Almanach 2019

Schwarzwald-Baar Jahrbuch
Almanach 2019

Foto: Impression vom Kreiserntedankfest 2018 in Weiler. Die Landjugend Mundelfingen präsentierte den ideenreichen Schwarzwald-Baar-Kreis. Auf einem Erntedankwagen war mit Sonnenblumen verziert der Umriss des Landkreises dargestellt.
Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de
Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de
Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations-und Kulturamt Stadt Hüfingen Clemens Joos, Kreisarchivar Andrea Lauble, Stadtmarketing St. Georgen

Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet.
Gestaltung: dold.media + dold.verlag
Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2018 www.doldverlag.de
Druck: jetoprint GmbH, Villingen-Schwenningen
ISBN: 978-3-927677-83-8

Aus dem Kreisgeschehen Leben im Denkmal Wirtschaft
Mobilität für die Region – Breisgau-S-Bahn 2020 Das schmalste Haus Villingens Hechinger: Spulen, Kunststoff- und Elektronikbauteile

Mit der „Hlentalbahn Ost“
wird ein bedeutender Beitrag zur besseren Mobilität geleistet. Die Elektrifizierung ermöglicht, ohne Umstieg im Stundentakt von VS-Villingen über Donaueschin.gen, Löffingen, Neustadt, Hinter-zarten nach Freiburg sowie weiter bis Breisach bzw. Endingen am Kaiserstuhl mit neuen, zeitgemäß ausgestatteten Zügen fahren zu können. Die Baumaßnahme hat im Sommer 2018 begonnen.

Das schmalste Haus Villingens
wirft viele Fragen auf, die nicht beantwortet werden können. Wieso „quetschen“ Menschen im 13. Jahrhundert in eine 2,8 Meter breite Lücke im Stadtbild ein ganzes Haus hinein? Und: Wie lebt es sich auf dieser Mini-Breite bei einer Mega-Raum.länge von 21 Metern auf vier Stockwerken und sechs Ebenen? „Ausgezeichnet“, befinden die heutigen Bewohner.
Ein genialer Unternehmer.geist mit schwäbischem Spar- und akkuratem Ge.schäftssinn steckt hinter der Erfolgsgeschichte der Firma Helmut Hechinger GmbH & Co. KG in VS-Schwenningen. Mit über 1.200 Mitarbeitern weltweit produziert das Unternehmen Hechinger überwiegend elektrome.chanische Produkte für die Automobilzulieferbranche.

Da leben wir
Klaus Richter – Vollkommen in ver.schiedenen Rollen

Klaus Richter ist Bergstei.ger, Weltreisender, Stadt.führer, Schauspieler, Haus.mann oder Geschäftsführer in einer Person. Und jede dieser Facetten wäre eine eigene Geschichte wert. Doch vollkommen ist der 56-jährige Villinger, der im Unterkirnacher Röthenloch lebt, nur mit all seinen Rollen – egal, ob sie nun gespielt sind oder nicht.

Inhaltsverzeichnis
2 Impressum
8 Abschied vom Vater des Almanach – das Gedächtnis des Schwarzwald-Baar-Kreises wird weiterleben! / Sven Hinterseh
1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen
10 In Memorian Dr. Rainer Gutknecht – Ein Landrat aus Leidenschaft / Wilfried Dold
16 Aus dem Kreisgeschehen / Sven Hinterseh
30 Sturmtief „Burglind“: Hochwasser verlief dank Rückhaltebecken ohne große Schäden / Michael Koch
2. Kapitel / Leben im Denkmal
46 Vom Reihenhaus in die Pfohrener Entenburg / Madlen Falke
56 Im „Kuckuck“ ist „Schwer was los“ / Susanne Kammerer
64 Das schmalste Haus Villingens / Sabine Przewolka
74 In Hondingen ein Schmuckstück geschaffen / Bernhard Lutz
82 Fridlis Hus in Aasen / Tanja Bury
88 Posten 61: Ferien an einer der berühmtesten Gebirgsbahnen der Welt / Roland Sprich
96 „Federwerk“ St. Georgen – das Hotel in der Fabrik / Wilfried Dold
3. Kapitel / Wirtschaft
116 Helmut Hechinger GmbH & Co. KG: Spulen, Kunststoff-und Elektronikbauteile / Sabine Przewolka
124 Highspeed im Grünen – SCHUNK Electronic Solutions setzt Maßstäbe in der Hochleistungsautomation / Johannes Grotz
132 Von Bugatti bis Bacardi – Hochwertige Pumpen von SCHERZINGER / Bernward Janzing
142 Spezialist im µ-Bereich – Die HAKOS GmbH in Villingen-Schwenningen legt seit über 100 Jahren größten Wert auf Präzision / Roland Sprich
4. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar
150 Klaus Richter / Marc Eich 158 Clemens Scherzinger / Ramona Lahrzal 164 Lisa Wolber / Barbara Dickmann 170 Kim Klausmann / Daniela Schneider 176 Susanne Seidel-Buri und Jörg Seidel / Wilfried Strohmeier 184 Isabella Schulz / Franziska Furtwängler
Geschichte Natur und Umwelt Kunst
Zur Geschichte der Natursteine aus Schwarzwald und Baar Vom guten Gefühl, wenn man genau weiß, woher die Lebensmittel kommen Über die unendliche Freiheit von Farbe, Malerei und Raum

Granit, Muschelkalk und Quarz.porphyr – dass diese und andere sche Natursteine im Landkreis vorkommen und über Jahrhunder.te hinweg abgebaut wurden, ist teils wenig bekannt. Viele Stein.brüche sind längst verschwunden, doch in älteren Bauwerken sind die mehr oder weniger vor Ort ge.brochenen und bearbeiteten Bau.steine bis in die Gegenwart hinein oft gut sichtbar.

Aus Unzufriedenheit mit den Produkten aus industrieller und auf Hhsterträge abzie.lender Landwirtschaft heraus, gründete sich im Januar 2017 der Verein „Solidarische Land.wirtschaft Baarfood e.V.“ Das Konzept kam an: Nach einem Jahr zählt der Verein über 160 Mitglieder – Tendenz stei.gend. Bei Brigachtal wird ein Hektar Land bewirtschaftet.
Seit einigen Jahren greift Emil Kiess mit spielerischer Leichtigkeit auf bekannte Themen seines Werks zurück. Er variiert in unter.schiedlichen Techniken und Formaten ein großes The.ma der Moderne und seiner Arbeiten: das Verhältnis von Abstraktion zu Figura.tion, die Relation von Form und Farbe.

Musik
Die Quellenländer – Haus- und Hofkapelle des Landratsamtes

Ein Liedtext voll Liebe und Begeisterung für die Heimat, dazu eine fröhliche und be.schwingte Melodie: Mit dem Marsch „Im Quellenland“ hat der Schwarzwald-Baar-Kreis seit diesem Frühjahr sein eige.nes Musikstück. Gespielt wird der Quellenlandmarsch von der „Haus- und Hofkapelle“ des Landratsamtes: den Quel.lenländern.

5. Kapitel / Geschichte
190 Zur Geschichte der Natursteine aus Schwarzwald und Baar / Martin Fetscher
210 100 Jahre Erster Weltkrieg – Wie Brigachtal und Marbach den Gefallenen des Krieges ein Gesicht gaben / Josef Vogt
216 Eskimos im Wilden Mann – 100 Jahre Kinogeschichte in Villingen und Schwenningen / Klaus Peter Karger
6. Kapitel / Wald- und Jagdgeschichte
226 Durch den Unterhölzer – ein jagdgeschichtlicher Waldspaziergang / Wolf Hockenjos
236 Fürstenbergische Jagden: Impressionen und Emotionen / Wolf Hockenjos
238 Die Jagden im Raum St. Georgen – eine Spurensuche / Wolfgang Gel und Clemens Joos
246 Lässt sich das Aussterben des Auerhuhns noch aufhalten? / Wolf Hockenjos
7. Kapitel / Natur und Umwelt
252 Vom guten Gefühl, wenn man genau weiß, woher die Lebensmittel kommen – Solidarische Landwirtschaft Baarfood e.V. / Birgit Heinig
262 Das Teich – eine der romantischsten Schluchten Deutschlands / Wolf Hockenjos
8. Kapitel / Kunst und Kultur
268 Emil Kiess – Über die unendliche Freiheit von Farbe, Malerei und Raum / Ursula Kler
9. Kapitel / Gastlichkeit
278 „die Säge“ in Kappel / Marc Eich 284 Paletti in Villingen / Roland Sprich
10. Kapitel / Freizeit
288 Das römische Hüfingen / Gabi Lendle
294 Ein Schwarzwaldhof zwischen Tradition und Moderne / Barbara Dickmann
11. Kapitel / Musik
302 Die Quellenländer / Susanne Kammerer 308 Imperium Dekadenz / Jens Frlich
Anhang

316 Almanach-Magazin
319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis
320 Ehrenliste der Freunde und Förderer

Abschied vom Vater des Almanach – das Gedächtnis des Schwarzwald-Baar-Kreises wird weiterleben!
Liebe Leserinnen und Leser,
ein Jahr voller zahlreicher Ereignisse liegt hinter uns – viele Veranstaltungen, Besuche politi.scher Vertreter aus dem In- und Ausland und auch manch große Entscheidung haben dieses geprägt. Meist waren es positive Erlebnisse, auf die wir zurückblicken können, es mussten aber auch schmerzliche Ereignisse verarbeitet wer.den. So trauerte der Landkreis um eine große Persönlichkeit – der erste Landrat des Schwarz.wald-Baar-Kreises und Vater des Almanach, Dr. Rainer Gutknecht, verstarb am 13. März 2018 im Alter von 86 Jahren.
Landrat Dr. Rainer Gutknecht prägte die Entwicklung des Schwarzwald-Baar-Kreises maßgeblich und hat mit seiner ganzen Per.sönlichkeit, seiner Schaffenskraft und seinem herausragenden Engagement Vorbildliches für unseren Landkreis geleistet.
Wenn wir heute, 46 Jahre nach Entstehung des Landkreises im Zuge der Kreisreform, unse.ren wunderschönen Schwarzwald-Baar-Kreis als unsere nähere Heimat empfinden und uns mit ihm identifizieren können, ist dies im Wesentli.chen auch meinem Vorvorgänger, Herrn Landrat
i.R. Dr. Rainer Gutknecht, zu verdanken. Sein „Kind“, das Schwarzwald-Baar Jahrbuch – unser Kreisalmanach –, das er zeitlebens mit außer.gewöhnlicher Liebe und Sorgfalt gepflegt und gefördert hat und das ihm von ganz besonderer Bedeutung war, hat entscheidend dazu beige.tragen, ein Kreisbewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen und dieses über Jahrzehnte hinweg wachsen zu lassen. Darüber hinaus war dies bis zuletzt Ausdruck seiner großen Verbundenheit mit dem Landkreis.
Es ist mir deshalb ein ganz besonders großes Anliegen, nach dem Tod des Vaters des Alma.nach, sein Erbe – das Gedächtnis des Schwarz.wald-Baar-Kreises – und somit die Tradition unseres Schwarzwald-Baar Jahrbuches auch in Zukunft fortzuführen und ich hoffe daher sehr, dass auch der Almanach 2019 wieder die gewohnt gute Resonanz finden wird. Zu einer so schönen Gegend wie dem Schwarzwald.Baar-Kreis, gehört neben herrlichen Natur- und Lebensräumen, einem abwechslungsreichen Kulturangebot und einer funktionierenden Wirtschaft auch eine lebendige Demokratie – ein hohes Gut. In 2019 haben wieder zahlreiche Bürgerinnen und Bürger des Schwarz.wald-Baar-Kreises das Recht und ein Stück weit auch die Pflicht, das politische Leben in den Städten und Gemeinden, dem Landkreis und auch in Europa im Rahmen der Kommunal- und Europawahlen aktiv mitzugestalten. Wählen ge.hen zu dürfen ist keine Selbstverständlichkeit, weshalb ich mir für die kommenden Wahlen einen Anstieg bei der Wahlbeteiligung erhoffe.

Bei den treuen Freunden, Unternehmen und Förderern des Schwarzwald-Baar Jahrbuchs be.danke ich mich für die wertvolle Unterstützung. Ebenso gilt natürlich den zahlreichen Autoren und Fotografen mein aufrichtiger Dank, ohne die eine so abwechslungsreiche und vielseitige Publikation in dieser Qualität nicht umsetzbar gewesen wäre. Und zu guter Letzt danke ich allen (langjährigen) Leserinnen und Lesern für die Treue und das Vertrauen, das sie uns nun schon seit über vier Jahrzehnten schenken.
Ihr
Sven Hinterseh Landrat
Drei Landräte als Repräsentanten von er 40 Jahre Kreisgeschichte, v. links: der amtierende Landrat Sven Hinterseh, Dr. Rainer Gutknecht (1931 – 2018), erster Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises in den Jahren 1973 bis 1996 (siehe Nachruf auf Seite 10). Rechts Karl Heim, der von 1996 bis 2012 als Landrat wirkte.
In Memorian Dr. Rainer Gutknecht

Ein Landrat aus Leidenschaft
Dr. Rainer Gutknecht hat als Landrat Außerordentliches
geleistet, viel erreicht und allseits hhste Anerkennung erfahren. Berufliches Schulwesen, Sonderschulen, Impulse f die wirt schaftliche Entwicklung – ein neues Kreishaus, das Landratsamt: Dr. Rainer Gutknecht prägte den Schwarzwald-Baar-Kreis maß geblich. Das von ihm geschaffene Jahrbuch „Almanach“ als Gedächtnis des Landkreises war ihm zeitlebens von besonderer Bedeutung und weiterer Ausdruck der großen Verbundenheit des „Schwarzwald-Baaremers“ mit Schwarzwald und Baar.
Landrat Sven Hinterseh
Aus Anlass der Gedenkfeier im Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises am 9. April 2018.

Dr. Rainer Gutknecht * 01.06.1931 † 13.03.2018
Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises in den Jahren 1973 – 1996
„Hier Gutknecht“, die Stimme ist freudig-frisch – am anderen Ende der Leitung wünscht sich Landrat Dr. Rainer Gutknecht einen Beitrag zur Linachtalsperre für die nunmehr dritte Ausgabe des Jahrbuchs „Almanach“. Der Schwarzwald.Baar-Kreis hat es auf Initiative des Landrates 1977 erstmals herausgegeben. Zeitlose, leben.dige Texte sollen aufzeigen, was den 1973 gebil.deten Schwarzwald-Baar-Kreis ausmacht. Das Jahrbuch wird von Anfang an kreisweit stark nachgefragt, erscheint bis heute in einer hohen Auflage. Auch, weil die Beiträge mit teils farbi.gen Abbildungen illustriert sind – in den 1970er-und 1980er-Jahren eine Seltenheit.
Tatsächlich verhilft der „Almanach“ dem jungen Landkreis zu einem Gesicht: Von seiner ersten Ausgabe an trägt er zur Entstehung von Kreisbewusstsein bei. Das Schwarzwald-Baar Jahrbuch bleibt sein visuelles Gedächtnis bis zum heutigen Tag.
Rottweiler Jahre – der Werdegang
„Kommunalpolitisch prägend“ sind für den gebürtigen Stuttgarter schon die Kinder- und Jugendjahre in Rottweil. Dort wirkt sein Vater als Bürgermeister. Was es heißt, ein öffentliches Amt zu bekleiden, ist Rainer Gutknecht somit von Kindesbeinen an vertraut. Auch die damit verbundenen Pflichten, wenn man seinen Beruf als Berufung versteht und aus dem Herzen lebt. Bleibend ist die Erinnerung an das Wildbret-Ge.schenk eines Jägers an den Vater in den schwe.ren Nachkriegsjahren. Denn der Rehschmaus kommt nicht bei Gutknechts auf den Tisch: Der Rottweiler Bürgermeister schickt den Sohn mit dem Wildbret vielmehr ins örtliche Spital, er hat es dort in der Krankenhausküche abzugeben. Im Haus des Rottweiler Bürgermeisters herrschte Pflichtbewusstsein, Korrektheit und Disziplin auf allen Ebenen.
Die Strenge des Vaters gleicht die Mutter mit Güte und Humor aus – und humorvoll, herzhaft lachend und Freude ausstrahlend, so konnte man Rainer Gutknecht oft ebenso erle.ben. Überaus schlagfertig war er zudem. Gerne bezeichnete er sich spaßhaft aber nicht grund.los als „preußischen Schwaben“.

„der schiebt“. Der sich den ihm vorgetragenen Anliegen auch annimmt und wo sinnvoll nach konsensfähigen Lösungen sucht.
Nach dem Abitur studiert Rainer Gutknecht Rechtswissenschaften in Tübingen, München und Heidelberg. 1958 promoviert er an der Universität Tübingen und absolviert 1960 die zweite juristische Staatsprüfung. Als Refe.rent für Organisation, Verfassung und Polizei beim Deutschen Städtetag in Köln verdient er sich sechs Jahre lang erste berufliche Sporen, zeichnet sich vielfach aus. Im Dezember 1966 wählt ihn der Rheinisch-Bergische Kreistag zum Kreisdirektor – über sechseinhalb Jahre hinweg ist diese Aufgabe die beste Vorbereitung für sein künftiges Wirken im Schwarzwald-Baar-Kreis, der 1973 im Zuge der Kreisstrukturreform aus den früheren Landkreisen Villingen und Donaueschingen entsteht.
Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis
Am 1. Oktober 1973 tritt Dr. Rainer Gutknecht sein Amt als Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis an und wird am 6. Juli 1981 und am 3. Juli 1989 jeweils mit großer Mehrheit darin be.stätigt. Er ist der richtige Mann am richtigen Platz – das spürt man von der ersten Stunde an. Ob Bürgermeister oder Kommunalpolitiker, Firmeninhaber, Leiter von Schulen und Insti.tutionen oder die Menschen im Schwarzwald und auf der Baar: Wer Dr. Rainer Gutknecht begegnet, der spürt, dass er einem Landrat gegenübersteht, der sich seiner Aufgabe mit enormer Leidenschaft verschrieben hat. Der nicht geschoben werden muss, sondern schiebt, wie es der St. Georgener Bürgermeister und kreispolitische Weggefährte Günter Lauffer am 31. Mai 1996 bei der Verabschiedung von Dr. Gutknecht aus dem Amt formuliert. Ein

Dr. Rainer Gutknecht (rechts) 1989 bei der 1100-Jahr-Feier der Stadt Donaueschingen. Das Foto zeigt ihn mit Erwin Teufel (v.links), Lothar Späth, Fürst Joachim zu Fürstenberg und Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke.
Landrat, der sich den ihm vorgetragenen Anliegen annimmt, und dort, wo es sinnvoll und möglich erscheint, nach konsensfähigen Lösungen sucht. Und der als Mitglied der CDU dennoch parteiübergreifend als Landrat aller wirkt, dem man eine ehrlich empfundene Hoch.achtung entgegenbringt.
Herausforderungen und Meilensteine
Dr. Rainer Gutknecht sieht sich der gewaltigen Aufgabe gegenüber, mit Beharrlichkeit einen der nun 35 Landkreise in Baden-Württemberg für die Zukunft aufzustellen. Es braucht dazu eine gehörige Portion an Durchsetzungsver.mögen – auch daran mangelt es dem Amts.inhaber nicht. Ob Weggefährten der ersten Stunde sprich Jahre wie Dr. Bernhard Everke in Donaueschingen, Dr. Gerhard Gebauer in Villingen-Schwenningen – Hans Frank in Furtwangen oder Otto Weissenberger in Bad Dürrheim: Jeder Bürgermeister im Kreis hat zwar keinesfalls ausschließlich, aber doch zu allererst, die Infrastruktur seiner Kommune im Blick – Dr. Rainer Gutknecht die des Schwarz.wald-Baar-Kreises. Und in der Kreispolitik sind die Bürgermeister seit jeher das Zünglein an der Waage. Doch in gemeinsamer Arbeit mit dem Kreistag wird die harte Bewährungsprobe be.standen. Auch das eine Qualität des Landrates: Beharrlichkeit beweisen und mit Argumenten überzeugen. Was Dr. Rainer Gutknecht will, daran lässt er keinen Zweifel: Der Landkreis soll zu einer Gebietskörperschaft heranwachsen, die bei den Bürgerinnen und Bürgern ähnlich ak.zeptiert wird wie die eigene Stadt oder Gemein.de. Nicht mehr und nicht weniger…

Das erste Jahr seiner Amtszeit bestimmt der Aufbau der neuen Verwaltung. Es gilt, die Land.ratsämter Donaueschingen und Villingen zu ei.ner Einheit zu verschmelzen. Im Bereich der Be.ruflichen Schulen und der Sonderschulen wird es erforderlich, die Ärmel in gleich erheblichem Maße hochzukrempeln: Der Aufbau des moder.nen beruflichen Schulwesens und der Sonder.schulen zählt zweifelsohne zu den Meilenstei.nen der Amtszeit von Dr. Rainer Gutknecht, der Kreis investiert in Berufs- und Sonderschulen insgesamt über 120 Millionen D-Mark.
Die Ausweitung und Intensivierung von herkömmlichen Kreisaufgaben wie Straßenbau, Sozial- und Jugendhilfe, die Reorganisation der stationären Krankenversorgung, der Einstieg in den öffentlichen Personennahverkehr auf Stra.ße und Schiene oder die Tourismus- und Wirt.schaftsförderung entwickeln sich zu weiteren großen Aufgabenfeldern. Und, was zunächst als Übernahme gemeindlicher Müllabladeplätze ausgesehen hatte, entwickelte sich durch eine vom Umweltschutzgedanken geprägte Gesetz.gebung zu einer technisch und organisatorisch anspruchsvollen Abfallwirtschaft.

Ein modernes Kreishaus – das 1991 bezogene Land.ratsamt auf dem Villinger Hoptbühl.
Früh reifte auch der Gedanke, für den Schwarzwald-Baar-Kreis auf dem Villinger Hoptbühl ein neues Landratsamt zu bauen. Bis es soweit sein sollte, vergingen jedoch viele Jahre. Doch geriet das 1991 eingeweihte, ar.chitektonisch herausragende „Kreishaus“ zum Leuchtturm der gelungenen Kreisreform, zur Andockstelle für das neue Kreisbewusstsein. Noch heute wirkt es modern, wird von den Bür.gern gerne besucht – nicht nur aus dienstlichem Grund.
Aus dem Engagement der Landesberufs.schule für das Hotel- und Gaststättengewer.be erwuchs auch die Partnerschaft mit dem ungarischen Komitat Bács-Kiskun. Diese ent.wickelte sich einst aus einem Schüleraustausch zwischen der Landesberufsschule sowie einer vergleichbaren Schule in Kecskemét und hat sich mittlerweile auf viele weitere Bereiche aus.geweitet. Ebenso ist die grenzüberschreitende Freundschaft mit dem Kanton Schaffhausen ein Verdienst Dr. Rainer Gutknechts.
Erflter Ruhestand
Wer so leidenschaftlich als Landrat wirkt, muss sich auf den Ruhestand vorbereiten, der am

architektonisch herausragende „Kreishaus“ geriet zum Leuchtturm der gelungenen Kreisreform, zur Andockstelle für das neue Kreisbewusstsein.

31. Mai 1996 beginnt. Dass er diesen gewissen.haft plane, um sich besser vom Amt lösen zu können, erzählte Dr. Rainer Gutknecht schon Jahre zuvor. Und in der Tat: Er stand zwar als Ratgeber parat, in die Kreispolitik selbst indes mischte er sich nach seiner Verabschiedung nicht mehr ein.
Gerne ließ er sich jedoch in die Feierlichkei.ten zum 40-jährigen Jubiläum des Schwarz.wald-Baar-Kreises einbinden. Aus diesem Anlass veröffentlichte der Almanach in seiner Ausgabe 2013 ein Interview mit allen drei Land.räten. Die Gesprächsrunde wurde mit der Frage beschlossen, warum denn das Amt des Landra.tes ein so schönes Amt sei. Dr. Gutknecht dazu: „Weil die Vielfalt der Aufgaben so reizvoll ist, und man kann auch seine eigene Persönlichkeit einbringen. Es gibt selten ein Amt in der Verwal.tung, im Bund, im Land oder in der Kommune, das so interessant ist wie das des Landrates.“
Schon seit vielen Jahren in Bad Dürrheim lebend, genoss es Rainer Gutknecht im Ruhe.stand von dort aus in alle Welt zu reisen. Und der praktizierende Katholik stand ebenso an der Seite von Weggefährten, denen ein Alter in Ge.sundheit wie ihm nicht vergönnt war.
Trauerstunde im Kreistag
Lange Zeit kerngesund genoss Dr. Rainer Gutknecht einen erfüllten Ruhestand. Im Alter von 86 Jahren verstarb er am 13. März 2018 in seiner Wohnung. Die Trauerfeier erfolgte auf eigenen Wunsch im engsten Kreis in Rottweil, wo er im Familiengrab beigesetzt wurde.
Bei der Trauerstunde im Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises am 9. April 2018 wür.digte Landrat Sven Hinterseh die Verdienste von Dr. Rainer Gutknecht. Er zeigte dabei ebenso die vielfache Anerkennung für das Wirken des ersten Landrates im Schwarzwald-Baar-Kreis auf. Dr. Rainer Gutknecht wurde das Bundes.verdienstkreuz 1. Klasse verliehen, die Stau.fermedaille des Landes Baden-Württemberg und weiter die Verdienstmedaille des Schwarz.wald-Baar-Kreises in Gold. Die hohe Auszeich.nung übergab Landrat Hinterseh im Rahmen einer Feierstunde zum 85. Geburtstag, zu der der Schwarzwald-Baar-Kreis eingeladen hatte.

Mit dem 1977 erstmals erschienen „Alma.nach“ hat dieser Nachruf begonnen, mit dem nun in seiner bereits 43. Ausgabe vorliegen.den Jahrbuch soll er auch schließen. Mit dem Almanach ist es Dr. Rainer Gutknecht gelungen, einen „Heimatschatz“ zu schaffen, der ihm stets mit das liebste Kind war. Den Almanach hat er nahezu 20 Jahre lang als „Chefsache“ mit viel Herzblut intensiv redaktionell betreut. Als „Schwarzwald-Baaremer“, wie er gerne schmunzelnd hinzufügte.
Im zur Trauerstunde im Kreistag aufgeleg.ten Kondolenzbuch findet sich der Satz: „Sie bleiben unvergessen“. Dem ist nichts hinzuzu.fügen. wd
Zum 85. Geburtstag wurde an Landrat Dr. Rainer Gutknecht die Goldene Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises verliehen, die Landrat Sven Hinterseh überreichte.

Aus dem Kreisgeschehen – Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Gast

Vom Naturschutz über Automatisierung bis zur Industrie 4.0
von Sven Hinterseh
Kreisbesuch von Minister präsident Winfried Kretschmann am 3. Mai 2018. Das Foto zeigt ihn zusammen mit Regierungs
präsidentin Bärbel Schäfer, Landrat Sven Hinterseh und der Landtagsabgeordneten Martina
Braun.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit MdL Martina Braun und Landrat Sven Hinterseh sowie Trachten.trägern von Schwarzwald und Baar beim Bürgerempfang in der Neuen Tonhalle in Villingen-Schwenningen.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann besucht Schwarzwald-Baar-Kreis
Es ist eine besondere Ehre, wenn ein Landkreis die Gelegenheit hat, den amtierenden Minister.präsidenten willkommen zu heißen. Minister.präsident Winfried Kretschmann kündigte seinen offiziellen Kreisbesuch für den 3. Mai an. Es war uns eine besondere Freude, ihm an die.sem Tag den Schwarzwald-Baar-Kreis in seinen unterschiedlichsten Facetten zu zeigen. Selbst.verständlich wollten wir die Chance nutzen, bei seinem Kreisbesuch die wichtigen Themen, die den Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinen Bür.gerinnen und Bürgern bewegen, in den Mittel.punkt zu rücken.

Den Auftakt des Besuches bildete ein kommu.nalpolitisches Gespräch im Landratsamt, an dem sowohl Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer als auch unsere Oberbürgermeister, Bürgermeisterin und Bürgermeister des Landkreises teilnahmen. Themen wie der Breitbandausbau, aber auch der Ausbau der Höllentalbahn wurden angesprochen.

Studenten der Hochschule Furtwangen University demonstrieren dem Ministerpräsidenten die vielfältigen
Möglichkeiten modernster Robotertechnik.
Im Anschluss an das kommunalpolitische Gespräch besuchten wir mit dem Ministerprä.sidenten das Naturschutzgebiet Plattenmoos, das zwischen Pfaffenweiler und Tannheim liegt und das Teil des Naturschutzgroßprojektes Baar ist. Im Gespräch vor Ort standen verschiedene Umsetzungsmaßnahmen im Fokus.
Danach ging es weiter an die Hochschule Furtwangen University. Hier wurden wichtige Aspekte der Industrie 4.0, Digitalisierung und Automatisierung sowie der Schwarzwald als Industriestandort thematisiert. Ein Bürgeremp.fang in der Neuen Tonhalle der Stadt Villin.gen-Schwenningen rundete den gelungenen und sympathischen Kreisbesuch des Minister.präsidenten ab.

Eintrag ins Gästebuch des Schwarzwald-Baar-Krei.ses: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer mit MdL Mar.tina Braun und Landrat Sven Hinterseh im Kreis von Bürgermeistern und Kreisräten des SBK.

Startschuss für ein ausfallsicheres Glasfasernetz. Mit dabei waren u.a. v. links Landtagsabgeordnete Martina Braun, Mitte Landrat und Zweckverbandsvorsitzender Sven Hinterseh, Innen- und Digitalminister Thomas Strobl sowie der Schaffhauser Regierungspräsident Christian Amsler, der Schaffhauser Regierungsrat Martin Kessler und der stellvertretende Zweckverbandsvorsitzende Bürgermeister Jürgen Roth.
Digitalisierung ist TOP-Thema unserer Zeit
Die digitale Welt wird für viele Bürgerinnen und Bürger immer mehr zum Bestandteil des alltäg.lichen Lebens. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich bereits im Jahr 2013 auf den Weg gemacht, den Menschen im Landkreis die Breitband-Infrastruktur dafür zügig bereit zu stellen. Des.halb arbeiten wir mit unserem Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar uner.müdlich am Ausbau des Glasfasernetzes. Der Backbone des Glasfasernetzes, unsere Hauptda.tenleitung, die alle Städte und Gemeinden un.tereinander verbindet, konnte zwischenzeitlich im Wesentlichen fertiggestellt werden. Jetzt geht es vor allem darum, den Glasfaserausbau in den Städten und Gemeinden mit ihren vielen Ortsteilen voranzutreiben. Dabei sind wir froh und dankbar, dass uns das Land Baden-Würt.temberg die wichtigen Fördermittel für den Ausbau großzügig bereitstellt.
Ein Meilenstein für unser Glasfasernetz war, dass unser Netz jetzt doppelt gesichert ist. Sollte es Ausfälle geben, können Kunden ab so-

ausgestaltet, was besonders für Geschäftskunden mit internationalen Kunden oder Standorten eine zwingende Voraussetzung ist.

fort über eine zweite Strecke versorgt werden. Dies ist uns gelungen, indem wir zusätzlich zum bestehenden Anschluss an den deutschen Knotenpunkt Frankfurt nun auch mit dem Kno.tenpunkt Zürich angebunden sind. Das Glas.fasernetz im Schwarzwald-Baar-Kreis ist also ausfallsicher ausgestaltet, was besonders für Geschäftskunden mit internationalen Kunden oder Standorten eine zwingende Voraussetzung ist. Sollte es zu einem Vorfall auf der Strecke zum Knotenpunkt in Frankfurt kommen, wer.den die Kunden über den Knotenpunkt Zürich versorgt.

Große Teile der bestehenden Bahnstrecken der Breisgau-S-Bahn werden bis 2019 um- und ausgebaut sowie elektrifiziert. Für die Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis wird so nach Abschluss der Arbeiten die umsteige.freie Bahnfahrt im Stundentakt nach Freiburg möglich. Der Landkreis investiert aus diesem Grund 15 Mio. Euro in das Projekt, dessen Baustart im Sommer 2018 erfolgte.
Mobilität f die Region – Breisgau-S-Bahn 2020: Hlentalbahn Ost – Baustart in Dgingen
Für den Schwarzwald-Baar-Kreis steht die Schaffung einer zeitgemäßen Infrastruktur für unsere Mobilitätsbedürfnisse als Schwerpunkt.thema fest. Gerade im ländlichen Raum sind die verkehrlichen Verbindungen Lebensadern, die es weiter zu stärken gilt. Mit der „Höllentalbahn Ost“, welche Bestandteil des Projektes Breisgau-S-Bahn 2020 ist, wird ein bedeutender Beitrag zur besseren Mobilität geleistet. Die Elektrifi.zierung der Höllentalbahn Ost ermöglicht, dass Fahrgäste ohne Umstieg im Stundentakt von VS-Villingen über Donaueschingen, Hüfingen, Löffingen, Neustadt, Hinterzarten und Kirch-zarten nach Freiburg sowie weiter bis Breisach bzw. Endingen am Kaiserstuhl mit neuen, zeit.gemäß ausgestatteten Zügen fahren können.
Damit dies gelingt, muss die östliche Höl.lentalbahn mit einer Oberleitungsanlage aus.gestattet werden. Die Elektrifizierung zwischen Neustadt und Donaueschingen mit den fünf Das Land Baden-Württemberg und der Zweckverband Regio-Nahverkehr Freiburg (ZRF) haben sich im Jahr 2007 in der „Frei.burger Erklärung“ darauf verständigt, das Konzept Breisgau-S-Bahn weiterzuentwi.ckeln, um das Angebot auf allen regionalen Schienenstrecken auszubauen und langfris.tig zu sichern. Dies schließt auch die Verbin.dungen zu den Nachbarn mit ein. So dient zum Beispiel der Ausbau der Höllentalbahn unter anderem dazu, Freiburg und Villin.gen-Schwenningen besser miteinander zu verbinden.

Voraussetzung ist ein entsprechend angepasster Ausbau der Schieneninfra.struktur. Projektträger sind neben dem ZRF und dem Schwarzwald-Baar-Kreis – für den Abschnitt der Höllentalbahn zwischen der Kreisgrenze und Donaueschingen – die Bundesrepublik Deutschland und das Land Baden-Württemberg.

bestehenden Tunneln ist eine echte Herkules.aufgabe. Zudem müssen die Haltepunkte und Bahnhöfe umgebaut und ertüchtigt werden. Beispielsweise wird der zukünftige Kreuzungs.bahnhof Döggingen umfassend ausgebaut und am Bahnhof Hüfingen Mitte muss der Bahn.steig für die Züge der Breisgau-S-Bahn um zirka 30 Meter in Richtung Donaueschingen verlän.gert werden.
Der Schwarzwald-Baar-Kreis beteiligt sich mit 15 Mio. Euro an der Modernisierung seines Streckenabschnitts mit einer Länge von zwölf Kilometern, um eine gute Verkehrsverbindung vom Oberzentrum Villingen-Schwenningen zum Oberzentrum Freiburg zu schaffen. Zeit.gleich werden die Busverkehre in der Südbaar umgestaltet und auf die Zugfahrpläne ausge.richtet.
Damit erhalten künftig auch diejenigen Städte und Gemeinden, die nicht unmittelbar an der Höllentalbahn liegen, optimale Verbin.dungen in den Breisgau.
Ab Dezember 2019 soll die Direktverbindung von VS-Villingen nach Freiburg betriebsbereit sein. Für die Bauarbeiten ist die Bahnstrecke Do.naueschingen-Neustadt noch bis Ende Oktober 2019 gesperrt.

Das grenzüberschreitende Netzwerk zur Demografie zog in einer Abschlusskonferenz im Landratsamt ihr Resümee. Regierungspräsident Christian Amsler, Kanton Schaffhausen, und Justizminister Guido Wolf MdL nahmen mit Landrat Sven Hinterseh an der Konferenz teil.
Grenzerschreitendes Netzwerken f neue Ideen zum Demografiewandel
Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat bereits im Jahr 2012 damit begonnen, sich mit dem Thema De.mografie intensiver auseinander zu setzen. Dies mündete 2013 schließlich in unserer Demogra.fiestrategie, die stets auf deren Umsetzung und Aktualität und zur Weiterentwicklung auf den Prüfstand gestellt wird. Doch damit sollte die Entwicklung nicht enden. Uns war klar, dass wir uns bei diesem wichtigen Thema breiter aufstel.len möchten. Deshalb hat sich der Schwarzwald.Baar-Kreis zusammen mit weiteren Partnern für ein Interreg-Projekt „Demografie-Netzwerk“ beworben. Die Gemeinden Königsfeld und Tuningen, der Kanton Schaffhausen, die Stadt Singen sowie der Schwarzwald-Baar-Kreis selbst hatten jeweils ihre eigenen Projekte gesetzt, wie beispielsweise die Bürgerbeteiligung zur Um.gestaltung des Zinzendorfplatzes in Königsfeld oder die Entwicklung von Ideen zur Mobilität in Tuningen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden als Projekte eine Tourismuskonzeption entwi.ckelt, eine Strukturstudie Forst- und Landwirt.schaft erstellt, die Wissenswerkstatt weiterent.wickelt und eine Seminarreihe für Ortsvorsteher und Bürgermeister angeboten. Zusätzlich gab es die Möglichkeit, sich mit den Projektpartnern auszutauschen.
Nach diesem Prozess können wir festhalten: es hat sich gelohnt! Vor allem die zahlreichen neuen Impulse aus dem grenzüberschreitenden Austausch mit unseren Schweizer Freunden, die wiederum in den eigenen Prozess miteinfließen können, waren wertvoll. Und gerne schließe ich mich dabei den Worten von Guido Wolf, Minister der Justiz und für Europa des Landes Baden-Würt.temberg an, der bei der Abschlusskonferenz
Es ist ein Hilferuf, der da an der Ortsgrenze von Schönwald zu lesen steht: „Landarzt gesucht“, verkündet ein Schild. Gesucht wird der Nachfolger von Landarzt Hans-Ulrich Jung (rechts), der seine Praxis am 24. Februar 2017 geschlossen hat. Bür.germeister Christian Wörpel dankte ihm für seinen langen Dienst. Bis heute hofft Schönwald vergebens auf einen Nachfolger.

feststellte: „Ich denke und ich hoffe, dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist.“
Ärztemangel im Ländlichen Raum – Modellprojekt zeigt Lungsansätze auf
Wir alle spüren den Wandel der Demografie schon heute. Unternehmen sprechen von Fach.kräftemangel, Patienten im Ländlichen Raum von zu wenigen Ärzten. Es war dem Schwarz.wald-Baar-Kreis ein Anliegen, sich mit den Sorgen um eine gesicherte ärztliche Versorgung auseinander zu setzen. Deshalb haben wir in einem zweijährigen Modellprojekt zusammen mit den beiden Landkreisen Rottweil und Tutt.lingen zunächst die bestehende Situation analy.siert, um daraus Lösungsansätze zu entwickeln. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet und durch das Landesministerium für Soziales und Integration finanziell unterstützt. Ergebnis des Projektes war, dass eine kleinräumige Pla.nung besser geeignet wäre, um den Bedarf an Ärzten im Kreis zu decken. Lösungsansätze sieht das Modellprojekt zudem darin, attraktive Ar.beitsmodelle für den ärztlichen Nachwuchs zu schaffen, indem beispielsweise lokale Gesund.heitszentren aufgebaut werden. Weiter könn.ten Verbünde für Weiterbildungen zwischen den niedergelassenen Ärzten und Kliniken Un.terstützung finden.

Fest steht, auch wenn das Modellprojekt nach zweijähriger Laufzeit beendet ist, müssen die Ergebnisse nun weitergetragen werden. In der Pflicht sind die Kassenärztliche Vereinigung, die Städte und Gemeinden aber auch die Ärztin.nen und Ärzte selbst. Die Landkreise sehen sich in der Rolle, die Akteure weiterhin zu unterstüt.zen.
Start der Umsetzungsphase des Naturschutzgroßprojektes
Es freut mich sehr, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis zum Naturschutz einen wichtigen Beitrag leisten kann. Mit dem Naturschutzgroßprojekt (NGP) Baar wird ein kooperativer Naturschutz verfolgt. Jede einzelne Maßnahme wird mit den Flächeneigentümern abgestimmt und im Einvernehmen angegangen. Diese Freiwilligkeit erstreckt sich auch auf den Bewirtschafter einer Fläche. Im Mai wurde die Förderung bewilligt, um die im Pflege- und Entwicklungsplan be.schriebenen Maßnahmen umsetzen zu können. Mit dieser bewilligten Förderung in Höhe von 8,5 Mio. Euro ist der Kreis nun in der Lage, den Bio.topverbund auf der Baar deutlich zu verbessern. Es profitieren Flora und Fauna zusammen mit den von ihnen besiedelten Biotopen wie Mager.rasen oder Moore. Aber auch für die Landwirte, die sich im Bereich der Landschaftspflege enga.gieren möchten, ergeben sich große Chancen.
Die anteilige Finanzierung beträgt durch den Bund 75 % und durch das Land 15 %. Den 10-prozentigen Eigenanteil trägt der Schwarz.wald-Baar-Kreis als Projektträger mit Beteili.gung des Landkreises Tuttlingen.
Die Bedeutung des NGP für das Land Ba.den-Württemberg zeigte sich nach Ablauf der vierjährigen Förderung des Projektes I (Planungs.phase, Laufzeit von März 2013 bis März 2017), das ein Volumen von rund 1,1 Mio. Euro hatte. Das Umweltministerium und der Landkreis Tutt.lingen beteiligten sich an der Finanzierung der Phase zwischen den beiden Projekten. So konnte die Projektleitung über 13 Monate hinweg wei-

der Landkreis nun in der Lage, den Biotopverbund auf der Baar deutlich zu verbessern.

terbeschäftigt werden. Somit war die Kontinuität innerhalb des NGP Baar gewährleistet und die anstehenden Aufgaben wurden erledigt.
Das Projekt II des NGP Baar wird seit dem

1. Mai 2018 durch das Bundesamt für Natur.schutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministe.riums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) und des Ministeriums für Um.welt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Würt.temberg (UM) gefördert. Der Förderbescheid für die Umsetzungsphase wurde am 23. Mai 2018 bei einer feierlichen Auftaktveranstaltung in Blumberg-Achdorf überreicht.
Neubau des Kreistierheims in Donaueschingen eingeweiht
Für den Tierschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis war die Eröffnung unseres Kreistierheims in Do.naueschingen ein wichtiger Tag. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren mühsame Anstrengungen, um einen Neubau zu verwirk.lichen. Wer das Gebäude des bisherigen Kreis.tierheims am alten Standort in Donaueschingen besuchte, weiß, dass es nicht mehr den heuti.gen Anforderungen an eine tierschutzgerechte Unterbringung von Tieren entsprach. Die hygi.enischen Voraussetzungen konnten nicht mehr erfüllt werden. Seit mehreren Jahren suchte man deshalb nach Möglichkeiten, einen Neu.bau zu realisieren. Doch leider scheiterte das Vorhaben sowohl an der Finanzierung als auch an einem geeigneten Grundstück.
Das bisherige Tierheim in Donaueschingen wurde in den Jahren 1961/62 errichtet und 1982 erweitert. Seit 1998 wird die Einrichtung vom Trägerverein des Kreistierheims im Schwarz.wald-Baar-Kreis e. V. betrieben. Mitglieder des Trägervereins sind die Städte Donaueschingen,

Die Verwahrung von Fundtieren und herrenlosen Tieren ist eine Aufgabe der Gemeinden. Die Erfüllung dieser gemeind.lichen Aufgaben wird durch das Kreistier.heim wahrgenommen. Zudem muss der Landkreis Tiere, die wegen Verstoßes gegen den Tierschutz beschlagnahmt werden, unterbringen und bedient sich hierfür ebenfalls des Kreistierheimes. Im Schnitt ist das Tierheim zu 80 bis 85 % mit Tieren aus dem Zuständigkeitsbereich der Städte und Gemeinden und zu 5 bis 10 % mit vom Landkreis beschlagnahmten Tieren belegt. Bei den übrigen Tieren handelt es sich um privat abgegebene oder Pensionstiere, die kostenpflichtig vom Tierheim aufgenom.men werden. Seit 2014 erfolgt die Finan.zierung des Betriebes des Tierheimes über den Kreishaushalt durch eine einwohnerbe.zogene Pauschale, die derzeit 0,55 Euro je Einwohner beträgt.
Villingen-Schwenningen und St. Georgen, der Schwarzwald-Baar-Kreis, der Landestierschutz.verband Baden-Württemberg sowie die Tier.schutzvereine Triberg, St. Georgen und Donau.eschingen.
Kreistierheim profitiert vom kftigen Auepark beim Donaubeginn
Geradezu als Glücksfall für das Kreistierheim erwies sich die Idee, den Ursprung der Donau am Zusammenfluss von Brigach und Breg at.traktiver zu gestalten. Damit verbunden war, das bestehende Kreistierheim zu verlegen und somit neu zu bauen. Das Projekt „Auepark Do.nauursprung“ sieht vor, den heutigen Donaube.ginn am Zusammenfluss von Brigach und Breg in Richtung Westen rückzuverlegen. Im Bereich des dann neuen Zusammenflusses soll im na.turnahen „Mündungsdelta“ ein Auepark entste.hen. Abgerückt und etwas geschützt von der B 27 wird hier ein attraktiver Ort geschaffen, der auch unter Marketing- und Tourismusaspekten bedeutsam werden wird.

In Bezug auf die Wasserwirtschaft ist eine naturnahe Gestaltung nicht nur im Sinne der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie. Zusätzlich entsteht Retentionsraum, unter anderem auch als Ersatz für den Ausbau der B 27, so dass ein Beitrag für den Hochwasserschutz geleistet werden kann. Eine möglichst naturnahe und touristische Umgestaltung des Zusammenflus.ses von Brigach und Breg sowie des Unterlaufs der Breg ist Aufgabe der Wasserwirtschaftsver.waltung des Landes (Landesbetrieb Gewässer). Diese Maßnahmen sind vollständig von Seiten des Landes über das Europäische Förderpro.gramm ELER finanziert.
Voraussetzung hierfür war, dass diese Maßnahme im Förderzeitraum 2015 bis 2021 umgesetzt und auch abgerechnet werden kann. Entsprechend der zeitlichen Randbedingungen für Planung und Bau war es deshalb Vorausset.zung, dass das Kreistierheim bis zum Spätjahr 2018 verlegt ist.
Der Bau wurde zügig umgesetzt. Nachdem im Oktober 2017 der Spatenstich und bereits im April 2018 das Richtfest erfolgten, wurde am 15. September 2018 die Einweihung gefeiert.
Finanziell tragen zur Umsetzung des Kreis.tierheims (Baukosten: ca. 2,7 Mio. Euro) das Land Baden-Württemberg (150.000 Euro), die Stadt Donaueschingen (500.000 Euro) und der Schwarzwald-Baar-Kreis (1 Mio. Euro) bei. Bau.herr war der Trägerverein des Kreistierheims Schwarzwald-Baar-Kreis e. V., der die nicht durch Zuschüsse abgedeckten Baukosten durch Spenden bzw. durch einen Kredit finanziert.

Bei bestem Spätsommerwetter feierten zahlreiche Tierfreunde im Schwarzwald.Baar-Kreis die Einweihung des neuen Kreis.tierheims in Donaueschingen. Landrat Sven Hinterseh freute sich gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Trägervereins des Kreis.tierheims Andreas Kuchelmeister und dem Donaueschinger Oberbürgermeister Erik Pauly über den gelungenen Neubau. Der Bau wurde zügig umgesetzt. Nachdem im Okto.ber 2017 der Spatenstich und bereits im April 2018 das Richtfest erfolgten, wurde am 15. September 2018 die Einweihung gefeiert.
Unten rechts: Nadine Vögel, Leiterin des Kreistierheims.

Das Hochwasserrückhaltebecken kappte die Spitze des Hochwassers, reduzierte durch den kontrollierten Abfluss die Wassermenge um bis zu 60 Kubikmeter in der Sekunde.
Sturmtief „Burglind“

Hochwasser verlief dank Rkhaltebecken ohne große Schäden
von Michael Koch

Das 2012 in Betrieb genommene Hochwasserrückhaltebecken schützte den Ort Wolterdingen und die Baar wirkungsvoll vor den Folgen des Hochwassers am 5. und 6. Januar 2018.

Zunächst zog am Mittwoch 3. Januar das Sturmereignis mit Orkanböen von bis zu über 100 Stundenkilometer auf. Die Folge waren zahlreich umgestürzte Bäume, herabgefallene Äste, Verkehrsbehinderungen und gesperrte Bahnverbindungen. Trotz der hohen Wind.geschwindigkeit und zahlreichen Beeinträch.tigungen, verlief das Sturmereignis jedoch glimpflich – vor allem ohne Verletzte und mit vergleichsweise überschaubaren Sachschäden.
Mit dem Sturm setzten ergiebige Nieder.schläge ein – in den Höhenlagen des Schwarz.waldes noch als Schnee, in den tieferen Lagen bereits als Regen. Jetzt warnten die Meteorolo.gen und die Hochwasservorhersagezentrale von Baden-Württemberg für den 4./5. Januar vor ergiebigem Dauerregen mit 70 – 120 Litern pro Quadratmetern.
Im Winter sind die Auswirkungen eines solchen Niederschlages in Bezug auf ein Hoch.wasserereignis nur schwer einzuschätzen, denn oft ist auch jede Menge Schnee vorhanden, der nun schmilzt. So auch bei dieser Vorhersage für den 4./5. Januar: In den Hochlagen des Schwarzwaldes lagen im Landkreis am 4. Januar noch zwischen 10 und 20 cm Schnee. Vor allem im Bregtal war somit teilweise ein Wasserdar.gebot von bis zu 100 Litern pro Quadratmetern in 24 Stunden möglich, das dann auch zu Hoch.wassern führen würde. Vor diesem Hintergrund wurden für den Schwarzwald-Baar-Kreis Hoch.wasserwarnungen für ein 20-jährliches Hoch.wasser (HQ 20 = ein Hochwasser, das statistisch alle 20 Jahre einmal auftritt) mit steigender Tendenz herausgegeben.

Bei mehr Regen wäre ein bis zu 100-jährliches Hochwasser mlich gewesen
Tatsächlich setzte ab dem Mittag des 4. Januar heftiger Dauerregen ein, der dazu führte, dass im Oberen Bregtal bereits am frühen Nachmit-tag der erste Hochwasservoralarm ausgelöst wurde. Aufgrund der Niederschlagsvorher.sagen, die mit Dauerregen bis spät in die Nacht gerechnet hatten, wurden an die Feuerwehren die Warnungen auf bis zu einem 20-jährlichem Hochwasserereignis herausgegeben. Auf Grundlage vorhandener Hochwassergefahren.karten konnte vor Ort die Gefahrenlage somit eingeschätzt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden.
Rascher Anstieg im Oberen Bregtal
Der Regen in Kombination mit der massiv ein.setzenden Schneeschmelze in den Hochlagen des Schwarzwaldes führte vor allem im Oberen Bregtal zu einem sehr raschen Anstieg des Hochwasserabflusses, so dass in den späten Abendstunden an der Abflusspegelstation Hammereisenbach der Hochwasseralarm aus.gelöst wurde und das in Wolterdingen befindli.che Hochwasserrückhaltebecken plangemäß in Betrieb gehen musste.

In kurzer Zeit stiegen nun die Abflusspegel im Oberen Bregtal sehr rasch an und es musste mit einem noch deutlich höheren Hochwasser.abfluss gerechnet werden. Zum Glück ließ der Regen dann in den Frühstunden des 5. Januar nach und es hörte schließlich völlig auf zu regnen. Dennoch hatte sich mittlerweile im Oberen Bregtal ein knapp 50-jährliches Hoch.wasser (HQ50) mit einem Abfluss am Pegel Hammereisenbach von rund 130 m./s und im Urachtal sogar ein knapp 100-jährliches Hoch.wasser (HQ 100) entwickelt. Zum Vergleich: Der mittlere Jahresabfluss der Breg in Hammerei.senbach liegt bei 4,4 m./s.
In wenigen Stunden entstand somit ein massives Hochwasser, das mit diesen hohen Abflüssen nur sehr selten vorkommt. Aufgrund des nachlassenden Regen waren die Hoch.wasserspitzen dann glücklicherweise nur von kurzer Dauer, dennoch dauerte das Abklingen der Hochwasserwelle mit sehr hohen Abflüssen noch bis in den 6. Januar hinein.

Hohe Schutzwirkung des Hochwasserrkhaltebeckens
Zwar war das obere Bregtal besonders betrof.fen, dennoch hatten sich auch in den anderen Teilen des Landkreises durch den intensiven Niederschlag Hochwasserabflüsse entwickelt. Im Unteren Bregtal lag infolge der Schutzwir.kung des Hochwasserrückhaltebeckens in Wolterdingen der Hochwasserabfluss bei einem 5 – 10 jährlichen Hochwasserabfluss, im oberen Donautal bei einem ca. 10-jährlichen Hochwas.serabfluss und entlang der Brigach bei einem 5 – 10 jährlichen Hochwasserabfluss. Die Unter.schiede in den Hochwasserverläufen erklären sich einerseits durch die hohe Schutzwirkung des Hochwasserrückhaltebecken in Wolterdin.gen für das untere Bregtal und die Donau und anderseits durch die flächig sehr unterschied-
Blick in die Kommandozentrale im Hochwasserrück.haltebecken bei Wolterdingen. Die Situation war unter ständiger Kontrolle.

Morgenstunden des 5. Januar fielen an der Messstation in Vöhrenbach pro Quadratmeter rund 80 Liter Regen. Hinzu kam die Schneeschmelze.

lich verteilten Intensitäten des Niederschlag. Tatsächlich hatte sich, wie in der Vorhersage der Hochwasservorhersagezentrale erwartet, vor allem im oberen Bregtal eine sehr intensive Niederschlagszelle festgesetzt. So fielen vom 4. Januar bis in die Frühstunden des 5. Januar an der Messstation in Vöhrenbach rund 80 Liter Regen pro Quadratmeter (zusätzlich zur einge.setzten Schneeschmelze). An der Messstation in Villingen-Schwenningen waren es hingegen „nur“ rund 35 Liter pro Quadratmeter.
Besonders Furtwangen von den Auswirkungen des Hochwassers betroffen
Zu den größten Schäden kam es auf der Gemar.kung Furtwangen, hier war die Feuerwehr in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar pausenlos im Einsatz, um vollgelaufene Keller leer zu pumpen und Sicherungsmaßnahmen mit Sandsäcken an verschiedenen Wohnhäusern und Firmen vorzunehmen. Problematisch waren hier vor allem kleinere Zuflüsse zur Breg, die über die Ufer liefen.

Im Stadtgebiet von Vöhrenbach kam es zu keinen größeren Schäden. Hier haben sich die in den letzten Jahren durchgeführten Hoch.wasserschutzmaßnahmen entlang von Breg und Langenbach bewährt und nur kleinere Sicherungsmaßnahmen mussten durchgeführt werden. Anders im Urachtal und in Hammer.eisenbach, dort kämpften einzelne Häuser und Firmen mit Überflutungen und Hilfsmaßnah.men der Feuerwehr waren notwendig.
Das Untere Bregtal ab Wolterdingen und die Anwohner entlang der Donau konnten das Hochwasser aufgrund der Schutzwirkung des Hochwasserrückhaltebeckens einigermaßen entspannt vorbeiziehen lassen. Entsprechend dem plangemäßen Einsatz des Rückhaltebecken entwickelte sich im Unterlauf nur ein bis zu
Das Hochwasser hat zwischen Donaueschingen und Pfohren den Höchststand erreicht, die Landstraße in Richtung Pfohren wurde aber nicht überflutet.

10-jährliches Hochwasser, das aufgrund ver.schiedener, weiterer technischer Hochwasser.schutzmaßnahmen in Bräunlingen, Hüfingen und Donaueschingen gut bewältigt werden konnte.
Entlang der Brigach entstanden während des ca. 5 – 10 jährlichen Hochwassers ebenfalls nur kleinere Schäden. Pech hatte die Baustel.le des Villinger Kneippbades, hier wurde die Baugrube des Technikneubaues und der frisch sanierte Sanitärbereich geflutet, was zu nicht unerheblichen Schäden geführt hat.
F Wolterdingen die Hochwasserspitze um bis zu 60 Kubikmeter reduziert
Wesentliches Element bei diesem Hoch.wasserereignis war, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, der plangemäße Einsatz des Hochwasserrückhaltebeckens in Wolterdingen, das als zentrale Hochwasserschutzeinrichtung für das gesamte obere Donautal fungiert. Durch seine Wirkung wurde der Hochwasserabfluss in Wolterdingen auf 75 m./s gekappt und damit die Hochwasserspitze dort um ca. 50 -60 m./s reduziert und zwischengespeichert. Entsprechend reduzierte sich der Abfluss im weiteren Verlauf von Breg und Donau auf ein unkritisches Maß. Das Hochwasservolumen führte zu einer Füllung des Beckens von 50 Prozent und erreichte damit den höchsten Einstau seit der Inbetriebnahme im Jahre 2012. Oberhalb des Dammes bildete sich eine imposante Seenlandschaft mit einem Wasserstand am Damm des Beckens von rund 12 Metern Tiefe. Die rund 2,3 Millionen Kubikmeter Wasser verteilten sich über zwei Kilometer aufwärts in Richtung Zindelstein.

Der Betrieb des Rückhaltebeckens inklusive der Sperrung der Landesstraße und deren Flutung wurde von den Mitarbeitern des Regierungspräsidiums Freiburg optimal gesteuert, wie es zuvor bei regelmäßigen Trockenübungen geprobt worden war. Nicht gerechnet hatte man mit den erheblichen Schaulustigen, die dieses beeindruckende Bild mit aufgestauter Seelandschaft und tosender Welle am Auslauf des

Oberhalb von Wolterdingen staute sich das Hochwasser plangemäß auf einer Länge von zwei Kilome.tern bis Zindelstein. Die Landstraße verschwand unter den Wassermassen, sie verläuft üblicherweise am „rechten Seeufer“ entlang. Damit war das Hoch.wasserrückhaltebecken zu 50 Prozent gefüllt. Nachlassender Regen sorgte am 6. Januar für einen raschen Rück.gang des Wasserstandes.

Hochwasserrückhaltebeckens miterleben wollten. Einige unterschätzten die Gefahr der technischen Anlage und ließen sich zu waghalsigen Aktionen am Damm hinreißen. Ein Sturz in den Einlaufbereich des Hochwasserrückhaltebeckens bedeutet aufgrund der Wirbelbildung im Wasser jedoch höchste Lebensgefahr. Letztlich musste der Damm dann aus Sicherheitsgründen von der Polizei geräumt werden.

Ohne die Wirkung des Hochwasserrück.haltebeckens wäre es unterhalb zu einem 20.50 jährlichen Hochwasserabfluss gekommen. Mit je nach Standort ca. 20-70 cm höheren Was.serständen entlang von Breg und Donau. Wol.terdingen und das Städtedreieck Donaueschin.gen, Hüfingen und Bräunlingen hätte dann mit nicht unerheblichen Schäden rechnen müssen. Insofern haben sich die immensen Anstrengun.gen rund um das Hochwasserrückhaltebecken schon mit diesem Ereignis bezahlt gemacht.
Fazit: Glimpflicher Verlauf, doch es drohen die Folgen des Klimawandels
Das Hochwasserereignis Anfang des Jahres ist somit insgesamt glimpflich und ohne größere Schäden abgelaufen. Dies vor allem aufgrund der Schutzwirkung des Hochwasserrückhaltebe.ckens in Wolterdingen und begleitender Hoch.wasserschutzmaßnahmen entlang von Breg und Donau. Dennoch muss die Region für die Problematik Hochwasser sensibel bleiben, denn es gibt auch weiterhin Siedlungsstrukturen, die bei größeren Hochwasserabflüssen ungeschützt bleiben. Und auch im Bereich der geschützten Siedlungsbereiche bedarf es einer koordinierten Alarm- und Einsatzplanung, um trotz vorhan.dener Schutzanlagen Hochwasserschäden zu vermeiden.

Abschließend sollte auch der Klimawandel nicht vergessen werden, denn gerade für das Einzugsgebiet der oberen Donau werden für die nächsten Jahrzehnte deutlich höhere Win.terniederschläge vorhergesagt. Und es bleibt schon bemerkenswert, dass das Hochwasser.ereignis von Anfang des Jahres 2018 infolge von sechs bis achtstündigen, intensiven Nie.derschlägen und einer Schneelage in den Hoch.lagen des Schwarzwaldes von nur rund 10 bis 20cm in kurzer Zeit zu einer Beckenfüllung des Hochwasserrückhaltebeckens in Wolterdingen von 50 Prozent geführt hat.

Was wäre bei länger andauernden Nieder.schlägen passiert? Das bedeutet: trotz durch.dachtem Schutzkonzept und noch vorhande.nem Rückhaltepotential, muss im Einzelfall auch mit höheren Abflüssen als 75 m./s aus dem Rückhaltebecken gerechnet werden. Einen absoluten Schutz unterhalb des Beckens gibt es somit nicht.

Ein gewaltiger See ist entstanden – die junge Donau bei Neudingen am Abend des 5. Januar.
Es gehört deshalb zu einer verantwortungs.vollen Hochwasservorsorge, im Falle extremer Hochwasserereignisse auch höhere Abflüsse aus dem Becken im Blick zu behalten. Das Bewusstsein für die Hochwassergefahr, auch außerhalb von Hochwasserzeiten, sollte bei den potentiell Betroffenen deshalb weiterhin hoch gehalten werden und die vielfältigen Ins.trumente der Hochwasservorsorge im Vorfeld genutzt werden.
Weitergehende Informationen siehe www.schwarzwald-baar-kreis.de unter dem Stichwort „Hochwasser“.

Fridlis Hus in Aasen mit über
1.000 Jahre altem Keller.
Ferien an der Schwarzwaldbahn in Gremmelsbach – den dortigen Posten 61 hat Christoph Freudenberger im Original erhalten, jetzt wird er als Ferienhaus vermietet.
Wie lebt es sich in einem Denkmal
oder historischem Gemäuer?
Überwiegend ausgezeichnet, wie die nachfolgende Artikelserie aufzeigt – teils jedoch mit baubedingten Einschränkungen. Nur mit wenig Annehmlichkeiten unserer modernen Zeit darf der Mieter des Posten 61 rechnen, eines Bahnwärterhäuschens an der Schwarzwaldbahn bei Gremmelsbach. Dafür verbringt er seine Zeit mitten in der Natur und hat „direkten Anschluss an den Weltverkehr“. Unbestritten ist ebenso: Wer das schmalste Haus von Villingen bezieht, wohnt auf gerade mal 2,80 Meter Breite bei 21 Metern Länge und lebt somit wie Patrick Weigert und Hubertus Hofmaier fürwahr „auf kleinem Fuß“. Ganz anders die Familie Schwer: sie erwarb die frühere Uhrenfabrik Kuner in Schonach und bewohnt mit dem einstigen Fabriksaal das wohl mit größte Wohnzimmer im Landkreis. In einer früheren Uhrenfabrik übernachten jetzt auch die Gäste des Hotels „Federwerk“ in St. Georgen. Die Familie Papst hat die einstige Uhrenfabrik Tobias Bäuerle & Söhne mustergültig saniert. Die Familie Sauser indes lebt „kaiserlich komfortabel“ – an einem Ort, an dem einst Kaiser Maximilian jagte: in der Entenburg in Pfohren. Den Lebensabend verbringen, wo die Familie seit Jahrhunderten zuhause war, mit einem Storchennest auf dem Dach, das erlebt das Ehepaar Hall in ihrem Haus mit Baaremer Giebel in Aasen. Und eine sprichwörtliche Ruine, ein Fachwerkhaus in Hondingen, verwandelte Opernsänger Claus Gerstmann in ein Schmuckstück.
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2. Kapitel – Leben im Denkmal

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Das Hotel „Federwerk“ in St. Georgen befindet sich in der früheren Uhrenfabrik Tobias Bäuerle & Söhne.
Die Familie Schwer hat in Schonach die frühere Kuckucksuhrenfabrik Kuner in ein Wohnparadies ver.wandelt. Integriert ist die Konditorei Kirsch von Kondi.tormeisterin Waltraud Schwer (links).

Im schmalsten Haus von Villingen leben Patrick Weigert und Hubertus Hofmaier auf 2,80 Meter Breite und 21 Meter Länge.
LEBEN IM DENKMAL
Mit ihren dicken Mauern, den vier Türmen und ihrem imposanten Grundriss steht sie trutzig auf einer Wiese unweit der jungen Donau. Die Entenburg ist das Wahrzeichen des 1500-Seelen-Ortes Pfohren. Das Was.serschloss wurde von Graf Heinrich VI von Fürstenberg erbaut– und ist als „hus zu Pforren“ 1471 erstmals erwähnt. Prominentester Gast war Kaiser Maximilian I. Vier Jahrhunderte stand die Burg leer, bevor sie Ralf Röver liebevoll renovierte. Heute lebt hier die Familie Kerstin und Kai Sauser.

Die Familie Sauser – Kerstin und Kai Sauser mit den Kindern Lilli (14), Janne (7), Mika (10) und
Henri (11) vor der Entenburg.

Familie Kerstin und Kai Sauser
Vom Reihenhaus in die Pfohrener Entenburg
von Madlen Falke

Die Entenburg (rechts) mit der jungen Donau und Pfohren.
D
ie jahrhundertelange Geschichte um das „hus zu Pforren“, das von Graf Heinrich VI. um 1471 in Auftrag gegeben wurde, ist heute zugleich ein Teil der Familiengeschichte der Sausers. Völlig unerwartet, wie Kerstin und Kai Sauser beim Besuch im früheren Wasserschloss versichern: 2016 hat das Ehepaar die Entenburg erworben und wohnt seither mit den vier Kindern darin. Wo beispielsweise um die Jahre 1567/68 diverse Fuhrwerke, vollgeladen mit den Abgaben der Bauern standen – die Burg wurde damals als Zehntscheuer genutzt – steht heute neben der Eingangstür aus Stahl ein bunter Fuhrpark aus Fahrrädern und Tretrollern. Zwei Fußballtore für die Kinder haben im großen Garten ebenso ihren Platz gefunden wie das Trampolin.
Wer vor der Burg steht, die abgesehen von dem zugeschütteten Wassergraben fast noch in

gesagt hätte, dass ich mal auf dem Land und dann auch noch in einer Burg wohnen würde, hätte ich laut lachen müssen.

ihrer ursprünglichen Form inmitten von Pfohren thront, ist von ihrer schlichten Erhabenheit beein.druckt: 17 Meter ist sie hoch und elf Meter breit. Wer ein Herz für das Mittelalter hat, mit dem wird die Fantasie durchgehen, der wird sich im Kettenhemd und langem Schwert oder in Jagd.montur an den altehrwürdigen Mauern stehen sehen und denken: „Einmal Burgherrin oder Burg.herr sein – das wär´s!“ Wovon der eine oder an.dere träumen mag, ist für Kerstin und Kai Sauser Realität geworden.

„Wenn mir vor drei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal auf dem Land und dann auch noch in einer Burg wohnen würde, hätte ich laut lachen müssen“, erzählt Kai Sauser, der von Beruf Eventmanager ist. Das Sauser.Event.management hat er im April 2000 mit seinem Bruder Rick Sauser gegründet. Die Agentur hat sich der Vermarktung und Gesamtabwicklung von Sport. & Kulturveranstaltungen verschrie.ben und betreibt ein Büro in Donaueschingen und Villingen.Schwenningen.
Burgbesichtigung mit Folgen…
Die sechsköpfige Familie wohnte bis 2016 mit.ten in der Donaueschinger Innenstadt, in ihrem Reihenendhaus fühlten sie sich pudelwohl. „Die Lage war traumhaft. Wir haben sie auch sehr genossen, da wir in nullkommanix in der Stadt waren. Über ein Leben auf dem Dorf habe ich nicht eine Sekunde nachgedacht“, berichtet Grundschullehrerin Kerstin Sauser. Doch dann kam der Vater von Kerstin Sauser auf die Familie zu und berichtete vom anstehenden Verkauf der Entenburg. Als sich schließlich herausstellte, dass der Makler, der die mittelalterliche Burg von den Vorbesitzern veräußern sollte, ein Freund der Sausers ist, ließen sie sich mit Aussicht auf eine exklusive Burgbesichtigung doch anlocken. Eine Portion Neugier schwang da schon leise mit.

Namensgeber Kaiser Maximilian I.
Kaiser Maximilian I. war dreimal in der Enten.burg zu Gast und hat ihr beim ersten Besuch im April 1507 auch den Namen gegeben. Zu dieser Zeit war die Burg mit Wall und Wassergraben umgeben, die vier Ecktürme trugen spitze Helme. Ab 1567 diente die Burg, wie bereits erwähnt, als Zehntscheune, dann liegt ihre Geschichte im Dunkeln. Gut drei Jahrhunderte später wurde sie von 1871 an umgebaut und mehr als 100 Jahre später behutsam renoviert. Zu diesem Zeitpunkt hausten nur Eulen dort, über lange Zeit hinweg hatte das Wasserschloss als Stroh. und Heulager gedient.
Wie die Lokalpresse dokumentiert, be.wahrte sie nun Ralf Röver vor dem Zerfall: Der

Kaiser Maximilian I. nach einem Gemälde von Albrecht Dürer.
Nahezu fensterlose Entenburg – Ansichten aus den 1930er-Jahren. Auffallend: An der jungen Donau ste.hen noch keine Bäume, der Fluss darf mäandern. Das leerstehende Gebäude dient zu dieser Zeit lediglich als Scheune.

Überlinger kaufte den Fürstenbergern 1986 die Entenburg für einen symbolischen Betrag ab. Innerhalb von zwei Jahren verwandelte er das einstige Wasserschloss mit Privatkapital und Landeszuschüssen von einer baufälligen Scheu.ne zu einem viel beachteten Wohn. und Aus.stellungsgebäude. Ein späterer Verkauf für ca. zwei Millionen Mark scheiterte jedoch. So nutz.te Röver die Burg selbst, der Idealist in Sachen Kunst und Kultur machte sie zu einer gefragten Adresse für Kunst. und Antiquitätenliebhaber. Auf den 600 Quadratmetern an Nutzfläche präsentierte Röver eine ganze Reihe an Ausstel.lungen.
Die Familie ist komplett begeistert
Ralf Röver bewies bei der Sanierung viel Ge.schick – und gerade der Stilmix aus altem Ge.mäuer und modernen Stahlelementen überzeugt rund 30 Jahre später die Sausers. Die sechsköpfige Familie steht nach der Besichtigung quasi Kopf. Ohne es je geplant zu haben, sind nach der Be.sichtigung alle begeistert. Zuallererst die vier Kinder, die von der Entenburg am laufenden Band schwärmen. So fällt die Entscheidung für den Kauf aus und die Sausers werden Burgbesitzer.
Jedem, der sich dafür entscheidet ein Kultur.denkmal zu kaufen, muss bewusst sein, dass er ohne die Zustimmung des Landesamtes für Denkmalpflege wenig bis gar nichts an seinem Eigentum ohne Abstimmung verändern darf.

Die Initiative von Ralf Röver hat die Entenburg ab 1988 nach ihrer Generalsanierung zu einem viel beachteten Wohn- und Ausstel.lungsgebäude werden lassen.
Denn ein solches Bauwerk ist Zeugnis einer Kul.tur und damit von historischem Wert. „Darüber waren wir uns natürlich absolut im Klaren. Und haben dennoch bewusst die Entscheidung so getroffen“, erzählt der 42.jährige Eventmanager. Der tadellose Zustand der Burg hat der Familie ein sicheres Gefühl vermittelt, schließlich mussten sie vor dem Einzug nur noch ein Netzwerkkabel ziehen, wofür die Leerrohre schon vorhanden waren. Auch das spricht für den Weitblick von Ralf Röver bei der Sanierung. „Die Vorbesitzer haben ihre Entenburg gehegt und gepflegt. Das kommt uns nun zu Gute“, schildern die Sausers.
Rechts: Im Zuge der Sanierung in den 1980er-Jahren erhielt die Entenburg zahlreiche Fensteröffnungen – allerdings meist klein gehalten.

Viel Platz nach Leben im Reihenhaus
Nach dem Einzug in die Entenburg stehen ins.gesamt sage und schreibe 540 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung – und die wollen mit Leben erfüllt sein. Wie ein Puzzle fügen sich die alten Bauernschränke und Sitzgelegenhei.ten, die sie von den Vorbesitzern übernehmen konnten, mit den eigenen Möbeln zusammen. Eine moderne Kommode harmoniert mit dem dunklen Parkett, ein knallbuntes Patchwork. Sofa wird unter dem Holzgebälk zum Hingucker. Auch das Bett von Tochter Lilli findet optimalen Platz in einem der vier Türmchen und das neue Zimmer wird so zu einem gemütlichen Zuhause.
Der bunte Stilmix macht das Heim der Sausers zu einem gemütlichen Wohlfühl.Ort und genau deshalb sehen sich die Besitzer kei.neswegs als edle Burgherren. „Natürlich wissen wir es absolut zu schätzen, an solch einem besonderen Ort leben zu dürfen. Dennoch ist es mittlerweile für uns Alltag und ganz einfach unser Daheim“, so Kerstin Sauser.

180 Quadratmetern und einem ungenutzten riesigen Dachboden breitet sich das Leben der Familie aus. Lebensmittelpunkt ist der offene Bereich.
Auf drei Stockwerken mit jeweils 180 Qua.dratmetern und einem ungenutzten riesigen Dachboden, breitet sich das Leben der Familie aus. Im Erdgeschoss beziehen die Eltern ihr Schlafzimmer und nutzen damit die Räume, die vom Vorbesitzer als Einliegerwohnung angelegt waren. Die Söhne Janne (7 Jahre), Mika (10 Jah.re), Henri (11 Jahre) und Tochter Lilli (14 Jahre) quartieren sich im ersten Obergeschoss ein, je.der mit eigenem Zimmer. Gemeinsam machen die Sausers den offenen Bereich mit Esszimmer und Küche zum Lebensmittelpunkt. Im zweiten Obergeschoss wird der großzügige Raum sicht.bar, den die Entenburg bereit hält, denn neben dem gigantischen Familien.Sofa, zwei prall gefüllten Regalen, eines mit Gesellschaftsspie.len, eines mit Literatur ausgestattet, ist noch ausreichend Platz für zwei edle Sitzgarnituren samt Tisch. Auf dem einen der beiden Tische wartet ein Schachbrett auf den nächsten Spiel.zug. Auf dem anderen sind massig Legosteine verteilt und wollen zusammengebaut werden. Wenn Janne, Mika, Henri und Lilli ihren weichen Spielball über den schönen Parkettboden flitzen lassen, haben sie genügend Platz, um sich aus.zutoben. Wie die Hundedamen Chara und Koko.

Spukt es auf der Burg?
Was wäre eine Burg ohne eine echte Legende? Im Fall der Entenburg wird die Sage von Kaiser Karl dem Dicken erzählt, der nachts sein Un.wesen auf der Burg treiben soll. Man soll sein Schnaufen hören, seitdem er 888 bei der Enten.jagd im Sumpf umkam. Obwohl er nachweislich im fünf Kilometer entfernten Neudingen gestor.ben ist, wird die Sage um sein umtriebiges Spu.ken im „alten Schloss“, so nennen die Pfohrener die Entenburg, bis heute erzählt. Die Sausers haben mit Karl dem Dicken noch keine Bekannt.schaft gemacht. Kein Geschnaufe, kein Geknar.re. In der Burg herrscht friedliche Stille, nicht mal das jahrhundertealte Gebälk lässt was von sich hören. „Das war schon eine meiner Beden.ken: Ob es wohl auch mal unheimlich werden kann“, fragte sich die 42.jährige Vierfach.Mama. Darüber kann sie heute nur noch lachen. Wenn jemand unerwartet in der Eingangstüre steht, sind es höchstens mal Touristen, die entlang des Donau.Radweges an der trutzigen Burg Halt machen und neugierig sind. Da das alte Jagdschloss auch in vielen Radwander.Karten vermerkt sei, kämen manche auch gezielt zur Burg, um zu sehen, was sie dort erwartet. „Und auch als Motiv für so manch Hochzeitsbild wurde unsere Burg schon genutzt“, erklärt die Burgbesitzerin.
Die Entenburg – Wahrzeichen Pfohrens
Auch das hatte die Familie Sauser einkalkuliert: Mit dem Kauf ein wenig auf dem Präsentiertel.

Zufriedene Burgbesitzer – die Sausers genießen den Alltag in der Entenburg.
ler zu sitzen. Die Einheimischen sprechen noch heute von ‚ihrem‘ Schloss und verstehen den Feudalsitz als ihr Wahrzeichen. Doch die sympa.thische Großfamilie wurde in dem kleinen Ort mit offenen Armen empfangen. Die Pfohrener freuten sich darüber, dass in der Entenburg wie.der Leben einzog, nachdem es um die Burg vor dem Verkauf ruhig wurde. Der Vorbesitzer nutz.te sie hin und wieder als Galerie und eröffnete dort Ausstellungen, die weit über die Ortsgren.zen von sich Reden machten. Nach dessen Tod zog sich seine Witwe zurück und bot die Burg schließlich zum Verkauf an.
Ein Privathaus ohne Burgfrung
Für die Sausers bleibt die Burg aber deren Pri.vathaus, ohne Burgführung für Außenstehende. Doch wie es zur fünften Jahreszeit, der Fasnet, in der Region so üblich ist, herrscht auch in Pfohren ein paar Tage lang Ausnahmezustand. Und so beschlossen die lebensfrohen Sausers in ihrem Erdgeschoss für den Fasnet.Mentig eine Besenwirtschaft für die heimischen Narren einzurichten. Seit dem Einzug wurde dort schon ausgelassen gemeinsam mit den Narren aus dem Ort gefeiert und so manch alter Pfohrener erinnerte sich daran, wie er in Kindheitstagen als Mutprobe vom Obergeschoss der Burg aus in den Heuhaufen gesprungen war. Für derar.tige Mutproben ist heute kein Platz mehr. Und der Schopf, den die Familie plant im Garten zu errichten, wird nicht als Heulager dienen, sondern Rasenmäher und Co. unterbringen.

Mit diesem Projekt wird das Ehepaar erstmalig Erfahrung mit dem Denkmalschutz sammeln. „Dieses Vorhaben haben wir beim Denkmalamt angemeldet. An der Burg oder im Inneren darf nicht „einfach mal so“ was gemacht werden, auch im Außenbereich wollen wir auf Nummer sicher gehen und es abgeklärt wissen“, so der Famili.envater. Unterstützung finden die Sausers dabei auch beim Ortsvorsteher von Pfohren.
Den mutigen Schritt zum Kauf haben die sechs Sausers nicht bereut. Und auch der Teilort Donaueschingens ist nicht so weit weg vom Stadtleben, wie vor dem Umzug gedacht. Sie ha.ben ihre Idylle im ersten Dorf an der Donau lieben gelernt und auch die Freunde aus der Stadt zieht es zum gemütlichen Hock ganz gern hinaus auf die Entenburg. „Wir genießen hier das Leben in vollen Zügen und sind dankbar dafür, das so erle.ben zu dürfen“, berichten Kerstin und Kai Sauser und lächeln zufrieden, während die Kinder im Trampolin hüpfen, die zwei Hunde bellen und sie das Gartentor hinter sich zuziehen.
Burgherren einer neuen Zeit – die Familie Sauser auf dem Balkon der Entenburg. Er wurde im Zuge der Burgsanierung in den 1980er-Jahren an der Südseite angebracht.

Wo früher Kuckucksuhren montiert wurden, lässt sich heute blendend Billiard spielen und die in vielen Jahren zusammengetragene Radio-Sammlung präsentieren.
Leben im Denkmal

„Wir haben vermutlich die größte Stube im ganzen Landkreis“, lachen Waltraud und Gerold Schwer. Und vermutlich die einzige, in der einst Kuckucksuhr um Kuckucksuhr hergestellt wurde. Solange, bis die Uhren.fabrik Kuner ihre Produktion einstellte, das Gebäude der Familie Schwer veräußerte und die Werkbank der Couch wich. Heute leben und arbeiten die Schwers mit den Kindern Anna, Pia und David in der früheren Fabrik. Und: Waltraud Schwer betreibt im Haus zudem die Konditorei Kirsch.
F
amilie Schwer wohnt in der ehemaligen Kuckucksuhrenmanufaktur der Gebrüder Kuner in der Schonacher Ortsmitte. 2000 haben Waltraud und Gerold Schwer das vier.stöckige Haus erworben, parallel zum Einzug gingen die letzten Kuckucksuhren der im Jahre 1876 gegründeten Firma über den Verkaufstisch. Die Familie zog erstmal in die kleine Wohnung im Dachgeschoss, während sich unten, in der ehemaligen Werkstatt sowie den Lager. und Bü.roräumen, langsam alles leerte.
Das Gefühl bei diesem Haus habe sofort gestimmt, sagen Waltraud und Gerold Schwer. Und tatsächlich, erfährt man ein wenig über die Geschichte des 94 Jahre alten Baus, entdeckt man die ein oder andere Parallele zu heute. So erzählen sich die Schonacher, dass viele Rei.sende, die früher in der Schwarzwaldgemeinde ankamen, zuerst die Kuckucksuhrenmanufaktur der Gebrüder Kuner ansteuerten. „Durch den Verkauf der Kuckucksuhren sprach man hier Englisch und Französisch, Gäste fühlten sich

Kuckucksuhren sprach man hier Englisch und Französisch, Gäste fühlten sich deshalb sofort willkommen.

Unten: Das Haus der Familie Schwer, die ehemalige Kuckucksuhrenmanufaktur der Gebrüder Kuner. Im Anbau rechts befindet sich die Konditorei Kirsch von Konditormeisterin Waltraud Schwer.
Rechte Seite: Die einstige Kuckucksuhrenfabrik Kuner ist heute ein mit viel Liebe eingerichtetes Wohnparadies. Die Uhren und Gewichte an der Wand erinnern an die frühere Verwendung des Raumes. Auch einige Maschinen und Teile der Einrichtung der Uhrenfabrik finden sich in den Wohnräumen.

gleich willkommen“, erzählt Waltraud Schwer. Dieses Willkommensein ist noch heute so. Ob Mountainbiker, die nach dem richtigen Weg suchen, oder Freunde der drei Kinder nach einer durchzechten Partynacht: Bei Familie Schwer hat schon so mancher ganz spontan am Kü.chentisch Platz nehmen und sich zu Hause füh.len dürfen. Und Waltraud Schwers Konditorei Kirsch, ebenfalls in der einstigen Uhrenfabrik untergebracht und von der noch an anderer Stelle die Rede sein wird, ist ebenfalls eine An.laufstelle für das gesamte Dorf.
Kulturelle Events im Wohnzimmer
Im „Kuckuck“ ist eben „Schwer was los“. Im „Kuckuck“, so nennen sie die Wohnstube, war sogar schon mächtig viel los: 2012 lud Familie Schwer zur zweiten Auflage der „Schonacher Kulturtage“ in ihre Räumlichkeiten ein. Drei Tage lang gab es hier Erlebnisse der besonderen Art: Von einer „Vinylparty“, großen Cego.und Vier Anderle.Spielrunden bis hin zu Frühschop.pen und Musik. Dies kam so gut an, dass zwei weitere Wohnzimmerkonzerte folgten. Rund 180 Gäste hatte Familie Schwer jedes Mal im Haus, die das besondere Flair im „Kuckuck“ ge.nossen. Wer dabei war, schwärmt noch heute davon. Die ehemalige Uh.renmanufaktur ist somit nach wie vor ein Haus der Begegnungen und der Ge.schichten.
Neben dem ganzen Gebäude atmet besonders das Wohnzimmer Ge.schichte. Hier war früher die Werkstatt, in der von bis zur Auflösung der Fir.ma im Jahr 1999 unzäh.lige Kuckucksuhren pro.duziert wurden. In den 1930er.Jahren galt die Manufaktur gar als eines der führenden Häuser in der Kuckucksuhrenbranche.

„Wir wollten den Raum weitgehend so belas.sen, wie er früher war“, schildern Waltraud und Gerold Schwer. Und so sieht man etwa an einer Stelle auf dem Holzboden noch viele kleine Del.len, die durch heruntergefallene Uhrengewichte entstanden. Die Heizungsrohre schlängeln sich sichtbar an der Decke entlang, auch die große, eine halbe Tonne schwere Bohrmaschine steht noch an ihrem Platz. An der Wand, an der einst die fertigen Uhren aufgehängt und auf Funkti.on getestet wurden, hängt eine kleine Auswahl der Zeitmesser in Reih und Glied.
Vergangenheit trifft auf Gegenwart
Gegen die Geschichte des Hauses wurde nicht angekämpft – zum Glück, denn so entstand ein Kleinod, in dem nicht etwa altmodisch gehaust wird, sondern in dem die Vergangenheit auf wunderbare Weise mit Gegenwart und Moder.ne verschmilzt. Die Grundausstattung wie Fens.ter, Lichtschalter und Lampen, stammt aus den 1920er.Jahren. Vorhandene Möbel wie Kommo.de oder Sekretär wurden in die Einrichtung mit eingebunden – passendes Inventar aus anderen Wohnungsauflösungen und Gebäudeabrissen
hinzugekauft. Die Haustech.
nik ist hingegen neu. Mit Holz, Solarenergie und Blockheizkraftwerk werden Wärme erzeugt und Strom hergestellt, Dämmungen des Daches und der Fassa.
den erfüllen die aktuellsten Energiestandards.
Alles, vom Möbelstück bis zur Kaffeetasse, hat hier seine Geschichte. Und was neu ist, bekommt sie eben noch. Die Kunst, neue an
alte Sachen anzuglei.chen, wurde für Familie Schwer im Laufe der Zeit zum Hobby und zur Le.bensaufgabe. Vier Jahre
Renovierungszeit sei an.fangs das Ziel gewesen. Handwerker waren nur

Und gelegentlich ist das Wohnzimmer auch Veranstaltungsraum – wie hier bei den „Schonacher Kulturtagen“. Es spielen die Wombats.

Dinge, die sich ergeben sollen, erge.ben sich, funktioniert etwas nicht wie geplant, so stellt sich bald heraus, dass eine andere Möglichkeit ohnehin besser ist.
wenige auf der Baustelle, das meiste erledigten der gelernte Anlagenmechaniker und die Kondi.torin selber, da beide ein großes handwerkliches Geschick besitzen. Bis in die Nacht hinein wurde gearbeitet, sich um die Familie gekümmert und den Berufen nachgegangen. So lange, bis Waltraud und Gerold Schwer merkten, dass sie so nicht weitermachen können. „Entweder unsere Ehe oder unsere Gesundheit geht vor die Hunde“, befürchteten sie angesichts des hohen Tempos und so wurde eben gedrosselt. Dass es gut sein kann, entspannter an die Dinge heran zu gehen, und auch mal etwas auf sich zukom.men zu lassen, stellt das Ehepaar immer wieder fest. „Man kann nicht alles erzwingen. Dinge, die sich ergeben sollen, ergeben sich, funktio.niert etwas nicht wie geplant, so stellt sich bald heraus, dass eine andere Möglichkeit ohnehin besser ist“.

So ist das Haus auch nach fast 20 Jahren immer noch nicht komplett renoviert. Eine Sei.te der großen Außenfassade fehlt noch, auch die Fenster mit der beeindruckenden Zahl von 448 Einzelgläsern sind noch längst nicht alle erneuert. Ob sie glauben, irgendwann mal fertig zu sein? „Nein“, ist sich das Ehepaar einig. „Das Haus ist irgendwann mal mit uns fertig“, sagen sie lachend.

Die Meisterkonditorei Kirsch
Da ist die Kuckucksuhrenfabrik – und es gibt bei Schwers auch die Konditorei Kirsch, bei der die gesamte Familie mithilft und die Waltraud Schwer gegründet hat, denn von Beruf ist sie Konditormeisterin, diesen Traum hat sie sich 2009 erfüllt. Nach dem Berufsstart in gemiete.ten Räumlichkeiten konnte sie im Frühjahr 2011 ihre eigene kleine Konditorei in einen Anbau der ehemaligen Kuckucksuhrenfabrik verlegen. Genauso wie das Wohnhaus hat die Konditorei ihren eigenen Charme. Möbel und Accessoires erinnern an eine französische Patisserie, Musik erklingt aus einem alten Saba.Radio, das aus der Sammlung ihres Mannes stammt. Herrlich nostalgisch – jedoch keinesfalls altmodisch.
Umhüllt wird der Augenschmaus von einem feinen Duft: Die kleine Theke ist mit leckeren Kuchen, Torten, süßem Kleingebäck, Brot und Brötchen gefüllt – und auch hier wird auf die Details geachtet. Alle Köstlichkeiten werden aus regionalen Produkten hergestellt, die Beeren für den Kuchen auch mal selber gepflückt. Liebe zum Handwerk eben, ob im Konditorberuf oder bei der umfangreichen Renovierungsarbeit.
Was es in der Konditorei Kirsch so alles gibt, erfährt man auch über soziale Netzwerke: „Morgen gibt es nochmal echten Waldheidel.beerkuchen (mit richtigen, echten Waldhei.delbeeren, Juhuu). Mit Blauzungengarantie!! Dieses Mal mit erfrischendem Quark und einem Hauch Vanille dazu. Das passt genau zum tollen Sommerwetter…“, lautet ein Posting.
Bekannt ist Waltraud Schwer auch für ihre Hochzeitstorten. Dazu findet sich in den sozia.len Netzen jede Menge Lob: „Liebe Frau Schwer, vielen Dank für die umwerfend schöne und su.per leckere Hochzeitstorte! Das Brautpaar und alle Gäste waren begeistert!“
So ist in die frühere Kuckucksuhrenfabrik Kuner, deren Firmenschild heute den Verkaufs.raum der Konditorei schmückt, in vielfacher Hinsicht neues Leben eingezogen. Zumal Toch.ter Anna die berufliche Leidenschaft der Mutter teilt und gleichfalls die Meisterprüfung im Kon.ditorenhandwerk ablegt. Gut vorstellbar, dass sie das Geschäft von Waltraud Schwer fortführt.

Die Konditorei Kirsch ist in der Region Schonach gut bekannt, ihre Backwaren mit regionalen Zutaten sind die Leidenschaft von Konditormeisterin Waltraud Schwer. Der eigene Verkaufsraum ist immer freitags offen, Groß.aufträge sind Hochzeiten und Geburtstage. Auf der Seite links verziert Waltraud Schwer die Hochzeitstorte, die unten auf dem Tresen vor ihr steht. In der Backstube kann Waltraud Schwer mit der Unterstützung der gesam.ten Familie rechnen: Tochter Anna, wie die Mutter Konditorin von Beruf, zeigt eine Geburtstagstorte, Ehemann Gerold Schwer bereitet das Marzipan vor und Sohn David bestückt in der Backstube den Ofen.
Patrick Weigert und Hubertus Hofmaier

Das schmalste Haus Villingens
von Sabine Przewolka
Geheimnisse umwittern das schmalste Haus in Villingen. Dabei: das moosgrüne Gebäude in der Bickenstraße 5 fällt im Vorbeilaufen mit seinen 2,80 Meter Breite fast nicht auf. Und doch stellt es witzigerweise in einer Welt von „höher-weiter-besser“ einen Superlativ dar. Und in der gleichen Welt, in der es kaum noch Geheimnisse gibt, hütet es seine eisern.
D
as schmalste Haus Villingens wirft viele Fragen auf, die nicht beantwortet werden können. Zum Beispiel: Wie.so quetschen Menschen im 13. Jahrhundert hier ein ganzes Haus hinein? Und: Wie um Himmels Willen können Menschen auf dieser Mini.Breite und der Mega.Länge von 21 Me.tern auf vier Stockwerken und sechs Ebenen überhaupt leben? Darauf jedenfalls gibt es eine klare Antwort: „Wir wohnen gerne hier!“ Das sagen Patrick Weigert und sein Lebenspartner Hubertus Hofmaier wie aus einem Munde und öffnen exklusiv für den Almanach des Schwarz.wald.Baar.Kreises ihre Haustüre, um einen Blick in dieses ungewöhnliche Bauwerk und eine Stadtwohnung mit außergewöhnlichem Charme zu ermöglichen. Im Mai 2017 zogen die beiden aus einer fast 80 Quadratmeter großen Wohnung im Villinger Riet zusammen mit ihren Perserkatzen Casa.nova und Penelope hier ein und schildern in bunten Bildern den Gewaltakt, um Möbel die schmalen Treppen hinauf zu bugsieren. Heute

Patrick Weigert (links) und Hubertus Hofmaier bewohnen das schmalste Haus in Villingen mit ihren Perser.katzen Casanova und Penelope. Hier sitzen sie auf dem Sofa in der Galerie ganz unter dem Dach.
verteilen sich die zum Teil antiken Schmuck.stücke auf den insgesamt 300 Quadratmetern Fläche problemlos und mit herrschaftlich.edlem Stil auf den insgesamt sechs Ebenen.

Blumen, seltene Deko-Artikel und auserlesene Backwaren
Patrick Weigert betreibt in der Rietstraße zu.sammen mit Hubertus Hofmaier einen Blumen.laden mit Deko.Artikeln, die es sonst nirgends gibt, und ein Café mit auserlesenen Backwaren. Ihr Geschäft haben die beiden im Juli 2017 eröff.net, also nur kurze Zeit nach ihrem Einzug in das schmalste Haus Villingens. „Die Entscheidung war genau richtig“, wissen die beiden heute, auch wenn es damals alle Kräfte und Kreativität herausforderte.
Die „Poleposition“ in der Rietstraße und der kurze Weg zum Heim erwiesen sich als goldrichtig. Manchmal liegt die Zukunft eben im Dunkeln, und dann braucht es eine Vision und den unerschütterlichen Glauben an ein gutes Gelingen. Das schmalste Haus Villingens scheint beides irgendwie herauszufordern.

Links oben: Überall gibt es idyllische Winkel wie die.sen Laubengang.
Links unten: Katze Penelope passt farblich hervorra.gend zu den historischen Treppen im Haus.
Rechte Seite: Eine Herausforderung für den Architek.ten stellten die Lichtverhältnisse in den schmalen, aber 21 Meter tiefen Räumen dar.
Die ältesten Holzbalken stammen aus dem 13. Jahrhundert
Architekt Andreas Flöß kauft das Gebäude im Jahr 2010. Diese Aufgabe reizt ihn. Der gelern.te Zimmermann und studierte Architekt lässt das Gebäude durch Bauhistoriker Burghard Lohrum untersuchen. Dieser datiert die ältesten Holzbalken auf das 13. Jahrhundert. Villingen befindet sich in dieser Zeit in einem machtpo.litischen Wandel zwischen Staufen und dem Grafen Heinrich von Fürstenberg. Die Stadt.mauer und das für Villingen charakteristische Straßenkreuz entstehen. Vielleicht störte die kleine Gasse das einheitliche Gesamtbild? Oder jemand hätte noch Lohn bekommen sollen und es blieb als Gegenwert nur die schmale Gasse übrig? Im Stadtarchiv jedenfalls finden sich keine Hinweise mehr darauf, wer und warum das Haus an dieser schmalen Stelle erbaut hat. Eine Kundin von Patrick Weigert erzählte, dass dort einmal eine schmale Gasse, gerade mal so breit wie eine Kutsche, zur damaligen Post ent.langführte, der heutigen Stadtkasse. Aber das sind keine gesicherten Kenntnisse, sondern nur Mutmaßungen.
Unterlagen gibt es keine – für die damalige Zeit allerdings nicht ungewöhnlich. Denn nur die Oberschicht hielt Schriftliches über ihr Leben fest. Und ganz sicher baute und wohnte hier jemand aus der Schicht darunter, mit eher we.nig Geld. Deshalb dehnte sich das Haus baulich im Laufe der Jahrhunderte auch in mehreren Bauabschnitten von der Drei.Meter.Front nach

hinten auf heute 21 Meter Länge aus. Das steht aufgrund der Baureste zweifelsfrei fest. Erwei.terten die Eigentümer aus dem 13. Jahrhundert das Gebäude mit jedem neuen Kind, das sie be.kamen? Oder wenn der Sparstrumpf überquoll? Oder weil es Platz brauchte, weil jemand ein.heiratete? Über die Geschichte des schmalsten Hauses kann jeder seiner Phantasie freien Lauf lassen.
Rußgeschwärzte Balken zeugen von einem Brand im Jahr 1706
Genau das fasziniert Hubertus Hofmaier an alten Gebäuden so. Seine Bäckerei und das Wohnhaus in Hüfingen wurden vor 400 Jahren von seinen Vorfahren erbaut. Vielleicht wohnt es sich in alten Häusern nicht so komfortabel, aber dafür erzählt jeder Balken oder freigelegte Mauerreste etwas über längst vergangene Zeiten. Er zeigte sich sofort Feuer und Flamme für das besondere Wohnhaus in der Bickenstraße. Fünf rußgeschwärzte Balken zeugen von einem Brand im Jahr 1706, nach dem das Gebäude umfassend und auf das heutige Volumen erneuert wurde. Bei Patrick Weigert war es eher Liebe auf den zweiten Blick. Aber heute genießt er es, wenn er auf seinem Sofa in der Galerie unter dem Dach sitzt und im Winter der Schnee leise auf die extrem langen schmalen Dachfenster rieselt. Und die beiden etwa 1,80 Meter großen Männer hauen sich auch fast nicht mehr die Köpfe an den niedrigen Türrahmen an…
Für Architekt Flöß bedeuteten die zum Teil dramatischen Lichtverhältnisse die größte He.rausforderung. Im schmalsten Haus Villingens gibt es deshalb einen ausgewogenen Mix aus Tages. und Kunstlicht. Etwa ein Jahr dauerte es, bis er in einer Art Aha.Erlebnis erkannte, wie er die vier Stockwerke überhaupt bewohnbar ma.chen kann und sich endgültig von dem Gedan.ken trennte, mehrere Wohneinheiten daraus zu machen. Fünf Jahre arbeiteten zum Teil Spe.zialfirmen wie eine Holzmanufaktur aus Rott.weil daran, aus dem alten Haus nur eine große Wohnung mit modernem Komfort entstehen zu lassen. Architekt Flöß profitierte dabei von

tung ist auch unter ökologischen Gesichtspunkten nachhaltiger als Flächenversiegelung auf der grünen Wiese.

seiner langjährigen Erfahrung beim Sanieren von Altbauten und als gelernter Zimmermann. Manchmal braucht es eben das Gefühl für Holz um praktische Lösungen bei Problemen zu fin.den. Das zeigte sich auch in seinen Büroräumen in der Rathausgasse. Flöß zollt den Handwer.kern größten Respekt, die mit viel Gefühl und wenig technischen Hilfsmitteln die Erweite.rungsbauten im schmalsten Haus in Mauerwerk und Holzbalken oder .treppen ausführten.
Dann kam der „Tag der offenen Türe“ in der Bickenstraße 5, um der breiten Öffentlichkeit das neue schmale Haus zu präsentieren. Und diesen Blick hinter die Kulissen des schmalsten Hauses in Villingen ließen sich viele nicht ent.gehen. Sie staunten über dieses besondere Flair und die schönen Zimmer – aber darin wohnen? Architekt Flöß hält es für absolut wichtig, auch unter schwierigsten Bedingungen Häuser wie das in der Bickenstraße wiederzubeleben. „Es ist mitunter ein wichtiger Baustein für eine lebendige und funktionierende Innenstadt, wenn möglichst viele Menschen darin woh.nen“, sagt er. Und er geht noch weiter: „Eine städtebauliche Nachverdichtung ist auch unter ökologischen Gesichtspunkten nachhaltiger als Flächenversiegelung auf der grünen Wiese.“
Innenstadtlage wird sehr genossen
Zurück zum Alltag im Haus. Und zur Frage: Wie lebt es sich mit derart vielen Treppen? „Wir überlegen uns immer, was wir hoch oder runter mitnehmen“, erzählen die beiden Bewohner und lachen dabei. Öfter bleibt bei ihnen auch die Küche kalt, weil sie nach einem anstrengen.den Arbeitstag lieber in einem Restaurant essen gehen. Sie genießen aber die Innenstadtlage, die alles zu Fuß erreichen lässt.

Ein ganzes Zimmer voller Fasnetkostüme und viele architektonische Details – bis hin zu Fenstern im Innern – gibt es im schmalsten Haus Villingens zu bestaunen. Gelungen ist weiter die Fassadengestal.tung.
Patrick Weigert engagiert sich in der Villin.ger Narrozunft und deshalb gibt es im schmals.ten Haus jede Menge historische Fotos von Umzügen oder Maschgere zu sehen. Tatsächlich füllt sich eines der Zimmer mit lauter Kostümen für die Fasnet. Das erste Mal erlebten die beiden Bewohner 2018 auch sozusagen hautnah die Villinger Fasnet von einem ihrer Fenster mit, da das schmalste Haus ja direkt an der Umzugs.strecke liegt. Für Patrick Weigert ein unvergess.liches Erlebnis an diesem „Logenplatz mit Blick in drei Straßen.“
Florist aus Leidenschaft
Patrick Weigert liebt Blumen und machte des.halb seine Passion nicht nur zum Beruf – 2005 übernahm er in der Färberstraße einen Blumen.laden. Blumen sagen für ihn mehr als tausend Worte. Insofern gehört der Beruf von Patrick Weigert zu den schönsten auf dieser Welt. Denn der Florist macht Menschen überglücklich. Weil er die Kunst schafft, ihre Gefühle für andere in Blumen auszudrücken. Aufgrund seines Engagements und vieler Ehrenamtlicher fand die Tradition der Fronleichnamsprozession in Villingen eine Wiederbelebung. Heute schmückt ein langer Blumenteppich zwischen Oberem Tor und Riettor die Villinger Innenstadt.

Und natürlich zieren rote Geranien die Fens.ter am schmalsten Haus Villingens. Mit einem lachenden und weinenden Auge trennte sich Patrick Weigert allerdings beim Einzug von sei.nen vielen Pflanzen, die zuvor auf einer großen Dachterrasse standen. Im schmalsten Haus gibt es nur einen Balkon mit wenig Platz für Grün.zeug. „Alles kann man eben nicht haben“, meint er nachdenklich. Aber gewinnt dem auch etwas Positives ab. Im Frühjahr und im Herbst musste alles winterfest gemacht werden und das war oft eine ziemliche Schlepperei. Er hat die Pflan.zen an liebe Freunde verschenkt.
Oft ist nur f ein Melstk Platz
Und so lebt das schmalste Haus Villingens von liebevoller Dekoration, die kein Wasser oder Licht braucht, wie in einer Mauernische ein Engel in Gips oder auf einem Vorsprung silberne Kerzenständer. Und in den Zimmern steht oft nur ein antikes und ausgesuchtes Möbelstück, damit es richtig wirkt. Und es passt auch wirk.lich nicht alles durch die Türen hinein. Von man.chem Möbelwunsch mussten sich die beiden Bewohner wieder trennen, weil er durch keine Türe passt.
An Weihnachten gelang den beiden Bewoh.nern aber das schier Unmögliche und sie wuch.teten einen viereinhalb Meter langen Baum in den Küchen./Esszimmerbereich fast unters Dach. Patrick schmückte ihn mit seinen gesam.melten Weihnachtsengeln und .sternen und dafür gab es bei Freunden durch die Bank ein „Ah“ und „Oh“ zu hören. Ein vollkommenes Rät.sel, wie die beiden es schafften, den Baum die schmalen Treppen bis unters Dach zu bekom.men. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ohne diesen Leitspruch würde es das schmalste Haus Villingens nicht geben.
Von oben: Weiße Wände und Türen sorgen mit für Helligkeit. Im Küchenbereich stehen auch bequeme Sofas. Sichtbare Bruchsteinwände schaffen Flair.

Patrick Weigert mit gesammelten Blüten (links) und zusammen mit seinem Team bei der Arbeit an einem Blumenteppich.
S
ie gehört neben Hüfingen zu einer der Sensationen in weitem Umkreis und lockt deshalb Tausende von Besuchern in die Villinger Innenstadt: Die Fronleichnams.prozession nach den Pfingstfeiertagen. Ab 8.30 Uhr liegen hunderte von Metern an Blüten in den Hauptstraßen zwischen den Stadttoren und begeistern nicht nur Blumenfreunde, son.dern vor allem auch Liebhaber von Brauchtum. Genau aus diesem Grunde erweckte Patrick Weigert diese Tradition vor rund zehn Jahren wieder zum Leben. Und zündete dieselbe Begeisterung bei Frauengemeinschaften in der Münsterpfarrei, St. Fidelis und St. Konrad sowie vielen anderen Helfern. Mittlerweile ist deren Zahl auf rund 200 angewachsen. Teils verzichten sie sogar auf den Pfingsturlaub, um Villingens Innenstadt für einen Tag zu verschö.nern. Jeder kann dazu seinen Beitrag leisten und Blütenspenden abgeben. Um Schlag 18 Uhr ist alles vorbei, werden Schneeschippen eingesetzt, um die mittlerweile verwelkten Blumenteppiche wieder zu entsorgen.
Etwa eine Woche dauert die Vorbereitung auf dieses in der Region einzigartige „Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi“ – das Hochfest in der katholischen Kirche. Das ganze lebt von bedingungslosem Gemeinschaftssinn und Spendenbereitschaft. Die Blumen kom.men aus Gärten von Blumenliebhabern oder aus professionellen Gärtnereien, denn die Na.tur gibt manchmal nicht besonders viel Farbe her. Das Organisationsteam nimmt sich zwar fest vor „in die Blumen zu gehen“, doch oft macht die Witterung einen Strich durch diese Rechnung.

Auch sonst kämpfen die Helfer gegen die Unbilden der Natur – denn Fronleichnam liegt in manchen Jahren etwas früh im Jahr, wo es im Schwarzwald noch nicht viel Auswahl an Blüten gibt. Warum so viele Helfer mitma.chen? Die Atmosphäre sei so einmalig, sagt Uschi Schwert, wenn es morgens um 4 Uhr in der Villinger Innenstadt plötzlich mit dem Schmücken der Straßen los geht. Dann tragen starke Männer die Holzplatten an Ort und Stelle, die in mühseliger Kleinarbeit und auch ein bisschen im Wettstreit um Schönheit in mehreren Tagen im Münsterzentrum entstan.den sind.
Opernsänger Claus Gerstmann
In Hondingen ein Schmuckstück geschaffen
Für Hondingen ist er ein Glücksfall – und Opernsänger Claus Gerstmann wiederum konnte sich in dem Blumberger Stadtteil einen Traum verwirklichen: Aus einem unter Denkmalschutz stehenden, abbruchreifen Fachwerkhaus im Brunnenweg 1 hat er ein Schmuckstück geschaffen. Leben im Denkmal

von Bernhard Lutz
D
as schöne Fachwerkhaus in weißem Ver.putz und hellgrau gestrichenen Balken fällt jedem auf, der in Hondingen an der Ecke Brunnenweg/Adolf.Bernhard.Straße steht. Das Landesamt für Denkmalpflege Baden.Würt.temberg hat den Eintrag „Eingeschossiges Ein.häuschen mit Satteldach und Scheunentor, vor.aussichtlich 19. Jahrhundert.“ Ein bisschen hat das Haus die Form eines Schiffes. Auf einem kleinen, halboval gepflasterten Vorplatz an der Frontseite steht eine selbst gebaute Säule mit einem Marienbildnis, an der Hauswand lädt ein Bänkchen zum Verweilen ein. In Lücken zwi.schen den Pflastersteinen hat Claus Gerstmann drei Bäume gepflanzt: eine Zwetschge, einen Pfirsichbaum und eine Nektarine. Wichtig war ihm, dort einen Zwetschgenbaum zu setzen. In Regensburg habe er einmal in einem Haus ge.wohnt mit zehn Zwetschgenbäumen herum. Den ganzen Herbst habe er Zwetschgen geges.sen, er sei kein einziges Mal krank geworden. An der Seite hat er Beerensträucher und einen wei.teren Obstbaum gepflanzt.

Schon als Kind fasziniert von Ruinen
Das Interesse an alten Gemäuern hatte Claus Gerstmann, der 1961 geboren wurde und im oberschwäbischen Ravensburg mit einer Schwester aufwuchs, schon als Kind. Bei Ausflü.gen mit den Eltern interessierten ihn vor allem Ruinen. Dort verweilte er gerne und ließ seine Fantasie walten. So stellte er sich vor, wie die Burg oder das jeweilige Gemäuer hätten ausse.hen können. Dabei ging es ihm weniger um ge.schichtliche Details als vielmehr um seine Fan.tasie, wie er sich das Gebäude vorstellen könnte und was dann dort passieren würde, sprich um

Links: Claus Gerstmann an seinem Klavier.
Rechts: Das Baardorf Hondingen.
das Leben von Menschen und Tieren. Bei diesen Ausflügen kam er von Oberschwaben immer wieder Richtung Baar. Mehrfach besuchte er die Burgruine auf dem Hohentwiel bei Singen. An der Höhenburg faszinierte ihn die Weite. Ganz auf die Baar kam er dann bei Ausflügen in die Wutachschlucht. Dort habe er auch einmal eine Woche lang Wanderferien gemacht und dabei auch nach Fossilien und anderen „Schätzen“ ge.sucht, wobei ihm immer wieder sein angebore.ner Spürsinn geholfen habe. Eine Nacht schlief er auch im Gasthaus „Scheffellinde“ in Achdorf. Damals, im Alter von 20 Jahren, gefielen ihm der Fluss und die Felsen in der Wutachschlucht. Er mag keine Alpen, er mag aber auch keine Land.schaft, die ganz eben ist. „Ich finde die sanften Hügel schön, ich mag es, wenn die Landschaft bewegt ist.“ Das kannte er von Oberschwaben und dem benachbarten Allgäu.

Sein eigener Lebensweg führte ihn zunächst nach München. In der bayerischen Landes.hauptstadt studierte er Operngesang und legte 1986 das Staatsexamen ab, nachdem er zwischenzeitlich seinen Zivildienst in der Al.tenpflege absolviert hatte. Schon während des Studiums erhielt der talentierte Sänger Gast.spiel.Engagements für Opern. Nach dem Studi.um führten ihn reizvolle Gastspiel.Verträge in Opernhäuser und Theater nach Zürich, Luzern, Bern und Berlin. Einmal war er sogar Gaststar im ZDF.Fernsehgarten, die Sendung vor circa zehn Jahren wurde aus dem Europapark Rust ausgestrahlt. Im Winter 2017/18 sang er in der Schweiz 31 Vorstellungen der Operette „Wiener Blut“ von Johann Strauß im Theater Arth am Zuger See. Für den Sommer 2018 erhielt er eine Hauptrolle für einen Spielfilm, der dann im Kino gezeigt werden soll. Den Titel dürfe er aber nicht verraten, schmunzelt Claus Gerstmann.

Auf der Operettenbühne in Vaduz im
Fürstentum Liechtenstein lernte er seine späte.
re Frau Claudia kennen. Auf der Bühne musste
er bei einem Stück immer auf sie zugehen
und sie auf die Wange küssen, wobei die
Wange nie getroffen wurde: Claus
Gerstmann lacht vielsagend. Aus
dem Miteinander in der Ope.
rette entstand eine richtige
Partnerschaft. 1993 heira.
teten sie in Regensburg.
Neben der Liebe verbindet
beide auch die Musik.
Claudia Gerstmann hat ein
Examen in Sologesang, ei.
nes als Konzertpianistin und
ein Diplom als Kirchenmusi.
kerin. 1994 wurde der Sohn
geboren, der Jura studierte,
seinen ersten Film gedreht
hat und jetzt seinen zwei.
ten Film als Regisseur dreht. In all den Jahrzehnten
hatte Claus Gerstmann einen Traum: Er wollte
gerne ein altes Gebäude, ein Haus mit Geschich.
te erwerben und wieder mit neuem Leben
füllen. Auf der Homepage des Landesdenkmal.

Er wollte gerne ein altes Gebäude, ein Haus mit Geschichte erwerben und wieder mit neuem Leben füllen.

amtes entdeckte er vor circa sechs Jahren das Objekt in Hondingen. Es war bitterkalter Winter, als er nach Hondingen fuhr. Das Gebäude war abbruchreif und wäre wohl auch gar nicht mehr
vorhanden gewesen, wenn das Landes.denkmalamt es nicht unter Schutz gestellt hätte. Doch mehrere Ver.suche von verschiedenen Sei.ten, das Gebäude zu retten,
waren fehlgeschlagen. Das war die Ausgangslage, als Claus Gerstmann in den Brunnenweg kam.
Die Türe stand offen, er trat ein. Sein erster Ein.
druck war das pure Grauen, wie er es ausdrückt. „Im Erd.geschoss lagen und standen so viel Müll und Stühle, dass kein Durchkommen war.“ Mühsam und vorsichtig bahn.te er sich einen Weg. Die Frau vom Landesdenkmalamt, die

ihn begleitete, habe ihm geraten: „Passen Sie auf sich auf!“
Im Obergeschoss lag eine ganze Schicht aus abgebröckeltem Putz und Brettern, in den Fens.ternischen waren keine Fensterscheiben mehr, „der kalte Wind zog durch das ganze Haus.“ Die Bausubstanz war so marode, dass der Besucher auf dem Dachboden „von Balken zu Balken hüp.fen“ musste. Chaos pur. Ein Ort, der die meisten anderen Menschen sofort abgeschreckt hätte.

Alle Bekannten, darunter ein Schweizer Architekt, hätten ihm abgeraten, dieses derart verkommene Objekt zu kaufen. Doch Claus Gerstmann ließ sich von diesen Unkenrufen nicht beirren. Ihn hätten diese Kommentare nur darin bestärkt, seinen Traum zu verwirklichen, sagt er.
Relativ schnell kaufte er der Besitzerin das Haus ab, relativ schnell begann er auch damit, die Grundmauern zu sichern. „Der Mörtel zwi.schen den Natursteinen war oft nur noch Pulver, zum Teil mussten Löcher von einem halben Me.ter Dicke zugemauert werden.“ Als diese Arbei.ten erledigt waren, ließ er Container anfahren, um das Haus zu entrümpeln. Danach habe er das erste Mal ein Gefühl für den Raum im Ge.bäude erhalten, erklärt er.
Im nächsten Arbeitsschritt besorgte er Fensterscheiben, um einen weiteren Teil des Gebäudes dicht zu bekommen, wie er sagt. Die Fensterrahmen bestanden innen aus Staub und wurden nur noch durch die Lackschichten zusammengehalten, beschreibt Gerstmann. Aus jedem einzelnen Fensterrahmen habe er den Staub herausgesaugt, und den Hohlraum mit einer Holzspachtelmasse neu ausgespritzt. Eine langwierige, und eine kostspielige Arbeit. „Aber es sind die Originalfenster“, freut er sich.
Die nächste Herausforderung stellten die Böden dar. Überall lagen riesige Felsbrocken herum, an einer Stelle klaffte im Boden ein ein Meter tiefes Loch. Vor der Toilette lag überhaupt kein Boden mehr, dort gab es nur Erde und Felsen.

Von links nach rechts: Das Haus vor der Sanierung in den 90er-Jahren. Kinderzeichnung des Hauses, 1990er-Jahre. Sanierungsarbeiten an der Giebelseite, das morsche Gebälk wurde abgetragen. Das frisch sanierte Haus – kaum wiederzuerkennen.
Unten: Die Wohnstube mit dem Kachelofen vor der Sanierung.
Stück für Stück machte Gerstmann das Haus wieder bewohnbar. Nachdem er im Erdgeschoss die ersten beiden Räume gerichtet hatte, habe er von den einstigen Zweiflern das erste Mal

gehört, das ganze Vorhaben sei doch cool. Sein erstes Grundziel war, das Haus von außen wie.der ansehnlich zu machen. Irgendwann legte er dann eigenhändig die Kanalisation, ein wei.terer Kraftakt. Doch „die Kanalisation funktioniert“, berichtet er stolz. Nächtelang habe er dafür im Internet gelesen und getüftelt, damit alles seine Ordnung hatte.
Die Zeit ging ins Land, aus der abbruchreifen Ruine wurde längst ein kleines Schmuckstück. Im Wohn.zimmer brennen Kerzen und sorgen für ein heimeliges Flair, der Kachelofen erstrahlt in neuem Glanz, an der Wand hängen stilvoll gerahmte Bilder, um einen Tisch gruppieren sich Sessel und ein Sofa im Chippen.

Verbundenheit mit der Dorfgemeinschaft
Die positive Resonanz wirkt sich auch für Hon.dingen aus. Neben dem schmuck renovierten Haus erhielt der Ort mit Claus Gerstmann auch musikalische Verstärkung. Als Hondingen im Jahr 2017 sein
1200.jähriges Dorfjubiläum feier.te, konnte Ortsvorsteher Horst Fürderer den Neubürger für den Festakt gewinnen. Im
vollen Gemeinschaftshaus trug der Opernsänger zum Auftakt die bekannte itali.enische Canzone „Caro mio ben“ („Mein lieber Schatz“)
vor. Mit seiner vollen Stimme begeisterte er die Anwesen.den, unter ihnen der frühere
Ministerpräsident Erwin Teufel. Im Rahmen des Jubiläums und einer damit verbunden Ge.

dale.Stil, vor dem E.Piano steht Schön geschnitzter Stuhl in schichtsausstellung im Pfarrhaus ein antiker Klavierhocker. einer Ecke des Hauses. bestritten Claus Gerstmann und
Claus Gerstmann genießt sein selbst geschaffenes Domizil. „Für mich

ungeheure Ruhe aus, hier komme ich selbst zur Ruhe.
strahlt das eine ungeheure Ruhe aus, hier komme ich selbst zur Ruhe“, hier tankt er Kraft. Fertig ist Claus Gerstmann noch lange nicht, er habe noch viel zu tun, lässt er durchblicken.
Eines hat sich geändert: die Zustimmung. Seine Frau, die anfangs mehr als skeptisch gewesen sei, sei inzwischen stolz, sogar sein Sohn könne sich mittlerweile mit dem Haus identifizieren. In Hondingen gehört Claus Gerst.mann inzwischen zur Dorfgemeinschaft. Immer wieder kommen Leute, um ihm zu seiner Auf.bauleistung zu gratulieren und das schmucke Fachwerkhaus zu bewundern. Sogar von außen ziehe es Leute an.

seine Frau Claudia Gerstmann im Herbst 2017 ein denkwürdiges Konzert in der Hondinger Pfarrkirche St. Martin. „Die schöns.ten Marienvertonungen“ hieß der Konzerttitel der beiden Profi.Musiker. Als gefühlvolles Duett erklang in der Kirche das Ave Maria von Camille Saint.Saëns. Und zu einer Orgelmeditation über „Segne du Maria“ sprach Claus Gerstmann einen eigenen Text über Maria als Verbindungs.glied zu Gott. Die Hondinger Kirche bezeichnete er als Ort der Kraft. Dem Musikerehepaar hat das Konzert und die große Resonanz so gut ge.fallen, dass sie an diesem „Ort der Kraft“ wieder einmal auftreten wollen.
Oben links: Alte Ofenkacheln schmücken in der Küche
die Wand über dem Ofenloch. Oben rechts: Der sanierte Kachelofen mit Kunst. Mitte: Claus Gerstmann in seinem Wohnzimmer. Unten: Außenansicht des schmucken Häuschens.

Familie Emil Hall

Fridlis Hus in Aasen
Schon im Jahr 1000 bot das 23 Meter hohe Gebäude seinen Bewohnern Trutz und Schutz
von Tanja Bury
D
er Blick entlang der 13 gewaltigen Giebelzinnen hinauf zu dem großen Storchennest auf dem Dach macht schnell klar: Das Fridlis Hus in Aasen – der Na.me geht auf den früheren Besitzer Fridolin Frey zurück – ist nicht einfach ein Wohnhaus. Als Vogtei, Sippenhaus und Wahrzeichen des Dorfs atmet dieses Gemäuer Geschichte. Und es ist bis zum heutigen Tag moralische und materielle Verpflichtung – nicht nur für diejenigen, die es bewohnen.
Die kleinen, rechteckigen Fenster lassen nur wenig Sonne in den Gewölbekeller. Es riecht nach Erde. Als Lichtquellen waren die Luken einst nicht gedacht. Sie dienten vielmehr der Verteidigung, denn das Fridlis Hus war als Landvogthaus
errichtet worden, wie Hans.Jo.achim Hall, der Sohn des heuti.gen Besitzers Emil Hall, erklärt. Zwischen den Jahren 1000 und 1250 war Aasen Sitz der Graf.schaft Aasenheim, zeitweise auch Amtssitz des Herzogs Berthold II. von Zähringen. Und schon in dieser Zeit wurden die Grundsteine für das imposante Gebäude an der Klostergasse gelegt. „Teile des Kellergewöl.bes stammen aus dem Jahr

Mauern, ein weiter Blick über die Baar: Fridlis Hus ist ein massives Bauwerk, unter dessen Dach früher viele Menschen Sicherheit gefun.den haben.

1000“, weiß Hall, der sich als Restaurator mit Zeugen der Vergangenheit auskennt und sie zu deuten weiß. Dieses Haus, so sagt es Hall, bot seinen frühen Bewohnern Trutz und Schutz. 23 Meter Höhe bis zur Giebelspitze, teilweise 30 Zentimeter dicke Mauern, ein weiter Blick
über die Baar: Ein massives Bauwerk, unter dessen Dach
früher viele Menschen Sicher.heit gefunden haben. „Ich den.ke, das Haus hatte einen hohen sozialen Charakter.“
Das Gemäuer, wie es sich heute zeigt, stammt aus dem
15. Jahrhundert. Die Inschrift in dem aus Sandstein gehauenen
Das in die Giebelseite eingelassene Familienwappen der Halls, deren Stammsitz Fridlis Hus seit 1617 ist.

Fridlis Hus in Aasen – mit Storchennest auf dem Dach. Links: Besitzer Emil Hall mit seinem Sohn Hans-Joachim Hall unter dem Türbogen mit der Jahreszahl 1416.

Bogen über der Haustür verrät die Jahreszahl 1416. Zu dieser Zeit muss ein hölzerner Erker mit einem Treppenhaus in die oberen Stock.werke geführt haben. Auch war in der hohen, getäfelten Stube einst ein großer Wandschrank eingebaut. So zumindest werden in einem Zeitungsartikel von 1960 Akten der damaligen Amtsstelle für Denkmalpflege des Landkreises Donaueschingen zitiert.
Die Sanierung beginnt
Vor 58 Jahren war Hans.Joachim Halls Opa, der Maurer Emil Hall, der neue Herr von Fridlis Hus. Der Großvater war hier aufgewachsen, hatte das Elternhaus aber für mehr als 20 Jahre verlassen. Mit seiner Rückkehr sollte saniert und modernisiert werden. „Mein Opa verschö.nerte das Haus nach seinem Gutdünken“, sagt Hans.Joachim Hall. Das lief nicht ohne Opfer ab: Zwei historische Kachelöfen wurden an Meist.bietende verkauft. „Heute hätten sie wohl einen hohen fünfstelligen Wert – und würden das Haus schmücken.“
Seit drei Generationen ist Hans.Joachim Halls Familie im Hohen Haus, wie das Gebäude auch genannt wird, daheim. Die große Sippe der Halls aber beherbergte das Gebäude schon viel früher. 1617 war es von einem aus Sumpfohren stammenden Jakobus Hall gekauft worden und seither Stammsitz des Familienverbands.
Die Zeichnung zeigt Fridlis Hus in Aasen wie es nach einer Rekonstruk.tion der Denkmal.pflege um 1680 ausgesehen haben könnte.

aus Sumpfohren stammenden Jakobus Hall gekauft worden und ist seither Stammsitz des Familien.verbandes Hall.

1785 gab es einen bedeutenden Einschnitt: Die Sippe spaltete sich, der Großteil der Halls blieb in Aasen, wo der Name bis heute sehr häufig zu finden ist, andere zog es nach Donau.eschingen und Hochemmingen. Da kommt ins Spiel, wer dem Haus seinen Namen gab: Fridolin Frey erwarb das Gebäude und bewohnte es bis zu seinem Tod 1807. Sein Besitz wurde unter sei.nen beiden Schwestern aufgeteilt. Weil eine von ihnen mit einem Hall verheiratet war, kehrte die Familie 1809 in ihr einstiges Sippenhaus zurück. In Mannschaftsstärke: Andreas Hall hatte zehn Kinder, dazu kamen er, die Gattin, Magd und Knecht. „Fridlis Hus“, also Fridolins Haus, aber blieb das Gebäude dennoch – zumindest in der bis heute gängigen Bezeichnung.
Märchenhaft und geheimnisvoll
Wie sein Vater hatte der heutige Bewohner Emil Hall Junior seinem Elternhaus ebenfalls den Rücken gekehrt, kam aber 1970 mit seiner Frau Elisabeth und den Kindern zurück. Da war

Zinnengiebel gab es aus Brandschutzgründen auf der Baar früher viele – so auch in Aasen. Links am Bildrand: Fridlis Hus, auf dem Dach ist das Storchennest zu sehen. Die Aufnahme stammt aus der Nachkriegszeit.
Der Zinnengiebel fungiert als Brandmauer, die über das Dach hinausragt
Was es mit dem Zinnengiebel auf der Baar auf sich hat, darüber sind unzählige Abhandlungen erschienen. Auch das Haus Hall in Aasen schützt und schmückt so ein Giebel. Ein Beitrag findet sich in einem Sonderband der „Badischen Hei.mat“, er ist 1938 erschienen und mit „Dorf und Bauernhaus der Baar“ überschrieben. Anton Elsässer beschreibt die bis heute noch oft vorzu.findende Giebelform wie folgt:
„Zweifellos hat die Enge der Kleinstadt die Entwicklung dieser Giebelform stark begüns.tigt, die für das Baarhaus so charakteristisch geworden ist. Der Staffelgiebel – oder wie man auf der Baar sagt – der Zinnengiebel ist eine Brandmauer, die über die Dachfläche hinaus gezogen ist und dort mit einer Abtreppung endet. Er gewährt erhöhten Feuerschutz und war in dem Gebiet der schindelbedeckten Traufenhäuser eine Notwendigkeit geworden. Zahlreiche städtische Verordnungen des 14. und

15. Jahrhunderts deuten dies an. Galt es doch damals, die Zerstörung ganzer Ortsteile durch Feuer zu unterbinden.
Nach 1700 ist der Zinnengiebel allerdings kaum mehr gebaut worden. Er hat an Wert.schätzung verloren, nachdem die Schindel anderen Deckungsstoffen hat weichen müssen. Die selbstangefertigte Schindel hatte in ihrer weichen Patina ehemals dem Dorf eine Ein.heitlichkeit in der Farbe gegeben, die wir heute nicht mehr kennen.
Eine andere Eigenschaft des Zinnengiebels empfahl diese Bauform auch auf dem Dorf, wenn auch nicht als Brandgiebel, so doch als Außenwand. Die Zinne schützt das Dach vor Stürmen.“ Anzumerken wäre noch, dass diese Giebelform keine Erfindung der Baar darstellt und vielerorts anzutreffen ist – bis Schottland. Die frühesten Beispiele sollen aus dem 12. Jahr.hundert stammen. (wd) Hans.Joachim Hall sieben Jahre alt. Märchen.haft und geheimnisvoll kam ihm die neue Hei.mat vor – bot sie doch von oben bis unten viel Platz für die Fantasie eines Kindes. Was wohl auf dem großen Speicher einst los war? Ob ein Mensch je über die Dachzinnen marschiert ist? Und wer hat sich im Kellergewölbe versteckt? Nicht nur diese Erinnerungen sind es, die Hall mit seiner Kindheit im Fridlis Hus verbindet. Manche Gerüche von damals hat er noch heute in der Nase. „Stein, Holz und Rauch. Und es duf.tete nach Speckseiten und Würsten. Nach den Hausschlachtungen hingen sie im Gewölbekel.ler“, erzählt Hall. Für den Jungen eine Szene wie aus dem Schlaraffenland.

Dass er nicht, wie andere seines Alters, in einem der schmucken Häuser im Neubaugebiet wohnte, störte ihn nie. In den Räumen mit den
Fridlis Hus mit seiner Tür von 1416 und dem ebenso imposanten Scheunentor.
Rechte Seite: Impressionen aus den 1930er-Jahren (oben und Mitte links). Weiter das Storchennest und Giebel-Variationen.
hohen Decken ließ es sich gut leben, im Gewölbe.keller als Teenager manch ausgelassene Party feiern. „So eine Location hatte schließlich nicht jeder zu bieten“, sagt Hall lachend. Dieses Haus spreche in jeder Lebensphase anders zu seinen Bewohnern. Das erfahren seine Eltern Emil und Elisabeth beson.ders: Beide sind weit über 80 Jahre und müssen mit den Erschwernissen des Al.ters in einem ganz und gar nicht barrierefreien Gebäu.de zurechtkommen.
Der 54.jährige Hans.

Joachim Hall nennt den Besitz heute Segen und Fluch zugleich. „Solch ein Denkmal zu pflegen, ist eine Verpflichtung, eine Lebensaufgabe. Das Wahrzeichen, das es für die Familie und ganz Aasen darstellt, macht den Erhalt nicht nur zu einer materiellen, son.dern auch zu einer moralischen Verpflichtung“, sagt er. Um diese zu stemmen, brauche es mehr als nur den Familienverbund. Die Gesellschaft sei gefragt, für ihre Denkmäler einzustehen. „Wir sollten, nein, müssen die Wertigkeit dieses kulturellen Erbes erkennen“, betont er.
Der Blick entlang der 13 gewaltigen Giebel.zinnen, hinauf zu dem großen Storchennest auf dem Dach macht schnell klar: Das Fridlis Hus in Aasen ist nicht einfach ein Wohnhaus. Ein Storch wohnt hier übrigens „schon ewig“. In diesem Jahr hatte das Storchenpaar gleich drei Junge.

Christoph Freudenberger

Posten 61: Ferien an einer der berühmtesten Gebirgsbahnen der Welt
In einem kleinen Bahnwärterhäuschen mitten im Wald und direkt an der Schwarzwaldbahn können Individualisten einen etwas anderen Urlaub verbringen
von Roland Sprich
A
cht Sekunden. So lange dauert es, bis die roten Doppelstockwagen der Schwarz.waldbahn an dem kleinen Bahnwärter.häuschen vorbei gerollt sind. Acht Sekunden, zwei Mal pro Stunde, einmal bergwärts, einmal talwärts. Acht Sekunden, die für die Bewoh.ner des Bahnwärterhäuschens jedes Mal ein Schauspiel sind. Zum einen, weil hier eine der berühmtesten Gebirgsbahnen der Welt unmit.telbar an dem kleinen Häuschen im Seelenwald hoch über Gremmelsbach vorbeirauscht. Zum anderen, weil es immer wieder andere Bewoh.ner sind, die das Schauspiel genießen. Denn längst wohnt hier kein Bahnwärter mehr, der Schranken herunterkurbelt oder die Weichen von Hand umstellt. Heute können hier Ferien.gäste Eisenbahn. und Wohnatmosphäre aus dem vor.vorigen Jahrhundert erleben.
Blick auf den Posten 61 (links unten).

Christoph Freudenberger hat das Konzept „Ferien im Baudenkmal“ hier umgesetzt. Er hat das Bahnwärterhäuschen mit der offiziellen Be.zeichnung Wärterposten WP 61 Seelenwald an der Strecke zwischen St. Georgen und Triberg re.stauriert und stellt es Menschen zur Verfügung, die einen etwas anderen Urlaub verbringen wol.len und Erholung in Abgeschiedenheit und fern von Luxus jeder Art suchen. Denn sanieren heißt für Christoph Freudenberger nicht, ein altes, vom Zerfall bedrohtes Gebäude in ein modernes Objekt mit allem Komfort zu verwandeln. Viel.mehr ist es dem Restaurator ein Anliegen, den Geist und die Atmosphäre eines Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert zu bewahren.
Keine Liebe auf den ersten Blick
„Ich möchte ein Produkt schaffen für Men.schen, die das wertschätzen“, sagt Christoph Freudenberger. Der verantwortungsvolle Um.gang mit den Ressourcen ist ihm ein großes Anliegen. Die Weiterverwendung vorhandener

Es gab keinen Strom, kein Wasser und Abwasser, noch nicht einmal einen Weg, der vom Wald zu dem Haus führt, gab es. Und doch hatte das Haus etwas, das Christoph Freudenberger vom ersten Augenblick an faszinierte.
Rohstoffe und die Werterhaltung für nachfol.gende Generationen eine Herzensangelegen.heit. Das ist nicht einfach. Die Industrie liefert heute modernste Baumaterialien. „An etwas Altem festhalten bedeutet für viele Menschen, in der Zeit stehen zu bleiben.“
Bei der Wiederherstellung der Objekte erfüllt Freudenberger in erster Linie denkmal.pflegerische Forderungen. Größtmögliche Substanzerhaltung, angemessene Nutzung, Ori.ginalität und Authentizität bestimmen die Vor.gehensweise. Dort, wo es geht, wird repariert, dafür werden bevorzugt historische Baustoffe eingesetzt.
Bis Christoph Freudenberger Hand an das Bahnwärterhäuschen legen konnte, vergingen mehrere Jahre. Aufmerksam auf das Häuschen wurde er bereits in den 1990er.Jahren, als er mehrfach mit der Schwarzwaldbahn auf der Strecke zwischen St. Georgen in Richtung Offen.burg fuhr. Irgendwann machte er sich auf, um das Häuschen mitten im Wald zu suchen. Und er hat es gefunden. Dass es Liebe auf den ersten Blick war, kann man allerdings nicht behaupten. „Das Haus war aufgebrochen und wies starke Vandalismusschäden auf. Es war im Grunde eine Ruine“, beschreibt er den Zustand. Fenster.scheiben waren eingeworfen, das Dach war un.dicht und an einer Stelle sogar eingestürzt. Auch die Infrastruktur war praktisch nicht vorhanden.
Der kleine Kachelofen in der Stube ist die einzige Heizung im Bahnwärterhäuschen.
Posten 61

Es gab keinen Strom, kein Wasser und Abwasser, noch nicht einmal einen Weg, der vom Wald zu dem Haus führt, gab es. Und doch hatte das Haus etwas, das Christoph Freudenberger vom ersten Augenblick an faszinierte.
Er setzte sich mit der Deutschen Bahn in Verbindung. Und konnte das Gebäude schließ.lich kaufen. Damit begann ein langwieriges Sanierungskonzept, an dessen Anfang zunächst jede Menge bürokratischer Hürden zu überwin.den waren. Absprachen mit dem Denkmalamt waren notwendig, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Anträge bei der Bahn für das Unterqueren der Gleise, um Wasser.und Abwasserleitungen zu verlegen und vieles mehr mussten gestellt werden. „Als Erstes musste ich einen Weg zum Haus schaffen“, beschreibt Freudenberger eine der rudimentären Aufga.ben. Ohne den Weg hätte er die Baustoffe und Werkzeuge gar nicht zum Haus transportieren können.
Mit, wie er selbst sagt, kleinem Budget und viel Eigenleistung hat Freudenberger schließlich eine Infrastruktur geschaffen, die das Leben im Bahnwärterhaus erst ermöglichte. Doch darüber hinaus war noch jede Menge Arbeit notwendig. Durch das undichte Dach drang im Laufe der Jahre viel Wasser ein, was die Holz.balken verfaulen ließ. Backsteine waren durch Frost zerstört und vieles mehr. Mit viel Liebe und einem enormen Zeitaufwand hat Christoph Freudenberger das Bahnwärterhäuschen nun wieder nahezu in den Originalzustand von anno dazumal versetzt. Die Fußbodendielen wurden herausgenommen, gerichtet und neu verlegt, Wände neu mit Lehm verputzt und Fenster und Türen gerichtet. Lediglich das Dach musste kom.plett neu gemacht werden, zu stark waren die Beschädigungen.

In den 1970er-Jahren zog der letzte Bewohner aus
Das zunächst sanfte, dann immer stärker wer.dende, klirrende Vibrieren der Gleise kündigt den nächsten Zug an. Wenige Sekunden später fährt er auch schon vorbei, dieses Mal in Richtung Triberg. Während heute die modernen Loks und Doppelstockwagen kaum zu hören sind, waren die Züge, die früher auf der Strecke zwischen St. Georgen und Triberg verkehrten, nicht zu überhö.ren. Schwer schnauften die Dampflokomotiven, um die Steigung zu bewältigen. Damals hatte der Bahnwärter, der das Häuschen als Betriebswoh.

macht, lässt sich auf ein ganz spezi.elles Abenteuer ein, Entschleunigung ist garantiert. Einen Fernseher gibt es nicht, Internetempfang auch nicht. Dafür jede Menge Wald und Natur rings um das Domizil herum.

nung nutzte, viele Aufgaben. Zu den wichtigsten Aufgaben, neben der Signal. und Weichenstel.lung, gehörte im Winter das Abschlagen der großen Eiszapfen an den Tunnelportalen des See.lenwaldtunnels III und dem Gremmelsbachtun.nel. Da der Weg ins Dorf lang und beschwerlich war, betrieben die Bahnwärter nebenher oft eine kleine Landwirtschaft, um sich mit dem Notwen.digsten wie Milch und Eiern selbst zu versorgen. Heute kann man das Dampflokgefühl nur noch ab und an erleben, wenn auf der Schwarzwald.bahn in den Sommermonaten Sonderfahrten mit Dampfzügen stattfinden. Dann hüllt die dicke Rauchwolke aus dem Schornstein der Dampflok im Vorbeifahren das Bahnwärterhäuschen kurz.zeitig ein. Der Geruch der Kohle erinnert an ver.gangene Zeiten und hängt noch eine ganze Zeit über dem Gelände.
Anfang der 1970er.Jahre, während der Elek.trifizierung der Schwarzwaldbahn zwischen Offenburg und Villingen, wurde das Bahnwär.terhäuschen letztmalig als Behausung für die Bauarbeiter genutzt. Die folgenden 40 Jahre lag es im Dornröschenschlaf, aus dem es Christoph Freudenberger erweckte.
Entschleunigung ist garantiert
Seit 2014 wird der Wärterposten 61 an Ferien.gäste vermietet. Allerdings sind die Ferien im Baudenkmal nichts für Menschen, die Wert auf

Mit viel Liebe zum Detail und einem enormen Zeitaufwand hat Christoph Freudenberger das einstige Bahnwärterhäuschen wieder nahezu in seinen Originalzustand versetzt.

Komfort oder gar Luxus legen. Wer hier Urlaub macht, lässt sich auf ein ganz spezielles Aben.teuer ein, Entschleunigung ist garantiert. Einen Fernseher gibt es nicht, Internetempfang auch nicht. Dafür jede Menge Wald und Natur rings um das Domizil herum.
Bereits die Anreise ist speziell. Mit dem Auto ist das Haus nicht zu erreichen. „Die Gäste müs.sen im Dorf parken und ihr Gepäck zu Fuß oder mit einem Handwagen transportieren“, sagt Freudenberger. „Viele Gäste haben ihr Hab und Gut deshalb gleich im Rucksack verstaut.“
Denn selbstverständlich werden Interessen.ten vor der Buchung genauestens informiert, was sie erwartet. Dazu gehört auch, dass sie, wenn sie es warm haben wollen in der Stube, den kleinen Kachelofen anfeuern müssen. Der braucht gut zwei Stunden, bis es warm wird im Häuschen. Auch warmes Wasser zum Ba.den gibt es nur nach vorherigem Anfeuern des Wasserkessels. Das ist auch der Grund, weshalb das Häuschen nur zwischen April und Silvester/ Neujahr vermietet wird. In den Wintermonaten wäre es zu kalt, um dauerhaft eine wohlige Wärme in die Räume zu bekommen. Auch so empfiehlt Freudenberger seinen Gästen, unbe.dingt einen Schlafanzug im Gepäck zu haben.
Urlaub fernab der Zivilisation
Wer sind die Menschen, die im Bahnwärter.häuschen Urlaub machen, fernab jeglicher Zivilisation und ohne Internet. und Handyemp.fang? „In erster Linie sind das Menschen mit einer besonderen Affinität zur Bahn. Oder Menschen, die bewusst Erholung in der Natur suchen, ohne von den Errungenschaften des modernen Medienzeitalters abgelenkt zu wer.den“, beschreibt Freudenberger die Klientel. Gestresste Manager aus der Großstadt gehören hier ebenso dazu wie Eltern, die ihre Kinder be.wusst mit der Natur in Einklang bringen wollen. Oder Gäste, die bewusst einen Gegentrend zum Pauschalurlaub setzen. Immerhin, ein paar Zu.geständnisse an die moderne Zeit gibt es dann doch. Es gibt eine Waschmaschine, einen Elek.troboiler für das Waschbecken im Bad, einen Wasserkocher und eine Elektrokochplatte.

Wie ist das Haus erbaut? Auf dem Sockel.geschoss sitzt ein Fachwerkbau mit anderthalb Geschossen. Dieser steht am Hang und ist von einem Krüppelwalmdach bedeckt. Häuser wie diese sind entlang der Strecke vielfach anzu.treffen. Durch die Hanglage bedingt, ist die in Bruchstein ausgeführte Erdgeschossebene im hinteren Bereich ein Keller. Auf dieser Ebene be.finden sich heute das Badezimmer und die Kel.lerräume. Historisch waren hier Wirtschaftsräu.me und ein Stall für die Kleintierhaltung unter.gebracht. Zur Bahnlinie hin ist mittig ein Bauteil vorgezogen, der im Obergeschoss den Ausblick auf. und abwärts auf die Gleise ermöglicht.
Die rund 80 Quadratmeter Wohnfläche des Hauses im Originalgrundriss sind auf vier Zim.mer und drei Stockwerke verteilt. Das bedeutet kleine Räume. Die Stube im Obergeschoss ist mit rund 16 Quadratmetern der größte Raum. Im Obergeschoss sind auch zwei Schlafkam.mern mit je zwei Betten, eine Toilette und die

fläche des Hauses im Originalgrund.riss sind auf vier Zimmer und drei Stockwerke verteilt. Das bedeutet kleine Räume.

kleine Küche mit, wie könnte es anders sein, einem Herd, der mit Holz befeuert wird. Im Un.tergeschoss sind neben dem Bad auch ein Lager.raum und der ehemalige Stall, der zur Werkstatt umgebaut wurde. Im Dachgeschoss befindet sich eine weitere Schlafkammer mit zwei Einzel.betten, so dass im Haus bis zu sechs Personen bequem Platz finden. Bei Bedarf lassen sich auch zusätzliche Kinderbetten aufstellen.
Sorge, dass den Feriengästen langweilig werden könnte, so ganz ohne Fernsehen und Internet, hat Christoph Freudenberger nicht. „Das Häuschen ist idealer Ausgangspunkt für Wanderungen und Spaziergänge in einer wun.derschönen Landschaft.“ Und wer sich nach Ta.gen in völliger Abgeschiedenheit doch mal nach

S
o idyllisch war der Dienst an der Schwarzwald.bahn nicht immer. Der Weichenwärter Josef Volk, Aufnahmen aus den 1930er-Jahren, hatte eine Lauf.bahn bis zur Verbeamtung hinter sich zu bringen. Als Bahnarbeiter hatte er u.a. für die Offenhaltung des Brandstreifens zu sorgen, musste harte, gefährliche Arbeit mit der Hacke über Tunnelportalen und -aus.gängen und an Steilhalden bewältigen. Die Arbeitszei.ten im Stellwerk waren „rund um die Uhr“, unbesetzt blieb die Station nie. Im Winter waren die Weichen vom Schnee zu befreien, und weit schwieriger: vor dem „ersten Zug“, also in aller Frühe und noch in Dunkelheit die Eiszapfen von der Tunneldecke herun.terzuschlagen.
In der Freizeit war der Bahnwärter „Kleinstbauer“ mit mindestens einer Ziege („Eisenbahnerkuh“ ge.nannt) für Milch und Butter und einem Schweinchen für Wurst und Schinken. Platz musste sein für einen Garten und ein Kartoffelfeldchen. Auch das Winter.holz war zu beschaffen. Reichtümer konnten nicht angehäuft werden. Aber fürs Leben reichte es immer,
anderen Menschen sehnt – belebte Destinati.onen wie die Triberger Wasserfälle oder andere Ausflugsorte im Schwarzwald sind in kurzer Zeit erreichbar.
Übrigens, Angst, dass die stündlich zwei Mal am Bahnwärterhäuschen vorbeifahrenden Züge die Nachtruhe stören könnten, braucht niemand zu haben. Erstens, weil man sich innerhalb kurzer Zeit an das Geräusch gewöhnt hat. Und zweitens, weil ab 23:30 Uhr kein Zug mehr fährt. Dann lässt sich die himmlische Ruhe genießen in den Ferien im Baudenkmal im Wärterposten 61 im Seelenwald direkt an der Schwarzwald.bahn. Bis am nächsten Morgen um 5:20 Uhr der erste Zug am Bahnwärterhäuschen vorbeifährt. Acht Sekunden lang.

Familie Papst
„Federwerk“ St. Georgen – das Hotel in der Fabrik
von Wilfried Dold

St. Georgen 360º – der rundum verglaste Raum bietet einen herrlichen Blick auf die Stadt und den umliegenden Schwarzwald bis zur Schwäbischen Alb. Er dient als Besprechungszimmer und soll für besondere Veranstaltungen wie Raclette- und Fondue-Abende genutzt werden. Darüber hinaus lädt die Dachterrasse zum Verweilen ein.
Das Federwerk treibt Uhrwerke und Plattenspieler an, machte einst den Herzschlag von St. Georgen aus. Jetzt hat die Phono-Stadt das „Federwerk“ zurück – und damit ein Stück ihrer Identität: Im Herzen von St. Georgen entwickelte die Familie Papst im Zusammenspiel mit Dipl.-Ing. Wulf Wössner und ihrer Heimatstadt St. Georgen aus der früheren Uhrenfabrik Tobias Baeuerle & Söh.ne, einer Industriebrache, das Hotel „Federwerk“. Für St. Georgen verkörpert das „Federwerk“ einen Wendepunkt der Stadtentwicklung, für die gesamte Region eine spürbare Verbesserung der Infrastruktur, so Bürgermeister Rieger. Stehende Ovationen der über 300 Gäste bei der Hoteleröffnung im September 2018 für die Familie Papst unterstreichen die Worte des Bürgermeisters – Michael Rieger ist der Impuls zum „Federwerk“ zu verdanken.

Die Erfnung: Ein besonderer Tag in der Geschichte der Stadt St. Georgen
Wie sehr das Hotelprojekt der Familie Papst die Menschen in St. Georgen aufhorchen lässt, zeigt allein schon die Resonanz auf die Eröffnungs.feier: An diesem sonnigen 22. September 2018 kommen in der festlich dekorierten Garage des Hotels „Federwerk“ über 300 Gäste zusammen. Derart viele Menschen hätte der Konferenzsaal im Innern dann doch nicht aufnehmen können, auch wenn das Haus zweifellos zu den großen Hotels im Schwarzwald.Baar.Kreis zählt.

meister Michael Rieger versteht das Hotel „Federwerk“ als Aufruf an die Bürger, gemeinsam das St. Georgen der Zukunft zu gestalten.

Durch den technologischen Wandel in der Unterhaltungsindustrie und den damit verbun.denen Niedergang von DUAL und PE verliert St. Georgen in den 1980er.Jahren in kurzer Zeit 1.300 Einwohner und zugleich ein großes Stück seiner Identität. Bis heute sind nicht alle damit verbundenen Rückschläge verkraftet, aber St. Georgen befindet sich spürbar auf dem Weg in eine neue Zeit. Und diejenigen, die wie die Familie Papst durch ihre Erfindungen und ihr Unternehmertun den früheren Aufstieg zur Phono.Stadt maßgeblich mitgestaltet haben, begleiten nun an vorderer Stelle den Wandel.
So versteht Bürgermeister Michael Rieger das Hotel „Federwerk“ als Aufruf an die Bürger, gemeinsam das St. Georgen der Zukunft zu ge.stalten. Bürgermeister Rieger: „Die Stadt sind wir alle!“ Ob Ärztehaus, Phonomuseum oder Freizeitheim Weißloch, die Familie Papst gehe mit allerbestem Beispiel voran. Und er attestiert der Investorenfamilie: „Der Begriff ,Federwerk‘ könnte nicht besser gewählt sein“. Die Familie Papst verhelfe St. Georgen mit diesem Hotel zu einem enormen Aufschwung. Wirtschaftlich – aber vor allem auch, was ihre Identität anbelan.ge. Michael Rieger: „Das ist ein besonderer Tag in der Geschichte unserer Stadt. Sie haben es verdient, ihn zu genießen.“
Für Doris, Constantin und Daniel Papst gab es bei der Eröffnungsveranstaltung zum „Federwerk“ mehrfach minutenlangen Beifall. Stehende Ovationen erhält Constantin Papst. Daniel Papst bekräftigt, das „Federwerk“ sei zuallererst das Werk seines Bruders – bis hin zur Namensgebung. Constantin Papst sitzt für die CDU auch im Gemeinderat von St. Georgen. Bei der Begrüßung führt Constantin Papst aus, seine Familie sei dankbar, dass sie diese groß.artige Aufgabe zu bewältigen vermochte. Als bekennende Christen verstehe die Familie ihre Fähigkeiten als Gabe des Schöpfers. Es hätten sich so viele Menschen bemüht: Im „Federwerk“ waren über 24 Monate hinweg in 80 Gewerken fast 700 Handwerker und 250 weitere Dienst.leister beschäftigt.

Die Initiative zu diesem Vorhaben schreibt Constantin Papst dem St. Georgener Bürger.meister zu: „So ein bisschen, Herr Rieger, haben
Freude über die Eröffnung des Hotels „Federwerk“, v. links: Planer Wulf Wössner von der Wössner + Lechler Projektentwicklung und Generalplanung mit Sitz in Freiburg und Stuttgart, Daniel Papst, Constantin Papst (vorne), Doris Papst sowie St. Geor.gens Bürgermeister Michael Rieger.

Bildtafel zur Geschichte der Uhrenfabrik Baeuerle aus dem Flurbereich des Hotels „Federwerk“.
Sie uns diese Suppe schon eingebrockt“, lächelt er an diesem 22. September in den Saal. Michael Rieger wollte an diesem Ort einen Getränke.oder Supermarkt verhindern. Die Stadt hatte das ca. 6.000 Quadratmeter große Areal im Jahr 2013 dazu für 650.000 Euro aus der Konkurs.masse des Unternehmens Baeuerle erworben und machte es zum Mittelpunkt eines Sanie.rungsgebietes. Um die heutige Nutzung sicher.zustellen, mussten auf freiwilliger Basis auch zwei private Wohnhäuser weichen.
Den entscheidenden Impuls erhielt Bürger.meister Rieger bei einer Tagung im Trossinger „Bau V“. Dabei handelt es sich um ein früheres Fabrikgebäude der Firma Hohner, dessen Gene.ralsanierung mit dem Denkmalschutzpreis 2010 ausgezeichnet wurde. Dort haben u.a. die Stadt.bibliothek, das Hohner.Konservatorium, ein Gastronomiebetrieb, eine Pension, Loftwohnun.gen sowie diverse Gewerbeeinheiten ihren Platz gefunden. Für Michael Rieger war klar: Was in
Der Hirsch zierte als schmiede.eisernes Kunstwerk den Haupt.eingang des Verwaltungsbaus der Baeuerle-Fabrik. Heute ist das Signet ein Blickfang im Ein.gangsbereich des „Federwerks“.

Trossingen mit Hohner glückte, muss auch in St. Georgen mit Tobias Baeuerle möglich sein. Er sollte recht behalten!
Rkblende: Das Federwerk und die Uhrenfabrik Tobias Baeuerle & Sne
Die Bedeutung des Federwerks für St. Georgen ist vielschichtig. Als mechanischer Antrieb für Uhren oder Grammophone, bestehend aus ei.ner Feder und einem Getriebe mit Regler, steht das Federwerk wie kein zweites Produkt für die Industrialisierung in der Bergstadt. Uhrmacher wie Tobias Bäuerle sind es, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in St. Georgen durch den Aufbau einer Fabrik die Grundlage für die örtliche Uhrenindustrie und feinmechanische Industrie im Allgemeinen legen. Auch Tobias Bäuerle (1841 . 1914) fertigt und verarbeitet schon bald Federwerke. Bäuerle entstammt ei.ner Uhrmacherfamilie aus dem Stockwald und gründet 23.jährig im Jahr 1864 in Brigach eine Uhrenfabrik. 1868 siedelt er nach St. Georgen um und erstellt dort 1869 an der Bahnhofstraße die eigene Fabrik.

Es geht steil bergauf, St. Georgen bietet Tobias Bäuerle als eines der Zentren der Uhrenherstel.lung im Schwarzwald vielfache Möglichkeiten. 1903 nimmt er seine Söhne Christian und Tobias in das Unternehmen auf, der Firmenname wird ab jetzt „Baeuerle“ geschrieben, als Signet des Unternehmens dient der Hirsch. Die Baeuerle. Fabrik beschäftigt bereits über 60 Mitarbeiter, ihre Produktion ist längst nicht mehr auf Uhren beschränkt. Tobias Bäuerle konstruiert verschie.dene Antriebssysteme für Regel. und Steuerge.räte, weiter Zähler und Trommelregistrierwerke, die Messwerte aufzeichnen.
Tobias Baeuerle & Söhne wächst stark – nach Ende des Ersten Weltkrieges beschäftigt er 370 Mitarbeiter und gehört zu den großen Arbeitgebern am Ort. Es steigt der Ausstoß an technischen Uhrwerken. Tarifschaltuhren für die Elektrotechnik, Gas. und Wasserwirtschaft werden gleichfalls produziert. Die klassische Uhrenferti.gung tritt mehr und mehr in den Hintergrund.
Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt die Zahl der Mitarbeiter auf über 650, an der Bahnhof.straße gestaltet sich das Baeuerle.Areal heuti.ger Prägung aus. Das Unternehmen Baeuerle erweist sich als Problemlöser für verschiedenste feinmechanische Aufgaben. Das Produktpro.gramm umfasst Antriebssysteme und Geräte für die Druck., Funk. und Medizintechnik, aber auch die Hirsch.Belichtungsschaltuhr für Foto.grafen, die sich in ansehnlicher Zahl verkauft.

Und es gehört in geringem Umfang auch weiterhin die Uhr zum Baeuerle.Portfolio: Das Unternehmen fertig u.a. Fernmeldeuhren für die Bundeswehr, komplizierte Schiffsuhren, aber auch das Pendeluhrwerk der Siemens.Haupt.uhr. Für die letzte mechanische Hauptuhr von Siemens mit Synchronantrieb erhält Tobias Baeuerle & Söhne ebenfalls den Auftrag. Als Eigenkonstruktionen werden in großen Stück.zahlen weiter Transportwerke für Band., Trom.mel. und Scheibenschreiber in Messgeräten jeder Art gebaut.
Doch obwohl vielseitig aufgestellt, ergeht es Tobias Baeuerle & Söhne wie Dual oder Perpe.tuum Ebner (PE): Die Aufträge für mechanische Produkte sind stark rückläufig, in der Produk.tion fehlt es am Beginn der 1990er.Jahren schlicht an Arbeit. So wird die Firma Ende 1993 zahlungsunfähig, am 3. Januar 1994 stellte sie den Konkursantrag.
Das Unternehmen Tobias Baeuerle & Söhne im Jahr 1989 aus Anlass des 125-jährigen Bestehens. Foto: Archiv Kieninger. Heinrich Kieninger stellte für den geschichtlichen Teil zu Tobias Baeuerle & Söhne auch vielfache Informationen bereit.

Das „Federwerk“ und der Erfinder Hermann Papst
Wenn Constantin und Daniel Papst ihr neu.es Hotel „Federwerk“ nennen, knüpfen sie damit auch an das Schaffen ihres Großvaters Hermann Papst (1902 . 1981) an. Die universell begabte Erfinderpersönlichkeit ist als erfolg.reicher Ingenieur und Unternehmer mit dem PAPST. Außenläufermotor für die Antriebs.und Lüftungstechnik weltweit bekannt gewor.den. Hermann Papst erarbeitet sich schon in jungen Jahren als Erfinder und Konstrukteur einen ausgezeichneten Ruf. Im Auftrag des in Paris lebenden amerikanischen Patentmaklers Feldman entwickelt er den Dual.Motor, der es ermöglicht, ein Grammophon gleichzeitig mit einem Elektromotor und einem mechanischen Antrieb, dem Federwerk, zu betreiben. Dank der Arbeit von Hermann Papst bringt Feldman den Dual.Motor zur Serienreife. Zur Fabrikation gründet er die Firma Dual Motors Ltd.
Auch die Gebrüder Steidinger in St. Georgen, die am Ort eine Spezialfabrik für Sprechmaschi.nen.Laufwerke und Zubehör aufgebaut haben, gehören zu den Kunden des Patentmaklers. Bei ihnen lässt er dieses neue Antriebssystem ferti.gen. Das Unternehmen Steidinger erfährt in den 1920er.Jahren eine außergewöhnliche Expansi.on: täglich werden 1.500 mechanische Laufwer.ke produziert. Der Dual.Motor bietet vielfache weitere Chancen.

Der Fertigungsanlauf veranlasst den in Wien und Berlin als Konstrukteur und Erfinder tätigen Hermann Papst dazu, 1928 vorübergehend nach St. Georgen im Schwarzwald zu ziehen. Doch in der Bergstadt begegnet er Mathilde Steidinger. 1931 heiraten die beiden, Hermann Papst bleibt ein Leben lang in St. Georgen. Für die Bergstadt ein geradezu sensationeller Glücksfall – bis in die Gegenwart hinein. Aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor. Darunter der drittälteste Sohn Georg Papst, der Vater von Daniel und Con.stantin Papst, den Initiatoren des „Federwerk“.
Hermann Papst tätigt in St. Georgen hun.derte von Erfindungen, die unseren Alltag bis heute erleichtern. Und er gründet die Papst.Mo.toren KG, die dank der Papst.Außenläufermoto.ren in der Antriebs. und Lüftungstechnik welt.weit eine Spitzenstellung einnimmt und bis zu
1.500 Mitarbeiter beschäftigt. Mit intelligenten Produkten und einem hohen Automatisierungs.grad kann Papst in den 1980er.Jahren sogar den aufkommenden Konkurrenten aus Fernost Paroli bieten. Dazu aber muss das Unterneh.men permanent investieren und einen harten Preiskampf führen – die Hausbanken jedoch scheuen das damit verbundene Risiko. 1992 wird die Papst.Motoren KG unter Führung der Deut.schen Bank in Fehlbeurteilung der wirtschaftli.chen Gesamtsituation zerschlagen und von der heutigen ebmpapst übernommen.
Georg Papst – Mit Papst Licensing die Grund.lagen f das Hotel „Federwerk“ geschaffen
Hermann Papst – sein Sohn Georg Papst: Bei der Eröffnung des „Federwerks“ ist im Geist mit Georg Papst (1935 . 2012) ein Mann gegenwär.tig, der sich in St. Georgen höchstes Ansehen erworben hat. Georg Papst war nicht nur Unter.nehmer, sondern in seiner Heimatstadt zugleich Mäzen, Förderer und Stifter. Ein tragischer Skiunfall riss ihn am 10. März 2012 im Alter von 76 Jahren aus dem Leben.

Der Diplom.Ingenieur (FH) schließt 1958 ein Studium der Elektrotechnik in Karlsruhe ab und tritt im Anschluss in das väterliche Unternehmen ein. Mitte der 1960er.Jahre übernimmt er als ge.schäftsführender Gesellschafter gemeinsam mit seinem Bruder Günter die Leitung der Papst. Motoren GmbH & Co. KG. Als technischer Ge.schäftsführer ist Georg Papst in der Folge maß.geblich am Ausbau und Wachstum der Papst. Motoren beteiligt. Unter seiner Leitung werden zahlreiche neue Elektromotoren, Lüfter und Lauf.werke entwickelt und erfolgreich vermarktet. Wie sein Vater, ist er ein Erfinder, der 125 Paten.te vorweisen kann. Und dennoch: Auf Druck der Banken sind er und seine Mitgesellschafter, wie schon im Abschnitt Hermann Papst dargestellt, gezwungen, das Unternehmen 1992 an die Elek.trobau Mulfingen (ebm) zu verkaufen.
Nach dem Verkauf der Papst Motoren.KG gründete Georg Papst 1992, mit 57 Jahren, noch.mal ein neues Unternehmen: Papst Licensing. Er erwirbt das Patentportfolio aus etwa 600 Pa.tenten und Anmeldungen der Papst Motoren für einen Betrag, der über dem Verkaufspreis des Unternehmens liegt.

Die Gründung der Papst Licensing erfolgte 1993 in Spaichingen, 2002 zieht das Unterneh.men nach St. Georgen. Es kommt dabei zur ersten Berührung mit der Uhrenfabrik Tobias Baeuerle: Die Familie erwirbt die unter Denk.malschutz stehende Unternehmervilla von Christian Bäuerle, das Haus Mühlegg. Er hat das Gebäude unmittelbar gegenüber seiner Uhren.fabrik an der Bahnhofstraße erbaut. Im großzü.gigen Garten der Villa realisiert Georg Papst das Firmengebäude der Papst Licensing & Co. KG.
Das Haus Mühlegg wurde mit großem Auf.wand stilgetreu saniert, das Erdgeschoss dient heute als Ausstellungsfläche für das Hermann Papst. Museum.
Grundlage für den unternehmerischen Er.folg der Papst Licensing bildete die Analyse von rund 5.000 Produkten weltweit renommierter Unternehmen, insbesondere aus dem Motoren., Lüfter ., Datenspeicher. und Elektronikbereich, um etwaige Patentverletzungen festzustellen. Es wurden in der Folge zahlreiche Lizenzverträge geschlossen sowie auch weltweit Prozesse ge.führt – und gewonnen. Heute verwaltet Papst Licensing nicht nur die eigenen Patente, son.dern hilft Erfindern und Patentinhabern welt.weit dabei, ihre Rechte geltend zu machen.
Papst Licensing verfügt über eine Vielzahl an Lizenzverträgen mit fast allen namhaften Unternehmen der IT. und Elektrotechnikbran.che. Lizenznehmer sind u.a. IBM, Sony, Toshiba, Fujitsu, JVC, Hewlett.Packard, Compaq, Samsung, Hitachi, BenQ, Canon, Alcatel oder Mitsubishi. Der damit verbundene wirtschaftliche Erfolg bildet neben einer verlässlichen Bank auf der Finanzierungsseite eine Grundlage für die Investi.tionen ins „Federwerk“, so die Söhne Constantin und Daniel Papst sowie Witwe Doris Papst bei der Hoteleröffnung. Die Familie: „Georg Papst hatte immer ein großes Herz für seine Heimatstadt St. Georgen“. Eine Leistung, die Bürgermeister Rieger nochmals betonte und der die Festgäste mit langem Beifall ihre Achtung erwiesen.
Die Familie Papst – in St. Georgen tief verwurzelt
Constantin Papst

Constantin Papst wurde 1972 in Villingen geboren und ist in seiner Heimatstadt St. Georgen aufge.wachsen. Er besuchte die Schule im benachbarten Villingen-Schwenningen. Nach seinem Abitur stu.dierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Konstanz und schloss das Studium im Jahr 2000 als Diplom-Volkswirt ab.
Es folgte eine berufliche Station bei einem Family Office in Düsseldorf sowie bei einer Steuer.beratungs-und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in München. Ende 2002 begann er seine Tätigkeit bei der von seinem Vater Georg Papst gegründe.ten Papst Licensing GmbH & Co. KG mit Sitz in St. Georgen. Seit 2009 ist er bei dem Patentver.wertungsunternehmen mit in der Geschäftsfüh.rung und führt seit dem Ableben des Vaters im Jahr 2012 zusammen mit seinem Bruder Daniel die Geschäfte in gemeinsamer Verantwortung.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Unter.nehmer engagiert sich Constantin Papst u.a. als geschäftsführender Vorstand der gemeinnützigen Stiftung „Helfen aus Dank“ und als Kirchenge.meinderat der evangelischen Kirchengemeinde St. Georgen-Tennenbronn. Darüber hinaus sitzt er für die CDU im Stadtrat und ist Aufsichtsrat bei der Volksbank Schwarzwald-Baar-Hegau. In seinem bürgerlichen Engagement sieht er eine persönliche Bereicherung und eine Möglichkeit, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben.
In dem Hotelprojekt „Federwerk“ erkennt Constantin Papst eine unternehmerische Her.ausforderung, aber auch eine Chance für sich, die Investorenfamilie und die gesamte Stadt St. Ge.orgen. Seine Leidenschaft für die Hotellerie und Gastronomie ist für ihn mit ein Ausschlag dafür gewesen, das Hotelprojekt zu realisieren.
Constantin Papst ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter. Der St. Georgener hat Freude an gutem Essen und kocht schon seit Kindesbei.nen an sehr gerne.

Daniel Papst Daniel Papst (Jahrgang 1975) hat nach seiner Schulzeit in St. Georgen dort 1994 auch sein Abitur gemacht und war vielfältig musikalisch an der Ju.gendmusikschule sowie im Sport engagiert. Nach dem Wehrdienst ging er ins Studium und hat im Jahr 2000 als Dipl.-Ing. in Elektrotechnik und Informationstechnik an der Universität Karlsruhe mit den Schwerpunkten Elektrische Antriebe und Leistungselektronik abgeschlossen. Als Praktikant bei der IP Boutique Welsh & Katz Ltd. sammelte er in Chicago in den USA Anfang 2000 Patentrechtserfahrung. Dort lernte er seine spätere Frau kennen. Daniel Papst hat bei der IP-Kanzlei Reinhard Weise Skuhra & Partner in München die Ausbildung zum Patentanwalt durchlaufen. Er ist seit 2005 deutscher Patentan-
walt und im selben Jahr operativ bei Papst Licens.ing eingestiegen. Im Jahr 2009 kam er wie sein Bruder Constantin in Geschäftsführungsverant.wortung bei der Papst Licensing GmbH & Co. KG und zog mit seiner Ehefrau Angelique nach Schön.wald. 2014 wurde Tochter Valentina geboren.
Daniel Papst ist zudem neben seinem Bruder Constantin geschäftsführender Gesellschafter u.a. der Papst Invest GmbH & Co. KG (Direktbeteiligun.gen an Unternehmen und Unternehmensgrün.dungen), der Papst Engineering GmbH, der Papst Anlageverwaltung GbR und der Hotel Federwerk GmbH.
Sein ehrenamtliches Engagement bringt er in und um St. Georgen in folgenden Organisationen ein: Stiftungsbeiratsvorsitzender der Stiftung „Helfen aus Dank“ seit 2005, Kirchengemeinderat der evangelischen Gemeinde in/für Schönwald/ Schonach/Triberg seit 2014, 1. Vorsitzender der Jugendmusikschule St. Georgen – Furtwangen

e.V. (2014), Vorstand des Freundeskreises des Tho.mas-Strittmatter Gymnasiums St. Georgen e.V. seit 2009. Hinzukommt die Mitgliedschaft in vie.len weiteren beruflichen Organisationen, bis hin zum Wirtschaftsrat der CDU.
In Bezug auf das Hotel „Federwerk“ sowie des Restaurants „Feinwerk“ steht er dafür ein, dass Gastlichkeit groß geschrieben wird, und wünscht sich, dass dies in der Raumschaft Anklang findet. Er ist dabei zuversichtlich, dass diesbezüglich auch mit dem motivierten Team des Federwerkes eine gute Basis gelegt ist.
Doris Papst

Doris Papst wurde 1940 in Pilau/Königsberg (Ost.preußen) geboren. Ihre Kindheit und Jugend war durch Krieg und Nachkriegszeit stark geprägt von Flucht, Entbehrungen und dem Wiederaufbau Deutschlands. Sie wuchs mit ihren beiden älte.ren Schwestern und ihrer Mutter Frida Groppler ohne Vater, der in Russland 1944 gefallen war, in Pinneberg-Waldenau auf. Trotz dieser schwierigen Umstände konnte sie nach der „Mittleren Reife“ den Beruf der Bauzeichnerin erlernen und später noch auf dem zweiten Bildungsweg in Hamburg Sozialpädagogik studieren.

Die Liebe zu ihrem späteren Ehemann Georg Papst führte sie in den Schwarzwald. Dort war sie kurze Zeit in Donaueschingen als Sozialarbeiterin tätig bis zur Hochzeit 1966.
Das Ehe- und Familienleben wurde stark ge.prägt durch das große Engagement des Eheman.nes Georg und die unternehmerischen Aktivitäten um das ständig wachsende Familienunternehmen „Papst Motoren“ sowie seine zahlreichen poli.tischen und sozialen Tätigkeiten. So galt es u. a. dem Ehemann den Rücken zu stärken, die Erzie.hung der drei Söhne sowie einer Pflegetochter aus Kambodscha und das Familienleben zu managen.
Nach dem tragischen Tod und schmerzhaften Verlust ihres Mannes rückte Doris Papst 2012 in den Vorstand in der von der Familie gegründeten Stiftung „Helfen aus Dank“ nach und engagiert sich auch in der „Bürgerstiftung“ der Stadt St. Georgen, wie bereits ihr Mann vor ihr.
Das Hotel „Federwerk“ mit dem Restaurant „Feinwerk“ mit seinen vielen Möglichkeiten ist Doris Papst eine Herzensangelegenheit. Sie ist überzeugt, dass ihr Mann das Projekt auch mit „brennendem Herzen“ verwirklicht hätte, lagen ihm doch seine Heimatstadt St. Georgen und das Bauen und Gestalten sehr am Herzen. Doris Papst: „Liebe, Wehmut und Dankbarkeit – meinem Mann und meinen Söhnen.“

Wohlfl-Oase mit Vier-Sterne-Standard

An einem Septemberabend wie diesem erscheint einem das Hotel „Federwerk“ wie ein Leuchtturm – als Insel des Lichts im Zentrum der Bergstadt St. Georgen, auf der sich „Einfach gut schlafen“ und „Einfach gut essen lässt“. Die Familie Papst hat eine Industriebrache in ein Hotel mit Vier-Sterne-Standard verwandelt. Das erste Haus am Platz verfügt auf fünf Stockwerken über 51 vorzüglich eingerichtete Doppelzimmer, mehrere Lofts, Seminar- und Veranstaltungsräume, Fitness-Raum, Sauna sowie das Restaurant „Feinwerk“. Und über eine Dachterrasse mit dem rundum verglasten Raum St. Georgen 360º. Von hier aus bieten sich phantastische Ausblicke auf die Stadt und den Schwarzwald. Eine Location wie keine zweite, perfekt geeignet für Events und Feiern.
Generalplaner Wulf Wössner hat das Wer.den des „Federwerks“ von der ersten Stunde an mitgestaltet – und die Freude über das Ergebnis steht ihm ins Gesicht geschrieben: Als er zusammen mit St. Georgens Bürgermeis.ter Michael Rieger im Herbst 2015 die Fabrik von Tobias Baeuerle & Söhne zum ersten Mal in Augenschein nimmt, präsentiert sich die Bergstadt kalt, windig, regnerisch. Das Baeu.erle.Ensemble mit seinen sechs verschiedenen Gebäudeteilen wirkt so fad wie das Wetter. Gut 24 Monate später ist die Groß.Wetterlage eine andere: Es strahlen die Stadt, der Planer und die Investoren des „Federwerks“, das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen ist optimal. „In diesem Projekt steckt viel Herzblut, von Bür.germeister Rieger, der Familie Papst und mir“, bilanziert Wulf Wössner. „Die Familie Papst hat einfach Unglaubliches umgesetzt. Ein Ho.tel in der Fabrik – davon gibt es nur wenige in Deutschland“, fährt er begeistert fort.
Industriebrachen wie die von Baeuerle haben es Wulf Wössner angetan. „Sie müssen sich vorstellen, 100 Jahre und mehr haben hier Menschen gearbeitet. An diesem Ort wurde St. Georgener Industriegeschichte geschrieben. Die Baeuerle.Fabrik hat in der Bergstadt starke Wurzeln, die darf man doch nicht einfach aus.radieren. Dabei wäre das die einfachste Lösung gewesen: Einen Neubau kann man auf dem Reissbrett konzipieren, bei einem Altbau muss man erst mal schauen, was geht.
Nur drei Monate bis zum Bebauungsplan
Im Fall des Federwerks ging viel: In nur drei Monaten stand der Bebauungsplan, in weiteren sechs Monaten war mit der Familie Papst ein Investor gefunden, nur drei Monate später lag die Baugenehmigung vor und so erfolgte im No.vember 2016 der Baubeginn. All das machte der „Märchenteil“ dieser Projekt.Geschichte mög.lich, die Projektpräsentation von Wulf Wössner bei der Familie Papst: „Bereits der erste Ge.sprächstermin endete mit der Absichtsbekun.dung der Familie, sie könne sich dieses Hotel gut für sich und die Stadt St. Georgen vorstellen“, erinnert sich der Generalplaner und Dipl..Ing. an

„Federwerks“ bemerkt sein Gast auf den ersten Blick – spätestens wenn er eines der 51 geräumigen Zimmer betritt.

den Projektstart. Besonders deutlich macht die Familie vom ersten Augenblick an, dass sich das Vorhaben vor allem auch wirtschaftlich profitabel gestalten müsse. Einen Beitrag zur Stadtkernsanierung mit Leuchtturmcharakter zu leisten, sei zwar eine starke Motivation, doch wolle der Investor keinenfalls einen Zuschussbe.trieb aufmachen.
Sechs verschiedene, zu unterschiedlichen Zeiten entstandene Gebäudeteile wurden wäh.rend der rund 21.monatigen Bauphase zu einer neuen Einheit verschmolzen. Wo es möglich war, bewahrten die Bauherren die historische Substanz – bis hin zu den steinernen Treppen der einstigen Fabrik, Teilen der Fabrikwände oder diversen Uhren. Bis hin zu Schaltanlagen aus der Gründerzeit der Elektrizität, die heute das Restaurant „Feinwerk“ schmücken.
Im Zusammenspiel mit gewachsenen Ge.bäudeelementen der einstigen Uhrenfabrik etwas Neues zu schaffen, erwies sich für Wulf Wössner und die Familie Papst als eine ganz besondere Herausforderung. Denn es musste dabei auch energetischen Gesichtspunkten, dem Erdbeben. sowie Schall. und Brandschutz Rechnung getragen werden.
Und die Familie Papst bemühte sich wo im.mer möglich die Aufträge an Unternehmen aus der Region zu vergeben. Constantin Papst: „Das ist uns in der Gesamtschau ganz gut gelungen.“
51 geräumige Zimmer auf vier Etagen
Den Vier.Sterne.Standard des „Federwerks“ bemerkt sein Gast auf den ersten Blick – spä.testens wenn er eines der 51 geräumigen Zimmer betritt. Das „Federwerk“ bietet drei Kategorien, die Zimmer sind zwischen 25 bis

zu 45 Quadratmeter groß. Constantin Papst: „Für ein Business.Hotel sind das beachtliche Maße.“ Und: Jedes der Zimmer besitzt seinen individuellen Charme und hat schöne Extras zu bieten. Beispielsweise einen Balkon mit Blick auf den Stockwald oder die Seebauernhöhe. Die drei Kategorien der Zimmer orientieren sich am Herstellungsprozess in einem Unternehmen: Bei der „Entwicklung“ handelt es sich um die kleinsten und bei der „Produktion“ um mittel.große Zimmer – bei den „Vertriebs“.Zimmern indes um die größten und am komfortabelsten ausgestatteten Räume.
Großen Wert legte die Familie Papst bei der Ausgestaltung des „Federwerks“ auf die regionalen Bezüge, die starke Anknüpfung an die St. Georgener Industriegeschichte. Ob das einstige Unternehmen Tobias Baeuerle & Söh.

Die Wand über dem Hotelbett ist in den Zimmern grafisch ausgestaltet, die Moti.ve erzählen St. Georgener Industriegeschichte.
ne, die Papst Motoren KG oder Dual: ansprechend ge.staltete Bildtafeln erzählen Geschichten, zeigen dort, wo früher Uhren und feinwerk.technische Geräte produziert

wurden, die strukturellen Gegebenheiten auf. Entsprechende grafische Darstellungen finden sich auch in den Zimmern, dort vor allem an der Wand über dem Kopfende der Betten. Und nicht nur Industriegeschichte wird präsentiert, auch aktuelle Unternehmen wie J. G. Weisser, Mathias Bäuerle, A. Maier, Schmidt.Technology, Sterman oder Papst Licen.sing sind vertreten.
Alle Zimmer im „Federwerk“ sind hoch.wertig eingerichtet. Überdurchschnittlich ist die Qualität der bis zu zwei Meter breiten und 2,10 Meter langen Betten und der exquisiten Bä.der. Zur hochwertigen Einrichtung gehören Echt.holz.Eichenböden, großes Flat.TV, Schreibtisch, kostenloses Wlan/Lan oder ein Digital.Safe.
Die zwischen 37 und 42 Quadratmeter gro.ßen Zimmer im Boarding House.Bereich zählen zur Kategorie „Vertrieb international“. Sie sind
für eine Mietdauer zwischen vier Wochen und 172 Tagen konzipiert und verfügen zu.dem über Kochzeile sowie Esstisch. Nahezu alle Zimmer im „Federwerk“ sind barriere.frei – wie auch das gesamte Haus (Restaurant, Veranstal.tungsräume etc.).
Alle Zimmer verfügen über ein exquisites Bad.
Der freundliche Empfang der
Gäste im Foyer des „Federwerks“ ist selbstverständlich.
Das Hotel „Federwerk“ und Restaurant „Feinwerk“ be.treibt die Familie Bruning
Als Dach des Hotelbetriebs hat die Familie Papst die Hotel Federwerk GmbH ge.gründet, als deren Geschäfts.
führer Constantin und Daniel Papst fungieren. Der Betrieb des „Federwerks“ samt Restaurant „Feinwerk“ liegt in den Händen der Familie Bruning, von Burkhard Bruning mit Ehefrau Susanne Bruning und Sohn Benedikt. Die Hoteliersfamilie konnte ihre Erfahrung in Gastronomie und Hotellerie schon während der Planungsphase einbringen und steht an der Spitze eines 25.köpfigen Teams.
Susanne Bruning hat als gelernte Hotelkauf.frau in namhaften, internationalen Hotels ge.arbeitet. Zwischen 1987 und 2003 leitete sie ein Ferien. und Tagungshotel in Königsfeld. Zuletzt war sie gemeinsam mit ihrem Mann Burkhard als selbstständige Hotelberaterin und Hotelein.richterin tätig. Im „Federwerk“ ist Susanne Bruning für die Hotelleitung und den Verkauf zuständig.
Burkhard Bruning sammelte als Küchen.meister vielfältige Erfahrun.gen, war selbstständig mit einem Restaurant, das zu den 100 besten in Deutschland zählte. Zuletzt war er 20 Jahre selbstständiger Hotelberater. In St. Georgen weiß er ein
Das Team des „Feinwerk“. Hin.ten links Küchenchef Burkhard Bruning, in der Mitte hinten sein Sohn Benedikt Bruning, Leiter des Restaurantbereichs.

dreiköpfiges Team an seiner Seite und bietet eine regional ausgerichtete, an den Jahreszeiten orientierte Küche. Inklusive Sonntags.Brunch beispielsweise.

Der Restaurantbereich ist dort unterge.bracht, wo früher die Uhrwerke montiert wurden. Er geht – durch eine halbe Wand ge.trennt – in den Bar., Bistro. und Lounge.Bereich über. Auch eine große Sonnenterrasse steht den Gästen zur Verfügung. Die Verantwortung für den Restaurantbereich liegt in den Händen von Benedikt Bruning. Der Hotelkaufmann und Kü.

Blick ins Restaurant „Feinwerk“. Die Wand schmücken diverse Schaltanlagen der einstigen Zahnradfertigung.
chenfachmann besitzt vielfältige Erfahrung, so war er Abteilungsleiter Event.Catering, Schwer.punkt Konzeptionen für die Mode. und Auto.mobilbranche im Highend.Bereich in München.
„Wir wollen zu den besten Hotels gehen“
Dass man im „Federwerk“ überaus komfor.tabel untergebracht ist, bestätigten bei der Eröffnungsfeier am 22. September die ersten Hotelgäste. Der Fitness. und Saunabereich wur.de auf den Namen der finnischen Partnerstadt Vesilahti getauft. Zur Taufe reiste Mervi Lumia an, die Vorsitzende des Gemeinderats. Char.
Zum „Federwerk“ gehören auch das Fitness-Studio und der Saunabereich.

mant schloss sie ihre Dankesrede mit den Wor.ten: „Wir haben einfach gut geschlafen“ und knüpfte damit an den Slogan des „Federwerks“ an. Auch die Partnerstädte von St. Georgen sind bedacht: Der Tagungs. und Seminarbereich trägt die Namen von St. Raphael (Frankreich), Scandale (Italien) und Museros (Spanien). Die drei Räume sind insgesamt 240 Quadratmeter groß und mit modernster Präsentationstechnik ausgestattet sowie zudem für Familienfeiern geeignet.
„Einfach gut schlafen“ und „Einfach gut es.sen“ finden im „Federwerk“ und „Feinwerk“ in perfekter Harmonie zueinander. Was die weite.re Entwicklung des Hotels anbelangt, sind seine Geschäftsführer Daniel und Constantin Papst überaus zuversichtlich. Sie unterstreichen: „Wir würden uns freuen, wenn es uns gelingt, schon bald zu den besten Hotels der Region zu gehören.“

Das „Feinwerk“ verfügt ebenso über einen gemütlichen Bar- wie auch Lounge-Bereich (unten).

Hechinger: 100 Mio. Spulen, 300 Mio. Kunststoffteile und eine halbe Milliarde an Elektronikbauteilen
von Sabine Przewolka

Ein genialer Unternehmergeist mit schwäbischem Spar- und akkuratem Geschäftssinn steckt hinter der Erfolgsgeschichte der Firma Helmut Hechinger GmbH & Co. KG in Schwenningen. Sie produziert überwiegend elektromechanische Produkte für die Automobilzulieferbranche und stieg von kleinsten Anfängen zu einer Betriebsgröße von heute über 1.200 Mitarbeitern weltweit auf. 100 Millionen gefertigte Spulen, 300 Millionen Kunststoffteile und eine halbe Milliarde Elektronikbauteile sind bis jetzt die stolze Bilanz.
3. Kapitel – Wirtschaft

Hechinger GmbH & Co. KG
Die Hechinger-Gruppe ist ein mittelständisches Unternehmen mit mittlerweile fünf Standorten, davon befindet sich ein Werk in Ungarn und seit zwei Jahren auch eines in China.
Die Kunden sind überwiegend in der Automo.bilbranche angesiedelt, ebenso aber auch in den Bereichen Maschinenbau, Gebäudetechnik und Medizintechnik.
Die Produktpalette umfasst die Entwicklung und Produktion von kundenspezifischen Magnet.systemen sowie mechatronischen und elektro.nischen Baugruppen. Zu den Kernkompetenzen der Hechinger-Unternehmensgruppe gehören die Entwicklung, Produktion und Vertrieb von:

Magnetspulen/Magnetsystemfertigung


Magnetische Aktoren


Elektronikbaugruppen


Automatisierte Baugruppenmontage


Leiterplattenbestückung


Kunststoffspritztechnik

Die Unternehmens-Gruppe ist neben den aktuel.len Automobilnormen (IATF 16949) seit dem Jahre 2006 auch nach der Umweltnorm ISO 14001 zerti.fiziert. Sie ist seit 1996 Vorzugs- und Systemliefe.rant bei der Unternehmensgruppe Bosch. Und seit 2001 Vorzugslieferantenstatus für Elek.tronikbaugruppen der Unternehmensgruppe MCI.
H
elmut Hechinger baute dieses Familien.unternehmen 1953 in Schwenningen zusammen mit seiner Frau Anni aus kleinsten Anfängen zu einer Betriebsgröße von heute über 1.200 Mitarbeitern weltweit auf. Sei.ne Frau Anni starb im Jahr 2017. Der steile Auf.stieg der Firma Hechinger sogar über alle wirtschaftliche Krisenzeiten hinweg gehört sicherlich zu den spannendsten Geschichten in der doppelstädtischen Geschäftswelt. „Bei Hechinger hat noch niemand auf sein Geld warten müs.sen“ bringt es einer der Betriebsrentner auf den Punkt. Heinz Fischerkeller beglei.tete das Unternehmen über Jahrzehnte als Ferti.gungsleiter für den Bereich Motoren bis zu seinem Ruhestand. Er wie auch andere Mitarbeiter reden noch heute mit größtem Respekt vom Firmengründer und seiner Familie und erinnern sich noch gut an die Anfänge.
Philosophie der kurzen Wege
Die ganz eigene Philosophie der Firma Hechinger verwirklicht auch Markus Duffner, der 28-jährig nach seinem Studium als rechte Hand von Helmut Hechinger wirkt und 2004 offiziell die Geschäftsführung der Firma über.nimmt. Solch kurze Wege, zumal bei der Karri.ere, sind typisch für Hechinger: Es gibt sie auch innerhalb der Abteilungen und zum Kunden selbst. Und wie so oft gibt es für diese Entwick.lung eine Vorgeschichte: Helmut Hechinger persönlich war es, der sich in den 1950er-Jahren tagtäglich auf sein Motorrad setzte und den Heimarbeiterinnen in Schwenningen ihre Ar.beit brachte und bei ihnen ebenso abholte. Die Heimarbeiterinnen gaben letztendlich auch den Ausschlag, dass dieses damals junge und auf-strebende Unternehmen in Schwenningen blieb und im Industriegebiet expandierte und nicht in eine Nachbargemeinde umzog, die mit attrak.tiven Preisen lockte. Helmut Hechinger wollte seinen Mitarbeitern die langen Wege zur Arbeit und zurück einfach nicht zumuten.

Auch Geschäftsführer Duffner weiß: „Trotz der immer weiter steigenden Technisierung werden auch in Zukunft die Mitarbeiter unseres Unternehmens das
wichtigste Potenzial für den Unterneh.menserfolg darstel.len.“ Die Ziele für die Zukunft setzt er wie auch in der
Vergangenheit hoch. Die Firma Hechinger
bleibe ein perfekter Lie.ferant für technologische Spitzen-Leistung, zeigt er sich überzeugt.
Wie lässt sich der Erfolg der Firma Hechinger über die vergangenen

65 Jahre erklären? Schon Helmut Hechinger übersteht unbeschadet Wirtschaftskrisen wie die der Uhrenindustrie in Schwenningen. Viel.leicht weil die Firmenchefs immer einen siche.ren Instinkt besitzen für den richtigen Weg in die Zukunft. Und trotz aller Trends nie gegen die eigene innere Überzeugung entscheiden, auch wenn sie dann vielleicht als „stur“ gelten.
Eine der Kernfragen ist: Wohin entwickelt sich die Technologie? Stimmt die Prognose, dass

den Technisierung werden auch in Zukunft die Mitarbeiter unse.res Unternehmens das wichtigste Potenzial für den Unternehmens.erfolg darstellen.
Die Fertigung von Magnetspulen gehört seit über 65 Jahren zu den Kernkompetenzen des Unternehmens Hechinger.
sich der Elektrifizierungsanteil in der Automotive-Sparte bis zum Jahr 2015 um bis zu 25 Prozent stei.gert oder bleiben die Verbrennungs.motoren weiterhin stark im Rennen? Für die Firma Hechinger gibt es in den
nächsten Jahren dafür klare Strategien. Die Mitarbeiter kümmern sich weiter aktiv um Neuprojekte für die Verbrennungstechnologie. Geschäftsführer Duffner lässt durchblicken, dass hier eine Eigenentwicklung für Abgasnach.behandlung auf den Markt kommt. Produkte für Hybrid-Fahrzeuge und vollelektrische Autos, zum Beispiel Magnetsysteme zur Kühlung der Batterien, können gleichfalls ein Zukunftsmarkt für Hechinger werden.

Aber die Firma lässt auch den Mega-Trend Smart-Home mit seinen vielfältigen Möglichkei.ten nicht außer Acht.

Die beiden Geschäftsführer Markus Duffner und Matthias Möhrle.

Es begann mit Spulen wickeln – günstiger bei höchster Qualität
Helmut Hechinger gelang es, durch Kalkül und Knowhow günstiger als die Konkurrenz zu bleiben und das bei höchster Qualität. Geboren 1927, machte er das Notabitur, danach eine Lehre als Feinmechaniker. Er und seine Frau arbeiteten bei einem Schwenninger Elektronik-
Hersteller. Nach

heraus und kündigt Helmut Hechinger fristlos. Ein
Imagebroschüre aus den 1960er.Jahren.

Glücksfall – denn das bedeutete 1953 für ihn der Sprung in die Selbstständigkeit und heute eine sichere und solvente Arbeitsstelle für über 1.200 Mitarbeiter weltweit!
Schnell reicht die Wohnung als Produk.tionsstätte für die Spulen und auch die zahlreichen Heimarbeiter nicht mehr aus. Helmut Hechinger findet eine ehemalige Malerwerkstatt in der Holzstraße und fünf bis neun Mitarbeiter. Aber auch der neue Produktionsort platzt schnell aus allen Nähten. 1960 kauft Hechinger eine kleine Firma in der Kreuzstraße und wohnt dort auch mit seiner Familie. In dieser Zeit arbeitet er eng mit der Firma Grässlin in St. Georgen zusammen. Dessen Firmenchef spricht ihn wegen eines Auftrages an und sagt dazu, dass er nicht sofort bezahlen kann. Helmut Hechinger nimmt den Auftrag dennoch an, weil ihm diese Ehrlichkeit imponiert. Der Markt der Zeitschaltuhren-Branche boomt schließlich – und Hechinger schwimmt als Hauptlieferant von Grässlin, der natürlich jetzt problemlos zahlen kann, ganz oben auf dieser Welle mit.
Expansion in den 1980er-Jahren
Wieder stößt die Firma in den 1980er-Jahren räumlich an ihre Grenzen, durch das Zweitwerk in der Hahnstraße entstehen zudem hohe Fahrt.kosten. Da bietet der Bürgermeister von Tros.singen ein geeignetes Gelände zu sehr guten Konditionen an. Doch Helmut Hechinger spricht nochmals mit der Stadt Villingen-Schwenningen und die lenkt quasi fünf Minuten vor zwölf ein und gibt grünes Licht für den Neubau in der Jun.kerstraße 4 beim Flughafen. Es geht Hechinger um die 130 Schwenninger Heimarbeiterinnen, auch will er den Mitarbeitern die Fahrt nach Trossingen nicht zumuten.
1981 erfolgt der Bezug des neu erbauten, modernen Firmengebäudes am jetzigen Stand.ort. 1987 folgt die Erweiterung der Produktions- und Lagerfläche durch einen Anbau in der Jun.kersstraße. 2009 kommt es zum Neubau eines Verwaltungsgebäudes als Energieplusgebäude und einer Lagerhalle. Somit erweitert sich die Produktionsfläche um 2000 Quadratmeter auf

Neubau in der Junkerstraße in den 1980er.Jahren und in den Jahren 2009/2010 (unten).

Rechts: Das Firmengründer. Ehepaar Anni und Helmut Hechinger mit Heinz Fischerkeller, der Jahrzehnte lang Fertigungs.leiter der Firma Hechinger war.
Unten: Die „Sorgenbrecher“ sangen zum 25.jährigen Betriebsjubiläum 1978. Helmut Hechinger gründete diesen Sängerkreis, da er den Gesang als wunderbaren Ausgleich zum Stress im Geschäft empfand.

Das neue Firmengebäude in Dauchingen.
insgesamt 7.500 Quadratmeter. Das Energieplus.gebäude gehört dank ausgeklügeltem Konzept zum Kreis der umweltfreundlichsten Firmenge.bäude der Region. 2011 folgt ein weiterer Anbau, in den die Tochtergesellschaft Hechinger Auto.motive auf 5.500 Quadratmetern einzieht. Vorher produzierte sie im Technologiepark in Villingen.
Hinter dieser enormen räumlichen Expan.sion steckt eine ganze Reihe innovativer Fer.tigungsmeilensteine, einige Beispiele aus den 1970er- und 1980er-Jahren: Entwicklung und Produktionsstart von Quarz-Großuhrwerken, dann von Kleinstschrittmotoren und modernen Funkuhrwerken. Schließlich erreicht Hechinger 2001 den Vorzugslieferantenstatus für Leiter.platten (Elektronikbaugruppen). Und auf die Lieferantenauszeichnung durch die Firma Bosch folgt 2004 der Einstieg in die Fertigung von Bau.gruppen und Systemen nach Kundenspezifikati.on, basierend auf der vorhandenen Kompetenz im Bereich Spulen, Elektronik und Elektrome.chanik. Schließlich startet 2011 der Einstieg in das bisher größte Baugruppen-Einzelprojekt der Firmengeschichte – und zugleich das erfolg.reichste.
Weitere Produktionsstätte in Dauchingen
Vor diesem Hintergrund reicht der Platz schon bald erneut nicht mehr, zumal wegen der Übernahme der Firma Johs. Förderer Söhne GmbH & Co. KG aus Niedereschach, ein früherer Mitbewerber. Im November 2017 wird die neue Produktionsstätte in Dauchingen eingeweiht.

Dahinter steckt die Zusammenarbeit zwischen zwei Kommunen, um der Firma Hechinger die Expansion zu ermöglichen und damit viele Ar.beitsplätze zu sichern. In Dauchingen kann sich die Firma auch in den nächsten Jahren je nach Bedarf weiter entwickeln ohne gleich wieder an Grenzen zu stoßen. Sie verfügt dort über ins.gesamt 110.000 Quadratmeter Grundstück. Die ehemalige Firma Förderer zieht dann mit allen Maschinen und Mitarbeitern in das neue Ge.bäude in Dauchingen um. In den nächsten zwei Jahren wird hier auch das bislang in Villingen angesiedelte Tochterunternehmen Hechinger Elektronik einziehen.
Auch bei dem Neubau in Dauchingen verwirklicht sich der Grundgedanke Helmut Hechingers, um jeden Preis zu sparen. Zu seinen Lebzeiten galt es quasi als „Todsünde“, wenn Rechnungen liegen blieben und somit kein Skonto für Sofortzahlung abgezogen werden konnte. Die jährlichen Energiekosten in dem neuen Firmengebäude liegen dank neuester und nachhaltiger Technologien zu 50 Prozent unter denen vergleichbarer Gebäude.
Oben: Hoch modern – voller fortschrittlichster Tech.nologie: Die neue Produktionshalle in Dauchingen. Mitte: Produkte aus dem Bereich Kunststoffspritzerei. Unten: Leiterplattenbestückung im Werk Villingen.

Highspeed im Grünen

SCHUNK Electronic Solutions setzt Maßstäbe in der Hochleistungsautomation
von Johannes Grotz
Wenn Zahnbsten, Kaffee- und Waschmaschinen intelligent werden, PKW-Scheinwerfer stylisch oder Handys zu Allesknern mutieren, hat SCHUNK Electronic Solutions im wahrsten Sinne des Wortes die Finger im Spiel. Die Nutzentrennmaschinen aus Peterzell werden rund um den Globus bei der Produktion von Leiter.platten f elektronische Geräte eingesetzt. Zudem liefert das dyna.misch wachsende Unternehmen hochpräzise Highspeed-Komponenten f Handhabungslungen in der Elektronik-, Konsumger- und Automobilindustrie.

D
ass ein Betrieb seine Belegschaft in.nerhalb von zehn Jahren von 45 auf 140 Mitarbeiter mehr als verdreifacht und auch aktuell weiter expandiert, ist für die sonnige Bergstadt St. Georgen ein großer Er.folg. Das Beispiel SCHUNK Electronic Solutions zeigt, wie lokale Präsenz, Hightech und globales Wirtschaften Hand in Hand gehen können – vorausgesetzt die Herausforderungen der Glo.balisierung werden als Chancen begriffen und konsequent angepackt. Seitdem der Betrieb im Jahr 2008 in die Unternehmensgruppe SCHUNK aus Lauffen am Neckar eingegliedert wurde, boomt das Unternehmen im Peterzeller Ge.werbegebiet Hagenmoos-Engele. Konsequent investiert der weltweite Kompetenzführer für Greifsysteme und Spanntechnik sowohl in For.schung und Entwicklung als auch in Mitarbeiter, Gebäude und Anlagen im Schwarzwald-Baar-Kreis.
Schnelle und präzise Bewegungsintelligenz
Die Geschichte der SCHUNK Electronic Solutions reicht zurück ins Jahr 1984. Damals hatte Pro.fessor Dr.-Ing. Wolf-Dieter Goedeke im Techno.logiezentrum von St. Georgen die Gesellschaft für Antriebs- und Steuerungstechnik mbH (GAS-Automation) gegründet. Das Unterneh-

Konsequent investiert der weltweite Kompetenzführer für Greifsysteme und Spanntechnik sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in Mitarbeiter, Gebäude und Anlagen im Schwarzwald.Baar.Kreis.

men war auf die Entwicklung von Pneumatik-antrieben und Ventiltechnik spezialisiert und hatte sich über die Jahre zu einem Spezialisten für schnelle und präzise Bewegungsintelli.genz entwickelt. Nach den Jahren des Aufbaus erfolgte 2002 der Umzug ins Industriegebiet Hagenmoos-Engele. GAS-Automation war so erfolgreich, dass es 2004 zu einer Vertriebs.kooperation mit dem Kompetenzführer für Greifsysteme und Spanntechnik SCHUNK aus Lauffen am Neckar kam. Der weltweit führende Ausstatter von Robotern und Produktionsma-
Die Zentrale von SCHUNK Electronic Solutions in St. Georgen.Peterzell liegt mitten im Grünen. Hier sind 140 Mitarbeiter beschäftigt.

schinen beschäftigt insgesamt knapp 3.400 Mit.arbeiter und Mitarbeiterinnen in neun Werken und 33 eigenen Ländergesellschaften. Zum Kun.denkreis zählen unter anderem das Who‘s who des Maschinen- und Anlagenbaus, der Robotik, Automatisierung und Montagehandhabung sowie alle namhaften Automobilmarken und deren Zulieferer.
Mit der Kooperation hatte SCHUNK sein standardisiertes Katalogprogramm bestehend aus Greifern, Drehmodulen und Schwenkeinhei.ten um leistungsstarke Linearachsen erweitert. Die Dynamik, Positionier- und Wiederholge.nauigkeit der Achsen von GAS-Automation war schon damals legendär. 2008 folgte schließlich die vollständige Eingliederung in die Unterneh.mensgruppe SCHUNK.
Genau dieses Netzwerk ist es, von dem SCHUNK Electronic Solutions heute profi.tiert. Systematisch hat SCHUNK den Stand.ort St. Georgen zum Kompetenzzentrum für Lineardirektantriebe und Ventiltechnik ausge.baut und damit neben den Nutzentrennern für die Leiterplattenproduktion ein zusätzliches Standbein geschaffen. Nachdem die Räume der früheren GAS-Automation an ihre Grenzen stießen, entschied sich SCHUNK Electronic Solutions im Jahr 2012 für einen Neubau unweit des bisherigen Standorts. Seither stehen mehr als 4.400 Quadratmeter Produktionsfläche und 6.200 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. 2018 wurde auch diese Fläche nochmals erweitert.

Rasante Maschinen für die Elektronikproduktion
Die rasanten, hochpräzisen Nutzentrennmaschi.nen aus St. Georgen ermöglichen in der Elektro.nikindustrie eine besonders wirtschaftliche Produktion von Leiterplatten. Um den Prozess zu beschleunigen, werden zunächst mehrere Leiterplatten im Verbund – den sogenannten Nutzen – gefertigt und erst später getrennt. Genau hier kommen die Nutzentrenner von SCHUNK Electronic Solutions zum Einsatz: Milli.metergenau, rasend schnell und ausgesprochen schonend vereinzeln sie die Leiterplatten. Dank eigens entwickelter und produzierter Hochge.schwindigkeitsachsen sind die Nutzentrenner so schnell und präzise, dass Elektronikproduzenten und Automobilzulieferer auf der ganzen Welt die Maschinen aus dem Schwarzwald einsetzen.
Die selbstlernenden SCHUNK ELP Achsen lassen sich zu hocheffizienten Montagesystemen kom.binieren.

Zudem gewährleisten die Lineardirektan.triebsachsen aus Peterzell eine hohe Produktivität und Wirtschaftlichkeit in Montageanwendun.gen, beispielsweise bei der Produktion von elek.tronischen Geräten oder Komponenten für die Medizintechnik. Hinzu kommen hocheffiziente Mikroventile für taktzeitoptimierte und ener.gieeffiziente Automatisierungsanwendungen sowie kompakte Servoventile für anspruchsvolle Lösungen in unterschiedlichsten Branchen. Letz.tere werden im Maschinen- und Anlagenbau eingesetzt, um beispielsweise Laserstrahlen präzise auszulenken, Schwingungsisolatoren zu betreiben, in Webmaschinen Fäden blitzschnell einzuschießen oder bei künstlichen Herzen den Blutdruck zu regulieren.
Schnelligkeit, Präzision und Bewegungsintelligenz
Dass der Trend zu immer kleineren und indi.viduelleren Elektronikprodukten geht, kommt SCHUNK Electronic Solutions seit Jahren ent.gegen: Die Armbanduhr wird mehr und mehr durch die Smartwatch ersetzt, herkömmliche Scheinwerfer von PKWs durch eine charakte.ristische LED-Beleuchtung, das Thermometer durch die digitale Wetterstation. Im Zuge dieser Entwicklung werden Leiterplatten immer klei.ner, berührungsempfindlicher und sie erhal.ten sehr individuelle Formen. Das erfordert Nutzentrenner, die sich schnell auf neue Produkte einstellen lassen und besonders schonend arbeiten.
Genau hier liegen die Stärken des Unterneh.mens: „SCHUNK Elec.tronic Solutions steht für Schnelligkeit, Prä.zision und Bewegungs.intelligenz“, erläutert Geschäftsführer Jochen Ehmer. „Unser Know-how im Bereich elektronischer Lösungen hat sich im Laufe

mehr durch die Smartwatch ersetzt – das Thermometer durch die digitale Wetterstation. So werden Leiterplatten immer kleiner, berührungsempfindlicher und sie erhalten sehr individuelle Formen.

Greifsystemprogramm von SCHUNK entwickelt. Es ermöglicht Anwendern flexible, eng mitein.ander verzahnte und wirtschaftliche Handha.bungsprozesse.“
Pick & Place-Einheit: Minimaler Wartungsaufwand und Energieverbrauch
Vielleicht ist es gerade die beschauliche Lage im Schwarzwald, die die Kreativität der Ingenieure in St. Georgen zu Höchstleistungen treibt. So sorgte 2009 die Pick & Place-Einheit SCHUNK PPU-E, die in St. Georgen entwickelt und gebaut wird, für Aufsehen in der Welt der Montage und Handhabung. Kaum mehr als eine halbe Sekun.de braucht die kompakte Highspeed-Einheit,
um beispielsweise ein Elektronikbauteil, eine Hülse oder die Scheibe eines Displays zu greifen und hochpräzise zu
platzieren – und das bei mini.malem Wartungsaufwand und Energieverbrauch.
Dabei erreicht sie eine Wiederholgenauigkeit von 0,01 Millimetern. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar misst
im Durchschnitt das Fünf- bis Achtfache.
Ebenfalls im Jahr 2009 ging die SCHUNK CLD Linearachse aus Kohlen-

der Jahre zu einer wichtigen Jochen Ehmer, Geschäftsführer faserverbundwerkstoff an Säule im mechatronischen SCHUNK Electronic Solutions, St. Georgen. den Start – die leichteste

Oben: Die Nutzentrenner aus St. Georgen werden Unten: Hier wird eine Leiterplatte schnell
weltweit erfolgreich in der Elektronikindustrie und schonend aus dem sogenannten
eingesetzt. Nutzen getrennt.

direkt angetriebene Linearachse am Markt. Im Vergleich zu den üblichen Aluminiumachsen reduzierte sich das Gewicht des Profils bei diesem Leichtgewicht um sage und schreibe 58 Prozent. So ist es seither möglich, bewegte Linearachsen schneller und energieeffizienter zu beschleunigen als je zuvor. 2016 folgte ein weiterer Paukenschlag: eine Linearachse, die mit Auto-Learn-Technologie ausgestattet ist und ihre Bewegung autonom an das Gewicht des transportierten Teils anpasst. Wo bislang aufwändig geschraubt und feinjustiert wurde, übernimmt heute die integrierte Intelligenz der SCHUNK-Achse automatisch die gesamte Anpassung.
Ready for Industry 4.0
Während die Automobilindustrie noch inten.siv über die Chancen und Herausforderungen elektrischer Antriebe diskutiert, hatte SCHUNK Electronic Solutions die Vorteile der Mecha.tronik bereits früh erkannt und konsequent umgesetzt. Nicht zuletzt deshalb gilt das Mutter.unternehmen heute als Vorreiter bei der Mecha.tronisierung von Handhabungssystemen und bietet das weltweit größte Modulprogramm in diesem Bereich. „Mechatronische Antriebe ermöglichen in der Handhabung eine deutlich höhere Flexibilität, kürzere Taktzeiten, sie mini.mieren den Verschleiß und senken die Betriebs.kosten. Zudem bieten sie exzellente Vorausset.zungen für intelligente Produktionsszenarien“, erläutert Jochen Ehmer.

Unter dem Motto „Ready for Industry 4.0“ verfügt SCHUNK mittlerweile über ein um.fangreiches Programm mechatronischer Komponenten, Baugruppen und Lösungen, mit denen sich schon heute flexible und in.telligente Fertigungsprozesse realisieren las.sen. Dabei profitiert der Weltmarktführer für Greifsysteme und Spanntechnik insbesondere von dem spezifischen Know-how aus St. Geor.gen. Bis zu 150 Prozessparameter erfasst eine Highspeed-Zelle von SCHUNK Electronic Solu.tions permanent in der laufenden Produktion und gewährleisten damit eine permanente 100%-Kontrolle, eine detaillierte Rückverfolg.barkeit auf Ebene der einzelnen Leiterplatte so.wie eine vollautomatische, kundenindividuelle Prozessoptimierung bei Schlechtteilen.
Die smarte Produktion, die aktuell vielfach diskutiert wird, lässt sich mit den Nutzentren.nern aus St. Georgen also längst realisieren. Kein Wunder, dass SCHUNK Electronic Solu.tions dynamisch wächst und Fachkräften eine erstklassige Perspektive bietet. Dazu zählt ein moderner Arbeitsplatz ebenso wie ein attrak.tives Entlohnungssystem, eine Beteiligung an der Altersvorsorge, aber auch Fitnesskurse oder vergünstigte Leasingangebote, wenn E-Bikes für den Arbeitsweg genutzt werden. SCHUNK Electronic Solutions steht offenbar auch für Be.wegungsintelligenz, die Spaß macht!
Oben rechts: Bei der Montage von Mikroventilen ist sorgfältige Handarbeit gefragt.
Mitte: Mithilfe von SCHUNK Greifern montieren die Exotenbestücker von SCHUNK Electronic Solutions ra.send schnell Elektronikbauteile auf Leiterplatten.
Unten: Die Spezialisten von SCHUNK Electronic Solutions erarbeiten immer wieder individuelle Lösungen für spezielle Aufgaben.

Ob im Bugatti oder einer Windkraftanlage, ob zur Feuchtsalzstreuung im Winter oder zur Abflung von Bacardi – hochwertige Pumpen werden erall gebraucht. Und die stammen oft aus Furtwangen. Es sind Zahnradpumpen der Firma Scherzinger. Ohne die Schwarzwälder Uhrenindustrie, so ist zu vermuten, gäbe es auch diesen erfolgreichen Mittelständler nicht, der mit 190 Mitarbeitern 30 Mio. Umsatz erwirtschaftet. „Aber wir sind nur indirekt aus der Uhrmacherei hervorgegangen“, erklärt Geschäftsfrer Matthias Derse.

Von Bugatti bis Bacardi
Hochwertige Pumpen werden in den unterschiedlichsten Branchen gebraucht – die Furtwanger Firma Scherzinger hat damit 80 Jahre Erfahrung
von Bernward Janzing
D
as Unternehmen wur.de 1937 gegründet, also lange nach der Hochphase des Uhrenbaus. Ernst Scherzinger war damals als Meister bei der Furtwanger Firma Joseph Koepfer Söhne beschäftigt, einem Hersteller von Verzahnungsmaschinen. Dort erkannte Scherzinger den Bedarf an hochwertigen Zahnradpumpen, die zu dieser Zeit am Markt nicht verfügbar waren – und so machte er sich selbstständig. Die Wurzeln in der Uhrenindustrie ergeben sich somit indirekt durch die Firma Koepfer, die aus einer Werkstatt zur Herstellung von Uhrmacherwerkzeugen hervorging.
In der Tradition der Schwarzwälder Uhrmacherkunst
Damit steht auch die Firma Scherzinger in der Tradition der Schwarzwälder Uhrmacherkunst, die auf diese Weise bis heute in unterschied.lichste Branchen ausstrahlt. Der Mittelständler hebt gegenüber Besuchern besonders gerne den Bugatti hervor: Im Motor des Modells Veyron Grand Sport Vitesse steckt eine Trockensumpf-schmierpumpe aus dem Hause Scherzinger. Sie ermöglicht den Motorenbauern eine besonders kompakte Bauweise.

Aber auch in Dampfturbi.nen stecken Schmierpumpen aus Furtwangen, ebenso in Kompressoren von Kühlagg.regaten. In Nutzfahrzeugen brauchen Standheizungen Brennstoffpumpen, in der Biotechnologie müssen Flüs.sigkeiten im Fermenterprozess transportiert werden, bei der Biodieselproduktion ist Schwe.felsäure zu befördern. Und auch in der Lebensmittelverar.beitung müssen Spülanlagen mit Pumpen bestückt werden.

Es ist ein weites Spektrum.
„Wir pumpen, was flüssig ist“, sagt Ge.schäftsführer Matthias Derse. Dazu gehören auch aggressive Substanzen, etwa alkalische und saure oder auch toxische Medien. Die Pum.pen sind bei Bedarf für eine explosionsgefähr.dete Atmosphäre ausgelegt, sie fördern nied.rig- bis mittelviskose, partikelfreie Flüssigkeiten, arbeiten mit bis zu 100 bar. Pumpen für Gas und
Der Stammsitz von Scherzinger Pumpen.

Feststoffe gehören hingegen nicht zum Produktportfolio: „Da braucht man dann ganz andere Pumpentechnik, wir sind auf Zahnradpumpen spezialisiert.“
Zahnradpumpen gehören zu den rotierenden Verdränger.pumpen, sie sind aus zwei ver.zahnten Rotoren aufgebaut. Der auf der Antriebswelle fixierte Rotor überträgt die Drehbewe.gung auf den zweiten Rotor und verdrängt dadurch ein definier.tes Volumen. So können Flüssig.keiten angesaugt und gegen ein Druckgefälle befördert werden. Aufgrund der einfachen, robus.ten Bauweise sowie ihrer Be.triebssicherheit sei die Zahnrad.pumpe die meistverbreitete rotierende Verdrän.gerpumpe, heißt es in der Firma. Scherzinger ist auf vier spezielle Typen fokussiert: Außen- und innenverahnte Zahnradpumpen, Gerotorpum.pen, sowie Flügelzellenpumpen.
Spezialisiert sein betont Matthias Derse, heiße für das Unternehmen auch: „Wir sind schnell und flexibel.“ Und darin sieht das Un.ternehmen mit seinen derzeit 190 Mitarbeitern, davon 150 am Stammsitz in Furtwangen, seine Nische: „Wir bieten dem Kunden etwas an, das besser ist, als das, was er schon kennt.“ Kun-den, die hingegen ein längst bekanntes Produkt nur billiger einkaufen wollen, sind bei den Furtwangern an der falschen Adresse: „Wenn wir merken, es geht nur um einen Preiskampf, dann machen wir nicht mit.“

Es ist exakt auch dieses Wissen um jene Aufträge, die man besser nicht annimmt, das den Mittelständler so er.folgreich macht. Denn es gibt auch Grenzen der Stückzahlen, die noch zur Firma passen. Die liegen für Scherzinger irgend.wo im sechsstelligen Bereich. „Wenn ein Kunde eine Pumpe millionenfach fertigen lassen will, sind wir die falsche Adres.

se“, sagt Derse. Eine solche Masse könnten dann andere billiger anbieten; in der Autoindustrie sind Stückzahlen dieser Größenordnung nicht ungewöhnlich.
Firma Scherzinger gehört zu einem Teil auch den eigenen Mitarbeitern
Ein Vorteil des Mittelständlers: Die Firma Scherzinger muss nicht um jeden Preis rapide wachsen – das schafft eine unaufgeregte Atmo.sphäre. Denn es sind keine fremden Investoren im Unternehmen, die partout maximale Rendite sehen wollen. Das Unternehmen ist in Familien.besitz, der Gesellschafterkreis besteht aus den Nachfahren des Firmengründers in der dritten und vierten Generation. Und die Firma gehört – darauf ist Derse ebenfalls stolz – auch zu einem Teil den eigenen Mitarbeitern: „Wir haben unserer Belegschaft Kapitalbeteiligungen ange.boten.“ Das schaffe zusätzliche Identifikation mit der Firma. Das persönliche Engagement, ob als Mitarbeiter oder auch zusätzlich als Anteils.eigner, werde im Markt registriert: „Die Kunden merken das“, ist Derse überzeugt.
Die Mitarbeiterbeteiligung macht zudem unabhängiger von Banken. Aber die Geldinsti.tute haben beim Pumpen-Scherzinger ohnehin wenig zu melden, denn die Eigenkapitalquote

Blick in die moderne Fertigung, oben die CNC.Bearbeitung.
liegt nach Unternehmensangaben bei sehr gu.ten 80 Prozent. Da mache man sich dann auch durch eine Expansion, wie sie aktuell mit einer neuen Fertigung auf der Neueck zwischen Furt.wangen und Gütenbach auf 3000 Quadratme.tern stattfindet, nicht gleich krisenanfällig.
Auch die Struktur der Kunden sei so hetero.gen, dass die Krise einzelner Branchen dem Unternehmen nur in Maßen etwas anhaben könne, sagt Geschäftsführer Derse: „Wir haben keinen Kunden, der mehr als 20 Prozent zum Umsatz beiträgt, wir haben kein Produkt, das mehr als 15 Prozent ausmacht.“

Im Extremfall melden sich in der Furtwan.ger Bregstraße auch schon mal Privatkunden, zumeist Bastler. Die suchen dann eine einzelne Pumpe für einen ganz speziellen Zweck. Vor allem private Fahrzeugbastler kämen mitunter auf die Firma zu. Preislich sei das für die Kunden natürlich nicht immer realisierbar, räumt Derse ein. Es sei denn, es komme eine Pumpe in Frage, die man aus dem Sortiment mehr oder weniger unverändert anbieten könne. Da das Sortiment wie ein umfangreiches Baukastensystem aufge.baut ist, gelingt aber selbst das mitunter.
Förderleistungen zwischen einem halben Liter und 800 Liter pro Minute
Das Größenspektrum der Pumpen ist breit. Die kleinste hat die Dimension eines Schnapsglases, die größte jene eines Kasten Biers. Zwischen einem halben Liter und 800 Liter pro Minute liegen die Förderleistungen. Bei noch kleineren Pumpen zeigt sich Geschäftsführer Derse zu.rückhaltend. Klar, die Mikrosystemtechnik sei allgemein ein großes Forschungsfeld, sagt er. Nur für seine Firma habe er die unternehme.rischen Potenziale in diesem Marktsegment bislang noch nicht entdecken können. Sich nicht zu verzetteln – auch das ist eine Kunst, die viele solide Mittelständler pflegen.
Nicht auf jeden Zug aufspringen, aber doch wissen, wohin die Entwicklung geht, das gehört zu den wichtigsten Kompetenzen. Und da kann dann auch mal eine Eingabe von außen helfen: Vor einigen Jahren sei ein Zukunftsforscher im Unternehmen zu Gast gewesen, berichtet der Geschäftsführer. Sein Leitsatz: „Wir wollen es nicht dem Zufall überlassen, wie wir in fünf Jah.ren dastehen.“
Im unternehmerischen Alltag liegt die Zukunft zum großen Teil in den Händen der Entwickler. 18 Mitarbeiter sind bei Scherzinger alleine in der Entwicklung tätig. Diese Abteilung prägte stets die Firmenhistorie und wird es wei.terhin tun. 1941 zum Beispiel kamen Tauch- und Kühlmittelpumpen ins Sortiment.
1951 die erste deutsche Ölbrennerpumpe entwickelt
Rückblickend gab es immer wieder neue Pro.dukte. Besonders eines prägt als nette Anek.dote die Firmengeschichte: Nach dem zweiten Weltkrieg musste die noch junge Firma wieder

die Zukunft zum großen Teil in den Händen der Entwickler. 18 Mitarbeiter sind bei Scherzinger alleine in der Entwicklung tätig. Diese Abteilung prägte stets die Firmenhistorie und wird es weiterhin tun.

nahezu bei Null anfangen. Neben Zahnradpum.pen baute sie kurzzeitig auch kleine Drehbänke und Maschinen für die regionale Produktion von Kilwi-Küchle. Ortsfremden muss man diese lo.kale Spezialität erklären: Kilwi bezeichnet rund um Furtwangen das Fest der Kirchweih und an.lässlich dieses Festes werden dünne Teigplatten in heißem Fett ausgebacken – das sind dann die Kilwi-Küchle.
Doch schon bald, als in den Nachkriegsjah.ren die Wirtschaft wieder auf die Beine kam, war auch Scherzinger in seinem eigentlichen Metier wieder zur Stelle. 1951 entwickelte das Unternehmen die erste deutsche Ölbrenner-pumpe als Innenzahnradpumpe. Auch dieses Beispiel zeigt die stetige Notwendigkeiten, sich auf neue Marktbedingungen einzustellen: Die
Dosierpumpenbaureihe 2030.5030.

Scherzinger Pumpen im Jahr 1960.
große Zeit der Ölheizungen ist heute längst vor.bei, die Zeit der betreffenden Pumpen folglich auch.
Mit zahlreichen Innovationen ging es in den Nachkriegsjahrzehnten weiter: 1969 produzier.ten die Furtwanger erstmals Brennstoffverteiler für Gasturbinen. 1971 wurden dann – ausgehend von der Ölbrennerpumpe für Hausheizungen – Pumpen für Busstandheizungen entwickelt. In diesem Feld baute sich Scherzinger innerhalb von 30 Jahren eine weltweit führende Position auf.
Führend bei der Produktion von Salzlakepum.pen für Winterdienstfahrzeuge
1987 begann die Produktion von Pumpen aus Edelstählen für die chemische Industrie, ein Jahr später führte die hohe Nachfrage für chemi.sche Anwendungen zur Produktion der ersten Dosierpumpe für die Verfahrenstechnik. 1996 wurden dann erste Winterdienstfahrzeuge mit Furtwanger Salzlakepumpen bestückt, womit Scherzinger bald eine marktführende Position in dieser Marktnische eroberte. Naheliegend: Wer sollte auch besser den Winterdienst ausstatten können als ein Furtwanger Unternehmen?
Ein anderer möglicher Standortvorteil er.weist sich unterdessen in der Praxis als weniger relevant – die Hochschule am Ort. „Die – insbe.sondere in Furtwangen – angebotenen Fach.richtungen passen nicht zu unserem Bedarf“ –

erstmals Brennstoffverteiler für Gasturbinen. 1971 wurden dann – ausgehend von der Ölbrennerpumpe für Hausheizungen – Pumpen für Busstandheizungen entwickelt.

die klassische Feinwerktechnik hat in der Ausbil.dung der einstigen Uhrmacherschule erheblich an Bedeutung verloren.
Und so ist der Fachkräftemangel auch in der Furtwanger Pumpenfabrik ein großes Thema. Etwas besser als bei den universitären Berufen sei die Lage noch bei den Ausbildungsberufen. Mechatroniker seien eher noch zu finden, doch auch die müsse die Firma heute selber ausbil.den.
Aber das lohnt sich für das Unternehmen, denn es wird auch weiterhin auf qualifizierte Arbeitskräfte am Stammsitz angewiesen sein.
Rechte Seite: Oben: Ausbildung, die Spaß macht.
Mitte: Produktentwicklung, Konstruktion und Projekt.management.
Unten: Das Scherzinger Werk in China.

Schließlich werde man für den europäischen Markt auch in Zukunft in Deutschland fertigen. Zwar hat Scherzinger seit 2013 auch eine Toch.tergesellschaft in Kunshan in China, das ist die Scherzinger Pump Technology Ltd. Doch diese sei nicht als billige Produktionsstätte für inter.nationale Märkte bestimmt. Sie diene alleine zur Belieferung der asiatischen Märkte, was durch eine Produktion vor Ort einfach besser funktioniere. Die chinesische Dependance trägt aktuell zwei Millionen Euro zum Umsatz der Scherzinger Gruppe bei, der sich zuletzt auf 30 Millionen Euro belief. 25 Millionen Umsatz generierte alleine der Stammsitz.
Bereits seit 2002 gibt es außerdem die Scherzinger Pump Technology Inc. im kanadi.schen Ontario. Doch der nordamerikanische Markt verliert an Bedeutung. Das habe weniger mit aktuellen politischen Entwicklungen in den USA zu tun, sagt Derse als vielmehr damit, dass dort die Gasturbinen, und damit auch die zuge.hörigen Brennstoffpumpen, an Bedeutung verlieren. Der Hauptabsatzmarkt der Firma Scherzinger sei damit weiterhin Europa.
Scherzinger übernimmt Mehrheit an der SP Industrieprodukte in Horb
Auch in Deutschland hat sich das Unter.nehmen diversifiziert. Im Jahr 2003 über.nahmen die Furtwanger die Mehrheit der Anteile an der SP Industrieprodukte in Horb. An diesem Standort produziert die Scherzinger Gruppe seither Innen.zahnradpumpen für verschiedene Anwendungen im Maschinen- und Anlagenbau. Horb agiere als eigenständiges Unter.nehmen, betont man in Furtwangen.
Dosierpumpe 4030 im Schnitt.

Bedeutung gewinnt, hätten die Verbrennungsmotoren eine Zukunft – als Komponente in Hybrid.Fahrzeugen.

Am Stammsitz wurden mit dem Wachstum auch die Strukturen verändert. Einen wesent.lichen Schritt ging die Firma 2012. Sie trennte die Produktion räumlich und organisatorisch in zwei Einheiten: Werk A ist seither für die klei.nen und mittleren Stückzahlen tätig, für Pum.pen, die jeweils sehr unterschiedlich sein kön.nen. Und in Werk B findet eine Serienfertigung in Produktionslinien statt. Die entsprechenden Zertifizierungen nach der Qualitätsnorm

Haupteingang zu Scherzinger Pumpen in der Furtwanger Bregstraße.
ISO 9001 und der Umweltmanagementnorm ISO 14001 erfolgten schon um die Jahrtausend.wende.
Zwischenzeitlich gingen die Entwicklungen natürlich nicht nur organisatorisch, sondern auch aus technischer Sicht weiter. 2017 startete Scherzinger die Serienproduktion von variablen Flügelzellenpumpen für Hochleistungssport.wagen. Aber sind die Verbrenner noch eine langfristige Perspektive? Derse ist überzeugt: Auch in Zeiten, in denen die Elektromobilität an Bedeutung gewinnt, hätten die Verbrennungs.motoren eine Zukunft – als Komponente in Hybrid-Fahrzeugen.
Es werden also weiterhin neue Herausforde.rungen auf die Pumpenbauer zukommen. Aber das kann die Firma angesichts der nunmehr 80-jährigen Ingenieurstradition nicht schrecken. Über sich selbst schreibt das Unternehmen: „Wir zeigen Neugier auf Unbekanntes.“ Das können schwierige Anwendungen sein oder exotische Materialien.

Keramik wird in den Pumpen schon seit bald zehn Jahren eingesetzt
Damit ist heute in der Firma auch stets das Thema neue Werkstoffe präsent. Keramik wird schon seit bald zehn Jahren in den Pumpen eingesetzt, zunehmend kommen inzwischen hochwertige Kunststoffe hinzu – und verdrän.gen mitunter Stahl oder Aluminium. Die neuen Kunststoffe seien mitunter sogar beständiger als die Metalle, erklärt der Geschäftsführer.
Auch bei den Metallen sind neue Verfahren aufgekommen, etwa das Metallpulverspritzgie.ßen, auch MIM-Verfahren genannt. Das steht für Metal Injection Moulding. Es wird genutzt zur Herstellung von metallischen Bauteilen mit komplexer Geometrie, ermöglicht aber zugleich Materialeigenschaften, die klassischem Stahl aus der zerspanenden Bearbeitung entsprechen.
Neben der klassischen Feinwerktechnik hält unterdessen auch in der Firma Scherzinger – wie überall – die Elektronik, die Mechatronik Einzug. Die Sensorik zur Echtzeitüberwachung der Pumpensysteme nimmt zu, intelligente Steuerungen gewinnen an Bedeutung.
Die Innovationsgeschichte der Schwarzwäl.der Uhrmacherpioniere und ihrer vielfältigen Nachfolger ist also noch lange nicht zu Ende.

Spezialist
im µ-BereichDie HAKOS GmbH in Villingen-Schwenningen legt seit über 100 Jahren größten Wert auf Präzision
von Roland Sprich

Die Geschäftsführende Gesellschafterin und IHK Präsidentin Birgit Hakenjos Boyd (zweite
v. rechts) mit ihrem Team bei HAKOS.
B
irgit Hakenjos-Boyd hat sich schon in jungen Jahren aus Überzeugung und mit Begeisterung für den Einstieg in ihr Familienunternehmen entschieden – und da.mit ihre berufliche Mitte in der Metallindustrie gefunden. Künstlerisch überaus interessiert und seit jeher kreativ, hätte sie auch einen an.deren Weg einschlagen können – doch stellte sich die Frage nach der Berufswahl für Birgit Hakenjos-Boyd nicht wirklich, das Unterneh.men der Familie reizte sie beruflich enorm. In der Geschäftsleitung der HAKOS GmbH ist sie nunmehr seit über 30 Jahren erfolgreich tätig. Und die Unternehmerin wurde im April 2018 als erste Frau zur Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald-Baar-Heu.berg gewählt. Mit überwältigender Mehrheit. Die IHK-Präsidentin hat nach der Fach.hochschulreife gleich zwei Ausbildungen abge.schlossen: zunächst als Feinwerkmechanikerin an der Feintechnikschule in VS-Schwenningen, dann die zur Industriekauffrau, als sie 1985 in den elterlichen Betrieb einstieg. Seit 2002 leitet sie den Familienbetrieb mit 65 Mitar.beitern in inzwischen vierter Generation. Das Unternehmen mit 65 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 6,8 Millionen Euro stellt unter anderem Spritzgiesswerkzeug-Kom.ponenten für den Werkzeug-und Formenbau, sowie Einzelteileferigung im µ-Bereicht für den

Präzisionswerkzeuge für den Karosseriebau und die Spritzguss.Branche her. Das Unternehmen bietet zehn Ausbildungsplätze.

Maschinenbau her. Es bietet zehn Ausbildungs.plätze.
Birgit Hakenjos-Boyd lebt in VS-Schwennin.gen mit ihrem Mann und Sohn. Ihr 19-jähriger Sohn Finn studiert technische Volkswirtschaft in Karlsruhe und wird, so hofft seine Mutter, einmal ihr Nachfolger werden. Als sie die Ge.schäftsleitung der HAKOS GmbH übernahm, war Birgit Hakenjos-Boyd 37 Jahre jung. Dass ihr Vater der Tochter damals die Unterneh.mensführung zutraute, dafür ist sie ihm sehr dankbar: „Damals war eine Frau an der Unter.nehmensspitze noch eine Seltenheit. Was einzig und allein zählen sollte, ist die Qualifikation und die Befähigung, den Job auszuüben“, bringt es die Unternehmerin und IHK-Präsidentin auf den Punkt.
Präzision seit 100 Jahren
Präzision spielt im Leben der Unternehmer.familie Hakenjos seit mehr als 100 Jahren eine gewichtige Rolle. 1910 gründete der aus Stockwald bei St. Georgen stammende Andreas Hakenjos eine Werkzeugfabrik, fertigte Ge.windeschneidwerkzeuge und Lehren. Auf die Demontage durch die Besatzungsmächte und Übernahme der Firma durch die Söhne Karl, Ru.dolf und Arthur Hakenjos folgte nach 1945 der Wiederaufbau. Den Erfordernissen der Zeit ge.horchend, fertigte das Unternehmen zunächst auch Dosenöffner. Der Werbeslogan damals lautete: „Büchsenöffner Hakenjos öffnet Büch.sen klein und groß“. Es brauchte den Aufbau eines weiteren Standbeines, die Firma fand es in Lohnarbeiten, mit der Innen- und Außenbear.beitung von Rundteilen, Gewindeschleifen und Rundschleifen.

1968 folgte die Übernahme der Geschäfts.leitung durch die Söhne von Rudolf Hakenjos, durch Günter und Werner Hakenjos – 1970 die Produktionserweiterung durch Lohnarbeiten in der Weichbearbeitung mittels CNC-Drehen. 1995 begann die Fertigung von Spritzgieß.werkzeug-Komponenten. Der erfolgreiche Ge.schäftsgang erforderte 2001 den Umzug in neue Geschäfts- und Produktionsräume im Gewerbe.gebiet Dickenhardt. 2002 schließlich übernimmt Birgit Hakenjos-Boyd die Anteile ihres Vaters und tritt die Geschäftsleitung an. 2004 startet eine Produktionserweiterung, HAKOS über.nimmt Lohnarbeiten in der Weichbearbeitung

Birgit Hakenjos.Boyd, Geschäftsführerin der HAKOS GmbH und seit April 2018 Präsidentin der Indust.rie. und Handelskammer (IHK) Schwarzwald.Baar. Heuberg.
Unten links: Andreas Hakenjos hat die heutige HAKOS GmbH 1910 gegründet. Produziert wurde in der Reu.testraße 129 in Schwenningen.
Präzision ist gefragt – die HAKOS GmbH steht für Werkzeuge höchster Qualität.

ist“, beschreibt Birgit Hakenjos.Boyd die in vier Kompetenzfelder eingeteilten Geschäftsbereiche der Firma HAKOS.
mittels CNC-Fräsen. 2006 kommt es zur Pro.duktion und zum Vertrieb neuer Produkte: Es handelt sich um Schweißpunktfräser mit Paten.terteilung sowie weitere Karosserie-Werkzeuge.
„Wir geben uns µ“
Seit Jahrzehnten hat sich die HAKOS GmbH auf die Herstellung von Präzisionswerkzeugen im Bereich Gewindewerkzeuge, Spritzgieß-Werk.zeugkomponenten sowie die Einzelteilfertigung spezialisiert – und sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht. „Wir geben uns µ“, lautet der Unternehmensslogan, der auf die Genauigkeit im Tausendstel-Millimeterbereich verweist. Der griechische Buchstabe µ (My, ausgesprochen Mü), steht jedoch zugleich für die Mühe, die sich die Mitarbeiter tagtäglich geben, um die Kun.denanforderungen zur höchsten Zufriedenheit zu erfüllen.
„Wir machen nichts, was normal ist“, be.schreibt Birgit Hakenjos-Boyd die in vier Kom.petenzfelder eingeteilten Geschäftsbereiche der Firma HAKOS. Egal ob bei der Herstellung von Spritzgießwerkzeug-Komponenten, Gewin.dewerkzeugen, Einzelteilfertigung oder Norm.teileherstellung, HAKOS entwickelt stets klar definierte Prozesslösungen, die schnelle Durch.laufzeiten sichern, um dem Kunden höchste Qualität und absolute Termintreue bieten zu können. Dabei steigen die fertigungstechni.schen Anforderungen an Formenbau und Spritz.gießanlagen durch Designansprüche, aber auch die Verschärfung von Belastungskriterien, kon.tinuierlich. Deshalb investiert das Unternehmen ebenso kontinuierlich in den Maschinenpark.
Im Bereich Sondergewindewerkzeuge erfüllt HAKOS seit Jahrzehnten die Anforderungen des Marktes mit höchster Zuverlässigkeit. Ob Gewindebohrer oder -former, Hartmetallfräser oder Sondergewindelehrdorne, passgenaue Gewinde, erhöhte Ausreißfestigkeit und kein Späneanfall sind die Erfolgskriterien dieser Pro.duktlinie.

Die Fertigung kundenspezifischer Normteile hat bei HAKOS eine mehr als 30-jährige Tradi.tion. Standardisierte Formenbauelemente, wie sie im Werkzeugbau, im Vorrichtungsbau und in der Druckgussteile-Herstellung eingesetzt wer.den, sind eine weitere Kernkompetenz.
HAKOS fertig keine Massenware
Hohe Genauigkeit und kleine Stückzahlen sind das, was HAKOS ausmacht, unterstreicht Birgit Hakenjos-Boyd. Als Dreh- und Schleifspezialist produziert HAKOS keine Massenware. Das Präzi.sionsschleifen auf CNC-Bearbeitungsmaschinen zählt zu den wichtigsten Fertigungsverfahren. Dazu gehören vor allem das CNC Innenrund.schleifen, CNC Außenrundschleifen, CNC Form.schleifen, CNC Gewindeschleifen und das Spit.zenschlossschleifen.
„Wir bewegen uns zwischen Losgröße eins und tausend.“ Heißt, dass HAKOS nach Kun.denzeichnung auch nur ein einzelnes Teil dreht, zum Härten außer Haus gibt und anschließend die Präzisionsbearbeitung wieder im eigenen Haus übernimmt. Mehr als 1.000 Teile eines Produkts stellt HAKOS dagegen selten in einem Auftragslos her.
Dank dieser Ausrichtung und der Tatsache, dass sich HAKOS nie auf nur ein Standbein kon.zentrierte, sondern immer mehrere Branchen und eine Vielzahl von Kunden bediente, hat die Firma auch den Niedergang der Schwenninger Uhrenindustrie in den 1980er-Jahren weitge.hend unbeschadet überstanden. Hier sieht
HAKOS hat sich 2001 im Gewerbegebiet Dickenhardt angesiedelt. Laufende Investitionen in den Maschi.nenpark stellen sicher, dass die Ansprüche der Kun.
den im Tagesgeschäft prozesssicher realisiert werden können. Gemäß dem Slogan „Wir geben uns µ“.

braucht“, nennt Birgit Hakenjos.Boyd die Stärke von HAKOS, sich als ein Dienstleister zu verstehen, der kurzfristig auf Anforderungen reagieren kann.
die Geschäftsführerin auch den Unterschied zwischen einem Konzern und einem mittelstän.dischen, familiengeführten Unternehmen. Sie betont: „Ein verlässlicher Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaftsregion. Und ich le.be den Mittelstand mit allen Pros und Contras.“
„Wir sind da, wenn man uns braucht“
Die Spezialisierung und Möglichkeit, auch kleine und kleinste Auftragsmargen zu übernehmen, bedeutet einerseits hohe Flexibilität, anderer.seits aber auch lange Rüstzeiten. Wie kann man als Unternehmen im harten Wettbewerb und mit hohem Kostendruck sich hier einen Platz sichern? „Das Produkt muss stimmen und die Qualität und der Preis ebenso“, betont die Ge.schäftsführerin. Und weiter; „Wir sind da, wenn man uns braucht“, nennt Birgit Hakenjos-Boyd die Stärke von HAKOS, sich als ein Dienstleister zu sehen, der es dem Kunden so einfach wie möglich macht und kurzfristig auf Anforderun.gen reagieren kann. Die Express-Bemusterung der Präzisionswerkzeuge ist eine weitere Stärke und Grundlage dafür, ohne unnötige Zeitverzö.gerung die gewünschten Produkte zu fertigen.
Diese flexiblen Reaktionszeiten, verbunden mit kleinen Losgrößen und den Rundumservice schätzt ein großer Kundenstamm aus den Be.reichen Werkzeug- und Formenbau, Maschinen.bau, Medizin, Elektro- und Verpackungsindust.rie. Mit dieser Strategie fährt HAKOS gut.
Das Unternehmenswachstum beschreibt die Geschäftsführerin als „dynamisch und stetig wachsend.“ Um die Wünsche der Kunden jeder.zeit hochpräzise erfüllen zu können, ist neben einem stets auf modernstem Stand der techni.schen Entwicklung gehaltenen Maschinenpark im Bereich der CNC-Bearbeitung ein hohes Qua.litätsbewusstsein auf Seiten der Mitarbeiter erforderlich. Um den hohen Qualitätsanspruch auch für die Zukunft sicherzustellen, bildet HAKOS die Fachkräfte selbst aus. Da der Fach.kräftemarkt hart umkämpft ist, bietet HAKOS attraktive Bedingungen. Dazu gehören diverse Leistungs- und Anwesenheitsprämien, Fortbil.dungen und diverse soziale Leistungen. „Wir bieten unseren Mitarbeitern eine Altersvorsor.ge, eine Zusatz-Krankenversicherung, geben Zuschüsse für Notfälle, den Kindergarten und fürs Fitness-Studio“, zählt Birgit Hakenjos-Boyd einige der Bonuspunkte auf, in deren Genuss die Mitarbeiter kommen.

„In erster Linie bin ich Unternehmerin“
Da ist das mittelständische Unternehmen der Familie – aber ebenso der Wille zum gesell.schaftlichen und politischen Engagement. Im Frühjahr 2018 sorgte Birgit Hakenjos-Boyd für ein Novum, als sie von der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Schwarz.wald-Baar-Heuberg als Nachfolgerin von Dieter Teufel zur Präsidentin und damit zur ersten Frau an die IHK-Spitze gewählt wurde. „Die wollten jemand aus Villingen-Schwenningen und aus der Industrie. Und ich habe dem An.forderungsprofil wohl voll entsprochen“, sagte sie. Ausschlaggebend für ihre Kandidatur war für sie, „dass ich mit einem tollen Präsidium zusammenarbeiten kann und wir es miteinan.der anpacken, um die Region weiter nach vorne bringen.“
Das Präsidentschaftsamt für die IHK steht für Birgit Hakenjos-Boyd allerdings an zweiter Stelle. „In erster Linie bin ich Unternehmerin und Geschäftsführerin“, macht sie deutlich, wo ihre Prioritäten sind. Wenn Hakenjos-Boyd über Berufsausbildung und berufliche Chancen spricht, verschmelzen, so es diese denn gibt, die Grenzen zwischen der Unternehmerin und ihrer Funktion als IHK-Präsidentin. Sie bedauert, dass Frauen bei der Berufswahl noch zu wenig verdienstorientiert entscheiden. Sie weiß, dass man sich in jungen Jahren noch zu wenig Ge.danken darüber macht. „Frauen müssen sich frühzeitig Gedanken über ihren Beruf und die späteren Verdienstmöglichkeiten machen“, appelliert sie an die jungen Frauen, sich bei der Berufswahl mit den Möglichkeiten zu befassen, die ein gewerblich-technischer Beruf bietet.

Hier kommt wieder ihre eingangs erwähnte Prägung zum Vorschein. Als die heutige Ge.schäftsführerin nach dem Schulabschluss vor der Frage stand, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wolle, hatte sie zunächst keine Vorstellung. „Also schlug mir mein Vater vor, auf die Feintechnikschule in Schwenningen zu gehen“, erinnert sie sich. An die dreijährige Ausbildung, in der sie das technische Know-how von der Pike auf lernte, schloss sich die Fach.hochschulreife an.
Für ihre Arbeit als IHK-Präsidentin hat sich Birgit Hakenjos-Boyd drei Schwerpunktthemen auf die Agenda geschrieben. „Erstens Fachkräf.te, vor allem im dualen Ausbildungs- und weni-

Oben: Blick in die Qualitätssicherung bei HAKOS. Unten: Dank der großflächigen Fenster und Oberlich.ter sind die Maschinenhallen taghell.
ger im akademischen Bereich. Zweitens Stand.ortförderung. Wir müssen unseren Standort attraktiv halten.“ Hier sei man mit dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und Breitbandausbau zwar auf einem guten Weg, doch weitere An.strengungen müssten folgen.
Der dritte Bereich ist die Unternehmens.förderung. Birgit Hakenjos-Boyd wünscht sich mehr technologieorientierte Unternehmens.gründungen mit Nachhaltigkeit. „Das stabili.siert unsere Innovationskraft und sichert unse.ren Wohlstand.“ Dazu gehöre auch die Unter.stützung bei der Nachfolgeregelung. Über diese drei Schwerpunktthemen hinaus seien weitere Punkte wie Digitalisierung und Globalisierung Themen, deren sich die neue IHK-Präsidentin annehmen will.

Klaus Richter
Vollkommen in verschiedenen Rollen
von Marc Eich
Wer Klaus Richter porträtieren möchte, könnte sich überlegen, ob er ihn als Bergsteiger, als Weltreisender, Stadtführer, Schauspieler oder als Geschäftsführer darstellt, der mit 53 Jahren seinen Job an den Nagel gehängt hat, um als sich als Hausmann um Hof, Kinder und Tiere zu kümmern. Denn jede dieser Facetten wäre eine eigene Geschichte wert. Doch vollkommen ist der 56-jährige Villinger nur mit all seinen verschiedenen Rollen – egal ob sie gespielt sind oder nicht.
4. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

E
in schmaler und holpriger Waldweg führt einen Berg hinauf – Sonnenstrahlen, die durch die Bäume blinzeln, sorgen für eine fast märchenhafte Stimmung. „Kommt da noch was?“, mag sich so manch ein Besucher fragen, wenn er das Röthenloch in Unterkirnach auf.sucht, um das Anwesen der Familie Richter zu besuchen. Doch dann: Schafe, Hühner, ein altes Bauernhaus – eingebettet in eine Art Lichtung, umgeben von Bäumen. Abgeschieden und doch so heimelig. Hier lebt tatsächlich der Urvillinger Klaus Richter? „Hätte man mich vor 20 Jahren gefragt, hätte ich nie gedacht, dass ich jemals aus Villingen wegziehe“, sagt er lachend – und fügt dann noch, fast entschuldigend, hinzu: „Das ist aber nur der Wohnort, ich bleibe Villin.ger.“ Da wundert es nicht, dass sein Grundstück nur ein Steinwurf von der Villinger Gemarkung entfernt liegt.
Bilderbuchhafte Villinger Karriere
Vorzuweisen hat Klaus Richter fast schon eine bilderbuchhafte Villinger Karriere: aufgewach.sen am Warenberg und Bickeberg, 20 Jahre lang fester Bestandteil des Spielmannszugs der Stadtmusik, Lehre bei Kienzle, Mitarbeiter bei Thomson, Wohnsitz in der Villinger Innenstadt und natürlich langjähriges Mitglied der Narro.zunft. Doch das wäre nur die halbe Geschichte des heute 56-Jährigen. Denn die Leidenschaften des gelernten Feinmechanikers sind überaus vielfältig – und haben Richter auch oft genug außerhalb der Stadtmauern geführt.
Ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist dabei das Motorrad, „und zwar seitdem ich 18 bin“. Schon früh reiste er damit an das Nordkap, in die Türkei, nach Griechenland und Nord.afrika – nachdem er den Meister bei Thomson gemacht hatte, kehrte er seiner Heimat sogar eineinhalb Jahre lang den Rücken. Von 1989 bis 1991 eroberte er gemeinsam mit einem Kumpel Afrika, Asien und Australien, „so lange, bis das Geld nicht mehr gereicht hat.“ Die Abenteuer.lust blieb zwar, wurde aber ab sofort vor allem in den Ferien gestillt.
Nach seiner Tour stieg der Feinmechanik-meister wieder bei Thomson ein, entschied

gemeinsam mit einem Kumpel Afrika, Asien und Australien, „so lange, bis das Geld nicht mehr gereicht hat.“

dann aber – quasi über Nacht – sich mit zwei Freunden selbstständig zu machen. Der Villinger wird um die Facette „Geschäftsführer“ reicher. Den feinmechanischen Betrieb VMR in Wei.lersbach leitete er gemeinsam mit den beiden Kompagnons überaus erfolgreich, die Beleg.schaft wuchs auf 72 Mitarbeiter an. Für Richter ein wichtiger Bestandteil seines Lebens – doch niemals die Erfüllung. „Die Arbeit war nie mein Leben, ich habe immer viele Flausen im Kopf gehabt.“ Viel mehr wollte er nämlich darüber hinaus seinem anderen Hobby frönen: dem Bergsteigen. Egal ob Kilimandscharo, Mont Blanc oder kürzlich erst der Denali in Alaska, der höchste Berg Nordamerikas, der zu den so ge.nannten Seven Summits gehört, den höchsten Bergen der sieben Kontinente. Die Viertausen.der, Fünftausender oder sogar Sechstausender haben es ihm angetan.
Mit der Familie regelmäßig auf Achse
Jene Leidenschaft konnte er dann auch mit sei.ner Familie teilen – denn 1995 trat seine große Liebe in sein Leben: Silke. Mit ihr und den vier Söhnen Marius (21), Mathis (19), Lorenz (16) und Linus (14) ist er regelmäßig auf Achse, egal ob wandern, klettern oder bergsteigen. „Die Kinder waren teils mit neun Jahren auf ihrem ersten Viertausender, zusammen haben wir zum Teil
Rechts oben: Familie Richter während ihrer 1.000 Kilo.meter langen Wanderung auf der Grande Traversata delle Alpi (GTA) von der Schweiz bis nach Italien (2011).
Rechts unten: Klaus Richter auf dem Denali, einem der kältesten Berge der Welt in Alaska (31. Mai 2017).

über 15 Viertausender bestiegen“, erzählt der Familienvater nicht ohne Stolz. Das größte Abenteuer als Familie wurde 2011 in Angriff genommen: Damals wanderte die sechsköpfige Gruppe zehn Wochen lang über die Alpen und bewältige den 1.000 Kilometer langen Weitwan.derweg Grande Traversata delle Alpi (GTA) von der Schweiz bis nach Italien. Übernachtet haben die Richters damals größtenteils unter einer vier auf vier Meter großen Plane, nur selten nutzte die Familie Jugendherbergen oder Berghütten. „Das war ein Wahnsinnserlebnis“, erinnert sich der 56-Jährige gerne.
Wohnmittelpunkt im Rhenloch
Überhaupt brachte das Familienleben („meine Frau hat im Hintergrund immer alles geschmis.sen und hat immer alles im Griff“) einige unerwartete Wendungen mit sich. „Ich hätte mir zum Beispiel nie träumen lassen, dass ich sesshaft werde.“ Doch genau das geschah: In der Zinsergasse in Villingen lebten die Richters einige Jahre, „die Innenstadt war aber irgend.wie nicht ideal für uns“. Nach einiger Suche fand Klaus Richter schließlich „die zweite Lie.be meines Lebens“: Das alte Bauernhaus im Röthenloch. Doch klar, ohne Abenteuer ging es

Vom Zirkuswagen zum Leben in der Idylle im Ren-loch. Während der Sanierung des Hofes lebten die Richters in einem Zirkuswagen (oben).
auch hier nicht. Das Haus hatte eine Schieflage, dafür aber weder Bad noch Heizung und war auch nicht gedämmt. „Wir waren deshalb nur im Sommer dort und verbrachten den Winter in der Zinsergasse.“ Doch aus dem Sommerdo.mizil sollte bald der Wohnmittelpunkt werden. Innerhalb eines Jahres renovierte die Familie ihr Traumhaus – „währenddessen lebten wir in einem Zirkuswagen.“
Und wenn wir schon bei Zirkus sind – das wäre vielleicht auch was für den gebürtigen Villinger. Schließlich ist es für ihn ein Leichtes, in verschiedenste Rollen zu schlüpfen und damit die Menschen zu erheitern und zu begeistern. Womit wir bei seiner nächsten Leidenschaft wären: der Schauspielerei. Angefangen hat es damit vor 32 Jahren. „Damals wollte ich auf eine Schauspielschule“, so Richter. Dieser Traum platzte jedoch schnell, „denn dafür war ich zu schlecht, ganz klar“, gibt er unumwunden zu. Das hielt ihn aber nicht davon ab, dieses Hobby weiter zu verfolgen – zum Glück. Denn mittler.

weile ist der 56-Jährige bei vielen Anlässen mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten nicht mehr wegzudenken.
Stadtfrer in Villingen
Eines seiner Aushängeschilder ist aber sicherlich die Funktion als Stadtführer in Villingen. Der Grundstein hierfür war, dass er sich für die Ge.schichte der Zähringerstadt immer interessiert hat. „Vor 15 Jahren kam Lambert Hermle auf mich zu, dass es zu wenig Stadtführer gibt – er musste mich dann auch nicht überreden, dass ich das mal versuche.“ Aus dem Versuch ist mittlerweile eine Berufung geworden. Denn Richter stellt während der Führungen, beispiels.weise bei der legendären „Wächters Runde“, der Romäusführung oder der theatralischen Stadtführung, verschiedenste historische Figu.ren dar. „Es macht mir einfach Spaß, mich zu verwandeln“, erklärt er. Kein Wunder, dass er auch bei mehreren Theaterstücken oder beim Burgspektakel in Königsfeld fester Bestandteil war und ist. Selbst Arbeitseinsätze bei Schul.festen nutzt der wandelbare Familienvater, um für Erheiterung zu sorgen. „Da werde ich beim Pizzaverkauf halt zu Manouche, dem französi.schen Pizzabäcker“, erzählt der sympathische Tausendsassa und ergänzt lachend: „Manchmal auch zum Leidwesen meiner Kinder.“

Doch genau jene Freude, mit der der 56-Jäh.rige die verschiedensten Rollen lebendig wer.den lässt, zeichnet ihn aus. Kein Wunder, dass er als Ur-Villinger auch an der Fasnet nicht nur einfach ins Häs geht – sondern mit seinem an.steckenden Humor andere unterhalten möchte. Gemeinsam mit Andreas Messmer, Anselm Säger und Alex Brüderle unterhält das Quartett als „Die mit der Leiter“ als kabarettistische Fas-

Fr mich war immer klar, dass ich frhzeitig aufhren mchte zu arbei.ten, weil ich noch so vieles vorhabe.

netsgruppe. Angefangen hatte das Ganze vor 24 Jahren als eigener Fasnetsball im Haus der Richters. „Die Resonanz war aber so gut, dass wir uns schließlich dazu entschlossen haben, herumzuziehen.“ Und zwar bis heute.
Dass der Villinger gar nicht mehr in Villingen wohnt, hat man ihm wohl verziehen. Wahr.scheinlich auch deshalb, weil der abgelegene Hof der ideale Ort für Richter ist, um Kraft für seine vielen Rollen und Ideen zu sammeln. Erst recht, seitdem er vorzeitig seinen Job an den Nagel gehängt hat. Denn seine Anteile an der Firma, die mittlerweile nach Mönchweiler umgezogen ist, hat er vor vier Jahren verkauft. Eine Entscheidung, auf die er hingearbeitet hat. „Für mich war immer klar, dass ich frühzeitig aufhören möchte zu arbeiten, weil ich noch so vieles vorhabe.“ Denn im Alter will Klaus Richter niemals „vom Bode nuff gugge und sage ‚ach hättsch doch noch‘“.
Links: Klaus Richter schlft gerne in verschiedenste Rollen – auch in die des Villinger Stadtfrers (oben rechts). Unten rechts: Die Fotowand zeugt von vielen bedeutenden Momenten im Leben der Familie.

Clemens Scherzinger

Das „Scherzinger-Lädele“ in Vöhrenbach
von Ramona Lahrzal
Einkaufen in Kleinstädten oder auf dem Land, das ist heutzutage gar nicht mehr so selbstverständlich mlich. Wo vor zehn Jahren noch zahlreiche Spezialgeschäfte und Tante-Emma-Läden zu finden waren, herrscht heu.te oft Leere. An manchen Orten aber trotzen die kleinen, alteingesessenen Läden der ermächtigen Konkurrenz durch Discounter und Co. Eines dieser Geschäfte ist das „Scherzinger-Lädele“in Vrenbach. Als Inhaber eines der letzten kleinen Lebensmittelgeschäfte im Schwarzwald-Baar-Kreis weiß Clemens Scherzinger genau, was seinen Kunden wichtig ist. Seit 117 Jahren ist der Lebensmittelladen Teil der Familie Scherzinger.
4.000 Artikel auf 100 Quadratmetern
Bis unter die Decke sind die Regale im „Scherzin.ger-Lädele“ bestückt. Neben den Konserven, den Kühltheken, dem Obst- und Gemüseregal, den Haushaltsartikeln und einer SB-Theke für Wurst und Käse gibt es auch jeden Tag frische Backwa.ren und Kuchen im Angebot. Dazwischen finden die fünf Mitarbeiterinnen rund um Clemens Scherzinger auch immer ein Plätzchen für sai.sonale Artikel wie Nikoläuse und Osterhasen. Vor der Ladentür stehen bunte Gestecke, Besen und eine Holzbank zum Verweilen bereit. Der angegliederte Getränkemarkt vervollständigt das Sortiment und zieht zusätzlich Kunden an. „Wir haben genau hundert Quadratmeter und keinen Meter mehr“, erklärt der Kaufmann und fügt hinzu, dass auf dieser Fläche 4.000 Artikel Platz finden. Kaum zu glauben, aber wahr. Im angrenzenden Getränkemarkt stehen weitere 60 Quadratmeter zur Verfügung, das Leergut wird draußen gestapelt.
Aber das „Scherzinger-Lädele“ kann sich trotz des eingeschränkten Platzangebotes zu Recht noch als Vollversorger betiteln. Auch wenn die Kunden manchmal etwas suchen müssen: Es fehlt nichts im Sortiment und die Mitarbeiterinnen helfen gerne, denn sie wissen immer ganz genau, wo was steht. Für die Kun.den des kleinen Ladens bedeutet dies, dass sie alles Nötige unter einem Dach vorfinden, was gerade ältere Menschen sehr begrüßen. Im Lädele kennen sie sich aus, hier ist alles lang vertraut. Hier haben sie ein Leben lang für ihre Familie die meisten Einkäufe getätigt – auch an Heilig Abend, wenn das „halbe Städtle“ geduldig in einer „ewigen Schlange“ wartend die Kasse bevölkerte und dabei ein „Schwätzle“ machte. Und den älteren Kunden werden die Einkäufe nicht selten sogar nach Hause gefah.ren. Ein Service, der punktet!

1901 erfnet – ein Lebensmittelgeschäft mit langer Tradition
Mit seiner langen Geschichte von 117 Jahren ist das „Scherzinger-Lädele“ in Vöhrenbach längst
Clemens Scherzinger vor seinem Lebensmittelladen in der Luisenstraße in Vrenbach.

eine Institution. 1901 eröffnete Josef Scherzinger seinen Kolonialwarenhandel mit Molkerei. Somit war sein Laden außerdem die Milchan.nahmestelle für die Bauern der Umgebung und dafür verantwortlich, dass die Milch weiter
Unten: Josef Scherzinger mit seinen Kindern vor der Kolonialwarenhandlung mit Molkerei in der heutigen Luisenstraße. Die Molkerei fungierte als Milchannah.mestelle f die tlichen Landwirte.

in die Milchwerke nach Donaueschingen zur Aufbereitung geliefert wurde, um sie danach im Laden zu verkaufen. Dazu allerdings musste sie zunächst in großen Kannen zum Bahnhof transportiert werden – auch im Winter. Ein Schlitten aus dieser Zeit steht heute restauriert im Wohnzimmer von Clemens Scherzinger, in seiner Wohnung über dem Ladengeschäft, wo viele solcher Schätze zu finden sind.
Während des Zweiten Weltkrieges arbei.ten die zwei Töchter von Josef Scherzinger im Ladengeschäft und halten den Verkauf so gut es damals geht am Laufen – der Vater musste wie Millionen anderer Männer an die Front. Nach dem Krieg übernimmt Sohn Alfred das Ge.schäft und führt es unter dem Namen „Feinkost Scherzinger“ bis 1980. Seine Frau Hildegard, die selbst aus einer Kaufmannsfamilie aus Neukirch stammte, war Mutter von sieben Kindern und
u.a. für die Kasse aber auch die Dekoration der Schaufenster verantwortlich. Sie konnte sich da.mit stundenlang beschäftigen, schließlich sollte alles perfekt sein.

Alfred und Hildegard Scherzinger, die Eltern von Clemens Scherzinger. In ihrer Ära erfolgte die Umbenennung
des Ladens in „Feinkost Scherzinger“.
Clemens Scherzinger hat viele Erinnerungen an das damalige Ladengeschäft. „Es wurde alles offen verkauft. Hinter der vier Meter langen Theke standen große Tongefäße für Essig, Öl und Senf, in Schränken mit großen Schubladen wurden Mehl, Erbsen, Linsen, Salz und Zucker aufbewahrt. Ich sehe heute noch meinen Vater vor mir, wie er die großen Zentnersäcke dort eingefüllt hat“, erzählt er. Alte Bonbongläser, ein altes Essigfass, eine Milchpumpe und eine alte Registrierkasse sind nur einige der Gegen.stände, die Clemens Scherzinger aus dieser Zeit aufbewahrt.

Die Selbstbedienung hält Einzug
In den 1950er-Jahren wurde der Laden umge.
baut und teilweise Selbstbedienung eingeführt, sodass die Kunden nun um ein gro.ßes Regal in der Mitte des Ladens herum gehen konnten. Bald danach gab es auch das erste Kühlregal für Joghurt, Butter und Milch. Aus dieser Zeit stammt auch das Email.leschild mit der Aufschrift Drogen, das über dem Ladeneingang hing und auf die Drogerieartikel hinwies. Der Drogen-Schrank, eine Glasvitri.ne, war abgeschlossen und beinhal.tete Cremes, Seifen, Zahnpasta und Rasierwasser.
Fre Reklame des „Scherzinger-Läde.le“, die den Laden schmkte und im Schwarz-Weiß-Druck auch als Vorlagen f Inserate diente.

Clemens Scherzinger im Jahr 1980 im nach einem Umbau neu erfneten Laden, an der Kasse Schwester Claudia Scherzinger.
Gerne erinnert sich Clemens Scherzinger an die Zeit, zu der er als „Milchbub“ für die Abho.lung der Milch am Bahnhof verantwortlich war. „Das war genial. Das war richtig viel Geld für uns kleine Buben“, erklärt er die Faszination des Ne.benjobs. Dabei arbeiteten die 10- bis 15-jährigen Jungen an sieben Tagen die Woche und bekamen fünf Mark im Monat. Sie hoben die schweren Milchkannen vom Waggon der Bregtalbahn her.unter und luden sie auf ihren Ziehwagen oder im Winter auf den Schlitten. So ging es dann los ins Städtle. Clemens Scherzinger belieferte damals gemeinsam mit seinen Freunden neben dem Geschäft seines Vaters auch die Lebensmittelge.schäfte Rolf Schätzle und Heidi Kempf sowie die Filiale der Scherzingers im Zigeunerländle, die von Hildegard Kienzler bis zu ihrer Schließung in den 1970er-Jahren geführt wurde.
Die EDEKA als Partner
Die Eltern waren stolz, dass ihr Sohn Clemens nach der Schule eine Ausbildung bei der EDEKA als Einzelhandelskaufmann absolvierte und anschließend in verschiedenen Märkten kauf.männische Erfahrungen sammelte. Schon zu dieser Zeit gefiel dem jungen Mann der Genos.senschaftsgedanke der EDEKA und als die Über.nahme des väterlichen Betriebs bevorstand, war für den 24-jährigen klar, dass er mit seinem eigenen Laden daran anknüpfen wird. So über.nahm er im Jahr 1980 das Geschäft der Eltern und baute den Laden komplett um. Zwei Jahre später eröffnete er zusätzlich den Getränkehan.del im Nebenhaus. Mit großer Motivation ging er ans Werk und hatte große Pläne. Ein größerer Markt für Vöhrenbach, ein Neubau im Bereich des Busbahnhofes – das war sein Traum. Aber leider scheiterten diese Pläne zweimal und sein Unmut über die späteren Entwicklungen der Lebensmittelbranche wuchs.

Schwere Zeiten f den Einzelhandel
In den 1990er-Jahren wurde der erste Discounter im angrenzenden Industriegebiet Auf der Werthe eröffnet. „Das war der erste starke Einbruch“, erinnert er sich an diese Zeit. „Trotz der kleinen Ladenfläche konnten wir bis dahin, was den Um.satz anbelangt, bei den größeren Märkten mit.halten“, fügt er hinzu. Aber das war nun vorbei. Auf die Frage, kann ich noch existieren, antwor.tete er aber entschieden mit „Ja“, denn seine Lei.denschaft für die Arbeit war ungebrochen. Wei.tere Einbußen brachte der Umzug des Discoun.ters in den Ortskern Vöhrenbachs. Nun konnte jeder problemlos ohne Fahrzeug dort einkaufen und selbst die ältere Kundschaft brach teilweise weg. Aber auch die großen Investitionen in die Digitalisierung seines Ladens machten Clemens Scherzinger immer wieder zu schaffen. „Der erste Scanner im Jahr 2000 kostete 50.000 Mark“, er.innert er sich. Damals wie heute setzt er sich bei der Mitgliederversammlung der EDEKA stets für die kleinen Läden ein, fordert mehr Unterstüt.zung durch die Genossenschaft.
„Wir sind wie eine große Familie“
Wer beim Scherzinger einkauft, fühlt sofort die freundliche Atmosphäre unter den Mitarbeite.rinnen und im Umgang mit den Kunden. Man kennt sich und nimmt sich gerne Zeit für ein Schwätzchen. Die Kinder, die mit ihren Müttern zum Einkaufen kommen, wissen genau, „beim Clemens gibt’s oft eine Überraschung“ und die älteren Kunden genießen wie auch an ande.rer Stelle erwähnt den Service, dass der Chef höchstpersönlich die Einkäufe und Sprudelkis.ten auch mal bis nach Hause bringt. Gerade für sie ist ein Fortbestehen der Läden vor Ort enorm wichtig. Dabei sei die Existenz der Lebensmittel.geschäfte ausschlaggebend für den restlichen Einzelhandel, denn wer für die alltäglichen Einkäufe in die nächste Stadt fahren müsse, kaufe dort auch alles weitere ein, sagt Clemens Scherzinger und appelliert an die Bürger: „Wenn jeder die Hälfte seiner Einkäufe hier am Ort tä.tigen würde, wäre das schon ein großer Beitrag für den Einzelhandel.“

Die treuen Kunden, die das „Scherzinger.Lädele“immer noch hat, wissen, warum sie hier einkaufen. Bei einem Interview für das SWR-Fernsehen, das bereits zwei Reportagen in der Landesschau über das Traditionsgeschäft veröffentlichte, sagte eine Kundin: „Wir sind wie eine große Familie. Ich würde nur ungern auf dieses Geschäft verzichten“. Ans Aufhören denkt der 61-Jährige Inhaber noch nicht: „Auch wenn das Geschäft schlechter läuft als früher, bin ich mit Leib und Seele dabei“. Doch wie geht es weiter, wenn er in Rente geht? Das steht noch in den Sternen. Seine Kunden wollen aber noch nicht an diesen Tag denken, denn das Vöhrenba.cher Städtle ohne das „Scherzinger-Lädele“, das kann sich keiner vorstellen.
Nach wie vor mit Leib und Seele dabei – Clemens Scherzinger an der Kasse in seinem Lebensmittel.geschäft.

Lisa Wolber
Eine Erfolgsgeschichte – die neue Bgermeisterin von Genbach
von Barbara Dickmann
Sie ist jung und attraktiv – und eraus natlich. Sie ist in Jeans und T-Shirt genauso zu Hause wie im Business-Dress. Sie lacht gerne und viel, kann aber auch sehr ernsthaft sein. Sie spricht klar und deutlich, kann gut zuhen und gezielt argumentieren. Sie hat eine fundierte Ausbildung, ist ehrgeizig und intelligent. Sie geht einer Generation von Frauen an, die genau wissen, was sie wollen. Ihr Name: Lisa Wolber – seit ein paar Monaten ist sie die frisch gebackene Bgermeisterin von Genbach.
A
ls Lisa Wolber am 17. Dezember 2017 gewählt wird, ist sie 28 Jahre jung. 60 Prozent der Gütenbacher Bürger gehen an diesem Tag zur Wahlurne und bis auf 13 Personen haben alle erwartungsgemäß diese junge Frau gewählt, die als einzige für das Amt kandidierte.
Lisa Wolber wird am 30. Dezember 1988 in Villingen-Schwenningen geboren. Zwei Jahre später kommt ihre Schwester zur Welt, die eine leichte geistige Behinderung hat und Aufmerk.samkeit und Hilfe braucht, auch die der großen Schwester. Die Familie wohnt in St. Georgen, zieht aber ins Schwäbische, als Lisa sechs Jahre alt ist. Der Vater ist LKW-Fahrer und will dort arbeiten. Doch für die Mutter, Lisa und ihre Schwester wird das kein „richtiges“ Zuhause.

„Wir haben uns nie so aufgenommen und wohl.gefühlt“, erklärt Lisa und beschreibt die Situa.tion, die jeder kennt, der die Heimat wechselt, sehr genau. Es geht nicht um Anfeindung oder Missachtung und natürlich hatte sie ein, zwei Freundinnen und nette, freundliche Nachbarn, doch „irgendwie wird man anders behandelt und gehört nicht so richtig dazu.“ Lisa Wolber ist 15, als die Familie wieder nach St. Georgen zurückzieht. „Wir waren alle froh“, lächelt die Gütenbacher Rathauschefin.
Lisa Wolber beendet die Schule mit einem Realschulabschluss und macht sich auf die Suche nach einer Lehrstelle im kaufmänni.schen Bereich. Sie will so schnell wie möglich unabhängig sein. Ihre Eltern sind mittlerweile getrennt, die Mutter muss plötzlich allein klar.

kommen, auch finanziell, was ihr sehr schwer fällt. Lisa erlebt das hautnah mit. Nie, aber auch nie, möchte sie in so eine Situation geraten.
Es ist die Zeit der geburtenstarken Jahr.gänge. Ausbildungsplätze sind knapp und Lisa Wolber hat es schwer, einen geeigneten Aus.bildungsplatz zu finden. Doch was im ersten Monat wie „Pech“ aussieht, wird sich später als „Glück“ herausstellen: Sie geht schließlich auf das Berufskolleg und erlangt die Fachhochschul.reife. Gleichzeitig beginnt sie einen Nebenjob als Küchenhilfe im Restaurant „Stadt Frankfurt“ in St. Georgen.
Über sieben Jahre arbeitet sie dort. Immer unter der Woche und abends. „Das hat mir sehr viel Freude gemacht. Noch heute gehe ich gerne dorthin.“

spannende Tätigkeiten, doch ich wollte nicht die Sekretärin sein, sondern selbst Abteilungs- oder Amtsleiterin, in jedem Fall in den gehobenen Dienst!
Nach dem Berufskolleg will sie studieren. Die Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz hat sie schon aufgegeben, als eines Tages die Zu.sage der Stadtverwaltung Villingen-Schwen.ningen im Briefkasten liegt. Ihre Mutter ist begeistert. „Das musst Du machen“, sagt sie, „ das ist etwas Sicheres!“ Lisa Wolber greift zu und beginnt ihre Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation, was im Endeffekt nicht viel anders ist als die Ausbildung zur Verwal.tungsfachangestellten.
„Das hat mir sehr gut gefallen“, erinnert sich Lisa. Ihre Ausbildung wird von drei auf zwei Jahre verkürzt und ihre Noten sind hervorra.gend. Lisa schaut sich um in der Verwaltung
Lisa Wolber vor dem Ayers Rock während ihres sechs.monatigen Aufenthalts in Australien.

und merkt genau, wer was in welcher Position leisten darf, muss und kann. „Es sind alles sehr gute, wichtige und spannende Tätigkeiten, doch ich wollte nicht die Sekretärin sein, sondern selbst Abteilungs- oder Amtsleiterin, in jedem Fall in den gehobenen Dienst aufsteigen!“
Großes Interesse an Kommunalrecht
Lisa bewirbt sich an der Hochschule für öffent.liche Verwaltung in Kehl. Bis zum Beginn des Studiums hat sie ein Jahr Pause. Ein halbes Jahr arbeitet sie als Angestellte bei der Stadt und geht dann sechs Monate nach Australien. Work and travel – arbeiten und reisen ist ihre Devise.
2010 beginnt ihr Studium. Praktika sind feste Bestandteile und Lisa Wolber wird gleich zur Wahl des Oberbürgermeisters in Villin.gen-Schwenningen im Oktober ins Wahlamt gesetzt. Kommunalrecht interessiert sie sehr und lässt sie nicht mehr los. Sie lernt die Land.ratsämter in Freiburg und Rottweil kennen und geht für drei Monate nach Südafrika. Das staat.liche Museum in Kapstadt und insbesondere die Abteilung für Ausbildung und öffentliche Programme wird ihre Arbeitsstätte.
Ein Erlebnis der besonderen Art – Lisa Wolber ist total frei in ihrem Job. Sie organisiert Kinderprogramme und Bastelworkshops, zieht mit einem mobilen Museum durch die town.ships und lernt in völliger Armut lebende Kinder kennen. „Das war eine besondere Erfahrung.

Lisa Wolber organisiert Bastelworkshops während ihres Praktikums in Safrika im staatlichen Museum in Kapstadt.
Das Basteln hat diese Kinder einfach fasziniert. Sie waren so fröhlich und haben viel gelacht. Ich glaube, sie nehmen ihr eigenes Schicksal gar nicht wahr“, sagt Lisa nachdenklich.
Auch ihre südafrikanischen Kolleginnen ver.blüfft Lisa Wolber, als sie beginnt, die Büroarbeit zu strukturieren. „Das war einfachste Büroar.beit, doch das war ihnen völlig fremd“. Diese Zeit ist für Lisa Wolber schön und spannend. Und wenn es sie heute manchmal aufregt, dass in Deutschland nicht alles so ordentlich ist, wie es sein sollte, muss sie nur an Kapstadt denken und dann ist die Welt wieder in Ordnung. Lisa verlängert ihren Aufenthalt und macht eine Rundreise.
Zurk in der Heimat
Im letzten Praktikum ihres Studiums im Stadt.bauamt in Villigen-Schwenningen steht ihr Berufziel fest. Sie will nicht nach Kapstadt oder Stuttgart, sondern auf jeden Fall wieder zurück nach St. Georgen, zumindest in die Nähe.
Sie beginnt im Jugendamt des Landratsamtes Rottweil. Als Ende 2014 die Stelle der Hauptamts.leitung in Gütenbach ausgeschrieben wird, bewirbt sie sich gleich. „Gütenbach kannte ich schon aus meiner Schulzeit in Furtwangen.“

Im Mai 2015 fängt sie an und ist vom ersten Tag an mit Leidenschaft dabei. Bereits zwei Mo.nate später wird sie zum ersten Mal gefragt, ob sie sich nicht für die Bürgermeisterwahl im Jahr 2017 aufstellen lassen will. Lisa Wolber lacht nur und nimmt das nicht ernst. So eine Kandidatur hat sie schon im Hinterkopf, seitdem sie in der Ausbildung ist – doch erst, wenn sie viel älter ist. Zuerst hat sie ein anderes Ziel, sie will ihren Master machen. Doch dafür braucht man zwei Jahre Berufserfahrung, ehe man im Public Ma.nagement seinen Master of Arts in Kehl berufs.begleitend ablegen kann.
Anfang 2016 beginnt Lisa mit diesem Stu.dium. Sie ist rundum glücklich. Der Beruf füllt sie total aus, sie lernt so viel Neues, was ihr unheimlich hilft, und hat seit 2013 einen Part.ner, der sie unterstützt und fördert. Benjamin Hengstler ist Architekt und hat genau wie Lisa keinerlei Ambitionen in die Großstadt zu ziehen.
Jetzt könnte die Geschichte zu Ende sein. Lisa Wolber ist 27 Jahre jung und auf der Kar.riereleiter fast ganz oben. Sie kommt direkt hinter dem Bürgermeister. Irgendwann in den nächsten Jahren stehen die drei großen K‘s im Raum – Kirche, Kinder, Küche. Doch schon Ende 2016 überlegt Lisa ernsthaft eine Kandidatur als Bürgermeisterin. Sie möchte noch mehr Verant.wortung übernehmen. Sie möchte agieren und nicht reagieren. Sie spricht mit ihrem Partner und gemeinsam überlegen sie, wo und wann in der Region die nächsten Wahlen anstehen.

Das Thema ist schnell vom Tisch, denn An.fang 2017 kommt die ernsthafte Anfrage aus dem Gemeinderat von Gütenbach. Lisa solle sich zur Wahl stellen und Lisa sagt zu. Über den Sommer hinweg führt sie Gespräche mit den Gemeinderäten und Schlüsselpersonen und bereitet sich vor. An die Öffentlichkeit will sie noch nicht gehen. Bereits im Juni erklärt der amtierende Bürgermeister Rolf Breisacher, dass er nicht mehr kandidieren wolle. Trotzdem wartet Lisa bis zum Oktober und genau eine Woche nach der Bundestagswahl geht sie an die Öffentlichkeit.
Flyer werden gedruckt. Sieben Punkte führt sie auf, die ihr am Herzen liegen, drei öffentliche Vorstellungstermine absolviert sie – alle unge.wöhnlich gut besucht – und scheut sich auch nicht Klinken zu putzen.
Sie schellt an den Haustüren und stellt sich vor. „Davor hatte ich richtig Bammel und das hat zuerst große Überwindung gekostet.“ Doch die Gütenbacher freuen sich. Sie bitten diese sympa-

in jedem Fall zwei Amtsperioden in Gtenbach Bgermeisterin bleiben!

thische, junge, natürliche und kluge Frau in ihre Wohnungen und unterhalten sich gerne mit ihr. „Ich habe so viele nette Menschen kennengelernt und bin so freundlich aufgenommen worden.“
Und ihr Alter? So ganz vorsichtig sei sie natürlich gefragt worden, wie denn so ihre Pla.nung sei. Sei Gütenbach nur ein Sprungbrett für die nächste Karrierestufe? Oder sei der Nach.wuchs schon fest eingeplant? Lisa Wolber lacht! Natürlich kommen solche Fragen und sie hat auch konkrete Antworten darauf. „Ich möchte etwas bewirken und in jedem Fall zwei Amtspe.rioden in Gütenbach Bürgermeisterin bleiben!“ sagt sie sehr bestimmt. Und keine Frage, Kinder möchte sie auch haben – irgendwann – doch zu Hause bleiben wird ihr Partner, das ist schon längst besprochen. „Ich kann nicht ohne Arbeit sein, nur daheim bleiben ist nichts für mich“ , sagt sie und damit war das Thema auch vom Tisch.
Die erste Rathauschefin im Schwarzwald-Baar-Kreis
Am 17. Dezember 2017 ist Lisa Wolber nervös. Zwar gibt es keinen Gegenkandidaten – doch wie hoch wird die Zustimmung ausfallen? Sie versucht sich abzulenken. Mittags um vier hält sie es nicht mehr aus und fragt vorsichtig nach, wie denn die Wahlbeteiligung sei. Sie ist hoch. Und ein paar Stunden später steht eine strah.lende Lisa Wolber nebst Partner im Dorfcafé und nimmt viele, viele Glückwünsche entgegen. Vor Ort ist auch Landrat Sven Hinterseh und er ist be.geistert. „Gütenbach ist ein tolles Dorf“, lobt er. Und damit hat er recht. Denn Gütenbach ist nicht nur die kleinste, eigenständige Gemeinde im Kreis, sondern hat jetzt auch die erste Rathaus.chefin im Schwarzwald-Baar-Kreis.
Nun beginnt der Bürgermeister-Alltag und Lisa Wolber legt los: Wichtige Baumaßnahmen möchte sie endlich in trockene Tücher bringen. Die Finanzen sind ein großes Problem und nicht selten sitzt sie im Regierungspräsidium, um Zu.schüsse zu beantragen. Ihr Tag ist lang und sie packt an.
Gütenbach hat 1200 Einwohner und Lisa Wolber kennt ganz viele von ihnen. „Das gefällt mir einfach an einer kleinen Gemeinde, dass man so nah bei den Menschen ist“, sagt sie.
In ihrer Freizeit genießt sie die Natur, taucht gerne, joggt, fährt Fahrrad und besucht mit Leidenschaft die Dorffeste. „Ich bin gerne unter den Gütenbachern unterwegs“, sagt sie.
Keine Frage, die Gütenbacher Bürger haben gut gewählt. An ihrer Spitze wirkt ein junge, engagierte, eigenständige Bürgermeisterin, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Sie gehört zu einer Generation von Frauen, die nicht mit den drei großen K‘s und einem Nebenjob zufrieden sind, sondern das vierte K für „Karrie.re“ hinzufügen.
2019 macht sie ihren Master of Arts und irgendwann wird sie Kinder und Beruf unter einen Hut bringen, denn auch ihr Partner gehört zu der neuen Generation von Männern, die sich freuen über eine erfolgreiche Partnerin und be.reit sind tägliche Verantwortung für die vier K‘s zu übernehmen – und nicht nur den Mülleimer rauszutragen.

Kim Klausmann

Das Model mit der Heimat im Herzen
Am Staatsberg in Furtwangen ist Kim Klausmann daheim. Hier, am swestlichen Ende der Hochschulstadt, an jenem Zipfel neben der B 500, kurz bevor die den Bogen hinauf Richtung Neueck macht, ist die junge Frau aufgewachsen. Und hier lebt sie auch heute noch, mittlerweile in einer eigenen Wohnung zusammen mit ihrem Partner Jochen Scherzinger, dem Mann hinter dem Genbacher Schwarzwald-Label „Artwood“, das sie zu der derzeit wohl angesagtesten Trachtenfrau Deutschlands machte.
von Daniela Schneider
Über Jochen Scherzinger kam die 23-Jährige schon als junges Mädchen zum Modeln. Vor vier Jahren hatte er dann die Idee, Schwarzwald.trachten neu in Szene zu setzen. Kim schlüpfte in die Tracht der Oma ihres Freundes aus dem Hübschental, auf ihren Kopf kam ein Bollenhut aus Kirnbach, den sie mühsam organisiert hat.ten. So entstanden die ersten Fotos – und dann war nichts mehr wie vorher. Irgendetwas passte da perfekt zwischen ihr und all den verschiede.nen Trachten, die sie seitdem getragen hat und in denen sie abgelichtet wurde. „Ich hatte von Anfang an Bock drauf“, sagt sie und strahlt, „es hat gleich funktioniert“. Ab dato wurde sie zum Trachtengirl aus dem Schwarzwald schlechthin.
„Artwood“ schuf Motive, die einen regel.rechten Siegeszug antraten und gut hineinpass.ten in den aufkommenden Trend, diese Heimat zu zeigen, wie sie auch sein kann. Der geheim.nisvolle, dunkle, aber bislang imagemäßig eben auch arg angestaubte und doch eher uncoole Schwarzwald bekam plötzlich ein extrem läs.siges, modernes, frisches, eben jetzt cooles, stolzes Gesicht. Eins ohne Postkartenidylle und ohne spießige Optik und eins, das mit dem Schwarzwaldmädel aus den Multicolor-Filmen der 1950er nur noch herzlich wenig zu tun hat, aber doch das reiche, kulturelle Erbe der Region mit und in sich tragen will.

Artwood-Fotos auf immer mehr Titelseiten zu finden
Das kam an. Nicht nur bei den Kunden von „Artwood“, die dort Mode und Kunst mit den genannten Trachtenmotiven käuflich erwerben können. Auch die Medien wurden deutschland.weit drauf aufmerksam. Das Konterfei von Kim Klausmann schmückte seither zum Beispiel mehrere Titelseiten von Magazinen l, inszeniert

als interessanter Hingucker, jeweils in einer der schönen Schwarzwälder Trachten. So blickte sie fortan auch von Litfaßsäulen oder auch von Lastwagen, die in der Republik als rollende Werbung für das Ferienland Schwarzwald un.terwegs waren und sind. Und dann auch noch das: Verschiedene Menschen haben sie sich als Schwarzwaldfrau schon auf die eigene Haut tä.towieren lassen, einer verewigte sie auf seinem Schienbein, ein anderer schmückte damit dau.erhaft gleich den ganzen Unterarm – die Begeis.terung für das Motiv scheint so gut wie keine Grenzen zu kennen. Kim Klausmann nennt es so: „Ein krasses Gefühl von Ehre – so etwas ist einfach immer schön und macht mich sehr, sehr stolz.“

„Es ist einfach ein Mega-Gefl“
Und das alles, obwohl sie selbst bis dato ei.gentlich wenig bis gar keinen Bezug zur Tracht hatte. Die Furtwangerin war schon immer modeaffin – und das ist noch eine gnadenlose Untertreibung. Eine Fashionverrückte vielleicht, diese Umschreibung würde wohl besser zu ihr passen: eine, die sich drei Mal am Tag umzieht, wenn es sein muss, damit das Outfit auch ja zur jeweiligen Gelegenheit passt. Oder auch einfach nur, weil es eben Spaß macht. Tracht kam in ih.rem persönlichen Moderepertoire unterdessen überhaupt nicht vor. Seit sie aber das Gefühl kennt, in die schweren Röcke zu steigen, all die Blusen, Jacken, Bänder und Tücher anzulegen und dazu zum Beispiel die passende Frisur zu flechten – seitdem hat sich ihr Respekt für die Schwarzwälder Vorfahren und ihre Liebe zu den verschiedenen Trachten immer weiter und von Mal zu Mal noch mehr gesteigert.
„Es ist einfach ein Mega-Gefühl, ich mag es immer“, sagt sie, wiegt mit dem Kopf beim Gedanken daran und ergänzt dann: „Man kann sich da einfach gut reinversetzen, man fühlt sich so elegant und schön.“ So trug sie nun schon stolz die Villinger Radhaube, die Fürstenberger Tracht aus Wolfach mit kleinem Schäppel und Schleife am Revers und strengem Mittelscheitel auf dem Kopf, die berühmte Kinzigtäler Tracht oder die St. Georgener Brautkrone. Mal verzieht sie auf den Bildern schelmisch das Gesicht, mal stützt sie die Hände in den Hüften auf und zeigt einen offenen Schmollmund und fordernden Blick, mal hält sie die Arme hinterm Rücken verschränkt. Ist es ein schüchterner Augenauf.schlag unter der Hutkrempe hervor? Oder doch der einer jungen Frau mit mehr Coolness als eigentlich „erlaubt“ ist? Beim Bollenhutmotiv in der roten Version für die unverheiratete Schwarzwälderin ist die Sache dann viel klarer: Über den provozierend geschürzten Lippen zeigt

das Model dem Betrachter den Mittelfinger – auch eine Form von Statement.
„Der Bollenhut bin immer ich“
Mittlerweile werden übrigens auch andere Mo.dels in Tracht von Jochen Scherzinger inszeniert. Kim Klausmann findet das klasse. Nur bei einer Sache versteht sie keinen Spaß: „Der Bollenhut bin immer ich“, insistiert sie, während sie kurz, aber bestimmt mit der Faust auf den Tisch klopft und keinen Zweifel dran lässt, dass diese sym.bolträchtigste aller Traditionskopfbedeckungen ihre Domäne ist und bleiben soll, „den kriegt niemand anders“.
Doch klar, für den Alltag wäre es einfach nichts. Die Originaltrachten sind schwer, man schwitzt in ihnen, bis alles sitzt, ist es eine ewi.ge Arbeit. Und für Kim Klausmann gehört diese Art der Mode auch in den Kontext der Bilder und definitiv nicht in ihr tägliches Leben. Dort ist sie eher „kimyfromtheblog“ im Netzwerk Instagram, immer professionell abgelichtet, mal als lässiges Streetstyle Girl, mal als lasziv insze.nierte, geheimnisvolle Schönheit. Das Modeln für diverse Auftraggeber und die Zusammenar.beit mit ihrem Partner bei „Artwood“ bestim.men mittlerweile ganz den Arbeitsalltag der jungen Frau, die ihre Ausbildung als Eventma.nagerin bei Bad Dürrheimer Mineralbrunnen absolviert und auch einige Zeit in dem Beruf gearbeitet hat. Das kommt ihr nun mit Sicher.heit zugute, denn seit Mai 2018 schmeißt sie den Laden in der „Pop Art Gallery“ im Gutacher Gasthaus „Rössle“, wo „Artwood“ für eine ge.wisse Zeit auf diese Weise zu erleben ist. Was danach kommt? Mal sehen.

Fest steht für Kim Klausmann nur: Dem Schwarzwald will sie die Treue halten. Hier fühlt sie sich wohl und daheim, hier sind ihre Freun.de. „Hier hast du deine Ruhe und hier kannst du machen, was du willst, das Leben hier gibt dir Kraft“, sagt sie und schaut sichtlich zufrie.den lächelnd aus dem Fenster am Furtwanger Staatsberg auf die grünen Wiesen und Hügel der Umgebung, in der sie groß geworden ist. „Eine so schöne Kindheit kann ein Stadtkind wohl nicht haben“, meint sie noch. Und: „Ich bin hier aufgewachsen – und ich würde gerne hier alt werden.“ Was dazwischen passiert, wird sich noch zeigen.

Susanne Seidel-Buri und Jg Seidel
Willkommen in der Villa „Schmiedledick“

von Wilfried Strohmeier
E
s war einmal ein alter, abgeschossener Zigeunerwagen. Der hatte sein Lebtag noch keine knechtliche Arbeit verrichtet. Er machte nur Spazierfahrten durch das badi.sche Land. Er wusste selbst nicht mehr, wie oft er schon von Mannheim nach Konstanz und von Basel nach Wertheim gezogen war…“ So beginnt Elisabeth Walter ihr Buch die „Abenteuerliche Reise des kleinen Schmiedledick mit den Zi.geunern“. Zigeuner? Politisch unkorrekt in der heutigen Zeit, 1930, als das Buch erschien, ein gängiger Begriff. Die „Abenteuerliche Reise des kleinen Schmiedledick mit den Zigeunern“ sollte im Badischen ein Bestseller werden, denn das Buch wurde zur Heimatlektüre in den Schulen eingesetzt. Ziel war es, den Kindern – im Sinne der Autorin – die langweiligen Fächer Geogra.fie, Geschichte und Geologie der badischen Heimat auf kindgerechte Art beizubringen. Nebenbei vermittelte sie auch die Märchen und Sagenwelt sowie die wirtschaftliche Entwick.lung des Landes zu damaliger Zeit. Das große Vorbild für Schmiedledick-Autorin Elisabeth Walter war Selma Lagerlöf, die Frau, die im Auftrag des schwedischen Lehrerverbands „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ schrieb. Bekanntlich lässt sie darin den kleinen Nils zusammen mit der

Die Bewohner der Villa „Schmiedledick“: Jg Seidel und Susanne Seidel-Buri.
Hausgans Martin durch Schweden fliegen. So lernt er – und somit auch die Schulkinder – sein Heimatland Schweden kennen. Etwas Ähnliches passiert dem Schmiedledick. Er wird von Zi.geunern entführt und fährt mit ihnen in ihrem Wagen durch das badische Land. Während Nils Holgersson heute noch ein populäres Buch ist – nicht zuletzt auch wegen der Zeichentrickserie – geriet der Schmiedledick in seinem Heimatland Baden allerdings etwas in Vergessenheit.
Durch Zufall wurde ein Zirkuswagen gefunden
Zwei, die seit Jahrzehnten gegen dieses Verges.sen arbeiten, ist das Ehepaar Jörg Seidel und seine Frau Susanne Seidel-Buri. Jörg Seidel war früher ein passionierter Reitersmann, als er die.ses Hobby aufgab, waren er und seine Frau auf Schusters Rappen unterwegs. Bei einer Wande.rung entdeckten sie einen Schäferkarren. „So was wäre es doch, mit so einem Karren durch die Lande ziehen“, sinnierte er laut und seine Frau gab die Antwort: „Wie der Schmiedledick.“ Durch diese Begebenheit entdeckten sie nach vielen Ehejahren, dass sie beide das Buch aus ih.rer Schulzeit kennen. Die Idee schon etwas ver-
Lesestunde bei Kerzenschein und Tee auf einem der zahlreichen Ausfle mit der Villa „Schmiedledick“.
Susanne Seidel-Buri und Jg Seidel

an einen Zirkusmann entdeckte Jrg Seidel einen alten Zirkuswagen…
gessen, da wollte es der Zufall, dass Jörg Seidel einen Zirkusmann traf, der nach Heu und Stroh für das Winterquartier suchte. Er hatte welches von seiner Pferdehaltung übrig, bot es ihm an, und brachte es ihm. In einer Ecke des Winter.quartier entdeckten sie einen ausrangierten Zir.kuswagen. Und wenig später gehörte er ihnen. Ein Traktor war auch bald gefunden.

Das Abenteuer Villa „Schmiedledick“ konn.te fast schon losgehen. Doch davor stand die Renovierung des alten Zirkuswagens an. Er wurde weiß und rot angemalt, bekam von der Grafikerin Susanne Seidel-Buri auf beiden Sei.ten den Schriftzug Villa „Schmiedledick“ sowie eine Gitarre verpasst und auf der Rückseite „Anti Schtress Express“. Ein neuer Boden wurde eingezogen, die Bremsen und die Lichter ersetzt, schlussendlich gab auch der TÜV sein okay.
Die beiden Wandervögel zogen mit ihrem wunderlichen Zirkuswagen natürlich die Blicke auf sich – egal wo sie hinkamen. Denn der Fah.rer des Traktors, an dem der Zigeuner-Zirkuswa.gen hängt, ist mit seinem mächtigen Vollbart eine eindrucksvolle Erscheinung. Und wer das Ehepaar Seidel aus Donaueschingen kennt, der weiß, dass an ihrem Tisch immer und für jeden ein Platz frei ist. Die gemalte Gitarre prangt nicht aus Zufall an dem Zigeunerwagen. Jörg Seidel spielt unter anderem Gitarre und Concer.tina, begleitet von seiner Frau auf der Mundhar.monika.
Natürlich wurden die Lokaljournalisten auf die beiden aufmerksam, die Zeitungsartikel füllen einen ganzen Ordner. So erfuhr Hubert Matt-Willmatt von dem Ehepaar Seidel und von ihrem Schmiedledick Zigeunerwagen. „Wir bekamen einen überraschenden Anruf“, erinnert sich Susanne Seidel. Denn: Die Ver.lagsrechte an dem Buch gehörten ihm, deshalb kann nicht ohne weiteres eine unautorisierte Veröffentlichung des Schmiedledick erfolgen. Und somit muss er bei allem gefragt werden. Doch Jörg Seidel, wie es seine Art ist, konnte den Freiburger recht schnell beruhigen und seine Frau Susanne erzählte ihm, dass – sollte er das Buch neu herausbringen wollen – sie gerne die Illustration dafür machen würde. Es wurde eine bis heute bestehende Jahrzehnte andauernde Freundschaft.
Dritte Auflage komplett ausverkauft
1998 hatte Hubert Matt-Willmatt den Schmied.ledick schon mal im Schillinger Verlag erfolg.reich wiederveröffentlicht und acht Jahre später sollte es nochmal soweit sein, erneut im Schillinger Verlag. Doch auch schon damals war das Wort Zigeuner politisch unkorrekt und Hubert Matt-Willmatt wandte sich an das Do.kumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Eines der Argu.mente für eine Wiederveröffentlichung unter dem gleichen Titel war der Zigeunerbaron von Strauss. Wie sollte dieser sonst betitelt werden? Unter anderem dieses Argument war stichhaltig.

2006 war es soweit: Das Schmiedledick-Buch wurde neu veröffentlicht, mit den Illustra.tionen von Susanne Seidel-Buri. Mittlerweile ist von dieser Version die dritte Auflage komplett ausverkauft. Seit dem Erscheinen im Jahr 1930 gingen 70.000 der Bücher über die Ladentheke. Ob es nochmals eine Auflage gibt, ist noch nicht klar. Eine gewisse Nachfrage wäre zwar da, aber noch ist kein Verlag gefunden. Auf ihren Ausfahrten hatten Jörg Seidel und seine Frau Susanne immer Exemplare dabei für die Inter.essierten.
Gemlich durch die badischen Lande
Mit ihrem Traktor fahren sie grundsätzlich Land.straßen, am liebsten solche mit wenig Verkehr, auch größere Städte werden gemieden. Denn bei der Geschwindigkeit hat man dann doch schnell eine lange Autoschlange hinter sich, und jeder der Autofahrer kann den Schriftzug „Anti.

Es ist das Gefhl von Freiheit, man lernt Leute kennen, die man sonst nie ken.nen lernen wrde und erfährt so ihre Geschichten.

Schtress-Express“ auf der Karrenrückseite lesen. Die meisten überholen irgendwann mit einem Winken und Grinsen im Gesicht, beschreiben die beiden solche Verkehrssituationen. Die Touren selbst waren früher eher ungeplant, einfach auf Schmiedledicks Spuren, fuhren sie kreuz und quer von Donaueschingen aus in den Schwarzwald, ins Elsass, in den Hotzenwald, den Hegau oder auch in die Schweiz.
„Es hat im Wagen die tollsten Begegnungen gegeben“, erinnert sich Jörg Seidel und Susanne ergänzt: „Die Leute kommen ganz anders auf einen zu. Beispielsweise mit morgendlichen Überraschungen wie frischen Brötchen, Eiern und Honig. Oder sogar ein Sektfrühstück war keine Seltenheit,“ erzählen sie.
Das Ehepaar erinnert sich auch an einen äußerst korrekten Polizisten, der schon die An.zeige aufgenommen hatte, weil sie sozusagen mitten im Wald, bei einem Aussichtsturm, ihr Camp aufgeschlagen hatten. Zunächst beka.men sie einen Vortrag, warum sie an der Stelle nicht ihr Lager aufschlagen können. „Ich be.grüßte den Beamten recht herzlich und freute mich über ihn“, sagte Jörg Seidel mit einem Augenzwinkern. Denn: „Zigeuner haben immer Scherereien mit der Obrigkeit.“ Am Schluss, nach einer längeren Unterhaltung, war der Poli.zist recht vertraulich. Einige Wochen später kam der „Strafzettel“ mit dem Betrag von null Euro. Zusätzlich gab es ein paar Bilder vom Wagen, die der eifrige Ordnungshüter geschossen hatte, als das Ehepaar noch im Schlaf lag. Es gab auch einen Förster, der auf die Pirsch ging, und nicht sehr erfreut war, die Seidels am Abend mitten im Wald mit ihrem Gespann bei einer Grillstelle
Wenn es in der He eng wird, muss am Zirkuswagen das Ofenrohr zur Seite geklappt werden.
zu treffen. Sie luden ihn ein, nach der Jagd doch noch einmal vorbeizukommen. Was er auch tat – es wurde bei Musik und dem einen oder anderen Schnäpschen ein vergnüglicher Abend. In einem Wirtshaus fuhren Gäste eigens noch.mals nach Hause, um ihre Musikinstrumente zu holen oder riefen ihre zu Hause gebliebenen Frauen an, dass es später wird. Die vielen Erin.nerungsschätze haben die beiden alle im Kopf und in mehreren Fotoalben archiviert.
Natürlich könnten die beiden auch ins Auto sitzen, um in den Urlaub zu fahren. Doch das Reisen auf den Spuren des Schmiedeldicks durch das badische Land ist immer noch aben.teuerlich und interessant. „Zündschlüssel rumdrehen und es ist eine ganz andere Welt.“ Es ist das Gefühl von Freiheit, man lernt Leute kennen, die man sonst nie kennen lernen wür.de und erfährt so ihre Geschichten. Bei Musik, Gesang und guter Laune gibt es bestimmt auch das Moritatenlied über den Schmiedledick, denn das haben sie auch kreiert.

Immer engagiert und auch immer gastfreund.lich. Auf seinen Reisen lernte das Ehepaar Seidel unzählige Menschen kennen und schloss viele neue Freundschaften

Isabella Schulz
Mit Naturseifen seit zehn Jahren erfolgreich
Es riecht nach Lavendel und Honig – alles hier ist mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Isabella Schulz kreiert in ihrer Manufaktur Seinerzeit-Sinneseindruck in Pfaffenweiler seit er zehn Jahren in Handarbeit erfolgreich Naturseife: Heilerde-Seife gegen Hautunreinheiten beispielsweise, Rosen-Seife f die Sinne, Rasier-Seife f Männer – oder die ,,Kaffee-Seife“, die tatsächlich alle Khengerhe wegzaubert. „Meine Seifen sind eine tolle Pflege f den ganzen Kper“, unterstreicht sie. Isabella Schulz produziert ihre Seifen in kleinen Serien fast täglich frisch und verwendet keinerlei Konservierungsstoffe. Besonders stolz ist sie auf ihre Marke „Schwarzwald-Gold“, eines ihrer Aushängeschilder. Den Namen hat sich die 51-Jährige schzen lassen.
von Franziska Furtwängler
D
as Seifenmachen ist eine alte Technik, schon die Sumerer stellten Seife her, nutzten sie allerdings als Heilmittel. Was es dazu braucht, hat sich Isabella Schulz selbst beigebracht: „Auf die Idee kam ich bei einem Bastelnachmittag mit den Kindern für ein Projekt der Schule, den Stand beim Marti.ni-Markt. Ich wollte mal was anderes machen. Etwas, was die Menschen auch verwenden kön.nen. Am Ende des Nachmittags hatte ich mei.nen ersten Seifenrohling in der Hand“, erinnert sie sich. Die Seifen verkauften sich blendend. Als Bekannte wissen wollen, wie ihr das denn so gut gelungen ist, horcht sie auf. Jetzt beschäf.tigt sich Isabella Schulz intensiv damit.

In der Apotheke fragt sie nach den üblichen Zutaten von Naturseifen und liest sich in Bü.chern die Grundlagen der Herstellung an. Das Landratsamt sagt ihr bei einer Beratung, dass sie eine Sicherheitsbewerterin benötige. Das Gesundheitsamt Freiburg ist ihre nächste An.laufstelle. Ein Sicherheitsbewerter ist dafür ver.antwortlich, dass die Seife als ein kosmetisches Mittel bei bestimmungsgemäßer Anwendung schlicht und einfach „sicher ist“. Isabella Schulz findet ihre Sicherheitsbewerterin in Stuttgart.
Im Untergeschoss ihres Wohnhauses richte.te sie sich eine Werkstatt ein und beginnt, die Seife zu fertigen und zu verkaufen. Einfach so, ohne groß Werbung dafür zu machen. Ihr Kon.

Isabella Schulz bei der Seifenherstellung – die Rezepte dazu sind eigene Kreationen.

zept geht auf, das zeigt eine wachsende, immer breitere Stammkundschaft, die ihr seit vielen Jahren treu geblieben ist. Das spricht für die ho.he Qualität der Produkte.
Ihre Seifenrezepte sind Eigenkreationen, entwickelt bei vielen Versuchen – stets mit sorgfältig ausgewählten Zutaten. Die Tempe.ratur ist wichtig, harte und flüssige Fette, Öle, Duftstoffe und Laugen werden verwendet. Eine kaltgerührte Seife benötigt mindestens vier Wochen, bis sie richtig fest ist. Aber die Details verrät sie natürlich nicht… Viel Zeit benötigt die Nachbearbeitung, denn die Seife wird nach dem Schneiden mehrere Monate gelagert.
Immer, wenn Isabella Schulz ein neues Re.zept kreiert, hält sie zudem Rücksprache mit ei.ner befreundeten Lebensmittelchemikerin. Wie erwähnt, kann nicht jeder „einfach so“ Seifen herstellen und diese als Naturkosmetik dekla.rieren und veräußern. Da gilt es, die gesetzlich geregelte Kosmetikverordnung einzuhalten. Den regelmäßigen Kontrollen des Gesundheits.amtes sieht sie in diesem Zusammenhang gelassen entgegen. „Damit habe ich mich ar.rangiert. Solche Kontrollen sind wichtig, auch damit die Kunden wissen, woran sie sind.“ Die Pfaffenweiler Seifenmacherin hat bisher jede Kontrolle mit Bravour gemeistert und nie Prob.leme bekommen.
Besonders freut es Isabella Schulz, wenn sie ihrer Kundschaft wertvolle Ratschläge weiter.geben kann. Denn viele, die ihre Erzeugnisse benutzen, haben mit konventionellen Produkten Probleme. Bewirkt eine Lotion oder Seife bei jemandem die Linderung einer Allergie, teilt sie diese Erfahrungswerte gerne mit anderen. Wer an Allergien leidet oder Hautprobleme hat, schätzt die natürlichen Pflegeprodukte beson.ders. „Es gibt viele Erfolgsgeschichten“, berichtet Isabella Schulz. Hinweise dazu finden sich auch auf ihrer Internetseite www.naturseifen-vs.de.
Auch der verschlungene Weg frt zum Ziel
Isabella Schulz ist 15 Jahre alt, als sie die Schule in Pfaffenweiler abschließt. „Ich spürte, dass ich etwas Kreatives machen will“, sagt sie. Doch die Ausbildungsplätze für kreative Berufe wie Goldschmiedin sind rar. Sie wird schließlich Bäckereifachverkäuferin. Das Verkaufen und der Kontakt zu Menschen macht ihr Spaß. Dennoch wechselt sie später Betrieb und Branche und wird Springerin in der Produktion des Villinger Unternehmens Mannesmann Kienzle. Es ist die Zeit, in der sie mit einem weinenden Au.ge darauf zurückblickt, die Schule bereits mit

Im mit Liebe zum Detail eingerichteten Verkaufsraum umwerben die Besucher viele Dte (oben).
Jede Seife hier ist eine individuelle Schfung. Wie auch das „Schwarzwald Gold“ (unten rechts), ein besonders erfolgreiches Produkt, dessen Namen sich Isabella Schulz schzen ließ.

ein verschlungener Werdegang gut war. Denn alle erlernten Fertigkeiten kann ich heute gut einsetzen.
15 verlassen zu haben. Also beschließt Isabella Schulz, die Abendschule zu besuchen und sich kaufmännisch weiterzubilden. Eine bodenstän.dige Ausbildung hält sie für enorm wichtig, auch heute noch. Das ist ein Wert, den sie auch ihren drei Kindern vermittelt, von denen sich der älteste Sohn und die Tochter für eine hand.werkliche Ausbildung entscheiden.
„Manchmal erkennt man eben erst nach ei.niger Zeit, wozu ein verschlungener Werdegang gut war.“ Isabella Schulz spricht aus Erfahrung: Nach der Abendschule bewirbt sie sich mit Er.folg als Sekretärin in einem Unternehmen, ist dort für die Verwaltung der Patente zuständig. Im Rückblick stellt sie fest: „So unterschiedlich die Berufszweige auch waren, ich habe in jedem einzelnen Fertigkeiten erlernt, die ich heute gut einsetzen kann.“

Der Erfolg erfordert Expansion
2014 ergibt sich die Gelegenheit für eine Ver.änderung, sie zieht mit Werkstatt und Verkauf in der Nachbarschaft in neue Räume. Dort bemerkt sie, dass ihre Kunden die Gespräche und den Austausch fast genauso genießen wie den Einkauf selbst. „Da lag es nahe, eine kleine Kaffeeecke einzurichten und das Ganze gemüt.licher zu gestalten.“ Ebenso nahe lag auch, im folgenden Jahr das komplette Erdgeschoss im Gebäude neben ihren Verkaufsräumen anzu.mieten, in dem zuvor eine Bäckerei betrieben wurde. Doch nicht, um ihre Verkaufsfläche zu erweitern, sondern um im ursprünglichen Café der Bäckerei ihre Kaffeeecke zu vergrößern. Auch dort zieht sich der Name Seinerzeit wie ein roter Faden durch die Einrichtung: Geschmückt sind die Wände mit alten Schwarz-Weiß-Bildern Pfaffenweilers, die Möbel sind rustikal und mit altem Charme, wie „seinerzeit“ eben.

Auch im Verkaufsraum hat sie jeden Deko.rationsartikel passend zu ihren handgemachten Produkten ausgewählt. So kommt sie denen entgegen, die ihre Seifen zu besonderen An.lässen verschenken wollen, denn diese finden bei ihr ein komplettes Geschenksortiment zum Selbstzusammenstellen. Immer farblich pas.send abgestimmt und hergerichtet.
Mit Stolz blickt sie auf ihren breiten Kun.denstamm. „Er ist nicht auf den Schwarzwald.Baar-Kreis begrenzt. Manche meiner Kunden kommen aus Freiburg, Stuttgart und sogar aus Düsseldorf.“ Letztere haben ihren Laden bei einem Urlaub im Schwarzwald kennengelernt und kommen seither regelmäßig, wenn sie wie.der in der Gegend sind. Für genau diese Kunden plant Schulz einen Online-Shop, speziell für ihre Sortimentslinie „Schwarzwald Gold“.
Der familiäre Zusammenhalt ist wichtig, vor allem, wenn es mal stressig wird.
Isabella Schulz hat mit ihrem Mann zusammen drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter. Sie lebt in ihrem Heimatort Pfaffenweiler, wenige Meter entfernt von ihrem Laden. Zu Stoßzeiten kann sie jede helfende Hand gebrauchen. Denn Isabella Schulz stellt nicht nur die Seifen her, auch der Verkauf, der Vertrieb und das Marke.ting laufen in Eigenregie. Sie hat mehrere Ange.stellte für Produktion und Cafébetrieb.
„Vor Weihnachten haben wir hier Hochbe.trieb. Ich habe viele Kunden, die mit meinen Seifen Kunden oder die eigene Belegschaft beschenken.” Für diese kreiert sie gerne auch spezielle Sonderartikel. In dieser Stoßzeit wird sie von ihrer Familie, Freunden und Angestellten intensiv bei Verkauf und Auslieferung unter.stützt. „Meine Rasierseife muss so ein Jahr lang halten, denn es sind immer wieder dieselben Kundinnen, die an Weihnachten ihre Männer damit beschenken“, schmunzelt sie.
2017 feierte sie bereits das zehnjährige Ju.biläum ihrer Manufaktur. Mittlerweile hat sie
Isabella Schulz

zahlreiche Artikel im Angebot und veräußert auch viele weitere Produkte rund um Wellness. „In ihrer Seifenküche zaubert sie neben ver.schiedenen Seifensorten – mit Ringelblume, Ka.mille, Heilerde, Stutenmilch oder Grüntee. Aber auch Badekugeln, Duschpeeling, Körper- und Massagebutter, Lippenpflege und Handcremes. Sogar ein eigenes Parfüm hat Isabella Schulz zum zehnjährigen Jubiläum der Seifenmanu.faktur kreiert“, zeigt sich eine Lokalzeitung be.geistert.
Die Frau aus Pfaffenweiler hat ihre Berufung gefunden, ist im ganzen Landkreis und darü.ber hinaus für hochwertige Seifen und Well.ness-Produkte bekannt.
Vielfältigste Gerhe, Formen und Farben – in der Naturseifen-Manufaktur von Isabella Schulz findet sich ein breites Angebot. Bis hin zum Café „Seinerzeit“ (Seite links), ein beliebter Treffpunkt.

Zur Geschichte der Natursteine aus Schwarzwald und Baar
von Martin Fetscher
5. Kapitel – Geschichte
Das markante Villinger Mster besteht vollständig aus Buntsandstein. Die Abbaustellen befanden sich im Bereich des heutigen Stadtrandes beim Kurgebiet.

Granit, Muschelkalk und Quarzporphyr – das sind Handelsnamen beliebter Natursteine. Dass diese und andere sche Natursteine im Landkreis vorkommen und er Jahrhunderte hinweg abgebaut wurden, ist teils wenig bekannt. Viele Steinbrhe sind längst verschwunden, doch in älteren Bauwerken sind die mehr oder weniger vor Ort gebrochenen und bearbeiteten Bausteine bis in die Gegenwart hinein oft gut sichtbar.
D
ie Verwendung von Natursteinen ist „in“: Sie geben vielen Gebäuden sozusa.gen den „letzten Schliff“. Sie sind chic, besonders dort, wo es etwas repräsentativ sein darf: an öffentlichen Gebäuden, an Fassaden von Banken und Versicherungen, aber auch im privaten Umfeld besonders im Eingangsbereich, im Bad oder auf der Terrasse. Das liegt auch da.ran, dass heute Natursteine aus aller Welt ver.gleichsweise günstig zu haben sind. Daher wird Importware nicht nur im hochpreisigen Bereich eingesetzt, sondern gerade auch dort, wo große Mengen benötigt werden: Granite aus China finden sich als Sitzstufen an unseren Flüssen, Treppenstufen oder Balkonplatten. Viele hoch.wertige Natursteine kommen aus Indien.
Dabei kommen viele abbauwürdige und durchaus ästhetische Natursteine auch in Mit.teleuropa vor, doch nur wenige werden derzeit noch abgebaut wie zum Beispiel Granite im Bayrischen Wald, der häufig in Form von Rand.steinen oder Pflastersteinen zu uns kommt, oder der „Jura-Marmor“ der Schwäbischen Alb, der in Fenster- und Bodenplatten Anwendung findet.
Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es einige geeignete und schöne Naturbausteine. Davon zeugen zahlreiche monumentale Gebäu.de, aber auch viele ältere, einfache Wohnhäuser und sonstige Bauwerke. Es gibt zwar einige aktive Steinbruchbetriebe, aber deren Gesteine werden nicht mehr zu Bausteinen verarbeitet. Diese wären preislich nicht konkurrenzfähig mit marktfähigen Steinen aus dem In- und Ausland. Der Abbau dient vor allem zur Herstellung von

Die wichtigsten Bausteine im Land.kreis sind verschiedene Sandsteine, Kalksteine und der Granit.

Schottern oder allenfalls von Flussbausteinen und Findlingen für den Garten- und Land.schaftsbau. Die wichtigsten Bausteine im Land.kreis sind verschiedene Sandsteine, Kalksteine und der Granit.
Buntsandstein
Der verbreitetste und am häufigsten verwende.te Naturbaustein ist der Buntsandstein. Er fällt auf durch seine überwiegend roten Farbtöne. Teilweise enthält er typische weiße Quarzkiesel mit mehreren Zentimetern Größe. Häufig weist er auch eine Schrägschichtung auf, die ihm ein schönes Aussehen verleiht und auf seine Entstehung in wüstenhaften Trockentälern der Triaszeit hinweist. Manche Schichten bestehen aus gleichkörnigen, glänzenden Quarzsanden, so dass man von zuckerkörnigem Sandstein spricht. Andere Sandsteine sind fleckig grau, was ihnen den Namen Tigersandstein verleiht. Buntsandstein zeichnet sich dadurch aus, dass er gut bearbeitbar und relativ witterungsresis.tent ist. Er ist am östlichen Schwarzwaldrand entlang einer Linie von Bräunlingen – Wolter.dingen – Villingen – Fischbach anzutreffen. Die Altstädte von Villingen und Bräunlingen sind überwiegend aus Buntsandstein erbaut.

VERBREITUNGSKARTE DER NATURSTEINE
ORTENAUKREIS
LANDKREIS ROTTWEIL
Fischbach

Triberg Schonach KönigsfeldSt. Georgen
Niedereschach
Brigachquelle

LANDKREIS Mönchweiler EMMENDINGEN Oberkirnach
Schönwald Dauchingen
Villingen-Schwenningen
Unterkirnach
Furtwangen

Vöhrenbach Mühlhausen
Neckar.
ursprung
Hochemmingen

lde

Linach-Tuningen
Bad Dürrheim
talsperre
Überauchen
Brigachtal
Hammereisenbach-
Klengen
Bregenbach
Öfingen
Aasen
Wolterdingen
Unterbaldingen
Donaueschingen
LANDKREIS
Pfohren
LANDKREIS
BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD
Brä
Riedseen TUTTLINGEN
Bräunlingen
Kirnbergsee
Hüfingen
Neudingen
Döggingen Fürstenberg
Mundelfingen
Hondingen

Riedöschingen
Achdorf
Blumberg
Randen

Triberger Granit LANDKREIS Epfenhofen
Buntsandstein WALDSHUT
Oberer Muschelkalk Fützen
Sandsteinkeuper Randen
Arietenkalk
Randengrobkalk
Travertin (Roter Stein)
Basalt (Blauer Stein)

Oben: Der Vrenbacher Stadtbrunnen von 1860.
Unten: Brunnentrog aus Granitstein, der im Uracher Fahlenbach am Straßenrand steht.
Rechte Seite: Die Ettervilla in Schwenningen, erbaut 1902, mit Sockel aus Villinger Buntsandstein, Säulen und Fensterrahmungen aus regionalem Schilfsand.stein und Treppenstufen aus Triberger Granit.

Buntsandstein – gerade auch aus Bräunlingen und Wolterdingen – fand häufig Verwendung als Pflasterstein, Grenzstein und Mühlstein. Im Steinbruch Sommerau in St. Georgen wurde noch in den 1950er-Jahren Sandstein abgebaut. Hierzu wurden sogar Stollen in den Berg getrieben.
Triberger Granit
Die kristallinen Gesteine des Schwarzwaldes eignen sich ebenfalls als Baustein. Beste Eigen.schaften weist der Triberger Granit auf, wäh.rend der Eisenbacher Granit sowie die Gneise bei St. Georgen oder im Bregtal stärker zur Verwitterung neigen. Der Triberger Granit ist leicht rosa und zeichnet sich aus durch gro.ße, deutlich erkennbare Feldspat-Kristalle. Er ist sehr hart und dementsprechend schwer zu bearbeiten.
Größere Abbaustellen befanden sich am Nordhang des Schonacher Tals. In Triberg, Scho.nach und Schönwald besteht jedes ältere Ge.bäude zumindest zum Teil aus Triberger Granit – die Gebäudesockel sind regelmäßig aus Natur.stein gebaut. Über diesen Raum hinaus wurde der Triberger Granit gerne für Treppen und Türschwellen verwendet. Solche Treppen weisen bis heute kaum Abnutzungserscheinungen auf, auch wenn sie weit über 100 Jahre alt sind.
Eine weitere, besondere Verwendung fand das Gestein für die Herstellung von Brunnen.trögen aus einem Stück. Solche Stücke, die über fünf Tonnen schwer sein können, befinden sich heute noch auf zahlreichen Schwarzwaldhöfen. Ein besonders schönes Beispiel stellt der Stadt.brunnen von Vöhrenbach dar.
Schilfsandstein und Stubensandstein
Weitere Sandsteine befinden sich im Bereich des Keupervorlandes der Schwäbischen Alb, etwa entlang einer Linie Fützen – Pfohren – Bad Dürrheim – Mühlhausen. Gemeint sind der Schilfsandstein und der Stubensandstein. Beide Schichten sind im Landkreis nur wenige Meter mächtig. Hier im Landkreis wurden der Schilf.sandstein und der Stubensandstein kleinräumig

In Klengen wird noch heute Kalkstein abgebaut. Er diente frer in großem Umfang als Baustein.
bis Ende des 19. Jahrhunderts abgebaut, so bei.spielsweise am Aasener Kapf.
Der meist hell- bis grüngraue Schilfsand.stein findet sich mancherorts in Form von Tür- und Fensterstürzen oder als Treppenschwellen, da er leicht zu bearbeiten ist. Sein Nachteil ist, dass er leicht abbröselt, da die Sandkörner kal.kig gebunden sind und daher leicht verwittern, besonders durch den Einfluss von saurem Re.genwasser. Er hat seinen Namen von vereinzelt enthaltenen Pflanzenresten.
Der Stubensandstein besitzt meist rötliche oder bräunliche Farbtöne und ungleich große Sandkörner. Im schwäbischen Raum ist er als Baustein sehr viel verbreiteter als auf der Baar. Mit dem Sand, zu dem er verwittert, wurden früher Holzböden gereinigt – daher sein Name.

Quarzprophyr
Noch härter und widerstandsfähiger als der Granit ist der Quarzporphyr. Dieser wird im Groppertal in Villingen bis heute im Hart- steinwerk abgebaut. Die Porphyre im Handel stammen meist aus dem Odenwald oder aus Südtirol.
Kalke und Dolomite des Oberen Muschelkalkes
Weit verbreitet sind Kalksteine. Die beste Qua.lität als Baustein und die größten Vorkommen finden sich im Bereich des Oberen Muschel.kalkes, wo auch heute noch zwei Steinbrüche betrieben werden: in Klengen und in Dauchin.gen. Entsprechend seiner Verbreitung wurde er früher in großem Umfang als Baustein ab.gebaut entlang einer Linie Döggingen – Donau.eschingen – Brigachtal – Schwenningen – Nieder.eschach. Es gab zahlreiche Brüche, die heute verfüllt sind.

Die Kalke und Dolomite des Oberen Muschelkalkes sind erkennbar an der hellen Farbe und manchmal porösen Struktur oder an Ooiden, kleinen kugelförmigen Bestandteilen. Häufig sind Reste von Muschelschalen und Seelilien erkennbar. Im Vergleich zu anderen Kalksteinen sind sie relativ frostbeständig und waren daher ein sehr viel verwendeter Baustein.
Arietenkalk
Auch andere Kalke aus dem Jura wurden häu.fig als Baustein verwendet, so vor allem der Arietenkalk im untersten Jura. Dieser hervor.ragende Baustein tritt in einer nur ca. sechs Meter mächtigen Schicht auf entlang einer Linie Achdorf – Mundelfingen – Döggingen – Neudin.gen – Aasen – Hochemmingen – Weilheim. Der Arietenkalk ist gekennzeichnet durch häufige

Noch härter und widerstandsfähiger als der Granit ist der Quarzporphyr, er wird im Steinbruch im Gropper.tal in Villingen gewonnen.
Eine Brachiopodenschale im Mauerwerk der Enten.burg, die aus Arietenkalk besteht, der durch häufige Fossilien-Einschlse gekennzeichnet ist.

Rechte Seite, oben: Blauer Stein aus Riedchingen. Aus ihm ist auch der Riedchinger Narrenbrunnen entstanden. Links unten: Wohnhaus in Riedchingen mit rotem Travertin. Rechts unten: An der Dorfkirche St. Gallus in Epfenhofen ist die Verwendung von Randengrobkalk besonders sch sichtbar.
Fossilfunde, vor allem riesiger Ammoniten. Die ehemals zahlreichen Steinbrüche sind heute jedoch fast alle verfüllt.
Kalke aus dem Braunjura und Malmkalke
Weitere Bausteine sind die Kalke aus dem Braunjura sowie die hellen Malmkalke, wie sie in Öfingen, Unterbaldingen, Fürstenberg und Hondingen und Blumberg abgebaut wur.den. Am Geisinger Steinbruch leuchten diese wohlbekannten Kalke bis in weite Ferne. Diese Gesteine sind im Landkreis allerdings nur wenig frostbeständig.
Basalt und Travertin
Weitere bautechnisch interessante Gestei.ne, jedoch von insgesamt untergeordneter Bedeutung, sind in Riedöschingen der Ba.salt vom Blauen Stein und der Travertin vom Roten Stein – beides hervorragende und auch ausgesprochen schöne Bausteine, allerdings mit einer geringen Verbreitung. Sie zeugen von der vulkanischen Vergangenheit vor ca. 12 Millionen Jahren. Der Travertin ist an ehemaligen heißen Quellen oder Geysiren entstanden. Der dichte, fast schwarze Basalt vom Blauen Stein wurde nahezu komplett abgebaut und es ist heute nur noch ein Rest im Wald zu sehen.
Randengrobkalk
Eine weitere Besonderheit im südlichsten Teil des Landkreises ist der Randengrobkalk, ein poröser Kalkstein, der fast ausschließlich aus verbackenen Schalen von Muscheln und Turm.

schnecken besteht. Er ist hervorragend zu ver.arbeiten, ist relativ leicht im Gewicht und hat darüber hinaus gute Isoliereigenschaften. Im benachbarten Tengen wird er bis heute abge.baut. Früher wurde er am Lindenberg bei Zoll.haus sowie in Epfenhofen abgebaut.
Kalktuff
Ähnlich günstige Eigenschaften hat Kalktuff, den man im Bereich der Schwäbischen Alb häufig antrifft. Im Gegensatz zu allen anderen Naturbausteinen ist er sehr jung. Er entsteht bis heute an Quellaustritten von besonders kalk.haltigen Gewässern, dort, wo sich mit Hilfe von Moosen Kalk ausscheidet. Die Vorkommen im Landkreis sind allerdings sehr kleinräumig.
Die Rer – Vorliebe f langlebige Bauten
Die Römer waren die Ersten, die in unserer Region in größerem Stil aus Stein bauten. Sie verwendeten vorzugsweise Gesteine, die sie vor Ort vorgefunden haben, oder aber Ziegelstein aus gebranntem Ton. Da die Römer eine Vor.liebe hatten für monumentale und langlebige Bauten, wurden geeignete Bausteine gerade für die Herstellung von Säulen und Denkmälern teilweise über hunderte Kilometer transportiert.
Als die mittelalterlichen Städte und Burgen befestigt wurden, war die Verfügbarkeit von geeigneten, witterungsbeständigen Bausteinen ein wichtiger Standortfaktor, auch in unserer Region. An der Qualität der verwendeten Bau.steine lässt sich direkt erkennen, wie es um den

Rechts: Findlinge dienen in Schonach beispielsweise als Hinweis auf Bauernhe oder als Grundlage f ein Denkmal (Bilder oben).
Der Gterfelsen auf der Martinskapelle bei Furtwan.gen (unten) besteht nicht aus Findlingen in engerem Sinn – wird aber oft daf gehalten. Die Felsblke sind vor Ort entstanden, es handelt sich um eine sogenannte Wollsackverwitterung.
Links: In einst msamer Handarbeit gespaltener Block in der Nähe des Blindensees, Schonach.
Bauherrn bestellt war. Nur reichere Schichten konnten sich überhaupt hochwertige, be.schlagene Bausteine leisten. Sonst wurde mit minderwertigem Steinmaterial gebaut oder überhaupt weitgehend auf die Verwendung von Stein verzichtet.
Entsprechend verfügte jede Stadt und fast jedes Dorf über einen oder mehrere ortsnahe Steinbrüche, welche dort angelegt waren, wo die jeweils am besten geeigneten Bausteine vorzufinden waren. Oft wurden diese nicht dau.erhaft, sondern eher bedarfsweise durch örtli.che Kleinunternehmer oder Handwerker oder durch die Gemeinden selbst betrieben. Oder aber wer Steine benötigte, musste das Brechen selbst organisieren und dabei mithelfen. Die Herstellung von hochwertig gebrochenen und je nach Bedarf zurecht geschlagenen Bausteinen bedurfte jedoch einiges an Know-How sowie an speziellem Gerät.
Die Findlinge im Schwarzwald
Eine Besonderheit im Schwarzwald war die Ver.arbeitung von Findlingen. Besonders im Bereich Triberg – Schonach – Schönwald sind diese in entlegeneren Waldgebieten häufig anzutref.fen. Die Findlinge entstanden im Granit durch Wollsackverwitterung. Das heißt, dass ausge.hend von wasserführenden Klüften das Gestein verwitterte und nur die Kerne von großen quaderförmigen Blöcken unverwittert blieben. Diese sind auch besonders hart und wider.standsfähig und wittern daher gegenüber dem sonstigen Gestein an der Oberfläche heraus.

Im Schwarzwald war es bis ins 19. Jahr.hundert hinein weit verbreitet, diese Blöcke händisch zu spalten. Hierfür wurden entlang der vorzugsweisen Spaltrichtung Keile in den Stein getrieben. Teilweise wurden die Blöcke mit Holzkeilen „gesprengt“. Hierfür wurden trocke.ne Holzkeile in die vorgefertigten Spalte einge.führt und dann befeuchtet. Durch das Quellen des Holzes entstehen sehr große Kräfte, mit Hilfe derer sogar große Blöcke gespalten werden können. An entlegenen Stellen im Schwarzwald kann man noch Spuren dieses Handwerks finden.
Im Schwarzwald war ehemals die gesamte Landschaft von Blöcken übersät, so wie man es heute noch in den entlegenen Waldgebieten sehen kann. Die Nutzung der verstreuten Stein.blöcke als Baustein hatte zusätzlich einen Nut.zen für die Landwirtschaft. Waren die verwend.baren Blöcke aufgearbeitet, wurde darunter je nach Bedarf weiter abgebaut bzw. wilder Abbau betrieben. Spuren hiervon sind vielerorts in den Wäldern um Triberg, Furtwangen, St. Georgen und selbst Villingens zu erkennen.

Burgruinen wurden geschleift f Baumaterial
Nach Bränden oder Zerstörungen wurden Bau.steine häufig wiederverwendet. So dienten Burgruinen vielerorts quasi als Steinbrüche, so dass in der Nähe von Siedlungen nur wenig er.halten geblieben ist. Ein Beispiel hierfür ist das ehemalige Benediktinerkloster in St. Georgen. Teilweise trifft das auch auf die Burgruine Neu.fürstenberg in Vöhrenbach-Hammereisenbach zu, die im Bauernkrieg zerstört wurde. Jüngere Beispiele für die Verwendung von Naturstein aus alter Bausubstanz sind das Villinger Ge.fängnis und das dortige Gerichtsgebäude. Die Gebäude wurden im Jahr 1848 aus dem Rück.bau des Niederen Tores und der angrenzenden Stadtmauer errichtet.
Dort, wo widerstandsfähige Bausteine rar waren, sind auch minderwertige Bausteine verwendet worden. Diese sind über die Jahr.hunderte längst verwittert. Daher sind bei.spielsweise auf dem Fürstenberg oder an der ehemaligen Ruine Blumberg nicht einmal mehr Gebäudereste vorhanden.

Fstenberg wurde in großen Teilen aus dem Steinmaterial der alten Stadt erbaut, die bis zum Großbrand von 1841 auf dem Berg oben stand. Auch Reste der ehemaligen Burgruine Neufstenberg in Hammereisenbach fanden bei Bauten im Dorf unten eine neue Verwendung – Baumaterial war und ist kostbar.

Der Bergfried der Ruine Waldau mit mächtigen Buckelquadern aus besonders widerstandsfähigem Kristallsandstein ist er 700 Jahre bis heute erhalten geblieben. Die Mauern sind bis zu drei Meter stark.
Ein sches Beispiel f alte Kirchenbauten ist die Kirche St. Martin in Kirchdorf, eine der Urkirchen der Baar, die aus Muschelkalk errichtet wurde. Der Sockel besteht aus Schilfsandstein.

Aus dem Mittelalter sind viele Bauwerke aus Naturstein erhalten
Aus dem Mittelalter sind im Schwarzwald-Baar-Kreis viele Bauwerke aus Naturstein erhalten wie zahlreiche Kirchen, Burgruinen und Stadt.mauern. Einige Beispiele aus dieser Zeit, an de.nen man die Verwendung von Naturbausteinen besonders gut beobachten kann, sind die Enten.burg in Pfohren, die Stadtmauer von Villingen mit den Stadttürmen, die Burgruinen Waldau oder Neufürstenberg. Schöne Beispiele für älte.re Kirchengebäude, an denen die verwendeten Natursteine gut sichtbar sind, sind das Villinger Münster, die Stadtkirche von Vöhrenbach und die Dorfkirchen von Fützen, Hondingen und Kirchdorf. Beim fürstlich-fürstenbergischen Schloss in Donaueschingen wurden unter.schiedliche Sandsteine aus der weiteren Region verwendet.
Bauboom im 19. Jahrhundert
Eine Renaissance erlebte der Naturstein gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Gründe dafür waren mit wachsender Bevölkerung ein Bauboom über die mittelalterlichen Stadtgrenzen hinaus, so.wie große Fortschritte in der Transporttechnik bei Abbautechniken für Fels und in der Stein.bearbeitung. Bausteine in der Region wurden mit Hilfe von Brechern und Schlagwerkzeugen in Handarbeit zurecht gehauen. Damit konnten die Steinbruchbetriebe der Region nicht der Konkurrenz mit industrieller Steinbearbeitung standhalten. Ca. 1870 waren die wichtigsten Bahnstrecken im Landkreis in Betrieb genom.men – 1873 besonders die Schwarzwaldbahn – und Bausteine wurden nun mit der Eisenbahn leicht auch über längere Strecken befördert.
Im neoklassizistischen Baustil, aber auch im Jugendstil, bestand eine Vorliebe für die Verwendung von Naturbaustein. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche, teils monumentale Natur.steinbauwerke im Landkreis. Gleich Dutzende Bauten wohlhabender Bürger in Villingen, Schwenningen und Donaueschingen haben bis heute überdauert. Es gibt dort ganze Villenvier.tel.

Zeichen des Baubooms: Jugendstilvilla aus Buntsandstein am Villinger Benediktinerring.

Am Romäusturm in Villingen sind die Sandsteinquader so groß, als hätte sie der Riese Romäus perslich aufeinan dergesetzt. Einzelne Quader haben eine Länge von bis zu 1,5 Metern und ein Gewicht von bis zu rund zwei Tonnen. An den Quadern wurden seitlich Lher angebracht, um diese mittels Zangen und Seilzugkran ereinanderset zen zu knen.

Eine kstlerische Rarität stellt die Steinkanzel im Inneren des Villinger Msters dar. Ein Kstler des fren
16. Jahrhunderts hat die Passion Christi komplett in Schilfsandstein verewigt.
Zur Geschichte der Natursteine aus Schwarzwald und Baar

Naturbausteine waren bis in die 1920er-Jahre hinein der vorherrschende Baustoff
Als eindrucksvolles Beispiel sei hier die Bräun.linger Stadtkirche genannt, die im Jahr 1883 fertiggestellt wurde. Durch die Außensanierung sind die verschiedenen verwendeten Naturbau.steine heute sehr gut sichtbar. Die Architektur entsprach den Stilvorstellungen der damaligen Zeit, zumal die Kirche überwiegend von der politischen Gemeinde finanziert wurde und die Bauleitung durch den Fürstlich-Fürstenbergi.schen Hofbaumeister erfolgte. Unterschiedlich gefärbte Naturbausteine der Region wurden da.bei ganz gezielt eingesetzt wie der rötliche oder violette Buntsandstein aus dem Bräunlinger Stadtwald und der helle Muschelkalk vom städ.tischen Steinbruch. Bemerkenswert ist die gute Bearbeitung der heimischen Bausteine.

Bis in die 1920er-Jahre waren Naturbaustei.ne der vorherrschende Baustoff, zumindest für die bodennahen Gebäudebauteile. Üblicher.weise sind Sockelmauern von Wohnhäusern aus dieser Zeit in der Region aus Buntsandstein oder aus Granit. Häufig wurde eine unverputzte Zie.gelsteinbauweise gekonnt kombiniert mit ver.schiedenen Naturbausteinen wie zum Beispiel bei der Ettervilla, einer prachtvollen, typischen Fabrikantenvilla in Schwenningen aus dem Jahr 1902, oder auch die Grund- und Hauptschule in Triberg oder das alte Krankenhaus in der Herd.straße in Villingen.
Auch in technischen Bauwerken fanden re.gionale Naturbausteine Verwendung. Beispiele hierfür sind die monumentalen Stützbauwerke der Viadukte der Sauschwänzlebahn in Fützen und Epfenhofen. Die steinernen Stützen haben eine Höhe von bis zu ca. 25 Metern und beste.hen im Inneren aus Kalkstein, welcher beim Streckenbau gewonnen wurde, der mit regiona.lem Buntsandstein umhüllt wurde.
Ein weiteres Beispiel ist die Schützenbrücke in Donaueschingen aus der Mitte des 19. Jahr.hunderts, welche aus Muschelkalk sowie aus regionalen Sandsteinen errichtet wurde. Un.zählige Stützmauern im Schwarzwald bestehen aus Triberger Granit oder Buntsandstein wie in Vöhrenbach, Furtwangen oder Triberg selbst.
Lange Ziegelsteintradition
Trotz der guten Natursteinvorkommen gibt es im Landkreis aufgrund entsprechender Tonvor.kommen auch eine lange Ziegelsteintradition. Vorrangig war hier die Verwendung als Dachzie.gel. Mit der industriellen Verarbeitung konnte jedoch auch günstig Baustein gewonnen wer.den. Größere Ziegelwerke gab es in Villingen, Schwenningen und Wolterdingen.

Ab den 1920er-Jahren wurde immer mehr mit Beton gebaut. Ein frühes, imposantes Bei.spiel der Betonbaukunst ist die Talsperre des Linacher Stausees aus dem Jahr 1925. Beton, Zie.gelstein und andere künstliche Bausteine lösten die Naturbausteine zunehmend ab. Zudem wurden ab den 1930er-Jahren mehr und mehr überregionale Bausteine verwendet, die zuneh.mend industriell abgebaut wurden. Vorhandene Steinbrüche in der Region wurden für Schotter verwendet und nur noch am Rande für Baustei.ne. Dennoch wurden zahlreiche kleine Steinbrü-

Viadukt der Sauschwänzlebahn bei Fzen, erbaut im Jahr 1889.
che vor dem 2. Weltkrieg noch betrieben und in der Nachkriegszeit nochmals reaktiviert.
Ab ca. Ende der 1960er-Jahre kamen Natur.steine zunehmend aus dem Ausland, zunächst aus dem europäischen Ausland, aus dem Tessin, aus Italien, Spanien oder aus Skandinavien, und seit den 1980er-Jahren immer öfter aus Übersee.
Schzenbrke in Donaueschingen von 1841.

Den Gefallenen des Krieges ein Gesicht geben
100 Jahre Erster Weltkrieg in Brigachtal und Marbach
von Josef Vogt
Unweigerlich werden die Besucher, die seit dem Spätherbst 2014 auf den Friedhof der Gemeinde Brigachtal kommen, von den weißen Kreuzen angezogen, die dort dicht nebeneinander auf einem Rasenfeld stehen. Wer näher an die ungewnliche Ansammlung von 59 Holzkreuzen herantritt, stellt fest, dass jedes Kreuz eine ovale Messingplakette trägt auf dem ein Name, das Alter des Gefallenen sowie Klengen, Marbach, Kirchdorf oder Überauchen als Ort eingraviert sind. Wer die abseits der Kreuze stehende Hinweistafel liest, erfährt, dass es hier um eine besondere Form des Gedenkens an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Sne aus der heutigen Gemeinde Brigachtal und von Marbach geht. Der jgste war 18 Jahre jung. Initiator dieser auf vier Jahre angelegten Gedenkaktion ist Josef Vogt aus Brigachtal.
I
m Jahr 2014 häuften sich geradezu die Anlässe des Gedenkens, die einen gewissen Bezug zueinander hatten: 70 Jahre Frie.den, 25 Jahre Mauerfall, 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkrieges und 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges waren Ereignisse, denen in verschiedener Weise öffentlich gedacht bzw. die durch entsprechende politische Aktionen in das Gedächtnis zurückgeholt wurden. Für das Brigachtal vermittelt eine Sammlung von Tagebucheinträgen und Briefauszügen den Schrecken des Ersten Weltkrieges

Amtliche Boten verkden den Kriegsausbruch
Ein authentische Quelle für die Erhellung der Umstände jener Zeit sind Tagebuch.aufzeichnungen, so die des damaligen Hauptlehrers in Klengen: Johann Güntert hat bis zu seinem Tod im Jahr 1917 in zwei Heften eindrückliche Details zu den ersten Kriegsjahren festgehalten. Er hat selbst zwei Söhne in den Ersten Weltkrieg ziehen sehen, der Tod des nach ihm benannten Sohnes Hermann scheint in enger Verbindung mit seinem eigenen, plötzlichen Tod zu stehen, der ja gleichfalls
Ein Kriegsteilnehmer, der f Unzählige steht: Karl Strobel aus Brigachtal/Klengen zog zusammen mit er einhundert weiteren jungen Männer aus dem Ort in den Krieg, von denen 25 nicht mehr heimkehrten.

1917 erfolgte. Wie Johann Güntert erging es vielen Vätern und Müttern in Deutschland: sie haben ihre geliebten Kinder in einem unsagbar grauenvollen Krieg verloren – in nicht wenigen Fällen gleich mehrere Kinder.
Hauptlehrer Güntert hält am Freitag, den 31. Juli 2014 in seinem Tagebuch fest: „Amtliche Boten von Villingen bringen mittags,
5.00 Uhr, die Erklärung des Kriegszustandes, was durch den Trompeter Hans Zipfel im Ort verkündet wird. Große Aufregung. Da und dort bilden sich Gruppen von Männern und Jünglingen, die Knaben fehlen natürlich nicht und diese lauschen aufmerksam, wie jene das weltbewegende Ereignis besprechen.“

tier Johann Wehinger von hier sei gefallen. Es wäre schade fr den braven jungen Mann, den einzigen Sohn seiner Eltern.
Am 5. August 2014 schreibt Lehrer Güntert in sein Tagebuch: „Grenadier Robert Hirt von Beckhofen verließ heute früh sein Vaterhaus. Altochsenwirt Jgnaz Hirt von dort schickt fünf Söhne in den Krieg, von welchen zwei Unter.offiziere der Reserve sind.“ Im Eintrag vom 15. August 2014 steht: „Bei Mühlhausen wurden leicht verwundet: Sternenwirt Joseph Gaiser u. Bahnhofwirt Andreas Weishaar. Auch geht das Gerücht der Musketier Johann Wehinger von hier sei gefallen. Es wäre schade für den braven jungen Mann, den einzigen Sohn seiner Eltern, deren Stütze er war – die Ernte beginnt allge.mein.“

Da wenige Tage später die amtliche Bestä.tigung im Ort eintraf, wurde zur Gewissheit, dass Klengen mit Johann Wehinger den ersten Kriegstoten zu beklagen hatte.
Mit Begeisterung in den Krieg – den folgenden Schrecken konnte sich keiner der Männer nur annähernd vorstellen
1914, nach 40 Jahren Frieden, konnte sich keiner der Männer vorstellen, was es heißt, in den Krieg zu ziehen. Zumal Männer, die im Fall von Brigachtal und Marbach meist zwischen 20 und 30 Jahren jung waren. Der wohl jüngste Kriegsteilnehmer aus Brigachtal war mit 18 Jah.ren wohl Joh. Schaumann, er starb 1918 an der Front. Überall jedenfalls zogen die Soldaten mit Begeisterung in den Krieg. Die meisten waren davon überzeugt, wie auch der damalige Kaiser selbst, dass er nach einigen Wochen vorbei sein würde.
Ein folgenschwerer Irrtum, wie heute jeder weiß. Tod, Hunger und Not waren an der Ta.gesordnung. 40 Staaten waren in diesen Krieg verwickelt, etwa 70 Millionen Menschen stan.den weltweit unter Waffen – und 17 Millionen Menschen mussten ihr Leben lassen. Kein Ort in Deutschland, der nicht Verluste erlitten hätte. Lehrer Güntert schreibt dazu am Jahresende 1915 in sein Tagebuch: „Freilich hat der Krieg auch schon unzählige Opfer gefordert. Es ist kein Dörflein so klein, dass es nicht Heldensöh.ne in fremder Erde liegen hätte. Von Klengen starben auf dem Feld der Ehre seit Kriegsanfang folgende:
1.
Johann Wehinger am 9. August bei Mühlhausen i. E.

2.
Johann Gaiser am 28. August bei Senones

3.
Markus Strobel

4.
Josef Schleicher am 25. Oktober in Nordfrankreich

5.
Johann Häßler

6.
Leonhard Zipfel den 14. April 1915 in den Karpaten

7.
Eugen Käfer, den 12.Mai 1915 in Nordfrankreich

8.
Anton Faller, den 19. Mai 1915 in Russland

Dieser diente bei den Jägern zu Pferde, alle anderen bei der Infanterie, dieser gefährlichs.ten Waffengattung. Gaiser und Strobel waren verheiratet und hinterließen Frau und Kinder, die übrigen waren noch ledig. Alle waren meine Schüler und ich kann ihnen das ehrende Zeugnis ausstellen, dass sie mit den ihnen vom Schöpfer verliehenen Geistesgaben wucherten, wie es eines jungen Menschen Pflicht ist. Schon lie.ferten sie Beweise dafür, dass sie es verstehen, den Platz getreulich auszufüllen, auf den sie das Schicksal gestellt hat. Auch als Soldat haben sie das bewiesen, bis ein großer Tod ihr junges Le.ben ruhmvoll abschnitt. Wie viele werden noch folgen?“

Leider konnte Lehrer Güntert seine Berichte ab dem Jahr 1916 nicht weiterführen, so dass diese wichtige Quelle zum Alltag im Ersten Weltkrieg versiegte, der sich mit Blick auf die wachsenden Versorgungsengpässe auch für die Bevölkerung mehr und mehr zu einer folgen.schweren Belastung entwickelte.
Zur Zeit des Ersten Weltkrieges hatten die Dörfer im Brigachtal zwischen 300 und 500 Ein.wohner, von denen aus Klengen mit Beckhofen 25, aus Kirchdorf 10, aus Überauchen 8 und aus Marbach 16 nicht mehr aus dem Krieg heimge.kehrt sind. Für diese 59 Gefallenen hatte jeder Ort an jeweils exponierter Stelle eine Gedenk.tafel mit den Namen und ein paar wenigen An.gaben zum Alter, dem Todesjahr und -ort, sofern bekannt, errichtet.
1932 wurde auf dem Gemeindefriedhof eine kleine Gedenkkapelle errichtet, in der die Namen der Gefallenen beider Weltkriege aus den ein.zelnen Orten zusammengetragen sind.
„Es ist ein Rennen auf Leben und Tod“
2016 stand im Zeichen 100 Jahre Schlacht um Verdun. In den Geschichtsbüchern steht heute: In Verdun begann im Februar 1916 eine deutsche Offensive, die den „Kriegswillen“ Frankreichs untergraben und eine Entscheidung des Krieges bringen sollte. 26 Millionen Sprenggranaten und 100.000 Giftgasgranaten gingen bis Ende 1916 auf sehr engem Raum nieder. Schreckliche Verletzungen des Körpers und der Psyche, das Sterben und der Tod waren allgegenwärtig. Deutsche und französische Soldaten bezeich-
In der St. Blasiuskapelle in Klengen wird die Erinne.rung an die Gefallen des Ortes mit einem Kirchen.fenster wachgehalten. Rechts die Gedenkstätte von Überauchen.

neten den Ort als „Blut.mühle“ und „Hölle von Verdun“.
Natürlich sollte dieses 100 Jahre zurück.liegende Ereignis auch an der Brigachtaler Ge.denkstätte in besonderer Weise in Erinnerung gerufen werden. Dies geschah dadurch, dass Jugendliche bei einer Feierstunde die Schil.derungen bzw. Notizen einiger Gefallener aus dem Ort vorlasen, die diese wohl wissend des Verbotes den Überlebenden zukommen ließen.
So schreibt der 24-jährige Johann Häßler aus Klengen wohl kurz vor seinem Tod an der Front in einer Notiz ohne Datum den Eltern: „Es ist ein Rennen auf Leben und Tod. Überall knallt es, von vorne, von hinten. Kameraden fallen. Schneller, schneller! Über Tote und Verwundete hinweg rennen. Im Wald steht kein einziger

59 schlichte Holzkreuze auf dem Friedhof von Brigachtal visualisierten vier Jahre lang die Verluste, die die Orte Klengen, Kirchdorf, Überauchen, Beckhofen und Marbach im Ersten Weltkrieg erlitten haben.
heiler Baum mehr: hier und dort ragen noch Stümpfe empor; auf dem Boden ein Durchein.ander von Steinen, von Granaten, Gewehrku.geln, Waffen, Umhängen, leblose Körper, vor Furcht und Schrecken zuckende Körper.
Schon wieder Verletzte unter den Kamera.den; wir laufen wie die Verrückten. Ein Granat.splitter trifft meinen Tornister.
Wir nähern uns dem Tunnel von Tavannes. Plötzlich zerbirst eine Granate mitten unter uns, reißt uns mit ihrem Feueratem mit; die große rote Flamme fegt über unsere Gesichter hin.weg; aber uns ist nichts passiert! Ein Wunder… Endlich der Tunnel, nichts wie rein. Mein Gott! Nervös schluchzend sinke ich zu Boden.“
„Der Durst ist entsetzlich – die Nachbarschaft des Todes alltäglich“
Anton Z. aus Marbach hält in seinem Tagebuch fest: „In den Stunden der Dämmerung schlep.pen sich Verwundete und vor Durst halb irrsin.nig gewordene Menschen zum Vaux-Teich hinab und trinken das faulige, verseuchte Wasser. Eini.ge filtrieren es durch ihre schmutzigen Taschen.tücher und glauben, damit alle Krankheitskeime zurückhalten zu können. Andere löschen ihren brennenden Durst mit dem Grundwasser der Granattrichter. Und in fast allen diesen Trichtern liegen Tote.
Einerlei, der Durst ist entsetzlich und die Nachbarschaft des Todes ist zur Alltäglichkeit geworden. Der Durst ist stärker als das Grauen und die Angst vor Typhus und Cholera. Krank.heiten fürchtet man hier nicht, hier im Reich des Todes. Das Leben hat keinen Wert mehr, nur trinken, trinken, trinken.“

„So stirbt jemand, ohne zu wissen warum…“
2018 endet nun die besondere Gedenkstätte, die vier Jahre in eindrücklicher Weise deutlich machte, welchen Platz man Menschen im „bes.ten Lebensalter“ auf dem Friedhof einräumen musste, die ohne Krieg meist ein langes und erfülltes Leben gehabt hätten. Als äußeres Zei.chen stellt sich hinter jedes der Kreuze eine Per.son, die dem Gefallen im Alter gleich kommt.
Dadurch dürfte der Tagebucheintrag vom

11. Okt. 1916 des Franz Josef Hirt aus Überau.chen nachhaltig untermauert werden, der sich so liest: „Der Krieg ist die grausamste Gewal.tanwendung, und zwar nicht nur gegenüber dem Feind, sondern gegenüber den eigenen Soldaten. Er ist die rücksichtsloseste Despotie gegen wehrlos gemachte Massen, denen die Verfügung über ihr eigenes Leben entzogen ist. Hunderttausende werden auf Wunsch eines einzigen geopfert. Und diese Massen wissen nicht, ob sie für Recht oder Unrecht kämpfen. Sie haben keinen Einblick in die geheimen Ma.chenschaften der Diplomatie und können nicht kontrollierend auftreten. So stirbt jemand, ohne zu wissen, warum und für wen. Heilig soll mir und den Überlebenden fortan der Grundsatz ‚Krieg dem Krieg‘ sein.“

Sie ist ein spannendes Kapitel der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, die Entwicklung der Kinos seit dem fren 20. Jahrhundert in Villingen und Schwenningen. Wobei Schwenningen, wenn man die Zahl der Leinwände betrachtet, eher eine Kinostadt war als Villingen.
Von Klaus Peter Karger
E
rstmals waren „lebende Bilder“ 1895 auf eine Leinwand projiziert worden – in Ber.lin durch die Gebrüder Skladanowsky, in Paris durch die Gebrüder Lumière. Der Film hat als zuvor noch nie gesehene Attraktion eine gro.ße Anziehungskraft auf das Publikum ausgeübt.
Bereits 1907 findet sich im „Villinger Volks.blatt“ die Annonce für das Gastspiel eines Wan.der-Kinos in der damaligen Festhalle. Dieses „Bio-Welt-Theater“ zeigte mehrere Kurzfilme, unter anderem über die »Leichenfeierlichkeiten weiland Seiner Königlichen Hoheit des Großher.zogs Friedrich von Baden, mit Überführung von der Insel Mainau und Beisetzungsfeierlichkeiten in Karlsruhe«.
Erste Villinger Kinematographen entstehen
Der erste „ständige Kinematograph-Ameri.can“, wie es damals hieß, wurde in Villingen am 19. März 1910 eröffnet, und zwar mit einem »prachtvoll kolorierten« Stummfilm (Farbfilm

Erfnung des ersten Kinematograph in Villingen, Anzeige von 1910.
Eingang zu den Kammer-Lichtspielen im Wilden Mann im Jahr 1935.
gab es ja noch nicht) in vier Teilen über das Leben Jesu Christi. Der Kinematograph befand sich im Gebäude Färber.straße 37, gegenüber dem „Gasthaus Ott“. Die billigste Eintrittskarte kostete 30 Pfennige, das entsprach in etwa dem Preis für ein Kilo Schwarzbrot im Jahr 1910.
Im Juli 1912 löste dann das „Eden Theater Bavaria“ im Innenhof der Gaststätte „Zum Wilden Mann“ in der Oberen Straße/Hans Kraut-Gasse den Kinematographen in der Färberstraße ab. Es hatte bereits 400 Sitzplätze und zur musikali.schen Begleitung der Stummfilme ein „Klavi.monium“, eine Kombination aus Klavier und Harmonium. Im April 1919 wurden dann die „Felsen-Lichtspiele“ (später: „Union-Kino“) im Hinterhof des „Gasthaus Felsen“ in der Gerber.straße eröffnet. Diese beiden Theater sollten, unter wechselnden Besitzern, drei Jahrzehnte lang die einzigen Kinos in Villingen bleiben. Erst im Herbst 1940 kam der Neubau des „Theaters am Ring“ hinzu.

schnelllebigen Zeit. Ein Weib, das falschen politischen Zielen nachjagt, während ihre blhende Schnheit ihrer Bestimmung entzogen wird, bis sie die Reue zur Liebe in die Arme eines Mannes treibt, bei dem sie das eigentliche Glck eines Frau.enlebens findet.
Aus der Zeitungsannonce „Die Suffragette – oder: Der Kampf um das Frauenwahlrecht“ von 1914

Berta und Jakob Gringer Hochzeitsfoto von 1909.
Die ersten Kinos in Schwenningen
In Schwenningen gab es be.
reits im Juli 1912 ein Licht.
spieltheater im Saal des
„Hotel Rössle“. Nur einen
Monat später folgte das
„Union-Theater“ (nach
dem Zweiten Welt.
krieg dann als „Orion“
bekannt) im Gasthaus
„Grüner Baum“ in der
Sturmbühlstraße und 1913 das „Apollo-Theater“ in der Bürkstraße 48, gegenüber dem heutigen Uhrenindustriemu-

Als Schwenninger Kinopi.oniere darf man die Familie Grözinger bezeich.nen. Jacob und Berta Grözinger betrieben das „Apollo“, übernahmen 1924 auch das „Rössle“, bauten 1927 das „Capitol“ an der Alleenstraße und eröffneten 1956 das „City“ in der Spittel.straße, das von einem ihrer drei Söhne geführt wurde. Das „Capitol“ war seinerzeit mit fast 1000 Plätzen eines der größten Kinos in Würt.temberg; auf der Bühne vor der Leinwand traten auch Varieté-Künstler und Musikkapellen auf.
Wie muss man sich einen Kinobesuch zur Stummfilmzeit vorstellen?
In den Anfangsjahren wurden in einem Pro.gramm meist acht bis zehn kurze Filme gezeigt, von einem oder mehreren Musikern live be.gleitet. Wochenschauen, Naturfilme über den Kilimandscharo oder die Eskimos bei der Jagd wechselten sich ab mit kleinen Dramen, meist »zum Totlachen«, wie es in einer Zeitungsan.nonce heißt.
Ein Star der Stummfilmzeit war die dänische Schauspielerin Asta Nielsen. Im „Wilden Mann“ liefen allein in zwei Jahren sieben Filme mit ihr. Unter anderem auch 1914 „Die Suffraget.te – oder: Der Kampf um das Frauenwahlrecht“, vom Villinger Kinobetreiber in der Zeitungsan.nonce angekündigt mit den Worten: »Ein Bild aus unserer nervösen, schnelllebigen Zeit. Ein Weib, das falschen politischen Zielen nachjagt,

Links oben: 1919 Annonce Erfnung Felsen.lichtspiele. Rechts oben: Gasthof Felsen mit Union-Kino. Rechts Mitte: 1920 Kino im Hotel Rsle. Unten: 1920 Saal im Hotel Rsle.

während ihre blühende Schönheit ihrer Bestim.mung entzogen wird, bis sie die Reue zur Liebe in die Arme eines Mannes treibt, bei dem sie das eigentliche Glück eines Frauenlebens findet«. Zum besseren Verständnis: Erst 1918 erhielten Frauen in Deutschland das Wahlrecht, aber schon Jahre zuvor hatten sich Politikerinnen und auch Künstlerinnen dafür eingesetzt.
Die Kinobetreiber der Anfangsjahre waren Kaufleute und Handwerker, die mit der neuen Attraktion ein Geschäft machen wollten. Sie waren nicht in erster Linie am Film als Kulturgut des 20. Jahrhunderts interessiert. Gleichwohl kamen Filme, die wir heute als kulturelles Er.be dieser Zeit ansehen, auch in Villingen und Schwenningen zur Aufführung. „Dr. Mabuse, der große Spieler“ wurde 1922 im „Lichtspiel.haus Kress“ gezeigt (wie der „Wilde Mann“ in.zwischen hieß), „Metropolis“ dann im Jahr 1927.
Kino als Propagandainstrument
Im Nationalsozialismus wurde auch hier das Kino zum Propagandainstrument. 1934 lief im „Union“ „S.A.-Mann Brand“, »das deutsche Epos« vom „»Heldentum der braunen Armee« (Werbetext), und im November 1940, nur einen Monat nach der Eröffnung des „Theaters am Ring“, wurde dort sogleich „Jud Süß“ gezeigt, das antisemitische Machwerk von Veit Harlan über das angeblich wahre »Wesen des Juden.tums«. Ein Film, den bis 1943 mehr als 20 Millio.nen Deutsche im Kino gesehen hatten.
1936 hat der damalige Villinger Bürgermeis.ter Hermann Schneider versucht, »vier namhaf.te« Filmschauspieler vor den Werbekarren der Stadt zu spannen, die damals gerade zu einem Kurort ausgebaut worden war. Er reist nach Berlin, verhandelt im Propagandaministerium mit Reichskulturverwalter Hans Hinkel und trifft auch Filmstar Lilian Harvey („Die Drei von der Tankstelle“). Sie zeigt sich angeblich interessiert, auf Kosten der Stadt eine Woche lang in Villin.
Stempelfälschungs-Versuch: Schnipsel aus den Ermittlungsakten, 1920.

Oben: Das Capitol in Schwenningen 1927.
Unten: Theater am Ring in Villingen mit Film Michelangelo im Jahr 1965.
gen zu kuren. Doch am Ende wird’s alles nichts. Lilian Harvey lässt über ihr Sekretariat ausrich.ten, dass sie »beruflich so sehr in Anspruch genommen« sei, und die übrigen Schauspieler, die vom Propagandaministerium vorgeschlagen werden, haben alle keine großen Namen.
Der Kinobetrieb war bis in die 1950er-Jahre hinein eine brandgefährliche Angelegenheit. Projiziert wurde mit dem Licht von glühend heißen Kohlenbogenlampen, und das Film.material bestand aus leicht entflammbaren Zellulosenitrat. Wenn das Material bei einem Filmriss Feuer fing, brannte es explosionsartig ab und war kaum mehr zu löschen. Quer durch die Villinger Kinogeschichte der frühen Jahre zieht sich deshalb der ständige Kampf um die Sicherheitsvorkehrungen zwischen der Ge.werbeaufsicht und den Kinobetreibern, die oft klamm bei Kasse waren und den Auflagen nur widerwillig nachkamen. Dass die Auflagen be.gründet waren, belegen Brände 1919 und 1930 im „Lichtspielhaus Kress“ und im „Union-Kino“, die glücklicherweise auf die Vorführkabinen be.schränkt blieben.
Betrug fliegt auf
Ein Ärgernis für die Kinobetreiber war die Einführung der Lustbarkeitssteuer in den 1920er-Jahren. Es mussten von dort an num.merierte Billets ausgeben werden, die von der Stadtverwaltung zuvor amtlich gestempelt

wurden. Der Betreiber der „Kammer-Lichtspie.le“ im „Wilden Mann“ hat damals versucht, bei einer Stuttgarter Stempelfabrik einen sol.chen Steuerstempel in Auftrag zu geben. Die Stempelfabrik fragt aber bei der Stadt Villingen nach, ob das alles seine Richtigkeit habe, und so kommt ein Ermittlungsverfahren gegen den Kinobetreiber wegen Urkundenfälschung und Betrugs in Gang. Am Ende wird es aber einge.stellt, weil »im Bestellen eines Stempels ohne Gebrauchmachung nur eine straflose Vorberei.tungshandlung zu sehen ist«, wie die Staatsan.waltschaft feststellt.
Mit dem Tonfilm kommt die Arbeitslosigkeit
Um 1930 hält der Tonfilm auch in Villingen und Schwenningen Einzug in die Kinos. Der erste Tonfilm im „Union“ ist „Der Sohn der weißen Berge“ mit Luis Trenker. Für die Kinobetreiber bedeutet die Umstellung erhebliche Investiti.onen, für die Kinomusiker (im „Wilden Mann“ war 1924 ein fünfköpfiges Streichorchester be.schäftigt!) die Arbeitslosigkeit. Die Musikinstru.mentenfirma Hohner im benachbarten Trossin.gen hat sich das, wie der Wirtschaftshistoriker
Erster Tonfilm im Union, 1930.

Links: Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1940 zur Erf.nung des Theater am Ring.
Rechts: Projektor im Vorfrraum des Theaters am Ring (1960er-Jahre).
Hartmut Berghoff vor Jahren recherchiert hat, zunutze gemacht, indem sie die arbeitslosen Stummfilmmusiker gezielt umworben und zu Akkordeonlehrern ausgebildet hat. Daraus erklärt sich übrigens die große Zahl der Akkor.deonvereine in den 1930er-Jahren.
Die fünfziger Jahre sind die umsatzstarken Jahre für den Nachkriegsfilm. Das Kino in der Hans-Kraut-Gasse wird 1955 unter dem Namen

Oben: Neubau des City-Kinos Schwenningen, 1956.
Mitte: Zuschauerraum im City-Kino, 1956.
Rechts unten: Annonce zur Erfnung City-Kino im Jahr 1956.
„Camera“ wiedereröffnet, 1956 kommt das Wa.Li-Kino an der Waldstraße hinzu, in Schwennin.gen im selben Jahr der Neubau des „City“ in der Spittelstraße. Die Menschen wollen sich amü.sieren und die meisten haben noch keinen Fern.seher. Im „Union“ begeistern die „Fuzzy“-Filme mit dem trotteligen Cowboy die Jugend, wäh.rend die Älteren für den Heimatfilm Schlange stehen. Für den Film „Schwarzwaldmelodie“ mit Claus Biederstaedt werden 1956 einige Szenen beim Trachtenumzug in Schwenningen gedreht; er läuft zur Eröffnung des „City“.
Nachfrage nach neuen Filmgenres
Als die Heimatfilm-Welle verebbt, versucht die deutsche Filmindustrie ab 1962 mit den Karl-May Verfilmungen und später mit den Sexfil.men nachzulegen. Insgesamt gehen die Umsät.ze in den sechziger und siebziger Jahren aber zurück. Was in Schwenningen zwei Investoren nicht davon abhält, 1978 in der Muslen nach und nach vier „Schuhschachtel-Kinos“ neu zu eröff.nen – Apollo, Astoria, Hollywood und Starlight.

1962 hatten junge deutsche Filmregisseure im „Oberhausener Manifest“ Papas Kino für tot erklärt und eine neue Art von Filmen gefordert, die sich stärker mit der Wirklichkeit der Bundes.republik befassen. Dass diese Filme von Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Margarethe

Links: 1960er-Jahre Zuschauerraum der „Camera“ in
der Hans-Kraut-Gasse. Rechts: Obere Straße in Villingen mit Leuchtreklame f die neu erfnete „Camera“.
von Trotta, Doris Dörrie oder Werner Herzog in Villingen-Schwenningen so gut wie nicht zu se.hen sind, veranlasst sieben junge Erwachsene, 1977 in der Scheuer beim Villinger Jugendhaus das nichtgewerbliche „guckloch-Kino“ zu grün.den.
Moral, Sitte und Anstand
Quer durch die Kinogeschichte von Villingen und Schwenningen zieht sich die Diskussion um Filminhalte, Moral, Sitte und Anstand. Schon 1910 gab es die Anweisung des Großherzogli.chen Bezirksamts, wonach Kinder »ungeeigne.te, die Phantasie in ungesunder Weise erregen.de kinematographische Vorstellungen« (wozu Liebesdramen, Mord, Raub und andere Verbre.chen gezählt wurden) nicht besuchen dürfen. Aus dem Jahr 1920 findet sich im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen eine Protestnote des „Verein zur Bekämpfung des Schundfilms“.
1948 verabschiedet der Villinger Gemein.derat einstimmig eine Resolution gegen den Spielfilm „Sag die Wahrheit“. In dem harmlosen Lustspiel geht es um ein Paar, das sich scheiden lassen will. Es war der erste unter britisch-alli.ierter Lizenz genehmigte deutsche Nachkriegs.spielfilm. Aber eben nicht geeignet, wie der Gemeinderat formulierte, »beim Wiederaufbau unseres darniederliegenden Vaterlandes gerade Hebel an der Wiederaufrichtung von Sitte und Moral anzusetzen, um so wieder den Weg für eine bessere Zukunft zu bereiten«.

Und als der Betreiber der Kinos im Theater am Ring und im Wa-Li 1969 den Sex-Film „Graf Porno – das Non-Plus-Ultra der letzten 20 Jah.re an Eros-Poesie“ zeigt, schickt ein wütender Bürger an ihn und die Stadtverwaltung Pro.test-Postkarten: »Was sind Sie für ein Mensch? (…) Bei vielen Villinger Bürgern sind Sie ein Schwein«, steht darauf zu lesen, mit einer nicht zu entziffernden Unterschrift.
„Capitol“ und „guckloch-Kino“ die Überlebenden
Die meisten der früheren Kinos existieren heu.te nicht mehr. Das „Rössle“ wurde abgerissen, im „Orion“ ist eine Spielhalle, der Kino-Betrieb im „Theater am Ring“ wurde 1998 eingestellt, das „Union“ wich dem Sparkassen-Neubau, und das „City“ ist geschlossen. Immerhin: Im „Capitol“ zeigen einmal die Woche engagierte Cineasten Arthaus-Filme auf ehrenamtlicher Basis, und auch das „guckloch-Kino“ im Kultur.

Links: 1950er-Jahre – Caterina Valente bei einer Film.
premiere im „Capitol“, mit Perlenkette Frieda Gringer. Rechts: 1965 „Rsle-Kino“ in Schwenningen. Unten: 1980er-Jahre – Alte Scheuer Villingen, in der das „guckloch-Kino“ gegrdet wurde.
zentrum Scheuer existiert nach 40 Jahren noch immer. Heute wird es als Kommunales Kino von der Stadt und dem Land Baden-Württemberg finanziell gefördert und weiterhin rein ehren.amtlich betrieben. Im gewerblichen Bereich sind in Villingen und in Schwenningen mit dem „CineStar“ und der „Blueboxx“ zwei Multiplex-Kinos gebaut worden, beide zeigen fast aus.schließlich Mainstream.

Was sich auch verändert hat: Der analoge, also auf Filmmaterial kopierte Film ist an der Wende zum Jahr 2014 fast völlig aus dem Kino verschwunden. Wo früher mechanische Film.projektoren ratterten, werfen heute überall Digital-Beamer das Bild auf die Leinwand – bril.lant, gestochen scharf und ohne Schrammen und Filmrisse. Geblieben ist bei vielen aber die Erinnerung an die Jugendzeit im Kino, an das erste Schmusen mit der Freundin in der hinters.ten Reihe – und die Faszination für das Kino als Gemeinschaftserlebnis und als wichtige kultu.relle Errungenschaft des 20. Jahrhunderts.

Wo Kaiser und Fst zu Fuß unterwegs waren
Wald- und Jagdgeschichten vom „Unterhzer“
und aus St. Georgen
6. Kapitel – Wald- und Jagdgeschichte

Die Gepflogenheit, dass Spitzenpolitiker miteinander zum Jagen gehen, gehöre der Geschichte an, schrieb kürzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Dies, obwohl die Jagdscheininhaber auch unter den heutigen Bundestagsabgeordneten noch immer stark überrepräsentiert seien. Noch zu Zeiten von Franz Josef Strauß oder Erich Honecker, erst recht von Potentaten vom Schlage eines Ceau.escu, dienten Einladungen zur Jagd immer auch diplomatischen Zielen. Selbst unter dem Nichtjäger Lothar Späth traf man sich vor wichtigen landespolitischen Entscheidungen noch im „Jagdhüttenkreis“. So darf man sicher sein, dass die Politik auch bei den Jagdgesellschaften der F. F. Standesherrschaft, auf den „Kaiserjagden“ oder auch auf der Hahnenjagd um die vorletzte Jahrhundertwende, nie ganz außen vor geblieben ist. Der Almanach 2019 wagt einen Blick zurück bis in die wilhelminische Zeit. Einzig die „hohe Jagd“ auf den balzenden Auerhahn ist inzwischen vollends Geschichte. Denn der ist mittlerweile streng geschützt und akut vom Aussterben bedroht.

N
ein, dies ist keine Einladung zur Pirsch durchs Unterholz. Empfohlen wird viel.mehr ein Gang durch den Unterhölzer Wald, unter Baaremern und auch auf manchen Kartenblättern kurz „Unterhölzer“ genannt. Und weil wir uns da in einem Naturschutzgebiet und obendrein im Hofjagdgebiet der Fürsten zu Fürstenberg bewegen, haben wir uns tun.lichst an vorhandene Wege zu halten. Was dem Walderlebnis jedoch keinen Abbruch tut, denn der „Unterhölzer“ ist in seinen sehenswertes.ten Teilen ein lichter Parkwald, bestehend aus uralten Eichen und Buchen: ein Kleinod, das in der Region seinesgleichen sucht. Auch aus der Wegperspektive, ohne das zahlreiche Wild zu vergrämen, vermittelt der Wald eine Vorstel.lung davon, wie die Baar wohl in der fernen Bronzezeit, also vor mehr als 3.000 Jahren, ein.mal ausgesehen haben dürfte; wobei wir uns Auerochsen, Wölfe, Luchse und Bären heute na.türlich hinzu denken müssen. Was nicht heißt, dass nicht auch die Kelten der Hallstattzeit schon Weidewirtschaft und Ackerbau betrieben hätten.
Herausragender ologischer Wert
Weil es im „Unterhölzer“ mit seinen mehr-hundertjährigen Baumveteranen nicht an Totholz fehlt, an vermodernden Baumleichen, an Höhlenbäumen wie an pilzbesetzten Strün.ken, besitzt er einen herausragenden ökolo.gischen Wert. Das inzwischen (mitsamt dem Pfohrener Birkenried) 639 Hektar umfassende Naturschutzgebiet, das seine Entstehung einer Anregung von Max Egon Prinz zu Fürstenberg aus dem Jahr 1935 verdankt und damit zu den ältesten des Landes zählt, ist zweifellos das Filetstück des seit 2013 vom Bund geförderten Naturschutzgroßprojekts Baar. Dass hier sie.benerlei Spechtarten vorkommen, von deren Bruthöhlen wiederum eine Vielzahl von Nach.mietern profitiert, Käuze, Hohltauben, Stare, Marder, Siebenschläfer und – sage und schreibe – zehn (!) Fledermausarten bis hin zu Hummeln, Käfern, Spinnen, Asseln und anderen Bewoh.nern, darunter seltenste „Urwald-Reliktarten“, dass baumbesiedelnde Pilze, Moose und Flech.

Das Damwild mag lichte Wälder mit großen Wiesen – beides findet sich im Unterhzer Wald.
ten hier wie kaum sonst wo überleben konnten, das macht den Wald zur rettenden Arche in un.serer zersiedelten Landschaft mit ihren zumeist aus Fichten bestehenden Wirtschaftswäldern.
Schon die Merowinger jagten hier
Wenn im Altsiedelland der Baar ein solcher Märchenwald die Jahrtausende ungerodet überstehen konnte, so ist dies vor allem einer Nutzungsart zu verdanken: nämlich der Jagd. Und so taugt unser Waldspaziergang auch als Streifzug durch die hiesige Jagdgeschichte. Denn es pflegten im „Unterhölzer“ nicht erst die Geisinger Freiherren von Wartenberg zu jagen, seit dem 12. Jahrhundert Burgherren auf dem unmittelbar benachbarten Basaltkegel, son.dern längst vor ihnen auch schon Merowinger, Alemannen, Römer und Kelten; sie alle waren, wie man weiß, passionierte Jäger, die eine Um.nutzung des Waldes in Acker- und Weideland wirksam zu verhindern wussten. Erst recht jagd.versessen waren, in der Erbfolge der Wartenber-

Jahrtausende ungerodet berstehen konnte, so ist dies vor allem einer Nutzungsart zu verdanken: nämlich der Jagd.

ger, die Fürstenberger. Deren Jagdlust gipfelte zweifellos in der Barockzeit, als Fürst Joseph Wenzel um das Jahr 1780 fast zeitgleich drei Jagdschlösser erbauen ließ: das stattlichste in den „oberen Hölzern“ auf der Länge (das freilich wegen Baufälligkeit 1840 bereits wieder abge.rissen werden musste), ein weiteres im Tal von Bachzimmern und das bescheidenste, schlicht „Jägerhaus“ genannt, am nördlichen Rand der „unteren Hölzer“.
Allerdings besaßen seit unvordenklichen Zeiten – herrschaftliche Jagdpassion hin oder her – die Untertanen der umliegenden Dörfer das Weiderecht im Wald, was zwangsläufig zu Konflikten führen musste, vor allem auf den Fel.dern rundum. Während das Rehwild im rauen Baarklima und in Anwesenheit seiner natürli.chen Feinde noch kaum von jagdlichem Belang war, hatte der Rotwildbestand in der Barockzeit dermaßen überhand genommen, dass es auf den Feldern wie auch im Wald zu enormen Schäden gekommen war: Mehr als 1.000 Hektar Ackerland sollen deswegen um die Mitte des 18. Jahrhunderts brach gelegen haben, obwohl die Rotwildstrecke auf der Baar und im Schwarz.wald im Jahr 1753 nach der fürstenbergischen Jagdstatistik mit 1317 Stück (zuzüglich 191 Stück Fallwild) eine Rekordhöhe erreicht hatte.

Der Große und der Kleine Tiergarten
Der Unmut und die Beschwerden der Bauern hatten schließlich solche Ausmaße angenom.men, dass sich Fürst Wenzel genötigt sah, in freier Wildbahn auf die hohe Jagd auf Rotwild gänzlich zu verzichten. Wozu er 1781 in einer dreitägigen Treibjagd mit 7.450 zum Fron.dienst verpflichteten Untertanen das gesamte Rot- und Schwarzwild in ein vorbereitetes, fast zweitausend Hektar großes Gatter im Tal von Bachzimmern treiben ließ, in den Großen Tier.garten. Doch damit ließ er es nicht bewenden, denn zugleich hatte er im Unterhölzer Wald den Kleinen Tiergarten für Damwild sowie einen Schweinegarten errichten lassen.

Die Unterhaltungskosten der Gehege, auch die Fütterungskosten waren alsbald jedoch so horrent angestiegen, dass man sich schon 1810 zur Aufgabe des Großen Tiergartens gezwungen sah. Einhundert Stück Rotwild wurden lebend eingefangen und in den Kleinen Tiergarten transportiert, wo das Gehege inzwischen auf rund 500 Hektar erweitert worden war. Der in Bachzimmern verbliebene Rest wurde erlegt, wie denn das Rotwild insgesamt im Fürstenber.gischen bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts in freier Wildbahn weithin ausgerottet war.
Die weitere Geschichte des Kleinen Tier.gartens verlief überaus wechselvoll, denn auch die alten Weiderechte waren noch längst nicht abgelöst: Bis zu 600 Stück Vieh bevölkerten bisweilen zusätzlich den „Unterhölzer“, was dem Wald nun erst recht zusetzte und ihm ei.nen immer parkartigeren Charakter verlieh, die Chancen einer Waldverjüngung aber zunichte machte. Zweimal, in den Jahren 1824 und 1850, brach unter dem Damwild die Milzbrandseuche aus, doch erholte sich der Bestand jeweils rasch wieder. Die Angewohnheit des weit weniger vermehrungsfreudigen Rotwilds, die Rinde von den Bäumen zu schälen, führte kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu dem Entschluss, es komplett zu erlegen. Das derweil auf über 3.000 Stück
Das Jagdschlschen der Fsten zu Fstenberg im „Unterhzer ,

Links: Kaiser Wilhelm II. begutachtet die Fuchsstrecke. Rechts: Fst Max Egon II. präsentiert den vom Kaiser er.legten Fuchs, im Eingang des Schlosses Donaueschingen.
geschätzte Damwild wurde im Winter 1918/19 durch zurückflutende württembergische Trup.pen „bis auf wenige Stücke abgeschossen“, wie der F.F. Jagdchronist Kurt Stephani 1938 in seiner Geschichte der Jagd in den schwäbischen Ge.bieten der fürstenbergischen Standesherrschaft klagt. Der Zaun war dabei so stark beschädigt wor.den, dass er vollends abgebrochen werden musste.
Dabei war es doch noch gar nicht lange her, dass sogar Kaiser Wilhelm II. als Freund und Jagdgast des Fürsten den „Unterhölzer“ besucht hatte, nicht zur Hahnenbalz, sondern anlässlich der „Kaiserjagden“ auf Winterfüchse, die es sich im Tiergarten offenbar hatten gut gehen lassen. Im „Jägerhaus“ pflegte sich die hochherrschaft.liche Jagdgesellschaft vor und nach den Treiben zu versammeln, wie man zeitgenössischen Fo.tos entnehmen kann.
Das Jagdschlösschen am Schnittpunkt der schnurgeraden, von Süd nach Nord und von West nach Ost verlaufenden „Gestelle“ (Chausseen) schmückt auch heute noch die Anhöhe im nörd.lichsten (Unterbaldinger) Teil des Waldes; der Zutritt ist den Waldbesuchern neuerdings frei.lich verwehrt, der markierte Wanderweg schlägt seitdem einen Bogen um das barocke Schmuck.stück mit dem Hirschgeweih über der Türe.
Ausgesperrt aus dem gesamten Unterhölzer Wald bleibt die Öffentlichkeit noch immer mit Hinweis auf den Jagdbetrieb und die damit einhergehende Lebensgefahr für jeweils 10 Tage während der Brunftzeit des Reh- und des Damwilds anfangs August und Ende Oktober. Woraus ersichtlich wird, dass die Jagd nach wie vor eine gewichtige Rolle spielt im Fürstenhaus, was der Baum- und Waldfreund bislang in aller Regel klaglos hinzunehmen bereit ist. Denn die bizarre Schönheit der uralten Eichen und Bu.chen verdankt er ja nicht zuletzt feudaler Jagd.lust: dem Entschluss des Fürsten Joseph Wenzel ausgangs des 18. Jahrhunderts, hier einen Tier.garten einzurichten sowie jenem des Prinzen Max Egon anno 1935, die Unterschutzstellung als Naturschutzgebiet anzuregen.

Auch den standesherrschaftlichen Nachfol.gern scheint es bis heute ein Anliegen geblieben zu sein, den Wald zumindest auf Teilflächen als märchenhafte Jagdkulisse zu erhalten und der Versuchung zu widerstehen, ihn in einen profi.tablen Fichtenforst umzubauen.
Anmerkung: Im Oktober 2018 ist ein Bildtext.band des Autors erschienen: W. Hockenjos, „Unterhölzer – Liebeserklärung an einen alten Wald“, Morys Hofbuchhandlung.

Von der Jagdtrophäe zur streng geschzten Tierart:
Das Auerhuhn und die Auerhahnjagd im Schwarzwald
Das Auerhuhn, Auerhahn und Auerhenne, ist geradezu ein Symboltier des Schwarzwalds. Bis in die Nachkriegszeit waren die Waldhner noch so zahlreich, dass die hohe Jagd auf den balzenden Hahn lich war. Zu Beginn des Jahrhunderts beteiligte sich daran auch ein hoch stehender und weit angereister Gast: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. von Preußen (1859 – 1941). Heute sind die Tiere akut vom Aussterben bedroht, eine Jagd wäre undenkbar. Auf gerade einmal zehn Hähne wird die derzeitige Population im Schwarzwald-Baar-Kreis geschätzt und trotz aller Anstrengungen des Naturschutzes ist ihre Zukunft derzeit ungewiss. Die nachstehenden Beiträge berichten von den freren Jagden und der aktuellen Situation dieser Vel.

Fstenbergische Jagden: Impressionen und Emotionen
von Wolf Hockenjos
W
as waren das doch für illustre Zeiten, als sogar Kaiser Wilhelm II. noch zur Hahnenbalz anzureisen pflegte. Be.
freundet mit Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg,
war er häufiger in der Residenzstadt Donaue.
schingen zu Gast, wo er nicht nur das
Fürstenberger Bier trank (und
lobte), sondern auch der Jagd,
und im Frühjahr insbeson.
dere der Auerhahnjagd
oblag: In den Jahren
1900 bis 1913 soll er auf
den fürstlichen Eigen.
jagden sowie auf den
von der Standesherr.
schaft angepachte.
ten Balzplätzen der
Region insgesamt 26
Auerhähne erlegt ha.
ben. Eine Zahl, die sich
fast noch bescheiden
ausnimmt gegenüber
den 600 Hahnen, die in
seinen K.u.K.-Revieren Kai.
ser Franz Joseph I. zugeschrie.
ben wurden.

eigentlich gar nicht vorgesehen Pachtform, eine bis zu zehnfache Waldfläche von Bauern und Gemeinden hinzu. Dort war immer mit Balzbetrieb zu rechnen, sodass sich fortan auch die Jahresstrecke erlegter Auerhähne vervielfa.
chen sollte – mit bis zu 174 Hahnen im Jagdjahr 1910/11. Die Balzjagd im zeitigen Frühjahr (Ende April/ Anfang Mai) war unstrittig
einer der Höhepunkte des Jagdjahrs. Als besonders er.giebige Balzplätze des
Baarschwarzwalds galten der Schlegel.wald bei Vöhrenbach, der Fahlenbach bei Hammereisenbach
und das Kienmoos bei Peterzell. In den Gast.häusern Friedrichs- und Wilhelmshöhe, beide einst in Balzplatznähe gelegen, quartierten sich hochherrschaftliche Hahnen.jäger ein, ebenso im Gasthaus

„Die Ausübung der Jagd Kaiser Wilhelm II. Krone in Peterzell.
auf den balzenden Hahn“, so schwärmte der F.F. Jagdchronist Kurt Stephani in seiner 1938 erschienenen Ge.schichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherrschaft, „ist in unseren Schwarzwaldbergen fürwahr ein hohes und herrliches Erleben“. Ursprünglich verfügte das Fürstenhaus nur über ca. 8.000 ha Eigenjagd mit Auerwildvorkommen, doch ab den 1860er-Jahren pachtete es per „After.pacht“, einer eigentümlichen, im Jagdrecht so Nicht anders war es im

Gasthaus Auerhahn im Villinger Stadtwald, im Auerhahn in Tennenbronn und in etlichen weiteren Schwarzwälder Gasthöfen gleichen Namens.
Aus dem Jagdtagebuch von Kronprinz Wilhelm
In seinem 1912 veröffentlichten Jagdtagebuch lässt Kronprinz Wilhelm, ältester Sohn des deutschen Kaisers, den Leser nachempfinden,

Fstlich Fstenbergische Jäger vor dem Gasthaus zur Krone in Peterzell, an dessen Eingang die Jagdbeute, nicht weniger als 14 Auerhähne, zur Schau gestellt wird.
was ihn bei seinem ersten Schwarzwald-Hahn so fasziniert zu haben scheint: „Stumm und vor.sichtig schlichen wir weiter, mit großer Mühe uns durch den tiefen Schnee arbeitend. Dann zwei- bis dreimal tief Atem geholt, die Flinte entsichert, der Schuss kracht, und der eben noch so tolle Tänzer sinkt zusammen im Schnee. Noch im Tod bietet er einen stolzen Anblick in der Pracht seines bunten Gefieders, umrahmt von den purpurnen Flocken, die sein Schweiß auf die glitzernde Schneedecke verstreut hat. Einen schönen Tod hat er gehabt, der stolze Kerl, aus dem vollen Liebeswerben heraus direkt in die ewigen Jagdgründe.“
Erinnerungen eines Jagdhelfers
Auch so mancher Jagdhelfer blickte noch Jahrzehnte später mit verklärtem Blick auf die damaligen Jagden zurück: „Oft und gern denke ich noch an die schöne Zeit zurück“, schrieb im Jahr 1952 in einem Erfahrungsbericht über den Rückgang des Auerwildes ein Franz Riedler, F.F. Forstsekretär und gelernter Jäger i. R., an das Donaueschinger Jagdamt, „Als ich im Mai 1901 als Jagdlehrling den Rucksack S. M. („Seiner Majestät“, also Kaiser Wilhelm II., Verf.) zur Abend-Hahnenbalz ins Kienmoos zum Stand tragen durfte und S. M. an diesem Abend seinen ersten, erlegten Schwarzwald-Auerhahn brin.gen konnte.“

Seltsamerweise wird hier von einer Abend.balz berichtet, während der Hahn ansonsten stets im frühesten Morgengrauen „angesprun.gen“ und erlegt wurde. War dies ein speziell für Seine Majestät arrangierter Sonderfall? Franz Riedler war zweifellos ein sehr erfahrener „Hah.nenverhörer“, also einer jener örtlich zuständi.gen Bediensteten, die am Vorabend rechtzeitig den Baum oder Platz auszukundschaften hat.ten, auf dem der Hahn anderntags in aller Frühe zur Balz einfallen würde.

Die Jagden im Raum St. Georgen – eine Spurensuche
von Wolfgang Gel und Clemens Joos

Über die fstenbergischen Jagdgesellschaften in der Raumschaft St. Georgen, die mit dem Jagdvergnen gerade die Privatheit und Abgeschiedenheit suchten, drang nur wenig an die Öffentlichkeit. Nur kurze und verstreute Notizen im St. Georgener Anzeigeblatt Brigach-Bote sowie in der Hornberger Zeitung berichten darer. Dazu haben sich auch in St. Georgener Familien Erinnerungen erhalten. Diese spärlichen Nachrichten wurden f eine Ausstellung im „Schwarzen Tor“ in St. Georgen im Herbst 2017 zusammengetragen.
Die Jagden im Spiegel der Lokalpresse
Durch die Meldungen im Brigach-Boten sind Jagden in den Jahren 1902-1904, 1906, 1908, 1909 belegt. Man wählte dafür meist die ersten Maiwochen während der Balz der Vögel (März bis Anfang Juni). Der Kaiser kam jeweils mit dem Zug nach Donaueschingen. Er besaß einen eigenen Hofzug mit Wagen für das Personal und einem Salonwagen, von denen einer heute noch im Deutschen Technikmuseum Berlin zu besich.tigen ist. Mit dem Zug erfolgte dann auch die Anfahrt von Donaueschingen nach St. Georgen, von dort aus ging es mit der Kutsche oder dem modernen Automobil weiter ins Jagdrevier. Der Fürst besaß ein eigenes Auto, 1906 ist von ei.nem „Mercedes-Wagen“ die Rede (ein Mercedes aus fürstlichem Besitz mit jüngerem Baujahr befindet sich heute in der Sammlung Steim). 1906 brach die Gesellschaft sogar mit fünf Auto.mobilen zu einer Ausfahrt zum Hohentwiel auf und kehrte „nach flotter Fahrt per Kraftwagen“ wieder nach Donaueschingen zurück.

Außer Kaiser Wilhelm II. wurde auch ande.ren Gästen des Fürstenhauses die Ehre einer Einladung zur Auerhahnjagd zuteil: 1902 wird Prinz Friedrich von Sachsen-Meiningen genannt, 1905 sind es die Jagdgäste Graf von Clary und Aldringen, Graf August von Bismarck-Lilien.hof (Gutsinhaber in Ihringen am Kaiserstuhl), ein enger Freund Max Egons, Prinz Franz von Ratibor und Corvey, Prinz Hans von Hohenlo.he-Oehringen und Hofmarschall von Vischer-Ihringen. Ferner der Freiburger Chirurgie-Profes.sor und Geheime Hofrat Paul Kraske „nebst Fa.milie“, sie alle begleitet von einer „vielköpfigen Dienerschaft“, und 1906 ein Graf Hohenthal, der von der Zeitung als kaiserlicher Adjutant be-
Oben: Ankunft des Kaisers am Bahnhof St. Georgen
im Jahr 1903. Unten: Fstliche Jagdgesellschaft mit Jagdstrecke vor einem Gasthaus.

Der „Sommerauer Hof“ war eine der Unterkfte der Jagdgesellschaft.
zeichnet wird. Vor Ort teilte sich die Gesellschaft weiter auf, so heißt es 1908: „Während sich die Herren vom Gefolge auf die Jagdgebiete der Umgebung verteilten, fuhren der Kaiser und der Fürst im Automobil nach Reichenbach und von da im Jagdwagen auf die Falkenhöhe, um dort der Auerhahnjagd zu obliegen.“ Neben Reichen.bach werden genannt: das Revier Kienmoos bei Peterzell (1902), die Falkenhöhe bei Tennen.bronn (1904), die Gemarkungen von Unter- und Oberkirnach, namentlich der „Schlegelwald“, sowie Langenschiltach (1906). Bisweilen, und

ge auf die Jagdgebiete der Umge.bung verteilten, fuhren der Kaiser und der Frst im Automobil nach Reichenbach und von da im Jagdwa.gen auf die Falkenhhe, um dort der Auerhahnjagd zu obliegen.
wie es scheint, wenn der Kaiser nicht zugegen war, blieben die Jäger auch länger im Revier und quartierten sich dafür in Gasthäusern und bei Forstpächtern ein, so logierten der Prinz von Sachsen-Meiningen 1902 bei Ferdinand Hodapp im „Sommerauer Hof“, die Jagdgesellschaft des Jahres 1905 im „Hirschen“ in St. Georgen, Fürst Max Egon II. und Graf Hohenthal 1906 bei Wald.hüter Pfaff in Schachenbronn. „Das Automobil mit den beiden Fahrern blieb bis zum anderen Morgen im Gasthaus zur Krone.“

Der günstigste Zeitpunkt zur Jagd waren die frühen Morgenstunden, in denen die Balz der Vögel stattfindet, im Jahr 1904, als es viele Tage lang unwirtlich und die Zeit für die Jagd knapp bemessen war (Kommentar der Zeitung: „statt der Waldmeisterbowle braut man einen steifen Grog“), brach man zu nachtschlafener Zeit auf: Um 2.13 Uhr langte der Hofzug in St. Georgen an, bereits um 6.30 Uhr kehrte man nach Do.naueschingen zurück. Und auch 1906 begann eine Jagdexpedition um 2.30 Uhr, 1906 und 1908 jagte man aber auch abends.
Jagderfolge
Die Mühen lohnten sich fast immer für die Jä.ger: Prinz Meiningen schoss 1902 „einen präch.tigen Hahn“. 1908 erlegte die Jagdgesellschaft acht Hähne. 1906 schossen der Fürst und Graf Hohenthal drei Auerhähne, die große Jagdge.sellschaft des Jahres 1905 sogar 30: „Die Jagd.verhältnisse für dieses Jahr sind als günstig zu bezeichnen, da infolge der Kaiserbesuche in den vorhergehenden Jahren der Auerhahnbestand geschont wurde“, so der Brigach-Bote. Wilhelm schoss 1902 im Revier Kienmoos zwei Auerhäh.ne, bei einer Pirschfahrt 1903 „auf 320 Meter einen Fuchs mit der Kugel“ und 1906 ebenfalls einen „prächtigen Hahn“. Der Kaiser war jedoch kein guter Jäger. 1906 berichtet die Zeitung, dass er im Schlegelwald „zwei Auerhähne erleg.te und zwei weitere anschoß“ und 1908 schoss der Kaiser vier Hähne, „doch konnten nur zwei Hähne als Jagdbeute mitgenommen werden, da die beiden anderen nur angeschossen waren. Einer von ihnen wurde am anderen Morgen von einem kaiserlichen Landjäger gefunden.“
Dieser Aufwand galt der Sicherung der Beute, die hohe symbolische Bedeutung besaß, aber davon abgesehen kaum zu gebrauchen war. Denn vor allem die alten, stattlichen Häh.ne waren ungenießbar. Ein zeitgenössisches Rezeptbuch verrät: „Nur das Fleisch von einem ganz jungen Auerhahn kann gebraten werden; das Fleisch der Henne hat keinen so harzigen Geschmack als das vom Hahn […]“ und emp.fiehlt, den Auerhahn 8–14 Tage abhängen zu lassen und weitere ein bis zwei Tage in eine Bei.ze aus Essig, Wein, Zwiebel und Gewürz einzu.legen. Ohne diese Tunke dürften die Tiere kaum schmackhaft gewesen sein. Die Auerhähne mit ihrer imposanten Erscheinung, ihrem dunklen, metallisch glänzenden Gefieder mit einem dun.kelgrünen Kragen, dem fächerartigen Stoß mit weiß gesprenkelten Federn, dem weißen Schna.bel und dem roten Fleck über dem Auge („Rose“) waren aber eine begehrte Jagdtrophäe, wie die gesamte Auerhahnjagd, die nur besonderen Gästen des Fürstenhauses vorbehalten blieb, ein Ausweis von Sozialprestige war.

Auerhahn (Foto: Erich Marek)

Kaiserbesuche
Gehörte der Kaiser zu den Jagdgästen, so war seine Ankunft trotz der gesuchten Privatheit auch ein öffentliches Ereignis. In der allgemei.nen Reichs- und Kaiserbegeisterung brandete Wilhelm II. allenthalben Jubel entgegen. Im Jahr 1902 wurde der Kaiser bei seiner Ankunft und bei der Rückfahrt am Bahnhof St. Georgen „von der zahlreich zu.sammengeströmten Menschenmenge mit brausenden Hochrufen empfangen, für welche der Kaiser nach allen Sei.ten hin lebhaft dankte.“ Und auch 1908 heißt es: „Dem Kaiser wurden sowohl auf der Hin- wie auf der Rückfahrt sei.tens der Bevölkerung begeisterte Ovationen dargebracht, für die er leutselig dankte.“ 1904 achtete man dagegen auf Diskretion und ließ die Bevölkerung im Unklaren über die Ankunft des Monarchen: „Leider dürfen wir einem aus.drücklich geäußerten Wunsch nachkommend, die Ankunftszeit nicht mitteilen,“ bemerkte der Brigach-Bote am 10. Mai 1904, um in Ausreizung
Der Bahnhof St. Georgen um die Jahrhundertwende.

der journalistischen Freiheit hinzuzusetzen: „Unsere Leser können sie aber aus früheren Ge.pflogenheiten ziemlich genau bestimmen.“
Als sich die Jagd 1906 ins Kirnachtal verla.gerte, meldete der Brigach-Bote ernüchtert: „Von dem Jagdaufenthalt seiner Majestät des
deutschen Kaisers hat man bei uns fast nichts gespürt, die Jagden fanden in den Gemarkungen Unter- und Oberkirnach statt und wurden alle Ausfahrten mit dem Automobil ge.macht.“ Im benachbarten Hornberg hatte man indes noch viel weniger von dem Kaiserbesuch: 1903 kam der Kaiser zwar eigens hierher zur Jagd und wurde mit Fuhrwer.ken des Kurhotels „Schloß

Hornberg“ bedient. 1906 musste man aber mit einem flüchtigen Blick auf den Kaiser Vorlieb nehmen, was freilich Anlass genug zu Lokalstolz gab: „Der Zug bestand aus 6 Wagen und 2 Lokomotiven. Der Kaiser befand sich im Speise.wagen, erhob sich jedoch von seinem Sitze und betrachtete mit sichtlichem Wohlbehagen un.sere Gegend.“ Ähnlich war es, als Bauarbeiten am Reichenbachviadukt – der alten Brücke, die heutige entstand erst 1924/25 – den kaiserlichen Sonderzug zur Langsamfahrt zwangen, „so daß der Kaiser im dritten Wagen gut sichtbar war.“

Stadtverscherung f den Kaiser
In St. Georgen konnte man sich immerhin über eine vorübergehende Verschönerung des Städt.chens freuen: „Ganz ohne allen Vorteil blieben wir aber doch nicht“, hielt der Brigach-Bote 1906 fest, „der ganze Bahnhofsvorplatz wurde frisch überkiest.“ Die Stadtväter zeigten sich allerdings sparsam, denn, so der Brigach-Bote weiter, „wie vermutet wird, [soll] der Kies wie.der gesammelt werden und bis zum nächsten hohen Besuch aufbewahrt werden.“ „Vielleicht

Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus. Der hiesige Bahn.hof ist wieder mit elektrischem Licht versehen worden.
wird heute auch noch der Bahnsteig II verbrei.tert“, heißt es 1909 hoffnungsfroh; ein Bautem.po über das man heute nur staunen kann. Und ebenfalls 1909 wird vermeldet: „Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus. Der hiesige Bahnhof ist wieder mit elektrischem Licht versehen worden“. St. Georgen besaß seit 1899 ein eigenes Elektrizitätswerk beim Bahn.hof und elektrische Straßenbeleuchtung. Doch eine Bahnhofsbeleuchtung war noch Luxus und dürfte ähnlich wie der Kies bald nach der Ab.fahrt des Kaisers wieder entfernt worden sein. Das Wörtchen „wieder“ deutet auf das Epheme.re des Ereignisses hin.
Was blieb den St. Georgenern sonst von den kaiserlichen Jagdvergnügen? Zur Rolle des Monarchen gehörte es, Geschenke und Aus.zeichnungen zu vergeben: Der fürstenbergische Oberjäger Dold erhielt 1903 von Wilhelm einen Hirschfänger (Jagdwaffe) zum Geschenk und wurde 1906 mit einer Verdienstmedaille ausge-zeichnet, während der Hofjägermeister Meindl den Kronenorden erhielt. Die Stadt St. Georgen erhielt wahrscheinlich in demselben Jahr zum „Andenken an den diesjährigen Jagdaufenthalt […] ein künstlerisch ausgeführtes Bild des Kai.serpaares mit eigenhändiger Unterschrift.“

Die Jagden im Rkspiegel von Erinnerungen
Diejenigen aus der Bevölkerung, die näher am Geschehen waren, den Kaiser gesehen hatten oder ihm gar begegnet waren, hatten sich etwas zu erzählen und das mitunter über Generati.onen hinweg: Über die Kaiserbesuche haben sich in St. Georgen bis in die Gegenwart hinein Erzählungen erhalten.
Der 1987 verstorbene Pfarrer Schultheiß erinnerte sich, wie er von einem Freund, dem Sohn des Bahnhofsvorstehers Glitsch, zu sich nach Hause in den Bahnhof Sommerau einge.laden wurde, wo der Zug anhalten und Wasser fassen musste. Von diesem Logenplatz aus erwarteten sie den Hofzug. „Und der kam auch.

Wer noch den Hofzug gekannt hat: Der hatte schöne blaue Wagen mit weißem Dach. […] Und da stieg die Kaiserin und ihre Tochter Viktoria aus, und der Kaiser schaute zum Fenster hinaus. Die Tochter vom Stationsvorstand hat einen
Gasthof „Sieh dich f“ in Buchenberg. Vor dem Haus stehen Waldher Lehmann mit Familie.

schönen Schwarzwaldstrauß gebunden, und brachte den Schwarzwaldstrauß der Tochter Viktoria. Die Kaiserin winkte und aus der Kü.che kam ein großes Stück Kuchen. Das hat die Mina Glitsch bekommen.“ Kuchen aus dem Küchenwagen hat auch eine andere Erzählerin, die im Bahnhof St. Georgen wohnte, ein Leben lang beeindruckt. Sie hatte am Bahnsteig in St. Georgen gespielt, als ihr vom kaiserlichen Koch aus dem Küchenwagen heraus unvermittelt ein Stück Kuchen gereicht wurde. Eine mehr als großzügige Entschädigung des Fürsten von Fürstenberg hat sich ins Familiengedächtnis der Familie des Waldhüters Lehmann im „Sieh dich für“ bei Buchenberg eingegraben: Ein Hund der Jagdgesellschaft riss eine Henne in der Wohn.stube des Forsthauses. „Der Fürst bezahlte den Schaden mit zwei Goldstücken. Mit einem Goldstück kaufte der Großvater neue Betten. Das andere Goldstück ist heute noch im Besitz der Familie.“ Der Bericht von den Hühnern, die nachts in die Wohnstube geholt werden, vermit.telt zugleich etwas von den Lebensverhältnissen in dem Haus, in dem die fürstliche Jagdgesell.schaft zu Gast war. Ein ebenso anschauliches Bild von den improvisierten Verhältnisse in der ländlichen Gemeinde blieb einem anderen Zeitzeugen in Erinnerung: „Die Herrschaften fuhren in Chaisen [= zweisitzige, leicht gebaute Kutschen] – Kutschen gab es meines Wissens zu jener Zeit keine in St. Georgen – zu den ver.schiedenen Jagd-Standorten. Vorab der Kaiser mit seinem mit zwei Schimmeln bespannten Wagen in scharfem Trab. Dahinter ein Wagen oder Chaise mit den beiden Schimmeln vom Küfer-Wilhelm oder Küfer-Mathis (genau weiß ich dies nicht mehr) in vollem Galopp, da diese beiden Pferde nur durch diese Gangart den so schnell trabenden kaiserlichen oder fürstli.chen Pferden einigermaßen folgen konnten.“ Ein andermal hätten wegen der Hurrarufe der Bevölkerung am Bahnhof die Pferde gescheut. Nur das beherzte Eingreifen des Kutschers und einiger mutiger Männer habe verhindert, dass der Jagdwagen umkippte. Vielleicht war diese Begebenheit der Anlass für die Heimlichkeit des Jahres 1904.

meine Unruhe wurde der Auerhahn-bestand immer weniger, so dass mit der Verhrerei ganz aufgehrt werden musste.
Die fürstlichen Jagdvergnügungen schu.fen auch kleine Verdienstmöglichkeiten. Willi Rosenfelder aus Peterzell berichtete, wie er in der Balzzeit morgens und abends vor der Dämmerung das „Verhören“ der Auerhähne mit.erlebte, also das Beobachten der Balz, um die Tiere zu zählen: „Das Ergebnis musste alle paar Tage beim Fürst in Donaueschingen gemeldet werden, besonders auch wie viele Auerhähne sich in seinem Revier aufhielten. Wenn mehre.re Hähne gemeldet werden konnten, kam der Fürst selber und auch Jagdfreunde, welche die Auerhähne abschießen durften.“ Rosenfelder ergänzte auch: „Durch Lärmbelästigung und all.gemeine Unruhe wurde der Auerhahnbestand immer weniger, so dass mit der Verhörerei ganz aufgehört werden musste.“ Zur Vorbereitung der Jagd waren Jäger des Fürstenhauses damit beschäftigt, gegen die natürlichen Feinde der Auerhühner vorzugehen und erlegten wil.dernde Hunde und verwilderte Katzen. Für die Abschussprämie mussten die Schwänze der ge.töteten Tiere vorgelegt werden. Der Übermittler dieser Nachricht setzte hinzu: „Man erzählt sich in Buchenberg, dass clevere Jäger die Bauern veranlassten, Schwänze aller getöteten Katzen für sie aufzuheben, damit sie auch dafür Prämi.en kassieren konnten.“ Eine wahrhaft filmreife Anekdote wurde von einem Ausstellungsbe.sucher berichtet: Als die Auerhahnbestände geringer wurden, habe ein Waldhüter seinen Freund Michel aus dem Wirtshaus geholt und mit einem zuvor geschossenen Auerhahn in einem Sack auf einem Baum postiert, mit der Anweisung, den Hahn fallen zu lassen, wenn der Kaiser schießen würde. „Gesagt, getan, der Kaiser kam, er schoss. Der Michel warf den Auerhahn nach unten, vergaß aber den Sack zu entfernen.“ Eine Erzählung aus der Geschichte oder eine erzählte Geschichte? Die Verselbst.ständigung von Geschichte in Geschichten? Oder gar ein bisschen Jägerlatein?

Gottfried Heinzmann verband eine ganz andere Erinnerung aus seinen Schülertagen mit den fürstlichen Jagden: Auf dem Nachhause.weg führte ihn die Neugier mit einer Gruppe Schulkameraden zum Gasthaus Hirschen, in dem der Fürst zu Fürstenberg sein Quartier aufgeschlagen hatte. Am Treppenaufgang des Gasthofs war eine Anzahl geschossener Auer.hähne aufgehängt. „Einige von uns älteren Bu.ben, darunter auch ich, konnten der Versuchung nicht widerstehen, den blutigen Vögeln einige Federn auszurupfen und mitzunehmen.“ Diese Demokratisierung der fürstlichen Jagdbeute blieb nicht ungesühnt. Die jugendlichen Frevler wurden beobachtet und bei ihren Lehrern an.gezeigt. Die Strafe folgte – schon am nächsten Tag – auf den Fuß, genauer auf die Hand, was „in Gestalt von zwei oder vier saftigen Tatzen mit dem damals noch in Gebrauch befindlichen Meerrohr geschah. Bei mir durch den damaligen Hauptlehrer Baumgärtner (Biene-Michel).“ – Tatzen als Ordnungsstrafe in der Schule, heute ebenso undenkbar, wie die adlige Jagdleiden.schaft für den mittlerweile so seltenen Auerhahn.
Lässt sich das Aussterben des Auerhuhns noch aufhalten?
von Wolf Hockenjos
B
alztollheit kommt bisweilen nicht nur un.ter Menschen vor; balztolle Auerhähne, die jede Scheu verlieren, gar ein aggres.sives Verhalten zeigen, geraten Waldbesuchern auch heute noch gelegentlich vor die Kamera.linse oder vors Handy. Ansonsten dürften die meisten Zeitgenossen den „Charaktervogel des Schwarzwalds“ nur noch als mehr oder minder verstaubtes Präparat aus Wirtshausstuben ken.nen.

Seit 1970 ruht die Hahnenjagd, zunächst probehalber auf drei Jahre beschränkt, mit dem Ziel, den Einfluss der Bejagung auf den bekla.genswert rückläufigen Auerhuhnbestand fest.zustellen, sodann jedoch endgültig verordnet von der Stuttgarter obersten Jagdbehörde. Die Hohe Jagd auf den balzenden und dabei zeit.weise tauben Auerhahn (die skandinavischen Jägern deshalb als Gipfel jagdlicher Dekadenz gilt), war mittlerweile unter Vogelschützern ziemlich in Verruf geraten. Vielen mitteleuropä.ischen Waidmännern und -frauen gilt sie indes.sen noch immer als Krönung aller Jagderlebnis.se; weshalb der Jagdtourismus in Ländern blüht, in denen das Auerwild (wie in Österreich) noch immer keine ganzjährige Schonzeit genießt.

Mehrere tausend Auerhähne erlegt
Zwar sind im Fürstenbergischen, wie man in den von Kurt Stephani veröffentlichten Streckenlis.ten nachzählen kann, zwischen 1858 und 1937 mehrere tausend Auerhähne erlegt worden, dennoch sind sich die Auerhuhnexperten heu.te weithin einig in ihrer Einschätzung, dass es letztlich nicht die Bejagung war, die im Schwarz.wald zum Schwund der Auerhuhnpopulation geführt hat. Gegenwärtig wird der Bestand im gesamten Schwarzwald in den stark verinselten Lebensräumen auf eben noch ca. 500 Vögel (davon 182 Hähne im Jahr 2017) geschätzt, wes.halb sie auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesetzt werden mussten. Inzwischen zählt das Auerhuhn, wiewohl noch immer dem Jagdrecht unterstellt, zu den am strengsten geschützten Tierarten Europas, so.wohl nach der EU-Vogelschutzrichtlinie, als auch nach nationalem und Ländernaturschutzrecht.
Über nichts wird in Jäger- und Ornitholo.genkreisen hierzulande mehr gerätselt und ge.stritten, als über die Ursachen des anscheinend unaufhaltsamen Rückgangs der Raufußhühner (erkennbar an den gefiederten Füßen), zu denen
Auerhahm und Auerhenne (unten). Fotos: Erich Marek

nebst dem Birkhuhn auch noch das kleinere, unscheinbar braungefleckte Haselhuhn zählt. Auch der kleine Hahn wurde einst bejagt; im Schwarzwald scheint der Haselhuhnbestand soeben erst, in den beiden Jahrzehnten des neuen Jahrtausends, vollends erloschen zu sein. Während das auf weite Moor- und Riedflächen angewiesene Birkhuhn wohl schon im 18. Jahr.hundert ausgestorben ist.
Arbeitsgruppe Auerwild bildet sich
Umso verbissener bemühte sich die Jägerschaft um die Erhaltung des Auerhuhns. Im Jahr 1972 bildete sich, nahezu zeitgleich mit dem verord.neten Ende der Hahnenjagd, eine Arbeitsgruppe Auerwild, die seitdem bemüht ist, die weitere Bestandsentwicklung zu dokumentieren und Rettungsstrategien zu ersinnen. Wobei das Rät.selraten über den Rückgang freilich schon eine sehr lange Tradition aufweist, ja, bis weit zurück ins 19. Jahrhundert reicht. Bereits im Jahr 1882 verfasste der Fürstlich Fürstenbergische Forst.verwalter Sondinger eine Denkschrift unter dem Titel „Ursachen des Rückganges des Auerwildes und Maßregeln, die solches verhindern sollen.“ Seine Erkenntnisse, vorwiegend im Klosterwald

Prächtiger Auerhahn. Foto: Erich Marek
von Friedenweiler und im Krähenbacher Wald gewonnen, also auf den Buntsandstein-Stand.orten des Baarschwarzwalds, muten heute noch sehr aktuell an, denn sie gelten vor allem den Lebensraumveränderungen, ausgelöst durch die forstliche Bewirtschaftung: Die Wälder seien zu Anfang der 1830er-Jahre zumeist noch flache Hochmoore gewesen und sodann mit Erfolg entwässert worden. Auch seien seither viele Wege gebaut worden und „ein immer intensiver werdender Forstbetrieb trat an die Stelle der früheren Femelwirtschaft. In dem Maße, als der Wald besser wurde, namentlich als man immer mehr zur künstlichen Verjüngung durch Pflan.zung schritt, nahm das Auerwild nach und nach ab.“ Schon in den Forsteinrichtungs-Unterlagen von 1867 habe es zum Thema Jagd geheißen: „Der gegenwärtige Wildstand besteht in Auer.wild, welches seit mehreren Jahren stark abge.nommen hat…“ Auch dem Verfasser sei es nicht gelungen, die Bestandsabnahme aufzuhalten, „trotzdem ich als eifriger Jäger mir alle erdenk.liche Mühe gab, durch Aufräumung des Raub.zeugs diesem Abnehmen zu steuern“.
Trendwende ließ sich nicht erzwingen
Wie gründlich dieses „Aufräumen“ im Fürs.tenbergischen gehandhabt wurde, auch dies belegen die vom F.F. Jagdchronisten Stephani publizierten Streckenlisten: mit Abertausenden erlegter Auerhuhnfeinde, ob des behaarten oder des gefiederten Raubwilds und Raubzeugs, ob Fuchs, Marder, Wiesel oder Habicht; alles, was krumme Schnäbel hatte, war ohnehin zu be.kämpfen. Auch die dafür vom Fürstenhaus be.zahlten Schussgelder (Abschussprämien) finden sich hier säuberlich aufgelistet. Doch mit noch so viel Schroteinsatz ließ sich die Trendwende nicht erzwingen. Selbst mit der künstlichen Anlage von „Balz und Tummelplätzen“ (im heu.tigen Sprachgebrauch: mit habitatverbessern.den Maßnahmen) wollten sich nur kurzzeitige Erfolge einstellen.
Denn offensichtlich war es nicht allein die intensivere Forstwirtschaft, die den Waldhüh.nern zusetzte. Das Badische Forstgesetz hatte 1833, um die drohende Holznot abzuwenden, die jahrhundertelang übliche Waldweide verbo.ten, die zu immer lichteren, beerstrauchreichen und damit Auerhuhn-freundlichen Waldstruk.turen geführt hatte. Und nun begannen die Waldstandorte, sich allmählich vom bodenver.dichtenden Viehtritt zu erholen, was wiederum dem Baumwachstum zugutekam mit der Folge, dass die Wälder dichter und dunkler wurden. Sie glichen damit immer weniger dem ursprüngli.chen Auerhuhn-Biotop, den nordischen Nadel.wäldern und Tundren.
Grabensysteme ein umstrittenes Thema
Per Erlass hatte das F.F. Jagdamt 1924 die Forstämter aufgefordert, über den Rückgang des Auerwilds jeweils zu berichten und von
Entwässerungsgräben waren auch unter Forstleuten hhst umstritten.

nun an häuften sich die Hypothesen über die Ursachen: Waren Tierseuchen im Spiel, hatten Störungen und Wilderei zugenommen, lag es am ungünstigen Geschlechterverhältnis, an der Altersstruktur, an der Abwanderung? Oder an der Vermehrung des „kleinen Raubgeflügels wie Raben und Sperber“ wegen steigender Patronenpreise, am überhand nehmenden Schwarzwild, an herumstreunenden Hofhunden, an der Verwendung von Raffeln bei der Heidelbeersuche? Oder eben doch vor allem an der Forstwirtschaft? Brachte es der (oben bereits zitierte) Peterzeller Forstsekretär i. R. Franz Riedler im Jahr 1952 auf den Punkt, wenn er klagte: „Der neuzeitliche Forst- und Kulturbetrieb behagt dem Auerwild nicht mehr, da ihm durch die Entwässerung und Aufforstung der ehemaligen Moor- und Kahlflächen, zu starkes Lichten der Waldbestände u. s. w. die Balzplätze genommen werden?“ Die Unterhaltung und Erneuerung der im frühen 19. Jahrhundert angelegten umfangreichen Grabensysteme blieb auch unter den F.F. Forstleuten ein höchst umstrittenes Thema: In den Auerhuhnlebensräumen des Buntsandstein-Schwarzwalds schlägt bis heute immer wieder hohe Wellen.

Beerstrauch-Vegetation
Festzuhalten bleibt: Die jagdliche Abstinenz seit 1970 hat leider nicht den erhofften Erfolg gebracht, die Erholung der Schwarzwälder Auer.huhnpopulation. So wenig, wie die Appelle an die Jägerschaft, den Fuchsabschuss drastisch zu verstärken. Im Gegenteil, die Waldhühner zogen sich immer weiter zurück und besiedeln heute dauerhaft nur noch die höchsten Lagen des Landkreises – trotz aller Schutzbemühungen: 1995 wurde die Arbeitsgruppe Raufußhühner Baden-Württemberg (AGR) ins Leben gerufen, in der sich Interessengruppen aus Naturschutz, Forstwirtschaft, Forschung und Jagd zusam.mengetan haben mit dem erklärten Ziel der Erhaltung von Hasel- und Auerhuhn. Um Stö.rungen zu minimieren, den Erholungsverkehr, insbesondere die Skiläufer, zu kanalisieren und von den Auerwildgebieten fernzuhalten, entstand um die Jahrtausendwende eigens ein Modellprojekt Rohrhardsberg unter Einbindung der Jägerschaft, des amtlichen und privaten Na.turschutzes, der Forstverwaltung, von Kommu.nen, Wintersport und Touristik, dem sogar der Deutsche Umweltpreis verliehen wurde. 2006 kam dann auch noch ein LIFE-Projekt zustande, das ebenfalls, zur Hälfte von Brüssel finanziert, dem Auerhuhn zugute kommen sollte mit Hilfe seines Pflege- und Entwicklungsplans für die EU-Vogelschutzgebiete. 2008 erarbeitete die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungs.anstalt (FVA) einen Aktionsplan Auerhuhn, in dem für das nachfolgende Jahrzehnt konkrete Rettungsmaßnahmen in den Handlungsfeldern Habitatgestaltung, Tourismus und Freizeitnut.zung, Jagd, infrastrukturelle Projekte, wissen.schaftliche Begleitung und schließlich Transfer und Kommunikation vorgeschlagen wurden. Als Rückgangsursachen und Gefährdungen nennt der Aktionsplan:


Die Veränderung und Zerschneidung der Le.bensräume


Der enorme Anstieg der menschlichen Ein.flüsse und Störungen (Tourismus)


Anstieg der Prädatorendichte


Langfristige Klimaveränderungen und Witte.rungseinflüsse

Dass die Beerstrauch-Vegetation, die im Sommer das Hauptnahrungsmittel der Hühner liefern soll, sich vielerorts rar gemacht hat, liegt zweifelsfrei nicht an den Beerensammlern (mit oder ohne Raffel), sondern an der zunehmenden Veränderung der Waldböden durch Stickstoff.eintrag (Eutrophierung) oder gar Kalkung. Ob auch der Klimawandel als Ursache des Popula.tionsrückgangs in Frage kommt, wird von vielen Experten bezweifelt, denn das Auerhuhn besie.delte einst durchaus auch wärmere Höhenzonen.
Wie denn auch die geforderte verschärfte

Weiterhin sinkende Zahlen
Fuchs- und Schwarzwildbejagung Doch auch der Aktionsplan allenfalls Teilerfolge erwarten brachte nicht die erhoffte lässt, wie die Geschichte der Wende, so detailliert sein rigorosen fürstenbergischen Maßnahmenkatalog Raubwild- und Raubzeugbe.ausgearbeitet wurde. Es kämpfung lehrt. war sicher nicht nur der So bleibt einstweilen Halbherzigkeit der Ak-nur die Möglichkeit noch teure geschuldet, dass die konsequenterer Habitatge.alljährlichen Zählungen auf staltung durch einen speziell den Balzplätzen weiterhin auf die Waldhühner zuge.sinkende Zahlen erbrachten. schnittenen Waldbau. Weshalb Denn die dem Auerhuhn dro-Auerhahn-Ken Forstminister Peter Hauk 2016 henden Gefahren haben weiter Foto: Erich Marek für den Staatswald des Landes
zugenommen. So trifft etwa der für den Fortbestand unerlässliche genetische Austausch zwischen den Teilpopulationen auf neue Hindernisse: Seit 2011 sind es vermehrt Windenergieanlagen, weil die Verbindungs.korridore der Auerhühner zwischen Süd-, Mit.tel- und Nordschwarzwald in aller Regel über dieselben Höhenzüge verlaufen, auf denen die besten Windhöffigkeit herrscht. Dass der Lärm von Rotoren die Kommunikation der Hennen mit ihren Kücken etwa beim Herannahen eines Fressfeinds erschwert, dass der durch den Wald huschende Schattenwurf die Aufmerksamkeit der Hühner bindet und sie zur leichteren Beute ihrer natürlichen Feinde macht, dass durch den Betrieb und die Zuwegung der Anlagen die Be.unruhigung zunimmt, liegt zwar auf der Hand, beweiskräftige Argumente verspricht man sich dennoch erst von einem neu aufgelegten inter.nationalen Forschungsprojekt Windenergie & Auerhühner. Ob die verbliebenen Waldhühner das wohl noch aushalten werden?

eine Freiflächen-Kampagne aus.gerufen hat: In den Auerhuhnlebensräumen soll der Wald lichter und lückiger werden, denn sonnenbeschienene Lücken kommen nicht nur den Beersträuchern zugute, sie behagen auch den Kücken. Hier können sie sich trocknen von der tropfnassen Vegetation, hier finden sich „Huderplätze“ für die beliebten Staubbäder, auch Ameisen, Kleingetier und Kräuter.
Ganz wird sich freilich jener Wald nicht zurückholen lassen, der einst dem Auerhuhn so behagt hat, bevor der dramatische Abwärts.trend eingesetzt hat. Doch immerhin gibt es da und dort durchaus auch ermutigende Positiv.beispiele, wo konsequentes forstliches Habitat.management zu artenschützerischen und jägerischen Erfolgserlebnissen verholfen hat. Für den Schwarzwald, auch für seinen Ruf als touristischer Magnet, wäre es eine fabelhafte Erfolgsgeschichte, wenn es nach all den Rück.schlägen doch noch gelänge, die Auerhuhn.population am Leben zu erhalten!
Vom guten Gefl, wenn man genau weiß, woher die Lebensmittel kommen
Solidarische Landwirtschaft Baarfood e.V.
von Birgit Heinig
7. Kapitel – Natur und Umwelt

Seit sie zwei kleine Kinder hat, hat Sabrina Goldmann aus Villingen die Ernährung ihrer kleinen Familie komplett auf Bio umgestellt. Dazu geht natlich gewachse.nes, von Pestiziden unbelastetes und umweltschonend produziertes Geme, das die Goldmanns als Mitglieder des Vereins „Baarfood“ genießen knen.
A
uch Hardy Bisinger, Nadja Pohl, Carla André, Sabine Wagner, Marlene Reichegger und Anna Stangl essen gerne viel Gemüse, das sie bisher bequem im Bioladen erstanden haben. Inzwischen kommt in ihren Familien aber nur noch selbst Angebautes und persönlich Geerntetes auf den Tisch. Man traf sich beim odysso-Dokumentarfilm „Die Stra.tegie der krummen Gurken“, der im Schwen.ninger „Capitol“ gezeigt wurde. Darin stellt die 2011 gegründete „GartenCoop“ Freiburg die Idee der „Solidarischen Landwirtschaft“ vor. Gleichgesinnte Mitglieder eines Vereines küm.mern und sorgen sich ehrenamtlich und aus eigener Kraft um die Produktion ihres Gemüses in Bioqualität als Alternative zu Lebensmittel.skandalen und Biomassenware aus aller Herren Länder, wie sie inzwischen auch die Discounter überschwemmt. Ein Einsatz für eine bodenscho.nende und vielfältige Landwirtschaft und gegen Monokulturen, für den ökologischen Gemüse.anbau und gegen die massenweise Vernichtung von Lebensmitteln. Eine „Solawi“ nach Freibur.ger Muster ins Leben zu rufen, sollte doch nicht so schwer sein, sagten sich die sechs Filmzu.schauer und taten sich zusammen. Alle waren ähnlich unzufrieden mit den Produkten aus industrieller und auf Höchsterträge abzielender
Sabrina Goldmann aus Villingen holt ihre Ration Geme ab.

Oben: Anni Kohnle (rechts) und Tanja Sikler sind Ge.megärtnerinnen und die einzigen Festangestellten.
Rechts: Auch kleine Gärtner helfen mit.
Landwirtschaft ohne Rücksicht auf die Umwelt. Man tat sich zusammen und gründete im Janu.ar 2017 den Verein „Solidarische Landwirtschaft Baarfood e.V.“ Das Konzept kam an: Nach einem Jahr zählt der Verein schon über 160 Mit.glieder, Tendenz steigend. Hardy Bisinger ist der Vorsitzende eines sechsköpfigen Vorstandes.
Acker bei Überauchen
Wesentlich schwerer war es dagegen, ein geeig.netes Gelände zu finden. „Wir sind wochenlang von Hof zu Hof gezogen, haben nur Absagen erhalten und dachten schon ans Aufgeben“, erinnert sich Hardy Bisinger. Schließlich fand sich in Brigachtal-Überauchen ein Landwirt, den die Idee überzeugte und der dem jungen Verein direkt neben dem Sportplatz einen Hektar Land verpachtete. Inzwischen kümmert man sich
Solidarische Landwirtschaft Baarfood e.V.

Wir arbeiten nicht nur mit alten Sorten, wir säen, pflanzen und ernten auch nach dem Mondkalender von Maria Thun.

auch um eine Streuobstwiese in Schwenningen und bringt sich am Hankenberg bei Weilersbach ein.
„Regionalität und kurze Wege sind uns wichtig“, sagt Bisinger. Die Kosten für eine biologisch-dynamische Produktion des Gemüses vorort vom Samen bis zur essbaren Frucht oder Wurzel werden gemeinschaftlich getragen. Und auch die Arbeit wird gemeinschaftlich erledigt. Doch wie kann man die leisten, wenn man selbst nur wenig Erfahrung, geschweige denn Ahnung vom Ertrag verheißenden Gemüseanbau hat?
Auf die bundesweite Ausschreibung in einschlägigen Bioanbau-Netzwerken einer Voll.zeitstelle als Gemüsegärtner erhielt man meh.rere Bewerbungen und entschied sich für die gebürtige Schwenningerin Anni Kohnle. Inzwi.schen steht mit Tanja Sikler schon eine zweite Fachkraft auf der Lohnliste. Beide – im Übrigen fair bezahlte – Fachfrauen wurden gezielt ge.sucht und gefunden, entsprechen sie doch mit ihrer nachhaltigen Arbeitsweise so ganz den Vorstellungen der Baarfood-Mitglieder. „Wir arbeiten nicht nur mit alten Sorten, wir säen, pflanzen und ernten auch nach dem Mondka.lender von Maria Thun“, erzählt Anni Kohnle. Es wird mit Grasschnitt und Silage vom Biobauern
Oben links: Gemeinschaft wird bei Baarfood großge.
schrieben. Unten Links: Carla André, Schriftfrerin des Vereins, mulcht mit Grasschnitt und Silage vom Biobauern.
Rechts oben: Baarfood setzt auf die Mitarbeit von Nzlingen. Vereins-Vorsitzender Hardy Bisinger und Anna-Lena Grieb bessern das Insektenhotel aus.
Rechts unten: Angebaut wird nur das, was zur ent.sprechenden Jahreszeit wächst.

gemulcht, mit Brennnesselbrühe und eigenem Kompost gedüngt, auch ein Insektenhotel und eine Benjeshecke für Nützlinge sind entstanden.
Was die Gärtnerinnen besonders freut ist die Wertschätzung, die ihnen und ihrer ganzheitli.chen Arbeit von den Mitgliedern entgegenge.bracht wird. „Mitzuerleben, wie viel Mühe es macht und wie viel Zeit es braucht, bis ein Kohl.rabi reif ist, macht das Produkt um so wertvol.ler“, sagt Tanja Sikler. Zumal es in diesem April auch noch zu trocken und im Mai zu nass war. Der Blumenkohl ist in diesem Jahr winzig ausge.fallen. Die Bewässerungstechnik bei „Baarfood“ wurde ebenfalls fertiggestellt und konnte im Sommer die hohe Trockenheit lindern, freut sich der Vorsitzende Hardy Bisinger.
Kartoffeln, Lauch und Salat
Die im Herbst 2017 erste Ernte war trotzdem schon so erfolgreich, dass davon 165 Menschen satt wurden. Im Januar gab es laut Ernteliste immerhin noch eingelagerte Kartoffeln der Sorte „Jelly“, außerdem Lauch, Spinat, rote Beete, Feldsalat, Zuckerhut, Rotkohl, Rübchen und Karotten, eingelagert in einem Gemein.schaftskeller. Inzwischen hat der Verein einen Folientunnel angeschafft, um auch regenemp.findliche Tomaten, Paprika, Auberginen und Stangenbohnen anbauen zu können und etwas

Zum Solawi-Prinzip gehrt, auf Gemse zu verzichten, das es halt gerade nicht gibt.

früher aus dem „Frühlingsloch“ herauszukom.men. Eine Gemüsepause gibt es trotzdem. „Zum Solawi-Prinzip gehört, auf Gemüse zu verzich.ten, das es halt gerade nicht gibt“ sagt Hardy Bisinger.
Seit April sprießt wieder alles und auf dem Feld bei Überauchen ist Mittwoch-, Freitag- und Samstagnachmittag Arbeitseinsatz für alle, die Lust darauf und Zeit dafür haben. Wer nicht, der engagiert sich stattdessen in einem der zahlreichen Arbeitskreise, die sich mit Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, Festorganisationen, Handwerken, Ökologie, Naturschutz oder zu.künftigen Projekten beschäftigen. Man kann auch bei der wöchentlichen Gemüseverteilung an drei Abholorten mitwirken, oder bringt in der Zeit des größten Arbeitsaufwandes – im Mai und Juni – wenigstens einen selbstgebackenen
Auch das Einmachen will gelernt sein – Baarfood bietet ein vielfältiges Info-Programm, bis hin zum Einmachkurs.

Was man an Geme gerade nicht braucht oder mag kommt in die „Geschenkekiste“.
Kuchen für die Kaffeepause auf dem Feld vorbei.
Anni Kohnle und Tanja Sikler sagen an, was getan werden muss und zeigen, wie es geht. „Wir ler.nen immer etwas Neues“, sagt
Stefanie Bender, die mit ihrem Mann David Weineck und Töchterchen Lotta regelmäßig mithilft. Für das Paar ist die Solawi der Weg in eine bessere Zukunft, in der die Öko.logie zwingendermaßen eine Hauptrolle spielen muss, wie sie meinen. Schriftführerin Carla André hat drei Jahre lang in Frankreich gelebt, wo Lebensmittel generell einen höheren Stel.lenwert haben als in Deutschland, findet sie. Da sie gerne gesund kocht und das am liebsten mit frischen und regionalen Produkten, ist Baarfood für sie genau das Richtige. Dafür steht sie gerne in ihrer Freizeit mit der Hacke auf dem Acker oder schichtet den Komposthaufen um.
Sehr geschätzt wird bei den Mitgliedern die Gemeinschaft. „Man lernt viele neue und interessante Menschen kennen“, sagt David Weineck. Zusammen hat man auch schon ein Sommer-, ein Acker- und ein Weihnachtsfest gefeiert. Geplant ist auf Anregung der jungen Eltern ein Kinderecke, in der auch die kleinen Gärtner buddeln können, ohne dabei Salat, Dill oder Kartoffelpflanzen zu nahe zu kommen.

Jede Woche frisches Geme
Die Ernte wird jede Woche an die Mitglieder aufgeteilt. Dafür gibt es drei Abholstellen in Vil.lingen, in Schwenningen und direkt am Acker in Überauchen. Dort stellt man sich seinen zu Jah.resbeginn erworbenen Gemüseanteil anhand einer ausgehängten Liste selbst zusammen. Nach Optik sortiert wird dabei freilich nicht. Was man nicht mag oder gerade nicht braucht, kommt in die „Geschenkekiste“, aus der sich jeder zusätzlich bedienen darf. Voraussetzung für den Erwerb eines Gemüseanteils ist die Vereinsmitgliedschaft für einen Jahresbeitrag von 30 Euro. Der Preis pro Anteil wird vor jeder Anbausaison neu kalkuliert. Derzeit liegt er bei monatlich 75 Euro. In der Kalkulation sind alle anfallenden Kosten enthalten: Löhne, Pflanzen, Wasser, Arbeitsgeräte, Pacht, Versicherungen und Investitionen. Diese Kosten werden über die Mitgliedsbeiträge, die Beiträge für die Ge.müseanteile und Gelder von Förderern gedeckt. Bei einer anonymen Bieterrunde zu Jahresbe.ginn darf jedes Mitglied für seinen Gemüsean.teil ein vom errechneten Wert abweichendes Gebot abgeben. „So ist gewährleistet, dass jeder das bezahlt, was er sich auch leisten kann“, erklärt Bisinger. Bis der Jahresetat erreicht ist, können allerdings durchaus mehrere Bieterrun.den fällig werden. Das Risiko für Ernteausfälle müssen schließlich alle tragen.

Reichliche Ernte – der Chinakohl ist bestens herangewachsen, der Ertrag sehr zufriedenstellend.
Solawi macht Schule
In Deutschland gibt es mittlerweile über 200 solidarisch geführte Land.wirtschaften. Auch im Schwarz.

wald-Baar-Kreis und darüber hinaus macht die gemeinschaftliche Lebensmit.telproduktion im Einklang mit der Natur Schule. „Wir sind im Gespräch mit einigen Gruppen, die Ähnliches planen“, sagt Hardy Bisinger. So war man behilflich bei der Gründung der Solawi „Ackernative“ auf dem Hardt. Anfragen aus Rottweil, Balingen und aus Konstanz haben ihn auch schon erreicht. „Wir helfen gerne, uns wur.de schließlich auch geholfen“. Als Geburtshelfer des Baarfood e. V. gilt die Solawi in Ravensburg. Das Netzwerk wird stetig weitergeknüpft – zu Gunsten eines verträglichen Miteinanders von Mensch und Natur.
Das Konzept kommt an: nach einem Jahr zählt der solidarisch gefrte Verein schon er 160 Mitglieder, Tendenz steigend.

Das Teich – eine der romantischsten Schluchten Deutschlands
von Wolf Hockenjos

vorzgliche Kunststraße ab, die sich in Windungen durch die mächtige Felsenschlucht des Gtenbach, „Das Teich“ genannt, die malerischste der Gegend, nach dem Ort Gtenbach und von dort weiter nach Furtwangen hinaufhebt.“
Wilhelm Jensen: Der Schwarzwald. Berlin 1901
S
chluchten in Mittelgebirgslandschaften haben nicht erst seit gestern Konjunktur, steigern sie als „Restwildnis“ und Kontra.punkte doch den Erlebniswert der Kulturland.schaft. So zählt etwa ein „Schluchtensteig“ neuerdings zu den Hotspots des Schwarzwald.tourismus´, und weit über einhunderttausend Besucher pilgern alljährlich durch die Wutach.schlucht. Aber wo, bitteschön, findet der Tourist das Teich, „die mächtige Felsenschlucht“? Oder sollte der Reiseschriftsteller Jensen um die vor.letzte Jahrhundertwende versehentlich den fal.schen Artikel verwendet haben? Immerhin, seine „vorzügliche Kunststraße“ ist für Bewohner des Quellenlandkreises noch immer leicht identifi.zierbar: Wer kennt sie nicht, die kurvenreiche L173 vom Neueck ins Simonswäldertal hinab, auf der man allzu oft hinter Lkws festzustecken pflegt und vergebens auf Überholmöglichkeiten lauert?
„Wildzerissene“ Felsenschlucht
Im Jahr 1855 war endlich die halsbrecherische Kilpenstraße, die bis dato einzige Verbindung von Waldkirch nach Furtwangen über das Alte Eck hinweg, durch die „neue Poststraße“ ersetzt worden. Der Schwarzwaldführer von Julius Wais (1926) merkt kritisch über sie an, dass sie „als Kunststraße in die Felsen gesprengt hoch über dem Wildgutachtal hinführt, aber sehr sonnig und staubig und wegen des lebhaften Kraftwagenverkehrs (zwischen Waldkirch und Furtwangen) nicht empfehlenswert ist“; man gehe daher besser „durch das sogen. Teich, ein romantisches, felsengeschmücktes Seitentäl.chen“. Die Teichschlucht selbst wird hier, wie in zahlreichen weiteren Schwarzwaldführern, eher stiefmütterlich behandelt. Und was die „Kunst.straße“ anbetrifft: Ältere Verkehrsteilnehmer erinnern sich gewiss noch an das Straßentunnel am Ortseingang von Gütenbach, das längst den Anforderungen des neuzeitlichen Bus- und Lkw-Verkehrs geopfert werden musste. Dem nach der Sprengung verbliebenen Felsenrest hat man neuerdings ohne ersichtlichen Grund einen blechernen Wolf aufgesetzt; exakt dort biegt man auf den Wanderparkplatz Felsenkeller ein, um in die Teichschlucht zu gelangen.

Die „wildzerrissene“ Felsenschlucht, Wilhelm Jensen zufolge „die malerischste der Gegend“, scheint indessen ziemlich im Abseits zu liegen, auch wenn der Querweg Schwarz.wald-Kaiserstuhl-Rhein des Schwarzwaldver.eins durch sie verläuft und die Gütenbacher sie in ihr Rundwanderwegenetz einbezogen haben. Die Schau gestohlen hat ihr offenbar – jenseits des Wildgutachtals – der sehr viel bekanntere Karkessel des Zweribachs mit seinen Wasserfäl.len und seinem Bannwald. Ein bisschen mag ihr Bekanntheitsgrad freilich auch unter der wenig idyllischen, nicht eben zur Wanderung einla.denden Gütenbacher Kläranlage am oberen Schluchteinstieg gelitten haben.
Der aus Vorder- und Hintertalbach gebil.dete, wasserreiche Gütenbach, dem das Dorf seinen Namen verdankt, wird im Jahr 1112 in der ersten urkundlichen Erwähnung als „Wuta“ bezeichnet, im Jahr 1360 dann als „Wuoten.bach“, genau wie auch der Ort selbst. Denn ab dem Dorfausgang beginnt der Bach heftig zu tosen, viel wütender noch als drüben der soviel bekanntere Zweribach, dessen Wasser seit 1924 großteils durch die Rohrleitung des Obersimonswälder Elektrizitätswerks ge.zwungen wird. Ganz ohne Wasserverlust und Druckleitungsrohre kam dagegen die Turbine aus, die Leo und Friedrich Faller, die Gründer der Gütenbacher Firma Faller, bereits ausgangs des 19. Jahrhunderts hier in den Bach verlegten, um ihre Fabrikhallen mit Strom zu versorgen; dem Teichbach hat sie nichts anhaben können.
So laut lärmt dieser jetzt mit einem Mal, dass er sogar die sommerlichen Motorradhor.
„Felsschlucht bei Genbach“, Darstellung aus „Der Schwarzwald“, von Wilhelm Jensen, 1901.
den hoch oben auf der Landstraße übertönt. Denn ab nun springt er über gewaltige Felsblöcke zu Tal, derweil sich die steile asphaltierte Zufahrt zur Kläranlage hinunter unvermittelt in einen Fußpfad ver.wandelt.
Wo er in den Schluchtwald ein.taucht, passiert der Wanderer ein Hinweisschild mit der Aufschrift Bannwald, das vor abbrechenden Ästen und umstürzenden Bäumen warnt. Denn in diesem 1992 von der Forstverwaltung im Staatswald ausgewiesenen, knapp 17 ha gro.ßen „Urwald aus zweiter Hand“ ist offenbar schon sehr lange nicht mehr gewirtschaftet worden, wo.möglich schon seit dem frühen 19. Jahrhundert nicht mehr, als die Wälder um Wildgutach die letzten Kahlschläge zur Kohlholzversor.gung der Kollnauer Eisenschmelze
zu erdulden hatten. Weshalb uns heute umso mächtigere, wohl bis zweihun.dertjährige Weißtannen in Empfang nehmen, auch Buchen, Bergahorn und Fichten, dazu zer.schmetterte und dick bemooste Baumleichen, die Buchenstrünke besetzt mit Zunderschwäm.men – ein urwüchsiger Bergmischwald, durch.brochen nur von Felspartien und von moos- und flechtenbedeckten Blockhalden, entstanden einst durch die eiszeitliche Verwitterung, durch die das Urgestein sprengende Wechselwirkung von Frost und Sonneneinstrahlung.
Ein Hauch von Wildnisabenteuer
Zuunterst in der Schlucht hat jüngst erst der Sturm zugeschlagen. Die entwurzelten, kreuz und quer liegenden Stämme verstärken beim Wanderer noch das prickelnde Gefühl eines Hauchs von Wildnisabenteuer. Zumal er sich jetzt auch wieder an all die Namen erinnert, die er oben am Wanderparkplatz leicht irritiert den Wegweisern entnommen hat: Orte wie Mör.der-, Hexen-, Brennersloch oder Fallengrund. Sollte er sich auf seiner Tour gar einem einhei.mischen Begleiter anvertraut haben (wozu den Reisenden in den ältesten Schwarzwaldführern durchaus noch geraten wird), so wird der aus.gangs der Schlucht womöglich auch noch jene alte Mordgeschichte aufgetischt bekommen haben, die in den Köpfen der Gütenbacher und der Wildgutacher bis zum heutigen Tag noch in vielerlei Variationen herumspukt. In den Wäl.dergeschichten (von Fritz Hockenjos) etwa liest sie sich so: „Wie die Leute lebten, kann man sich heute schier nicht mehr vorstellen. Vom Schloßpeter [einem der Bewohner der Höflein im Zweribach, der Heidenschlösser] heißt es im Kirchenbuch, er sei Bettelmann von Beruf ge.wesen; immerhin hat er es zu acht Kindern und etlichem Vieh gebracht, denn im Jahr 1872 ist er mit einem Stücklein nach Gütenbach gegangen, um es zu verkaufen. Und als er am Abend mit vierzig Gulden im Sack durch das Deich, einen abseitigen Dobel, heimzu ging, wurde er er.schlagen und ausgeraubt, nicht anderst als ein Reicher. Man fand ihn erst einige Zeit danach im Bach, der Mörder hatte ihn in einem tiefen Gumpen geworfen und Steine auf ihn gebeigt.“

Was beiläufig zeigt, dass „das Deich“, die Teichschlucht, auch früher schon begangen wur.de, allerdings wohl vorwiegend auf dem alten Kirchweg, der sich südlich des Baches durch den Steilhang zog. Die eigentliche Erschließung der Schlucht gelang erst dem Gütenbacher Schwarz.waldverein und seinem Vorsitzenden, dem Fabri.kanten Erwin Schwer, während der Wirtschafts.krise 1928 bis 1933. Ihm war besonders zustatten gekommen, dass im Dorf noch Nachfahren der aus dem Piemont stammenden Erbauer der „Kunststraße“ lebten: die Brüder Fritz, Adolf und Albert Markon, einst unter dem Familiennamen Marconi ins Land geholt, die ihr Handwerk auch im steilsten Fels noch nicht verlernt hatten.

Teich- oder Deichschlucht: besiedlungsgeschichtlicher Hintergrund
Gütenbach und Neukirch gehörten einst zum Kloster St. Peter, und dessen letzter Abt, Ignaz Speckle, hat in seinem Tagebuch unterm 28. Juli 1802 festgehalten, dass er „durch unsere Vogtei Wildgutach“ nach Gütenbach geritten sei. Was vermuten lässt, dass auch er, sogar hoch zu Ross, schon den Weg durch die Schlucht genommen haben dürfte, standesgemäß freilich auf dem Kirchweg, wie vermutet werden darf. Oder gab es bequemere Aufstiege, etwa den Umweg über den 1962 durch Blitzschlag abgebrannten Deich.jockelhof hoch oben am Hang oder über den Heiligenhof, gar über das Mörderloch zum Balzer Herrgott hinauf, heute dem touristischen Allein.stellungsmerkmal der Gemeinde Gütenbach?

Wie dicht doch bis unlängst noch die Wildnis um die Wilde Gutach und um das Deich besie.delt war! Nahe der Einmündung des Teichbachs in die Wildgutach existiert noch heute der große Gutenhof, ein sog. Eventhof des Naturparks Südschwarzwald (was immer dem Besucher da an Events geboten werden mag), während das Wangler‘sche Sägewerk und das Gasthaus Lö.wen in diesem so verkehrsungünstig gelegenen Zinken inzwischen dicht gemacht haben. Un.mittelbar am Bach (und damit an der Landkreis-

Urwhsiger Bergmischwald, durchbrochen nur von Felspartien und von moos- und flechtenbedeckten Blockhalden.
grenze) steht noch immer, wenn auch längst au.ßer Betrieb, die Pfaffmühle, und selbst ein Stück weiter oben in der Deichschlucht gab es noch das 1930 abgebrannte Haus Hörnle, wie man in dem Bändchen „Löcher und Döbel um Dreiste.gen – Wie es früher war im Hexenloch“ von Max Braun (Furtwangen 1979) nachlesen kann.
Ob Teich- oder Deichschlucht: Die Ent.stehung des Namens wird vom Gütenbacher Heimat- und Geschichtsverein mit dem aleman.nischen „Diich“ erklärt, als „Mihlidiich“, die zum Mühlrad führende Wasserrinne. Doch der Deich.jockel oben am Berg besaß gewiss keine Mühle. Sollte am Ende doch schon zur Keltenzeit ein gefährlicher Saumpfad durch die Schlucht auf die Schwarzwaldhöhen hinauf geführt haben, sodann weiter über Furtwangens namensgeben.de Furt in die Zentren hallstattzeitlichen Lebens bei Villingen und auf der Baar. Sollte die für eine Schlucht eher ungewöhnliche Bezeichnung gar auf keltische Wurzeln zurückzuführen sein?
Vor dem besiedlungsgeschichtlichen Hin.tergrund gewinnt die Begehung der zu Unrecht unterschätzten Teichschlucht zusätzliche Reize: Ein ungebändigter, schäumender Gebirgsbach inmitten von Tannenriesen, Fels, Blockmee.ren – was wünscht sich der zivilisationsmüde Schwarzwaldbesucher mehr! Unten an der Pfaffmühle angelangt, hat er die Fabrikgebäude wie auch die Kläranlage am oberen Einstieg in die Schlucht längst aus dem Gedächtnis verdrängt. Es sei denn, er hätte, misstrauischer-weise, den blühenden Holunder am Bach als Indiz für unzureichende Klärung und allfäl.lige Gewässerüberdüngung gedeutet. Doch nein, der spätromantische Naturgenießer und Wildnissucher lässt sich sein Schluchterlebnis so leicht nicht verdrießen. Den Rückweg zum Wanderparkplatz Felsenkeller, wird er jetzt unerschrocken über das Mörderloch in Angriff nehmen und weiter, am Balzer Herrgott eine Rast einlegend, über den Fallengrund nach Gütenbach.
Emil Kiess
Über die unendliche Freiheit von Farbe, Malerei und Raum
Emil Kiess, 1930 in Trossingen geboren, blickt auf ein umfassendes Werk, das von Anfang an regelmäßig gewdigt wird. Er zählt zu den bekannten und renommierten Kstlern Baden-Wttembergs. Neben internationalen Preisen, dem Stipendium der Villa Massimo in Rom, der Verleihung des Professorentitels, zahllosen Ausstellungen treten in jgster Zeit Retrospektiven, die sein Werk im Kontext von gut sieben Jahrzehnten zeigen. Bis Juli 2018 ist die Ausstellung „Emil Kiess – die Wirklichkeit des Sichtbaren“ in Meersburg im Roten Haus präsentiert worden, 2010 lud die Kunststiftung Hohenkarpfen zu „Emil Kiess – Gegenwart und Rkschau; Werke 1960 -2010“ ein. In ihnen tritt die ganze Bandbreite eines Malers zu Tage, dessen farbstarke Bildwelt sofort vor Augen steht. Glas- und Wandmalerei, Porträt, Landschaft, Radierungen und Collage, Abstraktion und Figuration sind keine Gegensätze, sie machen den Reichtum des Oeuvres aus.
von Ursula Kler
S
eit einigen Jahren greift Emil Kiess mit spielerischer Leichtigkeit auf bekannte Themen seines Werks zurk. Er variiert in unterschiedlichen Techniken und Formaten ein großes Thema der Moderne und seiner Arbei.ten: das Verhältnis von Abstraktion zu Figurati.on, die Relation von Form und Farbe.
Nachdem Emil Kiess die Grenzbereiche des Machbaren in der Malerei jahrzehntelang erfolgreich erforscht hat, erfnen sich nun ganz andere Freiheiten und Freuden im Bereich dieser Gewissheiten. Denn Lungen f die unterschiedlichen Probleme, eine Malerei zu gestalten, die aus sich heraus ihre Darstellungs.berechtigung bezieht, sind gefunden. Auf dieser Basis lässt sich ohne Druck gestalten.

Bermte Gemälde adaptiert
So ist es auch mlich, die kstlerischen Vor.bilder und historischen Beze offenzulegen. Mit Vergnen adaptiert Emil Kiess bermte Gemälde etwa von Velázquez, Marées oder Seurat in eigener Farb- und Formfindung. Gele.gentlich schiebt er den renommierten Kollegen seine Arbeiten im Bild unter. Georges Seurat erfrt den Pointillismus eigenhändig auf ei.nem Staffeleigemälde in Kiess‘ Farbgebung und Pinselduktus. Auf vergleichbare Weise wdigt Kiess den unterschätzten Stuttgarter Kstler Adolf Hzel, dessen Farbtheorie die Moderne jedoch maßgeblich prägte. Die Klarheit, mit der Emil Kiess in seinem Gemälde „Malerei“ von 2015 Farben nebeneinandersetzt und kom.
8. Kapitel – Kunst & Kultur

munizieren lässt, vergegenwärtigt den fren Farbtheoretiker, der hinter den Weiterfrun.gen seiner Ideen durch Johannes Itten oder Willi Baumeister fast verschwunden ist. Eine unmit.telbare Hommage an Hzel gestaltet Emil Kiess 2006 in einem Porträt nach einer Fotografie. In der Bildwirklichkeit kann Adolf Hzel vor der Folie und mit Emil Kiess‘ Bildern posieren. Nicht nur Hzels zentraler Begriff der „kstlerischen Mittel“ findet hier eine visuelle Wdigung, sondern ebenso dessen Leitsatz: „Das Bild ist eine Welt f sich, die eigens und grdlich erforscht werden will.“, der von Emil Kiess mit jeder Arbeit aufs Neue realisiert wurde, auch wenn er die äußere Realität nie vernachlässigt. In der Rkschau erschließen sich die Lebens-
erforscht werden will.

und Schaffenslinien leichter. Es wird klar, was wem zu verdanken ist, welche Anregungen f das eigene Werk fderlich waren, was in Sack.gassen frte.
Unterschiedliche Ausbildungsepisoden
Im Sommer 1944 die Schule zu beenden ist sicher eine denkbar ungstige Zeit. Allen histo.rischen Widrigkeiten zum Trotz haben die unter.schiedlichen Ausbildungsepisoden – in Trossin.gen etwa bei der Gravierwerkstatt der Musikins.trumente-Firma Hohner oder der Buchdruckerei Birk und schließlich beim Maler Bernhard Wäschle (1898 -1978) in Rottweil – jedoch zu einer breiten handwerklichen Basis gefrt. Be.sonders das erste Lehrer-Scher-Verhältnis war prägend, bevor Emil Kiess seine Ausbildung 1949 an der Bernsteinschule, dem Akademie-Ersatz in der franzischen Besatzungszone, und 1951 an der Akademie in Stuttgart fortsetzen konnte. An beiden Instituten unterrichteten Kstler, die zur Avantgarde gehten und nach 1945 ihre Positionen endlich wieder fentlich vertreten durften. Ob HAP Grieshaber, Riccarda Gohr oder Willi Baumeister, sie waren von der Aus.druckskraft der Farbe und ihrer unabhängigen Wirkmacht im Bild erzeugt. Gerade Gohr und Baumeister, in der Nachfolge von Hzel, ent.wickelten eigene Farbtheorien. Als gute Lehrer ließen sie den studierenden Malern die Freiheit, sich Anregungen im eigenen Sinne anzueignen.
Um zu erahnen, wie ungewnlich die Lehrinhalte waren, reicht es, sich vorzustellen, dass die verschiedenen Spielarten der abstrak.ten Malerei noch nicht zum Kanon der Kunst gehten und zuvor Farbe nur in dienender Funktion, als Gegenstandsfarbe, denkbar war. Vor diesem Hintergrund gewinnt die bahnbre.chende Hoffnung der Avantgardekstler auf etwas gänzlich Neues, auf das „Unbekannte in der Kunst“, wieder an Präsenz.
Dass ausgerechnet dem selbstverständlichs.ten Gestaltungsmittel der Malerei, der Farbe, diese Aufgabe ertragen wurde, hat histo.rische Grde. Seit der ersten Beschreibung des Simultankontrastes durch den Chemiker und Besitzer einer Gobelinmanufaktur Michel Eugène Chevreul 1839 sind auch von Kstlern unzählige Farbsysteme entwickelt worden, mit denen versucht wird, die schier unendliche Farbvielfalt der wahrnehmbaren Spektralfarben und ihre Schwarz- beziehungsweise Weißab.stufungen zu ordnen.1 Am Bauhaus analysier.ten Wassily Kandinsky, Johannes Itten und Josef Albers Farbeigenschaften. 1931 erstellte der Architekt Le Corbusier eine Farbklaviatur, mit deren Hilfe sich zwei oder drei Farbklänge

Die gemeinhin vorgenommene Teilung in eine gegenständliche und gegenstandslose Kunst lehne ich ab.

harmonisch kombinieren lassen. Von hier aus ist das Weiterdenken leicht: Was passiert mit der Farbe, der Form und dem Bild, wenn sie zum Hauptakteur werden? Die von Hzel auf.geworfenen Fragen nach dem Bild und seinen Grundlagen waren auch 1945 noch nicht ausge.lotet. Sie hatten vielmehr eine neue Aktualität erlangt. Farbe in ihrer physikalischen, phy.siologischen und psychologisch-emotionalen Eigenschaft wurde zum kstlerischen Thema der Moderne schlechthin. Die Entscheidung f Farbe war häufig gleichbedeutend mit der Ab.kehr vom Gegenstand. Die „Große Ausstellung franzischer abstrakter Kunst“, die 1948 neben Stuttgart in sieben weiteren westdeutschen Großstädten gezeigt wurde, fnete in dieser Hinsicht ein Fenster auf einen Teil der internati.onalen Moderne. Allerdings verhärtete sich die Debatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun.derts zunehmend weltanschaulich.
Unverwechselbare Handschrift entwickelt
In diesem historischen Bezugsrahmen entwi.ckelte Emil Kiess sein Werk in unverwechselba.rer Handschrift, dessen Charakteristikum neben einer virtuosen Farborchestrierung eine diffe.renzierte Haltung gegener den Mlichkeiten der Abstraktion ist. Denn schon 1962 konnte er der zeittypischen ausschließenden Logik nichts abgewinnen und bekannte ausgesprochen weitsichtig: „Die gemeinhin vorgenommene Teilung in eine gegenständliche und gegen.standslose Kunst lehne ich ab.“ F ihn bezieht Malerei ihre Beze aus der realen Welt, aus der sich auch die inneren Bilder der Imagination
Bildnis A. Hzels nach Foto von Lily Hildebrandt, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Chromatische Division, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm
speisen. Es ist ein dialogischer Prozess, der zu ziert bis fast zur Farblosigkeit. Die Expedition zu nicht immer vorhersehbaren Ergebnissen frt. den Grenzen ungegenständlicher Malerei ende-Der kstlerische Weg mdete in Rom, wäh-te nicht nur perslich in einer Krise, sondern rend des Stipendiats der Villa Massimo, in eine erfolgte parallel zur fentlichen Debatte er deutlich veränderte Farb- und Formauffassung. das Ende der Malerei in den 1970er-Jahren. Die Leuchtkraft der Farben wurde in vereinfach-Die bisherigen bildnerischen Voraussetzun.ten Flächenkompositionen zunehmend redu-gen gerieten auf den Prstand, und Emil Kiess ging zu den Anfängen der Abstraktion zurk, verweisen auf diese historischen Quellen. „Far.indem er bei den Pionieren der Gegenstandsauf-bdivision“, 2008 und 2012, oder „Chromatische lung, bei den Pointilisten Seurat und Signac, Division“, 2005 und 2008, benennen die Zertei.das Farb-Gegenstandsverhältnis untersuchte. lung von gemischten Farben in reine Farben auf Seit den 1980er-Jahren erfrt er die neu-der Leinwand, die sich erst im Auge des Betrach.en Erkenntnisse in eine schwebende Bildwelt ters wieder verbinden. Der Maler beschreibt zwischen Licht- und Farbraum. Seine Bildtitel die farblichen innerbildlichen Beze auch als

Prägedruck Nr. 930, 2. Abzug, 23,7 x 25 cm
„polyphone Skalen“, um die visuelle Vielschich.tigkeit seiner Malerei mit klanglichen und rhyth.mischen Eindrken zu verbinden. Im Rkgriff auf die Musik unterstreicht er sowohl die imma.terielle, abstrakte Seite als auch die dialogische Qualität. Es ist ein Klang, der zum Auge spricht. Die Varianten dieser Bildstrategien haben Ste.fan Borchardt und Heike Frommer in ihren Kata.logbeiträgen analysiert und zusammenfassend beschrieben. Ist der erste Eindruck der eines „Farbteppichs“ in je unterschiedlich farblichem Grundakkord, so werden die koloristischen und malerischen Beziehungen bei intensiverer Be.trachtung vielfältiger und komplexer. Gilt Emil Kiess‘ Interesse in den 1990er-Jahren haupt.sächlich einem kontrastreichen Nebeneinander großer Farbflächen, geraten diese Flächenver.bde ein Jahrzehnt später in Auflung. Ihre kleinteilige Wirkung wird durch Abdrke in Pin.selbreite oder als Pinseltupfen, die unverbunden nebeneinander ruhen oder sich wechselweise erschneiden, erzielt. Kiess verändert diese Farbstrukturierung mal rasterartig, oft aber in mehrschichtiger, freier Verteilung, die eine tiefenräumliche Wirkung erzeugt. Aber es gibt

Farbbeziehungen im Bild ist nicht das Resultat von Zufällen oder die Anwendung von Theorien, sondern des Wirkens einer durch Übung geschulten Sensibilität.
diverse Spielarten von Tiefenräumlichkeit. Wenn die Bildoberfläche von einer Farbe dominiert wird, scheint der Blick durch einen Schleier in tiefer liegende Schichten abzusinken. Ist die Farbpalette nuancen.

reicher, so entsteht der Eindruck eines „Geflechts“ oder „Gewebes“, einer durchwirkten Textur. Allein durch die verschiedenen maleri.schen Mittel driften die Farben zur Oberfläche oder werden in die Tiefe gesogen, scheinen in permanenter leichter Vibration.
Reflektierte und reflexive Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk
Jedes Bild entsteht im Malprozess aus einem gewissen Prinzip der „inneren Notwendigkeit“. So konstatiert Kiess: „Die Qualität der Farbbe.ziehungen im Bild ist nicht das Resultat von Zu.fällen oder die Anwendung von Theorien, son.dern des Wirkens einer durch Übung geschulten Sensibilität.“ Aus dieser Gestaltung im Zwie.gespräch mit dem entstehenden Bild resultiert ein reflektiertes und zugleich nicht gänzlich vorhersagbares Ergebnis. Die kompositorische und tonale Qualität des Zufalls geht zu den reizvollen Eigenschaften von druckgrafischen Techniken, die Emil Kiess von Anfang an nutzt. Seine Prägedrucke der letzten Jahre kombiniert er zudem mit collageartigen Verfahren. Da bil.den farbige Flächen neben Spuren von lockeren, eingefärbten Geweben eine reliefhafte Oberflä.chenstruktur mit einer Rasterung. Mit anderen Mitteln entsteht eine vergleichbare Wirkung zu

Scheunen, Collage, 17,5 x 23,5 cm
den transparenten, geschichteten Gemälden. Diese Prägedrucke bilden mimetisch die Gewe.beeigenschaften und Rasterung ab, wie sie die Verteilung von Farbfeldern und Komposition im Gemälde evoziert. Auch bei den Drucken kommt die reflektierte und reflexive Ausein.andersetzung mit dem eigenen Werk und dem seiner Kollegen zum Tragen.
Mit Collagen hat Emil Kiess ebenfalls schon in den 1990er-Jahren experimentiert2 und mit vorgefundenen, gedruckten und farbig bemal.ten Papieren Farbschichten-Bilder erstellt. Der technische Virtuose wendet sich einer beschei.denen Technik zu und thematisiert 2016 in der kleinformatigen Collage-Serie „Scheunen“ erneut ein eher beiläufiges Motiv. Zu diesem Themenkreis sind in den Jahren 1977 und seit 2002 großformatigere Ölgemälde entstanden. Es handelt sich dabei um eine Referenz an den geschätzten Winterreuter Maler Jakob Bräckle (1897 – 1987), der den ambivalenten Charakter von schlichten Häusern und Landschaften be.reits in verblfend abstrakten Bildfindungen befragt hatte. Wie Emil Kiess augenzwinkernd anmerkte, hatte auch der ältere Henri Matisse (1846-1954) die Collagetechnik als praktische Arbeitserleichterung empfunden, um seit den späten 1940er-Jahren Ideenlandschaften aus farbigen Flächen und arabeskenhaften Formen zu gestalten.

Was darf, kann oder soll die Malerei?
So versteckt sich in der collagierten „Scheunen“-Serie von Emil Kiess also ein großes Thema der Moderne und des eigenen Werks im handlichen Format. Es geht um nichts Geringeres als die Auseinandersetzung um die Rolle von Farbe, Form und Raum, um Bild und Abbild, um Ab.straktion und Figuration, kurz: um das, was Malerei kann, darf oder soll. Es geht um die kstlerische Herausforderung der Moderne

Scheunen, Collage, 17,5 x 21 cm
und Nachmoderne. Vor diesem Hintergrund er.langen seine so einfach wirkenden, aus farbigen Papieren komponierten Farb-Flächen-Collagen ein anderes Gewicht, bewegen sie sich doch deutlich auf der Nahtlinie zwischen Abstraktion und Landschaftsdarstellung. Emil Kiess gelingt es, in den Collagen auch die abstrakte Seite der realen Landschaft sinnfällig werden zu lassen. Eingebunden in die landschaftliche Umgebung sind Scheunen, wenn sie losgelt von ihrer Funktion betrachtet werden, dunkle Akzente, Haltepunkte f das Auge in der Weite. Im Bild veranschaulichen sie ihre mehrdeutige Qua.lität zwischen Bau-Kper, Form und Fläche. In den „Scheunen“, 2016, betont Kiess dieses Wechselspiel zwischen farbigen und weißen Flächenformen. In leichten Verschiebungen aus horizontalen Bändern erzeugen rechteckige, quadratische, dreieckige oder trapezfmige Flächen den Eindruck zweier Scheunen im Schnee. Die Bereitschaft des Betrachters, in un.definierten Flächen Gegenstände zu entdecken, zeigt sich an einer dunkelgren Fläche, die die untere Bildhälfte bedeckt. Da sie mit einer leicht unregelmäßigen Risskante auf kleinteiligere andersfarbige geometrische Flächen in der obe.ren Bildhälfte trifft, wird die Komposition zur Landschaft. Den Vordergrund dominiert eine dichte gre Hecke, er die zwei Häuser mit Satteldach in lichter grer Umgebung ragen. Minimale Spuren von Rot und Weiß erzeugen eine räumliche Illusion und machen zugleich sichtbar, welch unterschiedliche Gewichte und Präsenz Farben besitzen. Neben der komposi.torischen Aufgabe besitzen Farben und Formen im Bild eine zeichenhafte Funktion, auf diese Ebene macht ein Textfragment aufmerksam. Aus einem anderen Kontext kopfer ins Bild transponiert, verlieren die sichtbaren Worte und Lettern ihre Bedeutung. Sie werden ihrer.seits zur Form, zum Bildgegenstand. Noch stär.ker konfrontiert Emil Kiess den ambivalenten Charakter von Figuration und Abstraktion in einer fast bilderbuchhaften Komposition, bei der Flächen in Grten zwei Drittel des Bildes einnehmen und sich im schmalen oberen Strei.

Anlegestelle, Öl auf Hartfaser, 30 x 40 cm
fen eine farbstarke „Dorfkulisse“ wie aus dem Baukasten einft.
Fokus auf unmittelbare Umgebung
Variieren die Collagen in der „Scheunen“-Serie Farb-Form-Konstellationen und ihre Auswir.kung auf die Bildstruktur, so verzahnt Emil Kiess im Ölgemälde „Anlegestelle“, 2017, den beob.achten Eindruck von Natur und Architektur. Entlang der lichten Horizontlinie schiebt sich in unterschiedlicher Verdichtung ein grauget.tes, geometrisches Band in die blaue Bildfläche. Mit den Kompositionsmitteln des „Goldenen Schnitts“, in der Balance zwischen freier Fläche und Formverdichtung, bietet die „Anlegestelle“ tatsächlich so etwas wie einen Ankerplatz f die bildlichen Herausforderungen der Moder.nen Kunst. Ihre erneute Revision fällt 70 Jahre später, jenseits der weltanschaulichen Hinter.grde des Kalten Kriegs, heiterer und selbstbe.wusster aus. In vertrauten Bildgestaltungen und unverwechselbarer Handschrift erlangen die Arbeiten nun große selbstverständliche Klarheit und Leichtigkeit. Auf der Basis lebensreicher Erfahrung lassen sich die großen kunsttheore.tischen Themen der vergangenen sieben Jahr.zehnte frei und unverstellt formulieren. Dabei zeigt sich, dass Emil Kiess‘ Blick zurk durchaus vorwärts gewandt ist. In der Weltsprache der Abstraktion, die vor 70 Jahren mehr Wunsch als Wirklichkeit war, fokussiert er in einer nunmehr globalisierten Welt auf die unmittelbare Umge.bung zwischen Baar und Bodensee und legt als Ironie der Malerei die abstrakten, weltläufigen Qualitäten der lokalen Landschaft offen.

1 Farbmetrik und Farbenlehre – Die Sammlung Friedrich Schmuck. Hrsg. v. der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit der Fachhochschule Kn. Kn, 2000, S.15 2 Vgl. den Katalog Lisa Keller-Nikola, Emil Kiess, Gabriele Straub: Papierarbeiten. Hrsg. v. Galerie Helmar Keller. Villingen-Schwenningen, 1994, S.24-37
„die Säge“ in Kappel
Ein Haus komplett abzubauen, um es anschließend wieder neu aufzubauen, um damit einen Traum zu verwirklichen, dazu gehen Tatkraft, Durchhaltevermen und vor allem eine Vision. Genau mit jener Vision hat Familie Werner aus der baufälligen Säge in Niedereschach-Kappel mit dem Objekt „die Säge“ einen neuen Mittelpunkt im Ort geschaffen.
von Marc Eich
„Dieser Weg, auf dem bin ich damals gelau.fen.“ Tajana Werner strahlt, wenn sie an jenen Moment vor vielen Jahren zurückdenkt, als sie gemeinsam mit ihrem Sohn im Ort unterwegs war, um ihn zu erkunden. Direkt an der Eschach habe sie auf den malerischen Platz mit dem Wasserrad der Säge und dem ehemaligen Gast.haus Löwen geblickt – und sich direkt in das En.semble verliebt. „Das liegt auch daran, dass ich auf Holz und alte Bauwerke stehe“, erzählt sie lachend. Schon damals hat sie die Idee gehabt, diesen Ort besonders zu nutzen. Dass aus ihrer Träumerei tatsächlich mal der konkrete Plan wird, jenes Gebäude wieder als einen Mittel.punkt im gesellschaftlichen Leben in Kappel zu etablieren, das habe sie sich damals nicht vor.stellen können. Doch nur sechs Jahre nach die.ser besonderen Begegnung startete sie damit, den Traum, gemeinsam mit ihrem Mann Micha.el, dem Schwager Alexander sowie der Schwä.gerin Katrin, Wirklichkeit werden zu lassen. Was sich jedoch als wahrer Kraftakt herausstellte.
Baufälliges Haus sollte abgerissen werden
Begonnen hatte alles damit, dass die ehemalige Bregenzerwälderin eine neue Herausforderung suchte, „die Kinder waren groß, ich wollte wie.der arbeiten.“ Im Kopf hatte sich dabei die Idee festgesetzt, einen Laden mit Café zu eröffnen.

Eigentlich waren das Gasthaus und die Säge viel zu groß, aber beim Durchgehen war ich wie elektrisiert.

Einzig die Lokalität fehlte. Das änderte sich in dem Moment, als der damalige Niederescha.cher Bürgermeister Otto Sieber auf Michael Werner zukam. Dieser ist gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Alexander Geschäfts.führer der Bauträgerfirma Werner Wohnbau. „Der Bürgermeister erklärte, dass das Objekt abgerissen werden sollte“, so die Mutter zweier Kinder. Sein Wunsch sei es gewesen, das ge.schichtsträchtige, aber baufällige Haus zu ret.ten – er habe deshalb gefragt, ob die Bauunter.nehmer sich nicht eine Neunutzung vorstellen könnten.
Dass der Bürgermeister damit die fast schon vergessenen Träume von Tajana Werner weck.te, konnte er nicht wissen, für sie war es aber ein Zeichen. „Eigentlich waren das Gasthaus und die Säge viel zu groß, aber beim Durchge.hen war ich wie elektrisiert“, berichtet sie von der ersten Besichtigung. Es dauerte nicht lange, bis Familie Werner die anfängliche Vision in ein ausgearbeitetes Konzept umwandelte – das
9. Kapitel – Gastlichkeit

„die Säge“ in Kappel nach erfolgter Sanierung durch die Familie Werner. Die symbolische, eigene Dorfmitte mit Brunnen inklusive der Terrasse laden auch zum Verweilen im Freien ein.

möchte alte Werte hochhalten – genau aus jenem Grund wollte ich die alten Traditionen hier weiterle.ben lassen. Dafür musste aber alles so bleiben, wie es ist.
Haus sollte zum Entdecken, Schlemmen, Über.nachten, Einkaufen und vielem mehr einladen und gleichzeitig als Teil der Geschichte von Kappel erhalten bleiben. Aus diesem Grund war eine der Vorgaben, das Gebäude in dieser Form auch zu erhalten. „Ich denke selber sehr traditi.onell und möchte alte Werte hochhalten – ge.nau aus jenem Grund wollte ich die alten Tra.ditionen hier weiterleben lassen. Dafür musste aber alles so bleiben, wie es ist.“
Der Vorbereitung folgt zunächst ein Schock
Das schien anfangs kein Problem zu sein – doch nach der Entkernung und der Vorbereitung für die grundlegende Sanierung folgte zunächst der

Die Familie Werner, v. links: Tajana und Michael Werner sowie Katrin und Alexander Werner.
Schock. Werner: „Bei der Prüftstatik stellte sich heraus, dass die Grundmauern und das Funda.ment das Haus nicht mehr tragen würden.“ Den Traum begraben? Das kam ihr nicht in den Sinn. Stattdessen ging die Familie einen ungewöhnli.chen Weg. „Wir haben schließlich das gesamte Haus fein säuberlich abbauen lassen, um es wieder aufzubauen.“ Sprich: Jeder einzelne Stein wurde zunächst gesäubert und dann wieder.verwertet, um das Haus in ursprünglicher Form „neu“ zu bauen. Selbst schmale Durchgänge oder Treppenhäuser wurden belassen, um die Authentizität zu wahren. Auch das Wasserrad, mit dem die Säge angetrieben wurde, verblieb an der gleichen Stelle.
Und trotz der gewaltigen Herausforderung, den Gebäuden neues Leben einzuhauchen, wur.de kein Innenarchitekt engagiert. „Wir haben das selber gemacht, damit alles exakt unseren Vorstellungen entspricht“, erzählt sie und be.tont: „Uns hat einfach ein Ort gefehlt, an dem man sich treffen und gutes Essen genießen kann.“ Aus Sicht von Werner sei vielmals der Glanz des alten Schwarzwaldtourismus ver.blasst, vielerorts sei man „stehen geblieben“. Genau aus diesem Grund habe man sich dazu entschieden, mit einem traditionellen Haus, das neu erfunden wurde, wieder einen besonderen Treffpunkt zu schaffen. Dabei ließ man nichts unversucht, um das Projekt erfolgreich zu ge.stalten. Selbst eine Geomantin wurde engagiert, die baubiologisches Wissen mit geomantischer Kunst vereint, sprich: die positiven Energien von Orten mit den Menschen in Einklang zu bringen. Ähnlich wie bei der chinesischen Harmonielehre Feng Shui.

Authentische Wiederherstellung
Und trotzdem vergingen zwischen Bau und Wiedereröffnung der Säge lediglich drei Jahre. Was in dieser Zeit passiert ist, das erklärt Tajana Werner am liebsten bei einem Rundgang durch das Haus, das mit einem stimmigen Konzept umgebaut wurde und mit dem 25 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Angefangen beim Laden

Der restaurierte Löwensaal im ehemaligen Gasthaus bietet Platz für bis zu 160 Gästen.
inklusive Café, der ihre Ursprungsidee war und in der ehemaligen Säge untergebracht ist. Auch hier war die Devise: Möglichst viel von dem erhalten, was schon vorhanden ist. Da wären beispielsweise die Schienen, auf denen zu früheren Zeiten das Holz in den Werkraum gefahren wurde. Die dazugehörigen Fahrzeuge werden zudem als Sitzgelegenheiten genutzt. „Wichtig war mir auch, dass der Werkstattbo.den so authentisch wie möglich wiederherge.stellt wird“, berichtet Werner. Dadurch soll die ursprüngliche Nutzung weiterhin ein Stück weit erlebbar sein. Im integrierten Café inklusive Ter.rasse werden neben Frühstück auch Kaffee und Kuchen angeboten.
Der Rundgang führt weiter in das ehe.malige Gasthaus daneben und dort direkt in den Löwensaal, der dank der beiden Ehepaare wieder in seine ursprüngliche Nutzung zurück.geführt wurde. „Hier hat früher das Leben in Kappel stattgefunden – egal ob Taufe, Kommu.

Das Restaurant bildet mit dem Wasserrad das Herzstück der Säge. Unten links der Laden.

nion oder Hochzeit – dafür ist er heute auch wieder da.“ Bei Hochzeiten können hier bis zu 140 Personen feiern, Seminare sind sogar mit 160 Teilnehmern möglich. Geplant ist außer.dem, dass hier zukünftig Eigenveranstaltungen stattfinden – von technischer Seite habe man dafür mit Leinwand und Beamer in Filmvorführ.qualität und bester Soundanlage bereits alles vorbereitet.

Dass man in dem Gebäude tatsächlich jeden Winkel genutzt hat, wird unter anderem auf dem Dachboden deutlich – denn hier finden einzigartige Gästezimmer ihren Platz. „Das hat sich aufgrund der Hochzeiten einfach angebo.ten“, erzählt Werner. Was ihr besonders wichtig war: Jedes Zimmer hat seinen eigenen Charme, keines davon ist gleich. Egal ob „Baumhaus“, „Heuboden“, „Wolke Sieben“ oder „Dachbo.den“ – die Verantwortlichen haben sich über die Ausstattung und Gestaltung der gemütlichen Zimmer viele Gedanken gemacht. „Wir haben oft stundenlang mit den Handwerkern vor Ort überlegt, wie die Räume am Ende aussehen sol.len.“ Dass nichts dem Zufall überlassen werden sollte, wird auch bei den Schlüsselkästen klar, die es den Gästen ermöglichen, auch bei einer späten Ankunft ins Zimmer zu kommen. Denn diese wurden eigens von einem Uhrmacher aus Schonach hergestellt, passend zum jeweiligen Zimmer eingefärbt und sind teils sogar Unikate.
Viel Liebe zum Detail
Das Highlight, da dürfte sich Familie Werner einig sein, ist allerdings das Restaurant. Mit einem stimmigen Raumkonzept sowie viel Liebe zum Detail wurde hier ein Ort geschaffen, der zum Schlemmen in außergewöhnlicher Atmosphäre einlädt. Ein echter Hingucker ist dabei natürlich das Wasserrad. Im Gegensatz zum Sägegatter, das übrigens im Laden einen Stock drüber hinter Glas geschützt ist, wurde dies während der Renovierung per Kran rausgehoben, um es teilweise zu restaurieren. Tajana Werner und ihre Schwägerin Katrin haben dabei an alles gedacht: Der dazugehörige Kanal, der neu angelegt werden musste, wurde – um ihn wieder älter aussehen zu lassen – extra abgestrahlt. „Unsere Männer mussten wirklich viel Verständnis aufbringen“, sagt sie lachend. Und selbst die Toiletten, in denen sogar ein Kronleuchter von der Decke hängt, sind jeweils individuell gestaltet und eigentlich zu schade, um sie nur als stille Örtchen zu nutzen.
Was natürlich nicht fehlen darf, ist die idyl.lische Terrasse an der Eschach. Hier finden sich verschiedene thematische Inseln wieder: vom klassischen Stammtisch, über den Biergarten bis hin zur französischen Ecke.
Von der Terrasse geht es schließlich zu einem Brunnen, der als symbolische, eigene Dorfmitte angedacht ist, von dort aus auf einer Brücke über den kleinen Fluss. Und genau hier steht Tajana Werner wieder an der Stelle, an der vor zehn Jahren alles begonnen hatte. Nicht oh.ne Stolz blickt sie deshalb auf die wiederbelebte Säge, die Gäste aus nah und fern beglückt und gleichzeitig den Kapplern einen neuen Mittel.punkt in ihrem beschaulichen Ort gibt. Genau so hatte es sich Familie Werner vorgestellt.

Paletti in Villingen
Was macht man, wenn man feststellt, dass der Markt für das Produkt, das man herstellt, durch Wettbewerber überlaufen ist? Man stellt sich entwe.der dem Wettbewerb und versucht, sich mit Qualität des eigenen Produkts von der Masse abzuheben. Oder man hat die Idee für ein neues Produkt, das man mit derselben Sorgfalt herstellt wie das bisherige, und hofft, dass die Kunden diese Veränderung mittragen. Letzteres haben die Brüder Aydin, Aykut und Ayhan Yumurtaci gewagt. Und sind mit dieser Entscheidung goldrichtig gefahren. Alles „paletti“, könnte man sagen. Und genau so nen.nen die Yumurtacis ihre neu entwickelte Geschäftsidee, eine andere Art von Systemgastronomie.
von Roland Sprich
Das „Paletti“ ist ein etwas anderes Selbstbe.dienungsrestaurant in der Villinger Innenstadt. Allerdings ohne das Image eines Fastfood-Restaurants und längst kein Geheimtipp mehr, sondern ein beliebter Treffpunkt für alle, die gesunde und frisch gekochte Speisen und ein stilvolles Ambiente schätzen.
Rückblick: Begonnen hat alles bereits in den 1990er-Jahren. Aydin Yumurtaci arbeitete als In.dustriemechaniker in einem Unternehmen. Die wirtschaftliche Situation war schwierig. Vater Ali gab den Impuls für einen Wechsel. „Unser Vater hat vorgeschlagen, doch in die Gastrono.mie zu wechseln“, erinnert sich Aydin Yumurtaci an den Stein, der die weitere Entwicklung ins Rollen bringen sollte. Mit einem Imbisslokal für Pizza und Döner Kebab hat das Brüdertrio in der Niederen Straße in VS-Villingen begon.nen. „Das war damals noch wenig verbreitet“, sagt Aydin Yumurtaci. Von Anfang an war das Geschäftskonzept auf Qualität, Sauberkeit und Freundlichkeit zu den Gästen ausgerich.tet. Die Geschäfte liefen gut. Als im Laufe der Jahre allerdings an gefühlt jeder Ecke in Villin.gen-Schwenningen die Döner-Läden wie Pilze aus dem Boden schossen und der Markt für das Fladenbrot zu übersättigen und das Image dar.unter zu leiden drohte, wollten die Yumurtacis nicht mit der Masse mitschwimmen oder gar in ihr untergehen und überlegten sich eine neue Geschäftsidee.

„Paletti“ soll Positives ausdrken
„Wir haben einen neuen Weg gesucht, um un.seren eigenen Anspruch von Qualität bei der Zubereitung von Speisen in Verbindung mit einem angenehmen Ambiente umzusetzen“, beschreibt Aydin Yumurtaci den Grundgedan.ken. So entstand zunächst die Idee, im Stil eines

Im stilvoll eingerichteten Restaurant können die an der Theke bestellten Gerichte verzehrt werden.
Selbstbedienungsrestaurants hausgemachte Suppen anzubieten. Der Name „Paletti“ sollte dabei etwas Positives ausdrücken. Der Erfolg war allerdings zunächst eher mittelprächtig, bis die Inhaber zusätzlich kleine Pastagerichte und frische Salate auf die Karte setzten. Das gefiel den Gästen, die jetzt auf einmal eine größere Auswahl an frisch gekochtem Essen hatten, das dennoch rasch zubereitet ist. Auf einmal lief der Laden. Die Geschäfte entwickelten sich immer besser, so dass das bisherige Lokal in der Niede.ren Straße bald zu klein wurde. Seit 2011 befin.det sich das „Paletti“ in der Bickenstraße.
Das Konzept des „Paletti“ ist, dass die Kun.den ihr Essen selbst an der Theke bestellen, bezahlen und abholen und entweder mitneh.men oder im stilvoll eingerichteten Restaurant verzehren. Eine Bedienung, die das Essen an den Tisch bringt, gibt es nicht. Erst, wenn die Bestel.lung in der Küche eingeht, legt die Küchencrew los. Damit das dennoch schnell geht, wenn vor allem in der Stoßzeit das Mittagsgeschäft

Anspruch von Qualität bei der Zube.reitung von Speisen in Verbindung mit einem angenehmen Ambiente umzusetzen.

brummt, bedarf es einer guten Logistik und viel Vorbereitung. Morgens ab acht Uhr beginnt für zwei Mitarbeiter in der Hauptküche der Arbeits.tag. Die Hauptküche ist in der Niederen Straße. Dort werden täglich Unmengen von Salaten gewaschen, Gemüse geputzt und Suppen und Soßen vorgekocht. „Alle Suppen und Soßen sind aus eigener Herstellung und frei von Farb-, Zusatz- und Konservierungsstoffen“, betont der Gastronom. Alle vorbereiteten Zutaten werden dann in die Küche des „Paletti“ in der Bickenstra.ße transportiert.
Stammkunden geben Bestellung telefonisch auf
Kaum öffnet das Selbstbedienungsrestaurant ab 11 Uhr seine Türen, dauert es nicht lange, bis die ersten Bestellungen eingehen. Stammkunden geben ihre Bestellung häufig telefonisch auf. So hat das Küchenteam ausreichend Zeit, die Speisen frisch vorzubereiten, die die Gäste dann entweder mitnehmen oder direkt im Restaurant verzehren. Je näher die Zeiger der Uhr auf 12 Uhr mittags vorrücken, desto mehr bekommt das Küchenteam zu tun. Neben den telefonischen Reservierungen füllt sich auch das Restaurant mit seinen 52 Plätzen mehr und mehr. In den Sommermonaten genießen die Gäste ihr Essen auch auf der Terrasse in der Bickenstraße.
Bestellt und bezahlt wird am Tresen. Pasta Gorgonzola mit Spinat und Sahne, mit Peperoni und Knoblauch, mit Lachs in Tomaten-Sahne-So.ße oder ganz traditionell à la Bolognese. Oder gemischter Salat mit Thunfisch oder Putenstrei.fen oder einen Teller voll Suppe, die je nach Saison wechseln. Nach gut zehn bis 15 Minuten Wartezeit ist das Essen fertig.
Heute wird das „Paletti“ noch von Aydin und Ayhan Yumurtaci betrieben. Einer der beiden ist immer im Geschäft und steht den Kunden als Ansprechpartner zur Verfügung. „Das gibt den Kunden auch Vertrauen“, sagt Aydin Yumurtaci.
Wie kommen türkische Landsleute dazu, italienisch-mediterran angehauchte Küche zu servieren? Hier spielt eine gewisse Italienaffi.nität der Brüder eine große Rolle. Mehrmals im Jahr sind sie in Italien. „Dort entstehen auch unsere Ideen für neue Gerichte“, erklärt Aydin Yumurtaci. Die Entstehung eines neuen Nu.del-Gerichts ist ein längerer Prozess. Nach der Idee, welche Zutaten miteinander am besten harmonieren könnten, wird probegekocht. Wenn der grobe Rahmen gefunden ist, geht es an die Feinjustierung. Eine Prise mehr Salz, etwas weniger Pfeffer, ein Schuss Sahne dazu oder nicht. Trifft das Ergebnis den Geschmack von Aydin und Ayhan Yumurtaci, wird die ge.naue Rezeptur erstellt, nach denen die Köche die Speisen zubereiten. Denn später soll jedes Gericht für jeden Gast immer gleich schmecken.
Auf die Frage, welches die beliebtesten Stan.dardgerichte im „Paletti“ sind, braucht Aydin Yumurtaci nicht lange zu überlegen. „Vegetari.sche Pasta mit frischen Auberginen, Zucchini, Pilzen, Paprika und Oliven und einer leichten Tomatensoße geht jeden Tag mehrmals.“ Bei den Salaten liegt der gemischte Salat mit gebra.tenen Putenstreifen hoch im Kurs. Und bei den Suppen ist je nach Saison im Sommer die Nach.frage nach Kartoffel- und Karotte-Ingwersuppe und im Winter nach Linsen- und Hühnersuppe besonders groß.

Paletti, Bickenstraße 11, 78050 VS-Villingen. Telefon: 07721-9447513. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 11 bis 20 Uhr. Sonn- und feiertags geschlossen.
Das rische Hingen
Hingen ist stolz auf seine rische Vergangenheit. Vor fast 2.000 Jahren besiedelten Rer und Alamannen das Gelände an der Breg, wo sich heute noch die Badruine befindet. Die antike Siedlung Brigobannis, nur wenige hundert Meter von der Innenstadt entfernt, bildet die Grundlage f das touristische Alleinstellungsmerkmal, das Hingen nun um einen Lehr- und Erlebnispfad erweitert hat.
von Gabi Lendle
D
as römische Kastell mit seiner Siedlung bestand aus einem Militärlager und einem zivilen Bereich und soll in den Jahren 40/45 n. Chr. entstanden sein. Zu dieser Zeit kamen römische Legionen über die Alpen, sie errichteten den Donau-Limes und sicherten ihn mit ihrem Militär. Zur zivilen Siedlung des Kastells Bigobannis gehörte unter anderem ein „Balineum“, ein Badegebäude für die Soldaten und Zivilisten.
Das Rerbad
Die römische Badruine in Hüfingen gehört zu den ältesten Kastellbädern nördlich der Alpen. Sie zeigt ihren Besuchern, dass die römische Badekultur vor fast zweitausend Jahren durch.aus gut durchdacht und sehr angenehm einge.richtet war. Bei einem Rundgang kann man die Geschichte der antiken und hoch entwickelten Badekultur auf sich wirken lassen. Zahlreiche Schautafeln, Informationen und Erläuterungen sind in den einzelnen Badbereichen angebracht. Wo sich vor langer Zeit die römischen Kämpfer im heißen Wasser entspannten, im Dampfbad schwitzten und sich anschließend im Kaltbad abkühlten, kann man heute Geschichte hautnah erleben. Dazu gehört unter anderem das Wissen um eine schon damals ausgeklügelte Technik für eine Warmluftheizung, die für warmes Wasser sorgte und Wände als auch Böden temperierte.

Zudem diente ein Besuch in der Therme dem er.holsamen Wohlergehen mit allerhand Komfort. Heute würde man diesen Begriff mit „Wellness“ umschreiben. Während die Soldaten das Bad kostenlos benutzen konnten, verschaffte der zivilen Bevölkerung ein geringes Entgelt den Eintritt ins antike Badeparadies. Beim Hüfinger Kastellbad wurden die verschiedenen Räume recht kompakt zusammengefasst. Neben den verschieden temperierten Wasserbecken, die von heiß bis lauwarm und kalt reichten, befan.den sich auf etwa der Hälfte der Fläche die groß.zügigen Umkleide- und Ruheräume mit einem zentralen Abkühlungsbecken.
Die rund 600 Quadratmeter große Badeanla.ge ließ im Jahr 1820 Fürst Karl Egon II. von Fürs.tenberg freilegen und durch einen Schutzbau sichern, der die Form einer typischen Feldscheu.ne hat, wie sie auf der Baar und im Schwarzwald zu finden sind. Diese frühe denkmalpflegerische Maßnahme wurde später mehrmals restauriert, zuletzt unter Bürgermeister Anton Knapp. Das „neue“ Römerbad mit seinen erweiterten Glas-anbauten wurde Mitte der 90er-Jahre eröffnet und ist seither ein attraktiver Anziehungspunkt für viele Besucher aus nah und fern.
Der Pavillon
Für die Stadt Hüfingen ist die römische Badrui.ne von großer kulturhistorischer Bedeutung. Im

Jahr 2012 wurde ein neu gebauter Pavillon im römischen Stil in Betrieb genommen, der sich in unmittelbarer Nähe des Eingangs zur Badruine befindet. Hier sind der Kassenbetrieb mit einem Verkaufsshop sowie eine Cafeteria unterge.bracht. Nach einer erlebnisreichen Zeitreise durch die antike Badewelt können einzelne Gäs.te, Schulklassen, Vereine, Gesellschaften und Familien Platz nehmen und eine Tasse Kaffee oder ein Getränk genießen. Des Weiteren befin.det sich im Untergeschoss ein Schulungsraum mit einer Leinwand. Anhand des Infofilmes „So lebten die Römer damals“ kann man seine Eindrücke aus der antiken Badewelt und der Lebensweise der Römer nochmals verfestigen und erweitern.
Das Kulturprogramm
Doch nicht nur das archäologische Interesse wird beim Besuch der römischen Badruine ge.weckt. Denn die Stadt Hüfingen hat das Areal rund um das ehemalige Kastell mit vielfachen touristischen Angeboten aufgestockt, damit die Gäste sich hier länger verweilen können. Erlebnisführungen für Schüler und Erwachsene sowie Mitmachaktionen, wie das Herstellen von Mosaiken oder von Brettspielen sind bei Kindern sehr beliebt. Im antiken Bad selbst werden mu.sikalische Matineen mit der Musikhochschule Freiburg veranstaltet, bei denen die Akustik in
Oben: Handwerk und Handel in der Antike kann man auf dem rischen Markt hautnah kennenlernen. Darer hinaus verlocken zauberhafte Dte aus der rischen Garkhe zum Probieren und Genießen.
Mitte: Die Rer und Alamannen bevkern beim Rerfest die Wiese vor der rischen Badruine und demonstrieren anschaulich, was sich hier einst zuge.tragen hat.
Unten: Das Gelände rund ums Rerbad wird f weitere kulturelle Großveranstaltungen genutzt. Wie hier beim Freilichttheater 2017, das Bezug auf die rische Vergangenheit Hingens nahm und von Gtern, Rern und anderen Menschen handelte.

den alten Steinmauern und das ungewöhnliche Ambiente ein ganz besonderes Hörerlebnis ge.statten. Einmal im Jahr findet im Rahmen des VHS-Programms ein Römisches Essen in der Badruine statt, das mit zahlreichen kulinarischen Spezialitäten aus der Römerzeit die Gäste ver.wöhnt. Genügend historische Geschichten über Eigenheiten und Lebensweise der Römer werden gleich mit serviert, sodass dieser Abend im Rö.merbad zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.
Das Rerfest
Ein besonderes Spektakel bietet das Römerfest, das ein ganzes Wochenende seine zahlreichen Gäste in die Zeit der Römer und Alamannen entführt. In der Regel alle zwei Jahre verwandelt sich die Wiese vor der Badruine im September in ein großes und buntes Lager. Hier wird die römi.sche Vergangenheit Hüfingens wieder lebendig. Dutzende von Römern und Alamannen schlagen hier ihre Zelte auf um hautnah zu demonstrie.ren, was das Lagerleben früher alles so bot. Alle Besucher sind eingeladen in die römische Geschichte einzutauchen und diese hautnah zu erleben. Verschiedene historische Gruppen aus Deutschland und der Schweiz zeigen an.hand von Vorführungen, wie sich das zivile und militärische Leben hier vor rund 2000 Jahren abspielte. Zum Greifen nah wird die Vergangen.heit beim Betrachten der Bekleidung sowie der Ausrüstung und Bewaffnung der Legionäre in einem typischen Marschlager. Im Sippenlager wird gezeigt, wie sich der Alltag mit Handwerk und Handel damals gestaltete. Das Gelände mit der Waldwiese an der römischen Badruine bietet die passende Kulisse. Speziell für das be.liebte Römerfest wurde dauerhaft ein hölzerner Palisadenzaun mit einem typischen Wachturm errichtet.
Allerlei kulinarische Köstlichkeiten aus der römischen Garküche und Vorführungen von al.ter Handwerkskunst gibt es auf dem römischen Markt zu entdecken. Die Herstellung von Ket.tenhemden, Glasperlen, Öllampen, das Färben und Schmieden, das Weben und die Münzprä.gung und viele andere Handwerkskünste be.stimmten damals Markt und Handel und wer-

Eine behindertengerechte Brke f Fußgänger, Rad.fahrer und Sportler wurde im vergangenen Jahr im Bereich des Rerbades fertiggestellt. Der Brken.schlag verbindet zudem das militärische „Brigoban.nis“ mit dem zivilen Teil der rischen Siedlung.
den hier gezeigt. Kinder können beim Römerfest in Hüfingen auf den Spuren der Archäologie wandeln, es gibt für sie verschiedenen Aktionen und ein tolles Unterhaltungsprogramm.
Die Bne
Eine dauerhafte Treppenbühne aus Stein, die an ein Amphitheater erinnert, hat das abschüssige Gelände vor dem Römerbad positiv aufgewer.tet. Sie dient beim Römerfest als Sitzplatz für die zahlreichen Besucher, die sich hier einen guten Überblick über das Geschehen verschaf.fen können. Zudem kann diese Bühne gleich mehrfach benutzt werden, denn Hüfingen hat noch mehr kulturelle Highlights zu bieten. Zum Beispiel das Sommertheater, das sich seit vie.len Jahren als kulturelle Freilichtveranstaltung einen Namen in der Region geschaffen hat und viele begeisterte Besucher anlockt. Hier, an der römischen Badruine mit ihrer Sitztreppe am Waldrand und der Wiese, haben die Laien.schauspieler unter ihrem Regisseur Paul Siemt den idealen Spielort mit passendem Ambiente gefunden. Dabei können die Treppen den Be.suchern als Sitzplätze dienen oder umgekehrt als Bühne für die Schauspieler wie im Jahr 2017. Hier hatte der Regisseur der Schauspieltruppe ein Stück der römischen Vergangenheit Hüfin.gens auf den Leib geschrieben. Das „Artefakt“ war eine spannende Geschichte, die von „Men.schen, Römern und anderen Göttern“ handelte. Die Aufführung begeisterte die Gäste bei sechs ausverkauften Vorstellungen.

Die Brke
Das Jahr 2018 brachte weitere Erneuerungen und Erweiterungen. So wurde im Sommer die von Bürgern lang ersehnte Querung der Breg beim Römerbad verwirklicht. Der Brückenschlag verbindet das ehemalige Lager der römischen Soldaten auf der Seite der Badruine mit der zivi.len Siedlung Brigobannis auf der anderen Seite der Breg. Die Brückenkörper auf beiden Seiten der Breg sind in Anlehnung an einen römischen Wachtturm gebaut worden und stehen damit im Einklang an den nicht weit entfernten Pavil.lon, der in derselben Bauweise errichtet wurde. Das Bauwerk dient Spaziergängern, Joggern, Radfahrern und Familien mit Kindern dazu die Bregaue beiderseits bequem zu erkunden. Im Freizeitbereich des Römerbades gibt es noch eine Wassertretstelle und ein Armbad mit Sitz.bänken, die gerade an heißen Tagen gerne von
Martina Schulz ist eine der beiden Gästefrerinnen im Rerbad. Seit acht Jahren erklärt sie den Gästen die Gegebenheiten im Rerbad auf ihre ganz eigene Weise.
Frau Schulz, wie viele Frungen durchs Rerbad gibt es in einer Saison und wie treten Sie bei den Frungen auf?
Die Saison dauert von Mai bis Oktober, im Durchschnitt finden in diesem Zeitraum etwa 80 bis 100 Führungen statt. Bei meinen Führungen schlüpfe ich in die Rolle von „Marcia“, einer Römerin, die 50 v. Chr. zum Baden geht. Deshalb heißt die Führung auch „Baden mit Marcia, Wellness in der römischen Antike“. Dazu trage ich eine Tunika und eine Pala, ein Frauenmantel.
Wie lange dauert eine Frung durch die Bad.ruine und wie läuft sie ab?
Eine Führung dauert zwischen 60 und 90 Minu.ten, je nach Gruppengröße. Die Gäste werden
Spaziergängern und Radfahrern und anderen Sportlern genutzt werden, die den schattigen Waldweg nach Bräunlingen und umgekehrt nutzen.
Der rische Lehr- und Erlebnispfad
Ein weiterer Baustein für die touristische Auf.wertung der römischen Vergangenheit Hüfin.gens ist der römische Lehr- und Erlebnispfad, der im vergangenen Herbst eröffnet wurde. Er ist für Familien ausgerichtet, die mit Maskott.chen „Brigo“ auf Entdeckungsreise gehen wol.von mir begrüßt und dann lade ich sie ein, mit mir gemeinsam zum Baden zu gehen. Der Ab.lauf entspricht dem originalen Badegang, so wie er damals statt gefunden hat. Dazu habe ich mir aus der Fachliteratur Texte zusammen.gestellt und kreiere lebendige Geschichten aus der Antike. Diese Geschichten werden von mir mit einigen römischen Utensilien, wie

einem Handtuch, Salböl, Badeschuhen,
Löffel und Duftöl ausgeschmückt.
Bei unserem Rundgang werden
wie in einem Schauspiel die
einzelnen Räume besichtigt.
Dazu gehören der Kalt-,
Lauwarm- und Warmba.
deraum, der Umkleide.
bereich, ein Ruheraum
sowie ein Brunnen und eine
Latrine. Am Ende kehren wir
in die Echtzeit zurück und ich
erkläre die heutige Bedeutung
des Römerbades für Hüfingen.

Wie sind die Öffnungszeiten des Rerbades und wo erhält man Informationen?
Vom 1. Mai bis 31. Oktober ist die Badruine an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet, in den Schulsommerferien von Baden-Württemberg täglich 14 bis 17 Uhr. Vom 1. November bis 30. April bleibt das Bad geschlossen. Infos erhält man unter www.badruine-huefingen.de.
len. Spielerisch lernen Kinder und Erwachsene viel Wissenswertes über das Leben der Römer und den Bezug zur römischen Geschichte Hü.fingens kennen. Die acht Erlebnisstationen mit Infotafeln für Erwachsene und Kinder auf dem drei Kilometer langen Parcours laden zum Spie.len, Lesen, Hören, Fühlen und Mitmachen ein. Aufklärung gibt es unter anderem zur Speise-und Esskultur, zur römischen Landwirtschaft, zu Maßen und Münzen, zum römischen Hüfingen und mehr. Die Abenteuerreise mit „Brigo“ be.ginnt und endet beim Römerbad und führt auf befestigten Wegen durch den Wald.

Ein Schwarzwaldhof zwischen Tradition und Moderne
Der ungewnliche Familienurlaub auf dem Hilserhof – Ferien im Wiesenbett
von Barbara Dickmann
D
as Telefon läutet, das Handy ebenfalls und drei neue Emails kündigen sich an. Henning bleibt cool. Was ist am wich.tigsten, überlegt er – und nicht, wer nervt am meisten…
Henning, Mitte vierzig, ist leitender Mitar.beiter in einem mittelständischen Unterneh.men. Sein Verantwortungsbereich wird immer größer und die Karriereleiter immer steiler. Hen.ning ist ein vielbeschäftigter Mann, die 38-Stun.den-Woche ein Fremdwort und irgendwie schwebt in seinem Kopf, irgendwann einmal in der Vorstandsetage zu sitzen.
Am Handy ist seine Frau mit einer drängen.den Frage. Die Urlaubsplanung stehe im Raum und sie wolle jetzt endlich von ihm wissen, was er sich so vorstelle. Henning ist das – ehrlich gesagt – ziemlich wurscht, soll seine Partne.rin doch einfach ein schönes Hotel mit Well.ness-Bereich und so weiter aussuchen, etwas, was auch den Kindern gefällt, die im Grund.schulalter sind.
„Ich habe da etwas gefunden“, sagt seine Frau, „etwas ganz Besonderes, das auch den Kindern gefallen würde. Es ist im Schwarzwald und wirklich sehr ungewöhnlich!“ Henning ist begeistert. Der Schwarzwald! Keine Flugreise, von denen er eh schon die Nase voll hat, und dann ist man ja auch schnell wieder im Ge.schäft! „Ja, mach das“, ist seine Antwort und dabei liest er schon einmal die neuen Emails durch. „Ja, wenn du meinst,“ sagt seine Frau etwas zögerlich, „willst du denn gar nichts Genaueres wissen, es ist wirklich ziemlich unge.wöhnlich?“ „Aber nein, mein Schatz, buche du das ruhig!“ Und schon ist das Thema erledigt.

Vier Monate später…
Es ist soweit! Henning arbeitet bis spät abends, packt Handy und Laptop ein und am nächsten Morgen geht es los. Wohin eigentlich? „Nach Gremmelsbach, das ist ein Ortsteil von Tri.berg,“ erklärt seine Frau lächelnd und Henning wundert sich etwas. Warum liegen da vier Paar Gummistiefel im Auto, braucht man die für ein 5-Sterne-Wellness-Hotel. „Haben wir fünf Sterne?“, fragt er dann. „Nein, aber vier Sterne“, sagt seine Frau und damit ist die Sache erledigt. Vier Stunden später meldet das „Navi“, man ha.be seinen Zielort erreicht und Henning ist etwas verwundert.
Vor ihm öffnen sich Wiesen und Wälder, ein schmaler Weg führt hinauf zum „Hilserhof“, ei.nem Schwarzwaldhof wie aus dem Bilderbuch. Überall blühen Blumen, liebevoll arrangiert,
Der Hilserhof der Familie Wernet in Triberg-Gremmelsbach. Bekannt ist der Hof f seinen Naturtourismus, vor allem das Konzept „WiesenBett“.

laden Liegestühle zum Sonnen ein, stehen Spielzeug und Spielplatz für kleine und große Kinder bereit, kräht irgendwo ein Hahn, grun.zen Schweine um die Wette und vier Pferde schauen neugierig aus dem Stall. „Wir sind da“, sagt seine Frau überflüssigerweise. Die Kinder sind schon aus dem Auto und seine Frau hält Ausschau nach den Gastgebern.
Wunderschöne Landschaft und so gute Luft, denkt Henning und atmet tief durch. Etwas hilf.los schaut er sich um. Wo ist der Wellness-Be.reich, das Sterne-Restaurant, die Luxussuite? Seine Frau hat mittlerweile Bekanntschaft mit der Gastgeberin dieses Bilderbuchhofes ge.schlossen. Barbara Bruker-Wernet, Hausherrin und Bäuerin des Hilserhofs, ist eine taffe Frau. In Jeans, Shirt und Sneakers und mit strahlen.dem Lächeln begrüßt sie ihre neuen Gäste.
Das Feriendomizil ist gerichtet und wartet auf die Familie. Barbara Bruker-Wernet geht voran. Der Weg führt in leichter Steigung zu ei.ner großen Wiese, auf der in großen Abständen und geschickt verteilt, fünf Lodge-Zelte stehen. Zielsicher marschiert sie auf ein größeres zu und etwas verunsichert folgt Henning.
Vor dem Eingang ist eine große Terrasse. Barbara Bruker-Wernet öffnet die braune Zelt.plane und was jetzt zum Vorschein kommt, lässt nostalgisch werden. Sofa, Essecke, Schrän.ke, Boden, Türen…alles aus rohem Holz. Der ers.te Blick fällt auf den schwarzen, gusseisernen

Blick ins WiesenBett-Tal und Abendstimmung beim WiesenBett – am Feuer sitzend mit Blick in die Schwarzwaldtäler hinein.
Ofen, dessen Aufgabe wohl nicht nur das Hei.zen ist, dann auf die Kerzenleuchter, die Petro.leumlampen. Der zweite Blick sieht grün, grün, grün… Denn egal wohin man schaut, man ist umgeben von Wiesen und Wäldern. Die Kinder stürmen herein und nehmen alles in Beschlag. Sie wollen im Schrankbett schlafen, keine Dis.kussion, die Petroleumlampen ausprobieren und inspizieren die Toilette, die aussieht wie ein Plumpsklo aus vergangener Zeit.
Barbara Bruker-Wernert lacht als sie Hen.nings Gesicht sieht. Nein, keine Sorge, es ist eine „ganz normale“ Toilette, denn fließendes Was.ser ist natürlich da und das kommt sogar aus der eigenen Quelle. Hennings Frau begutachtet in der Zeit den Holzofen und lässt sich einige Tipps geben. Natürlich weiß sie genau, was sie gebucht hat, denn dieser Ofen wird ihren Induk.tionsherd für die kommenden 10 Tage ersetzen und sollte es am Abend kühl sein, muss man halt eine Schüppe Holz mehr einwerfen.
Henning ist etwas irritiert und sucht die Steckdose, denn er will seine diversen Akkus aufladen. „Tja Henning, Überraschung!“, sagt seine Frau, „hier gibt es keinen Strom!“ …Waaaas!!!

Was hat Hennings Frau
Blick ins WiesenBett, im Hinter-gebucht? grund das bei Kindern beliebte Es nennt sich „WiesenBett Schrankbett. Von der ersten Mi.
nute an sind die Kinder besonders
Bauernhofurlaub“ und ist ein
von den Tieren des Bauernhofes
echter Glamping Urlaub. Glam.
begeistert.

ping ist eine Kombination aus naturnaher Unterkunft und Luxus und ein ganz spezielles Urlaubserlebnis. in ihrem Beruf. 1994 lernt sie
Der „Hilserhof“ ist der ein-Bernd Wernet kennen, 1999 zige WiesenBett-Bauernhof zieht sie nach Gremmelsbach im Schwarzwald. Barbara Bru-auf den Hilserhof. Das junge ker-Wernet und Bernd Wernet, Paar reist viel, ist drei Monate der seit 2002 den Betrieb von in Neuseeland als Backpacker,
den Eltern übernommen hat, sind Vorreiter in vielen Richtungen und haben es geschafft einen Bauernhof aus dem 17. Jahr.hundert in das 21. Jahrhundert zu führen – be.hutsam und liebevoll und mit viel Engagement, ständigen Investitionen und Muskelkraft.
Barbara Bruker-Wernet und „das WiesenBett“
Spricht man über das WiesenBett, spricht man auch über Barbara Bruker-Wernet, denn ihr Job sind die Gäste und alles, was dazu gehört – da.bei hätte alles ganz anders kommen können.
Geboren und aufgewachsen in Schönwald, wird sie nach Abschluss der mittleren Reife Zahnarzthelferin (heute ZFA) und arbeitet gerne

kennt Ungarn, Italien, Südafri.ka und Kanada. Auch Arijana, 11 Jahre, und Tristan, 8 Jahre, ihre beiden Kinder, kennen schon etwas von der Welt.
2007, fünf Jahre nachdem Bernd Wernet, gelernter Schreiner, den Hof im Nebenerwerb übernommen hat, stehen sie am Scheideweg. Es gibt zwei Alternativen: Der Hof und die beiden Ferienwohnungen und Barbara Bruker-Wer.net geht wieder in ihrem Beruf zurück – oder welche Möglichkeiten gibt es sonst? Dann die Überraschung: Ein Newsletter flattert ins Haus und darin wird das Konzept „Wundervolles Wie.senBett“ angeboten.
Barbara und Bernd Bruker-Wernet sind sofort von dieser Idee und der Ausstattung begeistert.

Der Hilserhof war eines der grten Hofger in Gremmelsbach, stammt aus dem Jahr 1607. An die 16 Generationen der Familie Hilser bewohn.ten den Hof. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die offene Rauchkhe durch eine Räucherkam.mer ersetzt, die heute noch in Betrieb ist. Der Familienname des Hofes wechselte nach dem Zweiten Weltkrieg, denn Emmina Hilser wur-
Denn von den Niederländern in den 1990ern ausgedacht, werden die Wiesenbetten kom.plett eingerichtet und geliefert – Zelte, die wie Hütten auf einer Alm aussehen, und mit einem Mobiliar ausgestattet, das mit jeder Bauernstu.be aus dem Schwarzwaldmuseum konkurrieren kann.
Barbara und Bernd Wernet sind die Ersten in Deutschland, die das Konzept „Wundervolles WiesenBett“ übernehmen. „Die Investitionen waren nicht so wahnsinnig hoch, doch Brauch.wasser- und Abwasser mussten gelegt werden und große Unterstützung erhielten wir auch von der Stadt Triberg“, blickt sie zurück.
Barbara Bruker-Wernet kniet sich richtig rein.
2008 werden fünf Wiesenbett-Zelte aufgestellt, 2010 werden die beiden Ferienwohnungen in Natur-Appartements umgewandelt und reno.viert, erhalten 4 Sterne und Barbara Bruker-Wernet besucht eine 10tägige Schulung im Tourismus. Sie wird fit in Marketing, Qualitäts.management, Architektur, Erlebnispädagogik,

de die Hoferbin, da keiner der Brer aus dem Krieg zurkkehrte. Sie bewirtschaftete den Hof allein, bis sie 1947 Emil Wernet aus Schwald heiratete – damit zog der Name Wernet auf dem Hilserhof ein. Sohn Edwin Wernet und sei.ne Frau Paula ernahmen den Betrieb 1971 und aktivierten 1982 das Backhaus wieder. Auch sie waren Vorreiter in Sachen „Ferien auf dem Bau.ernhof“, denn schon 1978 bauten sie den Getrei.deschuppen in Ferienwohnungen um.
„Meine Schwiegereltern waren mit die Ers.ten, die „Ferien auf dem Bauernhof“ angeboten haben“, erklärt Barbara Bruker-Wernet. „Und gleichzeitig bauten sie das Leibgeding, den Altersruhesitz, und einen modernen Schlacht.raum.“ Seit 2002 liegt der Hof in der Verantwor.tung von Bernd Wernet, der mit Leidenschaft und Kompetenz 23 ha Weideland und 17 ha Wald bewirtschaftet. Selbstvermarktung von Angus Rindfleisch, Grland und Forstwirt.schaft, Fdergelder der EU und Naturtourismus sind die Eckpfeiler des Betriebs.

Wo beim Hilserhof die WiesenBett-Unterkfte stehen, plätschert auch ein Wasserrad zum Spielen, fasziniert die Kinder abends der Kerzenschein, gibt es einen Wellness-Bereich und verfolgen vor allem die Jungs fasziniert die Arbeit mit dem Traktor.
Alleinstellungsmerkmal und und und…. Bis heute besucht sie regelmäßig weitere Schulun.gen. Ihre Homepage und ihr Logo hat sie selbst entworfen, gestaltet und umgesetzt und auch die Vermarktung liegt in ihren Händen.
„Buchen kann man die WiesenBetten oder unsere Ferienwohnungen nur über unsere Homepage oder telefonisch.“ Kein booking.com oder andere Internet-Plattformen? „Ich weiß, ich schwimme gegen den Trend, doch ich will den persönlichen Kontakt zu unseren Gästen“, sagt sie und das glaubt man ihr sofort. Barba.ra Bruker-Wernet baut auf Mund zu Mund Propaganda und kann sich über mangelnde Popularität nicht beklagen. Print-Medien und Fernsehsender gehen ein und aus. Die FAZ, Geo, Eltern, Reisen mit Kindern Spezial, ARD, RTL und SWR waren bei ihr schon zu Besuch und alle sind begeistert.
Seit 2011 gibt es einen „Wellness-Bereich“-ganz im Stil der Wiesenbetten. Ein großer Holztrog wird befüllt mit frischem Quellwas.ser, beheizt mit einem Holzofen. Eine Sauna nach dem gleichen Prinzip begeistert die Gäste ebenfalls. Immer dabei: Der herrliche Blick über Wiesen und Wälder, ein unendliches Gefühl von Freiheit und viel, viel Platz.

2012 werden sie „bester Urlaubsbauernhof in Baden-Württemberg“ und in „Reisen mit Kindern von Geo Saison“ und „Brigitte“ emp.fohlen. „Das hat uns sehr gefreut“, sagt Barbara Bruker-Wernet. 40 Gäste kann der Hilserhof beherbergen. In der Regel Familien mit Kindern, manche bringen auch Oma und Opa mit. Sie kommen aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, England, Luxemburg und Belgien, Irland, Italien und Frankreich. Sie alle verbindet die Liebe zur Natur, die Sehnsucht nach Ruhe, die Freiheit, der viele Platz, die Tiere, der be.wusste Verzicht auf scheinbar Unverzichtbares und das Betreutwerden von Menschen, die noch „richtige“ Bauern sind.
Und wie ergeht es Henning und seiner Familie?
Henning sitzt auf der Terrasse im bequemen Liegestuhl vor seinem „WiesenBett“. Seit acht Tagen ist er hier, seit drei Tagen hat er die glei.che Hose an, das T-Shirt ist auch nicht mehr so frisch und zum Rasieren hat er gar keine Lust. Dafür läuft er manchmal barfuß über die Wie.sen, sieht den Kindern zu, die im kleinen Teich ihre ersten Angelversuche unternehmen und entdeckt jeden Tag etwas neues Wunderbares in der Natur. Auf dem Holzofen brutzelt ein Eintopf, der so herrlich riecht. Und wenn er an das Brot denkt, das Paula, die Oma des Hilser.hofes, für die Gäste bäckt, läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Mittlerweile kennt er die ganze Familie Wernet einschließlich Groß.eltern. Außerdem fünf Schweine, mindestens 20 von den 30 Kühen, vier Pferde und Jack, den Hofhund, denn dafür haben seine Kinder schon gesorgt. Handy und Laptop sind verschwunden, der Stress verflogen und die Muße ist einge.kehrt. Auf große Ausflüge, Vier-Gänge-Menü, viele Menschen und Trubel hat keiner Lust. Die Kinder sind glücklich hier und seine Frau auch. Und erst die Abende bei Kerzenschein, Henning atmet auf und durch – was für ein Urlaub!

Jeden Morgen fnet der Hofladen
Barbara Bruker-Wernet freut sich über zufrie.dene Gäste und ist gerne mit ihnen zusammen. Jeden Morgen öffnet sie den Hofladen, der 24 Stunden am Tag mit Schwarzwälder Schinken, verschiedenen Wurst- und Fleischsorten, Eiern, Milch, Most und Brot die Urlauber verwöhnt. Ab 9 Uhr werden die Tiere gemeinsam mit den Gästen gefüttert und weiter geht’s mit Pflegearbeiten rund um und auf dem Hof.
Am Nachmittag bietet sie geführte Ausritte an, wird zur Freude der Kinder manchmal das gutmütige Pony bemalt. Es werden Holztiere gebastelt, es gibt Pizza-Abende, Brotbacktage, Kino im Heu, Nachtwanderungen und und und… Es gibt alles – nur keine Langeweile für kleine und große Gäste, falls diese das Bedürfnis nach Unterhaltung haben sollten.
Von Mai bis September helfen eine Prakti.kantin oder ein Au-Pair-Mädchen gegen freie Kost, Logie und ein Taschengeld der Hausherrin in Haus und Hof, eine Reinigungskraft auf 450-Euro-Basis kommt ebenfalls, die Großeltern unterstützen gerne, doch Barbara Bruker-Wer.net hat alles im Griff und immer einen Blick auf die Zukunft. Investieren ist stets ein Thema. Wie ist der Trend, was müssen wir verändern? „Im Moment läuft es sehr gut“, sagt Barbara Bruker-Wernet, „doch agieren und nicht reagieren ist das Zauberwort“.

Ist Gästebetreuung, ein großer Hof, ihr Lebensziel, ihre berufliche Erfüllung? Auf diese ganz persönliche Frage antwortet sie sofort und spontan: „Aber ja, ich kann so viel bewegen, kann selbstständig arbeiten und gestalten, habe gerne Kinder und Menschen um mich und bin mit meiner Heimat verwurzelt“. Bernd Wernet sieht das genauso. Der Hof, die Tiere, das Land, die Familiengeschichte: Das alles will er erhalten und bewahren. „Wir haben so viele historische Schätze auf unserem Hilserhof, die ich voller Ehrfurcht und im Gedenken an meine Vorfahren betrachte, und dann wird mir ganz warm ums Herz“. Keine Frage: Bernd und Bar.bara Bruker-Wernet und der Hilserhof sind eine Einheit, die zusammengehört.
Hennings Urlaub ist vorbei
Ein letzter, wehmütiger Blick auf das liebgewon.nene „WiesenBett“, ein äußerst skeptischer auf Handy und Laptop und mit den besten Vorsät.zen etwas zu verändern, steigt er in sein Auto. Die Kinder sind untröstlich, sie wollen alle Tiere mitnehmen und seine Frau steht immer noch bei ihren Gastgebern und kann sich nicht tren.nen. „Fahren wir bald wieder hierher?“, fragen die Kinder. „Aber ja“, sagt Henning, „Mama hat schon den nächsten Urlaub gebucht – und dann bleiben wir länger!“
Die Quellenländer –
Haus- und Hofkapelle des Landratsamtes
„Bei uns im Schwarzwald ist‘s schön, auch unsre Baar muss man sehn. Wälder und Wiesen so grün, Felder und Blumen, die blühn. Wandern auf Bergen und Höh‘n, durch Täler an schönen Seen. Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg, senden einen Gruß in alle Welt. Trachten, Kultur und Musik bringen uns Freude und Glück. Einkehren, Vesper und Bier, G‘mütlichkeit, das lieben wir. Tradition wird hier bewahrt, so ist halt unsre Lebensart. Quellenland, oh, wir grüßen dich von überall, kommen wieder zu dir, tausendmal.“
von Susanne Kammerer
E
in Liedtext voll Liebe und Begeisterung für die Heimat, dazu eine fröhliche und be.schwingte Melodie: Mit dem Marsch „Im Quellenland“ hat der Schwarzwald-Baar-Kreis seit diesem Frühjahr sein eigenes Musikstück. Gespielt wird der Quellenlandmarsch von der eigenen „Haus- und Hofkapelle“ des Landrats.amtes: den Quellenländern.
Die Quellenländer, das sind 25 Frauen und Männer, die im Landratsamt arbeiten und ein gemeinsames Hobby teilen: das Musizieren. Aus rund 1.000 Mitarbeitern, die im Landrats.amt Schwarzwald-Baar-Kreis beschäftigt sind, haben sie vor acht Jahren zusammengefunden und sich als Betriebskapelle formiert. Die Idee, eine eigene Musikkapelle auf die Beine zu stellen, hatte der damalige Finanzdezernent und Musiker Manfred Pfaff. Bei Michael May.er, dem Dirigenten der Quellenländer, stieß er dabei sofort auf offene Ohren. „Wir haben per Rundmail einen Aufruf an alle Mitarbeiter gemacht, worauf sich dann etwa 30 Kollegin.nen und Kollegen gemeldet haben“, beschreibt Michael Mayer die Anfänge. Für die Übernahme des Dirigentenstabs und die Organisation der ersten Betriebskapelle zeigte sich der Forstwirt geradezu prädestiniert: Als Personalrat ist er kein Unbekannter und kennt viele seiner Kolle.ginnen und Kollegen. Als langjähriger Dirigent der Trachtenkapelle Stetten kommt zusätzlich das Handwerkszeug dazu, das ein musikalischer Leiter nun mal braucht.

Das Klangbild stimmt
Die Idee, eine spielfähige Kapelle für gelegent.liche hausinterne Anlässe zu haben, nahm erste Formen an. „Spielfähig“ bedeutet im Fachjar.gon, dass die Besetzung stimmt: Alle für die Blasmusikliteratur wichtigen Instrumente soll.

dern tolle Auftrit.te und sind, wie ich finde, auch ein tolles Aushän.geschild“.

Cordula Biermann ist seit vier Jahren bei den Quellenländern und spielt dort Saxophon. Ihr Heimatverein ist der Musikverein Oberbaldingen, wo sie seit dem achten Lebensjahr aktiv ist. Im Landratsamt ist sie im Straßenver.kehrsamt für den Bereich öffentlicher Personennahverkehr zuständig.

den Quellenlän.dern in einem anderen Umfeld zusammen zu spielen. Neben dem musikalischen Erlebnis haben die Proben und Auftritte mit unserem Dirigenten Michael Mayer doch einen besonderen Unterhaltungswert.“

Rainer Emminger spielt Flügelhorn und ist ebenfalls seit der Gründung der Quellenländer mit dabei. Seit 40 Jahren spielt er im Musikverein Aufen und seit 31 Jahren beim „Original Cyankali Bontett“ Flügelhorn und Trompete. Im Landratsamt ist er im Gewerbe.aufsichtsamt tätig.

ten vorhanden sein, dazu in einer ausgewoge.nen Anzahl. Neben Posaune, Tenorhorn, Bariton und Tuba braucht es Flügelhorn, Trompete, Kla.rinette, Flöte, Schlagzeug, Horn und Saxophon. Mit dieser Grundvoraussetzung kämpft manch Musikverein hin und wieder, umso erstaunli.cher, dass es bei den Quellenländern nahezu problemlos geklappt hat. „Musiker für die tiefen Instrumente zu finden, ist manchmal schwierig, deshalb haben wir auch ein paar Pensionäre, die mitspielen und aushelfen“, beschreibt Michael Mayer. Manche Stimme sei auch nur einfach besetzt. Aber – und das ist das Wichtigste – das Klangbild stimmt.
Und so kommen die Quellenländer seit ihrer Gründung im Jahr 2010 etwa acht Mal im Jahr zusammen, um gemeinsam zu proben und sich auf den ein oder anderen Auftritt vorzubereiten. Da alle Quellenlandmusiker auch in ihrem je.weiligen Heimatort in einem Musikverein spie.len, sind die Stücke meistens bekannt, geübt werden muss somit „nur“ das Zusammenspiel in der Quellenländer-Formation. Das Reper.toire ist umfangreich und zählt Stücke aller Musikrichtungen: Von Marsch und Polka, bis hin zu modernen Blasmusikarrangements und Chorälen ist für jeden Anlass und Geschmack etwas dabei. Dieses Repertoire schöpfen die Herzblutmusiker bei den jährlich stattfinden.den Betriebsausflügen auch gerne aus und unterhalten ihre Kollegen dann problemlos bis zu zwei Stunden lang. In der Regel haben die Musikerinnen und Musiker aber nur kurze Auf.tritte. Michael Mayer betont: „Wir wollen keine
Aus insgesamt knapp 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben sich die 25 Musiker der Quellenländer zusammengefunden. Vom Forstamt, über Sozialamt, Kämmerei, Vermessungs.und Straßenbauamt sind Frauen und Männer aus fast allen Bereichen der Kreisverwaltung vertreten. Und so bunt gemischt wie die Fachbereiche ist auch die Altersstruktur: von 20 bis 60 Jahren, also ein ganzes Berufsleben vereint in Musik. Rechts unten: Dirigent Michael Mayer.

ländern ist eine schöne Abwechs.lung zum Alltag. Die Auftritte sind meist interessante und nette Anlässe.“

Ingo Obrowski ist im Baurechtsamt tätig. Bei den Quellenländern ist der Tenorhornist von Anfang an dabei. Der Vollblutmusiker ist nach rund 30 Jah.ren beim Musikverein Hochemmingen und anderen Musikformationen seit kurzem nur noch Musiker bei den Quellenländern.

bei den Quellen.ländern immer im Vordergrund. Wenn man selbst gerne spielt, hört das Publikum auch gerne zu.“

Heinz Bartler ist Fahrer im Landrats.amt und zuständig für den Fuhrpark. Bei den Quellenländern spielt er seit sechs Jahren Flügelhorn. Sein Heimatverein ist der Musikverein Hochemmingen, außerdem spielt er im Seniorenblasorchester Schwarz.wald.Baar.

Konkurrenz zu den örtlichen Musikvereinen sein, wir sind nur das Beiwerk.“ So spielten sie etwa bei der Verabschiedung von Landrat Karl Heim im Jahr 2012 und zur Begrüßung seines Nachfolgers Sven Hinterseh auf. Und auch beim Kreisbesuch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Mai 2018 waren sie zugegen und empfingen den hohen Gast musikalisch. Ein passender Moment, den „Quellenlandmarsch“ uraufzuführen.
Gemeinsames musizieren macht Freude und verbindet
Die Idee zu einem eigenen Marsch wurde schon vor längerer Zeit geboren. Komponiert wurde dieser Marsch von Mathias Gronert aus Horn.berg, der in der Blasmusik-Szene als Komponist, Musiker und Dirigent kein Unbekannter ist. „Wir haben Stichworte gesammelt, welche unseren Landkreis am besten beschreiben“, schildert Michael Mayer die Entstehung des Marschs. Mit diesem „Steckbrief“ im Gepäck ging es nach Hornberg ins Tonstudio, wo Mathias Gronert diesen dann zu Text und Mu.sik umsetzte. Nach einer ersten Probe und ein paar Feinschliffen hier und da, war er schließ.lich fertig, der offizielle Marsch des Schwarz.wald-Baar-Kreises „Im Quellenland“.
Dass Musik Menschen miteinander ver.bindet, können die Quellenlandmusiker nur bestätigen. Für sie ist es gerade das, was die Besonderheit der Betriebskapelle ausmacht: Kollegen aus ganz anderen Dienstbereichen kennenlernen, zu denen man sonst womöglich nie Kontakt gehabt hätte. Und gemeinsames Musizieren macht ohnehin Freude – diese auf das Publikum zu übertragen und für glückliche Momente zu sorgen, ist Ansporn eines jeden Musikers. Und glückliche Momente sollte es schließlich auch im Berufsleben geben.
„Im Quellenland“ – der offizielle Marsch des Schwarz.wald.Baar.Kreises. Musik und Text stammen von Mathias Gronert aus Hornberg.

„Vespasian“ – Pascal Vannier
„Imperium Dekadenz“ – Musik von der Baar erobert die Black Metal-Szene
von Jens Fröhlich
„Horaz“ – Christian Jakob
Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es viele gute Musiker. Viele dieser Künstler und Bands sind den Menschen in der Region ein Begriff. Irgendwo auf einer Bühne, auf einem Plakat, in der Tageszeitung, oder im Radio hat man sie schon ein.mal wahrgenommen. Bei einer Band aus dem Kreisgebiet ist das vermutlich jedoch eher weniger der Fall. Der Name „Imperium Dekadenz“ fehlt meist in den Veranstaltungskalendern der Regi.on. Bis auf ganz wenige Gastspiele sind die Musiker Pascal Vannier und Christi.an Jakob eigentlich nie auf regionalen Bühnen zu hören. Der Grund dafür ist schnell ausgemacht – ihr spezieller Mu.sikstil ist nicht jedermanns Sache: Black Metal. Die Musik entspricht nicht der leicht verdaulichen Radio-Beschallung, ist kaum mit gängigen Rock-, Party- und Coverbands kompatibel. Vielmehr pro.duziert die Band schwere und düstere Kost, mit brachialen Gitarren, harten Schlagzeug-Rhythmen und kreischen.dem Gesang. Und dennoch ist Imperi.um Dekadenz eine der erfolgreichsten Formationen aus der Region Schwarz-wald-Baar überhaupt.
P
ascal Vannier aus Donaueschingen und Christian Jakob aus Bräunlingen, 38 und 39 Jahre alt, beschreiten ihren musika.lischen Weg seit vielen Jahren gemeinsam. „Atmosphärischer Black Metal“, beschreiben die Musiker mit Baaremer Wurzeln ihren Stil. Der Startschuss für das erfolgreiche Bandprojekt fiel im Sommer 2004. Und auch hier ist das Wacken Open Air, ein erstmals 1990 abgehal.tenes Heavy-Metal-Festival, das jährlich am ersten Augustwochenende in der Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein stattfindet, ein wichtiger Teil der Geschichte. Pascal Vannier
Zu den Musikern
Pascal Vannier, Künstlername Vespasian,
ist in Donaueschingen aufgewachsen. Nach
dem Abitur absolvierte er sein Studium in
Schwenningen und Konstanz. Mittlerweile
wohnt und arbeitet er in München.
Christian Jakob aus Bräunlingen, Künstler
name Horaz, hat das Wirtschaftsgymnasium
in Donaueschingen besucht und eine Ausbil
dung bei der Firma Frei Lacke abgeschlossen.
Es folgte ein Studium der Medieninformatik
in Furtwangen. Heute arbeitet er in Stuttgart
im IT-Bereich. Obwohl es die beiden beruflich
von der Baar in die großen Städte verschla
gen hat, treffen sie sich regelmäßig auf der
Baar. Ihr Bandprobenraum, den sie sich mit
einem anderen Künstler teilen, ist nach wie
vor in Donaueschingen zu finden. Er dient als
Heimat-Treffpunkt und ist gleichzeitig die
Keimzelle für neue Songs. Von hier aus geht
ihre Musik ins Studio und auf die großen
Bühnen in ganz Europa.

und Christian Jakob landeten zufällig im selben Auto mit Kurs auf das Festival. Zwar kannten sie sich und ihre musikalischen Vorlieben bereits, doch während der mehrstündigen Reise nahm die Freundschaft richtig Fahrt auf. Man tausch.te sich aus, vereinbarte weitere Treffen. Bei weiteren Konzertbesuchen keimte die Idee zum gemeinsamen Musikmachen auf. „In meinem Studentenzimmer in VS-Schwenningen haben wir zum ersten Mal zusammen gelärmt“, erin.nert sich Pascal Vannier. Ein Anfang, der sich zu einer wirklichen Erfolgsgeschichte entwickel-
Oben: Imperium Dekadenz lassen sich von den Fans an ihrem Auftritt auf der Zeltbühne beim Wacken Festival 2017 feiern.
Unten: Sänger Christian Jakob in Aktion beim Gothoom Festival in der Slowakei.

te: 14 Jahre später blicken die beiden auf fünf Album-Produktionen und unzählige Konzerte zurück.
Heimat inspiriert ihre Musik
In ihren Texten setzen sich Imperium Dekadenz mit dem Tod, der Vergänglichkeit und dem Leben auseinander. Nicht selten gibt es dabei einen Bezug zum Mittelalter und der Antike. „Wir sind Geschichts-Fanatiker“, unterstreicht Christian Jakob. „Auch unsere Wurzeln im Schwarzwald finden sich in den Songs wieder – allerdings eher unbewusst“, ergänzt Pascal Vannier. Das melden ihnen sogar Fans zurück, die nichts von ihrer Schwarzwald-Herkunft wis.sen. Beim Tüfteln an neuen Stücken ergänzen sich Vannier und Jakob perfekt. Und gleichzeitig sind sie auch ihre größten Kritiker. Beide kom.ponieren meist alleine für sich und schreiben eigene Texte. Daraufhin stellen sie sich ihre Ide.en gegenseitig vor, erledigen den Feinschliff ge.meinsam. Es folgt die Vorproduktion zu Hause und im Donaueschinger Proberaum. Die Alben werden später in den Iguana Studios in Freiburg aufgenommen und produziert.

Bei Liveauftritten stehen der Band drei be.freundete Musiker der Formation Vargsheim zur Seite. Gemeinsame Proben für Touren und Konzerte finden in Würzburg statt.

Für Metal.Bands ist das wie Olympia für Sportler. Mit einem Wacken.Auftritt geht ein Traum in Erfüllung.

Erfolgreiches Hobby
Zweimal standen sie bereits beim Wacken Open Air auf der Bühne, einem der weltgrößten

Christian Jakob (links) und Pascal Vannier (dritter von links) posieren 2009 vor historischen Gemäuern in Villingen mit Mitgliedern der Band Vargsheim, die sie bei Liveauftritten begleitet.
Metal-Festivals. „Für Metal-Bands ist das wie Olympia für Sportler. Mit einem Wacken-Auf.tritt geht ein Traum in Erfüllung“, freut sich Christian Jakob. Um einen Platz in der exklu.siven Wacken-Bandliste zu ergattern, sei es notwendig, ein aktuelles Album vorweisen zu können und gute Kritiken in den einschlägigen Fachmedien zu erhalten. In den Jahren 2010 und 2017 hatten alle Faktoren gestimmt – Imperium Dekadenz konnte sich den 80.000 Festival-Besuchern präsentieren.
Obwohl Imperium Dekadenz schon häufig auf größeren Bühnen stand, schleiche sich bei solchen Konzert-Großereignissen immer eine Portion Nervosität mit auf die Bühne. Nicht un.bedingt wegen der vielen Zuschauer, vielmehr gilt es, einen strikten Zeitplan für den Aufbau einzuhalten. Jede Band habe dazu nur 15 Mi.nuten Zeit. Geht etwas schief, verkürzt sich die Spielzeit, da seien die Veranstalter rigoros.
Ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere sei der Liveauftritt 2017 in Minsk gewesen. „Das war ei.nes der besten Konzerte, das wir erlebt haben“, blickt Pascal Vannier zurück. Noch vor ihrer Reise wurde die Band behördlich überprüft, und während des Aufenthaltes standen die Musiker unter Beobachtung. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch: „Das Publikum war so hungrig auf Metal, die haben uns richtig abgefeiert“, freuen sich die Musiker.
Die Fans der Szene feiern die Band aus dem Schwarzwald jedoch nicht nur bei Liveauftritten in Deutschland, Norwegen, Slowenien, Frank.reich oder in Weißrussland. Auch tausende Tonträger kauften sie ihnen weltweit bereits ab. Imperium Dekadenz steht mit dem aktuellen Album „Dis Manibus“ in etlichen CD-Verkaufs.regalen. Und natürlich kann man die Alben auch in den bekannten Stores zum Download erwerben.

Musik f Computerspieler
Anfang 2018 feierte die Band einen besonderen Erfolg: Ihr Song „Thru the Fog of Time“ wurde als Hintergrundmusik für ein Computerspiel verwendet. Und das nicht „in irgendeinem Computerspiel“, sondern bei einem der erfolg.reichsten Spiele überhaupt. Das Spiel „Kingdom Come: Deliverance“ wurde bis heute weltweit über eine Million Mal verkauft. In den wichtigen Verkaufs-Ranglisten tauchte es über Wochen auf den Podestplätzen auf.
Das Rollenspiel wurde von der Firma Warhorse Studios entwickelt und am 13. Februar 2018 für alle gängigen Computer-Plattformen

Es ist instrumentaler Akustik.Song, der auch Leute ansprechen kann,
die nicht wirklich Metal hören – ich liebe die Atmosphäre. Ich stelle mir ein verwüstetes Land vor, das sich im Laufe des Liedes in etwas Schönes verwandelt, genau wie in der Szene, für die ich diesen Titel gewählt habe.

Stücke sind auch recht cineastisch. Zum aller.größten Teil kam das bei den Hörern sehr gut an”, erzählen Vannier und Jakob. Live spielen sie diesen Titel aber nicht.
Schauplatz ist das mittelalterliche Königreich Böhmen. Die Entwickler legten viel Wert auf Re.alismus und Geschichtstreue.
Was viele Spieler nicht wussten: Die Musik, die sie im Spielverlauf zu hören bekamen, wur.de zum Teil in Donaueschingen komponiert und produziert. “Wir wurden im September 2016 von dem tschechischen Entwicklerstudio ange.schrieben. Der Chef-Entwickler Daniel Vavra ist wohl ein Fan von uns und wollte diesen Song gerne für eine Zwischensequenz haben”, erin.nern sich die Musiker. Ihr Lied “Thru the Fog of Time” stammt aus dem Jahr 2007. Dabei wurde ganz auf verzerrte Gitarren, das harte Schlag.zeug und den typischen Black Metal Gesang verzichtet. Vielmehr servieren Imperium Deka.denz den Spiele-Entwicklern mit diesem Stück ganz leise Töne. “Wir hatten auf vergangenen Alben stets auch Ambient- und Instrumen.tal-Stücke drauf. Wir haben eine große Interes.sen-Bandbreite an musikalischen Stilrichtungen und nehmen uns die Freiheit, eben auch solche Songs auf unsere Alben zu machen. Viele dieser

Es wundert einen, dass die Leute sich tatsächlich so sehr mit unserer Kunst auseinandersetzen.

“Es ist schon ein wenig seltsam, unsere Musik in einem Videospiel zu hören”, sagen die Baaremer Künstler. “Das Lied passt aber sehr dazu, obwohl es nicht für das Spiel ge.schrieben wurde.” Es sei spannend gewesen, die Entstehung des Computerspiels bis hin zur Veröffentlichung zu verfolgen. Das habe sie an die Produktion der eigenen Alben erinnert. “Wir sind sehr stolz, dass wir dabei sein durften, zu.mal das Spiel aktuell in der Spiele-Szene in aller Munde ist”, so Vannier und Jakob.
Weil viele Lieder von Imperium Dekadenz einen historischen Kontext haben, passen Band

Schlagzeuger Pascal Vannier
und Spielethema gut zusammen. Zum Thema Mittelalter wurde die Band auch schon von Burgenforschern und Thesis-Absolventen an.geschrieben, die Fragen zu Texten hatten. „Es wundert einen, dass die Leute sich tatsächlich so sehr mit unserer Kunst auseinandersetzen“, freuen sie sich. Positive Rückmeldungen von Spielern habe es reichlich gegeben, obwohl die meisten davon in der Regel kein Black Metal hören. “
Dreister Musikdiebstahl
Völlig andere Schlagzeilen machte Imperium Dekadenz im Sommer 2018: Die Band wurde zum Opfer einer besonders dreisten Betrugs.masche. Eine Band aus Mexiko hatte ein Mini-Album mit fünf Titeln veröffentlicht. Die prä.sentierten Lieder entstanden jedoch nicht durch die eigene künstlerische Leistung, vielmehr war die Musik eins zu eins von dem Album „Meadows Of Nostalgia“ von Imperium Deka.denz kopiert worden. Die Mexikaner hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Lieder selbst einzuspielen oder leicht zu verändern. Auf den Musikdiebstahl aufmerksam gemacht wurden Jakob und Vannier durch einen Fan. In den sozialen Medien schlug der Fall in kurzer Zeit hohe Wellen. Mehrere Musik-Fachmagazi.ne berichteten darüber. Schon nach kurzer Zeit waren die Raubkopien wieder verschwunden und die Mexikaner entschuldigten sich sogar.

2019 jedenfalls wird es wieder ein neues Album der Band von der Baar geben, an dem sie derzeit im Studio arbeiten.

Mit 53,7 Prozent der Stimmen
Jgen Roth neuer Oberbgermeister von Villingen-Schwenningen
Die Bevölkerung von Villingen-Schwenningen hat gewählt: Jürgen Roth, Bürgermeister von Tuningen, wurde am 21. Okto.ber 2018 im zweiten Wahlgang zum neuen Oberbürgermeister
25 Jahre Klangkunst
Donaueschinger Musiktage feiern 2021 Jubiläum
Es war Armin Köhler, der 1993, gerade ein Jahr nach seinem An.tritt als Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage, der Klangkunst einen festen Platz im Gesamtprogramm der inter.national renommierten Veran.staltung einräumte. Sein En.gagement für die Klangkunst war anfangs nicht unumstrit.ten, inzwischen aber hat sich die Gattung zu einer eigenstän.digen Kunstform entwickelt, de.ren aktuelle Entwicklungen im Herbst 2018 bei den Musiktagen gewählt. Nach 16-jähriger Amts.zeit des Sozialdemokraten Ru.pert Kubon (61) tritt damit zum

1. Januar 2019 mit dem 55-jähri.gen Jürgen Roth ein CDU-Mann die Nachfolge an. Dieser erreich.te 53,7 Prozent der Stimmen,
zum bereits 25. Mal präsentiert wurden. Die Donaueschinger Musiktage bestehen seit 1921. Es handelt sich um das älteste und sein Konkurrent Jörg Röber, den SPD und Grüne unterstützten, kam auf 39,3 Prozent. Die Wahl.beteiligung betrug 40,9 Prozent. Entschieden wurde die Wahl hauptsächlich in Schwenningen, wo der gebürtige Villinger Jür.gen Roth 61,4 Prozent der Stim.men erhielt, während er in Vil.lingen mit 47,2 Prozent vorne lag. Jörg Röber erhielt hier 45,6 Prozent der Stimmen.
Mit diesem Wahlausgang folgt im Oberzentrum Villin.gen-Schwenningen schwarz auf rot: Nach dem langjährigen Sozialdemokraten Dr. Gerhard Gebauer (1972-1994), dem Archi.tekten der Doppelstadt, folgte für eine Wahlperiode der CDU-Mann Manfred Matusza (1995.2002), bevor Sozialdemokrat Rupert Kubon für zwei Amtszei.ten an der Spitze stand.
wohl auch renommierteste Fes.tival für zeitgenössische Musik. 2021 feiern die Musiktage ihr bereits 100-jähriges Bestehen.

Dritte Amtszeit f Gallus Strobel in Triberg
Mit 94,5 Prozent der gültigen Stimmen wurde Dr. Gallus Stro.bel (CDU) am
12. November

2017 erneut zum Bürgermeister von Triberg gewählt. Landrat Sven Hinter.seh betonte am Wahlabend, er habe den Eindruck, in Triberg ziehe man auch in schwierigen Zeiten an einem Strang. Gal.lus Strobel habe Visionen und Ideen. Als große Herausforde.rung der Zukunft benannte er den demografischen Wandel. Dr. Gallus Strobel hob hervor: „Triberg hat Zukunft“.

Domenic Weinstein aus Unterbaldingen ist Europameister im Bahnradfahren
Domenic Weinstein aus Bad Dürrheims Ortsteil Unterbaldingen fährt seit Jahren ganz oben mit: Am 5. August 2018 gelang ihm bei der Eu.ropameisterschaft der Bahnradfahrer einer seiner größten Erfolge, er holte sich Gold und Titel in der 4000-Me.ter-Einerverfolgung. Auf der Kurzdistanz mit 1000 Metern fuhr Weinstein zudem die bislang weltweit fünftschnellste Zeit! Der 23-jährige, 2016 schon Vize-Weltmeister und 2017 EM-Dritter, siegte in einem hochklassigen Finale. Im Vorlauf hatte er in 4:13,073 Minuten seinen deutschen Rekord ver.bessert und war Bestzeit gefahren. Bürgermeister Walter Klumpp hatte in der Heimat zum Empfang des Goldjungen eingeladen.

Martin Ragg weiter Bger.meister in Niedereschach
Martin Ragg bleibt der Bürger.meister der Gemeinde Nieder.eschach. Er holte bei der Wahl am 25.

Die politische Late-Night-lebe, bin ich in zweiter Ehe Sendung „Mann, Sieber!“ verheiratet. Zum Glück gewann in der Kategorie musste ich mich dafür nicht „Beste Satire-Show“ den vom Schwarzwald scheiden Deutschen Comedypreis lassen“, unterstreicht er. 2018. Mit „Mann, Sieber!“ präsentieren Tobias Mann
An Christof Sieber

und Christoph Sieber, ge.bürtig in Niedereschach, im Deutscher Comedy-ZDF monatlich ein politi.
preis 2018 verliehen

sches Late-Night-Kabarett. Schnell, geistreich und witzig blicken sie mit Stand-ups, Sketchen und Aktionen auf das Politikgeschehen.

Im Almanach 2018 wurde Christof Sieber portraitiert. Der Schwarzwald und die Baar sind bis heute die wirkliche Heimat für den Kabarettisten von Welt. „Mit Köln, wo ich jetzt schon fast 20 Jahre Februar 2018 mit 75,92 Prozent der Stimmen klar die absolute Mehrheit, die Wahlbeteiligung lag bei 53,5 Prozent. Ragg trat 2010 die Nachfolge von Otto Sieber an. Besonders hat sich Martin Ragg in seiner ersten Amtszeit dem Thema Gründung und Unternehmertum gewid.met. Eine private Leidenschaft des Bürgermeisters und studier.ten Juristen ist das Spielen auf der Trompete – und das auch an Fastnacht.
Bevkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis
Gemeinde Stand der Wohnbevkerung Veränderungen
30.06.2017 30.06.2016 in Zahlen in Prozent
Villingen-Schwenningen 84.196 83.729 467 + 0,56
Donaueschingen 22.615 22.197 418 + 1,88
Bad Dürrheim 13.179 13.015 164 + 1,26
St. Georgen 12.916 12.899 17 + 0,13
Blumberg 10.041 10.007 34 + 0,34
Furtwangen 9.110 9.045 65 + 0,72
Hüfingen 7.711 7.617 94 + 1,23
Königsfeld 6.037 5.996 41 + 0,68
Niedereschach 5.933 5.913 20 + 0,34
Bräunlingen 5.787 5.762 25 + 0,43
Brigachtal 5.113 5.103 10 + 0,20
Triberg 4.775 4.762 13 + 0,27
Schonach 4.019 4.015 4 + 0,10
Vöhrenbach 3.809 3.837 -28 -0,73
Dauchingen 3.669 3.633 36 + 0,99
Mönchweiler 2.941 2.957 -16 -0,54
Tuningen 2.926 2.960 -34 -1,15
Unterkirnach 2.556 2.556 0 0
Schönwald 2.383 2.374 9 + 0,38
Gütenbach 1.159 1.149 10 + 0,87

Kreisbevkerung insgesamt 210.875 209.526 1.349 0,64
Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg 30.06.2018 2,7 % 3,0 % Bundesrepublik Deutschland 5,0 %

30.06.2017 3,0 % 3,4 % 5,5 %
30.06.2016 3,4 % 3,7 % 5,9 %
Beschäftigte insgesamt: 86.295, davon 37.935 im produzierenden Gewerbe (44,0 %), 16.341 in Handel, Verkehr und Gastgewerbe (18,9 %) sowie 31.841 im Bereich „Sonstige Dienstleistungen“ (36,9 %). Stand: 30.06.2017 (vorläufige Zahlen) – Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Orden und Ehrenzeichen

Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2018 ausgezeichnet: Bärbel Brüderle, Hans-Jörg Voggenreiter, Monika Burger und Manfred Grießhaber (alle Villingen-Schwenningen).
Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge
Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 VS-Villingen Falke, Madlen, 78183 Hüfingen Fetscher, Martin, 78048 VS-Villingen Fröhlich, Jens, 78166 Donaueschingen Furtwängler, Franziska, 78050 VS-Villingen Göbel, Wolfgang, 78112 Sankt Georgen Grotz, Johannes, 97941 Tauberbischofsheim Heinig, Birgit, 78052 VS-Villingen Hinterseh, Sven, 78048 VS-Villingen Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Janzing, Bernward, 79098 Freiburg Joos, Clemens, 78048 VS-Villingen Jung, Holger, 78166 Donaueschingen Kammerer, Susanne, 78136 Schonach Karger, Klaus-Peter, 78050 VS-Villingen Kienzler, Michael, 78086 Brigachtal-Klengen Koch Michael, 78048 VS-Villingen Köhler, Ursula, 78050, VS-Villingen Lahrzal, Ramona, 78147 Vöhrenbach Lendle, Gabi, 78183 Hüfingen Lutz Bernhard, 78183 Hüfingen Przewolka, Sabine, 78087 Mönchweiler Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sigwart, Roland, 78183 Hüfingen Sprich, Roland, 78112 St. Georgen Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Vogt, Josef, 78086 Brigachtal-Klengen Volk, Karl, 78098 Triberg

Bildnachweis Almanach 2019
Titelseite: Furtwanger Tracht (Modell Kim Klausmann), Wilfried Dold, Vöhrenbach, in Zusammenarbeit mit Jochen Scherzinger, Artwood, Gütenbach
Rückseite: Störche auf der Tuninger Kirche, Wilfried Dold, Vöhrenbach
Soweit die Fotografen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfas.ser des Beitrages oder sind die Bildautoren/Bildleih.geber über ihn erfragbar.
Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten:
Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 4 li., 6 li., 9, 11, 14, 15, 25 ob., 27 ob., 28-29, 30-36, 38-39, 42-43, 44 m., 45 m. li., 45 u. li., 48-49, 56-57, 58, 59 ob., 59 m. re., 62-63, 77, 90, 96-100, 102 u., 108-115, 190-191, 194, 197 ob., 198, 201, 202-203, 209 ob., 295 m. li., 298, 300 ob. li.; Michael Kienzler, Brigachtal: 16-19, 302 u.; Hans-Jürgen Kom.mert, St. Georgen: S 23, kl. Foto; Gemeinde Schönwald:
S. 23 gr. Foto; Roger Müller, Donaueschingen: 25; Jens Fröhlich, Donaueschingen: 37; Michael Koch, Villingen-Schwenningen: 40-41; Madlen Falke, Hüfingen: 46-47, 51 u.r., 53, 54; Roland Sigwart, Hüfingen: 55, 74-75, 252.253, 255, 289 ob.; Susanne Kammerer, Schonach: 59 li. u., 59 r. u., 60, 61; Sabine Przewolka, Mönchweiler: 64, 66, 68, 71 ob. li., 72 m. li. , 73 ob. r.; Anja Greiner, VS-Vil.lingen: S. 73 ob. li., 76, 79 ob. r., 80, 81; ig-baukultur, Gei.singen: 78, 79 ob. li., 79 u. re.; Tanja Bury, Bad Dürrheim: 82, 83, 86, 87 u.; Hans-Peter Rolle, Aasen: 85, 87 ob., 87

m.
li.; Helmut Gehring, VS-Villingen: 87 m. re.; Roland Sprich, St. Georgen: 88-89, 91, 92, 93, 101, 285 – 287; Karl Volk, Gremmelsbach: 95; Marc Eich, VS-Villingen: 150.151, 155, 156, 157, 279-283; Ramona Lahrzal, Vöhrenbach: 158-159, 163; Artwood, Gütenbach: 171, 173, 175; Daniela Schneider, Triberg: 172; Marco Kiechle, Böhringen: 174; Martin Fetscher, VS-Villingen: 195, 200, 205, 206, 207; Maria Fetscher, Blumberg-Hondingen: 192, 196, 197 u., 199 u., 204, 208, 209 unten; Silvia Binninger, Donau.eschingen: 199 ob.; Stadtarchiv VS: 216, 217, 219 ob. li.

u.
ob. r., 220, 221, 222 ob. li, 222 u. r., 223, 224 ob. r., 225 ob. r.; Wolfgang Fink, VS-Villingen: 222 ob. r., 224 ob. li.; Kuhn-Verlag, VS-Schwenningen: 219 m. re., 219 u.; Birgit Hakenjos-Boyd, VS-Villingen: 218, 225 ob. li; F.F. Archiv, Donaueschingen: 226-227, 233; Archiv Wolfgang Goebel, Brigach: 239 ob., 240, 242, 243, 244; Stadtarchiv Schramberg, Nachlass Fotogeschäft Faist: 238 u.; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 228-232, 246, 249, 250, 262-263, 265, 266-267; Erich Marek, VS-Schwenningen: 234-235, 241, 247, 248, 251; dold.verlag, Vöhrenbach: 242 u.; baarfood e.V.: 254, 255 ob., 256-261; Peter Dippon, Aasen: 269; Gabi Lendle, Hüfingen: 289 u., 290-293; WiesenBett, Gückingen und Julia Joung: 295 ob., 295 u., 296, 300 ob. r., 301 ob.; Thomas Gerber, Bissingen an der Teck: 297 ; Hilserhof: 299; Holger Jung, Donaueschin.gen: 304 u., 305, 306; Imperium Dekadenz, Donaue.schingen: 308-309 (Severin Schweiger), 311, 314 u. 315 ob. (Imrich Pluhar), 312: (warhorsestudios, Czech Republic), 313; Heinz Bunse, Donaueschingen: 316 u.; Hans-Jürgen Eisenmann, Südwest Presse/Die Neckarquelle: 317 ob.

Ehrenliste der Freunde und Fderer des Almanach 2019
˜ Sparkasse Schwarzwald-Baar
Sieben weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden.