brücke dem Hinweisschild in Richtung Niedereschach und Schwenningen. Nach einem Anstieg, bei dem ich wieder den Sportmodus an meinem E-Bike einschalte, geht es rechts über einen relativ ebenen Weg entspannt durch eine abwechslungsreiche Waldpassage mit lichten Stellen. Jetzt teilt sich der Weg noch einmal, dabei entscheiden wir uns für die linke Variante. Nach kurzer Zeit ist der Wald passé und wir radeln in Richtung Nieder eschacher Straße, danach halten wir uns rechts. Nach dem Haslenhof überqueren wir die Straße nach links und setzen unsere Tour über einen schönen ebenen Waldweg fort. Plötzlich hält mein Mitfahrer an und deutet in die Wiese. Dort äsen zwei Rehe am helllichten Tag. Sie haben uns schon bemerkt und schauen neugierig in unsere Richtung. Nach einigen Sekunden wird es den beiden Tieren zu bunt und sie zischen blitzschnell ab ins Gebüsch. Abstecher zu den Bertholdshöfen Der Weg teilt sich nach einigen Hundert Metern, wir halten uns rechts und genießen die kühle Waldluft. Auf einer Anhöhe zeigt uns der Wegweiser mehrere Möglichkeiten an. Niedereschach oder die Ruine Wildenstein? Die wären in sechs Kilometern Entfernung. Ich schlage aber vor, dass wir über Weilersbach Richtung Brigachtal fahren. Zumal ich den leisen Verdacht habe, dass mein Akku einen größeren Umweg nicht mitmacht. Ein weiterer Balken ist aufgebraucht. Bei der Weiterfahrt empfängt uns eine herrlich offene Landschaft mit einzelnen Laubbäumen oder Maisfeldern. Nach knapp über zwei Kilometern kommen wir in Weilersbach an und biegen auf den Reschenhardweg ein für etwa 142 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Windrad bei Weilersbach. Unten rechts: Gleich mehrfach führt die Tour durch angenehm schattige Wälder. 200 Meter. Dann geht es scharf links auf ein kurzes Stück der Grundstraße. Einem einzeln stehenden Laubbaum kann ich nicht widerstehen und halte für ein Foto. Wir entscheiden uns rechts weiterzufahren, linker Hand sehen wir noch mal Dauchingen, bevor wir eine zünftige Abfahrt genießen können. Nach einem kleinen Anstieg folgen wir nach einem Bauernhof dem asphaltierten Sträßchen. In der Ferne sieht man schon das markante Windrad, das uns zeigt, dass wir noch in der Nähe von Weilersbach sind und uns dem Industriegebiet Herdenen nähern. Wir überqueren die Weilenbühlstraße Richtung Windrad. Auf einem Bänkchen gibt es nochmals einen Schluck Wasser, bevor es am Industriegebiet Herdenen vorbei auf einem asphaltierten Radweg abwärts geht. Bei einer Firma machen Mitarbeiter Pause und winken uns freundlich zu. Nach kurzer Zeit erreichen wir den Schwenninger Nordring. Mein Mitfahrer hat die Idee, das Sonnenblumenfeld des Gartenbaubetriebes Wildi anzuschauen. Wir machen uns auf den Weg, zumal es nicht weit von uns entfernt liegt. Über den Den Neckar entlang ins Neckartäle 143

 

 

 

Das viel besuchte Sonnenblumenfeld des Gartenbaubetriebes Wildi kurz vor VS-Villingen, hinten das Schwarzwald-Baar Klinikum. Radweg vorbei am Schwarzwald-Baar Klinikum und dem Kreisverkehr gelangen wir erneut auf einen Radweg, der uns zu den Bertholdshöfen führt. Der Abstecher lohnt sich, Tausende Sonnenblumen so weit das Auge reicht. Es ist viel los an diesem Nachmittag. Jeder will ein Foto mit den knallgelben Blumen machen oder einfach nur die Liegegelegenheiten nutzen und entspannen. Weiter geht es über die Bertholdshöfe Richtung Villingen. Am Zollhäusleweg passieren wir die Überführung der B 33 und sehen rechter Hand schon das schöne Villingen und davor liegend die markante Gaskugel. Alle zehn Jahre wird der kugelförmige Erdgasspeicher der Stadtwerke Villingen-Schwenningen für technische Überprüfungen geleert. Mehrere Musiker nutzten im Juni 2003 die Gelegenheit, um im Inneren der 25 Meter hohen Stahlkugel mit Geräuschen, Musik und Sprache zu improvisieren. Auch hier mache ich natürlich noch mal ein Foto, bevor wir links hoch und gleich rechts in Richtung Straßburger Straße radeln. Nach einer holprigen Abfahrt überqueren wir diese Straße, dann geht es nach wenigen Metern rechts runter auf einen Radweg direkt nach Marbach. In Marbach ist nochmal Zeit für ein Bild vom schönen Rathaus. Der Ort mit seinen etwa 2.000 Einwohnern ist seit der Gemeindereform 1974 ein Stadtteil von Villingen-Schwenningen und wurde erstmals 144

 

 

 

Links: Hölzerner Wegweiser bei Marbach. Rechts der frühere Marbacher Bahnhof. Unten: Bei der Gaskugel kurz vor VS-Villingen. um 1200 erwähnt. Marbach liegt südlich von Villingen am Ostufer der Brigach und zu beiden Seiten des Talbaches. Heimkehr nach 46 Kilometern Der Blick auf meine Akkuanzeige verheißt nichts Gutes. Über die Kirchdorfer Straße und Steinwiesenstraße gelangen wir auf dem Radweg nach links in Richtung Brigachtal. Es geht schön flach weiter, zwei Anstiege am Ende der Bahnhofstraße und der Mühlenstraße ziehen den letzten Strom aus meinem Akku, und so muss ich die letzten Meter ohne elektrische Unterstützung zurücklegen. Aber das schaffe ich auch noch… Nach 3,5 Stunden und 46 Kilometern erreichen wir wieder den Ausgangspunkt. In Brigachtal gibt es mehrere Einkehrmöglichkeiten. Wir entscheiden uns für das Café im Dorf. Bei einem zünftigen Essen und kalten Getränken lassen wir unsere Eindrücke noch einmal Revue passieren. Unser Fazit: Das Neckartäle ist ein wunderschöner Ort im Schwarzwald-Baar-Kreis, den man unbedingt gesehen haben sollte. Ein richtiges Kleinod, das mit dem E-Bike gut zu erreichen ist. Und das Beispiel meines Bruders zeigt, dass das auch ganz ohne elektrischen Antrieb möglich ist. Vorausgesetzt, die eigene Fitness passt. 145

 

 

 

Der neu angelegte Kurpark — lebendige, vielgestaltige Mitte des Skidorfs Schonach 146 4. Kapitel – Städte und Gemeinden

 

 

 

Schonachs neuer Kurpark 147 147

 

 

 

von Claudius Eberl Das Gewann Langmatte war früher Grünland, das landwirtschaftlich genutzt wurde. Anfang der 1970er-Jahre fasste die Gemeinde den Entschluss, den bereits länger bestehenden Kurpark bei der Schule größer zu dimensionieren und in die Langmatte zu verlegen. Im selben Zug wurde das Haus des Gastes erbaut. Mit den Jahren nagte allerdings mehr und mehr der Zahn der Zeit an der Anlage: 2012 beschloss die Gemeinde eine Generalsanierung. Die Maßnahme sollte ebenso die Fortführung der Umgestaltung der Ortsmitte werden. 2010 hatte die Gemeinde ihr neues Rathaus eingeweiht, das Areal in der Schulstraße wurde samt Schulhof saniert und neugestaltet. Bürgermeister Frey bat die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt aus Nürtingen darum, dass deren Studenten diverse Vorschläge zur Umgestaltung ausarbeiten sollen. Diese präsentierten dem Gemeinderat insgesamt zwölf Konzepte. Die Gesamtplanungen übertrugen die Verantwortlichen dem Schonacher Architekten-Duo Thomas Spath und Christian Kuner, ihnen zur Seite stand das Planungsbüro Planwerk Gehle aus Lahr. Die Bevölkerung war von den Plänen begeistert. Im Oktober 2016 startete der Umbau der Kuranlage. Knapp drei Jahre Bauzeit Am 13. Juli 2019 konnte der neue Kurpark nach knapp drei Jahren Bauzeit in seiner Ganzheit eröffnet werden. Rund 5.433 Quadratmeter Pflastersteine wurden verlegt, 25.560 Kubikmeter Erde bewegt. Aus dem Kurpark ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ort für Spiel und Spaß geworden. Es gibt mehrere Zugänge, doch der Haupteingang führt direkt am Minigolfplatz vorbei. Diese Anlage stand bei der Neuplanung nie infrage, denn sie wird auch heute noch rege genutzt. Hinter dem Minigolfplatz gelegen findet man das Kneippbad, vor allem an heißen Sommertagen ein Geheimtipp! Hier fließt herrlich kaltes Wasser direkt aus dem Turntalbach ein und verschafft eine willkommene Erfrischung. Von hier aus hat man auch einen Highlight ist der Turm mit zwei Rutschen. Dieser ist in Form eines Strohhutes ausgeführt, wie er zur Schonacher Tracht gehört. Er kann bis in die Spitze hinein beklettert werden. guten Blick auf die Fassade der ehemaligen Strohhutfabrik Sauter. Einst wurde die ganze Welt von hier aus mit Strohhüten und -schuhen beliefert. Anfänglich war geplant, den Industriebau abzureißen und einen direkten Durchgang zum Kurpark vom Rathaus her zu schaffen. Die wertvollen und einmaligen Gerätschaften der Strohhutfabrik sollten in einem Neubau präsentiert werden. Der Durchgang sollte dann mitten durch den Neubau führen. Allerdings machte anfänglich die Denkmalpflege einen Strich durch die Rechnung, später auch die immensen Kosten. Neuer Kinderspielplatz mit 660 Quadratmeter Spielfläche und unterschiedlichen Highlights Gegenüber der Minigolf-Anlage entstand ein neuer Kinderspielplatz, dessen Rand große und schön geschnitzte Tannenzapfen schmücken. Wasser, der Schwarzwald und tolle Spielgeräte sind hier ein großes Thema. Rund 660 Quadratmeter Spielfläche stehen den Kindern zur Verfügung. Highlight ist der Turm mit zwei Rutschen. Dieser ist in Form eines Strohhutes ausgeführt, wie er zur Schonacher Tracht gehört. Er kann bis in die Spitze hinein beklettert werden. Vom nebenan liegenden Turntalbach fließt Wasser über einen Zulauf und Holzrinnen auf den Spielplatz. Es treibt dort Wasserräder an oder kann gestaut werden. Und am Kurparkweiher gibt es ein Holzfloß, das mithilfe eines Seils über den See gezogen werden kann. Insgesamt ein klasse Spielplatz für Wasserratten und Sandflöhe. Allerdings: Kinder und Gewässer, das birgt immer ein Gefahrenpotenzial. Das wollte man seitens der Planer möglichst minimieren. Aus diesem Grund hatte man die Zone, in der das Holzfloß fährt, zum restlichen See weitläufig 148 Städte und Gemeinden

 

 

 

Barfuss durchs Wasser oder mit dem Floß ans andere Ufer gleiten – der neue Schonacher Kurpark bietet Kindern eine Vielzahl an Spielmöglichkeiten und wird auch deshalb besonders stark frequentiert. Schonachs neuer Kurpark 149

 

 

 

mit Steinquadern abgegrenzt. Nun fährt das Floß durch eine 40 Zentimeter tiefe Flachwasserzone, wer hier ins Wasser fällt, dem droht keine große Gefahr. Die Flachwasserzone ist übrigens mit Kiesel-Steinen befüllt, sodass sie auch barfusstauglich ist. Ein Angebot, das nicht nur von Kindern gerne angenommen wird. Direkt anschließend an den Kinderspielplatz ist eine große Seeterrasse aus Holz und Metall entstanden. Lange Sitzbänke wurden zum Kinderspielplatz hin ausgerichtet, hier können Eltern gemütlich sitzend ihre Kinder im Auge behalten. Auch zum See hin gibt es Sitzmöglichkeiten. Die ganze Anlage wurde mit Rankgittern versehen, in einigen Jahren werden hier Pflanzen für ein schattiges Plätzchen sorgen. Weiterführend am See entlang hat man große Sitzund Liegebänke aus Holz installiert, die zum einen tolle Entspannungsmöglichkeiten bieten, vor allem aber sollen sie auch eine Sperre bilden. Denn auf dem großen gepflasterten Areal unterhalb des Haus des Gastes spielen viele Kinder. Hier stehen Laufräder zur Verfügung. Bistro im Kurpark wird zu beliebtem Treffpunkt für Jung und Alt Es bot sich an, den Park auch mit einer Gastronomie zu versehen. Im Anfangsstadium der Planungen sah man dafür einen kleinen Kiosk vor, Der angedachte Kiosk hat sich in Birgit‘s Bistro, eine vollwertige gastronomische Einrichtung, verwandelt. der seinen Platz im ehemaligen Kassenhaus der Minigolfanlage finden sollte. Doch irgendwie passte das nicht zu den großen Plänen, es musste etwas anderes her. So wurde aus dem Kiosk eine vollwertige gastronomische Einrichtung. Birgit‘s Bistro, benannt nach der Pächterin Birgit Duffner, wurde in Absprache mit der Pächterin als tageslichtdurchfluteter Raum gestaltet. An zwei Seiten komplett mit Glas verkleidet, bietet es Blicke in den Park und auf den Kurparksee. Hell und freundlich ist die Innenausstattung ausgeführt. Ein weiteres Highlight stellt die an der Rückwand angebrachte Silhouette des Westweges von Pforzheim nach Basel dar. Im Innenraum bietet die Gastronomie 45 Sitzplätze, im Außenbereich 24. Die Wirtin und ihr Team servieren hier den Gästen kleine Speisen, Cocktails, Eis und vor allem hausgemachten Kuchen. Schon heute ist das Bistro zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt geworden und wird auch gerne für festliche Anlässe genutzt. Die Sitzbänke im neuen Kurpark werden links und rechts jeweils durch Granitblöcke gestützt. Gestaltet wurden sie von Carina und Lukas Spath, sprich der Schonacher Firma Holzdesign Spath. Eine gelungene Anknüpfung an die Heimat Schwarzwald stellen ebenso die großen hölzernen Tannenzapfen dar. 150 Städte und Gemeinden

 

 

 

Überhaupt, die Ecke unterhalb des Kurparks ist die belebteste Zone. Natürlich beeinflusst vom Bistro und dem Kinderspielplatz, aber ebenso vom Beachvolleyballfeld. Dieses hat sich mittlerweile zum Treffpunkt der jüngeren Generation entwickelt. Es gibt kaum einen Abend bei schönem Wetter, an dem nicht gepritscht, gebloggt und geschmettert wird. Lichtbögen sorgen für schönes Ambiente Die beiden Gewässer des Parks kann man auf einer Art Steg überqueren. Der Übergang zwischen den beiden Gewässern ist mit Holzbohlen belegt, der restliche Weg ist gepflastert. Das ist aber nicht die Besonderheit, die liegt vielmehr zum einen in der langen Sitzbank, die sich über den gesamten Steg zieht und in den Lichtbögen. Sechs dieser Lichtbögen spannen sich über den Steg und sorgen nachts für ein zauberhaftes Ambiente. Zwischen den Lichtbögen hat man Rank-Gerüste angebracht, die bepflanzt wurden und so später einmal eine Art Laubengang bilden sollen. Unterhalb des Dammes hält sich sehr gerne der Fischbesatz des Mühlenweihers auf. Der Angelverein Schwarzwaldquelle e. V. hat beide Gewässer mit Bachund Regenbogenforellen besetzt. Viel genutzt ist das neue Beachvolleyballfeld, ein Treffpunkt der jungen Schonacher vor allem. Bankdesign mit heimischem Granit Wer verweilen will, dem bieten sich zahlreiche Sitzgelegenheiten. So sitzt man auf Bänken, die links und rechts mit heimischen Granitblöcken eingefasst sind. Gestaltet wurden diese von den heimischen Handwerksdesignern Carina und Lukas Spath. Einer der Ausgänge wird flankiert von zwei Blumenwiesen. Im Rahmen des Projektes Blühender Naturpark des Naturparks Südschwarzwald stellte die Gemeinde rund 1.500 Quadratmeter Fläche zu Verfügung, um hier mit überwiegend mehrjährigen Kräuterarten und heimischen Gräsern eine vielfältige, dauerhafte Blumenwiese entstehen zu lassen. Und die Wiesen sind nicht mehr wie einst heiliger Rasen, sondern sollen als Erholungsfläche mit genutzt werden. Attraktiver Ort für Bürger und Gäste Die Umgestaltung des Kurparkes war für die Gemeinde ein Kraftakt, sowohl finanziell wie auch planerisch. Vier Jahre vergingen von den ersten Planungen bis zur Umsetzung. Die ersten Planungen des Parks hatten Investitionen in Höhe von rund 2,7 Millionen Euro vorgesehen. Nach diSchonachs neuer Kurpark 151

 

 

 

Gemütliche Plätze laden überall zum Verweilen ein, hier am Ufer des kleinen Sees. versen Kürzungen und Veränderungen kam man dann auf Kosten von rund 1,9 Millionen Euro. Diese stiegen aber nochmals an, vor allem, weil man das Bistro als vollwertige Gastronomie ausführen wollte und nicht nur als Kiosk. Zudem schlug der nachträgliche Einbau einer behindertengerechten Toilette mit rund 80.000 Euro zu Buche. So rechnete man den neuen Park am Ende mit 2,5 Millionen Euro ab. Immerhin 920.000 Euro bekam die Schwarzwaldgemeinde aus Fördertöpfen, der Rest wurde aus dem Gemeindehaushalt und mit Krediten finanziert. Aber es hat sich gelohnt. Der Kurpark ist wieder das, was er einst war: Ein zentraler Ort in der Mitte der Gemeinde, Treffpunkt für Jung und Alt, für Einheimische und Gäste. Auf 35.000 Quadratmetern Fläche, davon entfallen rund 4.000 Quadratmeter auf den Kurparkweiher rund 2.200 Quadratmeter auf den Mühlenweiher, bietet der Park viel Platz für Erholung, Sport, Spiel und Zusammentreffen. Bei schönem Wetter tummeln sich so viele Besucher im Park wie nie zuvor. Und dennoch, überlaufen ist er nicht, weil er eben so weitläufig ist und somit auch etliche stille Winkel bietet. Im Winter gebahnte Wege und eine Loipe Auch im Winter bietet der Park attraktive Seiten. Eine kleine Rundloipe – sofern es die Auf 35.000 Quadratmetern Fläche, davon entfallen rund 4.000 Quadratmeter auf den Kurparkweiher rund 2.200 Quadratmeter auf den Mühlenweiher, bietet der Park viel Platz für Erholung, Sport, Spiel und Zusammentreffen. Schneeverhältnisse zulassen – lädt vor allem Anfänger zu ersten Versuchen auf Langlaufskiern ein. Die Lichtbögen auf dem Steg zwischen den beiden Seen bieten abends einen bezaubernden Anblick und Wege im Park werden bei Schneefall geräumt, sodass man hier auch im Winter attraktive Spazierwege antreffen kann. Überhaupt der Steg zwischen den beiden Seen: Er dürfte gleich neben der wohl längsten Sitzbank im weiten Umfeld auch mit dem wohl weithin einzigartigen Beleuchtungskonzept ein Novum darstellen. Mittlerweile hat sich die Attraktivität des Kurparks herumgesprochen. So finden auch Besucher aus den umliegenden Gemeinden den Weg nach Schonach, um dort einen schönen Tag zu verbringen. Und natürlich feiern die Schonacher nach wie vor gerne zusammen im Kurpark: 152 Städte und Gemeinden

 

 

 

Auch abends ist der neue Schonacher Kurpark einen Spaziergang wert. Der hölzerne Steg ist von einem Lichtbogen überspannt (unten). Open-Air-Kino und Konzerte stehen auf dem Programm, es gab Modenschauen und eigentlich waren für den Sommer 2020 an mehreren Tagen Feierabend-Hocks geplant. Hier allerdings machte die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung. Bürgermeister Jörg Frey zeigt sich sehr glücklich über die Entscheidung, diese immense Investition anzugehen. „Wir haben in Schonach zusammen etwas Tolles geschaffen, etwas, das allen Bürgern und natürlich unseren Gästen zugutekommt.“ Dass die große Fläche im Herzen der Gemeinde allerdings überhaupt als Park genutzt werden kann, sieht der Bürgermeister als riesiges Glück. Es sei den Vorfahren gar nicht hoch genug anzurechnen, dass man dieses Filetstück, das sich auch wunderbar als Baugebiet hätte verwenden lassen, freigehalten hat. Schonachs neuer Kurpark 153

 

 

 

154 154 5. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Das Haus Eschle in Schönwald Über 200 Jahre alter Kaufladen, Kulturstätte, Begegnungsort und Wohnraum von Marc Eich

 

 

 

156 Constantin Eschle mit seiner zweiten, jungen Frau Elisabeth und den vier Töchtern. Er übernahm das Haus 1873, hatte in der Region den Handel mit Strohgeflecht zu höchster Blüte gebracht und den Kaufladen aufgebaut. Nach seinem Tod 1898 führte Tochter Magdalena das Ladengeschäft fort. Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Seit über 200 Jahren ist das Haus Eschle fester Bestandteil von Schönwald. Von hier aus wurden zunächst Uhren, dann Strohflechtereien in alle Welt versandt und teils auch gefertigt. Nach dem Niedergang der Strohflechterei öffnete in den 1890er-Jahren im Haus Eschle zudem ein Kaufladen seine Pforten. Ab sofort kamen die Schönwälder im mitten im Ortskern liegenden „Eschle“ zum Einkaufen zusammen: Im Kaufladen von Constantin Eschle gab es alles, was zum täglichen Leben erforderlich war – bis hin zu Kurzund Aussteuerwaren. Und als das Automobil den Schwarzwald eroberte, konnte man beim „Eschle“ auch tanken. Heute ist das traditionsreiche Gebäude mit dem Charme längst vergangener Zeiten dank Besitzerin Andrea Pfrengle ein Begegnungsort, Wohnraum und gleichzeitig Kulturstätte. Eine Kombination, die es in dieser Form im Schwarzwald-Baar-Kreis kein zweites Mal geben dürfte. Geradezu unscheinbar reiht sich das Haus im Schatten der St. Antonius Pfarrkirche in die Hauptstraße ein. Während sich die Schönwälder um die Bedeutung „ihres Eschles“ bewusst sind, dürften nur die wenigsten Auswärtigen erahnen, was sich in den alten Gemäuern verbirgt. Denn wer eintritt, begibt sich auf eine Zeitreise, die im Jahr 1817 beginnt: Uhrenhändler Elias Eschle aus Schwarzenbach erwirbt einen Bauplatz neben dem Adlerwirtshaus und erstellt ein großes Wohnhaus mit Laden. Verheiratet mit einer Adlerwirtstochter, betreibt er bedeutende Handelsgeschäfte, heißt es in der Schönwälder Chronik. Tochter Ottilie erbt 1841 das Haus. Kinderlos verheiratet mit Leopold Martin, Uhrenmacher und -händler aus Furtwangen, verkauft sie das Anwesen dann 1873 an Constantin Eschle, den „Geflechtkunster“ oder „Straßwaldkunster“. Zusammen mit Lorenz Im einstigen Warenlager von Eschles Kaufhaus in Schönwald sind unzählige Relikte zu finden – bis hin zur Schönwälder Tracht. Unten das Firmenschild von Enkelsohn Rudolf Duffner, der das Lebenswerk des Großvaters fortführte. Duffner hatte er in der Region Schönwald/Furtwangen den Handel mit Strohgeflecht zu höchster Blüte gebracht. Um die Strohhalme nicht wie Das Haus Eschle in Schönwald 157

 

 

 

bisher in Furtwangen färben lassen zu müssen, errichtet er 1884 neben seinem Haus zudem eine kleine Färberei. Heute befindet sich darin die Bildhauerwerkstatt von Andrea Pfrengle, wovon noch die Rede sein wird. Rudolf Duffner: „Bei uns gibt es alles, bis zum kleinschte Atom…“ Die Einfuhr ausländischer Fabrikate, die im Preis niederer waren, brachte die Strohflechterei im Schwarzwald ins Stocken. Doch das Haus Eschle bleibt über die Strohflechterei hinaus eine Institution in Schönwald. Das liegt an Tochter Magdalena, die nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1898 das Haus und das Ladengeschäft übernimmt. Spätestens jetzt ist das Haus Eschle nicht mehr aus dem Ort wegzudenken. Von Magdalena Eschle ist übermittelt, dass sie als „unendlich gütige Frau und Wohltäterin des ganzen Dorfes“ wirkte. Gemeinsam mit Ehemann Adelbert Duffner führte sie das Geschäft, das 1936 auf Sohn Rudolf überging. Als Firma „Constantin Eschles Nachfolger“ ist der Laden, als führendes Warengeschäft am Ort, einer der Treffpunkte vor allem beim täglichen Einkauf. Und in jener Zeit erhält Eschles Kaufladen auch seinen Spitznamen „Atomladen“, der den Schönwäldern bis heute ein Begriff ist. So soll Rudolf Duffner den damals zahlreichen Kurgästen, die von der Warenvielfalt des Ladens überrascht waren, gesagt haben: „Eins müsse si sich merke; bei uns gibt‘s alles – bis zum kleinschte Atom.“ Der gewitzte Ausspruch verbreitet sich in Windeseile und bleibt in den Köpfen der Schönwälder hängen. Unterstützt wird Rudolf Duffner all die Jahre von seiner Schwester Johanna, die den Laden nach seinem Tod weiterführt. Hiltrud und Ewald Pfrengle finden im Eschle in Schönwald eine neue Heimat Es ist aber ebenso die Zeit, zu der die Pfrengles Teil dieses geschichtsträchtigen Hauses werden. Denn Ewald Pfrengle und seine Schwester Hiltrud wurden im Krieg im Haus Eschle aufgenommen und wuchsen hier auf. Und genau Die Schaufenster des Kaufhauses waren von eher bescheidener Größe: Blick in ein Weihnachtsfenster der 1930er-Jahre mit prächtiger Nikolausfigur. Die Geschwister Duffner mit Hiltrud Pfrengle (links vorne), Angestellten und Besuch vor der Ladentür. 158 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Die Familie Duffner. Von Wohltäterin Magdalena Eschle, Tochter von Constantin Eschle, und ihrem Ehemann Adelbert Duffner ging das Geschäft 1936 auf Sohn Rudolf (rechts) über. Tochter Johanna (links) blieb zeitlebens im Haus und unterstützte ihren Bruder – übernahm nach dessen Tod den Laden. Sohn Franz wurde 1930 zum Priester geweiht (Mitte). Seinen Lebensabend verbrachte er im Elternhaus in Schönwald. Schönwald im Winter. Vorne rechts das Kaufhaus der Familie Eschle. Dort konnte ab den 1930er/1940er-Jahren auch getankt werden, wie das Foto rechts zeigt. Das Haus Eschle in Schönwald 159

 

 

 

Eschle’s Kaufladen in Schönwald ist ein Ort, an dem das 19. Jahrhundert lebendig wird. Andrea Pfrengle hat das 200 Jahre alte Anwesen zusammen mit Lebensgefährte Christoph Wegner und Vater Ewald Pfrengle liebevoll saniert. an dieser Stelle springt der Zeitstrahl in die Gegenwart und die noch erlebbare Zeitreise im Eschle beginnt. Denn der heute 87-jährige Ewald Pfrengle, der in Schönwald und der Umgebung hinlänglich auch als singender Uhrenträger bekannt ist, erinnert sich gut an damals, als er in jungen Jahren im Laden geholfen hatte. „Das hier ist für mich Heimat – obwohl ich aus Neuenburg komme“, erzählt er mit einem Glänzen in den Augen. Und er kennt den Laden natürlich wie seine Westentasche. Immer mit einem sympathischen Lächeln auf den Lippen erklärt er gemeinsam mit seiner Tochter Andrea die vielen Details, die aus der Zeit des ursprünglichen Kaufladens noch erhalten geblieben sind. „Hier“, sagt Ewald Pfrengle und deutet auf einen Stiegenkasten, „da ging früher eine Treppe hoch“. Immer, wenn die Kasse im Geschäft schon einiges an Bargeld aufwies, sei Duffner hoch in die Wohnung gegangen, um die Scheine zu verstauen. Überhaupt erinnert alles im Erdgeschoss an die Ursprünge des Ladens. „Die Ladeneinrichtung hätte ich schon oft verkaufen können“, erzählt er. Doch weggegeben hat die Familie kaum etwas. Im Gegenteil. Mit viel Liebe hat man es geschafft, die Einrichtung für die Nachwelt zu erhalten. Wie in einem Museum lebt die Vergangenheit hier wieder auf. Über die ausgetretenen Dielen geht es zu den Schränken, in denen früher die Produkte verstaut wurden. An den Schubladen kleben teilweise sogar noch die alten Preise. Über der Tür zum Nebenraum hängt seit Jahrzehnten unberührt das Schild „Comptoir“ – ein zur damaligen Zeit verwendeter Begriff für Geschäftsraum oder Büro. „Früher sind die Leute hier nach der Kirche zum Einkaufen gekommen – und haben dann noch hinten das Plumpsklo benutzt“, erinnert sich Ewald Pfrengle. Anekdoten aus längst vergangenen 160 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Andrea Pfrengle mit ihrem Lebensgefährten Christoph Wegner und Vater Ewald Pfrengle. Tagen – die hier im Eschle aber plötzlich wieder ganz lebendig werden. Dass dies heute noch so ist, ist insbesondere einer Entscheidung des 87-Jährigen zu verdanken: Nach dem Tod von Rudolf Duffner übernahm Ewald Pfrengle das Haus, während seine Frau Erna mithilfe seiner Schwester Hiltrud bis 1995 den Laden führte. Ewald Pfrengle ließ derweil den Familienschatz unberührt und bewahrte das Vermächtnis der Vorfahren. Das Credo dabei: Die Geschichte soll erhalten bleiben, nichts an diesem Haus wird kaputt renoviert. Da war er sich mit seiner Tochter Andrea einig. Im Eschle Keller kann in stilvoll-uriger Atmosphäre gefeiert werden Diese Prämisse wird besonders deutlich, wenn es in den unteren Teil des Hauses geht. Unter dem freigelegten Gebälk führt der Gang zunächst vorbei an alten Postkarten, die an die damaligen Kurgäste verkauft worden waren und heute einen Ausflug in die Geschichte Schönwalds ermöglichen. Hier hängt auch noch das alte Schild des Kaufladens. Und dann geht es in den Eschle Keller. Der Blick bleibt zunächst an der doppelten hölzernen Flügeltüre hängen. Über ihr thronen zwei Wappen: Neuenburg am Rhein und Schönwald im Schwarzwald – das eine für den Geburtsort und das andere für den zur Heimat gewordenen einstigen Zufluchtsort von Ewald Pfrengle. Er war es, der den Gewölbekeller einer neuen Nutzung zuführte – und gleichzeitig den Charme der alten Gemäuer herausarbeitete. Denn, wo sich früher der Lagerraum für den Kaufladen befand, werden heute im stilvollen Ambiente des Gewölbekellers Feste gefeiert. „Der Kuhstall ist jetzt Lagerraum, der Schweinestall die Küche, erläutert Tochter Andrea Pfrengle. Nicht ohne Hürden oder gar Verletzungen ging die Renovierung des Lagerraums vonstatDas Haus Eschle in Schönwald 161

 

 

 

ten, in dem seinerzeit aufgrund von regelmäßigem Wassereinbruch „mit halben Fässern Schiffchen gefahren werden konnte“. Mit dem Vorschlaghammer habe er einen Durchbruch von der Theke zur Küche schaffen wollen und sich dabei den Fuß gebrochen, wie Ewald Pfrengle erzählt. Der Naturboden musste Fliesen weichen, außerdem galt es, das Wasser draußen zu halten. Nicht ohne Stolz sagt der 87-Jährige: „Damals mussten wir in jedem Frühjahr den Keller auspumpen lassen, jetzt kommt hier kein Tropfen mehr rein.“ So kann seit 1985 im Eschle Keller gefeiert werden. Während die Familie jahrelang die Bewirtung der Gäste im Keller übernahm, beschränkt sie sich nun auf die reine Vermietung der schmucken Räume. Und auch im Kaufladen änderten sich nach und nach die Zeiten. Nachdem Erna Pfrengle, die 2015 verstarb, den Laden aufgegeben hatte, mietete sich 1995 Manfred Hiepler in die Räume ein und betrieb dort bis 2017 den „Baumarkt“ des Dorfes mit ca. 10.000 Artikeln. Zu dieser Zeit hatte bereits Andrea Pfrengle das Haus übernommen. Sehr zur Freude ihres Vaters: „Ich bin froh, dass es meine Tochter weiter macht.“ Mit „Weitermachen“ meint er ebenDer singende Uhrenträger Ewald Pfrengle bei einem seiner Auftritte im „Eschle“. so die mustergültige und liebevolle Sanierung des 200 Jahre alten Gebäudes. Die 55-Jährige bezog 2007 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Christoph Wegner (54), den Töchtern Delia (27) und Ambra (24) das 220 Quadratmeter große erste Obergeschoss. „Das Haus, das mir anvertraut wurde, ist Lust und Last zugleich. Die Instandhaltung und Pflege bindet unglaublich viel Energie und doch sehe ich den Erhalt von Tradition und Geschichte als meine Aufgabe an“, so Andrea Pfrengle über ihren Entschluss. Zweieinhalb Jahre wurden investiert, um die Wohnung neu zu gestalten und gleichzeitig die historische Bausubstanz erlebbar zu machen. So funktionierte man das Schlafzimmer der Großtante zur Küche um, während im Zimmer der Tochter früher das „Ladenmädle“ geschlafen hat. Viele historische Möbelstücke wie ein alter Apothekerschrank und ein alter Postschrank sind wieder ins Haus integriert worden. Und selbst die Plumpsklos sind noch erhalten geblieben – wenn auch natürlich nicht mehr in Betrieb. Auf dem überbauten Balkon hängt die Ahnengalerie mit Erinnerungstafeln an die beiden Trauungen von Constantin Eschle sowie weiteren Bildern der einstigen Hausbesitzer und der Familie Pfrengle. „Sozialer und kultureller Treffpunkt Schönwald e. V.“ findet eine neue Heimat Dann wäre da noch das unerwartete Schmuckkästchen des Hauses – das Dachgeschoss. Denn unter dem Dachstuhl schlummern kaum bezifferbare Schätze. „Hier sind vor allem viele Utensilien aus dem früheren Laden verstaut – es ist quasi die Geschichte des Kaufladens, die sich auf dem Speicher ausbreitet“, kommentiert Andrea Pfrengle. In dem Paradies für Sammlerfreunde befinden sich Schaukästen, Werbetafeln und unzählige Fotografien. Nicht fehlen darf in den Schränken die Schönwälder Tracht. Ebenso gibt es eine Wand voller Kruzifixe zu bestaunen. „Magdalena Eschle und ihre Kinder waren sehr gläubig – das ist ein katholisch geprägtes Haus“, so die heutige Besitzerin. Der Tochter von Constantin Eschle hätte es deshalb sicherlich gefallen, dass in dem Laden162 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Das Haus Eschle in Schönwald ist die lebendige Mitte des Ortes. Der frühere Kaufladen ist die Heimat des Vereins „Sozialer und kultureller Treffpunkt Schönwald e. V.“, oben rechts die Eröffnung im Jahr 2017. Stilvoll feiern lässt es sich im Gewölbekeller, den Ewald Pfrengle mühevoll sanierte. geschäft nach Schließung des Bauladens und der Wiederherstellung der Räume wie zu Zeiten des früheren Kaufladens, der Verein „Sozialer und kultureller Treffpunkt Schönwald“ mit der Vorsitzenden Monika Maaß seine Arbeit aufnahm. Er wurde eigens gegründet, um den Kaufladen mit Leben zu erfüllen und Schönwald einen Ort der Begegnung für Einheimische und Gäste zu ermöglichen. Ehrenamtliche Helfer bewirten hier regelmäßig mit Kaffee und Kuchen, monatlich gibt es ein gemütliches Frühstück. Doch nicht nur das: Angeboten werden ebenso ein Englisch-Konversationskurs, EDV-Kurse und Strickabende. Weiter trifft sich im „Eschle“ ein Leseclub. Verschiedenste Ausstellungen, Konzerte sowie Vorträge runden das vielfältige Angebot mitten im Dorf ab. Auch Ewald Pfrengle konnte zum Programm im Eschle beitragen. Mit alten Schönwälder Aufnahmen, die aus dem Besitz seiner Tante stammen, der einstmals in Schönwald wirkenden Ordensschwester Irmgard, veranstaltete er einen Dia-Abend. „Den konnte ich sogar zwei Mal machen, weil er so beliebt war“, erinnert sich der 87-Jährige lachend, der so die Erinnerung an das alte Schönwald am Leben erhält. Und auch wenn sie und ihre Familie dieses Haus besitzen, es restauriert und damit für die Nachwelt erhalten haben, sind sich Vater und Tochter einig: „Das Haus ist ein liebgewonnenes Stück Schönwald – und wir dürfen es hüten.“ Das Haus Eschle in Schönwald 163

 

 

 

In Stein meißeln, Geschichten erzählen Die Bildhauerarbeiten von Andrea Pfrengle stehen in enger Zwie sprache mit dem Material und Dingen aus dem „Eschle“-Fundus. von Marc Eich 164 164 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

 

 

 

„Geschichten erzählen – sie in Stein meißeln. Und möglichst ein natür liches Stück des Steins leben lassen, es einbinden“, beschreibt Andrea Pfrengle ihren gestalterischen Ansatz bei der Bildhauerei. Schon immer war die 55-jährige Vorstands assistentin der EGT in Triberg kreativ. Andrea Pfrengle hat lange Zeit gemalt und gezeichnet – dann brachte sie eine Freundin zur Bildhauerei, schildert sie ihren Werdegang. Mittlerweile sind acht Jahre vergangen und es ist ein vielgestaltiges Werk entstanden, das bei Ausstellungen hohe Wertschätzung erfährt. Wie im vorangehenden Beitrag beschrieben, lebt Andrea Pfrengle im Haus Eschle in Schönwald. Dort nebenan befindet sich in einer früheren Strohfärberei ihre Werkstatt und im Eschle selbst ihre mit eigenen Arbeiten bestückte Galerie. Die besondere Atmosphäre im Eschle prägt ihre Bildhauerkunst entscheidend mit. Am Raum zum Gestalten mangelte es in dem 200 Jahre alten Schwarzwaldhaus mitten in Schönwald nie. Zunächst bearbeitete Andrea Pfrengle die Steine auf dem riesigen Speicher: zwischen Holzbalken, Brettern, Türen und Bilderrahmen. Dann zog sie mit ihrer Bildhauerwerkstatt in die frühere Strohfärberei, die Constantin Eschle vor 140 Jahren neben dem Kaufladen erbaut hatte. Die ehemalige Färberei hat sie stilvoll eingerichtet, sie ist ein Kunstwerk für sich. Im Rücken der alten Werkbank des Urgroßvaters beginnt Andrea Pfrengle kraftvoll ein Stück Marmor zu bearbeiten. Sie formt am liebsten von Hand mit Hammer und Meißel, Raspel und Feile. Vorzugsweise bearbeitet sie Marmor, Alabaster, Speckstein und Co. Im Werk von Andrea Pfrengle sind ihre Kunst und der Geist des Hauses immer miteinander verbunden. Dafür steht auch die Büste des Erbauers Constantin Eschle. Andrea Pfrengle hat sein Portrait geschaffen, „weil es der Mann ist, der unserem Haus den prägenden Charakter gegeben hat“, so die Künstlerin. Entstanden ist die Büste aus Michelangelo-Marmor. „Ich gehe ran mit einer bestimmten Idee – doch sie entwickelt sich beim Arbeiten weiter und am Ende entsteht nicht selten ein ganz anderes Kunstwerk als zunächst gedacht, weil der Stein seine eigene Vorstellung hat“, schildert Andrea Pfrengle weiter. Um den Ausdruck des Werkes durch die natürlichen Strukturen des Steins zu verstärken, lässt sie Teile des Materials unbearbeitet. Ihr geht es nicht allein darum, ein „Bild zu hauen“, sondern sie will emotionsreiche Geschichten erzählen. Die Titel ihrer Skulpturen „Constantin“, Michelangelos Carrara-Marmor, alter Holzbalken, 2016. Die Werkstatt von Andrea Pfrengle befindet sich in der früheren Strohfärberei von Constantin Eschle. 166 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

 

 

 

sprechen für sich: Enthüllt, Zweisam, Blender, Wächter, Stadtgespräch, Trophäe, Mensch 4.0, Erwachen… Größtes Lob und Bestätigung sind für sie Rückmeldungen wie: „Deine Arbeit berührt mich!“ Der Weg zur Bildhauerei Kreativ war Andrea Pfrengle schon seit sie denken kann, hat vor allem gezeichnet und gemalt. Der größte Erfolg und Ansporn in ihrer Jugend war der erste Preis bei einem Malwettbewerb des Schwarzwaldgymnasiums Triberg anlässlich der Städtepartnerschaft Triberg-Fréjus. Später hat sie Workshops und Seminare zu Tongestalten, Aktzeichnen und Acrylmalerei besucht. Bei Studienaufenthalten im Ausland konnte sie ihre Technik und ihr Auge verfeinern. Sie war im Tessin, in der Türkei, in einer Kunstakademie am Bodensee und mehrmals im italienischen Carrara, dem „Mekka“ der Bildhauer. „Steingeschichten“ erzählen vom Schaffen Wie die Bildhauerin Andrea Pfrengle arbeitet, schildert sie ausdrucksstark in ihren Steingeschichten. Das sind Notizen zu ihren Werken, mit denen sie selbstreflektierend deren Entstehung beschreibt. Hier ein Auszug: „Ich hatte im Bruchstück des Specksteins bereits ein Gesicht entdeckt und ging eifrig daran, es ‚heraus zuschälen’. Dieses ‚Herausschälen’ hatte viel mit meinen Erfahrungen aus der Malerei zu tun. Ich malte mit Feilen und Raspeln und war erstaunt, was da passierte… Je tiefer ich kam, umso lebendiger wurde der Stein. Farben und Muster traten zutage, die vorher nicht zu sehen waren. Die eine Wange zierte ein Maori-Tattoo … unter dem Auge saß eine Träne … als wollte das Gesicht mir etwas erzählen. Ich ging daran, aus dem Reststück des abgebrochenen Steins zwei weitere Scheiben abzutrennen … sie sollten die ‚Mitspieler’ werden. Der erste sanfte Gefährte zeigte bei seiner Bearbeitung ebenfalls Tränenspuren unter dem Auge. Eine tränenreiche Zeit auch in unserer Familie. Mein Bruder, erst 51 Jahre alt, kam tragisch ums Leben. So wurde die dritte Figur im ‚Spiel’ alles andere als sanft… Trau„Blender“, Peccia-Marmor, Blattgold, Messing, alter Holzbalken, 2015. „Erwachen“, italienischer Alabaster, 2020. 168 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

er und Entsetzen sprechen aus ihr. Meine erste Steingeschichte ‚Emotionen’. Traurig und in sich gekehrt sollte auch die zweite Speckstein-Skulptur werden. Noch ein Stein, den ich seit Langem aufbewahrt hatte… Ein gebeugter Rücken, das Gesicht vergraben – und unter der Oberfläche? Auf der einen Seite zeigte sich rosafarbene Haut, auf der anderen kamen grüne Einschlüsse hervor, die an Algen erinnern. Der Sockel – wie ein Fels in der Brandung. Mein Impuls und die logische Ergänzung: ein Fischschwanz. Wieder eine Geschichte. Eine Meerjungfrau. ‚Zwischen den Welten’ hab ich sie genannt. Der Virus war gesetzt. Geschichten erzählen. In Stein meißeln. Und möglichst ein natürliches Stück des Steins leben lassen, einbinden… „Sie hat einen ungeheuren Schaffensdrang“ Andrea Pfrengle liebt den unmittelbaren Kontakt zum Material, erfühlt gerne, was sie erschafft. Sie arbeitet mit den verschiedensten Arten von Stein – Marmor ist ihr Lieblingsstein. Dabei verwendet sie selten Blöcke. Viel lieber wählt sie Bruchsteine und natürlich geformte Steine, die schon erahnen lassen, wie ihre endgültige Form aussehen könnte. Sie verwendet auch Materialien wie Holz, Draht, Metall und Gold, um den Werken Leben einzuhauchen. Seit einiger Zeit arbeitet sie zudem mit Ton und hat sich dem Zementguss verschrieben. Bei einer Ausstellung im Haus Eschle hält Freundin Margarete Retzbach die Laudatio und betont: „Sie hat einen ungeheuren Schaffensdrang, den sie vor allem an Marmor auslässt. Er ist weiß mit einer kristallinen Struktur – und wenn sie nach einer Sprengung ein Stück aus einem Fluss heraus holen kann, ist sie glücklich – auch wenn das eigentlich verboten ist“, erzählt sie schmunzelnd. Sie habe durch ihr lustvolles Arbeiten auch den Beinamen „unersättliche Steinefresserin“. In ihre Werke fließen oft eigene Lebenserfahrungen mit ein: Ein Marmorstein mit aufgefächertem und breitem Flügel, wird zu Mamas „Rosa Blüten“, asiatischer Talcus, Diabas, Edelstahl, 2020. Andrea Pfrengle 169

 

 

 

Engel. Dann gibt es den „Wächter“. Andrea Pfrengle: „Ich schuf ihn aus Carrara-Steinen und wieder einem alten Holzbalken aus unserem Haus. Ein Steinsockel als Grundfeste, ein Balken die Stütze, ein unverrückbarer und gradliniger Beschützer einer entspannten, fast entrückten Gestalt. Ein Bollwerk gegen jegliche Angriffe.“ Inspiration durch Materialien Beim Erschaffen ihrer Kunstwerke kombiniert sie gerne verschiedene Materialien – auch aus dem Haus Eschle mit seinem riesigen Fundus. „Es muss immer noch etwas dazu, um die Aussage zu unterstreichen“, erzählt sie. Ihre Kunst und die Dinge aus dem Haus bilden eine Symbiose. Das kommt nicht von ungefähr. Andrea Pfrengle: „Ohne die Inspiration durch die Materialien, von denen ich Tag für Tag umgeben bin, wäre ich mit meiner Bildhauerei niemals so weit gekommen.“ Etliche Werke sind auf alten Holztüren und Rahmen aus dem Fundus des einstigen Ladens montiert. Ein Auszug aus den „Steingeschichten“ erzählt mehr dazu: „Inspiriert von alten Schranktüren, die ich – natürlich – auf unserem Dachboden gefunden habe, kam ich auf die Idee, meine Geschichten in Zukunft nicht „aufzuspießen“ oder auf einen Sockel zu stellen, sondern ihnen einen Rahmen zu geben. „Rahmenerzählung“ heißt auch mein erstes Werk. Drei Gesichter, installiert und eingerahmt, die für jeden Betrachter eine ganz eigene Geschichte erzählen. Der Beginn einer ganzen Reihe von Rahmenerzählungen, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Ein Stein mit Familiengeschichte ist der Grabstein meiner Großeltern. Ein Granit aus dem Schwarzwald. Er bedeutet Heimat, Plattform und Ausgangspunkt für meinen Lebensweg. Der Stein geteilt und die einzelnen Stücke aufeinandergesetzt, alle drehbar, wurde der Granit zu meinem ganz persönlichen Stein-Mobile. Familie, Wärme, „Lauscher“, Michelangelos Carrara-Marmor, antiker Goldrahmen, Samt, 2016. „Emotionen“, brasilianischer Talcus, antike Schranktür, 2015. 170 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Liebe, Kraft, Mut… die Worte sind in die Steine gemeißelt und bemalt. Alle Steine verbindend und golden leuchtend: Mutter.“ Nach vielfachen Ausstellungen u. a. im Atelier von Karin Engler-Rapp in Mühlhausen, im Rahmen der Jahresausstellung der Künst ler gilde in Donaueschingen, bei art black forest, Villingen, der Galerie im Kino, Triberg, oder im „Forum Am Bahnhof“ in St. Georgen zeigt sich: Die ausdrucksstarken Arbeiten von Andrea Pfrengle berühren. Zumal sie stets auch eine enge Verbindung zu ihr selbst und zur Heimat „Schwarzwald“ haben. Die „Steingeschichten“ und dieses Portrait von Andrea Pfrengle schließen mit ihren Gedanken zum Corona-Lockdown: „Eingeschlossen. Abgesperrt. Blockiert. Auch meine Kreativität. Eine geplante Ausstellung erstickt im Keime. Erst langsam, mit den Lockerungen, auch eine Öffnung in mir. Es spiegelt sich in den Werken wieder, die jetzt entstehen: Blüten, Blumen, bunt. Für neues Erstarken und Gedeihen, neue Lebensfreude. Und eine Frauenbüste aus Alabaster. Frisch, zart, durchleuchtet, der Blick aufwärts gerichtet. ‚Erwachen‛ hab ich sie genannt.“ „Menschen 4.0“, Zement, Stahl, 2019. „Dora“, Zement, Draht, 2019. Andrea Pfrengle 171

 

 

 

Zappel-Philipp – das Kinderfachgeschäft mitten in der historischen Villinger Altstadt Am Villinger Riettor werden für klein und groß vielfache Kinderträume wahr von Birgit Heinig Der Herr im Rentenalter steht selig lächelnd an der Kasse. Vor ihm steht ein Schaukelpferd, das er gerade als Geschenk für seinen Enkel ausgesucht hat. „So eins hatte ich auch mal“, sagt er versonnen. Das sind die Momente, die Iris Mauch besonders liebt. Die Geschäftsfrau aus Villingen hat selbst zwei Enkelinnen. Sie wisse daher aus erster Hand, dass Kinder nicht zwingend auf Plastik, Computer und „bling-bling“ stehen. Iris Mauch führt in der Villinger Innenstadt seit 2008 das Spielwarengeschäft Zappel-Philipp. Von der Geschäftsidee bis zur Eröffnung ihres ersten eigenen Ladens vergingen damals gerade drei Monate. „Wenn ich etwas will, zögere ich nicht lange“, sagt sie und lacht. Die angenehmen Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit an einstige Villinger Institutionen wie Spielwaren Bauer, Halls und Margots Kindermoden gaben ihr die Richtung vor. Ihr Ding sei es von Anfang an gewesen, in den Kinderzimmern nicht bergeweise billiges Wegwerfspielzeug zu wissen, sondern sinnvolle und hochwertige Produkte, durch die der Nachwuchs im Spiel selbst aktiv werde. Wie richtig sie damit lag, erwies sich schon gleich nach der Eröffnung des Zappel-Philipp 2008. Es kamen jede Menge Kunden, teilweise auch von weit her und viele extra wegen ihr. Die Nachfrage riss nicht ab und setzte sich auch nach dem Umzug des Zappel-Philipp in den Durchgang des Riettores im Juli 2018 fort. Iris Mauch mit ihrer Tochter Anne Wilde. 172 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

173

 

 

 

Elterliche Wirtschaft das zweite Zuhause Als Iris Meier erblickte sie 1954 im Romäusring das Licht der Welt – eine Hausgeburt. Ihre Eltern Liesel und Franz führten ab 1958 das Gasthaus Schützen in der Färberstraße. Sie besuchte die Mädchenschule, die heutige Klosterringschule, anschließend die Wirtschaftsschule und legte 1977 am kaufmännischen Gymnasium ihr Abitur ab. Seit sie denken kann, war während der Schulzeit die elterliche Wirtschaft ihr zweites Zuhause. Ab dem Teenageralter halfen sie und ihre Schwester Esther jeden Mittag nach der Schule ihrer Mutter an der Theke oder ihrem Vater in der Küche. Dabei lernte sie das Kochen – bis heute eine ihrer Leidenschaften. 1971 übernahm ihre Mutter, von ihren Gästen liebevoll die „Schützenliesel“ genannt, den „Kronprinz“ in der Niederen Straße und führte ihn mithilfe ihrer Töchter bis 1978. Dort lernte Iris Meier ihren späteren Ehemann Egon Mauch kennen und lieben. 1980 wurde geheiratet, kurz davor kam Töchterchen Anne zur Welt, zwei Jahre später ihr Sohn Philipp. Die Frage nach einer Berufsausbildung war durch Hochzeit und Geburten zunächst auf die lange Bank geschoben worden, freilich aber nicht vergessen. Aus einer stundenweisen Anstellung in der Buchhaltung der ortsansässigen Fensterbau-Firma Hässler wurde schließlich eine Ausbildung zur Bürokauffrau und eine Übernahme in die Festanstellung. 20 Jahre lang war sie bei der Hässler GmbH tätig. Aufregende Zeit des Aufbruchs Das Schicksal ist manchmal grausam. 2000 starb ihr Sohn Philipp mit 19 Jahren an einem Herzfehler. Iris, Egon und Anne Mauch waren sich danach gegenseitige Stützen und fanden trotz des immensen Verlustes in ein lebenswertes Leben zurück. Kraft holte sich Iris Mauch in dieser Zeit besonders gerne bei ihrer Freundin in Buxtehude bei Hamburg. Die wiederum arbeitete in einem Kinderladen, dessen Sortiment Iris Mauch sofort total begeisterte. „So etwas will ich auch machen“ – der Plan nahm schnell Gestalt an. „Eine kaufmännische Vorbildung hatte ich, ein Ladengeschäft war auch überraschend schnell gefunden und ein Gewerbe angemeldet“, erinnert sie sich an die aufregende Zeit des 174 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Wir wollten unseren Philipp mit dabei haben. Auch er hätte seine Freude an diesem Laden gehabt. Aufbruchs vor 12 Jahren. Selbst die seinerzeit herrschende Wirtschaftskrise schreckte sie nicht ab. Ihr zupackendes, selbstbewusstes und pragmatisches Wesen und die tatkräftige Unterstützung durch ihren Mann ließen keinerlei Bedenken zu. Sie wurden kurz zuvor zum ersten Mal Großeltern und somit war das Thema Baby und Kleinkind wieder aktuell. „Ich habe nur ein paar Marken gekannt“, gibt sie rückblickend zu und staunt heute selbst über ihren Mut damals. An ihren ersten Besuch auf der Spielwarenmesse in Nürnberg und an die Vertreterbesuche erinnert sie sich leicht schaudernd. „Ich hatte keine Ahnung, was und wie viel ich an Ware brauchte“. Nachdem alle selbst gebauten Regale einigermaßen voll waren mit hochwertigen Produkten aus Herstellerhäusern wie sigikid, Käthe Kruse, Haba und Spiegelburg – Marken, die sie aus ihrer eigenen Kinderzeit noch in Erinnerung hatte – eröffnete Iris Mauch am 31. Januar 2008 ihren Zappel-Philipp. Der Name lehnt sich nicht nur an Wilhelm Buschs umtriebige Figur an, sondern erinnert freilich auch an ihren verstorbenen Sohn. „Wir wollten unseren Philipp mit dabei haben. Auch er hätte seine Freude an diesem Laden gehabt“, sagt Iris Mauch. Von Anfang an wurde das Angebot gut angenommen – so sehr, dass selbst die stets optimistisch denkende Existenzgründerin überrascht war. Als ihr Gatte Egon Mauch 2017 das TorstübleAreal baulich neu konzipierte, entstand aus einem Blumenund einem Modegeschäft ein großes, neues Ladenlokal, fast doppelt so groß wie der bisherige Zappel-Philipp, dazu in bester Lage. Die Idee umzuziehen brauchte aber Zeit zu reifen. Sollten sie erneut ein Risiko eingehen, expandieren, viel Geld in die Hand nehmen und mit ihrem Geschäft neu anfangen? Die Mauchs Das neue, große Ladenlokal ist fast doppelt so groß wie der bisherige Zappel-Philipp. Zappel-Philipp 175 175

 

 

 

verließen sich schließlich einmal mehr auf ihren unternehmerischen Spürsinn und machten ein zweites Mal alles richtig. Schlaflose Nächte habe sie seither kaum gehabt, sagt sie, sieht man einmal von der bislang zum Glück überstandenen Corona-Krise in der ersten Jahreshälfte ab. Wenn sie daran zurückdenkt, wird ihr noch immer warm ums Herz. „Unsere Kunden haben trotz geschlossener Ladentür zu uns gehalten.“ Das Angebot ist sich selbst und den Vorstellungen der Gründerin treu geblieben Generell sei es „immer wieder spannend, ob das, was wir ausgesucht und eingekauft haben, auch ankommt“. Die 66-jährige Iris Mauch spricht inzwischen in der Mehrzahl. Denn die Übergabe des Zappel-Philipp an Tochter Anne Wilde ist bereits vollzogen. Heute kümmert sich ein Team von sechs in Sachen Spielzeug kompetenten Frauen um das Geschäft mit schönem und pädagogisch Da muss man nach Villingen kommen um so einen schönen Laden zu finden. Oben: Seit 2017 ist der Zappel-Philipp in bester Lage am Riettor in VS-Villingen zu finden. Rechts: Schönes und pädagogisch wertvolles Spielzeug zeichnet den Zappel-Philipp aus. wertvollem Zeitvertreib. „Dabei wird dann auch gemeinsam über Neuanschaffungen beraten. Brummkreisel und Puppenstuben, Holzfahrzeuge und Steckspiele, Babyund Handpuppen, Geschenkle zur Geburt und zum Kindergeburtstag“ – das Angebot ist sich in 12 Jahren selbst und den einstigen Vorstellungen der Gründerin treu geblieben. Batteriebetriebene oder ferngesteuerte Spielzeugautos findet man hier nur als ausgesuchte Exemplare und Computerspiele gar nicht. Aber auch Familie Mauch hat wie viele ihrer analog arbeitenden Kollegen mit der Konkurrenz im Netz zu kämpfen. Gegen das zumeist billigere Online-Shopping setzt sie auf freundliche und sachkundige Beratung, Kundendienst und Einkaufserlebnisse, bei denen Anfassen und Ausprobieren erlaubt sind. Daher freut es die Familie Mauch besonders, wenn sie, wie neulich, eine Kundin aus München sagen hört: „Da muss man nach Villingen kommen um so einen schönen Laden zu finden“. 176 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Zappel-Philipp 177

 

 

 

Simone Puchinger International erfolgreiche Profi-Tänzerin aus Furtwangen von Gerhard Dilger Simone Puchinger ist erfolgreich unterwegs. Die professionelle Tänzerin und Tanzpädagogin aus Furtwangen-Schönenbach darf sich seit 2010 u.a. „World Dance Master“ nennen. Dazu gesellen sich zahlreiche weitere internationale Erfolge. Doch der 31-jährigen Tanzkünstlerin ergeht es in Corona-Zeiten wie vielen Künstlern: Engagements als Tänzerin zu bekommen, ist derzeit unmöglich. So arbeitet Simone Puchinger zur Überbrückung in ihrem angestammten Beruf als Pharmazeutischtechnische Assistentin. Die Tänzerin lebt in Furtwangen im Schwarzwald, wo in den Reihen des Turnvereins 1872 ihre Karriere auch begonnen hat. 178 178 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

179

 

 

 

Mitte August in Furtwangen, die Coronapandemie hat die Furtwanger und vor allem auch die Kultur in ihren vielen Facetten im Griff. Als Künstlerin, die sich noch dazu mit ihrem Metier selbstständig gemacht hat, ist auch die junge Furtwangerin Simone Puchinger direkt von den Auswirkungen betroffen. Keine Auftrittsmöglichkeiten, kein Unterricht mit Schülern und vor allem keine Aussicht auf rasche Besserung. Doch der Reihe nach: Was bewegt eine junge Frau aus dem Oberen Bregtal, ihre Leidenschaft, das Tanzen, zum Beruf zu machen? Und vor allem: Wie hat sie es geschafft, in diesem Nischenbereich erfolgreich zu werden und dies auch über Jahre zu bleiben? Im Gespräch bei einem Kaffee berichtet sie von ihren Anfängen. Start der Karriere beim Furtwanger Turnverein „Meine Mutter hat mich zusammen mit einer Freundin beim Furtwanger Turnverein angemeldet, da war ich sechs Jahre alt“ berichtet sie. Jazztanz, das war der erste Berührungspunkt, und die kleine Simone war auch über Jahre mit viel Spaß dabei, wenn auch damals niemand ahnen konnte, welche Rolle das Tanzen in ihrem Leben noch spielen würde. Irgendwann im Teenie-Alter kam ein gewisser Knick in die Begeisterung, die Motivation hing nach ihren eigenen Worten „ziemlich durch“. Viele andere Interessen wurden plötzlich wichtig, das Tanzen geriet ein wenig in den Hintergrund. Mit 16 Jahren machte sie ihren Realschulabschluss. Im Hinterkopf hatte Simone Puchinger zwar auch damals schon eine vage Vorstellung, auch „etwas mit Tanzen“ beruflich machen zu können, doch nicht zuletzt ihre Eltern drängten darauf, erst mal etwas „Bodenständiges“ zu ergreifen. So absolvierte sie eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Assistentin, eine Entscheidung, die ihr in ihrem späteren Leben noch sehr zugutekommen sollte. Doch dann war der Punkt erreicht, an dem die Furtwangerin Impressionen aus der noch jungen Karriere von Simone Puchinger als Tänzerin. 180 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen hatte, Beruf und Arbeit in einer Apotheke oder die Verwirklichung ihres Kindheitstraums, das Tanzen als Lebensmittelpunkt? Zwischenzeitlich hatte sie schon zwei Jahre in ihrem erlernten Beruf gearbeitet und sich ein gewisses finanzielles Polster geschaffen. Und so stellte die junge Frau die Weichen in Richtung Tanz: Sie bewarb sich bei mehreren renommierten Tanzschulen, schließlich gab es die ersehnte Zusage von der New York City Dance School, die trotz des Namens ihren Sitz in Stuttgart hat. „Dort habe ich das Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere bekommen“, da ist sich Simone Puchinger sicher. Und neben den Fächern Jazz, Ballett, Stepptanz, Modern und Hip-Hop spielte auch die Unterweisung in Tanzpädagogik eine wichtige Rolle. Diese sollte sich später zu ihrem zweiten Standbein entwickeln. Was ich im Laufe meiner Karriere lernen musste, ist die Erkenntnis, dass man auch damit klarkommen muss, dass nicht permanent alles völlig perfekt sein kann. Ein Höhepunkt unmittelbar am Ende ihrer Ausbildung war ein Aufenthalt in New York mit einer weiterführenden Fortbildung am Broad way Dance Center. Überhaupt legt sie Wert darauf, dass in ihrem Metier die Verbesserung, auch nach der eigentlichen Ausbildung, ständiger Begleiter sein muss. So runden bis heute Workshops ihre Tätigkeit ab. Trainings in Hamburg oder Berlin stehen da nur stellvertretend für eine ganze Reihe von Orten, an denen sie ständig auf der Suche nach Perfektion ist. „Ja, ich bin schon eine Perfektionistin“, stellt sie fest. „Was ich im Laufe meiner Karriere lernen musste, ist die Erkenntnis, dass man auch damit klarkommen muss, dass nicht permanent alles völlig perfekt sein kann.“ Nach der Ausbildung ging es zunächst einmal darum, „einen Fuß in die Tür zu bekommen“. Erleichtert wurde die Suche dadurch, dass Simone Puchinger

 

 

 

Simone Puchinger sich zunächst einmal mithilfe ihres erlernten Berufes einen gewissen Spielraum verschaffen konnte, sie arbeitete zwischen 2011 und 2013 wieder in einer Apotheke. Parallel absolvierte sie weiter Tanztrainings im Ausland, wie zum Beispiel am Amsterdam Dance Center oder im Millenium Dance Complex in Los Angeles, um nur einige zu nennen. In diesem Beruf geht fast alles über persönliche Beziehungen und auch Empfehlungen. Aus den Kontakten, die sie in dieser Zeit knüpfen konnte, entstanden dann auch ihre ersten Engagements. „In diesem Beruf geht fast alles über persönliche Beziehungen und auch Empfehlungen“ macht sie deutlich. So sind auch zwei Verbindungen entstanden, die bis heute Bestand haben: Seit dem Ende ihrer Ausbildung ist sie Mitglied des Showtanzteams „Eurodancers“ in Zürich, dort lernte sie auch ihre Freundin Elena Auerbach kennen, die neben den Aktivitäten in Zürich in Waldkirch eine eigene Tanztruppe unter dem Namen „Provocation“ führt. Bei der sechsköpfigen Formation ist Simone Puchinger regelmäßig dabei. Der Ehemann von Elena Auerbach wiederum ist ein renommierter Zauberkünstler, der unter dem Namen „Magic Man“ seine Zaubershows anbietet. Simone ist mit ihren Kolleginnen auch dort mit von der Partie, ergänzt die Shows mit Tanzeinlagen und fungiert auch als Assistentin. Was ist es nun, was eine junge Frau aus dem Oberen Bregtal motiviert, sich als Tänzerin selbstständig zu machen? „Die Liebe zur Musik ist natürlich eine ganz wichtige Basis, schon als Kind habe ich Klavierspielen gelernt. Und entscheidend ist auch der Drang, mich zu bewegen, das treibt mich schon immer an“, meint Simone Puchinger. Im Tanz könne man Bewegungen ständig neu erfinden. „Man ist buchstäblich nie fertig, es gibt ein Leben lang unendlich viele Möglichkeiten, immer wieder Neues zu entdecken.“ Die Fähigkeit, sich choreografische Abläufe sehr schnell einzuprägen und diese auch dauerhaft abzuspeichern kommt ihr da sehr entgegen. 182 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Eine Fülle von Engagements Stellt sich die Frage, wie Tänzerinnen wie Simone Puchinger zu ihren Engagements kommen? „Oft sind es Sportveranstaltungen, Firmenpräsentationen oder Betriebsfeste, für die wir gebucht werden“, erläutert sie nur einige Schwerpunkte ihrer Auftritte. Seit einigen Jahren ist sie auch bei der „Tina Turner Tribute Show“ engagiert, darüber hinaus hatte sie zum Beispiel auch ein Engagement für eine Silvestershow in einem renommierten Fünf-Sterne-Hotel in Delhi in Indien oder bei den Swatch Beachvolley Major Series in Stavanger in Nor wegen. Doch es finden sich auch Events mit direktem Bezug zu ihrer Heimat Furtwangen: So war sie schon mehrfach als Backgroundtänzerin für die Furtwanger Musical-Sängerin Sabrina Weckerlin auf der Bühne und beim Furtwanger Musical „Heidenschlössle“ hat sie die komplette Choreografie geleitet und auch selbst mitgetanzt. 2017 stellte sie ein

 

 

 

eigenes Bühnenprogramm mit Schülern und Gästen: „Großes Kino – eine Reise durch die Welt der Filmgeschichte“ auf die Beine, welches zwei Mal vor begeistertem Publikum in der ausverkauften Festhalle Furtwangen aufgeführt wurde. Weiteres Standbein als Tanzlehrerin In Furtwangen schließlich findet sich als Ergänzung ihrer internationalen Aktivitäten noch ein Teil ihres Berufslebens, der ihr auch sehr viel bedeutet. Als Trainerin im Turnverein unterrichtet sie zahlreiche Kinder, beginnend mit der tänzerischen Früherziehung, aber auch weiterführend in Ballett, Jazztanz und HipHop. Sie ist auch mit dem Tanzensemble des Turnvereins, den „Dance Devilz“ unterwegs, was ihr nach wie vor viel Spaß macht. Drei Wettbewerbsgruppen hat sie initiiert: Neben „One2Step“ sind das „Release“ und „jazzspiration“. Eine weitere Anstellung im Bereich der Tanzpädagogik hat sie beim Turnverein Schonach mit der Leistungs riege Ballett. „Es sind rund 120 Schüler innen und Schüler vom Kindesalter bis zu hin zu jungen Erwachsenen, die ich insgesamt in Furtwangen und Schonach unterrichte“, freut sich die Tanzlehrerin. Und auch bei der Volkshochschule Oberes Bregtal bietet sie Kurse an. Es sind rund 120 Schülerinnen und Schüler vom Kindesalter bis hin zu jungen Erwachsenen, die ich insgesamt in Furtwangen und Schonach unterrichte. Und wo haben Wettbewerbe wie Weltmeisterschaften ihren Platz? „Das sind Aktivitäten, die mir bis heute neben der Arbeit im Showtanz und in der Ausbildung am meisten bedeuten“, sagt Simone Puchinger. Seit 2010 hat sie an vielen Wettbewerben teilgenommen. Sie alle zu nennen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Als wichtigste stehen hier stellvertretend die Teilnahme an mehreren Weltmeisterschaften in Florida und an Europameisterschaften in verschiedenen europäischen Ländern wie zum Beispiel Finnland, Österreich und Slowenien. Und als krönender Abschluss der Erfolg bei den „Dance Star World Finals“ in Porec in Kroatien, wo sie 2010 bei starker Konkurrenz den Titel „World Dance Master“ in der Kategorie „Jazz Group“ ertanzte. Kann man dabei auch finanziell profitieren? „Schön wäre es“, lacht Simone Puchinger. „Im Gegenteil, als Gruppe zahlt man Startgebühren, die schon einmal 600 Dollar betragen können – pro Teilnehmerin!“ Ohne Sponsoren und entsprechenden Ehrgeiz geht das nicht. Dass ein solcher Erfolg immens wichtig für die weitere Karriere ist, liegt auf der Hand. „So ein Titel macht sich natürlich gut im Lebenslauf, wenn man sich irgendwo bewirbt.“ Leben als Künstlerin während der Pandemie Hier schließt sich wieder der Kreis. Zum Zeitpunkt des Gesprächs waren praktisch alle Aktivitäten komplett zum Erliegen gekommen, die Corona-Pandemie hat Simone Puchinger fast von einem Tag auf den anderen alle Verdienstmöglichkeiten genommen. „Da sind wir Künstler in keiner guten Ausgangslage“, meint sie. Sie hat zwar eine Unterstützung vom Staat bekommen, aber sie wird diese wohl zurückzahlen müssen. „Betriebskosten, die als Zuschuss ersetzt werden, habe ich ja praktisch keine und Kosten für den Unterhalt werden nur als Darlehen gewährt.“ So nahm sie einmal mehr ihr Schicksal in die eigene Hand und hat als Überbrückung wieder in ihrem erlernten Beruf in einer Furtwanger Apotheke gearbeitet. Bleibt die Hoffnung, dass die sympathische junge Furtwangerin bald wieder davon leben kann, was ihr am meisten bedeutet: Vom Tanzen in all seinen Facetten. Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

185

 

 

 

Bernhard Gail am Newton-Teleskop mit 12 Zoll-Öffnung und 1.200 Millimeter Brennweite. 186 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Bernhard Gail Ein Hobby zwischen Raum und Zeit von Tanja Bury 187 187

 

 

 

Die unendliche Weite hat einen Durchmesser von 2,20 Meter und eine Höhe von 2,60 Meter. So groß ist die Sternwarte, die sich Bernhard Gail vor mehr als 30 Jahren aufs Dach seines Hauses gebaut hat. Seither vergeht kaum ein Tag, an dem der 59-jährige Mundelfinger nicht in seine Kugel steigt, um in die Sterne zu gucken – und dabei im siebten Himmel zu schweben. Gails Leidenschaft für die Gestirne wurde geweckt, als er zwölf Jahre alt war. In der Tageszeitung hatte er gelesen, wie der Saturn am Nachthimmel zu entdecken ist. „Ich habe ihn mit dem Fernglas meines Vaters gesucht – und nicht gefunden.“ Das hat ihm keine Ruhe gelassen, sein Ehrgeiz war geweckt. Der Junge kaufte sich ein Buch, las sich ein, schaute wieder und wieder. „Und ich habe den Saturn tatsächlich entdeckt und sogar seinen Ring gesehen“, erinnert sich Bernhard Gail. Dabei leuchten seine Augen noch heute. Die kleine Entdeckung von damals sollte zu einem großen Hobby werden. Der Traum von der eigenen Sternwarte Mit dem ersten Lohn als Elektrikerlehrling schaffte sich Bernhard Gail ein großes, transportables Teleskop an. Da es allerdings sehr zeitaufwendig war, das Fernrohr bei jedem Aufstellen neu einzunorden, wurde einige Jahre später im Garten seines Elternhauses eine genau ausgerichtete Säule errichtet, auf welche sich das Fernrohr bequem aufstecken ließ. Doch auch diese Konstruktion erfüllte irgendwann nicht mehr Bernhard Gails Ansprüche daran, nach den Sternen greifen zu wollen. „Da kam mir die Idee: Warum baue ich mir nicht meine eigene Sternwarte?“ Gesagt, getan: Er beschaffte sich Konstruktionspläne und ein ortsansässiger Zimmereibetrieb fertigte den Holzunterbau. Die drehbare Kuppel baute er in Eigenleistung nach Plänen des Maschinenbauers und Astronomen Anton Staus. Das Ganze wurde wasserfest verleimt, mit einer fünf Millimeter starken Laminatschicht überzogen und anschließend rot angestrichen. „Wegen der Ziegel, dachte ich. Aber das konnte man nicht so lassen. War ziemlich knallig“, erzählt er lachend. Also wurde die Kuppel mit Hagelschutzfarbe in Silber gespritzt. Sie hält bis heute, noch nie musste Gail nachlackieren. Bewährt hat sich auch die Technik für den 60 Zentimeter breiten Kuppelspalt, der den Blick auf den Himmel freigibt. Die Metallkonstruktion mit Blechverkleidung besteht aus zwei Teilen und lässt sich über eine Winde mit Drahtseilführung öffnen. Gedreht wird die Kuppel über eine Kette und mit Muskelkraft. Stetige Investitionen in die Technik Während die Sternwarte von außen gleich geblieben ist, hat sich in ihrem Inneren jede Menge getan: Jahr für Jahr hat Bernhard Gail in die Technik investiert und dafür sehr viel Geld ausgegeben. Wie viele Teile seine Ausrüstung inzwischen umfasst – der Sternengucker kann es nicht sagen. „Ich habe sie nie gezählt. Aber es sind etliche.“ Herzstück der Sternwarte ist ein Newton-Teleskop, dazu die gekühlte CCD Astrokamera (siehe „Technische Ausrüstung“). Beides ist montiert auf einer Halterung, die bis zu 60 Kilo gramm tragen kann und dafür sorgt, dass 188 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

DIE TECHNISCHE AUSRÜSTUNG • Für die Deep-Sky-Beobachtung und Fotografie ist das Hauptinstrument ein NewtonTeleskop mit 12-Zoll-Öffnung und 1.200 Millimeter Brennweite. • Für Planeten und Galaxien wird das NewtonTeleskop gegen ein Schmid-Cassergrain-Teleskop mit 11-Zoll-Öffnung und 2.800 Millimeter Brennweite getauscht. • Zwei weitere Linsenteleskope (Refraktor) ED Apo mit 4 Zoll-Öffnung und 900 Millimeter Brennweite und ein weiterer ED Apo für Deep-Sky-Aufnahmen mit 90-Millimeter-Öffnung und 500 Millimeter Brennweite stehen zur Verfügung. • Alle Teleskope sind über ein LosmandyPrismenschienen-System schnell wechselbar. • Zur Sonnenbeobachtung und Fotografie benutzt Bernhard Gail ein Lunt-Refrakton LS60T HA. • Die mobile Ausrüstung (Outdoor-Beobachtung und Fotografie) besteht aus einer Celestron AVX Montierung mit einem GSO FotoNewton mit 8-Zoll-Öffnung und 800 Millimeter Brennweite oder ein 6-Zoll-Newton • Weitere Teleskope sind ein Refraktor mit • 100-Millimeter-Öffnung und 1.500 Milimeter Brennweite, ein Refraktor mit 150 Millimeter Öffnung und 1.200 Millimeter Brennweite, ein Refraktor mit 100 Millimeter Öffnung und 1000 Millimeter Brennweite • Fotografiert wird mit der mobilen Ausrüstung mit Spiegelreflex Kamera Canon EOS 350D; EOS 450D oder eine EOS 80D In der Sternwarte wird mit einer gekühlten Astro-Farbkamera von Astrolumina ALCCD 8l fotografiert; zur Nachführung (Auto guiding) kommt eine ungekühlte Astrokamera von Imaging Soucre DMK21 zum Einsatz; für Planeten und Mond hat Bernhard Gail eine ungekühlte Farbkamera von Imaging Source DFK72AU oder Schwarzweiß Kamera DMK21; ein Hyper-Star System von Celestron fürs C11 wird auch zum Fotografieren benutzt. Bernhard Gail 189

 

 

 

sich das kostbare Equipment problemlos bewegen lässt. Auf einer kleinen Ablage unterhalb der Teleskop-Montierung steht ein Laptop, auf dem die Astroprogramme aufgespielt sind. Durch sie lässt sich das Teleskop einfach und absolut präzise ausrichten. Beim Verkabeln und Anschließen dieser ganzen Technik kommt Bernhard Gail sein berufliches Wissen als Elektromeister zugute. Der 59-Jährige ist seit 25 Jahren bei der Energieversorgung Südbaar beschäftigt. „Man kauft immer etwas Neues“, sagt Gail und zeigt dabei auf die Regale und die vielen Taschen, Hüllen und Schachteln in dem Zimmer, welches zur Sternwarte führt. Gerne und oft besucht der Himmelsforscher aus Mundelfingen Astronomiemessen, auf denen die neueste Technik und spannende Entdeckungen präsentiert werden und dazu noch gefachsimpelt wird. Der Austausch über den Blick nach oben ist Bernhard Gail wichtig. Deshalb bedauert er es sehr, dass die Astronomie-Vereinigung Rottweil-Heuberg-Baar, bei der er Mitglied ist, als Verein aufgelöst wird. „Es finden sich keine Leute für den Vorstand mehr. Nachwuchs ist nicht in Sicht“, sagt Gail. Keine Freizeitbeschäftigung wie jede andere An ihrem regelmäßigen Astro-Stammtisch in Zimmern ob Rottweil wollen die Hobby-Astronomen aber auch ohne Vereinsstruktur festhalten. Fürs Sternegucken ließen sich nur noch wenige junge Leute begeistern, berichtet Gail. Auch an seine eigenen Kinder konnte er die Begeisterung für den Kosmos nicht weitergeben. Und in Mundelfingen und der näheren Umgebung ist Gail zwar für sein Hobby und seine Sternwarte bekannt, doch auch hier halte sich das Interesse in Grenzen. Interessierte Blicke und dann und wann mal eine Frage komme von den Gästen des Landgasthofs Hirschen. Von der Terrasse des benachbarten FeinschmeckerLokals aus ist Gails Sternwarte gut zu sehen. Die Hobby-Astronomie ist keine Freizeitbeschäftigung wie jede andere. Das mag an der Komplexität der Technik und den hohen Investitionen in die Ausrüstung liegen. Bernhard Gail gesteht mit einem Augenzwinkern, ein Süchtiger zu sein. Süchtig danach, Planeten, Galaxien, Nebel und Gestirne zu beobachten und süchtig danach, sie zu fotografieren. Denn auch das reine Schauen war Gail irgendwann zu wenig. In den vielen Büchern, die er besitzt, und im Internet könne er sich zwar Fotos in Hülle und Fülle anschauen, „aber mich hat mal wieder der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte wissen, ob ich solche Aufnahmen auch hinbekomme“. Hat er, was fünf Festplatten voll mit beeindruckenden Motiven beweisen, davon zeigen allein einige Tausende Aufnahmen den Mond. „Andere gehen ins Bett, ich in die Kuppel“ Um auf diese stolzen Zahlen zu kommen, steigt der 59-Jährige bei sternenklarem Himmel in sein zweites Wohnzimmer hinauf, in die Sternwarte. Etwa wenn er Feierabend hat und das TV-Programm mal wieder nichts hergibt. Und wenn Fernsehen, dann gerne Science-Fiction. „Star Trek und Star Wars – davon bin ich absoluter Fan“, erzählt Gail mit einem Strahlen. Hinauf in die Sternwarte geht es aber auch, wenn der Trompeter spät abends nach der Musikprobe von der Musikkapelle 1850 Mundelfingen heimkommt. „Andere gehen ins Bett, ich in die Kuppel.“ Dass er ein Nachtmensch ist, kommt ihm dabei zugute. Sonntagvormittags liebt es Bernhard Gail, die Sonne zu beobachten und dabei Radio zu hören. Vom Blick nach oben kann ihn nichts abhalten, auch bitterkalte Baaremer Nächte nicht. Heißer Kaffee und Thermounterwäsche sorgen dafür, dass er es selbst bei minus zehn Grad Celsius in seiner Sternwarte aushält. Heizen ist nicht möglich, die Wärme würde die Technik beeinträchtigen und die Bilder flimmern lassen. Den Winter einfach auszulassen, ist keine Option. „Bei sowieso nur rund 20 guten Beobachtungsnächten pro Jahr hier bei uns, dürfen Befindlichkeiten keine Rolle spielen“, sagt Gail und lächelt. Zudem hat jede Jahreszeit ihre Besonderheit. In der zweiten Jahreshälfte lassen sich vor allem Nebel-Objekte gut beobachten. Dazu zählt auch der Orionnebel M42, der es Bernhard Gail wegen seiner großen Farbvielfalt besonders angetan hat. Im Frühjahr und Som190 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Oben links: Während einer Fotosession. Oben rechts: 12″ Zoll Newton mit Astro kamera bei geöffneter Kuppel. Unten: Laptop mit Astro-Software zur Tele skopsteuerung und -nachführung sowie Bildaufnahme. Unten rechts: Drehbare Sternkarte zur schnellen Himmelsübersicht. Bernhard Gail 191

 

 

 

Der Komet Neowise – aufgenommen im Sommer 2020. Rechts: Cassiopeia Perseus Andromeda und Pleaden. mer dagegen ist Galaxienzeit. Nebenher werden Planeten gesichtet – der Saturn gehört seit der Entdeckung im Kindesalter zu Gails Lieblingen – und astronomischen Besonderheiten, wie der SoFi (Sonnenfinsternis) 2015 und dem Kometen Neowise in diesem Sommer, nachgegangen. Zugute kommt dem Mundelfinger Hobby-Astronom, dass der Himmel über der Baar nicht allzu sehr von Lichtverschmutzung beeinträchtigt ist. Und ja: „Während der Neumondphasen lässt’s sich besonders gut zu beobachten und fotografieren“, schwärmt er. Technischer Sachverstand, Wissen, Geduld und gute Vorbereitung Um von all der Vielfalt am Himmel astronomische Aufnahmen zu machen, braucht es neben viel technischem Sachverstand und Wissen um die Himmelskörper, Geduld und gute Vorbereitung. Will Gail fotografieren, überlegt er sich zuvor genau, was er ablichten möchte. „Macht man spontan was, geht es meist in die Hose“, berichtet er von seinen Erfahrungen. Er schießt Bilderserien, von denen er die besten Aufnahmen auswählt und mit einer Bildbeobachtungs192 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Der Orionnebel M42 hat es Bernhard Gail wegen seiner Farbenvielfalt ganz besonders angetan. software übereinanderlegt. Daraus ergeben sich atemberaubende Fotos. Ins Gelände geht er mit seinen Teleskopen mittlerweile nur noch sehr selten – zu komfortabel ist es das Teleskop fertig montiert in der Sternwarte zu haben. „In 15 Minuten ist die ganze Technik startklar.“ Steigt Bernhard Gail dann die schmale Treppe in seine Kuppel hinauf, öffnet den Spalt, der den Sternenhimmel über ihm freigibt, stellt sich eine besondere Atmosphäre ein. Das ruhende Dorf unter und das leuchtende Firmament über ihm lösen immer noch Glücksgefühle aus. „Entspannung pur“, nennt Bernhard Gail das, was er in seiner Sternwarte erfährt. Die unendliche Weite – sie hat einen Durchmesser von 2,20 Meter und eine Höhe von 2,60 Meter. Infos zu Bernhard Gails Sternwarte unter www.sternwarte-mundelfingen.de Mundelfingen als „Alpendorf“. 193

 

 

 

194 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Melanie Reischl Tattoostudio Tintenfass von Marc Eich Als Melanie Reischl vor fünf Jahren ihr erstes Tattoo-Studio eröffnete, war sie eine der ersten Tätowiererinnen im Landkreis. Mittlerweile hat sich die 33-Jährige in Zusammenarbeit mit drei weiteren Tätowierern einen großen Stammkundenkreis aufgebaut – und das, obwohl sie ursprünglich eigentlich ganz andere berufliche Pläne hatte. 195 Humorvolle, an die Heimat Schwarzwald anknüpfende Tätowierungen.

 

 

 

Nostalgisch ausgestattet ist das Tätowierstudio von Melanie Reischl in der Villinger Prinz-Eugen-Straße. Rechte Seite, v. links: Das Team besteht aus Bianca Teperß, Yves René Weber, Tammo Fleischhauer und Melanie Reischl. Es hat etwas von „zu Oma gehen“, wenn die Dachgeschossräume in einem Hinterhof in der Prinz-Eugen-Straße in Villingen betreten werden. An der Wand hängen Geweihe neben nostalgisch anmutenden Aufnahmen, im Empfangsbereich stehen ein mit Blumenmuster gepolsterter Sessel und zwei Stühle im gleichen Stil – der Holztisch dazwischen ist mit einer gehäkelten Tischdecke bedeckt. Daneben findet sich auf einer antiquarischen Kommode Wir wollen, dass sich die Kunden so fühlen, als wenn sie sich im Wohnzimmer tätowieren lassen. ein verschnörkelter Kerzenständer. Unter den freigelegten dunklen Holzbalken geht es in den nächsten Raum, in dem die Mischung aus Omas gemütlichem Wohnzimmer und modernem Schwarzwaldcharme weiter konsequent umgesetzt wird. Nur die mit Folien abgedeckten Liegen und die danebenstehenden Nadeln sowie Farben machen deutlich: Hier ist man nicht bei Oma zu Besuch, sondern im Tattoostudio Tinten fass von Melanie Reischl. „Wir wollen, dass sich die Kunden so fühlen, als wenn sie sich im Wohnzimmer tätowieren lassen“, so die 33-jährige Studiobesitzerin. Dass die Hygiene gerade zu Coronazeiten dennoch an erster Stelle steht, ist selbstredend. Kaum vorstellbar ist hingegen, dass hier, im Obergeschoss eines eher schmucklosen zweigeschossigen Baus, zuvor ein kühler Schulungsraum des Technisches Hilfswerks untergebracht war. „Wir haben alles neu verputzt, Wände rausgerissen und neu eingezogen und Zierleisten angebracht“, erzählt sie von den Umbauarbei196 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

197

 

 

 

ten in den 150 Quadratmetern – die für den passenden Charme und die perfekte Umgebung in dem Studio sorgen. „Damit habe ich mir meinen Lebenstraum erfüllt!“ Dass dieser Traum mal Wirklichkeit werden könnte, das hatte sich nicht von Anfang an herauskristallisiert. Bereits in den 2000er-Jahren habe sie sich gewünscht, ihre Zukunft in der Tattoo-Branche zu finden. „Das war damals aber nicht so einfach, weil es nur wenige Studios gab.“ Melanie Reischl absolvierte deshalb zunächst ein Studium zur Grafikdesignerin. Hier stellte sich jedoch recht schnell heraus, dass sie in diesem Beruf nicht tätig sein möchte. „Die Kunden haben immer eine bestimmte Vorstellung – und oft werden dann jene Entwürfe genommen, die einem persönlich am wenigsten gefallen“, sagt sie lachend. Und sie erklärt auch gleich danach den Unterschied zu einem TattooStudio: „Tätowierte suchen sich aus, zu wem sie gehen wollen, weil sie einen Stil toll finden. Sie wollen unsere und nicht eine andere Arbeit.“ 2012 wagte sie den Schritt in die Branche, fing bei einem Studio in Trossingen an. Ihre Ausbildung zur Grafikdesignerin half ihr zugleich dabei, Fuß zu fassen. „Das Studium war sehr hilfreich, um alle Grafikprogramme zu beherrschen“, erzählt sie. Auf dem iPad zeichnet sie bis heute die einzelnen Elemente, die später im Photoshop zum ganzheitlichen Tattoo zusammengesetzt werden. Erste Tätowierstube in Dauchingen Bei ihrer ersten Station wurde sie jedoch nicht richtig glücklich, strebte immer danach, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen. Drei Jahre später wagte sie deshalb den Schritt und eröffnete eine eigene Tätowierstube in Dauchingen. „Ich wollte einfach alles anders machen – und das ist mir dann auch gelungen“, sagt sie zufrieden. Hier half ihr das vorherige Studium ebenfalls. Denn ihre Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie mit dem Corporate Design ebenso außerhalb der Tattoos für Hingucker sorgt und so ein Alleinstellungsmerkmal schaffen konnte – und zwar angefangen von den Auftragsbüchern bis hin zu den Visitenkarten. Und überhaupt: Anlaufschwierigkeiten im eigenen Studio waren ihr fremd. Denn die 33-Jährige hatte das Glück, diesen Schritt genau in den Boom-Jahren gegangen zu sein. Damals gab es hier im Umkreis maximal zehn Studios – und ich war die einzige Frau. „Damals gab es hier im Umkreis maximal zehn Studios – und ich war die einzige Frau“, so Melanie Reischl. Ihren Stammkundenkreis aus dem vorherigen Studio konnte sie nach Dauchingen mitnehmen und erweitern. Die gebürtige Villingerin entschloss sich in diesem Zuge auch dazu, im Studio weitere Tätowierer aufzunehmen. In Dauchingen stießen zunächst Bianca (31) und Yves René (28) hinzu – und bildeten quasi das akademische Trio, wie Melanie Reischl lachend erzählt. „Yves René hat ebenso Grafikdesign studiert, Bianca Architektur.“ Das Trio vollzog schließlich im Jahr 2017 den Umzug in die neu gestalteten Räume in der Prinz-Eugen-Straße. Dort komplettierte Tammo (27) die Crew. Diese tätowiert zwar unter gleicher Flagge, aber jedes Mitglied arbeitet als Selbstständiger. Melanie Reischl: „Die Termine teilen 198 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar Beim Tätowieren – schmerzfrei ist die Sache nicht…

 

 

 

wir uns gegenseitig zu.“ Konkurrenzdenken ist dabei fehl am Platz – im Vordergrund stehe die Freundschaft, die für eine unverwechselbare Arbeitsatmosphäre sorge. Denn das Quartett arbeitet nicht nur zusammen, sondern genießt oft auch den Feierabend gemeinsam. „Dann werfen wir den Grill an und haben Spaß“, schwärmt sie. Nicht alles wird tätowiert Und auch was die „No-Gos“ betrifft, ist man sich einig. Denn für die Vier ist hierbei klar: „Wir machen nicht alles!“ So lautet das Credo bei Tintenfass, dass Clubsymbole von Motorradgruppierungen oder Logos von politisch motivierten und rechtsradikalen Bands definitiv nicht tätowiert werden. Mittlerweile betrage der Stammkundenanteil bis zu 85 Prozent. Melanie Reischl: „Ich tätowiere zum Teil ganze Freundeskreise.“ Und der gute Ruf zieht Kreise: Aus der gesamten Region Schwarzwald-Baar-Heuberg, aber auch aus Freiburg, Konstanz oder gar der Schweiz fahren die Kunden nach Villingen, um sich in den schmucken Räumen ihres Studios tätowieren zu lassen. „Manche kommen sogar ein Mal im Monat“, erzählt sie. Und wie sieht es bei ihr selbst aus? Abgesehen von einem Drittel der linken Beinrückseite, der rechten Oberschenkelrückseite sowie dem Rücken und dem Bauch ist sie tätowiert. Ihr Ziel ist dabei, irgendwann komplett tätowiert zu sein – „Ich finde das sehr schön“. Auch wenn sie, wie viele ihrer Kunden („Männer wollen das nur mir gegenüber nicht so zeigen“), wehleidig sei beim Stechen. „Ich bin ein richtiger Jammerlappen“, sagt sie grinsend. Aber genau deshalb weiß sie auch, welche Atmosphäre die richtige für ein Tattoostudio ist. Denn, wenn ihre Kunden das Gefühl haben, zu Oma ins Wohnzimmer zu stiefeln, ist die Nervosität augenblicklich verflogen. Und genau das hat Melanie Reischl gemeinsam mit ihren Kollegen hier bei Tintenfass geschafft. Rechts: Tätowierungen der Tintenfass-Crew von Melanie Reischl (Mitte). Melanie Reischl 199

 

 

 

200 200 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Bianca Purath Alles hat seine Zeit Die ehemalige Junioren-Weltmeisterin im Radzeitfahren lebt heute in Hubertshofen und arbeitet bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr von Silvia Binninger 201

 

 

 

Das Ehepaar Bianca und Jens Purath mit Sohn Dario vor ihrem Zuhause in Hubertshofen. waren, durften die beiden ihren Traum verwirklichen: Der Wunsch war, ein Haus zu bauen, das sich natürlich in die Umgebung einpasst. Das Weißtannenholz für die Konstruktion stammt aus dem Urachtal und wurde in einer günstigen Mondphase geschlagen. Zwei Jahre musste es lagern, bis es endlich verbaut werden durfte. Bianca Purath: „Es war uns sehr wichtig, auf heimische Materialien und regionale Handwerker zu setzen.“ Aber nur mit viel Eigenleistung, Herzblut und Hilfe der Familie konnte dieses Heim entstehen. Der Blick durch die bodentiefen Fenstern schweift über die Obstbäume hinweg zum fernen Fürstenberg. Die Augen der Puraths leuchten, als sie begeistert anmerken: „Bei günstigem Wetter kann man von hier aus bis zu den Alpen sehen!“ Die Alpen! Ein weiteres Stichwort – aber dazu später. Mit neun Jahren „Stadtmeisterin“ Bianca Purath, mit Mädchennamen Bianca Knöpfle, wuchs in Hubertshofen, einem kleinen Stadtteil von Donaueschingen, auf. Schon früh entdeckten ihre Eltern ihr Talent lange Radtouren durchzuhalten. Nach ein paar Trainingseinheiten nahm sie dann 1994 beim Bergzeitfahren des Skiclub 1900 Donaueschingen teil. Das Rennen startete in Wolterdingen, führte nach Hubertshofen und Mistelbrunn und dann über die Passhöhe nach Bubenbach. Bei diesem Rennen musste bei einer Streckenlänge von 9,5 Kilometern fast 300 Höhenmeter bewältigt werden. Zur Verwunderung aller wurde sie mit gerade einmal neun Jahren Donaueschinger Stadtmeisterin. Der Grundstein für ihre Profikarriere war gelegt. Ihre Schulzeit verbrachte sie zuerst in Donaueschingen am Fürstenberg-Gymnasium – dann wechselte sie auf das Sportinternat des Olympiastützpunkts nach Freiburg. Ihr Abitur absolvierte sie auf dem Staudinger Gymnasium im Jahr 2004. Es ist ein sonniger Spätsommertag, eine geschwungene Natursteintreppe führt zu Familie Puraths Holzhaus in Hubertshofen hinauf. Jens Purath und der kleine Dario öffnen die Tür: Die wohlige Atmosphäre, die das Haus auch im Inneren ausstrahlt, begeistert. Bianca Purath kommt und erzählt strahlend, wie das Ehepaar das gewaltige Projekt „Hausbau“ gemeistert hat. Das Grundstück gehörte Biancas Großeltern. Wo einst ein Stall, eine Scheune und ein Garten 202 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Ein unglaublicher Moment: Bianca Knöpfle gewinnt am 7. Oktober 2003 beim WM-Einzelzeitfahren der Juniorinnen im kanadischen Toronto die Goldmedaille. Der größte Erfolg – Goldmedaille beim WM-Einzelzeitfahren Ziemlich genau ein halbes Jahr zuvor erreichte Bianca Knöpfle den größten Erfolg ihrer Karriere: Am 7. Oktober 2003 startete sie im kanadischen Hamilton – rund 70 Kilometer südwestlich von Toronto am Westende des Ontariosees gelegen – beim WM-Einzelzeitfahren der Juniorinnen. Die Strecke von 15,4 Kilometer absolvierte Bianca Knöpfle in nur 22,1708 Minuten und holte sich die Goldmedaille. „Ein unglaublicher Moment war das, daran werde ich immer denken“, schwärmt sie noch heute. Damit war ihr sportlicher Aufstieg vorgezeichnet. Dank der Berufung in die Deutsche Nationalmannschaft kam sie gleich nach dem Abitur zur Sportfördergruppe der Bundeswehr, um dort die Grundausbildung zu durchlaufen. Weitere Lehrgänge und Qualifikationen folgten, wie die Ausbildung zum Unteroffizier oder der Trainerschein und der Lehrgang zum Feldwebel. Zehn Jahre blieb sie der deutschen Nationalmannschaft treu – mit vielen Erfolgen und Rückschlägen. Einer dieser Rückschläge ereilte sie bald nach ihrem WM-Titel: Im Frühjahr 2004 erkrankte die Bikerin am Pfeifferschen DrüsenDank der Berufung in die Deutsche Nationalmannschaft kam sie gleich nach dem Abitur zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Bianca Purath war Mitglied in der Nationalmannschaft von 2001 2011 und parallel dazu in folgenden Straßenradteams aktiv: • • • • • 2005-2007: Team Rothaus-Vita-Classica (Bundesligateam) 2008: Team Flexpoint (Niederländisches Profiteam) 2009-2010: Equipe Nürnberger (Deutsches Profiteam) 2011: Kuota Speed Queens (Österreichisches Profiteam) Von 2005-2012 parallel dazu immer wieder einige MTB-Rennen für das deutsche Rothaus Mountainbike Team Bianca Purath 203

 

 

 

kennen, der ebenfalls ein ambitionierter Sportler, Radfahrer und Bergsteiger ist. Ein gemeinsamer Freund hatte ihm erzählt: „Es gibt eine Frau, die schneller Rad fährt als du!“ Das Interesse war geweckt und er wollte diese Frau unbedingt kennenlernen. Sie verabredeten sich dennoch nicht zum Biken, sondern zum Wandern – die 2.700 m hohe Rote Wand im Lechquellgebiet war das Ziel. Wer diesen Berg kennt, der weiß, dass diese ausgesetzte Route im oberen Teil des Gipfels nicht die Leichteste ist. Bianca Knöpfle entdeckte das Bergsteigen als weitere Passion. Beide teilen die Liebe zur Bewegung in der Natur, vor allem in den Bergen. Weitere Touren folgten. „Nur durfte ich nicht klettern, wenn ich gerade im Wettkampftraining war, es werden hierbei ganz andere Muskelgruppen beansprucht“, lacht sie. Die Hochzeit der beiden ganz in Weiß folgte am 14. März 2009 in der Martinskapelle in Das Bergsteigen entdeckte Bianca Purath dank der Leidenschaft ihres Ehemanns Jens Purath. fieber. Zwei Wettkampfjahre lang hatte sie damit zu kämpfen, die Fortsetzung ihrer Karriere schien gefährdet. Doch im Jahr 2008 ging es wieder bergauf und Bianca Knöpfle wurde Vierte bei der Marathon-Mountainbike-EM. 2009 gewann sie die Bundesliga Gesamtwertung. „2009 war ein super Jahr, ich war total fit – doch dann: Bei den „Liberty-Classics“ 2010, dem größten Frauen-Radrennen der USA in Philadelphia, stürzte sie schwer – ein vierfacher Beckenbruch war die Folge. Sie wurde nach Koblenz geflogen, um im Bundeswehrkrankenhaus zu genesen. „Es gibt eine Frau, die schneller Rad fährt als du!“ Zwischen all den Wettkämpfen lernte Bianca Knöpfle im Jahr 2006 ihren Mann Jens Purath Furtwangen – es lag noch Schnee. Bianca und Jens Purath sind glücklich, dass sie an einem so besonderen Ort heiraten durften. Sportkarriere im Jahr 2011 beendet Im Jahr 2011, nach fast 200 Hotelübernachtungen pro Jahr und dem hieraus resultierenden Wunsch, mehr zu Hause zu sein, beendet die ehemalige Junioren-Weltmeisterin ihre sportliche Karriere. Seit 2012 ist Bianca Purath stellvertretende Leiterin der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Todtnau-Fahl. Mit einer Zusatzausbildung zum Personalfeldwebel konnte sie sich für diese Stelle qualifizieren. 54 Sportsoldaten mit Zugehörigkeit zu einem Bundeskader und einer Empfehlung vom Verband sind dieser Gruppe zugehörig. Insgesamt fördert die Bundeswehr an 15 Standorten 204 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Im Jahr 2011, nach jährlich fast 200 Hotelübernachtungen und dem hieraus resultierenden Wunsch, mehr zu Hause zu sein, beendet die ehemalige JuniorenWeltmeisterin ihre sportliche Karriere. 840 Spitzensportler. Bianca Purath sieht sich als Bindeglied zwischen den Sportlern, den Leistungszentren und den Olympiastützpunkten. Sie kümmert sich um die Betreuung, Förderung und Weiterbildung der Bundeswehr-Sportler, überwacht deren sportliches Leistungstraining und bemüht sich um die Sicherstellung der Teilnahme an nationalen und internationalen Wettkämpfen. Die Planung und Vorbereitung der „International Military Sports Council-Wettkämpfe“ gehört ebenfalls zu ihrem Aufgabenspektrum. Die Sportler kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und aus dem ganzen Bundesgebiet. Bundesweit gehören zuletzt ca. 50 % der Medaillengewinner bei Olympischen Spielen diesen Sportfördergruppen an. Noch immer mit dem Rad unterwegs Am 28. November 2018 bringt Bianca Purath einen kleinen Jungen zur Welt – Dario. Den Vornamen erhält er von dem bekannten Schweizer Skilangläufer Dario Cologna. Auch mit Kind ist das Paar immer noch mit dem Rad unterwegs. Dario darf aber gemütlich im Anhänger sitzen. Mit ihm waren sie schon dreimal auf dem 1909 m hohen Mont Ventoux. Ein Berg in Frankreich, der unter Radfahrern sehr populär ist. Er trägt den Beinamen „Gigant der Provence“. Begeistert erzählen die jungen Eltern von ihren letzten Urlauben mit ihrem Wohnmobil. „In diesem Jahr bot es sich besonders an, damit die Zeit in einsamer Natur zu genießen“, so Bianca Purath. Nach einem Jahr Elternzeit arbeitet Bianca Purath seit Dezember 2019 wieder Vollzeit Die täglichen Bike-Trainingseinheiten mit Sohn Dario im Anhänger und das Fitness-Studio sorgen dafür, dass Bianca Purath auch nach dem offiziellen Ende ihrer Karriere fit bleibt. bei der Bundeswehr in Todtnau-Fahl, davon zweimal die Woche im Homeoffice. „Es ist eine Heraus forderung, aber die Großeltern unterstützen uns bei der Betreuung von Dario, da Jens auch Vollzeit arbeitet“, erzählt sie. Ihre sportliche Fitness erhält sich die mehrfache MTB-Nachwuchsmeistern weiterhin durch Bewegung in der Natur. Mit ihrem Bike und Dario im Fahrradanhänger ist sie regelmäßig unterwegs. „Da staunt so mancher E-Biker, wenn ich mit dem Anhänger an ihm vorbeifahre“, lacht die ehemalige Profi-Sportlerin. Bianca Purath genießt das Leben mit ihrer kleinen Familie im schönen Heim. „Alles hat im Leben seine Zeit“, blickt sie zurück – „die Zeit der Wettkämpfe war schön, aber jetzt bin ich glücklich, ein ruhigeres Leben führen zu können.“ Bianca Purath 205

 

 

 

„Sicher. Sauber. ALPRO.“ Die ALPRO MEDICAL GMBH ist ein weltweit führender Spezialist bei der Reinigung, Desinfektion und Pflege zahnärztlicher Absauganlagen – 90 Mitarbeiter stellen in Peterzell über 100 Produkte für den Bereich der Infektionskontrolle her von Eric Zerm „Sicher. Sauber. ALPRO“. Mit diesem Slogan wirbt die vor mehr als 30 Jahren gegründete ALPRO MEDICAL GMBH für ihre innovativen Produkte im Bereich der Infektionskontrolle. Das Unternehmen mit Sitz in Peterzell zählt zu den weltweit führenden Spezialisten bei der Reinigung, Desinfektion und Pflege zahnärztlicher Absauganlagen. Alles begann mit fünf Mitarbeitern und zwei Produkten, erinnert sich der Geschäftsführende Gesellschafter und Vertriebsleiter Alfred Hogeback an die Start-Up-Zeiten in einer Schwenninger Garage, in der er das Unternehmen 1989 gemeinsam mit den Brüdern Johst und Hendrik Helmes begründete. Mit ihren Ideen für den zahnärztlichen Bereich revolutionierten die Gründer den Hygiene-Markt dieser Sparte. Heute ist die ALPRO MEDICAL 206 6. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

mit ihren Produkten überall dort zu Hause, wo es klinisch rein sein muss – primär in zahnmedizinischen und allgemeinmedizinischen Bereichen oder in Kliniken. „Wir bieten ein sehr breites Portfolio, das von der Handpflege bis zur komplexen Biofilmentfernung bei wasserführenden ärztlichen Geräten reicht“, so Alfred Hogeback und Markus Klumpp, der zweite Geschäftsführer des Unternehmens. Und das mit außergewöhnlichem Erfolg: ALPRO MEDICAL beschäftigt 90 Mitarbeiter, die über 100 Produkte herstellen und jährlich mehr als 14 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften. 207

 

 

 

Dass Alfred Hogeback zu einem Pionier der 2-Phasen-Reinigungs-Technologie aufstieg, ist seiner beruflichen Tätigkeit im Dentalbereich und seiner Ausbildung in der Lebensmittelindustrie zu verdanken. Ein Zahnarzt beklagte Ende der 1980er-Jahre bei einem Praxisbesuch, die Absauganlage sei ständig verschmutzt und das Reinigungsmittel, das er einsetze, helfe nicht wirklich. Alfred Hogeback erinnerte sich an seine Erfahrungen in der Lebensmittelindustrie, dort hatte er das Thema pH-Verschiebung in Aufbereitungsprozessen kennengelernt. Der Firmengründer: „Ich dachte spontan an ein Reinigungsmittel, das mit einer alkalischen und einer sauren Phase arbeitet, an eine pH-Verschiebung. So etwas hält kein Keim der Welt aus.“ Und er behielt Recht: Damit war die Idee zur ALPROJet-Produktlinie geboren, zum ersten 2-Phasen-System für die Reinigung zahnärztlicher Absauganlagen auf dem Markt überhaupt. Die ersten Reinigungsund Desinfektionsmittel werden in einer Garage gemischt Sich mit dieser Neuheit selbstständig zu machen, davon überzeugte ihn Johst Helmes, der als Prokurist bei Alfred Hogebacks damaligem Arbeitgeber tätig war. Dritter im Bunde wurde Hendrik Helmes, der Bruder von Johst Helmes, der zu dem Zeitpunkt als Diplom-Handelslehrer eine Privatschule betrieb. Einer der Lehrer und Chemiker in der Privatschule war Werner Rösner, der bis heute Prokurist und Entwicklungsleiter bei ALPRO ist. Er setzte die Idee für AlproJet in anwendergerechte Konzentrate um. „Er mischte unsere ersten Reinigungsund Desinfektionsmittel in einer Garage in Schwenningen“, blickt der Geschäftsführende Gesellschafter auf die Pioniertage des Unternehmens zurück. Das Ergebnis: Die Jungunternehmer kamen mit einem Produkt auf den Markt, das es in dieser Form nirgendwo sonst gab und heute wie selbstverständlich weltweit eingesetzt wird. Es reinigt nicht nur ausgezeichnet, sondern ist zugleich umweltfreundlich“, freut sich Alfred Hogeback. Die drei Pioniere gründen „Astro Dental“: „Astro stand für astronomisch gut“, verrät Alfred Hogeback schmunzelnd. „Wir wollten einen Namen wählen, der nicht angreifbar ist.“ Wie sich bald herausstellte, war er das aber doch: Der Konzern „Astra Chemicals“ erhob Einspruch gegen diese Bezeichnung des Unternehmens aus dem Schwarzwald. So wurde aus „Astro Dental“ durch den Austausch von nur zwei Buchstaben „ALPRO Dental“. Und so entstand mit „ALPRO“ die Kurzform für „Alternative Produkte“. In einer Schwenninger Garage wurden die ersten Reinigungsund Desinfektionsmittel gemischt – vom ersten offiziellen Firmensitz in Villingen aus (links) wechselte ALRPO MEDICAL im Jahr 1995 nach Peterzell (rechts). 208 Wirtschaft

 

 

 

Firmengründer und Geschäftsführer Alfred Hogeback leitet das in Peterzell angesiedelte Unternehmen ALPRO MEDICAL zusammen mit Geschäftsführer Markus Klumpp. Das Unternehmen begründet in den 1990er-Jahren seine heute weltweite Spitzenstellung bei der Beseitigung des Biofilms in zahnärztlichen Be hand lungseinheiten und der Entkeimung des Behandlungswassers. Dank des innovativen Reinigungsund Desinfektionsmittels florieren die Geschäfte. Im Inland liefert Alfred Hogeback die ALPROProdukte zu Beginn noch persönlich aus, um das Marketing und den Export kümmert sich Johst Helmes mit Standort Cuxhaven. Die ersten Abnehmer außerhalb Deutschlands finden sich in den europäischen Nachbarländern. Um auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen, schließen die Firmengründer Verträge mit Unternehmen vor Ort ab, die es ihnen gestatten, ALPRO-Produkte in Lizenz zu fertigen. Alfred Hogeback nennt beispielhaft Hersteller in Austra lien, Saudi Arabien oder dem Iran. Vertretungen unterhält das Unternehmen heute in mehr als 40 Ländern. Das Portfolio wächst kontinuierlich „Durch den beständigen Austausch mit den Herstellern entwickelten wir uns kontinuierlich weiter“, so der Geschäftsführende Gesellschafter. Das Unternehmen begründet in den 1990er-Jahren seine heute weltweite Spitzen stellung bei der Beseitigung des Biofilms in zahnärztlichen Behandlungseinheiten und der Entkeimung des Behandlungswassers. Das Portfolio wächst stetig bei höchsten Ansprüchen an das Produkt: ALPRO forscht, entwickelt, produziert Hygiene-, Reinigungsund Desinfektionsmittel – sowie adaptierbare Geräte für die Zahnmedizin, Allgemeinmedizin und Labore. Hinzu kommen Spezialprodukte für die Betriebsund Abwasserbehandlung zahnärztlicher Behandlungseinheiten. Aldehydfreie Produkte sind eine Selbstverständlichkeit. „Im Bereich Zahnmedizin haben wir in Deutschland den zweitgrößten Markt der ALPRO MEDICAL GMBH 209

 

 

 

Beim Prüfen der ALPRO-Produkte im eigenen Labor. Mitte: Für Reinigung und Desinfektion im medizinischen Bereich bietet ALRPO mittlerweile über 100 Produkte. Rechts: Abfüllen von Desinfektionsmitteln, wie sie aufgrund von Corona im Jahr 2020 in großen Mengen abgerufen werden. Im Bereich Zahnmedizin haben wir in Deutschland den zweitgrößten Markt der Welt vor uns. Zugleich ist dieser Markt sehr anspruchsvoll. Welt vor uns. Zugleich ist dieser Markt sehr anspruchsvoll“, unterstreicht Alfred Hogeback. „Nirgendwo sind so viele unterschiedliche Hygiene-Produkte im Einsatz“, ergänzt Markus Klumpp, der seit 1. August 2019 an der Seite der Firmengründer die Geschäfte bei ALPRO leitet. Markus Klumpp arbeitete nach dem Studium der Technischen Betriebswirtschaftslehre an der TU Stuttgart 10 Jahre als Unternehmensberater bei Arthur Andersen und später bei Deloitte Consulting. Hier war er in den Bereichen Finanzen, Controlling und Data Warehousing tätig, wechselte danach in die Ton-/Medienbranche und verantwortete bei Nuclear Blast die Bereiche Controlling, Mailorder und IT weltweit. Danach wechselte Markus Klumpp als CFO zur Hommel & Keller Firmengruppe. Er trat bei ALPRO MEDICAL die Nachfolge von Hendrik Helmes an, der sich nach 30 Jahren beispielhafter Aufbautätigkeit in den wohlverdienten Ruhestand begab und zu den Gründern des Unternehmens zählt. Die beiden Geschäftsführer verweisen darauf, dass die Entwicklung von Produkten für die Zahnmedizin eine große Herausforderung darstelle, da die Reinigungsund Desinfektionsmittel äußerst effektiv und weitaus materialverträglicher sein müssen als in der Allgemeinmedizin. Würde man in der Zahnmedizin dieselben Mittel benutzen, mit denen in Krankenhäusern Operationsbestecke aus Edelmetall oder Titan desinfiziert und aufbereitet werden, würden die Instrumente, die in der Zahnmedizin verwendet werden, zum Teil zerstört. 210 Wirtschaft

 

 

 

Umzug von Villingen-Schwenningen nach St. Georgen-Peterzell In kürzester Zeit entwickelte sich das Unternehmen von der „Garagengründung“ zu einem mittelständischen Arbeitgeber regionaler Bedeutung, der auf eine dringende räumliche Expansion angewiesen war. Im Jahr 1995 gab ALPRO MEDICAL den Standort in VillingenSchwenningen auf und bezog einen Neubau in Peterzell an der Mooswiesenstraße. Bereits im Jahr 2000 wurde das Betriebsgebäude um weitere Produktionsund Lagerhallen erweitert. Hintergrund war die kontinuierlich steigende Nachfrage nach ALPRO-Produkten aus der ärztlichen Praxis im Inund Ausland. Ende 2006 löste ALPRO das Exportund Marketingbüro in Cuxhaven auf, konzentrierte den kompletten Geschäftsbetrieb von nun an in Peterzell. Damals fiel auch die Entscheidung, das Unternehmen von ALPRO Dental in ALPRO MEDICAL GMBH umzubenennen, um der Erweiterung der Geschäftsfelder über den mit großem Erfolg aufgebauten Dentalbereich hinaus entsprechend Rechnung zu tragen. Seit 2007 wurden auch Export, Marketing und Vertrieb im Schwarzwald abgewickelt. Den Platz dafür schuf man mit dem Bau eines Vertriebszentrums. Der Neubau gliedert sich in vier Pavillons, darunter ein Showroom für Präsentationen. Bei diesem Neubau legte man bei ALPRO MEDICAL besonderen Wert auf eine ökologisch sinnvolle Bauweise. Die Fenster bekamen eine Dreifachverglasung, die Gebäude eine komplette Wärmedämmung, die Fußbodenheizung wird durch Erdwärme gespeist und auf dem Flachdach erzeugen Solarzellen den Strom für die Erdwärmepumpe. Corona bringt besondere Herausforderungen Wie für viele Unternehmen entwickelte sich auch für ALPRO MEDICAL das Jahr 2020 durch das Coronavirus zu einem Jahr der besonderen Herausforderungen. Durch den explodierenden Bedarf an Desinfektionsmitteln standen schlagartig Produkte im Fokus, mit denen ALPRO das Portfolio bislang abgerundet hatte. „Mittel zur Desinfektion der Hände hatten wir schon immer ALPRO MEDICAL GMBH 211

 

 

 

im Portfolio – und plötzlich katapultierte sie die Pandemie in die Liga der Kernprodukte“, so die Geschäftsführer Alfred Hogeback und Markus Klumpp. Auch die Nachfrage nach Mitteln zur Flächendesinfektion schnellte in die Höhe. Um den Bedarf decken zu können, rekrutierte man im Frühjahr 2020 etliche Aushilfskräfte und stellte fünf neue Mitarbeiter ein. Außerdem wurden Abfüllanlagen so umgebaut, dass sie auch für das Abfüllen von Handdesinfektionsmitteln geeignet waren. Darunter litt allerdings die Herstellung anderer Produkte. Geschäftsführer Markus Klumpp: „Das Ganze tat zwar dem Umsatz gut, aber durch die exorbitant gestiegenen Rohstoffpreise wurde die Gewinnmarge geringer.“ Bohrerund Instrumentendesinfektion ein weiterer Schwerpunkt ALPRO MEDICAL beschäftigt aktuell 90 Mitarbeiter, unter ihnen zwölf Angestellte im Außendienst allein in Deutschland. Das in der Forschung und Entwicklung von hochwertigen Einblick in die Produktion. Das Mischen und Abfüllen der Reinigungsund Desinfektionsmittel nimmt breiten Raum ein. Auch die Nachfrage nach Mitteln zur Flächendesinfektion schnellte in die Höhe. Um den Bedarf decken zu können, rekrutierte man im Frühjahr 2020 etliche Aushilfskräfte und stellte fünf neue Mitarbeiter ein. und umweltfreundlichen Produkten im Bereich der Infektionskontrolle weltweit führende Unternehmen verfügt über ein Portfolio mit Dutzenden von innovativen Lösungen. Ein Schwerpunkt ist ebenso die Instrumentenund Bohrerdesinfektion. ALPRO entwickelte ein System zur Außenund Innenreinigung sowie Desinfektion von Handund Winkelstücken inklusive der Kühlwasserwege und der mechanischen Getriebeteile, das mit großem Erfolg am Markt platziert werden konnte. Das ALPRO-Sortiment umfasst ingesamt die Bereiche Händereinigung, -desinfektion und -pflege, Oberflächenreinigung und -desinfektion, manuelle Instrumentenreinigung und -desinfektion sowie Produkte zur maschinellen Aufbereitung der Instrumente, Absauganlagenreinigung, Desinfektion, Abdruckdesinfektion, aber auch Produkte zur Betriebswasserentkeimung. 212 Wirtschaft

 

 

 

Beispiele für die Anwendung der ALPRO-Produkte. Oben: Produkt zur Betriebswasserent keimung. Unten: Maschinelle Aufbereitung von medizinischen Instrumenten. Betriebswasser im Fokus – Räumliche Erweiterungen geplant Die Aussichten für die weitere Entwicklung sind glänzend: Alfred Hogeback und Markus Klumpp streben einen Umsatz von 16 Millionen Euro an. Großes Potenzial sehen die Geschäftsführer von ALPRO MEDICAL für den Bereich der Betriebswasseraufbereitung medizinischer Geräte. „Nur zwei Prozent des Wassers auf der Erde sind Trinkwasser und das meiste davon befindet sich im Eis der Polkappen.“ Trinkwasser ist somit knapp und muss weltweit immer aufwändiger aufbereitet werden. Schon jetzt tragen die vom Peterzeller Unternehmen speziell entwickelten Produkte zur Wasserentkeimung in medizinischen Geräten weltweit dazu bei, dass (z.B. bei Zahnbehandlungen) dem Arzt immer einwandfreies Behandlungswasser bei der Arbeit am Patienten zur Verfügung steht. Durch ein 7.000 Quadratmeter großes Nachbargrundstück steht an der Mooswiesenstraße in Peterzell einer erneuten räumlichen Erweiterung nichts im Wege. In zwei bis drei Jahren soll gebaut werden. Aktuell steht die Baufreigabe zur Erweiterung des Verwaltungsgebäudes an. Hier wird Platz für ca. 30 weitere Mitarbeiter geschaffen. Sicher. Sauber. ALPRO – der in Peterzell angesiedelte Spezialist für Reinigungsund Desinfektionslösungen bleibt dank seiner Innovationsfreude und hohen Produktqualität auf weltweitem Expansionskurs. ALPRO MEDICAL GMBH 213

 

 

 

Mit einem Rübenernter fing alles an Der Maschinenring Schwarzwald-Baar hat sich in den vergangenen 50 Jahren zu einem Erfolgs modell entwickelt – Gründerväter mussten viel Überzeugungsarbeit leisten von Roland Sprich 214 214 Wirtschaft

 

 

 

Das Team des Maschinenrings Schwarzwald-Baar im Jubiläumsjahr. 215

 

 

 

In der modernen Landwirtschaft erleichtern heute eine Vielzahl hoch technischer Maschinen die schwere und anspruchsvolle Arbeit der Bauern im Stall und auf den Feldern. Doch viele Maschinen werden lediglich saisonal benötigt und sind somit nur wenige Tage im Jahr wirklich im Einsatz, so dass die Investition in einen kompletten Maschinenpark nicht für jeden Landwirt rentabel ist. Hier greift die Ursprungsidee des Maschinenrings Schwarzwald-Baar. diese über die Geschäftsstelle oder über ein Onlineportal direkt buchen. Der Maschinenring fungiert dabei als eine Art Makler, der darauf achtet, dass die Spielregeln zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer eingehalten werden. Ein Blick in die Chronik: An einem Freitag, den 13., nämlich am 13. Februar 1970, wurde der Maschinenring in Mönchweiler gegründet. Damals hieß er noch „Maschinenring Villingen & Umgebung.“ Als „Vater“ des Maschinenrings Villingen gilt Oberlandwirtschaftsrat Hans Rösch, damals stellvertretender Leiter des Landwirtschaftsamtes. Die Von der Ackerwalze bis zum Mähdrescher Vor genau 50 Jahren wurde der Zusammenschluss von Landwirten mit dem Gedanken gegründet, sich gegenseitig landwirtschaftliche Maschinen und Arbeitskapazitäten zur Verfügung zu stellen. Seither hat sich der Maschinenring zu einem modernen und breit aufgestellten Dienstleistungsunternehmen mit zahlreichen Geschäftszweigen rund um die Agrarwirtschaft entwickelt. Von der Ackerwalze übers Güllefass bis zum Leihtraktor und vom Pflug über Mulcher bis zum Mähdrescher. Insgesamt umfasst der Mietpark des Maschinenrings Dutzende von Fahrzeugen, Maschinen und Geräten. Im Internet oder per SmartphoneApp können die Mitglieder freie Kapazitäten der benötigten Maschinen einfach einsehen und Idee stieß – wie bei vielem, was neu ist – zunächst nicht auf offene Ohren. Rösch musste gemeinsam mit einigen wenigen Mitstreitern die Bauern von der Idee einer Selbsthilfeorganisation für die Landwirte in der Region erst überzeugen und anfangs „dicke Bretter bohren, um den Landwirten die Vorteile aufzuzeigen“, wie Rainer Hall sagt, Geschäftsführer im Jubiläumsjahr. Er muss es wissen, schließlich war sein Vater Klaus Hall, einer der ersten Mitglieder und von Anfang an Befürworter dieser Initiative. Doch dann erkannten die Landwirte die Vorteile und der Maschinenring wuchs schnell. Bereits im Gründungsjahr hatte der neue Verein 60 Mitglieder. Das erste überbetriebliche Engagement war der Einsatz eines Rübenvoll ernters, der bei zahlreichen Betrieben im Kreis eingesetzt wurde. Hans Rösch (links) gilt als Vater des Maschinenrings Schwarzwald-Baar. Rechts daneben der langjährige Geschäftsführer Klaus Hall. Foto rechts: Maisernte in den Anfangsjahren des Maschinenrings. 216 Wirtschaft

 

 

 

Die heutige Geschäftsstelle im Gewerbegebiet in Donaueschingen. Die erste Geschäftsstelle befand sich im Wohnzimmer von Geschäftsführer Klaus Hall. Einzugsgebiet von Schonach bis an die Schweizer Grenze Mit der Kreisreform 1972 wurde das Gebiet des Maschinenrings auf den gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis ausgedehnt. 1986 wurde das Gebiet um den Bereich Titisee-Neustadt/Hochschwarzwald erweitert. Heute reicht das Einzugsgebiet von Schonach bis an die Schweizer Grenze und von Blumberg bis an den Feldberg. Rainer Hall ist seit 2006 Geschäftsführer der Maschinenring GmbH und seit 2009 auch Geschäftsführer des Maschinenrings e.V. Er ist quasi mit dem Maschinenring aufgewachsen. Sein Vater Klaus Hall wurde von Hans Rösch 1974 zum Geschäftsführer bestellt. Formuliertes Ziel war die Bildung einer Geschäftsstelle, um die Organisation und Koordination innerhalb des Maschinenrings zu optimieren. Die erste Geschäftsstelle war im Hall’schen Wohnzimmer in Donaueschingen-Aasen. Seit 1999 sind alle Maschinenringdienstleistungen in der GeDas Geschäftsgebiet des Maschinenrings Schwarzwald-Baar. Maschinenring Schwarzwald-Baar schäftsstelle in der Raiffeisenstraße im Donaueschinger Gewerbegebiet vereint. Wenngleich Rainer Hall sowohl der GmbH als auch dem Verein vorsteht, so betont er, dass der Maschinenring keineswegs eine Ein-Mann217

 

 

 

Der Maschinenring ist auch Produzent von Rapsöl, das als BaarGold vertrieben wird. Show ist. „Ohne das großartige Team an hauptund ehrenamtlichen Mitstreitern könnten wir unsere vielfältigen Aufgaben nicht leisten“, so Hall. Er nennt insbesondere Klaus Grieshaber, der seit 2006 Vorsitzender des Vereins ist. Ohne das großartige Team an hauptund ehrenamtlichen Mitstreitern könnten wir unsere vielfältigen Aufgaben nicht leisten. Entwicklung zum vielschichtigen Dienstleistungsunternehmen In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Maschinenring zu einem vielschichtigen Dienstleistungsunternehmen entwickelt. Er betreibt in VS-Villingen und in Hüfingen zwei kreiseigene Kompostanlagen zur Herstellung und Vermarktung von zertifiziertem Schwarzwald-Baar-Kompost, betreut mit wenigen Ausnahmen die Wertstoffhöfe im Landkreis und produziert mit BaarGold eigenes Rapsöl. Darüber hinaus unterstützen die Mitarbeiter die Landwirte bei der Bewältigung des bürokratischen „Wuschtes“, der im Agrarbereich immer mehr wird. „Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal so viel Büroarbeit für die Landwirte machen“, sagt Rainer Hall. Und zählt auf, mit welchen bürokratischen Hürden die Landwirte zu kämpfen haben, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich der Produktion von Nahrungsmitteln, in Anspruch nehmen. „Düngeverordnung, Nährstoffvergleich, Stoffstrombilanz oder der unter der Bezeichnung FIONA zusammengefasste gemeinsame Flächeninformationsund Online-Antrag, um nur einige Stichpunkte zu nennen.“ Was Hall bedauert ist der Umstand, dass das Thema Überdüngung pauschal behandelt und nicht nach Regionen unterschieden wird. „Wir haben im Schwarzwald-Baar-Kreis keine Probleme mit Nitrat im Grundwasser.“ Man müsse im Gegenteil sogar aufpassen, dass bei einem weiteren Rückgang der Viehbetriebe sich keine Gülleunterversorgung einstellt. „Und ohne organischen Dünger funktioniert nun mal 218 Wirtschaft

 

 

 

Eines der vom Maschinenring beschafften Fahrzeuge, ein Güllefass mit Schleppschuh, zur bodennahen Gülleausbringung. keine Landwirtschaft.“ Deshalb vermittelt der Maschinenring auch Gülle zwischen Betrieben in der Region. Übernahme des MüllbehälterÄnderungsdienstes Eine weitere Säule des Geschäftsbetriebs kam 2019 mit der Übernahme des Müllbehälter-Änderungsdienstes im Schwarzwald-Baar-Kreis hinzu. Diese unterschiedlichen und voneinander unabhängigen Geschäftsbereiche, zu denen sich beispielsweise noch Winterdienst, Lkw-Transporte und Tankstellenbetrieb gesellen, sichern die Finanzierung des Maschinenrings, zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen, die mit 80 Euro pro Mitglied und Jahr recht fair ausfallen, Wer einmal eine der Dienstleistungen in Anspruch nimmt, für den hat sich der Jahresbeitrag bereits gelohnt. wie Hall sagt. „Wer einmal eine der Dienstleistungen in Anspruch nimmt, für den hat sich der Jahresbeitrag bereits gelohnt“, so Hall. Eine der stabilen und wichtigen Säulen, die der Maschinenring bereits 1974 ins Leben rief, ist der Betriebshilfsdienst. Hier sorgen erfahrene Helfer dafür, dass der Arbeitsalltag auf dem Hof weiterläuft, wenn der Landwirt als Hauptarbeitskraft aufgrund von Krankheit oder durch einen Unfall ausfällt. Kernaufgabe ist aber nach wie vor die überbetriebliche Vermittlung von Maschinen und Arbeitskapazitäten für die Landwirte. 2019 wurden knapp 1.100 solcher Buchungen getätigt. Ein Fünftel davon über das Onlineportal, der Rest über die Geschäftsstelle. Hall schätzt, „dass 95 Prozent aller Landwirte im Einzugsgebiet, die auch aktiv Landwirtschaft betreiben, Mitglied im Maschinenring sind und die Dienste mehr oder weniger intensiv in Anspruch nehmen.“ Ausrichter des Agrartags Seit 2017 richtet der Maschinenring gemeinsam mit dem örtlichen BLHV in den Donauhallen in Maschinenring Schwarzwald-Baar 219

 

 

 

nur 20 oder 30 Hektar, die durchaus gewünscht und für eine unterschiedliche Agrarbewirtschaftung notwendig sind, Zugriff auf neue Techniken durch Miete spezieller Maschinen oder der kompletten Dienstleistung haben, können diese auch weiterhin und ohne große Investitionen bestehen. Hall weiß, wovon er spricht, er betreibt selbst einen Betrieb mit 35 Hektar Grünland. Eigene Maschinen im Angebot Zwar vermittelt der Maschinenring in erster Linie Maschinen und Geräte zwischen Landwirten, doch mittlerweile hält der Verein auch eigene Maschinen vor. „Wir kaufen dann selber Geräte, wenn wir sehen, dass zwar ein gewisser Mietbedarf da ist, aber keiner der Landwirte diese Maschinen, beziehungsweise nicht in ausreichender Menge oder Größe anbieten kann.“ Dies ist aktuell im Bereich der bodennahen Gülleausbringung der Fall. „Ein Klassiker ist auch der Miststreuer. Den braucht ein Landwirt lediglich zwei bis drei Mal im Jahr, weshalb sich eine Anschaffung für die meisten Landwirte nicht lohnt.“ Nicht alles, was der Maschinenring in den vergangenen 50 Jahren anpackte, war von Erfolg gekrönt. Rainer Hall erinnert sich insbesondere an einen Flop. „Vor rund 30 Jahren haben einige Landwirte im Rahmen des Maschinenrings die ‚Agrarfrisch‘ gegründet, mit dem Ziel, regionale Produkte zu vertreiben.“ Dazu mieteten die Landwirte ein altes Schlachthaus in Oberbaldingen und fuhren Bestellungen mit einem kleinen Kühltransporter aus. Was heute als regionale Direktvermarktung ein Erfolgskonzept ist, funktionierte damals noch nicht. „Die Idee war megainnovativ, aber die Verbraucher waren damals noch nicht so weit.“ Maschinenring Schwarzwald-Baar ist für die Zukunft gut aufgestellt Mitglied im Maschinenring Schwarzwald-Baar zu werden, bedeutet für die Mitglieder auch, Teil einer großen Familie zu sein. „Bei uns geht es nicht anonym zu, sondern es gibt auch zahlSeit 2017 richtet der Maschinenring gemeinsam mit dem örtlichen BLHV in den Donauhallen in Donaueschingen jährlich einen Agrartag aus. Donaueschingen jährlich einen Agrartag aus, mit hochwertigen Fachvorträgen und einer Landwirtschafts-Messe. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens gratulierte in diesem Jahr auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der zur Situation und Zukunft der Landwirtschaft im Ländle sprach. Dass die Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren sukzessive zurückging, vom absoluten Höchststand von 877 im Jahr 1995 auf 760 im Jahr 2020, liegt „schlicht daran, dass es immer weniger Landwirtschaftsbetriebe gibt“, wie Rainer Hall sagt, der einen weiteren Rückgang für die kommenden Jahre prognostiziert. „Innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre wird es nochmal gehörig rappeln, wenn die Zahl der Betriebe auch demografisch bedingt um bis zu 20 Prozent zurückgeht.“ Mit der Vermittlung freier Kapazitäten von landwirtschaftlichen Maschinen, sieht Rainer Hall auch einen aktiven Beitrag zur Verlangsamung des Strukturwandels. „Wenn der Landwirt Maschinen kauft, blockiert er Kapital, das ihm wiederum für die Weiterentwicklung seines Betriebes fehlt, beispielsweise um einen neuen Stall zu bauen oder eine Photovoltaikanlage aufs Dach zu setzen“, macht Rainer Hall deutlich. Dadurch, dass auch kleinere Betriebe mit 220 Wirtschaft

 

 

 

Die überbetriebliche Vermietung von Arbeitsmaschinen und Arbeitskraft ist nach wie vor die Kernaufgabe des Maschinenrings. Hier ein Mähdrescher bei der Kornernte. reiche persönliche Beziehungen.“ Dass auch von Seiten der Mitglieder die Wertschätzung da ist, spürten Vorstand, Geschäftsführung und Mitarbeiter, als im Januar das 50-jährige Bestehen des Maschinenrings mit einem großen Festakt in den Donauhallen in Donaueschingen groß gefeiert wurde. „Von den 450 Gästen waren sicherlich 350 Mitglieder anwesend. Das war schon ein Ritterschlag für uns“, so Rainer Hall. Der Maschinenring Schwarzwald-Baar ist einer von 30 Maschinenringen in Baden-Württemberg und einer der ältesten. Jeder davon hat seine eigenen Schwerpunkte und beispielsweise aufgrund von klimatischen oder topografischen Gegebenheiten andere Problemstellungen zu bewältigen. Für die Zukunft sieht sich der Maschinenring Schwarzwald-Baar gut aufgestellt. „Eines unVon den 450 Gästen waren sicherlich 350 Mitglieder anwesend. Das war schon ein Ritterschlag für uns. serer neuesten Produkte ist ein Biodünger aus Separationsmaterial.“ Verarbeitet hierzu wird ausschließlich Material der regionalen landwirtschaftlichen Betriebe. Dazu wird die Gülle ausgepresst, der Feststoff wird abgetütet und an Endkunden verkauft. Außerdem werden die chemiefreie Unkrautbekämpfung mit Heißwasserdampf und andere Kleinthemen den Maschinenring in den nächsten Jahren beschäftigen. Auch nach mehr als 50 Jahren ist er nach wie vor immer am Zeitgeist orientiert. Maschinenring Schwarzwald-Baar 221

 

 

 

Nastrovje Potsdam – Das Kultlabel aus dem Schwarzwald „Villingen meets Fashion“ – Nastrovje Potsdam ist das Kultlabel aus dem Schwarzwald schlechthin. Was aus Spontanität und der Liebe zur Musik heraus entstanden ist, wurde schnell zu einer Geschäftsidee, aus der sich in über 30 Jahren ein erfolgreiches Unternehmen entwickelt hat. Heute ist Nastrovje Potsdam ein Modeunternehmen, das sich über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat. von Simone Neß 222 222 Wirtschaft

 

 

 

223

 

 

 

Im Jahr 1986 eröffneten Frank „Sutz“ Schilling und Joachim „Töni“ Schifer einen Plattenladen in der Sturmbühlstraße in Schwenningen. Etwas später schloss sich ihnen Volker „Fritz“ Wursthorn an. Die Spitznamen tragen die Gründer von Nastrovje Potsdam noch heute, auch wenn keiner von ihnen mehr so recht weiß, wie sie entstanden sind. Das Musikgeschäft trug schon damals den Namen „Nastrovje Potsdam“. Dabei ist Nastrovje („Na sdorówje!“) ein viel gebrauchter russischer Trinkspruch. Der Zusammenhang mit „Potsdam“ ist als Wortspiel auf dem Weg nach Berlin entstanden, erzählt Geschäftsführer Frank Schilling mit einem Lächeln, wenn er an die Gründerjahre zurückdenkt. In Schwenningen verkauften die drei jungen Männer Schallplatten, organisierten nebenbei Partys und Punk-Konzerte und standen dadurch mit zahlreichen Bands in engem Kontakt. Was den Bands meistens fehlte, waren T-Shirts mit einem persönlichen Aufdruck. „So sind wir zu den Textilien gekommen“, erklärt Schilling. Von Hand bedruckten sie T-Shirts für die Bands, deren Konzerte sie organisierten. „Auf den ganzen Schallplatten im Laden lagen T-Shirts über die Nacht zum Trocknen“, erinnert sich Frank Schilling zurück. Was damals in einem Hinterzimmer eines Schallplattenladens gestartet wurde, prägt heute ein Stück weit die Modewelt mit. Von der Textildruckerei zum Modeunternehmen Über die Jahre hinweg bedruckte das Trio unter anderem T-Shirts für Westernhagen, Die Ärzte oder gar Bad Religion. So wurde Nastrovje Potsdam immer vertrauter mit den textilen Produkten und knüpfte in der Branche Kontakte nach Berlin. Was mit einer Textildruckerei begann, wuchs stetig zu einem ModeunternehDer Plattenladen in der Sturmbühlstraße in Schwenningen. men heran. Im Jahr 1997 lancierte Nastrovje Potsdam die Marke Vive Maria, drei Jahre später folgte das Modelabel Pussy Deluxe. Gleichzeitig blieben sie ihrer ursprünglichen Geschäftsidee treu und verkauften weiterhin MerchandisingProdukte unter dem Namen „NP Fashion“. Doch was machen die Marken des Schwarzwälder Modeunternehmens aus? Vive Maria ist 1997 eher holprig gestartet, nahezu skandalös. Als die Modemarke auf den Markt kam, galt Vive Maria zunächst als reines Lingerie-Label, das sich häufig religiöser Motive bediente. Nicht selten waren Poesiebilder, jedoch auch Motive der Jungfrau Maria oder von Jesus auf der Unterwäsche abgebildet. Aufgrund des provokanten Auftretens war die Modemarke starker Kritik ausgesetzt. Die Meinungen über die Produkte gingen enorm auseinander. Frank Schilling ist sich im Rückblick auf diese Zeit sicher, dass die damalige Kritik für Nastrovje Potsdam gut war: Alle haben dank der Kontroversen über Vive Maria gesprochen, was das Modelabel hochpushte. Links: Katalog von Nastrovje Potsdam von 1997. Rechts: Die Gründer Joachim „Töni“ Schifer (von links), Volker „Fritz“ Wursthorn und Frank „Sutz“ Schilling im Bürogebäude in der Niederwiesenstraße in Villingen. 224 Wirtschaft

 

 

 

Nastrovje Potsdam 225

 

 

 

Almost Innocent und Mis(s)behave… der unverwechselbar feminine Stil von Vive Maria wurde sogar in zwei Düften eingefangen. Nicht nur Mode steht bei Nastrovje Potsdam auf dem Programm. „Textilgewordene Delikatessen und erotische Köstlichkeiten“ Heute ist Vive Maria weniger plakativ. „Es ist ein Kunststück den richtigen Nerv zu treffen“, kommentiert Frank Schilling die Entwicklungen in der Modewelt. Über die Jahre hinweg hat sich Vive Maria eine treue Fangemeinde in jeglichen Altersklassen aufgebaut. Nastrovje Potsdam verkauft die Produkte als „Textilgewordene Delikatessen und erotische Köstlichkeiten“. Kopf hinter der ausgefallenen Wäsche und Kleidung ist die Berliner Designerin Simone Franze, die zusammen mit Nastrovje Potsdam die Modeträume „anspruchsvoller und stilsicherer Frauen“ erfüllen möchte. Ihre kreativen Ideen entstehen in einem Atelier in der Hauptstadt. Bei ihrer Arbeit greift sie auf unterschiedliche Stoffe von Modal über Viskose bis zu zarter Spitze zurück. Verspielte Rüschen und süße Schleifchen verleihen den Vive Maria-Kollektionen einen außergewöhnlichen Charme. 226 Es ist ein Kunststück den richtigen Nerv zu treffen. Das Modelabel Pussy Deluxe hingegen ist jünger, greller, bunter und deutlich lauter. Es präsentiert bunte Rockabilly-Styles und ist von den 1950erund 1960er-Jahren inspiriert. Die Schnitte sind frech, die Prints bunt. „Früher war es mal größer aufgestellt“, erklärt Frank Schilling. Da viele verbreitete Modeketten, die sich ebenfalls auf eine recht junge Zielgruppe fokussieren, ihre Produkte zu Preisen anbieten, bei denen Nastrovje Potsdam als eher mittelständisches Unternehmen schwer mithalten Aus der aktuellen Vive Maria Herbst & Winter Kollektion. Wirtschaft

 

 

 

227

 

 

 

Um im harten Wettbewerb bestehen zu können, stellt sich Nastrovje Potsdam stets noch kultiger und nischiger auf, was u.a. die Titelbilder früherer Katalogproduktionen widerspiegeln. kann, geriet man ins Hintertreffen. Durch den enormen Preiskampf musste sich das Schwarzwälder Modeunternehmen noch spezieller und nischiger aufstellen. Kreativer Kopf des Modelabels Pussy Deluxe ist das eigene Designteam in VS-Villingen. Es herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Nastrovje Potsdam hat mittlerweile auch Kindermode ins Sortiment aufgenommen. Den Wandel im Blick Mit „NP Fashion“ hat Nastrovje Potsdam in einer Modenische Fuß gefasst: Auch wenn Merchandise immer mehr zum heiß umkämpften Trend wurde, kann sich das Unternehmen aus dem Schwarzwald in diesem Segment weiterhin behaupten. Das Unternehmen verfügt über zahlreiche Lizenzen, darunter ein 16-jähriger Lizenzvertrag mit Walt Disney, wodurch das Schwarzwälder Modelabel über Motive von Star Wars und Marvel bis hin zur Mickey Mouse verfügt. Seinen Lauf nahm NP Fashion allerdings mit Klassikern wie Disney‘s Nightmare before Christmas oder The Muppets. Mittlerweile sind Lizenzen von zahlreichen Fernsehserien wie Breaking Bad, Vikings oder Outlander hinzugekommen. Eine spezielle Altersgruppe will Nastrovje Potsdam mit seiner Mode nicht ansprechen. Das Unternehmen versucht zeitgemäß zu bleiben und hat mittlerweile auch Kindermode in das Sortiment aufgenommen. „Es herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung“, so Geschäftsführer Frank Schilling. Das Unternehmen habe den Wandel im Blick und zeigte sich offen für neue Sphären. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Firma stark verändert. Frank Schilling und Volker Wursthorn sind mittlerweile gemeinsam Geschäftsführer. Joachim Schifer zog es eine Zeit lang nach Berlin zurück, um dort in der Musikszene tätig zu sein. Mittlerweile ist er wieder Teil des Teams im Schwarzwald und bringt sich im Bereich Design ein. Aufwendig sind bei Nastrovje Potsdam die Shootings, denn die ausgefallene Kollektion muss entsprechend präsentiert werden. Rechts zwei Aufnahmen zur Pussy Deluxe Kollektion. 228 Wirtschaft

 

 

 

229

 

 

 

Stark hat sich Nastrovje Potsdam in der Sparte Merchandising positioniert. Neben Star-Wars-Kleidung sorgt u.a. „The Nightmare before Christmas“ für geschäftlichen Erfolg. Vertrieb überwiegend im Onlinehandel Lange produzierte Nastrovje Potsdam die Kleidung in einer Textildruckerei in der Alleenstraße in Schwenningen. 2008 ist das Unternehmen in die Niederwiesenstraße in Villingen umgezogen und vermietet hier einen Teil der Räumlichkeiten im Gebäude auch an andere Unternehmen. Zu Bestzeiten waren in Schwenningen fast 100 Mitarbeiter angestellt, heute sind es etwa 20. Denn produziert wird mittlerweile überwiegend in der Türkei. Darüber hinaus wurde auch die Logistik ausgelagert. Das Team in Villingen kümmert sich um Design, Marketing und Vertrieb, koordiniert die Zusammenarbeit mit Online-Plattformen wie Zalando, Amazon und Otto und mit wichtigen Einzelhändlern wie Elbenwald und EMP. In Villingen entstehen auch zahlreiche Fotos, mit denen die Mode beworben wird, doch den wesentlichen Teil der Shootings übernimmt die Fotografin Edith Held in ihrem Studio in Berlin. Einen Wandel gab es aber auch im vertrieblichen Bereich. Der Outlet-Shop im Erdgeschoss des Bürogebäudes in der Niederwiesenstraße wurde im Mai 2020 geschlossen. Denn von dem Konzept eines festen Ladens ist Nastrovje Potsdam abgekommen. In Zukunft soll die Mode aus dem Schwarzwald überwiegend im Onlinehandel, sowohl im eigenen Shop als auch auf zahlreichen anderen Plattformen verkauft werden. Möglich seien aber ebenso Pop-Up-Stores oder gelegentliche Events, auf denen die Mode gekauft werden kann. Ohne Webshop ist Nastrovje Potsdam undenkbar. Vom Konzept eines festen Ladens ist das Modeunternehmen abgekommen. 230 Wirtschaft

 

 

 

Das Hauptquartier von Nastrovje Potsdam befindet sich in der Niederwiesenstraße in VS-Villingen. Großformatige Poster an den Außenwänden signalisieren, dass hier junge, kultige Mode beheimatet ist. Zukunftspläne und Visionen Und wie gelingt es einem solchen Modelabel am Standort Villingen-Schwenningen derartig erfolgreich zu sein? „Hier muss man mobil sein“, erklärt Schilling. Der Großstädter hat sich auf seinen Standort festgefahren, doch in Villingen-Schwenningen sei das nicht möglich. Man müsse immer in Verbindung bleiben. Und auch der Name habe die Firma zumindest ein Stück weit aus der Provinz herausgebracht. „Viele dachten, wir sitzen in Potsdam“, sagt Frank Schilling und lacht. Letztendlich setzt das Unternehmen allerdings auf den Onlineund nicht den Einzelhandel, der im Wesentlichen unabhängig vom Standort ist. Für die Zukunft hat das Schwarzwälder Modeunternehmen noch einiges geplant. „Wir wollen die Digitalisierung vorantreiben“, erklärt Schilling. Außerdem soll Nastrovje Potsdam auf mehr Plattformen vertreten sein und die Mode in weitere Länder geliefert werden. Das Unternehmen will sich weiterverbreiten und am Online-Shop arbeiten. Die Retouren sollen geringer gehalten und die Firma für eine jüngere Generation vorbereitet werden. Vielleicht werde man auch den Digitaldruck stärker einsetzen, der ein großes Potenzial besitzt. An Visionen mangelt es Frank Schilling und seinen Kollegen auf jeden Fall nicht. Auch die Aufnahme neuer Marken in das Sortiment möchte er nicht ausschließen. Man sei froh über Impulse von außen und neue Designer, die außergewöhnliche Ideen haben. Die entscheidende Frage, die das Unternehmen Tag für Tag begleite, sei: Was ist gerade in und was nicht? „Es wandelt sich so viel“, blickt Frank Schilling auf den Modemarkt. Genau das mache die Arbeit so spannend. Man müsse mit den Trends mitziehen und dennoch etwas Eigenes kreieren. Kritik und Rückschläge gehören zum Business nun mal dazu. Auch Nastrovje Potsdam musste sich damit auseinandersetzen. Doch heute ist das Kultlabel aus dem Schwarzwald in aller Munde, arbeitet mit Designern aus der Hauptstadt zusammen und verfügt über Lizenzen der größten Medienunternehmen der Welt. Nastrovje Potsdam hat sich einen Namen gemacht und ist von einem kleinen Plattenladen in der Sturmbühlstraße in Schwenningen zu einem Modeunternehmen mit einer enormen Reichweite herangewachsen. Nichtsdestotrotz hat die Firma dabei die familiäre Atmosphäre nicht aus den Augen verloren. Am Ende bleibt nur eins zu sagen: „Nastrovje!“ Nastrovje Potsdam 231

 

 

 

„Wasser des Lebens“ Die Brennerei Mack stellt im Kilpental edlen Whisky und feinherben Gin her Sebastian Mack prüft Farbe und Geschmack des eingelagerten Whiskys. 232 232 Wirtschaft

 

 

 

aus den Gütenbacher Highlands 233 Kilpen Gin und Kilpen Single Malt Whisky.

 

 

 

Wenn man an Whisky denkt, hat man augenblicklich Bilder der schottischen Highlands oder der „grünen Insel“ Irland im Kopf, wo eine raue Brise die salzige Luft vom Meer ins Land hinein trägt. Dabei entsteht das edle Destillat auch mitten im Schwarzwald. So beispielsweise im Kilpental, einem abgelegenen Seitental bei Gütenbach. Dort stellt die Brennerei Mack neben Obstbränden oder Gin auch ihren eigenen Schwarzwaldwhisky her, der sich durch besondere Qualität auszeichnet. Von Roland Sprich Bordeaux weinfässer abzufüllen, die ein befreundeter Winzer zur Verfügung stellte. „Dann hieß es warten“, schildert Sebastian Mack. Denn erst nach drei Jahren und einem Tag darf der so gelagerte Brand als Whisky bezeichnet werden. Wichtigste Zutat ist Geduld Heute bietet die Brennerei Mack zwei Whiskysorten an. „Wir machen einen fruchtigen Grain Whisky aus ungemälztem Getreide, der acht Jahre in gebrauchten Fässern lagert. Und einen Single Malt, der sein rauchiges Aroma von über Buchenholz getrocknetem, gemälztem Getreide erhält und zunächst sechs Jahre in neuen, unbenutzten Fässern heranreift, ehe er sein Finish im siebten Jahr in einem gebrauchten Whiskyfass aus Schottland erhält“, so Sebastian Mack. Anschließend wird der Whisky mit eigenem Quellwasser auf Trinkstärke gebracht. „Wir haben hier saures, praktisch kalkfreies Wasser, das sehr gut geeignet ist für die Herstellung“, verrät Sebastian Mack einen weiteren Mosaikstein bei der Herstellung übrigens aller Destillate aus dem Hause Mack. Eine weitere Spezialität aus dem Kilpental ist Gin, der mit Kräutern aus der Region hergestellt Oben: Der historische Kilpenhof, der im Jahr 2013 abgebrochen wurde. Unten: Hochprozentige Destillate der Brennerei Mack. Das Sortiment reicht von Obstbränden und Beerengeisten über Gin bis zum Whisky. Die Brennerei Mack auf dem Kilpen. „Wir brauchen Fässer!“ Mit dieser Erkenntnis kehrte Alexander Mack von einer Irlandreise im Jahr 2004 auf den Kilpenhof zurück, wo das Brennen von Obstbränden und -geisten eine mehr als 100-jährige Tradition hat. Bis dato konzentrierten sich die Macks darauf, das eigene Obst, vor allem Pflaumen, Kirschen und Himbeeren zu edlen Bränden und Geisten zu verarbeiten. Dass die Irlandreise von Alexander Mack das Sortiment eines Tages um Whisky ergänzen sollte, konnte damals niemand ahnen. Dabei haben die Macks bereits Mitte der 1980er-Jahre damit begonnen, neben Früchten auch Getreide, hauptsächlich Weizen, für einen Schwarzwälder Korn zu brennen. „Und von dort ist der Schritt zum Whisky eigentlich nicht mehr weit“, erklärt Sebastian Mack, der für die Brennerei zuständig ist. Und so begannen die Macks 2004, nach besagter Rückkehr von Alexander aus Irland, ihren Kornbrand in gebrauchte 234 Wirtschaft

 

 

 

Brennerei Mack 235

 

 

 

Dort, wo früher Schweine grunzten, ist heute die Destillerie untergebracht. Sebastian Mack verarbeitet auf dem Foto rechts unmittelbar neben dem Kilpenhof geerntete Vogelbeeren. wird. Im Gegensatz zu Whisky und Fruchtbränden, bei denen der Alkohol durch das Vergären der Maische entsteht, erhält beim Gin ein neutraler, aus Getreide gebrannter Alkohol sein Aroma durch zugesetzte Kräuter, so genannte Botanicals. Woraus genau diese bestehen, verrät Sebastian Mack nicht. „Es ist, neben Wacholderbeeren als Grundsubstanz, wilder Thymian dabei und Kerbel, der Rest ist ein Geheimnis“, gibt sich Mack verschlossen. Ein Kenner könne die einzelnen Zutaten aber durchaus heraus schmecken, ergänzt er augenzwinkernd. Der Gin wird in zwei Geschmacksrichtungen angesetzt. Einmal mit Zitronengras, was ihm eine exotische Note verleiht. Und ebenso mit Brombeeren, wodurch der Gin eine fruchtige Note erhält. Gesammelt werden die Kräuter übrigens auf den heimischen Wiesen. Davon gibt es im Kilpental mehr als genug. Zum Kilpenhof gehören 30 Hektar Grünland, die von den Macks extensiv bewirtschaftet werden. Von Frühjahr bis Herbst grast Pensionsvieh der benachbarten Landwirte auf den Weiden, auf denen auch die Obstbäume stehen. Eigene Tiere gibt es auf dem Kilpenhof nicht mehr. Früher hatte die Familie Mack Kühe und Schweine. Doch das ist lange her und war zuletzt kein rentables Geschäft, weshalb die Tierhaltung aufgegeben wurde. Destillerie im umgebauten Schweinestall Dort wo früher Schweine grunzten, ist heute die Destillerie untergebracht. Hier, in dem urig umgebauten Raum mit Mobiliar, das aus dem Holz des 2013 abgerissenen und anschließend neu aufgebauten Kilpenhof geschaffen wurde, lagern auch die Whiskyfässer – es liegt ein Hauch von „Angel Share“ in der Luft. Das ist der Duft des Alkohols, der sich im Laufe der Zeit aus den Fässern verflüchtigt und somit der „Anteil für die Engel“ wird. Und hier kommen die Kunden ihrem Whisky, Gin oder den anderen Bränden aus dem Hause Mack ganz nah. Denn hier können die Produkte auch probiert werden. „Eine Verkostung geht dem Verkauf eigentlich immer voraus“, beschreibt Sebastian Mack das Verkaufskonzept. Die Katze im Sack braucht hier niemand kaufen. Reine Schnapsproben mit 236 Wirtschaft

 

 

 

Sebastian Mack prüft während des Brennvorganges ein Destillat. „Wir brennen hauptsächlich unsere eigenen Früchte, beispielsweise Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen“, merkt er an. Eventcharakter gibt es allerdings nicht. Eine gewisse Ernsthaftigkeit sollte vorhanden sein. Wobei bereits die Anfahrt zum Kilpenhof durchaus ein Erlebnis ist, das man gratis zum Schnaps dazu bekommt. Denn das Kilpental und den gleichnamigen Hof findet man nicht zufällig. „Zu uns muss man schon wollen“, lacht Sebastian Mack. Ein guter Tipp: Wer die Brennerei mit dem Auto ansteuert, sollte sich in Abstinenz üben. Denn die schmale und kurvenreiche Strecke durch das Gütenbacher Hinterland hat durchaus ihre Tücken. Brennrecht dank Maria-Theresia Wie kommt die Familie Mack an das Privileg, hochprozentige Destillate herstellen zu dürfen? Das Schnapsbrennen unterliegt bekanntlich höchsten zollrechtlichen Bestimmungen. Dazu müssen wir das Rad der Zeit gut drei Jahrhunderte zurückdrehen, als das heutige südliche Baden-Württemberg zu Vorderösterreich gehörte. Maria-Theresia von Österreich, Fürstin aus dem Hause Habsburg (1717 bis 1780), Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen, erließ im 18. Jahrhundert eine Steuerreform zugunsten der „geschundenen Bauern“. Das „MariaTheresianische-Brennrecht“ erlaubte, dass „brave und rechtschaffene Bauern“ fortan jährlich drei Hektoliter reinen Alkohol erzeugen durften, um damit Schnaps herzustellen, durch dessen Verkauf sie ein zusätzliches Einkommen hatten. Dieses auch als „Drei-HektoliterBrennrecht“ bezeichnete Recht war an den jeweiligen Hof gebunden und gilt bis heute noch für zahlreiche Bauernhöfe, darunter auch für den Kilpenhof. Über die Edeldestillate Whisky und Gin sollen die gehaltvollen und regionaltypischen Obstbrände und Geiste nicht vergessen werden, die auf dem Kilpenhof seit mehr als hundert Jahren gebrannt werden. „Wir brennen hauptsächlich unsere eigenen Früchte, beispielsweise Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen.“ Dazu wurde der Baumbestand in den 1980er-Jahren ausgebaut. Auch Beerengeiste gehören ins Sortiment. „Am bekanntesten dürfte unser Brennerei Mack 237

 

 

 

Links: Die alte Destille der Brennerei Mack hat einen Ehrenplatz in den Verkaufsräumen. Oben: Whisky vom Kilpen Rechts: Sebastian Mack bei der Vogelbeerernte unmittelbar beim Kilpenhof. Wir wollen unserer Linie treu bleiben und setzen auf Qualität statt Quantität. wollen unserer Linie treu bleiben und setzen auf Qualität statt Quantität“, sagt Sebastian Mack. Da die Obsternte jedes Jahr unterschiedlich ausfällt, werden die Produkte in manchen Jahren zu echten Raritäten. Deswegen kann man die Brennerei Mack auch gerne als Manufaktur bezeichnen. 90 Prozent der Produktion werden direkt auf dem Hof verkauft. Der Rest wird auf ausgewählten Märkten in der Region offeriert. Derzeit feilen die Macks übrigens bereits an einer weiteren Spezialität. Ein Teil des produzierten Whiskys soll zunächst einige Jahre in gebrauchten Jack Daniels-Fässern heranreifen, „und anschließend noch weitere fünf Jahre in Panama-Rum-Fässern lagern“, verrät Sebastian Mack. Eine neue Idee, das „Wasser des Lebens“ aus dem Schwarzwald noch weiter zu verfeinern. Die Macks freuen sich schon heute darauf, das Ergebnis in einigen Jahren kosten zu dürfen. Waldhimbeergeist sein“, schätzt Sebastian Mack die Marktlage ein. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Brand und einem Geist? „Beim Brand wird im Gärvorgang aus der in der Maische vorhandene Zucker in Alkohol verwandelt und dann destilliert. Wenn Früchte wenig Zucker enthalten wie Himbeeren und Vogelbeeren, lohnt es sich nicht diese zu vermaischen. Dann werden die Früchte in 96-prozentigen Neutralalkohol eingelegt und dies wiederum destilliert. Dann spricht man von einem Geist“, erklärt der Fachmann. Bei der Herstellung der Destillate ist die gesamte Familie eingespannt. Wenn Erntezeit ist, helfen alle mit, um die Früchte von den Bäumen auf dem eigenen Gelände oder in den angrenzenden Wäldern zu ernten. Qualität geht vor Quantität Wenngleich sich die Familie Mack mit ihren Destillaten in den vergangenen Jahren einen guten Namen gemacht hat, so soll das Brennen ein Nebenerwerb bleiben und nicht über die 300 Liter Alkohol jährlich hinausgehen. „Wir 238 Brennerei Mack

 

 

 

239

 

 

 

Stroh in der Hose und ein Brett auf dem Rücken ‒ bei der historischen Villinger Fastnacht sorgt die Wuescht-Gruppe seit langer Zeit für Furore. WUESCHTWUESCHTAm Schluss no kummet die Schönste…

 

 

 

241 WUESCHTWUESCHTAm Schluss no kummet die Schönste…

 

 

 

Es sind diese ganz besonderen ersten Momente: Aufstehen zu nachtschlafender Zeit, Häs anziehen, durch die fast menschenleere Innenstadt laufen, den Schopf betreten, die steilen Stufen nach oben und dann das vielstimmige „Wuescht”. Darauf habe ich mich ein ganzes Jahr lang gef reut. Die Fasnet geht los, endlich wieder. Zwei Tage, die anders sind als alle anderen. Zwei Tage, die mit schweren Beinen und müden Knochen unendlich lang sein können,die aber am Schluss immer zu kurz und zu schnell vorüber sind. von Dieter Wacker Was in diesen ersten Sätzen kryptisch klingt und bei dem geneigten Leser Fragezeichen produzieren dürfte, das ist letztendlich nichts anderes als eine kompakte Zustandsbeschreibung einer fastnachtlichen Leidenschaft: Wueschtlaufen in Villingen. Die Hauptrollen spielen dabei ein altes, abgewetztes, ausgebleichtes Narrenhäs mit vielen Nähund Flickstellen, eine angekratzte, mit Rissen durchzogene Scheme (Maske/Larve), ein schweres Holzbrett, ein Reisigbesen und jede Menge Stroh. Damit ist der Wuescht rein optisch schon mal ganz gut beschrieben. Eine Fastnachtsfigur, wie sie im schwäbisch-alemannischen Raum nur in der Narrenhochburg Villingen existiert und die ausschließlich zusammen mit Gleichgesinnten auftritt. Eine Figur, die für Außenstehende seltsam und zugleich lustig anmuten mag, die bei den vielen Liebhabern der historischen Villinger Fasnet aber absoluten Kultstatus genießt. „Wir sind die Elite der Villinger Fasnet“, sagt ein Wuescht auch gerne mal ganz uneitel und selbstbewusst über seine Gruppe. Kein Wunder, dichtete doch anno 1950 der damalige Zunftmeister der Oben: Wuescht-Vater Matthias Frey mit Bärenmaske. Rechts: Kleiner Wuescht mit Stroh-Grüßle. 242 7. Kapitel – Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste

 

 

 

Historischen Narrozunft, Franz Kornwachs, in seinem Villinger Schunkellied, das heute noch fast jedes Kind mitsingen kann: „Am Schluss no kummet die Schönste, hei dös isch e suberi Sach. De Wuescht mit sirä Grätze, jetzt guck au wie älles lacht.“ An Fastnachtsonntag geht es früh ins Bett, denn die Nacht wird kurz und die kommenden beiden Tage ganz schön hart. Gegen fünf Uhr am Montag – in Villingen „Fasnetmendig“ genannt, für viele Narren ein Tag, der ebenso wichtig wie der Heilige Abend ist – heißt es raus aus den Federn. Und sofort ist es da, dieses schier unbeschreibliche Kribbeln. Verliebte nennen so was wohl „Schmetterlinge im Bauch“. Ein richtiger Narr in Villingen kennt dieses Gefühl an „Fasnet mendig“, bevor es endlich wieder im Häs auf „die Gass“ geht. Draußen ist es noch stockfinster und ganz schön kalt. Auf dem Herd dampft schon die gebrannte Mehlsuppe, die bereits am Vortag aus Mehl, Fett, Fleischbrühe und Weißwein angerührt wurde. „Mehlsuppe muss sein”, hatten mir schon zu Beginn meines Wueschtlaufens vor Jahrzehnten die erfahrenen Hasen eingebläut. Denn: Sie sättigt, gibt Kraft und vor allem, ganz ganz wichtig: Sie stopft… Für einen Draußen ist es noch stockfinster und ganz schön kalt. Auf dem Herd dampft schon die gebrannte Mehlsuppe, die bereits am Vortag aus Mehl, Fett, Fleischbrühe und Weißwein angerührt wurde. Wuescht elementar, denn im Häs auf die Toilette zu müssen – eine Katastrophe. Also zum Frühstück ordentlich Mehlsuppe reinlöffeln und zur Einstimmung in den Tag: Eine leichte Weinschorle trinken. Die kann nie schaden. Das Gegenstück zum Narro Der Narro, eine imposante barocke Figur mit handbemaltem weißen Häs, handgeschnitzter glatter Scheme aus Lindenholz, Rollen (Glocken/ Schellen), die beim typischen Sprung lautstark erklingen, ist die unbestrittene Nummer eins unter den historischen Villinger Fasnetfiguren. Doch welch auffälliges Gegenstück zum Narro ist der Wuescht in seinem alten Häs! Die modischen Attribute des stolzen Narro, wie ein überdimensionierter gefalteter weißer Kragen, Foulard (Seidentuch) und Masche (bunte, geknotete Halsschleife aus Seide) sind dem Wuescht ab244

 

 

 

solut fremd. Seine Hose hat er prall ausgestopft mit Stroh, sodass er kaum mehr laufen kann und dadurch mit seinem ungewöhnlichen Gang bei den Zuschauern am Straßenrand für viel Trara und Gelächter sorgt. Richtig Stimmung kommt auf, wenn sich die ganze Truppe rennend in Bewegung setzt. Dann geht die Post ab, bei Akteuren und Zuschauern. Die ramponierte alte Narrooder Surhebelscheme (Surhebel ist eine individuell gestaltete Maske, manchmal etwas derber in der Ausprägung) nutzt der Wuescht nicht zur Vermummung, sondern hält sie lediglich seitlich vors Gesicht. Da die Gruppe beim Umzug der Historischen Narrozunft (der Verein hat fast 5.000 Mitglieder) am Montagmorgen traditionell das Schlusslicht bildet, rufen die Einheimischen voller Ironie oder Bewunderung, ganz im Geiste des bereits erwähnten Schunkelliedes: „Am Schluss no kummet diä Schönschte“. Auf den Rücken hat sich der Wuescht ein schweres, mit einer „Lumpendogge“ (zerlumpte Puppe) und allerlei anderem Krimskrams individuell geschmücktes Holzbrett, die „Krätze“, geschnallt. Auf das Brett werfen Kinder mit Schneebällen – oder mit heute eigens am Straßenrand bereit gestellten Tannenzapfen. Früher war es üblich, dass auch Steine flogen. Diesen derben Brauch gibt es aus Verletzungsgründen aber nicht mehr. Zugelassen ist das Bombardement auf die Bretter nur, solange der Wuescht seinen handgebundenen Reisigbesen, den er immer mit sich führt, nach oben hält. Einst durfte es auch ein flacher Kehrbesen sein. Wie der Wuescht sich kleidet… Es ist kurz nach 6 Uhr und Zeit das Häs anzuziehen. Ganz wichtig: Unter die Häshose kommt eine zweite stabile Hose (ich ziehe eine feste Jeans an), die mich vor spitzen und piksenden Strohhalmen schützen soll. Dass ich nach zwei Tagen Wueschtlaufen dennoch eine ganze Reihe von kleinen Wunden an den Beinen habe, das gehört einfach dazu. Die Häshose hat eine eigens eingenähte Innenhose, damit der eigentliche Hässtoff (aus Drill oder Leinen) nicht so schnell von den Strohhalmen durchstoßen wird. Obenrum sind es bei mir gleich mehrere Lagen luftund schweißdurchlässiger Kleidung. Drüber kommt noch ein „Stachihemd“, wie der blaue und bestickte Fuhrmannskittel in Villingen heißt. Die Hose wird mit einem kräftigen Bändel im Hüftbereich zugebunden und zusätzlich mit stabilen, breiten Hosenträgern gesichert, unten an den Beinen wird sie ganz fest auf die halbhohen, derben Schuhe gebunden. Erst jetzt kommt der Häskittel über die diversen Kleiderschichten. Schwitzen ist einkalkuliert, ist aber besser als frieren. 245

 

 

 

Mythen und Geheimnisse Um den Wuescht ranken sich Mythen und Geheimnisse. Woher kommt die Figur? Diente sie vielleicht einmal als Symbol der (heidnischen) Winteraustreibung? Der heutigen Definition der Fastnacht folgend, wonach deren Ausgangspunkt ganz in den christlichen Jahresverlauf eingegliedert ist, kann das Thema Winteraustreibung schnell zu den Akten gelegt werden. Der Name Wuescht bedeutet schlicht und einfach wüst. Hansjörg Fehrenbach, der langjährige Archivar der Villinger Narrozunft, hat verlässliche Fakten zum Wuescht zusammengetragen. So verweist Fehrenbach auf frühe Beiträge von Johann Nepomuk Schleicher, Gewerbeschullehrer und von 1851 bis 1854 erster Archivar der Stadt Villingen. In seinem Aufsatz „Die Fastnacht zu Villingen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts“ (gemeint ist damit die Zeit um 1750), veröffentlicht 1874 im Wochenund Verkündigungsblatt „Der Schwarzwälder“ (nicht mit der Tageszeitung Schwarzwälder Bote zu verwechseln) und später (1882-1887) auch im „Altertum-Repertorium“ von Ferdinand Förderer, berichtet Schleicher sehr konkret über den Wuescht oder „Wust“, wie er ihn nannte. Vieles war vor 270 Jahren an Fastnacht ähnlich wie heute, wenn es auch nur erwachsenen Männern erlaubt war, sich zu maskieren. Hauptfigur war damals bereits der Narro mit Häs, Scheme und Rollen. Auch Albert Fischer, von 1927 bis 1949 Zunftmeister der Historischen Narrozunft und intensiver Fastnachtsforscher, weiß viel über die Wueschte in früheren Zeiten zu erzählen. So erwähnen beide, dass im 18. Jahrhundert nicht nur viele Villinger Bürger an Fastnacht (Donnerstag, Montag und Dienstag) die Straßen der Stadt bevölkerten, sondern auch ganze Heerscharen an Umlandbewohnern herbeiströmten, um das närrische Treiben zu beobachten oder selbst ins Häs zu schlüpfen. Schleicher nennt sie „Landjunker“ und Fischer spricht von „Landhansel“. Albert Fischer, der sich dabei sicher auch auf Nepomuk Schleicher bezog, schrieb in seinen Publikation „Aus Villingens Vergangenheit“ (1914) und „Villinger Fastnacht – einst und jetzt“ (1922) mit Blick auf das fastnachtliche GescheVieles war vor 270 Jahren an Fastnacht ähnlich wie heute, wenn es auch nur erwachsenen Männern erlaubt war, sich zu maskieren. Hauptfigur war damals bereits der Narro mit Häs, Scheme und Rollen. hen früherer Jahrhunderte: „Es gab immer Häuser in der Stadt, wo man sich für kurze Zeit ein Narrohäs leihen konnte. Solche Landhansel waren als solche gleich erkannt, weil sie gewöhnlich den Narrosprung nicht richtig machen können und auch das Juchzen nicht so fertigbringen wie der geborene Villinger. Dafür bekamen sie dann von den Villinger Buben den Namen „Stachy“ (Anm.: Stachi ist heute noch eine der Villinger Fasnetfiguren) zugerufen. Früher wurden sie auch, wenn sie ein schmutziges Narrohäs anhatten, mit dem Namen „Wust“ tituliert, verfolgt und mit Schneeballen, Eisschollen oder gar mit Steinen beworfen, sodass sie sich in die Häuser flüchten mussten. Später wurde die Sache für die Landhansel etwas besser.“ Auf zum Schopf der Wueschte In den Morgenstunden des Fasnetmendigs in der Villinger Innenstadt unterwegs zu sein, das ist was ganz Besonderes. Die Straßen, an denen sich zwei Stunden später Tausende von Zuschauern aufreihen werden, sind noch weitgehend leer. Aus allen Richtungen klingen schon die Rollen der Narros, aus der Ferne schallt das rhythmische Schlagen der Glonki-Blechtrommeln. Gänsehautstimmung. Am Rande der Innenstadt steht ein alter stattlicher hölzerner Schopf (Scheune), dessen Außenseite eine große Wueschtfigur ziert. Das zweistöckige Gebäude ist das „Hauptquartier“ Wuescht-Gruppe mit Fahne, fotografiert in der Villinger Innenstadt im Jahr 1911. 246 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 247

 

 

 

der Wueschte an Fasnet. Im unteren Bereich stapeln sich die hölzernen Wueschtbretter, jedes davon ist individuell von seinem Besitzer selbst gestaltet. Eine schmale, steile Holztreppe führt im spärlichen Licht nach oben. Ein Stockwerk höher staubt es ordentlich, die Atmosphäre ist eine ganz spezielle. In der Mitte des Raums liegt ein großer Haufen Stroh. Drumherum verteilt die ersten Wueschte, die schon kräftig dabei sind ihre Hosen auszustopfen. Jeder Neuankömmling wird mit einem lautstarken und dem langgezogenen „Wueeescht“, dem allseits bekannten Ruf der Gruppe, begrüßt. Die Häshose dick und rund mit Stroh auszupolstern, das ist eine Kunst für sich. Jeder hat beim (Voll-)Stopfen so seine eigenen kleinen Tricks und Kniffe. Wichtig ist, dass die Hose am Ende richtig prall, kompakt und möglichst gleichmäßig gefüllt ist, damit das Stroh nicht bei der ersten Gelegenheit zusammensackt. Und jeder Wuescht lernt von Anfang an: Der Innenbereich an den Beinen muss strohfrei bleiben, sonst reibt es ganz schnell beim Laufen und der berüchtigte „Wolf“ lässt grüßen. Beim Stopfen wollen die Wueschte möglichst unter sich bleiben. Eine große Ausnahme ist Herbert Frey, der Vater des aktuellen Wueschtvaters. Herbert, ein zwischenzeitlich pensionierter Lehrer, ist so etwas wie die „Wuescht-Stopfmaschine“. Das seit über 30 JahRechte Seite: Als Ansichtskarte vertriebene WueschtIllustration des Graphikers Curt Liebich aus den 1920er-Jahren (Samm lung Manfred Hildebrandt). ren, obwohl er selbst nie ins Wueschthäs gegangen ist. „Herbert, Herbert“ ruft es ständig aus irgendeiner Ecke und Herbert hilft, wo es nur geht. Er schaufelt unterstützend Unmengen Stroh in diverse Häshosen. Herbert bindet Hosen oben und unten zu und hat, falls mal irgendwo irgendwas klemmt oder was reißt, immer ein „Sackmesser“ (Taschenmesser) und eine starke Sicherheitsnadel zur Hand. Wust, Wuascht oder Wuescht? Im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu verschiedenen Schreibweisen des Wuescht. So tauchen in Dokumenten die drei Bezeichnungen Wust, Wuascht oder Wuescht auf. Letztendlich sind alle drei Begriffe identisch, sie werden auch mehr oder weniger (mit leichten Nuancen) gleich ausgesprochen – es handelt sich dabei lediglich um verschiedene (historische) Ausprägungen des Villinger Dialekts, der sich im Laufe der Zeit auch etwas geändert hat. Und in Villingen heißt es: „Wie gesprochen so geschrieben.“ Seit vielen Jahren hat sich aber eindeutig die Schreibund Sprachweise „Wuescht“ durchgesetzt. Ausstopfen des Wuescht mit Stroh im Wuescht-Schopf am Morgen des Fasnetmendig. 248 Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste

 

 

 

Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 249

 

 

 

Doch es änderte sich nicht nur der Name, die Wüsten wurden zudem „salonfähiger“. Albert Fischer schreibt von den „Wusten“, die sich besonders bei der Jugend großer Beliebtheit erfreuten, weil sie diese mit Schneeballen, Eisschollen usw. bewerfen durften. Um sich gegen Schäden zu schützen, so bemerkt Fischer, „stopfen die Wuste ihre Kleidung mit Stroh aus, tragen auf dem Rücken eine sogenannte Krätze, welche gewöhnlich mit altem Tongeschirr behangen ist und haben besonders gut den Kopf eingebunden, denn dieser ist das Hauptziel der werfenden Jugend“. Nicht selten, so erklärt Fischer, komme es vor, dass auch mit Steinen geworfen werde und so passiere es immer wieder, dass durch einen „Haupttreffer“ dem „Wust“ die Larve zertrümmert werde. Das Risiko besteht heute auch noch, wenn Kinder am Umzugsrand verbotenerweise anstatt mit Tannenzapfen mit Eisbrocken auf die Wueschte werfen. Schleicher und Fischer wissen aus der Vergangenheit zu berichten, dass die „Wuste“ nicht in allen Wirtschaften wohlgelitten waren, da sie einiges an Stroh und Schmutz hinterließen und die sie begleitenden Buben gerne Schneeballen mit ins Innere brachten und diese sehr zum Ärger einiger Wirte mit Absicht auf den sauberen Fußboden fallen ließen. Aus der Villinger Fasnet waren die Strohmänner aber nicht mehr wegzudenken und so gehörten sie 1882 bei der Gründung der Historische Narrozunft als Verein schon zum unverzichtbaren Bestandteil des närrischen Brauchtums. Alte Zeitungsanzeigen belegen die regelmäßige Teilnahme der Wueschtgruppe an den Fastnachtsumzügen. Das „Wueschtrennen“, wie die Aktivitäten der Gruppe früher auch genannt wurden, fiel mehrfach Verboten des Bürgermeisteramtes und des Großherzoglichen Bezirksamtes zum Opfer. So 1886 oder auch Anfang der 1890er-Jahre. Doch die Wueschte waren schon damals höchst einfallsreich: Da sie nicht „laufen“ durften, fuhren sie an Fastnacht zum Beispiel auf einer Kutsche. Ein besonders mutiger Wuescht schwang sich im strohgefüllten Häs auf ein Pferd und ritt unbehelligt durch die Stadt. 1912 gab es eine weitere große Aufwertung für die Gruppe: Der Kurz vor 10 Uhr geht’s am Fasnetmendig für die Wueschtgruppe endlich los: Scheme halb vors Gesicht, Besen in die Höhe und der Wueschtvater gibt mit einem kräftige „Wueeescht“ das Kommando zum Start. „Oberwuescht“ (heute Wueschtvater) bekam einen festen Sitz in der Vorstandschaft (dem Rat) der Historischen Narrozunft, was bis in die Gegenwart Bestand hat. Keine Hektik bitte… – die Schönsten laufen stets am Schluss des Zuges Um 9 Uhr beginnt der historische Umzug in der Bertholdstraße. Da die Wueschtgruppe ja am Schluss des Zuges läuft, ist keine Hektik angesagt. Früher gab’s vor Umzugsbeginn immer ein Schnäpschen für jeden Wuescht. Dafür sorgte die Mutter des ehemaligen Wueschtvaters Bernd Dilg. Leider ist sie schon lange gestorben und der nette Brauch damit auch. Kurz vor 10 Uhr geht’s dann auch für die Wueschtgruppe endlich los. Scheme halb vors Gesicht, Besen in die Höhe und der Wueschtvater gibt mit einem kräftige „Wueeescht“ das Kommando zum Start. In der Niederen Straße stehen die Zuschauer dicht gedrängt. Der Wueschtvater stimmt eines von jenen Sprüchle an, für die die Wueschte bekannt und manchmal auch ein wenig berüchtigt sind. Denn nicht jeder vorgetragene Spruch (die Wueschte nennen das Aufsagen „singen“) ist ganz jugendfrei. Die wirklich derben Sprüche kommen aber erst abends zum Einsatz, wenn die Kinderwueschte längst daheim sind. Die meisten Wueschtsprüchle existieren seit Generationen, neue sind im Laufe der Zeit dazugekommen. Gemeinsam ist ihnen: Die Sprüche sind meist sehr lokal, immer lustig, manchmal ironisch, auch mal bissig bis provozierend, aber sie sind nie verletzend! 250 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

251

 

 

 

„I de Gerberstroß am Eck, do wohnt de Rieble-Beck. Er schtreckt de Arsch zum Fenschter nus, mer mont es wär en Weck. Es isch kon Weck, es isch kon Weck, es isch de Arsch vum Rieble-Beck. Wuescht“… …klingt es durch die Niedere Straße. Viele Zuschauer am Straßenrand kennen die Sprüchle und stimmen kräftig mit ein. So geht es dann den ganzen Umzugsweg lang quer durch die vier innerstädtischen Hauptstraßen. Zwischendurch stoppt der Wueschtvater mal komplett ab, lässt die vor ihm laufenden Maschgere (wie Hästräger in Villingen heißen) ein ganzes Stück weit davonziehen und dann geht’s los: Das langgezogene „Wueeescht“ ertönt und die Truppe rennt. Zum großen Vergnügen der Zuschauer, die johlen und juchzen. So mancher Wuescht sieht beim Rennen von hinten aus wie eine Gans auf Glatteis… Auf dem Umzugsweg gilt es immer wieder Ausschau zu halten nach Personen am Straßenrand, die ich kenne. Und schon habe ich jemanden entdeckt: Jetzt gibt’s ein aus der Häshose gezogenes Strohsträußle, und zwar mitten Und schon habe ich jemanden entdeckt: Jetzt gibt’s ein aus der Häshose gezogenes Strohsträußle, und zwar mitten hinein in den Hemdenoder Blusenkragen oder auch mal keck in den Ausschnitt. hinein in den Hemdenoder Blusenkragen oder auch mal keck in den Ausschnitt (die Wueschte sagen auch „stopfen“ dazu). In Villingen gilt so ein „Striessle“ als besondere Ehre, auch wenn das Stroh dabei auf der nackten Haut oftmals tierisch juckt. Eine ungeschriebene Regel für den „Gestopften“ besagt: Mag es wirklich auch ganz arg jucken, trotzdem nie das Stroh aus der Kleidung ziehen und vielleicht noch wegwerfen, solange ein Wuescht in der Nähe ist. Wenn er es sieht, kann da zur Strafe ganz schnell anstelle des kleinen Sträußchens eine ordentliche Ladung Stroh in der Kleidung landen. Damit es auch richtig tief reinrutscht, kommt schon mal der Besen zum Einsatz… Wenn die Wueschte voller Inbrunst ihre Fasnetsprüchle aufsagen, machen die kleinen und großen Villinger Narren begeistert mit. 252 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

Auf dem Weg zum Riettor, dem Endpunkt des frühen Montagumzuges, kommt schon ordentlich Stroh aus der Hose zum Einsatz und die Gruppe gibt manches Sprüchle zum Besten. Als sie dann noch eine Gruppe Schwenninger am Straßenrand entdeckt, ist schon klar was jetzt „gesungen“ wird. Da gibt es kein Pardon: „Früher sin d’Villinger nach Schwenningen ins Hallebad num gloffe. D‘ Villinger hon ins Wasser brunzt, und Schwenninger die hons gsoffe. Wuescht.“ Die Schwenninger nehmen es mit Humor. Und kurz vorm Riettor noch dieser Spruch: „I‘ de undere Schtadt, i‘ de obere Schtadt, do dond die Bure dresche, s‘ Müllers Magd häts Hemd verbrennt, jetzt ka mers nimmi wäsche. Wuescht.“ Nach dem Umzug heißt es erst einmal kräftig durchschnaufen, denn das Laufen in der prallgefüllten Strohhose und mit dem schweren Holzbrett auf dem Buckel ist anstrengend. An der Spitze steht der Wueschtvater Der Chef des Ganzen ist der demokratisch von der ganzen Gruppe gewählte Wueschtvater. Er gibt die Richtung vor, führt und lenkt. Unterstützt wird er von weiteren gewählten Mitgliedern, die das sogenannte Gremium bilden. Der Wueschtvater ist, wie bereits betont, zugleich Mitglied des Zunftrates und gehört damit dem Vorstand des Gesamtvereins Historische Narrozunft an. An Fasnet läuft der Wueschtvater der Gruppe voraus. Seine Insignien: Wueschtfahne, ein umgehängtes Ochsen-Kummet (Zuggeschirr) und eine markante Bärenscheme. Ein Brett trägt der Wueschtvater nicht. Auf sein Kommando hören (meist) alle. Die Bärenscheme, die der Wueschtvater trägt, ist ein für die Villinger Fasnet höchst ungewöhnliches Utensil. Vergleichbare Masken gibt es hier nicht. Die Larve stammt aus der Narrenhochburg Elzach (Landkreis Emmendingen). Sie kam als Dankesgeschenk nach Villingen, nachdem im Jahr 1900 einige Villinger Narroschemen nach Elzach ausgeliehen worden waren. Die „Schuttig“, die Hauptfiguren der Elzacher Fastnacht, sollen einst so schreckliche Masken getragen haben, dass diese vom Pfarrer zur Fasnet verboten wurden. Die Villinger MasAuf ihrem Rücken tragen die Wueschte individuell gestaltete Bretter. Mit einem Strohsträußle werden bekannte Gesichter am Umzugsweg bedacht. Diese „besondere Ehre“ juckt auf der Haut tierisch. Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 253

 

 

 

Bärenschemme – Dankgeschenk der Elzacher Narrenzunft an die Villinger aus dem Jahr 1900. „Rallye“ durch die Stadt Nach dem Umzug Montag früh, der Teilnahme am sogenannten Maschgerelauf am frühen Nachmittag und einem seit Jahren bei vielen Zuschauern höchst beliebten und unterhaltsamen lustigen Wettkampf mit den Blechtrommlern der Glonkigilde, beginnt für die Wueschtgruppe die „Rallye“ durch die Stadt. Und damit eigentlich der schönste Teil der Fasnet. Es geht von einer Wirtschaft und einem Narrenstüble in die/das nächste, ab Nachmittag ohne Bretter und Fahne, die im Schopf deponiert werden. Manchmal ist es in den Lokalitäten so knapp mit dem Platz, dass die letzten Wueschte nur durch heftiges Drücken und Schieben, was dann ein wenig an die Rush Hour in der U-Bahn erinnert, nach innen kommen. Der Wueschtvater stimmt einen Spruch nach dem anderen an und der ganze Saal macht mit. Sollten die Wueschte ihre Sprüchle auch noch rappen, man geht ja mit der Zeit, kocht die Stimmung. Wenn am Ende des Vortrags der Wueschtvater das berüchtigte Kommando: ‚Attacke‘ gibt, schwärmen alle Wueschte im Saal aus und es hagelt Strohsträußchen. Damit alle Gäste ein „Striessle“ erhalten, geht es durchaus unkonventionell zu. So schwer, sperrig und ungelenk ein Wuescht auch sein mag, einen Sprung auf den Tisch schafft er allemal und der Weg ins letzte Eck des Lokals ist frei. Um 20 Uhr ist für die Kinderwueschte Feierabend, Mama, Papa oder Oma und Opa warten schon zum Abholen. Für die Erwachsenen ist dagegen lange nicht Schluss. Es wird noch eine Schippe draufgelegt. Welch ein großartiges Bild ist es, wenn 60 Wueschte im Gänsemarsch, zickzack laufend hintereinander und singend durch die Stadt ziehen. In den Wirtschaften und Stüble, wo nach dem Vortrag meist für die durstigen und ausgetrockneten Kehlen der Wueschte Schorle spendiert werden, packt der Wueschtvater jetzt die nicht ganz jugendfreien Sprüchle aus. Kostprobe gefällig? ken akzeptierte der Gottesmann aber und somit war die Fastnacht im Elztal gerettet. Die aus Elzach stammende traditionelle Bärenlarve landete in Villingen bei den Wueschten. Die nahmen das Geschenk dankbar an und fortan trug der Wueschtvater die Bärenscheme als Symbol der Kraft und Stärke. Doch irgendwann ging dieser Brauch unter und die markante Maske verschwand von der Bildfläche. Erst Georg „Schorsch“ Baur, der von 1977 bis 1990 Wueschtvater war, kramte den Bär wieder hervor und verhalf ihm zu neuem Leben. Seither reicht ein Wueschtvater die Scheme dem nächsten weiter. Es gibt kuriose Wuescht-Geschichten um die alte Maske. Einmal landete das gute Stück nächtens durch einen dummen Zufall in einer tiefen Baugrube und wurde in einer schweißtreibenden Aktion gerettet. Ein anderes Mal blieb sie in der Nacht versehentlich auf einer Bank liegen und war danach verschwunden. Nach einem Radioaufruf am nächsten Morgen kam das Bärengesicht dann glücklicherweise wieder zum Träger zurück. Die Namen der Verursacher der kleinen Missgeschicke verschweigen wir hier ganz gentlemanlike… Die Original-Bärenscheme befindet sich heute als Leihgabe im Villinger Franziskanermuseum. Die Wueschtväter Bernd Dilg und Roland Weißer ließen in Elzach zwei Kopien anfertigen, die nun an Fastnacht getragen werden. 254 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

„Und wenn a mol beim Schmuse bisch und bisch bereits am Buse, no klappt des nit, die Frau will nit, no hilft Beate Uhse. Wuescht.“ In der Nacht zu Aschermittwoch, Schlag 24 Uhr am Fasnetdienstag, verbrennen die Wueschte auf dem Münsterplatz ihr Stroh. Die Fasnet ist vorüber. Es gibt allerdings noch weit derbere unter den rund 50 derzeit „gesungenen“ Versen. Aus vielen oftmals überhitzen Lokalitäten kommt man klatschnass geschwitzt raus in die an Fasnet meist eiskalten Nächte. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass der Schweiß auf der Stirn und im Bart gefroren ist. Der Montag in der Gruppe endet nicht vor ein oder halb zwei Uhr in der Nacht, die schon zum Dienstag gehört. Nicht alle Wueschte haben dann genug. Einige ziehen allein oder in kleinen Gruppen weiter in irgendeine Kneipe oder ein Stüble. Da kann es schon mal früher Morgen werden. Ist schließlich nur einmal Fasnet im Jahr. Ach ja: Das restliche Stroh aus der Hose wird, bevor der Wuescht nach Hause kommt, in der Brigach oder sonst wo umweltfreundlich entsorgt. Ist ja ein reines Naturprodukt… Strohverbrennung um Mitternacht Schon am Dienstagmittag ist die Gruppe wieder zum großen Villinger Umzug vereint. Der Umzugsweg ist besonders lang und durchaus anstrengend (besonders, wenn es relativ mild ist), dennoch geht, nach einer rund zweistündigen Pause, im Anschluss das Kneipenprogramm unermüdlich weiter. Um 20 Uhr dürfen seit einigen Jahren die Kinder auf dem „Latschariplatz“ in der Stadtmitte ihr Stroh verbrennen. Bei den Erwachsenen heißt es dagegen: Schlapp machen gibt es nicht, mindestens durchhalten bis Mitternacht. Schlag 24 Uhr holen die Wueschte auf dem Münsterplatz vor dem Rathaus vor einer großen Menschenmenge, die sich hier versammelt hat, ihr ganzes Stroh aus den Hosen und schichten es zu einem hohen Haufen auf und zünden es an. Während zeitgleich die Zunftoberen den Rathausschlüssel zum Oberbürgermeister zurückbringen, lodern die Flammen. Im Schein des Strohfeuers umkreisen die Wueschte den brennenden Haufen und die letzten Wueschtsprüchle für die aktuelle Fasnet erklingen. Wer allerdings glaubt, jetzt wäre endgültig Schluss, der täuscht sich gewaltig. In einem nahen Gasthaus ist exklusiv für die Gruppe schon ein Heringsbüffet gerichtet. Erst, wenn der Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 255

 

 

 

letzte Fisch aufgegessen und die letzte Schorle leergetrunken ist, geht es am frühen Aschermittwoch heim. Reicht dann auch erst einmal nach zwei mehr als intensiven Tagen. Doch der allerletzte Streich folgt vier Tage später. Beim „Nohwiesele“, dem so genannten Nachfest der Wueschtgruppe zur Fasnet, blüht bei Programm und Musik die Narretei noch einmal ganz schön auf. Dabei kommt so einiges ans Tageslicht, was sich so über die zwei närrischen Tage alles im Hintergrund der Gruppe ereignet hat. Als Wueschte noch wirklich wüst waren Früher, so sagt der langjährige Wueschtvater, Roland Weißer, seien „die Wueschte wirklich wüst gewesen“. Die Leute hätten die Rollläden runtergelassen, wenn „die Wuescht kumme sind“. Heute sei die Wueschtgruppe ein familiär geprägter, friedlicher Generationenverbund. Dieses neue Image ist vor allem Weißers Vorgängern Georg Baur und Bernd Ding zu verdanken. Und in der Tat ist der Zusammenhalt der Wueschtgruppe schon außergewöhnlich. Es gibt außerhalb der Fasnet gemeinsame Treffen, Ausflüge und Feste, zu denen zum Teil auch die Partner und Kinder eingeladen sind. Die Gruppe kommt schon Wochen vor der Fasnet einmal in der Woche zu Dämmerschoppen in jenen GastDer langjährige Wueschtvater Roland Weißer. stätten zusammen, die man über die „Hohen Tage“ besucht. Die Wueschtgruppe hat aktuell einen festen Stamm von etwa 60 Erwachsenen und gut 30 Kindern. Neue Mitglieder werden nicht aufgenommen, die Gruppengröße soll überschaubar bleiben. Der Erwachsenenstamm rekrutiert sich aus dem eigenen Nachwuchs. Wer einmal in den Genuss des Wueschtlaufens kommen möchte, der kann sich auf eine mittlerweile sehr lange Warteliste setzen lassen. Wer als Kind angefangen hat, der bleibt im Regelfall auch ein Leben lang dabei. So wie Matthias „Matze“ Frey, der seit Anfang 2020 neuer Wueschtvater ist. Vor über 30 Jahren kam er als Sechsjähriger zur Gruppe. Und was ist für ihn der Anreiz Wuescht zu laufen und zugleich Verantwortung zu übernehmen? Matthias Frey: „Es ist die Gruppenfasnet, die Tatsache, nie allein unterwegs zu sein. Der Wuescht ist eine imposante Fasnetfigur und wir sind eine super Truppe, die eine schöne Stüblefasnet macht und die Zuhörer mit ihren Sprüchle begeistert. Mich inspiriert das absolut und immer wieder neu.“ Der heute über 90-jährige Georg Baur war einschließlich seiner Zeit als Wueschtvater 27 Jahre aktiv im Wueschthäs. Für ihn war und ist die Wueschtgruppe „immer wie eine Familie“ 256 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

und er sagt: „Als Wueschtvater war ich mittendrin. Beim Umzug traf man nette Menschen und konnte sie mit einem Strießle erfreuen.“ Von 2001 bis 2009 hatte Bernd Dilg das Amt des Wueschtvaters inne. Seit sage und schreibe 56 Jahren läuft er bereits Wuescht und das nach wie vor mit viel Begeisterung. Auch er schwärmt von der Gruppenfastnacht, die ihm viel besser gefällt. „Es hat mich immer fasziniert, wenn wir alle gemeinsam unterwegs waren.“ In den Wirtschaften und Stüble könne man als Gruppe wunderbar mit dem Publikum spielen. Bernd Dilg war es, der eine eigene Wueschtkinderfasnet („War für mich fast das Schönste“) eingeführt hat. Seither sind die kleinen Wuescht am Schmotzigen Dunschtig (Donnerstag) zusammen mit dem Wueschtvater und ein paar Begleitern in der Stadt unterwegs und machen in den Wirtschaften richtig Remmidemmi. Fast unglaubliche 57 Mal ist Roland Weißer, der als Fünfjähriger zum ersten Mal ins Häs ging, schon Wuescht gelaufen und er ist damit derjenige, der am längsten aktiv dabei ist. Weißer, der 20 Jahre als Wueschtvater an der Spitze der Gruppe stand, erinnert sich: „Früher war es nur ganz wenigen Kindern vergönnt Wuescht zu sein und so war ich immer der Einzige unter meinen Freunden.“ Und er sagt nicht ohne Stolz: „Als Wuescht wird man unter den Narren immer als was Besonderes oder Außergewöhnliches an der Fasnet gefeiert. Fast wie ein Popstar.“ Auch für ihn war und ist es Motivation Das ganze Jahr über aktiv Über den Autor dieses Beitrages Dieter Wacker, der frühere Leiter der Redaktion Villingen des SÜDKURIERS und langjährige Stellvertretende Chefredakteur dieser Tageszeitung, ist vor allem eines: Ein Wuescht durch und durch. „mit einer ganz besonderen Gruppe gemeinsam Spaß zu haben und trotzdem respektvoll mit einem überlieferten Brauchtum über Generationen hinweg umzugehen.“ Und der entscheidende Satz für ihn ist: „Einmal Wuescht, immer Wuescht.“ So, jetzt sind viele Wuescht-Geheimnisse gelüftet. Sicherlich nicht alle. Ungeklärt ist noch die immer wieder und wieder gestellte Frage: „Wie geht der Wuescht eigentlich aufs Klo? Stimmt es, dass der Wuescht sein Pipi ins Stroh in der Hose macht?“ Ich sage es ganz ehrlich: Das bleibt ein Geheimnis… und das ist auch gut so! Die Aktivitäten der Villinger Wueschtgruppe beschränken sich keineswegs nur auf die Fasnet. Bereits ab Mitte Januar treffen sich die Mitglieder einmal pro Woche zu „Dämmerschoppen“. Rechtzeitig vor Fasnet steht das Richten und Reparieren der Bretter im Wueschtschopf an. Am Schmotzige Dunschtig nehmen die kleinen Wueschte am Villinger Kinderumzug teil. Am Fasnachtssamstag organisiert die Gruppe einen kleinen Umzug vom Schopf ins Villinger Stadtzentrum. In der Rietstraße wird auf einer Brunnenstele eine Wueschtfigur aufgestellt. Ein Akt, der als Startschuss für die Wueschtfasnet gilt. Montag und Dienstag ist die Gruppe geschlossen unterwegs. Um 24 Uhr am Dienstag endet die Fasnet mit dem Strohverbrennen vor dem Rathaus. Am Samstag nach Aschermittwoch treffen sich die Mitglieder zum „Nohwiesele“, dem fastnachtlichen Nachfest. Im Spätsommer wird Stroh für die kommende Fasnet organsiert und werden im Wald Tannenzapfen gesammelt, mit denen an Fasnet Kinder auf die Wueschtbretter werfen können. Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 257

 

 

 

Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst Die frühere Werkstatt von Martin Kippenberger – heute fördert der Verein Global Forest an diesem Ort zeitgenössische Kunst. 258 258 Kunst und Kultur 8. Kapitel – Kunst und Kultur

 

 

 

Der gemeinnützige Verein Global Forest e. V. wurde im Oktober 2018 in St. Georgen im Schwarzwald mit der Intention gegründet, einen Ort zur Förderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst zu schaffen. Zunächst als offenes Netzwerk ins Leben gerufen, hat Global Forest seit 2016 bereits so verschiedene Veranstaltungsformate wie Ausstellungen, Vorträge, Symposien und Workshops realisiert. Vorrangiges Ziel des Vereins ist es, jungen nationalen und internationalen Künstlern eine Ausstellungsund Präsentationsplattform zu bieten. Zugleich soll ein differenzierter Diskurs zu aktuellen Fragestellungen zeitgenössischer Kunst ermöglicht werden. 259

 

 

 

Was ist eigentlich Kunst? Eine Frage, die von Philosophen, Musikern, Malern, Bildhauern oder Schriftstellern – also von Künstlern aller Richtungen – oft genug leidenschaftlich diskutiert wird. „Kunst ist die Königin aller Wissenschaften, die zu allen Generationen der Welt spricht“, sagte Leonardo da Vinci. Doch Pablo Picasso meinte: „Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.“ Was Kunst ist, entscheidet eigentlich der Künstler. Für Joseph Beuys war es ein Fetthaufen, für Andy Warhol das Gesicht von Marilyn Monroe und für Jasmine Guffond sind es elektronische Kompositionen in Musikund Kunstkontexten. Die Musikerin, Künstlerin und Komponistin arbeitet an der Schnittstelle zwischen sozialer, politischer und technischer Infrastruktur. Zugegeben, diesen Satz sollte man mindestens zweimal lesen und dann weiter forschen, falls man neugierig wird. Denn vielleicht ist es genau das, was gerade Sie anspricht, was Ihren Alltag bereichert, Sie inspiriert und einen völlig neuen Blickwinkel gibt. Um so etwas Ungewöhnliches zu erleben, müssen Sie nicht nach Berlin, London oder Paris. Im Dezember 2019 stellte die Künstlerin in St. Georgen ihre Schallplatte vor. Sie beschäftigt sich mit Gesichtserkennungssystemen und globalen Überwachungsnetzwerken und zeichnet daraus Klangbilder, die es schaffen, das einzufangen, was sich normalerweise der menschlichen Wahrnehmung entzieht. Schafft auf diese Weise eine besondere Komposition, die tiefer gehen soll. von Barbara Dickmann St. Georgen, Friedrichstr. 5a, anno 2016. Hinter dieser Adresse verbirgt sich ein altes Haus mit einer bewegten Geschichte. Es war das Stammhaus eines Uhrenherstellers, Fahrradklingeln wurden hergestellt, es beherbergte eine Kistenfabrik und eine Schreinerei. Doch jetzt erlebt dieses Haus eine wunderbare Wandlung: Sascha Brosamer, ein Künstler zwischen Performance, Objekt, Zeichnung und Sound, mietet zusammen mit Hans-Jörg Weisser einige Räume an und mit dieser Aktion zieht die Kunst ein, in einer Vielfältigkeit, die unglaublich bereichernd, experimentell, doch genauso ungewöhnlich ist. Ausstellungen, Vorträge, Symposien und Workshops werden angeboten. Thema ist oft genug die kreative Auseinandersetzung mit St. Georgen und dem Schwarzwald. Dabei spielen Bilder und Fotografien eine Rolle, doch Installationen, audio-visuelle Medien und Performances erweitern den Blick und werden zu Impulsgebern. Eine Diskussion über die Zusammenarbeit von Kunst und Wirtschaft soll angeregt werden. Schon damals ist das Ziel, eine dauerhafte Plattform zu schaffen, auf der sich Kunst und Technologie auf Augenhöhe begegnen. Sascha Brosamer und Hans-Jörg Weisser laden Dr. Oliver Wolf (Künstlername „Olsen“) ein – Hannah Eckstein von der Sammlung Grässlin sowie Viktoria Wilhelmine Tiedeke von S. Siedle & Söhne OHG kommen hinzu. Bald finden sich insgesamt zehn leidenschaftliche, experimentierfreudige Künstler und Wissenschaftler, die ein Ziel verfolgen: Die Gründung eines Vereins mit der Intention, einen Ort zur Förderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst zu schaffen. Er soll über einen normalen Kunstverein hinausgehen und die Möglichkeit bieten, Künstlern*innen nicht nur kostenlos unterzubringen, sondern sie auch noch zu bezahlen, sprich: Ihnen die Chance zu geben, ihre Kunstprojekte zu erschaffen, ohne finanziellen Druck. 260 Kunst und Kultur

 

 

 

Friedrichstraße 5a in St. Georgen – Ort zur Förderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst. 261

 

 

 

Im Oktober 2018 ist es soweit. Der gemeinnützige Verein Global Forest e.V. wird eingetragen. Gründungsmitglieder sind: Viktoria Wilhelmine Tiedeke (1. Vorsitzende), Dr. Oliver Olsen Wolf (2. Vorsitzender), Sascha Brosamer, Hannah Eckstein, Maria Pina Galofaro, Norman I. Müller, Lisa Schlenker und Norbert Schnell. Arbeiten in Martin Kippenbergers Atelier Und jetzt kommt Martin Kippenberger ins Spiel. Der bekannte Installationsund Performancekünstler, Bildhauer, Maler, Fotograf und geniale Tausendsassa, der in der ganzen Welt zu Hause war, lebte einige Monate in St. Georgen und hatte in der Friedrichstr. 5a sein Atelier. Geboren 1953 warf er die damals traditionellen Kunstbegriffe über den Haufen. Provokation, Zynismus und Spott waren seine Mittel, um sich auszudrücken. Sein berühmtestes Zitat: „Ich geh jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald.“ Er starb mit 44 Jahren nach einem absolut intensiven, suchtvollen Leben an Leberkrebs. Am Anfang arbeiten befreundete Künstler und Künstlerinnen der Vereinsgründer kostenlos in diesen besonderen Räumen. Doch dann werden über einen Antrag beim „Innovationsfond Kunst“ Landesmittel für zwei Jahre in Höhe von nahezu 50.000 Euro bewilligt und mit großer Freude und Elan können die Gründungsmitglieder jetzt ihr Konzept umsetzen. Seit 2019 werden diese besonderen Räume, dieses ehemalige Atelier eines provokativen Künstlers, als Quartier für nationale und internationale Künstler*innen genutzt. Im Rahmen eines finanzierten Residenz-Aufenthalts leben und arbeiten sie dort, können sich frei entfalten, entwickeln, experimentieren, neue Themen erschließen und nach diesem kreativen Prozess ihre Arbeiten ausstellen oder präsentieren. Als Kurzzeit-Residenten*innen leben sie zwei bis vier Wochen in St. Georgen. Kostenlose Unterbringung und ein Arbeitsplatz im ehemaligen Kippenberger-Atelier stehen zur Verfügung. Um den Geist von Kippenberger zu spüren, müssen interessierte Künstler ein Kurzexposé ihres geplanten Projekts, eine Biografie und ein Um den Geist von Martin Kippenberger zu spüren, müssen interessierte Künstler ein Kurzexposé ihres geplanten Projekts, eine Biographie und ein Künstlerstatement einreichen. Wichtig ist die Auseinandersetzung mit der Region – in welcher Form auch immer. Künstlerstatement einreichen. Wichtig ist die Auseinandersetzung mit der Region – in welcher Form auch immer. Sie sind verpflichtet, ihren Aufenthalt mit einer öffentlichen Präsentation abzuschließen, in der das Ergebnis allen Interessierten vorgestellt wird. Außerdem müssen sie dem Verein Gobal Forest eine Editionsarbeit für die Jahresgabenausstellung, die am Ende jeden Jahres stattfindet, zur Verfügung stellen. Im zweiten Jahr gehen bereits über 250 Bewerbungen ein, unter ihnen werden vier Langzeitund acht Kurzzeit-Residenten/Innen ausgewählt. „Das ist eine beachtliche Anzahl, denn man muss sie auch betreuen,“ unterstreicht Dr. Oliver Wolf („Olsen“), einer der Macher des Vereins. Doch die Arbeiten, die entstehen, begeistern ihn und wo könnte man konzentrierter arbeiten als in der idyllischen Abgeschiedenheit des Schwarzwaldes – weit weg von den Versuchungen einer Großstadt. Roboter und Vogelklang Im Grunde genommen sind es vier Leute, die hier intensiv arbeiten und die umfangreiche Organisation übernehmen: Viktoria Wilhelmine Tiedecke, Hannah Eckstein, Jessica Twitchell und Oliver „Olsen“ Wolf. Sie sind mit großem Engagement dabei und die Anerkennung in der Bevölkerung gibt ihnen Recht. Kinderworkshops haben sie angeboten, Roboter und Raketen gebaut, Kinoabende mit ziemlich schrägen Filmen organisiert, einen Nachmittag mit einer Opernsängerin, die mit ihren Gesangsschülerinnen Songs aus der Stumm262 Kunst und Kultur

 

 

 

filmzeit vortrug und und und… Die Liste ist lang und vielseitig. Und so soll es auch bleiben. Das Publikum ist von jung bis junggeblieben – Alters durchschnitt von Mitte 20 bis Mitte 60. Ist das Vogelklang Soundcamp Festival, das rund um das 24-stündige globale Vogelkonzert ein lokales Festivalprogramm beinhaltet, etwas, was viele Menschen anspricht, so war die Buchpräsentation im Januar dieses Jahres schon etwas spezieller, doch umso notwendiger und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn mit „Pinkeln im öffentlichen Raum“ in St. Georgen hat sich der Künstler Thomas Geiger beschäftigt. Wo darf man, wenn man mal muss? Was macht man, wenn man nicht darf? Und wer darf und wer nicht? Wie war das im „Alten Rom“ bei Kaiser Vespasian und wie ist es heute mit St. Georgens „Netten Toiletten“? Auch hier betrug der Altersdurchschnitt von Mitte 20 bis Mitte 60, denn „müssen“ müssen alle. Keine Frage: Global Forest e.V. ist etwas ganz Besonderes. Andere Frage: Was macht das mit Ihnen? Sind Sie neugierig geworden? Das wäre schön, denn um dieses künstlerische Highlight ganz in Ihrer Nähe beneidet Sie so mancher Großstadtmensch (Info@globalforest.com). Also: Was ist Kunst? „Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles andere“, sagte schon Ad Reinhardt, US-amerikanischer Farbfeldmaler, Karikaturist und Kunsttheoretiker (1913-1967). Impressionen aus der St. Georgener Künstlerwerkstatt. v. ob. links: Patricia Koellges und Tamara Lorenz präsentieren als MME dUO Klangkunst. Johanna Schulte schreibt aus St. Georgen Briefe an den fiktiven Freund Oliver – alle kommen folglich als nicht zustellbar zu ihr zurück. Unten: Raketen-Workshop und „Tag der offenen Tür“. Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst 263

 

 

 

Olsens Welt – Komposition von mehreren Robotermodulen, die sich schwebend auf einem Lufttisch bewegen. Dieses Projekt ist im Labor für künstliche Intelligenz der Universität Zürich entstanden. Inspirierend für die Gestaltung der Module waren Designprinzipien, wie man sie im Umfeld der Künstlichen Intelligenz findet. Teleonomies Installation aus Lufttisch (Eigenbau), Robotermodule (Eigenbau), 2011 Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen 264 264 Kunst und Kultur

 

 

 

Schwebende oder ans Kreuz genagelte Roboter, Haarbürsten, die sich der Morgensonne zuwenden oder das DiscokugelBraininterface: Der aus Niedereschach stammende Medienkünstler Olsen arbeitet an Objekten und Installationen aus dem Bereich der Maschinenkunst. Ob ein um sich selbst wirbelnder Bürostuhl oder der Sandwichmaker: Olsen alias Dr. Oliver Wolf programmiert seinen „Apparillos“ neue Lebensformen ein. Olsen lebt und arbeitet in St. Georgen – im ehemaligen Atelier von Martin Kippenberger. von Barbara Dickmann 265 265

 

 

 

Meine Arbeiten sind Untersuchungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Einen besonderen Fokus lege ich dabei auf die Technologien des Alltags, mit denen man ständig konfrontiert wird und die zunehmend unser menschliches Dasein, unsere Vorlieben und Verhaltensmuster bestimmen. Beispiele sind das Öffnen des Kofferraums per Knopfdruck, der automatische Raumbedufter oder auch der Rasenmähroboter. Bei all diesen Beispielen handelt es sich um Automaten – Maschinen bzw. Computer – die mithilfe von Programmierungen bestimmte Tätigkeiten für den Menschen erledigen. So kann Technologie als die Anstrengung verstanden werden, dem Menschen Anstrengung zu ersparen. Olsen alias Dr. Oliver Wolf über sein künstlerisches Schaffen Sie heißt „Uruca Caliandrum“ , ist grün und eigentlich eine Haarbürste. Am Tage und in der Nacht erfüllt sie durchaus ihren Zweck. Doch mit der Morgendämmerung wacht sie auf und durch Bewegung ihrer Borsten, ähnlich eines Tausendfüßlers bewegt sie sich vorwärts, so lange, bis sie eine Position für die Beobachtung des Sonnenaufgangs gefunden hat. Danach geht „Uruca Caliandrum“ in den Kontemplativmodus über, was so viel wie „konzentriertes Betrachten, den Blick nach Etwas richten“ bedeutet – und „schaut“ sich in aller Ruhe den Sonnenaufgang an. Nach dieser Morgengymnastik kann die Bürste wieder wie eine herkömmliche Haarbürste verwendet werden. In dieser Zeit wird der Energieverlust über die Solarzellen auf dem Rücken wieder ausgeglichen, sodass sie am nächsten Morgen wieder aktiv werden kann. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen und vielleicht ist die Suche nach immer neuen Blickwinkeln, das Hinterfragen, Erforschen und Experimentieren, mit seinen Werken zu irritieren und zu faszinieren, die beste Definition von Kunst und Künstler: Oliver „Olsen“ Wolf, promovierter Künstler und aktuell Lehrbeauftragter an der HFU Furtwangen, hat diese Sonnenaufgangs-Haarbürste erdacht, entwickelt und hergestellt. Es ist nur eines von vielen Werken, die sowohl philosophische als auch poetische Elemente enthalten. Von Oliver Wolf zu „Olsen“ Der Weg vom Oliver Wolf zum „Olsen“ , das ist sein Künstlername, war ein spannender und er beginnt im Jahre 1975. Oliver Wolf wächst in Niedereschach auf, besucht zuerst das Gymnasium in Villingen, geht dann zu den Zinzendorfschulen in Königsfeld, belegt Leistungskurse in Mathematik und Physik und besteht das Abitur. Kunst? Nicht so wirklich. „Na ja, ich habe schon einen Kunstkurs in der Oberstufe belegt, doch im Fokus war das Skateboardfahren.“ Auf eine Elterninitiative hin wird in Niedereschach die erste Halfpipe in der Region gebaut und aus der nahen und fernen Umgebung wird sie der Treffpunkt der Jugendlichen. „Es war immer etwas los!“ Oliver Wolf erinnert sich gerne an diese Zeit, die ihn sehr geprägt hat und noch heute hat er Kontakt zu vielen Freunden aus seiner Jugend. Im Winter ist das Snowboard sein ständiger Begleiter und der Schloßberg und Sägenhof sein Revier. An Regentagen bastelt er mit dem Vater im Keller des Elternhauses, denn das Arbeiten, das „Denken mit den Händen“, das Bearbeiten und Gestalten von Holz begeistern ihn. Aus den Jugendjahren stammt auch der Spitzname „Olsen“: „Beim Eishockeyspielen auf dem Weiher in Niedereschach waren wir drei Olivers“, erinnert sich der Künstler. Damit die Pässe auch beim richtigen Oliver ankamen, hat jeder Oliver einen Spitznamen bekommen. „Olsen“ war somit geboren. 266 Kunst und Kultur

 

 

 

Nach dem Abi ist er ziemlich ratlos, doch abhängen gibt es nicht und Oliver absolviert eine Schreinerlehre in der Rottweiler Holzmanufaktur. Er wohnt in Rottweil in einer ziemlich „wilden“ WG im Neckartal und ist begeistert von seiner Arbeit. „Die Renovierung historischer Häuser und mit den Händen etwas zu erschaffen, ist sehr erfüllend“, unterstreicht er. Auch im Nachhinein ist Oliver Wolf froh über diese handwerklichen Fähigkeiten, die ihm heute enorm weiterhelfen. Asthma, eine entzündliche Erkrankung der Atemwege, beendet seine Schreinerlaufbahn. Nun ruft der Berg, denn das Snowboardfahren lockt. Oliver zieht nach Innsbruck, beginnt ein Studium in Medienpädagogik und rückt regelmäßig den Bergen auf die Pelle. Stipendium für Uni in Barcelona 2001 erhält er ein Stipendium an der Universität Central in Barcelona in der Fakultät Bellas Artes, eine der wichtigsten katalanischen Institutionen für professionelle Künstlerausbildung. Und genau hier wird der Schalter umgelegt: „Barcelona mit seiner Lebendigkeit und Kunst nahm mich total gefangen. An eine Rückkehr zur Medienpädagogik war nicht mehr zu denken“, sagt Oliver Wolf, der nun ein Studium in Medienkunst an der Zürcher Hochschule der Künste beginnt und es 2005 erfolgreich beendet. Olsen wird selbständig, erarbeitet Medienkunst für Filme – wird Ausstatter und Bordelektroniker beim ersten Schweizer Science Fiction Film CARGO. Kunst am Bau und Robotik mit Maschinenkunst sind seine Bereiche. Er bleibt in der Schweiz, macht eigene Installationen und Skulpturen, assistiert diversen Künstlern, u.a. Christoph Büchel, lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Durch ein Artist-in-Lab-Stipendium im Labor für künstliche Intelligenz Oliver Wolf alias „Olsen“ mit seiner „Uruca Caliandrum“, der sich dem Sonnenaufgang zuwendenden Haarbürste. Dr. Oliver Wolf alias Olsen 267

 

 

 

Düsen nach Jägerart, Installation. Chefsessel, Ventilator, versch. Elektronik, 2018. 268 Kunst und Kultur

 

 

 

von Rolf Pfeiffer kommt er mit Wissenschaftlern zusammen: Künstliche Intelligenz, Robotik, Maschinen und Raumfahrt – einfach mit allem spielen und diese Gebiete verbinden, das war schon immer sein Thema. Olsen lebt es, diskutiert und hat unglaublich viel Spaß dabei. In dieser Phase entsteht auch die Roboter-Haarbürste. Olsen ist jetzt 12 Jahre in Zürich, hat viele Freunde, ist erfolgreich, als sich eine Chance auftut, die einfach unglaublich ist: Die Queen Mary University of London, die zu den britischen Spitzenuniversitäten zählt, bietet ihm ein Doktoratsstudium im Bereich „Media and Arts Technology“ an, das über ein Stipendium finanziert werden soll. „Olsen“ fällt die Entscheidung schwer. Er ist jetzt 38 Jahre alt und muss alles hinter sich lassen, wieder die Schulbank drücken und auf vieles verzichten. Doch kann man sich dieses einmalige Angebot entgehen lassen? Die Antwort liegt auf der Hand. 2013 fährt er mit dem Zug nach London und fängt wieder Brabantia Brotbox mit obenliegenden Nockenwellen* und linksdrehender Neuronal lasagne, 2018. (*per Knopfdruck zuschaltbar) ganz von vorne an. Sein ganzer Besitz: Fahrrad und Rucksack. Seine Kommilitonen – alle wesentlich jünger. Er macht seinen Master und will mehr. Während eines Praktikums in Paris lernt er Norbert Schnell kennen, heute promovierter Professor für Musikdesign an der HFU in Furtwangen. Norbert Schnell wird sein Doktorvater, denn Olsen beginnt seine Doktorarbeit. Sein Forschungsgebiet: „Affinity with Artefacts – Reproduktion von Außerirdischen, Bronze-Acryl, 1997/2018. 269 269

 

 

 

Speculatrix Procarya – Interaktive Installation, versch. Materialien, Computer Vision Software, 2009. Humans’ Perception of Movement in Technological Objects“. Olsen ist nun Dr. Oliver Wolf. Am 26. Dezember 2016 feiert er in St. Georgen mit vier befreundeten Künstlern auf der „Todschick Party“. Es wird eine lange Nacht, denn die Idee einer Künstlerresidenz wird geboren. „Wenn ich in London fertig bin, bin ich dabei“, sagt er, und wird 2018 der erste Langzeit-Resident von Global Forest. 2018 ist sein Stipendium an der Queen Mary University of London aufgebraucht und Olsen zieht zur Freude seiner Eltern erstmal wieder nach Niedereschach in sein altes Kinderzimmer ein. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wird Global Forest e.V. gegründet und „Olsen“ findet sein neues Zuhause in der obersten Etage der Friedrichstraße 5a. „Olsen“ braucht Zeit für seine künstlerische Entfaltung, aber auch das nötige Kleingeld. Über seinen ehemaligen Doktorvater erhält er einen Lehrauftrag an der HFU Furtwangen. „Mit den Studenten zu arbeiten ist eine wunderbare Aufgabe“, sagt Olsen begeistert und hat dabei viel Spaß. Doch in seinem Kopf schwirren die ausgefallensten Kompositionen, Verbindungen zwischen Schrauben und Batterien, zwischen Motoren, Robotik und Kunst und immer neuen Blickwinkeln abseits „der funktionalen und rationalen Logik von Technologie.“ Die Ideen sprudeln wie eine unversiegbare Quelle und müssen heraus. Wie kann es anders sein in diesen Räumen, die schon Kippenberger erlebt haben. Doch auch die ehrenamtliche Arbeit im Verein fordert viel Engagement, es soll viel geschehen. Noch mehr Ausstellungen und Workshops, offene Werkstätten für Menschen, die Lust haben hier zu arbeiten, und und und… 270 Kunst und Kultur

 

 

 

Und wie geht es ihm privat? „Ich bin sehr glücklich. Meine Freundin ist aus London hergezogen und nach 16 Jahren Großstadt genieße ich das Leben auf dem Land und die Nähe zu meinen Eltern. Keine Frage: Die Kunst hat das Land entdeckt und den Trend zur Stadtflucht findet man in New York und in London. Künstler verlegen ihr Atelier in den Garten und Galerien findet man in historischen Häusern weitab vom Schuss. Das Leben mit und in der Natur, das Entschleunigen, Ruhe und Frieden finden und dabei mit dem Nachbarn ins Gespräch zu kommen ist einfach Lebensqualität und vielleicht sogar das bessere Umfeld für Kunst und künstlerische Entfaltung. Die Verwendung und Wiederverwendung von Artefakten ist ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Praxis. Für mich ist die Schaffung und Nutzung von Artefakten untrennbar mit ethischem Handeln im sozialen und kulturellen Kontext verbunden. Ich habe eine Doktorarbeit mit dem Schwerpunkt auf technologische Objekte mit einem Fokus auf Bewegung von Roboterund Computer-Artefakten abgeschlossen. Die Kombination von wissenschaftlicher Forschung und künstlerischen Methoden verortet meine Arbeit in den Forschungsgebieten der MenschMaschineInteraktion und experimen tellem Design. Olsen alias Dr. Oliver Wolf Links: Glotzbebbel mit Heiligenführerschein, bestehend aus Sandwichmaker, Webcam, Servomotoren und Gesichtserkennungssoftware, 2006. Unten links: Am Arbeitsplatz, Löten fürs Perpetuum Mobile, rechts: Sperrmüllfund. Dr. Oliver Wolf alias Olsen 271

 

 

 

Orient trifft Okzident Im Restaurant Felsen in Schwenningen vereint Safiye Kilicoglu in der Küche das Beste aus zwei Welten. von Eric Zerm Die Wurzeln von Safiye Kilicoglus Familie liegen an der Grenze des türkischen zum arabischen Raum. In einer Stadt, die in der Antike Antiochia hieß und im tiefsten Orient liegt. Dennoch kocht die Türkin bei vielen Gelegenheiten für ihre Familie Jägerschnitzel mit Spätzle, denn alle haben sich in dieses ur-deutsche Gericht verliebt – und auch in Safiye Kilicoglus Art, diese Speise zuzubereiten. Des Rätsels Lösung: Die heutige Betreiberin des Schwenninger Restaurants Felsen hatte bei der früheren FelsenWirtin Theresa Rödel während eines Praktikums die gutbürgerliche deutsche Küche kennengelernt. Diese kulinarische Symbiose ist geblieben: Heute vereint der Felsen bei seinen Speisen, die Kilicoglu persönlich zubereitet, die Tugenden und die Vielfalt des Orients mit den Merkmalen bodenständiger deutscher Küche. Und das mit großem Erfolg, denn das Restaurant hat mittlerweile Stammgäste aus der ganzen Region. Selbst alt-eingesessene Schwenninger, die dem modern eingerichteten Felsen unter der Leitung Kilicoglus mit seiner neu zusammengestellten Speisekarte zunächst eher skeptisch gegenüberstanden, ließen sich im Laufe der Zeit überzeugen. Ich probiere gerne Dinge aus, auch wie man deutsche und orientalische Küche miteinander verbinden kann. Leidenschaft fürs Kochen schon als Teenager entdeckt Am berühmtesten ist der Felsen inzwischen für seine Steak-Variationen, die Wirtin und Köchin Safiye Kilicoglu selbst kreiert. „Ich probiere gerne Dinge aus, auch wie man deutsche und orientalische Küche miteinander verbinden kann“, verrät die Mutter zweier Kinder. Dabei entstand beispielsweise Koriander-Steak. „Zu Hause essen wir Koriander auf Fladenbrot. Ich probierte mal aus, wie das auf einem Steak schmeckt.“ Ihre Gäste waren begeistert. Safiye Kilicoglus neueste Kreation ist das Feigen-Steak mit Walnüssen und Granatapfelsirup. „Man kann das wie Pesto verstreichen.“ Dazu serviert sie Süßkartoffeln und Okraschoten mit trockenen Tomaten an Olivenöl. Ihre Leidenschaft fürs Kochen entdeckte Safiye Kilicoglu schon als Teenager. Das Das Restaurant Felsen wurde nach dem katastrophalen Hagelunwetter des Jahres 2006 komplett saniert und modernisiert. 272 9. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

Safiye Kilicoglu mit ihrem Partner Saśa Cukovic. 273

 

 

 

274 Gastlichkeit

 

 

 

Restaurant Felsen lernte sie vor mehr als 25 Jahren bei einem Praktikum kennen, bei dem sie ihre Kochund Küchenkenntnisse erweiterte und ebenso lernte, gutbürgerliche deutsche Gerichte zuzubereiten. Unter anderem das erwähnte Jägerschnitzel mit Spätzle oder den beliebten Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln. Als ihre Schwiegereltern das Gebäude mit dem Restaurant Felsen 1995 kauften, startete sie gemeinsam mit ihrem Mann Cabir Kilicoglu den ersten Versuch, ihn selber zu betreiben; damals leider nur mit mäßigem Erfolg. „Wir waren noch zu jung. Es lief nicht so gut, und wir gaben das Restaurant wieder ab. Meine Schwiegereltern verpachteten es weiter“, blickt die Wirtin selbstkritisch zurück. Den Traum vom eigenen Restaurant gab das Paar trotzdem nicht auf. Steiniger Weg bis zum Erfolg Anfang der 2000er-Jahre ergab sich eine zweite Chance: Die Schwiegereltern wollten den Felsen verkaufen und Safiye und Cabir Kilicoglu kauften es. „Wir entschieden uns, das Risiko einzugehen.“ Der Weg bis zum heutigen Erfolg sollte trotzdem noch ein Steiniger sein. Cabir Kilicoglu erkrankte schwer und starb 2004 – die junge Frau stand plötzlich allein mit den zwei Kindern und dem Restaurant da. Sie entschied sich dafür, den Felsen zu behalten und betrieb ihn von nun an allein. 2006 folgte ein weiterer Schicksalsschlag: Das Hagelunwetter am Abend des 28. Juni, das in Schwenningen und Trossingen gewaltige Verwüstungen hinterließ, zerstörte auch das Restaurant Felsen. „Wir hatten hier riesige Schäden durch den Hagel. Wir hatten ein ganzes Jahr lang geschlossen. Das Haus musste komplett saniert werden“, blickt Safiye Kilicoglu zurück. Klare, symmetrischen Formen kennzeichnen den freundlichen und eleganten Innenraum. Die Verbindung von orientalischer mit deutscher Küche ist charakteristisch für den Felsen. Das Haus wurde komplett entkernt und umgebaut, das war schwer für mich, aber ich hatte die Kraft. Sanierung und Modernisierung Doch die Wirtin machte aus der Not eine Tugend. Sie entschied sich, Haus und Restaurant nicht nur zu sanieren, sondern auch modernisieren und umbauen zu lassen. Geplant wurde das Projekt von Architekt Wolfgang Gilly aus Hüfingen. „Das Haus wurde komplett entkernt und umgebaut“, erinnert sich die Wirtin. „Das war schwer für mich, aber ich hatte die Kraft.“ Während dieser Zeit entstand das Restaurant Felsen, wie es sich heute präsentiert; mit viel Holz, aber zugleich weiträumig, modern und mit glänzenden Glasund Metall-Elementen. Ein charakteristisches Merkmal der Tische sind ihre klaren symmetrischen Formen; sie sind quadratisch oder rechteckig. Verschönert ist der helle, freundliche Innenraum mit zusätzlichen Design-Elementen und zum Zeitpunkt des Besuchs für den „Almanach“-Bericht ergänzt durch Bilder des Villingen-Schwenninger Künstlers Stefan Flaig. Das Felsen-Team beschreibt das Ambiente folgendermaßen: „Elegant, aber ohne aufdringlich zu sein. Die natürlichen Materialien und die in warmen Tönen gehaltene Einrichtung sorgen für ein wohliges Befinden. Edelstahl und Naturhölzer finden sich bei Tischen, Einbauten und im Barbereich wieder. Ergänzt wird dieses Ambiente durch Akzente wie Skulpturen und Bilder namhafter und lokaler Künstler.“ Terrasse mit Blick auf Felsen-Landschaft im Garten Eine Felsen-Besonderheit, die vor allem in den warmen Jahreszeiten beliebt ist, ist die weiträumige überdachte Terrasse vor dem Haupteingang. Rote Textilvorhänge dämpfen das Tageslicht und lassen für die Gäste an den Tischen eine heimelige Atmosphäre entstehen, während die Poren in den Vorhängen andererseits die Luft sanft zirkulieren lassen. Bei Bedarf lassen sich diese Vorhänge auch zurückziehen. Auf Restaurant Felsen 275

 

 

 

Rote Textilvorhänge lassen eine heimelige Lichtatmosphäre entstehen. Im Garten ist eine Felsenlandschaft angelegt. der Vorderseite blicken die Gäste dann in den warmen Jahreszeiten auf einen grünen Pflanzenvorhang und auf einen schönen Garten. Zum Garten gehört seit der Umgestaltung übrigens auch ein Bereich, den Safiye Kilicoglu passend zum Namen des Restaurants anlegen ließ; eine kleine Landschaft mit zahlreichen beeindruckenden Felsen, deren Farben von einem sanften Rot bis zu einem dunklen Grau variieren. Die Gäste lauschen auf der Terrasse dem Plätschern der hauseigenen Wasserbrunnen. Orientalisch-deutsche Küche begeistert die Gäste Bei den alt-eingesessenen Schwenningern stieß der neue Felsen nach seiner Wiedereröffnung im Jahr 2008 zunächst auf Skepsis, erinnert sich die Wirtin, ebenso wie sie Safiye Kilicoglus neuer Speisekarte zunächst eher zurückhaltend gegenüberstanden. Damals begann sie damit, orientalische Einflüsse in die Zubereitung mancher Speisen einfließen zu lassen. Etwas, das Unsere Gäste kommen aus der ganzen Region. Vertreten sind alle Generationen von jungen Paaren über Menschen im mittleren Alter bis zu Senioren. den Felsen heute so charakteristisch macht, stieß damals nicht bei allen Gästen auf Begeisterung. „Sie wollten den alten Felsen mit der gutbürgerlichen deutschen Küche zurück“, blickt die Wirtin und leidenschaftliche Köchin zurück. Kilicoglu war aber von den Erfolgschancen ihrer Ideen überzeugt! „Wir mussten lange kämpfen“, erinnert sie sich. Dann seien aber immer mehr auswärtige Gäste gekommen, zum Beispiel aus Dauchingen, Villingen, Weilersbach, Trossingen und Tuttlingen. Denen gefiel der Felsen, und sie lernten Safiye Kilicoglus besondere Küche sehr schnell zu schätzen. „Sie erzählten es herum, und dann kamen allmählich auch die Schwenninger“, freut sich die Wirtin. Inzwischen gehören auch je276 Gastlichkeit

 

 

 

Bei festlichen Anlässen kann der Felsen im Rahmen von Catering bis zu 800 Personen bewirten. ne Schwenninger zu ihren Gästen, die den Felsen noch unter Wirtin Theresa Rödel gekannt hatten; jene Frau, bei der Kilicoglu unter anderem gelernt hat, Spätzle selber zu machen. „Unsere Gäste kommen aus der ganzen Region. Vertreten sind alle Generationen von jungen Paaren über Menschen im mittleren Alter bis zu Senioren.“ Catering und Großveranstaltungen im Angebot Wer möchte, kann sich mit seiner Gesellschaft im Felsen bei festlichen Anlässen verwöhnen lassen; zum Beispiel bei Geburtstagen, Hochzeiten, Weihnachtsund Betriebsfeiern. Zum Angebot des Felsen gehört auch Catering für Großveranstaltungen bis zu 800 Personen. Zum Getränke-Angebot des Felsen zählt neben beliebten Standards eine große Auswahl an Weinen aus Deutschland, Italien, Spanien und dem Orient. Die Zutaten für die Speisen kommen sowohl aus der hiesigen Region als auch von weiter her, zum Beispiel aus der Heimat von Kilicoglus Familie, die sowohl von türkischen als auch von arabischen Einflüssen geprägt ist. Das Fleisch für die beliebten Steaks bestellt die Wirtin bei Prohoga in Schwenningen; es ist Premiumfleisch aus Argentinien. Seit 2011 betreibt Safiye Kilicoglu den Felsen gemeinsam mit ihrem neuen Partner Saśa Cukovic. „Ich koche, er kümmert sich um den Service“, verrät die Betreiberin. Insgesamt ist das Felsen-Team sieben Personen stark. Restaurant Felsen Turnerstraße 63 78054 Villingen-Schwenningen Geöffnet von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 17 Uhr bis 1 Uhr. Reservierungen unter Tel.: 07720 / 35831 oder per Mail unter info@felsen-vs.de. Weitere Informationen und die Speisekarte gibt es auf www.felsen-vs.de. Restaurant Felsen 277

 

 

 

Im Gespräch mit zwei HöhlenbrüterExperten von Wolf Hockenjos Die beiden St. Georgener Hans Schonhardt (Jahrgang 1942) und Bernhard Scherer (Jahrgang 1957) verbindet ein höchst ungewöhnliches, auch nicht ganz ungefährliches Hobby: Sie kümmern sich um Baumhöhlen und die auf sie angewiesenen, besonders schützenswerten Vogelarten. Das tun sie schon seit etlichen Jahrzehnten, und das mit großem Geschick und sehr erfolgreich. Beruflich gab es kaum Berührungspunkte mit Wald und Vogelwelt: Hans Schonhardt ist Diplomingenieur und Feinwerktechniker, Bernhard Scherer Technischer Angestellter. Wolf Hockenjos, der die Fragen stellt, hatte schon in seiner Zeit als Villinger Forstamtsleiter (von 1980 bis 2004) regelmäßig Kontakt und Erfahrungsaustausch mit den beiden. In einem sehr persönlichen Interview hinterfrägt er die Leidenschaft der beiden Höhlen brüter-Freunde. Ein Sperlingskauz in seiner Höhle. 278 10. Kapitel – Natur und Umwelt

 

 

 

 

 

 

Bernhard und Hans, wie seid ihr beiden überhaupt zu diesem Hobby gekommen? Beruflich habt ihr ja nicht unbedingt mit Ornithologie zu tun gehabt. Bernhard: Als Kind war ich oft mit meinem Großvater im Wald, da ich nicht in den Kindergarten wollte. Er hat mir sehr viel gezeigt und mein Interesse an der Natur geweckt. Später als Technischer Angestellter war ich immer nur „der Waldläufer“. Hans Schonhardt Hans: Mich haben schon als Lehrling die beiden Villinger Ornithologen Helmut Kaiser und Günter Bernauer zu Waldgängen und zur Mitarbeit beim Beringen von Kleinvögeln angeregt. Später erhielt ich von der Staatlichen Vogelwarte Radolfzell selbst die Erlaubnis, Vögel und speziell dann auch Käuze zu beringen. Wobei mein Interesse in den Wäldern neben den Käuzen auch den Ziegenmelkern und den Auerhühnern galt, in der Riedbaar an der Donau, aber auch Wintergästen wie den Saatgänsen und Singschwänen. Welchen Höhlenbrütern unter den Vogelarten gilt euer besonderes Interesse? Bernhard: Das sind vor allem unsere seltenen heimischen Eulenarten, der Raufußkauz und der Sperlingskauz. Und natürlich die Spechtarten, die die Höhlen zimmern. Daneben haben mich aber auch Greifvögel und Raufußhühner immer sehr interessiert, speziell auch das Haselhuhn, das in Baden-Württemberg inzwischen leider ausgestorben ist. Hans: Bei mir sind es außer den Höhlenbrütern neuerdings mehr und mehr auch Rotmilan und Wespenbussard. Mit Kennerblick sucht ihr in den Wäldern nach Bruthöhlen in den Bäumen. Weshalb sind die denn so rar? Bernhard: Wirklich rar sind nur die Höhlen des Schwarzspechts. Das liegt daran, dass er für seine großen Höhlen auch entsprechend starke Bäume braucht. Je nach Baumart und Standort kann er deshalb erst Bäume ab etwa einem Alter von 130 Jahren nutzen, und Bruthöhlen legt er am Stamm meistens recht weit oben an. Im Wirtschaftswald werden ab diesem Alter die Bäume aber in der Regel genutzt, bevor sie diese Stärke erreicht haben. Deshalb Bernhard Scherer mussten wir uns ja auch immer wieder mit dem Aufhängen von Nistkästen behelfen, wodurch der Raufußkauzbestand in den 1990er-Jahren im Raum St. Georgen auf etwa 20 Paare angehoben werden konnte. Aber entscheidender ist das Vorkommen von natürlichen Bruthöhlen. Bei welchen Baumarten werdet ihr am ehesten fündig? Bernhard: Der Schwarzspecht nutzt für den Bau seiner Höhlen sehr gerne die Buchen. Diese sind aber im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht sehr häufig. Weißtannen und Kiefern (die sog. „Überhälterkiefern“) werden etwa gleich häufig genutzt. Als Nahrungsquelle nutzt er gerne abgestorbene Bäume, das Totholz. Diese werden glücklicherweise immer öfter stehen gelassen, sofern sie keine Gefahr entlang öffentlicher 280 Natur und Umwelt

 

 

 

Wege darstellen. Die Fichte scheint er eher zu meiden. Der Buntspecht ist nicht wählerisch. Er nutzt alle Baumarten gleichermaßen. Er baut seine Höhlen in dicke und dünne Bäume. Auch in der Höhe ist er nicht wählerisch. Ab etwa einem Meter Höhe bis in die Baumkronen nutzt er alles. Worauf achtet ihr ganz besonders, wenn ihr eine Bruthöhle entdeckt habt? Hans: Wir notieren uns Baumart, Durchmesser, Höhe und Himmelsrichtung des Einfluglochs und tragen das in eine Datenbank ein. Bernhard: Dabei achten wir besonders drauf, wem der Wald gehört. Im öffentlichen Wald ist es leichter, den gesetzlichen Schutz solcher Brutbäume durchzusetzen. Im privaten Wald ist das schon schwieriger. Zunächst müssen wir über den Förster den Waldbesitzer erfragen, um mit ihm Kontakt aufnehmen zu können. Was geschieht dann mit den Höhlenbäumen? Worin genau bestehen eure Schutzaktivitäten? Bernhard: Die Höhlenbäume werden in Brusthöhe farblich mit einer Wellenlinie markiert. Auf diese einheitliche Markierung haben wir uns in Zusammenarbeit mit dem NABU und der Forstverwaltung im Schwarzwald-Baar-Kreis geeinigt. Früher hatte jeder Förster seine eigene Kennzeichnung für schützenswerte Bäume. Das führte gelegentlich dazu, dass Höhlenbäume versehentlich gefällt wurden, etwa, wenn der zuständige Förster im Urlaub oder krank war und Waldarbeiter aus einem anderen Revier den Holzeinschlag durchführten. Eine weitere Schutzmaßnahme ist das Sichern der Bruthöhlen gegen eindringendes Wasser. Bei Starkregen kann Wasser, das am Stamm herunterläuft, in die Höhle eindringen. Das kommt besonders oft bei Buchen vor, da ihre Äste schräg nach oben zeigen und dadurch das Wasser zum Stamm geleitet wird. Aber auch Höhlen, die vom Specht nicht mehr benutzt werden, sind stärker durch eindringendes Wasser gefährdet, da der Baum versucht, die Gut zu erkennen ist die Dachrinne oberhalb der Bruthöhle zum Schutz des Geleges. Ein Schwarzspecht an seiner Bruthöhle, er bevorzugt Buchen. Im Gespräch mit zwei Höhlenbrüter-Experten 281

 

 

 

Öffnung zu schließen. Dadurch bildet sich ein Wulst am unteren Rand. Dieser wird immer größer und kann mit der Zeit dazu führen, dass abfließendes Wasser in die Höhle geleitet wird. Durch das eindringende Wasser können Gelege unter Wasser gesetzt werden oder Jungvögel ertrinken. Ein einfaches Hilfsmittel dagegen ist eine Art Dachrinne. Diese wird über dem Höhlen eingang angebracht und leitet das Wasser an der Höhle vorbei. Weil Bruthöhlenbäume so selten sind, versuchen wir auch, sie etwa nach Stammbrüchen durch Sturm zu sanieren, um sie längstmöglich zu erhalten. Weil Bruthöhlenbäume so selten sind, versuchen wir auch, sie etwa nach Stammbrüchen durch Sturm zu sanieren, um sie längstmöglich zu erhalten. Doch zumeist brechen sie nicht früher ab als andere Bäume, wenn sie nicht schon allzu faul sind. So hatten wir einmal den Fall, dass der einzige Baum, der in einer Sturmschneise stehen blieb, ein Höhlenbaum war. Verbleibt in einem abgebrochenen Stamm noch eine intakte Höhle, so haben wir in einigen Fällen die Bruchstelle schon abgesägt und mit einem Dach gegen Regenwasser gesichert. Diesen Aufwand betreiben wir aber sehr selten und auch nur an Bäumen, die häufig zum Brüten genutzt wurden. Hattet ihr auch schon Unfälle zu verkraften? Hans: Bis jetzt gottlob noch nicht. Früher bin ich mit Stecheisen an den Schuhen hoch geklettert, das war sehr riskant und konnte auch die Baumrinde verletzen. Heute klettern wir mit der Klemmknotentechnik. Bernhard: Unsere Klettertechnik ist im Grunde von den Bergsteigern abgeschaut. Mit dieser Technik können sich Bergsteiger an einem Seil nach oben arbeiten. Nur wird bei uns das Seil durch den Baum ersetzt. Der Nachteil dabei ist aber, dass man möglichst einen astfreien Stamm braucht. Zum Glück sind die meisten Schwarzspechthöhlen in Bäumen mit astfreiem Schaft. Aber einzelne Äste können auch überstiegen werden. Dazu braucht man ein drittes Seil und etwas Geschick. Ihr müsst euch jedenfalls mit den Waldeigentümern ins Benehmen setzen? Bernhard: Ja, gerade im Privatwald ist das wichtig. Sonst kann es passieren, dass der Waldeigentümer glaubt, der „faule“ Baum wäre vom Förster zum Entfernen markiert worden. Das ist uns schon passiert. Da es im Wald oft schwierig ist, Besitzgrenzen zu erkennen, hatten wir den Privatwaldbesitzer nicht rechtzeitig informiert, und so ist der Baum der Säge zum Opfer gefallen. Im öffentlichen Wald hat sich die einheitliche Markierung so gut durchgesetzt, dass es eigentlich keiner besonderen Absprache mehr bedarf. Wertet ihr eure Arbeit auch statistisch aus, um Aussagen über das Vorkommen und über den Bruterfolg der Höhlenbewohner zu erhalten? Bernhard: Ja, aber nur in bescheidenem Rahmen: Unsere Daten gehen an das „Monitoring Greifvögel und Eulen Europas“ der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale. Über den Bruterfolg können wir allerdings keine Statistik führen. Die Jungen der verschiedenen Bruten einer Art fliegen häufig innerhalb weniger Tage aus. Gerade beim Raufußkauz müssten wir nachts die bettelnden Jungen verhören, um die Anzahl zu ermitteln. Das schaffen wir zeitlich nicht. Wir machen das ja nur so nebenbei als Hobby. Die Arbeit der beiden Höhlenbrüter-Experten aus St. Georgen ist nicht ungefährlich. Der Schutz von Baumhöhlen führt die beiden regelmäßig in den Wipfelbereich der Bäume. 282 Natur und Umwelt

 

 

 

283

 

 

 

Höhlenwie Horstbäume stehen ja unter gesetzlichem Schutz – wie sieht es mit Kontakten zur Naturschutzbzw. Forstbehörde aus? Bernhard: Der Kontakt funktioniert auf allen Ebenen sehr gut! Inzwischen markieren viele Förster Höhlenbäume, die sie finden, gleich selbst. Da freuen wir uns, wenn wir vor einem markierten Höhlenbaum stehen, den wir noch nicht gekannt haben. Vom Regierungspräsidium Freiburg haben wir eine Naturschutzrechtliche Ausnahmeerlaubnis bzw. Befreiung für Maßnahmen des Artenschutzes erhalten. Ansonsten würden wir uns mit unserem Tun ja auch strafbar machen, da es sich bei den Höhlenbewohnern um besonders geschützte Arten handelt. Für den Staatswald gibt es seit 2010 ein Altund Totholzkonzept, das verbindlich umzusetzen ist. Danach muss eine Mindestzahl von markanten Einzelbäumen, von Baumgruppen und Waldbiotopen aus der Bewirtschaftung entlassen werden. Hat sich das schon auf euer Hobby ausgewirkt? Hans: Ja, das Konzept hat sich bewährt, denn da und dort dürfen Bäume jetzt doch ihr natürliches Alter erreichen, und es bleibt deutlich mehr Totholz stehen als früher. Das ist gut für die Spechte, die dort Nahrung finden, aber auch ihre Bruthöhlen darin bauen. Wie kommt es, dass ihr inzwischen nicht nur Ansprechpartner für Spechte und Käuze seid, sondern auch für den „Charaktervogel“ des Schwarzwalds, das Auerhuhn? Hans: Seit meinen ersten Waldgängen war das Auerhuhn für mich eine ganz normale Vogelart, das ich natürlich auch bei der Balz beobachten wollte, auch wenn die Hahnenjäger das nicht so gerne sahen; später habe ich in der AuerhuhnHegegemeinschaft der Jäger mitgearbeitet – und dabei natürlich auch den so bedauerlichen Niedergang dieser Vogelart miterlebt. Bernhard: Auch ich interessiere mich schon seit Jahrzehnten für das Auerhuhn und setze mich für seine Erhaltung ein. Leider sind die wirtschaftlichen Interessen bei der Behandlung der Wälder zu groß, um den Auerhühnern genug Lebensraum zu lassen: Die Wälder sind zu dicht und zu dunkel, um diesen schönen Hühnervögeln einen geeigneten Lebensraum zu bieten. Links: Im Nistkasten ein Kauzgelege, erkennbar an den auffallend runden Eiern der Höhlenbrüter. Rechts: Junge Raufußkäuze im Daunenkleid. 284 Natur und Umwelt

 

 

 

Balzender Auerhahn – vom Aussterben bedroht. Foto: Erich Marek

 

 

 

Bewohner von Bruthöhlen sind auch Hohltaube, Baummarder und selbst die Honigbiene. Was sind eure größten Sorgen und was eure größten Erfolgserlebnisse? Hans: Am meisten macht mich der allgemeine Rückgang der Vogelpopulationen besorgt und betroffen; die Verarmung der Insektenwelt macht sich eben auch im Wald bemerkbar. Da ist es dann ein großes Erfolgserlebnis, wenn eine bei uns bisher nicht notierte Vogelart wie etwa die Hohltaube mehrfach in einer unserer Höhlen brütet. Das ist dann schon ein besonderer Grund zur Freude! Bernhard: Unsere große Sorge ist, dass das Alter und die Dimensionen, in denen im Wirtschaftswald die Bäume genutzt werden, weiter abgesenkt werden aus Gründen des rentableren Einsatzes der großen Holzerntemaschinen. Je weniger alte und starke Bäume es im Wald gibt, desto weniger Auswahl hat der Schwarzspecht für seine Brutbäume. Am allermeisten aber macht mich besorgt, dass das Auerhuhn bei uns genauso aussterben könnte wie das Haselhuhn. Da müsste sehr viel mehr für die Verbesserung des Lebensraumes gemacht werden als bisher! Unser größter Erfolg war vermutlich die Anhebung des Raufußkauzbestandes im Raum St. Georgen. Durch das Aufhängen von Nistkästen ist es uns gelungen, den Bestand um 1990 im Raum St. Georgen auf rund 20 Paare anzuheben. Dabei haben wir mit Sicherheit auch von einer allgemeinen positiven Bestandsentwicklung profitiert. In diesem Zeitraum wurde im Rahmen einer Diplomarbeit eine Beringungsaktion durchgeführt, die erstaunliche Ergebnisse erbracht hat. So wurde im Schweizer Jura ein brütendes Weibchen beringt, das nur wenige Wochen später bei St. Georgen wiedergefangen wurde, als es eine Zweitbrut begann. Ein bei St. Georgen beringter Jungvogel wurde in Bel gien wiedergefangen. Die beiden Beispiele zeigen, wie wanderfreudig diese kleinen Käuze sind. Inzwischen ist der Bestand leider wieder rückläufig und auf das Ausgangsniveau von etwa drei Paaren abgesunken. Das hängt zum Teil 286 Natur und Umwelt

 

 

 

damit zusammen, dass der Bestand zurzeit fast überall zurückgeht, aber auch daran, dass wir die Nistkastenaktion (altershalber) zurückgefahren haben. Ein weiterer Grund könnte auch die starke Zunahme des Baummarders sein. Wo früher ein Raufußkauz aus der Höhle schaute, schaut jetzt öfters ein Baummarder heraus. Welche sonstigen Arten profitieren denn vom Schutz der Höhlenbäume? Bernhard: Die Spechthöhlen, speziell die großen Schwarzspechthöhlen, werden auch von dem bei uns nicht so häufigen Grünspecht, vom Waldkauz und von der Hohltaube genutzt, wie eben auch von Eichhörnchen und Baummardern, ja sogar von Honigbienen. Nur Bilche, also die bei uns heimischen Siebenschläfer, Gartenschläfer und Haselmäuse, haben wir nur selten gefunden. Der Kleiber pflegt die Höhleneingänge oft so zu „verkleiben“, dass nur noch er und die Meisen Zugang haben. Eine Besonderheit ist der Sperlingskauz, die mit Abstand kleinste Eulenart. Er brütet meistens in Buntspechthöhlen oder in den Höhlen des bei uns selten vorkommenden Dreizehenspechtes. Sperlingskäuze waren ursprünglich nicht selten im Schwarzwald. Doch in den 1960er-Jahren hatte ihr Bestand einen Tiefpunkt. Über die Ursachen gibt es unterschiedliche Meinungen. Am wahrscheinlichsten scheint uns, dass der Sperlingskauz genauso wie der Wanderfalke unter den Auswirkungen der Pestizide zu leiden hatte. Die Parallelen sind auffällig. Beide Arten sind Vogeljäger und stehen am Ende der Nahrungskette und sie erholten sich, nachdem die schlimmsten Gifte verboten wurden. Bernhard und Hans, nach diesem Ausflug in die Welt der Höhlenbrüter und weit darüber hinaus möchte ich euch danken für das Gespräch, das wir aus Gründen der Corona-Pandemie digital führen mussten – ganz besonders aber danke ich euch für euren unermüdlichen Einsatz draußen im Wald! Beim Auskundschaften von Höhlen bäumen. Die St. Georgener Hans Schonhardt und Bernhard Scherer verbindet ein ungewöhnliches Hobby: Sie kümmern sich um Baumhöhlen und die auf sie angewiesenen, besonders schützenswerten Vogelarten. 287

 

 

 

Das Sturmtief Sabine verursachte im Schwarzwald-BaarKreis ca. 400.000 Kubikmeter Sturmholz. Besonders betroffen waren die Waldgebiete bei Furtwangen, hier oberhalb des Gymnasiums entlang der Rabenstraße. 288 Natur und Umwelt

 

 

 

Wie sieht der Wald der Zukunft aus ? Waldzustand nach Sturm Sabine und Borkenkäfer von Dr. Frieder Dinkelaker 289

 

 

 

In der Nacht von 9. auf 10. Februar 2020 und erneut von 27. auf 28. Februar fegten die Stürme Sabine und Bianca über Deutschland hinweg. In BadenWürt tem berg war vor allem der Schwarzwald von Orkanböen betroffen, Teile des Schwarzwald-Baar-Kreises gehörten mit zu den vom Sturm am heftigsten verwüsteten Gebieten. Den Höhepunkt erreichte Sabine am 10. Februar gegen ein Uhr in der Nacht mit Orkanböen von 110 bis 120 Kilometer in der Stunde in Furtwangen, Triberg und Villingen-Schwenningen. Die Wetterdienste hatten vorgewarnt und so trafen sich Katastrophenschutz, Feuerwehren und weitere Teile der Landkreisverwaltung bereits am Sonntag, 9. Februar, um Vorbereitungen zu besprechen. Auch die Feuerwehren befanden sich in Alarmbereitschaft als die Sturmböen einsetzten. Der Sturm Sabine tobte am 9. Februar 2019 die ganze Nacht, Straßen mussten wegen umgestürzter Bäume gesperrt werden. Im Bregtal war die Stromund Wasserversorgung kurze Zeit unterbrochen. Schulen wurden geschlossen, da die Zufahrten nicht oder nicht sicher ermöglicht werden konnten. Fieberhaft arbeiteten alle Einsatzkräfte daran, wichtige Verkehrsachsen wieder befahrbar zu machen. Bis am Mittwochmorgen war auf den Straßen weitgehend wieder Normalität eingekehrt und der Verkehr konnte fließen. Der zweite Sturm Bianca am 27. Februar richtete vor allem in den Wäldern der Baar großen Schäden an, die Verkehrswege blieben dagegen einigermaßen verschont. Schäden und Schadensinventur in den Wäldern Waldeigentümern und Forstverwaltungen wurde schnell klar, dass die Stürme in den Wäldern im Schwarzwald-Baar-Kreis erhebliche Schäden angerichtet hatten. Nach den Orkanen Vivian und Wiebke 1990 und Lothar 1999 waren die Februarstürme 2020 damit das dritte große Sturmereignis mit weitreichenden Folgen für die Wälder. Nachdem die öffentlichen Straßen freigeräumt waren, galt es, in den Wäldern die Hauptwege wieder benutzbar zu machen. Jedoch war klar: Die Wälder werden erst betreten, wenn die Sturmsituation vollständig zum Erliegen gekommen ist. Die vier großen Forstorganisationen im Kreis – das Kreisforstamt, das kommunale Forstamt Villingen-Schwenningen, der seit dem 1. Januar 2020 für den Staatswald zuständige Landesbetrieb ForstBW sowie der fürstlichfürstenbergische Forstbetrieb – standen dazu in engem Austausch. Die ersten Prognosen beliefen sich noch auf ca. 250.000 Kubikmeter Sturmholz. Im Laufe der Aufarbeitung in den kommenden Wochen und Monaten musste diese Zahl jedoch deutlich nach oben korrigiert werden: Nach Abschluss der Sturmholzaufarbeitung im Sommer 2020 zeigte sich, dass vom Sturm im Schwarzwald-Baar-Kreis 350.000 bis 400.000 Kubikmeter Holz geworfen wurden. Sofortmaßnahmen und Aufarbeitungsstrategie An erster Stelle bei allen Überlegungen zur Sturmholzaufarbeitung steht die Sicherheit der Menschen. Alle anderen Aspekte, wie die Maximierung der Aufarbeitungsgeschwindigkeit oder der schnelle Zugang zu Wäldern zum Zwecke der Erholung, müssen sich diesem Grundsatz unterordnen. Für alle im Wald tätigen Personen, vor allem Waldeigen tümer und Forstwirte, wurden über das Kreisforstamt spezielle Schulungen zur Sturmholz-Aufarbeitung organisiert. Dank gilt an dieser Stelle der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft und dem Hauptstützpunkt in Bonndorf, die diese Schulungen schnell und kompetent angeboten, organisiert und durchgeführt haben. 290 Natur und Umwelt

 

 

 

Die Beseitigung des Sturmholzes erfordert viel Fachwissen, das vom Kreisforstamt im Rahmen von Schulungen vermittelt wurde. Sturmholz kann, insbesondere wenn ganze Flächen geworfen wurden, nur mit Unterstützung von Forstspezialmaschinen aufgearbeitet werden. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind zahlreiche Forstunternehmer tätig, die diese Aufgabe professionell und gut beherrschen. Zusammen mit den Regiearbeitskräften der kommunalen Forstbetriebe, aber auch mit zusätzlicher Unterstützung durch Forstunternehmen aus Nachbarlandkreisen, konnte somit unmittelbar nach Abklingen des Sturmes mit der Aufarbeitung begonnen werden. Die Zeit drängte! Nach Sturmwürfen droht in Fichtenwäldern eine massive Vermehrung von Borkenkäfern. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Geworfenes, abgebrochenes oder anderweitig geschädigtes Holz ist ein idealer Brutraum für Borkenkäfer. Dieses steht nach Stürmen reichhaltig zur Verfügung! Und nach den warmen und trockenen Sommern 2018 und 2019 mit bereits hohen Borkenkäferdichten war klar, dass alles getan werden musste, um der Ausbreitung des Borkenkäfers entgegenzuwirken. Vorrangiges Ziel war es deshalb, das aufgearbeitete Holz sofort in die Sägewerke und holzverarbeitenden Industrien zu bringen. Die jahrzehntelange gute Zusammenarbeit der Forstbetriebe im Schwarzwald-Baar-Kreis mit den Sägewerken im näheren Umfeld hat sich hierbei von großem Vorteil erwiesen. Die trockene Witterung im März hat zwar den Bäumen nicht gutgetan, war aber für die schnelle Aufarbeitung und Abfuhr des Holzes von großem Vorteil. Alles hatte gut angefangen – dann sorgte aber die Corona-Pandemie auch in den Sägewerken Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 291

 

 

 

für reduzierte Absatzmöglichkeiten, verkürzte Arbeitsschichten und damit für einen stockenden Abfluss des Holzes aus den Wäldern. Aufarbeitung von Sturmholz mit Zangenschleppern. Eine sichere Aufarbeitung von Sturmschäden im Wald ist nur mit Hilfe von Spezialmaschinen möglich. Bis Anfang Juli 2020 war das Sturmholz in die Nasslager im Kreis weitgehend eingelagert und ca. 150.000 Kubikmeter Holz waren unter Wasser. Schutz der Wälder vor weiterem Käferbefall – Waldschutzstrategie und Nasslager Zum Schutz stehender Waldbestände vor weiterem Borkenkäferbefall war es damit erforderlich, auch andere Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehören zum Beispiel die Entrindung von Holz, vor allem aber die Lagerung außerhalb des Waldes, am besten auf Nasslagern. Verstärkt durch den zögerlichen Holzabfluss in Folge der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass eine zielgerichtete Holzlogistik nur mit großen lokalen Holzlagern außerhalb des Waldes möglich sein würden. Im Schwarzwald-BaarKreis waren bereits vor den Februarstürmen 2020 mehrere Nasslager im Betrieb, für weitere Nasslager bestanden noch wasserrechtliche Genehmigungen. Mit großem Engagement und Einsatz der Forstverwaltungen wurde die Nasslager-Logistik vorbereitet. Die Plätze nah bei Flüssen mussten teilweise ertüchtigt, vorbereitet und die erforderlichen Genehmigungen eingeholt werden. Neue Pumpen, Rohre, Schläuche und Regner wurden beschafft und mit dem Aufbau begonnen. Und es wurde so schnell wie möglich mit der Einlagerung des Sturmholzes begonnen. Bis Anfang Juli 2020 war das Sturmholz in die Nasslager im Kreis weitgehend eingelagert und ca. 150.000 Kubikmeter Holz waren unter Wasser (s. S. 293). Hoher Käferholzanfall in den Vorjahren, ein warmes und trockenes Frühjahr und große Mengen Brutmaterial im Wald: Damit war klar, dass im Schwarzwald-Baar-Kreis dennoch wieder ein Borkenkäferjahr bevorstehen würde. Kaum war das Sturmholz aufgearbeitet, mussten bereits wieder die ersten frisch vom Borken292 Natur und Umwelt

 

 

 

Nasslager entzieht holzschädigenden Pilzen und Insekten die Lebensgrundlage Das Verfahren basiert auf dem Prinzip der dauerhaften Erhaltung hoher Holzfeuchte mittels künstlicher Beregnung. Das Poren system der eingelagerten Hölzer bleibt mit Wasser gefüllt und verhindert damit ein Eindringen der Luft bzw. den Zutritt von Sauerstoff. Holzschädigenden Pilzen und Insekten wird damit die Lebensgrundlage entzogen. Die Nasslagerung von Holz ist das einzige Holzkonservierungsverfahren, das es bei sachgerechter Durchführung ermöglicht, große Holzmengen über mehrere Jahre hinweg unter Beibehaltung der Holzqualität zu lagern. Mittlerweile ist ein großes Repertoire an Informationen und „Know-how“ über Nasslagertechnik vorhanden. Nasslagerung wird von einem Großteil der Sägeindustrie als Lagerungsmethode anerkannt und gutgeheißen. Im Vordergrund bei diesen Maßnahmen steht der Werterhalt der Hölzer. Gleichzeitig dienen die Nasslager dazu, den Holzmarkt zu entlasten und die Holzpreise auf Dauer zu stabilisieren. Des Weiteren wird durch sie der Insektizideinsatz vermieden. Nasslagerplätze bei Rietheim (oben) und im Wieselsbachtal bei VS-Pfaffenweiler (Mitte rechts). Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind die großen Nasslager an den drei Flüssen Donau, Brigach und Breg eingerichtet. Regelmäßige Untersuchungen der Gewässergüte stellen sicher, dass keine übermäßige Belastung des Wassers entsteht. Für alle Nasslagerplätze wurde eine wasserrechtliche Genehmigung erstellt. Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 293

 

 

 

käfer befallenen Bäume eingeschlagen und das Holz aus dem Wald gebracht werden. Die Februarstürme 2020 und die Folgen für die Waldentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Störungen der Waldentwicklung durch Stürme, Feuer oder Insektenschäden gehören zur natürlichen Dynamik in Waldökosystemen. Naturnahe und standortgerechte Wälder sind durchaus in der Lage, sich nach einer solchen Störung wieder selbst zu regenerieren und zu verjüngen. Je nach Ausgangssituation und Rahmenbedingungen kann diese Entwicklung jedoch viele Jahrzehnte dauern und führt zu Vegetationsformen, die nicht unseren heutigen Vorstellungen von multifunktionalen Waldbeständen entsprechen. Es ist also zielführend, ein Ziel bei der Waldentwicklung zu bestimmen und diese Entwicklung auch aktiv durch Förderung der Naturverjüngung, aber auch durch Pflanzung und Pflege junger Bestände zu steuern. Hierzu bestehen grundsätzlich detaillierte Kenntnis und Erfahrung über die forstliche Standortskartierung und das badenwürttembergische Waldbauprogramm, die Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen. Erschwert wird die Zieldefinition durch die seit Langem prognostizierte, aber in den letzten Jahren immer deutlicher spürbare Klimaerwärmung. Im Schwarzwald-Baar-Kreis werden durch seine vielfältigen landschaftlichen, geologischen und standörtlichen Gegebenheiten die Wälder unterschiedlich betroffen sein. Die Höhenlagen des Schwarzwaldes In den Höhenlagen des Schwarzwaldes im Westen des Landkreises stehen heute ausgedehnte Fichtenwälder, an einigen Bereichen gemischt mit Buchen und Tannen. Der hohe Fichtenanteil ist vom Menschen gemacht: Von Natur aus wachsen im Hochschwarzwald Buchen-Tannenwälder zusammen mit vielen Mischbaumarten wie zum Beispiel dem Bergahorn oder der Vo gelbeere. Fichten und Kiefern würden sich im vom Menschen unbeeinflussten Wald auf Sonderstandorte wie Moore oder Felsregionen beschränken. Der gezielte Anbau und die FörNaturnahe Waldbewirtschaftung in Baden-Württemberg Kennzeichnendes Prinzip dieser Form der Waldbewirtschaftung ist die Ausnutzung natürlicher Abläufe in Wäldern, um forstbetriebliche Ziele zu erreichen. Pflanzungen oder Pflegemaßnahmen begleiten diese Abläufe, wenn die Erreichung der Ziele auf natürlichem Wege nicht möglich ist. Dazu notwendige waldbauliche Entwicklungsund Behandlungskonzepte sind in der „Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen“ zusammengefasst, diese Richtlinie gilt als das Waldbauprogramm Baden-Württembergs. Die Richtlinie wird laufend überarbeitet und an neue Klimaund Umweltbedingungen, aber auch an veränderte Zielsetzungen der Waldeigentümer angepasst. Eine wichtige Grundlage für alle waldbaulichen Entscheidungen ist die Kenntnis des forstlichen Standorts, also der Summe aller Einflussfaktoren auf das Baumwachstum. Dazu gehört die Kenntnis des Ausgangsgesteins, der Bodenart, des Wasserhaushalts, der Begleitvegetation und vieler weiterer Faktoren. Diese Informationen werden im Rahmen der forstlichen Standortskartierung erhoben und in Karten dargestellt. derung der Fichte in vergangenen Jahrzehnten wird seit rund drei Jahrzehnten wieder zurückgeführt, zugunsten vor allem von Buche, Tanne und Bergahorn. Diese Baumarten befinden sich auf dem Vormarsch, vor allem auch in der natürlichen Verjüngung. Dieses gelingt aber insbesondere bei der Tanne nur bei angepassten Wildbeständen! Aus heutiger Sicht wird diese Entwicklung auch bei zunehmenden Jahresdurchschnittstemperaturen so weitergehen, die Wälder im Hochschwarzwald werden sich über die Jahrzehnte zu Buchen-Tannenwäldern mit Fichten und anderen Mischbaumarten entwickeln. Besonders wichtig ist bei allen Anstrengungen um eine naturnahe Waldentwicklung die Risiko streuung, 294 Natur und Umwelt

 

 

 

Der Wald der Zukunft soll sich in den Höhenlagen des Schwarzwaldes hauptsächlich aus Buche und Tanne zusammensetzen, noch aber dominiert die Fichte. also die Beteiligung möglichst vieler Baumund anderer Pflanzenarten am Waldaufbau. Die Buntsandsteinplatte Der größte Teil der Waldflächen im Zentrum und im Norden des Schwarzwald-Baar-Kreises liegt auf den verschiedenen Schichten des Buntsandsteins auf Höhenlagen zwischen 1.000 und 700 m. Auf den natürlich sauren Standorten wachsen vor allem Tannen, Kiefern und Fichten. Auch in diesen Wäldern hatte sich bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts der von Natur aus hohe Tannenanteil durch menschliches Handeln, aber auch durch Wildverbiss stark reduziert. Angepasste Jagdstrategien und aktive Pflanzungen konnten diese Entwicklung stoppen und in einzelnen Forstbetrieben sogar umkehren. Die bodensauren, hoch gelegenen Buntsandsteinböden der Baar gelten als einer der wenigen Waldstandorte in Baden-Württemberg, auf denen auch bei der prognostizierten Klimaveränderung die Baumart Fichte noch geeignete Standortbedingungen vorfindet. Aber auch auf diesen Standorten ist zu erwarten, dass Tanne und Kiefer, Vogelbeere und Buche langfristig stärker in den Beständen beteiligt Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 295

 

 

 

sein werden. Grund zur Besorgnis gaben in den letzten Jahren vor allem auch die lang anhaltenden Dürreund Hitzephasen im Frühjahr und Hochsommer, die zu großer Trockenheit und dadurch massiver Schädigung des Feinwurzelsystems der Bäume führten. Einzelne Bäume sind nicht durch Stürme oder Käferbefall abgestorben, sondern schlicht vertrocknet – und das auf der eigentlich für kühle Temperaturen und hohe Niederschläge bekannten Baar! Albtrauf und Randen Ganz anders sind die Bedingungen für das Waldwachstum im Südosten des Landkreises auf den kalkhaltigen Böden des weißen Jura im Gebiet der Länge und des Randen. Diese Wälder bieten von Natur aus ideale Bedingungen für die Baumart Buche in Gesellschaft mit Bergahorn, vielen anderen Laubbaumarten und der Tanne. Die vom Menschen eingebrachten Fichten dagegen werden sich langfristig auf diesen Standorten nicht halten können. Das zeigen die Sturmschäden, aber auch der besonders starke Befall mit Borkenkäfern. Auf diesen Flächen, auf denen häufig noch keine Naturverjüngung vorhanden ist, ist die Wiederbewaldung eine besondere Herausforderung. Standortgerechte Baumarten wie zum Beispiel Eichenarten, die Wildkirsche oder Ahornarten müssen gepflanzt, gepflegt und gegen Wildverbiss geschützt werden, um eine erfolgreiche Verjüngung zu gewährleisten. Baumhasel, Libanonzeder, Tulpenbaum und Co ? Kaum ein Artikel zur Waldentwicklung in Baden-Württemberg, in dem die drei oben genannten Baumarten nicht als mögliche Option für künftige Anbauten genannt werden. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es bereits kleinflächige Anbauversuche dieser und anderer Baumarten, die bisher in unseren Wäldern nicht vertreten sind. Außerdem haben sich die aus Amerika stammende Douglasie und Roteiche bereits in kleinen Teilen in die Waldbestände integriert. Großflächige, aktive WaldumbauIm Großraum Blumberg, von Albtrauf und Randen, ist die Buche in Gesellschaft mit dem Bergahorn die vorherrschende Baumart. Das Foto zeigt den Hohen Randen bei Blumberg. maßnahmen sind aber aus heutiger Sicht nicht angezeigt. Vielmehr gilt es noch sorgfältiger als bisher, Wälder auf standörtlicher Grundlage zu entwickeln. Dies wird zwangsläufig zu einem Rückgang der Fichtenanteile führen. Damit die Tanne als einheimische und standortgerechte Baumart diese Anteile auffüllen kann, bedarf es aber intensiver waldbaulicher und forstbetrieblicher Anstrengungen. Dazu gehören an erster Stelle eine intensive Bejagung des Rehwildes und regelmäßige Pflege und damit Auflichtung der Waldbestände, nur dann können sich Nadelholzbestände natürlich verjüngen. Flächen, auf denen Naturverjüngung ausbleibt, müssen schon unter dem Schirm der Altbestände mit Tannen bepflanzt werden. Klimawandel erfordert eine naturnahe Waldentwicklung Der Klimawandel findet bereits statt. Seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 hat sich bis 2018 die Jahresdurchschnittstemperatur bereits um 1,5 °C erhöht und es ist davon auszugehen, dass es in Zukunft deutlich schneller wärmer wird. Mit dem Klimawandel wird sich das Waldschutzrisiko deutlich verschärfen, es wird zu häufigeren und extremeren Klimaereignissen kommen. Dabei werden die Wälder im Schwarzwald-Baar-Kreis Wälder bleiben. Aber die Umweltund Standortbedingungen für verschiedene Baumarten werden sich verändern. Diese Wälder werden anders zusammengesetzt sein, ihre Funktionen werden folglich einem Wandel unterliegen. Nicht zuletzt werden sich zudem künftige Nutzungsanforderungen der Gesellschaft verändern. Um diese Waldfunktionen auch in Zukunft zu gewährleisten, ist weiterhin eine Förderung der naturnahen Waldentwicklung sowie eine breite Risikostreuung das beste Mittel der Wahl. 296 Natur und Umwelt

 

 

 

Baumarten im Landkreis Die FICHTE ist die häufigste Baumart bei uns. Sie gilt als leicht zu verjüngen und liefert hervorragendes, vielseitig verwendbares Holz. Allerdings setzen ihr besonders in den letzten Jahren Dürre, Borkenkäfer und Stürme zu. Auf trocken-warmen Standorten wird sie verschwinden. Die TANNE ist der Charakterbaum des Kreises. Konkurrenz zur Fichte und Wildverbiss haben ihren natürlich hohen Anteil in unseren Wäldern stark zurückgehen lassen. Bei naturnaher Bewirtschaftung und waldgerechter Bejagung hat sie das Zeug, auf vielen Standorten die Fichte zu ersetzen. Die BUCHE ist die häufigste Laubbaumart im Kreis, im Westen und Süden ist sie auch über natürliche Verjüngung auf dem Vormarsch. Ihr Anteil in allen Wäldern im Landkreis wird weiterhin zunehmen. Die STIELEICHE kommt bisher nur selten vor, vor allem im Osten des Kreises. Trockenheit und Wärme erträgt sie gut, ihr Anteil an unseren Wäldern wird deshalb zunehmen. Der BERGAHORN verjüngt sich gut und scheint auch mit Wärmeund Trockenperioden gut zurechtzukommen. Schon jetzt ist er eine willkommene Mischbaumart und wird als solche weiter an Fläche gutmachen. Die ESCHE war bis vor wenigen Jahren ein wichtiger Bestandteil unserer LaubholzMischwälder. Das durch eine Pilzart verursachte Eschentriebsterben lässt sie derzeit aber zunehmend aus den Wäldern verschwinden. Nicht heimische Arten Die DOUGLASIE stammt aus Amerika. Sie ist sehr tolerant gegenüber Sommertrockenheit. Als Lieferant sehr guten Holzes kann sie an vielen Orten zusammen mit Tanne und Buche die Fichte ersetzen. Auch die ROTEICHE kommt ursprünglich in Amerika vor. Sie hat ähnliche Standortsansprüche wie die heimischen Eichenarten, wächst aber wesentlich schneller und kann somit eine gute Begleitbaumart in Buchenwäldern werden. Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 297 297

 

 

 

Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne Die Weißoder Edeltanne ist, ähnlich der Eiche unter den Laubhölzern, durch den Adel der Gestalt wie durch das Alter und die riesigen Dimensionen, welche einzelne besonders günstig entwickelte Exemplare erreichen, unstreitig die Königin unserer Nadelhölzer. (Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden. Heidelberg 1908) von Wolf Hockenjos Die schlechten Nachrichten aus dem vom Klimawandel gestressten Wald wollen derzeit nicht abreißen: Drei trockenheiße Sommer nacheinander, Waldbrände, Winterstürme und Borkenkäfer-Massenvermehrungen haben zu derart gravierenden Schäden geführt, dass die Regierungen umfangreiche Hilfspakete schnüren mussten. Denn all das Schadholz kann der – zudem auch noch vom Corona-Virus geschwächte – Markt nicht mehr aufnehmen. Und wenn doch, so zu tief in den Keller gerutschten Preisen. Nie seit dem Jahr 1985, seit dem Höhepunkt des Waldsterbens, waren die Kronen der Nadelbäume schütterer benadelt als nach dem Trockenjahr 2019, vermeldet der jüngste Waldzustandsbericht des Stuttgarter Agrarministeriums. Selbst die als sturmfest und klimahart geltende, gegen Borkenkäfer vergleichsweise An der Abbruchstelle noch ein Dreiviertelmeter stark: der abgerissene Wipfel. 298 Natur und Umwelt

 

 

 

unempfindliche Weißtanne erweist sich mittlerweile als ungewohnt krisenanfällig: Insbesondere auf sonnseitigen und flachgründigen Hangstandorten kam es durch die extreme Trockenheit nicht mehr nur zu flächigem Absterben von Fichtenbeständen, sondern zumindest nesterweise auch von vermeintlich kerngesunden Bergmischwäldern mit Tannen und Buchen. Kein Wunder, dass in den Medien neuerdings von Waldsterben 2.0 die Rede ist. Ein „Ungetüm“ von Weißtanne Und nun also auch noch dies: Im Wald der Gemeinde Brigachtal (einst Überauchen) hat es die weit über 200-jährige Große Eggwaldtanne erwischt – ein wahres Ungetüm von einer Weißtanne mit einer Höhe von knapp 50 m, einem Umfang in Brusthöhe von 5,20 m und mit ihrem Stammvolumen von über 30 Festmetern eine der stärksten Tannen des Schwarzwalds, die mächtigste des Schwarzwald-Baar-Kreises allemal! Der orkanartige Wintersturm Sabine vom 9. Februar 2020 hat ihr in ca. 30 Meter Stammhöhe die gewaltige Krone heruntergerissen. Die liegt jetzt zerschmettert, an der Abbruchstelle noch immer einen Dreiviertelmeter stark, ein Stück abseits im Unterholz. Die enormen Maße der Tanne waren schon deshalb kaum aufgefallen, weil der Gigant versteckt und eingetieft am Bachbett der Hofbächleschlucht herangewachsen ist und daher kaum aus dem Bestandsdach des Eggwalds heraus geragt war. 2013 wurde die Tiefstaplerin mit einem Spezialinstrument zur Altersbestimmung sorgfältig untersucht: Mit einem auf Holzdichte kalibrierten Resistographen, dessen feine Nadel bis zu einer Bohrtiefe von einem Meter in den Stamm einzudringen vermag, um dabei die wechselnden Widerstände in der Jahrringfolge zu messen. Wie sich herausstellte, hatte der Baum bis zuletzt nichts von seiner Vitalität eingebüßt: Während er in seiner Jugend unterm Schirm des Altbestands jahrzehntelang nur mikroskopisch enge Jahrringe ausgebildet hatte, die selbst der Resistograph nicht mehr auflösen konnte, zeichnet sich im ausgedruckten Papierstreifenprofil ein zunehmendes VolumenwachsDie Große Eggwaldtanne – von Sturm Sabine am 9. Februar 2020 gekapppt. Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne 299

 

 

 

Im Wurzelraum der Tanne wohnt Familie Dachs. tum des Baumriesen ab je älter er wurde – für Weißtannen bei guter Wasserund Nährstoffversorgung eine typische Karriere. Weder die 1980er-Jahre des Waldsterbens noch der Jahrhundertsommer 2003 hatten einen merklichen Einbruch im Wachstum zur Folge. Schon vor Jahren waren Schweizer Forstwissenschaftler bei der exakten Analyse eines 240-jährigen Tannenstammes zu dem erstaunlichen Ergebnis gekommen, dass der Baum in der zweiten Hälfte seines Lebens (ab Alter 120) zehnmal so viel Holz produziert hat wie in der ersten. Weil Holz an Holz, Jahrring an Jahrring wächst, kommt es selbst bei gleichbleibender Jahrringbreite noch zu einem progressiven Volumenwachstum! 1942 gab es schon einen Wipfelbruch Dass die Eggwaldtanne überhaupt so alt und so stark werden konnte, verdankt sie nicht nur dem gedrosselten Jugendwachstum und danach einem für ihr Gedeihen überaus günstigen, bachnahen Standort, sondern gewiss auch den schwierigen Transportbedingungen in der Enge der Schlucht. An ihr hätten die Holzschleifer schon bald ihre Ochsen zu Tode geschunden. Wie das Hofbächle sich in geologisch offenbar jüngster Zeit durch Muschelkalkschichten hindurch bis in den Buntsandstein hat eingraben können, ist angesichts der zumeist bescheidenen Wasserführung ein Vorgang, der die Geologenzunft noch immer rätseln lässt. Klar ist immerhin, dass der Baum von den Hochwässern seit über zwei Jahrhunderten nicht hat entwurzelt und weggespült werden können. Verbürgt ist auch, dass er im Jahr 1942 schon einmal einen Wipfelbruch erlitten und sodann eine Ersatzkrone aufgesetzt hatte. Dass in seinem Wurzelraum ein Dachs seinen Bau hat und dabei auch immer wieder einmal vermorschtes Wurzelholz zutage fördert, scheint kein Indiz für eine beeinträchtigte Statik oder einen angegriffenen Gesundheitszustand des Baums zu sein. Sabine hätte ihn sonst gewiss nicht zersaust, sondern der Länge nach ausgehebelt und umgeworfen, gerade so, wie sie weiter westwärts mit flachwurzelnden Fichten und auch etlichen Tannen umgesprungen ist. Hoffnung auf Ausbildung einer neuen Krone Weil am entwipfelten Stamm noch grüne Äste verblieben sind, darf freilich gehofft werden, dass er auch diesmal wieder (wie anno 1942) eine neue Krone ausbilden wird, wie es für Weißtannen charakteristisch ist; zumal bei ausreichender 300 Natur und Umwelt

 

 

 

Wasserversorgung scheinen sie schier unverwüstlich zu sein. Weil sie ein solches Missgeschick oft durch Zwieseloder sogar mehrwipflige Kandelaberbildung auszuheilen pflegen, können sie auch nach einem Schaftbruch durchaus noch bis zu 700 Jahre alt werden, wie es die ältesten Exemplare nachweislich aufgrund von posthumen Jahrringzählungen bezeugt haben. Auch der ebenso phänomenale wie populäre Hölzlekönig vom Saubühl zwischen Villingen und Schwenningen, gefeiert einst als „Deutschlands größte Tanne“, hatte Stammbrüche überlebt: Ihm hatte nachweislich im Herbst 1876 ein Sturm in 33 m Höhe sogar beide Hauptwipfel abgerissen. Geschütztes Naturdenkmal Der Großen Eggwaldtanne kommt zustatten, dass sie, erkennbar am grüngerandeten Täfelchen mit dem Seeadler darauf, im Naturdenkmalbuch der Unteren Naturschutzbehörde als geschütztes Naturdenkmal eingetragen ist. Darüber hinaus hat sich die Waldeigentümerin, die Gemeinde Brigachtal, verpflichtet, die Hofbächleschlucht mit ihrer noch immer sehr naturnahen Bestockung vergleichbar einem Mehrgenerationenhaus aus Tannen, Fichten, Buchen, Ahorn und Erlen als Waldrefugium auszuweisen, in welchem auf die Holznutzung verzichtet wird und die Bäume bis zu ihrem natürlichen Ableben alt werden dürfen. So sieht es das Altund Totholzkonzept der Forstverwaltung vor, das mit dem Ziel der ökologischen Aufwertung seit 2010 im Staatswald verbindlich vorgeschrieben ist. Und sollte die Große Tanne den Stammbruch wider Erwarten doch nicht überleben, so steht ein Stück bachabwärts am Steilhang der Schlucht schon eine Nachfolgerin parat; auch sie ist bereits ein geschütztes Naturdenkmal mit guten Aussichten, dereinst in die erlesene Spitzenklasse der Schwarzwälder Tannenriesen nachzurücken. Oder sollte dem womöglich doch der Klimawandel noch einen Strich durch die Rechnung machen? Unter Naturdenkmalschutz: die Große Eggwaldtanne in der Hofbächleschlucht. Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne 301

 

 

 

Seit November ist sie in den Getränkemärkten der Region für kurze Zeit zu finden: Die Streuobstschorle des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens. Es handelt sich dabei um einen besonderen regionalen Genuss in limitierter Abfüllung. Das Beste: Mit jedem Schluck wird die Streuobst-Kultur auf der Baar gefördert und damit ein wichtiger Beitrag für den Erhalt der Artenvielfalt geleistet. Dazu wurden auf den heimischen Streuobstwiesen durch Fastnachtsvereine, Kindergärten, Grundschulen, Feuerwehren und Landfrauen sowie viele Privatpersonen insgesamt 35 Tonnen Äpfel gesammelt und zur Mosterei nach Ewattingen gebracht. Initiator der Aktion ist Landrat Sven Hinterseh. 302 302 Natur und Umwelt

 

 

 

Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut Dank Bad Dürrheimer Mineralbrunnnen: „STREUOBST SCHÄTZLE“ von der Baar ist im Handel – Initiative von Landrat Sven Hinterseh von Tanja Bury 303

 

 

 

Apfelernte in Öfingen – pro Doppelzentner erhalten die Landfrauen 20 Euro und damit bedeutend mehr als sonst für ihre Ernte. Ohne den Einsatz des Landschafts erhaltungs verbandes würden die meisten dieser Äpfel wie vielerorts wohl ungeerntet bleiben. 304 Natur und Umwelt

 

 

 

Apfelbaumblüte bei Aasen. Nach wie vor sind etliche Dörfer der Baar von Streuobstwiesen umgeben. Die Idee zum Streuobstwiesen-Projekt hatte Landrat Sven Hinterseh: „Der SchwarzwaldBaar-Kreis ist zwar kein typisches Streuobstgebiet, glücklicherweise gibt es aber auch in unserer Region noch einige wertvolle Streuobstbestände“, betont er. Der Landrat weiter: „Ich selbst bin in einem Obstund Weinbaubetrieb am Kaiserstuhl aufgewachsen und habe so einen engen persönlichen Bezug zu diesem Thema. Die Streuobstbestände in der Region sind in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. Mein Anliegen ist es, die Streuobst-Kultur auch bei uns wieder mehr aufleben zu lassen.“ Wichtig sei dabei, die Früchte in eine Vermarktungskette zu bringen, fasst Landrat Sven Hinterseh seine Motivation zu diesem Herzensprojekt zusammen. Die perfekten Projektpartner dazu wurden mit der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH, als Experte für das Produzieren, Abfüllen und Vermarkten von Getränken, und dem Landschaftserhaltungsverband Schwarzwald-Baar-Kreis e. V. mit seiner Fachkompetenz schnell gefunden. Das Apfelschorle-Projekt war geboren! Von den ursprünglich rund 250.000 bis 300.000 Bäumen im SchwarzwaldBaar-Kreis waren bei der jüngsten Streuobst erhebung des Landes im Jahr 2005 nur noch etwa 100.000 Bäume übrig. Die Streuobstwiesen Im Frühjahr zarte Blüten, im Herbst leuchtende Äpfel und Birnen: Dieses Bild prägte einst die Dörfer der Baar, waren sie doch traditionell umgeben von Streuobstwiesen. Ihre Anzahl ist jedoch seit den 1950er-Jahren mehr und mehr zurückgegangen. Von den ursprünglich rund 250.000 bis 300.000 Bäumen im SchwarzwaldBaar-Kreis waren bei der jüngsten Streuobsterhebung des Landes im Jahr 2005 nur noch etwa 100.000 Bäume übrig. Und auch sie drohen durch Verbuschung, Überalterung und mangels erfahrener Pflege nach und nach zu verschwinden. Ein großer Verlust, denn die Wiesen sind nicht nur Kulturgut, sondern wertvoller LebensStreuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut 305

 

 

 

raum für mehr als 5.000 Tierund Pflanzenarten. Bedrohte Tiere wie Wendehals, Steinkauz, Neuntöter, Siebenschläfer und Fledermäuse fühlen sich hier ebenso wohl wie zahlreiche Insektenarten. Damit zählen die Streuobstwiesen zu den artenreichsten Kulturökosystemen Mitteleuropas. Im Landkreis Schwarzwald-Baar sind Streuobstwiesen vor allem im östlichen und südlichen Bereich zu finden. Die Schwerpunkte umfassen die Städte Bad Dürrheim, Bräunlingen, Blumberg, Donaueschingen, Hüfingen und Teile Villingen-Schwenningens. Besonders schöne Beispiele historischer Streuobstbestände finden sich in Riedöschingen und Öfingen. Das Projekt „Der Schwarzwald-Baar-Kreis stellt einen wichtigen Trittstein zwischen den traditionellen 306 Natur und Umwelt

 

 

 

Apfelernte in Weilersbach für das neue Apfelschorle der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH mit Streuobstwiesen der Baar. Der Förderverein der Grundschule Obereschach hatte die Aktion auf Anregung von Margarete Schleicher und seiner Vorsitzenden Andrea Ettwein ausgeführt. Landrat Sven Hinterseh (unten) besuchte die Schulkinder bei der Apfelernte, er hat die Apfelschorle-Aktion ins Leben gerufen. In wenigen Stunden sammelten die Kinder rund 25 Zentner Äpfel und verdienten damit 500 Euro für die Kasse des Fördervereins. Reiche Weilersbacher Obstbaugeschichte Das Dorf Weilersbach bei Obereschach ist für seine reichen Streuobstwiesen bekannt gewesen. Im Lexikon des Großherzogtums Baden rühmt sein Verfasser Johann Baptist Kolb im Jahr 1816 die schönen Obstpflanzungen, erwähnt besonders die vielen Kirschbäume, die jährlich 40 bis 50 Gulden an Ertrag abwerfen. Beim großen Dorfbrand im Jahr 1834 wurden 41 von 63 Häusern vernichtet und anschließend solidarisch wieder aufgebaut. Ebenso wurden die meisten Obstbäume ein Opfer der Flammen. Es dauerte Jahrzehnte, bis hauptsächlich im Gewann „An der Halde“ die „Fässle-Äpfel“ aus Weilersbach wieder geerntet werden konnten. Heute stehen dort rund 50 Apfelbäume, die Herbst für Herbst mit köstlichen Früchten behangen sind. Wie in vielen Baar-Orten hat auch in Weilersbach das Interesse an den Äpfeln deutlich nachgelassen. Auch der frühere Obstbaumverein ist längst Geschichte. 307 307 Margarete Schleicher (links), Besitzerin der Obstbäume, mit dem Team der Grundschule Ober eschach bei der Apfelernte.

 

 

 

Obstbauregionen am Albtrauf und am Bodensee dar“, erklärt Stefan Walther, Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbandes (LEV). Trotz des hohen Artenaufkommens sind die Bestände bislang nicht als Biotope geschützt. Sie wurden schlecht oder gar nicht gepflegt, Vitalität und Stabilität der Bäume haben gelitten, Jungbäume fehlen. „Wir müssen jetzt etwas tun, um die Streuobstwiesen für die Zukunft zu erhalten. Es wird 30 bis 40 Jahre dauern, bis die Bestände gesichert sind“, sagt Stefan Walther. Hier setzt die Arbeit des LEV an: Er forciert Erstpflegemaßnahmen wie Baumschnitte sowie dringende Nachpflanzungen. Außerdem sollen die Bestände erfasst und bewertet werden, um damit den Grundstein für eine Förderkulisse namens „Baar-Albtrauf-Wutachschlucht“ zu legen. Durch sie wiederum können andere Förderungen generiert und künftige Unterstützungen – zum Beispiel durch die Landschaftspflegerichtlinie des Landes Baden-Württemberg (LPR) – erleichtert werden. „Weiter können Kommunen auf die erfassten Bestände als Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte zurückgreifen“, so Walther. Netzwerk für Streuobstwiesenschutz bringt alle Akteure zusammen Das Netzwerk für Streuobstwiesenschutz, welches unter der Regie des LEV ins Leben gerufen 308 Natur und Umwelt

 

 

 

wurde, bringt alle Akteure vom Wiesenbesitzer bis zum Vermarkter zusammen. Bei ein bis zwei Treffen im Jahr werden Ideen entwickelt, Pflegeund Erhaltungsmöglichkeiten besprochen, es gibt Infos zu Baumschnitt und Neupflanzungen. „Dieser Austausch hilft ungemein, die Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Streuobstwiesen zu erhöhen“, freut sich der LEV-Geschäftsführer. Der 2013 gegründete Landschaftserhaltungsverband (LEV) Schwarzwald-Baar-Kreis e.V. hat sich als gemeinnütziger Verein dem Ziel verschrieben, die Kulturlandschaft zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. Als Kooperationspartner von Kommunen, Naturschützern Der 2013 gegründete Landschaftserhaltungsverband (LEV) Schwarzwald-Baar-Kreis e.V. hat sich als gemeinnütziger Verein dem Ziel verschrieben, die Kulturlandschaft zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. sowie Landnutzern und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern vor Ort will der LEV einen Beitrag leisten zum Erhalt des Landschaftsbildes und wertvoller Lebensräume, zu einem intakten Naturhaushalt sowie zum Naturund Artenschutz. Er versteht sich als Schnittstelle zwischen Umweltschutz und Landwirtschaft. Unter anderem berät der LEV Landwirte bei Bewirtschaftungund Fördermöglichkeiten in der Landschaftspflege, betreut Kommunen und Privatleute und kümmert sich um Pflege und Erhalt wertvoller Biotope. Naturschutz Hand in Hand sozusagen. Vereinsvorsitzender ist Landrat Sven Hinterseh Ein schönes Beispiel für die Arbeit des LEV ist das Bemühen um den Erhalt der Streuobstwiesen im Schwarzwald-Baar-Kreis. Oder ebenso der Einsatz von Wasserbüffeln bei Bad Dürrheim und auf dem Brend bei Furtwangen – damit kann der Landkreis zwei der höchstgelegenen Wasserbüffelweiden Deutschlands vorweisen. Vereinsvorsitzender ist Landrat Sven Hinterseh, seine Stellvertreter sind die Bürgermeister Christian Wörpel (Schönwald) und Die Öfinger Landfrauen beteiligten sich samt Kinder ebenfalls an der Apfelernte für das Streuobstschorle. Das Foto zeigt die Frauen bei der Ernte im Gewann „Kälbleweide“. Insgesamt wurden in Öfingen 25 Zentner Äpfel geerntet. 309

 

 

 

Michael Kollmeier (Hüfingen). Als Vertreter der Landwirtschaft sind Bernhard Bolkart (BLHV Kreisverband Villingen), Reinhold Moßbrugger (BLHV Kreisverband Donaueschingen) und Jörg Krüger (Regierungspräsidium Freiburg Abteilung 3) im Vorstand. Die Vorstandsmitglieder zur Vertretung des Naturschutzes sind Anita Sperle-Fleig (LNV-Arbeitskreis SchwarzwaldBaar), Thomas Schalk (NABU Schwarzwald-Baar) und Friedrich Kretzschmar (Regierungspräsidium Freiburg, Referat 56). Die Geschäftsstelle ist seit 2014 besetzt durch den Geschäftsführer Stefan Walther (Dipl.-Forstingenieur FH). Ihm zur Seite stehen Anna Stangl (M. Sc. Nachhaltigkeitsgeografie und Regionalentwicklung) und Ina Hartmann (Dipl. Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung). Die Vermarktung Die Anstrengungen zum Schutz der Streuobstwiesen bieten auch die Chance auf Wiederbelebung oder Neuschaffung einer regionalen Vermarktungsschiene für das Obst. Mit dem Mineralbrunnen aus Bad Dürrheim wurde dafür ein erster Partner gefunden. Im November hat das Unternehmen erstmals eine Schorle mit Früchten von Streuobstwiesen auf den Markt gebracht. Ab November für beschränkte Zeit im Handel: Das von der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH produzierte „STREUOBST SCHÄTZLE“. Ein Apfelschorle gepresst mit dem Obst von Baaremer Streuobstwiesen. Die Bäume dafür werden mit sachkundiger Unterstützung des LEV ausgewählt. Dabei wird auch auf die Verwendung alter Apfelsorten geachtet, die mehr und mehr vom Aussterben bedroht sind. Dazu zählen beispielsweise Sorten wie Villinger Sautter Apfel, Blumberger Lang stiel, Schwarzwald Renette, Unadinger Sämling, Dürbheimer Sämling, Leipferdinger Langstiel oder Kardinal Bea. In Öfingen beispielsweise wurden roter Boskop, Berner Rosen, Jakob Fischer, Gewürzluiken und Danziger Kant geerntet. 20 Euro für 100 Kilogramm Äpfel Die Ernte wird durch Landwirte, Privatpersonen, aber auch Vereine unterstützt. Mit dabei waren in diesem Jahr der Förderverein der Grundschule Weilersbach, die Jugendfeuerwehr Heidenhofen, der Kindergarten Löwenzahn Biesingen, die Landfrauen Öfingen, der TV Sunthausen, die Umweltgruppe Südbaar, die Aasemer Dominos und der Schwarzwaldverein Donaueschingen. Bad Dürrheimer zahlt dieses Jahr 20 Euro pro 100 Kilogramm Streuobst und damit mehr als doppelt so viel als den aktuellen Marktpreis. Die Äpfel werden in der Mosterei Grüninger in Wutach-Ewattingen zu Saft gepresst. Bei Bad Dürrheimer wird der naturtrübe Apfelsaft mit reinstem Mineralwasser gemischt und mit Kohlensäure versetzt. „Die Vermarktung des heimischen Streuwiesenobstes durch Bad Dürrheimer stellt einen großer Erfolg für uns dar“, sagt LEV-Geschäftsführer Stefan Walther. Denn so würden Pflege und Erhalt der Bestände interessanter. Ein Produkt wie die Streuobst-Schorle helfe dabei, dass sich die Menschen im Kreis wieder mehr mit dem Lebensraum und dem Kulturgut Streuobstwiese identifizieren. Gerne möchte LEV-Geschäftsführer Stefan Walther deshalb die Vermarktungsschienen ausweiten. Mit der Fachhochschule Furtwangen gab es schon Gespräche darüber, den Presskuchen zum Gewinnen von natürlichen Obstaromen zu nutzen. Diese wiederum könnten in der Herstellung von Zerealien Verwendung finden, eine spannende Entwicklung somit, die sich da abzeichnet. 310 Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut

 

 

 

Äpfel für das „STREUOBST SCHÄTZLE“ von der Baar. Begeistert sammelt die 10-jährige Karla Kremm aus Öfingen die alten Obstsorten wie Roter Boskop, Berner Rosen, Jakob Fischer, Gewürzluiken und Danziger Kant. 311

 

 

 

Geschäftsführer Ulrich Lössl von Bad Dürrheimer Mineralbrunnen: „Wir wünschen uns, dass der Verbraucher JA zur StreuobstSchorle sagt“ Naturschutz zum Trinken – so bewirbt Bad Dürrheimer die neue Apfelsaftschorle aus Früchten von Streuobstwiesen. Seit November ist die limitierte Abfüllung – genannt „STREUOBST SCHÄTZLE“ – in ausgesuchten Getränkemärkten des Landkreises zu haben. Mit Ulrich Lössl, Geschäftsführer des Unternehmens, hat sich Tanja Bury über diesen regionalen Zuwachs im Produktangebot unterhalten. Ulrich Lössl 312 Was hat Bad Dürrheimer dazu bewogen, sich dem Projekt zum Erhalt von Streuobstwiesen anzuschließen und eine Streuobstschorle auf den Markt zu bringen? Als zertifizierter Bio Mineralbrunnen und Leuchtturm für nachhaltiges Wirtschaften ist Bad Dürrheimer seit langer Zeit im Umweltund Naturschutz unterwegs. Unser Produkt, reinstes Bio-Mineralwasser, ist in seiner natürlichen Reinheit stark von unserer Umwelt abhängig. Nur durch einen gesunden Boden fließt reines Wasser. Nachhaltigkeit bedeutet hier, unsere Böden vor Zivilisationsspuren zu schützen, sodass auch nachfolgende Generationen noch ausreichend naturbelassenes, reines Wasser trinken können. Besonders gerne engagieren wir uns deshalb in Naturschutzprojekten, in die auch die Menschen aus unserer Heimat in irgendeiner Form mit eingebunden werden können. Naturschutz ist schließlich eine Herausforderung, die wir alle nur gemeinsam erfolgreich gestalten können. Das Projekt Streuobstschorle ist ein Paradebeispiel dafür. An diesem Projekt sind der Landkreis, der Landschaftserhaltungsverband und viele Landwirte und Vereine, die das Obst ernten, beteiligt. Wir fördern gemeinsam die Artenvielfalt und schützen gleichzeitig unsere Böden, denn Streuobstwiesen werden in der Regel weder chemisch gespritzt noch künstlich gedüngt. Das sind alles Multiplikatoren in unserer Sache und letztlich fördert das Projekt auch die regionale Wertschöpfung. Auch das ist uns als in der Heimat verwurzeltes Unternehmen sehr wichtig. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit dem neuen Produkt? Natürlich wollen wir möglichst viele Flaschen von unserer heimischen Streuobst-Schorle verkaufen. Schließlich zahlen wir den Bauern und Sammlern für das Streuobst mehr als den doppelten aktuellen Marktpreis. Dadurch bekommen die Obstlieferanten einen wertschätzenden Preis, der auch die Kosten für das Sammeln des Obstes wirklich abdeckt. Außerdem Natur und Umwelt

 

 

 

Die Streuobstschorle aus Baaremer Äpfeln ist abgefüllt – Blick in die Produktion bei Bad Dürrheimer. spenden wir von jeder Flasche zehn Cent an Naturschutzprojekte. Von daher haben wir ein rundes Projekt und ein Produkt geschaffen, das zum Erhalt unserer wunderbaren Naturlandschaft einen wichtigen Beitrag leistet. Wir wünschen uns, dass der Verbraucher „Ja“ sagt. „Ja“ zu einem höheren Preis, der eine faire und angemessene Bezahlung für die Arbeit der Bauern und Sammler sichert – und damit letztendlich auch „Ja“ sagt zu regionalem Naturschutz. Wer die von unserem Landrat ins Leben gerufene Streuobstinitiative mit dem Kauf des daraus entstandenen Bad Dürrheimer Streuobst-Schorles unterstützt, betreibt aktiven Naturschutz für unsere Heimat. Wir freuen uns sehr, wenn sich die Menschen in unserer Region mit dem neuen Produkt identifizieren. Die Schorle heißt übrigens STREUOBST SCHÄTZLE. Was bedeutet die Streuobstschorle für Ihre Produktion? Muss sie für diese Art von Getränk geändert werden? Wir sind auf diese Art von Produktion, also das verarbeiten von Direktsaft, bei Just-in-timeAnlieferung nicht eingerichtet gewesen. Da bedurfte es einiges an Kreativität bei unseren Technikern in der Produktion. Schließlich haben wir einen sehr hohen Qualitätsanspruch und dem muss auch dieses Direktsaft-Schorle gerecht werden. Unsere Qualitätssicherung startet am Apfelbaum, geht über die Mosterei und reicht bis hin zur fertigen Flasche. Da bedarf es vieler neuer Abläufe. Das ist auch einer der Gründe, warum wir im ersten Jahr nur mit einer recht limitierten Menge starten. Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut 313

 

 

 

Streuobst-Schorle. Verkauft wird die Schorle dort, wo die Äpfel wachsen – von der Region für die Region. Wir produzieren diese Schorle komplett CO₂ neutral und verwenden ausschließlich Glas-Mehrwegflaschen. Sogar das Etikett ist aus Recyclingpapier und wird mit nur einer Farbe bedruckt. Mehr Umweltschutz passt in keine Flasche. Wie wichtig ist es in Ihren Augen, solche regionalen Anstrengungen für mehr Naturschutz zu unterstützen? Heimat ist für uns von ganz besonderer Bedeutung. Hier fördern wir unser Mineralwasser aus geschützten Tiefen, hier produzieren wir, hier leben unsere Mitarbeiter und hier finden wir unsere treuesten Kunden. Vor diesem Hintergrund fördert der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen schon immer regionale Projekte. Projekte, die unsere Region stärken und unsere Heimat attraktiv und lebenswert machen. Ein unverzichtbarer Bestandteil ist eine intakte Natur. Das Streuobstschorle-Projekt ist eine logische Konsequenz und Fortführung unseres bestehenden Engagements. Zum Beispiel im Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar oder bei „Bad Dürrheim blüht auf“, einer Initiative für Artenund Grundwasserschutz in Bad Dürrheim, die wir ins Leben gerufen haben. Gibt es schon Ideen für ein neues Projekt in diese Richtung? Ideen gibt es viele, wichtig ist aber deren nachhaltige Umsetzung. Jetzt werden wir erst einmal unser STREUOBST SCHÄTZLE erfolgreich im Markt einführen und auf diesen Erfahrungen aufbauen – dann schauen wir mal! In Wutach-Ewattingen wurden Äpfel von Streuobstwiesen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis für ca. 40.000 Liter Apfelschorle zu Most verarbeitet. Die Direktsaft-Schorle produziert Bad Dürrheimer Mineralbrunnen. Wird für die Schorle nur Obst von der Baar verarbeitet oder müssen – wegen Menge und/oder Geschmack – Früchte aus anderen Regionen zugekauft werden? Wir verwenden für das STREUOBST SCHÄTZLE ausschließlich Obst von der Baar und in geringem Umfang aus den angrenzenden Gebieten des Schwarzwalds und der Alb. Es ist ja eigentlich ein Landkreisschorle. Ein Paar Äpfel vom Kreis Tuttlingen oder Waldshut verirren sich sicherlich auch in unsere Schorle – aber der Naturschutz kennt ja keine Grenzen. Wie viele Liter werden in diesem ersten Jahr produziert und wo soll es hingehen? Wir produzieren im ersten Jahr zirka 80.000 Flaschen. Das sind gut 40.000 Liter Am Fürstenberg – Ländliche Idylle mit blühendem Apfelbaum. 314 Natur und Umwelt

 

 

 

315

 

 

 

Notizen aus dem Land kreis Spektakuläre Aktion Münsterglocke wurde repariert Davon wird so mancher Villinger noch seinen Enkelkindern erzählen: Die größte der beiden Glocken im Nordturm des Münsters, die 5,4 Tonnen schwere Christus-Glocke aus dem Jahre 1954, bekam in der Glockenschale einen großen Riss und musste am 17. August 2020 ausgebaut und repariert werden. Zahlreiche Schaulustige hatten sich versammelt, um den Ausbau der Christus-Glocke mitzuerleben. Dazu waren ein Schwerlastkran und eine Seilbahn erforderlich. Mit einem Spezialtransporter wurde die Münsterglocke zur Reparatur nach Holland gebracht, wo sie erfolgreich instand gesetzt werden konnte. Dank modernster Messtechnik konnte zudem festgestellt werden, dass die kleinen Glocken im Südturm ein problematisches Frequenzspektrum hervorbringen. Dieses erzeugt im Nordturm störende Resonanzen, die für Folgeschäden im Glocken stuhl verantwortlich sind. Hans-Jürgen Götz 316

 

 

 

Villingen ohne SABA-Schriftzug! Es ist eine Zäsur: Villingen hat den SABA-Schriftzug verloren! Das ehemalige SABA-Areal sowie Teile des angrenzenden früheren Kasernen-Bereichs werden komplett umgestaltet. Der SABA-Schriftzug wurde seitens der Bauherren an die Stadt Villingen-Schwenningen übergeben. Im Schwarzwald-Baar-Kreis: Der Wolf ist eindeutig zurück Der Wolf ist zurück: 2016 wurde erstmals ein Hinweis auf die Rückkehr des Wolfes im Bereich Hüfingen als wahrscheinlich eingestuft. Von 2016 bis 2019 konnten in Bad Dürrheim und Vöhrenbach zwei Sichtungen durch einen Fotound einen Filmbeweis bestätigt werden. Ab Mai 2020 kam es nun zu Sichtungen und Funden in den Bereichen Vöhrenbach, Bräunlingen und Triberg. In den angrenzenden Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Waldshut wurde das Tier ebenfalls mehrfach bestätigt. Die regelmäßige Präsenz des Tieres mit dem wissenschaftlichen Namen „GW1129m“ führte dazu, dass der gesamte Südschwarzwald im Juli 2020 zum Fördergebiet Wolfsprävention ausgewiesen wurde. Halterinnen und Halter von Weidetieren erhalten dadurch die Möglichkeit, finanziell bei Schutzmaßnahmen unterstützt zu werden. Im Schwarzwald-Baar-Kreis: Dr. Martin Seuffert neuer Erster Landesbeamter Der neue Erste Landesbeamte des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis heißt Dr. Martin Seuffert. Zugleich ist er Stellvertreter des Landrates. Dr. Martin Seuffert war bisher Referent und stellvertretender Referatsleiter am Regierungspräsidium Freiburg. Er tritt die Nachfolge von Joachim Gwinner an, der zum 1. Juli 2020 in den Ruhestand getreten ist (s. S. 24). Als Dezernent leitet Dr. Martin Seuffert künftig das Dezernat IV, welchem das Baurechtsund Naturschutzamt, das Amt für Abfallwirtschaft, das Amt für Umwelt, Wasserund Bodenschutz, das Gesundheitsamt sowie das Gewerbeaufsichtsamt zugeordnet sind. Dr. Martin Seuffert studierte Rechtswissenschaften an der Uni Würzburg. In den Dienst der Landesverwaltung trat er 2004 ein und war zunächst im Landratsamt Ostalbkreis tätig. Zuletzt leitete er dort den Geschäftsbereich Umwelt und Gewerbeaufsicht. Von 2009 bis 2012 war er im Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz tätig. Dort war er Referent im Referat 14 – Recht und Forschung und im Referat 21 – Recht und Verwaltung (in der Landwirtschaftsabteilung) sowie stellvertretender Referatsleiter im Referat 11 – Organisation. Seit 2012 arbeitete er im Regierungspräsidium Freiburg. Er war Referent und seit 2016 stellvertretender Referatsleiter im Referat 54.3 – Industrie/ Kommunen, Schwerpunkt Abwasser und seit 2019 stellvertretender Referatsleiter im Referat 55 – Naturschutzrecht. Dr. Martin Seuffert ist 45 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Magazin 317

 

 

 

Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 30.06.2019 30.06.2020 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bad Dürrheim St. Georgen Blumberg Furtwangen Hüfingen Königsfeld Niedereschach Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Vöhrenbach Dauchingen Mönchweiler Tuningen Unterkirnach Schönwald Gütenbach 85.700 22.067 13.444 12.998 10.058 9.015 7.910 5.988 5.960 5.864 5.171 4.719 4.060 3.852 3.818 2.989 2.964 2.579 2.506 1.151 85.365 22.396 13.311 12.965 10.072 9.061 7.872 6.024 5.935 5.822 5.167 4.763 4.040 3.886 3.810 2.994 2.925 2.612 2.456 1.140 335 -329 133 33 -14 -46 38 -36 25 42 4 -44 20 -34 8 -5 39 -33 50 11 197 0,39 -1,47 1,00 0,25 -0,14 -0,51 0,48 -0,6 0,42 0,72 0,08 -0,92 0,50 -0,87 0,21 -0,17 1,33 -1,26 2,04 0,96 0,09 Bundesrepublik Deutschland Kreisbevölkerung insgesamt 212.813 212.616 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg 30.06.2020 30.06.2019 30.06.2018 4,7 % 2,8 % 2,7 % Quelle: Agentur für Arbeit 4,4 % 3,0 % 3,0 % 6,2 % 4,9 % 5,0 % Beschäftigte insgesamt: 89.568, davon 39.918 im produzierenden Gewerbe (44,6 %), 16.906 in Handel, Verkehr und Gastgewerbe (18,9 %) sowie 32.560 im Bereich „Sonstige Dienstleistungen“ (36,4 %). Stand: 30.06.2019 (vorläufige Zahlen) Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz wurde im Dezember 2019 ausgezeichnet: Siegfried Jakob Gottlieb Heinzmann (Villingen-Schwenningen). Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2020 ausgezeichnet: Manfred Hilser (Triberg), Gerhard Labor (Villingen-Schwenningen). Mit der Staufermedaille wurden 2020 ausgezeichnet: Franz E. Mayer (Geisingen, u.a. für seine Verdienste für die Deutsch Französische Gesellschaft Donaueschingen e.V.), Manfred Schätzle (Furtwangen). 318 318 Magazin

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Altun, Melanie, 78147 Vöhrenbach Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dilger Gerhard, 78120 Furtwangen Dinkelaker, Dr. Frieder, Landratsamt Schwarzwald-Baar Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eberl, Claudius, 78136 Schonach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Eisenmann, Hans-Jürgen, 78052 Villingen-Schwenningen Gail, Bernhard, 78183 Mundelfingen Göbel, Nathalie, 78048 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, Brigachtal Hans Schonhardt / Bernhard Scherer, 78112 St. Georgen Heinig, Birgit, 78052 Villingen-Schwenningen Hinterseh, Sven, Landratsamt Schwarzwald-Baar Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Kienzler, Michael, 78086 Villingen-Schwenningen Marek, Erich, 78054 VS-Schwenningen Neß, Simone, 78052 Villingen-Schwenningen Reim, Rudolf, 78048 Villingen-Schwenningen Ritter, Jogi, 78141 Schönwald Sigwart, Roland, 78183 Hüfingen Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Wacker, Dieter, 78052 Villingen-Schwenningen Zerm, Eric, 78647 Trossingen Bildnachweis Almanach 2021 Titelseite: Bianca Purath Fotografie: Michael Stifter, Vöhrenbach Rückseite: In der Natur bei Vöhrenbach Fotografie: Melanie Altun, Vöhrenbach Soweit die Foto gra fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bild autoren/Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2/3, 10-13, 27, 31, 32/33, 36/37, 77-81, 88-101, 110/111, 122, 126 ob., 127, 129 ob., 130 ob., 131, 132, 150, 164/165, 168 u., 169, 170, 171 u., 232/233 (Landschaftsbild), 236-237, 239, 240/241, 242245, 251-254, 256, 257, 258-267, 269 ob., 271, 302-309, 311, 314/315; Dold-Verlag, Vöhrenbach, Archiv: 55 ob.; Roland Sigwart, Hüfingen: 14-23, 52/53, 56 ob., 102-106, 107 ob. li, u.re, 109 ob. re.; Michael Kienzler, Brigachtal: 35, 39, 82-83, 134-145, 200/201, 205, 255; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 44/45, 49, 55 u., 58/59, 60/61 ob., 60 u., 62/63 ob., 62 M., 62 u., 63 M., 64/65, 293, 316; Jens Fröhlich, Donaueschingen: 46; Roland Sprich, St. Georgen: 51, 74/75, 214-221, 232, 233, 234, 235, 238; Kath. Kindergarten, Maria Goretti, Furtwangen: 56 u.; Fam. Leicht, Villingen: 57 ob.; Fam. Tröndle, Villingen: 57 u.; Praxedis Dorer, Vöhrenbach: 60 M.; Silvia Binninger, Donau eschingen: 9, 61 u., 109 ob. re., M. u., 202; Melanie Altun, Vöhrenbach: 63 u.; Nathalie Göbel, Villingen-Schwenningen: 69; Lars Fischer, Bräunlingen: 107 ob. re.; Rudolf Reim, Villingen: 113-117, 118 u., 120/121; Erich Marek, VS-Schwenningen: 118/119 ob., 285; Birgit Heinig, VS-Villingen: 124/125, 126 u., 128 u., 129 u., 130 u.; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 128 ob., 298-301, Foto-Carle Triberg: 146/147; Claudius Eberl, Schonach: 149, 151, 152; Jogi Ritter, Schönwald: 153, 160 u., 162, 163 ob. li, ob. re; Marc Eich, VS-Villingen: 154/155, 157, 160 ob., 160 M. 160 M. u., 161, 163 M. u., 166/167, 171 ob., 196, 197, 198, 199, 317 u.; Marc Gut, Nassenwil/CH: 178/179, 183; Brian Gunter: 180 ob.; Michael Stifter, Vöhrenbach: 180 u., 184/185; Petra Schwuchow, Berlin: 181 u.; Atric, Freiburg: 182; Tanja Bury, Bad Dürrheim: 186/187, 188, 191; Bernhard Gail, Mundelfingen: 189, 192/193; Melanie Reischl, VS-Villingen: 194/195; Bianca Purath, Hubertshofen: 203, 204 (Archivbilder); Simone Neß, Villingen-Schwenningen: 225; Dieter Wacker, Marbach: 247, 248; Manfred Hildebrandt, VS-Villingen: 249, Eric Zerm, VS-Schwennigen: 272-277; Hans Schonhardt / Bernhard Scherer St. Geor gen: 278/279, 280, 281, 283, 284, 286, 287, 288/289; Martin Schwenninger, VS-Villingen: 291, 292, 295; stock.adobe.com, AB Photography: 317 ob. Magazin 319

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2021

 

 

 

110 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

]]>
https://almanach-sbk.de/almanach-2021/feed/ 0
Almanach 2023 https://almanach-sbk.de/almanach-2023/ https://almanach-sbk.de/almanach-2023/#respond Thu, 15 Dec 2022 10:42:25 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2023/  

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis in Zusammenarbeit mit dem dold.verlag www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.deInformationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.deRedaktion: Sven Hinterseh, Landrat; Wilfried Dold, Redakteur (wd); Kristina Diffring, Referentin des Landrates; Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv; Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung und Vertrieb: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2022 www.doldverlag.de Druck: PASSAVIA Druckservice GmbH & Co. KG D-94036 PassauISBN: 978-3-948461-08-9 2

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen 50 Jahre SBK Da leben wir Das neue Verwaltungs gebäude „An der Brigach“ Momentaufnahmen aus einem Quellenland Romina Auer und Nikol Konta – Wenn Mädchen­ träume wahr werden 30 62 92 Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 112 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, des Amtes für Abfallwirtschaft, der Bußgeldbehörde und des Kreisarchivs untergebracht. Das 50-jährige Bestehen des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhards- berg, der Langenwaldschanze oder am Triberger Wasserfall. Für Gespräche und Impressio- nen beim Kreiserntedankfest in Bräunlingen und Begegnungen mit den Initiatoren des neuen Donau-Zusammenflusses. Mitten in Schwenningen, im Alten E-Werk, führen Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier „La belle mariée“. Damit erfüllen sie nicht nur die Träume vieler Frauen vom perfekten Hochzeitskleid, sondern auch ihre eigenen: Seit Oktober 2021 sind sie selbstständig und nahmen auch an der TV-Show „Zwischen Tüll und Tränen“ teil. 4 Inhalt

 

 

 

Inhaltsverzeichnis 2 Impressum 8 Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! / Sven Hinterseh 10 Impressionen aus Schwarzwald und Baar / Wilfried Dold 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 22 Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten / Marc Eich 30 Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ / Andreas Flöß 42 Klinikschule der Luisenklinik – Für eine gute Zukunft der jungen Patienten / Wilfried Strohmeier 2. Kapitel / 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis 50 „Ich bin zuversichtlich, dass sich unser Landkreis im Wettbewerb der Zukunftsregionenregionen behaupten kann“ – Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh / Klaus Peter Karger / Wilfried Dold 62 Momentaufnahmen aus einem Quellenland / Wilfried Dold 3. Kapitel / Da leben wir 92 Romina Auer und Nikol Konta: „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden / Elke Reinauer 102 Patrick Bäurer – Ein Leben mit dem Ball / Hans-Jürgen Götz 112 Selina Haas – Tradition und Moderne kreativ verknüpft / Marc Eich 120 Daniela Maier: Skicross-Weltelite aus dem Schwarzwald – Bronze bei Olympia / Silvia Binninger 4. Kapitel / Wirtschaft 132 lehmann_holz_bauten – Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien / Roland Sprich 140 Die Klinik am Doniswald – Psychotherapie und Seelsorge / Barbara Dickmann 148 75 Jahre Hezel GmbH – Vom Pionier zum hochmodernen Entsorgungsfachbetrieb / Roland Sprich 158 Wilhelm Stark Baustoffe GmbH – Seit 90 Jahren ein solider Partner für Handwerker und Bauherren / Wilfried Strohmeier 5. Kapitel / Geschichte 168 Der Stolz von Villingen – Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut / Bernd Möller 5 Geschichte Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut 168 Das Münster ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befinden sich ein neunstim- miges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeut- schen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut. Inhalt

 

 

 

Kunst und Kultur Freizeit Vereine und Einrichtungen Das Museum Art.Plus in Donaueschingen Mythen und Zauber der Wutachflühen Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Orts­ gruppen im Schwarzwald 216 226 246 Das im Jahr 2009 eröffnete Museum richtet seinen Fokus auf zeitgenössische Kunst. Mit einer Vielfalt künstlerischer Positionen ermöglicht das Museum Art.Plus einen abwechslungsreichen Einblick in das moderne Kunstgesche- hen auf interna tionalem Niveau, berücksichtigt aber auch das regionale Kunst- schaffen. Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwest- deutschen Schichtstufenland- schaft durchwandern. Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarzwald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwangen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwald- vereins, des Skiclubs und den Naturfreunden zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. 6 Inhalt

 

 

 

182 EGT – Auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität / Wilfried Dold 200 Gedächtnis für die „Fürstenberger Lande“ – Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen / Edgar H. Tritschler 6. Kapitel / Kunst und Kultur 216 Das Museum Art.Plus – Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst / Ursula Köhler 7. Kapitel / Freizeit 226 Mythen und Zauber der Wutachflühen / Wolf Hockenjos 242 Schroffe Felsen, sanfte Höhen – Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf / Gerhard Dilger 8. Kapitel / Vereine und Einrichtungen 246 Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald / Gerhard Dilger 256 Wenn Kinder der Natur und Tieren ganz nahe kommen – Der Bauernhofkindergarten in Waldhausen / Dagobert Maier 9. Kapitel / Gastlichkeit 264 Feines erleben – Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen / Tanja Bury 276 Zum Wilden Michel – “Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal / Daniela Schneider 290 Mit Herz und Hand – Der Löwen in Brigachtal / Josef Vogt Anhang 299 Almanach-Magazin 302 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 304 Ehrenliste der Freunde und Förderer Ergänzende digitale Inhalte zum Almanach 2023 finden unsere Leser unter: www.almanach-sbk.de/almanach2023-digital Gastlichkeit Zum Wilden Michel – „Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal 276 Zwischen Bauernhof- romantik, Naturidylle und absolut null Handy- netz wurde 2021 mit der Gaststätte „Zum Wilden Michel“ etwas Besonderes auf den Weg gebracht. Das spricht sich rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz der Kultgast- stätte genau ausmacht. Inhalt 7

 

 

 

Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! Liebe Leserinnen und Leser, nach drei Jahren mit Pandemie, Krisen, düsteren Zukunftsprognosen, was die Energieversorgung, Preiserhöhungen und die finanzielle Situation im All- gemeinen sowie den Weltfrieden angeht, wollen wir mit diesem Schwarzwald-Baar-Buch für ein wenig Ablenkung, Zerstreuung und Abwechslung sorgen. Pandemiebewältigung, nicht abreißende Flüchtlings- ströme, die unsere Unterbringungsmöglichkeiten an die Kapazitätsgrenze bringen sowie Gasmangel, Preiserhöhungen und Energiesparen an allen Ecken und Enden haben in den letzten Monaten unser Le- ben vorwiegend bestimmt. Fachkräfte mangel und Materialverknappung sind im Alltag schon spürbar. Auch die Prognosen von Experten lassen keine schnelle Besserung erwarten. Zahlreiche Existenzen sind bedroht, viele Bürgerinnen und Bürger plagen Zukunftsängste und die Ungewissheit vor dem, was wohl noch kommen wird, scheint einen das ein oder andere Mal beinahe zu erdrücken. Gerade deshalb wollen wir mit diesem Werk die Gelegenheit bieten, dem herausfordernden Alltag für ein paar Augenblicke zu entfliehen. So können Sie sich im Almanach 2023 über ganz „Normales“ und dennoch Besonderes freuen: über Menschen wie „du und ich“, beeindruckende Persönlichkeiten, span- nende und außergewöhnliche Lebens-, Firmen- und historische Geschichten, die für Unterhaltung und Kurzweiligkeit sorgen. Das Schwarzwald-Baar-Buch lädt dazu ein, seine Gedanken in Zuversicht, Mut und Lebensfreude zu wandeln – ergreifen Sie diese Chance! Einen großen Teil nimmt in diesem Jahr auch un- ser Kreisjubiläum ein – 50 Jahre Schwarzwald-Baar- Kreis. Bereits ein halbes Jahrhundert lang sind Städte und Gemeinden und somit natürlich die darin leben- den Menschen in unserem Landkreis nun schon zu- sammengewachsen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich zum echten Heimat- und Wohlfühlort etabliert und entwickelt sich stetig weiter. Die Menschen, die hier leben, sind zukunftsorientiert und traditions- bewusst, innovativ und erfolgreich zugleich – darauf können wir stolz sein und daraus Zuversicht schöp- fen! Diese Menschen sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, unsere Leistungsfähigkeit und unser ganzes Potential – und auf diese Kraft können wir auch in Zukunft bauen. Ein großes Dankeschön gilt in der inzwischen 47. Ausgabe des Almanach erneut den zahlreichen Förderern und treuen Freunden des Schwarzwald- Baar-Buchs sowie allen Autoren und Fotografen, die wieder einmal entscheidend dazu beigetragen ha- ben, dass eine attraktive, sehr informative Publikati- on mit großer Themenvielfalt entstehen konnte. Mein besonderer Dank gilt auch in diesem Jahr dem dold.verlag aus Vöhrenbach, der ein weiteres Mal dafür gesorgt hat, dass mit dem Almanach 2023 ein ganz besonderes und einzigartiges Werk entstan- den ist. Daher freue ich mich auch weiterhin auf eine vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation in den kommenden Jahren für unser Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar-Buch, unserem Almanach. Ihnen, den Leserinnen und Leser des Almanach 2023, möchte ich ebenfalls für Ihre teilweise über Jahrzehnte gewachsene Verbundenheit danken und wünsche Ihnen mit unserem Schwarzwald-Baar- Buch einmal mehr eine interessante, unterhaltsame Lektüre sowie viel Freude dabei. Halten Sie uns auch weiterhin die Treue! Ihr Sven Hinterseh, Landrat 8 Zum Geleit

 

 

 

Unterwegs am Rohrhardsberg bei Schonach. Landrat Sven Hinterseh besucht Ranger Nikolas Binder, macht sich im Rahmen einer Stippvisite mit einem Naturschutzgebiet vertraut, das eine der letzten Auerhahnpopulationen im Schwarzwald beherbergt (s. S. 64). 9

 

 

 

Winter in Schönwald. Das Schwarzenbachtal mit Anstieg des Fernskiwanderweges hinauf zur Weißenbacher Höhe.

 

 

 

Blick von Rohrbach über die Fuchsfalle hinweg zur Bergwelt bei Triberg. Links im Tal unten der Doldenhof an der L 175 liegend.

 

 

 

14

 

 

 

Frühlingsblumen am Rain eines Feldweges in Linach: Margeriten, Acker- oder Wiesenwitwen- blumen, Habichtskraut, diverse Gräser und ein Meer von Schmetterlingen sind zu sehen.

 

 

 

Alt-Villingerin Die Tracht der Alt-Villingerin ist seit jeher der Ausdruck von Bürgerstolz: Die silberne, goldene oder schwarze Radhaube wird ebenso im Bodenseegebiet, Oberschwaben, Allgäu und in Vorarlberg getragen – ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Reich der Habsburger. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand die edle Frauentracht aus dem Alltagsleben und kehrte an der Wende zum 20. Jahrhundert als Begleiterin des Narro zumindest an der Fastnacht ins Alltagsleben zurück. Als sich im Jahr 1926 in Villingen ein Volkstrachtenverein gründet, ist die Alt-Villingerin fortan auch bei Trachtenfesten zu sehen. Heute tragen auch junge Frauen wie Joline Rothmund die Villinger Tracht – vorzugsweise an der Fastnacht. 16

 

 

 

 

 

 

18

 

 

 

Gleitschirmflieger auf dem Fürstenberg. Im Herbst herrscht am Startplatz Süd des Baarflieger Fürstenberg- Geisingen e.V Hochsaison. Die Thermik und die Talwinde werden schwächer, die Flugbedingungen sind ideal.

 

 

 

20

 

 

 

Klirrend kalter Wintermorgen an der jungen Donau bei Neudingen.

 

 

 

Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten Die Corona-Krise war noch nicht komplett überstanden, da rollte auf den Landkreis schon die nächste Herausforderung zu: Angesichts des Angriffs von Russland auf die Ukraine musste sich der Schwarzwald-Baar-Kreis auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen. Vom 14. März bis 26. September 2022 wurden 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Nicht nur, dass ein Rädchen ins andere griff, sondern auch der Zufall half dabei, dass die Situation gemeistert werden konnte. von Marc Eich 14. März 2022, 10.41 Uhr, Sturmbühlstraße in Villingen-Schwenningen. 18 Tage, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin eine Invasion auf die Ukraine in Gang gesetzt hat, sind die Auswirkun- gen dieses Befehls knapp 1.500 Kilometer Luftlinie entfernt zu spüren. Denn in der Flüchtlingsunter- kunft, die zunächst als zentrale Anlaufstelle für die Geflüchteten des Krieges eingerichtet worden war, herrschte der Ausnahmezustand. „Schon am Vormittag war hier ‚Land unter‘“, erinnert sich Eberhard Weckenmann. stab unter Leitung von Landrat Sven Hinterseh zusammengefunden und beschlossen, dass die Erstregistrierung und Versorgung der ukrainischen Flüchtlinge nur durch eine gemeinsame Arbeit zu bewältigen sei. Deshalb hatte man sich frühzeitig da- zu entschlossen, ein Aufnahmezentrum mit allen be- teiligten Behörden zu gründen. Das Sozialamt wurde als Steuerungsstelle für sämtliche Bereiche auserko- ren. Man ging zunächst davon aus, dass die zentrale Aufnahmeeinrichtung des Landkreises in der Sturm- bühlstraße der richtige Ort dafür sei. Allerdings Es muss reagiert werden Der 63-Jährige, der im Sozialamt des Landkreises tätig ist und sich unter anderem in der Unteren Auf- nahmebehörde um die Unterbringung von Flücht- lingen kümmert, hat noch vor Augen, mit welchen Heraus forderungen das Team gleich zu Beginn zu kämpfen hatte. An Aschermittwoch, sechs Tage nach Kriegsbeginn, hat sich im Landrats amt der Krisen- Die Not hat viele Gesichter – die Männer kämpfen gegen die russischen Angreifer, viele ukrainische Frauen und Kinder können sich durch eine Flucht nach Deutschland in Sicherheit bringen. Allein im Schwarzwald-Baar-Kreis finden 3.042 Frauen und Kinder eine vorläufige Unter- kunft (Stand 22. September 2022). 22 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

wusste man zu diesem Zeitpunkt nicht, mit welchem Ansturm zu rechnen sein würde. So gestaltete sich der Starttag am 14. März als ziemlich chaotisch. Auf- enthaltsräume mussten zu Wartebereichen umfunk- tioniert werden, zwischenzeitlich fanden sich dort 70 bis 80 Menschen wieder, in der Küche wickelten Mütter ihre Kinder und bereiteten das Essen zu. Und das zu Zeiten von Corona. Schnell war klar: Es muss reagiert werden. „Auch Landrat Sven Hinterseh hat gesagt: ‚So kann man gar nicht arbeiten‘“, erklärt Eberhard Weckenmann. Was dann in die Wege geleitet wurde, das sieht der Flüchtlingsexperte als „beeindruckend“ an. Denn innerhalb von einer Woche schaffte es das Landrats- amt im Zusammenspiel mit den Großen Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen sowie auch dank der Unterstützung der Hilfs- und Rettungsorganisationen und vieler ehrenamtlicher Kräfte eine neue zentrale Aufnahmestelle aus dem Boden zu stampfen. Als Standort nutzte man die Sporthalle der Albert-Schweitzer-Schule in Villingen. „Was im Vorfeld über den Tisch von Kreisbrand- meister Florian Vetter lief, war enorm“, so Eberhard Weckenmann. Am 21. März eröffnete schließlich die neue Aufnahmestelle – und war zugleich Vorreiter im Land. „Wir waren die Ersten, die in dieser Struktur alles unter einen Hut bekommen haben“, hebt der Sachgebietsleiter für sondergesetzliche Sozialleis- tungen die Weitsichtigkeit hervor. Denn der Clou am neuen Standort: Alle notwendigen Behörden waren zentralisiert worden, die Geflüchteten konnten mit einem einzigen Besuch alle Behördengänge erledigen. Zentrale Aufnahmestelle erfasst alles Notwendige für den Aufenthalt In der zentralen Aufnahmestelle wurde eine Registrier- straße organisiert, in der alles Notwendige für den Eine logistische Herausforderung war der Transport der Möblierung und die Einrichtung der Notunterkünfte wie hier im Heilig-Geist-Spital. 24 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Dem Krieg entkommen, aber fern der Heimat: Ukrainische Kinder beim Puppenspiel. Aufenthalt der Geflüchteten erfasst wurde und mehrere Behörden zusammenarbeiteten. Die Ausländerbehörde leitete das Verfahren ein, um einen Aufenthaltstitel erteilen zu können. Die Untere Aufnahmebehörde meldete die Geflüchteten an das Regierungspräsidium Karlsruhe, um die sogenannte „vorläufige Unterbringung“ festzustellen und sorgte – wenn nötig – für ein Dach über dem Kopf. Wenn noch keine Unterkunft in einer Gemeinde vorhanden war, erhielten die Menschen umgehend einen Unterkunftsplatz. Die vorläufige Unterbrin- gung ist wiederum für die Kostenerstattung des Landes an den Landkreis ausschlaggebend und für die darauf folgende Anschlussunterbringung in den Städten und Gemeinden. Weiter wurde in der Registrierstraße der Antrag für finanzielle Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz gestellt. Mit dem Rechtskreiswechsel war auch das Jobcenter schon ab Anfang Mai im Aufnahmezentrum mit im Boot. Seit 1. Juni 2022 beziehen die Ukraine-Geflüch- teten ihre Sozialleistungen nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern nach dem Zweiten oder Zwölften Sozialgesetzbuch – für erwerbsfähige Geflüchtete änderte sich damit die Zuständigkeit. Die Arbeit des gemeinsamen Aufnahmezentrums endete schließlich zum 31. Juli. Dann konnten auch die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule ihren Sport- unterricht wie gewohnt in ihrer Turnhalle absolvie- ren. Die Registrierung der seither ankommenden Flüchtlinge findet nun wieder in den jeweiligen Be- hörden, geordnet über ein Laufzettelverfahren, statt. Hilfe für die Ukraine 25

 

 

 

angesichts der Verdopplung der Flüchtlingszahlen zwischen Som- mer und Winter 2021 ohnehin notwendig gewesen wäre. Registrierung Geflüchteter aus der Ukraine Vom 14. März bis 26. Septem­ ber wurden insgesamt 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon waren Frauen. April März „Private Unterkünfte haben uns gerettet“ Die erkennungsdienstliche Behandlung der Kriegsflüchtlinge und die Zusammenfassung der Behördengänge war jedoch nur ein Teil der Herausforderung. Denn: Auch die Unterbringung musste gewährleistet sein. Und hier hatte der Landkreis keinerlei Möglichkeiten, sich auf den plötzlichen Zustrom an Menschen aus der Ukraine vorzubereiten. „Wir haben vor dem 24. Februar keine Vorkehrungen treffen können“, erklärt Eberhard Weckenmann. Als sich ein Angriff Russlands andeutete, war der Umfang des Flüchtlingsstroms zunächst unklar. „Im März und April warteten viele Ukrainer zunächst in Polen und dachten, dass sie schnell wieder in ihre Heimat zurückkönnen.“ Die Hoffnung auf eine schnelle Beendigung des Angriffs war jedoch ein Trugschluss. Dass den Ukrainern dennoch ausreichend Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden konnten, hing von zwei Faktoren ab. September August Juni Mai Juli „Die privaten Unterkünfte haben uns gerettet“, macht Eberhard Weckenmann in diesem Zusammen- hang deutlich. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung sei enorm gewesen, „die Menschen sind uns von der Mentalität natürlich näher“, sieht er als eine Erklärung dafür. Auch die politische Entscheidung, dass die Geflüchteten zugleich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, habe dazu beigetragen. Doch die privaten Unterkünfte allein hätten nicht gereicht. Der Grundstein für ausreichende vorläufige Unterkünfte war bereits im Oktober 2021 gelegt worden – schon lange bevor sich eine Eskalation der Lage im Kriegsgebiet andeutete. Der Zufall wollte es, dass diese Maßnahme in der unvorhergesehe- nen Flüchtlingswelle weiterhalf. Wie kam es dazu? Eberhard Weckenmann: „Im Herbst 2021 war bereits klar, dass die Flüchtlingszahlen allgemein wieder steigen würden – es war Glück, dass wir die Kapazi- täten schon hochgefahren hatten, ohne zu wissen, was in der Ukraine passiert.“ So reaktivierte der Landkreis Unterkünfte der vorherigen Flüchtlings- welle 2015/2016 zum 1. Januar 2022 wieder – was 123 681 362 207 203 250 1.495 Der Krisenmodus dauert an Neben den Unterkünften in der Sturmbühlstraße, in Donau- eschingen sowie in St. Georgen (320 Plätze), kamen zusätzlich zum Jahresbeginn 2022 auch die Standorte in Blumberg (80) sowie in der Alleenstraße in Schwenningen (95) hinzu – und zwar für die „normalen“ Flücht- linge. Das reichte angesichts der Auswirkungen von kriegerischen Handlungen jedoch nicht aus. Zusätzlich mietete der Landkreis die ehemaligen Mediclin-Gebäude in Königsfeld (100) und Donau- eschingen (120) an. Hier hielt sich der Aufwand zur „Reaktivierung“ der Gebäude angesichts eines kurzen Leerstands von drei Monaten in Grenzen. Das sah bei der Unterkunft im ehemaligen Heilig- Geist- Spital (230) in Villingen, welches zwei Jahre lang leer gestanden hatte und teilweise zurückgebaut worden war, ganz anders aus. „Das war ein enormer Auf- wand“, so der 63-Jährige. In kürzester Zeit waren somit 450 Plätze für ukrainische Geflüchtete geschaffen worden, „die sind voll belegt, wir sind an der Oberkante“, macht Eberhard Weckenmann mit Stand September 2022 deutlich. Die Herausforderungen sind damit jedoch nicht zu Ende – sowohl für den Landkreis als auch für die Anschlussunterbringung nach sechs Monaten in den Städten und Gemeinden. Gerade mit Blick auf den Winter und den zu erwartenden Zustrom an Menschen, die vor dem Krieg und den prekären Be- dingungen angesichts der kalten Witterung in ihrer Heimat flüchten, werden wohl weitere 300 bis 600 Plätze benötigt. Der Krisenmodus wird also noch länger anhalten. Momentaufnahmen aus der Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge im Heilig-Geist-Spital, wo auch Sprachunter- richt angeboten wird (unten). 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

27

 

 

 

Eberhard Weckenmann Hilfe für Flüchtlinge – Sachgebietsleitung Sondergesetzliche Sozialleistungen Für Eberhard Weckenmann vom Sozialamt des Landkreises ist die Flüchtlingswelle aus der Ukraine die letzte große Aufgabe in seiner beruflichen Lauf- bahn. Nach vielen Jahren im Bereich des Sozial wesens ist klar: Weil keine Flüchtlingswelle der vorherigen gleicht, ist dauerhafte Flexibilität notwendig. Es ist ein ständiges Auf und Ab, ein permanen- tes Flexibelreagieren und nicht zuletzt ein Kraftakt. Eberhard Weckenmann war einer jener Akteure im Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der die vergangenen großen Flüchtlingszuströme miterlebt hat. „Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren“, sagt er rückblickend. Der Erfolg bei der Überwindung der Flüchtlings- krisen dürfte ihm recht geben. Der 63-Jährige, der einen Studiengang zum gehobenen Verwaltungs- dienst in Kehl absolvierte, erinnert sich an die Zeit in den Jahren 2005 und 2006, als die Flüchtlings- unterkünfte – bis auf die Obereschacher Straße in Villingen und die Einrichtung in St. Georgen – im gesamten Landkreis zurückgebaut waren. In der Unteren Aufnahmebehörde hielten sich die Aufga- ben in Grenzen, Eberhard Weckenmann kümmerte sich daher zwischenzeitlich um Sozialleistungen wie Wohngeld und Bafög. Das änderte sich im Jahr 2012, als die Flüchtlings- zahlen wieder stiegen. „Damals war das dramatisch, aus heutiger Sicht eher übersichtlich“, so Eberhard Weckenmann. Die Unterkunft zwischen Villingen und Unter kirnach, Maria Tann, wurde eingerichtet, um den Geflüchteten Platz zu bieten. Neue Dimensionen er- reichte die Flüchtlingsarbeit dann mit der Krise in den Jahren 2015/2016. Das Land installierte im Landkreis bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen in Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren. Villingen und Donaueschingen, während das Landrats- amt selbst über 20 Gemeinschaftsunterkünfte schuf. Nach dem zwischenzeitlichen Abbau der Plätze für Geflüchtete, folgte nun wieder der Aufbau – „Asyl ist immer wellenartig“, so der Experte. Der ge- bürtige Rottweiler sieht dabei aber deutliche Unter- schiede zwischen der vorherigen Krise und der der- zeitigen Flüchtlingswelle: „Damals war der Zustrom geordnet, weil die Flüchtlinge zunächst in der Erst- aufnahme registriert und anschließend verteilt wur- den.“ Die heutige Freizügigkeit der Ukrainer sei eine „große Herausforderung“, weil keine Zuweisungen möglich seien. Und auch da heißt es wieder: perma- nent flexibel sein. Bei der Flüchtlingsarbeit handle es sich schließlich um ein heterogenes Feld, welches man mit offenen Ohren und Augen begleiten müsse, um Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen und dann reagieren zu können. Wie vielseitig das Feld ist, hat ihm unter anderem die Corona-Krise deutlich gemacht, als die Flüchtlings- unterkunft im Frühjahr 2021 aufgrund vermehrter Fälle für zwei Wochen komplett geschlossen werden 28 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

musste. Da wurden Eberhard Weckenmann und sein Team zu Einkaufshelfern und Corona-Testern umfunktioniert, „PCR-Tests haben wir in Vollmontur machen müssen, solche Dinge sind für mich die Würze“, sagt er und erinnert sich: „Als die Quaran- täne beendet war und kein einziger neuer Fall hinzu- kam, haben alle geklatscht.“ Ein Moment, der ihn bis heute berührt. Eberhard Weckenmann, der 27 Jahre lang beim Sozialamt des Landkreises gearbeitet hat (zwischen 1990 und 2001 folgte ein Zwischenspiel als stellver- tretender Heim- und Verwaltungsleiter bei einem Al- tenpflegeheim in Geisingen) gibt angesichts der per- manenten Flexibilität aber offen zu: Nach so langer Zeit in diesem Bereich sei er nun „müde“ und bereit für den Ruhestand – auch wenn es ein „toller Job“ sei und er sich weiterhin wohl fühle. Zudem kann er festhalten: In der damaligen Flüchtlingskrise waren Strukturen geschaffen worden, die nun wieder grei- fen konnten. Und stolz ist er auch auf das Wir-Gefühl im Team. „In solchen Krisen wächst man zusammen, das tolle Miteinander werde ich vermissen.“ Eberhard Weckenmann 29

 

 

 

Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Landkreis investiert 11,8 Mio. Euro in eine 4.000 Quadratmeter große, moderne Nebenstelle von Andreas Flöß 30 30 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungs- gebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 120 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, das Amt für Abfallwirtschaft, die Bußgeldbehörde und das Kreisarchiv untergebracht. Nach „60er-Jahre- Charme“ zeige sich das Haus mit zeitgemäßer Architektur und Infrastruktur, die moderne Architektur werte den Villinger Bahnhofsvorplatz jetzt optisch auf, so Landrat Sven Hinterseh bei der Schlüsselübergabe am 28. September 2022 durch Architekt Andreas Flöß. Für 1,8 Millionen Euro hatte der Landkreis das Gebäude von der Post erworben, nochmals zehn Millionen Euro waren für die Sanierung und Ausstattung erforderlich. Dem „Wächter der Wutachflühen“ auf der Spur 31 31

 

 

 

Schlüsselübergabe an Landrat Sven Hinterseh durch Architekt Andreas Flöß (rechts daneben) bei der feierlichen Inbetriebnahme des Verwaltungsgebäudes „An der Brigach“ im Beisein von Mitarbeitern und Vertretern/Vertreterinnen des Kreistages. Das neue Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ glänzt mit moderner, praxisorientierter Architektur: Eine eingestellte Box fungiert als Rückzugsort. 32 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

XXX 33

 

 

 

Die Luisenstraße um 1907, Blick von Norden mit der Brigach. Zur Geschichte des Standortes In der Blütezeit des deutschen Kaiserreichs (1871- 1918) entstanden zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Romäus-Gymnasium und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße, (Friedrichskrankenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterungen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchweiler Straße, Vöhrenbacher Straße, Schiller- straße sowie am Benediktinerring statt. Auch die Luisenstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz einiger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Zerstörung am Ende des Weltkrieges Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges zerstörte eine Fliegerbombe die Gebäude Luisenstraße 2 und 3 und beschädigt am Haus Luisenstraße 4 den Nordost- flügel. Der Angriff hat mit großer Wahrscheinlichkeit dem Villinger Bahnhof gegolten. Zwischen den Häusern Luisenstraße 4 und Bahnhofstraße 8 und dem Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund der Zerstö- Am Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit rund 2.200 Quadratmetern Fläche. rung bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit ca. 2.200 Quadratmetern Fläche, da die beschädig- ten Gebäude nicht wieder aufgebaut, sondern abgerissen wurden. Fortan entstand an der markan- ten Ecke, an welcher sich Luisenstraße und Bahnhof- straße treffen, eine Wiese, welche durch die Neube- bauung der Deutschen Post geschlossen wurde. In diesem Zusammenhang sollte das Haus Luisenstra- ße 4 zu Abbruchzwecken an die Post verkauft werden, damit man ausreichend Parkplätze schaffen könne. Ein Bauantrag hierzu wurde bei der Baurechts- behörde Villingen 1963 eingereicht. Die Eigentümer der Luisenstraße 4 waren indes nicht gewillt, ihr Haus zu verkaufen, sodass eine 34 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Undatiertes Luftbild, im Norden links das heute noch existierende Haus Luisen- straße 4 mit Turm sowie rechts die Preiser Schnapsfabrik nebst vorgelagertem Wohnhaus in der Bahnhofstraße 8. Im obersten Bildabschnitt die Wiese mit den bereits abgebrochenen Häusern Bahnhofstraße 2 und 6 sowie den eben- falls fehlenden Häusern Luisenstraße 2 und 3. Hier baute die Deutsche Post. Das 1968 in Betrieb genommene Gebäude der Post, das 2017 durch den Schwarzwald-Baar-Kreis erworben und schließlich für zehn Millionen Euro kernsaniert wurde. Enteignung angedroht wurde. Dies war aufgrund der hoheitlichen Aufgaben, welche der Neubau einer Postdienststelle mit sich brachte, legitim. Der Ver- kauf wurde dennoch 1965 durchgeführt, allerdings entschloss sich die Deutsche Post, das Gebäude nicht abzubrechen, sondern selbst als Dienstsitz bis ins Jahr 1997 zu nutzen. Neubau des Postgebäudes Die Genehmigungsphase für die neue Postdienst- stelle verzögerte sich aufgrund erheblicher Einwände seitens Villinger Stadträte und führte zwischenzeit- lich bei der Oberpostdirektion Freiburg zu Überle- gungen, den Standort aufzugeben. Die Baugenehmi- gung wurde schließlich dennoch im Jahr 1966 erteilt. Die Inbetriebnahme des Gebäudes war für das Jahr 1968 geplant. Paketverteilzentrum. Im ersten Obergeschoss war das Briefverteilzentrum untergebracht. In den bei- den obersten Etagen befanden sich Einzelbüros für Postbank, Personalrat, Unterrichtsräume, Teeküche, Erfrischungsraum sowie zwei Dienstwohnungen, einerseits für den Amtsvorsteher sowie für den Hauswart. Bis auf die beiden Wohnungen war die Nutzung bis zum Auszug der Post im Sommer 2019 nahezu identisch mit der ursprünglich geplanten und angedachten. Zum Börsengang der Deutschen Post im Novem- ber 2000, verkaufte der Bund als Eigentümer einen Großteil seiner Immobilien zunächst an einen luxem- burgischen Immobilienfonds und mietete die Gebäu- de größtenteils wieder zurück (sale and lease back), später wechselte erneut der Besitzer, hin zu einem kanadischen Immobilienfonds. Anfang 2016 entschieden die Eigentümer, die Im Erdgeschoss befand sich die Schalterhalle mit einem separaten Abteil für Schließfächer sowie das Immobilie am Markt zu platzieren und zu veräu- ßern. Die Deutsche Post war zu diesem Zeitpunkt Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 35

 

 

 

noch Pächter. Nach entsprechender Analyse des Gebäudes hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Postgebäude im Frühjahr 2017 erworben, um dort nach Umbau Teile der Landkreisverwaltung unterzubringen. Zuletzt war lediglich noch die Postbank als Mieterin untergebracht. Stationen einer Kernsanierung inklusive freiem Blick auf den Bahnhofsvorplatz nachdem alle Fassaden entfernt wurden. Auch etliche Schadstoffe mussten ausgebaut werden, bevor es an die Generalsanierung, sprich den „Neubau“ ging. Einstieg in die Detailplanung für das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Die Verwaltung hat bereits im ersten Halbjahr 2018 verschiedene Möglichkeiten erarbeitet, welche Bereiche der Landkreisverwaltung sich für eine Unterbringung im Postgebäude eignen würden. Nach interner Erörterung und Bewertung der möglichen Varianten entschied sich die Kreisverwal- tung für das Jugendamt mit 57 Mitarbeitern, das Amt für Abfallwirtschaft mit 26 Mitarbeitern, die Buß- geldstelle mit 14 Mitarbeiter sowie das Kreisarchiv mit Freihandbibliothek, Rollregaleinheiten und fünf Mitarbeiterarbeitsplätzen. Hinzu kommen noch weitere Arbeitsplätze für Studierende der Dualen Hochschule, Praktikanten und Auszubildende. Die Detailplanung für die Gestaltung und Einrichtung der Arbeitsräume erfolgte unter Einbeziehung der betroffenen Bereiche. Hierzu wurden in umfangreichen Workshops mit den betroffenen Ämtern individuelle Lösungen für die Fachbereiche erarbeitet und in der Möblierungs- planung berücksichtigt. Die dem Bauantrag zugrun- deliegende Entwurfsplanung sah eine Abkehr von der bisherigen horizontalen Fensterbandstruktur mit den liegenden Fensterformaten vor. Stattdessen wurden die neuen Fenster in die Vertikale gedreht, sodass aufgrund der neuen Bodentiefe mehr Licht 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

und Attraktivität gegeben waren. Die ersten Entwür- fe spiegelten den fertigen Zustand bereits relativ gut wieder. Analyse und Ausbau von Schadstoffen Parallel zu den entwurflichen Überlegungen, galt zunächst das Augenmerk den umfangreichen Ana- lysen der Bestandsschadstoffe in Wänden, Böden, Decken und der Außenhaut. Tatsächlich wurden Asbestbestandteile in Teilen der Wandfarbe, der Spachtelmasse im Fliesenkleber und in den blauen Faserzementplatten an der Außenhaut nachgewie- sen. Ebenso waren die bituminösen Abdichtungen der Kelleraußenwand sowie die Dachabdichtungs- bahnen mit PAK (Teerbestandteilen) versetzt. In den Gebäudedehnfugen sowie in den Fensterdichtungen wurden PCB (Weichmacherbestandteile) entdeckt. Die verbauten Dämmmatten in den Akustikdecken, Rohrummantelungen, Wand- sowie Deckendämmun- gen waren aus KMF (künstliche Mineralfasern) und ebenfalls ein Fall für die Schadstoffentsorgung. Im Herbst 2019 waren alle erforderlichen Ge- nehmigungen erteilt und der kontrollierte Rückbau konnte mit behördlicher Begleitung beginnen. Nach- dem alle Schadstoffe behutsam ausgebaut, getrennt, verpackt und entsorgt waren, wurden die Fenster im Frühjahr 2020 ausgebaut. Gleichzeitig war dies der Startschuss für die restlichen Rückbau- und Abbruch- arbeiten von Baumaterialien, welche keiner Konta- minierung unterlagen. Nachdem die Abdichtungs-, Kanal-, und Drainage- arbeiten erledigt waren, wurden sämtliche Funda- mente für die späteren Zubauten wie Rampe, Eingangsüberdachung, Ladesäulen und Flucht- treppenhaus betoniert. Anschließend wurden alle Gebäudeteile wieder mit Erdreich angefüllt, so dass ab April 2020 das Fassadengerüst aufgebaut werden konnte. Nunmehr war es möglich, auch die rest- lichen Abbrucharbeiten an den Dächern und der Außenwand zu erledigen. Parallel wurde die neue vertikale Fensterstruk- tur sowie die Fenster eingebaut. Ebenso wurde die Wärme dämmung und die Außenhaut aus Faserzement tafeln an der Nord- und Südseite sowie die Dämmung an den beiden Giebeln angebracht. Zum Jahresende 2020 war das Gebäude winterfest und für den Innenausbau vorbereitet. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. Ab dem Jahr 2021 wurde im Innenraum die Haus technik eingebracht. Sämtliche Daten- und Elektroleitungen sind so verlegt, dass jederzeit und pro blemlos nachträgliche Änderungen und Anpas- sungen möglichen sind. Recycelte Fischnetze als Teppichboden – „graue Energie“ exakt betrachtet Um eine transparente Planung und Mitsprache zwi- schen Bauherrn und Architekt zu realisieren, wurde ein Bauausschuss gegründet, der sich aus dem Landrat sowie Kreisrätinnen- und Kreisräten zusam- mensetzte. Hier wurde in zwei Sitzungen detailliert über verschiedene ökologische Komponenten wie Heizungssysteme und Materialien beraten. Schluss- endlich entschied man sich beim Energieträger aus insgesamt sieben möglichen Varianten für eine Lö- sung mit dem geringsten CO2-Ausstoß. Die Wahl fiel auf eine Pelletanlage. Die räumlichen Strukturen im Untergeschoss erlaubten eine Doppel-Pelletbunker- anlage mit einem Fassungsvermögen in Höhe des jährlichen Verbrauches von ca. 28 Tonnen. Somit ist beim Heizmaterialeinkauf eine gewisse Flexibilität gegeben. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. So wurde beispiels- weise der Teppichbodenbelag aus recycelten Fischer- netzen hergestellt. Gleichzeitig wurde großen Wert auf die Betrach- tung von „grauer Energie“, von Materialien gelegt. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 37

 

 

 

Auf dem Dach wurde auf einer Fläche von 316 Quadratmetern eine Photovoltaikanlage mit 170 Modulen zu je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Sie liefert bis zu 67.000 Kilowatt- stunden Strom im Jahr. Ein erheblicher Teil der Dachfläche und des Grundstückes wurden begrünt, insgesamt rund 650 Quadratmeter. Hierbei wird der Ener- gieverbrauch, bei der Herstellung, Lagerung, Transport, Verarbei- tung und Entsorgung von Produkten ent- steht, bewertet. Je mehr „graue Energie“ in einem Baustoff steckt, desto negativer fällt die Ökobilanz aus. Zweifelsohne ist der Baus- toff Beton, mit welchem die komplette Tragstruktur und Hülle des Gebäudes errichtet wurde, ein großer Verursacher von hohen CO2-Ausstößen. Unter der Annahme, dass ein solches Gebäude einem Rückbau zugeführt werden müsste, wäre die Ökobilanz noch- mals schlechter zu bewerten. Nicht jedoch, wenn die komplette Baumasse er- halten und wiederverwendet werden kann. So liegt beispielsweise der Primärenergieinhalt der Außen- wand bei 314 kWh/m² wobei lediglich ein Drittel an neuen Materialien hinzugefügt werden musste. Photovoltaikanlage deckt 26 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs Nachdem das Dach abgedichtet war, wurde ab Früh- jahr 2022 eine Photovoltaikanlage auf einer Fläche von 316 Quadratmetern mit 170 Modulen mit je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Die Anlage erreicht eine Gesamtleistung ca. 64,60 kW/h (kWp Spitze) und einer somit theoretisch errechneten Leistung von 67.000 kWh pro Jahr. Bei einem prognostizierten Eigenverbrauch von 52.000 kWh pro Jahr beträgt die Netz einspeisung ca. 15.000 kWh pro Jahr und der Eigenverbrauchsanteil der PV-Anlage beträgt damit ca. 78 Prozent. Der Gesamtstromverbrauch wird auf rund 200.000 KWh pro Jahr geschätzt. Der Deckungs- anteil der Photovoltaikanlage am Gesamt-Eigen- strombedarf beträgt somit 26 Prozent. Der Innenausbau sowie sämtliche Einrichtungen sind gemäß den erarbeiteten Ergebnissen in den Workshops mit den jeweiligen Nutzern im Sommer umgesetzt worden. Die Außenanlagen wurden im Herbst 2021 begonnen und im Sommer 2022 pünkt- lich abgeschlossen. Von dem 2.200 Quadratmeter großen Gesamtgrundstück konnte ein beträchtlicher 38 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die offen gestalteten sogenannten Openspace-Bereiche können auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. Sie dienen zugleich als Arbeits- und Rückzugsort (oben). Unten: Blick in einen der großzügigen Verwaltungsbereiche. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 39

 

 

 

Teil von ca. 650 Quadratmetern auf der Fläche und auf Dächern begrünt werden. Die prognostizierten Baukosten in Höhe von zehn Mio. Euro konnten eingehalten werden, der Einzug alle Ämter erfolgte in Etappen von Juni 2022 bis August 2022. Neben einem modernen Verwal- tungsgebäude für bis zu 120 Mitarbeiter ist zusätz- lich das Kreis archiv mit dazugehöriger Administra- tion entstanden. Als Nebeneffekt erfährt das Quar- tier rund um den Villinger Bahnhof eine erhebliche städte bauliche Aufwertung. Das Kreisarchiv besitzt Regalanlagen mit einer Kapazität von 3.600 laufenden Metern (lfm) sowie eine Freihand- bibliothek mit 380 lfm. Daneben gibt es einen Lese- und Rechercheraum und neue Planschränke mit 60 Schubladen der Größe A0 sowie 60 lfm Regal fläche für das Fotoarchiv und zwei Mikrofilm schränke für zusammen 1.450 Filmrollen. Kubatur und Nutzung – Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Bruttogrundrissfläche ca. 3.840 Quadratmeter Bruttorauminhalt ca. 14.350 Kubikmeter Nutzfläche Gebäude ca. 3.200 Quadratmeter davon beheizte Nutzfläche ca. 2.990 Quadratmeter Aktuell werden 102 Mitarbeiter im Jugend amt, im Amt für Abfallwirtschaft, in der Bußgeldstelle und im Kreisarchiv beschäftigt. Im Endausbau sind 120 Mitarbeiterplätze möglich. Jedes Amt ist mit separater IT-Infrastruktur, Sozialräumen und Teeküchen ausgestattet. Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend gemeinsam genutzt. 40 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Oben: Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend genutzt. Unten: Einladend und freundlich – die Teeküche der Bußgeldbehörde. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 41

 

 

 

KLINIKSCHULE DER LUISENKLINIK Für eine gute Zukunft der jungen Patienten von Wilfried Strohmeier 42 42

 

 

 

XXX

 

 

 

Sie ist keine Schule wie jede andere, doch für Schüler mit einer länger dauernden Krankheit ein tröstendes Stück Normalität. Sie schreiben Arbeiten, haben einen Stundenplan, es gibt eine Schul leitung und etwa 25 Lehrer: Die Klinikschule der Luisen klinik ist ein Teil der Krankenhausschule des Schwarzwald-Baar-Kreises. In der Schule werden Unterrichtsangebote sämtlicher Schularten (Hauptschule, Realschule, allgemeinbildende und berufsbildende Gymnasien), sowohl in Einzel- als auch Kleingruppenunterricht in allen relevanten Fächern vorgehalten. Offiziell ist sie geführt unter der Bezeichnung „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für Schülerinnen und Schüler in längerem Krankenhausaufenthalt“ (SBBZ). Mit gut 1.300 Schüler innen und Schülern zählt die Klinikschule zu den größten Klinikschulen Deutschlands. Es ist ruhig und leise, wenn man das liebevoll sanierte Haus mit dem modernen Anbau auf dem Gelände der Luisenklinik in Bad Dürr- heim betritt. Auf der einen Seite befindet sich das ehemalige, denkmalgeschützte Ärztehaus des Kindersolbads (später Haus Hohenbaden), auf der anderen Seite ein moderner Flachdachbau. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichts- räumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurch- flutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapfwaldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. Dass das Gebäude in Bad Dürrheim so eingerichtet werden konnte, ist der Weitsicht von Rolf Wahl und der Einsatz von dessen Sohn Sven Wahl im Zusammenspiel mit dem Schwarzwald-Baar- Kreis, der als Schulträger fungiert, zu verdanken. Es gibt noch eine Außenstelle in der Rehaklinik Katharinen höhe in Schönwald, dort ist man direkt im Klinikgebäude untergebracht. Eine weitere Nieder- lassung gibt es im Standort der Luisenklinik in Radolfzell. Insgesamt eine außergewöhnliche Konstellation. Die Schüler, so der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg, haben ganz unterschied liche Geschichten und Bedürfnisse. In der Katharinenhöhe sind die Kin- der und Jugendlichen mit einer lebensbedrohenden Krankheit konfrontiert, während die Schüler der Lui- senklinik am Leben zweifeln und auch zu verzweifeln drohen. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichtsräumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurchflutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapf- waldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. 40-jähriges Bestehen der Schule Die Klinikschule als Einrichtung blickt zum Schuljah- resbeginn 2023/24 auf ein 40-jähriges Bestehen zurück, der Grundstein wurde aber schon ein paar Jahre früher gelegt. Ab dem Jahr 1980 baute man eine Klinikschule an den Kliniken in Villingen- Schwenningen auf, zum Schuljahresbeginn 1983/84 gründete man ganz offiziell die Schule für kranke Kinder und Jugendliche in der Trägerschaft des Schwarzwald-Baar-Kreises. Gertrud Humpf war die erste Schulleiterin, die Schülerzahl lag damals bei 44 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

etwas über zehn, der Schwerpunkt war zunächst in der Kinderklinik in Villingen angesiedelt. 1987 kam die Katharinenhöhe als Außenstelle hinzu und 1993 die Luisenklinik, die Gesamtschüler- zahl wuchs auf rund 50 Kinder und Jugendliche. Die Eröffnung der Abteilung Kinder- und Jugendpsychia- trie der Luisenklinik im Jahr 2001 brachte einen Sprung auf rund 110 Schüler. Der damalige Ärztliche Direktor und Geschäftsführer Rolf Wahl erkannte, wie wichtig eine Beschulung der jungen Patienten in der Luisenklinik ist. „Es war ein weitblickender Schritt“, zeigt sich der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg überzeugt. Im Jahr 2005 wechselte das Rek- torat von Villingen an die Luisenklinik, zunächst in die Hammerbühlstraße 19. Sven Wahl entschloss sich im Dezember 2013 das jetzige Gebäude zu kaufen, zu sanieren und der Klinikschule zur Verfügung zu stel- len, der Einzug war dann bereits im März 2015. 2007 ernannte man Martin Feldweg zum Schul- leiter, seine Stellvertreterin wurde 2009 Frauke- Maria Weinberg-Schirmer, sie trat zum Anfang des Schul- jahres 2022/23 die Nachfolge von Martin Feldweg als kommissarische Schulleiterin an. 2013 kam der dritte Standort Radolfzell zur Klinikschule hinzu. Einer der großen räumlichen Meilensteine war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisenklinik. Das Gebäude war ehemals das Ärz- tehaus des benachbarten Haus Hohenbaden. Dieses, wie auch das so genannte Pförtnerhaus, kaufte die Familie Wahl aus dem Areal Haus Hohenbaden und Die Luisenklinik ist eine private und inhabergeführte Fach- klinik für psychische und psychosomatische Erkrankun- gen. Gründer und Leiter der Klinik war Prof. Dr. Rolf Wahl. Bis heute ist die Klinik im Besitz der Familie Wahl. Auf dem Foto von links: Pablo Wahl, Sven Wahl und der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. Unten: Ein Meilenstein war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisen klinik. Das Gebäude fungierte ehemals als Ärztehaus des benachbarten Haus Hohen baden. Klinikschule der Luisenklinik 45

 

 

 

Der Werkraum der Klinikschule – hier werden handwerkliche Fähigkeiten gefördert. sanierte es, zudem errichtete Sven Wahl noch einen modernen Anbau an das Klinikschulgebäude, so dass acht Unterrichtsräume auf 450 Quadratmeter für den Unterricht nutzbar sind, zusätzlich stehen ein Technikraum und eine Küche zur Verfügung. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neben Zwangs- störungen, Angststörungen, Autismus und Depressio- nen sind die beiden vorherrschenden Krankheitsbilder bei den Mädchen Essstörungen, bei den Jungen ADHS. Die beiden letztgenannten Räume leisten für den Im praktischen Ablauf bekommt die Schule aus Aufbau des Lehrer-Schüler-Vertrauensverhältnisses einen wichtigen Beitrag. In ihnen werden handwerkli- che Fähigkeiten in Projekten gefördert. Sei es das ge- meinsame Kochen oder das Arbeiten an einem tech- nischen Werkstück. Vor allem für diese können die Jungen begeistert werden und auch Nähmaschinen stehen zur Verfügung. „Das Konzept mit dem fach- praktischen Unterricht hat sich bewährt“, weiß Martin Feldweg zu berichten. Denn die Lehrer müssen schnell Zugang zu jedem einzelnen Schüler finden und das ist über solche Projektarbeiten gut möglich. Mehr als reine Wissensvermittlung Der Stundenplan ist hochflexibel. In kleinen Lerngrup- pen werden Schüler aller Klassenstufen und Schular- ten unterrichtet. Die Anzahl der Stunden wird in Absprache mit den ärztlichen Betreuern festgelegt, mit Blick auf den Therapieplan der jungen Patienten der Klinik eine Schulanmeldung eines neuen Schülers, es wird dann zunächst ein Stundenplan erstellt, der Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten ist man in ständigem Kontakt und es gibt regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. 46 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Eine Lerngruppe in einem der Klassenzimmer, an der Türe der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. jedoch nach einer Woche evaluiert und in der Regel angepasst wird. Es gibt dabei viele Faktoren, die be- rücksichtigt werden müssen. Dazu gehört beispiels- weise wie sich das Krankheitsbild und der Unterricht in wechselseitiger Beziehung auswirken oder wie lan- ge sich ein Schüler konzentrieren kann. Es geht dabei mehr als um die reine Wissensvermittlung. Manchmal ist ein Unterricht nur für eine Stunde am Tag möglich, beschreibt Martin Feldweg die Praxis. Bei den Mädchen, die an Magersucht (Anorexie) leiden ist es meist so, dass sie extrem gute Schüle- rinnen seien, perfektionistisch mit Lernzwang. Hier hatte Corona verheerende Auswirkungen, erzählt Martin Feldweg. Denn die Mädchen bekamen nicht mehr die Rückmeldung über ihren Leistungsstand und lernten dadurch immer mehr, um immer besser zu werden. Sie vernachlässigten jedoch sich selbst. Jungen mit ADHS bekommen in der Klinik – auch mit dem Unterricht – einen geregelten Tagesablauf. Bei ihnen sei ein konzentriertes Arbeiten oftmals nur wenige Minuten am Stück möglich. Insgesamt seien die Kinder überfordert. Der Unterricht beginnt norma- lerweise täglich um 8 Uhr. Ziel ist es dabei auch, kei- nen Bruch in der Schullaufbahn durch den Aufenthalt in der Klinik zu erzeugen, führt Martin Feldweg aus. Beratung ist ein enorm wichtiger Baustein In Bad Dürrheim sind die Schüler in Lerngruppen eingeteilt, man versucht diese so homogen wie möglich zu gestalten bezüglich Wissenstand und Alter der Schüler. In jeder Gruppe sind maximal vier Schüler, betreut von einem Lehrer. Die Klinikschule ist auch immer mit den Heimatschulen in Verbindung, von dort kommen auch die Infos zu Unterrichtsinhal- ten und anstehenden Klassenarbeiten. Die können dann in der Klinik von dem jeweiligen Schüler mitgeschrieben werden, die Entscheidung darüber fällt jedoch der zuständige Lehrer der Klinikschule. Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten sei man in ständigem Kontakt und es gebe regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. Martin Feldweg ist überzeugt: Nur so kann sich ein Erfolg während eines Aufenthalts einstellen. Denn die Lehrer erleben die Kinder und Ju- gendlichen meist länger als der Therapeut und entwi- ckeln auch ein gutes Gespür für die jungen Patienten. Insgesamt ist der Bereich der Beratung von Schü- lern, Eltern und den Kolleginnen und Kollegen an den Heimatschulen ein wesentlicher und enorm wichtiger Baustein der Arbeit an der Klinikschule. Psychische Klinikschule der Luisenklinik 47

 

 

 

Die Bad Dürrheimer Luisenklinik, auf deren Gelände sich die Klinikschule im Schwarzwald-Baar-Kreis befindet. Störungsbilder wirken sich immer auf das Leben und Lernen der Kinder und Jugendlichen in den Schu- len aus, werden jedoch häufig nicht als Ursache für schulischen Misserfolg erkannt. Andererseits können schulische Überforderung oder belastende Kontakte zu Mitschülern Ursache von psychischen Störungen sein. Nicht immer ist es jedoch einfach, Schüler und deren Eltern davon zu überzeugen, dass ein Wechsel auf eine andere Schulart sich positiv auf den Gesun- dungsprozess auswirken würde. Während es bei den Schülern der Luisenklinik meist mehr Aufwand ist, sie für die Teilnahme am Unterricht zu motivieren, ist dies bei der Katharinen- höhe gänzlich anders – und das hat mit dem Krank- heitsbild zu tun. In der Rehaeinrichtung haben die Jugendlichen eine schwierige, auch lebensbedrohli- che Leidenszeit hinter sich. Sie wollen mit Mut in ihr zukünftiges und manchmal auch neu gewonnenes Leben gehen. In der Regel haben sie alle ihre Schul- sachen dabei und freuen sich auf den Unterricht, beschreibt Martin Feldweg. Dort kann der Unterricht auch besser geplant werden, da es von Beginn an relativ klar sei, wie lange der Reha aufenthalt eines Patienten dauere, in der Regel dreieinhalb Wochen – im Gegensatz zur Luisenklinik. Die Klinikschule bietet die Möglichkeit, Schulab- schlüsse für alle Schularten innerhalb des stationären Klinikaufenthaltes abzulegen. Patienten, für die eine Eingliederung in öffentliche Schulen wichtig ist, kön- nen von der Klinik aus externe Schulen besuchen. Erfolgreiche Symbiose Auch wenn der Hauptsitz mit dem Rektorat in den Räumen der Luisenklinik untergebracht ist, gibt es keine Reibungsverluste zwischen Klinik, Klinikschule und dem Schulträger. Ausgestattet wird die Schule bezüglich der Lernmaterialien durch den Schwarz- wald-Baar-Kreis. Dass ein Technikraum wie auch eine Küche eingerichtet wurde, war aber beispielsweise kein Muss, sondern eine freiwillige Leistung der Klinikleitung der Luisenklinik. Und natürlich ist der Austausch mit den Verantwortlichen der Klinik, egal ob in der Geschäftsleitung oder beim medizinischen Personal, äußerst wichtig, um eine erfolgreiche Symbiose im Sinne der mittlerweile über 180 jungen Patienten zu erzielen – das weiß Martin Feldweg aus vielen Jahren Erfahrung. Und er zeigt sich froh und dankbar, dass Klinik- schule, Schwarzwald- Baar-Kreis und Leitung der Luisenklinik zu jedem Problem bis jetzt eine Lösung fanden, zum Wohle der immerhin rund 1.300 Schü- lern, die jährlich an den drei Standorten unterrichtet werden. 48 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

DIE KLINIKSCHULE DER AWO-REHAKLINIK KATHARINENHÖHE Die Klinikschule der Katharinen­ höhe ist eine Außenstelle des Sonderpädagogischen Bildungs­ und Beratungszentrums (SBBZ) Bad Dürrheim für Schüler und Schüler innen in längerer Kranken­ hausbehandlung. Träger der Schule ist der Schwarzwald­ Baar­ Kreis. Die Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland und der Schweiz werden während ihres Aufenthaltes in Einzel­ oder Klein­ gruppen unterrichtet. Das ermög­ licht eine intensive, ganz auf die einzelnen Kinder ausgerichtete schulische Betreuung, die in enger Kooperation mit den jeweiligen Heimatschulen stattfindet. Diese Aufgabe übernehmen Lehrer und Lehrerinnen aller Schulformen in einem inklusiven Setting für alle Schulzweige. Um für Patienten­ und Ge­ schwisterkinder eine lückenlose Weiterführung der Schule zu ge­ währleisten, wird bereits vor dem Reha­Aufent halt mit den Schülerin­ nen und Schülern, den Eltern und der Heimat schule Kontakt aufge­ nommen. So können für die Pla­ nung wichtige Vorinformationen eingeholt werden und individuelle Lehrpläne erstellen werden. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene finden an der Kathari­ nenhöhe neben dem Unterricht ein breites Beratungsangebot rund um die Themen Nachteils ausgleich, Schullaufbahn, Planung des schu­ lischen Wiedereinstieges und zum Thema Berufswahl/Ausbildung vor. Für Patienten und Patientinnen mit Hirntumor wird bei Bedarf ein Gedächtnistraining angeboten, welches zum Ziel hat, durch die Erkrankung erworbene Einschrän­ kungen in Konzentrations­ und Gedächtnisleistung abzufedern. 49

 

 

 

IM GESPRÄCH MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH ICH BIN ZUVERSICHTLICH, DASS WETTBEWERB DER ZUKUNFTS- 50

 

 

 

SICH UNSER LANDKREIS IM REGIONEN BEHAUPTEN KANN Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 unter- hielten sich die Redakteure Klaus Peter Karger und Wilfried Dold mit Landrat Sven Hinterseh über die Entstehung des Landkreises im Jahr 1973 und seine Perspektiven. Herr Hinterseh, die Bildung des Schwarzwald-Baar- Kreises vor 50 Jahren ist im Kontext der Kreisreform vom 1. Januar 1973 zu sehen. Auf Initiative der Großen Koalition aus CDU und SPD im Landtag von Baden- Württemberg wurden 63 Land- und Stadtkreise zu 35 vereint. Was waren die Beweggründe, was hat es gebracht? Landrat Hinterseh: Es gingen schwierige Debatten voraus, wie stets bei großen Reformen. Baden, Würt- temberg und Hohenzollern waren am 25. April 1952 zu Baden-Württemberg vereint worden. Zwei Jahr- zehnte später galt es, die Strukturen zu optimieren 51

 

 

 

und zukunftsfähig auszugestalten. Das ist schwierig, was sind effiziente Größen? Wie groß darf es sein? Der damalige Oberbürgermeister von Villingen- Schwenningen hatte sich gar für den Großkreis „Schwarzwald-Baar-Heuberg“ ausgesprochen, gebil- det aus den heutigen Landkreisen Rottweil, Tuttlin- gen und Schwarzwald-Baar-Kreis. Das wäre ein sehr großes Gebilde geworden. Vieles wurde übrigens auch schon vor der Reform umgesetzt. So die Fusion von Villingen und Schwen- ningen zur Doppelstadt zum 1. Januar 1972. Mein Fazit zur Kreisreform ist: Die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass eine Struktur entstanden ist, in der man gut arbeiten kann. Und es ist auch eine kul- turelle Identität gewachsen. Natürlich immer mit der Besonderheit Baden und Württemberg. Die Geburt unseres Kreises ging ja nicht reibungslos vonstatten, es gab einen Bedeutungsverlust für Donau- eschingen. Sind die Wunden von damals geheilt? Es wurde stets Wert daraufgelegt, dass man der Großen Kreisstadt Donaueschingen gerecht wird. Im dortigen Landratsamt arbeitet eine große Ver- waltungseinheit mit über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine kluge Politik war vor diesem Hintergrund, ein dezentrales berufliches Schulsystem aufzubauen. So konnte der junge Landkreis sowohl den Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen als auch Furtwangen, St. Georgen und Bad Dürrheim – und damit in der Fläche allen Städten und Gemein- den – gerecht werden. Völlig gewichen ist die Rivalität allerdings nicht. Das zeigte sich beispielsweise, als es um den Standort des Kreisarchivs ging… Ich bin Sportler – und Wettkampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruch- tend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Und natürlich gibt es zwischen den Städten und Gemeinden durch- aus das eine oder andere Thema, bei dem Konkur- renz aufkommt. Ich bin Sportler – und Wett- kampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruchtend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Die Landkreise und Landratsämter fungieren als Binde- glied zwischen den Regierungspräsidien auf der einen und den Städten und Gemeinden auf der anderen Seite. Was bedeutet das in der alltäglichen Praxis? Lassen Sie mich grundsätzlich festhalten: Das Land- ratsamt hat eine Doppelfunktion. Zum einen ist es untere staatliche Verwaltungsbehörde, zum ande- ren eine Kommunalbehörde und ergänzt somit die Tätigkeit der Städte und Gemeinden. Landratsämter übernehmen Aufgaben, die zwischen Kommunen anfallen oder für die eine einzelne Gemeinde zu klein ist. Als untere staatliche Verwaltungsbehörde ist das Landratsamt vor allem damit beschäftigt, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwenden und die Rechtsaufsicht über die Ge- meinden auszuüben. Ich sehe uns einerseits als starke Kommunalbe- hörde, die in den vergangenen Jahrzehnten ein hoch- modernes Schwarzwald-Baar Klinikum hervorbrach- te, über ein hervorragend entwickeltes Sozialamt verfügt und die einen starken öffentlichen Personen- nahverkehr aufbauen konnte – um drei Beispiele zu nennen. Wir haben andererseits wichtige staatliche Aufgaben zu erfüllen – bis hin zur Genehmigung von Windkraftanlagen oder die Themenbereiche rund um das Gesundheitsamt und die Gewerbeaufsicht. Es sind viele Räder, die im Landratsamt ineinander- greifen. Ich empfinde die Aufgabenvielfalt im Land- ratsamt als äußerst reizvoll – wir dürfen entwickeln und gestalten! 52 2. Kapitel – 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Sie haben als Landrat zwei Vorgänger: Dr. Rainer Gutknecht, der bis 1996 und somit 23 Jahre lang als erster Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises fungier- te. Es folgte Karl Heim bis 2012 – dann beginnt Ihre Ära. Was waren bei Amtsantritt von Dr. Gutknecht die drängendsten Aufgaben, die es anzupacken galt? Zunächst ging es darum zu integrieren, alle mit- zunehmen. Vor allem in der Residenzstadt Donau- eschingen saß der Schmerz über den Verlust der Eigenständigkeit tief, das ist ja bereits an anderer Stelle angeklungen. Es galt ein berufliches Schul- system und Sonderschulsystem und wichtige Beratungs leistungen aufzubauen. Der Schwarzwald- Baar-Kreis war einer der ersten Landkreise, der sich der Erziehungsberatung widmete, der jungen Famili- en zur Seite stand, Eheberatung und Jugendberatung anbieten konnte. Rainer Gutknecht kam aus dem Bergischen Land zu uns, brachte wichtige und neue Ideen mit. Das hat dem Landkreis gut getan, gerade auch auf dem Feld der Abfallwirtschaft, das am Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren begründet wurde. Bis dahin waren allein die Kommunen für diesen Aufgaben- bereich zuständig. Um bei der Vielgestaltigkeit der kreispolitischen Auf- gaben zu bleiben: Im Jahr 2023 feiert die Landesbe- rufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe ihr 60-jähriges Bestehen. Das ist eine Schule mit Internat, für die der Landkreis – neben etlichen weiteren beruf- lichen Schulen – zuständig ist. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Bereich? In der Tat gilt die Landesberufsschule als gutes Beispiel dafür, was Kreis- und Kommunalpolitik bewegen können. Wir holten diese Schule von der Insel Reichenau in den Schwarzwald-Baar-Kreis, da sie dort nicht adäquat untergebracht war und sich so nicht weiterentwickeln konnte. Die Hotellerie und Gastronomie spielt nicht nur bei uns eine wichtige Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 53

 

 

 

Rolle. Das Schöne ist, dass die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Ausbildung im Schwarzwald-Baar- Kreis international tätig sind. Es kann einem passie- ren, dass man irgendwo auf der Welt unterwegs ist und in einem Hotel oder einer Gaststätte auf Absol- venten der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe trifft. Es gibt in der Trägerschaft des Landkreises 14 Schulen. Den Schwerpunkt bilden berufliche Schulen jedweder Art plus die ehemaligen Sonderschulen. Bei letzteren handelt es sich um sonderpädagogi- sche Bildungs- und Beratungszentren, die körperlich und geistig behinderte Schülerinnen und Schüler unter richten. Hinzu kommen Besonderheiten wie die Landwirtschaftsschule oder die Klinikschulen. Insoweit bedienen wir ein breites Spektrum. Sorgen bereiten allerdings die rückläufigen Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar- Kreis, heißt, viele junge Leute gehen auf die Hoch- schulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungs- weg abgeschnitten. Wenn die Schülerzahlen rückläufig sind – sehen Sie da einen Handlungsbedarf? Schüler zahlen, die von 11.000 auf knapp 9.000 ge- sunken sind, aber das ist ein allgemeiner Trend. Allerdings: Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis, heißt, 54 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

viele junge Leute gehen auf die Hochschulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungsweg abge- schnitten. Da gibt’s keine einfachen Antworten. Wir werden in der Region intensiver zusammen- arbeiten müssen und es werden Schularten von einigen Schulen verschwinden, die es vielleicht in Tuttlingen oder in Rottweil gibt. Und anderes wird nach Villingen-Schwenningen, Donaueschingen oder Furtwangen kommen. Mein Ehrgeiz ist es, dass wir diese Dezentralität halten können, weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir beispielsweise auch im Bregtal, wo wir eine starke Industrie vorfinden, den Indu strie- unternehmen und den Bürgerinnen und Bürgern ein Angebot machen können. Aber das wird nicht in jedem Segment möglich sein, da wird es Konsolidie- rungsbedarf geben. Ein großes Projekt in der Amtszeit von Landrat Gutknecht war der Neubau des Landratsamtes, ein- geweiht 1991. Wie sieht es heute mit der räumlichen Situation aus? Rainer Gutknecht kam aus einer modernen Verwal- tung und war dann im Kaiserring untergebracht, in alten dicken Mauern, wo moderne Verwaltung nicht möglich ist. Zeitgleich kam der Wunsch nach Bürgernähe und Transparenz auf. Man wollte weg von der ‚preußischen Obrigkeitsverwaltung‘ hin zu einer Verwaltung, die auf Augenhöhe kommuniziert. Architektur macht auch etwas mit den Menschen, die in diesen Gebäuden arbeiten. Das darf man nicht geringschätzen. Unser Landrats amt auf dem Hopt- bühl ist der beste Beweis dafür: Obwohl das 1991 eingeweihte Gebäude mittlerweile über 30 Jahre alt ist, wirkt es nach wie vor modern und besitzt eine tolle Ausstrahlung – angelehnt an die Schwarzwald- architektur mit viel Glas und Holz. 1. Januar 2005 wurden viele Sonderbehörden aus der unteren staatlichen Verwaltungsebene ins Landrats- amt eingegliedert. Viele staatliche Aufgaben sind an die Landratsämter übertragen worden, das führt auch heute noch zu zusätzlichem Raumbedarf. Den- ken Sie an das alte historische Villinger Krankenhaus, wo wir mit dem Gesundheitsamt in der Herdstraße untergebracht sind und das wir vor einigen Jahren saniert haben. Zuletzt kauften wir das Postgebäude in der Bahnhofstraße, da ist kein Stein auf dem an- deren geblieben (siehe S. 30). Wie bereitet sich der Landkreis auf die Herausforderun- gen unserer neuen Arbeitswelt vor? Stichwort Digitalisie- rung, Teilzeitbeschäftigung und Homeoffice. Wir beobachten auch bei jungen Leuten ohne Kinder verstärkt den Wunsch, lediglich 70 oder 80 Prozent zu arbeiten. Als moderner Arbeitgeber muss man das ermöglichen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man schwarz oder weiß sagen kann. Man muss sich da weiterentwickeln. Das haben wir in den letzten Jahren getan. Wir versuchen in den neuen Gebäuden „atmende Systeme“ zu ermöglichen. Damit wir, auch wenn wir Stellenzuwächse haben, nicht zwingend mehr Flächen schaffen müssen. Homeoffice, mobiles Arbeiten und Teilzeitbe- schäftigung, das sind die Schlagworte dieser neuen Arbeitswelt. Ich bin richtig neugierig: Im Kreisju- gendamt versuchen wir das alles. Da haben wir tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich auf diesen Prozess einlassen. Wir haben sie nicht einfach in die- se neue Welt des Arbeitens hineingeschickt, sondern sie haben sich in einem mehrjährigen Prozess auf diesen Weg gemacht, z.B. Akten digitalisiert und ins- gesamt konsequent auf Digitalisierung gesetzt. Und dennoch ist das Landratsamt zu klein. Der Land- kreis hat das ehemalige Villinger Postamt erworben und saniert, um die räumlichen Möglichkeiten zu erweitern… Natürlich sind die Anforderungen an das Landrats- amt aus seiner Bauzeit nicht mit denen zu verglei- chen, die sich uns 2023 stellen. Da gab es Verwal- tungsreformen kleinerer und größerer Art. Zum Wie groß ist der Bedarf an Homeoffice? Corona war natürlich ein Treiber. Wir hatten zeitwei- se über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice und werden einiges auch nicht zurück- schrauben. Aber wir merken ebenso, dass die Kolle- ginnen und Kollegen auch gerne ins Büro kommen, um interagieren zu können. Ich blicke diesbezüglich gespannt in die Zukunft, was unsere neue Welt des Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 55

 

 

 

Die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg sind geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Arbeitens noch an Veränderungen hervorbringt. Verschließen dürfen wir uns diesen Entwicklungen keinesfalls. Ein weiteres großes Thema ist und bleibt der Nahver- kehr. In der Amtszeit Ihres Vorgängers Karl Heim wurde der Ringzug aufs Gleis gesetzt. Im August 2003 ist er das erste Mal gefahren und eine Erfolgsgeschichte ge- worden… Absolut. Der Bundesgesetzgeber entschloss sich in den 1990er-Jahren zur Regionalisierung, heißt: Die Bundesländer bekamen Geld vom Bund, um den Nahverkehr in die Fläche zu entwickeln, unser Landkreis profitierte davon. Jetzt stehen wir vor dem Sprung in die neue Zeit, in der wir alle Strecken elek- trifizieren wollen. So auch die Strecke zwischen Vil- lingen-Schwenningen und Rottweil, damit wir letzt- lich besser an die Landeshauptstadt angeschlossen sind. Was wir nach Freiburg mit der Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn geschafft haben, wollen wir auch in Richtung Stuttgart erreichen. Es gibt Überlegungen, den Ringzug nach St. Georgen auszubauen. Wie konkret sind sie? Sehr konkret, die Strecke ist dank der Schwarzwald- bahn bereits elektrifiziert. Es geht zuallererst um den Bau neuer Haltepunkte. Das ist unsere Aufgabe und so sind auch die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Ebenfalls in die Amtszeit von Karl Heim fällt die Neuordnung der Krankenhauslandschaft, die 2013 zur Eröffnung des Schwarzwald-Baar Klinikums führte. Wie bewerten Sie diesen Klinikneubau heute? Das war zweifelsfrei unser bislang größtes Projekt. Wir hatten im Schwarzwald-Baar-Kreis zuletzt noch sechs Krankenhausstandorte, die auf zwei reduziert wurden. Es ging darum, ein sehr leistungsfähiges Klinikum zu verwirklichen, das auf universitärem Niveau arbeitet. Sie müssen sehen: Wir haben 56 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

zwischen Freiburg und Tübingen dieses große Schwarzwald-Baar Klinikum mit zwei Standorten geschaffen, nämlich dem Neubau in Villingen- Schwenningen und dem sanierten Bestandsbau in Donaueschingen. Deswegen können wir Medizin auf technisch höchstem Niveau bieten. Wir haben über 300 Mio. Euro investiert und bilden ein sehr gutes medizinisches Portfolio ab. Da würde ich mal sagen: Alles richtig gemacht! Aber man hört auch Klagen. Zu groß, zu unpersönlich… Ich will diese Kritik keinesfalls kleinreden, doch Sie müssen sehen: Wir verfügen in Deutschland über eines der international besten medizinischen Syste – me. Ich glaube schon, dass die Medizin vor 20 oder Das im Jahr 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum. 30 Jahren individueller war. Doch keinesfalls, dass sie besser gewesen ist. Ich glaube, dass die Pflege mehr Zeit hatte pro Patient. Diese menschliche Komponente ist wichtig, daran müssen wir weiter intensiv arbeiten. Aber wir haben na tür lich in der Medizin eine enorme Technisierung erlebt, die man schätzen sollte. Wenn Sie eine Krebserkrankung oder andere gesundheitliche Herausforderungen zu bewältigen haben, dann brauchen Sie dringend eine technisierte Hochgerätemedizin wie sie das Schwarzwald-Baar Klinikum bietet. Das kostet sehr viel Geld, wir müssen somit schau- en: Wie können wir mit einem solchen Haus, mit dem Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 57

 

 

 

Ob Bildung und Ausbildung wie sie u.a. die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe bietet oder der Ringzug, der einen hervorragend getakteten Nahverkehr ermöglicht: Für Landrat Sven Hinterseh geht es darum, im Schwarzwald-Baar-Kreis vor Ort Strukturen zu schaffen, die zukunftsfest sind. niemand Gewinne einfahren will, zumindest eine schwarze Null schreiben? All die Einheiten, die im Land und in der Republik über mehrere Jahre rote Zahlen schreiben, verschwinden irgendwann. Sie sehen ja selbst, was hier in der Raumschaft passiert ist. Man hat damals mit Nachbarlandkreisen gesprochen, die betonten, dass der Standort X oder Y erhalten bleiben müsse. Diese Standorte gibt es heute alle nicht mehr, das Faktische setzt sich irgendwann einfach durch. Deswegen bin ich dankbar, dass das Klinikum realisiert werden konnte. So sehe ich auch meine Aufgabe, dass wir schauen müssen, dass wir hier vor Ort Strukturen schaffen, die zukunftsfest sind. Es war genau die richtige Entscheidung, nicht nur zu jammern und zu klagen, sondern sich zu fragen: Was können wir tun, damit wir eine gute medizinische Versorgung haben? Und natürlich ist kein System so gut, dass es nicht verbessert werden kann. An den Dingen, die noch nicht so gut sind, arbeiten wir je- den Tag, damit wir besser werden. Meter „einfach so“ unter der Erde! Wir haben für dieses Projekt Förderzusagen von über 100 Mio. Euro bekommen, noch ist nicht ganz alles verbaut, aber sehr, sehr viel erreicht. Wir wollen nicht, dass der Ländliche Raum ab- gehängt wird. Dort aber stellt sich die Problematik: hoher Invest, wenig Nutzer – wie kriegt man das hin? Deswegen bin ich als Vorsitzender des Zweckverban- des Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar dankbar, dass das Land Baden-Württemberg als eines der ers- ten Länder in Deutschland ein Förderprogramm auf- gelegt, immer wieder modifiziert und verbessert hat. Seit einigen Jahren unterstützt uns auch der Bund mit Millionenbeträgen. Ich bin durchaus stolz darauf, was wir erreicht haben: Die Zahl der Anschlüsse ist hoch, was die Bedeutung dieser Initiative unterstreicht. Schauen wir uns ebenso die Entwicklung im Sozial- bereich an, dort scheint die Ausgabensteuerung beson- ders problematisch? Ein weiteres großes Thema ist der Glasfaserausbau, die Aufgabe, das Highspeed-Internet im möglichst gesam- ten Landkreis verfügbar zu machen. Wie beurteilen Sie den aktuellen Projektstand? Das Schwierige beim Thema Glasfaserausbau ist: Sie sehen nichts, die Kabel verschwinden Meter um Wir leben in einem Sozialstaat. Ich bin dankbar, dass die Bundesrepublik als sozialer Bundesstaat gegrün- det wurde. Insbesondere der Bundesgesetzgeber hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Sozialleistun- gen geschaffen, die es vor Ort umzusetzen gilt. Da sind wir als Sozialamt im Schwarzwald-Baar-Kreis die zuständige Stelle. Das ist eine sehr wichtige Aufga- 58 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Die Landräte Sven Hinterseh, seit 1. Juni 2012 im Amt, Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996, verst. 2018) und Karl Heim (1996 – 2012), fotografiert beim Landratsamt aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2013. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. be, die in der Tat auch haushalterisch sehr wirksam ist. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. Das ist schon erheblich. Tendenz steigend? Tendenz steigend, weil immer wieder neue Aufga- ben vom Bundesgesetzgeber identifiziert werden. Weil die Entwicklung so ist, dass natürlich – jetzt haben wir gerade eine hohe Inflation – in der Regel die Summen dynamisiert und angepasst werden. Die Ausgabenzuwächse bereiten mir aber schon erheb- liche Sorgen! Wir haben in unserer Region fast Voll beschäftigung. Man mag gar nicht daran denken, wie sich die Ausgaben entwickeln würden, wenn wir in eine echte Arbeitsmarktkrise, wie wir es damals bei dem Zusammenbruch der Uhren- und Phono- industrie hatten, geraten würden. Ist das Sozialamt auch von seiner personellen Ausstat- tung her das größte Amt? Wie viele Mitarbeiter sind dort beschäftigt? Weit über hundert und damit ist das Sozialamt das größte Amt. Wenn Sie allein an das Bundes teilhabe- gesetz und die Eingliederungshilfe denken, bei der wir uns um gehandikapte Personen kümmern und jeden einzelnen Fall gesondert betrachten, dann erklärt sich der personelle Aufwand. Das kann man Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 59

 

 

 

kritisieren, aber ich glaube schon, dass es eine große Errungenschaft der Bundesrepublik ist, dass wir uns nicht rein der Freien Marktwirtschaft, sondern der Sozialen Marktwirtschaft verschreiben. Es gilt den Schwächeren beizustehen. 2022 sind Sie zehn Jahre im Amt – wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft? Ich wurde im März 2012 gewählt, 2020 für weitere acht Jahre im Amt bestätigt. Ich lege all meine Kraft und meine Fähigkeiten in dieses Amt und das gilt auch für die kommenden Jahre. Jetzt habe ich noch ein Mandat für sechs Jahre. Dieses Mandat will ich bestmöglich mit meiner ganzen Kraft, mit meinem Ideenreich- tum und mit meiner Kompetenz ausfüllen. Wir sind alle gut beraten, die wir in Wahlämtern sind, dass wir demütig sind und dass man nicht plant, was passiert. Man muss sich wieder neu bewerben und neu um Mehrheiten ringen. Deswegen mache ich eins nach dem anderen. Was wird an neuen Ideen und Aufgaben auf den Schwarzwald-Baar-Kreis und das Landratsamt zukom- men? Was sind die Großprojekte der Zukunft? Der öffentliche Personennahverkehr bleibt nach wie vor eine zentrale Aufgabe. Wir stehen jetzt mitten in den Verhandlungen mit den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil und dem Land Baden-Württemberg. Wir wollen einen schlagkräftigen Verbund mit einem sehr attraktiven Tarifsortiment in der Region Schwarzwald- Baar-Heuberg schaffen. Wir wollen noch mehr Verantwortung im Schienenpersonen- nahverkehr übernehmen. Ich hatte Ihnen vorher gesagt, dass wir Ideen haben, wie wir den Ringzug weiterentwickeln können. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen ist nur ein kleiner Baustein. Es geht darum, dass wir in der Region dieses System weiter ausbauen. Wir müssen Sorge tragen, dass unsere Infrastruktur, Straße und Schiene, so ausge- baut wird, dass wir auch in zehn, 20 oder 30 Jahren wettbewerbsfähig sind. Für mich ist Robert Gerwig ein tolles Beispiel: Er hat vor rund 150 Jahren die Schwarzwaldbahn gebaut. Wir profitieren als Raumschaft jeden Tag davon, dass wir diese Schwarzwaldbahn haben. Vor über 50 Jahren wurde die Autobahn Stuttgart- Singen gebaut, von der wir jeden Tag profitieren. Ich will mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn wir die Schwarzwaldbahn und die Autobahn 81 nicht hätten. Das zeigt Das Landratsamt auf dem Hoptbühl in VS-Villingen. 60 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Wir müssen sicherstellen, dass sich unsere Infrastruktur in einem guten Zustand befindet und – wo nötig – auch ausgebaut wird. Alle Themen- bereiche rund um die Bildung gehören für mich hier dazu. Bei unseren Jüngsten dürfen wir nicht sparen. Kein Kind darf uns verloren gehen! Und wir müssen konsequent den Weg hin zu einer möglichst dezen- tralen Energieerzeugung und -versorgung beschrei- ten. Und bei all dem müssen wir auch Sorge tragen, dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht weiter verloren geht. Es gilt Spaltungen zu vermei- den und das Miteinander zu fördern. Wenn wir dies alles erreichen, dann bin ich zuversichtlich, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis Zukunftsregion „Nummer 1“ wird. Wir die vor uns liegenden Herausforderungen nicht nur meistern, sondern, dass wir enger zusammenstehen, uns miteinander solidarisieren und dann insgesamt gestärkt sind. Herr Hinterseh, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. wie wichtig Infrastrukturprojekte für eine Raum- schaft sind und deswegen will ich mit meiner ganzen Kraft und mit der Unterstützung von Bund, Land und vieler Abgeordneten und mit Institutionen daran ar- beiten, dass wir diese Infrastruktur weiter ausbauen und im Wettbewerb mit anderen Regionen in Zukunft bestehen können. In welchen finanziellen Dimensionen bewegen wir uns hier? Wenn Sie den Glasfaserausbau und das Projekt Ringzug 2.0, wie wir es nennen, in der gesamten Region nehmen, dann reden wir von einer Investi- tion von jeweils rund 250 Mio. Euro. Das sind für uns schon ganz gewaltige Summen. Wo sehen Sie den Schwarzwald-Baar-Kreis in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? Unser Landkreis steht natürlich im Wettbewerb mit anderen Kreisen und Regionen – und genau diesen Wettbewerb gilt es zu bestehen, das treibt mich tagtäglich an. Ganz allgemein ist der Erhalt der Daseinsvorsorge die zentrale Herausforderung. Der demografische Wandel wird sich in den ländlicheren Regionen stärker auswirken als in den Ballungs- räumen, das gilt übertragen auch für uns in unserem Landkreis. 61

 

 

 

SCHWARZWALD BAAR MOMENTAUFNAHMEN AUS EINEM QUELLENLAND von Wilfried Dold Die Triberger Wasserfälle – der weltweit bekannteste Hotspot des Schwarzwald- Baar-Kreises. Beim Kreisernte- dankfest 2022 in Bräunlingen. 82 72 Schanzengespräch: Olympiasieger Hans- Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh. 64 76 88 Der neue Donauursprung. Der Auerhahn (Foto: Erich Marek). ist mit dem Schwarzwald untrennbar verbunden. Doch er kämpft um sein Überleben: Die letzte Population im Schwarzwald-Baar-Kreis findet sich auf dem Rohrhardsberg. 62

 

 

 

Rohrhardsberg Elz Schonach Schiltachquelle Schiltach N Triberg Blindensee Gutach Elzquelle Schönwald Gutachquelle Bregquelle Brend Stöcklewald St. Georgen Niedereschach Königsfeld Brigachquelle Schwarzwaldbahn Mönchweiler Brigach Unterkirnach Dauchingen VILLINGEN-SCHWENNINGEN Neckar Gütenbach Vöhrenbach Breg Furtwangen Linach Wilde Gutach Neckarquelle Schwenninger Moos Tuningen Bad Dürrheim A864 Himmelberg A81 Blatthalde Brigachtal Breg Brigach DONAUESCHINGEN Bräunlingen Schellenberg Brändbach Riedseen Donau Hüfingen Gauchach Höllentalbahn Fürstenberg länge Eichberg Wutach Blumberg Buchberg Hoher Randen Dicht bewaldeter Schwarzwald, Triberger Wasserfälle und Kuckucksuhr treffen auf die weite Baar: Brigach und Breg, die in der Fürstenstadt Donaueschingen mit der Donau den zweitgrößten Fluss des Abendlandes hervorbringen. Gemeinsam bilden die topografisch grundverschiedenen Landschaften mit ihrer Mitte Villingen-Schwenningen seit 1973 den über 1.000 Quadrat kilometer großen Schwarzwald-Baar-Kreis. Sein 50-jähriges Bestehen im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhardsberg und am Triberger Wasserfall oder für einen Dialog mit Olympiasieger Hans-Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze in Schonach. Für Gespräche und Impressionen beim Bräunlinger Kreis erntedankfest 2022 und Begegnungen am Donau beginn, einem Ort von europäischer Dimension. Damit werden stellvertretend für viele Aufgabenfelder zentrale kreispolitische Themen in den Fokus gerückt: Umwelt und Natur, Breitbandverkabelung, Tourismus, vereintes Europa sowie Schwarzwald und Baar als Heimat. Und Heimat braucht es in unserer krisen geschüttelten Zeit mehr denn je. 63

 

 

 

UNTERWEGS MIT RANGER NIKOLAS BINDER ROHRHARDSBERG – AUF DEM DACH DES QUELLENLANDES 64 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Der Rohrhardsberg gehört als beliebtes Wanderziel zu den bedeuten- den Naturschutzgebieten in Baden-Württemberg, dort findet sich eine der letzten Auerhahn-Popula tionen des Schwarzwaldes. Ranger Nikolas Binder (links) und Landrat Sven Hinterseh (rechts) engagieren sich im Zusammenspiel mit Naturschutz, ForstBW und Natur freunden dafür, dass der Auerhahn bei uns nicht ausstirbt! Bei einer Stippvisite am Rohrhards- berg wurde deutlich, wie kostbar dieses Naturschutzgebiet ist, in dem sich auf 1.153 Metern zugeich der höchste Punkt des Landkreises befindet. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 65

 

 

 

Oben: Wildblühende Arnikawiesen gibt es in Baden-Württemberg nur an wenigen Orten, der Rohrhardsberg ist einer davon. Unten im Tal ist der Schänzlehof zu sehen. Wie kostbar die Natur am Rohrhardsberg ist, dokumentiert eines der letzten Auerhahn vorkommen im Schwarzwald und das letzte im Schwarzwald-Baar-Kreis (Foto: Erich Marek). Auch das Knaben kraut hat in den Hoch- und Übergangsmooren seinen Lebensraum. 66 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Wenn auf dem Rohrhardsberg der Frühling einzieht und die Blumenwiesen blühen, geht er andernorts im Landkreis bereits in den Sommer über. Mächtige Felswände, Schonwald und naturnahe Bachläufe Naturschutz ist im Landkreis ein großes Thema. Mit über 530 Quadratkilometern sind mehr als die Hälfte des Schwarzwald- Baar-Kreises als Natura-2000-Gebiet geschützt. Als Leuchtturmprojekt gilt das Naturschutzgroßprojekt Baar. Auch im Großraum Rohrhardsberg – zwischen Elz und Wildgutach – liegen mehrere Schutzgebiete: Rohrhardsberg-Obere Elz, Yacher Zinken und Kostgefäll, Blindensee, Elzhof, Prechtaler Schanze-Ecklesberg und Laubeck-Rensberg. Hier wechseln sich großflächige Tannen- Fichten-Wälder ab mit artenreichen Weid- feldern, Bergwiesen und Hochmooren. Nikolas Binder ist als Ranger beim Regie- rungspräsidium Freiburg, Referat 56 Natur- schutz und Landschaftspflege angestellt und seit Januar 2022 für die Naturschutzgebiete am Rohrhardsberg, Blindensee und Kandel zuständig. Grund genug für eine Stippvisite des Landrates, dem der Naturschutz ein besonderes Anliegen ist – zumal am Rohr- hardsberg. Die Aufgabe als Ranger begeistert Nikolas Binder rundum, wie sich schon auf den ersten Metern einer morgend lichen Wanderung mit Landrat Sven Hinterseh zeigt. Er versteht sich als Vermittler zwischen der Natur und den Menschen. Die Besucher sollen verstehen lernen, weshalb sie am Rohrhardsberg oder Blindensee die ausge- schilderten Wege nicht verlassen dürfen, erläutert er eine seiner Hauptauf gaben. Er bewältigt sie überaus freundlich und kompe- tent: Der 26-jährige Ranger vermag zu fast jeder Pflanze und jedem Tier interessante Details zu berichten. Die Vögel erkennt er bereits an ihrem Gesang. Seit Januar 2022 ist Nikolas Binder ein „Schwarzwald-Baaremer“ mit Wohnsitz Schönwald. Von dort aus kann er die Natur- schutzgebiete rund um den Rohrhardsberg mit dem Fahrrad und teils sogar zu Fuß erreichen. Aufgewachsen ist er in Breunings- weiler, einem Stadtteil von Winnenden bei Stuttgart. Auf das Abitur folgte eine Lehre zum Forstwirt. Dann ließ er sich in Südafrika zum Field and Trailsguide ausbilden, um anschließend in Freiburg Waldwirtschaft und Umwelt zu studieren. Noch während des Studiums hat er im Nordschwarzwald Momentaufnahmen aus einem Quellenland 67

 

 

 

Der Rohrhardsberg ist ein Winterland – schneereich und kalt. Auf dem Übersichtsbild oben sind rechts der Ochsenhof, darüber der Erlenhof und weiter oben der Schänzlehof zu sehen. Unten: Im Schneegestöber mit Blick zum Schänzlehof. 68 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Das Gasthaus zur Schweden- schanze, das „Schänzle“, bietet Winterwanderern eine willkommene Einkehrmöglich- keit. als Trecking-Guide gearbeitet, kennt seinen heutigen Arbeitsplatz in über 1.000 Metern Höhe somit schon länger. Unterwegs zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises Es geht an diesem 22. Juli durch schattige Schonwaldgebiete hinauf zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der sich auf 1.153 Meter Höhe befindet. Nikolas Binder schildert, was dieses Naturschutz- gebiet so besonders macht: Auerhahn, wild blühende Arnikawiesen, seltene Orchi- deen – Schonwaldgebiete. An der Seite des Rangers geht es durch eine subalpine Landschaft. Selbst Pflanzen mit ansonsten alpiner Verbreitung wie Alpen-Milchlattich und Alpen-Dost oder eher im alpinen Raum anzutreffende Vogelarten wie Raufußkauz und Ringdrossel sind hier daheim. Und nur am Rohrhardsberg und auf dem Brend wächst in Baden-Württemberg das gelb oder rot blühende Holunder- Knabenkraut. Auf nährstoffreicheren Böden wären diese Orchideen anderen Gewächsen hoffnungslos unterlegen, sie würden über- wuchert. Um Arnikawiesen oder das besagte Knabenkraut zu erhalten, braucht es eine naturnahe, extensive Landwirtschaft. Und geschützte Lebensräume wie Borstgras rasen, Hoch- und Übergangsmoore, Moorwäl- der, Auenwälder mit Erle, Esche, Weide, Hainsimsen- Buchenwald sowie Schlucht- und Hangmischwälder. Sie alle kommen im Rohrhardsberggebiet vor. Der Weg führt begleitet vom intensiven Austausch über Naturschutzbelange am Rohrhardsberg stetig bergauf – schließ- lich ist der höchste Punkt erreicht: Der 1.153 Meter hohe „Gipfel“ liegt inmitten eines Fichtenmeers das keinerlei Aus blicke zulässt. Hier verläuft zugleich die Grenze zwischen den Landkreisen Emmendingen und Schwarzwald- Baar. Mit 1.153 Meter überragt der Rohrhards berg den wenige Kilometer entfernt liegenden 1.149 Meter hohen Brend bei Furtwangen um gerade einmal vier Meter. Eines aber haben die beiden höchsten Erhebungen im Quellenland gemeinsam: Momentaufnahmen aus einem Quellenland 69

 

 

 

„Lücken für Küken“ heißt eines der Schutz- programme, mit denen am Rohr- hardsberg dank der Hilfe von Frei- willigen das Über- leben der dortigen Auerhahn-Popu- lation gesichert werden soll. Foto: Erich Marek Nir gends sonst im Landkreis ist der Winter strenger. Vorausgesetzt, dass er in Zeiten des Klimawandels auch einer ist. Es zieht die beiden Wanderer ans Licht. Dorthin, wo die Morgensonne die Augen förmlich blendet. Am 50 Meter tiefer lie- genden Waldrand bietet sich ein imposan- ter Blick über den Mittleren Schwarzwald hinweg: Links im Tal liegt der Schänzlehof, der höchstgelegene Bauernhof im Land- kreis, rechts die „Schweden schanze“. Eine urige Vesperstube, die unter Denkmalschutz steht. Der Blick streift über das Wäldermeer bei Schonach, Schönwald und Furtwangen. Etliche dieser Wälder sind wie der Rohrhards- berg als Schonwaldgebiete ausgewiesen und sich somit teils selbst überlassen. Schutz der Auerhahn-Population genießt Priorität Der Blick über die Landschaft macht deutlich, welch immens großes Gebiet der Ranger zu betreuen hat. Landrat Sven Hinterseh fragt nach, was hier alles zu leisten ist. Nikolas Binder nennt neben Naturschutz und Landschaftspflege die Mitwirkung bei der Besucherlenkung, naturparkspezifische Bildungs- und Informationsarbeit, aber auch die Unterstützung von naturschutz relevanten Forschungsaktivitäten. Vor allem aber schützt der Ranger bestmöglich die Brutgebiete des vom Aussterben bedrohten Auerhahns vor unliebsamen Besuchern. Der Rohrhardsberg war deshalb im Frühjahr 2022 ein Schwer- punkt seiner Tätigkeit: Auerhühner reagieren in der Paarungszeit äußerst empfindlich auf Störungen. So galt es, zur Balz- und Brutzeit das Auerhahngebiet in Zusammenarbeit mit Forst BW groß flächig zu überwachen. Das Auerhuhn hat im Rohrhardsberg- gebiet (noch) eine kleine Population. Sie stellt eine wichtige Verbindung zwischen den Vorkommen im Nordschwarzwald (Natio- nalpark) und dem Feldberggebiet dar. Auer- hähne benötigen vor allem lichte Wälder mit ausreichenden Heidelbeer-Beständen. Ini- tiativen wie „Lücken für Küken“ im Rahmen 70 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Blick zum Erlenhof. Typisch für den Rohrhardsberg sind die Halden aus mächtigen Granitfelsen des Biodiversitätsprogramms des Landes sind eine wichtige Hilfe. Naturfreunde schaf- fen diese „Lücken für Küken“ ehrenamtlich. „Viele setzen sich am Rohrhardsberg für den Naturschutz ein“, freut sich Nikolas Binder. Corona verstärkt den Zustrom Nikolas Binder verdankt seine Stelle aber auch den Corona-Zeiten, die am Blindensee den Zulauf noch verstärkt haben. Der tinten- schwarze Hochmoorsee an der Gemar- kungsgrenze von Schonach/Schönwald ist ein touristischer Hotspot. Schon kurz nach Sonnenaufgang sind hier die ersten Wanderer unterwegs. Und ebenso spätabends. Um die Tier- und Pflanzenwelt dort und am Rohr- hardsberg vor den Folgen dieses intensiven Zulaufs bestmöglichst zu schützen, macht Nikolas Binder u.a. im Rahmen von geführ- ten Wanderungen mit den Besonderheiten der Natur vertraut. „Was man kennt, das schützt man auch“, lautet seine Devise. Der Rohrhardsberg ist bei der Besucher lenkung der weitaus ruhigere Flecken, den der Ran- ger zu betreuen hat. Der Grund ist simpel: Mit dem Auto kommt man nicht bis zum Gipfel. Auch verhalten sich die Besucher die- ses Naturschutzgebietes anders als die des Blindensees, sie sind mit den Belangen des Naturschutzes besser vertraut. Und während am Blindensee nahezu ständig „Hochbe- trieb“ herrscht, gibt es am abseits liegenden Rohrhardsberg auch „stille Momente“. Die Erfahrungen von Nikolas Binder sollen unmittelbar in die Arbeit der Natur- schutzbehörde des Landkreises ihren Ein- gang finden. Landrat Hinterseh lädt ihn ab- schließend zu einem Fachaustausch mit dem Naturschutz ins Landratsamt ein. Sein Fazit ist rundum positiv: 50 Jahre Schwarzwald- Baar-Kreis bedeuten auch 50 Jahre intensive Hinwendung zum Schutz und Erhalt seiner einzigartigen Natur. Eine enge Verzahnung aller Bemühungen auf diesem Weg sind unabdingbar – Stippvisiten wie diese tragen dazu bei, auf diesem Weg wieder ein gutes Stück voranzukommen. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 71

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – AUF STIPPVISITE BEI HANS-PETER POHL WIE BREITBAND-TECHNOLOGIE EINEN OLYMPIASIEGER WELTWEIT LIVE AN DIE SPRUNGSCHANZEN BRINGT „Als Sportler bin ich über ein Jahrzehnt lang um die Welt geflogen. Daheim aber ist für mich Schonach, der Schwarzwald und Schwarzwald-Baar.“ Diese Worte stammen von Hans-Peter Pohl, Mannschafts-Olympia- sieger in der Nordischen Kombination des Jahres 1988. Seine Schilderungen zu seiner Sportlerkarriere im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh im Juli 2022 komplettiert diese Ausführungen zum „Daheim-Sein“ um eine weitere Komponente: „Daheim“ war der Nordische Kombinierer auch auf den Loipen und Sprungschanzen dieser Welt. Und Hans-Peter Pohl ist es weiterhin – wenn auch oft digital, wie er auf den Stufen des Sprungturms der Schonacher Langen- waldschanze sitzend erzählt: Seit Jahren kommentiert der Olympiasieger als Experte bei Live-Übertragungen von Eurosport die Wettkämpfe in der Nordischen Kombina- tion. Doch er sitzt dabei mittlerweile nicht immer vor Ort in einem Pressezentrum mit Blick zur Sprungschanze oder Loipe, sondern ab und an auch daheim im Dachgeschoss seines Eigenheimes in einem Mini-Studio. Modernste Breitbandtechnik macht es mög- lich, dass Hans-Peter Pohl von Schonach aus ohne Zeitverzögerung zum Fernsehbild das Geschehen kommentieren kann. Nicht nur in Corona-Zeiten eine enorme Erleichterung. Landrat Sven Hinterseh merkt an, dass dank der Breitbandverkabelung durch den Zweckverband Breitbandversorgung die- se besondere Form des „Homeoffice“ in Schonach erst möglich geworden sei. Der Landkreis investiert in diese Technologie ins- gesamt über 200 Mio. Euro. Hans-Peter Pohl ist mit ganzem Herzen Schonacher, sein Haus hat er mit Aussicht auf die Sprungschanze gebaut. Keine Frage, dass eine Stippvisite bei ihm an der Langen- waldschanze stattfinden muss. Als der 39 Meter hohe Sprungturm über unzählige Treppenstufen hinweg bestiegen ist, gilt mit luftiger Aussicht auf Schonach die erste Fra- ge dem Skispringen: Nein, Hans-Peter Pohl würde heute nicht mehr über die Langen- waldschanze springen, antwortet er Sven Hinterseh. Und auch was die Olympiaschan- zen in Peking anbelangt, hat er eine klare Mei- nung: Noch gigantischere Sprungschanzen, das muss einfach nicht sein. Diese Entwick- lung sei der immer größeren Kommerziali- sierung des Sports zuzuschreiben. Als „noch brutaler“ bewertet er die zu erwartende Gender-Quote: Diese besagt, dass ab 2030 in der Nordischen Kombination auch Frauen am Start sein müssen. Ansons- ten droht ihr, dass sie als reiner Männersport aus dem Olympia-Programm gestrichen wird. Ein Wettkampf, der seit 1924 bei den Olym- pischen Spielen vertreten ist und dem der Schwarzwald und das Skidorf Schonach ihr weltweites Renommee als Wintersport region maßgeblich mitverdanken! Erster Sieg im Alter von sieben Jahren Mit sechs Jahren trainiert Hans-Peter für die Nordische Kombination, als Siebenjähriger feiert er 1972 strahlend seinen ersten Sieg im Skispringen. 1977 belegt der Schonacher den zweiten Platz bei der Deutschen Schüler- meisterschaft, wird 1979 Deutscher Meister Zur Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh (rechts) an der Schonacher Langen wald- schanze hat Hans-Peter Pohl (links) seine Goldmedaille von den Olympischen Spielen 1988 im kanadischen Calgary mitge- bracht. 72 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hans-Peter Pohl 1988 mit der olympischen Gold- medaille für den Sieg in der Mann- schaftswertung. Rechts der Sprung zum Gewinn der Weltmeisterschaft in Oberstdorf 1987. Fotos: Sammy Minkoff in der Altersklasse bis 14 Jahre. Dieser Titel markiert endgültig den Beginn einer groß- artigen Sportlerkarriere: Hans-Peter Pohl erkämpft sich in der Folge zwölf Deutsche Meistertitel, davon viermal bei den Senioren. Zweimal holte er sich den Alpincup-Gesamt- sieg in der Nordischen Kombination sowie im Spezialspringen. Der Weltmeistertitel im Jahr 1987 in der Mannschaft mit Hermann Weinbuch und Thomas Müller in Oberstdorf und 1988 der Olympiasieg in Calgary in der Mannschaft mit Thomas Müller und Hubert Schwarz ge- raten zu den Höhepunkten seiner Karriere. 1991 erzielt der Schonacher Platz fünf bei der WM in der Einzelwertung und 1993 Platz drei mit der Staffel. Über zwölf Jahre hinweg ist Hans-Peter Pohl ein Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft. Wie schnell der sportliche Ruhm selbst in den eigenen Reihen verblassen kann, erfährt der Nordische Kombinierer am Karriere ende: Im November 1993 kündigt er seinem Team die letzte Saison als Profi an. Wie Hans-Peter Pohl heute weiß, war diese Fairness ein Fehler. Augenblicklich wird der frühere Welt- meister und Olympia sieger sowie Staffel- WM-Dritte des Jahres 1993 aufs Abstellgleis geschoben. Als die Nordischen Kombinierer ausgerechnet beim Schwarzwaldpokal 1994 in Schonach neue Sprunganzüge erhalten, wird Hans- Peter Pohl übergangen. Sein Trainer teilt ihm kurz darauf telefonisch mit, gleich welche Leistung er auch bringe, für die Olympischen Spielen 1994 im norwegi- schen Lillehammer werde er nicht nominiert. Auf die Sportkarriere folgt der Erfolg als Fernsehkommentator So fährt Hans-Peter Pohl auf eigene Rech- nung zu Olympia, was sich als Glücksfall erweist. Er trifft bei der Schanzenanlage zufällig auf Dirk Thiele, Kommentator beim Fernsehsender Eurosport. Dieser bietet dem Schonacher spontan an, mit ihm zusammen das olympische Spezialspringen zu kommen- tieren. Eine Hürde allerdings gilt es noch zu nehmen: Da er bei Olympia nicht als Journa- list akkreditiert ist, schleicht sich Hans-Peter Pohl frühmorgens in den Kampfrichterturm, fällt dort nicht weiter auf. So kann er nach- mittags sein Debüt als TV-Experte geben. Eine Karriere beginnt, die bis heute andauert. Anfangs fliegt er dazu an jedem Wettkampfwochenende in die Eurosport- Zentrale nach Paris, um von dort aus zu kommentieren. Als die große Zeit von Martin 74 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hoch über Schonach – beim Gespräch über Leistungssport, die Nordische Kombi nation und die Liebe zur Heimat auf der Langen- waldschanze: Landrat Sven Hinterseh (links) und Hans-Peter Pohl (rechts). Schmitt und Sven Hannawald anbricht und Skispringen über Nacht ein Millionenpubli- kum begeistert, nimmt neben ARD und ZDF auch Eurosport die Berichterstattung vor Ort auf. Hans-Peter Pohl reist jetzt als Fernseh- kommentator an jene Orte, die er in den Jah- ren zuvor als Sportler besucht hatte. Für den 29-Jährigen heißt es am Karriere- ende zudem, ins Berufsleben einzusteigen. Als Sportler mit Amateurstatus durfte er nicht einmal einen Sponsorenvertrag un- terzeichnen, eine Rücklage aufzubauen, war somit nicht möglich. Immerhin: Für die Olympische Goldmedaille gab es eine Prämie von 15.000 Mark. Die angestrebte Trainerkarriere erweist sich für Hans-Peter Pohl nach bestandener Prüfung im Jahr 1995 als der falsche Weg, er will den Skisport hinter sich lassen. Da kommt das Angebot der Schonacher Allianz- vertretung, ins Versicherungswesen einzu- steigen im richtigen Augenblick. „Das war das Perfekteste was mir passieren konnte“, so der frühere Profisportler. Denn eines hat sich mittlerweile gezeigt: Olympiaruhm der bleibt – überall wird der sympathische Scho- nacher mit offenen Armen empfangen. Noch heute gibt es Autogrammanfragen. Und Landrat Sven Hinterseh freut sich: „Ein Olym- piasieg, das ist doch irre!“ So bekommt der frischgebackene Ver- sicherungsmann selten Absagen auf Ge- sprächsanfragen. Auch wenn die Kunden sich fragen: Kann der das? „Ich musste mich in diesem Umfeld erst beweisen“, erinnert sich der Sportler, was ihm jedoch glückt. Beim Abstieg vom Sprungturm verrät Hans-Peter Pohl, dass er mit seiner Frau Anja und den Söhnen Dominik und Patrick in wenigen Stunden nach Kanada fliege, wo Tochter Jacqueline die Liebe fürs Leben gefunden habe. Auch deshalb ist die Breit- band-Internetverbindung für die Pohls noch bedeutender geworden. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 75

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – WO IM LANDKREIS DER TOURISMUS BEGANN WELTBEKANNTE WASSERFÄLLE: DAS GOLD VON TRIBERG Wenn der Landrat aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises auf Stippvisite im Landkreis unterwegs ist, gehören die Triberger Wasserfälle als „der“ touristische Hotspot einfach dazu. Sven Hinterseh wird am Eingang zum Wasserfall- gebiet von dem Mann erwartet, der hier für die Ordnung und Sicherheit die Verantwor- tung trägt: Bauhofleiter Hubert Kienzler. An diesem sonnigen Dienstag im Sommer 2022 verrät schon die Warteschlange am Kassen- häuschen, dass in Triberg neben Europa zumindest auch Asien, Indien und Amerika vertreten sind. Landrat Sven Hinterseh zeigt sich überzeugt, dass der Touris mus weit über Triberg hinaus von der Popularität der Was- serfälle profitiert. Bis hin zum über 110 Kilo- meter langen Premium wanderweg Wasser- WeltenSteig, den der Landkreis verwirklicht hat und der in Triberg bei den Wasserfällen beginnt und am Rheinfall in Schaffhausen endet. entlang der Felsen, der zum ersten der sechs Fälle hinaufführt. Am vierten Fall lädt ein Holz- steg dazu ein, mitten über dem Wasserfall zu stehen – sein Tosen ist ganz nah. Die Wasserfälle sind seit über 200 Jahren eine Touristenattraktion „The Triberg Falls“ gehören seit über 200 Jah- ren zu den bekanntesten Tourismus- Hotspots in Baden-Württemberg. Im Jahre 1805 er- schließt der weitsichtig agierende Obervogt Theodor Huber die Wasserfälle über ein Wegenetz für Besucher – das Interesse an diesem Naturspektakel steigt umgehend. Mit Inbetriebnahme der Schwarzwaldbahn setzt ab 1873 ein wahrer Tourismus-Boom ein, die Eisenbahn ermöglicht jedermann das Reisen. Auch gut betuchte Kurgäste entdecken jetzt Triberg, das schon bald in einem Atemzug mit dem nahen Titisee und dem Kurort Baden-Baden genannt wird. Immerhin gehören die Triberger Wasser- Auch die First Lady von Amerika weilt in fälle mit ihrer Fallhöhe von 163 Metern zu den höchsten in Deutschland. Und sind einsamer Spitzenreiter im Schwarzwald: Am nächsten kommen ihnen die 97 Meter hohen Todtnauer Wasserfälle. Sie sind indes mehr als doppelt so hoch wie die Gertelbachfälle mit ihren 70 Metern und mehr als viermal so hoch wie die Zweribach-Wasserfälle und der Todtmoser Wasserfall mit 40 Metern. Und sie sind vor allem eines: „Unglaublich schön“, wie Landrat Sven Hinterseh spontan äußert, als sich nach kurzem Fußweg der imposante Hauptfall vor ihm auftut. Überall stehen Menschen, schießen mit ihren Handys unzählige Erinnerungsfotos. Und begeben sich dann auf den Waldweg den 1890er-Jahren neben vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten in der Wasser- fall-Stadt: Kaiser Wilhelm II., Reichskanzler Otto von Bismarck oder Ernest Hemingway waren Besucher der in sieben Stufen über 163 Meter ins Tal hinunterstürzenden Was- serfälle. Und mit der Kraft ihrer Wasserfälle erzeugen die Triberger ab 1884 ebenso den Strom für eine der ersten elek trischen Straßenbeleuchtungen in ganz Deutschland. Neue Kraft aus der Natur bei den Wasserfällen schöpfen Für Stadtmarketingleiter Nikolaus Arnold steht unumstößlich fest, dass die Wasserfälle Kraft am Wasser- fall schöpfen, die Licht- und Wasserspiele ge- nießen. Die Triber- ger Wasserfälle, Kuckucksuhr und Schwarzwaldbahn ziehen seit dem 19. Jahrhundert Besucher aus aller Welt an. 76 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

das Gold von Triberg sind. „Was fasziniert die Menschen an den Wasserfällen?“, frägt Land- rat Sven Hinterseh in die Runde. Nikolaus Arnold und Hubert Kienzler antworten, dass es das Natur erlebnis sei. Ein Blick in die Ge- schichte zeigt, wie sehr die Natur im Umfeld der Wasserfälle die Menschen seit jeher be- geistert. In den 1920er-Jahren beispielsweise wird die Luft im Wasserfallgebiet auf das Vorhandensein von Luftelektrizität hin unter- sucht. Sie soll Menschen dabei helfen, ihre Depressionen zu besiegen, so ein Arzt. Dass an der besonderen Kraft der Natur im Wasserfallgebiet etwas dran sein muss, beweist die Gegenwart in Form der Asklepios- klinik, die Menschen behandelt, die eine Krebserkrankung bewältigen müssen. Die Patienten besuchen nahezu täglich die Was- serfälle, verbringen viel Zeit dort. Sie schöp- fen neue Energie aus der Begegnung mit diesem besonderen Stück Natur. Nikolaus Arnold hat beobachtet, wie manche Wasserfallbesucher teils Stunden auf der Bank der Besucherplattform verbringen, um die Gischt der Wasserfälle und den Klang des herunterstürzenden Wassers zu genie- ßen. Zu den Wasserfall-Fans gehört der Leiter des Stadtmarketings auch selbst. Er schätzt den Triberger Hotspot ebenso bei Regen, Nebel, Kälte oder in wasser armen Sommer- monaten. „Es ist einfach ein ganz besonderer Ort für mich“, hält der gebürtige Triberger fest. „Die Menschen sollen sich am Wasser- fall und im umliegenden Waldgebiet einfach wohlfühlen“, beschreibt er das Bemühen der Stadt, dieses Landschaftsschutzgebiet so natürlich wie möglich zu halten. Selbst die Moose und Flechten auf den Granitsteinen entlang des Wasserfalles sind besonders und stehen unter Naturschutz. Corona stoppt den Wasserfall- Tourismus über Nacht Vor Corona lockten die Wasserfälle alljähr- lich weit mehr als 500.000 Besucher nach Triberg. Damit ist es mit Ausbruch der Pan- demie im Februar/März 2020 erst einmal vorbei. Nikolaus Arnold schildert, er erinnere sich mit Schrecken an die Oster- und Pfingst- feiertage 2020. Mutterseelenallein war er auf den Straßen in Triberg unterwegs. An Tagen, an denen üblicherweise Menschen aus aller Welt den Boulevard bevölkern und die Sou- venir geschäfte dort besuchen. Der ganzen Stadt sei angesichts dieser Leere bewusst geworden, wie sehr Triberg vom Tourismus profitiert, wie wertvoll die Wasserfälle sind. Dass die Triberger Wasserfälle derart be- rühmt und für die Stadt so bedeutend gewor- den sind, hängt neben der Schönheit der An- lage am Wasserfall auch mit ihrer zentralen Lage zusammen: Die Touristen müssen von der Stadtmitte aus nur wenige hundert Me- ter zu Fuß gehen, bis sie den Haupteingang zum Wasserfallgebiet erreichen. So bleibt die Kaufkraft der Wasserfall-Touristen in Triberg. Nirgends sonst auf der Welt findet sich ein Wasserfall „fast schon“ inmitten einer Stadt. Beim Triberg-Marketing dürfen auch Influencer nicht fehlen Landrat Sven Hinterseh verfolgt mit großem Interesse, wie die Triberger die sozialen Medien zur Belebung ihres Fremdenverkehrs nutzen. Nikolaus Arnold betont, Instagram, Facebook oder YouTube seien kein Allheil- mittel, aber fester Bestandteil im Portfolio des Tourismus-Marketings. Dass mit einfluss- reichen Influencern, die über entsprechend hohe Zahlen an Followern verfügen, heute Werbeverträge geschlossen werden, verstehe sich fast von selbst. Und dennoch, so Arnold, werden nach wie vor Prospekte in großer Zahl auch auf Papier gedruckt, da die Nach- frage diesbezüglich enorm sei. Woher stammen die Gäste? Zu bis zu 70 Prozent aus dem Ausland – 2022 sind es ungewöhnlich viele Spanier, die Triberg besuchen. Einen Einbruch gibt es als Folge von Corona bei den chinesischen Gästen. Einzelne Souvenir geschäfte hatten bereits Personal mit chinesischen Sprachkenntnissen eingestellt, weil das Kaufinteresse der Chine- sen enorm ist, besonders Schwarzwalduhren Rechte Seite: Die Triberger Wasserfälle im Frühjahr 2020, mitten in der ersten Corona- Welle. Ganze zwei Besucher stehen auf der ansonsten meist gut gefüll- ten Plattform am Fuß der Wasser- fälle und nehmen das obligatorische Selfie auf. 78 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 79

 

 

 

Oben: Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit dem Triberger Bauhofleiter Hubert Kienzler Mitte: Der Leiter des Triberger Stadtmarketings Nikolaus Arnold ist nicht nur be- ruflich, sondern auch privat ein Fan der Triberger Wasserfälle. Was es bedeutet, den Besucherfluss am Triberger Wasserfall zu lenken und die üblicherweise jährlich rund 500.000 Besucher mit den entspre- chenden Informationsmaterialien zu versorgen, zeigt Bauhofleiter Hubert Kienzler am Beispiel der Flyer und Eintrittskarten auf: Um die Kassen- häuschen am Wasserfall damit zu versorgen, ist ein einzelner Mitarbei- ter mehrfach im Jahr jeweils einen ganzen Tag lang unterwegs. Und auch die Sicherheit am Wasserfall braucht im Zeitalter der Selfie-Fotografen besondere Auf- merksamkeit. Die Touristen filmen und fotografieren unaufhörlich, suchen nach spektakulären Moti- ven, wie sie Influencer auf sozialen Netzwerken tagtäglich präsentieren. Die Folgen bleiben nicht aus: In jün- gerer Zeit sind diesbezüglich gleich mehrere besorgniserregende Vorfälle dokumentiert. Ein Asiate stürzt im Sommer 2018 bei der Suche nach eindrucksvollen Video bildern fast die Wasserfälle hinunter, weil er die offiziellen Wege verlassen hat. Der Mann kann sich mit letzter Kraft ans Ufer klammern, wie der Bauhofleiter schildert und muss von der Feuerwehr gerettet werden. Die Triberger Wasserfälle sind eben nicht nur schön, sondern auch gefährlich. sind gefragt. Dafür besuchen verstärkt Touristen aus den Arabischen Emiraten das „Triberg land“ – neben Gästen aus dem Elsass, der Schweiz, den Niederlanden sowie Ita- lien – und natürlich aus Deutschland selbst. Pflege der Anlagen beim Wasserfall ist aufwendig Doch dieser Ansturm will erst einmal logistisch bewältigt sein – die Pflege der weit verzweigten Anlage um den Wasserfall ist aufwendig, wie Bauhof-Leiter Hubert Kienzler bei der Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh darlegt. Baumkontrollen im mit Felshalden durchzogenen Waldgebiet nach Gewittern und Starkregen, Schnee- und Eiskontrollen im Winter und tägliche Reini- gungsarbeiten fallen an: Der Wasserfall hält das technische Personal der Stadt auf Trab. Äußerst positive Reaktionen auf die „Triberg-Inklusiv-Karte“ Für die Zukunft des Wasserfall-Tourismus gibt es in Triberg viele Pläne. Nikolaus Arnold betont, das Stadtmarketing werde kontinuierlich optimiert. So hofft er darauf, dass es gelingt, die Aufenthaltsdauer der Gäste auszubauen und die Saison über das Ende der Schulferien hinaus zu verlängern, da Triberg und sein Wasserfall auch im Herbst und Winter viel zu bieten haben. Ein Wandel ist bereits spürbar, so kommen Besucher aus Israel und der Niederlande 80 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

verstärkt im Januar und Februar, verknüpfen ihren Aufenthalt mit Wintersport. Weiter versucht Triberg, mehr Busreisende in die Stadt zu bekommen. Ein Prozess, der Jahre dauern kann. Wer den Wasserfall besucht hat, auf den warten zahlreiche weitere Aktivitäten. Stolz ist Nikolaus Arnold auf die „Triberg-Inklusiv- Karte“: Mit dem Erwerb der Eintrittskarte zu „Deutschlands höchsten Wasserfällen“ ist zugleich der kostenlose Besuch des Schwarzwaldmuseums, des „Triberg-Landes“ mit interaktiven Modellbauanlagen sowie des Instagram-Museums „Triberg-Fantasy“ möglich. Hier können fantasievolle Fotos aufgenommen und augenblicklich um die Welt gepostet werden. Das ungewöhnliche Fotostudio findet großen Anklang, erfreut Besucher aller Altersschichten. „Das gesamte Umland profitiert von den Triberger Wasserfällen“ „Es ist ein großes Aufgabenpaket, das die Stadt Triberg mit dem Wasserfall-Tourismus zu bewältigen hat“, zieht Landrat Sven Hinterseh beim Gang zurück zum Haupt- eingang eine erste Bilanz seiner Stippvisite. Und er fügt hinzu: „Die Wirtschaftskraft der Wasser fälle strahlt weit über Triberg hinaus – das gesamte Umland profitiert.“ Doch keine Stippvisite in Triberg ohne einen abschließenden Blick in die Souvenir- läden. Es ist ein besonderes Erlebnis, in den Geschäften entlang des Boulevards mitzuver- folgen, wie sich Menschen aus aller Welt an Schwarzwalduhren erfreuen. Und sich oft da- zu entschließen, eine dieser Qualitäts uhren als Erinnerung an Triberg und den Schwarz- wald zu erwerben. Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“ – die erste Stufe zum Wer- den des Triberger Wasser falles. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 81

 

 

 

KREISERNTEDANKFEST 2022 IN BRÄUNLINGEN GEFÜHLE UND IDEEN ZU ALL DEM WAS HEIMAT AUSMACHT 82 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Die Landjugend Weiler mit „Radio Heimatliebe“ (oben) und Mönchweiler mit „Scheibe für Scheibe Heimat erleben“ (Mitte). Heimat Wo fühlen Sie sich denn daheim? Die Frage von Landrat Sven Hinterseh gilt der Vorsitzen- den der Landjugendgruppe von Bräunlingen Sabrina Albicker im Anschluss an den Festzug im Rahmen des 61. Kreiserntedankfestes am 2. Oktober 2022. „In meiner Familie – hier in Bräunlingen“, lautet ihre Antwort. Die Frage, wo sich die Landjugend des Jahres 2022 im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim fühlt und was Heimat generell ist, bestimmt als Motto den kompletten Festzug. Und die ideenreich gestalteten Antworten erfreuen nicht nur den Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises: Weit über 10.000 Zuschauer säumen den Straßen- rand, klatschen den Akteuren begeistert Beifall. Ausgerichtet hat das Kreiserntedank- fest 2022 die Landjugendgruppe Bräunli ngen – unter stützt durch Freunde und weite- re Vereine. An der Spitze der Organisatoren stehen Sabrina Albicker und Jonas Glunk, die gemeinsam den zu gleich ältesten Landjugend- verein im Schwarzwald-Baar-Kreis leiten: Ihr Verein wurde am 7. Mai 1950 als erster gegründet – damals gehörte Bräunlingen noch dem Landkreis Donaueschingen an. Die Initiatoren waren Junglandwirte und Lehrer des Landwirtschaftsamtes. Zweck war es, den Junglandwirten durch die Gruppentreffen, die zumeist aus Feldbegehungen, Viehbeurteilun- gen und Vortragsabenden bestehen, weitere Informationen zu ihrem Beruf zu vermitteln. Die Landjugend Mundelfingen präsentiert „Trümpfe unserer Heimat“. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 83

 

 

 

Bei der Ehren- tribüne der Bräun- linger Landjugend. Bürgermeister Micha Bächle (v. rechts vorne) sowie Landrat Sven Hinterseh mit seinen Töch- tern Hannah und Charlotte. Schließlich widmet sich die Landjugend immer häufiger auch der Brauchtumspflege. So entsteht 1962 die Idee zum Kreisernte- dankfest heutiger Prägung. Die Premiere fin- det in Mundelfingen statt, im Oktober 1964 feiert die Landjugend erstmals in Bräunlingen. Variationen zum Thema Heimat Was Heimat sein kann, verdeutlichen die The menbeschreibungen zu den prächtig auf- gemachten Wagen des Kreiserntedankfestes 2022. Die Landjugend Hausen vor Wald prä- sentiert eine mit Feldfrüchten und Blumen verzierte Lupe. Ihr Motto: „Die Wertschät- zung liegt im Detail“. „Die Lupe hilft uns, die liebenswerten Details des Landlebens wieder zu erkennen und wertzuschätzen“, heißt es in der Begründung. „Auf der Suche wird klar – wir lieben unsere Heimat!“, lautet das Fazit. Die Landjugend Weiler präsentiert ihren Rundfunksender „Radio Heimatliebe“, der seine Hörer fragt: Was wertschätzt DU an un- serer Heimat?“ Die Begründung: „Oft verges- sen wir, wie vielseitig unsere Heimat und das Landleben sind. Wir von Radio Heimatliebe wollen deine Meinung hören! Ruf uns an und erzähl uns, was du besonders an unse- rer Heimat schätzt, damit wir uns allen ihrer Schönheit wieder bewusst werden! Denn wir l(i)eben das Landleben!“ Das Motto „Weil jedes Teil zählt!“ ist zugleich das Siegermotto, die Landjugend Brigachtal präsentiert nach Ansicht der Jury den besten Themenwagen. Sie erläutert es wie folgt: „Wie ein Puzzle setzt sich unsere Heimat aus vielen verschiedenen Teilen wie Familie oder Tradition zusammen, Stück für Stück entsteht das Gesamtbild – unser LANDLEBEN. Nur als Ganzes wird es zu dem, was wir LIEBEN.“ An der Erntefolge macht die Landjugend Brigach das Jahr fest: „Unser Jahr in allen Äh- ren“, lautet das Motto. Der Aasener Verein fragt: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ Die Land jugend Dauchingen/Hochemmingen sucht die „vielfältigen Bauklötze unserer Hei- mat“. Und Schonach freut sich: „Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen.“ Wolterdingen schlägt „Die Brücke zu unserer Heimat“, prä- sentiert die markante Bregbrücke als Nach- bau. Unadingen beschäftigt sich mit der Land- flucht und Mundelfingen präsentiert „Die Trümpfe unserer Heimat“ als Kartenspiel. Rechte Seite: Mit tollen Wagen- aufbauten waren v. ob. links die Landjugend Brigach, Hau- sen vor Wald, Dauchingen/ Hochemmingen und Brigachtal beim Kreisernte- dankfest vertreten. 84 Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 85

 

 

 

„Ein Brauch mit großer Bedeutung“ Die große Zahl der Zuschauer zeigt auf, wie sehr die Landjugend mit ihrer Weltsicht die Herzen der Menschen berührt. An der Seite von Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle zeigte sich Landrat Sven Hinterseh von der Landjugend und dem in der Regel jährlich stattfindenden Kreiserntedankfest begeistert: „Es ist ein wichtiger Brauch mit großer Be- deutung. Der Umzug und seine Themenviel- falt sind ein Spiegelbild der Heimatliebe so vieler junger Menschen“, betont er. Mit Sabrina Albicker unterhält sich der Landrat nach dem Festzug mit einer der maßgeblichen Organisatorinnen des 61. Kreiserntedankfestes. Sie sei total über- wältigt vom Fest in Bräunlingen, am Ernte- dankumzug dabei sein zu können, sei ein unbeschreiblich schönes Erlebnis gewesen. Das Fazit der Bräunlinger Landjugend hat zwar auch mit Heimat, aber noch mehr mit Corona zu tun. Sabrina Albicker: „Endlich mal wieder richtig feiern können, zusammen zu sein, das war der größte Wunsch der jungen Menschen“. Und genau dieser Wunsch ist beim Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen großartig in Erfüllung gegangen, betont sie auch im Namen von Jonas Glunck, der beim Erntedankfest gleichfalls rund um die Uhr im Einsatz war. Wie viele Vereine setzt im Übrigen auch die Bräunlinger Landjugend darauf, weitere Mitglieder zu finden. Wichtig ist ihr: Zum Verein könne sehr gerne auch dazustoßen, wer keinen Bauernhof besitze, so das Duo an der Spitze der Vorstandschaft. Rechte Seite, v. oben links: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ fragt die Landjugend Aasen. Hondin- ger Trachtenpaar und Bregbrücke der Wolterdinger Landjugend. Die Umzugs wagen sind allesamt mit Feldfrüchten, heimischem Obst und Blumen geschmückt, hier der Wagen von Brigach. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/kreiserntedank Links: Sabrina Albicker vom Führungsduo der Landjugend Bräunlingen und Landrat Sven Hinterseh im Festzelt beim Kreisernte- dankfest. Die Erntekrone im Hintergrund wird ab November traditionell wieder im Landratsamt präsentiert. 86 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 87

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – EIN NEUER ZUSAMMENFLUSS FÜR BRIGACH UND BREG DIE DONAU – WO EUROPA BEGINNT 88 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Am Zusammenfluss von Breg (links) und Brigach (Mitte oben). Der neue Donaubeginn in Donaueschingen hat sich in kurzer Zeit zu einem Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische gleichermaßen entwickelt.

 

 

 

Dass im Quellenland Schwarzwald-Baar mit der Brigach und der Breg zwei Schwarzwald- flüsse die Donau zuweg bringen, ist für den Landkreis ein besonderes Highlight. Doch spielte der Zusammenfluss – das Entstehen der Donau – unter touristischen Aspekten betrachtet eine bislang eher „untergeordnete Rolle“. Jetzt ist der Donaubeginn in Donau- eschingen neu gestaltetet. „Hier ist etwas richtig Großes entstanden“, freut sich Landrat Sven Hinterseh bei der offiziellen Eröffnung des neuen Donauursprungs am 29. Juni 2022. Er ist im Rahmen eines der größten Renaturierungsprojekte möglich geworden, die in Baden-Württemberg in jüngerer Zeit stattgefunden haben, so Umweltministerin Thekla Walker beim Festakt am Zusammen- fluss. Sie verwies auf Investitionen in Höhe von vier Millionen Euro. Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten Neben der Verbesserung des Lebensraums für die Tier- und Pflanzenwelt war es von Anfang an das Ziel, auch die Themen Naher- holung und Tourismus zu integrieren. „Das ist hier wunderbar gelungen, weil für die Natur ausreichend ungestörte Flächen ge- schaffen wurden“, stellte Umweltministerin Thekla Walker bei ihrem Besuch erfreut fest. Unter anderem sind Stege und Aussichts- plattformen beim Unterlauf von Brigach und Breg entstanden, die die Menschen zum Verweilen und Beobachten der zahlreich vor- kommenden Wasservögel einladen. Die internationale Staatengemeinschaft sei nicht nur bei der Energieversorgung mit- einander verbunden, sondern auch bei der Qualität ihrer Gewässer. „Umso wichtiger ist es, dass die Menschen in Europa ihre Flüsse als Lebensräume für Fische und viele andere Tier- und Pflanzenarten naturnah gestalten und sauber halten und sie so auch als Erho- lungs- und Erlebnisgebiet für uns Menschen erhalten“, führte die Ministerin weiter aus. „Nicht nur hier an der Donau, sondern auch in allen anderen Landesteilen werden wir un- sere Bemühungen, die Gewässerökologie zu verbessern, fortsetzen“, betonte sie weiter. „Wir müssen alle Menschen für diese Wasserthemen sensibilisieren“, sagte Thekla Walker. Es sei eine große Aufgabe, die Gewässerqualität weiter zu verbessern, indem beispielsweise weniger Schad- und Nährstoffe in die Flüsse und Bäche gelangen. Und natürliche Gewässer haben enorme Bedeutung auch mit Blick auf den fortschrei- tenden Klimawandel, führte die Ministerin aus. „Sie sind widerstandsfähiger gegenüber dessen Wirkungen. Und die Ufervegetation bietet Lebensräume und wirkt positiv auf das Kleinklima.“ Flussmündung erlebbar gemacht Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer machte deutlich, dass das Land mit der Revitalisierung des Donauursprungs nicht nur einen wertvollen Beitrag für die Ökologie des Flusses leiste: „Der zusätzliche Raum, den wir der Donau geben, hat auch einen positiven Neben effekt auf den Hochwasserschutz. Zugleich profitieren die Menschen vor Ort, weil wir die Flussmün- dung erlebbar gemacht haben.“ Darüber hinaus erinnerte Bärbel Schäfer daran, dass die Donau zehn Länder verbinde. Sie denke an diesem feierlichen Tag auch an die Menschen in der Ukraine, die am Ende dieses Flusses zur gleichen Zeit im Krieg le- ben: „Die Donau verbindet uns mit ihnen.“ Im Quellenland: Rund 1.000 Kilometer Gewässer Landrat Sven Hinterseh erinnert sich im Dialog mit den rund 50 Festgästen an ver- gangene Zeiten, als der Donaubeginn in Donaueschingen eher nur von „Eingeweih- ten“ besucht wurde, da schwer zugänglich und wenig attraktiv. Er verwies darauf, dass der Quellenlandkreis mit seinen Quellen, Flüssen und Seen eine der wasserreichsten Regionen im Einzugsgebiet von Donau, Neckar, Hochrhein und Oberrhein mit circa 90 Die Donau – Wo Europa beginnt

 

 

 

Enthüllung des neuen Kilometer- steins der Donau, v. links: Oberbür- germeister Erik Pauly, Landrat Sven Hinterseh, Umweltministerin Thekla Walker, Re- gierungspräsiden- tin Bärbel Schäfer, Landtagsabgeord- neter Niko Reith (FDP/DVP) und Bundestagsab- geordnete Derya Türk-Nachbaur (SPD). 1.000 Kilometer Gewässern sei. Und ebenso durchzieht die Europäische Wasserscheide den Schwarzwald-Baar-Kreis. „Die Bedeutung der Donau für Europa werde einem bewusst, wenn man sich vor Augen führe, dass der Fluss durch zehn Län- der fließe und ins Schwarzen Meer münde. Der Donaubeginn hat jetzt den Stellenwert bei uns, der ihm zusteht“, so Landrat Sven Hinterseh. Ein neuer Anziehungspunkt Dass in Donaueschingen ein neuer Anzie- hungspunkt entstanden ist, zeigt sich in der Folge vielfach: Wo die Donau ihren Anfang nimmt, finden sich Besucher aus aller Welt und in großer Zahl ebenso Einheimische ein. Dies besonders auch vor dem Hintergrund, dass sich die Besucher nun dem Fluss nähern und vorzugsweise Kinder und Jugendliche den Sommer über in der Donau selbst baden können. Der Zusammenfluss hat sich zu ei- nem Naturerlebnis erster Güte entwickelt. Und auch wer auf dem Donau radweg unterwegs ist, profitiert: Für die zahlreichen Radtouristen wurde eine vielseitige und attraktive Infrastruktur geschaffen, insbe- sondere ein Ankunftsplatz mit Abstellmög- lichkeiten, einer Ladestation für E-Bikes und einem Trinkwasserbrunnen. Beendet ist die Maßnahme in Donau- eschingen noch nicht, auch ein Info-Zentrum soll entstehen und zahlreiche digitale Ange- bote sind geplant. Eines allerdings ist schon jetzt Gewissheit: Der „neue“ Donauursprung in Donaueschingen ist schon jetzt eine große Attraktion – ein Hotspot. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 91

 

 

 

92 3. Kapitel – Da leben wir

 

 

 

Romina Auer und Nikol Konta „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden von Elke Reinauer mit Fotos von Michael Stifter

 

 

 

MITTEN IN SCHWENNINGEN, IM ALTEN E-WERK, FÜHREN ROMINA AUER UND NIKOL KONTA IHR BRAUTATELIER „LA BELLE MARIÉE“. DAMIT ERFÜLLEN SIE NICHT NUR DIE TRÄUME VIELER FRAUEN VOM PERFEKTEN HOCHZEITSKLEID, SONDERN AUCH IHRE EIGENEN: SEIT OKTOBER 2021 SIND SIE SELBSTSTÄNDIG UND NAHMEN AUCH AN DER TV-SHOW „ZWISCHEN TÜLL UND TRÄNEN“ TEIL. D avon träumen viele Frauen schon als kleine Mädchen: Dem Tag, an dem sie ihr Hochzeits- kleid aussuchen, es anprobieren und gleich spüren: Das ist es! Auch Romina Auers und Nikol Kontas Träume drehten sich um Brautkleider – und darüber hin- aus: Sie wollten ein eigenes Brautmoden- geschäft eröffnen. Im Oktober 2021 war es dann so weit: Die beiden jungen Frauen machten sich mit dem Braut- atelier „La belle mariée – die schöne Braut“ selbstständig. Eine Pariser Bou- tique sei das Vorbild gewesen, erzählen sie. Der Laden befindet sich im alten E-Werk in Schwenningen. In dem großen lichtdurchfluteten Raum mit Backstein- wänden bekommen Bräute in spe einen guten Überblick und können in Ruhe stö- bern. In Regalen glänzen cremefarbene Brautschuhe, Schmuck und Handtaschen sind ausgestellt. Brautkleider mit viel Spitze, schlicht oder üppig – das überla- den wirkende Tüll-Kleid findet man hier allerdings nicht. Clean-Chic ist gerade Nikol Konta und Romina Auer heißen zukünftige Bräute in ihrer neuen Boutique Willkommen. 94 Da leben wir

 

 

 

Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Romina Auer Oben: Das eindrucksvolle Backsteingebäude des ehemaligen Elektrizitätswerks. angesagt. Also ein Kleid ohne viele Appli- kationen, zu dem man Accessoires kom- binieren kann. Wichtig dabei: „Die Braut soll nicht verkleidet aussehen“, so Romina Auer. Das Kleid soll zu der jeweiligen Frau passen. „Sie soll sich darin wohlfühlen.“ Persönliche Beziehung Dass Frauen auf Brautkleid-Fang ein wenig anders ticken, weiß Romina Auer genau. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Make- up-Artistin, mit Fokus auf Braut-Make-Up. „Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Auf das Kleid schaut jeder“, weiß Romina Auer. Die erste Ner- vosität lege sich dann meistens, wenn die Braut in ein Kleid schlüpft, das passt. „Oft wissen die Frauen, was ihnen nicht steht und was sie nicht wollen“, so Romina Auer. Das sei schon einmal ein Anfang. Eine zu genaue oder keine Vorstellung seien eher hinderlich bei der Auswahl des Kleides, so die beiden Geschäftsfrauen. Sie legen Wert darauf, eine persönliche Beziehung zu jeder Frau aufzubauen, die zu ihnen in das Brautatelier kommt. „Das ist das Wich- tigste“, weiß Nikol Konta. „Wir verkaufen Emotionen“, sind sich die beiden einig, denn welche Frau träumt nicht von ihrem Hochzeitskleid? Ob es dabei lieber ein Kleid mit viel Glitzer und Spitze sein soll oder ein Meerjungfrauen-Kleid, enganlie- gend und nach unten weit, ist Typ-Sache. Romina Auer und Nikol Konta bieten auch eine Curvy-Kollektion an. Außerdem führen La belle mariée 95

 

 

 

sie ausgewählte Designermarken aus Neuseeland und Südafrika. Kleider der A-Line sind der Klassiker. Als A-Linie wird die Schnittform bezeichnet, die sich durch eine nach unten hin verbreiternde Silhouette auszeichnet. So ähnelt das Kleid dem großen „A“. Ist das Kleid gefunden, wird gefeiert Mindestens sechs Monate vor der Hochzeit sollte das Kleid ausgesucht werden. Dieses muss ja noch bestellt und angepasst werden. Das übernimmt eine Schneiderin für das Brautatelier. Zwischen 900 und Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird. Romina Auer Ein erstes Kennenlernen und beraten mit der Braut sowie deren besten Freundin. 4.000 Euro kosten die Kleider. Immer beliebter werden Zweiteiler, stellen die Modeexpertinnen fest. So können Frauen das Oberteil oder den Rock nach der Hochzeit noch tragen. Zwei Mal im Jahr gibt es eine neue Kollektion. Früher ging die gängige Vorstellung in Richtung A-Linie oder Prinzessin, also einem eher ausgestell- ten Brautkleid, berichten die beiden Frauen. Viele Bräute bevorzugen noch immer diese klassische Form. „Im Alltag kleiden junge Frauen sich modern und stilbewusst, aber beim Brautkleid sind sie eher scheu“, stellten die Inhaberinnen fest. Diese Scheu wollen sie den Frauen nehmen. „Das Kleid soll den jeweiligen Typ unterstreichen.“ Die Geschäftsinhaberinnen freuen sich mit den Bräuten, wenn das Kleid der Kleider gefunden ist. Ein Grund, um zu feiern, mit Sekt und Leckereien und den Freundinnen, Müttern und Großmüttern der Bräute, die zum Aussuchen mitkommen. Das Aussuchen des Brautkleides gehört als Ritual dazu und ist neben der Location das Wichtigste in der Hochzeitsvorbereitung. Es war während der Pandemie, als Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier im Herbst 2021 96 Da leben wir

 

 

 

Oben: Nikol Konta präsentiert die feine Perlenstickerei an einem ihrer Brautkleider. Rechts: Und zwischendurch ein Selfie. eröffneten. Ein Risiko, das die beiden Unternehme- rinnen in Kauf nahmen: „Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird“, berichtet Romina Auer. Doch dann hatten sie „Glück im Unglück“ und profitierten von den vielen Hochzeiten, die nachgeholt wurden. Das Herz schlägt für die Region Als sich Romina Auer und Nikol Konta vor sieben Jahren über Freunde bei einer Winterwanderung kennenlernten, fanden sie sich sofort sympathisch und stellten schnell fest, dass sie die gleichen Ziele verfolgten. Ein regionaler Bezug war außerdem beiden wichtig. Denn sie sahen eine Marktlücke in der Region: „Hier fehlt das Geschäft, das junge, frische Brautmode anbietet. Bisher musste man sich entscheiden, ob man das regionale Geschäft besucht, das vielleicht eher die klassischen Modelle verkauft oder nach Stuttgart und Frankfurt fährt, um La belle mariée 97

 

 

 

Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat. Nikol Konta trendigere Modelle anzuprobieren.“ Nikol Konta erzählt, dass sie das Kleid für ihre Hochzeit in Stuttgart ausgesucht hatte. In der Region sei sie damals nicht fündig geworden. Das habe ihr zu denken gegeben. „Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat“, sagt die gebürtige St. Georgenerin. Sie lebte mit ihrem Mann damals in Stuttgart und Heilbronn, es sei aber klar gewesen, dass sie in den Schwarzwald-Baar-Kreis zurückkehren wollen. „Seit meiner Kindheit lodert eine Leidenschaft für Brautmode in mir“ Nach dem ersten Treffen verging etwas Zeit. Sie wollten sich nicht Hals über Kopf in das Geschäft stürzen, erzählen sie, sondern gut vorbereitet sein. Deshalb recherchierte die modebewusste Romina Oben: Für den perfekten Sitz muss das Kleid von einer Schneiderin angepasst werden. Unten: Eine strahlende Braut in einer traumhaften Robe. Romina Auer und Nikol Konta fächern den Tüll auf, so kommt der Stoff erst richtig zur Geltung. 98 Da leben wir

 

 

 

Die Freude über das richtige Kleid steht allen ins Gesicht geschrieben. Auer auf Messen für Unternehmensgründung, sammelte Mode-Labels, die sie interessierten und entwickelte einen Business plan. Drei Jahre lang arbeitete sie als Model und Werbegesicht. Die 31-Jäh- rige kam dabei mit Brautmode in Berührung und habe gemerkt, dass ihr das liegt, sagt die gebürtige Dauchingerin. Nach ihrer Ausbildung als Verwaltungs fachangestellte beim Landratsamt absolvierte sie ein Duales Studium in Sozialer Arbeit und arbeitete im Nachgang als Sozialpädagogin. „Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir“, sagt sie. Ge nauso geht es Nikol Konta, Mutter und Geschäftsfrau. Sie studierte Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir. Romina Auer La belle mariée 99

 

 

 

Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund. Nikol Konta Mode- und Designmanagement in Düsseldorf. Als Einkäuferin besitzt sie ein gutes Auge für Qualität. Mit Nachhaltigkeit beschäftigte sie sich im Textilbe- reich für einen Discounter. In ihrem Job besuchte sie zahlreiche Produktionsstätten in Asien. Ihr Wissen über nachhaltige Labels setzt die 36-Jährige nun ein, denn sie weiß, dass immer mehr Bräute erfahren wollen, wo ihr Kleid herkommt und wie es produ- ziert wird. Außerdem stellte sie einen Trend fest: „Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund.“ Für die Beratung benötigen zukünftige Bräute ei- nen Termin. Die beiden Frauen sind außerdem regel- 100 Da leben wir

 

 

 

mäßig auf Messen unterwegs, um mit den neuesten Trends nach Schwenningen zurückzukehren. Zwischen Tüll und Tränen Und ein Highlight in ihrer Karriere haben sie bereits erlebt: Die beiden Unternehmerinnen konnten ihr Glück kaum fassen, als sie sich im letzten Jahr für die Sendung „Zwischen Tüll und Tränen“ des Senders Vox beworben hatten und prompt eine Zusage erhielten. Nach langer Suche wurde eine Braut gefunden, die bereit war, sich bei den Hochzeitsvor- bereitungen filmen zu lassen. Braut Madeleine aus Schwenningen stellte sich dafür zur Verfügung. Die Beratung mit Mutter, Trauzeugin und Freundin wurde am zweiten Drehtag im Brautatelier gefilmt. Am ersten standen die Location und die Stadt Villingen-Schwenningen im Mittelpunkt. Der Clou bei „Zwischen Tüll und Tränen“ ist: Für jedes Brautmodengeschäft gibt es eine besondere Herausforderung. Für Auer und Konta handelte es sich um folgende: Die Braut hatte sich bereits zuvor in einem anderen Brautmodengeschäft Favoriten- kleider ausgesucht. Nun galt es also, diese Kleider zu toppen und durch die Beratung die zukünftige Braut zu überzeugen. Romina Auer und Nikol Konta seien bis zur letz- ten Minute des sechsstündigen Drehs aufgeregt gewesen, berichten sie. Doch die Atmosphäre sei sehr entspannt gewesen. Die Plattform sei perfekt für Newcomerinnen. Denn so konnten die Unterneh- merinnen zeigen, was in ihnen steckt: Sensibilität, Fachwissen und viel Zeit für zukünftige Bräute. Links: Blick in das großzügige Atelier. Beliebt sind neben dem Brautkleid auch Schuhe und der Brautschmuck. La belle mariée 101

 

 

 

Patrick Bäurer Ein Leben mit dem Ball Der Hondinger zählt zu den besten Fußball­Freestylern der Welt von Hans-Jürgen Götz 102 102 Da leben wir

 

 

 

Fußballweltmeister werden, das wünschen sich viele Fußballtalente. Und genau so hat es bei Patrick Bäurer aus Hondingen auch angefangen. Gekommen ist es aber völlig anders: Heute ist der 28-Jährige Profi und Vizeweltmeister, aber nicht im „regulären“ Fußballsport wie wir ihn kennen, sondern im Fußball-Freestyle. Bei dieser speziellen Sportart geht es darum, den Ball nach allen Regeln der Kunst mit dem ganzen Körper effektvoll zu jonglieren. Patrick Bäurer gehört zu den besten Freestylern der Welt und bietet eine Fußball-Freestyle-Show der Extraklasse, wie ihm Medien und Fans bescheinigen. Er trägt zehn Titel, hat mehr als 500 Kunden in über 2.000 Shows und 1.000 Workshops in 30 Ländern begeistert. XXX 103

 

 

 

Wie alles begann Seine Karriere begann er wie viele andere Kinder mit dem Beitritt zu einem Fußballverein. In seinem Fall war das der SV Hondingen, dessen Fußballplatz nur ein paar Gehminuten vom Elternhaus entfernt liegt. Dort lernte er das Fußballspielen von der Pike auf. Seine Trainer bescheinigten ihm ein gutes Ballgefühl und durchaus Talent, es weit zu bringen, voraus gesetzt, er trainiere fleißig. Das tat er mit großer Begeiste- rung. Irgendwie hatte Patrick selbst aber immer das Gefühl, dass er zwar gut sei, aber es in diesem Sport dennoch nicht bis zum Weltmeister schaffen werde. Als er zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet zufällig ein Video von Fußball- Weltstar Ronaldinho, wie er Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführt. Das war die Initial- zündung, von nun an ist es um den kleinen Patrick geschehen, das wollte er auch kön- nen. Gesagt getan: Der Junge analysierte das Video immer und immer wieder, auch in Zeitlupe und Standbildern. Dann ging es raus auf die Ter- rasse, um das Gesehene selbst auszuprobieren. So lange, bis es endlich klappt! Und ab dem Punkt immer weiter und weiter, um das Erlernte zu perfektionieren. Der Grund- Als Patrick zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet ein Video von Ronaldinho, wie dieser Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführte. Das wollte er unbedingt auch können. 104 stein für eine Profi-Karriere in der Sportart Fußball- Freestyle war damit gelegt. Von nun an ließ ihn das Thema nicht mehr los und für ihn ging es nach der Schule in seiner Freizeit fast nur noch darum. Und hier zeigte sich eine der Charaktereigenschaften von Patrick Bäurer: Er weiß genau was er will und kann Jonglage mit vier Fußbällen. Da leben wir

 

 

 

und arbeitet zu 100 Prozent entschlossen daran, daraus etwas zu machen und täglich besser zu wer- den. Von jetzt an suchte und fand er im Internet im- mer neue Informationen sowie viele Tipps und Tricks rund um die damals noch neue Sportart. Alles sog er wissbegierig auf und versuchte es in die Tat um- zusetzen. Meist war das Erlernen eines neuen Tricks mit vielen Dutzend Stunden harter Trainingsarbeit verbunden. Im Jahre 2008 dann wird die erste Weltmeister- schaft im Fußball-Freestyle ausgetragen. Die war allerdings nicht im Fernsehen zu sehen und Social Media gab es noch nicht. So war es sehr müh- sam, mehr darüber zu erfahren. Ab 2010 bekam Patrick erstmals Zugang zu einem Internet- Forum, in dem sich Gleichgesinnte trafen und austauschen konnten. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis der damals 16-Jährige in Stuttgart zum ersten Mal Freestyle-Fußballer in der realen Welt kennenlernen durfte. In dieser Zeit begann er, seine Kunststücke mit kleinen Video-Clips auf YouTube und Facebook zu präsentieren und wurde dadurch innerhalb der Szene bekannter. Inzwischen hat sich dieses Engagement auf Instagram und TikTok erwei- tert. Unter seinem Label @patrickbfree ist Patrick auf allen sozialen Netzwerken mit über zwei Millionen Followern zu finden. Die erste Weltmeisterschaft Im Alter von 18 Jahren nimmt Patrick 2012 das erste Mal an der Weltmeisterschaft teil, die in Prag statt- findet. Als einer von vier Freestylern aus Deutschland, die gegen Sportler aus über 20 Ländern antreten. Obwohl er einen der hinteren Ränge belegt, bedeutet diese WM für ihn den Einstieg in die Welt der Profis. Er lernt die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für seine weiteren Aktivitäten. Eines ist klar: Wenn er als Profi von dieser Sport- art leben will, geht das nur, wenn er seine Kunst- stücke auf Veranstaltungen aller Art vorführt und dafür eine Gage erhält. Anfänglich findet das alles noch im Heimatdorf Hondingen und Umgebung statt. Durch Mund-zu-Mundpropaganda kommt es jedoch zu immer mehr Einladungen und die Gagen bessern sein Taschengeld merklich auf. Vor allem Bei der ersten Freestyle- Weltmeisterschaft 2012 lernte Patrick Bäurer die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für weitere Aktivitäten. sind es der Applaus und das Feedback der Zuschauer, die ihn motivieren weiterzumachen, neue Tricks ein- zustudieren und stetig besser zu werden. Über drei Stunden trainiert er dazu jeden Tag. Bis ein neuer Trick sitzt, kann es bis zu 1.000 Versuche brauchen. Geduld und Ausdauer sind unabdingbar. Einen Schub für sein Selbstbewusstsein bekommt der junge Patrick bei einem Urlaub mit seiner Fami- lie auf Mallorca. Hier versucht er sich nebenbei als Straßenkünstler und zeigt seine Balltricks zwanglos den vorbeilaufenden Urlaubern. Nach gerade zehn Minuten hat er sich seine erste Pizza verdient. Mit der Erfahrung, dass er es wirklich kann und in der Lage ist, damit Geld zu verdienen, entscheidet er sich, diesen Weg weiter zu beschreiten. Im Trainingslager mit dem FC Bayern München Fußball spielt er derweil aber trotzdem noch. Und so kommt es, dass Patrick im Jahr 2013 aus über 19.000 Bewerbungen als einer von 80 ausgewählten jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren am „Paulaner Cup des Südens“ beim FC Bayern München teilnehmen darf. In der Jury sitzen Waldemar Hartmann, Paul Breitner und Raimund Aumann. Patricks Fußballtalent zahlt sich aus: Die Jury wählt ihn als eines von 25 Talenten aus, die für fünf Tage zum Trainingslager nach Italien eingeladen werden. Höhepunkt ist das Fußballspiel der Equipe gegen die Bayern, welches sie vor 5.000 Zuschauern grandios 13:0 verlieren. Der Spaß, die Anerkennung und der Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 105

 

 

 

persönliche Kontakt zu den Fußballstars entlohnt die Fußballtalente aber. Stolz präsentiert Patrick ein Foto, das ihn bei der Deckung gegen Philipp Lahm zeigt, als es in der ersten Halbzeit erst 2:0 stand. Und nebenbei kann er die Bayern-Profis in den Trainings pausen mit seinen Freestyle-Kunststücken begeistern, in dieser Diszip- lin gewann er auf jeden Fall. Vizeweltmeister – Corona zum Trotz An der Freestyle Weltmeisterschaft in Prag nahm Patrick seit 2012 jedes Jahr teil und belegte dabei immer bessere Ränge. Im Corona-Jahr 2020 war es dann aber endlich so weit, er wurde Vizeweltmeister. Diesen Titel konnte er auch im Jahr darauf erneut bestätigen. Während der Corona-Zeit reduzierten sich seine Auftritte bei Veranstaltungen schlagartig auf null und so nutzte er die Zeit, noch mehr und härter zu trainieren. Der Lohn seiner Mühen war dann diese Auszeichnung in Prag. Dieser Titel trägt natürlich dazu bei, dass Patrick Bäurer bei seiner Zielgruppe im Internet immer bekannter und gefragter wird. So hat er während der Corona-Pandemie damit begonnen, über das Internet Freestyle-Kurse und Trainings anzubieten. Zu seinen Kunden zählen auch der BVB und der VFB, für die er in dieser Zeit mehrere Online-Seminare moderiert. Alles von seiner Woh- nung im kleinen Hondingen am Fuße des Fürsten- bergs aus – produziert für die weite Welt. Als ein Jahr später die Corona-Beschränkungen so nach und nach weltweit gelockert wurden, konnte Patrick seine Künste auch wieder ver- mehrt auf Veranstaltungen in der ganzen Welt präsentieren. So wurde er 2021 unter anderem zu 106 Da leben wir

 

 

 

Ballspielereien in allen erdenklichen Variationen. Was Patrick Bäurer in seiner Show bietet, begeistert Zuschauer weltweit. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/patrick-baeurer 107

 

 

 

Mai 2022: Frankreichs Fußballstar Kylian Mbappé (links) und Patrick Bäurer. Unten: Auch Selfies mit Patrick Bäurer sind begehrt. einer Veranstaltungsserie in Dubai, Katar und Saudi Ara bien eingeladen. Hier entstanden dann Fotos mit welt bekannten Fußballern von Paris Saint-Germain (PSG) wie Neymar und Kylian Mbappé. Der erste Weltrekord: 118 Crossover im Sitzen in nur einer Minute Im Laufe der Zeit absolvierte Patrick viele Fernseh- auftritte im In- und Ausland. Darunter im Tigerenten- club in Deutschland und in der Sendung „Supertalent“ in Deutschland und Polen. 2013 hatte Patrick einen Auftritt im „Sportstudio“ des ZDF. Fernsehmoderator Sven Voss forderte ihn auf, beim Schießen auf die legendäre Torwand zu zeigen, was er wirklich drauf hat. Wahrscheinlich war es der Anspannung in einer Livesendung geschuldet, kein einziger der sechs Bälle sollte treffen. So etwas kratzt zwar an der Ehre, einen Vollprofi hält das aber nicht auf, unermüdlich trainierte er weiter, um seinem Publikum noch mehr und bessere Tricks mit dem Ball zeigen zu können. Im Jahre 2020 wollte Patrick dann erstmals auch einen Weltrekord knacken. Ziel war es, einen neuen 2020: Beim Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde mussten über 101 Wieder- holungen innerhalb von einer Minute gezeigt werden. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Können voraussetzt. Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde aufzustellen. Über 101 Wiederho- lungen mussten innerhalb einer Minute gezeigt wer- den. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Kön- nen voraussetzt. Das Ganze fand unter den Augen ei- ner strengen Jury während eines Freestyle Camps in Donau eschingen statt. Alles lief perfekt und am Ende 108 Da leben wir

 

 

 

So funktioniert der Weltrekord „Crossover im Sitzen“: Schritt 1: Winkeln Sie Ihre Beine im Sitzen an und jonglieren Sie den Ball mit dem Fußspann. Schritt 2: Mit dem rechten Fuß spielen Sie den Ball in die Luft. Schritt 3: Den linken Fuß kreisen Sie von außen nach innen einmal um den Ball. Schritt 4: Ihr linker Fuß berührt den Ball nicht. Schritt 5: Ihr rechter Fuß fängt den Ball wieder auf. sollten es sogar 118 Crossover werden und Patrick damit der neue Weltrekordhalter in dieser Disziplin. Region. So generiert er im Laufe der Zeit neue Nach- wuchstalente aus der Heimat. Der zweite Weltrekord: 24 Ballpässe mit der Partnerin in nur 30 Sekunden Im Jahre 2021 folgte dann eine Einladung zur BBC nach London. Dort sollte er live in der Sendung „Blue Peter“ auftreten. Ziel war es, einen weiteren Weltrekord mit den meisten „Neck-Catch-Pässen“ aufzustellen. Mindestens 21 Ballpässe von Nacken zu Nacken musste er zusammen mit seiner Partnerin Aguśka innerhalb von 30 Sekunden zeigen. Auch das gelang mit 24 Pässen, und der zweite Weltrekord war ebenfalls in der Tasche. Unzählige Auftritte bei Veranstaltungen aller Art auf der ganzen Welt folgten seitdem. Das reicht von Firmen- und Sport-Veranstaltungen, Fernsehauftrit- ten über Workshops und Trainingslager bis hin zu Benefizveranstaltungen in nah und fern. Rund 150 Shows und mehr absolviert Patrick pro Jahr. Und dazwischen immer mal wieder kleine, kostenlose Trainings-Angebote für jugendliche Fußballer in sei- nem Heimatverein SV Hondingen und anderen in der Schule und Ausbildung sind wichtig: Studium zum Wirtschaftsingenieur Wer jetzt denkt, Patrick kann außer Fußball nichts, der liegt komplett falsch. Von Anfang an war ihm klar, dass er keinesfalls die Schule vernachlässigen darf und eine solide Ausbildung in einem „normalen“ Beruf anstreben muss. So absolvierte er 2013 sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Donaueschingen. Direkt darauf folgte ein dreijähriges Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Dualen Hochschule in Lörrach. In dieser Zeit arbeitete er während des Praktikumsteils bei der Blumberger Firma Metz Connect, wo er nach seinem Abschluss bis 2017 als Produktmanager weiter angestellt war. Während seiner Ausbildungsphase ging es 2015 für fünf Mo- nate zu einem Auslandssemester nach Kanada. Eine Erfahrung, die Patrick nicht missen möchte. Während dieser Zeit hat er diverse Shows durchgeführt und viele neue Kontakte, Eindrücke und Erfahrungen für sein weiteres Leben mitgenommen. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 109

 

 

 

Zusammen mit Aguśka arbeitet Patrick daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und egal, wo es ihn in der Welt hinzieht: Hondingen war, ist und bleibt seine Heimat, der er zutiefst ver- bunden und dankbar ist. Vor allem ist er sehr dank- bar für die stets uneingeschränkte Unterstützung seiner Familie, denn seine Eltern Doris und Thomas haben ihn von Anfang an bei all seinen Ideen und Vorhaben unterstützt. Und wer ist nicht stolz, am Ende auch einen Vizeweltmeister und Weltrekord- halter als Sohn und Bruder zu haben? Weitere Informationen unter www.apfreestyle.com. Genauso zielstrebig wie seine sportliche Karriere verfolgte Patrick Bäurer seine berufliche Weiter- bildung. Ein Masterstudium im Bereich „Internati- onales Sportmarketing“ war sein nächstes Ziel. Am Bodensee Campus in Konstanz war das möglich und mit den stetig zunehmenden sportlichen Aktivitäten gerade noch vereinbar. 2019 hatte der Freestyler auch dieses Ziel erreicht. Seine Abschlussarbeit befasste sich mit dem Thema „Nutzung neuer Trendsport- arten“. Damit wurde er endgültig zu einem gefragten Gesprächspartner, Berater und Performer für große Sportartikelhersteller rund um den Globus. Und das Beste kommt zum Schluss: Lebenspartnerin Aguśka Mnich Wer so viel unterwegs ist und jede freie Minute für seinen Sport investiert, hat eigentlich keine Zeit mehr, sich um viele andere Themen zu kümmern, unter anderem die Liebe. Aber wie es der Zufall will, lernte Patrick bei der Weltmeisterschaft 2020 in Prag seine jetzige Lebenspartnerin Aguśka Mnich aus Polen kennen. Sie ist mehrfache Weltmeisterin in verschiedenen Damen-Disziplinen und hatte alleine dieses Jahr erneut zwei Goldmedaillen in Prag abgeräumt. Auf den sozialen Netzwerken ist sie unter @aguskafree zu finden. Da lag es für Patrick nahe, dass er seitdem mit Aguśka zusammen eine Duo-Show gibt. Auch hier betreten die beiden Neuland, denn so etwas gibt es bisher kaum. In dieser Kombination sind die beiden jetzt noch mehr als je zuvor in der Welt unterwegs, aber nie mehr alleine. Patrick Bäurer wäre nicht Patrick Bäurer, wenn er jetzt alles erreicht hätte und keine neuen Ziele und Herausforderungen sehen würde. Zusammen mit Aguśka arbeitet er daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und natürlich strebt er weiterhin an, den Weltmeister titel zu holen, etwas, was ihm bisher trotz aller Arbeit immer noch nicht gelungen ist. Und so ganz nebenbei plant er auch den einen oder ande- ren zusätzlichen Weltrekord. Zudem schreibt Patrick derzeit ein Buch zum Thema Freestyle-Fußball, welches zum Jahresende 2022 erscheinen wird. Die Arbeit geht Patrick Bäurer nicht aus und die Ideen und sein sportlicher Ehrgeiz noch viel weniger. Patrick Bäurer mit seiner Lebenspartnerin Aguśka Mnich, die wie er eine erfolgreiche Freestyle-Fußballerin ist. 110 Da leben wir

 

 

 

Beim Freestyle-Trainingscamp für Nachwuchs-Fußballer. Patrick Bäurer und seine Lebenspartnerin Aguśka Mnich bestreiten ihre Showacts auch gemeinsam. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 111

 

 

 

Selina Haas und das neue Bild vom Schwarzwald Tradition und Moderne kreativ verknüpft Ein missglückter Studienbeginn, ein „schlüpfriges“ Werbeplakat mit rekordverdächtiger Reichweite und ein Kuckuck, der seine gewohnte Umgebung verlassen hat – das sind die Etappen einer Erfolgs geschichte, die gerade in Schonach geschrieben wird. Im Mittelpunkt steht dabei Selina Haas, Designerin und mittlerweile Geschäftsführerin der alteingesessenen Uhrenfabrik Rombach & Haas. von Marc Eich Rechts: Selina mit der Schwarzwalduhr des Jahres 2021. Das Wandbild ist kaum erkennbar als Zeitanzeiger – die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. 112 Da leben wir

 

 

 

XXX 113

 

 

 

Traditionelle Produkte neu gedacht „Jetzt noch ein grelles Grün!“ Selina Haas, die nach ihrer Heirat mittlerweile Kreyer heißt, greift in ihrem Schaffensraum in ein Regal und schnappt sich eine Tube. In einem Strahl trifft die Farbe auf einen Uhrenkasten, die 33-Jährige schwingt mit den Tuben über das neu geschaffene Kunstobjekt. „Eigentlich“, sagt sie, „‘vergewaltige‘ ich hier traditionelle Produkte.“ Das klingt angesichts des Erfolgs der Uhren fabrik, die sich dank der kreativen Frau des Hauses in den vergangenen Jahren neu erfunden hat, etwas derb – trifft aber möglicher- weise das Gefühl jener, die insbesondere von der Kuckucksuhr ein sehr ursprüngliches Bild vor Augen haben und das auch behalten möch- ten. Dabei könnte man den „Farb- anschlag“ auf den schlichten Uh- renkasten durchaus als Recycling bezeichnen. Denn der Kasten hat Designer-Kuckucksuhr mit Original Schwarzwälder Kuckucksuhrenwerk und lackierter Holz-Arbeit von Selina Haas. eigentlich – wie viele andere, die in ihrem Atelier stehen – einen Defekt. Doch statt ihn zu entsorgen, wird er aufgemöbelt. Ein Unikat wird geschaffen. „Wir machen da Kunst draus!“, so Selina Haas. Familie ist seit 1894 mit der Uhrmacherei verbunden Sie scheint sich in jenen Momenten in ihre Vergan- genheit zurückversetzt zu fühlen. An damals, als das Mädchen neben ihrer Mutter Conny saß, während diese mit Acrylfarben Uhrenschil der für die Fabrik bemalt hat. Schon im Kindesalter hat sie gerne mit Far- be gespielt, „und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt“, sagt sie heute mit einem verschmitzten Lächeln und ergänzt: „Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt.“ Die gebürtige Tribergerin hat früh in den Familienbetrieb rein- geschmeckt. Sie erinnert sich noch an die Zeiten, als ihr Großvater Herbert hier das Sagen hatte und mit der kleinen Selina in die Welt der Uhren eingetaucht ist. 114 Da leben wir

 

 

 

Schon im Kindesalter hab ich gerne mit Farbe gespielt und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt. Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt. Damals gab es – selbstredend – nur die traditi- onellen Kuckucksuhren. Zu den besten Kunden ge- hörten zu jener Zeit die Amerikaner. Ihr Opa Herbert Haas wurde deshalb ein Jahr auf Sprachreise ge- schickt, um sein Englisch zu perfektionieren – ohne jene Sprachkenntnis schien ein Führen der Firma zur damaligen Zeit fast schon utopisch. Seit der Gründung im Jahr 1894 war die Familie mit der Uhrmacherei ver- bunden – dennoch hatte Selina Haas nicht von Anfang an auf einen Platz in der Firma geschielt. Bildfolge oben: Aus alt mach neu – ein Unikat wird geschaffen. Nachdem sie die Realschule abgeschlossen hatte, entschied sie sich für das Profil „Technik und Manage ment“ am Technischen Gymnasium in Furtwangen. Noch bevor sie dort ihren Abschluss erlangte, war für sie glasklar, dass sie zukünftig im kreativen Bereich tätig sein möchte. Ohne Abitur, aber mit großem Willen, schloss sie die Aufnahme- prüfung erfolgreich ab – einem Kunststudium an der Fachhochschule Macromedia in Freiburg stand dann nichts mehr im Wege. Doch so richtig warm wurde sie mit dem Studien- gang und den Rahmenbedingungen nicht. „Die Künstler hatten sehr viele Freiräume“, erinnert sich die heutige Designerin an die Anfänge in Freiburg. Sie sagt: „Ich dachte, ich lerne dort verschiedene Techniken kennen – aber mir wurde nicht wirklich was beigebracht.“ Schon bald schielte sie auf die Stu- dierenden ein Stockwerk tiefer – Grafikdesign sollte es schließlich sein. Nach einem Semester wechselte sie den Studiengang, fokussierte sich nun voll auf Selina Haas 115

 

 

 

die Ausbildung, ließ Studentenpartys links liegen. Dabei reizte sie schon immer der Mix aus Fotografie und grafischen Elementen, das Geschaffene fand dann Platz auf Postkarten und Wandbildern, oft auch in Verbindung mit Schwarzwald-Motiven und der Kuckucks uhr, die beispielsweise mit Bollenhut „be- kleidet“ im dichten Unterholz hängt. Qualität bleibt das oberste Credo trotz moderner Neuausrichtung Ihre grafischen Fähigkeiten führten sie schnell wieder zurück zur Firma ihrer Eltern. „Ich habe dann angefan- gen, Prospekte zu machen und Logos zu entwerfen.“ Dazu passte, dass ihre Eltern der Uhrenfabrik ohnehin schon einen frischen Anstrich verpasst hatten. Im Hause Rombach & Haas stand nichts Geringeres als ein neues Zeitalter an. Auch deshalb, weil der Markt für die klassische Kuckucksuhr stagnierte. „Viele wollen sich so etwas nicht mehr in die Wohnung hängen“, erklärt sie. Warum also nicht Tradition und Moderne verbinden – und gleichzeitig an der Manufaktur festhalten? Qualität sollte das oberste Credo bleiben. 2006 fand die Bewerbung erster moderner Modelle, die auch der jüngeren Generati- on den Zugang zur Schwarzwälder Uhrentradition ermöglichen sollte, auf einer Messe statt. Es sei am Stand viel diskutiert worden über den neuen Zeitgeist, der im Hause Rombach & Haas eingekehrt war, ohne die ursprünglichen Modelle zu verschmähen. Nicht überall rannte die Familie offene Türen ein. „Einer hat den Papa sogar am Kragen ge- packt“, erzählt sie. Heute kann sie – angesichts des Erfolges und des Fortbestands der Firma – darüber schmunzeln. Gleichzeitig habe sie großen Respekt davor, dass die neue Linie durchgezogen wurde. Und auch sie wurde peu à peu Teil dieser Revolu- tion in Schonach. Das wurde beispielsweise im Fach Marketing während des Studiums deutlich. Eine fiktive Firma sollte sie sich ausdenken, um sich Marketing- und Vertriebsmöglichkeiten zu überlegen. „Ich hab‘ dann einfach unsere Firma genommen“, so Selina Haas, „dann ist mir aufgefallen, was man alles verän- dern könnte.“ Schnell kam ihr in den Sinn, unter ande- rem ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause zu verbinden, eine ganz neue Symbiose zu schaffen. Alle Ideen packte sie auf ein Plakat. Beim Besuch ihrer Eltern hatte sie im Freiburger Seepark dann genau Für Selina Haas war klar: Sollte sie die Firma übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause verbinden und damit eine ganz neue Symbiose schaffen. jenes Plakat unter dem Arm und stellte ihre Überle- gungen vor. „Das war fast wie eine Bewerbung“, sagt die 33-Jährige und lacht. Für sie war schon damals klar: Sollte sie die Firma wirklich mal übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Werbekampagne mit ungeahnten Folgen Doch bis dorthin machte sie noch einen ordentlichen Schlenker – für den ausgerechnet der Vorsitzende einer Spaßpartei den Weg ebnete. Wie kam es dazu? Am Anfang stand dabei zunächst eine Anfrage des damaligen Ferienland-Geschäftsführers Julian Schmitz. Für den touristischen Zusammenschluss von Schonach, Schönwald, Furtwangen und St. Geor- gen sollte eine Werbekampagne gestartet werden – die junge Designerin wurde damit kurz vor dem Abschluss ihres Studiums beauftragt. Mit ungeahn- ten Folgen: Eines der Plakate von ihr war mit dem Spruch „Große Berge, feuchte Täler & jede Menge Wald“ und der schlüpfrigen Silhouette einer sich räkelnden Frau mit Bollenhut bestückt. „Da bin ich zusammen mit meinem späteren Mann draufgekom- men“, erzählt sie, „wir wussten aber nicht, wie es ankommt.“ Das Ferienland übernahm den Vorschlag und schaltete damit Anzeigen – und genau über eine solche stolperte Martin Sonneborn, seines Zeichens Vorsitzender der Spaßpartei „Die PARTEI“, in einem Heftchen der Fluggesellschaft Ryanair. Mit dem Satz „Schwarzwald? Geile Gegend“ schickte er das Plakat ins World Wide Web – mit ungeahnten Folgen. Medien stürzten sich auf die Kampagne, sogar der Deutsche 116 Da leben wir

 

 

 

In ihrem Designatelier präsentiert Selina Haas ihre Illustrationen mit Schwarzwald-Motiven. Werberat wurde auf den Plan gerufen. „118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch ungläubig den Kopf. Von diesem Tag an klingelte bei ihr unaufhörlich das Telefon – viele hätten sie dazu animiert, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzumachen. Über die Medien sei aber auch Kritik an der „sexistisch“ anmutenden Darstellung laut geworden. Nichtsdesto- trotz: Ihr Name war in aller Munde. „Ab da woll- ten alle Werbung von mir, ich hätte in eine große Werbeagentur einsteigen können.“ Doch das war nicht das, was sich die nun bekannte Designerin aus dem Schwarzwald vorgestellt hatte. „Ich wollte mein 118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch über die ungeheure Resonanz ungläubig den Kopf. Die Werbekampagne für das Ferienland Schwarzwald sorgte 2015 für jede Menge Wirbel und Aufmerksamkeit. Selina Haas 117

 

 

 

Handarbeit und Qualität stehen im Mittelpunkt der Uhrenproduktion. Selina steigt 2015 in das elterliche Uhrengeschäft ein und übernimmt schließlich im Januar 2021. eigenes Ding durchziehen“, sagt sie. Gegenüber der elterlichen Firma richtet sie sich eine kleine, aber feine Designagentur ein, bedient von dort aus ihre Kunden, feilt außerdem weiter an ihren Illustratio- nen mit Schwarzwald-Motiven. Auch die haptischen Kunstformen fließen in ihre Arbeit mit ein – statt ausschließlich Kundenwünsche umzusetzen, ver- wirklicht sie ihre eigenen Ideen, vertreibt diese erfolgreich. Und: Die Verbindung zur Uhren- fabrik reißt nie ab. Übernahme der Uhrenfabrik Nach mehreren Jahren mit eigener Agentur und Atelier eröffneten die Eltern ihr die Möglichkeit, die Uhrenfabrik zu übernehmen – in fünfter Genera- tion. Mit ins Boot kam dabei auch ihr Mann Andreas (33), der zuvor als Landschaftsgärtner Handarbeit und Qualität sollen weiterhin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. seine Kreativität ausgelebt hatte und diese nun ebenfalls in das Traditions- unternehmen mit einbringt. 2015 stieg sie zunächst in das elterliche Geschäft mit ein, behielt – mittler- weile ungeachtet des Namenswech- sels nach der Hochzeit – ihre Marke „SELINA HAAS“ bei und lässt sie bis heute teilweise in die traditionelle Uhrenfabrik mit einfließen. „Es war aber klar, dass wir uns auf die Designuhren konzentrieren.“ Im Januar 2021 erfolgte schließlich die Schlichte Vogelhaus-Kuckucksuhr mit besonderem Motiv im typischen SELINA HAAS DESIGN-Stil. endgültige Übernahme durch das Ehepaar Kreyer – zu einem Zeitpunkt, als die Corona- Krise viele Betriebe beutelte. Nachdem zunächst 118 Da leben wir

 

 

 

Uhren und Wandbilder von Selina Haas. wirtschaftliche Sorgen und ein Einbruch des Absat- zes im Vordergrund standen, hat sich die Thematik mittlerweile verschoben. „Es geht jetzt eher um die Lieferprobleme, das kannten wir bislang gar nicht“, gibt Selina einen Einblick. So wäre man nun abhän- gig davon, ob jene Firmen, die die vielen Einzelteile für die Kuckucks uhren herstellen, überhaupt noch liefern können. Denn: Handarbeit und Qualität sollen weiter- hin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. Neuer Kundenkreis dank Mut und Kreativität Dennoch weht ein frischer Wind in dem Haus, welches insbesondere im Produktions bereich in der Zeit stehenge- blieben zu sein scheint und einen Charme versprüht, der die Verbundenheit zur ursprünglichen Kuckucksuhr am Leben erhält. Dennoch der Betrieb hat sich seit der Übernahme verändert. Das Ehepaar verkleinerte die Produktvielfalt, passte sie an. Die Uhren werden dafür professioneller präsentiert. Im Showroom verdeutlicht sich der Wandel bei Rombach & Haas und die erfolgreiche Symbiose zwischen der Designerin und der traditio- nellen Uhr besonders. Hervor blitzt hier die „Schwarz- walduhr des Jahres 2021“ – kaum erkennbar als Zeitanzeiger, vielmehr als Wandbild. 2019 entstand die Idee, hinter eines jener Wandbilder, die eine Kuckucksuhr abbilden, ein Werk einzubauen und daraus eine Uhr zu gestalten. Die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. Genau solche modernen Modelle haben der Firma mittlerweile einen ganz neuen Kundenkreis erschlos- sen, Rombach & Haas steht für Innovation auf diesem Gebiet. Dank des Mutes der Familie und der Kreativität von Selina Haas. Und genau diese Kreativität sorgt dafür, dass der eigentlich ausrangierte Uhrenkasten im Schaffensraum zu einem neuen Kunstwerk wurde. Die 33-Jährige kneift mit der Tube in der Hand die Augen zusammen, betrachtet die Farbakzente. „Ja doch, so gefällt es mir“, sagt sie. Jetzt noch ein Werk rein und schon erhält der Ku- ckuck in Schonach in ungewohnt farbenfroher Umgebung ein neues Zuhause. Selina Haas 119

 

 

 

Daniela Maier SKICROSS-WELTELITE AUS DEM SCHWARZWALD – BRONZE BEI OLYMPIA von Silvia Binninger Die Olympischen Winterspiele in China 2022 werden die Menschen in Urach und Furtwangen sowie viele weitere Sportbegeisterte im Landkreis nicht so schnell vergessen: Am 17. Februar holte die Furtwangerin Daniela Maier für den Ski club Urach die Bronze medaille im Skicross in den Schwarzwald. Die erfolgreiche Sportlerin gilt als Leuchtturm im Skicross­Team des Deutschen Skiverbandes. Immer gut drauf, ein Lächeln im Gesicht und voller Optimismus – das ist Daniela Maier! Dass sie im Finallauf als Vierte von der olympischen Jury eine Bronze medaille wegen unfairen Wettkampfs der Schweizerin Fanny Smith zugesprochen bekommt, hat jedoch ein Nachspiel: Zwar führt das Internationale Olympische Komitee (IOC) Daniela Maier als alleinige Gewinnerin der Bronze­ medaille – und das IOC veranstaltet immerhin die Olympischen Spiele … Doch bemühen sich nach dem Einspruch des einflussreichen Schweizer Skiverbandes gegen diesen Jury­Entscheid die Deutschen und Schweizer Verbände gemeinsam darum, dass beide Sportlerinnen eine Bronzemedaille zugesprochen bekommen. Daniela Maier begrüßt diesen Antrag. Es wäre für sie ein „Happy End“, so die Furtwangerin am Beginn des Skicross­ Weltcups 2022/23, wenn beide Skicrosser­ innen eine Medaille erhalten würden. Ob auch Fanny Smith Olympia­Bronze bekommt, stand bis zum Erscheinen des Almanachs nicht fest. 121

 

 

 

122 Da leben wir

 

 

 

Noch nicht einmal geboren, wird Daniela Maier auch schon Mitglied im Skiclub Urach: Noch während der Schwangerschaft füllt der Vater den Aufnahmeantrag aus. Am 4. März 1996 erblickt Daniela in Villingen-Schwenningen das Licht der Welt und wird in eine sportbegeisterte Familie hineingeboren. Die Eltern Thomas und Brunhilde Maier sind aktive Mitglieder im Skiclub Urach und da liegt es nahe, den Nachwuchs so schnell als möglich ebenso für den Skisport zu gewinnen. Mit drei Jahren steht Daniela Maier auf den Skiern, es zeigt sich, „Skifahren ist ihr Ding“. Schon in jungen Jahren ist nach zahlreichen Erfolgen klar, dass sie den Skisport professionell weiterführen möchte. Den Zugang zum Leistungssport findet sie zudem durch ihren Bruder Dominik Maier, der Skispringer war. Danielas Kindheit ist mit Trainingseinheiten förmlich durchgetaktet – für sie ist das aber keine Last. Sie fährt Ski, turnt und macht Leichtathletik, mit dem Vater trainiert sie auf dem Bike. Zeit für das Erlernen eines Instruments bleibt da nicht, obwohl sie das gerne getan hätte. Zu den verschiedenen Trainingsorten fahren sie die Eltern. Oft wird sie gleich nach der Schule abgeholt und zum Feldberg gebracht oder auch mal ins Kaunertal zu einem Lehr- gang. Daniela Maier: ,,Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben.“ Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben. Begeisterung vom Vater steckte an Bis zu ihrem 16. Lebensjahr nimmt Daniela an diversen alpinen FIS-Rennen teil, bis sie in der Saison 2012/2013 zum Skicross wechselt. Ihr Vater Thomas betreibt diese Sportart schon länger und ist derart vom Skicross begeistert, dass er zu Daniela meint: ,,Das wäre auch was für dich!“ Bei so viel Enthusiasmus konnte Daniela nicht „nein“ sagen und versuchte es einfach. Daniela Maier bei der Flower Ceremony in Peking. Skicrosserin Daniela Maier 123

 

 

 

Nach einigen Trainingseinheiten fährt sie das erstes Rennen in Grasgehren am Riedberger Horn im Allgäu. Prompt bringt sie ihre erste Goldmedaille mit nach Hause. Vor dem Hintergrund dieses Erfol- ges knüpft Danielas Vater die ersten Kontakte zum Deutschen Skiverband. Beim FIS-Rennen in Mitten- wald belegt Daniela Maier schließlich den zehnten Platz. Kurz darauf wird sie Junioren-Meisterin bei der Deutschen Meisterschaft in Lienz. Im Sommer 2013 erfolgen Sichtungen in verschiedenen Camps – der DSV erkennt Danielas Potenzial. Sie wird als eine der wenigen Schwarzwälderinnen in das deutsche Team aufgenommen und fährt jetzt im Landeskader Bayern. Ihr Trainer ist Maximilian Wittwer. Erste Erfolge im deutschen Nationalteam Als Mitglied des deutschen Nationalteams nimmt Daniela in der Saison 2013/2014 am Eurocamp teil und beim Europacup im Montafon wird sie Achte. Da Daniela 2014 am Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwan- gen mit Erfolg ihr Abitur ablegt, fährt sie im Februar 2014 weniger Rennen. Im darauf folgenden Winter erreicht sie bei den Deutschen Meisterschaften den fünften Platz und wird in den deutschen Nachwuchs- kader bzw. in den C-Kader aufgenommen. Daniela ist überglücklich und zieht nach Bayern um. Im Oktober 2014 folgt die Aufnahme in den Ski-Zug der Bundeswehr in Berchtesgaden. Die sportlichen Erfolge halten an: In der Skisaison 2014/2015 steht Daniela Maier zweimal auf dem Podest. Sie geht als Siegerin beim Europacup hervor und wird Deutsche Meisterin. Zum Abschluss des Winters gewinnt sie bei den Juniorenweltmeister- schaften in Chiesa in Valmalenco die Silbermedaille. Die erfolgreiche Sportkarriere benötigt nun eben- so eine berufliche Komponente. Im August 2015 be- ginnt Daniela Maier eine vierjährige Ausbildung bei der Bundespolizei im Leistungszentrum für Winter- sportarten in Bad Endorf in der Nähe des Chiemsees. Die Sportlerin kann so Sport und Ausbildung ver- binden und hat die Möglichkeit, nach ihrer Sportler- karriere im Polizeidienst zu arbeiten. Daniela Maier mit ihrem olympischen gehäkelten Blumenstrauß, den es für alle Medaillengewinner gibt. 124 Da leben wir

 

 

 

Überglücklich ist Daniela Maier, als sie 2015 Vize-Juniorenweltmeisterin im Skicross wird. Erste Weltcupsaison – „Rookie of the Year“ In der Saison 2015/2016 fährt Daniela Maier ihre erste Weltcupsaison – von nun an darf sie mit den ,,richtig großen Mädels“ an den Start. Bei ihrem Weltcup-Debüt im Montafon landet sie auf Platz 12 und startet bei jedem Weltcup-Rennen. Daniela beendet den Winter auf Rang 17 in der Weltcup- Gesamt wertung und erhält eine besondere Auszeich- nung: ,,Rookie of the Year“. Alle teilnehmenden Nationen küren sie zum besten Neuling. Das damit verbundene Trikot ist bis heute ihr Glücksbringer. Nach der ersten Weltcup- saison 2015/2016 wird Daniela zum besten Neuling gekürt und erhält eine beson- dere Auszeichnung: ,,Rookie of the Year“. Rückschläge verkraften Die Saison 2016/2017 beginnt mit einem großartigen Resultat: Im Dezember 2016 wird Daniela Dritte in Val Thorens und steht erstmals auf dem Weltcup- Podium. Unglücklicherweise verletzt sie sich bei einem Rennen am Feldberg im Februar 2017 am Knie und zieht sich eine immense Schädigung des Gelenk- knorpels zu. Der Knorpel muss im Labor neu gezüchtet und dann verpflanzt werden – in insge- samt drei Operationen. Trotz dieser Knieverletzung beendet sie die Saison als 13. im Gesamtweltcup. Eine bittere Erfahrung ist die Notwendigkeit, eine eineinhalbjährige Pause vom Skifahren einlegen zu müssen. Daniela Maier ist dankbar, in dieser mental und körperlich schwierigen Zeit von der Familie, dem Skiclub Urach und ihren Freunden So funktioniert Skicross: Bei diesem Wettkampf handelt es sich um eine Ski-Freestyle- Disziplin, bei der vier Skifahrer auf einer speziell konzipierten Strecke gegeneinander antreten. Skicross-Strecken sind schmal, kurvig und mit zahlreichen natürlichen und künstlich angeleg- ten Sprüngen, Bodenwellen, Steilhangkurven und Hindernissen gespickt. Beim Skicross kommt exakt dieselbe Ausrüs- tung zum Einsatz wie beim traditionellen alpinen Skisport. Die Rennen laufen in mehreren Runden ab. Zunächst findet eine Qualifikation statt, bei der die Athleten allein gegen die Zeit fahren. Dann kommen die besten 16 Frauen und 32 Männer wei- ter und werden in Vierer-Läufe eingeteilt. Gefahren wird jeweils im KO-System. Die bei- den Erstplatzierten eines Laufs qualifizieren sich für die nächste Runde. So geht es bis hin zum Finale, in dem dann schließlich die ersten vier Plät- ze ausgefahren werden. Aktionen wie Festhalten, Schubsen und Schlagen der Mitstreiter werden als Foul gewertet und können zur Disqualifikation führen. Skicross ist eine Wintersport-Disziplin, die auch beim FIS Freestyle-Skiing-Weltcup und bei den Olympischen Winterspielen vertreten ist. Skicrosserin Daniela Maier 125 125

 

 

 

Während der Saison 2017/2018 kann Daniela zum Training wieder auf die Piste. Mit ihrem Team geht es zu den Rennen, zu Trainingszwecken ist sie bei den Wettkämpfen mit dabei. Nach ihrer 22-monati- gen Wettkampfpause steigt sie im Dezember 2018 wieder ins Renngeschehen ein und startet mit gleich zwei Siegen in Folge bei den FIS-Rennen auf der Reiteralm. Siebter Platz in der Weltcup-Gesamtwertung 2019 wird sie beste deutsche Fahrerin bei ihren ersten Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Solitude bei Salt Lake City und Elfte in der Gesamt- wertung. Bei den folgenden zehn Weltcupeinsätzen fährt sie jedes Mal in die Top 15. Wieder richtig fit und voller Energie beginnt die Saison 2019/2020 mit dem Weltcup-Rennen in Inni- chen in den Sextener Dolomiten. Sie schafft es aufs Podium mit dem dritten Platz. Ebenso in Russland sowie im Sunny Valley. In der Weltcup-Gesamtwer- tung liegt sie auf dem siebten Rang. Das Finale muss allerdings einen Tag davor coronabedingt abgesagt werden, die Pandemie verändert nun auch das Wett- kampfgeschehen im Skicross. Während des Lock- downs trainiert Daniela viel zu Hause und beendet erfolgreich ihre Ausbildung bei der Polizei. Die Bundespolizistin kann 2020/2021 ihren Auf- wärtstrend der vergangenen Saison fortsetzen. Zu- nächst mit einem zehnten Platz in Arosa, fährt sie in Val Thorens ihr bisher bestes Weltcup-Ergebnis mit Rang zwei ein. Auf der Reiteralm beim Europacup kann sie das Rennen zunächst für sich entscheiden, bevor sie am darauffolgenden Tag beim Training schwer stürzt und wieder das Kreuzband im rechten Knie reißt. Sie wird sofort operiert, es folgt eine Reha im Sportzentrum am Tegernsee und Osteopathie bei Veronika Winterhalter. Daniela hat trotz der er- neuten Verletzung keinen Vertrauensverlust in ihr rechtes Knie – und landet in dieser Saison erneut auf dem Podium. Danielas Trainingspläne werden von ihrem Trai- ner Maximilian Wittwer geschrieben. Es ist ein ganz- heitliches Coaching mit geschultem Blick für Fehlhal- tungen und individuell angepasster Physio therapie. Es beinhaltet auch mentales Training, das sehr wich- tig ist vor einem Rennen und allgemein zum Über- winden von Unsicherheiten in der Fahrweise. Nach 22-monatiger Wettkampfpause, ausgelöst durch eine schwere Knieverletzung, startet Daniela Maier im Jahr 2019 wieder durch. Gymnastik war eines der Mittel, um die Fitness und körperliche Belastbarkeit wieder herzustellen. großartig unterstützt zu werden. Um die Muskulatur und Gelenke schonend zu kräftigen, ist Wassergym- nastik das beste Mittel. Mit Margot Zeitvogel weiß sie in Bad Reichenhall eine routinierte Therapeutin an ihrer Seite. Ihre Reha absolviert die Sportlerin in der Simse Klinik direkt neben der Bundespolizei in Bad Endorf. Ihr Trainer Maximilian Wittwer begleitet den langwierigen Weg von der Reha zurück zum Skicross. 126 Da leben wir

 

 

 

Olympia 2022 in Peking – Zuerst Vierte, dann folgt die Bronze-Medaille Das bislang größte Highlight in Danielas Karriere folgt im Februar 2022, als sie bei den Olympischen Winterspielen in China startet. „Ohne die Glücksbrin- ger, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking“, erzählt Daniela Maier mit einem Lächeln im Gesicht bei ihrer Abreise der Presse. Die 25-jährige Skicrosserin nimmt Kuscheltiere, besondere Socken, Fotos, Bücher und selbst UNO-Karten mit. ,,Es war sehr aufregend“, blickt sie auf Olympia zurück. „Das ganze Drumherum und auch sich mit so vielen Sportlern aus verschiede- nen Nationen zu unterhalten, das war etwas Besonde- res“, schwärmt sie. Mit bis zu 80 Stundenkilometern unterwegs – Daniela Maier bei den Olympischen Spielen in Peking. Ohne die Glücksbringer, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking. Skicrosserin Daniela Maier 127

 

 

 

Am Renntag ist Daniela Maier in Top-Form. Im Viertel- und Halbfinale kämpft sie sich mit extrem couragierter Fahrweise jeweils von hinteren Positionen nach vorne. Den Journalisten bei Olympia erklärt sie: „Ich bin sehr stolz auf meine Leistung, so gut bin ich noch nie Skicross gefahren und habe brutal schnelle Ski unter den Füßen.“ Schließlich gehört sie zu den vier Finalistinnen. Nach einem fulminanten Start gerät Daniela im Finale jedoch ins Hintertreffen und wird von der Schweizerin Fanny Smith ausgebremst, wird zunächst Vierte. Nach langsam verstreichenden Minuten im Zielraum, aus dem man als Viertplatzier- te so schnell wie möglich raus möchte, so die Furtwangerin, wird per Video beweis eine Behinde- rung seitens der Schweizerin an Daniela Maier festgestellt. Somit rutscht sie auf den dritten Platz und kann bei der Siegerehrung die Bronzemedaille in Empfang nehmen. Es ist die erste Medaille bei den Olympischen Spielen für Deutschland im Skicross. Daniela Maier zeigte in diesem Augenblick Fair Play und sportliche Größe, als sie mehrfach unterstreicht, sie selbst habe das Verhalten der Schweizerin zunächst nicht als Behinderung empfunden. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: erst auf dem vierten dann doch auf dem dritten Platz… Sie sagt sich: „Genieße es, es ist dein Moment.“ Es folgen die Dopingkontrolle und Interviews mit der ARD und dem ZDF. Am Abend wird Daniela Maier mit rotem Konfetti in Empfang genommen. Natürlich gibt es ein Telefonat mit ihren Eltern. Ihrer Meinung nach ist sie das beste Skicross in ihrer bisherigen Laufbahn gefahren und als sie sich das Rennen anschaute, dachte sie sich: „Wer ist diese Frau?“ In all den Interviews, die jetzt folgen, sagt sie: „Ich wusste, eine kleine Chance besteht. Es sind aber die Besten der Besten hier vor Ort, die absolute Weltklasse. Ich habe zwar schon auf dem Podest gestanden, aber noch nie konstant, ich komme aus einer Verletzungssituation. Ich habe gekämpft, ich habe bis zum Schluss gekämpft – und die Medaille ist rausgekommen!“ Als sie auf dem Podest der olympischen Siegerehrung steht, rollen Tränen der Freude. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/daniela-maier 128 Da leben wir

 

 

 

Der fulminante Zieleinlauf in Peking. Rechts Daniela Maier, ausgebremst beim Zielsprung durch Fanny Smith (links daneben), so das Urteil der Olympia-Jury vor Ort. 129

 

 

 

Die größten Erfolge in der Übersicht: 2015 Erste Weltcup-Platzierung, Platz 12 Montafon (Österreich) 2015 Weltcup-Platzierung, Platz 8 Innichen (Italien) 2015 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 2 Valmalenco (Italien) 2015 Europa-Cup, 2 Siege Gesamtwertung: Platz 2 2016 Erstes Weltcup-Podest, Platz 3, Val Thorens (Frankreich) 2016 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 4 Val Thorens 2019 Weltmeisterschaft, Platz 11 Solitude (USA) 2021 Weltcup-Platzierung, Platz 2 Val Thorens 2022 Olympische Winterspiele, Bronzemedaille Peking 2022 Gesamt-Weltcup, Platz 8 Sport macht einfach Spaß Nach Olympia ging‘s im Weltcup nochmals weiter, Daniela Maier erreicht den achten Platz in der Gesamtwertung. Beim Red Bull SuperSkicross in Andermatt kann sie zum Saisonende erneut demon- strieren, was Skicross wirklich ist: Ein wilder Ritt! Mit 80 Stundenkilometern geht es zu viert in Steilkurven, es folgt ein 40-Meter-Sprung – zum Schluss schießen die Crosserinnen über ein schräges Hausdach aus Schnee. Das Fazit von Daniela Maier: „Ein richtig cooles Event, eine gute Werbung für unseren Sport!“ Nach den Winterspielen genießt sie die Aufmerk- samkeit, die ihr Olympia gebracht hat. Bundespräsi- dent Frank-Walter Steinmeier verleiht ihr das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland. Dar- über hinaus ist sie Gast beim Ball des Sports und die Deutsche Sporthilfe kürt sie zum „Champion des Jah- res“. ,,Aber nicht jede Party kann man mitmachen, das haut dich sechs Trainingseinheiten zurück!“, erzählt sie lachend. Außerhalb des Skicross ist Daniela Maier gerne in den Bergen zum Wandern oder beim Biken. Sie schwimmt im Chiemsee oder macht dort eine Fahrt mit dem Stand-up Paddle mit anschließender Brotzeit auf dem See. Außerdem backt sie sehr gerne Kuchen und teilt Empfehlungen für Back portale im Internet. Sie ist glücklich in ihrer WG in Marquartstein im Chiemgau, aber kommt immer mal wieder in den Schwarzwald zu Besuch. Und sie telefoniert häufig mehrere Stunden lang mit ihrer Mutter in Furtwangen. Für die Zukunft möchte die nunmehr 26-Jährige den Hauptfokus auf ihre physische Konstitution rich- ten. Noch mehr Energie in die Vorbereitung zu den einzelnen Wettkämpfen investieren. Aber das Wich- tigste für Daniela ist, dass ihr der Sport einfach Spaß macht und sie unendlich dankbar ist, wie sie von ihren Eltern, Freunden und durch den Skiclub Urach unterstützt wird. Was nun Olympia anbelangt, hofft Daniela Maier: „Es wäre super, wenn es ein Happy End gibt – und wir beide eine Medaille bekommen. Das wäre das beste Szenario.“ Großartiger Empfang in Furtwangen Rund 250 Fans, Familie, Wegbegleiter, Politikpro- minenz und hochrangige Sportfunktionäre berei- ten Daniela Maier Anfang April 2022 einen tollen Empfang in ihrer Heimatstadt Furtwangen. Fahnen schwenkend und jubelnd begrüßen sie die Schwarz- wälder Athletin in der Festhalle. Es gibt eine Polo- naise mit dem Skinachwuchs des SC Urach, ihrem Heimatclub und ein spontanes Tänzchen mit Mama Bruni. Lachend und in die jubelnde Menge winkend bahnt sich Daniela Maier den Weg durch das Fahnen- meer auf die Bühne. Dort plaudert sie mit Moderator Stefan Lubowitzki locker über ihre Erlebnisse in Peking. Aber auch über ihre ersten Gehversuche im Alter von drei Jahren beim Skiclub Urach, dem sie bis heute eng verbunden ist. Schließlich schauen sich Daniela Maier und die Zuschauer noch einmal die spannendsten Momente von Olympia auf der Großbildleinwand an. Darunter auch den Finallauf. „Dani, du hast uns Nerven gekostet, so spannend war es. Aber wir sind alle sehr stolz darauf, dass du die Saison 2021/2022 mit diesem großartigen Erfolg gekrönt hast“, so der Furtwanger Bürgermeister Josef Herdner und der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. 130 Da leben wir

 

 

 

In Furtwangen wird Daniela Maier am 2. April 2022 von ihren Fans laut jubelnd begrüßt. Unten: Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Furtwangen mit den Bürgermeistern Josef Herdner, Furtwangen (links) und Heiko Wehrle, Vöhrenbach (rechts). Skicrosserin Daniela Maier 131

 

 

 

Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien lehmann_holz_bauten aus St. Georgen­Peterzell hat sich voll und ganz dem Bauen mit dem heimischen Werkstoff Holz verschrieben. Eine Holzart hat es Inhaber Christian Lehmann dabei ganz besonders angetan: die Weißtanne. Von Roland Sprich Weißtannen-Tinyhäuser nach der Hütten- konzeption des Schwarzwald- Baar-Kreises 132 (siehe auch Infokasten auf S. 135). 4. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

XXX 133

 

 

 

Der Begriff Schwarzwaldhaus ist bis heute besetzt mit rustikalem Wohnen auf einem urigen Bauernhof. Mit tief heruntergezogenem Dach und hölzernen Schindeln an den Wänden. Christian Lehmann aus St. Georgen-Peterzell denkt und interpretiert das historische Schwarzwaldhaus neu. Er plant und projektiert Wohn- und Nutzgebäude mit dem typischen und reichlich im Schwarzwald vorkommenden Baumaterial, mit Holz. Und ist auch in anderer Weise ganz eng mit dem Naturstoff verbunden. In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre. Holz spielt im Leben von Christian Lehmann schon immer eine Rolle. Geboren und aufgewachsen ist er auf einem denkmalgeschützten Schwarzwälder Eindachhof mit Sägewerk im Hornberger Ortsteil Reichenbach, nahe der höchsten Anhöhe Windkapf, wo sich die drei Landkreise Ortenau, Rottweil und Schwarzwald-Baar treffen. So lernte er die Wert- schöpfungskette Holz vom Wald über die Verarbei- tung bis zur Veredelung, aus nächster Nähe kennen. Heute ist er von Holz als Werkstoff fasziniert. Mit seinem Unternehmen lehmann_holz_bauten plant, projektiert und realisiert er Holzbauten aller Art – als Baubetreuer oder Generalübernehmer. Und beweist, dass sich die traditionelle Schwarzwälder Holz- bauweise mit moderner und zeitgemäßer Holzbau- architektur verbinden und mit der ursprünglichen Einfachheit und Gemütlichkeit vereinbaren lässt. Im Holzhaus wohnen ist ein Lebensgefühl Wenn Christian Lehmann über Holz spricht, ist er in seinem Element. Selbstredend lebt er auch selbst in einem Holzhaus und hat für sich und seine Familie in einer Holzhausgruppe in den 1990er-Jahren ein Zuhause geschaffen. „In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre.“ Darüber hinaus sind für Christian Lehmann, Inhaber von lehmann_holz_bauten. 134 Wirtschaft

 

 

 

HÜTTENKONZEPTION DES SCHWARZWALD-BAAR-KREISES Mit einem umfassenden Konzept will der Schwarz- wald-Baar-Kreis den Tourismus attraktiver gestalten. Die Hüttenkonzeption soll als Teil davon die gastro- nomische Versorgung entlang von Rad- und Wander- wegen sowie Loipen stärken. Dazu gehören auch Beherbergungsbetriebe. Vier von Christian Lehmann geplante und gebau- te Tiny-Häuser wurden dazu in Langenschiltach bei Familie Lehmann aufgestellt (siehe auch Seite Foto auf Seite 132). Innen wie außen dominiert die Weiß- tanne, die Ferienhäuser stehen mitten in der Natur. ihn die ökologischen, energetischen und wohnge- sunden Aspekte wichtig. „Holz ist ein lebendiger, nachwachsender und leicht zu bearbeitender Rohstoff aus der Natur“, bringt Christian Lehmann seine Faszination für den Baustoff auf einen Nenner. Dazu kommt, dass Holz von allen Baumaterialien die beste CO2-Öko-Klima-Bilanz sowohl bei der Herstel- lung, beim Transport, bei der Verarbeitung, der allgemeinen Nutzung und beim Recycling hat. Nicht von Anfang an der Traumberuf Dass er einmal beruflich mit Holz zu tun haben sollte, war dennoch nicht von vorneherein klar. „Eigentlich wollte ich Landmaschinenmechaniker werden“, verrät er. Familiäre Umstände zeichneten aber einen anderen beruflichen Weg vor. So absol- vierte er stattdessen von 1974 bis 1977 eine Ausbil- dung zum Zimmermann bei seinem Onkel, der in Langenschiltach einen Zimmermannbetrieb hatte. „Zu Anfangszeiten war das mehr ein Baustoffhandel als eine Zimmerei“, erinnert sich Christian Lehmann. Dennoch hat er schnell gelernt und sich viel Wissen selbst angeeignet, was auch zu frühem selbstständi- gen Arbeiten führte. Mit 22 Jahren schon Meister Der berufliche Ehrgeiz setzte sich auch nach Ende der Lehrzeit fort. Bereits nach eineinhalb Jahren als Zimmerergeselle konnte er durch einen glücklichen Umstand die Meisterschule besuchen und hatte letztendlich im Alter von 22 den Meisterbrief im Zimmererhandwerk in der Tasche. Im Anschluss startete er bei einem großen Holzbaubetrieb, wo er 20 Jahre als Bereichs- und Projektleiter für den Holzbau/Hausbau zuständig war und Großprojekte sowie den Schlüsselfertigbau leitete. „Darunter unter anderem den Bau der Neuen Tonhalle in VS-Villingen, das Hallen-/Neckarbad in VS-Schwenningen und die Deutsch-Schweizer Grenz-/Zollanlage in Konstanz- Kreuzlingen“, zählt er auf. 1989 hat Christian Lehmann die Prüfung zum Restaurator im Zimmererhandwerk abgelegt und un- ter anderem die Pfarrkirche St. Martin in Brigachtal und die drei Klosteranlagen in Villingen – die der Franziskaner, Kapuziner und Benediktiner – restau- riert beziehungsweise saniert. lehmann_holz_bauten 135

 

 

 

Oben: Zwei Familien, eine Idee: Die beiden ++Energie-/CO2-Aktivhäuser wurden einfach gespiegelt, so konnte die Baufläche optimal genutzt werden. Unten: Trotz hoher Standardisierung lassen sich auch individuelle Wünsche umsetzen. Die Baufamilie dieses Plusenergiehauses wollte eine Kletterwand an der Hausfassade haben. 136 Wirtschaft

 

 

 

Auch als Energieberater tätig Ein weiteres Standbein, das aktuell wichtiger ist denn je, ist seine Expertise als Energieberater. Selbstredend, dass er bei seinen projektierten Häusern auf den Energiewert achtet. Energieeffizientes Bauen liegt ihm nicht erst seit den steigenden Energiekosten am Herzen. Sogenannte Plusenergiehäuser werden als ++Energie-/CO2-Aktivhäuser gebaut. Dabei wird mehr Energie erzeugt als verbraucht wird. Die Atmosphäre wird nicht mit CO2 be- sondern entlastet. Der durch die Photovoltaikanlage auf der Süddachseite gewonnene Strom wird in eine Hochleistungseffizienz- Luft-Wasser-Wärmepumpe eingespeist. Die Wärme wird über die Fußbodenheizungen verteilt und das Brauchwasser gepuffert. Die Stromspeicher ergänzen und die Elektro-Ladestation komplettieren das Energiekonzept. Entwicklung eigener „Rahmenbedingungen“ Bei der Zusammenarbeit mit einer jungen, dynami- schen Architektengruppe Anfang der 1990er-Jahre bekam Christian Lehmann auch Zugang zur Architek- tur. „Damals habe ich begonnen, nebenher die ersten Häuser in Holz-System-Bauweise zu planen und auf Karo-Papier skizzenhaft zu entwerfen“, erinnert er sich. Dabei stieß er auch auf ein von einem Konstanzer Architekten entwickeltes Raster- modell für das Holzbau-Tragsystem. Von diesen Kenntnissen ausgehend entwickelte Christian Lehmann seine eigenen „Rahmenbedingungen“, die längst zu seinem Markenzeichen geworden sind, seitdem er sich 2003 mit einem eigenen Büro in Die hohe Standardisierung durch den Einsatz des Meter- Rasters macht Bauen effektiv und preisgünstig. Peterzell selbstständig gemacht hat. Auf der Ein- gangstür steht: „architektonisch pur – lehmann_ holz_bauten – beraten, betreuen, bauen.“ Die Planungen für seine Holzbauten, ganz egal ob Wohn-, Arbeits-, Ferien-, An-/Um-, gewerbliche, öffentliche, landwirtschaftliche Bauten, beruhen allesamt auf dem Meter-Raster. In der Regel gibt es ein Primär-Tragraster und ein Ein-Meter- Sekundär- raster. Heißt, dass sämtliche Maße in Meter- Schritten gedacht, geplant und eingeteilt sind. Der Vorteil dabei liegt für Christian Lehmann auf der Hand. „Es ist eine hohe Standardisierung, was das Bauen effektiv und preisgünstiger macht.“ Die Anpassung des Raumprogramms an die Holz-Raster-System-Bauweise im Meter-Raster er- möglicht besonders wirtschaftliche Holzbauten mit kurzer Bauzeit. Die effizienten und kostenoptimier- ten Bauteile werden teilvorgefertigt und mit Holz- faser gedämmt. Einfache, reduzierte Materialwahl, Konstruktionen und Bauteile sowie standardisierte Anschlüsse und Übergänge bestimmen den Entwurf, die weitere Planung, die Projektierung und die Reali- sierung bis ins Detail. In die Tenne eingeschobene Wohnboxen gehören bei Christian Lehmann zum Standardprogramm bei der Sanierung von Schwarzwald- höfen. Im Bild das Projekt Lippenhof bei Unterkirnach. lehmann_holz_bauten 137

 

 

 

Der umgebaute jahrhundertealte Lippenhof in Unterkirnach besticht durch den Einsatz von veredelter heimischer Weißtanne und die umlaufenden großflächigen rahmenlosen Verglasungen. Besonders hohen Wert wird auf baubiologisch unbedenkliche Baustoffe und wohngesundes Bauen gelegt. Es werden einheimische/regionale und wo möglich, naturbelassene Materialien/Hölzer verwen- det. Die Konstruktion wird in der Regel mit Konstruk- tionsvollholz (KVH) in Fichte/Tanne und die Außenbe- kleidungen in Douglasie ausgeführt. Die Fenster und Türen werden ebenfalls in Holz (Lärche) gefertigt. Im Innenbereich werden meist Eichenholzböden verlegt. Etwas Besonderes ist, dass Innenwände häufig über alle Geschosse durch Raumteiler/Einbauschränke er- setzt werden, die beidseitig als Schrankwand nutzbar sind und mit Oberlichtern ausgestattet werden. Vorliebe für klare Strukturen und Linien „Fünf Finger, fünf Bauteile, fünf Minuten, fertig ist das Haus“, fasst er die erforderlichen Bauelemente – Boden, Außenwand, Innenwand, Decke, Dach – zu- sammen. Der Vorteil zahlt sich für den Bauherrn in barer Münze aus. Im Schnitt 15 Prozent, so Lehmann, lassen sich mit einem nach seiner Methode projek- tierten Gebäude gegenüber konventioneller Bauwei- se mit gleich- oder höherwertigem Raumprogramm einsparen. Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meisterstücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindachhöfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen. 138 Wirtschaft

 

 

 

Individuelle Wünsche trotz hoher Standardisierung möglich Diese von ihm übernommene und weiterentwickelte Bauweise kommt Christian Lehmann auch bei seiner Vorliebe für klare Linien und Strukturen zugute. Verwinkelte Ecken, Schnörkel und Erker sind seine Sache nicht. Wenn sich dagegen die Einrichtung an die Holz-System-Bauweise anschmiegt und wie aus einem Guss wirkt, strahlt Christian Lehmann. „Was nicht heißt, dass individuelle Wünsche nicht reali- siert werden können.“ So lässt sich auch Ausgefalle- nes, wie beispielsweise eine Kletterwand an der Hausfassade, mühelos verwirklichen. Neben der Realisation von Neubauten ist der Umbau bestehender Gebäude ein weiteres Stecken- pferd von Christian Lehmann, der außerdem Restau rator im Handwerk ist. „Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meister- stücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindach höfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen“, erklärt Lehmann. Als einer der Ersten wagte er es, den Ausbau einer Tenne zu einer Wohnung nicht über die gesamte Fläche auszudeh- nen. Sondern eine Wohnbox in die Tenne zu stellen. Heute gehört der Einschub von Wohn-Glas-Boxen in große Dachräume, in denen früher das Futter für den Winter gelagert wurde, für ihn zum Standardpro- gramm. Mit dieser innovativen Holzbauarchitektur und unter Verwendung moderner Baustoffe wie viel Glas und veredelter Weißtanne lassen sich so zeitgemäßes Wohnen und Leben in der alten Hülle unter einem schützenden Dach auf kreative und an- genehmste Weise miteinander kombinieren. Ohne die vorhandene charakteristische, den Schwarzwald prägende Gebäudestruktur zu verändern oder gar zu zerstören. Besondere Vorliebe für Weißtanne Eine Sorte Holz hat es Christian Lehmann besonders angetan: die Weißtanne. Seit vielen Jahren engagiert er sich im FORUM WEISSTANNE, einem gemeinnüt- zigen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, der heimischen Baumart eine Stimme zu geben. Die Tanne hat durch die Globalisierung des Holzmarktes in den vergangenen Jahrzehnten ihre einst führende Marktposition in ganz Süddeutschland verloren. Obwohl sie gerade im Schwarzwald eine der wich- tigsten Baumarten war und ist und aufgrund kurzer Transportwege eine unschlagbar günstige CO2-Bilanz aufweist. Das FORUM WEISSTANNE versucht, das Marktverhalten zugunsten der Weißtanne dahinge- hend zu verändern, dass es für Waldbesitzer wieder attraktiver wird, Weißtanne anzubauen und als eigenes Sortiment zur Verfügung zu stellen. Christian Lehmann setzt auf Weißtanne wo im- mer es möglich ist. Fast alle seine Projekte bekom- men eine Fassade aus dem heimischen Holz. Aktuel- les Beispiel ist der Lippenhof, ein jahrhundertealter Bauernhof in Unterkirnach mit Land-, Forst-, Ener- gie- und jetzt auch Gastwirtschaft mit Ferienwoh- nungen in der großen Gaube und in den ehemaligen Gangkammern. Aber nicht nur bei privaten Wohn- projekten lässt Lehmann die Weißtanne eine Rolle spielen. So wurde ganz aktuell ein im Auftrag der Bundeswehr erstelltes AWL-Gebäude (Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude) zur Standortschießan- lage in Donaueschingen, für das er die Projektierung und Bauleitung hatte, fast ausschließlich aus Holz und hier überwiegend in Weißtanne gebaut. Das ganz in NUR-Holz, mit leimfreien Holzelementen, gebaute Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude ist eines der aktuell realisierten Weißtannenprojekte für die Bundeswehr am Standort Donaueschingen. XXX 139

 

 

 

140 Wirtschaft

 

 

 

„Klinik am Doniswald“ – Psychotherapie und Seelsorge von Barbara Dickmann Die Menschen in Königsfeld sind eng verbun- den mit der Herrnhuter Brüdergemeine und mit ihren Kliniken. Auch die Michael-Balint- Klinik, die mehr als 26 Jahre erfolgreich als psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedi- zin betrieben wurde, gehörte „einfach dazu“. Keine Frage: Die Patienten waren willkomme- ne „Kurgäste“. Doch 2019 kam das „Aus“! Zwei lange Jahre passierte nichts und die wildesten Gerüchte machten die Runde. Dann lernten Andrea Fetzner und Andreas Leschinger, zwei promovierte Ärzt*innen, nicht nur diese Klinik, sondern ebenso Ralf Ruchlak kennen, einen Betriebswirt mit speziellen Kenntnissen in medizinischen Geschäftsfeldern. Die Folge: Am 1. Oktober 2021 öffnete die „Klinik am Doniswald“ ihre Tore. Klinik am Doniswald 141

 

 

 

Schon am Morgen fühlt sich Gerda erschöpft. Und eine unendliche Müdigkeit begleitet sie den ganzen Tag. Gegen Mittag setzen die Kopf- schmerzen ein, Bauchschmerzen nach dem Essen, Kreislaufstörungen und Verdauungsbeschwerden werden ein ständiger Begleiter ihres Alltags. Hinzu kommt die Angst, denn sie befürchtet eine schwere Erkrankung. Besonders nachts verstär- ken sich diese quälenden Gedanken und sie schläft schlecht. Ihr Hausarzt hört ihr geduldig zu, findet aber keine organische Ursache und drückt ihr eine Über- weisung in die Hand. Es wird nicht die letzte sein. Gerda wandert durch die unterschiedlichsten Fach- richtungen. Magen spiegelung, Darmspiegelung und und und… alles ohne Befund. Doch das ist kein Trost, sondern eher das Gegenteil. Und der Teufelskreis beginnt: Bauch-, Muskel- und Kopfschmerzen, Mü- digkeit und Erschöpfung führen zu noch mehr Stress, was wiederum die körperlichen Signale zusätzlich verstärkt. Nach einem langen Leidensweg kommt die Dia- gnose: Die Schmerzen, die Beschwerden sind psycho- somatisch! Gerda kann damit nichts anfangen. Was ist das eigentlich? Der Begriff Psychosomatik kommt aus dem Griechischen für Seele (Psyche) und Körper (Soma). Dieser Teil der Medizin beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen von psychologischen, biolo- gischen und sozialen Bedingungen einer Krankheit. Probleme belasten, sie „liegen im Magen“, Liebes- kummer „bricht das Herz“ und bei Ärger kommt uns „die Galle hoch“. Wenn die Seele sich auf den Körper auswirkt, können Beschwerden auftreten, für die man keine organische Ursache findet. Sie sind des- halb nicht weniger schlimm – ganz im Gegenteil. Gerdas Krankheitsverlauf wird immer dramatischer. Was ist die Ursache? Was belastet ihre Seele? Welche Narben hat sie? Ist Gerda traumatisiert? Oder ist es sogar eine Persönlichkeits-, Angst- oder Zwangsstö- rung? Gerda geht in die Akutklinik… Danach wird ihr eine Rehabilitation bewilligt. Gerda möchte nach Königsfeld in die Klinik am Doniswald. Der Tag der Anreise naht… Gerda reist an. Sie hat sich die Klinik am Doniswald ganz bewusst ausgesucht. Das denkmalgeschützte, liebevoll sanierte und aufs Neueste ausgestattete Hauptgebäude hatte es ihr angetan. Gerda wollte nicht in eine große Klinik, das allein machte ihr schon Angst. Die Klinik am Doniswald ist überschau- bar, da kann die Atmosphäre nur sehr persönlich sein. In der Küche wird frisch und gesund gekocht, was ihr auch wichtig ist. Der weiträumige Kurpark und der direkt hinter der Klinik beginnende Donis- wald sind für sie schon ein Teil der Therapie und Bal- sam für die Seele. Hier ist schon Albert Schweitzer gewandert, denkt sie voller Hochachtung. Und dann gibt es noch ein besonderes Thema, das sie für sich klären will: die Seelsorge. Denn „der 142 Wirtschaft

 

 

 

Freundlich empfangen und dank des ganzheitlich- psychotherapeutischen Ansatzes auch bestens betreut. Die Klinik am Doniswald bietet ihren Patienten beste Rahmen bedingungen. ganzheitlich psychotherapeutische Ansatz wird um eine geistlich-spirituelle Ebene erweitert, unab- hängig ihrer Überzeugung oder Religion wird auf Wunsch Seelsorge angeboten“…, so steht es auf der Internetseite. Gerda wird ausgesprochen freundlich empfangen, ihr Zimmer gefällt ihr gut, die Umgebung … so traum- haft wie sie es sich erhofft hat. Das Essen – einfach super und gleich am ersten Abend lädt Andrea Fetzner zu einem faszinierenden Vortrag ein. Es geht um die Geschichte der Klinik, um Königsfeld um die Herrnhu- ter Brüdergemeine und um Albert Schweitzer… Vier Wochen ganz auf sie abgestimmte, intensive Therapie liegen vor ihr, gepaart mit künstlerischen, musikali- schen und seelsorgerischen Angeboten. Ob Gerda physisch wie psychisch gesund werden wird, kann man nicht sagen. Doch die Voraussetzun- gen könnten nicht besser sein… Die Klinik am Doniswald – für Psychotherapie und Seelsorge Keine Frage, Gerda hat eine gute Wahl getroffen. Doch dass es diese Klinik überhaupt gibt, ist der Verdienst von drei besonderen Menschen, die sich einfach getraut und mit einer freundlichen Hartnä- ckigkeit ihr Ziel verfolgt haben und jetzt ihren Traum leben. „Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik!“ Andrea Fetzner, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Andreas Leschinger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ralf Ruchlak, Diplom-Betriebs- wirt sind die heutigen Geschäftsführer. Drei Macher, die das Schicksal zusammengeführt hat. „Andreas Leschinger und ich kannten uns schon und wir wussten, dass wir gut zusammenarbeiten können“, berichtet Andrea Fetzner. Beide waren sie unzufrieden, hatten einfach andere Vorstellungen von einer Klinikleitung, als sie es in ihren Jobs er- lebten. Sie suchten nach Alternativen, sprachen im Freundeskreis darüber und irgendwann entstand die Idee, eine eigene Klinik zu gründen. „Die ehe- malige „Michael-Balint-Klinik“, so hieß dieses Haus 27 Jahre lang, war in einer Insolvenzmasse und stand leer“, erinnert sich Andreas Leschinger. Gemeinsam Klinik am Doniswald 143

 

 

 

Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik! Dr. Andrea Fetzner besichtigten die beiden Ärzte das Haus, irgendwie sprang da ein Funke über und sie kamen ins Grübeln. Und dann lernten sie Ralf Ruchlak kennen. Der Betriebswirt kannte die Klinik in- und auswendig. Er war vom Insolvenzverwalter 2019 als Verwaltungslei- ter eingesetzt worden und hatte die Klinik ein halbes Jahr bis zu deren Schließung geleitet. Ralf Ruchlak war besonders betroffen. Denn obwohl die Klinik gut belegt war, musste er von einem Tag auf den Betrieb einstellen und alle Mitarbeiter entlassen. „Das war einfach furchtbar, ich habe sehr darunter gelitten“, erinnert er sich. Mit Ralf Ruchlak war das Team kom- plett und drei höchst motivierte Menschen starteten das Projekt „Klinikkauf“, was nicht so einfach war. Denn die Frist zur Abgabe eines Kaufangebots war nicht einzuhalten. Auf ihre Bitte genehmigte der Insolvenzverwalter eine Verlängerung, sonst hätten sie keine Chance gehabt. Sie erarbeiteten einen Businessplan, fanden weitere Investoren, die bereit waren, Gesellschafter zu werden, kümmerten sich um die Finanzierung und gründeten mit insgesamt zwölf Menschen die „Doniswald Immobilien GmbH“. Und schon wieder lag es an dem Insolvenzverwalter. Denn insgesamt drei Bewerber wollten dieses Haus kaufen und es umbauen. Doch ihr Konzept überzeugte und sie erhielten den Zuschlag. Das war die Geburtsstunde der „Klinik am Doniswald“. An der Spitze und verantwortlich: die geschäftsführenden Gesellschafter Andrea Fetzner, Andreas Leschinger und Ralf Ruchlak. Große Nachfrage nach freien Plätzen Am 1. April 2021 kamen die ersten Handwerker – und das in Corona-Zeiten. Gleichzeitig schrieben sie Bei der Besichtigung der Doniswaldklinik sprang der Funke über, v. links: Die Ärzte Andreas Leschinger und Andrea Fetzner sowie der Königsfelder Bürgermeister Fritz Link nach dem Ortstermin. 144 Wirtschaft

 

 

 

Die Geschichte der Klinik Das vordere, denkmalgeschützte Gebäude wurde 1903 als Grandhotel für Kurgäste in Königsfeld erbaut und „Schwarzwaldhotel“ genannt. Der gemeindeeigene „Toniswald“ (später Doniswald) liegt direkt hinter der Klinik. Vor der Klinik wurde ein weiträumiger Kurpark angelegt. 1975 enstand unter Leitung des Hoteliers Hans Diegner ein zweiter Bau „Tonishof“ für Gäste zugefügt. 2021 wurde das Gebäude an die Doniswald Immobilien GmbH verkauft. 1991 übernahm die W. Rother GmbH das Gelände mit den beiden Gebäuden „Schwarzwaldhotel“ und „Tonishof“ und eröffnete die psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedizin. Wie zuvor wird die Klinik als gemischte Fachklinik geführt und unter dem Namen „Klinik am Donis- wald“ am 1. Oktober 2021 neu eröffnet. Von 1993 bis 1998 erfolgten aufwändige Umbauar- beiten mit einem neuen Verbindungsbau zwischen beiden Gebäuden, um den Anforderungen an eine zeitgemäße Klinik gerecht werden zu können. Im vorderen, denkmalgeschützten Gebäude soll – sobald grünes Licht gegeben wird – eine Abteilung mit Akutbetten für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entstehen. Die Klinik ist weitestgehend barrierefrei gebaut und eingerichtet und wurde mehr als 26 Jahre erfolgreich als „Michael-Balint-Klinik“ geführt, bevor sie 2019 geschlossen wurde. Der Zwischenbau und der zum Wald hin gelegene Gebäudeteil ist seit 1.Oktober 2021 als Abteilung Rehabilitation für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wieder eröffnet. Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mit- streiter sind rundherum glücklich und zufrieden. das medizinische Behandlungskonzept, reichten knapp 300 Seiten Unterlagen an Behörden und Kostenträger ein und schafften es binnen kurzer Zeit, 75 Mitarbeiter zu finden. Etliche von ihnen waren frühere Mitarbeiter der „Michael Balint- Klinik“, und „deren Freude war groß, denn der Schmerz über die plötzliche und eigentlich grundlo- se Schließung saß tief“, erinnert sich Ralf Ruchlak. Am Freitag, den 1. Oktober 2021 war es soweit. Knapp 60 Patienten wurden aufgenommen. Und das hat sich bis heute nicht geändert. „Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mitstreiter sind rundherum glücklich und zufrieden. Natürlich sei die Arbeit anstrengend, besonders wenn sich manchmal coronabedingt Krankheitsfälle bei den Mitarbeitern häufen würden und natürlich sei der Verdienst auch geringer. Und ja, eigentlich wären sie und Andreas Leschinger eher in einem Alter, in dem man an mehr Freizeit denke. Und Ralf Ruchlak, der Jüngste im Bunde, mit kleinen Kindern – keine Frage! Wenn da nicht die Partner so unterstützend mitspielen wür- den, ginge das gar nicht. Was machen sie anders als andere Kliniken? „Wir haben eine sehr flache Hierarchie“. Die Geschäfts- führer duzen sich mit dem Hausmeister, der Klinik am Doniswald 145

 

 

 

In der Fachklinik Doniswald werden folgende Krankheitsbilder behandelt: • ADHS • Angsterkrankungen Burnout • • Coronafolgen • Depressionen Essstörungen • • Persönlichkeitsstörungen Schlafstörungen • Schmerzerkrankungen • Traumafolgestörungen • • Zwangsstörungen Links: Blick in den Speisesaal und der Empfang. Rechts: Das 1993 von dem Künstler Tobias Kammerer erschaffene Seccofresco beschäftigt sich bildkünstlerisch mit der medizinischen Psychosomatik. Reinigungsfrau oder dem Koch genauso wie mit ihren Kollegen. Das ist kein Gag, sondern einfach ein Ausdruck dafür, dass sich alle auf einer Ebene begeg- nen, dass sie eine Gemeinschaft sind und sich gegenseitig wertschätzen und respektieren. „Ich glaube, dass der Geist der Herrnhuter Brüdergemeine auch uns berührt hat. Denn es gibt dort nur Brüder unter Brüdern und Schwestern unter Schwestern, alle sind gleichwertig.“ Ja selbst auf dem Friedhof seien alle Gräber gleich. Es gäbe keine großen Monumente. Und die Geschichte von Königsfeld sei einfach faszinierend … Man spürt es genau – Königs- feld hat es Andrea Fetzner angetan. Es gibt keine Mindestlöhne und kein Catering. Es wird nichts outgesourct. Ganz im Gegenteil. „Unsere Mitarbeiter sind uns wertvoll.“ Nächstes Ziel: Genehmigung der Akutbetten Ständig wird verbessert, verschönert, modernisiert und an den Therapieplänen gefeilt. Das nächste Ziel: Die Genehmigung, der durch die Schließung verloren gegangenen Akutbetten, denn der Bedarf ist groß. Die Anträge sind gestellt, doch das zu erreichen braucht sehr viel Geduld. „Wir sind eine kleine Klinik, der Streit um die Akutbetten wird seit Jahren geführt. Die zusätzliche Therapieform der Seelsorge liegt den Verantwortlichen besonders am Herzen. „Es gibt viele Menschen, die aufgrund ihres Glaubens in Schwierigkeiten geraten sind. Das ist noch ein an- derer Aspekt der Psychotherapie – egal ob Moslem oder Christ!“ Zwei Seelsorger sind für die Patienten auf Wunsch da und natürlich sei auch die Spirituali- tät ein Kreativbaustein zur Heilung der Seele. 146 Wirtschaft

 

 

 

Andrea Fetzner Andrea Fetzner studierte von 1980 bis 1987 Medizin in Tübingen, Promotion 1987 im Bereich Entwicklungsneurologie, Approbation 1988. Von 1987 bis 1995 war sie als Familienfrau und Mutter von drei Kindern tätig. Von 1995 bis 2007 arbeitete sie als Assistenzärztin in der Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe (Klinik für krebs- und herzkranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) und von 2008 bis 2012 als Assistenz ärztin in der Mediclin Baarklinik und Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld. Nach der Facharztprüfung mit Anerkennung zur Fachärztin für Psycho somatische Medizin und Psychotherapie arbeitete Andrea Fetzner 2012 bis 2013 als Oberärztin in der Mediclin Baarklinik Königsfeld, von 2013 bis 2014 als Oberärztin in der Privatklinik Friedenweiler. Ab Januar 2015 arbeitete sie zunächst als leitende Oberärztin, ab August 2015 als Chefärztin in der Medianklinik St. Georg Bad Dürrheim. Seit 1. August 2021 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin und Chefärztin der Klinik am Doniswald GmbH. Andreas Leschinger Andreas Leschinger studierte Medizin in Köln und Gießen, Promotion im Bereich Neurophysiologie, 1994 Approbation. 1995 Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Magdeburg, Facharzt seit 2001. Im Jahr darauf erhielt er die Legitimation und Facharztanerkennung für das Fach Psychiatrie in Schweden. Dort war er zunächst als Oberarzt, ab 2007 als Chefarzt vornehmlich in der Akutpsychiatrie, sowohl in der stationären als auch ambulanten Versor- gung tätig. Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2015 zunächst oberärztliche Tätigkeit im Vinzenz von Paul Hospital Rottweil. 2017 bis Juli 2021 leitender Oberarzt in der Median Klinik St. Georg in Bad Dürr heim. Jetzt geschäftsführender Gesellschafter und Chefarzt der Klinik am Doniswald GmbH. Ralf Ruchlak Ralf Ruchlak studierte Betriebswirtschaft in Lörrach und in den USA. Fast zehn Jahre war er für die Firma ALDI Süd in der Funktion als Regionalver- kaufsleiter in Süddeutschland und den USA tätig. Zuletzt auch als Prokurist in der Firmenzentrale von ALDI Süd in Mülheim an der Ruhr. Seit 2011 ist Ralf Ruchlak in verschiedenen Managementfunktionen im Gesundheitswesen aktiv. Neben der Leitung diverser Kliniken unter- schiedlichster Fachrichtungen beschäftigte sich Ralf Ruchlak insbesonde- re mit der Sanierung und dem Aufbau von medizinischen Geschäftsfeldern. Beratend oder auch in operativer Funktion unterstützte er verschiedene Insolvenzverwalter bei Insolvenzen im Gesundheitswesen. Ralf Ruchlak ist geschäftsführender Gesellschafter der Klinik am Doniswald GmbH. Klinik am Doniswald 147

 

 

 

75 JAHRE HEZEL GMBH VOM PIONIER ZUM HOCHMODERNEN ENTSORGUNGSFACHBETRIEB von Roland Sprich „Kompetenz rund um Recycling“ – die Firma Hezel aus Mönchweiler gilt als Entsorgungsfachbetrieb auf modernstem Stand und feiert 2023 ihr 75-jähriges Bestehen. Das Unternehmen entwickelte sich aus kleinsten Anfängen heraus zum Universalfachbetrieb für die Verwertung von Abfällen aller Art im gewerblich-industriellen Bereich. Am Beginn dieser Erfolgsgeschichte steht der Schrotthandel von Oskar Hezel, des „Schrottle“, wie die Mönchweiler den Firmengründer und Recycling-Pionier nannten. Heute stehen Uwe Hezel, seine Tochter Tanja und Jürgen Hezel an der Spitze eines über 40 Mitarbeiter großen Unternehmens mit hervorragenden Zukunftsperspektiven. 148

 

 

 

 

 

 

Weil Oskar Hezel das Altmetall anderer Leute einsammelte, bezeichneten ihn die Mönchweiler als „Schrottle“. Aber der Pionier erkannte früh den Wert des Recyclings und besonders von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg gibt ihm alsbald recht. Doch: Der Handel mit Schrott erwies sich als zu- nehmend erfolgreich. Kurz nach dem Weltkrieg war das als „Schrott“ bezeichnete Altmetall bares Geld wert. „Es gab ja nach dem Krieg nichts, aber überall lag Schrott herum“, beschreibt Sohn Jürgen Hezel die damalige Situation. Oskar Hezel wird indes für seine Schrottsammlerei eher belächelt. Die Mönchweiler geben ihm dafür den Spitznamen „Schrottle“. Aber er lässt sich nicht beirren, erkennt als ein Pionier des Recyclings früh den Wert von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg bleibt nicht aus, was auch notwendig ist, denn die Familie hat fünf Kinder zu ernähren. Späne schaufeln ist Schwerstarbeit Schon bald kauft sich Oskar Hezel einen Opel P4, den er zum Pritschenwagen umbaut, um immer Alles beginnt mit der Gründung eines Schrotthan- dels durch Oskar Hezel im Jahr 1948. Der gelernte Formenbauer, Jahrgang 1923, arbeitet in der Aluminiumgießerei in Villingen, wo er unter anderem die Lüfterflügel für die St. Georgener Papst-Motoren gießt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründet der 22-Jährige gemeinsam mit seinem Schwager Fritz Ecker in Hornberg eine eigene Gießerei, in der Kochtöpfe hergestellt werden. Diese tauschte er mit den Bauern in der Umgebung – im Gegenzug dazu erhält er Speck, Käse, Fleisch, Milch und andere Lebensmittel. Noch gibt es die D-Mark als sichere Währung nicht. So erzählt es der älteste Sohn Fritz Hezel. „Dadurch habe es immer genug zu essen gegeben“, erinnert er sich an die Schilderungen des Vaters. Oskar Hezel Das Handeln mit Waren liegt der Familie seit Generationen im Blut. „Schon Oskars Großmutter Katharina war Händlerin, die mit dem Handwagen nach Villingen lief, um dort Kurzwaren einzukaufen, die sie hier am Ort verkaufte“, so Jürgen Hezel weiter, der das Unternehmen heute zusammen mit seinem Bruder Uwe und dessen Tochter Tanja führt. Im Jahr 1950 wird die Gießerei Hezel & Ecker aufgegeben. Oskar Hezel entwickelt eine neue Geschäftsidee: Er erwirbt einen selbstfahrenden Claas-Mähdrescher und ist damit in der gesamten Region unterwegs, um das Korn der Bauern in Lohn- arbeit zu dreschen. Nebenher baute Oskar Hezel einen Schrotthandel auf, der zunächst nur als ein „Notnagel“ galt, um ein bisschen Geld zu verdienen, wenn nichts anderes mehr ging. Auf der Gewerbeschau Mönchweiler im Jahr 2007 wurde ein Fahrzeug nachgestellt, wie es etwa Oskar Hezel zu Be- ginn seiner Karriere hatte. Im Original war es ein Opel P4 Pritschenwagen, Familie Hezel zeigte einen Ford Model A mit Pickup-Aufbau. 150 Wirtschaft

 

 

 

1970er-Jahre zu florieren beginnt, braucht Oskar Hezel Unterstützung. So steigt der gelernte Reise- bürokaufmann Jürgen Hezel nach seiner Bundes- wehrzeit 1976 in das Unternehmen ein. Und 1982 gibt ebenso Sohn Uwe Hezel seinen Beruf als Maschinenschlosser bei J. G. Weisser in St. Georgen auf und bringt sich gleichfalls in das väterliche Unternehmen ein. 1988 dann übergibt Oskar Hezel die Firmenleitung an drei seiner Kinder. Er bleibt jedoch weiterhin in beratender Funktion an der Entwicklung des Unternehmens beteiligt, bis er 1994 stirbt. Bis heute bilden die Kinder – und mittlerweile auch Enkeltochter Tanja – die Führungsspitze der Firma Hezel. Jürgen und Uwe Hezel sind gemeinsam mit ihrer Schwester Angelika ebenso die Gesellschaf- ter des Unternehmens. Die jüngste Schwester Angelika kam 1984 hinzu, hat sich allerdings vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurück- gezogen. Sie war jedoch all die Jahre maßgeblich an der Gestaltung der Firmengeschicke beteiligt. „Oskar räumt alles auf“ – Zeitungsanzeige aus den 1970er-Jahren für den Entrümpelungs-Service von Oskar Hezel. größere Mengen an Altmetall einsammeln zu können. Neben dem Erwerb von Schrott von Privatkunden beginnt Oskar Hezel jetzt auch damit, Metallabfälle aus den umliegenden Firmen der aufstrebenden metallverarbeitenden Industrie zu erwerben. Die Verwertung dieser Späne ist indes ein gewaltiger Kraftakt. „Das war Schwerstarbeit, denn zu Beginn mussten die Metallspäne von Hand auf den Pritschenwagen geschaufelt werden“, beschreibt Uwe Hezel den Knochenjob, den sein Vater leisten musste. Die Ära des „Waldcafé Hezel“ Oskar Hezel versucht noch immer, sich nicht nur auf eine Einnahmequelle zu verlassen. So entwickelt er Ende 1963 die Idee, ein Café zu betreiben, das er im eigenen Wohnhaus in der Oberen Mühlenstraße einrichtet. Das „Waldcafé Hezel“ existierte bis 1971. Das Wohnhaus ist bis heute in Familienbesitz und liegt nur einen Steinwurf vom alten Betriebsgelände entfernt. Nach der Schließung des Cafés konzentriert sich Oskar Hezel vollends auf die Erweiterung seines Schrotthandels und bietet darüber hinaus einen Ent- rümpelungsservice an: „Oskar räumt alles auf – vom Keller bis Speicher“ lautete die Anzeige, mit der er in den hiesigen Zeitungen um Kunden warb. Drei Kinder steigen ins Geschäft ein Der Schrotthandel beeinflusst auch die beruflichen Werdegänge der beiden jüngeren Söhne des Fir mengründers. Als das Geschäft Mitte der Die Geschäftsleitung in den 1980er-Jahren, von links: Die Geschwister Uwe, Angelika und Jürgen Hezel. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 151

 

 

 

Heute gehört mit Tanja Hezel, Tochter von Uwe Hezel, ebenso ein Enkelkind des Firmengrüders der Geschäftsführung an. Tanja Hezel ist seit 2011 im Unternehmen tätig und verantwortet unter anderem die Personalleitung, das Marketing und die Kunden- betreuung (s. S. 157). Oben, die Geschäftsleitung im Jubiläumsjahr: Uwe, Tanja und Jürgen Hezel vor dem Eingangsportal des Verwal- tungsgebäudes das mit den Maskottchen der Firma Hezel bestückt ist, den Ameisen. Unten: Die 19.000 Quadratmeter große Recycling-Halle und das Verwaltungsgebäude. Entsorgung von „A“ wie Altpapier bis „Z“ wie Zink Die Firma Hezel entsorgt praktisch alles. Von „A“ wie Altpapier über „E“ wie Elektronikschrott bis „Z“ wie Zink. Hezel kümmert sich um die fachgerechte Entsorgung von insgesamt über 360 unterschiedlichen Materialien, die in Industriebetrieben anfallen. Lediglich Sprengstoffe, radioaktive Substanzen und Tierkörper werden 152 Wirtschaft

 

 

 

Oben: Ein Hezel-Fahrzeug liefert neues Recycling-Material an. Unten: Das Team der Firma Hezel GmbH – manch einer ist schon über 25 Jahre dabei. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 153

 

 

 

bei Hezel nicht angenommen. Die Kernkompetenz ist auch heute noch das Recycling von Schrott und Metall, was 60 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Als eines der ersten Recyclingunternehmen 1997 als Entsorgungsfachbetrieb zertifiziert. Gesamtentsorgungsunternehmen zu sein, bedeutet eine Menge Know-how, hohe Verantwortung und eine umfangreiche Logistik, um die unterschiedlichs- ten Anforderungen bei der Abfallentsorgung zu gewährleisten. Um das stetig steigende Aufkommen an recyclingfähigem oder zur endgültigen Entsor- gung bestimmtem Material bewältigen zu können, erweiterte Hezel 2008 seine Betriebsfläche. Heute Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit des Materials um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung. Jürgen Hezel mit Kupfergranulat, das aus Kabel abfällen gewonnen wurde (kleines Bild). agiert das Unternehmen auf 30.000 Quadratmetern. Pro Jahr werden rund 50.000 Tonnen Material umgeschlagen. Bei steigender Tendenz. „Das entspricht etwa dem Gewicht von 8.300 Elefanten“, zeigt Tanja Hezel die Dimension auf. Herzstück auf dem Grundstück im Mönchweiler Gewerbegebiet Egert ist eine 19.000 Quadratmeter große und 16 Meter hohe Halle. Hier werden sämtli- che Abfälle, insbesondere Metalle und weitere Wert- stoffe wie Holz und Papier, angeliefert, begutachtet, sortiert und entweder zur Wiederaufbereitung in Stahl- und Schmelzwerke oder zur Energiegewin- nung in Verbrennungsanlagen transportiert. Nur we- nige Abfälle werden noch deponiert. „Bei uns liegt kein Stück Abfall unter freiem Himmel“, so Jürgen Hezel. Wertschöpfung durch Materialtrennung Ein positives Beispiel in Sachen Wertschöpfung kann Hezel bei der Gewinnung von Kupfer aus alten Stromleitungen vorweisen. In einer speziellen Granu- lieranlage wird die Gummiummantelung von den Kupferleitungen getrennt. Das reine Kupfer wird zu 154 Wirtschaft

 

 

 

Granulat verarbeitet und anschließend in Gießereien wieder eingesetzt. „Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung“, sagt Jürgen Hezel. Beachtlicher Fuhrpark und eigenes Feuerwehrauto Der Fuhrpark ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angewachsen. Aktuell umfasst er 18 Fahrzeuge, in erster Linie Containerfahrzeuge, aber auch einen eigenen Saug- und einen Pressmüllwagen sowie ein Hebebühnenfahrzeug. Sogar ein eigenes Feuerwehr- fahrzeug mit einem 8.000 Liter-Wassertank gehört zum Fuhrpark. „Das Fahrzeug dient der Bekämpfung interner Brände und um diese in Schach zu halten, bis die Feuerwehr eintrifft“, wie Tanja Hezel sagt. Angeschafft wurde es zur eigenen Sicherheit und Risikominimierung. „Seit wir das Feuerwehrauto haben, kam es zu keinen größeren Bränden mehr“, ist die Juniorchefin erleichtert. Apropos Feuerwehr: Seit 2019 ist die Hezel GmbH offiziell „Partner der Feuerwehr“. Diese besondere Auszeichnung des Feuerwehrverbandes erhielt das Unternehmen für die regelmäßige Bereitstellung des Firmengeländes sowie von Altfahrzeugen für techni- sche Übungen der Feuerwehr Mönchweiler. Mitte: Container mit einer fleißigen Ameise. Unten: Styroporpressling. Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisenstaat nicht überleben könnte. Maskottchen. „Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisen- staat nicht überleben könnte. Übertragen auf unser Unternehmen wäre ohne die Tätigkeit jedes einzel- nen Mitarbeiters der komplette Ablauf nicht mög- lich“, erläutert Tanja Hezel die Sinnhaftigkeit des Maskottchens. Fleißig wie die Ameisen Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich um die fachge- rechte Entsorgung des Materials. Jeder Einzelne trägt in seinem jeweiligen Tätigkeitsbereich täglich dazu bei, die Umwelt ein Stück sauberer zu machen. Nicht umsonst ist auch die Ameise seit vielen Jahren das Ein Ansprechpartner für alle Kundenbelange Service und Kundenzufriedenheit stehen bei der Firma Hezel ganz oben. „Wir wollen ein Gesamtent- sorger sein und alles entsorgen, was ein Betrieb zu entsorgen hat“, sagt Tanja Hezel. Zum besonderen Kundenservice gehört hier, dass der Kunde nur einen Ansprechpartner für all seine Belange hat.“ Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 155

 

 

 

Diese Unternehmensphilosophie hat Bestand. „Viele Betriebe begleiten wir als Entsorgungspartner seit deren Anfängen. Angefangen als Garagenbetrieb sind heute große, namhafte Firmen daraus gewor- den. Deshalb schätzen wir jeden einzelnen Kunden“, gibt Uwe einen Einblick in die Firmenphilosophie. Nicht nur die Wertschätzung der Kunden, auch die der Mitarbeiter liegt der Familie Hezel am Her- zen. Das spiegelt sich auch in der Treue der Mitar- beiter zu ihrem Arbeitgeber wider. „Wir haben Kolle- gen, die seit über 25 Jahren bei uns sind“, sagen die Hezels stolz. Beispiel Schrott und Metalle: Um aus Erzvorkommen Stahl herzustellen, dauert das in modernen Hoch- öfen drei Stunden. Das Einschmelzen von Schrotten im Elektroofen dauert hingegen nur eine halbe Stunde, was den Energieverbrauch um 75 Prozent reduziert und etliche Millionen Tonnen CO2 einspart. Unternehmen wie die Hezel GmbH leisten somit einen erheblichen Beitrag zum Umweltschutz. Um hier auch in Zukunft gut aufgestellt zu sein und weiterhin einen wertvollen Beitrag zu leisten, trägt die Firma Hezel in Mönchweiler täglich mit Ihrer Dienstleistung zum Wohl der Bürger im Schwarzwald- Baar-Kreis und weit darüber hinaus bei. Wichtiger Beitrag zum Umweltschutz Dass Oskar Hezel mit der Gründung seines Altmetall- handels vor 75 Jahren einen wichtigen Baustein im Bereich Recycling gelegt hat, mag ihm damals sicher so nicht bewusst gewesen sein. In Zeiten knapper werdender Ressourcen und des Umweltschutzes leistet die Firma Hezel heute einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Das zeigt sich allein am Der beachtliche Fuhrpark der Firma Hezel mit eigenem Feuerwehrauto. 156 Wirtschaft

 

 

 

Tanja Hezel vielfach engagiert Mit Tanja Hezel arbeitet Hezel trotz des lockeren „Du“ zwischen Chefin und Angestellten der Respekt der Mitarbeiter sicher, den sie sich durch Leistung und harte Arbeit verdient hat. Die heute 36-Jährige ist zudem seit 2020 Mitglied im Organisa- tionsteam des Frauenwirtschafts- forum, eines Unternehmerinnen- Netzwerkes unter dem Dach des Steinbeis-Instituts aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und darüber hinaus. Des Weiteren setzt sie sich für karitative Pro- jekte ein zum Beispiel half sie den Erdbebenopfern in Kroatien mit einer Spende. Und noch eine Tätigkeit übt die Unternehmerin aus. Sie ist seit einiger Zeit auch als ehrenamtliche Richterin am Arbeitsgericht in Villingen tätig. Wer so viel arbeitet und sich zum Wohl anderer engagiert, der braucht auch ein entspannendes Hobby. Und da fällt der Apfel offenbar nicht weit vom Stamm. So wie ihr Vater Uwe ist Tanja Hezel ein begeisterter Fan alter Fahrzeuge und fährt und pflegt Oldtimer, die sie unter anderem als Hochzeitsautos samt Chauffeur zur Verfügung stellen. heute mittlerweile die dritte Generation des Familienunternehmens mit. Ihr beruflicher Werdegang ist beeindruckend: Nach der Haupt- schule besuchte sie zunächst die Berufsfachschule sowie das Wirtschaftsgymnasium an den Zinzendorfschulen in Königsfeld. Anschließend folgte ein Studium an der Hochschule Furtwangen im Studiengang internationale Betriebswirtschaft (International Business). Inklusive eines sechs- monatigen Praktikums bei einem Automobilhersteller in Barcelo- na, wo sie im Bereich Personal- entwicklung tätig war. Das Studium führte Tanja Hezel auch für ein Aus- landssemester nach Montreal, Kanada. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie zudem ihr Masterstudi- um bei der Steinbeis-Hochschule-Berlin an der Busi- ness School Alb-Schwarzwald abgeschlossen und ist jetzt Master of Business Administration, kurz MBA. Wenngleich sie das jüngste Mitglied auf Geschäftsfüh- rungsebene ist – seit 2018 hat sie Prokura – so ist Tanja Tanja Hezel vor ihrem Ford A. Das Fahrzeug in der seltenen Berliner Taxiausführung aus den 1930er-Jahren ist eine außer ordentliche Rarität. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 157

 

 

 

DIE WILHELM STARK BAUSTOFFE GMBH SEIT 90 JAHREN ERFAHRENER PARTNER VON HANDWERKERN UND BAUHERREN von Wilfried Strohmeier 158 158 Wirtschaft

 

 

 

Das Geschäftsführer- Trio der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH von links: Michael Stark, Christian Stark und Udo Bohnerth am STARK Hauptsitz in VS-Villingen. 159

 

 

 

Begonnen hat alles im Elternhaus in Döggingen, wo Wilhelm Stark seine Baumaterialien handlung vor 90 Jahren begründete. Heute führt die Wilhelm Stark Baustoffe GmbH an sieben Standorten vom Mauerstein bis zum Parkettboden etwa 50.000 Artikel, die allesamt dazu gedacht sind, zu einem gemütlich- schönen Zuhause beizutragen. Im Jubiläumsjahr steht die bereits dritte Generation der Familie Stark in der Verantwortung für das Unternehmen, das über 100 Mitarbeiter beschäftigt. Die Kunden sind zu einem Drittel Endverbraucher und private Bauherren – zu zwei Drittel Bau-Profis und Handwerksbetriebe. Geboren im Jahr 1908, startete der Firmengründer Wilhelm Stark im Jahr 1926 mit viel Elan seine kaufmännische Lehre im Wolterdinger Ziegelwerk der Gebrüder Bott. Doch nur ein Jahr nach Beginn der Ausbildung veräußerte das Bruchsaler Unternehmen seine Nebenstelle in Wolterdingen. Der neue Inhaber vermochte das Ziegelwerk keine zwölf Monate zu halten und es kam aus der Konkursmasse heraus zum Verkauf an das Schwenninger Ziegel- werk. Wilhelm Stark schloss seine in Wolterdingen begonnene Lehre zum Kaufmann schließlich beim nunmehr dritten Eigentümer an dessen Hauptsitz in Schwenningen ab. Doch 1931 ging auch das Schwen- ninger Ziegelwerk in Folge der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Und für den gerade 23-jährigen Wilhelm Stark stand als junger Kaufmann eine existenzielle Frage im Raum: Wie soll es weitergehen? Stammsitz in Döggingen 1933 kam es somit zur Gründung der Baumaterialienhandlung in seiner Heimatgemeinde Döggingen am Rande des Schwarzwalds. Von zu Hause aus belieferte Wilhelm Stark die Baufirmen im Raum Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen und im Hochschwarzwald mit Baustoffen aller Art. Das Jahr 1933 wird in der Geschichte des inhabergeführten Unternehmens auch als das Gründungsjahr gesehen und Döggingen als Stammsitz. Der juristische Hauptsitz der Firma ist seit Anfang der 1950er-Jahre in Villingen. Der Firmengründer erinnerte sich bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen seines Unternehmens an die Anfänge. An die Zeit, zu der er mit dem Motorrad den ganzen Schwarzwald bereiste, von Hinterzarten bis Furt wangen und bis in den Hegau nach Engen. Doch bald stieg er um, kaufte 1934 einen gebrauchten Mit dem Motorrad in der Region unterwegs Er wandte sich an seinen ehemaligen Lehrherren, die Firma Bott. Und für diese arbeitete er nun als Handelsvertreter auf Provisionsbasis. Mit einem Motorrad besuchte er mögliche Kunden und dadurch kam nach seiner kaufmännischen Lehre ein zweiter Pfeiler für die spätere Selbstständigkeit hinzu: Er bekam Kontakte in die gesamte heimische Baubran- che. Und es lag nahe, zusätzlich zu den Ziegeln der Firma Bott auch Baustoffe ins Sortiment aufzuneh- men, die stark nachgefragt waren. Das mütterliche Elternhaus, der STARK Stammsitz seit 1933 in Döggingen. 160 Wirtschaft

 

 

 

Opel 4/20 mit Allwetterverdeck. Und wenig später hatte er auch einen großen Erfolg als Handelsvertre- ter: Die meisten der zahlreichen Kasernenbauten in Donau eschingen wurden in den 1930er-Jahren mit Bott-Ziegeln gedeckt – der Verkauf erfolgte durch Wilhelm Stark. Nach den Anfangserfolgen stellt der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Unternehmen vor neue Herausforderungen: Wilhelm Stark wurde im August 1939 zur Luftwaffe eingezogen. Seine Ehefrau Lina, die er Ende 1938 geheiratet hatte, versuchte den Baustoffhandel so gut es ging aufrecht zu erhalten, was in Anbetracht des Krieges über weite Zeitspan- nen nur eingeschränkt möglich war. Sechs Jahre sollte es dauern, bis der Unternehmer 1945 aus dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft nach Hause zu- rückkehrte. Der Baustoffhandel wurde unter schwie- rigsten Umständen wieder aufgenommen. Materialknappheit nach dem Krieg Nach dem Krieg begannen die Aufbaujahre des Unternehmens und diese standen in den ersten Jahren noch im Zeichen der Not der Nachkriegszeit. Die Region befand sich unter französischer Wilhelm Stark (1908 – 2001) Ehefrau Lina versuchte den Baustoffhandel zur Zeit des Zweiten Weltkrieges so gut es ging aufrecht zu erhalten. Der Fuhrpark der Firma Wilhelm Stark in den 1950er-Jahren, bestehend aus einem Borgward und einem Mercedes-Benz. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 161

 

 

 

men. Auch wurde er 1948 zum ersten Bürgermeister der damals selbstständigen Gemeinde Döggingen gewählt. Das Amt gab er 1952 auf, um sich ganz auf seinen Baustoffhandel zu konzentrieren. In die Währungsreform ging er mit einem Lager- bestand von 1.100 Mark, er musste von allen Ver- wandten und Bekannten Geld zusammensammeln, um seinen ersten Waggon Zement kaufen zu können. Vom ersten Lkw zum ersten Firmengebäude Ab 1949 ging es voran. Wilhelm Stark kaufte den ersten Lkw und in den Jahren danach vergrößerte er sukzessive den Fuhrpark. Und noch etwas erkannte er: Von Döggingen aus könnte es langfristig schwie- rig werden, die Kunden zu bedienen. 1953 pachtete er eine Fläche in Villingen und 1954 errichtete er dort das erste Firmengebäude. Villingen wurde zum Hauptsitz des Unternehmens, der Stammsitz Döggingen wird seitdem als Filiale geführt. Diese erste Fläche von damals ist heute noch ein Teil des Firmensitzes, der im Laufe der Zeit immer wieder erweitert wurde. In den Folgejahren festigte Wilhelm Stark sein Unternehmen, das hieß Messe- auftritte zu absolvieren, bei denen der Chef selbst den Stand betreute und Informationsfahrten zu Kunden und Zulieferern zu unternehmen. Über den wirtschaftlichen Erfolg vergaß er aber auch seine Mitarbeiter nicht, so ist beispielsweise bereits für das Jahr 1957 ein Firmenausflug dokumentiert. Die zweite Stark-Generation In den 1960er-Jahren stellte der Baustoffhändler die Weichen für den Fortbestand des Unternehmens: Die Kinder Gertrud und Werner traten als Gesellschafter ein. Ende der 1960er-Jahre konnte in Villingen zudem ein Teil des Geländes der ehemaligen Baufirma J. Treinen erworben werden. Diese lag in der angrenzen- den Nachbarschaft und so war es möglich, das Unternehmen am Hauptsitz räumlich zu erweitern. In den 1970er-Jahren erfolgte die weitere Expansi- on – vor allem im Schwarzwald-Baar-Kreis. 1973 wurde eine Filiale in der Weiherdammstraße in Furtwangen eröffnet, ein Jahr später erfolgte die Umfirmierung von Wilhelm Stark KG zur Wilhelm Stark GmbH & Co. KG. Sohn Werner Stark und Schwieger sohn Detlef Koop wurden zu Geschäftsführern berufen. Bei der Gewerbe-Ausstellung in Donaueschingen wurde 1952 neben vielen Baustoffen auch das neue Logo von „Baustoffe STARK“ präsentiert. Im Jahr 1954 eröffnete Wilhelm Stark die erste Filiale am heutigen Stammsitz in der Singener Straße in VS-Villingen. Besatzung und zu bekommen war so gut wie nichts – außer man legte selbst Hand an oder beschaffte sich Material durch „Hamstern“. Wollte er Gips, so erinnerte sich Wilhelm Stark, musste er diesen in Ewattingen unter Tage im Bruch selbst abbauen. In Dotternhausen war der Kalk lose auf dem Hänger zu holen – gegen Lieferung von Brennholz oder Essbarem. Wurde Wilhelm Stark auf dem Rückweg jedoch von einem Gewitter über- rascht, hatte er Mörtel statt Gips auf seinem Hänger liegen, Planen zum Abdecken gab es keine. Im heimischen Lager musste dann alles in die mitge- brachten Säcke der Kundschaft abgefüllt werden. Der Firmengründer besaß trotz der schwierigen Rahmenbedingungen viel Weitsicht und Mut. So kaufte er 1947 mit Erlaubnis der französischen Besatzungsmacht zwei Opel Blitz-Wracks und baute aus diesen ein funktionierendes Fahrzeug zusam- 162 Wirtschaft

 

 

 

Eröffnung des Neubaus in Villingen am 18. Oktober 1975. Von links: Die Geschäftsführer Detlef Koop (Schwiegersohn von Wilhelm Stark), Wilhelm Stark sowie Werner Stark mit dem Vertreter der IHK Kurt Kositzke und dem Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Gerhard Gebauer. Rechts: Senior-Chef Werner Stark im Villinger Büro. Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe und Erweiterung in Villingen Ein markanter Punkt der Firmengeschichte bildete die im Jahr 1973 geschlossene Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe aus Karlsruhe. Durch die persönliche Bekanntschaft des Firmengründers mit einem der leitenden ZG-Mitarbeiter wurde der Grundstein für eine bis heute dauernde und erfolg- reiche Kooperation gelegt, in deren Folge sich die ZG Raiffeisen-Gruppe paritätisch an der weiterhin familiär geprägten Firma STARK beteiligte. Vor allem im Bereich des Einkaufs nutzt man die gemeinsame Stärke als einer der großen Akteure im badischen Baustoffhandel. Im Oktober 1975 eröffnete die dadurch noch stärker gewordene Firma STARK ihre grundlegend erweiterte Niederlassung in Villingen mit großer Ausstellung und SB-Baumarkt. Sechs Jahre später konnten die Firmen Hermann Götz mit Standorten in Immendingen und Tuttlingen sowie die Firma Christians & Thiele in VS-Villingen übernommen werden. Weitere Standorte kommen hinzu Weitere Ereignisse in der Firmengeschichte waren im Jahr 1994 die erneuerte Ausstellung am Standort Tuttlingen, im Jahr 2005 die Übernahme der Hauptsitz von STARK in VS-Villingen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 163

 

 

 

ZG-Baustoffabteilung am Standort St. Georgen sowie im Jahr 2010 der Bezug des neu errichteten Ver- kaufs- und Ausstellungsgebäudes am Hauptsitz in Villingen. Mit der Übernahme der Baustoff- und Holzabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in Donau- eschingen im Jahr 2015 wurde der siebte STARK-Standort etabliert und damit die Marke von 100 Mitarbeitern überschritten. 2019 konnte das neu erbaute Büro- und Verkaufsgebäude in Immendingen eingeweiht werden; die heitere Festrede wurde vom damaligen Justizminister Guido Wolf MdL gehalten. Im Jahre 2021 wurden die komplett sanierten Räumlichkeiten am Standort St. Georgen eröffnet. Wegen der Corona-Problematik musste auf eine feierliche Eröffnung jedoch verzichtet werden. Das STARK-Logo gibt es seit 1952 Schon 1952 bekam das Unternehmen ein eigenes Logo; zu einer Zeit, in der Firmen vergleichbarer Größenordnung für solche Marketingmaßnahmen STARK-Logo 1952 STARK-Logo 1967 STARK-Logo seit 2008 noch selten Geld ausgaben. Und es beinhaltete damals schon das STARK-Männchen mit den kräfti- gen Armen. Im Laufe der vergangenen 70 Jahre seit der Einführung gab es zwar kleine Änderungen, doch dieses Signet wurde in seiner Grundform stets beibehalten und nur in Nuancen verändert. Auch die Schriftart passt dazu – kräftig und solide. Baustoffe und Dienstleistungen auf über 50.000 Quadratmetern Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Firma STARK zu einem soliden Partner für Handwerker und Privat- personen entwickelt. Man führt Baustoffe, die alle Bereiche abdecken: vom Hochbau über den Tiefbau und Innenausbau bis zum Garten- und Landschaftsbau. Dach-Baustoffe und Dämmung können genauso bezogen werden wie Fliesen für Bad, Wohnbereich und Terrasse. Zum leis- tungsfähigen Fuhrpark gehören zwölf eigene Liefer- fahrzeuge, die teils über Kräne und Mitnahmestapler verfügen. Neben der Lieferung von Baustoffen bietet der STARK Baustoff-Fachhandel auch eine große Palette an Dienstleistungen, die von Mietgeräten über Hand- werker-Seminare bis zum Farbmischservice reicht. Das gesamte Sortiment sowie der Dienstleistungs- sektor wuchs über die Jahrzehnte zu einem soliden, breit ausgebauten Angebot in mehreren Abteilungen: Tiefbau und Entwässerung; Hochbau und Sanierung; Holz und Platten; Dach, Dämmung und Fassade; Natur steine und Garten-Landschaftsbau; Fliesen und Sanitär; Trockenbau, Putze und Wärmedämmver- bundsysteme; Türen, Tore, Parkett & Co.; Maschinen sowie Geräte und Werkzeuge. Eine Ausstellung in Sachen Natursteine ergänzt das Sortiment und ein weiterer Produktbereich sind Photo voltaiksysteme. Insgesamt verfügt das Unternehmen STARK an seinen sieben Standorten über mehr als 50.000 Qua- dratmeter Fläche und 50.000 verschiedene Artikel im Angebot. Das bedeutet eine hohe Verfügbarkeit vor Ort aus der eigenen Lagerhaltung. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, aufgrund eines leistungs- fähigen Netzwerks auf verschiedene Zentrallager zurückgreifen zu können. Wollen die Privatkunden nicht selbst Hand anlegen beim Bau oder der Sanie- rung, vermittelt das Unternehmen auch Handwerker für die einzelnen Gewerke. 164 Wirtschaft

 

 

 

Am Hauptsitz in Villingen bietet STARK neben dem großen Baustoff-Lager eine attraktive Ausstellung mit so gut wie allem, was man zum Bauen braucht – bis hin zu Natursteinen. Neben umfassender Beratung ist auch Service bei der Auslieferung der Baustoffe selbstverständlich. 165

 

 

 

Mitarbeiter kennen die Materie Um die Kunden adäquat zu dieser großen Produkt- palette beraten zu können, benötigt es ausgewiesenes Fachpersonal. Und hier kann das Unternehmen auf seine jahrzehntelange Erfahrung und die oft selbst ausgebildeten Mitarbeiter zurückgreifen. Unter den ca. 100 Mitarbeitern befinden sich auch zehn Auszu- bildende. Doch Erfahrung allein genügt nicht: Technische Neuerungen, neue Produkte und Weiter- entwicklungen erfordern eine permanente Fortbil- dung. Umfassenden Service und Informationen zum Thema Bauen und Baustoffe finden Interessierte auch auf der Homepage www.alles-zum-bauen.de. Dabei geht um das Sortiment und außerdem um Informati- onen zu Dämmstoffen, Energiesparen im Eigenheim, Finanzierungen, ressourcenschonendem Bauen, Sanieren sowie Nachhaltigkeit und Vielem mehr. Das Lebenswerk wird fortgeführt Nachhaltigkeit war von Anfang an ein wichtiges Kriterium bei der Aufbauarbeit des Firmengründers: Wilhelm Stark stellte mit Weitblick früh die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Um sein Lebenswerk fortzuführen, band er seinen Sohn Werner und den Schwiegersohn Detlef Koop in die Geschäftsführung ein. Er selbst war bis ins hohe Alter für sein Unter- nehmen aktiv. Und die zweite Generation hielt es ebenso – auch Werner Stark hat im „Unruhestand“ sein eigenes Büro und ist jede Woche mehrfach an seinem Schreibtisch anzutreffen. Heute stehen Christian und Michael Stark als geschäftsführende Gesellschafter in der Verantwortung, wie auch Geschäftsführer Udo Bohnerth. Sowohl die Familie Stark, die Mitgesellschafter und das gesamte STARK-Team freuen sich sehr, dass man im Jahr 2023 das 90-jährige Bestehen des Baustoffhandels am Stammsitz in Döggingen feiern kann. Zufällig in dem Jahr, in dem auch die Heimat- gemeinde Döggingen ihr 900-jähriges Jubiläum begehen wird. Die STARK Filialen im Schwarzwald-Baar- Kreis, von oben nach unten: Döggingen, Donaueschingen, Furtwangen und St. Georgen. 166 Wirtschaft

 

 

 

Geschichte der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 1908 Geburt von Wilhelm Stark als Sohn von Wilhelmine Stark und des Dögginger Oberlehrers Karl Stark. 1933 Gründung der Baumaterialienhandlung in Döggingen. 1936 Eintrag in das Handelsregister. 1952 Eröffnung einer Filiale in VS-Villingen. 1954 Verlegung des Hauptsitzes von Döggingen nach Villingen, Döggingen wird zur ersten Filiale. 1973 Eröffnung der Filiale in Furtwangen; Werner Stark und Schwiegersohn Detlef Koop werden zu Geschäftsführern ernannt. 1981 Kauf der Fa. Götz mit Niederlassungen in Tuttlingen und Immendingen sowie der Firma Christians & Thiele in Villingen. am Standort Tuttlingen. 1994 Umbau und Neukonzeption der Ausstellung 1997 Umzug der Filiale Furtwangen nach Gütenbach-Neueck 1999 Detlef Koop wechselt in den Ruhestand; Paul Mäder wird zum weiteren Geschäftsführer berufen. 2001 Tod des Firmengründers Wilhelm Stark in seinem Heimatort Döggingen. 2005 Übernahme des Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in St. Georgen. 2010 Bezug des neu errichteten Büro- und Verkaufsgebäudes am Standort Villingen. 2011 Umzug der Filiale Gütenbach-Neueck „zurück“ nach Furtwangen. 2012 Christian Stark wird zum Geschäftsführer ernannt; Michael Stark zum Prokuristen. Werner Stark zieht sich als Geschäftsführer zurück, steht als Senior-Chef dem Unternehmen aber weiterhin zur Verfügung. 2015 Übernahme der Holz- und Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe am Standort Donaueschingen (siebter STARK-Standort). 2017 Michael Stark und Udo Bohnerth werden zu weiteren Geschäftsführern bestellt. 2019 Einweihung des Neubaus am Standort Immendingen. 2021 Komplettsanierung der Räumlichkeiten in St. Georgen. 2023 Jubiläum zum 90-jährigen Bestehen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 167

 

 

 

DER STOLZ VON VILLINGEN – DIE MÜNSTERTÜRME UND IHR PRACHTVOLLES GELÄUT Das Münster Unserer Lieben Frau ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen aus dem 15. und 16. Jahrhundert das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befin- den sich ein neunstimmiges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeutschen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut, von denen die älteste – die gotische Taufglocke, auch Alphabetglocke genannt – aus dem 14. Jahrhundert stammt. von Bernd Möller mit Fotos von Michael Stifter 168 5. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Blick aus dem Nordturm des Villinger Münsters, vorne der Südturm. 169

 

 

 

Andreas Franz Turner erklärt in der Sakristei den Glockenplan. Wie besteigt man die Villinger Münster- türme? Was für ein Mensch wird das sein, der einen hinauf begleitet, und wie wird jemand Mesner? Also eine Art Hausmeister an einem so ehrwürdigen, sakralen Gebäude wie der Villinger Hauptkirche, dem das Stadtprofil so prägenden „Münster Unserer Lieben Frau“? Diese Fragen treiben mich vor allem um, als ich Andreas Franz Turner im Sommer 2022 meinen Besuch abstatte. Mesner, Mesmer, Mößmer, Küster, aber auch Türmer oder Glöckner – diese Berufsbezeichnung kommt in vielen Varianten vor. Das Mesnerhaus, die Küsterwohnung, taucht bei fast jedem alten sakralen Bau auf, sei es ein Dom, eine Kathedrale, ein Münster oder auch nur eine einfache Stadtkirche, ja sogar bei manch einer größeren, wichtigeren Kapelle. Auch als Familiennamen kommen sie nicht sel- ten vor. Wie bei anderen immer rarer werdenden Berufen, beispielsweise Müller und Schmied, Sattler, Rademacher, Wagner und Seiler ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass Mesner früher nicht nur wich- tig, sondern auch weit verbreitet waren und einen festen Platz in unserer Gesellschaft hatten. Ich treffe einen Endfünfziger, anfangs eher zurück- haltend, dann aber im Gespräch immer lebhafter wer- dend, voller Wissen um Daten und Zahlen, Geschichte und Geschichten mit einem eigenen Humor, und eines war ganz schnell klar: Sein Herz hängt am Geläut, an den Glocken und am Glocken spiel des Münsters. Seit 21 Jahren betreut Andreas Franz Turner hauptamtlich das Villinger Münster, dazu die Benediktinerkirche und auch die Loretto kapelle an der Hammerhalde. Auf meine Frage, wie man zu einem solchen Beruf komme, hatte er eine verblüffende Erklärung: Der gebürtige Saarländer entwickelte schon in seinen Tagen als Ministrant eine Begeisterung für Glocken und ihren liturgischen Einsatz – für Kirchen- kunst allgemein. Schon als Bub sei er sonntags mit dem Rad durch die Landschaft gefahren und habe mit seinem Rekorder die Geläute der verschiedens- ten Kirchen aufgenommen, sie miteinander vergli- chen, ebenso ihre Geschichte, ihre Glockengießer und alles, was er dazu in Erfahrung bringen konnte. Obwohl er beruflich als chemisch-technischer Assistent z.B. in Wiesbaden und im Rheinland ganz andere Wege ging, ließ ihn diese Leidenschaft nicht mehr los. Er betrieb sie in seiner Freizeit weiter. 170 Geschichte

 

 

 

Der Nord- und Südturm des Villinger Münsters. 171

 

 

 

Die Glocken des Münsters Name Gießer Gussjahr Masse Christus Salvator F. W. Schilling, Heidelberg 1954 5.400 kg St. Jakobus Karlsruher Glockengießerei 1985 3.651 kg Maria St. Josef Johannes d.T. Peter und Paul Nikolaus von Flüe St. Pius X. Schutzengel Taufglocke / Sturmglocke F. W. Schilling, Heidelberg 1954 2.065 kg 1.389 kg 1.098 kg 617 kg 508 kg 336 kg 290 kg unbekannt ~14. Jh. – Unten: Die von Bildhauer Klaus Ringwald 1985 gezierte Jakobus glocke trägt neben weiteren Motiven, die sich auch auf den Münsterportalen finden, die Inschrift: „Heiliger Jakobus Patron der Pilger und Straßen rufe die Völker Euro- pas zur Einheit in Freiheit.“ Und so inserierte er eines Tages kurz entschlossen im Konradsblatt sein Interesse an einer Tätigkeit als Mesner. Zwei kleine Inserate haben gereicht: Nun konnte er in Villingen seinen lang gehegten Wunsch tatsächlich verwirklichen. Und was macht ein Mesner nun genau? Die Berufsbezeichnung „Mesner“ kommt vom lateini- schen „mansionarius“ und bedeutet ähnlich wie die alternative Bezeichnung „Küster“ (von lateinisch „custos“) Haushüter, Hüter oder Wächter. Und das ist mehr als ein Hausmeister, der lediglich für die Betreuung eines Gebäudes zuständig ist. Mesner sein ist ein kirchliches Amt. Hierzu gehören einer- seits Verwaltung, Überwachung, Instandhaltung, Reinigung des Gebäudes sowie die Vor- und Nach- bereitung des Kirchenraumes und der Sakristei für den jeweiligen Gottesdienst – und vieles mehr. Für eine hauptamtliche Anstellung ist in der Regel eine Ausbildung erforderlich, die liturgische, spirituelle und kirchenorganisatorische Themen genauso um- fasst wie praktisch-handwerkliche Tätigkeiten. Die Glocken des Münsters – Neunstimmiges Geläut plus Sturm- und Taufglocke Und zu den Aufgaben des Mesners gehört eben auch die Betreuung des Geläutes. In der Sakristei hängt der Glockenplan. Das neunstimmige Bronzegeläut wird ergänzt durch eine zehnte, kleine Sturm- oder Taufglocke in der Dachlaterne des Südturms, der einzigen historischen Glocke aus dem 14. Jahrhun- dert. Andreas Franz Turner nennt das Jahr 1305. Jede Glocke trägt den Namen eines Schutzheiligen. Am häufigsten zu hören ist St. Jakobus, die zweit- größte Glocke im Nordturm. Sie wurde 1986 in Karls- ruhe gegossen und schlägt im Big-Ben-Modus die Zeit, also im Viertelstunden-Takt. Die Glocke wurde von dem renommierten Bildhauer Klaus Ringwald geziert, von dem auch die Portale des Münsters stammen. Zum Angelus-Läuten um 7, 12 und 19 Uhr und dem Frei- tagsläuten kommen jeweils andere Glocken dazu. Diese drei Geläute werden seit 1968 funkge- steuert über die Villinger Stadtwerke in Bewegung gesetzt. Hierzu wurde die alte Hauptuhr umgerüs- tet, eine elektromagnetische Rarität mit Auslösung der Glockenschläge mittels Schleifkontakten, sehr zuverlässig und unabhängig von atmosphärischen Spannungsbeeinträchtigungen. 172 Geschichte

 

 

 

Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest, an ihnen kommen die meisten Glocken zum Einsatz. Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt da- gegen nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Je nach der Bedeutung der jeweiligen Messe im Kirchenjahr kommen andere und zusätzliche Glocken zum Einsatz. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest. Jeden Freitag um 11 Uhr läutet die letzte große Glocke, die für das Geläut 1954 gestiftet wurde, mit der Bitte um Frieden in der Welt (siehe Fotos S. 175-177). Nach all diesen Erklärungen wollen wir sie uns nun anschauen. Aus der Sakristei geht es über eine enge, steile Wendeltreppe immer links herum hinauf in den Nordturm. Beleibt durfte ein Mesner nicht sein, sondern äußerst beweglich. Nach jedem Sturm, nach jedem Gewitter, aber auch sonst nach festem Plan, muss er hinauf aufs Dach und in die Türme, um zu überprüfen, ob das Dach unbeschädigt ist und die Taubengitter noch dicht sind. Und die Glockenanlage muss ebenso optisch auf etwaige Schadstellen über- prüft werden. Das Bruchstein-Mauerwerk der Wendeltreppe ist innen recht roh zusammengefügt, die Mauern sind geschätzt 120 bis 150 cm dick mit engen Licht- scharten. Überhaupt macht der Nordturm einen massigeren Eindruck als sein Gegenstück im Süden. Das wohl auch, weil er die beiden größten und ton- tiefsten Glocken trägt: Christus-Salvator mit 1,9 Me- tern Durchmesser und 5,4 Tonnen Gewicht sowie die schon genannte St. Jakobus mit 1,7 Metern und 3,6 Tonnen schwer. Zusammen also neun Tonnen! Über eine steile Wendeltreppe geht es hinauf in den Nordturm des Villinger Münsters. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 173

 

 

 

Blick hinauf zur Spitze des 54,5 Meter ho- hen Nordturmes. Dort hinauf gelangt man nur noch über eine schmale, lange Leiter. Rechts: Blick auf die Riesen des Nordturms. sensible Riesen: Verschiebt sich der Anschlagspunkt der riesigen Klöppel nur um Zentimeter, verändert sich der Klang sofort und die Glocken sind nicht mehr richtig aufeinander abgestimmt. Andererseits braucht man die dicken Glocken nur mit dem Bleistift anzusto- ßen, und schon ergibt es einen leisen, feinen Ton. Aber wenn sie schlagen, wenn man vor ihnen steht, spürt man ihr Dröhnen körperlich mit Wucht – als würde man aus dem Turm gedrückt – und hält sich unwillkürlich fest. An Heiligabend 2017 glaubte Andreas Franz Turner einen leisen Missklang an der großen Chris- tus-Salvator-Glocke zu hören. Ausgerechnet an Weihnachten! Er leuchtete sie mit seiner Stablampe ab und fand nichts. Auch der noch im alten Jahr herbeigerufene Kundendienst konnte nichts finden. Aber der Missklang verstärkte sich von Tag zu Tag. An Neujahr ließ er letztmalig das Läuten der Glocke zu. Der Klang wurde immer schlimmer und jetzt zeigte sich bei nochmaliger intensiver Überprüfung ein Haarriss. Die Glocke musste geschweißt werden. Hierzu wurde der Turm seitlich geöffnet und in einer sehr aufwendigen Aktion die Glocke auf Schienen aus dem Turm geführt und abgesenkt. Die Reparatur führte die Glockengießerei Eijsbouts in Asten in den Niederlanden aus. Aus- und Wiedereinbau, Transport und Reparatur verschlangen 200.000 Euro, die nur dank der hohen Spendenbereitschaft der Villinger Bevölkerung zu bestreiten waren. Seitdem wird die Glocke geschont. Sie bekam einen leichteren Klöppel und läutet nur noch jeden Freitag um 11 Uhr und an höheren Feiertagen. Neben der Christus-Salvator-Glocke stehen zwei große Rätschen. Sie vertreten nach alter Kirchen- tradition am Karfreitag und am Ostersamstag um 12 Uhr die Glocken. Wenn sie schwingen, verdrei fachen sich ihre Läute- kräfte. 27 Tonnen wirken dann auf den Turm und sein Gemäuer. Wenn sie beide läuten, vibriert der ganze Turm. Da bekommt man Hochachtung vor der Leis- tung der damaligen Baumeister, deren Konstruktion diesen Kräften Jahrhunderte lang standgehalten hat. Seit 1954 hängen sie aber in einem stählernen Glo- ckenstuhl, der den ganzen Turm stabilisiert. Aber soweit sind wir noch nicht: Auf Höhe des Dachstuhls der Kirche endet die Wendeltreppe und die Kletterei geht weiter über Holzleitern und Zwischendecken. In diesen Zwischendecken sind Öffnungen eingelassen, durch die früher die dicken Hanfseile liefen, mit denen die damaligen großen Glocken von unten von Hand geläutet wurden. Und hier kann man eine Besonderheit sehen: Dicke Glas- ringe, die in Löcher eingelassen wurden und durch die diese Hanfseile liefen. So verhinderte man die ständige Reibung der Seile an den Holzplanken. Das schützte einmal die Seile selber vor unnötigem Ab- rieb, verhinderte aber wohl auch eine stärkere Erhit- zung bei längerem Läuten, eine sehr sinnvolle Vor- sichtsmaßnahme bei dem allgegenwärtigen Staub, den Spinnweben und dem trockenen Taubenmist früherer Zeiten. Bei den Riesen des Nordturms Die Spannung erhöht sich, bis wir endlich schnau- fend vor ihnen stehen oder besser gesagt, unter den großen Glocken durchkriechen können. Es sind 174 Geschichte

 

 

 

175

 

 

 

176 Geschichte

 

 

 

Villinger Münstertürme und ihre Glocken Das Prüfen der Glocken auf Beschädigungen gehört zu den regelmäßigen Aufgaben von Mesner Andreas Franz Turner. Hier befindet er sich inmitten der 5,4 Tonnen schweren Christus-Salvator-Glocke. Sie wurde wie das fast gesamte Geläut 1954 von der Gießerei Schilling in Heidelberg gegossen und hat einen Durchmesser von 1,92 Meter. 177

 

 

 

Die übrigen sieben Läuteglocken hängen in einem Holzglockenstuhl im Südturm. Damit verfügt das Münster insgesamt über ein neunstimmiges Geläut. Acht Glocken dieses Geläuts wurden 1954 von der Glockengießerei F. W. Schilling in Heidel- berg gegossen, eine Glocke 1985 von der Karlsruher Glockengießerei. Die historischen Glocken haben die Weltkriege nicht überstanden. Das Glockenspiel im Südturm Um in den Südturm zu gelangen, muss wieder zum Dachboden abgestiegen, dann über den Chor gequert und im Südturm aufgestiegen werden. Hier überrascht eine großartige Konstruktion: Der stählerne Glockenstuhl eines der größten Glocken- spiele im südwestdeutschen Raum. Die Glocken sind in fünf Kreisen übereinander angeordnet, das gesamte Glockenspiel hat einen Tonumfang von es¹ und as¹ bis a⁵, umfasst also fünf Oktaven. 46 Glocken davon wurden 2006 von der Glockengießerei Perner in Passau gegossen. Außerdem wurde eine Glocke des ursprünglichen Münster-Geläuts von Grüninger aus dem Jahr 1909 in das Glockenspiel integriert, nachdem sie sich schon im Museum befunden hatte. Der Name Grüninger spielt eine große Rolle für Villingen: Die Familiendynastie Rebner/Grüninger betrieb fast 375 Jahre eine bedeutende Glockengie- ßerei in Villingen. Und der Großvater des heutigen Eigentümers der Glockengießerei Perner aus Passau war 1919 Praktikant beim letzten Meister Grüninger. Villingen ist eine glockenfreundliche Stadt: Es kommen eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. men eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. In der Zwischenetage des Südturmes, in der sich heute das Glockenspiel befindet, war früher das mechanische Uhrwerk der Turmuhr untergebracht. Dieses löste vor der Automatisierung auch die Schlä- ge des Zeitläutwerkes auf der großen Glocke im Nordturm aus. Und zum Abschluss befindet sich über Glocken- spiel und Läuteglocken ganz oben im südlichen Glockenturm noch ein nur schwer zugängliches Wächterstübchen mit kleinen Schiebefensterchen. Bis ins 17. Jahrhundert wachte hier ein Türmer über die Stadt. Um sicherzugehen, dass er auch wach und wachsam war, musste er jeden Stundenschlag der großen Glocke mit einem Zugmechanismus wieder- holen, vom Südturm zum Nordturm. Ferner sind vier Läuteglocken des darüberhän- Und so verlassen wir die Türme wieder, steigen genden Münster-Geläutes auch im Rahmen des Glockenspiels spielbar. Diese insgesamt 51 Glocken werden elektronisch über einen Laptop gesteuert und spielen um 10:05, 12:05, 15:05 und 18:05 Uhr wechselnde kirchliche und weltliche Melodien. Diese liegen als fertige Pro- gramme vor, Tonkonserven gewissermaßen. Auch das Badener Lied ist darunter. Über ein Carillon- Manual, eine mechanische Klaviatur, ist ein solches Glockenspiel auch individuell mit den Fäusten be- spielbar. Dieses fehlt in Villingen noch. Die Glocken dieses Glockenspiels tragen die Na- men ihrer Spender. Sie sind ein freudig tönender Be- weis für die Liebe der Villinger zu ihren Glocken und für ihre Spendenfreudigkeit. Andreas Franz Turner lobt Villingen als eine glockenfreundliche Stadt. Es kä- ab zum Dachstuhl des Chores, aber werfen noch einen Blick in den mächtigen Dachstuhl des Kirchen- schiffes. Eine beeindruckende Zimmermannsarbeit versteckt sich unter der Ziegeleindeckung und man sieht noch deutlich die Spuren des alten gotischen Tonnengewölbes, das 1701 durch die barocke Stuck- decke des Villingers Ignatius Bürkner ersetzt wurde. Auch das gotische Radfenster wurde damals aus- getauscht durch das heutige Spitzbogenfenster mit schönem Blick auf das Rathaus. Das aus 51 Glocken bestehende Glockenspiel im Südturm des Villinger Münsters gehört zu den größten und klangschönsten in Südwestdeutschland. 178 Geschichte

 

 

 

xyz 179

 

 

 

Bis ins 17. Jahrhundert wachte im Münsterturm ein Wächter über die Sicherheit der Stadt, warnte bei Feuer, Blitzschlag oder Sturm. Seine „Ausgucke“ gibt es noch, hier derjenige in Richtung Westen zur Benediktinerkirche hin. An der Südwand des Villin- ger Münsters kann man zudem eine Eisentüre entdecken. Dahinter befindet sich ein Seil, das hoch bis zum Turmwächter sprich zur Sturmglocke in der Dachlaterne des Südturms führt. So konnte bei Feuer oder Blitzschlag auch vom Boden aus rasch eine Warnung an den Turmwächter oder die Bevölkerung abgesetzt werden. Überhaupt wurde Villingens Wahrzeichen schon 1130 im romanischen Stil begonnen, aber schon 1271 beim großen Villinger Stadtbrand so stark beschä- digt, dass man es neu aufbauen musste, nun im go- tischen Stil (siehe Infoblock auf der Seite rechts). Am Adelstag 1282 war wohl bereits Richtfest, obwohl das Münster erst zwei Jahre später fertiggestellt wurde. Damals war Rudolf von Habsburg zu Gast in Villingen und erteilte den Söhnen Heinrichs von Fürstenberg den Ritterschlag. Ein festlicher Anlass für ein Richt- fest. Die beiden heutigen Türme kamen erst im 15. und 16. Jahrhundert dazu, der massive Nordturm mit 54,5 Metern und der zierlichere Südturm mit 56 Me- tern. Sie waren im Geschmack der damaligen Zeit von Anfang an verschieden konstruiert, so wie bei vielen anderen Kirchen des Mittelalters. Ein Symbol der Vielfalt des Irdischen – Harmonie und Symmetrie waren dem Himmlischen vorbehalten. Und noch einmal führte wohl hoher Besuch zu Baumaßnahmen am Münster, die sein heutiges Bild prägen: Ein Besuch von Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin u. a. von Ungarn und Böhmen, soll um 1759 zur Eindeckung des Münsters mit seinen farbig glasierten Ziegeln nach dem Vor- bild des Stephansdomes in Wien geführt haben. Mit vielen solchen Geschichten bereicherte der Mesner Andreas Franz Turner die Klettertour durch das Innenleben der Villinger Münstertürme. Mehr als zwei Stunden waren verflogen, als wir wieder auf dem Marktplatz standen. Der Kopf noch leise dröhnend von Glockenschlag und Faktenfülle. Und zum Abschluss brachte es Andreas Franz Turner noch einmal auf den Punkt: „Für so einen Beruf muss man ledig sein. Ich bin verheiratet mit meinen Kirchen und Kirchenglocken!“ Mehr zum Glockengeläut des Villinger Münsters finden Sie unter www.almanach-sbk.de/villinger-muenster 180 Geschichte

 

 

 

DAS VILLINGER MÜNSTER Die Villinger Hauptkirche, das „Münster Unserer Lieben Frau“, war ursprünglich Johannes dem Täufer geweiht. Die dreischiffige, flach gedeckte Basilika ohne Querhaus entspricht dem für viele Kirchen dieser Zeit typischen schwäbischen Stil der Konstanzer Diözese. Schon bei der Planung der zukünftigen Stadt Vil- lingen war hierfür ein Bauplatz reserviert worden. Der Baubeginn wird auf 1130 geschätzt. Von diesem ursprünglich romanischen Bau sind heute nur noch das Westportal, die Untergeschosse der beiden Tür- me und das Doppelportal an der Südseite vorhan- den. Diese Portale haben ihre Vorbilder im Elsass. Schon 1271, noch vor der Fertigstellung, wurde das Münster bei dem großen Villinger Stadtbrand so stark mitbetroffen, dass es zu großen Teilen ab- gebrochen und nun im gotischen Stil fertig gestellt wurde. Jetzt entstanden der hochgotische Chor und auch die beiden Türme. 1282 fand das Richt- fest statt, erst 1284 war das Münster fertiggestellt. Die Türme erst später. Der Südturm ist der aufwendigere und erinnert architektonisch etwas an den Rottweiler Kapellen- turm: Über einem quadratischen Erdgeschoss folgen drei sechseckige Geschosse. Die oberen zwei zeigen schön gearbeitete, große gotische Doppelfenster, überragt von Ziergiebeln. Doch dann bricht der Turm ab, trägt nur noch eine kleine Laterne. Der schlichtere und massigere Nordturm schließt mit einem harmonisch wirkenden, spitzen Turmhelm ab. Das Münster wurde immer wieder umgebaut, ergänzt und dem Geschmack der Zeit angepasst. Starke Veränderungen brachte das Aufkommen des Barock mit sich. Das gotische Radfenster an der Westseite und das hölzerne Tonnengewölbe wurden entfernt, eine Stuckdecke eingezogen. Später hat man die Kirche wieder von vielen dieser zeitbedingten Werke „befreit“. Barocke Fülle ge- gen puristischen Eifer. Nicht immer ist man dabei pfleglich mit der Kirche und ihren Kunstwerken umgegangen, der übliche Tribut an den Zeitge- schmack. Auch am äußeren Bild des Münsters sind diese Eingriffe nicht vorbeigegangen. Erwähnt sei hier nur das „Vorzeichen“, ein hübscher Renaissance- Vorbau vor dem südlichen Doppelportal, von einem holländischen Maler dokumentiert. 1851 wurde es abgebrochen. Geblieben ist aber ein klarer hochgotischer Bau, harmonisch und in sich geschlossen, mit schönen Türmen, ein die Stadt prägendes Wahrzeichen, das Villinger Münster. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 181

 

 

 

AUF DER SUCHE NACH DEM HEILIGEN GRAL DER ELEKTROMOBILITÄT DIE 1896 GEGRÜNDETE ELEKTRIZITÄTSGESELLSCHAFT TRIBERG (EGT) GEHÖRT IN DEUTSCHLAND ZU DEN PIONIEREN BEI DER FERTIGUNG VON AKKUMULATOREN – FRÜHE ELEKTRO-TESTFAHRTEN IN TRIBERG UND FURTWANGEN Eine von sechs Münchner E-Lokomotiven, die die Trambahnwagen zwischen 1898 und 1906 über den stromlosen Strecken- abschnitt der Straßenbahn in der historischen Innenstadt ziehen. Damit das Stadtbild nicht gestört wird, verzichteten die Münchner bei der Stromversorgung der Straßenbahn teilweise auf eine Oberleitung und setzten auf die Akku-Technologie. Drei der Lokomo tiven sind mit Akkumulatoren der EGT unterwegs, so die hier abgebildete Nr. VI. 182 Geschichte

 

 

 

Mit Stand August 2022 sind im Schwarzwald-Baar-Kreis bei 135.000 Pkws 2.157 Elektro- und 3.782 Hybridfahrzeuge zugelassen. Dieser Trend ist aus bekannten Gründen stark steigend! Neu ist die Elektromobilität im Quellenland Schwarzwald-Baar jedoch nicht, sie hat vielmehr eine über 130-jährige Vorgeschichte. Bereits in den 1890er-Jahren sind in Deutschland elektrische Straßenbah- nen, Eisenbahnzüge und Elektro autos unterwegs. Die 1896 gegründete Elek trizitätsgesellschaft Triberg (EGT), die heutige EGT Unternehmensgruppe, erkennt diesen Trend. Sie versorgt den Groß- raum Triberg nicht nur mit Elektrizität, sondern fertigt zwischen 1896 und 1903 in ihrer „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach eigenen Patenten ebenso wiederaufladbare Batteri- en für den statio nären und mobilen Einsatz. Die stationären Akkus versorgen E-Werke bei „Wasserklemme“ und Störungen über meh- rere Stunden hinweg mit zuvor gespeicherter elektrischer Energie. Eine mobile Variante dient der Elektromobilität: 1898 ist vor diesem Hintergrund auf den Straßen bei Triberg das mutmaßlich weit und breit erste Elek tro- auto zu Test zwecken unterwegs. Und eine elektrische Lokomotive wird auf der Bregtalbahn in Furtwangen für Versuchsfahrten vorbereitet. Ab 1898 bewegen EGT-Akkus die Wagen der Münchner Straßenbahn und kommen in Ludwigs hafen beim Schie- Blick in die Akkumulatorenfertigung der EGT im Gewann Loch in Schönwald/ Triberg. Die Blei-Akkus wurden im Glaskasten oder im Holzgehäuse ausgeliefert. Die Darstellung ist einer EGT-Broschüre des Jahres 1898 entnommen. nen-Nahverkehr zum Einsatz. Die EGT Triberg gilt als ein Pionier der Elektro mo bilität in Deutschland – und feierte 2021 zudem ihr 125-jähriges Bestehen. Akkumulatorenfabrik Triberg 183

 

 

 

Markttag in Triberg in den 1890er-Jahren – der Marktplatz mit beim Parkhotel Wehrle platzierter elektrischer Bogenlampe. Triberg besaß als eine der ersten Städte in Deutschland eine elektrische Straßenbeleuchtung. Die Geschichte der Elektrizität und Elektromo- bilität wurzelt im Schwarzwald-Baar-Kreis im Jahr 1884: Es beschert der Kurstadt Triberg als einem der ersten Orte in Deutschland überhaupt eine elektrische Straßenbeleuchtung. Und es ist die erste Straßenbeleuchtung in ganz Deutschland, für die der Strom mit Wasserkraft erzeugt wird, was die Triberger Wasserfälle ermöglichen. Aus dem städtischen E-Werk am Fuß des Was- serfalles gehen 1892 die Elektrizitätswerke Triberg und im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) hervor, die heutige EGT Unternehmensgruppe. An ihr sind ab 1922 auch die Städte und Gemeinden Triberg, Hornberg, Furtwangen, St. Georgen und Schonach beteiligt – aktuell zu rund einem Drittel. Ein weiteres Drittel liegt im Jahr 2022 in den Händen der Nachfahren der EGT-Gründerfamilie von Schoen, den Erben von Gesellschafter Theodor Wurster und des früheren EGT-Vorstandsvorsitzenden Rudolf Kastner. Das letzte Drittel gehört der Alb-Elektrizi- tätswerk Geislingen-Steige eG. Hauptsächlich die Patente von Ingenieur Carl Meissner zum Bau von Blei- Akkumulatoren sind der Grund dafür, weshalb die schwerreichen Investoren Friedrich von Schoen, dessen Bruder Wilhelm von Schoen und der berühmte Erfinder Carl von Linde 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) ins Leben rufen. Bei Carl Meissner handelt es sich um 184 Geschichte

 

 

 

Friedrich von Schoen (1849 ­ 1941) Wilhelm Freiherr von Schoen Geheimrat Prof. Dr. Carl von Linde (1851 ­ 1933) (1842 ­ 1934) Carl Meissner (1850 ­ 1944) Friedrich Kranich (1857 ­ 1924) Die Gründer der Elektrizitätsgesellschaft Triberg und der Akkumulatorenfabrik Triberg. Ingenieur Carl Meissner und Obermaschineriemeister Friedrich Kranich sammelten am Festspielhaus Bayreuth von Richard Wagner ihre ersten Erfahrungen in der Anwendung von Elektrizität. Dort lernten sie auch Friedrich von Schoen kennen. Letzterer war der größte private Sponsor des Operngiganten und enger Freund von Richard und Cosima Wagner. Friedrich von Schoen begeisterte dann seinen Bruder Wilhelm Freiherr von Schoen und den Freund Carl von Linde für die Idee, in Triberg eine Elektrizitätsgesellschaft und Akkumulatorenfabrik aufzubauen. Akkumulatorenfabrik Triberg 185

 

 

 

Blick in die E-Werk-Zentralstation in St. Georgen. Mehr als sechzig Akkumulatoren sprich Zellen befinden sich im Raum: Sie helfen mit, die Spannung im Netz konstant zu halten, springen bei Störungen ein oder übernehmen die Stromver- sorgung einige Stunden lang vollständig. Werden wie hier mehrere Akkumulatoren zusammen geschaltet, spricht man von einer Batterie. den früheren Leiter des AEG-Installationsbüros in Frankfurt. Der Ingenieur gilt als einer der Pio- niere beim Aufbau der Elektrizitätsversorgung im Schwarzwald. Die aus München stammenden Inves- toren stellen ihm ein Millionenkapital bereit, um den Großraum Triberg mit Elektrizität zu versorgen und im Gewann „Loch“ bei Schönwald in der „Akkumula- torenfabrik Triberg“ Akkus für die Speicherung von Elektrizität herzustellen. Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der in den 1890er-Jahren erstmals auf- kommenden Elektromobilität und versprechen sich von der Produktion wiederaufladbarer Batterien ein Millionengeschäft. Sie blicken fasziniert nach Ameri- ka, wo die Zahl der Elektroautos förmlich explodiert. Neben Ingenieur Carl Meissner ist bei der EGT in diesen Gründerzeiten der Industriellen-Sohn Fried- rich von Schoen die treibende Kraft. Eine Erbschaft verhalf ihm zu einem „sagenhaften Vermögen“, wie er es in seinen Memoiren selbst schreibt. Er fördert mit seinem Vermögen die Kunst, so den Opern- giganten Richard Wagner – und die Wissenschaft. Er ist mit dem Erfinder Carl von Linde befreundet, der ihm dazu rät, in Triberg einzusteigen und sich auch selbst an der EGT beteiligt. Und Friedrich von Schoen steht mit großer Leidenschaft von der Gründung an vier Jahrzehnte lang an der Spitze des Aufsichtsrates der EGT. Sein Vermögen allerdings verliert er in den Wirren der Weimarer Republik fast vollständig. Es bleiben ihm die Anteile an der EGT und ein Landgut in Berchtesgaden. Akkumulatoren sind unverzichtbar Hauptsitz der EGT ist die frühere Obere Mühle, die gegen über des heutigen Schwarzwald museums Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der Elektromobilität, versprechen sich von der Produktion wieder auf- ladbarer Akkus ein Millionengeschäft. 186 Geschichte

 

 

 

Göttin Electra zaubert mit einem Akkumulator die Elektrizität für die Mobi- lität der Welt herbei. Das Werbe plakat eines italieni- schen Her stellers zeigt auf, wie vielfältig die Akkumu- latoren einsetzbar sind. an der Straße nach Schonach steht. Dort befinden sich das Un- tere Werk, das mit der Wasserkraft der Triber- ger Wasserfälle Gleich- strom erzeugt, die Ver- waltung des E-Werks und die Werkstätten des Installations betriebes. Hier beginnt Ingenieur Carl Meissner ab 1893 ver- suchsweise mit der Fertigung von Akkumulatoren und erkennt den immensen Bedarf. Die neuartigen Energiespeicher sind für die Gewährleistung der Sta- bilität der Elektrizitätsversorgung überall unverzicht- bar, denn sie verhindern über automatische Strom- zugaben die gefürchteten Spannungsschwankungen im Netz. Diese führen zum Flackern des Lichts oder gar zum Durchbrennen der kostspieligen Glühbirnen in den Anwesen der Kunden. Weiter sind die Akkumulatoren in der Lage, bei „Wasserklemme“ oder technischen Störungen die Energieversorgung aufrechtzuerhalten. In Triberg, Hornberg, Furtwangen und St. Georgen schaltet die EGT deshalb jeweils bis zu 272 Akkumulatoren zu einer Großbatterie zusammen. Diese beansprucht 70 Quadratmeter an Fläche, wiegt um die 46 Ton- nen und entspricht laut einer Tabelle der Deutschen Bundesbank nach heutiger Kaufkraft einem Gegen- wert von bald 200.000 Euro. Die Batterie vermag in diesen Pionierzeiten immerhin 320 Glühlampen bis zu vier Stunden lang mit Energie zu versorgen. Carl Meissner rüstet zunächst vor allem Kraftwer- ke mit den Akkus aus. Zum Beispiel 1895 das Fluss- kraftwerk Stallegg des Fürsten zu Fürstenberg in der Wutachschlucht. Da etliche Fabriken mit Wasserkraft selbst Strom erzeugen, sichern die Akkumulatoren auch dort die nicht mehr wegzudenkende elektrische Beleuchtung. Oder sie verhindern in Brauereien als Notstromlösung den Ausfall der für die Produk tion wichtigen Kühlan lagen, wenn mal wieder kein Strom zur Verfügung steht. Etwa bei der Fürstenberg- Brauerei in Donau eschingen oder der Hamburger Holsten-Brauerei. Dass in diesen Gründerzeiten der Elektrizität die Stromversorgung ausfällt, ist jeden- falls keine Seltenheit. Akku-Fertigung in großem Stil Schließlich steigt Carl Meissner dank der finanziellen Hilfe von Magdeburger Geschäftsleuten 1894/95 Akkumulatorenfabrik Triberg 187

 

 

 

im Gewann Loch bei Schönwald auf der Grundlage eigener Patente im großen Stil in die Fertigung von Blei- Akkumulatoren ein. Mit Ingenieur Friedrich Schneider gewinnt er einen Mitarbeiter, der eben- falls von der Zukunft dieser Speichertechnologie überzeugt ist. Da die mit dem Aufbau einer Akkumu- latoren-Fertigung verbundenen finanziellen Heraus- forderungen gewaltig sind, begibt sich Carl Meissner auf die Suche nach weiteren Geldgebern. Er findet sie in München – überzeugt Friedrich von Schoen, Wilhelm von Schoen und Carl von Linde von seinem Vorhaben. Kurz darauf gründet sich im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT). Sie über- nimmt alle Anlagen zur Stromerzeugung in Triberg und ebenfalls die kürzlich eröffnete Akku- Fabrik. Die bisherigen Teilhaber werden von den neuen Geldge- bern allesamt ausbezahlt. Zwar bleibt der Auf- und weitere Ausbau einer Elektrizitätsversorgung im Großraum Triberg das zentrale Anliegen der EGT, das große Geld aber soll die Akkumulatoren-Fertigung einbringen. Warten auf einen mobilen Akku Wohl mit auf Vorschlag von Carl von Linde hin konzentriert sich die EGT in ihrer Fabrik neben der Fertigung von Akkumulatoren für den stationären Betrieb zunächst auf die Entwicklung und den Bau von Batterien für Straßen- und Eisenbahnen. Derweil die Produktion von Akkumulatoren für den stationä- ren Betrieb der EGT einen kontinuierlichen Absatz sichern, sind bei der Herstellung der mobil verwend- baren Akkus rasche Erfolge nicht zu erzielen: Auch acht Monate nach Übernahme der Akkumulatoren- fabrik ist ein auf Basis eigener Patente ent wickelter mobil einsetzbarer Akkumulator von seiner Serienreife weit ent- fernt. Ständige Rückschläge bei der Fertigung bringen den Hauptkapitalgeber Friedrich von Schoen an den Rand der Verzweiflung. Er zeigt sich be- unruhigt, verweist im Februar 1897 in einem seiner rund 1.000 erhaltenen Briefe auf die rasch zunehmende Elek- tromobilität: „Ich habe das 188 Friedrich von Schoen im Februar 1897 über die Akkufertigung der EGT: „Ich habe das Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ In der Tat: Wenn im Straßenbild der Städte ver- mehrt Automobile ohne nennens werte Geräusche und Gestank elegant dahingleiten und Straßen- bahnen ohne vorgespannte Pferde oder Oberleitun- gen umherfahren, sind stets Blei- Akkumulatoren im Spiel, die Elektromotoren antreiben. Die Bat- terien stammen von der wie Pilze aus dem Bo- den schießenden EGT-Konkurrenz, vor allem der Akkumulatorenfabrik Hagen. Immer mehr mischen auch Weltunternehmen wie Siemens, VARTA oder AEG auf dem vielversprechenden Zukunftsmarkt mit. Komplexes Fertigungsverfahren Wie komplex sich die Entwicklung und Fertigung von Akkus darstellt, wird offenkundig, wenn es um die Details geht: Vereinfacht ausgedrückt verwandelt ein Blei-Akkumulator elektrische Energie in chemische. Wird die elektrische Energie wie- der benötigt, läuft dieser Prozess umgekehrt ab. Hierfür die per- fekte Rezeptur zu finden – selbst EGT-Akkumulator im Glasgefäß. Gut zu erkennen sind die einzelnen Zellen aus Bleiplatten und Bleigittern mit aktiver Masse. Die positiven und negativen Zellen werden miteinander verlötet und stehen mit ca. 5 mm Abstand in einem Behältnis, das mit Schwefelsäure gefüllt ist. Geschichte

 

 

 

Links: Patent von EGT-Ingenieur Friedrich Schneider für eine besondere Zellkonstruktion in Blei-Akkumula to ren. Rechts sind Be- standteile des neuartigen EGT- Röhrchen- Akkumulators zu sehen. Friedrich von Schoen ließ die EGT-Patente teils in bald ganz Euro- pa schützen, was enorme Ausgaben mit sich brachte. Hier sind zwei Patente für den englischen Markt abgebildet. Lebertran wird der „aktiven Masse“ versuchsweise beigemischt – gleicht der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität. Blei-Akkumulatoren bestehen aus negativ und positiv formierten Bleiplatten, den Elektroden. Die negativen Platten sind mit einer Art Rahmen ver- gleichbar, der im Fall der EGT mit hohlwandigen Bleiröhrchen bestückt ist (siehe Abb. oben). Diese werden mit einer aus Bleimenni ge samt Zusätzen bestehenden Masse befüllt, sprich bestrichen. Die positiven Platten hingegen bestehen aus reinem Blei. Die Platten werden in einen mit Blei ausgekleide- ten, hölzernen Batterie kasten eingebaut. Abschlie- ßend wird das Behältnis mit Schwefelsäure plus destilliertem Wasser befüllt (Nassbatterie). Durch die jetzt folgende Formierung erhalten die Platten die Eigenschaft, Energie aufzunehmen und später wie- der abzugeben. Größtes Hemmnis ist bei mobilen Akkumulatoren die Betriebs sicherheit: Die Erschütterungen durch den Fahrbetrieb führen im Alltag zu einer ganzen Se- rie an Ausfällen. Immer wieder kommt es aufgrund mangelnder Stabilität der Bleiplatten- Konstruktion zur Beschädigung von Lötstellen oder die Bleiplatten berühren sich, was zum Kurzschluss führt. EGT beschäftigt 30 Arbeiter Die Akkumulatorenfertigung der EGT beschäftigt 1897 ca. 30 Arbeiter, darunter Gießer, Klempner, Löter, Mechaniker und diverse Hilfskräfte wie Ver- packer. Ihnen steht Oberingenieur Friedrich Schnei- der vor, der als Werksleiter fungiert, während die Geschäftsführung in den Händen von Carl Meissner liegt. Die Fertigung der Akkumulatoren verlangt nicht nur ein sehr exaktes Arbeiten, sondern ebenso Akkumulatorenfabrik Triberg 189

 

 

 

 2 3 4 Die Belegschaft der Akkumu la toren fabrik Triberg, ab Mai 1896 die „Abteilung B“ der EGT. Links: Fass mit Schwefelsäure (1), davor die massive Bleiplatte für einen Akkumulator (2). Gestell mit Bleiplatten – die Zelle sprich Basiseinheit des Akkumu lators (3). Mitte rechts das Behältnis, das die Zelle aufnimmt und danach mit Schwefelsäure befüllt wird (4). Geschichte

 

 

 

8 9 6 5 7 Arbeiter mit Schöpflöffel für das Einbringen des flüssigen Bleis in die Gießform (5), mit der die Akku-Zellen hergestellt werden. Rechts davon Arbeiter mit Gussform (6). Der Schlauch im Bild dient zum Befüllen der Akkus mit Schwefelsäure (7). Akkumulatorenfabrik Triberg Stehend rechts: Gründer und Direktor Carl Meissner (8). Mitte oben Ingenieur Friedrich Schneider (9). 191

 

 

 

2 Die Akkumulatorenfabrik der EGT im Gewann Loch bei Schönwald (1). Nach wie vor befindet sich im noch stehenden Gebäude als Museumsstück das von der EGT aufgebaute Wasserkraftwerk zur Stromer zeugung, unten ein Blick in den Maschinenraum (2). zweimal die Woche am Arbeitsplatz warm baden oder duschen zu können. Und sie hat ihnen wö- chentlich kostenlos gereinigte Arbeitskleidung samt Mützen zur Verfügung zu stellen. Arbeiter, die be- sonders empfindlich auf das Blei reagieren, müssen sich eine andere Beschäftigung suchen. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind jetzt Vorschrift. Immer mehr Hersteller drängen auf den Markt Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen ist neben der Fertigung der stark nachgefragten stationären Batterien die Fertigstellung einer mobilen Variante und der Verkauf derselben. Trotz aller Verspre- chungen steht diese für Straßen- und Eisenbahn- Versuchsfahrten erst im Herbst 1897 auch tatsäch- lich zur Verfügung. Und damit mehr als eineinhalb Jahre nach der Gründung der EGT. Für Friedrich von Schoen eine äußerst unbefriedigende Situation. Sie mache ihm Angst, räumt er in seinen Briefen an die Triberger Geschäftsführung mehr als einmal unumwunden ein. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt einen sorgfältigen Umgang mit dem hochgiftigen Schwermetall Blei und der nicht minder gefährlichen Schwefelsäure. Den damit verbundenen Anforde- rungen an den Arbeitsschutz wird die Fabrik jedoch nicht gerecht: Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Das trifft zu dieser Zeit auf allerdings sämt liche Akkumulatorenfabriken in Deutschland zu. Wie dramatisch die Zustände in der Fabrik sind, schildern 1898 gleich drei Berichte der Offenburger SPD-Zeitung „Volksfreund“. Bleivergiftungen in gro- ßer Zahl sind an der Tagesordnung, vor allem die gefürchtete Bleikolik. Es kommt zu weitreichenden Auflagen: Die Akkumulatorenfabrik muss es ihren Arbeitern als Folge der Inspektionen ermöglichen, 192 Geschichte

 

 

 

über 1,5 Mio. Euro Risikokapital allein in die Akku- mulatorenfertigung investiert! Für die damalige Zeit eine ungeheuer große Summe! Und immer mehr Hersteller drängen auf den Markt, alle erhoffen sich von der Elek tromobilität ein großes Geschäft. Aus- gerechnet die EGT kann in diesen Konkurrenzkampf in Ermangelung eines Produktes lange Zeit nicht eingreifen. So verhandelt Friedrich von Schoen über Straßen- und Eisenbahn testfahrten mit EGT-Akkumulatoren in Ludwigshafen und München, ohne dass er ein Produkt vorzeigen kann. Die eventuellen Kunden vertrauen auf seine mitgebrachten Muster und sein Renommee. Wie in der Gegenwart der Elektromobili- tät ist bei all diesen Verkaufsgesprächen nicht allein die Reichweite der Akkus von Bedeutung, sondern ebenso deren Ladezeit. Damit sie eine Trambahn oder einen Triebwagen mit genügend elektrischer Energie versorgen können, müssen mehrere Ak- kumulatoren zu teils über drei Tonnen schweren Batterien zusammengeschaltet werden. Für die in Brüssel, Ludwigshafen oder München vorgesehenen Batterien gibt die EGT eine Reichweite von bis zu 120 Kilometern und eine Ladezeit von fünf Stunden an. Obwohl das Produkt im Sommer 1897 weiter auf sich warten lässt, mangelt es dem Triberger Unterneh- men keinesfalls an Selbst bewusstsein. Die Schreiben an mögliche Käufer schließen stets mit dem Verspre- chen: „So viel ist sicher, daß unser System in Bezug auf die Lebensdauer alle anderen weit übertrifft.“ Elektrotechnik-Pionier Erasmus Kittler als Berater tätig Friedrich von Schoen baut unterstützt durch Carl von Linde ein EGT-Vertriebs-Netzwerk auf, das im März 1897 neben Frankreich und Belgien auch Italien um- fasst. In Deutschland setzt von Schoen außerdem auf die Beziehungen von Erasmus Kittler. Der Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt gilt als Elektrotechnik-Pionier und renommierter Physiker. Kittler ist maßgeblich an der Einrichtung zahlreicher Kraftwerke beteiligt und für die EGT teils als Berater und Gutachter tätig. So empfiehlt er Friedrich von Schoen, die für Testfahrten in Furtwangen vorgese- hene Lokomotive in der Werkstatt der Maschinen- fabrik Kummer schnellstmöglich zu elektrifizieren und sie zu den bald anstehenden Versuchen mit dem Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Bleikoliken sind an der Tagesordnung. EGT-Akkumulatoren-Triebwagen in Ludwigs hafen mitzubringen. Friedrich von Schoen betont, wenn ein Mann wie Erasmus Kittler sich für die Akkumula- toren der Elektrizitätsgesellschaft Triberg interessie- re, „sei das außerordentlich viel werth“. Von Schoen: „Wenn wir seinem Rathe nicht folgen, entfremden wir uns den Herrn, der uns sonst sehr nützen kann. Ludwigshafen nützt uns auch für die hiesige Staats- bahn mehr als die Bregtalbahn.“ „Wir sollten uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen-Batterien pro Jahr einrichten“ Der zu dieser Zeit in München in einer prächtigen Stadtvilla residierende EGT-Haupteigner Friedrich von Schoen sieht einen geradezu riesigen Bedarf an Akkumulatoren: für den Trambahn- und Eisenbahn- betrieb, die Beleuchtung von Eisenbahn- Waggons, bei Omnibusgesellschaften – und in verkleinerter Ausführung für Fahrradlampen und Kutschenbe- leuchtungen. Er träumt von einer neuen Fabrik unmittelbar bei München. In einem Schreiben vom 28. März 1897 betont er: „Ich sprach gestern darüber mit Herrn Meißner, und ich dachte, daß wir uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen- Batterien pro Jahr einrichten sollten.“ Eine derartige Großproduktion anzukurbeln – überhaupt Akku triebwagen oder Trambahnen mit EGT-Akkumulatoren ausstatten zu dürfen, ist ohne Akkumulatorenfabrik Triberg 193

 

 

 

Die EGT bewirbt sich für Straßenbahn-Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. die erfolgreiche Teilnahme an kostspieligen Test- fahrten nicht möglich. Die Eisenbahn- oder Straßen- bahngesellschaften lassen sich zu diesem Zweck einen Triebwagen oder Straßenbahnwaggon auf Kosten des Akkumulatoren-Herstellers betriebsfertig ausstatten. Kommt es nicht zum Vertragsabschluss, müssen die in der Regel mehr als drei Tonnen schwe- ren Batterien wieder zurückgebaut werden. Die EGT bewirbt sich ungeachtet dessen für Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. Nach der ersten Euphorie hat bei den Straßen- bahn-Betreibern indes das große Rechnen begonnen und aus Kostengründen sprechen sich etliche Städte trotz der unschönen Oberleitungen gegen einen rei- nen Akkumulatorenbetrieb aus – auch das ein Rück- schlag. Die Mehrheit neigt zum gemischten Betrieb, bei dem nur Teilstrecken – etwa in der Altstadt – mit Blick auf das Stadtbild ohne Ober- oder Unterleitung zur Stromversorgung ausgestattet sind. Mit Oskar von Miller, der bei vielen Planungen beigezogen wird, zieht ein angesehener Bauingen ieur, Elektro- techniker, Wasserkraftpionier und Begründer des Deutschen Museums ebenfalls aus Kostengründen die Oberleitungen vor. Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive auf der Bregtalbahn geplant Um ihre Produkte testen zu können, kauft die EGT bei der Firma Kummer & Cie in Niedersedlitz bei Dresden einen Trambahnwagen und eine Lokomo- tive mit Elektromotor. Die Lokomotive wird im Juli 1897 nach Furtwangen geschleppt, wo sie auf einem Nebengleis der Bregtalbahn parkt und für den Akku- mulatoren-Betrieb umgerüstet werden soll. Die Breg- talbahn eignet sich für Testfahrten ideal: Unmittelbar neben dem Furtwanger Bahnhof befindet sich das E-Werk der EGT, von dort aus kann sie den Strom zum Laden der Akkumulatoren direkt ans Bahngleis führen. Über die Ankunft des Triebwagens in Furtwangen berichtet die in Triberg erscheinende Tageszeitung „Echo vom Wald“ am 31. Juli 1897 wie folgt: „Der Akkumulatorenwagen, mit welchem Versuche auf der Bregtalbahn gemacht werden sollen, ist am Donnerstag hier eingetroffen. Derselbe sieht von den Längsseiten fast aus wie ein Spezial wagen für Bier; die Kopf- oder Stirnseiten sind jedoch von Glas. Der Bau ist jedenfalls ziemlich kompliziert, denn so ein elektrisches Wägel- chen ohne Inhalt kostet ungefähr 13.000 Mark (ca. 95.000 Euro, d. Autor).“ Zugleich widerruft die Zeitung Gerüchte, die Bregtalbahn werde die Personenbeförderung mit elektrisch angetriebenen Wagen der EGT aufnehmen – vielmehr handele es sich um Testfahrten im Zusam- menhang mit der eigenen Akkumulatorenfertigung. Allerdings tut sich die Süddeutsche Eisenbahn- Gesellschaft als Betreiber der Bregtalbahn schwer mit der Vorstellung, dass auf ihrer Bahnstrecke eine elektrische Lokomotive unterwegs sein soll. Sie verlangt von der EGT den Abschluss einer Versi- cherung, die bei Unfällen mit Verletzten und Toten einspringt oder nach einem Einsturz von Brücken für die Kosten geradesteht. Dabei soll die Lokomotive vom dafür ausgebildeten Personal der Bregtalbahn gesteuert werden – die Furcht vor dem „Elektri- schen“ scheint gewaltig. Der Umbau des in Furtwangen stationierten Triebwagens für Akkubetrieb stellt sich für die EGT als enorme Herausforderung dar. Der Energiebedarf für den Antrieb der Lok ist derart hoch, dass allein für die Verbindung der Bleiplatten, die in den über 150 (!) Akkumulatoren zum Einsatz kommen, 155.000 Kanäle zu gießen sind. So bestellt die EGT für 4.000 Mark (ca. 28.000 Euro) eine neue Gießform, die ihr die Herstel- lung von täglich 3.600 Kanälen ermöglicht. Was somit einer Produktionszeit von ca. 43 Tagen entspricht. Einmal mehr erweist sich aber die Ankündigung, dass die Testfahrten in Furtwangen bis Ende August stattfinden werden, als Irrtum. Die Elektrizitäts- gesellschaft Triberg schiebt sie wegen anderweitiger 194 Geschichte

 

 

 

Die Furtwanger Energiezentrale der EGT unmittelbar beim Bahnhof der Bregtalbahn. Wegen der Nähe des E-Werkes zu den Bahngleisen, die ein problemloses Aufladen der Akkus ermöglichte, sollten ab Herbst 1897 in Furtwangen Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive erfolgen. Projekte immer wieder neu auf. In welchem Umfang diese im weiteren Verlauf der Arbeiten stattfinden, ließ sich im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag nicht klären. Erhebliche Probleme bei der Fertigung Dass die Akkumulatorenfabrik der EGT trotz der allgemein glänzenden Geschäftsaussichten der Branche ihren Investoren nur Verluste einfährt, hat – neben der noch nicht abgeschlossenen Akku-Neuentwicklung – vor allem mit ihrer schlech- ten Fertigungsqualität zu tun. Friedrich von Schoen dokumentiert in seinen Briefen geradezu unglaubli- che Zustände, die offenlegen, dass in Schönwald so gut wie keinerlei Qualitätskon trolle erfolgt. Friedrich von Schoen: „Es ist sehr traurig, daß bei uns solche Dinge häufig vorkommen.“ Der EGT-Haupteigner will in Triberg trotz aller Schwierigkeiten aus verständlichen Gründen den Erfolg – und bemüht sich vor dem Hintergrund der Millionen-Investitionen, wo er nur kann, persönlich um Großaufträge. Auch zahlreiche Inserate werden geschaltet. In Bayern sollen ab Spätherbst 1897 stets 14-täglich erscheinende Anzeigen in den Münchner Neuesten Nachrichten die Bekanntheit der EGT- Akkumulatoren steigern. Ebenso inseriert die EGT regelmäßig in den führenden elektrotechnischen Zeitschriften. Die „Akkumulatoren für Beleuchtung und Kraftübertragung“ werden in diesen Textanzeigen wie folgt beworben: „Stationär und transportabel, her- gestellt nach eigenem, bedeutend verbessertem, mehr- fach patentiertem Verfahren. Special-Akkumulatoren zur Fort bewegung und Beleuchtung von Fahrzeugen jeder Art. Geringes Gewicht! Hohe Lebensdauer, weit- gehende Garantie! Billigste Preise. Prospekte und Vor- anschläge kostenfrei!“ Mehr Informationen finden Sie unter www.almanach-sbk.de/egt Akkumulatorenfabrik Triberg 195

 

 

 

EGT-Akkumulator schafft in Ludwigshafen mit Bravour seine erste Bewährungsprobe Der Geschäftsverlauf 1897 ist geprägt von zwei Groß-Ereignissen im Herbst des Jahres: den Testfahr- ten für die Pfälzischen Eisenbahnen in Ludwigshafen und für die Münchner Trambahngesellschaft. In Lud- wigshafen müssen sich die EGT-Batterien beim Be- trieb der Straßenbahn und in einem Akkutrieb wagen auf Nahverkehr-Eisenbahnstrecken bewähren. Eingebaut werden 156 Akkumulatoren, die in Reihe geschaltet als Großbatterie fungieren und sich unter den Sitzen im Fahrgastraum befinden. Das Gewicht dieser Batterien ist enorm. Die Faustregel lautet: In den Zellen, sprich einzelnen Akkumulatoren der Bat- terie, müssen Bleiplatten verbaut sein, die insgesamt einem Viertel des Fahrzeuggewichtes entsprechen. Nur so lässt sich genügend Energie speichern, die ausreicht, um das Schienenfahrzeug anzutreiben. Die Pfälzischen Eisenbahnen setzen Akkutrieb- wagen mit Systemen der Hagener Akkumulatoren- fabrik (AFA) bereits seit 1896 erfolgreich ein, beför- dern mit ihnen allein im Jahr 1897 bald 100.000 Per- sonen, so der Jahresbericht der Verwaltung. Und ab 4. Oktober 1897 leisten auch die EGT-Akkumulatoren ihren Beitrag zur Personenbeförderung: Das rundum positive Ergebnis der ersten Probefahrten auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen am Rhein – Mun- denheim erfüllt die Triberger Gesellschaft mit Stolz. Zumal sich die EGT-Akkumulatoren besser schlagen als jene der Hagener Akkumulatorenfabrik (AFA). Friedrich von Schoen schickt ein Glückwunsch- telegramm nach Triberg. Und das „Echo vom Wald“ berichtet am 6. Oktober: „Gestern und Vorgestern fanden auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen a. Rhein – Mundenheim Probefahrten mit einer elektri- schen Lokomotive statt, angetrieben durch die neuen, patentierten Akkumulatoren der Elektrizitätsgesell- schaft dahier. Das Resultat war, wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, ein vorzügliches.“ Holpriger Start bei den Probefahrten in München Was in Ludwigshafen so verheißungsvoll beginnt, startet ausgerechnet in München – der Heimat von Friedrich von Schoen und Carl von Linde – mehr als „holprig“: Die dort eingebauten Akkumulatoren verfügen nach Darstellung des Sachverständigen der Betreibergesellschaft über zu wenig Kapazität. Es kommt zu Kurzschlüssen und teils fallen Zellen voll- ständig aus oder es entwickeln sich giftige Dämpfe, da Schwefelsäure austritt. Die Mängel in Ludwigshafen und München sind indes keine Einzelfälle, auch bei stationären Akku- mulatoren häufen sich die Qualitätsprobleme. Der Aufsichtsratsvorsitzende drängt mit Blick auf den wegen der vielen mangelhaften Produkte zu erwar- tenden Konkurs der Akkumulatorenfabrik auf „stren- gen Verkauf“ – die Akku-Fabrik brauche Einnahmen. Die Bilanz des Investors zum zweiten Jahr seines En- gagements bei der EGT fällt geradezu erschütternd aus: „Ich kann nur versichern, daß, wenn ich nicht für mein engagiertes großes Kapital sorgen müßte, ich den Vorsitz des Aufsichtsrates längst niederge- legt hätte.“ Doch die Probleme nehmen weiter zu: Als in München in einem Straßenbahnwagen aus den un- ter den Sitzen angebrachten Akkumulatoren giftige Dämpfe austreten, erkundigt sich nach Hinweisen der Fahrgäste im Januar 1898 die Polizei nach der Sicherheit der EGT-Batterie. Das Renommee der EGT- Akkumulatoren sieht der Aufsichtsratsvorsitzende Werbeanzeige der EGT Triberg aus dem „Elektrotechnischen Anzeiger“ für den Verkauf von Akkumulatoren. Die Anzeige erscheint in der viel gelesenen Zeitschrift zwischen 1897 und 1899 teils wöchentlich. 196 Geschichte

 

 

 

Der Wagen Nr. 30 der Münchner Trambahn ist für den gemischten Betrieb ausgelegt. In den Außenbezirken wird die Energie aus der Oberleitung bezogen, in der Innenstadt treibt ein Akkumulator der EGT die Straßenbahn an. daraufhin sowohl in München als auch in Ludwigs- hafen oder beim Trambahn wagen-Lieferanten Union Berlin aufs Schwerste beschädigt. Das erste vierrädrige Automobil stammt 1888 von Maschinenfabrikant Flocken Trotz aller Fertigungsprobleme gelingt es der EGT, Akkus für den mobilen Betrieb auch für den Einsatz in Automobilen zu veräußern – Fuß fassen kann das Triberger Unternehmen jedoch auch in dieser Spar- te nicht. Zur Vorgeschichte: Im Jahr 1888 nutzt der deutsche Maschinen fabrikant Andreas Flocken den Blei-Akkumulator zum Antrieb des ersten Elektro- autos mit vier Rädern. Bis zu diesem Zeitpunkt gelten dreirädrige Kutschen mit Elektromotor als „Automobil“. Die Flocken-Erfindung ruft weltweit Konkurrenten auf den Plan und das Aufkommen weiterer Hersteller erhöht die Zahl der Elektroautos kontinuierlich. Die in den Akkumulatoren gespeicherte Energie lässt sich immerhin für bis zu 100 Kilometer weite Fahrten nutzen. Der Motor startet auf Knopfdruck – muss nicht wie im Fall des Verbrennungsmotors mit einer Kurbel erst mühsam in Bewegung gesetzt wer- den. Und es gibt keine Schaltung, die Elektroautos lassen sich „mit einer Hand steuern“. Sie werden we- gen der leichten Bedienung besonders Frauen zum Kauf empfohlen. Ein weiterer Vorzug ist das Vorhan- densein von elektrischem Licht bei Nachtfahrten. Die frühen Elektroautos erreichen Geschwin- digkeiten von bis zu 25 Kilometer in der Stunde. Deutlich schneller sind die Renn wagen dieser Zeit unterwegs: Die einer Zigarre ähnelnden Fahrzeu- ge liefern sich keine Rennen wie sie heute üblich sind, sondern kon kurrieren um die erreichbare Höchstgeschwindigkeit. In ihrem Innern befinden sich Fulmen- Elemente, Hochleistungs-Akkus, die in Verbindung mit 25kW-Gleichstrommotoren enorme Beschleunigungen ermöglichen. Der Belgier Camille Jenatzy fährt mit ihrer Hilfe im April 1899 als erster Mensch schneller als 100 Kilometer pro Stunde, erreicht eine Geschwindigkeit von 105,88 km/h. Aus dem Briefverkehr zwischen Friedrich von Schoen und der Triberger Geschäfts- führung geht hervor, dass sich die EGT diese Ful- men-Elemente in Frankreich beschafft und deren Aufbau untersucht. Den Auftrag führt EGT- Vertreter Le Roy aus, der in Frankreich erfolgreich für die Tri- berger Fabrik tätig ist und dort eine statt liche Zahl an Akkumulatoren für den stationären Betrieb ab- setzt. Es gibt somit auch Erfolge zu vermelden. Akkumulatorenfabrik Triberg 197

 

 

 

Die EGT bringt im Winter 1898 das erste Elektroauto in den Schwarzwald Ein Brief vom 16. Februar 1898 zeigt auf, dass die Akkumulatorenfabrik neben Straßen- und Eisen- bahnen ebenso Elektroautos mit Batterien versorgt. Bereits 1897 war eine elek trische Kutsche mit einem Antriebssystem ausgestattet worden – wohl die des Herzogs von Coburg. EGT-Gesellschafter Wilhelm von Schoen hatte diesen Auftrag vermittelt – ebenso ei- ne Batterie für das dortige Hoftheater. Der Diplomat fungiert als Hofrat des Fürsten von Sachsen-Coburg, was viele Türen öffnet. Der EGT gelingt weiter die Zusammenarbeit mit der gleichfalls in Coburg an- gesiedelten Maschinenfabrik von Andreas Flocken, dem Erfinder des vierrädrigen Automobils. Die Triberger Geschäftsführung berichtet dazu an den Aufsichtsratsvorsitzenden nach München: „Die Batterie für den automobilen Wagen von Flocken mit Sitz in Coburg wurde nun heute von hier abgesandt. Ein anderer Wagen ist hier angekommen (mit der Schwarzwaldbahn, d. Autor) und wird die Batterie probiert werden, sobald die Wege fahrbar sind.“ An den wenigen Zeilen ist zu erkennen, dass die EGT in Triberg mit Elektroautos diverse Fahrversuche unter- nimmt. Das bedeutet: Die E-Mobilität hält somit in den 1890er-Jahren auch im Schwarzwald zumindest zu Versuchszwecken ihren Einzug. Dass für den Auftakt dieser Bestrebungen ausge- rechnet ein schneereicher Februar gewählt wurde, ist eine Besonderheit am Rande. Es muss ein impo- santes Bild gewesen sein, als Pferde das mutmaß- lich auf einem Schlitten stehende Automobil vom Bahnhof Triberg aus hinauf zur gut fünf Kilometer entfernt liegenden Akkumulatorenfabrik im Gewann „Loch“ bei Schönwald gezogen haben. Mit einem Victoriawagen, der mehr einer Kutsche als einem Automobil ähnelt, unternahm die EGT 1898/99 Fahrversuche im Umfeld ihrer Akkumulatoren fabrik. nig ist, eine mittlere Geschwindigkeit von 15 Kilome- tern pro Stunde ist mindestens anzustreben. Das ist sehr wichtig, da alle Welt schnell fahren will.“ Mit der Fertigung von Akkumulatoren für Elektro- boote hat die EGT indes ebenfalls kein Glück: Wenn überhaupt, werden Batterien für diesen Zweck in nur geringer Stückzahl veräußert. Die noch vorhande- nen Geschäftsunterlagen lassen diesbezüglich keine Rückschlüsse zu. So beschließt Friedrich von Schoen, das Testboot vom Zürichsee an den Boden see zu ver- legen und dort zum Verkauf anzubieten. Kein Erfolg mit Elektrobooten Wer Eisenbahnen und Automobilen mit Akkumula- toren zum elek trischen Betrieb verhilft, der will auch Boote mit dieser Technologie ausstatten. Auf Drän- gen von Friedrich von Schoen wird in der Schweiz bereits im Herbst 1897 ein Boot mit einem elektri- schen Antrieb in Betrieb genommen, das mehrfach Testfahrten auf dem Zürichsee absolviert. Als es im Rahmen der Testberichte um die Motorleistung geht, meldet sich der Münchner vehement zu Wort: „Ich wiederhole, daß 12 km/h Geschwindigkeit viel zu we- Das Ende der Ära Carl Meissner Für das Engagement der Münchner Investoren in Triberg ist nicht nur die Rendite allein der ausschlag- gebende Faktor. Friedrich von Schoen will zusammen mit seinem Bruder Wilhelm von Schoen und Carl von Linde mit der Bereitstellung von Risikokapital etwas bewirken – eine regionale Stromversorgung aufbauen und einen Beitrag zum Gelingen der Elektro- mobilität leisten. Doch im Spätsommer 1898 wird ihm mehr und mehr bewusst, dass ein Großteil des 198 Geschichte

 

 

 

gemeinsamen Triberger Millionen invests allein we- gen Fahrlässigkeit zunächst verloren ist. „Denke ich an die Hunderte von Verfehlungen – wahrlich, es steht mir der Angstschweiß auf der Stirn“, formu- liert er am 1. August 1898. Als sich dann noch Mitte September sämtliche Batterien in den Triberger Stromzentralen der EGT als defekt oder nicht gela- den erweisen, ist das Schicksal von EGT-Initiator und Geschäftsführer Carl Meissner besiegelt: Bei einem Gespräch im November 1898 in München vereinbart Friedrich von Schoen mit ihm das Ausscheiden zum Jahresende. Kurze Zeit später veräußert Meissner auch seine Anteile an der EGT. Ein Pionier des Auf- baus der Stromversorgung im Schwarzwald scheidet unrühmlich, doch aus nachvollziehbaren Gründen aus den Diensten der EGT aus. Carl Meissner arbei- tet künftig mit Erfolg als selbstständiger Ingenieur, stirbt 1944 im Alter von 94 Jahren in Duningen. Die Abwicklung der Akkumulatorenfabrik Mit dem Ausscheiden von Carl Meissner aus der EGT finden die Pionierzeiten im Unternehmen ihr Ende. Friedrich von Schoen verliert in ihm auch einen Mit- streiter – einen Mann, den die Möglichkeiten der Elektromobilität ebenso begeistern wie den Münch- ner Investor selbst. Produktionstechnisch konzen- triert sich die „Abteilung B“ der EGT in der Folge auf die Fertigung stationärer Akkumulatoren, legt dazu 1899 eine umfassende Werbebroschüre auf (siehe Abb. oben). Doch ein Erfolg stellt sich nicht mehr ein, vielmehr kommt es zu weiteren Rückschlägen: An Heiligabend des Jahres 1903 erscheint die Verkaufs- Offerte der EGT für ihre einstige Akkumulatorenfabrik im „Echo vom Wald“. Zum Verkauf des Fabrikgebäudes kommt es aber erst Monate später – unter großen Verlusten. Akkumulatoren-Imagebroschüre der EGT, die nichts unver- sucht lässt, um ihre Produkte erfolgreich zu veräußern. Immer mehr Akkumulatoren fallen aus, immer mehr Käufer verklagen die Akkumulatorenfabrik Triberg auf Schadensersatz. Zeitweise hat das Unternehmen mehr als 50 Prozesse gleichzeitig zu führen. Sechs Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1896 wird die „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach Millionen- verlusten schließlich abgewickelt. Fertigungsproble- me und die übermächtige internationale Konkurrenz besiegeln 1903 endgültig das Schicksal einer Fabrik, die ihre Akkus zu besten Zeiten auch nach Frank- reich, Belgien und Italien lieferte. Und das im statio- nären Bereich mit beachtlichem Erfolg. Das Fazit: Die EGT- Triberg hat viel gewagt und zählt nach wie vor zum Kreis der Pioniere der Elektro – mobilität in Deutschland – in der Fachliteratur hat sie noch heute ihren Platz. Und was nun zu guter Letzt die Lok in Furtwan- gen anbelangt: Sie wurde 1903 wegen einer krum- men Achse auf einem Frachtwagen stehend zum Verschrotten nach Dresden geschleppt. Eine Test- fahrt muss es somit doch gegeben haben… Akkumulatorenfabrik Triberg 199

 

 

 

GEDÄCHTNIS FÜR DIE Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen von Edgar H. Tritschler 200

 

 

 

FÜRSTENBERGER LANDE Foto: Urkundenpotpourri mit einem Wappenbrief, zwei Kaiser urkunden mit Goldener Bulle und großem Wachssiegel sowie einem sogenannten Igel, einer Urkunde mit zahllosen Siegeln.

 

 

 

Zur Herkunft der Fürstenberger Das Fürstentum Fürstenberg ist der Oberbegriff für die von den Reichsfürsten zu Fürstenberg regierten Gebiete im schwäbischen Reichskreis. Von 1664 bis 1716 umfasste das Fürstentum nur die der Linie Fürstenberg-Heiligenberg gehörigen Gebiete, insbesondere die Grafschaft Heiligenberg. Von 1716 bis 1744 existierten die Fürstentümer Fürsten- berg-Stühlingen und Fürstenberg-Meßkirch neben- einander. Nach dem Aussterben der Linie Fürsten- berg-Meßkirch im Jahre 1744 vereinigte Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg-Stühlingen alle schwäbischen Besitzungen des Gesamthauses Fürstenberg. Dieser kleine Streifzug zur Herkunft der Fürsten- berger erscheint auch für die Darstellung ihrer Archivgeschichte hilfreich. Das Fürstlich Fürsten- bergische Archiv (F. F. Archiv) beherbergt in seinem historischen Teil (Haupt- und Cameralarchiv bis 1806) eine Vielzahl an Beständen, die im Kontext zur Familien- und Territorialgeschichte stehen und für das Gesamtverständnis z.B. von Herrschafts- und Regionalgeschichte erforderlich sind. Nach dieser knappen Darstellung soll auch der Übergang gro- 202 Geschichte

 

 

 

Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg (1699 – 1762) Karte der Fürstenbergischen Herrschaften in der Baar, am Hochrhein und am Bodensee, gezeichnet von Bourz von Seethal, Ende des 18. Jahrhunderts. Dargestellt sind die Grenzen der Grafschaften und Herrschaften Baar, Hohen- hewen, Stühlingen, Meßkirch und Heiligenberg. Weiter wurden Ansichten der Orte Bräunlingen, Hüfingen, Donau- eschingen, Stühlingen sowie der Schlösser Heiligenberg und Hohenlupfen eingezeichnet, ebenso die Poststationen (Posthorn). Auf dem Bodensee sieht man Schiffe und Fischer. Deutlich auszumachen ist die territoriale Zersplitterung im deutschen Südwesten. ßer fürstenbergischer Territorien auf Vorderöster- reich – u.a. Bräunlingen 1305, Villingen, „Haslacher Anschlag“ 1326 – lediglich angemerkt werden. Dieser komplexe Vorgang, der im F. F. Archiv breiten Raum einnimmt, kann im Themenzusammenhang nicht an- gemessen dargestellt werden. Joseph Wilhelm Ernst Fürst zu Fürstenberg ver- legte im Jahr 1723 seine Residenz von Stühlingen nach Donaueschingen. Damit gelang es ihm, aus der kleinen Residenz Donaueschingen einen Mittelpunkt der Behördenorganisation zu machen und den ver- schiedenen Teilherrschaften nach außen und nach innen ein einheitliches Gepräge zu geben sowie aus den so verschiedenartigen Gebieten ein kräftiges, neuzeitliches Staatswesen zu schaffen. Durch die Vereinigung aller Herrschaften ent- stand unter der Leitung dieses Regenten ein mit größeren deutschen Territorial staaten vergleichba- res Gebilde mit etwa 85.000 Einwohnern unter der Administration von 14 Oberämtern. Der fürstlichen Regierung in Donaueschingen gehörten ein Kanzler, drei Hof- und zwei Kammerräte sowie der fürstliche Archivar an, dessen Funktion 1723 erstmals genannt wird. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 203

 

 

 

Das Portal mit dem schönen Wappengitter. Fürstenbergisches Archiv: Das Gebäude Das „Fürstenbergarchiv“ ist einer der frühesten selbstständigen Archivbauten in Deutschland. Es wurde bereits 1756 – 1763 errichtet, zu einer Zeit, als es noch gang und gäbe war, Archive in zweckfrem- den Bauten und Räumen zu lagern. So z.B. in Rathauskellern, Schlossgewölben oder Kirchtürmen, wo wertvolles Archivgut zum Teil erheblichen Schaden nahm, unleserlich wurde oder bei Umzügen von einem Lagerort zum anderen gar verloren ging. In Donaueschingen gelang es, andernorts schnell gefundene Lösungen zu vermeiden, ein vorhandenes, eigentlich ungeeignetes Gebäude oder einen Teil des Herrschaftskomplexes kurzerhand zum Archiv umzufunktionieren oder einen solchen mit einem Anbau auszustatten, für den irgendwo eine Grund- fläche verwendbar erschien. Die damalige Konzep- tion hat sich bis heute fast unverändert erhalten. Dadurch steht das Archiv wohl einzigartig dar. Das Gebäude entstand neben dem Kanzleigebäu- de, dem Sitz der fürstlichen Zentralverwaltung. Mit diesem zusammen bildete es das Herz eines ganzen Ensembles aus Verwaltungs-, Wirtschafts- und Wohn- gebäuden, die Fürst Joseph Wilhelm Ernst zwischen 1722 und 1762 an seinem neuen Residenzort Donau- eschingen errichten ließ. In der Bauform und Größe lehnte es sich mit 27,50 x 16,25 Metern Grundfläche und sechs ober- und unterirdischen Stockwerken bewusst an das Kanzleigebäude an. Allerdings war es aufgrund des hohen Bauaufwands wesentlich teurer als die Kanzlei und alle sonstigen fürstlichen Gebäu- de der Zeit. In sieben langen Jahren Bauzeit wurden ca. 80.000 Gulden verbaut. Schon dies dokumentiert schlagend den hohen Rang, den Fürst Joseph Wil- helm Ernst dem Archiv beimaß. Es liege ihm, so ließ er mehrfach verlauten, über allem am Herzen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtigkeit ausgerichtet. Zum Zuge kam schließlich ein Plan des fürst- lichen Baumeisters Franz Joseph Salzmann. Nach außen präsentiert sich sein Gebäude relativ nüch- tern und abweisend. Sockel, Mauerblenden und Gebäudeecken aus Quaderstein, eine großzügige Frei treppe und das Portal mit dem schönen Wappen- gitter sind der einzige Schmuck. Die Fenster sind durch Gitter und eiserne Läden sicher verschlossen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtig- keit ausgerichtet. Es erfüllt noch heute vorrangig die notwendigen Schutzwirkungen als Spezialgebäude für die Sicherheit der Archivalien vor unerwünschtem 204 Geschichte

 

 

 

Lichteinfall, garantiert Sauberkeit, Trockenheit, Be- lüftung und ideale Raumtemperatur. Als Baumaterial wurde deshalb nur Stein und Eisen verwandt. Die Wände sind mehr als einen Meter dick, die Decken kreuzgratgewölbt, die eisernen Türen fast zwei Zent- ner schwer. Der Gewölbekeller Der geräumige zweistöckige Keller hatte und hat noch heute ökonomische und klimatische Vorteile. Zum einen konnten auch Bierfässer der gegenüber- liegenden Brauerei gelagert werden; von den Kellern führte deshalb ein direkter Gang hinüber zur Brauerei. Der Erbauer, Fürst Joseph Wilhelm Ernst, hatte dies so bestimmt, nicht um das Archivpersonal mit edlem Gerstensaft zu versorgen, sondern um das „sündhaft teure Archivgebäude“ wenigstens teilweise betriebswirtschaftlich zu nutzen. Unschätz- bar wertvoll ist der klimatische Nutzen dieser Art von Unterkellerung. Beide Kellergeschosse sind außergewöhnlich gut belüftet und schützen dadurch das Gebäude und das Archivgut effektiv vor einer Durchfeuchtung von unten. Das untere hat zu diesem Zweck Lüftungsschächte; das obere reicht über das Straßenniveau hinaus und ist ringsum durchfenstert. Die Luftfeuchtigkeit im Gebäude ist dadurch bis heute im tolerablen Bereich, vor allem in den Räumen, die von vornherein als Archivräume vorgesehen waren. Im ersten Kellerstock, der auch heute noch für die Unterbringung von Archivalien genutzt wird, ist die Feuchtigkeit im Jahresmittel nur leicht erhöht. Klimatisch schwieriger ist der eben- falls für Archivzwecke genutzte Dachstuhl, wo es zu stärkeren Temperatur- und Klimaschwankungen kommt. Bei der Belegung dieser beiden Lagerorte mit Archivgut sind diese Besonderheiten zu berück- sichtigen. Das Gebäude des Fürstenbergarchivs, nach außen relativ abweisend, ist konsequent auf ein Ziel ausgerichtet: Urkun- den, Akten und Büchern eine möglichst sichere und dauer- hafte Aufbewahrung zu bieten. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 205

 

 

 

Der Max-Egon-Saal Im Inneren überrascht der äußerlich so zurückhalten- de Bau mit einem prächtigen barocken Bibliotheks- saal. Das Gestühl mit seinen aufwändigen Schnit- zereien und Einlegearbeiten, mit Köpfchen, Fratzen und Kapitellen stammt aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch und wurde schon zur Erbauungs- zeit des Archivs nach Donaueschingen überführt. Es beherbergte ursprünglich die Arbeitsbibliothek der benachbarten fürstlichen Zentralverwaltung, daher die Zierrahmen am Kopf der Regale, die nur juris- tische Sachgebiete ausweisen. Heute befindet sich im Max-Egon-Saal die Arbeitsbibliothek des Archivs mit Werken zur badischen, württem bergischen und fürstenbergischen Geschichte. Ganz rechts unten: ein Geheimfach. 206 Geschichte

 

 

 

Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 207

 

 

 

Das „Reisearchiv“ Ein „Highlight“ des Fürstenbergarchivs ist das sogenannte „Reisearchiv“ in den Ge- wölben A und B des Erdgeschosses. Hierbei handelt es sich um die wichtigsten Doku- mente des Archivs, die bereits in Flucht- kisten verpackt sind, damit sie im Gefahren- fall schnell auf Fahrzeuge verladen und in Sicherheit gebracht werden können. Die „Flüchtung“ des fürstenbergischen Archivs vor allem vor französischen Heeren war im 17. und 18. Jh. keine Seltenheit. Letztmals fuhren 1796 insgesamt 17 große Wagen ins schweizerische Feuerthalen, um das Archiv in Sicherheit zu bringen. Auch im Zweiten Weltkrieg waren die wichtigsten Stücke aus- gelagert, diesmal auf der Burg Wildenstein im Donautal. Das Erdgeschoss und die Obergeschosse Die wertvollsten Archivalien wurden in den beiden Gewölben des Erdgeschosses in speziellen Flucht- kisten untergebracht, so dass sie bei Kriegsgefahr schnell und reibungslos in Sicherheit gebracht werden konnten. Ein Saal im ersten Obergeschoss diente den Archivaren und Registra toren als groß- zügiges Arbeitszimmer. Im zweiten Obergeschoss wurde das barocke Bibliotheksgestühl aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch eingebaut. Es war vor allem für die juristische Arbeitsbibliothek der Zentralverwaltung bestimmt. Im Grunde ist dieses Gebäude, auf das man schon zu Planungs- und Bauzeiten viel Sachverstand und finanzielle Mittel verwandte, bis heute bautech- nisch up to date. Das Fürstenhaus wendet neben an- deren, vielfältigen Kulturleistungen regelmäßig hohe Summen für das Archivpersonal und den Erhalt des Archivgebäudes auf. Eines der größten Adelsarchive Deutschlands Das Fürstenbergarchiv zählt zu den größten Adels- archiven in Deutschland und gleicht in seiner Größe einem kleineren Staatsarchiv. Das Archivgebäude ist vom Keller bis unter das Dach bis auf den letzten Quadratmeter mit Archivalien gefüllt, ein gewaltiger Bestand, in dem etwa 25.000 Pergamenturkunden verwahrt werden. Das Ausmaß an archivierten Akten ließe sich nur in Regalkilometern angeben. Entschei- dend für die Bedeutung des Archivs ist aber weniger dessen Quantität, als vielmehr die Qualität der Überlieferung. Worauf beruht diese? Da die Fürsten- berger – wie alle anderen Standesherren nach der Mediatisierung des Jahres 1806 – ihr gesamtes Archiv ungeschmälert als Privateigentum behalten konnten, ist es für die Zeit bis 1806 somit als ein Landesarchiv anzusehen. Es bewahrt neben der Überlieferung der fürst- lichen Familien und ihrer Besitzungen auch umfang- reiche Bestände hoheitlicher Herkunft. Schließlich war Fürstenberg nach dem Herzogtum Württemberg, den vorderösterreichischen Landen, den vereinig- ten badischen Markgrafschaften und der Kurpfalz das größte reichsunmittelbare Territorium im deut- schen Südwesten. Wer sich mit der Geschichte eines fürsten bergischen Ortes, einer Liegenschaft, einer bestimmten Familie oder Person, einem x-beliebigen historischen Thema aus der Zeit vor 1806 beschäf- tigen will, der kommt kaum am Fürstenbergarchiv vorbei. Insbesondere für die Geschichte der ehemals fürstenbergischen Orte und Gemeinden im Schwarz- wald-Baar-Kreis enthält es einen schier unerschöpfli- chen Fundus an historischen Quellen. 208 Geschichte

 

 

 

Rechts: Urkunde vom 10. Dezember 1716. Kaiser Karl VI. erhebt die Linien Stühlingen und Meßkirch des Hauses Fürstenberg in den Fürstenstand. 1664 war bereits die Heiligenberger Linie „gefürstet“ worden.Die für die Familie Fürstenberg äußerst wert- volle Urkunde ist mit einer Goldenen Bulle besiegelt. Unten: Urkunde, entstanden zwischen 1492 und 1499. Papst Alexander VI. stellt den Grafen Heinrich und Wolfgang von Fürstenberg einen Beichtbrief aus. Zu sehen sind oben das Wappen des Papstes mit der Tiara und den Schlüsseln des Petrus, darunter das Wappen des Hauses Fürstenberg.

 

 

 

Die politischen Verhältnisse in der Zeit nach 1806, also für das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die NS-Zeit, spiegeln sich auch in der archivi- schen Überlieferung wider. Als Großgrundbesitzer, Eigentümer zahlreicher Wirtschaftsbetriebe, poli- tisch aktive Standesherren, engagierte Förderer des kulturellen Lebens, Mitbegründer der „Donaueschin- ger Musiktage“ und der „Internationalen Reitturnie- re“ – um nur einige ihrer Engagements zu nennen – waren die Fürstenberger auch nach 1806 wichtige Repräsentanten in den fürstenbergischen Landen und darüber hinaus und nahmen zahlreiche Funk- tionen in Wirtschaft und Gesellschaft wahr. Damit übersteigen die Volumina der in dieser Zeit entstan- denen Akten das historische Archiv deutlich. Manch neuer Bestand gehört zu den am meisten genutzten Abteilungen des Archivs; so auch jene Materialien, die die fürstenbergische Residenzstadt Donaueschin- gen betreffen und eigentlich in ein Kommunalarchiv gehören. Das Donaueschinger Stadtarchiv ging aber im 20. Jahrhundert gleich zweimal komplett verlo- ren: 1908 verbrannte es beim großen Stadtbrand und 1945 wurde es vor den anrückenden Franzosen in Sicherheit gebracht und verschwand „auf Nimmer- wiedersehen“. Alle dazu angestellten Nachforschun- gen, um den Bestand wiederzufinden, verliefen ergebnislos. Herausragend zu nennen sind die Archivbestände zur fürstenbergischen Theater- und Musikgeschichte, allen voran zu den „Donaueschinger Musiktagen“. Sie In einer weiteren archivischen Sonderrolle beherbergt das Fürstenbergarchiv den Nach- lass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. wurden speziell in den letzten 15 bis 20 Jahren und besonders im Vorfeld des hundertjährigen Jubiläums (2021) sehr intensiv erforscht. Zahlreiche wissen- schaftliche Veröffentlichungen und Quelleneditionen konnten so erscheinen. In einer weiteren archivischen Sonderrolle be- herbergt das Fürstenbergarchiv den Nachlass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., und hatte als Vizepräsident des österreichischen Herrenhauses beste Beziehungen zum österreichischen Kaiserhaus. Sein Nachlass ist eine Fundgrube für die Spätzeit der Monarchie in Deutschland und Österreich und wird deshalb immer wieder von Forschern genutzt. Das Arbeitszimmer Als das Archiv noch das Staatsarchiv des Fürstentums Fürstenberg war und deshalb wie ein Tresor vor fremden Blicken und Benutzern geschützt wurde, diente das Arbeits zimmer im ersten Obergeschoss nur den Archivaren und Registratoren. Heute forschen hier die wissenschaftli- chen und heimatkundlichen Benutzer des Archivs. Nur dieser Raum ist beheizt und hat zum Schutz der Archivare vor der Kälte einen Parkettfußboden. 210 Geschichte

 

 

 

der fürstenbergischen Baar und der angrenzenden Landesteile dar. Als Leistung eines standesherrlichen Archivs sind sie einzigartig. In zahllosen Büchern, Aufsätzen, wissenschaft- lichen Beiträgen etc. haben Autor(innen) Archi- valien aus dem Fürstenbergarchiv genannt oder in Fuß noten zitiert, die sie für ihre Publikationen verwendet haben. Mit jeder Anfrage bzw. jedem Benutzerantrag ist das Fürstenbergarchiv selbst involviert, da deren forschungsleitendes Interesse unterstützt sein will und in der Folge manche erst zu findende Archivalie ausgehoben wird. Es wä- re eine Fleiß arbeit, die für die Orte in den ehem. Fürstenbergischen Landen erschienenen Ortschroni- ken, kirchen- oder familiengeschichtlichen Beiträge, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Aufsätze u.a. mit dem Quellenmaterial aus dem Fürstenbergarchiv in Verbindung zu bringen. Es würde aber aufzeigen, welche Bedeutung dieses Archiv auch in der Gesamt- schau mit den Materialien z.B. des Staatsarchivs Frei- burg und des Generallandesarchivs Karlsruhe für die Aufgabe der Geschichtsvermittlung hat. Aktenbündel über Aktenbündel im zentralen Treppenhaus, welches das gesamte Gebäude erschließt. Aufgaben und kulturelle Bedeutung des Fürstenbergarchivs Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv enthält die Überlieferung der Grafen und Fürsten zu Fürsten- berg. Es ist ein ungewöhnlich reichhaltiges und nahezu geschlossen erhaltenes Archiv. Der Familie galt es stets als größter Schatz und wurde entspre- chend sorgfältig gehütet. Bis zur Mediatisierung von 1806 und noch weit da- rüber hinaus war das Archiv ein Ort, zu dem Fremde, Besucher und Forscher keinen Zutritt erhielten; es war das Geheime Staatsarchiv der Fürstenberger Lande und diente ausschließlich der fürstlichen Verwaltung. Dies änderte sich mit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit 1806. Die Fürstenberger mussten sich jetzt gänzlich neu positionieren, wollten sie ihren Status als hochadeliges Haus bewahren. Ein wichti- ger Schritt dazu war neben der Modernisierung der Wirtschaftsbetriebe und der Verwaltung der Aufbau der „Fürstlich Fürstenbergischen Institute für Kunst und Wissenschaft“ unter Fürst Karl Egon III. ab 1860. Zu ihnen zählten neben dem Archiv auch die Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen und die Hofbiblio- thek, die der Öffentlichkeit in großzügiger Weise zugänglich gemacht wurden. Das Archiv erhielt den speziellen Auftrag, die Fürstenbergische Geschichte zu erforschen und interessierte externe Benutzer bei deren eigenen Recherchen zu unterstützten. Ein weiteres Faktum macht das Fürstenberg- archiv bemerkenswert: Es wurde bereits im Jahr 1862 von Fürst Karl Egon III. zur wissenschaftlichen Forschungsstätte ausgebaut und der geschichts- interessierten Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Archiv wird deswegen hauptamtlich von einem Historiker geleitet und zählt daher zu den gut zugänglichen Adelsarchiven in Deutschland. Im Fürstenbergarchiv befindet sich auch die Hofbiblio- thek des Hauses Fürstenberg. Zwischen 1870 und 1950 haben die Fürsten- bergischen Archivare ein viel beachtetes historisches Forschungs- und Editionswerk vorgelegt. Unbestreit- bare Höhepunkte waren dabei das „Fürstenbergi- sche Urkundenbuch“ und die „Mitteilungen aus dem Fürstenbergarchiv“, eine neunbändige Edition der Quellen zur Haus- und Familiengeschichte bis zum Jahr 1600. Beide Werke stellen nach wie vor die Grundlage aller historischen Arbeit im Gebiet Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 211

 

 

 

Häufig sind historische Gedenktage oder Jubi- läen fürstenbergischer Orte und Einrichtungen der Anlass, das ganze Arsenal der Geschichtsvermittlung zum Einsatz zu bringen. Es werden Ausstellungen und Tagungen konzipiert und ausgerichtet, wissen- schaftliche Beiträge verfasst, Bücher geschrieben oder herausgegeben, Vorträge gehalten und Führun- gen angeboten. Der Fürstliche Archivar übernimmt daneben vielfältige Repräsentationsverpflichtungen für das Haus Fürstenberg, vor allem in kulturel- len oder historischen Zusammenhängen. Auch im Rahmen der Kultur- und Tourismusarbeit der Stadt Donaueschingen. Als besonders beliebtes Ereignis hat sich die Übergabe der vom Fürstenhaus alljähr- lich gespendeten „Goldenen Uhr für die besten Ab- solvent(innen) des Fürstenberg-Gymnasiums“ durch den Archivar etabliert. Die Archivare Bei der Darstellung der Fürstenberger Archivge- schichte ist zu erwähnen, dass schon im Jahr 1723 die Funktion des fürstlichen Archivars neben Hof- und Kammerräten als Mitglied der Donaueschinger Regierung genannt wurde. Diese hierarchische Positionierung ist zu dieser Zeit ungewöhnlich und zeigt einerseits den Weitblick des Fürsten und andererseits die hohe Wertschätzung, die dem damaligen Archivar zuteil wurde. Der Inhaber dieser Stelle könnte mit einem der „Räte und Registrato- ren“ identisch sein, die auf der älteren der beiden Wandtafeln genannt sind, die zu deren Gedenken im Benutzerraum des Archivs ausgestellt sind. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächt- nisses der Region, für die das Archiv mit dem Gut an schriftlichen Überlieferungen besteht. Sie arbeiten kraft ihrer persönlichen und fachlichen Qualifikation auch als „Übersetzer“ von Schriftgut, da die Archiva- lien bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts in deutscher Kanzlei- bzw. Kurrentschrift verfasst sind und der Transkription in die heute lesbare Schrift bedürfen. Neben dieser Aufgabe ermöglicht erst die Inter- pretation der Inhalte die Erkenntnisgewinnung für den forschenden Archivar oder den nachfragenden Benutzer und macht die ausgehobenen Archivalien erst dadurch sprechend. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächtnisses der Region. bezeichnungen auf den obigen Wandtafeln schon verraten, dass sie als „(Hof)Rath und Registrator/ Archivarius“ bis Mitte des 19. Jahrhunderts stets in einer Doppelfunktion auftraten und danach – ent- sprechend dem gestiegenen Aufkommen an Archiv- gut – in der Archivarbeit ihre Hauptaufgabe hatten. Als Leiter des Fürstenbergarchivs fungierten danach nicht mehr – wie bisher – [Verwaltungs]Juristen, sondern Historiker, von denen einige mit besonderen wissenschaftlichen Leistungen hervortraten. Den Anfang machte 1862 Freiherr Roth von Schreckenstein, der zuvor Vorstand des Germani- schen Museums in Nürnberg gewesen war und nach seinem Ausscheiden Direktor des Generallandesar- chivs in Karlsruhe wurde. Auf ihn folgten bekannte Namen wie Dr. Sigmund Riezler, Dr. Franz Ludwig Baumann, Aloys Schulte, Dr. Georg Tumbült und Prof. Dr. Karl Siegfried Bader, allesamt anerkannte Wissen- schaftler und Archivare, die den Ruf des Archivs im 19. und 20. Jahrhundert weit über die Region und die Landesgrenzen hinaus begründeten. Dem letztgenannten Karl Siegfried Bader, der in seiner Eigenschaft als Rechtshistoriker weit über seine Archivarbeit in Donaueschingen hinaus wirkte, wurden verschiedene Würdigungen seines Lebenswerks zuteil. Auch der in Baders Nachfolge amtierende Archi var Georg Goerlipp wurde für seine Jahrzehnte währende Arbeit geehrt; er hatte fast sein gesamtes Berufsleben mit hohem persönlichem Engagement im Fürstenbergarchiv zugebracht. Dr. Andreas Wilts – Herausforderungen einer neuen Zeit Mit Dr. Andreas Wilts wurde im Jahr 1995 ein Nachfolger berufen, der über 170 Jahre nach der erstmaligen Nennung eines Fürstenbergarchivars die lange Reihe an Amtsinhabern fortsetzte und sich der anspruchsvollen Aufgabe in Donaueschingen stellte. Diese Quellenarbeit wird seit vielen Jahren von Der neue Archivar ging mit Respekt an seine Persönlichkeiten wahrgenommen, deren Amts- archivische Lebensaufgabe, von der er – wie seine 212 Geschichte

 

 

 

Dr. Andreas Wilts leitete das Fürstlich Fürstenbergische Archiv von 1995 bis zum Jahr 2022. 213

 

 

 

Die Fürstenfamilie mit Dr. Andreas Wilts bei der Vorstellung des Buches „Max Egon II. zu Fürstenberg – Fürst, Soldat, Mä- zen“ vor einem Portrait des Fürsten Max Egon II. Von links: I. D. Erbprinzessin Jeannette zu Fürstenberg, S. D. Erbprinz Christian zu Fürstenberg, S. D. Fürst Heinrich zu Fürstenberg, I. D. Fürstin Massimiliana zu Fürstenberg und Dr. Andreas Wilts. Vorgänger – schon bei Dienstantritt wusste, dass er wichtige, vielleicht einmalige Bausteine für das Geschichtsbild würde beisteuern können, die Arbeit aber niemals final erledigt sein werde. Zu den außergewöhnlichen Projekten gehörte aber vor allem: Andreas Wilts war in der langen Ge- schichte des fürstenbergischen Archivwesens der erste Leiter, dessen Amtszeit mit den Anfängen, dann mit den stürmischen Weiterentwicklungen der Informationstechnologie einherging. Personal Computer der 1980er Jahre wurden während seiner ersten Dienstjahre allmählich in den Verwaltungsbe- trieb integriert, während die eigentliche Archivarbeit noch von Karteikarten oder Zettelkästen als Find- mittel gekennzeichnet war. Die Innovationszyklen der IT wurden immer kürzer, eine Hardware- und Softwaregeneration löste die andere ab, bevor sie von den Anwendern richtig beherrscht und ange- Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segens- reich erweisen wird. wandt werden konnte. Die 1990er-Jahre waren das Jahrzehnt des Internets und des World Wide Web, und es zeichnete sich ab, dass die weitere Dienstzeit von Andreas Wilts und seinen Mitarbeiter(innen) von neuen Herausforderungen, aber auch von riesigen Chancen geprägt sein würde. Insofern entsprach die- ser fundamentale Wandel aber der allgemeinen Ent- wicklung in Wirtschaft und Gesellschaft und bedürfte für ein Archiv nicht der besonderen Erwähnung. Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang 214 Geschichte

 

 

 

befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segensreich erweisen wird: Die Rede ist von der Digitalisierung von Archivalien. Während in Jahrhunderten der Nutzung von Gerichts- und Verwaltungsakten, Urkunden, Verträgen, Protokoll- und Rechnungsbüchern u.v.a.m. immer die Originale in Gebrauch waren, d.h. von den Archi varen den Nutzern zur Einsichtnahme vorgelegt wurden und diese im Laufe der Zeit oft beschädigt wurden oder gar verloren gingen, ist deren Digitalisierung nicht weniger als eine großartige Errungenschaft, ein Mei- lenstein. Im Archiv an einem speziellen Gerät das Digi- talisat lesen und den Inhalt auf einem USB-Stick mitnehmen zu können, ist schon technische Realität, wenn auch ein Großteil von Archivalien – so auch im Fürstenbergarchiv – für diesen Transformationspro- zess noch ansteht. Auch hierzu wird der nächste Ver- fahrensschritt schon längst praktiziert, nämlich – un- ter Verzicht auf den Archivbesuch – der Zugriff auf Archivbestände über das Internet und der Download auf einen externen Rechner. In diesem Spannungs- feld stand und steht das Fürstenbergarchiv an der Schwelle zum Übergang der Leitung auf den Nach- folger von Andreas Wilts. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 1995 äußerte er angesichts einer im Benutzerraum ausgestellten „ganzen Galerie zierlich gerahmter Porträts mit ehrwürdigen Männerköpfen“ in einem „Südkurier“- Interview, er hoffe, dass eines Tages die Reihe der in Ehren gehaltenen Fürstenberg-Archivare mit seinem Porträt ergänzt werde. Damit hatte er sich hohe Ziele gesetzt und diese in den 27 Jahren seines Wirkens nie aus den Augen verloren. Aus gutem Grund und großer Dankbarkeit wird sein Porträt nun einen wür- digen Platz an der Stätte finden, wo er bleibende Spuren hinterlassen hat. Ein Archivar ist es gewohnt, in langen Zeiträumen zu denken. Möge Andreas Wilts diese Übung für seinen Ruhestand beibehalten. Nachfolge durch Dr. Jörg Martin Als Nachfolger ist Dr. Jörg Martin bestellt, der die lange Reihe fürstenbergischer Archivare fortsetzen wird. Der Historiker und gelernte Archivar brachte aus seinen früheren Aufgaben als Archivar in Blaubeuren, Schelklingen und Munderkingen sowie als Kreisarchivar des Alb-Donau-Kreises bereits umfangreiche fachliche Erfahrungen mit, bevor er in den Stadtarchiven der Städte Staufen im Breisgau und Bad Krozingen neue historische Räume erschlie- ßen und als Kulturreferent beste Voraussetzungen für seine vielfältigen Aufgaben in Donau eschingen sammeln konnte. Der neue Archivar Dr. Jörg Martin. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 215

 

 

 

Außenansicht des Museum Art.Plus mit Werken von Jürgen Knubben, Paul Schwer und David Nash. 216 6. Kapitel – Kunst und Kultur

 

 

 

Das Museum Art.Plus Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst von Ursula Köhler Seit 180 Jahren prägt das klassizistische Museums- gebäude in Donaueschingen den Ort am Ufer der Brigach1. Obwohl der zweigeschossige Bau im Verhältnis zu seiner Umgebung, am Übergang zum Landschaftspark und in der Sichtachse zum fürstenbergischen Schloss, eher klein dimensioniert ist, wirkt er markant. XXX 217

 

 

 

Ungefähr sieben Generationen haben das Museum in unter- schiedlichen Funktionen ken- nengelernt und seine jewei- ligen Umgestaltungen gesehen. Immer war es ein öffentlicher Ort. Vom Haus der Musen, in denen die bürgerliche Museums gesellschaft sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts traf, wandelte es sich zum Soldatenheim. Nach den Zerwürfnis- sen infolge des Ersten Weltkriegs und der Auflösung der Museumsgesellschaft wur- de es in städtischer Trägerschaft in den 1920er-Jahren zum Kurhaus umgestaltet und schließlich von 1937 an für fast sie- ben Jahrzehnte zum Kino. Gemessen an der gesamten Zeitspanne seines Beste- hens sind 13 Jahre, in denen das Museum Art.Plus in diesem geschichtsträchtigen Haus existiert, recht kurz. Doch lässt sich umso besser nachvollziehen, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich bereits seit seiner Eröffnung im Sep- tember 20092 ereignet haben, sei es im technischen, wirtschaftlichen oder im kulturellen Bereich. Sanierung lässt ursprüngliche Atmosphäre wieder erahnen Wie sehr ein Gebäude seine Umgebung beeinflusst, lässt sich bei der Erinnerung an das funktionslos gewordene, verwit- ternde Lichtspiel-Haus nachvollziehen. Von dem ehemaligen selbstbewussten Anspruch einer gebildeten Bürgergruppe im Stadtraum durch repräsentative Architektur sichtbar zu sein, war zu Beginn des 21. Jahrhunderts wenig erkennbar geblieben. Das änderte sich mit der geplan- ten Nutzung des Hauses als Museum für zeitgenössische Kunst durch ein Sammlerpaar. Auf dem Höhepunkt der internationalen Neubauaktivitäten, um Privatsammlungen in eigenen Muse- en präsentieren zu können, wurde in Donaueschingen der Rückbezug auf ein 218 Das gemeinsame Credo von Auftraggebern und Architekten war, so vorsichtig wie möglich mit der alten Substanz umgehen. traditionelles Haus gewagt3. Die Sanie- rung durch die ortsansässigen Architek- ten gäbele&raufer hat dem Ort viel von seiner Strahlkraft und stadträumlichen Wirkung zurückgebracht und lässt die ur- sprüngliche Atmosphäre wieder erahnen. Das gemeinsame Credo von Auftrag- gebern und Architekten war, „so vorsich- tig wie möglich mit der alten Substanz umgehen.“4 Nun ist es ein kühnes Unter- fangen, zeitgenössische Kunst in einem traditionellen Gebäude ausstellen zu wol- len – selbst wenn es ‚schon immer Muse- um genannt wurde‘5 , denn es war unter gänzlich anderen Voraussetzungen er- richtet worden. Bei genauerem Hin sehen aber muteten manche Ansprüche einer Lesegesellschaft bereits wie aktuelle Mu- seumsanforderungen an. Dabei kann ein besonderer Reiz von dem scheinbaren Widerspruch ausgehen, zeitgenössische Werke explizit in einem nicht für sie ent- worfenen Raumkontext zu zeigen. Die Bauaufgabe Museum war noch nicht formuliert, als sich die Architekten in fürstenbergischen Diensten an die Arbeit machten. Bauinspektor Martin entwarf für den Neubau von 1841 die Grundstruktur des heutigen Baus, der von Baumeister Theodor Diebold nach einem Brand leicht modifiziert wieder- aufgebaut wurde. Deutlich ist an dem Gebäude von 1848 ablesbar, dass hier die im Schlossbau verankerte Galerie Modell stand. Viele der frühen eigenständigen Stefan Rohrer, Vespa, 2007. Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 219

 

 

 

Das „Museum“ als städtisches Kurhaus Ende der 1920er- Jahre. Museumsbauten, etwa die 1843 eröffnete Staatsgalerie in Stuttgart, weisen deshalb eine stark durchfensterte Fassade auf. Das entspricht nicht heutigen Standards der inzwischen höchst ausdifferenzierten Bauaufgabe. Keine fensterlose ‚Schachtel‘ Die fensterlose ‚Schachtel‘ wurde zum Ideal erhoben, da in ihr optimale Lichtverhältnisse erzeugt werden können. Eine Aussage darüber, was gute Räume für die Kunst sind, ist schwierig. Allerdings darf auch eine perfekte Architektur für die Kunst die Umgebung, in der sie steht, nicht außer Acht lassen.6 Für eine andere Museumsaufgabe am Anfang des 21. Jahrhunderts, nicht nur zu bilden, sondern auch zu unterhalten, bot das historische Gebäude mit Festsaal und Foyer bereits die besten Vorausset- zungen. So sah das neue Konzept vor, das Museum in dieser ursprünglichen Funk- tion aufleben zu lassen. Anhand der Bau- unterlagen im Fürstenbergischen Archiv konnte das Architektenpaar seinem An- spruch gerecht werden: „Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen.“7 Die tatsächlichen Qualitäten der durch viele Umnutzungen veränder- ten Innenräume kamen so wieder zum Vorschein. Als Hauptmerkmal hatten gäbele&raufer die Bausymmetrie identifi- ziert. Diese nutzten sie als verbindendes Element für den rückseitig situierten Erweiterungsbau aus Leichtbeton. Subti- ler sind die Verbindungen zwischen den traditionellen Materialien und modernem Baustoff. Die stimmige Gesamtwirkung erzeugt Details, die eine anhaltende ästhetische Kraft entfaltet. Das Haus erstrahlt auch deshalb wie- der in klassizistischer Würde, weil ein heller Fassaden anstrich, gepaart mit dem bewussten Verzicht auf Fensterläden den Baukörper wieder unverformt zum Vor- schein bringt. Dabei vereint das Gebäude in einem steten Wechsel alt und neu, offen und geschlossen, innen und außen, weiß und schwarz, Solitär und Ensemble, Kultur und Natur. Das Weiß hat auf die 220 Kunst und Kultur

 

 

 

Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen. Außenhaut des Museums gefunden, um dort auf den Eindruck des ersten Entwurfs anzuspielen. Die dunkle Pflasterung im Bereich zwischen Schauseite und Brigach führt optisch und real zum rückwärtigen monolithischen Erweiterungskubus aus schwarz eingefärbtem Leichtbeton. Die- ses Wechselspiel von Anpassen und Kont- rast greift der Neubau auf. Historische Innenräume unterstützen die Kunst Während 13 Nutzungsjahren konnten genügend Erfahrungen gesammelt werden, die zeigen, dass sich der anspruchsvolle Weg, ein historisches Gebäude in ein, den aktuellen Anforde- rungen entsprechendes Ausstellungshaus zu konvertieren, gelohnt hat und die Lorbeeren des Deutschen Architekten- preises berechtigt waren. Als unterstützend für die Kunst haben sich die historischen Innenräu- me erwiesen, die in unterschiedlichen Ausstellungszusammenhängen für die Besucher*innen und Kunstwerke einen harmonischen Begegnungsraum erzeu- gen. Dabei gehören die Veränderungen im Tages- und Jahresverlauf, den die Lichtstrahlen als (Seh-)Erfahrung durch die Fenster schicken, zum beständigen Subtext. Als Nutzungsspur ist das Thema Zeit im ganzen Haus ebenso erfahrbar wie in etlichen Werken der Sammlung und Ausstellungen. Besonders sinnfällig tritt das Phänomen von Dauer und Ver- änderung in Jinmo Kangs Baumporträt hervor, das 2009 zur Museumseröffnung entstand und den Ausstellungsraum nach außen erweitert. Im Laufe der Jahre wuchs der frisch gepflanzte Kirschbaum über sein Abbild aus Edelstahl hinaus. Nicht zuletzt rhythmisieren zwei parallel gezeigte Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Laufzeiten die Prä- sentationen. Das kleinere Format bietet experimentellen, partizipativen Kunstfor- men Raum und knüpft zudem mit jährli- chen Klanginstallationen während der Ta- ge Neuer Musik an die Aufführungspraxis aus der Anfangszeit des Festivals an. Breites Spektrum künstlerischer Projekte Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrge- nommen. Variantenreiche künstlerische Projekte, zu denen die Stadtgemein- schaft zur Mitgestaltung eingeladen ist, loten ihn aus. Beispielsweise bereitet Gabriela Oberkofler 2012 ein Festessen aus einer kollektiven Speisekammer zu, die die Donaueschinger*innen zuvor bestückt hatten. Bei diesem temporären Projekt löst sich dessen materielle Grundlage in einem Transformationspro- zess auf, um im immateriellen Bereich als Erinnerung aufgehoben zu sein und möglicherweise als Gemeinschaftserleb- nis nachhaltig zu wirken. Museum Art.Plus 221

 

 

 

Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrgenommen. Ebenfalls um Individuum und Ge- meinschaft geht es zwei Fotografen 2014 und 2019, wenn sie Porträts vom Muse- umspublikum anfertigen. Wolf Hoelzle integriert die Donaueschinger Aufnah- men in sein Projekt Homo Universalis. Durch Überblendung aller Fotos entsteht schließlich ein allgemeintypisches Ge- sicht. Bei Robert Hak hingegen steht das individuelle Einzelgesicht im Fokus. Durch standardisierte Fotoausschnitte schließt er 100 zufällige Besucher im Kontext des Ausstellungsraums zu einer Gruppe zusammen. Museumsort und individuelle Erinnerung verknüpft Karolin Bräg in ihrer Text-Schrift-Installation von 2016 explizit. Eine extreme Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit Ort und Zeit, mit Ausstellungsraum und Publikum, mit Gestaltungsmitteln und Formen beginnt im Juli 2019 vor dem Museum.8 Daniel Beerstecher bricht als eine le- bende Skulptur zu einem Langsamkeits- marathon von 60 Tagen auf, der höchste Selbstfokussierung erfordert. Schon anhand dieser wenigen Werk- und Ausstellungsbeispiele wird deutlich, dass Künstler*innen die gesellschaftli- chen Veränderungen im Bereich Indivi- duum, Gruppe und Öffentlichkeit früh registrierten und sichtbar machten. So unterschiedlich die Gestaltungsformen ausfallen, ihnen allen liegt ein weiter Kunstbegriff zugrunde, der in seiner Vielfalt immer noch im musealen Kontext erlebbar wird. Seit vielen Jahren drehen sich fachinterne Debatten um andere Ausstellungs- und Vermittlungsformate, um niedrigschwellige Zugänge zu Kultur- institutionen. Das Auto als Gegenstand in der zeitgenössischen Kunst Die unübersehbare allgemeine Faszination an Geschwindigkeit und am Auto mündet 2019 in eine Ausstellung, die in historischen Museumsräumen – aus einer deutlich langsameren, unmotorisierten Zeit – das Auto als Gegenstand in der zeitgenössi- schen Kunst und als Sammlerstück Rechts: Ausstellungs- situation, Raum 3 (Anbau). Links: Ausstellungssituation, Raum 2. 222 Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 223

 

 

 

224 Kunst und Kultur

 

 

 

Links: Spiegelsaal des Museum Art.Plus mit Helios von Stefan Rohrer, 2013. präsentiert. Ausgebremst wurde die Ausstellung „Vollgas – Full Speed“ von der Pandemie, die das öffentliche Leben für lange Zeit zum Stillstand brachte und andere öffentlichkeitswirksame Kommu- nikationsformen nötig machte. Das Digitale wurde zum rettenden Vehikel und geriet an den Museen schneller als erwartet aus der Testphase zur Anwendung. Per Handy abrufbare Ausstellungsvideos und Audioguides ermöglichen geleitete Kunstrundgänge. Dieser weder orts- noch zeitgebundene Zugang generiert andere Erfahrung von Realität und Öffentlichkeit. Welche ge- sellschaftlichen Auswirkungen die von Covid ausgelöste Zäsur hat, ist noch nicht abzuschätzen. Vorerst lassen sich die Un- terschiede zwischen digital und analog, ihre jeweiligen Vor- und Nachteile bei einem Kunst-Spaziergang am Museums- weg oder im Museum Art.Plus in Donau- eschingen untersuchen. Ein interaktiver Audioguide liefert per QR-Code- Scan nützliche Informationen zur aktuellen Ausstellung. Mehr Informationen finden Sie unter www.museum-art-plus.com 1 Huth, Volkhard: Donaueschingen – Stadt am Ursprung der Donau. Ein Ort in seiner ge- schichtlichen Entwicklung, Sigmaringen 1989 / Nachdruck 1997. 2 Eröffnet wurde es noch unter dem Namen Mu- seum Biedermann und fünf Jahre später in Mu- seum Art.Plus umbenannt, um das Augenmerk auf die inhaltliche Ausrichtung von Kunst und kulturellen Begleitveranstaltungen zu lenken. 3 Als Beispiele seien in der näheren Umgebung genannt: die Fondation Beyeler in Riehen/ Basel, 1997 (Architekt Renzo Piano); Kunsthal- le Würth in Schwäbisch Hall, 2001 (Architekt Henning Larsen); Museum Frieder Burda in Baden-Baden, 2004 (Architekt Richard Meier); Museum Ritter in Waldenbuch, 2005 (Architekt Max Dudler); Kunstraum Grässlin in St. Georgen, 2006 (Architekt Lukas Baumewerd); Kunsthal- le Weishaupt in Ulm, 2007 (Architekturbüro Wolfram Wöhr) 4 Gäbele, Lukas und Raufer, Tanja: Museum Biedermann: der Umbau 2008-2009, hrsg. v. Biedermann Foundation u.a., Freiburg i.Br. 2009, vgl. a. S. 38. 5 „Museum wurde es immer schon genannt“ ist der Titel eines Kunstprojektes von Karolin Bräg, 2016, in dem die Künstlerin in 111 Zitaten von Donaueschinger*innen, deren Erinnerungen und Bindungen an das Haus sichtbar werden ließ. Ein erlebter Zeitraum von annähernd 90 Jahren Hausgeschichte konnte damit wieder in die Öffentlichkeit gebracht werden. 6 Die Relevanz von „Unterhaltung“ im positiven Sinn betont David Chipperfield in einem Inter- view anlässlich der Schlüsselübergabe seines Erweiterungsbaus für das Kunsthaus Zürich. Vgl. https://www.archithese.ch/ansichten/in-den- kontext-gesetzt.html, aufgerufen am 7.9.2022 7 Gäbele, Raufer, 2009, S.39. 8 Der Walk-in-Time war Daniel Beerstechers Beitrag zum Skulpturenprojekt Donaugalerie der Stadt Tuttlingen. Museum Art.Plus 225

 

 

 

7. Kapitel – Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen XXX Unterwegs mit Wolf Hockenjos

 

 

 

228 228 Freizeit

 

 

 

XXX Wenn in den Wutachflühen zigtausendfach der Märzenbecher blüht, finden sich alljährlich Hunderte von Wanderern ein. 229

 

 

 

Auf einem Parkplatz oberhalb der Wutachflühen beginnt die Rundwanderung durch die wild-romantischen aber nicht ungefährlichen Wutachflühen. Wer hier wandern geht, braucht einen sicheren Tritt.

 

 

 

Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwestdeutschen Schichtstufenlandschaft durchwandern: Vom kristallinen Grundgebirge des Schwarzwalds durch das Buntsandstein­ Deckgebirge und vor allem aber durch die Muschelkalk­Felsenwelt der mittleren Schlucht. Alles auf das Anschaulichste aufgeschlossen durch die enorme Erosionskraft des vor ca. 20.000 Jahren mit dem Ausklingen der letzten Eiszeit zum Hochrhein hin abgelenkten Flusses. Am abrupten Knick des Tals nach Süden hin wird noch heute erkennbar, wo die alte, gemächlich ostwärts fließende Feldbergdonau angezapft und abgeleitet worden ist. Mythen und Zauber der Wutachflühen 231

 

 

 

Oben: Der Scharlachrote Kelchbecherling erscheint nach der Schneeschmelze. Mitte: Die Mühlsteine der Moggerenmühle. Unten: Die Hirschzunge ist nur in den Flühen zu finden. Ab Achdorf nimmt das dank weicher, rutsch- gefährdeter Gesteinsschichten geweitete und landwirtschaftlich genutzte Tal plötzlich Schluchtcharakter an: die Wutachflühen tun sich auf (von alemannisch Fluh = Felsen). Sie erreicht man am besten über das achterbahnartig nach Fützen füh- rende, sehr schmale „Wellblechsträßle“ (siehe Skizze, 1). An dessen Scheitelpunkt dient ein beliebter Wan- derparkplatz als Start und Ziel für eine 2,5 stündigen Rundwanderung: Zu Fuß geht es zunächst 350 Meter auf dem steil abfallenden Sträßchen retour, markiert mit dem gelben Rhombus des Schwarzwaldvereins, bis ein durch Holz erntemaßnahmen zunächst ziem- lich ramponierter Erdweg (am Markierungspunkt „Am unteren Flühen weg“) nach links abzweigt. Diesem folgend, geht es flussabwärts knapp über der rauschenden Wutach dahin, vorbei an den Mühl- steinen der 1891 durch ein Hochwasser zerstörten Moggerenmühle (2). Bisweilen verengt sich der Weg durch Hangschutt und Geröll zum Fußpfad, der jedoch gut zu begehen ist. Zur Linken blickt man den bewaldeten Steilhang hinauf zu den gewaltigen, aus Muschelkalk beste- henden Felsgalerien, in denen die Dohlen lärmen und auch Wanderfalken wie Uhus horsten. Im zei- tigen Frühjahr lockt im Schluchtwald unter Linden, Ahornbäumen, Eschen und Tannen die Märzen- becherblüte (3), ein Muss für jeden wintersatten Baarbewohner! Allenfalls ausgangs der Gauchach- schlucht oder auf dem Wartenberg lassen sich ähnli- che Frühlingsgefühle erwandern, wenn auch längst nicht in vergleichbarer Fülle. Als floristische Ganzjahresbesonderheit ist die seltene Hirschzunge (Bild rechts unten) zu entde- cken, ein zungenförmiges Farngewächs, das sonst weder die obere, noch die mittlere Schlucht zu bieten hat. Als weitere Rarität der Flühen gilt der Scharlachrote Kelchbecherling, ein nach der Schnee- schmelze in Erscheinung tretender Pilz feuchter, 232 Freizeit

 

 

 

 „Wellblechsträßle“ Richtung Achdorf 2 Mühlräder der Moggerenmühle Steinstrand an der Wutach 3 Märzenbecherblüte START/ZIEL: WANDERPARKPLATZ P Aussichtspunkt  Sackpfeifendobel Richtung Fützen Aussichtspunkt 9 Sturzdobel Wasserfall BLUMEGG 8 Lunzifelsen 7 Mannheimer Felsen 6 Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ 5 Schautafeln 4 Viadukt der Sauschwänzlebahn KURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 6,5 Kilometer, Rundtour Dauer: ca. 2,5 Stunden Pausen: Vesperpause am Viadukt der Sauschwänzlebahn; spätere Einkehr in der Scheffellinde in Achdorf möglich. Höchster Punkt: 622 Meter über NN Tiefster Punkt: 518 Meter über NN Anforderung: mittelschwere Tour; Trittsicherheit; gutes Schuhwerk Aussichtsreiche Rundtour mit vielen botanischen und geologischen Höhepunkten. Mythen und Zauber der Wutachflühen 233

 

 

 

felsiger und moosreicher Kalkböden der Schlucht- wälder. Erst bei der überraschend auftauchenden Brücke (4) der strategischen Bahn, der „Sauschwänzlebahn“, verlassen wir den Erdweg und wenden uns nach dem Studium der Schautafeln (5) zum Bau der Bahn scharf nach links, um nun den schmalen, mitunter sogar recht ausgesetzten und Trittsicherheit erfor- dernden Felsenpfad einzuschlagen, auf dem auch die beiden Fernwanderwege verlaufen: Der Ostweg des Schwarzwaldvereins (von Pforzheim nach Schaff- hausen) und der Schluchtensteig (von Stühlingen nach Wehr). Der Felsenpfad führt auch zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung – nicht ohne Warn- hinweis des Schwarzwaldvereins an die Adresse von allzu ungeübten Halbschuhtouristen. Das Fabelwesen „Wächter der Wutachflühen“ Nach etwa zehn Fußminuten, erst durch eine vom Nadelholz geräumte Kahlfläche, auf der im Frühjahr Seidelbast und Leberblümchen blühen, dann durch den blocküberlagerten, zunehmend urwüchsigen Schluchtwald, entdecken wir ihn endlich – fast hät- ten wir ihn übersehen: den „Wächter der Wutachflü- hen“, wie das aus einem Muschelkalkblock heraus gemeißelte Fabelwesen (6) in den Wanderführern angepriesen wird, das knapp einen Meter hohes Un- tier mit Hufen, Höckerbeulen über dem Rücken und einem furchteinflößenden löwenartigen Schädel mit vorspringendem Riecher. Wer mag bloß der Erschaf- fer dieser rätselhaften Skulptur gewesen sein, und zu welchem Zweck mag er sich hier, so weit abseits der Zivilisation, als Steinmetz verewigt haben? War es ein Witzbold, der Wanderern einen Schrecken einja- gen wollte? Viele haben sich schon an der Deutung der Figur versucht, nicht zuletzt der im Ruhestand befindliche Bonndorfer Lehrer Emil Kümmerle in seinem Buch „Sagen und Geschichten aus dem Raum Bonndorf – Stühlingen – Wutach“. Ihm zufolge soll der Urheber ein Bildhauer aus Spanien oder Italien gewesen sein, der als Gastarbeiter in Blumberg gelebt und sich in ein Fützener Mädchen verliebt habe, das oftmals die Flühen zu durchstreifen pflegte. Doch habe es keinerlei Interesse an seinem Anbeter gezeigt. Woraufhin der verschmähte Liebhaber die Tierplastik geschaffen und dem Mädchen sodann erklärt habe: „Immer wenn Du durch die Flühen gehst, wirst Du an mich denken.“ Soweit also der romantische Erklä- rungsversuch. Oder sollte der Steinmetz doch eher einer jener Spezialisten gewesen sein, wie man sie zur Bewäl- tigung aufwändiger Felsarbeiten vorzugsweise aus dem italienischen Piemont ins Land geholt hat? Beim Bau der Sauschwänzlebahn mit ihren Tunneln, Viele Rätsel gibt in den Wutachflühen die Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ auf. Und lädt damit zu allerhand Spekulationen förmlich ein. 234 Freizeit

 

 

 

Das Wutach-Viadukt der 1890 eröffneten Sauschwänzlebahn. Die 107,5 Meter lange und 28 Meter hohe Wutachbrücke liegt in einem Gebiet, das wegen geologischer bedingter Rutschungen den Bauingenieuren viele Sorgen bereitete. 235

 

 

 

In der Blumberger Chronik wird die Skulptur heimweh – kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Sau- schwänzle bahn beschäftigt waren. Kehren und Brücken in den Jahren 1887 bis 1890 war derlei Spezialistentum zweifellos gefragt. Werk des Tierarztes Sylvester Dillmann? Freilich gibt es auch noch eine ganz andere Lesart, über die der SÜDKURIER am 11. Mai 2010 berichtet hat: In einem Steinbruch im Gewann Fohloch unweit von Epfenhofen waren an etlichen Steinblöcken ebenfalls höchst seltsame Steinmetzarbeiten ent- deckt worden. Es handelt sich um halb reliefartige Darstellungen u. a. einer Christusfigur, einer Frau mit Löwenkopf, eines Rehs, eines Löwen kopfs sowie die Figur des Sehers aus der Minnelyrik des Walther von der Vogelweide. Auch sie wurden in der Bevölkerung wie auch in der Blumberger Stadtchronik heimweh- kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Bahnlinie beschäftigt waren. Doch anlässlich einer VHS-Wanderung habe der Verfasser der Epfenhofener Ortsgeschichte, Edwin Fluck, sich dafür verbürgt, dass die in Kalkstein gemeißelten Darstellungen vom Donaueschinger Tierarzt Sylvester Dillmann (1934 – 2010) stammen. Dessen Vater war in Epfenhofen Zollbeamter, der- weil der Sohn täglich mit der Bahn ins Waldshuter Oben: Eine nach Knoblauch duftende Bärlauchwiese. Mitte: Der sagenumwobene Lunzifelsen. Unten: Kleinod in den Felsen, eine „Mariengrotte“. 236 Freizeit

 

 

 

Der Felsenpfad in den Wutachflühen kann teils nur von geübten Wanderern begangen werden. Gymnasium zu gondeln hatte, wo ihn der Deutsch-, Geschichts- und Kunstunterricht bei seinem Hobby inspiriert haben könnten. Mag also durchaus sein, dass er die Bahnfahrt bisweilen an der Haltstation Wutachbrücke unterbrach, um statt des staubtrocke- nen Mathematikunterrichts an seinem Fabelwesen zu meißeln. Der „Wächter der Wutachflühen“ – wo- möglich ein Schülerstreich? Der Tierarzt kann leider nicht mehr dazu befragt werden: Kurz nachdem er sich Edwin Fluck im Epfenhofener Steinbruch offen- bart hatte, ist er verstorben. Entlang des Felsenpfades Genug der Rätsel um das steinerne Fabelwesen, konzentrieren wir uns jetzt voll und ganz auf den Pfad, der sich in geschlängeltem Auf und Ab durch den Steilhang zieht, zur Rechten überragt von den Flühenwänden, aus denen sich immer wieder einmal Felsmassen gelöst haben. Darunter der „Mannhei- mer Felsen“ (7), wie einer Tafel zu entnehmen ist. Mit ihr wird einer Geldspende von Mannheimer Wanderfreunden gedacht, die damit 1908 die Einheimischen beim Bau eines Stegs über die Wutach unterstützt haben. Die Felsblöcke haben da und dort zu Verebnungen geführt, auf denen im fort- geschrittenen Frühjahr der nach Knoblauch duftende Bärlauch blüht. Noch immer nicht herabgestürzt ist die bizarre Nadel des sagenumwobenen „Lunzifelsens“ (8), der freilich nur im laublosen Winterzustand der Vegeta- tion hoch über dem Pfad zu entdecken ist. Gruselig sind alle Versionen der Sage, die sich hier zugetragen haben soll: Mal ist es die schöne Mechthild, Braut des Freibauern Lunzi vom nahen Thalerhof, die sich, verfolgt vom Blumberger Burgvogt, vom Fels herab- gestürzt haben soll. Für zarter Besaitete hat Emil Kümmerle aber auch noch eine „Openend-Variante“ Mythen und Zauber der Wutachflühen 237

 

 

 

parat: Diesmal ist es Guntrud, die Braut des Freibau- ern Gero vom Lunzihof, die sich mit ihrem Liebsten vor dem zudringlichen und rachsüchtigen Blumegger Vogt, dem verhassten Dienstmann des Fürstabts von St. Blasien, in den Flühen verstecken muss, nachdem es zuvor zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit ihm gekommen war. Hier stürzt sich nicht die Braut in die Tiefe, es sind vielmehr die beiden miteinander „auf schmalem Tannenstamm überm Abgrund“ um sie Ringenden, Gero und der Vogt – während Guntrud nie mehr gesehen ward. Dann rücken die Felswände näher heran, an denen sich schwindelanfällige Wanderer entlang zu tasten pflegen, und es geht hinein in den „Sturzdobel“ (9) mit seinem über einen Kalktuffbart herab plätschernden Mini-Wasserfall. Schließlich teilt sich der Pfad, und wir nehmen den rechten, der zum Parkplatz hinauf markiert ist (0,5 km): Erst einem steilen Zickzackpfad folgend, dann um den jäh in die Tiefe stürzenden „Sackpfeiferdobel“ (10) herum, geht es schließlich über zwei mit Geländer versehe- ne Felskanzeln mit Tiefblick auf die Wutach hinab. Nach Verlassen des Waldes steht man dann urplötz- lich wieder vor seinem am Wanderparkplatz abge- stellten Wagen. Wen drängt es jetzt nicht zu einem zünftigen Vesper, doch hierzu gilt es erst noch einmal das abenteuerliche Wellblechsträßle zu bewältigen – es geht nach Achdorf in die Scheffellinde. Pläne zur Elektrizitätsgewinnung in den 50er-Jahren Nachzutragen ist: Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Natur- schutzgebiet, während obere und mittlere Schlucht samt Gauchach bereits 1939 unter Schutz gestellt worden waren. Um sie hatte es in den 1950er-Jahren ein heftiges Ringen gegeben, nachdem die Schluch- seewerk AG zwischen Haslach- und Rötenbachein- mündung eine 62 Meter hohe Staumauer errichten wollte, um das Wasser der Wutach zur Elektrizitäts- gewinnung in das Hotzenwald-Speichersystem abzuleiten. „Hände weg von der Wutachschlucht!“, wehrte sich eine erste deutsche Bürgerinitiative dagegen. „Ein nationaler Notstand zwingt nicht dazu, das Naturschutzgebiet zu opfern“, so ihr Appell. Denn was wäre das Erlebnis der Schlucht Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Naturschutzgebiet. ohne Wasser! Naturschutzgebiete können, wie man sieht, wachsame (wenn auch nicht unbedingt steinerne) Wächter besonders gut gebrauchen: Noch 1971 signalisierte das Schluchseewerk sein nach wie vor bestehendes Interesse an der Wutachableitung. Sollten die Pläne unterm Vorzeichen des Klimawan- dels und des Ukrainekriegs nun wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden? Bergwacht bringt im Notfall rasche Hilfe Als „Wächter“ über die Wutachschlucht fungiert indessen auch unübersehbar die Bergwacht, die sie auf Hinweisschildern in Sektoren samt Notrufnum- mer 112 aufgeteilt hat, um bei Unglücksfällen rascher Hilfe leisten zu können. Zuletzt am 9. Februar 2022 wurde sie zur Bergung eines tödlich verunglück- ten Wanderers in die Wutachflühen gerufen. Der Besucherandrang in diesem touristischen Hotspot fordert leider immer wieder seinen Tribut, weshalb von der Begehung im Winter – wie auch zur Zeit der Schneeschmelze und bei Nässe – von Wutach- Ranger Martin Schwenninger dringend abgeraten wird. Das Kalkgestein kann allemal sehr glitschig werden, von umgestürzten Bäumen, gar von Felsstürzen und Rutschungen, einmal ganz abgesehen. Zur Märzen- becherblüte verzichte man im Zweifel besser auf die Benutzung des Felspfads – wie dann halt auch auf eine Stippvisite beim steinernen „Wächter der Wutach flühen“. Rechts oben: Der „Sturzdobel“ mit seinem Mini- Wasserfall. Rechts unten: Blick von einer Felskanzel auf die Wutach hinab. 238 Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen 239

 

 

 

Schroffe Felsen, sanfte Höhen Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf von Gerhard Dilger 240 Freizeit

 

 

 

Die rund 14 Kilometer lange Tour im nördlichen Kreisgebiet startet am Wanderparkplatz „Dieterle- bauernhöhe“ in Triberg-Gremmelsbach. Sie ist vom Charakter her zweigeteilt: Bewegt man sich in der ersten Hälfte auf Gremmelsbacher Gemarkung im schroffen Felsengebiet des oberen Gutachtales, so ist der zweite Teil der Wanderung eine eher ebene Angelegenheit ohne allzu große Höhenunterschiede. Eine Wanderkarte wie die des Schwarzwaldvereins (Blatt W 248) leistet gute Dienste. Schon die Anfahrt auf der schmalen, nicht sehr stark befahrenen Straße durch den Leutschenbach lässt die landschaftliche Schönheit erahnen, die die Wanderer erwartet. Auf dem Parkplatz gibt es immer genügend Platz, und so startet man entspannt in westliche Richtung, durchquert ein lichtes Waldstück und gelangt bald an den ersten Aussichtspunkt. Was es damit auf sich hat, erklärt eine Info tafel zum Historischen Pfad Gremmelsbach, initiiert vom Hei- matverein. Diesen Informationstafeln begegnet der Wanderer noch öfters. An diesem Punkt jedenfalls ist trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern an kla- ren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszu- machen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Nicht umsonst versammeln sich hier jedes Jahr am französischen Nationalfei- ertag (14. Juli) zahlreiche Menschen, um aus großer Distanz das Feuerwerk zu beobachten. Trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern ist an klaren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszumachen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Weg zum Rappenfelsen mit 800 Metern, die Alter- native führt über die Gersbacher Höhe etwas weiter (1,8 km) ebenfalls zum Rappenfelsen. Diese Variante ist die empfehlenswertere, weil sie mehr Aussicht bietet. Also halblinks in den Wald hinein und leicht bergauf. Nach etwa 200 Metern tauchen noch im Wald rechts des Weges auffällige Hügel auf, die vom Landesdenkmalamt als Hügelgräber aus der Bronze- zeit (1200 bis 800 vor Christus) eingeordnet werden. Wenig später öffnet sich auf der Gersbacher Höhe der Blick nach Südwesten und Westen, und eine ungewohnte Aussicht auf Triberg bietet sich. Eine Wenig später bietet der Wegweiser des Schwarz- waldvereins zwei Möglichkeiten an: Einen kürzeren Gleich zu Beginn der Wanderung bietet sich dieser Blick auf Althornberg und die Höhen nördlich des Kinzigtals. 242 242 Freizeit

 

 

 

aus ist erstmals Hornberg mit seiner Burg auszu- machen, wenn auch die Bäume den Aussichtspunkt mittlerweile stellenweise überragen. Blick auf die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn Das ist auf dem im weiteren Wegverlauf bald erreich- ten Oberen Schlossfelsen anders: Nach dem Bestei- gen des steilen Felsens öffnet sich ein ungehinderter Blick, der senkrechte Absturz ins Gutachtal ist durch ein Geländer gesichert. Dennoch ist ein wenig Vor- sicht angebracht, gerade für nicht schwindelfreie Personen. Für Eisenbahnfreunde bietet sich hier die Möglichkeit, die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn zu verfolgen: Gleich an mehreren Stellen ist die von Robert Gerwig ersonnene Tras- se zu erspähen, es lohnt also, in den Fahrplan der Schwarzwaldbahn zu schauen, wenn man die Eisen- bahn auf ihrer Fahrt verfolgen will. Nach dem Abstieg geht es weiter zum Unteren Schlossfelsen, der über einen steilen, gesicherten Steig ebenfalls gut zu erreichen ist. An dieser Stelle stößt man nun auf menschliche Spuren: Im Mittel- alter stand hier die Burg der Herren von Hornberg, „Althornberg“ genannt. Ein in den Fels gehauener Der Aufstieg zum Rappenfelsen ist einfach zu bewältigen und gut gesichert. Auch Hügelgräber aus der Bronzezeit tauchen auf dem Weg zum Rappenfelsen im Wald auf. Sitzgruppe steht für eine erste Rast bereit, unterhalb findet sich ein großer, rundlicher Felsblock aus Tri- berger Granit, der ein Kruzifix trägt. Weiter geht der Weg rechts in den Wald hinein und führt sanft ab- wärts, vorbei an einem ersten, schön gelegenen Aus- sichtsfelsen, der einen Blick hinab ins Tal und auf die Höhen um Schonach ermöglicht. Nach einem kleinen Anstieg erreicht man bald mit dem Rappenfelsen einen ersten Höhepunkt. Der Felsen ist dank der im Jahre 2011 erneuerten Aufstiegshilfen mit Stufen und Geländer leicht zu erklettern. Von seinem Rücken 243

 

 

 

Schacht wurde erst vor relativ kurzer Zeit von dem Gremmelsbacher Heimatforscher Karl Volk als Trink- wasserzisterne der einstigen Burg identifiziert. Recht abenteuerlich geht es vom Wanderheim „Linden- büble“ aus durch einen Hohlweg aus Sandstein hinauf zur Brunnholzer Höhe. Von „Alt hornberg“ Richtung Windkapf Die Route führt nun weiter zu einem einsam gele- genen, idyllischen Weiler, der bis heute den Namen „Alt hornberg“ trägt. Ab hier steigt der Weg abermals an, um nach etwa einem Kilometer wieder die Höhe mit dem Parkplatz zu erreichen. Hier kann man nun wählen: Wem diese kleine, aber spannende Runde über die Felsen genügt, kann wieder den Heimweg antreten und eventuell in Hornberg oder Triberg einkehren. Wer aber auch den zweiten Teil der Wanderung noch unter die Wanderschuhe nehmen will, wendet sich ostwärts und folgt dem Wegwei- ser Richtung Windkapf. Sanft ansteigend geht es zur Obersteighöhe auf 853 Meter Meereshöhe und weiter zum Wegweiser Birkenbühl. An dieser Stelle hält man sich rechts Richtung Holops, wo es kurz vor dem Erreichen des Wanderheims „Lindenbüble“ des St. Georgener Schwarzwaldvereins links in den Wald geht. Bevor man hier eine geschichtlich interessan- te Passage erreicht, den Hohlweg zur Brunnholzer Höhe, bietet sich zumindest sonn- und feiertags ein Abstecher zum besagten „Lindenbüble“ an. In der Sommersaison, die von 1. Mai bis 31. Oktober dauert, freuen sich die ehrenamtlichen Helfer des Vereins zwischen 10 und 18 Uhr auf Tagesgäste. Zurück auf unserem Wanderweg geht es recht abenteuerlich durch einen Hohlweg aus Sandstein, einst Teil der alten „Hochstraße“, hinauf zur Brunn- holzer Höhe. Dieser Weg gilt Heimatforschern als be- reits in vorrömischer Epoche begangene Verbindung zum Windkapf. Aus späterer Zeit findet man auf dem Sandsteinboden noch Radspuren von Fuhrwerken, die wohl bereits im Mittelalter unterwegs waren. Zum Teil bewegt man sich auf weichem Sand, teils besteht der Weg auch aus Sandsteinplatten. Bis zu sechs Metern Tiefe hat die Erosion durch das bei starken Regenfällen durch die Rinne fließende Was- ser den Hohlweg eingeschnitten. Wenn man schließlich die Höhe erreicht hat, ist man erstmals im Grenzgebiet zwischen Schwarz- wald-Baar-Kreis auf Tennenbronner Gemarkung und damit im Kreis Rottweil unterwegs. Die Brunnholzer 244 Freizeit

 

 

 

Höhe ist auch die höchste Erhebung im Landkreis Rottweil. Mit 944 Metern ist hier gleichzeitig der höchste Punkt der Wanderung geschafft. Nach etwa einem Kilometer erreicht man das Gasthaus „Deut- scher Jäger“ am Windkapf, das wiederum einige Meter jenseits der Grenze zum Ortenaukreis liegt. Wie der Wirt Martin Staiger zu berichten weiß, ging einst die Kreisgrenze genau durch das Gasthaus, wurde vor Jahrzehnten jedoch verlegt. „Das wäre bei der heutigen Bürokratie wohl kaum noch so einfach möglich“, schmunzelt der Wirt, der seine Gäste mit gutbürgerlicher Küche versorgt. Im Biergarten sitzt man gut beschattet unter Kastanien. Für durstige Wanderer steht sogar an den Ruhetagen (derzeit Mittwoch und Donnerstag) ein Getränkeautomat bereit, und wer mit dem E-Bike un- terwegs ist, kann hier nicht nur den eigenen „Akku“ wieder aufladen, sondern auch den des Fahrrads. Die Runde schließt sich Nach der Stärkung geht man ein kurzes Stück auf der Hochstraße zurück und hält sich beim Wegwei- ser „Hohe Straße“ rechts Richtung Birkenbühl. Links und rechts sind immer wieder Steinwälle zu sehen, oder was noch von ihnen übrig ist. Manche Heimat- forscher halten sie für Überbleibsel aus keltischer Zeit. Keine ganz abwegige Vermutung, waren doch die Hochstraße und die weiteren Wege über den Windkapf uralte Verbindungen zwischen Ortenau, Baar und Schwarzwald. Auffällig im Waldaufbau sind die zahlreichen Kiefern, sie scheinen sich auf dem Sandsteinboden recht wohlzufühlen. Am Wegweiser Birkenbühl schließt sich die Runde wieder, von hier erreicht man auf demselben Weg wie beim Hinweg nach kurzer Zeit wieder den Parkplatz „Dieterle- bauernhöhe“. Der Blick schweift weit über die Höhen der Grem- melsbacher Gemarkung bis zum Rohrhardsberg, in Richtung Norden sind die Höhen um den Branden- kopf auszumachen. Kurz vor Erreichen des Parkplat- zes biegt rechts der Weg ab in Richtung Philippsruhe und Hornberg, was auch eine reizvolle Wanderung wäre. Doch für dieses Mal mag es genug sein; wer bisher keine der Einkehrmöglichkeiten genutzt hat, kann natürlich nach den rund 14 Kilometern Wande- rung in den umliegenden Orten Hornberg, Triberg oder auch St. Georgen die Gastronomie nutzen. Von oben: Auf der Obersteighöhe, 853 Meter hoch gelegen. Im Gasthaus „Deutscher Jäger“ kann man zur Hälfte der Wanderung eine Rast einlegen, bevor es über die „Hochstraße“ wieder zurück zum Ausgangspunkt nach Gremmelsbach geht. Schroffe Felsen, sanfte Höhen 245

 

 

 

Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald Die Bergwacht Furtwangen wurde 1924 zum Schutz der Natur gegründet von Gerhard Dilger Die 1924 gegründete Bergwacht Furtwangen wird mehr gebraucht denn je: 50 bis 60 Einsätze der Ehrenamtlichen im Jahr sind die Regel. Darunter auch Großeinsätze wie im Juni 2022 in Schonachbach: An der Schwarzwaldbahn geriet eine Böschung in Brand. Durch die Trockenheit war die Gefahr eines flächenübergreifenden Brandes sehr hoch und eine große Zahl von Helfern bemühte sich erfolgreich um die Eindämmung. Mittendrin: die Ortsgruppe Furtwan- gen der Bergwacht. In dem unwegsamen, steilen Gelände brachten die Bergretter eine Seilsicherung an. Darüber hinaus war das äußerst geländegängige, sechsrädrige „ATV“- Fahrzeug (All Terrain Vehicle) der Furtwanger für die anderen Hilfsorgani sa tionen im Einsatz (siehe Foto). 246 8. Kapitel – Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Bergwacht Furtwangen

 

 

 

Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarz- wald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwan- gen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich auf Anregung von Adolf Hochweber in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwaldvereins, Skiclubs und den Naturfreun- den zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. Doch zunächst standen nicht wie heute die Rettung von Personen und technische Hilfeleistungen im Vordergrund, es ging den Initiatoren vor allem um den Naturschutz. Die Ortsgruppe richtete dazu einen Bergwachtdienst ein, der im Großraum Furtwangen jedes Wochenende im Einsatz war, um die Besucher des Brend und anderer Gebiete zu einem achtsamen Umgang mit der Natur anzuleiten. Doch naturgemäß waren die Helfer durch ihre ständige Präsenz bald auch als Retter für verun- glückte Wanderer und Skiläufer gefragt. In den 1920er-Jahren gab es immer mehr Menschen, die in ihrer zunehmenden Freizeit Erholung in der Natur suchten. Insbesondere der Skisport entwickelte sich zur Massenbewegung, zwangsläufig stieg die Zahl der Unfälle der meist nicht mit den Gefahren des Winters vertrauten Touristen. Und so verlagerte sich die Tätigkeit der Bergwacht immer mehr in Rich- tung Rettung und Hilfeleistung. In Gasthäusern wie der „Fuchsfalle“ oder dem „Lachenhäusle“ wurden Unfallmeldestellen eingerichtet, und die erste proviso- rische Rettungswache fand ihren Platz im Brendturm. Eine erste Hütte löst den eiskalten Brendturm als Einsatzzentrale ab Doch bald war der Raum nicht nur zu klein, sondern im Winter einfach zu kalt. Der damalige Brendwirt erlaubte den Bergrettern 1936, eine Unterkunfts- hütte auf seinem Gelände zu bauen, sie diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Quartier. 1936 trat der legendäre Furtwanger Landarzt Dr. Fritz Guttenberg in die Ortsgruppe ein und organisierte fortan für viele Jahre die Sanitätsausbildung. Seiner Popu- larität war es zu verdanken, dass die Ortsgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg regen Zulauf erhielt. Jahrelang war Guttenberg auch Landesarzt der Bergwacht Schwarzwald. Die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten 1948 Fritz Gfell, Dr. Guttenberg und Hermann Wehrle. Die Tätigkeit der Berg- wacht verlagert sich ab den 1920er-Jahren immer mehr in Richtung Rettung und Hilfeleistung – insbesondere der Skisport entwickelt sich mehr und mehr zur Massenbewegung. 1953 bauten die Bergwachtmitglieder auf dem Brend die bis heute existierende „Reckholder-Hüt- te“. In der Gegenwart ist die Hütte vor allem für die Pflege der Kameradschaft beliebt, ihre bisherige Auf- gabe als zentrale Rettungswache wurde ab 1988 von der neu erbauten Rettungswache auf der Neueck übernommen. Es hatte sich gezeigt, dass die Orga- nisation mit mehreren Rettungswachen, die über das große Einsatzgebiet verteilt sind, nicht optimal war. In den meisten Fällen können Verunglückte von der Zentrale an der B 500 in Neukirch aus schneller erreicht werden. Die Zentrale der Furtwanger Bergwacht an der B 500 in Furtwangen-Neukirch. 248 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

In den Anfangsjahren verrichtete die Furtwanger Bergwacht ihren Rettungsdienst im 1905 erstellten Brendturm – auch den Winter über ohne Heizung. Der Wintersport blühte in den 1920er-/1930er-Jahren und so kam als neue Hauptauf- gabe der Bergwacht die Rettung von Verletzten hinzu. Unten: Skiabfahrt am unbewaldeten Abhang des Brend. Blick ins Simons wälder Tal und zum Kandel. Bergwacht Furtwangen 249

 

 

 

Stand der Ortsgruppe beigetragen. Für seinen Einsatz wurde er 2019 durch den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Fundierte Ausbildung für die Einsätze Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören der- zeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten noch 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Diese gestaltet sich sehr aufwen- dig. „Aber die umfangreiche Ausbildung ist erfor- derlich“, so Janik Probst. Die Einsätze sind geregelt im Rettungsdienstgesetz, die Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Bergungen aus unweg samen Gelände, eine wichtige Aufgabe ist auch die medizinische Versorgung in Notfällen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt. Oft sind die Bergretter die Ersten am Einsatzort, die richtige Erstversorgung ist bei solchen Einsätzen extrem wichtig. Und da wundert es nicht, dass die medizinische Ausbildung einen hohen Stellenwert einnimmt. „Neben medizinischen Kenntnissen ist es natürlich entscheidend für eine gute Arbeit, dass auch die technischen Abläufe sitzen“, unterstreicht Marcel Rathmann. Unter Stress im echten Notfalleinsatz müssen die immer wieder geübten Arbeiten gewis- sermaßen „blind“ funktionieren. Dazu trainieren die Bergretter jede Woche und arbeiten auch die Theorie bei Dienst abenden auf. Davor steht aber als Voraussetzung eine umfangreiche Ausbildung, damit man sich als „fertige“ Bergretterin oder Bergretter bezeichnen darf. Nicht zuletzt ist das auch wichtig für einen guten Zusammenhalt, denn der hohen Ver- antwortung wird man nur gerecht, wenn man neben Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören derzeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Der Bergwacht-Vorsitzende Rainer Probst wurde 2019 für seinen Einsatz von Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Jugendarbeit ist Voraussetzung für das Weiterbestehen“ Wie sieht nun die Arbeit der Ortsgruppe in der Ge- genwart aus? Bei einem Gespräch mit Mitgliedern der Vorstandschaft gibt Janik Probst, der Schriftfüh- rer des Vereins, einen Überblick: „Unsere Arbeit ruht auf vier Säulen: Kata stro phenschutz, Rettungsdienst, Naturschutz und Jugend arbeit“, fasst er die zentralen Aufgaben zusammen. Und die Vorstandschaft er- gänzt: „Die Jugendarbeit ist elementarer Bestandteil der Zukunft unserer Ortsgruppe sowie der Sicherung unserer Einsatzbereitschaft. Wir sind darauf ange- wiesen, dass sich junge Menschen für unsere Arbeit begeistern und sich bei uns engagieren. Nur so kann gewährleistet werden, dass wir auch weiterhin eine starke und einsatzbereite Ortsgruppe sind, welche den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landkreises in der Not helfen kann. Die Jugend von heute ist die Zukunft von morgen.“ Hier ist die Furtwanger Bergwacht offensichtlich auf einem guten Weg, es fällt auf, dass die Vorstand- schaft vor allem aus jungen Leuten besteht. Auch der (junge) Technische Ausbilder Marcel Rathmann ist beim Gespräch dabei, der Vorsitzende Rainer Probst ist per Video zugeschaltet. Rainer Probst ist seit 1998 Vorsitzender der Ortsgruppe und hat mit seiner gro- ßen Erfahrung außerordentlich viel zum heutigen 250 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

den technischen Fertigkeiten auch gegenseitiges Vertrauen für die unabdingbare Teamarbeit aufbaut. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und besteht aus 182 Unterrichtseinheiten und viel Praxis. Die Grundinhalte sind Technik, Notfallmedizin, Na- turschutz, Alpine Gefahren, Sprechfunk, Orientie- rung im Gelände und Organisation von Einsätzen. Auch Skifahren gehört dazu. Die Ausbildung wird abgeschlossen durch zwei Prüfungen durch den Landesverband in Todtnauberg, eine zweitägige Oben: Kinder und Jugendliche sind für die Arbeit der Bergwacht gut zu begeistern. Unten: Regelmäßige Praxis ist dringend erforderlich: Für eine gute Arbeit müssen die technischen Abläufe sitzen. Auch Kenntnisse im Klettern und Sichern müssen geübt und nachgewiesen werden. 251

 

 

 

Die medizinische Ausbildung hat bei der Bergwacht einen hohen Stellenwert. Sommerprüfung und eine Winter prüfung, die einen Tag dauert. Im Sommer muss die Fähigkeit nachge- wiesen werden, Rettungen in unwegsamem Gelände durchführen zu können. Auch die Kondition, mit Ausrüstung in einer Stunde 400 Höhenmeter zu bewältigen, gehört zu den Grundkompetenzen der Bergretter. Kenntnisse im Klettern und Sichern müs- sen nachgewiesen werden. Einen ganzen Tag lang werden die Kenntnisse in der Notfallmedizin geprüft. Bei der Winterprüfung geht es vor allem um Pisten- rettung und alpine Gefahren. Deutlich verbesserte Finanzierung Wie sieht es nun mit der Finanzierung der aufwen- digen Ausrüstung aus? „In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewis- sen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der ver- stärkten Medienpräsenz zu verdanken. 252 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Links: Nils – das All Terrain Vehicle. Rechts: Maximus – der Sprinter, der seit 2016 primäres Einsatzfahrzeug ist und für sieben Bergretter sowie einen Verletzten Platz bietet. verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewissen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der verstärkten Medienpräsenz zu verdanken. Hier hat insbesondere Adrian Probst, der rührige Vorsitzende der Bergwacht Schwarzwald und Bürgermeister von St. Blasien, viel zum Erfolg beigetragen. Eine Fernsehserie über die Bergwacht Schwarzwald des Südwest-Fernsehens vor einigen Jahren hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Auch die Furtwanger Bergretter zeigen sich präsent, ne- ben der Webseite, die über die Arbeit informiert, sind es zunehmend die sozialen Medien wie Face- book, über die die Ortsgruppe auf ihre Arbeit auf- merksam macht. Die Einsätze der Bergwacht werden mit den Kos- tenträgern abgerechnet, über den Landesverband fließen Gelder anteilig auch an die Ortsgruppe zu- rück. Ein Wermutstropfen in diesem Zusammenhang ist für die Bergretter, dass es keinen Ausgleich gibt, wenn durch Einsätze Arbeitszeit versäumt wird. So wird die Arbeit für die Allgemeinheit je nach zeitli- cher Lage zum „Privatvergnügen“. Stolz auf die Ausstattung Besonders stolz sind die Furtwanger auf ihre Fahr- zeuge, die sie liebevoll mit Namen versehen haben. Auf „Maximus“ hört der Sprinter, der seit 2016 das primäre Einsatzfahrzeug ist. Er bietet Platz für sie- ben Bergretter und einen Verletzten. Es versteht sich schon fast von selbst, dass das Fahrzeug mit Allradantrieb ausgestattet ist. Die Furtwanger haben bereits im Vorfeld in enger Zusammenarbeit mit der Herbolzheimer Spezialfirma, die für die Innen- ausstattung zuständig war, den „Maximus“ für ihre Zwecke optimiert. Finanziert wurde er vollständig über Spenden von Privatpersonen und Firmen sowie Kommunen. Hier wurde der große Rückhalt deutlich, den die Bergwacht bei der Bevölkerung in Furtwan- gen und Umgebung hat. Neben dem Sprinter unterstützt auch „Anton“ die Arbeit der Ortsgruppe, ein VW T5 mit vier Sitzen. Der ganze Stolz der Ortsgruppe ist jedoch „Nils“: Das sogenannte „All Terrain Vehicle“ der Firma Bombar- dier mit sechs angetriebenen Rädern ist ein weltweit Im Sommer bewegt sich das All Terrain Vehicle „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz mon- tiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Bergwacht Furtwangen 253

 

 

 

Im Sommer 2022 kam es an der Schwarzwaldbahn zu einem Flächenbrand. Außer der Feuerwehr und dem Rotem Kreuz war auch die Bergwacht mit zehn Einsatzkräften vor Ort. einmaliges „Unikat“. Das sieht man auch daran, dass bereits Anfragen anderer Ortsgruppen und von weiteren Hilfsorganisationen zu den Details des Um- baus kommen. Auf der Plattform ruht ein speziell auf Furtwanger Bedürfnisse zugeschnittener Aufbau, der nach den Vorgaben der Bergretter gefertigt wurde. Das Fahrzeug kann neben dem Fahrer und einem Sozius einen Patienten plus Betreuer auch in schwie- rigstem Gelände befördern. Im Sommer bewegt sich „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz montiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Doch woher wissen die Furtwanger Spezialretter, wann sie benötigt werden? Jeder aktive Bergretter trägt einen Fernmeldeempfänger, umgangssprach- lich „Piepser“ genannt, bei sich und wird so über die Integrierte Leitstelle Schwarzwald-Baar über einen Einsatz informiert. Durch die Einsatzmanagement-App „Divera“ kann jeder Bergretter individuell rückmel- den, ob er zu dem aktuell anstehenden Einsatz kom- men kann und wie lange er dorthin braucht. Über diese App behalten die Furtwanger Bergretter auch die Übersicht darüber, wer derzeit als Einsatzkraft zur Verfügung steht. Steigende Zahl von Einsätzen mit oft dramatischen Unfällen Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest, rund 50 bis 60-mal kommen die Aktiven der Orts- gruppe pro Jahr zum Einsatz, und es sind nicht im- mer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Ein Beispiel war der Absturz eines Tragschraubers im Bereich Gütenbach vor einigen Jahren, bei dem der Pilot nur noch tot geborgen werden konnte. Im Jahr 2022 waren es allein bis August schon 60 Einsätze, davon eine Bergungsaktion bei einem Segelflug- zeugabsturz in Schonach, bei dem der junge Pilot ebenfalls ums Leben kam. Da sind Einsätze wie zum 254 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die Bergretter am Brend mit Einsatzfahrzeug „Anton“. Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest. Und es sind nicht immer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Beispiel beim Schwarzwald-Bike-Marathon jeweils im September doch bedeutend angenehmer, wenn auch mit viel Arbeit und Aufwand verbunden. Die Bergwacht ist hier federführend für den Rettungs- dienst verantwortlich. Bei allem Aufwand und bei aller Einschränkung der persönlichen Freizeit ist eines doch deutlich spürbar: Die Furtwanger Bergretter sind begeistert von dem, was sie tun. „Das hundertjährige Jubiläum 2024 werden wir sicher festlich begehen“, so Probst. Die Form der Feier wird bereits geplant, auf jeden Fall werden die Furtwanger „ihr“ zweites Jahrhun- dert zuversichtlich beginnen. Bis heute ist die Ortsgruppe Furtwangen übri- gens die einzige Bergwacht im Schwarzwald-Baar- Kreis. Einst gab es auch in Villingen eine Ortsgrup- pe, die nach einer Serie von tragischen Unfällen außerhalb der Bergwacht aus Mitgliedermangel wieder eingestellt werden musste. Ähnlich erging es einer von Furtwangen aus initiierten Ortsgruppe im bergreichen Großraum Triberg. Bergwacht Furtwangen 255

 

 

 

Wenn Kinder der Natur und Der Bauernhofkinder­ garten in Waldhausen von Dagobert Maier Seit dem 1. März 2022 hat der Bauernhofkindergarten „Grünling“ in Waldhausen geöffnet. „Eine tolle Bereicherung für unsere Stadt“, freut sich der Bräunlinger Bürgermeister Micha Bächle über die 20 neuen Kindergartenplätze im Ortsteil. Träger ist die Genos- senschaft Kita Natura, die Stadt deckt 75 Prozent der Betriebskos- ten. Der Bauernhofkindergarten hat als bereits 20. Kindergarten von Kita Natura den Betrieb auf- genommen, gegründet wurde er auf Initiative von Alexandra Beyrle und Andrea Groß. Der Trägerverein aus Anlass der Eröffnung: „Grün- dungsberatung und Trägerschaft für Bauernhof kindergärten, Wald- und Naturkinder gärten – das ist die Mission unserer 2017 gegründeten gemeinnützigen Genossenschaft.“ Kinder und Eltern jedenfalls sind vom Ergebnis begeistert. 256 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Tieren ganz nahe kommen Im Bauernhofkindergarten Waldhausen sind die Tiere des Hofes allgegenwärtig. 257

 

 

 

Der Waldhausener Bauernhofkindergarten ist beim 300 Jahre alten Hof der Familie Beyrle untergebracht. Das Erleben der Natur in all ihrer Vielfalt und der Umgang mit Tieren ist einer der Hauptschwerpunkte der täglichen Betreuungsarbeit im Bauernhofkinder- garten (Kiga) im Bräunlinger Ortsteil Waldhausen. Der Kiga „Grünling“ des Trägers Kita Natura hat im März 2022 erstmals Kinder ab drei Jahren aufgenom- men. Berücksichtigt werden nur Kinder aus Bräunlin- gen. Und neben der Kindergartengebühr fällt für die Eltern auch der Kauf eines Genossenschaftsanteils in Höhe von 350 Euro an der Kita Natura an. Der „Grünling“ befindet sich auf dem Gelände des 300 Jahre alten „Waldhauser Hofs“, der von der Familie Beyrle bewirtschaftet wird. Dort ist ein rund 1.000 Quadratmeter umfassendes Außengelände inmitten einer Streuobstwiese für die Zwecke des Kindergartens ausgewiesen. Einige der alten Apfel- und Birnenbäume sind Teil der über einen großen Sandkasten, einen Erdhügel und viel Platz zum Spielen verfügenden Fläche. Der Bauwagen dient zur Aufbewahrung der Materialien und Geräte. Ein Weidentipi, eine Matschküche und der Nasch- garten sind längst beliebte Aufenthaltsorte der Kinder geworden. Wenn es das Wetter einmal nicht zulässt, draußen zu sein, findet die Gruppe Zuflucht in der heimeli- gen Schutzhütte. Diese entstand aus einem alten Wirtschaftsgebäude des Hofes, welches vorher als Hühner stall diente (siehe Foto oben). Darin be- findet sich ein großer Bereich, der als Spiel- und Bewegungs raum genutzt werden kann. Außerdem gibt es ein kleines Badezimmer mit einer Trenntoilet- te und einem Handwaschbecken. 258 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die aktive Mitwirkung bei der Versorgung der Tiere ist wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzepts. Der Alltag im Bauernhof-Kiga Grünling muss nicht künstlich erschaffen werden: Die Kinder erfahren hier vielmehr jeden Tag aufs Neue, wie sie durch ihr eigenes Tun in Landwirtschaft, beim Handwerken und im Garten einen Zugang zur Natur und zu Tieren bekommen und lernen dadurch, was nachhaltiges Handeln bedeutet. Es ist nichts Außergewöhn liches, dass beim Spielen die Hühner zwischen den Kindern herumlaufen oder sie deren Eier finden. In den Gesichtern sieht man jeden Tag, wie sie sich über die kleinen und großen Wunder der Natur freuen. Es scheint, als würden sie ihren Bauernhof immer wieder neu entdecken. Sie sprechen mit den Tieren und kümmern sich liebevoll um sie. Die Eltern sehen, dass die Kinder ein Bewusstsein für die Tiere entwickeln, was beim freudigen Erzählen des Neuerlebten jedes Mal deutlich werde. „Für mein Kind ist es ganz wichtig, dass es viel mit der Natur zusammenkommt und auch mit den Tieren den Tag verbringt. Ich freue mich, dass mein Kind einen Platz im Grünling bekommen hat, der ein Naturkonzept mit einem guten und auch nachhal- tigem pädagogischen Verständnis verfolgt“, erzählt eine Mutter. Auch an der Versorgung der Tiere wirken die Kinder mit Kindergartenleiterin Andrea Groß über ihren außer- gewöhnlichen Wirkungsort: „Die Kinder erleben im Bauern hofkindergarten die Natur und die jahreszeit- lichen Veränderungen mit all ihren Sinnen. Die Natur in ihrer Vielfältigkeit, ob im Außenbereich, bei den Tie- ren, im Bauernhof, auf dem Acker oder im Wald. Das Draußen sein unterstützt bei den Kindern den Forscher- drang, das selbstständige Entdecken, Beobachten, Ausprobieren und Erkunden sowie auch die Stärkung des Immunsystems“. Die Diplom-Sozial pädagogin ist zugleich Wildkräuter- und Heilpflanzen pädagogin. Der Bauernhofkindergarten ermöglicht es den Kindern, aktiv an der Versorgung der Tiere mitzuwir- ken. In enger Absprache mit der Landwirtin werden sie in vielfältige Tätigkeiten miteinbezogen. In Klein- gruppen übernehmen die Kinder Aufgaben wie das Einsammeln von Eiern sowie das Versorgen der Hüh- Bauernhofkindergarten Grünling 259

 

 

 

Besonders für Schlechtwettertage braucht es im Bauernhofkindergarten auch eine heimelige „Schutzhütte“. Es handelt sich dabei um den früheren Hühnerstall des Hofes. ner. Diese sind in einem Hühnermobil in der Nähe des Kindergartengeländes untergebracht. „Wir holen die Eier, wir zählen ihre Anzahl, sehr oft nehmen die Kinder die Eier in die Hand, da sie das Naturprodukt spüren wollen und auch wie sich die Eierschale an- fühlt“, so Kindergartenleiterin Andrea Groß. Die Kin- der dürfen außerdem der Mutterkuh herde, die sich in den Wintermonaten im Stall befindet, das Futter hinschieben. Durch das Beobachten, Begegnen und das aktive Mithelfen werden unterschiedlichste Sinne und Emo- tionen angesprochen und die Grünling-Schützlinge lernen, Verantwortung zu übernehmen. Insgesamt soll dabei ein realistisches Bild der Landwirtschaft ermöglicht werden, wobei dieses neben der Geburt auch den Tod eines Tieres beinhaltet. Gesunde Ernährung und Herstellung wichtig „Eine gesunde Ernährung im Kindergarten ist uns wichtig und gehört zum Konzept unseres Kindergar- tens“, unterstreicht die Leiterin Andrea Groß weiter. Durch den eigenen Anbau von Obst und Gemüse im Bauerngarten wird die Wertschätzung von Le- bensmitteln wieder in den Vordergrund gerückt. Die Kinder erfahren, wie viel Zeit und Kraft vor der Zubereitung und dem Verzehr von Essen investiert werden muss. Zusätzlich soll durch das gemeinsame Zubereiten von hofeigenen Produkten ein genussvol- ler Bezug zum Essen hergestellt werden. Im Herbst steht das Obst im Mittelpunkt. Die Äpfel von den Bäumen zu holen ist eines der Haupt- themen. Danach werden sie in einer Saftpresse zusammen gedrückt und die Kinder stellen selbst- ständig Apfelsaft her. Dazu gehört auch ein Besuch in der Mosterei, so lernen sie den Kreislauf vom Ernten bis hin zum Verarbeiten kennen. Die Kinder leben mit der Natur und erfahren, was sie in ihrer Heimat zu der jeweiligen Jahreszeit gerade bietet. Auch im Kiga-Garten, wenn sie in der Erde graben, um beispielsweise Kartoffeln zu sammeln oder Kür- bisse abschneiden, aus denen Suppe gemacht wird. Ebenso beim Ernten der Karotten, die sie gleichfalls mit der eigenen Hand aus der Erde holen. 260 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Impressionen aus dem Kindergartenalltag – Erlebnisse mit den Tieren und die Freude über das einzigartige Außengelände sind deutlich zu spüren. 261

 

 

 

Nicht im Sandkasten, sondern im natürlichen Erdreich buddeln die Grünling-Schützlinge. Für das Frühstück und das zweite Vesper dürfen die Kinder ihr Essen mitbringen, doch legt der Kiga „Grünling“ Wert auf eine gesundheitsförderliche, abwechslungsreiche Kost. „Sofern es das Wetter zulässt, nehmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam im Freien zu uns. Dabei ist uns wichtig, höflich und respektvoll miteinander umzugehen“, heißt es in der Beschreibung der Kindergartenarbeit, die sich im De- tail auf kita-natura.de findet. Spielzeug mitten in der Natur entdecken Wer den Bauernhofkindergarten „Grünling“ besucht, der spielt mit dem, was die Natur bietet. Das zeigt sich oft beim Marsch in den Wald. Dort werden Stöcke und Tannenzapfen mitgenommen, die die Kleinen lange Zeit begleiten. Andrea Groß: „Unsere Kinder brauchen nur wenig künstlich gefertigtes Spielzeug. Natürlich haben auch wir die üblichen Spielgeräte, darunter Holzfahrzeuge. Immer wieder gibt es Tage, an denen wir nicht ins Freie können, da wird dieses Spielzeug gebraucht. Doch wir sind so oft wie möglich draußen und versuchen mit der Natur in Einklang zu kommen“. Selbst wenn Schnee liegt, sind die Kinder oft im Freigelände zu finden. Ein erstes Fazit nach über sechsmonatigem Kin- dergartenbetrieb lautet: Der Besuch des Bauernhof- kindergartens verändert die Kinder, vor allem ihr Be- zug zu Tieren wird ein anderer. Sind sie anfangs im Umgang mit ihnen meist noch zögerlich, gehören die Hühner oder Hasen nach kurzer Zeit einfach dazu. Nicht nur die Eltern, auch Bräunlingens Bürger- meister Micha Bächle ist von der Einrichtung in Waldhausen sehr angetan. Er betont bei einem Vor ort-Termin wenige Wochen nach der Inbetrieb- nahme: „Der Bauernhofkindergarten ist eine tolle Bereicherung für die Stadt. Mit seinem Konzept wird unsere Bildungs- und Betreuungslandschaft in Bräunlingen noch vielfältiger. Gerne haben wir als Stadt das Vorhaben finanziell und ideell unterstützt.“ Der Kindergarten wird vonseiten der Eltern sehr gut angenommen, die 20 Plätze sind längst besetzt. 262 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

xxxxx Die Besucher des Bauernhofkindergartens Grünling in Waldhausen mit ihren Erzieherinnen. Vorne links Kindergartenleiterin Andrea Groß, die die Einrichtung zusammen mit Alexandra Beyrle (hinten links) initiiert hat. Unten: Blick auf das großzügige Freigelände. Bauernhofkindergarten Grünling 263

 

 

 

Feines erleben: Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen von Tanja Bury 264 9. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

265

 

 

 

Der Name ist hier nicht Programm. Denn eine Burg im klassischen Sinn ist dunkel und verschlossen, eintreten darf nur, wer geladen ist. Beim Hotel­Restaurant „Die Burg“ im Donaueschinger Ortsteil Aasen ist das genau umgekehrt: ein helles und offenes Haus, in dem jeder willkommen ist, der schönes Ambiente und feines Essen schätzt. Und mit zwei Burgherren, die in der Gastronomie ihre Passion gefunden haben: Die Brüder Jason und Niklas Grom. Die Gastgeber Gastfreundschaft, Essen, Trinken, den Men- schen Freude machen – das kennen Jason und Niklas Grom von klein auf. Ihre Eltern führten auf den Immenhöfen eine Garten- wirtschaft. Eine Adresse, die viele Gäste aus dem ganzen Landkreis, aber auch darüber hinaus anzog. „Wir haben immer mitge- arbeitet – und zwar gerne“, erinnert sich Niklas Grom, der jüngere der beiden Brü- der. Schnell sei deshalb klar gewesen, dass der heute 28-Jährige und sein zwei Jahre äl- terer Bruder Jason ihre berufliche Erfüllung in der Gastronomie suchen wollen. Jason hatte sich von Anfang an für die Arbeit in der Küche interessiert. Und so startete er Von links: Jason Grom, Linda Lütte, Niklas Grom und Barbara Grom am Ortsschild der neuen Heimat Aasen. 266 Gastlichkeit

 

 

 

Jason Grom in seinem Kräutergarten. Niklas Grom im gemütlichen Restaurant. nach dem Schulabschluss eine Ausbildung als Koch bei einer guten Adresse ganz in der Nachbarschaft – dem Öschberghof. Auch Niklas’ Weg führte nach der Schule zunächst in das bekannte Hotel-Restaurant, allerdings in den Service und Hotelbereich. Wir haben immer mitgearbeitet – und zwar gerne. Gemein ist den Brüdern, dass sie nach ihren Ausbildungen das heimatliche Umfeld ver- ließen, um neue Gastroluft zu schnuppern, etwas anderes zu sehen. Beide waren in verschiedenen namhaften Häusern – etwa in Arosa, in Wien, am Vierwaldstättersee und in Schaffhausen – beschäftigt. „Wir wollten uns an den besten Betrieben orien- tieren, von den Besten lernen“, erklärt Niklas Grom, der auch eine Weiterbildung als Sommelier absolvierte. Das Ziel der Brüder: der eigene Betrieb. „Aber keinesfalls wollten wir den bevor wir 30 sind“, sagt Jason Grom und lacht. Es sollte anders kommen. Das Haus Aasen hatte einst eine Burg, erbaut von den Herren von Aasen und 1094 erwähnt. Die Anlage ist laut Geschichtsschreibung abge- gangen, es existiert nur noch der Burghügel. Geblieben ist der Name. Die Burg z’ Aase, ursprünglich eine kleine Gaststube inner- halb eines Bauernhofs, war über Jahrzehnte Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 267

 

 

 

eine Traditionsgaststätte mit gutbürger- licher Küche. Zusammen mit „Adler“, „Kranz“, „Krone“ und „Ochsen“ war sie ei- ner der Treffpunkte des dörflichen Lebens. Hier kamen die Stammtische zusammen, hier wurde Karten gespielt, nach Beerdi- gungen der Leichenschmaus eingenommen, wurden Hochzeiten und Taufen gefeiert. Doch auch vor Aasen machte das Gasthaus- sterben nicht Halt – die Burg schloss 2008, das Gebäude stand leer. Bis Horst Hall, der Ortsvorsteher von Aasen, es 2016 kaufte. Sein Antrieb war es, dem Dorf wieder ei- nen Treffpunkt zu geben und Platz für eine neue Art der Gastronomie zu schaffen. Als Wirtin mit Leidenschaft hatte er die ehe- malige Betreiberin einer Gartenwirtschaft auf den Immenhöfen im Sinn. Diese lehnte ab, verwies aber auf ihre beiden Söhne: den Koch Jason Grom und den Hotelfachmann Niklas Grom. „So kamen wir zur Burg. Und so hat etwas zusammengefunden, was wohl Das Hotel- Restaurant „Die Burg“ in Aasen. Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen ein- bringen. zusammengehört. Es fühlte und fühlt sich richtig an“, sagt Niklas Grom. Sein Bruder nickt. Mit Mitte 20 haben die beiden nicht nur einen Betrieb mit all der dazugehörigen Verantwortung übernommen, sondern sie haben ihn auch mitgestaltet. „Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen einbringen“, sagt Niklas Grom. Im September 2017 dann die Schlüsselübergabe von Horst Hall an die beiden Brüder – der Beginn einer kulinari- schen Reise. 268 Gastlichkeit

 

 

 

Freundlich und kompetent – das Team der Burg. In der Weinba(a)r im Untergeschoss werden Snacks serviert. Das Konzept Diese Reise führt in eine junge Gastrono- mie. Zeitgemäß ist sie, weg vom gutbür- gerlichen Rahmen der vergangenen Tage. „Modern und doch gemütlich“, beschreibt Niklas Grom den Anspruch. Drei Foodkon- zepte sind in der Burg zu erleben. Zum einen findet sich ein international ange- hauchtes, saisonales Menü mit regionalem Bezug. Ganz in der Linie des Casual fine Di- nings – also gehobene Küche ohne Schlips und Kragen. Beste Produkte, verarbeitet nach traditioneller Handwerkskunst. Wer à la carte bestellen will, findet bekannte Klassiker, jedoch neu interpretiert. Zwiebel- rostbraten zum Beispiel, Rindersuppe, Maul- taschen und Käsespätzle. In der Weinba(a) r werden Burger, Schinken- und Käseteller und Wurstsalat serviert. Natürlich, das verschweigen sie nicht, wurden die Brüder anfangs immer wieder kritische darauf angesprochen, warum es in der Burg kein Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 269

 

 

 

Schnitzel und keine Schlachtplatte gibt. Und damit eben das, was man bislang ge- wohnt war. „Wir sind die neue Burg“, lautet die Antwort der Groms. Das kommt an, wie verschiedene Auszeichnungen für das Restaurant zeigen. Beispielsweise die des Guide Michelin, 15 Punkte im Gault Millau und andere Erwähnungen in namhaften Restaurantführern. Man freue sich darüber und fühle durch sie in seiner Arbeit bestä- tigt. Doch mehr als Auszeichnungen zählen für die Brüder glückliche Gäste, die mitt- lerweile aus nah und fern kommen. „Ver- lassen sie unser Haus zufrieden, ist das das schönste Lob.“ Insgesamt sind in der Burg 30 Mitarbeiter beschäftigt, auch die Mutter der Grom-Brüder hilft mit. „Damit führen wir die Tradition des Familienbetriebs wei- ter – gemeinsam mit unserem tollen Team“, sagt Niklas Grom. Dazu gehören auch Aus- zubildende. Sie seien, so die Groms, nicht einfach zu finden. Doch die Burg gilt mitt- lerweile als gute Adresse für eine gastrono- mische Ausbildung – das hat sich rumge- sprochen. Und so konnten die Brüder auch dieses Jahr die Ausbildungsplätze in Service und Küche besetzen. Die Küche „In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause“, so beschreibt Jason Grom selbst seinen Stil. Geschmäcker und Gerüche aus seiner Heimat, der Baar, kombiniert der 30-jährige Küchenchef mit internationa- len Produkten. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf regionalen Zutaten. Um das zu zeigen, kann der Gast in der Speisekarte Jason Grom arrangiert einen raffinierten Nachtisch. 270 Gastlichkeit

 

 

 

Kreationen aus der Küche von Jason Grom. Impressionen der Gastlichkeit, umgeben von Kunst, geschaffen durch Andrea Pfrengle. In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause. eine Auflistung der Lieferanten aus der Um- gebung einsehen. Da finden sich Kartoffeln und Eier aus Tuningen, Rinder- und Schwei- nefleisch aus Neudingen, Käse aus Löffin- gen, Reh aus heimischen Wäldern, Pralinen aus St. Georgen. Wenn man Jason Grom danach fragt, was Kochen für ihn bedeutet, spricht er von einer ständigen Herausforde- rung. Man müsse viel probieren und sei – trotz einer abgeschlossenen Ausbildung – nie mit dem Lernen am Ende. „Man muss immer interessiert und wach sein“, sagt er. Es brauche Inspiration und Austausch, die Produkte müssten wertgeschätzt werden. Dazu gehört ein verantwortungsvoller Um- gang mit ihnen. „Es muss nicht immer das Filet sein“, sagt Jason Grom. Deshalb wer- den bei ihm beispielsweise auch Innereien verarbeitet. Kochen bedeute harte Arbeit, das Schaffen mit den Händen und – fürs Kochen brauche es Zeit. „Ohne die geht es nicht“, sagt Jason Grom. So entstehen Ge- richte wie ein Wolfsbarsch mit Safran und Curry, begleitet von Pulpo und fermentier- ten Mirabellen. Oder die Variation von Ka- rotte, die einen den Geschmack dieses Ge- müse ganz neu entdecken lässt. Was Jason Grom selbst am liebsten isst? Da hält sich der Küchenchef bedeckt. Aber er verrät, was seine große Leidenschaft sind: Saucen. „In ihnen ist geballter Geschmack.“ Das Restaurant Ein einladendes, feines Ambiente zeichnet den Gastraum aus. Natürliche Materialien und warme Farben empfangen den Gast, der durch die große Glasscheibe in die Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 271

 

 

 

Küche blicken kann. Das ist die Handschrift von Niklas Grom. Der 28-Jährige führt das Restaurant professionell, aber auf keinen Fall aufgesetzt. „Jugendlich-locker wollen wir sein, gepaart mit Herzlichkeit“, sagt er über sich und sein Team. Gemeinsam sei man bestrebt, den Gästen ein Erlebnis zu bescheren. Egal ob Stammgäste oder Besu- cher, die zum ersten Mal in die Burg kom- men, ob Geburtstagsrunde oder Hochzeits- feier, das Essen mit Freunden oder das erste Date – die Burg möchte ein Ort für all diese Anlässe sein. Dazu gehört es für Niklas Grom, dem Gast die Türe aufzuhalten, den Stuhl zurechtzurücken und auf seine Wün- sche einzugehen. Gleichzeitig dezent und präsent zu sein, dass ist der Anspruch von Niklas Grom. Seine Leidenschaft gilt neben dem Service dem Wein mit seinen vielen Fa- cetten. „Wein ist für mich ein unverzichtba- rer Teil eines schönen Restaurant besuchs“, wie er sagt. Der Sommelier hat den Wein- Wein ist für mich ein unverzichtbarer Teil eines schönen Restaurantbesuchs. Rechts: Blick ins Restaurant – offen und gemütlich. keller mittlerweile auf 370 Positionen aus- gebaut. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland, aber auch Weine aus ganz Europa, Südafrika und dem Libanon finden sich auf der Karte. Gerne beschäftigt sich Niklas Grom mit kleinen Weingütern, die traditionell-handwerklich und teilweise bio- logisch oder biodynamisch arbeiten. Feines erleben, das ist in Aasen dank des Konzepts und vor allem dank der Gast- geber einmal mehr möglich. Die Burg – sie ist im besten Wortsinn ein Gasthaus. 272 Links: Events sind ein fester Bestandteil des Angebots der Burg. Gastlichkeit

 

 

 

Sommelier Niklas Grom. 273

 

 

 

Sanft gegarter Zander mit Meerrettich-Beurre Blanc, Sauerkraut, Dill und Apfel für 2 Personen DIE ZUTATEN FÜR DEN ZANDER Zanderfilet ohne Haut Wasser Salz 320 g 1 l 30 g Fleur de Sel, Nussbutter ZUR FERTIGSTELLUNG DES SAUERKRAUTS 180 g Sauerkraut 2 Stck Schalotten 1 Stck Apfel, Elstar 1 Schuss Winzersekt, trocken 2 Zweige frischer Dill Salz, Pfeffer, Ahornsirup, Piment d‘Espelette, Frühlingslauch, Zitronenöl FÜR DIE MEERRETTICH BEURRE BLANC Schalotten, gewürfelt Knollenselleriewürfel Staudenselleriewürfel Lauch, weißer Teil, fein geschnitten Apfel, Elstar, gewürfelt Ingwer, gerieben trockener Weißwein 1 Stck 1 Stck Knoblauchzehe, in Scheiben 20 g 10 g 10 g 20 g 5 g 40 ml 10 ml Noilly Prat 200 ml Fischfond 1 Stck 100 g 1 Eßl Frischer Meerrettich, Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt Lorbeerblatt Butter Sauerrahm Das Salz im Wasser auflösen, das Zanderfilet in zwei gleich große Stücke teilen und in die Salzlake geben. Gekühlt für 3 Stunden ziehen lassen. Den Zander aus der Lake nehmen, abspülen und trocken tupfen. Mit etwas Nussbutter bepinseln und vakuumieren. Im Wasserbad bei 56°C für 16 Minuten garen, aus dem Vakuumbeutel nehmen und mit einem Bunsenbrenner leicht abflämmen. Mit Fleur de Sel nachwürzen. Die Schalotten und den Apfel in feine Würfel- schneiden, den Dill fein hacken. Die Schalotten- würfel in etwas Rapsöl glasig dünsten, das Sauerkraut zugeben, ein Schuss Winzersekt hinzufügen und bei geschlossenem Deckel zum gewünschten Gargrad fertigkochen. Die Apfelwürfel und den Dill unterrühren und mit den Gewürzen abschmecken. Das Gemüse in etwas Rapsöl dünsten, mit dem Alkohol ablöschen und etwas reduzieren. Mit dem Fischfond auffüllen, Lorbeerblatt hinzufü- gen und ca. ½ Stunde simmern lassen. Durch ein Sieb in einen neuen Topf abseihen. Die kalte Butter und den Sauerrahm mit einem Mixstab in den Sud einmontieren, mit dem frisch geriebenen Meerrettich und den Gewürzen abschmecken. 274 Gastlichkeit

 

 

 

ZUM FERTIGSTELLEN Das Sauerkraut mit einem runden Ausstecher mittig auf einem Teller platzieren, das Zanderfilet darauf platzieren und die aufgeschäumte Beurre Blanc angießen. Mit Apfelgel, gepickelten Apfelscheiben, Dillspitzen, Dillöl und frischen Lachsforellenkaviar garnieren. 275 XXX

 

 

 

HERZLICH, HEIMISCH, WILD – “WILDE WELT“ IM (FAST) STILLEN LINACHTAL von Daniela Schneider Gastlichkeit

 

 

 

277

 

 

 

278 Gastlichkeit

 

 

 

XXX Ute und Urs Fischbach, die Inhaber und kreativen Köpfe hinter dem „Wilden Michel“.

 

 

 

Der Michelhof und seine Außenterrasse. „Bitte wild klingeln!“ – der Empfang im Michelhof ist unkonventionell. Das Glöckchen, zu dem diese Aufforderung gehört, steht an der Re- zeption im Flur. Wird es möglichst beherzt betätigt, kommt ein freundlicher Mensch um die Ecke gebo- gen und nimmt den Gast in Empfang. Er betritt im an- sonsten still-beschaulichen Linachtal die „wilde Welt“ des „Wilden Michel“. „Herzlich, heimisch, wild“ – so lautet die erklärte Devise. Davon überzeugen können sich nicht nur die Feriengäste, die munter die Klingel bimmeln, um im Haus oder auf dem dazugehörigen Campingplatz einzuchecken, sondern auch alle ande- ren, die auf dem Hof vorbeikommen. „Herzlich willkommen“ in der Kultgaststätte „Zum Wilden Michel“ somit – aber, was also ist der Linacher Michelhof eigentlich? Ferienhaus mit Campingplatz? Schwarzwaldhof in idyllischer, einsamer und ruhiger Lage? Vesperstube oder Sonntagscafé? Zünftiges Lo- kal mit heimischen Spezialitäten und Steaks vom Grill oder doch eher eine Alternative für Leute, die Lust auf veganes Essen haben? Bunte Wohngemeinschaft? Familienzuhause und Mehrgenerationenhaus? Ein un- komplizierter Ort zum Feiern mit viel Livemusik? Die schlichte Antwort lautet: Ja, all das! Und diese lange Liste ist noch nicht einmal vollständig. Für Urs Fischbach und sein Team dürfte die Frage nach den Schubladen, in die das Projekt „Zum Wil- den Michel” wohl am ehesten passen könnte, aber ohnehin ziemlich überflüssig sein. Kategorien sind ihm, seiner Frau und den Mitstreitern auf dem Hof Das idyllische Linachtal, rechts der Michelhof samt Campingplatz. Gastlichkeit

 

 

 

eher mal so egal wie das Linachtal lang und schön ist. Sie sind an einem Ort im Schwarzwald angekom- men, an dem sie einfach das machen, was sie erfüllt: Gastgeber sein, mit Herz und Verstand einen Betrieb führen, anpacken, Ideen umsetzen. Machen eben. Die Fangemeinde wächst und wächst 2021 wurde der „Wilde Michel“ erworben und be- gründet, seitdem wächst und gedeiht er und trifft ganz offensichtlich einen Nerv: Innerhalb weniger Monate entwickelte sich so schnell eine Fangemein- de, dass es den Beteiligten manchmal schon fast ein bisschen unheimlich wird. Dass hier oben zwischen Bauernhofromantik, Naturidylle und absolut null Handynetz etwas Besonderes auf den Weg gebracht wurde, spricht sich jedenfalls immer mehr rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz des „Wilden Michel” genau ausmacht. Um das zu verstehen, muss man allerdings erst einmal den Weg hierher finden. Von Furtwangen vom Mäderstal her kommend sind es knapp sechs Kilometer Fahrweg. Etwa genauso lang ist die Strecke in die andere Richtung das Linachtal runter bis zur bekannten Talsperre. Ja, der Michelhof liegt ab vom Schuss, und genau das macht zweifelsohne einen Teil seines Charmes aus. „Von Montag bis Donnerstag ist hier der Hund begraben“, sagt Urs Fischbach. Diese Ruhe gefällt nicht nur ihm und seinen Leuten – sie kommt vielmehr auch bei Erho- lungssuchenden bestens an. Urige Gaststube. Die können sich zum Beispiel ein schönes Fleck- chen auf dem hofeigenen, terrassierten Camping- platz suchen. Die Gäste aller Altersgruppen kommen aus vielen Regionen Europas, viele von ihnen ma- chen auf der Durchreise einen Abstecher hierher, mal sind es Belgier, mal Spanier, mal Holländer und auch viele Italiener haben diesen Ort schon für sich entdeckt. Und dennoch: Die allermeisten, die hier auf dem Platz ihr Zelt aufschlagen oder den Camper 281 281

 

 

 

Kultur genießen, Vespern und/oder Campen – der Michelhof spricht ein breites Publikum an. auf eine der Platz-Terrassen rollen lassen, kommen aus der Region, meistens aus dem Bereich irgendwo zwischen Tuttlingen, Freiburg, Tübingen, Offenburg und Konstanz. Auch ganze Gruppen reisen an: Eine Motorradtruppe mit Beiwagen und eine ganze Horde Bullifreunde waren da, und auch mit jeder Menge Mofas wurde quasi im Rudel schon auf die Linacher Höhe hinaufgeknattert, um hier eine gute Zeit zu verbringen. Für all diese unterschiedlichen Men- schen scheint der Michelhof ein Volltreffer zu sein. Skaten, grillen und Punkrock Dabei müssen die Gäste damit rechnen, dass es in Richtung Wochenende mit der großen Ruhe meistens vorbei ist. Dann gibt es hier oben im Tal jede Menge Livemusik oder andere Events. Oft ist ja bei Veranstaltungen von „bunten Mischungen” die Rede – im Michel- hof trifft es wirklich zu: Gespielt wird mal mon- golische Weltmusik, mal fiedeln und flöten Mit- telalterspielleute, mal gibt’s Country, mal Me- tal, Punk oder Rock und dann wieder die aller- 282 zünftigste Blas- oder gemütliche Stubenmusik auf die Ohren. „Wooden Wumms” bietet Electro oder Swing, auch Mottopartys werden gefeiert und es stehen „Skaten, grillen und Punkrock” auf dem Programm. Donnerstags tagt der Musikerstammtisch, und jeden vierten Sonntag im Monat wird im „Mini Michel Club” außerdem ein Kinderprogramm geboten. Vesperstube mit Köstlichkeiten aus der Region Von Donnerstagabend bis Sonntagabend ist im Michelhof eine Vesperstube samt Außenterrasse geöffnet. Es werden einfache Hausmannskost und ein bis zwei warme Gerichte angeboten. Auch eine vegane Alternative darf nicht fehlen. Was auf der Der Michelhof ist auch eine Vesperstube mit vielen heimischen Produkten, die teils auch direkt von Linacher Erzeugern bezogen werden. Gastlichkeit

 

 

 

Links: Die Michelramp für Skater. Rechts: Einer der zahlreichen Nebenräume. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbäckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von regionalen Erzeu- gern. Gemüse und Obst vom Markt, der Kräutertee aus dem Linachtal. Speisekarte steht, variiert von Woche zu Woche. „Das reicht – wenig, aber dafür richtig gut”, mei- nen die Wirtsleute, und ihr Konzept kommt an. Die Vesperkarte reicht von Käse über Fleisch und Speck bis zu Fisch. Selbst gebackene Kuchen ergänzen das Angebot. „Kulinarisch wirst du mit Köstlichkeiten aus der Region verwöhnt. Wir kaufen nur vom Erzeu- ger direkt ein und machen alles von Hand im Hause selbst”, erfahren Interessierte auf der Homepage und Urs Fischbach ergänzt: „So gut wie gar nichts wird im Supermarkt gekauft.” „Made im Schwarzwald“ muss es sein. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbä- ckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von Erzeugern. Gemüse und Obst vom Markt, Kräutertee aus dem Linachtal. Und wer das hofeigene Quellwas- ser süßen möchte, kann Sirup aus der Ortenau dafür verwenden, den es hier zu kaufen gibt. Das Bier wird von einer Brauerei „aus dem Wald“ geliefert. Hochprozentiges stammt natürlich ebenfalls aus der Region: vom Kirschwasser bis zum Gin „Tannig“, für den stilecht Tannenschösslesirup verwendet wird. Mitten drin im „Schwarzen Wald“ Die quasi organische Verbindung zum Schwarzwald ist den am Michelprojekt Beteiligten extrem wichtig, und das merkt man bei Weitem nicht nur am Angebot im Vesperstüble. Urs Fischbach, der den Betrieb zusammen mit seiner Frau Ute führt, legt großen Wert auf die Verwurzelung in der Region. Kein Wunder: Schließlich bewirtschaften sie ein Anwesen, das seit Jahrhunderten mittendrin steht im „Schwar- zen Wald“, in dem auch Urs Fischbach selbst seine Wurzeln hat. Seine Mutter ist eine Furtwangerin. In der Bregstadt verbrachte der heute 36-Jährige einen Teil seiner Kindheit und seine Jugend. Mit 18 zog es ihn nach Donaueschingen, weil da „erstens die Disko Delta und zweitens ein Bahnhof war“, erinnert er sich grinsend an seine Motivation, damals umzuziehen. Vom Bahnhof aus war er mobil und im damals schon legendären „Delta“ jobbte er während seiner regulären Ausbildung nebenbei hinter der Bar. In seinem „Brotberuf“ in einem Schmiede-Unternehmen arbeitete er zehn Jahre lang, zuletzt in führender Position. Ungeachtet dessen, dass er rein äußerlich von manchem Zum Wilden Michel 283

 

 

 

Die Kassettendecke der Gaststube stammt von Uhrenschildmaler Karl Straub. Rechts: Blick in die Hofkapelle. Zeit genossen als ziemlich unangepasst eingeschätzt wurde – als einer, der vollkommen selbstverständ- lich Dreadlocks, Piercings und Tattoos trägt, weil sie einfach zu ihm gehören. In dem Automotive-Zuliefererbetrieb war er stark gefordert, verbrachte unter anderem viel Zeit in Shanghai. Hier wurde ihm schließlich angeboten, ein Werk des Unternehmens zu leiten. Allerdings machten sich Bedenken bei dem jungen Mann breit: „Immer mehr Verantwortung mit immer weniger Befugnissen“ – das schreckte ihn ab, wie er sagt. Mit seiner Frau Ute, die von der Schwäbischen Alb stammt und ebenfalls beruflich erfolgreich und gleichermaßen stark eingebunden war, gründete er eine kleine Familie. Weil beide berufstätig waren, blieb für den kleinen Oskar nicht so viel Zeit, wie sie sich das gewünscht hätten. „Nicht so das Wahre“ – so brachten es die beiden für sich auf den Punkt. Das Buch der Ideen ist randvoll Der Gedanke, das Leben anders gestalten zu wollen, wurde immer konkreter, entwickelte immer mehr Ei- gendynamik. „Wir hätten so noch 35 Jahre oder sogar noch länger weiterarbeiten müssen. Da steckten wir mittendrin. Also haben wir uns gesagt: Machen wir lieber etwas Neues“, fassen die Fischbachs zusam- men. Im Sommer 2020 waren die leidenschaftlichen Camper mal wieder mit ihrem Wohnmobil unterwegs. Beide hatten sich für Elternzeit entschieden und nutzten sie, um als kleine Familie ein Stück Europa zu erkunden. „Wir haben ganz viele coole Leute kennen- gelernt“, erinnert sich Urs Fischbach sehr gerne an die Reise. Und: Viele Plätze vor allem in Italien, meist Bauernhöfe und kleine Familienbetriebe, die im Stil der „Agri Camping“ agierten, weckten ihr Interesse: „Mensch, so etwas möchten wir selbst auch machen.“ Auf der Reise wurde dieser Wunsch immer größer. Das mitreisende „Buch der Ideen“ füllte sich ratz- fatz und wurde stetig dicker. Es wurde erst geträumt und dann konkret gegrübelt, wie so etwas auch da- heim in Deutschland funktionieren könnte. „Meine Frau und ich sind gleich. Wir sind extrovertiert und hatten schon immer Spaß daran, Leute zusammen- zubringen“, sagt Urs Fischbach – und das wollten sie nun in einem eigenen Unternehmen umsetzen. Aus Träumen wird Wirklichkeit Wieder nach Donaueschingen zurückgekehrt, beschlossen sie, einen Knopf auf die ganze Sache zu machen. Urs Fischbach erinnert sich: „Wir haben gesagt: So, jetzt hören wir auf mit schwätzen.“ Voller Tatendrang gingen sie mit der Planung ins Detail und suchten nach einem geeigneten Platz für ihren Campingtraum. Etliche Objekte schauten sie sich an. „Gefühlt waren es 200 Immobilien“, lacht Urs Fischbach, der als die „Vorhut“ im ganzen Schwarz- wald unterwegs war und sich leer stehende oder zum Verkauf angebotene Objekte in rauen Mengen 284 Gastlichkeit

 

 

 

Urs Fischbach im beheizbaren Badezuber mit Blick auf Linach – rechts einer der Eventräume. Durch einen Bekannten erfahren Fischbachs, dass der Michelhof zum Verkauf steht. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der Besitzerin war klar: Das passt einfach! anschaute. Wenn es konkreter zu werden schien, setzte sich die bürokratische Maschinerie in Gang: Bauvor anfragen an Kommunen und Gemeinderäte und all die weiteren planerischen Notwendigkeiten. Aber zunächst zerschlugen sich alle Vorhaben wieder – das Passende war einfach nicht dabei. Dann die Nachricht aus Linach, die das Ehepaar aufhorchen ließ: Durch einen Bekannten erfuhren sie, dass der Michelhof zum Verkauf stünde. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der bisherigen Besitzerin war klar: Das passt einfach! Das Konzept, das die Fischbachs vorlegten, ver- fing sowohl bei der Bank in Sachen Finanzierung als auch bei Angelika Brenner, die den Hof jahrzehn- telang bewohnt und gemeinsam mit ihrem Mann Horst geführt hatte. „Sie fand uns gut“, freut sich Urs Fischbach. Die Chemie stimmte derart, dass er und seine Frau das Anwesen im Frühjahr 2021 erwerben konnten. Für Ute und Urs Fischbach war klar: Der Michelhof, das ist es! Hier oben im Tal in Alleinlage mit genügend Platz drumherum kann das Ehepaar seine Träume verwirklichen. Danach ging die Arbeit allerdings erst richtig los. Und sie wird den Fischbachs so schnell nicht ausge- hen. Im Jahr 2022 setzten sie sich die Sanierung und naturnahe Anlage des Campingplatzes mit neuen Anschlüssen zum Ziel, und ab dem Jahr 2023 folgt der Innenausbau des Hofgebäudes, das neben den Wohn- bereichen auch noch ein Schlaflager im Dachgeschoss und weitere Ferienwohnungen bekommen soll. Zu- dem soll es für das alte Bauernhaus ein neues Dach und neue Fenster geben. Und für den Außenbereich wünschen sich die Betreiber dann auch noch zwei neue, schindelgedeckte Tiny-Häuser. Im Corona-Sommer den Betrieb aufgenommen Am 3. Juli 2021 – es war der Corona-Sommer, in dem es zeitweise Lockerungen gab und auch die Gas- tronomie und ähnliche Einrichtungen wieder öffnen durften – ging das Haus in Betrieb. Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung waren aber erst mal noch beson- dere Gäste eingeladen, sich das Ganze in Ruhe anzu- schauen: ausschließlich die Linacher nämlich. „Zwei Drittel des Ortes waren da”, lächelt Urs Fischbach. Die Charmeoffensive, die er und seine Frau gestartet hatten, zeigte Wirkung: Die beiden Zum Wilden Michel 285

 

 

 

Im Wilden Michel gibt es in der Gaststube einen gemütlichen Kachelofen, wird viel Wert auf einen ansprechend geschmückten Außenbereich gelegt und werden vor allem sämtliche Kuchen selbst gebacken. hatten jeden Hof im Tal abgeklappert und überall ge- klingelt, um die Nachbarschaft einzuladen. „Uns war es wichtig, dass alle sehen können, was wir machen”, setzte das Paar von Anfang an auf Offenheit und Transparenz. Urs Fischbach ist zweifelsohne ein besonderer Typ und er hat ganz offensichtlich viele Talente: Er ist Ideengeber, Macher, Unternehmer, Kommunikator, ein „schaffiges Kerlchen“, wie er selbst sagt. Einer, der Dinge anpackt, der gerne etwas ausprobiert, sich freut, wenn es gelingt, aber doch auch gelassen ge- nug scheint, es hinzunehmen, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant. Ein Optimist – und Nerven-Be- wahrer. Sein Motto: heitere Gelassenheit. Das Pensum, das er, seine Frau und ihr ganzes Team „abreißen“, ist amtlich: Neben der (Um-)Bau- planung und behördlichen Anforderungen ist da auch noch der ganz normale Tagesbetrieb, zum einen, was den Campingplatz angeht. Ein Gast kommt rein und braucht eine Duschmarke? Kein Problem: Der Chef drückt sie ihm in die Hand, parliert ein paar Worte auf Spanisch mit dem Touristen, erklärt ihm, wie die Dusche funktioniert und wünscht ihm noch einen schönen Abend. Woher er Spanisch kann? Seine Schwester lebt in Spanien und hat einen Part- ner – und der und seine Freunde sprechen eben nur Spanisch, also lernt er es halt einfach selbst über eine Sprach-App. „Jeden Morgen eine Viertelstunde – da kommt man schon ganz gut zurecht“, erklärt er, wie auch das noch in den vollen Tagesplan reingequetscht wird, ohne dass spürbarer Stress aufkomme. Das Prinzip ist klar: Wer Sachen nicht ausprobiert, wird nie wissen können, ob sie klappen oder nicht. 15 Personen haben Lust ‚mitzumicheln‘ Im Hof selbst bauen sich Ute und Urs Fischbach für ihre kleine Familie eine Wohnung aus und für die Eltern von Ute Fischbach entsteht in dem großen Gebäude ein barrierefreies Appartement. Dann wäre da außerdem noch die Betreuung der 286 Gastlichkeit

 

 

 

Ansichtskarte des Michelhofs aus den 1980er-Jahren. Schon von 1299 an gab es an der Stelle des heutigen „Wilden Michel“ einen Bauernhof. 1802 fiel dieser jedoch ei- nem Feuer zum Opfer. Das staatliche Anwesen wurde ein Jahr später wieder aufgebaut – und zwar von dem Linacher Michael Grieshaber – „Michel“ genannt. Von nun an gab es in Linach einen „Michelhof“. dann kamen hier bis 1990 auch Schulklassen im Landschulheim unter. Vor dem Haus wurde der Zeltplatz und drinnen Studentenzimmer und Ferienwohnungen eingerichtet. Zur Michelhof-Geschichte 1814 wurde Georg Rießle als Besitzer ge- nannt. Damals zählte Linach 227 Seelen, die in 34 Häusern wohnten. Von 1930 an wurde das Anwesen mehrfach verkauft, der Hof wurde von Pächtern bewirt- schaftet. Rosine und Nikolaus Brenner, ein Ehepaar, das aus Donauschwaben stammte, kaufte den Michelhof im Jahr 1955 und ließ sich hier nie- der. Zuletzt bewirtschafteten ihr Sohn Horst und dessen Ehefrau Angelika seit 1976 das An- wesen. Sie legten den Fokus nicht auf die reine Landwirtschaft, sondern setzten andere Ideen um. Erst wurde der Hof als Pension geführt, 1979 eröffnete die Familie Brenner in dem Hof eine Gaststätte. Die urige Vesperstube ziert eine Kassettendecke mit 79 vom Linacher Uhren- schildmaler Karl Straub bemalten Kacheln – eine echte Rarität. Karl Straub zählte zu den letzten Uhrenschildmalern im Schwarzwald und hat hier seine ganze Motivvielfalt ver- ewigt, die man auch von seinen Uhrenschil- dern her kennt. Horst Brenner kam dann vor rund 20 Jah- ren bei einem Waldunfall ums Leben. Seine Witwe Angelika führte den Betrieb viele Jahre weitgehend alleine weiter. 2021 stand fest, dass der Hof altershalber verkauft wird. Zum Wilden Michel 287

 

 

 

Wir arbeiten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wunderschön. Ferienwohnungen im Haus und das Betreiben der Vesperstube: Alle Kuchen werden selbst gebacken, das Essen vom Speckvesper bis zum Eintopf wird frisch zubereitet. Fast alle auf dem Hof sind ausnahmslos keine gelernten Gastrofachleute, dafür aber umso euphorischere Autodidakten. Der Rest der recht großen Hausgemeinschaft hat sich übrigens ziemlich schnell gefunden: Eine sehr gute Freundin der Fischbachs entschloss sich kurzer- hand, im Betrieb mitzuarbeiten und im Haus mit ein- zuziehen, genau wie die Eltern von Ute Fischbach, die gerade ihren Ruhestand angetreten hatten. Von Juni bis Dezember 2021 fanden sich dann noch weitere Mitstreiter. „Innerhalb von sieben Monaten haben wir neun Umzüge gemeistert“, erinnert sich Urs Fisch- bach und grinst: Auch das haben sie alle gemeinsam geschafft. Mittlerweile wohnen 15 Personen in dem Haus, darunter eine Studentin und zwei Studenten, die im Hof jeweils ein kleines Appartement gemietet haben. Der Jüngste im Haus ist der kleine Oskar mit seinen drei Lenzen, der Älteste zählt 65 Jahre. Sieben der Hausbewohner gehören zum Kernteam im Be- trieb des „Wilden Michel”. Rasantes Internet „fernab der Welt“: Auf Starlink folgt Breitband Zwei, drei Mal in der Woche wird gemeinsam gekocht und wer Lust hat, kommt zum Essen und Plaudern am großen Tisch in der Stube zusammen. „Ich möch- te Leute hier haben, die Lust haben, ‚mitzumicheln‘, erklärt Urs Fischbach das einfache, aber wirkungsvol- le Prinzip. Für das Zusammenleben wurden ein paar Grundregeln aufgestellt, aber im Großen und Ganzen geht es doch recht locker und gelassen zu. Übrigens hat die Gemeinschaft auch noch ein paar tierische Mitbewohner: Drei Hunde und vier Katzen und ein paar fleißig Eier legende Hühner sollen auch noch dazukommen. Die wiederum brauchen zwar überhaupt kein Glasfaser-Internet, um ein glückliches Leben zu füh- ren. Die menschlichen Mitbewohner und die Gäste würden sich dann aber doch darüber freuen, schließ- lich leben sie hier zwar wie gesagt ziemlich ab vom Schuss, aber eben keinesfalls hinterm Mond. Gut al- so, dass im Linachtal nun das Breitband verlegt wur- de. Bis das so weit war, musste sich Urs Fischbach et- was anderes überlegen, denn für den Betrieb ist der Internetanschluss extrem wichtig. Ohne ihn wäre ein solches Unternehmen schlichtweg verloren. Was also tun? Kurzerhand wurde bei Elon Musk „gebucht“ und das Netz via Starlink anfangs aus dem Weltall geholt. Enormes Interesse der Medien: Schon mehrfach im Fernsehen Im Betrieb wird definitiv mit der Zeit und den mo- dernen Medien gegangen: Auch dieses Haus braucht Marketing und das klappt – versehen mit der wilden Michel-Marke passend zum aufgefrischten Schwarz- wald-Image generell – unter anderem bestens über Social Media wie Instagram und Facebook und über die eigene Webseite. Ein besonderer Ort in besonde- rem Umfeld – das kommt ganz offensichtlich bestens bei der Netzgemeinde an. Auch in anderen überregi- onalen Medien ist man auf das Schwarzwälder Pro- jekt aufmerksam geworden – im Magazin „Discover Germany“ konnte man eine Geschichte drüber lesen, auch das SWR-Fernsehen berichtete schon mehrfach über das Michel-Projekt und seine Macher, genau wie der Deutschlandfunk in einer eigenen Reportage. Das Team ist weiter voller Tatendrang. „Wir arbei- ten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wun- derschön“ – sagen die Fischbachs und bereuen ihren Schritt jedenfalls bislang kein winziges Bisschen. Sie wollen hier noch viel bewegen – und dabei das Motto nicht vergessen: Herzlich soll es sein. Und heimisch. Und wild halt. Ute und Urs Fischbach mit Sohn Oskar und einem Teil des Teams. Hinten links die Eltern der Gastwirtin, die im Wilden Michel ihren Alterssitz eingerichtet haben und sich vielfach für das Projekt engagieren. 288 Gastlichkeit

 

 

 

Zum Wilden Michel 289

 

 

 

Mit Herz und Hand – der Löwen in Brigachtal Die Gastwirtsfamilie Bertsche ver- spricht Gastlichkeit, die man fühlt und Qualität, die man schmeckt. Ihr Traditionsgasthaus Löwen in Brigachtal ist als vorzügliche kulinarische Adresse weithin be- kannt. Der Gasthof befindet sich in der bereits vierten Generation in Familien besitz und wurde vor kurzem umfassend saniert und er- weitert. Nicole und Rainer Bertsche freuen sich: „Das Zusammenspiel moderner Architektur mit unseren historischen Räumlichkeiten sorgt für ein einzigartiges Restaurant- erlebnis mit besonderem Flair.“ von Josef Vogt Das Gebäudetrio Löwen, Pfarrhaus und Kirche (oben, angeschnitten). Gut ersichtlich ist der neu gestaltete Außenbereich des Löwen.

 

 

 

291

 

 

 

Familie Bertsche: Rainer und Nicole mit ihren Kindern Hannes und Leni. Zusammen mit der Kirche St. Martin und dem davor stehenden ausladenden Pfarrhaus bildet das Gasthaus Löwen ein Gebäudetrio, dem man schon von außen ansieht, dass es in enger geschichtlicher, aber auch funktionaler Sicht zu- sammengehören muss. Immer wieder wurde sogar behauptet, dass es im Mittelalter vom Löwen zum Pfarrhaus einen unterirdischen Gang gegeben hätte. Außen wie innen sieht man es dem Gasthaus an, dass es eine lange und entsprechend bedeutsame Geschichte vorzuweisen hat und dass sich hier schon viele Generationen an Wirtsleuten in den Dienst der Bewirtung der Einwohner rund um das Brigachtal sowie der Besucher und Durchreisenden gestellt haben. Eines gilt als sicher, der Löwen hatte im Mittel- alter die Funktion eines Kelmhofes, in dem die Ver- treter der Lehensgeber jährlich zusammenkamen, um die Zehnten für die jeweiligen geistlichen bzw. fürstlichen Herrscher über das Brigachtal abzuholen. Die erste urkundlich belegte Konzession für eine Realwirtschaft wurde für Josef Weißhaar von Fürst Joseph Wenzel zu Fürstenberg-Stühlingen im Jahr 1766 erteilt. Außerdem wurde dort von Zeit zu Zeit auch ein Gerichtstag abgehalten, bei dem Verträge geschlossen und Recht gesprochen wurde. Belegt ist weiter, dass in einem Stall Fuhrleute, die auf der so- genannten Sieben-Hügel-Straße, die auch am Löwen vorbei führte und ein Teilstück des Handelsweges von Frankfurt nach Schaffhausen war, ihre Gespanne wechselten und die Pferde unterbringen konnten. Zunächst Mitarbeiter beim Finanzamt Heute sind es die Wirtsleute Nicole und Rainer Bertsche, die sich zusammen mit zwölf festangestell- ten Mitarbeitern um das Wohl der Gäste kümmern, die größtenteils sowohl aus Brigachtal wie auch aus den umliegenden Städten und Ortschaften kommen. Dass Rainer Bertsche einmal Wirt des Löwen werden sollte, den sein Urgroßvater 1927 einem Vorbesit- Ein Gasthaus mit bedeutsamer Geschichte – seit fast 400 Jahren werden hier Einwohner und Reisende bewirtet. 292 Gastlichkeit

 

 

 

zer abkaufen konnte und den seine Mutter Brigitte Bertsche abgesehen von einer kürzeren Unterbre- chung von 1976 bis 2008 zusammen mit Ehemann Franz führte, war anfänglich nicht geplant. So ab- solvierte der heute 48-jährige Rainer zunächst eine Lehre als Finanzwirt beim Finanzamt. Neue Ausrichtung 1995 entdeckte Rainer Bertsche die Liebe zur professionellen Küche und ließ sich im Öschberghof zum Koch ausbilden. Danach ging er auf Wander- schaft durch verschiedene Häuser, um jenes Wissen und Können zu vertiefen, das einen erfolgreichen Gastwirt ausmacht. Mit der Prüfung zum Hotelbe- triebswirt an der Hotelfachschule Dortmund schloss er die Lehr- und Wanderjahre ab und kehrte nach Brigachtal in den elterlichen Betrieb zurück. Seine Frau Nicole, mit der er seit 2005 verhei- ratet ist und die heute die Rolle der Gastgeberin im Löwen ausübt, hatte zunächst keine klassische Aus- bildung in der Gastronomie. Nach ihrem Studium als Verwaltungsbetriebswirtin war sie mehr als 20 Jahre in der Finanz- und Personalverwaltung der Kur- und Bäder GmbH in Bad Dürrheim tätig. Das Bewirten von Menschen hat sie sich mehr beiläufig beige- bracht, da sie in ihrer Jugend regelmäßig in der Gast- wirtschaft ihrer Tante aushalf. Von dem Aufgabens- pektrum, die der Betrieb des Löwen bereit hält, ist sie für die Buchhaltung, die Organisation der Reservie- rungen und des Personaleinsatzes sowie für die Ko- ordination des Gästeservice zuständig. So kann sich ihr Mann Rainer voll auf die Planung der Angebote, das Kochen und das Catering konzentrieren. Große Investitionen in die Zukunft „Das Haus kann den Eigentümer nur ernähren, wenn auch dieser seinen Dienst am Haus tut“, diesen Leitspruch seiner Mutter, die fast 30 Jahre den Löwen mit ihrem Mann Franz führte, haben sich auch Rainer und Nicole Bertsche, die den Löwen in vierter Generation betreiben, zu eigen gemacht. So entschlossen sie sich 2018 das Gasthaus durch umfangreiche Umbaumaßnahmen zukunftsfähig zu machen. Dabei stellte sich die Aufgabe: Wie lässt sich ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude so umbauen, dass die Gästeräume barrierefrei Rainer Bertsche ist ausgebildeter Koch und vertiefte sein Wissen und Können in verschiedenen Restaurants, bevor er zum elterlichen Betrieb zurückkehrte. nutzbar, das Raumkonzept so flexibel gestaltbar ist, dass unterschiedliche Feiern störungsfrei nebeneinander stattfinden können und die Produktionsräume so gestaltet sind, dass das Personal dort in maximaler Effizienz aber gleichzeitig unter bestmöglichen Arbeitsbedingungen arbeiten kann? Die Herausforderung war dabei, dass die Forderungen der Denkmalschützer und die Auflagen für die zeitgemäße Betriebs- und Arbeitssicherheit zusammenpassen müssen. Dank der guten Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 293

 

 

 

Die neu geschaffene windgeschützte und bei Bedarf beheizbare Terrasse bietet rund 100 Plätze. Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt gelang es, neue technische Anforderungen und die bestehende Substanz gut miteinander zu verbinden. Der schützenswerte Charakter des historischen Löwen wurde beibehalten und das „Neue“ so integriert, dass es sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügte. Barrierefreiheit für die Gäste Nach rund zwei Jahren Umbau präsentiert sich die Küche mehr als doppelt so groß und mit modernster Technik ausgestattet. Deutlich vergrößern konnte man auch das Raumangebot im Innenbereich. Die größte Neuerung besteht darin, dass vor dem Gasthaus über 1.000 Kubikmeter Erdreich abgetra- gen und somit Platz für ein Nebengebäude geschaf- fen wurde. Auf dem Oberdeck des Anwesens befindet sich nun eine windgeschützte, gut zu beschattende und bei Bedarf beheizbare Terrasse mit rund 100 Plätzen. Durch den Einbau eines Personenaufzuges ist der Löwen auch für gehbehin- derte Gäste ohne Probleme zugänglich. Insgesamt wurden rund 2,1 Mill. in die Hand genommen. Damit dürfte der Löwen nun wieder auf längere Zeit den Herausforderungen einer zeitgemäßen Gastronomie entsprechen und vielleicht den beiden Kindern Leni und Hannes die Basis für eine weitere Wirte-Genera- tion sein. Die gastronomische Philosophie Seine Beliebtheit verdankt der Löwen sicher seiner auf den Gast ausgerichteten Grundphilosophie, die darin besteht, dass das Angebot die Bedürfnisse der Gäste aufgreift und eine verlässliche Qualität offeriert, die für eine gute Balance zwischen Preis und Leistung sorgt. Dazu setzt Küchenchef Rainer Bertsche auf Regionalität und Saisonalität bei Fisch, Wild, Schlachtfleisch, Geflügel, Obst und Gemüse, die er für die bekannten und bei den Gästen beliebten Speisen verwendet. Zu den Klassikern der Löwen- Speisekarte gehören seit vielen Jahren neben Wiener Schnitzel oder dem Brigachtaler Schlemmerteller auch das Schweinerückensteak nach Schwarzwälder Art sowie ein rosa gebratenes Hirschrücken steak mit einer Kruste aus Meerrettich und Preiselbeeren. Bei den Fischgerichten dominieren Gerichte mit Forelle, Saibling oder Zander. Aber auch haus gemachte Kartoffelgnocchi mit Ruccolapesto und Fetakäse oder eine der zahlreichen Nudelspezialitäten ergänzen das Angebot. Wem es nach Süßem ist kann beispielswei- se wählen zwischen Fünferlei Süßes im Mini-Weck- glas, Pannacotta auf Rhabarber-Erdbeer- Grütze mit 294 Gastlichkeit

 

 

 

Ein Großteil der Löwengäste sind Stammgäste. Im Löwen werden die Bedürfnisse der Gäste aufgegriffen und eine verlässliche Qualität offeriert. Baiser und Minzpesto, hausgemachter Crème Brûlée mit paniertem Vanilleeis oder Mousse variation von heller und dunkler Schokolade. Dass ein Großteil der Löwengäste Stammgäs- te sind, die im Regelfall mindestens vier Mal im Jahr einen Tisch buchen, bestätigt die Richtig keit des Angebotes. Nach wie vor ein Renner sind die „Schlemmer“- Büffets, die im Herbst zur Schlachtzeit, im Frühjahr zur Spargel- und Erdbeerzeit und im Sommer mit mediterranen Pastaspezialitäten ange- boten werden und in aller Regel schnell ausgebucht sind. Natürlich versucht der vorausschauende Küchen- chef Bertsche auch die Wünsche der Gäste nach be- sonderen Ernährungsformen aufzugreifen und in sein Angebot zu integrieren. So haben vegane und vegeta- rische Gerichte schon seit längerer Zeit einen festen Platz auf der Speisekarte und sind durch eine entspre- chende Kennzeichnung auch leicht zu erkennen. Löwen-Catering ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept Auf den Stationen seiner beruflichen Aus- und Weiterbildung zum Koch kam Rainer Bertsche auch in Betriebe, die sich auf den „Service außer Haus“ spezialisiert hatten und lernte das dazu notwendige Know-how. Nachdem er wieder in den Löwen zurückgekehrt war, kaufte er sich eine professionelle Nudelmaschine und produzierte damit zunächst verschiedene Sorten Teigwaren, mit denen er das Angebot im Löwen bereicherte. Aus den zaghaften Versuchen mit Pasta-Büffets mit mehreren Soßen, die er zu verschiedenen Anlässen außerhalb des Löwen lieferte, entwickelte sich bald eine rege Nachfrage, die mehr und mehr das Angebot im Restaurant ergänzten. Heute hat sich das Löwen- Catering zu einem festen und einträglichen Stand- bein im gastronomischen Portfolio entwickelt und macht inzwischen etwa die Hälfte des Geschäfts- volumens aus. Bewirtung der Donauhallen, des Rottweiler Kraftwerkes – von Ton- und Neckarhalle Neben der Belieferung und Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events, die in unterschiedlichen Lokalitäten der Auftraggeber ausgeführt werden, Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 295

 

 

 

Die Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept. „Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat.“ gehören auch immer mehr solche dazu, die bei be- stimmten Anlässen nach vertraglichen Bedingungen die Bewirtung der Besucher gewährleisten. So be- wirtet das Löwen-Catering-Team die Donauhallen in Donaueschingen, das Kraftwerk in Rottweil sowie die Ton- und die Neckarhalle in Villingen und Schwen- ningen. Wer in der Gastronomie erfolgreich sein will, braucht nicht nur ein gefragtes Angebot. Noch wichtiger ist ein motivierter Mitarbeiterstamm, der das Arbeiten mit dem Gast gerne annimmt, so die Personalchefin Nicole Bertsche. Es ist nicht leicht, Mitarbeiter für die Gastronomie zu gewinnen, da naturgemäß die Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende anfallen. Umso wichtiger sei es, dass die Mitarbeiter, die in der Gastronomie tätig sind durch möglichst gute Bedingungen bei der Stange gehalten werden, so die Chefin weiter. Frägt man die Mitarbeiter nach diesen Bedingungen, dann ant- worten diese fast unisono: Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat. Außerdem werden alle Arbeitszei- ten, die über die Regelarbeitszeit hinausgehen als Überstunden entweder durch Freizeit oder Entgelt ausgeglichen. Wichtig für die Mitarbeiter ist jedoch auch, dass ihnen Freiräume zugestanden werden. Der Löwen ist eine Herzensangelegenheit Man merkt es im Gespräch und beim Rundgang durch die Räume, dass der Löwen nicht nur ein gastrono- misches Projekt, sondern eine Herzensangelegenheit von Nicole und Rainer Bertsche ist, das sie mit viel Engagement betreiben und auf Erfolgskurs halten wollen. Dazu ist ihnen wichtig, dass sie mit ihrem Speisen- und Getränkeangebot, das aus traditionellen Gerichten der gehobenen badischen Küche – er- gänzt mit leichten, mediterranen Speisen und einem vielfältigen, regional ausgerichteten Getränkeange- bot – den Geschmack der Gäste treffen. Dabei kommt ihnen zur Hilfe, dass sie durch gute Mitarbeiter einen überdurchschnittlichen Service für die Gäste bieten können, die im Löwen ein Fest oder einfach nur so einen schönen Tag feiern wollen. Der Löwen ist und bleibt ein Genussort mit langer Tradition. Das historisch-moderne Ambiente des Innenraums lädt zum Verweilen ein. Unten: Gasthaus Löwen bei Nacht. 296 Gastlichkeit

 

 

 

297

 

 

 

Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Landesbauerntag in St. Georgen Bauern und Politik demonstrieren Einigkeit Hohen Besuch hatte aus Anlass des Landesbauerntages des BLHV am 25. September die Stadt St. Geor- gen: All jene, die sich üblicherweise mit Inbrunst beharken – Politik, Bauern, Umweltschützer und Verbände – demonstrierten bei dieser Veranstaltung in der Stadt – halle der Bergstadt vor allem eines: Einigkeit. Für die großen Probleme unserer Zeit, wie die sich abzeich- nende Versorgungskrise, die Nachhaltigkeit oder der Umwelt- und Tierschutz, wolle man „aktiv Lösungen aufzeigen“, sagte Bernhard Bolkart, der seit knapp einem Jahr Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptver- Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit den Landfrauen von St. Georgen. bands (BLHV) ist, in seiner ersten Grundsatzrede. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) machte den Landwirten Hoffnung, „aus einer längeren Dauerkonfron- tation“ bei manchen Themen herauszukommen. Viel Lob gab es für die Landfrau- en von St. Georgen, auch durch den Ministerpräsidenten. „Wir Landfrau- en sind die Frauen vom Land. Das heißt nicht, dass bei uns nur Frauen Mitglied sein können, die eine eigene Landwirtschaft haben“, informierte Renate Schreiber. Sie gehört zum Dreier-Vorstandsteam der Landfrauen. Aktuell betreibt nur etwa ein Drittel der 62 Mitglieder Landwirtschaft. Groß ist auch das gemeinnützige Engagement, denn auf die Landfrauen ist stets Verlass, so Winfried Kretschmann. An Lebensretter Jürgen Hermann Bayern verleiht Christopherus- Medaille Jürgen Hermann aus St. Georgen konnte im September 2022 von Ministerpräsident Markus Söder die Christophorus-Medaille in Verbin- dung mit einer öffentlichen Belobigung entgegennehmen. Es ist der Dank für sein schnelles Eingreifen, mit dem er am Münch- ner Hauptbahnhof eine Rollstuhl- fahrerin aus einer vermutlich lebens be drohlichen Situation rettete. Der 37 Jahre alte Mechani- ker war im August 2021 mit seiner Familie in München, als er am Hauptbahnhof den Sturz der Rollstuhlfahrerin ins Gleis verhin- derte. Diese wollte in eine S-Bahn einsteigen, scheiterte jedoch und blieb am Bahnhof zurück. Als der Zug losfuhr, geriet ein Rad des Rollstuhls zwischen Bahnsteig und Zug – die Bahn schrammte in voller Länge an der feststeckenden Rollstuhlfahrerin vorbei. In dem Moment, in dem sich der Rollstuhl vom Zug löste, ergriff Hermann dessen Handlauf und zog die Frau zurück auf den Bahnsteig. Jürgen Hermann erhielt von Minister- präsident Söder für seine Lebensret- tungsaktion die Christopherus-Medaille. 298 Magazin

 

 

 

57 Tage im Wasser: Andreas Fath schwimmt 2.700 Donau-Kilometer Tag für Tag näherte er sich seit dem 19. April 2022 schwimmend seinem Ziel, dem Schwarzen Meer, das er am 17. Juni 2022 auch erreichte: Prof. Dr. Andreas Fath schwamm 2.700 Kilometer für eine plastikfreie und saubere Donau. Der Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen bewältigte insgesamt 57 Schwimmtage mit 40 bis 60 Kilometer Strecke. Meist teilte sich Andreas Fath die Tage in drei Etappen ein, eine am Vormittag und zwei am Nachmittag. Dazwi- schen hielt er sich an Bord des Begleitschiffes MS Marbach auf, das als schwimmendes Labor und Hotel für das Begleitteam diente. Der Schwimm-Marathon der ganz besonderen Art begann in Süddeutschland und führte dann durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Serbien, Rumänien und Bulgarien. Die Prof. Dr. Andreas Fath beim Projekt- start an der Donauquelle in Furtwangen Donau fließt durch die Hauptstädte Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad, der Fluss verbindet Staaten. Hier treffen nationale Regelungen aufeinander, die auch im Flusswasser ablesbar sind. „In Belgrad war das Wasser so schmut- zig, dass ich im Stadtgebiet nicht geschwommen bin, sondern an Bord unseres Begleitschiffes war“, berichtet Andreas Fath. Die Millionenstadt Belgrad leitet ungeklärtes Abwasser in den Fluss. Das stundenlange Schwimmen ist anstrengend, aber nur Mittel zum Zweck. Ziel ist die Aufmerksamkeit in den Donauanrainerländern für den Umweltschutz zu erhöhen. „Der Bau von Kläranlagen, das Recycling von Plastikmüll, das sind Themen, die in manchen Ländern noch nicht weit vorangetrieben wurden“, sagt Fath. „Darauf möchten wir mit der Schwimm- Aktion aufmerksam machen.“ Das Interesse der Medien am schwimmenden Professor war sehr groß, heißt es in einer Mitteilung der Furtwangen University weiter. Auch Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker schwamm in Ulm mit Andreas Fath in der Donau, Sloweniens Umwelt- minister Jan Budaj hieß ihn in Bratis lava willkommen. Auch Fernsehauftritte gab es. Weitere Sichtungen Der Wolf ist im Landkreis mehrfach bestätigt Es hat an Weihnachten 2017 mit der Sichtung eines Wolfes an der Landstraße in Hammereisenbach begonnen, mittlerweile sind Wolfsichtungen im Schwarzwald und Schwarzwald-Baar-Kreis keine Besonderheit mehr. Erstmals allerdings belegte ein gerissenes Kalb in Vöhrenbach, dass Wölfe im Landkreis unterwegs sind. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein Wolf im August des Jahres das Kalb angegriffen hat, heißt es dazu aus dem Umweltministerium des Landes Baden-Württemberg. Wolfssichtungen gab es im Jahr 2022 in unserer näheren Umge- bung zudem in Simonswald, Schonach, Schönwald und Eisen- bach. Sowohl für Vöhrenbach als auch Simonswald wurde ein Wolf der Alpenpopulation oder italieni- sche Population genetisch nachgewiesen. Meist gelingt die Sichtung der scheuen Tiere jedoch nur über Fotos, die Wildkameras aufnehmen. Erik Pauly erreicht 98 Prozent der Stimmen Mit 98,2 Prozent der Stimmen wurden Erik Pauly im De zember 2021 im Amt des Oberbürgermeis- ters von Donau- eschingen bestätigt. In Corona- Zeiten lag die Wahlbeteili- gung bei 25 Prozent. Erik Pauly tritt damit seine zweite Amtszeit an, Oberbürgermeister von Donau- eschingen ist er seit 2014. Magazin 299

 

 

 

Kreisübergreifender Großeinsatz Katastrophenschutz- Übung an der Linachtalsperre Rund 250 Einsatzkräfte der Feuerweh- ren, des DRK, des Malteser Hilfsdiens- tes und des THW aus den Kreisen Freiburg, Konstanz, Schwarzwald-Baar und Waldshut haben am Samstag, den 15. Oktober an einer Katastrophen- schutzübung an der Linachtalsperre in Vöhrenbach teilgenommen. Koordi- niert wurde die kreisübergreifende Übung vom Regierungspräsidium Freiburg (RP) als höhere Katastrophen- schutzbehörde gemeinsam mit dem Landratsamt des Schwarzwald- Baar- Kreises als untere Katastrophenschutz- behörde. Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und der Erste Landes- beamte des Landratsamts Schwarz- wald-Baar-Kreis, Martin Seuffert, machten sich vor Ort ein Bild von der Zusammenarbeit der Einsatzkräfte. Beeindruckt von Professionalität Regierungspräsidentin Schäfer zeigte sich beeindruckt von der hohen Professionalität der Einsatzkräfte: „Für schnelle und effiziente Hilfe bei großen Schadensereignissen ist eine solide Planung des überörtlichen Einsatzes von Einheiten des Katastro- phenschutzes unabdingbar. Die heutige Übung hat gezeigt, dass das Konzept der kreisübergreifenden Hilfeleistung des Regierungspräsidi- ums praxistauglich ist und zur Bewältigung einer solchen Lage beiträgt.“ Schäfer bedankte sich bei allen Ehrenamtlichen des Katastro- phenschutzes für ihren Einsatz für die Sicherheit der Gesellschaft. Martin Seuffert hob hervor, wie wichtig diese kreisübergreifende Katastrophenschutzübung für die 300 Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (Mitte) informierte sich vor Ort zum Hin- tergrund der Großübung. Links Grünen-Landtagsabgeordnete und Linacherin Martina Braun, hinten der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. Magazin

 

 

 

Von oben links: Rettung von Verletzten nach einer angenommenen Explosi- on, Blick in die Einsatzzentrale, Aufbau einer Notwasserversorgung und der Behandlungsplatz für die Versorgung von „Verletzten“ am Fuß der Talsperre. Blaulichtfamilie zum jetzigen Zeit- punkt war: „Vor allem die Zeit während der Corona-Pandemie stellte unsere Einsatzkräfte vor eine große Herausforderung. Übungen waren in dieser Form nicht möglich. Jetzt wieder nach langer Zeit die Gelegen- heit zu haben, sich bei einer Übung, die sogar kreisübergreifend organisiert wurde, abzustimmen, war sehr wertvoll.“ „Wassermangel und Explosion“ Dem Drehbuch der Übung zufolge hatte eine lang anhaltende Trocken- heit zu einem Mangel an Brauchwas- ser geführt. In der Folge drohte auf Bauernhöfen Vieh zu verdursten. Gleichzeitig kam es auf einer Veran- staltung bei der Linachtalsperre zu einer Explosion mit mehreren Verletzten. Aufgrund des lang anhaltenden Einsatzes kamen die örtlichen Einsatzkräfte des Schwarz- wald-Baar-Kreises technisch und personell an ihre Grenzen. Deshalb war schnelle und strukturierte Unterstützung aus anderen Landkrei- sen notwendig. (Quelle: Pressetext Regierungspräsidium Freiburg) Magazin 301

 

 

 

Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 30.06.2021 30.06.2022 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bad Dürrheim St. Georgen Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Königsfeld Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Dauchingen Vöhrenbach Tuningen Mönchweiler Unterkirnach Schönwald Gütenbach 87.571 22.468 13.636 13.047 10.193 8.973 7.998 6.081 6.054 5.985 5.170 4.700 4.009 3.888 3.708 3.164 3.016 2.643 2.613 1.141 86.099 22.138 13.404 13.016 10.123 8.890 7.890 5.977 5.942 5.927 5.165 4.715 4.003 3.829 3.761 3.054 2.958 2.584 2.534 1.131 1.472 330 232 31 70 83 108 104 112 58 5 -15 6 59 -53 110 58 59 79 10 2.945 1,68 1,47 1,70 0,24 0,69 0,92 1,35 1,71 1,85 0,97 0,10 -0,32 0,15 1,52 -1,43 3,48 1,92 2,23 3,02 0,88 1,36 Kreisbevölkerung insgesamt 216.085 213.140 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2022 30.06.2021 30.06.2020 3,6 % 3,9 % 4,7 % 3,5 % 3,9 % 4,4 % 5,2 % 5,7 % 6,2 % Quelle: Agentur für Arbeit Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland wurde im Juni 2022 ausgezeichnet: Christa Gisela Lörcher (Villingen-Schwenningen) Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2022 ausgezeichnet: Dieter Löffelhardt (Brigachtal), Horst Hettich (Furtwangen), Egon Bäurer (Hüfingen), Jürgen Gampp, Hans Wolfgang Henschke, Manfred Herzner, Matthias King, Irmgard Liebert und Ulrike Lichte (alle Villingen-Schwenningen) 302

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dilger, Gerhard, 78120 Furtwangen Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Flöß, Andreas, 78050 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Karger, Klaus Peter, 78050 Villingen-Schwenningen Köhler, Ursula, 78050 Villingen-Schwenningen Maier, Dagobert, 78199 Bräunlingen Möller, Bernd, 78126 Buchenberg Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen Tritschler, Edgar H., 78048 Villingen-Schwenningen Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Vogt, Josef, 78086 Brigachtal Bildnachweis Almanach 2023 Titelseite: Daniela Maier, Skicrosserin aus Furtwangen, mit ihrer Bronzemedaille der Olympischen Spiele 2022. Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Rückseite: Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Soweit die Foto gra fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bild autoren/Bildleih geber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2-3, 9-21, 30-31, 33, 50-73, 75-79, 80 ob., 81-91, 120, 124, 126, 132, 135, 180 mi., 181, 192 u., 207 re. u., 210, 211, 213, 215, 226-231, 235 ob., 236 ob., 236 u., 237, 239 ob., 240-242; Marc Eich, Villingen-Schwenningen: 23, 25, 27, 29, 112, 114 ob., 115 ob., 117 ob., 118 ob., 119, 246, 250, 251 u., 253 ob. l.,; Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis: 24; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 32 ob., 36 u.r., 102-107, 108 r., 109-111, 291, 293 u., 295; Andreas Flöß, Villingen-Schwennin- gen: 32 u., 34-36, 37; 38 ob.; Katja Wickert, Niedereschach: 38 u., 39-41; Tobias Fröhner, Göppingen: 42; Luisenklinik, Bad Dürrheim: 45, 48; Wilfried Strohmeier, Bad Dürrheim: 46-47, Reha klinik Katharinenhöhe, Furtwangen: 49; Erich Marek, VS-Schwenningen: 62 u., 66 u. li., 70; Sammy Minkoff, Eching: 74; Nikolaus Arnold, Triberg: 80 u.; Michael Stifter, Vöhrenbach: 92-94, 96-101, 140-143, 148-149, 158-159, 163 u., 165, 167, 168-179, 180 ob., 278-280, 283 ob. li., 284 ob. re., 285 ob. li.; Patrick Bäurer, Hondingen: 108 li.; Selina Haas, Schonach: 114 u.; 117 u.; 118 u.; imago images/ GEPA pictures, Berlin: 122, 127, 129; Ski-Club Urach: 125; Roland Sprich, St. Georgen: 131, 134, 144, 152, 154-155, 298 ob., 299 ob., 300/301; Réne Lamb, Radolfzell: 136; Martin Granacher, Weilheim: 137-138; Nik van Veenen daal, Waldkirch: 139; Doniswald-Klinik, Königsfeld: 145-147; Hezel GmbH, Mönchweiler: 150-151, 153, 156-157; Wilhelm Stark Baustoffe GmbH, Villingen: 160-162, 163 ob., 164, 166; EGT Unternehmensgruppe, Triberg: 182-192 ob., 193-199; Ralf Brunner, Hamburg: 200, 206 ob.; FF-Archiv, Donaueschin- gen: 202-203, 207 li. u., 209; Andreas Wilts, Hüfingen: 204; Silvia Binninger, Donau eschingen: 205; Roland Sigwart, Hüfingen: 206 u., 218; Günter Ludwig, Königsfeld: 208; Studio Fräulein Graf, Donaueschingen: 216, 225; Frank Kleinbach, Stuttgart: 219, 224; Museum Art.Plus, Donau- eschingen: 220; Bernhard Strauss, Freiburg: 222-223; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 232-234, 235 u., 236 mi., 239 u.; Gerhard Dilger, Furtwangen: 243-245, 251 ob., 252, 255; Bergwacht Furtwangen: 248-249, 253 ob. r., 254; Archiv dold.verlag, Vöhrenbach: 249, 287; Dagobert Maier, Bräunlingen: 256-263; Nico Pudimat, Rottweil: 264-267, 269-273; Die Burg, Aasen: 268; Dome Der Grosse Fotografie, Berlin: 276-277; Daniela Schneider, Triberg: 281, 284 ob. li., 286 ob., 286 mi.; Zum Wilden Michel, Furtwangen: 282, 283 ob. re., 285 ob. re., 286 u., 289; Josef Vogt, Brigachtal: 292 ob.; Löwen, Brigachtal: 292 u., 293 ob., 294, 296-297; Freiwillige Feuerwehr Vöhrenbach: 301 ob. r. 303

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2023 BAUUNTERNEHMUNG VENTILATOREN Weißer + Grießhaber GmbH Vier weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. S Sparkasse Schwarzwald-Baar 304

 

 

 

„An der Brigach“ Neues Verwaltungsgebäude des Landratsamtes 8

 

 

]]>
https://almanach-sbk.de/almanach-2023/feed/ 0
Almanach 2016 https://almanach-sbk.de/almanach-2016-2/ Wed, 04 Nov 2020 05:26:48 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2016-2/

Schwarzwald-Baar Jahrbuch Almanach 2016 40 Jahre „Spätzle-Highway“ Schwerpunkt „Da leben wir“


He raus ge ber: Land rats amt Schwarz wald-Baar-Kreis www.schwarz wald-baar-kreis.de land rats amt@schwarz wald-baar-kreis.de Re dak ti on: Sven Hinterseh, Land rat Wil fried Dold, Re dak teur Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations- und Kulturamt Stadt Hüfingen Dr. Joa chim Sturm, Kreis ar chi var Für den In halt der Bei trä ge sind die je wei li gen Au to ren ver ant wort lich. Nach dru cke und Ver viel fäl ti gun gen je der Art wer den nur mit Ein wil li gung der Re dak ti on und un ter An ga be der Fund stel le ge stat tet. Gestaltung: Wilfried Dold, dold.verlag Verlag: dold .ver lag, Vöh ren bach 2015 www.dold ver lag.de Druck: Todt Druck + Medien GmbH + Co. KG Vil lin gen-Schwen nin gen ISBN: 978-3-927677-86-9 Foto rechte Seite: An der jungen Donau – beim Wehr in Neudingen


3 3


Die 40. Ausgabe ist erschienen Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Almanach: eine nicht ersetzbare Chronik des Landkreises Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 24 44 Auf dem zweithöchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, dem 1.164 Meter hohen Rohr- hardsberg bei Schonach, zeigen sich die früheren Landräte Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996) und Karl Heim (1996 – 2012) sowie Landrat Sven Hinterseh (Amtsantritt am 1. Juni 2012) in einer Gesprächsrunde im Gasthaus „Schwedenschanze“ überzeugt, dass das Schwarz- wald-Baar-Jahrbuch Almanach einen wertvollen Beitrag zum Zusammenwachsen der früheren Landkreise Villingen und Donaueschingen leisten konnte und noch immer leistet. Ihr Fazit mit Blick auf das 40-jährige Bestehen des Almanach: Das Schwarzwald- Baar-Jahrbuch ist eine nicht ersetzbare Chronik des Landkreises, es prägt das Bild, das wir von unserer Heimat haben, vielfach mit. Auf die Frage, was und wo Hei- mat ist, folgt nicht selten mehr als eine Ant wort. Eines aber gilt für alle Frauen und Männer, die im Rahmen unserer Portrait- serie „Daheim im Schwarzwald und auf der Baar“ vorgestellt werden: Sie fühlen sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim. Das schließt nicht aus, dass sie überall auf der Welt unterwegs sind – hier aber ihre Heimat, sprich Wurzeln haben. 4


Wirtschaft Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 86 Erfindungen sind seit jeher ein Motor unserer Wirtschaft. Beim Blick auf diese stete Fort- entwicklung über zwei Jahr- hunderte hinweg fällt einem als zentraler Bestandteil das Zahnrad auf. Letztlich auf Basis der Feinmechanik entwickelte sich im Schwarzwald-Baar-Kreis eine technologische Welt elite, die uns von der mechanischen Schwarzwalduhr bis auf die Rei- se zum Kometen Tschuri führt. Inhaltsverzeichnis 2 8 Impressum 40 Jahre Almanach – ein identitätsstiftender Beitrag für den Schwarzwald-Baar-Kreis / Sven Hinterseh 10 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen Ein Willkommen und seine Herausforderungen / Sven Hinterseh 2. Kapitel / 40 Jahre Almanach 20 Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum / 24 Heimat Schwarzwald-Baar – Im Dialog mit drei Wilfried Dold Landräten / Wilfried Dold 3. Kapitel / Städte und Gemeinden „Aus vielen, eines“ – Blumberg, eine außergewöhnliche Stadt / Doris Rothweiler 4. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 38 46 Dr. med. Lioba Kühne / Elke Schön 52 Matthias Wiehle / Gabi Lendle 56 Ute Grießhaber / Madlen Falke 62 66 70 Albrecht Benzing / Daniela Schneider 76 Anke Jentzsch / Madlen Falke 82 Bärbel Brüderle / Dieter Wacker Laurent Lebas / Barbara Dickmann Ingrid Schyle / Barbara Dickmann Jürgen Hönig 5. Kapitel / Wirtschaft 86 Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri / 98 Die Uhrenfirma Hanhart in Gütenbach / Matthias Winter 106 WELLSTAR-Packaging GmbH / Gabi Lendle 112 Hahn-Schickard: Intelligente Lösungen mit Mikrosystemtechnik 120 Ein Leben voller Wohlklang – Dual / Hans-Jürgen Kommert 126 Perpetuum Ebner – Modern verpackter Spitzenklang / Roland Sprich 132 Alles aus einem Guss – Aluminium Werke GmbH Villingen / Christina Nack 6. Kapitel / A 81 140 Unterwegs auf dem Spätzle-Highway / Daniela Schneider 7. Kapitel / Geschichte 160 Der letzte Weg / Rolf Ebnet 5


Schwerpunkt A 81 Geschichte Schwerpunkt Berge Unterwegs auf dem Spätzle-Highway Der letzte Weg Berge im Schwarzwald und auf der Baar 140 160 220 Es war ein ziemlich kalter, unge- mütlicher Tag. Und passend zum Wetter geriet dann auch die Ver- kehrsfreigabe des ersten Auto- bahnabschnittes im Schwarz- wald-Baar-Kreis zu einem recht sachlichen Ereignis. Damals, vor 40 Jahren, wurde der vierstreifi- ge, 22,5 Kilometer lange Teilab- schnitt der Autobahn 81 zwi- schen den An schluss stellen Villingen-Schwen ningen und Geisingen freigegeben. Wer auf dem Kirchweg zwischen Schollach und Urach wandert, entdeckt auf dem obersten Punkt im Wald, an der Ortsgrenze von Schollach und Urach, ein gut zwei Meter großes, geschnitztes Holz- marterl. Gäbe es das Marterl des Bildhauers Wolfgang Kleiser nicht – würde an diesem Ort nichts auf die heimtückische Er- mordung von fünf amerikani- schen Soldaten im Jahr 1944 durch die Nazis hinweisen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist der höchstgelegene Landkreis in Ba den-Würt tem berg – bezogen auf die durchschnittliche Mee- reshöhe. Und dennoch ist er kein Landkreis, den man unmittelbar mit Bergen in Verbindung bringt. Die Dörfer Herzogenweiler und Mistelbrunn liegen auf fast 900 Meter Meereshöhe – und es gibt keine Berge dort. Der höchs- te Punkt befindet sich mit 1.164 m am Farnberg/Martinskapellen. 6 Inhalt


172 Kloster St. Ursula ist geschlossen / Marga Schubert 180 Der Neudinger Klosterbrand 1852 / Rüdiger Schell 190 Das Bruderkirchle an der Steig / Wilfried Dold 8. Kapitel / Kunst 202 elfi schmidt – Dem Himmel, der Erde so nah / Ursula Köhler Freizeit Fliegenfischen an der Breg bei Vöhrenbach 9. Kapitel / Zeitgeschehen 210 Grenzenlose Hilfe / Bernhard Lutz 216 Donaueschingen – Historische Donauquelle ist grundlegend saniert / Andreas Beck 10. Kapitel / Berge 220 Berge im Schwarzwald und auf der Baar / Martin Fetscher 11. Kapitel / Die Brigachquelle 242 Wo die Donau zur Hälfte herkommt / Roland Sprich 12. Kapitel / Natur und Umwelt 248 Wildobstbäume – Baumserie Teil 10 / Wolf Hockenjos 252 Baar-Schnaps aus alten Obstsorten / Stephanie Jakober 258 Naturschutzgroßprojekt Baar / Thomas Kring 270 Am Rohrbacher Stöcklewaldturm: Fernsicht bis zum Montblanc / Wolf Hockenjos 13. Kapitel / Freizeit 278 Fliegenfischen an der Breg bei Vöhrenbach / 286 Salinenwelt Bad Dürrheim / Günther Baumann Christian Kuchelmeister 14. Kapitel / Gastlichkeit 293 Das Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch / Elke Schön 298 Die Waldau-Schänke: Einkehren am Fuß der Burgruine / Stephanie Wetzig 15. Kapitel / Musik 302 Die Dörr-Brüder: Zwei Gitarren und zwei Stimmen / Nils Fabisch 16. Kapitel / Sport 306 Schonach feiert 50 Jahre Schwarzwaldpokal / Peter Hettich Anhang 314 Almanach-Magazin 317 Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 318 Bildnachweis 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer 7 278 Die Breg bei Vöhrenbach ist bei Fliegenfischern begehrt. Der Hauptquellfluss der Donau weist in diesem Bereich eine Breite von drei bis acht Metern auf. Der reiche Bestand an Bach- und Regenbogen forellen kommt in allen Altersstufen vor. Die Stre- cke gilt als sehr abwechslungs- reich, denn ruhige Staube reiche wechseln sich mit flotten Ab- schnitten – es finden sich flache Rieselstrecken und tiefe Rinnen.


40 Jahre Almanach – ein identitätsstiftender Beitrag für den Schwarzwald-Baar-Kreis Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Jahr feiert das „Gedächtnis“ unseres Landkreises Jubiläum: Der Almanach – unser Schwarzwald-Baar-Jahrbuch – erscheint bereits in seiner 40. Auflage. Ziel der ersten Ausgabe 1977 war es, die reiche geschichtliche Vergan- genheit unseres heimischen Lebensraumes wachzuhalten und gleichzeitig eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Heute, vier Jahrzehn- te später, kann man feststellen, dass es das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch geschafft hat, sei- ner Leserschaft ein treuer, jährlicher Begleiter zu sein: durch Geschichte und Kultur, Politik und Freizeit, Wirtschaft, Gewerbe und Industrie sowie durch Gegenwartsthemen. Heimat ist nicht mehr nur ein Thema der älteren Generation, wie dies häufig noch bis vor einigen Jahren der Fall war. Heimat ist heutzu- tage wieder im Trend – zahlreiche Firmen verse- hen ihre Produkte und Marken mit Heimatmoti- ven und Werbelinien, um so die Heimatverbun- denheit der Kunden auf „coole“ und gleichzeitig junge Art und Weise hervorzuheben. Welch großes Geschenk es ist, eine Heimat – also ei- nen Ort, mit identitätsstiftender Kraft, an dem man Sicherheit und Verlässlichkeit seines Da- seins erfahren kann – zu haben, sieht man ganz gegenwärtig an den zahlreichen Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und sich auf der Flucht befinden. Der Heimatbegriff schließt jedoch auch die Möglichkeit der Behei- matung mit ein und so hoffe ich und wünsche mir, dass viele dieser Menschen eine neue Heimat und einen Ort tiefen Vertrauens, an dem sie sich zu Hause fühlen können, für sich finden werden. Der Almanach gibt auch in diesem Jahr in bewährter Art und Weise wieder einen guten Überblick über die Themenfülle in unserem Schwarzwald-Baar-Kreis und das breite Spek- trum an Aktivitäten in Wirtschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Sport und Freizeit. Wie immer gilt mein ganz besonderer Dank den zahlreichen Autoren und Fotografen, die dazu beigetragen haben, dass auch die Ausgabe des Jahrbuches 2016 wieder in gewohnt guter Qualität vorgelegt werden kann. Dass dies möglich war, verdanken wir aber auch den treu- en Freunden, Unternehmen und zahlreichen Förderern des Almanach, denen ebenso mein herzlicher Dank gilt. Der Almanach 2016 kommt mit der 40. He- rausgabe nun quasi in sein „Schwabenal- ter“ – ein stolzes Jubiläum für ein besonderes Heimatjahrbuch. Ich bedanke mich bei all den langjährigen Leserinnen und Lesern. Die Redak- tion war und ist stets bemüht, das Schwarz- wald-Baar-Jahrbuch aktuellen Entwicklungen anzupassen. Dies mag so manchem zu schnell, anderen vielleicht aber zu langsam erscheinen. Ich hoffe jedoch, Sie begleiten uns auch weiter- hin und bleiben dem Almanach treu. Darüber hinaus hoffe ich natürlich, dass es uns auch gelingt, möglichst viele weitere Freunde des Schwarzwald-Baar-Jahrbuches zu gewinnen. Möge auch die 40. Ausgabe das Interesse am Schwarzwald-Baar-Kreis wachhalten! Ihr Sven Hinterseh Landrat Bild rechts: Fotograf Sebastian Wehrle aus Simons- wald und das Gütenbacher Modelabel Artwood von Jochen Scherzinger erregten mit ihrer neuen Art der Trachtenfotografie viel Auf sehen. Hier die Tracht von Schönwald. 8 Zum Geleit



Ein Willkommen und seine Herausforderungen Flüchtlinge werden im Schwarzwald-Baar-Kreis herzlich aufgenommen – Viele Bürger engagieren sich ehrenamtlich von Landrat Sven Hinterseh 10 Aus dem Kreisgeschehen


Aus dem Kreisgeschehen Die Flüchtlingskinder lernen in der Notunterkunft in der Donaueschinger Kaserne ihre ersten deutschen Wörter. Unterrichtet werden sie von ehrenamtlichen Helfern. 11


Es ist ein Thema, dem die Bürger hier im Schwarz wald-Baar-Kreis auf unbestimmt lange Sicht in ihrem Alltag begegnen werden. Die Flüchtlingsströme nach Europa haben im Lau- fe des Jahres 2015 immer mehr zugenommen und für eine große Anzahl dieser Flüchtlinge ist Deutschland das Ziel Nummer eins. Es sind ganz unterschiedliche Herausforde- rungen, denen sich unsere Gesellschaft dabei stellen muss. Überwiegend ist es die Anzahl der zu uns flüchtenden Menschen und deren men- schenwürdige Unterbringung, die durch das Land Baden-Württemberg und schließlich auch von den Landkreisen und Kommunen organisa- torisch bewältigt werden muss. Die Zahlen der aufzunehmenden Flüchtlinge ändern sich täg- lich – sie werden stets nach oben korrigiert. Während die Zugangszahlen im Jahr 2014 bei knapp über 200.000 Flüchtlingen auf Bun- desebene lagen, werden für das Jahr 2015 rund 1.000.000 Menschen erwartet, die bei uns Asyl suchen. Das Land Baden-Württemberg wird da- von über 100.000 Personen aufnehmen, die in sogenannten Landeserstaufnahmestellen (LEAs) zunächst für maximal die ersten drei Monate unterkommen sollen. Aufgrund der schnell ansteigenden Flücht- lingszahlen reichten diese Unterkünfte nicht mehr aus, so dass das Land Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen (BEAs) und Notun- terkünfte eingerichtet hat. So auch in den Kreis- städten VS-Villingen, VS-Schwenningen und in Donaueschingen mit insgesamt über 3.500 Plät- zen (Stand Oktober 2015). Das Landratsamt als untere Aufnahmebe- hörde ist im Anschluss an die Unterbringung in den LEAs/BEAs zuständig für die Unterbrin- gung der Flüchtlinge in Gemeinschaftsunter- künften und hält in den Kreisregionen dazu rund 2.000 Plätze vor. Die Gemeinschaftsun- terkünfte befinden sich in den Stadtbezirken Villingen, Schwenningen, in Donaueschingen, in Villingen/Unterkirnach und St. Georgen. Weitere befinden sich im Aufbau. Die fast nicht bewältigbare Herausforderung für die Kreis- verwaltung liegt darin, dass monatlich rund 300 neu hinzukommende Flüchtlinge eine Un- terkunft benötigen. Wohl 2.000 zusätzliche Plätze nötig Nach unseren Berechnungen gehen wir davon aus, dass wir in den nächsten Monaten rund 2.000 Plätze zusätzlich schaffen müssen, um den Ansturm zu bewältigen. Die Flüchtlinge, die eine dauerhafte Bleibeperspektive in Deutsch- land bekommen, müssen die Gemeinschaftsun- terkunft nach einigen Monaten wieder verlas- sen und werden zur „Anschlussunterbringung“ 12 Aus dem Kreisgeschehen


auf die Städte und Gemeinden des Schwarz- wald-Baar-Kreises nach Einwohnerschlüssel verteilt. Die Städte und Gemeinden haben somit die große Aufgabe, ebenfalls Wohnungen für die Flüchtlinge bereitzustellen. Mit Stand Anfang Oktober 2015, befinden sich über 5.000 Flüchtlinge im Schwarz wald- Baar-Kreis, die in den Bedarfsorientierten Ein- richtungen, Gemeinschafts- und Anschlussun- terkünften wohnen. Ehrenamtliche Hilfe überaus wertvoll – DRK-Kreisverband ist federführend Dank gilt all jenen, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Es hat sich schnell gezeigt, wie wertvoll die ehrenamtliche Unter- stützung bei dieser Arbeit ist, die federführend der DRK-Kreisverband Villingen-Schwenningen im Auftrag des Landratsamtes übernommen hat. Inzwischen gibt es zahlreiche gute Beispie- le für eine gelingende Zusammenarbeit mit Bürgern, Kirchen, Gemeinden und sonstigen Institutionen. Viele Vereine laden Flüchtlinge zu sich ein und bieten damit eine gute Möglichkeit, sich kennen zu lernen und eine Basis für eine gute Integration zu schaffen. Die ehrenamtliche Hilfe stellt dabei eine große Stütze dar. Ob bei der Sprachförderung, als Helfer bei alltäglichen Die ehrenamtliche Hilfe bei der Betreuung von Flücht- lingen ist für den Landkreis sehr wertvoll. Das Bild in der Mitte zeigt die Ankunft von Flüchtlingen in Donaueschingen, rechts Flüchtlinge beim Sprachun- terricht. Wer sich ehrenamtlich einbringen kann, dem stehen vielfältige Möglichkeiten offen. Dingen oder dem Einkaufen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, wie sich Ehrenamtliche einbrin- gen können. Um die Hilfsangebote der Ehren- amtlichen noch besser koordinieren zu können, wurden zwei Koordinierungsstellen durch die Diakonie, das DRK und den Landkreis geschaf- fen. Einstiegsklassen erforderlich Auswirkungen hat der Anstieg der Flüchtlings- zahlen auch auf das Bildungsangebot. Nur mit ausreichenden Deutschkenntnissen können die Flüchtlinge gut integriert werden. Deshalb ist es notwendig, neue Angebote, wie beispielsweise Einstiegsklassen für Schüler ohne deutsche Sprachkenntnisse, einzurichten. Integration durch Sprache ist der Grundstein für jedes Bil- dungsangebot. Sprachförderung beginnt bereits Aus dem Kreisgeschehen 13


Integration über Fußball – mit dem Sport kommt Hoffnung. Oberstudienrat Armin Günter aus Villingen trainiert in seiner Freizeit mit Flüchtlingen aus Gambia auf dem Sportplatz in Unterkirnach. Ziel ist es, die Westafrikaner in heimische Fußballmannschaften zu integrieren, in einem Fall ist das bereits gelungen. Die Gambianer sind im Flüchtlingsheim Maria Tann bei Unterkirnach untergebracht. im Kindergarten, geht weiter in der Grund- schule und in den weiterführenden Schulen. Der Landkreis hat deshalb für Jugendliche im Berufsschulalter Vorbereitungsklassen an den Beruflichen Schulen eingerichtet. Die Jugend- lichen erhalten dort intensiv Deutsch-, Mathe- matik- und Englischunterricht und können je nach Wissensstand im Anschluss in reguläre Bildungsgänge wechseln. Breitbandprojekt kommt gut voran Da für zukunftsfähige Breitbandnetze nur auf Glasfaser basierende Infrastrukturen in Frage kommen und die Privatwirtschaft hier die End- kunden nicht flächendeckend direkt an die Glasfaser anschließt, haben sich alle Städte und Gemeinden im Kreis einschließlich des Landkreises dazu entschlossen, ein marktneu- trales Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz selbst aufzubauen. Dazu wurde im März 2014 der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar gegründet, der die Netze im Auftrag seiner Mitglieder errichtet und an einen Netzbetreiber verpachtet. Seit September 2014 wird der Zweckverband von Geschäftsführer Jochen Cabanis geleitet. Der Landkreis und alle seine Städte und Ge- meinden sind fest entschlossen, den Ausbau zü- gig voran zu treiben. Einerseits, um den derzeit vielfach schlecht versorgten Gewerbebetrieben und freiberuflich Tätigen bessere Vorausset- zungen zu verschaffen, sowie Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel Schulen, mit einem eigenen Glasfaser- netz untereinander zu verbinden. Aber ande- rerseits auch, um privaten Haushalten den Weg zu hochmodernen Anwendungen zu ebnen, die nur über Glasfaser möglich sind. Wir bauen darauf, dass die Bürger diese einmalige Chance erkennen und sich in den geplanten Ausbaugebieten möglichst zahlreich einen eigenen Hausanschluss legen lassen. Denn nur dann lassen sich die Netze wirtschaft- lich bauen und betreiben. Wo außerdem Gas-, Wasser-, Strom-, Nahwärmeversorgung oder Verkehrswege gebaut bzw. erneuert werden, verlegt der Zweckverband Leerrohrpakete für Glasfaser gleich mit in die Erde und kooperiert zu diesem Zweck auch mit Stadtwerken und Energieversorgern. 14 Aus dem Kreisgeschehen


Mit der Stabsstelle Breitband beim Landrats- amt umfasst der Zweckverband inzwischen sechs Personen, die sich allein um dieses Thema kümmern. Sicher wird das Team noch weiter wachsen, um die zahlreichen Projekte und Auf- gaben bewältigen zu können. Und seit einem Jahr hat sich bei den Bau- maßnahmen eine Menge getan. Grundsätzlich werden die Ortsnetzbereiche in einem Guss mit dem Kreis-Backbone, dem Zubringer zu den überörtlichen Netzen errichtet. Die Baukosten abzüglich der Landes-Fördermittel werden von den Städten und Gemeinden für die Ortsnetze und den Kreis-Backbone vom Landkreis in Form von Zuschüssen an den Zweckverband getra- gen. Im Haushalt des Zweckverbands sind für die Maßnahmen allein für das Jahr 2015 über 20 Mio. Euro eingestellt. In den kommenden Jah- ren wird sich diese Summe eher noch erhöhen. Die weiteren Ausbaupläne Neben den bisher bereits gebauten und in Be trieb befindlichen Glasfasernetzen in Teil- bereichen von Tuningen und in Brigachtal werden bis Frühjahr 2016 in folgenden Orten teilweise Glasfasernetze fertig gestellt sein und dann alsbald in Betrieb gehen: Schonach, Tu- ningen, Mönchweiler, Döggin gen, Bräunlingen, Hüfingen, Blumberg, Pfaffenweiler, Tannheim, Sunthausen und Biesingen. Neue Glasfasernetze entstehen 2016 unter anderem in Schwenningen-Ost, Schwenningen Zentralbereich, Furtwangen, Neukirch, Dauchin- gen, Niedereschach, Schönwald, Königsfeld, Hu- bertshofen, Wolterdingen und Mundelfingen. Daneben ist geplant, die Schulen in den Gemeinden mit Glasfaseranschlüssen zu versor- gen und in Pilotprojekten auch Streusiedlungen im Außenbereich anzuschließen (St. Georgen, Unterkirnach, Tuningen, Furtwangen). Sind die Netze gebaut und die Glasfaser „ein- geblasen“, muss der Netzbetreiber die techni- schen Komponenten in den Verteilergebäuden einbauen und anschließen, um den Betrieb zu ermöglichen. Der Netzbetrieb wurde im Früh- jahr 2015 europaweit ausgeschrieben und im Mikrorohrverband für die Einführung von Glasfaser- kabeln mit diversen Verbindungsformteilen. Oktober 2015 schließlich durch den Zweckver- band vergeben. Das hohe Interesse an der Ausschreibung belegt, dass der Zweckverband mit seiner Ver- pachtungsstrategie richtig lag. Der Betreiber pachtet und betreibt das gesamte bestehende und in den nächsten Jahren entstehende Netz. Er muss gegen Entgelt auch andere Dienstean- bieter auf das kommunale Netz lassen (offener Zugang), so dass die Endkunden neben einem Leerrohre für die Backbone-Anbindung, auf jeder Rolle befinden sich zirka 800 Meter Kabel. Aus dem Kreisgeschehen 15 15


für die nächsten drei bis fünf Jahre darstellen lassen. Hinzu kommt, dass diese Technik nur bei einer Remonopolisierung der letzten Meile funktioniert, die bisher dem Wettbewerb geöff- net war. An unserer Vision, letztendlich möglichst alle Gebäude in Ortslagen im gesamten Land- kreis an Glasfaser anzuschließen, und dies über ein Netz in kommunaler Hand und offenem Dienstewettbewerb zu gewährleisten, wird das nichts ändern. Verkehrswege sind Wirtschaftsadern – Ausbau B 27 und Ortsumfahrung Behla kommen Funktionierende Verkehrswege sind die Voraus- setzung für eine weitere wirtschaftliche Ent- wicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis. Gerade im ländlichen Raum ist eine intakte Verkehrsin- frastruktur eine wichtige Grundvoraussetzung. Wie wichtig es ist, die Anliegen der Region ge- schlossen bei den zuständigen Entscheidungs- trägern zu vertreten, zeigt sich vor allem bei be- deutenden Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen. Nun trägt das Engagement aller Beteiligten Früchte: Die Bundesstraße B 27 zwischen Donau- eschingen-Mitte und Hüfingen-Wasserturm mit dem kreuzungsfreien Zubringer Allmendshofen und die Ortsumfahrung Behla werden nun endlich ausgebaut. Zudem ist ein Lärmschutz für das Neubaugebiet in Hüfingen geplant. Für Donaueschingen bedeutet der Ausbau der B 27 einen Rückgang des Durchgangsverkehrs, Chan- cen für die Umgestaltung des Umfeldes des Do- nauursprungs und mehr Verkehrssicherheit. Für Hüfingen, insbesondere den Ortsteil Behla, wird ebenfalls eine merkliche Verkehrsentlastung eintreten, ferner bieten sich Chancen zur wei- teren Entwicklung. Schon heute freuen sich alle Verantwortlichen auf den Spatenstich Mitte des Jahres 2016. Für den weiteren Verlauf der B 27 werden wir uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass auch die Ortsumfahrungen bei Zollhaus und Randen dem vordringlichen Bedarf zuge- ordnet bleiben und planerisch vorangetrieben werden. Die Bundesstraße B 27 zwischen Donau eschingen- Mitte und Hüfingen-Wasserturm mit dem kreuzungs- freien Zubringer Allmendshofen und die Ortsumfah- rung Behla werden nun endlich ausgebaut. breiten Leistungsspektrum und attraktiven Tari- fen auch eine gute Diensteauswahl für Internet und Fernsehen haben werden (nähere Informa- tionen unter www.breitband-sbk.de). Die Ausbauaktivitäten des Zweckverbands haben dazu geführt, dass nun – nach jahrelan- gem eher mäßigem Engagement – auch eta- blierte Betreiber begonnen haben, die Versor- gung zu verbessern. Allerdings setzen diese im Bereich der „letzten Meile“, vom Kabelverzwei- ger bis ins Haus, auf eine Verbesserung der be- stehenden Kupfertechnologie, auch Vectoring genannt. Maßgebliche Experten und Studien bestätigen, dass sich damit flächendeckende Höchstleistungsnetze mit Übertragungsleis- tungen von einheitlich mindestens 50 Mbit/s nicht verwirklichen und nur Zwischenlösungen 16 Aus dem Kreisgeschehen


Vertragsunterzeichnung zum Projekt Breisgau-S-Bahn 2020 in Freiburg, vorne v. links: Michael Groth (Lei- ter DB-Regionalbereich Südwest, Verkehrsminister Winfried Hermann, Oberbürgermeister Dieter Salomon (ZRF-Vorsitzender), Frank Sennhenn (Vorstandsvorsitzender DB Netz AG), Dirk Rompf (DB-Vorstand Netzpla- nung und Großprojekte, (hinten) Landrat Hanno Hurth (Landkreis Emmendingen), Landrat Sven Hinterseh (Schwarzwald-Baar-Kreis) und Landrätin Dorothea Störr-Ritter (Breisgau-Hochschwarzwald). Außerdem müssen wir unser Anliegen, eine leistungsstarke Ost-West-Verbindung zu schaffen, weitertreiben. Die Ortsumfahrung VS-Villingen mit dem Lückenschluss der Bun- desstraße B 523 ist für unsere Wirtschaftsun- ternehmen von großer Bedeutung. Der aktuelle Projektstand gestaltet sich so, dass die Trasse raumplanerisch vorgeplant und wichtige Vorar- beiten erstellt sind. Die Genehmigungsplanung durch das Land stockt derzeit wegen der Fort- schreibung des Bundesverkehrswegeplans. Wir setzen uns dafür ein, dass die Maßnahme in den vordringlichen Bedarf eingestuft und endlich weitere Planungsschritte durch das Land freige- geben werden. Meilenstein: Ab 2019 von Villingen nach Freiburg Bahnfahren ohne Umsteigen Das Projekt Breisgau-S-Bahn 2020 hat mit der Unterschrift der Finanzierungsverträge durch die Projektbeteiligten im Juli einen weiteren Meilenstein zu Verwirklichung erreicht. Zum Jahreswechsel 2019 soll die Vision einer durch- gehenden Zugverbindung zwischen den beiden Oberzentren Freiburg und Villingen -Schwen- ningen Realität werden. Dann sollen elektrisch betriebene Züge zwischen Freiburg und VS-Vil- lingen umsteigefrei unterwegs sein. Mit der Elektrifizierung des östlichen Ab- schnitts der Höllentalbahn soll ab 2019 die bestehende Lücke zwischen Neustadt und Donaueschingen geschlossen werden, so dass es künftig möglich sein wird, von Breisach bzw. Riegel über Freiburg und den Hochschwarzwald umsteigefrei in komfortablen Elektrozügen in den Schwarzwald-Baar-Kreis zu fahren. Die Züge der Breisgau-S-Bahn werden nach Umsetzung des Projekts im Schwarz wald-Baar- Kreis die Bahnhöfe in Döggingen, Hüfingen, Donaueschingen und VS-Villingen im Stunden- takt bedienen. Gleichzeitig wird das Land auf seine Kosten das Fahrtenangebot am Morgen Aus dem Kreisgeschehen 17


(erste Zugankunft in VS-Villingen vor 7 Uhr) so- wie am Abend (späte Abfahrt ab Freiburg nach 22.40 Uhr) gegenüber heute ausweiten. Damit wird die seit vielen Jahren erho bene politische Forderung aus dem Schwarzwald- Baar-Kreis und dem Landkreis Breisgau-Hoch- schwarzwald erfüllt, die Oberzentren Freiburg und Villingen-Schwenningen im Schienenver- kehr umsteigefrei miteinander zu verknüpfen. Eine gut ausgebaute Ost-West-Achse über die Höllentalbahn bindet den Schwarzwald- Baar- Kreis optimal an Freiburg und das südliche Rheintal an und erhöht damit auch die Attrakti- vität des Schwarzwald-Baar-Kreises als Wohn- und Wirtschaftsstandort. Eine Untersuchung des Landratsamtes hat ergeben, dass etwa 95 Prozent der Einwohner des gesamten Schwarzwald-Baar-Kreises dann mit maximal einem Umstieg mit der Breisgau- S-Bahn nach Freiburg und zurück gelangen kön- nen. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis ist der Ausbau der Breisgau-S-Bahn mit einem kom- munalen Finanzierungsanteil von rund elf Milli- onen Euro eine enorme Investition in die Infra- struktur. Den positiven Effekt dieser Verbin- dung werden wir in der Wirtschaft, im Touris- mus und in vielen weiteren Bereichen spüren. WanderParadies Schwarzwald und Alb startet Für Wanderer war der Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinen beiden Naturräumen Schwarzwald und Baar stets schon attraktiv. Seit Juli wurde diese Attraktivität nochmals gesteigert. Das WanderParadies Schwarzwald und Alb (Koope- ration des Schwarzwald-Baar-Kreises mit dem Landkreis Rottweil) ging im Sommer offiziell an den Start. Ausgewählte Wanderrouten wurden neu geschaffen und werden in unserer neuen Wanderbroschüre „ParadiesTouren im Rad- und WanderParadies Schwarzwald und Alb“ vorgestellt. Die ParadiesTouren wecken schon durch ihre Beschreibung die Wanderlust und Entdeckerfreude. Das WanderParadies erstreckt sich über eine Region, die vielfältiger kaum sein könnte: hier treffen Schwarzwald und Schwä- bische Alb auf die Ursprünge von Donau und Neckar. Zu grünen Wäldern und schroffen Fels- formationen gesellen sich malerische Flussland- schaften und Hoch ebenen wie die Baar oder das obere Gäu. Wer sich auf einer der „ParadiesTouren“ auf Wanderschaft begibt, erkundet die schönsten Landschaften und Wanderstrecken zwischen Sulz am Neckar und Blumberg sowie Schonach im Schwarzwald und Rottweil. Die besonders attraktiven Wanderrouten wurden in Anleh- nung an die Qualitätskriterien für Wanderwege in Kooperation mit den Städten und Gemeinden sowie den Wandervereinen Schwarzwaldverein und Schwäbischer Albverein geplant. Viele der Touren erfüllen die strengen Kriteri- en für Premium- und Qualitätswege und wur- den entsprechend zertifiziert. Nahezu alle Para- diesTouren sind als Rundweg konzipiert und zwischen sechs und 20 Kilometer lang. So kön- nen Wanderer die ParadiesTouren bequem an ei- nem halben bis ganzen Tag zurücklegen und wie- der zum Ausgangspunkt der Route zurückkehren. Zehn zertifizierte Touren Zehn zertifizierte Touren können Wanderer im Schwarzwald-Baar-Kreis erleben. Eine dieser Routen ist der Qualitätsweg „Balzer Herrgott Runde“. Der Wanderweg führt zur Gütenbacher Christusfigur, die in eine Weidbuche einge- wachsen ist und zur bekannten Neukircher Hexenlochmühle, eines der beliebtesten Foto- motive aus dem Schwarzwald. Der Genießerpfad „U(h)rwaldpfad Rohr- hardsberg“ führt als Premiumwanderweg durch das Naturschutzgebiet Rohrhardsberg und bie- tet alles, was den Schwarzwald ausmacht – und noch viel mehr. Kuckucksuhren in allen Formen und Farben dienen den kleineren Waldbewoh- nern als Brut- und Nistplätze. Naturnahe Pfade durch idyllische und ab- wechslungsreiche Waldpassagen lassen sich bei einer Wanderung auf dem Genießerpfad „Wald- pfad Groppertal“ erkunden. Die Paradiestour „St. Georgener Heimat pfad“ startet auf dem Marktplatz und führt zunächst zum Klosterweiher und zur Brigachquelle. Die 18 Aus dem Kreisgeschehen


Unterwegs auf dem Genießerpfad „Gauchachschlucht“ – ein Erlebnis für die ganze Familie, spannend auch für Kinder. Brigach bringt mit der Breg bekanntlich „die Donau zuweg“. Einen herrlichen Panoramablick bietet sich dem Wanderer auf dem Qualitätsweg „Prisen- tal“ mit typischen Schwarzwaldhöfen. Ganz in der Nähe der Wandertour liegen die Triberger Wasserfälle und der Geburtsort der Kuckucks- uhr: Schönwald. Der Genießerpfad „Himmelberg-Runde“ beginnt in Bad Dürrheim-Öfingen und bietet himmlische Aussichten durch eine Fernsicht über die Baar bis hin zum Feldberg und bei kla- rem Wetter sogar bis zu den Schweizer Alpen. Eine Wanderung durch das Quellgebiet der Donau wird mit der ParadiesTour „Quellregion Donau Runde“ geboten. Entlang der beiden Donauquellflüsse Brigach und Breg verläuft diese landschaftlich und kulturell abwechs- lungsreiche Rundwanderung über die Baar ab Donaueschingen. Nach dem Motto „Naturnah erleben“ geht es bei der Paradiestour „Gauchachrunde“ span- nend zur Sache. Hier kann ein Urwald-Canyon zu Fuß erforscht werden – urig und wild. Der Genießerpfad „Gauchachschlucht“, der durch das wildromantische Naturschutzgebiet führt, ist ein relativ kurzer (5,6 Kilometer) aber anspruchsvoller Premiumweg. Es müssen Berg- bäche und Wildwasser überquert werden, zum Teil mit, zum Teil aber auch ohne Handlauf. Holzbrücken und enge, anspruchsvolle Pfade wecken die Abenteuerlust der Wanderer. Der Genießerpfad „Sauschwänzle-Weg“ bei Blumberg ist ein besonderes Naturerlebnis und er bietet mit der Sauschwänzlebahn die perfek- te Kombination aus Bewegung und Erlebnis. Entlang des Weges wird der Schwarzwälder Schinken präsentiert. An drei informativen Sta- tionen werden die Historie und die Herstellung des bekannten Erzeugnisses vorgestellt. Aus dem Kreisgeschehen 19


40 Jahre Almanach Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum Er ist Chronist des Schwarzwald-Baar-Kreises, fungiert als kollektives Gedächtnis einer gesamten Region: Ohne das Jahrbuch „Almanach“ könnte kaum ein für den 1973 gegründeten Landkreis bedeutendes Ereignis mit einem bloßen Griff in den Bücherschrank nachgeschlagen werden. Im 40. Jahr seines Bestehens ist die Suche im „Almanach“ nach regionalen Themen unter www.almanach-sbk.de ab sofort auch online möglich. Die Inhalte von über 10.000 Buchseiten können durchsucht werden! 1977 20 2. Kapitel – 40 Jahre Almanach


Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum 2016


ten? Welches Motiv würde sich als Titelbild des Almanach eignen? Welche Ereig- Ist der Landkreis in seiner Gesamtheit ausgewogen im neuen Jahrbuch vertre- nisse im Jahreslauf sind so bedeutend, dass sie im Schwarzwald-Baar-Jahrbuch ihren Niederschlag finden müssen? Und last but not least: Wer wird im Rahmen des Schwerpunktthemas „Da leben wir“ porträtiert? Jede Ausgabe des Almanach präsentiert sich als ein kreisweiter bunter Mix – zeigt auf, wie facettenreich das politische, wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Leben in einem der großen Land kreise von Baden-Württemberg ist. Die Weichen hierzu stellt die Almanach- Redak tion, die das gesamte Jahr über Themen sammelt und sich zu redaktionellen Inhalten austauscht. An der Spitze der Redaktion steht Landrat Sven Hinterseh – auf vielfältige Weise unterstützt wird er durch Wilfried Dold, Redakteur (wd), Kristina Diffring, Referentin des Landrats, Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv, Susanne Bucher, Leiterin Infor- mations- und Kulturamt Stadt Hüfingen und Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar. In früheren Jahren waren es neben dem jeweiligen Landrat Schulamtsdirektor Helmut Heinrich, Redakteur Dr. Lorenz Honold, Realschuloberlehrer Karl Volk, Julia Weiss, Referentin für Öffentlichkeits- arbeit, Hans-Werner Fischer, Dipl.-Bibliothekar, und Willi Todt von Todt-Druck, die sich in die Redak tionsarbeit einbrachten. einen festen Stamm an erfahrenen Redaktions- mitgliedern und Mitarbeitern. Und natürlich: Wer den Schwarzwald-Baar-Kreis nicht wie seine Westentasche kennt, zumindest einen Großteil davon, wäre in diesem eingespielten Team schlicht fehl am Platz. Bis alle Inhalte des 320-seitigen Jahrbuches konzipiert sind, ist es meist Sommer. Derweil hat im Vöhrenbacher dold.verlag das Layout der Schwerpunktthemen bereits begonnen. Autor, Fotograf und Layouter arbeiten eng verzahnt: Erst wenn der Text vorliegt, lässt sich absehen, welche Fotos beim Lesen des Beitrages erwartet werden. Die Beschaffung der Fotos in hoher Qualität ist eine Herausforderung – oft werden sie eigens für den Almanach fotografiert. Ein Dankeschön an Autoren und Fotografen Was wäre eine Redaktion ohne Autoren? Sie sind zusammen mit den Fotografen die inhalt- liche Stütze bei der Produktion des Schwarz- wald-Baar-Jahrbuches. In den vergangenen 40 Jahren waren über 250 Autoren und Fotografen am Zustandekommen des Almanach beteiligt. Nach wie vor ist den Autoren und Fotografen im Landkreis die Mitarbeit am Jahrbuch auch ein persönliches Anliegen: Man freut sich darüber, zum Kreis der Jahrbuch-Autoren zu gehören. Die Herstellung eines Jahrbuches ist ar- beitsintensiv und komplex – es braucht dazu Großartige Hilfe durch Spender Die Text- und Bildarbeit leisten oft hauptbe- rufliche Autoren und Fotografen. Die Spenden von Unternehmen und Privatpersonen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis zur Herstellung des Almanach machen es möglich, dafür ein Anerkennungshonorar zu bezahlen. Ohne diese Förderung und die maßgebliche Unter- stützung seitens des Kreistages – des Schwarz- wald-Baar-Kreises somit – wäre die Herausgabe des 320-seitigen Buches zu einem Verkaufspreis von 16,50 Euro nicht möglich. Sowohl der je- 22 40 Jahre Almanach


Die Almanach-Redaktion (v. links) mit Landrat Sven Hinterseh an der Spitze. Weitere Redaktionsmitglieder sind Susanne Bucher, Wilfried Dold, Kristina Diffring, Joachim Sturm und Heike Frank. weilige Landrat als auch der gesamte Kreistag über alle politischen Grenzen hinweg gelten als großartige Unterstützer des Jahrbuches, das in dieser Form als einzigartig gilt. Rund 4.500 Ex- emplare werden alljährlich abgesetzt, ein Groß- teil davon über den Buchhandel im Landkreis. Und doch ist der Almanach längst auch in die digitale Welt eingetreten: Seit 2013 kann man ihn im AppStore erwerben und seit der Ausgabe 2015 in nahezu allen Stores, die ePaper-Ausgaben von Büchern anbieten. Ebenso informiert ein Internetauftritt unter www.almanach-sbk.de über die Inhalte des je- weils aktuellen Almanach. Weiter gestattet der Internetauftritt einen Einblick ins Archiv des Jahrbuches. Um den Abverkauf der aktuellen Ausgaben nicht zu beeinträchtigen, sind die jeweils fünf letzten Bände des Almanachs von dieser Online-Suche ausgenommen. Diese Suchfunk tion ist eine he- rausragende Quelle für jeden, der zu regionalen Themen tiefergehende Informationen sucht. In letzter Minute… Auch wenn das Jahrbuch noch so gewissenhaft vorbereitet ist – es gibt stets Ereignisse, die aus aktuellem Anlass erst wenige Tage vor Druck aufbereitet werden können. Sei es die Wiederin- betriebnahme der Linachtalsperre in Vöhren- bach im Jahrbuch 2008, die Landesgartenschau im Almanach 2011 oder die Einweihung des Schwarwald-Baar-Klinikums im Almanach 2014. In solchen Fällen gilt für die Almanach-Redak- tion und das Team des dold.verlages: „Wir und der Almanach sind in Druck…“ Denn auch wenn es in der Regel keinen streng fixierten Tag gibt, zu dem der Almanach vorzuliegen hat – recht- zeitig zum Weihnachtsgeschäft muss er auf dem Markt sein, denn als Geschenk ist er geschätzt. Landrat Sven Hinterseh jedenfalls freut sich zusammen mit seinem Redaktionsteam Jahr für Jahr immer wieder neu auf den Almanach – und vor allem seit nunmehr 40 Jahren die stattliche, kreisweite Leserschar. Wilfried Dold Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum 23


„Schwarzwald-Baar“ – Identität in aller Welt Heimat Schwarzwald- Baar Dr. Rainer Gutknecht Landrat von 1973 – 1996 24 24


Im Dialog mit drei Landräten über das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Almanach und das, was Heimat ausmacht! Sven Hinterseh Amtsantritt am 1. Juni 2012 Karl Heim Landrat von 1996 – 2012 25


Im Gespräch über „40 Jahre Almanach“ und das Thema „Heimat“, der erste Landrat des Schwarzwald-Baar- Kreises Dr. Rainer Gutknecht (links), sein Nachfolger Karl Heim (rechts) und der amtierende Landrat und Vorsit- zende der Almanach-Redaktion Sven Hinterseh. Auf dem höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, dem 1.164 Meter hohen Rohrhardsberg bei Schonach, zeigen sich die früheren Landräte Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996) und Karl Heim (1996 – 2012) sowie Landrat Sven Hinterseh (Amtsantritt am 1. Juni 2012) in einer Gesprächsrunde im Gasthaus „Schwedenschanze“ überzeugt, dass das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Alma- nach einen wertvollen Beitrag zum Zusammenwachsen der früheren Landkreise Villingen und Donaueschingen leisten konnte. Ihr Fazit mit Blick auf das 40-jährige Bestehen des Almanachs: Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch ist eine nicht ersetzbare Chronik des Landkreises, es prägt das Bild, das wir von unserer Heimat haben, viel- fach mit. Überhaupt „Heimat“ – was ist das? Die Gesprächspartner der Almanach- Redak tion sind sich einig: Daheim fühlt man sich dort, wo einem die Menschen in ihre Gemeinschaft aufnehmen – Heimat ist somit entschieden mehr als eine Land- schaft oder die eigenen vier Wände. Und egal, wo man sich auf der Welt befindet: An „Daheim“ erinnert fühlen sich Menschen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis auch immer dann, wenn sie ein Kfz-Kennzeichen entdecken, das mit „VS“ beginnt. 26 40 Jahre Almanach


Heimat ist, wo man sich wohlfühlt. Wo fühlen Sie sich wohl, wo sind Sie daheim? Dr. Rainer Gutknecht: So schön fremde Län- der auch sind – zu Hause fühle ich mich im Schwarzwald-Baar-Kreis. Ich reise meist mit der Bahn, das letzte Stück des Heimweges somit auf der Schwarzwaldbahn. Wenn bei Triberg die Tunnelstrecken beginnen, wenn Bauernhöfe, Wälder und Berge vorbeifliegen – wenn ich all das sehe, dann fühle ich mich wieder daheim. Heimat kennt natürlich viele Facetten, eine besonders wichtige ist die Kindheit. Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Familie von Stutt- gart nach Rottweil umgezogen – erst kürzlich war ich anlässlich eines Klassentreffens wieder dort. Es war ein intensives, vertrautes Gefühl durch die Stadt zu streifen und meine alten Wege durch die Gassen aufzunehmen. Ich fühl- te mich als junger Bub. Doch besonders eng ist das „Daheimsein“ mit Menschen verbunden. Erst wenn man das Gefühl hat, man wird in ihre Gemeinschaft aufgenommen, fühlt man sich wirklich zu Hau- se, das habe ich so selbst erlebt. Karl Heim: Ich schließe mich dem an, wobei Heimat für mich die Region Schwarzwald- Baar-Heuberg ist. Besonders mein Geburtsort Boch ingen, mit ihm sind meine Kindheitserin- nerungen verbunden. Wann habe ich mich im Schwarzwald-Baar- Kreis das erste Mal so richtig daheim gefühlt? Ich würde sagen, als wir in unser neues Haus in Obereschach eingezogen sind. Als wir nach län- gerer Suche ein Grundstück gefunden und ein Haus gebaut hatten. Das war der Punkt, an dem ich mir sagte: „Jetzt hast du eine neue Heimat“. Obereschach ist eine überschaubare Ge- meinde mit funktionierendem Gemeinwesen und herzlichen Menschen. Und das macht den Heimatgedanken besonders aus, die Menschen um einen herum. Denn Heimat ist vor allem auch dort, wo man sich aufgenommen fühlt und sein soziales Umfeld hat. Nur dann schlägt man Wurzeln – in Obereschach ist das bei uns der Fall. Zur Person Dr. Rainer Gutknecht, 84 Jahre alt, ist mit drei Geschwistern in Rottweil aufgewachsen, wo sein Vater Bürgermeister war. Als die beiden Altkreise Donaueschingen und Villingen zueinandergefunden hatten, wurde der Jurist zum ersten Landrat des neuen Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. Zu seinen Verdiensten zählen neben der Begründung des Jahr- buches Almanach zahlreiche, grundlegende Verbes- serungen bei der Infrastruktur im Landkreis, gerade auch im Schulwesen. Aber besonders der Bau des neuen Landrats amtes am Villinger Hoptbühl, das als vorbildlich gilt. Dr. Gutknecht war von 1973 bis 1996 und damit 23 Jahre lang im Amt (s. Almanach 1997). Karl Heim, 65 Jahre alt, amtierte vom 1. Juni 1996 bis zum 31. Mai 2012 als Landrat des Schwarzwald -Baar- Kreises. Der Dipl.-Verwaltungswirt (FH) studierte Verwaltungswissenschaften in Konstanz. Vor seiner Wahl fungierte er als Erster Landesbeamter und Stellvertreter des Landrates im Zollernalbkreis. Als Höhepunkte der 16-jährigen Amtszeit gelten u. a. die Optimierung der Verwaltungsstrukturen im Landratsamt, die Schaffung des Ringzugs und die maßgebliche Beteiligung am Bau des Schwarz- wald-Baar-Klinikums. Bei seiner Verabschiedung wird zudem die ausgleichende und sehr menschli- che Art seiner Kreispolitik mehrfach betont (s. dazu Almanach 2013). Sven Hinterseh, 43 Jahre alt, wurde am 26. März 2012 zum dritten Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. In den Jahren 2001 bis 2003 war der Jurist und Verwaltungswissenschaftler als Rechts- und Ordnungsdezernent bereits im Landratsamt in Villin- gen-Schwenningen tätig. Danach folgten von 2003 bis 2005 Stationen in Berlin bei der baden-würt- tembergischen Landesvertretung und von 2005 bis 2010 bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bis ihn sein Weg 2010 wieder zurück nach Baden-Württem- berg ins Staatsministerium nach Stuttgart führte. Dort leitete er die Grundsatzabteilung. Schließ- lich wechselte Sven Hinterseh ins Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, stand als Ministerialdirigent der Abteilung Naturschutz und Tourismus vor. Im Gespräch mit drei Landräten 27 27


Wie sehr der Schwarzwald-Baar- Kreis bereits unsere Heimat ist, zeigt uns die Heimkehr von Reisen: Wir freuen uns auf unser Zuhau- se: die Baar und den Schwarzwald – auf Pfaffenweiler. Sven Hinterseh Landrat seit 2012 Landrat Sven Hinterseh: Ich bin Südbadener, in Oberrotweil aufgewachsen, das ist ein Ortsteil der Stadt Vogtsburg im Kaiserstuhl. Wir hatten einen Wein- und Obstbaubetrieb – so fühlte ich mich schon früh auch in der Natur daheim. Ich erinnere mich besonders gerne an die Gerüche. Im Juni ernteten wir die Kirschen und verarbei- teten sie – ihr Aroma durchströmte das ganze Haus. Im Oktober hing der frisch-würzige Duft der Äpfel in der Luft. Im Winterhalbjahr brannten wir Schnaps. Ich habe ihn meist nicht getrunken, sondern gerochen – das ist ein wirklicher Genuss. Seit über drei Jahren trage ich Verantwor- tung im Schwarzwald-Baar-Kreis und wohne mit meiner Familie in Pfaffenweiler. In diesem Teilort von Villingen-Schwenningen fühlten wir uns sofort Zuhause. Wie sehr der Ort schon Hei- mat ist, zeigt uns die Heimkehr von Reisen: Wir freuen uns auf unser zuhause, an den Übergang von Schwarzwald und Baar – auf Pfaffenweiler. Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Almanach hat dem neuen Landkreis zu mehr Identität ver- holfen, ihm ein Gesicht gegeben. Wie ist der Almanach entstanden? Dr. Rainer Gutknecht: Da muss ich an die Anfänge im Jahr 1973 erinnern, als der Schwarz- wald-Baar-Kreis aus den Altkreisen Donau- eschingen und Villingen begründet wurde. Vor allem im jetzigen Südteil des Kreises waren die Vorbehalte gegen das neue Gebilde spürbar. So suchte ich nach Möglichkeiten, das Verschmel- zen zu fördern. Ein Jahrbuch erschien mir als ideal, darin konnte man über viele Aspekte informieren – und regionale Bücher waren damals eine Seltenheit. Die Förderung des Hei- matgefühls war ein weiterer Aspekt – das hat sich überschnitten. Die Gelegenheit, die Anregung zum Alma- nach zu geben, bot sich in einem illustren Kreis: bei einem „Literarischen Abend“ am Dreikönigs- fest 1975 in Donaueschingen. Der Dichter und Reiseschriftsteller Max Rieple sollte die Aus- gestaltung des Jahrbuches übernehmen, doch seine Gesundheit ließ dies nicht mehr zu. Wie darf man sich die Anfänge der Buchproduk- tion vorstellen? Sie haben den Almanach damals von Hand produziert, noch mit Druckfahnen gearbeitet. Dr. Rainer Gutknecht: Allein konnte ich diese Arbeit nicht bewältigen und es gelang mir, den Schulamtsdirektor Helmut Heinrich für die Idee zu gewinnen. Er saß im Kreistag und vertrat in 28 40 Jahre Almanach


Vor allem im jetzigen Südteil des Kreises waren die Vorbehal- te gegen den neuen Landkreis spürbar. So suchte ich nach Mög- lichkeiten, das Ver- schmelzen zu fördern. Ein Jahrbuch erschien mir als ideal. Dr. Rainer Gutknecht Landrat von 1973 – 1996 der Redaktion die nördliche Kreishälfte. Zweiter Mitstreiter war Dr. Lorenz Honold, Redakteur bei der Badischen Zeitung in Donaueschingen. Honold war gebürtiger Riedböhringer, ein sehr gebildeter Mann. Der Almanach 1977 hatte 74 Seiten und einen Pappkarton als Umschlag. Die nächsten Ausgaben wurden bereits umfangreicher – der Erfolg war von Anfang an groß. Die Arbeit am Almanach beschäftigte mich das gesamte Jahr über. Es galt, Themen zu sam- meln, Autoren und Fotografen zu finden. Der ei- gentliche Umbruch in meinem Büro dauerte ein- einhalb Tage. Es war eine faszinierende Aufgabe, jedes Jahr ein neues Buch zu gestalten. Stets wa- ren wir darauf bedacht, die Kreisregionen gleich- gewichtig zu behandeln. In der Rückschau kann ich sagen: Insgesamt ist uns das gut geglückt. Aus Altersgründen schieden Dr. Lorenz Honold (1987) und Helmut Heinrich (1990) aus. Neu in das Team wurde 1988 Karl Volk, Grem- melsbach, berufen, 1990 wurde kraft Amtes Kreisarchivar Dr. Joachim Sturm Mitglied und 1996 Wilfried Dold, Vöhrenbach. Wenn ich sehe, was aus dem Almanach ge- worden ist, dann muss ich meinen Nachfolgern ein großes Dankeschön sagen – ich hätte nicht gedacht, dass es so gut weiter geht. Am Anfang gab es sicher Leute, die geglaubt haben, dieses Buch komme höchstens zweimal raus… Und in der Tat war die Geburt des Almanach eine schwierige, denn die Finanzierung war langfris- tig nicht gesichert. Die Herstellungskosten konnte man nicht allesamt auf den Preis umschlagen, der muss attraktiv sein. So hielt ich meine Verfügungs- mittel gut zusammen und konnte zudem Sponsoren für das Projekt gewinnen. Meinem Nachfolger Landrat Karl Heim gelang es schließ- lich, eine Haushaltsstelle für das Jahrbuch zu etablieren – ein großer Erfolg. Karl Heim: Ich glaube, gerade wenn man so etwas beginnt, hat man ordentlich Gegenwind, deshalb bewundere ich Sie, dass Sie es über Jahrzehnte durchgehalten haben, den Alma- nach auf diese Art und Weise zu produzieren. Sie haben es geschafft, den Almanach so zu verinner lichen, in der Bevölkerung und auch im Kreistag, dass ich als frisch gewählter Landrat 1996 fast bittend gefragt worden bin: „Herr Heim, wie ist es mit dem Almanach, werden Sie ihn weiterführen?“ So kam es, dass wir den Almanach durch eine eigene Haushaltsstelle fi- nanzierten. Als ich damals eingestiegen bin, war das auch der Zeitpunkt eines technologischen Sprungs, die drucktechnischen Möglichkeiten hatten sich grundlegend verändert. Im Gespräch mit drei Landräten 29


Als frisch gewählter Landrat wurde ich fast bittend gefragt: „Herr Heim, wie ist es mit dem Almanach – werden Sie ihn weiterführen?“ So kam es, dass wir den Almanach durch eine eigene Haushaltsstelle finanzieren konnten. Karl Heim Landrat von 1996 – 2012 Dr. Rainer Gutknecht: Der Almanach war für mich auch eine große menschliche Bereiche- rung. Ich traf viele Menschen, die ich ohne den Almanach nicht kennengelernt hätte. Auch des- wegen bin ich dankbar, dass es den Almanach gibt. Und die Themen sind bis zum heutigen Tag unerschöpflich. Der Almanach ist jetzt nach 40 Jahren ein wertvolles Nachschlagewerk für den gesamten Landkreis. Landrat Sven Hinterseh: Ich lernte den Alma- nach kennen, als ich 2001 im Landratsamt als Rechts- und Ordnungsdezernent arbeitete. Der Landrat hat die Mitarbeit mehr oder weniger positiv eingefordert, Karl Heim wollte, dass man sich da einbringt. Für mich war das selbst- verständlich, weil ich ein großer Freund von Büchern bin, sie begeistern mich. Ich bin sehr dankbar, dass Dr. Gutknecht die Idee und die Kraft hatte, das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch zu realisieren und dass Karl Heim den Almanach so engagiert fortführte. Viele Landräte und Kreistage beneiden uns um den Almanach. Es ist genau so, wie es meine beiden Vorgänger sagen: Wir haben ein Lexikon auf Zuwachs schaffen können, das einen ganz reichen Schatz darstellt. Der Almanach ist für mich nicht nur Verpflichtung, sondern auch Kür meiner Tätigkeit. Ich bin mir sicher, dass das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch einen identitäts- stiftenden Beitrag für den gesamten Landkreis leistet. Zurück zum Heimatgedanken, der mit dem Jahrbuch Almanach eng verknüpft ist. Die Renais sance des Heimatgedankens schließt mehr denn je unseren Dialekt ein. Sprechen Sie als „Zweitsprache“ schwarzwälderisch, alemannisch, schwäbisch oder hochdeutsch – und wann? Karl Heim: Dialekt ist für mich eindeutig ein Zeichen von Identität, mein schwäbisch- ale- mannischer Dialekt ist für mich meine erste Sprache. Wenn ich mich in meinem normalen Alltagsumfeld bewege, mit Menschen, die Dialekt sprechen, dann spreche ich ihn wie selbstverständlich auch. Dialekt bedeutet für mich Dazugehörigkeit zu diesem Raum, zu die- sem Umfeld, zu der Heimat, in der ich lebe – das ist für mich keine Frage. Wenn ich mich irgend- wo anders aufhalte, wenn ich offizielle Anlässe wahrnehme, dann ist meine „erste Fremd- sprache“ Hochdeutsch. Ich habe es immer als schade empfunden, wenn man jungen Menschen ihren Dialekt 30 40 Jahre Almanach


Das Gespräch zu „40 Jahre Almanach“ führten die früheren Land räte Dr. Rainer Gutknecht und Karl Heim sowie der amtierende Landrat Sven Hinterseh „auf dem Gipfel des Schwarzwald-Baar-Kreises“, im auf 1.130 Meter hoch gelegenen Gasthaus Schwedenschanze. Im „Schänzle“ wirtet die Familie von Anton Hettich (hinten, 2. v. rechts), der zusammen mit seinem Sohn Philipp (hinten rechts) den nahen Schänzlehof umtreibt. Vorne v. rechts: Karl Heim, Jakob, Julia Hettich, Rosalie, Margareta Hettich, Vincenz, Landrat Sven Hinterseh, Dr. Rainer Gutknecht und Wilfried Dold, der das Gespräch für die Almanach-Redaktion führte. ausgeredet hat, weil man der Meinung war, dass man ihnen etwas Gutes tut, wenn sie aus- schließlich hochdeutsch reden. Ich denke, man sollte beides unterstützen – und natürlich in der Schule ein möglichst fehlerfreies Hochdeutsch vermitteln. Dr. Rainer Gutknecht: Ich war zwölf Jahre im Rheinland, da konnte es am Anfang passieren, dass mein Gegenüber sagte: „Lieber Herr Gut- knecht, bitte sprechen Sie nochmal, wir ver- stehen Sie nicht.“ Ich habe mich dann bemüht, hochdeutsch zu reden aber mit schwäbischem Einschlag. Das habe ich auch beibehalten. Es ist ein Kompromiss – man kann seine Herkunft nicht verleugnen. Wenn ich hoch- deutsch spreche, merkt man sofort, wo ich herkomme und das finde ich auch in Ordnung. Die Leute haben mein Schwäbisch-Hochdeutsch immer gerne gehört. Es ist aktuell auch bei jungen Leuten „cool“, die Heimat zu mögen. Im Kontrast dazu stehen die Landflucht und andere unliebsame Entwick- lungen. Was kann ein Landkreis tun, um diesen Wandel der Heimat zu gestalten, wie kann er auch im ländlichen Bereich eine ausreichende In frastruktur sichern – und damit zugleich der Landflucht entgegenwirken? Landrat Sven Hinterseh: Man darf den großen urbanen Räumen nicht eine kontinuierliche Entwicklung und allen Fortschritt ermöglichen und die ländlichen Räume quasi mit einer Kon- servierung überziehen. Wir befinden uns hier in der „Schwedenschanze“, in einem sehr schö- nen, urigen Lokal. Diesen Ort sollte man genau so erhalten! Aber flächig kann man natürlich ei- nen Landkreis, der im ländlichen Raum zu Hau- se ist, nicht konservieren – das wäre eindeutig falsch. Wir haben nach dem Grundgesetz den Im Gespräch mit drei Landräten 31


Auftrag, innerhalb Deutschlands für gleichwer- tige Lebensverhältnisse zu sorgen. Deswegen muss Entwicklung auch im ländlichen Raum möglich sein. Entwicklung heißt Veränderung. Das heißt aber nicht, dass wir unsere Identität aufgeben müssen, dass wir irgendwo unsere Heimat verlieren. Wir leben in einer Region, die zu den wirtschaftsstärksten in Deutschland gehört, das ermöglicht uns einen relativ hohen Lebensstan- dard. Wenn Sie einen Schwarzwaldbauern vor 200 Jahren gefragt oder mal geschaut hätten, wie er sein Leben gestaltet, wie mühsam das war und wie hart er gekämpft hat, um sich das Überleben zu ermöglichen. Und wenn dieser Bauer jetzt auf seine Nach-Nachfolger schauen würde… Wir müssen immer noch alle hart ar- beiten, keine Frage, die Höhenlandwirtschaft ist immer noch sehr anstrengend und mit viel Aufwand verbunden, aber insgesamt kann man natürlich sagen, dass der Strukturwandel in die- sem Bereich schon sehr gut geschafft wurde. Und wir sind auch eine technologiestarke Region – das eine schließt das andere nicht aus, das ist mir wichtig. Man kann auch in moder- nen Räumen ein Heimatgefühl haben. Karl Heim: Unser Nachfolger Landrat Hinterseh hat eine Aufgabe, die sich von unserer stark un- terscheidet: Er darf den demografischen Wan- del mitgestalten. Das ist eine sehr schwierige, aber auch sehr spannende Herausforderung. Die öffentliche Hand muss dafür sorgen, dass nach wie vor optimale Rahmenbedingungen für unseren Alltag vorhanden sind. Die schönste Landschaft und die nettesten Menschen nützen mir gar nichts, wenn ich für meine Familie kein gutes Auskommen habe. Das heißt, ich muss heute dafür sorgen, dass beispielsweise eine Autobahn vorhanden ist – man muss eine solide Grundinfrastruktur gewährleisten. Und man muss die Identität der Menschen und ihr soziales Umfeld stärken. Auch Marketing ist wichtig: Wir müssen deut- lich machen, was wir zu bieten haben und wo unsere Stärken sind. Wir haben nicht alles, was eine Großstadt bieten kann, jedoch können wir andere Dinge vorweisen – beispielsweise siche- re Arbeitsplätze – und müssen uns nicht verste- cken. Das sollten wir gerade jungen Menschen vermitteln. Ich glaube, wir „verkaufen“ uns un- term Strich noch immer nicht gut genug. Millionen von Menschen sind weltweit auf der Flucht, über 4.000 Flüchtlinge leben im Schwarz- wald-Baar-Kreis. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen bei uns heimisch fühlen können? Was brauchen sie für ein Umfeld? Dr. Rainer Gutknecht: Das ist eine sehr aktuelle Frage, da immer mehr Flüchtlinge kommen. Wenn sie keine menschliche Zuwendung er- fahren, dann werden sie sich immer heimatlos fühlen. Wenn sie das Gefühl haben, hier werde ich aufgenommen, auch mit meiner kulturellen Eigenart, dann entsteht ein Heimatgefühl. Deshalb ist es wichtig, dass Flüchtlinge sozial betreut werden. Karl Heim: Wir haben hier bei uns durchaus Erfahrung mit Integration, wir waren schon im- mer ein Durchgangsland. Der Ausländeranteil beträgt schon jetzt 20 Prozent, und wir haben zum Glück eine wirtschaftliche Situation, die es ermöglicht, diese Menschen in den Arbeits- prozess zu integrieren. Ich denke, die Voraus- setzungen sind nicht schlecht – was wir fördern müssen, ist die Bereitschaft, diese Menschen aufzunehmen. Und es braucht die Möglichkeit dazu, dass sie sich auch tatsächlich integrieren können. Ich sehe diese Entwicklung nicht negativ. Idyllen wie der Villinger Münsterplatz mit seinem Ringwaldbrunnen sind viel besucht und gehören zu den touristischen Besonderheiten im Landkreis. Landrat Karl Heim: „Auch Marketing ist wichtig. Wir müssen deutlich machen, was wir zu bieten haben und wo unsere Stärken sind.“ 32 40 Jahre Almanach


Im Gespräch mit drei Landräten 33


Landrat Sven Hinterseh: Über 60 Mio. Men- schen weltweit sind auf der Flucht, das ist seit dem Zweiten Weltkrieg der Höchstwert. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten, um Menschen, die auf der Flucht sind, ein neues Zuhause zu ermöglichen. Das ist eine enorme Herausforderung. Der Schwarzwald-Baar-Kreis bekommt derzeit um die 300 Flüchtlinge im Monat zugewiesen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass im Jahr 2015 über 800.000 Asyl- bewerber/innen nach Deutschland kommen. Das fordert uns als Gesellschaft sehr. Ich bin dankbar dafür, dass wir im Schwarzwald-Baar- Kreis eine sehr aktive Bürgerschaft haben. Über 100 verschiedene Nationalitäten leben allein in Villingen-Schwenningen Tag für Tag zusammen. Auch im Almanach 2015 haben wir uns die- sem Thema angenommen, weil unser Jahrbuch auch solche Themen behandelt. Der Almanach berichtet ebenso über Herausforderungen und Probleme. In unseren Großstädten sind die Menschen immer häufiger gezwungen, ihr vertrautes Umfeld in der Stadtmitte zu verlassen, weil sie sich dort im Alter den Wohnraum nicht mehr leisten können. Wie schätzen Sie die Situation in unserem Landkreis ein? Karl Heim: Ich glaube, das ist eher in den Groß- städten so und bei uns nicht das zentrale The- ma. Ich kenne solche Fälle jedenfalls hier nicht. Dr. Rainer Gutknecht: Ich sehe es ähnlich. Wenn ich an Bad Dürrheim denke, wo ich wohne, dort- hin kommen immer mehr ältere Leute. Ich habe nicht das Gefühl, dass dabei das Finanzielle die entscheidende Rolle spielt, sondern eher die Möglichkeiten der Pflege. Landrat Hinterseh: Die Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht, über neue Wohnformen nachzudenken und diese umzusetzen. Überall tut sich was. Wir sind aufgefordert, Sorge zu tragen, dass die Bürger/innen auch in ihrem letzten Lebensabschnitt in ihrem Dorf leben können. Da müssen wir noch mehr machen, aber wir sind auf einem guten Weg. Altersarmut ist aber durchaus auch bei uns ein Thema. So müssen wir dafür sorgen, dass genügend günstiger Wohnraum besteht – mög- lichst auch in zentraler Lage. Zurück zum Thema Heimatgedanken. Was ist für Sie typisch „Schwarzwald-Baar“? Landrat Hinterseh: Der Schwarzwald-Baar-Kreis vereint die beiden Naturräume Schwarzwald und Baar, die gegensätzlicher nicht sein könn- ten, und in ihrer Schönheit trotzdem wieder verbindend sind. Die Baar als quasi Hochmulde ist relativ ausgeräumt, stark landwirtschaftlich geprägt, der Schwarzwald von Bergen und Tä- lern – und einer anderen Landwirtschaft. Diese 40 Jahre Almanach


naturräumliche Gegensätzlichkeit finde ich schon wieder anziehend. aussehen wird. Das ist ja das Besondere daran, dass sich das Buch entwickelt. Aber es ist natürlich so, wenn Sie über Tou- rismus reden, ist der Schwarzwald-Baar-Kreis keine eigene touristische Marke, sondern man geht in den „Schwarzwald“. Aber ich würde sa- gen: Der schönste Teil des Schwarzwaldes liegt natürlich im Schwarzwald-Baar-Kreis… Und wenn ich von Marken spreche: Für die rund 207.000 Einwohner in unserem Landkreis ist die bekannteste Marke sicher das Autokenn- zeichen „VS“. Gleich, wo Sie sich aufhalten: Immer wenn Sie dieses Nummernschild sehen, vermittelt es Ihnen ein Stück Heimatgefühl, begegnet Ihnen irgendwo auf der Welt der Schwarzwald-Baar-Kreis. Um auf den Almanach zurückzukommen: Wie sieht für Sie der Almanach der Zukunft aus, wie kann man ihn in unserer „digitalen Welt“ auch neuen Lesern nahebringen? Wie denken Sie, kann man das lebendig halten? Dr. Rainer Gutknecht: Indem man alle Themen, die es gibt, aufbereitet. Niemand kann sagen, wie der Almanach in den nächsten 20 Jahren Typisch für die Baar: Blick vom Wartenberg aus, im Vordergrund die junge Donau. Typisch Schwarzwald: Hexenlochmühle in Neukirch. Karl Heim: Das Erste ist natürlich, dass die In- halte stimmen müssen, der Almanach muss eine möglichst breite Schicht ansprechen. Was die Bildsprache anbelangt, ist das Jahrbuch bereits einzigartig. Aber man muss die Dinge eben aus der Sicht unseres digitalen Zeitalters betrachten: Das Internet ist das Medium, mit dem die jungen Leute heute umgehen. Die wol- len diese digitale Geschichte, und auch Rentner schauen ins eBook. Diese Entwicklung darf man nicht verpassen. Landrat Hinterseh: Das ist natürlich alles richtig. Es ist ein Prozess, dem wir uns auch im Redaktionsteam stellen, ich finde das sehr spannend und bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird. Den Sprung in das digitale Zeit- alter haben wir ja bereits gewagt. Wir stellen uns dieser Herausforderung und können zudem eine hohe Wertigkeit vorweisen. Was mir wichtig ist: dass wir mit 40 Jahren Almanach einen reichen Schatz an regionalem Wissen besitzen. Nicht jeder hat das Glück, wie z. B. ich oder meine beiden Vorgänger, dass man im Bücherregal alle 40 Bände stehen hat. Bevor ich zu einer Veranstaltung gehe, schaue ich, welche Beiträge es zu dieser Einrichtung oder Organisation im Almanach gibt – und bin er- staunt darüber, was man alles findet. Im Gespräch mit drei Landräten 35


Dr. Rainer Gutknecht Karl Heim Sven Hinterseh Es liegt mir viel daran, diesen Schatz für alle zu heben und ihn digital zugänglich zu machen. Deswegen haben wir die Digitalisierung aller Jahrgänge vorangetrieben. Mit Erscheinen der 40. Ausgabe kann man digital in den ersten 35 Jahrbüchern recherchieren. Wir werden jedoch immer die letzten fünf Jahrgänge der Druckfassung vorbehalten, beziehungsweise der entgeltlichen Digitalfassung, da wir auf die Einnahmen aus dem Verkauf angewiesen sind. Auf diesem Weg wird das breite Wissen demo- kratisiert. Dr. Rainer Gutknecht: Vielleicht passt das ganz gut hier her. Das erste „Bändchen“ hat zwei DM gekostet. Ich habe von einem Antiquar gehört, dass dieses erste „Bändchen“ heute für 30 Euro zu haben ist… Was wünschen Sie dem Almanach? Dr. Rainer Gutknecht: Dass er bestehen bleibt ist mein Hauptwunsch. Dass es möglichst viele Leser und Leserinnen gibt, die den Almanach jedes Jahr im Herbst erwarten. Und dass der Al- manach nicht stehen bleibt. Karl Heim: Ich wünsche mir, dass der Almanach weiterhin alle Facetten aufzeigt, die dieser wun- derbare Landkreis zu bieten hat, alle Regionen, alle verschiedenen Aufgabenbereiche und alle Vielfalt – dass er alles widerspiegelt, was den Schwarzwald-Baar-Kreis ausmacht. Natürlich ebenso, dass das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch begeistert, nur dann hat es auch eine Zukunft. Landrat Hinterseh: Ich wünsche mir, dass es uns als Redaktion gelingt, immer auch diesen Mix zu schaffen, der für Leserinnen und Leser inte- ressant ist, sodass das Schwarzwald-Baar-Jahr- buch gut aufgenommen wird. Dass wir so einen Beitrag leisten, der für den Schwarzwald-Baar- Kreis identitätsstiftend ist. Das Gespräch führte Wilfried Dold. Events wie der Triberger Weihnachtszauber locken tausende von Besuchern an – der Schwarzwald-Baar- Kreis hat viel zu bieten. Das Jahrbuch Almanach ist ein Spiegelbild davon. Was den Schwarzwald-Baar- Kreis insgesamt ausmacht, findet sich seit bereits 1977 Jahr für Jahr im Almanach. 36 40 Jahre Almanach


Im Gespräch mit drei Landräten 37


„Aus vielen, eines“ – Blumberg, eine außergewöhnliche Stadt Die Stadt zwischen Eich- und Buchberg befindet sich seit vielen Jahren im Aufbruch von Doris Rothweiler Über Blumbergs einzigartige Geschichte wurde schon viel geschrieben: Keine an- dere Stadt im Schwarzwald-Baar-Kreis sah sich jemals einer derartigen Zuwande- rungswelle ausgesetzt wie die Stadt zwischen Eich- und Buchberg. Hatte Blumberg 1936 noch zwischen 600 und 700 Einwohnern, platzte die Gemeinde bereits vier Jahre später buchstäblich aus allen Nähten. Mit 5.000 Einwohnern im Jahr 1940 hatte sich die Einwohnerzahl praktisch verzehnfacht. Häuser mussten aus dem Bo- den gestampft werden, ebenso Geschäfte, die den Bedarf der Bergleute, die in den Doggererzstollen schufteten, decken mussten. Mehrere tausend junge Männer und Familien aus Schlesien, dem Saarland, Hamburg und dem Ruhrgebiet mussten im Dienst der Dogger- erz-Bergbau GmbH in den Blumberger Erzgru- ben arbeiten, viele davon nicht freiwillig. Dass dies nicht immer ohne Konflikte blieb, kann man sich denken – doch alles in allem ist Blum- berg ein Paradebeispiel dafür, dass, den guten Willen vorausgesetzt, der amerikanische Leit- spruch „Aus vielen, eines“ (Out of many, one), auch auf der Baar gelten kann. Dies lässt sich in Blumberg an vielen Dingen ablesen. Die Zugereisten, von denen viele, auch nach Schließung der Doggererz-Bergbau GmbH, in Blumberg blieben, brachten neue Ideen und kulturelle Vielfalt in die Eichbergstadt. Ein Beispiel hierfür ist die Blumberger Nar- rengesellschaft. Hier treffen Elemente der rhei nischen und der alemannischen Fastnacht aufeinander und bringen einen bunten Mix aus heiteren Programmabenden nach dem Vorbild rheinischer Prunksitzungen und der ursprüngli- chen alemannischen Straßenfastnacht hervor. Ansonsten erinnern an die Zuwandererwel- le von vor mehr als siebzig Jahren nur noch wenige Straßennamen wie zum Beispiel die Schlesierstraße oder die Völklingerstraße. Die Gebliebenen sind Blumberger geworden- mit Leib und Seele. Und natürlich Denkmäler wie der „Schwarze Mann“ oder der Stadtbrunnen. Und last but not least die vergitterten Eingänge zu den Stollen. Der 1994 neu gestaltete Platz vor dem Kissigbau ist das Werk des Blumbergers Hans-Joachim Müller. Der Brunnen, eine Spende der Sparkasse im Jahr 1988 aus Anlass des 150-jährigen Bestehens, zeigt Motive zur Burg Blumberg, zur Bergarbeitergeschichte und zu Buch-und Eichberg. 38 3. Kapitel – Städte und Gemeinden


Blumberg 39


Bürger und Stadtverwaltung ziehen an einem Strang Stadtverwaltung und Bürger lassen sich viel einfallen, um Blumberg aktuell, innovativ und attraktiv zu gestalten. Sowohl für Urlauber als auch Bürger konzipiert die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen, die aus engagierten Bürgern bestehen, immer neue Veranstaltungen und Einrichtungen, um die Stadt am Eichberg nahe am Puls der Zeit zu halten. Digitale Breitbandversorgung, neue Gewer- begebiete, zahlreiche Geschäfte und Discoun- ter, Kindergärten, Kindertagesstätten, Schulen, die Anbindung an den Ringzug, ein zentralgele- genes Ärzte- und Gesundheitszentrum machen Blumberg attraktiv für junge Familien, die hier alles finden, was sie zum Leben und Arbeiten brauchen. Doch zu einer funktionierenden Inf- rastruktur gehören nicht nur Geschäfte, Betrie- be, Verkehrsanbindungen und Arbeitsplätze: In Blumberg ist auch für die Freizeit bestens gesorgt. In mehr als 150 Vereinen lässt sich der Feierabend abwechslungsreich nach jedem Ge- schmack gestalten. Das Angebot ist so bunt und vielfältig, wie man es sich nur wünschen kann. Von den Klas- sikern unter den Vereinen wie Musikvereinen, Chören, Sport-und Fußballvereinen einmal abgesehen, hat Blumberg zwei Ski-Clubs auf- zuweisen, so den Ski Club Blumberg e.V. und den Ski-Club Nordhalden, einen Tennisclub und einen Bogensportclub, dessen Trainingsgelände malerisch neben der Strecke der bekannten Mu- seumsbahn liegt. Doch auch für alle, die nicht in Blumberg leben oder sich nicht in Vereinen engagieren können oder möchten, bietet die Stadt das gan- ze Jahr über Anlässe, um zusammenzukommen und miteinander zu feiern. Fest etabliert hat sich der Ostermarkt, bei dem regionale Anbieter kulinarische Köstlichkeiten und Dekoartikel zum Osterfest beisteuern. Eine „Leuchtturmveranstaltung“ Blumbergs ist der Internationale Eichberg Cup. Dieses Tur- nier hat sich zu einem begehrten Wettbewerb gemausert, in dem sich die U-15 Nachwuchs- Zwischen Eichberg und Buchberg liegt die ca. 10.400 Einwohner große Stadt Blumberg. Ihre Ent- stehung geht auf das 13. Jahrhun- dert zurück. Die Stadtgründer, die Herren von Blumberg, sind erstmals im Jahre 1260 erwähnt. Die tatsächliche Entstehung Blumbergs wird aber weit vor die- sem Datum vermutet. Jedenfalls haben am Eichberg schon in der Steinzeit Menschen gelebt, wie archäologische Funde belegen. Die „amerikanische Stadt“, wie Blum- berg gelegentlich auch genannt wird, war 1942 für ein halbes Jahr auch die Heimat von Sophie Scholl, die als Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Wei- ße Rose“ im Dritten Reich hingerichtet wurde. In Blumberg absolvierte sie ihren Kriegshilfsdienst im Kindergarten Bürgermeister von Blumberg ist seit 2010 Markus Keller. Zur Stadt gehören auch die Ortsteile Achdorf, Epfenhofen, Fützen, Hondingen, Kommingen, Nord- halden, Randen, Riedböhringen, Ried- öschingen und Zollhaus. Als Wirtschafts- standort profitiert Blumberg von seiner günsti gen Lage zur Schweiz und der Nähe zur A 81. spieler großer Vereine wie des SC Freiburg, der Stuttgarter Kickers, des TSV 1860 München, des VfB Stuttgart oder der Grashoppers Zürich mit- einander messen können. Ein neben der Museumsbahn über die Lan- desgrenzen hinaus bekannt gewordenes Event ist das Street-Art-Festival, das jedes Jahr im Juli Oben: In Blumberg findet sich ein wahres Meer an Siedlungshäusern. Unten: Impression vom Street-Art-Festival. 40 „Aus vielen, eines“ – Blumberg


Blumberg 41


seinen festen Platz im Blumberger Veranstal- tungskalender gefunden hat und mit seinen eindrucksvollen Malereien tausende von Besu- chern in die Eichbergstadt zieht. Die bleibenden 3D Malereien sind das ganze Jahr über zu be- wundern und machen das ohnehin farbenfrohe Blumberg noch ein bisschen bunter. Im September folgt dann schon das nächste Highlight: Das Blumberger Straßenfest, das je- des Jahr am letzten Samstag der Sommerferien stattfindet. Auch die Kunstausstellung, die im September 2015 zum 36. Mal veranstaltet wird, zieht zahlreiche Kunstliebhaber aus dem gan- zen Schwarzwald-Baar-Kreis in die Stadthalle im Westen der Eichberggemeinde. Sauschwänzlebahn ist und bleibt der größte Besuchermagnet Größter Besuchermagnet ist aber immer noch die berühmte Sauschwänzlebahn. Obwohl die historische Bahnstrecke mit ihren vielen Kur- ven und Tunnels von Blumberg-Zollhaus nach Weizen für sich steht und viele Eisenbahnlieb- haber in die Eichbergstadt lockt, haben sich die Verantwortlichen wieder viel einfallen lassen, um die Attraktivität weiter zu steigern und die Fahrt zu einem spannenden und einzigartigen Erlebnis werden zu lassen. Ein Höhepunkt des Programms ist der Kin- dertag: Mit vielen jungen Gästen, die ihre Neu- gierde kaum zügeln können, startet die Bahn in Richtung Weizen. Der interessierte Nachwuchs stellt Fragen über Fragen, denn wie so eine Eisenbahn funktioniert, ist ein spannendes Thema und nicht nur die Jungs wollen mehr zur Bahntechnik erfahren. Genussvoll wird es in der Sauschwänzlebahn, wenn sie zur Whiskyfahrt bei Dudelsackklängen aufbricht. Es gibt viele weitere besondere Veranstal- tungen, die Blumberg bietet. Fest steht jedoch eines: Der Eventkalender ist ein gutes Beispiel dafür, dass Blumberg seine Möglichkeiten nicht nur nutzt, sondern auch ständig bemüht ist, für seine Besucher und Einwohner ein Angebot zu schaffen, das seinesgleichen sucht. Die Stadt am Eichberg ruht sich nicht auf dem Erreichten aus. Sanierung des Panoramabades Diese Haltung spiegelt sich auch in einem ande- ren Projekt wider, das Blumberg bereits im letz- ten Jahr angepackt hat. Es handelt sich um die Sanierung des bekannten Panoramabades mit seiner schönen Lage am Osthang des Eichbergs und seiner fantastischen Aussicht auf Blum- berg. Aus dem früher sportlich fokussierten Bad wird bis zum Mai 2016 ein Erlebnisbad für die ganze Familie. Eine ca. 35 Meter lange Rutsche wird neben zwei Massagedüsen, einem Wasser- pilz und zahlreichen weiteren Angeboten den Schwimmbadbesuch zu einem Spaß für Jung und Alt machen. Und wer die Sommermonate lieber aktiv verbringt, der kann sich in Blumberg auf zahl- reichen Rad-und Wanderwegen fit halten. Über das gesamte Stadtgebiet führen achtzehn Rundwanderwege, die zum Teil auch unter Füh- rung angeboten werden. Blumberg hat definitiv den Sprung ins 21. Jahrhundert mit Bravour geschafft. Bürger- meister Markus Keller: „,E pluribus – unum‘ oder ,Out of many, one‘ – der Wappenspruch der Vereinigten Staaten passt wie kein anderer auf unser Blumberg. Aus vielen Kulturen wuchs eine funktionierende Verbindung zwischen Kern ort und Ortsteilen, zwischen Alteingesesse- nen und Zugereisten, auf die ich sehr stolz bin. Die Geschichte Blumbergs beweist: Mit Zu- versicht, Einsatz, Charme und einem überaus starken Willen lässt sich so manche Hürde neh- men – und genau so wird Blumberg auch in die Zukunft gehen.“ Oben: Die Seilwinde katapultiert auf dem Blumberger Flugplatz ein Segelflugzeug in die Höhe. Unten: Die Sauschwänzlebahn bei Epfenhopfen. 42 „Aus vielen, eines“ – Blumberg


43


Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 46 52 Lioba Kühne Matthias Wiehle 66 70 Ingrid Schyle Albrecht Benzing 44 4. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Auf die Frage, was und wo Heimat ist, folgt nicht selten mehr als eine Ant wort. Eines aber gilt für alle Frauen und Männer, die im Rahmen unserer Portrait serie „Daheim im Schwarzwald und auf der Baar“ vorgestellt werden: Sie fühlen sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim. Das schließt nicht aus, dass sie überall auf der Welt unterwegs sind wie der Hüfinger Pilot Matthias Wiehle – oder an einem Ort ganz besonders hängen wie Ingrid Schyle am Skidorf Schonach. Die Landärztin Dr. med. Lioba Kühne praktiziert dort mit Herz und Seele, wo sie glücklich aufge- wachsen ist: in Furtwangen. Kunsttherapeutin Anke Jentzsch fühlt sich in Marbach bei ihren Bienen daheim, Geschäftsführer Laurent Lebas als gebürtiger Franzose in Villingen. Wie Bärbel Brüderle, die sich dem Erhalt der Muttersprache verschrieben hat. Und die Unternehmerin Ute Grießhaber hat als Kind der Doppelstadt heute in Obereschach ihr Zuhause. Albrecht Benzing indes ist Schwenninger – er hilft Flücht- lingen, bei uns eine neue Heimat zu finden. Heimat kennt viele Facetten. 56 62 Ute Grießhaber Laurent Lebas 76 82 Anke Jentzsch Bärbel Brüderle 45


Dr. med. Lioba Kühne Landärztin in Furtwangen von Elke Schön Sie ist eine Landärztin wie sie im Buche steht. Wer sich wie Dr. med. Lioba Kühne in Furtwangen im Schwarzwald als Hausärztin niederlässt, der hat es „nicht nur“ mit einem fast immer voll besetzten Wartezimmer zu tun, sondern der muss auch im strengsten Winter hinaus in die entlegensten Winkel. Lioba Kühne macht das nichts aus. Wer ihr begegnet, der spürt sofort: diese Frau ist eine Landärztin durch und durch. 19 Uhr an einem Dienstag im Wartezimmer der Allgemeinarztpraxis Dr. med. Lioba Kühne. Die Arzthelferin unterhält sich mit einer Patientin, das Wartezimmer ist leer. Ungewöhnlich um diese Zeit, wo sich doch sonst die Sprechstunde bis in den späten Abend hinzieht. Über dem Empfangstresen steht der Grund zu lesen: „Urlaub vom…“. Die Tür zu einem Behandlungs- zimmer steht halb offen, ein Patient wartet hier noch auf eine Impfung. Auf ihrem Weg dort- hin bittet mich die Ärztin, kurz zu warten und wendet sich klärend und beruhigend an eine Patientin, die verunsichert ist in Sachen Tablet- teneinnahme. So bleibt Zeit ein großes Bild an der Wand zu betrachten, das statt der üblichen Sehnsuchts- landschaft oder modernen Dekorationskunst fünf junge Frauen zeigt, die sich im blauen Dienstdress munter lächelnd zu einem Foto postiert haben. Das Bild hat das Team der Küh- ne-Praxis der Chefin zum Geburtstag geschenkt, erfahre ich gleich, und bin schon selber an der Reihe Platz zu nehmen in einem von zwei gro- ßen Fenstern erhellten Eckzimmer. Wie Recht sie hatte, mich auf die telefoni- sche Anfrage nach einem Interview hin genau auf den Vorabend vor dem Urlaub einzube- stellen! Zum Thema „ärztliche Versorgung im ländlichen Raum“ wird sie wahrhaftig einiges zu sagen haben und will sich dazu Zeit nehmen. Mir bleibt noch die Gelegenheit zum Blick nach draußen – auf den Hang gegenüber, wo sie aufgewachsen ist und auch heute wohnt. Von dort hätte sie nur wenige Minuten Fußweg zur Praxis, wenn sie nicht immer das Auto nehmen müsste, um jederzeit bei Notfällen in jedem noch so entlegenen Winkel zur Stelle sein zu können. Ganz gleich, ob es sich um einen ihrer eigenen Patienten handelt, oder einen ohne je- den Versicherungsschutz. Auch die gibt es noch und auch sie brauchen ärztliche Hilfe. Eine gebürtige Furtwangerin Hatte ich erwartet, einer Frau gegenüber zu sitzen, die von der Belastung eines langen Tages abgehetzt wirkt, überrascht mich jetzt, wie wach und gelöst sie sich mir zuwendet und gleich zu sprechen beginnt. Fragen meinerseits erübrigen sich, denn sie berichtet stringent ihren Werdegang, angefangen von einer glück- Dr. med. Lioba Kühne, Landärztin aus Furtwangen. 46 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


XXX 47


lichen Kindheit und Jugend über die Studienzeit bis zu ihrer aktuellen Situation als vielgefragte Ärztin mitten in der Schwarzwald-Kleinstadt Furtwangen. Glasklar wird deutlich, worauf sich ihre vielbestaunten Erfolge und ihre Beliebtheit gründen: Als zweites von vier Kindern ist sie wohlbehütet und -gefördert in ihrer Geburts- stadt Furtwangen herangewachsen. Der Vater, Karl Stratz, Ingenieur und La- borleiter an der Hochschule, die damals noch Ingenieurschule hieß, und die Mutter, geborene Haberstroh, Bauerntochter aus dem Nonnen- bachtal, legten immer Wert auf einen gemein- samen Mittagstisch, bei dem jeder zu Wort kam, seine Erlebnisse erzählen und ausgiebig Probleme diskutieren durfte. Das Gymnasium zu besuchen, war den Kindern durchaus als Privileg bewusst, die Mutter hatte zu ihrem Leidwesen nie die Gelegenheit, zum Abschluss einer höheren Schulbildung zu kommen. Als Mädchen aus einem stillen Schwarzwaldtal hat- te man das Haushalten zu lernen, sich auf eine Heirat vorzubereiten und sich immer um die Älteren in der Verwandtschaft zu sorgen. Der jungen Lioba fiel schon früh die Verant- wortung für ihre jüngere Schwester und den Bruder zu. Wohl auch, weil sie über besondere Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen verfügte. Es wird berichtet, dass sie schon als Sechsjährige einmal einem Onkel, der zu Besuch war, auf den Kopf zu sagte :“Gell, Dir geht’s nicht gut, das seh‘ ich Dir an den Augen an“. In der Schule glänzte sie bereits früh beson- ders in den Fächern Biologie und Chemie, wurde auch von der Lehrerin darin bestärkt, diese Fächer in Freiburg zu studieren. Während der ersten beiden Semester dort begann bereits die Freundschaft mit Manfred Kühne, einem gebür- tigen Braunschweiger, der zum Studium nach Furtwangen gekommen war. Als dieser junge Ingenieur seine erste Stelle in Berlin bekommt, zieht sie mit, um dort an der Freien Universität ihr Studium fortzusetzen. Bald begeistert sie sich so sehr für die Me- dizin, dass sie sich gleichzeitig auch an dieser Fakultät einschreibt. Nach Abschluss des Medi- zin examens folgt ein praktisches Jahr an der Charité, später eine Assistentenstelle an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf, das zu der Zeit führend ist in der Kinderkardiologie. Von dort will ihr Chef, ein Freiburger, sie nur ungern weglassen, als Manfred Kühne eine Pro- fessur für Sensortechnik in Furtwangen antritt. Natürlich geht sie mit ihm in ihre Heimatstadt. Hier aber durchlebt sie jetzt große einschnei- dende Veränderungen: Ihr Vater ist bereits 48 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Eine Landärztin, wie sie im Buche steht: Dr. med. Lioba Kühne am Empfang ihrer Praxis und bei der Ausbildung einer Arzthelferin. Sie demonstriert dem jüngsten Mitglied im fünfköpfigen Team, wie man den Blutdruck richtig misst. Was verschreibe ich, in welcher Dosierung? Ist eine Überweisung zum Facharzt sinnvoll oder eine Verlegung in eine Spezialklinik? Täglich tausend Fragen, die nach entschlossenen Maß- nahmen verlangen. Gewappnet mit Praxiserfahrungen wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit als Fachärz- tin für Allgemeinmedizin. Glücklicherweise kön- nen die beiden Söhne tagsüber in der Obhut der Großmutter sein und die Geborgenheit erleben, die der jungen Lioba so viel bedeutet hatte. Das bleibt sogar so, als Mutter Stratz mit ins neue eigene Heim zieht und ihrer Tochter noch viel an täglicher Hausarbeit abnimmt. Zudem weiß die Ärztin ihren Ehemann als fachliche Stütze (etwa in Sachen Medizintechnik) im Hinter- grund. Vor allem aber ist ihr klar, wie hilfreich sich die gründlichen Studien in Biologie und Chemie im täglichen Umgang mit Medikamen- ten erweisen. „Lernen hat mir schon immer einfach Spaß gemacht“ Die Wechselwirkungen und chemischen Vor- gänge der Medikation kann sie weit besser vorausberechnen, als so mancher „normal“ aus- gebildeter Mediziner, sie muss sich also nicht blind verlassen auf die gängige Pharmazie. Klar ist auch, dass sich Lioba Kühne in allen Richtun- gen weiterbildet. „Lernen hat mir schon immer einfach Spaß gemacht“, gesteht sie. Gründliche Kenntnisse in Akupunktur und Palliativmedizin eignet sie sich an und schafft es sogar, inner- halb von fünf Jahren nebenher die Ausbildung in Psychotherapie zu absolvieren. Spätestens jetzt, seit sie mit den unter- unheilbar krebskrank, sie pflegt ihn bis zum Tod. Ihr Sohn Carsten wird geboren, die Zwillings- schwester ihres Ehemanns stirbt 37-jährig in Berlin an Krebs, weshalb deren Mutter mit nach Furtwangen geholt wird, wo sie bald an Alzhei- mer erkrankt und für lange Jahre zum Pflegefall wird. Nun also wird der jungen Ärztin die andere Seite von Krankheit voll bewusst, das Leid, das Angehörige durchmachen, das Ohnmachtsge- fühl, nicht helfen zu können. Dieser Aspekt kam während ihrer bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn nur am Rande in den Blick. Schritt in die Selbstständigkeit In Furtwangen ist zunächst keine volle Stelle frei, sie macht Praxisvertretungen ringsum und übersteht die wohl härteste Prüfung ihrer praktischen Tätigkeit: Nachtdienste allein in einer Rehaklinik für Asthmapatienten. Was für eine andere Welt, verglichen mit einer Uni- versitätsklinik! Kein Kollege, den man um Rat fragen kann, kein Chef, der die nächsten Unter- suchungsschritte vorgibt, nicht der gewohnte Schutz in der Teamarbeit. Statt dessen sind ständig schnelle Entschei- dungen erforderlich: Welche Spritze setze ich? schiedlichsten Patienten und ihren Problemen Tag für Tag konfrontiert ist, erkennt sie, wie Dr. med. Lioba Kühne – Landärztin 49


dringend notwendig das gründliche Verständ- nis für jede einzelne Persönlichkeit ist, unter welchen sozialen psychischen und familiären Bedingungen die Krankheit ausbricht oder ein Leiden sich einschleicht. Daraus muss natürlich eine sorgfältige Abwägung der therapeutischen Maßnahmen erwachsen: Was ist gerade für diesen Menschen zumutbar, welche Methoden wird er, auf Grund seiner jeweiligen Situation und Persönlichkeits- struktur, ablehnen oder einfach nicht durchhal- ten können? Klar, dass es viel Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert, derart intensiv auf jeden Patienten einzugehen, was am ehes- ten noch in einer Kleinstadt oder ländlichen Region zu machen ist. Einleuchtend erscheint mir jetzt auch Lioba Kühnes Grundsatz, sich nach jedem Arbeitstag Rechenschaft darüber abzulegen, ob sie alle richtig, ihrem ärztlichen Gewissen entspre- chend, behandelt hat, und ob nicht jemand zu lang hat warten müssen. Immer wieder sind neue Denkmuster erforderlich. In diese natur- wissenschaftliche Vorgehensweise ist sie eben hineingewachsen, aber im gleichen Maß ist eine tiefe Empathie Grundvoraussetzung dafür, je- dem Patienten gerecht werden zu wollen. Die Persönlichkeit ist ausschlaggebend Dass sie das Glück hatte, beschützt und ge- borgen aufzuwachsen und gleichzeitig Fleiß, Leistung und Lust am Lernen herausgefordert wurden, betont die Ärztin immer wieder voller Dankbarkeit und versichert mir, sie würde alles, was sie bisher im Leben getan hat, wieder so machen wollen. Gleichzeitig ist ihr aber be- wusst, wie selten heute jungen Leuten so ein Werdegang gegönnt ist. Allein die Situationen in den Patchworkfamilien setzen der Entwick- lung von Kindern zu. Und wer kann sich schon Zeit nehmen, mit zusätzlichen Studienfächern sein Allgemeinwissen zu vertiefen, wer verfügt schon über so viel Selbstvertrauen und per- sönliche Stabilität, auch mit Kritik und Krisen fertig zu werden? „Ja, die Frau Kühne bringt es tatsächlich fertig, die Vertretungs- und Wo- chenenddienste der fünf örtlichen Allgemein- praxen zu organisieren, so dass alle damit leben können“, lobte einst ein Kollege, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedete. Realistisch wie sie ist, weiß sie auch, dass die Entwicklung der Medizin weg von Provinzkran- kenhäusern hin zu Großkliniken unumkehrbar ist. Gerade in Furtwangen, das lange stolz ge- wesen war auf „sein“ Krankenhaus, muss sie noch immer viel Aufklärungsarbeit leisten, hat sie doch längst die Vorteile dieser Lage erkannt: Je seltener und je kürzer ihre Patienten eine Be- handlung in der Kreisstadt in Anspruch nehmen können, desto besser kann die Hausärztin sie und auch die Angehörigen individuell betreuen und, wie sie feststellt, auch schneller wieder ins Alltagsleben eingliedern. 21 Uhr ist es mittlerweile geworden und keine Spur von Müdigkeit ist zu spüren; muss denn, nach so gründlicher tiefgreifender Rück- schau auf das Leben dieser Landärztin über- haupt noch die Frage gestellt werden. nach dem Ausweg aus der „Misere der ärztlichen Versorgung auf dem Lande“? Lioba Kühnes Antwort hat sich herauskristallisiert: Die Per- sönlichkeit des Mediziners, der Medizinerin ist ausschlaggebend. Sinnvoller als die Zulassung zum Studium nach den Abitursnoten wäre ein Auswahlverfahren, das über die menschliche Eignung, also Empathiefähigkeit und Flexibilität Aufschluss gibt. Doch die eine Frage kann ich mir nicht versagen: „Wo nehmen Sie die Kraft her und den Schwung, den sogar Ihre Söhne be- staunen, wenn Sie morgens munter gelaunt zur Praxis gehen, haben sie noch Zeit für ein Hob- by?“ „Ich spiele schon immer sehr gerne Klavier und genieße so oft wie möglich Konzertbesuche in Freiburg“. Furtwangen im Schwarzwald, der Wirkungsort der Landärztin Dr. med. Lioba Kühne. 50 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


XXX 51


Matthias Wiehle Der Lufthansa-Pilot schätzt seine Heimat Hüfingen nicht nur von oben von Gabi Lendle „Ich könnte auch in Kalifornien leben, aber in Hüfingen habe ich meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Hier gefällt es mir und meiner Familie und hier fühle ich mich zu Hause“ das sagt der 46-jährige Pi- lot der Deutschen Lufthansa und dreifache Vater nicht nur so daher. Er hat durch seinen Beruf viele Kontinente, Länder, Städte und Gegen- den kennengelernt, die genauso viel Schönes bieten können. In Hüfin- gen ist er geboren und ist nach mehreren Lebensstationen wieder zu seinen Wurzeln zurück gekehrt, die er ohnehin nie ganz verlassen hat. 52 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Flugkapitän Matthias Wiehle auf dem Rollfeld vor der Lufthansa-Flotte und im Cockpit. Matthias Wiehle – Flugkapitän 53


Der Bezug zu seinen Eltern und seiner Familie in Hüfingen sind ihm sehr wichtig. Das Gefühl, dass seine Kinder hier eine umfassend gute Infrastruk- tur zum glücklichen Aufwachsen vorfinden, tut gut. Wiehle, der sich selbst als Familienmensch bezeichnet, schätzt die Nähe zu seinen langjäh- rigen Freunden, Bekannten und den Vereinen, in denen er selbst groß geworden ist. „Das alles sind positive Aspekte, die mein Leben bereichern“. Der berufsbedingte Ortswechsel bei Reisen in andere Länder und Städ- te, das kurzzeitige Leben im Hotel – und dann wieder die Rückkehr in die Heimat, verstärken noch das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein. „Es ist schön, immer wieder heimkehren zu können“, beschreibt er diesen glückli- chen Lebensumstand, mit dem auch seine Familie gut klar kommt. Klar zum Start: Für den Hüfinger Matthias Wiehle ging mit seiner Laufbahn als Pilot ein Kind- heitswunsch in Erfüllung. Bei der Lufthansa hat er bereits 14.500 Flugstunden ab- solviert. schiedenen Nachtests absolviert wer- den. „Die Bundeswehr wollte mich unbedingt haben, doch die Werte für diese hohen Anforderungen haben einfach nicht gestimmt“, erzählt der jetzige Kapitän der Deutschen Luft- hansa. Die Enttäuschung war riesig. Ohne große Hoffnung – sprich Motivation und Ehrgeiz – bewarb sich Matthias Wiehle dennoch an einer Ausschreibung der Lufthansa und reiste nach Hamburg, wo er ganz locker in die Prüfung ging. Einige Zeit später erhielt er die Einladung der Lufthansa, eine Ausbildung zum Pi- loten zu beginnen. Matthias Wiehle zögerte nicht lange: Zwar konnte er bei der Lufthansa keine Kampfjets steuern, aber immerhin lernte er flie- gen. Nach seiner teuren Ausbildung in Bremen und Phoenix/ Arizona hatte er nach zwei Jahren den Ver- kehrsflugschein in der Tasche. Meilensteine waren sein erster Alleinflug und sein erster Flug mit Passagieren. In Bremen werden die Fluganfänger theo- retisch geschult, zum Fliegen geht es nach Phoenix, wo das Wetter 360 Tage im Jahr nach Sichtflugregeln fliegbar ist. In Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden die Landeanflüge geübt. Wenn man als junger Mensch soviel unterwegs ist, rückt die Heimat schon etwas in den Hintergrund. Doch nicht so bei Matthias Wiehle, der den Verbindungsfaden zu seinem Elternhaus, seinen Geschwistern und Freunden nie abreißen ließ. Über 4.400 Starts und Landungen Matthias Wiehle lernte die deutschen und eu- ropäischen Flughäfen kennen und pendelte in seinen ersten vier Berufsjahren zwischen der Main-Metropole Frankfurt und Hüfingen, wo auch seine Freundin lebte, hin und her. Weitere Lebensstationen waren Mainz und später Trier, wo er fast sesshaft geworden wäre. Doch es kam anders: Vor zehn Jahren suchte Matthias Den Berufswunsch „Pilot“ hatte Matthias Wiehle seit seiner Kindheit Matthias Wiehle hat sich während seiner Schul- laufbahn, erst in der Lucian-Reich-Schule Hüfin- gen und später auf dem Fürstenberg-Gymna- sium Donaueschingen, nie die Frage gestellt, was er einmal werden will. Er wusste es schon lange: Und zwar seit dem Zeitpunkt, als immer wieder Kampfjets der Bundeswehr tief über die Baar flogen und Matthias sie als Junge aus dem Dachfenster beobachten konnte. „Das will ich auch machen, wenn ich groß bin“, definierte er sein Ziel. Diesen Wunsch verfolgte er mit gro- ßem Nachdruck und bewarb sich schon im Alter von 17 Jahren, als er kurz vor dem Abitur stand, bei der Bundeswehr. Den theoretischen Teil für das Aufnahmeverfahren bewältigte er sofort. Nachdem er sein Abitur 1988 in der Tasche hatte, ging es zur Luftwaffe nach Ulm, wo er mit dem Grundwehrdienst begann. Beim medizi- nischen Test in Fürstenfeldbruck kam dann der Schock: Die Blutwerte gefielen den zuständigen Ärzten nicht und es musste eine Reihe von ver- 54 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Noch heute ist Matthias Wiehle ein aktiver Turner. An Fastnacht geht er als „Bärcheappeli“ auf die Straße. Wiehle wieder die Kontakte nach Hüfingen und lernte dabei seine Frau kennen. Seither reist er seinem Dienstplan entsprechend meist mit dem Zug nach Frankfurt und wieder zurück. Sein wechselnder Arbeitsplan sieht vor, dass er vier bis fünf Tage als Pilot in Europa im Einsatz ist und dann wieder ein paar Tage frei hat. Diese Tage nutzt er, um bei seiner Familie zu sein. Im Jahr 2005 erhielt er den vierten Strei- fen auf seiner Uniform und fliegt seither als Kapitän. 14.500 Flugstunden, 500 im Simulator sowie 4.400 Starts und Landungen hat er bisher auf verschiedenen Flugzeugtypen erfolgreich hinter sich gebracht. In all den Jahren gab es keine nennenswerten technischen Probleme an den Flugzeugen. Mehrmals im Jahr muss er im Simulator nachweisen, dass er das Flugzeug in allen Notsituationen beherrscht. Das erfordert eine strenge Disziplin, und bedeutet auch, im- mer wieder in die Lehrbücher zu schauen. Matthias Wiehle flog unter anderem auf einer Boing 747 um die ganze Welt. Wichtig sei es, die Zeitverschiebungen gut wegstecken zu können und, dass man auch im Cockpit in den Ruhephasen in der dafür vorgesehenen Kabine gut schlafen könne. Zudem müsse man über ausreichend Nervenstärke verfügen, um in schwierigen Situationen schnell die richtigen Handgriffe ausführen zu können. „Den meisten Stress haben wir allerdings am Boden bei der Flugvorbereitung, dem Wetter-Check, der ent- sprechenden Spritberechnung, dem Briefing, mit den Passagieren und mehr. „Wenn dann die Tür zum Flugzeug und Cockpit geschlossen wird, entspannt sich alles“, verrät der erfahrene Pilot. In Hüfingen wird viel geboten Groß geworden ist Matthias Wiehle in einer Fa- milie, in der Sport eine große Rolle spielt. Noch heute pflegt er die Mitgliedschaft im Turn- und Sportverein sowie der Hüfinger Kolpingsfamilie, soweit es sein Dienstplan zulässt. Der Flugka- pitän, der sich gerne draußen bewegt, findet dazu in Hüfingen optimale Bedingungen. Seine Vorlieben gelten dem Volleyball, Turnen, Moun- tainbike, Ski- und Snowboardfahren. Er liebt zu- dem Motorradtouren und geht zum Ausgleich in seinen eigenen Garten oder mit Vater Hubert mit dem Traktor nach Mundelfingen in den Wald zum Holz machen. „Für die Größe einer Stadt wie Hüfingen wird hier viel geboten. Wir haben ein Hallenbad, eine tolle Schullandschaft und auch genügend Kultur- Veranstaltungen in Form von Kunst, Theater und weiteren Events, sagt Matthias Wiehle, der an Fastnacht als Hüfinger „Bärcheappeli“ unter- wegs ist. Was will man mehr? Matthias Wiehle – Flugkapitän 55


Ute Grießhaber Unternehmerin – im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim von Madlen Falke Das idyllische Obereschach zählt rund 1.800 Einwohner. Es geht ruhig zu in diesem Dorf, in dem es noch Bauernhöfe gibt, aber ebenso ein Neubaugebiet mit schicken Einfamilien- und Reihenhäusern. Sogar einen Bäcker finden die Bewohner noch vor und zwei gutbürgerliche Gasthöfe. Hier sagt man sich auf der Straße noch „Guten Tag“ und die Nachbarn kennen sich persönlich. Obereschach ist ein Teilort des Ober- zentrums Villingen-Schwenningen am Rand des Schwarzwalds. Ute Grießhaber lebt hier mit ihrem Mann – hat Ober eschach für sich als den idealen Rückzugsort ent- deckt. Das freundliche Reihenhaus und der kleine Garten zum Feldrand gelegen zeigen ein boden- ständiges und offenes Bild von Ute Grießhaber. Als Geschäftsführerin der Firma Weißer + Grieß- haber GmbH in Mönchweiler – ein kunststoff- verarbeitender Betrieb, der von ihren Eltern und Lothar Weißer im Jahre 1969 gegründet wurde – sind die Arbeitstage der sympathischen Managerin in der Regel lang. Sie trägt zusam- men mit Reinhard Fauser die Verantwortung für 250 Mitarbeiter. Menschen, deren Lebensmittel- punkt genauso in der Region liegt, wie der von Ute Grießhaber selbst. In der Region tief verwurzelt Ute Grießhaber ist in der Region tief verwurzelt und liebt ihre Heimat. Ihre Augen leuchten, wenn sie von der Heimat, vom Schwarzwald- Baar-Kreis, spricht. Im württembergischen Schwenningen geboren und in der Villinger Südstadt aufgewachsen, ist sie ein waschechtes Doppelstadt-Kind. Heute 55 Jahre alt, geht sie in ihrer Rolle der Geschäftsführerin voll auf – und das, obwohl es nie ihr Plan gewesen sei, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, der sich vom kleinen Betrieb in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu einem global agierenden Unternehmen ent- wickelt hat. Nach ihrem BWL-Studium an der Universität Pforzheim arbeitet Ute Grießhaber zunächst bei der IHK. Dort findet sie für sich rasch heraus, dass ihr Arbeit mehr als Spaß macht, sich ihre Tätigkeit als eine erfüllende Aufgabe mit span- nenden Herausforderungen erweist. Als ihr Mann sein Studium beendet, wartet auf das Paar aber zunächst die weite Welt: Für sieben Monate reist Ute Grießhaber mit ihrem Mann durch Kanada. „Das war eine sehr schöne Erfahrung für uns. Mehr als ein Mal haben wir uns überlegt, ob wir dort bleiben sollen. Doch Ute Grießhaber, Geschäftsführerin des Unterneh- mens Weißer + Grießhaber in Mönchweiler. 56 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar



irgendwann wurde uns immer klarer, dass wir Heimatmenschen sind und auch wieder zurück wol- len“, erzählt die 55-Jährige. In der Zeit im fernen Ausland, selbst im modernen Kanada, lernt die Unter- nehmerin nämlich einige deutsche Vorzüge sehr zu schätzen. „Hier ist wirklich beinahe alles vollkommen erschlossen. Mit dem Auto kommt man in Deutschland wirklich über- all hin. Auf jeder noch so kleinen Landstraße kommt irgendwann ein Gasthaus. Jeder Wald ist mit unzähligen Wegen versehen. Das ist so zum Beispiel in Kanada nicht üblich“, erzählt Ute Grießhaber. Sport als idealer Ausgleich zum anstrengenden Büroalltag Im Grünen schal- tet Ute Grießha- ber, die seit 1990 im Unternehmen arbeitet und seit 15 Jahren die Ge- schäftsführung inne hat, gerne einen Gang runter. Beim Wandern oder beim Heidelbee- ren und Pilze sammeln dreht sich das Zeitrad der Managerin langsamer und die Hektik des Alltags wird aus- geblendet. Alles gut zu erreichen, schätzt Grießhaber besonders deshalb, da sie in ihrer Freizeit viel auf Achse ist. Wenn es die Zeit erlaubt, verreist sie gerne. Das jüngste Ziel war Kala- brien und die Reise hat ihr einmal mehr verdeutlicht, wie angenehm es in Deutschland ist, eine gute Infrastruktur zu genießen. Viel auf Achse sein heißt für die Geschäftsführerin aber nicht, ein „mondänes Leben“ in Großstädten zu führen. Ute Grießhaber zieht es mehr in die Natur in ihrer direkten Umgebung. Die Obereschacherin mag es gerne sportlich und schlüpft deshalb in der Mittagspause oder direkt nach Feierabend in ihr pinkfarbenes Trainings-Outfit und schafft sich mit Sport einen idealen Ausgleich zum an- strengenden Büroalltag. So geht die 55-Jährige einfach aus der Bürotür oder der Haustür hin- aus und kann loslegen. Entweder sieht man sie laufen oder mit dem sportlichen Mountainbike über die Wege flitzen. „Gerade im Sommer ist das natürlich herrlich hier. Die frische Waldluft, der Blick über die Felder. Das ist einfach wun- derbar und gibt mir eine extra Portion Energie mit“, schwärmt Ute Grießhaber. Die unmittelbare Nähe zur Natur schätzt die Sportlerin besonders: „Ich bin, egal ob vom Büro oder von daheim aus, sofort im Grünen. Das genieße ich sehr.“ Im Grünen schaltet Ute Grieß- haber, die seit 1990 im Unterneh- men arbeitet und seit 15 Jahren die Geschäftsführung inne hat, gerne einen Gang runter. Beim Wandern oder beim Sammeln von Heidel- beeren und Pilzen dreht sich das Zeitrad der Managerin langsamer und die Hektik des Alltags wird aus- geblendet. Die vier Jahreszeiten, die am Rande des Schwarzwalds oft ein wechselhaftes Wetterbild malen, sind für die Natur-Genießerin eben- falls wichtig. „Jede hat ihre Vorzüge hier“, ist Ute Grießhaber überzeugt. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat viel zu bieten Im Schwarzwald-Baar-Kreis ver- misst die Unternehmerin auf pri- vater Seite im Grunde genommen nichts. Ein vielfältiges kulturelles Angebot, gerade im Bereich Jazz und Folk, hält die Region aus ihrer Sicht bereit. Ein persönliches Highlight ist für Ute Grieß- haber die Schwenninger Kulturnacht, die 2015 mit Abendtemperaturen von weit über 20 Grad schon eine mediterrane Note besaß. „Es gibt viele gute Sachen hier. Auch über die Kreisgren- zen hinaus. Hier würde ich mir manchmal einen breiteren Veranstaltungskalender wünschen, der mehr Überblick über einen größeren Radius verschafft. Aber sonst fehlt mir hier im Grunde nichts“, berichtet die 55-Jährige. Als besonders lebenswert empfindet die Obereschacherin die Region auch deshalb, weil sie so ideal liegt: Ruckzuck in den Alpen zu sein oder am Bodensee, das gehört für sie zur Le- bensqualität dazu. Das Ländliche als Rückzugs- ort zu genießen und trotzdem fast alles vor der 58 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Ute Grießhaber – begeistert von ihrem Wohnort Obereschach, der umliegenden Natur und den vielen Sport- und Freizeitmöglichkeiten. Haustür zu haben, stellt für die Unternehmerin das Nonplusultra dar. Doch was für Ute Grieß- haber fast das Gelbe vom Ei ist, muss sie Fach- kräften, die sie für ihr Unternehmen gewinnen will, oft erst schmackhaft machen. „Da wird mir natürlich immer wieder klar, dass wir hier, so schön es auch ist, auf dem Land sind, und dies für viele zunächst nicht attraktiv erscheint. Ehefrauen tun sich mit dem ländlichen Raum oft besonders schwer Wenn auch der Bewerber vom Unternehmen oft überzeugt ist, sind es oft die Ehefrauen, die sich mit dem ländlichen Charakter unserer Gegend schwer tun“, berichtet Ute Grießhaber. Dann betreibt sie gerne Standort-Marketing und zählt im Nu alle Vorteile auf, die hier zwar manchmal versteckt, aber trotzdem da sind. Besonders der Wintersport ist für viele aus der Ferne dann ein Argument, das zieht. „Wer hierher ziehen will, der muss das schon aus Überzeugung tun. Nur ein großes Gehalt ist da Ute Grießhaber – Unternehmerin 59


„Dass ich mich als Frau in einer Männerdomäne bewege, ist mir noch nie zum Nachteil gewe- sen. Es ist wich- tig, das Know- How zu besitzen und mit Wissen zu überzeugen.“ stoffspezialist aus dem Schwarz- wald-Baar-Kreis extrem hohe Stückzahlen produzieren – und das bei einer Null-Fehler-Toleranz durch höchste interne Prüfkriterien. Die Branche, in der sich Weißer + Grieß haber bewegt, ist eine Män- nerdomäne und oft sind die Ver- handlungspartner verblüfft, wenn sie mit einer Geschäftsführerin ver- handeln sollen. „Doch das ist noch nie ein Nachteil gewesen. Es ist wichtig, das Know-How zu besitzen und mit Wissen zu überzeugen“, unterstreicht die 55-Jährige. Auch als sie 1990 in die Firma eintrat, war es wichtig für sie, alle Ab- teilungen zu durchlaufen und sich das jeweilige Fachwissen so gut es ging anzueignen. „Nur dann, wenn du zeigst, dass du mitschaffen kannst und nützlich bist, wirst du auch akzep- tiert“, betont Ute Grießhaber. Dabei hatte sie nie den Eindruck, dass es ei- ne Rolle spiele, dass sie eine Frau ist. Denn ihre Mutter habe das Unternehmen schon immer wesentlich mitgeprägt. Deshalb waren es die Mitarbeiter gewohnt, dass eine Frau die Verant- wortung übernehmen kann. „Meine Eltern sind ein großes Vorbild für mich. Natürlich nicht nur beruflich, sondern auch in vielen anderen Din- gen“, gibt Ute Grießhaber Einblick in ihre Privat- sphäre. Heimat, das ist eben nicht nur die Region oder die Landschaft, sondern ein Stück Identi- tät, die dort heranreift, wo man groß geworden ist und wo sich der Lebensmittelpunkt befindet. „Mein Lebensmittelpunkt ist eindeutig hier“, bekennt sich Ute Grießhaber zu ihrer Region und ihrer Heimat. nicht entscheidend“, weiß die Un- ternehmerin. Weißer + Grießhaber setzt des- halb auf den eigenen Nachwuchs aus der Region. 20 bis 25 Azubis beschäftigt das mittelständische Unternehmen, das 2015 einen Umsatz von fast 50 Millionen Euro erwartet. „Wir ziehen uns die zu- künftigen Mitarbeiter selbst heran. Das verschafft uns wiederum einen gewissen Vorsprung in der Bran- che. Wir kooperieren viel mit den Schulen aus der Region, so auch direkt mit der Schule hier in Mönchweiler. Junge Menschen, die sich bei uns bewerben, werden nicht im ersten Schritt ausschließlich nach ihren Zeugnisnoten beurteilt, sondern der Mensch dahinter ist ausschlaggebend. Jemand, der sich für uns entscheidet, wird in unserer Firma stetig weiterqualifiziert“, berichtet die Geschäftsfüh- rerin. Auch wenn das Unternehmen weltweit aktiv ist und sogar aus Kanada Kunden für sich gewinnen konnte, stammt ein Großteil der wichtigsten Kunden aus dem näheren Umkreis. Hansgrohe zum Beispiel oder auch Bosch. „Wir sind sehr deutschlandorientiert, wollen uns aber auch noch stärker internationalisieren“, blickt Ute Grießhaber in die Zukunft. Weißer + Grießhaber produziert Kunststoffteile höchster Präzision Was für die beiden Geschäftsführer allerdings ganz klar ist, ist der Standort Mönch weiler. An dem gibt es nichts zu rütteln, selbst wenn so mancher Kunde schon forderte, dass sich die Firma auch im Ausland niederlassen möge. Das Familienunternehmen produziert Kunststoff teile, die extrem hohen Ansprüchen gerecht werden müssen, zum Beispiel Spezialfil- ter für Fahrzeugbremsen oder Kunststofflinsen für Fahrerassistenzsysteme. Dabei kommt es vor allem auf die Präzision an. Diese garantiert Weißer + Grießhaber seinen Kunden. Dank des modernen Maschinenparks kann der Kunst- 60 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Ute Grießhaber trägt bei Weißer + Grießhaber zusammen mit Reinhard Fauser die Verantwortung für 250 Mitarbeiter. Ute Grießhaber – Unternehmerin 61 Das Produktionsgebäude in Mönchweiler.


Laurent Lebas Gebürtiger Franzose – überzeugter Schwarzwälder von Barbara Dickmann Es beginnt wenige Meter hinter der Bundesstraße. Und je schmaler der Weg wird, je weniger die Häuser werden und das satte Grün des Waldes alles überdeckt, desto stärker wird dieses Gefühl. Wenn ich dann abbiege auf den Schotterweg und schon das Dach unseres Hauses erahne, macht sich eine innere Ruhe breit – ich bin auf unserer kleinen Insel gelandet, die seit 26 Jahren unser zu Hause ist. Auch ich bin eine „Reingeschmeckte“. Als Familie mit zwei Kindern sind wir 1989 aus dem Ruhrgebiet weggezogen und mitten im Wald in Triberg gelandet. Wir haben es keine Minute bereut, doch ist der Schwarzwald unsere Heimat oder ist es das Ruhrgebiet??? Heimat, was ist das? Ist es da, wo wir gerade leben, unsere Kinder zur Schule gehen? Ist es noch viel, viel mehr oder ist es weniger… oder einfach nur der Ort, an dem man geboren ist und wo die Wurzeln sind? „Was meinen Sie, Herr Lebas?“ dass er eigentlich näher an Deutsch- land ist, als an Frankreich. Ziemlich schnell ist er wieder in Karlsruhe und schließt sein Studium als Dip- lom-Ingenieur Maschinenbau (Wirt- schaftsingenieurwesen) ab. Begeistert von der Region und vom Schnee – die Heimat entdeckt Laurent Lebas, schlank, groß, sportlich, lächelt nachdenklich. Und mit einem ganz leichten französischen Akzent, um den ihn etliche beneiden würden, beginnt er zu erzählen. Laurent Lebas ist Franzose. Die Mutter stammt aus dem Elsass, der Vater spricht nur französisch, doch ist sehr deutschlandfreund- lich. Er nimmt seinen Sohn mit auf eine Dienstreise nach Deutschland. War das vielleicht der Auslöser für viele spätere Entscheidungen? Laurent Lebas weiß nur, dass er schon mit zwölf Jahren unbedingt nach Deutschland will. Im Rahmen eines Schüleraustausches landet er in Frankfurt. „Das war eine sehr nette Familie, ich habe mich sehr wohlgefühlt“, erinnert er sich. Nach dem Abi- tur will er in Deutschland studieren. „Das war damals nicht gerade populär“, doch das stört ihn überhaupt nicht. Er beginnt in Karlsruhe, geht noch einmal zurück nach Paris und merkt, „Ich glaube, als ich unsere Regi- on sah, hatte ich zum ersten Mal so ein Gefühl, das irgendwie mit „Heimat“ zu tun hatte!“ Er findet sofort einen Job und ar- beitet in Karlsruhe und im Rheintal. Dort lernt er auch seine Frau Tatiana kennen, eine Russin, die in Deutsch- land studiert hat und auch geblie- ben ist. „Dann kam 2006 das Joban- gebot aus Villingen-Schwenningen“, erinnert sich Laurent Lebas, „wir sind hingefahren, es hat geschneit, wir haben uns alles angesehen und waren ganz begeistert. Es war einfach schön!“ Schon auf der Rückfahrt sind sie sich einig. „Ich glaube, als ich unsere Region sah, hatte ich zum ersten Mal so ein Gefühl, das irgendwie mit „Heimat“ zu 62 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Laurent Lebas mit Ehefrau Tatiana, Sohn Maxime und Tochter Estelle.


Reihenhaus mitten in der Großstadt, Kinder die keine Kuh kennen, den Wechsel der Jahreszei- ten nicht hautnah erleben, kein Wald… dafür Schicki-Micki-Lokale, ein Event nach dem ande- ren… Da musste er nicht lange nachdenken. „Leben nah bei der Natur und trotzdem weltoffen sein“ Seit 2014 ist er Geschäftsführer bei Burger Industrie (BIW) in Schonach und das ist sein Traumjob schlechthin. Denn was für Laurent Lebas auch „Heimat und Wohlfühlen“ bedeutet, erlebt er in unserer Region seit dem ersten Tag. „Es sind die Menschen“, sagt er. „Diese Ehrlich- keit, Offenheit, Direktheit, die aber mit Herzlich- keit gepaart ist, dieses Leben in der Natur und trotzdem weltoffen zu sein, denn die Firmen, die hier sind, sind einfach Weltfirmen.“ Diese Kombination sei einfach genial, meint er. Keiner verlange von ihm, dass er sich „an- biedert“. Er müsse in keinen Verein, sich nicht krampfhaft engagieren, müsse nicht seine Identität aufgeben. Doch anpassen sei völlig in Ordnung und das wäre kein Problem. „Wo kommst du her?“, fragen ihn die Men- schen oft bei der ersten Begegnung. Denn wie gesagt, dieser leichte, äußerst charmante fran- zösische Akzent ist geblieben. Dann antwortet er: „Geboren bin ich in Frankreich, doch meine Heimat ist hier.“ Heimat, was ist das Herr Lebas? fragte ich am Anfang. Ich, die auch eine „Reingeschmeck- te“ bin und so vieles nachvollziehen kann, was er sagt. Heimat ist die Summe vieler Dinge. Wo ist Heimat, Herr Lebas? In Frankreich? In Deutschland? Laurent Lebas schaut erstaunt! Was für eine Frage: „ Na hier,“ sagt er, „wo sonst!“ Keine Frage: Laurent Lebas ist „Schwarz- wälder“ geworden, auch wenn er wohl nie in „Tracht“ gehen würde. Und eigentlich lebt er wie „Gott in Frankreich“ – nur, dass es bei ihm „Gott im Schwarzwald“ heißen müsste. Heimeliges Villingen – Blick zum Oberen Tor. Laurent Lebas im Büro bei Burger Industriewerk (BIW). tun hatte.“ Dieser junge dynamische Mann, der schon 2006, mit 28 Jahren, eine Führungsposi- tion übernahm und wesentlich ältere Kollegen leiten musste, ist heute noch erstaunt darüber. Wie kann das sein? Die Familie landet zuerst in Bad Dürrheim, die Tochter ist zehn Monate alt, ein Jahr später wird der Sohn geboren. Laurent Lebas arbeitet in Villingen-Schwenningen und zieht später auch in den Außenbereich von Villingen. Und das soll so bleiben. „Wir sind angekommen“, sagt er. Die wunderschöne Natur, die Altstadt, das Klima, die Nähe zu Frankreich, zur Schweiz, der Bodensee. „Ich fahre gerne Fahrrad, ich fühle mich frei hier und genieße die Lebensqua- lität.“ Natürlich hat er auch Jobangebote bekom- men, die ihn nach Stuttgart oder Norddeutsch- land oder wieder nach Paris geführt hätten. Und natürlich hat er auch einen zweiten Blick darauf geworfen, zumal einige Freunde aus der Studienzeit ihm das immer wieder schmackhaft machten. Doch was würde er für eine vermeint- liche „Karriere“, für den (vielleicht) „Super-Job“ mit (vielleicht) mehr Geld eintauschen? Das 64 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar



Ingrid Schyle Ein Leben lang in Schonach verwurzelt von Barbara Dickmann Das Bauernhaus ist liebevoll renoviert, man spürt, dass hier schon etliche Generationen gelebt haben. Glücklich und traurig waren, gesund und krank, dass viele Kinder hier groß geworden sind – gelacht und geweint haben. Keine Frage, dieses schöne Haus, das mitten in Schonach steht, hat seine Geschichte, es atmet Erinnerungen aus und saugt die Gegenwart der Menschen ein, die hier leben. Es ist das Zuhause von Ingrid Schyle, 51 Jah- re, Familienfrau mit vielen Interessen, Hobbys und Tätigkeiten. Ingrid Schyle hat in Schonach ihre Wurzeln und ihr Lebensweg klingt wie aus dem Bilderbuch. Von Beruf Erzieherin, heiratet sie, wird Mut- ter dreier Kinder und entdeckt vor 20 Jahren durch einen glücklichen Zufall ihre künstleri- sche Ader. Sie gestaltet Kerzen – ganz besonde- re Kerzen. Unikate für Hochzeiten, Taufen, für Kirchengemeinden, für Feste und Gelegenhei- ten. Ihre Kunstkerzen erobern die Welt und bis heute kommen die Menschen von weit her an- gefahren, um eine ganz besondere, leuchtende Erinnerung für ein glückliches oder tragisches Ereignis in ihrem Leben zu haben. Ingrid Schyle kann bei dieser Arbeit versinken. Die Umwelt existiert nicht mehr, ihre Hände formen von al- leine und leise Musik sorgt für die nötige Stim- mung. „Das ist mein persönlicher Ausgleich“, sagt sie, „und der Kontakt zu den Kunden ist einfach schön.“ 2007 absolviert sie die Wanderführerausbil- dung, wird Natur- und Gästeführerin und erlebt jetzt mit allen Sinnen, was sie „Heimat“ nennt. Sie wird gesuchte Referentin und erkundet mit ihrem Mann, der ehrenamtlicher Archivar von Schonach ist, jedes Fleckchen Erde in ihrer Um- gebung. Projektleiterin in der Naturparkschule Für den Naturpark Südschwarzwald entwickelte sie die Konzeption und die Module der ersten Naturparkschule in Baden Württemberg, um den Schülern die Kultur und Natur ihrer Heimat näher zu bringen. Die Naturparkschule liegt ihr besonders am Herzen. Und wenn sie mit Schü- lern die „Hirtenpfeife“ aus Holz schnitzt und das „Strohflechten“ wieder aufleben lässt, wird altes Handwerk wieder lebendig. Ingrid Schyle mit einer ihrer Kunstkerzen und unter- wegs in der Natur. 66 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar



„Früher haben das die Lehrer über- nommen, die meist hier aufgewach- sen sind. Doch heute kommen sie oft aus Freiburg oder weiter weg und kennen das alles nicht.“ Kultur, Natur und das Leben der Menschen sind ihre Worte, wenn sie von „Heimat“ spricht. Sie organisiert auch Gästewanderungen mit ihrem Vater, der ganz viel zu erzählen hat. Denn als er noch der „Hirtenbub“ war und mit neun Jahren schon ar- beiten musste, erscheint das wie ein Relikt aus dem Mittelalter. „Von der Oma meines Mannes habe ich viel gelernt“, sagt sie, „sie hat hell wie dunkel einfach ange- nommen, hat viel Schweres erlebt und doch nie gejammert.“ Sie trug noch die Tracht, wurde 100 Jahre alt und hat bis zum letzten Tag eine innere Zufriedenheit ausgestrahlt, die ihr keiner nehmen konnte. Das sei ihr Vorbild und mache ihr Mut, sagt Ingrid Schyle etwas nachdenklich. Hinter dem Bauernhaus warten Kaffee und Rhabarberkuchen und eine urige Sitzecke „Von der Oma meines Mannes habe ich viel gelernt, sie hat hell wie dunkel einfach ange- nommen, hat viel Schweres erlebt und doch nie gejammert. Sie trug noch die Tracht, wurde 100 Jahre alt.“ dicht an die Wand gelehnt, lädt zum Sitzen ein. Der Blick schweift über den Bauerngarten, das alte Haus gibt Geborgenheit. Die jüngs- te Tochter schaut kurz vorbei, die beiden ältesten Kinder studieren bereits, waren im Ausland und ken- nen fremde Kulturen. Doch in ihrer Studentenbude in Freiburg tragen sie Mutters „Strohschuhe“ und die Naturpark-T-Shirts und alle Freun- de finden das „cool“. „Sie wissen, wo ihre Wurzeln sind“, sagt Ingrid Schyle, die auch gerne verreist, sehr gerne sogar. „Heimat“ mit allen Sinnen erleben Ein paar Tage Stadtleben, ein paar Wochen andere Kulturen erleben, über den Tellerrand schauen, sind Dinge, die ihr Freude machen. Sie fährt gerne weg und kommt gerne wieder. Denn Ingrid Schyle liebt ihre Wurzeln, lebt zwar voll in der Gegenwart, doch liebt die Vergangenheit, die sie an jeder Ecke spürt. Sie genießt den Kontakt Rezept von Ingrid Schyle für Apfelminzblättchen Die Apfelminze ist ein wohl schmeckendes, mildes Garten- und Heilkraut , das gut in unserem Klima wächst. Blätter abzupfen und abtrocknen. Mit flüssiger, fertiger, dunkler Kuvertüre mit dem Pinsel beide Seiten anstreichen (nicht eintauchen) und trocknen lassen. 68 Ingrid Schyle


Lesend daheim im Garten und beim Unterricht in der Naturparkschule. zu den Menschen, die ihr nahestehen, die ihre Familie sind, zehrt von deren Erlebnissen und Erfahrungen und vor ihrem inneren Auge entsteht dann ihre Heimat, wie sie einmal war. Ingrid Schyle erlebt „Heimat“ mit allen Sinnen, mit jedem Strauch und jeder Blume, in ihrem Haus und mit den Menschen, die sie seit vielen Jahren kennt. Wegzuziehen und woan- ders zu leben, diesen innigen Kontakt zu verlie- ren, das kann sie sich nicht vorstellen. Langsam zieht die Sonne weiter und die ers- ten Schatten fallen auf das Bauernhaus. Ingrid Schyle arbeitet noch ein wenig im Garten, wie schon die Oma früher. Für morgen zupft sie ein paar Blätter der Apfelminze, ein wohlschme- ckendes, mildes Garten- und Heilkraut. Sie will sie abtrocknen und mit flüssiger, fertiger Kuver- türe bestreichen – schmeckt einfach köstlich! Ihr Vorrat ist leider aufgegessen – und raten Sie mal von wem? Von mir natürlich… XXX 69


Albrecht Benzing Seit über 30 Jahren Engagement in der Flüchtlingsarbeit von Daniela Schneider Was wäre wohl aus der jungen Tamilin Senayt geworden, wenn es Albrecht Benzing nicht gäbe? Und wie wäre es im Leben der Flüchtlingskinder Hudda und Adel, der eritreischen fünffachen Mutter Josief Kibra oder des einst sehr verzweifelten, heimatlosen Kathira-velu Udaykumar aus Sri Lanka weitergegangen, hätten sie alle den resoluten Mann aus Schwenningen nicht kennengelernt? Natürlich weiß auf diese Fragen niemand so genau eine Antwort. Eines steht unterdessen felsenfest: All diese Menschen hatten schlichtweg großes Glück, dass sie ihre Schicksalswege zu Albrecht Benzing führten. Flüchtlingshilfe – das ist ein Thema, dem sich viele Engagierte widmen, auch und gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich angesichts all der weltweiten Krisen, Konflikte und Men- schenrechtsverletzungen und all der verschie- denen weiteren Nöte so viele Menschen auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen und so auch als Asylbewerber in unserer Region landen. Für Albrecht Benzing allerdings ist dies alles wirklich nichts Neues. Seit über drei Jahr- zehnten macht er Flüchtlingsarbeit im besten Wortsinn und mit wahrlich bemerkenswerter Konsequenz. 55 Jahre alt war der Unternehmer, gelernter Schreiner und Holzingenieur, in der Mitte seines Lebens stehend, erfolgreich im Beruf und ein zufriedener Ehemann und Familienvater, als er den weitreichenden Entschluss fasste, sich einer neuen Lebensaufgabe zu widmen. „Mensch Papa, mach es, mach nochmal was Gescheites in Deinem Leben“, das haben seine beiden Söhne Thomas und Jörg damals im Jahr 1990 zu ihm gesagt. Und auch Ehefrau Karin ließ kei- nen Zweifel aufkommen, dass sie ihren Mann unterstützen würde. So kam es, dass Albrecht Benzing sein seit 25 Jahren gut gehendes Mö- belfachgeschäft in Schwenningen verpachtete und mehr oder weniger von heute auf morgen seinen Beruf aufgab. „Es war ein klarer Schnitt“, sagt er heute, denn nur so habe er sich voll einbringen können. Fortan war klar: Albrecht Benzing arbeitet ab dato hauptberuflich, aber ehrenamtlich, als Flüchtlingsbetreuer, zustän- dig für ganz Baden-Württemberg mit einem Schwerpunkt im Regierungsbezirk Freiburg. Auch materielle Einbußen Dass mit dieser Entscheidung auch materielle Einbußen einhergingen, auch das trug seine Familie mit. „Sie waren einverstanden, dass ein Teil des Familienvermögens für die Flücht- lingshilfe verwendet wird“, fasst Benzing diese sicher nicht selbstverständliche Entscheidung zusammen. Aber sie alle hätten damals wie heute gewusst, dass das sprichwörtlich letzte Hemd bekanntlich keine Taschen hat. „Wir müssen uns doch alle täglich sagen, wie gut wir leben“, fand Benzing damals und das gilt ihm auch heute noch als Devise. Davon wollte er etwas abgeben. 70 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Aus dem einstigen Flücht- lingsmädchen Senayt ist eine junge Frau geworden, die mitten im Leben steht. Albrecht Benzing freut sich, dass sein Schützling nun so- gar als Werbeträgerin ihres Arbeitgebers fungiert.


Albrecht Benzing vom Landesarbeitskreis Asyl zeigt einer Flüchtlingsfamilie das neue Zuhause. Die Auf- nahme stammt aus dem Jahr 1989. Zu der Zeit war er bereits seit einigen Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig. Vorausgegangen war ein Hilferuf aus Donaueschingen. Dort war 1983 eine Asylbewerberunterkunft eingerichtet worden. Konflikte mit der Bevölkerung tauch- ten auf und die Caritas-Sozialbetreuung wandte sich auf der Suche nach Unterstützung auch an die Friedensgruppe der evangelischen Kirchen- gemeinde Villingen-Schwenningen. Albrecht Benzing, selbst schon länger in der kirchlichen Friedensarbeit tätig, half mit, Vorurteile ab- und einen Dialog zwischen Behörden, Flüchtlingen und den Einheimischen aufzubauen. Gegensei- tig Achtung haben und Toleranz wahren, das waren dabei die Leitlinien. Neue Hoffnung für Familien „Schwierigkeiten gab es und gibt es natürlich“, beschönigt Albrecht Benzing nichts. Schlägerei- en unter unterschiedlichen Nationalitäten seien da zum Beispiel vorgekommen, hin und wieder seien auch Leute mit krimineller Energie unter den Neuankömmlingen gewesen. Und dann waren da noch kulturelle Differenzen. Sozialbe- treuung heißt in diesem Fall das Zauberwort – und da kann man schon mit ganz wenigen Klei- nigkeiten oft große Wirkung erzielen, berichtet der Fachmann. Immer wieder – das beobachtet er auch heute noch – ließen manche der Flücht- linge die Türen im Asylbewerberheim tempera- mentvoll, lautstark ins Schloss fallen, wenn sie einen Raum verließen. Der Schwenninger nahm und nimmt die Leute zur Seite, zeigt ihnen, wie man eine Tür auch leise zumachen kann und, dass das hierzulande einfach einen besseren Eindruck macht und durchaus als respektvolle Geste durchgeht. Dankbarkeit war und ist in den allermeisten Fällen die spontane Reaktion, die meisten hatten das schlicht und ergreifend einfach nicht gewusst und sich darüber auch noch nie Gedanken gemacht. Pragmatisch muss Flüchtlingsarbeit sein, da ist sich Albrecht Benzing sicher. In Villin- gen-Schwenningen wurde 1985 in der Gewer- bestraße 20 eine Gemeinschaftsunterkunft 72 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Die Eltern leisten mutige Hilfe für Juden Hilfe für andere – ein Familienerbe, Men- schen in Not zu helfen, das war in der Familie Benzing schon immer eine Selbst- verständlichkeit, sogar in Zeiten, in denen man sich damit selbst gefährdete. Albrecht Benzings Eltern Lydia und Eberhard Benzing haben sich bereits für Flüchtlinge und Ver- folgte eingesetzt; im Kreis um Margarete Hoffer halfen die Schwenninger während der Nazizeit mehreren jüdischen Personen, die so über Schwenningen in die Schweiz fliehen konnten, 50, vielleicht 60 Menschen wurden auf diese Weise unterstützt. Die Flucht gelang versteckt im Lkw, der in Schwenningen produzierte Schuhe in die Eid- genossenschaft brachte; Vater Benzing war Betriebsleiter in der Schuhfabrik. Der kleine Albrecht, Jahrgang 1935, wurde damals als unverdächtiger Botengänger eingesetzt. 1945 war bei Benzings außerdem über ein Jahr lang eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen ein- quartiert. Ähnliches war bekanntlich auch bei anderen Einheimischen der Fall, die Besonder- heit hier war allerdings, dass Mutter Benzing keine Sekunde zögerte, freiwillig Wohnraum anzubieten, nachdem sie das Elend der ankommenden Menschen und die schiere Notwendigkeit erkannt hatte, hier spontan zu helfen. eingerichtet. Ein ökumenischer Arbeitskreis der Johanneskirche und der Mariä-Himmelfahrts- Kirche wurde gegründet, der auch gegen Hetze und Angstmache vorging und das Schüren von Vorurteilen bekämpfte. Benzing betreute im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde bis zu 150 Personen, zunächst hauptsächlich Flüchtlinge aus Bangladesch, Tamilen aus Sri Lanka, Eritreer oder aramäische Christen aus der Südosttürkei. Er bot Beratung und materi- elle Hilfe an, unterstützte die Menschen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und bei Familien- zusammenführungen und er half als Beistand bei Behörden und Institutionen. Immer wieder erwies sich auch die Woh- nungssuche für jene oft kinderreichen Familien, deren Asylantrag bereits bewilligt wurde, als äußerst schwierig bis tatsächlich unmöglich. Albrecht Benzing suchte nach einer pragmati- schen Lösung – und fand sie. Die Stiftung „Neue Hoffnung“ wurde gegründet und mit Unterstüt- zung von Förderern und Helfern wurden meh- rere Häuser gekauft, in denen die Familien zur Miete in die Wohnungen einziehen konnten. Hilfe für Tausende von Menschen Zahlreiche Menschen wurden derweil auch kur- zerhand im Hause Benzing untergebracht. Die Eritreerin Josief Kibra und ihre fünf Kinder waren oft da; der Nachwuchs wurde im Winter im Schlitten durch den Schwenninger Schnee ge- zogen und plantschte im Sommer im Benzing- schen Garten im Wasserkübel herum, eben so, als wären es die eigenen Kinder, ein ganz normales, glückliches Leben führend. Wenn Albrecht Benzing im Familienalbum blättert, die Aufnahmen zeigt und davon erzählt, sagt er auch: „Das war ein Segen.“ Kurz und knapp bringt er so auf den Punkt, wie sehr es ihn und seine Frau freute, anderen ein Stück weit Normalität und Geborgenheit zu vermitteln. Heute sind die Kinder von damals längst er- Kinder aus Eritrea erleben als Gäste der Familie Benzing in Schwenningen erstmals einen Winter. Albrecht Benzing 73


In vielen Arbeitskreisen aktiv In vielen Arbeitskreisen und an runden Ti- schen ist Albrecht Benzing aktiv: 1989 war er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Asyl Baden-Württemberg, der als Koordinierungsstelle zwischen den Basis- gruppen und der Landesregierung ins Leben gerufen wurde und heute als Flüchtlingsrat Baden-Württemberg firmiert. Seit 1985 ist Benzing Vertreter der Evangelischen Kirchen- gemeinde Schwenningen als Flüchtlingsbe- auftragter; er arbeitet außerdem seit 1996 als Bezirksbeauftragter des Evangelischen Dekanats Tuttlingen für Flüchtlingsarbeit und Migration und ist ebenfalls seit den 1990ern Beauftragter der Landeskirche; er engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Villingen-Schwenningen mit dem Arbeitskreis Asyl; dieser besteht seit 2014 und hat zirka 30 Mitglieder; aktuell soll eine Schreibstube aufgebaut werden, um zum Beispiel Anträge auszufüllen. ist er dort tätig; etwa zur gleichen Zeit flatterte dann auch noch die deutsche Staatsbürger- schaft ins Haus – ein Moment großer Freude auch für die Familie Benzing. Diese zählt die Menschen nicht, denen sie hilft. Tausende dürften es im Laufe der Jahre gewesen sein, um die sich Albrecht Benzing mit Unterstützung seiner Frau im ganzen Land gekümmert hat, sie kamen aus sicher über 300 Staaten aus aller Welt. Natürlich erlebt er auch Enttäuschungen, wenn mühsam vermittelte Arbeitsstellen zum Beispiel einfach nicht an- getreten werden. Da wird der Schwenninger zornig und wütend, dafür hat er kein Verständ- nis. In den allermeisten Fällen aber erlebt er Dankbarkeit und den Willen der Leute, selbst aktiv zu werden, um ein besseres Leben führen zu können. Hilfe zur Selbsthilfe will er leisten, Vertrauen aufbauen und dabei aber niemanden in Watte packen, vor allem nicht die Erwachsenen, mit Freude über den Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung. wachsen,haben ihre Schulausbildung beendet, Berufe erlernt und sind nun gut integriert in die früher für sie fremde Gesellschaft; das gilt für diese Familie und sehr viele weitere auch. Da wäre etwa die junge Senayt, auf die Benzings besonders stolz sind; sie wuchs bei ihnen auf, machte ihren Realschulabschluss, lernte Arzthelferin, bildete sich in der Altenhilfe weiter, wo sie nun mit großem Einsatz tätig ist. Mittlerweile hat sie eine eigene Familie mit drei Kindern. Erfolgsgeschichten sind das, ebenso wie jene eines Tamilen – Albrecht Benzing nennt ihn ziemlich stolz „mein Udaykumar“ –, der allein und einsam einst hier ankam, zur Schwenninger Firma Hechinger vermittelt, dort schnell Vorarbeiter wurde, eine Familie gründen konnte und heute als vereidigter Dolmetscher selbst hilft, wann immer es nötig ist. Vor zwei Jahren hat der ehemalige Asylbewerber bei He- chinger sein Dienstjubiläum gefeiert, 25 Jahre Karin Benzing mit Gästen aus Eritrea. 74 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


denen man „durchaus Tacheles reden kann.“ Besser könnte hingegen seiner Ansicht nach die Zusammenarbeit zwischen Ämtern und Behör- den und der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit sein, dann ginge manches auch leichter; oft sei die Auseinandersetzung da zermürbend und aufreibend. Wie es trotzdem klappt? „Mit Ge- sprächen, Schreiben und viel Hartnäckigkeit.“ Mit der Zeit wurde er Fachmann in Einwande- rungsfragen und im Aufenthaltsrecht, in seinem Büro stehen aberhunderte Akten mit vielen Einzelfalldokumentationen und vielen Daten zur Gesetzeslage. Immer wieder versuchte er auch, vor dem Verwaltungsgericht etwas zu erreichen und zum Beispiel Härtefallregelungen zur Anwendung zu bringen. Und: Er ist bestens vernetzt, kennt viele Akteure, darunter auch po- litisch Verantwortliche. Der 80-jährige Albrecht Benzing: „Ich mache weiter, solange die Kraft reicht“ Benzings Einsatz für die soziale Integration von Flüchtlingen wurde schon oft gewürdigt. Das Kronenkreuz der Diakonie wurde ihm vor 15 Jahren verliehen, diese Auszeichnung nahm er ausdrücklich im Namen aller Engagierten entgegen; das Bundesverdienstkreuz und an- dere Ehrungen schlug er unterdessen aus. Im Dezember 2014 dann reiste er doch mal nach Berlin, um anlässlich des Internationalen Tags der Migranten eine Ehrung von Staatsministe- rin Aydan Özoğuz im Auswärtigen Amt entge- genzunehmen, die ihm diese anerkennenden Worte mit zurück in die süddeutsche Heimat gab: „Sie schaffen Begegnungen, bauen Ängste ab und erleichtern das Ankommen in Deutsch- land.“ Das hat ihm gefallen, ebenso wie der kurze Plausch mit Außenminister Frank-Walter Stein- meier, der bei der Feier neben ihm stand und ihm ebenfalls Hochachtung für seine Arbeit zollte. Im September 2015 ist der drahtige, sport- liche Mann, der „zum Ausgleich und weil es Spaß macht“ gerne aufs Fahrrad steigt, zwei Mal pro Woche im Schwimmbad seine Runden dreht und sich zudem gerne mit seiner Frau zusammen um die Enkelkinder kümmert, 80 Albrecht Benzing (rechts) nutzt seine Ehrung beim Internationalen Tag der Migranten durch Staatsmi- nisterin Aydan Özoğuz, Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, zu einem Plausch mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Jahre alt geworden – unglaublich, wenn man ihn in seiner ganzen Agilität erlebt. Die Energie, mit der er sich Tag für Tag neu ans Werk macht, anderen Menschen zu helfen, ist offenbar ungebrochen. „Ich mache weiter, solange die Kraft reicht“, sagt Albrecht Benzing äußerst entschlossen und meint damit auch ein ent- schiedenes Eintreten gegen Fremdenhass und rassistische Hetze. Wichtig ist ihm zudem, den Unterstützer- kreis zusammenzuhalten, damit die Arbeit, die er so außergewöhnlich begonnen und jahrzehn- telang praktiziert hat, auch erfolgreich weiter- geführt werden kann, gerade auch jetzt, wo wieder viele Flüchtlinge ins Land kommen. Dass es ein Engagement wie seines wohl so nicht noch einmal geben wird, das weiß er selbst, auch wenn er das nie so sagen würde. Für ihn war jedenfalls alles folgerichtig und ein- fach nur konsequent. Rückblickend sagt er: „Ich würde es genau so wieder machen.“ Albrecht Benzing 75


Anke Jentzsch Kunsttherapeutin und Imkerin kommt in der Landschaft der Baar zur Ruhe Von Madlen Falke Anke Jentzsch präsentiert ihre Frühjahrstracht – Honig aus dem Brigachtal. 76 76 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Wenn Anke Jentzsch auf die Wiese hinaus geht und es anfängt, um sie herum zu brum- men, steigt ihre Vorfreude von Schritt zu Schritt. Jetzt ist wieder die Zeit gekommen, um abzuschalten – den Tag hinter sich zu lassen und sich auf die Arbeit mit den Bienen zu konzentrieren. Nur dann, wenn sie ihre Arbeit gewissenhaft und mit Ruhe ausführt, geht es ihren Völkern gut und nur dann wird sie sich über die Honigernte freuen können. Anke Jentzsch ist auch Imkerin und vergisst bei ihren Bienen die Welt um sich herum. XXX 77 77


Die Marbacher Kunsttherapeutin Anke Jentzsch. Eins mit der Natur zu werden, sie genau zu beobachten, freudig zu erwarten, wenn die ersten Blumen blühen oder sich über die Hinter- lassenschaften klitzekleiner Fichtenrindenläuse zu freuen, weil es dann mal wieder einen be- sonders feinen Waldhonig zu ernten geben wird – all das liebt Anke Jentzsch. Erzählt die Frau, die aus Marbach kommt und dort auch ihre fünf Bienenvölker auf einer Wiese ihrer Familie beheimatet hat, von ihrem Hobby, leuchten ihre Augen auf. Spürbar stolz ist sie darauf, dass es dank eines Lehrgangs an der Universität Hohenheim und nun auch mit der praktischen Erfahrung von fünf Jahren gelingt, aus der Natur ein so wertvolles Produkt wie Honig herauszuholen. „Es ist faszinierend, wie dieser Super-Organis- mus funktioniert und welche Fähigkeiten er entwickelt hat. Eine Biene alleine kann nichts ausrichten. Aber alle gemeinsam leisten enorm viel. Mir gefällt es, mich beim Imkern entspre- chend der Jahreszeiten auf den Rhythmus der Bienen einzustellen und nur dann kann auch al- les funktionieren. Es ist einfach ein Phänomen, das mich jedes Mal aufs Neue ins Staunen ver- setzt“, berichtet sie begeistert von ihrem Hob- by, das sie so liebevoll betreibt, dass sie auch die Honiggläser mit einem hübschen, selbst gestal- teten Etikett versieht. Durch und durch ein „Heimat-Kind“ Dass sich ihr Hobby auf der Baar abspielt, das wundert nicht, ist sie doch ein richtiges Hei- mat-Kind. 1967 wird sie in Schwenningen als jüngstes von insgesamt fünf Kindern geboren und wächst in der ländlichen Idylle Marbachs auf. Ihr Spielplatz sind die Wiesen, ein Bach und die Dorfwege. Sie betreibt viele Jahre auch aktiv Judo im örtlichen Verein. In Marbach ist ihre Familie tief verwurzelt. Die Großeltern mütter- licherseits betrieben die Mühle, die seit 1724 im Besitz der Familie Riegger ist. In Marbach besucht sie auch die Grundschule und wechselt dann auf das Hoptbühlgymnasium in Villingen. Abitur macht sie am Wirtschaftsgymnasium. 78 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Mit der Hochschulreife in der Tasche zieht es die junge Frau zum Studium der bildenden Künste ins Ausland, an die Universität nach Rennes in Frankreich. „1000 Kilometer von Zuhause weg zu sein, das hat mich bei der Ankunft erst einmal kurz überfordert. Mein erster Gedanke war, gleich nach einer Tasse Kaffee und einem Croissant am besten wieder heim zu fahren“, erinnert sich Anke Jentzsch zurück. Doch Halt macht sie nicht nur in einem fran- zösischen Café, sondern auch in einer Kirche. Die Ruhe und die Atmosphäre erinnern sie an zuhause. Ein Gespräch mit einem freundlichen alten Franzosen, der wie ihre Großeltern vom Krieg und den Nachkriegsjahren erzählt, ändert ihre Meinung, und so verbringt sie insgesamt viereinhalb Jahre in Frankreich, studiert nach dem ersten Jahr allerdings im elsässischen und der Heimat wieder näheren Strasbourg. Den klassischen Weg in die Kunst, zum Bei- innerhalb Deutschlands oder auch ins europäi- sche Ausland, ist das Elternhaus nun der sichere Hafen, der ihr half, bald die Orientierung wie- derzufinden. Und auch das eigene künstlerische Tun in dieser Zeit trägt deutlich zur Genesung bei. Die Weiterbildung zur Kunsttherapeutin erfolgt im Elsass Ihre mehrjährige berufsbegleitende Weiter- bildung zur Kunsttherapeutin absolviert sie wiederum im Elsass. Seit 2004 arbeitet sie als Kunsttherapeutin in der Nachsorgeklinik Tann- heim. Sie begleitet krebs-, herz- und mukovis- zidosekranke Kinder, Jugendliche und junge Er- wachsene in ihrer schwierigen Lebenssituation. Sie ist für verwaiste Familien da, die damit fertig werden müssen, ohne ihr Kind weiterleben zu spiel als freischaffende Künst- lerin oder Mitarbeiterin einer Galerie oder eines Museums, schlägt die Marbacherin nach dem Studium allerdings nicht ein. Ein schwerer Autounfall, bei dem sie selbst traumatisiert wird, lässt ihren Entschluss heranreifen, eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin an das Studium anzuschließen. Der Unfall verändert das Leben der jungen Frau und stellt es für eine gewisse Zeit auf den Kopf – sonst offen für alle Wege, ob Anke Jentzsch am Arbeitsplatz in Tannheim. Die Kunsttherapie in der Nachsorgeklinik ermöglicht den Kindern, Jugendlichen und deren Eltern emotionale Stärkung und Entlastung in ihrer schwieri- gen Lebenssituation. Anke Jentzsch 79


müssen. Auch im Schwarzwald-Baar-Klinikum engagiert sich Anke Jentzsch und bietet in der onkologischen Abteilung eine Malgruppe für die Patienten an. Weiter engagiert sie sich im Verein Anna e.V. bei Tübingen. Hier fährt sie zu Familien nach Hause, bei denen Geschwister- kinder krebskranker Kinder ihre Unterstützung brauchen. Als ob das alles noch nicht reichen würde, unterrichtet die sympathische Frau auch an der St. Ursula-Schule in Villingen in einem Stundendeputat Schüler der Klassen 5, 6 und 9 in bildender Kunst. Ihre beruflichen Aufgaben bedürfen einer besonderen persönlichen Stärke und einer ge- hörigen Portion Mut, doch Anke Jentzsch, die eine Frau ist, die spürbar in sich ruht und diese Ruhe auch auf ihr Gegenüber überträgt, schöpft aus der Arbeit auch viel Kraft. „Ich lerne so viele unterschiedliche Menschen sowohl aus der Region, als auch aus ganz Deutschland kennen, und alle haben ihre eigene Lebensgeschichte. Es ist auch schön zu sehen, wie ich durch meine Arbeit bei erkrankten Kindern und Jugendlichen einen Prozess auslösen kann, der sie trotz ihrer Krankheit in ihrer Neugierde, ihrer Entwicklung und ihrem Willen stärkt und ihnen wieder ein Stück Lebensfreude zurückgibt, die ganz natür- lich zur Kindheit gehört“, berichtet sie von ihrer therapeutischen Arbeit. Die Heimat gibt mir Energie und Ausgleich Die Heimat ist, gerade weil sie einen Beruf hat, der sie emotional auch fordern kann, wichtig für Anke Jentzsch. „Sie gibt mir Energie und Aus- gleich. Deshalb beziehe ich die Natur und die Landschaft, die ja zum Beispiel bei der Nachsor- geklinik so wunderbar vor der Haustür liegt, auch in meine Arbeit mit ein. Viele Menschen tanken dann auch selbst aus der Natur und der Umgebung Kraft und sind fasziniert davon, in welch wunderbarer Region wir hier leben dür- fen“, gibt Anke Jentzsch Einblick in ihre eigene Sicht auf die Heimat und diejenige der Patien- ten. Kunsttherapeutin, die wenige freie Zeit intensiv für sich zu nutzen. Auch hier geht ihr Weg wie- der häufig in die Natur – und eine Region mag sie besonders gern. „Ich mag die Baar. Ich laufe sehr viel, fahre Mountainbike und wandere sehr gerne. Ich bin oft in Aasen, Pfohren und auf den Feldwegen am Öschberghof oder den Teilstrecken des Jakobswegs unterwegs. Von gewissen Orten aus sehe ich die Alpen, manch- mal Richtung Westen sogar bis nach Frankreich. Der Blick in die Weite, das ist etwas Besonderes für mich“, erzählt sie. Immer wieder hört man Anke Jentzsch sagen, dass sie hier am richtigen Platz sei, sowohl in Bezug auf die Region, die Menschen ihrer Umgebung als auch in ihrem Beruf. Doch ausgeschlossen ist es nicht, dass sie später, vielleicht nach dem aktiven Berufsleben, mal für eine Zeit das Weite sucht, aber immer mit dem Blick darauf, wieder Heim kommen zu können. Sehr gerne in Donaueschingen unterwegs Den Blick über den Tellerrand hinaus bewahrt sich Anke Jentzsch auch in Bezug auf die Region. Auch weil die Nachbarregionen wie der Hegau, die Schwäbische Alb oder der Breisgau so viel Schönes und Vielfältiges bieten, lohnt es sich im Schwarzwald-Baar-Kreis zu leben. „Wir leben im Dreiländereck, wir sind so schnell an vielen schönen Orten“, sagt sie. In Donaueschingen geht sie gerne einkau- fen und hält sich in einem der Fitness-Studios fit. „Jetzt im Sommer treffe ich mich natürlich auch gerne mal in der Eisdiele“, sagt sie und lacht. Warum gerade Donaueschingen für sie so interessant ist? „Ich kann hier kostenlos parken und es gibt hier alles auf kleinem Raum. Einige kleine Läden und ein überschaubares Angebot, das gefällt mir. Außerdem bin ich gerne in der Stadtbibliothek. Das Personal dort ist sehr freundlich. Ein ganz besonders lohnendes Ziel ist für mich auch das Museum Biedermann mit seinen hervorragend präsentierten Kunstaus- stellungen“. In ihre Arbeit investiert Anke Jentzsch sehr viel Zeit. Umso wichtiger ist es deshalb für die Auch die Lokale in der Nähe mag die Mar- bacherin sehr gerne, denn eine ihrer Leiden- 80 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Die Marbacher Kunsttherapeutin Anke Jentzsch (hin- ten links) bei ihrem Projekt „Chapeau! – die kleine Hutwerkstatt“ im Villinger-Franziskanermuseum. schaften ist das Essen, auch wenn man das der schlanken Frau so gar nicht ansieht. So trifft man die Kunsttherapeutin im Falken in Wolter- dingen oder im Mostschöpfle in Hüfingen, aber auch in der Scheune in Neudingen. In St.Geor- gen besucht sie wiederum gerne die Ausstellun- gen im Kunstraum Grässlin, in Schwenningen die Städtische Galerie. In Villingen zieht es sie in die kleinen Einzelhandelsgeschäfte, in denen sie die freundliche Beratung so schätzt, und in das Café Törtchen oder das Paletti. „Die regionale Küche mag ich sehr. Sie darf auch ruhig ganz einfach sein, solange die Zuta- ten sehr gut sind. Zur Zeit esse ich am liebsten eine richtige Scheibe gutes Buurelaible mit fran- zösischer Salzbutter und natürlich einer ordent- lichen Portion meines eigenen Honigs. Einfach lecker!“, berichtet sie und schmunzelt. Große Anerkennung für „Ganze Perspektiven“ Ihre künstlerische Ader bringt Anke Jentzsch auch immer wieder in verschiedenen Projekten zum Vorschein. Sehr erfolgreich war ein Projekt, das sie gemeinsam mit Jörg Rinninsland vom Hegau-Jugendwerk Gailingen angegangen ist und sich dem Thema „Ganze Perspektiven“ gewidmet hat, bei dem sich Patienten aus der Nachsorgeklinik Tannheim und des Hegau-Ju- gendwerks Gailingen aktiv mit eingebracht haben. Das Kunstprojekt wurde auch im Land- tag von Baden-Württemberg und im Bundes- ministerium für Arbeit und Soziales in Berlin ausgestellt. Auch in kleinen Heimatprojekten bringt Anke Jentzsch ihre Ideen und ihr Know-How ein. So hat sie erst in den Sommerferien einen Feri- enprogrammpunkt mit dem Titel „Chapeau! – die kleine Hutwerkstatt“ im Franziskanermuse- um angeboten. Auch bei verschiedenen Schul- projekten zusammen mit den St. Ursula-Schulen hat sie schon erfolgreiche Projekte ins Leben gerufen. In Kooperation mit dem Gymnasium am Deutenberg erhielten ihr Kollege Werner Schumacher und sie mit ihren Klassen für ein Literaturprojekt anlässlich des 40-jährigen Dop- pelstadt-Jubiläums den großen Preis des Ober- bürgermeisters. Anke Jentzsch wohnt gerne in ihrem Heimat- ort Marbach – die Heimat ist eben auch ein Ort, der viele gute Erinnerungen in sich trägt, auf die man zurückgreifen kann wie auf eine Energie- quelle. Anke Jentzsch 81


Bärbel Brüderle Vorsitzende der Muettersproch-Gsellschaft, begeisterte Fastnachterin und frühere Stadtführerin von Dieter Wacker Wo hat sie nur diesen ihr so eigenen Humor her? Bärbel Brüderle setzt ein schelmisches Lächeln auf und schüttelt den Kopf. „Sell woeß ich nit so genau!“ Der Vater, ein waschechter Villinger, hat zwar Fasnet gemacht, ins Häs, zum Beispiel bei der Historischen Narrozunft, ist er aber nie gegangen. Zum Abschluss der Volksschule habe sie mal angefangen, lustige Sketche zu schreiben und die kamen gut an. „Obwohl sie ganz schön frech waren“, erinnert sich Bärbel Brüderle und freut sich immer noch darüber, als wäre es gerade ein paar Tage her. Später, während ihrer Krankenpflegeausbildung und auch danach als Schwester, hat sie im Krankenhaus mit ihren Späßen Patienten unterhalten und ihnen den Aufenthalt so ein wenig erleichtert. „Ich glaube, ich war da so etwas wie der erste Krankenhaus- Clown“, erzählt sie und kann sich dabei ein Lachen nicht verkneifen. Die heute 72-Jährige muss irgendwie gleich mehrere ganz besondere Gene in sich tragen: Eines für die humoristische Seite mit viel Mut- terwitz, eines für ihr dichterisches Talent, eines für das schnelle Auswendiglernen von Texten, eines für ihr präzises Gedächtnis und eines für ihren engen Bezug zu Heimat und Sprache. Seit 20 Jahren ist sie unermüdlicher Motor der Regi- onalgruppe der Muettersproch-Gsellschaft „A Brig un Breg“, die sich mit Leib und Seele dem Alemannischen verschrieben hat. Doch Bärbel Brüderle nur auf die Mund- art zu reduzieren, das würde ihr auch nicht ansatzweise gerecht. Lange Jahre brachte sie Besuchern als Stadtführerin die Geschichte, die Schönheiten und die Besonderheiten Vil- lingens näher. Zu ihren Spezialitäten zählten Führungen zu den Kunstwerken in der Stadt. Eines ihrer Lieblingsobjekte steht beim neuen Landratsamt am Hoptbühl: Die „Kuckucksuhr“ von Albert Hien mit ihren Rädern und Wasser- spielen. Weil es bei ihr heute aber ein Kreuz mit dem Kreuz ist, verzichtet sie mittlerweile auf die Stadtführungen. „Fasnet ist wie ein Virus, der einen anfällt und den man dann nicht mehr los wird“ Und dann gibt es da noch die Fastnacht – ein weiterer großer Lebensabschnitt von Bärbel Brüderle. „Fasnet ist wie ein Virus, der einen anfällt und den man dann nicht mehr los wird“, berichtet sie aus langer Erfahrung. Früher stand sie regelmäßig auf der Bühne des Villinger Zunftballs in der alten, verstaubten Tonhal- le. Später trat sie an Fasnet bei den Villinger Bärbel Brüderle vor ihrem früheren Milchlädele. 82 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


XXX 83


Münster-Wiebern auf. So richtig bekannt wurde sie aber ab etwa Mitte der 1990er Jahre. Ei- nes Tages kam ihr Sohn Alexander und fragte sie: „Dätsch Du mit mir an Fasnet rumlaufe?“ „Wenn Du mir Gschichtle anbringsch“, die Ant- wort der Mutter. Gesagt, getan. Aus dem, was den Leuten so unterm Jahr an kleinen Missgeschicken passiert war, bastelte Bärbel Brüderle ihre Vorträge und Moritaten, mit denen sie an Fastnacht zusammen mit „Alex“ durch die Kneipen der Stadt zog. Als der Sohn – seit Jahren gefeierter Regisseur des Villinger Zunftballs – längst seine eigenen när- rischen Wege ging, war Bärbel Brüderle Jahr für Jahr alleine unterwegs. Und heute? Kneipenfasnet ist nicht mehr. Da ist leider das Kreuz mit dem Kreuz… Doch draußen im Ländle, da kann man die Villinge- rin ab und an noch live erleben. Wird sie doch immer wieder von Regionalgruppen der Muet- tersproch-Gsellschaft zu Auftritten eingeladen. „Das hat sich irgendwie herumgesprochen, dass ich so was mache“, sagt Bärbel Brüderle. Ihre Moritaten kommen auch zwischen Bodensee, Lörrach und Offenburg bestens an. Und ihr fällt immer wieder etwas Neues ein, womit sie die Menschen unterhalten kann. Oftmals spontan. Bei der Fastnachterin Bärbel Brüderle darf ein wichtiger Part nicht fehlen. Der beim Großen Villinger Umzug am Fasnetdienstag. Dabei ist sie beim Zug selbst nie mitgelaufen. Dafür machte sie viele Jahre die „Vorhut“ und stimmte die Tausenden von Zuschauern am Straßenrand mit Sprüchle und Liedern auf das närrische Treiben ein. Schließlich sollte der närrische Lindwurm in bester Stimmung empfangen werden. Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Fensterplatz zum Umzug. Auf dem Speicher hatte Bärbel Brüderle eines Tages einen alten Fensterrahmen gefunden. Schlagfertig marschierte sie mit dem Rahmen dem Umzug voraus und rief: „Wer braucht ei- nen Fensterplatz? Ein Fensterplatz beim Umzug macht warme Füß‘, man wird nicht nass und kann Vitamine bunkern. Denn aufgepasst: die Glonkis, die werfen ihre Orangen immer nur in die Fenster rein.“ Und wers nicht glaubt: Bärbel Brüderles „Fensterplätze“ gingen weg wie die warmen Semmeln… Das ist genau der Stoff, aus dem in Villingen Originale werden. Auch der Umzugsspaß ist für sie leider vorbei. Weshalb? Halt wegen dem Kreuz mit dem Kreuz! Vorsitzende der regionalen Muettersproch- Gsellschaft „A Brig un Breg“ Doch eine Leidenschaft lässt sich die 72-Jährige nicht vermiesen: Die Pflege der Muettersproch. Seit 1995 ist sie Vorsitzende der Regionalgruppe „A Brig un Breg“ der Muettersproch-Gsellschaft. Sie organisiert Vorträge, Diskussionsveranstal- tungen, Unterhaltungsabende, Dichterlesun- gen, Konzerte, Diavorträge, Buchvorstellungen, Ausflüge, Gedenkfeiern und nicht zuletzt den monatlichen Stammtisch jeden dritten Diens- tagnachmittag im Villinger Café „Leute“. Vor 20 Jahren, bei der Präsentation einer Buchvertonung des verstorbenen Villinger Hei- matdichters Hans Hauser, hatte Bärbel Brüderle den damaligen „Präsi“ Klaus Poppen nach einem Anmeldeformular für die Muetter sproch- Gsellschaft Südbaden gefragt. Am Ende wurde die regionale Gruppe „A Brig un Breg“ mit Bär- bel Brüderle als Vorsitzende daraus. „Das war alles andere als geplant“, sagt sie heute und ergänzt: „Da wächst man dann halt irgendwie rein“. Gestartet mit 35 Mitgliedern hat die Regio- nalgruppe inzwischen 145 Getreue. Alle verbin- det, die alemannische Sprache mit ihren vielen Facetten zu erhalten. Treffpunkt der Mundartler ist oft das Villinger „Theater am Turm“. In der Bürgerwehrstube beim Romäusturm findet am ersten Adventssonntag der schöne Brauch „z‘Liecht gau“ mit Gesang, Gedichten und Ge- schichten statt. Bärbel Brüderle selbst forscht gerne. So hat sie sich intensiv mit alemannischen Spottna- men für Orte beschäftigt. Wochenlang saß sie dazu auch im Kreisarchiv. Der Name der muttersprachlichen Regi- onalgruppe „A Brig un Breg“ umschreibt mit dem alten keltischen Namen für Brigach und Breg – den beiden Quellflüssen der Donau – das Gebiet, wo die Mitglieder daheim sind. „Vu 84 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


St. George über Villinge bis ge Eschinge, Bräun- linge un Hüfinge“, betont Bärbel Brüderle nicht ohne Stolz. Bärbel Brüderle im Kurgarten beim Kunstwerk „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“, an der Fasnet in der Bütt und vor dem liebsten Kunstwerk, dem Hien-Kuckuck am Landratsamt. Eine gebürtige Villingerin Bärbel Brüderle ist in Villingen geboren. Wäh- rend der Kriegstage suchte die Mutter mit den Kindern in Unterkirnach eine sichere Bleibe. Später zogen die Eltern berufsbedingt – der Vater war Eisenbähnler – nach Aufen. 1958 kam Bärbel Brüderle nach Villingen zurück. Nach dem Besuch der Hauswirtschaftsschu- le, lernte sie Krankenpflege im Villinger Kran- kenhaus und arbeitete als OP-Schwester. Beruf- liche Abstecher führten sie nach Überlingen und in die Schweiz, ab 1968 lebte sie wieder in ihrer Heimatstadt Villingen. 1970 heiratete sie und betrieb zusammen mit ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Mann Helmut in der Scheffel- straße einen Milchladen. Noch heute zeugt die große Milchflasche über ihrem Hauseingang vom „Lädele“. Als der Druck der Großmärkte zunahm, gaben die Brüderles 1992 das Geschäft auf. Danach war Bärbel Brüderle noch 13 Jahre in der Hauspflege der Sozialstation tätig. Sie hat zwei Kinder: Alexander und Stefanie. Bärbel Brüderle 85


86 5. Kapitel – Wirtschaft


Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri Auf der Gewinner-Seite stehen: Ein Blick auf regionale Wirtschafts- und Technikgeschichte am Beispiel des Zahnrades von Prof. Dr.-Ing. Jürgen Hönig Mobil sein, Nachrichten austauschen, die Gesundheit verbessern oder sich einfach nur unterhalten lassen – seit Jahrhunderten sucht die Menschheit nach tech- nologischen Hilfsmitteln, die ihr die Arbeit und das Leben erleichtern. Das führte zu einem Auf und Ab von Technologien und Produkten: In unserer Region hat die Uhrenproduktion dieses Auf und Ab erlebt – insbesondere das Ab im 20. Jahrhundert. Unternehmerischer Weitblick im Zusammenwirken mit kompetenten Mitar- beitern konnte im Gefolge der Uhrenkrise eine gesamtwirtschaftliche Abwärtsbewegung ver- hindern: Neue Produkte, oft auf der Uhrentech- nik fußend, ermöglichten das Überleben vieler Unternehmen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis ent- wickelte sich eine neue technologische Welt elite, die uns von der mechanischen Schwarzwalduhr bis auf die Reise zum Kometen Tschuri führte (s. Seite 112). Beim Blick auf diese Fortentwick- lung über zwei Jahrhunderte hinweg fällt einem als zentraler Bestandteil vieler Erfindungen und Produkte das Zahnrad auf. 87 87 Montage eines mechanischen Kuckucks uhrenwerkes bei SBS-Feintechnik, Schonach. Die Industrie im Schwarzwald-Baar- Kreis wurzelt in der Uhrenindustrie sprich Feinmechanik.


Zahnradähnliche Einrichtungen zur Kraftübertragung existieren seit dem Altertum. Schon Leonardo da Vinci stellte in seinen Publikationen diverse Anwendungsbeispiele zusammen. Zahnräder und Getriebe finden sich in Mühlen, Sägewerken, Uhrwerken, Kameras, Gas- oder Wasserzählern, in Kraftfahrzeugen, Haushalts- oder Bürogeräten. Nicht selten stammen sie aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Unternehmen unserer Region sind an so gut wie jedem technologischen Fortschritt beteiligt, wenn er auch nur ein Stück Mechanik verlangt. Erste im Schwarzwald hergestellte Unsere Region ist an so gut wie jedem technologischen Fortschritt beteiligt, wenn er auch nur ein Stück Mechanik verlangt. Und kaum eines dieser Produk- te hätte ohne den Einsatz von Zahn- rädern funktioniert. und technische Anforderungen führten in kürzester Zeit zu Er- findungen, Entdeckungen und Entwicklungen wie Telefon, Radio, Fotografie, Automobil oder Rönt- genstrahlen. Diese forcierten den Drang nach besserem Lebensstan- dard für weite Kreise der Bevölke- rung. Unternehmer mit Weitblick nutzten nun ihre Firmenressour- cen zur Herstellung dieser Produk- te oder fungierten als Zulieferer für Bestandteile. Nahezu in allen Uhrenfabriken wurden die Mono- strukturen aufgebrochen, neue Produkte ergänzten oder ersetzten Technikprodukte für den Massenmarkt waren Uhren. Sie wurden zunächst in Werkstätten, dann in größeren Stückzahlen in Fabriken pro- duziert. Diese Zeitmesser waren lokal und auch auf dem Weltmarkt erfolgreich. Doch zum Ende des 19. Jahrhunderts hin und zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten immer rationellere Ferti- gungstechniken in Zusammenhang mit globa- lem Wettbewerb und Preisverfall zu enormen Problemen – einer ganzen Region drohte der Abschwung. das bisherige, oft ausschließlich an der Uhr ori- entierte Fertigungsprogramm. Dazu gehören Bestandteile zu Gas-, Wasser- und Stromzäh- lern, hierbei vorzugsweise die Zählwerke. Unterhaltungselektronik von SABA, Platten- spieler von Dual, das Radio von B.K.S. Ketterer beziehungsweise der BADUF, das batteriebetrie- bene Tonbandgerät Butoba mit Uhrwerkantrieb von SBS-Feintechnik, Fahrtenschreiber und Park – uhren von Kienzle, die Lenkhilfe von ebm-papst sind weitere Beispiele dafür, wie Unternehmen aus dem Landkreis mit neuen Produkten erfolg- reich globale Märkte eroberten. Neue Produkte oder Bestandteile brechen die Fazit dieses kurzen Abrisses: Kaum eines die- Monostrukturen der Uhrenfabriken auf Lösungen für diese Krise zeichneten sich bald ab: Neue Bedürfnisse ser Produkte hätte ohne den Einsatz von Zahn- rädern funktioniert. Der Weg von den Mahl- und Sägemühlen zu vielen Produkten der Neuzeit ist ohne den Einsatz von Zahnrädern nicht vorstell- bar. Zahnräder stehen als Synonym für Kom- petenz in mechatronischen Systemen – bis hin Ob Ketterer in Furtwangen oder Burger in Schonach: Die Fertigung von Zählwerken für Gas-, Wasser- und Stromzähler bescherten den einstmals reinen Uhrenfabriken ein überlebenswichtiges Zusatz- geschäft. Abgebildet ist ein Gas- zähler der Firma Ketterer aus den 1890er-Jahren mit Münzeinwurf. 88 Wirtschaft


zur Nanotechnologie. Versucht man vor diesem Hintergrund den technologischen Fußabdruck des Zahnrades und dessen Folgeerscheinungen in unserer Region darzustellen, stellt sich einem ein eng verflochtenes Netzwerk von Unterneh- men, Ortschaften, Interessenslagen und Markt- beziehungen dar. Einige Beispiele machen in der Folge dieses Netzwerk und dessen Auswirkun- gen anschaulich. Kienzle-Automaten kontrollieren Arbeitszeit oder gestatten Kauf von Parkzeit Dampfmaschine, Verbrennungs- und Elektro- motor ermöglichten es, den über Jahrhunderte hinweg tiergebundenen Transport von Men- schen und Gütern zu einem maschinengestütz- ten Transport weiter zu entwickeln. Zunächst fuhr ab 1872 die Schwarzwaldbahn, es kam zum Anschluss an den Weltverkehr. Dabei erhöhte sich die Effizienz des Landtransportes: Sie hat sich – aus heutiger Sicht betrachtet – von weni- ger als 50 km/Tag auf wenigstens 1.000 km/Tag mindestens verzwanzigfacht. Die neue Mobilität hatte große Auswir- kungen auf die Zeitmessung. Zunächst wurden, ausgelöst durch erheblich kürzere Fahrzeiten, präzisere und in großem Umfang auch ortsunge- bundene Uhren erforderlich, um wirtschaftlich funktionierende Fahrpläne realisieren zu können. Gleichzeitig stellte man fest, dass die Bindung an unterschiedliche Ortszeiten nicht mehr sinnvoll ist; es wurden Zeitzonen erforderlich. Das frühere Nebeneinander von Stuttgarter und Karlsruher Zeit sowie einigen Schweizer Lokalzei- ten (in unserer Region bis zu etwa 10 Minuten Differenz) war nicht mehr tragbar. Kienzle-Parkuhr mit Sichtfenster im Uhrenindustriemuseum in VS-Schwen- ningen. Im Zentrum des mechanischen Innenlebens befindet sich das Zahnrad. Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri Kienzle in Schwenningen erkannte das als Chance. Das Unternehmen geht auf eine Fir- mengründung von Johannes Schlenker im Jahr 1822 zurück. Die so entstandene Deutsche Uh- renfabrik wurde im ausgehenden 19. Jahrhun- dert von dem eingeheirateten Jakob Kienzle für eine Produktion von Uhren mit sechsstelligen Stückzahlen pro Jahr ausgebaut. Wecker und Armbanduhren stellten sich den Anfordernissen der industrialisierten Welt. Die Ressourcen des Unternehmens ermöglichten es zudem, in wei- tere Produkte zu expandieren. So entstanden neben Fertigungslinien für Stechuhren zur Kon- trolle der Arbeitszeit von Mitarbeitern, soge- nannte „Arbeitsschauuhren“ zur Kalkulation von Fertigungskosten, Taxameter und Parkuhren. Im übertragenen Sinn konnte man sich nun, durch den Automaten kassiert, Zeit kaufen. Zeit, um beispielsweise auf einem Parkplatz stehen zu können. Natürlich erfolgten die Zeitmessung und das Geldkassieren mit Hilfe eines uhrwerk- ähnlichen Zahnradgetriebes. Über den Taxa- meter – Buchhaltungs- und Kassiergehilfen des Taxifahrers – sowie Fahrt-Schreiber für Busse und Lastkraftwagen war der Weg der ursprüng- lichen Kienzle-Uhren fabrik in den Automobilbe- reich geebnet. Heute sind Kombiinstrumente und komplette Fahrerarbeits- plätze für gewerbliche Fahr- zeuge starke Geschäftsfelder der Continental Automotive GmbH, des Unternehmens, in der in heutiger Zeit Kienzle Apparate aufgegangen sind. Die Ergänzung dieser Produktlinien durch Geräte zur automatisierten Maut- erhebung führte zu einem weiteren global erfolgreichen Bestandteil unser aller Mobi- lität. Auf der In ternetseite von Continental ist darüber hinaus zu lesen: „Die Instandhaltung und Refinanzierung der kostenin- tensiven Verkehrsin frastruktur ist nur ein Vorteil unserer Maut-OBUs (On-Board-Units). Wir bei Conti- nental können viel mehr als das. 89


Eigentlich ist es müßig, darüber nachzudenken, wenn man erfährt, dass die gleiche Motoren- Philosophie benutzt wird, um im Automobil beim Ersatz von bislang hydraulischen Kon- zepten mit den neuen x-by-wire Technologien entscheidende Funktionen auszuführen. Motor, Elektronik und digitaler Informationsfluss be- finden sich auf dem Stand des 21. Jahrhunderts, doch die eigentlichen Prozesse im Automobil erfordern – man ahnt es schon: Zahnräder in Getrieben. Zahnräder, die für ihr Zusammen- spiel geeignete Gehäuse, Lager und Achsen brauchen. Nicht nur im Automobil schlägt sich ein weitreichendes Antriebskonzept von ebm- papst nieder: Auch in Bahnfahrzeugen kommen diverse Antriebe von ebm-papst zum Einsatz, immer wiederkehrend auf der Basis eines wirklich neuen Konzeptes zum Elektromotor. Exakte Drehzahlprofile und reproduzierbare Bewegungen sowie hohe Ausfallsicherheit in allen Einsatzbereichen sind hier die wichtigsten Anforderungen. Präzise positionierbare DC- und GreenTech EC-Motoren mit hervorragenden Regeleigenschaften in unterschiedlichsten Auslegungen und Leistungsklassen eröffnen ein neues Sicherheitsniveau. Mit integrierter Betriebselektronik, Getrieben und Drehzahlge- bern werden sie höchsten Komfortansprüchen gerecht. ebm-papst ist als renommierter En- Eine On-Board-Unit von Continental. Sie dient der automatischen Mauterhebung, aber auch der Steuerung des Verkehrsflusses. Heute unterstützen die intelligenten OBUs von Continental die Steuerung des Verkehrsflusses auf weniger befahrenen Straßen und sichern die Mobilität auf überlasteten innerstädtischen Strecken. Diese On-Board-Units bilden die Grundlage für Mehrwertdienste für all unsere Kunden – Betreiber und Speditionen.“ In diesem Abriss der Kienzle-Produktlinien ist bereits der Ansatz zu intensiver Vernetzung unternehmerischer Tätigkeiten erkennbar: War seit dem 19. Jahrhundert das wirtschaftlich herstellbare und gleichsam perfekt funktionie- rende Endprodukt angestrebt, so hat sich das Geschäftsfeld nun auf die Produktion unver- zichtbarer Bestandteile von anderen Komplett- produkten verlagert. Immer mehr Uhrenher- steller wandelten sich zum Zulieferbetrieb, sie diversifizierten ihre Fertigung. Das brachte eine größere Flexibilität bei der Nutzung eigener Kompetenzen, bedeutete das Ende der lange Zeit vorherrschenden Monostrukturen. Von Papst-Motoren zum Systemanbieter ebm-papst Und es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: Ist ein Lüfter von ebm-papst ein Fer- tigprodukt oder Bestandteil von Produkten? Maximale Fahrsicherheit bei hohen Geschwindigkei- ten und bequemes Handling beim Einparken – auch dank der Zahnradtechnik. EC-Antriebe von ebm-papst dienen der aktiven Lenkunterstützung. 90 Wirtschaft


gineeringpartner und Hersteller von Gebläse- und Antriebs lösungen seit Jahren in vielen Applikationen im Einsatz. Damit in Zukunft Sicherheit und Komfort nicht auf der Strecke bleiben. Immerhin wurde kürzlich ebm-papst als Deutschlands nach- haltigstes Unternehmen ausgezeich- net (bei 680 Teilnehmern). Der Wunsch nach Unterhaltung schafft viele neue Arbeitsplätze In St. Georgen wur- de für Grammopho- ne ein Antriebsmo- tor mit wahlweise Federbetrieb oder elektrischem Be- trieb entwickelt: die Startposition des Unternehmens Dual. Man hatte sozusagen den iPod der Weimarer Repu- blik geschaffen. Ein nicht zu unterschätzendes Grundbedürfnis des Menschen be- steht im Wunsch nach Unterhaltung. Frühere Potentaten konnten sich Or- chester und Theater leisten, Mittel- und Unterschicht der Bevölkerung jedoch nicht. Spieluhren und ihre Fortentwick- lungen in Form des Orchestrions griffen diesen Bedarf weiter Bevölkerungskreise auf. Grundla- ge war wieder das auf Zahnradgetrieben basie- rende Uhrwerk. Auf Musikwerke spezialisierte Unternehmen wie Imhof und Muckle in Vöhren- bach stellten zusammen mit anderen Produzen- ten im Schwarzwald die Spitzenposition auf die- sem Gebiet dar. Glück licherweise überlebte ein hochwertiges Philharmonie-Orchestrion durch Lieferverzögerung den Titanic-Untergang. Nicht überlebt hat der Hersteller: Er war auf dieses aufwendige und teure Produkt so sehr speziali- siert, dass er beim Aufkommen des preiswerten Grammophons über Nacht chancenlos wurde. Unternehmen indes, die auf der Grammophon technik basierten, konnten den Übergang zu elek- tronischen Baugruppen aktiver mitgestalten. In St. Georgen wurde ein eigens dafür geeigneter An- triebsmotor mit wahlweise Feder- betrieb oder elektrischem Betrieb entwickelt: die Startposition des Unternehmens Dual. Man hatte sozusagen den iPod der Weimarer Republik geschaffen. Es ist fast nicht erforderlich, zu erwähnen: Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri Der Dual-Antrieb stammt aus dem Hause Papst-Motoren. 1937 wurde der Dual-Plattenspieler auf der Welt- ausstellung in Paris mit einer Me- daille ausgezeichnet. SABA – Vom Uhrwerk zur Radio- und Fernsehtechnik Die Schwarzwälder Apparate Bau- Anstalt in Villingen, kurz SABA, kommt von der Produktion von Uhrwerken her und wurde von Jo- seph Benedikt Schwer 1835 in Triberg gegründet. Die SABA widmete sich ab den 1920er-Jahren auch der elek- trischen Unterhaltungstechnologie. Zunächst wurden Radio-Bestandteile gefertigt. Zur Abstimmung auf unterschiedliche Sen- der waren Drehkondensatoren erforderlich, die SABA in höchster Qualität fertigte. SABA vollzieht hier bereits 1925 einen entscheidenden Schritt in Richtung Bedienungserleichterung: Man wollte dem Radiohörer nicht nur die Sen- dereinstellung an sich, sondern eine komfor- tabel handhabbare Funktion bieten. Ziel war, auf der Radioskala die Frequenzen der Sender gleichförmig aufzuteilen und so eine Grob- und Feinabstimmung für bestmögliche Klangquali- tät zu erreichen. Das gelang mit dem SABA-Or- thometer. Herzstück des dazu erforderlichen Drehkondensators ist ein Zahnradgetriebe! Somit hat das Zahnrad die elektrischen Medien, die Infor- mations- und Unterhaltungselektronik erreicht. Bestmögliche Senderabstimmung und Klangqualität dank SABA. Steht der Skalenanzeiger bei Paris, dann hört man diesen Sender auch – lange Zeit war dies nicht selbstverständlich. 91


Werbeblatt zum SABA 980 WLK für Wechselstrom mit vier Wellenbereichen samt Selbstsuche der Sender, Marktein- führung 1937. ten den Plattenspieler an, sondern auch immer mehr „normale“ Hö- rer. Fehrenbacher in St. Georgen baut vor diesem Hintergrund die legendären Dual-Plattenspieler nach (siehe Seite 120), ebenso ist die einst ruhmreiche Marke Perpetuum- Ebner zu neuem Leben erweckt worden (siehe Seite 126). Und, wie könnte es auch anders Ein Jahrzehnt später entwickelte SABA das überhaupt erste Radio mit automatischem Sendersuchlauf (SABA 980WLK 1937). Ein Elek- tromotor mit angepasstem Zahnradgetriebe realisierte den elektromechanischen Teil die- ser Funktion. SABA baute auch Widerstände, Abstimmspulen, Kopfhörer, Lautsprecher und Transformatoren. Das heißt, auch Drähte, die bei Uhren als Rohmaterial für Achsen und Spi- ralfedern dienten, wurden einer Zweitverwen- dung in der Elektronik unterzogen. Die Technik des Wickelns spielte dabei eine große Rolle. Gegen Ende der 1920er-Jahre folgt die Zusammenstellung von Radiobausätzen und schließlich die Fertigung kompletter Radiogerä- te. Damit verlässt SABA die Konzentration auf die Herstellung von Bestandteilen. Fertige Gerä- te in großen Stückzahlen konkurrieren zunächst erfolgreich mit anderen Markenprodukten, bis die Marktsättigung erreicht ist. Das führt ab den späten 1960er-Jahren zum Niedergang und schließlich zur Auflösung der SABA. Dual und PE: Perfekter Hörgenuss „Made in St. Georgen“ Aber manche Dinge kommen wieder, was die einstige Phono-Hochburg St. Georgen freut: Gegenwärtig entwickelt sich ein neues Interesse an Plattenspielern, der Markt boomt förmlich. Nicht mehr nur Klangspezialisten und DJs schal- sein: Der Antrieb der Dual- oder PE-Plattenteller erfolgt durch einen Motor von ebm-papst! Diese hochwertigen Plattenspieler sind vollständig „Made in St. Georgen“, stammen somit aus dem einstigen Kompetenzzen trum für Analogtech- nik mit Weltgeltung. Und die analoge Welt der Plattenspieler baut zudem eine Brücke in die digitale Gegen- wart: Über eine USB-Schnittstelle lassen sich die Schallplatten digitalisieren und beispielsweise auf das Smartphone überspielen. Die SBS-Feintechnik treibt ihr mobiles Ton- bandgerät „Butoba“ mit einem Uhrwerk an Ein weiterer bekannter Hersteller von vorzugs- weise mechatronischen, kundenspezifischen Antriebslösungen ist die BURGERGRUPPE in Schonach. Kuckucksuhrwerke gehörten und ge- hören bei der SBS bis heute wie selbstverständ- lich zum Angebot. Auch Burger war Spezialist für den Bau von Grammophonantrieben. Was lag also näher, als diese in abgewandelter Form in Tonbandgeräten einzusetzen? In zudem sehr kleinen und handlichen Geräten: Burger ver- trieb mit dem Produkt „Butoba“ in den 1950er-Jahren weltweit das erste wirklich trag- bare Tonbandgerät. Der Bandantrieb durch ein Uhrwerk und der konsequente Einsatz der Tran- sistortechnik ließ die ansonsten erforderliche Batteriegröße entsprechend schrumpfen. Die 92 Wirtschaft


Mit dem kleinsten Tonbandgerät der Welt als Reporter in Afrika unterwegs. Das Tonband- gerät Butoba der Schonacher SBS-Feintechnik machte es möglich. Benutzungsdauer dagegen stieg deutlich an. Wenn man so will, war jetzt der iPod der Nachkriegszeit da. Vorausschauend vernachlässigte Burger dabei nicht sein Kerngeschäft als Zulieferer für mechanische Bestandteile, denn der Erfolg auf dem Markt für Ton- bandgeräte war nicht von Dauer – auch wenn man mehrere zehntausend Stück veräußern konnte. Somit störte die mas- sive Konkurrenz von Revox (zeitweise in Villingen) und Uher nicht wirklich. Die heutige BURGERGRUPPE überlebte den Niedergang von Butoba dank ihres auf mecha- nischen Produkten basierenden Kerngeschäftes. Heute glänzt die mittelständische Gruppe als Komplett anbieter für kundenspezifische An- triebstechnik. Kaiser-Uhren in Villingen: Chancenlos gegen SABA und Grundig Auch die J. Kaiser Uhren GmbH Villingen, kurz Kaiser-Uhren, begründete in den 1920er-Jah- ren – wie etliche andere Unternehmen – eine Produktlinie für Radio-Bauelemente. Der Werk- zeugpark eines Uhren- oder Uhrenbestandteile- herstellers war dazu prädestiniert – bestand ein frühes Radio doch vorzugsweise aus feinmecha- nisch produzierten Komponenten. Doch: Kaiser fertigte nach dem Zweiten Weltkrieg komplette Radios, keine Bestandteile mehr. Dadurch bestand unmittelbare Konkurrenz zu Produzenten von Großserien wie SABA oder Grundig, gegen die sich Kaiser nicht behaupten konnte. Durch die Aufgabe der Fertigung von Bestandteilen und die Konzen tration auf Fertig- geräte war die Unternehmensflexibilität nicht mehr gegeben: Kaiser musste aufgeben. Ähnlich erging es der Marke JOTHA (Johan- nes Hüngerle) in Königsfeld. Finanzprobleme Mitte der 1950er-Jahre führten zum Konkurs von JOTHA, obwohl die Radiogeräte denen der Konkurrenten qualitativ mindestens ebenbürtig waren. Zahnradtechnik sorgt für höhenverstellbare Arbeitsplätze Automatisch höhenverstellbare Arbeitsplätze sind aus dem heutigen Produktions- und Ar- beitsalltag nicht mehr wegzudenken. Dahinter stecken Zahnradgetriebe, unterstützt durch elektrische Antriebe und eine anwendungs- spezifische Steuerung durch integrierte Mikro- elektronik wie sie das Unternehmen B. Ketterer CAD-Konstruktion zu einem höhenverstell- baren Arbeitsplatz von Ketterer Antriebe in Furtwangen. Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 93


Söhne produziert. Gewiss ist die Elektronik unverzichtbar, doch auch in diesem Fall gilt: Oh- ne die zahnradgestützte Getriebetechnik wäre der Erfolg am Markt nicht denkbar. Ein Kunde bewertet die Ketterer- Mechanik so: „Getriebe, deren Gang so weich wie Butter ist“. Und woher stammt das Know-how? Kette- rer gehörte zu den frühen Uhrenfabriken im Schwarzwald, noch mehr aber zu den ersten Produzenten von Gas-und Wasserzählern in Baden. Im Innern dieser Zähler befanden sich mechanische Laufwerke, die der Uhrentechnik entsprungen sind. Herzstück des Ganzen: hoch präzise Zahnradgetriebe. Maschinenbauer ermöglichen die Präzision Was ermöglichte diese Präzision, die Massen- fertigung von Zahnrädern? Die Maschinen der Furtwanger Koepfer Zahnrad- und Getriebe- technik GmbH beispielsweise! Heute handelt es sich dabei um computergesteuerte, hoch moderne Bearbeitungszentren. Koepfer machte durch seine Maschinen die in der Feinmechnik erforderliche Präzision in Mengen verfügbar. Es sei nur angemerkt, dass die Flanken der Zähne von Zahnrädern mathematisch bestimmten Kurvenformen folgen müssen, um perfekt abzu- rollen und reibungsarm zu funktionieren. J. G. Weisser in St. Georgen hat seine Ur- sprünge in einer Huf- und Wagenschmiede an der früheren Poststraße von Straßburg nach Wien. Heute gilt Weisser als technologisch welt- weit führender Hersteller von multifunk tionalen Präzisions-Drehmaschinen und Dreh zentren. Seit 150 Jahren werden Industriekunden, hauptsäch- lich mit Bezug zum Automobilbau, mit immer wieder innovativen Lösungen beliefert. Vorzugsweise die Uhrenindustrie wurde von Johann Morat, heute IMS Gear, mit Maschinen, Werkzeugen, Zahnrädern, Zahnwellen, Drehtei- len beliefert. Somit wuchs dieser ursprünglich aus Eisenbach stammende Betrieb, heute in Do- naueschingen, zum Spezialisten für Zahnräder und Getriebe heran. Große Systemlieferanten werden für ihre Produkte in der Automobil- branche beliefert – und das weltweit. Kommen wir zurück zu ebm-papst. Wer kennt das nicht, lästige Tätigkeit wie den Rasen mähen… Es gibt eine Lösung dazu. ebm-papst wirbt mit dem Slogan: „Robo allein zu Haus – Guck mal, wer mäht denn da?“ Das fragen sich die Nachbarn, wenn der Rasenmäher wie von Geisterhand gesteuert allein über den Rasen fährt. Immer stärker entlasten uns Roboter wie diese von lästigen Tätigkeiten in Haus und Hof. Möglich wird das auch durch EC-Technik: Das ist die Motorentechnik, die auf dem Technologie- pfad von ebm-papst basiert. Wir können sicher sein: Werden Kräfte umgelenkt, verändert oder an bestimmten Plätzen benötigt, dann werden wir dem Zahnrad begegnen – inmitten modernster Elektronik und Informatik. Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich wurzeln ebenfalls in der Mechanik Hiesige Unternehmen aus dem Gesundheits- bereich haben ebenfalls ihre Wurzeln in der Feinmechanik – ähnlich wie im Tuttlinger Raum mit Aesculap/Braun, Chiron oder Storz. G. Wohl- muth aus Furtwangen ist als einstiger Produ- zent elektrischer Baugruppen wie Messgeräte, Trockenelemente oder verstellbare Widerstän- de bekannt. Mit diesen Komponenten fertigte Wohlmuth das Produkt „Reizstromgerät“ für die Elektrotherapie. Aus nicht näher bekannten Gründen beendete Wohlmuth 1934 seine zu- nächst sehr erfolgreiche Tätigkeit. Die elektrische Parkbremse von IMS Gear funktioniert auf Knopfdruck und erleichtert das Anfahren am Berg – im Innern findet sich auch Zahnradtechnik. 94 Wirtschaft


Das Grundbedürfnis nach Das Grundbedürfnis Gesundheit motiviert viele Unter- nehmensaktivitäten, wie bei Alpro in Mönchweiler oder Biedermann in Donaueschingen/Villingen zu beobachten ist. Nicht nur, dass von Biedermann eines der herausragen- den Museen unseres Landkreises gestaltet wird, in den Produktions- stätten werden durch die Implantat- systeme von Biedermann optimale Verbindung von Medizin und Technik realisiert. nach Gesundheit motiviert viele Un- ternehmensaktivi- täten, wie bei Alpro in Mönchweiler oder Biedermann zu beobachten ist. Gesundheit ist und bleibt eines der zen- tralen Themen un- serer Gesellschaft. In unmittelbarer Nähe zu Bieder- manns Museum gibt es seit Kurzem das Experimentierparadies für Kin- der. Eine der angebotenen Aktivitä- ten besteht darin, mit vielen Zahnrädern eine riesige Uhr zusammenzubauen. So lernen be- reits die Kleinsten die Bedeutung und Funk tion dieses so symbolträchtigen Bestandteiles vieler Geräte von gestern bis heute kennen. Goethes Geburt und neun Jahre vor Schiller!) produzierte Gussteile für die Uhrenfertigung: Glocken, Gewichte, Halbfertigteile. Mit dem Nachfragerückgang aus der Uhren- branche besann man sich darauf, mit dem Firmeninventar eine Erwei- terung auf Bestandteile und kom- plette Geräte der Telegrafen- und Telefontechnik vorzunehmen. Zwei Hilfskomponenten waren in diesem Telefon erforderlich: So der Rufspan- nungserzeuger, der vom Benutzer an einer Kurbel zu betätigen war, um beim legendären Fräulein vom Amt eine Glocke läuten zu lassen. Da die mit der Hand gedrehte Kurbel zu langsam war, um die erforderliche Rufspan- nung zu erzeugen, musste durch Übersetzung mit einem Zahnradgetriebe die erforderliche Drehgeschwindigkeit erreicht werden. Weiter der durch eine Wählscheibe in Gang gesetzte Nummernschalter. In Verbindung mit dem zen- tralen Wählamt ermöglichte er ab beginnen- dem 20. Jahrhundert, die Telefonverbindung zu einem anderen Teilnehmer selbst herzustellen. Damit war der Rufspannungserzeuger im Tele- fon ein Produkt von gestern. Nicht jedoch das Zahnrad: Der Nummern- schalter ist im Prinzip ein durch die Wählschei- be betriebenes Uhrwerk. Es hat die Aufgabe, der Nummer zugeordnet, durch Stromkreisunter- brechungen Impulse auszusenden und somit Ein Experimentierparadies ist das Kinder-und Jugend- museum Donau eschingen. Das Getriebe aus Zahn- rädern verdeutlicht den Kindern das Wesen der Me- chanik. Somit lernen Kinder am Beispiel des Zahnrades die Gesetze der Mechanik kennen. Das Zahnrad und seine Rolle bei der Übermittlung von Nachrichten Genau wie bei der Unterhaltungstechnik kann man sich auch bei der Übermittlung von Nachrichten fragen, welche Rolle das Zahnrad spielt oder gespielt hat. Betrachten wir hierzu die Historie von SSS Siedle in Furtwangen. Der 1750 gegründete Gießereibetrieb (ein Jahr nach Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 95


Teile der Enigma stammen aus Furtwangen Wenn es um die verschlüsselt durchgeführte Kommunikation geht, dann gibt es eine weitere Furtwanger Adresse: Aktiengesellschaft für Feinmechanik und Apparatebau (AGFA), 1915 gegründet von Johann Wehrle und Ernst Reiner. Die Aktiengesellschaft für Feinmechanik und Apparatebau erhielt im Dezember 1921 ein Patent auf eine Wächterkontrolluhr, bei der ne- ben der Zeit durch einen beweglichen Schreiber auch der Gang des Wachpersonals aufgezeich- net wurde. Diese Kontrolluhren wurden unter dem Markennamen „Vibrograph“ vertrieben. Ein Rüttelschreiber zeichnete zusätzlich zu den Stationsmarkierungen das Laufdiagramm des Nachtwächters auf. Blieb dieser in der Wachstu- be sitzen, ließ sich das am nächsten Morgen auf der Diagrammscheibe nachweisen. Anhand der Aufzeichnungen des eingebauten Schreibstiftes konnte man sogar das Lauftempo des Wächters feststellen. Heute würde diese Funktion auf dem Smartphone eine App realisieren. Daneben entwickelte, baute und lieferte diese Firma auch Teile des berühmten Chiffrier- gerätes „Enigma“ für die deutsche Wehrmacht. Mehrstufig angeordnete Verschlüsselungswal- zen leisteten, in ein Zahnradgetriebe eingebet- tet, auf mechanischem Weg die Verschlüsse- lung von über Funk übermittelten Nachrichten. Hierbei hatten Zahnräder die entscheidende Funktion. Reiner in Furtwangen war in der Lage, diese in perfekter Präzision zu liefern. Der Schwarzwald steckt voller Hidden Champions Zurück in die Gegenwart. Die Frankfurter All- gemeine Zeitung berichtete bereits 1980 über das „Silicon Valley des Uhren machenden Schwarzwaldes“. Bundeskanzler Schröder lo- kalisierte die Hidden Champions 2005 dann in Furtwangen: „Wie ich gelesen habe, gibt es in Deutschland für so etwas ein Modell. Das ist das „Modell Furtwangen“. Furtwangen ist eine Kleinstadt im Hochschwarzwald, fast 1.000 Meter hoch gelegen. Dort gibt es keinen Bahn- Ein Siedle-Wählscheibentelefon aus den 1930er- Jahren. Das Aquarell stammt von Max. H. Siedle. Er ist der Vater des erfolgreichen Unternehmers Horst Siedle, der das Unternehmen zu seiner heutigen Be- deutung und Größe führte. den Wählvorgang vorzunehmen. Dabei hat auch dieses Uhrwerk mit Präzision zu arbeiten, denn jeder Impuls muss genau 1/10 Sekunde dauern, wobei 0,4/10 Sekunden eingeschaltet und 0,6/10 Sekunden ausgeschaltet wird. Des- halb wird dieses spezielle Uhrwerk mit einem mechanisch arbeitenden Drehzahlregler kombi- niert, eine Einrichtung, die man in gleicher Form vom mit Uhrwerk betriebenen Grammophon her kennt. Inzwischen ist natürlich bei Siedle auch der Nummernschalter Historie, elektronische Bau- gruppen haben die Funktionen zur gezielten Kommunikation ersetzt. Und im nachfolgen- den Entwicklungsschritt ergänzte Siedle seine Produktreihen durch Bildübertragung und zeit- gemäße Netzwerkanbindungen sowie Zutritts- kontrolleinrichtungen für unterschiedlichste Bereiche. Doch Zahnräder waren für Siedle eine unverzichtbare Brückentechnologie auf dem Weg zum erfolgreichen Weltunternehmen. 96 Wirtschaft


hof und keinen Autobahnanschluss. Furtwangen aber hat eine der nied- rigsten Arbeitslosenquoten in ganz Deutschland. Man muss sich fragen – und das haben wir gemacht: War- um ist das so? Das ist so, weil das enge Tal im Schwarzwald buchstäblich voll ge- stopft ist mit dem, was wir „Hidden Champions“ nennen, die in vielen Branchen Weltklasse anbieten, von der Steuerungstechnik bis zur Fein- mechanik. Viele dieser Unternehmen sind übrigens Ausgründungen von Studenten der Fachhochschule Furt- wangen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in dem Geschehen der Grün- dungen: Die Hochschule ist konse- quent international ausgerichtet und kooperiert mit 70 Hochschulen und Universitäten weltweit. In Furtwangen lebt bis heute also „Das ist so, weil das enge Tal im Schwarzwald buch- stäblich voll gestopft ist mit dem, was wir „Hidden Cham- pions“ nennen, die in vielen Branchen Weltklasse anbieten, von der Steuerungs- technik bis zur Fein- mechanik.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder 2005 heimischen Industrie bedeutet, dass ein beiderseitiges Geben und Neh- men an der Tagesordnung ist. Die Vernetzung zum Wissenstransfer ist unverzichtbarer Bestandteil des Furt- wanger Modells – heute mindestens so wichtig wie 1850. Ein Netz von Technologiezentren und Forschungseinrichtungen In Sachen Produktentwicklung kön- nen sich die Betriebe im Kreis auf das heimische Netz von Technologiezen- tren und Forschungseinrichtungen verlassen: Für den nötigen Techno- logietransfer sorgen neben der HFU und der Dualen Hochschule (DHBW) das Institut für Mikro- und Informa- tionstechnik der Hahn-Schickard-Ge- sellschaft (HSG-IMIT, s. Seite 112), der jener Geist des fleißigen Tüftelns, herrscht eine Mentalität der Standfestigkeit und existiert ein Glaube an die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Genau das sind die Haltungen, von denen ich den- ke, dass wir sie ganz verstärkt wieder brauchen.“ Von der Uhrmacherschule zur Hochschule Furtwangen University (HFU) Das Bestreben, im Wettbewerb um die Her- stellung besserer Uhren erfolgreich zu sein, führte 1850 zur Gründung der Großherzoglich badischen Uhrmacherschule in Furtwangen. Ihr erster Direktor war der großherzogliche Baudi- rektor und Erbauer der Schwarzwaldbahn, Inge- nieur Robert Gerwig aus Karlsruhe. Aus der Uhr- macherschule ging später die Fachhochschule Furtwangen hervor. Zeitgleich zu den skizzier- ten Anpassungen der Industrie entwickelte sich diese Einrichtung schrittweise weg von der Uhr, erfolgte ihre Weiterentwicklung zur Ingenieur- schule für Feinwerktechnik, Fachhochschule für Technik, Wirtschaft, Informatik bis zur heute als Hochschule Furtwangen University (HFU) bekannten Institution. Engste Kontakte mit der TechnologyMountains e.V. mit den Akteuren Kunststoff- Institut Südwest, MedicalMountains AG und MicroMountains Applications AG und zahlreichen Transferzentren unter dem Dach der Steinbeis-Stiftung. In den Technologiezentren, Innovations- oder Gewerbeparks finden junge Existenzgrün- der ein wirtschaftlich tragfähiges Sprungbrett. Versuch eines Fazits Befinden wir uns nun auf der Gewinner- Seite? Ja, beständig. Aber: Kümmern wir uns alle darum, dass dieser gute Zustand, bei allen Konjunkturzyklen oben zu bleiben, erhalten wird! Die Vernetzung – besser natürlich: Ver- zahnung – und flexible Strukturen sind dazu unverzichtbar. Dazu braucht es als elementare Grundvoraussetzung ein schnelles Internet – auch im ländlichen Bereich. Wir sind bereits auf dem Weg dazu. Das schnelle Internet stellt für die Verzahnung von Forschung, Ausbildung, Produktentwicklung, Produktion und Logistik, kurz für die Industrie 4.0, eine der Grundvoraus- setzungen dar. Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 97


Die Uhrenfirma Hanhart in Gütenbach von Matthias Winter Hanhart Primus. Der rote Knopf, das Markenzeichen der Hanhart -Chronographen, warnt vor einem versehentli chen Nullstellen der Stoppfunktion. 98 98 Wirtschaft


Dass man Uhren mit Begeisterung und Leidenschaft bauen muss, um heute am Markt zu überleben, das beweist die Firma Hanhart in Güten- bach. Das Unternehmen produziert seit über 130 Jahren ohne Unterbre- chung Zeitmesser. Und alleine diese Tatsache hat Seltenheitswert, nur wenige andere Uhrenhersteller kön- nen das von sich behaupten. Durch seine Passion für technischen Erfin- dergeist stellt Hanhart auch heute höchste Ansprüche an sich selbst und orientiert sich an folgenden Maxi- men: unvergleichliche Präzision und Zuverlässigkeit, perfekte Ablesbarkeit und einfache, sichere Bedienbarkeit sowie beste Robustheit. Seit 1882 stellt der Uhrenhersteller Zeitmesser her, die Perfektion mit unverwechsel- barem Design vereinen. Entwicklung, Herstellung und Vertrieb der mecha- nischen Meisterwerke sind in Güten- bach im Schwarzwald angesiedelt. ClassicTimer „Flexibilität ist bei uns ein hohes Gut“, be- tont Simon Hall, einer der Geschäftsführer der Firma. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Trends und Entwicklungen rechtzeitig wahrzunehmen und für das Geschäft zu nutzen. Gerade diese Eigenschaft verhalf Hanhart, die Klippen zu umschiffen, die zahlreichen anderen Uhrenfirmen in der Re- gion zum Verhängnis wurden. Ein gutes Beispiel ist das Thema Quarz- uhrenwerk, das von zahlreichen klassischen Uhrenherstellern lange Zeit ignoriert wurde, wohl in der Hoffnung, dass sich diese Be- drohung des bisherigen Geschäftsmodells irgendwann erledige. Willy Hanhart, Sohn des Firmengründers Johann Adolf Hanhart, sah dagegen bereits in den 1950er-Jahren, dass die Zeit der mechanischen Uhrwerke in der Massenproduktion abgelaufen war und drängte darauf, sich in zukunftsfähigen Ge- schäftsfeldern zu engagieren. „Wir müssen in die Elektronik rein“, war damals sein Cre- do, wie sich Manfred Schwer, langjähriger Musterbauer und Konstrukteur, noch gut erinnert. Er ist zwar längst in Rente, doch ist er nach wie vor mit Leib und Seele für Han- hart tätig. Von den 1950ern bis in die 1990er-Jah- re hinein wurden von Hanhart jedenfalls Uhren gebaut, die mit Transistorenwerken ausgestattet waren. „Uhren mit solchen Werken gab es schon in den 1950er-Jahren, sie wurden an die Firma Quelle geliefert“, erinnert sich Manfred Schwer. XXX 99


Später war vor allem die Herstellung von kleinen Quarzuhrwerken gefragt. Eine der gro- ßen Schwierigkeiten dabei bestand darin, die Zahnräder aus Kunststoff so exakt zu fertigen, dass ein Uhrwerk mit hoher Ganggenauigkeit entstand. „Die Kunststoffverzahnung war eine große Herausforderung“, erinnert sich Manfred Schwer. Doch die in Gütenbach und Schwennin- gen beheimatete Firma Hanhart hatte zusam- men mit der Firma IMS (heute IMS Gear, Donau- eschingen) entsprechende Präzisionszahnräder entwickelt und konnte sich damit erfolgreich dem Wettbewerb stellen. Im schweizerischen Diessenhofen gegründet Zurück zu den Anfängen: Gegründet wurde die Firma im Jahr 1882 als Uhrenmanufaktur von Johann Adolf Hanhart im schweizerischen Dies- senhofen. Und schon er legte die erforderliche Flexibilität an den Tag: 20 Jahre später, 1902, verlegte Hanhart die Firma in die Uhrenhoch- burg Schwenningen, weil er sich dort bessere Produktionsbedingungen versprach. Im Jahr 1920 stieg sein Sohn Wilhelm Julius, kurz Willy, in das Unternehmen ein. Der Juniorchef war ein begeisterter Sportler und erkannte bald eine Marktlücke: Preiswerte Stopp uhren gab es zu der Zeit kaum auf dem deutschen Markt, vorherrschend waren die teuren Schweizer Fabrikate. Bereits 1924 brachte das Unternehmen die erste günstige Stoppuhr aus deutscher Produktion erfolgreich auf den Markt und setzte damit den Grundstein für den weiteren rasanten Aufstieg. Das lässt sich auch an der Zahl der Mitarbeiter ablesen: Beschäftig- te Hanhart 1932, im Todesjahr von Johann Adolf Hanhart, rund 30 Mitarbeiter, so waren es Ende der 1930er-Jahre bereits an die 200. 1934 wurde zusätzlich das Gebäude in Güten- bach angekauft. Da jedoch das Stoppuhrenge- schäft vor allem saisonal geprägt war, galt es, weitere Geschäftsfelder zu erschließen. So trieb Willy Hanhart die Produktion preiswerter Ta- schen- und Armbanduhren sowie von Rohwer- ken voran. Anzeige von 1967. Hanhart Werbung mit dem Nürburgring (1938). Plakat zu den Olympischen Sommerspielen 1952. 100 Wirtschaft


Hanhart Dashboard 2-piece-set Hanhart Dashboard 1-piece-set 1938 verlagerte Hanhart die Fertigung ver- stärkt nach Gütenbach in die Hauptstraße, wo sich das Firmengebäude auch heute noch befin- det. Der Firmensitz blieb jedoch in Schwenningen. Im Verkaufskatalog von 1939 befinden sich zu dieser Zeit bereits 45 Armbanduhrenmodelle so- wie mehrere Taschen- und Stoppuhrenmodelle. Ebenfalls 1938 erlangte der Eindrücker-Chro- nograph „Kaliber 40“ Marktreife. Chronogra- phen sind Armbanduhren mit Stoppuhrfunk- tion, die in diesem Fall über einen Drücker bedient wird. Unter der Bezeichnung „Pioneer Mk I“ gibt es davon heute einen originalge- treuen Nachbau (Replika). Die Chronographen waren nicht zuletzt bei Marine und Luftwaffe gefragt. Eine zweite legendäre Variante war die „Tachy-Tele“, die nicht limitiert aufgelegt wurde; ab 1940 wurde das Zweidrücker-Modell „Kaliber 41“ produziert. Hier taucht erstmals das Markenzeichen der Firma, der „rote Drücker“ auf, der die Stoppuhr auf Null stellt. Seine rote Farbe warnt vor einer versehentlichen Fehlbedienung. Schwierige Zeiten gab es nach dem Ende des Krieges, es wurden sämtliche Fertigungs- maschinen aus Gütenbach und Schwenningen nach Frankreich deportiert. Doch bereits Ende der 1940er-Jahre konnte die Uhrenproduktion in dem Gütenbacher Unternehmen wieder aufgenommen werden. Willy Hanhart begann mit Unterstützung seiner Ehefrau Gertraud den Wiederaufbau des Gütenbacher Werkes. Die ersten Maschinen wurden im Tausch gegen Arm- banduhren beschafft, Mitarbeiter holten Uhr- werke, kleinere Maschinen und Werkzeug aus Verstecken wieder zurück. 1952 erfolgte auch der Wiederaufbau des Werkes in Schwenningen. Das Hanhart-Firmengebäude in Gütenbach in den 1930er-Jahren und die Stoppuhr Tristop. Hanhart Chronographen 1882 101


Der Aufstieg zum Weltmarktführer bei der Produktion von Stoppuhren Als erstes wurde unter anderem eine einfache Version des Fliegerchronographen aufgelegt. Die folgenden Jahre sind durch den Aufstieg des Unternehmens zum Weltmarktführer bei Stoppuhren gekennzeichnet. Das hatte unter anderem zur Konsequenz, dass die Produktion von Armbanduhren 1962 erst einmal auf Eis gelegt wurde. 1972 brach das Zeitalter der Quarzuhren an. Hanhart baute eine eigene Kunststoffspritzerei und entwickelte ein eigenes Quarzwerk, das in einer millionenfachen Auflage verkauft wurde. Die ersten billigen Quarzwerke gelangten En- de der 1970er-Jahre auf den Markt. Zunächst konnten die Schwarzwälder noch mithalten und brachten ebenfalls ein preisgünstiges Werk heraus, das „Kaliber 3305“. Davon wurden rund 40 Millionen Stück verkauft. Letztlich konnte Hanhart aber im nun entstehenden Preiskampf mit der Billigkonkurrenz aus Fernost nicht dau- erhaft mithalten. Der Stoppuhrenbau lief jedoch weiter und sicherte das wirtschaftliche Überleben in ei- ner für die deutschen Uhrenhersteller extrem schwierigen Zeit. Anfang der 1990er-Jahre, als es deutlich wurde, dass man bei den Quarzwerken nicht mehr mithalten konnte, versuchte das Un- ternehmen, sich ein zweites Standbein in der Kommunikationsbranche aufzubauen. Anfangs Für höchste Präzision und Eleganz stehen die in Gütenbach produzierten Hanhart-Stoppuhren und Hanhart-Chronometer. Rechts: Geschäftsführer Simon Hall (stehend). schien dieser Weg Erfolg versprechend, doch der Einstieg scheiterte an fehlenden Vertriebs- wegen, die mit viel Geld erst hätten aufgebaut werden müssen. Dafür hatte Hanhart das Nachbargebäude von der Triberger Uhrenfirma Schatz (bekannt für ihre Jahresuhren) gekauft. 1994 verkaufte Hanhart das Gebäude wieder, und zwar an das Furtwanger Lehrerehepaar Margot und Claus-Volker Müller, die darin erfolgreich das „Hanh-Art Kunstprojekt“ etablierten, das mitt- lerweile ebenfalls weit über die Region hinaus bekannt ist. Die wiederentdeckte Armbanduhr 1992 erwarb der Schwiegersohn der Familie Hanhart, Klaus Eble, der bereits 1983 die Ge- schäftsführung des Unternehmens übernom- men hatte, zusammen mit drei Münchner Un- ternehmern die Mehrheit der Firmenanteile. Fünf Jahre später wurde die hochwertige Armbanduhr für die Produktion „wiederent- deckt“: Der originalgetreue Nachbau des Flieger- chronographen von 1939 wurde als Replika auf den Markt gebracht, vorgestellt wurde die 102 Hanhart Chronographen 1882


Primus Racer Primus Desert Pilot Primus Survivor Pilot Pioneer Tachy Tele Uhr erstmals auf der Antik-Uhrenbörse 1997 in Furtwangen. Das Unternehmen setzte mit dieser Neuauflage wieder auf die traditionelle Uhrmacherkunst. Es folgte der Chronograph „Tachy Tele“ und ein Jahr später die Modelle „Si- rius“ und „Admiral“. Die Replika-Chronographen begeisterten allenthalben die Uhrenliebhaber. „Wir haben mit der Stoppuhr so lange überlebt, bis die Mechanik wieder gefragt war“, dieses Fazit zieht Klaus Eble aus dem Geschäftsverlauf der vergangenen Jahrzehnte. Zu der überle- benswichtigen Flexibilität des Unternehmens gehörte freilich auch die Fähigkeit, neue Markt- Trends rechtzeitig zu erkennen und sich darauf einzustellen. nier by Hanhart“, initiiert von Irén Dornier, dem Enkel des berühmten Flugzeugkonstrukteurs, 2005 die „M 39“. Im Jahr 2009 folgte unter dem Namen „Primus“ eine neue Kollektion mecha- nischer Chronographen, wobei die Modelle „Pilot“, „Racer“ und „Diver“ durch ihr progressi- ves Design auffallen. 2011 folgte die Kollektion „Pioneer“, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch auch mechanische Stoppuhren werden neben den Armbanduhren nach wie vor im großen Stil produziert. Hanhart feiert das 130-jährige Bestehen Zahlreiche weitere Modelle werden in den Folgejahren entwickelt, 2004 zum Beispiel „Dor- 2012 konnte Hanhart sein 130-jähriges Fir- menjubiläum feiern. Nach einigen Jahren mit Prioneer Racemaster Die Modelle Pioneer-Racemaster. 103


Schweizer Inhabern ist das Unternehmen seit 2014 wieder im Besitz von Gesellschaftern aus München, der GCI Management Consulting GmbH. Einzelne Partner der GmbH waren auch schon früher an Hanhart beteiligt. Damit verbunden war eine wichtige Veränderung: Bei den Armbanduhren wurde auf ein Direkt- vertriebsmodell umgestellt. „Wir stellen selbst unsere Uhren den Juwelieren ins Fenster“, er- läutert Simon Hall. Auch wenn damit eine rege Reisetätigkeit verbunden ist. Neben ihm ist als zweiter Geschäftsführer im Bereich Armband- uhren Felix Wallner tätig. Großer Vorteil dieser Umstellung ist ei- ne deutlich attraktivere Preisstruktur, denn die Gütenbacher konnten damit ihre Preise für die Armbanduhren um 20 bis 40 Prozent senken. Wichtig sei, die Juweliere strategisch auszuwählen, und ebenso wichtig sei es, dass diese auch einen Bezug zur Geschichte haben. Monatlich schließen sich derzeit zwei bis drei Juweliere an. „Wir sehen in Deutschland ein großes Wachstumspotenzial“, so Simon Hall. Heute ist der Bereich Armbanduhren als GmbH organisiert, der Bereich Stoppuhren als KG. In diesem Bereich lief es trotz hoher Stück- zahlen schwieriger und es wird weiterhin an einer Restrukturierung gearbeitet; der Ausblick ist positiv. Geschäftsführer ist hier nach wie vor Klaus Eble. Den beiden Bereichen entsprechend gibt es auch zwei Kataloge. Sie präsentieren die Hanhart-Zeitmesser und enthalten zudem einen übersichtlichen Abriss der Firmenge- schichte. Hanhart-Museum eröffnet Doch auch in dem Gütenbacher Firmengebäude hat sich einiges getan. Zusammen mit Klaus Eble hatte Manfred Schwer seit den 1990er-Jahren damit begonnen, für die Firmengeschichte wich- tige Dokumente und Objekte, zu sammeln. Und natürlich vor allem Hanhart-Uhren aus der über 130-jährigen Firmengeschichte. All das wird nun in einem interessanten und übersichtlichen Museumsraum im Ober- geschoss des Gebäudes präsentiert. Der Raum war früher Muster- und Lehrwerkstatt, wo die Uhrmacher und Feinmechaniker an neuen Mo- dellen tüftelten. Ein Arbeitsplatz aus dieser Zeit ist originalgetreu aufgebaut und scheint einzig noch auf die Rückkehr des Uhrmachers aus der Pause zu warten. Heute hat der Besucher Ge- legenheit, sich auf eine Zeitreise durch die Fir- mengeschichte mitnehmen zu lassen, die auch eine Zeitreise durch die Geschichte der Uhrma- cherei ist. Neben Werkbänken mit den entspre- chenden Werkzeugen zeigt beispielsweise ein Wandschränkchen rund 50 Stoppuhrenmodelle der Firma Hanhart im Überblick und in einer Kiste sind Stoppuhrenwerke zu entdecken. Blickfang ist auch ein rund 60 Jahre altes Motorrad – natürlich mit einer Motorraduhr von Hanhart ausgestattet. Selbstverständlich ist die Geschichte der mechanischen Uhren aus- führlich dokumentiert – Originale sowie deren aktuelle Nachbauten lassen sich vergleichen. Ein Rundgang durch die Sammlung in Be- gleitung einer fachkundigen Führung lohnt sich allemal. Geöffnet ist das Museum ganzjährig mittwochs von 13 bis 16 Uhr sowie auf Anfrage. Sonderführungen sind jederzeit möglich. Rechte Seite: Manfred Schwer, langjähriger Muster- bauer und Konstrukteur, befindet sich zwar im Ruhestand , doch gilt er als die Seele des Hanhart- Museums. Blickfang ist ein 60 Jahre altes Motorrad mit einer Krad-Uhr von Hanhart (oben). 104 Hanhart Chronographen 1882


105


Die WELLSTAR-Packaging GmbH im Bräunlinger Gewerbegebiet. Sicher und schnell verpackt mit innovativen Verpackungslösungen der WELLSTAR-Packaging GmbH Von Gabi Lendle Die junge Bräunlinger Firma WELLSTAR-Packaging GmbH ist eine 100-prozentige Tochter der Unternehmungsgruppe Straub und gehört somit zu einem namhaften und traditionsreichen Hersteller und Verarbeiter von Wellpappverpackungen. Das Unternehmen wurde im April 2003 mit Sitz in Bräunlingen gegründet. Während Straub-Verpackungen die Wellpappe produziert und diese zu hochwertigen, oftmals auch bedruckten Wellpappverpackungen wei- terverarbeitet, übernimmt WELLSTAR deren Veredelung durch Verleimung und Anbringung eines Selbstklebeverschlusses. Durch den Selbstklebeverschluss profitiert der Versender von einer enormen Zeitersparnis und außerdem entfallen Kosten für Klebe- oder Umreifungs- bänder. Das Produktprogramm der Firma WELL- STAR umfasst vier Segmente. Den Kern der Geschäfts felder bilden die Versandverpackun- Geschäftsführer Volker Würth 106 106 Wirtschaft


Zeit- und materialsparender Selbstklebeverschluss. gen mit Selbstklebeverschluss, weitere Berei- che sind die Konfektionierung von Waren, die Gefahrgutverpackungen und der Handel mit diversen Packbändern sowie Füll- und Polster- systemen. „Sicher und schnell verpackt, alles aus einer Hand“ lautet die Devise hinter der Geschäftsführer Volker Würth mit seinen Mit- arbeitern steht. Neues Verwaltungs- und Produktionsgebäude Aufgrund vieler kreativer Entwicklungen und eines kontinuierlichen Wachstums- kurses begannen bereits im Jahr 2010 die Planungen für einen Neubau im Bräunlinger Gewerbegebiet Nieder- wiesen. Auf einer Grundstücks- fläche von rund 17.000 Quadrat- metern entstand ein 11.000 Quadratmeter großes und beeindruckendes Firmengebäude, das im Oktober 2012 in Betrieb genommen wurde. Der ansprechende Neubau am Ortseingang von Bräunlingen sticht ins Au- ge. Am 13. Juli 2013 hatte die junge Firma allen Grund zu feiern: Zum 10-jährigen Jubiläum konnte WELLSTAR das weitläufige Gebäude mit seiner umfassenden Lagerkapazität offiziell einweihen. Zirka 12 Millionen Euro betrug die Investitionssumme für den Neubau und die Anschaffung und Installation einer neuen Ferti- gungslinie. Das Eisberg-Prinzip Anhand einer Eisberg-Fotografie auf der Titel- seite des neuen WELLSTAR-Produktkatalogs WELLSTAR-Packaging GmbH Die Verpackungen von WELLSTAR sind größten- teils selbstklebend. 107


kontinuierliche Investitionen erfordert, um sich im Wettbewerb be- haupten zu können. Zu den bestehenden Klebemaschinen in der Produktion wurde jüngst eine kostensparende und neu entwickelte Fertigungs- anlage angeschafft. Diese 30 Meter lange Maschine kann mehre- re Arbeitsgänge in einem Durchlauf erledigen. Insgesamt stehen in der Produktion sechs Maschinen zur Verfügung. Die „Neuheit“ wurde in Zusammenarbeit mit einem nam- haften Maschinenhersteller entwi- ckelt und ist in dieser Konfiguration weltweit einzigartig. Beim Produktionsprozess der Verpackungen mit Selbstklebe- verschluss wird die Wellpap- pen-Rohware, welche zuvor von der Mutterfirma Straub angeliefert wur- de, von einem Mitarbeiter in die Ma- schine eingelegt. Im ersten Arbeits- gang trägt die Maschine den Leim für den Selbstklebestreifen auf, um im weiteren Schritt das Silikonband anzubringen. In der nächsten Stati- on wird die Verpackung zusammen geklebt, um sie im Anschluss zur Fixierung zusammenzupressen. Die veredelten Verpackungen werden nun in bestimmte Ver- packungseinheiten gebündelt, palettiert und letztlich je nach Anforderung in eine Folie eingewi- ckelt. Wenn die fertigen Paletten nicht sofort zum Versand bereitge- stellt werden, gelangen sie in den riesigen Lagerraum, der sich an die Produktionsstätte angliedert. Dort können bis zu 300 Artikel auf über 5.000 Palettenstellplätzen gelagert werden und stehen für die Kunden jederzeit abrufbereit zur Verfügung. Verpackungslösungen für (fast) alle Anforderungen. stellt das Unternehmen einen Vergleich zu seinen Produkten her. Der über die Wasseroberflä- che herausragende Eisberg ist nur der sichtbare und weit kleinere Teil eines riesigen Eisblockes, dessen größter Teil sich unsichtbar unter Wasser befindet. Ähnlich ist es bei den Verpackungen. „Der auf den ersten Blick sichtbare Einkaufs- preis der Verpackungen ist nur ein Bruchteil des Gesamten: Personal-, Verwaltungs-, Lager- und Trans- portkosten liegen wie beim Eisberg versteckt und sind entsprechend ge- waltig“, heißt es in den Ausführun- gen. Genau hier liegt der Ansatz der Firmenpolitik der WELLSTAR-Packa- ging GmbH. Mit innovativen Verpa- ckungen will die Firma dazu beitra- gen, die „unsichtbaren“ Kosten ihrer Kunden deutlich zu reduzieren. Da- mit soll der gesamte Verpackungs- prozess optimiert werden und das bei optimalem Transportschutz. Investitionen in moderne Maschinen Der Markt der Versandverpackun- gen ist extrem stark umkämpft, was 108 WELLSTAR-Packaging GmbH


Impressionen aus dem Werk. Unten: Beim Konfek- tionieren kundenspezifischer Verpackungen. Innovative Verpackungslösungen Zu dem umfassenden Sortiment moderner Wellpappverpackungen gehören unter anderem Universalverpackungen, die im aufstreben- den Markt des Online-Versandhandels eine herausragende Rolle spielen. Die hochstabilen Verpackungen für z.B. Bücher, Warensendungen aller Art, Computersoftware, Datenträger oder diverser Drucksachen sind flexibel einsetzbar und werden in verschiedenen DIN-Maßen und Ausführungen hergestellt. So können beispiels- weise auch schwere und flache Gegenstände wie Bildbände sicher verschickt werden. Auch Boxen für das Lagern oder Versenden von voluminö- seren Waren stehen dem Kunden zur Auswahl. Sämtliche Verpa- ckungen werden mit oder teilweise auch ohne Selbstklebeverschluss angeboten. Durch das schnelle und einfache Verschließen der Selbst- klebeverpackungen wird ein bis zu dreimal schnel- leres Befüllen und Verschließen der Kartonagen ermöglicht. Bei Firmen, die viele Pakete pro Tag verschicken, macht diese Zeitersparnis beim Verpacken beachtliche Kosteneinsparungen möglich, sowohl im Personalbereich als natür- lich auch bei den Packbändern. Betriebsleiter Joachim Kunz Durch die enge Zusammenarbeit mit der Mutterfirma Straub sind individuelle Sonder- anfertigungen jederzeit möglich. Hinter allen Produkten steht das langjährige Know-how, mit dem stets an der Entwicklung für verbesserte Lösungen gearbeitet wird. „Die Ware sicher ans Ziel bringen“ lautet die Maxime der WELLSTAR – Packaging GmbH. „Äußerst flexibel sind nicht nur wir, sondern auch unsere Verpackungen“ betont Betriebs- leiter Joachim Kunz. Ob Standard oder maß- geschneidert, die Verpackungslösungen aus Bräunlingen sind flexibel und individuell. Für die Kundschaft muss die Verpackung stabil, schnell im Handling und kostengünstig sein. XXX 109


Das Sortiment reicht weit über das Verpack- ungsangebot für Ware in handlicher Größe heraus. Hergestellt werden auch spezielle Verpackungen für Ordner, Versandtaschen und Kuverts in jeglicher Größe. Neu im Sortiment ist eine eckige Versandhülse, die den Vorteil hat, dass sie beim Transport nicht rollt. Des Weiteren umfasst das Produktprogramm von WELLSTAR Verpackungen für Kalender, hochwertige bunte Verpackungen für z.B. Geschenksendungen und praktische Palettenhütchen, die vor dem Sta- peln warnen um etwaige Lager- und Versand- schäden zu vermeiden. Boomender Online-Versandhandel Besonders zu Spitzenzeiten, wie z.B. vor Weih- nachten, boomt der Online-Versandhandel. Dann wird die Produktion hochgefahren, die normalerweise im Zweischichtbetrieb fertigt. Auch die Lagerkapazitäten werden drastisch erhöht, um diesen Ansturm an Aufträgen zu bewältigen und weiterhin kurzfristig lieferfähig zu bleiben. Geliefert wird in die gesamte Bun- desrepublik, aber auch europaweit in Länder wie Frankreich, Österreich, Holland, Italien oder in die Schweiz. Immer eine Nasenlänge voraus Da eine wachsende Anzahl von Kunden diverse Verpackungstätigkeiten nicht mehr im eigenen Hause durchführen möchte oder kann, hat sich WELLSTAR als Dienstleister im Bereich der Kon- fektionierung ein vielversprechendes Standbein aufgebaut. Ziel ist es, den Kunden alles aus ei- ner Hand anzubieten – von der Produktion der Verpackung bis hin zum Versand der Produkte. Zusammen mit der Mutterfirma Straub können so wertvolle Synergieeffekte erzielt werden. Das WELLSTAR-Verwaltungsgebäude. 110 Wirtschaft


Als weiteres wichtiges Produktsegment wur- de außerdem der Bereich Gefahrgutverpackun- gen für z.B. den Automobilbereich mit dem nord- deutschen Firmenpartner Baumann excellence entwickelt und aufgebaut. Hier werden unter an- derem Verpackungen für den sicheren Transport von Airbags hergestellt. Bei einem Transportun- fall hält ein im Karton eingearbeitetes Stahlgitter die Airbags im definierten Sicherheitsradius, da- mit Rettungskräfte ungefährdet löschen können. Dieser Markt beinhaltet aufgrund gewisser Al- leinstellungsmerkmale für die Bräunlinger Firma ein großes Wachstumspotential. Der Anspruch „Alles aus einer Hand“ wird mit dem Segment Packbänder sowie Füll- und Polstersysteme abgerundet. Die mobile und kompakte „SpeedMan-Box“ eignet sich bei- spielsweise perfekt zum Füllen und Polstern von Versandkartons in kleineren Stückzahlen. Das aus 100 Prozent recyceltem und mit dem Blauen Engel ausgezeichnete Papier unterstützt den sicheren und kostengünstigen Versand. Für grö- ßere Mengen kommen praktische „SpeedMan- Geräte“ mit oder ohne Strom zum Einsatz, die das Papier in einer speziellen Schlauchform generieren und so ein schnelles und einfaches Polstern der Verpackung ermöglichen. Umsatz und Mitarbeiterzahl auf Höhenkurs Lag im Gründungsjahr der WELLSTAR-Packaging GmbH die Mitarbeiterzahl noch bei fünf, sind heute rund 60 Voll- und Teilzeitkräfte in der Fir- ma beschäftigt. Die große Erfolgsgeschichte in nur zwölf Jahren zeigt sich auch in einem sehr positiv ansteigenden Umsatzvolumen. Dieses betrug anfangs 400.000 Euro und liegt heute bei über 10 Millionen Euro pro Jahr. Gemeinsam arbeitet WELLSTAR mit höchstem Einsatz daran, dass dies auch weiter gesteigert werden kann. Blick in die Fertigung von WELLSTAR. WELLSTAR-Packaging GmbH 111


Hahn-Schickard: Intelligente Lösungen mit Mikrosystemtechnik 112 Wirtschaft


„Made in Schwarzwald-Baar“ – gelandet auf dem Kometen Tschuri! Am 11. November 2014 wurde der „Lander“ Philae vom Weltraumlabor Gerasimenko Rosetta abgekoppelt und ist nach 10-jähriger Reise durch das All auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko gelandet. Die Mission gilt als eines der größten Highlights der europäischen Weltraumfor- schung. Hahn-Schickard-Mikroventile vom Typ MegaMic sind mit an Bord. Ein sich selbst ablesender Wasserzähler, ein Schuh, der sich selbst schnürt, oder ein Zahnimplantat, das rund um die Uhr Wirkstoffe abgibt und damit für einen gleichmäßigen Wirkstoffspiegel sorgt – das sind nur drei Beispiele, die durch Mikro- systemtechnik möglich sind und uns in vielen Lebenslagen unterstützen. Hahn-Schickard 113


Entwickelt und produziert wird bei Hahn-Schickard unter Labor- und Reinraumbe- dingungen. 114Hahn-Schickard Wirtschaft


Hahn-Schickard steht für kunden- orientierte, indus- trienahe, anwen- dungsorientierte Forschung, Entwicklung und Fertigung in der Mikrosystemtechnik: von der ersten Idee bis hin zur Produktion – bran- chenübergreifend. In vertrauensvoller Zusam- menarbeit mit der Industrie realisiert die For- schungsgesellschaft innovative Produkte und Technologien in den Zukunftsfeldern Industrie 4.0, Lebenswissenschaften und Medizintechnik, Nachhaltigkeit, Energie und Umwelt sowie Mo- bilität und Bewegung. Die Hahn-Schickard-Gesellschaft für an- gewandte Forschung e.V. wurde 1955 in Vil- lingen-Schwenningen gegründet. Dank der dynamischen Entwicklung und der Förderpolitik des Landes Baden-Württemberg beschäftigt der Forschungs- und Entwicklungsdienstleister heu- te rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an drei Instituten in Villingen-Schwenningen, Stuttgart und Freiburg. Eine Außenstelle in St. Georgen ist geplant. Über 50 vorwiegend kleine und mittelständische Unternehmen, die in erster Linie aus dem Land kommen, sind Mit- glied bei Hahn-Schickard. „Industrie 4.0“ und „Cyber-physische Systeme“ werden ausgebaut Da sich Forscher und Entwickler ständig an Veränderungen anpassen müssen, zählen die Digitalisierung von Produktionsprozessen und Wertschöpfungsketten auf dem Weg zu einer smarten Fabrik zu den größten Herausforde- rungen im Jahr 2016. Denn auf Initiative der Landtagsfraktionen der Grünen und der SPD hin wird ab Anfang 2016 der Freiburger Institutsteil als drittes Institut bei Hahn-Schickard mit einer eigenen Grundfinanzierung von jährlich 1,5 Mil- lionen Euro ausgestattet. Diese Entscheidung war nicht nur eine Reaktion auf die positive Entwicklung über die letzten Jahre am Standort Freiburg, sondern sie ist auch mit dem Auftrag verbunden, am Standort Villingen-Schwennin- gen die richtungsweisenden Themen „Industrie 4.0“ und „Cyber-physische Systeme“ auf- bzw. auszubauen. Die Voraussetzungen sind optimal. Regional verwurzelt, global gefragt Neben den Landesuniversitäten mit technischer Ausrichtung verbinden zahlreiche Netzwerke die Akteure aus Industrie, Forschung und Aus- bildung. Hahn-Schickard betreibt Networking, um den Transfer eigener Technologien voran- zutreiben und um schnell und orientiert am Bedarf der Kunden neue Partnerschaften aufzu- bauen. Über die engen Verbindungen zu Univer- sitäten und anderen Forschungseinrichtungen ist Hahn-Schickard am Puls der Zeit. Die Hahn-Schickard-Institutsleiter der Standorte Villingen-Schwenningen und Frei- burg, Professor Yiannos Manoli und Professor Roland Zengerle, leiten am Institut für Mik- rosystemtechnik der Universität Freiburg die Fritz-Hüttinger-Professur für Mikroelektronik sowie den Lehrstuhl für Anwendungsent- wicklung. Professor André Zimmermann, Hahn-Schickard-Institutsleiter in Stuttgart, leitet in Personalunion auch das Institut für Feinmesstechnik der Universität Stuttgart und forscht dort auf dem Gebiet der Zuverlässigkeit mikrotechnischer Baugruppen. Dies umfasst insbesondere die Aufklärung von Schädigungs- mechanismen sowie das ganzheitliche modell- basierte Design für die Aufbau-, Gehäuse- und Verbindungstechnik für Mikrosysteme. Hahn-Schickard ist Mitglied der Innova- tionsallianz Baden-Württemberg (innBW), einem Bündnis unabhängiger Forschungsinsti- tute. Diese betreiben ergebnisorientierte Auf- tragsforschung in den wichtigen Zukunftsfel- dern. Zusammen mit anderen innBW-Instituten entwickelt Hahn-Schickard beispielsweise ein besonders schnelles mobiles Diagnostiksystem für die gleichzeitige Detektion von Infektions- erregern und deren Antibiotikaresistenzen auf der Ebene einzelner Zellen, um damit schneller antibiotikaresistente Erreger im Krankenhaus nachzuweisen. Hahn-Schickard 115


Mit sogenannten Lab-on-a-Chip-Systemen, also tragbaren Minilaboren von der Größe einer Compact Disc, kann beispielsweise bei Neuge- borenen die neonatale Sepsis, eine lebensbe- drohliche Infektion, nachgewiesen und richtig behandelt werden. Mit gängigen Analyseverfah- ren können die auslösenden Krankheitserreger meist erst nach einigen Tagen identifiziert wer- den – das lässt eine patientenspezifische Anti- biotikatherapie oft nicht zu und ist für einen so jungen Organismus extrem belastend. In einem europäischen Forschungsprojekt wurde daher ein Lab-on-a-Chip-System für eine schnelle Diagnose entwickelt, die eine spezifi- sche und daher effektivere Antibiotikatherapie erlaubt. Alle Analyseschritte, die sonst in einem Großlabor an mehreren Geräten stattfinden, werden auf der Disc automatisch durchgeführt. Die Blutprobe muss nur in eine Kammer auf der Disc pipettiert und in ein Analysegerät gelegt Einweg-Testträger aus Polymerfolie werden zum trag- baren Minilabor und erlauben eine schnell Vor-Ort-Di- agnose von Krankheiten, also direkt beim Patienten. werden – alles Weitere geschieht durch die Rotation der Disc: Durch feine Kanäle wird die Probe so in nachgelagerte Kammern transpor- tiert, wo sie aufgereinigt und mit Reagenzien gemischt wird. Am Ende des automatisierten Vorgangs zeigt das Gerät an, ob der getestete Erreger vorliegt oder nicht. Weltraumlabor Rosetta arbeitet mit Mikroventilen von Hahn-Schickard Hahn-Schickard ist auch im Weltraum aktiv. Am 11. November 2014 wurde der „Lander“ Phi- lae vom Weltraumlabor Rosetta abgekoppelt und ist nach 10-jähriger Reise durch das All auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko, kurz Tschuri, gelandet. Die Mission gilt als eines der größten Highlights der europäischen Welt- raumforschung. Hahn-Schickard-Mikroventile vom Typ MegaMic sind mit an Bord. Sie wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Pneumatik-Hersteller Hoerbiger-Origa Sys- tems GmbH vor über zehn Jahren entwickelt. 28 dieser Ventile sind als Teil eines wissen- 116 Wirtschaft


Dermaject (links) ist ein spezielles Medizinprodukt zur Injektion und Infusion von flüssigen Arzneimitteln wie Impfstoffen oder Insulin in die obere Hautschicht. Rechts ein Zahnimplantat, das rund um die Uhr Wirkstoffe abgeben kann. schaftlichen Experimentes im Landegerät Philae verbaut, das Bodenproben des Kometen auf ihre Zusammensetzung untersuchen soll. Das Experiment soll die im Kometeneis enthaltenen organischen Moleküle sowie deren Mengenver- hältnis aufklären. Die spannende Frage ist, ob sich darunter auch Aminosäuren finden, die als Bausteine des Lebens gelten. Damit ließe sich die offene Frage beantworten, ob diese Molekü- le eventuell einst durch Kometeneinschläge auf die Erde gelangt sind. Hierzu wurden von Philae Bodenproben genommen und in kleinen Öfen auf bis zu 600 Grad erhitzt. Im weiteren Ablauf steuern die MegaMic-Ventile das nun flüchtige Gasgemisch durch einen Gas-Chromatogra- phen, der die einzelnen Komponenten des Ge- misches für weitere Analyseschritte trennt. Medikamentenabgabe in die Haut Hahn-Schickard unterstützt auch Ausgrün- dungen zum Transfer von Vorlaufforschung in die Wirtschaft. Darüber hinaus bietet Hahn- Schickard angehenden Unternehmerpersön- lichkeiten den Raum, ihre eigenen Visionen in Produkte umzusetzen. Verapido Medical GmbH ist ein Medizintechnik-Start-up im Bereich der Medikamentendosierung aus Villingen-Schwen- ningen. Das 2013 gegründete Spin-off von Hahn-Schickard hat sich auf die Entwicklung von innovativen, sicheren und bequemen Ge- räten zur Injektion und Infusion von flüssigen Arzneimitteln und Flüssigkeiten in oder unter die Haut spezialisiert. Der von Verapido am wei- testen entwickelte Produktkandidat ist Derma- ject, ein spezielles Medizinprodukt zur Injektion und Infusion von flüssigen Arzneimitteln wie Impfstoff und Insulin in die obere Hautschicht (intradermal). Der neu entwickelte und patentierte Kanü- leneinführungsmechanismus in Kombination mit der Mikronadel-Technologie ermöglicht einfache, präzise, schnelle, standardisierte und dichte intradermale Injektionen von größeren Volumina als bisher möglich. Für den Patienten liegt der Vorteil auf der Hand: Die Angst vor der Spritze ist unbegründet, ein Einstich mit Derma- ject ist viel angenehmer als herkömmliche Spritzen. Einzelzellen auf Knopfdruck Die Cytena GmbH entwickelt für die Zellfor- schung und in-vitro Diagnostik Geräte, mit denen lebende Zellen einzeln dosiert werden können. Das Start-up wurde 2014 mit Hilfe des Förderprogramms EXIST-Forschungstransfer (BMWi & ESF) gegründet und basiert auf Hahn-Schickard 117


Forschungsergebnissen aus den gemeinsa- men Aktivitäten von Hahn-Schickard und des Lehrstuhls für Anwendungsentwicklung der Universität Freiburg im Bereich Mikrofluidik. Der patentierte Einzelzelldrucker beruht auf einer Tintenstrahldruckkartusche, die mit Hil- fe eines Bildsensors sicherstellen kann, dass jeder abgegebene Mikrotropfen nur genau eine Zelle enthält. Dieser wird für die weitere Einzelzellanalyse berührungslos auf einen Untersuchungsträger – typischerweise eine Mikrotiterplatte – oder in eine Zellkulturschale abgegeben. Solche Analysen werden im Bereich der Medikamentenentwicklung eingesetzt. Die Chips dafür werden im Mikrosystemtech- nik-Reinraum in Villingen-Schwenningen pro- duziert. Handhabung von Flüssigkeiten im Nanoliterbereich Die BioFluidix GmbH entwickelt berührungslose Liquid-Handling-Geräte für den Nanoliterbe- reich. Das Freiburger Unternehmen ging 2005 ebenfalls aus den gemeinsamen Forschungs- aktivitäten von Hahn-Schickard und dem Lehrstuhl für Anwendungsentwicklung der Universität Freiburg im Bereich Mikrofluidik hervor. Es beliefert den internationalen Markt mit patentierten Dosiertechnologien, Beschich- tungslösungen und Laborgeräten für z.B. Micro- array-Anwendungen und Low-Volume-Pipet- ting Workstations. Diese ermöglichen es, in der Life-Science-Forschung und industriellen Pro- duktion Dosiermengen zu reduzieren, Durchsät- ze zu erhöhen und damit Kosten einzusparen. Die Produktpalette umfasst sowohl innovative Dosiersysteme und Verbrauchsmaterialien als auch Entwicklungsdienstleistungen. Ein selbstschnürender Schuh Mobile und am Körper tragbare Systeme erlangen eine immer größere Bedeutung sowohl für die Medizintechnik als auch für Lifestyle-Anwendungen. Deren Versorgung mit Energie basiert jedoch zumeist auf Batterien. Das Forschungsgebiet des Ener- gy Harvesting entwickelt Prinzipien und Geräte, mit denen Energie aus der Umge- bung in elektrische Energie umgewandelt wird. Im Projekt „move2power“ wird die Energie konkret aus der Bewegung des menschlichen Beins gewonnen und der Anwendungselektronik zur Verfügung gestellt. Ein Beispiel ist ein selbstschnüren- der Schuh: Menschen, die körperlich nicht mehr dazu in der Lage sind, müssen ihre Schuhe dann nicht mehr selbst binden – das erledigt der Schuh automatisch. Notrufauslösung mit Bewegungsmuster In Zusammenarbeit mit der Firma CoSi Elektronik GmbH wurde ein robustes Notrufsystem entwickelt, das durch Ges- tenerkennung funktioniert. Das fertige System ist in ein Armband integrierbar und kann über ein Jahr ohne Batteriewechsel betrieben werden. Ein Beschleunigungs- sensor und ein Magnetometer wurden für die Orientierungsbestimmung eingesetzt. Gegenüber Notrufsendern, die über Tas- tendruck ausgelöst werden, soll mit der Gestenerkennung die Anzahl versehentli- cher Notrufe reduziert werden. 118 118 Hahn-Schickard


Mikroelektronische Schaltungen (ASICs) werden mit Verfahren der Halbleitertechnik in einer bestimmten Ab- folge auf einem Substrat hergestellt. Als Substrat dient meist eine hauchdünne Scheibe eines Halbleiter-Silici- um-Einkristalls, ein sogenannter prozessierter Wafer. ASICs haben einen sehr geringen Leistungsverbrauch und sind daher ideal für batteriebetriebene Geräte wie Smartphones. Unten: Reinraum für Mikrosystemtechnik. Hahn-Schickard 119


Die Heimat von Dual ist mehr denn je St. Georgen: Die komplette Ferti- gungsstraße und die Produktpalette der analogen Dual-Plattenspieler wurden nach dem Konkurs 1993 von der Alfred Fehrenbacher GmbH übernommen. Alfred Fehrenbacher war einst Mitarbeiter zunächst bei Perpetuum Ebner, später dann bei Dual. Und er freut sich heute über die Renaissance des Plattenspielers, die für volle Auftragsbücher sorgt: Bis zu 20.000 Plattenspieler fertigt sein Unternehmen im Jahr. 120 Wirtschaft


Ein Leben voller Wohlklang – mit Dual Die Alfred Fehrenbacher GmbH produziert jährlich bis zu 20.000 Plattenspieler von Hans-Jürgen Kommert 121


Einst war St. Georgen Mittelpunkt der europäi- schen Phonoindustrie – und auch weltweit war die Marke Dual ein Begriff. Doch in den späten 1970er-Jahren wurde der Konkurrenzdruck grö- ßer, insbesondere japanische Marken drängten erfolgreich auf den deutschen Markt zu Lasten der einheimischen Hersteller. Deren Produkte galten mittlerweile als technisch überholt. Das Unternehmen musste im Jahr 1982 Konkurs an- melden und St. Georgen verlor in der Folge viele hundert Arbeitsplätze. Dual wurde schließlich von der franzö- sischen Thomson-Gruppe aufgekauft. Als Thomson seine Aktivitäten in der deutschen Unterhaltungselektronik einstellte, wurde Dual 1988 von der Schneider-Rundfunkwerke AG übernommen. Zu den Produkten des Schwarzwälder Un- ternehmens gehörten damals nicht nur Plat- tenspieler und Plattenwechsler, sondern auch Kassetten-Tonbandgeräte, Lautsprecherboxen, Empfangsteile (sogenannte Tuner) sowie Ver- stärker oder Receiver hoher Qualität. Im Lauf der 1980er- und frühen 1990er-Jahre konzen- trierte sich Dual wieder auf Plattenspieler und ließ die übrigen HiFi-Geräte beispielsweise von Rotel und Inkel produzieren, um sie dann unter eigenem Namen zu vermarkten. Nachdem die Produktion zunächst unter orgen erhalten: Die komplette Fertigungsstraße und die Produktpalette der analogen Dual-Plat- tenspieler wurden 1993 von der Alfred Fehren- bacher GmbH übernommen. Mit der Fertigung von Präzisions-Drehteilen für Dual und PE beginnt die Firmengeschichte Seine Firma hat Alfred Fehrenbacher 1963 ge- gründet. Die damals noch großen Hersteller PE und Dual hatten festgestellt, dass ihre Lieferan- ten nicht in der Lage waren, Drehteile mit der geforderten Genauigkeit zu liefern. „Ich habe zunächst in der Scheune eine Drehmaschine aufgestellt, mit der ich die Drehteile abends und am Wochenende nachgearbeitet habe“, erzählt der 80-jährige Unternehmer aus den Anfängen. Nachdem Dual die Firma PE geschluckt hatte, arbeitete er ab 1970 bei Dual als technischer Berater für Wertanalysen und -entwicklung, was nichts anderes bedeutete, als dass er nach Einsparmöglichkeiten suchte. dem Dach der Schneider Electronics GmbH fort- geführt worden war, wurde die Marke Dual (au- ßer für Plattenspieler) 1994 von der Schneider Rundfunkwerke AG an die Karstadt AG verkauft. Die Produktion von Plattenspielern blieb St. Ge- Zunächst war Alfred Fehrenbacher weiter- hin beim Thomson-Konzern als Produktionslei- ter und später auch bei Schneider beschäftigt, bis die gesamte Produktion nach Türkheim verlagert wurde. Zu diesem Zeitpunkt erwarb Der Dual CS 460 verfügt über ein edles Gehäuse aus Nussbaum. Er ist ein voll- automatischer Plattenspie- ler für gehobene Ansprü- che. Der Riemenantrieb erfolgt mit geschliffenen Flachriemen. 122 Wirtschaft


Nicht nur akustisch, sondern auch optisch ein Genuss: die Dual Serie CS, hier der CS 550. Fehrenbacher die gesamte Kunststoffspritzerei und die Dreherei. „Wir bauen bereits seit 1993 alle echten Dual-Plattenspieler der Serie CS, zunächst als Zulieferer für Schneider Electronics GmbH, seit deren Konkurs mit der vom Konkursverwalter erworbenen Lizenz in Eigenregie“, erklärt Alfred Fehrenbacher. 2002 und 2007 erneuerte die Alfred Fehrenbacher GmbH die Lizenzrechte für den Gebrauch des Markennamens Dual bei den jeweiligen Rechte-Inhabern. „Sie können mir glauben, als wir die Lizenz erworben haben, hatte ich viele schlaflose Nächte. Ich habe dar- auf gesetzt, dass der Markt für analoge Platten- spieler zumindest bestehen bleibt. Wäre diese Spekulation danebengegangen, gäbe es heute keine Fehrenbacher GmbH mehr – zumindest nicht mehr unter meiner Leitung“, gibt er nach- denklich zu. Unter dem Label „Dual Phono GmbH“, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Alfred Fehrenbacher GmbH, stellt er bis heute die ana- logen Plattenspieler mit der Typenbezeichnung „CS“ her. Aus dem Schwarzwald kommen aber nicht nur die Dual-Geräte, sondern auch Tho- rens und Marantz lassen bei Fehrenbacher ihre Plattenspieler bauen. Derzeit sind im europäischen Raum Dual-Produkte der DGC GmbH und auch von der Alfred Fehrenbacher GmbH erhältlich. Das Produktsortiment der DGC GmbH beinhaltet neben Fernsehgeräten, iPod-Systemen, Audio- systemen, DVD-Playern sowie digitalen Bil- der rahmen auch Plattenspieler (Serie DT) und vor allem DAB-Radios. Die Produkte werden vorwiegend aus Fernost eingeführt. Die Geräte sind in Fachmärkten wie beispielsweise Elec- tronicPartner erhältlich. Große Anbieter wie Migros, Weltbild und Rewe führen ebenfalls ständig Produkte von Dual. Darüber hinaus wird eine kleine Auswahl des Produktportfolios über Amazon und eBay vertrieben. Fehrenbacher fertigt derzeit neun Modelle der Serie CS Die Lizenz für die originären Dual-Plattenspieler (Serie CS), die heute wieder ausschließlich in St. Georgen im Schwarzwald produziert wer- den, hat die Alfred Fehrenbacher GmbH von der DGC GmbH erworben. Diese Plattenspieler werden über die Sintron Vertriebs GmbH dem Handel zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es Ein Leben voller Wohlklang – mit Dual 123


sich um derzeit neun Modelle in verschiedenen Preiskategorien, allesamt jedoch deutlich werti- ger als die DGC-Geräte – und alle zu 100 Prozent „Made in Germany“, wie Alfred Fehrenbacher unterstreicht. Die Firma Fehrenbacher fertigt jedoch nicht nur Plattenspieler. Sie ist ein ausgewiesener Spezialist für Kabelkonfektion und besitzt Spitzen -Know-how in Sachen Stanz-Crimptech- nik. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem beispielsweise Metallsteckerzungen an Kabel angequetscht werden. Hier verfügt die Firma über ein ausgeklügeltes System, bei dem in einem Arbeitsschritt aus einem Metallband die Stecker zungen ausgestanzt und direkt ans Kabel gecrimpt werden. Mit der Lichtwellen-Leiter-Technologie hat sich Fehrenbacher ein weiteres Geschäftsfeld eröffnet, das mit einem patentierten System auch höchst dekorative Raumlösungen ermög- licht. Die Firma unterstützt Architekten und Lichtplaner bei der Umsetzung ihrer kreativen Raumgestaltung. Diese Teile des Unternehmens hat Alfred Fehrenbacher bereits vor einigen Jah- ren in jüngere Hände gelegt. Die Neuentwicklung CS 600 Noch nicht aus der Hand gegeben hat er die Plattenspieler-Fertigung, denn sie ist „sein Kind“, eines, das er seit Jahrzehnten hegt und pflegt. Und inzwischen entwickelt Alfred Feh- renbacher auch wieder neue Plattenspieler. Dazu hat sich der Firmenchef die Dienste des ehemaligen Dual-Fertigungsleiters Willi Weis- ser gesichert. Über Jahre hinweg entstand ein Gerät, das 2014 als Dual CS 600 vorgestellt wur- de. Der Plattenspieler kostet rund 1.000 Euro, bietet sehr viel Komfort und eine absolut über- zeugende Tondynamik. „Bässe so klar wie nie und auch die Höhen werden in unglaublicher Reinheit wiedergegeben“, schwärmt Fehren- bacher. Schwer ist der Dual CS 600 geworden, da er einen doppelten Plattenteller besitzt und außerdem ist das Chassis massiv. Der hohle Alu-Tonarm ist eine völlige Neu- konstruktion, in der Dual-Tradition aber mit einem 4-fach kugelgelagerten Kardanlager konstruiert. Der Tonkopf ist aus besonders ver- windungssteifem Car bon-Fiber hergestellt. Die Fachpresse jedenfalls zeigt sich begeistert und vergibt durchweg exzellente Noten: „Der CS- 600 ist ein würdiges neues Spitzenmodell der Dual-Plattenspielerfamilie. Ohne seine Wurzeln zu verleugnen, überzeugt er mit gutem Ausse- hen, pfiffigen Detaillösungen und nicht zuletzt mit einer exzellenten Klangqualität.“ „Wir wollten ein hochwertiges Produkt ent- wickeln, das seinen Preis auch jederzeit wert ist“, unterstreicht Alfred Fehrenbacher und freut sich über diese und andere Testergebnisse. Die Montage erfolgt nahezu unverändert Bei der Montage der Plattenspieler hat sich we- nig verändert: Noch immer gibt es die alte Fer- tigungsstraße aus den späten 1970er-Jahren, an der mehrere Montagearbeiter Schritt für Schritt alle Teile zu einem funktionierenden Ganzen zusammenfügen. Dabei ist es egal, welches der insgesamt neun Geräte der CS- Familie montiert wird. Auf dem ovalen, getakteten Fließband mit seinen rund 15 Arbeitsplätzen entstehen jeden Tag einige hundert Geräte. Hinter der Montage steht ein Prüfplatz für eine absolute 100-Prozent-Kontrolle, wie man sie eben von teuren Produkten „Made in Ger- many“ erwartet. Alle Einzelteile für die hoch- wertigen Geräte kommen entweder aus der eigenen Stanzerei/Dreherei – oder aber sie wer- den in der näheren Umgebung gefertigt wie die hölzernen Teile. Auch die gesamte Verkabelung produziert Fehrenbacher selbst. Im Jahr 2015 werden wohl über 20.000 Platten- spieler der Marke Dual abgesetzt Strebt Alfred Fehrenbacher gemeinsam mit seinem kongenialen Mitentwickler Willi Weis- ser eine weitere Neuentwicklung an? Nein, unterstreicht der noch immer sehr agile Senior. „Entwicklung kostet sehr viel Geld. Und ob das jemals wieder hereinkommt, bei den doch noch 124 Wirtschaft


Über Jahre entwickelt, der 2014 vorgestellte CS 600. Bei Tests erreicht das Top-Modell von Dual sehr gute Noten: „Mit leichter Hand zeichnet der Schwarzwälder Dreher die Konturen auch schwieriger klanglicher Kost sauber nach“, schreibt die Fachpresse unter anderem. immer recht überschaubaren Stückzahlen, ist mehr als fraglich“, betont der Firmenleiter. Gerechnet hat es sich für den Geschäftsmann zumindest bisher: „Wir haben mit einer Min- deststückzahl im mittleren Preissegment von 500 Einheiten kalkuliert – doch bereits im ersten Jahr nach der Lizenz-Übernahme ha- ben wir deutlich höhere Stückzahlen erreicht. Vor einigen Jahren bereits konnten wir die 10.000er-Marke überschreiten. 2015 sieht es sogar danach aus, dass es mehr als 20.000 Plattenspieler werden, die wir bau- en“, strahlt der Mann, der Dual zurück in die Heimat holte – in die Bergstadt St. Georgen. Ein Leben voller Wohlklang – mit Dual 125


126 Wirtschaft


Perpetuum Ebner Modern verpackter Spitzenklang Von Roland Sprich Die eigentlich schon verschwundene Schallplatte erlebt eine Re naissance: Immer mehr Musiker pressen ihre Werke auch wieder auf Vinyl. In Zei- ten von Musikstreamingdiensten und Internet- downloads ist das für zwei Musikliebhaber aus der einstigen Plattenspieler hochburg St. Georgen der Grund, unter dem bekannten Label Perpetuum Eb- ner, kurz PE, wieder Plattenspieler der Extraklasse zu bauen. Ihre Produkte lassen die Unterhaltungs- elektronikbranche aufhorchen – die Tonqualität ist außergewöhnlich. 127


Anfang der 1970er-Jahre beschäftigten die beiden St. Georgener Plattenspielerhersteller Dual (s. Seite 120) und PE 2.100 beziehungswei- se 1.500 Mitarbeiter. Aufgrund der schlechter werdenden Umsatzsituation wurde 1971 ein Ko- operationsvertrag zwischen den einstigen Kon- kurrenzunternehmen geschlossen. Zwei Jahre später verschwand die Marke PE vom Markt, um 44 Jahre später wie Phoenix aus der Asche wieder aufzuerstehen. PE wurde im Jahr 1911 ge- gründet und gilt als eines der weltweit ältesten Phonounternehmen. Wie eingangs dargelegt hat die Wieder- auferstehung ihren Grund: Im vergangenen Jahr wurden laut GfK Entertainment 1,8 Millionen Schallplatten sprich Vinylalben verkauft. Das sind so viele wie zuletzt 1992. Und im ersten Halbjahr 2015 legte der Anteil der Vinylschei- ben im Musikgeschäft laut Bundesverband der Deutschen Musikindustrie BVMI um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu und kann nun für sich einen Anteil von 3,1 Prozent am Gesamt- markt verbuchen. Unter diesen Vorzeichen ist es eine logische Schlussfolgerung, dass auch die Produktion von Plattenspielern stark anzieht. Und beinahe ebenso logisch ist es, dass gerade in St. Geor- gen, der einstigen Hochburg der Plattenspieler- produktion, wieder Abspielgeräte der High-End- Klasse hergestellt werden. Denn St. Georgen war von den 1950er- bis Mitte der 1980er-Jahre für seine Plattenspieler der Marken Dual und PE weltbekannt. Musikgenuss höchster Güte bieten Zwei Musikliebhaber aus St. Georgen haben die Entwicklung auf dem Schallplattenmarkt zum Anlass genommen, um unter dem Label der einstigen Weltfirma Perpetuum Ebner (PE) erneut Plattenspieler der High-End-Klasse zu produzieren: Wolfgang Epting und Hans Uwe Lorius wollen mit ihrer Idee vor allem eines: Mu- sikgenuss allerhöchster Güte bieten. Die Idee, das einstige Label PE wieder zu reaktiveren, hatte Wolfgang Epting. „Das Beste, was man machen kann, ist entweder selbst Wolfgang Epting bei der Finalisierung eines High-End-Plattenspielers der Marke PE. Musik zu machen. Oder etwas produzieren, womit man Musik richtig gut hören kann“, fasst Wolfgang Epting seine Motivation zusammen. Vielleicht kam dem Feinwerktechniker und Betriebswirt, der zuletzt kaufmännischer Leiter eines Unternehmens war, das genau in den ehe- maligen Betriebsräumen sitzt, in der einst die Firma Perpetuum Ebner produzierte, der Spirit von damals zu Hilfe. „Ich habe mir in der Tat einmal überlegt, wer wohl einst an diesem Platz gesessen hat“, lacht Wolfgang Epting, der auch Geschäftsführer seines Unternehmens WE Au- diosystems ist, das die Plattenspieler produziert. In Hans Uwe Lorius fand Epting einen Gleichgesinnten. Auch Lorius ist ein Freund höchsten Musikgenusses. Für den Produkt- designer schließt sich zudem ein Kreis: Lorius kam 1978 nach St. Georgen, um für die Platten- spielerfirma Dual moderne Geräteformen zu designen. Epting und Lorius verbindet die Visi- on, hochwertige Technik und ausgezeichnetes Design zu einem anspruchsvollen Produkt zu vereinen. Wolfgang Epting und Hans Uwe Lorius zapfen die Ressourcen von damals an Um ihre Idee umsetzen zu können, zapften Epting und Lorius verbliebene Ressourcen aus der damaligen Zeit von PE an. „Wir haben ehe- malige Techniker und Ingenieure von Dual und PE angesprochen“, sagt der Ideengeber. Die Unterstützung war groß. „Es war, als ob alle nur darauf gewartet hätten, dass es weitergeht. Die früheren Mitarbeiter hatten so viele Ideen, die sie damals nicht mehr umsetzen konnten“, war Epting überrascht, so dass Ideen und Vorschläge nur so sprudelten. Die Vermarktung der hochwertigen Platten- spieler unter dem bei Enthusiasten noch immer geläufigen Namen PE hat für Wolfgang Epting 128 Perpetuum Ebner


XXX 129


und Hans Uwe Lorius mehrere Gründe. „Die Marke ist nicht verbraucht, weil sie seit Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr verwendet wurde.“ Damals übernahm Konkurrent Dual die Firma, der Name PE verschwand. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Lizenzgeber bis heute in St. Georgen lebt. „Und von den Kun- den wird der Name PE mit der guten alten Zeit in Verbindung gebracht“, sind sich die beiden Visionäre sicher, mit der Marke PE die richtige Lösung gefunden zu haben. Aus nostalgischen Gründen wird deshalb auch das ursprüngliche Logo aus den 1960er-Jahren die Geräte zieren. So wie Wolfgang Epting beim Logo auf Nos talgie setzt, technisch verlässt er sich doch lieber auf den neuesten Stand. Die rund 50 Einzelteile, aus denen die High-End-Geräte zu- sammengesetzt werden, stammen ausschließ- lich von Zulieferbetrieben aus St. Georgen und nächster Umgebung. Weshalb der selbstbe- wusste Zusatz „Made in St. Georgen“ durchaus gerechtfertigt ist. Angetrieben werden die Gerä- te von einem durchzugsstarken elektronisch ge- regelten Motor der Firma ebm-papst. Auch das eine Hommage an vergangene Zeiten, als die Unterhaltungsgeräte ebenfalls von Papst-Moto- ren angetrieben wurden. Der PE 4040 wird als Standardausführung in Vogel- augenahorn geliefert. Von höchster Güte ist der Ton- arm: Die Abtastnadel verfügt über einen elliptischen Diamantschliff. Das Premiummodell PE 4040 lehnt sich an das Spitzenmodell der 1970er-Jahre an Gefertigt werden zunächst zwei Grundmodelle, die in unterschiedlichen Farbvariationen erhält- lich sind. Angelehnt an das Spitzenmodell der 1970er-Jahre mit der Bezeichnung PE 2020 trägt das Premiummodell der Neuzeit die Bezeich- nung PE 4040. Allen Geräten gemein soll das schwarze Klavierlack-Tonarm-Board sein. Das Plattentellerboard kann je nach Kundenwunsch in verschiedenen Holzausführungen geliefert werden. „Die Standardoptik ist Vogelaugen- ahorn. Der Kunde kann aber auch Mahagoni und andere Edelholzvarianten wählen“, erklärt Wolfgang Epting. Das Einsteigermodell mit der Bezeichnung PE 1010 wird standardmäßig in lichtgrauer Optik geliefert. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Tonarm und der Abtastnadel. „Die Diamant- nadel hat einen elliptischen Schliff. Dadurch werden alle Informationen in der Plattenrille erfasst“, erklärt Wolfgang Epting. Frühere Dia- mantnadeln hatten einen sphärischen Schliff, die zwar die Informationen aus der Tiefe der Rille, jene am Rillenrand jedoch nicht erfasst ha- ben. Die Folge: ein noch brillanterer Klang und ein vollendeter Hörgenuss. Was jeden früheren oder aktuellen Besitzer eines Plattenspielers erstaunen lässt: Wenn Wolfgang Epting sein Premiummodell vorführt, schwenkt der Tonarm nicht selbständig, um die Nadel auf die Platte zu setzen. Dieser Vorgang 130 Wirtschaft


Das 4.000 Euro teure Premiummodell PE 4040 von Perpetuum Ebner. Das neu entwickelte Integrated Floating Board (IFB) zur wirksamen Resonanzentkopplung sowie der Tonarm aus deutscher OEM-Produktion sind die augenfälligsten Merkmale des neuen klassischen PE-Analog-Players der High-End-Klasse. Die Qualität des Plattenspielers wird von einer bekannten Fachzeitung als „überragend“ bezeichnet (fünf Sterne). muss vielmehr in Handarbeit erfolgen. Epting: „Es gehört einfach dazu, die Platte aus dem Cover und der Hülle zu nehmen, sie dabei vor- sichtig an den Rändern anzufassen, aufzulegen, eventuell mit einer Bürste vorsichtig den Staub zu entfernen und dann den Tonarm mit der Na- del von Hand präzise an den Beginn der Platte zu führen.“ Die neuen Plattenspieler sind im Übrigen nicht nur technische, sondern auch physikali- sche Schwergewichte. 16 Kilogramm bringt das Spitzenmodell PE 4040 auf die Waage. Das Ge- wicht hat seinen guten Grund. „Wir wollen alle Störelemente eliminieren“, erklärt Wolfgang Epting. So soll keine Erschütterung von außen den Hörgenuss beeinträchtigen. Für einen er- schütterungsfreien Lauf sorgt auch der federnd gelagerte Plattenteller. Qualität hat ihren Preis: 4.000 Euro für das High-End-Modell Solche Qualität hat ihren Preis. Knapp 4.000 Eu- ro kostet das Premiummodell 4040, das Einstei- germodell PE 1010 knapp 2.000 Euro. Auch hier knüpft Wolfgang Epting an die alten Zeiten an: Schon die PE-Geräte der 1950er- und 60er-Jahre waren in der oberen Preisklasse anzutreffen, wie alte Preislisten belegen. Das Spitzenmodell 2020 kostete rund 600 D-Mark. Das war viel Geld für einen Arbeiter, der im Monat vielleicht 1.000 Mark verdient hat. Zum Vergleich: Ein VW-Käfer kostete 1960 rund 3.700 Mark. Wolfgang Epting ist klar, dass seine Plat- tenspieler eine bestimmte Klientel ansprechen. Menschen, die so wie er großen Wert auf höchs- ten Musikgenuss legen. Im ersten Jahr rechnet der Plattenspielerproduzent mit einer Auflage von rund 300 Geräten. „Der Markt für diese Geräte wird ganz klar Südostasien, Nordame- rika und Osteuropa sein“, zählen Epting und Lorius auf. Aber auch einige Musikliebhaber aus Deutschland werden die PE-Plattenspieler kau- fen. Allerdings werden die Geräte nur über den autorisierten Fachhandel (HiFi-Fachgeschäfte) in Freiburg und Stuttgart erhältlich sein. PE lebt! Das St. Georgener Unternehmen gilt nach wie vor als Synonym für hervorragende Qualität in der Unterhaltungselektronik – der erste Messeauftritt auf der „High End 2015“ in München war viel beachtet. Perpetuum Ebner 131


Alles aus einem Guss Die Villinger Aluminiumschmiede AGVS fertigt komplexe Gussteile von Christina Nack Egal, ob in Kanada, Südamerika oder ir- gendwo dazwischen, ob in Asien, Afrika und in Europa sowieso: Wer irgendwo auf der Welt einen Niederflurbus besteigt, kommt unweigerlich in Kontakt mit ei- nem Produkt der Aluminium Werke GmbH Villingen (AGVS). Freilich ohne es zu ahnen und ohne das Produkt zu sehen, denn höchstwahrscheinlich handelt es sich um ein Getriebegehäuse. 132


Kippbare Öfen in der Metalll-Küche befördern das flüssige Aluminium in eine Gieß pfanne, die via Deckenschienen zu den Stationen in der Formerei dirigiert wird. 133


Kaum ein Niederflurbus der Welt fährt ohne Teile der AGVS – hier zum Beispiel ein Leitrad, dass im Fahrbetrieb hochbeansprucht wird. In der gewaltigen Industrieküche nur einen Steinwurf von der historischen Stadtmauer Villingens entfernt werden die komplexen Teile für weltweit annähernd al- le Überlandbusse mit ebenerdigem Einstieg gegossen. „Im Alltag werden die Menschen ständig von Erzeugnissen aus unserem Hause begleitet, sie wissen es nur nicht“, sagt Hans Mack, Mehrheitsgesellschafter im Leitungstrio, das die Kollegen Uwe Klier und Helmut Züfle komplettieren. In ihrer heutigen Konfiguration wurde die AGVS 1995 mit 46 Beschäftigten ge- gründet. Seither hat sie sich zum stabilen Mit- telständler entwickelt, bei dem 220 Menschen in Lohn und Brot stehen. Vom Allrounder zum erfolgreichen Spezialisten Der Erfolg der Alu-Werke ist im Wortsinn auf Sand gebaut, denn Sandguss ist nach einer dramatischen Zäsur vor 20 Jahren als Kernkom- petenz geblieben. Sie entwickelte sich aus einer Nischenposition neben Druck- und Kokillen- guss als früher führenden Sparten. „Es war ein Gemischtwarenladen“, stellt Hans Mack stirn- runzelnd fest, denn gern erinnert er sich nicht an jene schweren Zeiten, da die Aufträge weg- brachen, die Belegschaft in rasantem Tempo schrumpfte und das Unternehmen schließlich in den Konkurs schlitterte. Der Geschäftsführer will lieber über die heutigen Zeiten sprechen, zum Beispiel über den aktuellen Großauftrag aus China. Die Aluminiumwerke liefern über den renommierten Getriebehersteller ZF Fried- richshafen Teile für einen neuen Hochgeschwin- digkeitszug im Reich der Mitte. „Wir werden das Jahr 2015 mit einem Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro abschließen, das ist Rekord.“ Die AGVS hat in Villingen-Schwenningen ei- nen hervorragenden Ruf als Leistungsträger und Vorzeigeunternehmen in jeder Hinsicht. Sie gilt als „Hochlohn-Betrieb“ und ist auch wegen des guten zwischenmenschlichen Klimas ein belieb- ter Arbeitgeber. Die Öffentlichkeit nimmt das Un- ternehmen immer wieder wegen seines sozialen Engagements wahr; ab und zu berichten die regionalen Medien über Zertifikate für optimales Qualitäts-, Umwelt- und Energiemanagement. Der gebrauchte Sand und Alu-Reste sind kein Abfall, sondern wandern in den Kreislauf der Wiederverwertung: „Wir recyceln zu hun- dert Prozent, halten die gesetzlichen Emissions- grenzwerte ein und nehmen uns der Themen Umwelt und Energie engagiert an“, versichert Die AGVS am Goldenen Bühl in Villingen. 134 Wirtschaft


Die Geschäftsleitung, von links: Uwe Klier, Helmut Züfle und Hans Mack. Hans Mack. „Das ist allerdings vielen Leuten überhaupt nicht klar und erst recht nicht, was wir hier herstellen und wie wir es machen.“ Ob Ölwannen für Lastwagen oder Gelenkwellen- rohre für Sportautos von Mercedes: Produkte aus der Villinger Aluminium-Schmiede seien ständig im Alltag präsent. Jährlich werden rund 10.000 Tonnen Sand zu komplexen und kom- plizierten Formen verarbeitetet, in die flüssiges Aluminium gegossen wird. Nach dessen Erkal- ten wird der Sand weggeschlagen und zum Vor- schein kommt das glänzende komplizierte Teil, das die Auftraggeber bestellt haben. Dazu gehören Hersteller aus Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie, Flugzeug- und Schiffsbau, Maschinen- und Motorenbau, Ener- gieindustrie und Bauwirtschaft. „Aluminium- teile sind überall gefragt, wo Leichtigkeit und Korrosionsbeständigkeit wichtig sind.“ Unter den Stammkunden finden sich wohlklingende Namen wie Daimler, AMG, Liebherr, MAN, MTU, Siemens, Voith und ZF. „Wir sind Zulieferer und als solcher auf die Entwicklung in anderen Bran- chen angewiesen“, sagt der 61-Jährige. Doch durch die enorme Flexibilität der Produktion, hohe Präzision gerade bei schwierigsten Teilen, Liefertreue und Verlässlichkeit auch im Vertrieb hat sich das Unternehmen eine beständige Marktposition erobert. „Wir gehören zu den Top Five in Deutschland“, stellt Hans Mack, der Pri- mus inter pares im Triumvirat an der Spitze des Traditionsunternehmens, zufrieden fest. Neustart als Problemlöser für besonders knifflige und komplexe Teile Der gebürtige Königsfelder hat sein gesamtes Berufsleben der „Alu“ gewidmet, wie die Alumini- umwerke bis heute nicht nur von der Belegschaft genannt werden, sondern auch von der Bevölke- rung. In guten Zeiten gehörte sie mit SABA und Kienzle zu den größten Arbeitgebern der Stadt, 1985 bestand die Belegschaft aus mehr als tau- send Männern und Frauen. Es gab kaum eine Fa- milie in Villingen-Schwenningen, die der Alu nicht irgendwie verbunden war. 1970 begann Hans Mack hier seine Lehre als Industriekaufmann und hatte sich zum Finanzchef hochgearbeitet, als die Lage zunehmend bedrohlicher wurde. Die beginnende Globalisierung veränderte die Marktverhältnisse. Durch eine sich immer schneller nach unten drehende Preisspirale kam insbesondere die Automobilzulieferindustrie in große Nöte. Ein hohes Maß an Spezialisierung und Automatisierung war notwendig, um zu überleben. Die AGVS konnte dies mit den Spar- ten Sand-Kokillen- und Druckguss nicht leisten. Hinzu kam das bekannt hohe Lohnniveau, das die Ergebnisse vollends in den Keller drückte. Im Jahr Alles aus einem Guss – AGVS 135


Die sogenannten ‚Torque Tubes‘ der AGVS stecken in jedem neuen Mercedes AMG-GT und sind mit unter 30 kg echte Leichtgewichte. 1994 musste nach turbulenten Jahren mit vielen vergeblichen Ret- tungsversuchen Konkurs angemel- det werden. Auf den Zusammenbruch von SABA, Kienzle, Dual als ehemali- gen Riesen in den zerfallenden Branchen Unterhaltungselek- tronik und Uhrenbau, war der Zu- sammenbruch der Aluminiumgießerei Villingen (AGV) ein weiterer Keulenschlag für die Bevöl- kerung und den Industriestandort insgesamt. In harten Verhandlungen mit Betriebsrat und IG Metall als starkem Gewerkschaftspartner für die noch 600-köpfige Belegschaft, wurde ein Sozialplan für Entlassungen und Abfindungen vereinbart; die Maschinen wurden versteigert. Nicht nur dem ehemaligen Finanzverwal- ter blutete das Herz. Es gelang, was Hermann Hesse poetisch mit dem im Ende wohnenden Anfang beschwört und was in der freien Wirt- schaft zwar selten, aber doch immer wieder geschieht – ein Sanierungsansatz aus dem Scherbenhaufen der Insolvenz. Hans Mack, Ewald Rösch, Horst Heinermann und Gerd Hen- nerich – alle vier gestandene Gießerei-Experten mit Alu-Stallgeruch – kauften die Produktions- anlagen für Sandguss aus der Konkursmasse auf. „Das war zwar das kleinste Segment, aber wir sahen darin das größte Potenzial.“ Im Okto- ber 1995 gründete das Quartett eine GmbH. Mit an Bord waren 46 erfahrene Kollegen, die dem Betrieb nicht nur beruflich, sondern auch emo- tional verbunden waren – Techniker, Vertriebs- profis, Finanzexperten. „Die Leute trauten uns, weil sie uns kannten.“ Sukzessive eroberte die Truppe verlorene Marktanteile zurück, vor allem in den Branchen Nutzfahrzeuge- und Maschi- nenbau. Langsam, aber stetig ging es aufwärts. Das neue Management investierte im Laufe der Jahre viele Millionen Euro in Formanlagen, Schmelzaggregate und Kernschießmaschinen. „Sandguss ist unsere Kernkompetenz, aber wir haben kein Eigenprodukt, sondern etablierten uns als Problemlöser für besonders knifflige und komplexe Teile.“ Die Metall-Küche erinnert an ein überdimensionales Labor Noch immer ist die Produktion personalinten- siv, noch immer ist die Arbeit bei der Alu kein Zuckerschlecken, wie ein Rundgang durch die transparente Fertigung in großen, offenen, mit- einander verbundenen Hallen zeigt. Besucher wähnen sich in einer anderen Welt, Assoziati- onen von harter Maloche im Stahlwerk stellen sich ein. Kräftige Männer in derber Arbeitsklei- dung hantieren an großen Maschinen, fahren Gabelstapler mit Rohmaterial, balancieren Sandblöcke mit einem Kran durch die Luft. Es ist laut, staubig, in der Luft liegt ein eigenartiger Geruch. Es ist heiß, vor allem in der „Küche“, wie die Metallschmelze intern genannt wird. Hier wird das Aluminium mit Hochleistungsaggrega- ten möglichst energiesparend erhitzt und durch das „Würzen“ mit Mangan, Magnesium, Kupfer, Nickel und weiteren Metallen zu fünf bis sechs verschiedenen Legierungen verarbeitet. Bei Temperaturen um die 670 Grad wird Alu flüssig, ab 2.500 Grad verdampft es. Die Metall-Küche erinnert an ein überdimensionales Labor, in dem es in monströsen Töpfen geheimnisvoll brodelt und gewaltige Rührgeräte das Gebräu durchmi- schen. Kippbare Öfen befördern den heißen Brei in eine Gießpfanne, die via Deckenschienen zu den Stationen in der Formerei dirigiert wird. Bis zu 50 Tonnen Aluminium werden in der AGVS täg- lich eingeschmolzen. Das Leichtmetall wird in Barren geliefert und mit über 700°C in die komplizierten Sand- formen gegossen. Anschließend wird das Rohteil aus seinem Sandmantel geschlagen und weiter bearbeitet. 136 Alles aus einem Guss – AGVS


XXX 137


Tradition – Aluminium-Guss am Goldenen Bühl in Villingen seit 1928 Wie alles begann 1928 Übernahme eines stillgelegten Kaltwalzwerkes durch die Aluminium-Gießerei Singen GmbH 1929 Umfirmierung des Unternehmens in Vereinigte Alumini- um-Gießerei Singen-Teningen GmbH; Beginn der Produkti- on von Aluminium-Sandguss und Kokillenguss 1957 Umfirmierung in AGV Aluminium-Gießerei Villingen GmbH; Übernahme durch die Bizerba-Gruppe Balingen; 325 Mitar- beiter/innen produzieren 1.000 Tonnen Guss/Jahr Bewegte Jahrzehnte im Zeichen der Automobilindustrie 1960 Aufnahme der Druckgussproduktion 1970 Einführung des Niederdruckgusses für die Herstellung von Aluminiumrädern 1985 Etablierung im internationalen Wettbewerb; Kapazitäts- ausweitung auf 15.000 Tonnen Guss/Jahr. 1989 Verkauf der AGV an die Austria Metall AG (AMAG) 1994 Die AGV meldet Konkurs an, eine Unternehmensfortfüh- rung scheitert Neubeginn mit Erfahrung und Flexibilität 1995 Management-Buy-Out durch ehemalige Mitarbeiter der AGV; Gründung der AGVS Aluminium Werke GmbH Villin- gen mit Schwerpunkt Sandguss 2003 Inbetriebnahme der neuen Heinrich Wagner Sinto Großform anlage 2010 Inbetriebnahme der ersten Niederdruck-Kokillengießmaschine 2012 Standortsicherung durch Kauf des gesamten Firmengelän- des, Gründung der AGVS Industriepark GmbH als Immobili- enverwaltung des 60.000 m² Areals Heute: Etablierte Branchengröße im Sandguss – Mehr als 200 qualifizierte Mitarbeiter/innen in Produktion und Verwaltung – Produktionskapazität: 5.000 Tonnen Guss/Jahr – Zertifizierungen: ISO/TS 16949, DIN EN ISO 50001, DIN EN ISO 14001 Luftbild von 1923. 138 Spätestens hier wird anschaulich, dass der Aluminium-Guss trotz der vielen opulenten Maschinen im Prin- zip wie Kuchenbacken funktioniert. Der Kunde liefert Prototypen aus Kunststoff oder Metall. In der AGVS werden aus speziell aufbereitetem Sand Formen hergestellt, die milli- metergenau mit der Vorlage überein- stimmen. Es gibt zwei automatische Formanlagen, in denen die Kunststoff- modelle in schwere Sandformen gedrückt werden. Die Hohlräume wer- den mit flüssigem Aluminium gefüllt. Schon nach 15 Minuten ist es kalt, also wieder fest und wird „ausgepackt“. Das ist die körperlich schwerste Arbeit im Betrieb, denn die Sandbrocken müssen manuell aus feinsten Ritzen und Verästelungen geschlagen und gerüttelt werden. Höchste Präzision ist gefragt Jede Form kann also nur einmal ver- wendet werden, weil sie nach der Verwandlung des flüssigen Kerns zum festen Teil zerstört werden muss. Jeder Arbeitsschritt verlangt höchste Präzision, gleichwohl gibt es eine – wenn auch niedrige – Fehlerquote von zwei bis drei Prozent. Trotz exakter Berechnungen der gießtechnischen Prozesse wie Fließgeschwindigkeit und Erstarrungsablauf, bleibt die Formfüllung laut Mack eine knifflige Aufgabe. Wenn sich Blasen oder inne- re Fehler gebildet haben, wird das Teil wieder eingeschmolzen, ebenso über- schüssiger Anschnitt an den Guss tei- len. Das Metall wird europaweit in Barren eingekauft. Der Sand stammt aus dem nordrheinwestfälischen Hal- tern und wird nach Gebrauch eben- falls komplett wiederverwertet, meist zur Herstellung von Zement oder zur Deponieabdeckung. Wirtschaft


Am Ende muss alles perfekt passen: Mit modernster Messtechnik wird jedes Teil auf Präzision geprüft. Rund eine Million Tonnen Aluminium wer- den jährlich in Deutschland in Formen gegos- sen, nur 100.000 Tonnen in solche aus Sand und an denen wiederum hat die AGVS einen Anteil von vier Prozent. „Es ist ein kleines Segment, in dem nicht die Masse, sondern die Komplexität entscheidet“, erklärt Mack den Proporz. Der „kernintensive Sandguss“ wird in kleinen Stück- zahlen betrieben. Wöchentlich werden rund 20 Tonnen Guss ausgeliefert; 15 Prozent sind für den direkten Export bestimmt; der Anteil indi- rekten Exports ist laut Mack größer, aber schwer quantifizierbar. Rohmaterial und fertige Teile werden mit Lastwagen transportiert, was wegen der Lage in unmittelbarer Stadtnähe logistisch nicht ganz einfach ist. „Wir haben uns unseren Erfolg hart erkämpft.“ Handel, Gewerbe, Wohnungen sind um die Aluminiumwerke herum entstanden, die vor rund hundert Jahren als Ableger der Singener Alu-Werke auf der grünen Weise gegründet wurden. „Das hier war einmal der Bolzplatz vom FC 08.“ Auch dank des effektiven, streng über- wachten Emissionsschutzes sei das Verhältnis zur Stadtverwaltung und zu weiteren Behörden gut. Wichtig ist der Leitungsebene auch ein harmonisches Verhältnis zur Belegschaft. Die Fluktuation ist gering; die Zugehörigkeit zum Betrieb oft bis ins Rentenalter spreche für die Zufriedenheit der Kollegen. Sandguss ist übli- cherweise Männerarbeit; nur in der Kernmache- rei und in der schlanken Verwaltung sind auch Frauen beschäftigt. Sieben Auszubildende ge- hören zur Belegschaft; sie lernen Gießerei-Me- chaniker, Industriekauffrau und Modellbauer. Arbeitsspitzen werden oft mit Zeitarbeitern aufgefangen; das Leitungstrio ist vorsichtig bei der Einrichtung neuer Stellen. Immerhin wurden rund 70 ehemalige Zeitarbeitskräfte im Laufe der Zeit fest angestellt. Die Auftragslage sei gut, die Position am Markt stabil, entsprechend optimistisch seien die Perspektiven. Vernünftiges und sorgfältiges Handeln sind die wichtigsten Komponenten der unternehmerischen Strategie: „Wir wollen nicht um jeden Preis wachsen.“ Roter Faden der Weiterentwicklung sei Rentabilität. „Wir haben uns unseren Erfolg hart erkämpft und wollen ihn nicht durch spekulative Wagnisse riskieren.“ Hans Mack ist der Frontmann eines Unterneh- mens, das sich nach dem eigenen Kollaps neu erfinden musste. 25 Jahre hat er als Angestellter in seinem Lehrbetrieb verbracht, 20 Jahre als geschäftsführender Gesellschafter. Er kennt alle Abteilungen aus dem Effeff, kennt die vor allem in Krisenzeiten konträren Sichtweisen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Er hat für bei- de Seiten Verständnis; Tariflöhne sind für ihn ebenso selbstverständlich wie die konstruktive Kooperation mit dem Betriebsrat. „Uns geht es gut“, fasst er die Situation der AGVS 20 Jahre nach ihrer Wiedergeburt zu- sammen. Bei all den positiven Entwicklungen dürften jene nicht vergessen werden, die auf Hilfe angewiesen sind: Diese Absicht steckt hin- ter den Sponsoring-Aktivitäten des Unterneh- mens. Seit 15 Jahren unterstützt es die Feldner Mühle in Villingen, eine Freizeiteinrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Außerdem engagiert sich „die Alu“ jüngst für den Unterkir- nacher Fohrenhof, in dessen Arbeitsalltag kör- perlich und geistig beeinträchtigte Menschen integriert sind. Aktuelle Nöte etwa durch Natur- katastrophen und Bedürftigkeiten unterschied- licher Einrichtungen im Landkreis sind ebenfalls Anlässe für finanzielles Engagement. Alles aus einem Guss – AGVS 139


Unterwegs auf dem Spätzle-Highway 140 140 Autobahn 81


von Daniela SchneiderA 81 Der Spätzle-Highway 141


E Es war ein ziemlich kalter, ungemütlicher Tag, jener 10. Dezember 1975. Und passend zum Wetter geriet dann auch die Verkehrsfreigabe des ersten Auto- bahnabschnittes im Schwarzwald-Baar-Kreis zu einem recht sachlichen und wenig festlichen Ereignis. Damals, vor 40 Jahren, wurde der vierstreifige, 22,5 Kilometer lange Teilabschnitt der Autobahn 81 zwischen den Anschluss­ stellen Villingen­Schwenningen und Geisingen freigegeben. Sollte es da nicht ein großes Brimborium, Volks – feststimmung und Freudentänze geben? Fehl – anzeige! Wie wenig feierlich es zuging, zeigt eine Aktennotiz der Stadtverwaltung Villin- gen-Schwenningen: „Eine offizielle Feier findet nicht statt… Bei der Inbetriebnahme der Au- tobahn wird lediglich die Schranke beiseitege- schoben und die Strecke abgefahren“, hieß es damals. Und tatsächlich: Der Schwarzwälder Bote zum Beispiel präsentierte anderntags ein Foto mit Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Staatsse- kretär Ernst Haar (SPD) vom Bundesverkehrsmi- nisterium und Villingen-Schwenningens Ober- bürgermeister Dr. Gerhard Gebauer samt dicker Fellmütze im kalten Winter. Drunter stand: „Die bescheidene Form der Übergabe des Autobahn- teilstücks… hatte zur Folge, dass auch nur wenig Prominenz das Ereignis verfolgte.“ Und in der Stuttgarter Zeitung war zu lesen, dass die neue Strecke, obwohl im Badischen lie- gend, dennoch „mit schwäbischer Sparsamkeit dem Verkehr übergeben“ wurde, ganz „ohne Reden und Festschmaus“, so habe es Landes- Wirtschaftsminister Eberle durchgesetzt. Weiter heißt es: „Im Bonner Verkehrsministerium wäre man nicht abgeneigt gewesen, ein wenig zu fei- ern“, doch stattdessen würden „nur die Sperren zur Seite geräumt und die Hüllen von den Weg- weisern gezogen“. Kurz und schmerzlos: die Verkehrsfreigabe des Schwarzwald-Baar-Abschnitts im Dezember 1975 Vorne v. links: Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Staats- sekretär Ernst Haar und OB Dr. Gerhard Gebauer (historischer Zeitungsausschnitt). Rechte Seite: Verlauf der A 81, aus: Bundesautobahn A 81 Singen-Stuttgart, herausgegeben vom Bundes- minister für Verkehr und vom Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr Baden-Württemberg, 1978. S. H. Stegmaier, Stuttgart. 142 6. Kapitel – Autobahn 81


Der Spätzle-Highway 143


Wie auch immer der äußere „Es ist soweit! Frei Rahmen war: Jedenfalls hatten die Autofahrer ab dato freie Bahn von Schwenningen bis Singen. Zwei Jahre später folgte dann außerdem die Frei­ gabe der kompletten A­81­Strecke. Dass diese liebevoll­spöttisch auch schon mal „Spätzle­Highway“ genannt wird, nachzulesen zum Beispiel in einem ADAC­Magazin im Jahr 2003, das findet Willi Sau­ erland dann doch ziemlich despek­ tierlich. Immerhin ist es ja auch irgendwie seine Autobahn, war er doch seit den 1970ern bis 1998 Dienststellenleiter der Autobahn­ meisterei Rottweil. Als solcher war er quasi von Anfang an dabei und als solcher ist er auch ein bisschen stolz darauf, welche Ausmaße und Bedeutung die Fernstraße bis heute hat, von wegen „Spätzle­Highway!“, empört er sich. Aber gut, es stimmt schon, das sagt auch Willi Sauer­ land, der Bau der Autobahn schloss damals die „eher im Verkehrsschat­ ten liegenden Gebiete auf der Baar, der Alb und im Schwarzwald an die Landeshauptstadt und den Boden­ seeraum an“ – so heißt es weiter im genannten Magazin. Es sollte ein Vorteil werden für Menschen und Regionen in einem Teil des „Spätz­ le­Raums“ eben, die bis dahin richtig schlecht ans Verkehrsnetz angebunden waren. Impulse für die Entwicklung der Wirtschaft und des Fremdenverkehrs Die Gründe, die die Verantwortlichen seinerzeit für den Bau der A 81 nannten, sehen jedenfalls so aus: Wie erwähnt sei die Anbindung der bis­ her vom Autobahnnetz abgelegenen Gebiete immens wichtig und verspreche zudem Impulse für die Entwicklung der Wirtschaft und des Tourismus in diesen Landstrichen. Angestrebt werde zudem die Schaffung einer zweiten ist der Weg von der Landeshauptstadt über Neckar und Baar zum Bodensee. Vergessen das mü- hevolle Suchen nach der geeignetsten Route, das Klet- tern auf schmalen Serpentinen über Alb und Donautal. Nun ziert das breite Band der Autobahn die vielgegliederte Lücke zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb und bringt uns schnell zum vielge- rühmten Schwäbi- schen Meer.“ Bundesministerium für Verkehr durchgehenden Autobahnverbin­ dung in Baden­Württemberg in Nord­Süd­Richtung neben der A 5 und damit eine Entlastung eben jener Rheintalautobahn. Hinzu komme die angestrebte Entlastung der B 27 und im Fernverkehr die Ver­ längerung der Verbindung aus dem norddeutschen Raum auch von den Nord­ und Ostseehäfen über Kassel, Würzburg und Stuttgart bis an die Schweizer Grenze bei Schaffhausen. Die Euphorie jedenfalls scheint groß gewesen zu sein, sowohl in der Planungsphase als auch bei der endgültigen Freigabe der Ge­ samt­Strecke im Dezember 1977. In einer dazu eigens vom Bun­ desminister für Verkehr und vom Landesminister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr heraus­ gegebenen Broschüre heißt es: „Es ist soweit! Frei ist der Weg von der Landeshauptstadt über Neckar und Baar zum Bodensee. Vergessen das mühevolle Suchen nach der ge­ eignetsten Route, das Klettern auf schmalen Serpentinen über Alb und Donautal. Nun ziert das breite Band der Autobahn die vielgegliederte Lücke zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb und bringt uns schnell zum vielgerühmten Schwä­ bischen Meer.“ So führt die A 81 seither von Würzburg nach Stuttgart und von dort dann – fortan als Teil­ stück oft „Bodenseeautobahn“ genannt – , über Böblingen und den Schönbuch, weiter durch den Kreis Freudenstadt hinein ins Neckarland bis zum Anstieg bei Rottweil. Sie überquert das Tal des Neckars und dann das der Eschach und kommt schließlich im Schwarzwald­Baar­Kreis an. Hier erreicht sie hinter Villingen­Schwen­ ningen die Hochebene der Baar und senkt sich durchs junge Tal der Donau. Weiter geht es auf die Schwäbische Alb hinauf durch den Kreis Tuttlingen und im Kreis Konstanz in den Hegau abfallend bis nach Gottmadingen in die Nähe 144 Autobahn 81


Autobahnbau zwischen Trossingen und Sunthausen vor 1972. Hier rollt der Verkehr auf der A 81 im Hintergrund schon (NECKAR- QUELLE im September 1977): „Drei Straßen auf einer Aufnahme: Im Vordergrund die helle Bahn ist die Rohtrasse für die Biesinger Umgehung, in der Bildmitte die Strecke Sunthausen-B27 und die Autobahn Stuttgart-Singen im Hintergrund.“ „Die beiden ersten offiziellen Verkehrsteil- nehmer beim Brückenfest an der Kreisstra- ße Deißlingen-Niedereschach vor den Hin- terhölzerhöfen: Hochradfahrer Otto Dreher und Bürgermeistersohn Spadinger.“ Andere Zeiten – andere Sitten: Während die Freigabe an der Anschlussstelle Villin- gen-Schwenningen später recht nüchtern geriet, waren die Deißlinger ein paar Mo- nate zuvor bei der Einweihung einer Auto- bahnbrücke schon eher in Feierlaune. „Mit einer zünftigen Prise wurde der hochoffi- zielle Einweihungsakt an der 15. Brücke in Deißlingen anlässlich des Autobahnbaues durch Bürgermeister Spadinger im Kreise der Festaktteilnehmer besiegelt.“ (NECK- ARQUELLE, Mai 1975) Der Spätzle-Highway 145 145


Die Autobahn 81, am rechten Bildrand verlaufend, liegt mitten in den ausgedehnten Ackerflächen der Baar. Hier Ober-und Unterbaldingen im Vordergrund, links oben Biesingen und Sunthausen, auf der rechten Sei- te oben Öfingen. der Schweizer Grenze. Die Strecke liegt einge­ bettet zwischen Schwarzwald und Schwäbi­ scher Alb inmitten ausgedehnter Ackerebenen, sanft gewellter Hügel und schroff eingeschnit­ tener Täler, gesäumt von bewaldeten Bergen. Im Schwarzwald­Baar­Kreis gibt es die An­ schlussstelle Tuningen, die die Bundesstraße 523 zwischen Villingen­Schwenningen und Tuttlin­ gen anbindet. Außerdem befindet sich hier noch das Autobahndreieck Bad Dürrheim mit dem Zubringer Donaueschingen. Die Anschlussstelle Villingen­Schwennin­ gen wiederum ist gewissermaßen ein Sonder­ fall, denn sie heißt wie die Doppelstadt und markiert das Oberzentrum, liegt aber streng genommen im Kreis Rottweil auf Deißlinger Ge­ markung. Von dem Anschlussstellen­„Kleeblatt“ kann man auf die vierstreifig ausgebaute B 27 abfahren, die Donaueschingen und die südliche Baar und Rottweil mit Tübingen und Stuttgart verbindet. Aber apropos Gemarkung nochmal: Einige Deißlinger protestierten seinerzeit gegen die offizielle Benennung, sie hätten gerne ihre eigene Abfahrt auch namentlich so bezeichnet gehabt. Da ging es ihnen im Übrigen wie ande­ ren Nachbarn, diesmal aus dem Kreis Tuttlin­ gen: Mitunter nämlich wird die Anschlussstelle inoffiziell auch „Trossingen“ genannt, denn zugegeben: Auch die Musikstadt ist nicht weit entfernt und auch ihr hätte eine eigene Auto­ 146 Autobahn 81


bahnausfahrt offenbar ganz gut gefallen. Sei’s drum – die Autobahn ist für alle da, und sie wur­ de und wird auch von vielen genutzt. „Manchmal haben wir uns gefragt, ob die Leute den Weg auf die Autobahn nicht finden…“ 50.000 Fahrzeuge sind heute täglich auf dem Streckenabschnitt zwischen Rottenburg und dem Autobahndreieck Bad Dürrheim unter­ wegs, für den die Autobahnmeisterei Rottweil zuständig ist. Wie Willi Sauerland und sein Nachfolger als Leiter der Meisterei, Hans­Dieter Wölk, berichten, ist das natürlich überhaupt nicht mit dem Verkehrsaufkommen aus den 1970er­Jahren zu vergleichen. Zu Beginn fuhren die Fahrzeuge nur ganz vereinzelt, „manchmal haben wir uns schon gefragt, ob die Leute den Weg auf die Autobahn vielleicht nicht finden“, schmunzelt Sauerland. Zum Vergleich: 1998 zählte man dann 30.000 Fahrzeuge pro Tag. „Das Verkehrsaufkommen hat sich seitdem weiter enorm gesteigert“, berichtet Wölk, dem aber der kleine Trost bleiben dürfte, dass es auf derselben Autobahn bei Böblingen schon 2003 bereits 100.000 Fahrzeuge pro Tag waren, das wenigstens bleibt einem hier dann doch erspart. Die Autobahnmeisterei, die er leitet, ist dem Regierungspräsidium Freiburg unterstellt. Sie ist zuständig für den Unterhalt der Auto­ bahn 81 auf den rund 75 Kilometern Länge von Rottenburg bis Oberbaldingen und auf der A 864 bis Donaueschingen. Offiziell heißt der Aufgabenbereich im Amtsdeutsch so: „Aufgabe und Pflicht ist es, die Autobahn mit sämtlichen Nebenfahrbahnen und Nebenanlagen in ihrer Der Spätzle-Highway 147


Substanz so zu erhalten, dass die Verkehrssi­ cherheit für den Verkehrsteilnehmer zu jeder Zeit gewährleistet ist.“ Konkret bedeutet das: Räum­ und Streudienst (Wölk: „Der Autofahrer erwartet eine schwarze Autobahn“), Entwässe­ rung, Grün­ und Gehölzpflege, Pflege und Rei­ nigung der Fahrbahnen, der Lärmschutzwände, der Stützmauern, der Regenrückhaltebecken und von 150 Bauwerken, Reinigung der 15 Park­ plätze und Müllbeseitigung. 24 Stunden Rufbe­ reitschaft hat die Meisterei. Das Leitungsteam, zu dem auch Wölks Stell­ vertreter Martin Meitz gehört, arbeitet eng mit anderen Referaten des Präsidiums zusammen, allen voran mit Michael Waidele, dem Projekt­ leiter beim Donaueschinger Baureferat Ost der Abteilung Straßenwesen und Verkehr und des­ sen Team, zu dem seit vielen Jahren auch Bau­ techniker Thomas Burgbacher gehört. Denn sie alle koordinieren das, was sich auf der Autobahn tut, etwa, wenn es um die Planung und tatsächliche Realisierung von Baumaßnahmen geht. An diesem Vormittag im Sommer 2015 sitzen sie alle zusammen im Der Teilabschnitt der Autobahn 81 im Schwarzwald- Baar-Kreis ist 22,5 Kilometer lang, die kartografische Darstellung rechts zeigt mit der Anschlussstelle Villingen-Schwenningen, der Ausfahrt Tuningen und dem Autobahndreieck Bad-Dürrheim die Anschluss- punkte ans Umland sowie die „Nebenautobahn“ bis Donaueschingen (Herausgegeben durch das Land Baden-Württemberg, 1978, Stuttgart). hübsch verklinkerten Betriebsgebäude der Au­ tobahnmeisterei und plaudern mit dem pensio­ nierten Fachmann Willi Sauerland ein bisschen über die Geschichte der Autobahn. Aber dann herrscht allgemeiner Aufbruch, Warnwesten werden übergestreift und los geht es: Die Bau­ stelle, die direkt nebenan auf der Autobahn ihrem Ende entgegensieht, will erneut begut­ achtet werden. Vor Ort angekommen sind die Männer zufrieden: Es sieht alles gut aus, der Abschnitt zwischen der Anschlussstelle Rottweil und der Eschachtalbrücke in Fahrtrichtung Sin­ gen – offiziell „Fahrbahndeckenerneuerungslos Dauchingen“ genannt – kann wieder komplett Sie sind die Männer von der Autobahn (von links): Thomas Burgbacher, Willi Sauerland, Michael Waidele, Hans-Dieter Wölk und Martin Meitz. 148 Autobahn 81


Der Spätzle-Highway 149


für den Verkehr freigegeben wer­ den. Der Bauleiter der ausführenden Firma, der an diesem Vormittag ebenfalls vor Ort nochmal nach dem Rechten sieht, berichtet, wie knifflig die Maßnahmen generell sind und dass vor allem das Wetter mitspielen muss. Das, so berichten sie alle, ist oft der größte Feind, wenn es darum geht, Baumaß­ nahmen schnell und effektiv über die Bühne zu bringen. Die Tempe­ raturen müssen dabei stimmen, Aufbringen und Verarbeiten der Bitumenschicht im Regen ist nicht möglich und duldet schon gar kei­ nen Frost. Daher erklärt sich auch, warum – oft zur großen Entrüstung vieler Verkehrsteilnehmer („Ausge­ rechnet in den Ferien“, lautet da oft der verärgerte Vorwurf) – so viel in den Sommermonaten gebaut wird. Das Zeitfenster insgesamt ist Das Zeitfenster für Bauarbeiten insge- samt ist eben klein, es reicht in unseren Breiten nur von Mai bis Oktober und in dieser Zeit muss dann alles stimmen, von der Planung und Koordinati- on zwischen den einzelnen Behörden übers Wetter bis zur Logistik mit Bau-, Zuliefer- und Entsor- gungsfirmen, die oft schnell und flexibel reagieren müssen. Mittelplanken werden durch 82 cm hohe Betonschutzwände ersetzt Diese eine Baustelle ist eine der vie­ len, die die Strecke in den nächsten Jahren erleben wird: Nach und nach müssen die Fahrbahnen saniert werden. 20 bis 30 Zentimeter bitu­ minöser Aufbau werden abgefräst und Schotter aufgebracht, dann werden 34 Zentimeter Asphalt neu aufgebaut. Im Zuge dessen werden die Fahrbahnen auch gleich von jeweils elf auf dann zwölf Meter verbreitert. Die Mittelleitplanken werden sukzessive durch doppel­ te, 82 Zentimeter hohe Beton­ schutzwände ersetzt, die man nicht mehr so leicht durchbrechen kann und deren Zwischenraum mit dem Aushub der Straßenverbreiterung aufgefüllt wird. Außerdem muss von der Eschachtalbrücke kurz nach der Anschlussstelle Villingen­Schwen­ eben klein, es reicht in unseren Brei­ ten nur von Mai bis Oktober und in dieser Zeit muss dann alles stimmen, von der Planung und Koordination zwischen den einzelnen Behörden übers Wetter bis zur Logistik mit Bau­, Zulie­ fer­ und Entsorgungsfirmen, die oft schnell und flexibel reagieren müssen. ningen in den nächsten Jahren der Überbau runter, am Autobahndreieck Bad Dürrheim setzt sich langsam die Fahrbahn und zudem stehen sogenannte Bauwerksanierungen an: „Es wird in den nächsten fünf Jahren etliche Baustellen geben“, prophezeit Michael Waidele, Im Rahmen von Reparatur- und Ausbauarbeiten wer- den aus Sicherheitsgründen immer mehr Mittelplan- ken durch 82 cm hohe Betonschutzwände ersetzt. Für die Autobahn A 81 im Gebiet des Schwarz- wald-Baar-Kreises ist die Autobahnmeisterei mit Sitz in Rottweil zuständig. 150 Autobahn 81


Die A 81 bei Tuningen (links) und Oberbaldingen (unten) sowie der Zubringer A 864 (rechts), der für die Anbindung des Verkehrs aus dem Raum Donau eschingen gebaut wurde. Der Spätzle-Highway 151


„jetzt haben wir den Zeitpunkt erreicht, wo es sein muss.“ Im Schwarzwald­Baar­Kreis gibt es fünf kleinere Brücken, die in den nächsten Jahren gemacht werden müssen, bevor man die Fahrbahndecken erneuern kann. Hier ist das Brückenreferat in Freiburg zuständig; von den insgesamt 150 Bauwerken zwischen Rottenburg und Oberbaldingen sind elf Brücken länger als 100 Meter. Ganz allgemein sagt Referatsleiter Waidele: „Verkehrlich sind wir zufrieden – bau­ lich können wir nicht zufrieden sein, es wird zu wenig investiert.“ „Es wird immer aggressiver und schneller gefahren“ Während die Gruppe auf der leeren, noch nicht wieder freigegebenen rechten Fahrspur ent­ langgeht, rauscht unmittelbar daneben, nur durch eine Betonplanke getrennt, der Verkehr vorbei. Dabei wird deutlich: Sowohl die aus­ führenden Straßenbaufirmen als auch all die anderen Menschen, die auf dem jeweiligen Streckenabschnitt arbeiten – also Mitarbeiter In dieses Fahrzeug der Autobahnmeisterei ist bei tiefstehender Sonne im September 2009 ein Pkw gedonnert, ungebremst mit 100 Stundenkilome- tern. Das Auto stand ordnungsgemäß auf dem Nothaltestreifen. Erst zehn Sekunden zuvor wa- ren Michael Waidele und Hans-Dieter Wölk aus- gestiegen. Sie kamen am Ende mit einem großen Schrecken davon. der Autobahnmeisterei oder des Baureferats – haben einen ganz schön gefährlichen Job. Hans­Dieter Wölk und Michael Waidele ha­ ben Fotos aus dem Jahr 2009 von einem völlig demolierten Fahrzeug der Meisterei griffbereit. Die Geschichte dazu ist gruselig: Wenige Sekun­ den, bevor ein Pkw mit voller Wucht in dieses auf dem Nothaltestreifen stehende Auto krach­ te, waren die beiden Männer aus selbigem zu­ vor ausgestiegen. Heute scherzen und feixen sie auch ein bisschen darüber, aber man merkt: Sol­ che Situationen sind wahrlich alles andere als lustig und beim Gedanken daran werden auch die gestandenen Männer mit all ihrer Berufser­ fahrung dann doch eher nachdenklich. Denn, dass sie hier mit dem Leben davon gekommen sind, war reine Glückssache. „Bislang gab es bei unseren Leuten in solchen Situationen allenfalls nur leichte Verletzungen – Gott sei Dank“, sagt Hans­Dieter Wölk. Er fasst unterdessen nüchtern zusammen, was sie alle beobachten: „Es wird immer aggressiver und immer schneller gefah­ ren und keinerlei Rücksicht mehr genommen.“ Zwischen Rottenburg und Bad Dürrheim gibt es bis zu 600 Unfälle im Jahr Die Autobahn ist ein Revier mit vielen Gefah­ ren, soviel steht fest. Alle, die hier Dienst tun, also auch die Beamten der Autobahnpolizei Zimmern zum Beispiel, werden mit Unfällen konfrontiert. 400 bis 600 sind es pro Jahr auf der Strecke zwischen Rottenburg und Bad Dürr­ heim. Als besonders schlimm blieb das Busun­ glück an der Autobahnabfahrt 864 zwischen Donaueschingen und dem Dreieck Bad Dürr­ heim im Sommer 1992 in Erinnerung, bei dem 22 Tote und 34 Verletzte zu beklagen waren. Aber auch unzählige weitere Vorfälle passie­ ren. Bei einer Hilfeleistung und einem Radwech­ sel auf dem Nothaltestreifen kamen zum Bei­ spiel ein ADAC­Helfer und ein Lkw­Fahrer ums Leben. Ein andermal waren es Ersthelfer, die getötet wurden, oder ein Pkw­Fahrer, der sein Auto mit dem Reservekanister betanken wollte. All das vergisst man bei aller Professionalität selbstredend nicht so leicht. Aber auch andere 152 Autobahn 81


Zahlreiche Unfälle ereignen sich im Zusammenhang mit dem Lkw-Verkehr, oben auf dem Zubringer nach Donaueschingen, unten links ein Lkw-Brand auf der A 81. Rechts: Fahrbahnerneuerung. Winterdienst auf der A 81, beide Fahrstreifen werden gleichzeitig geräumt. Der Spätzle-Highway 153


Ereignisse prägen sich ein, zum Beispiel der „große Hagel“, der in kürzester Zeit mehrere Autos de­ molierte und für verängstigte, auch real gefährdete Verkehrsteilnehmer und Chaos auf der Straße sorgte. Witzig ist es für die Beteiligten außerdem auch nicht, wenn der Unmut über Bauarbeiten an der Strecke sich ungebremst bei ihnen ablädt. Einer der Straßenwärter erzählt, mit welchen unflätigen und nicht eben jugendfreien Ausdrü­ cken er schon betitelt wurde. Und von den Wurfgeschossen, die im Lauf der Jahre aus vorbeifahrenden Fahrzeugen in seine Richtung ge­ pfeffert wurden: Da war von Bana­ nen bis Melonen schon so ziemlich jedes Obst dabei. Man findet auf der A 81 „alles“, so auch Badewannen, Sessel, Spanngurte und Tische. Und zu den Funden gehören auch schon mal niedliche, bors- tig-zarte rosa Vier- beiner: An einem Freitagmittag im November brachte ein Mitarbeiter ein Ferkel an, das auf der Fahrbahn her- umgeirrt war. tobahnmeisterei mal aufsammeln lassen. Ein Silozug verteilte zwölf Kubikmeter Karottenkonzentrat für Babynahrung auf der Fahrbahn. Ein andermal lag buchstäblich Geld auf der Straße, wenn auch nicht in so recht brauchbarer Form: Ein Lastwagen hatte 20­Cent­Rohlinge auf 500 Metern Strecke verteilt, die letztlich mit der Kehrmaschine auf einen Haufen gefahren und ent­ sorgt wurden. Eine Ladung Schrau­ ben, die ein Lkw auf zwei Kilome­ tern Strecke verloren hatte, sorgte für Plattfüße en masse. Ein anderer Lastwagen verteilte Aluschrott auf der A 81, wieder ein anderer einen ganzen Berg Asphalt, der von einem Bagger aufgelesen werden musste und wieder ein anderer jede Menge Kühlgut, das eigentlich in einen Supermarkt hätte transportiert Auch einen Swimmingpool musste die Autobahnmeisterei einsammeln lassen Ein wahres Kuriositätenkabinett könnten sie bei der Autobahnmeisterei derweil mit all den Din­ gen eröffnen, die die Leute auf der Autobahn so verlieren. Einen Swimmingpool musste die Au­ Auf der Autobahn-Baustelle (von links): Hans-Dieter Wölk, Martin Meitz, Thomas Burgbacher und Michael Waidele. Nicht selten bekommen die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei den Unmut der Autofahrer über die Baustellen ab. werden sollen. Gefunden wurden außerdem mehrere Fahrräder und Sofas, vermutlich von Dachge­ päckträgern unfreiwillig abgeladen, dazu Pkws, die von Transportern rutschten, oder auch mal das ein oder andere Betonfertigteil. Hans­Dieter Wölk sagt: „Man findet alles“, darunter auch Badewannen, Sessel, Spanngurte und Tische. Und Willi Sauerland ergänzt, dass zu den Funden auch schon mal niedliche, borstig­zarte rosa Vierbeiner gehörten: An einem Freitagmittag im November brachte einer seiner Mitarbeiter ein Ferkel an, das auf der Fahrbahn herumgeirrt war. Und dann waren da noch der radioakti­ ve Müll, der in einem Abfalleimer auf dem Parkplatz Unterhölzer Wald gefunden wurde und unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen entsorgt werden musste, ebenso wie eine kom­ plette Mülleimerladung Narkosemittel, die ein Pharmavertreter so entsorgt hatte. „Man könnte viel erzählen“, sagen Sauerland und seine jüngeren Kollegen – die Männer von der A 81. Schließlich sind es 50.000 Fahrzeuge täglich, die die 22,5 Kilometer lange Strecke im Schwarzwald­Baar­Kreis durchqueren. Tendenz: steigend! 154 Autobahn 81


Verlorene Ladung: Swimmingpool auf der Autobahn im Oktober 2008 Auf der Autobahn 81 beim Jahrhundert-Hagelunwetter am 28. Juni 2006. Der Spätzle-Highway 155


Die A 81 in Höhe von Weigheim, östlichster der elf Stadtbezirke von Villingen-Schwenningen. Die als „Kleeblatt“ ausgeführte Anschlussstelle Villingen-Schwenningen.


Die als Stahlbeton-Bogenbrücke mit 154 Meter Spannweite bei einer Gesamtlänge von 365 Metern ausgeführte Neckartalbrücke. Die Unvollendete Der Bau der Autobahn sollte im Süden eigentlich ans Schweizer Fernstraßennetz bei Schaffhau­ sen anschließen; daraus wurde aber bis heute nichts, die Autobahn endet im Singener Ortsteil Gottmadingen. Dabei hatten es die Politiker in den 1970er­Jahren doch eigentlich anders vorausgesagt: Der baden­württembergische Wirtschafts­ und Verkehrsminister Dr. Rudolf Eberle erklärte zum Beispiel im Jahr 1978: „Die A 81 ist Teil einer Nord­Süd­Traversalen, …die in wenigen Jahren über die schon in Bauvorberei­ tung befindliche Fortsetzung von Singen nach Bietingen Anschluss an das Schweizer National­ straßennetz finden wird.“ Das war ein Irrtum, wie man heute nun also weiß. Hinzu kommt, dass das ebenfalls ursprüng­ lich geplante zirka 19 Kilometer lange Teilstück zwischen dem Autobahnkreuz Herrenberg bei Gärtringen und dem Autobahnkreuz Leonberg, das für 1984 oder 1985 terminiert war, bis heute noch nicht gebaut ist. Der Verkehr weicht statt­ dessen ein Stückweit auf die A 831 bis Vaihin­ gen und von dort auf die A 8 aus (die weiter Richtung Westen bis zur A 5 führt), um dann in Richtung Norden wieder auf die A 81 zu treffen. Angedacht war auch einmal, den Zubringer Donaueschingen als A 86 nach Neustadt und Freiburg weiterzuführen. Und: Von Singen aus war der Bau der A 881 in Richtung Konstanz und der A 98 in Richtung Überlingen und Lindau angedacht – in allen Fällen blieb es bis heute beim Wunsch, realisiert wurde davon bekannt­ lich nichts. Und dann wäre da noch ein einst­ malig bei Öfingen geplanter Tunnel, denn nach Osten hätte die Autobahn weiter gen Tuttlingen führen sollen in Verlängerung des Zubringers Donaueschingen (heute A 864), auch daraus wurde letztlich nichts. Autobahn 81 157 157


Die A 81 in Zahlen Kosten Für die Bodenseeautobahn wurden laut Bun­ desverkehrsministerium für Bau und Grund­ stückserwerb Kosten in Höhe von insgesamt 917 Millionen DM fällig. Der Zubringer Donau­ eschingen kostete zudem zusätzliche 43 Millio­ nen DM. Höhe Die Strecke steigt gemächlich von 450 Me­ tern südlich des Schönbuchs auf 700 Meter am Rande der Baar bis zum Scheitelpunkt auf 782 Meter auf der Alb an; beim raschen Abstieg in den Hegau werden 535 Meter und bei Singen 445 Meter erreicht. Länge Die A 81 ist insgesamt von Würzburg bis Singen 276 Kilometer lang; die sogenannte Bodensee­ autobahn – also die Strecke vom Gärtringer Kreuz bis Singen­Gottmadingen – umfasst 119 Kilome­ ter; hinzu kommt noch der 6,9 Kilometer lange Zubringer Donaueschingen, also die A 864. Baugeschichte Planungsbeginn einer Autobahn zwischen Stuttgart und dem Bodensee war schon vor dem Zweiten Weltkrieg; 1938 wurde der erste Abschnitt zwischen Ludwigsburg und Leonberg als Reichsautobahnstrecke 39 fertiggestellt. In den Netzplänen der Nationalsozialisten war 158 Autobahn 81


dann auch eine Verbindung Stuttgart­Donau­ eschingen­Schaffhausen vorgesehen. Diese Planung wurde während des Krieges einge­ stellt; 1961 wurde sie wieder aufgenommen. Am 2. Juni 1969 erfolgte mit dem „ersten Ramm­ schlag“ für die Donautalbrücke bei Geisingen der offizielle Beginn der Bauarbeiten an der Strecke Stuttgart­ Singen. 1973 wurde die Stre­ cke zwischen den Anschlussstellen Geisingen und Engen freigegeben, 1975 im Dezember zwi­ schen Villingen­Schwenningen und Geisingen und zwischen Engen und Singen. 1977 rollte der Verkehr dann auch zwischen Rottweil­Villingen­ dorf und Villingen­Schwenningen. 1978 folgten die Freigaben der Strecken zwischen dem Auto­ bahnkreuz Herrenberg bis zur Anschlussstelle Herrenberg und zwischen Herrenberg und Rot­ tenburg. Im Dezember 1977 wurden das letzte Stück zwischen Rottenburg und Rottweil­Villin­ gendorf und der Zubringer Donaueschingen für den Verkehr freigegeben. Es gab 13 Planfeststellungsverfahren, 32 Flurbereinigungsverfahren und 1.150 Hektar Grunderwerb durch den Bund. Beim Bau der A 81 verunglückten insgesamt sieben Männer tödlich. Bauwerke Bestimmt durch die abwechslungsreiche Topo­ graphie (Schönbuch, Neckartal und Donautal und Hegau) und wechselhafte geologische Verhältnisse wurden 180 Bauwerke zwischen Stuttgart und Singen und auf dem Zubringer Donaueschingen erstellt, darunter 18 Talbrü­ cken, 113 Unterführungen, 53 Überführungen und der Schönbuchtunnel bei Herrenberg. Es gibt 27 Rastplätze und beidseitige Tank­ stellen mit Raststätten bei Herrenberg (Schön­ buch Ost und West) und bei Rottweil (Neckar­ burg Ost und West) und die Raststätten Hegau Ost und West bei Engen. Impressionen entlang der A 81 – oben links in Höhe des Unterhölzer Waldes, unten links kurz vor dem Kreuz Bad Dürrheim und rechts Parkplatz unterhalb der Blatthalde. Täglich sind hier ca. 50.000 Fahrzeuge unterwegs. Der Spätzle-Highway 159


160 7. Kapitel – Geschichte


Der letzte Weg Ein Marterl am Kirchweg von Urach nach Schollach erinnert an fünf heimtückische Morde von Rolf Ebnet 161


Wer auf dem idyllischen Kirchweg zwischen Schollach und Urach wandert, wird auf dem obersten Punkt im Wald, genau auf der Schollacher/Uracher Ortsgrenze ein gut zwei Meter großes, geschnitztes Holzmarterl entdecken. Den meisten Bürgern aus der näheren Umgebung ist es seit der Einwei- hung am 19. Juli 2014 bekannt und viele von ihnen zieht es immer wieder an den Ort, an dem heute – gäbe es das Marterl des Hammereisenbacher Bildhauers Wolfgang Kleiser nicht – so gar nichts auf ein heimtückisches Verbrechen während der Naziherrschaft im Jahr 1944 hindeutet. Leonhard A. Kornblau Bernhard A. Radomski Charles E. Woolf Meredith M. Mills Jr. Frank L. Misiak Die fünf am 21. Juli 1944 im Bereich des Uracher Kirchweges an der Gemarkungsgrenze zu Schollach und auf dem Schollacher Treibenweg ermordeten amerikanischen Soldaten. 162 Geschichte


Einweihung des Gedenkkreuzes auf der Höhe zwischen Urach und Schollach am 19. Juli 2014. Das Foto zeigt Initiator Wolf Hockenjos (von links), Pfarrer Martin Schäuble, Bildhauer Wolfgang Kleiser und Buchautor Rolf Ebnet. Die Morde an den fünf amerikanischen Soldaten geschahen am 21. Juli 1944. Fünf Namen und ein kurzer Satz zum Schick­ sal der jungen Männer sind in das Marterl geschnitzt: „Am 21.07.1944 wurden hier drei, unweit von hier zwei weitere amerikanische Flieger auf Anordnung der NS­Kreisleitung er­ mordet.“ Wie kam es zu der Ermordung der fünf amerikanischen Soldaten? Schon zu Beginn des Jahres 1943 hatte das Kriegsgeschehen mit dem Fall von Stalingrad eine deutliche Wende zu Ungunsten des Deutschen Reiches genommen. Italien war im Sommer 1943 aus dem Achsen­ bündnis ausgeschieden. Die Armeen des Dritten Reiches befanden sich auf dem Rückzug. Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten unter großen Anstrengungen in der Normandie. Bereits im Frühjahr 1944 besaßen die Alliierten, insbeson- dere die Amerikaner, große Bomberflotten in Süditalien und England. Anfang 1944 erschienen die ersten Begleit- jäger vom Typ P-51D „Mustang“ und P-47 „Thun- derbolt“ in England und Italien. Diese konnten ab Mai 1944 mit Zusatztanks jeden Ort des Drit- ten Reiches erreichen und die Bomberarmada bis tief ins Deutsche Reich vor Angriffen deut- scher Jagdflieger schützen. Die Bombardierungen gegen Hitlerdeutsch- land erfolgten durch England vornehmlich in der Nacht und durch Amerika am Tag. Angegrif- fen wurden hauptsächlich militärische Ziele, Verkehrsanlagen und die deutsche Rüstungsin- dustrie. Die in England und Italien stationierten amerikanischen Luftflotten waren zwischen- zeitlich in der Lage, von beiden Standorten aus bis zu 1.200 Bomber und ebenso viele Begleitjä- ger an einem Tag in die Luft zu bringen, sodass eine gewaltige Luftmacht Deutschland aus der Luft bekämpfte. Die deutschen Abwehrjäger waren zu der Zeit schon hoffnungslos unter- legen. Die deutsche Luftwaffe war bereits zur reinen Reichsverteidigung übergegangen. Am Der letzte Weg 163


21. Juli 1944 brachte die deutsche Luftwaffe gerade mal 60 Jäger vom Typ Messerschmitt Me 109 und Focke Wulf FW 190 in die Luft. Die Hauptabwehr der Reichsverteidi­ gung bestand aus Flugabwehrkano­ nen, die die Städte und Industriean­ lagen schützen sollten. Der Einsatz am 21. Juli 1944: 1.110 Bomber gehen in die Luft Von den am 21. Juli 1944 gestarteten 1.110 Bombern erreichten 980 ihre Ziele und luden allein zwischen 10:14 Uhr und 10:47 Uhr insgesamt 2.415,7 Tonnen an Bomben ab. 31 Bom- ber gingen verloren, 288 Besatzungs- mit glieder kehr- ten nicht zurück, darunter die in Urach/Schollach ermordeten fünf Soldaten. Die Wettervorhersage für den 21. Juli 1944 sagt lockere Bewölkung ausschließlich für Süddeutschland voraus. Der Rest des Reiches wird unter einer dicken Wolkendecke verborgen sein. Deshalb wird von der amerikanischen Ein satzführung in England ein Angriff auf die deut- sche Flugzeugindustrie und Kugel- lagerfabriken in Bayern geplant. Die Hauptangriffsziele sind wieder einmal die Dornier-Flugzeugwerke in Oberpfaffenhofen und München-Allach, der Flugplatz München-Riem, das BMW Flugzeug- motorenwerk in München-Allach, die Kugel- lagerfabriken in Schweinfurt und Ebelsbach und die beiden Messer schmitt Flugzeugwerke in Regensburg-Obertraub ling und Regens- burg-Prüfening. Mit Hochdruck wird ein detaillierter An- griffsplan für die „Operation No. 486“ ausge- arbeitet, die die 8. US Air Force, bestehend aus drei Bomberdivisionen, ausführen wird. Wegen der Konzentration auf Ziele in Süddeutschland, ist geplant, von England bis nach Ludwigshafen in einer geschlossenen Formation zu fliegen. Erst dort sollen sich die Kampfgruppen trennen und auf ihre zugewiesenen Ziele zusteuern. Am frühen Morgen des 21. Juli, zwischen 5:30 Uhr und 7:00 Uhr starten 1.110 Bomber und mehr als 700 Begleitjäger auf verschiedenen Flugplätzen im Süden Englands. Den Piloten und Navigatoren der drei Divisionen sind ihre exakten Ziele beim Briefing zuvor bekannt ge- geben worden. Die 305. Bombergruppe gehört zur 3. Bomberdivision und liegt auf dem Flugplatz Chelveston in Südengland. Ihr Flugauftrag lautet Zerstörung der Kugellagerfabrik in Schweinfurt. Zu dieser Division gehört die neunköpfige Besatzung von Pilot Leonard Kornblau. Leonard Kornblau hat bereits 34 Einsätze geflogen und gehört zu den erfahre- nen Piloten. Er kann sich wie immer auf seine zuverlässige Besatzung stüt- zen. Lediglich John Neider ist heute nicht dabei, da er beim letzten Ein- satz verletzt wurde. Für ihn fliegt William E. Boyd und übernimmt die Position des Bombenschützen. Neben Pilot Kornblau sitzt Co-Pilot Bernhard A. Radomski. Charles E. Wolf ist der Navigator. Die restliche Besatzung besteht aus den Bord- schützen Roger E. Gagnon, Mere- dith M. Mills, Frank L. Misiak, Irvin E. Hughes und Edward A. Theed. Ihre Hauptaufgaben bestehen in der Verteidigung des Bombers, der auch „Fliegende Festung“ genannt wird. Sie sollen angreifende feindliche Jäger mit Maschinengewehren ab- wehren. Inmitten von Flakgranaten: „Das Flugzeug sah aus wie ein Sieb“ Nach dem Start der ersten Bomber dauert es fast zwei Stunden, bis die Gesamtformation von über 1.700 Flugzeugen über England und dem Kanal aufgebaut ist und nun geht es Richtung Deutschland. Bis kurz vor Ludwigshafen gibt es keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden. Doch die Wettervorhersage stimmt nicht ganz. Schon vor Ludwigshafen türmen sich kilome- terhohe Wolken. Die Besatzungen versuchen über die Wolken zu steigen, was aber wegen der schweren Beladung nicht gelingt. So auch die 305. Bombergruppe. Sie erreicht gegen 10:50 Uhr vormittags den Kontrollpunkt bei Ludwigs- hafen und fliegt nun in einer kleinen Linkskur- 164 Geschichte


Die Besatzung des amerikanischen Bombers mit Namen „Strictly from Hunger“. Hintere Reihe von rechts: C. E. Woolf, L. Kornblau, B. Radomski (alle drei ermordet), John Neider (Einsatz am 21. Juli nicht mit geflogen, wurde ersetzt durch W. Boyd) und I. Hughes. Vordere Reihe von rechts: M. Mills (ermordet), F. Misiak (ermordet), R. Gagnon, E. Theed. Die jeweils beiden Männer links in hellen Anzügen sind Flugzeugmechaniker und waren nicht Teil der Besatzung. ve Richtung Schweinfurt. Nur fünf Minuten später kommt die Gruppe über Mannheim in schweres Flakfeuer. Leonard Kornblaus B­17 Bomber mit dem Spitznamen „Strictly from Hunger“ befindet sich plötzlich inmitten explodierender Flakgra­ naten. Navigator William Boyd, der den Einsatz überlebte, erinnert sich: „Wir flogen schon durch schlechtes Wetter bevor wir Deutschland erreich­ ten und es wurde immer schlimmer. Der letzte Weg William Boyd Wir stiegen höher um den schweren Gewitter­ wolken zu entgehen, als wir urplötzlich von der Flak zusammengeschossen wurden.“ Inner- halb kürzester Zeit erhielt der Bomber drei Volltreffer. Die Besatzung wurde aufgrund der Druckwellen durch die gesamte Kabine geschleudert. Zwei der vier Motoren erhielten Treffer und fielen sofort aus. „Das Flugzeug sah aus wie ein Sieb, im Rumpf und im Boden klafften Löcher, man hätte durchspringen können. Die 165


Die Kreisgrenze, die in rot gestrichelte Linie, entschied am 21. Juli 1944 über Leben und Tod: Drei der Be sat – zungsmitglieder der „Strictly for Hunger“ trieb der Wind zu einem Landeplatz im Landkreis Donaueschin gen – sie überlebten (weiße Zeichen). Die fünf anderen landeten mit ihrem Fallschirm im Landkreis Neustadt und wurden brutal ermordet (rote Zeichen). Die Kreuze bezeichnen die beiden Tatorte. Steuerung war teilweise zerschossen, die Sau­ erstoffanlage nicht mehr funktionsfähig“, sagt der Seitenschütze Irvin Hughes 2005 in einem Interview. Irvin Hughes erhielt einen Flaktref­ fer in den Fuß, William Boyd einen größeren Splitter in die Schulter. Pilot Kornblau und Co­Pilot Bernhard Radomski betrachteten die Schäden und entschei den sich daraufhin, zu versuchen, mit Kurs Süd in die neutrale Schweiz zu fliegen und in Dübendorf zu landen. Den Weg zurück nach Eng­ land würden sie aufgrund der immen­ sen Schäden nicht schaffen. Etwa 20 Minuten später, gegen 11:15 Uhr, war die „Strictly“ über dem Südschwarzwald. Die Wolkendecke riss auf und die Besatzung sah unter sich grünes, hügeliges, bewaldetes Gelän­ de. In der Annahme, bereits über der Schweiz zu sein, begann Leonard Kornblau zu kreisen um ein ideales Absprunggelände zu finden und der Besatzung Zeit zum Absprung zu geben. Dann gab der Pilot das Zeichen abzuspringen und alle neun Besatzungsmitglieder sprangen aus der nun führerlosen Maschine. Der Zufall entschied nun über Leben und Tod. Während das Flugzeug nun führerlos bis nach Lauterbach bei Schramberg fliegt und dort in einen bewaldeten Berg hang kracht, öffnen sich alle neun Fallschir- me der Besatzungsmitglieder. Es ist ein warmer, sonniger Vormittag. Viele Bauern sind mit Feldarbeiten beschäftigt und sehen die Flieger an ihren Schirmen der Erde entge­ genschweben. Alle neun Flieger erreichen die Erde ohne weitere Verletzungen. Vier landen bei Linach im Landkreis Donaueschingen und die Irvin Hughes 166 Geschichte


Ihr letzter Weg führte die drei im Uracher Schwesternhaus inhaftierten amerikanischen Soldaten über den Kirchweg hoch auf die Höhe, wo sich die Gemarkungsgrenzen von Urach und Schollach treffen. Den Soldaten folgten viele Blicke – sicher auch vom Fenster aus, das zum überdachten Aufgang zur Uracher Wehrkirche gehört. restlichen fünf erreichen den Boden bei Schol­ lach und Urach im Landkreis Neustadt. Gegen 11:30 Uhr nimmt das Schicksal für die fünf im Landkreis Neustadt gelandeten Flieger seinen Lauf. Kreisleiter Kuner aus Neustadt erfuhr noch am Vormittag von der Landung der fünf Flieger und ersann einen heimtückischen Plan, sie noch am selben Tag zu ermorden. Er hatte bereits am 18. März des selben Jahres versucht, fünf abge­ sprungene Flieger beim Absturz eines amerika­ nischen Bombers bei Dittishausen zu ermorden, was ihm die Einwohner aber verwehrten. Die Landwacht nimmt die amerikanischen Soldaten ohne Gegenwehr fest Drei der fünf im Kreis Neustadt gelandeten Flieger landeten auf der Gemarkung Urach und zwei auf der Gemarkung Schollach. Kurz nach Die Absturzstelle in Lauterbach. Der letzte Weg 167


ihrer Landung wurden die Flieger von Angehöri­ gen der Landwacht ohne Gegenwehr gefangen genommen und eingesperrt. Die beiden in Schollach gefangen genommenen Soldaten im ehemaligen Schulhaus, die von Urach im ehe­ maligen Schwesternhaus. Schon bald darauf er­ schien Kreisleiter Kuner mit Sohn, seinem Stell­ vertreter Birnbreier und drei NSDAP­Mitgliedern aus Neustadt. Kuner detaillierte seinen geheimen Plan und ordnete die nichtsahnenden Männer der Land­ wehr an, die drei Flieger in Urach abzuholen und auf dem Kirchweg durch den Wald nach Schol­ lach zu führen. Die Männer um Kreisleiter Kuner beschlossen nun sich aufzuteilen. Kuners Sohn, Max Matthes und Gottlieb Werner erwarteten dann die drei gefangenen Flieger zwischen Urach und Schollach. Als diese mit den Männern der Landwacht dort ankamen, wurden alle drei jungen Männer sofort mit einem Kopfschuss getötet. Die beiden in Schollach Inhaftierten sollen durch den Gendarmen Faller im Schulhaus einzeln abgeholt und auf den Treibenweg nach Neustadt gebracht werden. Die Täter bezogen am Treibenweg und Kirchweg ihre Positionen im Wald um die nichtsahnenden Flieger unter Ausschluss der Dorfbewohner kaltblütig zu er­ morden. Die toten Soldaten wurden an Ort und Stelle verscharrt Alle fünf Flieger wurden von ihren Mördern in Kopf und Genick geschossen und achtlos im Wald liegen gelassen. Am späten Nachmittag wurden die getöteten jungen Männer im Alter von durchschnittlich 21 Jahren von Dorfbewoh­ nern entdeckt und die grausame Nachricht machte unter vorgehaltener Hand die Runde in den beiden Dörfern. Kuner ordnete daraufhin an, die Landwacht müsse die Flieger noch am selben Abend an Ort und Stelle verscharren, was auch geschah. Im Februar 1945 wurden die Leichname auf Betreiben von Pfarrer Eisele und des damaligen Bürgermeisters unter strengster Geheimhal­ Schicksalhafte Begegnung Der Onkel von Lioba Grieshaber, Alois Kleiser aus Urach, war am 21. Juli zu Fuß von Neu- stadt nach Urach unterwegs. Voller Entsetzen stand er plötzlich vor den drei ermordeten Fliegern, die direkt vor ihm lagen. Dieses Erlebnis war mit der Anlass für seinen Ent- schluss, Pfarrer zu werden. Pater Alois Kleiser war später 30 Jahre lang in Riedböhringen tätig. Die Ermordung der jungen Männer in Schollach be schäftigte ihn sein ganzes Leben. Mechthild Baller, damals Rektorin der Kardinal-Bea-Schule in Riedböhrin gen, hatte Pater Kleiser in dieser Zeit oft ge- troffen und er innert sich an folgende Pater Alois Kleiser Begebenheit: „Pater Kleiser kam gerade von Achdorf zurück und war etwas aufgewühlt. Er erzählte mir, wie er am 21. Juli 1944 auf dem Heimweg von Neustadt nach Urach war. Er war damals 16 Jahre alt und besuchte das Gymnasium in Sas bach. In Schollach nahm er wie immer den kürzesten Weg, den Kirchweg. Auf einer Wiese, kurz vor dem Waldrand, war eine junge Frau am Heurechen. Als sie ihn sah, rief sie ihm zu: ,,Gehen Sie nicht dort hin, dort ist was Schlim mes passiert!“ Alois Kleiser ging trotzdem weiter und sah plötzlich einen toten jungen Mann vor sich liegen. Ein paar Meter weiter lag der zweite Mann und wieder nur ein paar Meter weiter lag ein weiterer getöteter Mann. Dieser hatte einen Rosenkranz in seinen Händen. Alle drei Männer waren noch sehr jung. Pater Kleiser erzählte mir diese Ge­ schichte, weil er in Ach dorf plötzlich wieder daran erinnert wurde. Er besuchte Pfarrer Schwalbach und klingelte. Es öffnete die Pfarrhaushelferin. Alois Kleiser erkannte sie sofort wieder, es war die Frau, die ihn damals in Schollach aufforderte, einen anderen Weg zu nehmen. 168 Geschichte


Am Kirchweg von Urach nach Schollach – der Ort eines heimtückischen Verbrechens. Der letzte Weg 169


tung ausgegraben und auf dem Schollacher Friedhof im Rahmen eines ordentlichen Begräb­ nisses beigesetzt. Nach dem Krieg wurden die Leichname in Schollach von den Amerikanern obduziert. Nachdem die Todesursachen festgestellt und die Identifikation in Schollach abgeschlossen war, wurden vier der Ermordeten in die USA überführt und dort begraben. Frank Misiak wurde auf dem Soldatenfriedhof in St. Avold in Frankreich beigesetzt. Für zwei der Mörder lautete das Urteil „Tod durch den Strang“ Die Täter wurden identifiziert und die meisten von ihnen gefasst. Kreisleiter Kuner entzog sich der Festname durch Selbstmord, sein Sohn überlebte den Krieg nicht, er fiel an der Westfront. Den übrigen Tätern wurde von den Amerikanern in Dachau der Prozess gemacht. G. Werner und H. Birnbreier wurden am 27. April 1947 zum Tode verurteilt, die Urteile wurden am 5. Dezember des selben Jahres vollstreckt. Die restlichen Täter erhielten lange Haftstrafen. Amerikanische Zeitungen berichten Als die B-17 am Nachmittag des 21. Juli nicht nach England zurückkehrte, galten die fünf getöteten und die vier in Gefangenschaft geratenen Flieger der „Strictly of hunger“ als vermisst. So erhielten die Angehörigen von der amerikanischen Luftwaffe bald darauf ein Telegramm, mit dem Inhalt, dass ihr Sohn bzw. Ehemann beim Einsatz über Deutschland am 21. Juli als vermisst gilt. Dies war selbst für amerikanische Verhält- nisse nicht alltäglich, auch die Zeitungen berichteten über die vermissten Söhne und Ehemänner. Und später über die heimtücki- schen Verbrechen an ihnen. Ein Leben lang in Kontakt William Boyd, Irvin Hughes und Edward Theed (gest. 2003), die mit ihrem Fallschirm in Linach gelandet waren, kehrten bald Irvin Hughes: „Mein ganzes Leben lang habe ich mich gefragt, warum ich nicht ermordert wurde“ nach Kriegsende unversehrt in ihre Heimat zurück. Sie wurden im August 1945 mit allen Wie nahe Glück und Unglück zusammenlagen, erkennt man an dem Schicksal der vier bei Linach gelandeten Kameraden. Diese landeten in einem Abstand von nur zwei Kilometern von ihren fünf ermordeten Kameraden entfernt. Das Gebiet gehörte aber zum Kreis Donaueschingen und somit war ein anderer Kreisleiter zuständig. Die vier Flieger wurden gefangen genommen und blieben Gefangene bis Ende des Krieges. Das Schicksal der getöteten Kameraden und Freunde begleitete die Vier ihr ganzes Leben. Irvin Hughes gegenüber dem Autor Rolf Ebnet: „Als ich gefangen genommen wurde, kamen wir in ein Verhörlager bei Oberursel. Dort wollten die Nazis wissen, ob ich weiß, was mit meinen ge­ töteten Kollegen passiert ist. Ich verneinte, doch sie glaubten mir nicht und schlugen mich immer Ehren aus der Armee entlassen. Erst kurz zuvor hatten sie vom Schicksal ihrer Kame- raden erfahren. Die drei Soldaten hatten ein Leben lang Kontakt zueinander, Irvin Hughes und Bill Boyd kehrten später nach Deutschland zurück und suchten dort nach Spuren ihrer Gefangennahme. Der Neffe des Bruders von Leonhard Kornblau wurde zur Erinnerung an den ermordeten Soldaten auf „Len“ getauft. Der vierte Überlebende R. Gagnon kehrte zurück nach Kanada, zu ihm bestand nur wenig Kontakt. 170 Geschichte


„Absprung ins Ungewisse“ „Ich hatte nie das Ziel, ein Buch zu schreiben, ich dachte nicht im Entferntesten, dass ich dazu in der Lage wäre.“ Doch Rolf Ebnet, der im englischen Bath für Siemens eine Softwarefir- ma leitet, hat ein wichtiges und erfolgreiches Buch geschrieben. Die Mutter erzählte ihm als Kind von einem Luftkampf über Döggingen, bei dem sie Zeitzeuge war. Der Vater wusste vom Hörensagen, dass es einen weiteren Absturz gab und ein Teil der Besatzung im Wald bei Schollach ermordet wurde. Rolf Ebnet begann, in Dittishausen und Schollach zu recherchieren – und wurde fündig: „Bald darauf fingen die Zeitzeugen an, mich zu fragen, was ich denn bereits wisse. Und spä- testens, als ich das Foto der ermordeten Flieger in den Händen hielt, wusste ich, dass ich diese Ereignisse veröffentlichen muss“. Dieses Foto hatte er von einem der Überle­ benden zugesandt bekommen, von Irvin Hughes, den er später in Amerika besuchte. Rolf Ebnet sah die jungen Männer auf dem Foto und alle Rolf Ebnet mit Irvin Hughes, der überlebte, weil er mit seinem Fallschirm zufällig im Landkreis Donau­ eschingen landete. traten sie aus der Anonymität – hatten plötz­ lich ein Gesicht. Die Überlebenden und Nach­ kommen der ermordeten Soldaten lernte er in Amerika kennen, so entstand eine lückenlose Dokumentation. „Absprung ins Ungewisse“ 184 Seiten, 21 Euro, erschienen 2005 ISBN 3-00-015654-2 www.ebnet-documentation.de wieder mit dem Gewehrkolben. Ich blieb bei meinem „Nein“ und bin sicher, sie hätten mich umgebracht, wenn ich „Ja“ gesagt hätte. Mein ganzes Leben lang habe ich mich gefragt, warum meine Kameraden und Freunde ermordet wur­ den und ich nicht. Ich konnte es nicht verstehen.“ Weihe des Gedenkkreuzes erfolgt unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Im Schwarzwald war das schreckliche Verbrechen fast in Vergessenheit geraten, der jüngeren Ge­ neration gar nicht bekannt. 2005 veröffentlichte Rolf Ebnet aus Döggingen, der Autor dieses Bei­ trages, eine ausführliche Dokumentation zu den beiden Flugzeugabstürzen und Schicksalen der Besatzungen während des Zweiten Weltkrieges über dem Schwarzwald. Die lückenlose Doku­ mentation über die Ermordung von fünf der neun Besatzungsmitglieder traf auf ein großes Echo und löste Trauer in der Bevölkerung aus. Auf Initiative des Skiclubs Urach wurde bei Wolfgang Kleiser, Bildhauer aus Hammereisen­ bach, ein Gedenkkreuz gegen das Vergessen in Auftrag gegeben und am 19. Juni 2014 unter zahlreicher Anteilnahme der heimischen Bevöl­ kerung eingeweiht. Auch viele jüngere Bürger kamen zu der Einweihung und waren bestürzt, als sie die Details der grausamen Tat erfuhren. Heute lädt der friedliche Ort inmitten des Waldes, an dem das massive Kreuz an die Tat erinnert, zum Verweilen und Gedenken an die Getöteten ein. Immer wieder halten dort Men­ schen inne oder besuchen den Ort einzig zum Gedenken an die grausige Tat. Wie sagt doch George Santayana (1863 ­ 1952), Philosoph und Autor: „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wie­ derholen.“ Der letzte Weg 171


Eine Ära endet, v. links: Superiorin Roswitha Wecker, Schwester Siegrun Schachtner und Pater Hermann Fuchs. Kloster St. Ursula ist geschlossen Fast 800 Jahre währende Klostergeschichte ist zu Ende – Ordensschwestern haben das Schulleben der Stadt maßgeblich geprägt – Stadt zehrt von den Grundlagen des christlichen Lebens der Klöster von Marga Schubert Das Jahr 2015 geht in die Geschichte der Zähringerstadt Villingen als das Jahr ein, in dem das Kloster St. Ursula nach einer Jahrhunderte dauernden Geschichte aufge- hört hat, zu existieren. Zum Schluss waren es noch zwei Ordensschwestern und der Hausgeistliche, die den Klosterbetrieb in St. Ursula aufrecht erhielten. Die verantwortli- che Leitung des Schulbetriebes der St. Ursula-Schulen war bereits vor 25 Jahren, 1990, in die Verantwortung der Schulstiftung des erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg übergeben worden. Mit Ende Juli 2015 mussten nun die beiden letzten Ordensfrauen der Ursulinen, Superiorin Schwester Roswitha Wecker und Schwester Siegrun Schachtner, altersbedingt die Klosterpforte für immer schließen. Mit ihnen verließ auch der langjährige Hausgeistli- che, Pater Hermann Fuchs, die Klostermauern am Bickentor. Schwester Siegrun verbringt ihren Lebensabend im Ursulinen-Kloster im schweizerischen Brig, die letzte Superiorin des Klos ters, Schwester Roswitha, und Pater Fuchs leben in der Villinger Seniorenanlage St. Lioba. 172 Geschichte


Das barockisierte Eingangsportal der Klosterschule St. Ursula. XXX 173


Im Hochmittel- alter hatten sich die Chancen von Frauen im religiösen Leben immer mehr verschlechtert. So begannen immer mehr Frauen, auf eigene Faust ein religiöses Leben zu führen, ein Leben ohne schützende Klostermauern. Sie pflegten Kranke und Sterbende, betreuten Arme und auf dem Fun dament christlicher Welt anschauung und Werteord­ nung. Der gesamte städtebaulich markante Kloster­ und Schul­ komplex am Bickentor ging nach der Schließung des Klosters in den Besitz der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg über, die nun mit den frei werdenden Kloster­ räumen die dringend notwendige Erweiterung der Schulräume reali­ sieren kann. So blieb die Zeit auch hinter Klostermauern nicht stehen – selbst wenn man das als Besu­ cher so fühlen mochte und auch weiterhin wird, wenn man einen der breiten, stillen Flure des Klos­ tergebäudes entlang geht, die mit wertvoller christlicher Kunst und antiken Möbeln reich bestückt sind. Eine Etage des Klosterkom­ In einem Gottesdienst im Münster mit Weih bischof Michael Gerber und einem anschließenden Festakt wurden die beiden Ordensfrauen und Pater Fuchs würdig verabschiedet. In Abschieds­ und Dankesworten der vielen Weggefährten und Vertreter des öffentlichen Lebens und der Kir­ chen wurde der enorme Einsatz der Schwestern gewürdigt, verbunden mit dem Versprechen, dass „Ihr Werk weitergeführt und die Erinnerung an Sie immer bleiben wird“, wie es Dietfried Scherer, Direktor der Schul­ stiftung der Erzdiözese Freiburg aus­ drückte. Geschenke und innige Dankes­ worte gab es auch vom Schulleiter der heutigen Bildungseinrichtung St. Ursula­Schulen, Johannes Kaiser, der im Sinne und im Namen aller Schüler, Lehrer und Eltern sagte: „Wir bedanken uns für die geistigen Spu­ ren, die Sie bei vielen hunderten Schülern und Lehrern hinterlassen haben.“ Bettler. Auch Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon, Alt­Dekan Kurt Müller und andere Festredner machten eines überdeutlich: Der Orden und vor allem die Schwestern haben das Schulleben der Stadt Villingen maßgeblich geprägt und geformt. Rupert Kubon: „Wir zehren von diesen Grundlagen christlichen Lebens der Klöster hier in der Stadt“. plexes, in dem die Ordensfrauen größtenteils lebten und arbeiteten, soll in sei­ nem bisherigen Zustand erhalten bleiben als Zeugnis des letzten aktiven Klosterlebens in Vil­ lingen. Sicher wird es zu besonderen Anlässen auch ab und zu der Öffentlichkeit zugänglich ge macht werden, versprach der Schulleiter der St. Ursula­Schulen, Johannes Kaiser. Die Anfänge der Villinger Klostergeschichte „Tradition bewahren – Zukunft bereiten“ Vom einst blühenden Klosterleben, ehemals insgesamt sieben Klöstern im alten Villingen mit Dominikanern, Klarissen, Johannitern, Franziskanern, Kapuzinern und Benediktinern, war nach der Säkularisation nur das Frauen­ kloster St. Ursula übrig geblieben. Es baute eine beispielhafte Bildungseinrichtung auf, die seit 1990 in der Trägerschaft der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg steht. Diese leistet unter dem Motto „Tradition bewahren – Zukunft berei­ ten“ neuzeitliche Bildungs­ und Erziehungsarbeit Vor mehr als 700 Jahren war es, als sich die ers­ ten Frauengemeinschaften, die sogenannten Beginen, auch in Villingen und seiner nächsten Umgebung zusammenfanden, um in Armut und Gebet Gott zu dienen. Denn im Hochmit­ telalter hatten sich die Chancen von Frauen im religiösen Leben immer mehr verschlechtert, das Angebot an Klosterplätzen stagnierte. So begannen immer mehr Frauen, auf eigene Faust ein religiöses Leben zu führen, ein Leben ohne schützende Klostermauern. Sie pflegten Kranke und Sterbende, betreuten Arme und Bettler, bestatteten die Toten und ernährten sich durch 174 Geschichte


Die letzte Superiorin Sr. Roswitha Wecker vor dem ehemaligen Archivschrank aus dem 16. Jahrhundert. verschiedene Arten der Handarbeit. Aus diesen Gemeinschaften gingen später die Frauenklös­ ter hervor. Das Haus am Villinger Bickentor hat­ te vermutlich im 13. Jahrhundert begonnen, ein Konvent frommer Frauen zu sein. Hier vereinig­ ten sich mehrere dieser sogenannten Schwes­ ternsammlungen aus der näheren Umgebung. Durch das Wirken der seligen Ursula Haider, die 1479 aus Valduna in Vorarlberg nach Villin­ gen berufen wurde, um mit ihren sieben Ge­ fährtinnen im Bickenkloster die Regeln der heili­ gen Klara einzuführen, hatte sich diese Sammlung zu einem überregional erfolgreichen Klarissen­ Kloster reformiert. Die Schwestern verstanden sich auf Schreibkunst, auf Leinenweberei, alle Arten von Handarbeiten, aber auch auf die Her­ stellung von Kräuterheilmitteln und köstlichem Gebäck. Das Rezept der bis zuletzt im Kloster St. Ursula gebackenen und als Geschenke der Klosterfrauen heiß begehrten „Klosterguetili“ stammt aus dieser Zeit. Neben dem Klarissen­ kloster, nur durch eine Mauer getrennt, lagen Garten und Kloster der Dominikanerinnen, die „Vetternsammlung“ genannt. Hier wurden be­ reits damals Mädchen unterrichtet. Beide Klöster bestanden bis 1782, bis eine Verordnung von Kaiser Josephs II befahl, alle beschaulichen Klöster aufzulösen. Letztendlich wurde jedoch ein Kompromiss genehmigt: Dass das Klosterleben am Bickentor in Villingen unter dem Aspekt bestehen bleiben darf, wenn das Klarissenkloster in einen Lehrorden, das Ursuli­ neninstitut, umgewandelt wird, dem sich die Do minikanerinnen anschließen sollen. Die Zeit der Ursulinen (1782 – 2015) Am 16. Oktober 1782 übernahmen dann zwei Schwestern des Lehrordens der Ursulinen aus Freiburg das Zepter in den alten Klostermauern am Bickentor und nahmen die ehemaligen Kla­ rissen und Dominikanerinnen in ihren Orden auf. Die Ursulinen gehen auf die „Gesellschaft der hl. Ursula von Anne de Xainctonge“ zurück. So war 1782 das Geburtsjahr des Lehr­ und Erziehungsin stituts St. Ursula in Villingen. Und die Zeit der Ursulinen in der über 700 Jahre alten Klostergeschichte der Zähringerstadt mit ihrer Fürsorge, der christlichen Erziehung und Kloster St. Ursula ist geschlossen 175


Die Konventuhr des Klosters St. Ursula aus dem Jahr 1860. Ihr Werk stammt von einem der berühmtesten Uhrmacher des Schwarzwaldes, von Lorenz Bob (1805 – 1878) aus Furtwangen. Der Villinger Wilhelm Dürr malte das Uhrenschild, es zeigt Ursulinen und Schulmädchen, darüber Maria und der heilige Dominikus. Die Schnitze- reien hat August Glänz aus Neustadt geschaffen. Im kleinen Kloster- museum sind noch weitere pracht- volle Zeitmesser aufbewahrt. Ausbildung junger Menschen, sollte nun bis zur Auflösung in diesem Jahr 233 Jahre dauern. Generationen von Villingerinnen erhielten und erhalten in der „Maidleschuel“, der ehemali­ gen Klosterschule St. Ursula, bis heute in den zwischenzeitlich gemischten Klassen der freien christlichen Bildungseinrichtung eine Ausbil­ dung auf dem Fundament christlicher Weltan­ schauung und Wertordnung. Die konfessionellen Volksschulen werden aufgelöst Die Klosterschule St. Ursula erlebte in 233 Jah­ ren Höhen und Tiefen, überstand schwierige Zeiten, so zum Beispiel die Zeit des „Schul­ kampfes“, der Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche, die 1876 auch in Villingen mit der Einführung der „Simultan­ schule“ (Schule für alle religiösen Bekenntnisse) endete. Die konfessionellen Volksschulen wur­ den aufgelöst. Auch die Freiburger Ursulinen verloren die Möglichkeit, katholischen Mädchenunterricht zu erteilen. Im Villinger Konvent entschied die damalige kluge Superiorin Xaveria Ditz jedoch, den Unterricht an der Mädchenschule fortzu­ setzen. Waren doch die wenigen evangelischen Mädchen von den Nordstetter Bauernhöfen schon immer zusammen mit den katholischen Schülerinnen unterrichtet worden. 1862 war bereits in den Räumen des ehema­ ligen Dominikanerinnenklosters am Klosterring von der Stadt ein Mädchenschulhaus einge­ richtet worden, in dem auch die Lehrfrauen der Ursulinen unterrichteten. Daraus entwickelte sich die Mädchenvolksschule und die spätere Klosterringschule als Grund­ und Hauptschule. Bald platzte das Klostergebäude aus allen Nähten. Bereits 1841 hatte das Kloster das an der Bickenstraße gelegene Nachbarhaus erwor­ ben, das sogenannte Backsteinhaus. Ein drittes Gebäude kam später dazu. Privates Töchterheim, Kochschule, Frauen­ arbeitsschule (Industrieschule), Internatsschu­ le, Handelsschule, Realschule, Seminare und Kurse – die Klosterschule St. Ursula schrieb Erfolgsgeschichte, überstand Hungerjahre, krie- gerische Auseinandersetzungen und Inflation mehr oder weniger unbeschadet, wird zu einer festen Größe im Villinger Schulleben. Bereits um 1908/1909 wurden der West-, Nord- und Haus- wirtschaftsflügel angebaut, das Portal an der 176 Geschichte


Blick in den reich mit Kunstwerken ausgestatteten Gang des Klosters St. Ursula und in die Klosterkirche. Der Hochaltar mit der Darstellung Maria Himmelfahrt und die Seitenaltäre stammen aus der Kirche der Domini- kanerinnen. Das Kruzifix links an der Wand datiert aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Kloster St. Ursula ist geschlossen 177


zum Kloster gehörte, war zwar längst ausquar- tiert (in einen Gutshof und den Klosterhof), als Überbleibsel stand bis 1960 an Stelle der heu- tigen Aula lediglich noch eine Scheune, es gab auch noch das so genannte „Sauhöfle“ und die Waschküche. 1970/71 wurde an der Bärengasse das „kleine Schulhaus“ errichtet, der „Neubau“, wie er heute noch genannt wird. In den 1990-er Jahren stand eine nächste umfangreiche Grundsanierung des gesamten Komplexes an (jetzt bereits in Zusammenarbeit zwischen Schulstiftung und Kloster). Nach dem Auszug der Ursulinen sind nun wieder drei Bau- abschnitte in Planung, mit denen die neuerliche Raumnot der Schule beseitigt werden soll. Die letzten Ursulinen Gleichzeitig mit dem Internat, dessen Leiterin seit 1964 Schwester Roswitha war, wurde 1984 die Wirtschaftsschule aufgegeben. Dafür ent- stand die Tagesschule mit Hausaufgabenbetreu- ung, die Schwester Roswitha aufbaute und bis 2001 leitete. Bis heute wurden die Schüler dieser Tagheimschule aus der Klosterküche verpflegt, wie auch jeder Bedürftige, der an die Kloster- pforte klopfte, ein warmes Essen bekam. Seit 2001 hatte Schwester Roswitha, eine versierte Verwaltungs-Fachfrau, die Klosterver- waltung übernommen, immerhin bis zuletzt ein mittlerer Wirtschaftsbetrieb mit bis zu 13 Mit- arbeitern. Sie feierte Anfang 2015 ihren 80. Ge- burtstag und lebte und arbeitete 55 Jahre lang in St. Ursula, dessen Betrieb nun nicht mehr zu halten war. Doch weltoffen und vorwärtsbli- ckend sieht Schwester Roswitha nach der Klos- terschließung „in jeder Veränderung auch eine Chance“. Diese Chance sieht sie künftig in den alten Menschen im Seniorenheim St. Lioba, wo sich künftig ihr Lebensmittelpunkt befindet. Schwester Roswitha hatte 2012 als Supe- riorin die Leitung des Klosters St. Ursula von Schwester Eva-Maria Lapp übernommen, die über 30 Jahre lang die Geschicke des Klosters als Superiorin fest in Händen hielt und zahlreiche wegweisende inhaltliche, kulturhistorische wie auch bauliche Weichen für Kloster und Schule Die alte Ordenstracht der Ursulinen hatte Ähnlichkeit mit der Villinger Witwentracht, hier die Schwestern Roswitha, Eva-Maria und Hildegard (v. links). Bickenstraße barockisiert. Als Erholungsheim wurde 1918 der „Klosterhof“ (Gemeinde Nie­ dereschach) erworben. In der Stadtschule, dem Pensionat und der Frauenarbeitsschule werden rund 1.000 Schülerinnen unterrichtet. Dann kamen die Nazis an die Macht, die keine klösterlichen Schulen duldeten. Der Hitler staat ließ 1940 auch die Schule St. Ursula schließen. Das Mädchenschulhaus wird zum Lager für Auslandsdeutsche und zum Lazarett und Altersheim. Kloster- und Schulgeschichte sind untrennbar miteinander verknüpft 1945 dann der Neubeginn. St. Ursula durfte sei­ ne Schulzweige Progymnasium mit 143 Schüle- rinnen und Handelsschule (später Wirtschafts- schule) mit 26 Schülerinnen wieder einrichten. 1949 öffnete auch das Internat wieder, das bis 1984 bestand. 1978 wurde der Realschulzweig eingerichtet. 1986 wurden in der bisherigen reinen Mädchen- schule St. Ursula erstmals Jungen aufgenom- men und die Geschicke erstmals in die Hände eines weltlichen Schulleiters gelegt. Schon Jahre zuvor war es bereits wieder zu eng in den Klosterräumen für die aufstrebende Schule geworden. Die Landwirtschaft, die früher 178 Geschichte


Innenhof der Klosterschulen St. Ursula. „Dankbar das Vermächtnis leben“ In einem 240-seitigen Buch, einer Dank- schrift zur Erinnerung an das segensreiche Wirken des Klosters St. Ursula als Funda- ment der St. Ursula Schulen in Villingen, herausgegeben für die St. Ursula Schulen von Dr. Jürgen Brüstle, Johannes Kaiser, Klaus Nagel und Heinrich Schidelko ist die gesamte umfangreiche Geschichte des Bickenklosters und der Schule mit zahlreichen Bildern, teil- weise Quelle obigen Berichtes, zu erleben. Titel: „Dankbar das Vermächtnis leben“. Es ist im örtlichen Buchhandel erhältlich. gestellt hat – nicht zuletzt 1990 die Übergabe des Schulbetriebes an die Schulstiftung des Ordinariats Freiburg. Schwester Eva Maria lebte und wirkte über 60 Jahre in St. Ursula, davon 50 Jahre als Lehrerin. Sie starb 2013. Schwester Siegrun Schachtner, die zweite der letzten beiden Ordensfrauen des Klosters St. Ursula, ist eine Villingerin und arbeitete in jungen Jahren als Volksschullehrerin in Klengen sowie in der Klosterringschule. Sie trat 1966 in das Kloster ein, bildete sich zielstrebig weiter und unterrichtete später die Fächer Mathematik und Physik mit vollem Deputat. Als letzte Ur- sulinenschwester in der Schule wurde sie 2003 verabschiedet. Lebten und wirkten 1954 immerhin noch 85 Ordensschwestern in St. Ursula, davon 60 Lehrfrauen, schrumpfte ihre Zahl in den letz- ten Jahrzehnten drastisch bis auf diese letzten beiden Schwestern. Sie mussten jetzt altershal- ber zusammen mit Pater Fuchs, der viele Jahre die Ursulinen und die St. Ursula-Schulen geist- lich betreute, das Jahrhunderte alte Villinger Klosterleben endgültig beenden. Das Kloster St. Ursula hinterlässt als wert- volles Vermächtnis der 233 Jahre dauernden segensreichen Ära – die immer geprägt war durch einen engen und sehr herzlichen Bezug zum weltlichen Leben Villingens – die heutigen St. Ursula-Schulen mit zweizügigem Gymnasi- um, Realschule und Hortschule als vorbildliche Bildungseinrichtung im Oberzentrum. Und das Kloster St. Ursula wird auch nach seiner aktiven Zeit immer ein wichtiges Stück Villinger Ge- schichte bleiben. Kloster St. Ursula ist geschlossen 179


Der Neudinger Klosterbrand 1852 von Rüdiger Schell 180 Geschichte


Während Klostermonogra- phien sich sehr häufig ein- gehend mit der Gründung eines Klosters und – in noch größerer Ausführlichkeit – mit seiner Blütezeit befas- sen, findet demgegenüber der Untergang von monas- tischen Einrichtungen in der Regel nur in abschließender Kürze oder in einer ange- messenen Zusammenfas- sung Erwähnung. Diesem Muster entsprechen bislang auch die allgemeinen Dar- stellungen und Detailunter- suchungen zur Geschichte des Klosters Maria Hof bei Neudingen, Hauskloster und Begräbnisstätte der Grafen und Fürsten von Fürstenberg. Im Folgenden wird deshalb der Versuch gemacht, wieder etwas mehr Licht in die Vorgänge um den Un- tergang des Neudinger Klosters zu bringen. Die Gruftkirche der Fürsten zu Fürstenberg steht an der Stelle, an der sich einst das Kloster Neudingen befand. Der Bau der Kirche mit Parkanlage konnte zu 90 Prozent über das Brand- geld des Klosters finanziert werden.


Plan des Klosters Neudingen aus dem Jahr 1762. danach die Aufgabe, zum einen für die Le- benshaltung der Klosterfrauen zu sorgen, zum andern – auch aus Eigeninteresse – sich um eine Weiterverwendung der Klostergebäude zu bemühen. Infolgedessen standen in den ersten Jahren nach der Schließung des Neudinger Klosters Überlegungen und Maßnahmen in diesen bei- den Aufgabenbereichen im Vordergrund. Die 18 Konventualinnen (14 Klosterfrauen und vier Laienschwestern), die unter der Führung der Äbtissin Maria Hildegard weiterhin im Kloster wohnten, erhielten vom Haus Fürstenberg eine Leibrente und das lebenslange Bleiberecht. 1825 lebten hier noch sechs ehemalige Mitglieder des Konvents, und 1840, als die letzte Äbtissin starb, blieb schließlich nur noch eine Ordens- frau übrig. Die zum größten Teil leer stehenden Kloster- gebäude einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, erwies sich nach der Säkularisierung als das größere Problem. Zwar schlug das Fürstenhaus bereits 1805 vor, im früheren Kloster ein Schul- institut für Töchter fürstenbergischer Beamter einzurichten, ein Gedanke, den eine Sonder- kommission der großherzoglich-badischen Re- gierung 1808/09 neuerlich aufgriff. Das Projekt scheiterte jedoch, weil kein ausgebildetes Lehr- und Erziehungspersonal vorhanden war. Während Napoleons Russlandfeldzug und unmittelbar danach dienten die Räumlichkeiten als (elend geführtes) Militärhospital für russi- sche Kriegsgefangene. Nach dessen Schließung machte in den zwanziger Jahren die fürstenber- gische Seite den Vorschlag, das Kloster als Blin- denanstalt zu nutzen. Allerdings konnte auch dieses Vorhaben nicht realisiert werden, da die badische Regierung diese Idee selbst übernahm Die meisten umstrittenen Ereignisse in der zweigeteilten Klostergeschichte von Neudin­ gen – sowohl in den fast 300 Jahren der Domi- nikanerinnenzeit als auch während der Zuge- hörigkeit des Klosters zum Zisterzienserorden nach 1584 – wurden wissenschaftlich bearbeitet und offengelegt; dagegen wurde über die Zer- störung der Klosteranlage durch den großen Klosterbrand von 1852 nur wenig Nennenswer- tes geschrieben. So sind im Laufe der Zeit offene Fragen zu den besonderen Umständen und zum Ablauf der Brandkatastrophe sowie zu Urheber- schaft und Schuldfrage weitgehend in den Hin- tergrund gedrängt worden oder teilweise sogar in Vergessenheit geraten. Bereits seit 50 Jahren kein Kloster mehr Am Tag des großen Brandes im März 1852 war Maria Hof bei Neudingen, das ursprünglich nur „Auf Hof“ genannt wurde, schon rund fünfzig Jahre kein Kloster mehr. Nach seiner Gründung 1274 war es zwar mehr als 525 Jahre ein kirchli- cher Mittelpunkt mit kultureller, wirtschaftli- cher, sozialer und politischer Bedeutung auf der Baar. Doch auch diese klösterliche Einrichtung wurde 1802/03 im Zuge der landesweiten Säku- larisation kurzerhand aufgelöst. Die Fürstenber- ger als die zuständigen Landesherren nahmen die „Civilinbesitznahme“ vor und zogen das Klostervermögen umgehend ein. Ihnen oblag 182 Geschichte


und wenig später in Bruchsal ein „Institut zur Bildung der Blinden im Großherzogtum Baden“ neu einrichtete. In der Folgezeit blieben die Gebäude in Neu­ dingen weiterhin ungenutzt. 1829 überließ man den „allmählich absterbenden Klosterfrauen“ ein paar zusätzliche Zimmer im Hauptgebäude, und nach dem Stadtbrand von Fürstenberg 1841 wurde dem obdachlos gewordenen Stadtpfarrer eine Wohnung im Kloster zugewiesen. Sonst geschah wenig. Erst 1843 fand sich eine dauerhafte Lösung im großen Stil. Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten zur Einrichtung einer Erzie­ hungsanstalt entschied sich die Regierung in Karlsruhe für das Neudinger Kloster als Stand­ ort. Die Leitung der neuen Anstalt (Rettungs­ anstalt) übernahm die Donaueschinger Sektion des „Vereins zur Rettung verwahrloster Kinder im Großherzogtum Baden“, an dessen Spitze der Dekan und Stadtpfarrer Krebs, der FF­Domänen­ rat Diefenbach und der Donau eschinger Bürger­ meister Raus standen. Bereits ein Jahr später befanden sich 30 männliche Jugendliche in Ma­ ria Hof. Auch erste Erfolge stellten sich ein: Von den 13 Zöglingen, die 1849 die Anstalt verließen, machten acht eine Lehre in verschiedenen Handwerksberufen. Das war die Situation in Maria Hof im Jahr des Klosterbrandes. Die Brandkatastrophe Am 23. März 1852 wurde das ehemalige Kloster Maria Hof zu Neudingen, 577 Jahre nach seiner Gründung, durch eine Feuerkatastrophe ver­ nichtet. Über die letzten 24 Stunden und das stufenweise Vernichtungswerk durch diese Feuers brunst – eigentlich handelte es sich um drei Brände – liegt ein Gedächtnisprotokoll des FF­Domänenrats Theodor Diefenbach vom 26. März 1852 vor. Auf diesem Protokoll basier­ ten auch schon frühere Berichte über den Brand. Wir verzichten hier deshalb auf noch größere Ausführlichkeit und belassen es bei einer kurzen Fixierung des Protokolls in sechs Punkten, wel­ che die Abfolge dieses Klosterbrandes zusam­ menfassen: Priorin des Klosters Neudingen, die dargestellte Ordensfrau ist unbekannt. Am 22. März 1852, etwa um 17 Uhr brach in Maria Hof, in einem Nebengebäude an der nördlichen Klostermauer, Feuer aus (1. Brand). Das Gebäude, das von der Rettungsanstalt ge­ nutzt wurde, diente als Stall für Rinder; zudem lagerte hier Heu und Öhmd (Rindviehstall und Heulager). Das Vieh konnte gerettet werden. Da der Stall, ein kleiner massiver Steinbau, nur einen Zugang hatte, waren die Löscharbeiten schwierig. Da aber Windstille herrschte, konnte das Feuer dennoch nach etwa zwei Stunden ge­ löscht werden. Das Gebäude jedoch samt eini­ gen Zwischenbauten war weitgehend zerstört. Zu einem Übergreifen des Feuers auf das Hauptgebäude des Gotteshauses kam es nicht. Der amtierende Pflegevater der Erziehungsan­ stalt, Joseph Stehle, nahm aber vorsichtshalber zusammen mit einem Knecht noch am Abend sämtliche Räumlichkeiten unter dem Dach des Klosters und der Kirche in Augenschein. In den annähernd 35 bzw. 45 Meter langen Räumen, die ohne Zwischenwände waren, aber in den hohen Giebeln Lüftungsöffnungen hatten, la­ gerten insgesamt ca. 150 Malter Feldfrüchte. Es Der Brand des Klosters Neudingen 183


war nichts Auffälliges festzustellen. „Etwa 20 zuverlässige Leute“ hielten bis 4 Uhr in der Frühe Wache am nie­ dergebrannten Nebengebäude. Beim 5­Uhr­Läuten am Morgen stellte der Messner nichts Auffälliges fest. Eine Viertelstunde später, etwa um 5.15 Uhr – es war der 23. März – schlugen jedoch plötzlich aus dem Dach des Hauptgebäudes, am West­ flügel nahe der Kirche, Flammen (2. Brand), die sich rasch ausbreiteten. Die örtliche Feuerwehr, die aus weni- gen Männern bestand und nur über „zwei schlechte Spritzen“ verfügte, war überfordert. Die Tätigkeit der anwesenden Helfer konzentrierte sich daher alsbald darauf, wertvolles Mobiliar sowie Kirchenparamente, Kelche und Votivtafeln in Sicherheit zu bringen und ebenso vier Wappen- schilde (zu Ehren fürstenbergischer Grafen) von den Kirchenwänden zu lösen. Am frühen Nach- mittag brannte das Klostergebäude fast völlig aus. Einzig sinnvoll erschien es noch, das Übergrei- fen der Flammen auf die Ökonomie- gebäude im Westen des Klosterareals zu verhindern, was letztlich auch ge- lang. Einsetzender Schneefall löschte das Feuer dann endgültig. dieser Brand in einer Waldparzelle von 200 Morgen ausgebrochen. Panikartig verließ die Neudinger Mannschaft den Klosterbezirk und eilte zum neuen Brandherd, von dem in der Ferne eine Rauch- säule zu sehen war. Erst gegen Mittag kehrten die Weggeeilten wieder zum Kloster zurück. „In der Zwischenzeit“, so vermerkt Proto- kollant Diefenbach, „konnte das Löschen (auf Maria Hof) nur sehr schwach betrieben werden.“ Am frühen Nachmittag brann- te das Klostergebäude fast völlig aus. Einzig sinnvoll erschien es noch, das Übergreifen der Flam- men auf die Ökonomiegebäude im Westen des Klosterareals zu verhindern, was letztlich auch gelang. Diefenbach verließ den Brandplatz gegen Abend. Er ließ eine Löschmannschaft am Wegen Nebels im Donauried war die Rauch- entwicklung über Neudingen zunächst kaum wahrzunehmen. In Donaueschingen wurde die Nachricht vom Klosterbrand deshalb erst gegen 8 Uhr bekannt. Die sofort ausrückende Donau- eschinger Feuerwehr kam mit ihrem besseren Gerät wohl nicht vor 9 Uhr an den Brandplatz, wo etwa zeitgleich zuständige Beamte der fürstlichen Verwaltung (Domänenamt) und ein Vertreter des Fürstenhauses eintrafen. Der Dachstuhl des Klosters war bereits ausgebrannt und die beiden oberen Stockwerke sowie die Treppen standen in hellen Flammen. Die Löschmänner bekämpften das Feuer bei Einsatz aller vorhandenen Kräfte mit mehr Wirkung. Auch der Gemeindewald brennt – die Neudinger Feuerwehr verlässt den Brandort In diese verstärkten Bemühungen hinein platzte die Nachricht, auch im Gemeindewald Richtung Hondingen brenne es (3. Brand). Wie der Neu- dinger Bürgermeister Mort später angab, war Brandplatz zurück, die kleine Brände, die immer wieder aufloderten, löschen sollte. „Der in der folgenden Nacht fallende Schnee hat hierzu einen willkommenen Beitrag geleistet“, wie der Domänenrat am Tag darauf erleichtert feststell- te (vgl. Protokoll). Das zentrale Klostergebäude war bis auf die Grundmauern niedergebrannt Das zentrale Klostergebäude des früheren Neu- dinger Klosters war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die fürstenbergische Fami- liengruft unter der Kirche hingegen war fast unbeschädigt, ebenso nahm die Kaplanei (das sog. Beichtigerhaus, Unterkunft der Beichtväter) keinen größeren Schaden. Verpachtete Scheu- nen und Stallungen blieben unversehrt. „Von den stehen gebliebenen Umfassungsmauern wird wenig für brauchbar erkannt werden.“ Der Schaden an den Gebäuden wurde mit 41.234,17 fl. (Gulden) beziffert. Dem Brandtage folgte schockierende Er- nüchterung. Der Gemeinde Neudingen wurde 184 Geschichte


Das Kloster Neudingen nach einem undatierten Ölgemälde. nämlich alsbald im Umland der Vorwurf gemacht, die Einwohner des Dorfes hätten es während des Kloster­ und Kirchenbrandes absichtlich an Hilfsbereitschaft fehlen lassen. Gegen diese schwer wiegende Anschuldigung (Unterlassene Hilfeleistung) „welche (gewisse) Zeitungs­ artikelschreiber nach allen Winden ausstreuten“, setzte sich Bürgermeister Johann Mort in einer Stellungnahme an Fürst Karl Egon II. vom 17. April 1852 im Auftrag sei­ nes Gemeinderats vehement zur Wehr. Der Bürgermeister betonte, dass die Einwoh­ nerschaft bei den Rettungs­ und Löscharbeiten nach Kräften geholfen habe. Er versuchte ins­ besondere den Kernvorwurf zu entkräften, der den Neudinger Löschmännern vorhielt, sie seien plötzlich und ohne Absprache vom Kloster zum Brandherd im Wald (3. Brand) weggelaufen: Dies aber sei, so Mort, „zur Verhütung noch größeren Unglücks dringend notwendig“ gewesen. Der Bürgermeister widersprach auch der Unterstel­ lung, seine Gemeinde habe an der Rettung des Klosters gar kein Interesse gehabt. Im Gegenteil: In Neudingen bedaure man die Brandkatastro­ phe sehr. Schließlich habe man durch die Zerstö­ rung der Klosterkirche großen Schaden erlitten und in der Rettungsanstalt auch zahlreiche Arbeitsplätze eingebüßt. Zweifel an der Loyalität der Einwohner Die Vorwürfe gegen die Einwohner von Neudin­ gen wurden natürlich auch in Regierungskreisen in Karlsruhe bekannt, wo großes Misstrauen gegen jene Gemeinden bestand, in denen es in den Jahren 1848/49 zahlreiche Anhänger der Revolution – es kam in Neudingen sogar zur Gründung eines Ortsvereins der (revoluti­ onären) Volksfreunde – gegeben hatte. Erwar­ tungsgemäß forderte deshalb die zuständige großherzogliche Behörde am 20. April 1852 das Für stenhaus in Donaueschingen dazu auf, in der Brandsache Stellung zu nehmen. Bürgermeister Mort bat nunmehr den Fürsten um Fürsprache und Unterstützung für seine Gemeinde. Der Fürst beauftragte daraufhin den Domä­ nendirektor Hubert Dilger mit der Ausarbeitung Der Brand des Klosters Neudingen 185


einer Stellungnahme (die er in seiner Antwort nach Karlsruhe mitverwenden wollte). Dilger schlug folgende Darstellung vor: Nachdem die Einwohner von Neudingen zunächst „thätige Hilfe beim Löschen“ (2. Brand) geleistet hatten, zerstreuten sich die meisten Helfer, als die Nach­ richt vom Brand im Gemeindewald (3. Brand) eintraf. Über dieses Verhalten seien ihm, Fürst Karl Egon, zwar verschiedentlich Klagen zu Oh- ren gekommen. Nach genauer Prüfung einer Eingabe aus Neudingen vom 17. April sei er aber geneigt, den Ausführungen der Gemeinde mehr Glauben zu schenken, da ihm diese „zu keiner Zeit Anlass zu einem so rücksichtlosen oder gar böswilligen Benehmen gegeben“ habe. Damit hatten der Fürst und die FF-Ver- waltung die Neudinger für den Fall künftiger Verwicklungen diplomatisch geschickt auf ihre Seite gebracht. Die aktuelle Sache verlief nun weitgehend im Sande. Indes muss man zugeben, dass jene Neudinger Löschmänner, die beim brennenden Kloster kurzerhand „alles fallen und liegen ließen“ und in den Gemein- dewald eilten, um dort zu löschen, unüberlegt und unklug handelten. Zumindest eine koordi- nierte Absprache über Hilfsmaßnahmen wäre machbar gewesen. Da sie dies aber unterließen, brachten sich diese Helfer überflüssigerweise in ein schiefes Licht. Zur Ursache und der Schuldfrage Bereits während der Löscharbeiten wurde auch die Frage nach Ursache und Urheberschaft der Feuersbrunst gestellt. Dabei waren sich alle Beobachter einig, dass hier ohne Zweifel Brand- stiftung vorlag. Die drei Brände, der offensicht- lich koordinierte Ausbruch des Feuers sowie die winterliche Wetterlage (Schneefall vom 23. zum 24. März), bei der keine (dreifache) Selbstent- zündung anzunehmen war, ließen (und lassen noch heute) keine andere Folgerung zu, als dass hier ein auf Berechnung basierendes, schäbiges Verbrechen vorlag. Vor allem die Abstimmung der Brandausbrüche macht die kriminelle Ab- sicht deutlich. Da aber kein eindeutig erkennba- rer Täter oder Täterkreis haftbar gemacht wer- den konnte, fanden Halbwahrheiten, Gerüchte und üble Nachrede sofort fruchtbaren Boden. So kam beim ersten Brand am Abend des 22. März sofort der Verdacht auf, nur ein miss- ratener Zögling der Rettungsanstalt könne das Nebengebäude, das von der Anstalt gepachtet war, aus Rache gegen die Heimleitung angezün- det haben. Das Anstaltspersonal verdächtigte deshalb einen neu eingewiesenen, schwer erziehbaren jungen Mann, den man „der Brand- stiftung nicht für unfähig“ hielt. Doch, wie sich herausstellte, stand dieser Junge in der frag- lichen Zeit unter Aufsicht und wurde auch im Brandbereich nicht gesehen. Die Verdächtigung musste daher fallen gelassen werden. Der zweite Tatverdächtige geriet mit dem zweiten Brandfall ins Visier der selbst ernann- ten „Ermittler“. Der unbekannte Täter, so wurde alsbald kolportiert, soll irgendein neidischer ortsansässiger Bauer gewesen sein, der aus Hass und Missgunst auf diejenigen Personen den Brand gelegt hatte, die ihre Feldfrüchte auf dem Klosterspeicher unter dem Dach einlagern durften. Die Früchte gehörten, wie allgemein bekannt war, dem Klostergutpächter Egi, dem Neudinger Landwirt Grimm und der Rettungs- anstalt. Der Brandstifter musste also einem von diesen Besitzern besonders feindlich gesinnt sein. Doch auch diese „Spur“ ging ins Leere: Der große Unbekannte wurde nie ermittelt. Etwas absonderlich klingt eine von Martin Münzer erwähnte, „im Dorf kursierende münd- liche Überlieferung“. Fürstliche Beamte – die Namen (natürlich) unbekannt – haben demnach das Kloster angezündet, um die Rettungsanstalt für Schwererziehbare von Neudingen wegver- legen und eine neue fürstliche Begräbnisstätte errichten zu können. Kurz vor der Meldung des Brandes sei zudem eine Kutsche „mit betrunke- nen, johlenden Männern“ vom Kloster her durch das Dorf in Richtung Pfohren gefahren. Auch dieser Verdächtigung ging man nicht weiter nach. Ansonsten blieben auch die amtlichen Untersuchungen offenbar ohne Ergebnis. Der oder die Brandstifter wurden nie gefunden, die Zerstörung des Klosters Auf Hof/Maria Hof blieb ungeahndet. Da man sich damals aufgrund der 186 Geschichte


dahingestellt – aus der Distanz von mehr als 150 Jahren der Eindruck, dass die damals ver­ antwortlichen Organe bei ihrer Aufklärungsarbeit, gemessen am heutigen Standard, seiner­ zeit reichlich unprofessionell vorgegangen sind. Gerade deshalb aber stellen sich dem heutigen Betrachter eine Reihe von Fragen zu den überlieferten Fakten und den ei­ genartigen Vorgehensweisen bei der Aufklärung unseres Brand­ falls. So verwundert es einen schon, dass trotz angeblich so­ fortiger amtlicher Untersuchun­ gen so gut wie keine Unterlagen über Verhöre, Zeugenaussagen und andere amtliche Erkennt­ nisse vorzuliegen scheinen. Man fragt sich auch, ob untersucht wurde, welche Personen sich beim Ausbruch des zweiten Brandes, am 23. März morgens kurz nach 5.15 Uhr, im Kloster­ bereich aufhielten? Wer waren beispielsweise die etwa „zwan­ zig zuverlässigen Leute“, die bis 4 Uhr früh am Brandplatz Wache hielten und dann zum Schlafen gingen (vielleicht war der Brand­ stifter unter den Schläfern)? Oder: Was geschah eigentlich am (dritten) Brandherd im Wald in Richtung Hondingen? Wurde dort überhaupt nach der Brand­ ursache und möglichen Brand­ An der Südwand der Gruftkirche in Neudingen befindet sich eine Erinnerungstafel an die letzte Äbtissin des Klosters Neudingen, Maria Hildegard II. Ursprünglich war es die Grabplatte. fehlenden technischen Hilfsmittel Großbränden gegenüber häufig wehrlos und überfordert fühl­ te und in unserem Fall zudem keine handfesten Zeugnisse für eine individuelle Täterschaft vorlagen, nahm man, so scheint es jedenfalls, den Klosterbrand als schicksalhafte Fügung hin und ging alsbald wieder zur Tagesordnung über. So hält sich – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei stiftern geforscht? Die Fragen sind heute allesamt rhetorisch. Im zeitlichen Abstand von mehr als 150 Jahren ist es ein müßiges Unterfangen, Licht ins Dun­ kel der (vermutlich versäumten) Ermittlungen bringen zu wollen. Und zudem lässt sich, so sehr man das bedauern mag, das Rad der Geschichte letztlich nicht mehr zurückdrehen. Der Brand des Klosters Neudingen 187


Die Wertschätzung war gering Noch eines fällt auf. Das Bedauern der Zeit­ genossen über die Zerstörung des traditions­ reichen Frauenklosters, das immerhin fast 600 Jahre lang bestand und seit 1337 Grablege der Fürstenberger war, wirkt eher geschäfts- mäßig und zeigt wenig Betroffenheit. Es wurde kein Versuch unternommen, diese zentrale reli- giöse Stätte auf der Baar mit dem gebührenden Respekt ins rechte Licht zu rücken. Selbst an ein einfaches Denkmal, an eine Erinnerungstafel zu Ehren der Klosterfrauen oder – später – eine Broschüre, welche die lange Geschichte des Got- teshauses dokumentierte, dachte damals (und später) offenbar niemand. Bezeichnenderweise wurde auch die Kaplanei, das einzige Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das den Klosterbrand fast unbeschädigt überstanden hatte (vgl. oben), nach 1852 weitgehend vernachlässigt. Heute befindet sich diese ehemalige Unterkunft der Klosterkapläne, verdeckt von Bäumen, ein- gewachsen ins Unterholz, in einem geradezu erbärmlichen Zustand. Feststeht also, dass die Wertschätzung für das Kloster zu Neudingen bei den Zeitgenos- sen Mitte des 19. Jahrhunderts gering war. Der fürstenbergische Baumeister Theodor Dibold formulierte das damals kurz und bündig so: Das Zisterzienserinnen-Kloster Maria Hof „führte, ohne seine mittelalterliche Bedeutung je wieder zu gewinnen, ein bescheidenes Stillleben fort, bis demselben dann die allgemeine Säkulari- sation ein Ende setzte.“ Worauf solche Gleichgültigkeit und Dis- tanziertheit zurückging, ist schwer zu sagen. Hermann Lauer nennt in seiner „Kirchenge- schichte“ kennzeichnend für den damaligen Zeitgeist in der Baar „die religiöse Verflachung“, die hier besonders ausgeprägt und langdauernd gewesen sei, „weil die Bevölkerung sich in gro- ßem Umfange dem Liberalismus zuneigte, die- ser aber religiös vielfach nichts anderes vertrat, als eben die Gedanken und Ziele der Aufklä- rung.“ Ob diese Feststellung die offenen Fragen schlüssig und im vollen Umfang beantwortet, sei dahingestellt. Nach dem großen Brand begannen schon bald die Aufräumarbeiten. Der Abbruch der Ruinen von Klostergebäude und Klosterkirche wurde von der FF-Domanial-Kanzlei bereits im September 1852 veranlasst. Baumaterial, das noch brauchbar war, sollte beim Bau einer neuen Gruftkirche Verwendung finden, die möglichst bald auf dem Klostergelände errichtet werden sollte. Mauersteine des abgebrannten Kloster- gebäudes wurden hauptsächlich für die Umfas- sungsmauer verwendet. Anderweitig noch nutz- bare Materialien kamen zum Verkauf und wurden größtenteils in Neudingen im Dorf verbaut. Die Trümmerreste des niedergebrannten Klosters wurden eingeebnet, ähnlich wie das auch an anderen Objekten im 19. Jahrhundert geschah, die dem Haus Fürstenberg einst wich- 188 Geschichte


Links: Der frühere Standort des Klosters Neudingen dient heute als Grablege der Fürsten zu Fürstenberg. bis zum Ende des 19.Jahrhunderts hin. Im Ein- gangsbereich des Neubaus wurden die bereits erwähnten Totenschilde (15. und 16. Jh.) aus der abgebrannten Klosterkirche angebracht. Unter dem Kirchenschiff befindet sich seitdem die neue Grablege des Fürstenhauses. Wie die diesbezüglichen Unterlagen im fürstlichen Archiv ergeben, deckte die ausge- zahlte Versicherungssumme für den Brandscha- den am früheren Kloster Maria Hof annähernd 90 Prozent der späteren Baukosten für die neue Gruftkirche. Dieses gefällige Bauwerk bildet nunmehr seit mehr als anderthalb Jahrhun- derten den imposanten Blickpunkt im alten Klosterareal. Leider ist es für Normalsterbliche – normalerweise – nicht zugänglich. QUELLEN UND LITERATUR Im Fürstlich Fürstenbergischen Archiv in Donaueschingen (FFA) befindet sich zur Brandsache des Neudinger Klosters nur ein dünnes Aktenbündel mit wenigen Unterlagen. Ein erstaunli- cher Tatbestand! Nachforschungen im Generallandesarchiv in Karlsruhe (GLA), im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg und im Landesarchiv Freiburg ergaben, dass auch dort keine weiteren Akten zu dieser folgenschweren Brandkatastrophe vorhanden sind. Vorliegende Quellen u.a.: Protokoll des Domänenrats Theodor DIEFENBACH vom 26. März 1852 in: FFA, Domänen-Administration, Neudingen, Brandsache, Vol. II Fasz. 1. Stellungnahme der Gemeinde Neudingen (Bürgermeister Johann MORT) an Fürst Karl Egon II. von Fürstenberg vom 17. April 1852, in: FFA, Domänen-Administration, Neudingen, Brandsache, Vol. IIa Fasz. 1. Schreiben des zuständigen großherzoglichen Regierungs- beamten Löffler, das von Domänendirektor Hubert DILGER im Auftrag des FÜRSTEN KARL EGON II. ausführlich kommentiert wurde, in: FFA, Domänen-Administration, Neudingen, Brandsa- che, Vol. II Fasz. I. Zur einschlägigen Literatur: MÜNZER, Martin: Die Geschichte des Dorfes Neudingen mit Kaiserpfalz, Kloster Maria Auf Hof und Pfarrkirche. Neu- dingen 1973 DIBOLD, Theodor: Die Gruft-Kirche des Fürstlichen Hauses Fürstenberg zu Mariahof, Stuttgart o. J. (19. Jh.). LAUER, Hermann: Kirchengeschichte der Baar und des einst zur Landgrafschaft Baar gehörenden Schwarzwaldes. 2. Auflage. Donaueschingen 1928. SCHELL, Rüdiger: Das Zisterzienserinnenkloster Maria Hof bei Neudingen, Konstanz 2011. tig waren und zur Ehre gereicht hatten, deren frühere Nutzung aber nach allmählichem Verfall oder Brand nunmehr schwierig oder gar über­ flüssig erschien: in Tannheim, in Grünwald, auf dem Fürstenberg. Der Neudinger Klosterbezirk wurde keiner grundlegend neuen Nutzung zugeführt. Die „Rettungsanstalt für sittlich ver­ wahrloste Kinder“ zog nach Hüfingen um und wurde im „Correctionshaus“ untergebracht. Ihre Nachfolgeeinrichtung, das Knabenheim Maria Hof, befindet sich noch heute, allerdings mit ge­ änderten Erziehungszielen, in Hüfingen. Neue Grablege entsteht Am Standort des ehemaligen Klosters – und darauf legte das Fürstenhaus besonderen Wert – sollte die jahrhundertealte Tradition der für sten bergischen Grablege fortgeführt werden. Deshalb erteilte Fürst Karl Egon II. bereits am 21. Juni 1853 Baurat Dibold, den Auftrag, eine neue repräsentative Grabeskirche als künftige Begräbnisstätte der Angehörigen seines Hauses zu planen und zu erbauen. Dieser markante Kirchenbau, „eine Kuppelkirche im Stile der Neurenaissance“, wurde nach 1853 wenige Me- ter südlich vom Standort der alten Klosterkirche ausgeführt und 1856 eingeweiht. Die Innenausstattung der neuen Gruftkapelle mit Fresken, Reliefdarstellungen und Skulptu- ren begann erst Jahre später und zog sich fast Der Brand des Klosters Neudingen 189


Das Bruder kirchle an der Steig Geheimnisvoll, heimelig und verwunschen – Wo der Sage nach sieben Jungfrauen den Flammentod starben von Wilfried Dold 190



Opferkerzen beim Marienaltar und Blick in die Brunnenstube vor der Kapelle mit der Jahreszahl 1742. Es ist still im Bruderkirchle, einzig Kerzenlichter flackern im Luftzug – man ist mit seinen Ge­ danken allein. Die brennenden Opferkerzen auf dem gusseisernen Ständer vor dem Marienaltar und zwei Einträge ins Sorgenbuch am rechten Seiten altar bezeugen: Auch heute herrscht ein reges Kommen und Gehen. Das Kirchlein an der alten Straße nach Villingen, am Gewann Steig abseits der Stadt gelegen, erfreut sich großer Beliebtheit: Einen Tag ohne Besucher, den gibt es hier nicht. Schon im Mittelalter glaubten die Menschen, dass vom Bruderkirchle eine ge­ heimnisvolle Kraft ausgeht. Von einem Ort, an dem der Sage nach entweder die Hunnen sieben fromme Frauen verbrannten oder diese sieben Frauen als Engel in den Himmel entschwebten, als sie von den Hunnen geraubt werden sollten. Die Zeit der Wallfahrten zum Bruderkirchle ist lange vorbei – mit ihren Anliegen aber kommen die Menschen noch immer hierher. Wer sich Gesundheit für Angehörige, Freunde oder sich selbst wünscht; wer eine Prüfung zu bestehen hat, eine lange Reise antritt oder um Lebenshilfe bittet, fühlt sich in der Stille des Bruderkirchles geborgen und gehört. Etliche der Anliegen finden sich im Sorgenbuch: „Lieber Gott, mach, dass meine Enkel bald ganz gesund sind“, steht darin zu lesen. Oder: „Stehe meiner Tochter bei, dass sie bald einen neuen Arbeits­ platz findet.“ Ein Kind wünscht sich in zierlicher Schrift: „Ich bitte darum, dass es meiner Mama bald wieder besser geht.“ Ein Jakobswanderer schreibt: „Auf dem Weg nach Santiago, bleib bei mir!“ Prozessionen zum Bruderkirchle Das Bruderkirchle ist zugleich die Michaels­ kapelle. Mit seiner ungewöhnlichen Geschichte und der reichen Sagenwelt haben sich seit jeher viele Historiker befasst. Einer der besten Kenner des Bruderkirchles war der Donau eschinger Stadtpfarrer Monsignore Dr. Heinrich Feurstein (1877 ­ 1942). Er erforschte zur Zeit des Ersten Weltkriegs als wohl erster die Geschichte des Kirchleins auf wissenschaftlicher Basis – auch vor Ort in Vöhrenbach. Heinrich Feurstein starb später im KZ, wurde nach seiner Neujahrspredigt am 7. Januar 1942 von der Gestapo festgenommen und am 5. Juni 1942 nach Dachau verbracht. Dort erlag der Geistliche im Juli den Folgen der Haft. Die ältesten Spuren einer Verehrung der sieben Frauen finden sich um 1600 im Jahrzeit­ buch der Pfarrei Vöhrenbach. In diesem Anni­ versarbuch entdeckte Dr. Heinrich Feurstein den Eintrag von der Hand eines Kalligraphen: „Dominica proxima post Festum S. Trinitatis est vera Dedicatio apud Septem mulieres auf 192 Geschichte


Blick ins Bruderkirchle, die Decken- und Wandgemälde stammen vom Vöhrenbacher Kunstmaler Johann Dorer (1883 – 1915). Er hat sie in den Jahren 1909/10 geschaffen. der Staig“, d. h. am Sonntag nach Dreifaltigkeit ist der eigentliche Kirchweihtag bei den sieben Frauen auf der Steig. Diese kirchliche Feier scheint bald eine Aus­ gestaltung erfahren zu haben, denn ein Nach­ trag von der Hand des Pfarrers Johann Brugger aus der Zeit um 1640 meldet: „Man zog in Pro­ zession nach der Steig und veranstaltete dort einen Opfergang.“ Die Ergebnisse seiner Forschungen ver­ öffentlicht Dr. Heinrich Feurstein 1933 in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar: „Das Kirchlein selbst war und ist heute dem hl. Erzengel Michael geweiht. Die erste Nennung einer Kirchpflege zum hl. Michael geschieht in einem Kaufbrief des Jahres 1563. Im Jahre 1596 ist in der Mesner­ dienstordnung von Opfergaben „gleich hie (in der Pfarrkirche) oder auf der Steig „die Rede“. Irgend eine andere schriftliche Bezeugung aus älterer Zeit liegt nicht vor.“ Einen weiteren wertvollen Hinweis fand der Vöhrenbacher Chronist Prof. Dr. Karl S. Bader in den Kirchenakten des Fürstlichen Archivs in Donaueschingen. In einem Bericht zum Vöhren­ bacher Stadtbrand von 1639 heißt es, dass die Gottesdienste übergangsweise „in dem Kirch­ lin an der Steig gen Villingen, gemeinhin das Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 193


Broder Kirchlin genannt“ abgehalten werden. Schon zu dieser Zeit gab es somit Wallfahrten und lebte im Bru­ derkirchle ein Mönch. Um 1580 woll­ ten die Fürstenberger dort auch den Friedhof anlegen, um einer weiteren Verseuchung des Trinkwassers durch die bei der Kirche mitten in der Stadt begrabenen Toten zu unterbinden. Doch die Vöhrenbacher lehnten das mit Blick auf die Entfernung zur Stadt entschieden ab. Die Bruderkirchle-Sage – die älteste Fassung „Das durch seinen Silberbergbau reich gewordene Vöhrenbach ergibt sich dem Wohlle- ben, lässt auch am Sonntag im Berg- werk arbeiten und vergisst seine Chri- stenpflichten. Die Strafe folgt auf dem Fuße: Heidnische Hunnen, die allent- halben Deutschland verwüsten, fallen brandschatzend im Bregtal ein.“ Die Verwünschungen der sieben Jungfrauen Die zweite Sage ist wesentlich prägnanter und mit tatsächli­ chen, örtlichen Ereignissen aus­ geschmückt. Pfarrer Roth hat sie 1891 in einem Wallfahrtsbüchlein festgehalten, er will sie in alten Schriften gefunden haben. Diese Schriften wurden allerdings bis heute nicht entdeckt. Dass es aber diese Sage schon lange gibt und sie somit keine Erfindung des Pfarrers sein kann, belegt das Tagebuch von Abt Gaiser, der im Visitationsbericht von 1651 schreibt: „Man sagt, dass diese sieben Jungfrauen die Märtyrer­ krone tragen, doch ist das nicht urkundlich bezeugt. Der Altar der Kapelle ist profaniert (d.h. dem kirchlichen Gebrauch entzogen). Es gibt Leute, die sagen, das Kirchlein sei ehedem ein Klösterlein gewesen.“ Die Wallfahrt zum Bruderkirchle war zu die­ ser Zeit bereits in vollem Gang. Abt Gaiser: „Bis heute ist ein lebhaftes Wandern und Wallfahren zu der Kapelle.“ Ohne die Bruderkirchlesagen wären diese Wallfahrten jedenfalls nur schwer vorstellbar, sie lieferten den Menschen den Grund dafür, mit ihren Anliegen zu den sieben Frauen zu pilgern. Im Wallfahrtsbüchlein veröffentlicht Pfarrer Roth die Sage wie folgt: Das durch seinen Sil­ berbergbau reichgewordene Vöhrenbach ergibt sich dem Wohlleben, lässt auch am Sonntag im Bergwerk arbeiten und vergisst seine Christen­ pflichten. Die Strafe folgt auf dem Fuße: Heid­ nische Hunnen, die allenthalben Deutschland verwüsten, fallen brandschatzend im Bregtal ein. Die Stadt wird belagert und zur Übergabe aufgefordert: „Ergebt euch und zahlt das Lö­ segeld, das wir verlangen. Weigert ihr euch, so werden wir mit Feuer und Schwert euch und eu­ re Häuser vernichten. Eure Freiheit könnt ihr nur dadurch erkaufen, dass ihr eurem Christengott abschwört und unseren Baal anbetet.“ Das wahre Alter des Bruderkirchles lässt sich nicht mehr feststellen – gut vorstellbar, dass es in die Zeit der Stadtgründung von 1244 zurückreicht. Für Spekulationen bleibt so viel Raum, zumal zwei Sagen bezeugen, dass es in der Tat sehr alt sein muss. Die Sagen sind in unzähligen Büchern zu finden – selbst in Österreich. Es gibt drei Varia tionen. Die nachstehend wiedergegebene Fassung gilt als die älteste der drei Jungfrauen­ Sagen und ist u.a. in Schnetzlers „Badischem Sagenbuch“ von 1846 veröffentlicht. Sie lautet in der Kurz­ darstellung: „Eines Tages fallen die Hunnen unter Attila ein, brechen die Burg und fallen die Schloßjungfrauen an, die auf ihr heißes Gebet in Engel verwandelt, ungefährdet durch die staunenden Reihen der Feinde zum Kirchlein hinüberschweben, das sie aufnimmt und sich sofort wieder schließt.“ Bei den sieben Frauen handelte es sich um die sieben schönen Töchter des Burgherren, heißt es weiter. Diese Sage steht im Zusammenhang mit einer anderen, ebenfalls nicht belegbaren An­ nahme: der alten Stadt! Bis heute hält sich in Vöhrenbach die Mutmaßung, dass auf der Höhe über dem Bruderkirchle die „alte Stadt“, das Ur­Vöhrenbach, gelegen habe. Dies auch, weil dieses Gewann seit jeher mit „Burg“ bezeichnet ist. Dort soll somit jene Burg gestanden haben, von der die Sage erzählt. 194 Geschichte


Ausschnitt aus dem Ölgemälde von 1727 (geschützt durch starkes, spiegelndes Glas), das im Vorraum zum Bruderkirchle hängt und die Sage der Verbrennung von sieben Jungfrauen durch die Hunnen darstellt. Die sieben Vorsteher der Stadt beschließen nach kurzem Besinnen: „Wir fallen ab“. Die gan­ ze Bürgergemeinde stimmt ein – mit Ausnahme der sieben Frauen der Vorsteher, die, ihre Kinder an der Hand, die Bürger beschwören, ihrem Glauben treu zu bleiben. Ihre Mahnung wird in den Wind geschlagen. Die Frauen verbergen sich nun mit ihren Kindern in den Kellern ihrer Häu­ ser. Inzwischen werden Kreuze und heilige Bil­ der umgeworfen, die Tore dem Feinde geöffnet und die Kirche zum Baalstempel entweiht. Die sieben Frauen werden von ihren eigenen Männern ausgeliefert und auf dem Scheiterhau­ fen der Stadt verbrannt. Zuvor hatte man ihnen, obwohl die Sonne heiß brannte, einen letzten kühlenden Trunk verwehrt: Siehe, da sprang aus dem dürren Boden plötzlich eine Quelle zu den Füßen der Weiber, die Bande fielen von ihren Händen und sie tranken. Als die Flammen be­ reits begannen ihre Füße zu lecken und das Volk in wilder Lust um das Feuermal tanzte, kam ein prophetischer Geist über die Blutzeuginnen und jede tat einen merkwürdigen Ausspruch: Die erste sprach: Eure Reben werden verdor­ ren und eure Obstbäume absterben, denn ihr habt die Labung versagt den Dürstenden. Die zweite sprach: Eure Silbergruben werden einstürzen und unergiebig bleiben, denn aus ih­ nen kam euer Frevel und Übermut, der uns alle verdorben hat. Die dritte sprach: Dreimal wird eure Stadt in Flammen aufgehen, denn der Zorn des Herrn ist über euch. Die vierte sprach: Und wenn ihr die Stadt wieder aufbaut, so wird ihre Mauer nie vollen­ det werden und immer dem Feinde offen ste­ hen, weil ihr so feige euch ergeben habt. Die fünfte sprach: Euer Regiment und Rat wird niemals vollzählig sein und der beste Mann immer darin fehlen, denn ihr habt eure Pflicht gegen Gott und die Heimat verraten. Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 195


Die sechste sprach: Es wird euch genommen werden das Recht über Leben und Tod, weil ihr die Unschuld zum Feuer verdammtet wie eure See­ len zum höllischen Pfuhl. Die siebente endlich sprach: Nim­ mer soll aufhören dieser Prophezeiun­ gen Bann, als bis einst Gottes Weisheit erlaubt, dass ein sündenreines Auge in der Karfreitagnacht in jenem frisch entstandenen Brunnen schaue, darin wird es geben einen großen Fisch, der in seinem Maule sieben goldene Schlüssel trägt. Das sind alsdann die Schlüssel zu euern verlorenen Reich­ tümern, und ihr möget sie nehmen und eure Schätze damit wieder öffnen, wenn es die Gnade Gottes gestattet. Nun werden die Frauen von den Flammen verzehrt, die Heiden ver­ suchen vergebens, die wunderbare Quelle zuzuwerfen und die Vorsteher sterben eines elenden Todes. Sieben Jungfrauen, die sich durch ihr frommes Leben den Hass der Einwohner zuzogen, sind der Sage nach auf Befehl des Schultheißen Mändle gefangen genommen worden. Die Vöhrenbacher klagten sie der Zauberei an und ver- brannten die Frauen als Hexen – und Die dritte Fassung der Bruderkirchlesage Nach einer anderen Fassung der Sage, die das Wallfahrtsbüchlein von Pfarrer Roth ebenfalls ver­ zeichnet, sind die Träger der Legen­ de nicht sieben Frauen, sondern sieben Jungfrauen, die sich durch ihr frommes Leben den Hass der Einwohner zuzogen, besonders des Schultheißen Mändle. Auf seinen Befehl hin wurden sie gefangen, der Zauberei angeklagt und als He­ xen verbrannt – und zwar am Plat­ ze des heutigen Bruderkirchleins. Auch diese sieben Märtyrerinnen sprechen eine letzte Voraussage: zwar am Platze des Die erste: So gewiß sind wir heutigen Bruder- kirchles. unschuldig, als Vöhrenbach drei­ mal verbrennen wird. Die zweite: So gewiß sind wir unschuldig, als der Stadtrat nie Ansichtskarte um ca. 1.900 mit Motiven aus Alt-Vöhrenbach. Im Mittelpunkt steht die Bruderkirchlesage, die Verbrennung der sieben Jungfrauen. 196 Geschichte


Die Gefangennahme der sie- ben Frauen durch die Hunnen (Ausschnitt des Gemäldes von 1727, beeinträchtigt durch starke Spiegelungen). ein volles Jahr vollzählig bleibt, und das Geschlecht der Mändle ausstirbt. Die dritte: So gewiß sind wir unschuldig, als hier kein Obstbaum mehr gedeihen und Früchte tragen wird. Die vierte ist vom Verfasser versehentlich ausgelassen. (Zu ergänzen ist vermutlich der Verlust des Blutgerichts.) Die fünfte: So gewiß sind wir unschuldig, als eure Silberbergwerke unergiebig werden. Die sechste: So gewiß sind wir unschuldig, als euer Götzentempel eingehen wird. Die siebente warf vom Scheiterhaufen aus noch ein Gebind von sieben goldenen Schlüs­ seln auf die Erde, nachdem sie mit lauter Stim­ me gesprochen hatte: So gewiß bin auch ich un­ schuldig, als an der Stelle, wo ich diese Schlüssel hinwerfe ein Brunnen entsteht. Darin wird alle sieben Jahre am Karfreitag vor Sonnenaufgang ein Fisch mit den Schlüsseln um den Hals er­ scheinen. Aber nur der kann ihn sehen, der ganz rein von Sünden ist. Im Augenblick entsprang auf dem Platz eine Quelle, und auch die Vorhersagen der übrigen Jungfrauen gingen mit der Zeit alle in Erfüllung. lierartigen Schürzen ist die bürgerliche Frauen­ tracht des ausgehenden 16. Jahrhunderts, die sich in dem abgelegenen Waldtal noch viele Jahrzehnte erhalten haben mag. Die Malerei zeigt jedenfalls die Stilmerkmale der Zeit, in der sie entstanden ist. Möglicherwei­ se ist das Gemälde die Nachbildung eines älte­ ren aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, und wir hätten dann einen ähnlichen Vorgang wie bei dem Ruchtrautbilde in Mistelbrunn. Diese Zeit war, wie wir schon bei der Ruchtrautlegende gesehen haben, stark wundergläubig und dem Außerordentlichen zugetan. Die Hexenprozesse jener Tage, die auch auf der Baar nicht selten waren – schon um 1540 wird eine Hexe Ella Wallin in Bräunlingen ver­ brannt – haben sich stark in die Vorstellung des Volkes eingegraben und machen die Erfindung solch blutrünstiger Vorgänge wie den Feuertod der sieben Frauen auf dem Scheiterhaufen er­ klärlich.“ Das Ölbild aus dem Jahre 1727 Das Votivbild aus dem Jahre 1727 im Vorraum des Bruderkirchleins, das früher am rechten Sei­ tenaltar der Vöhrenbacher Kiche hing, stellt die Sage bildlich dar. Heinrich Feurstein vermerkt dazu: „Oben ist die Gefangennahme der bei ihren häuslichen Beschäftigungen betroffenen Frauen zu sehen. Die untere Hälfte des Bildes zeigt die sieben Frauen auf dem Scheiterhaufen. Die Tracht der Frauen mit den schmalen kapu­ Die Zeit der Entstehung Es wird vermutet, dass die Sage rückwirkend geschrieben, sprich mit tatsächlichen Ereignis­ sen ausgeschmückt wurde, eventuell nach dem zweiten Vöhrenbacher Stadtbrand. Dr. Feurstein kommt zum Schluss: „Im 16. Jahrhundert be­ steht in Vöhrenbach eine Volksverehrung von sieben Frauen. … Dieser Kult nimmt mit der Zeit ketzerische Formen an und entwickelt aus sich Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 197


Von Waldbrüdern und Wallfahrten Seit wann im Bruderkirchle in der winzi­ gen Wohnung über der Kapelle ein Mönch wohnte, ist ungewiss. Erste Hinweise gibt es für das 16. Jahrhundert, die Kirchenakten sprechen vom „Bruderkirchle“. Durch die Berichte von Abt Gaiser ist gewiss, dass es zu dieser Zeit bereits Wallfahrten „zu den sieben Frauen“ gab. 1733 bittet Pfarrer Nathan darum, das Kirchlein ausbauen zu dürfen, da die Wallfahrt einen starken einheimischen und fremden Zulauf habe. In der Zwischenzeit hatte sich auch wieder ein Waldbruder gefunden: 1731 erhält Jakob Heugele, ein Mitglied des Dritten Ordens des hl. Franziskus, die herrschaftliche Er­ laubnis, eine Eremitage zu errichten. Doch ist Heugele kein einfacher Mann, er verprü­ gelt die Schuljugend und wird schon ein Jahr später durch Hans Michael Kempter abgelöst. Immer wieder kommt es im einsam ge­ legenen Bruderkirchle zu nächtlichen Plün­ derungen des Opferstockes. Auch unter die­ sem Gesichtspunkt wird empfohlen, dauerhaft einen Eremiten­Waldbruder anzusiedeln. Noch heute zeugt aus dieser Zeit ein kleines Fenster im Deckenbereich der Kapelle, das es dem je­ weiligen Waldbruder erlaubte, die Gläubigen zu beobachten. Es gab über Jahrzehnte hinweg eine große Zahl von Bewerbern für die Eremitage, was die Pfarrakten belegen. Um 1800 herum starb das Waldbruderwesen dann aus. Bewohnt ist das Dachgeschoss der Kapelle indes noch heute, es dient als Privatwohnung mit besonderem Flair. Einziges Zeugnis von Alt-Vöhrenbach Durch die Stadtbrände von 1544, 1639 und 1813 ist das Bruderkirchle das einzige bedeutende bauliche Zeugnis des alten Vöhrenbachs, das überdauern konnte. Der Bau wurde im 18. Jahr­ hundert auf Betreiben von Pfarrer Claudius Nahan mit dem barocken Zwiebeltürmchen versehen. Das bereits erwähnte Ölgemälde vom Die märchenhafte Idylle vom Dasein als Waldbruder beim Vöhrenbacher Bruderkirchle entstand 1910/11. Geschaffen hat das Deckengemälde Kunstmaler Johann Dorer. heraus unter Aufnahme benachbarter Einflüsse eine umfangreiche Legende von sagenhaftem Zuschnitt, die nach dem Stadtbrande von 1639 und dem Aussterben der Mändle 1647, jedenfalls im ausgehenden 17. Jahrhundert fertig vorliegt.“ Pfarrer Manfred Hermann verweist in sei­ nem Führer zur Pfarrkirche und zum Bruder­ kirchle als mögliche Quelle für die Sage auf die Lebensbeschreibung des heiligen Blasius, des Märtyrerbischofs von Sebase in Armenien. In der weit verbreiteten „Goldenen Legende“ treten sieben Frauen auf, die wie in der Vöhrenbacher Sage den Märtyrertod starben. In Vöhrenbach wurde um 1600 der Tag des heiligen Blasius als Halbfeiertag begangen, ein Zeichen für seine große Verehrung. 198 Geschichte


Lithographie von Casimir Stegerer zur Wallfahrt zum Bruderkirchle. Die Kapelle liegt an der Steig nach Villingen. Das Kunstwerk ist um 1835/40 entstanden. Links ist ein Arma-Christi-Kreuz mit den fünf Wundmalen zu sehen, das 1988 nachgebildet wurde (s. dazu Seite 201). Das Bruderkirchle an der Steig um 1900 und in den 1930er-Jahren mit der alten Straße nach Villingen. Die kolo- rierte Fotografie links wurde als Glückwunschkarte zum neuen Jahr veräußert. Das Äußere der Kapelle ist seit ca. 1733 bis auf das Häuschen beim Brunnentrog (siehe Stegerer-Stich oben) unverändert. Damals erhielt die Kapel- le ihr barockes Türmle und eventuell auch den heute bekannten Eingangsbereich mit Wohnraum darüber. Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 199


Märtyrertod der sieben Jungfrauen mit dem Entstehungsjahr 1727 ist ebenfalls seiner Zeit und seiner Initiative zuzuordnen. Der steinerne Rundbogen des Brunnentroges trägt die Jahres­ zahl 1742. Auch er stammt somit aus der Blüte­ zeit der Bruderkirchle­Wallfahrten. Das heutige Bruderkirchle verdankt seine künstlerische Ausgestaltung zu großen Teilen Veränderungen im 19. Jahrhundert und einer Restauration in den Jahren 1911/12, an der we­ sentlich Kunstmaler Johann Dorer beteiligt war. In dieser Zeit entstand das malerische Decken­ gemälde des Waldbruders (s. Seite 198). Das Kleinod der Vöhrenbacher Seine heimelige Ausstattung, die geheimnis­ volle Geschichte und die Lage nah bei der Stadt haben das Kirchlein zu einem Kleinod werden lassen, an dem ganz Vöhrenbach hängt. Wie sehr das Bruderkirchle das Leben der Vöh ren­ bacher begleitet, zeigt sich daran, dass dort Trau ungen stattfinden – auch Silberne, Goldene oder Diamantene Hochzeiten – und immer wie­ der Gottesdienste gehalten werden. Auch für Menschen aus der Fremde ist die Kapelle ein Schutzraum gewesen. Französische Kriegsgefangene aus dem Zweiten Weltkrieg konnten dort ihre Gottesdienste ab­ halten. Einer der Gefangenen, Abbé Emile Ciceron, schreibt 1979 in seinen Erinnerungen: „Nie hätten wir gedacht, so viel Achtung und Freund­ lichkeit bei unseren soge­ nannten Feinden zu finden. Eine Kollekte wird unter uns beschlossen. Sie wird mir anvertraut mit dem Auftrag, ein Bild für das Bruderkirchle malen zu lassen. Für die Ka­ pelle, für die wir die Geneh­ migung zur Feier der heiligen Messe hatten.“ Ein Geheimnis allerdings hat sich das Kirchlein an der Dieses für das Bruderkirchle geschaffene Gemälde ist ein Geschenk französischer Kriegsgefangener für die freundliche Aufnahme und gute Behandlung durch die Vöhren bacher im Zweiten Weltkrieg. Steig bewahrt: Schon einige Vöhrenbacher stan­ den am Morgen des Karfreitag vor der Brun­ nenstube des Bruderkirchles, auf den Fisch mit den sieben goldenen Schlüsseln hoffend, damit die alte Stadt endlich von ihren sieben Ver­ wünschungen befreit ist. Doch alles Warten in der morgendlichen Kälte war bislang vergebens: Das Bruderkirchle bleibt ein überaus liebens­ würdiger, aber halt verwunschener Ort. Links: Historischer Opferstock, wohl 18. Jahrhundert. Rechte Seite: Hochaltar von Josef Ummenhofer, ge- schaffen 1886. Der linke Seitenaltar zeigt die „Sieben Jungfrauen“ von Dominik Weber, 1858 (unten links). Das Arma-Christi-Kreuz wurde 1988 auf Initiative des damaligen Stadtpfarrers Bernhard Adler neu errichtet (s. auch Lithographie auf S. 199). 200 Das Bruderkirchle in Vöhrenbach


XXX 201


Dem Himmel, der Erde so nah Variationen über Wahrnehmung, Bewegung und Raum im künstlerischen Werk von elfi schmidt von Ursula Köhler Seit mehr als vier Jahrzehnten schafft die in Schwenningen geborene Künstlerin elfi schmidt ein facetten- reiches Werk, das immer wieder über- raschende Wendungen nimmt. Die Basis für einen weiten Kunstbegriff erarbeitete die Meisterschülerin des unzeitgemäß figurativen Malers Peter Voigt sich bereits in den 1970er-Jahren an den Kunsthochschulen in Hanno- ver und Braunschweig. Performances, Zeichnungen, Objekte, Installationen gehören ebenso gleichberechtigt zu ihrem Ausdrucksrepertoire wie Reise- und Kunsttagebücher. Porträt mit Blütenblatt – Primel, 2012 Die von ihr verwendeten Materialien könnten einfacher nicht sein, handelt es sich doch um Gebrauchs­ und Naturmaterial. Ob mehrfach umgenutzte Zementsäcke, Zeitungspapier, Tex­ til, Erde, gesammelte Blüten und Baumsamen, es sind die eher unscheinbaren, selbstverständ­ lichen Erscheinungen und Dinge der Umwelt, denen elfi schmidts künstlerische Aufmerksam­ keit gilt und denen sie mit unspektakulären Techniken, wie Modellieren, Nähen und Pres­ sen, zu spektakulärer Schönheit verhilft. Lapidar bezeichnet sie meist Pappmaché, Pigment und Binder als die Zutaten, aus denen ihre Kunst entsteht. Eher beiläufig werden die Orte ihres Schaf­ fens in den Werken sichtbar: Ägypten, Gambia und Senegal1, in den Jahren 1982 bis 2000 zu regelmäßigen, langen Ar beitsaufenthalten be- 202 8. Kapitel – Kunst


Abb. 1: Gefallene Apfelblütenblätter, 2014/15, Bodeninstallation, 145-teilig, ca. 300 cm Durchmesser elfi schmidt 203


Abb. 2: Fruchtflügler – Birke, 2014/15, Luftrauminstallation, 200-teilig tende Vermögen zu schauen und zu staunen. Unabhängig von Wand oder Sockel der Aus- stellungsorte, an filigranen Haltevorrichtungen kaum merklich befestigt, machen diese Installa- tionen sichtbar, was als Selbstverständlichkeit sonst ausgeblendet wird: Raum ist eine im- materielle Größe, die Formenvielfalt der Natur unendlich. Die Art und Weise, in der elfi schmidt konzeptuelle Fragestellungen in einer eigen- ständigen Bildsprache formuliert, zu der sich Naturmetaphern gesellen, überschreitet den engen Horizont autonomer Kunst. Bei den Werkgruppen Fruchtflügler, Blüten- blätter (Abb. 3 und 4) und Flugsätze (Abb. 5, sie- he S. 200) wird jeder Ausstellungsraum neu ver- messen. Da die Künstlerin jedes der individuell geformten Einzelelemente im additiven Verfah- ren in situ zu Installationen bündelt, spiegeln diese die jeweilige Ortssituation passgenau, mal als spiralförmig tanzende Flugsamen, mal als dichter Blätterregen. Wie ihre natürlichen Verwandten schweben die aus Pappmaché ge- formten Elemente – provoziert durch die Ther- mik – leicht im Raum. Schon in ihrer früheren Werkgruppe der Ufos, den unbekannten Flugobjekten von 1995- 2009, thematisierte elfi schmidt die vielschich- tigen, mehrdeutigen Möglichkeiten der Raum- durchdringung. Denn eigentlich handelt es sich bei den Bildobjekten in kräftiger Farbigkeit, mit prägnanter Oberflächentextur, deren Umrisse ein Spiel mit geometrischen Grundformen er- kennen lassen, um unbekannte Kunstobjekte. Formal und real schweben die Objekte interkul- turell zwischen Europa und Afrika. Tatsächlich haben etliche dieser Ufos den transkontinenta- len Flug, flach in einem Rucksack verstaut, zu- rückgelegt. Aus ihnen formte elfi schmidt ambi- valente Bildobjekte, die in der Bildsprache eben- so auf die shaped canvasses der europäischen Moderne anspielen wie auf afrikanische Schilde. Noch bevor die „anderen Modernen“ in der ak- tuellen Kunstdebatte gewürdigt und der koloni- reist, stehen gleichrangig neben der Landschaft rund um Schwenningen mit dem heimischen Gartenreich. Und doch lassen sich in der Ge- samt schau, bei aller Diversität, Gemeinsamkei- ten und eine durchgängige Struktur erkennen. Bewegung ist eine solche Konstante, ebenso der genaue, analytische Blick auf Körper und Raum, wobei das Ephemere spielerisch gedeutet und inszeniert wird. Raum und Bewegung Raumgreifend, schwebend, gelegentlich zu Bo- den gefallen, füllen die jüngsten Installationen von elfi schmidt Luft- und Erinnerungsräume (Abb. 1 und 2). Das physikalische Gesetz der Schwerkraft scheint bei ihnen nicht zu wirken, vielmehr appellieren sie an das erkenntnisstif- 204 Kunst


Abb. 3: Fruchtflügler – Ahorn, 2000-2012, Luftrauminstallation, 33-teilig Abb. 4: Hängende Blütenblätter, 2002-2007, Luftrauminstallation, 222-teilig, (Detail) elfi schmidt 205


Abb. 5: Flugsätze, 2006, Luftrauminstallation, 33-teilig ale Blick auf die ehemaligen außereuropäischen Inspirationsquellen vieler Impressionisten und Expressionisten suspekt wurde, entstanden mit den Ufos Bildobjekte, die nun wohl als „hybride Formen“ identifiziert würden. elfi schmidts un- bekannte Objekte sind weit mehr als Wandre- liefs, mit denen der Raumbezug eher imaginär ausgelotet wird. Manche mutieren zu tragbaren Schutzschilden, um Akteure in Performances zu werden, etwa im Tanz der Schilde, 2000. Damit knüpft die Künstlerin an Performance- Themen an, die sie seit 1979 entwickelte. Der eigene Körper wird als Material und Mittel der Selbst- und Welterfahrung eingesetzt. Einen schutzbedürftigen Körper, der sich im umge- benden Natur- oder Kultur-Raum und im zyk- lischen Zeitverlauf suchend verortet, zeigten Hauthülle, 1993 und 1996, und Vier Federfelle, 1988, (Abb. 6 und 7). Die Form der Performance, deren transitorische Qualität sich nicht medial dokumentieren lässt, enthält im Kern schon die künstlerischen Möglichkeiten der zukünftigen Luftrauminstallationen. Zwar unterscheiden sich beide Verfahren in der Art, wie sie Verän- derlichkeit und Vergänglichkeit sinnlich wahr- nehmbar machen, beide rechnen jedoch mit zufälligen Begegnungen und bieten Raum für Unvorhergesehenes. Wahrnehmung und Zeit Wie situationsabhängig Wahrnehmung funk- tioniert, veranschaulichen die Vier Federfelle. Je nach Fotoansicht könnten es überdimensionale Kapuzen als Körperschutzkleid oder fremdartige Behausungen in einer unbekannten Seeland- schaft sein. Verfremdung ist ein Mittel, um im Vertrauten Unbekanntes aufleuchten zu lassen. Jahreszeitlich gefärbte Federfelle verweisen zei- chenhaft auf den Lauf der Zeit, der am Ufer des heimatlichen Riedsees mittels Fotoausschnitt zum Stillstand gebracht wurde. Die Gewissheiten der Wahrnehmung scheinen elfi schmidt suspekt, in immer neuen Varianten verunklärt sie Bekanntes, so dass Welterfahrung und Erkenntnis zum Abenteuer mit großem Entdeckungspotenzial werden. Im kleinen Samenkorn wussten die Gelehrten des Mittelalters und der Renaissance die ganze Welt 206 Kunst


Abb. 6: Vier Federfelle, Aktion am Riedsee, 1988 Abb. 7: Vier Federfelle, Performance, 1988 elfi schmidt 207


zu entdecken. Und bei elfi schmidt werden aus natürlichen Winzlingen, der Samen einer Hain- buche misst kaum ein Zentimeter, Pappmaché- Giganten mit bis zu einem Meter Spannweite, die raumgreifend Aufmerksamkeit erzielen. Bei den Blütenblättern und Fruchtflüglern wirkt die überproportionale Vergrößerung irri- tierend und fremd. Als Erinnerungshauch schei- nen die Blüten von Primeln, Stiefmütterchen, Tulpen, Iris, Lilie, Mohn und Rose oder die Früch- te von Ulme, Buche, Linde, Ahorn und Birke durch die künstlerischen Transformationen hin- durch. Zwar wurden die natürlichen Pflanzen- vorbilder von elfi schmidt nach Botaniker-Tra- dition im Jahresverlauf gesammelt und mit systematischer Akribi präpariert, zu Prototypen geordnet, ihre spezifischen Blattformen und Farbnuancen im Kunsttagebuch notiert, jedoch dient die genaue unmittelbare Beobachtung, der zugewandte Blick, anderen Zwecken als der pflanzlichen Klassifizierung. Aus der Überfülle der Natur werden einzelne Kronblätter und Sa- men herausgehoben und plastisch monumen- talisiert. Die vergänglichen, zarten Blütenblätter werden so zu dauerhaften, kräftigen Vertretern von Schönheit, die in der Installation dem jah- reszeitlichen Wandel entzogen, sogar zeitgleich erblühen können und im Verbund der Einzel- elemente eine nie gesehene variantenreiche Einheit erzeugen. Durch diesen künstlerischen Umformungsprozess wird die Naturform einer- seits zu einer polyvalenten Chiffre, andererseits fordert sie dazu auf, die sichtbare Realität in einer medial überfrachteten Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Mit ‚ehrlichem Au- ge und getreulicher Hand‘, im Sinne Albrecht Dürers, stellt elfi schmidt die Dinge so dar, wie sie erscheinen. Sie fokussiert auf das Nahelie- gende, das in einer globalisierten, nachmoder- nen Welt in dem Maße außer Kurs gerät, in dem Entfernungen schrumpfen, Kommunikation medialisiert und physische Körper unwichtig werden. Wissensspeicher und Körper Natur und Bücher galten in der vordigitalen Welt als Wissensspeicher per se. Im Buch der Abb.8: Blütenblätterbuch, II, 2012-2015 208 Kunst


Natur lasen Naturforscher und Künstler einst gleichermaßen, so dass Schriftlichkeit zum Bin- deglied zwischen Natur und Kultur avancierte. Persönliches Wissen aus dem Stadium gedank- lichen Memorierens zu befreien, indem es in schriftlicher Form langfristig festgehalten wird, war ein erster Schritt, den ‚Erinnerungsspeicher‘ Gehirn nach außen zu verlagern. Mit der tech- nischen Revolution des Buchdrucks gewann Handschriftlichkeit eine eigene Bedeutung. Ein Nachfahr dieser explizit manuellen Erinne- rungstechnik mag das Tagebuch sein.2 Bücher in unterschiedlicher Ausprägung nehmen in elfi schmidts Schaffen einen großen Raum ein. Seit Anfang der 1970er-Jahre beglei- tet sie ihre Arbeit in Reise- und Kunst-Tage- büchern, deren Zahl inzwischen auf 173 Bände gestiegen ist. Es sind collagierte Verbindungen zwischen alltäglichen Erlebnissen und künstle- rischer Reflexion in Schrift, Aquarellen, Zeich- nungen, Skizzen und Klebearbeiten. Zwischen Archiv und Labor changieren ihre Funktionen. Oft vergehen Jahre, bis aus einer Idee ein neuer Themenkomplex entsteht. Eine erste Ideenskizze zur Birkeninstallation findet sich beispielsweise im Kunsttagebuch von 2008, aufgegriffen und realisiert wurde die Idee schließlich 2014-2015. In Blütenblätterbü- chern (Abb. 8) hat elfi schmidt das Kunst-Tage- buch-Format thematisch verdichtet. Es doku- mentiert die Entwurfsstadien zur Werkgruppe florale Folio (Abb. 9). Formal zitieren sie die Buchform als Körper mit Einband und Seiten, eingeschrieben sind diesen Büchern keine Sätze, wie es in der Luftrauminstallation Flugsätze mit handschriftlichen Titelseiten der Fall ist, son- dern zeilenweise dicht gesetzte Blütenblätter. Jedes florale Folio repräsentiert eine Blumenart und breitet die Vielfalt innerhalb einer Sorte aus. Da zunächst jede Blüte blattweise getrock- net und gepresst wird, liegen die individuellen Charakteristika von Farbe und Textur offen. Nach künstlerischen Gesichtspunkten können die Blütenblätter in einem nächsten Schritt neu geordnet werden. Ihre Farbigkeit kann wie Pigment, ihre Form als Struktur malerisch ein- gesetzt werden. Diese Malmittel entfalten eine unvergleichlich stoffliche Wirkung. Manche Abb. 9: Florale Folio – Rosen, 2011, Luftrauminstallation, 45-teilig (Detail) Blütenoberflächen scheinen samtweich, andere liegen als glänzendes Gefieder oder metallische Schuppen auf den Buchseiten. Haptisch und op- tisch täuscht die Werkgruppe florale Folio über ihre wahre Herkunft und Beschaffenheit. Wer in diesen Büchern der Natur liest, erhält detail- reiche, fragmentierte Informationen über die strukturellen Besonderheiten jedes Blütenblatts und jeder Pflanzenart, ohne dass sich aus die- sem Wissen die natürliche Blüte rekonstruieren lässt. elfi schmidts Umformung ist eine irrever- sible Neuschöpfung und Festschreibung. Als Ob- jekte in Vitrinen und an der Wand gleichen sie Nachschlagewerken mit reichem Anschauungs- material, im Luftraum schwebend entziehen sie sich wie flüchtige Gedanken. 1 Horst Kurschat: Inspirationsquelle Afrika. Die multi- ästhetische Bildsprache der Schwenningerin elfi schmidt; in: Almanach 1998, S. 247-252 2 Vgl. Rainer Metzger: Relektüren, Folge 31; in: Kunstforum International, Bd. 228, August – Septem- ber 2014, S. 330 elfi schmidt 209


Grenzenlose Hilfe Feuerwehren und Rettungskräfte im Schwarzwald-Baar-Kreis kooperieren mit Kanton Schaffhausen – Blumberger Wehr als Vorreiter von Bernhard Lutz Meterhoch schlugen die Flammen aus der Blum- berger Eichbergsporthalle in den Nachthim- mel. Stundenlang kämpften rund 130 Feuerwehrleute in der Nacht zum 23. August 2003, einem Samstag, um den Erhalt von Blumbergs Schmuckstück. Auch die Drehleiter von Donaueschingen war im Einsatz – und Feuerwehrleute aus Schaffhausen. Doch sie alle konnten nicht verhindern, dass die 1987 eingeweihte Halle bis auf die Grundmauern abbrannte. Es war ei- ner der verheerendsten Brände in den letzten 20 Jah- ren im Schwarzwald-Baar-Kreis, der Schaden betrug fünf Millionen Euro. Jugendliche hatten die Feuerwehr gegen 0.40 Uhr alarmiert, anhand von angezündeten Mülleimern unter dem Vordach wurde schnell klar, dass es sich um Brandstiftung handelte, der oder die Täter wurden nie ermittelt. 210 Zeitgeschehen


Der Einsatz der Freunde aus Schaffhausen beim Blumberger Brand basierte auf den guten Be- ziehungen der Kameraden dies- und jenseits der Grenze, sprich Blumberg und Schaffhausen. Im Jahr 2004 wurde die gegenseitige Hilfe in Vertragsform gegossen. Wie viel gegenseitiger Respekt vorhanden ist, zeigt sich unter anderem daran, dass mit Paul Werner und Herbert Distel zwei frühere Schaffhauser Kommandanten zu Ehrenkommandanten und Harald Bregler zum Ehrenmitglied der Blumberger Feuer- wehr ernannt wurden. Umgekehrt wurden der langjährige Kreisbrandmeister im Schwarz- wald-Baar-Kreis, Manfred Bau, und Blumbergs Gesamtkommandant, Reinhold Engesser, zu Ehrenmitgliedern des Kantonalen Feuerwehr- verbands Schaffhausen ernannt. So etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Kontakte begannen vor 25 Jahren Die deutsch-schweizerischen Kontakte began- nen vor rund 25 Jahren, wurde jetzt bei einem Treffen der maßgeblichen Kräfte auf beiden Seiten im Feuerwehrstützpunkt Schaffhausen deutlich. Das Ganze fing mit einer gemein- samen Waldbrandübung im Gewann Hohen Hengst an, einem Gebiet zwischen dem deut- schen Zoll in Blumberg-Neuhaus, Blumbergs Stadtteil Fützen und dem Schweizer Zoll in Bar- gen. Der Blumberger Kommandant war damals Helmut Müller, die Schaffhauser Kameraden leitete Paul Werner. Die Blumberger hätten in ihrem Wald geprobt, „wir probten in unserem Teil des Waldes“, schildert Paul Werner. Helmut Müller sei damals mit der ersten Frauengruppe der Blumberger Feuerwehr angekommen und habe damit Eindruck gemacht, die Damen ka- men aus Epfenhofen. Nach der Übung gab es ein gemeinsames Vesper. „Das war die Initialzün- dung“, sagt Paul Werner rückblickend. Danach wurde es ein bisschen ruhiger, man habe sich ab und zu getroffen. Als Hondingens damaliger Abteilungskom- mandant Reinhold Engesser 1995 Gesamt- kommandant der Blumberger Feuerwehr wurde, wurden die Kontakte wieder intensiver. Engesser bemühte sich erfolgreich, die bislang neun Abteilungen in Blumberg und den Stadt- teilen zu einer Gesamtwehr zu vereinen. Und er wollte auch Partner im Süden. Blumberg war und ist der einzige Grenzort des Schwarz- wald-Baar-Kreises zur Schweiz, die nächstgele- gene Stadt im Süden ist Schaffhausen. Gesamtkommandant Reinhold Engesser lud Schaffhausens Kommandant Paul Werner zu einer Übung in den Längewald bei Hondingen ein. Paul Werner kam. Danach wurden die Kon- takte intensiver, „man hat sich bei jedem Tref- fen besser kennengelernt, schildern beide. Als großen Schub werten beide die Offizierskurse der Schaffhauser Feuerwehr über mehrere Jahre jeweils im Januar, für die Reinhold Engesser viele Zugführer motivieren konnte. Dort hätten sie sich näher kennengelernt, zumal Schweizer Kameraden aus dem ganzen Kanton Schaffhau- sen teilnahmen. Gemeinsames Training für Leistungsabzeichen Da Blumberg eine Abteilung des Gefahrgutzugs im Schwarzwald-Baar-Kreis hat, gab es eine gemeinsame Übung mit der Chemiewehr Schaff- hausen mit Hinzuziehung der Feuerwehr Donau- eschingen und der Fachleute Chemie auf beiden Seiten. Inzwischen findet jedes Jahr eine ge- meinsame Übung statt, abwechselnd im Kanton Schaffhausen und im Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Kontakte wurden so intensiviert, dass mit Paul Werner und Harald Bregler zwei Feuer- wehrkameraden aus Schaffhausen Mitglieder der Blumberger Promi-Gruppen wurden, die für das Leistungsabzeichen übten. Das Proben war Ehrensache, selbstverständlich schafften beide Gruppen, in denen unter anderem der damalige Landrat Karl Heim und der damali- ge Bundestags abgeordnete Siegfried Kauder mittrainierten, das Leistungsabzeichen mit Bravour. Die Kooperation entwickelte sich weiter, so entstand die Idee, die gegenseitige Hilfe offizi- ell schriftlich zu vereinbaren. Der Blumberger Gemeinderat und der Stadtrat Schaffhausen fassten die jeweiligen Beschlüsse für eine „Ver- 9. Kapitel – Zeitgeschehen 211


große Wertschätzung erfuhr. Als während der Fußball-WM 2006 am 28. Juni abends der hef- tige Hagelsturm auf Schwenningen niederpras- selte und in 20 Minuten mehr als 18.000 Dä- cher zum Teil schwer beschädigte, kam dank Manfred Bau auch die Stützpunktfeuerwehr Schaffhausen vier Tage lang mit dem Hubretter und vier bis fünf Mann und half: und das alles wohlgemerkt kostenlos. Den Hubretter aus Schaffhausen fuhr Roman Stutz, der auch die Gruppe leitete. Die eindrücklichen Bilder hat er noch immer vor Augen: „Es hat ausgesehen wie nach einem Bombenangriff“, sagt er: zusammengeschla- gene Dachstühle, die beschädigten Dächer, Schutthalden von Ziegeln auf den Straßen, die Autos mit kaputten Scheiben und großen Beu- len, nur ein einziges Haus- unter einer Überfüh- rung habe ein intaktes Dach gehabt. Ihn habe beeindruckt, dass die Stadt innerhalb so kurzer Zeit so viele Feuerwehren und Fahrzeuge aus halb Baden-Württemberg zusammenbekom- men habe. Roman Stutz betont die gute Zusam- menarbeit: „Wir sind uns nie als die Schweizer vorgekommen, wir waren überall sofort dabei und haben auch gemischte Mannschaften gebildet, wir waren mit der Berufsfeuerwehr Mannheim unterwegs.“ Diese großzügige Hilfe aus Schaffhausen im Oberzentrum fand auch im Landratsamt in Villingen-Schwenningen die entsprechende Beachtung, besonders bei dem unter anderem für den Katastrophenschutz zuständigen Amts- leiter Manfred Pfeffinger. Ein Jahr später hatten Pfeffinger und sein Schweizer Pendant Martin Vögeli deswegen die Idee einer gemeinsamen Übung im deutsch-schweizerischen Grenzraum. Eine Idee, die dann nach und nach Gestalt an- nahm und im Oktober 2010 in die konkrete Pla- nungsphase überging. Internationale Katastrophenschutzübung Nimbus mit rund 1.200 Teilnehmern Das Ergebnis war die bisher größte grenzüber- schreitende Zusammenarbeit zwischen Kräften im Schwarzwald-Baar-Kreis und dem Kanton Die Feuerwehren von Blumberg und Schaffhausen üben ihren Einsatz bei einem Chemieunfall. einbarung zwischen der Stadt Schaffhausen und der Stadt Blumberg über Nachbarschafts- hilfe der Stützpunktfeuerwehr Schaffhausen und der Freiwilligen Feuerwehr Blumberg“, die am 17. April 2004 in Kraft trat. Das Wesentli- che: Bei Schadensereignissen in den Tunneln der Blumberger Sauschwänzlebahn und bei anderen Ereignissen, bei denen der Einsatz von Langzeitatemschutzgeräten erforderlich ist, leistet die Stützpunktfeuerwehr Schaffhausen der Stadt Blumberg Nachbarschaftshilfe. Umge- kehrt unterstützen die Blumberger Kameraden bei Bedarf ihre Kollegen, sei es bei Gefahrgut- unfällen oder Elementarereignissen wie zum Beispiel Hochwasser. Damit die Schaffhauser Wehr weiß, worauf sie zählen kann, erstellt die Blumberger Wehr gerade „eine Liste mit dem Material, das wir zur Verfügung haben“, sagt Gesamtkommandant Reinhold Engesser. Großzügige Hilfe aus Schaffhausen Die Kontakte zwischen den Feuerwehren in Blumberg und Schaffhausen zogen Kreise in den Schwarzwald-Baar-Kreis und den Kanton Schaffhausen, die Zusammenarbeit und der Ge- meinschaftsgeist kamen auch anderen zugute. Als weiterer Motor engagierte sich der lang- jährige Kreisbrandmeister Manfred Bau, der ob seines fundierten Wissens auch in der Schweiz 212 Zeitgeschehen


Schaffhausen: die internationale Katastro- phenschutzübung Nimbus mit rund 1.200 Teil- nehmern. Rund 600 Kräfte des deutschen und schweizerischen Katastrophenschutzes, des Zivilschutzes, Schweizer Militärs und verschie- dener Feuerwehren aus Deutschland und der Schweiz sowie insgesamt 200 Führungskräfte auf beiden Seiten hatten am Samstag, 25. Mai 2011, nach einem angenommenen Jahrhun- dert-Unwetter mit Sturm und Hochwasser vier Schadenslagen zu bekämpfen und dabei zirka 400 Verletzte zu versorgen. Den Gefahrgutunfall bei Bargen, bei dem noch ein Reisebus eine Böschung hinunterge- stürzt war, behandelten vor allem die Chemie- wehr Schaffhausen, der Gefahrgutzug Schwarz- wald-Baar-Kreis und die Feuerwehr Blumberg, um die Verletzten im Bus kümmerten sich Schweizer Rettungskräfte. Im Achdorfer Tal baute die Schweizer Pionierkompanie 23/4 mit Unterstützung der Feuerwehrabteilung Achdorf eine feste Brücke, die auch Lastwagen befahren konnten. Um die Unwetterschäden in Oberwie- sen kümmerten sich Einsatzkräfte des THW im Schwarzwald-Baar-Kreis und aus Bad Säckingen sowie Feuerwehren, Zivilschutz, Polizei und Grenzwacht aus der Schweiz. Die logistisch größte Aufgabe war jedoch das internationale Pfadfinderlager beim Hagen- turm. Rund 2.000 Kinder und Jugendliche aus ganz Europa, die in der Übung von 300 Per- sonen dargestellt wurden, standen nach dem Sturm, der ihre Zelte und Holzhütten total zer- stört hatte, im Regen. Eine Meisterleistung für sich erbrachte nach der Übung die Logistikgruppe des Schwarz- wald-Baar-Kreises, die von der Blumberger Feu- erwehr betrieben wurde und unter Leitung von Viktor Müller aus Blumberg-Nordhalden rund 1.400 Personen mit Mahlzeiten versorgte. Regelmäßiger Austausch zwischen den Beteiligten auch nach der Nimbus-Übung Karl Heim, der damalige Landrat im Schwarz- wald-Baar-Kreis, ist von der bei Nimbus erbrach- ten Leistung noch heute beeindruckt, wie er im Bei der grenzüberschreitenden Nimbus-Übung mit 1.200 Teilnehmern. Ein Reisebus stürzte eine Böschung hinunter (oben) und Schweizer Pioniere bauten im Achdorfer Tal eine feste Brücke (unten). Gespräch zu diesem Bericht deutlich machte: „Ich fand es toll, dass es überhaupt möglich war, so eine internationale Großübung zu organisie- ren. Dies war nur möglich, weil wir seit Jahren ein gutes Verhältnis zu Schaffhausen hatten.“ Heim hat mit der Schweizer Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel alle Schadensorte gemeinsam besichtigt: „Wir waren beide beein- druckt, wie die Übung abgelaufen ist.“ Er fügt hinzu: „So etwas schweißt zusammen.“ Die Bilder der Übung hat Heim heute noch lebendig vor Augen: „Ein großes Kompliment Grenzenlose Hilfe 213


an alle, die die Übung vorbereitet und durchge- führt haben. Das war eine gewaltige Arbeit.“ Nach der Übung Nimbus entwickelten sich Folgeprojekte, berichtet der damalige Übungs- leiter und Amtsleiter Manfred Pfeffinger. Die Feuerwehren, Rettungsdienste, die Polizei, Technischen Hilfswerke und die Stäbe pflegen seither einen regelmäßigen Austausch, „damit man die Gesichter kennt und einen kurzen Draht hat.“ Pfeffingers Einschätzung: „Das ent- wickelt sich ganz gut.“ So sei für das Jahr 2017 eine gemeinsame Stabsrahmenübung des Kan- tonalen Führungsstabs Schaffhausen und des Verwaltungsstabs im Schwarzwald-Baar-Kreis geplant, an der auch der Kanton Thurgau betei- ligt werden soll. Intensive Zusammenarbeit mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis Eine weitere Folge von Nimbus sind die Kon- takte des Schaffhauser Feuerwehrin spektors Jürg Bänziger, dem höchsten aktiven Feuer- wehrmann im Kanton Schaffhausen, zum Führungsstab im Landratsamt des Schwarz- wald-Baar-Kreises. Mit seinem Chef Andreas Rickenbach, dem Direktor der Kantonalen Gebäudeversicherung und Dienststellenleiter der Kantonalen Feuerpolizei, besuchte Bänzi- ger den für Katastrophenschutz zuständigen Amtsleiter Manfred Pfeffinger. Dabei habe Pfef- finger ihnen angeboten, dass sie bei größeren Elementarereignissen wie Naturkatastrophen im Kanton Schaffhausen über den hiesigen Kreisbrandmeister Florian Vetter das THW anfordern könnten. Und 2014 konnte die Kanto- nale Feuerpolizei zusammen mit den Unfallret- tungsfeuerwehren des Kantons Schaffhausen in Blumberg zwei Mal einen Kurs für Unfallrettung durchführen. Die Übung Nimbus ist Vergangenheit, die Kontakte zwischen den Feuerwehren im Schwarzwald-Baar-Kreis sowie speziell Blumberg und Schaffhausen bestehen weiter. Schon mehrfach gab es größere gemeinsame Übungen, zum Beispiel in den Tunneln der Sau schwänzlebahn oder mit einem Szenario wie Waldbrand und Aufbau einer Wasserver- sorgung über eine größere Strecke bergauf. Einmal im Jahr wird gemeinsam geprobt. „Es ist normal, dass wir miteinander proben“, schil- dert Blumbergs Gesamtkommandant Reinhold Engesser, „wir kennen uns über die Grenze hinweg“. Als ein Schaffhauser Feuerwehrmann Interesse zeigte, einmal bei einer Blumberger Abteilung mitzuproben, wurde ihm das ermög- licht. Und Harald Bregler aus Schaffhausen ist schon seit Jahren Mitglied der Blumberger Logistikgruppe und hat in dieser Eigenschaft die Blumberger Jugendfeuerwehren sogar in ihr Zeltlager in Franken begleitet. Die Schaffhauser Kameraden trainieren mit ihren Langzeitatem- schutzgeräten in den Tunneln der Sauschwänz- lebahn und die Blumberger Kameraden trainie- ren regelmäßig auf der Atemschutz-Übungs- strecke im Feuerwehrstützpunkt Schaffhausen. Bürgermeister Markus Keller: „Dieser Gemeinschaftsgeist kommt allen zugute“ Zu den bemerkenswerten Ereignissen gehört, dass der Kantonale Feuerwehrverband Schaff- hausen im März 2011 seine Kantonale Verbands- versammlung erstmals außerhalb des Kantons und der Schweiz ausrichtete: in der Blumberger Stadthalle. Bürgermeister Markus Keller gratuliert Herbert Distel von der Feuerwehr Schaffhausen zur Ernennung zum Ehrenkommandanten der Feuerwehr Blumberg. 214 Zeitgeschehen


Sie schreiben grenzüberschreitende Feuerwehrgeschichte, von links Schaffhausens früherer Kommandant und zugleich Ehrenkommandant der Blumberger Wehr, Ehrenkommandant Herbert Distel, der Feuerwehrinspektor des Kantons Schaffhausen, Jürg Bänziger, Kreisbrandmeister Florian Vetter, der stellvertretende Kreisbrandmeis- ter Reinhold Engesser, Schaffhausens Kommandant Peter Müller, Schaffhausens früherer Kommandant und Ehrenkommandant der Blumberger Feuerwehr Paul Werner sowie der Schaffhausener Feuerwehrmann und Ehrenmitglied der Blumberger Feuerwehr Harald Bregler vor dem Feuerwehrstützpunkt in Schaffhausen. Für Blumbergs Bürgermeister Markus Keller ist die Kooperation der Freiwilligen Feuerwehr Blumberg mit der Stützpunktfeuerwehr Schaff- hausen ein fester und wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt. Zu Anlässen wie dem Neujahrsempfang oder der Hauptversammlung der Blumberger Feuerwehr sei es selbstverständlich, die Kameraden aus Schaffhausen mit einzuladen. Der Blumberger Bürgermeister, der bei vielen Terminen dabei ist, schätzt das Zwischenmenschliche, den freundschaftlichen Umgang miteinander und betont: „Dieser Gemeinschaftsgeist kommt al- len zugute.“ „Partner haben, auf die man sich verlassen kann“ Das gemeinsame Gespräch im Feuerwehrstütz- punkt Schaffhausen für diesen Bericht nähert sich nach rund zwei Stunden dem Ende. Was ist den Teilnehmern bei der Kooperation am wichtigsten, wie werten sie die Entwicklung? Schaffhau- sens früherer Kommandant Paul Werner, einer der Väter des Kooperationsvertrags zwischen Schaffhausen und Blumberg: „Für uns war es in- teressant, mit einem anderen Partner, mit den Kameraden aus Deutschland, zu kooperieren.“ Werners Nachfolger, der frühere Schaffhau- ser Kommandant Herbert Distel, drückt es so aus: „Für mich ist der persönliche Kontakt zum Kreisbrandmeister am wichtigsten gewesen.“ Harald Bregler aus Schaffhausen sagt: „Für mich ist es wichtig, wenn die Schaffhauser Wehr Un- terstützung braucht, dass man sie in Blumberg holen kann.“ Schaffhausens jetziger Kommandant Peter Müller nennt als wesentliche Vorteile: „Die kurzen, unkomplizierten Wege. Man kennt einander, man weiß, wie man tickt, das macht das ganze Schaffen viel einfacher und angeneh- mer.“ Für den Feuerwehrinspektor des Kantons Schaffhausen, Jürg Bänziger, ist an dieser gutnachbarlichen Zusammenarbeit beson- ders wertvoll, dass er weiß, er darf im Notfall ohne große Bürokratie auf Mittel des THW im Schwarzwald-Baar-Kreis zurückgreifen, welche im Kanton Schaffhausen nicht oder nur unge- nügend zur Verfügung stehen. Blumbergs Gesamtkommandant Reinhold Engesser: „Für mich war immer wichtig, im Sü- den Partner zu haben, auf die man sich verlas- sen kann, die einen unterstützen.“ Auch Kreisbrandmeister Florian Vetter sieht nur Vorteile: „Für mich gibt es keine Grenze, ich weiß, dass es Kameraden sind. Persönlich genieße ich die Freundschaft. Ich komme immer gerne in die Schweiz und freue mich, wenn von den Freunden dort jemand zu uns kommt.“ Grenzenlose Hilfe 215


Historische Donauquelle ist grundlegend saniert von Andreas Beck Die historische Donauquelle in Donaueschingen zeigt sich seit 1875 in der heutigen, bekannten Einfassung, die damals Fürst Karl Egon III. errichten ließ. Die hoch auf- ragende Skulpturengruppe von Adolf Heer „Mutter Baar zeigt ihrer jungen Tochter Donau den Weg in die Ferne“ kam im Jahre 1896 hinzu. Seit Frühjahr 2013 und bis Ende Oktober 2015 wurde die Donauquelle einer grundlegenden und technisch wie denkmalpflegerisch anspruchsvollen Sanierung unterzogen. In den vergangenen Jahren zerfiel der in den Bo- den versenkte Donauquelltopf mit seinen hoch- wertigen Bildhauerarbeiten immer mehr, da die rückwärtige, immerhin rund 130 Jahre alte Ab- dichtung der Steine zum Erdreich hin seit langer Zeit nicht mehr funktionierte. Der „obere Ring“ des in den Boden versenkten Donauquelltopfes besteht zu weiten Teilen aus Molassesandstein, der aufgrund der undichten Rückwand voll- ständig mit Wasser gesättigt war. Nachdem Molasse sandstein ein nicht besonders festes Gefüge aus einzelnen Steinkristallen darstellt, führt Wasser in den Zwischenräumen der Kris- talle durch chemische Prozesse und Frostspren- gung zum schnellen Zerfall des Steins. Deshalb ist es notwendig, das Wasser aus dem Erdreich von den Steinen der Quellfassung fernzuhalten. Hierzu ist ursprünglich eine Hin- termauerung eingebaut worden, die ihrerseits mit einem sogenannten „Lehmschlag“ gegen den gewachsenen Boden abgedichtet wurde. Der Lehmschlag war eine ca. 30 cm starke, ver- dichtete Schicht aus wasserundurchlässigem Lehm. Auf der Hintermauerung aus kleinteili- Spektakulärer Abtransport des Donauquellen- Denkmals. 216 Zeitgeschehen


„Mutter Baar zeigt ihrer jungen Tochter Donau den Weg in die Ferne.“ Das Kunstwerk des Vöhrenbacher Bildhauers Adolf Heer aus dem Jahr 1898 erstrahlt nach einer grundlegenden Restaurierung in neuem Glanz. Historische Donauquelle 217


gen Kalksteinen wurde dann zur Quelle hin die sichtbare Oberfläche in Form der bildhauerisch bearbeiteten Molassesandsteine angebracht. Die Rückwand aus Lehmschlag und Hintermau- erung war zuletzt allerdings vollständig mit drückendem Wasser aus dem Erdreich geflutet und hat so im Lauf der Zeit ihre dichtende Wir- kung gänzlich verloren, so dass zuletzt auch die Molassesandsteine vollständig mit Wasser gesättigt waren. Aufwendige Restaurierung Aufgrund der bereits genannten Durchfeuch- tung mussten die Einfassung der Donauquelle ab dem Frühjahr 2013 komplett abgebaut und alle bildhauerisch geformten Steine durch die Steinmetze getrocknet, konserviert und teilwei- se aufwendig nachbearbeitet werden. Einzelne Steine wurden durch Neubearbeitungen ganz ersetzt. Die ursprünglich bestehende Unterkons- tru ktion (Hintermauerung, Lehmschlag) der Donauquelle im Bereich des oberen Rings wur- de ebenfalls ausgebaut. Der neu betonierte und wasserundurchlässige Fundamentring wird zukünftig als bauphysikalisch abgestimmte, im Endzustand nicht mehr sichtbare Tragkonstruk- tion für die zu sanierenden und nun wieder neu einzubauenden Natursteine dienen. Das Geländer um die Quelle wurde von ei- nem Restaurator aus Triberg überarbeitet, wo- bei Fehlstellen und Anstriche ersetzt wurden. Im August 2015 wurde das Geländer bereits wie- der montiert. Die Skulptur der Mutter Baar und ihrer Tochter wurde bei einem Bildhauer aus Burladingen konserviert. Hierbei wurden Risse beseitigt, statisch stabilisiert und ebenfalls diverse Fehlstellen ersetzt. Die Skulptur wurde am 26. August 2015 wieder auf ihren alten Platz zurückgesetzt. Nachdem die letzten Arbeiten an der Ein- fassung erledigt waren, wurden die notwen- digen Pflasterarbeiten sowie die Begrünung vorgenommen. Bereits im Juni 2015 wurde der barrierefreie Zugang zur Donauquelle von der Fürstenbergstraße her mit einem modernen Aufzug in Betrieb genommen. Rechte Seite: Die Donauquellenbaustelle am Tag der Ankunft der Heer-Figurengruppe (ganz links, auf dem Lkw) und Blick in die Werkstatt des Restaurators. Unten: Der Eingangsbereich zur historischen Donau- quelle. Der barrierefreie Zugang erfolgt von der Fürs- tenbergstraße her über einen Lift. 218


219


Berge im Schwarzwald und auf der Baar Von Martin Fetscher mit Fotografien von Wilfried Dold 220 10. Kapitel – Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist der höchstgelegene Landkreis in Ba den-Würt tem- berg – bezogen auf die durchschnittliche Meereshöhe. Das Landratsamt liegt mit 712 m ü. NN höher als jedes andere Landratsamt in Baden-Württemberg. Deutsch- landweit ist nur ein Landratsamt höher: das in Sonthofen im Oberallgäu. Und den- noch ist der Schwarzwald-Baar-Kreis kein Landkreis, den man unmittelbar mit Bergen in Verbindung bringt. „Schwarzwald“ steht immerhin für das höchste Mittelgebirge Deutschlands, und die Baar für die fruchtbare, sanft-hügelige Hoch ebene zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald, ist Quellregion zahlreicher Flüsse. In den feuchten Niederungen im Schwenninger Moos kann man sich kaum vorstellen, dass man höher steht als auf dem gar nicht so weit entfernten Hohentwiel, von dem aus man nach allen Seiten in die Tiefe blicken kann. Die Dörfer Herzogenweiler und Mistelbrunn liegen auf fast 900 Meter Meereshöhe – und es gibt keine Berge dort. Der Schwarzwald bei Triberg, 221 im Vordergrund der Hohnen.


222 Der Schwarzwald bei Neukirch – Blick zum Kohlplatzhof. Besucher aus Holland oder Norddeutschland wähnen sich angesichts solcher Bergidyllen fast in den Alpen.


Villingen mit Blick über den zunächst sanft ansteigenden Schwarzwald. Das Landratsamt auf dem Villinger Hoptbühl (unten rechts) ist das höchstgelegene Landratsamt von Baden-Württemberg. Ob man nun unsere Heimat als bergig oder flach bezeichnet, ist ohnehin relativ. Nach ei- nem Aufenthalt im Berner Oberland kommen uns die Berge hier vor wie sanfte Bodenwellen. Besucher aus den Niederlanden oder aus der norddeutschen Tiefebene hingegen erlangen den Eindruck, sich bereits in den Voralpen zu befinden, zumal man die Alpen an vielen klaren Tagen im Jahr von hier aus sehen kann. Eine Besonderheit ist die Vielfalt der Landschaft Auch wenn es im Schwarzwald-Baar-Kreis keine Bergspitzen mit Gipfelkreuz und 360°-Panora- men gibt, so kommen Bergwanderer dennoch auf ihre Kosten und die Berge hier bieten einige Besonderheiten. Eine Besonderheit liegt in der Vielfalt der Landschaft zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb begründet. Hier finden sich ausgehend vom kristallinen Urgestein im Schwarzwald alle Deckschichten vom Bunt- sandstein, dem Muschelkalk und dem Keuper bis hin zum Jura-Schichtstufenland der Schwä- bischen Alb. Die unterschiedlichen Gesteine bilden verschiedene Landschaftsformen und Vegetationen aus. Damit Berge entstehen, braucht es immer besondere Umstände in der Erdgeschichte. Einerseits braucht es die Entstehung beson- ders harter und widerstandsfähiger Gesteine, andererseits müssen diese erst einmal empor- gehoben werden und herauswittern, damit ein Berg entsteht. Dabei genügt es nicht, dass eine Region einer Hebung ausgesetzt ist. Voraus- setzung für die Entstehung eines Gebirges ist, dass die Hebung größer ist als die gleichzeitige, fortlaufend stattfindende Abtragung. Beides wiederum kann Schwankungen unterliegen, so dass ein Gebirge zeitweise wächst und zeitwei- se schrumpft. Diese Vorgänge sind sehr kompliziert: So kann man nicht pauschal sagen, dass beispiels- weise die Alpen immer noch wachsen. Insge- samt heben sich die Alpen noch, doch das ist nicht gleichbedeutend damit, dass die Gipfel immer höher werden, denn je höher die Gipfel, desto stärker sind sie in der Regel der Erosion ausgesetzt. Dazu kommt, dass sich nie alle Par- tien eines Gebirges gleich stark heben. Gebirge sind in der Regel durch Bruchzonen in einzelne Schollen getrennt, von denen die einen durch die Kräfte der Gravitation in die Tiefe abgleiten, während andere sich durch den Gebirgsdruck heben. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 223


Der höchste Berg im Landkreis ist der 1.152 Meter hohe Rohrhardsberg Der Schwarzwald und auch die Schwäbische Alb sind als Mittelgebirge nicht unbedingt älter als die Alpen. Ihre Entstehung hängt stark mit der Alpenbildung sowie der Bildung des Ober- rheingrabens zusammen. Die Gesteine sind zwar meist älter als in den Alpen, jedoch war der Bereich des Schwarzwaldes in der Kreidezeit weitgehend eingeebnet, und begann sich vor ca. 70 Millionen Jahren zu heben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich zumindest Teile des Schwarzwaldes bis heute noch heben, auch wenn die Haupthebungsphase – wie in den Alpen – bereits abgeschlossen ist. Die Hebungs- raten sind allerdings mit weniger als 0,1 mm pro Jahr sehr gering. Höchster Berg im Landkreis ist mit 1.152 Me- ter der Rohrhardsberg. Der höchste Punkt be- findet sich auf einer Hochebene am Farnberg/ Martinskapellen mit 1.164 m ü. NN. Nach neuen Vermessungen liegt dieser um einen Meter hö- her als angenommen. Dies ist zwar absolut der Der höchste Punkt im Landkreis liegt bei 1.164 m ü. NN. im Bereich Martinskapel- len/Farnberg (1, ungefähre Näherung). Vorne der Furtwänglehof in Furtwangen. Die höchsten Berge und Punkte im Landkreis Blumberg Eichberg 912 m Hüfingen Fürstenberg 918 m Hüfingen Blumberg Länge 923 m Hoher Randen 930 m Blumberg Buchberg 880 m Donaueschingen Schellenberg 821 m 224 Berge im Schwarzwald und auf der Baar 950 m1050 m1150 m1200 m1100 m1000 m900 m800 m850 m


1 Furtwangen Schonach Brend 1.149 m Rohrhardsberg 1.152 m Schonach Farnberg Martinskapellen 1.164 m Landkreis Emmendingen Landkreis Emmendingen Farnberg Griesbacher Eck 1.171 m Obereck 1.177 m Öfingen Himmelberg 941 m Berge im Schwarzwald und auf der Baar 225 950 m1050 m1150 m1200 m1100 m1000 m900 m800 m850 m


2 4 3 1 Vom tiefsten Punkt im Schwarzwald-Baar-Kreis, 470 Meter über dem Meer beim Steinbis-Tunnel an der B33 auf Gemarkung Triberg (1), bis zum höchsten Punkt auf 1.164 Meter im Bereich Farn- berg/Martinskapellen (2, ungefähre Näherung) sind es 694 Meter Differenz. Rechts der 1.152 Meter hohe Rohrhardsberg (3). Als Orientierung kann die Sprung schanze von Schonach (4) dienen. 226


Von Achdorf aus kann man in mehrere Richtungen alpines Gelände ersteigen, links der Eichbergstutz rechts der Buchberg. höchste Punkt im Schwarzwald-Baar-Kreis, und wenn man die etwa 12 Kilometer vom tiefsten Punkt im Landkreis, der Himmelreichkurve bei Gremmelsbach, von 470 m ü. NN erwandert, merkt man schon, dass es ziemlich stark hoch- geht. Jedoch, steht man oben, bemerkt man kaum, wie hoch man sich befindet. Die flache Bergkuppe ist weitläufig bewaldet und unweit davon befinden sich noch etwas höhere Punkte wie das Griesbacher Eck oder das Obereck mit 1.177 m. Immerhin ist in dieser Höhe die Luft schon um einiges dünner: Luftdruck und Sauerstoff- partialdruck sind bereits etwa ein Sechstel ge ringer als auf Meereshöhe. Davon wird man zwar noch nicht höhenkrank, aber für ein Hö- hentraining ist das schon tauglich. Der ambiti- onierte Bergwanderer kommt am meisten auf seine Kosten im vielfach alpinen Steilgelände der Wutachschlucht, der Gauchachschlucht und den Wutachflühen oder aber in den schluchtar- tig eingeschnittenen Tälern im Katzensteig und um Triberg herum. Von Achdorf aus kann man gleich mehrere Anhöhen und Berge besteigen Hier gilt vor allem: Der Weg ist das Ziel. Achdorf ist in dieser Hinsicht ein „Bergsteigerdorf“, von wo aus man gleich in mehrere Richtungen über alpines Gelände Berge oder Anhöhen ersteigen kann. Die Walenhalde zum Buchberg hoch gilt als der höchste Steilhang der gesamten Schwä- bischen Alb. Der Wellblechweg quert diesen Steilhang in einem fast abenteuerlichen Auf und Ab. Flussabwärts unterhalb von Achdorf be- finden sich die höchsten Felswände im Schwarz- wald-Baar-Kreis: die bis zu 85 Meter hohen Wutachflühen. Besonders in solchem Gelände ereignen sich immer wieder Unfälle, zu denen nicht einfach ein Krankenwagen hinfahren kann, sondern wo eine professionelle Bergrettung benötigt wird, um Personen überhaupt erst einmal an einen anfahrbaren Ort zu bringen. In solchen Fällen hilft die Bergwacht mit ihren Ortsgruppen Furt- wangen und Wutach. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 227


Fützen mit Hohem Randen, 930 Meter hoch und an der Grenze zur Schweiz gelegen. Bei Schartenhöhe und Dominanz ist der Hohe Randen unübertroffen Um besser in Zahlen auszudrücken, wie be- deutend oder markant ein Berg ist, verwen- den Geographen die Begriffe Dominanz und Schartenhöhe (oder Prominenz). Die Dominanz bezeichnet, in welcher Entfernung vom Gipfel aus gesehen der nächst höhere Punkt liegt. Die Schartenhöhe ist der Höhenunterschied zwi- schen Gipfel und dem tiefsten Geländesattel zum nächst höheren Berg. In Bezug auf Schartenhöhe und Dominanz ist im Landkreis der Hohe Randen unübertrof- fen. Bei Wanderungen – besonders schön im Frühjahr oder im Herbst bei Laubfärbung – zeigt sich dort und eindrucksvoller noch in unmit- telbarer Nähe auf dem Aussichtsturm auf dem Die dominantesten Berge im Landschaftsbild finden sich auf der Baar 23,5 km Dominanz 11,5 km 222 m Scharten- höhe 186 m 5,6 km 147 m 1,8 km 158 m Hoher Randen 930 m Länge 923 m Eichberg 912 m Buchberg 880 m Dominanz: Die Dominanz be- zeichnet, in welcher Entfernung vom Gipfel aus gesehen der nächst höhere Punkt liegt. Schartenhöhe: Die Scharten- höhe ist der Höhenunterschied zwischen Gipfel und dem tiefs- ten Geländesattel zum nächst höheren Berg. 228 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Blick auf Gütenbach und zur Kaiserebene (Standort Windräder) mit Spitzem Stein. Im Hintergrund der Kandel. Hagen-Randen direkt südlich der Schwei- zer Grenze oder auf dem Schlossberg bei Schleitheim, wie exponiert der Randen als Ausläufer der Schwäbischen Alb über 400 Meter zur Wutach und zum Klettgau hin abfällt. Sicherlich gibt es noch andere Kriterien, anhand derer sich Superlative des Land- kreises ausmachen lassen. Der vielleicht schroffste und alpinste Berg ist das Storeck bei Gremmelsbach über den ausgesetzten Nordwestgrat über Schlossfelsen und Rap- penfelsen. Der relativ höchste Berg ist der Spitze Stein (Kaiserebene) bei Gütenbach: Sein Nordost-Gratrücken ist 575 Meter Die schroffsten und alpinsten Berge hat der Triberger Teilort Gremmelsbach zu bieten, im Vordergrund der Südwestgrat des Storeck, „Hauberg“ genannt. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 229


Schneesicher: die Langlaufloipe bei der Martinskapelle in Furtwangen auf über 1.100 Meter Höhe. hoch. Der kleinste mit Namen ist vielleicht das Käfer bergle in der Villlinger Innenstadt: es er- hebt sich gerade mal zwei bis drei Meter über die sonst ebene Altstadt. Günterfelsen: Zum höchsten Punkt ist es eine waghalsige Kraxelei Der schwierigste Berg ist vielleicht der Günter- felsen beim Brend: Zum höchsten Punkt ist es eine waghalsige Kraxelei, die nicht zu empfeh- len ist. Der Stoberg bei Blumberg ist durchlö- chert, was nicht daran liegt, dass er nicht mehr weit von der Schweiz entfernt ist. Vielmehr wurden vor dem Zweiten Weltkrieg von allen Seiten aus Stollen durch den Berg gegraben – hier wurde Bergbaugeschichte geschrieben. Der niedlichste Berg ist vielleicht der Spitzenbühl (718 m) auf der Jungviehweide bei Mundelfin- gen. Der edelste ist bekanntlich der Öschberg mit dem Öschberghof. Der majestätischste ist der Fürstenberg, der über der Baar thront. Am Günterfelsen. Spitzenbühl – Mundelfinger Jungviehweide. 230 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Rassige Alpinskiabfahrten locken am Rohrhardsberg bei Schonach. Die Martinskapelle und der Rohrhardsberg gelten als besonders schneereich Zu richtigen Bergen gehört ordentlich Schnee im Winter und zu richtig hohen Bergen gehören auch Gletscher. Während der letzten Eiszeit – bis vor ca. 30.000 Jahren – war der höhere Schwarzwald vergletschert. Die Gletscher haben auch im Schwarzwald-Baar-Kreis deutliche Spu- ren hinterlassen, die man heute noch erkennen kann. Beispielsweise kann man entlang des Sträß- chens durch den Katzensteig hoch zur Martins- kapelle verschiedene Gletscherstadien mit Gletscherböden und Moränen sehen. Besonders eindrucksvoll ist die Moräne im Wolfsloch un- terhalb der Kalten Herberge. Martinskapelle und Rohrhardsberg in über 1.100 m Höhe und mit hohen Niederschlags- mengen sind besonders schneereich, so dass hier oft noch Wintersport möglich ist, wenn sonst nur noch der Feldberg genügend Schnee hat. Schneehöhen mit weit über einem Meter Spuren der Eiszeit – Moräne im Neukircher Wolfsloch. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 231


Der Schwarzwald im Bereich der Sommerau/St. Georgen, vorne links die B 500, in der Mitte oben links liegt Brigach. Die Bergketten hier sind mit Buntsandstein überdeckt. kommen hier in fast jedem Winter vor. Am Rohrhardsberg, aber auch am Mühlenberg bei Vöhrenbach, locken die rasantesten Alpinski- abfahrten des Landkreises. Viele Berge sind im östlichen Schwarzwald mit Schichten aus Buntsandstein überdeckt Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind es vor allem im Westen die harten kristallinen Gesteine im Schwarzwald sowie im Osten die widerstands- fähigen Gesteine der Schwäbischen Alb, welche die Berge bilden. Im Osten liegt entlang des Alb- traufs – gebildet aus harten Weißjurakalken – eine markante Reihe hervortretender Berge. Zu ihr gehören: Hoher Randen (930 m), „Blumber- ger Pforte“ mit Eichberg (914 m) und Buchberg, Fürstenberg und Länge (921 m), der Öfinger Berg, der Himmelberg (941 m), Hohe Lupfen und der Große Heuberg sowie die Schwäbische Alb. Die harten Gesteine des Schwarzwaldes steigen nach Westen langsam an, so dass die Schwarz- waldberge zu unserer Seite nur schwach her- vortreten. Außerdem sind viele der höheren Berge im östlichen Teil des Schwarzwaldes mit 232 Gütenbach/Furtwangen


Blick über Behla und Hüfingen hinweg zum Schellenberg bei Donaueschingen. Obwohl 821 Meter hoch, wirkt der Schellenberg nicht wirklich als Berg, hat aber durchaus steile Abschnitte zu bieten. Historische Darstellung unten: Das Relief von 1872 zeigt eindrucksvoll die Bergketten zwischen Gütenbach, Furtwangen, Schönwald, Triberg und St. Georgen. Alle Höhenangaben sind in Fuß. Die rote Färbung macht das Vorkommen des sogenannten „Rotlie- genden“ kenntlich – die Deckschichten aus Bunt sandstein sind gräulich darge- stellt. Rechts ist der Verlauf der Brigach von Brigachtal aus bis in die Villinger Gegend zu sehen. waagrecht gelagerten Schichten aus Buntsand- stein überdeckt und bilden daher keine ausge- prägten Gipfel aus. Dies ist bei der Hochwalder Höhe (966 m) bei St. Georgen, beim Stöcklewald (1.067 m) bei Rohrbach oder beim Steinberg (1.140 m) bei der Kalten Herberge der Fall. Zwischen Schwarzwald und Alb gibt es nur wenige wirklich markante Berge. Im Bereich des Muschelkalks sind dies zum Beispiel der Herren- berg (707 m) in Niedereschach, der Schellenberg (821 m) bei Donauschingen oder der Triberg (776 m) bei Bräunlingen. Als markante Schicht- stufe im Vorland der Schwäbischen Alb tritt auf Furtwangen/Schönwald Furtwangen/St. Georgen St. Georgen Villingen 233


der Ostbaar der harte Arietenkalk im untersten Schwarzen Jura hervor mit Bergen wie dem Türn- leberg (793 m) bei Schwenningen oder dem Kapf (798 m) bei Bad Dürrheim (Waldcafé). Weshalb man in Blumberg noch heute Haifischzähne entdecken kann Eine Besonderheit der Entstehung von Ber- gen sind Vulkane. In nächster Nähe sind hier der Blaue Stein (844 m) bei Riedöschingen oder der Wartenberg an der Kreisgrenze zu Tuttlingen zu nennen. Diese nördlichsten Hegauvulkane sind nicht deshalb so mar- 234 Blick auf den Eichberg bei Blumberg mit der Hegaulandschaft im Hinter- grund, die vulkanischen Ursprungs ist. Die Hegau vulkane waren vor gut zehn Millionen Jahren aktiv. Zu dieser Zeit befanden sich Blumberg und die Baar in etwa auf Höhe des Meeresspiegels. So kommt es, dass man in den Strand- sedimenten aus Muschelschalen sogar Haifischzähne finden kann. Auf der Kuppe des Eichbergs ist in der Mitte der auf 912 Meter Höhe gelegene Eichstutz zu erkennen, von wo aus sich Drachenflieger zu teils 200 Kilometer langen Flügen in den Schwarzwald oder die Schwäbische Alb aufmachen. Berge im Schwarzwald und auf der Baar


kant, weil sie über die heutige Umgebung herausgewachsen sind, sondern weil die harte Gesteinsfüllung des Vulkanschlotes gegenüber den verhältnismäßig weichen Gesteinen der Umgebung herausgewittert ist. Die eigentlichen Vulkane waren vor über 10 Millionen Jahren aktiv und sind längst ab- getragen. Zu der Zeit befand sich die Baar noch etwa auf Höhe des Meeresspiegels, was man daher erkennt, dass im Bereich von Blumberg etwa gleichaltrige Strandsedimente aus Mu- schelschalen anzutreffen sind, in welchen sich sogar Haifischzähne finden lassen. Nicht immer sind auf der Bergspitze die härtesten Gesteine anzutreffen wie an den eindrucksvollen Günterfelsen (1.132 m) am Brend oder an den fast alpinen Schlossbergfelsen bei Gremmelsbach. Auf dem markanten und schroff ins Wutachtal abfallenden Gipfelplateau des Eichberg bei Blumberg sind über fünf Millionen Jahre alte Flussschotter der Vorgänger-Donau zu finden – einer Zeit, in der die Aare noch zur Donau hin floss. Von Aselfingen erhebt sich gratartig das Harteck über 200 Meter über dem Tal. Am höchsten Punkt ist ein kleines Plateau, auf dem in den 1960er-Jahren sogar Kies abgebaut wurde. Hier floss die „Urdonau“ noch vor 30.000 Jahren, bevor sie zur Wutach hin abgelenkt wurde. Eine deutlich kürzere Entstehungsgeschich- te haben die Müllberge, die vor allem Ende des Berge im Schwarzwald und auf der Baar 235


Vollmondnacht – keltischer Grabhügel auf dem Villinger Magdalenenberg. Stangen wie die hier neu angebrach- ten dienten zur Keltenzeit als Peilungspunkte für die Mondwende – so die Annahme der Forscher. vorigen Jahrhunderts aufgeschüttet wurden. Die größten sind die Erddeponie Bärental zwi- schen Villingen und Schwenningen, die Deponie Tuningen und die Deponie Hüfingen. Bereits an ihrer Form ist erkennbar, dass sie nicht natürli- chen Ursprungs sind, auch wenn sie sich nach abschließender Rekultivierung besser in das Landschaftsbild eingliedern werden als heute. Keltische Grabhügel am Magdalenenberg und die 1.000 Jahre alte Martinskapelle Zu allen Zeiten und in allen Ländern haben Ber- ge für die Menschen eine besondere Rolle als Kultstätten gespielt. Außerdem hatten Berge immer eine strategische Bedeutung, sie dienten zu Wehrzwecken oder nur als Aussichtspunkt. Die wohl eindrucksvollsten frühzeitlichen Be- lege der Baar sind die keltischen Grabhügel auf dem Villinger Magdalenenberg. Im Mittelalter stand dort eine der Heiligen Magdalena geweih- te Kapelle, die dem Hügel den Namen gab. Viel- leicht glaubte man früher, oben auf Bergen dem Blick zum Wartenberg und ein künstlicher Berg, die in der Rekultivierung befindliche Deponie Hüfingen. 236 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Das „Kapstadt“ der Baar – Fürstenberg mit dem typischen Tafelberg. Majestätisch erhebt sich der Fürstenberg über die sanfte Baar. Rechts: Berggottesdienst an der Kardinal-Bea-Kapelle. Himmel und damit Gott ein Stück näher zu sein – das Gefühl über allem zu stehen, erleben auch heute viele Menschen auf Bergen. Die wahr- scheinlich über 1.000 Jahre alte Martinskapelle ist eine der ältesten Bergkapellen im Kreis. Der wohl in der gesamten Region ge- schichtsträchtigste Berg ist der Fürstenberg. Auch hier zeugen keltische und römische Funde von einer früheren Vergangenheit, bevor der „vorderste Berg der Länge“ zum Fürstenberg – zum Stammsitz der Fürstenberger wurde. Der Schutz, den der Berg nach allen Seiten bot, war wichtiger als die zahlreichen Nachteile, die das Leben auf einem höheren Berg im Mittelalter beschwerlich machten. Heute zeugen nur noch die begehbaren Ringanlagen am Rand des Bergplateaus davon. Noch lange nachdem der Adel abgezogen war, war die Hochfläche besiedelt: mit dem Städt- chen Fürstenberg, das im Jahr 1841 abgebrannt ist. Die Kardinal-Bea-Kapelle ist das einzige Ge- bäude heute. Dort findet traditionell zum jähr- lichen Bergfest im August ein Berggottesdienst statt (Foto oben u. rechts). Eine der schönsten Bergkapellen, die Martinskapelle im Katzensteig bei Furtwangen. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 237


Weitere, weniger bedeutende Adelsge- schlechter der Baar, und damit teilweise auch heutige Ortsnamen, sind nach Burgen bzw. Bergen benannt: Blumberg, Schellenberg, War- tenberg, Burgberg (Königsfeld) oder Hornberg (nach Althornberg bei Gremmelsbach). Bergig, aber auch sonnenreich Triberg liegt zwar nicht auf dem Berg, ist aber durch die eingeschnittene Tallage eine der bergigsten Städte in ganz Deutschland. Dem Namen nach ist Triberg von drei Bergen umge- ben: dem Kapellenberg, dem Kroneck und dem Wasserfallberg bzw. Sterenberg. Betrachtet Die Stadt Triberg liegt mit ihrem Kern auf einer Höhe von ca. 670 Metern – „tief im Tal“ zwischen drei Bergen. Je nach Perspektive ist aus der Luft nur das rund 840 Meter hoch gelegene Neubaugebiet Sonnhalde auszumachen. St. Georgen hingegen (Mitte oben) liegt deutlich hö- her und „thront“ auf der 966 Meter ho- hen, sonnenreichen Hochwalder Höhe. Blick auf den Bad Dürrheimer Ortsteil Öfingen mit Lupfen (Mitte rechts) und Himmelberg (angeschnitten ganz rechts). 238


St. Georgen im Schwarzwald, im Vor- dergrund unten der Klosterweiher. Im Hintergrund das Gebiet Fohrenbächle. man die Berge links und rechts der Wasserfälle als getrennte Berge, müsste Triberg eigent- lich Quattroberg heißen. In Tri- berg gibt es auch einen echten Bergsee – nämlich den „Bergsee“. St. Georgen ist die Bergstadt schlechthin – nicht nur aufgrund der Höhenlage (Rathaus: 862 m), sondern weil sie tatsächlich auf einem nach Süden geneigten Berg liegt – daher auch „sonnige Bergstadt“. Mit 870 m liegt das Rathaus von Furtwangen noch ein paar Meter höher. Aber beide Städte eint das Prädikat, dass beide jeweils von sich behaupten können, dass keine andere so gro- ße Stadt in Deutschland so hoch gelegen ist. Das gilt übrigens auch sowohl für Villingen-Schwen- ningen sowie für die Gemeinde Schönwald. Es gibt aber auch noch ei- nige Dörfer im Landkreis, die man fast als Bergdorf bezeich- nen kann: Öfingen mit dem traumhaften, seit Kachelmann fernsehberühmten Blick auf die Baar, Randen(dorf), ganz auf der Bergkuppe, Buchenberg an den sanften Berghängen gelegen, Neukirch wie ein Adlerhorst über den dunklen Waldschluchten des Schwarzwaldes um Furtwangen und natürlich der bereits erwähn- te Ort Fürstenberg. In den langgestreckten, ost- west-verlaufenden Tälern des Schwarzwaldes wie in Urach oder Berge im Schwarzwald und auf der Baar 239


Schwarzwaldidylle in Urach. An den warmen Südhängen befindet sich in solchen Schwarzwalddörfern immer der Sommerberg – rechts der stets kühlere Nordhang. Linach hat man es sich mit der Namensgebung der Berge leicht gemacht: die warmen Südhän- ge heißen hier Sommerberg und die weniger besiedelten, kühleren Nordhänge Winterberg. Eine „Alm“ mit blumenbedeckten Weiden Was verbindet man noch mit Bergen? Beispiels- weise vom Unterleimgrubenhof in Gütenbach gibt es echten Bergkäse. Die Bergwiesen liegen über 1.000 m Höhe. Auch wenn es in dieser Hö- he noch keine klassischen Almen gibt, so gibt es an steilen Wiesenhängen vielfach noch Wei- dewirtschaft um die Bergbauernhöfe herum. Oberhalb vom Schänzlehof am Rohrhardsberg hat man den Eindruck auf einer richtigen Alm zu sein. Hier bieten sich einem blumenbedeckte Weiden, unterbrochen von großen Findlingen, und bei gutem Wetter ein Tiefblick in die Rhein- ebene bis zum Straßburger Münster. Auf den Anhöhen im Schwarzwald liegen Berghöfe und Hütten verstreut. In manche da- von kann man einkehren wie zum Beispiel in den Landgasthof Berghof bei Gremmelsbach, das Höhengasthaus zur Staude, den Bergwald- hof in Schonach, in das Gasthaus Kolmenhof oder in den Berggasthof Brend. Besonders urig sind zum Beispiel die Berg hütten und Vesper- stuben Schwedenschanze am Rohrhardsberg oder die Bergvesperstube Hintereck in Güten- bach. Also: Berg Heil und fröhliche Einkehr! Rechte Seite: Der Brend in Furtwangen, wo neben dem Aussichtsturm ein Berggasthof zu finden ist. 240 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Berge im Schwarzwald und auf der Baar 241


Wo die Donau zur Hälfte herkommt Die Brigach entspringt im Keller des Hirzbauernhofes bei St. Georgen von Roland Sprich 242 11. Kapitel – Die Brigachquelle


Der Hirzbauernhof in Brigach bei St. Georgen bietet eine Idylle wie aus dem Schwarzwaldbilder- buch. Mit seinem tief heruntergezogenen Dach, inmitten saftig grüner Weiden auf geschwungenen Hügeln, auf denen Kühe genüsslich grasen und umgeben von dunklen Schwarzwald tannen. Vor dem Hof ein kleiner Fischteich, auf dem in den Sommermonaten die Kinder der Feriengäste mit einem kleinen Floß fröh- lich herumschippern. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der 500 Jahre alte Schwarzwaldhof kaum von den an- deren Höfen im Schwarzwald. Und doch legen hier nahezu täglich Menschen aus aller Welt einen Stopp ein: Im Keller des Bauernhofes der Familie Heinzmann entspringt die Brigach, die zusammen mit der Breg den zweitlängsten Fluss Europas hervorbringt, die Donau. Das ist einzigartig. Nirgendwo sonst auf der Welt entspringt ein Fluss im Keller eines Bauernhauses. Dabei ist der eigentliche „Geburtsort“ der Brigach wenig spekta- kulär: Es ist ein mehr oder wenig starker Wasserstrahl, der aus einem Rohr in der Kellerwand heraussprudelt. Damit nicht jeder Besucher, der die Brigachquelle sehen will, bei Heinzmanns klingeln und um Einlass in den Keller bitten muss, hat der Schwarzwaldverein die Brigachquelle mittels einer Drainage schon vor langer Zeit ins Freie verlegt. Wo die Donau zur Hälfte herkommt 243 Aus dem Keller des Hirzbauernhofes hinaus in die Welt: Die Brigach ist der einzigste Fluss dieser Er- de, der im Keller eines Bauernhofes entspringt.


Beate und Hansjörg Heinzmann vor ihrer Brigachquelle. Rechts: Nachbildung eines mutmaßlich 2.000 Jahre al- ten Reliefsteins, der nach Ansicht mancher Historiker der Rest eines Quellheiligtums darstellen könnte. Die Familie Heinzmann: Bewahrer der Brigachquelle Auf den ersten Kilometern legt das Quellflüss- chen bereits ordentlich zu: Fließt die Brigach zunächst noch unscheinbar zwischen Büschen und Feuchtwiesen hindurch, führt sie wenige Kilometer später bereits so viel Wasser, dass sie den 30.000 Quadratmeter großen Kloster- weiher in St. Georgen speisen kann, bevor sich der Bach auf den Weg in Richtung Villingen und dann durchs Brigachtal nach Donaueschingen macht. Dort bildet die Brigach 40 Kilometer von der Quelle entfernt mit dem mündungsfernsten Quellfluss, der Breg, bei Donaueschingen die Donau. Doch zurück zur Brigachquelle – auf dem Hirzbauernhof. Landwirt Hansjörg Heinzmann, der den Hof gemeinsam mit seiner Frau Beate umtreibt, ist wie schon seine Vorfahren der Bewahrer der Brigachquelle. Und er gibt täglich mindestens einmal Auskunft. „Manchmal kom- men zwei Leute, manchmal sind es hundert“, sagt er und lacht. Viele Besucher kommen aus den Ländern, durch die die Donau fließt. „Öster- reicher kamen schon immer, seit die Grenzen offen sind, kommen jedes Jahr Besucher aus Ungarn, der Slowakei, und Rumänien“, erzählt Hansjörg Heinzmann. Von den Bewohnern der Länder, durch die die Donau fließt, wird der Fluss geradezu verehrt. Wer es sich leisten kann, besucht einmal im Leben den Donauursprung und die Quellen. Allerdings stellen sich manche Besucher die Entstehung der Donau spektakulärer vor. „Einigen Leuten sieht man die Enttäuschung schon an, wenn sie sehen, wo ihre stolze Donau herkommt“, schmunzelt der Landwirt. Vor al- lem in diesen Sommermonaten. Da tröpfelte die Quelle an manchen Tagen nur. Im August lag die Steineinfassung aufgrund der anhaltenden Trockenheit zeitweise sogar vollständig trocken. Ein 2.000 Jahre alter Reliefstein? Steht man vor der aus Buntsandstein gefer- tigten Einfassung der Brigachquelle fällt der Blick auf eine Reliefsteinplatte, ebenfalls aus Buntsandstein, auf der ein Hirsch, ein Hase und ein Vogel sowie drei Köpfe zu erkennen sind. Entdeckt wurde der 56 mal 27 Zentimeter große Reliefstein 1898/99, als der damalige Hirzbauer Johann Georg Heinzmann das Küchengewölbe erneuerte. Ohne sich der Bedeutung des Fundes be- wusst zu sein, stellte er den Reliefstein auf die Quellfassung vor dem Haus, wo er 1914 von einem Historiker entdeckt und fotografiert wurde. Nach dem Krieg schenkte der Hirzbauer 244 Die Brigachquelle


dem Historiker den Originalstein, der heute im Lapidarium der Stadt St. Georgen zu sehen ist. An der Brigachquelle prangt ein Duplikat. Historiker beschäftigt der Reliefstein seit langem: Sie bescheinigen diesem Relief einen keltischen oder römischen Ursprung. Der Stein, so die Annahme der Historiker, könnte der Rest eines Quellheiligtums mit Göttersymbolen sein und wird auf 2.000 Jahre geschätzt. Andere His- toriker sind jedoch der Ansicht, dass der Relief- stein keinerlei Bezug zur Brigachquelle hat und von auswärts stammen müsse. Nicht die Quelle, aber dennoch bedeutend! Den bis heute andauernden Streit um die wahre Quelle der Donau brachen die Gelehrten be- reits im 16. Jahrhundert vom Zaun. 1544 setzte sich der Kosmograph und Humanist Sebastian Münster, der später den 100 D-Mark-Schein Brigachquelle mit Hirzbauernhof. zierte, zunächst für die heute als historische Donauquelle geltende Schlossquelle in Donau- eschingen als Donauquelle ein. Sechs Jahre spä- ter widersprach der Freiburger Professor Hein- rich Loriti Clareanus dieser Ansicht und trat für die Quellflüsse Brigach und Breg ein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts suchte Kaiser Marsigli, von Kaiser Josef I. beauftragt, nach der Quelle der Donau – und erklärte die Breg als die am wei- testen entfernte Quelle auch zur Donauquelle. Die Brigach ist ein Quellfluss der Donau – als „Do nau quelle“ aber wurde sie nur gelegentlich und wenn doch, dann unter lokalpatriotischen Vorzeichen bezeichnet. So 1719 durch Vikar Breu n inger in seinem Buch „Die Ur-Quelle des Weltberühmten Do nau stro mes“. Um die Jahr- hundertwende hat man in Brigach außerdem eine kolorierte Ansichtskarte des Hirzbauern- hofes mit der Aufschrift „Do nau -Ur sprung“ ver- trieben. Auch auf einer Karte des Herzogtums Württemberg aus jener Zeit ist die Brigachquel- le als „Fons naturalis“ (natürliche Donauquelle) verzeichnet. Seitdem darf die Brigach einfach die Brigach sein – der zweite Quellfluss der Donau, aber keineswegs unbedeutend. Wo die Donau zur Hälfte herkommt 245


Rumänische Donau-Gedenktafel und die Brigachquelle im Luftbild. Die Bevölkerung begegnet dem immer wie- der neu aufkeimenden Quellenstreit salomo- nisch und prägte das Verslein, das noch heute viele Kinder in der Schule lernen: Brigach und Breg bringen die Donau zuweg. Rumänische Gedenktafel Wenngleich die Brigachquelle durchaus ein touristischer Anziehungspunkt ist, wird sie weder von der Stadt St. Georgen noch vom Verkehrsverein über Gebühr vermarktet. Das ist dem Hirzbauer einerseits nicht unrecht, der für sich selbst keine Vorteile sieht, die Brigach- quelle in seinem Haus zu haben. Immerhin, in das Konzept der Klosterweiherrundwege ist die Brigachquelle mit einbezogen. Alle paar Jahre steht die Brigachquelle dann doch im öffentlichen Licht: Neben der Quelle prangt, an einem Stein befestigt, eine Gedenk- tafel rumänischer Geologen. „Die rumänische Delegation wollte die Gedenktafel ursprünglich an der Donauquelle in Donau eschingen anbrin- gen, durfte das aber nicht. Da sind sie hierher- gekommen“, schildert Hansjörg Heinzmann. Seitdem kommen immer wieder rumänische Besucher und Abordnungen. 2007 fand zudem der erste (und bislang einzige) Donau-Staffellauf statt: Eine Gruppe Profiläufer starteten an der Breg- und an der Brigachquelle und nahmen je eine Flasche Was- ser von den Quellen mit. In Donaueschingen war der offizielle Start, und nach knapp zehn Tagen erreichten die Läufer den Ort Tulcea in Rumänien, dort wo die Donau ins Schwarze Meer mündet. Damit war das Wasser immerhin um einiges schneller im Schwarzen Meer, als wenn es den „regulären“ Weg durch die Donau genommen hätte. Dort ist das Wasser rund drei Monate unterwegs, bis es das Meer erreicht hat. Besonderheiten kann man als Besitzer der Brigachquelle immer wieder neu erleben. Ein- mal ist ein Abenteurer an der Brigachquelle mit einem Holz-Laufrad zu einer Donauradwege- tour gestartet. Und 2008 veranstaltete der Ver- ein für Heimatgeschichte ein Brigachquellfest, um die Bedeutung der Quelle hervorzuheben. Damals kündigte der Verein auch an, die Bri- gachquelle künftig besser werbewirksam zu vermarkten. Claudio Magris: „So viel Ruhe ist hier“ Fasziniert von der Brigachquelle zeigte sich auch der in jüngerer Zeit wohl mit populärste Besucher der Brigachquelle, der italienische Literat Claudio Magris. Sein Buch „Donau – Biografie eines Flusses“ ist ein Welterfolg geworden. Über die Brigachquelle schreibt er: „Die unauffällige Hin- weistafel spricht nicht von der Donau, es ist ein ruhiger Ort an einer großen Wiese, in einer fried- lichen Atmosphäre. Einen Gasthof gibt es hier nicht, nur eine Bank, die, wie die Inschrift erklärt, von der Landesbausparkasse gestiftet worden ist. 246 Die Brigachquelle


Weihnachtszauber beim Hirzbauernhof. Die kleine Quelle entfließt dem Erdreich und So viel Ruhe ist hier, ein sanfter, frischer mündet in einem kleinen Tümpel, auf dessen Grund ein Eisenrohr das Wasser sammelt, es wiederum unter der Erde entlangführt und es we nige Meter weiter abermals entspringen lässt, von wo aus es bergab fließen kann. Auch in diesem Falle würde ein geringfügiger Scha- den an dem einfachen Eisenrohr die Physiogno- mie der Donau verändern… Wind kommt auf, als wolle er daran erinnern, wie das Leben auch sein könnte, ein gespanntes Segel, und hinter ihm eine Spur von Schaum und Gischt.“ Es ist jedenfalls eine schöne Vorstellung, dass der Wasserstrahl im Keller des Hirzbauernhofes zusammen mit der Breg die stolze Donau hervor- bringt, die sich durch zehn Länder schlängelt. Wo die Donau zur Hälfte herkommt 247


Wildobstbäume Baumserie Teil 10 von Wolf Hockenjos Für seine Obstbäume, gar für obstkulturelle Vielfalt ist der Schwarzwald-Baar-Kreis nicht eben bekannt, dafür ist sein Klima zu rau. Allenfalls Mostobst hatte in den Streuobstgürteln um die alten Siedlungskerne eine Chance gegen die Fröste, mit denen rund ums Jahr in der Kaltluftwanne der Baar zu rechnen ist. K ein Wunder, dass hier auch die Existenz von Wildobst kaum wahrgenommen wird. Wäre der Wildapfel (Malus sylvestris L.) nicht zum Baum des Jahres 2013 gekürt worden, hätte wohl, von wenigen Spezialisten abgesehen, kaum noch jemand von ihm Notiz genommen. Wildapfel und Wildbirne, zur botanischen Fa- milie der Rosengewächse zählend, gehören mittlerweile landesweit zu den seltensten Baumgewächsen; dementsprechend bescheiden ist auch ihr Bekanntheitsgrad. Zumal sie auch zur Bastardisierung mit Kultursorten neigen. Der „Rosenbaum“ in Tannheim Da ist es umso erstaunlicher, dass ausgerechnet die Baar noch stattli- che Exemplare von Wildapfel- und Wildbirnenbäumen vorweisen kann. Vermutlich hat gerade der fehlende Obstbau dazu geführt, dass hier sogar noch besonders reinrassige Wildapfelbäume erhal- ten geblieben sind. Der prächtigste steht, unter den Einheimischen besser bekannt als Rosenbaum, auf Gemarkung Tannheim – in einem Gewann, das in den Katasterkarten nachweislich schon seit 1747 Rosen- baum heißt. Was dafür spricht, dass hier schon damals ein bemerkens- wertes Exemplar gestanden haben muss und dass der heutige Baum mit seinem Stammumfang von 2,80 m womöglich als Stockaus- schlag aus jenem hervorgegangen ist. Hätte nicht die 2014 allzu früh verstorbene Tannheimer Ortsvor- steherin Helga Eilts den Rosenbaum wie ihren Augapfel gehütet und mit einem Bretterzaun umgeben, wäre er in der flurbereinigten Feldflur wohl längst als ebenso sperriges wie lästiges Hindernis für die Feldbestel- lung beseitigt worden. Oft genug waren ihm zuvor die Landwirte zu Leibe gerückt, um ihm den ein oder anderen Ast seiner weit ausladen- den Krone zu kappen. So hat sich in seinem Wurzelwerk, ausgelöst durch Infektion der Wunden, auch bereits der schädliche Hallimasch pilz einnisten können. Dennoch pflegt er noch jedes Frühjahr zu blühen, und im Spätjahr bis in den Winter hinein tun sich die Rehe aus dem angrenzenden Plattenmoos an den Im Tannheimer Gewann Rosen- baum – einsamer Wildapfelbaum in ausgeräumter Feldflur. 248 Umwelt und Natur


12. Kapitel – Umwelt und Natur 249


Links: Wildapfelblüte. Rechts: Wildbirnenblüte. kleinen Äpfelchen gütlich. Für den menschlichen Verzehr gelten sie als ungeeignet, bestenfalls taugten sie als Mostzusatz. Wildäpfelchen Unscheinbare Äpfelchen als Erkennungsmerkmal Was freilich nicht immer schon so gewesen sein muss: So entdeckten die Archäologen im Schlick unter den Pfahlbauten des Bodensees reichlich Wildapfelkerne. Mag sein, dass die steinzeitlichen Siedler noch speziellere Zubereitungsarten kann- ten, ehe es gelang, den Apfel durch züchterische Erfolge genießbarer zu machen. Wildäpfel sind (wie der lateinische Namen sylvestris andeutet) Waldbäume, und sehr vereinzelt haben sie auch noch im Wald der Neuzeit überlebt, so im Überauchener Eggwald, im Weiß- wald beim Weiler Beckhofen oder im Unterhölzer Wald; nur zur Blü- tezeit fallen sie dem Waldbesucher ins Auge, ist doch das von Bienen umsummte zartrosafarbene Weiß Wildbirnchen „Würgele“ 250 der Wildapfelblüte kaum zu überse- hen. Sichere Erkennungsmerkmale sind ansonsten nur die unscheinba- ren kleinen Äpfelchen, an jüngeren Wildapfelbäumen auch die zu Dor- nen zugespitzten Kurztriebe. Selten im Wald, eher an Wald- und Wegrändern, vorwiegend jedoch in der Feldflur gedeiht der Wildbirnbaum (Pirus pyraster). Na- he Überauchen gibt es noch einige als geschützte Naturdenkmale. Im Gegensatz zu den Wildäpfeln der Baar sind sie freilich nicht reinrassig erhalten geblieben, wie genetische Untersuchungen der Freiburger Universität ergeben haben: Nur 60 Prozent sind Wildbirnen-Gene, 40 Prozent dagegen nicht bestimm- bar, da zu keiner der bekannten Birnensorten gehörend. Auch Wild- birnen zeichnen sich durch dornen- artige Kurztriebe aus. Die kleinen ungenießbaren Birnchen wurden unter den Einheimischen einst (sehr zutreffend) „Würgele“ genannt, wie der Überauchener Förster und Baumsachverständige Hans Letulé noch weiß, der sich den Schutz und Umwelt und Natur


die Erhaltung der letzten Wildobstbäume zur Lebensaufgabe gemacht hat. Man habe das Wildobst überwiegend dem Schweinefutter beigesetzt, mitunter wohl auch noch dem Most. Allerdings seien sie noch in den 1920er-Jahren von den Kindern gesammelt und im Öhmdstock so lange gelagert worden, bis sie teigig wurden und schließlich doch noch für den menschlichen Verzehr geeignet gewesen sein sollen. Die Familie der Sorbusarten Ebenfalls zur Familie der Rosengewächse und zu den Wildobstarten zählt der Botaniker die Sorbusarten, so den Speierling (Sorbus domesti- cus), auch Sperbelbaum genannt, ein Verwand- ter der Eberesche, eigentlich ein Bewohner des milderen Hügellandes. Seinen Anbau als konser- vierender Obstzusatz soll einst schon Karl der Große angeordnet haben. Feinschmecker brannten sich einen Sperbelschnaps, dessen Magenschmerzen lindernde Wirkung gerühmt wurde. Immerhin existiert am Fürstenberg eine Sperbelhalde; der Name legt nahe, dass der An- bau auch auf der Baar zumindest versuchsweise einst erfolgt sein muss. Ebenfalls eher im Hügel- land zu finden ist der Baum des Jahres 2011, die Elsbeere (Sorbus torminalis), deren Birnchen einst allenfalls als Abführmittel taugte, wovon der Name Ruhrbirne zeugt. Förster Hans Letulé hat versuchsweise im Weißwald einige Elsbeerbäu- me gepflanzt, die erstaunlich gut gediehen sind und mittlerweile auch bereits Früchte tragen. Zur Familie der Sorbusarten zählt die Mehl- beere (Sorbus aria), ein insbesondere am Alb- trauf der Baaralb häufiger Waldbaum, leicht erkennbar an den mehlig weißen Blattuntersei- ten. Dass auch ein Allerweltsbaum wie die Eber- esche, oder Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia) noch zum Wildobst gezählt wird, wird leicht übersehen. Vor allem im kristallinen Schwarz- wald pflegt sich die Pionierbaumart, durch Drosseln verbreitet, alsbald nach Kahlschlägen einzufinden, wo sie unser Auge mit dem herbst- lichen Scharlachrot ihrer Beeren erfreut. Allen Sorbusarten gemeinsam sind die gefiederten Blätter, aber auch ihre Beliebtheit bei den In- Oben: Blühende Wildbirnbäume bei Überauchen. Unten: Vogelbeere als Pionierbaumart nach Sturm- schaden. sekten, den Vögeln und vielen Wildtierarten. So erfüllen denn die Wildobstarten allesamt eine außerordentlich wichtige ökologische Funktion. Ihre Erhaltung, Förderung und Nachzucht sollte daher ein Herzensanliegen sein für jeden ökolo- gisch orientierten Forstwirt und Landnutzer. Wildobstbäume 251


252 Umwelt und Natur


Baar-Schnaps aus alten Obstsorten Ansgar Barth hat auf der Baar etliche Streuobstwiesen gepachtet und verarbeitet die Ernte zu edlen Destillaten von Stephanie Jakober Mit der Ernte von Streuobstwiesen der Baar, auf denen u. a. Birnen- und Apfel- sorten wie Öster reichische Weinbirne oder Jakob-Fischer-Äpfel wachsen, brennt Ansgar Barth edle Destillate. Das F oto zeigt eine Streuobstwiese bei Döggingen. XXX 253


Der Blick gleitet über die Gauchach- schlucht. An guten Tagen ist am Horizont sogar der Feldberg zu ent- decken. Grüne Wie- sen, Ruhe, bezau- bernde Landschaft – am Ortsrand des Bräunlinger Stadtteils Döggingen liegt eines dieser Fleckchen Erde, in die man sich sofort verliebt. So ging es auch Ansgar Barth, der hier eine Streuobstwiese gepachtet hat. Doch das kleine Idyll ist nicht der einzige Grund, die alten Obstbäume, die hier seit gut 80 Jahren stehen, haben es ihm ebenso ange- tan. Hier verbringt er viele Stunden: Baumpflege und Obsternte sind zeitintensiv, doch am Ende des Arbeitsprozesses steht der Ge- nuss. Denn der Unterbränder fängt das Aroma seiner Streuobstwiesen ein – verpackt in Flaschen als durchsichtige Flüssigkeit. Aus alten Sorten wie beispielsweise der Österreichischen Weinbirne oder Ja- kob-Fischer-Äpfeln stellt Barth Schnaps her. Vom Baum bis zum endgültigen Erzeugnis – alle Arbeitsschritte übernimmt er selbst. Beim Brennen sind Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt Der Grundstein für seine Leidenschaft wurde bereits in der Kindheit gelegt. Aufgewachsen im Murgtal prägten nicht nur die blühenden Apfel- bäume seine Kindheit, sondern auch die Ernte und die Weiterverarbeitung des Obstes. Heute bestimmt sein Hobby einen Großteil seiner Zeit: Denn wenn auf den Streuobstwiesen der Schnee liegt, dann steht Ansgar Barth zuhause an seinem Brenngeschirr. Fingerspitzengefühl und auch Geduld sind gefragt, die Temperatur darf nicht zu schnell steigen und das eine oder andere Experiment ist nötig, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist: Das Klima auf der Baar ist alles andere als geeignet – und in anderen Regionen wie bei- spielsweise in der Ortenau oder am Bodensee gibt es süßeres Obst, dessen Zuckergehalt die Destillation wesentlich einfacher macht. Doch genau das ist es auch, was ihn begeistert: „Der Boden und das Klima geben dem Obst seinen Zeit für die Ernte: Ansgar Barth hat verschiedene Streuobstwiesen gepachtet, die er auch pflegt. Links: Maische ist das Grundprodukt für den Schnaps, sie besteht aus Früchten, Hefe und Enzymen. 254 Baar-Schnaps aus alten Obstsorten


XXX 255


re weideten unter Bäumen, das Obst wurde zu Most, Saft und Marmelade weiterverarbeitet. In den 1950er und 1960er-Jahren begann der Nie- dergang der Streuobstwiesen. „Damals gab es sogar Geld dafür, wenn man die Bäume fällen ließ“, erklärt Barth. Heute ist die Bedeutung der Streuobstwiesen wieder ins Bewusstsein ge- rückt – der Erhalt wird vom Land beispielsweise gefördert. Doch die Bewirtschaftung ist für manch ei- nen Landwirt – vor allem, wenn er im Nebener- werb tätig ist – nicht interessant. Die Flächen sind zu klein, um sie richtig bewirtschaften zu können und die Bäume und Wiesen fordern viel Arbeitszeit. „Mittlerweile kommen sogar schon Leute auf mich zu, die mir ihre Wiesen zur Verpachtung anbieten“, sagt Barth. Schließlich haben beide Seiten etwas davon: Der Besitzer, weil er weiß, dass sein Stück Land in guten Händen ist und Ansgar Barth hat Obst, das er zu Schnaps weiterverarbeiten kann. Barth blickt auf einen Baum: Jakob-Fischer- Äpfel hängen an den Ästen. Bald ist es Zeit für die Ernte. Zwischen 100 und 250 Kilo Obst ist pro Baum zu rechnen. Und es ist ein gutes Jahr für diesen Baum. Auch die Öxle-Zahl, die Barth regelmäßig kontrolliert, ist vielversprechend. Aber: „Es ist auch ein Stück weit Liebhaberei.“ Denn aus zwei Zentnern Äpfel werden 100 Liter Maische, das Grundprodukt für die Schnaps- brennerei. Drei bis vier Wochen muss das Obst mit Reinzuchthefe und Enzymen in einer geschlossenen Tonne gären. Dann erst wird das Brenngeschirr angeheizt und die Maische weiterverarbeitet. Am Ende werden wohl von 100 Litern Maische rund sechs Liter trinkbarer Alkohol verbleiben. Das Brennen muss fünf Tage zuvor angemeldet werden Nicht nur Birnen und Äpfel verarbeitet Ansgar Barth zu Schnaps, auch Pflaumen-, Kirschen- und Schlehen- schnäpse entstehen. typischen Geschmack.“ Gerade die alten Sorten, die auf seinen Wiesen zu finden sind, sorgen für das besondere Aroma. Und mit der richtigen Leidenschaft, einem guten Fingerspitzengefühl, dem richtigen Riecher und viel Arbeit sind die Baaremer Obstsorten dann auch konkurrenzfä- hig mit klimaverwöhnten Regionen. Dass die Produkte aus dem eigenen Bestand oder eben von gepachtetem Land stammen, ist aber auch eine Voraussetzung, überhaupt Schnaps brennen zu dürfen. Grundlage ist das Brennrecht für Stoffbesitzer, das eigentlich jeder in der Region hat. „Ich darf nur eigenes Obst und Wildobst verwenden.“ Doch nicht in ganz Deutschland ist das so, sondern nur in Gegenden, in denen von 1908 bis 1915 Brannt- wein von Stoffbesitzern hergestellt wurde. Das sind im Wesentlichen die Obstanbaugebiete in Süd- und Südwestdeutschland. Früher war hier das Brennen weit verbreitet, heute machen es nur noch wenige. „Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist kaum mehr jemand aktiv“, erklärt er. Wer seine Streuobstwiese beseitigte, bekam Geld vom Staat Das ist allein schon an der Geschichte der Streuobstwiesen abzulesen: Früher waren sie in die landwirtschaftliche Kette eingegliedert. Tie- Doch bis es so weit ist, muss nicht nur das Destil- lieren wachsam beobachtet werden. Auch die gesetzlichen Bestimmungen sind zu befolgen: ,,Ich muss fünf Tage im Vorfeld beim Hauptzoll- amt in Stuttgart anmelden, dass ich brennen werde“, sagt Barth. Nicht nur der Tag muss 256 Umwelt und Natur


Oben: Ansgar Barth erhitzt in der Brenn- blase die Maische, so dass Alkohol und Aro- men verdampfen. Unten links: Ein dünner Strahl schießt aus dem Rohr: Nur wenn Ansgar Barth Vor-, Mittel- und Nachlauf sauber von- einander trennt, ist der Schnaps perfekt. Unten rechts: Kleine Geruchsprobe: Schon jetzt erkennt man, ob das Destillat wirklich gut geworden ist. mitgeteilt werden, sondern auch die Menge an Maische und die Obstsorte müssen angemeldet werden. Schummeln geht nicht, denn jederzeit kann ein Beamter vor der Türe stehen und kon- trollieren, ob alles seine Richtigkeit hat. Oft experimentiert Barth: Zibarte – eine Un – terart der Pflaume – oder auch mal Vogelbeeren werden eingesetzt. Dabei sind erneut Finger- spitzengefühl und feine Geschmacksnerven gefragt. Meist braucht es mehrere Versuche, bis ihm das Ergebnis auch wirklich mundet. Denn es kommt auf vieles an: Die Zibarten wurden beispielsweise extrem spät geerntet, zu einem Zeitpunkt, als der Baum kaum noch Laub hatte und die Früchte schon Rosinen glichen. Dadurch sind sie hoch zuckerhaltig, die Ausbeute ist deshalb wesentlich geringer, aber das Aroma umso besser. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahren einiges gewandelt. Früher galt das Schnapsbrennen oft als Resteverwertung, heute wird extrem auf Qualität geachtet. Früher hat man die Obstreste zu Obstler verarbeitet, heute wird auf sortenreine Brände gesetzt. Es bedarf viel Leidenschaft und Zeit – aber dann sind auch die Baaremer Obstsorten kon- kurrenzfähig. Und ganz nebenbei werden au- ßerdem idyllische Streuobstwiesen wie die in Döggingen erhalten. Baar-Schnaps aus alten Obstsorten 257


von Thomas Kring Wald-, Trocken- und Feuchtlebensräume sollen für den Arten- und Biotop- schutz sowie den Biotopverbund verbessert und gesichert werden – so lautet das zentrale Ziel des Naturschutzgroßprojektes Baar. Das Projekt des Schwarzwald-Baar-Kreises wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums und dem Ministerium für Ländlichen Raum und Ver- braucherschutz zu 90 Prozent gefördert. Warum ist die Baar so wertvoll? Dass die Baar und die angrenzenden Gebiete aus naturschutzfachlicher Sicht so abwechslungs- reich und wertvoll sind, hat seine Gründe. Sie stellt den Übergangsbereich vom Schwarzwald im Westen zur Schwäbischen Alb im Osten dar. Hier sind fast alle Gesteinsschichten des Süd- Baar – Schwarzwald ca. 880 m + NN Baar – Gäuplatten G A u h a : e l l e u Q 258 ca. 700 m + NN ca. 770 m + NN Fließerden / periglaziale Deckschichten Grundgebirge Buntsandstein Unterer Muschelkalk Mittlerer Muschelkalk Oberer Muschelkalk


westdeutschen Schichtstufenlandes vertreten, was dazu führt, dass entsprechend der vielfältigen Geologie ein Mosaik aus sehr unterschiedlichen und stellenweise kleinräumig wechselnden Böden entstand (s. Abb. u.). So konnte sich die vorhande- ne große Arten- und Biotopvielfalt entwickeln. Das Vorkommen von seltenen Biotopen und der vielen gefährdeten Tier- und Pflanzenarten schlägt sich in der Ausweisung von Schutzge- bieten nieder. Neben geschützten Biotopen und Naturschutzgebieten gibt es auch NATURA 2000-Gebiete (FFH- und Vogelschutzgebiete), den Naturpark Südschwarzwald und diverse Landschaftsschutzgebiete. Internationales „Drehkreuz“ für den Biotopverbund Die Baar und die Baaralb verbinden die Wälder und Trockenlebensräume des Schwarzwaldes, der Schwäbischen Alb, des Alpenvorlandes und der Schweiz miteinander. Gleiches gilt auch für die Moore, Feuchtlebensräume und die Fließ- gewässer. Baar und Baaralb können deshalb als wichtiges nationales und internationales „Drehkreuz“ für den Biotopverbund bezeichnet werden. Diese Bedeutung ist für viele Lebens- räume und Artengruppen belegt und hat ihre Ursache in dem zum Teil kleinflächigen Mosaik Riedbaar Baar – Albvorland Niedermoor Auenlehme / holozäne Abschwemmmassen Baaralb ca. 890 m + NN Hangschutt Malm (Weißer Jura) ca. 680 m + NN Unterkeuper ca. 740 m + NN Mittelkeuper Lias (Schwarzer Jura) Ölschiefer (Lias) Dogger (Brauner Jura) Opalinuston (Dogger) 259


aus unterschiedlichen Lebensräumen, die als Trittsteine und Korridore dienen. Eine wichtige Verbundachse der Wald- gebiete des Schwarzwaldes und am Trauf der Schwäbischen Alb verläuft zum Beispiel über die Wälder des Wutachgebietes und der Baaralb. Dies spiegelt sich ebenso im General- wildwegeplan Baden-Württemberg wider, der potenzielle Verbund- und Wanderachsen für Großsäugetiere aufzeigt. So wird dem Korridor über den Stoberg, Eichberg, Buchberg und die Jungviehweide mit Knotenpunkten zu Achsen in die Schweiz nationale beziehungsweise inter- nationale Bedeutung zugewiesen (siehe dazu die Abbildung unten). Auf der Baar sind die Einzugsgebiete des Rheins und der Donau eng miteinander verzahnt. So entwässert beispielsweise das Schwenninger Moos nach Norden in den Neckar und damit in den Rhein. Nach Süden fließt aber auch ein Teil des Wassers, das über den Tal- bach und die Brigach in die Donau gelangt. Im Bereich des Zollhausriedes bei Blumberg fließt ebenso ein Teil des Wassers über die Wutach zum Rhein, wohingegen der andere Teil aus der Aitrach in die Donau fließt. Diese Verzahnung wird deutlich bei einem Blick auf den Verlauf der Europäischen Hauptwasserscheide (siehe Karte links unten), die zum Beispiel zwischen Villingen und Schwenningen verläuft. Die Baar befindet sich zwischen den Höhen des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb, die beide über 1.000 m ü. NN Höhe erreichen. Zwischen diesen Höhenzügen bündeln sich Achsen für den Vogelzug. Insgesamt 25 Zugvo- gelarten, die gemäß Roter Liste Deutschlands vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder gefährdet sind, nutzen die ausgedehnten Riedflächen und Gewässer regelmäßig als Rast- plätze. Hervorzuheben ist dabei der Überwin- terungsplatz der Kornweihe (Circus cyaneus) im Fördergebiet Birken-Mittelmeß. Bedeutung als Refugialraum im Klimawandel Klimasensible Tier- und Pflanzenarten werden wegen des Klimawandels und den damit ein- hergehenden Veränderungen ihrer Lebensräu- me in die Höhe oder nach Norden ausweichen. Aufgrund der Höhen- und Muldenlage der Baar wird sich das Klima hier aber voraussichtlich Links oben: Ausschnitt aus der Karte des General- wildwegeplans Baden-Württemberg. Grün: Wildtier- korridore internationaler Bedeutung, gelbe Punkte: Knotenpunkte. Diese Achsen wurden anhand der Be- deutung für landlebende Säugetiere mit Lebensraum- schwerpunkt im Wald ermittelt beziehungsweise geprüft (NGP Baar/Datengrundlage: FVA). Links unten: Die Europäische Hauptwasserscheide stellt die Grenze zwischen dem Einzugsgebiet des Rheines und der Donau dar (NGP Baar). 260 Umwelt und Natur


Die Kornweihe (Circus cyaneus) überwintert regelmäßig im Fördergebiet Birken-Mittelmeß. vergleichsweise wenig erwärmen und nicht trockener werden. Deswegen können die Baar und die Baaralb wichtige Rückzugsräume (Refu- gialräume) für klimasensible Artengruppen mit unterschiedlichsten Lebensraumansprüchen bieten. Die Wanderungen können aber nur er- folgen, wenn die von den Arten benötigten Bio- tope entsprechend miteinander, beispielsweise durch geeignete Trittsteine, verbunden sind. Besondere Lebensräume und Arten Auf der Baar gibt es eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen Biotoptypen beziehungswei- se Biotoptypenkomplexen, also unterschiedli- che Biotoptypen, die kleinräumig miteinander verzahnt sind: § Hoch- und Übergangsmoore § Streuwiesen, Kleinseggenriede und tro- ckene Moorränder § Feucht- und Nassgrünland § Großseggenriede und Röhrichte § Artenreiche Tannenmischwälder der Zen- tralbaar § Lichte Eichen- und Buchenwälder und Re- likt-Kiefern-Wälder § Magerrasen und trockene Säume Jeder dieser Biotoptypenkomplexe wäre es wert, an dieser Stelle eine ausführliche Würdigung zu erhalten. Im Folgenden werden beispielhaft zwei Komplexe kurz vorgestellt. Feucht- und Nassgrünland Diese Biotoptypen finden sich innerhalb der Gebiete Bregtal, Mönchsee-Rohrmoos und Aitrachtal, aber auch im Gebiet Birken-Mittel- meß. Die feuchten und nassen Wiesen sind, wie der Name vermuten lässt, vom Wasser geprägt und, zumindest zeitweise, nass bis sehr nass. chance.natur – Bundesförderung Naturschutz Das Förderprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) „chance.natur – Bundesförderung Natur- schutz“ besteht seit 1979 und dient dem Schutz und der langfristigen Sicherung national bedeutsa- mer und repräsentativer Naturräume mit gesamt- staatlicher Bedeutung. Insgesamt wurden durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit den Mit- teln des BMUB bisher 77 Naturschutzgroßprojekte (NGP) in das Förderprogramm aufgenommen. Seit März 2013 werden Teile der Baar und der Baaralb aufgrund ihrer gesamtstaatlichen und internationalen Bedeutung für den Naturschutz, als „Naturschutzgroßprojekt Baar“ gefördert. Das Projekt ist erst das sechste und im Jahr 2016 das einzige noch laufende NGP in Baden-Württemberg. Der Projektträger Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist Initiator und Pro- jektträger des Naturschutzgroßprojektes Baar. Im Februar 2012 stellte der Landkreis den Antrag auf Förderung des NGP Baar. Nach intensiver Prüfung der Antragsunterlagen und erfolgten Ergänzungen lagen Ende März 2013 die Förderbescheide des BfN und des Regierungspräsidiums Freiburg vor. Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz im Umwelt- zentrum Schwarzwald-Baar-Neckar auf der Mög- lingshöhe (ehemaliges Gelände der Landesgarten- schau Villingen-Schwenningen 2010). Die Beteiligten Am Naturschutzgroßprojekt sind neun Kommunen im Schwarzwald-Baar-Kreis und eine weitere im Landkreis Tuttlingen beteiligt. Im Einzelnen sind das die folgenden zehn Städte und Gemeinden: Bad Dürrheim, Blumberg, Bräunlingen, Brigachtal, Donaueschingen, Geisingen, Hüfingen, Königsfeld, Mönchweiler und Villingen-Schwenningen. Naturschutzgroßprojekt Baar 261


Links: Feucht- und Nassgrünland – Auf den frisch gemähten Wiesen der Baar kann man den Weißstorch wie- der häufiger beobachten. Rechts: Magerrasen und trockene Säume sind auch am Fürstenberg zu finden. Diese Standorte bieten meist nur flachgründige Böden und sind dementsprechend wasser- und nährstoffarm. Zusätz- lich sind es oftmals steile Bereiche, die schlecht zu bewirtschaften sind. Entsprechend müssen die vorkommenden Pflan- zenarten sehr nässetolerant sein. Typisch sind hier Sauergräser, zum Beispiel Seggen, die an diese Standortbedingungen sehr gut angepasst sind. Zum Erhalt ihres naturschutzfachlichen Wertes müssen diese Flächen extensiv genutzt beziehungsweise gepflegt werden. Daher wer- den sie meist zweimal im Jahr gemäht, wobei der erste Schnitt oft im Juni und der zweite Schnitt im August oder September erfolgt. Al- ternativ findet eine einmalige Mahd in Verbin- dung mit einer späteren Beweidung statt. Die dichten und hochwüchsigen Wiesen sind sehr arten- und damit auch blütenreich. Auffällig sind dabei zum Beispiel die purpur- farbene Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare), die gelbblühende Trollblume (Trollius europaeus) oder die blaue Sibirische Schwertlilie (Iris sibiri- ca). Vereinzelt ist auch die seltene Schachblume (Fritillaria meleagris) anzutreffen, die tatsäch- lich wie ein Schachbrett gemustert ist. Eine auffällige Vogelart, die die Feucht- und Nasswiesen regelmäßig zur Futtersuche anfliegt, ist der Weißstorch (Ciconia ciconia). Das Braun- kehlchen (Saxicola rubetra) hingegen ist, vor al- lem aufgrund seiner geringeren Größe, deutlich weniger gut zu beobachten. Als Besonderheiten aus der Insektenwelt sind der Randring-Perlmut- terfalter (Boloria eunomia) und die Wanstschre- cke (Polysarcus denticauda) zu nennen. Magerrasen und trockene Säume Die arten- und strukturreichen Magerrasen und trockenen Säume sind oft dem eigentlichen Wald rand vorgelagert. Zu finden sind diese Bio- tope unter anderem in den Gebieten Pfaffenholz, Baar alb bei Fürstenberg und Baaralb bei Geisin- gen. Es ist oft der steiler werdende Übergangs- bereich zwischen Acker- oder Grünlandnutzung zum Wald. Meist sind diese Standorte flachgrün- dig und trocken. Bevorzugt kommen dort Arten vor, die licht- und wärmebedürftig sind. Kleinräumig wechseln in diesem Übergangs- bereich die Standortbedingungen für die Tier- und Pflanzenwelt und es sind sowohl Arten des Offen- landes als auch des Waldes anzutreffen. Deshalb sind die vorgelagerten Magerrasen und Säume 262 Naturschutzgroßprojekt Baar


FEUCHT- UND NASSGRÜNLAND 2 5 4 1 Die Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica): Die auffällige und sel- tene Pflanze wächst vor allem in wechselfeuchten und nassen Wiesen. 2 Nur ca. vier Monate im Jahr sind die bodenbrütenden Braun- kehlchen (Saxicola rubetra) bei uns. 3 Die seltene Schachblume (Fritillaria meleagris) ist ein Lilienge- wächs und blüht von April bis Mai. 4 Die Trollblume (Trollius europaeus) ist auf Feuchtwiesen, aber auch in Bruch- und Auenwälder zu finden. 5 Auffällig ist der große sattelförmige Halsschild der Wanstschre- cke (Polysarcus denticauda), die bis zu 44 Millimeter groß wird. 6 Das Verbreitungsgebiet der Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare) liegt in Deutschlands Süden und in den Alpen. 7 Der Randring-Perlmutterfalter (Boloria eunomia) bevorzugt ex- tensiv genutztes Feuchtgrünland. 1 3 6 7 XXX 263


in der Regel sehr artenreich. Da der Ertrag auf solchen Flächen in der Regel gering ist, wurden diese Flächen traditionell meist nur einmal im Jahr und dann oft erst im Juli oder August gemäht. Eine Charakterart der trockenen Säume ist der Blutrote Storchschnabel (Geranium sangui- neum). Daneben kommen aber der Kreuz-En- zian (Gentiana cruciata), die Ästige Graslilie (Anthericum ramosum), das Alpenmaßliebchen (Bellidiastrum michelii) oder die Kleine Spin- nen-Ragwurz (Ophrys araneola) vor. Als herausragende vorkommende Tierarten seien die beiden Schmetterlinge Kreuzenzian- Ameisenbläuling (Maculinea rebeli) und Roter Scheckenfalter (Melitaea didyma) genannt. Ein typischer Vogel der Waldränder beziehungs- weise der Übergangsbereiche ist der Neuntöter (Lanius collurio). Vorkommen geschützter und seltener Arten Auf der Baar wurden 174 Farn- und Blütenpflan- zen der aktuellen Roten Liste und Vorwarnliste Deutschlands nachgewiesen. Darunter befinden sich 28 stark gefährdete und 95 gefährdete Ar- ten. Hinzu kommen noch 21 Arten, die deutsch- landweit als ungefährdet gelten, aber in der Ro- ten Liste Baden-Württemberg in die Kategorie 3 (gefährdet) eingestuft sind. Auf der Baar konnten in den Offenlandgebie- ten bisher 35 Arten der bundesdeutschen Roten Liste und Vorwarnliste beobachtet werden. Die Tagfalterfauna der Baar ist besonders artenreich ausgeprägt, es konnten bisher Vorkommen von 65 Arten der bundesweiten Roten Liste und Vor- warnliste dokumentiert werden, darunter auch fünf vom Aussterben bedrohte Arten. Die nebenstehende Tabelle gibt einen klei- nen Einblick in die lange Liste der seltenen vor- kommenden Arten der Baar. Die Fördergebiete Im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes Baar gibt es 17 Fördergebiete, die zusammen eine Fläche von rund 4.690 Hektar umfassen. Sie stellen gemeinsam eine Fördergebietskulisse dar, innerhalb derer Naturschutzmaßnahmen gefördert werden können. Mit dem Brigachtal ist ein 18. Fördergebiet vorgesehen, so dass sich die Fläche auf rund 4.925 Hektar vergrößern könnte. Die Fördergebiete im NGP Baar werden in Moor- und Waldfördergebiete unterschieden, was den Charakter des jeweiligen Gebietes wi- derspiegelt. So sind oder waren die Moorförder- gebiete im Untergrund, also dem Boden, von Hoch- oder Niedermoor geprägt. Sie sind mehr oder weniger stark von Wasser beeinflusst und umfassen zum überwiegenden Teil Offenland- bereiche. Es gehören aber auch Wälder, zum Bei- spiel im Plattenmoos, dazu. Zu den Waldfördergebieten gehören vor allem Wälder und Waldränder, aber in der Regel auch vorgelagerte Grünlandbestände. Wald- fördergebiete stellen keine reinen Waldbestän- de dar. Rote Liste D BW Farn- und Blütenpflanzen Strauch-Birke Rosmarin-Seidelbast Busch-Nelke Rundblättriger Sonnentau Kleine Spinnen-Ragwurz Mehlprimel Spatelblättriges Greiskraut Moose Vielblütiges Goldschlafmoos Glänzendes Filzschlafmoos Avifauna Krickente Kornweihe Wachtelkönig Grauammer Braunkehlchen Schmetterlinge Randring-Perlmutterfalter Großes Wiesenvögelchen Blauschillernder Feuerfalter 2 2 2 3 2 3 3 2 2 3 2 2 3 3 2 1 1 2 2 2 3 2 2 2 2 2 1 1 1 2 1 3 1 1 1 = vom Aussterben bedroht, 2 = stark gefährdet, 3 = gefährdet 264 Naturschutzgroßprojekt Baar


MAGERRASEN UND TROCKENE SÄUME 2 1 Eine Charakterart der trockenen Säume ist der Blutrote Storchschnabel (Geranium sanguineum). 2 Der Neuntöter (Lanius collurio), auch Rotrückenwürger genannt, ist bekannt dafür, dass er Beutetiere auf Dor- nen aufspießt. 3 Ein Kreuzenzian-Ameisenbläuling (Maculinea rebeli) bei der Eiablage. Die geschlüpften Larven ernähren sich von den Blütenknospen und müssen später von Knoten- ameisen gefüttert werden. 4 Die Kleine Spinnen-Ragwurz (Ophrys araneola) kommt vor allem in Trockenrasen, Halbtrockenrasen, an steinigen Hängen und gelegentlich in lichten Kiefernwäldern vor. 5 Das Alpenmaßliebchen (Bellidiastrum michelii) unter- scheidet sich vom Gänseblümchen an den Früchten: Diese sind beim Alpenmaßliebchen behaart und haben einen Pappus. 6 Die Raupe des Kreuzenzian-Ameisenbläuling ernährt sich ausschließlich von den Blüten des Kreuz-Enzians (Gentiana cruciata). 7 Sehr schön zu erkennen ist die Zeichnung der Flügelun- terseiten des Roten Scheckenfalters (Melitaea didyma): Cremefarbene Hinterflügel mit zwei orangenen Binden und einer Vielzahl von schwarzen Flecken. 8 Eine typische Art der trockenwarmen Säume ist die Äs- tige Graslilie (Anthericum ramosum). 8 265 1 4 6 7 3 5 XXX


Der Unterhölzer Weiher im abendlichen Gegenlicht. Im Bereich der Verlandungszonen bilden sich häufig Röh- richte, die für Amphibien und Vögel als Lebensraum von Bedeutung sind. Die Ziele des NGP Die folgenden zwei Leitlinien wurden für das Gesamtprojekt formuliert: § § Sicherung und Entwicklung eines klimati- schen Refugialraums außerhalb der hohen Mittelgebirgslagen Schaffung und Aufwertung von Biotop- verbundstrukturen für vertikale und hori- zontale Wanderbewegungen Die Bedeutung der Baar als Refugialraum im Zeichen des Klimawandels wurde bereits beschrieben. Die Sicherung und Entwicklung dieses Refugialraumes ist gleichzusetzen mit dem Schutz, der Verbesserung und Schaffung von Biotopen, wodurch auch der Biotopverbund gestärkt wird. Ausgehend von diesen Zielen wurden die Leit- und Zielarten ausgewählt, die zum Beispiel zu den klimasensitiven Arten ge- hören oder Indikatorarten des Zielartenkonzep- tes (ZAK) Baden-Württembergs sind. Ein „Nebenziel“ ergibt sich aus der geplan- ten Wiedervernässung von Mooren und der Ex- tensivierung der Moor- und Grünlandnutzung. Für den Moorabbau wurden die Moore entwäs- sert. Gleiches gilt auch für die Niedermoorbö- den in den Talauen, die sehr oft nur deshalb be- wirtschaftet werden können. Nach der Entwäs- serung der Moorkörper und der anschließenden land- oder forstwirtschaftlichen Nutzung wird der Torf zersetzt. Dabei werden große Mengen an schädlichen Treibhausgasen, zum Beispiel Kohlendioxid und Lachgas, freigesetzt. Durch eine Wiedervernässung und Nutzungsextensi- vierung kann der Zersetzungsprozess gestoppt oder zumindest verlangsamt werden. Das weitergehende Ziel ist es aber die Moore zu neuem Wachstum anzuregen. Wach- sende Moore bilden Torf. In diesem werden Kohlenstoff und Stickstoff aus der Atmosphäre gebunden und damit klimaschädliche Gase in der Atmosphäre reduziert. Aber auch im Wald wird Kohlendioxid gebunden, weshalb sich der Erhalt von alten Wäldern ebenfalls positiv auf das Klima auswirkt. Moore und Wälder sind also wertvolle natürliche Kohlenstoffsenker. Auf den Punkt gebracht: Ziel des Natur- schutzgroßprojektes Baar ist die Stärkung des Biotopverbundes durch die qualitative und quantitative Verbesserung der bestehenden Lebensräume (Biotope) für gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig soll durch die Wie- dervernässung und Extensivierung der Moor- und Grünlandnutzung sowie durch den Schutz der Wälder ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden. 266 Umwelt und Natur


Abendstimmung im Naturschutzgebiet Birkenried-Mittelmeß. Hier kommt die deutschlandweit stark gefährde- te Strauch-Birke (Betula humilis) vor. Der Ablauf Projekt II: Umsetzung des PEPL Ein Naturschutzgroßprojekt gliedert sich in zwei Teilprojekte: Projekt I: Planung – Erstellung des Pflege- und Entwicklungsplans (PEPL) Der Pflege- und Entwicklungsplan für das NGP Baar wird bis 2016 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landschaft und Umwelt (ILU) der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtin- gen-Geislingen (HfWU) erarbeitet. Für diesen wird eine ökologische Bestandserhebung auf Grundlage einer umfangreichen Analyse des Planungsraumes durchgeführt, damit ein mög- lichst komplettes naturschutzfachliches Bild des Plangebietes entsteht. Bereits mit dem Entwurf des Pflege- und Entwicklungsplanes erfolgt eine intensive Abstimmung mit den beteiligten Kommunen, Behörden und Interessenverbänden. Auch finden schon erste Abstimmungen mit den Flächen eigentümern und -bewirtschaftern statt. Am Ende des Prozesses soll dann ein PEPL vorliegen, der von allen Beteiligten mitgetragen wird. Nach Fertigstellung und einvernehmlicher Verabschiedung des PEPL durch Bund, Land und Projektträger kann der Antrag auf Förderung des Projektes II (Umsetzungsphase) gestellt werden. Die Umsetzung des Pflege- und Entwicklungs- planes ist für das NGP Baar nach erfolgreicher Antragstellung für den Zeitraum 2016 bis 2024 geplant. Dabei sollen die Maßnahmen mit dem Ziel umgesetzt werden, die Gebiete auf hohem Niveau zu entwickeln und zu sichern. Die Maßnahmen Die Bearbeitung des PEPL wird voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2016 abgeschlossen sein. Denkbare Maßnahmen sind: § Waldumbau und -auflichtung § Gewässermaßnahmen zur Erhöhung der Dynamik und Strömungsdiversität § Rückbau von Querbauwerken § Verbesserung der Durchwanderbarkeit von Gewässern § Reaktivierung von Altarmen § Sperrenbau in Mooren zur weiteren Steu- erung des Wasserhaushaltes § Optimierung des Wasserhaushaltes von Feucht- und Nassgrünland § Aufnahme der extensiven Nutzung von Brachen Naturschutzgroßprojekt Baar 267


Diese Fläche wurde durch einen Pflegeeinsatz des Schwarzwaldvereines von Gehölzen befreit (Enthurstung). Dabei kamen Heckenscheren und Motorsensen zum Einsatz. Die „Berge“ von Material wurden später von Mitar- beitern des Forstamtes abgefahren. § Maßnahmen zur Förderung einzelner Arten § Verbesserung der bestehenden Nutzung von Grünland § Optimierung der Offenlandpflege Hinzu kommen Maßnahmen, die im PEPL noch nicht einzelnen Flächen zugeordnet werden können. Grundsätzlich soll die Extensivierung der Nutzung innerhalb der Fördergebiete ange- strebt werden. Denkbar sind dabei auch klein- flächige Maßnahmen im Bereich der Gewässer (Gewässerrandstreifen), am Ackerrand, Herstel- lung von Blühstreifen, Extensivierung der Grün- landnutzung, naturnahe Waldbewirtschaftung oder die Ausweisung von Prozessschutzflächen im Wald. Beispiele sind die Fördergebiete Platten- moos und Baaralb bei Geisingen. Die folgenden Ausführungen beruhen aber auf ersten Überle- gungen, die vor Fertigstellung der Kartierarbei- ten gemacht wurden. Im Fördergebiet Plattenmoos wird ein Ziel sein, die bestehenden Fichtenforste zu Moor- wald umzubauen. Hierzu wird die Entnahme von Fichten notwendig werden. Durch diese Maßnahmen kann auch die Spirke oder Moor- kiefer (Pinus mugo subsp. rotundata) gefördert werden. Auch sollen die hydrologischen Ver- hältnisse im Sinne eines Moores verbessert werden. Dies wird wahrscheinlich durch die Verbesserung bestehender Grabensperren und dem Bau neuer Sperren erfolgen. Magerrasen und lichte Waldränder als Über- gang zum Wald werden wesentliche Ziele im Eine ältere Sperre im Naturschutzgebiet Plattenmoos. Solche Sperren werden in Entwässerungsgräben er- richtet, um den Grundwasserspiegel in einem Gebiet anzuheben. Innerhalb des NGP Baar werden die be- stehenden Sperren überprüft, gegebenenfalls verbes- sert und durch weitere Sperren ergänzt. 268 Umwelt und Natur


Die Beweidung mit Schafen wird vor allem zur Offenhaltung von Flächen durchgeführt. Oft werden in den Schafherden auch Ziegen mitgeführt, da diese verstärkt Gehölze verbeißen. Fördergebiet Baaralb bei Fürstenberg sein. Dies bedeutet, dass an vielen Stellen, zum Beispiel nach einer Enthurstung (Entfernung der Gehöl- ze), eine extensive Nutzung etabliert werden muss. Die Waldränder könnten in ihrer Artenzu- sammensetzung verändert (Waldumbau) und aufgelichtet werden. Dadurch entsteht für viele Arten des Offenlandes und des Waldes ein inte- ressantes Mosaik von Lebensräumen. Projektes beziehungsweise der durchgeführten Maßnahmen ist verpflichtend. Nach Abschluss des Projektes II, und das ist ein zentraler Punkt im Förderprogramm „chance.natur“, ist der Projektträger und das Land für die Betreuung der Flächen verantwort- lich. Damit soll die dauerhafte Sicherstellung der Projektziele erreicht werden. Die Maßnahmenumsetzung Jede einzelne Maßnahme, die im Pflege- und Entwicklungsplan für das Naturschutzgroßpro- jekt Baar aufgenommen wird, kann nur mit der Zustimmung des Flächeneigentümers und des Bewirtschafters umgesetzt werden. Letzteres ist vor allem für die Landwirtschaft von großer Bedeutung, da der Anteil an gepachteter Fläche bei einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben bei 70 Prozent liegt. Die oben beschriebenen Maßnahmen die- nen dem Biotopmanagement. Darüber hinaus könnten aber auch Fördermittel für projektbe- gleitende Informationsmaßnahmen, den An- kauf und die langfristige Pacht von Grundstü- cken verwendet werden. Ausgleichzahlungen wären ebenso möglich. Eine Evaluierung des Zum Schluss Mit der Zustimmung vieler Beteiligten ist natür- lich die Hoffnung verbunden, dass die Akzeptanz des Naturschutzgroßprojektes Baar in der Region groß ist. Nur dann können möglichst viele der geplanten Maßnahmen umgesetzt und die ge- steckten Ziele gemeinsam erreicht werden. Zunächst muss aber das Projekt I erfolgreich abgeschlossen und der Antrag für Projekt II ge- stellt und bewilligt werden. Natürlich werden nicht alle Konflikte zwi- schen den unterschiedlichen Nutzern der Land- schaft gelöst werden. Aber zusammen besteht die einmalige Chance viel für den Erhalt der Landschaft, der Biotope und der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt zu erreichen. Dazu könn- ten in der Umsetzungsphase rund 5 Millionen Euro bereit stehen! Naturschutzgroßprojekt Baar 269


Am Rohrbacher Stöcklewaldturm: Fernsicht bis zum Montblanc Einblicke – Ausblicke von Wolf Hockenjos


Der 1894 für 8.000 Goldmark erbaute, rund 25 Meter hohe Stöcklewald- turm in Furtwangen-Rohrbach gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen im Schwarzwald-Baar-Kreis. Der Turm steht auf 1.069 Meter Meeres- höhe und bietet einen herrlichen Ausblick über den Landkreis: Schonach, Triberg, St. Georgen, Villingen-Schwenningen, das Brigachtal, Öfingen und selbst der Fürstenberg sind von hier auszumachen. Und natürlich treten an klaren Tagen die Alpen – von der Zugspitze bis zum Montblanc – und die Vogesen hervor. Der Stöcklewaldturm geht auf die Ortsgruppe Triberg des Schwarzwald vereins zurück, die ihn im Mai 1895 einweihte. 1958 wur- de der am Mit telweg Pforzheim-Waldshut und Ortenau-Baar-Querweg liegende Aussichtsturm um ein Wanderheim erweitert. 271


Der Stöcklewaldturm hat herrliche Rundblicke zu bieten, hier in Richtung Triberg/St. Georgen. Die wahren Pioniere des Schwarzwälder Fremdenverkehrs waren Triberger. Zwei von ihnen, Gastwirt Wehrle und Posthalter und Brauereibesitzer Neef, gehörten zu den sieben Gründungsmitgliedern, die 1864 in Freiburg den „Badischen Verein von Industriellen und Gast- wirten“ aus der Taufe gehoben haben, der noch im nämlichen Jahr in „Schwarzwaldverein“ um- benannt wurde. Kein Wunder: Dank Wasserfall und nobler Gastronomie, auch der spektaku- lären Schwarzwaldbahn, ist Triberg einer der „größten Glanzpunkte des Schwarzwaldes“, wie Schnars Neuester Schwarzwaldführer aus dem Jahr 1908 zu berichten weiß. Vereinszweck des ältesten deutschen Gebirgs- und Wandervereins war es, „den Schwarzwald und die angrenzenden Gebiete immer bekannter und zugänglicher zu ma- chen“. Als der in Freiburg ansässige Schwarz- waldverein 1883 beschloss, sich in Ortsgruppen (Sektionen) zu gliedern, waren die Triberger erneut unter den Allerersten, hatte man doch bereits 1875 ein „Verschönerungs-Comité“ und nachfolgend einen „Verschönerungsverein“ gegründet, der sich der Verschönerung des Landschaftsbilds und der touristischen Erschlie- ßung mit Wanderwegen, Ruhebänken und Aus- sichtspavillons verschrieben hatte. Den musste man nun nur noch umbenennen in Schwarz- waldverein Ortsgruppe Triberg. Drei Norweger auf Schneeschuhen Dass die Triberger auch den Wintertourismus schon früh ins Auge gefasst hatten, versteht sich von selbst. Im benachbarten Schönwald hatten schon um 1880 drei norwegische Stu- denten im Gasthaus Hirschen logiert und mit ihren Schneeschuhen erste Spuren gezogen und dabei großes Aufsehen erregt. Was dazu führte, dass 1910 in Triberg eine erste Internationale Wintersportausstellung veranstaltet wurde, bei welcher der Schollacher Erfinder des ersten 272 Umwelt und Natur


Skilifts der Welt, Schneckenwirt Robert Winter- halder, ein nicht von Wasserkraft, sondern von einem Elektromotor angetriebenes Modell vor- stellte. Zwei Jahre darauf wurde auch noch eine Bobbahn eröffnet. Im Tourismusgeschäft galt die Schweiz damals als großes Vorbild; zumal in Triberg, dessen Wasserfall als der schönste außerhalb der Alpen gepriesen wurde. „Sein Charakter“, so steht es noch im 1870 erschienenen Reiseführer von Dr. G. v. Seydlitz „Neuer Wegweiser durch den Schwarzwald“, „ist der des berühmten Brienzer Giesbaches, denn wie sein, freilich grö- ßerer, schweizer Genosse, ergreift er besonders durch seine malerische Schönheit, die Gruppie- rung v. Wald auf Felsterrassen, über welche er in sieben Hauptcascaden herabstürzt.“ Schon vor der Jahrhundertwende war in der Ortsgruppe der Wunsch nach einem Aussichts- turm laut geworden. Der Bau von Aussichtstür- men war damals mächtig in Mode gekommen, weniger der heimischen Landschaft, sondern vorzugsweise der Alpensicht wegen. Dass je- doch gerade den Bewohnern des Triberger Tal- kessels der Sinn nach freiem Ausblick stand, ist ihnen auch heute durchaus noch nachzuemp- finden. 1894 leistete sich die Ortsgruppe für stolze 8.000 Gulden einen 25 m hohen steinernen Rundturm, erbaut auf dem Stöcklewaldkopf in 1.069 m Meereshöhe auf Rohrbacher Gemar- kung und aus dem hier anstehenden Buntsand- stein-Konglomerat und einem oberen Abschluss aus Granit. Um die Alpen nicht zu verpassen, war dem nächstgelegenen Höhenlandwirt, dem „Galgenbauer“, auf Anregung Triberger Wirte eine Telefonanlage zur Verfügung gestellt wor- den, der ins Tal zu melden hatte, wann immer mit Fernsicht zu rechnen war. 127 Treppenstufen bis zum Rundblick Doch auch dem Rundblick von der über 127 Treppenstufen zu erklimmenden Plattform des Turms wird im 1909 erschienenen Schwarz- waldführer von Julius Wais überschwängliches Lob gezollt, nicht anders als in den Internet-Kom- Stöcklewaldturm 273


Blick in Richtung Fuchsfalle/St. Georgen. Unten: Der 25 Meter hohe Stöcklewaldturm. mentaren der Gegenwart. Der Führer zählt sogar lückenlos die Namen aller am Horizont auszumachenden Gipfel rundum auf, vom Drei- fürstenstein in der Schwäbischen Alb über die gesamte Alpenkette hinweg, weiter über Hoch- first, Feldberg, Brend samt ihren jeweiligen Tür- men, über Kandel, Rohrhardsberg bis schließlich zur turmbewehrten Hornisgrinde.Genauso ist es auch heute noch der oben angebrachten Ori- entierungstafel zu entnehmen. Schon der Zugang von Triberg herauf über Geutsche und Fuchsfalle wird hier als besonders aussichtsreich beschrieben – nicht ohne Erwäh- nung der 1721 errichteten Galgensteine, des einstigen Hochgerichts der Triberger Herrschaft. Ob der so exponierte Standort des Galgens le- diglich der Abschreckung diente oder ob damit dem Delinquenten der Abschied von den Schön- heiten dieser Welt noch besonders schwer ge- macht werden sollte, darüber mag man heute mit Schaudern spekulieren. Der Tatendrang der Triberger Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins sollte auch nach dem Turmbau nicht erlahmen. Schon 1924 entstand an der Rohrbacher Straße ein Wanderheim (die spätere „alte Jugendherberge“) und im Jahr 1951, kurz nach Wiedergründung des von den 274 274 Umwelt und Natur


Zahnartig ragt in der Mitte links der Gremmelsbacher Schlossfelsen aus dem Fichtenmeer heraus. Alliierten zwischenzeitlich verbotenen Vereins, befasste man sich erneut mit den Plänen für ein Wanderheim, diesmal realisiert als Anbau an den vereinseigenen Stöcklewaldturm – für den Verein ein weiteres wagemutiges Unterfangen, zumal es anfangs noch am Wasser- und Strom- anschluss fehlte. Obwohl das Haus seit 1958 verpachtet ist, erwies es sich doch als dicker Klotz am Bein des Kassenwarts, der ohne Landesmittel nicht zu stemmen gewesen wäre. Doch echte Entlastung gab es erst in den 1980er-Jahren durch den Be- trieb einer Antennenanlage auf der Turmspitze, die von den Behörden für Sicherheitsaufgaben (BOS) für Feuerwehr, THW, Polizeifunk und Rettungsdienst genutzt wird, seit 2011 auch als Relaisstation für den Digitalfunk. Für freundliche Bewirtung sorgt im Wanderheim die Pächterin Katrin Heinzmann (rechts) mit ihrem Team, bestehend aus Sarah Fehrenbach und Claudia Muckle. Unten: Die Antennenanlage auf der Turmspitze dient der Sicherheit: Viele Rettungsdienste im Landkreis empfangen ihre Signale über diese Antennen. Stöcklewaldturm 275


Panoramablick in Richtung Schonach /Triberg. Das Oberzenturm Villingen-Schwenningen im Abendlicht. Vorne rechts ist Unterkirnach, rechts hinten in der Wanderheim und Vesperstube Das Wanderheim zu Füßen des Stöcklewald- turms firmiert mittlerweile vorwiegend als Ves- perstube (Dienstag Ruhetag, im Winter montags und dienstags), denn obwohl zwei überörtliche Wanderwege des Schwarzwaldvereins (der Mit telweg Pforzheim – Waldshut und der Orte- nau-Baar-Querweg) hier vorbei führen, machen Wanderer nach Auskunft der 22 Jahre jungen Wirtin, nur noch einen Bruchteil der ohnehin sel- tenen Übernachtungsgäste aus. „In dieser Hüt- te“, so lautet ein Spruch über einem der Tische, „soll Natur Hausmutter sein!“ Katrin Heinzmann vom nahen Hirzbauernhof fungiert im ersten Jahr als Pächterin und will ihr Engagement an diesem exponierten Ort fortsetzen. Doch die Zeit schlichter Wanderheimroman- tik scheint im Schwarzwald abgelaufen zu sein. Die Gäste sind zuallermeist Motortouristen, die 276 Umwelt und Natur


Bildmitte das Schwarzwald-Baar-Klinikum zu sehen. In der Ferne kann man die Schwäbische Alb ausmachen. vom 500 m entfernten Parkplatz heraufspaziert kommen – sofern sie sich nicht vom Verbots- schild davon abhalten lassen, sogar bis zum Turm herauf zu fahren. Von weiter her kommen, mit nass geschwitzten, knallig bunten Trikots, die Mountainbiker. Nächstens wird man hier beim Radeln gewiss auch die Akkus der E-Bikes wieder aufladen können. Die Ortsgruppe Triberg des Schwarzwaldver- eins nimmt den Trubel in und um die Vesperstu- be dankbar zur Kenntnis; sie scheint sich mit der touristischen Neuzeit arrangiert und ausgesöhnt zu haben. Im Turm steht der Ersatz des verroste- ten Geländers durch eine Edelstahlkonstruktion an, weiter sollen die Fenster erneuert werden – auch die Beleuchtung wartet auf Verbesserung. Jetzt muss der Vereinsvorstand nur noch beschließen, ob man den Obolus für die Turmbe- steigung auf einen Euro anheben wird – egal ob bei Alpensicht oder Nebel. Stöcklewaldturm 277


Fliegenfischen an der Breg bei Vöhrenbach von Christian Kuchelmeister Die Breg bei Vöhrenbach ist bei Fliegenfischern begehrt. Der Haupt- quellfluss der Donau weist in diesem Bereich eine Breite von drei bis acht Metern auf. Der reiche Bestand an Bach- und Regenbogen- forellen kommt in allen Altersstufen vor. Für Angler aus ganz Deutsch- land und darüber hinaus besonders interessant: Die Strecke gilt als sehr abwechslungsreich, denn ruhige Staube reiche wechseln sich mit flotten Abschnitten – es finden sich flache Rieselstrecken und tiefe Rinnen. Somit alles, was das Herz eines Fliegenfischers erfreut. 278 13. Kapitel – Freizeit


Beim Fliegenfischen an der Breg. Gefischt wird auch im strömenden Regen. Erst auf den zweiten Blick auszumachen sind die im Wasser stehenden Bachforellen. Links beim Landen des Fangs. 279


Fürs Fliegenfischen an der Breg vorbereitete Köder. Fliegenfischen gilt als die Königsdisziplin des Angelsports – die Kunst besteht darin, mit Insektenimitationen die Fische zu überlisten. Anders als beim normalen Angeln wird beim Fliegenfischen kein Blei zum Auswerfen des Köders benutzt: Da die leichte Fliege am Vor- fach ohne Gewicht nicht ausgeworfen werden könnte, braucht es hierfür eine spezielle Flie- genschnur. Durch die rhythmischen Bewegungen der Fliegenrute werden die Schnur und der Köder in der Luft gehalten. Beim Werfen kommt es darauf an, im richtigen Augenblick die Fliege so natürlich wie nur möglich auf dem Wasser abzulegen – und die an den Angelhaken ange- bundene Fliege soll so nahe wie möglich bei den Ein erster Fang in Vöhrenbach. 280 Fischen landen, um dann einer lebenden Fliege täuschend ähnlich auf sie zuzutreiben. Fliegenfischen ist eine Kunst und gilt ein Stück weit auch als Lebenseinstellung. Mit der Natur und den Fischen wird dabei sehr sorgsam umgegangen. Es geht den Anglern um mehr, als die erlaubte Zahl von Fischen möglichst schnell auf die Schuppen zu legen, wie es in der Fach- sprache heißt. Vielmehr steht das Gesamterleb- nis im Vordergrund, das Angeln im Einklang mit der Natur. Für viele ist Fliegenfischen wie Meditation: das Plätschern des Wassers, das Beobachten der Tiere und die Aktivitäten am Wasser – die Sinne müssen ganz bei der Sache sein, das per- fekte Zusammenspiel von Wurf, Fließrichtung und Fließgeschwindigkeit entscheidet über den Erfolg. Schnappt der Fisch das vermeintliche Insekt auf dem Wasser, muss mit dem Anhieb in Bruchteilen einer Sekunde reagiert werden, da- mit man den Fisch an den Haken bekommt. Gewässer wie die Breg sind für die Fischerei mit der Fliegenrute ideal, ihre überschaubare Breite ist zum Werfen mit der Fliegenrute wie geschaffen. Die abwechslungsreichen Gewäs- sertiefen, gepaart mit sehr schönen Rauschen und Kehren, macht die Fischerei auf die wun- derschön gezeichneten Bachforellen in dem zir- ka sechs Kilometer langen Stück in Vöhrenbach/ Hammereisenbach sehr interessant. Freizeit


Eine historische und eine aktuelle Ausrüstung zum Fliegenfischen. Zur Geschichte des Fliegenfischens Archäologen gehen davon aus, dass vor rund 30.000 Jahren die Angelhaken erfunden wur den. Erzählungen von Claudius Aelianus bestätigen, dass im Jahre 200 n. Chr. im Fluss Astracus in Mazedonien mit roter Wolle und Hahnenfedern an metallenen Angelhaken auf Fische geangelt wurde. Am Ende des 15. Jahrhunderts beschreibt Juliana Berner, Äbtissin eines Benediktinerin- nen-Klosters, im Detail, wie mit künstlichen Fliegen auf Forellen und Lachse zu angeln sei. Ihr zufolge sollte ein Fliegenfischer vor allem auch ein echter Idealist sein, ein Philosoph und ein Verehrer der Natur. Die Angelruten wurden aus biegsamen Stöcken hergestellt, die Schnüre aus Pferdehaa- ren geflochten. Um ihre Schwimmfähigkeit zu erhöhen, hat man sie mit Fett eingerieben. Angelrollen gab es bis ins 17. Jahrhundert hi nein nicht. Die Schnüre wurden an die meist sehr unhandlichen, langen Angelruten angeknotet. Heute bestehen die Fliegenschnüre aus Kunststoffen, die ungefettet hervorragend auf dem Wasser schwimmen. Angelrollen werden aus speziellem Aluminium gefertigt. Eine kom- plette Kombination aus Rute, Rolle und Flie- genschnur wiegt deshalb nicht mehr als gerade einmal 250 Gramm. Und noch eine Anmerkung vorneweg: Unter Anglern ist es üblich, über seine Erlebnisse in der Ich-Form zu berichten. Auch diese Form des Erzählens unterstreicht, dass man seinen Sport und die damit verbundene Einstellung durch und durch lebt. Erste Kontakte Schon in der Schule lernt man, dass Brigach und Breg bei Donaueschingen die Donau zuweg bringen. Doch habe ich bis auf diesen Sommer den größten Quellfluss der Donau noch nie zu Gesicht bekommen. Als ich das erste Mal angelnd in der Breg stehe, mache ich mir Ge- danken darüber. Eigentlich ist es schade, dass ich dieses Schwarzwaldflüsschen nicht schon früher besucht habe. Schließlich wohne ich keine 80 Kilometer flussabwärts von Donau- eschingen. Auch führten mich meine fliegen- fischenden Exkursionen bisher nicht an die na- he liegenden Gewässer – doch das soll sich von nun an ändern. Zufällig knüpfe ich Kontakte zum Angelver- ein in Vöhrenbach. Durch die Vermittlung eines Freundes kam ich zu einem Fliegenbindekurs für die Vereinsmitglieder in das Haus von Vorstand Hubert Grieshaber. Es wurden an diesem Abend eifrig Fliegen gebunden und natürlich haben wir gefachsimpelt und von großen Fängen erzählt. Und ein wenig Anglerlatein war gewiss auch Fliegenfischen in Vöhrenbach 281


dabei, was ja auch dazugehört und das Thema „Angeln“ mitunter spannend macht. Was mich besonders freute: Ich bekam eine Einladung zum Fliegenfischen in Vöhrenbach mit auf den Nachhauseweg. Anglerfreuden im Regen Die Breg, wie sie mäandernd durch das Tal fließt, und die Erzählungen der Vöhrenbacher Vereinsmitglieder, gingen mir etliche Male durch den Kopf. So ergeht es einem passio- nierten Fliegenfischer, der es kaum erwarten kann, einen Fisch in einem neuen Gewässer zu überlisten. Dennoch dauerte es einige Wochen, bis ich gemeinsam mit zwei Freunden nach Vöhrenbach fuhr. Die Angelkarten rasch bei Hubert Grieshaber abgeholt, starteten wir bei der Drechslerei Fix. Doch von dem Moment an, als wir von der Brücke aus auf Forellen Ausschau hielten, meinte es Petrus nicht mehr ganz so gut mit uns: Es regnete fortan wie aus Kübeln. „Ech- ten Anglern macht das nichts aus“, munterten wir uns auf. len. Doch nicht wenige Fische waren schlauer als wir – ließen sich von unseren Fliegen nicht überlisten. Gegen Mittag beobachteten wir end- lich Ringe auf der Wasserober fläche, sie werden von den Forellen beim Fressen von Insekten erzeugt. Somit war klar: Die Fische lassen sich trotz des Regens mit Trockenfliegen fangen, was die Krönung der Fliegenfischerei darstellt. Der Schlupf von grauen Eintagsfliegen ging nur langsam vonstatten, der leichte Regen ver- hinderte einen größeren Insektenschlupf – und die Fische nahmen sie nur vereinzelt von der Oberfläche. Doch der Austausch der Nymphe durch eine Trockenfliege wurde dennoch gleich mit dem Biss einer schönen Bachforelle belohnt. Trotz des verregneten Morgens war ich über- glücklich über die bisherige tolle Fischerei. Auch der Gewerbekanal, der durch Vöhren- bach fließt, weckte unser Interesse. Doch wollte er uns seine Forellen nicht Preis geben. Den Grund hierfür erahnte ich wenig später, als mir ein Anwohner erzählte, dass die Forellen im Stadtgebiet oft mit Brot gefüttert werden. Klar, da sind die kleinen Fliegen der Angler keine in- teressante Beute. Doch Hüte und Regenjacken ließen nach Die Fischerei ließen wir mit weiteren Fängen geraumer Zeit das erste Wasser durch – die Näs- se drückte an einigen Stellen bereits durch die gesamte Kleidung. Das Tröstliche und Schöne: Wir fingen einige sehr gute Forellen. Durch den Regen gab es keine Insekten auf dem Wasser, die Insekten bevorzugen schlicht ein besseres Wetter, um zu schlüpfen. Die Forellen fingen wir deshalb mit Imitationen von kleinen Futter- fischen und Nymphen, die das natürliche Futter unter Wasser darstellen. Triefend nass, den Fluss aufwärts fischend, sind wir in Vöhrenbach angekommen. Die Kassiererin der innerorts liegenden Tankstelle machte große Augen, als ein paar Angler mit Angelruten, nasser Bekleidung und hohen Gummistiefeln einen heißen Kaffee bestellten. Wir trieften vor Nässe, als wären wir durch die Waschstraße gelaufen. flussaufwärts ausklingen. Zufrieden wurde bei der Nachhausefahrt über den Verlauf des Tages diskutiert. Für mich war klar, ich werde die Breg wieder besuchen, zumal ich ja nur den oberen Abschnitt befischt hatte. Hitzerekorde und endlich wieder fischen Da der Sommer mit Hitzerekorden glänzte, verzögerte sich der nächste Besuch. Der Was- serstand der Breg war enorm gefallen und für eine erfolgreiche Fischerei vielleicht zu gering. Nach ein paar Regenfällen Ende Juli war es so- weit: Die Breg war wieder befischbar. Diesmal besuchte ich den Schwarzwaldfluss mit meinem Freund Melchior, der spontan aus der Schweiz anreiste. Mit leicht getrockneter Kleidung fischten wir Innerhalb einer halben Stunde organisierte anschließend innerorts weiter. An jeder Stelle, an der wir einen Fisch vermuteten, fingen wir tatsächlich sehr schöne, rot getupfte Bachforel- ich uns eine Übernachtungsmöglichkeit und weitere Angelkarten in Vöhrenbach. An der un- teren Gewässergrenze beim Einlauf der Linach 282 Freizeit


Wasserinsekten wie Eintagsfliegen finden sich an der Breg sehr häufig, rechts eine Imitation. Von der Kunst des Fliegenbindens Wasserinsekten dienen den Fischen als Lebensgrundlage – ihre Gier nach diesen Körperteile der Insekten wie Schwanz, Thorax und die Flügel imitiert. Insekten nutzen die Angler. Eingeteilt werden die Insekten in Eintagsfliegen, Köcherfliegen, Steinfliegen und kleinere Arten, die der Gattung der Zweiflügler angehören. Viele hundert Arten kommen in Deutschland und Europa vor. Möchte man als Fliegenfischer erfolgreich sein, muss man wissen, welche Insekten zu wel- cher Jahreszeit am Wasser vorhanden sind und eine perfekte Nachbildung davon mitbringen. Die Basis bildet ein Angelhaken, auf den Hah- nenfedern, Tierhaare und synthetische Fasern gebunden werden. Es werden dabei sämtliche Die Insekten unter Wasser im Larvenstadium werden mit „Nymphen“ nachgestellt. Und da Forellen auch räuberisch leben und kleine Futter- fische als Nahrung zu sich nehmen, werden diese als sogenannte „Streamer“ nachgebunden. Viele Fliegenfischer stellen ihre Fliegen selbst her. Diese können zwar käuflich erworben werden, doch hat man mit den eigenen Mustern noch mehr Freude daran, einen Fisch zu fangen. Die Fliegenbinderei wird als eigenständiges Hobby angesehen, um sich auch im Winter mit der Fischerei beschäftigen zu können. Die Utensilien zum Fliegenbinden sind zahlreich, rechts ein sogenannter Streamer. begann unsere Pirsch auf die rot getupften Schwarzwald-Forellen. Das niedrige, sehr klare Wasser erschwerte das Angeln. Auf den ersten Blick sah es so aus, als gäbe es hier keinen ein- zigen Fisch. Die Tarnung der Forellen war eben perfekt: Ihr Schuppenkleid besaß die Farbe des etwas teefarbenen Untergrunds der Breg. Wasseroberfläche auszumachen. Als versierter Fliegenfischer sah ich, wo sich die Fische auf- hielten, doch sie an den Haken zu bekommen war die andere Sache. Die Forellen gingen beim Fressen sehr selektiv vor und schnappten sich nur die Fliegen, die jahreszeitlich gerade aktuell waren. So waren die Forellen nur durch die entstan- denen Ringe beim Fressen der Insekten an der Melchior fing die größte Forelle des Tages mit über 45 Zentimetern – kaum zu glauben, Fliegenfischen in Vöhrenbach 283


nicht eingesetzt. Die amerikanische Verwandte unserer Forelle wird von vielen Pri vat besitzern in kleinen Seen und Weihern als Speisefisch gehalten. Hin und wie der entkommen einige der Fische in die Breg, was aber nicht wei- ter schlimm ist. So begeistert wie Hemingway Unsere Begeisterung fürs Fliegen- fischen im Schwarzwald teilen viele andere leidenschaft liche Angler. So der amerikanische Schriftstel- ler Ernest Hemingway, der 1922 als 23-Jähriger die Umgebung von Triberg zum Forellenangeln aufgesucht hatte. Auch er liebte die schönen Schwarz- waldbäche und ihre rot getupften Bewohnerinnen. Hemingway ärgerte sich allerdings des öfteren über die Tatsache, dass man in Deutschland zum Fischen eine Erlaubnis braucht. Seine Beschreibung des Erlebten im Buch „Der Schnee auf dem Kili- mandscharo“ lautet: „Nach dem Krieg pachteten wir einen Forellenbach im Schwarzwald. Es standen Birken am Bach, und er war nicht breit, sondern schmal, klar, reißend, mit kleinen Aus- buchtungen dort, wo er die Wurzeln der Birken unterhöhlt hatte. Der Hotelbesitzer in Triberg hatte eine ausgezeichnete Saison. Er war besonders nett und wir freundeten uns an. Im nächsten Jahr kam die Anglerglück – die 45 cm große Forelle ist der größte Fang des Tages. von der Forelle war vorher nichts zu sehen. Sie verriet sich nur durch einen sehr kleinen Ring an der gekräuselten Wasseroberfläche. Wir fingen nicht nur Bachforellen, es gin- gen uns auch einige Regenbogenforellen an den Haken. Die aber werden durch den Verein Inflation, und das Geld, das er im Jahr zuvor ver- dient hatte, reichte nicht aus, um Lebensmittel für den Beginn der neuen Saison zu kaufen, und er erhängte sich.“ Das Angeln in Vöhrenbach könnten wir heute Hemingway gleichfalls wärmstens emp- fehlen. Allerdings nur mit Genehmigung! Auch Melchior, mein Freund aus der Schweiz, war von dem Schwarzwaldfluss und der Gegend sehr angetan. Das Fazit des Wochenendes: „Einfach nur schön“ . 284 Fliegenfischen in Vöhrenbach


Gäste aus ganz Europa Hubert und Ingeborg Heini leben im Leibgeding des Bernreutehofs – im soge- nannten Bernreute – sprich Steinhäusle, im Jahr 1730 erbaut. Über vier Jahrzehnte lang haben die Heinis das unmittelbar daneben lie- gende Gasthaus „Bernreutehof“ betrieben und dabei viele hundert Fliegenfischer betreut, an die man noch heute Ferienwohnungen vermietet. Schon die Eltern und Großeltern von Hubert Heini haben Gästen an dem seit 500 Jahren be- stehenden Bernreutehof unweit von Vöhrenbach die Fischerei gewährt. Außerdem wurden damals die Fische auch an Gastwirtschaften verkauft. In hölzernen Fischlagel wurden die Forellen leben- dig nach Triberg ins Hotel Wehrle gebracht. Um die Qualität der Fischerei und den Fischbestand zu bewahren, lässt Hubert Heini maximal drei Fliegenfischer am Tag an seinem Teilstück auf der Gemarkung Hammereisenbach angeln. Es werden nur kleine Bachforellenbrüt- linge ins Wasser gesetzt, die dann in natürlicher Umgebung zu fangreifen Forellen heranwach- sen. Um die Forellen zu schonen, darf nur mit widerhakenlosen Fliegen geangelt werden. Stammkunden wissen, weshalb sie immer wieder die ca. fünf Kilometer lange Flussstrecke der Familie Heini besuchen – sie liegt außerge- wöhnlich reizvoll und hat in den vergangenen Hubert und Ingeborg Heini präsentieren die erfolgrei- chen Fliegen fürs Fliegenfischen an der Breg. 40 Jahren Gäste aus ganz Europa angelockt. Teilweise waren es sehr vornehme Gäste, die in englischen Tweedjacken und mit einer Fliege am Hals die Forellen in der Breg geangelt haben. Auch die Abwehr von Schwarzfischern war in den gesamten 40 Jahren immer ein Thema. Der Einfallsreichtum der Fischdiebe war dabei sehr groß. So gab es selbst einen Polizisten, der bei der Fischwilderei ertappt wurde. Er hatte die gerade gefangenen Fische in seinen Stiefeln versteckt… Wildromantische Kulisse: Fliegenfischen an der Breg bei Hammereisenbach. XXX 285


Wo die neue Salinenwelt lockt Richtungsweisendes in der deutschen Bäderlandschaft geschaffen von Günther Baumann Freizeit


Mal wieder in Bad Dürrheim gewesen? Nein? Nun, dann wird es aber Zeit. Dort wurde nämlich, wie es Bürgermeister Walter Klumpp bei der Eröffnung voller Stolz sagte, „Richtungsweisendes in der deutschen Bäderlandschaft geschaffen.“ Die Schwarzwaldsauna wurde um die faszinierende Salinenwelt erweitert, durch Sauna und Kurpark zieht sich zu- dem ein großartiges Gradierwerk und im Kurpark gibt es darüber hinaus jetzt eine Prädikatsallee. Die Besucher sind von Bad Dürrheims neuen Errungen- schaften begeistert. Was wäre Bad Dürrheim ohne sein „weißes Gold“ – das Salz? Ganz bestimmt nicht das, was es heute ist. Nicht von ungefähr gehört die Stadt auf der Baar längst zu den bedeutendsten und renommiertesten Kurorten im Ländle. Da- bei machen Salz und Sole alleine noch keinen Erfolg. Man muss den Schatz, der über Jahrmil- lionen entstanden ist, auch vernünftig nutzen. Ob diejenigen, die in Bad Dürrheim am 25. Feb- ruar 1822 in einer Tiefe von 320 Metern den ers- ten Salzstock entdeckt haben, sich damals vor- stellen konnten, dass sich daraus einmal etwas ganz Großes entwickeln würde? Auf jeden Fall wurden in dem damaligen Dorf auf der Baar die mit dem Salz und der Sole verbundenen Chan- cen entschlossen genutzt. Ursprünglich für die Salzgewinnung und dann – im Laufe der Jahr- zehnte – mehr und mehr für den Wellness- und Gesundheitsbereich. Sichtbarstes und stolzestes Zeichen dafür ist das Solemar, das mit seinen Angeboten in den verschiedensten Bereichen Jahr für Jahr insgesamt nahezu 700.000 Besu- cher anlockt. Viele von ihnen waren und sind dabei auch Gäste der Schwarzwaldsauna. Dies mit steigen- der Tendenz. Saunieren wird in deutschen Lan- den nämlich immer beliebter und wenn man dann noch mit einer so attraktiven Einrichtung aufwarten kann, wie das die Schwarzwaldsauna XXX 287


Über die Geschichte der Salzgewinnung wird beim Gang zur neuen Salinenwelt mit Schautafeln informiert. bereits vor der Erweiterung war, strömen die Saunafans erst recht. „Die Kapazitätsgrenzen der Schwarzwaldsauna waren erreicht – wir mussten was tun“ Erfolg hat immer auch Folgen. Zum Beispiel die, dass – wie der stellvertretende Geschäftsfüh- rer der Kur- und Bäder GmbH Markus Spettel erzählt – „die Kapazitätsgrenzen der Schwarz- waldsauna bereits seit geraumer Zeit erreicht waren.“ Spettel: „Wir mussten was tun“. Stellte sich nur die Frage, was? In Bad Dürrheim wurde erst einmal gründlich nachgedacht, verschie- dene Möglichkeiten diskutiert, dann geplant und schließlich gebaut. Und das unter der Lei- tung des Bad Dürrheimer Architekten Michael Rebholz, der noch seinen Villinger Kollegen Joachim Müller ins Boot holte, mit Hochdruck: Nur neun Monate nach dem ersten Spatenstich war die neue Salinenwelt im November 2014 fer- tig. 2,56 Millionen Euro wurden in die Erweite- rung investiert; 1,06 Millionen Euro davon steu- erte, wie Bürgermeister Walter Klumpp lobend erwähnt, das Land Baden-Württemberg bei. Der Name „Salinenwelt“ ist in der neuen Anlage Programm. Bad Dürrheim hat nicht nur eine großartige, neue Saunalandschaft geschaf- fen, sondern bei der Gestaltung gerade auch seine eigene Geschichte als Ort der Salz- und Solegewinnung thematisiert. Die neue Salinen- welt ist im Stile eines Untertagestollens gefer- tigt, sodass jeder Besuch auch eine kleine Reise in Bad Dürrheims Vergangenheit ist. Dies wird schon in dem Gang deutlich, der den alten Saunabereich mit der neuen Salinen- welt verbindet. An den Seitenwänden informie- ren große Bilder und gut gemachte Texte über Bad Dürrheims Salzgeschichte. Die Verbindung dient übrigens auch als Brücke über die Stille Musel, die ganz bewusst in die Erweiterung mit einbezogen wurde. Der munter plätschernde Bach, der bei entsprechenden Niederschlägen durchaus mal zu einem kleinen Fluss anschwel- len kann, gibt der gesamten, rund 2.000 Qua- dratmeter großen neuen Anlage noch einen zusätzlichen Reiz. Ein richtig fließendes, natürli- ches Gewässer in einer Saunaanlage, das findet man dann doch nicht alle Tage. Legendäre Bad Dürrheimer Saunaaufgüsse werden zelebriert Herzstück ist die neue Stollensauna. Eine Sauna mit einladend breiten Sitzbänken und bis zu 70 Plätzen. Die Verwendung von Altholz sorgt 288 Freizeit


Die beliebte neue Stollensauna bietet Platz für bis zu 70 Gäste. für eine besonders heimelige Atmosphäre. Um Gedränge vor oder nach den beliebten Aufgüs- sen zu vermeiden, gibt es gleich zwei Zu-und Abgänge. Der große 90-Kilowatt-Saunaofen thront in der Mitte und ist nicht nur irgendein Ofen, sondern stellt eine Lore aus dem Unterta- gebau dar, auf der stilgerecht die Steine aufge- schichtet wurden. Hier in der Stollensauna werden die schon fast legendären Bad Dürrheimer Saunaaufgüsse zelebriert. Immer zur vollen Stunde füllt sich der Raum. Erst gibt es ein bisschen Frischluft, dann werden die Türen dicht gemacht. Die Aufgießer treten in Aktion, nachdem sie zuvor die Utensi- lien für jeden sichtbar in der „Hexenküche“ ge- richtet haben. Jeder Aufguss hat seinen eigenen Namen. Da gibt es den Schwarzwaldaufguss, den Kräuteraufguss, einen Aufguss mit Eismin- ze, der örtliche Mineralbrunnen bringt sich mit dem Légère-Aufguss ins Spiel und, und, und. Geschwitzt wird, was das Zeug hergibt, wobei die Aufgießer durchaus in der Lage sind, mit der Intensität der Wärme zu „spielen“. Das Angebot reicht von „soft“ über „mittel“ bis „hart“. Was auf einen zukommt, wird zu Beginn gesagt. Die Besucher erhalten auch Informatio- nen darüber, für was der Duft, der gleich in der Stollensauna verwirbelt werden wird, gut ist. Gemeinsam ist allen eines: Sie sind gesund. Einmal am Tag steht sogar ein Duo-Aufguss auf dem Programm. Hier sind gleich zwei Auf- gießer mit von der Partie. Für viele Gäste der Sauna ein Highlight ihres Saunabesuchs. Auf- güsse gibt es auch in anderen Saunen des So- lemars, doch die in der Stollensauna sind dann doch etwas ganz Besonderes. Immer wieder auch erstaunlich, mit wel- chen Techniken die Saunamitarbeiterinnen und -mitarbeiter mit ihren Handtüchern die Wärme so richtig an die Frau oder den Mann bringen. Si- cher, da wird erst einmal ganz einfach mit dem Handtuch gewedelt. Dann gibt es aber auch die „Acht“ oder das „Anschlagen“. Und am Ende im- mer einen Riesenapplaus für die Aufgießer mit ihrem wirklich schweißtreibenden Job. Schließ- lich werden sie die Gäste in der Hexenküche noch mit einer kleinen Aufmerksamkeit verwöh- nen: Mal werden ein Tee, mal ein Schmalzbrot, mal Obst, mal Bonbons oder Wasser von Bad Dürrheimer Mineralbrunnen gereicht. Nach dem Aufguss ist Abkühlen angesagt. In Bad Dürrheim geht es da nicht in irgendeinen Duschraum, sondern wie in alten Zeiten in den Waschraum. Und wieder staunt man. Nicht nur über die vielfältigen, großzügigen Abkühl- möglichkeiten, die vom einfachen Schlauch bis hin zur Schwallbrause und manch anderer Duschtechnik reichen, sondern vor allem auch Salinenwelt Bad Dürrheim 289


Oben: Abkühlung nach der Sauna im Waschraum. Mitte: Im kuppelförmigen Ruheraum flackert offenes Feuer. Meditative Musik erfüllt leise den Raum. Unten: Der gemütliche Außenbereich am „Ufer“ der Stillen Musel. über die Details, mit denen von den Machern auch hier das Salz und Sole zum Thema ge- macht werden. So erinnern die Beleuchtungs- körper an die Solegewinnung, die Duschköpfe stellen Bohrköpfe dar und an den Wänden ma- chen wir hier – wie an manch anderen Stellen der Saunawelt – mit prägenden Gebäuden Bad Dürrheims Bekanntschaft. Es lohnt sich zudem, einen Blick auf gewisse Fenster zu richten. Das Besondere: Wer durchschaut, entdeckt das Bad Dürrheim von einst. Der Ruheraum ist dem Kuppelbau des Narrenschopfes nachempfunden Natürlich gehört zu einer Saunalandschaft auch ein Ruheraum. In diesem Fall ist es ein Kuppel- bau, der dem ganz in der Nähe stehenden Nar- renschopf nachempfunden ist. In Bauwerken dieser Art wurde in alten Zeiten Salz gelagert. Wer von seiner zu einem Päuschen einladenden Liege aufblickt, der entdeckt denn auch eine ganze Menge Salzsäcke. Dazu erfüllt leise me- ditative Musik den Raum, offenes Feuer flackert und auf den Bildschirmen geht die Sonne unter und beginnen die Sterne zu funkeln. Hier lässt es sich gut sein. Der Ruheraum hat über eine Seitentüre einen direkten Zugang zum Kurpark. Damit kann der Kuppelbau gegebenenfalls auch einmal für andere Zwecke, zum Beispiel für Vor- träge, genutzt werden. Nicht zuletzt lockt der Außenbereich am „Ufer“ der Stillen Musel. Wirklich hübsch ange- legt. Ein kleines Meer von Grün mit gemütlichen Liegen und einem Kneippbereich samt Wasser- tretbecken, Schlauch und Schwallduschen. Das passt. Schließlich ist Bad Dürrheim inzwischen auch Kneippkurort. Am südlichen Ende des Frei- geländes steht da noch eine Wand – der zweite 290 Freizeit


Es ist vier Meter hoch, 108 Meter lang und 60 Meter davon sind funktionsfähig: Das Gradierwerk im neugestal- teten Gesundheitszentrum Solemar ist einer der Glanzpunkte. Früher diente es der Salzgewinnung. In der Anla- ge wird die Sole über Schwarzdornreisig geleitet. An dessen Stacheln bleibt das Salz haften und wird abgeklopft. In Bad Dürrheim dient das Gradierwerk dazu, um gesunde, salzhaltige Luft zu verbreiten. wesentliche Bereich der Erweiterung in Bad Dürrheim. Sie ist ein Teil des mächtigen Gradier- werks. Nicht jeder weiß auf Anhieb mit diesem Be- griff etwas anzufangen. Das ist nicht unbedingt eine Bildungslücke, denn Gradierwerke sind eher in Mittel- und Norddeutschland als im Sü- den verbreitet. Kurzum: Gradierwerke sind ur- sprünglich Anlagen zur Salzgewinnung. Heute werden sie allerdings vor allem zum Wohle der Gesundheit eingesetzt. Stolze 108 Meter lang und vier Meter hoch ist das neue Dürrheimer Gradierwerk, zieht sich s-förmig durch Saunawelt und Kurpark, ist ein richtiger Blickfang. Über die mit Schwarzdorn- ästen gespickten Wände wird das salzhaltige Wasser, die Sole, nach unten geleitet. Schwarz- dorn gehört heute zum festen Bestandteil von nahezu jedem Gradierwerk, weil er wegen sei- ner spitzen Dornen und vor allem seiner großen Salzresistenz dafür besonders geeignet ist. In Deutschland steht Schwarzdorn unter Natur- schutz. Dies ist der Grund dafür, dass die Zweige aus Polen stammen, wo Schwarzdorn wesent- lich häufiger vorkommt und deshalb auch nicht unter Schutz steht. Auf dem Weg der Sole nach unten verduns- tet auf natürliche Weise Wasser, wodurch sich der Salzgehalt der Sole erhöht. Nicht nur das: Durch die herabrieselnde Sole wird die Luft in der Nähe des Gradierwerks mit Soletröpfchen und Salzaerosol angereichert. So kommt es, dass wir auf der Baar in der Nähe der Anlage eine Luft vorfinden, die der am Meer nahekommt. Da heißt es einatmen. Dadurch werden die Atem- wege befeuchtet und die Wandungen der Atem- organe positiv beeinflusst. Pollenallergiker und Asthmatiker werden das gerne bestätigen. Des Weiteren besitzen die feinen Salzkris- talle eine sekretlösende Wirkung, reinigen die Atemwege intensiv von Bakterien und lassen die Schleimhäute abschwellen. Die salzhaltige Luft tut ganz einfach gut. Nicht umsonst emp- fehlen viele Ärzte und Heilpraktiker deshalb immer wieder mal einen längeren Aufenthalt an der See oder in Kurorten einzulegen, die sich den Effekt der Gradierwerke zu Nutzen gemacht haben. So wie Bad Dürrheim eben. Mit seinem Gradierwerk hat sich Bad Dürr- heim in Baden-Württemberg ein weiteres Alleinstellungsmerkmal verschafft. Eine An- lage dieser Art findet sich im Ländle nur hier, Salinenwelt Bad Dürrheim 291


Abwechslung und Entspannung bietet auch das Sauna-Außenbecken. während sie in den weiter nördlich liegenden Bundesländern wesentlich mehr verbreitet sind. Doch zu einem runden bzw. geschwungenen Gradierwerk wie die Bad Dürrheimer es haben, hat es noch niemand gebracht. Der neue Geschäftsführer der Kur- und Bä- der GmbH, Uwe Winter, schwärmt, bezieht in sein Lob gerade auch seinen Vorgänger Thomas Bank mit ein, der die GmbH verlassen hat. „Wo sonst noch außer in Bad Dürrheim gibt es in Deutschland ein Gradierwerk in runder Form, und wo sonst noch lässt man den ganz norma- len Tagesbesucher daran ebenso so teilhaben wie den zahlenden Gast der Bade- und Sauna- landschaft?“ Mit der neuen Prädikatsallee im Kurpark, auf der nicht nur kostenlos mit dem Gradierwerk, sondern auch mit verschiedenen Anwendungen Kneipps Bekanntschaft gemacht werden kann, wurde auch der Park letztlich deutlich aufgewertet. Wer sich in der neuen Salinenwelt umsieht, dem fällt eine Wand mit historischen Postkar- ten aus Bad Dürrheim ins Auge. Und genau un ter diesen findet sich auch eine, die deutlich jünger als all die anderen ist. Auf ihr dankt die Beleg- schaft ihrem „Ex“ Thomas Bank noch einmal für die geleistete Arbeit. Gerade wenn es um die Realisierung der neuen Salinenwelt geht. Mar- kus Spettel, von dem ebenfalls viel Herzblut und Arbeit in der Anlage steckt: „Der Thomas hat sich das verdient.“ Das Engagement Bad Dürrheims in die neue Salinenwelt zahlt sich bereits aus. Sie wird groß- artig angenommen. Von den Gästen aus Nah und Fern genauso wie von den Einheimischen. Messen lässt sich das vor allem an den steigen- den Besucherzahlen und an dem vielen Lob, das man für die neue Anlage von allen Seiten erhält. „Das“, so sagt Bürgermeister Walter Klumpp, „ist für alle, die bei der Verwirklichung des Pro- jekts mitgewirkt haben, die schönste Form der Anerkennung und der eindrucksvolle Beweis da- für, dass die Realisierung dieser Konzeption der richtige Schritt war.“ 292 Salinenwelt Bad Dürrheim


Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch über 200 Jahre alt Hervorragende Küche und das traditonell-moderne Ambiente begeistern die Gäste von Elke Schön Hier kehren nicht die Autofahrer ein, die auf dem Schnelltripp den Schwarzwald durchqueren, nicht die Bustouristen auf dem Zwischenhalt für eine Mahlzeit. Die- ses Lokal muss man erst einmal entdecken, denn etwa eineinhalb Kilometer vom Ortskern des Luftkurorts liegt das Landhotel Thälerhäusle/Ochsen talwärts ver- steckt am Weg ins Brennersloch. Von der Neukircher Festhalle aus führt eine Asphaltstraße nach Westen bergab, die sich am Beginn eines Waldstücks verzweigt. Rechts geht es in sanfter Windung durch einen Mischwald, bis der Blick frei wird auf eine abschüssige Wiese und ein Bilderbuch- Panorama mit freien Weideflächen im Wechsel mit Laubbaumgruppen und dunkel bewaldeten sanften Kuppen, die sich bis zu den Kandelhö- hen fortsetzen. Ja, und hier kommt man direkt auf den rotgeschindelten Giebel zu mit der Auf- schrift: Landhotel Thälerhäusle zum Ochsen. Geschichtsträchtiger Raum Flankiert wird das Gebäude von einem neue- ren kleinen mit der Aufschrift „Berg-Häusle“. Ein Schild gibt zu erkennen, dass man sich hier auf einer der ersten Stationen des Neukircher Wanderpfads „Landschaft im Wandel“ befindet. Lässt man sich auf die Lektüre ein, dann wird klar, welch ein geschichtsträchtiger Raum sich hier auftut: 1702 ist bereits ein „Thälerwirts- häusle“ bezeugt, dem Hebdinghof zugehörig, (erst 1803 wurde es abgetrennt davon). Johann-Peter Weis mit Ehefrau Margarethe. Blitzschlag das Haus und erschlug den am Stu- bentisch sitzenden Wirt samt seinem Knecht. Laut Bericht wurden zwei weitere Mannsper- sonen ebenfalls zu Boden geschlagen, „kamen aber wieder auf“. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. 1805 heiratete die Witwe den aus Furt- Hundert Jahre später erlitt es einen schwe- ren Schicksalsschlag: 1804 am 20. Juli traf ein wangen -Schützenbach stammenden Christian Ketterer. Dieser baute das Haus weiter oberhalb 14. Kapitel – Gastlichkeit 293


Landhotel Thälerhäusle zum Ochsen. Der Haupteingang zum Gaststättenbereich auf der Westseite war seit je- her über eine Treppe zu erreichen. Heute schützt sie ein verglaster Überbau. am Hang am jetzigen Standort wieder auf. Er wurde 1816 Vogt von Neukirch. Umschlagsplatz für den Uhrenhandel 1825 verkaufte er das Anwesen an den Uhr- macher Mathäus Riesle aus Gütenbach für 7.100 Gulden. Dieser betrieb außer der Wirt- schaft noch einen Krämerladen und eine Uhren- packerei. Das heißt, für die Gemarkung Bregen- bach, also das Gebiet zwischen Gütenbach und Neukirch, spielte das Thälerhäusle eine zentrale Rolle. Hier wurden Geschäfte abgeschlossen, die Uhrenträger für ihre Wanderungen ins Ausland mit Uhrwerken und Zubehör versorgt, hier wur- den Preise verhandelt, hier war ein wichtiger Treffpunkt für die Handwerker, freilich zuwei- len auch für zwielichtige Geschäftemacher. Klar, dass ein Gasthaus mit Uhrenpackerei in dieser Umgebung eine wichtige Funktion für das Leben aller Handwerker ringsum hat- te. Auch in den Wirren der Märzrevolution rückte es in den Blickpunkt: 1849 wurde der Ochsen-Wirt Mathä Ganter zum Bürgermeis- ter gewählt, nachdem sich der Amtsinhaber Kolumban Hummel als Sympathisant der Auf- ständischen erwiesen hatte und obendrein (laut Ortschronik) „sich alle Mühe gibt, in unserer Gemeinde eine besondere religiöse Sekte – sie wird sonst mit dem Namen Pietisten bezeich- net – zu gründen“. Lesen wir weiter auf der Informationstafel, stellen wir immer häufigere Wechsel der Besitzer fest. Die Geschichte einer Traditionsgaststätte wie im Fall des Ochsen ist immer auch ein Spie- gelbild der örtlichen Historie. Es beginnen harte Zeiten für Neukirch, die Blütezeit des Uhrma- cherhandwerks sind vorbei, bringen Umbrüche in der Bevölkerungsstruktur. Neukirch selbst kann nicht mehr alle ernähren und das „Pen- deln“ in die Industrieorte ist zu der Zeit nicht einfach bis unmöglich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandern ganze Familien- stämme aus. Auch von den Uhrenhändlern im Ausland kehren nicht alle zurück. 294 Gastlichkeit


Nachkriegszeit bringt Aufschwung Erst mit der Nachkriegszeit wandelt sich die Lage: Neue Branchen etablieren sich, bieten Arbeit, auch für neu Zugezogene. Allmählich nimmt die Mobilität zu, viele Familien haben schon ein Auto, wenige noch ein Fernsehgerät. Und so ist es kein Wunder, wenn im Thäler- häusle die Geselligkeit mit kulturellem Anspruch blüht – gibt es doch hier einen Nebenraum mit Bühne! Rauschende Feste und Theaterauffüh- rungen werden da gefeiert, zur Freude nicht nur der Touristen, denen man Schwarzwaldtypisches bieten will. Konzerte und ganze Operettenquer- schnitte werden inszeniert, aufs Kleinformat der Bühne zugeschnitten. Die Protagonisten von einst – heute in ihren Achtzigern – schwär- men noch von der „Csárdásfürstin“, dem „Wei- ßen Rössl“ und dem „Schwarzwaldmädel“, mit denen sie ihr einheimisches Publikum, aber auch die Feriengäste, zu Beifallsstürmen hinrissen. Den Neukircher Ochsen bewirtschaftet seit 1966 der Schreinermeister Max Weis, der die Tochter vom Kirnerseck geheiratet hat. Er ergänzt das Gasthaus durch ein weiteres Ge- bäude und baut ein Hallenbad ein! Eine kleine Sensation, die nicht nur die Dorfbewohner an- zieht, sondern zeitweise auch ganze Busgesell- schaften. Seit dem Jahr 1972, als die Gemeinde Neukirch der Stadt Furtwangen als Teilort zuge- ordnet wird, greift auch hier die Arbeit des Tou- rismusbüros. Das Prädikat „Luftkurort“ prangt bald am Ortseingang; fünf Gasthäuser stehen zur Verfügung, bevor 1981 das altehrwürdige „Rössle“ zum vierten Mal in seiner vierhundert- jährigen Geschichte niederbrennt. Badisch regionale Küche vom Feinsten Das abgelegenste ist nach wie vor das Thäler- häusle – und hier versteht man es am besten, den neuen Trend im Tourismus zu bedienen: Idyllische Umgebung, Ruhe bis zur Abgeschie- denheit und dabei perfekte Gastronomie mit Wellness- wie Wander-Angeboten, die zu jeder Jahreszeit, unabhängig von der Wetterlage, Er- holung und Abschalten vom Alltag garantieren. Inhaber Johann-Peter Weis legt Wert auf regionale Produkte. Schon die Kneipp-Begeisterung, die sich al- lenthalben in den 1970er-Jahren regt, weiß die Familie Weis zu nutzen. Im Talgrund unterhalb des Hauses fassen Vater und Sohn eine Quelle zu einem Wassertretbecken für ihre Gäste. Überhaupt ist die Hanglage des Hauses wir- kungsvoll genutzt. Der Haupteingang zum Gast- stättenbereich auf der Westseite war seit jeher über eine Treppe zu erreichen. Heute schützt sie ein verglaster Überbau, der – dekorativ und in- formativ zugleich – Fläche bietet für die zahlrei- chen Auszeichnungs-und Ankündigungstafeln. So erfährt jeder Besucher gleich beim Hinun- tergehen, welche Besonderheiten ihn hier er- warten: Mit drei Sternen ist dieser Landgasthof klassifiziert und, von Holiday-Check, mit sechs Sonnen. Fleisch, Wurst und Speck stammen nur von Tieren aus artgerechter Tierhaltung, wie sie die Bregenbacher Metzgerei Waldvogel liefert, Wildbret kommt aus heimischen Revieren. Von den verwendetet Eiern liefert 50 Prozent der Biobetrieb von Stefan Braun, dem Hinterbau- ernhof in Linach, die fangfrischen Fische gibt’s aus heimischen Gewässern. Und die vielfältigen Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch 295


Gerichte, die in diesem Haus daraus bereitet werden, entsprechen einer badisch regionalen Küche vom Feinsten. Die Gaststube ist hell und freundlich. Urig-gemütliches Restaurant Betritt man nun die Gaststube, überrascht die Helligkeit in dem quadratischen Raum mit niedriger Decke, der von zwei Seiten mit zehn Fenstern erhellt ist und trotz, oder gerade wegen der einseitigen Außenverglasung, den Eindruck von Geborgenheit vermittelt. „Wenn ihr die Stube verändert, kommen wir nicht mehr her“, hatten die Wirtsleute von Stammgästen zu hören bekommen. So hat die Stubendecke ihren weißlackierten matten Glanz behalten, und die Tragebalken ihren hellbraunen Anstrich. Die Fensterlaibungen bestehen aus einfach geschnitzten Holzrahmen und erübrigen Vor- hangschals, die Scheiben sind nur mit gerafften weißen Scheibengardinen verziert. Auch das Mobiliar und die Thekenanlage leugnen nicht den Stil der 1950er-Jahre. Eintauchen in die Wellnesswelt – das Wohlfühlpro- gramm des Landhotels ist perfekt abgestimmt. 296 Gastlichkeit


Die nächste Generati- on steht bereits in den Startlöchern. Von links: Christian (in Ausbil- dung), Sabine (Service), Johann-Peter und Margarethe (Inhaber), Mathias und Floriane Weis (Küchenchef sowie Serviceleitung) mit Toch- ter Louisa-Maxime. Lediglich das Kaminzimmer, rechts vom Flur etwas tiefer gelegen, aber über niedriger Balustrade einzusehen, hat soeben eine Mo- dernisierung erfahren. In diesem geräumigen Nebenzimmer ist Platz für Gesellschaften, etwa bei Hochzeiten und Familienfesten. Dass die Gästezimmer durchweg mit allem Komfort ausgestattet sind, ganz gleich ob ele- gant mit großzügigen, hellen Möbeln und Bal- kon oder etwas rustikaler unter der Dachschrä- ge, versteht sich von selbst. Auf gleicher Ebene mit der Gaststube führt eine breite Tür westlich hinaus aus dem Treppenbereich auf eine großzügig angeleg- te Terrasse, die einen wunderbaren Blick auf Baumgruppen und die Dächer des Kirnerhofs weiter unten bietet und dabei bestens vor Zug- luft geschützt ist, denn durch dieses Tal, über diesen Hang kann nie ein scharfer Wind fegen – hoch genug ist der Talgrund gegen Osten abge- schirmt durch den bewaldeten Wall, der auch keinerlei Verkehrsgeräusch von der B 500 weiter oben zulässt. Der Standort„weit ab vom Schuss“ erweist sich heute als Trumpf Seit 1994 führt Johann-Peter Weis diesen Fami- lienbetrieb als Chefkoch und Organisator, der einerseits den gesamten Mitarbeiterstab mit seinen jeweiligen Tätigkeitsbereichen souverän im Griff hat, dabei aber stets Ruhe und Freund- lichkeit ausstrahlt trotz aller Betriebsamkeit, die hier jeder Tag erfordert. Meist ist das Hotel be- reits ein Vierteljahr im Voraus ausgebucht. Der Standort„weit ab vom Schuss“ erweist sich also heute als Trumpf. Aber die solide Verwurzelung in der kleinen ländlichen Gemeinde zeigt sich schon darin, dass die Wirtsfamilie aus Bregen- bach selbst und die Mitarbeiter aus der nächs- ten Umgebung stammen Der Landgasthof Thälerhäusle kann weiter auf Erfolgskurs gehen, die Nachfolge ist längst gesichert: Sohn Mathias, der in der“ Traube“ in Waldau gelernt hat, steht als Chef in der Küche, seine Frau ist im Service und der Verwaltung tätig. Sie übernehmen 2016 das Hotel. Das Landhotel Thälerhäusle zum Ochsen in Neukirch ist ein stattliches Anwesen. Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch 297


Die Waldau-Schänke: Einkehren am Fuß der Burgruine von Stephanie Wetzig Elke und Fritz Beck vor der Waldau-Schänke. 298 Gastlichkeit


Blick in die gemütliche Gaststube. Ob Wanderer oder Radsportler, Liebhaber von Volksmusik oder afro-kubanischen Rhythmen, junge Leute oder ältere Semester: In der Waldau-Schänke fühlt sich jeder sofort wohl. Die Vesper-Stube wurde erst vor sechs Jahren eröff- net und alles in ihr ist neu, jedoch sorgfältig dem Ambiente des jahrhundertealten Hofes am Fuße der Ruine Waldau in Buchenberg so angepasst, dass sie zu jeder Jahreszeit viel Behaglichkeit verströmt. Das liegt nicht nur an der liebevoll eingerichteten Gaststube, in der Relikte früherer Jahrhunderte wie Butterfässer, Saftpres- sen und historische Werkzeuge der Dekoration dienen und alte Schwarzweiß-Fotos an den Wänden hängen, sondern auch an der sich ständig weiterentwickelnden Speisekarte. „Wir kochen so, wie es unsere Eltern schon getan haben“, erklärt Fritz Beck, der die Schänke gemeinsam mit seine Frau Elke betreibt. An den Wochenenden hilft abwechselnd jeweils eine der drei Töchter. „Zu Anfang gab es bei uns auch nur Speckbrot und Bratwurst“ Familie Beck macht vieles selbst: Nudeln, Brot und Kuchen, Most, Ap- felsaft und Holunder sirup. „Wir versuchen, so zu kochen wie früher meine Mutter“, erklärt Fritz Beck. „Da ist ein Braten dann eben sechs Stunden im Ofen und das Gulasch 14 Stunden.“ Die Qualität stimmt, ihr Fleisch beziehen sie von Fritz Gür in Pfaffenweiler, das Mehl für die vier bis fünf Kuchen, die Elke Beck jede Woche bäckt, bezieht sie in der Waldau-Schänke in Buchenberg 299


Mühllehen-Mühle aus direkter Nachbarschaft. Das Gemüse stammt je nach Saison ebenfalls meistens direkt aus Buchenberg. Vor Kurzem ha- ben die Wirtsleute hinter der Schänke auch einen Kräutergarten angelegt, in dem alles wächst. Die Eltern von Fritz Beck backen seit Jahr- zehnten ihr Brot selbst, daher war es für ihn selbstverständlich, dass auch seinen Gästen nichts anderes aufgetischt wird. „Zu Anfang gab es bei uns auch nur Speckbrot und Bratwurst“, erinnert er sich, doch schon bald kamen die „Dinnele“ dazu, eine Art Flammkuchen, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Der ursprüngliche Holzbackofen wurde um drei professionelle Elektrobacköfen ergänzt, einen Unterschied merken nur Feinschmecker mit besonders ge- schultem Gaumen. An Wochenenden, wenn Hochbetrieb herrscht, bekommen die Gäste einen Würfel mit einer Nummer, die aufgerufen wird, wenn ihr „Dinnele“ fertig ist. Es sind immer schlichte, deftige Speisen, die sie bieten. Die gehobene Küche überlassen sie lieber dem Spitzenkoch vom Café Rapp, mit dem sie sich in diesem Sommer unter dem Motto „Genusswandern im Glasbachtal“ zu- sammengetan haben. Die Teilnehmer treffen sich unterhalb der Ruine zu einem Aperitiv und „Dinnele“, bevor sie mit einem Wanderführer durch das Glasbachtal an historischen Höfen vorbei bis in die Ortsmitte von Buchenberg spa- zieren – wo sie dann mit einem Vier-Gänge-Me- nü verwöhnt werden. Trotz des rustikalen Ambientes gehen Elke und Fritz Beck mit der Zeit und sind offen für Anregungen. Sie besuchen jede Gastronomie- messe, sei sie in Stuttgart oder in Hamburg, um sich über neue Trends zu informieren. „Unser Ziel ist es, jeden einzelnen Gast zu begeistern.“ Vegetarische Gerichte finden sich von Anbeginn auf der Speisekarte, aber auch Veganer werden nach Rücksprache satt – und das nicht nur auf Vorbestellung. Da gibt es die „Dinnele“ eben oh- ne Schmand, statt Käse gibt es Nüsse. Ensemble steht unter Denkmalschutz Die kleine Gastronomie hat ihre Existenz im Grunde dem Zufall zu verdanken: Fritz Beck und seine Frau Elke, eine gelernte Rechtsan- waltsgehilfin, haben schon jahrelang vom el- terlichen Hof aus die Ausflügler beim jährlichen Mühlenwandertag bewirtet und seit 2004 auch die Besucher des Burgspektakels. Als die letzte Arbeitsstelle des gelernten Werkzeugmachers Beck unsicher wurde und er ein zweites Stand- bein suchte, kam beiden die Idee, im ehemali- gen Kuhstall mal eben einen Kiosk zu errichten und noch eine Toilette dazu, fertig. „Doch bei den Umbauarbeiten kam uns die halbe Grundmauer der Burgruine entgegen“, erinnert sich Fritz Beck. Also wurde aus der kleinen Lösung eine große, die Investitionssum- me erreichte schnell 350.000 Euro. Damit sich das lohnt, hat die barrierefreie Gaststube jetzt 65 Sitzplätze, im Hof und auf der Terrasse kön- nen sich noch einmal so viele Besucher an die urigen Tische und Bänke setzen. Gastlichkeit


„Es kam einfach eins zum anderen“, so der Wirt. Weil sowohl die Ruine als auch das Bau- ernhaus seiner Eltern unter Denkmalschutz stehen, musste das Ganze sorgfältig und in Ab- sprache mit dem Denkmalamt geplant werden. Erfahrene, auf Sanierung spezialisierte Hand- werker und ein versierter Architekt waren nötig, um alles zu planen und auszuführen. Die Holzheizung und die Toiletten sind in ei- nem separaten Gebäude untergebracht, an der Hangseite der Schänke bilden die alten Steine der Burgmauer wie schon immer die Außen- wand – nur neu abgeschlagen und wieder stabil befestigt. Bei der gesamten Wirtsstube und ihre beiden Terrassen wurde nur Holz und Sandstein verarbeitet. „Da es ja das Haus meiner Eltern ist, war es uns sehr wichtig, dass es ihnen ge- fällt.“ Und das tut es: Wenn er die Gäste kennt, setzt sich sein Vater, Fritz Beck Senior, oft da- zu. Gerne beobachtet er auch nur von seinem Lieblingssessel neben dem Backofen aus das Geschehen. 500 Jahre im Familienbesitz Der historische Hof im Gutacher Stil ist schon 500 Jahre alt und ebenso lang in Familienbesitz. Jedoch stand er die längste Zeit im Nachbarort Hardt. Erst vor vier Generationen, im Jahr 1822, wurde er am Fuße der Burgruine neu errichtet. Die Burg gehörte zum Grundstück und über die Jahrhunderte hatte sich die gesamte Nachbar- schaft für ihre eigenen Bauvorhaben an den Steinen bedient und die Burg Meter um Meter abgetragen, bis im 19. Jahrhundert das Bürger- meisteramt Buchenberg Weisung bekam den Raubbau zu stoppen. 1885 verkaufte Andreas Beck, einer der Vorfahren des heutigen Wirts, die Ruine an den Staat. Der Hof blieb jedoch im Besitz der Familie. Heute hat die Waldau-Schänke ihren festen Platz im Eventkalender. Sie bewirtet nicht mehr nur beim jährlichen Burgspektakel, sondern sorgt auch selbst für kulturelle und karitative Veranstaltungen. Der Spendenlauf zugunsten der Katharinenhöhe hat sich inzwischen ebenso etabliert wie das Volksliedersingen, das kürzlich zum 60. Mal organisiert wurde und zu dem die Besucher auch schon eine weitere Anfahrt in Kauf nehmen. Außerdem spielt etwa einmal im Monat Live-Musik in oder je nach Wetter auch vor der Schänke, das Programm ist dabei vielsei- tig und reicht von Rock über Blues und Schlager bis hin zu Knöpflespielern. Bislang hat die Vesper-Stube nur an den Wochenenden geöffnet und werktags nach Vorbestellung für Gruppen. Schnell hat es sich herumgesprochen, dass man hier gut seine Fa- milienfeste, Klassentreffen und Betriebsfeiern ausrichten kann. „Wir hatten am 1. Mai 2009 zunächst außen geöffnet, einen Monat später auch innen und schon am 1. Juli wurde hier die erste Geburtstagsfeier ausgerichtet.“ Umfassend saniert mit zahlreichen Plätzen im Freien präsentiert sich die Waldau-Schänke. Einmal im Mo- nat gibt es Live-Musik. Waldau-Schänke in Buchenberg 301


Die Dörr-Brüder: Zwei Gitarren und zwei Stimmen Eric und Carsten Dörr bekannt von der Villinger Fasnet, musikalischen Stadtführungen, Charity-Konzerten und Bandprojekten von Nils Fabisch Ihren ganz großen Durchbruch und ihre Bekanntheit verdanken sie der Villinger Fas- net. Inzwischen sind Carsten und Eric Dörr aber weit mehr als die zwei stimmgewal- tigen Brüder an der Fasnet. Mit ihren musikalischen Stadtführungen, Charity-Kon- zerten und Bandprojekten haben sich die beiden Brüder, die in Villingen-Schwen- ningen wohnen und arbeiten, im ganzen Schwarzwald-Baar-Kreis einen Namen gemacht. Konzertanfragen kommen inzwischen aus den verschiedensten Orten zwischen Stuttgart und der Schweiz. Seit Jahren bekommen die „Doppelstäd- ter“ Lob und Applaus von allen Seiten. Mit ihrer Musik versprühen sie nicht nur gute Laune, sie helfen mit den Erlösen anderen Menschen und sie machen sich selbst glücklich. Denn die Musik ist im Hause Dörr das Hobby Nummer eins. Durch ihre Auftritte kommen die Brüder viel herum. Ihre familiäre und musika- lische Heimat hat das Brüderpaar aber schon immer in Villingen-Schwenningen. Nicht in Villingen, sondern in Villingen-Schwenningen, darauf legen die beiden Künstler großen Wert. Sie sehen sich als Musiker der Doppelstadt, auch wenn sie ihren Durchbruch in der Zährin- gerstadt feierten. Unterschiedlicher Musikgeschmack als Bereicherung Dass es zu einem erfolgreichen Geschwis- ter-Duo kommen konnte, war alles andere als selbstverständlich. Noch heute müssen die beiden schmunzeln, wenn sie sich an die mu- sikalischen Anfänge in ihrer Jugend erinnern und anschließend über Musikgeschmack dis- kutieren. „Wir haben eigentlich, was unseren Musikgeschmack angeht, eine relativ geringe Schnittmenge“, erklärt Carsten Dörr, der jün- gere Bruder. „Die Schnittmenge reicht gerade für Konzerte von zwei bis drei Stunden aus“, ergänzt der 46-jährige Eric Dörr schmunzelnd. Carsten Dörr fühlt sich der Metal-Musik ver- bunden, „die härteren Töne“ müssen es sein. Eric hingegen, der neben der Musik seine Frau Annette und die Kinder Adrian und Lara gerne bekocht und gerne Sport treibt, war schon im- mer für den „Mainstream-Rock“, zu begeistern. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Carsten seinen Bruder bisher nicht überreden konnte, einmal zusammen das Bang-your-Head-Festi- val in Balingen zu besuchen. Diese doch sehr unterschiedlichen Musikgeschmäcker prägen den kreativen Austausch der beiden seit den gemeinsamen Anfangstagen. Damals war es der ältere Eric, der den Plattenspieler immer mit seiner Lieblingsmusik bestückte. „Da wurde ich mit Bon Jovi und Bruce Springsteen beschallt und musste froh sein, wenn ich den Platten- spieler mal für meine Musik benutzen durfte“, 302 15. Kapitel – Musik


Eric und Carsten Dörr. erinnert sich der jüngere Bruder. Heute akzep- tieren sie den Musikgeschmack des anderen und bereichern sich gegenseitig. Was dabei herauskommt, wenn zwei doch sehr verschie- dene Brüder auf der Bühne gemeinsam Musik machen, findet in Villingen-Schwenningen und Umgebung großen Anklang. Dörr-Brüder begeistern seit 1993 Ihre musikalischen Anfänge feierte das Brüder- paar im eher kleinen Kreis. Silvester 1993 war es, als sie bei einer Feier unter Freunden zum Jahreswechsel erstmals ein richtiges, wenn auch kleines, gemeinsames Konzert gaben. Der Auftritt kam derart gut an, dass bereits im Anschluss ein weiterer Auftritt fest gebucht war. Die Idee der Dörr-Brüder war geboren. Am erfolgreichen Konzept von damals halten sie bis heute fest. „Ganz einfach: zwei Akustikgitarren und zwei Stimmen“, erklärt Eric, der bei der Sparkasse Schwarzwald-Baar als Referent Ver- anstaltungen tätig ist. Das Talent und der Un- terhaltungswert der beiden sprach sich herum. 1995 traten Eric und Carsten erstmals auf der großen Bühne des Glonki-Balls auf. Bis heute sind sie an der Fasnet anzutreffen, wenn auch nicht mehr auf der Bühne des Glonki-Balls. Seit dem ersten Glonki-Ball-Auftritt stand die musikalische Welt der Musiker Kopf. Es regnete Anfragen von allen Seiten. „Ein tolles Gefühl, dass wir mit dem, was uns Spaß macht, auf Anhieb die Menschen begeistern konn- ten“, erinnert sich Eric zurück. Auch wenn sie der Villinger Fasnet ihre große Bekanntheit zu verdanken haben, wehren sie sich gegen das ausschließliche Image als Fasnetsmusiker. „Wir sind viel breiter aufgestellt und das wollten wir natürlich auch zeigen“, erinnern sich die Brüder. Carsten und Eric entwickelten Projekte und neue Ideen. Es entstanden die musikalischen Stadtführungen durch Villingen-Schwenningen. Bis heute ein einzigartiges Konzept bei dem in- nerhalb eines Tages in unterhaltsamer Art beide Stadtteile besichtigt werden. Seit 2003 wird im kleinen Rahmen von maximal 20 Teilnehmern mit einem Oldtimerbus die Doppelstadt er- kundet – umrahmt von Musik der Dörr-Brüder. Nach einem kleinen Sektempfang vorab, neh- Dörr-Brüder 303


men die singenden Stadtführer die Teilnehmer mit auf eine vielverspre- chende Reise durch die Doppelstadt. Dabei wird es musikalisch, modern und humorvoll, gespickt mit histori- schen Fakten. Eine echte Erfolgsge- schichte – bis heute waren alle Füh- rungen ausverkauft. Und auch schon für die nächsten Termine stehen die Interessenten Schlange. Bekannte Titel neu interpretiert Natürlich gibt es weltweit Hilfsor- ganisationen, die Großes leisten. Wir haben uns aber entschieden der Lesung übernehmen durften“, erinnert sich Eric. Für ein anderes, größeres Pro- jekt der jüngeren Vergangenheit im Schwarzwald-Baar-Kreis holten sich die Brüder Unterstützung von Musikern aus der Region. Zusammen mit 14 Beteiligten entstanden Kon- zertabende unter dem Motto „Ru- hige Nummern und Duette“. Dabei präsentierten die Musiker viele ihrer Lieblingsballaden. So kamen über 30 Lieder zusammen, die die Dörrs als „Zwei Gitarren – Zwei Stimmen“ nicht alleine spielen wollten. Als eine „wahnsinnig tolle Erfahrung, die viel Spaß brachte“, beschrieben Eric und Carsten dieses Projekt, bei dem die beiden erneut zeigten, welch musikalische Bandbreite in ihnen steckt. Beteiligt war hier auch Carsten‘s Tochter Maren Dörr, die mit ihrer Querflöte die musikalische Vielfalt erweiterte. Mit dem Projekt landeten die Dörr-Brüder mit ihren Musikern einen Volltreffer. Kaum war der Vorverkauf in Kooperation mit dem Villinger Rockclub angelaufen, waren die Karten für die Konzerte in der Scheuer nach wenigen Minuten ausverkauft. Gerade die verschiedenen Konzertsi- tuationen, ob vor nur 20 Zuhörern oder auf einer großen Bühne mit tausenden Menschen zu spielen, mache den Spaß und Reiz aus, erklärt Carsten Dörr. Charity-Konzerte unterstützen regionale gemeinnützige Projekte Nach zwei Jahren mit den ruhigen Nummern und Balladen haben sie jetzt wieder die etwas rockigeren Töne angestimmt. Langweilig wird es im Hause Dörr nämlich nie – die Zuhörer dürfen sich also freuen. Ob sanft oder rockig, dass Carsten und Eric bei aller Liebe zur Musik auch ihr Umfeld nicht vergessen, zeigen sie in diesem Jahr schon zum dritten Mal in der Villin- ger Scheuer. Das bei ihren Konzerten generierte das Geld da zu spenden, wo es gesammelt wur- de. Daher möch- ten wir auch in unserer Heimat mit dem Geld et- was Gutes tun. Auch wenn sie eine ganze Fülle von Ideen und Projekten im Kopf ha- ben, einen großen Teil der Auftritte nehmen trotz des Erfolges ganz bewusst weiterhin Geburtstage und Feiern ein. Dabei steht das Dörr-Duo nicht für klassische Tanz- musik, vielmehr interpretieren sie bekannte Titel ganz nach ihrem ei- genen Geschmack eher rockig. Für die rockigen Passagen, aber vor allem auch für den kreativen Teil und Eigenkompositionen, zeichnet sich Carsten verantwortlich. Obwohl das Covern von bekannten Liedern ganz klar im Vordergrund des Programms der Dörr-Brüder steht, finden sich bei den Auftritten der Geschwister im- mer das ein oder andere vom jüngeren Bruder selbstgeschriebene Stück wieder. Auch zwei Vereinslieder stammen aus seiner Feder. Das Lied der Schwenninger Ziegelbuben hat Carsten komponiert ebenso wie das neue Hexenlied der Hexenzunft Villingen. Die Dörr-Brüder „leben“ die Doppelstadt eben. Dass die beiden Villinger Musiker wahre Mul- titalente und Verwandlungskünstler sind und neben Stadtführungen, Fasnet und Fetenmusik noch viel mehr im Repertoire haben, zeigte das Duo bei der Begleitung von Lesungen. Passend zu ihrer Heimatverbundenheit begleiteten Sie die Lesungen der VS-Krimis ihrer beiden Freunde Stefan Ummenhofer und Alexander Rieckhoff. „Etwas ganz Besonderes, da wir plötzlich mehr oder weniger Teil der erzählten Geschichte wa- ren, und neben der Musik auch kleinere Passagen 304 Musik


Eric und Carsten Dörr. Geld ging in der Vergangenheit immer wieder an regionale gemeinnützige Projekte, vor allem mit Kindern. Auch in diesem Jahr wird das wie- der so sein. Dabei entscheiden sich die Brüder ganz bewusst dafür, Projekte in der Region zu unterstützen. „Natürlich gibt es weltweit Hilfs- organisationen, die Großes leisten. Wir haben uns aber entschieden, das Geld da zu spenden, wo es gesammelt wurde. Daher möchten wir auch in unserer Heimat mit dem Geld etwas Gutes tun“, erklärt der ältere Dörr-Bruder die Philosophie hinter den Charity-Konzerten. Über die Idee vom Nebenjob-Musiker zum Vollzeit-Musiker umzusatteln, haben sich die beiden bisher nur im Spaß Gedanken gemacht. Musik ist nach wie vor ihr Hobby und dabei soll es auch bleiben. „Gerade das Dürfen und nicht das Müssen macht den Reiz aus“, weiß Carsten. Obwohl beide in ihrem Musikgeschmack doch sehr unterschiedlich sind, beschreiben sich die Brüder als sehr gesellige, meistens gut gelaunte Menschen, die viel und gerne lachen. Eigen- schaften, die im professionellen Musikgeschäft sehr schnell verloren gehen können. Auch wenn sich die Termine und Auftritte von Jahr zu Jahr mehren, zu viel wird es den Zweien nicht wer- den. „Es muss auch noch Spaß machen, daher stecken wir unsere zeitlichen Kapazitäten ganz realistisch ab.“ Ans Aufhören hat keiner von ihnen bisher gedacht. „Warum auch? Wir machen das so lan- ge, wie es uns Freude bereitet“, fügt der große Bruder an. Jedes Jahr vor der Villinger Fasnet gibt es ein Ritual, das sich bis heute im Hause Dörr bewährt hat: „Wir gehen nicht auf die Fasnet, wenn wir nicht mindestens ein neues Lied ha- ben“, so Carsten. Als Qualitätskontrolle – und das ist bereits der zweite gute Brauch im Hause Dörr – dienen dabei die Eltern. „Unsere Mutter und unser Vater sind unser letzter ‚Stückle-TÜV‘ vor der Bühne“, verraten sie. Ohne die unter- stützende Familie funktioniere ein solches Hobby sowieso nicht, wissen die beiden stimm- gewaltigen Brüder. Auch für die kommenden Jahre haben Eric und Carsten schon wieder die eine oder andere Idee im Kopf. Ob zu zweit, mit Band, im Freien oder auf der großen Bühne; das wollen sie noch nicht verraten. Aber eins steht ganz sicher fest. Premiere eines solchen Projekts wird immer in Villingen-Schwenningen sein. In ihrer Region, ihrer Heimat. „Wir haben der Region hier ei- niges zu verdanken“, so die beiden. Gedanken wegzuziehen hatten sie bisher noch nie – im- merhin lebe man doch in einer der schönsten Regionen Deutschlands. Man sieht sich also… Rock on! Dörr-Brüder 305


Schonach feiert 50 Jahre Schwarzwaldpokal Jahr für Jahr macht die Weltelite der Kombinierer im Skidorf Station von Peter Hettich 306 16. Kapitel – Sport


Wie klein fing die ganze Sache an – welch großes Ereignis ist daraus geworden! 50 Jahre Schwarzwaldpokal in Schonach, das ist eine ganz besondere Geschichte, eine des großen Sports, dargeboten von tollen Athleten. Auch eine von engagierten Organisatoren und Helfern, die Jahr für Jahr um Dreikönig eine Veranstaltung in der Nordischen Kombination auf die Beine stellen, die auf der ganzen (Ski-) Welt bekannt und anerkannt ist, manch- mal aber auch erkennen müssen, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind. Dann nämlich, wenn der Wettergott kein Einsehen hat und alle Bemühungen zunichte macht. Allerdings – nur sechs Mal fiel das Treffen der Weltelite im Schwarzwald im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. 50 Jahre Schwarzwaldpokal 307


Bilderbogen zum Schwarzwaldpokal. In den ersten Jahrzehnten befand sich das Langlaufstadion noch bei der Schonacher Sporthalle im Ortskern (oben, das Foto entstand 1981). Links unten ein Sprung von der Langenwald- schanze im Jahr 1967, rechts Alois Kälin, der den Wettbewerb 1968 gewann. Begonnen hatte alles einigermaßen unspekta- kulär. Langlauf- und Skisprung-Wettbewer be waren längst feste Bestandteile des Wett- kampf kalenders. Für Kombinierer, Unverwüst- liche also, denen es nicht genügte, nur durch die Spur zu hetzen oder sich ausschließlich von der Schanze in die Tiefe zu stürzen, sondern gerne beide Disziplinen in Angriff nahmen, hielt sich das Angebot Ende der 1960er-Jahre noch in überschaubaren Grenzen. Zwei Vereine, der Skiclub Schonach und die Skizunft Brend, woll- ten unbedingt Abhilfe schaffen. Sie taten sich zusammen – und fertig war die erste bedeu- tende Kombinationsveranstaltung im Schwarz- wald: Unter der Bezeichnung „Internationale Skiwettkämpfe Schonach/Neukirch“ trafen sich 1967 die Asse des Genres an zwei unterschied- lichen Wettkampfstätten – zum Springen auf der Schonacher Langenwaldschanze und zum Lauf in Neukirch, um den Sieger im Ski-Zwei- 308 Sport


kampf zu ermitteln. Dieser hieß Edi Lengg, kam aus Reit im Winkl, und durfte sich als Erster auf einer Siegerliste verewigen, auf der im Lauf der Jahrzehnte die Crème de la Crème des nordi- schen Skisports Einzug hielt. 1971 hieß der Wettbewerb erstmals „Schwarzwaldpokal“ Vier Jahre später waren die Brender nicht mehr mit im Boot. Auch das Pendeln von einem Wett- kampf-Ort zum anderen hatte ein Ende. Die Schonacher hatten nun alleine die Zügel in der Hand. Und der sportliche Anlass, der Athleten aus aller Herren Länder anlockte, hieß 1971 erstmals Schwarzwaldpokal. Ein Blick in die damalige Startliste beweist, wie sehr die Ver- anstaltung auch im Ausland bereits akzeptiert war: Athleten aus Österreich, Finnland, Italien, Jugoslawien, Polen, der Schweiz, Schweden, der Tschechoslowakei, Frankreich, Japan, Norwegen, der Sowjetunion und aus den USA erwiesen dem attraktiven Event ihre Referenz. Dazu kamen die besten deutschen Kombinie- rer aus West und Ost. Auch der Sieger war ein Deutscher. Er hieß Hans Rudhart, kam aus dem Allgäu und startete für den WSV Isny. Toller Sport, tolle Atmosphäre In kürzester Zeit wurde der Pokal, den der Gewinner überreicht bekam, zu einer der begehrtesten Trophäen des Genres. Nach Schonach kamen alle gerne. Nicht nur des Sports, sondern auch der Atmosphäre wegen. Hochkarä- tige Wettkämpfe standen auf dem Programm, es wurden aber auch familiäre Skifeste gefeiert, Freundschaften über alle Grenzen hinweg geschlossen. Und nicht selten endeten die Treffen der Trai- ner, Betreuer und Organisatoren im „Rebstock“, der gastronomischen 50 Jahre Schwarzwaldpokal Der bekannte Sportreporter Hans-Reinhard Scheu 1976 im Gespräch mit Ulrich Wehling (rechts), heu- te Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (FIS), damals Spitzen athlet der DDR. Wehling holte sich in der Nordischen Kombination in Innsbruck vor dem Schonacher Urban Hettich, der sensationell die Silbermedaille gewann, den Olympiasieg. Seele des Wettbewerbs, erst in den frühen Mor- genstunden. Zudem gab es in Schonach nicht irgend einen „Pott“ zu gewinnen. Die vom 2011 verstorbenen Bildhauer Klaus Ringwald gestaltete Trophäe hob sich wohltuend vom „Salatschüssel-Niveau“ anderer Siegerpokale ab. Das Original, ein Bronzeguss mit Ornamenten und eingearbei- teten Bergkristallen, das von Ernst Schneider als Wanderpokal gestiftet wurde, ist ein wahres Schmuckstück. Auch die kleine Der vom Schonacher Bildhauer Klaus Ringwald geschaffene Schwarzwald- pokal. 309


Hoch über Schonach – Fabian Rießle auf dem Sprung hinunter ins Skistadion. Nachbildung bedeutete – und sie tut es noch immer – für jeden Sieger eine Aufwertung sei- nes Trophäenschrankes. Von 1972 bis 1985 wurden auch die Junioren, die einen separaten Wettkampf bestritten, mit einem von Ringwald gefertigten Pokal bedacht. Der von Gottlieb Rombach gestiftete Siegerpreis wurde 1979 von einer von der Volksbank Triberg finanzierten Neuausfertigung abgelöst, die Wolfgang Beyer entworfen hatte. Im Jahr 1994 wurde der „Warsteiner Grand Prix Deutschland“ aus der Taufe gehoben, eine kleine Tournee innerhalb des Weltcups, bei der der Gesamtsieger der Wettkämpfe in Oberwie- senthal, Reit im Winkl und Schonach zusätzlich gutes Geld kassieren durfte. Die Stationen Reit im Winkl und Oberwiesenthal gibt’s nicht mehr, den „Warsteiner Grand Prix“ auch nicht. Nur Schonach mischt in der Beletage der Kombinati- onswettbewerbe weiter munter mit. Gunderson-Methode bringt Klarheit Anforderungen sind immens Gravierende Neuerungen gab es natürlich suk- zessive auch im sportlichen Bereich. Ab der Sai- son 1982/83 beendete die Gundersen- Methode endlich das lästige Rätselraten der Fans nach dem sich aus der Addition der Sprung- und Laufresultate ergebenden Sieger. Ein Jahr später war‘s auch in Schonach soweit: Der Oberstdor- fer Thomas Müller kam nach dem Langlauf als Erster ins Ziel – und hatte somit auch gewon- nen. Dem Wettbewerb vor 22 Jahren kam in weiterer Hinsicht besondere Bedeutung zu: Der Internationale Skiverband (FIS) hatte den Welt- cup geschaffen (damals zehn Stationen), und der SC Schonach war als verlässlicher Ausrichter mit an Bord. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Diese ständige Präsenz im Veranstaltungskalen- der ist natürlich nicht nur Freundschaften und guten Kontakten zu verdanken. Die Anforde- rungen an die Organisatoren sind immens. Die Langenwaldschanze musste im Lauf der Jahr- zehnte immer wieder für viel Geld modifiziert und umgebaut werden, was zu heftigen Dis- kussionen im Ort führte. Unter dem Strich zo- gen anschließend jedoch alle wieder an einem Rechte Seite: Impressionen von der Langenwald- schanze und Blick hinunter in den Auslauf der Schanze. Damit alle Springer möglichst die gleichen Verhältnisse haben, wird bei Schneefall kurz vor dem Sprung die Spur freigeblasen (Mitte links). 310 Sport


50 Jahre Schwarzwaldpokal 311


„Schonach live“ – die Atmosphäre an der Langenwaldschanze ist großartig – die Fans sind mit Eifer dabei. Strang. Auch bei der Laufstrecke, einst zentral gelegen, musste ständig nachgebessert werden. Seit langer Zeit befindet sich das Skistadion im Wittenbachtal. Der selektive Kurs wurde diverse Male neu gestaltet, den Notwendigkeiten des Reglements angepasst und so trassiert, dass Zuschauer und Fernsehanstalten zufrieden sein konnten. Letztere und deren Geld, ohne das Veranstaltungen dieser Größenordnung nicht möglich sind, haben inzwischen das Zeitdiktat übernommen, dem sich der Skiclub-Vorsitzende Gunter Schuster und sein Team zu unterwerfen haben. Die Weltstars der Szene kommen Und an Prominenz mangelte es der Veranstal- tung wahrlich nie, die Teilnehmerlisten bein- halten seit jeher die Weltstars der Szene. Große Namen haben sich darin verewigt. In den frühen Jahren drückte der Nesselwanger Franz Keller, Olympiasieger von 1968 in Grenoble, dem Wett- bewerb ebenso seinen Stempel auf wie das fin- nische Idol Rauno Miettinen oder Uli Wehling, der bei den Spielen 1972 in Sapporo, 1976 in Innsbruck und 1980 in Lake Placid jeweils mit Gold dekoriert wurde. Dann kam die Zeit des Oberstdorfers Thomas Müller und des heute als deutscher Cheftrainer fungierenden Hermann Weinbuch aus Oberstdorf, der sich 1985 in See- feld den Weltmeistertitel sicherte. Große Fußabdrücke hinterließ auch Fred Börre Lundberg. Der Norweger triumphierte 1991, 1993, 1995 und 1996, durfte die begehrte Trophäe aber dennoch nicht endgültig in seinen Besitz nehmen. Drei Siege hintereinander oder fünf Siege insgesamt, so lautet das Reglement. Der Franzose Fabrice Guy (1992), der Japaner Kenji Ogiwara (1994) und der Finne Samppa Lajunen (1997), alle drei Große der Szene, ver- hinderten Lundbergs sehnlichst erwünschten Coup. Todd Lodwick aus den USA, der Finne Hannu Manninen und der Franzose Jason Lamy Chappuis waren in den jüngeren Jahren die prä- genden Figuren des Schonacher Geschehens. Und die Deutschen? Hubert Schwarz aus Oberaudorf stand 1987 als letzter DSV-Athlet auf dem Siegertreppchen ganz oben. Seither lebt die Hoffnung auf den nächsten Sieg eines Weinbuch-Schützlings. Aber selbst Asse wie Ronny Ackermann, inzwischen Trainer im Na- tionalteam, Eric Frenzel oder Johannes Rydzek schwächelten immer dann, wenn es galt, in Schonach Farbe zu bekennen. Auch Georg „Schorsch“ Hettich war es nie vergönnt, vor eigenem Publikum zu triumphieren. Doch er sorgte für einen viel lauteren Paukenschlag. 2006, bei den Winterspielen in Turin, holte er Gold und Silber in den beiden Einzelwettbe- werben sowie Bronze mit dem Team. Er reihte sich damit in die Liste der großen Schonacher Skisportler ein. Zu ihnen gehören auch der Olympiazweite der Kombinierer von 1976 in 312 Sport


Im Skistadion Wittenbach entscheidet sich beim Langlauf der Kampf um den Schwarzwaldpokal. Innsbruck, Urban Hettich, Skispringer Hansjörg Jäkle, der Team-Olympiasieger von 1994 in Lille- hammer, oder Kombinierer Hans-Peter Pohl, Mannschafts-Olympiasieger 1988 in Calgary und Team-Weltmeister 1987 in Oberstdorf – letzteres übrigens zusammen mit dem noch amtierenden Bundestrainer Weinbuch. Auch Pohl amtiert noch: Der inzwischen 49-Jährige ist beim Schwarzwaldpokal als Moderator und Sprecher im Einsatz – eine weitere Konstante dieser ewig jungen Veranstaltung. schen Juniorenweltmeisterschaften 1981 und 2002, sowohl national als auch international punkten konnten und sich auch nicht davor scheuen, im Continentalcup oder bei „Jugend trainiert für Olympia“ als Ausrichter zu fungie- ren, bei Wettbewerben also, um die sich andere Orte wegen der damit verbundenen Arbeit wahrlich nicht reißen, ist der Ruf der Gemeinde und ihrer Organisationen und Klubs, die ins Ge- schehen eingebunden sind, untadelig. Das lässt darauf hoffen, dass auch in Zukunft die Welteli- te dem Schwarzwald ihre Aufwartung macht. Zukunft scheint gesichert Da die Schonacher auch mit der Organisation weiterer Events, allen voran die beiden Nordi- Der Norweger Moan Magnus Hov dal siegte beim Schwarzwaldpokal 2015 vor seinem Landsmann Klemetsen Haavard und dem Japaner Watabe Akito. 50 Jahre Schwarzwaldpokal 313


Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Goldene Verdienstmedaille Kreisbrandmeister Manfred Bau verabschiedet Nach 51-jähriger Dienstzeit bei der Feuerwehr, davon 23 Jahre als Kreisbrandmeister, wurde Manfred Bau im April 2015 offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Rund 250 geladene Gäste kamen nach St. Georgen, um den verdienten Feuerwehrmann zu würdigen. Bau erhielt für sein ehrenamtliches Engage- ment die höchste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg im Feuerwehrwesen. Er bekam vom Innenministerium das Feuerwehr ehrenzeichen der Sonderstufe ver liehen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis zeichnete Manfred Bau mit der Goldenen Verdienstmedaille aus. Zudem wurde er zum Eh ren vor – sitzenden des Feuerwehrkreis- verbandes Schwarzwald- Baar er nannt. Landrat Sven Hinterseh überbrachte den Dank der Be- völkerung des Landkreises. Er bezeich nete den scheidenden Kreis brand meister als „Vorbild und Motivator für alle Feuerwehr- kräfte im gesamten Landkreis.“ 314 Mit der Goldenen Verdienstmedaille des Schwarzwald- Baar-Kreises wurde Kreisbrandmeister Manfred Bau (links, mit Ehefrau) bei seiner Ver- abschiedung in den Ruhestand geehrt. Landrat Sven Hinterseh (rechts) betonte die Verdienste von Manfred Bau um das Feuerwehrwesen. Nach- folger ist Florian Vetter (zweiter v. rechts, mit Partnerin). Bau habe sein Hobby zum Beruf gemacht. Bereits in frühes- ter Jugend habe für ihn festge- standen, dass er „etwas Sinnvol- les“ machen wolle, so der Land- rat weiter. So war Manfred Bau 1963 Gründungsmitglied der Ju- gendfeuerwehr in Schonach. Nach seiner Ausbildung an der Gewerbeschule war er 21 Jahre lang als Bauleiter und Kalkulator in einer Baufirma in Schonach tätig. 1979 folgte die Wahl zum Kreisjugendfeuerwehrwart, 1981 wurde er stellvertretender Kom- mandant in Schonach. Zehn Jah- re später wählte man ihn zum Kreisbrandmeister. Und zwar eh- renamtlich. Gleichzeitig wurde er technischer Angestellter im Landratsamt, um alle Aufgaben erfüllen zu können. Und diese sind überaus um- fangreich: Sowohl die Aufsicht und Ausbildung der Feuerweh- ren im Kreis als auch deren Eh- rungswesen und Zuschussange- legenheiten oblagen ihm. Bei Bauvorhaben einer bestimmten Größe musste er weiter Stel- lungsnahmen zum vorbeugen- den Brandschutz für das Bau- rechtsamt verfassen. „Das nahm etwa 50 Prozent meiner Tätig- keit ein“, blickte Manfred Bau zurück. Vor allem dieser Bereich sei während seiner Jahre immer umfangreicher geworden. Fast immer vor Ort Und ganz nebenbei war Bau auch immer bei größeren Scha- densfällen im gesamten Kreisge- biet vor Ort. Alarmiert wurde er bei technischen Hilfeleistungen und Bränden – auch, wenn „nur“ eine Wohnung brennt. „Da habe ich dann im Funk reingehorcht und entschieden, ob ich die Ein- satzstelle anfahre“, so Bau. Da- her kam es schon mal vor, dass er auch in der Nacht zwei bis drei Mal aufstehen musste. Im Gedächtnis geblieben ist ihm vor allem das schwere Bus- unglück bei Donaueschingen im Jahr 1992. Bei der Verabschiedung von Kreisbrandmeister Bau wurde durch Landrat Hinterseh zudem der Nachfolger Florian Vetter in das Amt eingeführt. Magazin


Das ehemalige Villinger Krankenhaus ist auch baulich Geschichte, die Luftbildaufnahme zeigt den Stand der Ab- rissarbeiten im August 2015. Ziel ist es nun, an diesem Standort durch eine verdichtete Bebauung das stadtnahe Wohnungsangebot von Villingen-Schwenningen zu verbessern. Der Park des Krankenhauses bleibt erhalten, ebenso das ehemalige Schwesternwohnhaus im Hintergrund links. hat man mit einem dunklen Lack versiegelt, der nun wie ein Rahmen erscheint. „Der Baum lebt“ Balzer Herrgott erneut restauriert Das weithin bekannte Baum denkmal Balzer Herrgott in Gütenbach, der umklammerte Christus, ist einmal mehr aufwendig restauriert worden, da über kurz oder lang erneut sein Verschwinden im Baum droh- te. Überlegungen im Vorfeld, den Dingen ihren Lauf zu lassen, der Herrgott wäre dann nach und nach in der Weidbuche verschwunden, wurden verworfen. Der Balzer Herrgott ist einfach eine zu große Touristen-Attraktion. Zu Beginn der Maßnahme wurde an der auf ein Alter von 150 Jahren geschätzten Buche das Totholz entfernt. Dann schlossen Steinmetze an der steinernen Christusfigur feine Risse. Die Bau m öffnung, durch die der Herrgott zu sehen ist, Schließlich wurde auch die Umgebung neu gestal- tet: 14 Findlinge grenzen den Baum vom Wanderweg ab und akzentuieren ihn. Bürgermeister Rolf Brei – sacher ist wie alle Gütenba- cher stolz auf die besondere Buche mit dem steinernen Christus im Innern. Um des- sen Herkunft ranken sich viele Geschichten und Sagen. Von den Hugenotten soll der Christus angebracht worden sein, gar mit der französischen Revolution in Berührung ste – hen – oder vom legendären Königenhof stammen. Die Wahr heit wird sich nie mehr herausfinden lassen. Mehr über den Balzer Herr gott, der auch „Winkel- herrgott“ genannt wird, findet sich im Almanach 2013. Magazin 315


Schemenpapst Manfred Merz verstorben Im Alter von 87 Jahren ist am 30. Septem- ber 2015 der Villin- ger Sche- menpapst Manfred Merz verstorben. Er zählte zu den bedeutendsten Schemenschnitzern der schwä- bisch-alemannischen Fast- nachtslandschaft. Über 2.000 Glattschemen, Surhebel oder Morbili mit der Signatur „MM“ gibt es. Er ist auch Träger des Kulturpreises der Deutschen Fastnacht. Ein Portrait findet sich im Almanach 2004. 40 Jahre Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn: Mit dem Fahr­ planwechsel am 28. September 1975 ist auf der Schwarzwaldbahn erstmals eine Elektrolokomotive unterwegs gewesen. Die 135 Mio. Mark teure Elektrifizierung brach­ te viele Schwierigkeiten mit sich, so mussten alle Tunnels einen hal­ ben Meter tiefer gelegt werden, damit die Oberleitung Platz fand. 316 Mit Laienschauspielern professionell umgesetzt: Der Film „Funkenflug“ über den Stadtbrand von St. Georgen. Funkenflug feierte Premiere: Stadtbrand-Film begeistert St. Georgen Ein Hauch von Hollywood weh- te am 21. September 2015 über der Bergstadt: Mehr als 1.300 Besucher kamen zu den drei of- fiziellen Vorführungen des Kurz- films „Funkenflug“, der anläss- lich der 150. Wiederkehr des ver- heerenden Stadtbrandes am 19. September 1865 produziert wur- de (siehe dazu Almanach 2015). Die aus Oberkirnach stam- Regisseurin Stephanie Kiewel wurde für den 26 Minuten dauernden Film begeistert ge- feiert. Ebenso Co-Regisseur Finn Drude samt der britischen Filmcrew, Studienkollegen der Universität Cumbria, an der Kiewel ihr Studium für Film- und Fernseh produktion inzwi- schen abgeschlossen hat. An der Produktion waren mende und in England lebende gut 120 Personen beteiligt. Die englische Filmcrew mit Regisseurin Stephanie Kiewel an der Spitze (dritte v. links) wurde bei der Premiere von „Funkenflug“ gefeiert. Magazin


Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 31.12.2013 31.12.2014 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen St. Georgen Bad Dürrheim Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Bräunlingen Königsfeld Brigachtal Triberg Schonach Vöhrenbach Dauchingen Mönchweiler Tuningen Unterkirnach Schönwald Gütenbach 82.326 21.497 12.938 12.600 9.948 9.159 7.560 5.871 5.867 5.859 5.027 4.762 4.009 3.869 3.651 2.976 2.885 2.477 2.313 1.174 81.128 21.190 12.816 12.634 9.948 9.192 7.530 5.867 5.842 5.773 5.027 4.762 3.998 3.869 3.659 2.976 2.865 2.510 2.330 1.174 1.198 307 122 -34 0 -33 30 4 25 86 0 0 11 0 -8 0 20 -33 -17 0 1,48 1,45 0,95 -0,27 0 -0,36 0,40 0,07 0,43 1,49 0 0 0,28 0 -0,22 0 0,70 -1,31 -0,73 0 -0,82 Kreisbevölkerung insgesamt 206.768 205.090 1.678 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2015 30.06.2014 30.06.2013 3,3 % 3,6 % 3,9 % 3,7 % 3,8 % 3,9 % 6,2 % 6,7 % 6,6 % Beschäftigte insgesamt: 80.555, davon 35.712 im produzierenden Gewerbe (44,3 %), 21.591 in Handel und unterneh- mensnahen Dienstleistungen (26,8%) sowie 23.252 im Bereich „Sonstiges“ (28,9 %). (Stand: 30.06.2014 – Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg) Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande wurde 2015 Klaus Hall (Donaueschingen) ausgezeichnet. Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurde 2014 ausgezeichnet (noch nicht im Almanach 2015 abgedruckt): Johann Georg Fehrenbach (Villingen-Schwenningen). Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2015 ausgezeichnet: Albert Schnell (Blumberg), Jürgen Lehmann (St. Georgen), Marianne Schiller (Villingen-Schwenningen), Rolf Müller (Villingen-Schwenningen), Siegfried Henseleit (Villingen-Schwenningen). Die Staufermedaille wurde 2015 an Otto Weißer (Furtwangen) verliehen. Anhang 317


Bildnachweis Almanach 2016 104, 105 o.; Gabi Lendle, Hüfingen: 109 M. o. bis M.u., 111; Hans-Jürgen Kommert: 120-121; Strähle Luftbild; Schorndorf: 138; Rolf Ebnet; Bräunlin- gen, (Archiv): 162, 165, 166 u. 167 u., 171; Hartmut Ketterer, Vöhrenbach: 163, Marga Schubert, Vil- lingen-Schwenningen: 172, 175, 176; Lukas Nagel, Triberg: 177 o.; Achim Käflein, Freiburg: 177 u., Fürstlich-Fürstenbergisches-Archiv, Donaue- schingen: 182-185; Horst W. Kurschat, Villingen- Schwenningen: 202-209; Jürgen Müller, Blum- berg: 210; Roger Müller, Blumberg: 212, Roland Sprich, St. Georgen: 213, 242-243, 244 o. li., 246 o. li., 314, 316; Bernhard Lutz, Blumberg: 214, 215; Al- exander Schmid, Donaueschingen: 216; Jürgen Lehmann, Donaueschingen: 217; Heinz Bunse, Donaueschingen: 218, 219 u.; Martin Fetscher, Vil lingen-Schwenningen: 230 u. re, 237 Mi. u. re.; Wolf Ho ckenjos, Donaueschingen: 248-251; Stephanie Jako ber, Donaueschingen: 252-253, 254 o.; 255; Dr. Helmut Gehring, Villingen- Schwenningen: 259, 261 M. re., 263 o. re. 263 u. li.; ahu AG, Aachen: 256-257 u., NGP Baar, Villin- gen-Schwenningen: 258, 260, 261 Mi., 261 o. li., 263 Mi. li. u., 263 Mi. li. o., 263 Mi. re. o, 264, 265, 266 o., 266 u., 267; LUBW/H. Dannemeyer, Karls- ruhe :261 o. re.; K. Baudis: 261 M. li.; Dr. Stephan Hafner, Löffingen: 261 u. li., 263 u. li.; Dr. Konrad Reidl, Nürtingen: 263 o. li.; HFWU: 263 M.u. re.; Christian Kuchelmeister, Scheer- Heudorf: 278- 285 o.; Kur und Büder GmbH, Bad Dürrheim: 286-287, 288, 290-292; André Gegg, Villingen- Schwenningen: 289, 290 M.; Stephanie Wetzig, Buchenberg: 298-301; Michael Kienzler, Bri- gachtal: 303; Gemeinde Gütenbach: 315 u. Motive Titelseite: Gleitschirmfliegen beim Fürstenberg mit Blick nach Hondingen und kleine Fotos, Wilfried Dold, Vöhrenbach Motiv Rückseite: Eiche am Magdalenenberg, Wilfried Dold, Vöhrenbach. Bildnachweis für den Inhalt: Soweit die Foto gra- fen nicht namentlich angeführt werden, stam- men die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des betref fenden Beitrages oder sind die Bild autoren oder Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Namensnennung beziehen sich auf die jeweilige Seite): Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 33, 34, 35, 37, 38, 39, 40 ob., 44-45, 47-51, 65, 76-79, 86-87, 140-141, 146-147, 151, 156 ob., 158-159, 160-161, 167 o., 169, 173, 179, 180-181, 187, 188-189, 190-201, 219 o., 220-241, 244 o. re., 245, 246 o. re., 247, 258-259, 270-277, 285 u., 306-307, 309 u., 311, 312 o.r., 313 o., 315 o.; Sebastian Wehrle, Freiamt: 9; Roland Sigwart, Hüfingen: 23-31, 36, 254 u., 256, 257, 310, 311 o. li., 312 o. li., 313 u.; Harald Becker, Blum- berg: 43 u.; Jürgen Günther, Frankfurt 52-53, Madlen Falke, Hüfingen: 58, 59; Barbara Dickmann: 62-64, 66, 68, 69 o.; Elena Schyle, Schonach 67, Markus Ketterer: 69 u. re; Daniela Schneider, Villingen-Schwenningen: 71, 148, 150, 154; Tobias Lange, Villingen -Schwenningen: 81; Dieter Wacker, Villingen -Schwenningen : 83-85; Uhrenindustriemuseum, Villingen-Schwennin- gen: 89; Kinder- und Jugendmuseum, Donau- eschingen: 95; Bundesministerium für Verkehr, Bonn: 143, 149; Neckarquelle (Archiv), Villingen- Schwenningen: 142, 145; Autobahnmeisterei Rottweil: 152, 153, 155, 156 u., 157; dold.verlag (Archiv): 88, 93, 168m 196, 199, 232/233 u.; Jür- gen Hönig, Vöhrenbach: 91; SSS Siedle, Furtwan- gen: 96, Matthias Winter, Furtwangen: 102 o. re., 318 Anhang


Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Baumann, Günther, Kornbindstr. 59, 78056 Villingen-Schwenningen Beck, Andreas, Rathausplatz 1, 78166 Donaueschingen Dickmann, Barbara, Hubertusweg 5, 78098 Triberg Dold, Wilfried, Unteranger 3, 78147 Vöhrenbach Ebnet, Rolf, Kalköfele 7, 78199 Bräunlingen Fabisch, Nils, Hölzleweg 51, 78054 Villingen-Schwenningen Falke, Madlen, Ornans-Ring 19, 78183 Hüfingen Fetscher, Martin, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Gehring, Dr. Helmut, Königsberger Straße 30, 78052 Villingen-Schwenningen Hettich, Peter, Lindenstraße 11, 78054 Villingen-Schwenningen Hinterseh, Sven, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Hockenjos, Wolf, Alemannenstraße 30, 78166 Donaueschingen Hönig, Prof. Dr.-Ing. Jürgen, Berthold-Walter-Straße 24, 78147 Vöhrenbach Jakober, Stephanie, Käferstr. 10, 78166 Donaueschingen Kienzler, Michael, Gartenstraße 15, 78086 Brigachtal Köhler, Ursula, Rietstraße 35, 78050 Villingen-Schwenningen Kommert, Hans-Jürgen, Am Schwanen 1, 78112 St. Georgen Kring, Thomas, Neckarstraße 120, 78056 Villingen-Schwenningen Kuchelmeister, Christian, Baron-Eberhart-Weg 1, 72516 Scheer-Heudorf Kurschat Horst W., Weilersbacher Straße 132, 78056 Villingen-Schwenningen Lendle, Gabi, Mönchhofstraße 9, 78183 Hüfingen Lutz, Bernhard, Seemühle 14c, 78183 Hüfingen Nack, Christina, Obereschacher Straße 7, 78126 Königsfeld Rothweiler, Doris, Kiefernweg 36, 78176 Blumberg Schell, Rüdiger, Endlins Breiten 9, 78166 Donaueschingen Schneider, Daniela, Bert-Brecht-Straße 15-19, 78054 Villingen-Schwenningen Schön, Elke, Am Hofrain 26, 78120 Furtwangen Schubert, Marga, Hafnergasse 6, 78050 Villingen-Schwenningen Sigwart Roland, Hauptstraße 16, 78183 Hüfingen Sprich, Roland, Kühlbrunnenweg 13a, 78112 St. Georgen Wacker, Dieter, Steinwiesenstraße 4, 78052 Villingen-Schwenningen Wehrle, Sebastian, Buchenweg 4, 79348 Freiamt Wetzig, Stephanie, Martinsweiler 17, 78126 Königsfeld-Buchenberg Winter, Matthias, Kohlheppstraße 12, 78120 Furtwangen Anhang 319


Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2016 ® lingen-Schwenningen Hightech für den sicheren und effi – intelligente und innovative Systeme für den effi zienten Wa- S Sparkasse Schwarzwald-Baar Sechs weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. 320 Anhang



Konzert für eine Eiche – auf dem Villinger Magdalenenberg fotografiert von Wilfried Dold


]]>
Almanach 2015 https://almanach-sbk.de/almanach-2015-2/ Wed, 04 Nov 2020 05:24:52 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2015-2/

Almanach 2015 Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Schwerpunkt „Da leben wir“ 20 Jahre „Die Fallers“


He raus ge ber: Land rats amt Schwarz wald-Baar-Kreis www.schwarz wald-baar-kreis.de land rats amt@schwarz wald-baar-kreis.de Re dak ti on: Sven Hinterseh, Land rat Wil fried Dold, Re dak teur (wd) Kristina Blaha, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations- und Kulturamt Stadt Hüfingen Dr. Joa chim Sturm, Kreis ar chi var Für den In halt der Bei trä ge sind die je wei li gen Au to- ren ver ant wort lich. Nach dru cke und Ver viel fäl ti gun- gen je der Art wer den nur mit Ein wil li gung der Re- dak ti on und un ter An ga be der Fund stel le ge stat tet. Gestaltung: Wilfried Dold, dold.verlag Verlag: dold .ver lag, Vöh ren bach www.dold ver lag.de Druck: Todt Druck + Medien GmbH + Co. KG Vil lin gen-Schwen nin gen ISBN: 978-3-927677-80-7 Foto rechte Seite: An den Schleifenbach- Wasserfällen bei Blumberg.


3 3


Inhalt Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Schwerpunkt Neckar Wo sind die Wurzeln – wo ist daheim? Was Heimat ist, diese Frage ist ungeheuer populär geworden Wo der Neckar seine Reise beginnt Heimat ist überall Holy Heimat Von der Verortung des Ichs Petra Hettich Jochen Scherzinger Andreas Helwig Thomas Behringer Eric Fürderer Jacqueline Janzen Sabine Grässlin Jan Cebulla Rik Sauser Kai Sauser 28 94 Was „daheim“ im Schwarzwald- Baar-Kreis bedeuten kann hat das Jahrbuch „Almanach“ nachgefragt: Jochen Scherzinger in Gütenbach drückt seine Heimatgefühle in Mode aus, der Villinger Eric Fürderer ist im Butzesel-Häs „daheim“ – Petra Hettich auf dem Sigmundenhof in Schonach und Jacqueline Janzen im Tor ihrer Eishockeymannschaft. Für Pilot Andreas Helwig und Notfallsa ni täter Thomas Behringer bedeutet „Zuhause sein“ im „Christoph 11“ zu fliegen und Menschenleben zu retten. Für Sabine Grässlin ist das Restaurant „Kippys“ in St. Georgen ein Lebensmittelpunkt – und der junge Bad Dürrheimer Jan Cebulla hält sich vorzugsweise im Kurpark auf. Kai und Rik Sauser organisieren große Radveranstaltungen und konnten sich nie vorstellen, hier wegzugehen. Das Schwenninger Moos liegt 705 Meter über dem Meer und befindet sich am Südrand von Schwenningen. Hier entspringen der Neckar und die Stille Musel, die der Donau zufließt. Mitten hindurch verläuft die europäi- sche Wasserscheide – ein Teil des Mooswassers fließt somit über den Neckar auch in den Rhein. Das Moos ist ein großar- tiges Naturschutzgebiet und ein beliebtes Naherholungsziel. 4


Garnisonsstadt Donaueschingen Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich 152 Die französische Garnison Donau eschingen gehört seit dem 24. Juni 2014 der Vergangenheit an. Die Konsequenz: Rund 1.800 Menschen – ca. 750 Soldaten und deren Familienangehörige – sind fast von heute auf morgen weg- gezogen. Die Franzosen waren ein Teil der Stadt Donau esch in- gen, ein Teil ihrer internationa- len Ausrichtung und Ausstrah- lung und auch ein belebendes Element im Stadtalltag. Inhaltsverzeichnis 2 8 Impressum Heimat – Tradition, Verlässlichkeit, Geborgenheit / Sven Hinterseh 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 10 Der Schwarzwald-Baar-Kreis hilft Flüchtlingen in Not / Sven Hinterseh 20 Kreistagswahlen 2014 24 Verabschiedung der Kreisräte / Heike Frank 2. Kapitel / Da leben wir – Schwerpunkt Heimat 30 Petra Hettich – Bäuerin / Barbara Dickmann 34 Jochen Scherzinger – Modedesigner / Elke Schön 44 Andreas Helwig – Rettungspilot / Christina Nack 48 Thomas Behringer – Notfallsanitäter / Christina Nack 52 Eric Fürderer – Butzesel / Christina Nack 56 Jacqueline Janzen – Eishockey-Nationalspielerin / Christina Nack 60 Sabine Grässlin – Köchin und Kunstsammlerin / 66 Natalie Göbel Jan Cebulla – ein Leben im Rollstuhl und doch offen und fröhlich / Susanna Kurz 70 Kai und Rik Sauser: Wenn es ums Rad geht, sind sie in ihrem Element / Michael Kienzler 3. Kapitel / Städte und Gemeinden 76 Hüfingen bietet viel Lebensqualität / Stefan Limberger-Andris 84 Königsfeld – Ort der zarten Melancholie / Stephanie Wetzig 4. Kapitel / Schwerpunkt Neckar 94 Wo der Neckar seine Reise beginnt / Daniela Schneider 106 Schwenningen und die Necklemer / Wolfgang Trenkle 5. Kapitel / Wirtschaft 116 Sparkasse Schwarzwald-Baar – ein Stück Heimat 130 Bad Dürrheimer Mineralbrunnen / Christina Nack 140 SCHMIDT Technology / Roland Sprich 6. Kapitel / Bildung und Soziales 146 Carl-Orff-Schule Villingen / Saskia Fraas 7. Kapitel / Garnisonsstadt Donaueschingen 152 Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich / Ernst Zimmermann 8. Kapitel / Geschichte und Wirtschaftsgeschichte 170 Sanierung der Historischen Zehntscheuer / Dieter Wacker 176 Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen / Gerhard Kiefer 5


Inhalt Geschichte Zeitgeschehen Umwelt und Natur 100 Jahre Erster Weltkrieg Wo die Fallers zu Hause sind Die Rückkehr der Wildtiere 182 210 252 Die Geschichte des Ersten Welt- krieges für den Schwarzwald- Baar-Kreis – vielmehr für die frü- heren Landkreise Donaueschin- gen und Villingen – ist noch nicht geschrieben. Die Erinnerung an diesen Krieg ist meist nur noch dort lebendig, wo sie mit Angehö- rigen oder besonderen Ereignis- sen verknüpft ist. Einmalig ist ei- ne Bilddokumentation der Furt- wanger Fotografin Maria Griesha- ber über die Kriegsjahre. 6 Auf dem Unteren Fallengrund in Neukirch steht mit dem „Fallerhof“ der bekannteste Bauernhof von Baden-Würt- temberg. In Wirklichkeit ist es der Unterfallengrundhof. Nach 20 Jahren „Die Fallers“ ist zwi- schen den wirklichen „Fallers“, der Familie von Agnes und Felix Löffler, und den „Fallers“ mit den Hauptdarstellern Peter Schell und Christiane Brammert längst eine Freundschaft entstanden. Die Rückkehr einst ausgerotteter Wildtierarten wird in Zeiten ei- nes weltweiten Arten schwunds zumeist freudig begrüßt, feiern wir sie doch als Erfolgsnach- weis für den Artenschutz – als Indiz für einen noch immer vergleichsweise naturnahen, in- takten Lebensraum. Auch in den Schwarzwald-Baar-Kreis kehren verstärkt Wildtiere zurück. Doch nicht alle Heimkehrer haben das Zeug zum Sympathieträger.


Gastlichkeit Die Schwarzwälder Kirschtorte 300 Ein Geheimtipp im Schwarzwald ist das Café Schäfer in Triberg. Seit 1929 ist das Original-Rezept im Schäferschen Familienbesitz und seitdem wird den Gästen im Café die „Königin der Torten“ – die Schwarzwälder Kirschtorte angeboten. Aber noch viel mehr, so beispielsweise die mit Scho- kolade ummantelte Schwarz- waldkirsche mit Stiel. Eine Spezi- alität, hinter der viel Fachwissen steckt. 182 100 Jahre Erster Weltkrieg 190 Alltagsleben im Ersten Weltkrieg / Wilfried Dold 9. Kapitel / Brauchtum 206 Tracht des Jahres 2014 / Roland Sprich 10. Kapitel / Zeitgeschehen 210 Wo die Fallers zu Hause sind / Matthias Winter 224 20 Jahre „Die Fallers“ 230 „Funkenflug“ – Als die Bergstadt in Flammen stand / Roland Sprich 11. Kapitel / Kunst und Künstler 234 Thomas Straub: Konzeptkünstler und Schemenschnitzer / Stefan Simon 242 Helfried Günther Glitsch – Physiologieprofessor und facettenreicher Künstler / Stefan Simon 12. Kapitel / Umwelt und Natur 252 Die Rückkehr der Wildtiere / Wolf Hockenjos 262 Die Lärchen / Wolf Hockenjos 268 Aussichtspunkte im Schwarzwald-Baar-Kreis – Die Blatthalde bei Ober- und Unterbaldingen / Wolf Hockenjos 276 Historische Flussregulierungen im Schwarzwald-Baar- Kreis / Martin Fetscher 13. Kapitel / Sport 290 Michael Kienzler – als Sportfotograf bei der Fußballwelt- meisterschaft / Martina Zieglwalner 298 Martin Schmitt verabschiedet 14. Kapitel / Gastlichkeit 300 Die Schwarzwälder Kirschtorten-Erfolgsgeschichte aus Triberg / Daniela Schneider 304 Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal / Josef Vogt 307 Gasthaus Breitbrunnen Unterkirnach / Madlen Falke 14. Kapitel / Freizeit 310 Streichelzoo in Kappel – Eine Freizeit-Oase für die ganze Familie / Philipp Jauch Anhang 313 Almanach-Magazin 316 Europawahl Wahlergebnis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 317 Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis 318 Bildnachweis 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer 7


Zum Geleit Heimat – Tradition, Verlässlichkeit, Geborgenheit Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Jahr erscheint unser Almanach – das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch – bereits in der 39. Auflage und hält somit seit fast vier Jahrzehnten Jahr für Jahr neben dem aktuel- len Kreisgeschehen auch die Vielfältigkeit unseres Schwarzwald-Baar-Kreises in den unter- schiedlichsten Bereichen, sei es Wirtschaft, Politik, Kultur, Freizeit oder Sport fest. In diesem Jahr feiert ein ganz spezielles „Wahrzeichen“ unseres Landkreises Jubiläum: Die erfolgreiche SWR-Fernsehserie „Die Fallers“ wird 20. Dies haben wir zum Anlass ge- nommen, sowohl Filmset als auch den Alltag auf dem „Fallerhof“ näher unter die Lupe zu nehmen. Maßgebend für die Beliebtheit der Serie ist, dass immer wieder regionale Ereig- nisse, Feste und die Tradition im Schwarzwald thematisiert werden. Heimat spielt jedoch nicht nur bei den „Fallers“ eine große Rolle. Wie sehr Jung und Alt mit unseren wunderschönen Naturräumen im Schwarzwald und auf der Baar sowie mit der Tradition im Landkreis verwurzelt sind, zeigt ein weiteres Kapitel unseres Jahrbuches. Eini- ge Persönlichkeiten unserer Heimat präsentieren auf ganz unterschiedliche Art und Weise, was Heimat für sie bedeutet. Sie zeigen mit ihrer eigenen, ganz individuellen Note auf, dass wahre Heimat Geborgenheit und Verlässlichkeit gibt – Eigenschaften, die in diesen global schwierigen Zeiten wieder an großer Bedeutung gewinnen. Diese Beiträge, aber auch die weiteren Kapitel unseres Jahrbuches, zeigen in bunter und vielfältiger Weise, dass wir im Schwarzwald-Baar-Kreis mit unseren Naturschätzen, den außergewöhnlichen Städten und Gemeinden, den einzigartigen und unterschiedlichen Landschaften, mit guten wirtschaftlichen Strukturen und einem breit gefächerten kulturel- len Angebot selbstbewusst zu unserer Heimat stehen können. Ganz besonders richtet sich mein Dank an die zahlreichen Autoren und Fotografen, die dazu beigetragen haben, dass 2015 erneut ein ansprechendes, informatives und gleichwohl sehr kostengünstiges Heimatjahrbuch entstehen konnte. Dass dies möglich war, verdan- ken wir aber auch wieder den treuen Freunden und zahlreichen Förderern des Almanach, denen mein herzlicher Dank gilt. Ohne sie alle wäre dieses Schwarzwald-Baar-Jahrbuch nicht möglich gewesen. Herzlichen Dank vor allem aber auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Ich hoffe, Sie finden auch in der 39. Ausgabe des Almanach, unserem Schwarzwald-Baar-Jahrbuch, jede Menge anregenden Lesestoff und wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Vergnügen. Ihr Sven Hinterseh Landrat 8


In 20 Jahren wurden über 800 Folgen ausgestrahlt: „Die Fallers“ des SWR-Fernsehens sind die bekannteste Bauernfamilie Deutschlands. Gedreht wird die Serie auf dem Unterfallengrundhof in Furtwangen-Neukirch. Dort bereitet sich die bereits 19. Generation auf die Übernahme des Hofes vor. Florian Löffler mit Sarah und Tochter Romina sind zusammen mit Agnes und Felix Löffler die „wirklichen Fallers“. Die Familie bewirtschaftet den Hof seit 1592 – er ist seit über 420 Jahren ihre Heimat.


Aus dem Kreisgeschehen Der Schwarzwald-Baar-Kreis hilft Flüchtlingen in Not Jugendliche geben ihren Senf zur Kreispolitik – Schnelle Internetverbindung – Stundentakt auf der Schwarzwaldbahn – Musterwohnung BEATE – WanderParadies Schwarzwald und Alb von Landrat Sven Hinterseh Zahlreiche Krisen rund um die Welt sorgen derzeit für die höchs- te Zahl von Flüchtlingen seit dem Zweiten Weltkrieg. Über 50 Mil- lionen Menschen befinden sich laut Amnesty International welt- weit auf der Flucht. Und auch in Deutschland spüren wir die Auswirkungen: Viele Flücht- linge, die beispielsweise vor den aktuellen Men- schenrechtskrisen vor allem in Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und Eritrea fliehen, suchen Zuflucht in unserem Land. 10 10


Aus dem Kreisgeschehen Begrüßung einer Flüchtlingsfamilie aus Syrien durch Heimleiter Bernd Rist. Sie hat in einer Wohnung in Villingen eine vorläufige neue Heimat gefunden. 11


Aus dem Kreisgeschehen Einmal pro Woche bietet das Diakonische Werk in St. Georgen in Zusammenarbeit mit der Wirkstatt und ehren- amtlichen Helfern das Sprachcafé an. In lockerer Atmosphäre vertiefen die Asylbewerber hier die Alltagssprache und üben Grammatik. In der Bergstadt bemüht man sich mit großem Engagement in allen Bereichen um die Integration der Flüchtlinge. Hier hört die Eingliederung nicht nach dem „Guten Tag“ auf. Schwarzwald-Baar-Kreis nimmt knapp 2 % der Flüchtlinge in Baden-Württemberg auf Deutschland gewährt Flüchtlingen durch das Asylverfahren und das Aufenthaltsrecht Schutz. Ausschlaggebend ist das in Artikel 16a Grundge- setz verankerte Recht auf Asyl – es ist das einzige Grundrecht, das nur Ausländern zusteht. Die Prü- fung des Asylantrages erfolgt durch das Nürnber- ger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. In- nerhalb Deutschlands werden die Asylbewerber nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, das sind für Ba- den-Württemberg knapp 13 %. In Baden-Württemberg besteht dann ein dreigliedriges Aufnahmesystem: Erste Station für Asylbewerber und die meisten sonstigen Flüchtlinge ist die Landeserstaufnahmeeinrich- tung in Karlsruhe – eine weitere in der ehema- ligen Zollernalb-Kaserne in Meßstetten steht unmittelbar vor der Eröffnung. Hier werden die Asylbewerber registriert und auf übertragbare Krankheiten untersucht. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Landeserstaufnahmeeinrichtung beträgt etwa sechs Wochen. Danach (zweite Station) werden die Flüchtlinge den Stadt- und Land- 12 kreisen nach einem Bevölkerungsschlüssel für die sogenannte vorläufige Unterbringung – die bis zum Abschluss des Asylverfahrens dauert, längstens jedoch für zwei Jahre – zugeteilt. Der Schwarzwald-Baar-Kreis muss knapp zwei Pro- zent aller Asylsuchenden und Flüchtlinge in Ba- den-Württemberg aufnehmen. Nach dem Ende der vorläufigen Unterbrin- gung, die der Landkreis zu verantworten hat und organisiert, werden die Flüchtlinge innerhalb des Kreises auf die Städte und Gemeinden in die sogenannte Anschlussunterbringung (dritte Sta- tion) verteilt – maßgeblich hierfür ist der kreis- interne Bevölkerungsschlüssel der Städte und Gemeinden. 40 bis 60 neue Flüchtlinge pro Monat Die Zugangszahlen in Deutschland befinden sich auf einem Niveau wie seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr und ein sehr hoher Anstieg um über 50 % im Vergleich zum Vorjahr ist zu verzeichnen. Über 550 Flüchtlinge befinden sich derzeit in der sogenannten vorläufigen Unterbringung und somit im Verantwortungs- bereich des Landratsamtes in Gemeinschafts-


unterkünften in Villingen-Schwenningen, St. Ge – orgen, Donaueschingen und im ehemaligen Kloster in Maria Tann (Unterkirnach/Vil lingen- Schwenningen). In der ersten Jahreshälfte 2014 wurden uns von der Landeserstaufnahmeein- richtung in Karlsruhe je Monat zwischen 40 und 60 Flüchtlinge zur vorläufigen Unterbringung zugewiesen. Mittlerweile ist die Zahl auf 80 Per- sonen je Monat angestiegen und daher ist der Landkreis mit Hochdruck auf der Suche nach neuem Wohnraum für die in Not geratenen Men- schen. Die Unterbringung der Flüchtlinge bedeu- tet eine humanitäre Verpflichtung für uns alle. Bis zum Ende des Jahres 2015 werden über 1.100 Unterkunftsplätze benötigt Auch wenn der Schwarzwald-Baar-Kreis zu- letzt größere Gebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen anmieten konnte, so steht der Land kreis weiterhin unter starkem Druck, wei- tere Räumlichkeiten für die Unterbringung für Asylbewerber herzurichten. Das Landratsamt wird daher auch in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Städten und Gemeinden im Landkreis intensiv nach geeigneten Wohnobjek- ten Ausschau halten, um der Verpflichtung zur Un terbringung von Flüchtlingen nachkommen zu können. Nach derzeitigen Prognosen und Hochrechnungen werden bis zum Jahresende 2015 insgesamt über 1.100 Unterkunftsplätze be- nötigt. Intensive Betreuung erleichtert Integration Verständlich ist, dass viele Bürger und Nachbarn im Wohnumfeld von neuen Gemeinschaftsun- terkünften viele Fragen haben und dabei auch Sorgen und Ängste geäußert werden. Die Land- kreisverwaltung bemüht sich mit einer inten- siven Betreuung der Flüchtlinge in den Einrich- tungen zu einer gelingenden Integration und zu einem guten Miteinander vor Ort beizutragen. Ermutigend ist, dass viele Bürger mit großem Verständnis und Mitgefühl auf die Flüchtlinge zugehen und so auch dank bürgerschaftlichem Aus dem Kreisgeschehen Hausmeister Reinhold Grotz hat auch durch die Flüchtlinge tatkräftige Unterstützung. Mitte: Sozialarbeiter Josch Feuer- stein vom Sozialdienst des Deutschen Roten Kreuzes betreut die Familien. Und auch Spielen muss sein, Kinder aus Syrien freuen sich nach ihrer langen Odyssee über die Schaukel. Engagements ganz unterschiedliche Unterstüt- zungsleistungen angeboten werden können. Dadurch wird der Start und die Integration für viele Asylbewerber, in einer für sie fremden Welt, zweifelsohne erleichtert und es entstehen neue Kontakte und für beide Seiten wichtige Begeg- nungen. 13


Aus dem Kreisgeschehen Landtagspräsident Guido Wolf (Mitte, rechts) bereicherte die Veranstaltung für Erstwähler mit einem Impulsvor- trag zur Bedeutung der Demokratie. Zusammen mit Landrat Sven Hinterseh (Mitte, links) nahm er am Schluss der Veranstaltung die auf Senf flaschen notierten Anregungen der Erstwähler entgegen. Jugendliche geben ihren Senf zur Kreispolitik – Erstwähler nutzen Chance zum Dialog Von Politikverdrossenheit war bei der erstmals durchgeführten Veranstaltung für Erstwähler im Großen Sitzungssaal im Landratsamt im Vor- feld der Kommunalwahl kein Hauch zu spüren. Lebendig und äußerst gut vorbereitet diskutier- ten über 60 Schülerinnen und Schüler von un- terschiedlichen Schularten aus dem gesamten Kreisgebiet mit Kreisrätinnen und Kreisräten. Alle Schüler hatten eines gemein – sie konnten zum ersten Mal bei einer Kommunalwahl ihre Stimme abgeben. Einige sogar früher, als dies sonst möglich war. Zum ersten Mal hatten 16- und 17-Jährige die Möglichkeit mitzu- bestimmen, wer in den Kommunalgre- mien Verantwortung übernehmen soll. Initiiert wurde die Aktion „Was uns bewegt“ durch den Landtag Ba- den-Württemberg und vom Landratsamt umgesetzt. Als Kooperationspartner fanden sich im Landkreis 15 Schulen verschiedenen Typs sowie die Landeszentrale für po- litische Bildung und der Landesjugendring. Das Ziel 14 für die Erstwähler-Veranstaltung mit der flotten Überschrift „Was uns bewegt – Gib Deinen Senf dazu!“ war schnell definiert: Es sollte eine Platt- form dafür geschaffen werden, dass Jugendliche und Vertreter der Politik einen Dialog beginnen können. Schon im Vorfeld zum Veranstaltungstag am 7. Mai 2014 bereiteten sich die Teilnehmer, ob Schüler oder Politiker, intensiv zu einem landkreisbezogenen Thema vor: „Bildung – Ausbildung – Studium“, „Ehrenamt – Genera- tionengerechtigkeit“, „Integration – Inklusion“, „Energie“, „Tourismus und Freizeit“, „Stadt und Land“, „Kommunikation“ und „Mobili- tät“. Abgeleitet wurden diese Themen aus der Demografiestrategie des Schwarz- wald-Baar-Kreises. Wichtig war dabei, dass die erarbeiteten Ergebnisse aus den Dialogen zwischen Schülern und Politi- kern, dort wieder in die Umsetzung der Demografiestrategie einfließen werden. Ihre Wünsche formulierten die Jugend- lichen auf Senfflaschen – hier ist der Wunsch nach schnellem Internet fest- gehalten.


Über 100 Dialog-Teilnehmer Mit fundierten Argumenten ausgestattet, disku- tierten die über 100 Dialog-Teilnehmer, Schüler sowie Kommunalpolitiker. Die Schüler nutzten die Chance intensiv, all das zu ihrem Thema an- zubringen, was ihnen schon lange unter den Nä- geln brennt. Gemeinsam formulierten die The- mengruppen Aufträge an die Kommunalpolitik, die sie ganz getreu dem Motto auf einer Senftu- be festhielten. Bei der Präsentation der Ergebnisse war auch Landtagspräsident Guido Wolf anwesend. Auf beeindruckende Art und Weise präsentierten die Schüler das Fazit ihrer jeweiligen Diskussions- gruppe. Ein Zukunftsthema zog sich dabei wie ein roter Faden durch die Präsentationen: Mobili- tät. Fast alle Gruppen formulierten die Forderung nach einem besseren Verkehrsnetz. Dazu gab es ganz unterschiedliche Lösungsvorschläge und kreative Denkansätze, die an die Kommunalpoli- tik adressiert wurde. Im Rahmen der Überarbei- tung des Nahverkehrsplanes des Landkreises soll es den Jugendlichen möglich sein, sich mit ihren Ideen weiter einzubringen. In einem waren sich die Schüler einig: der Schwarzwald-Baar-Kreis ist ihre Heimat – eine Region mit einer guten Mischung aus Stadt und Land, aus Natur und kulturellem Leben, in der es sich gut leben lässt. Das Ziel: Breitbandversorgung und schnelles Internet für alle Die moderne Technik macht es möglich, dass vie- le alltägliche Aufgaben durch einen Knopfdruck leichter oder mit mehr Komfort erledigt werden können. Vieles davon ist für uns schon selbst- verständlich geworden. Heimarbeitsplätze dank modernster Computertechnik, Banküberweisun- gen von zu Hause mittels Online-Banking, Filme oder Serien können durch eine Mediathek im Fernsehen zu dem Zeitpunkt angeschaut wer- den, der selbst bestimmt wird, der Familienaus- flug wird durch eine Internetrecherche geplant und das Fotoalbum als Erinnerung online zu- sammengestellt und in Auftrag gegeben. All die- Aus dem Kreisgeschehen Eine Schülerin des Thomas-Strittmatter- Gymnasiums St. Georgen präsentiert die Ergebnisse der Diskussionsgruppe „Integration – Inklusion“. In lockerer Atmosphäre kamen Jugendliche und Politiker im Sitzungssaal des Landratsamtes ins Gespräch. Schüler des Technischen Gymnasiums Schwenningen diskutieren mit den Kreisräten Edgar Schurr (Mitte, links) und Karl Rombach, MdL (Mitte, rechts), zum Thema „Energie“. 15 15


Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz aufzubauen. Der Zweckverband, der im Früh- jahr 2014 gegründet wurde, macht es möglich, diese wichtige Aufgabe der Daseinsvorsorge zu realisieren. Die Vorteile für die Städte und Gemeinden im Schwarzwald-Baar-Kreis durch die- sen Zusammenschluss liegen in ver- schiedenen Faktoren. Kompetenzen können gebündelt und der Netzaus- bau aufeinander abgestimmt werden. Zudem können wirtschaftliche Ein- heiten für Planung, Baumaßnahmen und Netzbetriebsvergabe geschaffen werden. Darüber hinaus gewährt das Land Baden-Württemberg für inter- kommunale Zusammenschlüsse deut- lich erhöhte Zuschüsse. Etablierte Breitband-Netzbetreiber sind der- zeit nicht bereit, im ländlichen Raum flächende- ckend Glasfasernetze bis zu einzelnen Gebäuden (Fibre To The Building – FTTB) auszulegen. Des- halb bleibt nur die Alternative, das Glasfasernetz schrittweise in kommunaler Hand zu errichten und sodann an Netzbetreiber zu verpachten. Wichtigste Infrastrukturinvestition in den kommenden Jahren Die Entscheidung für diesen Schritt, sowohl des Landkreises als auch jeder einzelnen Kommu- ne, war mutig. Die Investitionskosten, um die schnelle Datenautobahn umzusetzen, müssen Aus dem Kreisgeschehen Landrat Sven Hinterseh und Schonachs Bürgermeister Jörg Frey geben im September 2014 den Startschuss für die Breitbandver- kabelung von Schonach und damit für das schnelle Internet. se Dienstleistungen haben viele von uns längst lieb gewonnen und für all dies benötigen wir eine leistungsfähige Internet-Verbindung, näm- lich eine schnelle Datenleitung – zukunftsfähige Breitbandnetze mittels Glasfaser. Für unsere Unternehmen sind leistungsfähi- ge Breitbandnetze im 21. Jahrhundert unabding- bar. Das Breitband ist heute ein bedeutender Standortfaktor. Wie schnell Informationen und Wissen ausgetauscht werden, beeinflusst das wirtschaftliche Wachstum, aber auch die Ent- wicklung unserer Städte und Gemeinden. Gera- de im ländlichen Raum müssen wir die Stand- ortqualität für unsere Bürgerinnen und Bürger sowie für unsere Unternehmen durch zukunfts- fähige Datenautobahnen sichern. Im Schwarzwald-Baar-Kreis haben sich des – halb alle Städte und Gemeinden und der Landkreis selbst zu einem Zweckverband zu- sammengeschlossen, um bei diesem Zukunfts- projekt an einem Strang zu ziehen: Der Schwarzwald-Baar-Kreis soll kreisweit mit ei- nem Glasfaser-Netz ausgestattet werden. Ziel des Zweckverbands „Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar“ ist es, im Laufe der nächs- ten Jahre im Landkreis in kommunaler Regie ein Ohne zukunftsfähige Datenautobahn via Breitband kabel ist die Standortqualität im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht gesichert. 16


gemeinsam gestemmt werden und sind für je- den Beteiligten eine Herausforderung. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis ist es die wichtigste Infrastrukturinvestition in den kommenden Jah- ren, denn sie gewährleistet, dass unser Landkreis zukunftsfähig bleibt. Über mehrere Jahre wird die Breitbandversorgung deshalb der Investiti- onsschwerpunkt des Kreishaushaltes sein. So liegen die Investitionskosten des Zweck- verbands für das Gesamtvorhaben, mit An- schlussmöglichkeit fast aller Gebäude in Ortsla- gen bis zum Jahr 2025 bei weit über 100 Milli- onen Euro. Davon entfallen auf das kreisweite Ringnetz (sogenanntes Kreis-Backbone-Netz), das ausschließlich durch den Kreishaushalt fi- nanziert wird, zirka 20 Millionen Euro. Die Städte und Gemeinden im Landkreis, die die Ortsnetze zu finanzieren haben, müssen die restlichen Investitionskosten stemmen. Die eigentlichen Hausanschlusskosten – vom Gehweg über das Hausgrundstück zum Gebäu- de – werden für die im weitestgehenden Falle über 54.000 Gebäude landkreisweit auf unge- fähr 90 Millionen Euro veranschlagt. Dies ergibt Anschlusskosten für ein Gebäude in Höhe von 1.500 bis 2.000 Euro. Stundentakt auf der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz gesichert Zu einer guten Verkehrsinfrastruktur zählt neben einem gut ausgebauten Straßennetz vor allem eine gute Anbindung an das Schienennetz. Die Schwarzwaldbahn ist dabei ein wichtiger Bau- stein, denn sie verbindet die Städte Offenburg und Singen auf einer 149 Kilometer langen Strecke, die mitten durch den Schwarzwald-Baar-Kreis führt. Leider hat sich die Deutsche Bahn AG und vor ihr auch schon die damalige Bundesbahn im- mer mehr aus den Fernverkehrsverbindungen von Konstanz über Offenburg in die ganze Repu- blik verabschiedet. Die Schwarzwaldbahn bei Triberg. Die weltbe rühm te Ge- birgsbahn muss auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis durch bedarfsgerechte Fahrpläne attraktiv bleiben. Aus dem Kreisgeschehen 17


Aus dem Kreisgeschehen Katja Porsch (Zweite v. links) präsentiert in der Musterwohnung BEATE ein Senioren-Telefon mit großen Tasten. Landrat Sven Hinterseh (rechts) und Sozialdezernent Jürgen Stach (Zweiter v. rechts) freuen sich. Im Frühjahr 2014 erfolgte ein weiterer Schritt und die Deutsche Bahn AG kündigte an, das Inter- city-Zugpaar „Schwarzwald“ und „Bodensee“ zu streichen. Nur durch intensiven Protest auf allen politischen Ebenen und durch die Unterstützung unserer örtlichen Abgeordneten ist es gelungen, die Intercity-Verbindung am Wochenende zu er- halten und die wochentags entstehende Lücke durch das insgesamt sehr gut angenommene Nahverkehrsangebot der Deutschen Bahn AG zwischen Konstanz und Offenburg zu schließen. Künftig muss wochentags also in Offenburg umgestiegen werden, um in Fernverkehrszüge zu gelangen. Für uns in der Region war aber wich- tig, dass wir nun wieder einen echten Stunden- takt auf der Schwarzwaldbahn bekommen und auch unsere Nahverkehrs- und Verbundtickets auf der Strecke gültig sein werden. Unsere Kritik hat Wirkung gezeigt und das Land hat gehandelt und diese Verkehrslücke geschlossen. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass sich die Deutsche Bahn AG immer mehr auf wichtige Strecken zurückzieht und sich mit ih- rem Fernverkehrsangebot alleine auf einige we- nige Hochleistungsstrecken konzentriert. Auch als Wirtschafts- und Tourismusregion brauchen wir schließlich eine gute verkehrliche Anbindung auf der Schiene und die Schwarzwaldbahn muss weiterhin attraktiv bleiben. 18 So kann altersgerechtes Wohnen aussehen – Musterwohnung BEATE eröffnet Für viele Senioren ist es ein großer Wunsch, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben zu können. Wie dies gelingen kann, zeigt die Beratungsstelle „Alter und Tech- nik“ des Schwarzwald-Baar-Kreises bereits seit dem Jahr 2011 auf. Senioren und Angehörige kön- nen sich hier darüber informieren, welche tech- nischen Möglichkeiten es zur Unterstützung im Alltag gibt und welche individuell auf den einzel- nen Bedarf passen. Es gibt zahlreiche Hilfsmittel, zum Beispiel Geräte für Sehbehinderte, wie ein Vorlesegerät oder einen Bildschirm, der Texte und Bilder be- liebig vergrößert. Aber auch eine ausgeklügelte Haustechnik mit Fingerprint-Scanner, der den Eintritt zur Wohnung ohne Schlüssel gewährt oder der mobile ortbare Notruf, bis hin zu einem Sensorsystem, welches den Herd bei zu großer Hitze abschaltet, können den Alltag erleichtern. Um das altersgerechte Wohnen besser zu ver- anschaulichen, wurde durch den Schwarz wald- Baar-Kreis eine Musterwohnung in der Schwen- ninger David-Würth-Schule in einem ehemali- gen Klassenzimmer eingerichtet. Viele regionale Unternehmen und die Hildegard und Katharina Hermle-Stiftung haben maßgeblich dazu beige-


tragen, dass die Musterwohnung – namens BEATE – realisiert werden konnte. Hinter jedem der Buchstaben steht eine Bedeutung: B wie barriere frei Wohnen, E wie erleben und auspro- bieren, A wie Alltagshelfer, T wie technische Un- terstützung und E wie Einzelberatung. Hilfsmit- tel und Barrierefreiheit können hier erlebt und ausprobiert werden und bei einer persönlichen Beratung gibt es individuelle Hilfestellungen. Mit Blick auf die sich wandelnde Gesellschaft, vor allem was die demografische Entwicklung be- trifft, gewinnt die Musterwohnung immer mehr an Bedeutung. Uns freut es sehr zu sehen, dass bereits nach wenigen Monaten sehr viele Besu- cherinnen und Besucher mit großem Interesse BEATE aufsuchen, um sich über dieses wichtige Themenfeld zu informieren. Wandern wird noch reizvoller – WanderParadies Schwarzwald und Alb Das Wandern hat sich in den letzten Jahren wie- der zu einer attraktiven Freizeitgestaltung ent- wickelt. Auch zahlreiche jüngere Menschen und Familien schnüren sich die Wanderstiefel, um auf Entdeckungstour zu gehen. Die Bewegung an der frischen Luft und in der Natur ist für viele Wanderer der besondere Reiz. Zweifellos kann unser Schwarzwald-Baar-Kreis für begeisterte Wanderer einiges bieten. Die abwechslungsrei- Aus dem Kreisgeschehen chen Landschaften, die intakte Natur und das gute Klima sind wichtige Gründe, weshalb sich Wanderer für eine Tour hier bei uns entschei- den. Doch dies allein reicht heute oftmals nicht mehr aus, um auch weiterhin für Wanderer und Aktiv urlauber interessant zu sein. Mit der Offen- sive „WanderParadies Schwarzwald und Alb“ ge- meinsam mit dem Landkreis Rottweil schaffen wir für Wanderer ein neues Angebot, das sich an das bereits erfolgreiche „RadParadies Schwarz- wald und Alb“ anlehnt, und über 30 Rundwan- derwege beinhaltet. Zertifizierte Qualitätsmerkmale gibt es beim WanderParadies zum einen auf den aus- gewählten und gut gekennzeichneten Wegen. Die Qualitäts-Wanderwege haben das Siegel des Deutschen Wanderverbandes, werden nach fest- gelegten Kriterien überprüft und vom Schwarz- waldverein und vom Schwäbischen Albverein ge- pflegt. Bei der Auswahl der Wege wurde darauf geachtet, dass die bundesweit geltenden Kriteri- en des Premiumweg-Zertifikats des Deutschen Wanderinstituts oder des Qualitätsweg-Zer- tifikats des Deutschen Wanderverbandes er- füllt werden. Zudem gibt es sogenannte Para- dies-Touren, die dieses herausragende Angebot abrunden. Zum anderen unterstützen wir unse- re Beherbergungsbetriebe bei der Zertifizierung zum „Qualitätsgastgeber Wanderbares Deutsch- land“. Dies alles sind wichtige Beiträge, um un- seren Landkreis als attraktiven und wichtigen Tourismusstandort im Schwarzwald er- halten zu können. Weiterhin leistet nämlich der Touris- mus einen wichtigen Beitrag für die wirt- schaftliche Stärke unseres Landkreises. Wandern im Schwarz- wald und auf der Baar, hier auf dem Schwarzwaldbahn-Er- lebnispfad bei Triberg, ist noch reizvoller geworden. 19


Aus dem Kreisgeschehen Neuer Kreistag hat 61 Mitglieder Wahlbeteiligung von 46,3 Prozent – Elf Frauen gehören dem Gremium an 12 Sitze 150.859 St. (20,9 %) 10 Sitze 124.939 St. (17,3 %) 7 Sitze 81.824 St. (11,3 %) 4 Sitze / 43.370 St. (6,0 %) Fraktionslose Mitglieder 2 Sitze Die Sitzverteilung im 9. Kreistag nach der Wahl am 25. Mai 2014. 26 Sitze 278.123 Stimmen (38,6 %) Am Sonntag, 25. Mai 2014 hat- ten zahlreiche ehrenamtliche Wahlhelferinnen und Wahlhel- fer im Schwarzwald-Baar-Kreis alle Hände voll zu tun. Es galt die Stimmen sowohl der Eu- ropa- als auch der Kommunal- wahlen mit den Kreistags-, Ge- meinderats- sowie Ortschafts- ratswahlen aus zuzählen. In rekordverdächtiger Geschwin- digkeit standen bereits am Montag die vorläufigen End- ergebnisse fest. Die Endergeb- nisse wurden schließlich vom Wahlausschuss bestätigt. Am Wahlsonntag gaben von 164.953 Wahlberechtig- ten im Schwarzwald-Baar-Kreis 76.394 Wähler ihre Stimme für den 9. Kreistag ab. Somit liegt die Wahlbeteiligung bei 46,3 Prozent. Fünf Jahre zuvor lag die Wahlbeteiligung bei 47,6 Prozent. Der neue Kreistag setzt sich aus 61 Mitgliedern zusammen, während das Vorgängergremium aus 64 Kreistagsmitgliedern bestand. Dem aktuellen Kreistag gehören elf Frauen und 50 Männer an. Dies entspricht einer Frauenquote von 18 Prozent, was eine ordentliche Steigerung im Vergleich zum Vorgängergremium bedeutet, dort waren ledig- lich acht Frauen vertreten. Der jüngste Kreisrat, und gleichzeitig auch ein neues Mitglied, ist mit 32 Jahren Bürgermeister Andreas Braun aus Un- terkirnach. Der älteste Kreisrat ist Dr. Wolfgang Berweck mit 79 Jahren, der dem Kreistag bereits seit 1999 angehört. Zwei Oberbürgermeister und 13 Bürgermeister sind im aktuellen Kreistag vertreten. Rechnerisch ist somit fast jedes vierte Mitglied ein Stadt- oder Gemeindeoberhaupt. Seine Arbeit nahm der Kreistag in der konstitu- ierenden Sitzung am 28. Juli 2014 auf. absolute Stimmen in Prozent gleich- wertige Stimmen in Prozent Sitze zuzüglich Ausgleichs- sitze Sitze gesamt 278.123 150.859 124.939 81.824 43.370 14.404 27.490 721.009 38,6 20,9 17,3 11,3 6,0 2,0 3,8 100 30.068 14.144 11.109 7.638 4.372 1.099 1.604 42,9 20,2 15,9 10,9 6,2 1,6 2,3 70.034 100 % 22 10 10 7 3 1 1 54 4 2 0 0 1 0 0 7 26 12 10 7 4 1 1 61 Partei/ Wählerverei- nigung CDU Freie Wähler SPD GRÜNE FDP DLVH AFD insgesamt 20


Der Kreistag 2014 – 2019 Als Fraktionsvorsitzende fungieren: CDU: Thorsten Frei, Donaueschingen; Freie Wähler: Walter Klumpp, Tuningen; SPD: Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen; GRÜNE: Christian Kaiser, Donaueschingen; FDP: Adolf Baumann, Hüfingen Aus dem Kreisgeschehen CDU, 26 Sitze Elke Bettecken, Villingen-Schwenningen Dr. Karl-Henning Lichte, Villingen-Schwenningen Patrick Bossert, Donaueschingen Andreas Braun, Unterkirnach Torben Dorn, Dauchingen Gunther Dreher, Villingen-Schwenningen Theobald Effinger, Brigachtal Thomas Ettwein, Villingen-Schwenningen Prof. Dr. Barbara Fink, Bad Dürrheim Thorsten Frei, Donaueschingen Josef Herdner, Furtwangen Bernd Hezel, Villingen-Schwenningen Katharina Hirt, Villingen-Schwenningen Markus Keller, Blumberg Fritz Link, Königsfeld Klaus Martin, Villingen-Schwenningen Maria Noce, Villingen-Schwenningen Erik Pauly, Donaueschingen Thomas Petrolli, Niedereschach Karl Rombach, Schonach Jürgen Roth, Tuningen Manfred Scherer, St. Georgen Mathias Schleicher, Dauchingen Michael Schmitt, Brigachtal Christian Stark, Bräunlingen Robert Strumberger, Vöhrenbach Dr. Michael Walter, Blumberg Freie Wähler, 12 Sitze Dr. Wolfgang Berweck, Villingen-Schwenningen Werner Ettwein, Villingen-Schwenningen Sigrid Fiehn, Königsfeld Jörg Frey, Schonach Dr. Klaus Götz, Bad Dürrheim Rainer Jung, Furtwangen Walter Klumpp, Tuningen Ernst Reiser, Villingen-Schwenningen Michael Rieger, St. Georgen Wolfgang Schyle, Schonach Bertold Ummenhofer, Villingen-Schwenningen SPD, 10 Sitze Siglinde Arm, Villingen-Schwenningen Rolf Breisacher, Gütenbach Oliver Freischlader, St. Georgen Siegfried Heinzmann, Villingen-Schwenningen Anton Knapp, Hüfingen Dr. Rupert Kubon, Villingen-Schwenningen Ilse Mehlhorn, Niedereschach Christian Muthmann, Brigachtal Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen Kerstin Skodell, Hüfingen Grüne, 7 Sitze Beate Berg-Haller, Königsfeld Martina Braun, Furtwangen Christian Kaiser, Donaueschingen Wolfgang Kaiser, Bad Dürrheim Cornelia Kunkis-Becker, Villingen-Schwenningen Armin Schott, Villingen-Schwenningen Hans-Joachim von Mirbach, Villingen-Schwenningen FDP, 4 Sitze Adolf Baumann, Hüfingen Roland Erndle, Donaueschingen Dr. Marcel Klinge, Villingen-Schwenningen Georg Wentz, St. Georgen Fraktionslose Mitglieder, 2 Sitze Jürgen Schützinger, DLVH, Villingen-Schwenningen Frank Lobstedt, AfD, Villingen-Schwenningen 21


2 2 2 2 m e i s t e r v o n U n t e r k i r n a c h . A n d r e a s B r a u n , B ü r g e r – j ü n g s t e M i t g l i e d , K r e i s r a t s t e l l v e r t r e t e n d f ü r a l l e i G r e m u m m s i t g l i e d e r d a s i H n t e r s e h v e r p f l i c h t e t B i l d ) . L i n k s : L a n d r a t S v e n s e i n e A r b e i t a u f ( r e c h t e s Beate Berg-Haller, GRÜNE Sigrid Fiehn, FWV D e r 9 . K r e i s t a g i n d e r Dr. Wolfgang Berweck, FWV l w a d – B a a r – K r e i s e s n m m i G e s c h i c h t e d e s S c h w a r z – t Georg Wentz, FDP Adolf Baumann, FDP Prof. Dr. Barbara Fink, CDU Cornelia Kunkis-Becker, GRÜNE Martina Braun, GRÜNE Maria Noce, CDU Anton Knapp, SPD 9 . K A u r s e d e i m s K t r e a i s g g e s c h f e ü h e n r d i e L e g i s l a t u r p e r i o d e 2 0 1 4 – 2 0 1 9 Manfred Scherer, CDU Michael Rieger, FWV Josef Herdner, CDU Walter Klumpp, FWV Wolfgang Schyle, FWV Christian Muthmann, SPD Dr. Rupert Kubon, SPD Jürgen Schützinger, DLVH Robert Strumberger, CDU Bernd Hezel, CDU Rolf Breisacher, SPD Hans-Joachim von Mirbach, GRÜNE Frank Lobstedt, AfD Dr. Klaus Götz, FWV Dr. Marcel Klinge, FDP Wolfgang Kaiser, GRÜNE Rainer Jung, FWV Roland Erndle, FDP Oliver Freischlader, SPD Edgar Schurr, SPD Armin Schott, GRÜNE Dr. Karl-Henning Lichte, FWV Siegfried Heinzmann, SPD Jörg Frey, FWV


Elke Bettecken, CDU Sven Hinterseh, Landrat Katharina Hirt, CDU Thorsten Frei, CDU Mathias Schleicher, CDU Thomas Ettwein, CDU n d e A r m , S P D . S i g l i A u f d e m G r u p p e n b i l d f e h l t Bertold Ummenhofer, FWV Ilse Mehlhorn, SPD Torben Dorn, CDU Michael Schmitt, CDU Kerstin Skodell, SPD Erik Pauly, CDU Christian Kaiser, GRÜNE Fritz Link, CDU Patrick Bossert, CDU Thomas Petrolli, CDU Jürgen Roth, CDU Andreas Braun, CDU Theobald Effinger, CDU Markus Keller, CDU Klaus Martin, CDU Werner Ettwein, FWV Karl Rombach, CDU Christian Stark, CDU Gunther Dreher, CDU Dr. Michael Walter, CDU Ernst Reiser, FWV A u s d e m K r e i s g e s c h e h e n


Aus dem Kreisgeschehen Ein herzliches Dankeschön an die Kreisrätinnen und Kreisräte In feierlichem Rahmen wurden die Mitglieder des Kreistages geehrt und verabschiedet Das Foyer des Landratsamtes zeigte sich nach der ersten Sitzung des 9. Kreistages von seiner festlichen Seite. An den dezent geschmückten Festtafeln nahmen die weiterhin amtierenden, die neuen sowie die Kreisrätinnen und Kreisräte, welche dem Gremium in der neuen Amtspe- riode nicht mehr angehören, gemeinsam Platz. Bei einer besonderen Feierstunde standen die Personen, die sich den kreispolitischen Themen angenommen und mit ihrem Wirken das Wesen des Schwarzwald-Baar-Kreises geprägt haben, im Mittelpunkt – die Kreisrätinnen und Kreisräte. Landrat Sven Hinterseh zeigte sich von den Leis- tungen der ehrenamtlichen Kreispolitikerinnen und Kreispolitiker beeindruckt und würdigte de- ren Engagement. Verabschiedung von 28 Frauen und Männern aus dem 8. Kreistag Fast die Hälfte der bisher 64 Kreistagsmitglieder, nämlich 43,8 Prozent, ist aus dem Kreistag aus- geschieden. So konnte Landrat Sven Hinterseh 28 Frauen und Männer ehren und verabschieden. In seiner Laudatio erinnerte Landrat Hin- terseh an einige „Wegstationen“ der vergan- genen Wahlperiode, die von 2009 bis 2014 dauerte. Zum Schul- und Bildungswesen hob er hervor, dass eine gute Bildungsinfrastruktur im Schwarzwald-Baar-Kreis eine große Traditi- on innehabe. Unter dem Label „Bildungsregion Schwarzwald-Baar-Kreis“ ist das ehrgeizige Ziel formuliert, allen Kindern und Jugendlichen einen bestmöglichen Bildungserfolg zu gewährleisten. Bei den beruflichen Schulen des Landkreises wur- de in der vergangenen Wahlperiode viel inves- tiert. Intensive Diskussionen und Emotionen gab es bei der Einführung der Schulentwicklungspla- 24 nung und der Etablierung neuer Schularten an Teilen der Schulen des Landkreises. Ein Schwerpunkt der Kreispolitik der letzten und sicher auch der neuen Wahlperiode war und ist der Öffentliche Personennahverkehr bzw. die immer größer werdende Bedeutung der Mobili- tät im ländlichen Raum. Als Meilensteine in der Tourismusarbeit des Landkreises bezeichnete Landrat Hinterseh rück- blickend die Beteiligung an der „Schwarzwald Tourismus GmbH“ und die Eröffnung des „Rad- Paradies Schwarzwald und Alb“ im Jahr 2010. Aufgrund des großen Erfolgs des Radprojekts entschlossen sich der Schwarzwald-Baar-Kreis und der Landkreis Rottweil, das wieder popu- lär gewordene Thema Wandern in das „Para- dies“-Programm aufzunehmen. Die Entwicklung der Demografiestrategie un- ter Einbeziehung der Bürgerschaft des Landkrei- ses war eines der Highlights der zurückliegenden Wahlperiode. Aber auch die Investitionen des Landkreises in seine Straßen kann sich für diesen Zeitraum sehen lassen. Insgesamt wurden über 15 Millionen Euro investiert. Zwei große Projekte, die der 8. Kreistag eingeleitet und entwickelt hat, werden weiterhin aktuell bleiben: die neue Stra- ßenmeisterei in Hüfingen, und die schrittweise Umsetzung des Radverkehrskonzeptes. Ein Jahrhundertprojekt war der Bau des Schwarzwald-Baar Klinikums auf der sprich- wörtlich „grünen Wiese“ zwischen Villingen und Schwenningen. Über 280 Millionen Euro flossen in den Neubau. Die Eröffnung im Juli 2013 schloss die frühzeitig begonnene Neustrukturierung der Kliniklandschaft im Landkreis ab. Fragen rund um das Thema soziale Sicherung und Beratungsleistungen in Notlagen beschäf- tigten den Kreistag auch in den vergangenen Jah- ren sehr intensiv. Die meisten Gelder des Kreis-


Ehrungen und Verabschiedungen aus dem Kreistag Die Verdienstmedaille in Bronze des Schwarzwald-Baar-Kreises für eine Zugehörigkeit zum Kreistag über zwei Wahlperioden hinweg überreichte Landrat Sven Hinterseh (5. von links) an (v. links): Rolf Effinger, Erich Bißwurm, Beate Schmidt-Kempe, Bürgermeister Dr. Gallus Strobel, Karl-Heinz Schaaf, Kordula Kugele, Matthias Weisser, Bürgermeister Bernhard Kaiser, Michael Blaurock, Bürgermeister Rolf Fußhoeller und Bürgermeister Friedrich Scheerer. haushalts werden für diesen Bereich benötigt. Bei der Abfallwirtschaft hat sich eine Kehrtwen- de vollzogen. Damit die Deponien vergangener Tage nicht zu den Altlasten der Zukunft werden, muss investiert werden. Von hoher Bedeutung war zudem die Gründung des „Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar“ mit allen Städten und Gemeinden. Sven Hinterseh: „Unser Landkreis, unsere Demokratie lebt von Menschen wie Ihnen!“ Insgesamt 117 Sitzungen des Kreistags und sei- ner Ausschüsse haben in den vergangenen fünf Jahren stattgefunden. 881 Drucksachen wurden versandt und 881 Tagesordnungspunkte behan- delt. Diese wenigen Zahlen sprechen für sich und zeigen, dass alle Kreisräte sehr gefordert waren. Landrat Sven Hinterseh dankte allen Kreis- räten für ihr zurückliegendes Engagement: „Für Ihre Leistungen, Ihren Einsatz, aber auch Ihr Herzblut, das Sie alle in die Kreistagsarbeit ha- ben einfließen lassen.“ Er hob hervor, dass die Ar beitsatmosphäre überaus angenehm war, was bei so vielen unterschiedlichen Charakteren nicht selbstverständlich sei. Mit den 28 ausschei- denden Kreisrätinnen und Kreisräten verliere der Kreis engagierte Frauen und Männer, die sich über viele Jahre für die Entwicklung des Schwarz- wald-Baar-Kreises eingesetzt und dafür manches Opfer gebracht haben. „Unser Landkreis, unsere Für ihr Engagement während der letzten Wahlpe- riode des Kreistages wurden geehrt (v. links): Albrecht Kienzler, Dr. Joachim Flum, Dr. Andrea Ka nold, Uwe Siefert, Prof. Manfred Kühne und Daniel Stengele. Demokratie lebt von Menschen wie Ihnen! Ein demokratisches Staatswesen funktioniert nicht, wenn man sich auf die Zuschauerbank setzt und mehr oder weniger genüsslich verfolgt, wie der Staat und seine hauptamtlichen Funktionäre al- les regeln. Eine Demokratie lebt davon, dass man selbst aufs Spielfeld geht und sich einbringt“, be- tonte er. Für ihr Engagement während der letzten Wahlperiode wurden mit einer Dankesurkun- de ausgezeichnet: Dr. Joachim Flum, Dr. Andrea Ka nold, Dr. Hans-Dieter Kauffmann, Albrecht Kienzler, Prof. Manfred Kühne, Armin Rudolf, Uwe Siefert und Daniel Stengele. 25


Aus dem Kreisgeschehen Für die Zugehörigkeit über zwei Wahlperio- den hinweg erhielten ei- ne Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Bronze und eine Urkun- de: Erich Bißwurm, Michael Blaurock, Rolf Effinger, Bür- germeister Rolf Fußhoeller, Bürgermeister Bernhard Kai – ser, Kordula Kugele, Karl- Heinz Schaaf, Bürgermeister Friedrich Scheerer, Beate Schmidt-Kempe, Bürger- meister Dr. Gallus Stro bel und Matthias Weisser. Für die Zugehörigkeit über drei Wahlperioden hin weg erhielten die Ver- dienstmedaille des Schwarz- wald-Baar-Kreises in Silber: Marcus Greiner, Jürgen Hess und Heinz Pfeiffer. Die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold er- hielten für vier vollendete Wahlperioden: Herbert Bos- sert, Stefan Scherer, Bernd Stähle und Bürgermeister Jürgen Guse. Bernd Stähle erhielt zur Verdienstmedail- Marcus Greiner, Verdienstmedaille in Silber. Jürgen Hess, Verdienstmedaille in Silber. Heinz Pfeiffer, Verdienstmedaille in Silber. Die Verdienstmedaille des Landkreistages konnte Land- rat Hinterseh (Mitte) an (v. links) Edgar Schurr (Bron- ze) sowie Bürgermeister Anton Knapp, Ernst Reiser und Jürgen Schützinger, alle Silber, überreichen. le des Landkreises in Gold zudem die Verdienst- medaille des Landkreistages Baden-Württem- berg in Bronze. Bräunlingens Bürgermeister Jürgen Guse, bisheriger erster Stellvertreter des Landrats im Kreistag, wurde ebenso die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg in Bron- ze überreicht. Folgende, auch weiterhin amtierende Kreis- tagsmitglieder erhielten eine Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg: Edgar Schurr (Bronze, für vier Wahlperioden), Bürger- Die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold für vier vollendete Wahlperioden überreichte Landrat Sven Hinterseh (Mitte) an (v. links): Herbert Bossert, Stefan Scherer, Bürgermeister Jürgen Guse und Bernd Stähle. 26


meister Anton Knapp, Ernst Reiser und Jürgen Schützinger (alle Silber, für fünf Wahlperioden). Dr. Gerhard Gebauer und Lukas Duffner zwei Urgesteine des Kreistages Eine besondere Ehrung wurde zwei Persönlich- keiten zuteil, die vom ersten Tag des Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises Verantwortung im Kreistag getragen haben. Dies sind die Kreis- räte Lukas Duffner und Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer. Landrat Sven Hinterseh bezeichnete Lukas Duffner als ein Urgestein des Kreistages des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er stehe beispiel- haft für die Kreispolitik in den vergangenen 40 Jahren. Lukas Duffner wurde am 7. November 1965 erstmals als zweitjüngstes Mitglied in den Kreistag gewählt und gehörte der seinerzeiti- gen Kreisversammlung Villingen unter dem da- maligen Landrat Dr. Robert Astfäller bis im Jahr 1971 an. In den Jahren 1972 und 1973 war er Mit- glied des Kreistages Villingen-Schwenningen bis schließlich der heutige Schwarzwald-Baar-Kreis gegründet wurde. Sein überdurchschnittliches Engagement für die Bürgerinnen und Bürger des Schwarz- wald-Baar-Kreises und insbesondere des west- lichen Kreisgebietes brachte er in zahlreichen Ausschüssen des Kreistages ein. Sein vielseitiger Einsatz im Rahmen der Tourismusförderung – sei es durch das bereits frühzeitige Angebot von Kutschfahrten oder durch den Erhalt des Kultur- denkmals „Reinertonishof“ und seinen Wieder- aufbau, sein Kampf für Entbürokratisierung und sein Einsatz für den Straßenbau, würden ihn so- wohl als Land- und Forstwirt sowie als Kommu- nalpolitiker auszeichnen, so der Landrat. Im Jahr 2008 erhielt Lukas Duffner das Bun- desverdienstkreuz. Im Rahmen der Feierstun- de überreichte ihm Landrat Sven Hinterseh die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold und die Verdienstmedaille des Landkreistages Ba- den-Württemberg in Gold. Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer gehörte ebenfalls von Anbeginn des Schwarz- wald-Baar-Kreises im Jahr 1973 durchgängig Ehrungen und Verabschiedungen aus dem Kreistag Lukas Duffner gehörte 40 Jahre dem Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises an und hat drei Landräte im Amt erlebt. Das Bild zeigt v. links: Landrat a. D. Karl Heim, Lukas Duffner, Landrat Sven Hinterseh und Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht. dem Kreistag an. Bereits vor der Gründung des Schwarzwald-Baar-Kreises war Dr. Gebauer auf Kreisebene aktiv und gehörte in den Jahren 1960 bis 1971 dem damaligen „Kreisrat“ und später dem Kreistag von Rottweil an, in den Jahren 1972 bis 1973 dann dem Kreistag von Villingen-Schwenningen. Für dieses einzigartige po- litische Engagement konnte Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer bereits im Jahr 2011 die Verdienstme- daille des Landkreistags Ba- den-Württemberg in Gold entgegennehmen. Neben dem Wirken Dr. Gebauers in beinahe allen Ausschüssen des Kreistages des Schwarz- wald-Baar-Kreises in den ver- gangenen 41 Jahren, war er stets auch als stellvertreten- des Mitglied in zahlreichen Ausschüssen des Kreistages, als Bürgermeister und Oberbürgermeister tätig. Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer, Ver- dienstmedaille in Gold. Landrat Sven Hinterseh verlieh Dr. Gerhard Gebauer die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold, die durch dessen Gattin entgegen ge- Heike Frank nommen wurde. 27


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat 2. Kapitel Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Wo sind die Wurzeln – wo ist daheim? Was Heimat ist, diese Frage ist ungeheuer populär geworden. Fast nie ist damit nur ein Ort gemeint: Familie, Freunde, Gefühle – Erinnerungen: „daheim sein“ kennt viele Facetten. Der Künstler Stefan Strumbel, der für seine poppigen Kuckucks uhren bekannt ist, deren Uhrwerke er in Schonach bauen lässt, ist für die provokante Frage bekannt: „What the fuck is Heimat?“. Das Jahrbuch „Almanach“ hat nachgefragt, was „daheim“ im Schwarzwald-Baar-Kreis bedeuten kann: Jochen Scherzinger in Gütenbach drückt seine Heimatgefühle in Mode aus, der Villinger Eric Fürderer ist im Butzesel-Häs „daheim“ – Petra Hettich auf dem Sigmundenhof in Schonach und Jacqueline Janzen im Tor ihrer Eishockeymannschaft. Für Pilot Andreas Helwig und Notfallsani täter Thomas Behringer bedeutet „Zuhause sein“ im „Christoph 11“ zu fliegen und Menschenleben zu retten. Für Sabine Grässlin ist das Restaurant „Kippys“ in St. Georgen ein Lebensmittelpunkt. Und der junge Bad Dürrheimer Jan Cebulla liebt es, im Kurpark zu sein – Rik und Kai Sauser bei Radsport-Events, die sie selbst organisieren. » Mit den Händen zu arbeiten, sofort zu sehen, was man schafft und die Tiere zu versorgen, das ist einfach mein Ding. « Petra Hettich, Bäuerin » Wie wichtig mir meine Heimat ist, hätte ich ohne meine Olympiateil- nahme in Sotschi nicht gewusst. « 28 28 Jacqueline Janzen, Eishockey-Nationalspielerin


XXX Heimat ist überall Holy Heimat Von der Verortung des Ichs 30 34 44 48 52 Petra Hettich Jochen Scherzinger Andreas Helwig Thomas Behringer Eric Fürderer 56 60 66 70 70 Jacqueline Janzen Sabine Grässlin Jan Cebulla Rik Sauser Kai Sauser 29


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Petra Hettich – Bäuerin Der Sigmundenhof in Schonach ist der schönste Platz auf der Welt von Barbara Dickmann Wenn sie morgens aus dem Fenster schaut, wandert ihr Blick über Wiesen und Täler, über leichte Hügel und Wälder und die Weite einer Landschaft, wie sie in Bilderbüchern nicht schöner sein kann. Manchmal scheint schon die Sonne, manchmal ist der Himmel bedeckt – doch ob es regnet, stürmt oder schneit, immer ist da das Gefühl von Freiheit und Schönheit, von Ruhe und Gelassenheit. Petra Hettich atmet tief durch, trinkt ihren Kaffee, isst etwas und steigt in den Tag hinein. Es wird wieder ein langer Tag werden. Viel Arbeit liegt vor ihr, die sie physisch wie psychisch fordern wird – und doch will sie mit keinem tauschen. Petra Hettich, 46 Jahre jung, lacht gern und viel. Ein frecher Kurzhaarschnitt umrahmt ihr fri- sches Gesicht, das weder Make-up noch Rouge braucht, T-Shirt und Jeans passen zu ihrer sport- lichen, schlanken Figur und ihre Motorik lässt er- ahnen, dass sie sich viel im Freien bewegt. Wenn sie spricht, unterstreichen feingliedrige Hände ihre Worte. Doch diese Hände sind es gewohnt, zuzupacken, denn Petra Hettich ist Bäuerin – Bäuerin mit Begeisterung und Leidenschaft. Der Sigmundenhof in Schonach ist ihre Heimat. Dort setzt sie fort, was vor fünf Generationen anno 1830 mit Sigmund Hettich begann – und das mit Leib und Seele. 30 Hektar Grünland und 15 Hektar Wald be- wirtschaften sie und ihr Mann und das ist nicht ohne. Milchkühe und ihre Kälbchen müssen ver- sorgt werden, Hühner gackern, ein Hase schaut aus dem Stall, die Katzen sind unterwegs, Bienen liefern den Honig, der Gemüsegarten muss ge- pflegt werden und der Hofhund weicht ihr nicht von der Seite. Vier Ferienwohnungen beherbergen etliche Monate im Jahr Familien mit Kindern, die den Stallgeruch lieben und die Natur als einen ein- zigen großen Abenteuer-Spielplatz erleben. Doch auch sie müssen rundherum versorgt werden 30 und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist nicht getan mit Sauberkeit, behaglichen Möbeln und frischer Bettwäsche. Manche Gäste suchen auch die Ansprache, die zur Aussprache werden kann. Denn die Natur, die Ruhe und das Losge- löstsein vom Alltag lassen herausbrechen, was in der Hetze des Alltags untergeht. Ziemlich viel auf einmal! Petra Hettich lacht. Nein, nein, das sei keine Belastung für sie. Natürlich nehme sie sich dann Zeit für ein Gespräch und oft genug sind die Menschen einfach sehr nett und es sei schön, wenn sich alle hier auf dem Hof so wohlfühlen. Doch eine halbe Stunde am Tag versucht sie sich immer auszuklinken. Nachmittags um vier sitzt sie gerne in der Küche oder auf dem Balkon. So ganz mit sich allein, ignoriert Telefon, Tiere, Mann und zwei (fast) erwachsene Kinder und ent- spannt: „Das ist meine Zeit, meine Kraftquelle.“ Tiere, Stall und Feld… Petra Hettich weiß schon sehr früh, was sie will. Ihr Vater stirbt, als sie sechs Jahre alt ist. Die klei- ne Familie muss zusammenhalten und sie und ihr jüngerer Bruder helfen der Mutter im Stall und auf dem Feld. Petra gefällt das sehr. „Mit


Durchatmen muss sein – Petra Hettich gönnt sich eine Auszeit im Bauerngarten. XXX 31


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat den Händen zu arbeiten und sofort zu sehen, was man schafft, und die Tiere zu versorgen ist einfach mein Ding“, sagt sie. Doch sie weiß auch, dass ihr Bruder Vorrang hat, wenn es um die Nachfolge geht. Dass dieser das überhaupt nicht will, sondern Physiker wird, vereinfacht die ganze Geschichte. Doch der Alternativ-Plan war schon in ihrem Kopf. „Ich hätte mir dann einen anderen Hof gesucht, doch in die Stadt wäre ich nie gezogen.“ Nach dem Abitur beginnt sie ein landwirt- schaftliches Studium in Nürtingen in der Nä- 32 Mit ganzem Herzen Bäuerin – Freude an den Tieren und an der Feldarbeit. Petra Hettich und der Sigmun- denhof. he von Stuttgart. Petra schnuppert Stadtluft, doch die gefällt ihr nicht. Sie lernt ihren Mann kennen, dessen Eltern ebenfalls einen Betrieb bewirtschaf ten. Sie schließt ab als Diplom-Inge- nieurin und zieht sofort zurück auf den Sigmun- denhof. Drei Jahre arbeitet sie in der Beratung als Ökokontrolleurin in einer Zertifizierungsstel-


le und danach 13 Jahre als Ökokontrolleurin. Die Kinder werden geboren und 1997 übernimmt sie gemeinsam mit ihrem Mann Ralf Spadinger den Hof. Im Sommer 2005 bauen sie diesen komplett um und modernisieren ihn. Und doch errichten sie kein Haus abseits vom Stall, sondern erhal- ten den traditionellen Schwarzwälder Eindach- hof und leben gemeinsam mit ihren Tieren unter einem Dach. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen Petra Hettich ist angekommen… Eine intakte Fa- milie, ein Traumberuf, der eigentlich Berufung ist, jeden Tag wieder neue Anforderungen stellt und doch seinen immer wiederkehrenden Rhyth- mus hat. „Die Tiere sind immer anders drauf, ha- ben besondere Charaktere. Und immer, wenn ein Kälbchen geboren wird, ist das ein kleines Wun- der.“ In Petras Augen leuchtet die Leidenschaft, die Begeisterung und eine innere Zufriedenheit. Strahlt das auch auf die Kinder aus? Und wer wird den Hof übernehmen. Petra lacht: „Das se- he ich ganz entspannt. Die Kinder müssen ihren eigenen Weg gehen!“ Und was ist mit Ausgehen, Konzert, Theater, Hobbys, Urlaub, Träumen? Na ja, natürlich gehe sie auch gerne ins Theater oder in ein Konzert, doch meistens merke sie erst im Nachhinein, was in der näheren und weiteren Region alles gebo- ten wurde. „Warum nehme ich eigentlich kein Theater-Abo?“ fragt sie sich dann. Urlaub ganz spontan und für eine Woche geht immer mal wieder in der Zeit, wenn die Kühe im Stall stehen und nicht gemolken werden müssen. Ach ja, und außerdem sei sie noch ehrenamtliche Richterin beim Finanzgericht in Freiburg, beteili- ge sich an dem „Tag des offenen Bauerngartens“, sei Schriftführerin im BLHV-Ortsverein und, und, und…Tja und Hobbys habe sie ja genug. Im Som- mer joggen, im Winter Langlauf, das reiche völlig. Das Leben in der Natur verändere die Einstellung zum Leben und Sterben. “Ich wundere mich im- mer, dass manche Menschen die ganze Woche in einem stressigen Job arbeiten und dann auch noch am Wochenende einen Freizeitstress be- treiben. Da komme ich nicht mehr mit.“ Petra Hettich – Bäuerin Doch bei dem Wort „Traum“, wird sie etwas nachdenklich. Nein, nein, es sei keine Kreuzfahrt auf einem Luxusliner oder ein Wellness-Urlaub im Fünf-Sterne-Hotel: „ Mein Traum heißt Afrika! Ich möchte Entwicklungshilfe in der Landwirt- schaft leisten und habe schon ein kleines Projekt ins Auge gefasst, das ein Pfarrer mit Frauen in Uganda aufgebaut hat.“ Petra weiß nicht, ob es klappt, doch sie arbeitet daran und wer sie erlebt, zweifelt nicht daran. Und dann gibt es noch vie- le Dinge, die sie vielleicht machen würde, wenn sie gesund bleibt, denn „das Leben ist ein Fluss“, sagt sie. Doch Afrika ist ihr großer Wunsch seit Kin- dertagen. „Ich würde ungern sterben, bevor ich Entwicklungshilfe in Afrika geleistet habe.“ Das „Paradies“ als liebster Ort Wenn der Abend kommt und Mensch und Tier versorgt sind, gehen die Eheleute noch einmal hinaus in die Natur. Oft genug führt ihr Weg zum „Paradies“, einem Fleckchen Erde, das sei- nem Namen mehr als gerecht wird. Petra genießt dann den Blick, der über sanfte Hügel bis zum nächsten Dorf reicht, schaut in den Himmel und die sich immer wieder verändernden Wolken. “Hier möchte ich einmal begraben werden“, sagt sie und lacht. Das dauert hoffentlich noch sehr, sehr lange, denn Petra will weiter Bäuerin sein – für sie nicht nur der Traumberuf schlechthin, sondern eine ganz besondere Lebensform mit vielen Pflichten, aber auch vielen Freiheiten, in dem sie gestalten und bewegen kann. Petra Hettich ist die Bäuerin von heute: ge- bildet, ausgebildet, offen und interessiert an den Menschen, fortschrittlich und doch konservativ wenn es um Werte wie Heimat, Natur, Tiere geht, mit Liebe zum Theater, zu Konzerten, ehrenamt- lich engagiert und dem Willen sich einen Traum zu erfüllen. Die nächste Generation: Kinder, die die Wahl haben und Eltern erleben, die es schaf- fen Tradition und Moderne zu verbinden. Bollen- hut und High-Tech sind eine gute Symbiose, um die Zukunft mit all ihren Herausforderungen zu meistern. 33


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jochen Scherzinger – Modedesigner Königreich Heimat: Mit dem Label „Artwood“ seit drei Jahren auf dem Erfolgsweg von Elke Schön mit Fotografien von Sebastian Wehrle „Königreich Heimat“ – flotte Floskel, die gerade mal auf der Nostalgie- Welle tanzt? Keineswegs – spätestens, wenn man dem Modemacher Jochen Scherzinger gegenüber sitzt, wird klar, dass sich da einer mit diesem Slogan bewusst zu seinem Schwarzwaldflecken Gütenbach bekennt. Zum obersten Winkel im idyllischen Hübschental, nachdem er sich durchaus schon anderswo in der Welt umgeschaut hat. 34 34 www.artwood.de


Jochen Scherzinger – Artwood Wo jahrhundertelang die Uhrmacher ihrem Handwerk nachgingen, bringt es ein junger Mann fertig, sich mit einer anderen Branche sesshaft zu machen: der Mode. Wie vielen „Wäldern“, sieht man dem drahtigen dunkelhaarigen Typen seine Mitte dreißig nicht an, aber anders als manch ande- rer versteht es Jochen Scherzinger wortgewandt seinen beruflichen Werdegang zu schildern. Als Sohn aus alteingesessener Gütenbacher Familie absolviert er nach Abschluss der Furtwanger Re- alschule eine Lehre als Werkzeugmechaniker, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der als selbstständiger Konstrukteur für Spritzgussfor- men tätig ist . Doch schon während der Ausbildung be- schleicht Sohn Jochen das Unbehagen bei der Aussicht auf eine Zukunft in der Alltagstret- mühle mit fremdbestimmten Arbeitszeiten und eingeschränkter Initiative. Die ergreift er jetzt entschlossen, um seine Schulbildung bis zur Fachhochschulreife zu ergänzen. Damit kann er – noch immer der Metallbranche treu – ein Maschinenbaustudium in Koblenz aufnehmen. Nach zwei Semestern ist klar, dass auch dies letzten Endes in eine Industrielaufbahn münden würde. Nun erst gesteht er sich seine Talente auf ge- stalterischem Gebiet ein. Dieser Richtung nach- zugehen, hatte ihm übrigens schon während der Schulzeit sein Vater empfohlen, der selbst seit langem das Malen in der Landschaft in seiner Freizeit mit Hingabe pflegt. 35 35


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat „Königreich Heimat“ als Motiv auf T-Shirts und Kapuzenpullis. Warum also nicht Modedesign ansteuern? In Frage kamen die Fachschulen in Sigmaringen und Mannheim. Selbst finanziert werden muss- ten beide, also wurde letztere gewählt, schon weil Mannheim von Gütenbach aus besser zu er- reichen war. Außerdem gab es dort gute Studen- tenjobs zum Geldverdienen. Die Verkaufserfah- rung, die er in der Herrenbekleidungsabteilung bei Peek & Kloppenburg sammeln konnte, weiß er heute noch zu schätzen. Ganz und gar nicht locker gestaltete sich das dreijährige Studium für Modedesign. Näherfah- rung wurde laut Schulleitung nicht vorausge- setzt doch bereits im ersten Semester bestand eine Prüfungsaufgabe in Entwurf, Schnitt und Anfertigung einer Mädchenbluse. Im Rückblick erkennt Jochen Scherzinger, dass er das Studi- um an der Modeschule zu keinem früheren Zeit- punkt hätte beginnen dürfen. Das höhere Alter, die Erfahrungen aus der Fabrikpraxis und dem Technikstudium kamen ihm sehr zugute. Emp- fehlen würde er aber ein Modedesignstudium nie mandem. Shirts für Kinder und Erwachsene – die Zeichnung entstammt einem Projekt mit der Gütenbacher Grund- und Hauptschule. Die Kinder sollen erfahren, dass ihre Heimat eine „echt coole Sache ist“. Nach dem erfolgreichen Abschluss zum „Staat- lich anerkannten Modedesigner“ stellt sich dem jungen Mann die Frage: Mit welchem Schwer- Raum für die Bilderwelt der Heimat 36


Mystischer Schwarzwald – hier ist kein Platz für satt- sonnige Farben. Jochen Scherzinger beschränkt sich auf Schwarz, Grau, Grün und Rot. punkt gelingt der Sprung in die Selbstständig- keit? Lange genug hat er als „Wälder“ die Textil- branche und den Bekleidungsstil in der Heimat im Blick gehabt: Hier laufen die jungen Leute, wie überall in Deutschland, mit Reklame für Ameri- can Highschools, Sportstars oder Palmensträn- de auf ihren T-Shirts herum. Warum eigentlich sollte da nicht Raum sein für eine Bilderwelt, die bewusst auf die Landschaft, die Geschichte und letzten Endes die Tracht Bezug nimmt! „Zeige deine Wurzeln“ – Stickerei auf der Rückseite eines Pullis. „Show your roots“ bedeutet für Jochen Scherzinger, zu zeigen, dass der Schwarzwald die Heimat ist. In den Räumen des Elternhauses macht er sich wieder heimisch und beginnt in den Fo- to- und Kostümschätzen des angestammten Familienanwesens zu forschen, dankbar für die unverfälscht raue Natur, mit der ihn das obere Hübschental umgibt. Inmitten dunkler Wälder, oft von Wolken- fetzen umschleiert, ist kein Platz für sattsonnige Farben – die Palette für die Shirts und Blusen, die der junge Designer zu entwerfen beginnt, be- schränkt sich denn auch auf Schwarz, Grau, Grün und Rot. Auf solide Baumwollgewebe und Gewir- ke werden alte Fotos von seinen eigenen Vorfah- ren oder legendär skurrilen Persönlichkeiten der Umgebung gedruckt; sie gleichen Bild tafeln auf der Brust des Trägers. Andere Oberteile wieder- um erscheinen zart gegliedert mit einer sparsam gezeichneten Waldsilhouette. Was die Schnitte betrifft, halten sie allen An- forderungen an modisch „angesagte“ körperna- 37


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat 38


Jochen Scherzinger – Artwood Schwarzwälder Trachtenstreetwear – vom „Platten- wieble“ (rechts), über den Balzer Herrgott (links ob.) bis hin zur Bluse im Trachtenstil. Die Kollektion von Artwood ist Kult und bereits sehr bekannt. Die Wasch anleitung dazu ist in Deutsch, Englisch und im Schwarzwälder Dialekt gehalten. Auf Facebook hat Jochen Scherzinger bereits weit über 5.000 Fans, die u.a. auf Bildern zeigen, wie sie die Artwood-Kollektion in alle Welt tragen. he Formen stand: Taillenkurz mit knappen Är- meln, oft mit Stehkragen, Biesen und Zwirnknöp- fen ausgestattet, lassen sie deutlich ihre Her- kunft aus Trachten erkennen, ohne je den allseits verbreiteten (und missbrauchten) bayrischen Stil zu imitieren. „Die Bayern sind ein Ausnahmefall, die haben es verstanden ihre Kultur zu vermark- ten“, erkennt Scherzinger neidlos an. designen. Bis es so weit ist, wäre ein Produzent erforderlich, der den Stofflieferanten Abnahme- garantien und dem Designer die Möglichkeit bie- tet, auf Farbe und Qualität des Materials mehr Einfluss zu nehmen. Vorläufig gehen von seinen gegenwärtig acht „Styles“ nur jeweils 100 Stück in den Verkauf. Immerhin bringt das dem Kun- den das Gefühl, etwas Exklusives erworben zu haben. Artwood – Mode „nach Waldart“ So entsteht das Label „Artwood“, das nun seit zwei Jahren ein Begriff ist. Und jeder kann getrost neben der englischen Bedeutung für „Kunst“ kom- biniert mit „Holz“ oder „Wald“ auch eine zwei- sprachige Deutung herauslesen: „nach Wald art“. Um Definitionen nicht verlegen, erklärt J.S. gerne: „Artwood ist das Zäpfle zum Anziehen“. Womit durchaus der Tatsache Rechnung getragen wird, dass die handliche Bierabfüllung aus dem Hoch- schwarzwald längst gesamtdeutsch als Kult gilt. Angestrebt wird eine Kollektion, die „alters- los“ allen Generationen die Mode von Jochen Scherzinger nahe bringt – an Ideen fehlt es nicht. So schwebt ihm beispielsweise vor, die in der Männertracht üblichen Gilets in erschwingli- chem Material mit modernem Touch zu entwer- fen oder kordelumsäumte taillierte Jacken zu Vertrieb „online“ und über erste Läden Der Vertrieb läuft bisher hauptsächlich „online“ (www.artwood.de) – und über erste Läden in Furtwangen, Villingen oder Freiburg. Wer den direkten Weg zu „Artwood“ nicht scheut, wird in Gütenbach mit der sicher besten Auswahl be- lohnt. Nach ansteigender Fahrt auf gut beschil- dertem Sträßchen erreicht man das urige, ver- winkelte 250-jährige Schwarzwaldhaus. Hier findet sich in der Tenne wohlgeord- net die gesamte Kollektion. Und nicht nur das: Auch die historisch-urigen Bilder, die teilweise die Shirts schmücken, hängen als Originale an Wänden und Balken. Wie die geschnitzten Mas- ken, die der Gütenbacher Holzschnitzer Josef Rombach eigens für die heimische Fasnet gefer- tigt hat. Ja, die Fasnet! Wundern würde es einen 39


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jochen Scherzinger über Heimat: „Das ist ein Gefühl, das man nicht missen möchte. Heimat ist Liebe, Freiheit, Alles.“ Und über seine Mode: „Meine Schwarzwaldmode soll zeitlos sein, kein Mainstream“. Ihn inspiriert die Arbeitskleidung wie sie früher Uhrenmacher, Waldarbeiter oder Handwerker getragen haben. Hier präsentiert der Designer ein T-Shirt mit einer Schwarzwälder Musikkapelle als Motiv. Die historischen Fotos auf den Shirts hat sein Onkel Egon Scherzinger aufgenommen, der einer der ersten Gütenbacher Fotografen war. nicht, wenn Jochen Scherzinger, der seit seiner Kindheit mit dieser Tradition eng verbunden ist, eines Tages auch bei der Kostümgestaltung für das ortstypische Häs gefragt wäre. Hat er es doch bereits zum kürzlich gefeierten Jubiläum der Gütenbacher Schule fertig gebracht, die Schüler dort im Rahmen eines Zeichen-Projekts eigene Shirts entwerfen zu lassen, die reißenden Absatz fanden. Sensibilisierung für Heimatgefühl Sein Anliegen ist und bleibt: Sensibilisierung für das Heimatgefühl – und wenn das schon bei der Schuljugend gelingt, umso besser! In diesem Sinne durchaus realistisch ist auch die Wasch- anleitung, die den Artwood-Textilien beiliegt: Sie ist auf hochdeutsch und schwarzwälderisch 40 verfasst. In der Heimat selbst die Kleidungs- stücke herstellen zu lassen, davon kann Jochen Scherzinger wie die allermeisten Modedesigner indes nur träumen. Die Preiskalkulation zwingt zur Vergabe der Produktion ins Ausland, in sei- nem Fall in die Türkei, nahe der syrischen Gren- ze. So müssen also auch die Lieferautos mit der fertigen Ware den Waldweg zu jeder Jahreszeit schaffen – im Winter nicht immer leicht. Der Sedcardtext der Artwood Black Forest Homepage scheint nicht zu hoch gegriffen, der Worte von Wilhelm Hauff zitiert: „Es ist, als ob der stärkende Duft, der morgens durch die Tannen strömt, den Menschen hier von Jugend auf einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen fes- teren, wenn auch raueren, Mut gegeben hätte.“ Das Unternehmen „Artwood“ jedenfalls hat seinen Weg, das Ursprüngliche der Schwarzwäl- der Kultur zu interpretieren, gefunden.


Jochen Scherzinger – Artwood Shooting für die Mode von Artwood in einer Schwarzwälder Bauernstube. 41


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Christoph 11 – wenn die Heimat keine Grenze kennt „Unsere Arbeit ist herausfordernd, jeder Einsatz ist anders und vor allem: Es dürfen keine Fehler geschehen!“ Der Hubschrauber der DRF Luftrettung vom Typ EC 135 mit dem Funkruf namen Christoph 11 ist täglich von 7 Uhr bis Sonnenuntergang einsatzbereit, da er nur bei Tageslicht fliegen kann. Die Station ist mit erfahrenen Piloten der DRF Luftrettung, Notärzten des Schwarzwald-Baar Klinikums sowie Rettungsassistenten des Deutschen Roten Kreuzes besetzt. Einsatzorte im Umkreis von 60 Kilometern kann Christoph 11 in maximal 15 Minuten erreichen. Deutschlandweit sind rund 50 Rettungshubschrauber im Einsatz. Die Station in Villingen- Schwenningen ist seit dem 18. November 1975 in Betrieb. 42 42


XXX Auch wenn der Fokus dieses Beitrages nicht auf dem Arzt, sondern auf Pilot Andreas Helwig und Notfallsanitäter Thomas Behringer liegt – die Besatzung von Chris- toph 11 besteht immer aus drei Personen. Allein bis Juli 2014 hat das Team bereits über 800 Einsätze geflogen und ist dabei ständig neuen Herausforderungen und hohen Belastungen ausgesetzt. Stationiert ist Christoph 11 an der mit 2.516 Fuß höchsten Luftrettungsstation Deutschlands beim Schwarzwald-Baar-Klinikum, die je zur Hälfte vom Deutschen Roten Kreuz und von der DRF Luftrettung finanziert wird. Sie bietet Piloten, Rettung- sassistenten und Notärzten einen modernen Arbeitsplatz – und der Bevölkerung im Großraum Schwarzwald-Baar schnelle Hilfe in der Not. Bereit zum Einsatz: Von links: Notfallsanitäter Thomas Behringer, Notarzt Dr. Michael Mauch und Stationsleiter Pilot Andreas Helwig. 43


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Andreas Helwig – Rettungspilot Ständig hellwach, das Team muss Leben retten – „Hier will ich bleiben“ von Christina Nack Wenn Andreas Helwig auf einer 50 Meter hohen Brücke steht, bekommt er beim Hinunterschauen weiche Knie. „Da fühle ich mich nicht wirklich wohl“, bekennt der Wahl-Dauchinger vergnügt. Wenn er hingegen in 100 bis 1.500 Metern über der Erde in seinem Helikopter fliegt, ist er in seinem Element. Der Mittfünfziger ist Pilot und Leiter des Flugbetriebs der Luftrettungsstation in Villingen-Schwenningen, die seit 1975 vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben wird und an der seit 1996 die DRF Luftrettung für den Flugbetrieb verantwortlich zeichnet. Aufgabe des stets dreiköpfigen Rettungs teams mit Pilot, Notarzt und Rettungsassistent ist es, möglichst schnell einen Notarzt zum Einsatzort zu bringen und Patienten in die für sie optimal geeignete Klinik zu fliegen. Schnurgeradeaus fliegt Christoph 11 von den abgelegensten Win- keln im Schwarzwald und auf der Baar nach Villingen-Schwenningen, Freiburg, Tü bingen. Unterwegs hat der Pilot viele Lieblingsblicke auf Lieblingsplätze. Einer davon ist das neue Domi- zil der DRF Luftrettung und des DRK vor dem Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwen- ningen. „Die freie Rundum-Sicht mit der Schwä- bischen Alb im Hintergrund ist großartig.“ eine enge Beziehung zum Schwarzwald-Baar-Kreis und zu den Menschen hier entwickelt. Sie sind oft viel enger als er selbst mit ihren Geburtsorten verwurzelt, hat er beobachtet und findet das „schön“. Mittlerweile gehört er selbst zur ländlichen Bevöl- kerung, hat mit seiner Frau Birgit ein Haus in Dauchingen gemietet, Sohn und Tochter gingen hier zur Schule. „Hier will ich bleiben und alt werden“, stellt Andreas Helwig fest. Piloten suchen ständig neue Horizonte „Heimat“: Zu diesem Begriff hat Andreas Hel- wig keine eindeutigen Assoziationen. „Piloten sind nicht sesshaft“, sagt er. „Wir suchen ständig neue Horizonte“. Geboren ist er in Berlin, zog fünfjährig mit den Eltern nach Düsseldorf, wo er Kindheit und Jugend verbrachte. Die Erinnerung daran weckt „am ehesten“ nostalgische Heimat- gefühle. Mit den Jahren hat sich freilich auch „Ich wollte fliegen lernen“ Seit 1990 fliegt er für die DRF Luftrettung, zuerst nördlich von Hamburg stationiert, seit 1998 in Vil- lingen-Schwenningen – was auch dem Wunsch der Familie nach Sesshaftig- keit geschuldet war. Bis dahin hatte er sich vornehmlich von fliegerischen 44


XXX Pilot Andreas Helwig checkt die Instrumente des Christoph 11. 45


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Herausforderungen leiten lassen. Schon die Ent- scheidung, sich nach dem Abitur 1977 für zehn Jahre bei der Bundeswehr zu verpflichten, war so motiviert: „Ich wollte fliegen lernen.“ Beschei- den beschreibt er seinen Beruf „nicht ganz als Berufung, aber kurz davor“ – und es musste un- bedingt der Hubschrauber sein. „Als Lufthansa- kapitän fliegst du ständig die gleichen Routen und es passiert in der Regel recht wenig, das reiz- te mich nie.“ Navigator durchs Polareis 1987 verließ er die Bundeswehr und wechselte in die zivile Fliegerei. Drei Jahre lang war Andreas Helwig auf dem Eisbrecher „Polarstern“ unter- wegs, um Forschungsreisen in die Antarktis, nach Island und Grönland zu begleiten. Helwig flog vor dem Schiff, um es durchs Eis zu navigieren, brachte Meeresbiologen und ihre Ausrüstung zu Robben- und Pinguinkolonien, unterstützte Geologen in der Refraktions seismik, die Auf- schluss über Bodenschätze unter dem kalten Meeresgrund gibt. „Nebenjob“ des früheren Bundeswehroffiziers war es, die Wissenschaftler im Umgang mit der Flinte zu trainieren, um die ständig auftauchenden Eisbären zu vertreiben, 46 ohne sie zu töten. Einmal lag die gesamte Crew eine Woche lang auf einer einen Quadratkilo- meter großen Eisscholle fest, bevor sie von zwei einheimischen Lappen aus dem ewigen Eis ge- lotst wurde. „Man lernt spannende Leute kennen und kann in solchen Situationen nicht nur den äußeren Horizont erweitern, sondern auch den inneren.“ „Jeder von uns muss ständig hellwach sein“ Im Hubschrauber könne sich nie Routine einstel- len, erst recht nicht im Rettungsdienst. Jeder Tag ist anders und wartet mit neuen Aufgaben. Alle Rettungshubschrauber heißen Christoph nach dem Heiligen Christophorus als legendärem Hel- fer in der Not und sind gemäß ihrer Standorte durchnummeriert, Christoph 1 fliegt in der Mün- chener Gegend, Christoph 11 über Schwarzwald und Baar und 50 Kilometer über die Kreisgrenzen hinaus. Luftlinie versteht sich: Eine Viertelstunde braucht Andreas Helwig, um die Uni-Kliniken von Freiburg und Tübingen zu erreichen. Bei den Einsätzen zählt oft buchstäblich jede Minute, bei internistischen Notfällen wie Herzin- farkt und Schlaganfall ebenso wie bei schweren Unfällen, Verbrennungen, Vergiftungen. Wäh- rend der Pilot sein „Baby“ aus abgelegenen Tälern über Berge, Wälder und Wiesen dirigiert, sind Not- arzt und Rettungsassis- tent fieberhaft mit Maß- nahmen zur Lebenserhal- tung beschäftigt. „Jeder von uns dreien muss stän- dig hellwach sein und per- manent Entscheidungen treffen, da kann man nicht lange diskutieren. Wir sind Andreas Helwig bei einem Einsatz für den Eisbrecher Polarstern.


ein gutes, homogenes Team, weil jeder kompe- tent ist, dem anderen vertraut und sich auf ihn verlassen kann.“ In ländlichen Regionen ist die Luftrettung besonders wichtig, weiß der Pilot von unzähligen Einsätzen in einsamen Gehöften und abgelegenen Dörfern, die wegen der topo- graphischen Gegebenheiten schon im Sommer schwer zu erreichen sind und bei Eis und Schnee im Winter erst recht. Nebeneffekt dieser Ausflüge in Gegenden, in die er als Privatmann niemals gelangen würde, sind berührende Landschaftserlebnisse. Andreas Helwig schwärmt vom Belchen ebenso wie vom Feldberg und vom Klippeneck, überhaupt ma- chen für ihn die Berge den Reiz aus: „Diese Ge- gend hier ist phantastisch abwechslungsreich. Dagegen war das gleichförmig flache Schles- wig-Holstein langweilig.“ Im Lauf der Jahre ließ sich Andreas Helwig von den Lieblingsblicken zu Ausflügen mit dem Rad und per pedes anregen und entdeckte mit seiner Familie viele Lieblings- plätze. Die Wutachschlucht sei „sensationell“, ebenso die Martinskapelle, die sich im Winter mit den wunderschönen Loipen drumherum für sinnenreiches Wandern mit den Langlaufskiern anbiete. Andreas Helwig – Rettungspilot re Respekt vor der Gefahr und ein Quantum an „natürlicher Angst“. Sie sei ein Regulativ, das vor dem Eingehen zu großer Risiken schütze. Das Team entscheide zusammen, ob zum Beispiel bei schlechtem Wetter noch geflogen werden könne. In Ermangelung eines Landeplatzes hat Helwig den Notarzt auch schon auf der offenen Straße abgesetzt und ihn von oben beim Weitertram- pen beobachtet. Alle sechs Monate üben Piloten Notlandungen bei „Check-Flügen“ und über- prüfen ihre Reaktionssicherheit. Sie sei in jeder Phase des Berufslebens gefährdet, was Helwig so skizziert: „Wenn du jung bist, keine Ahnung hast und dir zu viel zutraust. Wenn du Ahnung zu haben glaubst. Und wenn du Routine hast und dir zu sicher bist.“ Die pädagogisch wichtigen Fäl- le seien jene, die als „noch mal gut gegangen“ beschrieben würden. Trotz aller systematischer Aufarbeitung von Beinahe-Kata strophen ließen sich die realen nie planen. Helwig erinnert sich an einen „Super-GAU“, da an einem Tag unab- hängig voneinander drei tote Kinder geborgen werden mussten – die Luftrettung kam zu spät. „Da haben wir den Hubschrauber abgemeldet. Das ging der Crew emotional sehr nahe.“ „Der Blick tut der Seele gut“ Ein Kicker als Dankeschön Täglicher Lieblingsplatz ist die Bank vor dem Hangar in Villingen-Schwenningen. „Nach den langen Tagen gehen dir die Schicksale im Cock- pit durch den Kopf, vielleicht gab es schwierige Situationen, die wir als Team zu meistern hatten. Da ist es toll, zum Feierabend an einem Platz zu sein, der innere Einkehr ermöglicht. Der Blick auf die freien Wiesen vor uns und die Berge dahinter tut der Seele gut.“ Andreas Helwig ist nicht nur als Pilot, son- dern auch als Sicherheitsmanager bei der DRF Luftrettung beschäftigt. „Unsere Arbeit ist he- rausfordernd“, stellt er nüchtern fest und plä- diert für eine „ausgeprägte Fehlerkultur“. Nichts dürfe vertuscht werden, beim Eingeständnis von Schwächen und Fehlentscheidungen drohe keine Strafe, es gelte, aus eigenen Fehlern und den Erfahrungen anderer zu lernen. Dazu gehö- Manchmal bedanken sich Patienten auch, deren Leben durch einen Einsatz mit Christoph 11 ge- rettet werden konnte. Oft sei der Zeitdruck bei gebotenen internistischen Eingriffen größer als bei chirurgischen, aber bei großen Verletzungen bestehe die akute Gefahr des Verblutens. So war es bei einem verunglückten Motorradfahrer, des- sen Oberschenkel „völlig zerfetzt“ war; das Blut sei regelrecht aus den Wunden heraus gespru- delt. Mit Vollgas sei Christoph 11 in die Uni-Kinik nach Tübingen gerast, wo das Bein amputiert und dadurch das Leben des Mannes gerettet wurde. Danach bedankte er sich bei der Crew mit einem Kicker, der jetzt im neuen Hangar steht und zum entspannenden Spiel nach Feierabend verlockt. Dies mit Blick durch die breite Glasfront auf die weite Baar. „Auch das ist eine Belohnung für unsere Arbeit.“ 47


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Thomas Behringer – Notfallsanitäter „Heimat ist da, wo meine Familie sesshaft und meine Arbeit ist“ von Christina Nack Auf die Frage nach seinen Vorstellungen von Heimat antwortet Thomas Behringer spontan: „Heimat ist da, wo die Wurzeln sind.“ Die seinen sind in Schönau, wo auch Fußball- Bundestrainer Jogi Löw geboren ist. Er sei ein „netter Kerl“, sein Bruder auch, „er hat uns trainiert“. Aus dem Nachwuchskicker von damals wurde ein mehrfach quali fizierter Notfallsanitäter, der seit 2008 Rettungsdienstleiter der DRK-Rettungsdienst Schwarzwald-Baar gGmbH ist. In deren Regie wird auch die Luftrettung betrieben, Thomas Behringer gehört zum Stammteam von Christoph 11. Er lebt mit Ehefrau Tanja und den gemeinsamen drei Kindern in Schwenningen und hat bei seiner täglichen Arbeit den gesamten Landkreis mit- samt Peripherie im Blick – oft auch aus luftiger Höhe im Rettungshubschrauber. Beim Nachden- ken erweitert der 44-Jährige seinen Heimat-Be- griff. „Heimat ist da, wo meine Familie sesshaft und wo meine Arbeit ist. Beides ist einzigartig und macht mein Leben aus.“ Vom Sanitäter zum Dozent für Notfallmedizin Mit 18 Jahren zog es Thomas Behringer in die wei- te Welt hinaus. Die reichte dann bis nach Lörrach, wo er als Wehrdienstverweigerer im DRK-Ret- 48 tungsdienst landete und zehn Jahre lang im Ka- tastrophenschutz eingesetzt wurde, zuletzt als Rettungswachenleiter für Lörrach und Schönau. Parallel zum Berufsalltag absolvierte er von der Pike auf die klassischen Stationen einer Laufbahn beim Roten Kreuz. Wurde Sanitäts-, dann Rettungshelfer, Rettungs assistent und schließlich Lehr-Ret tungs assistent und Dozent für Not fallmedizin. Dafür hatte er sich an der Landesschule in Bühl qualifiziert, wohin er 2004 als Leitender Dozent berufen wurde und


XXX wo er nach wie vor jährlich drei bis vier Kurse für angehende Notärzte gibt. 2014 folgte die Weiterbildung zum Notfallsanitäter. Um die frei gewordene Führungsposition im DRK Villingen-Schwenningen hatte er sich vor allem beworben, weil er schon in Schwenningen lebte, der Geburtsstadt seiner Frau. „Ich wollte nicht mehr pendeln, sondern an meinem Lebens- ort auch arbeiten.“ Fernweh und Sehnsucht nach heimatlicher Geborgenheit fügten sich wie von selbst zusammen. Ein neues Berufsbild konfiguriert Thomas Behringer erweiterte seinen beruflichen Radius, studierte in Hamburg und Stuttgart Ge- sundheitsmanagement, machte 2012 nach vier Jahren seinen Abschluss und wurde 2013 von Sozial- und Innenministerium mit der Konfigu- ration des neuen Berufsbilds „Notfallsanitäter“ betraut. Der ist befugt zu tun, was Thomas Behringer bei Einsätzen mit Christoph 11 immer wieder er- 49


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat medizin. „Wir müssen voraus- schauend denken. Unser Platz zur medizinischen Versorgung ist begrenzt. In welche Klinik fliegen wir? Wie wird das Wetter? Wie viel Sprit haben wir noch? All das muss berücksichtigt und schnell entschieden werden.“ Das Ziel ist stets ein gutes „Outcome“ des Patienten – er soll etwa nach ei- nem Schlaganfall keine bleiben- den Schäden davon tragen, wie sie nach längerem Transport im Rettungswagen zu befürchten wären. Thomas Behringer (links) und Pilot Andreas Helwig verschaffen sich vor jedem Einsatz an einer großformatigen Karte in aller Schnelle einen Überblick über die Flugroute und ihre Besonderheiten. Der ständige Umgang mit Schwerstkranken und das Rin- gen um Menschenleben zehren an den Kräften. „Da sind extreme Emotionen beteiligt, auch durch den engen Kontakt zu verzweifelten Angehöri- gen.“ Jeder Patient könne sich darauf verlassen, dass er am Boden und ebenso in der Luft me- dizinisch bestmöglich versorgt werde. Doch bei schwerem Gewitter müsse ein Flug vielleicht un- terbrochen oder verschoben werden, nicht im- mer gewinnt das Trio den Wettlauf um ein Leben. Auch das muss verkraftet werden, jeder Einsatz wird im Team ehrlich reflektiert, auch etwaiger Selbstzweifel. Der „Wintermensch“ liebt den Brend und die meditative Weite der Baar Wenn es gelingt, Infarktpatienten, Frühgebore- ne, Schwerverletzte rechtzeitig in der Fachklinik abzuliefern und ihre Prognosen gut stehen, folgt für Thomas Behringer die Belohnung für die kol- lektive Anstrengung – der Rückflug. Zum Beispiel über den Brend bei Furtwangen, dem er neben dem Belchen im Nachbarlandkreis besonders anhänglich verbunden ist. Im Kreislauf der Jah- reszeiten beschreibt er sich als „Wintermensch“, der den Kontrast zwischen immergrünen Wäl- dern und ihrem weißen Schneekleid liebt, aber auch die faszinierenden Farbkombinationen in Frühling und Herbst. lebt – er leitet ärztliche Maßnahmen ein. Bedient Defibrillatoren, legt Kanülen für Infusionen und verabreicht Medikamente, die unter bestimmten Voraussetzungen gegeben werden dürfen. All das darf er, wenn es um Leben und Tod geht, der Notarzt aber nicht rechtzeitig zur Stelle ist. Er hat sich vielleicht wegen winterlicher Straßenver- hältnisse mit dem Notarzteinsatzfahrzeug ver- spätet, während sich die Situation des Patienten so verschlechterte, dass die DRK-Leitstelle den Hubschrauber beorderte. „Bei akuter Lebensge- fahr wie bei Herzinfarkt leiten wir dann die not- fallmedizinischen Maßnahmen selbständig ein.“ Manchmal wird der Rettungshubschrauber auch umgekehrt vom Arzt angefordert, der bereits beim Patienten ist und erkennt, dass der nur bei minutenschnellem Transport in eine Spezialkli- nik eine Überlebenschance hat. „Wir müssen vorausschauend denken“ Seit 2010 gehört Thomas Behringer zur Crew von Christoph 11. Das Fliegen bereicherte sein Le- ben um neue Dimensionen. Bei der Luftrettung komme dem stets dreiköpfigen Team – Pilot, Notarzt, Rettungsassistent – eine umfassendere Bedeutung zu als bei bodengebundener Notfall- 50


Er, der sich den Jugend traum von Fahrten in die weite Welt nie erfüllen konnte, lässt den Blick auch vom Boden aus gern in die Ferne schwei- fen. Privat zieht’s ihn häufig in die Gegend um Triberg, Schonach, Schönwald herum. „Wenn ich von einem Berg in die Täler schaue und die Gedanken treiben lassen kann, tanke ich Energie für den Alltag.“ Der atemberaubende Rundblick von einem Schwarzwaldgipfel zieht ihn ebenso magisch an wie die meditative Weite der Baar. „Hier kann ich zur Ruhe kommen und neue Visi- onen entwickeln.“ Schwenningen als ideale Heimatstadt Längst ist Thomas Behringer froh darüber, in Schwenningen zu leben („Villingen wäre genau- so gut…“), wo die Familie ein Haus gebaut hat und er auch mit dem überschaubaren Radius im Alltag zufrieden ist. Die Stadt habe eine gute Grö- ße, die täglichen Besorgungen könnten zentral und zu Fuß erledigt werden. Zugleich schätzt er die Nähe der Natur fast vor der eigenen Haustür. Wenn keine Zeit ist, auf den Brend zu klettern oder über die Baar zu wandern, läuft sich Tho- Thomas Behringer – Notfallsanitäter mas Behringer im Schwenninger Moos den Kopf frei. „Die Ruhe ist fantastisch. Du bist in einer eigenen Welt.“ Zehn bis zwölf Kilometer trabt er durch die idyllische Moorlandschaft, ungefähr eine Stunde dauert das. „Danach bin ich wieder frisch für neue Aufgaben.“ In die ist er längst tief hineingewachsen, fühlt sich auch mit den vielen Ehrenamtlichen in allen Ortsvereinen eng verbunden, will die Freund- schaften, die sich aus Kollegialität entwickelten, nicht missen. Einen Ortswechsel innerhalb des Kreisgebiets kann er sich vorstellen, ein Umzug nach Hamburg würde ihm schwer fallen. „Ich hätte Heimweh.“ Den eigenen Kindern gönnt er Expeditionen in die weite Welt, wo sie ele- mentare Erfahrungen machen und neue Kultu- ren kennenlernen könnten. „Sie sollen über den Tellerrand gucken, um dann idealerweise wieder heimzukehren.“ Seltene Entspannung beim Tischfußball. Der Kicker ist das „Dankeschön“ eines Patienten, dem die Crew des Christoph 11 das Leben retten konnte (s. S. 47). 51


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Eric Fürderer – Butzesel Heimat ist, wenn es in Villingen heißt: „Butz zwo, drei, vier…“ von Christina Nack „Hier ist alles, was ich brauche“, versichert Eric Fürderer strahlend. Während sich heutzutage viele junge Erwachsene nach der Schule ein mehrmonatiges Praktikum im weit entfernten Ausland suchen oder ausgedehnte Reisen unternehmen, ist er in der Heimat geblieben – und hat das nie bereut. Der 29-jährige Industriefachwirt ist in Schwenningen geboren, in VS-Marbach in enger Verbundenheit zu Villingen aufgewachsen und lebt dort heute mit seiner Freundin. Die Verwurzelung in Traditionen ist dem modernen jungen Mann wichtig. Er ist Butzesel in einer von vier Butzesel-Gruppen der Historischen Narrozunft Villingen. Und das ist eine ganz besondere Ehre. Eric Fürderer ist ein Paradebeispiel für ein Kind der Doppelstadt: Mutter Carmen ist gebürti- ge Schwenningerin, Vater Norbert Villinger, die Familie wohnt in Marbach. Eric genoss mit seinem älteren Bruder Armin die Kindheit im ländlich geprägten Marbach – aber auch die Vorteile der Stadt. Die erlebte er erst in Villin- gen, wo er die Karl-Brachat- Realschule besuch- te, später als Schüler der David-Würth-Schule in Schwenningen, wo er die Fachhochschulrei- fe machte. Danach ab solvierte er seinen Zivil- dienst in einer Bad Dürrheimer Seniorenresidenz und will die- se Erfahrung nicht missen, wie er erzählt. In einem Do nau esch in- ger Betrieb lernte er Indus- triekaufmann, quali fi zierte sich bei der Industrie- und Han dels kammer zum In dus trie – fachwirt und lernte wäh rend der Fortbildung seine Freundin 52


XXX 53 Der Butzesel ist eine der ältesten Tiergestalten der schwäbisch-ale- mannischen Fastnacht. An der Fast- nacht 2014 jährte es sich zum 100. Mal, dass er bei der Straßenfasnet wieder zu sehen war: Wegen der damit ver- bundenen Ausgelas senheit war das Butzesellaufen früher oft untersagt. Noch in den 1850er und 1860er Jahren wurde dieses Verbot am Fastnachts- samstag durch Ausschellen immer wieder erneuert. Heute ist die Figur aus der historischen Villinger Fasnet nicht wegzudenken. Der „Butz“ zählt vor allem auch bei Kindern zu den Lieblingsgestalten. Weitere Infos: www.narrozunft.de


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Die Jagd beginnt – schon bald haben die Treiber den Butzesel eingeholt und halten ihn mit der „Goaßel“ in Schach. Katrin ken nen. Sie stammt aus Singen, mag ihre Heimatstadt sehr, doch fühlte sich auch in der Doppelstadt auf Anhieb wohl. Das junge Paar bezog eine schöne Wohnung in Nähe der Villinger Altstadt. „Die täglichen Be- sorgungen können wir zu Fuß oder mit dem Rad erledigen und sind dabei stets auf idyllischen Wegen mit viel Grün rechts und links unter wegs. Und wir kommen an tollen Plätzen vorbei. Schon die Stadtmauer um Villingen herum und die vie- len mittelalterlichen Gebäude sind eine Sensa- tion.“ 54


Eric Fürderers Freundin fand an seiner närri- schen Leidenschaft schnell Gefallen, die begeis- terte Fastnachterin hatte sofort Anschluss bei den Trommlerwiebern. „Es ist eine große Ehre, der Butzesel zu sein“ Ins Brauchtum der Historischen Narrozunft Vil- lingen ist Eric Fürderer von Kindesbeinen an hi- neingewachsen. Als Grundschüler gehörte er zur Kinderbutzesel-Gruppe, wechselte 16-jährig zur Erwachsenen-Gruppe. Nach drei Jahren hörte der Butzesel auf und Eric konnte seine Nachfolge antreten. „Es ist eine große Ehre,“ beschreibt er das Amt. „Man muss Freude daran haben, die Leute zu animieren, das sei die wichtigste Voraussetzung. Der Butzesel zieht an den Hohen Tagen auf seinem „Riesascht“ durch die Stadt – bewacht von einer Truppe von „Triebern“ (Treibern) mit „Goaßeln“ (Geißeln). Zur Gaudi der Villinger entkommt der Esel immer wieder neu, treibt überall seinen Schabernack. Als Treiber sind in der Regel Stachis abgestellt. Zwischen 30 und 50 Treiber, sind es, die hinter dem Butzesel herjagen. Höhepunkte sind die Besuche in den immer seltener werdenden alteingessenen Metzgereien und Bäckereien, wo es Bratwürste, Fleischwurst- ringe oder sonstige Würste gibt. Der Butzesel verköstigt sich dort, und seine Treiber müssten die Wurstbeute eigentlich bezahlen. Doch aus Liebe zur Fastnacht kann sich der Butzesel seine Beute als Spende an die Eselsohren hängen. Zum Dank ertönen Fasnetlieder. Überhaupt spielt das Singen an der Fastnacht eine wichtige Rolle. Die dritte Strophe des Villinger Schunkellieds ist dem Butzesel und seinen Treibern gewidmet. Natürlich kennt Eric Fürderer den Text auswendig und deklamiert: Wer kunnt au dert im Blauhemd mit Goäßel und mit Zwick, de Butzesel mit de Trieber, er zieht en Riesascht mit, rennt umenand … Die Vorbereitungen auf die hohen Tage be- ginnen bereits Monate zuvor, wenn sich Eric Fürderer mit seiner Truppe trifft, um neue Fast- nachtslieder zu dichten. Meist hat jemand eine bekannte Melodie im Ohr, die gemeinsam neu betextet wird, beschreibt der Butzesel das kreati- Eric Fürderer – Butzesel ve Prozedere. Die Inhalte sind vom Zeitgeist oder von alltäglichen Erlebnissen im Städtle inspiriert, um zwei bis drei neue Lieder wird das Repertoire jährlich erweitert. Die Fastnacht 2015 ist Eric Fürderers zehnte als Butzesel, seine Vorfreude darauf ist so leben- dig wie seit den Kindertagen. „In der Nacht zum Fasnetmentig werde ich wieder schlecht schla- fen“, weiß er jetzt schon, die kribbelige Aufre- gung vor dem Umzug mit mehr als 2.000 Häs- trägern allein von der Historischen Narrozunft gehört dazu. Schon im Sommer hat Eric sein Häs gerichtet, hat ein paar lose Fleckle neu vernäht, zerrissene ersetzt, der leicht lädierte Eselskopf war zur Reparatur. Der Butzesel findet es toll, ein unkompli- ziertes und strapazierfähiges Häs zu tragen, das es auch verträgt, wenn er sich störrisch auf der Straße wälzt. Am meisten liebt er den Blick in die strahlenden Augen von Kindern, die dem Esel hinterherlaufen, ihn anfeuern: „Butz, zwo, drei, vier…“ – und ihm ein Villinger Würschtle abja- gen. Später werden sich die Butzesel-Gruppen in die Fasnets-Stüble verteilen, Lieder anstimmen, das Publikum zum Mitsingen animieren, werden auf andere Gruppen treffen – natürlich auch die Trommlerwieber – und schunkelnd und singend gesellige Gemeinschaft genießen. In der Heimatstadt vielfältig engagiert Keine Frage, Eric Fürderer fühlt sich wohl in sei- ner Heimatstadt, nicht nur während der fünften Jahreszeit. Er ist sportlich, spielt in der ersten Mannschaft des FV Marbach, engagiert sich auch im Vorstand. Freundin Katrin spielt Tischtennis, zwei bis drei Mal pro Woche schwingen sich die beiden auf die Fahrräder, um Ausflüge in die Um- gebung zu unternehmen, fahren auch häufig an den Bodensee und besuchen Katrins Geburtshei- mat. Das Pendeln finden beide bereichernd, rei- sen gern in die Alpen zum Wintersport. „Es muss aber keine Weltreise sein, ich bin nicht der Typ für großes Fernweh“, unterstreicht Eric Fürderer seine Bodenständigkeit auch bei der Auswahl von Reisezielen. „Am schönsten ist’s ohnehin zu Hause.“ 55


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jacqueline Janzen – Eishockey-Nationalspielerin „Wie wichtig mir meine Heimat ist, hätte ich ohne die Olympiateilnahme nicht gewusst“ von Christina Nack Sie ist erst 20 Jahre alt, schon weit in der Welt herumgekommen und hat sich bereits einen großen Lebenstraum erfüllt: die Teilnahme an olympischen Spielen. Die Rede ist von Jacqueline Janzen, Eishockey-Nationalspielerin aus Villingen- Schwenningen, die im vergangenen Winter im russischen Sotschi mit von der Partie war und ihrem Ruf, die deutsche Stürmerin mit dem härtesten Schuss zu sein, alle Ehre machte. Im April kehrte die junge Frau nach Villingen-Schwenningen zurück, um ihr nächstes Ziel zu erreichen – das Abitur. „Ich bin sehr froh, wieder daheim zu sein“, erzählt sie lachend. Daheim: Das ist ihre Familie, Mutter Sabine Janzen- Waskow, Vater Helmut Waskow und die ältere Schwester Andrea, die in der Nähe lebt. Jacque- line wohnt wieder bei den Eltern, besucht das Albert-Schweitzer-Gymnasium, das sie nach den Klassen 11 und 12 verlassen hat, um sich auf die Olympia-Vorbereitungen konzentrieren zu kön- nen. „Beides zusammen geht nicht. Für die Schu- le hatte ich keine Zeit.“ Jetzt knüpft sie an ihr altes Leben an, das doch nicht dasselbe ist. Die Klasse ist neu, Jacqueline ist die älteste Schülerin und hat einen großen Erfahrungshorizont auf der einen, Defizite auf der anderen Seite. „Ich musste auf vieles verzich- ten und habe vieles vermisst.“ Jetzt weiß sie zu schätzen, was Gleichaltrigen oft selbstverständ- lich erscheint. „Ein geregeltes Leben, Freizeit und Privatsphäre zu haben, ins Kino gehen können, eine Party besuchen, durch die Stadt bummeln…“ zählt sie neu entdeckte Freiheiten auf. Nicht nur in der Schule sei sie „super“ aufge- nommen worden, auch in ihrer Geburtsstadt Vil- lingen fühlt sich Jacqueline nach dem „Sabbat- Jahr“ wohler denn je. „Die Vertrautheit ist viel wert“, sagt sie, die in der Stadt viele Lieblings- plätze hat, vor allem den Münsterplatz. Ihr ge- 56 fällt der moderne, informative und auch aufhei- ternde Brunnen neben altem Gemäuer, sie bum- melt gern über den Wochenmarkt und findet die Vorstellung „irre“, dass dieses Treiben eine fast tausendjährige Tradition hat. „Zu Hause“ – das ist für die leidenschaftliche Kufensportlerin na- türlich auch die Helios-Arena in Schwenningen, wo sie bei den Lady Wings mitspielt und das in vollen Zügen genießt. „Das ist das reinste Hobby ohne großen Ehrgeiz, da wird schon eine Platzie- rung in der Landesliga gefeiert.“ Mit acht Jahren Schlittschuhlaufen begonnen Spaß statt Spitzensport ist in der Freizeit ange- sagt, die bis dahin ausschließlich mit Eishockey gefüllt war. Achtjährig begann Jacqueline Jan- zen mit dem Schlittschuhlaufen, der Vater nahm sie mit ins damalige Bauchenberg-Stadion, wo er selbst zum puren Vergnügen seine Runden drehte. Der damalige Trainer der Wild Wings beobachtete das flinke, geschickte und muti- ge Mädchen und lud sie in die Laufschule des Schwenninger ERC ein. „Da bekam ich meinen ersten Schläger und war angefressen.“ Von der


XXX Die Villingerin Jacqueline Janzen im Trikot der deutschen National- mannschaft. 57


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Stürmen für Deutschland bei Olympia: Jacqueline Janzen im Match gegen Schweden. Pike auf durchlief die talentierte Spielerin alle Nachwuchsmannschaften von Anfängern, Bam- binis, Knaben und Schülern bis zur Jugend. Bis sie 18 Jahre alt war, war die Eishockeyspielerin im Bauchenberg-Stadion stets einziges Mädchen unter den Jungen. Die wenigen Mädchen, die sich in Kindertagen spielerisch mit ihr am Puck ver- sucht hatten, hätten spätestens mit der Pubertät aufgehört. „Beim Eishockey musst du schon ein wenig abgehärtet sein und einstecken können.“ Auch Jacqueline Janzen fiel unzählige Male auf die Nase, „das darf dir nichts ausmachen.“ Erstes Training mit der Nationalmannschaft Sie habe nur Eishockey im Kopf gehabt, schon zwölfjährig von Olympia geträumt und wurde dreizehnjährig erstmals zum Training mit der Nationalmannschaft eingeladen. Beim viertä- gigen Sichtungslehrgang in Füssen war sie die Jüngste, wurde gleichberechtigt von den älteren Spielerinnen aufgenommen, „das war ein großer Schritt.“ Von nun an ging’s bergauf. Die Schwarz- wälderin gehörte fest zum Nationalkader, nahm als Mitglied des U18-Nationalteams an den Welt- meisterschaften 2009 in Füssen, 2010 in Chicago und 2011 in Schweden teil. Die Eltern ließen ihre Tochter gewähren und unterstützten sie – „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Vor allem die Mutter habe sich stets Sorgen gemacht, die Tochter war immer wieder verletzt, am schwersten bei der WM in Schweden, wo sie sich bei einem Sturz am Sprunggelenk schwer verletzte. Sie wurde operiert und musste danach eine sechsmonatige Zwangspause in Kauf nehmen. Es folgte ein extra hartes Training, um den Qualifikationsmarathon für Olympia zu schaffen. Nur die acht besten Na- tionen werden zugelassen, zu denen mussten die deutschen Eishockey-Damen gehören, um dabei sein zu dürfen. Das ständige Pendeln zwischen Villin gen- Schwenningen, dem Bundesleistungszentrum 58 in Füssen, weiteren Trainingslagern und auswär- tigen Turnieren war bis dahin schon eine Grat- wanderung gewesen. Mit den Vorbereitungen auf Olympia war ein Schulalltag endgültig nicht mehr möglich. Die Leistungssportlerin musste zudem Mitglied einer Bundesliga-Damenmann- schaft werden, um ins olympische Team aufge- nommen werden zu können. Im August 2013 zog sie nach Memmingen und wurde Stürmerin bei den ECDC Memmingen Indians. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft mit sechs Spielerinnen, die Wohnung war nah am Stadion und nah am Fit- ness-Studio. Sie habe so manches Mal Heimweh nach Familie und Freunden gehabt. „Es war nicht immer einfach“, erinnert sie sich. Olympiateilnahme ein Riesenerlebnis Schließlich war es so weit: Anfang Februar 2014 flog Jacqueline Janzen von München über Frank- furt nach Sotschi. Schon das war ein Riesenerleb- nis, denn sie flog nicht als normaler Passagier, sondern in einer Sondermaschine mit Sportlern, Funktionären und Presseleuten. Öffentlichen Rummel sind die Eishockey-Damen nicht ge- wohnt, sie haben in Deutschland we sentlich weniger Zuschauer als die Männer. „Plötzlich wurden wir behandelt wie die VIPs. Wir mussten


Jacqueline Janzen – Eishockey-Nationalspielerin nicht einmal unsere Taschen tragen.“ Für drei Wochen wurde das olympische Dorf zum Zuhau- se. Die Sicherheitskontrollen seien extrem gewe- sen, sie habe viel über die Kritik an Putin nachge- dacht, soziale Ungerechtigkeit, über Verletzung der Menschenrechte und die allgegenwärtige Angst vor Anschlägen. „Aber wir konnten doch nichts dafür, wir waren vom olympischen Gedan- ken beseelt.“ Die deutschen Eishockeyfrauen gehörten zur Gruppe mit Schweden, Japan und Russland. Das Spiel gegen die Gastgeber verfolgten 5000 Men- schen im Stadion, fast nur Russen, die ihr Team mit lautem Gegröhle anfeuerten, die Deutschen ausbuhten. „Unser Zurufen klappte wegen des Krachs nicht, wir haben kaum den Schiri gehört.“ Die Deutschen verloren das Spiel, ebenso das gegen Schweden, gewannen gegen die Japane- rinnen und landeten letztlich auf Platz sieben. „Dabei sein ist alles“, stellt Jacqueline Janzen fröhlich fest, die stolz auf ihre Olympia-Teilnah- me ist. „Ich habe viel gelernt, es war eine Erfah- rung fürs Leben.“ Zurück in die Schule – das Abitur nachholen Die junge Frau ist pragmatisch genug, um ihre Zukunft nicht darauf aufzubauen. Im Gegensatz Am liebsten Ort – auf dem Villinger Münsterplatz. zu männlichen Eishockey-Cracks können die weiblichen nicht vom Sport leben. „Wir haben leider zu wenig Zuschauer und also auch zu we- nig Sponsoren. Bei uns kommt es mehr auf Taktik und Technik an, die Männer spielen schneller und aggressiver.“ Nach zehn Jahren Leistungssport hatte Jacqueline Janzen das Bedürfnis nach Distanz. Beim Grübeln über ein Leben ohne Eishockey fiel ihr wenig ein. „Ich hatte kein Zeit, andere Inter- essen zu entwickeln. Das große Ziel hat viel ver- langt.“ Jetzt hat sie ein vorläufiges Ziel – das Abitur – und ist auf der Suche nach neuen Perspektiven. Der Abstand zum Leistungssport tue gut, sie genieße es, keine Erwartungen befriedigen zu müssen, ohne den Druck zu leben. „Keine Lust ist im Spitzensport kein Argument.“ Eine Rück- kehr in den Nationalkader hält Jacqueline Janzen nicht für ausgeschlossen, planen will sie nichts. „Ich muss erst einmal herausfinden, wozu ich sonst noch tauge und wo ich gebraucht werden könnte.“ Erstmals ist berufliche Orientierung ein Thema für die bescheidene, bodenständige Spitzensportlerin. Bei aller Ungewissheit über ihre weitere Entwicklung steht für sie eines fest: „Wie wichtig mir meine Heimat ist, hätte ich oh- ne Sotschi nicht gewusst.“ 59


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Sabine Grässlin – Köchin und Kunstsammlerin „St. Georgen ist meine Heimat. Ich mag die Jahreszeiten – auch den Winter.“ von Nathalie Göbel mit Fotos von Stephanie Kiewel Diese Salatsauce. Würzig-frisch bedeckt sie die Blättchen und mit dem Brot lassen sich zum Glück auch noch die letzten Reste vom Teller auftunken. Was darin ist? Viele Gäste im „Kippys“, dem Restaurant von Sabine Grässlin in St. Georgen, wollten das schon wissen. Die Köchin lacht. „Ganz normales Öl, Kräuteressig, und eben Kräuter, die ich gerade in der Küche habe. Oder auch mal ein bisschen geriebener Ingwer.“ So einfach, so lecker. Alltägliches zur Kunst zu erheben, liegt bei ihr in der Familie. Die Grässlins selbst wohnen nicht einfach nur in St. Georgen. Das Haus von Mutter Anna beherbergt ihre Privatgalerie, bei Sabine Grässlin begrüßen einen schon im Treppenhaus Ausstellungsplakate, beim Naturswimmingpool im Garten steht Martin Kippenbergers „Insel- buch“: Ein roter Frosch in grünem Nikolausman- tel. Zwei Meter hoch, aus lackiertem Alumini- umguss, sitzt er unter einer Laterne – sitzt und liest. Kippenberger, 1997 verstorbener Künstler und enger Freund der Familie (siehe Almanach 2014), ist der Namenspate für Sabine Grässlins Restaurant „Kippys“. Die familieneigene Sammlung zeitgenössi- scher Kunst mit jährlich wechselnden Ausstel- lungen lockt regelmäßig internationales Publi- kum in die Bergstadt. Auch Sabine Grässlin liebt Kunst – die zeitgenössische ebenso wie Werke von Picasso oder Monet. Ihr Leben aber, sagt Sabine Grässlin, ist das Kochen. „Die wird mal Wirtin“, hatte ihr 1976 verstorbener Vater Dieter schon früh vorausgesagt. Sie hat es von der Pike auf gelernt, im Konstanzer Stephanskeller von Bertold Siber, der mit 18 Punkten im Gault-Millau und einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Dennoch, in Küchen herrscht ein rauer Ton, das 60 ist auch bei Sterneköchen nicht anders. Sonst würden die zeitlich perfekt abgestimmten Ab- läufe wohl auch nicht funktionieren. „Dadurch, dass ich nicht mehr direkt von der Schule kam, habe ich mich schnell daran gewöhnt“, sagt sie rückblickend. Lehre bei einem deutschen Spitzenkoch Noch während ihrer Schulzeit wurde Sabine Grässlin schwanger. Tochter Katharina ist heu- te 37 Jahre alt, nach ihrer Geburt holte Sabine Grässlin die Mittlere Reife nach. Den Konstanzer Stephanskeller besuchte die Familie oft zum Es- sen. Als er nach einer Lehrstelle für Sabine gefragt wurde, sei Siber zunächst erschrocken gewesen. „Da kommt so eine junge Frau aus ‚gutem Haus’ mit Stöckelschuhen und Nagellack und will Kö- chin werden“, sagt Sabine Grässlin und lacht. Oh- ne Nagellack, dafür mit flachen Schuhen, begann die heute 54-Jährige ihre Lehre. Eine harte Zeit, sagt sie rückblickend. 60- und 70-Stunden-Wo- chen sind in der Gastronomie keine Seltenheit. Ihre Tochter Katharina wurde von Oma Anna gehütet. Bis heute haben die beiden eine ganz besondere Bindung, sagt Sabine Grässlin. Katha-


Sabine Grässlin in der Küche des Restaurants „Kippys“. 61


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Sabine Grässlin liebt Blumen und Kunst – rechte Seite: Bei den Vasen handelt es sich um eine Installation von Tobias Rehberger, jede Vase steht für ein Familienmitglied. rina kam zwei Monate nach dem plötzlichen Tod ihres Großvaters, des erst 50-jährigen Die- ter Grässlin zur Welt. Ein schwerer Schlag für die ganze Familie, besonders für Anna Grässlin. Man habe sich zusammengerappelt, so gut es eben ging, sagt Sabine Grässlin. Dieter und Anna Grässlin hatten viel Energie in die 1956 gegründete Firma für Feinwerktech- nik gesteckt. „Gerade in den Anfangsjahren leb- ten wir in wirklich bescheidenen Verhältnissen“, erinnert sich Sabine Grässlin. Fleischgerichte gab es höchstens einmal bei der Großmutter und während andere Kinder mit den Eltern in die Ferien fuhren, freuten sich die Grässlin-Kin- der auf Schulausflüge oder Ausfahrten mit dem Chor. „Dennoch hatten wir eine Bilderbuch-Kind- heit“, sagt Sabine Grässlin. Noch heute erinnert sie sich daran, wie Vater Dieter mit ihr und den Geschwistern aus Spaß die Wände des Esszim- mers mit Postern aus der Zeitschrift „Das Tier“ tapezierte, während Mutter Anna verreist war. Diese Unbeschwertheit war mit dem frühen Tod des Vaters erst einmal vorbei. „Meine Mutter hätte es verstanden, wenn ich die Lehre abgebro- chen hätte, aber ich habe es durchgezogen“, sagt Sabine Grässlin. Ihrem ehemaligen Chef Bertold Siber ist sie bis heute dankbar. Er war es auch, der sie seinem Freund Eckart Witzigmann empfahl. Witzigmann, 1994 vom Gault-Millau zum „Koch des Jahrhunderts“ geadelt, betrieb damals in München das „Aubergine“ – und wollte eigent- lich keine Frauen in der Küche. Sabine Grässlin aber wollte er – und so arbeitete sie ein Jahr lang 62 in dem renommierten Restaurant, wo kein Teller die Küche verließ, der nicht von Witzigmann per- sönlich kontrolliert worden war. „Das war eine sehr lehrreiche Zeit“, sagt sie. Das erste „Kippys“ entsteht am Bärenplatz Bis zur Eröffnung eines eigenen Restaurants soll- te es aber noch eine Weile dauern. Nach einer weiteren Ausbildung zur Werbekauffrau hat Sa- bine Grässlin bis zu dessen Verkauf 16 Jahre lang im elterlichen Unternehmen gearbeitet – auch, um mehr Zeit für ihre Tochter zu haben. Das Ko- chen aber hat sie nie losgelassen. Nach dem Ver- kauf des Familienunternehmens beschloss Sabi- ne Grässlin, ihre Leidenschaft wieder zum Beruf zu machen. Das erste „Kippys“ wurde eröffnet, damals noch am St. Georgener Bärenplatz. Etwas Bistroartiges sollte es sein. „Aber es hat sich bald gezeigt, dass Kochen mein Ding ist und sich das Ganze zum Restaurant entwickelt.“ Seit mittlerweile acht Jahren ist das „Kippys“ nun deutlich größer und befindet sich direkt ne- ben dem Kunstraum Grässlin, dem Mittel- und Ausgangspunkt der wechselnden Ausstellungen, die sich über das ganze Stadtgebiet erstrecken. Leer stehende Geschäfte gehören dabei zum Konzept „Räume für Kunst“ – in den Schaufens- tern zeigt die Familie Exponate, die alleine oder bei geführten Touren besichtigt werden können. Im „Kippys“ ist Sabine Grässlin ihre eigene Che- fin – und steht auch selbst in der Küche. Rührt


Sabine Grässlin vor Werken von Martin Kippenberger. 63


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Salatdressing und Saucen an, experimentiert mit neuen Rezepten. Und das Gemüse wird selbst ge- schält, aus Fleischresten und Knochen Fond ge- kocht. Authentizität und die Liebe zum Produkt sind ihr wichtig. Regionales und handgemachtes Essen Regional soll das Essen sein – und handgemacht. Salat putzen bedeutet für sie, jedes Blatt in die Hand zu nehmen, das Gemüse wird selbst ge- schält, aus den Abschnitten wird Fond gekocht. Fertigprodukten, wie sie längst auch im Groß- handel für Gastronomie angeboten werden, kann sie nichts abgewinnen. „Man wird doch wohl noch Kartoffeln schälen können.“ Die Gäste im „Kippys“ schätzen ihre Experi- mentierfreude ebenso wie die ganz normalen Gerichte, die es auf der kleinen, aber feinen Karte gibt. Darauf findet sich auch mal Bratwurst mit natürlich hausgemachtem Kartoffelsalat, eben- so wie handgemachte gefüllte Pasta „Von der Sterneküche bin ich weg“, sagt Sabine Grässlin über ihre Art zu kochen. Sie schätzt es, wenn Kol- legen „Bodenständiges zu etwas Gigantischem“ werden lassen. Für sich selbst kocht sie bevor- zugt einfach: Salat, dazu ein Stückchen Fleisch, auch mal Nudelauflauf oder Pellkartoffeln mit Quark nach dem heißgeliebten Rezept von Mut- ter Anna. Sammlung des deutschen Informel Mit der Mutter zusammen ist Sabine Grässlin auch häufig in Sachen Kunst unterwegs – zum Beispiel auf der Art Basel. In den 1970er Jahren hatten Dieter und Anna Grässlin begonnen, Wer- ke des deutschen Informel zusammenzutragen und damit den Grundstein für die Sammlung Grässlin gelegt. Nicht selten schmückten Ausstellungspla- kate die Kinderzimmer von Bärbel, Thomas, Sabine und Karola Grässlin. „Uns Kindern hat auch nicht alles gefallen“, sagt Sabine Grässlin schmunzelnd. Dadurch, dass viele Künstler und Galeristen im Hause Grässlin ein und aus gingen, 64 entwickelten die Kinder schon früh einen Bezug. „Kunst und Sammeln – das war generell ein The- ma bei uns.“ So verwundert es wenig, dass die Grässlins neben der Kunst noch weitere Sammelleiden- schaften hegen: Thomas Grässlin sammelte jah- relang die Figuren aus Überraschungseiern, Bär- bel Grässlin hat ein Faible für Bauernsilber, bei Karola Kraus, geborene Grässlin, sind es Espres- sotassen und Sabine Grässlins Herz schlägt für Frösche. Porzellan, bemalt mit Fröschen, Tischde- cken, Figuren, Kaffeebecher, Poster, Plüschtiere, Christbaumschmuck, Teppiche, alte Illustratio- nen vom Flohmarkt – mehr als 2.000 Exponate rund um die grünen Hüpfer hat sie im Laufe der Jahre zusammengetragen und geschenkt be- kommen. Der Traum vom eigenen Froschmuseum Zu sehen sind diese in einem eigenen kleinen Museum in einem ehemaligen Laden, einen Steinwurf vom Kunstraum Grässlin entfernt. Den Fröschen würde Sabine Grässlin am liebs- ten eines Tages ein eigenes Museum bauen. „Ich träume von einem Riesenfrosch als Gebäude“, sagt sie. „Das wäre doch mal eine Attraktion.“ Und wo könnte das Frosch-Haus stehen? Na- türlich in ihrer Bergstadt. „St. Georgen ist mei- ne Heimat. Ich mag die Jahreszeiten, auch den Winter. Ich bin nicht die große Reisende.“ So verwundert es wenig, dass sie ihren Urlaub am liebsten zu Hause verbringt – zum Beispiel an ih- rem Natur swimmingpool, mit einem guten Buch neben Martin Kippenbergers Frosch−Skulptur. Sabine Grässlin liebt Frösche und träumt vom eige- nen Froschmuseum. Ihr liebster Platz ist die Bank am Naturswimmingpool mit Blick auf Martin Kippenber- gers Frosch-Skulptur.


XXX 65


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jan Cebulla – ein Leben im Rollstuhl und doch offen und fröhlich Musik und Video-Produktionen sind seine große Leidenschaft von Susanna Kurz Wenn Jan anfängt zu erzählen, dann ist ihm die Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartner sicher. Sie lachen, sie strahlen ihn an und hören ihm gebannt zu. Denn der 16-jährige Bad Dürrheimer hat immer einen kessen Spruch auf den Lippen und fesselt sein Gegenüber durch seine offene, lustige, unbeschwerte und durchweg fröhliche Art. Eigentlich nichts Ungewöhnliches für einen Jugendlichen. Doch es ist genau das, was die Leute begeistert, denn sie hätten womöglich etwas anderes erwartet. Jan Cebulla sitzt seit seiner frühesten Kindheit im Rollstuhl. An welcher Krankheit er leidet, möchte er nicht geschrieben wissen. Viel lieber spricht er über das, was ihm richtig Freude bereitet, was für ihn Wohlfühlen be- deutet, Geborgenheit und damit Heimat: seine Musik. Seit zwei Jahren spielt Jan elektrisches Schlagzeug, Gitarre und ab und zu Keyboard. Und Jan singt mit Begeisterung. „Mir gefällt es, dass Musik für jeden da ist und dass jeder Musik ma- chen kann. Wenn ich Musik mache, bekomme ich den Kopf frei und kann den Alltag vergessen.“ Zu- sammen mit seinem Musiklehrer Thomas Groß übt er in seinem heimischen Zimmer und be- kommt von ihm alle erdenkliche Unterstützung, seinem großen Hobby nachzugehen. „Einmal in der Woche kommt mein Musiklehrer zu mir“, berichtet Jan. Dann sitzen die beiden nicht stur nebeneinander und üben strikt, nein, sie machen Musik und nehmen diese auf Video auf. An dieser Stelle schließt sich Jans zweites Hobby an: die Videoclip-Produktion. Unter dem Namen „Jans Houserock“ stellt er die Videos, die er mit seiner Handykamera aufnimmt, bei Youtube auf dem gleichnamigen Kanal ein und postet sie auf seiner Facebook- und Internetseite. Mit Erfolg. Teilweise kann er bis zu 2.000 Aufru- 66 fe pro Video verzeichnen. „Der Name Houserock kommt nicht etwa daher, dass ich gerne House- musik mag. Nein, ich höre viel lieber Rock, Metal und Pop“, erzählt er schmunzelnd. Jan hat sich den Namen ausgesucht, weil er die Musik von Zuhause aus macht. Dass er anderen mit seiner Musik so viel Freu- de bereitet, ist für Jan großartig. Aus allen Rich- tungen bekommt er positive Rückmeldungen da- rauf, selbst der Partner seiner Schwester wurde bei der Arbeit auf die Musikvideos angesprochen. Das macht Jan stolz, denn: „Ich produziere alles in Eigenregie“. Fast jede Woche stellt der 16-Jährige einen Clip fertig, knapp 15 sind es an der Zahl. Und wieder ist diese Leidenschaft mit einem weite- ren Hobby des Bad Dürrheimers kombiniert: der Technik. Kameras, Smartphones, Smartwatches, Apps sind das, womit er sich perfekt auskennt. Sämtliche Kameramodelle, Funktionen und Knif- Jan Cebulla sitzt seit seiner frühesten Kindheit im Rollstuhl, hat sich aber seine Lebensfreude bewahren können. Daheim ist er in Bad Dürrheim.


XXX 67


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat „Jans Houserock“ – Blick auf die Facebookseite. fe sind ihm alles andere als fremd, Bildbearbei- tung und Fotografieren machen ihm Spaß. Auf eine professionelle Kamera spart der 16-Jährige, solange nutzt er seine Kompaktkamera und kit- zelt aus ihr die besten Tricks heraus. Als „Sommerreporter“ unterwegs „Ich könnte mir gut vorstellen, später einmal Me- diengestalter zu werden“, erzählt Jan bei einem Glas Eistee. Oder Journalist. „Die Geschichten an- derer Menschen zu erzählen finde ich toll.“ Und seine Meinung sagen zu können, lockt ihn. „Ich erlebe gerne Neues und habe gerne Abwechs- lung.“ Sein Berufsziel hat er fest vor Augen. Aus diesem Grund wird er zum Schuljahr 2015/16 die Christy-Brown-Schule in Villingen verlassen und wird seinen Realschulabschluss an der Realschu- le am Salinensee in Bad Dürrheim machen. „Und danach will ich Germanistik studieren. Deutsch zählt neben Schwimmen und Englisch zu meinen Lieblingsfächern in der Schule.“ Um seinem Berufswunsch näher zu kom- men, absolvierte Jan Cebulla bereits Praktika bei Tageszeitungen – und die Stadtverwaltung Bad Dürrheim hat ihn mit einer ganz besonde- 68 ren Aufgabe betraut: Jan wurde während der vergangenen Sommerferien zum sogenannten „Sommerreporter“ ernannt. Hierbei suchte der 16-Jährige zusammen mit der städtischen Behin- dertenbeauftragten Hannelore Prochnow und dem Bad Dürrheimer Fotograf Peter Sterk an drei Tagen verschiedene Stationen auf und do- kumentierte die Barrierefreiheit – oder die eben noch nicht optimierten Wege und Stellen in der Kur- und Bäderstadt. „Die Ergebnisse habe ich in einem Bericht niedergeschrieben, Peter Sterk hat mir die Fotos zur Verfügung gestellt und den ganzen Bericht haben wir dann im Bilderbuch- café der Gruppe ‚Handicap aktiv‘ vorgestellt“, erzählt er. „Ich wollte auch gerne während der Ferien arbeiten, aber wusste nicht wo und nicht wie.“ Daher freute er sich umso mehr über das Reporterangebot. Besonders gerne im Kurpark Seit vier Jahren lebt Jan Cebulla nun in Bad Dürr- heim, aufgewachsen ist er in Bräunlingen. Seine Freizeit verbringt der 16-Jährige am liebsten drau- ßen an der frischen Luft. „Besonders gerne zu- sammen mit meinem Kumpel im Kurpark.“ Denn dort, so sagt er, habe er an einem lauschigen Plätzchen nahe des Festplatzes seine Ruhe. Die Blicke mancher Passanten empfindet Jan als stö- rend und als nervend. Darum schätzt und genießt er diesen lauschigen Platz. Aber wenn er dann Lust auf Action hat, geht’s zum Skatepark nahe der Bohrtürme beim Minara-Freibad. Über die wellenförmigen Hindernisse lässt er sein fernge- steuertes Modellauto flitzen – und manchmal be- festigt er sogar eine kleine Kamera darauf. Dann ist er, wenn auch im Nachhinein am Computer, live dabei bei der wilden Fahrt. Je nach Zeit und Laune besucht Jan auch mal mit seinen Freunden das Jugendhaus im Alleenweg. Und er vertreibt sich seine Zeit gerne mit Lesen. „Am liebsten mag ich ‚Gregs Tagebuch‘, ein Comicroman.“ Es gibt aber auch Dinge, die Jan gar nicht lei- den kann. „Ich mag es überhaupt nicht, wenn je- mand falsch und hinterlistig ist!“ An allererster Stelle stehen für den 16-Jährigen nämlich Ehr- lichkeit und der loyale Umgang miteinander.


Daumen hoch für Jan – unterwegs als „Sommerreporter“. Die Rose schenkt er seiner Mutter (rechts). XXX 69


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Kai und Rik Sauser: Wenn es ums Rad geht, sind sie in ihrem Element Die Brüder organisierten bereits hunderte von erfolgreichen Veranstaltungen von Michael Kienzler Noch hält sich der Nebel zäh in den Straßen von Bad Dürrheim. Die ersten Aussteller beim RiderMan beginnen mit dem Aufbau. Von Radfahrern noch keine Spur. Dafür von den beiden Organisatoren Kai und Rik Sauser. Auch wenn an diesem Morgen viele Helfer unterwegs sind, packen die Brüder mit an wo es geht. Kai befestigt einen Werbebanner und Rik telefoniert nahezu ununterbrochen, zeigt Leuten, was sie zu tun haben. Doch von Hektik keine Spur, in aller Ruhe und immer wieder mit einem freundlichen Lächeln geben sie den Radfahrern Auskünfte. Da bleibt noch Zeit, um drei Minuten vor dem Start ein Pressefoto zu machen. Die Ruhe und Übersicht kommt nicht von unge- fähr. Schließlich organisieren die beiden Ober- baldinger schon seit vielen Jahren erfolgreich Radsport- und Kultur-Großereignisse. Da wird man gelassener. Doch diese Karriere war alles andere als geplant und entstand aus einer spon- tanen Idee im Biergarten von Donaueschingen. Nach Radgrößen der 60er Jahre benannt Der Radsport liegt in der Familie Sauser und hat das Leben der drei Brüder immer bestimmt. „Mein Vater war radsportverrückt im positiven Sinne, das merkt man alleine schon an unse- ren Vornamen. Ich heiße nach Radgrößen aus den 60er Jahren, da gab es beispielsweise Rik Van Looy oder Rik Van Steerberghen und unser jüngster Bruder Eddy wurde nach Eddy Merckx benannt“, erklärt der 47-jährige Rik Sauser. „Und ich hätte eigentlich nach dem belgischen Rad- rennfahrer Patrick Sercu getauft werden sollen, aber da meinte meine Mutter dann, nicht schon wieder ein Radfahrer und man einigte sich kurz 70 vor der Namensgebung auf Kai“, wirft der jüngs- te der Sauser-Brüder schmunzelnd ein. „Und weil ich nicht nach einem Radfahrer benannt wurde, bin ich auch der einzige, der nie aktiv Rad gefah- ren ist“, rechtfertigt sich der 38-Jährige. Die bei- den verstehen sich ausgezeichnet. „Das muss so sein, ansonsten könnten wir die vielen Aufgaben gar nicht meistern“. Mit acht durfte Rik erstmals bei einer Rad- Weltmeisterschaft in Belgien zuschauen. 1977 begann er Radrennen für den Radsportverein Schwenningen zu fahren, Bruder Eddy ein Jahr später. „Und Kai ging immer mit und war unser größter Fan“, lacht Rik. Von März bis Septem- ber reisten die Radbegeisterten Jahr für Jahr in Sachen Radsport durch Europa. Dazu zählten über zehn Weltmeisterschaften und noch mehr Reisen zur Tour de France. „Eine Zeit lang haben wir sogar Reisen zur Tour organisiert, doch es Rik (links) und Kai Sauser – die Baaremer Brüder sind vom Radsport begeistert und Veranstalter etlicher Rennen und Events.


71


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Rik Sauser im Gespräch mit Radsportlegende Erik Zabel. Rechts: Die Sauser Brüder freuen sich einmal mehr über ein perfekt organisiertes, gelungenes Event. wurde zusehends schwieriger, geeignete Unter- künfte zu finden“, berichtet Kai Sauser. Rik ging mit 17 zur Polizei, das war 1984. Ab diesem Zeit- punkt legte er in Sachen Radsport bis 1994 eine „schöpferische Pause“ ein. Kai zog es in das Bank- wesen, dort absolvierte er bei der Sparkasse ein duales Studium. Dann kam das Jahr 1998. „Mir war bissel langweilig und Rik in seinem Schicht- dienst auch“. An jenem Abend im Herbst saßen die beiden Brüder im Biergarten von Donau- eschingen und sinnierten darüber, dass man ir- gendetwas auf die Beine stellen müsste. Die Schwenninger Radnacht und der Sparkassen-Cup werden geboren „In der Innenstadt von Schwenningen gab es in den 60er- und 70er-Jahren immer ein Radrennen, Ende der 70er-Jahre bin ich da selbst noch mitge- fahren und hab den Wettbewerb gewonnen“, er- innert sich Rik. „Wir sagten uns, hey, da könnten wir doch mal wieder was machen, zumal zu der Zeit der Hype um Erik Zabel und Jan Ullrich war. So wurden die Schwenninger Radnacht und der Sparkassen- Cup geboren. Gerne erinnern sich die beiden an die äußerst erfolgreichen Rennen mit 72 über 15.000 Zuschauern, die Zabel & Co. bei ihren Runden durch die Schwenninger Innenstadt an- feuerten. „Ich werde nie vergessen, wie Kai noch im schwarzen Anzug vom Tieflager Gitter abge- laden hat“, lacht Rik. „Am Abend waren wir durch den Wind, aber happy“, meint Kai. Es dauerte nicht lange, dann durften die Sau- sers auch den RiderMan in Bad Dürrheim organi- sieren. Am Anfang noch arbeitete das Team von zuhause aus. Doch schnell merkte man, dass pro- fessionelle Strukturen her müssen. „Wir eröffne- ten dann Anfang 2000 das Büro in der Oberdorf- straße in Schwenningen“, erinnert sich Rik. Der Startschuss für die heutige Sauser Sport & Event Management Agentur war gefallen. Anfang 2001 kamen gleich die Deutschen Meisterschaften in Bad Dürrheim, die Jan Ullrich gewann. Zunächst wurden der Sparkassen-Cup, der RiderMan und die Deutschen Meisterschaf- ten organisiert. Ab 2002 gesellten sich eigene Veranstaltungen hinzu, so der GP Schwarzwald von Bad Krozingen auf den Feldberg. Gerne er- innern sich beide an den GP Schwarzwald in Triberg, als es einen Riesen-Hype um Jan Ullrich gab, sieben Kamerateams, viele Fotografen und Fans wollten den damaligen Radstar sehen. Mit der Schwenninger Radnacht und dem GP Schwarzwald gibt es im Landkreis zwei überregional beachtete Radsportevents. Beim GP Schwarzwald war 2005 Jan Ullrich am Start (Mitte rechts). Der GP Schwarzwald führt auch durch Schonach.


73


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Hilfe der Familie, von Freunden und Bekannten machen Großveranstaltungen erst möglich Rik und Kai stellen klar, dass derartige Großver- anstaltungen ohne die Hilfe der Familie, von Be- kannten, Freunden und befreundeten Radsport- lern nicht funktioniert hätten und auch heute noch diese gute Zusammenarbeit die Vorausset- zung für erfolgreiche Rennen ist. „Alleine beim RiderMan brauchen wir 250 Streckenposten plus etwa 80 Leute in der Organisation“, rechnen die beiden vor. Weitere Wettbewerbe kamen hinzu, so 2005 der GP Triberg, den Trans Schwarzwald mit Mountainbikes durch den Schwarzwald, die Inline-Challenge in Hüfingen oder der Bodensee Megathlon in Radolfzell. „Wir haben immer ge- schaut, was könnte man sonst noch auf die Bei- ne stellen“. Gesagt, getan. Es folgten der Donau- eschinger Herbstzirkus, die Rock‘n Roll Jamboree, oder als Kooperationen die Jazz-Nacht oder das Herbstfest, allesamt in Donaueschingen. Mit im engeren Organisations-Team arbeiten seit vielen Jahren „Ursel“ Sauser, die Frau von Rik, als „Mädchen für alles“ und Carina sowohl im Eventbereich, als auch im Ladengeschäft in Villingen mit. „Wir ergänzen uns perfekt, Rik übernimmt schon von je her die Aufgaben nach außen hin, während ich lieber im Hintergrund arbeite“, erklärt Kai. Kaum Zeit zum Ausruhen: Neue spannende Aufgaben warten schon Beim Stichwort Urlaub grinsen die beiden, „naja zumindest im Sommer gibt es den eher weniger“. Organisiert werden muss das ganze Jahr, selbst im Winter bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. „Das ist mittlerweile ein Ganzjahresgeschäft“, räumt Rik ein. Aber die Brüder sprühen trotzdem noch vor Tatendrang und haben noch die ein oder an- dere Idee in der Schublade. Eine spannende Auf- gabe wartet nächstes Jahr auf die Eventagentur. „Wir sind ab 2015 in die Tour de Suisse involviert und organisieren dort ein neues Jedermannren- nen im Rahmen dieses größten Radsportereig- nisses in der Schweiz“, erläutert Rik. „Wir freuen uns sehr auf die neue Aufgabe, das wird klasse“, 74 Mit vielen, vielen Events mehrere hunderttausend Zuschauer begeistert Seit der Gründung im Jahr 1999 hat Sauser Sport & Event Management Agentur viele hundert Veranstaltungen erfolgreich durch- geführt und mehrere hunderttausend Zu- schauer begleiteten zahlreiche Weltstars bei ihren Auftritten. Hier eine Auswahl: in VS und Bad Dürrheim • Schwenninger Radnacht • SparkassenCup in Villingen-Schwenningen • Rothaus RiderMan in Bad Dürrheim • Lokale Organisation der Deutschland Tour • Deutsche Straßen-Radsportmeisterschaften der Profis und Frauen in Bad Dürrheim • Qowaz-Inline-Challenge in Hüfingen • Deutsche Straßen-Bergmeisterschaften • GP Schwarzwald in Triberg, Bad Krozingen und auf dem Feldberg • EUROBIKE Altstadtkriterium in Ravensburg • VAUDE Trans Schwarzwald in Baden-Württemberg in Albstadt ergänzt Kai. Nach einigen Krisenjahren boomt der Radsport wieder, das beobachteten die bei- den zuletzt bei vielen Rennen. Die Familie stammt aus Oberbaldingen. Kai ging aber schon immer in Donaueschingen zur Schule, daher komme sein guter Draht zu die- ser Stadt und deshalb ist auch das Büro dort. Die Brüder waren auch schon einige Zeit in Stuttgart beruflich tätig, konnten sich aber nie vorstellen, von hier wegzugehen. Beide Familien sind sehr heimatverbunden und fühlen sich in der Region pudelwohl. Natür- lich kennen die Brüder dadurch auch viele tol- le Plätze. „Ich könnte 1.000 schöne Flecken im Landkreis aufzählen, der schönste ist wohl bei mir zuhause im Garten in Weilersbach“, scherzt Rik weiter. Mir gefallen Aussichten, so wie auf dem Brend oder vom Feriendorf in Öfingen aus. „Aber auch auf dem Schellenberg ist es herrlich“, fügt Kai hinzu, der in Donaueschingen lebt.


Oben: Alles im Griff – Rik Sauser als Rennleiter beim RiderMan 2014 in Bad Dürrheim. Unten: Siegerehrung beim GP Schwarzwald in Triberg, v. links Kai Sauser, Trachtenmädchen, Tribergs Bürgermeister Dr. Gallus Strobl, die Etappensieger Matija Kvasina (Kroatien), Radoslav Rogina (Kroatien) und Peter Velits (Slowenien) sowie rechts Rik Sauser. XXX 75


3. Kapitel Städte und Gemeinden Hüfingen bietet im Herzen der Baar viel Lebensqualität Die alte Stadt an der Breg baut ihre Markenzeichen „Ökologie, Geschichte, Kunst“ weiter aus von Stefan Limberger-Andris 76 76


Hüfingen auf der Baar – eine geschichtsträchtige Stadt, die sich in den vergange- nen Jahrzehnten zusammen mit den fünf Stadtteilen Hausen vor Wald, Mundel- fingen, Behla, Sumpfohren und Fürstenberg zu einem kulturellen, ökologisch und wirtschaftlich richtungsweisenden Standort entwickelt hat. „Ökologie, Geschichte, Kunst“ sind vom Gemeinderat und der Bevölkerung gelebte Markenzeichen. Nicht umsonst heißt es „in Hüfingen lässt sich’s gut leben“: Seit dem Jahr 2010 wird dies auch durch die Auszeichnung „Staatlich anerkannter Erholungsort“ dokumentiert. x 77


Städte und Gemeinden 78 Römertheater, Töpfermarkt oder Fronleichnamsfest – Hüfingen ist eine vielgestaltige Stadt. Dass Hüfingen so viel Flair hat, ist nicht nur der Herzlichkeit der Einwohner und den weit ge- spannten kulturellen Angeboten zu verdanken, sondern auch der unter Denkmalschutz stehen- den Altstadt. Ab den 1970er Jahren ist die Ge- bäudesubstanz umfassend saniert worden. Die zunehmend leer stehenden landwirtschaftlichen Gebäude konnte man in attraktive Wohnberei- che umgestalten. Weitere Sanierungsabschnitte waren die Vorderstadt mit den Bereichen Hauptstraße und Süßer Winkel. Derzeit läuft die Sanierung im Bereich Unterstadt, der sich bis zum Bauhof erstreckt. Belebtes Hüfingen Lebensgefühl und Lebensqualität, das schätzen die Hüfinger an ihrer Stadt an der Breg, die ei- ne weit über 2.000-jährige Siedlungsgeschichte aufweist. Ihr kulturelles Erbe, etwa das in den Jahren 1991 bis 1995 sanierte römische Kastell- bad, wurde durch ein optimal angepasstes Infor- mationszentrum für Touristen ebenso wie für die einheimische Bevölkerung zukunftsweisend weiterentwickelt. Das Römerbad, eines der ältes- ten nördlich der Alpen, lädt zur Erkundung durch museumspädagogische Angebote ein. Geschichte lebt und entfaltet ihre größte Kraft in der Belebung. Das ist ein Grundsatz, an dem sich Bürgermeister Anton Knapp seit sei- ner Wahl ins Amt 1988 orientiert. Darin spiegelt sich auch die nach historischem Vorbild erfolgte schrittweise Sanierung der denkmalgeschütz- ten Altstadt in den vergangenen Jahrzehnten. Optimale Voraussetzungen für ein jährliches, bedeutsames Ereignis: die Internationalen Kera- mikwochen Hüfingen. In diesem Jahr zum 24. Mal veranstaltet, lockt die künstlerisch hochka- rätige Veranstaltung mit Töpfermarkt und Aus- stellungen seit 1992 Besucher aus großen Teilen Europas an – ein „Kristallisationspunkt der euro- päischen Keramikkunst“.


Die Hüfinger Kulturnacht, das Hüfinger Som- mertheater, Konzerte, Kleinkunstveranstaltun- gen oder die Jahresausstellung des Hüfinger Künstlerkreises sorgen für weitere von den Ein- wohnern getragene Glanzlichter. Das 2007 eröff- nete Schulmuseum im alten Bahnhofsgebäude und das Museum für Kunst und Geschichte mit regional beachteten Sonderausstellungen und einer Präsentation der Werke des weit über Hü- fingen hinaus bekannten Hüfinger Künstlerkrei- ses (19. Jahrhundert) machen die Kunstwelt noch ein Stück facettenreicher, als sie ohnehin bereits ist. Natürlich wird die historische Innenstadt auch dem weit über die Region hinaus bedeut- samen Blumenteppich gerecht, der an Fronleich- nam gelegt wird. Und Veranstaltungen, wie etwa dem Stadtbächlefest im Sommer oder auch dem Kloosemärt im Dezember, verpasst sie das ge- mütliche Ambiente, das Bevölkerung und Gäste so schätzen. Blick auf Hüfingen und Fürstenberg (hinten rechts). Hüfingen bietet viel Lebensqualität Ökologie und Umweltschutz verpflichtet Ökologie ist ein weiterer Kern der kommunal- politischen Philosophie. Seit mehr als zwanzig Jahren wird auf der Gesamtgemarkung konti- nuierlich Biotopvernetzung betrieben. Verant- wortungsbewusster Umgang mit Natur und vor handenen Baupotenzialen wurde u.a. in Mun del fingen gezeigt. Als „Modellgemeinde für das Entwicklungsprogramm MELAP+“ wird ei- nem ausufernden Landschaftsverbrauch durch Aktivierung innerörtlicher Substanz entgegen gewirkt. Erneuerbare Energien sind in Hüfingen weit mehr als ein Lippenbekenntnis. Dies zeigt sich in den kommunalen Photovoltaik-, Holzhack- schnitzel- und Wasserkraftanlagen, den Block- heizkraftwerken und in der Ausweisung einer Konzentrationsfläche für Windkraftanlagen, der man als Mitglied des Gemeindeverwaltungsver- bandes Donaueschingen nachkam. Anerkennung dieses Engagements sind Auszeichnungen wie bereits 1993 der Umwelt- preis des Landes Baden-Württemberg, 2004


Städte und Gemeinden 80


Ob auf den Radwegen, im aquari oder beim Gleit- schirmfliegen auf dem Fürstenberg – Hüfingen hat einen hohen Freizeitwert. Sehenswert sind auch die Museen. Die Stadtanlage im Miniaturformat ist als viel beachtetes Ausstellungsstück im Museum für Kunst und Geschichte zu sehen. Unten rechts eine historische Unterrichtsstunde im Schulmuseum. das Öko-Audit „Geprüftes Umweltmanagement“ und 2013 als Preisträger im Bundeswettbewerb „kommunaler Klimaschutz“. In der Solarbun- desliga findet sich Hüfingen in der Kategorie Kleinstädte unter den besten 50 in der gesamten Republik. Familienfreundliche Kommune Hüfingens Verwaltung kümmert sich voraus- schauend seit Jahrzehnten um Wirtschaft und Familien. Die Ausstattung der Gesamtstadt mit Kinderkrippen und Kindergärten wurde den Be- dürfnissen nach modernsten Gesichtspunkten angepasst. Dabei spielt besonders in jüngerer Zeit die Schaffung von Kleinkindbetreuungsplät- zen eine große Rolle. Nimmt man das neuerlich mit einem Kostenaufwand von 0,5 Millionen Euro aufgelegte Spielplatzkonzept der Stadt als Maßstab der Kinderfreundlichkeit an, so würde Hüfingen in der obersten Liga ganz vorne mit- spielen. Hier gab der Gemeinderat grünes Licht für ein hohes finanzielles Engagement. Bildung nach modernen Maßstäben ist ein Element, das besonders Bürgermeister Anton Knapp am Herzen liegt. In jungen Jahren war er selbst als Lehrer beruflich unterwegs. Im Sep- tember 2013 ging die Lucian-Reich-Schule als Gemeinschaftsschule mit einem Grundschul- und Mensaneubau in eine viel versprechende Zukunft. 8 Millionen Euro wurden hier inves- tiert. Vor mehreren Jahren wurde an der Luci- an-Reich-Schule bereits die Ganztagesbetreuung eingeführt. Schulsozialarbeit ist in Hüfingen seit dem Jahr 2001 erfolgreich etabliert. Synergieeffekte nutzend, kann der Nachwuchs die im Verbund mit Donaueschingen betriebene Jugendmusikschule sowie eine Jugendkunstschu- le besuchen. Eine etablierte Stadt jugendpflege, ein Hüfingen bietet viel Lebensqualität Die Hüfinger Stadtkirche „St. Verena und Gallus“ ist in einer Urkunde des Konstanzer Bischofs Hermann II. erstmals 1183 urkundlich erwähnt. hochklassiges Kinderferienprogramm sowie ein verlässliches Ferienbetreuungsangebot lassen die Jugend in einem gesicherten Umfeld erwach- sen werden. Das Familienfreizeitbad „aquari“, in den Jahren 2000 und 2010 umfassend sa niert, lässt bei Familien und Saunafreunden kaum ei- nen Wunsch offen. Hohe Zuwachsrate an Wohnraumversorgung Kann es verwundern, dass die Bregstadt mit ei- ner guten Wohnraumversorgung punktet? Wohl kaum. Sinken die Baulandpreise doch für Fami- lien mit zwei oder mehr Kindern durch ein För- derprogramm deutlich ab. Hüfingen hat deshalb bei der Zuwachsrate an Wohnraumversorgung in der Region mit über 35 Prozent deutlich die Nase vorn und liegt auch in Baden-Württemberg sichtbar über dem Durchschnitt. 81


Städte und Gemeinden Blick zur Stadtmühle am Mühlenkanal, deren Wasserrad heute der Stromerzeugung dient, Impression vom Wo- chenmarkt beim Rathaus und malerischer Winkel in der Altstadt. Beeindruckende Natur- und Erholungslandschaft Der Erholungsort Hüfingen setzt auf Konzepte des sanften Tourismus. Zusammen mit Donau- eschingen und Bräunlingen wurde 2012 in ein Radwegenetz der „Quellregion Donau“ inves- tiert. Um die Touristenzahlen zu steigern, hat man Sehenswürdigkeiten geschichtlicher, kultu- reller oder natürlicher Art aufbereitet, verschie- dene touristische Lehrpfade angelegt, Übernach- tungsmöglichkeiten übersichtlich zusammenge- stellt und die KONUS-Gästekarte eingeführt. Großveranstaltungen wie die Heimattage Baden-Württemberg, SWR-Pfännle oder Tour de Ländle steigern permanent den Bekanntheits- grad. Der Wohnmobilstellplatz in unmittelba- rer Nähe zur Kernstadt gibt mobilen Reisenden ideale Möglichkeiten, einen kurzen oder auch längeren Halt einzulegen. Die Stadt bietet auf dem Gelände eine gute Infrastruktur mit Kiosk, Stromversorgung und Toiletten an. Von Hüfingen aus fährt man bequem zum Stadtteil Mundelfingen. Von dort erreichen Wan- derer die wild-romantische Gauchachschlucht. Sie ist ein ideales Ausflugsziel. Die Gauchach ist der bedeutendste Nebenfluss der Wutach und stellt die Verbindung zum 115 Kilometer langen Schluchtensteig her. Die Gauchach hat eine tiefe Schlucht ausgebildet, die geprägt ist von bizarren Felsformationen, Felswänden und Wasserfällen. Diejenigen, die „eher hoch hinaus wollen“, sind auf der Bergkuppe des Fürstenberges gut aufgehoben. Von der 918 Meter hoch liegen- den Erhebung aus hat man einen fantastischen Rundum-Blick auf die Baar. Beeindruckend ist die Sicht hinüber zur jungen Donau bei Neudingen. Und an klaren Tagen sieht man zum Greifen na- he die Alpen. Auf sieben Tafeln des Historischen 82


x Stimmungsvoller Weihnachtsmarkt beim Marienbrunnen am Rathaus. Hüfingen bietet seinen Besuchern zu jeder Jahreszeit viele Attraktionen. Pfades Fürstenberg, der 2012 eingeweiht wurde, werden Geologie, Klima und Pflanzenwelt eben- so erläutert, wie die bewegte Historie der einem Brand zum Opfer gefallenen Stadt und der Burg. Positive wirtschaftliche Entwicklung Ein gut funktionierendes Wirtschaftsleben mit sicheren Arbeitsplätzen ist auch in Hüfingen das kommunale und gesellschaftliche Rückgrat. 40 Prozent mehr Arbeitsplätze und 35 Prozent mehr Einpendler als im Jahr 1991 – das sind Zahlen, die für sich sprechen. Und sie gewinnen an Bedeutung, bedenkt man den gleichzeitigen Rückgang in unse- rer Region und in Baden-Württemberg. Mit 2,5 Pro- zent Rückgang im produzierenden Gewerbe, dem kreis weit geringsten Wert, und einem Zuwachs an Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich von 85 Prozent, steht die Stadt aus gesprochen gut da. Dass die Entwicklung weiter positiv verläuft, da- für soll der Beitritt Hüfingens zum Zweckverband „Breitbandversorgung Schwarz wald-Baar“ sorgen. In kommunaler Regie wird ein Glasfaser-Höchst- geschwindigkeitsnetz entstehen. Dies wird nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Privat- haushalte ein wichtiger Standortfaktor. Dass Hüfingen auf Familien anziehend wirkt, ist im Hinblick auf die Entwicklung der vergange- nen zweieinhalb Jahrzehnte nur folgerichtig. Über 7.500 Einwohner, knapp 15 Prozent mehr als vor 25 Jahren und 40 Prozent mehr Wohngebäu- de sind zahlenmäßig eine eindrucksvolle Bilanz. Bürgermeister Anton Knapp prägte das Gesicht der Stadt in den 25 Jahren seiner Amtszeit maß- geblich. In seiner vierten Amtsperiode möchte Anton Knapp bis 2016 weiter an diesem „Lebens- werk“ bauen: „Ich spüre noch das Feuer in mir.“ 83


Städte und Gemeinden Städte und Gemeinden Königsfeld – Ort der zarten Melancholie „Ich liebe Königsfeld. Es ist ein Platz der Meditation, der Grazie und der zarten Melancholie“, schrieb der inzwischen verstorbene Rhetorik-Professor Walter Jens anno 1966 in der „Zeit“. von Stephanie Wetzig 84


Wer heute nach Königsfeld kommt, verspürt dieses Flair noch immer. Gelegen auf einem Hochplateau mit freiem Blick von vielen Stellen der Ortsteile zur Schwäbischen Alb im Osten und mit einem Schutzgürtel aus rund 1700 Hektar Wald gegen das raue Wetter aus dem Schwarzwald, ist der Kurort eine Insel der Ruhe, die auch der Ehrenbürger der Gemeinde, der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, zu schätzen wusste. Hier baute er 1923 für seine Familie ein Haus als Rückzugsort, in dem auch er selbst zwischen seinen Ein- sätzen in dem gemeinsam mit seiner Frau Helene gegründeten Hospital in Lambarene Kraft schöpfte. Bis heute sind Schweitzers Spuren in Königsfeld allgegenwärtig. Nicht nur in dem bis 1957 vor allem von Helene und Tochter Rhena bewohnten Haus östlich des Doniswaldes, in dem die Gemeinde und ein engagiertes Team aus 30 Ehrenamtlichen des Historischen Ver- eines die Erinnerung an den „Urwalddoktor“ aufrecht erhält. Auch wird in Königsfeld alle drei Jahre ihm zu Ehren ein Internationaler Preis für außerordentliches humanistisches Engage- ment im Sinne Albert Schweitzers verliehen. 85


Städte und Gemeinden 86


Industrieansiedlungen sucht man hier verge- bens, was dazu führt, dass Königsfeld vor Fi- nanzausgleich die einkommensschwächste Ge- meinde des Schwarzwald-Baar-Kreises ist. Dafür wuchert der bekannte Kurort mit dem Pfund der weitgehend intakten Natur und seinem ökolo- gischen Profil: Heilklimatischer Kurort, Kneipp- kurort, Klimaschutzkommune, Naturwald-Ge- meinde, Energiesparkommune, Solar-Kommune, Zeitkurort – im Laufe der Jahre haben sich eine Vielzahl hochwertiger Prädikate angesammelt, die den Anspruch und Charakter der innovativen Tourismus-Destination definieren. Die Bewah- rung der Schöpfung sieht Bürgermeister Fritz Link als ein zentrales Thema der Bevölkerung, die deshalb auch ökologische Projekte über alle Gremien hinweg mitträgt – gleichsam im Kern- ort wie in den Ortsteilen. Vielgestaltige Naturlandschaft Königsfeld liegt inmitten einer vielgestaltigen Naturlandschaft. Nicht nur in den Ortsteilen Buchenberg, Burgberg, Erdmannsweiler, Neu- hausen und Weiler grenzen viele Gärten direkt an den Wald oder das freie Feld. Ein engmaschi- ges Netz an ausgeschilderten Wanderwegen, Radwegen und Loipen bietet zu jeder Jahreszeit Gelegenheit, die therapeutisch wertvolle Luft zu tanken. Die immer beliebter werdenden E-Bikes können an zwei Solartankstellen aufgeladen werden und trotz der üppigen Natur außerhalb der Ortsgrenzen gibt es zusätzlich einen Kurpark und einen „Stadtwald“, den Doniswald, der in der gesamten Region als „Eichhörnchenwald“ bekannt ist. Der Friedhof, der in Königsfeld Gottesacker genannt wird, ist von betörender Schlichtheit. Seite an Seite ruhen hier die sterblichen Über- reste der Bewohner von den Ortsgründern der Königsfelder Impressionen – der Ort und das Quartier um den Zinzendorfplatz im Luftbild. Rechte Seite: Ein- gang zum Gottesacker und Blick auf die Gräberfelder. Beliebt sind Wanderungen in den Eichhörnchenwald. x 87


Königsfeld – Ort der zarten Melancholie Die festlich geschmückte Hauptstraße mit dem welt- bekannten Herrnhuter Weihnachtsstern. Herrnhuter Brüdergemeine bis heute. Noch im- mer haben alle Grabplatten die gleiche Größe und die Gräber sind ohne Schmuck. Trotz insgesamt rund 6.000 Einwohnern ist Königsfeld keine Stadt, obwohl es in vielen Dingen einen urbanen Charakter hat, was un- ter anderem seinem historischen, als Ensemble denkmalgeschützten Ortskern zu verdanken ist. Der Ort ist eine Gründung der Herrnhuter Brü- dergemeine und der spätbarocke Baustil der An- fangsjahre prägt bis heute das Ortsbild. Zentral gelegen ist der Zinzendorfplatz, an dessen nördlicher Seite der prächtige Kirchensaal steht. Er wurde in den Jahren 1810 bis 1812 ge- baut, als die vier Jahre junge Gemeinde gerade einmal 85 Einwohner zählte. Das älteste Haus am Platz ist das Herrnhuter Haus, das damals den neuen Siedlern als erstes Quartier diente und heute neben Seniorenwohnungen auch ein Restaurant der gehobenen Klasse beherbergt. Es liegt am Anfang der Friedrichstraße, die mit ihren Geschäften und Cafés gewissermaßen die Fla- niermeile Königsfelds ist, und im Westen in die, 88 nach dem Begründer des Königsfelder Fremden- verkehrs benannten Hermann-Voland-Straße übergeht, architektonisch eher vom Jugendstil geprägt. Zwei Buchhandlungen, Cafés, Restaurants, Discounter und Vollsortimentsmarkt, Lebensmit- tel-Einzelhändler, ein Eine-Welt-Laden, Apotheke und Reformhaus, Salzgrotte, Ayurveda-Zentrum, Boutiquen, Blumenladen und Kunsthandwerk – die Liste lässt sich noch weiter fortsetzen. Bürger und Besucher finden hier alles, was sie zum Leben benötigen. In der Weihnachtszeit sind die beiden Hauptstraßen festlich geschmückt mit den welt- bekannten Herrnhuter Sternen. „Die jungen Leute lieben Königsfeld“ „Man kann hier schon ein schönes Leben führen und es ist auch noch ein bisschen intakt“, sagt Gabriele von der Decken. Die Großstädterin lebt seit einem Vierteljahrhundert in Königsfeld und fühlt sich sehr wohl. Durch ihren Beruf als Erzie- herin bekommt sie hautnah mit, dass auch viele junge Menschen an dem Ort hängen. „Die jun- gen Leute lieben Königsfeld, die wollen gar nicht weg von hier.“


x Zinzendorfplatz mit Kirchensaal. An der Orgel spielte einst Ehrenbürger Albert Schweitzer. Das bestätigt auch eine Umfrage des Insti- tuts für angewandte Sozialwissenschaften im Rahmen des LEADER-Projektes „Zukunft junger Menschen im ländlichen Raum“. Demnach woh- nen 80 Prozent der Befragten gern im Ort – auch wenn viele sich ein größeres Angebot für Jugend- liche wünschen. Dabei mangelt es nicht an Freizeitmöglich- keiten. Rund 70 Vereine bieten vom Schach übers Imkern, Golf, Fußball, Tennis, Radfahren bis zur Narretei und dem Historischen Verein ein breites Spektrum an Aktivitäten. Der größte Verein ist der Golfclub mit 650 Mitgliedern, dessen 18-Loch-Platz als einer der schönsten in Süddeutschland gilt. Die Golfer su- chen den Kontakt zur Bevölkerung. Deshalb wird der Präsident des Golf-Clubs, Jürgen Elsner, nicht müde zu betonen, dass auch Nichtgolfer im Club- haus-Restaurant jederzeit herzlich willkommen sind. Der kommunale NaturSportPark wartet un- ter anderem mit einer Skateranlage, Streetball- und Hockeyplatz, Grillstellen und Klettermög- lichkeiten auf. Gleich nebenan bietet mit dem Solara ein solarbeheiztes Freibad Erfrischung. Bei gutem Wetter kommen schon einmal 3.000 Besucher, davon auch viele aus dem Umland. „Königsfeld hat ein tolles Schwimmbad“, loben 89


Städte und Gemeinden 90 Königsfeld hat viel zu bieten: vom Golfplatz, über den Sportpark bis hin zum Solara – einem der schönsten Freibäder der Region. viele Außenstehende, wie ein Forschungsprojekt der Dualen Hochschule über das Fremdbild des Ortes ergeben hat, das deren ehemaliger Rektor, Prof. Ulrich Sommer leitet. Allerdings sehen sie auch „leer stehende alte Gebäude“ sowie eine „überalterte Bevölkerung“, während Königsfel- der selbst ihren Wohnort als einen „Ort der Mu- ße“ mit „gutem kulturellem Angebot und alters- gerechtem Lebensraum“ sehen. Der altersgerechte Wohnraum macht den Ort auch für Rentner und Pensionäre attraktiv, sei es aus den verschiedenen Provinzen der weltweiten Brüderunität oder aus den Nachbargemeinden. Inzwischen sind 30 Prozent der Bewohner älter als 65 Jahre, während die soziodemografischen Strukturen in den Ortsteilen dem Durchschnitt entsprechen. „Kulturelles Leben, Infrastruktur: Königsfeld bietet alles, was man sich im dritten Lebensabschnitt wünscht“, ist Bürgermeister Fritz Link überzeugt. Auch das kulturelle Angebot ist beachtlich Auch das kulturelle Angebot ist für einen Ort dieser Größe beachtlich und hat eine lange Tra- dition. Hinter dem Begriff „Geistige Nothilfe“ verbirgt sich seit 90 Jahren eine Veranstaltungs- reihe, deren sperriger Name auf die gewünschte Parallele zur Technischen Nothilfe, dem heuti- gen THW, zurückgeht. Ziel war, der Bevölkerung auf dem Land mit Theater und Autorenlesungen, Konzerten und Vorträgen geistige Impulse zu geben. Heute beschränkt sich die „Geistige Not- hilfe“ auf Samstagskonzerte hochkarätiger inter- nationaler Interpreten. Die bildenden Künstler der Vereinigung „Das Quadrat“ organisieren jedes Jahr eine Ausstel- lung im Haus des Gastes. „30 freischaffende Künstler sind im Quadrat organisiert“, sagt Bür- germeister Fritz Link, „aber auch sonst wird hier sehr viel anspruchsvolle Kulturarbeit geleistet.“ Der Verein Proludium fördert den Besuch der


x Das Nikolauskirchlein in Buchenberg ist nicht nur eines der ältesten Gotteshäuser im Landkreis, sondern auch ein Ort kultureller Vielfalt. Rechts: Einkauf auf dem Wochenmarkt. Kinder in der Jugendmusikschule, die darstellen- den Künstler haben sich im Verein „Burgspekta- kel“ organisiert und inszenieren mittlerweile im 16. Jahr zwei Wochen lang Theater und Musik auf die Burgruine Waldau im Ortsteil Buchenberg. Der Verein Kukuk (Kunst Kultur Königsfeld) ist ein beeindruckendes Beispiel für den enor- men Stellenwert, den Kunst und Kultur in der Bevölkerung Königsfelds einnehmen. Schon im ersten halben Jahr seines Bestehens hat er rund 60 Mitglieder gefunden. Bemalte Stelen, die 2013 publikumswirksam zugunsten des Kindergar- tens am Albert-Schweitzer-Hospital in Lamba- rene versteigert wurden, waren die erste große Aktion des Kunstfördervereins. Kindergarten- gruppen, Schulklassen, Vereine und jede Menge andere kreative Königsfelder bemalten und be- klebten, umwickelten und schnitzten Holzstelen, die bis heute Gärten und Gehwege in Königsfeld zieren. In diesem Sommer mietete der Verein den leer stehenden Schlecker-Markt an, um dort ei- nen Raum für Kultur zu schaffen. Es gibt beinahe dauernd irgendwo eine neue Ausstellung. Zu alteingesessenen Galerien wie der „Galerie am Hörnle“ von Werner Rinder- knecht kommen immer wieder neue hinzu, sei es in den Kliniken oder in der Nonnenmühle im Glasbachtal. Auch Restaurants, Cafés, Arzt- und Zahnarztpraxen laden regelmäßig zu ständig wechselnden Ausstellungen. „Königsfeld hat einen hohen Anteil an Bil- dungsbürgern“, erklärt Bürgermeister Link die- ses überproportionale Engagement für kulturelle Belange. „Daher ist der Anspruch an das Kultur- leben groß. Hier leben zahlreiche Lehrer, Erzieher und Pensionäre, von denen sich auch viele krea- tiv einbringen.“ Königsfeld ein „Zeitkurort“ Zum Begriff Kultur zählt Manfred Molicki aus dem Teilort Burgberg auch die Zeit und den Um- gang damit. Der pensionierte Schulleiter, der sich seit langem unter anderem als Redner, Au- tor und Initiator der Gesellschaft für Zeitkultur dem Thema widmet, verschaffte Königsfeld den Titel „Zeitkurort“. Mit rund 70 Eigenzeit-Orten, in denen etwa Kaffee ausgeschenkt wird, der in 20 Minuten statt der üblichen 15 Sekunden geröstet wird, oder in denen man seinen ganz persönli- chen Zeitabläufen folgen kann. „Königsfeld eig- net sich schon durch seine Gründungsgeschichte als Eigenzeitort, denn traditionell nehmen sich die Bewohner hier mehr Zeit für den Menschen – sei es in der Mission oder im Ort, vor allem wenn es um Bildung, Jugend oder das Alter geht.“ Das macht sich selbst für die Beschicker des Wochenmarktes bemerkbar. Anette Feder-Besch, die am Gemüsestand vom Deißlinger Heiligen- hof auch in der Stadt arbeitet, merkt sehr wohl den Unterschied. „Man kennt die Kunden und ihre Einkaufsgewohnheiten, ein paar persönli- che Worte zwischendurch gehören hier einfach dazu“, sagt sie. „Es ist ein schöner, gemütlicher Markt, ich schätze es sehr, hier zu arbeiten.“ 91


Städte und Gemeinden Bekannt und geschätzt sind die Zinzendorfschulen. Bildung spielt in Königsfeld seit jeher eine große Rolle. Gutes tun ist allgegenwärtig Königsfeld hat eine besondere Atmosphäre, hier wird viel für andere getan. Helfen, Spenden, Gu- tes tun ist allgegenwärtig. Die Hilfsorganisation „Go Ahead!“ wurde von ehemaligen Zinzendorf- schülern gegründet. Seit 25 Jahren gibt es den Eine-Weltladen „Ujamaa“, in dem Königsfelder fair gehandelten Kaffee kaufen und Kurgäste ihre Souvenirs, wie die Mitgründerin Renate Sie- 92 börger erzählt. Gegenüber hat vor einem Jahr der „Laden Mittendrin“ eröffnet. Mit dem Erlös die- ses gut sortierten Second-Hand-Ladens werden Projekte der Herrnhuter Missionshilfe in Asien, Afrika und Mittelamerika unterstützt. Zinzendorfschulen weithin bekannt Bildung spielt von jeher eine große Rolle in Kö- nigsfeld. Die weithin bekannten Zinzendorfschu- len entstanden nur drei Jahre nach Gründung des Ortes und sind bis heute in Trägerschaft der Herrnhuter Brüdergemeine. Heute können weit mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler an verschiedenen allgemeinbildenden Schulen alle Schulabschlüsse von der Hauptschule bis zum Abitur ablegen. An Berufsfachschulen haben die Schüler die Wahl zwischen hauswirtschaft- lichem und wirtschaftlichem Profil oder können sich an zwei Fachschulen zum Erzieher oder zum Jugend- und Heimerzieher ausbilden lassen. Im Erdmuth-Dorotheen-Haus, mit dem un- vergleichlichen, äußerst gepflegten historischen Charme, wird ebenso unterrichtet, wie in einem der ersten Schulhäuser in Passivhausbauweise. Modernste Unterrichtsausstattung, wie inter- aktive Whiteboards, gehören zum Alltag und die stillen fünf Minuten, der Morgensegen und die Anrede der Pädagogen mit „Bruder“ und „Schwester“ zu den Besonderheiten des christ- lichen Schulwerks. Neben den privaten Zinzendorfschulen gibt es drei kommunale Grundschulen und sechs Kin- dergärten in der Gemeinde Königsfeld. Dieses Angebot ist es auch, was Königsfeld für Familien interessant macht. „Allein in der letzten Legisla- turperiode wurden drei Baugebiete erschlossen, die hervorragend angenommen wurden“, sagt Bürgermeister Link. Die 14 Bauplätze am Neu- baugebiet Tonishof waren innerhalb eines Jahres verkauft. Von den 15 Bauplätzen in Weiler gin- gen acht im ersten Jahr weg und von den 50, die 2014 in Neuhausen erschlossen wurden, waren bis Juli auch schon 15 vergeben. „Die Autobahn ist 13 Kilometer entfernt, die Infrastruktur hat städtisches Niveau, daher ist Königsfeld auch für Berufspendler interessant“, betont Link.


200.000 Übernachtungen jährlich Und nicht nur für die: Auch für Urlauber und Kurgäste ist Königsfeld ein gern gewähltes Ziel mit durchschnittlich rund 200.000 Übernach- tungen jährlich. Dafür tut die Gemeinde einiges: Seit der Jahrtausendwende wird in Königsfeld konsequent ein „Masterplan“ umgesetzt, in des- sen Rahmen das ökologische Profil vertieft und ein Großteil der Relikte aus dem Kurbetrieb der 1970er Jahre erneuert wurden. „Wir müssen im- mer wieder auf neue Entwicklungen reagieren“, erklärt Bürgermeister Link. „Die gesamte Infra- struktur ist auf einem aktuellen Stand. Das Haus des Gastes, das Gesundheitszentrum CuraVital mit seinem Ärztehaus und Fitness-Studio, der NaturSportPark – das alles sind Einrichtungen, von denen sowohl die Gäste als auch die Bewoh- ner profitieren.“ Die nächsten Punkte auf der To-Do-Liste sind die Neugestaltung der Bismarckstraße und Her- mann-Voland-Straße, eine neue Minigolfanlage sowie die Sanierung des Zinzendorfplatzes als historisches Zentrum. Den wachsenden Bedürfnissen der Urlau- ber kommt auch der Reisemobilplatz neben der Breg nitzhof-Sauna entgegen. Rückläufige Be- liebtheit dagegen verzeichnen die privaten Zim- mervermieter. „Dieser Markt bricht weg“ konnte x Sehenswert – das Dorfmuseum von Buchenberg. der Bürgermeister beobachten, „und die Gäste der Zukunft werden anspruchsvoller sein.“ Des- halb sähe er hinter dem CuraVital gerne ein Ho- tel in mindestens der 3-Sterne-Kategorie und ist überzeugt, dass sich der Kurort Königsfeld auch in Zukunft behaupten wird. In diesem Sinne werden sich sicher noch vie- le den Worten Albert Schweitzers anschließen, der einst sagte: „Die Zeit in Königsfeld war die schönste meines Lebens.“ Unterwegs mit dem E-Bike bei Waldau. Die Tourist-Info in Königsfeld bietet auch einen E-Bike-Verleih. 93


4. Kapitel Schwerpunkt Neckar Wo der Neckar seine Reise beginnt Auf Spurensuche in Schwenningen – Quelle, Moos und junger Fluss von Daniela Schneider 94 94


Wo der Neckar seine Reise beginnt Das etwa drei Quadratkilometer große Schwenninger Moos liegt 705 Meter über dem Meer und befindet sich am Südrand von Schwenningen. Hier entspringen der Neckar und die Stille Musel, die der Donau zufließt. Mitten hindurch verläuft die europäische Wasserscheide – ein Teil des Mooswassers fließt somit über den Neckar auch in den Rhein. Das Moos ist nicht nur ein großarti- ges Naturschutzgebiet, sondern auch ein beliebtes Naherholungsziel voller Ursprünglichkeit. Blick übers Schwenninger Moos hinweg auf Schwenningen. 95


Schwerpunkt Neckar


Die Neckarquelle „Schwenningen (Neckar)“ – so steht’s geschrie- ben auf den blauen Schildern der Bahnstation. Wer hier also ankommt, der weiß Bescheid: Durch diesen Teil der Doppelstadt fließt der Neckar, die „Lebensader Baden-Württembergs“. Und besser noch: Hier hat der Fluss seinen Ur- sprung. Von hier macht er sich auf die 367 Kilo- meter lange Reise durch das Land – ein interes- santer Verlauf durch den deutschen Südwesten, der in Schwenningen seinen Anfang nimmt. Wo aber findet man den Ursprung genau? Die Suche nach dem jungen Fluss beginnt in Schwenningen am besten im Stadtpark Mög- lingshöhe. Hier nämlich befindet sich die histori- sche Ne ckarquelle, die selbst eine recht bewegte Geschichte hat. Bereits im 16. Jahrhundert ließ Herzog Ludwig von Württemberg an dieser Stel- le eine hier vorhandene Quelle fassen, versehen mit dem Hinweis, dass dies des „Neccars Ur- sprung“ sei. Immer wieder suchten Herrschende aus dem Hause Württemberg dann im Laufe der Zeit diesen Ort auf, ließen die eine oder andere Erneuerung vornehmen, brachten Gedenk tafeln und Wappen an und schütteten laut Überliefe- rung mitunter auch beherzte Schlucke des jun- gen Neckarwassers symbolträchtig in ihren ad- ligen Schlund. Ende des 19. Jahrhunderts war dann aber Schluss mit der Aufmerksamkeit für dieses sprudelnde Nass: 1895 versiegte die Quelle. Ab- gesehen von einigen wohl eher kläglichen Wie- derbelebungsversuchen geriet der Ort auf dem Schwenninger Lettbühl mehr oder weniger in Vergessenheit. In den 1960er-Jahren erfolgte schließlich die Rückbesinnung: Die Neckarquel- le wurde reaktiviert, nachgebaut nach histori- schem Vorbild. Zwei Neckarquellen – die hydrologische findet sich im Schwenninger Moos und die historische im Stadtpark Möglingshöhe. Die von Herbert Wurm geschaffene Bronzefigur namens „Matze“ sitzt dort seit 2010 an des Neckars neu gestalteter Quelle – und liest die Schwenninger Traditions-Tageszeitung DIE NECKAR- QUELLE. Wo der Neckar seine Reise beginnt Jahrzehnte später wurde – wie so vieles im Stadtbild von Schwenningen – auch dieser Ort von der Landesgartenschau beeinflusst, die an- no 2010 für markante Veränderungen sorgte und auch eine Neugestaltung des Stadtparks Möglingshöhe mit sich brachte. Für die Neckar- quelle bedeutete das, dass ein ganz neuer Quell- stein an dieser besonderen, historischen Stelle eingeweiht wurde. Nun haben die Besucher die Möglichkeit, die großzügige Anlage in Ruhe zu betrachten, auf einer der Sitzbänke Platz zu nehmen, den Blick über den benachbarten Mög- lingssee schweifen zu lassen und in Gedanken vielleicht dem hier wegfließenden Neckarwas- ser auf seiner beginnenden Reise nachzufolgen. Das Schwenninger Moos Wer allerdings glaubt, dass mit der Neckarquelle das meiste über den Ursprung des Flusses ge- sagt ist, der irrt gewaltig. Denn genau genom- men liegt ein gutes Stück südlich der Möglings- höhe der zweite Teil der Wahrheit – und zwar im Naturschutzgebiet Schwenninger Moos. Ein Holzschild weist darauf hin, dass sich tatsächlich hier des Neckars Ursprung befinde. Aus hydrolo- gischer Sicht, so haben es die Experten längst he- rausgefunden, ist das richtig: Der junge Neckar wird nämlich mit Wasser aus diesem interessan- ten Fleckchen Erde gespeist, wenn auch nicht in Form einer regelrechten Quelle. Die sogenannte Europäische Hauptwasser- scheide tut ihr Übriges: Sie verläuft mitten durch das Naturschutzgebiet. Das bedeutet, dass sich auch hier die Regentropfen entscheiden müs- sen, ob sie entweder Richtung Rhein oder Rich- tung Donau fließen – was genau davon dann im jungen Neckar landet, weiß eben niemand so genau, das Moos entwässert jedenfalls in bei- de Flusssysteme. Das erklärt im Übrigen auch das Bestreben der seinerzeitigen württember- gischen Machthaber, die historische Neckar- quelle in unzweifelhaft eindeutigem – nämlich württem bergischem – Territorium zu verorten, zumal im Moos die einstige Landesgrenze zu den eher ungeliebten badischen Nachbarn mit der Wasserscheide gleichzusetzen war. Die Neckar- 97


Frisches Grün zeigt sich – das Schwenninger Moos lohnt nicht nur im Frühjahr einen Besuch. der Neckar ein vielseitiger Fluss ist. Das gilt dann eben auch für seinen Ursprung. quelle sollte jedenfalls gesichert auf württem- bergischem Gebiet liegen und das war am aus- gewählten Standort im Bereich des heutigen Stadtparks Möglingshöhe, wo tatsächlich eine Quelle sprudelt, der Fall. Und noch ein Aspekt dürfte bei der ganzen Sache nicht unerheblich gewesen sein: Das hervorsprudelnde Wasser der Quelle war nämlich auch noch trinkbar, was den erwähnten repräsentativen Verkostungen sicher zu Gute kam. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Könige und Herzöge am wohl ganz ordentlich brackigen Mooswasser genippt hätten? Kann man abschließend also sagen, wo sich die wahre, die richtige Neckarquelle befindet? Egal ob im Moos oder im Stadtpark – die eini- germaßen salomonische Antwort lautet so oder so: in Schwenningen! Fest steht allemal, dass Unterwegs mit dem Moosführer Der Faszination, die vom Schwenninger Moos ausgeht, tut diese ganze Diskussion im Übrigen keinen Abbruch. Hervorragend erkunden lässt sich das Gebiet zum Beispiel mit Hilfe der Moos- führer. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von 25 Personen, die sich im Rahmen der Gartenschau hatten ausbilden lassen, um Besuchergruppen durch das Gebiet zu leiten. Das Famose an der Sache ist, dass rund zehn von ihnen auch nach der Schau mit großer Leidenschaft für das The- ma und entsprechender Zuneigung zum Moos dabeigeblieben sind und weitermachen mit ihren interessanten Führungen, die in der Saison von April bis Oktober jeweils jeden zweiten Samstag angeboten werden. Die Moosführer sind ein lo- 98


Wo der Neckar seine Reise beginnt ckerer Zusammenschluss, aber kein Verein; für die Organisation und die Haftung haben sie sich ans Umweltzentrum angehängt. Wie wäre es also zum Beispiel mit einer Tour mit Moosführer Michael Rüttiger? Der Mann, so scheint es, ist ein wandelndes, mehrbändi- ges Flora- und Fauna-Lexikon. Zu jedem Pflänz- chen entlang des dreieinhalb Kilometer langen Moos-Rundwegs auf Holzstegen und befestigten Wegen hat er mindestens eine Geschichte parat. Er zeigt auf, dass das Gebiet Lebensraum für ech- te Spezialisten ist, wichtiger Trittstein auch für wandernde Arten. Auch oder gerade für Nicht-Botaniker ist die- ser Spaziergang erhellend und kurzweilig. Denn wer weiß schon, wie eine wilde Möhre aussieht? Wer kennt die Lebensbedingungen von Wollgras, Johanniskraut, Rohrkolben, Waldachtelweizen, Baldrian, bittersüßem Nachtschatten und Blut- wurz? Und wer hätte gedacht, dass die hier anzu- treffende Artenvielfalt eigentlich untypisch für Moosführer Michael Rüttiger erklärt die Besonder- heiten von Flora und Fauna. Im Schwenninger Moos findet sich die Blutrote Heidelibelle ebenso wie Son- nentau oder die Sumpfschrecke (unten v. links). ein Moor ist? Dass diese Vielfalt auf Störungen zurückzuführen ist, die Magerrasen und trocke- ne Wälder begünstigten? Oder dass die Wege im Schutzgebiet durch ihren mineralischen Unter- bau vielen Pflanzen Lebensraum bieten, die hier ansonsten nicht leben könnten? Zu erfahren ist, dass die Gewächse im Zent- rum des Schwenninger Mooses mit Nährstoffar- mut zu kämpfen haben; das Heidekraut hilft sich da mit einem Pilz an seinen Wurzeln, der Son- nentau verspeist kleine Insekten, die er mit kleb- rigen Drüsenblättern festhält. Und der Südliche Wasserschlauch saugt Hüpferlinge, Flohkrebse und Co. durch besondere Fangblasen unter Was- ser ein, um sich selbige anschließend genüsslich 99


Schwerpunkt Neckar Das Schwenninger Moos ist die Heimat vieler Tiere. Blässhühner, Uhu und auch der seltene Fischadler sind hier zu beobachten. einzuverleiben. Teil der Führung ist zudem ein kleines Referat über die Rauschbeere, die angeb- lich einen recht heiteren Zustand verursachen kann, wenn man nur genug Exemplare davon verspeist. Der Moosführer rät davon allerdings eher ab. Geschichten aus dem Tierreich Hinzu kommen all die lebensnahen Geschichten aus dem Tierreich, die vor Ort in Augenschein ge- nommen werden können: Die Holzameise hat als „deutsche Termite“ ihre Spuren an einem Baum verewigt. Auch das Eichhörnchen hat etwas üb- riggelassen: abgenagte Tannenzapfen als tieri- 100 schen Küchenabfall. Wasserfroschfamilien qua- ken um die Wette, und auch das übrige Ensem- ble an zu beobachtenden Tieren ist beachtlich: Stock- und Krickenten, grünfüßige Teichhühner, Himmelsziegen, Zwergtaucher und Blässhuhn, Uhus, der rote Milan, der sogar im Schlaf und während der Paarung fliegende Mauersegler und Specht, Grau- und Silberreiher, eine große Artenvielfalt an Insekten wie Sumpfschrecke, Sandlaufkäfer oder Hochmoor-Glanzflachläufer, Schmetterlinge wie der Randring-Perlmuttfalter, Libellen wie die Torf-Mosaikjungfer, die Azur- jungfer, die blutrote Heidelibelle oder die Kleine Moosjungfer und so vieles mehr. Im Frühjahr und Herbst ist dann zudem der Fisch adler zu beob- achten, erzählt der Moosführer. Nebenbei erklärt der Experte die interessan- te Moos-Entstehungsgeschichte, die in gewisser Weise immer noch andauert. Dabei lernen die Teilnehmer der Führung, dass das Gebiet viele tausend Jahre alt ist. Ursprünglich befand sich


Wo der Neckar seine Reise beginnt demnach hier eine große Seefläche, die im Laufe der Zeit verlandete. Vor rund 4000 Jahren setzte schließlich das Hochmoorwachstum ein. Durch menschliches Zutun – vor allem durch den Abbau von Torf – wurde das Moor in Teilen abgebaut und das weitere Wachstum gestoppt. Aufwendige Naturschutzmaßnahmen steuern dieser Entwicklung nun bereits seit Jahrzehnten entgegen. Mit dem Moos eng verbunden Erinnerungen an einen Moos-Besuch, um 1956. Der Mensch und das Moos – das ist übrigens nicht nur eine Geschichte von Ausbeutung oder Eingriff in die Natur. Seit alters her fühlen sich viele Bewohner der Region mit ihrem Moorge- biet verbunden, das zwar Schwenninger Moos heißt, aber nicht nur auf VS-Gemarkung, son- dern zusätzlich auch auf Bad Dürrheimer Terrain liegt. Im Rahmen einer geplanten Ausstellung anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Natur- schutzgebietes haben sich die Moosführer auf die Suche nach alten Fotografien begeben. Fa- milienfotos am neuen Moosweiher sind darun- ter und Aufnahmen, die zeigen, dass hier früher gebadet wurde. Hinzu kommen historische Aufnahmen von Arbeitseinsätzen im Moos, beispielsweise beim Bau der Eisenbahn oder beim Torfabbau, der nicht nur der Salinenindustrie Brennmaterial bescherte, sondern auch vielen Bürgern – in frü- heren Jahrhunderten, aber auch noch in der so schwierigen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Lebendige Erinnerung daran ist übrigens die Moosmulle-Figur der Schwenninger Fasnet. Arbeitseinsatz am Rande des Moos‘, 1920er-Jahre: Wie hier im Gebiet Dickenhardt, wo die Arbeiter für eine Zie- gelei tätig waren, wurde auch mitten im heutigen Naturschutzgebiet Torf abgebaut. 101


Schwerpunkt Neckar Der Herbst zieht ein – Impression aus dem Schwenninger Moos. Natürlich ranken sich auch düstere Mythen um das Moorgebiet; erinnert sei nur an die Dill- dappen, mysteriöse Fabelwesen, die angeblich hier ihr Unwesen treiben. Generationen von Schwenninger Kindern drohte man damit, sie ins Moos zu schicken, wenn sie nicht augenblicklich brav sein würden; Geschichten von unsicheren Pfaden und trügerischen Stellen, die den unvor- sichtigen Wanderer versinken lassen, gehören wohl zu jedem Moor. Sie sind übrigens auch Teil der verschiedenen Themenführungen durch das Moos, die sich mal mit historischen, mal mit naturkundlichen oder kulturellen und kulturgeschichtlichen Aspekten befassen. Gezeigt werden zum Beispiel die mar- kanten baden-württembergischen Grenzsteine, die bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Funktion erfüllten. Auch die Stelle, an der Torfstecher im 102 Jahr 1837 über 100 Kupfer- und Silbermünzen fanden, die einst ein Römer auf der Flucht vor nahenden Alemannen im Moos versenkt haben soll, kann begutachtet werden. Wie der Neckar wieder an die Oberfläche kam Egal, ob der Neckar nun aus dem Moos oder der historischen Quelle hervorgluckert – er beein- flusst seit Jahrtausenden das Leben vieler Men- schen, die im ganzen Land an seinen Ufern leben. Auch in Schwenningen war und ist das nicht an- ders. Allerdings gab es eine lange Zeit, in der der Fluss in seiner Quellstadt so gut wie gar nicht zu sehen war. Man darf es sich wohl so vorstellen: Einst plät- scherte der Neckar als munteres Bächlein dahin, das schon kurz unterhalb des Dorfes Schwen- ningen drei Mühlen antreiben konnte. Dann ex- pandierten die Industrie- und Gewerbebetriebe,


• Das Schwenninger Moos ist offiziell bereits seit 1939 Naturschutzgebiet. Es ist eines von vielen Mooren, die es einst in der Region gab; die meisten sind vernichtet. In Hüfingen zum Beispiel hat man eine Mülldeponie auf ein Moor gebaut; die meisten anderen Moore sind irgendwann einmal abgetorft oder zu landwirt- schaftlichen Flächen umgebaut worden. • Warum sind Moore erhaltenswert? Sie ma- chen nur drei Prozent der Erdoberfläche aus, speichern aber etwa 30 Prozent des Kohlen- dioxids; den Mooren kommt also auch eine wichtige Klimaschutzfunktion zu. Durch die Ablagerung von Pollen und Pflan- zenresten sind sie außerdem ein Geschichts- buch der Landschaft; Torfe bestehen zum groß- en Teil aus abgestorbenen und konservierten Pflanzenresten. Auch eine wichtige Hochwasserschutzfunk- tion kommt hinzu: Moore speichern den Nieder- schlag und geben ihn zeitverzögert wieder ab. Sie sind Lebensraum für bedrohte Pflanzen- und Tierarten, die als Spezialisten nur im Moor leben können beziehungsweise für ihr Über- leben auf Moorpflanzen angewiesen sind; ein Beispiel ist der Hochmoorperlmuttfalter. • Um das Schwenninger Moos zu retten und zu renaturieren, wurden seit den 1970er und vor allem 1980er Jahren verschiedene Maß- nahmen ergriffen. 1997 wurde ein Arbeitskreis („AK Moos“) gegründet, ein runder Tisch mit Vertretern von Behörden, Kommunen, Verbän- den und der privaten Wirtschaft; aus ihm ging später der Trägerverein des Umweltzentrums hervor; seit 2001 sind das Schwenninger Moos und das Kugelmoos europäische Schutzgebiete innerhalb des Netzwerkes Natura 2000. Die umfangreichen Renaturierungsmaß- nahmen im Moorzentrum und in den Randbe- reichen fanden mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds statt. Bis heute betreuen das Regierungspräsidi- um und die Hochschule für Wirtschaft und Um- welt Nürtingen-Geislingen die Maßnahmen. Wo der Neckar seine Reise beginnt Wo der Neckar seine Reise beginnt Das Moos im Überblick 1997 gründet sich ein sehr aktiver Arbeitskreis • Was wurde zur Rettung des Moores unter- nommen? Erhöhung des Wasserspiegels durch Schließen der Entwässerungsgräben, die beim Abtorfen angelegt worden waren; 1983 Anstau des Hauptentwässerungsgrabens, Entstehung der großen Seefläche am Neckarursprung. Warum war das nötig? Früheres Entwäs- sern hatte zum Zusammenfallen des Moorkör- pers geführt; Sträucher und Bäume konnten die Fläche besiedeln und das Gebiet verwaldete immer mehr; durch den Sauerstoffverbrauch trocknete das Moor immer stärker aus, moor- typische Flora und Fauna wurden verdrängt; die Wiedervernässungsmaßnahmen sollten jetzt den Wasserhaushalt des Gebiets nachhaltig verbessern; der hohe Wasserstand verringert das Verrotten des Torfes und das Aufkommen von Baumjungwuchs. • Seit 2003 gibt es eine extensive Beweidung mit Jungrindern im Osten und Süden und Moor schnucken im Südwesten und Westen in den Randbereichen gegen Verbuschung der Magerrasen. • Um den Erhalt der Moore auf der Baar geht es übrigens unter anderem auch beim neuen Naturschutzgroßprojekt Baar. 103 103


Schwerpunkt Neckar Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar Das Gebäude im Schwenninger Stadtpark Möglingshöhe wurde als Landespavillon Treffpunkt Baden-Württemberg zur Landesgar- tenschau erbaut. Der frühere Arbeitskreis Moos ist heute Trägerverein des Umweltzentrums. Er will die Moorgebiete der Baar mit ihrer positiven Wirkung als Rückzugsgebiet vieler Tier- und Pflanzenarten und als Klimaneutrali- sierer schützen, eng mit der Landwirtschaft zu sammenarbeiten, um naturverträgliche Be – wirtschaftungsansätze und verbraucherfreund- liche Ziele zu fördern, und mit dem Tourismus zum Beispiel durch Besucherlenkung im Schwennin- ger Moos kooperieren. Nachhaltiges, technisches und wirtschaft- liches Handeln wird als untrennbarer Bestand- teil eines verantwortlichen Umgangs mit der Umwelt angesehen; ein wichtiges Ziel ist es da her, den Besuchern die Grundlagen eines solchen Handelns zu erläutern und vorbildliche Anwendungsbeispiele in der Region sichtbar zu machen. Es geht um Umweltbildung für jeder- mann. Mieter des Umweltzentrums sind neben dem Trägerverein auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Schwarzwald-Baar-Kreis mit dem Naturschutz- großprojekt Baar. Gezeigt wird im Zentrum eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Der Obere Neckar – Fluss – Natur – Kultur“. Sie will die Besonderheiten vom Ursprung des Landes- flusses Neckar, den Lebensraum Gewässer und die Natur- und Kulturschönheiten am Oberen Neckar zeigen. Die Besucher können unter anderem den Neckar-Radweg virtuell entlang radeln und so- gar einer sprechenden Moorschnucke begeg- nen. immer mehr Menschen lebten in Schwenningen und spätestens mit der Einführung von Toiletten mit Wasserspülung wurden immer mehr Abwäs- ser in den bis dahin sauberen Bach geleitet. Der Neckar entwickelte sich zum offenen Abwasser- kanal, zur stinkenden Kloake inmitten der Stadt. In den 1960er Jahren ging es nicht mehr, die hygienischen Verhältnisse waren unerträglich geworden und so wurde das Gewässer vollstän- dig in der sogenannten Neckardole kanalisiert. Der Neckar war weg, verschwunden aus dem Stadtbild. Den Schwenningern war damit die Identifikationsgrundlage mit ihrem jungen Fluss genommen. Die Stadt wuchs indes weiter. Damit stieg auch die Abwassermenge und immer mehr Flä- chen wurden versiegelt, Regenwasser konnte nur noch schwerlich versickern. Neckardole und Kläranlage ächzten bei extremen Tauwetterla- gen oder starken Regenfällen unter der großen Last. Es drohten Überschwemmungen im Stadt- gebiet. 104


Wo der Neckar seine Reise beginnt Attraktive Offenlegung Was war die Lösung des Problems? Die Offenle- gung und Renaturierung des Beginns des Ne ckars wurde seit Anfang der 1990er-Jahre geplant und schließlich umgesetzt. Das Gesamtprojekt koste- te rund zehn Millionen Euro. Unterstützung kam vom Land und der Initiative „Unser Neckar“; be- teiligt war eine Zukunftswerkstatt mit Schwen- ninger Bürgern. Insgesamt gelang die Wiederherstellung auf einer Länge von dreieinhalb Kilometern, während das Abwasser weiterhin unterirdisch im Kanal abgeleitet wird. Entstanden ist ein durchgängiger, attraktiver Grünzug entlang des Wasserwegs mit einem großzügigen Wegenetz, das Wanderer und Radfahrer zu schätzen wis- sen. Der Neckar ist also wieder da – und darüber dürften sich nicht nur die Bürger Schwenningens freuen. Der große schwäbische Dichter Friedrich Hölderlin schrieb einst über den Fluss: „In dei- nen Tälern wachte mein Herz mir auf“ – wer den jungen Neckar und seine Ursprünge im „Quel- lenlandkreis“ Schwarzwald-Baar kennt, kann da eigentlich von Anfang an nur zustimmen. Blick vom Gelände der früheren Landesgartenschau aus in Richtung Neckar Tower, vorne fließt der junge Neckar. Unterwegs auf dem Neckar-Radwanderweg, der an der Quelle in Schwenningen beginnt und zunächst am renaturierten Neckar entlang führt. 105


Schwerpunkt Neckar „’s giiet Maale und Wiible und Necklemer!“ Das einstige Arbeiterviertel „Necklemer“ stadtgeschichtlich von großer Bedeutung von Wolfgang Trenkle 106 106


Schwenningen und die Necklemer Was sind Necklemer? In Schwenningen muss man da nicht lange fragen – das sind die Einwohner, die von der historisch gewachsenen Mitte aus gesehen in einem Stadtviertel südlich des Neckars leben. Das vielgestaltige Schwenninger Stadtviertel war einst die Heimat vieler Arbeiterfamilien, die oft in den Schwenninger Uhrenfabriken tätig gewesen sind. Das Necklemer ist ein stadtgeschichtlich bedeutsamer Ort: Hier stand an der Neckarstraße die Uhrenfabrik Jäckle, gibt es die Pauluskirche, liegt der Waldfriedhof mit Krematorium, das Gelände der früheren Landesgartenschau – und alles wird überragt vom 45 Meter hohen Neckar Tower. Blick vom Panoramaweg aus über den Stadtteil „Necklemer“ hinweg zur Schwenninger Mitte. Rechts der Neckar Tower. 107


Schwerpunkt Neckar Unter Denkmalschutz steht dieses Arbeiterhaus an der Neckarstraße, in dem eine elfköpfige Familie wohnte. Der Untergang ist nahe! Zumindest, wenn man am Schwenninger Bahnhof steht und versucht, die Gleise zu wechseln. Noch heute entledigen sich die Schwenninger der „-führung“ im offizi- ellen Bundesbahn-Deutsch und sprechen statt „Unterführung“ weitaus lieber vom „Unter- gang“. Dabei ist der Untergang seit den Vorberei- tungen zur Landesgartenschau im Jahr 2010 gar nicht mehr so abschreckend, sondern durchaus ein schmuckes architektonisches Vorzeigestück mit Lichtinstallation und silbern schimmernden Wänden. Ein paar Schritte weiter in Richtung Süden folgt dann der Übergang? Nein, so ist sie nicht be- zeichnet von den Schwenningern – es ist schlicht eine Brücke über das, worauf ganz Baden-Würt- temberg recht stolz ist: den Neckar. Dieser war in Schwenningen lange Zeit einer ganz anderen Art des Untergangs geweiht. Das gibt es tatsäch- lich: Ein ganzer Fluss, hier eher noch ein Bäch- lein, kann untergehen! Vom großartigen Natur- schutzgebiet Schwenninger Moos war er kilome- terweit unwürdig verdolt, fast so, als müsse man sich seiner schämen (s. Seite 94). 108 Heute, in einen gut nachgemacht mäandrie- renden künstlichen Verlauf gebettet, ist er als alte Trennungslinie immerhin wieder erkenn- bar. Dieser kleine Neckar sorgte im 18., 19., 20. und sogar noch ganz minimal im 21. Jahrhundert dafür, dass es in Schwenningen eine „interne Zonengrenze“ mit einem, vom relativen Stand- punkt aus gesehen, jeweiligen „Hüben“ und „Drüben“ gab und gibt. „’S giiet Maale und Wii- ble und Necklemer“, lautet eine alte Feststellung in Schwenningen. Diese Einwohner sind in der Vorstadt – südlich des Neckars angesiedelt. Lange von Armut gezeichnet Hätte Liedermacher Franz-Josef Degenhardt sein berühmtes „Spiel nicht mit den Schmuddel- kindern“ in Schwenningen geschrieben und da- bei ein, zwei Jahrhunderte zurückgedacht, so hätte er damit wohl den Necklemer-Stadtteil be- schrieben. Lange Zeit waren dessen Bewohner von der Armut gezeichnet und vom Kern Schwen- ningens, bis 1907 größtes Dorf von Württemberg,


eher ausgeschlossen. Mit Aufkommen der In- dustrialisierung bot dieser Stadtteil immer mehr Arbeitern eine Heimat und diesen durch die Tä- tigkeit in der Fabrik ein geregeltes Einkommen. Die in der Gründerzeit entstandenen Fabriken mit ihren rauchenden, dampfenden, lärmenden Apparaturen begannen mit ihren Abfällen auch schnell den Neckar „zu vereinnahmen“. Der Fluss wurde mehr und mehr belastet. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen prägte und prägt den liebenswerten Stadtteil Schwenningens seit seinen Anfängen. Wie groß finanzielle Gegensätze sein können, ist beim Rundgang gleich nahe des heute mondän in den Himmel ragenden Neckar Towers zu sehen: hier ein winziges, inzwischen denkmalgeschütztes Arbeiterhaus, in dem einst eine Familie mit elf Kindern lebte und nicht weit davon entfernt ei- ne Fabrikantenvilla. Besonders in den Bereichen hinter der Neckarstraße sitzen die kleinen Arbei- terhäuschen dicht an dicht – als gelte es, sich ge- genseitig beizustehen. Die Metallwarenfabrik Johann Jäckle Wo Armut herrscht, ist oft auch die Fantasie nicht weit entfernt – man will ihr entkommen. Unternehmergeist, der zur Gründung mehrerer Fabriken führte, ist hier ebenso zu nennen, wie später Initiativen zur Wahrung der Arbeitneh- merrechte. Gewerkschafter und Sozialdemo- kraten bildeten im Necklemer-Stadtteil einen hohen Prozentanteil der Einwohnerschaft. 1907 kam es beispielsweise in dem bis dahin mit Ab- stand größten Unternehmen Schwenningens, der 1886 im Necklemer Bereich gegründeten Metallwarenfabrik Johann Jäckle, zu einem Streik mit einer heute kaum mehr nachvollzieh- baren Forderung: der Einführung der 60-Stun- denwoche! Solche „Extremforderungen“ wurden auf Seiten vieler Unternehmer nicht gerne gese- hen. Es kursierten Schwarze Listen mit Namen der Streikführer. Neben den konservativen Maßstäben setzte Jäckle allerdings auch durchaus sehr fortschritt- liche und gesellschaftspolitische: Nach dem Tod von Johann Jäckle und der Einberufung der Söhne Wo der Neckar seine Reise beginnt Ein Zeittürmle aus der Vergangenheit – aus der traditi- onsreichen Schwenninger Uhrenzeit – und ein Wohn- turm der Neuzeit. Das Uhrentürmle der einstigen Me- tallwarenfabrik Jäckle auf dem Landesgartenschauge- lände vor dem 45 Meter hohen Neckar Tower. 109


Schwenningen und die Necklemer Der „Knieschnapper“: Die steile Treppe führt hinauf zum Panoramaweg am Fuß des Reutewaldes. Wo sich heute Spaziergänger über eine schöne Aussicht freuen, trafen sich in den 1930er-Jahren Nazi-Gegner zu konspirativen Treffen. in den Ersten Weltkrieg übernahm Anna Jäckle die Geschäftsführung und leitete das Unterneh- men bis zu ihrem Tod 1932. Konsequent gewei- gert hatte sich die Unternehmerin und Mutter von 16 Kindern – trotz massivem wirtschaft- lichen und politischen Drucks – Rüs tungsgüter zu produzieren. Diese Entscheidung hatte auch religiöse Hintergründe. Viele bekannte Unternehmen Schwenningens kamen bekanntlich beim Zusammenbruch der Schwarzwälder Uhrenindustrie ins Straucheln. Auch das Unternehmen Jäckle mit seinem Sitz in der Neckarstraße blieb davon nicht verschont: Der bis kurz nach der Jahrtausendwende älteste existierende Industriebetrieb Schwenningens produzierte vor allem Uhrenbauteile. Die Johann Jäckle Metallwarenfabrik GmbH & Co. kam in immer größere Absatzschwierigkeiten. Dennoch waren bei ihr um 1990 herum noch 330 Personen angestellt. 2003 ging der bekannte Betrieb dann allerdings endgültig in die Knie – noch 80 Mitar- beiter waren von der Insolvenz betroffen. Der Uhrenturm der 2009 abgerissenen Fabrik blieb erhalten. Er schmückt nun u.a. auch dank 110 des Engagements des Necklemer Bürgervereins das frühere Landesgartenschaugelände. Mutiger Widerstand im Dritten Reich Im Dritten Reich war es im Stadtteil „Necklemer“ wie andernorts: Lokale Größen des Hitler-Regi- mes wohnten neben Menschen, die beherzt Widerstand leisteten. So weigerten sich bei- spielsweise mutige Pfarrer, wie sonst üblich, die Rundfunkreden des Führers mit Glockengeläut anzukündigen. Oder sie hielten 1937 trotz hohem Risiko einen Bittgottesdienst aus Anlass der Ver- haftung von Pfarrer Martin Niemöller ab, der ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche war. Besonderen Mut zeigten Pfarrer Richard Schäfer und seine Frau Anne. Sie beherbergten im Ge- meindehaus der Pauluskirche jüdische Flücht- linge. Andere Bürger ermöglichten Verfolgten ein Versteck im Dachgeschoss ihres Hauses. Besonderen Erfindergeist, Einsatz und Mut bewiesen jene Sozialdemokraten und Gewerk- schafter aus dem „Necklemer“, die in der Schweiz Flugblätter gegen die Nazis drucken ließen, sie in Fahrradreifen versteckt über die Grenze schmug- gelten, um sie dann am Heimatort zu verteilen. Darauf – wie natürlich auch auf das Verstecken von politisch Verfolgten – stand die Todesstrafe. Erwähnenswert ist in diesem Zusammen- hang der sogenannte „Knieschnapper“ – eine lange, steile Treppe in den oberhalb des Stadt- teils gelegenen Reutewald mit seinem viel be- suchten Panoramaweg. Überliefert sind von dort konspirative Treffen der Nazi-Gegner, aber auch der heimliche Abtransport illegal eingeschla- genen Holzes. Das erste Krematorium der Region Auf gleicher Höhe mit dem Wald im Neckle- mer-Stadtteil liegt der Waldfriedhof. Er entstand mit der Fertigstellung des Krematoriums im Jahre 1928 und wurde anfänglich nur für Urnenbestat- tungen genutzt. Seit der Auflassung des Alten Friedhofes im Jahre 1961 dient der Waldfriedhof als Hauptfriedhof der Stadt. Nach zahlreichen


Wo der Neckar seine Reise beginnt Erweiterungen, die letzte erfolgte 1985, ist er mit 12,6 Hektar der flächenmäßig größte Friedhof von Villingen-Schwenningen. Jährlich erfolgen hier ca. 130 Erd- sowie 300 Feuerbestattungen. Ein architekturgeschichtlich interessantes Bauwerk ist das 1927/28 nach Plänen von Stadt- baumeister Feucht erstellte Krematorium. Ver- wirklicht wurde der expressionistische Bau unter finanzieller Beteiligung des Vereins für Feuerbe- stattungen. Die ausdrucksstarken Bildhauer ar- beiten stammen vom Schwenninger Gottlieb „Dem Licht entgegen“ – den Eingang des im expressi- onistischen Stil erbauten Krematoriums schmücken ein alter Mann und ein junges Mädchen. Imposant der Arkadengang (u. links). Hils. Das inzwischen 85 Jahre alte Gebäude wur- de religionsneutral konzipiert, es findet sich dort kein Kreuz. Im Dritten Reich war das Krematorium trotz der Proteste der Stadtverwaltung ein Teil des Vernichtungsapparates der Nazis. Ab 1933 wer- 111


Schwerpunkt Neckar den u.a. Opfer aus den KZ-Außenlagern Schöm- berg, Schörzingen, Bisingen, Dautmergen und Erzingen eingeäschert. Diese Urnen befinden sich in einem Sammelgrab und in 117 Einzelgrä- bern. Unter den Toten befinden sich auch Opfer der Euthanasie-Tötungsaktion T4 und auslän- dische Zwangsarbeiter. Die sogenannte „Aktion T4“ begann 1939. T4 steht für „Tiergartenstra- ße Nummer 4“ in Berlin, wo die Ermordung von fast 200.000 körperlich und geistig behinderten Menschen beschlossen wurde. Gedenksteine er- innern auf dem Waldfriedhof an die Opfer. Pauluskirche – als Vesperkirche bekannt Unweit davon, auf halber Höhe zwischen Ne ckar und Reutewald, befindet sich die im Jahr 1910 als zweite evangelische Kirche in Schwenningen gebaute Pauluskirche. Diese ist mit Elementen des ausgehenden Jugendstils ausgestaltet und nach Plänen des Stuttgarter Architekten Martin Elsässer (später Frankfurt und München) errich- tet. Charakteristisch sind die Außenfassade aus warmem Schwenninger Ziegelstein, der gedrun- gene achteckige Turm, die Metallsprossenfens- ter, die an alte Industriegebäude erinnern, und der schlichte Innenraum in einheitlichem Stil mit seinen 260 Sitzplätzen. So schlicht das Kirchengebäude auch wirkt, so rührig ist die Gemeinde. Seit vielen Jahren wird hier im Januar und Februar an 29 Tagen die Vesperkirche abgehalten. Die strenge Sitz- ordnung von Kirchen wird dabei aufgebrochen: 112 Als lebendige Mitte fungiert die evangelische Ge- meinde – hier ein Gottesdienst beim Necklemer Fest. Der Wunsch nach einem sanierten Viktoriaplatz ging für den Bürgerverein noch nicht in Erfüllung. Sogar eigene Pläne legte er vor. Rechte Seite: Die 1910 mit Elementen des ausge- henden Jugendstils erbaute Pauluskirche. Biertische und Kochtöpfe halten Einzug, denn es gilt, Menschen aller Schichten, vor allem sozial schwachen Mitgliedern unserer Gesellschaft, ein Mittagessen oder einen Nachmittagskaffee zu bieten. Zahlreiche ehrenamtliche – auch au- ßerkirchliche – Kräfte beteiligen sich daran, brin- gen ihre Arbeitszeit ein, finanzielle Spenden oder selbstgebackenen Kuchen. Täglich finden sich bis zu 300 Menschen im warmen Kirchenraum ein. An festlich gedeckten Tischen wird eine warme Mahlzeit serviert, in der Kaffeestube auf der Or- gelempore gibt es Kaffee und Kuchen. In der Mitte liegt der Viktoriaplatz Der Rundgang durch das einstige Schwenninger Arbeiterviertel führt auch zum nahe der Pau- luskirche liegenden Viktoriaplatz. Dorthin, „wo nichts ist“, wie die Necklemer sagen. Und doch ist dieser Platz ihr Zentrum. Architektonisch ist je- nes „Zentrum“ als Teilabschnitt der Lammstraße zwischen der Reute- und Kornbindstraße nicht gerade ein Vorzeigestück. Der 1998 gegründete


Wo der Neckar seine Reise beginnt 113


Schwerpunkt Neckar Schwerpunkt Neckar Necklemer Bürgerverein engagiert sich seit 17 Jahren dafür, den historisch wichtigen, südlichen Stadtteil von Schwenningen aufzuwerten. Im Zentrum der Vereinsbemühungen steht dieser große Platz. Seit der Gründung veranstaltete der heute 120 Mitglieder starke Verein jeden Som- mer dort ein großes Straßenfest. Ähnlich wie bei der Vesperkirche hatte das Necklemer-Fest mit seinen Tausenden von Besu- chern auch immer einen sozialen Hintergrund. Die Einnahmen waren stattlich, die Gewinne hat man gespendet. Geleistet werden konn- ten so über die Jahre hinweg Spenden von rund 34.500 Euro für den Hagelflieger des Kreises, lokale Kindertagesstätten, die Ne- ckarschule, das ein paar hundert Meter wei- ter gelegene Seniorenhaus Franziskusheim an der Neckarstraße, die Vesperkirche, die Vorplatzgestaltung der Pauluskirche und die AWO-Wärmestube. Unterstützt hat man weiter den Heimatverein, als dieser die Restaurierung des Uhrenturms der Uh- renfabrik Jäckle vornahm, der heute auf dem früheren Gelände der Landesgarten- schau zu finden ist. Leider ist das Necklemer-Fest inzwi- schen Vergangenheit. Das Jahr 2014 war das erste, in dem auf dem Viktoria-Platz Voller Gegensätze – Neckar Tower und Strand volleyball vor der historisch gewachsenen Kulisse der Neckarstraße, des Stadtteils Necklemer. 114 114


Wo der Neckar seine Reise beginnt Schwenningen und die Necklemer nicht mehr gefeiert wurde. „Uns älteren Orga- nisatoren folgen leider keine jüngeren nach“, so der Vorstand. Auf Dauer könne ein solch großes Fest nicht mehr gestemmt werden. Was sich beim so gut eingebürgerten Herbst- fest unterhalb der Schwenninger Pauluskirche abspielte, könnte als Vorbote künftiger massiver Auswirkungen des demografischen Wandels all- gemein gedeutet werden: Selbst fest Etabliertes mit großem Publikumszuspruch könnte auf Nim- merwiedersehen verloren gehen, wenn nachrü- ckende Generationen nicht bereit sind oder auf- grund der Zahlenstärke nicht bereit sein können, die Verantwortung zu übernehmen. Ein zweiter Grund für das Ende des beliebten, verbindenden Festes war allerdings auch der Frust: Immer wieder wies der Bürgerverein auf den maroden Zustand des Platzes hin. Damit nicht einfach nur passiv eine Forderung an die Stadt herangetragen wurde, ging der Verein von sich aus früh in Vorleistung und beauftragte so- gar ein Planungsbüro, eine bezahlbare Konzepti- on als Vorschlag auszuarbeiten – doch der Vikto- riaplatz als Zentrum des Necklemer-Stadtteils ist noch immer ein Sanierungsfall. Für den Necklemer-Stadtteil interessiert sich auch die Wirtschaft und Tourismus VS GmbH des Oberzentrums, sie organisiert aufgrund der stadtgeschichtlichen Bedeutung Führungen. Angefragt wurde ein ausgewiesener Kenner des Stadtteils und dessen Geschichte: Michael Kopp. Der Schwenninger konnte beim ersten Rund- gang an einem verregneten Samstag immerhin 50 Interessenten begrüßen. Sie erlebten große Gegensätze: hier das vor- bildlich ausgestaltete, viel besuchte Parkgelän- de auf der Möglingshöhe, dort das südlich der Ne ckarstraße liegende einstige Arbeiterviertel, in dem sich gerade ein Generationenwechsel vollzieht. Immer mehr junge Familien leben dort – vor allem auch solche mit Migrationshin- tergrund. Schwenningen als lebendiger Teil der Doppelstadt Villingen-Schwenningen ist und bleibt eine Stadt im Wandel. 115


5. Kapitel Wirtschaft Eine Bilanzsumme von knapp 3,4 Milliarden Euro, 52 Standorte, 64 Geld- automaten, 670 Mitarbeiter und über 116.000 Kunden – was 1839 mit dem Ersparten von 16 Personen an einem Wohnzimmertisch in Donaueschin- gen begann, hat sich zu einem über die Jahrzehnte gewachsenen und mo- dernen Geldinstitut entwickelt: der heutigen Sparkasse Schwarzwald-Baar. Die Geschichte der Sparkasse ist eng verwoben mit der Erfolgsgeschichte des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises. Einer Region, die sich beständig zu Wohlstand hochgearbeitet hat. Einer Region, die heute geografisch und in ihrem Bewusstsein mitten in Europa liegt, und die für ihren Pioniergeist und Erfindungsreichtum bekannt ist. 116 116


Sparkasse Schwarzwald-Baar – ein Stück Heimat „In der Region für die Region“ – Geldinstitut seit über 175 Jahren ein verlässlicher Partner Hauptsitz der Sparkasse Schwarzwald-Baar in der Villinger Gerber straße. 117


Wirtschaft 1839: Gründung der „Spar Cassa Donaueschingen“ Donaueschingen, 1839: Die Region zwischen Füt- zen und Gütenbach ist ein landwirtschaftlich ge- prägtes Gebiet mit Handwerk und Kleingewerbe. Getreide, Hackfrüchte und Kartoffeln werden an- gebaut, Milchwirtschaft und Schweinezucht be- trieben. Pferde sind die wichtigsten Arbeitstiere. Das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg teilen sich das Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises. Zu dieser Zeit kommen in Donaueschingen Ende des Jahres, 38 fortschrittlich denkende Männer zusammen, um den Sparkassenverein zu gründen. Sie initiieren die Gründung einer Sparkasse zu einer Zeit, in der Armut, bedingt durch die finanziellen Auswirkungen der Be- freiungskriege von 1817, besonders die unteren Stände heimsucht. Die Donaueschinger „Men- schenfreunde“ stellen am höchsten christlichen Feste – Weihnachten – fest, dass das „Üben von 118 Auszug aus dem ersten Rechnungsbuch der „Spar Cassa Donau- eschingen“ von 1839. Wohltätigkeit allein, nicht die Armut be- seitigt“. Die Visionäre möchten, dass ein- kommensschwachen Frauen, Männern und Waisen eine Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand ge- geben wird. Dafür erscheint die Gründung einer Sparkasse aus sozialen Aspekten heraus das ge- eignete Mittel. Es gehört am 28. Dezember 1839 schon ei- ne gehörige Portion Vertrauen dazu, angesichts der zeitlichen und wirtschaftlichen Umstände, da weder die Statuten noch die Geschäftsbe- dingungen für eine Sparkasse festliegen, in das Haus des Kaufmanns Limberger zu gehen, um diesem sein Erspartes auf den Wohnzimmer- tisch zu legen. Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es keine Einlagensicherung, Rettungspakete oder eine europäische Bankenaufsicht. Das damali- ge Prinzip „Geldgeschäfte zwischen Nachbarn“, also Menschen, die sich kennen und vertrauen, ist bis heute das Grundprinzip der Sparkassen geblieben. Insgesamt 16 Personen bringen dem Kassier dieses Vertrauen am ersten Öffnungstag des Vereins entgegen. Der Haupteinlegerstamm besteht aus Dienst- mägden, Knechten und abhängigen Familien- angehörigen des Klein- bürgertums. In den ers- ten Stunden kommen bereits 281 Gulden Aufruf vom 24. Dezem- ber 1847 zur Gründung einer Spargesellschaft aus dem Uhren machen- den Schwarzwald.


und 30 Kreuzer zusammen. Zum Vergleich: Für 24 Kreuzer konnte man damals vier Kilo Roggen- brot kaufen! Großes Vertrauen genoss der Sparkassen- verein von Beginn an bei der weiblichen Bevöl- kerung. Von den 136 Personen, die in den ersten beiden Jahren ihr Geld bei der hiesigen Sparkas- se hinterlegten, waren über zwei Drittel weibli- chen Geschlechts. Da es im Jahr 1839 noch keine Sozialver- sicherung gab, war mit der Gründung eines re- gionalen Geldinstituts den ärmeren Schichten auf der Baar die Möglichkeit gegeben, ihr erspar- tes Geld gezielt anzulegen, um für Zeiten des Verdienstausfalls bei Krankheit und für das Alter Vorsorge zu treffen. Was am Zusammenschluss von Brigach und Breg als kleines Pflänzlein Sparkassenverein begann, ist über die Jahrzehnte und 20 Städ- te und Gemeinden hinweg zu einem kräftigen und soliden Baum namens Sparkasse Schwarz- wald-Baar herangewachsen. Sie ist ein Spiegel- bild der wirtschaftlichen und sozialen Entwick- lung der heimischen Region. 1848: Eine Sparkasse für den Uhren machenden Schwarzwald Wie wichtig die Gründung einer Sparkasse vor über 175 Jahren war, zeigt sich bald auch im Schwarzwald. Die Uhrmacherei, das Schwarz- wälder Hausgewerbe schlechthin, gibt um 1839 dem Schwarzwald entscheidende Wachstums- impulse. Doch die Konkurrenz der industriell gefertigten amerikanischen Uhren wird größer und größer. Die Folge: einbrechende Absätze und Preisverfall. Die Kartoffel, das damalige Hauptnahrungsmittel, steht nach Missernten nur beschränkt zur Verfügung. Dies führt zu schlimmen Hungerjahren und die Menschen ge- raten an den Rand des Ruins. Es kommt zu vielen Auswanderungen. Die Hungerjahre von 1845 bis 1847 führen zur Entstehung eines revolutionä- ren Potenzials, das vom Ausbruch der Revolution in Frankreich animiert, auch in Baden über alle Be völkerungsschichten hinweg immer mehr An- hänger findet. 175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar Der Junge, der von einem Kind ein Stück Brot in den Hut geworfen bekommt, versinnbildlicht die Dring- lichkeit des Sparkassengedankens in schwerer Zeit. Entwurf eines Uhrenschildes durch den Hüfinger Künstler Lucian Reich. In dieser Krise wird 1847 in Furtwangen-Schö- nenbach der „Gewerbsverein für den Uhren machenden Schwarzwald“ gegründet. 68 Uhr- macher aus der gesamten Region fordern die Er- öffnung einer Uhrmacherschule zur Hebung der Qualität der Uhrenfertigung. Und weiter planen sie die Gründung einer „Sparcassa-Gesellschaft“. Bereits ein Jahr später öffnet die „Schwarzwäl- der Sparcassa-Gesellschaft“ in Furtwangen ihre Türen. Sie fungiert als gemeinsame Sparkasse aller Uhrengewerbsorte. Der Uhrengewerbsverein beflügelt in der Folge den Uhren machenden Schwarzwald im Großraum Furtwangen/St. Georgen enorm. Das Land Baden gründet in Furtwangen die „Groß- herzoglich Badische Uhrmacherschule“ und be- 119


Wirtschaft Sparbüchse der Bezirkssparkasse Donaueschingen, Ende der 1920er Jahre. Rechts: Rathaus Schwennin- gen. Im Bürgersaal wurden anfänglich die Sparkas- sengeschäfte abgewickelt. ruft Robert Gerwig zu ihrem ersten Direktor. Der junge Ingenieur sorgt 1850 im Zusammenspiel mit herausragenden Köpfen der Schwarzwälder Uhrmacherei nach und nach für wirtschaftlichen Aufschwung. „Nebenbei“ plant der umtriebige Gerwig neue Straßen, wie etwa von Gütenbach nach Furtwangen oder von Vöhrenbach nach Unterkirnach. Weiter legt er in Furtwangen den Grundstein für das heutige Deutsche Uhrenmu- seum. Weltberühmt wird er in den 1870er-Jahren als Erbauer der Schwarzwaldbahn. Weitere Sparkassen entstehen In dieser Phase des Aufbruchs wird 1854 in Vil- lingen die „Spar-, Waisen- und Leihkasse“ und in Triberg die „Spargesellschaft“ ins Leben gerufen. Wenige Jahre nach Gründung der deutschen Uhrmacherschule gelingt im württembergischen Schwenningen Johannes Bürk die Erfindung der tragbaren Nachtwächterkontrolluhr. Um die Uhr produzieren zu können, gründet er die „Württem- bergische Uhrenfabrik“. Auch vermögende Hand- werkerfamilien wie Kienzle und Mauthe begin- nen die „Uhrenherstellung nach amerika nischem System“, die fabrikmäßi ge Uhren fertigung. Ein rasantes Wachstum beginnt. Aus einem Dorf wird binnen zweier Generationen die Industrie- 120 stadt Schwenningen. Die Einwohnerzahl vervier- facht sich. Seit dem Krieg zwischen Frankreich und Deutschland (1870 bis 1871) gehören Baden und Württemberg zum Deutschen Kaiserreich. Alle Maßnahmen zur Gewerbeförderung können sich jetzt noch besser auswirken. Es kommt zum anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung bis zum Ersten Weltkrieg. Die Massenauswande- rungen hören auf. Der Anschluss an das Eisen- bahnnetz und die Verkehrsadern des jungen Deutschen Reichs gelingt 1869 vom Bodensee her und 1873 durch die Schwarzwaldbahn auch von Offenburg. Dadurch wird die wirtschaftliche Ausgangslage enorm verbessert. Bis zum Bau der Eisenbahn ist Holz der allei- nige Energieträger. Jetzt kommen mit der Bahn Kohle und Koks, die Energieträger des Industrie- zeitalters, und damit auch das Gas und die Gas- beleuchtung. Der „Schwarze Wald“ und die Baar werden heller. Die Fabrikschlote rauchen. Um 1900 folgt die Elektrizität und die Städte des heu- tigen Kreises erhalten Hauswasseranschlüsse. Immer mehr Darlehen werden gewährt Bei der Jahrhundertwende liegt das Aufgaben- feld der Sparkasse in der Hauptsache auf dem Ideal der Gründer: Man nimmt Spargelder an, verwaltet und vermehrt sie. Aber die Sparkas- se ist längst nicht mehr nur zum Sparen da: Sie gewährt verstärkt Hypothekenkredite, Privat- darlehen und Kommunaldarlehen. 1895 werden die „Spar- und Waisenkasse“ St. Georgen und


Notgeld von 1918 der Stadt Furt- wangen mit Uhrenträger als Motiv. Unten: Milliarden-Notgeldschein der Stadt Vöhrenbach, aufgelegt 1923. Die Linachtalsperre schmück- te die Rückseite aller Vöhrenbacher Notgeldscheine. 1904 die „Gemeinde sparkasse“ Schwenningen gegründet. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs gibt es nichts mehr zu kaufen, die Tätigkeiten der Sparkassen beschränken sich fast ausschließlich auf den Sparverkehr. Gespart wird vor allem in Kriegsanleihen des Deutschen Reiches. Mit dem Kriegsende kommen die Inflati- on und die völlige Entwertung der Sparguthaben. Die Region leidet schwer unter den Folgen. Schon während des Krieges sind hiesige Gemeinden gezwungen, Notgeld als Geldersatz auszuge- ben. Mit Kriegsende spitzt sich die wirtschaftliche Not weiter zu. Reparations- zahlungen und Inflation tragen das Ihre bei. Auf dem Höhepunkt der Geldentwertung entspricht 1 Dollar etwa 4 Billionen und 200 Milliarden Reichsmark. Alle Preise werden festgesetzt und haben doch nur wenige Stunden Gültigkeit. Zum Einkaufen muss man das Geld in der „Chaise“ mitnehmen. Die Notenbanken kommen mit dem Drucken und Liefern neuer Banknoten nicht mehr nach, das Stadtnotgeld entsteht. 1924 der erste Weltspartag Um den Menschen den Sinn und Nutzen des Sparens neu zu vermitteln, wird im Oktober 1924 beim ersten internationalen Sparkassenkongress in Mailand, der Weltspartag gegründet. Darüber hinaus zeigen die Sparkassen, wie wichtig sie für die Region geworden sind. So werden etwa 175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar nach dem Ersten Weltkrieg die Überschüsse der Sparkassen dazu verwendet, soziale Aufgaben zu erfüllen, die die Städte aus eigener Kraft kaum hätten leisten können. Vor allem im schulischen Bereich und bei der Armenspeisung. „Den Wandel zeitig erkennen, ihn aktiv mit- gestalten“, so lässt sich der Eintritt der Region ins Industriezeitalter charakterisieren. Auch aus der Not heraus ist zwischen 1900 und 1924 Flexibilität verlangt. Es entwickelt sich die Elek- tronische Industrie als neue Branche. Für diese Entwicklung stehen Namen wie SABA, Kienzle, Binder, Dual oder Papst. Es folgt eine kurze wirt- schaftliche Erholung, bis der „Schwarze Freitag“ am 25. Oktober 1929 zum Zusammenbruch des Kapitalmarktes führt. Ein Heer von Enttäuschten und Arbeitslosen verändert ab 1929 die Wahl- ergebnisse dramatisch. Die antidemokratischen Kräfte sind die Gewinner, der Aufstieg der Nati- onalsozialisten unaufhaltsam. 121


Wirtschaft Die Villinger Sparkassen- rundschau macht 1969 Wer- bung für den Weltspartag. Der Pkw samt Sparschwein auf dem Dach war im Land- kreis zu Werbezwecken un- terwegs. und verschaffen sich gewaltsam Zutritt zu den Schließfächern. Bereits elf Tage spä- ter folgt die erneute Schalteröffnung in der Gewerbeschule. Währungsreform und Wirtschaftswunder In schwerer Zeit Mit der Machtergreifung kommen die Nazis auch in der Region an die Herr- schaft. Die Garnisonen in Villingen und Donau- eschingen werden beträchtlich erweitert. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zerstören Luftan- griffe Bahnhöfe und kriegswichtige Industriean- lagen. Am 27. November 1944 legt ein alliiertes Bombergeschwader große Teile von Freiburg in Schutt und Asche. Viele der Geschädigten finden zunächst in Oberbaldingen Aufnahme. Um den Geschäftsverkehr mit den Ausgebombten auf- rechterhalten zu können, bezieht die Öffentliche Sparkasse Freiburg kurzerhand zwei Räume in der Bezirkssparkasse Donaueschingen. Keineswegs verschont werden die Städte zwi- schen Schwarzwald und Baar. Donaueschingen und Schwenningen leiden besonders unter den Luftangriffen, haben mit Abstand die meisten Luftkriegstoten zu beklagen. Insgesamt kommt der Kreis aber im Vergleich zu den Stadtregio- nen Badens und Württembergs noch glimpflich davon. Während die Männer an der Front ihren Dienst verrichten, sind es meistens die Frauen, die den Geschäftsbetrieb der Sparkassen auf- rechterhalten. So leitet Klara Albert die Bezirks- sparkasse Donaueschingen bis zur Wiedereröff- nung am 3. Juli 1945. Mitte April 1945 beenden die einmarschie- renden französischen Truppen die Gewaltherr- schaft. Der Kreis ist Teil der französischen Be- satzungszone. Am 20. April 1945 stürmen die Franzosen die Sparkasse in Donaueschingen 122 Nach dem Krieg be- deutet die Währungs- reform im Mai 1948 eine tiefe Zäsur für die Arbeit der Sparkasse und das Vertrauen der Sparer. Vorübergehend erweitern die einzelnen Institute ihren Geschäftsbereich um die Ausga- be von Lebensmittel- und Benzinmarken sowie Care paketen. Erst mit dem „Wirtschaftswun- der“ in den 50er Jahren melden Schwarzwald und Baar wieder Vollbeschäftigung. Kleinere und mittlere Betriebe entstehen über den gan- zen Kreis verteilt. 1950 findet die erste Messe „Südwest stellt aus“ in Schwenningen statt – die heutige „Südwest Messe“. Krise der Uhrenindustrie Wenige Jahre später setzt die Krise der heimi- schen Uhrenindustrie ein – bedingt durch tech- nologischen Rückstand und Kapitalknappheit. Die Halbleitertechnologie, die sich in den 1970er Jahren durchsetzt, verbilligt die Produkte und revolutioniert die Massenuhrenproduktion. Uh- renindustrie und Unterhaltungselektronik ver- passen den Anschluss. Es tickt jetzt die Quarzuhr. 1975 meldet das zweitgrößte Schwenninger Un- ternehmen, die „Friedrich Mauthe GmbH“, Kon- kurs an – weitere folgen. 1981 schließt Dual, Flaggschiff der Phonoin- dustrie und größter Arbeitgeber in St. Georgen, für immer seine Werktore. Mit dem Niedergang von Dual, Kienzle-Uhren, Mauthe oder SABA und den mitkriselnden Zulieferbetrieben, wie den


Metallwarenfabriken, beginnt Anfang der 80er Jahre eine Strukturkrise. Es muss umgedacht werden. Gerade in diesen „schwierigen“ Zeiten stehen die heimischen Sparkassen ihren Kunden zur Seite. In St. Georgen entsteht etwa in einem ehemaligen Dualwerksgebäude das erste Tech- nologiezentrum Baden-Württembergs, weitere sollen im Kreis folgen. Innovation ist angesagt, es bildet sich ei- ne heterogene Industrielandschaft. Aus der in den 1970er Jahren zusammengebrochenen Uh- renindustrie entsteht ein breites Spek trum an Hochtechnologieunternehmen, de ren Basis der Mittelstand ist. Sparkassen schließen sich zusammen Die 1970er Jahre bringen für die Region weitrei- chende Veränderungen mit sich: 1972 fusionieren die ehemals badischen beziehungsweise würt- tembergischen Städte Villingen und Schwennin- gen zur Doppelstadt. Ein Jahr später schließen sich auch die beiden Sparkassen zu einem Haus zusammen. 1973 entsteht durch die Vereinigung der Landkreise Donaueschingen und Villingen sowie einiger Orte der Landkreise Rottweil, Tutt- lingen und Hochschwarzwald und einer zuvor aus dem Landkreis Konstanz eingegliederten Gemeinde, der Schwarzwald-Baar-Kreis. Durch die Bündelung mehrerer Kräfte entsteht nach den etappenweisen Zusammenschlüssen – Villingen-Schwenningen und St. Georgen (1991), Villingen-Schwenningen mit Furtwangen (2003) und schließlich Villingen-Schwenningen und Donaueschingen (2005) – die heutige Sparkasse Schwarzwald-Baar. Mit einer Bilanzsumme von 3,4 Milliarden Eu- ro, 670 Mitarbeitern und 52 Standorten von Füt- zen bis Gütenbach hat das einstige Bestreben der Gründerväter – „Geldgeschäfte unter Nachbarn“ – nicht an Attraktivität und Aktualität verloren. 1839 aus sozialen Gründen von Menschen aus der Region für die Region gegründet, steht die Sparkasse 175 Jahre später weiterhin als verläss- licher Partner an der Seite der Bürger. So lässt sich auch in Zukunft „Heimat. Ge- meinsam. Erleben.“! 175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar » Die Geschichte der Sparkasse Schwarzwald-Baar auf einen Blick 1839 Gründung Sparkasse Donaueschingen 1848 Gründung der Sparkasse Furtwangen (als Schwarzwälder Sparcassa Gesellschaft) 1854 Gründung der Sparkassen Villingen und Triberg (als Spar-, Waisen- und Leihkasse bzw. als Spargesellschaft) 1895 Gründung der Sparkasse St. Georgen (als Spar- und Waisenkasse) 1904 Gründung der Sparkasse Schwenningen (als Gemeindesparkasse) 1933 Übernahme der Spar- und Waisenkasse Vöhrenbach durch die Sparkasse Villingen 1939 Übernahme der Sparkasse Schonach durch die Bezirkssparkasse Triberg 1972 Fusion der Bezirkssparkasse Villingen mit der Bezirkssparkasse Triberg 1973 Übernahme der Sparkasse Schwenningen durch die Sparkasse Villingen 1991 Fusion der Sparkasse Villingen-Schwennin- gen mit der Sparkasse St. Georgen 2003 Fusion der Sparkasse Villingen-Schwennin- gen mit der Sparkasse Furtwangen 2005 Fusion der Sparkasse Villingen- Schwen- nin gen mit der Sparkasse Donau eschingen zur neuen Sparkasse Schwarzwald-Baar Sparkasse in St. Georgen. 123


Wirtschaft Geschäftspolitik richtet sich am Bedarf der Menschen vor Ort aus Wie bei der Gründung richtet sich auch im 21. Jahrhundert die Geschäftspolitik der Sparkasse am Bedarf der Menschen vor Ort aus. Dazu tragen neben dem flächendeckenden Geschäftsstellen- netz die enge Verbindung mit den Firmen- und Privatkunden vor Ort bei. Anders als bei weltweit tätigen Finanzinstituten, fließen die Einlagen der Sparkassenkunden in den Wirtschaftskreislauf der Region. Die erwirtschafteten Überschüsse bilden zudem die Grundlage des Engagements. Sparkasse, das bedeutet von Anfang an „Fi- nanzdienstleistungen unter Nachbarn“. Was in der Nachbarschaft im Kleinen begann, hat sich zu einer wichtigen Stütze der Region entwickelt. Für mehr als die Hälfte der im Landkreis lebenden Menschen ist die Sparkasse Schwarzwald-Baar ein Stück Heimat. „In der Region, für die Region“ – im Gegensatz zur teils „gesichtslosen Konkur- renz“ hat für das öffentlich-rechtliche Institut die Entwicklung vor Ort sowie der persönliche Kon- takt zu den Menschen oberste Priorität. Dass dieses klare Bekenntnis bei der Bevöl- kerung ankommt, zeigt unter anderem die nach- haltige Entwicklung der Bilanzsumme: Lag diese 1954 noch bei 23,5 Millionen DM, steht sie heu- 124 Vorstandsvorsitzender Arendt Gruben und der Stellvertretende Vorstandsvorsit- zende Wolfgang Wurbs. te bei fast 3,4 Milliarden Euro. „Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ und das damit verbundene langfristige Den- ken ist für uns kein neuer Gedanke, sondern eine seit über 175 Jahren ge- lebte Tradition. Es geht uns um die dauerhafte Sicherung von Stabilität und Lebensqualität für die Menschen vor Ort“, betont Arendt Gruben, Vor- standsvorsitzender der Sparkasse Schwarzwald-Baar. Mit ihrer Geschäftspolitik, auf die Realwirtschaft in der Region zu set- zen, ist die Sparkasse weitgehend von internati- onalen Kapitalmärkten unabhängig. Das schafft Stabilität. Hinzu kommt eine gute Risikostreu- ung mit über 15.000 Kreditnehmern. Partner des Mittelstandes Als leistungsstarker und innovativer Partner des Mittelstandes zwischen Schwarzwald und Baar, steht die Sparkasse der heimischen Wirtschaft bei Umstrukturierungen, Investitionen, langfris- tiger Substanzerhaltung und eigener Absiche- rung bei. Dies sind nicht nur die kleinen und mitt- leren Handels- und Handwerksbetriebe, sondern auch große mittelständische Unternehmen, mit denen das Geldinstitut seit Jahrzehnten enge Geschäftsbeziehungen unterhält. Dabei zeigt sich die Sparkasse als Partner des Mittelstandes da- für verantwortlich, die Innovationskultur in der Region weiter zu fördern. Seit 1996 vergibt die Sparkasse Schwarzwald-Baar beispielsweise mit ihrer Stiftung „Innovationsförderung“ den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Innovations- preis für Industrie und Handwerk. „Unser Land- kreis ist eine Hochburg für Tüftler und Erfinder. Innovationen haben eine lange Tradition und sichern den Unternehmen Wettbewerbsvorteile


175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar 125 Die Sparkassen-Hauptstellen in Donaueschingen (oben) und Furtwangen.


Wirtschaft und schaffen Arbeitsplätze“, begründet Arendt Gruben das Engagement seines Hauses. Bestnoten durch die Mitarbeiter Kompetente Beratung und maßgeschneiderte Angebote Verlässlichkeit und Kompetenz sind auch mit Blick auf die seit 1999 schleichende, zinstech- nische Talfahrt gefragt. Um der realen Vermö- gensreduzierung zu entgehen, hat die Sparkasse Schwarzwald-Baar mit einem speziellen Bera- tungskonzept und maßgeschneiderten Angebo- ten auf die Anfragen ihrer Kunden reagiert. Gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten sei es unerlässlich, durch passgenaue Anlagen der „Realzinsfalle“ zu entkommen. Dies ge- schieht bei der Sparkasse wie folgt: Zum einen verfolgen Experten des Hauses sowie die Ver- bundpartner Deka-Bank und Landesbank Ba- den-Württemberg täglich das Marktgeschehen und ermitteln daraus sinnvolle Anlagestrategi- en. Zum anderen werden die persönliche Risiko- bereitschaft und der Anlagehorizont des Kunden für eine maßgeschneiderte Beratung anhand der individuellen Wünsche und Ziele analysiert. „Der Verantwortung für unsere Kunden sind wir uns als Sparkasse Schwarzwald-Baar sehr bewusst. Dazu zählt, dass wir auch künftig nur das tun werden, was wir auch verstehen und verantwor- ten können“, betont der Vorstandsvorsitzende Arendt Gruben. Dass sich die Sparkassenkunden auf das um- fassende Fachwissen ihrer Berater verlassen kön- nen, spiegelt sich auch in der Zufriedenheit mit dem Geldinstitut und seinem Angebot wider: In einer repräsentativen Befragung bewerteten 83 Prozent der Privatkunden und 77 Prozent der Fir- menkunden die Zufriedenheit mit der Sparkasse mit den Noten „sehr gut“ oder „gut“. Ebenfalls sehr positiv wird die Qualität der hausinternen Beratung eingestuft. 88 Prozent der Privatkun- den und 82 Prozent der Firmenkunden gaben dem Allfinanzinstitut die Noten „sehr gut“ oder „gut“. Einen nicht unerheblichen Anteil an diesem sehr guten Befragungsergebnis haben die kontinu- ierlichen Investitionen des Hauses in ein zeitgemä- ßes und motivierendes Arbeitsumfeld. 126 Diese Investitionen kommen auch bei den Mitar- beiterinnen und Mitarbeitern der Sparkasse gut an. Bei der Frage, wie zufrieden die Angestellten mit dem Geldinstitut sind, erhielt das Haus von 88 Prozent seiner Mitarbeiter die Note „sehr gut“ oder „gut“. Die Zufriedenheit hoch zu halten, ist in Zeiten, in denen Veränderungen aufgrund von wirtschaftlichen und aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen immer mehr zunehmen, allerdings eine große Herausforderung. Um hier führend zu bleiben, investieren die Verantwort- lichen regelmäßig in den Erhalt eines zukunfts- weisenden, service- und beratungsorientierten Umfeldes. Dazu gehören gut ausgebildete Mitarbei- ter, um sich den täglichen und zukünftigen He- rausforderungen stellen zu können. Aus diesem Grunde genießt die Personalentwicklung einen sehr hohen Stellenwert. Allein 2014 haben über 450 Mitarbeiter intern oder extern an Weiterbil- dungsmaßnahmen teilgenommen, um ihr Wis- sen zu erhalten oder zu vertiefen. Darüber hinaus bekennt sich die Sparkasse zu ihrem Standort, wenn es darum geht, jungen Menschen aus der Region eine Chance zu geben. Als einer der wich- tigsten Ausbildungsbetriebe vor Ort ermöglicht das Geldinstitut jedes Jahr vielen jungen Men- schen den Start ins Berufsleben. Ausgebildet wird in attraktiven Berufen wie zum Beispiel Bankkaufmann, Finanzassistent und Bachelor of Arts (Fachrichtung Banken und Bausparkassen). Soziales Engagement zum Wohl der Region Verantwortung für die Region zu übernehmen, dies spiegelt sich bei der Sparkasse auch in ihrem öffentlichen Auftrag wider. Denn die Sparkasse legt ihr Hauptaugenmerk nicht auf Gewinnma- ximierung, sondern auf die Versorgung der Be- völkerung mit geld- und kreditwirtschaftlichen Leistungen. Darüber hinaus hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, den Sparsinn und die Ver- mögensbildung breiter Bevölkerungskreise und die Wirtschaftserziehung der Jugend zu fördern. Dies geschieht bei den Heranwachsenden etwa


175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar Jubiläumsgrüße – die Mitarbeiter der Sparkassenzentrale in Villingen-Schwenningen. Unten: Der Nachwuchs der Sparkasse Schwarzwald-Baar – ausgebildet wird in attraktiven Berufen. 127


Wirtschaft mit dem Präventionsprogramm „Kinder-Cash“. Zusammen mit der Schuldnerberatung des Land- kreises lernen die Kinder und Jugendlichen wäh- rend des Unterrichts den bewussten Umgang mit Geld und Konsum. Zudem setzt die Sparkasse einen Teil der erwirtschafteten Erträge auch für ihr sozia- les Engagement zum Wohl für die Region und die Menschen die hier leben ein. Aus Spenden-, Sponsoring- und PS-Reinertragsmitteln stellte das Traditionshaus im vergangenen Jahr knapp 1 Million Euro zur Verfügung und förderte damit insbesondere die ehrenamtliche Arbeit. Kulturpreis des Landkreises wird unterstützt Zu den unterstützten Projekten gehört der in Zu sammenarbeit mit dem Landkreis Schwarz- wald-Baar seit vielen Jahren gemeinsam ausge- lobte Kulturpreis. Nachwuchskünstler aus der Region dürfen sich dabei bewerben. Eine Fach- jury wählt den oder die Sieger aus, und am En- de winken insgesamt 7.500 Euro Preisgeld. Mit mehr als 100.000 Euro dotierte die Sparkasse Projekte von schulischen Einrichtungen in der Region beim zweiten Schulwettbewerb 2014. Knapp 100 Bewerbungen wurden aus dem Ge- schäftsgebiet der Sparkasse eingereicht und bei der großen Abschlussveranstaltung erhielten 30 Schulen schlussendlich einen Geldpreis zur Rea- lisierung der Projekte. Welche Strahlkraft dieser Wettbewerb hat, zeigte die Jurymitarbeit von Kultusminister Andreas Stoch im vergangenen Jahr. Seit nunmehr 175 Jahren ist die Sparkasse Schwarzwald-Baar der verlässliche Partner für die Menschen in unserer Heimat und wird dies auch in Zukunft sein. Sponsoring für die Region Schwarzwald-Baar: Ne- ben zahlreichen sozialen und kultu rellen Projekten sponsert die Sparkasse Schwarzwald- Baar auch das CHI-Reitturnier Donaueschingen. 128


175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar Die Sparkasse Schwarzwald-Baar feiert ihr 175-jähriges Bestehen (von links): Wolfgang Wurbs, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Dr. Rupert Kubon, OB von Villingen-Schwenningen, Festredner Günther Oettinger, EU- Kommissar, Arendt Gruben, Vorstandsvorsitzender, Guido Wolf, Landtagspräsident, und Landrat Sven Hinterseh. Unten, von ob. links: Multimedia-Show der Sparkasse über den Schwarzwald-Baar-Kreis, die Sieger des Schul- wettbewerbs 2014, im Dialog mit der heimischen Wirtschaft und Beratungsgespräch. 129


Wirtschaft „Besser trinken – besser leben“ Bad Dürrheimer eines der großen Mineralbrunnenunternehmen in Baden-Württemberg von Christina Nack „Besser trinken – besser leben“, lautet der Leitsatz der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. KG Heilbrunnen. In der Kur- und Bäderstadt Bad Dürrheim ist eines der großen baden-württembergischen Mineralbrunnenunternehmen beheimatet. Das Unternehmen beschäftigt 150 Mitarbeiter. Mit drei Abfüllanlagen für PET und Glas-Mehrweg-Flaschen wird im Jahr ein Ausstoß von 100 Mio. Litern an Getränken erzielt. Dem Unternehmen ist auch seine soziale Verantwortung gegenüber Mitar- beitern und Menschen in der Region sehr wichtig. Vielfach engagiert sich Bad Dürrheimer im Umwelt- und Naturschutz, in sozialen und kulturellen Projekten sowie im Breiten- und regionalen Spitzensport. 130 130


Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Das Zitat von Otto Weissenberger (Grafik oben), langjähriger Kurdirektor und Bürgermeister Bad Dürr- heims in Personalunion, ist le- gendär: „Was dem Vieh gut tut, kann dem Menschen nicht scha- den.“ Damit beginnt die Erfolgs- geschichte der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. KG. So nämlich begründete Weissen- berger seine Überzeugung, dass tief unter der Erde des kleinen Baar-Städtchens heilsames Was- ser sprudeln würde. 1956 spürte er eine Quelle auf, aus der bestes Mineralwasser floss. Zwei Jahre später wurde die Mineralbrun- nengesellschaft zur Förderung des flüssigen Geschenks der Na- tur gegründet. Inzwischen stehen bei Bad Dürrheimer fast 150 Menschen in Lohn und Brot. Jährlich werden 27 Millionen Euro Umsatz erwirt- schaftet. Ein Teil davon fließt als Brunnenpacht in den Stadt- säckel, denn die Quellen gehören der städtischen Kur- und Bäder GmbH. 131


Wirtschaft Ulrich Lössl (links) und Bernhard Wolf (rechts), hier mit der Auszeichnung „Unternehmen des Monats“, leiten gemeinsam das Unternehmen Bad Dürrheimer. Die enge Verbindung zur Stadt gehört bis heute zur Unternehmenskultur. „Wir tragen ja sogar deren Namen weit in das Land hinaus“, sagt Ul- rich Lössl, der den Betrieb zusammen mit Bern- hard Wolf leitet. Zu Bad Dürrheimer gehört auch Wittmannsthaler Mineralwasser Was vielen Verbrauchern nicht bewusst ist: Zur Bad Dürrheimer Mineralbrunnen-Gesellschaft gehört auch das 1984 eingeführte Wittmanns- thaler Mineralwasser, das aus der gleichnami- gen Quelle auf Bad Dürrheimer Gemarkung ge- fördert wird. Wittmannsthaler ist das meistver- Auch das Wittmannsthaler Mineralwasser stammt aus Bad Dürrheim. 132 kaufte Mineralwasser in Baden-Württemberg, berichtet Lössl stolz. Der gebürtige Allgäuer ist in einer kleinen Brauerei aufgewachsen, wurde früh für die Be- deutung hochwertiger Naturprodukte sensibi- lisiert und studierte Lebensmitteltechnologie in Weihenstephan. 14 Jahre lang arbeitete er in der Lebensmittelindustrie in der Schweiz, bis er 1997 zu Bad Dürrheimer kam, wo ein technischer Geschäftsführer gebraucht wurde. „Der transpa- rente Bezug zu natürlichen Rohstoffen fasziniert mich bis heute.“ Erfolgreiche Probebohrungen Dass das kostbare Nass überhaupt entdeckt wurde, hat die Stadt dem unbeirrbaren Eigen- sinn des „Senators“ zu verdanken, wie die Bad Dürrheimer Otto Weissenberger mit liebevollem Respekt zu nennen pflegten. Er hatte sich nach seiner Wahl zum Bürgermeister 1954 in die Geschichte seiner neuen Heimat vertieft. Er wusste, dass es zu Beginn des 19. Jahrhunderts vie- le Brunnen in der Stadt gab, weil die Salinen einen hohen Wasserbedarf hatten. Das Wasser wurde offen, aber auch über hölzerne Rohre gefördert und in Brunnen geleitet. Einen davon schätzten die Bauern als Viehtränke besonders, weil das Wasser den Pferden und Rin- dern offenbar hervorragend schmeckte und ihnen wohl tat. Daran erinnerte sich der junge Schultes aus Laufen- burg, als er dem Gemeinderat Probebohrungen in jener Ge- gend empfahl – die bekannt- lich historische Bedeutung er- halten sollten. Bürgermeister der Kur- und Bäderstadt Bad Dürrheim blieb Otto Weissenberger 25 Jahre lang. Bad Dürrheim blieb er bis zu seinem Tod 1999 im Historische Flasche von 1959.


Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Blick in die Produktion von Bad Dürrheimer im Jahr 1959. Oben rechts das erste Firmengebäude. Das Foto rechts unten zeigt die Firmengründer Adalbert Vogt und Gründungsgeschäftsführer Klaus Dettling vor dem Fuhrpark. Alter von 88 Jahren eng verbunden. „Vom Quell her gut“ 1958 gründeten der Freiburger Geschäfts- mann Adalbert Vogt und Klaus Dettling die „Dürrheimer Jo- hannisquelle Vogt KG“ und setzten am 23. Mai 1959 die erste automatische Abfüll- anlage in Betrieb. Gründungsgeschäftsführer war Klaus Dettling, der später auch als Gesellschafter die Geschicke des Mineral brunnens über 40 Jah- re bestimmte. Der Slogan lautete damals „Vom Quell her gut“. Die Aussage findet Geschäftsfüh- Klaus Dettling Bestücken der Mineralwasserkisten im Jahr 1959. Noch stand keine automatische Anlage zur Ver- fügung – Handarbeit war gefragt. 133


Wirtschaft Bilderbogen – Anzeigenwerbung aus den frühen 1960er Jahren und Flyer aus dem Jahr 1959 (Mitte). Rechts unten ein Inserat aus dem Jahr 1986. rer Ulrich Lössl noch immer „schlüssig“ und pas- send zum damaligen Zeitgeist. Seit 1982 „staatlich anerkannter Heilbrunnen“ Nach dem Start 1958 als „Dürrheimer Johannis- quelle Vogt KG“ wuchs das mittelständische Un ternehmen langsam, aber stetig. 1964 stei- gerte sich die stündliche Abfüllmenge von 5.000 auf 12.000 Glasflaschen; 1980 wurden bereits 60.000 Glasflaschen pro Stunde gefüllt. Zwei Jahre später wurde der Brunnen als „staatlich anerkannter Heilbrunnen“ geadelt und firmiert seither als „Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH & Co. KG Heilbrunnen“. Neues Marken- zeichen wurde der rote Balken mit weißem Bad Dürrheimer Schriftzug, der bis heute jede Flasche ziert. 1988 wurden landesweit mehr als hundert Millionen Flaschen verkauft. Das Jahr 2002 markierte den Beginn des PET-Zeitalters. Bad Dürrheimer setzte auf das 134 ökologisch und hygienisch vorteilhafte Pet cycle- System und investierte zehn Millionen Euro in eine neue Abfüllanlage. 2008 wurde mit gro- ßer Beteiligung der Bevölkerung 50. Geburts- tag gefeiert; die Schnapszahl 55 war fünf Jahre später Anlass für einen turbulenten, fröhlichen „Tag der offenen Tür“ mit ebenfalls bester Reso- nanz. 2010 rückten Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz mit der umfassenden Zerti- fizierung nach dem strengen International Fea- tured Standard (IFS) Food in den Fokus. Jüngster Bad Dürrheimer-Laster unterwegs zum Kunden. Heu- te wäre dieses Fahrzeug ein begehrter Oldtimer.


Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Der lange Weg des Mineralwassers be- ginnt im Schwarzwald. Für die feine, aus- gewogene Rezeptur von natürlichem BAD DÜRRHEIMER Mineralwasser lässt sich die Na- tur viel Zeit: Vom Schwarzwald her sickert das Regenwasser auf seinem Weg in die Tiefe sehr langsam durch die massiven Gesteinsschichten hindurch. Hierbei wird es gereinigt und erfährt auch seine einmalige, typische Mineralisierung. Es vergehen Jahrzehnte, bis das Wasser letztendlich im 170 m tief liegendem Mineral- wasserschatz in Bad Dürrheim ankommt und von dort an die Oberfläche gefördert und als Mineralwasser in Flaschen abgefüllt wird. „Die Überdeckung des Mineralwasser- Reservoirs mit mächtigen Gesteinsschichten gibt den Schutz vor Verunreinigungen und ga- rantiert die absolute natürliche Reinheit von BAD DÜRRHEIMER Mineralwasser“, betont das Unternehmen auf seiner Internetseite, wo sich weitere Informationen zu diesem Thema fin- den. www.bad-duerrheimer.de Meilenstein war die Einweihung einer neuen Abfüllanlage für Glasflaschen im April 2014. Sie trägt dem Bedürfnis der Verbraucher nach wiederverwertbaren Glasflaschen Rechnung und vereinbart mit Leistung von 20.000 Flaschen pro Stunden ökologische und ökonomische Anforderungen. „Unter den Guten eines der Besten“ Das Profil von Heil- und Mineralwasser aus Bad Dürrheim war „schon immer“ von seiner Güte und gesunden Zusam- mensetzung geprägt, so dass auch das Werbeattribut „der Gesundbrunnen“ seine Berechtigung gehabt habe. Doch als der Markt plötzlich überschwemmt wurde mit Abfüllungen unklar definierter Her- kunft, musste sich der Bad Dürrheimer Mittelständler abheben von der Ano- nymität. Das wurde der Kundschaft mit dem Slogan „Unter den Guten ei- nes der Besten“ verdeutlicht. „Früher gab es keine Billig-Wässer“, deutet der Geschäftsführer den strategischen Kontext an. „Da gab es nur wenige deutschlandweit agierende nationa- le Marken wie Fachinger und Selters, der Rest war regional.“ Heute sei der Konkurrenzdruck viel größer, da sich auch internationale und nationale 135


Wirtschaft Die 2014 in Betrieb genommene neue Abfüllanlage füllt in der Stunde 20.000 Flaschen ab. Tagtäglich verlassen tausende von Getränkekisten das Unternehmen. Die Lkw-Flotte von Bad Dürrheimer ist groß, die Fahrer gelten als wichtige Multiplikatoren und Produktbotschafter. Konzerne in regionalen Nischen breit machten. „Darum müssen wir uns in unserem Imperium selbstbewusst bewegen wie ein Held und das sind wir auch.“ Zum Heutigen gehöre das Motto „Besser trinken, besser leben“. Es sig- nalisiere, dass sich das Unterneh- men mit seinem Umfeld identifi- ziere und selbst Teil der hohen Lebensqualität im erweiterten Radius um die eigene Haustür herum sei. „Von Mannheim Von der Bertolds Quelle über Bad Dürrheimer Medium, Bio-Apfelgetränke, dem neuen Légère bis hin zum Mineralwas- ser Classic – Bad Dürrheimer bietet eine breit gefächerte Produktpalette. 136 die Rheinschiene hinunter bis nach Lindau, das ist Bad Dürrheimer Land, in etwa identisch mit dem Freiburger Regierungspräsidium“, steckt er die Claims im hart umkämpften Markt ab. 1993 als erster Mineralbrunnen zertifiziert Bad Dürrheimer wurde 1993 als erster Mineralbrunnen Deutschlands nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert, nachdem der gesamte Wertschöpfungsprozess analy- siert und effektiver gestaltet worden war. In ländlichen Gegenden gebe es an- dere Aufgabenschwerpunkte als in Bal- lungszentren, vor allem in logistischer Hinsicht. Unabdingbar sei eine große Lkw-Flotte, um die Getränke zum Ver- braucher zu bringen. Wegen ihres unmit- telbaren Kontakts zur Kundschaft seien


die Fahrer zugleich wichtige Multiplikatoren und Produktbotschafter, deren Kompetenzen weit über fahrerisches Können hinausreichten. Jedes Wasser schmeckt objektiv anders Im Gegensatz zu Bier, das vor allem mit subjekti- ven, emotionalen Kriterien bewertet werde, schmecke jedes Wasser objektiv anders. Das sei abhängig von den Bodenverhältnissen und von Anteil und Zusammensetzung der Mineralien als wichtigsten Geschmacksträgern. „Wasser ist hochsensibel und das einzige Lebensmittel, das staatliche Anerkennung braucht und regelmäßig staatlich überprüft wird“, deutet Lössl die Kom- plexität der Förderung an. Es muss gewährleistet sein, dass die unterirdischen Mineralwasservor- kommen keine schädlichen Substanzen enthal- ten, dass die Zusammensetzung der Mineralien konstant bleibt und dass der Wasserhaushalt im Umfeld der Quellen durch die Mineralwasserent- nahme nicht beeinflusst wird. „Unsere Wässer sind ursprünglich und rein, die Messergebnisse sind stets meilenweit von gesetzlichen Grenzwerten entfernt.“ Die natürlichen Mineralwässer sprudeln aus Weissenberger-, Johannis- und Witt- mannstaler Quelle. Die Bertolds Quelle liefert das kostbare natürliche Heilwasser. Es darf als Heilmittel deklariert werden, weil es zur Genesung vor allem bei Unpässlichkeiten im Verdauungstrakt beiträgt. „Es wirkt leicht abführend und eignet sich hervorragend zum Spülen der Blase.“ Während das Heilwas- ser kochsalzarm und auch darum so gut verträglich ist, ist das Solewasser des städtischen Kurbetriebs aus viel tieferen Erd- schichten gerade wegen seines hohen Salzgehalts wertvoll. Der Sole hat Bad Dürrheim sein Prädikat als Heilbad zu verdanken, Bad Dürrheimer Mineralbrunnen welches Profil das Heilwasser aus eigenen Quel- len ideal komplettiert. Das eine diene der Kör- per-Reinigung von innen, das andere wirke von außen, beide Wässer steigerten das Wohlgefühl, was in einem Slogan der Kur- und Bäder GmbH „Die Kraft der Gegensätze“ angedeutet werden solle und im Vitalcenter im Solemar praktiziert wird. Anhaltender Trend zu weniger „Sprudeligkeit“ Persönlich favorisiert Ulrich Lössl in diesen war- men Sommertagen das neue „Légère“, ein Mine- ralwasser mit einem Hauch von Kohlensäure. Bereits 1967 brachte das Unternehmen ein Me- dium-Wasser mit weniger Kohlensäure auf den Markt, hier leistete man Pionierarbeit und beflü- gelte damit einen bis heute anhaltenden Trend zu weniger „Sprudeligkeit“. Neueste Zahlen zeigen, dass die Deutschen mittlerweile mehr Wasser mit wenig oder gar keiner Kohlensäure trinken als Wasser mit viel Kohlensäure wie das Bad Dürrheimer Classic mit dem roten Etikett. Publikumsrenner von Bad Dürrheimer sind auch Erfrischungsgetränke auf Mineralwas- serbasis, Apfelsaft-Schorle vor allem, be- liebter Durstlöscher ist ebenso „Pepita“, ein nach original Schweizer Rezeptur her- gestelltes Grapefruitgetränk. Die Herkunft der eigenen Wäs- ser sei schon an deren Namen erkennbar. Darüber hinaus sei Bad Dürrheimer der einzige Mineralbrunnen, der bei den Schorle-Getränken auch die Herkunft der Säfte ein- deutig deklariere. „Unsere Äpfel, Kirschen und Johan- nisbeeren sind nicht bloß vage ‚heimisch’, sondern wuchsen garantiert am Bodensee. Und wir wissen, dass sich auch der eine und andere Baaremer Apfel da- runter mischt, der rundet die Bad Dürrheimer Schor- le geschmacklich ideal ab.“ 137


Wirtschaft Diese Transparenz basiere auf „fairem Han- del mit heimischen Erzeugern“. Deshalb dürfe Bad Dürrheimer sein Apfelschorle mit den Land- frauen bewerben, freut sich Marketingleiter Mi- chael Neuenhagen. „Das ist ein Privileg, denn die setzen sich nur für heimische Produkte ein.“ Regionale Verbundenheit und Verbrauchernähe gehen mit intensivem Engagement und Sponso- ring einher. „Uns geht es um breite Präsenz. Da- rum unterstützen wir gezielt Einzelprojekte und variieren auch.“ Kompetente und motivierte Mitarbeiter Das wichtigste Erfolgsrezept des Mittelständ- lers seien nebst verlässlicher Produktqualität die allesamt kompetenten und motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die geringe Fluktu ation spreche für die ausgeprägte Identi- fizierung mit dem Unternehmen, was auch an dessen Glaubwürdigkeit und seinem sozialen und ökologischen Profil liege. „Die Region ist uns wichtig. Das zeigen wir mit unserem Engage- ment betriebsintern und ebenso bei den vielen ausgesuchten Sponsoring-Aktivitäten.“ Vielfältiges, regionales Engagement Bad Dürrheimer ist ein wichtiger Partner des ERC Schwenningen, der Eishockeyclub wird insbeson- dere wegen seiner Nachwuchsarbeit unterstützt. Jugend, Bildung, Kultur, Soziales seien Förder- schwerpunkte, Neuenhagen nennt als Beispiele Schwenninger Vesperkirche, Palliativ-Stiftung, Suchtberatung, Kinder- und Familienzentrum in Villingen-Schwenningen, Nachsorgeklinik Tann- heim, Bad Dürrheimer Off-Road-Kids, das Kürbis- fest der Waldorfschule in Schwenningen. „Wir können nicht überall helfen, wo es sinnvoll wä- re, und müssen auch mal eine Anfrage absagen. Aber wir bemühen uns, wechselnde Projekte in unserer Heimat zu unterstützen, die uns sinnvoll erscheinen.“ Vor allem beim Sponsoring gelte ein Credo, mit dem sich der Mineralbrunnen auch betrieb- lich profiliere: „Man muss nicht immer die erste, aber eine gute Geige spielen.“ Das Werk von Bad Dürrheimer liegt in der Seestraße. 138


Ein und dasselbe Wasser kann in zwei ver- schiedenen Gläsern völlig unterschiedlich schmecken, so Michael Kramer, der Leiter der Qualitätssicherung bei Bad Dürrheimer. Er macht mit Besuchern gern die Probe aufs Exempel. Und tatsächlich hat das Wasser um so weniger Ei- gengeschmack, je kälter es ist, auch der Durch- messer des Glases spielt eine Rolle. „Je größer die Oberfläche ist, desto mehr Kohlensäure kann entweichen.“ Seit 1985 ist der gelernte Braumeister aus Lenzkirch bei Bad Dürrheimer für die gleich blei- bende Güte der Wässer zuständig, die zur Zeit aus neun Quellen gefördert werden. Jeden Mor- gen beginnt Michael Kramer seine Arbeit mit ei- nem Rundgang zu den Quellen; kontrolliert die Fließgeschwindigkeit und entnimmt Wasserpro- ben, die später im Labor untersucht werden. Wenn das Wasser aus den Edelstahl-Pipelines sprudelt, hat es einen rund 30 Kilometer langen Weg von den Schwarzwaldhöhen um Schonach und Triberg herum hinter sich (siehe dazu Seite 135). Es verbrachte rund 80 Jahre in den Felsspal- ten, sammelte sich in Klüften, plätscherte weiter und nahm Mineralien und Spurenelemente in den verschiedenen Gesteinsschichten auf. „Die geologische Vielfalt ist unsere Stärke“, sagt Michael Kramer, der intern auch „Herr der Quellen“ genannt wird. In seinem Berufsleben hat er sich einen riesigen Erfahrungsschatz rund ums Mineralwasser angeeignet. Der geprüfte Mineralwassersommelier hat seinen Gaumen bei täglichen Verkostungen für minimale Nuan- cen sensibilisiert und weiß genau, welches Was- ser zu welchen Bedürfnissen passt. Die Bad Dürrheimer Mineralwässer stammen zum Teil aus mehreren Quellen, sind eine Cuvée mit jeweils eigenem Charakter. Der Mineralge- halt liegt je nach Mineralwasser zwischen 850 und 2 400 Milligramm pro Liter. Das ist viel, weiß Meister Kramer und berichtet stirnrunzelnd von einer geänderten Gesetzgebung, nach der selbst Wasser ohne Mineralgehalt als Mineralwasser deklariert werden dürfe, obwohl es wie in Frank- reich kaum oder gar keine Mineralien enthalte. Das Bad Dürrheimer hingegen zeichnet sich insbesondere durch seinen Gehalt an Magnesium, Calcium, Sulfat, Hydrogenkarbonat aus, außer- Bad Dürrheimer Mineralbrunnen XX Michael Kramer beim Mineralwasser-Test. Er emp- fiehlt nicht Kühlschrank-, sondern Kellertemperatur. dem enthält es viele wertvolle Spurenelemente – insgesamt seien rund 220 Parameter messbar. Michael Kramer: Der Herr der Quellen und Chef-Sommelier Je nach Sorte wird dem Mineralwasser mehr oder weniger oder eben auch gar keine Kohlen- säure zugegeben. Das geschmacksneutrale Gas gebe dem Wasser eine erfrischende Note, rege die Durchblutung an und mindere das Hunger- gefühl. Wegen seiner wohltuenden, sättigenden Wirkung sei Heil- und Mineralwasser auch bei Diäten und Fastenkuren unverzichtbar. „Direkt aus dem Kühlschrank ist’s zu kalt“, sagt der Experte und empfiehlt „Kellertempera- tur“ zum Trinken; zehn bis vierzehn Grad seien ideal. Je weniger Kohlensäure ein Wasser enthal- te, desto wärmer könne es getrunken werden. 139 139


Wirtschaft Die Schreibgerätetechnik maßgeblich revolutioniert Maschinenbau, Sensorik und Schreibgeräte: Die Firma SCHMIDT Technology aus St. Georgen steht auf mehreren Standbeinen von Roland Sprich SCHMIDT Technology in St. Georgen ist ein in vierter Generation familiengeführtes mittelständisches Unternehmen auf höchstem technologischen Niveau, für das über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. Was vor mehr als 75 Jahren mit der innovativen Entwicklung von technisch raffinierten Schreibgeräten begann, präsentiert sich heute in drei Unternehmensbereichen: Schreibgerätetechnik, Ma­ schinenbau und Sensorik. Hoch qualifizierte Ingenieure, Techniker und Chemiker sorgen dafür, dass das komplexe Zusammenspiel von Mechanik, Physik und Chemie in den Schmidt­Produkten perfekt aufeinander abgestimmt ist. SCHMIDT Techno­ logy ist global aktiv, besitzt Auslandstöchter in den USA, England, der Schweiz und Frankreich sowie Vertretungen weltweit. Die Wurzeln des Unternehmens liegen in der Fertigung von Präzisionsteilen für die Schwarzwälder Uhrenindustrie. Hervor­ gegangen aus der Schwarzwälder Uhr macherkunst und dem feinen Gefühl der hier lebenden Menschen für Präzision, hat sich SCHMIDT Technology zu einem weltweit anerkannten Technologieführer ent wickelt. Schreibgeräte mit höchstem Komfort – „Made in St. Georgen“. Kugelschreiber oder Füller fertigt SCHMIDT Technology für renommierte, weltweit bekannte Edelmarken. 140


SCHMIDT Technology in St. Georgen beschäftigt weltweit über 400 Mitarbeiter. Die Geschäftsführung von SCHMIDT Technology, v. links Stephan Schmidt, Rolf Schmidt, Sprecher der Geschäftsführung, und Oliver Schmidt. 141


Wirtschaft Firmenansicht aus den 1950er-Jahren. Wenn hochrangige Politiker bedeutende Staats- verträge unterzeichnen, Geschäftsleute in aller Welt ihren Namenszug unter wichtige Schrift- sätze setzen, oder wenn einfach stilvoll Gedan- ken zu Papier gebracht werden, kommt nicht einfach „nur“ ein Kugelschreiber zum Einsatz. Vielmehr wird in diesen Fällen ein entsprechen- des Schreibgerät mit höchstem Schreibkomfort benutzt. Oft stammt es aus St. Georgen – von SCHMIDT Technology. Dieses Unternehmen hat die Schreibgerätetechnik in den vergangenen 75 Jahren maßgeblich revolutioniert, Qualitäts- standards gesetzt und ist zu einem unverzicht- baren Partner für Markenhersteller auf der gan- zen Welt geworden. Die Anfänge des mittelständischen Unterneh- mens liegen, wie so oft im Schwarz- wald, in der Uhrenindustrie. 1938 gründeten die Brüder Hermann und Wilhelm Schmidt einen Zulieferbetrieb für Präzisions- drehteile, belieferten namhaf- te Uhrenproduzenten. geschwappt“: Ein Stift, der die Schreibtinte nach und nach über eine Kugel an der Spitze abgibt. Die Technik war jedoch alles andere als ausge- reift. Die Tinte kleckste, die Kugel kratzte rau über das Papier. Doch die beiden Unternehmer erkannten das Potenzial, das hinter dieser Erfin- dung steckte. Kugelschreiber wird zum hochwertigen Präzisionsgerät weiterentwickelt Die Schwarzwälder Tüftler nahmen die Heraus- forderung an. Mit dem Know-how und der ge- wohnten Präzision aus der inzwischen rückläu- figen Uhrenindustrie wurde die Technik immer weiter entwickelt und verfeinert. Schon bald wird die profane Bezeichnung „Kugelschreiber“ nicht im Ansatz dem gerecht, was SCHMIDT Technology in höchster Qualität entwickelt und produziert. Es entstehen neuartige Dreh- und Druck- mechanismen für Bleistifte und Schreiber auf Tintenbasis. Weiter eine ausgereifte Füllhal- tertechnik, die auch bei kurzfristigen Druckun- terschieden, etwa bei Start und Landung eines Flugzeuges, verlässlich dafür sorgt, dass die Tinte nicht aus dem Gerät fließt. Und SCHMIDT Tech- nology spezialisiert sich ebenso auf die Montage von Schreibgeräten der Ober- und Premiumklas- se. Auch die Schreibpaste wird im eigenen Labor selbst entwickelt und hergestellt. Edelmarken wie Faber-Castell, Pelikan, Lamy, Davidoff, Cartier und Mont Blanc gehö- ren zu den Premiumkunden des St. Georgener Traditionsun ternehmens. Ausgefallene Designs unter Verwendung hochwertiger Ma- terialien entstehen – sogar mit Diamanten verzierte Schreibge- räte fertigt SCHMIDT Technolo- gy auf Kundenwunsch. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam, zusam- men mit Nylonstrümp- fen und Kaugummi, ei- ne neuartige Erfindung aus Amerika „herüber- Die Firmengründer Wilhelm (links) und Hermann Schmidt.


SCHMIDT Technology Mit Diamanten und Gold verzierte Edelschreibgeräte „Made in St. Georgen“. hand geführten Unternehmens. Zwar ist die Schreibgerätetechnik ein florierender Geschäfts- zweig von SCHMIDT Technology, aber es ist nicht der einzige. Bereits 1952, als Hans Schmidt in das Unternehmen eintrat, wurden neue Akzente ge- setzt. Der Handwerksbetrieb entwickelte sich Dass bis heute keine Schreibgeräte unter dem Namen SCHMIDT im Handel erhältlich sind, hat einen einfachen Grund: „Wir wollen ja unse- ren Kunden keine Konkurrenz machen“, erklärt Stephan Schmidt. Er ist zusammen mit seinem Bruder in vierter Generation in der Geschäftslei- tung tätig und für den kaufmännischen Bereich verantwortlich, während Oliver Schmidt den technischen Bereich leitet. Großen Anteil am Er- folg des Unternehmens hat Vater Rolf Schmidt. Er ist seit 1969 in der Geschäftsleitung tätig und fungiert als ihr Sprecher. Neuer Geschäftsbereich Maschinen Unternehmerische Weitsicht war seit jeher ein prägendes Merkmal des bis heute in Familien- Am Beginn jeder Fertigung steht die Entwicklung, die bei SCHMIDT Technology einen hohen Stellenwert genießt. 143


Wirtschaft Die Ausbildung des Nachwuchses genießt bei SCHMIDT Technology einen hohen Stellenwert. Rechts: Blick in die Fertigung. nun zu einem Industrieunternehmen. Mit dem Kauf der Firma Rudolf Maier Sondermaschinen- bau erweiterte „SCHMIDT Minen“ die Firma 1964 um den Geschäftsbereich Maschinen. An- gefangen mit Handhebelpressen im Bereich der Fügetechnik ist daraus in den vergangenen sechs Jahrzehnten ein breites Spek trum an pneumatischen, hydropneumatischen und elektrischen Pressen ent- standen. Diese werden unter an- de rem zur Teilefertigung im Flug zeugbau, in der Automobil- technik, Mikromechanik und Medizintechnik benützt. Das ausgewogene Programm der SCHMIDT-Pressen lässt sich in der Umform- und Fügetechnik in fast allen Zweigen der Indus- trie einsetzen. Vom einfachen, manuellen Arbeitsplatz bis hin zu rechnergesteuerten, voll- automatischen Montagema- schinen mit integrierter Qua- litätssicherung spannt sich das Lieferprogramm über alle Automationsstufen. 144 Neubau auf der Seebauernhöhe In den 1970er Jahren wurden die Weichen erneut neu gestellt. Aus beengten Verhältnissen in der Innenstadt baute die Firma SCHMIDT 1972 auf der grünen Wiese auf der damals noch weitgehend unbesiedelten Seebauernhöhe. Die Aussicht, dass die Verbindungsstraße zur Bundesstraße eines Tages quasi direkt am Haus vorbei führt, veranlasste die Geschäftsführung damals zu diesem Schritt. Der Anschluss an die Bundesstraße kam bis heute nicht. Dafür hatte das Unternehmen ausreichend Platz, um seine Fertigungsflächen mehrmals zu erweitern. Heute agiert SCHMIDT Technology auf rund 20.000 Quadratme- tern Betriebsfläche. In den 1980er Jahren erweiterte das Unternehmen, das zwischenzeit lich unter SCHMIDT Feintechnik fir mierte, um den Geschäftsbereich Sensorik. Für einen namhaften schwäbischen Auto- hersteller entwickelte SCHMIDT einen Kundenspezifische Presse.


SCHMIDT Technology Die Bedeutung von SCHMIDT Technology wurde anlässlich des 75-jährigen Firmenjubiläums unterstrichen, v. links Stephan Schmidt, Oliver Schmidt und Rolf Schmidt. Die Standuhr links ist ein Präsent der Mitarbeiter. Gurt straffer. „Keiner hat es gekonnt, wir haben es gemacht“, formuliert Stephan Schmidt. Der Gurt straffer war der Vorreiter für weitere Sicher- heitssysteme in den Autos. Später folgte die Sensorik für die Auslösung von Airbags. Davon hat SCHMIDT Feintechnik mehr als 50 Millionen Stück produziert. Dank seiner Niederlassungen in den USA, der Schweiz, in England und Frankreich ist SCHMIDT Technology immer nah am Kunden. Entwicklung von Strömungssensoren Als die Chip-Technologie verstärkt Einzug in die Steuertechnik hielt, ist SCHMIDT Technology 2010 aus dem Automotive-Bereich ausgestiegen. Seine mehr als 20-jährige Erfahrung im Bereich der Sensorik bringt das Unternehmen nun in die Entwicklung und Produktion von Strömungssen- soren für Luft und Gase ein. SCHMIDT Sensoren erfassen Luft- und Gas- strömungsgeschwindigkeiten nach dem thermi- schen Mess prinzip. Diese Präzisionssensoren dienen zur Energieeinsparung, Qualitätssiche- rung von Prozessen und zur Gewährleistung der Sicherheit von Personen und Geräten. Der Einsatz erfolgt in hochwertigen Standard- und OEM-Anwendungen der Pharma- und Reinraum- branche, der Prozesstechnik, Drucklufttechnik sowie Klima- und Lüftungsbranche. Für die Zukunft gewappnet Um über viele Jahrzehnte gleichbleibend hohe Qualitätsprodukte anbieten zu können, braucht es qualifizierte Mitarbeiter. Hier ist sich SCHMIDT Technology seiner Verantwortung bewusst und trägt in hohem Umfang zum Fachkräfteerhalt bei. Jeweils zehn Prozent der 365 Beschäftigten am Standort in St. Georgen sind Auszubildende, die in der hauseigenen Ausbildungswerkstatt in acht gewerblichen und kaufmännischen Berufs- feldern ausgebildet werden. Um seine Position als Technologieführer zu halten, investiert das Unternehmen konsequent jährlich zehn Prozent des Umsatzes in die Bereiche Forschung und Ent- wicklung. Im September 2013 konnte das Unternehmen sein 75-jähriges Bestehen feiern. Bürgermeis- ter Michael Rieger betonte aus diesem Anlass: „SCHMIDT Technology bildet mit das Rückgrat und den Motor der städtischen Wirtschaft. Eine solche Firma ist für uns ein Glücksfall.“ 145


6. Kapitel Bildung und Soziales Einen Platz in der Gesellschaft finden An der Carl-Orff-Schule in Villingen werden Schüler zur größtmöglichen Selbstständigkeit geführt von Saskia Fraas Sie lieben Fußball, Nähen oder Schwimmen, reiten oder rechnen gerne oder fin- den Autos spannend – die Interessen der Carl-Orff-Schüler sind so vielfältig wie ihre Beeinträchtigungen. Aber an dieser Schule sind es gerade die Einzigartigkeit des Einzelnen, seine Stärken und Schwächen, die geschätzt werden. So singen es die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, den Sekretärinnen, dem Hausmeister, der Köchin, Eltern und oft auch mit Gästen bei Schulfesten, Abschiedsfeiern und anderen Anlässen immer wieder in ihrem eigens gedichteten Schulsong: „Jeden hier in unserer Schule gibt es nur einmal.“ Vielfältige Möglichkeiten Als Gast an der Schule spürt man sofort die freundliche Atmosphäre und den sorgsamen Umgang miteinander, der hier im Schulalltag gepflegt wird. Die Rahmenbedingungen dafür sind günstig: Das Schulhaus mit Turnhalle und Bewegungsbad ist hervorragend ausgestattet und auf die Bedürfnisse der Schüler eingerichtet, und das schöne Außengelände mit dem Spiel- platz und dem neuen Klettergerüst bietet viele Möglichkeiten zum Lernen, Arbeiten und Spielen. Michael Fraas, seit 2008 Schulleiter an der Carl-Orff-Schule, erzählt bei einer Führung durch das Haus, was die Schule noch vorzuweisen hat: Eine eigene Schulküche, die täglich ein warmes Mittag essen für über 100 Personen zubereitet; einen Schülerkiosk, der auch außerhalb der Schule Ca- tering anbietet und ge- nau wie die Schülerfirma Möglichkeiten eröffnet, verschiedene Arbeitsbe- 146 Schulleiter Michael Fraas reiche auszuprobieren. Ebenfalls im Haus befin- det sich die „Pusteblume“, eine Kindertagesstät- te sowie ein integrativer Schulkindergarten, wo behinderte und nichtbehinderte Kinder gemein- sam spielen und lernen. Ebenso eine Frühbera- tungsstelle für Kinder mit Entwicklungsverzöge- rungen von der Geburt bis zum Schuleintritt. Viel Praktisches wird vermittelt In den 15 Klassen der Grund-, Haupt- und Be- rufsschulstufe lernen die über 90 Schülerinnen und Schüler von sechs bis 19 Jahren spielerisch, aber systematisch in verschiedenen Unterrichts- formen, mal in Einzelförderung oder in kleinen Gruppen, mal in der Klasse und mal klassenüber- greifend. Auf den ersten Blick scheint der Unter- richt hier ganz anders als an „normalen“ Schulen abzulaufen: Die Klassen sind deutlich kleiner, die Klassenzimmer anders ausgestattet. Inhaltlich geht es auch viel um praktische, alltagstaugliche Fähigkeiten: Neben Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen stehen vor allem für äl- tere Schüler z. B. Verkehrserziehung, der Umgang mit Medien und Freizeitgestaltung auf dem Pro- gramm, aber auch Übung in alltäglichen Dingen


Carl Orff Schule in Villingen 147 147


Bildung und Soziales 148 Jeden Schüler nach seinen Fähigkeiten fördern – vor allem im Hinblick auf die Bewältigung des Alltages – ist das vorrangige Ziel der Carl-Orff-Schule. wie Einkaufen und Kochen. Wie an Regelschulen gibt es Projekte: Sport, die Arbeit an der Schüler- zeitung „Carlo“, verschiedene AGs. Das wichtigs- te Ziel dabei ist es stets, die behinderten Men- schen „zu größtmöglicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu führen“, wie es im Leitbild der Schule verankert ist – was auch immer dies für jeden einzelnen Schüler bedeuten mag. Öffnung nach Außen Dazu gehört auch, dass die Carl-Orff-Schule nicht nur Schutzraum für behinderte Menschen sein will, sondern sich ganz bewusst nach außen öffnet. Außenklassen, wie sie beispielweise an der Roggenbach-, Südstadt- und Warenberg- schule eingerichtet wurden, ermöglichen den behinderten Schülern die alltägliche Begegnung mit nichtbehinderten Gleichaltrigen und das gemeinsame Lernen in den Fächern Bildende Kunst, Sport, Werken und Religion, während die Kernfächer getrennt unterrichtet werden. An der Warenbergschule gibt es darüber hinaus sogar eine Integrationsklasse, in der behinderte und nichtbehinderte Kinder in allen Fächern zusam- men lernen. „Für beide Seiten ist dies ein Ge- winn“, betont Michael Fraas. „Nichtbehinderte werden hilfsbereiter, gehen liebevoller mit ihren Geschwistern um und lernen Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen abzu- bauen. Das wirkt sich wohltuend auf das soziale Miteinander aus.“ Zusätzlich pflegt die Carl-Orff-Schule engen Kontakt mit weiteren Partnerschulen, mit denen gemeinsame Projekte verwirklicht werden: Chor- projekte, eine Kletter-AG oder aber gemeinsame Klassenfahrten mit Realschülern oder Gymnasi- asten bereichern beide Seiten. Täglich wird in der Schulküche für 100 Personen ein Mittagessen zubereitet.


Inklusion – Mit zunehmendem Alter geht die Schere auseinander Sonderpädagogen stellen allerdings auch immer wieder fest, dass man im schulischen Mitein- ander von behinderten und nichtbehinderten Kindern an Grenzen stößt – ein Thema, das im Zuge der Inklusion derzeit sehr kontrovers disku- tiert wird. Mit zunehmendem Alter der Schüler geht die Schere weiter auseinander. Die bitte- ren Erfahrungen der behinderten Kinder, immer der Schwächste zu sein, ständig seine Defizite vor Augen geführt zu bekommen, nehmen zu. Gleichzeitig nimmt das Interesse der nichtbe- hinderten Kinder an gemeinsamen Aktivitäten ab, die Gruppen ziehen sich voneinander zurück, es entstehen zwei Lager. In solchen Situationen ist die Rückkehr an die Stammschule für manche Außenklasse das Beste, denn „bei uns entdecken die Schüler wieder ihre Stärken und können sich mit ihresgleichen messen“, unterstreichen die Kollegen die Vorzüge der Sonderschule. Natür- lich aber ist die inklusive Beschulung behinderter Schüler an Regelschulen auch jenseits der Grund- schule in vielen Fällen erstrebenswert. Daraus Carl-Orff-Schule in Villingen ergeben sich jedoch für die Sonderschulen auch Probleme: Behinderte Schüler werden von Son- derschullehrern an Regelschulen begleitet, diese Fachkräfte fehlen dann aber an der Stammschu- le, wo die schwächeren Schüler gerade diese so nötig hätten. Zudem verlieren die Sonderschulen die stärkeren Schüler, die auch als Vorbilder für die schwächeren fungieren. Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Bereichen Dennoch bleibt die Inklusion eine Vision, die die Carl-Orff-Schule mit Eifer vorantreibt, indem sie ihren Schülern durch außerschulische Netzwerke und Partner Teilhabe an der Gesellschaft ermög- licht. Im Café Marie beispielsweise besuchen Carl- Orff-Schüler einmal wöchentlich Senioren in der Tagespflege und eröffnen sich dabei unter ande- rem mögliche Praktikumsplätze und Berufsfel- der für die Zukunft (siehe dazu die Seite 151). Über 60 Unternehmen aus der Region bieten Praktika für Schüler der Haupt- und Berufsschulstufe an. Dabei profitieren nicht nur die Schüler; die Fir- Sich einen Apfel schälen – auch das will gelernt sein. 149


Bildung und Soziales men loben die Ausdauer, die positive Einstellung zur Arbeit und die Zuverlässigkeit, die viele be- hinderte Menschen auszeichnen. Während frü- her der Weg für die meisten Schulabgänger in die Werkstatt für behinderte Menschen führte, gibt es heute weitere vielfältige Möglichkeiten wie beispielsweise die BVE, eine berufsvorbereitende Einrichtung, die den Schülern den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ebnen will. Jenseits der beruflichen Wege ist es der Carl- Orff-Schule auch ein Anliegen, behinderte Men- schen an anderen gesellschaftlichen Bereichen zu beteiligen. Die Fastnacht, für viele Schüler und Lehrer eine wichtige Villinger Institution, wird nicht nur an der Schule mit Gästen ausgelassen gefeiert; die Schüler laufen auch beim Kinder- umzug mit und haben sogar ihren eigenen Fast- nachtsruf gekürt: „Carli-Carlo“. Die Schule spielt außerdem gern den Gast- geber. Zu einer Reihe von kulturellen Veranstal- tungen im vergangenen Schuljahr kamen auch Gäste, die keine direkte Verbindung zur Schule haben, um einen orientalischen Abend, Akkor- deonmusik oder ein Sommerkonzert unter frei- em Himmel zu erleben. Beim zweijährlichen Schulfest begegnen sich Schüler, Lehrer, Eltern der Carl-Orff-Schule, der Partnerschulen und viele Gäste, um gemeinsam zu feiern. Natürlich wird zu diesem Anlass das Schullied gesungen und auch für Außenstehende wird einer der Leitsätze der Schule spürbar: In dieser Schulgemeinschaft ist Wertschätzung die Grundlage allen Handelns, die Wertschätzung jedes einzigartigen Schülers. Zur Carl-Orff-Schule gehören auch eine Kindertages- stätte und ein großzügiges Außengelände. Künstleri- sches und handwerkliches Arbeiten werden besonders gefördert. 150


Carl-Orff-Schule in Villingen Zu Gast im Café Marie – die Schüler der Carl-Orff-Schule besuchen regelmäßig eine Tagespflegeeinrich- tung der Caritas in Villingen. Wie war das, als Sie früher nach Italien gefahren sind? Was geschah an der Grenze? Mussten Sie Geld tauschen? Diese und andere Fragen stellen die Berufsschulstu- fen-Schüler den Tagesgästen im Café Marie, einer Tagespflegeeinrichtung der Caritas. Die Augen der Erzählenden leuchten in Er- innerung an die früheren Erlebnisse. Den Aus- führungen vom Auslandsurlaub schließt sich schmunzelnd die Geschichte von der Fahrt in einem überfüllten Kleinwagen zur ersten Pizza im Nachbarort an. Nach zwei Stunden verab- schieden sich die Fragenden zufrieden und mit guten Wünschen zum Schullandheim- aufenthalt am Gardasee versehen. Wie im Fluge vergeht die Zeit, die diese Schüler wöchentlich mittwochs im Café Marie verbringen. Jeder dieser Tage wird geplant, die gemeinsamen Aktivitäten treffen auf reges In- teresse. Gegenseitige Hilfe wird beim Basteln notwendig, führende und stützende Hände beim Spazierengehen, offene Oh ren für Ge- schichten von früher. Geduldig erklären unsere Schüler den Ta – gesgästen die Uno-Spielregeln, denn schließ- lich sollen bei einem Turnier alle gegeneinan- der antreten. Freundschaftliche Verbindun gen entstehen, sowohl die Schüler als auch die Ta- gesgäste freuen sich über die Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird, über das Ge- Schüler besuchen Tagespflegeeinrichtung: Stützende Hände und offene Ohren für Geschichten fühl, dem anderen eine Freude zu machen und gebraucht zu werden. Darüber hinaus ergibt sich für den ein oder anderen Carl-Orff-Schü- ler die Möglichkeit für ein Praktikum in einer Einrichtung für alte Menschen und vielleicht sogar die Ausbildung zum Alltagsbegleiter. Die zwei Stunden sind „rum wie nichts“. Von Berührungsängsten keine Spur. Es wird gescherzt, gelacht, und eines ist klar: Im Café Marie spricht das Herz. Beide Seiten erfahren Zuwendung. Elsbeth Boxberg 151


7. Kapitel Garnisonsstadt Donaueschingen Garnisonsstadt Donaueschingen Auflösungsappell – das 110. französische Infanterieregiment ist seit dem 24. Juni 2014 Geschichte. 152 152 Abschied von Freunden und Bekannten, von 1.800 Einwohnern – die französische Garnison gehört der Ver gan genheit an. Mitte: Colonel Olivier Waché beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Donaueschingen, im Hintergrund Oberbürgermeister Erik Pauly.


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Wechselvolle Geschichte der Garnisonsstadt Donaueschingen von Ernst Zimmermann Einen ganzen Stadtteil mit bis zu 1.800 Einwohnern zu verlieren, dürfte der Albtraum eines jeden Rathauschefs sein. Für Donaueschingens Oberbürgermeister Erik Pauly ist dieser Albtraum Wirklichkeit geworden. Seit dem 24. Juni 2014 gehört die franzö­ sische Garnison Donau eschingen der Vergangenheit an. Die Konsequenz: Rund 1.800 Menschen – ca. 750 Soldaten und deren Familienangehörige – sind fast von heute auf morgen weggezogen. Die entsprechende Entscheidung des französischen Staatspräsi­ denten zur Auflösung des 110. französischen Infanterieregiments hat diese Entwicklung bewirkt. Für die Donau eschinger Geschäftswelt und für die Stadt Donaueschingen ins­ 153 gesamt ist dies ein schwerer Schlag.


Garnisonsstadt Donaueschingen Belebendes Element im Stadtalltag Die Franzosen waren ein Teil der Stadt Donau- esch ingen, ein Teil ihrer internationalen Aus- richtung und Ausstrahlung und auch ein bele- bendes Element im Stadtalltag. Das ganze Jahr über waren die französischen Soldaten in Donau- eschingen vielfältig präsent: Jedes Jahr luden sie die Donaueschinger zum Regimentsfest in das Kasernenareal ein. Bei fast jedem Reitturnier bauten sie in der Regel das wieder auf, was die Pferde an den Hindernissen niederrissen. Vielen Festveranstaltungen der Stadt verliehen fran- zösische Uniformen einen festlichen Rahmen und selbst an Fastnacht sind die Franzosen im Einsatz; nicht in ihren Uniformen, sondern in der Verkleidung der Distelhexen. Einer der Kom- mandeure, Colonel Christian Falzone, hat mit dem deutsch-französischen Kindergarten sogar eine Einrichtung angeregt und zusammen mit der Stadt realisiert, welche die Internationalität von Donaueschingen am nachhaltigsten unter Beweis stellte. Dass es dies alles künftig nicht mehr geben wird, ist für die Donaueschinger nur schwer vorstellbar. Der französische Stadtteil – eine Bereicherung für ganz Donaueschingen So präsentierte sich der französische Stadtteil der Großen Kreisstadt Donaueschingen: Das mit großem finanziellen Aufwand erst vor we- nigen Jahren neu gebaute Wirtschafts- und Freizeitgebäude heißt St. Maurice, das Casino Cercle St. Martin, der Kindergarten ist die Éco- le maternelle, der kleine Supermarkt nennt sich Economat und die Begegnungsstätte in der Stadt Maison de France. Die Grundschule heißt Éco- le Le Danube, die Mittelschule Collège Robert Schuman und für den Reitsport gibt es das Cen- tre équestre. Die Bewohner des Viertels kamen zum Beispiel aus Besançon, Bordeaux, Marseille, Nancy, Nantes oder aus Rouen, also fast aus allen Gegenden Frankreichs. Wenn man so will, gab es mit dem Komman- deur des 110. Infanterieregiments bei dessen Auflösung, Colonel Olivier Waché, sogar einen 154 1 2 1 Quartier Fürstenberg 2 Bureau de Garnison 3 Economat 4 Colège Robert Schuman 5 Cercle Mixte 6 Waffenkammer


6 5 4 3 Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich 7 8 9    7 Messe Mixte St. Maurice (Wirtschafts- und Freizeitgebäude) 8 Quartier Foch (bis Juni 2014 110RI) bis 1945 Barbara Kaserne 9 Quartier Picardie (bis Juni 2014 110RI)  Quartier Lyautey, bis 1945 Hindenburg Kaserne  Gendarmerie/Sanitätsbereich  Antenne Terre 155


Garnisonsstadt Donaueschingen 156 Oben: Regimentsfest in den 1970er Jahren. Mitte oben: Oberst Joachim Fürst zu Fürstenberg und Landrat Dr. Rainer Gutknecht eröffnen feierlich das „Quartier Fürstenberg“. Mitte unten: Eröffnung des Regimentsfestes. Unten: Ein gerne besuchtes und großes gesellschaft- liches Ereignis war der jährliche Garnisonsball in der Donauhalle. „Ortsvorsteher“. Petite France könnte man den Stadtteil nennen, wenn er nicht schon andere Namen hätte: zum Beispiel Quartier Lyautey oder Quartier Foch. Die Rede ist von der französischen Garnison, die als Bestandteil der Deutsch-Fran- zösischen Brigade das große Kasernenareal mit dem deutschen Jägerbataillon 292 teilte. Über 1.000 der Bewohner dieses Stadtteils waren fran- zösische Soldaten – Angehörige des 110. Infan- terieregiments und weitere Einheiten, die diese unterstützten. Hinzu kommen etwa 800 Famili- enangehörige, also Frauen und Kinder. Ein etwas anderer Alltag Was bestimmte den Alltag der französischen Do- naueschinger? Arbeit und Freizeit, Beruf und Fa- milie, so wie bei den rund 21.400 anderen Donau- eschinger Bürgern eben auch. Und doch lief ihr Leben nicht in den gleichen Bahnen ab wie das der deutschen Donaueschinger. Der militärische Auftrag bestimmte den Tagesablauf. Augen- scheinlich wurde dies schon am frühen Morgen: Die deutschen Donaueschinger kommen eher sel ten auf die Idee, schon um sieben Uhr in der Früh in größeren Gruppen zu joggen – abgesehen vielleicht von den Soldaten des Jägerbataillons 292. Für die Soldaten der französischen Garnison gehörte dies zur Routine der Körperertüchtigung, egal ob die Sonne schien, Regen oder Schnee vom Himmel fielen. Für die deutschen Familien in Donaueschin- gen wäre es auch gewöhnungsbedürftig, dass der Familienvater monatelang nicht zu Hause ist.


Viele französische Familien in Donaueschingen mussten sich mit solchen Situationen abfinden, weil der Vater beispielsweise im Kosovo, in Af- gha nistan, im Sudan oder in Mali helfen musste, einen brüchigen Frieden zu sichern. Was die Schullaufbahn angeht, so ist es für die deutschen Familien eine Selbstverständlich- keit, dass ihre begabten Kinder das Fürstenberg- Gymnasium besuchen. Die Schülerinnen und Schüler der französischen Familien hatten es nicht ganz so bequem: Sie konnten das Baccal- auréat, das französische Abitur, nur mit dem Besuch eines französischen Gymnasiums wie z.B. in Freiburg, Mulhouse, Colmar oder auch Straßburg erreichen. Dies wiederum bedeutete ein Internatsleben unter der Woche – Familien- aufenthalte gab es nur am Wochenende. Man- che besuchten sogar Militärschulen, so in Autun oder Aix-en-Provence und konnten sich nur in den Schulferien in Donaueschingen aufhalten. Zehn Minuten „nach Deutschland“ oder „nach Frankreich“ Führte der französische Stadtteil von Donau- eschingen ein Eigenleben? Teils – teils ist die richtige Antwort. Obwohl im Bereich des Hin- denburgrings die Franzosen einen Fußweg von maximal zehn Minuten „nach Deutschland“ hatten und die Deutschen natürlich ebenfalls nur zehn Minuten „nach Frankreich“, war die Grenze nicht immer fließend. Trotzdem gab es Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich eine ganze Reihe guter Ansätze: So bereiteten sich im deutsch-französischen Kindergarten deutsche und französische Kinder gemeinsam auf die Schule vor. Die Deutsch-Französische Gesellschaft bietet schon seit über 40 Jahren Deutschen und Franzosen gute Möglichkeiten insbesondere in der Freizeit gemeinsam das je- weils andere Land näher kennenzulernen. Die Franzosen pflegten mit großer Begeisterung das für die Baar typische alemannische Fastnachts- brauchtum und bereicherten als Distelhexen die Donaueschinger Fastnacht, und die Kinder der Grundschule École Le Danube besuchten mit ih- rer Klassenlehrerin den Oberbürgermeister im Rathaus, um ihm Fragen zu bestimmten Gege- benheiten in Donaueschingen zu stellen. Dieses Miteinander öffnete den Blick und schaffte Verständnis für die Gegebenheiten der jeweils anderen Nation. So haben zum Beispiel die deutschen Donaueschinger gelernt, dass die Franzosen gewissermaßen als Gegenstück zum deutschen Erntedank ein Fest daraus machen, wenn der neue Wein als Beaujolais Nouveau erstmals auf den Tisch kommt, oder am Dreikö- nigstag die Person als König oder Königin des Ta- ges gilt, die auf die in einem Stück des Kuchens, pardon – der Galette – versteckte Münze beißt. Alles, was sie gut fanden, haben die deut- schen von den französischen Donaueschingern gerne übernommen; so zum Beispiel das Boule- oder Pétanque-Spiel, das sie zweimal pro Woche gemeinsam mit den französischen Freunden auf dem Alten Festhallenplatz betrieben. Ortstermin im militärischen Sperrgebiet auf der Gemarkung Grüningen. Mit dabei Ortsvorsteher Willi Hirt / Grüningen, Stadtbaumeister Heinz Bunse und Bürgermeister Bernhard Kaiser. Colonel Most beim Langlauf zusammen mit Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke. 157


Garnisonsstadt Donaueschingen 158


Zweimal ziehen deutsche Soldaten von Donau- eschingen aus gegen Frankreich in den Krieg Zweimal, 1914 und 1941, zogen deutsche Soldaten der Garnison Donaueschingen gegen Frankreich in den Krieg. Bei näherer Betrachtung der Ge- schichte dieser Garnisonsstadt kann man auch zum Ergebnis kommen, dass sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg die Stationierung von Soldaten in Donaueschingen sogar Bestand- teil der Vorbereitungen für den Einmarsch deut- scher Soldaten in Frankreich gewesen waren. Auch später setzte sich diese Logik fort. Es war die US-Air-Force, die im Juli 1985 das ehema- lige Standortlazarett nach Leerstand und Fremd- nutzung als Asylbewerber-Wohnheim übernahm und mit ordentlichen Investitionen als Reservela- zarett mit einer Kapazität von bis zu 750 Betten einrichtete. Im Januar 1991 dienten die Militär- einrichtungen der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland als Ausgangsbasis für das von den USA angeführte Militärbündnis: Mit der Operati- on Wüstensturm wurde im zweiten Golfkrieg das von irakischen Truppen besetzte Kuweit be- freit. Genutzt wurde das Reservelazarett am Do- naueschinger Buchberg allerdings nie. Zum 31. Dezember 1993 wurde es von den Amerikanern aufgegeben und das Personal abgezogen. Zur Geschichte des Militärstandorts Wie Hauptmann Oliver Ochs in seinem 1995 herausgegebenen Buch aufzeigt, ist der eigentli- che Beginn des Militärstandorts Donau eschingen im Jahr 1913 zu sehen, als am 1. Oktober 1913 die Abbildungen linke Seite: Die ersten Gebäude entstanden 1912/13 in Form von Baracken als Provisorium bis zur Fertigstellung der Kasernenanlage (oben). Mitte: Die ersten Soldaten rücken ein – Aufmarsch am 1. Oktober 1913 vor dem Rathaus. Unten: Die Benennung in Hindenburg-Kaserne erfolgte anlässlich des 60. Militärjubiläums des da- maligen Reichspräsidenten auf Antrag des Standort- kommandanten. Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich ersten Soldaten des neu gebildeten III. Bataillon des 9. Badischen Infanterieregiments Nr. 170 unter Führung des Kommandeurs Major von Struensee in die gerade erst als Übergangsunter- künfte fertiggestellten Baracken im Linsenösch einzogen. Die Stadt stellte dort vier Hektar und 21 Ar Fläche unentgeltlich zur Errichtung der Ka- sernengebäude bereit, am 12. August 1913 wurde mit dem Kriegsministerium ein entsprechender Vertrag unterzeichnet. Vorausgegangen war der Wunsch des Ge- meinderates, aus wirtschaftlichen Gründen die Verlegung einer Garnison nach Donaueschingen zu erreichen. 1911 blieben die Verhandlungen er- folglos, 1912 ging Donaueschingen energischer vor. Dass die Verhandlungen nun eine günstige Wendung nahmen, wird in der Stadtchronik auch dem Fürsten zu Fürstenberg zugeschrieben. Der Beschluss des Reichstages über die Vermeh rung der Friedenspräsenzstärke des Heeres führte reichsweit dazu, dass 270 Orte neue Garnisons- standorte werden wollten – Donaueschingen setzte sich durch. Nach dem Stadtbrand von 1908 war die Donaueschinger Stadtkasse aber arg ge- schwächt, so übernahm das Militär sämtliche Kosten für die Kasernenbauten. Die Friedenspräsenzstärke der Truppe lag zu Beginn bei 900 Soldaten. Schon 1911 inspizierte Kaiser Wilhelm II. persönlich die Baracken. Aus finanziellen Gründen blieb es zunächst bei dieser mehr provisorischen Unterkunft mit allerdings eigener Kantinenwirtschaft. Bereits am 6. August 1914, drei Tage nach der Kriegserklärung gegen Frankreich, zogen die in Donaueschingen stationierten Soldaten in den Ersten Weltkrieg. 1918 waren bei 4.000 Einwoh- nern bereits 2.000 Soldaten in Donaueschingen stationiert. Durch den Versailler Vertrag und die fixierte Verkleinerung des Heeres nach dem Ersten Weltkrieg verblieben in Baden bis 1936 lediglich drei Standorte. Einer davon war als westlichster Militärstandort Deutschlands die Fürstenberg- Kaserne. Das Regiment 112 kehrte 1919 nach Donaueschingen zurück. Während des Ersten Weltkrieges entstanden die ersten festen Gebäude der Infanterie Kaserne (Hindenburg-Kaserne). Nach 1933 wurden dann zwei weitere Kasernen gebaut, die Barbara- 159


Garnisonsstadt Donaueschingen Die Folgen des Bombenan- griffs im Zweiten Weltkrieg waren katastrophal, hier die Ecke Zeppelin- und Rosen- straße. Es sterben über 580 Menschen. Die meisten Häuser sind beschädigt – 124 völlig zerstört. Kaserne und die Fürstenberg-Kaserne. Ebenfalls das Heeres verpflegungsamt (Proviantamt), das ein ganzes Armeekorps mit Brot und Getreide versorgen konnte sowie das Standortlazarett, das im März 1938 fertiggestellt war. 1935 zieht das Artillerie-Regiment 5 ein und nimmt im Zweiten Weltkrieg an Russlandfeld- zügen teil. Am 9. Oktober 1935 folgt die 13. Kom- panie des Infanterie-Regiments 75, im Sommer 1938 dann werden die 15. und 16. Kompanie des Infanterie-Regiments 75 aufgestellt. Im August 1939 werden die Einheiten der Garnison an die französische Grenze verlegt, in den Kasernen for- mieren sich nun Ersatztruppenteile. Schwere Luftangriffe Dass Donaueschingen Standort der Kaserne war, musste die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg teuer bezahlen: Donaueschingen wird mehrfach bombardiert, der erste Luftangriff erfolgt am 2. Januar 1945, dabei kommen 96 Menschen ums Leben. Am 22. Februar greifen 14 Bomber die Innenstadt an, zerstören 38 Häuser vollständig und beschädigen 53. Es kommen weitere 339 Menschen ums Leben, darunter 165 Soldaten. Der letzte schwere Angriff auf die Stadt erfolgt am 25. Februar, als 36 Bomber erneut die Kasernenan- lagen bombardieren. Es sterben 136 Menschen. Am 20. April fallen Brandbomben auf die Stadt. 160 Bei Kriegsende sind von 1.200 Häusern 124 völlig zerstört, 276 schwer und 727 leicht beschädigt. In der Nacht des 20. April rücken die letzten deutschen Truppen aus Donaueschingen ab. Sie fliehen vor dem Einmarsch der Franzosen mit den Panzern der 19. Brigade de chasseurs à pieds am folgenden Tag. Ein schwieriger Anfang Das Ende des Zweiten Weltkrieges war da und damit kommt es zum Einzug der fanzösischen Besatzungsmacht. Der Anfang der französischen Garnison in Donaueschingen war sowohl für die deutsche als auch die französische Seite schwie- rig. Prof. Helmut König hat dieses Ereignis mit „Der Einmarsch“ überschrieben, er ist der Ver- fasser der im Donaueschinger Stadtarchiv ver- wahrten Jahreschronik. Gemeint war damit der Einmarsch der französischen Truppen in die zer- bombte Stadt am Samstag, 21. April 1945. Was folgte ist mit „schwieriger Zeit“ noch harmlos umschrieben – so die Erinnerung der Zeitzeugen. Der Platzkommandant Capitaine Godar hatte in den beiden unteren Stockwerken des Rathauses Büros für das französische Militär einrichten lassen. Er selbst und sein Stab hatten ihr Büro im Sitzungssaal. Die ausgedehnten Mi- litäreinrichtungen kamen in französische Hand; so die Hindenburg-, Barbara- und Fürstenberg


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Kaserne, das Lazarett am Buchberg, die Heeres- bäckerei und das Proviantamt, das Heereszeug- amt im Pfaffental und auch das Wehrbezirks- kommando. Die in Donaueschingen stationier- ten Truppenteile wechselten in der Anfangszeit häufig. Marokkaner sind gefürchtet Als zum Jahresende 1955 Pläne zur möglichen Stationierung marokkanischer Truppen bekannt wurden, stemmten sich Stadt und Landkreis mit vereinten Kräften gegen deren Realisierung. Al- le Bemühungen waren vergeblich: Anfang 1956 übernahm das 4. marokkanische Schützen regi- ment („4. Regiment de tirailleurs marocains“) die Garnison Donau- eschingen. 1960 erhiel- ten die marokkanischen Schützen durch ein wei- te res, aus Reutlingen hier her verlegtes Ma- rokkaner-Regiment Ver- stärkung. Die Tirailleurs marocains gehörten zu den französischen Kolo- nialtruppen, die sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg zum Marokkanischer Soldat. 1945 wurde aus der Barbara Kaserne die Caserne Foch. 1948 (Bild) erhielt diese auch einen repräsen- tativen Eingang. Einsatz kamen. Befehligt wurden all diese Trup- pen von französischen Offizieren. Das Verhältnis zwischen Garnison und Bevöl- kerung war jetzt mehr als gespannt. Nicht ohne Grund: Kleinkriminalität und Belästigungen und auch Straftaten aller Art häuften sich. Frauen und Mädchen wagten sich nachts kaum noch auf die Straße. Unter diesen Gegebenheiten war die Gar- nison für die Stadt eine schwere Last und ins- gesamt ein „ungeliebtes Kind“. Es verwundert deshalb nicht, dass die Stadt die Pläne für den Neubau der Wohnungen am Hindenburgring mit der bekundeten Befürchtung ablehnte, dass dann noch mehr „farbige“ Truppenteile nach Do- naueschingen verlegt werden könnten, was 1960 dann auch der Fall war. Als 1962 gar eine neue Kaserne im Pfaffental für 300 weitere Soldaten geplant wurde, lehnte die Stadt diese Planung mit dem Hinweis ab, dass für Donaueschingen drei Kasernen ausreichend seien. Im Gegensatz zur Ablehnung des Wohnungsbaus war die Stadt mit der Ablehnung dieses Projekts am Schluss sogar erfolgreich. Zu vermuten ist aber, dass das Vorhaben nicht wegen der Proteste der Stadt, sondern aus ganz anderen Gründen letztlich nicht verwirklicht wurde. 161


Garnisonsstadt Donaueschingen 162 Oben: Oberbürgermeister a. D. Dr. Bernhard Everke, Bürgermeister Bernhard Kaiser und Oberbürgermeis- ter Thorsten Frei mit dem Standortältesten Colonel Eric Natta und Frau Natta. Mitte oben: Aufmarsch zum feierlichen Appell vor dem Schloss aus Anlass des Kommandowechsels beim 110. französischen Infanterieregiment. Mitte unten: Ehemalige Mitglieder der Fremden- legion treffen sich in der Caserne Foch zu einer Ge- denkfeier. Unten: Die deutsch-französische Brigade. Jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Auch in dieser Angelegenheit muss dies wohl so gesehen werden. Die heftige Donaueschinger Abwehrreaktion im Vorfeld der Stationierung marokkanischer Soldaten in der Stadt dürften auf die Erinnerung an ungute Vorfälle mit Sol- daten der französischen Kolonialtruppen am En- de des Zweiten Weltkriegs und vielleicht auch noch auf die Propaganda in nationalsozialisti- scher Zeit gegen die farbigen Truppenteile in der franzö sischen Armee zurückzuführen gewesen sein. Nicht alle Donaueschinger haben die Vorfälle mit marokkanischen Soldaten so dramatisch ge- sehen wie diejenigen, die diese Vorfälle penibel auflisteten. Dies wird aus der Reaktion auf einen im Mai 1960 in einer Donaueschinger Tageszei- tung erschienenen Leserbrief deutlich, in dem die Frage gestellt wurde, ob die Donaueschinger Vereine nicht über Selbsthilfemaßnahmen nach- denken müssten. Führende Repräsentanten der Donaueschinger Vereine haben damals gegen solche Überlegungen klar Stellung bezogen und von unüberlegtem Handeln abgeraten. Trotzdem muss es eine solche Entwicklung gegeben haben. Hauptmann Oliver Ochs, der vermutlich auch Einblick in französische Quel- len hatte, führte in seinem Buch zur Garnison Donaueschingen nämlich aus, dass die Zwi- schenfälle mit marokkanischen Soldaten derart eskalierten, dass sich Bürger der Stadt in Grup- pen zusammenschlossen und regelrecht „Jagd“ auf diese machten. Auch sei es zu zahlreichen


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Begrüßungsappell für französische Soldaten aus Anlass der Rückkehr von einem Einsatz in Afrika. Schlägereien gekommen. Teilweise hätten es die marokkanischen Soldaten kaum mehr gewagt, alleine in die Stadt zu gehen. Die jahrelangen gemeinsamen Bemühungen der Stadt und des Donaueschinger Landrats- amtes um den Abzug der französischen Koloni- altruppen hatten schließlich doch Erfolg. Am 30. Juni 1964 wurde das 4. R.T.M. aufgelöst, dessen letzter Kommandeur Colonel P. L. Barthelemy war. Gleichzeitig übernahm das 110. Motorisier- te Infanterieregiment (110. Regiment d’Infanterie Motorisée) die Garnison. Jetzt entwickelten sich zwischen der französischen Garnison und der Donaueschinger Bevölkerung gute Kontakte und ein einvernehmliches Miteinander. Die deutschen Soldaten kehren zurück – Jägerbataillon 292 Donaueschingen Die ersten deutschen Soldaten am Standort Donaueschingen nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten zur Panzerpionierkompanie 550. Die- se Einheit war am Standort Donaueschingen 1990 neu aufgestellt worden. 1992 erfolgte de- ren Verlegung an den Standort Immendingen. 1993 wurde dann das Jägerbataillon 292 aus dem Jägerbataillon 552 in Böblingen und dem Panzergrenadierbataillon 292 in Immendingen gebildet und als Jägerbataillon 292 in Donau- eschingen in Dienst gestellt. Damit begann ein neuer Abschnitt Donaueschinger Garnisonsge- schichte. Beide Truppenteile sind Bestandteil der Deutsch-Französischen Brigade. Heute ist Donaueschingen schon über 20 Jahre Heimat- standort des Jägerbataillons 292. Die Stadt hofft, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. Das 110. Infanterieregiment – ein Traditionsverband der französischen Armee Einer der Kommandeure, Colonel Pierre Mignot, hat 1987 die Geschichte des 110. Infanterieregi- ments schreiben lassen, die über 300 Jahre zu- rückreicht und die Geschichte aller französischen Einheiten mit der Regimentsnummer 110 um- fasst. Nach Jean-Luc Mordefroid, dem Verfasser des Buches, kämpften die ersten Regimenter mit dieser Nummer schon im Spanischen Erbfolge- krieg; ebenfalls im amerikanischen Unabhän- gigkeitskrieg gegen England und das Regiment „Port-au-Prince“ in der ehemaligen Kolonie Saint-Domingue, dem späteren Haiti. Nach der Französischen Revolution kämpfte das Regiment im Bürgerkrieg auf Seiten der Re- 163


Garnisonsstadt Donaueschingen Empfang in den Donauhallen anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Das Foto zeigt v. links Generalkonsul Charbonnier, Colonel Wallerand de Madre, Donaueschingens Oberbürgermeister Thorsten Frei und Brigadegeneral Gert-Johannes Hagemann. volutionsregierung. Am Sieg in der Schlacht bei Fleurus, eine Gemeinde in der belgischen Provinz Hennegau, gegen die Österreicher war das Re- giment direkt beteiligt. Der Gedenktag an diese siegreiche Schlacht feierten die Donaueschinger Franzosen jährlich mit dem Regimentsfest, das mit dem Namen von Fleurus verbunden wurde. Im Ersten Weltkrieg war das Regiment in den Schlachten von Verdun, an der Somme und in Flan- dern eingesetzt; im Zweiten Weltkrieg im Raum Chastre. Von 1955 bis 1961 kam es im Algerienkrieg zum Einsatz. Seit 1964 war dieser Truppenteil der französischen Armee in Donau eschingen statio- niert. Vor Donaueschingen hatte es viele andere Standorte. Über einen längeren Zeitraum hinweg war dies Dunkerque an der Kanalküste. Ein Erfolg auf Zeit Mit der Einbeziehung des 110. Infanterieregi- ments in die am 2. Oktober 1989 offiziell aufge- stellten Deutsch-Französischen-Brigade hatte dieses und damit der Standort Donaueschingen 164 gewissermaßen eine Lebensversicherung, mein- ten die Donaueschinger und auch der damalige Donaueschinger Bürgermeister Dr. Bernhard Everke. War diese doch Wegbereiter einer ge- meinsamen europäischen Verteidigung. Dass die Deutsch-Französische Brigade trotz- dem nicht unantastbar war, musste dann Ever- kes Nachfolger Thorsten Frei erfahren: 2008 hatte der französische Staatspräsident die fes- te Absicht, diese den finanziellen Notwendig- keiten zu opfern. In Donaueschingen schrillten nicht nur die Alarmglocken, es liefen auch die Telefonverbindungen und die PC-Drucker heiß. Thorsten Frei kontaktierte die Bundeskanzlerin und sprach sogar beim französischen Verteidi- gungsstaatssekretär in Paris vor. Er hatte Erfolg: Dr. Franz Josef Jung, damals Bundesminister der Verteidigung, ließ in der Pressemitteilung seines Ministeriums vom 7. Februar 2009 diesen Erfolg verkünden. Während der 45. Münchner Sicher- heitskonferenz hatten Angela Merkel und Nico- las Sarkozy mit der Stationierung einer Bundes- wehreinheit in der Nähe von Straßburg die Zau- berformel für den Fortbestand der Deutsch-Fran-


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Zum feierlichen Gelöbnis der Deutsch-Französischen Brigade kam am 9. September 2009 Bundesverteidigungs- minister Franz Josef Jung nach Donaueschingen. Minister Jung schreitet hier zusammen mit dem Bataillons- kommandeur und Oberbürgermeister Thorsten Frei die Front ab. zösischen Brigade gefunden. Als Gegenleistung beließ Frank reich das 110. Infanterieregiment in Donaueschingen. Nach heutigem Kenntnisstand war dies allerdings nur ein Erfolg auf Zeit. Abschied und Neubeginn Für die deutschen und die französischen Do- naueschinger waren es bewegende Stunden, als sie im Juni 2014 voneinander Abschied neh- men mussten. Dies zuerst am Sonntag, 22. Juni 2014, mit einem Gottesdienst in der Stadtkirche St. Johann, in dem auch der im Dienst und im Auslands einsatz verstorbenen und gefallenen Soldaten gedacht wurde. Am Montag, 23. Juni 2014, trug sich beim Empfang im Rathaus der Chef des scheidenden Truppenteils, Colonel Olivier Waché, ins Golde- ne Buch der Stadt ein. Danach sahen die Donau- eschinger und die zahlreichen auswärtigen Gäs- te die Parade des scheidenden Regiments von der Kaserne durch die Stadt zu den Donauhallen mit der Militärkapelle Musique de la 9ème Briga- de d’infanterie de Marine und der bretonischen Formation Sonnerie du Bagad. Auf dem Platz vor den Donauhallen verabschiedet sich das Regi- ment von der Standortgemeinde mit einem fei- erlichen Appell. Beim Empfang der Stadt für Soldaten und Gäste im Bartók Saal der Donauhallen gab es An- sprachen von Oberbürgermeister Erik Pauly und Colonel Waché mit gegenseitigen Dankadressen für das fünfzig Jahre dauernde gute Miteinan- der am Standort Donaueschingen. „Es geht nicht nur um das Finanzielle und das Militärische, ein wichtiges Stück deutsch-französischer Freund- schaft geht zu Ende“, betonte OB Erik Pauly. Der rein militärische Schlusspunkt wurde am Dienstag, 24. Juni 2014, mit dem offiziellen Auflö- sungsappell in der Foch-Kaserne gesetzt. Damit fand die 242 Jahre dauernde Tradition des 110. Infanterieregiments ein Ende. Es hätte auch ganz anders sein können. Am 1. Juli hätten Regiment und Stadt nämlich ge- meinsam das 50-jährige Jubiläum der Anwesen- heit in Donaueschingen feiern können – als Fest der Freude und ein Fest unter Freunden. 165


Garnisonsstadt Donaueschingen „Unser letzter Gruß gilt der Stadt und dem Jägerbataillon 292 – unserer Stadt und unserem Schwesterbatail- lon,“ sagt der letzte französische Colonel in Donaueschingen, Olivier Waché (links), der hier beim Abschieds- appell Oberbürgermeister Erik Pauly das Wappen seines nun aufgelösten Regiments überreicht. Erik Pauly: „Als Soldaten, als Touristen, als Menschen sind Sie uns jederzeit mit ganz offenen Armen willkommen.“ Erste Schritte in Richtung Konversion Die Schockstarre nach der Auflösung des fran- zösischen Teils der Garnison Donaueschingen hat bei den politisch Verantwortlichen nur kurz angehalten. Schon bald unternahm die Stadtpo- litik ihre ersten Schritte in Richtung Konversion. Die von der Stadt nun zu lösende Aufgabe ist ge- waltig: Die vom französischen Militär zwischen der Villinger- und Friedhofstraße genutzte Flä- che umfasst rund 15 Hektar. Darauf stehen 49 Gebäude – 19 Funktionsgebäude und 30 Wohn- häuser mit rund 160 Wohnungen. Hinzu kom- men noch weitere 90 Wohnungen außerhalb des Konversionsgeländes. Ideen zur künftigen Nutzung gibt es schon viele, und die Bereitschaft der Donaueschinger, sich in die Zukunftsüberlegungen für ihre Stadt einzubringen ist groß. Von der Möglichkeit, in der „Zukunftswerkstatt Konversion“ mitzuarbeiten, wurde jedenfalls ausgiebig Gebrauch gemacht. Es ist ein guter Anfang gemacht, und es wird jetzt Hauptaufgabe von Gemeinderat und Ver- 166 Abschiedsempfang im Donaueschinger Bürgersaal. Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit Dr. Bern- hard Everke, OB im Ruhestand. waltung sein, aus dem großen Berg der Ideen, die „Edelsteine“ herauszusieben, deren weitere Bearbeitung sich lohnt.


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Der Auflösungsappell in der Foch- Kaserne setzte am 24. Juni 2014 den Schlusspunkt in der Geschichte des 110. Infante rieregiments. 167


Garnisonsstadt Donaueschingen 168 Es war ein schmerzhafter Abschied unter Freunden. Beim Abschiedsappell am 23. Juni 2014 wehte die Fahne des 110. Infanterieregiments ein letztes Mal bei einer öffentlichen Veranstaltung. Fast hätten das Regiment und die Donau eschinger noch das 50-jäh- rige Bestehen ihrer Freundschaft feiern können, am 1. Juli 2014 wäre es soweit gewesen, wie die T-Shirts auf dem Foto links dokumentieren. Doch das 750 Soldaten starke Regiment wurde nach fast 250 Jah- ren Existenz aufgelöst. Die Bildfolge zeigt die Abschiedsparade durch die Stadt Donaueschingen, verfolgt von mehreren hundert Einwohnern. Vor dem Rathaus spielte aus diesem Anlass ein letztes Mal die französische Militärkapelle. Voll besetzt war die Donauhalle beim abschließenden Festakt. Oberbürgermeister Erik Pauly betonte: „Aus meiner Sicht war es eine falsche Ent- scheidung“. Für diese klaren Worte erhielt er sponta- nen Beifall von allen Seiten.


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich 169


8. Kapitel Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Wie ein Kulturdenkmal nach 23.000 Arbeitsstunden in neuem Glanz erstrahlt Historische Narrozunft Villingen sanierte und baute die Historische Zehntscheuer um – Ein Kraftakt der besonderen Art von Dieter Wacker Wenn Peter die Säge ansetzte, Anselm den Hammer schwang, Michael den Bohrer kreischen ließ und Timo die Schrauben drehte – dann war Arbeitseinsatz in der Zehnt- scheuer. Sechseinhalb Jahre lang trafen sich fast jeden Dienstag und Donnerstag frei- willige Helfer der Historischen Narrozunft Villingen, um in dem alten Gemäuer an der Ecke Turmgasse/Rietgasse im Urvillinger Rietviertel zu werkeln. Zudem war eine ganze Reihe von Handwerksbetrieben aktiv, denn nicht alle Arbeiten konnten oder durften die ehrenamtlichen Arbeiter selbst machen. Insgesamt waren, so zeigt die akribische Auflis- tung von Zunftmeister Joachim Wöhrle, die ganzen Jahre über 158 Freiwillige im Einsatz. Dabei wurde die schier unglaubliche Zahl von fast 23.000 Arbeitsstunden geleistet. Eine bis dahin in der Historischen Narrozunft Vil- lingen nie gekannte grandiose Leistung. Dass sich der Kraftakt am Ende gelohnt hat, ist bei allen Beteiligten unstrittig. Schließlich wurde mit der umgebauten und grundsanierten Zehntscheuer mitten im Herzen des historischen Villingen ein wahres Schmuckstück geschaffen. Darauf wie- sen auch alle hin, die Ende Oktober an der festli- chen Eröffnung des Hauses teilnahmen. Eindeutiges Votum für den Kauf Nach umfangreichen internen Diskussionen und Abwägungsprozessen kaufte die Historische Narro zunft Villingen, ein dem jahrhundertealten überlieferten Fastnachtsbrauchtum in der Zäh- ringerstadt verpflichteter Verein, im März 2008 das denkmalgeschützte Gebäude. Nicht ohne vorher die fast 4.200 Mitglieder auf einer eigens einberufenen Versammlung befragt zu haben. Und das Votum der Mitglieder war eindeutig pro Kauf. Ein alteingesessener Villinger, schon im- 170 mer der Narrozunft und der historischen Fasnet eng verbunden, war Besitzer des mächtigen und markanten Hauses im Riet. Für eine private oder gar wohnliche Nutzung war das Gebäude nicht geeignet. Die Sanierungsaufwendungen, vor al- lem auch unter den denkmalschützerischen Vor- gaben, für einen kommerziellen Investor völlig unattraktiv. Und so stand der Bau nach dem Auszug einer Weiterbildungseinrichtung mehr oder weniger ungenutzt da. Für 250.000 Euro überließ der Ei- gentümer die Zehntscheuer zu einem „Schnäpp- chenpreis“ der Historischen Narrozunft. Diese konnte zwischenzeitlich einen soliden Finanzie- rungsplan für Kauf und Umgestaltung vorlegen. In dessen Folge wurden bis zur Fertigstellung im Oktober 2014 zu der Kaufsumme nochmals Nach 23.000 freiwilligen Arbeitsstunden und sechs- einhalbjähriger Sanierung konnte die Historische Narrozunft im Oktober 2014 die Zehntscheuer als Zunfthaus in Betrieb nehmen.


x 171 171


Geschichte 158 freiwillige Helfer waren bei der Sanierung der Zehntscheuer im Einsatz. 450.000 Euro investiert. Die waren auch notwen- dig, um den Bau zu dem zu machen, was er heute darstellt: ein städtebauliches Juwel. Viel Geld verschlangen vor allem die ganzen sicherheitsrelevanten Maßnahmen. Schließlich soll die Zehntscheuer künftig nicht nur als Zunft- haus, sondern vor allem auch als Begegnungs- stätte für die Menschen dienen. Dazu sah sich die Narrozunft Villingen aufgrund der Bedeutung des Hauses verpflichtet. Die Zehntscheuer ist eines der wichtigsten historischen Kulturdenk- mäler nicht nur in der Stadt Villingen-Schwen- ningen, sondern in der gesamten Region. Und ge- rade deshalb genoss bei den Umbauarbeiten der Denkmalschutz absolute Priorität. Das Landes- denkmalamt und die untere Denkmalschutzbe- hörde waren von Beginn an in das Projekt invol- viert. Nachdem über das Gebäude relativ wenig bekannt war, gab die Narrozunft bei Burghard Lohrum, einem der namhaftesten Bauforscher, ein baugeschichtliches Gutachten in Auftrag. Dieses brachte doch einiges Licht ins historische Dunkel der Zehntscheuer. Gebäude diente der Uni Freiburg seit dem 15. Jahrhundert als Zehntscheuer Was das Haus besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass es seit dem 15. Jahrhundert der Universität Freiburg als Zehntscheuer dien- te. Vermutlich zu diesem Zweck wurde es ausge- baut und ein bereits damals bestehender turm- artiger Wohnbau integriert. Dieser, noch aus dem 13. Jahrhundert stammende Kernbau, lässt sich – trotz mehrfacher moderner Umnutzungen – heute noch leicht von innen und außen iden- tifizieren. Auffallend hier vor allem die dicken Die historische Zehntscheuer – Fotografie aus den 1950er Jahren. 172


x Mustergültig in Eigenregie saniert – nahezu alle Bauarbeiten leistete die Narrozunft selbst. Mauern und Rundbogeneingänge. Weshalb die Universität Freiburg gerade in Villingen ihre Zehntscheuer errichtete, ist hoch spannend, hat aber zugleich einen sehr lokalen Hintergrund. Der Gründer der Universität in der Breisgaume- tro pole stammte nämlich aus Villingen und lebte hier als angesehener Bürger. Er hieß Matthäus Hummel. Und als er im Jahre 1460 die Hochschu- le im nahen Freiburg ins Leben rief, war er auch deren ersten Rektor. Vermutlich aus Respekt und Dankbarkeit vor der großen Leistung des Sohnes der Stadt gab Villingen die Hälfte des eigenen Korn-Zehnten an die Universität Freiburg ab. Das Getreide wurde in der Zehntscheuer gelagert. 1595 zog während der Pestzeit die gesamte Uni- versität von Freiburg nach Villingen um und hielt hier für einige Jahre den Lehrbetrieb aufrecht. 1494 wird übrigens in einem Dokument in Villingen erstmals das Wort Fastnacht erwähnt, wodurch sich – historisch gesehen – mit dem Erwerb der Zehntscheuer durch die Historische Narrozunft irgendwie der Kreis schließt. Der Voll- ständigkeit halber: 1850 folgt die Zehntablösung, was bedeutet, die Abführung des Korn-Zehnten an die Universität Freiburg wird eingestellt. Damit verliert die Zehntscheuer nach fast 400 Jahren auch ihre entsprechende Bedeutung. Zunächst wird sie als Lagerhalle für diverse landwirtschaft- liche Produkte verwendet. Danach schließt sich eine lange Zeit der unterschiedlichsten Nutzun- gen an, bis zum Kauf durch die Historische Nar- rozunft 2008. Hohe Spendenbereitschaft Was folgte, war eine aufwändige und umfassen- de Sanierung des Gebäudes. Motor und Triebfe- der des Projektes: Joachim Wöhrle, der dynami- sche Zunftmeister des Narrenvereins. Er war sich allerdings von Anfang an der Tatsache bewusst, dass die Umsetzung dieses Jahrhundertwerkes nur durch die tatkräftige Unterstützung seiner Rats(Vorstands-)kollegen und der Mitglieder mög lich ist. Als unverzichtbar galt zudem eine hohe Spendenbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger sowie der heimischen und regionalen Wirtschaft. Dass am Ende alle gemeinsam an einem Strang zogen und sich damit die notwendigen Faktoren zu einem Ganzen fügten, das war einzig und alleine das Erfolgsgeheimnis. Zu der extrem hohen Arbeitsleistung der freiwilligen Helfer und der großzügigen Unterstützung durch das heimi sche Handwerk kam eine Spendensumme, die weit jenseits der 100.000 Euro-Grenze liegt. Geld in die Kasse brachte zudem eine Baustei- neaktion, um die sich viele Spender geradezu ris- sen. Diverse Benefizveranstaltungen, z.B. gleich zweimal mit Fastnachtsgrößen vom Bodensee bis Freiburg, mit den Villinger Kneipenfasnet- gruppen, mit der Stadt- und Bürgerwehrmusik, der Villinger Kultgesangsgruppe „Spittelsänger“ oder mit lokalen Comedy- und Bühnenfastnach- tern, taten dem Baukonto sehr gut. Prominente wie der ehemalige Ministerpräsident des Lan- 173


Geschichte Die Zehntscheuer dient als zentrales Haus der Zunft – als Zunftkammer, Archiv und Begegnungsstätte. des, Erwin Teufel, traten als Botschafter für das Zehntscheuerprojekt auf. Als Lohn für die Kraftanstrengung erhielt die Historische Narrozunft 2009 den baden-würt- tembergischen Ehrenamtspreis „Echt gut“. Un- ter 300 Angeboten im Bereich Sport und Kultur würdigte eine Fachjury das Zehntscheuer-En- gagement der Villinger Zünftler mit dem ersten Platz. Auch beim großen Vereinswettbewerb der Sparkasse Schwarzwald-Baar ging die Zunft mit der Zehntscheuer als Sieger hervor. Zentrales Haus der Zunft Die Zehntscheuer dient nun nach ihrer Fertig- stellung in erster Linie der Zunft als neues zen- trales Haus. Waren bisher die Zunftstube als Vereinsgaststätte, Kleiderkammer und Archiv in verschiedenen Gebäuden in der Stadt unterge- bracht, ist jetzt alles unter einem Dach vereint. Das Haus soll aber auch als Treffpunkt für Bürge- rinnen und Bürger aus der Stadt und der Region dienen. Geplant sind Kleinkunst-Veranstaltungs- reihen oder Kunstaustellungen. Im Erdgeschoss ist die neue, deutlich größere Zunftstube mit zwei Räumen untergebracht, die freitags und samstags nicht nur für Vereinsmitglieder da ist. Willkommen sind alle Gäste. Im 2. Obergeschoss gibt es einen zentralen Veranstaltungssaal mit Foyer und Theke, der bis zu 100 Besuchern Platz bietet. Hier finden vereinsinterne wie öffentli- che Events statt. Der Raum kann auch für pri- vate Feiern angemietet werden. Für Zunftstube und Veranstaltungsraum stehen entsprechende Küchenkapazitäten zur Verfügung. Im 1. Dachge- schoss fanden die Zunftkammer mit ihrem Fun- dus an Narrenhäsern, Schemen (Masken), Narro- rollen und diversen weiteren Utensilien und das zunfteigene Archiv neue Unterkünfte. Daneben gibt es im 1. Obergeschoss Räumlichkeiten für Gruppensitzungen, die Schesensammlung (alte 174


x Die Geschichte der Villinger Fastnacht hat in der Zehntscheuer gleichfalls eine Heimat gefunden. Kinderwagen) und Büros, das 2. und 3. Dachge- schoss verfügt über große Speicherkapazitäten. Knapp 1.000 qm Nutzfläche geschaffen All das wurde unter der Bauleitung des Villinger Architekten Peter Ettwein realisiert. Die größte Herausforderung lag sicher darin, einen hohen Qualitätsstandard und eine farbliche Abstim- mung der Bauteile wie Geländer, Treppenstufen, Bodenbeläge usw. zu erreichen. Wichtig war den Verantwortlichen, die exponierten alten Bau- teile, wie sichtbare Deckenbalken, Holzstützen oder Putzflächen, entsprechend zu präsentieren, diese aber auch mit modernen Elementen wie Stahl harmonisch zu verbinden. Dabei mussten jedoch immer die finanziellen Möglichkeiten des Vereins berücksichtigt werden. Als markante Bauaktivitäten gelten der Ein- bau einer Horizontalsperre gegen aufsteigende Feucht igkeit in Bruchsteinwänden, die Verbesse- rung der Statik – so musste ein tonnenschwerer Stahlträger eingezogen werden –, der Einbau eines Kleinlastenaufzuges unter Berücksichti- gung der denkmalpflegerischen Belange sowie die Installation einer Fußbodenheizung im Erd- geschoss. Aufgrund der öffentlichen Nutzung des Ge- bäudes wurde es mit den modernsten sicherheits- technischen Anlagen ausgestattet. Insgesamt stehen der Historischen Narrozunft in dem Haus knapp 1.000 qm Nutzfläche zur Verfügung. Dass der Traum Zehntscheuer für die Zunft Realität werden konnte, dafür gibt es für Zunftmeister Jo- achim Wöhrle im Rückblick eine höchst treffliche Beschreibung: „Man muss einfach manchmal ein paar verrückte Ideen haben, um etwas Vernünf- tiges zustande zu bringen.“ Panorama-Fotografie des Zunftmuseums. 175


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen Karl Albrecht, zum Zeitpunkt seines Todes mit einem Vermögen von über 18 Mrd. Euro der reichste Mann Deutschlands, hatte einen besonderen Bezug zu Donau­ eschingen. Dort baut er am Beginn der 1970er Jahre ein Auslieferungslager für Aldi Süd. Dann 1976 weiter das Hotel Öschberghof mit Golfanlage und schließlich auf dem großzügigen Areal ein eigenes Ferienhaus. Auf dem Golfplatz war der Milli­ ardär bis ins hohe Alter beim Golfen anzutreffen – auch beim Kirchgang in Aasen. Dass sich Karl Albrecht in Donaueschingen finanziell stark engagierte, geriet für die Region zu einem großartigen Glücksfall. Aldi-Mitgründer Karl Albrecht – ein großer Förderer des Standortes Donaueschingen. 176


„Und wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Auch das Online-Le- xikon Wikipedia weiß nicht, wem wir diese Zu- versicht spendende Weisheit eines Ano nymus verdanken. Tatsächlich erleben immer wieder Menschen, dass sich selbst in scheinbar tiefster Tristesse doch wieder eine Tür öffnet, sich eine neue Perspektiven vermittelt oder gar Rettung signalisiert wird. Doch wird ein solches Ereignis auch einer Stadt zuteil? Kann gar einer allein Ho- rizont und Hoffnung liefern gerade dann, wenn dieser Stadt „die Lichter auszugehen drohen“? Ja, Donaueschingen hat das so erlebt – dank Karl Albrecht. Der Unternehmer fand den Weg auf die Baar exakt in jener Zeit, als die Große Koalition Filbinger/Krause vor fast 45 Jahren mit ihrer ab- soluten Dominanz im Stuttgarter Landtag die baden-württembergische Kreisreform durch- setzte. Im Vollzug des „ersten Gesetzes zur Ver- waltungsreform (Kreisreformgesetz)“ vom 26. Juli 1971 gliederten zum 1. Januar 1973 CDU und SPD 28 kleine Landkreise in neu zugeschnitte- ne 35 große ein. Das kostete fast die Hälfte der bis dahin 63 Kreisstädte im Land ihren Status – darunter Donaueschingen. Aber in Südbaden auch Kehl, Lahr, Müllheim, Neustadt, Säckingen, Stockach und Wolfach. Der Verlust des Landkreises erfordert die Suche nach neuen Perspektiven Selbst die traditionell guten „Drähte“ des Do- naueschinger Fürstenhauses zu den Stuttgarter CDU-Ministerpräsidenten vermochten das Aus für den Landkreis Donaueschingen nicht abzu- wenden, obwohl er erst 34 Jahre zuvor aus dem „Bezirksamt Donaueschingen“ entstanden war. Allerdings zerfiel auch der anfangs flächende- ckende Protest von Gütenbach bis Möhringen, von Hammereisenbach bis Epfenhofen und von Öfingen bis Unadingen gegen die Auflösung. Das Obere Bregtal um Furtwangen fand sich mit dem Stuttgarter Diktat ab und orientierte sich rasch Richtung Villingen-Schwenningen. Und an der jungen Donau blickten Geisingen, Immendingen und Möhringen ebenso flugs nach Tuttlingen. Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen „Sehr viel Glück gehabt“ Karl Albrecht (1920-2014) und sein jüngerer Bruder Theo (1922-2010) sind im Essener Ar- beiterviertel Schonnebeck aufgewachsen. Der Vater war gelernter Bäcker, Karl Albrecht sen. macht sich 1913 als Brothändler selbstständig – seine Frau Anna eröffnet unter dem Namen ihres Mannes einen kleinen Tante-Emma-La- den. Auf den Besuch der Volksschule folgt eine Lehre als Verkäufer. 1939 nimmt Karl Albrecht am Russland-Feldzug teil und wird an der Ost- front verwundet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernimmt er mit Bruder Theo 1945 das elterliche Lebensmittelgeschäft und gründet mit ihm die Albrecht KG. Es beginnt eine beispiellose Erfolgsge- schichte: 1961 trennen die Brüder Aldi in zwei Teile nördlich und südlich der Ruhr. Karl Alb- recht übernimmt Aldi Süd, Theo Albrecht Al- di Nord. Den ersten Aldi-Markt eröffnen die Brüder 1962 in Dortmund – den Namen Aldi leiteten sie von „Albrecht-Diskont“ ab. Karl Albrecht lebte sehr zurückgezogen und bescheiden. Neben dem Golfsport wird ihm als Hobby das Züchten von Orchideen zugeschrieben. Kurz vor seinem Tode gab er der Frank- furter Allgemeinen Zeitung sein bislang ein- ziges Interview, in dem er unterstreicht: „Ich habe sehr viel Glück gehabt“. Und dass es sein Antrieb gewesen sei, auch Kunden mit sehr begrenztem Einkommen den Kauf guter Le- bensmittel zu ermöglichen. Das Vermögen seiner Unternehmensgrup- pe ALDI SÜD kontrollieren zwei Stiftungen. Als „harter Kern“, der bis zuletzt für den Fortbestand des Landkreises Donaueschingen kämpfte und am 31. Dezember 1972 mit Wehmut von ihm Abschied nahm, erwies sich schließlich nur das Städteviereck in der Mitte und im Süden: Blumberg, Bräunlingen, Donaueschingen und Hüfingen. Auch hier sah man sich prosperieren- 177


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte der Zukunftshoffnungen beraubt, während sich die „Hauptstädte“ der neuen Großkreise ihrer wachsenden Bedeutung erfreuten. Was neben vielen anderen Stadtoberhäup- tern auch den damals seit fast 20 Jahren am- tierenden, parteilosen Donaueschinger Bürger- meister Robert Schrempp verdross: nun nicht mehr Oberhaupt einer Kreisstadt zu sein und das Landratsamt brigachaufwärts in das nun vier Mal so große und gleich zum Oberzentrum ge- liftete Villingen-Schwenningen unwiderruflich entschwinden zu sehen. Erst 20 Jahre später und erst unter seinem Nachfolger Dr. Bernhard Everke überschritt Donaueschingen die 20.000-Einwoh- ner-Marke und wurde so zum 1. Juli 1993 wenigs- tens wieder Große Kreisstadt. Aldi sucht Standort für ein Auslieferungs lager im Süden Baden-Württembergs Nicht nur das Licht der eingangs zitierten Weis- heit, sondern gleich ein ganzer Scheinwerfer kam für das durch den Verlust an politischem Gewicht und am Status als Behördenstadt tief deprimier- te Donaueschingen exakt in jener Zeit aus Mül- heim an der Ruhr: aus der Firmenzentrale von Aldi-Süd, des mit seinem Marktkonzept höchst erfolgreichen und deshalb rasch wachsenden Discount-Konzerns. Mit der Bereitschaft seines Eigners Karl Albrecht zu einem Millionen-Invest- ment, das nicht nur den Kommunalpolitikern damals fast wie ein Wunder erschien. Doch Al- di-Süd verfuhr für die Belieferung seiner auch in Baden-Württemberg rapide zunehmenden Zahl von Läden jedes Jahr Millionen von Kilometern, weil der Firma südlich seiner Dependance in Ketsch bei Mannheim ein leistungsfähiges Aus- lieferungslager fehlte. Karl Albrecht, Bruder seines 2010 verstorbe- nen Firmenmitgründers und Aldi-Nord-Chefs Theo Albrecht, suchte deshalb zu Beginn der siebziger Jahre nach einem geeigneten Stand mit zentraler Verkehrslage im Süden des Mus- terländles. Als man in mehreren Städten erst noch über ein Angebot an Albrecht nachdachte, han- delte Donaueschingen bereits. Bürgermeister 178 Schrempp informierte den Gemeinderat nichtöf- fentlich davon, dass die Aldi-Pläne doch gerade für seine Stadt am Schnittpunkt von gleich drei Bundesstraßen eine verkehrsgünstige Chance sein müssten. Und FDP/FWV-Jungstadtrat Hans- jürgen Bühler regte umgehend an, Karl Albrecht in Mülheim zu besuchen. Hansjürgen Bühler: „Die Chemie zwischen ihm und uns stimmte sofort.“ Eine Idee, die Schrempp sofort akzeptierte – in der vagen Hoffnung, der zurückhaltende Mil- liardär würde die Donaueschinger überhaupt empfangen. Doch die Zusage kam sofort und so machten sich Schrempp, Bühler und die wie Schrempp inzwischen ebenfalls verstorbenen Stadträte Manfred Eppel (SPD) und Otto Moser (CDU) noch 1971 auf den Weg ins Ruhrgebiet. Wo sie von Karl Albrecht sofort beeindruckt waren: „Ein zurückhaltender, netter Mann, kein Mana- gertyp“, wie sich der heutige Donaueschinger Ehrenbürger Hansjürgen Bühler an den Auftakt der Gespräche erinnert: „Die Chemie zwischen ihm und uns stimmte sofort.“ Den Aldi-Süd- Chef beeindruckte, auf wie kurzen Wegen er von Donaueschingen aus seine Läden tief im Süden beliefern könnte. Und dass sich bis dahin keine andere Stadt mit der Präsenz einer eigenen De- legation in seinem Haus so intensiv ums Aldi-En- gagement bemüht hatte. Karl Albrecht besucht Donaueschingen Karl Albrecht, damals knapp 50, kam nach Do- naueschingen, inspizierte und akzeptierte das ihm fürs Auslieferungslager angebotene große Areal an der Straße nach Pfohren unmittelbar an der heutigen B 27/33-Stadtumfahrung. Dort be- schäftigt die Aldi-Süd-Regionalgesellschaft Do- naueschingen inzwischen 200 Menschen – 160 in der Logistik und 40 in der Verwaltung. Vom mittlerweile mehr als 35.000 Quadratmeter großen Auslieferungslager, das noch 2014 um weitere 9.000 Quadratmeter Nutzfläche erwei- tert werden soll, beliefert Aldi nach Angaben


Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen Das Aldi-Auslieferungslager in Donaueschingen. Das 35.000 Quadratmeter große Lager bietet heute 200 Arbeitsplätze. seiner Firmenzentrale in Mülheim seine Läden zwischen Rottenburg im Norden, Mengen und Friedrichshafen im Osten, Gailingen und Laufen- burg im Süden und Titisee-Neustadt im Westen ständig mit mehr als 1.000 Standard-Artikeln (Trockensortiment, Kühl- und Tiefkühlware), mit den wöchentlichen Aktionsartikeln und mit dem Frischesortiment, das Obst und Gemüse, Brot und Kuchen und die sogenannten Bake-off-Zu- taten umfasst. Im Guten gelöst wurde damals Karl Albrechts Anliegen, möglichst wenig mit Lärm belästigt zu werden. Sorgen machte dem Unternehmer vor allem das Ziel der Landesregierung, der aus den Landkreisen Schwarzwald-Baar, Rottweil und Tuttlingen neugeschaffenen Region Schwarz- wald-Baar-Heuberg vor allem im Interesse des Oberzentrums Villingen-Schwenningen zu ei- nem Regionalflughafen mit einer B-737-fähigen 2.000-Meter-Piste zu verhelfen. Dafür bot sich aus der Perspektive des Landesentwicklungspla- nes der Verkehrslandeplatz Donaueschingen an, auch wenn dessen Bahn damals erst 800 Meter lang war. Die Sorge vor Fluglärm teilten viele „Eschin- ger“ mit Karl Albrecht – doch die Stadt konnte ihm nur zusagen, gegen den Ausbau zu kämp- fen. Dass sie den Ausbau verhindern werde, lag nicht in ihrer Hand – ist sie doch neben der Stadt Villingen-Schwenningen, den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Tuttlingen, dem Fürsten- haus und der Industrie- und Handelskammer nur einer der sechs Partner in der Flugplatz-GmbH. Karl Albrecht stimmte wie Ende der siebziger Jahre schließlich auch die Mehrheit des damals CDU-beherrschten Gemeinderates einem soge- nannten Sicherheitsausbau zu, in dessen Vollzug 179


Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen die Piste nur um 490 Meter verlängert und um 10 auf 30 Meter verbreitert wurde. Der „Öschberghof“ entsteht Ein Golfplatz am „Aasener Kapf“ Als er sich schon für Donaueschingen entschie- den hatte, verriet Karl Albrecht seinen Gastge- bern en passant, er sei passionierter Golfer. Und „wenn er sich das mal leisten“ (!) könne, stapelte der Begüterte damals tief, sei es durchaus denk- bar, dass er sich irgendwann auch einen Golf- platz baue. Auch da konnte ihm, aufs Neue be- glückt, das Donaueschinger Rathaus umgehend helfen: mit Areal-Angeboten am Schellenberg, am Flugplatz und an jenem „Aasener Kapf“ öst- lich der Kreisstraße zum Stadtteil Aasen, an dem sich der Aldi-Süd-Eigner dann seinen Herzens- wunsch erfüllte. Weil dort nur ein Teil des Geländes der Stadt gehörte, der Rest aber von Landwirten aus Aasen und Pfohren erworben werden musste, zeigte sich der Investor großzügig: Er zahlte das Dop- pelte des unter den Bauern üblichen Quadratme- terpreises – und im Einzelfall legte er sogar noch was drauf. Und er akzeptierte, dass der Golfplatz nicht als Firmenanlage erschien, sondern zumin- dest zunächst vom Vorstand des Golfclubs ge- führt wurde. So entstand der von Anfang an ambitionierte 18-Loch-Golfplatz auf riesigen 105 (heute sogar 200!) Hektar samt großzügiger Caddyhalle – al- les „eingebettet in die sanften Hügel der Baar“, wie der „Land- und Golfclub Öschberghof“ die Anlage auf seiner Homepage preist. Stadtrat Bühler wandte sich von Anfang an und mit Erfolg gegen Albrechts Vorstellung, den – heute zusätz- lich auch eine 9-Loch-Anlage bietenden – Golf- platz elitär einzuzäunen. Er erreichte, dass man den Golfplatz auf einem offenen Spazierweg um- runden kann, was Spaziergänger ebenso erfreut wie die Jogger. Zehntausende neu gepflanzter Bäume bestücken die nachhaltig konzipierte und sorgsam gepflegte Anlage auf diesem landwirt- schaftlich zuvor nicht sonderlich ergiebigen Are- al, auf der jährlich 50.000 Runden Golf gespielt werden. Nun soll sie auf sogar 36 Loch erweitert werden! 180 Mit dem Golfplatz wurde im Sommer 1976 dann auch Karl Albrechts dritte Großtat als Inves- tor in Donaueschingen eingeweiht – das Hotel „Öschberghof“, heute eines der beiden Vier-Ster- ne-Häuser der Stadt am Donau-Ursprung. Der „Öschberghof“ beherbergt und bekocht freilich längst nicht nur Golfer und Hotelgäste aus al- ler Welt, sondern auch viele Konferenz- und Tagungsteilnehmer. Und jene Fußballstars, die mit ihren Teams zur Saisonvorbereitung samt Testspielen im Anton-Mall-Stadion nach Donau- eschingen kommen. Das Hotel bietet auf drei Etagen in 73 Zim- mern 129 Betten, soll aber wegen der auf 33.000 Übernachtungen je Jahr gestiegenen Frequenz um 45 Zimmer erweitert werden. Streng gesichertes privates Domizil Neben dem Hotel hatte sich Karl Albrecht ein streng gesichertes privates Domizil geschaffen. Gelegentlich golfte er auch im Alter noch selbst. Und manchmal besuchte er in Aasen den Sonn- tagsgottesdienst und setzte sich hernach einfach so zu den Einheimischen an den Stammtisch. Kaiser: „Wichtige Impulse gesetzt“ Bürgermeister Bernhard Kaiser (62) ist auf der rathäuslichen Chefetage seit 1983, also seit 31 Jahren und damit ebenso lang wie der frühere Bürger- und Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke (1973-2004), aufs Engste mit dem Alb- recht- und Aldi-Investment in Donaueschingen befasst und vertraut. Er bilanziert rundweg, Karl Albrecht habe „mit seiner Entscheidung, nach Donaueschingen zu kommen, wichtige Impulse gesetzt“. Nicht nur mit der Handelsniederlassung, sondern „ganz wesentlich und viel augenfälliger mit dem ‚Ösch- berghof‘ samt seinen weitläufigen Golfanlagen und dem Wellnessbereich – eine Anlage, die in weitem Umkreis keine Vergleiche zu scheuen braucht“.


Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen Der Öschberghof mit Golfplatz sind für die Stadt Donaueschingen ein außerordentlicher Glücksfall. Und Kaiser geht davon aus, dass das Unter- nehmen in „diese für uns außerordentlich wich- tige Infrastruktureinrichtungen“ in absehbarer Zeit erneut investieren wird mit weiteren po- sitiven Auswirkungen auf Donaueschingen als Wirtschaftsstandort“. Wie viel Albrecht damals in Mark und bis heute in Euro in Donaueschingen investiert hat, ist nicht zu erfahren – es wird ein hoher zweistelliger Millionenbetrag sein. Als Karl Albrecht als mutmaßlich reichster Mann Deutschlands am 16. Juli 2014 mit bibli- schen 94 Jahren in Essen starb, gedachte die Stadt Donaueschingen dankbar seines ökonomi- schen Engagements auf der Baar. In der Erinne- rung an diesen leisen und bescheiden lebenden, zusammen mit seinem – 1971 entführten und gegen sieben Millionen Mark freigepressten – Bruder Theo aber kaufmännisch genialen Mann. Und man war sich einmal mehr des Glücksfalls bewusst, den Karl Albrechts Ja zu dem ihm zu- nächst fernen, dann aber bald vertrauten Do- naueschingen vor gut vier Jahrzehnten bedeutet hat und das über seinen Tod hinaus gewiss noch lange bedeuten wird. Gerhard Kiefer (1971 bis 1988 Redaktionsleiter der Badischen Zeitung in Donaueschingen) 181


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte 182 182


100 Jahre Erster Weltkrieg Im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis verlieren über 3.250 Jungen und Männer an der Front ihr Leben Die Kriegserklärung trifft die Bevölkerung am 1. August 1914. Die Furtwanger Stadtchronik erzählt den Ablauf dieses Tages stellvertretend für alle Orte im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis: „Am Samstag nachmittag wurde die Mobilmachung angeordnet, die hier nach 6 Uhr abends bekannt gegeben wurde. Polizeisergeant Kienzler in Begleitung eines Hornisten (Friedolin Scherzinger) und eines Trommlers (Karl Wilhelm) unter Vorantragung einer badischen und einer Reichsfahne vollführte die Bekanntgabe. Auf ihrem Gange durch die Stadt wirbelte der Tambour, bei ihrem Halt gab der Hornist das militärische Signal ‚Geh vor, geh langsam vor‘, worauf Polizeisergeant Kienzler mit schneidender Stimme verkündete: ‚S. M. der Kaiser hat die Mobilmachung befohlen‘.“ Der Erste Weltkrieg ist da, der ca. 3.275 Soldaten aus den damaligen Landkreisen Villingen und Donaueschingen das Leben kosten wird – insgesamt sind es über 17 Mio. Tote. 183 183


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Menschenauflauf in der Oberen Straße in Villingen aus Anlass der Mobilmachung am 1. August 1914. Rechts: Bereit zum Krieg – wenige Tage später ziehen Soldaten durch Triberg. Am Bahnhof warten Züge für den Transport in Frontnähe. Die Geschichte des Ersten Weltkrieges für den Schwarzwald-Baar-Kreis – vielmehr für die frü- heren Landkreise Donaueschingen und Villingen – ist noch nicht geschrieben. Erstmals wurden für die früheren Landkreise durch den Almanach die Kriegstoten insgesamt genauer ermittelt. Auf den Denkmälern und Mahnmalen, die an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnern, verblasst mancherorts bereits die Schrift. Einige Mahnmale wurden bereits im Dritten Reich zur Metallgewinnung für Kriegszwecke wieder ab- gebrochen, so in Vöhrenbach. Die Erinnerung an diesen Krieg ist meist nur noch dort lebendig, wo sie mit Angehörigen oder besonderen Ereignis- sen verknüpft ist. Der Erste Weltkrieg hat in der regionalen Geschichtsschreibung deutlich weniger Spuren hinterlassen, als es für das Dritte Reich der Fall ist. Die Kriegsereignisse sind meist in den Orts- chroniken verarbeitet, nur wenige Städte und Gemeinden haben eine eigene Schrift aufgelegt: 184 Villingen-Schwenningen und das kleine Buchen- berg, wo im Dorfmuseum zudem eine Ausstel- lung präsentiert wird, sind die Ausnahmen. Eine Besonderheit kann Furtwangen vorwei- sen: Maria Grieshaber verheiratete Kremling hat dort einen nicht nur mit Blick auf unsere Regi- on großartigen Bilderschatz zum Alltagsleben in den Weltkriegsjahren hinterlassen (s. S. 190). Weiter ist 2014 eine 50-seitige Sonderbeilage der Tageszeitung SÜDKURIER erschienen, in der ne- ben Historikern auch Enkelinnen und Enkel von Kriegsopfern zu Wort kommen und Interessan- tes über den Krieg im heutigen Schwarzwald- Baar-Kreis nachgelesen werden kann. Und es gibt unzählige private Quellen: Meist Feldpostbriefe, denn im Ersten Weltkrieg konnte erstmals dau- erhaft und zuverlässig über Briefe der Kontakt zu den Angehörigen an der Front und in der Heimat gehalten werden. In vielen Familienalben und Fotoschatullen finden sich außerdem Dutzende von Fotografien: Der Erste Weltkrieg ist der erste Krieg, aus dem es Fotografien gibt. „Eine Woge gewaltiger Begeisterung“ Voller Patriotismus sind die Deutschen in diese Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts gezogen,


100 Jahre Erster Weltkrieg wie es der amerikanische Historiker George F. Kennan formuliert hat. Diese Begeisterung spie- gelt die Reaktion auf die Kriegserklärung wider. Die Tageszeitung „Schwarzwälder“ berichtet am 1. August 1914 über die Ereignisse in Villingen: „Hier in unserer Stadt hatte das Gerücht ‚Mobil‘ natürlich allgemeine Erregung, aber keine Aufre- gung hervorgerufen. Als dann der Kriegszustand bekanntgegeben wurde, ging eine Woge gewal- tiger Begeisterung durch unsere Bevölkerung. Der Marktplatz wies das Leben eines Bienen- schwarms auf, überall wurden die Dinge beim Kaufhaus mit Interesse beobachtet.“ Dennoch kommt es zu Hamsterkäufen und zu einem Ansturm auf die Banken. Wie es in den Herzen der Menschen wirklich aussieht, lässt sich aus den staatstreuen und patriotischen Zeitungsmeldungen dieser Tage eben nicht herauslesen. Über Nacht kommt es zu großen Preis steigerungen, sie strapazieren die Famili- en enorm. In Schwenningen muss das Bürger- meisteramt die Versicherung abgeben, dass die Gemeinde sparkasse auch im Kriege geöffnet bleibt und dass die Gelder dort besser aufgeho- ben seien als zu Hause. Zahlreiche Opfer- und Sammeltage stellten die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung den gan- zen Krieg über immer wieder neu auf eine harte Links: Zur Versorgung der Zivilbevölkerung mit Le- bensmitteln muss auch der Schlossgarten in Donau- eschingen seinen Beitrag leisten. Er wird 1915 teils zu einem Kartoffelacker umfunktioniert. Rechts: Kriegshochzeit in Vöhrenbach und Abschied für immer? Zwei Schwestern mit ihren Männern und Kindern samt Großmutter in Furtwangen. Probe. Die Kriegsführung verschlingt Unsum- men. In einen Kriegsopferstock des Roten Kreu- zes durfte auf dem Marktplatz in Schwenningen jeder Spender einen Nagel einschlagen, einen großen oder kleinen, je nach Höhe seiner Gabe. Bei 6.000 Nägeln kamen 7.000 Mark für den Un- terstützungsfonds für Kriegerwitwen und -wai- sen zusammen. Jeden Sonntag standen Frauen und Kinder mit Sammelbüchsen auf den Straßen. Etwas fürs Vaterland zu geben war eine moralische Pflicht. Für insgesamt 98 Milliarden Mark zeichneten die Deutschen Kriegsanleihen, mit ihnen wurden ca. 60 % der Kriegskosten gedeckt (Quelle: Wi- kipedia). Zig-Millionen Mark stammen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Im Falle eines Sieges hätten die Anleger ihr Geld gut verzinst zurück- erhalten, durch die Niederlage war der Einsatz verloren. 185


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Links: Absturz eines deutschen Flugzeuges über dem Villinger Hubenloch. Der Schwarzwald war für die in Böblingen stationierten Flugschüler ein ideales Übungsgelände. Der Unfall ereignete sich bei einem verunglück- ten Landeanflug. Rechts: Mehrfach waren feindliche Flugzeuge über dem Schwarzwald und der Baar im Ein- satz. Am 2. September 1916 fallen Fliegerbomben auf Schwenningen, gerade als im Apollo-Lichtspielhaus in der Bürk straße die Kinovorstellung zu Ende ist. Fünf Bomben beschädigen die Häuser in der Umgebung des Kinos schwer, das Foto rechts zeigt einen der Trichter. Enorm schwierig ist Lage der Industrie. Sie stellt überall quasi über Nacht auf die Produk- tion von Kriegsgütern um: Zünder, Munition, Waffenteile oder ganze Waffen – es wird rund um die Uhr für die Kriegsmaschinerie gearbeitet. Der Verkauf und Export von regulären Waren bricht zusammen. Schwer getroffen ist vor allem die hiesige Uhrenindustrie, die vom Export lebt. Gravierender Mangel an Arbeitskräften Über den Krieg in Villingen und Schwenningen veröffentlicht Barbara Schneider 1998 ein Son- derheft im Rahmen der Reihe „Blätter zur Ge- schichte der Stadt Villingen-Schwenningen“. Was die Autorin beschreibt, trifft so auch auf die anderen Orte im Landkreis zu – überall ist die zi- vile Bevölkerung als „Heimatheer“ eingespannt: „Besonders gravierend wirkte sich der Man- gel an Arbeitskräften auf die Landwirtschaft vor allem in der Erntezeit aus, zumal die Sicherstel- lung der Ernährung der Bevölkerung in hohem 186 Maße vom sachgemäßen Einbringen der Ernte abhing. Aus diesem Grund wurde in Villingen sogar das Sonntagsarbeitsverbot eingeschränkt, damit die Bestellung der Felder und Gärten ohne Verluste verrichtet werden konnte. Im Haushalt war Ideenreichtum gefragt z.B. kamen die Kochkiste und die Sparpfanne als Kü- chenhelfer zum Einsatz, verschiedene Kochkurse informierten über die „Kriegsmäßige Sparsam- keit beim Kochen“ und über Neuheiten wie z.B. Ersatzverschlüsse aus Kork. Der etwas platte Ausdruck „Not macht er- finderisch“ trifft genau den Kern der Situation. Bald kamen Einmachtabletten und Saccharin zur Behebung der Zuckernot auf den Markt. Selbst Rosskastanien wurden gerieben, zu Kastanien- wasser aufgekocht und als Seifenlauge verwen- det. Kohlrüben waren ein Streckungsmittel für Marmelade, woraus das „Kriegsmus“ entstand. Im „Kohlrübenwinter“ 1916/17 erreichte die Ernährungslage in Deutschland einen katastro- phalen Tiefpunkt. Ab 1917 kam in Villingen der Aluminiumpfennig als Kriegsgeld in Umlauf.


Ganz besonders großen Wert wurde auf die Anla- ge von „Kriegsgärten“ gelegt, die ab 1915 jährlich prämiert wurden. Eine Fülle von Wohltätigkeitsveranstaltun- gen – Theater, Konzerte, Vorträge und Auffüh- rungen im Lichtspielhaus – gehörten während der Kriegszeit ebenso zum städtischen Leben wie die Arbeit des Frauenvereins, des Roten Kreuzes und die Versendung von Liebesgaben an die Sol- daten im Felde. Darüber hinaus engagierten sich Villinger und Schwenninger Firmen und Betriebe auf dem Gebiet der Wohlfahrt und der Fürsorge. Eine wichtige Aufgabe der Unternehmen lag in der sozialen Fürsorge für die Arbeiterschaft. Dies wurde natürlich in der Kriegszeit ganz besonders wichtig, um sich einen Stamm von Arbeitern zu erhalten. Zu den Maßnahmen und Einrichtun- gen zählten Fabrikkantinen und Kaffeeküchen, Erlass von Mieten, Geldunterstützungen für die Einberufenen und ihre Ange hörigen, Liebesga- bensendungen, Vorschüsse und Sanitätszimmer. Die Firma Junghans in Schwenningen übernahm beispielsweise 1918 eine Kriegspatenschaft für die Kriegswaisen ihrer Beschäftigten. Aber auch die Städte beteiligten sich an geregelten Fürsor- gemaßnahmen, z.B. wurde in Schwenningen ab 1915 die Kriegskrankenfürsorge für die Angehöri- gen der Einberufenen eingeführt. Erstmals Luftangriffe auf Dörfer und Städte Die eklatanten Versorgungsmängel, die täglich eintreffenden Todesnachrichten vom Feld, aber auch die Angst vor französischen Spionen, las- ten schwer auf der einheimischen Bevölkerung. Schließlich spürt man den Krieg durch die be- ginnenden Luftangriffe auch selbst als tödliche Gefahr. Der Erste Weltkrieg ist der erste Krieg, in dem Flugzeuge als Waffen eingesetzt werden. In Donaueschingen kommt es schon 1915 zu ver- einzelten Luftangriffen. 1916 dann werden durch Flugzeugbeschuss zwei Häuser in der Moltke- straße beschädigt. Zwei glimpflich verlaufene Angriffe also, wenn man sie mit den Bomben- angriffen auf Donaueschingen im Zweiten Welt- krieg vergleicht. 100 Jahre Erster Weltkrieg Der Schonacher Arthur Burger zieht als 17-Jähri- ger in den Krieg und fällt im Alter von 20 Jahren. Ein „Heldentod“ in Flandern Voller Patriotismus ist der Schonacher Arthur Burger wie so viele andere Deutsche in den Krieg gezogen – gerade 17 Jahre alt. Dreieinhalb Jahre lang überlebte er an der Front, bis am 25. April 1918 um 5.30 Uhr ein Artilleriegeschoss in nächster Nähe zu ihm einschlug und seinem Leben ein jähes Ende setzte. Unteroffizier Arthur Burger wird auf einem Waldfriedhof in Flandern im Einzel- grab Nr. 2468 beigesetzt. Der Tod des jungen Mannes, der die Fabrik des Vaters übernehmen sollte, das Unternehmen Josef Burger Söhne, trifft die Eltern schmerzlichst. Sie lassen den Leich- nam ihres Sohnes ins heimische Schonach überführen. Der Triberger Bote berichtet über die Beerdigung: „Ein Leichenzug, wie ihn Scho- nach noch selten gesehen hat, bewegte sich gestern zum Friedhof.“ Der Beitrag schließt mit den Worten: „Von den Soldaten abge- gebene drei Ehrensalven zeigten an, dass wieder ein Kämpfer aus Deutschlands gro- ßer Zeit der Erde übergeben wurde.“ Eine Floskel, die niemand mehr hören konnte, die für die Angehörigen kein Trost war. 187 187


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Abschiedsfoto: Das Landwehr-Infanterie-Bataillon von St. Georgen muss an die Front. In Schwenningen werden am 2. September 1916 fünf Häuser schwer beschädigt. Die Bomben fallen unmittelbar nach Ende einer Kinovorfüh- rung. Den Pilo ten diente dabei das zu dieser Zeit eingeschaltete Außenlicht als Orientierung. In St. Georgen tagt der Kriegsgemeinderat Wie kommen die Soldaten an die Front oder wie- der nach Hause? Für die Soldaten aus der Region waren die Bahnhöfe ein Dreh- und Angelpunkt, so der Bahnhof in Triberg. Auch die Lazarett züge mit den Verwundeten passierten den Triberger Bahnhof, für sie war hier eine Essensabgabe ein- gerichtet. Lazarette gab es in nahezu jeder Stadt im Landkreis. Über die teils schwer verwundeten Soldaten lernte die Bevölkerung den Schrecken des Krieges aus der Nähe kennen. Da die meisten Stadträte als Soldaten an die Front mussten, wurde vielerorts ein Kriegsge- meinderat gebildet. So auch in St. Georgen, hier nahm der Kriegsgemeinderat unmittelbar nach Kriegsausbruch seine Arbeit auf. Der Krieg beschäftigte die Deutschen auch im Ausland. Viele Menschen aus dem heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis sind nach Amerika aus- gewandert. Der Blumberger Mathias Anderhu- 188 ber schreibt 1930 im Rückblick auf sein Leben und die Kriegsereignisse in die alte Heimat: „Man hört so viel, wie es im Kriege war, aber auch wir haben hier viel mitgemacht. Die Deutschen hier in New York hatten nichts mehr zu sagen, und noch lange nach dem Krieg waren wir verhasst.“ Mit Fortdauer des Krieges steigt die Not ins Unermessliche. Es regte sich mehr und mehr Un- ruhe in der Bevölkerung. Noch vor Unterzeich- nung des Waffenstillstands am 11. November 1918 kommt es abends am 9. November in Do- naueschingen im „Sternen“ zur Gründung eines Soldatenrates – die Novemberrevolution bahnt sich an. Überall formieren sich Soldaten- und Arbeiterräte – revolutionäre Wirren bestimmen den Alltag. Bei der Rückkehr von der Front in die Heimat treffen die Soldaten auf ein darnieder- liegendes Land, in dem die Menschen am Ende ihrer Kräfte sind. Das Glück derer, die überlebt haben und wieder bei ihrer Familie sein können, ist überschattet von einer in allen Bereichen an- zutreffenden, grenzenlosen Not. In dieser Situation sind es Persönlichkeiten wie der katholische Donaueschinger Stadtpfar- rer Dr. Heinrich Feurstein, der im Dritten Reich im KZ Dachau starb, die sich für die öffentliche Ordnung und für die Menschlichkeit einsetzen. Den ganzen Krieg über steht Heinrich Feurstein an der Seite von Familien und Soldaten. Er hilft mit warmen Mahlzeiten und Getränken im Sol- datenheim. Und er unterstützt sie bei ihren Ein-


Über 3.250 Gefallene im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis XX Ort Kriegstote Ort Kriegstote Ort Kriegstote Bad Dürrheim Biesingen Hochemmingen Oberbaldingen Öfingen Sunthausen Unterbaldingen Blumberg Achdorf Epfenhofen Fützen Hondingen Kommingen Nordhalden Riedböhringen Riedöschingen Randen Zollhaus Bräunlingen Bruggen Döggingen Mistelbrunn Unterbränd Waldhausen Brigachtal Klengen Kirchdorf Überauchen Dauchingen 63 18 20 34 25 37 22 35 18 1 28 18 31 0 28 31 0 0 104 3 22 5 6 6 24 8 28 49 Gütenbach Mönchweiler Tuningen Furtwangen Linach Neukirch Schönenbach Rohrbach Schönwald Schonach Triberg Unterkirnach Niedereschach Fischbach Kappel Schabenhausen Königsfeld Buchenberg Burgberg Erdmannsweiler Neuhausen Weiler St. Georgen Brigach Langenschiltach Oberkirnach Peterzell Stockburg 56 37 59 205 9 1 17 78 92 160 34 26 10 0 0 24 35 18 17 20 15 183 0 33 0 26 0 Vöhrenbach Hammereisenbach Langenbach Urach Hüfingen Behla Fürstenberg Hausen vor Wald Mundelfingen Sumpfohren Donaueschingen Aasen Grüningen Heidenhofen Hubertshofen Neudingen Pfohren Wolterdingen Villingen Schwenningen Herzogenweiler Marbach Mühlhausen Obereschach Pfaffenweiler Rietheim Tannheim Weigheim Weilersbach 64 16 17 24 59 9 13 0 19 10 128 34 10 7 15 29 44 41 299 403 6 16 15 36 21 11 33 30 29 Anmerkung: Die Zahlen sind in Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden des Landkreises sowie den Angaben in Orts- chroniken ermittelt worden. Grundlage sind meist die in vielen Orten vorhandenen Gefallenenbücher. Aufgrund der Wirren der Zeit sind diese nicht immer vollständig. Kriegsgräber auf dem alten Friedhof in Schwenningen und Denkmal für die gefallenen Donaueschinger (rechts). gaben an die Behörden und ersetzt in Streitfällen den Rechtsanwalt. „Beim Herrn Doktor kostet es nichts“, merken die Hilfesuchenden dankbar an. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, aber es kehr- te keine Ruhe ein – die Not ließ sich nicht einfach abstellen. Das so siegesgewisse Deutschland war durch die Niederlage ins Bodenlose gestürzt, die Menschen finden keinen Frieden. Die Weimarer Republik schließlich mündet in das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg – in ein noch gren- zenloseres Massaker. Aus über 17 Mio. Kriegsto- ten werden jetzt weltweit über 56 Mio. wd 189


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Alltagsleben im Ersten Weltkrieg Eine Bilddokumentation der Furtwanger Fotografin Maria Grieshaber von Wilfried Dold Nur etwas mehr als 230 Flugzeuge besitzt die deutsche Armee im Jahr 1914 – eines davon muss auf der Neueck bei Furtwangen notlanden. Viele Erwachsene und barfüßige Kinder eilen an die- sem Sommertag herbei, um erstmals in ihrem Leben ein Flugzeug aus der Nähe zu sehen. Auch Furtwangens Bürgermeister Herth (links mit Kindern und Ehefrau) fährt mit seiner Kutsche auf die Neueck. Das noch unbewaffnete Flugzeug befand sich auf einem Aufklärungsflug in Richtung Frankreich. In der Mitte rechts ist wahrscheinlich der Pilot oder Co-Pilot zu sehen. 190 190


XX 191 191


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Das „Ochsenmariele“ und ihre Ka mera sind den Furtwangern vertraut: Ma ria Griesha­ ber durch streift ihre Heimatstadt in den Kriegs jahren 1914 bis 1918 täg lich. Gleich ob „Märkt“ ist, die Glocken zur Me tallgewinnung für Kriegs zwecke von den Kirch türmen herun­ ter geholt wer den, franzö sische Kriegsgefangene eintreffen, eine Pfer deabgabe ansteht oder die städtische Kom mission in der Festhalle neue Lebensmittelkarten ausgibt – immer ist die junge Frau mit ihrer Kamera dabei. Maria Grieshaber fo tografiert die Kinder beim „Kriegspielen“ im Ochsengarten, die Frauen beim Nähkurs oder bei der Heuernte – sie ist be ständig auf der Suche nach Motiven, mit denen sich der All tag in einer Stadt zur Zeit des Ersten Weltkrieges dokumentieren lässt. Es entstehen Bilddokumente, die in dieser Qualität und Vielfalt so nur für wenige Städ­ te dieser Größe vorliegen. Die bei Kriegsaus­ bruch 24 Jahre junge Frau ist die wohl erste Foto­Reporterin des Schwarzwaldes. Wie kann sich eine junge Furtwangerin, die für das Hotelfach ausgebildet wird, zu dieser Zeit derart tiefgreifende Kenntnisse in der Fotografie aneignen? Es gelingt ihr in Furtwangen: Maria Grieshaber pflegt gute Kontakte zu Fotograf Al- bert Ziegler. Er bringt ihr bereits im Mädchenalter erste techni sche Aspekte der Fotografie bei. Es zeigt sich schon früh ihre große Begabung – Foto- grafin werden aber kann sie nicht. 1902 stirbt der Vater, sie und ihre beiden Schwestern müssen mit der Mutter das Hotel „Ochsen“ führen. Maria soll später das Hotel übernehmen. Dann muss Albert Ziegler in den Krieg. Maria Grieshaber in- des schlüpft zu Hause in die Fotografenrolle, do- kumentiert den Alltag in der Uhrenstadt. Albert Ziegler ist 1915 der erste Furtwanger, der an der Front fällt. Die junge Frau weiß ihr Können gut einzu- schätzen. Sie bietet ihre Fotos deutschlandweit Zeitschriften an – und hat mehrfach Erfolg. Eine Bild serie erscheint in der illustrierten Zeit schrift Maria Grieshaber, fotografiert von ihrem Lehrmeister Albert Ziegler. Er sollte später der erste Kriegs tote sein, den Furtwangen im Ersten Weltkrieg zu bekla- gen hatte. 192


XX Der Erste Weltkrieg – Bilddokumentation von Maria Grieshaber Der Krieg ist vorbei – desillusioniert, hung- rig und entkräftet zieht die 6. Königlich Bayerische Landwehr division am 26. November 1918 durch Furtwangen der Heimat entgegen. Die von Hand kolorier- te Fotografie ist vom Fenster des Hotel Ochsen aus mit Blick zum heutigen Markt- platz aufgenommen worden. 193


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte „Die Woche“, eine weitere im Kon rads kalender. In einer Zeit mit Pressezensur ist dies allerdings nicht un ein ge schränkt möglich. Bilder, die der Ba- denia-Verlag drucken will, muss sie wieder zu- rückziehen. Zwei Auslandsaufenthalte Maria Grieshaber, Tochter des Ochsenwirts Edu ard Grieshaber und seiner Frau Emma, wir d am 21. März 1890 geboren. Auf den Besuch der Volks schule folgen zwei Auslandsaufenthalte: 1905 verbringt sie ein Jahr in einem Pen sio nat in der französischen Schweiz, später be such t sie ein Pensionat in Worthing (Eng land). Maria Gries- haber wird da rauf vor bereitet, das Furtwanger „Hotel Ochsen“ zu übernehmen. Sie erlernt die für die Führung des Hotels wichtigsten Fremd- sprachen und besucht danach die Haushaltungs- schule in Karls ruhe. Die Kriegs jahre verbringt sie in Furtwangen und hilft ihrer Mut ter im Gastwirtschafts- und Hotelbetrieb. Das sind die Jahre, in denen Maria Grieshaber so intensiv fotografiert wie nie zuvor und sich auch in neuen fotografischen Techniken versucht. Ihre Fotos widerspiegeln die Befindlich- keit der Bevölkerung. Strahlen die frühen Auf- nahmen noch Zuversicht und Patriotismus aus, so sind in den Gesichtern der Menschen schon bald überdeutlich die Sorge und der Schrecken des Krieges herauszulesen. Die Fotos aus dem letzten Kriegsjahr 1918 machen die Not beson- ders deutlich. 1920 heira te t Maria Grieshaber. Ihrer Ehe mit August Kremling ist nur ein kurzes Glück beschie- den: Am 29. Dezember des selben Jahres ver – stirbt Maria Kremling im Alter von erst 30 Jahren einen Tag nach der Ge burt ihrer Tochter. Diese Tragik erschüttert Furtwangen: Im „Schwarzwälder Tagblatt“ heißt es in einem Nachruf: „Noch ehe das alte Jahr völlig zur Neige ging, hat sich die junge Frau zur ewigen Ruhe gelegt. Ein kurzes Ehe glück an der Seite eines liebe vollen, von allen Näherstehenden hochge- schätzten Mannes, ist ihr noch zuteil geworden. Es war im mer ein zartes Pflänzlein, das unter dem Namen „Ochsenmariele“ auch in wei teren 194 Kreisen be kannte, und ob seines hei teren, leut- seligen We sens gerne gesehene Töch terlein der Frau Gries haber. Als besondere Lieb haberei hat die Ent schla- fene schon in frühester Jugend, neben den Blu- men, die Photographie aufgegriffen und auf diesem Gebiet eine seltene Geschicklichkeit be- kundet, gepaart mit der Ga be, die Dinge von der vorteilhaftesten Seite aus zu sehen und auf die Platte zu bringen. Ein mit großem Fleiß zusam- mengestelltes Album ver anschaulicht unter an- derem die wichtigsten örtlichen Vorgänge wäh- rend der Kriegszeit. Der Scherl’sche Verlag hat seiner Zeit in der be kannten illustrierten Zeit- schrift „Die Woche“ seinen Lesern eine interes- sante Bilderserie aus diesem Album vor Augen geführt. Diese höchst an er kennenswerte Arbeit, ein Stück Heimatgeschichte in Bildern, wird der so früh Heimgegangenen ein dauerndes ehren- des Andenken sich ern. “ Aufwendige Entwicklungstechnik Die junge Frau muss allein in den Kriegs jahren 1914 bis 1918 an die 1.000 Glasplat ten-Nega tive belichtet haben, mehrere hundert davon sind er- halten geblieben. Sie hat diese Glasplatten ent- wickelt und auch selbst Diapositive her gestellt, die für Vorträge gedacht waren. Maria Grieshaber hat zudem mehrere Dutzend ihrer Dia auf nah- men in stun denlanger Arbeit von Hand koloriert. Rund 80 Foto gra fien allein aus der Zeit des Ersten Welt krieges hat sie sorgsam in ein Bilder-Tage- buch eingeklebt und mit dem jewei li gen Anlass so wie dem Aufnahmedatum be schrif tet. Für Fotografen/innen heutiger Zeit ist schwer nachvollziehbar, welch en Aufwand es bedeutet hat, diese Fotos zu belichten, zu ent wickeln und dann Papierabzüge oder Dia positive herzustel- len. Obwohl es zur Zeit von Ma ria Grieshaber be reits gebrauchsfertige Glasplatten zu kaufen gab, war es bei vielen Fo tografen nach wie vor üblich, diese selbst herzustellen – auch aus Kos- tengründen. Noch komplexer war die Produktion der Schwarz-Weiß-Dias. Das komplizierte che mi- sche Verfahren erforderte vom Fotografen viel Fach wis sen.


Der Erste Weltkrieg – Bilddokumentation von Maria Grieshaber Auch aus den umliegenden Gemeinden Rohrbach, Neukirch, Schönenbach und Gütenbach mussten im August 1917 die Kirchenglocken mit Ochsen- und Pferdegespann nach Furtwangen verbracht werden. Die geschmück- ten Glocken verdeutlichen, dass es der Bevölkerung schwer fiel, sich vom wohl vertrauten Kirchengeläut zu trennen. Von Furtwangen aus wurden die Glocken per Bregtalbahn zum Schmelzofen transportiert. Zu sehen ist eine Doppelseite aus dem Kriegs-Tagebuch von Maria Grieshaber verh. Kremling. Späte Werkschau: „Der ganze Krieg zog erneut an uns vorüber…“ Einem größeren Publi kum wurden die Dias er- neut elf Jahre nach dem frühen Tod von Maria Grieshaber verh. Kremling vorgeführt: 1931 zeig- te sie Emil Jäger, Di rektor der Großherzoglich Ba- dischen Uhrmacherschule und überaus aktives Mitglied des Vereins „Ba dische Heimat“ bei einer Versammlung im „Ochsen“. Die „Furtwanger Nach rich ten“ berichteten am 9. März 1931: „Zunächst wurden Lichtbilder gezeigt, die die Wo gen und Wellen der Ereignisse wiedergaben, die der schwere Kriegssturm auch in unsere stille Schwarz waldheimat geworfen hat. Es waren Auf nahmen der verstorbenen Frau Kremling geb. Gries haber. Sie waren tech nisch sehr gut, zum großen Teil sogar farbig wieder- ge geben und bewiesen, dass auch die Heimat die Kriegsgeißel spürte und die Opfer und Größe der Zeit empfand. Der ganze Krieg von der Mobil- mach ung bis zur Rückkehr der Truppen zog an uns vor über. Wir sahen wieder die Ausgabe der Lebens- mittelkarten, die „tischtuchlose“ Zeit, die Abga- be der Me talle und Glocken, die Pflege der Ver- wundeten in un serem Krankenhaus, das Feiern der Siege, das Pflanzen der Hindenburg-Eiche, die Heuernte durch Kinder, Greise und Frauen, die Soldatenspiele der Kinder, die Arbeiten der Gefangenen, die Gedächtnisgottesdienste in der Kirche und vieles andere aus jener so fernen und doch erst etwas über 10 Jahre zurückliegenden Zeit. Besonders die Kennt nis der Personen von da- mals und der Ver gleich mit heute, wo viele davon bereits der Tod heimgeholt hat, gab den Bildern eine wehmütige Note. “ Furtwangen besitzt mit dem fotografischen Nachlass von Maria Grieshaber verh. Kremling einen wahren Bilderschatz. Er ist größtenteils di- gitalisiert für die Nachwelt bewahrt. 195


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Für die Kinder ist der Krieg (noch) ein Spiel – zumal im „Ochsengarten“, dem Mit telpunkt der Furtwanger Kinderwelt je ner Tage. Wer es sich leisten kann, staffier t sei nen Nachwuchs mit Original-Unifor m in Kinder- größe aus. Wer nicht so viel Geld besitzt, hilft sich mit Selbstgebasteltem und Selbst geschneidertem. Die Kin- der spielen Sol da ten, werden „verletzt“ und von den Schwestern des Roten Kreuzes „gepflegt“. Sie werden als Patrioten herangezogen, für den Krieg begeistert. Später ziehen erst 15-jährige Jungen als Soldaten ins Feld. 196 196


XX Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten Versteigerung von kriegsuntauglichen Pferden auf dem Plätzle an der Friedrichstraße hinter dem Rathaus zum Einsatz in der Landwirtschaft. Schlitten für den Winterkrieg. Am 17. November 1916 mussten in Furtwangen entbehrliche Schlitten beim städtischen Bauhof abgeliefert werden. 197 197


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Gerade der Schule entwachsen, schon kriegstauglich – junge Rekruten des Jahrgangs 1901, und damit erst 16 Jahre alt, fahren nach ihrer Musterung durch die Stadt. Liebestätigkeit ist gefordert, reichsweit wird zur Hilfe aufgerufen. Enorm belastet sind die Frauen: Sie versorgen ihre Familie. Sie arbeiten in den Fabriken und auf dem Feld. Sie pflegen die Kranken und aus dem Feld heim- ge schickten Verwundeten, orga ni sier en Wohltätigkeitsveranstaltungen, sammeln Spenden – und nähen. Die Fotografie zeigt die Nähabteilung des Furt wan ger Roten Kreuzes beim Verpacken von Decken und Tüchern in einem Zimmer der Handelsschule in der Schulstraße. 198


Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten Metall für Waffen und Munition. Um ständig neue Waffen und Mu ni tion herstellen zu können, benötigt Deutschland in den Weltkriegsjahren immer mehr Metall, das sich schließlich nur noch durch Sammelak tionen und Beschlagnahmungen beschaffen lässt. Während der „Badischen Metall woch en“ holen Jugendliche die Ge- genstände aus Kupfer, Messing und Nickel in den Haushaltungen ab. Das Metall wird auf dem städtischen Bau- hof ge lände hinter dem Rathaus verladen (Bild) und zum Bahnhof gebracht. Abschied von metallenem Geschirr. Alles Vorhandene wird radikal erfasst. Die beschlagnahmten Gegenstände aus Aluminium müssen am 15. Juni 1917 im Rat haus abgeliefert werden. 199


Geschichte Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Auch Furtwangen verliert viele Glocken für Kriegszwecke – einzig die katholische Kirche kann ihr Geläut retten, da ihm ein hoher musikalischer Wert bescheinigt wird. Vom Turm geholt werden muss die Glocke der Notkirche (oben). Glocken mit einem Gewicht von mehr als 20 Kilo sind bis zum 18. Juli 1917 abzuliefern. Auch die Gütenbacher, Schönenbacher, Neukircher, Linacher und Rohrbacher Glocken treffen in Furtwangen ein. Rechts: Die Stadtverwaltung liefert die Glocke aus dem städtischen Glockentürmle ab. Den Transport überwacht Polizeidiener Kienzler. 200 200


Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten XX Die Bezugsscheine für Lebensmittel erhalten die Furtwanger von einer eigens eingerichteten Kommission, die Verteilung erfolgte nach strengen Kriterien in der städtischen Festhalle. Ausgabe von Kartoffeln an die Bevölkerung gegen Bezugsschein. 201 201


Geschichte Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Kühe aus der Schweiz. Im November 1916 beschließt der Gemeinderat, 20 Kühe aus der Schweiz zu beziehen, um der Milchknappheit entgegenzusteuern. Für Deutsche ist es im Aus land einzig in der neutralen Schweiz mög- lich, an die dringend benötigten Milchkühe zu kommen. Die Lebensmittelknappheit ist enorm, in diesem Furtwanger Geschäft werden als einzige Auslage Dutzende von Steckrüben angeboten. Lebensmittel gibt es nur auf Bezugsschein. 202 202


Am 17. März 1917 treffen die ersten französischen Kriegsge- fangenen in Furtwangen ein – plötzlich hat der Feind für alle Furtwanger ein Gesicht. Die Soldaten sind zwei Tage im Hotel „Grieshaber zum Ochsen“ untergebracht, andere haben ihr Quartier im Gasthaus „Zur Linde“ – danach werden sie ver- schiedenen Quar tiergebern zugeteilt. Zu den Kriegsgefange- nen besteht teils ein herzliches Verhältnis. Weit entfernt vom Kriegsschauplatz begegnet man sich meist als Mensch, die Bilderserie von Maria Grieshaber spiegelt das mehrfach wider. Rechts ein Kriegsgefangener mit dem Hoteljungen des „Ochsen“, unten ein Kriegsgefangener bei der Kartoffelernte. Die Zuweisung dieser Hilfskräfte erfolgt auf Antrag. Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten XX 203 203


Geschichte Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Im Ochsengarten knüpfen die verletzen Soldaten, die im Furtwanger Lazarett gepflegt werden, Kontakt zur Bevölkerung. Die Frauen veranstalten für die Verwundeten auch Gesellschaftsspiele. Tomba für gefallene Furtwanger in der katholischen Stadtkirche. Nur der Leichnam weniger Gefallener wird in die Heimat überführt, meist erfolgt die Bestattung in Frontnähe – oft in einem Massengrab. 204 204 Rechte Seite: Der Krieg ist vorbei – Dank- und Gedenk- gottesdienst in der katholischen Kirche am 22. Dezember 1918.


XX 205


9. Kapitel Brauchtum Tracht des Jahres 2014 Die außergewöhnliche Tracht von St. Georgen ist die erste im Schwarzwald, die diese hohe Auszeichnung erhält von Roland Sprich Der Stolz und die Freude darüber waren groß: Bereits ein Jahr im Voraus wussten die Mitglieder des Trachtenvereins St. Georgen, dass ihre Tracht, genauer, die Tracht des St. Ge- orgener Kirchspiels, im Jahr 2014 zur „Tracht des Jahres“ gekürt werden wird. Es war für die Mitglieder des Vereins ein besonderer Augenblick, als ihnen im Mai 2014 diese Auszeichnung des Deutschen Trachtenverbandes im Rahmen eines feierlichen Festaktes im St. Georgener Rathaus verliehen wurde. Im Beisein von 120 Delegierten aus ganz Deutschland, zwischen Garmisch und der Nordseeinsel Föhr, die sich ebenfalls in den typischen Landestrachten präsentierten. Zur Verleihung kamen Landrat Sven Hinterseh, der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Rombach und auch der baden-württembergische Justiz- minister Rainer Stickelberger. Für den Trach- tenverein St. Georgen war das eine verdiente Anerkennung für das Bemühen, diese Tradition zu hegen und zu pflegen. Und das seit mehr als 100 Jahren – bis heute in nahezu unveränderter Form. Damit erfüllt der Trachtenverein seit seiner Gründung im Jahr 1907 den damals formulierten Vereinszweck: nämlich Pflege der heimatlichen Sitten und Bräuche und Erhalt der St. Georgener Tracht. Bis heute ursprünglicher Schnitt und Verwendung authentischer Materialien Wichtig ist: Die St. Georgener Tracht ist eine ev an- gelische Tracht. Das bedeutet, es werden nur Stof- fe mit gedeckten Farben verwendet. Die Farbe Rot und andere sind den katholischen Trachten vor- behalten. Früher bestand die Tracht ausschließ- lich aus Materialien, die die bäuerliche Bevölke- rung selbst anbauen, beziehungsweise herstel- len konnte: Flachs, Leinen, Schafwolle. Erst als Mitte des 19. Jahrhunderts die vom Herzog von 206 Württemberg erlassene Kleiderordnung aufge- hoben wurde, kamen auch andere Stoffe zum Einsatz. Jetzt wurde die Tracht – angelehnt an die spanische Hofmode – modernisiert und mit Rü- schenkragen, Samtapplikationen und Seiden- schürze aufgepeppt. Schon damals galt: Wer es sich leisten konnte, verzierte seine Tracht mit aufwendigen Applikationen. So ließ sich an der Die Tracht von St. Georgen wurde zur „Tracht des Jahres 2014“ gekürt. Hier eine Braut mit Bräutigam, die Festtagstracht: Die Frau trägt einen mit Spiegeln, Glaskugeln und Stoffrosen geschmück- ten, bis zu vier Kilo schweren Brautschäppel. Weiter das mit Samt besetzte Schnürmieder und eine Kurzja- cke in spanischem Schnitt (Schauben). Die Schürze ist aus Seide, der Rock aus schwarzem Wollstoff genäht. Hinzu kommen Schmuckbänder und ein Brautgürtel. Die Männertracht besteht aus einem Brusttuch (Weste) aus Samt. Unter dem Brusttuch wird ein leinenes, weißes Hemd getragen. Die Hose ist aus Hirschleder gefertigt. Als Kopfbedeckung dient ein schwarzer, breitkrempiger Hut.


x 207 207


Brauchtum Die Trachtengruppe St. Georgen im Jahr 2000 bei der Steubenparade in New York. Tracht auch der Wohlstand des jeweiligen Trä- gers beziehungsweise der Trägerin ablesen. Schon damals achteten die Näherinnen bei der Herstellung neuer Trachten penibel darauf, dass gegenüber der ursprünglichen Tracht so we- nig wie möglich verändert wurde. Als beispiels- weise die Miniröcke in Mode kamen, sorgten die Schneiderinnen dafür, dass die Röcke mindes- tens bis zum Knie reichten. Das Bewahren des ursprünglichen Schnitts und die Verwendung möglichst authentischer Materialien haben sich bis heute gehalten. 208 In einer älteren Publikation wurde der St. Ge- orgener Tracht einst das zweifelhafte Prädikat „am wenigsten entwickelte aller Schwarzwald- trachten“ verliehen. Kritik oder Anerkennung? Auch heute bewahren die Schneiderinnen das möglichst ursprüngliche Aussehen der Tracht. Wenngleich das ihre Arbeit nicht einfacher macht. „Wir fahren für den richtigen Samt schon mal bis in die Schweiz, wo der Meter knapp 400 Euro kostet“, erklärt Marion Borho. Sie ist eine der drei Trachtenschneiderinnen des Vereins. Jährlich entstehen in der Schneiderstube etwa zwei neue Trachten. Dass neue Mitglieder die alten Trachten tragen, ist meist nicht möglich. „Die Menschen waren früher kleiner und ausge- mergelter. Viele der Trachten würden den Leuten heute einfach nicht mehr passen“, sagt Borho. Das Herstellen einer Tracht würde bei einer täglichen Arbeitszeit von acht Stunden etwa zwei Wochen dauern. Da die Trachtenschneide rinnen das Anfertigen einer Tracht in ihrer Freizeit über- nehmen, dauert es entsprechend lange, bis eine Trägerin ihre neue Tracht erstmals tragen kann. Nicht nur bei der Tracht an sich hält der Trachtenverein streng an alten Zeiten fest. Auch in anderen Bereichen hält sich der Verein streng an Überlieferungen. „Beispielsweise müssen die Haare immer zum Zopf geflochten sein. Die Frau- en lassen den Kragen auch bei großer Hitze ge- schlossen. Wir tragen keinen grellen Lippenstift. Und Männer behalten den Hut den ganzen Tag auf.“ Die Tracht wurde im Kirchspiel St. Georgen, das sind die Gemeinden St. Georgen, Buchen- berg, Langenschiltach, Mönchweiler, Oberkir- nach, Brigach, Weiler und der evangelische Teil von Tennenbronn, gegen Ende des 19. Jahrhun- derts so getragen, wie sie noch heute besteht. Das beweisen Fotos aus dieser Zeit. Die ältesten Kleidungsstücke des Trachtenvereins stammen aus der Zeit um 1850. Der Schäppel – eine prächtige Brautkrone Vervollständigt wird die St. Georgener Tracht durch den Brautschäppel. Der St. Georgener Schäppel ist eine der prächtigsten Brautkronen


überhaupt und ist mit Glaskugeln, Seidenrosen und Spiegeln verziert, die böse Geister abhalten sollen. Sie wird bis heute nur von unverheirate- ten Frauen getragen. Ebenso wie der rote Rosen- hut, der das äußere Zeichen für unverheirate- te Frauen ist. Ab der Heirat tragen Frauen den schwarzen Rosenhut. Auch wenn der Trachtenverein das St. George- ner Brauchtum und die Tracht in seiner Ursprüng- lichkeit bewahrt, so verschließt sich der Verein keinesfalls den modernen Zeiten. „Wir kommu- nizieren schon mit Telefon und E-Mail und sind auch mit einer Website im Internet vertreten“, schmunzelt Vorsitzender Bernhard Borho. Und betont, dass der Trachtenverein zwar traditions- bewusst, „aber keinesfalls altmodisch ist.“ Die Auszeichnung zur Tracht des Jahres hat dem Verein sogar einen Fernsehauftritt beschert. Im vergangenen September präsentierten sich einige Trachtenträger in der Fernsehsendung „Immer wieder sonntags“, bei der Fernsehmode- rator Stefan Mross die Tracht bestaunte. Tracht des Jahres 2014 Darüber hinaus lebt der Trachtenverein auch Weltoffenheit, indem er sich bei Trachtenumzü- gen im In- und Ausland präsentiert. So war der Verein unter anderem bereits auf dem Münch- ner Oktoberfest und schon mehrfach auf dem Canstatter Wasen. Auch bei einem Weinfest in Paris präsentierte sich der Verein zusammen mit der Stadtmusik. Unbestrittener Höhepunkt in der über 100-jährigen Geschichte des Trach- tenvereins St. Georgen war die Teilnahme an der Steubenparade in New York im Jahr 2000. In der Millionen-Einwohner-Metropole trafen „die alte und die neue Welt“ aufeinander – ein faszinie- render Gegensatz. Die St. Georgener Festtagstracht beim Umzug in der Heimat St. Georgen aus Anlass der Verleihung des Titels „Tracht des Jahres 2014“.


20 Jahre „Die Fallers“ 10. Kapitel Zeitgeschehen Der Unterfallengrundhof der Familie Löffler: Wo die Fallers zu Hause sind Der bekannteste Bauernhof von Baden-Württemberg steht in Neukirch von Matthias Winter mit Fotos von Wilfried Dold Malerischer kann der Schwarzwald nicht sein. Auf dem Unteren Fallengrund streckt mit dem „Fallerhof“ der bekannteste Bauernhof von Baden-Württemberg sein rotes Dach in den Himmel. Zur Linken liegt das von 1595 stammende alte Leibgedinghaus, rechts flankieren den 1924 nach einem Brand neu erbauten Hof das Leibgeding von 1949 und die Kapelle. An diesem Bilderbuch-Sonntag im Mai sind Wanderer in Scharen unter- wegs. Sie wollen den Fallerhof sehen – und zum wenige Kilometer entfernt liegenden Balzer Herrgott wandern. 210


x 211 211


20 Jahre „Die Fallers“ Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen Die „Fallers“ und die Löfflers: Die wirklichen „Fallers“, die Familie von Agnes und Felix Löffler, haben sich an das Interesse an ihrem Unterfallengrundhof, im Film der „Fallerhof“, mittlerweile gewöhnt. Aber anfangs war das nicht leicht: Zum Auftakt der SWR-Fernsehserie vor 20 Jahren wurde der Hof geradezu „gestürmt“ – selbst im Haus- gang standen Faller-Fans. Zwischen Löfflers und den „Fallers“ ist längst eine Freund- schaft entstanden. Nach 20 Jahren „Die Fallers“ ist für die Hauptdarsteller Peter Schell (links) und Christiane Brammert (rechts) der Unterfallengrundhof von Agnes und Felix Löffler (Mitte) zur zweiten Heimat geworden. In der SWR-Fernsehserie spielen sie Karl und Bea Faller. 212 212


x 213


Zeitgeschehen 20 Jahre „Die Fallers“ Nur wenige Menschen können von sich sagen, dass sie in der Kulisse einer bekannten Fernseh- serie wohnen – bei der Familie von Agnes und Fe- lix Löffler ist das der Fall. Und das seit 20 Jahren. So lange bereits strahlt das SWR-Fernsehen „Die Fallers“ aus. Die erfolgreiche Serie spielt auf dem Unter fallengrundhof bei Furtwangen-Neukirch, im Schwarzwald-Baar-Kreis somit. In dieser lan- gen Zeit hat sich die Schwarzwald-Serie fest am Markt etabliert und lockt Sonntag für Sonntag ein Millionenpublikum an den Bildschirm (siehe S. 224). Nicht nur für die Schauspieler, auch für die Familie Löffler, sind „Die Fallers“ mittlerweile zu einem „zweiten Le ben geworden“. Schauspieler, Kameraleute und Regisseure gehören zum All- tag einfach dazu. Und obwohl die Löfflers Voll- erwerbs-Landwirte sind, von Milch- und Wald- wirtschaft leben, lassen sich die Drehtage und die tägliche Arbeit auf dem Hof ganz gut vereinbaren. Während draußen ein 35-köpfiges Team des SWR an einer neuen Fallers-Folge arbeitet, er- zählen die Löfflers drinnen in der großzügigen Bauernstube mit ihrem imposanten Kachelofen, 214


x neben dem Dackel Moritz seine Heimat hat, wie vor über 20 Jahren alles anfing: Ein Mann tauchte auf, interessierte sich von allen Seiten für den Hof, fotografierte ihn – und stellte sich schließ- lich als Heinz Recht vor. Er teilte den Löfflers mit, er sei auf der Suche nach einem Hof als Kulisse für eine neue Schwarzwald-Serie. Der Unterfal- lengrundhof sei wegen seiner idyllischen Lage da- für besonders geeignet. Hinzu komme, dass der Unterfallengrundhof weder zu alt noch zu neu sei und somit für den Schwarzwaldhof schlecht- hin stehen könne. Der Unterfallengrundhof in Furtwangen-Neukirch ist in vielerlei Hinsicht eine Idylle – die nicht nur beim SWR-Fernsehen, sondern gelegentlich auch bei Hochzeitsfotografen begehrt ist. Die Aufnahme zeigt die wirklichen Fallers, hinten von links: Felix und Agnes Löffler mit ihren Kindern Martin, Sabine mit Ehemann Stefan und Florian Löffler mit Sarah (vorne rechts) und der eben erst geborenen Romina. Unten v. links: Jenny sowie die Enkelkinder Marvin, Maurice und Alexia. Die Löfflers sind eine bäuerliche Groß familie, so oft es geht, werden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen. 215


Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen Begeistert war die Familie Löffler von dieser Fernsehidee nicht – sie lehnte zunächst rigoros ab. Dann kam Heinz Recht wieder vorbei und jetzt erbat man sich zunächst Bedenkzeit. Für und Wider wurden abgewägt, dann stimmten die Löfflers schließlich doch zu. „Aber nach einem halben Jahr haben wir dann gesagt, wir lassen es doch lieber sein“, erinnert sich Agnes Löffler. „Wir hatten Angst – vor allem vor den vielen fremden Menschen auf dem Hof“. Doch mittler- weile waren einige Innenräume des Fallerhofs in den Studios des SWR in Baden-Baden schon nachgebaut worden – die Produktion stand be- reits in den Startlöchern. Der SWR wollte den Unterfallengrundhof der Löfflers unbedingt als Kulisse für seine neue Serie. So gaben die Löff- lers 1994 endgültig ihre Zustimmung, freilich erst einmal nur für ein Jahr und unter der Bedingung, dass der SWR nicht preisgibt, wo er diese Fern- sehserie dreht. Nachdem sich zeigte, dass alles reibungslos lief, wurde das Engagement verlän- gert. 20 Jahre sind es bis heute geworden. Dass die Löfflers sich heute öffentlich zum „Fallerhof“ bekennen, hat vor allem einen Grund: Sie sehen darin die große Chance, der Region Furt- wangen/Gütenbach touristisch beizustehen. „Der Die „Fallers“ sind eingezogen, der SWR hat auf dem Fallerhof einmal mehr einen Drehtag angesetzt, wie schon das Klingelschild an der Eingangstüre verrät. Interessierte Beobachter sind Maurice, Marvin und Alexia, die Enkelkinder der Löfflers. Der SWR reist mit einer 35-köpfigen Crew an, die an einem Drehtag ca. 10 Minuten Sendung produziert. Neben den bekann- ten Darstellern gehören an diesem Sonntag auch zwei Gänse und ein feuerroter Sportwagen aus dem Porsche-Museum zu den Akteuren. Unter- und Oberfallengrund sind landschaftlich außergewöhnlich reizvoll, den Tourismus zu be- leben, das dient allen“, fassen die Löfflers ihren Beweggrund zusammen. Die Schauspieler zeigen am Leben auf dem Hof ernstes Interesse Positiv auf das Miteinander wirkte sich von An- fang aus, dass die Schauspieler ein ernstes Inte- resse an der Landwirtschaft und der Arbeit der Löfflers zeigten. Peter Schell (Bauer Karl) hielt sich vor Drehbeginn eine Woche lang auf dem Hof auf, um die Landwirtschaft kennenzulernen. Am Ende konnte er Kühe melken und den Trak- tor fahren. Auch Ursula Cantieni (Johanna Faller) war vor Serienbeginn einige Tage bei den Löfflers zu Gast. Zu Beginn dauerten die Dreharbeiten des öfteren 14 Tage am Stück, nur das Wochenende war drehfrei. Heute sind es vier bis fünf Mal im Jahr noch drei bis fünf Tage hintereinander, an denen der SWR in Neukirch dreht. Die übrigen Szenen entstehen im Studio. Es gibt somit etwa 25 bis 30 Drehtage vor Ort. „Das funktioniert al- les reibungslos“, berichtet Felix Löffler, der SWR kündige sein Kommen immer rechtzeitig zuvor an. Allerdings: Wenn es heißt „Ruhe bitte“ und die Kameras surren, müssen sich auch alle Hof- bewohner daran halten. Und auch Dackel Moritz muss in der Wohnung bleiben, zumal, wenn zu den Dreharbeiten dressierte Filmhunde mitge- bracht werden. Die Schauspieler und das SWR-Team sind in dieser Zeit in Furtwangen, Gütenbach und der ganzen Umgebung bis hin nach Breitnau unter- 216


217


Zeitgeschehen gebracht. Die Gegend um den Fallerhof kennen sie mittlerweile alle bestens, sind hier teils auch privat beim Wandern anzutreffen. Von der Ortskenntnis und guten Ideen der Löfflers profitiert die Serie immer wieder Vom guten Verhältnis des SWR-Teams und der Familie Löffler profitiert auch die Serie selbst. Schon zum Auftakt wurde das deutlich. In der ersten Folge sollte der Christbaum für die Fern- sehfamilie im Wald geschlagen und zum Hof gebracht werden. Doch in Neukirch lag kaum noch Schnee. „Da müssen wir mal auf der Mar- tinskapelle nachfragen“, riet Felix Löffler. Und tatsächlich war hier die Schneelage noch gut, die Christbaum-Szene wurde schließlich in der Nähe der dortigen Wachshütte gedreht. In den ersten Jahren produzierte der SWR die Folgen lediglich ein halbes Jahr im Voraus, so dass eigentlich in der „falschen“ Jahreszeit gedreht wurde. „Gelegentlich mussten wir dann im Sommer den Blumenschmuck am Hof weg- räumen“, erinnern sich Agnes und Felix Löffler. Vor einigen Jahren jedoch wurde die Serie dann auf ein Jahr Vorlauf umgestellt, so dass die Drehs nun jeweils in der „passenden“ Jahreszeit statt- finden und Winter-Szenen auch im Winter ge- filmt werden können. Eine Reihe von Ideen für die Serie haben die Löfflers in all den Jahren auch einbringen kön- nen. „Da reicht oft ein Stichwort, aus dem ma- chen die Autoren dann eine ganze Folge“, meint 218 Das gibt es auch im Schwarzwald nicht allzu oft: Die Löfflers bewirtschaften ihren Unterfallengrundhof in Furtwangen-Neukirch bereits in der 19. Genera tion – die Hofübergabe von Felix Löffler an Sohn Florian ist in Vorbereitung. Wie die meisten Landwirte im Schwarzwald betreiben die Löfflers Milch- und Holz- wirtschaft. Felix Löffler. So erzählte er ihnen, dass ein Land- wirt auf die Weide ging, um zu arbeiten. In seiner Jacke, die derweil an einem Pfahl hing, steckten Geldscheine, die oben aus der Tasche heraus- schauten. In der Nähe grasende Ziegen bekamen das mit – und fraßen genüsslich die Banknoten. Die SWR-Leute waren von der Geschichte begeis- tert und wollten sie unbedingt nachspielen. Da- für benutzten sie Spielgeld. Doch siehe da, damit begnügten sich die Ziegen nicht. Erst mit echten Geldscheinen konnten die Tiere angelockt wer- den. Das Problem war nur: So schnell wie die Ziegen die Geldscheine verspeisten, konnten die Kameraleute die Szenen nicht drehen. Schließ- lich waren alle Scheine vervespert und es musste eigens jemand zur Bank fahren, um neue Geld- scheine zu besorgen. Ein anderes Mal hatte Felix Löffler erzählt, wie beim Fällen von Bäumen spaßeshalber Pfäh- le aufgestellt worden waren. Es wurde versucht, die Stämme möglichst nahe an diesen Pfählen zum Liegen zu bringen. Prompt wurde daraus eine Folge, in der Bauer Karl unter einen Baum geriet. Aber auch reale Vorhaben der Familie Löffler werden in die Serie eingebaut, etwa der Umbau der Stallungen: Aus einem Anbindestall wur-


Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen de ein Laufstall mit Melkstand, in dem sich die Tiere frei bewegen können. Und als die Löfflers einen neuen Schlepper anschafften, wollten die Autoren ebenfalls die Details wissen. In der Serie machte sich dann Bauer Karl daran, einen neuen Schlepper zu kaufen. Bis der Kauf im Film in trockenen Tüchern war, mussten die Löfflers freilich ihren neuen Schlepper vor den Kameras verstecken. Auch am Haus selbst kann nicht so ohne wei- teres etwas verändert werden und wenn doch, wird das in die Serie eingebaut und Bauer Karl macht sich im Film an die entsprechenden Arbei- ten. Die Fernsehserie begleitet die Löfflers somit das ganze Jahr über – als Störung empfindet das auf dem Hof aber niemand. Auch die Tiere nicht. Entgegen anfänglicher Befürchtungen werden die Kühe durch die Dreharbeiten keineswegs be- Um die Hofkapelle und den daneben liegenden Gar- ten kümmert sich Agnes Löffler besonders gerne. unruhigt. „Die machen sogar richtig mit“, stellt Felix Löffler fest. Und selbst dann, wenn sich mal 30 Personen des SWR-Teams im Stall aufhalten, gibt es keine Probleme. Erfreulich sei zudem, dass auch Schauspieler, die nicht so viel mit den Tie- ren zu tun haben, wie Bea oder Monique, keine Angst vor dem Umgang mit den Kühen hätten. Pech hatte allerdings einmal Tony Marshall, der sich laut Drehbuch bei einer Szene im Rah- men eines Gastauftritts in den Mist fallen lassen Agnes und Felix Löffler bei ihrer täglichen Arbeit im Stall, hier am Melkstand. 219


Zeitgeschehen musste. Zwar wurde dafür Kunstmist verwendet, doch nachdem die Szene einige Male gedreht wurde, war dieser verbraucht und Tony Marshall blieb nichts anderes übrig, als sich in echten Mist fallen zu lassen. Von Lukas Amann besonders beeindruckt Im Laufe der Jahre hat sich ein freundschaftli- ches Verhältnis zwischen den Schauspielern und der Familie Löffler entwickelt – bei einigen Dar- stellern waren die Löfflers sogar schon zu Hause eingeladen. Natürlich haben sie auch die Studios in Baden-Baden besucht, wo Innenräume des Hofes oder der Wirtsraum des ehemaligen Gast- hauses Löwen in Vöhrenbach-Urach nachgebaut sind. Besonders beeindruckt hat Felix Löffler die Persönlichkeit von Lukas Ammann (Großvater Wilhelm Faller), der in den ersten sechs Jahren der Serie bis zum Jahr 2000 mitspielte. Berühmt wurde er durch seine Rolle als „Graf Yoster“. In der Rolle als Wilhelm, als Patriarch auf dem Hof, hat er die Löfflers tief beeindruckt. Es ist ihrer Ansicht nach das Erfolgs rezept der Serie, dass sie das alltägliche Leben im Schwarzwald, das Leben und Sterben auf einem Schwarzwaldhof, so tref- fend beschreibt. Aber auch die immer wieder grandiosen Land- schaftsaufnahmen aus der Region sorgen für die anhaltende Attraktivität der Serie. Felix Löffler, der bei Luftaufnahmen vom Hubschrauber aus schon selbst mitfliegen konnte, ist sich sicher: „Das wertet die Serie auf“. Umgekehrt kommt das aber auch der Region und dem Schwarzwald zugute. Dieser Aspekt ist, wie schon an anderer Stelle ausgeführt, auch den Löfflers wichtig. „Wir können so etwas für die Gegend tun, in der wir leben“, betonen sie. „Erst kommt die Arbeit im Stall – danach frühstücken wir“ Natürlich läuft das reale Leben der Familie Löffler in anderen Bahnen ab, als das der Fernsehfami- lie Faller. „Auf dem Hof arbeiten wir am Morgen zuerst im Stall, erst danach frühstücken wir“, 220 Der Unter- und Oberfallengrund gehören zu den schönsten Gegenden im Schwarzwald – und das zu jeder Jahreszeit. Stimmt die Witterung, sind hier Wanderer von überall her unterwegs. Und natürlich findet sich an der Gemarkungsgrenze von Furtwan- gen und Gütenbach auch eine Winter-Zauberwelt. Voraus gesetzt es gibt einen Winter, der diesen Namen auch verdient. berichten sie aus ihrem Alltag. Schließlich müs- sen über 70 Kühe einschließlich der Kälber und Nachzuchten versorgt werden. Darunter sind rund 40 Milchkühe. Und zur Erntezeit endet der Arbeitstag erst um 23 Uhr, gelegentlich muss am Samstag und Sonntag durchgearbeitet werden. Rund zwei Drittel der zum Hof gehörenden Flä- chen sind Grünland, ein Drittel ist Wald. Eine erfreuliche Zukunftsperspektive ist es, dass Sohn Florian, der gelernter Landwirt ist, den Hof übernehmen wird. „Der Wechsel steht an“, meint Felix Löffler. Auf die Film-Fallers hat das keine Auswirkungen, Sohn Florian fügt hinzu: „Die Fallers werden auch nach der Hofübernah- me hier drehen können“. Zur Zeit arbeitet Florian Löffler noch in der Industrie, denn er ist zugleich Mechaniker von Beruf. Somit wird die Tradition des „Fernsehho- fes“ nicht abbrechen, was auch beim SWR für Auf atmen sorgen dürfte. Schließlich ist der Hof längst zum unersetzlichen Markenzeichen der Serie geworden. Die „Fallers-Fans“ kommen – und plötzlich stehen ungebetene Gäste im Hausflur Eine für die Familie Löffler nicht immer angeneh- me Begleiterscheinung der Fernsehserie waren vor allem zu Beginn der Ausstrahlung zahlreiche neugierige Besucher, die plötzlich im Haus stan- den und hier sogar fotografierten. Viele der un- gebetenen Gäste waren davon überzeugt, dass die Fernsehfamilie Faller auf dem Hof wohnen würde und hofften, hier „Karl“ oder „Kati“ zu treffen. Dabei gab es eine Reihe von Missver- ständnissen, die teils auch recht witzig waren. So hatte eine örtliche Zeitung berichtet, der Hof werde „bewirtschaftet“. Einige Zeitgenossen


x


Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen verstanden diese Aussage so, dass der Hof eine (Gast)Wirtschaft betreibe und wollten in dieser einkehren. Und einmal wurde die Familie Löffler früh am Morgen von Alphornbläsern geweckt. Hinterher stellte sich heraus, dass die Musiker eigentlich „Monique“ (Monique Guiton) mit dem morgend- lichen Ständchen hatten begrüßen wollen. Zu den gerne gesehenen Gästen gehören auch die Patienten der Nachsorgeklinik Tann- heim, die einmal im Jahr auf Einladung der Löff- lers hin auf dem Hof ein „Fallerhoffest“ feiern dürfen. Auch Schauspieler „Der Fallers“ sind nach Möglichkeit immer mit dabei. Zumal sie sich für die Klinik für krebs-, herz- und mukoviszidose- kranke Kinder seit ihrem Bau persönlich engagie- ren. Besonders aufregend ist für die jungen Pa- tienten der Stallbesuch, denn viele Kinder, vor allem die aus Städten, sehen dabei das erste Mal in ihrem Leben einen Kuhstall von innen. Der Fallengrundhof wurde 1592 erbaut und 1924 bei einem Brand zerstört Der Unterfallengrundhof dürfte laut Neukircher Höfechronik bereits im Jahr 1592 erbaut worden sein, der Speicher kam dann 1593 hinzu. 1595 soll das heute noch stehende Leibgedinghäusle ge- baut worden sein. Das alte Hofgebäude brann- te 1924 vollständig ab und wurde 1925 an einer günstigeren Stelle neu erbaut. Besitzer war da- mals Albert Fehrenbach (1884 bis 1972), der nicht nur den Neubau erstellte, sondern 1949 auch das neue Leibgedinghaus baute sowie 1964 die Hofkapelle. Albert Fehrenbach war zudem von 1920 bis 1945 und von 1945 bis 1967 Bürgermeis- ter Neukirchs sowie bis 1933 und nach dem Krieg bis 1959 Kreistagsabgeordneter. 1963 war er zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde Neukirch er- nannt worden. Im neuen Leibgeding ist übrigens eine Woh- nung an die „Fallers“ vermietet, hier befinden sich das Büro sowie die Maske und Garderobe für die Schauspieler. Im Hof selbst gibt es einen Aufenthaltsraum für die Schauspieler, einen La- gerraum, außerdem eine kleine Küche. Schau- spieler und Filmteam werden bei Dreharbeiten 222 Die Familie Emma und Albert Fehrenbach. Albert Fehrenbach ist der einzige Ehrenbürger von Neukirch. Die Familie hat im Zweiten Weltkrieg alle vier Söhne verloren, schließlich übernahm die Tochter den Hof und heiratete Alfred Löffler. aber über ein Catering versorgt, das vom Güten- bacher Gasthaus Maierhof geleistet wird. Auch das alte Leibgedinghaus wird von den Fallers be- nutzt, hier wohnen „Franz“ und „Heinz“. Auf dem Unterfallengrundhof leben heute vier Generationen der Familie Löffler, neben Ag- nes und Felix Löffler auch Vater Alfred sowie die Kinder Sabine, Martin und Florian, der den Hof übernehmen wird; alle sind verheiratet. Hinzu kommen fünf Enkelkinder. Rund ein Dutzend Personen lebt auf dem Hof und somit gibt es im- mer viel zu tun. Die Mahlzeiten werden, wenn möglich, gemeinsam eingenommen. Für die vom Michelehof, St. Märgen, stammende Agnes Löff- ler ist das kein Problem, schließlich waren es bei ihr zu Hause 16 Kinder, so dass sie eine große Fa- milie gewöhnt ist. Und natürlich: Wenn am Sonntagabend der SWR eine neue Fallers-Folge ausstrahlt, dann sit- zen die Löfflers wann immer möglich vor dem Fernseher. Und manchmal taucht dann auch Dackel „Moritz“ auf dem Bildschirm auf – oder Sohn Florian mäht die Wiese. Den Traktor am Steilhang entlang zusteuern, das trauen sich die Film-Landwirte dann doch nicht zu.


Der 1924 abgebrannte alte Fallengrundhof (erbaut 1592) und der 1925 erbaute neue Hof. x 223


Zeitgeschehen „Die Fallers“ – in 20 Jahren über 800 Folgen ausgestrahlt Fernsehserie des SWR gehört zu den erfolgreichsten Produktionen in Deutschland – Sonntag für Sonntag ist im „Dritten“ eine hochklassige Werbung für den Schwarzwald zu sehen Diese neue Fernsehserie haben sich am 25. September 1994 viele Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis angeschaut – vor allem in Furtwangen, Neukirch und Gütenbach: Der SWR strahlte erstmals „Die Fallers“ aus – und die Alltagsgeschich- ten ums Leben und Sterben auf einem Schwarzwälder Bauernhof überzeugten allen Unken rufen zum Trotz. Nicht einmal die Schauspieler selbst hatten an mehr als die zunächst angedachten 100 Folgen geglaubt, einige nicht einmal an 20. Heute sind „Die Fallers“ nach der „Lindenstraße“ die älteste wöchentliche Serie im deutschen Fernsehen. Jeden Sonntagabend lockt der SWR zwischen 19.15 und 19.45 Uhr mit dem bekannten Hahnenschrei im Vorspann zur Sendung rund eine Million Zu- schauer vor die Bildschirme. Im Schatten der „Schwarz- waldklinik“ versuchte der SWR eine neuartige Famili- enserie zu konzipieren. Zu- nächst dachte man an eine Winzerfamilie, schließlich erfand Heinz Recht den Arbeits titel „Himmelreich und Höllental“ – nach den Ortschaften nordöstlich von Freiburg – schließlich wurden „Die Fallers“ draus. Heinz Recht, der Er- finder der Fallers, war es auch, der den Unterfal- lengrundhof bei Neukirch als die ideale Kulisse für die Hofgeschichten entdeckte (s. auch Seite 210). Heinz Recht, der Erfinder der Fallers. Wie es sich mit dem Werden der Fallers im Detail verhalten hat, haben die Fans am 6. Sep- tember 2014 bei einer 90-minütigen Jubiläums- sendung erfahren: Das SWR Fernsehen präsen- tierte Hintergründe, Anekdoten und Statistiken. 224 „Der Erfolgsdruck war hoch“, erinnert sich Heinz Recht dabei, der alle Charaktere entwickelt hat und auch die Drehbücher schrieb. Er erzählt vom Besuch des SWF-Intendanten Peter Voß in den eilig eingerichteten Studios in Baden-Baden, der nicht an den Erfolg glaubte. Er irrte sich – wie auch Hauptdarsteller Wolfgang Hepp, der den Hermann Faller spielt, und dachte: „Nach 12 oder 13 Folgen ist Schluss“. Heute lebt die Serie noch immer und nach wie vor garantiert vor der Ka- mera die praktisch gleiche Kernmannschaft von damals ihren Erfolg. Die Möbel in der Kulisse al- lerdings stammen nicht mehr wie anfangs von IKEA, sondern sind teils eigens gebaut. Ursula Cantieni alias Johanna Faller: „Wir sind alle echte Fallers geworden“ Neben Wolfgang Hepp, Lukas Amann, Edgar M. Marcus, Karsten Dörr und Peter Schell gehört


x Die Fallers der ersten Stunde – noch mit Lukas Amann (Dritter v. rechts). Die Fallers heute, v.li.n.re.: Sophie (Janina Flieger), Albert (Alessio Hirschkorn), Bea (Christiane Brammer), Franz (Edgar M. Marcus), Heinz (Thomas Meinhardt), Hermann (Wolfgang Hepp), Bernhard (Karsten Dörr), Jenny (Julia Obst), Karl (Peter Schell), Johanna (Ursula Cantieni), Monique (Anne von Linstow), Eva (Lucie Muhr), Kati (Christiane Bachschmidt). 225


20 Jahre „Die Fallers“ Ursula Cantieni zu den Faller-Stars der ersten Stunde. Mit ihr gelang die Idealbesetzung der Bäuerin Johanna. Im „ABC der Fallers“ erzählt sie: „Ich habe am Anfang gedacht, wir drehen ein paar Folgen und nach zwei oder drei Jahren ist Schluss – so wie bei den meisten Serien im deut- schen Fernsehen. Die Resonanz der Zuschauer war und ist aber so überwältigend, dass an ein Aufhören nicht zu denken ist.“ Und sie ergänzt: „Wir sind alle echte Fallers geworden.“ Ursula Cantieni ist wie Peter Schell auch im Schwarzwald-Baar-Kreis immer wieder präsent und mit vielen Menschen rund um den Fallen- grundhof, so heißt der Fallerhof in Wirklichkeit, gut bekannt. Sie engagierte sich über Jahre hin- weg für die Deutsche Kinderkrebsnachsorge und die Nachsorgeklinik Tannheim. Ebenso wie Peter Schell und andere Fallers-Akteure. An ihrer Spit- ze übrigens nach wie vor Lukas Amann, der als 102-Jähriger an der Benefizgala zugunsten der Nachsorgeklinik Tannheim teilnahm. Bei den Fallers leben vier Generationen unter einem Dach Vier Generationen leben bei den Fallers unter einem Dach – und gleich in der ersten Folge überschlagen sich die Ereignisse förmlich: Der Fallerhof steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Hofbesitzer Hermann Faller, mehr Dorfdiplomat als Landwirt, kümmert sich auf seine Art um die Existenz der Familie. Karl, sein ältester Sohn und Jungbauer mit Leib und Seele, verkauft Kälber an den Metzger und akzeptiert schweren Her- zens einen zu niedrigen Preis. Sein jüngerer Bru- der Bernhard, arbeitsloser Biologe, hat sich mit seiner hochschwangeren Freundin Monique auf dem Hof einquartiert. Wilhelm, der Patriarch der Familie, macht sich währenddessen Gedanken um den richtigen Taufpaten für seinen Urenkel… Den Wilhelm spielt Lukas Amann. Dass er nach sechs Jahren den Filmtod sterben musste, bedauern die Fernsehzuschauer noch heute. In den Faller-Jubi läumssendungen tritt der mittler- weile 102-jährige Schauspieler als Stargast auf. Im „Fallers-ABC“ erzählt er wunderschön, wie er mit 81 Jahren zum ersten Mal in seiner Karrie- 226 Lukas Amann in seiner Rolle als Wilhelm Faller. Der 102-jährige Schauspieler ist beim Publikum nach wie vor äußerst beliebt. re dazu kam, einen Bauern zu spielen. Bekannt wurde der gebürtige Schweizer als „Gentleman- Detektiv“ Graf Yoster. Mit seinem Assistenten Wolfgang Völz löste er mit formvollendeten Ma- nieren diverse Kriminalfälle, die sich in der feinen Gesellschaft zutrugen. „Wir zeigen keine heile Welt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt“ Was macht nun den Erfolg der Fallers aus? „Fal- lers“-Redaktionsleiter und Producer Tobias Jost betont: „Wir zeigen keine heile Welt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt“. Bei den „Fallers“ geht es auch um Streit, familiäre Konflikte und Intrigen, um Alltagssorgen, Wirrungen und Ver- wicklungen. „Die Fallers“, das sind „Dallas“ und Rechte Seite – Erinnerungen an vergangene Fallers-Tage: Karl (Peter Schell) heiratet seine Bea (Christiane Brammert), Ursula Cantieni spielt mit Alessio Hirschkorn, die Fallers-Filmfamilie, Blick in die Kräuterküche von Lioba Weber und winterlicher Drehtag beim Unterfallengrundhof in Neukirch.


x 227


Zeitgeschehen Im Nebensaal der Dorfkneipe „Löwen“: Bea und Karl Faller (Christiane Brammer und Peter Schell). „Denver Clan“ – nur eben mit Bollenhut und Stallgeruch. „Die Fallers“ sind keine Seifenoper. Es gibt den Dauerkonflikt der Brüder Hermann und Franz, es gibt die Bauernfehde zwischen den Fal- lers und den Zimmermanns. Und es gab Ausein- andersetzungen über die Windenergie und das zähe Ringen der jungen Bäuerin um das zweite Standbein Ferienwohnung auf dem Bauernhof. Und ebenso spielen aktuelle Ereignisse wie der Sturm Lothar an Weihnachten 1999 in die Serie hinein – sie werden aufgegriffen. Zumindest die nahe Zukunft der „Fallers“ scheint gesichert Dass hinter dieser Fernsehserie ein enormer Aufwand steht, wird deutlich, wenn man einen Drehtag am Fallengrundhof erleben kann. Die Idylle dort verwandelt sich in wenigen Stunden in ein Filmstudio. Mehrere Lkws des SWR bringen Tonnen an Equipment in den Schwarzwald, eine 228 Zahlen und Fakten zu den „Fallers“ • Seit 1994 werden im SWR Fernsehen jähr- lich 40 Folgen der Schwarzwaldserie „Die Fal- lers“ ausgestrahlt. Sie sind eine Eigenproduk- tion des Südwestrundfunks in Baden-Baden. • Etwa 70 Prozent der Szenen werden in den Ernst-Becker-Studios 3 und 4 des SWR in Ba- den-Baden gedreht, die restlichen 30 Prozent entstehen auf dem Unterfallengrundhof und vor Ort im Schwarzwald. • Pro Jahr werden fünf Staffeln mit je acht Folgen gedreht und dabei rund 2.000 Seiten Drehbuch verfilmt. • An jedem Drehtag werden von dem 35-köp- figen Team rund zehn sendefertige Minuten erstellt. • Der feste Cast der Fallers besteht aus 30 Schauspielern. • Die Studios der Fallers in Baden-Baden haben eine Gesamtfläche von 1.280 Quad- ratmetern. Unter rund 300 Scheinwerfern entstehen sämtliche Innenaufnahmen. • 31 Dekorationen sind in den Fallers-Studios ständig aufgebaut. Bei Bedarf können zu- sätzliche Kulissen errichtet werden. • Gedreht wird außer in den beiden mehr- wöchigen Sommer- und Winterpausen das ganze Jahr über. • Verpasste Folgen der SWR-Schwarzwald- serie gibt es nicht nur online, sondern auch im Fernsehen: Seit dem 9. März 2014 werden die aktuellen Folgen immer sonntags um 12.30 Uhr im SWR Fernsehen wiederholt. • Über Astra sind die Fallers im SWR Fern- sehen auch bundesweit zu empfangen.


20 Jahre „Die Fallers“ Die Landfrauen treffen sich zum Schneidern: v.li. Johanna Faller (Ursula Cantieni), Leni Riedlinger (Heidi Vogel- Reinsch), Martha Bremer (Monika Kerpe), Maria Schreiner (Inge Kiefer), Evelyn Riedle (Catharina Kottmeier) und Stefanie Rabenalt (Nadine Ketterer). 35-köpfige Crew ist im Einsatz: Regisseur, zwei Kameramänner, Tontechniker, Maske, aber auch ein Regiezelt zur Live-Kontrolle der Fernsehbil- der, werden aufgeboten. Trotz aller Erfolge – Rückschläge gab es den- noch: Nachdem die Einschaltquoten vor Jahren spürbar zurückgingen, verjüngte sich die Serie, neue Schauspieler kamen hinzu. Zur Zukunft der „Fallers“ äußert sich der SWR nicht konkret. Da immer für ein Jahr im Voraus gedreht wird – wird die Geschichte der „Fallers“ nicht schlagartig enden. Der SWR will sich nach Aussage im Fallers-Jubiläumsfilm „nachhaltig zeigen“. Da man im Schwarzwald eine funktio- nierende Kulturlandschaft vorfinde, weil sie ge hegt und gepflegt werde – wachse dort auch immer etwas nach, spricht SWR-Comedychef Andreas Müller. Und das letzte Wort dazu hat Lukas Amann: „Mehr gibt‘s nicht zu sagen!“ Landrat Sven Hinterseh jedenfalls ist aus dem Blickwinkel der Region betrachtet zuversichtlich: „So wie es immer wieder neue Geschichten gibt, Im Rathaus von Schönwald: Bürgermeister Bernhard Faller (Karsten Dörr), Claudia Heilert (Adelheid Theil) sein wandelnder Terminkalender und Dieter Weiss (Christoph Hagin) jongliert mit Zahlen und Vorschriften. die das Leben schreibt, so hoffe ich auf immer wieder neue Folgen der Serie. Für den Schwarz- wald-Baar-Kreis und den gesamten Schwarz- wald ist das allerbeste Werbung.“ 229


Zeitgeschehen „Funkenflug“ – Als die Bergstadt in Flammen stand 2015 jährt sich zum 150. Mal der Stadtbrand von St. Georgen im Schwarzwald Von Roland Sprich Zum 150. Jahrestag der Brandkatastrophe – die 1865 halb St. Georgen in Schutt und Asche legte – wurde unter Regie von Stephanie Kiewel mit großem Aufwand in und um St. Georgen ein Film gedreht. Die Oberkirnacherin studiert in England das Fach „Film- und Fernsehproduktion“. Für Stephanie Kiewel ist es das bislang größte Projekt, an dem sie mit so viel Verantwortung beteiligt ist. Inklusive der zum Teil aus England stammenden Crew sind gut 120 Personen an der Produktion beteiligt. Als Kameramann fungierte Evans Kirkman, der wie Stephanie Kiewel in Carlisle in Nordengland an der University of Cumbria studiert. In St. Georgen ist der Film erstmals im September 2015 im Rahmen einer Ausstellung zum Stadtbrand offiziell zu sehen. Vorab wird er auf Filmfestivals gezeigt. 230 230


x 231 231 Dreharbeiten im Bauernmuseum Mühlhausen zum Film „Funkenflug“, wo der Stadtbrand von St. Georgen inmitten einer historischen Kulisse nachgespielt wurde.


20 Jahre „Die Fallers“ Die Filmcrew von „Funkenflug“ stammt von einer englischen Hochschule, Kameramann ist Evans Kirkman. Anna (Esther Maaß) versucht, in das brennende Haus zu rennen. 2015 jährt sich zum 150. Mal der Jahrestag der bis- lang größten Katastrophe in der Geschichte der Stadt St. Georgen; Am 19. September 1865 legt ein verheerender Brand innerhalb weniger Stun- den halb St. Georgen in Schutt und Asche. Ausge- löst durch einen Funkenflug brennen 22 Häuser des damaligen Stadtkerns innerhalb der Kloster- mauern sowie die Lorenzkirche ab. Diesem histo- rischen Ereignis gedenken die St. Geor gener mit einer Dauerausstellung, die ab September 2015 an die Katastrophe erinnert. Den Stein ins Rollen brachte der ehemali- ge Feuerwehrkommandant Werner Fuchs. Er sprach Arno Schwarz, Mitglied des Vereins für Heimatgeschichte an, machte den Vorschlag, mit einer Ausstellung an den Ortsbrand zu erinnern. Schwarz wiederum trug die Idee im Verein wei- ter. Und auch das Theater im Deutschen Haus war auf Anhieb Feuer und Flamme. Es reifte die Überlegung, mit einzelnen Filmsequenzen an den schwärzesten Tag in der St. Georgener Ge- schichte zu erinnern. In Stephanie Kiewel fand sich eine Regisseurin, die das Vorhaben filmisch umsetzen wollte. Die aus St. Georgen-Oberkir- nach stammende Kiewel studiert derzeit in Eng- land Film- und Fernsehproduktion. Gemeinsam mit einigen ihrer britischen Kom- militonen sowie dem ebenfalls aus St. Georgen stammenden Finn Drude, der sein Studium für Filmproduktion bereits abgeschlossen hat, berei- tete sie das Projekt monatelang professionell vor. 232 In einem Casting wurden aus etlichen Bewerbern die Darsteller für drei Haupt- und vier Nebenrol- len sowie etwa 50 Komparsenrollen ausgewählt. Dabei bewies die Jury ein glückliches Händchen. Alle Darsteller, überwiegend aus der Bergstadt selbst, sind echte „Typen“. Wenngleich es Laien- darsteller sind, steht ihnen das Grauen dieses Ta- ges in den einzelnen Szenen absolut authentisch ins Gesicht geschrieben. Requisiten aus Theaterfundus und Museen Auch das Team hinter der Kamera gab vor und während der Dreharbeiten alles. Mitglieder des Vereins für Heimatgeschichte und des Theaters im Deutschen Haus sowie etliche Freiwillige wur- den für Kostüme, Maske, Requisite und Catering gesucht – und gefunden. Historische Kostüme und Requisiten wurden aus dem Theaterfundus, aus Museen, vom Trachtenverein und aus Privat- besitz zusammengetragen. „Ich bin sehr stolz, dass ich dieses Projekt für meine Heimatstadt umsetzen darf“, sagt Regis- seurin Stephanie Kiewel. Die legte sich gemein- sam mit ihrer englischen Filmcrew mächtig ins Zeug. Drehtage mit zwölf Stunden waren keine Ausnahme. Das zehrte an der Substanz aller Be- teiligten. „Es macht unglaublich viel Spaß, bei diesem Projekt mit dabei zu sein. Aber es ist auch sehr anstrengend“, sagt Bertram Krämer. Er war,


x „St. Georgen brennt“ – Filmszene vom Brandgeschehen. Rechts bespricht sich Regisseurin Stephanie Kiewel mit den Darstellern, die wie die Filmcrew ehrenamtlich mitwirkten. zusammen mit Arno Schwarz, Helmar Scholz und weiteren Helfern, als Requisiteur mit dabei und sorgte stets dafür, dass der jeweils benötigte Drehort wie anno 1865 aussah. Selbst eine Kuh und ein Huhn beschafften die Requisiteure auf Wunsch der Regie. Kein Entkommen aus der Flammenhölle Im September 2014 fanden die Dreharbeiten zu „Funkenflug – Chronik einer Katastrophe“ statt. Zwei Wochen lang wurde an verschiedenen Schauplätzen in und um St. Georgen gedreht. Da es in St. Georgen als Folge dieses Brandes keinen historischen Stadtkern mehr gibt, wurde unter anderem im Museum Auberlehaus in Trossingen sowie im Bauernmuseum in VS-Mühlhausen ge- dreht. Dort, auf dem historischen Dorfplatz, fan- den auch die Massenszenen statt. 50 Komparsen rennen dabei rußgeschwärzt, panisch und mit Brand- und anderen Verletzun- gen über den Dorfplatz. Feuerwehrleute in his- torischen Uniformen versuchen mit dem Was- ser aus Eimern die Flammen zu löschen. Es war ein aussichtsloses Unterfangen, 22 Häuser und die Lorenzkirche fallen in Schutt und Asche. Am Abend des 19. September 1865 steht ein großer Teil der damaligen St. Georgener Bevölkerung vor dem Nichts, der Ort hatte zu jenem Zeitpunkt rund 600 Einwohner. Am 19. September 1865 bricht gegen 8.30 Uhr morgens in der oberen Gerwigstraße ein Feuer aus, das sich schnell auf die Nachbarhäuser aus- breitet. Die Ursache konnte nie abschließend ge- klärt werden. Vermutet wurde, dass zündelnde Kinder das Feuer ausgelöst hatten. Die Feuer- wehr St. Georgen wurde von Mannschaften aus Villingen, Vöhrenbach, Furtwangen, Triberg und Hornberg unterstützt. Der Produktion zugrunde lag das mehr als 300 Seiten starke Vernehmungsprotokoll der Zeugen zum Stadtbrandgeschehen aus dem Stuttgarter Landesarchiv. Darauf aufbauend wurde der Film um eine fiktive Handlung um den Dorflehrer ergänzt. In verschiedenen Spielszenen wird geschildert, wie verschiedene Menschen an unterschiedlichen Orten auf das Feuer aufmerk- sam werden. Wenngleich sämtliche Akteure vor und hinter der Kamera, insgesamt sind rund 120 Personen an dem Projekt beteiligt, sich ehrenamtlich ein- bringen, kostet die Produktion auch Geld. Un- terstützung kam von der St. Georgener Bürger- stiftung, der Volksbank Schwarzwald-Baar-He- gau, der Stadt St. Georgen und der Tageszeitung Südkurier. Die Filmcrew aus England wurde vom Schwarzwaldverein untergebracht und verkös- tigt. Zahlreiche Privatleute, Metzger, Bäcker, Gastronomiebetriebe und Einzelhändler unter- stützten das Projekt zudem großzügig mit Essen- und Getränkespenden. 233


11. Kapitel Kunst und Künstler Thomas Straub: Konzeptkünstler und Schemenschnitzer Der Villinger Künstler lebt und arbeitet in Köln, ist mit der Heimat aber eng verbunden von Stefan Simon Da denkt man, einen Künstler und dessen Werk zumindest in Ansätzen aus Katalogen, von Ausstellungsbesuchen und gelegentlichen Zusammentreffen zu kennen, aber dann muss das Bild, das man noch vor dem Atelierbesuch von Thomas Straub und seinen Arbeiten hatte, neu erstellt werden. Eine Atelierbesichtigung ist immer etwas Spannendes, zumal wenn man einen Künstler erstmalig an seiner Wirkungsstätte aufsucht. Der Weg im Kölner Gewerbegebiet Ehrenfeld führt in eine Art Loft, in der der gebürtige Villinger mit seiner Frau und seinem Sohn wohnt und arbeitet. 234


Thomas Straub Villinger Schemen aus der Hand von Thomas Straub. Es gibt ein Wiedersehen mit einigen Bildern und Skulpturen, die man schon aus Ausstellungen kennt. Doch der Blick richtet sich vielmehr auf noch mehr Vertrautes: eine Ansammlung Villinger Schemen inmitten zeitgenössischer Kunst. Was für Gegensätze, die zuerst einmal bizarr erscheinen, aber auf dem weiten Feld der Kunst durchaus verortbar sind. Da erwartet man also Konzept- kunst und man findet sich in Köln inmitten Villinger Brauchtums. Das eine schließt das andere aber nicht aus. Mehr noch: Die beiden unterschiedlichen künstlerischen Tätigkeiten ergänzen sich. Verbindung von Konzeptkunst mit „Volkskunst“ Die Schemenschnitzerei ist für Straub mehr als ein Broterwerb. Dennoch sollte man die beiden Betätigungsfelder getrennt von einander betrachten, rein the- oretisch. Denn in der Praxis sind sie nicht nur an der Arbeitsstätte sehr nahe beieinander. So hängt alles miteinander zusammen. Kult und Profanierung sind die Schlüsselworte, die die Konzeptkunst mit der „Volkskunst“ verbindet. Doch zunächst gilt das Credo: Künstler müssen ihre Arbeiten nicht erklären, die Kunstwerke sollten eigentlich für sich sprechen. Das macht die Auseinan- dersetzung mit Kunst auch so interessant und inspirierend. So gibt Thomas Straub bei seinen auf den ersten Blick schwer zugängli- chen, als durchaus sperrig zu bezeichnenden Werken wenig Interpretationshil- fen. Das Gespräch dreht sich vorerst um das, was man ohnehin schon sieht und um technische Details. Da gibt es in den Skulpturen, den architekturbezogenen Raumeingriffen, den grafischen Collagen und den Videoarbeiten vieles, was eindeutig zuordenbar ist: Äste, die im Dialog auftreten, brennende Strohballen und Dornbüsche, Wände aus Pappe und Holz, Fotokopien bekannter Gemälde und mit Blattgold versehene Bilder und Objekte. Weitaus wichtiger zur Erforschung und letztlich zum Verständnis des Kunstschaffens von Straub sind die Gespräche, die sich um Kulturgeschichte und um Philosophie drehen. Straub: „Mich interessiert das zweite Konzil von Nicäa und seine Auswirkung auf die abendländische Kultur mehr als Pablo Picasso. Texte und Bücher von Hans Belting, Walter Benjamin, Georges Bataille 235 Linke Seite: Thomas Straub in seinem Atelier in Köln.


Kunst und Künstler und besonders Giorgio Agambens Text ‚Lob der Profanierung‘ eröffnen mir Tiefen, welche mich in meinen Auseinandersetzungen anreizen, noch konse- quenter an meiner Forschung zu arbeiten.“ Die Thesen von Belting, der die entscheidende Wende vom Kultbild zum Bild der Kunst in der Renaissance ansiedelte, und von Benjamin, der den ein- zigartigen Wert des „echten“ Kunstwerks in seiner Fundierung im Ritual sieht, sind auch für Laien nachvollziehbar. Agamben jedoch ist einen kleinen Exkurs wert. Der italienische Jurist und Philosoph Giorgio Agamben lotet den Raum des Menschlichen aus: in seiner Beziehung zu Erinnerung und Spiel, zur Re- ligion, zur Sehnsucht nach dem nicht Erinnerbaren, nach dem, was wir als unser Genie, unsere Autorschaft, unser Ich empfinden. Er fasst das Flüchtige als Bild, als Einbildung, in der Profanierung der metaphysischen Überbleibsel unserer sogenannten Individualität. Das ist nach Agamben streng von einer Säkularisierung zu unterscheiden, die die Machtverhältnisse lediglich von Gott auf die Menschen überträgt und somit im Grunde alles beim Alten belässt. Die Profanierung, und so lässt sich der philosophische Diskurs ganz konkret in Straubs künstlerischen „Forschungsarbeit“ überprüfen, löscht das Heilige nicht aus, sondern lässt es wie in einem Suchbild entstellt, verrätselt, aber auch mit neuer Leichtigkeit fortleben – so wie der Ritus fortlebt im Spiel. „Ich fühle mich dem Skeptizismus verbunden“ Und wie hält es Straub selbst mit der Religion? Seine Arbeiten erscheinen schließlich oft im sakralen Kontext wie in der St. Matthäus Kirche am Berliner Potsdamer Platz und in der ehemaligen Klosteranlage Obermarchtal, oder haben christliche Themen zum Inhalt wie seine vergoldete „Aureole“ oder die „Dornbusch“-Variationen. Straub: „Ich sehe mich weder einem fundamenta- len Glauben zugehörig noch einem reinen Atheismus, sondern fühle mich dem Skeptizismus verbunden. Gerade deshalb lässt mich die Auseinandersetzung mit der Sphäre des Sakralen auf der einen und dem Profanen auf der anderen Seite und die so oft vorzufindende Ambivalenz, welche die Dinge, die Bilder, die Objekte und die Inszenierungen aus unserer abendländischen Kulturge- schichte aufweisen, nicht mehr los.“ Rechte Seite oben: Billboard (The Absen- ce of Myth), 2010, Installationsansicht im Innenhof des ehemaligen Klos- ters Obermarchtal. Rechte Seite unten: Black Billboard, 2006, an der Land- straße nahe Matti Salminen’s Farm, Kellokoski, Finnland. Große Aureole, 2007. Holz, Blattgold, Poliment, Stahl. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch Straubs „Billboards“ verstehen. In großen Let- tern wird auf diesen Reklameta- feln die Abwesenheit des Mythos festgestellt oder konstatiert, dass am Ende doch Dunkelheit herrscht. In Frage stellen und die Umkehrung von tradierten Denkmustern: Die künstlerische Strategie Straubs zeigt Wirkung, ganz ohne Interpretationshilfe. So reduziert seine Wer- ke – nicht nur die Schrift arbeiten – sind, sie bergen ein großes Potenzial an Deu- tungen. Es geht Straub auch darum, wie 236


Thomas Straub 237


Kunst und Künstler Wert den Dingen zugeschrieben wird. Das offensichtlich Außergewöhnliche neben das vermeintlich Alltägliche stellen oder das Unbenutzte neben dem Abgenutzten zeigen, aber dabei keine Wertung zu geben. Spiel mit der Wahrnehmung Der Künstler spielt mit den Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachter, er- öffnet eine neue Sicht auf Altbewährtes und schärft den Blick für Details, die den Dingen eingeschrieben sind. Aussagen, die in der Profanierung-Debatte durchaus weiter helfen und die sich ebenso auf die vorerst nicht religiös mo- tivierten Werkgruppen anwenden lassen. Denn schließlich sind die Grenzen zwischen Kultbild und Bild fließend. So wie sich Thomas Straub Versatzstücke allgemein bekannter sakraler Bildwerke bedient und diese in einen neuen Zusammenhang stellt, bezieht sich seine Kunst in dem kaum überblickbaren Betriebssystem Kunst immer wieder auch auf Kunst. In diesem Kosmos tauchen kunsthistorische Wegmarken wie Hans Holbein der Jüngere, Albrecht Dürer, Kasimir Malewitsch, Andy Warhol oder Sol Lewitt auf. Er reduziert die kunsthistorischen Zitate auf ihre formale Ebene. Gegen- sätzlichkeiten werden mittels einer konzeptionell konkreten sowie narrativen Bildsprache neu ausgelotet. Das Offensichtliche und das Undurchsichtige er- scheinen gemeinsam im Bild. So verbirgt sich Dürer hinter einem Schiebe-De- ckel-Rahmen. Auch in der Ikonen-Serie geht es dem Künstler im Wesentlichen um die Struktur, die sich hinter den Bildern verbirgt und die ihre eigene visuelle Präsenz entfalten. Indem er anerkannte Heilige oder profanierte wie die Mo- delle von Warhol ganz banal und offensichtlich aus Büchern kopiert und mit edlem Blattgold hinterlegt, unterwandert er das Prinzip ihrer vermeintlichen Immaterialität. Schließlich gibt es noch die markanten Doppelungen, bei denen es auch um die Fragen nach Original und Autorenschaft und um die Auslotung von gegen- sätzlichen Polen geht. In dieser Werkgruppe wird am Beispiel eines Astes eine konkrete Form revidiert, indem sie spiegelbildlich kopiert wird. Der gefundene Ast wird möglichst exakt nachgeschnitzt. Original und Kopie stehen sich so als Zwillingspaar gegenüber. Wie in den Abklatschbildern des psychodiagnosti- schen Rorschach-Tests entfaltet sich in dieser Spiegelung ein psychologisches Moment. Wie schafft man nun die Verbindung von dieser doch sehr reduzierten und konzeptionellen aber vielfältige Assoziationen anstoßenden Kunst zu der auf den ersten Blick greifbareren Schemenschnitzerei? Anknüpfungspunkte finden sich in Straubs künstlerischem Werk durchaus viele. Rituale der Fast- nacht, die sich letztlich von heidnischen Bräuchen ableiten lassen, themati- siert Straub zum Beispiel in seiner Inszenierung „The Votive Square Fire“. Es gibt aber auch den philosophischen Überbau, den Straub für seine Kunst in Anspruch nimmt und der sich auch auf die in eines langen Brauchtums ein- gebetteten Handwerkskunst anwenden lässt. So stellte der Philosoph Walter Benjamin fest, dass die ältesten Kunstwerke im Dienst eines Rituals entstan- den seien, zuerst eines magischen, dann eines religiösen. In dieser Tradition 238 Oben links: Ohne Titel (Ikone nach van Gogh), 2013, Blattgold auf Poli- mentgrund auf A3 Fotokopie. Oben rechts: Skull (Ikone nach Warhol), 2009, Blattgold auf Polimentgrund auf A3 Fotokopie. Unten links: Ohne Titel (Rorschach Test), 2009, gefundener Holunderast, Linde geschnitzt und ge- schliffen. Unten rechts: Provi- sorische Wand (mit Überhang), 2010, Installationsansicht in der Ausstellung antiplastic im Badi- schen Kunstverein Karlsruhe.


Thomas Straub 239


Kunst und Künstler könnte man die Villinger Schemen sicherlich sehen, selbst wenn es sich dabei nach der De- finition nicht um „echte“ Kunst handelt. Aber auch die originalen und kopierten Holzskulp- turen aus der Serie Rorschach-Test lassen die Brücke, wenngleich eine sehr konstruierte, zu den Schemen bauen. 2013 beim traditionellen „Scheme-Obed“ hielt Thomas Straub einen Vortrag zur Stil- kunde der Villinger Schemen. Die Kunst- und Kulturgeschichte der Maske wurde ebenso behandelt wie die stilkundliche Einordnung der Villinger Schemen. Hierbei kann man nach Straubs Ansicht den Narro dem Idealismus zu- ordnen, da mit Sicherheit behauptet werden kann, dass so ein Gesicht nie existiert hat, es handelt sich um ein „idealschönes“ Gesicht aus der Zeit des Barock und des Klassizismus. Die Merkmale der beiden Charaktere des Sur- hebels und des Morbilis weisen jedoch eher auf den Naturalismus hin. Man spricht auch von Portraitschemen, in denen oft versucht wurde, lokale „Charakterköpfe“ festzuhalten. Die Altvillingerin lasse sich am ehesten dem Idealismus mit einer Portion Naturalismus zu- ordnen. „Die Villinger Scheme im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit“ Thomas Straub geboren 1976 in Villingen-Schwenningen 1998 – 2001 Fachschule für Holzbildhauerei in Oberammergau 2001 – 2003 Staatliche Akademie der Bildenden Künste Nürnberg 2003 – 2007 Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe 2005 Academy of Fine Arts Helsinki 2007 – 2008 Master of Fine Art an der Glasgow School of Art Lebt und arbeitet in Köln. Straub weiß nicht nur in der Theorie, über was er spricht. Denn die kunsthistorischen Zuord- nungen finden in der Werkstatt des Bildhau- ers ihre praktischen Umsetzungen. Von der Holzauswahl über die Schnitzerei bis hin zum letzten Pinselstrich bei der Fassmalerei und der Anbringung des Kranzhaares. In seiner denkwürdigen Schlussbemerkung ging er einem „unschönen“ Gedanken nach und brachte den bekannten Buchtitel von Walter Benjamin ins Spiel: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reprodu- zierbarkeit“ und wandelte es um in „Die Villinger Scheme im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit“. Hier stellt sich wieder die Frage nach der Originalität. Straub: „Man könnte heutzutage diese Schemen in einem hochtechnischen Prozess exakt fertig Ko- pierfräsen lassen, das wäre gar kein Problem.“ Der Preis würde rasant sinken, aber in einigen Jahrzehnten wäre keiner mehr in der Lage, handgeschnitzte, individuelle und hochwertige Villinger Schemen zu schnitzen, da niemand mehr diese hohe Fertigkeit gelernt hätte. 240


XXX Steht für hand- geschnitzte Villinger Schemen in höchster Qualität: Thomas Straub. Aber dass diese reiche Villinger Schemenkultur nicht nur ein museales Relikt wird, dafür sorgen schon die traditionsbewussten Villinger Narren, die darauf bestehen, dass die Schemen handgearbeitet sind und damit diese rei- che Vergangenheit auch in Zukunft noch in ihrer gelebten und altüberlieferten Form erhalten bleibt. Nicht zuletzt aufgrund handwerklich versierter und mit bewährten Techniken vertrauten Schemen-Schnitzer wie Thomas Straub einer ist, der selbstverständlich – obwohl weitgereist und nun in Köln lebend – das Brauchtum seiner Heimatstadt authentisch lebt und vor allem überzeugend pflegt. 241


Kunst und Künstler Physiologieprofessor und facettenreicher Künstler Kunst sollte für sich sprechen und ohne die eigene Interpretation zu sehr beeinflussenden Erläuterungen des Künstlers auskom- men. Diesem Grundsatz gehorchen auch die Arbeiten von Helfried Günther Glitsch, der in Königsfeld lebt. von Stefan Simon Trotz der Vielfalt ist das Werk des 1937 in Berlin geborenen, ab 1949 in Königs- feld aufgewachsenen und nach zahlreichen Etappen seit 2000 wieder dort lebenden Künstlers überschaubar und klassifizierbar und vor allem, in den verwendeten unterschiedlichen künstlerischen Techniken, stets mit seiner in- dividuellen Handschrift verbunden. Da gibt es die Malereien, Druckgrafiken und Pappen, die Landschaften, Architektur, Stillleben, Portraits und Akte zum Inhalt haben. Man scheint das Werk zu kennen und dennoch stößt man immer wieder auf etwas Neues, Unbekanntes. Auf ein Bild, das man noch nicht in einer seiner zahlreichen Ausstellungen gesehen hat. Bei dem Besuch des Ateliers, das im modernen Wohnhaus in einer reizvol- len Königsfelder Randlage untergebracht ist, und nach der intensiven Durch- sicht von mehreren hundert Arbeiten, führt der Hausherr in sein Arbeitszim- mer. Dort hängt das Gemälde „Digitalis“ aus dem Jahr 1990. Es handelt sich 242 „Digitalis“, Selbstbildnis aus dem Jahr 1990.


243


Kunst und Künstler um ein Selbstbildnis, das sich wesentlich von den anderen unterscheidet: Stellt sich Glitsch in der Regel auf seinen frühen wie späten Selbstbildnissen mit den typischen Künstler-Attributen, wie etwa der Staffelei, dar, so sieht man den Künstler hier lediglich vor einer grünen Tafel. Darauf sind Namen und Diagramme zu erkennen. Die eigene Interpretationsbereitschaft hilft jetzt nicht wirklich weiter, nun ist die Hilfestellung des Künstlers gefragt. Denn schließlich handelt es sich, wie sich herausstellt, um ein Schlüsselwerk. Um ein Bild, das die zwei Berufungen Glitschs vereint. Da gibt es zum einen die male- rische Qualität, wie etwa das Grün der Tafel umgesetzt wird, oder wie sich der Künstler knapp und prägnant neben der Abbildung eines Fingerhuts (Digitalis) darstellt. Zum anderen ist es der vorerst irritierende Inhalt, der im Gegensatz zum Gesamtwerk nicht nur als Malanlass genommen wird, sondern illustrati- ven, erzählenden Charakter hat. Denn die Wirkstoffe des Fingerhuts, botanisch „Digitalis“, werden zur Therapie der Herzinsuffizienz eingesetzt. Die Diagram- me beziehen sich auf die Wirkungsweise der Substanzen, die aufgeführten Namen bezeichnen Mitarbeiter in Glitschs Forschungsteam und ausländische Kollegen. Denn Glitsch ist bei aller Kunst auch ein Mann der Wissenschaft. Sein Brotberuf war jahrzehntelang der des Physiologen. Berufung… Nach dem Abitur am Königsfelder Zinzendorf-Gymnasium studierte Helfried Günther Glitsch als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes von 1957 bis 1963 in Heidelberg Medizin. Mit beachtlichem Erfolg. Über Zwischen- stationen in Mainz, Plymouth und Cambridge kam er 1973 als Professor für Physiologie (Lehre von den normalen Lebensvorgängen) an die Ruhr-Universi- tät Bochum, an der er bis zu seiner Pensionierung Ende 2000 eine selbständige Arbeitsgruppe leitete. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit sind in zahlreichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Als Physiologieprofessor war Glitsch verschiedentlich zu längeren Arbeitsaufenthalten im Ausland. Seine Forschungen führten ihn 1977 nach Orsay bei Paris, 1982 hatte er eine Gastpro- fessur an der Rockefeller-Universität in New York inne und Anfang der 1990er Jahre in Kortrjik/Leuven (Belgien). …und Leidenschaft Neben diesem medizinischen Forscherdrang zeigte sich bei Glitsch schon früh seine künstlerische Begabung. Während des Studiums in Heidelberg nahm er im Collegium Academicum auch intensiv an Veranstaltungen außerhalb der eigenen Fakultät teil. Und schließlich an der Bochumer Ruhr-Universität konn- te er neben seiner wissenschaftlichen Arbeit seiner künstlerischen Passion im Kreise Gleichgesinnter nachgehen. Von 1995 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 war Glitsch ehrenamtlicher Leiter des Musischen Zentrums, jenes Instituts, wo er einst selbst von namhaften Künstlern wie dem Maler Hans-Jür- gen Schlieker oder der Radiererin Barbara Grosse unterrichtet wurde. Seit 2006 ist er Mitglied des Kunstvereins Villingen-Schwenningen. 244 Donishof, 2009, Öl


Helfried Günther Glitsch


Kunst und Künstler Ein breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen Das große neugebaute Haus, das Glitsch nach seiner Pensionierung mit seiner Frau in Königsfeld bezog, ein geräumiges Atelier, die professionell ausgestatte- te Druckwerkstatt bieten dem Besucher die Möglichkeit, sich einen Überblick über das ganze Spektrum der künstlerischen Arbeit zu verschaffen. Bei der abwechslungsreichen Auseinandersetzung mit über 50 Jahren künstlerischem Schaffen begegnet man Malerei, Zeichnungen, Ritzungen, Radierungen in den unterschiedlichsten Technik-Variationen und ins dreidimensional gehende fi- gurative Arbeiten aus Wellpappe. Duisburg-Nord, 1997, Aquatinta Anhand der Jahreszahlen bemerkt man eine konsequente Entwicklung vom detailliert Abbildhaften, wie bei dem Ölbild „Selbstbildnis“ aus dem Jahr 1955, bis hin zum rein Bildhaften, bei dem das Motiv in Ansätzen zwar noch er- kennbar ist, aber mehr Malanlass wird wie die, die reine Autonomie des Bildes unterstreichende, malerische Collage jüngsten Datums. Vom am Naturvorbild orientierten, akademisch geschulten Blick hat sich Glitsch mit den Jahren ge- löst und ist zu seiner eigenen Handschrift, zu seinen individuellen Bildfindun- gen gelangt. Die Motive findet Glitsch da, wo er sich gerade aufhält: während der Studienzeit im Neckartal oder am Zürcher See, lange Jahre im Ruhrgebiet und nun eben vermehrt im Schwarzwald direkt vor der Haustüre oder einfach in der Zeitung. Soweit eine grobe Beschreibung eines umfangreichen Werkes, dem man sich über die angewandten Techniken, aber auch über die Bildinhalte nähern kann. Man kann das Konvolut der Arbeiten nun chronologisch inspi- zieren, nach technischen Aspekten oder nach inhaltlichen. Die Vorgehenswei- se spielt keine Rolle, denn die verschiedensten zeitlich parallel verwendeten Techniken sind vernetzt durch die Motive. Ob Glitsch nun malerisch, grafisch oder materialhaft arbeitet, seine Themen finden sich in allen Bereichen wie- der. Sofern man sie denn sofort erkennt; er wolle dem Betrachter keine ein- deutige Aussage aufzwingen, so Glitsch. Helfried Günther Glitsch geboren 1937 in Berlin 1957 Abitur in Königsfeld/ Schwarzwald (Ortsschüler seit 1950) 1957 – 1963 Medizinstudium in Heidelberg, Promotion zum Dr. med. 1973 – 2000 Professor für Physiologie an der Ruhr-Universität Bochum 1978 – 2000 Arbeit am Musischen Zentrum der Ruhr- Universität 1996 – 2000 Direktor des Musischen Zentrums 246 So sind seine Arbeiten stets Angebote, die mit der eigenen Seherfahrung zu deuten sind. Die Kompositionen verraten viel über Glitschs Sicht der Dinge. Denn auch die vermeintlichen Natureindrücke sind oft auf re- duzierte Flächen beschränkt: als Erinnerung daran, dass es sich bei unseren Landschaftsformati- onen immer um vom Menschen verwandelte Natur handelt. Bei dem Ölbild „Lotharpark“ (2006) hat die Natur dem Menschen freilich seine Grenzen aufgezeigt. Glitschs Kommentar: „Zerstö- rung gehört eben zur Wirklich- keit“. Landschaft bei Obereschach, 2003, Wellpappe


Helfried Günther Glitsch


Kunst und Künstler Zerstörung, 2005, Öl So ergeben auch die vielen Zeitungsfotos von Unfällen und Katastrophen, die neben Skizzen und Fotos von Schwarzwaldhöfen über dem Werktisch hän- gen, einen Sinn. Die Architektur eines Schwarzwaldhauses, die Industriebra- chen im Ruhrpott, die Landschaft aus dem Atelierfenster gesehen, aber auch die ineinander verkeilten Autos und die Überreste eines durch eine Explosion zer- störten „Kosovo-Busses“: Jedes Motiv hat seine eigene Ästhetik. Bei den „Chaos- bildern“ wird die ästhetische Destruktion, besser die Dekonstruktion, malerisch gelöst und analog zu den anderen Themen auch in den Radierungen umgesetzt. Radierungen Während die Bildentstehung bei den malerischen Arbeiten nach den Gesetz- mäßigkeiten einer spontan-kalkulierten Geste funktioniert, sind die aus meh- reren Platten entstandenen Farbradierungen, ebenso wie die einfarbigen Blät- ter oder die Aquatinta, immer Ausdruck eines wohlüberlegten Plans. Der wilde Strich ist genauso konstruiert wie das geometrisch angelegte Haus oder die ins Raster gesetzte Landschaft. Die aufwändige Tiefdrucktechnik verzeiht keine Fehler, so muss eben schon bei den ersten Schritten der Nadelführung oder des Ätzvorgangs das erwartete Ergebnis vor Augen sein. „Trümmer“, „Zerstörung“, „Autowrack“: Zivilisationskritik könnte drin stecken, aber man wird den Bild- welten Glitschs sicherlich nicht gerecht, sie zuerst nur auf diese Interpretation hin zu betrachten. So wie in der Malerei der durch den Orkan gezeichnete Wald Malanlass wird, so lässt sich der Künstler durch die Schrotthaufen zu seinen vielschichtigen Radierungen und somit zu eigenen Bildfindungen inspirieren. 248


Helfried Günther Glitsch Lotharpark, 2006, Öl


Kunst und Künstler Winterlandschaft, 2005, Wellpappe Mit den druckgrafischen Umsetzun- gen deformierter zivilisatorischer Er- rungenschaften bewegt sich Glitsch an der Grenze zur Abstraktion. Die Trümmer türmen sich auf zu Gebir- gen, lassen den Blick über farbkräfti- ge Schrottlandschaften gleiten und laden gerade aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades letztlich wieder zur Interpretation ein. Pappen Autowrack, 2009, Farbaquatinta Neben den teils großformatigen Malereien, bei denen der Künstler schon in frühen Jahren einen hohen Abstraktionsgrad erreicht, und den Radierungen treten die „Pappen“ gleichberechtigt in seinem Gesamtwerk auf. Der Begriff „Pappen“ bezeich- net nicht nur das verwendete Material wie etwa bei „Arbeiten auf Papier“. Die gewöhnliche Wellpappe ist mehr als nur der Bildträger für Farbe, die als ureigenstes Medium der Malerei Form annimmt. Die Motive, ob es sich nun um Stillleben, Landschaften, Industriegebäude oder Menschenbilder handelt, entstehen vielmehr aus dem unkonventionellen, banalen Werkstoff, indem die Material-Eigenschaften künstlerisch veredelt werden. Zum einen wird die Struktur malerisch hervorgehoben, zum anderen wird das Gefüge des Kartons als Bildelement genutzt. Unabhängig von einem bestimmten Naturvorbild liegt der Reiz bei diesem Material für den Künstler darin, in der Kombinati- on von unterschiedlichen Oberflächenstrukturen ein Bild zu konstituieren. Dass sich Glitsch als Bildgegenstand in diesem Metier auch der akademisch klassischen Aktdarstellung bedient, macht die Sache nicht einfacher. Gilt es doch dabei einigermaßen anatomisch korrekt unter Beachtung der Proporti- onsverhältnisse zu arbeiten und dem Material mit Sachverstand auf den Leib zu rücken. Mit dem Fingernagel zart geritzt, großflächig gerissen oder mit dem Messer akkurat geschnitten: Die Pappen legen mit wenigen gezielten Eingriffen partiell ihr Innerstes offen. Die entstandenen freigelegten Struktu- ren ergeben mit noch vorhandenen Teilen der Kaschierung der Pappe und mit äußerst wenigen malerischen Einsätzen die Aktdarstellungen. Dass er dabei den Grundsatz „weniger ist mehr“ beachtet und sich als Maler in Askese übt, macht die Sache noch interessanter. Farbe kommt sparsam zum Einsatz, wenn es gilt eine Kontur oder die Riffelung deutlich hervorzuheben. Ansonsten leben die Pappen einzig und allein durch ihren Materialcharakter. Malerei, Druckgrafik, Pappen: Wo liegen nun die Stärken, was sind aus Be- trachtersicht die Favoriten? Schwer zu sagen. Der Künstler bewegt sich in allen Bereichen stilsicher und überzeugend in Richtung Autonomie des Bildes. Stillleben, 2003, Wellpappe 250


Helfried Günther Glitsch


12. Kapitel Umwelt und Natur Die Rückkehr der Wildtiere von Wolf Hockenjos In Zeiten eines weltweiten Artenschwunds wird die Rückkehr einst ausgerot­ teter Wildtierarten zuallermeist freudig begrüßt, feiern wir sie doch als späte Wiedergut machung, als Erfolgsnachweis für den Artenschutz. Auch als Indiz für einen noch immer vergleichsweise naturnahen, intakten Lebensraum. „Vier von fünf Deutschen wollen mehr Wildnis“, heißt es in Zeitungsberichten zu einer Umfrage des Bundesumweltministeriums. Das sind 20 Prozent mehr als bei der ersten Untersuchung 2009. 252


Braunbär in den Fürstlich-Fürstenbergischen Sammlungen in Donau eschingen. Erleger: Prinz Karl Eugen zu Fürstenberg, 1897. Zur Bärenjagd eingeladen wurde er von „Seiner Kaiserlichen Hoheit“, dem russischen Groß- fürsten Wladimir Alexandrewitsch. Die Rückkehr der Wildtiere Auch in den Schwarzwald­ Baar­Kreis kehren verstärkt Wildtiere zurück. Doch nicht alle Heimkehrer haben nun einmal das Zeug zum Sympa­ thieträger: Die Vorstellung, im heimischen Wald unverhofft einem Wolf oder Luchs, gar ei­ nem Bären zu begegnen, erfüllt uns, mag sie noch so unwahr­ scheinlich sein, durchaus mit gemischten Gefühlen. Schließ­ lich sind sie in unserer Kultur­ landschaft ja nicht grundlos verschwunden oder doch schon vor etlichen Jahrhunderten aus­ gerottet worden, wie man für die Region in der 1938 erschie­ nenen „Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherr­ schaft“ von Kurt Stephani nach­ lesen kann. Dieser Quelle zufol­ ge ist der letzte Bär schon vor fast einem halben Jahrtausend im Krumpenloch bei Hamme­ reisenbach gefangen worden. Wohingegen der allerletzte Schwarz- wälder Bär 1740 in den Wäldern um Wolfach erlegt worden ist. Spätes- tens der Umgang mit „Problembär“ Bruno, in den Medien als „Hinrich- tung“ gescholten, hat uns überdeut- lich vor Augen geführt, wie schwer man sich unterdessen mit großen Beutegreifern tut, selbst wenn es um das Überleben der letzten Alpenbä- ren geht. 253


Umwelt und Natur Ein Wolf in freier Natur. Foto: Erich Marek Gar nicht mehr märchenhaft unwirklich ist mittlerweile die Aussicht auf das Wiederauf- tauchen des Wolfs. Baden-Württemberg ist „Wolfserwartungsland“, und wie in den anderen Bundesländern feilen Wildbiologen auch hierzu- lande bereits emsig an einem Managementplan, um unliebsame Überraschungen durch den Neu- ankömmling und Fehlhandlungen à la Bruno zu vermeiden, unbegründete Ängste abzubauen und Fragen der Vorbeugung und Entschädigung von Schäden durch Wolfsrisse abzuklären. Weil Isegrimm aus den Südalpen wie aus Polen bereits bis in die Nachbarschaft vorgedrungen ist, in die Schweizer Kantone Graubünden und Luzern wie in die Vogesen, vereinzelt aber auch schon nach Bayern und Hessen, rechnen die Experten fest mit seinem baldigen Eintreffen auch bei uns. Bei dem in der Freiburger Forstlichen For- schungs- und Versuchsanstalt (FVA) angesie- delten Monitoring-Team aus Wildbiologen sind auch hierzulande bereits mehrfach Berichte über Wolfsbeobachtungen eingegangen, die bislang jedoch nicht bestätigt werden konnten – erste Anzeichen einer Wolfshysterie? Eine vom Ministerium Ländlicher Raum ein- gesetzte Arbeitsgruppe ist schon seit einem Jahr- zehnt damit befasst, Landwirte und Jäger auf die Wiederkehr der mittlerweile streng geschützten großen Beutegreifer Luchs und Wolf vorzubereiten. 254 Wolfsalarm mit Kirchenglocken „Er war der Schrecken der Landbevölkerung“, heißt es bei Stephani noch über den Wolf, „weil er viele Schafe, aber auch Rindvieh und sogar Pferde riss. Und welchen Schaden er dem Wild- bestand zufügte, ist aus der anliegenden Ab- schrift des Notizbuches eines fürstlichen Jägers aus den Jahren 1582 bis 1590 zu ersehen.“ Diesen Notizen zufolge dürfte sich der Schre- cken der Bevölkerung ausgangs des 16. Jahrhun- derts freilich in Grenzen gehalten haben: So war im Jahr 1583 nur eine einzige Hirschkuh vom Wolf gerissen worden, und Rotwild gab es damals mehr als reichlich auf der Baar, wie wir aus den Klagen der Untertanen über Wild- und Jagdschä- den wissen. Im nämlichen Jahr wurden 22 Stück Rotwild von wildernden Hunden gerissen, vier weitere von Wilderern erbeutet und immerhin 122 von fürstlichen Jägern regulär erbeutet. Was nicht heißen soll, dass Wölfe nicht mitunter auch zur Plage für die Bevölkerung werden konnten. Wann immer einer auftauchte, war im Fürs- tenbergischen nach der Wartenbergischen Wolfsordnung aus dem Jahr 1540 zu verfahren, einem ausgeklügelten und hocheffizienten Alarm- und Abwehrsystem, das Stephani wie folgt beschreibt: „Nach ihr musste, sobald sich der Wolf zeigte, von Dorf zu Dorf mit der klei-


nen Kirchenglocke durch 3 Schläge das Alarm- zeichen gegeben werden. In jedem Dorf waren Leute, welche zur Haltung großer starker Hunde, sogenannte Wolfshunde, verpflichtet waren. Diese mussten auf das Alarmzeichen sofort auf- brechen und sich nach einem Sammelpunkte begeben, der in der Wolfsordnung für jedes Dorf festgelegt war. Unter Strafvermeidung mussten sie dort warten, bis der fürstliche Forstmeister kam, um ihnen weitere Weisungen zu geben. Unter Verwendung von Jagdzeug versuchte man, die Wölfe einzukreisen und, Treibjagden zu veranstalten, bei welchen so viele Treiber auf- geboten wurden, dass Mann an Mann ging, um damit nach Möglichkeit zu vermeiden, dass der Wolf aus dem Trieb ausbrach.“ Wolf reißt 16 Schafe und Lämmer Außer auf Treibjagden setzte man auf stationäre Abwehrmittel, auf Fallen und „Wolfsgärten“, an die noch heute mancher Flurnamen (z. B. Wolfs- hag bei Gutmadingen) erinnert. Da ist es fast ver- wunderlich, dass die endgültige Ausrottung erst im 19. Jahrhundert gelang: Nach langer Pause, so berichtet Stephani, tauchte im März 1805 noch- Die Rückkehr der Wildtiere mals ein Wolf auf, der in der Nähe des Fischer- hofs einen Hund und ein Schaf riss. Er konnte zunächst nicht dingfest gemacht werden, erst der Winter konnte seine Erlegung bringen. In der Nacht vom 21. auf den 22. De- zember brach er in einen Schafspferch ein und tötete 16 Schafe und Lämmer. Obwohl man ihn im Schnee aufgespürt hatte, wurde er zunächst vergeblich bejagt, bis es am 27. Dezember gelang, ihn in den Immendinger Bergen einzu kreisen. Unter Aufgebot einer dicht geschlossenen Trei- berwehr brachte man ihn vor die Schützen, er wurde von dem fürstlichen Hofkandidaten Karl Meggerle erlegt. Die Freude war so groß, dass die glücklichen Wolfsjäger bei ihrer Rückkunft nach Donaueschingen in feierlichem Zuge von der fürstlichen Musik unter Begleitung des Bür- germeisters und des Militärs eingeholt wurden.“ Der letzte Wolf des Landes wurde 1847 im Stromberggebiet erlegt. Ihm hatte der Volks- mund schon Monate zuvor einen Spitznamen verpasst: Man nannte ihn nach einem damals populären algerischen Freiheitskämpfer den „württembergischen Abd-el-Kader“. Was zeigt, dass dem Allerletzten seiner Art doch auch be- reits eine gewisse klammheimliche Sympathie entgegengebracht worden ist. Die Wolfsjagd von Ansbach, als Wolfsgrube diente ein Brunnen. Angeblich hatte der Wolf Kinder verschleppt. Später wurde das Tier als Mensch verkleidet und gehängt (links). Wolfsgruben gab es auch im Schwarzwald- Baar-Kreis. (Bild: Wikipedia) 255


Umwelt und Natur Der Luchs als Jagdtrophäe in den Fürstlich-Fürsten- bergischen Sammlungen in Donaueschingen und in freier Natur (Foto: Wolfgang Echle). Der Luchs – natürlicher Fressfeind des Rehwildes Sehr viel heimlicher – und auch nicht ganz so übel beleumundet – war der Luchs, der natür- liche Fressfeind des Rehwilds. In den Aufzeich- nungen jenes fürstlichen Jägers werden noch zwei erlegte Luchse aufgeführt, doch spätes- tens zu Beginn des 18. Jahrhunderts scheint er im fürstlichen Jagdgebiet vollends ausgerottet gewesen zu sein, denn seit 1720 sind die FF-Jagd- strecken lückenlos dokumentiert. Der letzte Ori- ginalschwarzwälder Luchs wurde 1770 am Kal- tenbronn erlegt, der angeblich allerletzte Luchs Deutschlands 1846 an der Ruine Reußenstein in der Schwäbischen Alb. Doch wie, bitteschön, ist da die folgende Mel- dung aus der Schwarzwälder Zeitung (dem Vor- läufer des Schwarzwälder Boten) vom 20. Dezem- ber 1922 einzuordnen? Villingen, 19. Dez. Bei ei- nem kürzlichen Treibjagen wurde auf der Gemar- kung Kappel ein Luchs weiblichen Geschlechts geschossen. Das in Deutschland jetzt nur noch äußerst selten vorkommende Raubtier hatte ei- ne Gesamtlänge vom Kopf bis zur Schwanzspitze von 1,30 Meter, es war also ein ganz respektab- les Tier. Pächter der Jagd auf Gemarkung Kappel ist Herr Jean Weis-Königsfeld, der somit auch 256 Eigentümer des erlegten Raubtiers ist. Ein Fall von Jägerlatein? In Mitteleuropa sind heute alle Luchspopulationen, ob im Schweizer Jura, in den Vogesen, im Harz oder im Bayerischen Wald, aus Wiedereinbürgerungsprojekten hervorgegan- gen, die seit den 1970er Jahren zumeist unter wissenschaftlicher Begleitung und mehr oder weniger erfolgreich durchgeführt worden sind. Anders als der Wolf schafft es der Luchs nicht, neue Lebensräume über die Siedlungs- und Ver- kehrsbarrieren hinweg selbsttätig zu besiedeln. Ausgangs der 1980er Jahre wurde erstmals auch eine Auswilderung im Schwarzwald in Betracht gezogen, nachdem die Wissenschaft und auch der zuständige Stuttgarter Minister das größte deutsche Waldgebirge als für eine Luchspopula- tion durchaus noch geeignet befunden hatten. Schwierige Luchs-Wiedereingliederung Auslöser waren damals der Kernkraftunfall in Tschernobyl und die Verstrahlung auch der Schwarzwälder Rehe: War es da nicht ange- bracht, die natürlichen Regulatoren von Rehwild- beständen, den Winter und die Fressfeinde, wie- der ins Spiel zu bringen, wo doch das Wildbret zum menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet war? Ausgerechnet in einer staatlichen Jagdhüt- te auf jener Kappeler Gemarkung wurde in der Folge die Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. gegründet. Dass sich deren Satzungszweck, die


Die Rückkehr der Wildtiere Der Biber ist zurück: Biberdamm im Donauried bei Donaueschingen. Rechts ein Biber in freier Natur (Foto: Erich Marek). Wiedereinbürgerung des Luchses, noch immer nicht hat realisieren lassen, obwohl vereinzelte Jungtiere es immer wieder mal über den Rhein herüber geschafft haben und die Naturparke schon seit Jahren mit dem „seltensten Tier des Schwarzwalds“ zu werben pflegen, liegt nicht zu- letzt am hinhaltenden Widerstand von Bauern und Jägern. Was zeigt, dass nicht ausnahmslos alle Spätheimkehrer von allen willkommen ge- heißen werden, zumal wenn sie zu Beute- und Nutzungskonkurrenten des Menschen werden könnten. Für eine künstliche Nachhilfe bei der Wiederbesiedlung des Schwarzwalds hat sich inzwischen zu Teilen sogar die Politik erwärmen lassen, nachdem die Bundesregierung im Rah- men ihrer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt im Jahr 2007 das Ziel einer Wiederbe- siedelung aller noch geeigneten Lebensräume durch große Beutegreifer vorgegeben hatte. 1750 wurden noch 21 Wildkatzen erlegt Später als die großen Beutegreifer wurde die Wildkatze bei uns ausgerottet. Noch 1750 wur- den, Stephani zufolge, 21 „Wildkuder“ im Fürsten- bergischen erlegt, und noch „in den 1830er Jah- ren wurden fast alljährlich noch einzelne Wild- katzenfelle aus fürstlichen Jagden verkauft. Nun ist auch sie wieder auf dem Vormarsch, so heim- lich sich dieser, ausgehend von Restvorkommen im Elsass und in der Eifel, vollzieht, tatkräftig un- terstützt durch eine BUND-Kampagne. Wildkat- zen-Nachweise im Schwarzwald-Baar-Kreis sind bisher leider noch nicht gelungen. Der Biber ist zurück Gar nicht heimlich, vielmehr unübersehbar voll- zieht sich die Wiederbesiedlung der heimischen Gewässer durch den Biber, zurückzuführen auf Auswilderungen in Bayern und in der Schweiz ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Rückkehr dieses Ureinwohners gilt als größte Erfolgsge- schichte des europäischen Artenschutzes, auch wenn sie mit land- und forstwirtschaftlichen Konflikten einhergeht, die man mit Maßnahmen des Bibermanagements zu entschärfen trachtet. Über seine hiesige Ausrottungsgeschichte weiß man wenig, da der Biber nicht zu den jagdbaren Tieren gehörte. Im Gegensatz zum Otter, der „in den fischrei- chen Gewässern des Schwarzwaldes und der Baar von jeher vertreten war“, wie Stephani schreibt, „wenn auch stets nur in bescheidener Zahl.“ Aus den FF-Jagdstrecken verschwand er als Raubwild und „arger Fischräuber“, auf dessen Erlegung ei- ne Prämie ausgesetzt war, endgültig im Jagdjahr 257


Umwelt und Natur Der Fuchs ist das zahlenmäßig mit Abstand häufigste Wildtier im Schwarzwald-Baar-Kreis. 1922/23. Aus dem Bregtal findet sich die Angabe, wonach früher, als es in der Breg noch Fischotter gab, der Fischreichtum größer gewesen sei. Noch ist nicht absehbar, ob auch er wieder eine Chance auf Rückkehr erhält. 2013 wurden 1.448 Füchse erlegt Als gänzlich unbeeindruckt von noch so inten- siver Bejagung, zeigt sich der schlaue Fuchs, der sich neuerdings vermehrt auch in jagdgesetzlich „befriedeten“, innerörtlichen Bereichen wohlzu- fühlen scheint. 3.000 bis 4.000 Füchse, liest man in der Zeitung, lebten derzeit in der Großstadt München, und auch die Villinger Südstadt kann ein Lied davon singen. Dabei war die Fuchsjagd „in den höchsten Kreisen bekannt und beliebt, sie wurde wiederholt vor dem Weltkrieg auch 258 von dem deutschen Kaiser besucht“, berichtet Stephani. Unweit der fürstlichen Residenz, auf dem Schellenberg, befand sich bis unlängst noch ein Gedenkstein, mit dem an den 1.000 (!) von Kaiser Wilhelm II. erlegten Fuchs erinnert wur- de. Die Tagesstrecken beliefen sich auf bis zu 42 Füchse (in den Wintern 1935/36 und 1936/37 im Unterhölzerwald). Zur Einordnung: die Fuchs- strecke des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jagd- jahr 2013 beträgt 1.448 Stück. Überlebt haben trotz heftigster Bejagung bekanntlich auch Dachse, Marder, Iltisse, Wiesel, die allesamt, wie bisweilen sogar der Igel, als der Niederwildjagd abträglich und demnach als Raubwild bekämpft wurden. Wildschweine die Problemtierart schlechthin Als noch robuster hat sich, bekanntermaßen, das Schwarzwild erwiesen, derzeit die Problemtier- art schlechthin. Dabei standen Wildschweine in „Badisch Sibirien“ mehrfach kurz vor der Ausrot-


Die Rückkehr der Wildtiere tung, denn im Winter ging ihnen die Nahrung aus. Dennoch lagen bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Schwarzwildstrecken noch über den Rehwildstrecken (auch dem Rehwild behagte die Winter nicht, solange nicht gefüt- tert wurde!), doch aufgrund der zunehmenden Klagen der Bauern wurden die Sauen in der Folge so stark bejagt, dass sie im Jahr 1807 bei einer Wildzählung auf den Fürstenbergischen Jagden nicht mehr erwähnt und im gesamten 19. Jahr- hundert nur noch sehr vereinzelt erlegt wurden. Wahrscheinlich hätte man das Schwarzwild gänzlich aus den Augen verloren, wäre nicht 1782 im Unterhölzerwald innerhalb des dorti- gen Damwildparks noch ein „Schweinegarten“ errichtet worden. Es wird vermutet, dass wäh- rend des Ersten Weltkriegs Sauen aus den heftig umkämpften Vogesen über den Rhein herüber- schwammen und schließlich auch auf der Baar wieder stärker in Erscheinung traten, allerdings vorzugsweise in den laubbaumreicheren Revie- ren südlich der Donau. Eine nachhaltige Erholung der Schwarzwildbestände erfolgte erst nach dem Die Problemtierart schlechthin: Wildschweine im Unterhölzerwald. Zweiten Weltkrieg und erst recht nach der Inten- sivierung des Maisanbaus in der jüngsten Ver- gangenheit. Jagdstrecken wie „Rote Listen“ Beim Federwild, ebenfalls unterteilt in nützli- che und schädliche Arten, lesen sich die fürstli- chen Jagdstrecken heute wie „Rote Listen“. Mit Abstand an prominentester Stelle rangiert das Auerhuhn, nachdem die Jagd auf den balzenden Hahn der hohen Jagd zugerechnet worden war – für gekrönte wie ungekrönte Häupter fraglos das Höchstmaß jagdlichen Lustgewinns. Weshalb das Fürstenhaus sich, nachdem das standesherr- schaftliche Jagdregal im Zuge der Revolution von 1848 gefallen war, erfolgreich um Zupachtung nahezu aller Balzplätze der Region bemühte. Die 259


Umwelt und Natur höchste Jahresstrecke wurde im Jahr 1910 mit 174 Hähnen erzielt, wobei es nicht selten vorkam, „dass einzelne Herren mehrere Hahnen an einem Morgen schießen“ (Stephani). Die Strecke eines einzigen Morgens auf den Balzplätzen um Peterzell lag bei 14 Hähnen, drapiert um den Eingang des Gasthofs Krone, wie es ein Foto aus dem Jahr 1914 belegt. Au- erwild genießt seit dem Jahr 1972 ganzjährige Schonzeit, dennoch gilt der „Charaktervogel des Schwarzwalds“, allen Rettungsbemühun- gen auch seitens der Jägerschaft zum Trotz, als stark gefährdet, mutmaßlich, weil sein Biotop, der beerstrauchreiche Wald, sich allzu sehr zum Nachteil der Auerhühner verändert hat. Das scheue Haselhuhn wohl ausgestorben Offenbar ausgestorben ist jüngst erst die kleine Waldhühnerart, das scheue Haselhuhn. Schon wie ein Nachruf klingt, was Stephani über seine Vorkommen in den 1930er Jahren zu berichten weiß: „Leider müssen wir im ganzen Schwarz- wald die Bemerkung machen, dass dieses schöne Wild zahlenmäßig von Jahr zu Jahr in auffallen- der Weise abnimmt, obwohl immer nur ganz wenige Stücke erlegt werden.“ Auch beim Ha- selwild dürften letztendlich andere Ursachen als die Jagd zu seinem endgültigen Verschwinden geführt haben: der Lebensraumverlust durch die neuzeitliche Waldwirtschaft, möglicherweise auch der Klimawandel. Alles bejagt, was krumme Schnäbel hatte Nicht zuletzt der Feld- und Waldhühner, auch der Hasen und Rehe wegen wurde einst alles bejagt, was krumme Schnäbel hatte, Tag- und Nacht- greifvögel vom Adler bis zum Uhu, dazu der Kolkrabe, ja selbst – seines krummen Schnabels wegen – bis in die 1920er Jahre (mit jährlich „an- nähernd bis 400 Stück“, so Stephani) auch noch der große graue Raubwürger, Vogelarten, deren Verschwinden nicht zuletzt der Jagd anzulasten ist. Weitaus weniger erfolgreich war die Beja- gung von Krähen, Elstern und Eichelhähern, auch 260 Die Strecke eines einzigen Morgens: Erlegt wurden 14 Auerhähne, die um die Gasthaustüre der Krone in Peterzell herum drapiert sind. von Habichten, Sperbern, Bussarden, Falken und Reihern, wiewohl sie jährlich zu Abertausenden erlegt wurden. Immerhin: Uhu, Kolkrabe und Wanderfalke sind dank erfolgreicher Schutzbe- mühungen wieder da, die Bestände anderer vor- mals verfolgter Arten konnten sich stabilisieren, ja sogar kräftig erholen. Und einige sind wohl endgültig zu Verlierern geworden. Jenseits allen – längst überholten – Nützlich- keits- oder Schädlichkeitsdenkens und unabhän- gig von den jagdlichen Nutzungsmöglichkeiten sollen sie nun möglichst alle wieder ihren Platz finden, denn Artenreichtum ist der Schlüssel zur Gesunderhaltung von Ökosystemen; so wollen es jedenfalls die europäischen und die nationa- len Artenschutzgesetze, so will es die Nationale Biodiversitätsstrategie von 2007, von den Feldler- chen bis zur Spitze der Nahrungspyramide, zu den „Spitzenprädatoren“ Wolf und Luchs. Die Bären lassen wir einstweilen lieber noch außen vor.


Die Rückkehr der Wildtiere Trotz strenger Schutzmaßnahmen ist ungewiss, ob der Auerhahn überleben kann. Foto: Erich Marek 261


Umwelt und Natur Die Lärchen von Wolf Hockenjos Späte Einbringung mit nur bescheidenen Erfolgen – Baumserie (Teil 9) 262


Die Lärchen So vertraut uns dieser Baum auch erscheinen mag, wirklich heimisch ist er bei uns nicht. Als einzige winterkahle Nadelbaumart ist die Europäische Lärche (Larix deci­ dua L.) ganz und gar unverwechselbar. Allenfalls in den aufgeregten Jahren des Wald­ sterbens wurde sie im Winter mitunter irrtümlicherweise für eine vom sauren Regen entnadelte Fichte oder Tanne gehalten. Ihr natürliches europäisches Verbreitungsgebiet sind die Alpen, die Sudeten und die Karpaten. Das Lärchenholz wird vor allem als Bau­ und Möbelholz genutzt, nur selten dient es als Brennholz. Im zeitigen Frühjahr erfreut sie uns mit dem fri- schen Grün des neuen Nadeljahrgangs. Und weil das Goldgelb herbstlich verfärbter Lärchen so verlässlich Erinnerungen weckt an Bergwande- rungen und alpine Urlaubsregionen, haben wir sie ins Herz geschlossen. So sehr, dass sie inner- orts sogar manchen Vorgarten ziert und auch im fürstlichen Schlosspark in Donaueschingen darf sie nicht fehlen. Der „Baum des Jahres 2012“ gel- te als „besonders liebenswürdig und menschen- freundlich“, hieß es in der Begründung der Jury für die Wahl der Lärche, zumal sie im Hochgebir- ge ja auch vor Muren und Lawinen schützt. Im Flachland, so behaupten Spötter, deute die Lärchen-Vorliebe mancher Waldwirte eher auf eine „forstliche Gemütskrankheit“ hin, wo- möglich auch auf eine epidemisch wiederkeh- rende Modekrankheit. Denn trotz ihres enorm raschen Jugendwachstums bleibt sie in ihrer Ertragsleistung bald deutlich hinter heimischer Fichten und Tannen zurück. Lange gänzlich unbekannt Streng genommen, müssten wir die Lärche zu den Neophyten zählen, wie Pflanzen genannt werden, die erst nach der Entdeckung Amerikas bei uns eingebürgert wurden. Denn erstmals im Jahr 1584 soll ein badischer Amtmann Lärchen- samen aus Tirol bezogen und um die Hochburg bei Emmendingen ausgesät haben. Dieser erste aktenkundige Einbringungsversuch scheint frei- lich fehlgeschlagen zu sein, denn um 1750 war die Lärche zumindest in der Markgrafschaft wieder eine gänzlich unbekannte, in den Akten nicht mehr erwähnte Baumart. Auch im Habsburgischen wird sie da und dort versuchsweise eingebracht worden sein, vielleicht, weil der eine oder andere nach Vorder- österreich versetzte Beamte von Heimweh ge- plagt wurde. Im Markgräflichen begann man 1758, angespornt durch die sich abzeichnen- de Holznot und auf der Suche nach möglichst Linke Seite: Lärchen im Unterhölzer Wald unweit von Dreilärchen. Ast der Lärche mit Zapfen. Bei der Lärche befinden sich männliche und weibliche Zapfen an einem Baum. Die weiblichen Zapfen sind anfangs grün, rot oder purpurfarben. 263 263


Umwelt und Natur raschwüchsigen Baumarten, Lärchen-Pflanzgär- ten anzulegen; davon zeugt noch heute im Pforz- heimer Hagenschieß der „Lärchenstein“, errich- tet zum Gedenken an den Besuch der Markgrä- fin, die sich anno 1768 höchstselbst ein Bild von der dortigen „Lerchenblantage“ zu verschaffen geruht hatte. die gute Absicht, schnellstmögliche Holzerzeu- gung bei Vermeidung von Monokulturen, von den Lärchen nicht belohnt. Zunächst vorwüchsig, ertranken sie alsbald in den Fichten, und wo sie überlebt haben, enttäuschte die Japanerin durch ihre der Europäerlärche deutlich unterlegenen Holzqualität. Erfolge bleiben bescheiden Der Erfolg dieser ersten Lärchenwelle blieb freilich bescheiden, trotz hunderttausender verpflanzter Bäumchen. Zwischen 1820 und 1865 folgte eine zweite Welle mit Anwuchserfolgen vor allem im Odenwald, weniger im Schwarzwald. Aus jener Zeit stammen die ältesten und stärksten Lärchen der Baar und des Baarschwarzwalds. Eine drit- te Welle verzeichnete man von 1910 bis in die 1930er Jahre, als unter den Forstleuten der Mi- schwaldgedanke wieder mehr Anhänger fand. Doch auch den „Buntmischungen“ jener Jahre blieb durchschlagender Erfolg versagt. Dabei hatte man nicht nur mit alpenländi- schen Herkünften experimentiert, sondern auch mit der „Sudetenlärche“. Von ihr versprach man sich ein besseres Gedeihen, weil sie sich im Ge- gensatz zu inneralpinen Herkünften der Kon- kurrenz der Buche besser zu erwehren versteht. Denn auf ihrer nacheiszeitlichen Rückwanderung aus den mediterranen Refugien hatte sie die Al- penbarriere östlich umwandert. Auch hoffte man, mit ihr den holzzerstörenden Lärchenkrebs eindämmen zu können, eine Pilzerkrankung, die sich insbesondere auf für Lärchen ungeeigneten Standorten auszubreiten begann. Krebsresistenz versprach man sich fälsch- licherweise auch von einer fernöstlichen Ver- wandten der Europäerin, der auch als Bonsai verwendbaren Japanerlärche. Die kam vor allem während der vorerst letzten Lärchenwelle in gro- ßem Stil in den Nachkriegsjahren zum Einsatz, als es galt, die durch Franzosenhiebe (sog. F- und E-Hiebe) und Käferfraß entstandenen riesigen Kahlschläge wieder aufzuforsten. Erneut wurde die Lärche den Fichten beigemischt, versprach man sich von der Japanerin doch auch ein noch rascheres Jugendwachstum. Und wieder wurde 264 Die Emil-Kurz-Lärche: Stärkste Altlärche im Schwarzwald-Baar-Kreis Was nicht heißen soll, dass es Lärchen nicht doch zu respektabler Stärke und Höhe bringen können. Das überaus witterungsbeständige Lär- chenholz verspricht ein sehr hohes natürliches Alter, sodass vereinzelt wahrhaft spektakuläre Baumgiganten entstehen konnten: So die drei „Ur-Lärchen“ im Südtiroler Ultental mit ihrem Stammumfang von 8 m (!), denen man ein Alter von über tausend Jahren zuschreibt. Als stärkste Lärche unseres Bundeslandes, gar der Republik, gilt die 1775 oberhalb Sipplingen am Bodensee gepflanzte „Hildegard Lärche“ mit ihrem Um- fang in Brusthöhe von immerhin 4,75 m, einer Baumhöhe von 46 m und einer Holzmasse von 28 Festmetern. Auch wann genau die stärkste Lärche des Schwarzwald-Baar-Kreises gepflanzt wurde, lässt sich den Forstakten entnehmen: 1835 hat- te die Bezirksforstei, das kurz zuvor in Villingen eröffnete staatliche Forstamt, unweit Königs- feld-Neuhausen am Schwarzwaldrand einen Acker erworben und ihn mit Lärchen- und Kie- fernsamen eingesät. Dem Großherzogtum musste daran gelegen sein, den Holzhunger seiner Dürrheimer Saline zu stillen. Von der Saat sind bis zum heutigen Tag noch zehn Altlärchen („Überhälter“ im forstlichen Fachjargon) übrig Die Emil-Kurz-Lärche“ ist ein geschütztes Naturdenk- mal und die stärkste Lärche im Schwarzwald-Baar- Kreis. Sie weist in Brusthöhe einen Umfang von 3,10 m auf, dazu eine Baumhöhe von knapp 40 m und eine Holzmasse von reichlich 15 Festmetern.


265


Umwelt und Natur geblieben; die stärkste unter ihnen, die „Emil- Kurz-Lärche“, ist mittlerweile ein geschütztes Naturdenkmal. Sie weist in Brusthöhe einen Um- fang von 3,10 m auf, dazu eine Baumhöhe von knapp 40 m und eine Holzmasse von reichlich 15 Festmetern (die Maße auf der ausgangs des Jahrtausends angebrachten Hinweistafel dürf- ten bereits überholt sein). Benannt wurde der stolze Baum nach dem 1933 von den Nazis zum gemeinen Villinger Forst amtsleiter degradierten Chef der badischen Forstverwaltung, der nach seiner Rehabilitierung im Jahr 1952 erster baden-württembergischer Landesforstpräsident wurde. Emil Kurz war ein ausgewiesener Lärchenfreund, der als Waldbau- er „das Spiel mit Licht- und Schattbaumarten“ liebte und praktizierte. Erntereife Waldbestände pflegte er im sog. „Keilschirmschlagverfahren“ gegen die Hauptsturmrichtung zu räumen und die so entstehenden Kulturflächen, soweit er- forderlich, mit lichtbedürftigen Baumarten, vor- zugsweise mit Kiefer und Lärche, auszupflanzen. Der Weiler „Dreilärchen“ Ob gepflanzt oder gesät, unweit des Weilers Dreilärchen, dem aus einer fürstenbergischen Kolonistensiedlung hervorgegangenen Ortsteil 266 Lärchen am Stadtrand von Donaueschingen. von Geisingen an der alten B 31 zwischen War- tenberg und Unterhölzerwald, lassen sich noch stärkere Exemplare besichtigen. Das 1785 ent- standene, ursprünglich selbständige Dorf auf der einstigen Gemarkung Wartenberg, schrieb sich zunächst Dreilerchen, ein Ortsname, den selbst der renommierte Geschichts- und Hei- matforscher Karl Siegfried Bader (in: Die Flurna- men von Wartenberg. Heidelberg 1934) nicht so recht zu deuten wusste: Noch 1826 hieß er auf der Landkarte Bey den Drei Lerchen, was für den Namensforscher eher auf ornithologische denn auf botanische Wurzeln hindeutet. Zwar zählten die Lerchen im 18. Jahrhundert zum gefiederten Nutzwild, doch sie wurden ausweislich der fürstlichen Jagdstatistik noch in so großer Zahl gefangen (im Jahr 1772 waren es 3.362 Stück!), dass eine Namensgebung nach dreien dieser Vögel keinen Sinn ergibt. August Vetter ist daher zuzustimmen, wenn er in der Stadtchronik von Geisingen (Geisingen. Band 25 der Schriften des Landkreises Donaueschingen, 1964) schreibt: „Es hat viel für sich, den Namen einer Gruppe von drei Lärchen zuzuschreiben, denn auch heute noch ist diese Baumart auf der Baar nicht eben häufig anzutreffen. Eine solche


Gruppe muss im 18. Jahrhundert in der Nähe der alten Eichen- und Buchenbestände des Un- terhölzerwaldes im freien Feld sehr aufgefallen sein. Sie musste sich daher für eine Ortsbezeich- nung geradezu aufdrängen. Es wäre deshalb die Schreibweise „Dreilärchen“, die an der einzigen Wirtschaft im Geisinger Ortsteil zu finden ist, si- cher die richtige. Aber die amtliche Schreibweise lautet „Dreilerchen“ und sie ist für die Orthogra- phie maßgebend.“ Zwischenzeitlich hat man sich auch auf den Kartenblättern des Landesvermessungs amtes auf Dreilärchen geeinigt. Offen bleibt nur die Frage, ob jene Lärchen einst auf freiem Feld oder im angrenzenden Unterhölzer Wald herange- wachsen waren. In dessen Beschreibung aus dem Jahr 1801, einsehbar im FF-Archiv, kommen die Lärchen freilich noch nicht vor. So bleibt es bei der Vermutung, dass sie vom Erbauer des neuen Schlosses auf dem Gipfel des Wartenbergs, Frei- herr von Lassolaye, zur Zierde gepflanzt worden sein könnten. Wird diesem doch eine ausgepräg- te Vorliebe für Gartenbau nachgesagt. Die drei Lärchen am Aufstieg zum Warten- berg sind längst verschwunden. Doch wenige hundert Schritte vom Torhäusle des ehemaligen FF-Tiergartens waldeinwärts sind heute nicht nur drei, sondern ein ganzes Dutzend stattlicher Lärchen, möglicherweise die Nachkommen der drei Namensgeber, zu bestaunen. Sie werden auf ein Alter von immerhin 180 bis 200 Jahren ge- schätzt, die stärkste misst einen Brusthöhenum- fang von 3,20 m. Der Standort dieser Lärchen auf Tonlehmen des Braunjuras ist nährstoffreicher als jener auf der Buntsandsteinplatte südlich von Neuhausen, weshalb die fürstenbergischen Lärchen nicht notwendigerweise älter sein müs- sen als die Emil-Kurz-Lärche. Erfreulicherweise gelten sie dem FF-Forstbetrieb als geschützt und sollen ihr natürliches Alter erreichen dürfen. Über die Lärchenvorliebe der Fürstenberger berichtet Erich Wohlfarth, ehemaliger FF-Forst- amtsleiter, in seiner „Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Forstwirtschaft“ (Stuttgart 1983): Man habe sich zwar längere Zeit um die europäische Lärche bemüht, ihr Anteil und ihre Bedeutung seien indes gering, „obwohl meh- rere Altlärchen von hervorragendem Wuchs im Die Lärchen Unterhölzerwald anzutreffen sind“. Ansonsten seien die meisten jedoch eingegangen oder früh- zeitig herausgehauen worden. Vorwiegend sei- en sie zur Aufwertung von Buchenverjüngungen oder aus waldästhetischen Gründen gepflanzt worden, etwa längs sonniger Waldwege. Schönheit der fürstlichen Wälder Dass der Wald nicht nur ertragreich sein soll, son- dern auch schön, das hatte schon 1885 Heinrich von Salisch in seinem Lehrbuch „Forstästhetik“ gefordert; seine „Lehre von der Schönheit des Wirtschaftswaldes“ wollte er als selbstständi- gen Zweig der Forstwissenschaft anerkannt und gelehrt wissen. Und noch im Jahr 1956 hat der Münchener Waldbauordinarius Josef Niko- laus Köstler in seinem Essay „Von der Größe des Waldes“ (Heft XXIV der Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar) die Schönheit der fürstlichen Wälder gelobt und gepriesen. Ob waldästhetische Vorstellungen, Wünsche und Forderungen auch heute noch ak- tuell und erfüllbar sind in einer straff durchra- tionalisierten und vollmechanisierten Forstwirt- schaft, mag von den Waldbesuchern bisweilen bezweifelt werden angesichts der Grobschläch- tigkeit Großmaschinen-gestützter Erntemetho- den. Unstrittig ist jedoch, dass starke alte Bäume wie die beschriebenen Lärchen, denen der Forst- betrieb das Gnadenbrot zu gewähren bereit ist, den Erlebniswert und damit auch die gesetzlich geforderte Erholungsfunktion des Waldes ganz wesentlich mitbestimmen. Ob sich im Gefolge des Klimawandels wo- möglich erneut eine Lärchenwelle den ba- den-württembergischen Wald überspülen wird, wenn kein Verlass mehr sein wird auf den zu- nehmend dürre- und sturmgefährdeten „Brot- baum“ Fichte? Dann freilich gälte es, beizeiten Saatgut der richtigen Herkünfte bereit zu halten und auch die richtigen Lehren aus den waldbau- lichen Behandlungsfehlern der Vergangenheit zu ziehen, braucht die Lärche doch reichlich Licht und Luft, sobald ihr rasches Jugendwachstum nachlässt. Ganz missen möchten wir die Lärche jedenfalls nicht. 267


Umwelt und Natur Atemberaubende Weitblicke über den Tellerrand der Baar hinweg Ausblicke – Einblicke: Aussichtspunkte im Schwarzwald-Baar-Kreis – Die Blatthalde bei Ober- und Unterbaldingen von Wolf Hockenjos 268 268


XXX Gemessen am Bekanntheitsgrad der im Schwarzwald-Baar-Jahrbuch bisher vorgestellten Aussichtspunkte hält sich derjenige der Blatthalde zu Unrecht in eher bescheidenen Grenzen, weshalb hier der Zugangsweg beschrieben sei: Man starte in Unterbaldingens Ortszentrum gegenüber der katholischen Pfarrkirche auf dem zur Blatthaldehütte ausgeschilderten Sträßchen. Dieses führt zunächst unter der A 81 hindurch, sodann steil bergwärts bis zu einem Waldparkplatz, wo spätestens der Pkw zurückbleiben muss. Ein frischgrünes Hinweisschild mit Seeadler hat uns bereits darauf aufmerksam gemacht, dass wir hier ein Natur- schutzgebiet betreten und uns demnach rücksichtsvoll zu bewegen haben. Blick über die Baar. Vorne die Dörfer Ober- und Unter baldingen, die nahtlos ineinanderübergehen. In der Bildmitte ist rechts Heidenhofen zu sehen, im Hintergrund der Schwarzwald. 269


Umwelt und Natur Unterbaldingen auf der Ostbaar, im Hintergrund ragt die Blatthalde auf. Von dem 915 m hohen Ausläufer der Geisinger Berge aus geht der Blick über weite Teile der Baar bis in den Schwarzwald hinein. Ab nun führt uns ein zunächst mäßig, dann stär- ker ansteigender Forstweg zum nördlichsten Ausläufer der Geisinger Berge hinauf, zur Kante der Weißjuraberge, die hier – ausnahmsweise – nicht zur Schwäbischen Alb gehören, denn die Gemarkung Unterbaldingen, die bis zur Blatthal- de hinauf reicht, ist unzweifelhaft badisch, und Waldeigentümerin ist seit der Gemeindereform die Stadt Bad Dürrheim. Zunächst führt der Weg durch Fichten-Auf- forstungen, wo die Unterbaldin ger vor einem Jahrhundert noch ihr Vieh geweidet haben, so- dann nimmt der Laubbaumanteil zu. Kurz un- terhalb der Hangkante zweigt links ein Fußweg zur Hütte ab, im zeitigen Frühjahr gesäumt vom leuchtenden Blau der Leberblümchen. Der Wald des Oberhangs, erklärt uns eine höl- zerne Hinweistafel, wird nicht mehr bewirtschaf- tet, denn die Stadt ist „Naturwaldgemeinde“, die sich aus ökologischen Gründen und nach einem Übereinkommen mit dem NABU dazu verpflich- tet hat, fünf Prozent der Stadtwaldfläche aus der Bewirtschaftung zu entlassen. Liebhabern von frischem Buchengrün oder von herbstlich verfärbtem Laubwald sei empfohlen, das Hoch- 270 plateau vollends über den Forstweg zu erklim- men. Denn erst weiter südwärts dehnen sich, wie es sich für die Alb gehört, prächtige, nach Bärlauch duftende Buchenwälder aus, während der Bergsporn der Blatthalde als nördlichster Ausläufer der Geisinger Berge, mit 915 m ü. NN zugleich deren höchster Punkt, Nadelwald trägt. Der abgeplatteten Form des Bergrückens dürfte die B(P)latthalde auch ihren Namen verdanken. Und zu Füßen liegt die weite Baar… So oder so ist die Blatthaldehütte nicht zu ver- fehlen, eine Aussichtskanzel mit wahrhaft atem- beraubendem Tief- und Weitblick, von Bewuchs freigehalten von den Mitgliedern der örtlichen Vereine, die hier oben im Sommer ihre Feste zu feiern pflegen. Wer jetzt nichts Grillbares im Rucksack mit sich führt, um es auf dem forst- amtlich genehmigten Rost brutzeln zu lassen, ist selbst dran schuld. Entschädigt wird er allemal durch den Ausblick, hinab in die Idylle Ober- und Unterbaldingens, das eine evangelisch, das an- dere katholisch, weil die Landesgrenze die bei-


XXX 271 Ein Buchenwald voller Bärlauch. Wer die Blatthalde im Frühjahr erwandert, nimmt den intensiven Bärlauch- duft schon von Weitem wahr. Der Bärlauch wird als Salat, Suppe und Wildgemüse geschätzt.


Umwelt und Natur An der Blatthalde (oben links mit Blick von Westen) weist ein Holzschild darauf hin, dass Bad Dürrheim eine Naturwald-Gemeinde ist. Die Hütte mit Grillplatz auf der Bergspitze lädt zum Grillen und Picknick ein. Rechte Seite: Blick in Richtung Donaueschingen/Bräunlingen. In der Ferne grüßen der Hochfirst und der noch schnee- bedeckte Feldberg. Unten: Farbenprächtiger Buchenwald im Herbst. den Dörfer einst von einander getrennt hatte. Der Blick schweift über die baumlose Ackerland- schaft der Schwarzjuraplatte hinweg und über die Keuperschwelle hinüber in die Residenzstadt Donaueschingen, über der sich, als wär’s eine Fata Morgana, Hochfirst und Feldbergmassiv aufwölben. Zur Linken blicken wir über den Unterhölzer Wald auf Länge, Warten- und Fürstenberg, zur Rechten drängen sich eben noch die Randbe- zirke von Schwenningen und Villingen ins Bild, darüber erstreckt sich das dunkle Band des Baar- schwarzwalds. Bei klarer Sicht drehen sich über dem fernen nordwestlichen Horizont die Rotoren von knapp zwei Dutzend Windkraftanlagen, die suggestiven Wahrzeichen der Moderne. Als akustischen Tribut an die Neuzeit hat der Blatthalde-Besucher längst auch den Lärm der A 81 hingenommen, der bei Westwind bis hier herauf kaum abzu ebben scheint und das Konzert der Drosseln und Grasmücken überdröhnt. „Scherbenpflaster“ der Hallstattzeit Noch weithin lärmfrei war die Aussicht zu Zeiten zu genießen, als jemand die Wallanlage schuf, die sich wenige Schritte abseits der Hütte im Un- terholz abzeichnet und die eine Innenfläche von dreieinhalb Hektar umfasst. Ob die Anlage einst den Kelten für kultische Zwecke gedient hat, ob es sich um eine Fliehburg gehandelt hat oder ob deren Bewohnern mitunter gar zum Feiern zumute war wie heute den Unterbaldinger Ver- einen, das müssen die Archäologen einstweilen noch offen lassen. Immerhin stieß ein Grabungsteam unlängst auf einer Verebnung im nordseitigen Steilhang, nicht weit unterhalb der Wall anlage auf ein „Scherbenpflaster“ aus der Hallstattzeit (6. und 7. vorchristliches Jahrhundert), eine der rätsel- haftesten Fundstellen der Baar. Als habe hier ein keltischer Polterabend stattgefunden, so häu- fen sich die Keramikfragmente, zumeist Scher- 272


XXX 273


Umwelt und Natur Blick auf das 704 m ü. NN liegende Biesingen, den Autobahnzubringer zur A 81 und den Schwarzwald – über- ragt von Windrädern. ben von Trinkgefäßen, deren Verlagerung vom Pla teau der Blatthalde herunter ebenso ausge- schlossen wird wie die Existenz einer Töpferei auf dem exponierten Standort. Seltsamerweise fand sich im Humus über dem Scherbenpaket auch noch ein bronzezeitliches Messer, ein Fund- stück also aus einer noch graueren Vergangen- heit, was die Frage aufwirft, ob die Ursprünge der Wallanlage nicht sogar aus vorkeltischer Zeit stammen könnten. Ob die Scherben jemandem Glück gebracht haben oder ob die Trinkgefäße doch eher im Zu- ge einer kriegerischen Auseinandersetzung zer- schlagen worden waren, darüber darf gerätselt 274 werden. Allemal keltisch klingt bis heute noch der Waldortsname: Hornenars. Abstieg über den Ostweg Durchaus nicht auf vor- und frühgeschichtliche Befestigungs-, gar Höhlen systeme verweist die neben der Hütte auf ein Stück Schienen gestell- te Lore; nach dem Willen der Vereine soll sie an einen aufgelassenen Kalksteinbruch in der wei- teren Umgebung erinnern. Als Abstieg wähle man der Abwechslung hal- ber den steilen nordseitigen Abstieg. Wir folgen hierzu der Markierung des nicht allzu häufig be- gangenen Ostwegs des Schwarzwaldvereins. Der soll uns diesmal, fernab der Schwarzwaldhöhen, weder nach Schaffhausen noch nach Pforzheim, vielmehr zur Einkehr ins nahe Öfingen geleiten. Andernfalls landen wir auf kürzestem Weg wie- der am Ausgangspunkt der kleinen Wanderung, am Waldparkplatz. Die Lore erinnert an einen stillgelegten Kalksteinbruch.


XXX 275 Wer auf der Nordseite der Blatthalde beim Abstieg dem Ostweg des Schwarzwald- vereins folgt, wird beim Ver- lassen des Waldes erneut mit weiten Blicken belohnt. Die Baar zeigt sich lichtdurchflu- tet – über den Getreidefeldern ragen der Kirchturm und die Dächer von Öfingen empor.


Umwelt und Natur Umwelt und Natur Historische Flussregulierungen im Schwarzwald-Baar-Kreis Erst die Technisierung ermöglichte Flussbaumaßnahmen im großen Stil von Martin Fetscher 276 276


Historische Flussregulierungen Die Flussläufe im Schwarzwald­Baar­Kreis haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich: An vielen Stellen sind im Lauf der Jahrhunderte Veränderungen erfolgt, auch im Umfeld der Donau, dem größten und bedeutendsten Fluss im Land­ kreis. Nicht immer handelt es sich dabei um Eingriffe des Menschen, es gibt auch zahlreiche natürliche Ursachen – bis hin zur Erddrehung. Besonders stark einge- griffen wurde am Donauursprung, am Zusammenfluss von Brigach und Breg. Die natürlich mäandernde junge Donau bei Neudingen. 277


Umwelt und Natur Natürliche Veränderungen Flüsse ändern im Laufe der Zeit auf natürliche Weise ihren Verlauf. Dies geschieht vor allem bei großen Hochwasserereignissen: Dabei kann sich ein Fluss innerhalb von wenigen Tagen stärker verändern als sonst innerhalb von Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Es ist ein Zu sammenspiel von Abtragung (Erosion) und Ablagerung. Meist untergeordnet spielen auch unscheinbare, kon- tinuierliche Vorgänge eine Rolle wie die Lösung von Kalkgestein oder anderen Mineralien im Un- tergrund. Flüsse oder Bäche neigen, je nach Gefälle, von Natur aus dazu, Flussschleifen bzw. Mäander zu bilden. Durch Hindernisse im Flusslauf oder unterschiedlich harten Untergrund entstehen Ablenkungen der abwärtsgerichteten Fließrich- tung, die sich selbst verstärken. Dies geschieht durch die Erosion am Prallhang – häufig gekenn- zeichnet durch steil abbrechendes Ufer – und durch Ablagerung am Gleithang, wo oftmals Kiesbänke zu erkennen sind. In Talauen oder Schwemmebenen können sich Mäander bereits innerhalb von wenigen Die Gauchach folgt einem wild-natürlichen Flussbett. Flussschlingen Mäander Mäanderdurchbruch Altarm Prallhang Gleithang Entstehung von Mäandern und Altarmen Jahren oder Jahrzehnten verändern, da sie in weichen Aueablagerungen verlaufen. Wenn Mäanderschleifen durchbrechen, können sich abgetrennte Altarme (oder sog. Altwasser) bil- den, welche nicht mehr durchflossen werden und erst nach und nach verlanden. Flüsse im Landkreis relativ naturnah Jedoch, auch wenn im Flussverlauf keine Ursache vorhanden ist, die Fließrichtung zu ändern, bil- den sich Mäander, wenn Flüsse von Norden nach Süden fließen oder umgekehrt. Kein anderer als Albert Einstein formulierte hierzu eine Herlei-


Historische Flussregulierungen nene Land war besser vor Überschwemmung und Erosion geschützt und konnte damit bewirt- schaftet werden und zur Ernährung der Bevöl- kerung dienen. In der Aue sind die Böden in der Regel relativ fruchtbar, da sich dort im Laufe von Jahrtausenden vor der Trockenlegung humusrei- che organische Anteile angereichert haben. Aller- dings werden natürliche Mäanderflächen relativ häufig überflutet und der Grundwasserstand ist relativ hoch. Solche Flächen eignen sich wenig für Ackerbau. Schutz vor Hochwasser Der Hochwasserschutz war und ist auch heute noch einer der wichtigsten Gründe für flussbauli- che Maßnahmen. Dies ist insbesondere im direk- ten Umfeld der an den Flüssen gelegenen Städte Villingen, Donaueschingen, Hüfingen und Bräun- lingen erkennbar. Hier gab es immer wieder Überschwemmungen mit vielen Betroffenen, so dass sehr aufwändige Flussbaumaßnahmen er- griffen wurden, um die Bevölkerung besser zu schützen. Hochwasserschutz erfolgte damals tung dieses Phänomens aus der Corioliskraft. Ursache hierfür ist die Erddrehung. Die natürlichen Vorgänge von Flussverände- rungen sind heute in Mitteleuropa durch wasser- bauliche Maßnahmen stark eingeschränkt. Durch die Flussregulierungen konnte den Flüs- sen ein Teil ihrer Zerstörungskraft bzw. Dynamik genommen werden, es konnte Land zur Bewirt- schaftung oder Besiedlung gewonnen werden oder es wurde die Wasserkraft zu Nutzen ge- macht. Im überregionalen Vergleich sind die Flüsse im Schwarzwald-Baar-Kreis bis heute relativ na- turnah, obwohl mindestens 50 % der Gewässer naturfern ausgebaut sind. Dies bezieht sich al- lerdings auch auf Uferbefestigungen, die an vie- len Gewässern fast die Regel sind. Insbesonde- re die Wutach und Gauchach folgen im Bereich der Schluchten einem nahezu wild-natürlichen Flussbett, wie dies in Mitteleuropa selten an- zutreffen ist. Die Donau und ihre beiden Quell- flüsse Breg und Brigach verlaufen bis heute in manchen Abschnitten mäandrierend wie seit eh und je, auch wenn sie fast durchgängig mit Uferverbau befestigt worden sind. Doch in den meisten Flussabschnitten haben auch hier aus unterschiedlichen Gründen im Laufe der Zeit künstliche Verlaufskorrekturen stattgefunden. Die Flüsse und Bäche in unserer Region wur- den früh zur Nutzung der Wasserkraft verändert. Hierzu wurde dem natürlichen Gewässerlauf meist mit Hilfe eines Mühlkanals Wasser ent- nommen, über eine Mühle geleitet und danach wieder in das Flussbett eingeleitet. An der Ent- nahmestelle wurde zur Wasserregulierung ein Stauwehr errichtet. Wo dies möglich war, wur- den auch Mäander genutzt, indem man sie ein- fach abgeschnitten hat. Das Gefälle ist bei der weiten natürlichen Fließstrecke über die Mäan- derschlinge viel geringer als auf direktem Wege. An einer solchen Stelle ist die alte Wolterdinger Säge am südöstlichen Ortsausgang entstanden. Landgewinn durch Flussbegradigung Ein wesentlicher Zweck von Flussbegradigungen war lange Zeit der Landgewinn. Das neu gewon- Der Hochwasserschutz ist einer der wichtigsten Grün- de für flussbauliche Maßnahmen. Vor der Bregregu- lierung war Bräunlingen des öfteren überschwemmt. Am Mühlentor sind Markierungen angebracht, die zeigen, wie hoch das Wasser in der Stadt einst stand. 279


Umwelt und Natur vorwiegend in der Form, dass das Flussbett ver- tieft bzw. der Gewässerquerschnitt vergrößert und Hochwasserdämme entlang der zu schüt- zenden Flussseite angelegt wurden. Dies kann allerdings auch negative Auswirkungen haben, unter anderem dadurch, dass die Fließgeschwin- digkeit erhöht und damit die Tiefenerosion ver- stärkt wird oder dass der Grundwasserspiegel zu stark abgesenkt wird. Bei größeren Flüssen war die Schiffbarkeit ein wichtiges Kriterium für flussbauliche Maßnah- men. Im Schwarzwald-Baar-Kreis kam es an ver- schiedenen Schwarzwald-Bächen zu kleineren Korrekturen im Zusammenhang mit der Flößerei, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert sehr umfangreich betrieben wurde, zum Beispiel auf der Gauchach und deren Oberlauf (Krähenbach). Technik ermöglicht Flussbaumaßnahmen Größere Flussbaumaßnahmen sind mit der Be- wegung von großen Mengen von Aushub ver- bunden. Durch die Technisierung im 19. und 20. Jahrhundert wurden mit Dampfmaschine und Dieselmotor Baumaßnahmen größeren Um- fangs möglich. Dennoch wurden schon vorher einige große Regulierungsmaßnahmen mit Be- wegung großer Erdmassen durchgeführt, quasi in reiner Handarbeit. Mit dem Bau der Schwarz- waldbahn wurden bereits einige Flusskorrek- turen vorgenommen, da eine Bahntrasse keine engen Windungen zulässt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Landkreis mit moderner Baugerätetechnik und Beförderung von Aushubmaterial durch Lkws ei- nige größere Flussbegradigungen durchgeführt. Unabhängig von den geschilderten praktischen oder wirtschaftlichen Gründen wurden in den 1950er bis 1980er Jahren kanalisierte, „gezähm- te“ Flüsse grundsätzlich auch als ästhetischer empfunden als heute, während in den letzten beiden Jahrzehnten Flüsse wieder renaturiert werden und der ökologische Wert oder der Frei- zeitwert in den Vordergrund gelangt. Aber auch der Hochwasserschutz wird bei der naturnahen Gestaltung von Gewässerabschnitten, zum Bei- spiel durch die Sicherung oder Neugewinnung 280 von Retentionsraum, neu bewertet und berück- sichtigt. Mäanderlandschaft der jungen Donau Ein im Vergleich mit vielen anderen Flüssen in Deutschland sehr schönes Beispiel für einen na- turnahen Verlauf stellt die Mäanderlandschaft der jungen Donau zwischen Neudingen und Gut- madingen dar. Hier ist sogar ein natürliches Alt- wasser namens Tauwasser erhalten, entstanden durch einen natürlich abgeschnittenen Altarm, der nur an einem Ende Verbindung hat mit dem Fluss. Heute weiß man, dass diese Altwasser hochwertige Funktionen für die Fischerei und das Ökosystem besitzen. Die allermeisten Altar- me, ob natürlich entstanden oder künstlich vom Hauptstrom abgeschnitten, sind verfüllt worden, besonders in den 1960er Jahren häufig mit Müll. Auch die meisten Mühlkanäle sind verfüllt wor- den, nachdem mechanische Mühlen durch die Konkurrenz von günstigem elektrischem Strom überflüssig geworden waren. Dort, wo auf die Erzeugung von elektrischem Strom umgestellt wurde, sind die Wasserkraftanlagen teilweise bis heute in Betrieb. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind dies derzeit ca. 55 Anlagen. Die gesamte Ebene zwischen Hüfingen, Do- naueschingen, Pfohren und Neudingen stellt eine natürliche Schwemmebene dar, innerhalb derer sich Breg und Donau aus dem Bergland ergossen und immer wieder einen neuen Weg gesucht haben. Im Luftbild sind auch heute noch die vielen Reste ehemalige Mäander oder Altarme erkennbar. Bis ins 18. Jahrhundert war dies ein schwer zugängliches Sumpfgebiet mit der Be- zeichnung „Großes Ried“ (s. Abb. rechts unten). Deutlichste Veränderung am Donauursprung Die deutlichsten Veränderungen im Gewässer- verlauf erfolgten im Schwarzwald-Baar-Kreis ausgerechnet am Donauursprung, im Bereich des Zusammenflusses von Brigach und Breg. Die großen Flächen der fürstlichen Parkanla- gen sowie der Sport- und Reitanlagen zwischen


Historische Flussregulierungen Zusammenfluss von Brigach und Breg um 1906. Bemerkenswert die Bildüberschrift „Einmündung der Breg in die Donau“, von der Anschauung ausgehend, dass die Brigach ab Mündung des Donaubächles von der historischen Donauquelle kommend bereits „Donau“ heißt 2. Das „Große Ried“ zwischen Donaueschingen und Pfohren war bis ins 18. Jahrhundert ein schwer zugängliches Sumpfgebiet. Auszug aus der Schmitt’schen Karte von 1797, erstellt von habsburgischen Kartographen. Deshalb ist die Perspektive von Osten her. Rechts ist Norden 5. 281


Umwelt und Natur Donaueschingen und Donauursprung wurden im Rahmen der ersten großen Flussbegradi- gungsmaßnahmen der Region gewonnen. Der Bau des kanalisierten Abschnitts der Brigach zwischen Schützenbrücke und Mündung wurde bis 1793 fertiggestellt 3, 5, 7. Damit wurde der Weg des Wassers von ursprünglich ca. 2,6 km über die Flussschleifen auf ca. 900 m über den geradlini- gen Kanal verkürzt. Erst mit der Anlage dieses „Kanals“ wurde im Jahr 1828 die historische Do- nauquelle direkt nach Süden der Brigach zugelei- tet 7. Zuvor mäandrierte das „Donaubächle“ nach Osten zur heute verlandeten Brigachschleife, die damals bereits als „Donau“ bezeichnet wurde 3. Die Altwasser in den Gewannen „Limbertswin- kel“ und „Hammelwinkel“ sind im Kartenaus- schnitt von 1895 noch erkennbar. In einer Bannkarte von 1793 7 ist ein bereits vorhandener, natürlicher Gewässerlauf mit der Bezeichnung „Bregarm“ eingezeichnet, der im Bereich des fürstlichen Parks mündet, so dass sich auch daraus die Bezeichnung Donau ab die- sem Punkt rechtfertigte. Die Mündung dieses Bregarms sowie die Mündung des Donaubäch- les lagen in unmittelbarer Nähe. Dieser Bregarm war über einen Holzfloßkanal mit der Brigach (bzw. Donau) verbunden. Welcher Mündungs- arm der Breg ursprünglich stärker war, und ob beide Arme längere Zeit Bestand hatten, lässt sich nicht mehr feststellen. Ohne künstliche Re- gulierung dürfte dies mit Sicherheit auch zeitlich geschwankt haben. Um 1815 wurde dann eine 282 Karte links: Gerade fließt die Brigach – die Breg und die junge Donau mäandern. Ausschnitt aus der topo- graphischen Landeskarte von 1895 1. Rechte Seite: Auch die Breg fließt heute teils schnur- gerade – die Donau am Zusammenfluss in Donau- eschingen. Optisch ist der längere der beiden Donau- Quellflüssle zum Kanalbach degradiert. kanalisierte Wasserableitung bis zur Breg bei Allmendshofen verlängert. Nachfolgend verlan- dete der natürliche Bregarm bzw. wurde dieser verfüllt. Die Wasserableitung dient bis heute zur Wasserkraftnutzung (Tabakmühle bzw. E-Werk). Bemerkenswert ist, dass der frühere Ort des Zusammenflusses von Brigach und Breg (un- terer, bzw. Hauptarm) vor der Bregregulierung knapp 100 m oberhalb der heutigen Brigachmün- dung lag. Ursprünglich, also vor der Anlegung des Brigachkanals, lag der Zusammenfluss von Brigach und Breg allerdings unterhalb der heu- tigen Brigachmündung – nämlich unmittelbar östlich der B27-Brücke. Betrachtet man zudem den Mündungspunkt des erwähnten, früheren, oberen Bregarms, wurde der Zusammenfluss von Brigach und Breg, und damit der daraus defi- nierte Donauursprung bereits drei Mal künstlich verlegt. Auch die Mäander unterhalb des Zusammen- flusses wurden begradigt, und zwar der Mäander im Gewann „Burghof“ bereits um 1850 4 und der Mäander im Bereich der heutigen Fa. Winter- mantel im Rahmen umfangreicher Kiesgewin- nungsaktivitäten im Umfeld des Donauzusam- menflusses in den 1960er Jahren. Die Begradigung der Breg Die Begradigung der Breg im Bereich von der Bahnbrücke Allmendshofen bis zur Mündung erfolgte Anfang des vorigen Jahrhunderts. Der damit stillgelegte Altarm im Haberfeld wurde vorwiegend nach dem 2. Weltkrieg als städtische Müllkippe genutzt. Am Hüfinger Kofenweiher, einem ehemali- gen Baggersee für die Kiesgewinnung, erfolgte Anfang des 19. Jahrhunderts eine Begradigung.


Historische Flussregulierungen 283


Umwelt und Natur Der Weiher befindet sich heute exakt auf der ab- geschnittenen Flussschlinge der Breg. Am alten Flusslauf befand sich eine wasserkraftbetriebene Gipsmühle, welche durch einen Gewerbekanal gespeist wurde. Im Bereich des Hüfinger Stadtgebietes ist der Verlauf der Breg schon relativ alt und von der mittelalterlichen Wasserkraftnutzung geprägt. Auch war der Fluss Teil des mittelalterlichen Ver- teidigungssystems. Aufgrund der wiederkehren- den Hochwasser wurden die Flussbette, Kanäle und Dämme jedoch sukzessive ausgebaut, im Wesentlichen zwischen den beiden Weltkriegen. Östlich von Bräunlingen im Bereich des Ge- werbegebietes Niederwiesen erfolgte um 1960 eine umfangreiche Begradigung der Breg, welche sich mit Hilfe von Luftbildern gut veranschauli- chen lässt. Dadurch konnte das Gewerbegebiet besser vor Hochwasser geschützt werden und es wurden Flächen für weitere Gewerbeansiedlun- gen sowie für Sportanlagen gewonnen. Auf Höhe von Bräunlingen erfolgte bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine umfang- reiche Verlegung und Kanalisierung der Breg, um die Stadt besser vor Hochwasser zu schützen so- wie zur besseren Nutzung der Wasserkraft für die dortige Mühle (heute Fa. Straub) 4. Zuvor floss die Breg direkt auf die Altstadt zu. Zwischen Vöhrenbach und Wolterdingen ist das Bregtal relativ eng und wenig besiedelt. Da- 284 Der Kofenweiher in Hüfingen befindet sich auf einer abgeschnittenen Flussschlinge der Breg. her gab es keine wesentlichen Veränderungen des natürlichen Verlaufs. Im oberen Bregtal zwi- schen Vöhrenbach und Furtwangen erfolgten hingegen einzelne Begradigungen. Circa 1952 wurde eine Bregschleife oberhalb der Ursbach- mündung begradigt. Die alte Flussschleife ist heute noch erkennbar. Eine weitere Flussschleife wurde im Bereich des Erhartenhofes begradigt und verfüllt. Eine deutliche Korrektur gab es um 1970 unterhalb des Zusammenflusses von Vor- derer und Hinterer Breg im Bereich der heutigen Hochschule Furtwangen University. Breg bei Vöhrenbach – die alte Flussschleife ist noch erkennbar.


Historische Flussregulierungen zu erschließen für die sich ausweitende Ansied- lung von Wohnhäusern und Gewerbebetrieben. Der Ausbau in heutiger Form um die Altstadt von Villingen herum bis zum Warenburgplatz erfolgte bereits zwischen 1875 und 1906 unter der Bezeichnung „Trockenlegung der Stadt“ 8, Im Groppertal wurde die Brigach beim Ausbau der Schwarzwaldbahn mit Hilfe eines Tunnels durch den Berg geleitet. 285 Die Breg östlich von Bräunlingen, links Luftbild aus dem Jahr 1956, rechts Luftbild von 1962. Brigach: Von den Mühlen zeugen nur noch Namen Das Brigachtal zwischen Villingen und Donau- eschingen macht auch heute noch eine relativ natürlichen, ländlichen Eindruck. Jedoch erfolg- ten auch hier zahlreiche Flussbegradigungen. Eine in ganz Deutschland fast einzigartige Art der „Korrektur“ wurde 1872 beim Ausbau der Schwarzwaldbahn im Groppertal gewählt 8. Dort wurde die Brigach einfach durch den Berg gelei- tet. Auf einer Länge von ca. 200 Metern fließt die Brigach bis heute durch einen freitragenden Felstunnel. So konnte man beim Bau der Trasse auf zwei Flussquerungen bzw. zwei Brückenbau- werke verzichten. Zwischen Kirnacher Bahnhof und der Peter- zeller Straße am heutigen Stadtrand von Villin- gen ist der Gewässerverlauf noch weitgehend mittelalterlich geprägt. Der Fluss ist in Flussarme aufgeteilt. Von den vielen, ehemaligen Mühlen dort zeugen bis heute die Namen Rindenmüh- le, Feldnermühle und Hammerhalde, benannt nach dem ehemaligen wasserkraftbetriebenen Hammerwerk. Ähnlich geprägt, mit zahlreichen Mühlen, war die Brigach noch im 19. Jahrhundert im weiteren Verlauf um die Altstadt von Villin- gen herum. Zwischen der Peterzeller Straße und Eisweiher erfolgte 1906 bis ca. 1930 ein Ausbau der Brigach mit Begradigung und Vertiefung des Flussbetts vorwiegend mit dem Zweck, Flächen


Umwelt und Natur was darauf hindeutet, dass die Altstadt bis da- hin nicht nur regelmäßig von Hochwassern, sondern auch von hohen Grundwasserständen beeinträchtigt wurde. Der Flussabschnitt von der Einmündung des Warenbachs bis zur Brücke der Verbindungsstraße Marbach-Rietheim wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert ausgebaut bzw. begradigt. Südlich dieser Straße im weite- ren Verlauf sind zwar auch heute noch natürlich anmutende Mäander zu sehen, diese entspre- chen jedoch nicht dem natürlichen Verlauf von vor 1970. In ähnlicher Weise erfolgte die Begradigung im Bereich von Klengen/Überauchen Anfang der 286 Die Villinger Altstadt ist „trockengelegt“ – heute fließt die Brigach um den historischen Stadtkern herum. 1970er Jahre. Wie im aktuellen Luftbild zu erken- nen ist, ist hier ein kompletter Altarm südlich der Verbindungsstraße sowie ein „Stummel“ nörd- lich der Verbindungsstraße erhalten geblieben. Ursprünglich floss der Hauptarm zur Mühle von Klengen, deren Gebäude heute nicht mehr direkt am Fluss liegt. In den 1970er Jahren lagen Planun- gen zum weiteren Ausbau der Brigach vor, wel- che jedoch nicht mehr verwirklicht wurden, da


Historische Flussregulierungen Die Brigach bei Marbach, links Luftbild von 1956 und rechts die heutige Situation. Rechts Marbach mit Bahnhof, unten erkennbar der ehemalige Mühlkanal von Marbach, der dem natürlichen Verlauf von vor 1850 entspricht. Damals lag Marbach direkt an der Brigach. Der geradlinige Verlauf westlich der Bahnlinie wurde als Entlas- tungs kanal angelegt 4. Heute fließt nur noch der Talbach im alten Brigachbett. Die Brigach bei Klengen, links Luftbild von 1968, rechts die aktuelle Situation. Hier blieb ein kompletter Altarm erhalten. 287


Umwelt und Natur Plan zur Gewässerrenaturierung an der jungen Donau (unten rechts: Kläranlage Donaueschingen) 6 und die erfolgte Umsetzung. 288


der herkömmliche Ausbau zunehmend kritisch betrachtet wurde. Bei Grüningen wurden beim Bau der Schwarz- waldbahn zwei Altwasser abgeschnitten, welche heute noch erkennbar bzw. erhalten sind: ober- halb und unterhalb von Grüningen jeweils öst- lich der Bahnlinie. Der Bereich zwischen Beckho- fen und Donaueschingen blieb weitgehend un- verändert bis auf eine Flussverlegung im Bereich Mühlwiesen unmittelbar am Stadtrand Donau- eschingens in den 1970er Jahren. Im Stadtbereich wurde die Brigach während des 19. Jahrhunderts in der heutigen großen Schleife kanalisiert und mit einem großzügigen Querschnitt ausgebaut 3. Viele Bäche wurden begradigt und kanalisiert Viele weitere kleinere, insbesondere stark mä an- drierende Flüsse und Bäche wurden vor allem im 19. Jahrhundert begradigt oder kanalisiert. Dies lässt sich zum Beispiel für die Eschach, für die Köthach oder für die Aitrach anhand historischer Karten zeigen, würde aber den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Auch in jüngster Zeit erfolgen wasserbau- liche Maßnahmen, meist mit den Zielen, den Hochwasserschutz zu verbessern und/oder das Gewässer zu renaturieren. Als bei weitem um- fangreichste Maßnahme ist das Hochwasser- rückhaltebecken Wolterdingen zu nennen. Umgestaltung der Donau Im September 2013 wurde mit der Umgestaltung der Donau unterhalb des Zusammenflusses von Brigach und Breg begonnen. Träger der Maßnah- me ist das Regierungspräsidium Freiburg durch den Landesbetrieb Gewässer von der Außenstel- le Donaueschingen aus. Die Maßnahme erstreckt sich auf einer Länge von ca. einem Kilometer zwi- schen dem Pegel Donaueschingen und dem Ried- graben. Die Kosten für die Maßnahme betragen etwa 1 Mio. €, davon finanzierte ein EU-Förder- programm knapp die Hälfte. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie for- dert für alle Gewässer das Ziel des „guten ökolo- Historische Flussregulierungen gischen Zustands“ zu erreichen. Hierfür sind an der Donau besonders an den in früheren Jahren naturfern befestigten und begradigten Strecken die Sohl- und Uferstruktur zu verbessern und die Strömungsvielfalt zu erhöhen. In der Vorbereitung dieser Maßnahme hat das Land bereits in früheren Jahren die für eine naturnahe Entwicklung der Donau benötigten Flächen erworben. Um die eigendynamische Entwicklung des Gewässers anzustoßen, wurde nun die beim früheren Ausbau durch massive Be- festigung in ein Korsett gezwängte Donau wie- der entfesselt. Bei den Bauarbeiten wurde das Mittelwasserbett der Donau aufgeweitet und die harte Verbauung aus dem Gewässerbett und den Ufern entfernt. Durch den Einbau von Strömungslenkern, so genannten Buhnen, wurde die Fähigkeit zur Eigenentwicklung angestoßen, so dass sich im Laufe der Zeit wieder naturnahe Bedingungen einstellen und natürliche Gleit- und Prallufer entwickeln können. Dabei werden neue, vielfäl- tige Lebensräume im Wasser, am Ufer und in den Randstreifen entstehen. Quellenangaben: 1 Topographische Landeskarte 1895, Blatt Geisingen, LGRB, 1984 2 Höhnle, W., 1986, Donaueschingen in alten Ansichtspost- karten, 1986 3 Huth, Volkhard, Donaueschingen Stadt am Ursprung der Donau, 1989 4 Topographische Karte über das Großherzogtum Baden, Blatt 36 und 43 von 1845/48 5 Schmitt’sche Karte von Südwestdeutschland vom Jahre 1797 6 Regierungspräsidium Freiburg, 2014 7 Hund, Dr. Andreas, Donaueschingen und die Donau, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, 19. Heft, 1933 8 Rodenwaldt, Dr. Ulrich, Das Leben im alten Villingen, Band II, Geschichts- und Heimatverein Villingen Jahres- band 1990/1991 289


13. Kapitel Sport Michael Kienzler – als Sportfotograf bei der Fußballweltmeisterschaft Der renommierte Fotograf aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis war schon bei vielen großen Sportevents rund um die Erde im Einsatz von Martina Zieglwalner „Das sind Bilder, die ich nie vergesse“, stellt er fest und beschreibt eine der letzten Szenen der Fußballweltmeisterschaft, die sich ihm besonders ins Gedächtnis gebrannt hat: als Lukas Podolski nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Rio de Janeiro mit seinem Sohn Louis aufs Spielfeld zurückkommt und in aller Ruhe mit ihm eine Runde kickt. Überhaupt die Riesenfreude und die Ausgelassen- heit der deutschen Nationalspieler, die er hautnah miterlebt hat: Der Fotograf Michael Kienzler aus Gremmelsbach war für die Agentur Pressefoto Ulmer in Brasilien im Einsatz. 290 290


x 291


Sport Zweimal den zweiten Platz gab es beim Wettbewerb „Sportfotos des Jahres“ für Michael Kienzler für die Fotos oben. „Da prasseln Emotionen im Sekundentakt über einen herein, an allen Ecken passiert etwas. Für mich wird auch immer in Erinnerung bleiben, wie unser Schwarzwald-Kollege Jogi einsam zu den Fans lief, in Gedanken wie Beckenbauer damals, und dann in der Kurve jubelte. Drei Minuten gab er Vollgas, das ist für einen Schwarzwälder extreeeeem“, hat Michael Kienzler in seinem Face book-Tagebuch festgehalten. Und er muss es wissen: Der 46-Jährige stammt aus Grem- melsbach, hat auf den Fußballplätzen rund um Triberg seine ersten Erfahrungen mit der Sport- fotografie gesammelt. 292 Zweimal zweiter Platz beim Wettbewerb „Sportfoto des Jahres“ Dass ihn sein Weg in die Stadien dieser Welt führt, hat er nicht geahnt. Als sein Vertrag bei der Stadtverwaltung Triberg am Auslaufen war, schaute er Mitte der 90er Jahre in der Lokalre- daktion Triberg des Schwarzwälder Boten vorbei und fragte nach Arbeit. Termine gab es zuhauf, bald kaufte er sich eine Kamera und schoss sein erstes Sportfoto beim Triberger Fußballclub. Nach dem Volontariat und einigen Monaten als Lokalredakteur in St. Georgen packte ihn der Ehrgeiz: Er ergatterte einen Volontariatsplatz bei der renommierten Hamburger Agentur Bongarts Sportfotografie, die heute zu Getty Images zählt. Die Karriere führte steil nach oben: Zwei Mal landete Kienzler bei dem von der Welt am Sonn- tag ausgeschriebenen Wettbewerb um das Sport- foto des Jahres auf dem zweiten Platz. Ob die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, die Sommerspiele in Athen, Peking oder London, der 46-Jährige hat Wettkampfstätten rund um die Erde gesehen und ist immer wieder aufs Neue fasziniert von den Eindrücken. Bei Bongarts war er zudem für den ganzen Süden verantwortlich, an einem langen Sportwochenende ging es da schon mal von Frankfurt nach München und über Südtirol nach Genf. Nach Jahren, in denen er vie- le Nächte auf Autobahnparkplätzen verbrach- te, hat er inzwischen seinen Ruhepol in Villin- gen-Schwenningen gefunden, genießt die sport- liche Vielfalt in der Region, in der er wieder für den Schwarzwälder Boten arbeitet. Michael Kienzler hat seine Nische gefunden und sich mit der Agentur Kontur Photo selbstständig gemacht. Ab und an bricht er aber immer noch zu seinen Abenteuern im internationalen Sportgeschehen auf – so wie in Sachen Fußball WM. Wenn Lukas Podolski nach dem gewonnen Weltmeis- tertitel von 2014 erst mal mit Sohnemann Louis eine Runde Fußball spielt. Michael Kienzler saß bei den WM-Spielen nur wenige Meter von den Fußballstars weg.



Sport Impressionen aus einem fußballverrückten Land. An den „freien“ WM-Spieltagen fotografierte Michael Kienzler auch den Handel mit Schwarzwalduhren oder eines der Wahrzeichen von Rio, die Jesus-Statue Cristo Redentor. Gerade die Fußball-Weltmeisterschaft hat es ihm angetan. „Es ist das größte Sportereignis der Welt, und es ist ein Privileg, dabei sein zu dürfen“, gibt sich der Schwarzwälder bescheiden, dass er nach den Turnieren in Deutschland und Südafri- ka zum dritten Mal in der vordersten Reihe dabei war. So versucht er auch beim Fotografieren, sich selbst zurückzunehmen, nicht an die Begegnung mit den Stars zu denken, sondern mit dem Blick aus der Distanz auf die Jagd nach den besten Fo- tos zu gehen. Wie jetzt in Brasilien, als er sich mit hunderten von Kollegen messen musste, alle in der Hoffnung auf Schnappschüsse, die kein an- derer hat. Zwischen 2.000 bis 3.000 Bilder ka- men da pro Fußballspiel zusammen, 200 bis 300 Aufnahmen sendete er direkt von der Kamera via Internetverbindung in die zentrale Leitstelle der Agentur in Bremen, die sie samt Bildunterschrift dann an die Medien verschickte. „Da freut man sich über jeden Abdruck“, schildert Kienzler den Konkurrenzkampf und ist stolz, es mehrmals bis in die Bild-Zeitung gebracht zu haben. Hinter all der Spontanität versteckt sich aber eine akribische Planung, die schon lange vor der WM beginnt – beginnen muss. In der Gruppen- phase galt es, die Favoriten abzulichten, Mann- schaftsbilder von Italien, Spanien oder Holland zu schießen und die Spieler der deutschen Bun- desliga in Aktion zu erwischen. Sponsoren und Ausrüster hatten Spezialaufträge geordert, um ihre Sportler und das Material ins richtige Licht zu rücken. 294


Souvenirhändler an der berühmten Copacabana in Rio de Janeiro. Fußball wird in Brasilien überall gespielt – natürlich auch hier oder in Innenhöfen. Unten links das WM-Stadion Estádio do Maracanã in Rio. Ein guter Platz im Stadion ist entscheidend Beim Viertel-, Halbfinale und dem Endspiel stieg der Druck, in den Stadien einen guten Platz zu ergattern, möglichst am richtigen Tor zu stehen und die spannendsten Situationen einzufangen. „Das macht den Reiz an der Sportfotografie aus, dass man nie weiß, wie es ausgeht“, begründet Kienzler die Faszination für einen Beruf, der ihn jeden Tag vor neue Herausforderungen stellt. Im Wettlauf um die besten Fotos reiste er quer durch Brasilien, hat Fans aus aller Welt ebenso kennengelernt wie Kollegen und Ein- heimische. Da erzählt er von Fotografen aus Russland oder Indien, die über keine eigene Aus- rüstung, sondern nur über eine Akkreditierung verfügen und sich bei den Servicestationen von Nikon oder Canon Kamera und Objektive auslei- hen, von Fachsimpeleien mit fußballverrückten Amerikanern oder das Aufeinandertreffen mit Fußballern und Co-Moderatoren wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn, mit denen er morgens um 4 Uhr am Gepäckband im Flughafen warte- te, oder dem ehemaligen VfB-Spieler und neuem Brasilien-Trainer Carlos Dunga. Kaum fassen kann er bis heute, mit welcher Leidenschaft die Brasilianer mit ihrer Seleção mitfieberten. „Für das fußballvernarrte Volk ist der Sport die zweite Religion.“ Er hat die Men- schen weinen und lachen sehen, bei der Übertra- gung eines Spiels im Straßencafé alle Emotionen erlebt. 295


Michael Kienzler als Fotograf bei der Fußball-WM Ein Bild, das um die Welt ging: Philipp Lahm besucht den verletzten Kapitän Michael Ballack bei der WM in Südafrika, rechts Nationaltrainer Joachim Löw. In fünf Wochen Land und Leute kennengelernt Überhaupt bleiben ihm die Eindrücke abseits des Spielfelds in Erinnerung. Da er fünf Wochen lang bei einer einheimischen Familie wohnte, lernte er Land und Leute kennen. Natürlich besuchte er die Copacabana, den Zuckerhut oder die Christus- statue auf dem Berg Corcovado, war aber auch abseits der Touristenströme unterwegs, schwärmt von den Churrascarias, den Fleischrestaurants, ist auf der anderen Seite entsetzt über die große Kluft zwischen Arm und Reich. Die Geschichten sprudeln nur so aus Michael Kienzler heraus, mit einem Schmunzeln berichtet er von manchem Taxifahrer, der einen Ausländer gerne mal über Umwege zum Ziel bringt oder trotz Navigations- gerät die Adresse nicht findet. Dennoch hat er es immer rechtzeitig in die Stadien geschafft. „Adrenalin gehört dazu, keine Angst, aber Aufgeregtheit.“ Das schießt ihm vor allem bei Fotoaufträgen durch die Adern, denn oft gibt es nur eine Chance, im richtigen Moment abzudrücken. 296 Schon bei der WM 2010 in Südafrika kam es zu einer Episode der besonderen Art: Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) sollte er ein Bild des verletzten Michael Ballack bei seinem Besuch im Teamhotel machen. Nur wenige Augenblicke blieben ihm für die Aufnahme des Mannschafts- kapitäns mit seinem Vertreter Philipp Lahm und Nationaltrainer Joachim Löw. Später lief das Foto immer wieder als letztes Zusammentreffen von Ballack und Lahm über den Ticker. „Ich war schon immer an den Jungs dran, aber so nah war ich ihnen noch nie“ Auch Ersatztorwart Ron-Robert Zieler brachte den Schwarzwälder ordentlich ins Schwitzen. Für den Ausrüster hieß es, den Schlussmann mit sei- nen Handschuhen in Szene zu setzen. Doch der hielt sich weder an die Abmachung, zur verab- redeten Zeit an die Mittellinie zu kommen, noch hatte er Lust, auf der Ersatzbank seine Hände Richtung Kamera zu strecken. „Erst Poldi hat ihn mit seinen kölschen Sprüchen motiviert, doch noch mitzumachen“, nennt der 46-Jährige einen weiteren Grund seines Faibles für den National- spieler. Dem stand er bei der WM ebenso gegenüber wie Weltstar Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Mit zu den Höhepunkten in der bisherigen Lauf- bahn gehört für den Fotografen das Endspiel im Maracanã-Stadion. Der Geräuschpegel im Stadi- on, der Jubel und Trubel, als mit Mario Götzes Tor in der Verlängerung die Entscheidung gefallen war. „Mein eindrücklichstes Erlebnis war schlicht, vor der Siegerehrung einen Meter weg von den Spielern zu stehen, und zu hören, wie sie scher- zen. Thomas Müller einen Witz mit Götze macht und alle lachen – näher dran geht nicht“, bringt der Fotograf seine Zeit in Rio de Janeiro auf den Punkt. „Die hatten einen Riesenspaß auf dem Feld und vergnügten sich wie Buben“, hat er die Szenen noch vor Augen. Michael Kienzler freut sich indes selbst wie ein Kind über ein Foto, das es via Facebook bis in die Heimat geschafft hat: er und Lukas Podolski Arm in Arm. „Ich war schon immer an den Jungs dran, aber so nah war ich ihnen noch nie.“


x Mario Götze schießt das 2:1 gegen Argentinien – Michael Kienzler hat das goldene Tor festgehalten, nur Sekun- den später steht es via Internet allen Nachrichtenredaktionen dieser Welt zum Abdruck zur Verfügung. Haut- nah erlebt der Fotograf den Jubel der deutschen Spieler über den gewonnen WM-Titel. Unvergesslich! 297


Sport Stefan Wirbser, Präsident des Skiverbandes Schwarzwald, ehrt Martin Schmitt mit dem „Goldenen Ski“. Martin Schmitt, einer der erfolgreichsten deutschen Skispringer, ist in Hinterzar- ten im Rahmen der Deutschen Meisterschaft offiziell verabschiedet worden. Die dortige Rot- haus-Schanze im Adler-Skistadion fungierte für ihn über zwei Jahrzehnte hinweg als Trainings- stützpunkt. „Hier habe ich sicher über tausend Sprünge absolviert und damit die Grundla- gen für die vielen Erfolge gelegt“, betonte der 36-jährige Team-Olympiasieger und vierfache Weltmeister. Nach dem Abschluss seines Studiums an der Sport-Akademie in Köln im Herbst 2015 möchte Martin Schmitt als Trainer beim Deut- schen Ski-Verband einsteigen. Sein Debüt im Weltcup gab der Tannheimer, der all die Jahre für den Skiclub Furtwangen an den Start ging und heute in Freiburg lebt, am 4. Januar 1997. Im gleichen Winter gewann er mit der Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Trondheim (Norwegen) Bronze. Zwei Jahre später holte er in Ramsau (Österreich) und 2001 in Lahti (Finnland) jeweils Gold im Einzel und mit dem Team. Weitere Medaillen gab es u.a. bei den Welttitelkämpfen in Liberec, Oberst- dorf und 2011 in Oslo. Bei Olympischen Spielen Martin Schmitt verabschiedet gewann Schmitt 1998 in Nagano (Japan) und 2011 in Vancouver (Kanada) Silber und 2002 in Salt Lake City (USA) Gold mit dem Team. „Chapeau, Martin! Du bist mit Jens Weißflog zusammen der erfolgreichste Skispringer in der deutschen Wintersportgeschichte“, würdigte ihn Präsident Stefan Wirbser vom Skiverband Schwarzwald am 6. September 2014 und über- reichte den „Goldenen Ski“. (Mehr zu Martin Schmitt findet sich im Almanach 2000, 2010 und 2013.) 298


Umringt von Fans – Skispringer Martin Schmitt bei seiner Verabschiedung. (Fotos: Patrick Seeger) x 299


14. Kapitel Gastlichkeit Die Schwarzwälder Kirsch torten- Erfolgsgeschichte aus Triberg von Daniela Schneider Claus Schäfer ist ein zufriedener Mann, das sagt er selbst. Dass es so ist, liegt unter ande- rem an einem süßen Backwerk, an dessen Erfolgsgeschichte der Triberger Konditormeister mitgeschrieben hat: Gemeint ist die Schwarzwälder Kirschtorte. „Die Königin der Torten“, sei sie, so steht es im Info-Flyer, der im Café oder auch in der Triberger Tourist-Info zu haben ist und der erklärt, weshalb der Traditionsbetrieb in der Hauptstraße der Wasserfallstadt und die Kirschtorte untrennbar miteinander verbunden sind. Und die Torte ist nun auch ein „nationales Kulturgut“, sie hat einen Platz im Haus der Geschichte in Bonn erhalten. Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss man sich in die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzen: Damals nämlich verbrachte ein gewisser August Schäfer als jun- ger Mann seine Lehrzeit am Bodensee. Nach sei- nem erfolgreichen Abschluss kam er 1929 mit ei- nem Rezeptbuch in der Tasche nach Triberg. Wie es der gute Brauch war, hatte er in dem Büchlein fein säuberlich und akribisch das Grundwissen des Handwerks notiert. Aber auch ein recht Claus Schäfer präsentiert die nach dem Originalre- zept (unten) gebackene Schwarzwälder Kirschtorte. 300


x 301


Die Schwarzwälder Kirschtorten-Erfolgsgeschichte aus Triberg neues Rezept, nämlich das für „Schwarzwälder Kirsch“, hatte der frischgebackene Konditor da- rin festgehalten. Die Idee zu dieser interessanten Kreation stammte von Schäfers Lehrmeister Josef Kel- ler (1897-1981) aus Radolfzell. Dieser wiederum hatte einst im Bad Godesberger Café Agner sei- nen Dienst versehen und hatte sich dort anno 1915 ausgedacht, unter Kirschen mit Sahne ei- nen Schokoladenboden zu legen, einen Schuss Kirschwasser dazuzugeben und das Ganze mit Schokostreuseln zu dekorieren. Die Gäste waren begeistert, die Torte wurde ein echter Renner. Im eigenen Café mit Konditorei verfeinerte Kel- ler dann in der Heimat am Bodensee das Rezept und gab sein Wissen schließlich an seinen Lehr- ling August Schäfer weiter, der es dann in den Triberger Familienbetrieb überlieferte. Frische Zutaten in guter Qualität verstehen sich von selbst Seitdem ist das Rezept im Schäferschen Famili- enbesitz und seitdem wird den Gästen im Café die Kirschtorte angeboten. August Schäfers Sohn Claus ist längst in die Fußstapfen des Vaters ge- treten und auch er fertigt seine Kirsch torte seit Jahrzehnten nach dem Originalrezept. Das ist ihm wichtig. Fertigprodukte kommen da jedenfalls nicht in die Tüte, und dass die verwendeten fri- schen Zutaten gute Qualität haben müssen, ver- steht sich für Schäfer von selbst. Das Kirschwas- ser – essentieller Bestandteil – kommt aus dem Betrieb seines Vertrauens in Kappel-Rodeck, im- merhin „am Rande des Schwarzwalds“. Seinen Buttermürbteigboden backt er natürlich selbst, ebenso wie die Bisquitschichten, die im Übrigen für den „besonderen Pfiff“ noch mit Marzipan versehen werden. Wichtig ist, dass die Sahne „ganz leicht aufgeschlagen wird.“ Die Kirschfül- lung muss geduldig eingekocht werden. „Etwas Gutes braucht Zeit“, kann der Konditormeister da nur sagen. Der Vollständigkeit halber sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es auch an- dere Entstehungstheorien in Sachen Kirschtor- te gibt. So soll es demnach der Konditormeister Erwin Hildenbrand gewesen sein, der die Torte im Café Walz im Tübingen ersonnen habe. Auch die Schweiz war schon als Ursprungsland in der Diskussion. Und dann wäre da noch die ziemlich abenteuerliche Geschichte von einem persischen Eunuchen. Als Chefkoch eines Harems soll die- ser die doch einigermaßen zweifelhafte Aufgabe gehabt haben, den von ihm betreuten Damen zu möglichst üppigen Körper-Formen zu verhelfen. Aus diesem Grund habe er sich die kalorienrei- Nicht nur die Kirschtorte, auch die von Schokolade ummantelte, nach einem Spezialrezept in Handarbeit gefertigte Schwarzwald-Kirsche mit gewachsenem Stiel ist seit 1952 eine viel beachtete Spezialität des Café Schäfer. 302


x Gäste aus aller Welt genießen im Café Schäfer in Triberg die nach dem Originalrezept gebackene Schwarzwäl- der Kirschtorte. Auch die Schauspielerin Christine Neubauer und der weißrussische Botschafter haben sich die Torte in Triberg servieren lassen. Nach Nord- baden ging eine große Lieferung an eine dort weilende arabische Scheichfamilie und kürzlich nahm eine Attachédelegation aus Singapur im Gastraum Platz, um die süße Sünde für den mög- lichen Besuch eines Staatsgastes vorzukosten. Mitunter wird der ganze Torten-Rummel Claus Schäfer, seiner Frau und seinem Sohn, die beide im Betrieb mitarbeiten, schlichtweg zu viel. Der Chef sagt: „Ich will nicht als der Kirschtortenpapst dargestellt werden. Wichtig ist mir, dass das Handwerk passt und die Qualität stimmt – dann kommen auch die Gäste, und zwar nicht nur ein- mal, sondern immer wieder.“ che, unwiderstehliche Torte ausgedacht. Claus Schäfer winkt lachend ab: Alles Quatsch, er kennt das Originalrezept, er hat alle dazugehörigen Unterlagen fein säuberlich aufbewahrt, das sei „alles belegbar“. Geheimtipp im Schwarzwald Kein Zweifel, die Kirschtorte ist bekannt und be- liebt auf der ganzen Welt. Von einem regelrech- ten „Kirschtorten-Boom“ könne man seit rund 15 Jahren sprechen, berichtet Claus Schäfer. Seither rennen ihm auch die Medien immer wieder die Backstube ein. Regionale und überregionale Zei- tungen und Zeitschriften berichten über seinen Betrieb und dessen Spezialität. Auch Fernseh- teams gaben sich schon öfters die Klinke in die Hand. Bordzeitschriften von Fluggesellschaften erwähnen das Café ebenso wie Reiseführer. So auch der weltweit gern genutzte Lonely Planet, der diesen Ort als Geheimtipp im Schwarzwald ausgibt. Gäste aus aller Herren Länder von China bis Amerika und aus ganz Europa schauen seither gerne rein und probieren das feine Naschwerk. „Besonders viele Engländer kommen zu uns“, freut sich Claus Schäfer. Kein wirkliches Wun- der ist das indes, schließlich war die BBC auch schon da. Die auf der britischen Insel bekannten TV- Köche „Hairy Bikers“ haben sich das Kirsch- tortenrezept geben lassen und den „Black Forest gâteau“ dann sogar – übrigens tatsächlich mit- ten im Wald – öffentlichkeitswirksam nachge- backen.


Gastlichkeit Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal Gaby und Peter Weißmann setzen auf regionale Küche von Josef Vogt Sicherlich gibt es nicht mehr sehr viele Gemeinden in Baden-Württemberg, die bezogen auf die Einwohnerzahl eine so stattliche Anzahl von guten Gastronomieadressen vorzu- weisen haben, wie dies in Brigachtal der Fall ist. Dies liegt auch daran, dass in Brigachtal die örtliche Gastronomie von den Bewohnern sehr geschätzt und häufig in Anspruch genommen wird. Natürlich ist es den Betrieben aber auch gelungen, ihren Ruf im Um- land entsprechend hochzuhalten und mit einem regional ausgerichteten Angebotspro- fil Gäste aus Villingen, Donaueschingen und Bad Dürrheim an sich zu binden. Für den „Sternen“ im Ortsteil Klengen treffen beide Faktoren zu. Einerseits ist es dem Gast- wirtssohn Peter Weißmann gelungen, den von den Eltern Alex und Lucia Weißmann 1994 über- gebenen Betrieb nicht nur fortzuführen, sondern in der Folge auch auszubauen. Durch grundle- gende Umbaumaßnahmen hat er die Vorausset- zungen dazu geschaffen, dass sich das Gasthaus mit Nebenerwerbslandwirtschaft zu einem mo- dernen Restaurant- und Beherbergungsbetrieb entwickeln konnte. So hat der „Sternen“ im Hauptrestaurant nun 70 Sitzplätze und in einem Nebenzimmer 40 Sitzplätze vorzuweisen. Im Sommer kommen noch 24 Plätze auf der Terras- 304 se dazu. Mit 42 Zimmern und 63 Betten hat der Beherbergungsbetrieb Sternen eine für ländliche Verhältnisse beachtliche Größe. „Wir haben im Vergleich zu vielen anderen Betrieben eine sehr gute Auslastung“, freut sich Gaby Weißmann. So waren die „Schürzenjäger“, „Oberkreiner“ und auch schon Tony Marshall zu Gast. Aber auch die vielen Künstler, die im Rah- men des Kulturellen Herbstes in der Martinskir- che jährlich auftreten, übernachten zumeist im Sternen. Insgesamt sind es aber die Stammgäste, d.h. die vielen Monteure, Vertreter und Ferien- gäste, die die gute Belegung ausmachen. Schon früh war klar, dass Peter Weißmann einmal die Sternenwirtsgeneration fortsetzen wird. Deshalb absolvierte er auch im renommier- ten Waldhotel Schrenk eine Kochlehre, in der er die notwendige fachliche Qualifikation zur ge- hobenen Restaurationsküche erwarb, die heute die Sternenwirtsküche auszeichnet. Außerdem hatte er das Glück, dass er in seiner Frau Gaby, die die Qualifikation zur Restaurationsfachfrau mitbrachte, eine gastronomisch versierte Part- nerin fand, mit der er den familiär ausgerichte- ten Gaststättenbetrieb führen kann. Modern und freundlich sind die 42 Hotelzimmer ausgestattet.


Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal Gaby und Peter Weißmann haben den traditionsreichen Sternen von Grund auf saniert. Während sich Peter Weißmann höchst per- sönlich um den Küchenbetrieb kümmert und auf die Qualität der Speisen durch den Einkauf von hochwertigen Zutaten und die sachgerechte Zu- bereitung achtet, ist seine Frau Gaby die perfekte Gastgeberin, die dafür sorgt, dass die Übernach- tungsgäste bestens gerichtete Hotelzimmer vor- finden und die Restaurantgäste an einladenden Tischen Platz nehmen können. Regionale Produkte mit Sorgfalt zubereitet Auf die Frage nach seiner Küchenphilosophie, be- tont Küchenchef Peter Weißmann: „Ich mache keine Experimente. Ich richte mich nach den Wünschen der Gäste und verwende, wann im- mer möglich, regionale Produkte, die ich mit großer Sorgfalt zuberei- te.“ Auf seiner Speisekarte finden sich deshalb diverse Pfannen- und Bratgerichte vom Schwein, Kalb, Rind und Wild sowie Zubereitun- gen vom Saibling und Zander, die Im Hauptrestaurant verfügt der Sternen über 70 Sitzplätze. mit frischen Gemüsen, Salaten und verschiede- nen Beilagen wie Spätzle, Knödel und Kartoffeln ergänzt werden. Wenn Spargel, Pfifferlinge und Erdbeeren ihre Saison haben, dann stehen sie im Sternen hervorgehoben auf dem Speiseplan. Natürlich fehlen auch Schnitzel, Sauerbraten, Ochsenzunge, Kässpätzle und verschiedene Ves- pervarianten nicht im Angebot. „Solche Gerichte sind zeitlos und werden von meinen Gästen ein- fach erwartet“, so der Sternenwirt. Peter und Gaby Weißmann werden in ihrem Gasthaus nicht allein gelassen: Wie in einem Fa- milienbetrieb üblich, helfen alle mit. So haben sich Alex und Lucia Weißmann nach der Betriebs- 305


Gasthaus-Hotel Sternen Ein traditionsreiches Haus – der Sternen um die Jahrhundertwende. übergabe an Sohn Peter nicht einfach aufs Alten- teil zurückgezogen, sondern sie nehmen, sofern es ihre Gesundheit zulässt, nach wie vor verschie- dene Aufgaben im Gästebetrieb wahr. Alex Weißmann kümmert sich dabei um die Stammgäste und vor allem um den Donnerstags- stammtisch. Seinem phänomenalen Gedächtnis ist es zu danken, dass Ereignisse aus früheren Jahren der Gemeindegeschichte nicht in Verges- senheit geraten. Will man wissen wer, wann, wo und mit wem verheiratet ist oder wann jemand ein besonderes Jubiläum hat, dann schaut Senior Alex in sein akribisch geführtes Geschäftsbuch und kann präzise Auskunft geben. Ereignisreiche Geschichte Viele Jahrzehnte konnte der Sternen den größten und attraktivsten Saal vorweisen, so fanden na- türlich fast alle Veranstaltungen des Dorfes dort statt. So manche Ehe hatte ihren Anfang im Ster- nensaal, da sich dort die „Ledigen“ zum Tanz tra- fen. Überhaupt hat der Sternen eine lange und ereignisreiche Geschichte, deren Ursprung einige hundert Jahre zurückreicht. Immer wieder stößt man bei der Lektüre der Ortschronik von Klengen 306 auf eine Begebenheiten, die mit einem Sternen- wirt in Klengen zu tun hat. So ließ der Sternen- wirt J. N. Fischer im Jahr 1842 amtlich verkünden: „Diejenigen oder derjenige, welcher das Gerücht verbreitet, ich hätte zur Zeit in der Nacht vom 14-15 d.M. (gemeint ist die Klengener Brandnacht vom 14./15. Sept. 1842) dahier ausgebrochenen Brandes, mit dem Bier aufgeschlagen, erkläre ich die Maß zu acht Kreuzer. Was meine dermaligen zahlreichen Gäste der Wahrheit gemäß öffent- lich bestätigen.“ Für Peter und Gaby Weißmann, die mit Leib und Seele Wirtsleute sind, ist es selbstverständ- lich, dass das Wohl der Gäste im Mittelpunkt steht, dafür arbeiten sie täglich und richten den Sternen immer wieder aufs Neue aus. Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal Hochstraße 2 78086 Brigachtal Tel.: 07721/91860


Im Gasthaus Breitbrunnen werden Schwarzwald-Sportler satt Gastlichkeit Ausflugslokal wunderschön direkt an Unterkirnacher Wanderstrecke gelegen von Madlen Falke Tief inmitten des schönen grünen Unterkirnacher Schwarzwalds liegt das Gasthaus Breitbrunnen. Eine gemütliche Wanderstube, die den hungrigen und durstigen Sport- lern ein optimales Angebot bietet. Als Wander- und Langlaufparadies ist der Schwarzwald in Unterkirnach beliebtes Ausflugs ziel für Einheimi- sche und Touristen aus der ganzen Welt. Das Schwarzwald-Gasthaus Breitbrunnen liegt genau an einem dieser vielen Wanderwege, die im Winter als Loipe gespurt werden. Und was gibt es Schöneres, als sich nach einem ordentlichen Marsch oder einer Partie auf der Loipe in einer guten Gaststube zu stärken. Das Wirtshaus mit seiner langen Ge- schichte liegt ruhig an einem kleinen Weiher. Im Sommer lädt ein großer Biergarten mit 140 Plätzen die Wan- dersleute zum Einkehren ein, die Kin- der haben an der Rutsche mit Schau- kel ganz gewiss ihren Spaß. Stephan Zimmermann und sein Team bieten im Gasthaus Breit- brunnen eine regionale Küche und angenehmen Service. Historisches Gasthaus wurde 1530 erbaut Die Historie des Schwarzwald-Hauses geht lange zurück. 1530 wurde das kleine Gasthaus, das heu- te 60 Plätze im Inneren zählt, von Hans Nythart erbaut. Ursprünglich unter dem Namen Breiten Brunnen bekannt, war es jedoch nicht als Gast- haus, sondern lediglich als normales Wohnhaus für die Familie gedacht. 1842 dann brannte das Haus bis auf die Kellermauern ab. Das Ehepaar Baptist und Maria Neugart baute es wieder auf und eröffnete 1843 erstmals eine Gaststätte. 1894 erwarb die Stadt Villingen das Wirtshaus, um welches sich heute das Forstamt kümmert. Im Jahre 1933 übernahm Lukas Schreiber als Pächter den Breitbrunnen. Er und seine Familie bewirtschafteten das Anwesen bis zum Todes- jahr von Lukas Schreiber im Jahre 1975. Sie be- trieben eine Holzhauerei, räucherten Speck und im Lokal mit dem kleinen Schankraum gab es herzhafte Vesper mit Villinger Fortuna-Bier für die Gäste. Drei Jahre nach dem Tod des belieb- ten Pächters sanierte die Stadt das Haus grund- legend und investierte damals 530.000 Mark. Dabei wurden die Gasträume erweitert und die Gartenwirtschaft angelegt. 307


Gastlichkeit Bei Sonnenschein genießen die Gäste im Biergarten den Blick auf den schönen Schwarzwald. Wanderweg und Winterloipe gehen direkt am Lokal vorbei. Rechts: Rund 60 Sitzplätze bietet die gemütliche Schwarzwald-Stube im Inneren. Eine Familie Biegert betrieb dann das Lokal, allerdings nur als Vesper wirtschaft, in der aus- schließlich kalte Speisen oder Spiegeleier und Bratwürste serviert werden dürfen. Bis 1990 hat- ten Irmgard Biegert und ihr Mann die Wirtschaft inne, die auch immer wieder Veranstaltungen boten. Zehn Jahre lang, von 1995 bis 2005, gab es schließlich einen ständigen Wechsel. Bis Clau- dia und Helmut Gruber 2005 den Breitbrunnen übernahmen. Sie führten das Lokal bis 2012 wei- ter, das sich in den sieben Jahren weiterhin bei Einheimischen und Fremden großer Beliebtheit erfreute. Als die beiden den Betrieb vor zwei Jah- ren einstellten, nutzte die Stadt die Gelegenheit, um den Breitbrunnen nochmals zu renovieren. Dabei wurde abermals die ganze Gaststätte neu gestaltet. Neustart nach Umbau Neue Böden, eine neue Küche und eine neue Theke wurden installiert. Die Schwarzwald-Stu- be wurde außerdem insgesamt heller und einla- dender gestaltet. So wurden beispielsweise die urigen Dachbalken in einem angenehmen grau- farbenen Ton gestrichen und nahmen der dunk- len drückenden Decke so die Last. Mit dem Um- bau fand sich auch sogleich ein neuer Pächter, 308 der bis heute die Wirtschaft betreibt: Stephan Zimmermann, der selbst kräftig beim Umbau mit anpackte, ist heute zufrieden mit seinem gemüt- lichen Gasthaus. „Ich hätte selbst nicht gedacht, wie gut das hier laufen wird. Ich bin sehr zufrie- den“, freut sich der Wirt. Er ist gelernter Bäcker- meister, den leckeren Obstkuchen und der täg- lich frischen Schwarzwälder Kirschtorte eilt ihr guter Ruf voraus. An den Wochenende warten mindestens drei bis vier Kuchen auf die Gäste. In Trier geboren und in der Eifel aufgewach- sen, verschlug es Zimmermann in seiner Kind- heit zunächst nach Karlsruhe, wo er auch die Meisterausbildung absolvierte. „Schon als Kind bin ich bei meiner Oma und Mutter mit am Herd gestanden und habe in der Küche fleißig mitge- arbeitet“, erzählt der 31-Jährige. In seinen vielen Berufsjahren hat Zimmermann viele lehrreiche Stationen durchlaufen, davon einige Jahre auf der Insel Ibiza, auf der er in einem Hotel die Kü- che und die hauseigene Bäckerei geleitet hat, wo er auch das Kochen perfektionieren konnte. Nach den Jahren auf der Insel verschlug es den freundlichen Bäckermeister nach Vöhrenbach, und dort kehrte er in einer Bäckerei wieder zu seinen Wurzeln zurück. Es folgte eine eigene Bar in Furtwangen, die er von 2008 bis 2010 betrieb. Bis zur Übernahme des Breitbrunnens arbeitete Zimmermann dann noch in der einen oder ande-


ren heimischen Bäckerei. „Im Breitbrunnen bin ich nun endlich angekommen, das ist jetzt mein Wohnzimmer“, lacht der herzliche Wirt, der sich in seiner Freizeit auch mal wagemutig mit Fall- schirm bepackt aus einem Flugzeug stürzt. Saisonale und gesunde Küche An Sonnentagen ist das Gasthaus schnell gefüllt. Dann bewirten der Chef und seine sieben Mitar- beiter die Gäste mit einer zünftigen Karte. Neben Klassikern wie dem Wiener Schnitzel wechselt er als Koch verschiedene Gerichte je nach Sai- son auch immer wieder aus. Aktuell sind die Schweinshaxe und die Semmelknödel mit Wald- pilzsoße der absolute Renner im Breitbrunnen, deshalb haben sie es auch auf die Dauerkarte geschafft. Eine Aktionskarte, die monatlich wechselt, bietet den hungrigen Sportlern eine saisonale und gesunde Küche. „Wir kochen komplett aller- genfrei und ohne Zusatzstoffe. Unsere Zutaten kommen aus der Region. Das Fleisch ist von der Metzgerei Färber aus Villingen oder von meinem Vater aus Karlsruhe, das Obst und Gemüse vom Obstbauer Haller“, berichtet Zimmermann. Alles werde in dem Ausflugslokal frisch für jeden Gast zubereitet. Zur Winterzeit steht natürlich auch wieder Wild auf der Karte, im Sommer sind Sala- te und leichte Speisen beliebt. Seine eigens gemachten Bratwürste hinge- gen kommen zu jeder Jahreszeit bei seinen Gäs- ten an. Und wer sich die süße Sünde nicht ent- gehen lassen will, sollte in der kalten Jahreszeit den Zimmermannschen Apfelstrudel probieren. Wer wegen des leckeren Essens dann doch mal über die Strenge geschlagen hat, dem tun sicher- lich ein Honigschnäpsle, Ziebärtle oder Marillen- schnaps ganz gut. Zieht der Winter in den Schwarzwald ein, be- tont Zimmermann, kommen Gäste trotz seiner Abgeschiedenheit immer gut zu ihm durch. „Der Schneepflug fährt rund um die Uhr die Strecken hier hinten ab. Selbst im harten Winter 2012 bin ich jederzeit gut hergekommen“, weiß der Wirt zu erzählen. Sommers wie winters bietet der Wirt kleine Saison-Highlights an. Das Sommer- Gasthaus Breitbrunnen Stephan Zimmermann zaubert in seiner Küche stets frische, regionale Gerichte. fest hat bereits viele Freunde gefunden, denn mit Live-Musik und frischem Spanferkel inmit- ten des Schwarzwalds zu feiern, hat schon seinen besonderen Reiz. In der kalten Jahreszeit spielen von Zeit zu Zeit, die Termine sind stets auf der Homepage des Gasthauses nachzulesen, Blaska- pellen in der urigen Wirtschaft mit ihrem großen Kachelofen. Wer möchte, kann den Breitbrunnen auch für private Feiern komplett reservieren. „Ich habe hier schon Hochzeiten und schöne Geburtstage gehabt. Den Termin sollten Interessierte einfach frühzeitig mit mir abstimmen. Ich verlange auch keine Raummiete, sondern freue mich, wenn dann viel gegessen und getrunken wird“, lädt Zimmermann feierfreudige Besucher ein. Gasthaus Breitbrunnen Breitbrunnen 1 78089 Unterkirnach Tel.: 0 77 21 / 99 81 694 www.gasthaus-breitbrunnen.de 309


15. Kapitel Freizeit Eine Freizeit-Oase für die ganze Familie Der Streichelzoo in Kappel bietet Tiere zum Anfassen – Roland Heimburger betreibt die Anlage mit viel Herz und ganz ohne finanzielle Interessen von Philipp Jauch Der Schwarzwald ist in der ganzen Welt ein Begriff. Einige Sehenswürdigkeiten gel- ten jedoch im wahrsten Sinne des Wortes als verborgene Schätze, der Streichelzoo im Niedereschacher Ortsteil Kappel ist ein solches Juwel. Vor allem auch ein familienfreund- liches. Im Eschachtal, am Ostrand des Schwarzwaldes zwischen Villingen-Schwenningen und Rottweil gelegen, betreibt Roland Heimburger eine Frei- zeitanlage, die im Südwesten einmalig ist. Auf 6,5 Hektar erleben die Besucher Tiere frei und zum Anfassen. „15 Ziegen, zwölf Schafe, eine Kuh, zwei Ponys, ein Maultier, ein Esel, 25 Hühner, viele Enten und Vogelarten“ – wenn Roland Heimbur- ger aufzählt, was seine Gäste hier erwartet, klingt das ein wenig nach Inventur. Sachlich, nüchtern, unaufgeregt. Vor allem aber: bescheiden. Der Mann, der die Anlage im Jahr 2005 von der Gemeinde Niedereschach übernommen hat, strebt nicht nach Anerkennung. Er will ande- ren etwas Gutes tun und die Natur für Kinder erlebbar machen. Wirtschaftliche Ziele verfolgt der Unternehmer, der im Hauptberuf Anhänger baut, damit nicht. Der Streichelzoo, das ist sein Hobby. Auch deshalb hat er von Beginn an auf Eintrittsgeld verzichtet. „Ein anderer geht Ten- nis spielen oder Segelfliegen. Ich mach halt das“, kommentiert er knapp. Man spürt, dass Heimburger die Anlage am Herzen liegt. Wenige Meter vom Parkplatz ent- fernt hat er ein schmuckes Portal aufgestellt, dessen Tore immer geöffnet sind. „Ich wollte es bewusst einladend gestalten“, sagt er. „Das Tor steht auf, kommt herein!“ 310


Und die Besucher kommen aus der ganzen Region. Längst hat sich herumgesprochen, welch besonderer Ort der Ruhe und Entspannung sich hier am Rande des Wohngebiets erstreckt. Vor al- lem für Familien mit Kindern ist der Streichelzoo ein wunderbares Ausflugsziel. Hier dürfen sie die Tiere streicheln und füttern; erleben, wie zutrau- lich Ziegen sein können, wenn man sorgsam und liebevoll mit ihnen umgeht. Tiere werden artgerecht gehalten Die artgerechte Haltung der Tiere hat einen be- sonders hohen Stellenwert. Petra Müller, die ein- zige Mitarbeiterin im Park, sorgt dafür, dass die Stallungen sauber, die Klauen geschnitten und die Futtertröge gefüllt sind. „Ich komme aus der Landwirtschaft. Deshalb weiß ich, wie man Tie- re pflegt“, sagt sie. „Aber natürlich versuche ich immer, die Dinge noch besser zu machen, sehe Dokumentationen an, um mir all das anzueig- nen, was für die optimale Versorgung nötig ist.“ Dieses Engagement ist symptomatisch für den Streichelzoo. Statt die Freizeitanlage zu kommerzialisieren und das Personal aufzu- stocken, packen Heimburger und Müller lieber selbst an. Wichtig ist ihnen, dass der Park von allen Bürgern genutzt werden kann. Teure Frei- zeitangebote gebe es schließlich genug. „Wir be- kommen einen Zuschuss von der Gemeinde und verkaufen etwas Futter“, sagt Heimburger. „Das Streichelzoo Kappel ist zwar nicht die Welt, aber es genügt uns. Wir sind mit wenig zufrieden.“ Trotz des knappen Budgets ist der Bestand kontinuierlich gewachsen. Auf die eigene Zucht ist Heimburger stolz. „Jedes Jahr kommen hier im Park Junge zur Welt. Das ist wichtig, denn die Kleintiere sind es, die Kinder interessieren – nicht die großen Viecher.“ Feierliche Einweihung erfolgte 1976 Der Grundstein für diesen besonderen Tierpark wurde bereits in den 1970er Jahren gelegt. Da- mals musste die zu diesem Zeitpunkt noch selbstständige Gemeinde Kappel zur Aufrecht- erhaltung ihrer Wasserversorgung nach neuen Quellen bohren. Dabei wurde in 58 Metern Tiefe eine Mineralquelle entdeckt, deren Wasser in der Zusammensetzung ähnlich der Johannisquelle in Bad Dürrheim oder der Kreuzquelle in Wildbad Kreuth war. Schon bald kamen zahlreiche Stammgäste regelmäßig hierher, um sich Wasser zu holen. Deshalb entschloss man sich, um die Quelle herum eine Freizeitanlage zu schaffen, die den Ziegen, Pfauen, Enten und andere Tiere lassen sich ger- ne bewundern, streicheln und füttern – für die Kinder gibt es auch einen Spielplatz. Der Streichelzoo ist dem Engagement von Roland Heimburger (unten links) zu verdanken. 311


Freizeit Impressionen aus dem Kappler Streichelzoo, der ein Erlebnisparadies für Kinder ist. Bürgern ein Ort des Verweilens sein sollte. 1976 wurde sie feierlich eingeweiht. Die Erholungslandschaft im Eschachtal war ein Treffpunkt für alle Bürger. Sie erholten sich in Kneippeinrichtungen, auf Liegewiesen und in Ruhezonen. Für den Fremdenverkehr brachte das idyllische Naherholungsgebiet dennoch nicht die gewünschte Entwicklung. Hauptgrund dafür war wohl, dass es nicht gelungen ist, die Quellen the- rapeutisch zu nutzen – zu streng waren dafür die Bestimmungen. Die Einheimischen aber sollten lange Zeit Freude an „ihrer“ Freizeitanlage ha- ben. Deshalb wurde sie stets gepflegt und den Bedürfnissen der Besucher angepasst. Fachkundige Beratung durch die Wilhelma Die große Neugestaltung folgte 20 Jahre nach der Einweihung, im Jahre 1996. Mit fachkundi- ger Beratung der Wilhelma in Stuttgart wurde der Streichelzoo angelegt, der im weiten Umkreis einmalig war – und es bis heute geblieben ist. Gleichzeitig entstand auf dem Gelände ein Pa- villon, der als Festplatz genutzt wird. Der Spiel- platz mit Sandkasten, Wasserpumpe, Schaukel 312 und Kletterturm bietet Abwechslung für Kinder, der asphaltierte Rundweg durch den Park dient Joggern als Laufstrecke. Und auch im Winter ist der Streichelzoo eine Freizeit-Oase für die gan- ze Familie. Dann nämlich, wenn der große Teich zugefroren ist, tummeln sich hier die Schlitt- schuhläufer. Mächtig groß und gerade einmal 40 Zentimeter tief bietet der Weiher optimale Bedingungen und ein Höchstmaß an Sicherheit für große und kleine Wintersportler. Dies alles war nur möglich, weil die Men- schen in Kappel sich engagiert haben – bei der Erweiterung des Parks ebenso wie bei der Unter- haltung des Streichelzoos. Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, warum Roland Heimburger die Freizeitanlage ohne jegliche finanziellen Inte- ressen führt. Sie ist seit jeher Teil der Gemeinde und soll es auch in Zukunft bleiben – offen für alle: ohne Grenzen, ohne Zäune. Für den Niedereschacher Bürgermeister Martin Ragg ist die Arbeit von Heimburger und seiner Mitarbeiterin Petra Müller ein Musterbeispiel für bürgerschaftliches Engagement. „Es ist wunder- voll, wie die beiden das machen. Im Park gibt es tolle Tiere zu sehen, die mit großem Fachwissen und einer ungeheuren Leidenschaft gepflegt werden. Damit ist die Anlage ein Highlight für die Gemeinde, das Menschen aller Generationen begeistert.“


Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Kreisrätin und Ortsvorsteherin Helga Eilts verstorben Sie war hoch angesehen und beliebt und hat sich um „ihr Tannheim“ große Verdienste erworben. Mit Helga Eilts ist am 5. Februar 2014 eine engagier- te Ortsvorsteherin verstorben, zugleich die dienstälteste von Baden-Württemberg. 25 Jahre lang stand sie an der Spitze von Tannheim, Teilort von Villingen- Schwenningen, und wirkte zu- dem als Kreisrätin der Freien Wähler. Landrat Sven Hinterseh und Oberbürgermeister Dr. Ru- pert Kubon betonten: Der Land- kreis und Villingen-Schwennin- gen verlieren mit der Kreis- und Stadt rätin Helga Eilts eine be- deutende Kommunalpolitikerin und außergewöhnliche Persön- lichkeit. (Mehr über Helga Eilts finden Sie im Almanach 2010.) Helga Eilts Magazin Umrahmt von Lokführer und Schaffner (von links): Blumbergs Bürger- meister Markus Keller, Landesverkehrsminister Winfried Hermann und Landrat Sven Hinterseh. Die Wutachtalbahn, vor al- lem als Sauschwänzlebahn bekannt, gehört zu den „Histori- schen Wahrzeichen der Ingeni- eurbaukunst in Deutschland“. Der Titel wurde ihr am 8. Sep- tember 2014 von der Bundes in- gen ieurkammer gemeinsam mit der Ingenieurkammer Ba den- Würt temberg im Beisein von Ba den- Württembergs Ver kehrs – minis ter Winfried Hermann in Blumberg verliehen. Die Bahnstrecke ist im Auf- trag des Deutschen Reiches und des Großherzogtums Baden zwischen 1887 und 1890 zu rein militärischen Zwecken gebaut worden: Truppen und Kriegsma- terial sollten rasch von Würt- temberg und Bayern an die französische Grenze verlegt werden können. Die Bahn ist nach dem Stuttgarter Fernseh- turm erst das zweite ausgezeich- nete Denkmal in Baden-Würt- temberg, was den Stellenwert der Verleihung unterstreicht. Landrat Sven Hinterseh freu- te sich mit Bürgermeister Mar- kus Keller über die hohe Aus- zeichnung. Er betonte: „Der Ti- tel unterstreicht die Bedeutung der Museumsbahn für unsere Die Sauschwänzlebahn: Historisches Wahrzeichen der Ingenieurskunst Ferien region Schwarzwald- Baar-Kreis. Er hebt ebenso die geniale Ingenieursleistung her- vor, durch die diese Bahn ent- standen ist. Dank gilt vor allem denjeni- gen, die sich hauptamtlich, aber auch sehr stark ehrenamtlich, für den Erhalt und die Instand- haltung der Bahn einsetzen. Un- sere Sauschwänzlebahn ist ein Highlight des Landkreises, das weit über Blumberg und die Region hinaus strahlt.“ 313


Magazin Gekonnt, aber teilweise heftig diskutiert – der Plakatentwurf von Selina Haas. Über 118 Millionen Medien- kontakte für das Ferienland Ideenreich, mutig und provokant zugleich – aber erfolgreich: Der oben abgebildete Plakatentwurf im Rahmen einer Werbekampa- gne der Ferienland im Schwarz- wald GmbH hatte eine fürwahr riesige Resonanz: Geschäftsfüh- rer Julian Schmitz ermittelte 118 Millionen Medienkontakte für eine Imageanzeige mit diesem Motiv, die im Bordmagazin der Fluggesellschaft Ryanair erschie- nen war. Die Idee und Umsetzung stammt von der 25-jährigen Gra- fikerin Selina Haas aus Schonach. Der teils als „sexistisch“ be- zeichnete Entwurf wurde schließ- lich nicht weiter verwendet, da sich auch der Deutsche Werberat einschaltete. Neben diesem Plakat entwarf die Grafikerin noch zehn weitere. Selina Haas, die niemand verlet- zen wollte, wie sie betont, hat jedenfalls zusammen mit dem Ferien land Schwarzwald die bis- 314 Am Keltenpfad auf dem Magdalenenberg bei Villingen. Neuer Keltenpfad Ein spannendes Stück Geschichte unserer Region wird auf anschau- liche Weise erleb- und erfahrbar: Der Magdalenenberg, der größte frühkeltische Grabhügel Mittel- europas, kann nun auf einem Kel- tenpfad erkundet werden. Acht Pulttafeln informieren über die wichtigsten geschichtlichen Ereig- nisse wie die Entdeckung des Fürs- tengrabes und die Ausgrabung des gesamten Hügels. Der Pfad beginnt in der Villinger Innenstadt. Die Infoelemente stellen auch einen Bezug zur Ausstellung im Franziskanermuseum her, wo sich die kostbare Original-Grabkam- mer befindet. Fabian Riesle: SKIF-Schüler mit gleich zwei Olympiaerfolgen Medaillen bei Olympia: Noch beim Heim-Weltcup Ende De- zember 2013 in Schonach (un- ser Bild) hatte Fabian Rießle die Qualifikation verpasst, dann kehrte der junge Hochschwarz- wälder als Bronze- und Silber- medaillengewinner in der Nor- dischen Kombination von den Olympischen Winterspielen aus Sotschi zurück. „Man sieht, wie eng im Sport alles beisammen liegt“, resümiert er beim Emp- fang in der Heimat Breitnau und in Furtwangen. Fabian Riesle mit seiner Bronze – und Silbermedaille. Der erfolgreiche Sportler ist Schüler des Skiinternates Furt- wangen und studiert an der Furtwangen University.


lang wohl am meisten beachtete Werbekampagne für unsere Feri- enregion gestartet und viel Aner- kennung dafür erhalten. Erwin Teufel feiert seinen 75. Geburstag Auch aus dem Schwarzwald- Baar- Kreis konnte der frühere Ministerpräsident von Baden- Würt temberg, Erwin Teufel, am 4. September 2014 Glückwün- sche zu seinem 75. Geburtstag entgegennehmen. Der langjähri- ge CDU-Wahlkreisabgeordnete wurde als einst jüngster Bürger- meister Deutschlands 1972 in den Landtag gewählt und war von 1991 bis 2005 Ministerpräsident. Landrat Sven Hinterseh unter- strich in seinem Glückwunsch- schreiben die Dankbarkeit für das Geleistete. (Zu Erwin Teufel siehe u.a. Almanach 2006 und 2013). Tassilo von Fürsten berg – An Heiligabend 2013 ist er zur Welt gekommen: Prinz Tassilo Hein- rich Christian zu Fürstenberg, so der vollständige Name, ist das erste Kind von Erbprinz Chris- tian und Erbprinzessin Jeannet- te zu Fürs tenberg. Tassilo von Fürsten berg ist der künftige Erb- prinz und Fürst des Hauses zu Fürs ten berg. Magazin Rolf Schmid (Zweiter v. links) wurde von Landrat Sven Hinterseh (links) und VS-Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon (rechts) mit hohem Re- spekt vor seiner Lebensleistung am Schwarzwald-Baar Klinikum in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger ist Dr. Matthias Geiser (Zweiter v. rechts). Goldene Verdienstmedaille verliehen: Schwarzwald-Baar-Kreis würdigt Lebensleistung von Klinikum-Geschäftsführer Rolf Schmid Mit Respekt und Dank ist am 2. Oktober 2014 Rolf Schmid in den Ruhestand verabschiedet worden. Er führte fast 10 Jahre lang die Klinikum GmbH. In die- ser Zeit realisierte er den Neu- bau des Schwarz wald-Baar Kli- nikums (siehe Almanach 2014) und kann hervorragende Zahlen präsentieren. „Sie haben einen tollen Job gemacht und können stolz sein“, attestierte Landrat Sven Hinterseh. Er belegte seine Wor- te mit Zahlen: Der Umsatz der Klinikum GmbH stieg in der Ära Rolf Schmid um 46 % von 150 auf über 219 Millionen Euro im Jahr. Er legte sieben positive Jah resabschlüsse vor, zusätzlich hat das Haus Gewinnrücklagen gebildet. Rolf Schmid habe da- mit den Beweis erbracht, dass man eine kommunale Klinik er- folgreich führen kann. Landrat Hinterseh würdigte die Lebens- leistung von Rolf Schmid mit der Verleihung der Verdienst- medaille in Gold des Schwarz- wald- Baar-Krei ses. „Ich habe als jüngster Kreis- kämmerer im Alter von 30 Jah- ren begonnen und höre als äl- tester Geschäftsführer eines kommunalen Klinikums im Land auf, umriss Rolf Schmid seine Laufbahn.“ Er dankte VS – Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon und Landrat Karl Heim für die mutige Entscheidung zum Neubau. Andere hätten diesen Mut bis heute nicht be- wiesen, schloss er. Landrat Hinterseh wünschte dem offiziell ab November 2014 amtierenden neuen Geschäfts- führer Dr. Matthias Geiser viel Erfolg. Dem schloss sich mit Ul- rich Fink der Ärzt liche Direktor des Hauses an. 315


Europawahl vom 25. Mai 2014 Ergebnisse der Europawahl vom 25. Mai 2014 im Wahlkreis 286 – Schwarzwald-Baar (Amtliches Endergebnis) Wahlberechtigte: 150.541 Wähler: 74.092 (49,2 %) Gültige Stimmen Davon für CDU SPD GRÜNE AfD FDP DIE LINKE FREIE WÄHLER Sonstige absolut 72.104 32.525 14.776 7.801 5.925 2.886 1.900 1.856 4.435 in % 97,3 % 45,1 % 20,5 % 10,8 % 8,2 % 4,0 % 2,6 % 2,6 % 6,2 % Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2014 30.06.2013 30.06.2012 3,6 % 3,9 % 3,4 % 3,8 % 3,9 % 3,7 % 6,7 % 6,6 % 6,6 % Beschäftigte insgesamt: 79.284, davon 35.372 im Produzierenden Gewerbe (44,6 %), 15.216 in Handel, Gastgewerbe und Verkehr (19,2 %) sowie 28.696 im Bereich „Sonstiges“ (36,2 %). (Stand: Juni 2013 – Quelle: Statistisches Landes- amt Baden-Württemberg) Orden und Ehrenzeichen Mit der Landesehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2014 ausgezeichnet: Alexander Dreher (Villingen-Schwenningen), Erich Wolfsperger (Villingen-Schwenningen), Georg Müller (Villingen-Schwenningen), Ralf Prätzas (Villingen-Schwenningen), Wolfgang Faißt (Villingen- Schwenningen) 316


Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 31.12.2012 31.12.2013 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen St. Georgen Bad Dürrheim Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Königsfeld Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Vöhrenbach Dauchingen Mönchweiler Tuningen Unterkirnach Schönwald Gütenbach 81.128 21.190 12.816 12.634 9.948 9.192 7.530 5.867 5.842 5.773 5.027 4.762 3.998 3.869 3.659 2.976 2.865 2.510 2.330 1.174 81.643 21.066 12.984 13.069 10.061 9.276 7.646 5.919 5.970 5.834 5.106 4.770 3.794 3.765 3.673 3.021 2.895 2.758 2.374 1.188 -515 124 -168 -435 -113 -84 -116 -52 -128 -61 -79 -8 204 104 -14 -45 -30 -248 -44 -14 -0,63 0,59 -1,29 -3,33 -1,12 -0,91 -1,52 -0,88 -2,14 -1,05 -1,55 -0,17 5,38 2,76 -0,38 -1,49 -1,04 -8,99 -1,85 -1,18 -0,83 317 Kreisbevölkerung insgesamt 205.090 206.812 -1.722 Schonach 3.998 Schönwald 2.330 Triberg 4.762 Königsfeld 5.842 Niedereschach 5.867 St. Georgen 12.816 Mönchweiler 2.976 Unterkirnach 2.510 Dauchingen 3.659 Gütenbach 1.174 Furtwangen 9.192 Villingen-Schwenningen 81.128 Tuningen 2.865 Vöhrenbach 3.869 Brigachtal 5.027 Bad Dürrheim 12.634 Donaueschingen 21.190 Bräunlingen 5.773 Das Oberzentrum Villingen-Schwen ningen und die Große Kreisstadt Do naueschingen sind die Zentren im Landkreis. Hier leben mit ca. 81. 128 und 21. 190 Men- schen nahezu die Hälfte der 205.090 Einwohner des Schwarzwald-Baar-Kreises. Hüfingen 7.530 Blumberg 9.948


Bildnachweis Almanach 2015 Sprich, St. Georgen: 146-150, 207-209, 230-233, 304-305 – Verena Wider; Villingen-Schwennin- gen: 151 – Roland Sigwart, Hüfingen: 152, 153, 166- 169 – Franz Krickl, Donaueschingen: 156, 157, 162, 163, 164 – Willi Hönle, Donaueschingen: 158, 160, 161 ob., 185 ob. li. 281 ob. – Günter Vollmer, Donau- eschingen: 162 u., 165 – Historische Narrozunft, Villingen: 171-175 – Stadtarchiv Villingen: 184 ob. li., 186 – Werner Oppelt: 184 ob. re. – Geschichts- und Heimatverein St. Georgen: 188 – Thomas Straub, Köln: 234-241 – Stephan Simon: 242-249 – Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 252, 256, 257 ob.li., 260, 263, 265, 266, 270, 271, 272 u. li., 273, – Erich Marek, Schwenningen: 254, 257 ob. re., 258, 259, 261 – Wikipedia: 255 – Klaus Echle, 256 ob. re. – Pat- rick Seeger, Freiburg: 298-299 – Daniela Schneider, Villingen-Schwenningen: 300, 303 ob. – Madlen Falke, Hüfingen: 307-309 – Gemeinde Niederes- chach: 310, 311 re., 312 – Gerd Jerger, Niedereschach: 311 li., Fabian Mauz, Wolterdingen: S. 314 u. Motiv Titelseite: Unterfallengrundhof bei Furtwangen-Neukirch, Wilfried Dold, Vöhrenbach. Kleine Fotos, links: Artwood, Sebastian Wehrle, Simonswald. Rechts: SWR-Fernsehen Motiv Rückseite: Am Jakobsbrunnen in Blumberg. Fotografiert von Wilfried Dold, Vöhrenbach. Bildnachweis für den Inhalt: Soweit die Foto gra- fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des betref- fenden Beitrages oder sind die Bild autoren oder Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Namensnennung beziehen sich auf die jeweilige Seite): Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 9, 42, 43,45, 48-51, 53-54, 82 li. u., 82 u. re, 94, 95- 96 ob. u., 98, 102- 103, 105 u., 106-109, 111, 113, 114-115, 161 u.,179, 189, 210-221, 268. 269, 272 ob. li., u. ob. re., u. re. u., 274, 275, 276, 277, 278, 279, 283, 284, 285 u. re., 286, 288 u., 301, 302, 303 u. – Südwestfunk Fernsehen: 9, 224-229 – Pressefoto Ulmer/Michael Kienzler, Bri- gachtal: 10, 13, 71-75, 128, 290-297 – Nathalie Göbel, Villingen: 12 – Landratsamt, Schwarzwald-Baar Kreis: 14-15, 16 ob. – Sebastian Wehrle, Freiamt: 28-29, 34-41 – Christina Nack, Königsfeld: 52, 59 – Deutscher Eishockey Bund: 57 – pa.picture alliance: 58 (Schreyer), 176 (Aldi-Süd) – Stephanie Kiewel, St. Georgen: 61-65 – Susanna Kurz, Bad Dürrheim: 67, 69 – Stadt Hüfingen: 76-81, 82 ob. re., 83, – Stepha- nie Wetzig, Niedereschach: 84, 87-91, 92 Gerhard Plessing, Überlingen: 86, 154-155 – Gemeinde Kö- nigsfeld: 93, 90 u. – Daniela Schneider: 96 mi.li, u. mi. re, 99 o., 100 ob., 101, 104, 105 ob. – Fotolia: 99, 263 Bildriegel u., Bildriegel 100 u., – Wolfgang Trenkle, Villingen- Schwenningen: 110, 111 u. re., 112, doldverlag, Vöhrenbach: 118 u., 119, 121, 182, 183, 185 ob. re. und re. ob. u., 187, 190-205, 223, 222 – Roland 318


Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Dickmann, Barbara, Hubertusweg 5, 78098 Triberg Dold, Wilfried, Unteranger 3, 78147 Vöhrenbach Falke, Madlen, Ornans-Ring 19, 78183 Hüfingen Fetscher, Martin, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Fraas, Saskia, Am Wolfsbach 9/1, 78052 Villingen-Schwenningen Frank, Heike, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Göbel, Nathalie, Gerwigstraße 35, 78112 St. Georgen Hinterseh, Sven, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Hockenjos, Wolf, Alemannenstraße 30, 78166 Donaueschingen Jauch, Philipp, Feilitzschstraße 11, 80802 München Kiefer, Gerhard, Rathausweg 1b, 79312 Emmendingen Kiewel, Stephanie, Uhlbachweg 3, 78112 St. Georgen Kienzler, Michael, Gartenstraße 15, 78086 Brigachtal Krickl Franz, Schillerstraße 6, 78166 Donaueschingen Kurz, Susanna, Friedrichstraße 68, 78073 Bad Dürrheim Limberger-Andris, Stefan, Mühlenstraße 7, 79877 Friedenweiler-Röthenbach Marek, Erich, Hans-Sachs-Straße 12, 78054 Villingen-Schwenningen Nack, Christina, Obereschacher-Straße 7, 78126 Königsfeld Seeger, Patrick, Rieselfeldallee 8, 79111 Freiburg Schneider, Daniela, Bert-Brecht-Straße 15-19, 78054 Villingen-Schwenningen Schön, Elke, Am Hofrain 26, 78120 Furtwangen Sigwart Roland, Hauptstraße 16, 78183 Hüfingen Simon, Stefan, Haselweg 17, 78052 Villingen-Schwenningen Sprich, Roland, Weidenbächlestraße 6, 78112 St. Georgen Trenkle, Wolfgang, Enzstraße 37, 78054 Villingen-Schwenningen Vogt, Josef, Hauptstraße 17, 78086 Brigachtal Wacker, Dieter, Steinwiesenstraße 4, 78052 Villingen-Schwenningen Wehrle, Sebastian, Buchenweg 4, 79348 Freiamt Wetzig, Stephanie, Niedereschacher Straße 31, 78078 Niedereschach Winter, Matthias, Kohlheppstraße 12, 78120 Furtwangen Zieglwalner, Martina, Carlo-Schmid-Straße 14, 78050 Villingen-Schwenningen Zimmermann, Ernst, Wiesenstraße 27, 78166 Donaueschingen 319


Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2015 S Sparkasse Schwarzwald-Baar Sechs weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. 320


Auf Pilgerwanderung – Am Jakobsbrunnen in Hüfingen Fotografiert von Wilfried Dold


]]>
Almanach 2020 https://almanach-sbk.de/almanach-2020/ Wed, 08 Jan 2020 10:43:22 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2020/ Schwarzwald-Baar Jahrbuch
Almanach 2020

Foto rechts: Die Sauschwänzlebahn auf dem Viadukt bei Epfenhofen.

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis
www.schwarzwald-baar-kreis.de

landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de

Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations-und Kulturamt Stadt Hüfingen

 

 

 

Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet.

Gestaltung: dold.media + dold.verlag

Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2019
www.doldverlag.de

Druck: jetoprint GmbH, Villingen-Schwenningen

 

ISBN: 978-3-948461-01-0

 

 

Digitalisierung und Klimawandel – die Themen unserer Zeit

Liebe Leserinnen und Leser,

ein ereignisreiches Jahr 2019 – das letzte in diesem Jahrzehnt – liegt hinter uns und ich freue mich, dass unser Schwarzwald-Baar-Jahrbuch, der Almanach 2020, bereits in seiner 44. Auflage vorgelegt werden kann. Prall gefüllt mit brandaktuellen Themen wie beispielsweise die Fertigstellung der Elektrifizierung der Höllentalbahn oder zum digitalen Wandel, aber auch mit zeitlosen Geschichten aus dem Kreisgeschehen oder interessanten Persönlichkeiten unserer Heimat widmet sich das diesjährige Werk wieder einem breiten Themenspektrum.

Unsere Gesellschaft befindet sich im digitalen Wandel. Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran und auch der Klimawandel ist, neben der immer größer werdenden Bedeutung der Mobilität, ein weiteres Thema, das landauf und landab viel diskutiert wird. Ebenso haben uns die Kommunal- und Europawahlen 2019 gezeigt, welch große Bedeutung diese Themen für die Bürgerinnen und Bürger haben. Die üblichen Verhaltensweisen und Gewohnheiten des täglichen Lebens werden immer häufiger infrage gestellt.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis stellt sich diesen Aufgabenfeldern und geht beispielsweise den Breitbandausbau, die Digitalisierung von Schule und Bildung, den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und viele andere Dinge – oftmals mit landes- oder bundesweiter Leuchtturmfunktion – proaktiv an. Ein echtes „Megathema“ der Infrastruktur, das im Dezember 2019 seinen Abschluss findet, ist die Elektrifizierung der Höllentalbahn, welche zukünftig eine umsteigefreie Verbindung zwischen den beiden Oberzentren Villingen-Schwenningen und Freiburg ermöglicht.

Die aktuelle Klimadiskussion führt uns allen wieder ganz deutlich die sensiblen Ökosysteme unserer wunderschönen Heimat und der herrlichen sowie vielfältigen Naturräume vor Augen. Es ist Zeit, die Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft gemeinsam noch engagierter anzugehen und dabei möglichst alle Interessen zu berücksichtigen sowie alle Generationen aktiv mit einzubinden. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns im Schwarzwald-Baar-Kreis diesbezüglich bereits auf einem guten Weg befinden und werde auch in Zukunft alles in meiner Macht stehende tun, um unseren Landkreis – unsere Heimat – noch weiter voranzubringen.

Wie immer bedanke ich mich sehr herzlich bei allen, die dazu beigetragen haben, dass erneut ein ansprechendes und informatives Heimatjahrbuch entstehen konnte. Dieser Dank gilt insbesondere den treuen Freunden und Förderern des Almanach sowie den Autoren und Fotografen, ohne die das Schwarzwald-Baar Jahrbuch 2020 nicht möglich gewesen wäre.

Eine erfreuliche Seltenheit in der Jahrbuch-Geschichte erlebten wir im vergangenen Jahr mit dem Almanach 2019: dieser war binnen kürzester Zeit ausverkauft. Einen ähnlichen Erfolg wünsche ich mir natürlich auch für den Almanach 2020. Daher gilt ein herzlicher Dank insbesondere auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der 44. Ausgabe. Ich hoffe, Sie finden auch in diesem Almanach, unserem Schwarzwald-Baar-Jahrbuch 2020, jede Menge anregenden Lesestoff und wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Freude sowie gute Unterhaltung.

Ihr

Sven Hinterseh Landrat

 

 

Auf dem Weg in die Zukunft
Der Schwarzwald-Baar-Kreis im Wandel

Wie steht es um unseren Landkreis, in dem wir leben, wohnen, arbeiten – unseren Alltag verbringen? Ist er für die Zukunft ausreichend gerüstet? Können wir beruhigt in die Zukunft blicken und sind gut gewappnet, für die Herausforderungen, die uns bevorstehen? Diesen Fragen widmet sich der Almanach 2020 in gleich mehreren Beiträgen.

Digitales Lernen in den Schulalltag zu integrieren, ist eine der großen Zukunftsaufgaben des Schwarz wald-Baar-Kreises. Pionierarbeit leistete hierbei das St. Georgener Unternehmen imsimity GmbH. Hier der Blick in einen Cyber-Classroom.

 

 

Junge Menschen mischen mit: Über einen sehr guten Besuch freute sich Landrat Sven Hinterseh bei der Erstwählerveranstaltung des Schwarzwald-Baar-Kreises im Vorfeld der Kommunalwahlen 2019. Für die politisch Verantwortlichen sei das die Chance, den jungen Menschen zuzuhören.

von Sven Hinterseh

Unser Alltag wird beeinflusst von ständiger Veränderung. Der Schutz unserer Umwelt und unseres Klimas gewinnt an Stellenwert. Das Thema ist in aller Munde und viele treibt die Frage um: „Was tut jeder Einzelne für den Klimaschutz?“. Auch der Schwarzwald-Baar-Kreis nimmt sich des Themas an. Nicht erst seit heute. Schon seit etlichen Jahren stehen Klima-, Umwelt- und Naturschutz wie selbstverständlich im Mittelpunkt der Kreispolitik im Landkreis.

Spürbar verändert sich auch, wie mobil wir sind. Wie wichtig ist es, ein Auto zu besitzen, vor allem im ländlichen Raum? Die große politische Fragestellung lautet: Wie können Bus- und Zugverbindungen attraktiv gestaltet werden

– für Jung und Alt, für Stadt und Land, in den frühen Morgenstunden und am Wochenende für Nachtschwärmer? Vor allem unsere Jugend bewegt dieses Thema, wie wir erneut bei unserer Erstwählerveranstaltung vor den Kommunalwahlen feststellen konnten.

Gesellschaftlicher Wandel

Es tut sich etwas in unserer Gesellschaft. Junge Menschen mischen mit. Interessieren sich politisch und bringen ihre Ideen vor. Sie nehmen immer mehr wahr, dass politische Entscheidungen ihren Alltag ganz unmittelbar beeinflussen können. Wir, die politisch Verantwortlichen, haben die Chance, den jungen Menschen in unserem Landkreis zuzuhören, Ideen aufzugreifen, in die politische Gestaltung aufzunehmen und zu Zukunftsthemen zu machen.

Demografischer Wandel

Wir wissen alle, dass wir uns seit Jahren mitten im demografischen Wandel befinden und diesen zu gestalten haben. Im Ländlichen Raum wirkt er sich anders aus als in der Stadt – die Herausforderungen sind dabei aber sowohl in den Orten als auch in den Städten groß. Mit unserer Demografiestrategie, die wir in den Jahren 2012/2013 erarbeitet haben, sind wir immer noch gut gerüstet, aber natürlich ist dies kein

 

 

statischer Prozess und wir müssen immer wieder prüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Von größter Bedeutung ist, dass wir eine wettbewerbsfähige Infrastruktur erhalten – in allen Bereichen, sei es Bildung, Soziales, Straßen oder Schiene. Die Daseinsvorsorge im Ländlichen Raum wie der Ausbau einer kreisweiten Breitbandinfrastruktur in kommunaler Trägerschaft steht dabei ebenfalls im Mittelpunkt.

Klimawandel

Beim Klimaschutz (Stichwort „fridays for future“) spielen für unseren Landkreis die Gebäudesanierungen und die Arbeit unserer Energieagentur eine wichtige Rolle. Zudem müssen wir eine echte Alternative oder zumindest aber eine Ergänzung des Individualverkehrs mit unserem ÖPNV bieten können. Ein Projekt, welches gut angelaufen ist und einen großen Teil zum Naturschutz beiträgt, ist beispielsweise die weitere Umsetzung des „Naturschutzgroßprojekts Baar“. Dieses Projekt ist ein wichtiger Baustein unseres ganz erheblichen Engagements, mit dem wir unseren Beitrag zum Erhalt unseres nationalen Naturerbes und zur Erfüllung internationaler Verpflichtungen zu leisten versuchen.

Mobilität im Wandel

Für die Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis ist es immer mehr von Bedeutung, wie mobil sie sich in ihrem Landkreis und darüber hinaus bewegen können. Deshalb ist die Mobilität in Form des ÖPNVs ein Schwerpunkt der Kreispolitik. Eine gut vernetzte Mobilität und zukunftsfähige Verkehrskonzepte sind unabdingbar, um für unsere Bürger im gesamten Landkreis ein attraktives ÖPNV-Angebot sicherzustellen. Es ist deshalb notwendig, den ÖPNV ständig fortzuentwickeln, was größtenteils auf Basis unseres aktuellen Nahverkehrsplanes aus dem Jahr 2017 geschieht.

Das Naturschutzgroßprojekt Baar trägt den Belangen von Fauna und Flora in vielfacher Weise Rechnung: Die Fotos zeigen von oben links: Unterhölzer Weiher, startender Silberreiher, Rundblättriger Sonnentau und das Naturschutzgebiet Birken-Mittelmeß. Fotos: Helmut Gehring Die Mobilität, sprich der Nahverkehr, bleibt auch zukünftig ein zentrales Thema der Kreispolitik. Ständig optimiert werden die Busverkehrsleistungen, um das Verkehrsangebot insgesamt nachhaltig auszurichten und zu steigern. Und ab Dezember 2019 ist die östliche Höllentalbahn elektrifiziert, fahren dort 3- und 4-teilige Elektrotriebzüge des Typs Coradia Continental von Alstom (siehe Beitrag S. 30).

 

 

In diesem Nahverkehrsplan sind Schwerpunkte erarbeitet worden, die nun in den kommenden Jahren in die Umsetzung gelangen oder teilweise schon umgesetzt werden. Über die Vergabe der Busverkehrsleistungen für die Südbaar (Donaueschingen, Bräunlingen, Hüfingen, Blumberg) wurde nicht nur bereits entschieden, sondern dieser neue Verkehr wird ab Mitte Dezember 2019 Wirklichkeit. Ferner werden Standards für die Vergabekriterien festgelegt und Vorgaben zum Fahrzeugeinsatz vorgenommen. Nach und nach wird der Nahverkehrsplan nun abgearbeitet, um das Verkehrsangebot insgesamt nachhaltig auszurichten und zu steigern.

Die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn ist ein weiteres „Megathema“ unserer Infrastruktur und trägt dazu bei, dass der Verkehr auf der Schiene attraktiver wird. Der Schwarzwald-Baar-Kreis beteiligt sich mit rund 18

Die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn trägt dazu bei, dass der Verkehr auf der Schiene attraktiver wird. Der SchwarzwaldBaar-Kreis beteiligt sich mit rund 18 Mio. Euro an der Modernisierung.

Mio. Euro an der Modernisierung seines Streckenabschnittes, um eine gute Verkehrsverbindung vom Oberzentrum Villingen-Schwenningen zum Oberzentrum Freiburg zu schaffen.

Und das Projekt „Ringzug 2.0“ gilt es, weiter voranzutreiben, um dann möglichst ab Mitte der 2020er-Jahre umsteigefrei von Stuttgart nach Villingen fahren und zukünftig den Ringzug auch für die Fahrt nach St. Georgen nutzen zu können.

 

 

Der knapp 110 Kilometer lange Premiumfernwanderweg WasserWeltenSteig ist seit Mai 2019 eröffnet. Die Eröffnungsveranstaltung fand in Blumberg-Achdorf statt. Von links: Landrat Sven Hinterseh, Regierungsrat Walter Vogelsanger, Kanton Schaffhausen, Justizminister Guido Wolf, Jochen Becker, Deutsches Wanderinstitut, Michael Braun, Wirtschaftsförderung und Tourismus Schwarzwald-Baar-Kreis.

Tourismus im Wandel

Tourismus spielt im Schwarzwald-Baar-Kreis eine ganz besondere, eine zentrale Rolle und ist bedeutender Wirtschaftsfaktor. Unsere 2017 fertiggestellte Tourismuskonzeption für den Schwarzwald-Baar-Kreis war 2018 „Impulsgeber“ für die Machbarkeitsstudie Gästekarte und die weiteren Überlegungen zu einer „3WeltenCard“. Der knapp 110 km lange, grenzüberschreitende Premiumfernwanderweg „WasserWeltenSteig“ wurde im Mai 2019 eröffnet.

Gute Bildungsinfrastruktur mit Tradition

Einfluss hat die Digitalisierung auch auf unsere „Landkreisschulen“. Die gute Bildungsinfrastruktur im Schwarzwald-Baar-Kreis hat eine lange und große Tradition. Für den bestmöglichen Bildungserfolg benötigen die Kinder und Jugendlichen im Schwarzwald-Baar-Kreis natürlich auch eine gute und zeitgemäße Infrastruktur, die neben dem Gebäudezustand auch eine moderne technische Ausstattung beinhaltet. Aus diesem Grund haben wir unsere Digitalisierungsstrategie für die Schulen des Landkreises ausgearbeitet, die nun umgesetzt wird. Die Schulen sollen mit dem notwendigen Rüstzeug ausgestattet werden, um auch künftig mit der digitalen Entwicklung unserer Bildungslandschaft Schritt halten zu können.

Mit der Einrichtung der beiden Lernfabriken in VS-Schwenningen und nun einer dritten in Donaueschingen ist uns schon ein großer Schritt gelungen, um die Zukunftsfähigkeit der Ausbildung an den Beruflichen Schulen des Landkreises weiterhin zu garantieren.

Nun soll die Digitalisierung von Schule und Unterricht nach und nach alle Kreisschulen erreichen.

 

 

Digitaler Wandel

Zu einer guten Infrastruktur zählt auch eine gute Breitbandversorgung. Die Anforderungen an die Datenübertragung über das Internet werden in den nächsten Jahren immer noch rasant ansteigen. Die Ursachen sind vielfältig und liegen in technologischen Verbesserungen, aber auch in der Entwicklung von Innovationen wie Telemedizin oder Cloud-Computing. Dass die angelaufene Digitalisierung in Industrie und Verwaltung nur mit Hochgeschwindigkeitsnetzen umsetzbar ist, haben wir im Schwarzwald-Baar-Kreis schon früh erkannt. Im Frühjahr 2014 wurde gemeinsam mit allen 20 Städten und Gemeinden im Landkreis und dem Landkreis selbst der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar gegründet, um den kreisweiten Breitbandausbau zügig voranzutreiben.

Der Zweckverband baut seither in kommunaler Regie ein marktneutrales Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz bis zum Endkunden auf. Mittlerweile gilt der Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinem Zweckverband in Sachen Glasfaserausbau als führend in ganz Baden-Württemberg – darauf können wir zu Recht stolz sein. Ein maßgeblicher Faktor unseres Erfolges ist die Zusammenarbeit aller Kommunen im Landkreis. Ohne diesen Solidargedanken wäre dieses Projekt so sicher nicht möglich gewesen.

Zukunftsthemen erfordern Weitblick

Zusammenfassend lässt sich für unseren Schwarzwald-Baar-Kreis festhalten, dass wir täglich Veränderungen und einem Wandel in zahlreichen Aufgabenbereichen gegenüberstehen. Dank einer positiven Grundeinstellung unserer politisch Verantwortlichen sowie unserer Kreisverwaltung, nehmen wir diese Herausforderung an und stellen uns den Zukunftsthemen mit dem erforderlichen Weitblick. Wir können uns nicht auf dem Erarbeiteten ausruhen, sondern müssen stets die weiteren Entwicklungen im Auge behalten, um auch in Zukunft weiterhin gut aufgestellt zu sein.

Sind wir also gut aufgestellt im SchwarzwaldBaar-Kreis? Ja, das sind wir! Deswegen legen wir aber nicht die Hände in den Schoß, sondern bleiben ständig am Ball, damit unser Landkreis auch zukünftig weiterhin in der ersten Liga mitspielt.

Mit dem Glasfaserausbau geht es zügig voran: Der Schwarzwald-Baar-Kreis darf für sich in Anspruch nehmen, dabei in Baden-Württemberg führend zu sein.

 

 

Dank an engagierte Kreisräte des Schwarzwald-Baar-Kreises

Landrat Sven Hinterseh: „Es geht vor allem um die Menschen, die den Landkreis geprägt haben.“

Mit einem Rückblick auf die neunte Legislaturperiode des Kreistages eröffnete Landrat Sven Hinterseh im Großen Sitzungssaal die konstituierende Sitzung des Kreistages mit anschließenden Ehrungen.

Der 22. Juli 2019 war ein besonderer Tag – geprägt von Neubeginn, Abschied und Dank. Der neu gewählte 10. Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises hielt seine erste Sitzung ab, in der die frisch gewählten Kreisräte verpflichtet wurden. Im Mittelpunkt stand der Dank an zahlreiche langjährig engagierte Kommunalpolitiker für ihren Einsatz für den Landkreis und die Rückschau von Landrat Sven Hinterseh. Er würdigte direkt im Anschluss an die konstituierende Sitzung des neuen Kreistages im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes das große ehrenamtliche Engagement der Kreistagsmitglieder, von denen 23 aus dem Kreistag verabschiedet wurden.

Der Kreistag, der am 28. Juli 2014 für die 9. Wahlperiode verpflichtet worden war, hatte 61 Mitglieder: 23 Frauen und 38 Männer. Ein gutes Drittel der Mitglieder ist zum Ende der Wahlperiode aus dem Gremium ausgeschieden.

Rückschau auf die Leistungen des

9. Kreistages im Schwarzwald-Baar-Kreis

In seiner Laudatio blickte der Landrat auf die Amtsperiode des neunten Kreistages zurück. Großprojekte wie das Megathema Breitbandausbau, der Bezug der Integrierten Leitstelle nahe des Schwarzwald-Baar Klinikums im Zentralbereich von Villingen-Schwenningen Anfang 2017 sowie der Bau und Bezug des neuen Kreistierheims in Donaueschingen im September 2018 standen an. Zudem hatte das Gremium auch kurzfristige Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel den Kauf des Postgebäudes in VS-Villingen. Der

 

 

Mit der Verdienstmedaille in Bronze des Landkreistages Baden-Württemberg für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über 20 Jahren wurden v. links Bernd Hezel, Wolfgang Schyle, Christian Muthmann, Elke Bettecken, Robert Strumberger, Jörg Frey, Hans-Joachim von Mirbach und Christian Kaiser ausgezeichnet. Bernd Hezel, Wolfgang Schyle, Christian Muthmann und Robert Strumberger erhielten zudem für vier Wahlperioden die Verdienstmedaille in Gold des Schwarzwald-Baar-Kreises.

Nahverkehrsplan und die Tourismuskonzeption wurden in die Wege geleitet und gingen nun an den 10. Kreistag über.

Landrat Sven Hinterseh erinnerte an weitere Meilensteine: Zwei „Lernfabriken“ mit Standort VS-Schwenningen und Donaueschingen wurden initiiert und umgesetzt. Um geflüchteten Menschen eine Integration durch Bildung möglich zu machen, richtete der Landkreis sogenannte VABO-Klassen ein.

Auch die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn beschäftigte das Kreistagsgremium regelmäßig. Es handelt sich um ein Großprojekt mit enormen Verbesserungen beim Schienennahverkehr nach Freiburg (s. S. 32). Weiter wurde das Projekt „Ringzug 2.0“ auf den Weg gebracht, um perspektivisch umsteigefrei von Villingen nach Stuttgart fahren und zudem zukünftig den Ringzug auch für die Fahrt nach St. Georgen nutzen zu können.

Die Bewältigung des Flüchtlingsstroms in den Jahren 2014 und 2016 stellte die Landkreisverwaltung vor etliche Herausforderungen. Landrat Sven Hinterseh dankte dem Gremium für das entgegengebrachte Vertrauen in dieser Extremsituation.

Das Naturschutzgroßprojekt Baar konnte ab 23. Mai 2018 in die Umsetzungsphase eintreten.

Schon 2014 griff der Schwarzwald-Baar-Kreis gemeinsam mit allen 20 Städten und Gemeinden im Landkreis und dem Landkreis selbst das Thema Breitbandversorgung auf und gründete den Zweckverband Breitbandversorgung Schwarz-wald-Baar. Dieser baut seither in kommunaler Regie ein marktneutrales Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz bis zum Endkunden auf.

In den vergangenen fünf Jahren konnten zudem einige Jubiläen gefeiert werden: 20 Jahre Partnerschaft mit dem ungarischen Partnerkomitat Bács-Kiskun im Jahr 2016, 40 Jahre Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, 25 Jahre Amt für Abfallwirtschaft und 40 Jahre Christy-Brown-Schule. Zudem feierte die CarlOrff-Schule ihr 50-jähriges Bestehens.

Politische Bildungsreisen wurden nach Brüssel und Stuttgart unternommen. Regelmäßige Freundschaftstreffen im Bildungsbereich mit dem Schweizer Kanton Schaffhausen standen an. Kreispolitische Höhepunkte waren der offizielle Kreisbesuch von Ministerpräsident Kretschmann im Mai 2018 und die Verleihung der Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Gold

 

 

Die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg in Silber für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über 30 Jahren erhielten durch Landrat Sven Hinterseh (links) Walter Klumpp und Karl Rombach, MdL. Bild rechts: Für die Zugehörigkeit über drei Wahlperioden hinweg bekamen Klaus Martin und Siglinde Arm die Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Silber verliehen.

an den ersten Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, Dr. Rainer Gutknecht im Jahr 2016.

In der Legislaturperiode des 9. Kreistags fanden 112 Kreistags- und Ausschusssitzungen statt, 814 Drucksachen wurden versandt und über 800 Tagesordnungspunkte behandelt.

Den Landkreis ein gutes Stück vorangebracht

„Es geht heute Nachmittag aber vor allem um die Menschen, die sich dieser Fragen angenommen, die die besten Lösungen gesucht und in 99 Prozent aller Fälle auch gefunden haben. Sie prägten mit ihrem Wirken das Wesen des Schwarzwald-Baar-Kreises und brachten ihn in seiner Entwicklung ein gutes Stück voran“, hob Landrat Sven Hinterseh weiter hervor.

23 engagierte Frauen und Männer wurden nun aus dem Kreistag verabschiedet. Für ihr Engagement während der letzten Wahlperiode wurden mit einer Dankesurkunde ausgezeichnet: Erich Bißwurm, Andreas Braun, Prof. Dr. Barbara Fink, Siegfried Heinzmann, Sabine Heizmann, Rolf Breisacher, Frank Lobstedt, Ilse Mehlhorn, Mathias Schleicher, Christian Stark, Matthias Weisser und Georg Wentz.

Für die Zugehörigkeit zum Kreistag über zwei Wahlperioden hinweg erhielten eine Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Bronze und eine Urkunde: Gunther Dreher, Thorsten Frei, MdB, Thomas Petrolli und Dr. Michael Walter.

Für die Zugehörigkeit über drei Wahlperioden hinweg erhielten Siglinde Arm und Klaus Martin die Verdienstmedaille des SchwarzwaldBaar-Kreises in Silber.

Die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold erhielten für vier Wahlperioden: Bernd Hezel, Christian Muthmann, Ernst Reiser, Jürgen Schützinger, Wolfgang Schyle und Robert Strumberger.

Zudem überreichte Landrat Sven Hinterseh die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg in Bronze für eine Zugehörigkeitsdauer von über 20 Jahren an: Elke Bettecken, Jörg Frey, Bernd Hezel, Christian Kaiser, Christian Muthmann, Wolfgang Schyle, Robert Strumberger und Hans-Joachim von Mirbach.

Die Verdienstmedaille des Landkreistags Baden-Württemberg in Silber für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über 30 Jahren erhielten: Walter Klumpp und Karl Rombach, MdL.

 

 

Neuer Kreistag hat 58 Mitglieder

Wahlbeteiligung von 53,4 Prozent – 13 Frauen gehören dem Gremium an

Neuer Kreistag hat 58 Mitglieder Die Sitzverteilung im 10. Kreistag nach der Wahl am 26. Mai 2019 22 10 8 10 5 3 22 Sitze 299.876 St. (38,3%) 10 Sitze 145.298 St. (17,4%) 10 Sitze 156.266 St. (16,8%) 5 Sitze 80.609 St. (9,5%) 3 Sitze 47.219 St. (4,5%) 8 Sitze 118.751 St. (13,3%)

„Wir wollen das Beste für den Landkreis, seine Städte und Gemeinden und unsere Mitbürger erreichen“, so Landrat Sven Hinterseh bei der konstituierenden Sitzung des neuen Kreistages des Schwarzwald-Baar-Kreises. Von 166.752 Wahlberechtigten gaben am 26. Mai 2019 exakt 89.000 Wähler ihre Stimme für den 10. Kreistag ab, so dass die Wahlbeteiligung bei 53,4 Prozent lag (2014 waren es 47,6 Prozent).

Dem 10. Kreistag gehören 58 Kreisräte an – 13 Frauen und 45 Männer. Die Frauenquote liegt damit bei mehr als einem Fünftel, aber nicht ganz einem Viertel. Die jüngste Kreisrätin ist mit 30 Jahren Bürgermeisterin Lisa Wolber aus Gütenbach, die erstmals in den Kreistag einzog. Mit Dr. Karl-Henning Lichte, 76 Jahre alt, wurde der älteste Kreisrat in das Gremium wiedergewählt. Er gehört dem Kreistag bereits seit 2004 an.

14 Oberbürgermeister und Bürgermeister sind im Kreistag vertreten, dazu einige „außer Dienst“.

35 Kreisrätinnen und Kreisräte gehörten bereits dem 9. Kreistag an und wurden wiedergewählt, neu hinzugekommen sind 23 Mitglieder.

Die CDU ist als stärkste Partei mit 22 Sitzen vertreten, gefolgt von Bündnis 90/Die Grünen und den Freien Wählern mit jeweils 10 Sitzen. Die SPD ist mit 8, die FDP mit 5 und die AfD mit 3 Sitzen im Kreistag vertreten, was dazu führt, dass erstmals in der Geschichte des Schwarzwald-Baar-Kreises sechs Fraktionen die Geschicke dieses Gremiums gestalten.

Landrat Sven Hinterseh freute sich auf eine gute Zusammenarbeit mit dem neu gewählten Kreistag: „Die vergangenen Jahrzehnte sind für uns – die ehrenamtlich tätigen Kreisräte, die Mitarbeiter im Landratsamt sowie die Städte und Gemeinden im Landkreis – Verpflichtung, alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Landkreis auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten in eine gute Zukunft zu führen.“

 

 

Der Kreistag 2019 – 2024

Als Fraktionsvorsitzende fungieren: CDU: Oberbürgermeister Jürgen Roth, Villingen-Schwenningen; BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Christian Kaiser, Donaueschingen; Freie Wähler: Bürgermeister a.D. Walter Klumpp, Tuningen; SPD: Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen; FDP: Niko Reith, Donaueschingen; AFD: Hans-Peter Huonker, Bad Dürrheim

CDU, 22 Sitze

Jürgen Roth, Villingen-Schwenningen
Detlev Bührer, Villingen-Schwenningen
Elke Bettecken, Villingen-Schwenningen
Maria Noce, Villingen-Schwenningen
Thomas Ettwein, Villingen-Schwenningen
Dirk Sautter, Villingen-Schwenningen
Katharina Hirt, Villingen-Schwenningen
Michael Schmitt, Brigachtal
Theobald Effinger, Brigachtal
Martin Ragg, Niederschach
Fritz Link, Königsfeld
Torben Dorn, Dauchingen
Karl Rombach, MdL, Schonach
Manfred Scherer, St. Georgen
Erik Pauly, Donaueschingen
Patrick Bossert, Donaueschingen
Josef Herdner, Furtwangen
Lisa Wolber, Gütenbach
Markus Keller, Blumberg
Michael Kollmeier, Hüfingen
Micha Bächle, Bräunlingen
Matthias Fischer, Blumberg

SPD, 8 Sitze
Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen
Dr. Rupert Kubon, Villingen-Schwenningen
Nicola Schurr, Villingen-Schwenningen
Birgit Helms, Königsfeld
Oliver Freischlader, St. Georgen
Peter Rögele, Donaueschingen
Anton Knapp, Hüfingen
Kerstin Skodell, Hüfingen

Freie Wähler, 10 Sitze

Walter Klumpp, Tuningen

Dr. Karl-Henning Lichte, Villingen-Schwenningen

Werner Ettwein, Villingen-Schwenningen

Dominik Beha, Villingen-Schwenningen

Bertold Ummenhofer, Villingen-Schwenningen

Dr. Klaus Götz, Bad Dürrheim

Sigrid Fiehn, Königsfeld

Michael Rieger, St. Georgen

Jörg Frey, Schonach

Rainer Jung, Furtwangen

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 10 Sitze

Christian Kaiser, Donaueschingen

Cornelia Kunkis-Becker, Villingen-Schwenningen

Armin Schott, Villingen-Schwenningen

Dr. Ursula Roth-Ziefle, Villingen-Schwenningen

Hans-Joachim von Mirbach, Villingen-Schwenningen

Wolfgang Kaiser, Bad Dürrheim

Beate Berg-Haller, Königsfeld

Angela Nock, Triberg

Martina Braun, MdL, Furtwangen

Maren Ott, Bräunlingen

FDP, 5 Sitze

Niko Reith, Donaueschingen

Dr. Marcel Klinge, MdB, Villingen-Schwenningen

Michael Steiger, Villingen-Schwenningen

Roland Erndle, Donaueschingen

Adolf Baumann, Hüfingen

AfD, 3 Sitze

Hans-Peter Huonker, Bad Dürrheim

Martin Rothweiler, Villingen-Schwenningen

Joachim Senger, Donaueschingen

Maria Noce, CDU

Wolfgang Kaiser, GRÜNE Micha Bächle, CDU

Jörg Frey, FWV

Lisa Wolber, CDUAnton Knapp, SPD Rainer Jung, FWV Katharina Hirt, CDU Werner Ettwein, FWV

Edgar Schurr, SPD Michael Kollmeier, CDU

Dominik Beha, FWVMatthias Fischer, CDU

Walter Klumpp, FWV Markus Keller, CDU

Christian Kaiser, GRÜNEDetlev Bührer, CDUAdolf Baumann, FDPJürgen Roth, CDU

Joachim Senger, AfD

Erik Pauly, CDUNicola Schurr, SPDMartin Rothweiler, AfD

 

 

Konstituierende Sitzung des 10. Kreistages in der Geschichte des Schwarzwald-Baar-Kreises. Links: Landrat Sven Hinterseh verpflichtet stellvertretend für alle Gremiums mitglieder die Gütenbacher Bürgermeisterin Lisa Wolber (CDU), zugleich das jüngste Mitglied des Gremiums.

 

 

Horst Siedle

(1938 – 2019)

Zuhause in der Welt, im Schwarzwald verwurzelt

Unternehmerlegende, im Herzen immer Furtwanger, Kreisrat und Gemeinderat. Ebenso Mäzen, Sponsor und großer Kunstliebhaber. Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg, der Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Gold und Empfänger vieler weiterer Auszeichnungen. Mit Horst Siedle ist am 11. April 2019 im 80. Lebensjahr ein Mann verstorben, den Wirtschaftsminister Ernst Pfister als „Prachtexemplar der Bürgergesellschaft“ bezeichnete, bei dem politisches Engagement, soziale Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg auf vorbildliche Weise Hand in Hand gingen. „Stolz, dankbar und glücklich“ sei er über die Ernennung zum Furtwanger Ehrenbürger, sagte Horst Siedle im Jahr 2009. Der „sozial engagierte Fabrikler“, so Horst Siedle über sich selbst, erfuhr bei einer der größten Trauerfeiern in der jüngeren Geschichte der Stadt Furtwangen die Wertschätzung von Hunderten von Trauergästen. Landrat Sven Hinterseh sprach im Namen vieler, als er ausführte: „In Horst Siedle trafen Sachverstand, Souveränität, Herzlichkeit und die tiefe Überzeugung zusammen, dass man Zukunft praktisch und lebensnah gestalten kann. Als äußerst heimatverbundenen, willensstarken und liebenswürdigen Menschen werde ich persönlich und werden wir in Furtwangen und im Schwarzwald-Baar-Kreis Horst Siedle in Erinnerung behalten.“

„Ich bin Weltbürger, Europäer, Deutscher und sein Vater Max zu sagen pflegte, natürlich an Badener – aber im Herzen bin ich Furtwanger.“ einer badischen Adresse: Die Siedles wohnten So hat Horst Siedle auf die Frage geantwortet, in der Zähringerstraße, wo der kleine Horst, wie wo er sich zu Hause fühlt. Dabei war er zwar er sich erinnerte, mit Kindern spielte, die einen Spross einer alteingesessenen Schwarzwälder gelben Stern an der Jacke trugen. Dass Max Familie, aber ein waschechter Berliner von Ge-Siedle seinen Sohn mit jüdischen Nachbarskinburt. Sein Vater vertrieb die Produkte des hei-dern spielen ließ, war nicht ohne Risiko, aber mischen Unternehmens in der Hauptstadt, dort mit den Nationalsozialisten wollte Max Siedle kam Horst Siedle 1938 zur Welt. Seine ersten auch sonst nichts zu tun haben. 1944 musste Lebensjahre erlebte er in Berlin. Als Badener, wie er für diese Haltung mit einem Berufsverbot

 

 

büßen, denn er war als einziges Mitglied des Elektrogroßhandelsverbandes nicht Mitglied der NSDAP – und gab lieber sein Geschäft auf, als Parteigenosse zu werden. So ging die Berliner Zeit zu Ende, und Horst Siedle wurde mit sechs Jahren zum Furtwanger; seine Familie bezog jenes Haus in der Baumannstraße, das er fast sechzig Jahre später aufwändig sanieren und in den damaligen Zustand zurückversetzen ließ. Heute residieren darin die Geschäftsführung und die Unternehmenskommunikation. Abriss und Neubau wären fraglos billiger gewesen und hätten der unter Platzmangel leidenden Firma mehr Raumgewinn gebracht. Doch wie so häufig fällte Horst Siedle seine Entscheidung nicht aus nüchternem Kalkül allein.

Im Herzen Furtwanger

Eine zweite Siedle-Immobilie unterstreicht diese Einstellung. Das 1994 in Betrieb genommene Logistikzentrum am Furtwanger Stadtrand ist das modernste und markanteste Firmengebäude. Noch bevor mit der Planung begonnen wurde, setzte der Firmenchef gegen das Votum von Führungskräften des eigenen Unternehmens eine Grundsatzentscheidung durch: Eine Auslagerung an einen Dienstleister oder ein alternativer Standort kamen nicht in Frage. Nicht nur die Arbeitsplätze im Logistikzentrum selbst, auch die Bauarbeiten und die gesamte Wertschöpfung mussten so weit als möglich in Furtwangen bleiben. Als sichtbarer Glaube an die Zukunft sollte das neue Gebäude ein Zeichen setzen für die Verbundenheit mit dem Standort. Zudem musste es sich harmonisch in die Landschaft einfügen.

Horst Siedle stellte hohe Anforderungen an die Umsetzung, an deren Ende ein Industriebau von außergewöhnlicher architektonischer Qualität stand. Das Logistikzentrum hätte an einem anderen Ort erheblich kostengünstiger errichtet werden können. Dem stand nur eines entgegen: Horst Siedles Bekenntnis zum Standort Furtwangen, das betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Kalkulationen des sonst so scharfen Rechners manches Mal außer Kraft setzte.

Schon legendär ist der Millionenkredit zu besten Konditionen, mit dem Siedle in den 1980er-Jahren der quasi zahlungsunfähigen Stadt Furtwangen half, die Gemeindefinanzen wieder ins Lot zu bringen und eine schwierige Phase zu überstehen. Woher stammt diese besondere Verbundenheit mit der Heimat? Siedle begriff Standorttreue als Teil einer Verantwortung, die jedes Unternehmen zu tragen hat. Ob ein Unternehmer gut wirtschaftet, war für den überzeugten Mittelständler nicht nur eine Frage der Bilanzen, obwohl er keinen Zweifel daran ließ, dass ein Unternehmen profitabel arbeiten muss.

Aber Gewinn darf nicht zum Selbstzweck werden, sondern soll Zielen dienen: den Menschen und der Welt, in der sie leben. Den Begriff Shareholder Value schätzte er ebenso wenig wie Manager, die ihn zur obersten Maxime ihres Handelns erklärten. Siedle sah in ihm den Inbegriff eines Wirtschaftsegoismus, der nur zwei Ziele kennt: die persönliche Bereicherung des Managers und die persönliche Bereicherung des Aktionärs.

Großes Erbe und stolze Bilanz – Vom Gießer zum Pionier der Elektrotechnik

Vor mehr als 260 Jahren wurde ein „Mathäus Siedle, Glockengießer“, urkundlich erwähnt – Horst Siedles Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater. Aus der kleingewerblichen Gießerei für die Schwarzwälder Uhrenmanufaktur wurde im 19. Jahrhundert eine Fabrik. Siedle wandelte sich zu einem Pionier der Elektrotechnik und war einer der ersten Telefonhersteller in Deutschland. Im 20. Jahrhundert spezialisierte sich das Unternehmen auf die Haus- und Türtelefonie, die bis heute das Hauptgeschäftsfeld ist.

Über die Jahrhunderte und alle Wandlungen hinweg blieb das Unternehmen stets im Besitz und unter der Leitung der gleichen Familie. Horst Siedle trat ein weit zurückreichendes Erbe an – aber in den Schoß wurde es ihm nicht gelegt. Wie viele seiner Vorfahren hat auch er nicht in der Führungsetage angefangen, als er 1957 als Praktikant ins Unternehmen eintrat. Von den Mitarbeitern, denen er später als Geschäftsführer vorstehen sollte, hat er das Löten, die Herstellung von Kabelbäumen, die Montage

 

 

von Netzgleichrichtern oder Telefonen und vieles mehr gelernt.

Höhere Weihen erwarb er sich bei der Schweizer Tochter Siedle Electric, die er vom Ein-Mann-Betrieb zum florierenden Unternehmen aufbaute und zehn Jahre lang leitete. Geschäftsführer der Mutterfirma wurde er schließlich 1970 – nach langwierigen und teilweise bitteren familiären Auseinandersetzungen. Geschenkt bekam er nichts. Im Praktikum, bei seinem Karriereeinstieg in der Schweiz und auch während der ersten Jahre als Geschäftsführer – Horst Siedle musste sich immer durchsetzen. Und der Erfolg gab ihm Recht. Unter seiner Leitung wurde aus einem soliden, aber stagnierenden Unternehmen eine Firma mit Weltruf.

Trauerfeier spiegelt die vielfachen Verdienste und die hohe Achtung wider

In einem 1.000 Menschen fassenden Zelt fand am 26. April in Furtwangen die Trauerfeier für Horst Siedle statt. Sein Sarg war vor einer großformatigen Fotografie des Unter- und Oberfallengrundes in Gütenbach/Neukirch aufgebahrt, der geliebten Schwarzwaldheimat. Der Kunst- und Kulturkenner Roland Doschka sowie Freund brachte der Trauergemeinde den Menschen Horst Siedle und seine Liebe zur Kunst nahe. Pater Xaver Berchtold, der mit dem evangelischen Pfarrer Lutz Bauer den liturgischen Teil übernahm, zeigte sich Horst und Gabriele Siedle gegenüber dankbar für die vielen freundschaftlichen Begegnungen und die Hilfe bei der Jugendarbeit der Salesianer in Furtwangen.

Bürgermeister Josef Herdner skizzierte das reiche Wirken des Furtwanger Ehrenbürgers. Er unterstrich, was Horst Siedle anging und initiierte, das hatte aus kommunaler Sicht immer das Ziel, „seine“ Stadt Furtwangen zu stärken. „Ein Unternehmen hat sich in eine Gemeinde zu integrieren, eine soziale Aufgabe zu übernehmen und sich am Stadtgeschehen zu beteiligen. Mitarbeiter wollen auf ihre Firma stolz sein und das auch zeigen können“, zitierte Herdner den Ehrenbürger. 38 Jahre lang prägte Horst Siedle als Mitglied des Gemeinderates der Stadt Furtwangen das kommunale Geschehen entscheidend mit. Der Bürgermeister: „Als Stadtrat und 25 Jahre lang als Fraktionsführer der FWV/FDP-Fraktion kämpfte er für die Interessen der Stadt Furtwangen, für ein starkes Furtwangen.“

Horst Siedle spezialisierte sein in Furtwangen im Schwarzwald beheimatetes Unternehmen auf die Haus- und Türtelefonie.

An Beispielen machte der Bürgermeister fest, was das Wirken von Horst Siedle auszeichnete. Sah der Gemeinderat z. B. nicht die Notwendigkeit für die Einstellung eines Jugendbegleiters in Furtwangen, so finanzierte Horst Siedle diesen kurzer Hand selbst und lieferte dadurch bald überzeugende Argumente für den Sinn einer solchen Maßnahme. Er finanzierte ebenso Planungen zur künftigen Stadtgestaltung und legte damit den Grundstein für die Stadtkernsanierung. Immer wieder griff er der

 

 

Stadt mit finanziellen Mitteln unter die Arme und half mit, dass sie ihre finanziellen Schieflagen meistern konnte. So bei der Finanzkrise in den 1980er-Jahren, bei der Sanierung der Tartanbahn im Bregstadion, der Anschaffung eines Röntgengerätes zur Sicherung der ärztlichen Versorgung oder der Finanzierung des Klara-Siedle-Sinnesgartens in St. Cyriak Wohnen und Pflege.

Besonders erinnerte der Furtwanger Bürgermeister an den Festakt zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Jahr 2009. Über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft freute sich Horst Siedle riesig, betonte Josef Herdner und zitierte ihn: „Ich bin stolz, dankbar und glücklich und es tut gut, dass Sie mich zum Ehrenbürger gemacht haben. Ehrenbürger wird man nicht so einfach. Ich werde weiterhin für Furtwangen kämpfen und ich werde mich bemühen, dass ich Sie nicht enttäusche.“

Aufbau der Siedle-Gruppe

Das Wirken im Unternehmen umriss das Mitglied der Geschäftsleitung Joachim Beyer. Herausragend sei auch der Weitblick von Horst Siedle gewesen. Schon früh dachte er darüber nach, wie er sein Unternehmen und seine Mitarbeiter absichern kann. So erwarb er 1978 die Kunststofffirma K&E in Mönchweiler und sicherte damit Know-how in der Kunststoffverarbeitung und im Betriebsmittelbau und ein Stück Unabhängigkeit von Zulieferern. 1984 kaufte Horst Siedle die Novotechnik in Ostfildern-Ruit und kurz darauf die Contelec im Schweizerischen Biel. Zwei Unternehmen, die in einem völlig anderen Technologiebereich angesiedelt sind. Mit der dadurch entstandenen Siedle-Gruppe wollte er sicherstellen, dass eine Firma die andere unterstützen kann. Horst Siedle diversifizierte und streute das Risiko.

Joachim Beyer schilderte ein weiteres Beispiel für die Weitsicht von Horst Siedle nach einer schweren Erkrankung im Jahr 2005. Er selbst sorgte für eine klare Nachfolgeregelung, indem er die Geschicke des Unternehmens in die Hände seiner Ehefrau Gabriele Siedle legte. „Durch die Übertragung seiner Unternehmensanteile in eine Familienstiftung und durch das festgeschriebene Unternehmensleitbild ist das Lebenswerk von Horst Siedle sichergestellt. Es war Horst und Gabriele Siedle ein persönliches Anliegen, dass dies allen Mitarbeitern bereits 2006 mitgeteilt und in Schriftform ausgehändigt wurde“, betonte Joachim Beyer.

Der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Ergun Can würdigte im Namen der Mitarbeiter den sozialen, menschlichen Charakter von Horst Siedle: „Er wurde nicht müde zu betonen, dass das eigentliche Kapital seiner Firma seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Und das konnten wir auch spüren. Es war ihm wichtig, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fair und wertschätzend behandelt wurden und er ermöglichte uns Rahmenbedingungen, die nicht selbstverständlich sind.“

Wegweisende Entscheidungen

Landrat Sven Hinterseh zeigte sich in seinem Nachruf beeindruckt von der zwei Jahrzehnte währenden ehrenamtlichen Tätigkeit von Horst Siedle als Kreisrat mit großem persönlichen Einsatz, um an den Themen der Zeit mitzuarbeiten. Seine unternehmerische Erfahrung und durchaus auch sein Mut, Themen aktiv anzugehen, taten dem Landkreis und der Kreispolitik gut, hob der Landrat hervor. Sven Hinterseh: „Er ging keiner Diskussion aus dem Weg und vertrat seine Meinung klar und unzweideutig. Bei aller Klarheit in der Aussprache und vielleicht auch einer gewissen Härte, war er aber doch mit großer menschlicher Herzlichkeit und Wärme ausgestattet und hat vor allen diejenigen, die es im Leben manchmal schwerer hatten – ob unverschuldet oder auch aus eigenem Zutun – nie aus dem Blick verloren.“

In diesen zwanzig Jahren Kreispolitik wurden zahlreiche wegweisende Entscheidungen getroffen, die noch weit in die Zukunft des Landkreises hineinwirken werden und bei denen Horst Siedle seine Weitsicht, den großen Erfahrungsschatz, seine Willensstärke und eine außerordentlich hohe Motivation unter Beweis stellte. Der Landrat erinnerte an die große Herausforderung der Neuorganisation der

 

 

Horst und Gabriele Siedle mit Philipp Rösler und Bürgermeister Josef Herdner. Der Bundeswirtschaftsminister besuchte das Unternehmen Siedle im Juni 2013. Zur Bundespolitik pflegte Horst Siedle persönliche Kontakte.

technisch und organisatorisch anspruchsvollen Abfallwirtschaft. Ein Thema, das in den 1980er- und den beginnenden 1990er-Jahren ein kreis-politisch sehr anspruchsvolles Gebiet war und bei dem sich Horst Siedle mit großem – auch technischem – Sachverstand in betriebliche Abfallfragen einbrachte.

Gleiches gilt für den Ausbau der vielfältigen und – das war ihm auch immer wichtig – dezentralen Schullandschaft. Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es die vielen Kreisschulen eben nicht nur in den beiden großen Kreisstädten, sondern darüber hinaus und nicht zuletzt auch in Furtwangen. 1995 war für den Kreisrat Horst Siedle diesbezüglich ein wichtiges Jahr, denn nach jahrelangem Ringen und vielen Diskussionen konnte endlich der architektonisch gelungene Neubau der Robert-Gerwig-Schule übergeben werden, und elf Jahre später dann die neue Sporthalle.

In die Zeit der Tätigkeit als Kreisrat fielen zahlreiche weitere wichtige Fragen rund um die Infrastruktur und die Daseinsvorsorge. Nicht zuletzt aber auch das wohl schwierigste und zugleich politisch am härtesten diskutierte Thema des vergangenen Jahrzehnts: die Neuordnung des Krankenhauswesens und der damit verbundene Strukturwandel hin zu einem großen Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen. Und gerade in Furtwangen galt es harte Einschnitte einzustecken, da das ehemals städtische Krankenhaus, das in die Trägerschaft des Landkreises überführt worden war, einfach nicht zu halten war. Für Horst Siedle schwere Stunden, die Spuren hinterlassen haben, wie Landrat Hinterseh unterstrich.

Er sei dankbar für die Begegnungen mit Horst und Gabriele Siedle, betonte Sven Hinterseh, für ihr gemeinsames Wirken. Die Erinnerung gelte abseits aller Funktionen und Leistungen letztendlich dem Menschen Horst Siedle, den er in vielerlei Hinsicht sehr geschätzt habe. Und der über die Stadt- und Landkreisgrenzen, ja sogar über die Landesgrenzen hinaus, höchste Anerkennung und Wertschätzung erfahren durfte.

 

 

Nach fast 120 Jahren beginnt auf der Höllentalbahn eine neue Ära

von Bernward Janzing

Die Einweihungsfeier zur Elektrifizierung der Höllentalbahn erfolgt im Dezember 2019 – das künftige Angebot auf der östlichen Höllentalbahn umfasst einen Stundentakt zwischen Schwarzwald und Kaiserstuhl, der in den Hauptverkehrszeiten bis zum Halbstundentakt verdichtet werden kann. Die Elektrifizierung der Höllentalbahn Ost ermöglicht, dass Fahrgäste ohne Umstieg im Stundentakt und mit neuen, zeitgemäß ausgestatteten Zügen von VS-Villingen über Donaueschingen, Löffingen, Neustadt, Hinterzarten und Kirchzarten nach Freiburg sowie weiter bis Breisach beziehungsweise Endingen am Kaiserstuhl fahren können. Der Landkreis investiert in diese Verbesserung über 18 Millionen Euro. Für Landrat Sven Hinterseh ein zukunftsweisender Meilenstein: „Mit dem verbesserten Schienenangebot wird der Schwarzwald-Baar-Kreis als Lebens- und Arbeitsort erheblich an Attraktivität gewinnen.“

Was für eine Präzision! Und diese gelang den Bauingenieuren bereits vor fast 120 Jahren. „Der Tunnel weicht in seinem Verlauf nur zwei Zentimeter von den historischen Plänen ab“, sagt Bauingenieur Eric Teßmar, während er im Frühjahr 2019 durch den Dögginger Tunnel führt, den längsten an dieser Strecke. Der Zugbetrieb ruht hier bereits seit Anfang November 2018, die Gleise sind längst abgebaut. Denn die Trasse muss in den fünf Tunnels der östlichen Höllentalbahn zwischen Neustadt und Donaueschingen um 42 bis 62 Zentimeter abgesenkt werden. Dieser zusätzliche Raum im Tunnelprofil wird nötig für die Oberleitungen. Die historischen Bauwerke mussten daher zum Start der Arbeiten nochmals genau vermessen werden.

Für die Oberleitung ist unter Brücken und in den Tunnels im Regelfall eine Durchfahrtshöhe von 5,70 Metern erforderlich, gemessen von der Schienenoberkante. In den Tunnels ist daher die Absenkung der Gleise die einzige praktikable Option. Brücken hingegen können mitunter mit vertretbarem Aufwand umgebaut werden. An der Höllentalbahn-Ost waren drei Straßenüberführungen nicht ausreichend hoch.

Der Dögginger Tunnel

Das anspruchsvollste Teilstück der östlichen Höllentalstrecke ist der Dögginger Tunnel. Die Geologie ist auf der Baar im Vergleich zu den vier anderen Tunnels zwischen Neustadt und Rötenbach, die das kristalline Grundgebirge des Schwarzwaldes durchstoßen, deutlich vielfältiger. Im Verlauf des Dögginger Tunnels wechseln sich der Keuper und der Muschelkalk ab und damit auch die Geostatik. Der Tunnel westlich das Dögginger Bahnhofs ist zudem der längste der Höllentalbahn. Mit einer Ausdehnung von

Nach dem Entfernen der Gleise und dem Absenken der Talsohle im Tunnel standen Festigungsarbeiten am Tunnelbau im Vordergrund. Dazu wurden Injektionen in die Wände vorgenommen. Um die Elektrifizierung zu ermöglichen, mussten entlang der gesamten Bahnstrecke Strommasten aufgestellt werden.

 

 

535,60 Metern unterquert er sogar ein ganzes Wohngebiet. Und nebenbei befindet sich der Tunnel nicht nur geologisch, sondern auch topografisch in markantem Gelände – er unterquert die europäische Hauptwasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer, das heißt zwischen Gauchach und Donau.

Selbst im westlichen Teil der Strecke zwischen Freiburg und Neustadt sind die Tunnels durchweg kürzer; der Loretto-Tunnel in Freiburg kommt mit 514 Metern allerdings fast an den Dögginger Tunnel heran. Unter formalen Aspekten ist das Bauwerk auf der Baar übrigens der einzige „richtige“ Tunnel zwischen Neustadt und Donaueschingen. Die anderen vier mit Längen zwischen 104 und 220 Metern gelten hinsichtlich der Sicherheitskonzepte nur als Brücken – was sie faktisch natürlich nicht sind, denn sie durchstoßen allesamt sehr wohl die Schwarzwaldberge.

Weil nun alleine der Dögginger Tunnel formal ein vollwertiger Tunnel ist, wurde für dieses Bauwerk ein ganz eigenes Sicherheitskonzept

Ein weit verzweigtes Streckensystem ermöglicht es ab 15. Dezember 2019 mit der dann elektrifizierten Höllentalbahn Ost im Stundentakt nach Freiburg zu fahren.

entwickelt, wie es die anderen Tunnel an der Strecke nicht brauchen. So wurde im Zuge der Elektrifizierung auch ein neuer Rettungsweg zum östlichen Tunnelportal geschaffen, samt Rettungsplatz. In die Böschung wurde ein Löschwassertank eingebracht. Auch am Westportal wurde ein neuer Rettungsplatz geschaffen. Als der Tunnel um die Jahrhundertwende gebaut worden war, hatte man all das noch nicht für nötig befunden. Das Sicherheitsempfinden war noch wenig ausgeprägt.

Aber auch schon vor 120 Jahren wussten die Ingenieure sehr genau, was sie taten. Sauber und präzise haben auch sie schon gearbeitet, trotz ihrer einfachen Technik. Während nun Bauingenieur Teßmar durch den Tunnel führt, an dessen Wänden vielfältige Markierungen angebracht sind, zeigt er, wie man heute arbeitet. An den Decken hängen Spiegel, die Laserstrahlen reflektieren; damit werden die Bewegungen des Berges beobachtet, während die Bauarbeiter an der Tunnelsohle tätig sind. Da der Tunnel nach unten vertieft werden muss, müssen die neu entstehenden Seitenwände mit Beton stabilisiert werden. Sollte bei den Arbeiten das umgebende Gestein allzu sehr nachgeben, könnte man aufgrund der stetigen Messung rechtzeitig eingreifen. „Wir erkennen Setzungen mit einer Präzision von einem Millimeter“, sagt Teßmar.

 

 

Zuerst mussten alle Schienen aus dem ca. 535 Meter langen Dögginger Tunnel raus und die Trasse wurde um 42 bis 62 Zentimeter abgesenkt, dann kamen sie wieder hinein (oben). Zuvor mussten teils größere Erdbewegungsarbeiten stattfinden wie hier am östlichen Dögginger Tunneleingang (unten).

 

 

Höhepunkte einer Reise mit der Höllentalbahn sind noch heute die Fahrt durch den unteren und oberen Hirschsprung-Tunnel (links) und über das Ravenna-Viadukt (rechts). Die Abbildungen stammen aus einem frühen Führer zur Höllentalbahn. Die Bahn wurde erst 1898 in Richtung Hüfingen/Donaueschingen erweitert und endete damals noch in Neustadt.

Mit Zahnradbahn in den Hochschwarzwald

Mit einfachsten Mitteln hingegen hatten die Baumeister des späten 19. und des beginnenden

20. Jahrhunderts bereits eine ideale Linienführung realisiert. So war jede Bahnstrecke dieser Zeit eine technische Meisterleistung und die Höllentalbahn mit ihrem steilen Anstieg zwischen Himmelreich und Hinterzarten ohnehin. Aber auch der anschließende Teil von Neustadt auf die Baar wollte gut geplant sein.

So war in dem topografisch anspruchsvollen Gelände des Schwarzwaldes die Trassenführung der Höllentalbahn zuvor intensiv diskutiert worden. Viele Optionen hatte man geprüft – und dann wieder verworfen. Schon Jahre zuvor, nämlich als der Bau der Schwarzwaldbahn anstand, hatte man das Höllental bereits als eine Option für eine badische Hauptstrecke im Blick gehabt. Doch dann fiel die Entscheidung zugunsten der Trasse von Offenburg über Hausach, Triberg und die Sommerau nach Villingen. Die Höllenbahn wurde anschließend als Nebenbahn realisiert und 1887 von Freiburg bis Neustadt in Betrieb genommen. Der Anschluss bis Donaueschingen folgte 14 Jahre später. Damit erreichte die Bahn eine Gesamtlänge von fast 75 Kilometern.

In Donaueschingen trifft die Höllentalbahn auf die Schwarzwaldbahn von Offenburg. Die Strecke überwindet auf den ersten rund 25 Kilometern zwischen dem Freiburger Hauptbahnhof und dem Bahnhof Hinterzarten mehr

 

 

als 600 Höhenmeter. Sie zählt mit bis zu 5,7 Prozent Steigung zu den steilsten Bahnstrecken Deutschlands. Der Abschnitt Hirschsprung – Hinterzarten musste deswegen anfangs sogar als Zahnradbahn betrieben werden, weil die Loks der frühen Jahre die Steigung anders nicht bewältigen konnten.

Täglich verkehrten in der ersten Zeit drei Personenzugpaare und ein gemischtes Zugpaar. Mit maximal 30 Kilometern pro Stunde waren die Züge unterwegs. Für die 35 Kilometer bis Neustadt benötigte ein Zug im Jahr 1888 zwei Stunden und 22 Minuten bergwärts, sowie zwei Stunden und 4 Minuten talwärts.

Trassenverlauf war lange Zeit fraglich

Bereits frühzeitig galt die Weiterführung der Bahn nach Osten als beschlossene Sache. Schon im Budget des Jahres 1869 hatte die Großherzogliche Regierung 30.000 Mark vorgesehen „zu einer erschöpfenden Aufsuchung einer bau- und betriebswirtschaftlichen Linie Freiburg-Donaueschingen“. Und so richteten im März 1873 die Gemeinden des Schwarzwaldes und der Baar eine Eingabe an das Großherzogliche Handelsministerium, die Vermessungen auch auf der Strecke Neustadt – Donaueschingen fortzusetzen.

Offen war lange Zeit aber der Trassenverlauf. Eine der diskutierten Varianten hätte den Bau einer weiteren Zahnradstrecke bedurft: Über Eisenbach hätte die Linie nach Hammereisenbach geführt, wo sie im Bregtal auf den Gleisen der privaten Bregtalbahn über Wolterdingen, Bräunlingen nach Donaueschingen geführt hätte. In diesem Fall hätte der Staat den Streckenabschnitt Hammereisenbach – Hüfingen aufkaufen müssen. Das war weniger ein Problem, weil eine solche Transaktion in der Konzession zum Bau der Bregtalbahn schon frühzeitig als Option berücksichtigt worden war. Aber die Zahnradstrecke schreckte ab. Diskutiert wurde alternativ auch eine konventionelle Bahn ohne Zahnradstrecke von Neustadt über Hammereisenbach ins Bregtal, doch eine solche Trasse wäre sehr lang geworden, weil nur so die großen Höhenunterschiede zu überwinden gewesen wären.

Furtwangen machte sich zwar lange noch für einen Anschluss der Höllentalbahn in Hammereisenbach stark, weil damit die 1893 eröffnete Bregtalbahn deutlich aufgewertet worden wäre. Aber die Stadt konnte sich nicht durchsetzen.

Auch beim Verlauf der Strecke über Löffingen wurden noch Alternativen diskutiert. Zur Debatte stand die Option, die Bahn von Neustadt über Rötenbach und Löffingen nach Bräunlingen zu führen, wo sie dann auf den Gleisen der Bregtalbahn nach Donaueschingen gelangt wäre. Die Trasse wäre dem Verlauf der jetzigen B 31 bis Löffingen gefolgt und hätte einer großen Brücke über das Tal der Gutach bei Neustadt bedurft. Hinter Löffingen wäre wieder eine Brücke über die Gauchach notwendig gewesen um die Strecke an Dittishausen vorbei nach Bräunlingen zu führen.

Am 20. November 1895 beschloss dann die Zweite Kammer, das Parlament des Großherzogtums Baden, die heutige Streckenführung über Reiselfingen, Seppenhofen, Bachheim, Unadingen, Hausen vor Wald nach Hüfingen. Löffingen hatte zwischen 1861 und 1887 in neun Petitionen für diese Variante geworben. Die Forderung einiger Baargemeinden, auch Mundelfingen, Eschach, Opferdingen und Achdorf anzuschließen, lehnte die Kammer jedoch ab, denn einen weiteren Umweg der nun knapp 40 Kilometer langen Strecke wollte man nicht mehr hinnehmen.

Als im Februar 1896 das Gesetz der endgültigen Variante durch Großherzog Friedrich unterschrieben wurde, war dies ein Kompromiss, der lokalpolitische Interessen berücksichtigte

 

 

und möglichst vielen Gemeinden einen Bahnanschluss brachte. Die Gemeinden an dieser Strecke hatten sich zuvor geradezu mit Geldleistungen und Geländeabtritt überboten um einen Bahnanschluss zu bekommen.

Im Dezember 1898 wurden die Arbeiten für den Bau der östlichen Höllentalbahn vergeben. Viele italienische Gastarbeiter kamen zum Bahnbau auf die Baar und in den Schwarzwald, sie galten als tüchtig und integrierten sich aufgrund des gemeinsamen katholischen Glaubens schnell.

Schon 1934 wurde die Elektrifizierung diskutiert

Am 19. August 1901 wurde die Bahn eröffnet. Die geplanten Baukosten von sieben Millionen Mark konnten allerdings nicht eingehalten werden, vor allem die aufwendigen Tunnelbohrungen trieben die Kosten auf 10,3 Millionen. Auch die Brücken gingen erheblich ins Geld. Denn fünf Brücken befinden sich auf der Strecke, darunter die Gutachbrücke, die mit einer Länge von 141 Metern und einem 64 Meter weit gespannten Steinbogen jahrzehntelang die größte steingewölbte Bogenbrücke Deutschlands war.

Auch wurde der Bahnhof Hausen vor Wald großzügig angelegt, denn es war geplant, von dort einen Anschluss nach Schaffhausen zu bauen. Zudem sollte die Bahnstrecke von Neustadt nach Bonndorf, die 1907 fertiggestellt wurde, bis nach Schaffhausen verlängert werden. Realisiert wurde aber keine der beiden Trassen.

Die Höllentalbahn erlebte fortan eine wechselvolle Geschichte. Einerseits kamen schon frühzeitig die Forderungen auf, man möge auch die östliche Höllentalbahn elektrifizieren. Schon ehe der Bau der Oberleitungen bis Neustadt im Juni 1936 abgeschlossen war, forderte Löffingen erstmals im Oktober 1934 auch den Ausbau im westlichen Teil. Ein solches Projekt wurde dann 1939 sogar ins Auge gefasst, doch dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen.

Einerseits wurde die Elektrifizierung bis Donaueschingen auch in der Nachkriegszeit immer wieder diskutiert. Andererseits fürchteten die Menschen im Hochschwarzwald und auf der Baar ab den Siebzigerjahren immer wieder das komplette Ende der Höllentalbahn. Sogar noch im Jahr 1987, als die Höllentalbahn ihr 100-jähriges Bestehen feierte, galt deren Stilllegung weiterhin als denkbar. Schließlich hatten

Der Bau der Höllentalbahn bei Hausen vor Wald. In der Baargemeinde wurde auch ein großzügiger Bahnhof errichtet, da die Bahn von hier aus bis Schaffhausen weitergebaut werden sollte, was aber nie geschah.

 

 

die Schwarzwälder in den 20 Jahren zuvor viele Streckenstilllegungen erleben müssen.

Aber es gab auch in den Achtzigerjahren schon Kämpfer für die Bahn, die ambitioniert nach vorne blickten. So schrieb im Jubiläumsjahr 1987 die AG Höllentalbahn (ein Zusammenschluss unter anderem von Umwelt- und Verkehrsverbänden, von SPD und Grünen, von der Initiative Pro Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokführer und Anwärter) ein Manifest. Dieses sah allerdings vor allem in einer neuen Trassenführung eine Option zur Steigerung der Attraktivität, erst zweitrangig propagierte das Papier auch die Elektrifizierung.

Bereits um 1980 war die Idee geboren, die Trasse über die Baar zu ändern. Es kursierte der Vorschlag, einen neuen Bahnhof am Schneekreuz in Löffingen anzulegen, und die Bahn entlang der B 31 zu führen – wie man es vor dem Bau der heutigen Trasse auch schon mal angedacht hatte.

In dem Manifest der Verbände von 1987 hieß es dann: „Investitionen von 70 bis 90 Millionen DM erlauben Streckenbegradigungen zwischen Kappel-Gutachbrücke und Rötenbach sowie zwischen Löffingen und Döggingen. Dadurch lässt sich die Fahrgeschwindigkeit auf 110 Kilometer pro Stunde erhöhen, sodass die Fahrzeit Neustadt – Donaueschingen um circa 50 Prozent gesenkt werden könnte. Eine Elektrifizierung ist nach erfolgter Streckenbegradigung ebenfalls sinnvoll.“ Ernsthafte Chancen auf Realisierung hatte dieser Vorschlag allerdings nicht.

Immerhin war schon wenig später zumindest das Thema Stilllegung erledigt. Lediglich einen imageträchtigen Zug nahm die Bahn im Dezember 2003 vom Fahrplan: den Kleber-Express. Dieser war seit 1954 täglich von Freiburg nach München gefahren, 379 Kilometer in rund sechseinhalb Stunden. Das Zugpaar hatte 1997 den Namen Kleber-Express bekommen, da sich die Hoteliers-Familie Kleber aus Bad Saulgau erheblich für die durchgehende Verbindung eingesetzt hatte. Doch gegenüber den schnelleren Verbindungen von Freiburg über Karlsruhe und Stuttgart nach München hatte der Zug keine Chance, obwohl er die Fahrgäste ohne Umstieg in die bayerische Landeshauptstadt führte.

Schwarzwald-Baar-Kreis fordert mit Nachdruck die Elektrifizierung der Höllentalbahn

Nach der Jahrtausendwende wurden die Diskussionen über die Elektrifizierung des noch fehlenden Teilstücks Neustadt – Donaueschingen immer intensiver. Der Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises verabschiedete bereits 2008 einen Grundsatzbeschluss zur Elektrifizierung. Noch stieß man damit beim Land auf taube Ohren. Die Badische Zeitung berichtete im Dezember 2008: „Eine elektrische Oberleitung für die Bahnstrecke zwischen Neustadt und Donaueschingen ist für die Landesregierung derzeit kein aktuelles Thema.“ Immerhin hieß es dann aber im Oktober 2009: „Bahn prüft Elektrifizierung“.

Die beiden betroffenen Landkreise kamen schließlich im Juli 2011 überein, die Elektrifizierung voranzutreiben, einen Schritt, zu dem Landrat Karl Heim aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis sehr gedrängt hatte. Denn immerhin 13 von knapp 40 Kilometern der östlichen Höllentalbahn verlaufen im Schwarzwald-Baar-Kreis. 55 Millionen Euro wurden seinerzeit für das Projekt veranschlagt. Im Juli 2018 begann schließlich die Elektrifizierung der Höllentalbahn-Ost – das größte Bauprojekt auf dieser Strecke seit Inbetriebnahme der Eisenbahn.

Schon lange vorher hatten die Ingenieure geplant und technische Konzepte entwickelt. So kommen nun statt einer Konstruktion aus Fahrdraht und einem Kettenwerk aus Drahtseilen in den Tunneln stabile Stromschienen zum Einsatz. Vor und hinter den Tunnelabschnitten wurden Rampen gebaut, um die Gleise entsprechend abzusenken.

 

 

Eine spektakuläre Aktion gab es im Mai 2019 zu beobachten: Mit dem Helikopter wurden die neuen Strommasten an Ort und Stelle gebracht. Rund 250 Masten waren zuvor in Löffingen-Stettholz abgelegt worden, genau sortiert in der Reihenfolge, wie sie vom Helikopter abgeholt wurden. 15 Masten pro Stunde, so die ambitionierte Kalkulation, könnten aufgestellt werden. Dafür müssen sie sehr präzise aus der Luft abgesetzt werden.

Der Umbau der gesamten Strecke soll im November 2019 abgeschlossen sein, zum Monatsbeginn sollen die Züge wieder verkehren. Dann werden durchgehende Zugverbindungen im Stundentakt von Villingen über Donaueschingen, Löffingen, Neustadt, Hinterzarten und Kirchzarten nach Freiburg möglich sein. Die Züge werden sogar weiter bis Breisach beziehungsweise Endingen am Kaiserstuhl fahren können, da diese Strecke ebenfalls im Jahr 2019 elektrifiziert wurde. Entsprechend läuft auch die Elektrifizierung der Höllentalbahn unter der Bezeichnung „Breisgau-S-Bahn 2020“.

An den Haltepunkten Bachheim und Unadingen, die bisher nur sporadisch bedient wurden, halten alle Züge nun im Stundentakt. Gleiches gilt für Hüfingen-Mitte, das bislang nur zweistündlich von den Zügen zwischen Neustadt und Ulm angefahren wurde. Darüber hinaus ist auf der Höllentalbahn eine Ausweitung des Angebots in den Tagesrandzeiten vorgesehen. Und im Westen verkehren die Züge sonntags im 20-Minuten-Takt von Freiburg bis Titisee – eine Verdichtung gegenüber dem bisherigen Takt, der bei 30 Minuten lag.

Für Doppelstockzüge ist allerdings nun auf der Strecke kein Raum mehr, das ließ sich in den Tunnels mit vertretbarem Aufwand nicht realisieren. Jetzt verkehren stattdessen 3-teilige und 4-teilige Elektrotriebzüge des Typs Coradia Continental von Alstom. Die Züge sind sehr modern, haben auch ein automatisches Zählsystem für Passagiere, damit die Bahn auswerten kann, zu welchen Zeiten die Auslastung besonders hoch ist. So lassen sich die Zugkapazitäten durch zusätzliche Waggons zu bestimmten Zeiten optimal anpassen.

Der Zeitplan wird trotz schwieriger Verhältnisse eingehalten

Auch für die Industrie an der Strecke bringt die Bahn, die damit deutlich an Attraktivität gewonnen hat, enorme Vorteile. Die Firma FreiLacke in Döggingen zum Beispiel, die direkt am Bahnhof liegt, erhofft sich eine stärkere Nutzung der Bahn durch ihre Mitarbeiter. Zum einen könne man dann mit weniger Parkplätzen auskommen, zudem werde es leichter fallen, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, wenn die Pendler auch aus dem Raum Freiburg bis auf die Baar bequem und ohne umzusteigen mit der Bahn fahren können. Für die Warenanlieferung und den Abtransport der Produkte hat die Bahn hingegen heute keine Bedeutung mehr.

Die Baumaßnahmen auf der Strecke erforderten eine rund 18-monatige Vollsperrung zwischen dem Bahnhof Neustadt und der Station Hüfingen-Mitte. Der Zeitplan konnte weitgehend eingehalten werden, obwohl die Arbeiten im Hochschwarzwald unter schwierigen Verhältnissen stattfanden, wie die Bahn vorab erklärt hatte.

Der Abschnitt zwischen Hüfingen und Donaueschingen musste nur für rund fünf Monate gesperrt werden: während einer längeren Phase im Sommer 2018 und einer kurzen Phase zur Inbetriebnahme der Oberleitung und der Signaltechnik im Herbst 2019. Außerhalb dieser beiden Phasen konnte der Ringzug von und nach Bräunlingen wie gewohnt fahren.

Zugleich wurden in Löffingen und Döggingen neue elektronische Stellwerke aufgebaut. Und auch die Bahnsteige mussten zum Teil umgebaut werden, denn an den Stationen der

 

 

Oben: Nächtliche Schweißarbeiten bei Hüfingen – der Zeitplan musste unbedingt eingehalten werden. Unten: Im Zuge der Elektrifizierung der Höllentalbahn musste eine Vielzahl an Strommasten an Ort und Stelle gebracht und errichtet werden – teils kam dabei in einer spektakulären Aktion ein Helikopter zum Einsatz.

 

 

Auch nachts wurde gearbeitet – oben ist eine Schotterplanier- und Profilierungsmaschine im Einsatz.

Höllentalbahn-Ost waren sie in vielen Fällen relativ alt, in einzelnen Fällen auch zu kurz. Die Bahnsteige wurden auf eine Länge von 140 Metern verlängert, abgestimmt auf die maximale Länge der künftigen Elektrotriebzüge. Am Bahnhof Neustadt wurde der Bahnsteig an Gleis 1 sogar auf 210 Meter ausgebaut, weil dort aus Richtung Freiburg längere Züge einfahren und wenden können müssen.

Das leidige Thema Kostensteigerungen war aber auch bei den Bahnhofsarbeiten aktuell. Der Bahnhof Donaueschingen zum Beispiel sollte für 5,2 Millionen Euro umgebaut werden,

Auf der modernisierten Strecke fahren nun 3- und 4-teilige Elektrotriebzüge des Typs Coradia Continental von Alstom.

im Juni 2019 wurden dann bereits 9,4 Millionen veranschlagt – zu einem Zeitpunkt, als der Umbau eigentlich schon seit einem halben Jahr abgeschlossen sein sollte.

Auch die Bauarbeiten auf der Strecke wurden teurer als geplant. Für die östliche Höllentalbahn am Neustadt waren im Jahr 2009 in einer ersten Grobabschätzung Kosten in Höhe von 24,7 Millionen Euro kalkuliert worden, 2012 rechnete man bereits mit 47,8 Millionen, die tatsächlichen Kosten wurden im September 2019 auf gut 102 Millionen taxiert. Daran freilich war auch die boomende Baukonjunktur dieser Zeit Schuld, die die Baupreise aufgrund der enormen Auslastung der Baufirmen zwischenzeitlich erheblich in die Höhe getrieben hatte.

Auf den Streckenabschnitt des Schwarzwald-Baar-Kreises entfielen Kosten in Höhe von rund 30 Millionen Euro, wovon der Kreis selbst ca. 18,51 Millionen tragen muss. Das sind am Ende auch fast vier Millionen Euro mehr als nach der Submission im Februar 2018 zu erwarten war.

Die Inbetriebnahme der Strecke Neustadt-Donaueschingen wurde auf den Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2019 datiert. Es war eine beachtliche Aktion – mit 19.246 Metern Schienen, die neu verlegt werden mussten, 14.279 neuen Bahnschwellen und 20.251 Tonnen Gleisschotter, die herbeigeschafft werden mussten.

Gelohnt hat sich der Aufwand allemal für dieses Projekt, das den umweltfreundlichen Verkehr in der Region erheblich voranbringt.

 

 

Oben: Großbaustelle östliche Höllentalbahn – Impression vom Dögginger Bahnhof. Unten: Millimeter-Arbeit war beim Neuverlegen der Gleise verlangt.

 

 

Erwin Teufel zum 80. Geburtstag

Große Verantwortung für Land, Region und Stadt – den Menschen sehr zugeneigt

Am 4. September 2019 wurde Erwin Teufel 80 Jahre alt. Mit einem Festgottesdienst im Villinger Münster, einem Symposium in der Neuen Tonhalle Villingen und einem Großen Zapfenstreich würdigten die Landes-CDU und eine große Schar illustrer Festgäste am

7. September 2019 den Politiker und Menschen Erwin Teufel, dem unsere Region viel zu verdanken hat. Erwin Teufel war von 1972 bis 2006 direkt gewählter Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen und von 1991 bis 2005 der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.

von Dieter Wacker

Ein Tag Mitte Januar 1991. Lothar Späth war gerade als Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg zurückgetreten. Potenzieller Nachfolger: Erwin Teufel, zu diesem Zeitpunkt CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag und direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen. Ich war damals Leiter der Villinger Lokalredaktion des Südkurier. Zusammen mit den Chefs der drei weiteren Lokalzeitungen in VS hatte mich Erwin Teufel in den Stuttgarter Landtag eingeladen. Die CDU-Landtagsfraktion sollte an diesem Tag ihren Fraktionschef zur Wahl zum neuen Ministerpräsidenten nominieren. Bekanntgegeben wurde die Entscheidung nachmittags bei der Landespressekonferenz, an der wir teilnahmen. Bevor die Konferenz begann, kam Erwin Teufel kurz bei uns vorbei und bat uns nach der Veranstaltung doch noch in sein Landtagsbüro zu kommen. Dort erwartete uns Erwin Teufels Sekretärin mit einer Flasche Sekt und sechs Gläsern. Mit dem Ministerpräsidenten in spe stießen wir vier Journalisten und die Sekretärin dann auf die erfolgte Nominierung an. Weshalb ich das erzähle? Es ist typisch Erwin Teufel.

Natürlich waren die Nominierung und die bevorstehende Wahl zum Ministerpräsidenten für ihn der Höhepunkt einer bis dahin bereits erfolgreich verlaufenen politischen Karriere. Doch nicht mit den politisch Großkopfeten oder der Landespresse wollte Erwin Teufel an diesem Nachmittag auf die Entscheidung der Fraktion ein Schlückchen trinken, sondern zuerst einmal mit den Journalisten, die ihn zum Teil seit langen Jahren publizistisch daheim in seinem Wahlkreis begleitet hatten. Genau das war ihm in diesem Moment wichtig. Und es sagt viel über den Menschen Erwin Teufel, der bis zum heutigen Tag genau weiß, wo seine sozialen wie politischen Wurzeln zu finden sind: Im Dreieck zwischen Rottweil, Spaichingen und Villingen-Schwenningen.

 

 

Mit einer Kutsche wurde Erwin Teufel nach dem Festgottesdienst zum Festakt in die Neue Tonhalle gefahren. Mit dabei Ehefrau Edeltraud Teufel, die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und der CDU-Landesvorsitzende und Innenminister Thomas Strobl. Standing Ovations gab es für Erwin Teufel beim Symposium in der Neuen Tonhalle.

Erwin Teufel zum 80. Geburtstag

 

 

Einst jüngster Bürgermeister Deutschlands

Der am 4. September 1939 in Zimmern ob Rottweil geborene Bauernsohn hat eine makellose Karriere hingelegt. Bereits mit 25 Jahren wurde der gelernte Diplom-Verwaltungswirt 1964 in seinem Wohnort Spaichingen zum damals jüngsten Bürgermeister von Deutschland gewählt. 1972 zog er als direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen in das Stuttgarter Landesparlament ein. Insgesamt acht Mal wählten ihn die Bürgerinnen und Bürger in und um VS jeweils direkt in den Landtag. Gleich in seinem ersten Landtagsjahr wurde Erwin Teufel in der Regierung des Ministerpräsidenten Hans Filbinger Staatssekretär im Innenministerium, 1974 folgte die Ernennung zum Umweltstaatssekretär. Doch damit war die Karriere Teufels noch lange nicht beendet. 1978 übernahm er für 13 Jahre den CDU-Fraktionsvorsitz im Landtag, eh im Januar 1991 die Wahl zum Ministerpräsidenten folgte. 14 Jahre blieb er im Amt, bis er 2005, als zu seiner Zeit dienstältester Ministerpräsident in Deutschland, nach parteiinternen Spannungen zurücktrat. Von 1991 bis 2005 war Erwin Teufel zugleich auch Vorsitzender der CDU Baden-Württemberg und von 1992 bis 1998 stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU.

1994 wurde Teufel erstmals zum Mitglied im Ausschuss der Regionen Europas der EU berufen. Im Europäischen Konvent, initiiert vom Europäischen Rat, vertrat er von Februar 2002 bis Juli 2003 die deutschen Länder. Am 13. Februar 2008 wurde Teufel vom Bundeskabinett und Deutschen Bundestag zum Mitglied des Deutschen Ethikrates bis 2012 ernannt.

Erwin Teufel regierte mit glücklicher Hand

Als Ministerpräsident regierte Erwin Teufel meist mit glücklicher Hand. Obwohl von politischen Gegnern gerne mal als konservativ und rückwärtsgewandt angefeindet oder als „ewiger Erwin“ verspöttelt (stammt vom heutigen Stuttgarter OB Fritz Kuhn), erkannte Teufel wichtige Zeichen der Zeit und brachte Fusionen auf den Weg, an denen sein Vorgänger Lothar Späth noch gescheitert war. So führte er

Gerade die Attribute Fairness und
Respekt, begründet und geprägt durch Erwin Teufels christliche und soziale Wertvorstellungen, machen ihn bis zum heutigen Tag im Land, in der Region, in seinem (ehemaligen) Wahlkreis so populär.

die regionalen Energieversorger zur Energie Baden-Württemberg zusammen, fusionierte die beiden Rundfunkanstalten SDR und SWF zum neuen Südwestrundfunk (SWR), stellte die schlagkräftige Landesbank Baden-Württemberg auf die Beine und setzte die neue Landesmesse in Stuttgart durch.

Sein letztes großes politisches Projekt war die Verwaltungsreform von 2004, bei der u. a. Landesfachbehörden wie Forstämter oder Gewerbeaufsichtsämter in Stadt- und Landkreise bzw. in die Regierungspräsidien eingegliedert wurden. Dadurch sollte es, ganz im Sinne des Schwaben Erwin Teufel, zu massiven Kostenreduzierungen der öffentlichen Hand kommen. Teufels große Sorge galt immer den Finanzen. Das Land dürfe nicht über seine eigenen Verhältnisse leben, gehörte zu seinen Prämissen.

Teufel war und ist kein Mann der lauten Worte oder gar ein Polterer, wie manch einer seiner politischen Kollegen. Auch in den hitzigsten Debatten war ihm Polemik fremd, der Umgang mit dem politischen Gegner war immer von Gradlinigkeit, aber auch von Fairness und Respekt geprägt. Auch daheim im eigenen Wahlkreis, wo die SPD lange Jahre das Zweitmandat hielt.

Gerade die Attribute Fairness und Respekt, begründet und geprägt durch Erwin Teufels christliche und soziale Wertvorstellungen, machen ihn bis zum heutigen Tag im Land, in der Region, in seinem (ehemaligen) Wahlkreis so populär. Als Erwin Teufel 1991 Ministerpräsident wurde, hatte Baden-Württemberg nach den Jahren des manchmal fast zur Hyperaktivität neigenden Lothar Späth endlich wieder einen echten Landesvater. Ein Begriff, dem der Ex-Politiker

 

 

Zum Symposium und Empfang der CDU Baden-Württemberg anlässlich des 80. Geburtstages von Erwin Teufel versammelten sich zahlreiche prominente Weggefährten und Parteimitglieder. Von links: CDU-Landesvorsitzender und Innenminister Thomas Strobl, der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der CDU Thorsten Frei, Schwester Lintrud Funk, langjährige Generaloberin des Klosters Untermarchtal, VS-Oberbürgermeister Jürgen Roth, die langjährige Kultusministerin Annette Schavan, Erwin und Edeltraud Teufel, CDU-Europaabgeordneter Andreas Schwab, der Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg Manuel Hagel, die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Rombach und Rainer Wieland, CDU-Europaabgeordneter und Vorsitzender der Landesgruppe der CDU-Abgeordneten aus Baden-Württemberg im Europäischen Parlament.

durchaus einiges abgewinnen kann. „Landesvater mag der eine oder andere für altbacken halten, ich jedoch habe das nicht so gesehen, sondern ich habe das als ein großes Zutrauen der Menschen zu mir empfunden. Aus diesem Grund habe ich gesagt: Auszeichnungen von unten, von den Bürgern selbst, sind noch wichtiger und befriedigender als Auszeichnungen von oben“, beschrieb Erwin Teufel mal den Begriff in einem Fernsehinterview mit dem Bayrischen Rundfunk.

Spaichingen stets der Lebensmittelpunkt

Erwin Teufels Lebensmittelpunkt war, auch in all den Jahren seiner politischen Tätigkeit in Stuttgart, die Kleinstadt Spaichingen am Fuße des Dreifaltigkeitsberges. Hier lebte und lebt er mit seiner Frau Edeltraud, mit der er seit 1962 verheiratet ist und die ihn zu vielen Terminen begleitete. Das Ehepaar hat vier erwachsene Kinder und sechs Enkelkinder. „Spaichingen wurde so etwas wie meine erste politische Liebe, sie ist es bis heute geblieben“, sagt Erwin Teufel. Legendär sind seine täglichen Zugfahrten von Spaichingen nach Stuttgart – auch als er Ministerpräsident war. „Ich bin immer morgens um halb sechs Uhr aufgestanden, weil um halb sieben mein Zug nach Stuttgart fuhr. Meine Sekretärin fuhr dabei mit, sodass ich die ganze Post, die Eingangs- wie die Ausgangspost, im Zug erledigen konnte. Wenn ich diese Zugfahrt mal nicht hatte, dann sind sofort riesige Berge an Post auf meinem Schreibtisch gewachsen, die ich dann zu anderer Zeit abbauen musste,“ erzählte Teufel in einem Interview.

Durch den Wohnort Spaichingen war auch die Nähe zu seinem Wahlkreis Villingen-Schwenningen garantiert. Und der lag Erwin Teufel immer ganz besonders am Herzen. Seine Präsenz, wann immer es einen entsprechenden Anlass gab, war beachtlich. Erst als er zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, musste er zwangsläufig aufgrund der hohen Terminfülle seine Auftritte vor Ort reduzieren.

 

 

Zum Großen Zapfenstreich für Erwin Teufel spielten die Stadt- und Bürgermusik Villingen, der Landesverband der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen sowie der Landesverband der historischen Bürgerwehren und Stadtgarden Württemberg-Hohenzollern.

Ein wahrer Glücksfall für die gesamte Region

In den 1970er- und vor allem in den 1980er-Jahren erwies sich der Landtagsabgeordnete Erwin Teufel als wahrer Glücksfall für die gesamte Region, besonders für Villingen-Schwenningen. Die Uhrenkrise ließ ein Traditionsunternehmen nach dem anderen untergehen. Arbeitsplätze im produzierenden Bereich gingen in großem Maße verloren. Am Ende erwischte es auch so bedeutende Firmen wie Kienzle oder den Unterhaltungselektronikhersteller Saba. Das Oberzentrum Villingen-Schwenningen, das ehrgeizige Entwicklungsziele auf seiner Agenda hatte, stolperte von einem Problem in das nächste. Erwin Teufel war damals derjenige, der das Heft des Handelns in die Hand nahmen. Dank seiner Kreativität und seiner exzellenten Kontakte in die Tiefen der Landesregierung hinein, wurden Projekte für VS und die Region entwickelt, die bis heute in hohem Maße nachwirken. Nachdem klar war, dass Tausende von Arbeitsplätzen in der Produktion ein für alle Mal verschwunden waren, galt es zukunfts- und krisensichere Alternativen zu entwickeln. Erwin Teufels Vision: Villingen-Schwenningen sollte zum Hochschulort ausgebaut werden. Eine Idee, mit der er damals bei den vielen kommunalpolitisch Verantwortlichen in VS, auch bei solchen, die kein CDU-Parteibuch hatten, auf offene Ohren stieß. Am Ende der Überlegungen kam es mit Unterstützung des Landes zum großflächigen Ausbau der Hochschule für Polizei, Einrichtung einer eigenen Abteilung der Hochschule Furtwangen (heute Hochschule Furtwangen University Campus Schwenningen) in der ehemaligen Uhrenfabrik Kienzle, Einrichtung eines Zweiges der Dualen Hochschule Baden-Württemberg oder der Eröffnung der Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e.V. Ohne Erwin Teufels tatkräftige Unterstützung, seine Kontakte und ohne seine Überzeugungskraft in viele Richtungen wäre dieser zukunftsweisende Schritt für Villingen-Schwenningen und damit für die ganze Region damals nicht gelungen. Tatsachen, die historisch unstrittig sind.

Auf Wandertour mit Lothar Späth

Während seiner Zeit als CDU-Fraktionschef im Landtag hatte Erwin Teufel eine nette Tradition eingeführt. Einmal im Jahr traf er sich im Wahlkreis Villingen-Schwenningen mit dem Ministerpräsidenten, Lothar Späth, zu einer gemeinsamen Wanderung. Dabei blieben, bis auf die Begrüßung am Anfang, zu der auch die Presse geladen war, die beiden Spitzenpolitiker unter sich und sie nutzten die Gelegenheit zu einem vertraulichen Gedankenaustausch. In einem Jahr, an das genaue Datum kann ich mich leider nicht mehr erinnern, wollte Erwin Teufel dem Ministerpräsidenten das schöne Glasbachtal zwischen Fischbach und Burgberg zeigen. Alles

 

 

war bestens vorbereitet. Wir, die Presse, hatten den Hinweis bekommen, dass am frühen Nachmittag Lothar Späth per Hubschrauber auf einer Wiese bei Sinkingen oberhalb von Fischbach einschweben sollte. Zur genannten Uhrzeit fanden sich vier Journalisten und vielleicht zwei oder drei Polizisten auf besagter Wiese ein. Pünktlich auf die Minute landete der Hubschrauber mit Lothar Späth an Bord, der kurze Zeit später bei uns stand. Ein wenig ratlos, denn von Erwin Teufel war weit und breit nichts sehen.

Weder wir Journalisten noch die Polizeibeamten konnten ihm da weiterhelfen und das Handyzeitalter war noch nicht angebrochen. „Er wird hoffentlich noch kommen“, Späths knappe Bemerkung, um zugleich zu fragen: „Hat es hier irgendwo eine Wirtschaft in der Nähe, dann gehen wir erst einmal einen Kaffee trinken und ihr Journalisten kommt mit.“ In der Tat war es zu Fuß nur ein Katzensprung ins Gasthaus „Kreuz“ („Taubenmarkt“) in Sinkingen. Der Wirt war angesichts des überraschenden Besuches des Ministerpräsidenten erst einmal völlig von der Rolle und verschwand schlagartig, um sich seine beste Krawatte umzubinden und ein Sakko anzuziehen.

Der Kaffee wurde schnell durch ein Viertele ersetzt und Lothar Späth erwies sich als genialer Helmut Kohl-Witzeerzähler. Gegen später traf dann auch noch ein ziemlich aufgelöster Erwin Teufel ein, begleitet von der lautstarken wie spöttelnden Begrüßung durch „Cleverle“ Späth: „Ja Erwin, bist Du auch schon da? Hättest Dir ruhig noch etwas Zeit lasse können, es war grad so lustig.“ Die Auflösung, weshalb sich Lothar Späth und Erwin Teufel erst einmal verpasst hatten, gab‘s natürlich auch noch oben drauf: Erwin Teufel war davon ausgegangen, dass Späth mit dem Auto komme und er hatte an der Autobahnausfahrt Rottweil auf den MP (umsonst) gewartet. Die Wanderung fand dann übrigens auch noch statt…

Aus der Politik hält sich Erwin Teufel raus

Und was macht Erwin Teufel heute, 14 Jahre nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik? Er ist nach wie vor in vielen Kreisen ein gefragter Mann. Erwin Teufel hält Reden und Vorträge, manchmal mehrere pro Woche. Aus der Politik hält er sich hingegen raus, zu aktuellen Themen, Fragen und Entwicklungen nimmt er keine Stellung mehr seit seinem Ausscheiden aus den Spitzenämtern. „Wenn der Tag kommt, dann ist es mit dem Tag zu Ende“, sagt Erwin Teufel aus voller innerer Überzeugung und verfolgt dieses Prinzip bis heute konsequent. Nachdem Schluss war im Stuttgarter Staatsministerium, erfüllte sich Erwin Teufel einen langgehegten Herzenswunsch und studierte fünf Semester an der Hochschule für Philosophie in München. „Das hat mir auch Spaß gemacht“, betont er im Rückblick.

In seinem ehemaligen Wahlkreis ist er nach wie vor ein gern gesehener und als Festredner geschätzter Mann. Sehr verbunden ist er zum Beispiel dem Villinger Geschichts- und Heimatverein oder der Historischen Narrozunft Villingen, wo er jedes Jahr den Zunftball besucht und dort immer mit großem Applaus begrüßt wird.

Dass Erwin Teufel den heutigen grünen Ministerpräsidenten, Winfried Kretschmann, schätzt, daraus hat er, trotz seiner politischen Zurückhaltung, nie einen Hehl gemacht. Und umgekehrt ist es ebenso. „Er hat nicht nur Politik gestaltet, sondern auch über deren Grundlagen und Voraussetzungen nachgedacht“, bescheinigte Kretschmann seinem Vorvorgänger bei der Verleihung des Ehrentitels eines Professors 2015. Um zu ergänzen: „Erwin Teufels Wirken war durch ein starkes Verantwortungsgefühl für das Ganze und eine große Zuneigung zum Land und seinen Menschen geprägt. Was er tat, tat er mit Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, aber auch mit Fleiß und Ehrgeiz.“ Diesen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.

 

 

TRINKWASSER

Lebenswichtig, hochwertig + regional

von Carla André und Michael Koch

Wasserhahn auf – und Trinkwasser bester Qualität steht jederzeit und für alle zur Verfügung. Für uns ist das zur Selbstverständlichkeit geworden! Aber ist es wirklich selbstverständlich? Was steckt eigentlich alles dahinter, bis das Trinkwasser aus der Leitung fließt? Woher und in welcher Qualität kommt unser Wasser im Schwarzwald-Baar-Kreis aus der Leitung? Was kommt im Zeichen des Klimawandels auf uns zu? Diese Fragen sollten wir uns ebenso stellen, wenn das frische Wasser als unser mit kostbarstes Lebensmittel aus dem Hahnen sprudelt.

 

 

Woher kommt unser Trinkwasser?

Die Trinkwasserversorgung im SchwarzwaldBaar-Kreis erfolgt in Verantwortung der Städte und Gemeinden überwiegend durch ortsnahe Wassergewinnungsstellen: Das Wasser kommt zu großen Teilen aus Quellen oder Brunnen im Gemeindegebiet oder dessen direktem Umfeld. Dies ist nicht selbstverständlich, denn in anderen europäischen Ländern oder in Wassermangelgebieten wird das Wasser zum Teil über weite Strecken transportiert bis es, teils mit entsprechender Qualitätsminderung, den Verbraucher erreicht. Die Versorgung mit Trinkwasser aus ortsnahen Wasservorkommen ist ein wichtiger Grundsatz im deutschen Wasserrecht. Er gewährleistet, dass wir unsere regionalen Wasserressourcen eigenständig, kommunal bewirtschaften können und das Trinkwasser aus den „Quellen vor unserer Haustür“ stammt. Dieser deutsche Grundsatz wird durchaus auf europäischer Ebene immer wieder infrage gestellt, da der Wassermarkt privatwirtschaftlich interessant ist. Bisher konnte die Liberalisierung des Wassermarktes verhindert werden, denn im Gegensatz zu Strom oder Gas handelt es sich bei Wasser um das Le-Rahmen der öffentlichen Daseinsfürsorge gut bei den Städten und Gemeinden und damit direkt bei den Verbrauchern aufgehoben.

Neben den ortsnahen Wasservorkommen muss im Landkreis in einigen Bereichen, aufgrund nicht ausreichender ortsnaher Wasservorkommen, eine Zuleitung von Wasser über die Fernwasserversorgung der Bodenseewasserversorgung (Zusammenschluss kommunaler Wasserversorger) erfolgen. So haben die Gemeindegebiete von Villingen-Schwenningen, Dauchingen (Zweckverband Keckquellen/ Stadtwerke Villingen-Schwenningen), Tuningen (Zweckverband Baar), Triberg und St. Georgen einen Anschluss an die Bodenseewasserversorgung und ergänzen damit das eigene Wasserangebot. Das Wasser der Bodenseewasserversorgung wird bei Sipplingen in ca. 70 m Tiefe aus dem Bodensee gefördert und dann in weite Teile des Landes Baden-Württemberg verteilt.

 

 

Wie wird unser Trinkwasser geschützt?

Das blaue Verkehrsschild mit dem Tank-Übersicht der Wasserschutzgebiete im Schwarzwald-Baar-Kreis

Die Ausweisung der Wasserschutzgebiete erfolgt nach den fachlichen Kriterien Topografie, Geologie und Hydrologie. Im Regelfall werden

 

 

unbelastetes Wasser am Brunnen ankommt. Die Zone III (weitere Schutzzone) umfasst das gesamte unterirdische Einzugsgebiet einer Trinkwassergewinnungsanlage. Je nach örtlicher Situation kann das Wasserschutzgebiet deshalb eine sehr große Fläche umfassen.

Das genannte blaue Verkehrsschild mit dem Tankwagen steht am Rande der weiteren Schutzzone und mahnt Fahrzeugführer mit wassergefährdenden Stoffen sich besonders vorsichtig zu verhalten. Denn in Wasserschutzgebieten gelten entsprechende Vorgaben. So sind manche Nutzungen im gesamten Gebiet verboten (z.B. Geothermiebohrungen) und andere Nutzungen und bauliche Einrichtungen werden je nach Zone verboten oder eingeschränkt. In der weiteren Schutzzone beispielsweise werden bestimmte Anforderungen an den Bau von Abwasserleitungen oder den Umgang mit wassergefährdenden Stoffen gestellt. In der engeren Schutzzone darf nicht gebaut werden und die landwirtschaftliche Bodennutzung ist nur mit entsprechenden Auflagen erlaubt. In der Zone I, dem Fassungsbereich, ist jede Art von Nutzung verboten.

Organisation der Trinkwasserversorgung

Damit das Wasser von den Quellen und Brunnen in unsere Häuser gelangen kann, muss eine umfangreiche Infrastruktur vorhanden sein und unterhalten werden. Von den Wasserentnahmestellen wird das Wasser zum Teil mit Pumpen über das weitverzweigte Leitungsnetz sowie die Wasserwerke und die Hochbehälter in die Haushalte geliefert. In den Wasserwerken wird das Wasser zunächst aufbereitet und anschließend hoch über den Häusern in Hochbehältern im Vorrat gespeichert. Im Regelfall ist die Wasserversorgung in den Kommunen eine kleine eigene Organisationseinheit, die zumeist vom sogenannten Wassermeister der Kommune betreut wird. In acht der 20 Kreisgemeinden werden weniger als 5.000 Einwohner versorgt (0,3 Mio. m³ Jahresabgabe).

Mit den Stadtwerken Villingen-Schwenningen GmbH (Versorgungsgebiet VS und Dauchingen mit 88.000 Einwohnern und 4,7 Mio. m³ Jahresabgabe) sowie der aquavilla GmbH (Versorgungsgebiet Furtwangen, Königsfeld, Schönwald, Schonach, St. Georgen, Triberg, Vöhrenbach mit 47.000 Einwohnern und 2,4 Mio. m³ Jahresabgabe) existieren auch zwei größere Wasserversorgungsunternehmen.

Im Gespräch mit dem Hüfinger Wassermeister

Der Unterhalt und die dauerhafte Gewährleistung einer gesicherten Wasserversorgung ist eine herausfordernde, aber auch spannende Aufgabe. Davon kann Luzian Sulzmann berichten, der Wassermeister der Stadt Hüfingen, der seit über 20 Jahren die Wasserversorgung seiner Stadt betreut. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern sorgt er dafür, dass bei den Hüfingern stets Trinkwasser in einer ausgezeichneten Qualität aus dem Hahn kommt. „Als ich vor 20 Jahren in den Bereich der Wasserversorgung kam, konnte ich mir nicht vorstellen, welche aufwändige Infrastruktur und wie viel Arbeit dahintersteckt, bis das Wasser aus dem Wasserhahn kommt“, so Luzian Sulzmann.

Die Stadt Hüfingen ist in Sachen Wasserversorgung weitsichtig unterwegs. Vor ca. 15 Jahren hat die Stadt viel Geld in die Hand genommen, um beispielsweise den Hochbehälter Schosen zu bauen. Das 80 km lange Rohrnetz wird fortlaufend jedes Jahr erneuert und die Schieber und

 


Bauwerke werden regelmäßig kontrolliert und gewartet. So kommt es, dass Hüfingen mit nur fünf bis zehn Rohrbrüchen im Jahr eine recht gute Bilanz aufweisen kann. Trotzdem ist Erfahrung im Falle eines Rohrbruches besonders wertvoll – Wassermeister Sulzmann kennt sein Gebiet gut und weiß genau, wo die unterirdischen Leitungen verlaufen. So wird man in der Regel auf der Suche nach der Bruchstelle schnell fündig und kann rasch handeln, damit die Bürger möglichst nur für kurze Zeit ohne Wasser auskommen müssen.

Als Wassermeister trägt man nicht nur Sorge, dass das Wasser von A nach B fließt und in jedem Haus ausreichend verfügbar ist. Auch die Qualität des Trinkwassers liegt in der Verantwortung von Luzian Sulzmann. In Hüfingen hat das Wasser, so wie es aus den Tiefbrunnen gefördert wird, Trinkwasserqualität. Bei den Schächerquellen in Fürstenberg wurde zudem eine Ultrafiltrationsanlage eingerichtet. Entscheidender noch als die Aufbereitungsanlagen ist jedoch, dass in den Wasserschutzgebieten alles ordnungsgemäß ist. Die Schutzzonen werden daher alle vier Wochen von Mitarbeitern des Wasserwerks abgefahren. Und auch der enge Kontakt mit den dortigen Landwirten ist für ein sauberes Wasser wichtig.

Bisher gab es aufgrund von Trockenheit noch keine Probleme im Versorgungsgebiet von Hüfingen. Selbst im sehr trockenen Jahr 2018 sind die Schafäcker-Brunnen nur um 1,5 m tiefer abgesunken, als üblich. Durch Versuche weiß man aber, dass auch bei 4,5 m unter dem üblichen Maß noch ausreichend Trinkwasser gefördert werden kann. Hüfingen befindet sich somit in der glücklichen Lage, über einen großen Trinkwasservorrat zu verfügen.

Beruf und Berufung zugleich

Im Gespräch wird klar – das ist kein normaler Job, sondern ein Beruf, der auch das private Leben prägt. Um die sichere und problemfreie Versorgung mit Trinkwasser zu gewährleisten hat das Wasserwerk einen Bereitschaftsdienst eingerichtet. Doch auch außerhalb der Arbeit hat Luzian Sulzmann die Wasserversorgunganlagen im Blick, wenn er privat mit dem Mountainbike durch sein Zuständigkeitsgebiet fährt.

Der Hüfinger Wassermeister Luzian Sulzmann im Hochbehälter Schosen.

Ihm ist ein sorgsamer Umgang mit Wasser wichtig, wie auch mit allen anderen Ressourcen. Auch die Bürger dafür zu sensibilisieren versteht er als Teil seines Berufs. Die Besichtigung der Trinkwasserhochbehälter mit Schulen und beim Ferienprogramm sieht er deshalb als wichtigen Teil seiner Arbeit an. Die Arbeit mit Kindern bereichert auch den Berufsalltag.

Den Beruf des Wassermeisters würde er jederzeit wieder ergreifen. Für die Zukunft hat er zwei wichtige Anliegen: Zum einen muss die Wasserversorgung in der öffentlichen Hand

 

 

bleiben, da nur so sichergestellt werden kann, dass die Anlagen dauerhaft fachmännisch betreut und mit guter Qualität erhalten bleiben. Und zum anderen ist es ihm wichtig, die Arbeit im Wasserwerk attraktiv zu halten. „Wer sich heute für die Ausbildung zur „Fachkraft für Wasserversorgung“ entscheidet, den erwartet ein vielfältiges und verantwortungsvolles Aufgabenfeld zum Wohle der Mitbürger“, so Luzian Sulzmann.

Wie viel Wasser haben wir denn?

Das sogenannte Wasserdargebot, also wie viel Wasser im Untergrund zur Verfügung steht, ist im Schwarzwald-Baar-Kreis durchaus unterschiedlich. Der mannigfaltige Wechsel der geologischen Schichten im Landkreis von Westen nach Osten, vom Grundgebirge über Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper und Jura, beeinflusst auch das jeweilige Wasserdargebot der Quellen und Brunnen.

Das kristalline Grundgebirge mit Gneis und Granit im Schwarzwald ist weitgehend wasserundurchlässig. Lediglich an Klüften und Verwerfungen kann sich hier Wasser sammeln und Quellen mit relativ geringer Schüttung bilden. Der Buntsandstein ist zwar durch seinen Aufbau porös, aber so dicht gelagert, dass auch hier nur Quellen mäßiger Schüttung auftreten. Die

Die Beschaffenheit des Trinkwassers und sein Mineralgehalt hängen in erster Linie von den lokalen Gesteinen und dem Bodenaufbau ab. Denn auf seinem Weg durch verschiedene Erd- und Gesteinsschichten löst das Wasser auch die dort vorhandenen wertvollen Mineralien wie Calcium und Magnesium aus.

 

 

mittlere Wasserschüttung der Quellen in diesen Gebieten liegt bei ca. 5 – 10 l/s.

Der Muschelkalk im Bereich der Baar ist stark verkarstet, weist also große Hohlräume auf und hat relativ große Einzugsgebiete. Karst-quellen im Landkreis sind u.a. die Gutterquelle in Donaueschingen und die Keckquelle in Villingen-Schwenningen bzw. Deißlingen. Dabei handelt es sich um Karstquellen mit einem größeren Einzugsgebiet, die mit Entnahmemengen von maximal 70 bzw. 150 l/s für die Trinkwasserversorgung genutzt werden. Im Bereich des Keupers und Juras ist das Wasserdargebot dann insgesamt wieder eher gering.

Wie hoch ist unser Wasserverbrauch?

Für die öffentliche Trinkwasserversorgung im Schwarzwald-Baar-Kreis, d.h. für rd. 209.000 Konsumenten einschließlich Industrie- und Gewerbebetriebe, werden jährlich etwa 11 Millionen Kubikmeter Wasser benötigt. Der mittlere Pro-Kopf-Verbrauch von rund 110 Liter pro Einwohner und Tag liegt unter dem Bundesdurchschnitt eher im sparsamen Bereich. Bekanntermaßen nutzen wir unser kostbares Trinkwasser nur zu einem geringen Anteil (ca. vier Liter) zum Trinken oder Kochen. Große Anteile werden für die Toilettenspülung und das Duschen oder Baden (jeweils ca. 35-40 Liter), der Rest für Wäsche, Spülen, Putzen usw. verwendet. Im Vergleich zu anderen Ländern ist unser Wasserverbrauch insgesamt eher gering. Spannenderweise ist dieser direkte Wasserverbrauch jedoch nur ein geringer Anteil unseres tatsächlichen Wasserverbrauchs. Denn auch die Produktion der Waren, die wir täglich benutzen, vom Mikrochip bis zur Tasse Kaffee, verbraucht eine Menge Wasser. Dieser sogenannte „virtuelle oder indirekte Wasserverbrauch“

Baar – Gäuplatten

Grundgebirge Buntsandstein Unterer MuschelkalkMittlerer Muschelkalk Oberer Muschelkalk ca. 880 m + NN ca. 700 m + NN ca. 770 m + NN Quelle: ahu AG

Reinstes Trinkwasser wie hier aus der Neukircher Rösslequelle kann mit jedem Mineralwasser mithalten.

 

 

liegt bei rund 4.000 Liter pro Einwohner und Tag – aber dies ist ein anderes Thema.

Trinkwasser aus dem Supermarkt oder dem Wasserhahn – Wie gut ist unser Trinkwasser?

Trinkwasser ist das Lebensmittel, das am strengsten überwacht wird und das gerade hier im Schwarzwald-Baar-Kreis mit hoher Qualität zur Verfügung steht. Dennoch nutzen wir das Wasser aus dem Wasserhahn in vielen Fällen nicht direkt, sondern vertrauen auf das Wasser aus dem Supermarkt. In puncto Reinheit, aber auch in der Zusammensetzung mit Mineralien, kann das Wasser aus dem Hahn hier bei uns mit Wasser aus dem Supermarkt gut mithalten. Ein Tipp: Vergleichen Sie mal die mineralische Zusammensetzung Ihres Leitungswassers mit dem herkömmlichen Tafelwasser aus dem Supermarkt! Informationen über die Zusammensetzung des Leitungswassers erhalten Sie bei Ihrer Gemeinde.

Die Beschaffenheit des Trinkwassers und sein Mineralgehalt hängen in erster Linie von den lokalen Gesteinen und dem Bodenaufbau ab. Denn auf seinem Weg durch verschiedene Erd- und Gesteinsschichten löst das Wasser auch die dort vorhandenen wertvollen Mineralien wie Calcium und Magnesium aus. So kommt es aufgrund der unterschiedlichen Geologie im Landkreis, dass es je nachdem, ob man beispielsweise in Schonach oder in Bad Dürrheim den Wasserhahn aufdreht, Wasser in einer unterschiedlichen mineralischen Zusammensetzung zutage kommt. Das Leitungswasser in Schonach hat beispielsweise einen Calciumgehalt von 13,1 mg/l, während das Trinkwasser in Bad Dürrheim einen Calciumgehalt

Riedbaar Baar – Albvorland Baaralb

ca. 890 m + NN

MittelkeuperUnterkeuper Lias (Schwarzer Jura) Ölschiefer (Lias) Opalinuston (Dogger) Dogger (Brauner Jura) Malm (Weißer Jura) ca. 680 m + NN ca. 740 m + NN

 

 

von 110 mg/l aufweist. Ein Zeichen dafür, dass sich Calcium im Granitgestein des Schwarzwaldes nicht so leicht löst wie im Kalkgestein auf der Baar. Dementsprechend sind auch die Härtegrade des Wassers in unserer Region sehr unterschiedlich. Im Schwarzwald sind die Quellwässer sehr weich (5°dH) während die Wässer aus den Karstquellen und Brunnen auf der Baar üblicherweise hart (15 – 25 °dH) sind. Wer auf der Suche nach hohen Magnesium-Gehalten ist, wird z.B. in Brigachtal fündig. Dort hat das Wasser einen Magnesium-Anteil von ca. 25 mg/l. Wenig Magnesium im Leitungswasser gibt es hingegen z.B. in Vöhrenbach mit Werten von 2 mg/l. Unabhängig von diesen Unterschieden des Mineralgehaltes im Landkreis weisen die Trinkwässer in allen Gemeinden eine gute Qualität auf und stehen einem Tafelwasser aus dem Supermarkt nicht nach.

Einzelwasserversorgungs-anlagen im Schwarzwald-Baar-Kreis

Nitratgehalt: Unser Grundwasser hat ein langes Gedächtnis

Die Mineralgehalte werden durch die natürliche Geologie des Umlandes bestimmt – andere, weniger wünschenswerte Eigenschaften, wie beispielsweise Schad- oder Düngestoffe, gehen vor allem auf den Eintrag durch den Menschen zurück. Der Boden spielt beim Rückhalt der Schadstoffe eine entscheidende Rolle. Je länger der Weg durch die Bodenpassage, desto mehr Stoffe können an die Bodenpartikel gebunden werden. Aber nicht alle Stoffe können im Boden absorbiert werden. Durch die Versickerung von Niederschlag können sie mit etwas Verzögerung auch in das Grundwasser eindringen. Dort können Schad- und Düngestoffe dann häufig langfristig nachwirken – denn das Grundwasser hat ein „langes Gedächtnis“.

Ein breit diskutiertes Thema ist in diesem Zusammenhang der Nitratgehalt im Grundwasser, der in Folge der Landbewirtschaftung und entsprechenden Düngung erhöht sein kann. Neben den Nitratgehalten steht im Rahmen der Landbewirtschaftung auch das Thema Pflanzenschutzmittel und Verkeimung im Fokus. Landwirte müssen ihre Flächen innerhalb von Wasserschutzgebieten daher entsprechend der Schutzgebiets- und Ausgleichsverordnung (SchALVO) bewirtschaften. Je nach bereits vorhandener Vorbelastung des Grundwassers gibt es Vorgaben zur Mineraldüngung, zur Wirtschaftsdüngerausbringung, zur Bodenbearbeitung und zur Begrünung. Für die wirtschaftlichen Nachteile wird den Landwirten ein Ausgleich gewährt.

Die Landesanstalt für Umwelt, Messung und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) prüft gemeinsam mit den Wasserversorgungsunternehmen in regelmäßigen Abständen die Qualität des Grundwassers, wie beispielsweise die Nitratgehalte. Je nach Nitratgehalt im Rohwasser werden die Wasserschutzgebiete in Normal-, Problem- und Sanierungsgebiete eingestuft. Die Ergebnisse werden auf der Internetseite der LUBW veröffentlicht.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind nur drei Wasserschutzgebiete als Problemgebiet eingestuft. Aber auch in diesen Gebieten übersteigt die Nitratkonzentration nicht den zulässigen Grenzwert von 50 mg/l. Dort liegt die Konzentration entweder über 35 mg/l, oder es hat sich dort

 

 

innerhalb der letzten fünf Jahre eine Tendenz zum Anstieg der Nitratkonzentration von mehr als 0,5 mg/l im Jahr gezeigt. Für die Landbewirtschaftung gibt es in diesen Gebieten zusätzliche Anforderungen. Im Durchschnitt liegt der NitratgehaIt im Landkreis bei ca. 9 mg/l und in vielen Gemeinden deutlich darunter, z.B. in Furtwangen bei 3 mg/l oder in Villingen bei 4 mg/l und damit insgesamt in einem unkritischen Bereich. Dies zu erhalten und in den Gebieten mit erhöhtem Nitratgehalt weiter zu verbessern ist Ziel des regionalen Wasserschutzes. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Schadstoffe, die unsere Ressource Trinkwasser gefährden können. Aktiver Wasserschutz bleibt gerade bei unseren vielfältigen menschlichen Aktivitäten und Stoffen, mit denen wir umgehen, daher eine wichtige Daueraufgabe.

Nicht alle Einwohner sind an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen

Vor allem im Schwarzwald haben auch heute noch viele Höfe und Anwesen im Außenbereich eigene Quellen, um sich direkt mit Trinkwasser zu versorgen. Insgesamt sind rund 1.900 Anwesen nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen – das ist eine echte Besonderheit unserer Region und hat auf manchen Höfen schon eine Jahrhundert alte Tradition. Neben der Versorgung mit Trinkwasser für die Menschen spielt natürlich gerade auch die Versorgung der Hoftiere eine wichtige Rolle.

Rund eine Drittel dieser Anwesen versorgen auch Dritte mit Trinkwasser (Ferienwohnungen, Gaststätten, Milchproduktion usw.). Der Schwerpunkt dieser sogenannten Einzelwasserversorgungsanlagen (EWV) liegt im Bereich des Schwarzwaldes. Auf der Baar gibt es nur sehr wenige nicht angeschlossene Anwesen.

Die Pflege und Unterhaltung dieser Anlagen ist durchaus aufwändig und auch hier müssen vorgegebene Grenzwerte der Trinkwasserversorgung eingehalten werden. Gerade im Schwarzwald ist das Wasser oft sauer. Zum Schutz der Leitungen, und damit keine Schadstoffe in das Trinkwasser gelöst werden, muss das Wasser dort entsäuert werden. Auch die Belastung mit

Vor allem im Schwarzwald haben
auch heute noch viele Höfe und Anwesen im Außenbereich eigene Quellen um sich direkt mit Trinkwasser zu versorgen. Insgesamt sind im Landkreis rund 1.900 Anwesen nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen.

Keimen ist ein Thema, da die privaten Quellen kein eigenes Wasserschutzgebiet haben.

Im Zuge des Klimawandels zeigten sich in den letzten Jahren gerade bei den kleinen privaten Quellen verstärkt Probleme bei der Wasserversorgung. Nach langer Trockenheit kann die Quellschüttung deutlich bis ganz zurückgehen, so dass die eigene Wasserversorgung möglicherweise nicht mehr gewährleistet ist. Die zurückliegenden trockenen Spätjahre 2015, 2016 und insbesondere 2018 haben diese Problemlage mit entsprechenden Versorgungsengpässen bei den Einzelwasserversorgern vor Augen geführt. Hier müssen im Zeichen des Klimawandels Konzepte zur Versorgungssicherheit (Anschlussoptionen an die öffentliche Wasserversorgung, Notwasserversorgung) entwickelt werden.

Aber natürlich ist es insgesamt etwas Besonderes sich selbst mit eigenem Quellwasser zu versorgen, damit das „eigene“ Wasser zu genießen und unabhängig zu sein. Hiervon weiß auch die Familie Graf vom Deckerhof in St. Georgen-Brigach zu berichten. Der „alten“ Wasserquelle ist es sicherlich zu verdanken, dass der Hof im Jahr 1860 überhaupt erst errichtet werden konnte. Diese alte Quelle bringt seit jeher den Hauptanteil des benötigten Trinkwassers und ist noch nie trockengefallen.

Bernd Graf hat für die Abflussmessung ein ganz eigenes System. Nur einen halben kleinen Finger breit rann im Hitzesommer 2003 das Wasser aus der Quelle – das entspricht ca. 700 l/Tag. Für seine 15 Rinder, drei Pferde, zwei

 

 

Ziegen und die bis zu zehn Personen auf dem Hof benötigt er jedoch mindestens 1.000 l/Tag. Daher wurde schon im Jahr nach dem trockenen Sommer 2003 nach einer weiteren Wasserquelle gesucht. Mithilfe eines Wünschelrutengängers wurde man damals auch fündig! Eine weitere, ebenso ergiebige Quelle konnte jedoch nicht gefunden werden. Seither fasst man auf dem Hof zusätzlich über einen Drainageschlitz auch Schichtwasser und stockt somit das Eigenwasservorkommen auf. Um sich etwas Vorrat zu schaffen hat die Familie Graf außerdem einen unterirdischen Reservebehälter angeschafft und kann seither 5 m³ Wasser zwischenspeichern. 2018 ging dann alles glatt – aber auch Bernd Graf hatte Sorge, wie sich die Versorgungssituation entwickelt hätte, wenn es weiterhin trocken geblieben wäre.

Da das Grundwasser in seinem Einzugsgebiet sauer ist, muss es Bernd Graf vor der Verwendung noch kalken. Außerdem hat sich die Familie eine Ultrafiltrationsanlage angeschafft, um Keimbelastungen des Trinkwassers zu verhindern und fühlt sich seither auch für mögliche mikrobielle Verunreinigungen gut gerüstet. Einmal im Jahr wird das Trinkwasser vom Gesundheitsamt untersucht. Dies ist notwendig, da die Familie Graf auch Gäste in ihrer Ferienwohnung beherbergt und das Wasser somit nicht nur selbst verwendet.

Sein eigenes Wasser schmeckt Bernd Graf so gut, dass er sich jeden Tag eine Trinkflasche davon mit zur Arbeit nach St. Georgen nimmt. Dass dies so bleibt und sich im Zeichen des Klimawandels auch die nachfolgenden Generationen des Hofes eigenständig mit dem „Hofwasser“ versorgen können, wünscht sich die Familie Graf.

Bernd Graf aus St. Georgen-Brigach versorgt sich, seine Familie und seine Tiere mit eigenem Quellwasser.

Viele Höfe und Anwesen im Außenbereich haben auch heute noch eigene Quellen – hier der Deckerhof der Familie Graf in St. Georgen-Brigach.

 

 

Die Veränderung des Wasserdargebotes ist überall im Landkreis spürbar: Links die Herstellung einer Verbundleitung vom wasserreichen Katzensteigtal in Furtwangen nach Schönwald. Rechts die Bohrung des Ersatzwasserbrunnens für die Wasserversorgung Donaueschingen im Sommer 2019.

Was kommt im Rahmen des Klimawandels auf uns zu?

Nicht nur bei den kleinen „Hofquellen“ sind die Veränderungen des Wasserdargebotes im Rahmen des Klimawandels zu spüren. Die lange Trockenheit 2018 hatte auch so manche öffentliche Wasserversorgung vor Probleme gestellt und nur mit etwas Glück und den dann einsetzenden Niederschlägen konnte im Jahr 2018 in einigen Schwarzwaldgemeinden ein Versorgungsengpass umgangen werden. Der Bau von Verbundleitungen hilft, dieses Problem zu entschärfen.

Eine aktuelle Untersuchung zum Klimawandel und der Veränderung des Wasserdargebotes im Schwarzwald-Baar-Kreis (KLIMOPASS – Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg, 2018) zeigt auf, dass bei den Quellen im Schwarzwald die mittleren Schüttungen (< 10 l/s) in den vergangenen Jahrzehnten zwar keine größeren Rückgänge verzeichnen (max. -10 % seit 1955), jedoch oftmals deutliche Einbußen bei den ohnehin relativ geringen Mindestschüttungen der Quellen nach langer Trockenheit zu verzeichnen sind. Die minimalen Quellschüttungen sind für die Trinkwasserversorgung besonders relevant, da sie im Spätsommer bei zum Teil sehr hohem Wasserbedarf auftreten.

Bei den Karstquellen und Tiefbrunnen auf der Baar weisen die langjährigen Daten zu

 

 

den Wasserständen nicht auf ein sinkendes Grundwasserdargebot im Schwarzwald-Baar-Kreis hin. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass das Betrachtungsgebiet bisher relativ niederschlagsreich ist. Nach den Klimaprognosen muss überregional auch mit sinkenden Grundwasserdargeboten gerechnet werden (LUBW 2017), d.h. auch dieses Wasserdargebot sollte bei sich verändertem Niederschlagsverhalten beobachtet werden.

Für die weitere Planung der Wasserversorgung wird im Abschlussbericht zum Projekt zusammengefasst empfohlen, bei den Schwarzwaldquellen in den nächsten Jahren mit einem weiteren Rückgang der Mindestschüttung von bis zu 50 % zu rechnen, bei den Karstquellen mit bis zu 25 %. Bei den tiefen Grundwasserbrunnen auf der Baar wird aufgrund des heute großen Wasserdargebotes zunächst nicht von einer wesentlichen Verschlechterung ausgegangen. In allen Bereichen sollte das Wasserdargebot jedoch durch Messungen der Quellschüttungen und der Wasserstände überwacht und in Bezug auf deren langfristige Änderung bewertet werden.

Im Hinblick auf den Klimawandel und die Versorgungssicherheit rät der Abschlussbericht verstärkt Überlegungen zu Verbundleitungen zwischen den einzelnen Gemeinden aufzubauen oder ggf. „zweite Standbeine“ in Form von Ersatzbrunnen in den Blick zu nehmen, um in Zeiten mit engem Wasserangebot alternative Versorgungen zu ermöglichen.

Auch mikrobiologische Belastungen denkbar

Neben der Versorgungssicherheit muss vor allem bei den Einzugsgebieten mit flachgründigen Quellen, d.h. Quellen ohne ausreichende Schutzüberdeckung über dem Grundwasser, im Zuge des Klimawandels auch mit Verschlechterung der Wasserqualität gerechnet werden. Infolge langer Trockenheit (hier entstehen Bodenrisse, durch die Niederschlagswasser ohne Filtration direkt in das Grundwasser gelangt) und durch Starkregenereignisse kann es zu Trübungen und mikrobiologischen Belastungen der Quellen und Brunnen kommen. Hier sind unter Umständen in Zukunft nicht unerhebliche

Bei den Schwarzwaldquellen soll die Mindestschüttung aufgrund des Klimawandels um bis zu 50 % zurückgehen. Die wasserreiche Baar scheint nicht betroffen.

Finanzmittel für die Verbesserung der Aufbereitungstechnik notwendig.

Von Veränderungen im Rahmen des Klimawandels kann auch die aquavilla GmbH in St. Georgen berichten, die für eine Vielzahl der Schwarzwaldgemeinden im Landkreis die Wasserversorgung organisiert und unterhält. „Die Veränderungen im Rahmen des Klimawandels stellen uns vor große Herausforderungen“, so Michael Dold Geschäftsführer der aquavilla GmbH in St. Georgen. „Die vergangenen Sommer haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, gerade im Schwarzwald Verbundleitungen zwischen den einzelnen Kommunen zu bauen und auch Außenbereiche mit noch vorhandenen Eigenwasserversorgungen an die öffentliche Wasserversorgung anzuschließen. Hätten wir nicht vorsorglich in den letzten Jahren beispielsweise den Verbund von Furtwangen nach Schönwald und Schonach aufgebaut, so wäre es im Jahr 2018 für die öffentliche Wasserversorgung in einigen Bereichen eng geworden. Durch die Verbundleitungen konnten sich die Gemeinden gegenseitig aushelfen.“

All dies zeigt, dass uns Trinkwasser zu jeder Zeit in bester Qualität zur Verfügung steht. Selbstverständlich ist das keinesfalls. Denken wir doch daran, wenn wir das nächste Mal den Wasserhahn öffnen und einen guten Schluck Trinkwasser aus den Quellen und Brunnen unseres Landkreises genießen.

Messung des Grundwasserstandes durch eine Mitarbeiterin des Landratsamtes Schwarzwald-Baar.

 

 

An der Digitalisierung kommt niemand (mehr) vorbei

Vergleichbar mit dem Wandel, den die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert einläutete, verändert jetzt die Digitalisierung unseren Alltag – und zwar gewaltig. Wo der Einkaufszettel früher auf dem Notizblock aufgeschrieben wurde, wird heute oftmals in einer App auf dem Smartphone notiert, dass in Kühlschrank und Speisekammer Joghurt, Butter und Nudeln fehlen. Und alle Familienmitglieder können darauf zugreifen, damit nichts doppelt gekauft wird. Im Supermarkt wird zugleich der Bestand an Joghurt, Butter und Nudeln digital kontrolliert und automatisch die Nachbestellung beim Großhändler auf den Weg gebracht. Wurde mit Cousine Anna in den USA noch vor einigen Jahren ab und zu mal zu einem horrenden Minutenpreis telefoniert, findet heute kurzerhand mit Hilfe von Skype oder Facetime ein kostenloses Videotelefonat über das Internet statt. Das Jahrbuch Almanach wendet sich aus unterschiedlichen Perspektiven in drei Beiträgen dem digitalen Wandel zu.

Aus dem Kreisgeschehen

 

 

Digitaler Wandel: Segen oder Fluch?

Der fortschreitenden Digitalisierung kann sich niemand entziehen. Aber wo bringt der Fortschritt für die Gesellschaft einen Mehrwert – und wo muss man aufpassen? Wie wandelt die Digitalisierung die Gesellschaft und wie bereitet sich die nachfolgende Generation darauf vor?

 

 

von Roland Sprich

Digitalisierung ist das Schlagwort des 21. Jahrhunderts. Wo im 19. Jahrhundert der Begriff Elektrifizierung eine neue Stufe der industriellen Revolution kennzeichnete, beschreibt das Wort Digitalisierung im 21. Jahrhundert eine neue Entwicklungsstufe. Die Menschen setzen Hoffnungen und Erwartungen in die Digitalisierung, hegen aber auch Sorgen und Ängste. Ist dieser Fortschritt ein Segen oder ein Fluch für die Gesellschaft? Und wie wird die nachfolgende Generation auf diese Entwicklung vorbereitet?

Fakt ist, der digitale Wandel hat viele Facetten, und niemand kommt an ihm vorbei. Sich der fortschreitenden Digitalisierung entziehen zu wollen ist, als ob man sich seinerzeit der Erfindung des Telefons oder des elektrischen Lichts verschlossen hätte. Die Digitalisierung hat längst in allen Lebensbereichen Einzug gehalten. Ob bei der Arbeit oder zu Hause, im Finanz- und im Gesundheitswesen. Dank Smarthome schaltet das Licht automatisch ein, der Kühlschrank bestellt eigenständig fehlende Lebensmittel nach, der Rasenmäher erkennt, wann das Gras zu hoch ist und rattert selbstständig los. Was für die ältere Generation manchmal wie ein Spuk erscheint, ist für junge Menschen ganz normal. Für Banküberweisungen aus dem Haus gehen? Pah! Mit wenigen Klicks per Onlinebanking erledigt. Für den Urlaub Ferienkataloge wälzen und im Reisebüro buchen? Von wegen. Einfach Wunschziel eingeben, Internetsuchmaschinen finden das passende Angebot und erledigen den Rest.

Der neueste Hit wird aus dem Internet downgeloadet, die Musik-CD ereilt bereits das gleiche Schicksal wie seinerzeit die Schallplatte. Sie wird wohl über kurz oder lang aussterben. Aber ist das der digitale Wandel oder ist das lediglich die Nutzung des technischen Fortschritts? Und wo wandelt die Digitalisierung die Gesellschaft? Um das heraus zu finden, stellt das Land Baden-Württemberg im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie 3,2 Millionen Euro für Forschungsprojekte zur Verfügung. So sollen der Einfluss und die Folgen der Digitalisierung auf die Gesellschaft wissenschaftlich untersucht werden.

Eines der beiden geförderten Forschungsprojekte ist an der Hochschule Furtwangen (HFU) angesiedelt und wird von Stefan Selke geleitet, Forschungsprofessor für Transformative und Öffentliche Wissenschaft. Zusammen mit Partnern an der Hochschule der Medien und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg will Professor Selke beispielsweise herausfinden, wie die Digitalisierung gesellschaftliche Werte verändert und wo die Chancen, vor allem aber auch die Gefahren der Digitalisierung liegen.

Prof. Dr. Stefan Selke lehrt Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule Furtwangen. Er ist Forschungsprofessor für Transformative und Öffentliche Wissenschaft sowie Visiting Professor an der University of Huddersfield (UK). Selke studierte Luft- und Raumfahrttechnik und promovierte in Soziologie.

Im Auftrag von Bundes- und Landesministerien leitet Selke gegenwär

tig drei Forschungsprojekte zum digitalen Wandel der Gesellschaft. Als disziplinärer Grenzgänger ist Selke als Redner, Buchautor und Blogger sowie Interview- und Gesprächspartner auch außerhalb der Wissenschaft präsent. Selke versteht sich als öffentlicher Soziologe mit Passion, der Positionen und Haltung zu gesellschaftlich umstrittenen Themen entwickelt.

Seine aktuellen Forschungsthemen sind Digitalisierung, Utopien sowie die Besiedlung des Weltraums.

 

 

Vor allem kultureller Wandel

„Der digitale Wandel ist vor allem ein kultureller Wandel“, stellt Stefan Selke klar, denn der Begriff umfasst keineswegs ausschließlich technische Entwicklungen, sondern schreibt sich tief in Leben und Alltag der Menschen ein. Der digitale Wandel bringt unter dem Strich einen zivilisatorischen Umbruch. Hier gelte es, Wissenschaft und Bürger zusammenzubringen und deren Hoffnungen, Ängste und Sorgen ernst zu nehmen und mit einzubeziehen. „Die Wissenschaft muss Brücken bauen und Dialoge ermöglichen“, so Selke.

Eines seiner Forschungsthemen ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Im Fokus stehen Menschen, die mit Fitnessarmbändern, so genannten Trackern, Daten über sich aufzeichnen wie Schrittzahl, Herzfrequenz, Blutdruck, Puls, Kalorienverbrauch oder Schlafverhalten. Selke erforscht die Motive, die Menschen dazu veranlassen, diese Daten über sich zu sammeln und vor allem, von sich preiszugeben. „Das ist für die Menschen zunächst natürlich interessant, weil die Daten auf die Maßstabsebene des eigenen Körpers bezogen sind. Und das suggeriert zunächst eine attraktive Kontrollmöglichkeit.“

Allerdings kann das kollektive Sammeln von ichbezogenen Daten ungeahnte Auswirkungen auf das Zusammenleben haben. „Wenn die Datenspuren vieler Menschen zu einem Index zusammengefasst und ausgewertet werden, macht dies die Menschen vergleichbar. Der algorithmische Blick stellt Unterschiede deutlich heraus.“ Wer dem Index nicht entspricht, fällt auf und möglicherweise durch das Raster. Dies könnten sich beispielsweise Arbeitgeber und Krankenkassen zunutze machen. „Passt dieser Mitarbeiter in unser Unternehmen, leistet er genug?

Die Antworten, die daraus resultieren, können für den Einzelnen fatal sein und das Solidaritätsprinzip schnell ins Wanken bringen“, macht Selke deutlich, auf welch zivilisatorisch dünnem Eis wir alle stehen. Der Wissenschaftler warnt davor, alle zivilisatorischen Erkenntnisse, die sich die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten angeeignet haben, über Bord zu werfen. Er nennt dies zusammenfassend „digitale Ethik“ und sagt; „Der neue digitale Gesellschaftsvertrag muss un-

Wenn die Datenspuren vieler Menschen zu einem

Index zusammengefasst und ausgewertet werden, macht dies die Menschen vergleichbar.

ter Beteiligung aller ausgehandelt werden. Das ist hochpolitisch.“

430 Euro pro Schulkind aus dem Digitalpakt

Den Kompetenzerwerb im Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten, deren sinnvoller Einsatz, den verantwortungsbewussten Umgang damit und erkennen, wo die Gefahren sind, muss man lernen. Und damit kann man nicht früh genug beginnen. Deshalb hält die Digitalisierung auch an den Schulen Einzug. Klaus Kuhnt ist Leiter des Kreismedienzentrums des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er erläutert, wie die Schulen im Landkreis auf die technologischen Herausforderungen reagieren. Und weshalb das digitale Klassenzimmer lediglich eine Ergänzung, aber kein Ersatz für das analoge Lernen sein kann. „Die Einführung des digitalen Lernens ist für die Schulen eine gehörige Aufgabe“, sagt er. Die Förderrichtlinie des vom Kultusministerium beschlossenen Digitalpakts sieht vor, dass Schulträger innerhalb der nächsten Jahre pro Schulkind 430 Euro aus dem Digitalpakt abrufen können, um ihre Schulen für die Digitalisierung auszustatten. Bis 2022 müssen die Anträge eingereicht sein, bis 2024 muss das Geld ausgegeben und abgerechnet sein.

„Dieses Geld ist vor allem dazu da, die technische Infrastruktur auf den Weg zu bringen“, wie Kuhnt sagt. Hierfür sollen 80 Prozent des Budgets verwendet werden. Beispielsweise, um den Breitbandausbau weiter voranzutreiben oder zusätzliche Klassenräume zu bauen. „Hier hat sich schon viel getan, es ist aber auch noch viel zu tun.“ Es reiche nicht, den Schülern einfach einen Tabletcomputer zur Verfügung zu stellen.“ Zumal diese Minicomputer „keine eierlegenden Wollmilchsäue sind“, wie er betont.

 

 

Das Kreismedienzentrum berät die Schulen hierbei nicht nur auf methodischer Ebene, sondern unterstützt sie auch bei der technischen Rahmenplanung und Konzeption. So können die Klassenräume mit modernsten Lernmitteln ausgestattet werden. Wo früher Tageslichtprojektoren Folienbilder an der Wand zeigten, können Lehrer heute ihre Tafelbilder an interaktiven Whiteboards zeichnen.

Lernen auf verschiedenen Ebenen

Klaus Kuhnt stellt zudem deutliche Unterschiede fest, wie die Schulen sich dem Thema Digitalisierung nähern. „Manche Schulen sind bereits mit Freude dabei, andere noch nicht.“ Als ein positives Beispiel hierbei nennt Kuhnt die Schellenberger Schule in Hausen vor Wald. Für den Leiter des Kreismedienzentrums ist es keine Frage, dass die Digitalisierung eine neue Kultur in der Art der Wissensaneignung darstellt. Er möchte das digitale Lernen jedoch keinesfalls als alleiniges Wundermittel verstanden wissen. „Sondern als eines von mehreren Werkzeugen, das nicht im Mittelpunkt steht.“ Lernen sollte immer parallel auf unterschiedlichen Kanälen stattfinden.

Eine der Schulen, die in Sachen digitales Klassenzimmer seit einigen Jahren Vorreiter ist, ist das Thomas-Strittmatter-Gymnasium

Im Cyber-Classroom können Schüler mit VR-Technologien in virtuelle Welten eintauchen.

in St. Georgen. Hier gibt es schon länger einen Cyber-Classroom. Schüler können mit Virtual Reality-Technologien in künstliche Welten eintauchen. Das, was dem menschlichen Auge sonst verborgen bleibt, kann so sicht- und erlebbar gemacht werden. Verschiedene Lernmodule aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Biologie, Physik und Mathematik stehen zur Verfügung. Beispielsweise, wie das menschliche Ohr funktioniert, ein Herz schlägt oder magnetische Felder aussehen.

Der Cyber-Classroom wurde in Kooperation mit Fach- und Didaktikexperten des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums und des Fürstenberg-Gymnasiums in Donaueschingen von der imsimity GmbH aus St. Georgen entwickelt. Inzwischen gibt es verschiedene Versionen auch für Berufs- und Hochschulen.

Man sieht, der digitale Wandel ist ein weit gefächertes Feld, mit zahlreichen Ansatzpunkten und Aspekten, die sowohl das Für als auch das Wider spiegeln. Und er verändert die Gesellschaft, ob man das will oder nicht. Aber es liegt an jedem Einzelnen, ob sich dieser Wandel zum Wohl der Gesellschaft vollzieht.

 

 

Smart Home – Intelligentes Zuhause

Wenn der 90-jährige Herr Maier nachts zur Toilette muss, braucht er nicht mehr lange nach dem Lichtschalter suchen: Eine Matte auf dem Boden vor seinem Bett registriert, dass er aufgestanden ist und schaltet das Licht automatisch ein. Seine Enkelin freut sich hingegen, dass sie nicht mehr ständig wegen nicht zugestellter Pakete in der Postfiliale Schlange stehen muss: Klingelt der Paketbote vergeblich an der Tür, kann sie ihm von ihrem Schreibtisch im Büro aus über ihr Smartphone die Haustür für eine kurze Zeitspanne öffnen, damit er das Paket abstellen kann. Und sollte wieder einmal die Waschmaschine kaputt gehen und den Keller unter Wasser setzen, weiß sie auch gleich Bescheid: Im ganzen Haus verteilte LED-Lämpchen leuchten blau auf und die Sprachassistentin meldet: „Ich habe einen Wasseraustritt im Keller registriert und den Stromkreis sicherheitshalber unterbrochen.“

von Nathalie Göbel

Was wie Science-Fiction klingt, ist längst machbar: Smart Home heißt das Stichwort, was übersetzt etwa so viel wie „intelligentes Zuhause“ bedeutet. Vernetzte und fernsteuerbare Verfahren und Systeme, mit denen Wohn-, Lebensqualität und Sicherheit erhöht werden und die im Idealfall auch noch helfen, Energiekosten zu senken.

 

 

Doch wie gelangt die moderne Technik zum Verbraucher? Und woher erfahren Entwickler, was auf dem Markt gefragt ist? Vernetzung lautet die Antwort – und genau das hat sich der 2016 gegründete Verein „Smart Home & Living Baden-Württemberg e.V.“ auf die Fahnen geschrieben, an dem die Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e.V. maßgeblich beteiligt ist und die mit dem Informatiker Dr. Christoph Rathfelder den stellvertretenden Vorsitzenden stellt.

Dr. Christoph Rathfelder hat am Tisch im smarten Wohnwagen Platz genommen. Auf dem Bildschirm hat der promovierte Informatiker alle Funktionen, die das mobile Heim zu bieten hat, im Blick.

Die App zum Smart Home erlaubt eine komfortable Steuerung des intelligenten Zuhauses.

Im Verein sind verschiedene Einrichtungen und Unternehmen engagiert. Die einen decken die technische Seite ab, die anderen wiederum haben den Kontakt zum Endverbraucher, so etwa Pflegedienste oder Handwerker. Denn: Im Bereich Smart Home steckt ein enormes Marktpotenzial für Unternehmen und damit auch für Arbeitgeber in Baden-Württemberg. Dieses will man nutzbar machen, indem die Bedürfnisse der Menschen mit den technischen Errungenschaften verknüpft werden.

Oder wie es Bastian Inthasane ausdrückt: „Wir wollen in allen relevanten Bereichen die Mehrwerte zeigen.“ Der 34-Jährige ist bei Hahn-Schickard als Transfermanager angestellt und zusätzlich im „Smart Home & Living“-Verein als Geschäftsstellenleiter tätig. „Natürlich gibt es viele technische Spielereien“, sagt Dr. Christoph Rathfelder, „Lampen, die ihre Farbe wechseln oder den Sonnenaufgang simulieren. Aber darum geht es bei uns nicht.“

Mehrwert lautet das Stichwort

Bei den einen können Smart Home-Lösungen den Lebenskomfort erhöhen – etwa, wenn die Heizung schon auf dem Heimweg von der Arbeit auf Wohlfühltemperatur schaltet, bei den anderen im Extremfall sogar Leben retten – etwa die automatische Herdabschaltung, die verhindert, dass der demente Senior seine Wohnung versehentlich in Brand setzt. „So etwas bekommt man beispielsweise schon für rund 300 Euro“, sagt Bastian Inthasane.

Nach oben gibt es freilich kaum Grenzen – theoretisch lässt sich jeder Raum eines Hauses

 

 

mit smarten Lösungen von A bis Z ausstatten. „Machbar ist grundsätzlich fast alles“, sagt Dr. Christoph Rathfelder. Und fügt hinzu: „Aber uns geht es um den Nutzen.“

Diesen Nutzwert konkret erleben kann man seit April im smarten Caravan, kurz „SmaC“ genannt, an dem der Verein mitbeteiligt ist, welcher finanziell vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg unterstützt wird und der auf dem Gelände der Hahn-Schickard-Gesellschaft unweit des Schwarzwald-Baar-Klinikums logiert. Der Wohnwagen ist dabei mobiler Showroom und Testlabor zugleich. Zum einen für die Vereinsmit-

Bastian Inthasane (links) und Dr. Christoph Rathfelder vor dem SmaC. Der Wohnwagen, schon von Haus aus mit vielen smarten Annehmlichkeiten ausgestattet, ist bei Hahn-Schickard Showroom und Testlabor zugleich.

„Machbar ist grundsätzlich fast alles“,
sagt Dr. Christoph Rathfelder. Und fügt hinzu: „Aber uns geht es um den Nutzen.“

glieder von Smart Home & Living Baden-Württemberg selbst, die darin neue Entwicklungen verbauen und testen können; zum anderen kann er von den Mitgliedern kostenlos ausgeliehen und auf Fach-, oder Verbrauchermessen gezeigt werden. Dort können die Besucher dann live erleben, welche Möglichkeiten moderne Haustechnik bieten kann.

Vernetzte Technik auf kleinstem Raum

Was von außen wie ein normaler moderner Wohnwagen wirkt, entpuppt sich beim Betreten als intelligentes Zuhause auf kleinstem Raum.

 

 

Verschiedene technische Vorrichtungen vermitteln einen Eindruck davon, wie Wohnen in der Zukunft aussehen kann und wird. „Willkommen, du bist jetzt zu Hause“, verkündet Alexa. Die virtuelle Assistentin aus dem Hause Amazon dient als Sprachausgabe für die im Caravan verbauten Systeme, sind doch nicht alle mit bloßem Auge sichtbar. Beispielsweise winzige Sensoren, mit denen die Qualität der Raumluft erfasst wird. Alexa sagt, was Sache ist: „Der CO2-Wert liegt im mittleren Bereich. Es sollte gelüftet werden.“

Bei dem Wohnwagen hat sich der Verein für ein Modell des Herstellers „Hobby“ entschieden, in dem schon einige smarte Vorrichtungen von Werk aus vorinstalliert sind.

„Hobby ist in Sachen vernetzter Technik schon relativ weit. Zum Beispiel ist die Klimaanlage vom Handy aus steuerbar, sodass man noch am Strand dafür sorgen kann, dass der Wohnwagen bei der Rückkehr angenehm kühl ist“, sagt Dr. Christoph Rathfelder. Damit war das Gefährt ein idealer Kandidat, um zum Showroom ausgebaut und mit noch mehr vernetzter und intelligenter Technik bestückt zu werden. Oder wie Rathfelder ganz unprätentiös sagt: „Wir basteln drumherum.“

Verschiedene Varianten smarter Lösungen sind in der Schaltzentrale verbaut, verborgen in einem Einbauschrank: Sowohl über Funk als auch über Kabel und Internet lassen sich die einzelnen Helfer steuern.

„Intelligent ist, wenn man einen Schritt weniger gehen muss.“

„Wir möchten die Systeme zusammenbringen“, verdeutlicht Dr. Christoph Rathfelder ein Ziel des Vereins, „verschiedene Lösungen in Kombination bringen noch mehr Mehrwert.“ Oder wie Bastian Inthasane es ausdrückt: „Intelligent ist, wenn man einen Schritt weniger gehen muss.“ Als Beispiel nennt er den Hausnotruf, ein seit vielen Jahren bewährter Service verschiedener Anbieter. „Hier könnte man über eine Vernetzung mit dem Türöffner die Wohnungstür für eine gewisse Zeit entriegeln, damit beispielsweise nach einem Sturz auch der Rettungsdienst, der keinen Schlüssel hat, hineinkommt.“

Der Wohnwagen des Herstellers Hobby ist schon von Haus aus mit zahlreichen technischen Finessen aus-gestattet. So lässt sich die Klimaanlage beispielsweise über das Smartphone steuern.

 

 

Bastian Inthasane zeigt das „Auge“: Der Bewegungs-melder hat rund um den SmaC alles im Blick und meldet auch ungebetene Gäste, die womöglich an der Tür rütteln.

Doch dazu muss man erst einmal wissen, was überhaupt möglich ist. Die beste Technik nützt schließlich nichts, wenn niemand davon erfährt. Die Vernetzung der einzelnen Akteure hat der Verein daher als eine Hauptaufgabe definiert. So simpel es klingt, so effektiv ist es: „Man muss halt miteinander reden“, sagt Dr. Christoph Rathfelder. „Bei den Herstellern ist vielleicht gar nicht unbedingt das Bewusstsein für manche Probleme vorhanden und der potenzielle Kunde weiß nicht, was technisch machbar wäre, um sein Problem zu lösen.“

Die Sensormatte vor dem Bett im smarten Wohnwagen etwa, die nachts zur Lichtsteuerung wird: Dabei handelt es sich um nichts anderes als eine Katzenmatte, die normalerweise vor der Haustür liegt und klingelt, sobald der Stubentiger um Einlass bittet. Kostenpunkt: 20 Euro. „So etwas gibt es bisher auf dem Markt nicht“, sagt Bastian Inthasane.

Überhaupt Sensoren: Die kleinen Messfühler leisten in vielen Bereichen wertvolle Dienste. Ein

Wir möchten die Systeme
zusammenbringen – verschiedene Lösungen in Kombination bringen noch mehr Mehrwert.

Mitglied bei „Smart Home & Living BW e.V.“ etwa ist die Firma „easierLife“ aus Karlsruhe. Hier hat man sich darauf spezialisiert, Senioren dabei zu helfen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben zu können. Dabei helfen eine Vielzahl von Sensoren, welche die gewohnten Aktivitäten eines Menschen in dessen Lebensumfeld messen. „Eine Person bleibt beispielsweise stets bis zu einer Stunde im Badezimmer“, erklärt Bastian Inthasane. „Darauf sind die Sensoren programmiert. Hat die Person das Badezimmer auch nach zwei Stunden noch nicht wieder verlassen, wird diese Inaktivität an die Verwandten gemeldet – vielleicht ist die Person ja gestürzt und befindet sich in einer hilflosen Lage.“ Gleiches geschieht, wenn Senior oder Seniorin länger als gewöhnlich im Bett liegen oder die Haustür zu lange offen steht.

KUNDO Home Solutions aus St. Georgen hat den Wohnassistenten baseCON entwickelt

Längst haben auch Firmen aus der Region den Zukunftsmarkt für sich entdeckt. Die Firma KUNDO Home Solutions aus St. Georgen etwa, die den Wohnassistenten baseCON entwickelt hat (siehe Foto rechts). Das junge Unternehmen entwickelt, produziert und vermarktet mit knapp 20 Mitarbeitern dieses selbst entwickelte Wohnassistenzsystem. Der einfach zu bedienende digitale Helfer erhöht mit Hilfe von funkvernetzten Sensoren und Displays die Sicherheit und den Wohnkomfort von Mietern und Hausbesitzern.

Herzstück des Ganzen ist die Raumanzeige, ein quadratisches, weißes Display. Darauf: Verschiedene Symbole, die beispielsweise darauf aufmerksam machen, wenn beim Verlassen der Wohnung das Bügeleisen noch eingeschaltet ist. Das System ist aber auch in der Lage austre

 

 

tendes Gas zu registrieren und sofort Alarm zu schlagen, ebenso, wenn sich Einbrecher an der Tür zu schaffen machen.

Am smarten Wohnwagen registriert ein Bewegungssensor, genannt „das Auge“, jeden willkommenen, vor allem aber auch jeden ungebetenen Gast. Und wer versucht, „das Auge“ zu manipulieren, dürfte scheitern. „Jemand rüttelt am Bewegungsmelder“ vermeldet Alexa. Jalousiensteuerung oder Trinkerinnerung – die smarten Helfer können den Alltag in vielen Bereichen erleichtern.

„Egal, welchen Bereich man nimmt, man findet eigentlich immer Anknüpfungspunkte zum intelligenten Wohnen“, sagt Bastian Inthasane. „Darin liegt für mich auch der Reiz dieser Tätigkeit.“ Bis vor Kurzem war der 34-Jährige beim Smart Home & Living-Projekt des Landratsamtes als Technologietransfermanager beschäftigt. Das Projekt, angesiedelt beim Kreissozialamt, hatte ebenfalls das Ziel, intelligentes Wohnen einem breiten Publikum zugänglich zu machen, vornehmlich ging es dabei um Senioren, die von einer intelligenten Hausautomation profitieren.

„Wir betreiben hier ja keine Raketenwissenschaft“

„Man kann bei dem Projekt schon sehr weit über den Tellerrand hinausschauen“, sagt

Man kann bei dem Projekt schon
sehr weit über den Tellerrand hinausschauen. Es ist hochinteressant, zu erfahren, mit welchen Problemen ein Pflegedienst kämpft.

Dr. Christoph Rathfelder. Für den Informatiker, der seit 2013 bei der Hahn-Schickard-Gesellschaft arbeitet, ist seine Tätigkeit neben der „klassischen Informatikerkarriere“ eine spannende Herausforderung. „Ich finde es hochinteressant, zu erfahren, mit welchen Problemen zum Beispiel ein Pflegedienst kämpft und wie man diese zielgerichtet lösen kann.“ Er findet es wichtig, dass Lösungen nicht „von Technikern für Techniker“ angeboten werden: „Wir betreiben hier ja keine Raketenwissenschaft.“

Rathfelder ist von technischen Innovationen immer wieder aufs Neue begeistert. Die Katzen-matte als Lichtsteuerung zum Beispiel. „Das ist schon cool. Und eigentlich so naheliegend.“

Der Wohnassistent BaseCON des St. Georgener Unternehmens KUNDO.

 

 

Mit der App voll im Bilde

von Nathalie Göbel

Die Hühner-Herde Nummer drei ist heute ganz schön hungrig. Johannes Klausmann wischt auf seinemTablet durch die neuesten Daten. Von seinem Stall in Obereschach mit rund 9.000 Legehennen kann er dabei auch meilenweit entfernt sein, aber seine App hält ihn auf dem Laufenden.

 

 

Wenn sich Johannes Klausmann über seine Herden auch wirtschaftlich einen Eindruck machen möchte, ist er mit der App voll im Bilde. Wie hoch sind aktuell die Futterkosten pro Ei? Die App gibt darüber Auskunft – dem jungen Landwirt ebenso wie jedem anderen, der auf dem Klausmann-Hof mit der Anwendung namens „FarMS“ arbeitet.

Entwicklung eigener App

Das Besondere daran: Der Agribusiness-Absolvent der Universität Hohenheim hat die App selbst entwickelt. Zwischen Idee und Umsetzung lag ein Jahr. Mit Hilfe eines Bekannten, der ein auf Apps spezialisiertes IT-Unternehmen gegründet hat, wurde aus der Idee ein Programm. Inzwischen ist FarMS sowohl im App Store von Apple als auch im Google Play Store erhältlich.

Wie kommt man auf die Idee, seinen Hühnerstall zu digitalisieren? Ganz einfach: „Selbst in großen Betrieben werden die Daten im Stall noch mit Stift und Papier erfasst und dann allenfalls noch in eine Excel-Tabelle übertragen“, sagt der 26-Jährige. „Ein sehr großer zeitlicher Aufwand, der außerdem viele Fehlerquellen birgt.“

Erlebt hat Johannes Klausmann das unter anderem während eines Praktikums zu Studienzeiten – und zwar nicht, wie man meinen könnte, in einem Kleinbetrieb, sondern auf einem Hof mit über 100.000 Legehennen in Nordrhein-Westfalen. Daher kam er auf die Idee, im Rahmen seiner Masterarbeit mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaftslehre der Frage nachzugehen, wie die Datenerfassung vereinfacht werden könnte. Dabei herausgekommen ist die FarMS-App. „Einfach und intuitiv zu bedienen sollte das Ganze sein“, sagt er. „Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.“

Erster Platz für unternehmerische Innovation

Dieser Meinung war offenbar auch die Jury des Landwirtschaftspreises für unternehmerische Innovationen: Hier belegte Johannes Klausmann Ende des Jahres 2018 den mit 3.000 Euro dotierten ersten Platz.

Erfasst werden die Daten nicht zum Selbstzweck: Die Betriebe müssen ihrer Dokumentationspflicht nachkommen, etwa gegenüber dem Statistischen Landesamt oder auch dem Veterinäramt. Mit einem Klick lassen sich die Meldungen aus dem Programm als pdf-Datei verschicken. Ebenso schnell erstellt die App Grafiken, mit denen sich die Herden eines Betriebs – innerhalb einer Herde werden stets gleichaltrige Tiere gehalten – miteinander vergleichen lassen. Die Daten liegen dabei auf Servern in Nürnberg. Ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt in Zeiten der Angst vor gestohlenen oder manipulierten Daten. „Viele Betriebe fragen ganz gezielt danach, wo die Server stehen.“

Anhand der Daten lässt sich aber beispielsweise auch die Legeleistung mit den Zuchtzielen vergleichen. Dabei handelt es sich um Sollwerte, die von den Zuchtunternehmen für jede Rasse individuell angegeben werden. Der Landwirt kann damit seine Herden mit den ausgegebenen Sollwerten einfach vergleichen und seine Tiere damit besser einschätzen.

Erfasst werden die Daten direkt im Stall, am Smartphone oder am Tablet. Das funktioniert auch offline – schließlich dürfte in den wenigsten Ställen ein W-Lan-Router stehen. „Sobald man wieder im Netz ist, werden die Daten automatisch übermittelt.“

Echtzeit-Daten erleichtern die tägliche Arbeit

FarMS erleichtere die tägliche Arbeit mit den Geflügelherden sehr. „Egal, wo ich bin, ich weiß immer, was daheim im Stall los ist“, sagt Johannes Klausmann, liefert die App den Überblick doch schließlich in Echtzeit. Wie viel Wasser wurde verbraucht? Wie ist die aktuelle Legeleistung? Wie hoch sind die Füllstände der Silos? Eine bis eineinhalb Tonnen Futter – vorwiegend gemischt aus selbst angebautem Getreide – verbrauchen die 9.000 Hennen pro Tag. Sind Tiere gestorben? Wenn ja, wie viele? Eine Kommentarfunktion erleichtert die Kommunikation auf dem Hof und soll verhindern, dass Informationen im Alltagsgeschäft verloren gehen. „Futterkette war heute Morgen defekt“, steht da beispielsweise.

 

 

Moderne Landwirtschaft sei ohne Digitalisierung undenkbar, sagt Johannes Klausmann. „Das fängt schon bei Anträgen und Rechnungen an.“ Oft sei man dabei der Industrie um Längen voraus. Die Landwirtschaft habe schon früh damit begonnen, die neuen Techniken zu nutzen. GPS-gesteuerte Schlepper etwa seien längst Standard. Das erleichtert nicht nur die Arbeit der Landwirte, sondern schont auch die Umwelt und Ressourcen: „So kann man beim Säen und Düngen der Flächen Überlappungen vermeiden.“

Egal, wo ich bin, ich weiß immer, was daheim im Stall los ist.

Noch führen die Landwirtschaft Johannes Klausmanns Eltern. Wie viele Betriebe hat auch der Klausmann-Hof mehrere Standbeine. Neben den Legehennen sind das die Weihnachtsbäume aus dem eigenen Wald, Ackerbau, mehrere Blumenfelder zum Selbstpflücken und der Hofladen in Obereschach.

Momentan fährt Johannes Klausmann beruflich zweigleisig und ist an drei Tagen pro Woche in einer Stuttgarter Unternehmensberatung tätig, die auf Landwirtschaft spezialisiert ist. Hier werden Betriebe beraten, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, zugleich werden aber auch landwirtschaftliche Bauprojekte von betriebswirtschaftlicher Seite aus betreut. Eines steht jedoch schon fest: „Irgendwann werde ich hier voll einsteigen.“

Johannes Klausmann im Stall. Der 26-jährige Agribusiness-Absolvent arbeitet momentan noch in Teilzeit auf dem elterlichen Hof. Drei Tage pro Woche ist er in einer Unternehmensberatung in Stuttgart tätig. Unten ist die voll automatisierte Eier-Verpackungsanlage der Klausmanns zu sehen.

 

 

Der neue Zinzendorfplatz in Königsfeld

von Matthias Donath

Am 3. Oktober 2019 wurde der Zinzendorfplatz in Königs feld nach einer umfassenden Neugestaltung der Öffentlich keit übergeben. Der Haupt platz Königsfelds erhielt durch die gestalterische Aufwertung wieder seine frühere Funktion als städtebaulicher und sozia ler Mittelpunkt der Schwarz waldgemeinde zurück.

 

 

Die Herrnhuter Brüdergemeine

Der Zinzendorfplatz hat eine ganz besondere Geschichte. Seine regelmäßige quadratische Gestalt erklärt sich dadurch, dass er planmäßig nach einem städtebaulichen Grundmuster angelegt wurde. Denn Königsfeld ist kein historisch gewachsener Ort wie die umgebenden Gemeinden im Schwarzwald, sondern vergleichsweise jung. Die „Herrnhuter Colonie“ wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet – als Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine, einer weltweit verbreiteten evangelischen Freikirche. Und diese Siedlung wurde – wie andere Orte der Brüdergemeine auch – nach einem barocken Idealplan angelegt. Man baute eine Kleinstadt für Handwerker und Gewerbetreibende – und eben kein Dorf. Auch die Bewohner unterschie-

Ausschnitt aus dem Siedlungsplan für Königsfeld, 1807 von Johann Gottfried Schultz. Beim Planquadrat A (mit grünen Flächen) handelt es sich um den Zinzendorfplatz.

den sich von denen der Umgebung. Sie kamen aus verschiedenen Teilen Südwestdeutschlands und der Schweiz. Die Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine wollten gemeinsam arbeiten, leben und ihren Glauben bezeugen. Königsfeld war die einzige Herrnhuter Siedlung im Südwesten Deutschlands und hatte daher ein großes Einzugsgebiet. Das wirkte sich auch auf die Sprache aus: Von Anfang an wurde in Königsfeld ein ausgeprägtes Hochdeutsch gesprochen. Damit unterschied sich der Ort sprachlich von den umliegenden Dörfern, in denen bis heute Dialekte vorherrschen.

Die Gründung und Entfaltung Königsfelds als Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine lässt sich nur im Blick auf die christliche Erweckungsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts erklären. Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf (1700–1760), ein junger Adliger aus Sachsen, störte sich an dem oberflächlichen Christentum vieler seiner Zeitgenossen. Er hoffte, dass sich die Menschen die Botschaft von Jesus Christus mehr zu Herzen nehmen. 1722 nahm er auf seinem Rittergut Berthelsdorf in

 

 

der Oberlausitz, im Osten Sachsens, Glaubensflüchtlinge auf, die ihre Heimat in Böhmen und Mähren aufgrund ihres evangelischen Glaubens verlassen mussten. Gemeinsam mit den verfolgten Christen gründete er eine Siedlung, die unter den Schutz des Herrn – gemeint ist Jesus Christus – gestellt wurde und daher den Namen „Herrnhut“ erhielt. Nach einem Erweckungserlebnis 1727 bildete sich eine tief im Glauben verwurzelte Gemeinschaft, die in den folgenden Jahren weiter anwuchs. Immer mehr Menschen, die eine christliche Gemeinschaft suchten, kamen nach Herrnhut. Die Herrnhuter Brüder-gemeine – bis heute wird eine alte Schreibweise ohne -d- gebraucht – wurde auch in anderen Teilen Deutschlands und Europas bekannt. Erweckte Christen, die mit dem erstarrten Christentum ihrer Umgebung unzufrieden waren, schlossen sich der Bewegung an. Sie wollten in einer Gemeinschaft wie in Herrnhut leben, weshalb die Brüdergemeine in verschiedenen Teilen Deutschlands und Europas eigene Siedlungen schuf. Die Gründung dieser Siedlungen war nicht einfach, weil die Herrscher der jeweiligen Territorien zustimmen mussten. Auch hatten die örtlichen Kirchen nicht immer Verständnis für die „Glaubenskonkurrenz“.

Siedlungsgründung von Königsfeld

Besonders lange dauerte es, bis die Herrnhuter Brüdergemeine eine Niederlassung in Südwestdeutschland erhielt. Bereits in den 1730er-Jahren hatten sich in der Schweiz und in Württemberg erweckte Christen zusammengefunden, die nach Herrnhuter Vorbild leben wollten. Diese wurden durch „Diasporaarbeiter“, umherreisende Prediger, betreut. Mehrere Anträge auf Einrichtung einer Brüdergemeine in Württemberg scheiterten. Anfang des 19. Jahrhunderts, lange

 

 

nach dem Tod des Grafen Zinzendorf, stimmte die württembergische Regierung schließlich zu. 1804 fanden der Schorndorfer Prediger Lorenz Nagel und der Kaufmann Philipp Heinrich Veil einen Hof im Schwarzwald, der zu kaufen war. Für eine Siedlungsgründung an diesem Ort sprach, dass er gleich weit von Stuttgart, Straßburg und Basel entfernt war, wo sich Herrnhuter Gemeinschaften gebildet hatten. Die Brüder-gemeine kaufte den Hörnlishof und das umliegende Land zur Errichtung einer „Colonie“. König Friedrich I. von Württemberg (1754–1816), der gerade den Königstitel erworben hatte, erteilte am 12. August 1806 die Genehmigung und garantierte unter anderem Glaubens- und Gewissensfreiheit. In Kirchen- und Schulangelegenheiten sollte die Siedlung nicht der evangelischen Landeskirche Württembergs, sondern allein der Kirchenleitung in Herrnhut unterstehen. Die Brüdergemeine wollte die Ortsgründung „Nain“ oder „Friedrichsfeld“ nennen, doch der König lehnte ab. Er verlieh der Siedlung erst im Oktober 1809, als schon die ersten Häuser standen, den Namen „Königsfeld“. Dieser bezog sich auf die Erhebung Württembergs zum Königreich, wurde von der Brüdergemeine aber als Hinweis auf Jesus Christus als König verstanden. 1810 gelangte der Ort im Schwarzwald durch einen Gebietstausch an das Großherzogtum Baden.

Am 31. Oktober 1806 wurde der erste Baum gefällt, im April 1807 feierte man den ersten Gottesdienst, im Juni 1807 traf der Bauplan ein – und so konnte man mit der Errichtung der ersten Gebäude beginnen.

Geometrischer Grundriss

Soweit möglich, legten die Herrnhuter ihre Siedlungen über einem geometrischen Grundriss an. Ihre Niederlassungen waren barocke Idealstädte. Das Modell einer christlichen Gemeinschaftssiedlung verband sich mit dem Ideal einer durchgeplanten, gut funktionierenden und durchgestalteten Stadt. Der gemeinsame Kommunikationsraum der Bewohner war ein freigelassenes Quartier in der Mitte der Siedlung – der Platz. Um diesen rechteckigen Platz, der bei den deutschen Siedlungen heute meist

Der gemeinsame Kommunikationsraum der Bewohner war ein freigelassenes Quartier in der Mitte der Siedlung – der Platz. Um diesen rechteckigen Platz gruppieren sich schachbrettartig die Quartiere entlang rechtwinkliger Straßen.

den Namen Zinzendorfs trägt, gruppieren sich schachbrettartig die Quartiere entlang rechtwinkliger Straßen. In Platznähe befinden sich in der Regel die Gemeinschaftsbauten, von denen der Kirchensaal der wichtigste war.

Ein solcher Siedlungsplan wurde 1807 im Auftrag der Kirchenleitung, der Unitäts-Ältesten-Conferenz, auch für Königsfeld erstellt. Die Ausarbeitung des Siedlungsgrundrisses nahm der Jurist und Zeichner Johann Gottfried Schultz (1734–1819) vor, ein Mitglied der Brüdergemeine aus Niesky (Sachsen). Er war nie im Schwarzwald, kannte aber viele andere Herrnhuter Siedlungen, an deren Grundmuster er sich orientierte. Als städtebaulichen Mittelpunkt plante er – wie beispielsweise in Gnadau (Sachsen-Anhalt) – einen quadratischen, gärtnerisch gestalteten Platzraum. An der Nordostseite ordnete er den Kirchensaal an. Auf den benachbarten Karrees sollten – in unmittelbarer Nähe zum Platz und zum Kirchensaal – das Schwestern- und das Brüderhaus erbaut werden. Um den Platz herum sollten Wohnhäuser, die Apotheke und das Gemeinlogis errichtet werden. Dabei war eine Bauhöhe von zwei Geschossen gefordert. Der Gasthof der Brüdergemeine war das erste Gebäude, das nach diesem Bauplan errichtet wurde.

Die Herrnhuter Siedlungen zeichnen sich durch einen gleichartigen Baustil aus. Er leitete sich von der barocken Architekturrichtung ab, die in Sachsen im 18. Jahrhundert vorherrschend war. Kennzeichnend sind die symmetrisch gegliederten, aber sehr einfach gehaltenen Fassaden und die recht steilen Mansarddächer. In Königsfeld folgen nur wenige Bauten dieser

 


Stilrichtung, darunter der Kirchensaal. Das liegt an der späten Gründung und der recht langsamen Siedlungsentwicklung. Manche Grundstücke am Zinzendorfplatz wurden erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut – und bis dahin hatten sich die Architekturideale bereits geändert.

Gestaltung des Platzes

Der Kirchensaal ist das dominierende Gebäude am Zinzendorfplatz und das einzige mit einer unverkennbar barocken Prägung. Der Bauplan wurde 1810 von dem Lehrer und Prediger Renatus Früauf (1764–1851), damals Lehrer auf dem Katharinenhof in Großhennersdorf bei Herrnhut, erstellt. Die Kirchweihe erfolgte am 19. Oktober 1812. Dem Bautyp Herrnhuter Kirchensäle folgend, handelt es sich um einen querrechteckigen Saal. An den beiden Längsseiten öffnen sich vier große Fensterbahnen. Dieser Mittelbereich ist von einem hohen Mansarddach bedeckt, auf dem ein Dachreiter mit barocker Zwiebelhaube thront. Die symmetrischen, etwas zurückgesetzten Seitenbereiche enthalten Gemeinderäume und Wohnungen.

Die Gestaltung der Platzfläche hat sich in den letzten 200 Jahren mehrfach verändert. Nach dem Siedlungsgrundriss von 1807 wurde eine quadratische, ringsum von Straßen umgebene Platzfläche angelegt. Sie wird durch ein Wegekreuz in vier gleich große Felder geteilt. Die so geschaffene Vierteilung des Platzes ist bis heute erhalten geblieben. An den Außenseiten und entlang des Wegekreuzes wurden Bäume und Hecken gepflanzt. Die Betonung der Platzmitte erfolgte durch einen Brunnen, der einen praktischen Zweck hatte, versorgte er doch die Bewohner der Häuser und der Gemeinschaftsbauten mit Trinkwasser. Erst später kam es zu einer symbolischen Deutung des Brunnens – das Wasser wird von der Brüdergemeine heute auf Jesus Christus als Quelle des Lebens bezogen.

Die Königsfelder Brüder und Schwestern nutzten die Platzfläche ganz praktisch für unterschiedliche Bedürfnisse: Im Viertel vor dem Brüderhaus wurde 1814 eine kreisrunde Zisterne als Feuerlöschteich und als Wasserreservoir für die erste Fabrik Königsfelds angelegt. Das benachbarte Viertel in Richtung des Schwesternhauses diente als Bleichplatz. Hier wurde Wäsche getrocknet und unter Sonnenlicht gebleicht. Die

Der Brunnen ist zurück: Die Betonung der Platzmitte erfolgte beim Bau von Königsfeld durch einen Brunnen, der zugleich die Bewohner der umliegenden Häuser und der Gemeinschaftsbauten mit Trinkwasser versorgte.

 

 

beiden anderen Quartiere teilten sich in Nutzgärten mit Beeten und Obstbäumen.

Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine parkähnliche Umgestaltung der Platzviertel. Das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung und der aufkommende Fremdenverkehr verdrängten die früheren Nutzungen. Das südliche Quartier wurde dem Gasthof zugeordnet und zur Bewirtung genutzt. Eine Holzveranda begrenzte die Freifläche. Solitärbäume im „Lust- und Fürstengarten“ erinnerten an die „Helden“ der Reichseinigung, an Otto von Bismarck (1815-1898) und an Kaiser Wilhelm I. (1797-1888). Das als Bleichplatz dienende Viertel vor dem Schwesternhaus erhielt 1904 eine neue Gestaltung mit einem Rundweg und einem in der Mitte stehenden Bläserpavillon. Da hier die jährlichen Missionsfeste der Brüdergemeine stattfanden, wurde dieser Teil als „Missionsplatz“ bezeichnet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Platzviertel ihre unterschiedlichen Funktionen. Das öffentliche Leben verlagerte sich in den Nachkriegsjahren mehr und mehr in die Friedrichstraße und die angrenzenden Kurheime sowie Kliniken. Der Zinzendorfplatz wurde immer weniger genutzt und geriet dadurch in eine Randlage. In den 1970er-Jahren wurde eine vereinfachte Gestaltung vorgenommen, bei der man den Zinzendorfplatz „leerräumte“. Schmückende Bepflanzungen und Einbauten entfielen, zuletzt verschwand 1974 der Bläserpavillon. Als neues Element kam 1991 ein Gedenkstein mit einem Bildnis des Grafen Zinzendorf dazu. Seit den 1990er Jahren gab es Ideen, den Platz als Gesamtensemble wieder erlebbar zu machen und in einer ursprünglichen Funktion als Ortsmitte wieder zu beleben. Doch es dauerte zwanzig Jahre, bis dieser Gedanke eine Umsetzung erfuhr. Der Umgestaltung ging ein intensiver Diskussionsprozess unter Bürgerbeteiligung voraus. In Bürgerforen wurde unter anderem darum gestritten, wie viele der mittlerweile alt gewordenen Bäume der Platzbepflanzung stehen bleiben durften oder zu fällen waren. Am Ende des Diskussionsprozesses stimmte eine Mehrheit für eine grundlegende Neugestaltung und Neubepflanzung unter Erhalt weniger Solitärbäume. Die Neugestaltung der Platzfläche

Mit der Aufwertung des öffentlichen Raumes verbindet sich die Hoffnung, dass der Zinzendorfplatz wieder als Kommunikationsraum angenommen wird.

ging mit einer Wiederherstellung der früheren Platzgliederung und der ursprünglichen Bepflanzung einher. Der Platzraum wird durch neu gepflanzte Linden eingefasst. In der Platzmitte befindet sich wieder ein Brunnen.

Kommunikations- und Erlebnisangebote

Mit der Aufwertung des öffentlichen Raumes verbindet sich die Hoffnung, dass der Zinzendorfplatz von den Königsfeldern und den Besuchern der Schwarzwaldgemeinde wieder als Kommunikationsraum angenommen wird – als ein Ort, an dem man gerne verweilt, miteinander ins Gespräch kommt und mehr über die einzigartige Geschichte Königsfelds erfährt. Um das zu erreichen, wurden zusammen mit der Platzgestaltung moderne Kommunikations- und Erlebnisangebote geschaffen. Stelen am Zinzendorfplatz stellen den lebendigen Ort vor und erklären seine Geschichte. Über ein digitales Angebot kann man in deutscher und englischer Sprache vertiefende Informationen abrufen. Ein Animationsfilm erklärt in einer leicht zugänglichen Bildsprache, was es mit der Herrnhuter Brüdergemeine auf sich hat und warum Königsfeld so gebaut und gestaltet wurde, wie wir es heute sehen.

Die Häuser am Zinzendorfplatz haben eine moderne Beschilderung erhalten, die über die Bau- und Nutzungsgeschichte informiert und zu digitalen Angeboten weiterleitet. Alle Medien wurden so angelegt, dass sie barrierefrei nutzbar sind. So zeigt Königsfeld, wie Geschichte für ein lebendiges Zusammenleben in der Gegenwart ohne Ausgrenzung wie auch für einen modernen Tourismus nutzbar gemacht werden kann.

 

 

Ein Gedenkstein erinnert auf dem Zinzendorfplatz an den Gründer von Königsfeld, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Ein Schmuckstück des Platzes ist auch weiterhin der Seerosenteich (unten).

 

 

Die Alt-Villingerin

Die Frauentracht mit der kostbaren Radhaube ist der Stolz der Stadt Villingen

Der Tracht der Alt-Villingerin ist es ergangen wie vielen Trachten im Schwarzwald und auf der Baar: Nachdem sie zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Alltagsleben verschwand, weil sich die Menschen von alten Zwängen befreiten und freier kleideten, tauchte sie gut 40 Jahre später an der Fastnacht wieder auf. Und dort ist sie bis heute verblieben. Auch in Villingen erfüllt die Frauentracht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, beflügelt sie das „verklärte Reichsstadtdenken“. Das hat Villingen mit anderen Reichsstädten gemein, betont Trachten-experte Jürgen Hohl, der frühere Vorsitzende des Kulturellen Beirats der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte mit Blick auf die Wiederkehr dieser Tracht an der Villinger Fasnet. Ihre Entstehung fällt in die Ära des Spät-Rokoko, sie dürfte somit erstmals um 1780 getragen worden sein. Außerhalb der Fastnacht wird die Alt-Villingerin durch die Trachtengruppe repräsentiert, die sich 1949 der Bürgerwehr angeschlossen hat. Das besondere Merkmal der Tracht ist die Radhaube, deren Herstellung viel Fingerfertigkeit verlangt und die mit im Mittelpunkt dieses Almanach-Schwerpunktthemas steht.

Alt Villingerin mit goldener Radhaube. Modell: Julia Oswald Tracht: Ingrid Beck Fotografie: Wilfried Dold

 

 

Eine kurze Geschichte der Radhaube

Das besondere Merkmal der Alt-Villingerin ist ihre Radhaube. Die entsprechende Kopfbedeckung gehörte auch in Villingen stets zur Tracht dazu. Das Bedecken gerade des weiblichen Kopfes war üblich – eingeführt von den Männern zur „optischen Verschließung“ ihrer Ehefrau. Die nachstehende kurze Abhandlung basiert auf einem umfassenden Beitrag von Jürgen Hohl, den dieser 2008 für die Schriftenreihe des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verfasst hatte.

In der Mitte des 18. Jh. war für alle Altersstufen eine weiße Zughaube als Kopfbedeckung üblich, die sogenannte Dousette. Sie bildete den Grundstock der verschiedenen Hauben. Aus dem mittelalterlichen „Schlayer“ hatte sie sich durch die Zeit hindurch entwickelt. Um 1750 trug man als Modefrisur den „Kohlkopf“, das waren „gebrannte“ Locken: mal seitlich länger oder als Knoten am Hinterkopf oder seitlich gesteckt. Darauf saß die Dousette und auf diese wiederum kam die Haube der verheirateten Frau: die „Pockel- oder Bockelhaube. Genannt nach den Haarbuckeln seitlich und am Hinterkopf. Diese Haube bestand je nach Stand aus verschiedenen Materialien. So bei älteren Frauen aus schwarzem Gimpen, bei jungen Frauen aus der Hohlspitze in Gold und Silber. Gold für die Hochfeste, silber für normale Sonntage lautet eine der Erklärungen für die Farbunterscheidung zu bestimmten Zeiten. Diese vormals dem höchsten Stand vorbehaltene Haube wanderte ab 1740 auf Grund von Modeeinstellungen bis in die untersten Schichten.

Einzigartig ist der Haubenportraitbestand des Franziskanermuseums in Villingen. An diesen Bildern kann die Entwicklung der Villinger Hauben genau verfolgt werden. Zwischen 1820 bis 1845 bildete sich die heutige Villinger Haube heraus. Und zwar nach folgendem Rezept: Der Steg wird etwas kürzer, das Rad weitet sich bis zu 30 cm Durchmesser aus. Die Stellung des nach hinten gebogenen Rades unterscheidet sich von den steil und glatt aufgestellten Rädern anderer Radhaubengebiete. Nur an der Bodenseehaube z.B. von Überlingen/Konstanz ist die Verwandtschaft zur Villinger Haube erkennbar.

Der Trachtenabgang bescherte auch Villingen ab 1850/60 die Hinwendung zur Modekleidung. Aber nun kommt in den 1880er-Jahren wie in anderen Trachtengebieten das Auffangbecken Fasnet zum Tragen. Anfangs trug die Alt-Villingerin an der Fastnacht sogar eine Wachsmaske und später eine Holzscheme. Heute allerdings ist die Mehrzahl der Alt-Villingerinnen unverlarvt unterwegs.

Wenn man die Reichsstadtbockelhaube als „Urgroßmutter“ der Radhaube heranzieht, stellt man fest, dass es zu allen Zeiten zwei Arten von Materialverwendungen gab: die Haube in Hohlspitze und in geklöppelter Spitze. Die Hohlspitze – auch Schlauch- oder Windungsspitze genannt – ist eine sehr intensive Handarbeitstechnik, bei der über zwei sogenannte Seelenfäden Plätt oder Lahn geschlungen wird. Als Lahn, Plätt, Plätte oder Rausch wird ein platt gewalzter sprich geplättelter Draht aus Metall bezeichnet.

Eine weitere Art der Haubengestaltung hängt mit dem Alter der Trägerinnen zusammen: Ältere Frauen trugen die schwarze Flor- und Chenillehaube auch am Sonntag. Genau wie die goldene und silberne Muschelspitze kam auch das Florbesticken (Tüll) und der Chenillefaden aus den Klosterwerkstätten.

Alt-Villingerin mit goldener Radhaube. Modell: Jessica Bisceglia Tracht: Ingrit Rothmund Fotografie: Wilfried Dold

 

 

Im Portrait – Die „Alt-Villingerinnen“ Ingrit Rothmund und Ingrid Beck

Ingrit Rothmund (links) und Ingrid Beck mit einem vorbildlich geschneiderten Exemplar einer Villinger

Frauentracht.

von Birgit Heinig

Ingrit Rothmund weiß, wie es geht. Die 70-Jährige näht nicht nur eine Villinger Tracht im Jahr. Sie hat zwei Töchter, eine Schwiegertochter, vier Enkeltöchter, dazu Nichten und Großnichten. Und alle tragen sie die Villinger Tracht. Die Kleinen wachsen aus ihren Trachten heraus und auch die Großen brauchen ab und an ein neues Modell. »Ich habe genug zu tun«, sagt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin, die schon als Sechsjährige nach Villingen kam. Die Tracht trägt sie seit fast 20 Jahren, seit mehr als zehn ist sie Mitglied der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe. Sie trägt ihre Biedermeiertracht bei einem runden Dutzend Trachtentreffen und sonstigen Auftritten wie an Fronleichnam oder der Südwestmesse.

An ihrer Seite sitzt Ingrid Beck. Die gebürtige Villingerin ist Vorsitzende der Trachtengruppe, der sie 2003 beigetreten ist, weil »mich die Geschichte der Villinger Tracht begeistert«. Die 62-Jährige ist nebenbei Stadtführerin und führt ab und an auch in Tracht. Was die Geschichte der Alt-Villingerin anbelangt, so schildert sie, dass man anhand von Portraitbildern im Fran

 

 

Die Alt-Villingerin

ziskanermuseum nachvollziehen könne, dass die Tracht der Villingerin, wie sie heute dargestellt werde, ihre Anfänge im Spätrokoko um 1780 nahm. Das Wesen der Mode ist es, sich ständig zu verändern und diesem Wandel unterlag auch das Kleid der Alt-Villingerin (siehe Seite xxx).

Während an der Fasnet sowohl der Alt-Villingerin als auch dem Morbili nahegelegt wird, das zweiteilige Kleid unter der farbigen Schürze und den Wiener Schal in Schwarz, zumindest aber einer gedeckten Farbe zu halten, trägt man in der Trachtengruppe gerne Farben und Muster. „Eine Tracht ist schließlich keine Uniform“, findet Ingrid Beck. Ansonsten bleiben aber beide, die Historische Narrozunft und die Trachtengruppe, der Mode im geschichtlichen Zeitabschnitt des Biedermeiers treu. Die Spitze am Kragen und den Ärmeln ist weiß wie Unterrock, Strümpfe und Handschuhe, die Abschlusskanten der Jacke sind mit Posamenten verziert. Der Rock reicht bis zu den Knöcheln und ist in Falten gelegt. Die Silhouette der Alt-Villingerin ist auf Figur geschneidert.

Ingrit Rothmund greift gerne auf den einen Schnitt zu, der in der Trachtengruppe unter den Schneiderinnen die Runde macht. Früher habe es freilich Varianten gegeben, weiß sie, überliefert seien aber so gut wie keine. Generell werde es immer schwieriger, an geeignetes Material heranzukommen, weil die Zahl der Hersteller sukzessive abnehme.

Ölgemälde mit Bürgersfrauen sind der älteste Nachweis für die Radhaube

Kaum einem Detail der Villinger Frauentracht wird so viel Aufmerksamkeit zuteil wie der Radhaube. Sucht man nach frühen Zeugnissen der Villinger Tracht, so stößt man auf zahlreiche Portraitgemälde von Bürgersfrauen mit Trachtenhaube und vornehmen Gewand, so im Franziskanermuseum. Aus dem Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins 1983/84 geht hervor, dass zunächst die schwarze Haubenart vorherrschte und die Goldhaube seit etwa 1820 vertreten sei. „Offiziell“ soll die letzte Goldhaube 1868 von einer Braut zu ihrer Hochzeit getragen worden sein. Sie war wohl festlichen Anlässen vorbehalten. Die Form war damals als Rad noch kaum erkennbar.

Als Ansichtskarte vertriebene Lithographie einer Alt-Villingerin. Die Darstellung aus dem Jahr 1907 stammt von Carl Liebich.

Aus historischer Sicht werde »nirgendwo erklärt, warum sie welche Farbe hat«, schildert Ingrid Beck und verweist auf die goldenen und die eine silberne Haube, die im Franziskanermuseum erhalten sind. Es gebe ein Schriftstück, in dem die Unterschiede mit der gesellschaftlichen Hierarchie erklärt werden. Demzufolge trugen die Magistratsfrauen Gold, die Frauen von Zunftmeistern Silber. Da das Material unterschiedlich kostbar war, sei aber auch denkbar, dass nur an hohen kirchlichen Feiertagen Gold getragen wurde und man sonst eine Haube aus Silber, aus schwarzem Chenille oder weitaus billigerem Messing bevorzugte.

Bedeutend für den Fortbestand der Alt-Villingerin war die Trachtenerneuerungsbewegung, die in Villingen bereits um 1900 einsetzte. Jetzt wurden wieder vielfach neue Radhauben und die dazugehörige Kleidung mit seidenem

 

 

Eine ganze Familie in der Tracht der Alt-Villingerin. Bei Ingrit Rothmund tragen sowohl die Töchter als auch die Enkelinnen die von der Mutter, sprich Oma, angefertigte Tracht.

Schultertuch angeschafft und somit stieg auch die Zahl der Trachtenträgerinnen stetig. 1926 gründete sich in Villingen schließlich ein Volkstrachtenverein. In den nächsten Jahren besuchte man Trachtenfeste in ganz Baden und darüber hinaus. Zu diesen Umzügen und Festen während des Jahres wurde der Alt-Villingerin ein männlicher Begleiter zur Seite gestellt. Er trug die Kleidung der Villinger Zunftmeister um 1760, als Vorlage dienten die Zunfttafeln im Franziskanermuseum.

1949 schließlich wurde die Trachtengruppe von Franz Kornwachs neu organisiert und der Bürgerwehr angeschlossen. Von da an bis heute besuchen die Alt- Villingerinnen gemeinsam mit den Trachtenträgern und den militärischen Abteilungen der Bürgerwehr Trachtenfeste, Bürgerwehrtreffen und sonstige historische Feste im In- und im Ausland. „Dabei erregen sie besondere Aufmerksamkeit mit ihren schönen dezent-farbigen Trachten und den prächtigen Radhauben und repräsentieren damit die Stadt Villingen hervorragend“, wie der Verein in seiner Mitgliederzeitung „Depesche“ vermerkt.

Qualität der Tracht und der Radhaube sind von großer Bedeutung

In der Trachtengruppe lege man sehr viel Wert auf gute Qualität, betonen Ingrid Beck und Ingrit Rothmund. Beide haben auch schon mehrere Hauben in der Hohlspitztechnik hergestellt, in der auch die Hauben aus dem Franziskanermuseum gefertigt sind. Hier sei »der Weg das Ziel« erklären beide diese sehr zeitaufwändige Herstellungsart. Verständnis haben sie dafür, dass der Anspruch darauf bei Mädchen und Frauen, die einmal im Jahr an der Fastnacht ins Häs gehen, nicht ganz so ausgeprägt ist. Nicht in Ordnung finden sie dagegen, dass leider auch „Schund getrieben“ werde mit der Tracht der Alt-Villingerin. Bei aller Freude über das offenbar wachsende Interesse am Brauchtum, wünsche man sich, „dass das Niveau hochgehalten wird“.

Rechte Seite: Die Radhaube in schwarzer Ausführung wurde oft von älteren Frauen getragen.

 

 

Priska Haas – vom „Trieberkind“ zur Alt-Villingerin

Priska Haas ist in ihrer Villinger Tracht beileibe nicht nur an der Fastnacht zu sehen. Die 51-Jährige ist seit 32 Jahren leidenschaftliches Mitglied der Historischen Trachtengruppe, die der Bürgerwehr angegliedert ist. Sie trägt ihr Biedermeier-Kleid mit Radhaube und Fransentuch das ganze Jahr über bei Trachtentreffen und bei allerlei feierlichen Anlässen, zumeist im Auftrag des Vereins oder der Stadtverwaltung. Sogar beim Münchner Oktoberfest war sie schon Teil des Festumzuges.

Zuvor war sie eines der „Trieberkinder“, die an der Fastnacht den Butzesel hüten und eines der Ballettmädchen beim Ball der Historischen Narrozunft. Zur Bürgerwehr und Trachtengruppe kam sie durch ihren damaligen Freund und heutigen Ehemann Frank, Großneffe des einstigen Zunftmeisters und Vorsitzenden der Bürgerwehr und Trachtengruppe sowie „Erfinder“ des Villinger Schunkelliedes, Franz Kornwachs.

Ab und zu ist die Erzieherin heute an den hohen Tagen der Villinger Fasnet als „anonymes“ Morbili unterwegs, die Altfrauenvariante der Villingerin, die sich hinter einer Gesichtslarve, auch „Scheme“ genannt, versteckt.

Streng nach historischem Vorbild

Priska Haas achtet sehr genau darauf, dass ihre Tracht in allen Details dem historischen Vorbild entspricht. Wenig Verständnis hat sie daher für die Mädchen und Frauen, die sich das »Häs« für die Fastnacht zwar leisten können, aber keine Ahnung oder manchmal leider auch kein Interesse haben, es korrekt anzulegen. Zumeist ist es die Kälte, die Trägerinnen jedwede historische Korrektheit vergessen lässt. Da lugen Rollkrägen aus dem Spitzenausschnitt oder Moonboots unter dem Rock hervor. „Das geht gar nicht“, findet Priska Haas.

Ein wenig geht aber auch das Kleid der Villingerin mit der Mode. So war der Rock schon einmal kürzer und außer der Farbe Schwarz darf es mittlerweile auch eine andere Grundfarbe von Rock und Kittel sein. Ähnlich verhält es sich mit dem Schultertuch. An der Fastnacht ist es in der Regel der Wiener Schal, den sich die Alt-Villingerin – ebenso wie das Morbili – gegen die Kälte umlegen.

Sommers kommt indes ein Seidentuch mit Fransen zum Einsatz, das durchaus bunt, auch bestickt sein darf und – so viel noch zum Thema Mode – gerne farblich mit dem Seidenschurz korrespondiert. Die berühmteste Variante ist das Flammentuch, ein changierender Traum in Seide, der den Nachteil hat, dass er vergänglich ist. „Irgendwann bricht leider jede Seide“, bedauert Priska Haas, die noch ein altes Stück besitzt.

Radhaube aus Messingdraht

Der Augapfel der Alt-Villingerin aber ist ihre Radhaube. Priska Haas gehört ein Exemplar aus dem 19. Jahrhundert, über dessen Urheberin man sich nicht so ganz im Klaren ist. Es besteht aus goldfarbenen Messingdraht, früher das bevorzugte Material für all jene, die sich echtes Gold nicht leisten konnten, und ist entsprechend nachgedunkelt.

„Ihr Villingen“ hat Priska Haas nie verlassen, was sie zu einem „Gott sei Dank“ veranlasst. Sie ist Teil der Großfamilie Haas/Mauch, die 2011 im Europapark in Rust zu Deutschlands größter Trachtenfamilie gekürt wurde. Ihre zwei Kinder, 16 und 19 Jahre alt, wachsen mit der Tradition auf. „Unsere Tracht ist so schön“, sagt Priska Haas und ihre Augen funkeln mit dem Granatschmuck an Hals und Ohr um die Wette.

 

 

Claudia Raufer – Alt-Villingerin, Morbili und Wuescht

Ihr Vater war Kavallerist der Historischen Bürgerwehr und Mitglied der Trachtengruppe Villingen. Ihre Mutter stammt aus Nordstetten und hatte eigentlich keinen engen Bezug zur Villinger Fastnacht. Als Dreijährige war Claudia Raufer zum ersten Mal mit einer Bekannten auf der Villinger Fasnet. Über die Jugendtanzgruppe fand sie schließlich den Weg ins Häs und ist bis heute als Alt-Villingerin und Morbili, hauptsächlich aber mit der Wueschtgruppe unterwegs. Die raubauzigen Kerle (unter deren mit Stroh ausgestopften Hosen sich längst auch Damen verbergen dürfen), die „Schönschte“, die stets am Schluss kommen, haben es ihr angetan und stehen für sie in ihrem verwaschenen Häs nur äußerlich im Widerspruch zur eleganten Villinger Tracht.

Glücklich ist Claudia Raufer dennoch, wenn sie auch außerhalb der Fastnachtszeit hin und wieder in die wunderschöne Tracht hinein-schlüpfen und ihre Heimatstadt repräsentieren darf. Und das tut sie nicht nur in Villingen, sondern auch mit Begeisterung auf der Baar – in Donaueschingen.

An der Fastnacht mit Halbscheme

Doch zurück zur Villinger Tracht. „Wie mach ich‘s rächt?“ heißt eine Broschüre der Zunft, die aufzeigt, wie sich eine Alt-Villingerin zu kleiden hat. Claudia Raufer prangt auf der Titelseite. Innen erfährt man, dass die Trachtenträgerin nicht zu stark geschminkt sein sollte, dass nur Trachten-schuhe oder zarte Stiefeletten erlaubt sind und die Hände in weißen Handschuhen stecken. Claudia Raufer hat die Regeln verinnerlicht. Nur an der Fastnacht trägt die Alt-Villingerin, falls sie an der Seite eines Narros oder Surhebels einherschreitet, eine handgeschnitzte Halbscheme. „Die Anonymität der Herren muss gewahrt bleiben“, lautet nämlich die Vorschrift der Brauchtumsschützer.

Auch lange Haare haben auf der Schulter der Alt-Villingerin nichts zu suchen. Claudia Raufers Haar ist kurz. So eine Frisur trug seinerzeit keine Frau. Sie steckte ihr langes Haar zu einem Dutt zusammen, die prächtige Radhaube stützte sich darauf. Was also tun, damit die auch auf dem Bubikopf bleibt, wie es sein sollte? Beim alljährlichen Maschgere- und Mäschgerleabend gibt Claudia Raufer dazu profunde Tipps. Ein falscher Dutt, über der Stirn gehalten von einem breiten Gummiband, ist die Lösung, die von den neuen Hästrägerinnen gerne angenommen wird.

Eine gehäkelte Walz-Radhaube

Die 52-Jährige besitzt eine noch von Lina Walz gehäkelte Radhaube, die gut und gerne 40 Jahre alt ist. „Das Muster wurde nie weitergegeben, das ist also ein Unikat“, sagt sie nicht ohne Stolz. Der Haubenboden ist kunstvoll bestickt, die Schleife, die bis zur Taille reicht, blütenweiß. Claudia Raufer hat sich ihre Villinger Tracht mit viel Geduld ganz allmählich zusammengestellt. Den Granatschmuck hat sie seit ihrer Konfirmation nach und nach geschenkt bekommen oder bei Haushaltsauflösungen ersteigert.

„Ich wollte auf jeden Fall echten Schmuck“, sagt sie. In gleichem Maße legt sie Wert auf edle Materialien und näht auch selbst. „Ich bin in die Tracht hineingewachsen, ich lebe sie“, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter, die die Tradition ebenso zu schätzen weiß.

Eine Viertelstunde braucht Claudia Raufer, um für die Fotografin ihre wunderschöne Tracht mit den vielen Details anzulegen. Das zweiteilige Kleid ist schwarz mit weißen Spitzen am Hals und an den Ärmeln. Das dunkle Violett einer Aubergine stand Farbenpate für die Schürze und ist Grundlage für das in hellem Flieder geblümte Schultertuch. Claudia Raufer beweist damit Geschmack und zeigt außerdem, dass bei traditionellen Trachten auch Farbe im Spiel sein darf.

 

 

Jutta Grothaus – bis zu 900 Stunden für eine Villinger Radhaube

von Birgit Heinig

Wie viele Radhauben sie in 35 Jahren schon anfertigte, hat Jutta Grothaus nie gezählt. Für viele Trägerinnen der Alt-Villingerinnen-Tracht ist eine Kopfbedeckung aus der Grothaus-Werkstatt das Nonplusultra, schließlich hat sich die 67-Jährige intensiv mit der Entstehungsgeschichte der Radhaube beschäftigt und die Technik für die Hohlspitze wiederentdeckt.

Die prächtige Radhaube entwickelte sich im

18. Jahrhundert aus der einfachen „Judenkappe“ zu einem edlen Trachtenbestandteil der damals höher gestellten Gesellschaftsschicht. Als die Tracht aus der Biedermeierzeit ab 1840 allmählich von modischer Kleidung abgelöst wurde, fand sie vielerorts ihren Platz in der Fastnacht und lebt dort, wohl behütet von den Brauchtumspflegern, weiter. 1979 sah Jutta Grothaus zum ersten Mal eine Radhaube beim Umzug der Historischen Narrozunft an der Villinger Fasnet – und war sofort begeistert. Gerade war sie mit ihrem Mann aus Niedersachsen nach Erdmannsweiler gezogen, ihren norddeutschen Akzent erkennt man bis heute.

Manfred Merz überlässt Pfauenmuster

Es sollte indes noch einige Jahre dauern, bis Jutta Grothaus sich zum ersten Mal selbst an die Herstellung einer solchen Haube für ihre Tochter machte. Als Diplomingenieurin für Maschinenbau hatte sie den »technischen Blick« für die Konstruktion des umwobenen Metallgestelles. Als Tüftlerin, die viel nähte, strickte und häkelte, war es ihr ein Leichtes, mit Hilfe gekaufter Fertigspitze ihr erstes Exemplar zustande zu bringen.

Doch die Perfektionistin gab sich damit nicht zufrieden: Sie belegte einen Volkshochschulkurs im Klöppeln, eine Handarbeitstechnik zur Herstellung von filigranen Spitzen. 1994 war es, als sie sich, endgültig vom „Radhaubenfieber“ gepackt, im Museum alte Radhauben ansah und bemerkte, dass deren Spitze eine andere als ihre geklöppelte war – die Hohlspitze. Mit Hilfe ihrer damaligen Kursleiterin Anneliese Kirst – und auch des Villinger Schemenpapstes Manfred Merz, der ihr das bekannte „Pfauenmuster“ überließ – machte sie sich auf die Suche und fand die auch „Schlauch- oder Windungsspitze“ genannte Technik heraus.

 

 

Das bekannte Pfauenmuster der Villinger Radhaube in Gold als Hohlspitze.

1997 erstmals mit Hohlspitz-Radhaube als Alt-Villingerin unterwegs

Als sie 1997 selbst zum ersten Mal als Alt-Villingerin mit ihrer eigenen Hohlspitzen-Radhaube an der Fastnacht „auf der Gass‘“ war, fiel sie auf. Viele der älteren Damen riefen: „Das ist genau so eine Haube, wie wir sie früher hatten“. Und auch der als besonders kritisch bekannte Merz lobte die Norddeutsche mit den Worten: „Donnerwetter, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut“. Seither gibt sie selbst Kurse an der Volkshochschule – sowohl für Klöppeln als auch für Hohlspitze und fertigt Radhaube um Radhaube.

Das ist Fleißarbeit. Je nach Größe und Muster sitzt Jutta Grothaus zwischen 450 und 900 Stunden an einer Haube. Voraussetzung ist der zuvor entworfene „Brief“, das Muster, dass das Endprodukt aufweisen soll. Geklöppelte Spitze kostet nur halb so viel Zeit. Je feiner der Draht und je dichter gewickelt die einzelnen „Schnecken“ der Hohlspitze, umso zeitaufwändiger ist die Herstellung. Jutta Grothaus verwendet am liebsten ganz dünne, gerade einmal 0,2 Millimeter dicke „Gespinste“ sowie einen 0,6 mm breiten Flachdraht, den sogenannten „Plätt“. Immerhin könne sie beim Arbeiten – egal ob Hohl- oder Klöppelspitze – fernsehen, sagt sie lachend. Für Laien unvorstellbar, denn vor ihr liegt eine verwirrende Anzahl von kleinen Holzspindeln, jede gemäß dem darunterliegenden Brief einen Draht um Stecknadeln führend.

 

 

Oben: Schwarze Radhaube in Klöppelspitze. Unten: Silberne Radhaube in Klöppelspitze.

Von welcher Farbe das Material und schließlich die fertige Prachthaube ist, hängt vom Wunsch der Trägerin ab. Früher arbeitete man ausschließlich mit Messingdraht, der für manche den Nachteil hat, dass er von Jahr zu Jahr dunkler wird. „Gold konnten sich damals nur die Reichsten leisten“, sagt Jutta Grothaus und weiß aus der Geschichte, dass die Gold- und auch Silberfäden vor und nach der Verarbeitung abgewogen wurden, damit die Haubenmacherinnen im Akkord keine davon abzweigen konnten.

An der Fasnet hat sich Gold durchgesetzt

Die Farbe Gold – das Zeichen für einen hohen Feiertag – hat sich bei der Villinger Fasnet durchgesetzt. Zu sehen sind ab und zu aber auch schwarze Hauben. Auch davon

 

 

Goldene Radhaube ausgeführt in Klöppeltechnik.

hat Jutta Grothaus schon Exemplare angefertigt. Sie sind aus Cenillefäden gewoben. Über die Ursache der Farbe rätseln die Geschichtsschreiber. Einfach preiswerter? Eine Alltagshaube? Ein Zeichen für die Konfession oder den Familienstand? Oder einfach nur modisch?

Ob sie lieber eine geklöppelte oder eine Radhaube mit Hohlspitze und in welcher Farbe trägt? Diese Frage kann Jutta Grothaus nicht beantworten. Ihr sind sie alle lieb. Momentan hat sie sich auf eine silberne in Klöppeltechnik verlegt, „weil die am besten zu meiner Haarfarbe passt“, sagt die Künstlerin augenzwinkernd. Dass es auch in Villingen die silberne Variante gab, das weiß sie und plädiert – mit einem kleinen Seitenhieb auf die aus ihrer Sicht allzu Traditionsbezogenen – bei den Teilnehmerinnen in ihren Volkshochschulkursen und bei ihren Kundinnen für mehr Offenheit.

Die Nachfrage nach einer Radhaube aus dem Hause Grothaus hat auch im vierten Jahrzehnt ihres Wirkens nicht nachgelassen. In ihrem Atelier in Villingen fertigt sie derzeit alle zwei Jahre eine neue Haube an – die Interessentinnen sollten also entsprechende Wartezeiten einplanen. Dafür erhalten sie dann ein Unikat. „Jede bekommt ihr eigenes Muster“, verspricht Jutta Grothaus. Für eine Radhaube in Hohlspitz-Technik werden – Mindestlohn adieu! – rund 3.000 Euro fällig. Dafür hält man dann eine historisch schwerwiegende Kostbarkeit in Händen.

 

 

Ingeborg Jaag – die Alt-Villingerin als lebensechte Miniatur-Puppe

Puppenmacherin Ingeborg Jaag. Hier zeigt sie das „Skelett“ für eine ihrer Puppen – es könnte auch eine Alt-Villingerin werden.

von Birgit Heinig

Sie sind genau um zwei Drittel kleiner als ihre menschlichen Vorbilder: die Alt-Villingerinnen der Puppenmacherin Ingeborg Jaag. Manch eine der Trachtenpuppen steht in einem privaten Haushalt und trägt sogar die Gesichtszüge der Bewohnerin. Die meisten aber – rund 90 Exemplare – sind jedes Jahr Teil der großen und immer wieder neu kombinierten Fastnachtsausstellung im Villinger Franziskanermuseum. Seit 15 Jahren, immer ab dem 6. Januar, sind die kleinen Kostbarkeiten dort zu sehen, die in über 30 Jahren in Ingeborg Jaags Werkstatt entstanden: Narros und Surhebel, Morbili, Wueschte, der Butzesel mit seinen Treibern, ein Teil der Villinger Stadt- und Bürgerwehrmusik und Alt-Villingerinnen mit und ohne Kinderchaise und Scheme – man kann sich kaum sattsehen. Die Künstlerin ist bekannt und wird geschätzt für ihre Liebe zum Detail, freilich immer historisch korrekt. In den 40 Jahren, in denen die heute 77-Jährige in Villingen lebt und sich in die Figuren der Villinger Fasnet verliebte, ohne jemals selbst in ein Häs geschlüpft zu sein, studierte sie jede Einzelheit der Villinger Frauentracht – von der aufwändig gefertigten Radhaube zuoberst bis hinab zu den Riemchenschuhen oder alternativ den schmalen Stiefeletten. Sie holte sich ihre Informationen bei Kennerinnen der Villinger Fasnet und wurde darüber selbst zur Expertin. Sie besorgte sich Originalmodelle des Kleides, des Unterrocks, der Schürze, des Wiener Schals, der Strümpfe und Schuhe und probierte so lange, bis die Ergebnisse ihren eigenen hohen Ansprüchen genügten.

Für eine Alt-Villingerin fallen über 120 Stunden an Arbeit an

Probleme gab es dabei genug zu lösen. Der mit einer Besenlitze endende Rock aus schwarzem Wollstoff stand zunächst zu sehr ab, wurde immer wieder genäht, aufgetrennt und neu

Blick in die Gruppe der Alt-Villingerinnen bei der Fastnachtsausstellung im Franziskanermuseum. Foto rechts: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

genäht, bis Ingeborg Jaag zufrieden war mit der Silhouette. Bis das Oberteil en miniature passte, verbrauchte sie zahlreiche 30-Zentimeter-Stoffstücke und viele Stunden, um die winzigen Ärmel eingenäht zu bekommen und das Schößchen, der „Schnäpp“, saß. Für die Herstellung originalgetreuer Radhauben absolvierte sie sogar einen Kurs, um die Technik der anspruchsvollen Hohlspitze zu erlernen.

Ein Puppenexemplar der Alt-Villingerin bedeutet für Ingeborg Jaag mindestens 120 Stunden Handarbeit. Gesichter modelliert sie nämlich selbst, einige sogar nach der Vorlage lebender Personen. Schon für ihre Abschlussprüfung als Erzieherin hatte sie Köpfe für Kasperlepuppen modelliert. Mit dieser Erfahrung und nach vielen Versuchen wirkten ihre Puppen schließlich so lebendig, „dass ich mich scheute, in sie eine Nadel zu stecken“. Als Begleiterin des Narros hat die Alt-Villingerin eine Scheme zu tragen, damit die Anonymität des Paares gewahrt bleibt. Die Jaag‘schen Schemen

erhielten die Zustimmung des verstorbenen „Schemenpapstes“ Manfred Merz, eine Bestätigung für beste Arbeit.

Die Skelette für ihre Puppen fertigt ihr Mann Herbert, ein ehemaliger Werkzeugmacher und Ingenieur, aus Vierkantholz, die Arme entstehen aus Sisalschnur mit Drahtkern und sind somit beweglich. Über das schwarze – manchmal auch nachtblaue – Kleid der MiniAlt-Villingerin kommt eine Schürze. Ingeborg Jaag liebt die Stoffe dafür, die ihren Glanz durch zwei oder mehr unterschiedlich farbige, miteinander verwobene Fäden erhalten.

Knifflige Falt- und Fixierarbeiten

Der Figur liegt ein seidenes Tuch um die Schultern, wie man es früher im Sommer trug. Oder ein wärmerer Wienerschal, wie er aufgrund der Temperaturen in der Regel an der Fastnacht zum Einsatz kommt.

Ingeborg Jaag bei der Zusammenstellung einer lebensechten Fastnachtsgruppe. Die Alt-Villingerin-nen samt Kinder tragen meist die Gesichtszüge einer wirklichen Villingerin. Viel Liebe steckt auch in den Details der Miniatur-Kostüme.

Alle Fotos: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

Ihn richtig zu falten und zu fixieren ist schon für die menschliche Trägerin knifflig: „Zum Dreieck gelegt, 16 cm nach vorne, 8 cm nach hinten und 4 cm wieder nach vorne umschlagen“ heißt es diesbezüglich in der Broschüre der Historischen Narrozunft mit dem Titel „Wie mach ich‘s rächt?“ Ingeborg Jaag rechnet freilich maßstabsgetreu um. Bei der Fixierung des Schals hat sie es dagegen etwas einfacher: statt einer verdeckten Sicherheitsnadel ist es bei ihr »halt ein Stich«.

Die Radhauben der Alt-Villingerin fertigt Ingeborg Jaag ebenso in Handarbeit wie die „Krättle“, die Korbtaschen (oben). Auch die Lederhandgriffe und der Inhalt sind originalgetreu „en Miniatur“ ausgeführt.

Immer kleiner werden jetzt die Accessoires der Puppen-Alt-Villingerin. Dennoch ist alles perfekt – auch unter dem Rock. Besonders stolz ist Ingeborg Jaag auf handgeklöppelte, feine Wäschespitze, die den weißen Unterrock abschließt. Großen Wert legt die Puppenmacherin auf die ebenfalls vorbildgetreu geformten schwarzen Wäschespitzen. „Meine Lieblingsobjekte“, sagt sie. Den Granatschmuck, der Villinger Tracht lötet Ingeborg Jaag aus originalgroßen Teilen auf Mini-Größe zusammen.

Die Korbtasche, das „Krättle“, flicht sie selbst aus Material für Stuhlgeflecht. Unglaublich, aber die wenige Zentimeter großen Behältnisse sind sogar mit Ledergriffen ausgestattet und lassen sich teilweise sogar öffnen. Darin befindet sich, man staune, ein pinkfarbenes „Mon Chérie“ – natürlich in Drittelgröße.

In jede einzelne Puppe investierte Ingeborg Jaag viele Stunden Handarbeit. Weitere fertigt sie inzwischen nicht mehr an, weil das Einfädeln eines Garnfadens in eine Nähnadel im Alter nicht mehr ganz so einfach ist. Alt-Villingerinnen sind und waren – neben der Wueschte – immer ihre Lieblingsfiguren.

Links und rechte Seite: Impressionen aus dem Fastnachtsumzug von Ingeborg Jaag. Den Narro rechts begleitet die Alt-Villingerin mit Maske, damit auch sie keine Hinweise auf den Schementräger gibt.

Alle Fotos: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

EGT-Triberg – Nicht die Größe allein entscheidet über den Markterfolg

von Bernward Janzing

Vor über 120 Jahren in Triberg im Schwarzwald dank des Vorhandenseins von Wasserkraft – der Triberger Wasserfälle – gegründet, ist die EGT durch die „Energie der Veränderung“ geprägt, so der aktuelle Slogan der Unternehmensgruppe. Drei hundertprozentige Tochterfirmen der EGT AG bilden das Kerngeschäft des

Unternehmens. Heute sind rund 230 Mitarbeiter in den Geschäftsbereichen Energieservice, Netzbetrieb sowie Elektro- und Informationstechnische Gebäudeausrüstung tätig. Die Unternehmensgruppe mit ihren Töchtern und Beteiligungsgesellschaften erzielte im Jahr 2018 Umsatzerlöse in Höhe von rund 100 Millionen Euro. Ende 2018 kam im Rahmen eines von Rudolf Kastner initiierten Projektes zur Erweiterung des Aktionärskreises die Alb-Elektrizitätswerk Geislingen-Steige eG als strategischer Partner zur EGT hinzu. Private und kommunale Aktionäre sowie das AlbWerk halten seither jeweils ein Drittel der Anteile an der EGT AG. Der nachstehende Beitrag gibt Einblick, wie sich die EGT vor allem während der Ära Rudolf Kastner wandelte
– einerseits durch die Politik, die den Strommarkt öffnete und die Energiewende startete, andererseits aber auch durch den Weitblick des Firmenchefs. Nach 26 Jahren wechselte Rudolf Kastner in den Aufsichtsrat, übernahm dort den Vorsitz. Jens Buchholz, seit 2011 Finanzvorstand der EGT AG, obliegt nun als Alleinvorstand der EGT AG gemeinsam mit den Geschäftsführungskollegen der Tochtergesellschaften die Führung der Unternehmensgruppe.

Triberg und die EGT haben – auch über die Re-tung komplett auf Strom umgestellt. Im Mai gion hinaus – Wirtschaftsgeschichte geschrie-1896 gründet sich dann die EGT-Triberg (siehe ben. Begünstigt durch die örtliche Wasserkraft Infoblock S. 113). hatte Triberg bereits im Jahr 1884 als eine der In den vergangenen zwei Jahrzehnten indes ersten Städte Deutschlands die Straßenbeleuch-hat sich das Unternehmen stärker gewandelt

 

 

als je zuvor in der Firmengeschichte – denn die Zeiten haben sich geändert. Auf der Grundlage von EU-Richtlinien wurde in Deutschland 1998 der Strommarkt und 2004 der Gasmarkt liberalisiert. Die Kunden konnten nun Strom und Gas beim Anbieter ihrer Wahl beziehen.

EGT profitiert vom neuen Wettbewerb

Nur die großen Unternehmen werden überleben, Zusammenschlüsse werden nötig – so glaubte man in den Zeiten des Umbruchs. Viele Stadtwerke holten sich deswegen Partner ins Boot, am liebsten einen der großen Konzerne, von denen einige ihrerseits fusionierten und bald als EnBW, RWE, Eon und Vattenfall firmierten. Für die kommunalen Unternehmen sahen viele Beobachter schwarz, und so forderte der Deutsche Städtetag im Jahr nach der Marktöffnung die Bundesregierung auf, „das Sterben der Stadtwerke zu stoppen“.

Zwei Jahrzehnte später weiß man: Das Sterben der kommunalen Stromversorger ist

Der Slogan „Energie der Veränderung“ brachte auch eine neue Kuckucksuhr hervor: Das futuristische Design visualisiert, dass die EGT Triberg für die Energieversorgung der Zukunft bestens gerüstet ist.

ausgeblieben. Auch die EGT in Triberg bewältigte als einer der kleinen Versorger im Land die Marktöffnung gut. Und dies sogar während sie unabhängig blieb von den Stromkonzernen. Trotz ihrer überschaubaren Größe profitierte die EGT vielmehr vom neu geschaffenen Wettbewerb, denn sie konnte fortan auch außerhalb ihres angestammten Netzgebietes expandieren.

Rudolf Kastner (links) führte das Unternehmen seit 1993, formte die „neue EGT“. Seit seiner Verabschiedung in den Ruhestand im Sommer 2019 wirkt er als Vorsitzender des Aufsichtsrates. Für die EGT AG zeichnet nun der bisherige Finanzvorstand-Vorstand Jens Buchholz verantwortlich (rechts).

 

 

Rudolf Kastner, der das Unternehmen seit 1993 führte, versichert im Rückblick auf die turbulente Zeit am Ende der Neunzigerjahre: „Ich hatte keine Bedenken um die EGT, als die Marktliberalisierung kam.“ Was er auch dadurch zum Ausdruck brachte, dass er nur kurz nach der Marktöffnung persönlich jene Geschäftsanteile der EGT übernahm, die die Gründerfamilie Linde zum Kauf anbot.

Im Sommer 2019 übergab der 67-Jährige nach 25-jähriger Tätigkeit an der Unternehmenspitze die Leitung an Finanzvorstand Jens Buchholz und die Geschäftsführer der Tochtergesellschaften. Zugleich wechselte er in den Aufsichtsrat der EGT. Zu seinem Abschied aus der Geschäftsführung attestierten ihm Branchenexperten, er sei ein Visionär, Stratege und brillanter Denker – und ein „EGT-Urgestein“. Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) formulierte: „Er ist nicht nur Energieunternehmer, sondern auch Energiepolitiker – das meine ich im positiven Sinne.“

Dr. Hans Freiherr von Schoen, dessen Vorfahren die Gründung der EGT maßgeblich zu verdanken ist, beschrieb bei der Verabschiedung die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen als eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen – Rudolf Kastner besitze sie.

Seine Karriere hatte der gebürtige Oberbayer Rudolf Kastner nach einem Studium der Elektrotechnik an der Technischen Universität München im Jahr 1977 beim Siemens-Konzern begonnen. Dort war er für Schaltanlagen und Großkraftwerke unter anderem im Nahen Osten, Südamerika und Süd-Ost-Asien zuständig.

Danach wechselte Rudolf Kastner zum Schweizer Energie- und Industriekonzern Elektrowatt AG. Dort war er in den zehn Jahren seiner Tätigkeit zuletzt Mitglied der Geschäftsleitung verschiedener Konzerngesellschaften im Bereich der Energiewirtschaft, so stellvertretender Vorstand beim Kraftwerk Laufenburg. Von 1993 bis 2019 führte Rudolf Kastner die EGT Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Triberg, deren Aufsichtsratsvorsitzender er heute ist.

Auch in Branchenverbänden engagierte sich Rudolf Kastner: Er war Präsident des Verbandes der Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg (VfEW) in Stuttgart und gehörte zum Vorstand des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin. Neu ist seine Berufung in die TOP JOB Jury. Mit dem TOP JOB-Siegel werden Unternehmen mit herausragenden Arbeitgeberqualitäten gekürt. Die Siegelvergabe basiert auf umfangreichen Mitarbeiterbefragungen zur Unternehmenskultur, die von der Universität St. Gallen durchgeführt und ausgewertet werden.

Leistungsstarkes Projektmanagement

Neben dem Kraftakt, die EGT aus Monopolstrukturen zu einem wettbewerbsfähigen Energiedienstleistungsunternehmen zu entwickeln, standen weitere Umbauten im Unternehmen an. Zum Beispiel konnte sich die EGT als einer

Verabschiedung aus dem Vorstand im Sommer 2019: Rudolf Kastner (Mitte) führte das Unternehmen seit 1993, formte die „neue EGT“. Jetzt wirkt er als einer der Gesellschafter der EGT AG als Vorsitzender des Aufsichtsrates. Das Foto zeigt ihn zusammen mit Dr. Hans Freiherr von Schoen (rechts) und Stefan von Schoen (links), deren Familie die Entstehung der EGT-Triberg zu verdanken ist und die bis heute zu den Gesellschaftern des Unternehmens zählt.

 

 

Die EGT-Zentrale in Triberg.

Ein Streiflicht auf die Geschichte der EGT

DAS MAGISCH-HELLE ELEKTRISCHE LICHT, das in den 1880er-Jahren die Eisengießerei Siedle in Triberg erleuchtet, weckt in den Tribergern den Wunsch nach einer elektrischen Straßenbeleuchtung. 1884 geht diese unter städtischer Regie in Betrieb – als eine der ersten in Deutschland überhaupt und die erste in öffentlicher Hand.

FRIEDRICH WILHELM VON SCHOEN, ein Freund von Richard Wagner und Kunstmäzen, sein Bruder, der Diplomat Wilhelm Eduard Freiherr von Schoen, Friedrich Kranich sowie Carl von Linde – Ingenieur, Erfinder und Kopf der Linde AG, gründen im Jahr 1896 gemeinsam mit der Firma Meißner & Co. die Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg. Erster Aufsichtsratsvorsitzender wird Friedrich Wilhelm von Schoen.

MIT DER KRAFT DES TRIBERGER WASSERFALLES

erzeugt die EGT im Oberen und Unteren Werk selbst elektrischen Strom, doch reicht dieser zur Versorgung des Absatzgebietes nicht aus: Der Bedarf explodiert geradezu. Als auch zusätzlich in Betrieb genommene Dampfmaschinen und große Dieselanlagen zur Sicherung des Bedarfs nicht mehr genügen, schließt sich die EGT im Jahr 1913 an das Versorgungsnetz des Kraftwerks Laufenburg an.

STÄNDIGE INVESTITIONEN IN DAS STROMNETZ

und die Krisenjahre im Gefolge des Ersten Weltkrieges veranlassen die Gründer, den Schulterschluss mit den Gemeinden in ihrem Versorgungsgebiet zu suchen: Neben Triberg werden auch Hornberg, Furtwangen, Schonach und St. Georgen mit Strom versorgt. Und 1922 beteiligen sich diese Kommunen mit insgesamt 50 Prozent am Stammkapital der EGT, die zweite Hälfte verbleibt in den Händen der Gründerfamilien.

Ende 2018 erweiterte die EGT den Aktionärskreis mit dem AlbWerk als strategischen Partner. Diese Transaktion wurde von Rudolf Kastner initiiert und umgesetzt. Private und kommunale Aktionäre sowie das AlbWerk halten seither jeweils ein Drittel der Anteile an der EGT.

 

 

Beim Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen, war die EGT Gebäudetechnik GmbH für die gesamte Stark- und Schwach-strominstallation sowie die Beleuchtung der OP-Bereiche verantwortlich.

der ganz wenigen Stromversorger in Deutschland über all die Jahre hinweg ein eigenes Elektroinstallationsunternehmen erhalten. Dieses allerdings sei bei seinem Amtsantritt „noch sehr handwerklich geprägt“ gewesen, erinnert sich der langjährige Firmenchef.

Diesen damaligen „Handwerksbetrieb“ baute Rudolf Kastner fortan zu einem leistungsstarken Projektmanagementunternehmen um. Er gründete die EGT Gebäudetechnik GmbH, die heute zu den führenden Unternehmen im Bereich Stark- und Schwachstrominstallationen zählt und deutschlandweit in der elektro- sowie informationstechnischen Gebäudeausrüstung tätig ist. Die Gebäudetechnik GmbH ist sowohl für Industrie- und Gewerbebetriebe als auch öffentliche Einrichtungen sowie Privatkunden im eigenen Stammgebiet tätig.

Bald rüsteten die Elektroinstallateure der EGT große, komplexe Bauvorhaben im deutschen Südwesten mit der nötigen Elektro- und Informationstechnik aus. Zum Tätigkeitsfeld gehören Lichtinstallationen, Steuerungen für das „intelligente Haus“, Brandmeldeanlagen, Daten- und Sicherheitstechnik sowie

Photovoltaik-Anlagen. Die

EGT Gebäudetechnik GmbH hat sich so zu einem der wichtigsten Standbeine der Unternehmensgruppe entwickelt und trägt zwischenzeitlich mehr als die Hälfte zum operativen Ergebnis der EGT bei. Oft hat sie in den vergangenen Jahren die gesteckten Ziele deutlich übertroffen.

Schwarzwald-Baar Klinikum gehört zu den Referenzprojekten

Zu den Referenzprojekten gehört beispielsweise der Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen, bei dem das Unternehmen für die gesamten Stark- und Schwachstrominstallation und die Beleuchtung der OP-Bereiche verantwortlich war. Auch im

Badeparadies Schwarzwald

in Titisee war die EGT enga

giert, indem sie Nieder- und

Mittelspannungsanlagen,

sowie Sicherheitstechnik in

stallierte, etwa Brandmelde-

und Alarmanlagen.

Dass die EGT aktuell auch ihren eigenen Neubau in St. Georgen zu einem Schaufenster der modernen Gebäudetechnik macht, ist da nur selbstverständlich. In dem dreigeschossigen, ovalförmigen Bau an der Bundesstraße wird künftig

Zukunftsweisend in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit ist der Neubau der EGT Gebäudetechnik und von aquavilla in St. Georgen. Das High-tech-Gebäude wird nahezu vollständig mit Holz realisiert.

 

 

Vielfältiges Engagement für die Region

„Wir fühlen uns der Region und den Menschen, die hier wohnen, besonders verbunden. Deshalb setzen wir uns seit jeher für soziale sowie kulturelle Belange und ebenso die Unterstützung zahlreicher Sportvereine und Spitzensportler wie Aline Rotter-Focken ein“, so Rudolf Kastner, Aufsichtsratsvorsitzender der EGT AG und Vorstand Jens Buchholz.

Aline Rotter-Focken gilt als Deutschlands erfolgreichste Ringerin, wurde 2014 Weltmeisterin in der Gewichtsklasse bis 69 kg Körpergewicht, holte sich 2015 und erneut 2019 WM-Bronze und 2017 WM-Silber. „Sport ist pure Energie, also unser Spezialgebiet“ meint Jens Buchholz, Vorstand der EGT AG mit einem Augenzwinkern. „Wir freuen uns über die Bestleistungen von Aline und begleiten sie begeistert auf ihrem Weg zur Olympiade in Tokio.“

Bereits seit 2004 ist die EGT Sponsor des traditionsreichen Schwarzwaldpokals der Nordischen Kombinierer in Schonach. Für etwa ein Jahrzehnt förderte die EGT als Hauptsponsor den Bike-Marathon – seit 2011 tritt sie als Nebensponsor auf und freut sich über einen eigenen Cup, den EGT-Cross-Country Jugend Cup.

Für ihr Engagement wurde die Unternehmensgruppe bereits als „Partnerbetrieb des Spitzensports“ ausgezeichnet. Die so ausge

die EGT Gebäudetechnik zusammen mit der aquavillla untergebracht sein. Das Gebäude wird nahezu vollständig, inklusive Treppenhaus und Aufzugsschacht, in Massiv-Brettschichtholz-Technik ausgeführt. Auch in der Fassade ist der Baustoff Holz erlebbar. Im Inneren steckt Hightech zum Anfassen.

Der erste Spatenstich erfolgte im Februar 2018, im Juni 2019 war Richtfest. „Neben der sehr auffälligen Optik ist vor allem die Energiebilanz mit einem sehr hohen Grad an Energieeffizienz und Eigenversorgung auf regenerativer Basis herausragend“, betont das Unternehmen. Dies sei „passend zur neuen strategischen Aus-zeichneten Unternehmen stellen Ausbildungsplätze zur Verfügung, die Spitzensportlern die Möglichkeit geben, ihre Ausbildung mit den internationalen Trainings- und Wettkampfverpflichtungen zu vereinbaren.

Rudolf Kastner und Jens Buchholz von der EGT mit der Ringerin Aline Rotter-Focken.

Weiter fördert die EGT u.a. Bildungspartnerschaften mit Schulen. Vorstand Jens Buchholz: „Wir unterstützen mit der EGT Regio-Prämie bürgernahe Projekte, fördern Vereine, gemeinnützige Organisationen und regionale Veranstaltungen. Des Weiteren setzen wir uns seit vielen Jahren für die Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe und damit für krebs- und herzkranke Kinder und Jugendliche ein.“

richtung der EGT.“ Fünf Millionen Euro investiert die EGT in das „Vorzeigeobjekt hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit“.

Richtungsweisende Entscheidungen – Einstieg in die Gasversorgung

Längst profitiert das Unternehmen von frühzeitigen und richtungsweisenden Entscheidungen. Speziell jener aus den Achtzigerjahren, ein Gasnetz in den Gemeinden aufzubauen, die zugleich Gesellschafter der EGT sind. Seit 1983 hat die EGT Energie GmbH ihr Gasversorgungsnetz im westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis, im Or-

 

 

tenaukreis und im Landkreis Rottweil stetig erweitert. Für über 6.000 Hausanschlüsse wurden mehr als 390 Kilometer Rohrleitungen verlegt und instand gehalten.

Seit 2009 unterstützt die EGT Energie GmbH zudem die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Rahmen einer Kooperation und übernimmt dabei die technische Leitung der Gasversorgungsnetze Wembach und Schönau im Südschwarzwald.

Der damalige Geschäftsführer Michael Weinmann hatte zudem das Mittelspannungsnetz, das zuvor in vielfältige Zweige unterschiedlicher Spannung zersplittert war, auf die zwischenzeitlich gängige Spannungsebene von 20 Kilovolt vereinheitlicht. Das sparte Kosten, weil Sonderanfertigungen von Transformatoren für 15 oder 5 Kilovolt stets teuer waren.

Als dann kurz vor der Jahrtausendwende der Markt auf die Branche hereinbrach, hatte das Unternehmen gute Startbedingungen. Und weil die EGT mit ihrem eigenen Installationsbetrieb – anders als viele andere Versorger

– auch einen marktwirtschaftlichen Zweig stets in der Gruppe hatte, bewältigte sie den Kulturwandel in der Branche gut.

Der große Erfolg des Stromvertriebs wurde dem Unternehmen später allerdings fast zum Verhängnis. Es war die einzige große Krise, die die EGT in den letzten zwei Jahrzehnten durchzustehen hatte – nämlich jene der Jahre 2008 und 2009, die dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers folgte.

Mit der EGT Gebäudetechnik GmbH zählt die EGT zu den führenden Unternehmen im Bereich der Stark- und Schwachstrominstallationen.

 

 

Die durch die amerikanische Schuldenwirtschaft ausgelöste Finanzkrise hatte schnell viele deutsche Unternehmen der Realwirtschaft erfasst. Besonders die Automotive-Branche geriet in zwar nur kurze, aber umso heftigere Turbulenzen. Und da im Schwarzwald viele Automobil-Zulieferer ansässig sind, traf die Entwicklung die EGT, die entsprechende Strommengen vorab eingekauft hatte, und nun auf diesen sitzen blieb. Aber nicht nur in der Region, auch deutschlandweit war das Unternehmen im Vertrieb zuvor enorm erfolgreich gewesen: „Wir standen zeitweise auf Platz zehn der größten Stromvertriebe in Deutschland“, unterstreicht Rudolf Kastner.

Das erwies sich dann als gefährliches Klumpenrisiko, als die Stromabnahme einbrach. Besonders fatal: Auch andere Stromhändler und -lieferanten hatten das gleiche Problem, so dass zugleich die Preise am Strommarkt kollabierten. Kilowattstunden, die die EGT und andere Stromlieferanten frühzeitig für das Jahr 2009 eingekauft hatten, verloren rapide an Wert. Nur mit massiven Verlusten ließen sich die nicht benötigten Kontingente wieder verkaufen.

Heute, so ist Rudolf Kastner überzeugt, seien solche Turbulenzen bei der EGT ausgeschlossen. Zum einen befinden sich im Portfolio der EGT im Vergleich zum Zeitraum der Wirtschaftskrise mehrheitlich kleinere und mittlere Gewerbe-

Die Geschäftsbereiche der EGT sind vielgestaltig, gesamtheitlich hat sich die Gruppe in den drei Bereichen Energieservice, Energienetze und Elektro- und Informationstechnische Gebäudeausrüstung etabliert.

und Industriekunden aus allen Branchen, zum anderen verkauft die EGT Kunden mit größeren Energiebezugsmengen heute keinen Strom mehr zu Festpreisen. Die Preise orientieren sich zwischenzeitlich stets am Spotmarkt und sind somit variabel. Als Lieferant sei man damit von den Preisrisiken nahezu entkoppelt.

Mit diesem Prinzip war die EGT auch Vorreiter bei der Belieferung von kleineren und mittleren Unternehmen, so Rudolf Kastner. Das Geschäftsrisiko mehrjähriger Lieferverträge für größere Energiemengen zum Festpreis, das die EGT durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in höchste Bedrängnis brachte, wurde so nachhaltig auf ein absolutes Minimum reduziert.

Gründung der aquavilla GmbH

Schon Jahre zuvor hatte die EGT sich auch auf neue Geschäftsfelder gewagt. Etwa, als die Konzerntochter EGT Energie GmbH zum Jahresbeginn 2003 zusammen mit den Kommunen Furtwangen, Königsfeld, Triberg und Vöhrenbach die aquavilla GmbH gründete. Inzwischen gehören

 

 

Die Sicherung der Trinkwasserversorgung ist komplex, hier ein Pumpwerk in Furtwangen. Im westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis haben die Gemeinden diese Aufgabe an die aquavilla der EGT delegiert.

auch die Gemeinden Schönwald, Schonach und St. Georgen zu den Gesellschaftern.

Das Unternehmen betreibt die Wasserversorgung der sieben beteiligten Kommunen in technischer Hinsicht und ist damit für etwa

45.000 Einwohner in einem Gebiet von fast 390 Quadratkilometern verantwortlich. Die aquavilla betreut 45 Hochbehälter mit über 84 Wasserkammern und ca. 20.354 m³ Speichervolumen. Weiter u. a. 11.400 Hausanschlüsse und Wasserzähler, 205 Quellen sowie 19 Wasseraufbereitungsanlagen/Wasserwerke. Zudem berät die Firma auch Eigenversorger mit kleinen Wasserversorgungsanlagen, zum Beispiel bei der Umsetzung der neuen Trinkwasserverordnung. Das Dienstleistungsangebot ist sehr vielfältig und reicht vom Rohrleitungsbau bis hin zur Entnahme von Wasserproben.

Tankstellen für die neue Mobilität

Darüberhinaus engagiert sich die EGT auch in der Elektro- und Erdgas-Mobilität. Die erste öffentliche EGT-Elektro-Ladesäule wurde am

6. September 2016 im Parkhaus Triberg eingeweiht. Mittlerweile hat die EGT ihr Ziel erreicht, in jeder Gemeinde des Netzgebietes mindestens eine Elektro-Tankstelle zu installieren.

Die EGT betreibt weiter eine Erdgastankstelle in Triberg, versorgt mit 100 % Bioerdgas.

Beteiligung an der Oxygen Technologies GmbH

Und weil sich die deutsche Stromwirtschaft mit dem Wachstum der erneuerbaren Energien, dem Atomausstieg und dem Rückgang der Kohleverstromung in den kommenden Jahren weiterhin massiv verändern wird, suchte die EGT auch nach einem neuen Partner aus der neuen Energiewelt. Im April 2018 konnten die Triberger eine zukunftsweisende Akquisition bekanntgeben: Sie beteiligte sich an dem Freiburger Start-up Oxygen Technologies GmbH.

Das Unternehmen ist eine Ausgründung des Fraunhofer ISE und der Universität Freiburg. Sein Geschäftsmodell zielt darauf, die Chancen der Digitalisierung für die Bürgerenergiewende zu nutzen. Oxygen bietet sowohl für die Eigenverbrauchsoptimierung als auch für die komplexen energiewirtschaftlichen und technischen

 

 

Prozesse bei der Vermarktung
Intelligente Stromzähler ermögvon Strom aus dezentralen lichen es, kontinuierlich die Ver-Kleinanlagen eine Steuerungs-brauchsdaten an die EGT zu übertragen.

software und digitale Handelsplattformen an.

Attraktiv wird ein solches Konzept, weil inzwischen mehr ben und andererseits Akteure als 40 Prozent der installierten der Energieversorgung zu sein. Leistung zur Stromerzeugung Die Unternehmen sprechen von aus regenerativen Erzeugungs-einem „Peer-to-Peer-Handel“, anlagen im Besitz von Privat-der sich dadurch auszeichnet,

personen und Landwirten kommen. Mehr als eineinhalb Millionen kleine Bürgerkraftwerke produzieren Ökostrom und speisen diesen ins Netz ein. Die Zeiten, da es nur wenige große Stromerzeuger in Deutschland gab, sind endgültig vorbei. Der neue Akteur der Branche ist der „Prosumer“, der gleichermaßen, das heißt im stetigen Wechsel, Produzent und Konsument von Strom ist.

Bislang noch wird der Strom aus den vielen Privatanlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet. Doch das wird zum Teil nicht mehr lange so bleiben. Ab Anfang 2021 fallen nach 20 Jahren die ersten Anlagen aus der EEG-Förderung und jedes Jahr kommen weitere hinzu. Das hat zur Folge, dass in zunehmendem Maße auch Kleinanlagenbesitzer ihren Strom selbst vermarkten oder speichern und verbrauchen müssen. Die dafür nötigen Strukturen sollen nun von der EGT gemeinsam mit Oxygen entwickelt werden.

Damit soll es für die Kunden möglich werden, einerseits ihre Erzeugungsanlagen auch nach Auslaufen der Förderung durch das EEG sinnvoll weiter zu betrei-

Die EGT bietet die einzige Bio-Erdgas-Tankstelle im Raum

Triberg an.

dass die Handelspartner gleichberechtigt in einem dezentralen Netzwerk agieren ohne zentrale Vermittlungsinstanz wie etwa eine Börse.

Neue Chancen schaffen

Bei der EGT ist man davon überzeugt, dass die drei Phänomene „Dezentralisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung“ die Zukunft der Branche prägen werden. Und so will das Unternehmen für die Kunden „ein Realisierungspartner für CO₂-arme Energieversorgungskonzepte für Strom, Wärme und Kälte mit maximalem Autarkiegrad“ sein. Es gelte, „aus den vermeintlichen Bedrohungen der alten Energiewirtschaft neue Chancen zu schaffen.“ So klingt ein Optimismus durch, der in Zeiten der Energiewende nicht selbstverständlich ist. Diese Offenheit für neue Entwicklungen spiegelt übrigens auch der Firmenslogan der EGT wider: „Energie der Veränderung“.

 

 

Mit einem Verschleißring fing alles an

Die Firma Granacher Präzisionstechnik aus St. Georgen ist einer von 400 zertifizierten Zulieferern für die Luft- und Raumfahrtindustrie weltweit. Den Weg dazu ebnete Firmengründer Ewald Granacher vor mehr als 50 Jahren.

von Roland Sprich

120 Wirtschaft

Qualität und Liefertreue haben bei der Firma Granacher Präzisionstechnik aus St. Georgen eine besondere Bedeutung. Seit mehr als 50 Jahren produziert das Unternehmen ein Bauteil, das Firmengrün der Ewald Granacher einst zum großen Durchbruch verholfen hat: Ein Verschleiß ring, unscheinbar in der Optik, hochpräzise gefertigt und für die Funktion von Hydrau liksystemen unverzichtbar. Mit den Ringen werden beispielsweise in Flugzeugen die Landeklappen, das Höhen- und Seiten ruder, die Treibstoffpumpen und das Fahr werk gesteuert. Die „Manufaktur mit Seri enfertigung“, so Granacher über Granacher, fertigt nach DIN 9100 sowie DIN 9001. Das Unternehmen ist Lieferant der Luft-, Raumfahrt- und Medizintechnik sowie des Rennsports.

 

 

Ewald Granacher, Unternehmensgründer

Wann immer ein Verkehrsflugzeug am Himmel zu sehen ist, der Rettungshubschrauber zum nächsten Einsatz fliegt oder Rennwagen mit 300 Stundenkilometern um den Sieg fahren, kann man davon ausgehen, dass Bauteile von Granacher Präzisionstechnik mit dabei sind. „Von unseren Produkten hängen Menschenleben ab“, bringt es Stefan Granacher auf den Punkt. Der Sohn des Unternehmensgründers ist gemeinsam mit seiner Frau Silke heutiger Geschäftsführer. Er legt diesen Satz jedem Mitarbeiter ans Herz, damit diese sich wiederum ihrer Verantwortung bei der Herstellung der hochpräzisen Komponenten bewusst sind. Denn das Unternehmen stellt etliche Komponenten her, die in der Luft- und Raumfahrttechnik ebenso benötigt werden wie im Automobilrennsport. Fehler können hier besonders schwerwiegende Folgen haben. Deshalb ist es für Stefan Granacher wichtig, dass die Mitarbeiter zum Unternehmen passen. Neben dem handwerklichen Know-how müssen sie das entsprechende Feuer und vor allem auch Leidenschaft mitbringen. „Ich brauche Mitarbeiter, die brennen, die ebenso zur Luftfahrtfamilie gehören wollen wie ich selbst.“

Bis die Granacher Präzisionstechnik dort ankam, wo sie heute steht, war es ein langer und ehrgeiziger Weg. Alles begann in einer Garage:

Ewald Granacher war Bohrwerksdreher bei der St.Georgener Firma Heinemann, einem einst weltweit bedeutenden

Hersteller von Spezialdreh- und Fräsmaschinen. Er machte sich 1968 mit der Herstellung von elektromechanischen Bauteilen

für die heimische Feinwerktechnik- und Uhrenin

dustrie in der Garage seines Wohnhauses mit seiner Frau Rosemarie in St. Georgen selbstständig.

Schwarzwälder Tüftlergeist

Der hohe Qualitätsstandard, den Ewald Granacher lieferte, sprach sich herum. Die Aufträge wurden mehr, und eines Tages wurde ein bedeutendes Luftfahrtunternehmen auf den kleinen Betrieb im Schwarzwald aufmerksam. Ewald Granacher wurde damit beauftragt, einen Verschleißring für Hydraulikpumpen von hoher Präzision und vor allem gleichbleibender Qualität herzustellen. Andere, größere Betriebe scheiterten an der Aufgabe. Ewald Granacher bekam das mit seinem Fachwissen und Schwarzwälder Tüftlergeist hin. Und wurde so zu einem wichtigen Lieferanten für die Luftfahrtindustrie. Bis heute fertigt das Unter-

Neubau der Granacher Präzisionstechnik im Gewerbegebiet Hagenmoos.

 

 

nehmen diese Hydraulikbauteile, ohne die sich beispielsweise Passagierflugzeuge nicht in die Lüfte abheben könnten.

Doch auf der Produktion von Verschleißringen ruhte sich Ewald Granacher selbstverständlich nicht aus. Stetig wurde der Maschinenpark erweitert. Als Ewald Granacher 1981 die erste CNC-gesteuerte Drehmaschine anschaffte, konnten einerseits der hohe Qualitätsstandard gehalten und andererseits neue Aufgabenfelder erschlossen werden. Damit einhergehend wuchs auch die Zahl der Mitarbeiter. Gleichzeitig wurden die Räume immer beengter. 1981 zog die Firma um in ein kleines Fabrikgebäude im Döbele, am Rand von St. Georgen. 2002 wurden dort durch einen Anbau die Betriebsräume erweitert. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen 15 Mitarbeiter.

Spezialdienstleister in der Zerspanungstechnik

Heute ist mit Stefan Granacher die zweite Generation in der Verantwortung des Familienunternehmens. Die Fabrik im Döbele ist mittlerweile Geschichte. Seit 2016 firmiert Granacher Präzisionstechnik in einem modernen, auf rund 1.600 Quadratmetern produzierenden Neubau im Gewerbegebiet Hagenmoos. Dort reiht sich das Unternehmen in die wachsende Liste anderer Global Player ein, die in dem größten St. Georgener Gewerbegebiet produzieren. An die Anfänge seines Vaters erinnert bis heute eine Stoppuhr, die eingerahmt an der Wand im Büro von Stefan Granacher hängt. „Damit hat mein Vater die Produktionszeiten gestoppt. Immer auf der Suche nach Optimierung.“

Wir machen das, was andere nicht können.

Das Unternehmen, das aktuell 27 Mitarbeiter beschäftigt, sieht sich heute mehr denn je als Spezialdienstleister im Bereich der Zerspanungstechnik. Je komplizierter die Anforderung, desto größer der Ansporn für die Mitarbeiter, das Problem zur vollsten Kundenzufriedenheit zu lösen. „Wir machen das, was andere nicht können“, fasst Stefan Granacher die Unternehmensphilosophie zusammen. So gehören beispielsweise eckige Drehteile zu den Spezialaufgaben des Unternehmens. Auch andere hochkomplexe Teile aus unterschiedlichen Materialien wie Stahl, Edelstahl, Kupfer, Bronze, Kunststoffen oder Materialkombinationen und Beschichtungen mit einem Durchmesser von 0,5 bis 120 Millimeter stellen für die Firma kein Problem dar. Dabei hat das Unternehmen eine hohe Fertigungstiefe. Lediglich Spezialbehandlungen gibt Granacher außer Haus. Hier sind es wiederum in erster Linie Teile für die Luftfahrtindustrie, wo bestimmte Lacke und Beschichtungen hohen Temperaturunterschieden von 45 Grad bis zu minus 50 Grad standhalten müssen. „Anschließend wird jedes einzelne Teil in der Qualitätskontrolle geprüft und sorgfältig dokumentiert“, betont Stefan Granacher. Auf die Qualitätskontrolle legt Granacher Präzisionstechnik großen Wert. Die

Blick in die Fertigung.

 

 

Präzisionsteile aus der „Manufaktur mit Serienfertigung“.

Mitarbeiter werden regelmäßig an modernsten Prüfmethoden weitergebildet.

Manufaktur mit Serienfertigung

Zum Kundenportfolio gehören auch Kunden aus der Industrie und dem Bereich Elektromobilität. Bei letzterer setzt Granacher durch die stetig wachsende Elektromobilität auf eine steigende Auftragslage. Eine Besonderheit des Unternehmens ist, dass Granacher Präzisionstechnik auch den Kundenwunsch nach kleinsten Losgrößen erfüllen kann. „Wir stellen auf Kundenwunsch auch nur ein Stück eines Produktes her“, sagt der Inhaber, weshalb er das Unternehmen auch eher als „Manufaktur mit Serienfertigung“ sieht. Meist sind es jedoch Kleinserien, die auf den modernen Dreh- und Fräsmaschinen produziert werden. Dies wiederum erfordert auch von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Flexibilität, die die Maschinen häufig neu rüsten müssen. Hier ist Qualifikation gefragt. Deshalb setzt Granacher alles daran, seine Mitarbeiter und damit das Know-how im Hause zu halten. Auch der Standort Deutschland hat für ihn hohe Bedeutung. Selbst nur Teile seiner Produktion ins Ausland zu verlagern, käme für ihn schon aus Qualitätsgründen nie in Frage.

Ein Ziel, das sich Stefan kunft setzt, ist es, selbst künftige Fachkräfte auszubilden. „Die duale Berufsausbildung in Deutschland ist eine der besten“, weiß er. Und eines Tages will er wieder etwas davon zurückgeben, wovon er bis heute profitiert. Nämlich von gut ausgebildeten Fachkräften, die seinen eigenen Qualitätsanspruch umsetzen.

So wichtig wie höchste Kundenzufriedenheit, was Granacher mit Qualität und Liefertreue erreicht, ist dem Unternehmer auch das Thema Nachhaltigkeit. So werden die fertigen Teile einzeln und in Mehrfachverpackungen an den Kunden gesendet, die zurückgeschickt und anschließend wieder verwendet werden.

Unternehmensnachfolge bereits geregelt

Zwar denkt Stefan Granacher noch lange nicht an Ruhestand. Dennoch ist der heute 51-Jährige in der glücklichen Lage, die Nachfolge für sein Un

ternehmen bereits geregelt zu haben. Die älteste Tochter Katharina ist bereits im Unternehmen tätig. Sie ist gelernte Industriekauf

frau und studiert aktuell Betriebswirtschafslehre. Auch Sohn Tobias, gelernter Industriemechaniker, wird in das Unternehmen einsteigen. Seit September ist

Schwiegersohn Jonas King ebenfalls im Unternehmen und wird zusammen mit Stefan Granacher die Geschäfts-

Granacher für die nahe Zu-Stefan Granacher leitung übernehmen.

 

 

Impressionen: Von der Konstruktion bis zur Qualitätskontrolle.

 

 

B+B Thermo-Technik Donaueschinger Schmiede streckt weltweit ihre Fühler aus

Vor 36 Jahren gründete Rudolf Boll das Unternehmen B+B Thermo-Technik GmbH in Allmendshofen. Boll und ein Mitstreiter hatten damals den richtigen Riecher und besetzten mit ihrer Firma eine lukrative Marktlücke: Messtechnik und Sensoren.

von Jens Fröhlich

Was mit Steckverbindungen für Thermoelemente, Messlösungen und Elektronikbauteilen im kleinen Rahmen im Donaueschinger Ortsteil begann, entwickelte sich rasch zu einer echten Erfolgsgeschichte. Solche Bauteile werden in nahezu allen Bereichen benötigt. Gerade in der heutigen, vernetzten und technisierten Welt sind sie wichtiger denn je. Nur vier Jahre nach der Gründung expandierte das familiengeführte Unternehmen zum ersten Mal und zog in das neue Gebäude an der Heinrich-Hertz-Straße in Donaueschingen um. Mit dem raschen Wachstum in den Folgejahren wurden nach und nach neue Erweiterungen des Firmengebäudes nötig. Mittlerweile beschäftigt B+B Thermo-Technik 125 Mitarbeiter. Im Jahr 2018 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 12 Millionen Euro.

 

 

Das Portfolio von B+B Thermo-Technik umfasst mehrere tausend Produkte denen Temperaturen, Feuchte, Druck, Gas oder Helligkeit gemessen wird. Weitere Standorte in der ganzen Welt wurden aufgebaut. 2019 ist die Produktion in einem neuen Werk in Serbien angelaufen. Vor wenigen Jahren wurde auch ein Generationenwechsel eingeläutet, der sich auf einem guten Weg befindet: Firmengründer Rudolf Boll und seine beiden Töchter Evamaria Boll-Scholte van Mast und Kim-Chantal Boll führen den Betrieb nun Hand in Hand. 2019 wurde das 35-jährige Bestehen mit einem großen Sommerfest für alle Mitarbeiter und ihre Familien im Parkrestaurant in Donaueschingen gefeiert. Seither ziert ein von den Auszubildenden angefertigter Zeitstrahl die B+B-Erfolgsgeschichte im Gemeinschaftsraum. Hier werden die wichtigsten Stationen der Entwicklung dokumentiert.

und Lösungen für fast alle Branchen, in und Lösungen aus Donaueschingen finden nicht selten in der Automobilbranche, im Maschinen-bau, in der Medizintechnik, der Biotechnologie, der Pharmazie und der Umwelttechnik Verwen-dung. Auch in vielen Haushaltsgeräten sind

Sensoren in Hülle und Fülle

Seit 1984 entwickelt und produziert B+B Thermo-Technik erfolgreich Thermoelement-Steckverbinder, Temperatur-, Feuchtigkeits- sowie Druck- oder Gassonden. Die Anwendungsbereiche sind kaum zu überschauen. Die Bauteile

Die Temperaturfühler mit Anschlusskopf werden zur Temperaturmessung hauptsächlich in flüssigen und gasförmigen Medien bei Temperaturen bis 1.100°C eingesetzt.

B+B-Sensoren verbaut. „Weiße Ware“ lautet der Fachbegriff für Geräte wie Backöfen, Geschirrspüler oder Waschmaschinen.

Weitere Einsatzgebiete sind die Lebensmitteltechnik und die Gebäudetechnik. Letzterer Bereich umfasst neben Heizungs- und Lüftungstechnik auch den Wachstumsmarkt der Hausautomation. Viele Hersteller schwören auf die

Geschäftsführer und Firmengründer Rudolf Boll und seine zwei Töchter Evamaria Boll-Scholte van Mast (rechts) und Kim-Chantal Boll (links) führen das Unternehmen heute gemeinsam.

 

 

Sensoren aus dem Hause B+B Thermo-Technik. Zum Kundenkreis zählen namhafte Unternehmen wie Liebherr, Buderus, Audi, BMW und Bombardier.

Internet-Pionier

Nicht nur Gerätehersteller vertrauen auf die Qualität, sondern auch große Elektronik-Versandhäuser wie Conrad Elektronik und Reichelt haben Produkte und Bauteile aus Donaueschingen im Programm und verkaufen diese an ihre eigenen Kunden weiter. Als ein Vorreiter der Branche erkannte Boll bereits 1999 das Potenzial des Internets und wagte eigene Gehversuche mit einem ersten Internetshop. 2019 feierte der Online-Shop
www.temperatur-shop.de
seinen bereits 20. Geburtstag. Heute lautet die offizielle Shop-Adresse
shop.bb-sensors.com
.

Schnell stellten sich nach dem Start erste Erfolge ein. Der Umsatz aus dem Online-Handel stieg von Jahr zu Jahr. Von 2016 auf 2017 verdoppelte er sich. 2015 wurde der Online-Shop grundlegend erneuert. Ende 2018 folgte eine weitere Auffrischung. Die Seite ist in einem übersichtlichen Design sowie in deutscher und englischer Sprache abrufbar. Rund 1.000 Produkte können im Warenkorb abgelegt und bequem bezahlt werden. Seit geraumer Zeit trägt der Shop das Gütesiegel des Unternehmens TrustedShops, das die B+B-Plattform regelmäßig prüft und zertifiziert. Dies sorgt für ein sicheres Einkaufserlebnis und Datensicherheit. Bei Kundenbewertungen über TrustedShops erreicht B+B Thermo-Technik ein sehr gutes Ergebnis mit 4,88 von fünf möglichen Punkten.

Den erfolgreichen Internet-Shop gibt es bereits seit 20 Jahren.

Der Firmensitz in Donaueschingen.

 

 

Das Labor ist ein ESD geschützter Bereich. ESD steht im Englischen für electrostatic discharge, was auf Deutsch elektrostatische Entladung bedeutet. Mitarbeiter tragen daher spezielle Arbeitskleidung und müssen sich vor dem Betreten des Raumes auf einer Metallplatte „entladen“ lassen. Ansonsten könnten sensible elektronische Bauelemente beschädigt und Messergebnisse verfälscht werden.

Einträge wie „Alles super, gerne wieder“ und „Schnelle Lieferung“ sind dort nicht selten zu lesen. Auch Kommentare wie „Chat war sehr hilfreich“, „Die Geräte kann ich nur wärmstens empfehlen“ und „Sehr, sehr guter Anbieter“ bestätigen das Unternehmen auf dem eingeschlagenen Weg.

Mittlerweile macht der Online-Handel bis zu zehn Prozent vom Umsatz aus. Dem Wachstumsbereich wurde Rechnung getragen und ein separates Shop-Lager eingerichtet. 60 bis 70 Pakete verlassen pro Woche die hauseigene Versandabteilung.

Spezialisierung auf individuelle Lösungen

Warum sich die Produkte von der Baar trotz starker Konkurrenz so erfolgreich am Markt behaupten, lässt sich an mehreren Faktoren festmachen. Zum einen haben sich die Sensor-Spezialisten einen hohen Qualitätsanspruch auferlegt und versuchen nach der Null-Fehler-Philosophie zu produzieren. In den Jahren 2000, 2003, 2006 und 2013 wurden verschiedene Zertifizierungen absolviert. Ein internes Fehler-Erkennungssystem gewährleistet, dass nur einwandfreie Produkte das Haus verlassen.

Eine breite Produktpalette, moderne Produktionsverfahren, Fachkompetenz und langjährige Erfahrung zeichnen B+B Thermo-Technik zusätzlich aus. Die Kundenorientierung spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Getreu dem firmeneigenen Motto „Creating Measurement Solutions“, hat sich das Familienunternehmen in den letzten Jahren verstärkt auf individuelle Lösungen für seine Kunden spezialisiert.

Kaum ein Wunsch, der nicht realisierbar ist. Existiert ein vom Kunde benötigtes Produkt noch nicht am Markt, wird es kurzerhand und in Abstimmung mit dem Kunden entwickelt. Dafür ist die hauseigene Entwicklungsabteilung mit sechs Ingenieuren, zwei Labor-Mitarbeitern sowie einem Produktmanager zuständig.

Eigene Ideen sollen aber gleichfalls nicht zu kurz kommen. Diese entstehen häufig gemeinsam und im Austausch zwischen den einzelnen Abteilungen – dem Vertrieb, der Entwicklung und der Produktion.

 

 

2019 baute B+B Thermo-Technik den neuen Produktionsstandort in Serbien. 2020 sollen Teile der Produktion hierher ausgelagert werden und den Hauptstandort in Donaueschingen entlasten.

Technologischer Wandel

Wie wichtig eigene Innovationen sind, lässt sich am technologischen Wandel aufzeigen. Auch das mittelständische Familienunternehmen musste sich in den letzten Jahren auf diesen Wandel und die Industrie 4.0 einlassen, chen es, Temperatur, Feuchte, Druck und auch Helligkeit zu messen und kabellos zu übertragen. Die Daten sind bequem über einen Computer, ein Tablet oder auch mit einem Smartphone abrufbar. Über Funktechnologie können Nutzer

auch alarmiert werden, sobald

um den Anschluss nicht zu verlieren. So
Messwerte über- oder unter-entstand zum Beispiel die neue Wireless schritten werden. Produktreihe „kiro“. B+B Thermo-Technik kombiniert damit Weltweites Netzwerk ihr Fachgebiet der Der Erfolg der letzten Jah-Messtechnik mit re sorgte aber auch dafür, zukunftsweisenden dass das Unternehmen am Technologien. Diese Standort Donaueschingen Produkte ermögli-immer wieder anbauen und

sich vergrößern konnte. Mittlerweile sind die Möglichkeiten und freien Flächen auf dem Grundstück nahe-

Der kiro solo Datenlog

zu ausgereizt. Um sich am

ger übermittelt seine Messwerte egal ob Tem-Hauptstandort wieder Luft zu peratur, Feuchte, Druck verschaffen, werden momenoder Licht per WLAN. tan Teile der Produktion nach

 

 

Absolutdrücken in Flüssigkeiten oder Gasen.

B+B liefert die passenden Produkte für die Gebäude-technik, z.B. Temperatur-, Feuchte- und Druckfühler.

Drucksensoren sind ideal zur Messung von statischen und dynamischen Relativ- und

 

 

Serbien ausgelagert. Dort hat B+B einen neuen Standort aufgebaut, der Ende 2019 in Betrieb ging. Rund 20 Mitarbeiter sollen dort schon bald die Arbeit aufnehmen. Bereits im Jahr 2010 gründete man in Chongqing in China eine Produktionsstätte unter dem Namen B+B Industrial Automation Chongqing. 20 Mitarbeiter erledigen hier Vorarbeiten und fertigen zum Beispiel Gehäuse.

Um auf dem internationalen Markt neue Kunden zu gewinnen und bestehende Partnerschaften besser betreuen zu können, wurden nach und nach Vertriebsstandorte gegründet. Bereits seit 2003 sind zwei Mitarbeiter in der Zweigniederlassung „B+B Thermo-Techniek“ in den Niederlanden für das Donaueschinger Unternehmen tätig. 2018 kam der Vertriebsstandort in Hongkong hinzu. Von hier aus betreuen bis zu drei Mitarbeiter den asiatischen Markt. Weitere Standorte weltweit sind in Planung.

Erfolgreicher Generationenwechsel

Wie in vielen familiengeführten Unternehmen ist auch bei B+B Thermo-Technik ein Generationenwechsel irgendwann unausweichlich. Doch anders als in vielen anderen deutschen Betrieben scheint dieser Wechsel gut zu funktionieren. 30 Jahre lang hielt Firmengründer Rudolf Boll die Firma allein verantwortlich auf Kurs. Mit Weitsicht leitete der heute 70-Jährige vor fünf Jahren einen sanften Übergang im Familienbetrieb ein und berief seine Tochter Kim-Chantal Boll im Oktober 2014 in die Geschäftsführung. Nur drei Jahre später wagte auch die zweite Tochter Evamaria Boll-Scholte van Mast diesen Schritt. Die 31-Jährige nahm Ende 2017 neben ihrem Vater und ihrer zwei Jahre älteren Schwester in der Geschäftsleitung Platz, nachdem sie sich zuvor zwei Jahre im Unternehmen eingearbeitet hatte. Seither teilen sich die drei Geschäftsführer die Aufgaben. Ein großer Vorteil bei Familienbetrieben sind die kurzen Entscheidungswege.

kombinierten Tempera-tur-, Gas- und Druck-messung.

 

 

Die Gasentnahmesonde Eco TGD eignet sich zur

Motivierte Mitarbeiter

Doch ein Unternehmen mit kompetenter Führungsspitze ist nur erfolgreich, wenn auch die Mitarbeiter motiviert sind. Daher wird im Hause ein kollegialer Führungsstil gepflegt und viel für die Zufriedenheit der Mitarbeiter getan. Bei jedem Monats-Umsatzrekord steigt in einer Mittagspause ein „Gipfelschmaus“. Ein Hähnchenwagen verköstigt dann kostenlos die gesamte Belegschaft im Innenhof. „Wir wollen die Mitarbeiter dazu motivieren, immer besser zu werden und im Team gemeinsam gut zu arbeiten. Für diese Leistung erhalten sie große Anerkennung von uns und werden mit einem leckeren Mittagessen belohnt“, so Evamaria Boll-Scholte van Mast. Auch das jährlich stattfindende Biergartenfest im Sommer ist beliebt. Bei der traditionellen Weihnachtsfeier verbringen Mitarbeiter und Geschäftsleitung einen Abend mit gutem Essen und bei weihnachtlicher Atmosphäre. Für den letzten Arbeitstag vor den betrieblichen Weihnachtsferien wird zudem eine Tombola organisiert, bei der jedem Mitarbeiter ein kleines Weihnachtspräsent überreicht wird. „Jahr für Jahr freuen wir uns wieder auf diese Ereignisse. Es macht immer sehr viel Spaß und wir bekommen nur positive Rückmeldungen von den Mitarbeitern“, erzählt Kim-Chantal Boll. Auch Angebote wie das Jobrad und ein Gleitzeitmodell werden gerne von den Angestellten genutzt. Kostenlose Obstkörbe, die überall im Firmengebäude verteilt stehen, sind immer schnell leergefegt.

Unten: Blick in die Produktion.

 

 

Traditionsunternehmen mit großer Innovationskraft Wein-Riegger in Villingen hat auch einen klangvollen Namen in der Whisky- und Rumszene

Wo „flüssiges Gold“ aus Schottland und Mittelamerika sprich Whisky und Rum in großen Fässern und Mengen lagert im Depot, genannt „Warehouse Hall of Angels‘ Share , von Wein-Riegger in VS-Villingen. Oben Olaf Lauinger (links) mit Sohn Christopher Lauinger.

 

 

Seit 140 Jahren gibt es die Firma Wein-Riegger in VS-Villingen. Alles begann einst mit einer Küferei, Brennerei, Mosterei und einem Weinkeller in der Villinger Innenstadt, gegründet von Johann Nepomuk Riegger. Heute ist das Unternehmen nicht nur der größte Weinhändler in der Region, sondern hat quer durch die Republik einen ausgezeichneten Ruf unter Whisky- und Rumfreunden. Im Jahr 2016 gebauten „Warehouse Hall of Angels‘ Share“ am Firmensitz

im Villinger Industriegebiet Vockenhausen lagern

hunderte von Eichenfässern, gefüllt mit Whisky

aus Schottland und Rum aus Panama. Neben 1.200

Sorten Wein hat Wein-Riegger auch über 1.200 unterschiedliche Whiskys, über 150 Rumsorten und jede Menge weiterer Spirituosen in seinem vielfältigen Angebot. Die Geschäftsführung des Handelshauses besteht aktuell aus Olaf Lauinger, seinem Bruder Uwe Lauinger und seinem Sohn Sebastian Lauinger, der bereits die 5. Generation in dem Familienunternehmen repräsentiert, ebenso wie Christopher und Lisa Lauinger, die auch in der Firma tätig sind.

von Dieter Wacker

Sorgsam schließt Olaf Lauinger ein Hängeschloss nach dem anderen auf. Nach einigen Minuten lässt sich das große Tor öffnen. Irgendwie hat das Ganze etwas von dem legendären Fort Knox in den USA. Nur, dass in dem Villinger Depot hinter der schweren Eisentür keine Goldreserve im klassischen Sinne lagert, sondern flüssiges Gold aus Schottland und Mittelamerika. In bauchigen Holzfässern schlummert und reift ein Schatz, der darauf wartet, nach Jahren in Flaschen abgefüllt zu werden: Whisky aus Schottland und Rum aus Panama.

Wer sich mit solchen Spirituosen professionell intensiv beschäftigt, der braucht Zeit und Geduld. Das schnelle Geld ist mit edlem Whisky und Rum nicht zu machen. Ohne in ordentliche finanzielle Vorleistungen zu treten und ohne ein gewisses Risiko zu tragen, geht bei diesem hochprozentigen Geschäft gar nichts.

Dafür hat das Unternehmen Wein-Riegger aus VS-Villingen bei den Liebhabern des „flüssigen Goldes“ weit über die Region hinaus einen besonderen Klang und einen ausgezeichneten Ruf.

1880 in Villingen gegründet

Seit nunmehr 140 Jahren gibt es die Firma, die 1880 von Johann Nepomuk Riegger in der Villinger Innenstadt gegründet wurde. Heute ist bereits die fünfte Generation der Familie aktiv in das Unternehmen mit eingebunden, das seinen Hauptsitz längst in die Werner-von-Siemens-Straße im Industriegebiet Vockenhausen verlegt hat. In der Niederen Straße im Stadtzentrum existiert aber nach wie vor im Stammhaus ein zusätzliches Ladengeschäft. Der Onlinehandel hat sich zu einem weiteren existenziell wichtigen Standbein entwickelt.

Begonnen hat alles vor 140 Jahren mit einer Küferei, Brennerei, Mosterei und einem Weinkeller. Im Laufe der langen Jahre entwickelte sich die Firma zu dem, was sie heute noch ist: eine Weinhandlung mit direktem Weinimport und Großhandel. Ganz in der Familientradition werden zudem immer noch eine ganze Reihe von Spirituosen in der eigenen Brennerei in der Goldgrubengasse destilliert. Das Geschäft mit Whisky und Rum kam nachträglich hinzu und wird vor allem auch als zukunftsfähige Innovation und Investition betrachtet, wie Olaf Lauinger, der neben seinem Bruder Uwe und seinem Sohn

 

 

In einen Hang hineingebaut: Das Warehouse der Firma Wein-Riegger in Villingen, in dem edelster Whisky und Rum in Fässern langsam reift.

Sebastian, als Geschäftsführer fungiert, nachdrücklich betont.

Nach Johann Nepomuk Riegger übernahm Viktor Riegger die Küferei und Weinhandlung. Später gab er sie an seine Tochter Mechthilde weiter, die mit Günter Lauinger verheiratet war. Das Ehepaar führte die Firma gemeinsam durch die Nachkriegsjahre. Es baute den heutigen Hauptsitz an der Werner-von Siemens-Straße auf und betrieb im innerstädtischen Stammhaus eine Weinstube, die über 30 Jahre lang regelrechten Kultstatus genoss, höchst beliebter Treffpunkt für viele Villinger war und die der Historischen Narrozunft als Zunftstube diente. Die Fasnet in „ Rieggers Weinstüble“ war legendär. Über die hohen Tage einen Sitzplatz zu ergattern war reine Glückssache.

Auf Mechtilde und Günter Lauinger folgten deren Söhne Olaf und Uwe, die der Motor des Unternehmens sind, tatkräftig unterstützt von Olafs Kindern Sebastian und Christopher sowie Uwes Tochter Lisa, die alle über entsprechende Ausbildungen mit internationalen Erfahrungen verfügen.

1.200 Weine im Angebot – Riegger ist heute der größte Weinhändler in der Region

Mit einem Angebot von rund 1.200 Weinen ist Riegger heute der größte Weinhändler in der Region. Olaf Lauinger: „Wir kommen in unserer

 

 

Rund 1.200 Weine hat die Firma Wein-Riegger im Angebot. Fachliche Beratung, wie hier durch Olaf und Christopher Lauinger (rechts), hat bei dem größten Weinhändler in der Region einen hohen Stellenwert. Und selbstverständlich können die Weine bei Bedarf auch verkostet werden.

Unternehmenstradition vom Wein, deshalb haben wir nach wie vor auch so eine umfangreiche Auswahl.“ 40 bis 50 Weingüter, die meisten davon in Europa beheimatet, zählen zu den Stammlieferanten der Villinger.

„Wir kennen alle Produzenten, deren Weine wir verkaufen, persönlich. Wir nehmen nichts ins Weinsortiment, von dem wir nicht wissen, wie und wo es hergestellt wird“, unterstreicht Olaf Lauinger die Philosophie des Hauses Riegger. Was natürlich gleich mehrere Vorteile für die Kunden hat: Zum einen können sie auf die Selektion von Fachleuten vertrauen, zum anderen ist das Angebot entsprechend vielfältig und qualitativ verlässlich und zudem können die Käufer kompetent beraten werden.

Regelmäßige hauseigene Weinmessen, bei denen viele Weingüter und Produzenten mit ihren Produkten vertreten sind, erschließen zusätzliche Kundenkreise, schaffen Vertrauen und zugleich eine noch engere Kundenbindung.

Punkte, die der Firma Riegger extrem wichtig sind, wie Olaf Lauinger sagt. Kein Wunder, dass das Unternehmen über eine beachtliche Anzahl an Stammkunden verfügt.

Verkauft werden überwiegend Weine aus Deutschland (fast ausschließlich weiße), aus Spanien (von denen Olaf Lauinger regelrecht schwärmt), Italien und Frankreich, wobei letztere aktuell nicht mehr sehr gefragt sind. Weine aus Übersee runden die Vielfalt ab.

Dass sich das Villinger Unternehmen im Laufe der langen Firmengeschichte immer weiterentwickelt und auch verändert hat, lässt sich zum Beispiel an der großen Zahl der unterschiedlichen Spirituosen ablesen, die sich auch in den Verkaufsregalen finden lassen. Zum Beispiel Cognac, Grappa, Gin, Obstbrände, Liköre und vieles mehr. Und dann natürlich Rum und Whisky. Zwischenzeitlich gibt es sogar eine eigene Whisky-Serie mit Namen „Riegger´s Selection“.

 

 

Nicht nur Wein-, sondern ebenso ein Whisky-Spezialist: Über 1.200 verschiedene Sorten von Whisky hat das Villinger Traditionsunternehmen Wein-Riegger in seinen Verkaufsräumen im Industriegebiet Vockenhausen in seinem Angebot.

Der Whisky-Spezialist im Familienbetrieb ist Uwe Lauinger. Bei einer Urlaubsreise 2006 quer durch Schottland besuchte er zusammen mit seiner Frau Selma eine Whisky-Destille. Natürlich wurde die hochprozentige Spirituose probiert und irgendwie war es um den Villinger geschehen. Uwe Lauinger in einem Interview: „Wir kamen mit dem Master Distiller ins Gespräch und waren sofort von dieser Materie fasziniert.“ Ein Jahr später war Uwe Lauinger wieder in Schottland, diesmal mit einer Geschäftsidee im Gepäck. Dass die Firma Riegger in den Anfangsjahren zwei Generationen lang in der hauseigenen Küferei Fässer herstellte, spielte dabei eine nicht unwichtige Rolle. Schließlich durfte Uwe Lauinger sich in Schottland einige Fässer mit besonderen Whisky-Destillaten aussuchen, die anschließend den Weg in den Schwarzwald antraten.

Für den Mitgeschäftsführer von Wein-Riegger war das ein ganz besonderer Moment und zugleich eine Chance für den Betrieb in ein neues Metier einzusteigen. Daheim wurden die ersten Flaschen in Eigenregie abgefüllt und als sogenannter unabhängiger Abfüller, genannt Independent Bottler, gingen die Villinger auf verschiedene Whisky-Messen in Deutschland. Schnell wurde klar, dass es in unserem Land echte Whisky-Freaks gibt, die heiß sind auf ganz spezielle Angebote. Heute verfügt Deutschland über eine richtige Whisky-Szene, die sich in Clubs organisiert oder sich in geselligen Runden mit Kollegen, Nachbarn, Freunden Verwandten trifft, um zu fachsimpeln und unterschiedliche Whisky-Sorten zu testen.

Seit 2014 veranstaltet Wein-Riegger jährlich eine eigene Whisky-Messe („Hall of Angels`s Share“) in der Neuen Tonhalle in Villingen. Gut 30 Aussteller bieten bis zu 1.000 Whisky-Sorten zum Probieren und Verkaufen an. Aus ganz Süddeutschland, aber auch aus dem benachbarten Ausland kommen die Besucher. Sie freuen sich

 

 

Unter Whisky-Liebhaber sehr begehrt: „Riegger`s Selection“. Schottischer Whisky, der in sehr unterschiedlichen Holzfässern im eigenen Warehouse gelagert wurde und gereift ist, danach von Wein-Riegger als unabhängiger Abfüller auf Flaschen gezogen wurde.

über das breite Angebot, lassen sich aber auch gerne von dem schottischen Flair durch Kiltträger und Dudelsackspieler anstecken. Neben der Messe steht Wein-Riegger hinter dem „Black Forest Whisky Club“ und veranstaltet regelmäßig Tastings (das sind Probierabende, verknüpft mit spannenden Informationen rund um das Thema Whisky).

Im Verkaufsangebot hat das 140 Jahre alte Unternehmen über 1.200 verschiedene Whisky-Sorten in Flaschen. Natürlich liegt der Schwerpunkt auf Destillaten aus dem vermeintlichen Mutterland des edlen Stoffes, aus Schottland. Längst hat sich Riegger auch darauf eingestellt, dass es immer mehr Freunde für Bourbon-Whisky aus den USA gibt. Entsprechend umfangreich ist das Sortiment. „Flüssiges Gold“ aus Irland, Wales und Deutschland darf nicht fehlen und dann gibt es da noch exotisch anmutende Whiskys aus Japan, Taiwan, Indien, Liechtenstein oder Finnland.

Der eigentliche Schatz von Wein-Riegger schlummert aber im Jahre 2016 errichteten Warehouse „Hall of Angels‘ Share“ auf dem Firmengelände im Industriegebiet Vockenhausen. Hineingebaut in einen mit Gras bewachsenen, von außen mit einer unscheinbaren Betonfassade verkleideten und durch die bereits am Anfang erwähnte mächtige Eisentür gesichert, stapeln sich im Lager in Hochregalen hunderte von Holzfässern mit schottischem Whisky und panamaischem Rum. Eine Duftwolke aus verdunstetem Destillat schwängert regelrecht die Luft im für Deutschland einmaligem Depot.

„Whisky für die Engel“

„Das ist der Teil des Whiskys für die Engel“, sagt Olaf Lauinger und erklärt: „Während der Lagerung in den Eichenfässern verdunstet ein gewisser Anteil des Destillats. Bis zu vier Prozent der Füllung pro Jahr.“ Fachleute nennen die Verdunstungsmenge „Angels’ Share“, sprichwörtlich „für die Engel“. Womit auch der Name von Lagerhaus und Whiskymesse erklärt wäre. Zugleich ist damit auch klar, weshalb das „Warehouse“ ein sogenanntes Steuerlager und damit zollfreies Gebiet ist. Würde der von der Firma Riegger in Schottland und Panama regelmäßig eingekaufte Whisky und Rum vor der eigenen Lagerung in Villingen schon versteuert, entstünde durch den bereits erwähnten Verdunstungsverlust ein enormer finanzieller Schaden, der nicht auszugleichen wäre. Also werden die Destillate erst einmal im Zollfreilager untergebracht und erst nach der Abfüllung auf die Flasche entsprechend nach den deutschen Gesetzen versteuert.

Whisky und Rum lagern bei Riegger in sehr unterschiedlichen Fässern, die letztendlich die bei den Liebhabern dieser Getränke so sehr geschätzten höchst unterschiedlichen Aromen hervorbringen. In Gebrauch sind unter anderem Fässer, die einst mit Wein, Sherry, Portwein oder auch amerikanischem Whisky gefüllt waren. Jedes einzelne Fass sorgt für einen individuellen Reifeprozess von Whisky und Rum, die besonderen Geschmacksnoten und die Farbe. Die hohe Kunst, den perfekten Zeitpunkt der Lagerung der wertvollen Destillate abzuwarten, das beherrschen die Verantwortlichen bei Wein-Riegger mittlerweile perfekt. Ihre „Riegger‘s Selection“ ist zum Objekt der Begierde unter Whiskyfreunden in der ganzen Republik geworden. Werden hier doch Destillate aus verschiedenen Fässern miteinander so verbunden, dass ganz besondere Geschmackserlebnisse entstehen.

Auch Rum spielt eine bedeutende Rolle

Dass der Villinger Weinhändler heute auch eine beachtete Rolle auf dem Markt für Rum spielt, das ist in erster Linie Sebastian Lauinger zu verdanken. Als er vor einigen Jahren mit Rum etwas enger in Berührung kam, war sein Interesse an dem alkoholischen Getränk aus Zuckerrohr bzw. Melasse schnell geweckt. Und Sebastian Lauinger wollte alles darüber wissen. Er flog nach Panama, schaute sich dort auf Zuckerrohrfeldern, bei Zuckerproduzenten und bei Brennereien um. Der Juniorchef orderte dann

In Eichenholzfässern, in den zum Beispiel einmal Rotweine, Portwein, Sherry oder auch Bourbon-Whisky gelagert wurde, reifen im hauseigenen Depot bei Wein-Riegger in Villingen schottischer Whisky und Rum aus Panama.

auch gleich mal 120 Fässer zu je 200 Liter Rum und ließ sie nach Deutschland verschiffen. Ein gewaltiger Invest, aus dem aber die nächste Erfolgsstory der Firma Wein Riegger hervorging. Im Warehouse hinter der dicken Eisentür hat der Zuckerrohrschnaps viel Zeit, um zu einem veredelten Destillat zu reifen und irgendwann in Flaschen abgefüllt zu werden. Im Verkaufsraum der Weinhandlung hat der Kunde derweil die Auswahl unter gut 150 Rumsorten aus der Karibik, Zentral- und Südamerika und dem Rest der (Rum-)Welt.

Wer heute die Geschäftsräume von Wein-Riegger an der Werner-von Siemens-Straße betritt, der hat die Qual der Wahl: Über 4.000 Produkte aus aller Welt warten auf die Käufer. Ein Angebot, so groß wie noch nie in der 140-jährigen Geschichte des Villinger Traditionsunternehmens, das damit aber gut gerüstet ist für die Zukunft.

 

 

5. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

Gabor Richter

Digital Artist – weltweit vernetzt

von Marc Eich

Ein ehemaliges Pfarr- und Gemeindehaus in einem 1.500-Seelen-Ort als digitale Kreativwerkstatt für große Agenturen und Global Player? Genau das macht Gabor Richter möglich. Der 36-Jährige ist Bildretuscheur, Digital Artist sowie Fotograf und bedient seine namhaften Kunden seit Herbst 2018 von St. Georgen-Peterzell aus.

 

 

Der Rasen im Hintergrund kaputt, das Wetter regnerisch und der Untergrund, auf dem der schmucke Porsche steht, von Rissen durchsetzt. Nein, so möchte kein Autobauer seine noblen Werke präsentieren. Doch genau solche Bilder bekommt Gabor Richter zugeschickt, um sie vorzeigbar zu machen. „Ich bin quasi Problemlöser“, sagt er – denkt kurz darüber nach und ergänzt dann grinsend: „Und wenn jemand sagt, dass das nicht möglich sei, dann habe ich darauf richtig Bock!“ Über Stunden oder manchmal sogar Tage hinweg sitzt Richter dann an Bildern, um diese bis ins kleinste Detail zu bearbeiten oder gar komplett neu zu erschaffen und aus mehreren Bildern zusammenzusetzen. Da wäre beispielsweise der Bereich Cinematic – eine der Spezialitäten des Familienvaters – bei dem die Filmplakate auch durchaus mal übertrieben gestaltet werden können und dadurch zu einem wahren Hingucker werden. „Wichtig ist mir, dass die Bilder so sauber bearbeitet sind, dass man sie auch groß drucken kann.“ Wenn er dann seine Bilder in Übergröße auf Plakatwänden oder Bussen entdeckt, erfüllt ihn das mit Stolz. Und das, obwohl er als Retuscheur quasi grundsätzlich „undercover“ arbeitet und sein Name nirgends erscheint. „Das stört mich aber nicht. Wenn andere an den Arbeiten eine Freude haben, dann bin auch ich glücklich“, so der 36-Jährige. Zumal es ohnehin wichtiger sei, dass seine Auftraggeber seine Arbeit zu schätzen wissen. Und das wiederum ist angesichts der Fülle an namhaften Kunden – angefangen bei Porsche, Mercedes über Coca-Cola bis hin zum Europapark – unbestritten.

„Ich wollte hier einfach nicht weg“

Doch der Weg zum Erfolg hat ihm einiges abverlangt. Das wird klar, wenn Richter in die Vergangenheit blickt und von seinem Werdegang berichtet. Geboren wurde er in Zittau, seine Eltern zog es aber bereits zwei Jahre nach der Geburt nach Villingen, wo Gabor aufwuchs. „Der Computer war eigentlich immer mein einziges Interesse“, erinnert er sich zurück. Bereits mit fünf Jahren hat er sich mit dem legendären Commodore 64 beschäftigt, später haben ihn seine Eltern zu einer Zeichenschule geschickt. „Ich habe dann immer auf dem PC gezeichnet“, erinnert er sich. Und eigentlich hätte sein Weg in die berufliche Laufbahn, die sich ja irgendwie frühzeitig aufgedrängt hatte, bereits mit 16 geebnet sein können. Denn nach seiner Mittleren Reife hatte der Digital Artist einen Platz für die damals recht frische Ausbildung zum Grafikdesigner in der Tasche. Allerdings in Stuttgart. „Und ich wollte hier einfach nicht weg.“

Links: Im Bereich Cinematic übernimmt Richter auch die Gestaltung von Plakaten. Hier eine Auftragsarbeit
für TutKit.com, als Model fungierte Jessica Bisceglia.

Unten: Gabor Richter, links, mit seinem Fotoshooting- Team für das Filmplakat links.

 

 

Die Folge waren Umwege, die ihn jedoch auch nachhaltig prägten. Zum Beispiel die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei einem Villinger Möbelhaus – und das, obwohl Richter von sich behauptet, kein Zahlenmensch zu sein. Den Weg des geringsten Widerstandes? Nein, das scheint für den 36-Jährigen schon in seiner Jugend nicht die Lebenseinstellung gewesen zu sein. „Ich habe dann auch gelernt, mit Menschen umzugehen und die Ausbildung durchgezogen.“ So erfolgreich sogar, dass der Betrieb ihn weiter beschäftigen wollte – doch Richter lehnte ab. Stattdessen stieg er in die Hausverwaltungsfirma seines Vaters mit ein, hätte diese dann übernehmen sollen. Allerdings sah der kreative Kopf seine Zukunft in einem anderen Bereich. Und so kam es, dass er durch Zufall über eine Anzeige für Mediengestalter-Azubis stolperte. Kurz darauf trat er die Stelle bei einer Werbeagentur in Rottweil an – der Grundstein für seine berufliche Laufbahn war gelegt. „Ich war beim Lernen zwar nicht der Fleißigste, aber es hat funktioniert.“ Denn er überzeugte mit seiner Arbeit. Als Vorbereitung für die Prüfung quartierte er sich gemeinsam mit einem Kumpel im Kloster Beuron ein. Dort fasste er mit ihm die Prüfungsmaterialien zusammen und machte aus ihnen eine Hörbuchfassung, die er

Am Mac verwandelt Gabor Richter die Bilder in wahre Kunstwerke.

sich anschließend laufend anhörte. Auch dieses Problem wusste er zu lösen.

Intensive Jahre bei Calvin Hollywood

Doch Richter strebte nach Höherem und hatte ein klares Ziel vor Augen. Er wollte zu Calvin Hollywood, einem Star in der Photoshop-Szene. Als dieser nach Interessenten für ein dreimonatiges, unbezahltes Praktikum suchte, packte er die Gelegenheit am Schopf und verkaufte nach der Zusage sein Hab und Gut, um bei Hollywood in der Nähe von Heidelberg zu lernen. Aus den drei Monaten wurden schließlich fünf Jahre – denn Richter bekam ein Jobangebot, welches er annahm.

„Photoshopmäßig konnte ich mich da voll ausleben“, erinnert er sich zurück. Es werden intensive Jahre, die der damals 27-Jährige bei Hollywood erlebte. Im Mittelpunkt stand dabei insbesondere die Vermittlung von Wissen zu Bildbearbeitung, Retusche, Fotografie und Bildkunst – sei es über Workshops, Vorträge, Live-Streamings oder Beiträge in diversen Ma

Oben: Vortrag von Gabor Richter auf der Photokina, der weltweiten Leitmesse der Foto-Branche. Unten: Auftragsarbeit für den Europa Park – Eurosat Coastiality.

 

 

gazinen. „Wir haben Bildstile entwickelt und in diesem Bereich auch Trends gesetzt“, berichtet der Bildretuscheur. Zu Schlaf kam Richter damals nur selten, er habe die Zeit bei Hollywood komplett ausnutzen wollen und deshalb auch oft die Nächte durchgearbeitet. Richter: „Es gab Momente, da bin ich vor Erschöpfung ins Bett gekippt und habe 48 Stunden geschlafen.“

Noch während seines Jobs bei Heidelberg trat Alexandra in sein Leben, die er im Rahmen eines Shootings in Villingen kennenlernte. Das Leben änderte sich: Heiratsantrag, Schwangerschaft – und viele Kompromisse mit der Familie, weil Richter auch am Wochenende oft arbeiten musste. Es war jedoch insbesondere eine berufliche Umorientierung bei Hollywood, die schließlich dazu geführt hat, dass das Paar den Blick wieder in Richtung Heimat wandte und schließlich in den Landkreis zurückkam. Hier wieder in einer Agentur arbeiten? Das kam für den Digital Artist aber nicht in Frage. „So wie ich zuvor geprägt wurde, hätte ich nirgends reingepasst.“ Stattdessen startete er nun, obwohl er sich anfangs dagegen sträubte, als Selbstständiger durch.

Neustart mit dem „Haus der Ideen“

Über den Verkauf von Bildbearbeitungs-Tutorials, die auch ins Englische übersetzt wurden und sich weiterhin bestens verkaufen, finanzierte er sich den Neustart in seiner Heimat.

Auftragsarbeit für die bekannte Fachzeitschrift für digitale Bildbearbeitung Docma.

Model: Patrick Mathis

Diesen Schritt bereut er keine Sekunde. Denn gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern Jonah (3) und Julian (5) genießt er jetzt das ländliche Leben in Peterzell, nachdem die Familie zuvor in Wolterdingen gewohnt hatte.

Im Herbst 2018 hat er dort das ehemalige Pfarr- und Gemeindehaus gekauft – und daraus sein „Haus der Ideen“ geschaffen. „Das Gemeindehaus habe ich eigentlich eher zufällig entdeckt“, berichtet er von der Annonce. Hier findet er jedoch ideale Bedingungen vor, um sein Familienleben und seinen Job zu verbinden. Unten, im ehemaligen Pfarrsaal, hat er sich ein Studio eingerichtet, in welchem regelmäßig Shootings stattfinden. Ein paar Räume weiter befindet sich sein Arbeitsplatz mit Blick in den Garten. Für den 36-Jährigen ein Traum: „Jetzt kann ich meine Kinder aufwachsen sehen – während ich im Büro sitze, spielen sie im Garten.“

Das Gebäude wird aber nicht nur durch ihn und seine Familie mit Leben gefüllt. Für Workshops, die er in dem Ortsteil von St. Georgen anbietet, stehen weitere Räumlichkeiten mit Rechnern zur Verfügung. Hier kann er Kunden in die Welt der digitalen Bildbearbeitung einführen – fernab der Metropolen und des hektischen Daseins. „Hier habe ich meine Ruhe. Obwohl ich nicht in einer Großstadt bin, kann ich auftragsmäßig die krassesten Sachen machen“, sagt er zufrieden. Denn ein international gefragter Problemlöser kann er überall sein – auch im ehemaligen Pfarrhaus in Peterzell.

Fotoshooting mit dem Komiker Kaya Yanar als Ausgangspunkt für das Comic-Style Porträt unten.

 

 

Sebastian Schnitzer

Ein künstlerischer Tausendsassa am Klavier und auf der Bühne

von Wilfried Strohmeier

Foto: Tobias Ackermann

Foto : Tobias Ackermann

Als ausgebildeter Musiker spielt er mehrere Instrumente, komponiert, singt, schreibt Kolumnen und spielt Theater. Das frühere Mitglied der Band „Mofarocker“ spielt heute unter anderem bei „Billy Bob and the Buzzers“ oder den „Black Forest Allstars“. Sebastian Schnitzer ist weiter der kreative Kopf des Duos „Man(n) singt deutsch“ und absolviert viele Soloauftritte. In die weite Welt hat es ihn nie gezogen: Ihm gefällt es in seiner Heimat Schwarzwald-Baar, er lebt in Donaueschingen.

Geboren wurde Sebastian Schnitzer am St. Martinstag 1982 in Villingen. Aufgewachsen in Nordstetten, kam er schon im zarten Alter von fünf Jahren mit der handgemachten Musik in Berührung und ebenso mit dem Ballett. Letzteres wurde jedoch schnell wieder aufgegeben. „Bei der Musik hat es sich gelohnt“, sagt Sebastian Schnitzer lächelnd. In der Familie lag die Musik nur bei seinem Großvater im Blut, welcher Musiklehrer war. Doch hatte er zu ihm so gut wie keinen Kontakt, da dieser hinter dem Eisernen Vorhang, in der damaligen CSSR, lebte.

Das Klavier gehörte zum Alltag

Schnell entdeckte der junge Sebastian Schnitzer das Klavier und das Akkordeon für sich, sie sollten seine Hauptinstrumente werden. Seine Lehrerin war Gertrud Herr-Hock. „Sie hat mich sehr geprägt“, erinnert er sich. Vor allem klassische Stücke von Johann Sebastian Bach durfte er erlernen. Damals nicht so sehr sein Ding, doch heute ist er froh, dass er diese Ausbildung bekam. Schon bald unterstrichen Preise bei Wertungsspielen sein großes Talent. Als Teenager gab es zwar ein Jahr Pause von der Musik, doch fand er den Weg zurück. „Klavier hat zum

 

 

Alltag gehört“, erinnert er sich, „es war kein Druck dahinter, vielleicht auch einfach, weil es mir Spaß gemacht hat.“ Mit 14 Jahren hatte er bereits seine erste eigene Band, nahm später an Schauspielkursen im Theater am Ring teil und spielte in dem einen oder anderen Theaterstück mit. Für sein Musik-Abi musste er nach Triberg fahren, um es abzulegen, aber die Mühen haben sich gelohnt. Als er nach dem Abitur sagte, er wolle Musiker werden, staunten seine Eltern nicht schlecht. Doch: „Sie haben mich stets unterstützt, wo es ging und dafür werde ich immer dankbar sein“, unterstreicht Sebastian Schnitzer.

Der Weg zum Berufsmusiker war kein einfacher. Die damalige Jazz- und Rockschule in Freiburg nahm ihn für das Studium an, er studierte Jazz- und Popularmusik. Diese Zeit finanzierte er sich mit Musikunterricht und Konzerten. „Ich war jedes Wochenende woanders für ein Konzert. Da merkst du schnell, ob das etwas für dich ist oder nicht“, blickt er zurück. Damals stieß er zu den Mofarockern. Und viele werden sich erinnern: Die rockten jede Bühne im weiteren Umkreis. Schnell gab es weitere Band-Projekte wie das bekannte Musikcomedy Duo „Man(n) singt deutsch.“, in dem Sebastian Schnitzer sein schauspielerisches und wortakrobatisches Talent unter Beweis stellen konnte. So schreibt

Oben: Sebastian Schnitzer (am Mikrofon) mit seiner Rock‘n‘Roll-Band „Billy Bob & the Buzzers“. Foto: Gabor Richter

Rechts: Oft auch solo unterwegs – stilvolles Portraitfoto von Tobias Ackermann.

er die Lieder für dieses Duo, an dem man seine Vorbilder klar erkennen kann. Als kleiner Junge verschlang er nämlich die Musik und Filme von Peter Alexander, seinem großen Idol. „Das waren noch richtige Entertainer, die viele Stile beherrschten und alles konnten: Singen, Klavier- und Schauspielen“, schwärmt Schnitzer. Auch Udo Jürgens prägt ihn bis heute. Und so schreibt Sebastian ausschließlich deutsche Texte. „Das ist eben meine Muttersprache, mit ihr kann ich am besten ausdrücken, was ich dem Publikum sagen will.“

Seine Kommilitonen sind meist in die großen Städte wie Hamburg oder Berlin gezogen, zum einen oder anderen hat er nach wie vor Kontakt. Und immer wieder hört er, wie schwierig es sei, dort Geld zu verdienen. „Es gibt zwar mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Berufsmusiker“, beschreibt Sebastian Schnitzer die Situation seiner Kollegen. „Hier im Ländle muss man aber allerdings aktiver sein und mehr machen,

 

 

als nur gut spielen. Netzwerken ist hier absolut wichtig“, erkannte er in den vergangenen Jahren.

Und so kam es zu den verschiedenen Musikprojekten. Darüber hinaus tritt er bei Stadtfesten in der Region auf, spielt Klavier im Hotel Öschberghof, tritt bei Firmenfeiern auf sowie in Restaurants und Live-Clubs. Hinzu kommt noch das Komponieren wie beispielsweise das VS-Lied „In meiner Stadt…“ den Blumberg Song „Leben und Erleben Hoch zwei“ oder das im Frühjahr 2020 erscheinende „Donaustadt“ Lied und vieles mehr.

Stilistische Vielfalt von Jazz über Pop bis Rock ‘n‘ Roll ist Teil der erfolgreichen Arbeit

Für seine Kompositionen sitzt er ganz klassisch am Klavier mit Fresszettel und Bleistift. Und die Frage, die von vielen immer wieder gestellt wird: Was ist zuerst da? Die Melodie oder der Text? Worauf er antwortet: „Das ist eine Kombination aus beidem. Meistens steht da eine Textzeile, der ich eine Melodie gebe, die mir gefällt. Dann ergibt sich wieder eine Textzeile. Es ist ein bisschen, wie ein Gedicht schreiben, nur freier. Musik kann Versmaße auch brechen, das macht die Komposition oft interessanter. Wenn Text und Melodie dann stehen, gebe ich dem Werk noch ein passendes Arrangement, das die Stimmung des Textes tragen soll.“

Und auch seine stilistische Vielfalt von Jazz über Pop bis Rock ‘n‘ Roll ist Teil seiner erfolgreichen Arbeit. Sebastian Schnitzer scheint nie still zu stehen und sich auszuruhen, gründet neue künstlerische Projekte, die nicht nur mit Musik zu tun haben. „Du musst als Künstler immer wieder neue Wege gehen und deinen Horizont erweitern.“ Eine der neuesten Ideen ist das Kunstfilmprojekt „Waldgeheimnisse“, das er mit seinem Freund Tobias Ackermann ins Leben gerufen hat. Hier spiegelt sich seine Liebe zum Schwarzwald und den Menschen sehr stark wider. „Wir leben in einem einzigartigen Gebiet, das Menschen hervorbringt, die entdeckt werden müssen“, schwärmt Schnitzer.

In die Großstadt, dort wo es eine entsprechende „Musikszene“ gibt, hat es ihn somit nie gezogen. „Ich bin der Heimat treu geblieben, weil ich es spannend finde, was es hier noch für kulturelles Potential gibt.“ Und Sebastian Schnitzer leistet einen großen Beitrag, dass es hier viel Kultur gibt und bringt mit Freunden immer wieder neue Ideen voran. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“ Er könnte sich auch nicht vorstellen etwas anderes zu machen. „Es ist eine Mischung aus täglich Brot und Ventil, wenn ich mehrere Wochen keine Musik gemacht habe, weil ich auf Fernreise bin, dann kribbelt es mir nach ein paar Tagen schon in den Fingern“, gibt er lachend zu, und: „Sobald ich spiele, vergesse ich alles Alltägliche. Ich spüre jedes Mal den Flow, die Kraft, die von der Musik ausgeht. Wenn das nicht mehr ist, muss ich etwas anderes machen.“

Aber dass es nicht so weit kommt, dafür sorgen die unterschiedlichen Projekte, an denen er beteiligt ist, nicht nur musikalisch. So steht er immer mal wieder im Sommertheater des Theater am Turm auf der Bühne. 2019 war es das Stück „Wir sind dann mal weg“, vor ein paar Jahren das Stück „Wochenend und Sonnenschein“. Und bei beiden Aufführungen kam sein schauspielerisches, musikalisches und gesangliches Können zum Einsatz. Zusammen mit der Cousine, mit der er einst im Musikunterricht saß, führte er mehrere Jahre erfolgreich „Ist das Liebe oder kann das weg?“ in ganz Deutschland auf. „Dem Theater bleibe ich treu“, verspricht er seinen Fans und mit Sicherheit auch der Musik und seiner Heimat.

In die weite Welt jedenfalls hat es ihn beruflich nicht gezogen, ihm gefällt es hier in seiner Heimat. Er wohnt heute zusammen mit seiner Frau in Donaueschingen. In seiner Wohnung befindet sich sozusagen die musikalische Schaltzentrale. Dort komponiert er, probiert neue Ideen aus und manch ein Konzert gab es sozusagen schon direkt vor der Haustür, beispielsweise beim Donauquellfest – und auch sonst spielt er regelmäßig auf den Bühnen der Region.

Sebastian Schnitzer – der Mann am Klavier. Foto: Tobias Ackermann

 

 

Laskhana Sivakumar

Intelligent, sozial engagiert und ehrgeizig – eine junge Frau mit zwei Kulturen

von Barbara Dickmann

Sie ist jung und voller Power. Sie lacht gerne und ihre großen, dunklen Augen schauen selbstbewusst in die Welt und lange, schwarze, lockige Haare fallen in sanften Wellen auf ihre Schultern. Sie trägt Jeans und Bluse und sie weiß genau, was sie will. Mit anderen Worten: Eine ganz normale junge Frau des 21. Jahrhunderts, die ihr Leben selbstbewusst und eigenständig in die Hand nimmt… Nichts besonderes, denken Sie jetzt, doch das war ihr nicht in die Wiege gelegt, denn Laskhana Sivakumar wurde „in einer anderen Welt“ geboren und ist aufgewachsen in einem Land, in dem Frauen nicht sicher und Vergewaltigungen eine ständige Bedrohung sind.

Laskhanas Geschichte Laskhana besucht die Schule und die Familie Sri Lanka, anno 1999. Es herrscht Bürgerkrieg lernt mit dem Krieg zu leben. zwischen der singhalesischen Bevölkerungs-Im Jahr 2009 ist der Bürgerkrieg offiziell mehrheit und den Tamilen. Ratnasingham nach 30 Jahren zu Ende, doch die Gefahr bleibt. Sivakumar und seine Frau Nageswory freuen Die Familie wird aus ihrem Haus vertrieben sich über die Geburt ihrer Tochter Laskhana. und erhält einen Ort zugewiesen, an dem sie Ratnasingham Sivakumar ist Fotograf, seine leben kann. Es ist nur ein Asyl, keine neue Hei-Frau hütet Kind und Haus. Sie sind Tami-mat. Durch eine Bombe verliert der Vater einen len. 2002 wird ihr Sohn Latheesan geboren. Unterschenkel und die Angst wächst. Im Jahr

Laskhana Sivakumar – die junge Frau aus Sri Lanka ist mit Power und Ehrgeiz in ihr neues Leben in Deutschland gestartet.

 

 

2012 beschließt Ratnasingham Sivakumar zu fliehen – alleine. Er geht nach Deutschland und landet in einem Auffanglager in Karlsruhe und beginnt sofort seine Zukunft aufzubauen. Sein Ziel: Die Familie muss so schnell wie möglich nachkommen.

Laskhana, ihre Mutter und ihr Bruder sind sehr traurig. Knapp 8.000 Kilometer trennen sie vom Vater. Er fehlt! Die Mutter geht jetzt arbeiten. „Doch Geld ist in Sri Lanka nicht so wichtig“, erklärt Laskhana, „denn jeder hat dort seinen Garten und genug zu essen“.

Der Vater, schon immer interessiert an allem was mit Technik zu tun hat, lernt bei einem Onkel in Stuttgart Handys zu reparieren. Und sobald er arbeiten darf, findet er einen Job. Er ist sehr froh. Das Einkommen ist gesichert und er kann seine Familie in der Heimat unterstützen. Erst jetzt besucht er den ersten Deutschkurs.

2015 ist es soweit: Der Vater lebt in Villingen-Schwenningen, hat eine feste Arbeit, eine Wohnung, die groß genug ist und erfüllt somit alle Voraussetzungen, um seine Familie zu holen.

Sie freut sich auf den Vater,
doch alle ihre Freunde muss sie verlassen, ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Kultur – alles wird anders sein.

Laskhana, Bruder und Mutter brechen die Zelte ab und gehen nach Deutschland. „Das war zuerst sehr schlimm und ich war sehr traurig“, erzählt Laskhana. Sie freut sich auf den Vater, doch alle ihre Freunde muss sie verlassen, ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Kultur – alles wird anders sein. Laskhana hat Angst!

Laskhana Sivakumar (vorne, 2. v. rechts) bei der Ehrung durch den Schwarzwald-Baar-Kreis. Landrat Sven Hinterseh (links) stellt ihr großartiges soziales Engagement besonders heraus.

 

 

Sie ist 15 Jahre alt, ihr Bruder 13, als das neue Leben in Villingen-Schwenningen beginnt. Ihr Bruder kann sofort die Schule besuchen, doch sie muss noch einige Monate warten. „Ich war für die eine Schule zu alt und für die andere zu jung,“ sagt sie. Doch Laskhana nutzt die Zeit.

Ihr erstes Ziel: Deutsch lernen. Sie besucht, gemeinsam mit ihrer Mutter, diverse Sprachkurse und jobbt nebenbei. „Ich konnte mich mit Englisch gut verständigen“. In dieser Zeit hat sie kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Das macht sie etwas traurig.

Ihr strahlendes Lächeln und ihre natürliche Freundlichkeit öffnen die Herzen

Laskhana ist 16, als sie das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen in Angriff nimmt. Ein neuer Weg, um Jugendliche ohne Hauptschulabschluss zu fördern. Laskhana lernt viel und schafft einen guten Hauptschulabschluss. Mittlerweile hat sie Kontakt gefunden und der ist international, denn in ihrer Klasse sind junge Frauen aus Serbien, Syrien, Polen und Italien.

Parallel zur Schule arbeitet Laskhana als Praktikantin in einem iMobile Store – immer mittwochs nach der Schule. Von Technik hat sie keine Ahnung, sie sucht den Kontakt zu Menschen und wird Kundenberaterin. „Hier habe ich erst richtig Deutsch gelernt,“ sagt sie, denn ihr strahlendes Lächeln und ihre natürliche Freundlichkeit öffnen die Herzen. „Gerade ältere Menschen waren meine besten Deutschlehrer“, sagt Laskhana. Sie helfen ihr beim Sprechen und Schreiben und heute kann Laskhana nicht nur fast perfekt deutsch sprechen und schreiben, sie versteht auch den Inhalt von Briefen in „amtsdeutsch“, an dem so mancher verzweifelt.

Laskhana macht weiter. 2017 beginnt sie an der Kaufmännischen Schule 1 Villingen-Schwenningen die Berufsfachschule Wirtschaft mit dem Ziel, auch den Realschulabschluss zu schaffen. Laskhana ist ehrgeizig und lernt. Sie wird zur Klassensprecherin gewählt. Bald ist sie so gut in Betriebswirtschaftslehre und Mathe, dass sie nach der Schule Nachhilfeunterricht für einige Mitschüler gibt – immer dienstags und donnerstags. „Zuerst habe ich das kostenlos gemacht, doch das hat nicht funktioniert, sie haben nicht so richtig aufgepasst,“ lächelt Laskhana. „Doch als ich dann 10 Euro pro Stunde genommen habe, klappte das“. Das Geld behält sie nicht, sondern gibt es ihrem Klassenlehrer für die Klassenkasse. Sie ist in vielerlei Hinsicht äußerst sozial: Wenn Schüler krank sind, bringt sie ihnen die Aufgabenblätter vorbei. Sie sortiert und ordnet – und mit großer Freude hilft sie, wo sie nur kann.

Beeindruckende Leistungen

Wieviel Geld sie erarbeitet und gleich wieder für gemeinsame Klassenausflüge und Unternehmungen gespendet hat, weiß Laskhana gar nicht, doch ihr Lehrer weiß das genau und ist beeindruckt von dieser jungen Frau. Im Juli 2019 hält sie ihr Zeugnis in Händen. Laskhana hat den Realschulabschluss geschafft. Die Note: 1,3 – eine Leistung der Superklasse.

Doch was mindestens genauso zählt ist eine ganz besondere Auszeichnung, die sie erhält. Im feierlichen Rahmen wird ihr soziales Engagement gewürdigt. „Der Schwarzwald-Baar-Kreis als Schulträger der Kaufmännischen Schule 1 Villingen-Schwenningen zeichnet mit dieser Urkunde die Schülerin Lakshana Sivakumar für ihren hilfsbereiten Einsatz als Klassensprecherin und die Organisation und Durchführung von Nachhilfeunterricht für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus“, steht es dort schwarz auf weiß.

Landrat Sven Hinterseh hat diese wunderbare Urkunde unterzeichnet und noch einen besonderen Satz hinzugefügt: „ Es braucht

 

 

Menschen, die sich neben den schulischen Leistungen auch für das Miteinander stark machen“. Keine Frage, Laskhana ist so ein besonderer Mensch. Die Eltern und der Bruder sind sehr stolz. Zusätzlich zur Urkunde gibt es 100 Euro. „Vielleicht spende ich die“, sagt Laskhana, überlegt einen Augenblick und dann lacht sie: „Oder ich gebe es doch für mich aus!“

Das wäre mehr als nur in Ordnung, denn es waren harte Jahre: Nachhilfe erteilte sie dienstags und donnerstags – montags, freitags und samstags arbeitet sie in Singen. Und sie spart eifrig, denn vom ersparten Geld finanziert sie ihre Fahrstunden. Die Belohnung: Seit dem 23. Juli 2019 hat sie einen Führerschein.

Die Familie Sivakumar ist angekommen in Deutschland

Seit September 2019 ist Laskhana Auszubildende. Ihr Berufsziel: Industriekauffrau! „Rechnungswesen, Textverarbeitung, Büropraxis und alles, was zum Kaufmännischen dazugehört, macht mir viel Freude,“ sagt sie. Sie konnte sich ihre Lehrstelle aussuchen, denn bei jedem Vorstellungsgespräch überzeugt sie und jeden Test besteht sie. Schlechte Erfahrungen? Diskriminierung? „Aber nein“, sagt sie voller Überzeugung. „Noch nie!“

Auch Laskhanas Bruder Latheesan absolviert gerade die Ausbildung als Systemelektroniker und ihre Mutter arbeitet als Reinigungskraft.

Keine Frage, die Familie ist angekommen in Deutschland. Und doch läuft hier einiges anders. Laskhana raucht und trinkt nicht, die Disko und zu kurze Röcke sind tabu. Sie ist Hindu und lebt ihre Religion aus Überzeugung. Sie fühlt sich gut damit. „Ich bin gleichberechtigt mit meinem Bruder und habe Freiheiten, die es in meiner Heimat nicht für Frauen gibt“, sagt sie voller Überzeugung. Irgendwann möchte sie auch einen Ehemann und Kinder haben. „Doch das hat Zeit und arbeiten werde ich immer“, sagt sie sehr bestimmt.

Zu Hause sprechen sie tamilisch und kochen viele Gerichte aus ihr Heimat. Das gemeinsame Abendessen ist ein Ritual, das allen wichtig ist. Doch Sri Lanka wird wohl für immer tabu sein

21. Jahrhunderts. Sie lebt in Deutschland mit allen Fasern ihres Herzens.

und Verbindung können sie nur über Skype halten.

Sie ist jung, hat Power und weiß was sie will. Sie ist eine junge, selbstbewusste Frau des

21. Jahrhunderts. Sie lebt in Deutschland mit allen Fasern ihres Herzens. Ihre Heimat ist Sri Lanka, ihre Kultur, die in ihr steckt und mit der sie aufgewachsen ist, bewahrt und achtet sie. Aber auch deutsche Kultur, Gesetze und Regeln achtet, beachtet und befolgt sie. Laskhana Sivakumar hat den Spagat geschafft diese beiden Welten zu verbinden, obwohl sie knapp

8.000 Kilometer trennen.

Laskhanas nächstes Ziel: Die Deutsche Staatsangehörigkeit.

Laskhana Sivakumar freut sich auf ihre Zukunft in Deutschland. Nächstes Ziel ist die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft.

 

 

Sandra Heinichen

Die Frau vom Bau – Sandra Heinichen setzt eine lange Familientradition fort

von Daniela Schneider

Im Schwenninger Dickenhardt, oben am beschaulichen Waldrand gleich neben dem Kugelmoos gelegen, hat die Firma Heinichen Bau ihren Sitz. Das Traditionsunternehmen, 1894 von Karl Gustav Heinichen gegründet, ist eine absolute Familiensache – und das wird auch in der nächsten Generation so bleiben. Was für viele Betriebe vor allem im Handwerk längst keine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr eher eine Seltenheit geworden ist, hat hier geklappt. Seit 2016 nämlich steht fest, dass Sandra Heinichen, Ur-Ur-Enkelin des Firmengründers, die Leitung übernehmen wird.

Obwohl die junge Frau und ihre Schwester als Kinder auf dem Firmengelände oft auf den Sand- und Kieshaufen spielend herumgekraxelt sind und im Büro des Bauunternehmens ein ums andere Mal ihre Schulaufgaben gemacht haben, war es nicht gerade vorgezeichnet, dass eine von ihnen einmal die Firmenleitung übernehmen würde. „Die Leitung eines Handwerksbetriebs habe ich mir einfach nicht zugetraut“, gibt Sandra Heinichen in der Rückschau unumwunden zu. Für sie kam es nach dem Abitur, das sie 2006 am Gymnasium am Deutenberg machte, nicht in Frage, in den Betrieb einzusteigen, den ihre Eltern Sabine und Hans-Jörg Heinichen seit 1991 führten. Also schlug sie einen anderen Weg ein und studierte am Schwenninger Campus der Hochschule Furtwangen University Internationale Betriebswirtschaft, gefolgt vom Marketing-Masterstudium an der Hochschule Heilbronn. Danach stieg sie bei der Marquardt-Gruppe in Rietheim-Weilheim im Kreis Tutt-

Sandra Heinichen: Die Junior-Chefin wird in wenigen

Jahren die Firmenleitung von Heinichen Bau ganz

übernehmen. Den wesentlichen Teil ihrer Arbeit erle

digt sie vom Schreibtisch aus. Aber auch auf der Bau

stelle ist die junge Frau immer wieder anzutreffen.

 

 

lingen ins Berufsleben ein. Drei Jahre war sie dort im Produktmanagement im Schalter- und Non-Automotive-Bereich tätig. Dabei galt es, sich viel technisches Know-how anzueignen, schließlich ging es um Komponenten und elektronische Baugruppen. „Ich musste mich stark in technische Themen einarbeiten – und dabei habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht“, berichtet sie, „es war gar nicht so ein Riesenbrett zu bohren, wie ich gedacht hatte.“

Im Laufe der Berufsjahre wuchs das Selbstvertrauen immer mehr. Sandra Heinichen fand raus: „Es ist nicht so schwer, auch in einer männerdominierten Berufswelt zu bestehen, wenn man gut ist.“ Mit der Zeit stellte sie sich auch die Frage, warum sie selbst eigentlich nicht gleich einen technischen Beruf ergriffen hatte. Das Interesse war eigentlich schon immer da gewesen – das Talent vermutlich auch. Mathematik und Physik zum Beispiel waren für sie in der Schule immer Fächer, die sie mochte und gut meisterte. „Ein Wirtschaftsingenieur-Studium wäre ideal für mich gewesen“, sagt sie in der Rückschau. Und: „Ich würde jede junge Frau ermutigen, ein technisches Studium in Erwägung zu ziehen.“

Entscheidung für den Familienbetrieb

Was für sie immer schon in Frage kam, war die Selbstständigkeit. Ihre Eltern hatten vorgelebt, wie das auch mit Familie gut gelingen kann und welche Vorteile es mit sich bringt. Als dann bei ihrem damaligen Arbeitgeber auch noch größere Umstrukturierungen in ihrer Abteilung anstanden, kam sie ins Grübeln. „Ich habe mich gefragt: Wo sind meine Ziele? Wo möchte ich hin?“, erinnert sie sich. Ja, warum eigentlich nicht in den Familienbetrieb? Der Gedanke kam ihr immer öfter. Der erste, mit dem sie diesen teilte, war ihr damaliger Freund, der heute übrigens ihr Ehemann ist. Beide kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass es einfach schön wäre, wenn der Familienbetrieb weitergeführt würde – und dass dies der richtige Weg für Sandra Heinichen sei. Als das geklärt war, verkündete sie vor drei Jahren dann ihren Eltern die frohe Botschaft. Die Freude, die damit ausgelöst wur-

Es ist nicht so schwer, auch in einer männerdominierten Berufswelt zu bestehen, wenn man gut ist.

de, war selbstredend groß. Zum einen bleibt die Firma so jetzt schon in Generation fünf in Familienbesitz, zum andern wäre es vermutlich sehr schwer geworden, sie an jemand anderen zu übergeben. Damit ging es Heinichens so wie vielen Handwerksbetrieben: Bei 37 Prozent aller Unternehmen im Gebiet der Handwerkskammer Konstanz sind die Inhaber 55 Jahre oder älter. In den nächsten zehn Jahren stehen damit rund 6.600 Unternehmen zur Nachfolge an. Und wahrlich nicht immer sind Söhne oder Töchter bereit, diese anzutreten.

Wenn es um die Nachfolge geht, ist eine familieninterne Übergabe längst nicht mehr vorgezeichnet. Nur noch 33,7 Prozent übergeben laut einer Erhebung der Handwerkskammer den Betrieb an die Kinder. Viele von ihnen wollen die unternehmerische Verantwortung nicht, berichten die Fachleute von der Handwerkskammer. Sandra Heinichen aber sieht es anders – zum Glück für die Firma und deren Mitarbeiter. Die freuten sich merklich und nahmen die Junior-Geschäftsführerin sehr positiv auf. Dass der ohnehin enge Zusammenhalt im Familienunternehmen nun weiter gepflegt wird, das steht für die Beteiligten fest, weiß Sandra Heinichen. „Der Zeitpunkt der Entscheidung war gut“, ist sie sich sicher.

Danach drückte sie übrigens noch einmal die Studienbank: In Konstanz hängte sie ein Bauingenieurstudium dran. „Hier habe ich die theoretische Seite mitgenommen, wenn es zum Beispiel um statische Berechnungen geht“, zieht sie Bilanz. Praktisch anwendbares Wissen allerdings wurde eher nicht vermittelt. Das holte sie sich stattdessen direkt am Bau: In den Sommerferien ging’s jeweils für mehrere Wochen mit den Mitarbeitern jeden Tag mit auf die Baustelle. Das wird ihr helfen, wenn es später mal darum geht, die Leute einzuteilen, Angebote zu kalkulieren und schlichtweg Bescheid zu wissen,

 

 

Spatenstich bei Heinichens: Klar, dass das Eigenheim von Sandra Heinichen und Ehemann Stefan im Schwenninger Steinkirchring quasi komplett in Eigenleistung gebaut wird. Vater Hans-Jörg Heinichen freut sich darüber.

„Ich hab‘ armiert, ich hab‘ betoniert – ich hab‘ eine Rüttelplatte bedient“, fasst die zierliche Junior-Chefin nicht ohne Stolz zusammen.

wie es ist, mit der Maurerkelle zu hantieren. „Ich hab‘ armiert, ich hab‘ betoniert – ich hab‘ eine Rüttelplatte bedient“, fasst die zierliche Junior-Chefin nicht ohne Stolz zusammen.

Dass sie dabei eine ganz gute Figur machte, bestätigten ihr auch die Kollegen. „Körperlich bin ich schon an meine Grenzen gekommen“, berichtet sie trotzdem lachend: „In der ersten Woche auf der Baustelle war ich abends tot.“ Großen Respekt zollt sie den Leistungen der Mitarbeiter, zumal denen, die dem Betrieb seit vielen Jahren die Treue halten. Allerdings macht der Fachkräftemangel auch vor dem Schwenninger Bauunternehmen nicht Halt. Deshalb zählt es schon jetzt zu den wichtigen Aufgaben von Sandra Heinichen, auch nach außen zu tragen, dass ein Arbeitsplatz im Baugewerbe eine relativ sichere Bank ist („gebaut wird immer“) und gerade in der Lehrzeit vergleichsweise gut bezahlt wird.

Jeden Tag Neues erleben

„Leider ist das Image des Bauarbeiters schlecht“, weiß die Junior-Geschäftsführerin aber auch. Der Beruf eines Maurers oder Betonbauers sei dabei doch anspruchs- und verantwortungsvoll und „jeden Tag erlebt man etwas Neues“, betont sie und ergänzt: „Man sieht immer, was man gemacht hat.“ Im nächsten Jahr nun geht der langjährige Bauleiter in Rente. Danach werden sich Sandra Heinichen und ihr Vater die Aufga-

 

 

Eine Giebelwand hochziehen? Sandra Heinichen weiß wie es geht.

ben an der Firmenspitze teilen. Die Eltern leiten den Betrieb hauptverantwortlich noch bis 2025, danach übernimmt die Tochter ganz.

Ob sie denn dann viele Veränderungen vor hat? Die 32-Jährige gibt Entwarnung: Das Unternehmen gründet auf Erfahrung und auf diese wird auch sie sich verlassen. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht auch selbst mit neuem Elan einbringen will. „Im Handwerk passiert vieles noch sehr hemdsärmelig“, meint sie, da kann es nicht schaden, wenn jemand mit der Erfahrung aus dem professionellen Produktmanagement auf die Abläufe schaut. So gibt es bei Heinichen Bau seit rund einem Jahr nun schon eine mobile Zeiterfassung per App übers Handy, die nach anfänglicher Skepsis mittlerweile auch bei den Mitarbeitern gut ankommt, weil sie vieles vereinfacht, berichtet Sandra Heinichen.

Besonders am Herzen liegt ihr im Übrigen das schlüsselfertige Bauen. Seit rund zwei Jahren bietet Heinichen Bau individuell geplante, schlüsselfertige Massivhäuser an. „Dabei sind wir der Ansprechpartner für die Bauherren. Wir entwerfen und planen das Haus für unsere Kunden, machen alle Erdarbeiten und den Rohbau selbst und beauftragen für alle anderen Gewerke Handwerker aus der Region“, berichtet die Junior-Chefin.

„Das ist meine Heimat, ich bin hier zuhause.“

Zu ihrem Schritt, sich für den elterlichen Betrieb zu entscheiden, passt auch ihr Bezug zu der Gegend, in der sie daheim ist. Über Schwenningen und den Schwarzwald-Baar-Kreis sagt sie: „Das ist meine Heimat, ich bin hier zuhause.“ Familie und Freunde leben hier. Dass sie sich als „bekennender Kleinstadtmensch“ hier wohl fühlt, wo alles in vertretbarer Entfernung zu erreichen ist, es „viel Grün drum herum gibt“ und es „noch persönlich zugeht“, daran lässt die 32-Jährige keinen Zweifel. In einer wirtschaftlich erfolgreichen, stabilen Region zu leben, spiegle sich einfach in der guten Lebensqualität wider.

Dabei ist es keineswegs so, dass es sie nicht auch einmal in die Ferne gezogen hätte: Nach dem Abitur war sie drei Monate in Australien. Später absolvierte sie ein Praktikum in Barcelona, ein Auslandssemester verbrachte sie in Peru in Lima, wo sie zwar an einer privilegierten Uni landete, aber doch die große Armut im Land sah. Vielleicht rührt daher auch ihr Engagement im Lions-Club Triberg-Schwarzwald. Dem Ser-vice-Club, der sich die Unterstützung sozialer Projekte zur Aufgabe gemacht hat, stand sie zuletzt sogar als Präsidentin vor, mal ganz abgesehen davon, dass sie im selben Jahr noch geheiratet hat und zusammen mit ihrem Mann auch noch ein Haus baute, das übrigens das erste schlüsselfertig gebaute von Heinichen Bau war. Die Bauherrin hat es zusammen mit ihrem Vater selbst entworfen, geplant und umgesetzt. Da wurde die Zeit für die Hobbys wie Joggen, Mountainbiken oder Wandern schon mal knapp. Für die „Frau vom Bau“ ist das aber kein Problem – sie hat sich für dieses Leben entschieden und es bisher noch kein bisschen bereut.

 

 

Karl Gustav Heinichen

HEINICHENBAU – DAS UNTERNEHMEN

Der Maurer Karl Gustav Heinichen, der aus Camburg an der Saale stammte und 1892 zum Aufbau der abgebrannten Zündholzfabrik aus Thüringen nach Schwenningen gekommen war, gründete 1894 hier ein Bauunternehmen samt Baustoffhandel.

Viele Wohnhäuser im Neckarstadtteil zum Beispiel wurden von Heinichen gebaut. Um die Jahrhundertwende wagte sich der fleißige Fachmann an größere Industriebauten, die Firma erarbeitete sich einen Namen auch über die Stadtgrenzen hinweg. Zusätzlich zum Baubetrieb eröffnete Karl Gustav Heinichen 1914 auch noch eine Gastwirtschaft, das „Deutsche Haus“ im Neckarstadtteil Schwenningens. 1923 übernahmen die Söhne Karl und Oskar Heinichen den Betrieb des Vaters und führten ihn unter der Bezeichnung „Karl Heinichen Söhne“ fort. Unter ihrer Führung wuchs der Betrieb rasch, sodass bis zu 250 Mitarbeiter beschäftigt werden konnten. Den Baustoffhandel des Vaters führten sie nicht mehr weiter, dafür kam zum Bauunternehmen ein Kalksteinbruch mit Schotterwerk hinzu.

Eine schwere Zäsur gab es durch den Zweiten Weltkrieg: Fast die Hälfte der Mitarbeiter wurde zum Bunkerbau verpflichtet und zum Ende des Krieges stand das Unternehmen kurz vor dem Niedergang, da kaum ein Mitarbeiter aus dem Krieg zurückkehrte und etliche Geräte verloren gegangen waren. So musste der Betrieb 1946 vollständig neu aufgebaut werden. Es gelang dem Unternehmen, am allgemeinen Wirtschaftsaufschwung teilzuhaben und wieder auf eine ansehnliche Größe von 125 Mitarbeitern heranzuwachsen.

Der erste Firmensitz.

Als Karl Heinichen Ende 1963 aus dem Unternehmen ausschied, übernahm sein Neffe, Oskar Heinichens Sohn Oskar Heinichen Junior, seine Stelle. Bereits in den 60er-Jahren war die Firma ein sehr fortschrittliches Unternehmen und begann, als eines der ersten in der Baubranche, Fertigteile herzustellen.

1972 wurde das Unternehmen schließlich in eine KG umgewandelt, wobei die Geschäftsführung Oskar Heinichen Junior als Komplementär übertragen wurde. Ein weiterer bedeutender Einschnitt in der Firmengeschichte war im März 1977 die vollständige Übernahme der Schwenninger Frischbeton GmbH & Co.KG, die 1964 von einigen Schwenninger Baubetrieben gegründet worden war. Der Firmensitz beider Betriebe wurde im ehemaligen Betriebsgebäude der Schwenninger Frischbeton im Dickenhardt 4 zusammengelegt, wo sich das Bauunternehmen auch heute noch befindet.

Durch den plötzlichen Tod von Oskar Heinichen jr., im Juli 1991, übernahm sein Sohn Hans-Jörg Heinichen den Baubetrieb in der vierten Generation. Tatkräftige Unterstützung erhielt der Bauingenieur durch seine Frau Sabine Heinichen, die als Betriebswirtin des Handwerks die kaufmännische Leitung des Unternehmens übernahm. Im Jahr 2019 konnte Heinichen Bau 125-jähriges Bestehen feiern – und den Fortbestand dank Sandra Heinichen, die die Firma samt 25 Mitarbeitern weiterführen wird.

 

 

Christophe Herr

Eine junge Energie, die altes Handwerk antreibt

von Susanne Kammerer mit Fotos von Wilfried Dold

 

 

„Ich bin stolz auf das, was unsere Vorfahren geschaffen haben“, sagt Christophe Herr. Der 41-jährige Holzbildhauer fertigt in seiner Firma „Robert Herr Kuckucksuhren-Unikate“ in Schonach hochwertige Uhren. In einer Werkstatt, wie sie ursprünglicher nicht sein könnte. Dabei ist er nicht einfach „nur Handwerker“, sondern ein weithin angesehener Botschafter der traditionellen Schwarzwälder Handwerkskunst – ein Kuckucksuhrenschnitzer von Rang!

Christophe Herr mit einigen seiner liebsten Stücke – Kuckucksuhren mit schwarzem Antikwachs behandelt. Rechte Seite: Beim Schnitzen eines Jagdstückes, der nach wie vor beliebtesten Kuckucksuhr.

Die Ohren sind getunnelt, die Kleidung ist mit Jeans und T-Shirt lässig. Christophe Herr ist ein Typ, der nicht so recht zu dem vermeintlich alten und staubigen Beruf des Uhrmachers passt. Gerne wird er als Revoluzzer bezeichnet. Im positiven Sinne: Der Schonacher ist Revoluzzer, aber einer, der sich nicht vor der Moderne und dem Zeitgeist verschließt, sich dem traditionellen Handwerk jedoch verpflichtet fühlt und es unbedingt wahren möchte: „Eine Kuckucksuhr ist kein Souvenir, sondern Handwerkskunst“, sagt er. „Man sollte die Geschichte, die dahinter steckt, nicht vergessen“. Und gerade diese Geschichte ist es, die die Kuckucksuhr so untrennbar mit dem letzten Uhrendorf des Schwarzwaldes, mit Schonach verbindet.

Familienbetrieb in fünfter Generation

Und diese geht weit zurück. Das Handwerk wurde über die Jahrhunderte stets verbessert und verfeinert – dieses Wissen gelte es, zu beschützen. Für Christophe Herr Passion und Familientradition gleichermaßen. In fünfter Generation führt er den Familienbetrieb, der nach seinem Urgroßvater Robert Herr benannt ist. Die Kuckucksuhren-Fabrikation wurde im Jahr 1868 gegründet. Damit sei man der älteste,

 

 

Auf Grundlage einer Schablone wird die Grundform der Kuckucksuhr aus einer Holzplatte herausgesägt. Auch das braucht Fingerfertigkeit. Dann folgt die Schnitzarbeit, die Christophe Herr tief und individuell ausführt wie die Beispiele links zeigen.

noch bestehende Hersteller für Schwarzwalduhren dieser Art. In der Zeit des Schwarzwald-uhren-Booms arbeiteten bis in die 1970er-Jahre in der Firma mehr als vierzig Beschäftigte und produzierten Serienuhren.

Ab 1981 kam es unter der Regie von Kuno Herr, Christophes Großvater, zur Veränderung: Man konzentrierte sich wieder auf die Wurzeln der Schwarzwalduhren-Herstellung und stellt seither ausschließlich Einzelstücke her. Das Motto: Jede Uhr wird zu 100 Prozent in Handarbeit gefertigt und bekommt dann auch eine entsprechende Signatur. „Jemand, der eine Kuckucksuhr kauft, will kein Massenprodukt, sondern auch eine Geschichte dazu haben“, ist Christophe Herr überzeugt. Jede Kuckucksuhr wird von Christophe Herr oder seinem Vater Hubert Gasche komplett von Hand geschnitzt, in einem aufwendigen Verfahren gewachst oder gebeizt und anschließend das mechanische Uhrwerk verbaut.

Mit acht Jahren schnitzte er die erste Uhr

Für den Schonacher war von klein auf klar, dass er die Firma seines Opas eines Tages übernehmen wird. Das Handwerk hat ihn von Anfang an begleitet, bereits mit acht Jahren schnitzte er seine erste Uhr: ein Muttertagsgeschenk für seine Mutter. „Sie hat sie immer noch“, lächelt Herr. Mit gerade mal 22 Jahren übernahm er den Familienbetrieb. „Das war nie eine Last, geschweige denn Arbeit. Für mich bedeutet das Herstellen von Kuckucksuhren einfach nur Spaß“, sagt Herr.

 

 

In den ersten zehn Jahren der Berufstätigkeit von Christophe Herr standen drei Generationen Seite an Seite an der Werkbank: Großvater Kuno, Vater Hubert und Enkel Christophe. Heute sind es Vater und Sohn. Die Nachwuchssorgen in diesem Handwerk sind groß. Der kreative Beruf verlange gleichermaßen Fantasie und Geduld ab. „Man muss auch mal Durststrecken durchstehen, denn es dauert eine Weile, bis man das Ergebnis sieht“, betont Christophe Herr. Eine Arbeitsweise, mit der junge Leute heute oft nichts mehr anfangen können, äußert er seine Sicht der Dinge. „Wenn man das Ergebnis nicht innerhalb von zehn Minuten sieht, ist es sofort langweilig“, bedauert der Holzbildhauer. Dabei ist die Arbeit äußerst vielfältig.

Das Jagdstück, die beliebteste Kuckucksuhr

Christophe Herr kreiert seine Kuckucksuhren selbst, er entwickelt neue Designs und reproduziert alte klassische Modelle, die in vielen Haushalten – national und international – einen besonderen Platz gefunden haben. In seiner Werkstatt hängen die Schablonen für Uhrengehäuse dutzendfach an den Wänden, die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß. Drei Jahre trocknen die Bretter, bevor er sie zu Streifen sägt und zu einer Platte verleimt. „So gibt es später keine Risse“, erläutert Christophe Herr. Dann legt er eine der Schablonen auf das Holz und sägt die Form der Uhr aus. Danach beginnt die Schnitzarbeit: Pflanzen, Tiere, Menschen oder Ornamente schnitzt er mit unglaublicher Fertigkeit ins Holz. Die beliebteste Schwarzwalduhr ist nach wie vor das Jagdstück – eine Kuckucksuhr mit Jagdwaffen, Waldhörnern, erlegtem Hasen und Hirschkopf mit Geweih. Solche Uhren fertigt Christophe Herr auch in 1,50 Meter Größe – stets eine besondere Herausforderung.

Die Werke seiner traditionellen Uhren stammen von der SBS-Feintechnik. Der Welt-

 

 

marktführer produziert seine hochwertigen mechanischen Uhrwerke nur einen Kuckucksruf von der Werkstatt entfernt. Und auch die Blasebälge kommen aus Schonach, gefertigt von der Holzwarenfabrik Kienzler. Die kleinen Kuckucksfiguren sind ausschließlich selbst geschnitzt. Ihre metallenen Flügel, die sich beim Kuckucksruf bewegen, stellt ein Bekannter des Schnitzers in seiner Werkzeugmacherei her.

„Eine Kuckucksuhr lebt von der Schnitzerei“, sagt Christophe Herr. Die hochwertige Individualität der Kuckucksuhren von Christophe Herr ist es, die der Manufaktur nach wie vor die Auftragsbücher füllt. Diese sind sogar übervoll und der dadurch zum Ausdruck kommende Erfolg gibt seiner Philosophie Recht.

Kundschaft über den ganzen Globus verteilt

Die Kundschaft der Firma „Robert Herr Kuckucksuhren-Unikate“ ist über den gesamten Globus verteilt. Der gute Ruf der Produkte hinsichtlich Qualität, Optik und Präzision sorgt dafür, dass der Kundenkreis vom Sammler bis zum Adel reicht. Für Prinz Bernhard von Baden schnitzte er vor einigen Jahren eine „echt badische Kuckucksuhr“. Natürlich mit dem badischen Wappen.

Und ebenso stehen Scheichs auf der Kundenliste – aber auch Persönlichkeiten wie Erik Pretorius. Der Südafrikaner, dessen Vorfahren einst die Stadt Pretoria gründeten, ist mit einer Nachfahrin der Familie Krüger (Krüger Nationalpark) verheiratet. Er bestellte bei dem Schonacher eine Uhr, die die Wappen beider Familien vereint. Christophe Herr schuf eine 1,50 Meter hohe Kuckucksuhr, die sein Kunde voller Freude als „absolutes Meisterstück“ bezeichnete.

Die Kuckucksuhr – ein Stück Heimat

Das Ladengeschäft von Christophe Herr befindet sich direkt neben der Werkstatt. Dort hängt eine feine Auswahl verschiedenster Modelle an der Wand. Es handelt sich um Traditionsuhren: Kuckucksuhren mit Weinblättern auf dem Schild, aber auch mit Fasanen oder Vogelnestern. Die aktuelle Entwicklung bei der Kuckucksuhrengestaltung ist für Christophe Herr ein sensibles Thema. Dem Trend zu modernen, farbigen Uhren kann er nichts abgewinnen. Eine Kuckucksuhr sei kein Souvenir, sondern Kunst und gehöre nicht in die Geschenksegmentecke, so seine Argumentation.

Für ihn verkörpern Kuckucksuhren die Heimat, sind ein wichtiges Stück seiner eigenen Identität – das kommt bei den Kunden gut an. Sie schätzen es, den Künstler, der ihre Uhr geschaffen hat, persönlich im Verkaufsraum anzutreffen. Auch eine Werkstattführung ist immer wieder drin. „Nicht nur der Verkauf ist wichtig, ich will den Leuten zeigen, wie wir arbeiten“, sagt der Holzbildhauer. Dabei gelingt es ihm scheinbar mühelos, seine Begeisterung für das Handwerk und die Kuckucksuhr auf sein Gegenüber zu übertragen.

Christophe Herr ist ein besonderer Botschafter seiner Branche. Er hat einem alten Hand-

Blick in die Schonacher Kuckucksuhrenwerkstatt von Christophe Herr. Sie sieht exakt so aus, wie man sich so eine Werkstatt im Schwarzwald vorstellt.

werk neuen Schwung verliehen. Und das auf höchstem Niveau – mit 100 Prozent Handarbeit, als Manufaktur mit weltweitem Vertrieb und Service.

 

 

So schmeckt Liebe

Luisa Zerbo – jung, mutig, kreativ

von Barbara Dickmann

Sie sind verabredet mit netten Menschen. Das Restaurant haben Sie ausgesucht, einen Tisch reserviert und sind nun sehr gespannt, denn es ist Ihr erster Besuch. Pünktlich um 19 Uhr öffnen Sie die Tür und freuen sich. Das Restaurant „Da Gino“ ist sehr sauber aber nicht steril, liebevoll dekoriert aber nicht überladen. Ein angenehmer Duft liegt in der Luft, die Tischdecke ist strahlend weiß und das Besteck blinkt und blitzt.

Ein freundlicher Kellner begrüßt Sie mit strahlendem Lächeln und legt Ihnen die Speisekarte vor. Sie ist nicht groß, hat aber ein farbenfrohes Angebot mit etlichen Varianten und ganz besonders was die Beilagen betrifft. Auch ein paar ausgefallene Gerichte sind dabei. Der Wein wird gebracht und Ihre Sonderwünsche (nein, bitte keinen Reis, sondern Nudeln!!) werden mit einem Lächeln und einer Selbstverständlichkeit aufgenommen, dass Ihnen ganz warm ums Herz wird.

Die Stimmung am Tisch ist super. Und als das Essen nach 20 Minuten kommt, wird sie noch besser. Man sieht, riecht und schmeckt es schon beim ersten Bissen – alles frisch, gute Zutaten und einfach lecker. Und sobald ein Glas leer ist, fragt Ihr aufmerksamer Keller sehr diskret, ob noch etwas zu trinken gewünscht sei. Das war es an diesem Abend ziemlich oft, denn das Auto war zu Hause geblieben. Als dann die Rechnung kam, war keiner erschrocken. Alles ok, Preis-Leistungsverhältnis völlig in Ordnung und der Kellner hatte sich an diesem Abend sein Trinkgeld nun wirklich verdient.

Mal ehrlich, liebe Leserin und lieber Leser. So oder ähnlich sollte ein Abend in einem Restaurant aussehen, denn Sie gehen ja nicht nur dahin, um satt zu werden. Doch wie oft erleben Sie das, wo finden Sie heute noch Gastronomen mit Leidenschaft und mit Liebe zum Kochen? Es gibt sie, keine Frage!

Dienstag 11 Uhr. Das „Da Gino“ , ein italienisches Restaurant in Villingen-Schwenningen ist leer. Nur ein einsames Macaron und ein Rhabarbertörtchen mit Baiser, Estragon und Erdbeeren liegen in einer kleinen, gläsernen Café-Theke – winzige Reste vom Vortrag, denn übrig bleibt von diesen Köstlichkeiten so gut wie gar nichts. Von 14 bis 17 Uhr, zur besten Kaffeezeit, werden Maracons und feines Süßes im „Da Gino“ angeboten, zur Freude aller Genießer, die mal etwas anderes als Käsekuchen essen möchten.

Das italienische Restaurant Da Gino in VS-Schwenningen.

 

 

Dienstags ist Ruhetag im „Da Gino“, doch aus der Küche kommen verdächtige Geräusche. Dort wird nicht auf- oder eingeräumt, sondern geschnitten, geraspelt, geschlagen, gerührt, geschüttelt, geknetet und was nicht alles. Denn Luisa Zerbo, 30 Jahre jung, ist an ihrem Lieblingsplatz, ist in ihrem Element – in der perfekt eingerichteten Gastro-Küche des „Da Gino“. Mit Liebe und Leidenschaft kocht, brät und backt sie. Ausgestattet mit einem unglaublich hohem Wissen über die exotischten Obstsorten, über sämtliche Gemüsesorten, Fleisch oder Fisch. Doch auch über Gluten, Lactose und die Wir-

Mehr von Luisa Zerbo und ihrer Back- und Kochkunst gibt es u.a. im Internet: Facebook: /geschmackssinnblog Instagram: @soschmecktliebe

kung von übermäßigem Zuckerkonsum kann sie referieren und genau erklären, wie und was man tun oder lassen sollte.

Den Weg in die Küche fand Luisa nicht sofort. Ihr Lebensweg ist gezeichnet von Zufällen, glücklichen Umständen und davon, dass sie mutig ist und Chancen erkennt und ergreift.

 

 

Hier ihre Geschichte: Luisa

Luisas Mutter war Deutsche und ihr Vater ist Sizilianer. Geboren und aufgewachsen ist sie in Villingen-Schwenningen. Gino Zerbo ist selbstständiger Gastronom. Die Pizzeria „Da Gino“ wird Luisas zweites Zuhause, doch sie denkt nicht daran in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Sie absolviert eine Ausbildung zur Maßschneiderin und Designerin

– findet aber keinen passenden Job und arbeitet in der Gastronomie. Nach einem Jahr beginnt sie ein Studium und schließt mit dem „Bachelor of Arts Modedesign“ ab.

Ihre erste Stelle als Designerin führt sie nach Trier. Sie leitet ein Atelier, gibt Nähkurse und ist trotzdem nicht ausgelastet. „Ich bin nicht so kontaktfreudig,“ sagt sie, „und habe damals nach etwas gesucht, womit ich mich beschäftigen kann“.

Luisa beginnt einen „food blog“ auf Instagram. Er wird immer erfolgreicher. Und Luisa verändert sich: Anstatt an Mode und Design zu denken, fallen ihr immer wieder neue Geschmackskreationen ein, Rezepte mit ungewöhnlichen Zutaten. Bald hat sie neben der Nähmaschine einen Block liegen und schreibt auf, was ihr in den Sinn kommt. „Natürlich habe ich meine Arbeit gemacht,“ berichtet Luisa, doch immer mehr denkt sie ans Essen. Ihr ganzes Geld gibt sie für hochwertige – manchmal exotische Zutaten aus und kocht und backt – kreiert und steigt ein in das große Thema „gesunde Ernährung“. Sofort nach der Arbeit steht sie am Herd und hat so unglaublich viel Spaß dabei.

Ihre Mutter ist ihre Vertraute und beste Freundin. Und mit ihr spricht sie viel. „Am liebsten möchte ich den ganzen Tag nur backen und kochen,“ gesteht sie ihr in einer stillen Stunde und die Mutter horcht auf. Soll ihre Tochter im erlernten Beruf bleiben, obwohl ihre Leidenschaft ganz woanders liegt? Ihr Rat ist eindeutig. Ihre Tochter soll glücklich sein und Luisa kündigt. „Schweren Herzens, denn ich wusste nicht wie es weitergehen soll!“ Wer würde sie einstellen – ganz ohne Ausbildung?

Torten vom Feinsten – Luisa Zerbo ist vielseitig begabt.

Luisa überlegt Konditorin zu werden und

eine entsprechende Lehrstelle zu suchen. Doch dazu kommt es nicht, denn eine Kundin von ihr ist Leà Lister, bekannte Sterne-Köchin aus Luxemburg. „Du kommst zu mir“, sagt sie und bietet ihr in ihrer Patisserie zuerst eine Praktikumsstelle an. „Probier es“, sagt die Mutter und Luisa springt ins kalte Wasser. Sie ist jetzt 26 Jahre alt, lernt französisch und arbeitet bald in allen drei Betrieben von Leá Lister. „Von Trier nach Luxemburg war super“, erinnert sich Luisa gerne an diese Zeit.

Am 30. Juni 2016 stirbt Luisas Mutter. Luisa leidet sehr unter dem Verlust. Sie verlässt Luxemburg und Leá Lister und geht zurück, denn der Vater ist jetzt alleine. Luisa steigt voll ein, verändert die Speisekarte und präsentiert eine neue italienische Küche. Irgendwann in

der Nacht füllt sie einfach mal den Bewerbungsbogen für „The Taste“ aus, einer Kochshow , die SAT 1 ausstrahlt. Mit dem Erfolg ihrer neuen Speisekarte ist sie nicht zufrieden, irgendwie wollen die Gäste nicht so recht. Luisa muss verändern und fühlt dabei, dass ihre Kreativität auf der Strecke bleibt.

Luisa überlegt – und im Oktober 2017 eröffnet sie ihr eigenes Nachmittags-Càfe im „Da Gino“. Französische Pastisserie vom Feinsten,

 

 

kleine Törtchen, Maclairs (eine Kombination aus Maracon & Eclair und eine Sünde wert), oder salzige Haselnuss Macarons mit Muskatblüte und viele, viele weitere bekannte und exotische Köstlichkeiten bietet sie seitdem an. „Das ist einfach ideal, hier kann ich meine Kreativität ausleben,“ erklärt Luisa.

Und noch etwas passiert im Oktober 2017: Luisa ist im Fernsehen. „The Taste“, die Kochshow in fünf Staffeln beginnt. Hobby- wie Profiköche werben um die Gunst von vier Coaches und müssen etliche Köstlichkeiten backen, braten, kochen. Von 1.000 Bewerbern sind nach

Torten und Törtchen, Maclairs und weitere Köstlichkeiten bietet die Konditorei von Luisa Zerbo.

verschiedenen Bewerbungsrunden ganze 40 übrig. Und Luisa ist dabei. Ihre Macarons mit Lachstatar verzaubern Coach Roland Trettl, einen sehr bekannten, deutsch-italienischen Koch und Buchautor.

Luisa schafft es bis zum Finale im Dezember 2017, erst in der letzten Runde scheitert sie. Luisa durchlebt die unterschiedlichsten Gefühle. Sie ist froh über den Erfolg und doch ein biss

 

 

chen enttäuscht. „Das war eine ganz besondere Erfahrung“, sagt sie. Und nicht nur das, denn Luisa ist auf einmal in aller Munde. Der Kneesebeck-Verlag möchte mit ihr ein Kochbuch herausbringen. Luisa ist begeistert und macht sich an die Arbeit. Alles könnte so schön sein!

Doch im August 2018 meldet sich die Handwerkskammer Konstanz. Einige Anrufer hätten mitgeteilt, dass Luisa das Konditorhandwerk ohne entsprechende Ausbildung ausübe und das sei verboten. Luisa ist sprachlos. Doch nicht lange, denn ihre höhere Bildung, ihr Studium mit Abschluss ebnen den Weg. Sie wird zu einer Sonderprüfung zugelassen und am festgesetzten Termin stehen die Prüfer morgens um acht Uhr in Luisas Küche. Sie bleiben bis abends um 18 Uhr. Das volle Programm! Theorie und Praxis und alles, was es nur gibt. Doch Luisa besteht und ein Stein fällt ihr vom Herzen. Sie muss nichts mehr fürchten und könnte sich sogar in die Handwerksrolle eintragen lassen.

Kochbuch der besonderen Art erscheint

Am 10. Oktober 2018 ist es soweit. „So schmeckt Liebe: Gesundes Soulfood, das dich glücklich macht“ kommt auf den Markt – ein Kochbuch der besonderen Art. Die Autorin: Luisa Zerbo – und die ist mindestens genauso glücklich.

Ein Jahr nach dem großen Ereignis ist Luisas Leben bunt und vielfältig. Sie gibt Kochkurse, „Die Muskeltiere“ ihr neues Kinderkochbuch ist seit September auf dem Markt, sie ist die Juniorchefin des „Da Gino“ und ihre Leidenschaft ist eher größer geworden. „So schmeckt Liebe“ ist mittlerweile ihre eigene, geschützte Marke. Ihre Liebe zum Beruf, ihre Kreativität, lassen eine bunte Vielfalt von Süßem und Salzigen entstehen, das auf der Zunge zergeht, lassen Geschmackserlebnisse wahr werden, die unglaublich sind. Und doch liebt Luisa auch die „einfache“ Küche ihrer Großmutter. Im „Da Gino“ gibt es beides und alles in einer hervorragenden Qualität. Sie freuen sich auf einen Abend mit gutem, freundlichen Service und einem Essen, das nach Liebe schmeckt. Keine Sorge, es gibt sie noch, die Köche, die leidenschaftlich sind und gerne für Sie arbeiten.

Lauch im Schinkenmantel mit Schweizer Bergkäse

Die Zutaten: 3 Stangen Lauch 6 Scheiben Landschinken Béchamelsauce 100 g Schweizer Bergkäse, gerieben Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer

Den Backofen auf 180 °C (Umluft) vorheizen, und den Lauch von den äußeren Blättern sowie dem unteren Ende befreien, das Gemüse waschen und quer dritteln. Das obere Drittel für Gemüsebrühe benutzen.

In einem Topf reichlich gesalzenes Wasser zum Kochen bringen und die zwei unteren Drittel des Lauchs darin etwa 15 Minuten garen. Herausnehmen und gut abtropfen lassen. Die gekochten Lauchstangen mit dem Schinken ummanteln und in eine Auflaufform legen.

Die Béchamelsauce auf und um die Lauchstangen verteilen, alles mit dem geriebenen Bergkäse bestreuen. Den Lauch im Ofen etwa 30 Minuten überbacken. Am besten in der Auflaufform und nach Belieben mit Salz und Pfeffer bestreut servieren.

Entnommen dem Kochbuch „So schmeckt Liebe“ von Luisa Zerbo, Verlag Knesebeck

 

 

Weltberühmt:

Hexenlochmühle – Die schönste Mühle des Schwarzwalds

Jede Tourismusregion, die eine technische Sehenswürdigkeit zu bieten hat, schätzt sich glücklich. Die Hexenlochmühle, die einzige Mühle im Schwarzwald mit zwei Mühlrädern, ist so ein Glücksfall und weltberühmt. Sie darf für sich in Anspruch nehmen, eine der schönsten – wenn nicht die schönste – Schwarzwaldmühle überhaupt zu sein.

 

 

von Elke Schön

Die Mühle im romantisch-malerischen Hexenloch ist so bekannt wie der Feldberg oder die Triberger Wasserfälle. Selbst in der New York Times war sie abgebildet und findet sich in jedem Schwarzwald-Reiseführer weltweit wieder. Sie ist eine technische Besonderheit – und bietet einen idealen Platz zum Verweilen: Wanderwege vom Balzer Herrgott aus, dem Brenners-loch oder der Wildgutach führen hierher. Die Sonne, die im engeren Tal des Oberlaufs weniger zur Geltung kommt, legt sich hier an und kann bis in den Nachmittag hinein freundliches Licht und Wärme verbreiten, bis sie von den Höhen des Glasbergs abgeschirmt wird. Januar und Februar allerdings sind für die Besitzer der Hexenlochmühle die lichttechnisch schwierigste Zeit, dann scheint die Sonne um die Mittagszeit gerade einmal eine Stunde lang.

Immer enger wird das Bachbett unterhalb der Mühle. Und dort, wo der Glaserbach auf Dreistegen zufließt, sich mit dem Heubach vereinigt und als Wildgutach westwärts windet, ragen jetzt immer steilere Felswände auf. In diesem dicht bewaldeten, wasserreichen Gebiet war so manche kleine Sägemühle in Betrieb. Aber keine hat überdauert und ist so konsequent immer weiter in die Hände einer einzigen Familie weitervererbt worden, wie die Hexenlochmühle.

Begründer der Mühle bei Dreistegen – so der Name des Gewanns – waren 1825 Stefan Trenkle und drei Bauern aus der Umgebung. Stefan Trenkle unterhielt eine Nagelschmiede. Deren Schmiedehammer wurde vom Mühlrad des älteren Teils der Hexenlochmühle angetrieben. Dabei handelt es sich um das rechte, obere Gebäude. 1839 kaufte und Franz Sales Schirmaier den großen Schritt, am Heubachlauf eine Uhrengestellmacherei zu gründen. Dazu mussten sie die Hexenlochmühle um ein größeres Gebäude erweitern und ein zweites Mühlrad installieren. Es entstand das linke, untere Gebäude.

Schirmaier errichtete das Gebäude, der Wirt in Dreistegen stellte das zusätzlich benötigte Gelände zur Verfügung. Von einem erfahrenen Freiburger Zimmermann ließen die Inhaber ein Mühlrad mit vier Meter Durchmesser bauen, über das in der Sekunde rund 300 l Wasser laufen. Damit das Wasser kontinuierlich fließen kann, wird es gut 200 Meter oberhalb der Mühle angestaut und über einen Kanal auf die Mühlräder geführt. Die so bereitgestellte Wasserkraft entspricht in etwa 13 Pferdestärken. Das reicht aus, um eine Hochgang- und Kreis-säge anzutreiben und Baumstämme von bis zu einem Meter Durchmesser zu sägen.

Die Wasserkraft des Heubachs nutzen die Trenkles seit Ende der 1980er-Jahre zusätzlich zur Stromerzeugung. Es wird auf diese Weise mehr Strom produziert als die Mühle mit Gastronomiebetrieb selbst benötigt.

Eine Museumssäge als Bausatz

Die Säge befindet sich im Originalzustand und wäre einsatzfähig, doch wird sie nur noch zu Vorführzwecken in Betrieb gesetzt. Wirklich gesägt wird auch deshalb nicht mehr, „weil dann sämtliche Gläser aus dem Schrank springen“, wie Inhaber Karl Friedrich Trenkle anmerkt. Er freut sich über Besucher aus aller Welt, über ein ungebrochenes Interesse an der Mühle seiner Familie. Sie ist übrigens auch als Spielzeug sprich in Miniaturausführung zu bekommen: Die Gütenbacher Modellbaufirma Faller hat

 

 

Karl Friedrich Trenkle, Urgroßvater des heutigen Inhabers, die Anteile der Mit-Frühes besitzer auf. 1883 Hinweisschild auf wagten die Trenk-die Hexenlochmühle, les schließlich wohl 1960er-Jahre. zusammen mit Primus Rombach

 

 

Hexenlochmühle, 1920er-Jahre. Unten mit gegenüberliegendem Wohnhaus der Familie Trenkle.

Blick in die Uhrengestellmacherei der Familie Trenkle – Aufnahme um das Jahr 1900.

sie als Bausatz aufgelegt. Dieser besteht aus 255 Einzelteilen in 11 Farben. Das Modell ist mit einem Elektromotor ausgestattet, der gleichzeitig die Mühlräder antreibt und das Sägegatter auf- und abbewegt.

Forderung nach einer besseren Straße

Die Wahl des Standortes der Säge erwies sich in den kommenden Jahren als zukunftsträchtig: Der Heubach lieferte zuverlässig genügend Wasserkraft und die Straße von Neukirch bis St. Märgen ermöglichte das Transportieren der Baumstämme zur Säge sowie den Abtransport der Produkte. Schließlich hatten die Neukircher um den zeitgemäßen Ausbau ihrer Hexenlochstraße hartnäckig gekämpft, wie die vielen Eingaben an das Bezirksamt Triberg zeigen.

Dringlich werden die Forderungen nach einer besseren Straße erneut in den 1920er-Jahren. Es werden erstmals Hilferufe laut, den Fremdenverkehr, vor allem die „Automobilisten“, in diese einsame Gegend zu locken. Dies vor dem Hintergrund der großen Wirtschaftsnot. Dem Badischen Landeskommissär in Konstanz rechnen die Neukircher vor: Im Nord-Südverkehr nach Neustadt oder zum Feldberg werde unter Benutzung der Hexenlochstraße eine Abkürzung von etwa 15 bis 20 Kilometer erreicht. Um von Gütenbach oder Furtwangen per Auto nach St. Märgen zu gelangen, sei ohne die ausgebaute Hexenlochstraße ein Umweg über Neustadt oder das Glottertal von bis zu 50 Kilometer nötig.

Aufgrund der topografischen Bedingungen ist die Hexenlochstraße allerdings bis heute eine kurvenreiche, enge und teils nicht ungefährliche Nebenstraße geblieben.

Die Trenkles – Mühlenbesitzer in der bereits vierten Generation

Seit 1839 befindet sich die Hexenlochmühle im Besitz der Familie Trenkle, die heute in vierter Generation betrieben wird. Bereits ein Jahr nach Abschluss des Gesellschaftsvertrages im Jahr 1883 übergibt Stefan Trenkle seinen Anteilsdrittel an Sohn Karl Friedrich Trenkle. 1930

Auch das Innenleben der Mühle kann besichtigt werden: Rechts das zweieinhalb Meter hohe Kammrad.

 

 

übernimmt dann dessen Sohn Stefan Trenkle jun. den väterlichen Anteil. Und 1957 schließlich wird Stefan Trenkle der alleinige Eigentümer der Hexenlochmühle.

Stefan Trenkle ist ein Mann von bewundernswerter Tatkraft und Unternehmungslust. In Dreistegen aufgewachsen, erlernte er das Uhren-Gestellmacher-Handwerk. Seine Kriegsjahre erlebte er in Stalingrad als Panzerfahrer. 1945 kehrte er gesund wieder in die Heimat zurück, heiratete Maria Herrmann vom Felsenhäusle in der Glashütte. Stefan Trenkle, der „Stegesteffe“, war im öffentlichen Leben rund um Neukirch vielseitig aktiv: bei der Feuerwehr, im Gemeinderat und im Musikverein Glashütte, wo er die große Trommel schlug. Seine Sternstunde erlebte er im Jahr 1966, als die Glashütter beim Besuch der Königin Elisabeth von England in Stuttgart aufspielen durften.

Er verstand es bestens, das Interesse an der Hexenlochmühle zu fördern. In seinem 1950 neu erbauten Wohnhaus gegenüber der Mühle empfing er Feriengäste und verkaufte Souvenirs. In der Sägemühle durften Besucher seine Werkstatt für Uhrengestelle bewundern. Die Badische Zeitung berichtete 2007 aus Anlass seines 85. Geburtstages: „Auf die Frage, wie es kam, dass die Hexenlochmühle heute so bekannt ist, weiß Stephan Trenkle viel zu erzählen. 1951 kamen die ersten Feriengäste zu ihm in sein neu erbautes Haus und bewunderten seine Uhrenausstellung und seinen Holzverarbeitungsbetrieb. Sie gaben ihm den Tipp: ‚Jeden Tag kommen Gäste vorbei, die deine Werkstatt und Mühle besichtigen, da musst du Uhren verkaufen.‘ Gleich am nächsten Tag holte er in Furtwangen bei einem Bekannten 20 Kuckucksuhren, diese waren in zwei Tagen alle verkauft. Die Erfahrung, dass man auch im hintersten Winkel des Schwarzwaldes mit Uhren und Souvenirs ein Geschäft machen kann, war für ihn und seine Familie der Auslöser, es zu tun. Heute besuchen in der Sommerzeit rund 200 Personen pro Tag die Mühle, in der man auch Vesper und Schwarzwälder Speck kaufen kann.“

Eine Generation später erscheint wieder der Name Karl Friedrich Trenkle in der Familie und auch dieser bleibt dem Holz treu: In Obersimonswald, wo 1825 sein Ahne Josef Trenkle hergekommen war, hat er die Kunst der Holzbildhauerei erlernt und übernimmt 1987 das Anwesen. Karl Friedrich junior baut die frühere Nagelschmiede, das ältere, obere Mühlengebäude somit, zum Kiosk um. Hier können die Besucher auch Getränke und ein Vesper erwerben und auf einer Holzbank Platz nehmen. Auch bringt er den Touristen die Technik der Mühle nahe, indem er die Rückwand des Sägengebäudes im Jahr 1990 verglasen lässt, so dass das zweieinhalb Meter hohe hölzerne Kammrad mit seinen Übersetzungen und die Treibriemen der Transmission in Bewegung bestaunt werden können.

Museums- und Gastronomiebetrieb

Der „große Wurf“ folgt im Jahr 2001: Die Söhne Benjamin und Pascal sind erwachsen; einer lernt Uhrmacher, der zweite wird zum Koch ausgebildet. Und auch Ehefrau Gerlinde, geborene Kern, ist gerne bereit, das Familienunternehmen mit neuer Ausrichtung weiterzuführen. Es kommen nun eine Gaststätte und ein großer Souvenir- und Schwarzwälder Spezialitätenhandel hinzu.

Bei der Modernisierung im Innern und der Realisierung von baulichen Erweiterungen steht fest: Die längst unter Denkmalschutz stehende Hexenlochmühle muss und soll die Hexenlochmühle bleiben. So bleibt zum Beispiel an der alten Nagelschmiede die Form der Fenster mit den Oberlichtern so bestehen, wie sie in den 1830er-Jahren üblich war. Drinnen erinnert das Gestänge der Transmission an der Decke über den Fenstern an die einstige Verwendung des Raumes. Auch ein gusseiserner Stubenofen mit dekorativ-emaillierten Frontplatten stammt aus vergangenen Zeiten. Heute werden hier Schinkenspeck und Liköre vom Feinsten zum Verkauf angeboten.

Die Besucher, die die Mechanik des Wasserrades und die Treibriemen in Aktion sehen wollen, machen sich auf den Weg ins Untergeschoss der Mühle zu einem an anderer Stelle bereits erwähnten riesigen „Schaufenster“. Im Untergeschoss lockt aber auch eine Türöffnung

 

 

In der Hexenlochmühle wurden bis zu einem Meter dicke Baumstämme verarbeitet.

in den weitläufigen Verkaufsraum für Souvenirs aller Art. Wer indes direkt die Gaststube ansteuert, der kann im Obergeschoss einen Blick in die alte Säge werfen, wo einst die Uhrengestelle hergestellt wurden. Die Metallschienen zur Führung der langen Baumstämme lenken das Auge durch das geöffnete Tor auf die eindrucksvolle Hochgangsäge und die Werkbank mit der Kreissäge.

Wenn auch die hier ausgestellten Gebrauchsgegenstände und originellen hochwertigen Holzspielsachen nicht mehr alle aus der Hand des Hausherrn, des Holzbildhauers Karl Friedrich Trenkle stammen, so ist doch überall die Verbundenheit mit der Schwarzwälder Holzschnitzer-Tradition zu spüren. Geschnitzte Figuren und Möbelverzierungen aus der Hand des Hausherrn Karl Friedrich Trenkle sind vor allem auch in der Gaststube zu bewundern, zusammen mit historischen Fotografien aus dem einstigen Alltag der Mühle.

Das Restaurant

Im unteren Stockwerk der Hexenlochmühle wurden früher Uhrengestelle aus den oben in der Säge zugeschnittenen Brettern hergestellt. Dieser Bereich ist nun der Gaststube und ihren Nebenräumen gewidmet: Ein quadratischer Raum, ganz und gar in hellem Holz getäfelt, der zu jeder Jahreszeit Gemütlichkeit und Wärme ausstrahlt. Die Küche des Hauses unter der Regie von Sohn Pascal Trenkle genießt weithin große Anerkennung. Einerseits auf Wünsche durchreisender Touristen abgestimmt, bietet sie ganztags warme Küche mit Schwarzwälder Spezialitäten, aber auch feine Menüs. Selbst Familienfeste mit bis zu 50 Personen werden vom Team des Hauses bewältigt.

Um auch größere Gästegruppen bei jedem Wetter bewirten zu können, haben die Trenkles auf der verlängerten Terrasse ein beheizbares Zelt mit Saalcharakter errichtet, das gerne angenommen wird.

 


Waren es schon in den 1960er- oder 1970er-Jahren in der Hochsaison bis zu 200 Besucher täglich, die zur Hexenlochmühle gekom-men sind, werden diese Zahlen heute deutlich übertroffen. Es vergeht kein Tag im Jahr ohne Besucher – selbst im Winter bei dichtem Schneetreiben ist das so. Touristen aus Holland, Italien oder Spanien – aus Amerika, China oder Japan kommen ins Hexenloch, wollen die Müh-le mit zwei Mühlrädern sehen und ein Foto von ihr in die sozialen Netzwerke, auf Facebook oder Instagram posten. Ein Foto von einem Stück „heiler Welt“ im Black Forest.Gerlinde und Karl-Friedrich Trenkle vor der Hexenlochmühle, die in bereits vierter Generation betrieben wird.Ein Winter-Selfie vor der Hexenlochmühle – ohne den Besuch von Touristen vergeht kein Tag im Jahr.

 

 

Einzigartig in Europa – Antik-Uhrenbörse ein Gewinn für gesamte Region Furtwangen

von Matthias Winter

Einmal im Jahr wird die akademische Routine der Hochschule Furtwangen University (HFU) durch ein besonderes Ereignis unterbrochen. Immer am letzten August-Wochenende werden Flure und Hörsäle, die sonst Studenten und Dozenten vorbehalten sind, von weit über 100 Uhrenhändlern und einigen tausend Uhrenfans gestürmt. Es ist Zeit für die Antik-Uhrenbörse, die frühere Antik-Uhrenmesse, und damit für eines der Großereignisse im Jahreslauf der Hochschul- und Uhrenstadt Furtwangen im Schwarzwald.

Dann werden Uhrmacherlupen gezückt, Klein-und Großuhren bewundert und begutachtet, es wird gehandelt und gefeilscht und am Ende freuen sich Verkäufer und Käufer. Von Freitagnachmittag bis Sonntag dauert das Uhren-Event mit Erlebnischarakter, das auch für Besucher interessant ist, die nicht unbedingt eine Uhr erwerben, sondern lediglich über die Uhrenbörse bummeln wollen. Für die Profis unter den Sammlern gibt es bereits am Freitagnachmittag eine Eintrittsmöglichkeit zu einem höheren Preis.

Heute gehört die Antik-Uhrenbörse genauso selbstverständlich zu Furtwangen wie das Deutsche Uhrenmuseum, das sich übrigens auch selbst gerne auf der Börse nach seltenen Stücken umschaut, mit denen die Museumssammlung bereichert werden könnten. Doch das war nicht immer so: Im Jahr 1982 fand die erste

Auch französische Prunk-Uhren gehören seit jeher zum Angebot der Furtwanger Antik-Uhrenbörse.

 

 

Uhrenmesse statt, die Idee dazu hatte Wilfried Dold aus Vöhrenbach. Dabei ging es ihm nicht einmal so sehr darum, eine eigenständige Veranstaltung ins Leben zu rufen. Vielmehr sollte so der traditionelle Trödlermarkt der Stadt Furtwangen aufgewertet werden, was vor allem das Ziel der Narrenzunft war, die sich zusammen mit der Stadt um den Erhalt der Traditionsveranstaltung bemühte. Wilfried Dold wirkte damals in Furtwangen als Redaktionsleiter der Badischen Zeitung und hatte ehrenamtlich die Öffentlichkeitsarbeit des Trödlermarktes übernommen. „Furtwangen und Uhren, das passt perfekt zusammen“, war seine Überzeugung. Schließlich ist die Stadt nicht nur Sitz der bekannten Uhrmacherschule, sondern sie war auch lange Zeit ein Zentrum der Uhrmacherei und Uhrenindustrie.

Nachdem Wilfried Dold die Idee den Marktmachern vorgetragen hatte, erklärte sich die Narrenzunft bereit, die Sache zu unterstützen. Diese betrieb beim Trödlermarkt einen großen Stand und war schon deshalb daran interessiert, dass die Veranstaltung florierte und ein großes Publikum anzog. Der spätere Uhrenbörsen-Organisator Jacques Barthillat war zu dieser Zeit für den Trödlermarkt zuständig und zeigte sich von der Uhrenmesse-Idee ebenfalls begeistert. Jacques und Gerda Barthillat gehörten wie Angelika Dold zu den Uhrenmesse-Stützen der ersten Stunde. Bis hin zum Auf- und Abbau der Uhrenhändler-Stände und den Reinigungsarbeiten war man gemeinsam ehrenamtlich aktiv.

Um eine entsprechende Organisation im Hintergrund zu haben, gründete sich die AG Trödlermarkt, die aber nie ein eingetragener Verein wurde.

Eine Anfangshürde für die Uhrenmesse bestand darin, überhaupt Uhrenhändler dafür zu gewinnen, ihre guten Stücke in Furtwangen anzubieten. Wilfried Dold verteilte auf zahlreichen Flohmärkten der Region – selbst in Stuttgart, Konstanz, Freiburg oder Lahr – an Ständen, die antike Uhren anboten, Flugblätter und leistete dabei viel Überzeugungsarbeit. Schließlich kamen 13 Händler zusammen, die im Rahmen der 1. Furtwanger Uhrenmesse im Herbst 1982 in der Aula der Hochschule antike Zeitmesser, Ersatzteile und Uhrenliteratur ausstellten. Der Schwerpunkt lag auf Schwarzwalduhren. Der Erfolg war riesig: „Nach der Messe waren die meisten Händler definitiv ausverkauft“, erin-

 

 

nert sich Wilfried Dold. Ein Händler hatte sogar für über 100.000 Mark Uhren verkauft und war überglücklich. Somit war klar: Die Uhrenmesse würde 1983 eine Fortsetzung finden.

Nun war es auch kein Problem mehr, Händler nach Furtwangen zu bekommen. Im Jahr darauf waren es bereits 22 Händler und die Messe fand zwei Tage lang statt. Aufgrund der begrenzten Platzverhältnisse musste Wilfried Dold sogar zwölf interessierten Händlern absagen. Sein Fazit: „Die Idee war toll, aber es war von Anfang an eine Menge Arbeit, die Messe zu organisieren und abzuwicklen.“

Profitiert hat von der schnell wachsenden Veranstaltung übrigens auch der Furtwanger Trödlermarkt, nicht zuletzt durch seine Verlegung in die Innenstadt vor die Tore der Hochschule. Aber auch finanziell, denn in den Anfangsjahren ging der gesamte Ertrag aus der Uhrenmesse an die AG Trödlermarkt, die damit unter anderem ein aufwändiges Kulturprogramm finanzieren konnte.

Fünf Uhrenmessen hat Wilfried Dold organisiert, bevor er die Organisationsleitung an Rechtsanwalt Falk Völker weitergab, da er sich mit einer Mediaagentur selbstständig machen wollte, was seine ganze Energie erforderte.

„Wir machen das“ – Narrenzunft übernimmt

1991 kündigte Falk Völker seinen Rückzug an und am Ende sagte die Narrenzunft mit ihrem stellvertretenden Zunftmeister Jacques Barthillat: „Wir machen das“. Denn die Zunft wollte die Einnahmen aus der Messe unter anderem für die Sanierung der 1987 erworbenen Zunftstube „Alte Färbe“ verwenden. Waren die Einnahmen zunächst an die AG Trödlermarkt gegangen, so blieb nun auch ein Teil für die Narrenzunft. Später gab es dann einen Schnitt und die Einnahmen gingen komplett an die Zunft, schließlich dann an den Verein „Uhr und Kultur“.

Schon zuvor waren beide Veranstaltungen organisatorisch getrennte Wege gegangen, auch wenn sie weiter voneinander profitierten. Und die Uhrenmesse wuchs und galt längst als „Muss“ für Uhrensammler und -liebhaber. 1989 beispielsweise waren 25 Uhrenhändler angekündigt, weiteren Interessenten musste aus Platzgründen abgesagt werden. Was daran lag, dass die Uhrenmesse in den Anfangsjahren vorwiegend in der Aula der Hochschule und der darunter liegenden alten Cafeteria stattfand, wo der Platz begrenzt war. Als Jacques Barthillat 1992 die Organisation übernahm, hatte er das Ziel, die Messe „größer, schöner und besser“ zu machen.

140 Händler aus zehn Nationen

Mit einem Umzug innerhalb des Hochschulgebäudes versuchte man, den chronischen Platzmangel in den Griff zu bekommen. So ging es von der Aula weg in ein anderes HFU-Gebäude und dann wieder zurück in den A-Bau der Hochschule (das Hauptgebäude am heutigen Gerwigplatz). Hier wurde zunächst versucht, die gesamte Messe in den drei Geschossen des A-Baus unterzubringen. Doch das war ein Flop, denn die Besucher waren nicht bereit, in das oberste Geschoss hinaufzusteigen. Also wurde die Aula wieder mit einbezogen.

„Viele Händler hatten damals den Wunsch, die Messe zweimal im Jahr zu veranstalten“, erinnert sich Jacques Barthillat. Doch er war dagegen: „Man kann sein Geld ja nur einmal ausgeben“. Am Ende beteiligten sich 140 Händler aus zehn Nationen an der Antikuhren-Börse, wie sie seit 2003 heißt. Und zu den besten Zeiten kamen über 4.000 Besucher. „Die Messe ist immer internationaler geworden“, so das Fazit von Jacques Barthillat. Längst ist sie die größte und erfolgreichste in ganz Europa.

Das liegt nicht zuletzt an dem enormen Engagement, das Jacques Barthillat zusammen mit seiner Frau Gerda und einigen wenigen Vereinsmitgliedern für die Uhrenbörse an den Tag legte. Auch Enkel Marius war die letzten zehn Jahre bei der Börse dabei und hatte sich so gut eingearbeitet, dass er alle Händler und Helfer kannte und wusste, welchen Platz sie bestellt hatten. Von großer Wichtigkeit war auch der gute Draht der Barthillats zu den Uhrenhändlern, die in der Regel Stammgäste bei der Veranstaltung sind.

 

 

Dicht an dicht drängen sich auf der Furtwanger Uhrenbörse die Stände und Besucher.

Für die gesamte Region ein Gewinn

Die Uhrenbörse hat sich längst zu einem wichtigen Faktor für das Hotel- und Gaststättengewerbe entwickelt. Der frühere Geschäftsführer des Tourismusverbandes „Ferienland“, Stefan Schürlein, hat einmal den ökonomischen Wert berechnet und kam zu dem Ergebnis, dass die Börse rund eine halbe Million Euro in die Region spült. Auch die Hotel- oder Gästezimmer der Nachbarorte sind in dieser Zeit lange im Voraus ausgebucht. Das liegt mit daran, dass viele Uhrenhändler, vor allem aus dem Ausland, den Aufenthalt im Schwarzwald bis zu einer Woche verlängern und oft mit Familie anreisen.

Deutlich breiter geworden ist die Palette der angebotenen Uhren. Dominierte in den Anfangsjahren die Schwarzwalduhr, so waren es schon bald auch prächtige antike Großuhren, etwa aus Frankreich. Oft sind sie Schildpatt verziert und feuervergoldet – wahre Schmuckstücke halt, die aber auch ihren Preis haben. Auch Ersatzteile und Literatur gehören zum Angebot. Mitte der 1990er-Jahre hatte Jacques Barthillat die Idee, Armband- und Taschenuhren mit dazuzunehmen, obwohl es Bedenken von Großuhrenhändlern gab, die um ihr Geschäft fürchteten. Das war nicht der Fall und heute sind es etwa 50 von 140 Händlern, die Kleinuhren anbieten. Und gerade die Armband- und Taschenuhren boomen nach wie vor.

Die Schwarzwalduhren – und hier vor allem die traditionellen Lackschilduhren – haben dagegen einen herben Einbruch erfahren. „In den 1990er- Jahren kostete eine schöne Schwarzwalduhr 1.200 bis 1.500 Mark. Heute muss man froh sein, sie für 50 bis 100 Euro verkaufen zu können“, kommentiert Jacques Barthillat die Entwicklung. Das liegt seiner Ansicht nach daran, dass die Sammler älter geworden sind und wegsterben. Da die Erben mit Antikuhren oft nichts anfangen können und sie verkaufen, gibt es ein Überangebot. Schöne Trompeter- oder Flötenuhren hingegen oder gar ein „Knödelfresser“ sind hingegen auch heute noch gefragt. Das gleiche gilt für prächtige Prunkpendulen etwa aus Frankreich, erst recht für die feuerver-

 

 

Viele Händler halten der Antik-Uhrenbörse seit fast der ersten Stunde die Treue. Nur bei der allerersten Uhrenbörse war Erwin Weyl aus Hildrizhausen (links) nicht dabei.

goldeten, da diese Herstellungstechnik in Europa wegen der damit verbundenen Gefahren für die Gesundheit schon lange verboten ist. Und je seltener die Stücke, desto höher der Preis.

Auch bei den Besucherzahlen gab es bereits 2003 einen Einbruch, der auf die genannten Gründe – aber auch den damaligen wirtschaftlichen Abschwung – zurückzuführen sein dürfte. Allerdings wurde noch 2006 und 2007 die Marke von 3.000 Besuchern übersprungen und es gab eine lange Warteliste von Händlern für einen Platz auf der Börse.

2004 feierte die Uhrenmesse ihren 20. Geburtstag (streng genommen war es der 22…) und dabei wurde allseits betont, dass sich die „beiden Beine“ des Vereins „Uhr und Kultur“ bewährt hätten, nämlich einmal die Uhrenbörse zu organisieren und zum anderen die erwirtschafteten Mittel in die „Kulturfabrik am Straßberg“ zu stecken und damit ein hochkarätiges Programm anbieten zu können.

Landes-Wirtschaftsminister Ernst Pfister kam zum Jubiläum und erfreute beim traditionellen Empfang der Uhrenhändler am Freitagabend das Publikum nicht nur mit seiner Mundharmonika, sondern war auch voll des Lobes über die Uhrenmesse und das Engagement von Jacques Barthillat und seinen Helfern. Beim 25. Jubiläum der Veranstaltung im Jahr 2009 kletterten die Besucherzahlen dann erfreulicherweise wieder auf über 3.500.

Viele engagierte Helfer im Einsatz

Tatsächlich war mit dem Wachsen der Uhrenbörse auch der organisatorische Aufwand nochmals erheblich gestiegen, unter anderem musste ein Sicherheitsdienst engagiert werden. Froh ist Jacques Barthillat, dass schon früh die Skizunft Brend mit ins Boot geholt werden konnte, deren Mitglieder auch als Auf- und Abbauhelfer fungierten sowie die Kasse übernahmen. „Auf die Skizunft konnte ich mich immer verlassen.“ Weiter ist er dankbar über die Hilfe der Hochschul-Hausmeister. Schließlich müssen nicht nur 500 Meter Stellwände aufgestellt werden, es werden auch sämtliche Tische der Hochschule benötigt, selbst aus entfernteren Gebäuden werden sie herangekarrt. Ab Donnerstag sind die Hausmeister permanent vor Ort, „ohne sie hätten wir keine Chance gehabt“, betont Barthillat.

Bei einem solchen Großereignis mit tausenden Besuchern ist aber auch die Bewirtung wichtig. Zunächst hatte diese der Furtwanger Alle-Weltladen übernommen, dann der Schwarzwaldverein Gütenbach. Daraus erwuchs eine „super Zusammenarbeit“, so Barthillat rückblickend. Wichtig war auch der gemeinnützige Verein „Uhr und Kultur“ für die Organisation der Großveranstaltung. Aber nicht nur die Organisation an den Tagen der Uhrenbörse war und ist aufwändig, auch bei der Vorbereitung waren immer wieder zahlreiche bürokratische Hürden zu nehmen.

Bald schon war als Öffnungstag auch noch der Freitag hinzugekommen. „Die Profis wollten Sonderrechte und die Händler standen schon am Donnerstag vor der Tür.“ Schließlich habe

 

 

man sich darauf geeinigt, dass bereits am Donnerstag aufgebaut und am Freitag geöffnet wird, allerdings gegen ein deutlich erhöhtes Eintrittsgeld. Er habe dazu die Händler befragt, die 40 bis 50 Euro für angemessen hielten. Auf 40 Euro legte man sich schließlich fest. „Sonst hätten uns die Leute die Bude eingerissen“, ist Barthillat überzeugt. Der reguläre Eintritt am Samstag und Sonntag liegt derzeit bei fünf Euro.

Allerdings zeigten sich sparsame Uhrenliebhaber sehr erfinderisch, um das Eintrittsgeld zu umgehen. Am einfachsten war es, eine Kiste in die Hand zu nehmen und sich als Uhrenhändler auszugeben. Da der Trick bei den Einlasskontrollen aber nicht mehr verfing, schnappte sich ein Uhrenfan 2007 nicht nur eine Kiste, sondern zog sich einen grauen Arbeitskittel über, um sich am Einlass vorbei zu schummeln. Im Gebäude aber traf er auf Jacques Barthillat, der die meisten Uhrenhändler persönlich kennt. Auf die Frage, für wen er arbeite, nannte er irgendeinen Fantasienamen und flog damit auf. Er zeigte sich aber einsichtig und ließ sich hinaus spedieren. Kaum war er draußen, warf er seinen Kittel ab, um sich anzustellen und ein Eintrittsticket zu erstehen. Ein durchaus betuchter Uhrensammler aus dem Rheintal sei sogar einmal durch die Toilettenfenster eingestiegen. Barthillat kann diese Kleinlichkeit nicht verstehen. „Da kaufen die Leute eine Uhr im Wert von 1 .300 Euro oder mehr und wenn sie das Eintrittsgeld reut, könnten sie den Händler einfach fragen, ob er ihnen dieses abzieht“. Die meisten Händler würden darauf eingehen.

Nach 25 Jahren Abschied von der Uhrenbörse

25 Jahre lang, von 1992 bis 2017, haben Jacques Barthillat und seine Frau Gerda die Uhrenbörse federführend organisiert und ehrenamtlich unzählige Arbeitsstunden sowie viel Herzblut investiert. Die Veranstaltung wurde unter ihrer Regie zur größten Antikuhren-Börse im europäischen Raum und zieht ein internationales Publikum an. Sie ist ein Aushängeschild für die Stadt und ein Gewinn für die gesamte Region.

Aus Anlass der 33. Uhrenmesse wurde Jacques Barthillat durch Bürgermeister Herdner zum Ab-schied für sein Engagement die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg verliehen.

Nach 25-jähriger Tätigkeit als Leiter der Furtwan-ger Antik-Uhrenbörse und 33-jährigem kulturellen Engagement gab Jacques Barthillat (Mitte) sein Auf-gabenfeld ab. Bürgermeister Herdner (rechts) verlieh ihm aus diesem Anlass die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Ab 2018 hat die Stadt Furtwangen federführend die Organisation übernommen, wobei mehrere Furtwanger Vereine mithelfen. Die Skizunft Brend etwa ist der Veranstaltung treu geblieben und führt nach wie vor die Kasse. Der Verein VFDU (Verein zur Förderung des deutschen Uhrenmuseums) ist für die Einlasskontrolle zuständig. Die Bewirtung haben das SHO (Schwarzwaldharmonika-Orchester) und der Sportverein 69 übernommen.

Der Verein „Uhr und Kultur“ muss nun für den Betrieb der Kulturfabrik auf die Einnahmen aus der Uhrenbörse verzichten und ist auf Sponsoren angewiesen. Die Antik-Uhrenbörse dürfte aber weiterhin ein Eldorado für Uhrenfreunde bleiben, so lange es Uhrensammler und -liebhaber gibt. Furtwangen und die Uhr bleiben auch auf diese Weise eng verbunden.

 

 

Hüfinger Sommertheater – eine Leidenschaft, viele besondere Momente

von Tanja Bury

Das Theater

Den einen besonderen Moment gibt es nicht. Es ist vieles, was das Hüfinger Sommertheater ausmacht. In diesem Jahr war es „Mit des Lebens Kunst“ die zehnte Aufführung des Laienensembles an der Ruine des einstigen Römerbads. Seit mehr als 20 Jahren wird hier von einer kleinen Gruppe Großes auf die Bühne gebracht. Angefangen hat es mit dem Wunsch, zum 150. Jahrestag der Badischen Revolution ein Theaterstück aufzuführen. Er wurde mit der Premiere des Revolutionsstücks im Juli 1998 Wirklichkeit. Das Theaterspiel, das Miteinander, das Ringen um eine gelungene Aufführung und nicht zuletzt der Zuspruch von Publikum und Stadt haben so starke Spuren hinterlassen, dass es weiterging. Nach einer anfänglichen Pause von vier Jahren wird nun alle zwei Jahren in Hüfingen Theater gespielt – und damit für viele besondere Momente gesorgt.

Bürgermeister Michael Kollmeier weiß das. Und er kann deshalb auch allen Besuchern zu ihrem Kommen gratulieren. „Möge ein Stück Ihrer persönlichen Lebenskunst sich zukünftig an die Erinnerungen an das Hüfinger Sommertheater anknüpfen“, schrieb er in seinem Grußwort zur Aufführung 2019, bei der rund 3.000 Zuschauer gezählt wurden.

Lucian Reich – „Des Lebens Kunst“

„Des Lebens Kunst“ spielt im Damals und im Heute. Zwei Jahre im Leben Lucian Reichs des Jüngeren, Mitte der 1850er, und sein Wirken im Hüfinger Künstlerkreis werden beleuchtet. Doch nicht nur Reichs Ansichten, Zweifel und das Wirken des großen Hüfinger Künstlersohns waren Thema der Aufführung, sondern auch der Beginn der Emanzipation. Die junge Johanna Sennhofer will Mitte des 19. Jahrhunderts Malerin werden – in einer Zeit, als Frauen lediglich Arbeitskräfte und das Beiwerk ihrer Männer waren. Die junge Frau setzt sich gegen die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zur Wehr – trotz aller Widerstände. Gegen solche muss auch die Patchworkfamilie kämpfen, die im 21. Jahrhundert durch ein Gemälde mit der Geschichte Lucian Reichs und der jungen Johanna konfrontiert wird. Wie es bereits im 17. Jahrhundert einer Frau erging, die Talent hatte und Künstlerin werden wollte, erlebten die Zuschauer durch einen kleinen Bühnenausflug nach Italien und direkt hinein ins Leben von Artemisia Gentileschi, eine der schillerndsten Künstlerinnen des Barock. Sie dient Johanna Sennhofer in ihrem Kampf um ihren Berufswunsch als Vorbild.

Die Szenerie

Eindrucksvolle Kulisse für das Hüfinger Sommertheater ist stets das einstige Römerbad und das Gelände rundherum. Immer wieder wechselt die Ausrichtung der Bühne: Mal haben die Zuschauer das Bad im Rücken, mal schauen sie seitlich darauf oder das Museum bildet im Hintergrund einen Teil der Bühne. Für ihre Gestaltung ist stets Regisseur Paul Siemt

 

 

Theaterakteure und Zuschauer auf Wanderschaft – beim Hüfinger Sommertheater gehört das dazu. Die Bühne bestand aus drei Ebenen (Bild unten).

verantwortlich. Dabei setzt er auf Reduktion – weniger ist für ihn mehr. Viele Requisiten sucht man vergeblich. In diesem Jahr bestand die Bühne aus drei Ebenen. Die obere nur mit wenigen Stühlen versehen, hier zeigte sich stets die Familie von Lucian Reich. Die zweite mit einigen Fotos und Staffeleien stellte ein Atelier dar und ganz unten spielten bewegte Szenen, bei denen Platz gefragt war. Auch der Balkon des Museums wurde dieses Jahr in die Szene miteinbezogen und die Besucher begaben sich auf Wanderschaft über den neuen Römersteg. Damit knüpfte die Inszenierung an „Das kalte Herz“ an, als das Publikum durch den Wald geführt wurde und dort verschiedenen Szenen des Stücks zu sehen bekam. Zum Theaterplatz auf Zeit gehören auch einige Bewirtungshütten, die von Hüfinger Vereinen betrieben werden.

 

 

Der Regisseur und das Ensemble

Paul Siemt (Jahrgang 1954) ist ein Mann der ersten Stunde beim Sommertheater und hat seine „Leidenschaft an Hüfingen entdeckt“. Einige der Schauspieler sind wie er dem Projekt von Anfang an treu geblieben. „Es spielen sogar schon die Kinder einiger Darsteller mit“, erzählt er, schaut auf die von ihm gestaltete Bühne und hält eine Tasse in der Hand. Die hat ihm kurz zuvor eine der Schauspielerinnen gebracht. Der Kaffee ist schwarz, so wie Siemt ihn trinkt. Man kennt sich und ist so etwas wie eine Familie geworden. Eine Familie, die sich von Mitgliedern verabschieden musste und neue Gesichter in ihren Reihen begrüßen konnte. Eine Familie, die unterschiedliche Meinungen zulässt und diskutiert. Allen Mitgliedern ist gemein, dass sie mit Lust, Leidenschaft und Freude bei der Sache sind, wie ihnen der Regisseur bescheinigt. „Die Chemie stimmt.“

Und die Qualität. Es geht, so Siemt, um viel mehr als die Wiedergabe des meinst geschichtlichen Stoffs. „Wir arbeiten uns an der Inszenierung ab“, erzählt der Theatermacher. Er hat die bislang aufgeführten Stücke größtenteils geschrieben und dabei stets das Ensemble beteiligt. „Alle haben Einspruchsrecht, wir gehen in Diskurs miteinander.“ Im September gibt es die ersten Treffen, der Stoff wird vorgestellt, dann wird in dreiwöchigem Rhythmus an den Wochenenden geprobt. 21 Schauspieler von zwölf bis 68 Jahren zählt das Ensemble derzeit. „Das ist ein großes Spektrum“, freut sich Siemt. Wer welche Rolle bekommt, hat er manchmal schon beim Schreiben des Stücks im Kopf, ein anderes Mal fällt die Entscheidung eher spontan oder wird von allen getroffen. Ebenso ein Bonus: Die Zusammenarbeit mit professionellen Musikern rund um Kai Armbruster aus Donaueschingen. Er schreibt, nachdem er das Stück gelesen und sich mit Siemt ausgetauscht hat, die Melodien. „Es ist immer spannend, wie das, was ich im Kopf habe, in Musik umgesetzt klingt. Es funktioniert, dank Kai Armbruster.“

Für die Proben kommt Siemt von seiner Heimat auf der Schwäbischen Alb auf die Baar. Die letzten 14 Tage vor der Premiere mietet sich der Regisseur in Hüfingen ein – eine intensive Zeit beginnt. Und Paul Siemts besonderer Moment naht. Es ist das Loslassen, „dann, wenn ich merke, die Schauspieler haben es.“ Das geht so weit, dass der Regisseur bei den Aufführungen nicht dabei ist. Nur ein Mal kommt er – unangemeldet – und schaut zu. „Jetzt ist es Eures“, ruft er den Schauspieler in der Generalprobe zu.

 

 

Der Erfahrene

Helmut Vogel hat in den 20 Jahren Hüfinger Sommertheater mal ein paar Jahre Pause als Schauspieler eingelegt – seit er zurück ist auf der Bühne am Römerbad, ist er mit noch mehr Genuss dabei. „Das Schöne ist nicht nur das Spiel, sondern dass es zwischen uns keine Berührungsängste gibt“, freut sich der 68-Jährige, der damit das älteste Ensemblemitglied ist. Das Hüfinger Sommertheater lebe vom Einsatz aller – Schauspieler und Regisseur, Musiker und Techniker, Bauhof, Stadt und den Vereinen, die bei den Aufführungen bewirten. Im aktuellen Stück spielt Vogel Lucian Reich den Älteren, den Vater des bekannten Malers. Der Samstag nach der Premiere ist Helmut Vogels besonderer Moment. „Es ist immer ein ausgefallenes Publikum da – kunstbeflissen, hochinteressiert. Da gibt es auch mal weniger Applaus“, erklärt Vogel. Aber an diesem Abend bestanden zu haben, das gibt ihm ein gutes Gefühl. Und Sicherheit für das, was noch kommt.

Die Mutige

Ronja Wagner macht gern ihr Ding. Die Haare sind teils blau gefärbt und sie trägt gelbe Schuhe, bevor sie für „Des Lebens Kunst“ ins Kostüm für die Rolle der

Johanna Sennhofer schlüpft. Jenes Mädchen, das Mitte des 19. Jahrhunderts auch seinen

eigenen Weg geht. Die 16-jährige Ronja Wagner ist eines der neuen Gesichter beim Hüfinger Sommertheater – dabei ist es ihr schon seit vielen Jahren bekannt. Ihr Vater gehört zum Ensemble und so war Ronja Wagner schon als Kind bei den Aufführungen dabei. 2017 bei „Das Artefakt“ blieb es nicht mehr nur beim Zuschauen, Ronja spielte erstmals mit. „Das hat unheimlich viel Spaß gemacht“, sagt die Schülerin. Vor der Premiere und den Aufführungen ist die junge Frau zwar aufgeregt, aber sie sagt selbstbewusst: „Wir können es.“ Und fügt wie ein alter Theaterhase hinzu: „Ein bisschen Lampenfieber hat man immer. Das gehört dazu.“ Und welcher ist ihr Moment beim Sommertheater? „Wenn ich auf der Bühne stehe und spüren, dass mir so viel zugetraut wird – das ist etwas sehr Besonderes.

Der Begeisterte

Frieder Schräbler ist begeistert von der Schauspielerei. Und er ist begeistert vom Hüfinger Sommertheater. „Diese sagenhaft Spielstätte, rund 3.500 Zuschauer und der finanzielle Rahmen, den die Stadt uns bietet“, zählt er auf. Das alles bedeute Verantwortung für das Ensemble, der sich alle sehr bewusst seien. Dafür nehmen die Beteiligten Anstrengungen in Kauf. „Die Aufführungen sind eine große Freude, aber sie kosten auch Kraft. Viele nehmen in der Zeit Urlaub, um sich ganz darauf konzentrieren zu können“, erzählt der 57-Jährige. „Des Lebens Kunst“ war auch Schräblers zehnte Aufführung. Dass er als Lucian Reich der Jüngere eine der Hauptrollen spielt, sieht er ganz und gar nicht so. „Der Einzelne ist nicht entscheidend“, sagt er. Vielmehr ist für Frieder Schräbler die Gemeinschaft der zentrale Impuls beim Sommertheater.

 

 

Lucian Reich – Hüfinger Maler
in der Zeitung erstmals über den und Schriftsteller Hüfinger Brauch, der bis heute Am 26. Februar 1817 wurde Lucian gelebt wird, berichtet. Reich als Sohn des Oberlehrers Mit Johann Nepomuk Heiund Unternehmers Luzian Reich nemann hatte Lucian Reich einen treuen Weggefährten, den Josepha geb. Schelble geboren. er schon von Kindheit an kannte. Das 19. Jahrhundert, in das Lucian Gleichgesinnt gingen sie mitei-Reich hineingeboren wurde, war nander ihre ersten künstlerischen gekennzeichnet von einem grundlegenden Wandel der Gesellschaft und Politik. Die Vormachtstellung von Klerus und Adel wurde aufgelöst, das Bürgertum stieg zur wichtigsten Schicht im politischen, wirtschaftlichen wie auch kulturellen Bereich auf. Die Umbrüche in Politik und Gesellschaft schlugen sich auch im Kunstbereich nieder.

Reich setzt sich in seinem vielschichtigen bildnerischen und literarischen Werk mit der unmittelbaren Lebenswirklichkeit auseinander und war gegenüber seinerzeit neuen bildnerischen Mitteln wie der Lithografie und der Fotografie aufgeschlossen. Im Gegensatz zu den von ihm ausgeführten Auftragsarbeiten, wie Portraits oder Kirchengemälde, arbeitete Reich bei der Umsetzung von Themen über die Baar und den Schwarzwald ungewöhnlich frei.

Neben Lucian prägte auch Franz Xaver die Hüfinger Geschichte und Tradition. 1841 war er auf einer Studienreise in Italien und sah in Portici und Resina bei Neapel Prozessionswege mit farbenprächtigen Blumenteppichen. Als er in seine Heimat zurückkam, legte er vor seinem Haus ebenfalls einen Teppich aus Blumen. In den folgenden Jahren beteiligten sich auch die Nachbarn, bis allmählich der ganze Prozessionsweg belegt war. 1906 wurde

Schritte in der Mal- und Zeichenschule Luzian Reich des Älteren. Gemeinsame Werke der beiden sind „Hieronymus – Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde“ aus dem Jahr 1852 und „Wanderblühten aus dem Gedankenbuche eines Malers“ aus dem Jahr 1855.

Am 8. August 1874 heiratete Lucian Reich Margaretha Stoffler aus Geisingen. Die gemeinsame Tochter Anna kam bereits am 12. Mai 1855 auf die Welt. Ebenso im Mai 1855 nahm er einen Lehrerposten in Rastatt an, nahm seine Familie aber vorerst nicht mit. Es ist zu vermuten, dass die beiden erst nach der Hochzeit zu Lucian Reich nach Rastatt zogen. Mit nur 56 Jahren starb Margarethe am 16. September 1880 in Rastatt. Noch bis 1889 unterrichtete Reich in Rastatt und wurde dann in den Ruhestand versetzt. Einige Wochen zuvor wurde er mit dem Ritterkreuz II. Klasse geehrt. Zusammen mit Anna kehrte er nach Hüfingen zurück. Sie zogen gemeinsam in eine kleine Wohnung in der Hauptstraße 22, in der er, betreut von seiner Tochter, seinen Lebensabend verbrachte.

Lucian Reich starb am 2. Juli 1900 im Alter von 83 Jahren.

 

 

Manche Szene spielte außerhalb der angestammten Ku-Johanna Sennhofer (Ronja Wagner) weint sich bei lisse, hier an der Breg (Birgit Lutz und Timon Vosseler). ihrer Mutter (Eleonore Szeglat) aus.

Zwei der insgesamt drei Damen der Reich-Familie: Erzählerin Heidi Mayer-Löhr. links Sonja Bühler, rechts Susi Hauser-Wollenberg.

Eine Patchworkfamilie tritt auf, v. li.: Loren Grüninger, Lucian Reich der Ältere (Helmut Vogel) und seine Verena Hau, Birgit Lutz und Timon Vosseler. Frau (Rosi Haak).

 

 

Die Netzwerker von der Möglingshöhe

Ein Besuch beim Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar – Vielfalt ist Programm

von Daniela Schneider

Wer weiß noch, wie das Motto der Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen lautete? Zur Erinnerung: „Die Natur verbindet“ hieß es. Dass das auch nach dem Ende der Schau weiter Gültigkeit hat, dafür sorgt unter anderem das Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar auf der Schwenninger Möglingshöhe.

 

 

Im September 2011 wurde es offiziell eröffnet, und zwar in dem Gebäude, in dem während der Landesgartenschau 2010 der Treffpunkt Baden-Württemberg eingerichtet war. Der helle Holzbau liegt auf dieser Anhöhe mitten im Grünen. Er war während der Schau als Ausstellungsgebäude und Infozentrum des Landes genutzt worden und ging danach in den Besitz der Stadt Villingen-Schwenningen

Die Idee

Wie aber kam es überhaupt zur Idee des Umweltzentrums? Los ging alles mit dem Arbeitskreis Moos. Im Gespräch mit den heutigen Vereins-Verantwortlichen wird schnell deutlich, dass sie sich ihrer Wurzeln sehr bewusst sind. Die stellvertretende Vorsitzende Anita Sperle-Fleig

deutet dabei auf die große Luft-Aufnahme, die im Besprechungsraum im Umweltzentrum an der Wand hängt und sagt kurz und bündig: „Da kommen wir her“. Auf der Fotografie zu sehen ist das Naturschutzgebiet Schwenninger Moos. Dieser besondere Lebensraum drohte in Folge verschiedener Szenarien vollends auszutrocknen. Ende der 1980er-Jahre gründete sich deshalb ein Runder Tisch aus lokalen Institutionen, um das Moos durch Renaturierung zu retten. „Wir haben

 

 

Der Landespavillon der Garten schau passte perfekt für das Umweltzentrum.

über, die es wiederum dem Trägerverein Umweltzentrum überlässt. Denn auch bei den Verantwortlichen aus Gemeinderat und Stadtverwaltung herrschte die Überzeugung, dass diese Einrichtung das einstige Garten-schau-Motto bestens mit Leben füllen und diesem Auftrag gerecht werden kann.

versucht, Leute zu versammeln“, erinnert sich Anita Sperle-Fleig. Offiziell gegründet wurde der Arbeitskreis Moos dann 1997 auf Initiative des Unternehmens Bad Dürrheimer Mineralbrunnen und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Vereine und Verbände aus den Bereichen Naturschutz und Landschaftspflege und die Städte Villingen-Schwenningen und Bad Dürrheim schlossen sich ebenso an wie das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis und das Regierungspräsidium in Freiburg.

Der Rest ist ohne Übertreibung eine Erfolgsgeschichte: Das Moos ist heute ein Schutzgebiet von überregionaler Bedeutung. Es beherbergt eine Vielzahl bedrohter Arten und Lebensräume. Nach der Wiedervernässung hat neues Torfwachstum eingesetzt und zahlreiche typische Moorpflanzen wachsen wieder. Die Tierwelt ist mit vielen Amphibien-, Libellen- und Schmetterlingsarten vertreten. Insgesamt 124 Vogelarten wurden im Naturschutzgebiet nachgewiesen.

2007 ging aus dem Arbeitskreis dann der Trägerverein Umweltzentrum hervor. Denn auch, wenn das Moos bis heute nach wie vor ein Herzensort der Akteure im Verein ist: Dort war ein Großteil der entscheidenden Arbeit getan, so dass sich die Schwerpunkte nach und nach verlagerten und verbreiterten. Die Mitgliederzahl des Vereines wuchs rasch. Neben den Umwelt- und Wandervereinen der Region beteiligten sich fortan auch weitere Vertreter der Kommunen und der Wirtschaft.

Landespavillon der Gartenschau wird zum festen Raum

Armin Schott, ein Mann der ersten Stunde und heute stellvertretender Vorsitzender des Umweltzentrum-Trägervereins, berichtet: „Nach einigen Jahren hat man gesagt: ‚Jetzt suchen wir mal einen festen Raum‘“. Dass seinerzeit der Landespavillon gebaut wurde und nach der Gartenschau dann für eine Nachnutzung zur Verfügung stand, passte einfach perfekt. Hier ein Umweltzentrum einzurichten – diese Idee überzeugte alle. Die Entscheidung hierfür wurde ganz bewusst getroffen, zumal es solche Einrichtungen bis dato im Land kaum gab. Und daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert. Wichtig ist den Verantwortlichen, dass es in diesem Haus auch, aber eben nicht nur, um Naturschutz geht. Sie wollen vermitteln, dass die Natur die Grundlage aller auf der Erde ablaufenden Prozesse ist. Anita Sperle-Fleig sagt zusammenfassend: „Wir wollen Menschen sensibilisieren.“

Unterdessen haben sich die Ziele und konkreten Aufgaben des Zentrums weiter ausgeweitet. Der Schutz der Moorgebiete der Baar mit ihrer positiven Wirkung als Rückzugsgebiet vieler Tier- und Pflanzenarten und als Klimaneutralisierer ist den Akteuren weiter wichtig. So findet auch das Naturschutzgroßprojekt Baar die Unterstützung des Umweltzentrums. Es hat ein eigenes Büro in dem Haus auf der Möglingshöhe, genau wie auch der BUND-Regionalverband. Allein das macht schon deutlich: Der Trägerverein Umweltzentrum bildet ein aktives „Netzwerk der Kompetenzen“, wie es auf einer ausgelegten Broschüre heißt – und zwar mit Akteuren aus sehr verschiedenen Bereichen.

Tourismus langfristig ökologisch verträglich gestalten

Ein weiteres wichtiges Thema für die Arbeit des Umweltzentrums ist der Tourismus in der Region. Ziel ist es, mitzuhelfen, diesen langfristig ökologisch verträglich zu gestalten. Wie das gelingen kann, zeigen zum Beispiel die Besucherlenkung im Schwenninger Moos oder die Offenhaltung der Flächen durch Beweidung.

Dass das Zentrum auch mit Unternehmen der Region gut und intensiv zusammenarbeitet, ist ein Alleinstellungsmerkmal dieser Einrichtungen. Thematisch begegnet man sich unter anderem auf den Feldern Natur- und Umweltschutz oder auch im Bereich Energieeffizienz. Gerne buchen Firmen aus der Region die angebotenen sogenannten Team-Buildings. Unter der Überschrift „Unternehmen in der Natur“ werden die Firmen-Gruppen in den hiesigen Naturschutzgebieten aktiv. Damit soll die Wirtschaft mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Natur und ihren Erhalt sensibilisiert werden. Während der Erlebnistage

 

 

betreuen Experten die Gruppen und vermitteln fundiertes Wissen und nebenbei können sich die Kollegen hier mal anders kennenlernen, gemeinsam anpacken und so im besten Fall auch noch für neuen Teamgeist sorgen. Das teilnehmende Unternehmen kann sich als Arbeitgeber mit zukunftsfähigen Leitbildern und Visionen und einer guten Mitarbeiterführung profilieren und der attraktive Standort des Arbeitsplatzes in einer intakten Umgebung kommt auch noch zur Geltung.

Apropos Unternehmen: Sie sind innerhalb des Umweltzentrum-Netzwerks verlässliche Partner. Das trägt zur Vielfalt bei und sorgt dafür, dass sich das Zentrum zu zwei Dritteln selbst tragen kann, durch die Mitgliedsbeiträge und durch die ausgeprägte Partnerschaft mit der Wirtschaft. Auch das Entgegenkommen der Stadt bei Gebäudeerhalt und Miete und ein jährlicher Zuschuss des Schwarzwald-

Das Schwenninger Moos hat seine Renaturierung und damit Rettung maßgeblich den Initiatoren des Umweltzentrums zu verdanken.

Baar-Kreises sind hier bedeutende Stützen. Die Deckungslücke von rund 30 Prozent gilt es durch geförderte Projekte gegenzufinanzieren, wofür der Verein viel Zeit und Mühe aufwendet. So wurde zum Beispiel bis 2017 das Projekt „Mit Freundschaft begegnen“ gestemmt. Junge Geflüchtete halfen zum Beispiel mit, schadhafte Stege im Moos zu reparieren. Zu diesem Projekt gehörte eine sehenswerte und vielbeachtete Ausstellung mit dem Titel „Klimaturgie“, bei der auch die Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten in den Blick genommen wurde. Projektpartner war die Stiftung Naturschutzfonds, eine Einrichtung des Landes Baden-Württemberg.

 

 

„Naturschutz ist eben nicht (nur) Aufgabe der öffentlichen Hand, sondern eine Sache der Menschen“

Für die weitreichende finanzielle Unterstützung durch die Vereinsmitglieder und die Förderer ist man selbstredend sehr dankbar – sie wird auch weiterhin unverzichtbar sein. Vereinsvorsitzender Michael Neuenhagen findet mit Blick auf die hohe Eigenleistung, „dass das alle Umweltzentren so machen müssten. Dann gäbe es viel mehr davon – und so sollte es eigentlich auch sein.“ Denn Naturschutz sei eben nicht (nur) Aufgabe der öffentlichen Hand, „sondern eine Sache der Menschen.“ Ein fester Zuschuss des Landes wird dennoch langfristig angestrebt, damit die finanzielle Unstetigkeit überwunden und die Energie noch mehr für die eigentliche Arbeit verwendet werden kann.

Noch einmal zurück zum Netzwerken – dieser Begriff ist ja schon länger in Mode. Im Umweltzentrum ist er aber nicht nur ein hübscher Gedanke, der dem Zeitgeist entspricht, sondern gelebte Realität. Und ein Ergebnis der Vernetzung ist auch das hier: Dass Villingen-Schwenningen zum Naturpark Südschwarzwald gehört und davon auch profitiert, dazu hat das Umweltzentrum, das seit jeher durch verschiedene Kooperationen mit dem Naturpark eng verbunden ist, sicher maßgeblich beigetragen. Es selbst will ein Haus für alle Gruppen, Vereine und Verbände sein. Der Trägerverein zählt heute über 100 Mitglieder, darunter sind zum Beispiel der BUND Schwarzwald-Baar-Heuberg, die Schwarzwaldverein-Ortsgruppen Schwenningen und Bad Dürrheim, die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins Schwenningen, die Deutsche-Alpenverein-Sektion Baar, der Naturpark Südschwarzwald, das solidarische Landwirtschaftsprojekt „Baarfood“, die Industrie- und Handelskammer und viele mehr.

Und die Vielfalt spiegelt sich auch in der Zusammensetzung des Vorstands wider: Vorsitzender Michael Neuenhagen kommt aus der Wirtschaft, als Marketingchef bei Bad Dürrheimer Mineralbrunnen ist er auch die Schnittstelle zwischen Ökologie und Ökonomie. „Wir sind ein schlagkräftiges Team“, sagt er stolz mit Blick auf seine Mitstreiter, und: „Es liegt immer an den Menschen, die‘s machen.“ Zu denen gehören im Vorstand als stellvertretende Vorsitzende Anita Sperle-Fleig, die Regionalgeschaftsführerin des BUND Schwarzwald-Baar-Heuberg, und Armin Schott, Stabstellenleiter im Bereich Umweltentwicklung und nachhaltige Planung beim doppelstädtischen Stadtplanungsamt. Er sitzt außerdem im Kreistag, genau wie Schatzmeisterin Cornelia Kunkis-Becker, die auch dem VS-Gemeinderat angehört. Außerdem gibt es einen rührigen Vereinsbeirat. Leiter des Vereinsbüros ist Hans Hruby. „Die Kerntruppe ist seit 20 Jahren zusammen“, sagt Anita Sperle-Fleig, deshalb funktioniere das Ganze wohl auch so gut.

Das Umweltzentrum ist also eine ehrenamtlich aufgebaute Institution, die für die Allgemeinheit da ist – eben für alle, die möchten. Hausleiterin Angie-Diane Manton drückt es so aus: „Alles, was hier so zusammenkommt – das macht das Besondere des Umweltzentrums aus. Dazu gehören auch die verschiedenen Gruppen, die wir ansprechen“, also kleine Kinder, Schüler, Erwachsene, Mitarbeiter in Unternehmen, Flüchtlinge, Menschen mit und ohne Handicap, „das alles haben wir im Blick.“ Um alle anzusprechen und Natur- und Umweltthemen der Region zu präsentieren, gibt es seit 2012 jährlich ein Veranstaltungsprogramm mit Exkursionen und Vorträgen zu verschiedenen Themen. Ein wichtiges Ziel ist es, den Besuchern die Grundlagen eines nachhaltigen und verantwortungsvollen Handelns zu erläutern und vorbildliche Anwendungsbeispiele in der Region sichtbar

 

 

zu machen. Es geht also um Umweltbildung für Jedermann. Weil man damit schon an der Basis bei den Jüngsten beginnen möchte, gibt es das Schulprogramm (siehe nebenstehender Bericht) und die individuellen Naturgeburtstage für Kinder und deren Gäste auf dem Gelände des Umweltzentrums. Da heißt es dann: „Die Baumdetektive sind unterwegs“ oder „Zu Gast in der Pflanzenfarbenwerkstatt.“

Vorträge, Kurse und Exkursionen werden angeboten

Aber nicht nur Kinder finden im Zentrum interessante Angebote. Vorträge, Kurse und andere Veranstaltungen zu Themen des Naturschutzes, der Nachhaltigkeit und des ökologischen Handelns gibt es auch für Erwachsene, unter anderem in Kooperation mit der Volkshochschule Villingen- Schwenningen. Dabei werden die Themen möglichst mehrdimensional beleuchtet: So hieß es jüngst: „Windkraft auf der Länge Pro und Contra – Zwei Experten informieren über die Hintergründe der Diskussion“ – Schwarz-Weiß-Denken ist nicht gefragt im Umweltzentrum.

Oder wie wäre es einmal mit einer Tour mit einem der Moosführer? Sie sind ehrenamtliche Mitarbeiter, die ihre Begeisterung für diese

Nicht nur Kinder finden im Zentrum interessante Angebote. Vorträge, Kurse und andere Veranstaltungen zu Themen des Naturschutzes gibt es auch für Erwachsene.

spezielle Landschaft gerne weitergeben. Ausgebildet wurden sie zur Landesgartenschau – so schließt sich der Kreis dann wieder. Auch Gruppenführungen können bei Interesse über das Umweltzentrum gebucht werden. „Sind das Wildkräuter oder ist das Unkraut?“ – Dieser Frage wird zum Beispiel auf einem Rundgang über das Moos auf den Grund gegangen.

In anderen Führungen kann man die Geschichte einer erfolgreichen Renaturierung erfahren und außerdem, wie das Moos entstand und wie Torfabbau und Salzförderung es schädigten. Woher kommt der Neckar? Wie verhält es sich mit der europäischen Wasserscheide? Wo verläuft die ehemalige Landesgrenze? Welche Frösche, Kröten, Unken und Molche leben hier? Was treiben diese das ganze Jahr hindurch und wer sind ihre Feinde? Wieso gibt es eine Neckarquelle und einen Neckarursprung? Warum hat man überhaupt das Moos entwässert? Und welche Rolle spielte der Torf für das Schicksal des Moores? Dies und vieles mehr wird im Rahmen der beliebten Führungen be-

 

 

antwortet, zu denen auch die besonders beliebten Touren mit zwei versierten Vogelexperten zählen.

Auch Exkursionen bietet das Umweltzentrum übrigens an, oft in Kooperation mit dem Schwarzwaldverein, zum Beispiel zum Biotop und der Streuobstwiese, die die Schwenninger Ortsgruppe vor 20 Jahren in Unterkirnach angelegt hat oder ins Ippinger Tal mit seinen Orchideen. Wer möchte, kann bei einem der Naturschutz-Pflegeeinsätze auch selbst Hand anlegen. Gezeigt wird im Zentrum zudem noch eine interaktive Dauerausstellung mit dem Titel „Der Obere Neckar – Fluss – Natur – Kultur“. Sie wurde im Juli 2014 eröffnet und zeigt die Besonderheiten des Ursprungs des Landesflusses, den Lebensraum Gewässer und die Natur- und Kulturschönheiten am Oberen Neckar. Die Besucher können den Neckar-Radweg virtuell entlangfahren, einer sprechenden Moorschnucke begegnen und erfahren, dass der Neckar im Stadtgebiet von VS-Schwenningen zur Landesgartenschau 2010 offengelegt und renaturiert.

Verwaltung durch hauptamtliche Haus- und Projektleiterin

„Die große Vielseitigkeit der Veranstaltungen und Angebote zeichnet uns aus“, sagt Angie-Diane Manton. Vereinsvorsitzender Michael Neuenhagen ergänzt: „Es hat sich entwickelt, alles ist größer geworden. Heute sind wir ein kleines Unternehmen.“ Dass die Strukturen immer weiter professionalisiert wurden, zeigt sich auch daran, dass mit Angie-Diane Manton seit Juli 2014 eine hauptamtliche Haus- und Projektleiterin angestellt werden konnte. „Das ist einfach klasse“, sagt Vize-Vorsitzender Armin Schott, „vorher konnten wir Leute immer nur projektbezogen einstellen.“ Und manchmal sind es eben auch glückliche Fügungen, die zum Erfolg beitragen: Diplomagraringenieurin Angie-Diane Manton war damals vor fünf Jahren nach ihrem Studium und anderen beruflichen Stationen gerade in ihre Heimatstadt Villingen-Schwenningen zurückgekehrt. „Ich wollte mich im Umweltzentrum ohnehin ehrenamtlich engagieren. Gleichzeitig war ich aber auch gerade auf Jobsuche“, erinnert sie sich. Da passte es einfach prima, dass die Stelle just zu dieser Zeit ausgeschrieben wurde und der Verein die Frau engagieren konnte, die auch noch einen direkten Bezug zur Region hat, wuchs sie doch in Schwenningen auf und ging hier zur Schule. Moos und Co.? Das alles kannte sie schon wie ihre Westentasche und das entsprechende Herzblut war so auch von Anfang an mit dabei.

Was gehört zu ihren Aufgaben? Da wäre zum einen die Verwaltung des Hauses (sie selbst sagt: „Ich schaue, dass alles in Ordnung bleibt“). Wichtig ist hier der kurze Draht zur Stadtverwaltung als Eigentümerin des Gebäudes. Aber auch zu Ministerien in Bund und Land gilt es den Kontakt zu halten, ebenso wie zu Behörden wie den Landratsämtern der Region oder dem Regierungspräsidium in Freiburg, genauso

 

 

wie bei Bedarf zu den Umweltverbänden und all den anderen Ansprechpartnern. Außerdem organisiert und koordiniert sie Kurse und die Angebote für die Unternehmen. Mit Lehrer Johannes Nonnenmacher arbeitet sie eng bei der Planung des Schulprogramms zusammen. Die Betreuung der engagierten Ehrenamtlichen, die sich verschiedentlich für das Umweltzentrum einbringen, ist ebenfalls wichtiger Teil ihrer Arbeit. So steht sie zum Beispiel immer im Kontakt mit den Moosführern.

Die Arbeit der Hausleiterin findet zwar auch am Schreibtisch statt, aber eben nicht nur. Dafür ist sie viel zu sehr mit der Natur und allem verbunden, was eben draußen so stattfindet: Bei der Walderlebniswoche für Kinder zum Beispiel hält sie nichts mehr im Büro. Ganz schön groß ist dieser Aufgabenbereich – die Hausleiterin lächelt angesichts dieser Feststellung und sagt dann: „Aber auch ganz schön spannend!“

Ihren Arbeitsplatz im Umweltzentrum fand sie von Beginn an faszinierend. „Das Haus hat eine ganz besondere Atmosphäre“, freut sie sich über diesen offenen, hellen Ort auf der Möglingshöhe. Rückblickend und gleichzeitig mit dem Fokus nach vorn sei es schön zu sehen, wie alle Stück für Stück wachse. Ein paar Baustellen gilt es derweil noch abzuarbeiten. Neben der angestrebten langfristigen finanziellen Absicherung durch einen festen Landeszuschuss ist das Gebäude selbst dabei im Fokus: Der Saal im Umweltzentrum ist nämlich baulich ohne Heizung oder Klimaanlage gestaltet. Das bedeutet: Im Winter ist es hier oft eiskalt, und im Sommer fühlt‘s sich öfters mal an wie in einer Sauna. Das bremst die Veranstaltungsmöglichkeiten im Jahresverlauf doch etwas ein. So konzentriert sich das Veranstaltungsprogramm meist auf das Frühjahr und den Herbst. Ob und wie man hier baulich gegensteuern könnte, darüber wird aktuell nachgedacht. Das zeigt: Die Aufgaben und Ideen gehen den Vereinsmitgliedern bei Weitem nicht aus.

Das Schwenninger Moos hat eine reiche Flora und Fauna zu bieten. Von Kaninchen über Rehe und Wasservögel, Steinmarder ( unten recchts) sowie seltenen Amphibien-, Libellen- und Schmetterlingsarten reicht die Palette.

 

 

Es ist ein schöner Sommertag im Juni. Schon früh lacht die Sonne vom Himmel über Schwenningen. Die Grundschule Rietheim hat sich für diesen Morgen angekündigt. Die Schulkinder aus dem Ortsteil von Villingen-Schwenningen haben grade eine Projektwoche zum Thema Natur absolviert und dabei begeistert mitgemacht. Heute nun steht als passender Abschluss direkt vor den Pfingstferien noch ein besonderes Erlebnis auf dem Stundenplan: Die Erst- bis Viertklässler sind spürbar gespannt, was sie auf einer Runde durchs Schwenninger Moos erwarten wird. Johannes Nonnenmacher, Michael Rüttiger und Manfred Schröter erwarten die Rasselbande kleiner Naturforscher bereits auf dem Parkplatz beim Schwenninger Eisstadion.

Die Kinder erfahren, dass einer von ihnen „der Mann vom Umweltzentrum“ ist. „Das bin ich“, erklärt Johannes Nonnenmacher freundlich in die Runde lachend. Der Lehrer ist für das Schulprogramm zuständig, das die Institution mit Sitz im Schwenninger Stadtpark Möglingshöhe jedes Jahr aufs Neue anbietet.

Das Schulprogramm: Umweltbildung fängt bei den Jüngsten an

Und nun nehmen daran also auch die Rietheimer Grundschüler teil. Ihre Lehrerinnen haben für sie eine Schulprogramm-Tour mit zwei Moosführern gebucht. Michael Rüttiger und Manfred Schröter, die anderen beiden Herren vom Parkplatz, sind schon oft mit kleinen und großen Naturfreunden durch das Moorgebiet spaziert und haben dabei erklärt, was es mit diesem speziellen Ort so auf sich hat und was man hier alles entdecken kann.

Die Lehrerinnen teilen die Schülerschar in zwei Gruppen auf – und los geht‘s. Die Erst-und Zweitklässler hängen sich an Manfred Schröter, den pensionierten Lehrer aus Villingen. Der biegt mit den Schülern um die Ecke in Richtung Moos und bleibt bald gleich mal am Rande eines kleinen Wäldchens stehen. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass um manche Baumstämme kleine Drahtgitter gewickelt sind. „Weiß jemand, wofür das ist?“, fragt der Moosführer. „Hm, vielleicht, weil sonst der Biber dran ‚rumnagen würde?“ So lautet die noch ein wenig zurückhaltend geäußerte Vermutung der Kinder – und genau damit haben sie Recht. Manfred Schröter freut sich schon jetzt. Diese Tour, das weiß er nun, wird eine gute mit diesen aufgeweckten, jungen Naturfreunden. Und grad‘ so geht die Wanderung durchs Moos dann auch den ganzen Vormittag über weiter. Mal bleiben alle am Teich stehen, wo plötzlich die eigens mitgebrachten Ferngläser aus den kleinen Rucksäcken gekramt werden. Warum? „Da drüben, ein Storch!“ ruft ein Junge und alle Köpfe gehen in Richtung Wasser. Der genauere Blick durchs Fernglas bringt dann aber doch die Gewissheit, dass es stattdessen ein Graureiher ist. Der glänzt mit einer majestätischen Flugshow-Einlage und die Kinder sind hin und weg.

„Dieser Tag in der Natur hat Spaß gemacht!“

Die Begeisterungsfähigkeit hält so fast zwei Stunden lang an, sei es wegen der Pferde auf der benachbarten Koppel („Oh, die sind so schön!“) oder wegen der Raupen von Gespinstmotten, die gerade einige Baumäste eingesponnen haben – vorsichtiges Anfassen ist hier sogar erlaubt, genau wie ausnahmsweise beim samtweichen, aber ganz schön feuchten Moosboden oder bei

Auf Entdeckungstour im Schwenninger Moos.

 

 

Was man ansehen und berühren kann, ist für Kinder in der Natur besonders spannend.

der Schnittfläche eines abgesägten Baums, auf der sich der frische Birkensaft sammelt. Pädagoge Schröter weiß nämlich, dass es wichtig ist, auch mal selbst hinzufassen: „Nur dann hat man‘s begriffen‘“. Anhand der Schilder des Vogellehrpfads erklärt er außerdem, was zum Beispiel genau ein Blässhuhn ist, an anderer Stelle dann, dass Bäume in saurem Wasser konserviert werden, dass Baumstümpfe, Zunderpilze und Walderdbeeren schon mal eine Symbiose eingehen und dass eigentlich – entgegen der grusligen Volksmeinung – im Moor niemand lebendig versinken kann.

Beim Infopavillon warten weitere tierische Gesellen auf die Besucher: Dort haben die Moosführer einige präparierte Wildtiere aufgestellt. „Hier könnte ihr jetzt mal sehen, was der Biber für Zähne hat“, sagt Manfred Schröter und natürlich schauen sich die Kinder das genauso neugierig an wie die ausgestopften Vertreter von Wildmaus, Sperber und heimischem Fuchs. Und es bleibt nicht bei diesen nur früher mal lebendig gewesenen Tieren: Mal quakt eine Krötenfamilie aus dem Schilf von links, mal hüpft tatsächlich ein Eichhörnchen, grad so als wär‘s dem Bilderbuch entsprungen, im Wald am Wegesrand von Baum zu Baum und dann landet ein Graureiher

– vielleicht ist es der von der Flugeinlage von vorhin – auch noch direkt vor den Kindern auf dem Moossteg. Am Moosweiher, wo sich die Frösche in Ufernähe genüsslich in der kräftigen Morgensonne räkeln und eine Blässhuhnfamilie mit putzigem Nachwuchs durchs Wasser quakt, gibt es schließlich die lang ersehnte Vesperpause. Irgendwann ist die Aufmerksamkeitsspanne dann doch ausgereizt. Drum ist auf dem Rückweg dann auch die Vorfreude auf den großen Spielplatz im Stadtpark am größten. Vorher aber gibt’s noch einen donnernden Applaus der Kinder für die Führung – der Tenor ist einhellig: „Dieser Tag in der Natur hat Spaß gemacht!“

Großes Schulprogramm

Lehrer Johannes Nonnenmacher kann deshalb eine positive Bilanz ziehen. Wieder einmal hat das Schulprogramm damit seinen Zweck erfüllt. Nonnenmacher selbst ist im Hauptberuf Lehrer am Schulverbund am Deutenberg und dort in der Realschulabteilung unter anderem als Klassenlehrer tätig. Der naturaffine Schwabe hat sich für diese zusätzliche Aufgabe am Umweltzentrum beworben und die Stelle, die vom Land finanziert wird und ein 13-Stunden-Deputat umfasst, letztlich auch bekommen. Zwei Mal pro Woche ist er im Zentrum und kümmert sich hier um seine Aufgaben. Vor ihm gab es auf dieser Position schon zwei Vorgänger, so dass er mit der Aufbauarbeit nicht bei null beginnen musste. Er kann sich im Übrigen vor allem auf die tatkräftige und fleißige Unterstützung der

 

 

Ehrenamtlichen verlassen, die Garanten und Umsetzer zahlreicher Programmpunkte sind: „Ohne sie würde das Ganze nicht funktionieren“, ist sich der Lehrer absolut sicher.

Der Kalender des Schulprogramms ist vor allem von Mai bis Juli voll, in diesen Monaten und im Herbst werden rund 40 Kurse angeboten. Im Winter pausiert das Programm. Der Angebotskatalog wird an alle Schulen im Bezirk verschickt. Viele melden sich dann auf diesem Weg, andere kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda und positive Erfahrungen anderer Schulen auf Johannes Nonnenmacher zu. Er selbst spricht auch immer wieder Schulleitungen oder Kollegen aus der Lehrerschaft an. Einige Einrichtungen sind regelrechte Stammkunden, darunter zum Beispiel die Georg-Müller-Schule oder die Friedensschule aus Schwenningen, genau wie die Goldenbühloder die Warenbergschule aus Villingen. Schulartübergreifende Kurse werden in den Bereichen Umwelt-, Natur- und Klimaschutz angeboten. Die Kurse und Führungen werden mit Hilfe des Naturparks Südschwarzwald angeboten.

„Was lebt in unserem Neckar“

Das große Schulprogramm umfasst Kurse im Umweltzentrum und außerhalb, darunter den „Junior- Wasserwart“, ein Projekt des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens mit fachlicher Unterstützung des Umweltzentrums und mit fachlicher Unterstützung des Umweltzentrums und des Amtes für Umwelt, Wasser- und Bodenschutz des Landratsamtes, in dem die Schulkinder in sechs Unterrichtsblöcken lernen, welche Wege das Wasser nimmt und dass es die Grundlage für Leben ist. Beim Kurs „Was lebt in unserem Neckar“ ziehen die Schüler mit Kescher und Becherlupe los und erkunden, welche Tiere und Pflanzen man hier finden kann.

Aber auch die anderen Elemente spielen eine Rolle: In Kooperation mit der Schwenninger Firma Maico dreht sich alles ums „Lebenselexier Luft“: Kinder lernen die Funktion eines Elektromotors kennen. Dazu montieren sie kleine Windmaschinen, mit denen sie in Experimenten die Auswirkungen der Luftströmung kennen lernen. Oder aber es geht mit dem Förster in den Wald, in Kooperation mit dem städtischen Forstamt. In Zusammenarbeit mit dem BUND kann man auf dem Steinzeitgelände hinter dem Eisstadion erfahren, wie aus Korn Brot wird und in anderen Kursen, in welchen Lebensmitteln Zucker enthalten ist, welche Funktionen und Auswirkungen er hat und wie verschiedene Süßen schmecken oder woher der Honig kommt und welche wichtige Rolle Honig- und Wildbienen in der Natur spielen.

Welche Tiere leben im Wald – auch Hasen und Rehe sind im Moos daheim (s. S. 259).

„Wofür Häuser, wenn es Höhlen gibt?“ – dieser Frage wird in Kooperation mit der doppelstädtischen Wohnungsbaugesellschaft nachgegangen. Und auch die Themen Müll und Energie werden behandelt: Das Kreis-Amt für Abfallwirtschaft erklärt, wie eine Kompostanlage und ein Recyclingzentrum funktionieren, der BUND, wie Müll vermieden und aus Abfall Kunst entstehen kann, die Bräunlinger Firma Straub-Verpackungen, wie das Verpackungsmaterial Wellpappe aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und verarbeitet wird. Und die Stadtwerke Villingen- Schwenningen vermitteln, wie „clevere Kids dem Strom auf die Spur kommen“ können. INFO: Die Moos-Führungen im Schulprogramm werden von Günther Schütz, Johannes Nonnenmacher, Michael Rüttiger und Manfred Schröter angeboten. Jeder von ihnen setzt dabei auf eigene Schwerpunkte.

 

 

Die kommunale Mosterei in Hubertshofen

von Gabi Lendle

Die Herstellung von Saft aus Äpfeln und Birnen spielt vor allem auf der Baar seit Jahrhunderten eine bedeutende Rolle. Schon bei den Kelten war der Most (lateinisch mustum) als junger Wein bekannt, den sie meist zur Verdauungsförderung tranken. In Süddeutschland gehört frisch gepresster „Süßmost“ aus Äpfeln zum traditionellen Kulturgut des bäuerlichen Lebens und hat bis heute an Beliebtheit nichts eingebüßt. Der Apfelsaft oder Most stammt aus Mostereien wie der in Hubertshofen, die seit nunmehr zwei Generationen mit großer Leidenschaft und Sachkenntnis die Familie Georg Tritschler betreut.

Hubertshofen ist ein Stadtteil von Donaueschingen, der umgeben von großen Waldflächen idyllisch auf 800 Höhenmetern liegt. Bereits seit über 50 Jahren gibt es hier eine Mosterei. Das Gebäude gehört der Stadt Donaueschingen, sie bezahlt auch die Strom- und Wasserkosten. In der Mosterei herrscht ab September acht Wochen lang Hochbetrieb. Die Familie Tritschler sorgt dafür, dass der Saft aus heimischen Äpfeln und Birnen in der Tat „in Strömen fließt“: Jedermann kann sein reifes Obst zum Pressen anliefern und erhält dann auch tatsächlich den Saft aus seinen eigenen Früchten. Das ist nicht in jeder Mosterei so. Doch auch wer keine eigenen Obstbäume hat, kann sich in Hubertshofen mit köstlichem frisch gepresstem Apfelsaft oder Most eindecken. Die Äpfel und Birnen dazu stammen von garantiert ökologischen Streuobstwiesen in und um Hubertshofen.

Die Zahl der regionalen Mostereien ist seit Jahren rückläufig, immer mehr schließen ihre Pforten. Der stressige Job an der Presse ist nur möglich, wenn man Spaß und Leidenschaft für diese Tätigkeit empfindet, denn viel verdienen lässt sich damit nicht. Umso größer ist in der Erntezeit der Ansturm auf die verbliebenen Mostereien. Aber lange Wartezeiten werden ebenso gerne in Kauf genommen wie lange Anfahrtswege. Unter den heimischen Mostereien herrscht kein Konkurrenzkampf. Alle haben die selben Preise, man kennt sich und arbeitet zusammen wie in einem großen Team.

Die Familie Tritschler und ihre Liebe zum Apfel

Äpfel aller Art sind Georg Tritschlers Leidenschaft. Mit viel Hingabe betreut und pflegt er die Äpfel- und Birnbäume auf den Streuobstwiesen rund um Hubertshofen von der Blüte bis zur Frucht. Und verarbeitete das Obst anschließend zu einem köstlichen Saft. Ein Teil der Streuobstwiesen gehört ihm selbst, weitere befinden sich in Privatbesitz. Nur noch einen Landwirt gibt es inzwischen am Ort, alle weiteren landwirtschaftlichen Flächen sind verpachtet.

Zwei der Streuobstwiesen werden ausschließlich als Blumenwiese genutzt und erst nach dem Ausblühen gemäht. Denn zum

 

 

Mit Herz und Seele bei der Mosterei und der Pflege von Streuobstwiesen dabei: die Familie Tritschler aus Hubertshofen. Oben, von links: Finn Tritschler, Emil Tritschler sowie Sandra und Georg Tritschler. Es fehlt der Sohn Maximilian Tritschler. Unten: Blick in die Mosterei. Links werden die Äpfel in die Anlage eingefüllt und ge-waschen, in der Mitte rechts ist die Presse zu sehen und rechts vorne der Holzzuber, der den Apfelsaft sammelt.

 

 

Georg Tritschler auf einer seiner Streuobstwiesen zur Zeit der Apfelblüte. Schon an der Blüte kann Fachmann Georg Tritschler erkennen, ob es ein gutes Erntejahr gibt oder nicht. Vorausgesetzt, dass die Witterung gut bleibt und keine Hagel- oder Sturmereignisse auftreten oder dauerhafte Nässe die Blüten schädigt.

natürlichen Kreislauf eines Obstbaumes gehören Bienen zum Bestäuben. Ohne Insekten gibt es keine Früchte und keinen Saft. „Im Moment ist das in Hubertshofen noch kein Problem, wir haben Gott sei Dank noch Imker am Ort“ sagt Georg Tritschler, der sich dafür engagiert noch mehr Streuobstwiesen um Hubertshofen anzusiedeln. Es ist ihm sehr wichtig, diese traditionelle Form des Obstanbaus zu pflegen und weiter zu fördern. Die Streuobstwiesen sind für Insekten, Vögel und andere Kleintiere von immenser Bedeutung.

Georg Tritschler ist mit dem Mosten sehr vertraut, schon sein Vater Emil hat die kleine Mosterei in der Schwimmbadstraße betrieben. Daher weiß er auch von Kindesbeinen an die heimischen Baumfrüchte auf den Wiesen als Geschenk der Natur zu schätzen. Hier geht es ihm nicht nur ausschließlich um die Verwertung der Frucht und den Genuss des köstlichen Saftes bis in den Winter hinein, sondern auch um die Bewahrung einer alten Tradition.

Das Mosten ist für Georg Tritschler eine Bereicherung, für die er sich jedes Jahr zwei Monate unbezahlten Urlaub nimmt. Das meiste Wissen zum Thema Äpfel hat er von seinem Vater Emil vermittelt bekommen. Ebenso verschiedene Kniffe und Tricks beim Pressvorgang in der Mosterei. Darüber hinaus hat er sich umfangreiches Wissen zu allen Themen rund um Äpfel und deren Anbau angeeignet. Dieses Wissen gibt er nun an seine erwachsenen Söhne Maximilian und Finn weiter, die beim Mosten wie ihre Mutter Sandra mithelfen. „Ohne ihren Einsatz wäre das alles nicht zu bewältigen, ich bin sehr stolz, dass inzwischen die dritte Generation unserer Familie mit dieser schönen Tradition fortfährt“, freut sich Georg Tritschler.

Apfelsaft von herb bis lieblich-süß

Die Maxime der Familie ist die umfassende und nachhaltige Bewirtschaftung der eigenen Streuobstwiesen rund um ihre Heimatgemeinde. Sieben Streuobstwiesen mit Äpfeln und Birnen gibt es in Hubertshofen. Das Obst an den Bäumen reift unterschiedlich heran, sodass ab August bis in den September hinein geerntet werden kann. Die Früchte sehen nicht so schön aus wie das Tafelobst im Supermarkt, das tut der Güte des Saftes aber keinen Abbruch. Genauso unterschiedlich wie die Reifung ist auch der Geschmack des Obstes. Dieser reicht von herb bis zu lieblich, kann süß oder sauer sein. Georg Tritschler ist überzeugt: „Der beste Apfelsaft kommt aus gemischten Früchten“. Deshalb wird bei der Neueinrichtung von Streuobstwiesen auch großen Wert darauf gelegt, welche Bäume in die Region passen, welche Sorten Äpfel sie tragen und welche Erntezeit sie haben.

Das Mosten

Die arbeitsreichen Wochen in der Mosterei beginnen Anfang September. „Wir haben frü

 

 

221Am Beginn wird das Obst gewogen, aus dem Gewicht errechnet sich der Preis. Dann werden die Äpfel in die Anlage eingefüllt, gewaschen und in kleine Stücke gehäckselt. Schließlich wird die Maische in mehreren Lagen maschinell gepresst (u. links) – der eigene Apfelsaft fließt in Strömen. (u. rechts)

 

 

her immer erst Ende September geerntet und gemostet. In den vergangenen Jahren hat sich die Ernte klimabedingt allerdings verschoben, jetzt beginnt die Saison manchmal schon im August – je nach Witterung. Georg Tritschler: „Das Jahr 2018 war ein gigantisches Apfeljahr, es wird uns in guter Erinnerung bleiben. Während der Mostsaison verarbeiten wir in der Regel zwischen 60.000 bis 70.000 Kilo Äpfel und Birnen. In diesem Jahr aber waren es weit über

100.000 Kilo.“

Rund ums Pressen

Wenn im September die Mosterei ihre Pforten öffnet, sollte man bald mit Georg Tritschler einen Termin vereinbaren. Früher war das Mosten nur am Wochenende möglich, doch Georg Tritschler hat nun nach Absprache täglich geöffnet, um den Ansturm bewältigen zu können. Dann wird Hubertshofen zum Mekka von Apfel-Fans. Viele der Anlieferer sind Stammkunden. Sie kommen aus dem gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis, aber auch aus den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Tuttlingen.

Das Mosten beginnt mit dem Wiegen der Äpfel oder Birnen, aus dem Gewicht wird dann der Preis ermittelt. Jeder Kunde erhält den frisch gepressten Saft seines eigenen Obstes, das ist die Besonderheit in der Mosterei in Hubertshofen. Im zweiten Schritt wird das Obst gewaschen, danach wird es in einem Rohr zum Hechsler transportiert, der es zur saftigen Maische verkleinert. Diese wird zur motorbetriebenen Pressanlage befördert, die den Saft unter hohem Druck aus dem Fruchtfleisch herauspresst. Der durch den Druck frei werdende Saft fließt in einen großen Holzbehälter. Von dort wird die Flüssigkeit in die von den Kunden bereit gestellten Behältnisse wie Fässer, Kanister oder Flaschen abgefüllt.

Der ungekochte Saft fängt meist nach zwei Tagen an zu gären und wird zum Most. Der erhitzte Saft wird in Flaschen oder in einem Plastikbehälter (bag in bag) verkauft. Er ist bis zu fünf Jahren und darüber hinaus haltbar.

Am Ende des langen Arbeitstages wird dann das komplette Gebäude mitsamt aller Maschinen und technischen Geräte gereinigt, damit es am nächsten Tag wieder blitzblank weitergehen kann. „Wir produzieren null Abfall, denn der übrig gebliebene Trester wird an die Förster weitergereicht, die damit das Wild füttern“ freut sich Georg Tritschler über diese super gute Bio-Bilanz.

Ago e.V. – das Wissen an Jugend vermitteln

Tritschler erfüllt nebenbei auch einen wichtigen Bildungsauftrag. „Viele Kinder wissen heutzutage nicht mehr, dass ein Apfel von einem Baum stammt. Das ist traurig und beängstigend. Deshalb haben wir Kinder aus Schulen und Kitas zum Schau-Mosten nach Hubertshofen eingeladen. Da dürfen die alle mitarbeiten und haben eine Riesenfreude dabei. Das Angebot wird aus dem gesamten Kreisgebiet super angenommen, die Führung wird von uns kostenlos durchgeführt“, so Georg Tritschler.

Weil ihm viel an der Natur liegt und er sein Wissen darüber vor allem an die Jugend weitergeben möchte, hat Georg Tritschler 2011 mit anderen Gleichgesinnten in Hubertshofen den Verein Ago e.V. (lateinisch = sich in Bewegung setzen) gegründet. Zweck des Vereins ist die Förderung der Bildung und Erziehung sowie der Jugendhilfe, insbesondere im Bereich Mediennutzung zur Prävention und Behandlung von Medienmissbrauch und Mediensucht bei jungen Menschen.

Der gemeinnützige Verein Ago e.V. bietet ein vielfältiges, naturnahes und erlebnisorientiertes Workshop-Angebot für Kinder und Jugendliche. Alle Workshops, Projekte und Freizeiten werden von pädagogisch geschultem Personal begleitet und im Kreativ-Camp in Hubertshofen angeboten. Raum zum Toben und Spielen ist auf dem 10 Ar großen Areal mit Schrebergarten, Hochsitz, Feuerstätte, Bauwägen, Hütten und einer Jurte vorhanden. Im Jahr 2018 beispielsweise haben über 1.500 Kinder und Jugendliche an den Projektangeboten teilgenommen. Weitere Informationen gibt es unter:
www.verein-ago.de

 


Bei der Apfelernte in Hubertshofen. Das um Hubertshofen herum geerntete Obst wird in der eigenen Mosterei verarbeitet. Das Besondere: Jeder Obstbesitzer erhält nicht „irgendeinen“, sondern seinen eigenen Apfelsaft (unten). Auch wer keine eigenen Streuobstwiesen besitzt, kann in der Mosterei frischen Apfelsaft einkaufen.

 

 

Ein neuer Wanderweg zwischen Gutach und Rhein

Text und Fotos: Thomas Bichler

Der WasserWeltenSteig verläuft als neuer zertifizierter Premiumwanderweg über 109 Kilometer von Triberg im Schwarzwald nach Neuhausen am Rheinfall in der Schweiz und verbindet damit „Deutschlands höchste Wasserfälle“ mit dem größten Wasserfall Europas.

 

 

Im Jahr 2001 kam mit der Eröffnung des Rothaarsteigs im Sauerland und Westerwald, als erstem deutschen Premiumwanderweg, der Stein ins Rollen, der – damals wohl ungeahnt – richtig Fahrt aufgenommen hat und bis heute ungebremst rollt. Zahlreiche neue Wanderwege, ganz nach den Bedürfnissen moderner Wanderer konzipiert, sprießen seitdem aus den Wald- und Wiesenböden der Mittelgebirge zwischen Küste und Alpenrand.

Quasi mit einem Schlag ist das Wandern aus seinem damals reichlich angestaubten Image erwacht und wurde wieder „in“. Naturnahe, gewundene Pfade, erlebnisreiche Wegpunkte, bestenfalls schöne Einkehrmöglichkeiten am Weg, modern gestaltete Rastplätze und ausgesucht schöne Natur kennzeichnen die neuen Wanderwege landauf, landab. Es folgten Wege, die heute längst zu Klassikern geworden sind, der Rheinsteig, der Hochrhöner, der Franken-weg, der Saar-Hunsrück-Steig oder – ganz in der Nähe – die Murgleiter im Nordschwarzwald und die als Qualitätswege Wanderbares Deutschland zertifizierten Fernwege Schluchtensteig und ZweiTälerSteig im Naturpark Südschwarzwald und natürlich der Westweg.

Qualitätsweg oder Premiumwanderweg?

Der Unterschied ist für Uneingeweihte kaum auszumachen. Zertifizierte Wanderwege werden nach komplexen Kriterienkatalogen für das optimale Wandererlebnis konzipiert und eingerichtet. Das Deutsche Wanderinstitut mit Sitz in Marburg hat 34 Kernkriterien für Premiumwanderwege entworfen. Für jeden Wegekilometer werden zudem knapp 200 unterschiedlich gewichtete Merkmale zum Wegeformat und Gehkomfort, zu Landschaft, Kultur und „zivilisatorischen Barrieren“ (Straßen, Ortsdurchquerungen, etc.) oder zur Beschilderung verlangt. Wege können so mit deutschlandweit identischen Kriterien kilometergenau auf Stärken und Schwächen getestet und vom Wanderer miteinander verglichen werden. Das Prädikat „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ wird vom Deutschen Wanderverband in Kassel vergeben und basiert auf 9 Kernkriterien und 23 Wahlkriterien.

Gleich ob Premiumwanderweg oder Qualitätsweg – immer steht das Erlebnis Wandern im Vordergrund. Erdig-grasige Pfade ersetzen Schotter- und Asphalttrassen. Schmale Wege führen durch vielfältige und unberührte Landschaftsformen, statt mit monotoner Flurbereinigung zu langweilen. Stopps in blühenden Waldwiesen, in erfreulich unaufgeräumten

80 geladene Gäste trafen sich im Mai 2019 in Blumberg-Achdorf zur Eröffnung des Premiumwanderweges WasserWeltenSteig. Hier Landrat Sven Hinterseh (3. v. links) im Kreis prominenter Mitwanderer. Im Hintergrund die Schleifenbachwasserfälle.

 

 

Wäldern und in Weinbergen werden so zur meditativen Erfahrung. Öffnende Ausblicke, Naturattraktionen und kulturelle Sehenswürdigkeiten sind ebenso wichtige Bestandteile, wie eine benutzerfreundliche Infrastruktur und attraktive Rastplätze. Wie komponiert stehen komfortable „Waldmöbel“ – Bänke, Holzliegen, Liegeschaukeln, Grillstellen – immer an den genau richtigen Stellen zum Rasten und Schauen. Eine lückenlose und unmissverständliche Markierung sorgt dafür, dass die Wanderung nicht verloren im Wald endet. Die Zertifizierung ist also nicht nur eine Auszeichnung des Wanderweges und seiner Ersteller, sondern auch eine wichtige Entscheidungshilfe für Wanderer.

WanderParadies Schwarzwald und Alb

Das „WanderParadies Schwarzwald und Alb“ der Landkreise Schwarzwald-Baar und Rottweil, das 2014 „an den Start“ ging, bietet zwischenzeitlich 37 Wanderrundtouren zwischen vier und 20 Kilometern Länge, von denen 20 als Qualitäts- oder Premiumwege zertifiziert sind. Auf den Schwarzwaldhöhen und -tälern, im Schluchtensystem der Wutach und Gauchach sowie auf dem Hochplateau der Baar, kurz: im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis ist Wandern auf zertifizierten Wegen möglich. Was fehlte war ein Fernwanderweg. Der neue Wasser-WeltenSteig schließt nun die Lücke im touristischen Angebot und bildet seit seiner Eröffnung im Mai nun den roten Faden in der Wanderregion zwischen Schwarzwald, Alb und Hochrhein. Auf seinem Weg zwischen den beiden herausragenden Natursehenswürdigkeiten des Triberger Wasserfalls und des Rheinfalls verknüpft er nun viele der zertifizierten Kurzwege und zahlreiche Wanderregionen miteinander.

Von der Idee zum Weg

Einen neuen Wanderweg zu entwickeln ist mehr, als nur ein paar Schilder aufzustellen – viel mehr. Am Anfang stand der Wunsch im Schwarzwald-Baar-Kreis einen konkurrenzfähigen Fernwanderweg zu etablieren, der langfristig im Konzert der großen Wege mitspielen kann. Ein Fernwanderweg von überregionaler Bedeutung erzeugt mediale Aufmerksamkeit, fördert die regionale Wirtschaft und stärkt so insbesondere die lokalen Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie und Tourismus. Von einer Erhöhung der Gästezahlen und der Verweildauer können aber auch beispielsweise Lebensmittelgeschäfte und Buchhandlungen profitieren.

Einen neuen Wanderweg zu entwickeln ist mehr, als nur ein paar Schilder aufzustellen – viel mehr.

Neben den wirtschaftlichen Zielen müssen dabei auch die umweltpolitischen Folgen bedacht werden: Wie können natürliche Ressourcen schonend genutzt sowie Flora und Fauna bewahrt werden. Wohin müssen Besucherströme gelenkt werden, um sensible Bereiche zu schonen. Wandern ist dafür die ideale, die Natur schonende Reiseform, um das Umweltbewusstsein altersunabhängig über alle Bevölkerungsschichten zu schärfen. Auch Marken- und Corporate Design sowie ein griffiger Markennamen sind längst fester Bestandteil in der Entwicklung eines Wanderwegs.

Die Arbeit am WasserWeltenSteig begann im September 2016 mit einer Machbarkeitsstudie der Projektpartner Wandern des Deutschen Wanderinstituts, ob der angedachte Wanderweg mit dem damaligen Arbeitstitel „Von Wasserfall zu Wasserfall“ als Premiumwanderweg umsetzbar ist. Nach zustimmendem Nicken

 

 

der Wanderforscher aus Mittelhessen stand die Bürokratie im Vordergrund. Ein Förderantrag beim Naturpark Südschwarzwald wurde gestellt. Erste Entwürfe der Strecke wurden mit der Bitte um Anmerkungen und Vorschläge an alle Anrainerkommunen, an Schaffhauserland Tourismus, die zuständigen Forstbehörden, an Naturschutzverbände und nicht zuletzt den Schwarzwaldverein verschickt.

Rauchende Köpfe waren anschließend ab März 2017 in den Sitzungssälen beim Landratsamt zu sehen: Änderungsvorschläge, Streckenverlegungen, Bedenken und Befürwortungen standen zur Diskussion – stets unter der Frage, ob der Neuentwurf der Wegeführung noch premiumwanderwegfähig ist, ob Naturschutz- und Forstbehörden in den beteiligten Landkreisen und Privateigentümer von Land zustimmen. Jede kleine Wegänderung erforderte eine neue Prüfung durch alle Beteiligten und deren erneute Zustimmung, aber auch die neuerliche Besichtigung vor Ort auf Mach- und Begehbarbarkeit sowie den Erlebnischarakter. Die Zahl der gewanderten Kilometer, vor allem der unermüdlichen Wegetüftlerin Margarete Furtwängler sowie Michael Braun, lässt sich wohl nicht beziffern, bis die Ortsgruppen des Schwarzwaldvereins im September 2018 den Wasser-WeltenSteig endlich beschildern konnten.

Mit der feierlichen Übergabe der Zertifizierung des neuen Premiumwanderwegs im Schwarzwald-Baar-Kreis am 25. Mai 2019 wurden auch die Webseite freigeschaltet und die druckfrische Begleitbroschüre der Öffentlichkeit vorgestellt. Der WasserWeltenSteig hat dabei seinem Namen alle Ehre gemacht. Die Eröffnungswanderung führte von Blumberg-Achdorf an den erfreulich wasserreichen Schleifenbachfällen vorbei bis auf den Buchberg, einen alle Teilnehmer durchnässenden Gewittersturm inklusive, just beim Eintreffen am Gipfel.

Also, gehen wir wandern!

Am Eingang der Triberger Wasserfälle hängt das erste Wegzeichen und begleitet uns bis an den Rheinfall: die für Schwarzwaldwanderwege typische Raute, versehen mit drei geschwungenen Linien. Über Serpentinen und Stufen zieht der Weg entlang der tosend ins Tal stürzenden

 

 

Wasser der Gutach hinauf, macht an Brücken und Aussichtsplattformen halt, gibt den Blick frei auf die sieben Fallstufen der insgesamt 163 Meter hohen Wasserfälle und erreicht schließlich – welch ein Gegensatz – die verwunschenen Moorlandschaften zwischen Schonach und Schönwald.

Hügelige Schwarzwaldlandschaften mit den typischen, urigen Schwarzwaldhöfen rahmen den Weg bis zum Reinertonishof. Anstelle des 2006 abgebrannten fast 400 Jahre alten Heidenhofes, haben die Dufners an alter Stelle ein neues Schmuckstück entstehen lassen. Über das Bauernmuseum, das Vesperhäusle, die Hofbrennerei und den Hofladen werden sich auch zukünftige Wanderer des WasserWeltenSteigs nach dem zurückliegenden Anstieg so freuen wie wir.

Bald nach dem Reinertonishof passieren wir die einstige Hofstelle des Elzhofes und tauchen, beobachtet von übermütig neugierigen Angusrindern, in den dichten Wald um den Blindensee ein. Nach und nach macht Hochwald einem dichtem Spirkenwald Platz. Die Spirke ist eine aufrecht wachsende Form der Berg-

Ein Bohlenpfad führt durch die archaische Landschaft zur Aussichtsplattform am kreisrunden, dunklen Blindensee.

Kiefer und typisch für die Moorlandschaften im Schwarzwald. Ein dichter Teppich aus Rauschbeerensträuchern überzieht den tückisch-sumpfigen Boden rechts und links des hölzerner Bohlenwegs, der uns mitten durch diese archaische Welt bis zur Aussichtsplattform am kreisrunden, dunklen Moorsee führt. Eine Sage erzählt, einst sei hier eine Kuh ertrunken und nach Wochen in der Donau wieder aufgetaucht. Nun ja, wer’s glaubt. Ein paar Neugierige taten es wohl doch und sollen – so wird berichtet – versucht haben mittels Färbung des Seewassers eine Verbindung mit der Donau nachzuweisen. Das war natürlich vergebens. Der mystischen Stimmung der Landschaft tut dies jedoch keinen Abbruch. Geheimnisvoll spiegelt sich der Moorwald im still und schwarzschimmernd ruhenden See.

Noch ein paar Schritte über den Bohlenweg, dann zieht der WasserWeltenSteig erneut

 

 

durch den für den Mittleren Schwarzwald so typischen Landschaftsflickenteppich aus Weiden, Wäldern und Wiesen zur Weißenbacher Höhe. Die jedem Schwarzwaldwanderer vertrauten roten Rauten des Westwegs hängen nun mit an den Wegzeichen. Seit bald 120 Jahren begeistert der seit einigen Jahren ebenfalls zum Qualitätsweg zertifizierte Klassiker seine Wanderer. Jedes Jahr begeben sich unzählige Besucher aus der ganzen Welt auf die 285 Kilometer von Pforzheim, quer durch den Schwarzwald, nach Basel. Vielleicht macht ihm der WasserWelten-Steig dahingehend ja einmal Konkurrenz?

Auf dem Weg zum Tagesziel am breiten Bergrücken zwischen Rohrhardsberg und Brend machen wir erst in Judith und Dieter Dolds Hof-Café „näbbe duss“ im hübschen Farnbachtal halt, dann kurz an der Elzquelle. Die Elz tröpfelt hier nur – ähnlich unserem in der Sonne dahinschmelzenden Bauernhofeis in der Hand, springt aber schon wenige Kilometer weiter talabwärts über die Elzfälle und fließt dann im weiten Bogen dem Rhein zu.

Unser Ziel ist die „Donauquelle“, jenseits der Europäischen Wasserscheide. Genauer gesagt entspringt die Breg, der längere der beiden Quellflüsse der Donau, in einer Senke unterhalb der Martinskapelle. Am benachbarten Kolmenhof bewirten uns Katharina und Christoph Dold mit fangfrischen Forellen und haben auch ein kuschelig weiches Bett für müde Wanderer. Wer noch nicht ganz so müde ist wie wir, wandert noch ein Stück weiter, passiert dabei die haushohen, eigentümlich wild aufeinandergestapelten Granitblöcke der Günterfelsen und übernachtet bei Antonia Hauswald im Berggasthof Brend am mit 1149,3 Metern höchsten Punkt des neuen Premiumwanderwegs.

Vom 1905 durch den Schwarzwaldverein erbauten Aussichtsturm am Gipfelplateau wandert der Blick nach Süden, zum Hochschwarzwald, über den Dunst der Rheinebene zu den Vogesen und an klaren Tagen bis zu den Alpen, vom Säntis bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Modelleisenbahnern wird der 17 Meter hohe Steinturm bekannt vorkommen. Lange Zeit war er im Miniaturmodel-Portfolio des Spielzeugherstellers Faller in Gütenbach am Fuß des Brend.

Meditative Waldeinsamkeit

An Furtwangen, Gütenbach und Neukirch vorbei steuert der WasserWeltenSteig den dicht bewaldeten Höhenzug zwischen Linachtal und Urachtal an. Vom Brend geht es zur Ladstatt, dann mit einem Schlenker durchs Schochenbachtal zum Raben und weiter durch Wiesen und Weiden, an Waldrändern entlang zur Neueck. Hier ist ein weiterer wichtiger Punkt an der Wasserscheide zwischen Rhein und Donau – nun zwischen Wilder Gutach und Breg und eine gute Chance für ein zweites Frühstück bei Stefanie Weißer und Theo Rosenberger oder – wie in unserem Fall – einem Stück ihrer legendären Schwarzwälder Kirschtorte. In der Gartenwirtschaft im Schatten der Linden lässt sich herrlich Zeit verbummeln, während Theos cremeweiße Charolais-Rinder auf den umgebenden Wiesen weiden.

Mit vollem Bauch geht es weiter. Gut, dass der Weg nun für lange Zeit auf der Höhe bleibt. Am Hohlen Bildstöckle queren wir die B 500, schicken den Westweg geradeaus weiter und verlassen gefühlt endgültig die Zivilisation. Ein würziger Duft nach Harz und Moos und in den Baumwipfeln rauschender Wind fährt unseren Puls herunter. Stille umgibt den WasserWeltenSteig. Kaum ein Laut dringt bis auf den bewaldeten Höhenzug zwischen Michelshöhe und Adlerhöhe. Erholsames Waldwandern ist angesagt. Zeit für die Kleinigkeiten am Weg: Ein an Tannenzapfen knabberndes Eichhörnchen, Pilze im Unterholz, rotleuchtende Vogelbeeren vor dunkelgrünen Tannen. Fast zu früh bringt uns ein schmaler Pfad ziemlich direkt und steil ins Tal hinab.

Ein paar Schritte entlang der gluckernden Linach und wir stehen an der Linachtalsperre. Auf einem Schmalspurweg wandern wir am Ufer entlang zur Staumauer. Die eigenwillige, 25 Meter hohe und 143 Meter lange, denkmalgeschützte Gewölbereihenstaumauer wurde zwischen 1922 und 1925 zur Stromgewinnung gebaut. Ab 1969 wurde der Kraftwerksbetrieb eingestellt, Wasserkraft galt als nicht mehr zeitgemäß, 1988 das Wasser abgelassen. In den späten 90er-Jahren fand ein Umdenken statt. Das Kraftwerk wurde reaktiviert und nach einer

 

 

Unterwegs auf dem WasserWeltenSteig. Vorbei am Günterfelsen (oben) geht es zum Brend (u. links). Beim „Hirschen“ in Neukirch mundet die Schwarzwälder Kirschtorte – nächste Station ist die Linachtalsperre.

 

 

Sanierung seit 2007 wieder aufgestaut, um wieder Strom zu erzeugen.

Zwei Kilometer weiter talauswärts steht an der Mündung des Linachtals ins Bregtal das in Jugendstil-Bauweise errichtete Kraftwerkshaus mit drei Turbinen. Ein kurzer Zwischensprint rettet uns dort vor einem unerwarteten Gewitterregen. Wasser und WasserWeltenSteig gehört zusammen.

Nach Hammereisenbach wäre es auf dem Rad- und Wanderweg entlang der Breg zwar auch nicht mehr weit gewesen, aber zuvor legt der Premiumwanderweg noch einen Abstecher zur Burgruine Neufürstenberg ein. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Also sitzen wir die Dusche im hübschen überdachten Rastplatz mit Schinken, Wurst und Käse zum heißen Tee aus. Viel ist vom Neufürstenberg, der einstigen Burg der Grafen von Fürstenberg, nicht mehr erhalten. Die Wirren des Bauernkriegs und ein Angriff des “Klettgauer Haufens” im Jahr 1525 haben ihre Spuren hinterlassen. Heute steht nur die noch immer mächtige Schildmauer über den Dächern von Hammereisenbach. Das Dörfchen an der Mündung des Eisenbachs in die Breg hat seinen Namen von den Erzvorkommen und deren Verarbeitung erhalten. Bis ins 16. Jahrhundert wurde hier ein Hammerwerk betrieben, zu dessen Schutz und Kontrolle wohl die Burg diente.

Ein Stück wandern wir noch an der Breg entlang, nutzen dazu den bequemen Rad- und Wanderweg und biegen auf Höhe der Fischer-säge vom breiten, offenen Tal in die enge Waldschlucht des Wilddobels ein. Wieder umgibt uns Wald, der sich erst rund um Mistelbrunn wieder lichtet. Im Ort lohnt ein Stopp in der kleinen St. Markus-Kapelle mit ihren uralten Fresken aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der Mistelbrunn-Pilgerweg von Hammereisenbach über Bräunlingen nach Hüfingen verläuft bis Mistelbrunn teils parallel zum Wasser-WeltenSteig. Kurz nach dem Dörfchen schluckt uns erneut der Wald, dämpft unsere Schritte und Gespräche und gibt uns erst im locker um die kleine St. Anna-Kapelle verstreuten Erholungsort Unterbränd am Kirnbergsee wieder frei. Für den Sprung ins erfrischende Nass des „wärmsten Badesees im Südschwarzwald“ ist es uns doch zu frisch. Aber die Füße kühlen wir ab.

Rechte Seite: Meditative Waldeinsamkeit umgibt den Wanderer auf dem WasserWeltenSteig immer wieder neu.

Für den Sprung ins erfrischende Nass des „wärmsten Badesees im Südschwarzwald“ ist es uns doch zu frisch. Aber die Füße kühlen wir im Kirnbergsee ab.

 

 

Schluchtenwandern in Richtung Schweiz

Unsere Vorfreude steigt. Heute steht die Gauchachschlucht auf dem Etappenzettel. Die enge und wilde Gauchachschlucht gehört zum Naturschutzgebiet Wutachschlucht, einem der ersten in Baden-Württemberg. 1939 wurde das Schluchtensystem der Wutach und ihrer Nebenflüsse wegen der landschaftsgeschichtlichen und geologischen Besonderheiten, sowie der artenreichen Tier- und Pflanzenwelt unter besonderen Schutz gestellt. So konnte die einzigartige Landschaft als „Naturraum, aber auch als Erholungsgebiet mit hohem Erlebniswert“ erhalten werden.

Vom Campingplatz am nördlichen Seeufer geht es über die Brändbachtalsperre und an der Burgstelle der einstigen Kirnburg an den Oberlauf der Gauchach. Der WasserWeltenSteig hält, was er uns versprochen hat: Von nun an begleiten wir den größten Zulauf der Wutach

In der Gauchachschlucht, die zum Naturschutzgebiet Wutachschlucht gehört.

bis zu dessen Mündung. Abenteuer pur am rauschenden Bach, scheinbar fernab aller Zivilisation. Es wird ein Tag umgeben von der wilden Natur eines gewaltigen Schluchtensystems, wie man es in einem Mittelgebirge kaum erwarten kann. Nur kurz werden Schwarzwaldbahn und die B31 bei Döggingen gequert, dann steigen wir vollends in die Schlucht ein.

Nach der Mündung des Balgenbächle über eine Sinterterrasse in die Gauchach steilen sich die Berghänge mit ihren urwaldartigen Wäldern zunehmend auf und rücken eng aneinander. Immer tiefer frisst sich der Bachlauf in die Muschelkalkhänge, legt Felswände frei, springt über Stromschnellen und kleine Wasserfälle und lässt an einigen Stellen kaum noch Platz für den anregend schmalen Steig. Dank ihrer Unzugänglichkeit ist die Gauchachschlucht weitgehend naturbelassen. Vier Mühlen trieb die Gauchach früher an: Guggen- und Eulenmühle sind in Privatbesitz, von der Lochmühle ist dagegen kaum noch etwas erkennbar. 1664 erbaut, wurde sie nach zwei verheerenden Hochwassern schließlich aufgelassen. Heute zeugen nur noch ein paar moosüberwucherte Grundmauern von der früheren Mühle. Ein Stück abseits

 

 

der Route erinnert die Lochmühlenkapelle mit Votivbildern an die Sturzfluten in den Jahren 1804 und 1895. In der Burgmühle stärken wir uns mit kleinen Snacks und Getränken. Immer wieder quert der Weg – eigentlich ist es nur noch ein Pfad – mittels Brücken und Stegen den rauschenden Bach. Wir schummeln uns mit Hilfe von Metalltritten über Felsabsätze und steigen mit Drahtseilen als Handlauf durch die beeindruckend steilen Flanken über dem Wasser. An manchen Stellen ist der abenteuerliche Weg kaum breit genug, um aneinander vorbei zukommen. Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und festes Schuhwerk sind hier kein Fehler. Die pure Natur der Wutachschlucht mit ihren Nebenflüssen darf man nicht unterschätzen.

Ein letzter Kraftakt…

Am Kanadiersteg mündet die Gauchach in die hier offen und freundlich wirkende Wutachschlucht und trifft dabei auch auf den Qualitätswanderweg „Schluchtensteig“. Teils gemeinsam verlaufend, führen beide Wege hinaus zur Wutachmühle, passieren Aselfingen und erreichen Achdorf. Hinauf nach Blumberg

Am Zusammenfluss von Gauchach und Wutach.

Erfrischung in der Gauchachschlucht.

 

 

Über eine acht Meter hohe Leiter geht es auf dem Schluchtensteig direkt nach Blumberg hinauf.

ist noch ein letzter Kraftakt durch die Schleifen

bachklamm angesagt. Die Einkehr in der Scheffellinde kommt uns

da gerade recht. Mit Badischen Spezialitäten im

Bauch kämpfen wir uns anschließend bergauf,

bis ein kurzer Abstecher vom WasserWelten-

Steig zum Holzsteg über den Schleifenbach

abzweigt. Hier bietet sich ein guter Blick auf

die zwei Fallstufen oberhalb der Bachquerung.

Die dritte Fallstufe stürzt talabwärts in die

Tiefe. Über eine kühne, acht Meter hohe Lei

ter und einen Zickzacksteig geht es auf dem

Schluchtensteig direkt nach Blumberg hinauf.

Der WasserWeltenSteig bleibt auf der südlichen

Talseite und zieht über Treppen bis an den Rand

der Stadt in der Blumberger Pforte. Durch den

markanten Taleinschnitt zwischen Eichberg und

Buchberg floss vor ca. 70.000 Jahren die Urdo

nau dem heutigen Wutachtal folgend gerade

aus weiter in das heute viel zu groß erscheinen

de Tal der Aitrach, bis der Flusslauf gegen den

Rhein abgelenkt wurde. Bei der Scheffellinde in Achdorf.

 

 

An der großen Panoramatafel auf dem 876 Meter hohen Buchberg die tolle Aussicht genießen.

An der großen Panoramatafel auf dem 876 Meter hohen Buchberg lässt sich das tektonisch-geologische Verwirrspiel recht gut überblicken. Mit den letzten Schritten öffnet sich an der Buchberghütte ein weiter Blick über das Wutachtal auf den südlichen Schwarzwald, zum Herzogenhorn und zum Feldberg – an klaren Tagen auch zu den Schweizer Alpen und zum Jura. Wir reißen uns vom schönen Panorama los und schlendern zur Ottilienhöhe hinab. An das einstige Kloster erinnert nur noch ein Kreuz. Unten im Tal ist ein Pfeifen zu hören. Der WasserWeltenSteig führt am Waldrand entlang zur „Schinkenstation“ am Buchbergtunnel. Eine Schautafel informiert über den Schwarzwälder Schinken und die eben gehörte Sauschwänzlebahn. Die historische Bahntrasse kreuzen wir auf dem Weiterweg noch mehrfach. Auf der vielfach gewundenen Strecke fahren heute nur noch die Dampf- und Dieselloks der Museumsbahn. Die 25 Kilometer und 231 Höhenmeter zwischen Weizen und Blumberg-Zollhaus werden mittels vier Brücken, sechs Tunnels und mehreren Kehren überwunden. Am Bahnhof Epfenhofen vorbei wandernd halten wir nun auf den Randen zu. Der letzte nennenswerte Anstieg der Fernwanderung. Denn einmal oben, wird es bequemer. Der weitere Weg über den plateauartigen Höhenzug aus Tafeljura weist kaum mehr Höhenunterschiede auf. Wir wandern am höchsten Punkt des Bergzuges, dem Hohen Randen vorbei. Aussicht ist hier keine. Dann passieren wir weniger spektakulär als gedacht die deutsch-schweizer Grenze. Ein Schild und ein alter Schlagbaum – mehr ist nicht zu sehen. Fast hätten wir den Grenzübertritt nicht einmal bemerkt. Vom Hagenturm bietet sich ein umfassender 360°-Rundumblick zum Schwarzwald, zum Bodensee und zu den Alpen, sowie zum Schweizer Jura. Ehrensache, dass wir noch auf den 40 Meter hohen Stahlfachwerkturm auf dem höchsten Punkt im Kanton Schaffhausen klettern. Die Fortsetzung des Weges führt auf einem Teilstück des 2016 eröffneten NaturaTrails Schaffhausen bis zur Wegekreuzung Heidenbaum. Besonders die verschiedenen Arten von Wildorchideen begeistern am Wegrand. Die unbesiedelten, offenen Hochflächen am Ran-den mit ihren artenreichen Magerrasen und den charakteristischen Waldföhrenstreifen – die am Ende des 19. Jahrhunderts auf brachgelegten Äckern anlegt wurden – lassen die Landschaft fast parkähnlich aufgeräumt aussehen. Unser nächstes Ziel ist die Zelgiwiese am Schlossranden. Eingeweihte wissen, dass sich hier ein kurzer Abstecher zum Schleitheimer Randenturm und der an Wochenenden bewirteten Hütte lohnt. Hin und zurück sind es nur knapp zwei Kilometer. Die Bratwurst vom Grill ist jeden Meter davon wert. Über blumenreiche Wiesen und angenehm schattigen Hochwald wandern wir zum Tagesziel Siblinger Randenhaus – der einzigen Chance weit und breit für ein Dach über dem Kopf und ein leckeres Essen auf dem Teller. Das Wild stammt aus den soeben durchwanderten Wäldern, der Bärlauch ebenso.

 

 

Über 137 Treppenstufen geht es zur Aussichtsplattform des Hagenturms hinauf.

Schlussakt mit Finale Furioso

Ganz allmählich senkt sich der Randen zum Rhein hin ab. Der südliche und östliche Teil des Randen-Hochplateaus ist deutlich niedriger. Es sind auch mehr Spaziergänger unterwegs. Die Nähe zu Schaffhausen ist spürbar. Vom flachen Eschheimertal, dem geografischen Mittelpunkt des Kantons Schaffhausens, steigen wir durch das Lerchentöbeli zum Beringer Randenturm. Etwas Wehmut macht sich breit. 137 Treppenstufen bringen uns zur Aussichtsplattform in 26 Metern Höhe, wo uns Panoramatafeln ein letztes Mal die grandiose Rundumschau in alle vier Himmelsrichtungen erläutern. Der Tiefblick auf den sich am Bergfuß ausbreitenden Klettgau mit seinem Mosaik aus Ackerflächen und den Weinbergen des Schaffhauser Blauburgunderlands ist reizend. Es ist aber doch der Blick zum wieder ein paar Kilometer näher gerückten Alpenbogen, der uns am meisten fasziniert.

Der Schlussspurt zum Rheinfall führt uns nah am unscheinbaren Engeweiher vorbei. Der

 

 

Ein Selfie mit Rheinfall – das Ziel des WasserWeltenSteigs ist erreicht.

Abstecher macht nur knappe 200 Meter hin und zurück aus, bringt uns dafür zum ersten Pumpspeicherwerk der Schweiz. Der kleine künstliche See wurde zwischen 1907 und 1909 angelegt. Mit Reststrom wird über eine unterirdische Druckleitung Rheinwasser in das 144 Meter höher gelegene Becken vor uns gepumpt. Bei der Rückführung des Wassers ins Kraftwerk am Rhein wird mittels einer Turbine dann Strom produziert.

Ein leichtes Schaudern überfällt uns am Galgenbuck über Neuhausen. Zwar ist vom einstigen Hinrichtungsinstrument nichts mehr zu sehen, doch wurden hier noch bis zum Februar 1822 Todesurteile vollstreckt. Vom Galgen selbst ist bis auf einen rostigen Eisennagel nichts erhalten geblieben. Zu sehen ist das Artefakt im „Museum zu Allerheiligen“ in der Schaffhauser Altstadt. Auf dem „Armsünderweg“ steigen wir hinab zum Bahnhof Neuhausen-Rheinfall in der Innenstadt von Neuhausen: Wir stehen am offiziellen Ende des Premiumwanderwegs. Aber klar, es zieht uns noch ein Stück weiter durch die Laufengasse zur Aussichtsterrasse am Mühleradhaus, direkt am mächtigen Rheinfall. Auf 150 Metern Breite stürzen zwischen Neuhausen und Schloss Laufen am südlichen Rheinufer bis zu 600.000 Liter Rheinwasser pro Sekunde über eine 23 Meter hohe Felsbarriere.

Vom Schlössli Wörth lässt sich mit Booten der spektakuläre Fahnenfelsen in der Flussmitte erreichen und zur Laufener Seite übersetzen. Wem das zu schauklig ist, der spaziert über die Eisenbahnbrücke zum Schloss Laufen, wo ein gläserner Aufzug oder zahlreiche Treppenstufen zu einer spektakulären Plattform leiten. Rauschendes Wasser zum Auftakt, stille Moorseen, sprudelnde Quellen an der Wasserscheide, munter glucksende Bäche, ein wiederbelebter Stausee, tiefe Tobel und zuletzt die tosende Gischt des Rheinfalls – der neue Premiumwanderweg WasserWeltenSteig hat wahrlich gehalten, was er und seine Wegetüftler uns versprochen haben.

 

 

Tanzschulen Christian Seidel

Im Alter von 15 Jahren entwarf er schon das pink-schwarze Logo für seine zukünftige(n) Tanzschule(n) – ein tanzendes „T“, eingerahmt von seinen Initialen. Heute betreibt Christian Seidel zusammen mit seiner Frau Daniela vier Schulen, in denen Menschen jeden Alters das Tanzen lernen oder es als Hobby betreiben – in Singen, Donaueschingen, VS-Villingen und in seiner Heimatstadt Backnang.

von Birgit Heinig

Der Weg dorthin war alles
Donaueschingen eine andere als leicht. Schon als zweite Tanzschule, 2008

23-Jähriger stand Christian Seidel nach der missglückten Beteiligung an einer Tanzschule nämlich mit hohen Schulden da. Dabei hatte er seine Ausbildung zum Tanzlehrer gerade als Deutschlands Bester abgeschlossen und brannte darauf, seinen Traumberuf „mit Herz und Seele“ auszufüllen. In Rielasingen, an der Schweizer Grenze bekam er eine neue Chance. Innerhalb von drei Jahren verdoppelte er die Umsätze der dortigen Tanzschule. Doch auch hier wurde er menschlich enttäuscht.

Das Privatdarlehen dreier treuer Tanzkreispaare, die an ihn glaubten, ermöglichte ihm 1997 schließlich in Singen den Schritt in die Selbstständigkeit. Und er lernte seine Daniela kennen, eine geborene Skarpil, die 1995 für den bekannten Tanzsportclub (TC) Ludwigsburg zusammen mit Alexander Montanaro Europameisterin im Paartanz geworden war. Ihre Karriere beendete sie 2002, seither ist sie als Wertungsrichterin bei internationalen Tanzturnieren im Einsatz und erledigt für die Tanzschulen ihres Mannes das Kaufmännische und ist auch als Tanzlehrerin tätig.

Christian Seidels erfolgreiche Arbeit trug schnell Früchte. 2004 eröffnete er in

im Villinger Lantwatten die dritte. 2014 wurde es dort zu eng. Im Gewerbegebiet »Vorderer Eckweg« richtete er sich auf großzügigen 6.500 Quadratmetern Grundstück mit Investitionen von drei Millionen Euro neu ein und galt seinerzeit als Deutschlands größte und modernste eigentümergeführte Tanzschule. 2018 erweiterte er an gleicher Stelle für 2,6 Millionen erneut. In Backnang steht die jüngste Seidel-Tanzschule, sie entstand ebenfalls 2014. Das nächste unternehmerische Projekt werde die Modernisierung seiner ersten Schule in Singen sein, die in die Jahre gekommen sei, kündigt Christian Seidel an.

„Tanzen kommt nie aus der Mode“, davon ist der 51-Jährige fast 30 Jahre nach Eröffnung seiner ersten Tanzschule zutiefst überzeugt. Ob Wiener Walzer oder Tango, Jive oder Rumba,

 

 

Mit seinen Tanzschulen auf Erfolgskurs: Christian Seidel (Bild oben). Vor allem auch junge Menschen begeistern sich fürs Tanzen, die in VS-Villingen in einer der größten und angesehendsten Tanzschulen Deutschlands unterrichtet werden.

 

 

Daniela und Christian Seidel. Daniela Seidel wurde 1995 Europameisterin im Paartanz. In der Tanzschule unterrichtet sie und ist ebenso für das Kaufmännische zuständig.

Line-Dance oder Hip Hop – in seinen Schulen finden sich Tanzbegeisterte aller Altersklassen wieder. Mit seinen Tanzkursen für Schüler, die er in Kooperation mit etlichen Schulen anbietet, liegt er goldrichtig – neben Mathematik und Biologie stehen immer häufiger auch die Gesellschaftstänze auf den Stundenplänen vor allem der Ganztagsschulen. Seine Tanzlehrer hat er speziell für die Schülerklientel ausbilden lassen, denn neben Cha-Cha, Foxtrott und Quickstep sollen die Heranwachsenden auch gutes Benehmen lernen. Umgangsformen und Kenntnisse über den jeweils passenden Kleidungsstil findet Christian Seidel nämlich genauso wichtig wie Tischmanieren, Grüßen und Dankesagen. „Wo lernen die Kinder das heute noch?“, fragt er sich zu Recht.

 

 

Tanzlehrer-Ausbildung in Theorie und Praxis

25 Tanzlehrer beschäftigt Christian Seidel in seinen vier Tanzschulen. Der Standort Villingen gilt als offizieller Stützpunkt des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV) und darf den Berufsnachwuchs in Theorie und Praxis selbst ausbilden. „Bisher haben wir alle auch übernommen“, sagt der Chef. Die Tanzschule Seidel entwickelt sich stetig weiter. Mit Jessica Illing, eine ehemalige Tänzerin der Berliner Staatsoper, bietet man inzwischen Ballettunterricht ab drei Jahren an. Beliebt bei zukünftigen Eheleuten sind die Crash-Kurse in Sachen Hochzeitswalzer. Eingeschlagen »wie eine Bombe« hat das neue Angebot des vom amerikanischen Square-Dance abgeleiteten „Line Dance“. Hier braucht man keinen Tanzpartner, hier tanzen alle neben- und hintereinander die gleichen Schrittfolgen. Zum ersten „Line-Dance-Day“ im Mai kamen mehr als 150 Tänzer aus der gesamten Region nach Villingen. Schon haben sich die „Seidel-Liners“ gebildet, die sich zur Pflege ihres neuen Hobbys regelmäßig bei Seidel treffen. Wie nahe Christian und Daniela Seidel dem tänzerischen Puls der Zeit sind beweisen Handy

In die Seidel-Tanzschulen kommen Woche für Woche rund 5.000 Menschen: Von den „Windelflitzern“ ab zwei Jahren über Schüler (unten rechts), Tanzwillige mit Handicap, Paare und Singles bis hin zu Senioren.

 

 

fotos. Die zeigen das Paar im Sommer 2017 bei der Hochzeit vom RTL-„Let´s dance“-Jurorin Motsi Mabuse auf Mallorca, Seite an Seite mit Joachim Llambi und Jorge Gonzáles.

Für alle Altersklassen

In die Seidel-Tanzschulen kommen von den „Windelflitzern“ ab zwei Jahren bis zum Seniorentanz Jung und Alt, Tanzwillige mit und ohne Handicap, Paare, Singles und Jugendgruppen – jede Woche rund 5.000 Menschen. Viele der Jugendlichen betreiben sogar Leistungssport, gewannen schon Deutsche und Europameisterschaften im Hip Hop. Besonders stolz ist Christian Seidel darauf, dass sich in seinen Tanzschulen mehrmals die Woche mehr Kinder und Teenager aufhalten als in jedem Sport- oder Musikverein. Apropos Verein: auch hier ist der Tanzlehrer offen für Kooperationen. In Villingen bietet er dem Turnverein die stets händeringend gesuchten Räumlichkeiten für dessen

Kurse an. Die für Zumba oder Bauch-Beine-Po optimal eingerichteten und unterschiedlich zu dimensionierenden Räume sind auch für Hochzeiten, Firmenfeierlichkeiten und Abibälle gefragt. „Wir sind jedes Wochenende ausge-bucht“, sagt Daniela Seidel.

 

 

Der Öschberghof

SUPERIOR AM GOLFERHIMMEL

Der Öschberghof bei Donaueschingen mit umfangreichem Golf-, Spa- und Tagungsangebot präsentiert sich nach umfassender dreijähriger Umbauphase in frischem Glanz. Die Vielfältigkeit des 5-Sterne-S Luxusresorts macht es zum perfekten Hideaway für alle, die das Besondere suchen. Gourmets entdecken im neuen ÖSCH NOIR kulinarische Köstlichkeiten, Workaholics entspannen im weitläufigen Spa, Golfbegeisterte spielen auf der neuen 45-Loch-Anlage und Gestresste finden in den gemütlichen Ohrensesseln im „Wohnzimmer“ einen Ort, um abzuschalten. Die großzügigen Räumlichkeiten mit traumhaften Blickachsen bieten die perfekte Location für Hochzeiten und Veranstaltungen in der außergewöhnlichen Atmosphäre des Öschberghofs.

 

 

Ein Wohlfühlresort als Archetypus eines Gehöfts und Teil der Landschaft

Ein besonders wichtiges Element war während der gesamten Konzeption die traumhafte Natur rund um den Öschberghof. Es sollte das Gefühl entstehen, das Hotel sei ein Teil der Landschaft. Daher ist das architektonische Konzept des neuen Öschberghofs an den Archetypus eines Gehöfts aus einzelnen und in Gruppen stehenden Satteldachhäusern angelehnt. Die außen verwendeten, gedeckten natürlichen Farben und Materialien unterstützen diesen Ansatz. Auch die Innenarchitekten von Joi Design legten den Fokus ihres Einrichtungskonzeptes auf die Einbindung der Natur. In Zusammenarbeit mit den Architekten des Münchner Büros Allmann Sattler Wappner und Hoteldirektor Alexander Aisenbrey entwickelten sie einen Platz zum Durchatmen und Entspannen.

„Wir haben uns zunächst einmal mehr als 60 Hotels weltweit angesehen, an manchen Tagen besuchten wir fünf, sechs Häuser. In einigen Hotels haben wir auch übernachtet. Wir haben darauf geachtet, was gut funktioniert, aber auch, was man besser machen kann“, berichtet Aisenbrey. „Was wir ebenfalls mit einbezogen haben, sind die Gastkommentare aus den letzten Jahren. Wir nehmen die Wünsche und Anregungen unserer Gäste sehr ernst und freuen uns, dass wir vieles von dem berücksichtigen konnten.“

126 Zimmer und Suiten in neun Kategorien und harmonisch warmen Farben

Die 126 Zimmer und Suiten in neun Kategorien sind mit einem intelligenten Zimmerkonzept ausgestattet und verfügen über Balkon oder Terrasse. Die Einrichtung in harmonischen warmen Farben mit viel Holz ist hochwertig. Die neun Zimmer der Kategorie Komfort Dependance (32 qm) und sechs Suiten (48 qm) befinden sich im Nebengebäude. Im Hauptgebäude Süd stehen

Oben: Die Empfangshalle des Öschberghofs. Unten: Luxuriöses Entspannen im 5.000 Quadratmeter großen Spa-Bereich, hier der 20 m lange, ganzjährig beheizte Infinity-Außenpool mit 1,5 % Sole.

 

 

Blick in ein Komfort Plus-Zimmer.

24 Deluxe Süd Zimmer (36 qm), weitere sechs Suiten (52 qm) und die große Öschberghof Suite (111 qm) zur Verfügung. Das Haupthaus Nord beheimatet 36 Premium Zimmer (36 qm) und 17 Einzel Premium Zimmer (24 qm), während im Anbau Nord 24 Deluxe Zimmer (36 qm) und drei Junior Suiten (51 qm) zu finden sind. Überall fällt Tageslicht ins Gebäude. Alle Zimmer verfügen über Schiebefenster, die auf die Terrasse oder den Balkon führen und dem Gast die Möglichkeit bieten, die traumhafte Natur ringsum zu genießen.

„Wir haben bei der Planung nichts dem Zufall überlassen. Stichwort Musterzimmer: Es wurde ein Holzkubus gebaut und darin ein Doppelzimmer mit 36 qm originalgetreu eingerichtet – und dreimal umgebaut bis alles so war, wie

Die Öschberghof Suite ist 111 Quadratmeter groß und entspricht damit einer luxuriösen Wohnung mitten im Hotel. Sie verfügt über ein eigenes Besprechungszimmer (unten).

wir es geplant hatten. Da geht es um Details: Wie bewegt sich der Gast? Wie bewegen sich die Mitarbeiter? Kann ich alle Ecken gut sauber halten?“, so Aisenbrey.

Ganz besonders sind auch die inkludierten Leistungen: Willkommensgruß bei Anreise, das individuelle Kissen – und Matratzenmenü und Qualitätsbetten, Soundbox mit Anschlussmöglichkeiten für eigene Endgeräte, umfangreiches TV-Angebot mit Sportsendern sowie schweizerischen und österreichischen Programmen, Minibar, befüllt mit Softdrinks, Wein, Bier und Wasser, Möglichkeit zur Kaffee- und Teezubereitung mit Spezialitäten, Tablet-PC mit über 100 Tageszeitungen und Webradio, eine Badetasche mit gemütlichem Bademantel und Slippern, hochwertige Kosmetik und Schlafduft und nicht zu vergessen, ein hochwertiges Kunstkonzept für eine angenehme Atmosphäre.

Außerdem bietet das Hotel einen resorteigenen Fuhrpark mit den neuesten Fahrzeugen, WiFi im gesamten Resort, Schuhputzservice sowie Tageszeitungen und Magazine.

 

 

Das Wohnzimmer – Ruhepool inmitten der Hotelanlage.

Gehobene Küche und eine Vielzahl an kulinarischen Angeboten

Der Öschberghof bietet in vier Restaurants eine Vielfalt an kulinarischen Angeboten, die jedes für sich durch Authentizität und höchste Qualität die unverwechselbare Handschrift des Luxushotels interpretieren.

Das Esszimmer mit einer Deckenhöhe von rund acht Metern ist komplett verglast und verfügt damit über eine Vielzahl an Fensterplätzen. Bis zu 220 Personen finden Platz, wobei geschickt platzierte Raumteiler für eine gemütliche Atmosphäre sorgen. Hier werden Frühstück, Nachmittagssnack sowie Abendessen für Resortgäste und lokale Besucher serviert. Ein abtrennbarer Clubraum bietet sich außerdem

Linke Seite: Oben: Das komplett verglaste, acht Meter hohe Esszimmer kann bis zu 220 Personen aufnehmen. Unten: Die großzügige Theke der Bar lädt zu gemütlichen Abenden ein.

für private Gesellschaften an. Küchendirektor im Öschberghof ist seit April 2018 Gregor Schuber, dem auch die Führung der Küche im Tagungszentrum inklusive Festsaal obliegt.

Mit modern gestalteten Sitzecken in Erdtönen und royalem Blau und einer großzügigen Theke lädt die Bar zu gemütlichen Abenden ein. Barchef Julian Hischmann hält über 120 Whisky- und mehr als 80 Rumsorten bereit sowie verschiedene hausgemachte Sirupe. In der angrenzenden Smokers Lounge mit Kamin und dem begehbaren Humidor wählen Zigarren-Fans aus über 100 verschiedenen Sorten.

Das Wohnzimmer, in unmittelbarer Nähe zur Hotellobby gelegen, bietet den idealen Rückzugsort für Resortgäste. Die angrenzende Tagesbar verfügt über ein umfangreiches Angebot an heißen und kalten Getränken sowie eine Snackkarte als auch Kuchen und Torten aus der hauseigenen Patisserie, die ganztägig serviert werden.

Ristorante & Pizzeria Hexenweiher serviert gehobene italienische Küche mit regionalen Einflüssen und unter anderem Pizza aus dem

 

 

Im Hexenweiher serviert der Öschberghof gehobene italienische Küche.

Steinofen und Pasta beispielsweise aus dem Parmesanrad. Das im modernen italienischen Stil eingerichtete Restaurant verfügt über mehrere Räume mit insgesamt 140 Sitzplätzen sowie eine große geschützte Terrasse (200 Plätze) mit Blick auf die weitläufige Golfanlage. Das Restaurant liegt gleich neben dem Golfsekretariat und fungiert auch als Clubhaus für Golfer.

Die im alpenländischen rustikalen Stil gehaltene Öventhütte mit Open-Air-Grillstation liegt mitten im Wald, zwischen den Golfplätzen und bietet gehobene gutbürgerlicher Küche ab Mittag mit 100 Sitzplätzen. Ein Natur-Spielplatz direkt neben der Hütte lädt die jungen Gäste zum Toben ein. Dank ihrer ungestörten Lage wird die Öventhütte auch gerne für Hochzeiten

Linke Seite: Die im alpenländischen, rustikalen Stil erbaute Öventhütte mit Open-Air-Grillstation liegt mitten im Wald, was das Feiern bis in den frühen Morgen hinein möglich macht.

und andere große Events gebucht, da hier Feiern bis in die frühen Morgenstunden möglich ist.

Im ÖSCH NOIR erfüllen sich die Sehnsüchte aller Genießer

Das ÖSCH NOIR ist ein Sehnsuchtsort für Genießer. Hier zelebriert Küchenchef Manuel Ulrich moderne französische Küche, aromenstark, leicht und ein bisschen frech, wie der junge Spitzenkoch selber meint. Links die Bar, rechter Hand die Vinothek: Wie um die Vorfreude zu steigern, haben die Architekten das ÖSCH NOIR weit in den Gebäudekomplex hineingesetzt. Beim Eintreten öffnet sich der Raum dem Betrachter; hinter hohen Glasscheiben hantiert das Team von Chef de Cuisine Manuel Ulrich, gegenüber laden legere Hocker und Stehtische zum Aperitif. Die geschälten Stämme junger Bäume fungieren als Stehtische, silberfarbene, von der Decke baumelnde Prismen spiegeln das Licht. Im Restaurant selbst, das bis zu 50 Personen Platz bietet, kokettiert es in allen Facetten.

 

 

Willkommen im ÖSCH NOIR – an dem Ort, wo sich die Wünsche der Genießer erfüllen.

Aufgereihten Tautropfen gleich umschmeicheln gläserne Perlenketten die runden Sitzgruppen in der Mitte des Restaurants, vermitteln Intimität und Großzügigkeit gleichermaßen. Der samtige Teppichboden greift die Farbe der Polster auf und wenige ausgesuchte Accessoires setzen Akzente.

Der Gast kann im ÖSCH NOIR zwischen zwei Menüs wählen, jeweils mit vier bis sieben Gängen oder à la carte: Während für das Menü „NOIR“ auch Fleisch und Fisch verarbeitet werden, bietet „VERT“ ausschließlich vegetarische Köstlichkeiten. Und wer lieber vegan speisen möchte, kann sich ebenfalls freuen. Die Menüs wechseln alle zwei bis drei Monate.

Linke Seite: Im Ösch Noir kocht das Team von Spitzenkoch Manuel Ulrich hinter hohen Glasscheiben. Das Restaurant bietet bis zu 50 Personen Platz, gläserne Perlenketten umschmeicheln die runden Sitzgruppen.

Wein entnehmen, ohne dass Sauerstoff in die Flasche gerät

Wenn der Sommelier des Hauses Michael Häni über seinen persönlichen Weg zum Wein spricht, ist das mehr als spannend. Das Spiel mit dem Unerwarteten weiß er ebenso zu inszenieren wie die große Weinreise zum Menü. Der gebürtige Schweizer ist ein beeindruckend guter Unterhalter. „Selbstverständlich haben wir die großen Namen auf der Karte, sie umfasst mehr als 500 Positionen, aber es ist immer wieder ein super Moment, wenn der Gast meiner Beratung folgt und begeistert ist.“

Michael Häni überrascht die Gäste des Öschberghofs auch mit seiner Einstellung zu „offenen“ Weinen. „Nicht jeder möchte eine Flasche Château Pétrus für mehrere tausend Euro kaufen, ein Glas davon trinken aber sehr wohl. Wir arbeiten hier mit einem Verfahren, mit dem wir den Wein entnehmen können, ohne dass Sauerstoff in die Flasche gerät.“ „Der Gast muss dem Sommelier vertrauen können wie seinem Friseur.“

 

 

Eine Hotelanlage der Superlative im Luftbild – der Öschberghof (vorne) samt der 45-Loch-Golfanlage und den zahlreichen Nebengebäuden. Das bei Donaueschingen liegende Wohlfühlresort will sich als Golf-Aushängeschild von Baden-Württemberg positionieren. Um den sogenannten East Course, die Attraktion des Resorts, zu realisieren, wurden 225.465 Kubikmeter Erde bewegt, über 41.000 Meter an Drainagen und ca. 48.200 laufende Meter Beregnungsleitungen verlegt. Neu gestaltet wurde auch der bereits 1975 eingeweihte Old Course, der längste der insgesamt drei Plätze und der einzige, der über Championship-Tees verfügt.

 

 

HOME OF GOLF

Ein besonderes Highlight ist der erweiterte und redesignte Golfplatz inmitten der wunderschönen Natur des Schwarzwalds. Er liegt unmittelbar neben dem Hotel und macht den Öschberghof zum perfekten Reiseziel für passionierte Golfer. Deren besondere Anforderungen spiegeln sich ebenfalls in der architektonischen Umsetzung wider: Über die Parkgarage gelangen sie, auch bei Regen, gut geschützt ins Hotel. Die Ausrüstung kann komfortabel entladen werden. Der Zugang zum Platz direkt vom Hotel aus hat einen weiteren Vorteil – er erfordert keine weitere Autofahrt. Golfer gelangen problemlos innerhalb weniger Minuten zu Fuß zum Platz, auf die Driving Range oder zur Golf Academy. Diejenigen, die nicht golfen möchten, genießen das Spa, gehen wandern oder machen Ausflüge. Zum Mittagessen trifft man sich auf der Terrasse oder in einem der vier Restaurants des Resorts. Und wer vor dem Abendessen doch noch einmal einen Korb Bälle schlagen will, kann das ohne großen Aufwand machen und danach den Abend im Restaurant verbringen.

Der ursprünglich 1976 fertiggestellte Golfplatz mit 18 Bahnen (1994 erweitert auf 27 Bahnen) wurde grundlegend überarbeitet und ergänzt. Verantwortlich für das Großprojekt war Christoph Städler mit seinem Münstera-

Exzellente Voraussetzungen für Golfer bietet die neue 45-Loch-Anlage des Öschberghofs inklusive der Golf-Akademie (unten). Dort können die Golfer ganzjährig trainieren. Modernste Messtechnik gestattet eine

 

 

exakte Analyse des Abschlages.

ner Büro STÄDLER GOLF COURSES. In weniger als zwei Jahren schufen er und sein Team direkt am Hotel das Home of Golf, bestehend aus 27 neuen und 18 redesignten Bahnen. In der eineinhalb jährigen Planungsphase sah sich der Platzarchitekt mit mehr als nur einer Herausforderung konfrontiert. So stieß man bei den Erdarbeiten unvermutet auf eine sich weitläufig erstreckende Felsschicht und musste die Platztopografie anpassen. Des Weiteren galt es, ein Vogelschutzgebiet gemäß dessen Schutzstatus zu integrieren – und dann waren da noch zwei prähistorische Hügelgräber: Wer heute die Bahn 6 des Academy Course spielt, kann die Zeugnisse der Kulturgeschichte sofort erkennen: Sie liegen mitten im Fairway.

Der East Course, die Attraktion des Resorts, wurde im ersten Abschnitt fertiggestellt und konnte im Mai 2017 eröffnet werden. Genau ein Jahr später war die gesamte Anlage fertig. In Zahlen ausgedrückt: Es wurden 225.465 m3 Erde bewegt, 48.236 laufende Meter Beregnungsleitungen und 41.041 laufende Meter Drainagen verlegt. Und auch das Feintuning verweist auf Superlative: 6.622 kg Rasensamen, 1.468 t Bunkersand und die Installation von 1.489 Regnern waren notwendig um den neuen 45-Loch-Platz zu dem zu machen, was er nun ist – Home of Golf.

 

 

Old Course besticht durch eindrucksvolle Modellierung des Grüns

Wer sich am Öschberghof auf die Runde begeben möchte, hat die Qual der Wahl. Der 1975 eingeweihte Old Course besticht nach seinem Redesign durch eine optisch und sportlich eindrucksvolle Modellierung der Grüns. Dieser anspruchsvolle Platz mit 18 Löchern ist angelehnt an eine klassische Parklandschaft mit vielfältigem Gehölz-bestand. Er umfasst vier Teiche an sechs Bahnen sowie den Pfohrbach, der weitere vier Bahnen durchquert. Mit rund 6.000 m Länge, von den gelben Standard-Tees aus gerechnet, ist der Old Course der längste der drei Plätze und zudem der einzige, der über Championship-Tees verfügt.

Seit Mai 2017 bereichert der East Course das Golfresort um weitere 18 Bahnen. Das offene Gelände ist visuell geprägt von reich strukturierten Hecken, einigen markanten Solitärbäumen und vor allem durch weitläufige Blickbeziehungen. Seine schlüsselförmige Geländetopografie ähnelt in der Charakteristik einem Linkskurs und ist nicht nur aufgrund der intelligenten Spielführung ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Atemberaubend: der Ausblick von Abschlag 10, dem höchsten Punkt des Golfgeländes. Hier scheint der Horizont in unendliche Ferne zu rücken. Auf knapp 6.000 m Länge bietet der East Course mit sechs Teichen an acht Spielbahnen eine Vielzahl an Wasserhindernissen. Weiter begleiten oder queren der Pfohrbach und seine renaturierte Auenlandschaft den Platz über fünf Bahnen.

Der markant designte Academy Course schließlich hält fünf Bahnen im offenen Gelände und vier Bahnen im Park des Old Course bereit. Seine knapp 2.500 m Länge empfehlen diesen Platz vor allem für eine schnelle Runde. Dank der abwechslungsreich angelegten Grüns und Umgebungsbereiche ist ein extrem hoher Spaßfaktor garantiert.

 

 

Pflege der Anlage hat höchste Priorität

Die Pflege der Anlage genießt höchste Priorität: Die erfahrenen Greenkeeper und Marshalls des Golf Resorts unter der Leitung von Heiko Hildebrandt, Manager Golf Course, sorgen dafür, dass jeder Golfer optimale Bedingungen vorfindet.

Die Golf Academy vereint die gesamte Golfkompetenz des Öschberghofs unter einem Dach. Das begeistert Anfänger ebenso wie Leistungssportler und Profispieler. Seit 2017 ist der ehemalige Eishockeyprofi und Fully Qualified PGA of Germany Stefan Königer als Head Pro im Öschberghof tätig. Im Mai 2018 bezogen er und sein Team ihren neuen Wirkungsort – den Neubau direkt am Golfplatz. Hier kann nun das ganze Jahr hindurch trainiert werden. Es gibt zwei Abschlagboxen mit modernster Messtechnik. Während der Winterzeit nutzen seine Schüler – Königer trainiert Anfänger ebenso wie Profis – die Indoor-Facilities der Academy um ihr Spiel zu verbessern.

Und wenn trotzdem einmal Outdoor-Training angesagt ist: Die Driving Range der Anlage verfügt über beheizbare Abschlagboxen. Aber nicht nur das Training selbst entscheidet über den Erfolg, auch das Equipment muss optimal auf den Spieler eingestellt sein. Ein Golfer sollte nicht gegen sein Gerät spielen, sondern mit ihm, deshalb werden auch Fittings angeboten.

GESCHICHTE DES ÖSCHBERGHOFES

1974 Grundsteinlegung

1976 Der Land- und Golfclub Öschberghof wurde von Unternehmer Karl Albrecht (Aldi Süd) erbaut und über die Jahre hinweg mit angeschlossenem 4-Sterne-Superior Resort vergrößert.

1984 Eröffnung Restaurant Hexenweiher

1988 Eröffnung Golfplatz mit 18 Bahnen auf 130 ha

1994 Erweiterung des Golfplatzes auf 27 Bahnen

2001 Erste große Softrenovierung. Zu diesem Zeitpunkt verfügt das Hotel über 73 Zimmer, 9 Tagungsräume, 2 Restaurants, eine 27-Loch-Golfanlage und einen großzügigen Spa-Bereich auf 2.500 qm

2015-2018 Die große Erweiterung bringt den Öschberghof auf den heutigen Stand:

 

 

ÖSCH SPA

DER ÖSCH SPA BIETET AUF ÜBER 5.000 QUADRATMETER EINE ÜBERAUS GROSSZÜGIGE ERHOLUNGSOASE FÜR ALLE SINNE. VIER BEREICHE VERSPRECHEN TIEFE ENTSPANNUNG.

 

 

Fernöstlich inspiriert ist das Asia SPA.

Vom Asia SPA zum Lady SPA

Im Öschberghof stehen vier SPA-Bereiche zur Verfügung. Fernöstlich inspiriert ist das Asia SPA. Es entführt mit dunklen Steinen und roten Laternen, goldenen Wänden sowie floralen und Bambus-Akzenten in japanische Badekulturen – mit Kamaburo (Steinbad), Sento (Dampfbad) und dem warmen Onsenbecken, das den typischen heißen Quellen in Japan nachempfunden ist.

Im Harmony SPA stellt eine leuchtend orange Salzsteinwand einen optischen Bezug zur Microsalt-Technologie vom Sauna- und Bäder-Spezialisten Klafs her: Die Gäste atmen ein besonders feines Salzaerosol ein. Dabei verteilen sich die feinen Salzpartikel – anders als bei herkömmlichen Salzanwendungen – über das gesamte Atemwegssystem. Regelmäßige Anwendungen können so zur Säuberung und Revitalisierung der Haut sowie zur Unterstützung des Immunsystems beitragen.

Zum Bereich des Energy SPA gehören die 36 qm große Eventsauna mit Innenhof, eine verglaste Design-Sauna sowie ein Dampfbad und eine Infrarotkabine mit raffinierten Lichteffekten, die Schwitzbaden zum echten Erlebnis machen. Eine innovative Eis-Lounge setzt dazu den dynamischen Kälte-Kontrast.

Im Lady SPA verleihen Sauna- und Dampfbadkabinen in runden, weichen Linien ebenso einen weiblichen Touch wie zarte, beige-türkise Farbschattierungen und duftige Vorhänge, die Ruheinseln von der Kommunikationslounge abtrennen.

Natürlich, ganzheitlich und wirkungsvoll bringt das Team des ÖSCH SPA Körper und Geist auch mit den Anwendungen in Einklang: Im kosmetischen Bereich buchen Gäste zum Beispiel Beautyzeit und die Profis entscheiden zusammen mit dem Gast vor Ort, was für ihn genau das Richtige ist. Das Team behandelt in Zeremonien und Ritualen hauptsächlich mit Naturkosmetik wie dem kostbaren Aloe-Frischpflanzenblatt von Pharmos Natur. Dazu stehen sieben Behandlungslofts sowie ein Raum für Maniküre und Pediküre zur Verfügung. Verschiedene Signature-Treatments wurden eigens für das ÖSCH SPA entwickelt, genauso wie die Zielgruppen-Signatures etwa für Vielfahrer,

 

 

Bürojobber und Golfer. Bei Letzterem wird stilecht und wirkungsvoll sogar mit Golfbällen massiert.

Ebenso unverwechselbar sind die neuen Barbier-Angebote – die perfekte Kombination aus pflegender Rasur und purer (Aloe-) Pflanzenkraft, nach Belieben mit einer NackenOhren-Kopfhautmassage, einer erfrischenden Gesichtsmaske oder einer entspannenden Handpflege zu kombinieren.

Von A wie Aquafitness bis Z wie Zirkeltraining

Wohltuende Erfrischung versprechen der großzügige Innenpool (25 x 12,5 m) und der 20 m lange, ganzjährig beheizte Infinity-Außenpool mit 1,5 % Sole. Für Bewegung sorgt das moderne ÖSCH GYM, ein innovativ konzipierter Aktivitäts-Spielplatz für Erwachsene mit Indoor- und Outdoor-Trainingsflächen auf über 550 qm, ausgestattet mit modernsten Technogym-Geräten. Eine Cube-Wand, eine Outdoor-Kompan-Anlage, aber auch Skillmill-Geräte mit Eigenantrieb und die Kinesis- wie Logical Golf-Wand von Technogym sind top-moderne Highlights, ergänzt durch ein tägliches Kursprogramm.

Von A wie Aquafitness bis Z wie Zirkeltraining – im Öschberghof findet jeder Gast seinen eigenen Weg zu mehr Fitness und Wohlbefinden. Neben den 45 Kursstunden pro Woche unterstützen vor allem erstklassig ausgebildete Personal Trainer dabei, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

Die Tür zum Kursraum steht einladend offen, vor einer flächendeckenden Spiegelwand macht ein Hotelgast mit der Personal Trainerin ein paar Dehnübungen. Gleich geht es raus zur Nordic-Walking-Runde einmal um den Golfplatz herum, gut fünf Kilometer, genau die richtige Distanz um am Morgen in Schwung zu kommen. Sie kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen, sagt die Personal Trainerin – und keinen schöneren Ort, um zu arbeiten. Davon profitieren die Gäste des ÖSCH GYMs gleich mehrfach, sie besitzt neben der Lizenz zur Personal Trainerin auch die zur Sporttherapeutin und Wellness- und Entspannungstrainerin. Die bodentiefen Fenster wurden zurückgeschoben und geben den Blick auf die Außenanlage frei. Hier trainiert ihr Kollege, lizenzierter Personal Trainer und Fitnesstrainer, gerade mit einer kleinen Gruppe an den Geräten des OutdoorFitness-Parks. Beide wissen zu motivieren, beide stellen sich täglich neu auf die Ziele der Gäste ein. Und die wohnen längst nicht alle im Resort: Viele von ihnen stammen aus der Region und nutzen das GYM als persönlichen Fitnessclub. „Der eine möchte abnehmen, ein anderer nach langer Pause wieder mit Sport anfangen oder treibt bereits intensiv Sport und möchte hier etwas für eine bestimmte Muskelgruppe tun“, beschreibt die Personal Trainerin die verschiedenen Zielgruppen.

Ausführliche Anamnese, individuelle Trainingspläne

Gäste des Resorts, die gezielt an ihrer Fitness arbeiten möchten, können schon vor dem Aufenthalt Kontakt mit den Trainern aufnehmen und über einen individuellen Trainingsplan sprechen. Eine ausführliche Anamnese vor dem ersten Training ersetze das allerdings nicht, betont der Personal Trainer. Die kürzeste Einheit beträgt 25 Minuten, die Power-Pakete enthalten bis zu 20 Einheiten mit einer Laufzeit von bis zu 25 Wochen ab Start. Jeder Gast, der an den Geräten arbeiten möchte, erhält ein Technogym-Armband, das die Trainingsdaten speichert. Er und seine Kollegin sind von den hochmodernen Fitnessgeräten total überzeugt: „Ein wichtiger Aspekt ist die ‚Range of Motion’. Damit können wir den Belastungsgrad einstellen bzw. definieren, bis zu welchem Winkel man Arm oder Bein beugen oder strecken kann“, sagt er. Die Personal Trainerin sieht einen weiteren Mehrwert für die Gäste darin, dass die Trainingsdaten auf jedem Technogym-Gerät abgerufen werden können: „Wenn ein Gast heute hier trainieren möchte und morgen in einem Technogym-Studio in Dubai – kein Problem.“

Um auf die Bedürfnisse Golf spielender Gäste und Mitglieder bestmöglich eingehen zu können, haben beide Trainer ihre Platzreife ge

Das ÖSCH SPA bietet eine überaus vielgestaltige Erholungs- und Fitnessoase. Oben der Fitnessraum mit modernstem Gerätepark. Unten links: Blick ins Ladys SPA und rechts beim Personal Training.

 

 

macht. „Viele Golfer kommen zum Krafttraining zu uns oder zum Stretching“, erzählt der Personal Trainer. Wer dagegen seine Körperhaltung beim Abschlag oder seinen Schwung verbessern möchte, dem empfehlen sie eine Stunde an der Kinesis-Wand in der Golf Academy. „Manchmal schicken wir Gäste auch erst in die Sauna oder zur Massage, wenn beim Training etwas wehtut“, sagt sie, „wir empfehlen uns hier alle abteilungsübergreifend weiter.“ Und damit nicht genug, die beiden haben bereits das nächste Ziel im Blick: Sie möchten die Gäste des Öschberghofs bereits beim Check-in auf die vielen Möglichkeiten in Sachen Sport und Fitness hinweisen und für eine „Schnupperstunde“ begeistern.

 

 

„Die Gastfreundschaft im Öschberghof loben die Gäste am meisten“

IM GESPRÄCH MIT GESCHÄFTSFÜHRER ALEXANDER AISENBREY

ZUR PERSON

Seine Laufbahn begann Alexander Aisenbrey im Hotel Bachmeier am Tegernsee, gefolgt von Positionen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Nach Studium und Abschluss an der Hotelfachschule Heidelberg, der Cornell University Ithaca, New York, und an der ADG Business School Montabaur folgten Positionen als Mitglied der Geschäftsleitung der Traube Tonbach und Direktor des Vila Vita Rosenpark, Marburg. Seit 2003 ist Aisenbrey als Geschäftsführer des Golf-, Wellness- und Tagungsresorts Öschberghof tätig. Auch ist er neben weiteren Ehrenämtern seit Juni 2016 der Vorsitzende des Fair Job Hotels e.V.

Herr Aisenbrey, Sie haben mit der umfassenden Sanierung und Erweiterung letztlich einen neuen Öschberghof geschaffen? Alexander Aisenbrey: Ja, im Grunde haben wir ein neues Resort erschaffen. Zuerst wollten wir eine Wiedereröffnung, aber final ist es in dieser Konstellation eine Neueröffnung. Wir haben uns mit neuer Struktur neu positioniert und werben intensiv um neue Gäste. Zum Glück gibt es viele Stammgäste, die uns treu geblieben sind. Das freut uns ganz besonders!

Auch wenn der Betrieb in einem Hotel nie zur Routine wird, im Alltag sind wir mit Stand Oktober 2019 noch nicht zu 100 Prozent angekommen. Allein die Verdoppelung der Belegschaft auf rund 400 Mitarbeiter machte es erforderlich, die logistischen Abläufe größtenteils neu zu definieren.

Was loben die Gäste am neuen Öschberghof?

Vor allem unsere Mitarbeiter. Sie sind ein Alleinstellungsmerkmal unseres Resorts. Von der Hotelausstattung her gesehen können sie unter dem Einsatz entsprechender Mittel alles schaffen. Sie können nach Dubai, China oder Amerika schauen, da entsteht jetzt gerade ein Haus, das noch spektakulärer, größer und schöner ist. Das wird ständig so sein. Was der Gast aber oft nicht findet, ist eine ehrlich gemeinte Gastfreundschaft. Und das haben wir hier mit unseren Mitarbeitern extrem gut umgesetzt. Auf 90 Prozent der Gästefragebogen – und wir bekommen viele zurück – ist vermerkt: „Wir kommen wieder! Sie haben die besten Mitarbeiter, die wir in den letzten Jahren erlebt haben.“ Unsere Gastfreundschaft loben die Gäste am meisten.

Natürlich wird auch das Design hervorgehoben, ebenso das neue Gourmet-Restaurant, ein Aushängeschild für die gesamte Region. Und selbstverständlich der Spa-Bereich, der riesig ist. Für die Golfplätze gilt, dass es sie in dieser Form in ganz Deutschland kein zweites Mal gibt. Wir haben auch dazu viele positive Rückmeldungen. Und dennoch wollen wir nie perfekt sein,

 

 

denn sonst sind wir keine Menschen mehr. Wir streben zwar 100 Prozent an – doch wenn wir 90 Prozent erreichen, ist es grandios.

Die DEHOGA sagt: Sie sind das beste Haus in Baden-Württemberg. Andere zählen sie sogar in Mitteleuropa zur Spitze. Wie stufen sie sich selbst ein?

Die DEHOGA-Klassifizierung wird an klaren Kriterien festgemacht – und wir haben die höchste Punktzahl in Baden-Württemberg erreicht, sind somit als 5-Sterne Superior klassifiziert. Doch das Hotel steht in Donaueschingen – nicht in Mailand, Sylt oder Kitzbühel. Wir sind mit der Region verbunden und verstehen uns als ein regionales Landhotel mit einem besonderen Flair und einem sehr hohen Dienstleistungsgedanken sowie einer schönen Qualität. Was wir schaffen wollen ist, dass sich der Gast wohlfühlt, gleich, wo er herkommt. Das ist es, was wir versuchen: jeden Gast zu begeistern.

Sie haben das vorhandene architektonische Grundkonzept im Kern beibehalten und weiterentwickelt?

Der Öschberghof ist ein perfekt in die Natur eingebundenes Hofgebäude geblieben, das hat unser Architekturbüro hervorragend umgesetzt. Die Wertschätzung regionaler, traditioneller Architektur sowie der behutsame Umgang mit dem Bestand bildeten die Grundlage für die Erweiterung. Wir haben die Gebäude immer nur in zwei gerade Richtungen gesetzt – es gibt keine Rundungen, keine Schrägen. Es ist in der Tat der Hofgedanke durchgezogen worden – auch mit der Dreistöckigkeit. Auch deswegen glaube ich, dass uns eine einzigartige Symbiose gelungen ist und der Öschberghof als überregionaler Anziehungspunkt gelten kann.

Der Öschberghof ist der größte Arbeitgeber in der Region Schwarzwald-Baar/Heuberg im Bereich Tourismus …

In der Region gehören wir zu den zehn größten Arbeitgebern und im Tourismus-Bereich sind wir führend. Bei uns arbeiten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Region selbst, die natürlich das besondere Flair ins Haus bringen. Und wir bilden aus: Der Öschberghof kann 70 Auszubildende und Studenten vorweisen.

Ist es schwierig, am Standort Donaueschingen für Ihren speziellen Bereich Personal zu finden?

Grundsätzlich ist es generell schwierig, egal in welcher Branche – man hört das ja rauf und runter. Wir machen hier vieles anders und haben derzeit alle Arbeitsstellen und Ausbildungsplätze besetzt. Der Öschberghof hat eine andere Vision der Mitarbeiterführung, die kreativen Freiraum lässt. Wir sehen den Menschen und nicht die Arbeitskraft.

Sie haben die Probezeit abgeschafft?

Ja, das stimmt. Wir führen lieber im Vorfeld ein Gespräch mehr, um sicher zu sein, dass der Mensch zu uns passt. Denn noch entscheidender als die fachliche Qualifikation ist die menschliche Komponente. Probezeit hat arbeitsrechtliche Vorteile, aber mehr nicht.

Bei uns gibt es auch keine befristeten Arbeitsverträge. Wir sind einfach davon überzeugt, dass der, der sich bewusst bei uns bewirbt, sich dazu im Vorfeld entsprechende Gedanken gemacht hat.

Sie haben die Initiative Fair Job Hotels gegründet, das hängt mit dieser Grundhaltung zusammen?

Die Initiative haben wir genau aus diesem Grund gegründet. Schlechte Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung – schlechter Umgang. Der Ruf des Hotel- und Gaststättenwesens ist diesbezüglich negativ belastet. Wir sehen das jedoch völlig anders. Und viele Kollegen sehen das auch so, inzwischen beteiligen sich über 80 Hotels an dieser Initiative. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, gemeinsame und verbindliche Werte und Standards für den Umgang in der Hotelbranche zu schaffen und Jobs zu verbessern. So ein Resort wie der Öschberghof lebt von der Gesamtstimmung und einem guten Mitein

 

 

Das bestehende architektonische Grundkonzept wurde bei der Erweiterung des Öschberghofes beibehalten. Nach wie vor handelt es sich um ein Hofgebäude, wie es für unsere Region typisch ist.

ander. Das gute Miteinander geht von den Mitarbeitern aus und deswegen ist das auch unsere Vision mit den Fair Job Hotels. Wir können die Mitarbeiter begeistern, dass sie gerne zur Arbeit kommen. Das ist doch das Entscheidende.

Und auch das ist für mich Wertschätzung: Wir haben ein eigenes Mitarbeiterrestaurant gebaut und kochen jeden Tag frisch für unsere Mitarbeiter. Und wenn sie bei ihnen sitzen und die Mitarbeiter sagen: „Es schmeckt besser als zu Hause“, dann haben sie ein tolles Alleinstellungsmerkmal geschaffen.

Wir bieten weiter Sportprogramme an und kümmern uns um viele andere Belange. Und was man ebenfalls sehen sollte: Die Belegschaft des Öschberghofs setzt sich aus 42 Nationalitäten zusammen.

Gibt es schon erste Trends zur Entwicklung der Gästezahlen?

Vor dem Umbau waren wir zu 85 Prozent belegt. Diese hohe Auslastung hat dazu geführt, dass wir die Entscheidung getroffen haben, das Resort zu vergrößern. Also muss es das Ziel sein, mindestens wieder auf 80 Prozent zu kommen – bei doppelt so vielen Betten! Vor dem Umbau waren wir relativ klar aufgestellt: 60 bis 70 Prozent der Gäste waren Deutsche, 30 bis 35 Prozent Schweizer und der Rest verteilte sich weltweit. Den Anteil der internationalen Gäste wollen wir jetzt spürbar steigern, in China und Amerika laufen diesbezüglich verstärkt Aktivitäten an. Vor allem die Deutschen und ebenso die Schweizer werden aber auch in Zukunft den Hauptanteil unserer Gäste ausmachen.

Welche Rolle spielt dabei die Golfanlage?

In dem Segment Golf natürlich die Wichtigste. Wir haben drei Schwerpunkte: Von April/Mai bis September/Oktober ist der Golfsport ein absoluter Magnet. Dann haben wir den Meeting- und Tagungsbereich, der vor dem Umbau den größten Anteil an Gästen brachte, nämlich über 40 Prozent. Hinzukommt unser SPA-Bereich, der natürlich jetzt durch die Vergrößerung eine noch wichtigere Rolle spielen wird.

 

 

Der Mix wird sich nicht groß ändern im Vergleich zu vorher: 40 Prozent Business, 30 Prozent Golf, 20 Prozent Spa, und der Rest sind Hochzeiten, Fußball usw. So wird sich final der Markt aufteilen.

Stichwort Fußball: Sind bereits besondere Gäste in Sicht?

Eben war Fortuna Düsseldorf da. Für nächstes Jahr sind wir im Gespräch mit Köln. Wir haben uns jetzt wieder zurückgemeldet. Köln hat uns ja absolute Höchstnoten für das Trainingslager gegeben. Das spricht sich in der Branche herum. Natürlich hört es sich gut an, wenn ein Verein wie der FC Chelsea kommt. Doch diese Spitzenklubs haben eine ganz andere Vision von einem Trainingslager, sie wollen abgeschottet sein. Wir aber möchten „Fußball zum Anfassen“ machen. So wie es mit Köln möglich war. Da standen am Wochenende 400 Leute um den Platz herum und haben auch mal den Ball ins Spielfeld werfen können. Natürlich werden wir nicht absagen, wenn ein international renommierter Spitzenclub kommt, aber grundsätzlich wollen wir uns auf die Bundesliga konzentrieren.

Haben Sie Karl Albrecht noch gekannt? Wie kam er auf die Idee in Donaueschingen ein erstklassiges Hotel zu bauen?

Ja, viele Jahre konnte ich mit ihm zusammenarbeiten. Karl Albrecht war ein begeisterter Golfspieler, und als er dann dieses Grundstück angeboten bekam, griff er zu. Er ist sehr gerne hierher in den Süden gefahren, die Gegend hat ihm gefallen. Aber die Frage ist natürlich vollkommen berechtigt, weshalb stellt man so ein Hotel nach Donaueschingen? Unser Standort ist manchmal schon eine Herausforderung. Das bedeutet, wir müssen unser Marketing anders anlegen, als wenn wir in Kitzbühel wären. Hier können wir uns nur über den Öschberghof und unsere Leistungen verkaufen.

Und wir verkaufen die Region natürlich sehr gerne mit. Wenn wir Reiseveranstaltern wie kürzlich in Stockholm das Hotel präsentieren und aufzeigen, was die Region so bietet, bekommen wir zurückgemeldet: Da ist ja richtig was los in dieser Region.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist stolz auf den Öschberghof, das klingt vielfach durch …

Es ist ein Geben und Nehmen. Ein Luxushotel wie unseres hat internationale Ausstrahlung für die Region. Es zieht Menschen an, die sonst nicht hierher kommen würden, wie eine bekannte Fußballmannschaft beispielsweise. Durch diese Kombination gewinnt die Region an Glanz, die uns in vielen Bereichen unkompliziert unterstützt. Unsere Übernachtungsgäste akquirieren wir mit der Leistung des Hauses überwiegend selbst und nutzen die Region, um den Gast final länger hierzubehalten. Die Schweiz und der Bodensee sind nicht weit entfernt. Wir haben hier wunderbare Radwege, das Museum ArtPlus, den Donau-Ursprung oder den Narrenschopf in Bad Dürrheim. Und wenn wir fastnachtsbegeisterte Kölner hier haben, ist das eine richtig tolle Geschichte. Wir verweisen auf Villingen, wo man sich auch historisch umschauen kann. Und wer wanderaffin ist, kommt besonders auf seine Kosten: Der Schwarzwald vor allem begeistert auf vielfache Weise.

Unsere Erfahrung ist: Die Gäste kommen, stellen ihr Auto ab – und nutzen es erst wieder, wenn sie abreisen. Das wollen wir noch ausweiten: Wir haben E-Bikes hier, bieten beispielsweise Brauereikurse an oder Exklusivführungen im Museum ArtPlus. Ziel muss sein, dass man den Gast, der sich bewusst für den Öschberghof entscheidet, auch in die Region bringt. Wir sind optimistisch, dass uns das auch gelingen kann.

Herr Aisenbrey, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Rechte Seite: Moderne Tagungsräume bietet der Öschberghof in verschiedenster Ausstattung und Größe. Unten der Festsaal.

 


Die Scheffellinde in Achdorf

Sie ist ein Kleinod in der gastronomischen Landschaft der gesamten Region, einer der Mittelpunkte des 420-Seelen-Ortes Achdorf und ein Haus mit einem 476-jährigem, geschichtsträchtigen Hintergrund. Die Scheffellinde ist aber vor allem der ganze Stolz der Familie Wiggert, die das Landgasthaus in der 19. Generation führt und ihre ganze Energie in das „Scheffel-Ausruhnest“ am Rande der Wutachschlucht steckt.

von Marc Eich

 

 

Karl Wiggert, seine Schwester Sabine Hille und Cornelia Wiggert führen die Scheffellinde in Achdorf.

Mit Bedacht geht Sabine Hille durch den gemütlichen Gastraum. Jedes Bild, jede Figur und jede Inschrift

ist ein Relikt aus vergangenen

Zeiten und gleichzeitig ein Stück

Geschichte des Hauses. Ein Ge

mälde sticht dabei insbesondere

ins Auge. Es zeigt zwei Männer zu

sammen mit einer Frauenrunde an

einem Wirtstisch. „Das ist Joseph

Victor von Scheffel mit seinem

Freund Richard Stocker“, erzählt

Sabine Hille, die gemeinsam mit

ihrem Bruder Karl Wiggert und

seiner Ehefrau Cornelia das tradi

tionsreiche Landgasthaus führt.

Und damit befindet man sich

schon mitten drin in der bewegten

Geschichte der Scheffellinde –

denn der angesehene Schriftsteller und Dichter

war einer der berühmtesten Gäste des Hauses

und gab diesem nach seinem Tod im Jahr 1886

seinen Namen. Wie kam es dazu? Die Chronik des Gast

hauses berichtet, dass Scheffel zwischen den

Jahren 1857 und 1859 Hofbibliothekar beim Fürsten zu Fürstenberg war und der Dichter zu

dieser Zeit als Stammgast mit seiner Kutsche

oder zu Fuß in die Linde nach Achdorf kam. Als einer der ersten überzeugten Demokraten im badischen Land hat er bei den gleichgesinnten Wirtsleuten hohes Ansehen genossen. Nicht zuletzt sorgte jedoch wohl auch die Liebe zur Wirtstochter Josefine Meister dafür, dass der damals 31-jährige Scheffel die Lokalität regelmäßig aufsuchte. Das schmucke Mädchen hatte es ihm angetan. Er verewigte die Schöne beispielsweise in seiner Erzählung „Juniperus“. Weshalb sich keine tiefere Bindung entwickelte, ist indes nicht bekannt. Mit seiner späteren Frau jedenfalls wurde der

sensible Künstler nicht so recht glücklich, wie

gleichfalls überliefert ist.

Eine 476-jährige Geschichte

Das Anwesen wurde 1543 auf dem Gelände eines herrschaftlichen Meierhofes errichtet

 

 

Das Gasthaus Linde in Achdorf im 19. Jahrhundert. Die Zeichnung zeigt das aus dem Jahr 1543 stammende Gasthaus vor seiner Umbenennung in Scheffellinde im Jahr 1886.

und befindet sich seit dem Bauernaufstand in den Händen der gleichen Familie: Über 19 Generationen hinweg, insgesamt seit 476 Jahren. Interessanterweise geschah die Erbfolge meist über weibliche Nachkommen (siehe dazu auch:
historische-gasthaeuser.de
).

Der frühere Name des Gasthauses ist auf einen Friedensbaum zurückzuführen, ihn pflanzten die Talemer nach dem Dreißigjährigen Krieg. Er spendete den Gästen über Jahrhunderte hinweg Schatten. 1972 allerdings fiel der Baumriese, der zuvor bei Straßenbauarbeiten beschädigt worden war. Die Wirtsleute pflanzten eine neue Linde, 1995 kam eine weitere hinzu.

Um das Jahr 1800 herum wurde zusätzlich eine eigene Brauerei gegründet, die bis 1905 in Betrieb war. Das „Lindenbier“ fand Anklang, es wurde regelmäßig in zwölf Orten verkauft.

Das Gasthaus Linde hat schon immer das Wasserrecht besessen. Mit der Folge, dass sich eine Mühle, ein Sägewerk, eine Holzdrechslerei, eine Schmiede und ein Holzhandel in der Nähe ansiedelten. So lebten immer mehr Menschen im Tal. Wie damals üblich, war das Gasthaus Haltestelle für Postkutschen. Zudem befand sich ab 1904 in der Scheffellinde die Achdorfer Poststelle . Diese Ära endete erst 1994.

Neben dem Namensgeber Victor von Scheffel verkehrten im Gasthaus auch weitere bekannte badische Dichter und Autoren. So der Reiseschriftsteller und Pfarrer Heinrich Hansjakob aus dem Kinzigtal. Ebenso Johann Peter Hebel, der Pionier der alemannischen Mundartliteratur.

Diese Nähe zu liberal gesinnten Denkern Südbadens ließ Gustav Wiggert, Vater von Karl Wiggert und Sabine Hille, wieder aufleben. Er machte die Scheffellinde zum Traditionslokal der Liberalen und etablierte dort den politischen Aschermittwoch der FDP.

 

 

Am 4. Januar 1930 brannte die Scheffellinde bis auf die Grundmauern nieder. Unersetzliche historische Dokumente wie Gästebücher oder Fotos wurden ein Raub der Flammen.

Verheerende Brandkatastrophe

Jedoch blieb die Scheffellinde auch vor einer Katastrophe nicht gefeit: Am 4. Januar 1930 ging das Gebäude in Flammen auf. Der Schaden war verheerend: Die Flammen zerstörten 90 Prozent des Inventars, darunter Jahrhunderte alte Gästebücher. Spuren dieses schrecklichen Ereignisses finden sich selbst im heutigen Gastraum: „Ein Teil der Gemälde konnte restauriert werden, aber man erkennt teils immer noch den Brandschaden“, erklärt Sabine Hille und zeigt auf die angeschmorten Ecken eines Bildes. Der Brand ist gleichzeitig der Beginn der Ära Wiggert, die bis heute Bestand hat.

Der weitere Ausbau der Scheffellinde

Die Urgroßeltern der heutigen Wirtsleute waren Gustav und Sophie Wehinger. Das Ehepaar hatte vier Töchter, die Zweitjüngste (ebenfalls mit Vornamen Sophie) heiratete 1935 Friedrich Wiggert. Das Ehepaar hatte drei Söhne, von denen Gustav (*1936) das Gasthaus zusammen mit Ehefrau Anna übernahm. Sie erweiterten es um einen Gastraum, die Gartenterrasse und den Kinderspielplatz.

Die heutigen Inhaber, Karl Wiggert sowie seine Schwester Sabine Hille und Cornelia Wiggert, übernahmen die Scheffellinde schließlich 1995 von Gustav Wiggert. Sie sorgen bis heute dafür, dass sich eines der ältesten in Stand gehaltenen und betriebenen Gasthäuser in Familienbesitz in Achdorf befindet.

Nach ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule in Villingen-Schwenningen stieg Sabine Hille in den Betrieb ein. Ihr Bruder hatte von Anfang an vorgehabt, Koch zu werden. Sein Anspruch: alles selbst machen, um am Ende ein gutes Produkt präsentieren zu können. Sein Metier sind dabei die Hauptspeisen, während ihn seine Frau Cornelia mit den Beilagen unterstützt. Alles selbstgemacht, versteht sich. Die 53-Jährige hat ihre Ausbildung zur Köchin in Hinterzarten absolviert und ist in dem traditionsreichen Gastbetrieb gemeinsam mit ihrem 54-jährigen Mann für die hervorragende, weithin bekannte Küche verantwortlich. „Bei uns lastet die Arbeit zum Glück nicht auf einer Person allein“, unterstreicht Sabine Hille. Nichtsdestotrotz kommen die Gastronomen um 12- bis 14-Stunden-Tage nicht herum. Nur so kann der Anspruch der Familie umgesetzt werden: „Wir

 

 

Historische Ansichtskarten der Scheffel-linde aus den 1920er-Jahren.

wollen, dass das erste Essen so gut ist wie das letzte am Tag.“

Mit insgesamt 18 Mitarbeitern, darunter auch weitere Familienmitglieder, sorgt man bereits seit Jahrzehnten für die gleichbleibende, hohe Qualität bei den gehobenen badischen Gerichten. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass es sich bei der Mehrzahl der Gäste überwiegend um Stammgäste handelt. Die Scheffellinde lockte dabei Menschen weit über die Grenzen der Region hinaus an. Von Tuttlingen, Rottweil oder gar aus Stuttgart reisen Gäste an – auch, um das Wochenende in einem der insgesamt sieben Gästezimmer zu verbringen.

Insbesondere Wanderer, die das Achdorfer Tal oder die nahegelegene Wutachschlucht zum Ausspannen und Erkunden nutzen, finden in der Scheffellinde eine der letzten gastlichen Unterkünfte in der nähe

 

 

ren Umgebung und können sich an dem ausgezeichneten Essen erfreuen. Nicht umsonst kann das Gasthaus das „Schmeck den Süden“-Siegel vorweisen.

Gäste schätzen die Authentizität

Eine Voraussetzung, um zu dieser auserwählten Gastronomenrunde zu gehören, ist dabei die regionale Herkunft und damit auch die Frische der Produkte. Hier präsentiert man sich in Achdorf vorbildlich. Sabine Hille: „90 Prozent unserer Produkte sind von hiesigen Erzeugern.“ Selbst die verwendeten Kräuter werden im eigenen Garten hinter dem Haus angebaut, zudem wird das Brot selber gebacken.

Ein Aushängeschild ist dabei das Wildbret, das ausschließlich aus heimischen Revieren stammt. Als einer der ersten Betriebe im Schwarzwald-Baar-Kreis hat man die Auszeichnung „Wild aus der Region“ erhalten. „Wenn kein Reh geschossen wird, dann gibt es bei uns auch keins“, erklärt die 56-jährige Gastronomin.

Oben: Für die gute Küche sorgt das Ehepaar Cornelia und Karl Wiggert mit seinem Team.

Rechte Seite: Die Gaststube präsentiert sich unverändert im Stil der 1930er-Jahre. An der Wand zeigt ein Gemälde Joseph Victor von Scheffelt mit Freund zusammen mit den Wirtstöchtern. Unten rechts die Gartenterrasse.

Und genau diese Authentizität ist es, welche die Gäste in der Scheffellinde zu schätzen wissen und weswegen die Betreiber auch eine hohe Auslastung vorweisen können. So gehen an manchen Wochenenden im Sommer zwischen 500 und 700 Gerichte über die Theke. „Und die Gäste schätzen es, dass sie uns haben“, freut sich die Inhaberfamilie. Genau diese Wertschätzung gibt der Familie auch die Kraft, das Kleinod mit viel Engagement zu betreiben und dafür zu sorgen, dass Achdorf und die Scheffellinde über den Landkreis hinaus einen Namen haben. Heute – wie auch vor mehr als 475 Jahren.

 

 

Hotel Goldener Rabe

Nur wenige Gasthäuser im Schwarzwald haben sich so originalgetreu den Stil der Erbauungszeit der 1920er-Jahre erhalten wie das Höhenhotel Goldener Rabe in Furtwangen. Markant steht es auf der Sattelhöhe zwischen Rabenwald und dem Schochenbachtal an der Landstraße, die zum Gütenbacher Kilpen und auf den Brend hinauf führt.

von Elke Schön

 

 

Das Höhenhotel Goldener Raben – ein nicht nur bei Wanderern geschätztes Ausflugsziel.

Wo der Wald den Blick freigibt auf eine ebene Lichtung mit einigen Anwesen, erscheint hinter dem Schwer-Hof rechts der Straße das silberfarbene Raben-Dach mit freundlichen weiß gerahmten Fenstern im Gaubenbereich. Das Goldgelb der Holztäfelung am Obergeschoss wird nur noch überstrahlt vom Raben aus Metall, der als Wirtshausschild am Traufende baumelt.

Am Hauseingang führt eine überdachte Treppe zu einem kleinen Vorraum. Von da aus genügt ein Blick in die Gaststube, um zu erkennen, dass man jetzt in die Welt der frühen 1930er-Jahre eintaucht. Das Innere des Hauses hält also, was das Äußere verspricht. Von der breiten Theke mit dem geräumigen Gläserschrank schweift das Auge zum mächtigen grünen Kachelofen, der für die Sitzbank behagliche Wärme ahnen lässt. Das Gestänge darüber, kunstvoll geschmiedet, hat wohl einst zum Trocknen der nassen Winterkleider gedient.

Das Team vom Goldenen Raben in den 1980er-Jahren: Roswitha Ehrath-Kurz mit ihrem Mann Robert Ehrath(rechts) zusammen mit Renate Bronnenkant.

 

 

Heute jedenfalls wärmt sich auf der „Kunscht“ ein ausgestopfter Dachs, den Kopf zur Wand gerichtet, wo etliche Rehkrickele (Rehgeweihe), bogenförmig die Fotografie eines Jägers umrahmen, der eine Reihe von Füchsen zur Strecke gebracht hat.Tiere allenthalben: Über dem runden Stammtischtisch und vor dem Ofen tanzen in einem Lampenschirm aus Span kleine ausgesägte Rehe, Hasen und Wildschweine. Und von gegenüber, an der hohen bogenförmig durchbrochenen Zwischenwand, blickt ein riesiger Karibu-Kopf mit ausladendem Geweih auf das Schwarzwald-Idyll herab.

Heinrich Hansjakob: „Du bist jetzt alt…“

An der Nordwand der Gaststube flankieren zwei Mäusebussarde mit ausgebreiteten Schwingen eine achteckige Wanduhr und darunter bleibt Raum für die zahlreichen Fotografien, Schriftstücke und Annoncen, die viel über die Geschichte dieses Hotels verraten. Eingerahmt ist hier beispielsweise das Gedicht zu lesen, mit dem sich der damals berühmte, aber auch umstrittene „Rebell im Priesterrock“ Heinrich Hansjakob im Jahr 1911 am 3. September im Gästebuch verewigt hat:

Es schreien die Raben er Berg und Tal, Sie schreien im Sturm und im Sonnenstrahl, Sie schreien auf der Haid‘ und im Tannenwald Und unglkkdend ihr Echo schallt.

Beim Goldenen Raben fällt ab alles Weh, Er liegt so still auf fernblickender H‘ Schon glänzt Vollmondszauber und Sommerpracht, der Kurgast freut sich bei Tag und Nacht.

Mich der Raben schon zweimal erfreut An des Jahrhunderts Wende und heut Nun sah ich hier oben zum letzten Mal In Vollmonds Zauber der Sonne Strahl Die Raben krächzen im Tannenwald: „Du bist jetzt alt; sie begraben dich bald“

Wer weiß, ob der kranke Dichter weniger melancholisch gestimmt gewesen wäre, wenn er das Haus 20 Jahre später erlebt hätte, so wie es nach dem Brand 1927 neu errichtet wurde. Der Gastraum mit ausladender Fensterfront nach Südosten ist jetzt lichtdurchflutet.

Der Raben liegt auf fast 1.000 Metern Höhe und ist tiefstes Winterland.

Die Sache mit dem Hirschmendig

Nah der Fensterfront fällt an der Wand ein leuchtend-buntes Bild ins Auge, das in grüner Landschaft mit dem Raben im Hintergrund eine knallfarbig gekleidete Frauengruppe mit exotischen Kopfbedeckung zeigt. Sind es Hirschgeweihe? 2014 gemalt? Einheimische wissen natürlich, dass genau in diesem Gasthaus eine uralte Tradition gepflegt wird und Gäste von auswärts erhalten von der Wirtin oder der umsichtigen Kellnerin bereitwillig Auskunft über Hirschkühe und Oberhirsche und den Hirschmendig: Einen Brauch, der mit der alten Fastnacht zusammenhängt. Im Höhenhotel Zum goldenen Raben wird die alte Fastnacht sprich Burefastnacht noch gefeiert, sitzen die Narren in Frack und Zylinder aus Anlass des Hirschmendigs erneut gemütlich zusammen.

 

 

Wie eine Bronzetafel neben dem Eingang verrät, wird hier der erste Montag nach dem Aschermittwoch bereits seit mindestens 1749 auf besondere Art gefeiert: Die Schönenbacher Chronik besagt z.B., dass seit alter Zeit die Nachbarn von den umliegenden Höfen im Raben zusammenkamen, um die Bauernfasnet zu begehen. Umstritten ist die Herkunft des Namens. Oft wird er mit „Hirsemontag“ erklärt – im Raben allerdings wird an diesem Abend Hirschbraten verzehrt.

Schmausen in der Fastenzeit? Wie die Basler ihren Morgenstraich in die Fastenzeit verschieben, so hat sich wohl die speziell bäuerliche Zeitrechnung bis auf diese Schwarzwaldhöhe zurückgezogen, derzufolge das Gebot des Fastens und der Enthaltsamkeit genau genommen an Sonntagen außer Kraft zu setzen sei. Infolgedessen sei man berechtigt, die fünf Sonntage in der Fastenzeit sozusagen „vorsorglich“ vorher abzufeiern. Bis in unsere Zeit hinein jedenfalls, hat sich dieser Tag im Goldenen Raben zu einem

An der Bauernfastnacht im Raben. Die Hirschmendigs-Aktiengesellschaft mit Roland Wehrle an der Spitze (u. links) ernennt am Hirschmendig stets den Oberhirsch und seine Hirschkuh.

gemütlich-launigen Fastnachtsabend entwickelt. Das Programm gestaltet die Hirschmendigs-Aktiengesellschaft. An ihrer Spitze steht kein geringer als Roland Wehrle, Furtwanger Obernarr und zugleich Präsident

der renommierten Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte.

Zum Ritual gehört, dass jedes Jahr eine männliche Person mit möglichst markantem Bart zum Oberhirsch gewählt wird. Ihm wird eine Hirschkuh zur Seite gestellt, die natürlich ein Dirndl trägt und über schauspielerisches Talent und entsprechendes Mundwerk verfügen sollte. Von der mittlerweile ansehnlichen Herde der Hirschkühe werden in Furtwangen bei vielen anderen Fasnetveranstaltungen witzige szenische Beiträge und zündende Reden geliefert.

Aus der Geschichte eines Traditionslokals

Wann der alte Raben als Gaststätte in Betrieb ging, ist in der Furtwanger Chronik überliefert: 1747. Unbekannt ist allerdings das Jahr seiner Erbauung. Der Raben hat seine Entstehung der Kilpensteige zu verdanken, einer uralten, beschwerlichen Passstraße nach Freiburg. Immerhin mussten zwischen dem Simonswälder

 

 

Der alte Raben vor dem Großbrand am 10. November 1927.

„Engel“ bis hinauf zur Alteck sprich Ladstatt 600 Höhenmeter bewältigt werden. Die Kilpenstraße war täglich stark befahren, die nahe Ladstatt und mit ihr der Raben galten als viel genutzte Umspannstation für die Fuhrwerke.

Erst als auflebender Handel und Gewerbe Erleichterung im Verkehr immer dringlicher machten, weil die hohen Transportkosten die Waren verteuerten, begann man mit der Planung für die neue Straße Waldkirch-Furtwangen über die Neueck, die Robert Gerwig plante.

Der Raben genoss als„Realwirtschaft“ immer den Schutz des Bezirksamts Triberg, während man sich von Seiten der Behörden kaum der vielen inoffiziellen „Winkelwirtschaften“ erwehren konnte. Es gab bis ins 19. Jh. deren 50 im Raum Furtwangen, die sich natürlich meist mehr oder weniger legal an der Uhrenpackerei bereicherten.

Den Akten der Gewerbepolizei ist z.B. über den Raben zu entnehmen, dass Carl Oskar Wehrle um 1900 den Goldenen Raben bewirtschaftet, bevor er auf den Brend zieht. Es scheint gelegentlich zu Ordnungswidrigkeiten gekommen zu sein, denn als ein Emil Brodhag, Wirt aus Hattingen bei Stockach, den Raben übernehmen will, wird ihm nur unter der Bedingung stattgegeben, dass regelmäßige Polizeikontrollen erfolgen. Bald überträgt Brodhag die Wirtschaft seinem Sohn Josef, der sich kurz darauf als Koch in Saarbrücken verdingt, während die Tochter Lina Brodhag stellvertretend die Betriebsleitung übernimmt. Mittlerweile scheint der eigentliche Besitzer des Hauses, August Limburger aus Völklingen, in wirtschaftlich schwierige Lage geraten zu sein. Er kann sich nicht entschließen, der Familie Brodhag die Geschäftsführung zu bewilligen, obwohl amtlicherseits keine Beanstandungen zu verzeichnen waren. So muss das Gasthaus im Februar 1924 geschlossen werden.

Zur Erleichterung der Behörden (nunmehr in Donaueschingen) und der Bevölkerung stellt sich bereits im Oktober ein neuer Besitzer ein, der den Raben samt Inventar zum Kaufpreis von

22.000 Mark erwirbt. Schnell wird Wilhelm Herrenleben, Adlerwirt aus Deggingen bei Gailingen/Ostalb, die Wirtschaftserlaubnis erteilt. Der neue Wirt verspricht acht Zimmer mit 12 Betten und vier Zimmer zu zwei Betten und vier Einbettzimmer zur Beherbergung bereitzustellen.

Der Raben wird ein Raub der Flammen

Ein jähes Ende nimmt die Ära Herrenleben, als am 10. November 1927 der Raben niederbrennt. Überhitzung der Kaminanlage nach dem Schlachttag war der Auslöser – niemandem ist eine direkte Schuld zuzuweisen. Die Feuerwehr aus Furtwangen hat bei hohem Schnee keine Chance, rechtzeitig einzugreifen. Die Ruine wird von dem Hotelkaufmann Ernst Kösters aus Berlin gekauft, nachdem Herrenleben zunächst noch eine Notwirtschaft zu betreiben versucht.

 

 

Im Oktober 1928 ist zu erfahren, dass ein Mechanikermeister aus Schonach namens Rudolf Kuner in Pacht am Raben die Genehmigung zu Eröffnung einer Baukantine beantragt, da der Furtwanger Bauunternehmer Fritz Winterhalder schon mit den Arbeiten für einen Neubau begonnen hat. Bereits am 4. Juli 1929 sucht Ernst Kösters um „Erteilung der Erlaubnis zum Betrieb der Realgastwirtschaft Zum Goldenen Raben als Höhenkurhotel Goldener Rabe nach. Zur Beherbergung stehen 18 Zimmer mit 36 Betten zur Verfügung. Schon bald aber macht auch vor dem Schwarzwälder Fremdenverkehr die Wirtschaftskrise nicht Halt: Der Raben landet als Konkursmasse bei der Sparkasse.

Die Familie Ehrath macht den Raben bekannt

Endlich, im November 1932, scheint nach den vielen Wechseln von Besitzern und Betreibern mit dem Käufer Eugen Ehrath neue Beständigkeit einzukehren. Er ist Markgräfler aus Pfaffenweiler und hat einige Zeit den Brend bewirtschaftet. Freilich erwarten auch ihn und seine Familie in den Kriegs-und Nachkriegszeiten neue Schwierigkeiten: Die Erfüllung der baulichen Auflagen zieht sich hin; als Holz und Kohle knapp werden und die Gäste auch, sieht er sich gezwungen 1941 Betriebsferien einzulegen. Diese müssen aber beantragt werden. Und als ihm die Kartoffeln fehlen und er schließen möchte, muss er sich doch bereit erklären, an Sonntagen zu öffnen. Als Eugen Ehrath 1943 zur Wehrmacht eingezogen wird, kann Elisabeth Ehrath den Betrieb nicht alleine bewältigen, das nehmen die Behörden zur Kenntnis. Zwischen 1947 und 1948 ist das Haus von den französischen Besatzern als Kinderkolonie beschlagnahmt.

Trotz alledem aber entwickelt sich der Hotelbetrieb dann in den 1950er- und 1960er-Jahren rasant aufwärts. Der Raben ist ein beliebtes und gern besuchtes Sport- und Kurhotel. Eugen Ehrath genießt als passionierter Jäger Beziehungen in alle Welt. Auf ihn gehen die vielen ausgestopften Jagdtrophäen in der Gaststube zurück, auch das prägnante Karibu.

Ideales Skigebiet für die Städter

Als ideal erweist sich die unmittelbare Nähe der Skiwerkstatt Wehrle, denn die Hänge rings ums Hotel – damals noch weniger bewaldet – bieten ein ideales Skigebiet für die Städter. Und als der Ski-Club Furtwangen 1959 „Internationale Versehrten Meisterschaften im Lang- und Staffellauf durchführt, rückt das Hotel ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit.

Weiter geht nach Eugen Ehraths Tod 1969 der Erfolgskurs. Auch sein Sohn Robert, geboren 1937, sorgt für die Ausstattung nach zeitgemäßem Standard und ist ebenso in der heimischen Umgebung verankert. Robert Ehrath hat sich nach der Schulausbildung im Internat seine Sporen als Schiffskoch in internationalen Gewässern bei einer Kreuzfahrtgesellschaft verdient. Wohl dank dieser Beziehungen zur

 

 

großen Welt entwickelt er eine intensive Leidenschaft fürs Segeln und für Autos.

Ein Fahrerlager der Formel 3

So geht Manfred Mohr aus Vöhrenbach hier ein und aus, der später international erfolgreiche Formel 3-Rennfahrer. Ihm verpachtet der junge motorsportbegeisterte Wirt die Hotelgaragen zum Unterstellen und Warten der Rennfahrzeuge. Der Goldene Rabe ist jahrelang ein angesagter Treff für Rennfahrer und Autobegeisterte – und auch so manche Testfahrt findet hier oben statt…

Klar, dass die Sportwagenleidenschaft bei der Furtwanger Jugend Bewunderung auslöst. Klar aber auch, dass sein Übermut gelegentlich zu halsbrecherischen Aktionen führt, wie sie aus Anekdoten aus den 1960er-Jahren zu vernehmen sind: vor geladenem Publikum überschlägt sich Robert einmal mit Vater Eugens Opel. Auch einige Bäume im unteren Rabenwald sind ihm zum Opfer gefallen. In späteren Jahren gewinnt

Gemütlich-urige Gästezimmer mit modernen Bädern und ein Frühstücksraum im Charme der 1950er-Jahre zeichnen den Goldenen Raben gleichfalls aus. Und über viele Jahre hinweg die exzellente Küche von Robert Ehrath, der 2011 verstarb.

der Wassersport als Hobby bei ihm die Oberhand; von seinen Tauch-Aben

teuern sind in den Nebenzimmern des Hotels viele Fotos zu bewundern.

Den historischen Charme bewahrt

Trotz alledem reicht Robert Ehraths Ruhm als exzellenter Koch unbestritten über Furtwangen hinaus. Versteht sich, dass seit seiner Ära die Hirschmendig-Feste zu großer Form aufgelaufen sind und, nebenbei bemerkt, waren die Wildgerichte, die nach seiner Rezeptur bereitet wurden, Glanzpunkte der Speisekarte. Als er 2011 einer schweren Krankheit erliegt, ist die Trauer groß, er war weithin bekannt.

Die Rabentradition lebt in Regie der Familie Ehrath weiter. Das Hotel mit seinen urig-gemütlich eingerichteten Zimmern und seiner so außergewöhnlichen Gaststube ist nach wie vor beliebt und gern besucht. Das Hotel Goldener Rabe bietet im Sommer seinen Stammgästen Wanderwege und Entspannung in idyllisch ruhiger Lage und im Winter auf 1.000 Höhenmetern meist schneesichere Loipen aller Schwierigkeitsgrade. Glücklicherweise hat man es verstanden,

den einzigartigen Charme des histo

rischen Hauses zu bewahren.

Die Formel 3 ist zu Gast. Der Vöhrenbacher Rennfahrer Manfred Mohr nutzte den Raben in den 1960er-Jahren in der Zeit zwischen den Rennserien als sein Fahrerlager im Schwarzwald.

 

 

100 Jahre SABA und 50 Jahre MPS – Qualität aus dem Schwarzwald

Blick in das MPS-Studio um das Jahr 2007. Heute wird das legendäre Tonstudio mit Weltruf von einem Förderverein betrieben. Auch Aufnahmen sind wieder möglich.Foto: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

von Friedhelm Schulz

Der Schwarzwald steht für geheimnisvolle Mythen, aber ebenso für den sagenumwobenen Tüftlergeist. Wenn der gepaart ist mit der beharrlichen Suche nach Innovationen, kann daraus Industriegeschichte von Weltruf entstehen. Zwei Marken sind bis heute für höchste Qualität aus dem Schwarzwald bekannt: SABA und MPS. Eng verbunden sind sie mit der Triberger Uhrmacherdynastie Schwer. SABA-Gründer Hermann Schwer ging als Rundfunkpionier in die deutsche Technikgeschichte ein, sein Enkel Hans Georg kreierte mit dem Musiklabel MPS einen exzellenten Sound, der bis heute Menschen in aller Welt begeistert.

Alles begann in Triberg. Hier gründete Leonhard Schwer (1770 – 1858) eine Schlosserei, in der auch „Bestandteile für Zeitmesser“, wie es in einer Urkunde steht, hergestellt wurden. Sohn Benedikt (1803–1874) war dann ab 1835 der erste Uhrmachermeister der Familie; er verkaufte seine Produkte bis nach Norddeutschland und Frankreich und war einer der Pioniere der Uhrmacherei im Schwarzwald. 1864 tritt der Sohn des Firmengründers, August Schwer, in die Fabrik ein, die er ab 1865 „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt” nennt, woraus später der Name SABA abgeleitet wird.

Sohn August Schwer (1844–1912) weitete die Produktion aus: Jockeles-Uhren, Nachtuhren, Pendulen, aber auch Kaminuhren aus Marmor wurden gefertigt. 1905 übergab er den Betrieb an Sohn Hermann. Dieser baute die Firma zur „Metallwarenfabrik“ um; es wurden nun auch Fahrrad- und Türklingeln produziert. 1910 hatte die kleine Fabrik 27 Beschäftigte. Die „Glocken“ aus Triberg wurden auf zahlreichen Industrieausstellungen in ganz Europa ihrer Qualität wegen ausgezeichnet.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges schrumpfte 1914 die Belegschaft; zudem brannte die Schwer-Fabrik aus. Zu der Zeit reifte in Hermann Schwer der Entschluss, Triberg zu verlassen. 1918 kaufte er die „Waldmühle“ in Villingen als neue Produktionsstätte und bereits Ende 1918 waren dort 78 Personen beschäftigt.

Hermann Schwer, gebürtiger Triberger, gründete vor 100 Jahren die SABA-Werke in Villingen.

Der offizielle Registereintrag beim Gericht in Villingen datiert vom 17. März 1919. Vor nunmehr 100 Jahren wurde das Unternehmen gegründet, das dann als SABA bekannt wurde. Und ein Jahr später wurden hier u.a. Fahrradklingeln für Abnehmer in ganz Europa gebaut. Die ehemalige Waldmühle wird im Volksmund nun „Schellenmühle“ genannt.

1922 kommt eine elektrotechnische Abteilung hinzu: Es werden Klingeltransformatoren produziert. Hermann Schwer hörte zu dieser Zeit fasziniert in einem Rundfunklabor in der Schweiz eine Radioübertragung. Für ihn stand fest: der Rundfunk, der 1923 in Deutschland begann, hat eine große Zukunft. Das war die Technologie, auf die er setzte. Erste Produkte folgen: 1923 werden in Villingen Kopfhörer für Radiogeräte hergestellt, die sich durch präzise Verarbeitung und höchste Empfangsempfindlichkeit auszeichnen. Weitere Teile für Radiogeräte kommen bis 1925 dazu: Heizwiderstände, Spulen, Schalter, Trichterlautsprecher und Drehkondensatoren. Alles in höchster Qualität.

Aus dem langen Namen „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt“ wurde jetzt eine kurze

 

 

Marke, die Weltruhm erlan-

aufnahm, wie damals sonst gen sollte: SABA. Seit 1924 niemand auf der Welt. Mit ist der Name in dem runden Marschmusik in der Nazi-Zeit Kreis als Markenzeichen ein-aufgewachsen, hörte er heimgetragen. Bei SABA wurden lich die swingenden Klänge nun Radios gebaut, bis 1931 Glenn Millers – und diese Mubereits 100.000 Stück. Der sik ließ ihn nicht mehr los. Im Rest ist bekannt: Der Villinger Wohnzimmer nahm er in den Familienbetrieb gehörte zu 1950er-Jahren Musiker wie den großen und angesehenen Hans Koller, Horst Jankowski Unternehmen Deutschlands. oder Wolfgang Dauner auf Hermann Schwer, Ehrenbürger und experimentierte mit von Villingen, starb bereits Mikrofonen, um ein für die

1936 – auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Er hinterließ eine Qualitätsmarke von internationalem Ruf, aber auch einen Enkel, dem er seine Tüftler-Gene vermacht haben muss: den 1927 geborenen Hans Georg.

Der Sound aus dem Schwarzwald

Während Hermann Schwer zu den Wegbereitern beim Bau von Radiogeräten zählt, schuf Hans Georg Brunner-Schwer einen musikalischen Sound, der den Schwarzwald weltweit bekannt machte, weil er die Musik so präsent

damalige Zeit ungewöhnliches Klangbild zu erreichen. Hier sah sich der Hörer einer Schallplatte durch die brillante Präsenz der Musik in den Konzertsaal versetzt. Der Sound aus dem Schwarzwald, der Musiker und Musikliebhaber auf der ganzen Welt bis heute begeistert, war geboren.

Zunächst wurden in der Musikabteilung von SABA, für die Hans Georg verantwortlich war, Tonbänder bespielt, für Kunden der SABA-Tonbandgeräte. Schon damals war das Ziel, höchste Klangvollkommenheit zu erreichen. Und dazu brauchte es einen fast schon fanatischen Tüftler

 

 

wie Hans Georg Brunner-Schwer. Neben den Tonbändern veröffentlichte SABA in den frühen 60er-Jahren erste Schallplatten mit Unterhaltungsmusik.

Dann lud Brunner-Schwer 1963 den weltbekannten Jazzpianisten Oscar Peterson zu einem Wohnzimmerkonzert mit einigen Gästen zu sich nach Villingen ein. Während der mit seinem Trio dort beseelt spielte, saß der Klangtüftler im Dachgeschoss am Aufnahmepult und schnitt alles mit. Als er das dann in der Pause dem schwarzen Musiker, der schon viele Tonaufnahmen hinter sich hatte, vorspielte, war dieser sprachlos: Peterson hatte einen solch prägnanten Klang noch nie gehört. Von da an kam er viele Jahre zu Aufnahmen in den Schwarzwald. Es entstand nicht nur eine persönliche Freundschaft zur Familie Brunner-Schwer, der Pianist erzählte auch seinen Kollegen von dem einmaligen Schwarzwaldsound. 1965 kam sogar der große Duke Ellington zu einem Besuch nach Villingen. Ziemlich schnell hatten Qualitäts-Wenn man Musiker heute fragte, wo auf der Welt berühmte Tonstudios stehen, dann kämen als Antworten wahrscheinlich:

aufnahmen, die unter dem Label SABA herausgebracht wurden, bei Musikfreunden einen erstklassigen Ruf.

1968 wurde aus der SABA-Musikabteilung die eigenständige Firma MPS (Musik Produktion Schwarzwald). Da wegen der Einführung des Farbfernsehers bei SABA in neue Bildröhren investiert werden musste und die Familie damit finanziell überfordert war, wurde die Mehrheit an den amerikanischen GTE-Konzern verkauft. Die neuen Besitzer hatten kein Interesse an der Musiksparte, daher gründete Hans Georg Brunner-Schwer, der nie eine Ausbildung zum Tonmeister gemacht hatte, die MPS – das erste deutsche Jazzlabel. Nun endlich konnten auch die schon legendären Hauskonzerte mit Oscar Peterson veröffentlicht werden. Ein grandioser Start für das neue Musiklabel vor ziemlich genau 50 Jahren und fünf Jahrzehnte nach Gründung der SABA in Villingen.

MPS – diese drei Buchstaben haben bis heute bei Musikfreunden einen magischen Klang, natürlich wegen der herausragenden Aufnahmequalität der Jazz- und Klassikproduktionen. Rund 1.000 Aufnahmen sind unter SABA und MPS entstanden: Volksmusik, Unterhaltungs-und Tanzmusik und Klassik, aber im Vordergrund stand stets der Jazz.

Drei Jahre nach der Gründung hatte MPS rund 400 Titel veröffentlicht, darunter die wichtigsten Musiker der europäischen Szene wie Stephane Grappelli, Friedrich Gulda, Rolf und Joachim Kühn, Albert Mangelsdorff, Hans Koller, Wolfgang Dauner, Peter Herbolzheimer und

 

 

Hans Georg Brunner-Schwer mit dem Pianisten Friedrich Gulda bei Aufnahmen im MPS-Studio. In Villingen spielte Gulda u.a. die 24 Préludes von Claude Debussy ein, diese Aufnahme gilt als legendär.

Volker Kriegel wie auch die multinationale Kenny Clarke-Francy Boland Big Band. Bei MPS wurde der Grundstock für viele Jazzkarrieren gelegt.

Schon damals war HGBS, wie der MPS-Eigner in Fachkreisen genannt wurde, anerkannter Experte für Klavier-Aufnahmen. Das war auch der Grund dafür, dass der Klaviervirtuose Friedrich Gulda einige Jahre exklusiv mit dem Villinger Label zusammenarbeitete. Zahlreiche MPS-Schallplatten wurden mit Preisen ausgezeichnet, wie dem „Grand Prix of the Montreux Jazz Festival“, dem französischen „Grand Prix du Disque“ oder dem „Preis der Deutschen Akademie für Schallplatte“.

Die CD führt zum Rückzug von MPS

Hans Georg Brunner-Schwer baute mit MPS eine kleine Musikfirma auf, die zwei Jahrzehnte, bis 1983, für hochwertige Klangqualität stand. Und Namen wie Baden Powell, Monty Alexander, Georg Duke, Lee Konitz oder Martial Solal sind neben Peterson untrennbar mit dem Schwarzwaldsound von MPS verbunden. Zwischen 1965 und 1983 war die Schwarzwaldstadt Villingen ein Ort, in den viele internationale Gäste kamen. Und das Musiklabel MPS genoss vor allem bei Jazzfans auf der ganzen Welt unglaubliche Popularität.

Als in den frühen 1980er-Jahren mit der CD ein neuer Tonträger kam, war das für Hans Georg Brunner-Schwer, der immer auf den analogen Schallplattensound schwörte, Anlass, sich aus der aktiven Produktionstätigkeit zurückzuziehen. Er verkaufte den größten Teil des MPS-Kataloges und widmete sich musikalischen Themen, die ihm persönlich besonders am Herzen lagen: gehobene orchestrale Unterhaltungsmusik und ausgewählte Klassikprodukte wie die Förderung der Birnauer Kantorei. Um das Villinger Tonstudio war es viele Jahre recht still geworden. 2004 starb Hans Georg Brunner-Schwer bei einem Autounfall.

Die Zukunft des MPS-Studios war ungewiss. Natürlich passte es da, dass sich 2009 das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg für das Villinger Tonstudio interessierte – und zum

Foto: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

Im MPS-Studio kann eine begrenzte Zahl von Zuhörern direkt im Aufnahmeraum sitzen, um eine Live-Atmosphäre zu erzeugen. So wie bei den Konzerten aus Anlass „50 Jahre MPS“ im Herbst 2018 (unten), hier bei einer Vocal-Jazz-Darbietung. Gerade junge Musiker schwören auf die analoge Aufnahmetechnik des Studios.

 

 

Von Oscar Peterson über Baden Powell bis hin zu Joe Turner: Auswahl von Plattencovern des MPS-Studios in Villingen. Über 500 Produktionen wurden in dem Studio eingespielt.

Kulturdenkmal erklärte. „Die Denkmaleigenschaft des Tonstudios und die Notwendigkeit seiner Erhaltung sind aufgrund seiner Originalität und Integrität, des besonderen Seltenheitswertes einiger Stücke und des generellen dokumentarischen Wertes in das Bewusstsein eines breiten Kreises von Sachverständigen sowie eines Teiles der Bevölkerung eingegangen“, heißt es in der Begründung.

Mit dieser geballten Tradition im Hintergrund werden wieder innovative Konzepte verfolgt. Vor allem für kleinere akustische Formationen bietet das Studio – in dem neben den vielen hochwertigen Mikrofonen ein Bösendorfer Imperial-Flügel verfügbar ist – ideale Möglichkeiten. Aber auch Besuchergruppen steht das MPS-Studio in Villingen offen. Träger des MPS-Studios ist heute ein 2017 gegründeter Förderverein, der sich auch um die Denkmalschutzbestände kümmert. Nicht nur die alte Technik soll funktionsfähig bleiben, auch das umfangreiche Archivmaterial muss gesichtet und für künftig Generationen zugänglich gemacht werden. In dem Förderverein haben sich zahlreiche MPS-Fans aus den Bereichen Technik, Musik, Werbung und Forschung zusammengefunden. Und natürlich werden auch wieder Tonaufnahmen gemacht: mit Bändern und altem Equipment, ganz so wie in den guten alten MPS-Zeiten. (Weitere Informationen: www.mps-villingen.de)

Schwerpunkt der Arbeit des Fördervereins ist: Der einmalige Sound von Hans Georg Brunner-Schwer soll nicht in Vergessenheit geraten. Die Marke SABA indes ist längst vom Markt verschwunden. Geblieben ist der SABA-Schriftzug auf einer der alten Fabrikhallen an der Peterzeller Straße. Bescheidene Reste eines großen Stücks Industrie- und Kulturgeschichte aus dem Schwarzwald.

 

 

Die Pianistin Henriette Gärtner freut sich auf ihre Aufnahmen mit dem Börsendorfer-Flügel, an dem schon Oscar Peterson und Friedrich Gulda spielten. Fotos: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

Baaremer Luusbuäbä

Musiker aus Leidenschaft – das sind die „Baaremer Luusbuäbä“. Seit dem Gewinn des SWR4-Blechduells 2016 tragen sie den Titel „mitreißendste Blasmusikband des Landes“. Diesem Prädikat werden die jungen Vollblutmusiker bei jedem ihrer Auftritte auch vollauf gerecht.

von Susanne Kammerer

 

 

Sie stammen aus Gutmadingen, Pfohren, Hüfingen, Behla und weiteren Orten im südlichen Schwarzwald-Baar-Kreis, manche kommen aus dem benachbarten Hegau, einer wohnt an der Schweizer Grenze. Musik vereint, Musik kennt keine Grenzen, Musik ist pure Leidenschaft. Dies verbindet die 14 jungen Männer um Profitrompeter Markus Burger, der die Blasmusikband vor zehn Jahren gründete und auch die musikalische Leitung inne hat. Begonnen hatte alles an Pfingsten 2010, beim Kramer-Fest in Gutmadingen. Markus Burger, damals gerade mal 20 Jahre alt und frischer Musikstudent, hatte eine Blasmusikgruppe aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis zusammengestellt, das Kramer-Fest in seinem Heimatort sollte der erste Auftritt sein. Die Musik der jungen Männer kam sofort bestens beim Publikum an. Dass sie nicht nur leidenschaftliche Musiker sind, sondern auch den Schelm im Nacken tragen, war sofort zu hören und zu

sehen. Der Name „Baaremer Luusbuäbä“ daher eigentlich logisch. „Wir hatten bei unserem ersten Auftritt noch gar keinen Namen und haben einfach im Publikum herumgefragt, wer eine Idee hätte. Ein Festbesucher taufte uns dann so“, beschreibt Patrick Bäurer, Moderator und Sprecher der Band.

Schnell sprach sich das Talent der jungen Blasmusiktruppe herum, die Auftritte im ganzen Schwarzwald-Baar-Kreis häuften sich. Dabei spielen die 14 Männer nicht nur traditionelle, böhmisch-mährische Blasmusik, sondern interpretieren auch deutsche Popklassiker sowie bekannte Lieder aus Rock und Hip-Hop. „Was uns auszeichnet, sind definitiv die modernen Stücke“, sagt Patrick Bäurer. Für manche Zuhörer sei es dennoch manchmal ein Schock, wenn von Ernst Moschs Polkaklängen zu Deutsch-Hip-Hopper Peter Fox gewechselt wird, schmunzelt er. Doch mit ihrem Repertoire werden sie ihrem eigenen, breitgefächerten Musikgeschmack und auch dem ihres Publikums gerecht. „Wir sprechen bei unseren Auftritten alle Altersgruppen an, von 14 bis 80“, weiß der routinierte Musiker.

Ihre Konzerte teilen sie meist in einen traditionellen und in einen modernen Part ein. Jedes Konzert sei dabei anders, mal kommt das eine, dann das andere Genre besser an. „Es ist immer eine Überraschung, worauf das Publikum mehr abfährt“, schildert Patrick Bäurer, der bei den Konzerten nicht nur moderiert, sondern auch Klarinette und Saxophon spielt. Entsprechend passt Dirigent Markus Burger das Programm im Laufe des Abends auch mal an.

Fetzige Blas- und Unterhaltungsmusik – das haben sich die „Baaremer Luusbuäbä“ auf die Fahne geschrieben. Nicht zuletzt durch die modernen Gesangseinlagen und Soli ihres Gitarristen und Sängers Jochen Glunk hebt sich die

Links: Der Gründer der Baaremer Luusbuäba, Trompeter Markus Burger.

Rechte Seite: Leidenschaftliche Musiker sind alle Mitglieder der Kapelle. Oben Robert Hasenfratz an der Tuba, unten links Moderator Patrick Bäurer und

u. re. Gitarrist sowie Sänger Jochen Glunk.

 

 

Die Baaremer Luusbuäbä

Klarinetten

Markus Filipiak (Hüfingen) Patrick Bäurer (Behla)

Trompete/Flelhorn

Markus Burger (Gutmadingen) Simon Mayer (Mühlhausen-Ehingen) Johannes Elsässer (Kirchen-Hausen) Marc Kienle (Deufringen)

Tenorhorn/Bariton

Tobias Schwarz (Büsslingen) Pascal Biehler (Leipferdingen)

Posaune

Benedikt Elsässer (Kirchen-Hausen) Andreas Gut (Fürstenberg)

Tuba

Robert Hasenfratz (Pfohren)

Schlagzeug

Christian Baumann (Donaueschingen)

E-Bass/Posaune

Philipp Limberger (Hüfingen)

Gitarre/Gesang: Jochen Glunk (Gutmadingen)

 

 

„Jung, frech, einfach anders“ – die „Baaremer Luusbuäbä“ siegten mit diesem Rezept auch beim SWR4-Belchduell des Jahres 2016.

Band von anderen Blasmusikkapellen deutlich ab und sorgt mit ihrem Motto „Jung, frech, einfach anders“ stets für Schwung und Stimmung in den Festzelten der Region.

Mit Schwung und Stimmung überzeugten sie auch die Jury beim SWR 4 Blechduell 2016. Wer beim SWR4 Blechduell punkten möchte, muss das Motto des Musikwettbewerbs „Blasmusik mal anders“ so mitreißend wie möglich umsetzen. Die Titel für die Vorentscheide und das Finale sind zwar festgelegt, musikalisch haben die Bands jedoch freie Hand – solange Blechblasinstrumente den Ton angeben.

Mit dem rasanten „Astronautenmarsch“ des böhmischen Komponisten Josef Ullrich punkteten die „Baaremer Luusbuäbä“ auf ganzer Linie und strichen ganz unverhofft den Sieg des regionalen Bandwettbewerbs ein.

Eigentlich hatten sich die Jungs gar nicht für den Wettbewerb beworben. Ein SWR-Tontechniker fragte bei den „Baaremer Luusbuäbä“ an, ob sie nicht einspringen wollten, da noch eine Band fehlte. „Wir hatten nur wenig Vorbereitungszeit und haben uns auch nichts ausgerechnet“, erzählt Patrick Bäurer. Mit der Erwartung auf interessante und lustige Erfahrungen fuhren sie zum Vorentscheid nach Geisingen. „Das Gefühl beim Soundcheck war gut, wir merkten, da könnte was gehen“. Entsprechende positive Rückmeldungen habe es auch vom SWR-Team gegeben.

Auftritte in ganz Baden-Württemberg

Das Finale mit dem fulminanten Sieg folgte direkt am nächsten Tag. Die Belohnung: neun Tage Tournee durch ganz Baden-Württemberg. „Das war eine riesen Erfahrung für uns alle“, schwärmt Patrick Bäurer noch heute. Verschiedene Auftritte, etwa beim „Big Sounds“ Brassfestival in Böblingen sowie Studiokonzerte in den SWR-Studios in Freiburg, Friedrichshafen, Ulm, Heilbronn und Stuttgart standen auf dem Programm. Auch im Fernsehen sind sie gelandet, bei der SWR-Nachmittagssendung „Kaffee oder Tee“. Abschluss der einzigartigen Tournee war ein Konzert in einem Festzelt auf dem Cannstatter Wasen. Der Erfolg beim SWR 4-Blechduell erhöhte auch den Bekanntheits-

 

 

grad der „Baaremer Luusbuäbä“. „Vor dem Wettbewerb waren wir ausschließlich im Schwarzwald-Baar-Kreis unterwegs, jetzt sind wir es kaum noch, sondern in allen Winkeln von Baden-Württemberg“, sagt Patrick Bäurer.

Konzertanfragen bekommen sie viele, doch belassen es die Musiker bei ihren bewährten zehn bis zwölf Auftritten im Jahr. Der Anspruch ist, möglichst oft in Originalbesetzung, das heißt, ohne Aushilfen spielen zu können. „Mehr wäre einfach nicht möglich“, schildert Bäurer. Die Altersspanne der 14 Musiker liegt zwischen 20 und 40. Viele der Bandmitglieder studieren, andere haben Familien und Verpflichtungen in ihren Heimatvereinen. Gezielt gestaltet sich daher auch die Probenarbeit. Einmal im Jahr, meist im Januar, gibt es eine intensive Probenwoche, zu der sich die ganze Mannschaft trifft und das gesamte Jahresprogramm einstudiert. Dann müssen die Stücke einfach sitzen. Vor den jeweiligen Auftritten wird zwar nochmals geprobt und es werden verschiedene Stücke angespielt, Zeit zum Ausfeilen ist dann aber keine mehr.

Obwohl sich die „Baaremer Luusbuäbä“ aus lauter hochkarätigen Musikern zusammensetzen, ist der eigene Anspruch ungebremst.

Konzertanfragen bekommen sie viele, doch belassen es die Musiker bei ihren bewährten zehn bis zwölf Auftritten im Jahr. Sie wollen möglichst oft in Original-Besetzung spielen.

„Unsere CD-Aufnahmen haben uns qualitativ nochmals weitergebracht“, erzählt Patrick Bäurer. Das war in den Jahren 2017 und 2018. In einem Studio zu musizieren, sei mit einem Live-Auftritt nicht zu vergleichen. Dieses haben sie in Gutmadingen eingerichtet, die technische Umsetzung übernahm Blasmusikgröße Matthias Gronert aus Hornberg. Verkauft werden die CDs bei den Auftritten und auf der Website. Der Absatz stimmt. „Unsere Musik wird aber auch oft beim digitalen Musikdienst „Spotify“ gestreamt“, freut sich Patrick Bäurer.

Grund zur Freude gibt es auch im Jahr 2020, dann feiern die „Baaremer Luusbuäbä“ ihr zehnjähriges Bestehen. Fans und Freunde der Blasmusik dürfen sich freuen: denn der Name ist bei dieser Truppe auch weiterhin Programm.

 

 

CHI DONAUESCHINGEN

Ehrenrunde für einen überglücklichen Sieger gerade 22 Jahre alt: Lucas Porter war im Stechen beim Championat in Donaueschingen mit dem zwölfjährigen Schimmel „C Hunter um eine Sekunde schneller als sein älterer Bruder Wilton Porter (25).

 

 

Von großen Sprüngen und bedrohlichen Hindernissen

von Wolfgang Losert

Donaueschingen ist zu immerwährenden Anstrengungen gezwungen, um seinen Rang als Schauplatz eines der bedeutendsten Reitturniere in Europa gegen allerhand Widrigkeiten zu verteidigen. Das Erfolgsjahr 2018, in dem sich das Internationale Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier einen Schritt weiter vom „adeligen“ zum „bürgerlichen“ Ereignis wandelte, gibt Zuversicht, dass dieser schwierige Parcours auch künftig zu meistern ist. Auch der Jahrgang 2019 zeigt das: Turnierchef Kaspar Funke konnte mit 47.000 Besuchern eine Rekordzahl vermelden!

 

 

Beim S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier in Donaueschingen geht ebenso die Weltelite im Dressurreiten an den Start, hier die vielfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin Isabell Werth.

Der Blick von Region und Land auf die Stadt Donaueschingen registriert immer wieder diesen signifikanten Charakterzug. Von weit aus der Vergangenheit und bis heute hat er das Selbstbild der Bürgerschaft und Stadtpolitik geprägt: Der Ort am Ursprung der Donau geriert sich gerne als Hochstapler. Und das keineswegs in schlechtem Sinne. Sondern indem die Kleinstadt wirklich Großes schultert. Vorhaben nämlich, die etliche Nummern zu mächtig, zu anspruchsvoll, zu fordernd sind für begrenzte lokale Möglichkeiten.

Auch die Erlebnisse und Erinnerungen der Gegenwarts-Generationen belegen dieses spannungsgeladene Phänomen vielfach. Die hochkarätigste Veranstaltung einer Sport-Disziplin hat Donaueschingen 1991 erlebt, als die Stadt Austragungsort der Weltmeisterschaften im Gewichtheben war.

Dass Donaueschingen Klangwellen rund um den Globus schickt, hat in einem anderen Fall gar buchstäblich musikalische Urheber. 1921 als Kammermusik-Podium gegründet, blühten die „Donaueschinger Musiktage“ mit jeder Auflage jeweils im Oktober zur weltweit bedeutendsten Uraufführungs-Bühne zeitgenössischer Tonkunst auf.

Und während freilich auch die Donauquelle, das Adelshaus Fürstenberg mit Schloss, dessen einstiger Kunstbesitz und traditionsreiche Brauerei Signale nach ganz Europa sendet, ist eine Marke weltweiter Popularität auch das Internationale Reitturnier. Aber wie immer, wenn sich ein David als Goliath gebärden und nachhaltig erfolgreich sein will, gehört die unaufhörliche Anstrengung, das latente Bangen vor dem Status-Schwund und eine fast heroische Energie zum Weitermachen zur Geschichte all dieser Aktions-Historien.

Mit unterschiedlichem Erfolg: Die einst legendäre Kraftsport-Disziplin wurde mangels

Sprung über die Donaueschinger Stadtkirche St. Johann beim Springen um den S. D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnispreis.

 

 

Internationales S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier. Der CHI Donaueschingen ist für erstklassigen Sport bekannt. In den Disziplinen Dressur, Springen, Geländereiten und Gespannfahren gehen Spitzensportler aus der ganzen Welt an den Start.

finanzieller Möglichkeiten in die Drittklassigkeit gesiebt. Die Musiktage erleben seit etlichen Jahren nur deshalb eine erfreuliche Hochkonjunktur, weil der SWR und mehrere Stiftungen ein stabiles finanzielles Fundament gemauert haben. Die Residenzstadt-Attribute Schloss, Park und Quelle sorgen zusammen mit der renommierten Galerie der Unternehmer-Familie Biedermann, dem Art.Plus, für bleibende touristische Attraktivität. Für die Zukunft wünscht man sich dabei eine noch stärker als Kooperation legierte Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Schloss.

Dieses Miteinander zwischen dem bürgerlichen und fürstlichen Donaueschingen erfuhr in den vergangenen Jahren auch beim Reitturnier eine Veränderung. Augenscheinlich geworden ist diese Mutation beim großen Schlussbild des Pferdesport-Spektakels am 18. August 2019. Zum ersten Mal in der 63-jährigen Geschichte des Turniers, das immerhin den Namen des Gründers, Fürst Joachim zu Fürstenberg, trägt, waren dessen Nachkommen zur Überreichung des Gedächtnispreises an den 22-jährigen Amerikaner Lucas Porter nicht erschienen, hatten das feierliche Zeremoniell an Oberbürgermeister Pauly delegiert. Und damit dokumentiert, dass die Großveranstaltung inzwischen in einvernehmlicher Absicht den Wandel vom „adeligen“ zur „bürgerlichen“ Adresse vollzogen hat. Denn auch die betriebswirtschaftliche Statik ist mittlerweile einem Umbau unterworfen. Musste das Rathaus einst bis zu 360.000 Euro

 

 

„Bürgergeld“ pro Jahr in das Turnier investieren, nachdem sich zuerst der Reitverein Schwenningen und später das Haus Fürstenberg aus dem finanziellen Engagement verabschiedet hatten, so hat inzwischen das Veranstalter-unternehmen Escon der Kommune das pralle Betriebswirtschafts-Risiko abgenommen. So ist es gelungen, mit durchschnittlich pro Jahr weniger als 100.000 Euro investiertem Geld aus der Stadtkasse für das Turnier auszukommen – ein erfreuliches „Opfer“ angesichts des etwa im EM-Jahrgang auf 1,6 Millionen-Euro geschwollenen Jahresbudgets. Escon investierte in die Turnier-Infrastruktur mittlerweile fast 600.000 Euro und trägt nun allein das wirtschaftliche Risiko.

Etliche internationale Championate

Und doch! Gegenwart und wohl auch Zukunft dieser glanzvollen vier Turniertage (jetzt jeweils Mitte August) sind damit keineswegs auf ein bescheideneres Format gestutzt. Der Fahrplan für die kommenden Jahre sieht Stationen internationaler Championate vor, also offizielle und von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) vergebene Wettbewerbe, bei denen sich die Equipen der europäischen Staaten messen. Solche Marken von Leistung und Popularität braucht es immer wieder einmal in der Turnier-Geschichte, will man gehaltenes Niveau und Potenzial demonstrieren.

Der nächste Gipfel wartet bereits im August 2021. Dann satteln im Schlosspark die Nachwuchs-Dressurreiter der Altersklasse „U 25“ zu den Europameisterschaften. Zwei Jahre später, im Sommer 2023, kurz vor Ablauf des aktuellen Vertrags-Kapitels zwischen Stadt und Escon, sollten eigentlich die Dressurreiter zur EM in den Schlosspark kommen, also die Liga Isabell Werth und ihre Konkurrenz. Doch im Herbst 2019 kam das ernüchternde Aus für die Pläne zur Dressur-EM 2023. Escon-Chef Kaspar Funke schätzte die finanziellen Risiken zuletzt als „untragbar hoch“ ein.

Von der EM bis zum CHIO

Championate von hohem internationalen Rang gehören zur Geschichte des Turniers. 1977 fand im Schlosspark die Europameisterschaft der Viererzug-Gespanne statt. Mehrfach schon sind die europäischen Nachwuchsreiter in der Disziplin Springen an der Donauquelle gestartet. 1986 erlebte Donaueschingen die bisherige Krönung seiner Bemühungen um internationales Niveau, als die traditionellen Ausrichter in Aachen die Weltreiterspiele durchführten und die Baar-Metropole mit dem Offiziellen Internationalen Dressur-, Spring und Fahrturnier (CHIO) das ranghöchste nationale Pferdesport-Ereignis erbte. 1991 wurde in Donaueschingen die Dressur-EM ausgetragen.

Doch diese sportlichen Gipfel liefern nur eine von mehreren Zutaten zur dauerhaft erfolgreichen Turnier-Historie. Eine, die dem Publikum ebenso schmeckt wie den Teilnehmern und dem Veranstalter, den seine betriebswirtschaftliche

 

 

Corsage natürlich einengt. Spätestens seit Ende der 1980er-Jahre nämlich bedarf es des strengen und entschlossenen Hinterfragens, ob die jeweils bestehenden wirtschaftliche Strukturen des Turniers, dessen Konzept, sportpolitisches Ziel und Attraktivität fürs Publikum richtig angelegt sind, um ein sicheres Fortbestehen und Niveau zu gewährleisten.

Hatten von den Anfängen in den 1950er-Jahren der Reit- und Fahrverein Schwenningen das Management und die Turnierleitung dominiert und personell besetzt, endete diese Epoche 1978. Unter dem stadtpolitischen Druck in der Schultes-Ära Bernhard Everkes wurde die damals amtierende Schwenninger Führungsriege von Jürgen Jung, Manfred Link und Helmut

 

 

Riegger abgelöst durch das Stuttgarter Trio Riexinger-Abel-Baur. Beste Verbindungen zu den maßgebenden Verbänden und Nachweise als erfolgreiche Turnier-Macher hatte der Kaufmann Riexinger, der Verbands-Repräsentant Abel und der Marketing-Experte Baur im Gepäck, richteten sie doch auch andere große Turnier wie etwa die German Masters in der

Mt 47.000 Besuchern im Jahr 2019 ist das CHI Donaueschingen das bestbesuchte Sportereignis der Region. Höhepunkte sind die Kutschfahrten am Samstag durch die Brigach und das Springreiten am Sonntag vor dicht gefüllten Tribünenplätzen.

Hanns-Martin-Schleyer-Halle aus. Doch bei ihrem Streben nach Renommee und sportlicher Klasse drohten sie die finanziellen Möglichkeiten und bürgerschaftliche Akzeptanz der Kleinstadt zu überfordern. So wechselte der 2005 amtierende Oberbürgermeister Thorsten Frei mit der Firma Escon-Marketing aus dem oldenburgischen Emstek einen neuen Partner ein, der zur betriebswirtschaftlichen Dressur zügelte nach dem stürmisch-stolzen Parforceritts der Vorgänger.

Seit 2006 liefert das ferne Unternehmen um die Geschäftsführer Kaspar Funke und Niklas Droste jedes Jahr den Beweis, dass die Balance aus sportlichem Niveau, Attraktivität fürs Publikum und betriebswirtschaftlicher Tragfähigkeit funktionieren kann. In seiner aktuellen Verfassung siedelt das Reitturnier also in einer Position, die in mehrfacher Weise ein Kompromiss des Möglichen ist. Nach wie vor ist Donaueschingen die Heimat eines in ganz Europa bekannten Pferdesport-Events, zu dem viele der besten Reiter aus vielen Ländern anreisen. Nach wie vor gelingt die betriebswirtschaftliche Statik, auch wenn sich TV-Medien und Großsponsoren immer mehr anderen Sportarten oder Attraktionen zuwenden. Noch immer pilgern bis zu 47.000 Besucher (2019) herbei, auch wenn es mittlerweile ein ganzes Sortiment regionaler Turniere ringsum gibt und darunter ausgerechnet das örtlich und zeitlich nahegelegene Turnier auf den Immenhöfen beachtliche Karriere gemacht hat. Und schließlich hat bislang das fünftägige Pferdesport-Spektakel im Schlosspark kaum jenen Charme und jene Aura eingebüßt, die ihm einst seine adeligen Gründer und Paten geimpft hatten. Donaueschingens größtes Ereignis im Jahreslauf hat im Kaleidoskop immerwährender Veränderung den aktuellen Zeitgeist-Test bestanden. Wieder einmal.

 

 

Was heute eine prächtige Galavorstellung internationalen Formats ist, hat am Christi-Himmelfahrtstag 1953 ganz unprätentiös und geradezu beiläufig begonnen: Damals hatten sich der 1959 verstorbene Chef der Donaueschinger Adelsfamilie, Prinz Max Egon, zusammen mit Mitgliedern des Schwenninger Reitvereins im Hotel Schützen zum geselligen Abschluss eines Vatertags-Ausritts eingefunden. Im Laufe des Abends kristallisierte die Idee: Man könnte doch ein Reitturnier organisieren. Der Fürst verfüge doch „über das Gelände und das Geld“, so der Gründungs-Impuls.

Gesagt, getan. 1956 fasste man unter der Schirmherrschaft von Joachim Fürst zu Fürstenberg die Pläne in eine formelle Quelle, begründete per Versammlung im Hotel Schützen die Veranstalter-Gemeinschaft. Mit dabei neben dem Fürsten: Schützenwirt Ebeb Buri, Donaueschingens Bürgermeister Robert Schrempp, Landrat Robert

Von verpatzten Sprüngen bleibt auch ein Hugo Simon nicht verschont, der hier 1986 eine Mauer einreißt. Unten: Früher befand sich der Dressurplatz beim Schloss.

Das CHI – Wie alles begann…

Lienhart und eine Reihe Schwenninger Vereinsmitglieder, von denen mit Ottmar Jäckle der letzte noch lebende 2018 starb.

In Regie etlicher aus Schwenningen kommenden Turnierleitern wuchs unter dem Dach des Veranstalter-Trios Verein, Stadt Donaueschingen und Fürstenhaus ein Projekt heran, das sich immer mehr aus dem ehrenamtlichen, ländlichen Rahmen häuten musste, um funktionsfähig zu bleiben. Hatten sich bis in die 1980er-Jahre hinein Vereine etwa an der Gastronomie und anderen geschäftlichen Quellen genährt, so verdrängten sie professionelle Anbieter mehr und mehr.

Die geschäftliche Beziehung und Interaktion zwischen dem Turnier und der städtischen und regionalen Wirtschaft ist dennoch enorm gewachsen. Kaum eine Branche, die heute nicht vom Reitturnier profitiert. Und nichts sonst trägt den Namen der Stadt so ausdrücklich und nachhaltig in die Welt hinaus wie diese Sportveranstaltung.

Prominente Besucher hatte das Donaueschinger Reitturnier schon immer. Das Foto oben zeigt Hans Joachim Fürst zu Fürstenberg mit Gunter Sachs (rechts) und unten mit Prinzessin Anne von England. Rechts Oberbürgermeister Everke.

Rechts: Blick ins Reitstadion der 1970er-Jahre mit der alten Tribüne im Hintergrund.

Links: Beim Jagdspringen mussten die Pferde 1974 auch über einen Leiterwagen springen.

 


Auf einer Skala ist das Internationale Reitturnier von Donaueschingen einzigartig in Deutschland, womöglich gar in ganz Europa oder rund um den Globus: Nirgendwo sonst satteln Pferdesportler in den fünf Disziplinen Springen, Gespannfahren, Dressur, Vielseitigkeit und Polo zu den Prüfungen.

1954 als ländliches Turnier auf den Fürsten-bergischen Viehweiden gegründet und besucht von Teilnehmern aus Baden-Württemberg, der Schweiz und Frankreich, hatte man 1965 den Sprung auf die Bühne der internationalen Turnier geschafft, wurde zum CHI, also zum „Concours Hippique International“. 1976 addierten sich die Gespannfahrer als dritte Sportart zu den Spring- und Dressurreitern. Parade-Disziplin war jedoch das Springen, für die 1979 auf den Parkwiesen eine mächtige Tribüne für 2.400 Zuschauer errichtet wurde.

Liebling vieler Besucher wurde auch das Gespannfahren, bei dessen Geländefahrt am Turniersamstag die Kutschen durch verwirrende Hindernisse häkeln müssen oder die Gespanne spektakulär durch die Brigach waten.

Weniger Dynamik und Rasanz bieten die Dressurreiter, dafür aber sind sie stilistisch eine Augenweide. Hatte das Geviert lange seinen Platz vor dem Schloss und wurde dieses Position zum attraktiven Fotomotiv, so nahm man die Dressur Anfang der 2000er-Jahre aus dem Programm; das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ dieser damals dritten Disziplin erschien den Veranstaltern ungünstig.

Doch nach 2007 dachte der neue Turnierchef Kaspar Funke über ein Comeback der Frackreiter nach, holte sie wieder ins Programm und baute für Isabell Werth & Co. gar am anderen Ufer der Brigach ein eigenes „Stadion“, zu dem jedes Jahr das Technische Hilfswerk eine Holzbrücke schlägt.

2017 kam schließlich die vierte Disziplin hinzu. Wissend um den Reiz der „Vielseitigkeit“, deren Reiter gewissermaßen im „Mehrkampf“ Geländeritte, Dressur und Springen bewältigen müssen, hat Turnierchef Kaspar Funke das Programm um eine solche Prüfung angereichert. Beim Publikum kommen die in den Springparcours gebauten Naturhindernisse ausgespro-

Vor großem Publikum sind in Donaueschingen stets auch die Gespannfahrer unterwegs.

Das CHI-Donaueschingen: Ein Turnier, fünf Disziplinen

chen gut an. Und bescheren dem Turnier mit dem weltbesten Vielseitigkeitsreiter Michael Jung einen aktuellen Star mit Heimatadresse ganz in der Nachbarschaft.

„Die Vielseitigkeit wird auch in Zukunft im Programm bleiben“ kündigt Escon-Geschäftsführer Niklas Droste an. Anders dagegen das Polospiel auf dem allzeit sauber rasierten Spielfeld zwischen dem Reitturnier-Areal und dem Autobahnzubringer. Das Erbprinzenpaar zu Fürstenberg, Christian und Jeannette, haben sich schon vor etlichen Jahren diesem rasanten und in Deutschland seltenen Pferdesport zugewandt und nutzten bis 2017 mehrere Jahre das Internationale Reitturnier als Rahmen für eine Polo-Konkurrenz. Beide Seiten profitierten von der Addition.

Doch seit 2018 reiten die Polo-Spieler während der Turnier-Tage nicht mehr mit. Ob dies nur eine Aus-Zeit ist oder das endgültige Nein zu einer Mitwirkung, darüber gibt es aus dem Adelshaus keine verbindliche Nachricht.

 

 

Almanach-Magazin Notizen aus dem Landkreis

Sensationeller Erfolg:

Dominik Koepfer im Achtelfinale der US-Open

„Das war eine fantastische Erfahrung heute. Ich habe noch nie vor so vielen Leuten gespielt, die meinen Namen gerufen haben“, freute sich Dominik Koepfer aus Furtwangen nach dem Match. Er bezog sich damit auf den bislang größten Erfolg seiner Karriere als Profi-Tennisspieler, den Einzug ins Achtelfinale bei den US-Open in Flushing Meadows in New York, wo er am 2. September 2019 in vier Sätzen erst Daniil Medwedew unterlag, dem fünften der Tennis-Weltrangliste und späteren Finalisten. Dieser zeigte sich von der sensationellen Leistung des 25-jährigen Furtwangers beeindruckt: „Mach nur so weiter, dann wirst du ein unglaublicher Spieler“, sagte ihm Medwedew beim abschließenden Handschlag.

Der Einzug ins Achtelfinale beim vierten Grand-Slam-Turnier im Tennisjahr katapultierte Dominik Koepfer auf den 85. Rang der Weltrangliste. Der Furtwanger hatte im Sommer 2019 schon in Wimbledon auf sich aufmerksam gemacht, wo er als Qualifikant wie bei den US-Open in die Hauptrunde einzog und in der zweiten Runde ausschied. Koepfer hatte eine Wildcard für Wimbledon erhalten, da er im Juni 2019 seinen bisher größten Erfolg feierte: Er konnte das Challenger-Turnier von Ilkley im Finale gegen Dennis Novak in drei Sätzen gewinnen.

Spieler beim TC BW Villingen

Als Kind und Jugendlicher spielte Dominik Koepfer 12 Jahre lang Mannschaftstennis im TC BW Villingen. Nach seinem Abitur im Jahr 2012 am Otto-Hahn-Gymnasium Furtwangen wechselte er an die Tulane University in New Orleans, an der er College-Tennis spielte. Der dortige Coach Mark Booras hatte von einem Freund einen Tipp bekommen, war eigens nach Deutschland geflogen und sofort überzeugt vom Talent des Abiturienten – holte ihn in sein Team. Der echte Fighter verdiente sich alsbald den Spitznamen „Pitbull“, weil er nie aufgibt. Koepfer ist im Tennis das, was man beim Fußball als „Wadenbeißer“ bezeichnet: Ein Spieler, der Druck ausübt und Hartnäckigkeit zeigt. Der Erfolg blieb nicht aus: 2015 wurde Dominik Koepfer im Einzel Hallenmeister bei den US-amerikanischen College-Meisterschaften.

Der großartige Erfolg bei den US-Open veränderte die Tennis-Karriere des Furtwangers schlagartig. Er rückte in den Fokus der Sport-Weltpresse und wurde zudem ins deutsche Davis-Cup-Team berufen. Mit ausschlaggebend für diese Berufung war die Tennislegende Boris Becker. Der Männer-Chef im Deutschen Tennis Bund (DTB) lobte den Furtwanger in den höchsten Tönen.

Dominik Koepfer

Tennis war für Dominik Koepfer lange einfach nur ein Hobby. Das änderte sich erst, als er 2010 wie aus dem Nichts Deutscher U16-Jugend-Vizemeister wurde. Er intensivierte sein Training und bewies auf dem Tennisplatz großartige Qualitäten.

Ein wenig staunend geht er immer noch durch seine neue Tenniswelt: „Es ist nicht normal, dass ich in einer Players Lounge Roger Federer oder Rafael Nadal begegne. Ich habe eine Chance bekommen, oben dabei zu sein, und die will ich auch nutzen.“ Auf die Zukunft darf man gespannt sein – ein Furtwanger im Tennis-Rampenlicht.

 

 

Bürgermeister von Bad Dürrheim:

Jonathan Berggötz siegt im ersten Wahlgang

Der neue Bürgermeister von Bad Dürrheim heißt seit 1. Juli 2019 Jonathan Berggötz, der bereits im ersten Wahlgang 63,73 Prozent der Stimmen erreichte. Damit war der frühere Leiter für Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Tourismus und Citymanagement bei der Großen

Bürgermeister von Tuningen:

Ralf Pahlow erhält 91 Prozent der Stimmen

Ralf Pahlow ist seit dem 1. Mai 2019 der neue Bürgermeister von Tuningen. Er tritt damit die Nachfolge von Jürgen Roth an, der im Oktober 2018 zum Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen gewählt worden war.

Bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent entfielen auf Ralf Pahlow 91 Prozent der Stimmen. Der 50-Jährige ist in Tuningen aufgewachsen und war der einzige Kandidat bei der Kreisstadt Rastatt klarer Wahlsieger. Die Wahlbeteiligung lag bei 50,92 Prozent. Der 32-jährige Jonathan Berggötz folgt Walter Klumpp nach, der 16 Jahre lang Bürgermeister von Bad Dürrheim war und nicht mehr kandidierte. Berggötz ist in Bad Dürrheim aufgewachsen und fungiert auch als SWR-Rundfunkrat.

Jonathan Berggötz

Ralf Pahlow

Wahl. Der Diplom-Verwaltungswirt wirkte seit 2012 als Leiter des Straßenverkehrsamtes beim Schwarzwald-Baar-Kreis.

Bei Bauarbeiten:

Reste des Klosters St. Georgen entdeckt

Das 1094 gegründete Benediktinerkloster St. Georgen im Schwarzwald gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Klöstern in Südwestdeutschland. Nach seiner Zerstörung im Jahr 1633 und dem späteren Abbruch der Baureste, ist vom Kloster seit langem nichts mehr sichtbar. Bei den Grabarbeiten um die Robert-Gerwig-Schule wurden nun Reste des ehemaligen Benediktinerklosters St. Georgen entdeckt.

Das Landesdenkmalamt betont in einer Pressemitteilung: „Bereits bei den ersten Bodeneingriffen kam unmittelbar unter der Asphaltdecke des Schulhofes ein gut erhaltenes gotisches Fenstergewände aus dem frühen 16. Jahrhundert und damit dem letzten Nutzungszeitraum als Kloster zutage. Bald folgten auch mächtige Fundament-mauern, die mithilfe digitaler Technik erfasst, und in einen Gesamtplan übertragen wurden. Die Mauerstrukturen fügen sich in den bei der Ausgrabung 1958/59 dokumentierten Baukörper ein. Die Fundamente sind der Südwand der Klosterkirche und dem daran anschließenden Kreuzgang zuzuordnen.“

Die Reste der Baustrukturen waren nur für kurze Zeit sichtbar, da die Gräben wieder verfüllt werden mussten.

 

]]>